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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Geschlecht und Charakter - Eine prinzipielle Untersuchung - - -Author: Otto Weininger - - - -Release Date: February 14, 2016 [eBook #51221] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT UND CHARAKTER*** - - -E-text prepared by Peter Becker, Jana Srna, Norbert H. Langkau, and the -Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page -images generously made available by Austrian Literature Online -(http://www.literature.at) - - - -Note: Images of the original pages are available through - Austrian Literature Online. See - http://www.literature.at/viewer.alo?objid=12020&page=1&viewmode=fullscreen - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, kursiver Text | - | als ~kursiv~ und Fettschrift als $fett$. | - | | - | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | - +------------------------------------------------------------------+ - - - - -GESCHLECHT UND CHARAKTER - -Eine prinzipielle Untersuchung - -von - -DR. OTTO WEININGER - - - - - - - -Wien und Leipzig -Wilhelm Braumüller -K. u. K. Hof- U. Universitäts-Buchhändler -1903 - - -GESCHLECHT UND CHARAKTER. - - -GESCHLECHT UND CHARAKTER - -Eine prinzipielle Untersuchung - -von - -DR. OTTO WEININGER - - - - - - - -[Illustration] - -Wien und Leipzig. -Wilhelm Braumüller -K. U. K. Hof- und Universitäts-Buchhändler. -1903. - - -VORBEHALTEN. -Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung - -Druck von Friedrich Jasper in Wien. - - - - -VORWORT. - - -Dieses Buch unternimmt es, das Verhältnis der Geschlechter in ein -neues Licht zu rücken. Es sollen nicht möglichst viele einzelne -Charakterzüge aneinandergereiht, nicht die Ergebnisse der bisherigen -wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt, sondern -die Ableitung alles Gegensatzes von Mann und Weib aus _einem_ einzigen -Prinzipe versucht werden. Hiedurch unterscheidet es sich von allen -anderen Büchern dieser Art. Es verweilt nicht bei diesem oder jenem -Idyll, sondern dringt bis zu einem letzten Ziele vor; es häuft nicht -Beobachtung auf Beobachtung, sondern bringt die geistigen Differenzen -der Geschlechter in ein System; es gilt nicht den Frauen, sondern -der Frau. Zwar nimmt es stets das Alltäglichste und Oberflächlichste -zu seinem Ausgangspunkt, aber nur, um alle konkrete Einzelerfahrung -zu _deuten_. Das ist hier nicht »induktive Metaphysik«, sondern -schrittweise psychologische Vertiefung. - -Die Untersuchung ist keine spezielle, sondern eine prinzipielle; sie -verachtet das Laboratorium nicht, wenn ihr auch seine Hülfsmittel -dem tieferen Probleme gegenüber beschränkt erscheinen vor dem -Werke der selbstbeobachtenden Analyse. Auch der Künstler, der ein -weibliches Wesen darstellt, kann Typisches geben, ohne sich vor einer -experimentellen Merkergilde durch Zahl und Serie legitimiert zu haben. -Der Künstler verschmäht nicht die Erfahrung, er betrachtet es im -Gegenteile als seine _Pflicht_, Erfahrung zu gewinnen; aber sie ist ihm -nur der Ausgangspunkt eines Versenkens in sich selbst, das in der Kunst -wie ein Versenken in die Welt erscheint. - -Die Psychologie nun, welche hier der Darstellung dient, ist eine -durchaus philosophische, wenn auch ihre eigentümliche Methode, die -allein durch das eigentümliche Thema sich rechtfertigt, es bleibt, -vom trivialsten Erfahrungsbestande auszugehen. Der Philosoph aber hat -nur eine der Form nach vom Künstler verschiedene Aufgabe. Was diesem -Symbol ist, wird jenem Begriff. Wie Ausdruck und Inhalt, so verhalten -sich Kunst und Philosophie. Der Künstler hat die Welt eingeatmet, um -sie auszuatmen; für den Philosophen ist sie ausgeatmet, und er muß sie -wieder einatmen. - -Indes hat alle Theorie notwendig immer etwas Prätentiöses; und so -kann derselbe Inhalt, der im Kunstwerk wie Natur erscheint, hier, im -philosophischen Systeme, als eng zusammengezogene Behauptung über -ein Allgemeines, als These, die dem Satz vom Grunde untersteht und -den Beweis antritt, viel schroffer, ja beleidigend wirken. Wo die -Darstellung antifeministisch ist -- und das ist sie fast immer -- -dort werden auch die Männer ihr nie gerne und mit voller Überzeugung -zustimmen: ihr sexueller Egoismus läßt sie das Weib immer lieber so -sehen, wie sie es haben wollen, wie sie es lieben wollen. - -Und wie sollte ich nicht erst auf die Antwort gefaßt sein, welche die -Frauen für mein Urteil über ihr Geschlecht haben werden? - -Daß die Untersuchung an ihrem Ende gegen den _Mann_ sich kehrt, und, -freilich in einem tieferen Sinne, als die Frauenrechtlerin ahnt, _ihm_ -die größte Schuld zumißt, das wird ihrem Verfasser wenig fruchten, und -ist von einer Beschaffenheit, die ihn zu allerletzt beim _weiblichen_ -Geschlechte könnte rehabilitieren helfen. - -Zum Schuldproblem aber gelangt die Analyse, weil sie von den vordersten -und nächstliegenden Phänomenen bis zu Punkten aufsteigt, von denen -nicht nur ein Einblick in das Wesen des Weibes und seine Bedeutung im -Weltganzen, sondern auch der Aspekt auf sein Verhältnis zur Menschheit -und zu deren letzten und höchsten Aufgaben sich öffnet, von wo zum -Kulturproblem eine Stellung gewonnen und die Leistung der Weiblichkeit -für das Ganze der ideellen Zwecke eingeschätzt werden kann. Dort also, -wo Kultur- und Menschheitsproblem zusammenfallen, wird nicht mehr bloß -zu erklären, sondern auch zu werten versucht; ja dort fallen Erklärung -und Wertung von selbst zusammen. - -Zu solcher Höhe des Ausblickes gelangt die Untersuchung gleichsam -gezwungen, ohne von Anfang an auf sie loszusteuern. Auf dem -empirisch-psychologischen Boden selber ergibt sich ihr allmählich die -Unzulänglichkeit aller empirisch-psychologischen Philosophie. Ihr -Respekt vor der Erfahrung wird hievon nicht beeinträchtigt, denn stets -wird vor dieser die Ehrfurcht nur erhöht und nicht zerstört, wenn der -Mensch in der Erscheinung -- freilich dem Einzigen, das er erlebt -- -jene Bestandteile bemerkt, die es ihm zur Gewißheit machen, daß es -nicht _bloß_ Erscheinung gibt, wenn er jene Zeichen in ihr wahrnimmt, -die auf ein Höheres, _über_ ihr Gelegenes weisen. Daß ein solcher -Urquell ist, läßt sich feststellen, auch wenn kein Lebender je zu ihm -vordringen wird. Und bis in die Nähe dieses Quells will auch dieses -Buch leiten, und nicht eher rasten. - -Innerhalb des Engpasses, in welchem die gegensätzlichen Meinungen über -die Frau und ihre Frage bis nun immer aufeinander gestoßen sind, hätte -es freilich nie gewagt werden dürfen, solch hohes Ziel anzustreben. -Aber das Problem ist eines, das mit allen tiefsten Rätseln des -Daseins im Zusammenhange steht. Nur unter der sicheren Führung einer -_Weltanschauung_ kann es, praktisch und theoretisch, moralisch oder -metaphysisch aufgelöst werden. - -Es sind nur Keime einer solchen Gesamtauffassung, die in diesem -Buche sichtbar werden, einer Auffassung, die den Weltanschauungen -_Platos_, _Kantens_ und _des Christentums_ am nächsten steht. Aber -die wissenschaftliche, psychologisch-philosophische, logisch-ethische -Grundlegung mußte ich mir zu einem großen Teile selbst schaffen. Vieles -zwar, dessen nähere Ausführung nicht möglich war, gedenke ich demnächst -eingehend zu begründen. Wenn ich dennoch gerade auf diese Partien -des Buches hier ausdrücklich verweise, so ist es, weil mir an der -Beachtung dessen, was über die tiefsten und allgemeinsten Probleme in -ihm ausgesprochen ist, noch mehr liegt, als an dem Beifall, welchen die -besondere Anwendung auf die Frauenfrage allenfalls erwarten könnte. - -Sollte es den philosophischen Leser peinlich berühren, daß die -Behandlung der höchsten und letzten Fragen hier gleichsam _in -den Dienst_ eines Spezialproblemes von nicht übergroßer Dignität -gestellt scheint: so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser -Empfindung. Doch darf ich sagen, daß durchaus das Einzelproblem -des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den Ausgangspunkt als das -Ziel des tieferen Eindringens bildet. So erfloß reicher Gewinn -aus seiner Behandlung auch für das Problem der Genialität, des -Unsterblichkeitsbedürfnisses und des Judentumes. Daß die umfassenden -Auseinandersetzungen schließlich dem Spezialproblem zugute kommen, -weil es in um so mannigfachere Beziehungen tritt, je mehr das Gebiet -sich vergrößert, das ist natürlich. Und wenn sich in diesem weiteren -Zusammenhange herausstellt, wie gering die Hoffnungen sind, welche -Kultur an die Art des Weibes knüpfen kann, wenn die letzten Resultate -eine vollständige Entwertung, ja eine Negation der Weiblichkeit -bedeuten: es wird durch sie nichts vernichtet, was _ist_, nichts -heruntergesetzt, was _an sich_ einen Wert _hat_. Müßte mich doch selbst -ein gewisses Grauen vor der eigenen Tat anwandeln, wäre ich hier -wirklich nur Zerstörer, und bliebe nichts auf dem Plan! Die Bejahungen -des Buches sind vielleicht weniger kräftig instrumentiert worden: wer -hören kann, wird sie wohl aus allem zu vernehmen wissen. - -Die Arbeit zerfällt in zwei Teile: einen ersten, -biologisch-psychologischen, und einen zweiten, -psychologisch-philosophischen. Vielleicht wird mancher dafürhalten, daß -ich aus dem Ganzen besser zwei Bücher hätte machen sollen, ein rein -naturwissenschaftliches und ein rein introspektives. Allein ich mußte -von der Biologie mich befreien, um ganz Psychologe sein zu können. Der -zweite Teil behandelt gewisse seelische Probleme recht anders, als sie -jeder Naturforscher heute wohl behandeln würde, und ich bin mir bewußt, -daß ich hiedurch auch die Aufnahme des ersten Teiles bei einem großen -Teile des Publikums gefährde; gleichwohl erhebt dieser erste Teil in -seiner Gänze den Anspruch auf eine Beachtung und Beurteilung seitens -der Naturwissenschaft, was der zweite, mehr der inneren Erfahrung -zugekehrte, nur an wenigen Stellen vermag. Weil dieser zweite Teil aus -einer nichtpositivistischen Weltanschauung hervorgegangen ist, werden -von manchen beide für unwissenschaftlich gehalten werden (obwohl der -Positivismus dortselbst eine strenge Widerlegung erfährt). Hiemit -muß ich mich einstweilen abfinden, in der Überzeugung, der Biologie -gegeben zu haben, was ihr gebührt, und einer nichtbiologischen, -nichtphysiologischen Psychologie das Recht gewahrt zu haben, welches -ihr für alle Zeiten bleiben wird. - -Vielleicht wird man der Untersuchung an gewissen Punkten vorwerfen, daß -sie nicht genug der _Beweise_ bringe; allein eben dies däucht mich ihre -geringste Schwäche. Denn was könnte in diesem Gegenstande »Beweisen« -wohl heißen? Es ist nicht Mathematik und nicht Erkenntnistheorie (die -letztere nur an zwei Stellen), was hier abgehandelt wird; es sind -erfahrungswissenschaftliche Dinge, und da kann höchstens der Finger -gelegt werden auf das, was _ist_; was man sonst hier _beweisen_ nennt, -ist ein bloßes Zusammenstimmen der neuen Erfahrungen mit den alten; -und da bleibt es sich gleich, ob das neue Phänomen vom Menschen -experimentell erzeugt wird oder schon aus der Schöpferhand der Natur -fertig vorliegt. Der letzteren Beweise aber bringt diese Schrift eine -große Zahl. - -Das Buch ist endlich, soweit ich das zu beurteilen vermag, (in seinem -Hauptteile) nicht ein solches, das man nach einmaliger flüchtiger -Lektüre verstehen und in sich aufnehmen könnte; zur Orientierung des -Lesers und zum eigenen Schutze will ich selber diesen Umstand hier -anmerken. - -Je weniger ich in beiden Teilen (vornehmlich im zweiten) Altes, längst -Bekanntes wiederholt habe, desto mehr mußte ich dort, wo ich mit -früher Ausgesprochenem und allgemeiner Anerkanntem in Übereinstimmung -mich fand, auf alle Koinzidenzen hinweisen. Diesem Zwecke dienen die -Literaturnachweise des Anhanges. Ich habe mich bemüht, die Citate -in genauer und für Fachmänner wie für Laien brauchbarer Gestalt -wiederzugeben. Dieser größeren Ausführlichkeit wegen, und um die -Lektüre des Textes nicht ein fortwährendes Stolpern werden zu lassen, -sind sie an den Schluß des Buches verwiesen. - -Dem Herrn Universitätsprofessor Dr. Laurenz _Müllner_ statte ich -geziemenden Dank ab für die wirksame Förderung, welche er mir hat -zuteil werden lassen; Herrn Professor Dr. Friedrich _Jodl_ für das -freundliche Interesse, welches er meinen Arbeiten von Anbeginn -entgegenbrachte. Ganz besonders fühle ich mich auch den Freunden -verpflichtet, welche mich bei der Korrektur des Buches unterstützten. - - - - -INHALTSVERZEICHNIS. - - - Seite - - Vorwort V-XI - - Inhaltsverzeichnis XIII-XXII - - - Erster (vorbereitender) Teil: $Die sexuelle - Mannigfaltigkeit$ 1-93 - - Einleitung 3-6 - - Über Begriffsentwicklung im allgemeinen und - im besonderen. Mann und Weib. Widersprüche. - Fließende Übergänge. Anatomie und Begabung. - Keine Sicherheit im Morphologischen? - - I. Kapitel: »Männer und Weiber« 7-13 - - Embryonale Undifferenziertheit. Rudimente beim - Erwachsenen. Grade des »Gonochorismus«. Prinzip - der Zwischenformen. M und W. Belege. Notwendigkeit - der Typisierung. Resumé. Älteste - Ahnungen. - - II. Kapitel: Arrhenoplasma und Thelyplasma 14-30 - - Sitz des Geschlechtes. _Steenstrups_ Ansicht - befürwortet. Sexualcharaktere. Innere Sekretion. - Idioplasma -- Arrhenoplasma -- Thelyplasma. Schwankungen. - Beweise aus erfolgloser Kastration. Transplantation - und Transfusion. Organotherapie. Individuelle - Unterschiede zwischen den einzelnen Zellen. - Ursache der sexuellen Zwischenformen. Gehirn. - Knabenüberschuß der Geburten. Geschlechtsbestimmung. - Vergleichende Pathologie. - - III. Kapitel: Gesetze der sexuellen Anziehung 31-52 - - Sexueller »Geschmack«. Wahrscheinlichkeit eines - Gesetzmäßigen. Erste Formel. Erste Deutung. Beweise. - Heterostylie. Interpretation derselben. Tierreich. - Weitere Gesetze. Zweite Formel. Chemotaxis? Analogien - und Differenzen. »Wahlverwandtschaften.« Ehebruch und - Ehe. Folgen für die Nachkommenschaft. - - IV. Kapitel: Homosexualität und Päderastie 53-62 - - Homosexuelle als sexuelle Zwischenformen. Angeboren - oder erworben, gesund oder krankhaft? Spezialfall - des Gesetzes. Alle Menschen mit der Anlage zur - Homosexualität. Freundschaft und Sexualität. Tiere. - Vorschlag einer Therapie. Homosexualität, Strafgesetz - und Ethik. Distinktion zwischen Homosexualität und - Päderastie. - - V. Kapitel: Anwendung auf die Charakterologie 63-78 - - Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen als ein - kardinaler Grundsatz der Individualpsychologie. - Simultaneität oder Periodizität? Methode der - psychologischen Untersuchung. Beispiele. - Individualisierende Erziehung. Gleichmacherei. - Morphologisch-charakterologischer Parallelismus. Die - Physiognomik und das Prinzip der Psychophysik. Methodik - der Varietätenlehre. Eine neue Fragestellung. Deduktive - Morphologie. Korrelation und Funktionsbegriff. - Aussichten. - - VI. Kapitel: Die emanzipierten Frauen 79-93 - - Frauenfrage. Emanzipationsbedürfnis und Männlichkeit. - Emanzipation und Homosexualität. Sexueller Geschmack - der emanzipierten Frauen. Physiognomisches über - sie. Die übrigbleibenden Berühmtheiten. W und die - Emanzipation. Praktische Regel. Männlichkeit alles - Genies. Die Frauenbewegung in der Geschichte. - Periodizität. Biologie und Geschichtsauffassung. - Aussichten der Frauenbewegung. Ihr Grundirrtum. - - - Zweiter oder Hauptteil: $Die sexuellen Typen$ 95-461 - - I. Kapitel: Mann und Weib 97-105 - - Bisexualität und Unisexualität. Man ist Mann _oder_ - Weib. Das Problematische in diesem Sein und die - Hauptschwierigkeit der Charakterologie. Das Experiment, - die Empfindungsanalyse und die Psychologie. _Dilthey._ - Begriff des empirischen Charakters. Ziel und Nicht-Ziel - der Psychologie. Charakter und Individualität. Problem - der Charakterologie und Problem der Geschlechter. - - II. Kapitel: Männliche und weibliche Sexualität 106-116 - - Problem einer weiblichen Psychologie. Der - Mann als Psychologe des Weibes. Unterschiede im - »Geschlechtstrieb«. Im »Kontrektations-« und - »Detumeszenztrieb«. Intensität und Aktivität. Sexuelle - Irritabilität der Frau. Größere Breite des Sexuallebens - bei W. Geschlechtliche Unterschiede im - Empfinden der Geschlechtlichkeit. Örtliche und zeitliche - Abhebung der männlichen Sexualität. Unterschiede - im Bewußtseinsgrade der Sexualität. - - III. Kapitel: Männliches und weibliches Bewußtsein 117-130 - - Empfindung und Gefühl. Ihr Verhältnis. _Avenarius'_ - Einteilung in »Elemente« und »Charaktere«. Auf einem - frühesten Stadium noch nicht durchführbar. Verkehrtes - Verhältnis zwischen Distinktheit und Charakterisierung. - Prozeß der Klärung. Ahnungen. Grade des Verstehens. - Vergessen. Bahnung und Artikulation. Die Henide als - das einfachste psychische Datum. Geschlechtlicher - Unterschied in der Artikulation der Inhalte. - Sensibilität. Urteilssicherheit. Das entwickelte - Bewußtsein als männlicher Geschlechtscharakter. - - IV. Kapitel: Begabung und Genialität 131-144 - - Genie und Talent. Genial und geistreich. Methode. - Verständnis für mehr Menschen. Was es heißt: einen - Menschen verstehen? Größere Kompliziertheit des - Genies. Perioden im psychischen Leben. Keine - Herabwürdigung der bedeutenden Menschen. Verstehen - und Bemerken. Innerer Zusammenhang von Licht und - Wachsein. Endgültige Feststellung der Bedingungen des - Verstehens. Allgemeinere Bewußtheit des Genies. Größte - Entfernung vom Henidenstadium; danach höherer Grad von - Männlichkeit. Nur Universalgenies. W ungenial und ohne - Heldenverehrung. Begabung und Geschlecht. - - V. Kapitel: Begabung und Gedächtnis 145-181 - - Artikulation und Reproduzierbarkeit. Gedächtnis an - Erlebnisse als Kennzeichen der Begabung. Erinnerung - und Apperzeption. Anwendungen und Folgerungen. - Fähigkeit des Vergleichens und Beziehens. Gründe für - die Männlichkeit der Musik. Zeichnung und Farbe, - Grade der Genialität; das Verhältnis des Genius zum - ungenialen Menschen. Selbstbiographie. Fixe Ideen. - Erinnerung an das Selbstgeschaffene. _Kontinuierliches - und diskontinuierliches Gedächtnis._ Einheit des - biographischen Selbstbewußtseins nur bei M. Charakter - der weiblichen Erinnerungen. Kontinuität und Pietät. - Vergangenheit und Schicksal. _Vergangenheit und - Zukunft._ _Unsterblichkeitsbedürfnis._ Bisherige - psychologische Erklärungsversuche. Wahre Wurzel. Innere - Entwicklung des Menschen bis zum Tode. Ontogenetische - Psychologie oder theoretische Biographie. _Die Frau - ohne jedes Unsterblichkeitsbedürfnis._ -- Fortschritt - zu tieferer Analyse des Zusammenhanges mit dem - Gedächtnis. _Gedächtnis und Zeit._ Postulierung des - Zeitlosen. _Der Wert als das Zeitlose._ Erstes Gesetz - der Werttheorie. Nachweise. Individuation und Dauer - als konstitutiv für den Wert. _Wille zum Wert._ - Das Unsterblichkeitsbedürfnis als _Spezialfall_. - Unsterblichkeitsbedürfnis des Genies, zusammenfallend - mit seiner Zeitlosigkeit durch sein universales - Gedächtnis und die ewige Dauer seiner Werke. Das Genie - und die Geschichte. Das Genie und die Nation. Das - Genie und die Sprache. Die »Männer der Tat« und die - »Männer der Wissenschaft« ohne Anrecht auf den Titel - des Genius; anders Philosoph (Religionsstifter) und - Künstler. - - VI. Kapitel: Gedächtnis, Logik, Ethik 182-196 - - Psychologie und Psychologismus. Würde des - Gedächtnisses. Theorien des Gedächtnisses. Übungs- - und Associationslehren. Verwechslung mit dem - Wiedererkennen. Gedächtnis nur dem Menschen - eigen. Moralische Bedeutung. Lüge und Zurechnung. - Übergang zur Logik. Gedächtnis und Identitätsprinzip. - Gedächtnis und Satz vom Grunde. Die - Frau alogisch und amoralisch. Intellektuelles und - sittliches Gewissen: intelligibles Ich. - - VII. Kapitel: Logik, Ethik und das Ich 197-211 - - Die Kritiker des Ich-Begriffes: _Hume_, _Lichtenberg_, - _Mach_. Das _Mach_sche Ich und die Biologie. - Individuation und Individualität, Logik und Ethik als - Zeugen für die Existenz des Ich. -- Erstens die Logik: - die Sätze der Identität und des Widerspruches. Die - Frage ihres Nutzens und ihrer Bedeutung. Die logischen - Axiome als identisch mit der begrifflichen Funktion. - Definition des logischen Begriffes als Norm der Essenz. - Die logischen Axiome als eben diese Norm der _Essenz_, - welche _Existenz_ einer Funktion ist. Diese Existenz - als das absolute Sein oder das Sein des absoluten Ich. - _Kant_ und _Fichte_. Logizität als Norm. Denkfreiheit - neben Willensfreiheit. -- Zweitens die Ethik. - Zurechnung. Das Verhältnis der Ethik zur Logik. Die - Verschiedenheit der Subjektsbeweise aus der Logik und - der Ethik. Eine Unterlassung _Kant_ens. Ihre sachlichen - und ihre persönlichen Gründe. Zur Psychologie der - Kantischen Ethik. _Kant_ und _Nietzsche_. - - VIII. Kapitel: Ich-Problem und Genialität 212-238 - - Die Charakterologie und der Glaube an das Ich. Das - Ich-Ereignis: _Jean Paul_, _Novalis_, _Schelling_. - Ich-Ereignis und Weltanschauung. Selbstbewußtsein - und Anmaßung. Die Ansicht des Genies höher zu - werten als die der anderen Menschen. Endgültige - Feststellungen über den Begriff des Genies. Die - geniale Persönlichkeit als der vollbewußte Mikrokosmus. - Natürlich-synthetische und sinnerfüllende Tätigkeit des - Genies. Bedeutung und Symbolik. Definition des Genies - im Verhältnis zum gewöhnlichen Menschen. Universalität - als Freiheit. Sittlichkeit oder Unsittlichkeit des - Genies? Pflichten gegen sich und gegen andere. Was - Pflicht gegen andere ist. Kritik der Sympathiemoral und - der sozialen Ethik. Verständnis des Nebenmenschen als - einzige Forderung der Sittlichkeit wie der Erkenntnis. - Ich und Du. Individualismus und Universalismus. - Sittlichkeit nur unter Monaden. Der genialste Mensch - als der sittlichste Mensch. Warum der Mensch ζῷον - πολιτικόν ist. Bewußtsein und Moralität. Der »große - Verbrecher.« Genialität als Pflicht und Gehorsam. Genie - und Verbrechen. Genie und Irrsinn. Der Mensch als - Schöpfer seiner selbst. - - IX. Kapitel: Männliche und weibliche Psychologie 239-279 - - Seelenlosigkeit des Weibes. Geschichte dieser - Erkenntnis. Das Weib gänzlich ungenial. Keine - männlichen Frauen im strengen Sinne. Unbegriffliche - Natur des Weibes, aus dem Mangel des Ich zu erklären. - Korrektur der Henidentheorie. Weibliches Denken. - _Begriff und Objekt._ _Begriff und Urteil._ _Wesen des - Urteils._ Das Weib und die Wahrheit als Richtschnur des - Denkens. _Der Satz vom Grunde und sein Verhältnis zum - Satz der Identität._ _Amoralität, nicht Antimoralität - des Weibes._ _Das Weib und das Einsamkeitsproblem._ - Verschmolzenheit, nicht Gesellschaft. Weibliches - Mitleid und weibliche Schamhaftigkeit. Das Ich der - Frauen. Weibliche Eitelkeit. Mangel an Eigenwert. - Gedächtnis für Huldigungen. Selbstbeobachtung und - Reue. Gerechtigkeit und Neid. Name und Eigentum. - Beeinflußbarkeit. -- Radikale Differenz zwischen - männlichem und weiblichem Geistesleben. Psychologie - ohne und mit Seele. Psychologie eine Wissenschaft? - Freiheit und Gesetzlichkeit. Die Grundbegriffe - der Psychologie transcendenter Natur. _Psyche und - Psychologie._ Die Hilflosigkeit der seelenlosen - Psychologie. Wo »Spaltungen der Persönlichkeit« - allein möglich sind. Psychophysischer Parallelismus - und Wechselwirkung. Problem der Wirkung psychischer - Sexualcharaktere des Mannes auf das Weib. - - X. Kapitel: Mutterschaft und Prostitution 280-313 - - Spezielle weibliche Charakterologie. Mutter und Dirne. - Anlage zur Prostitution angeboren, aber nicht allein - entscheidend. Einfluß des Mannes. Versehen. Verhältnis - beider Typen zum Kinde. Die Frau polygam. Ehe und - Treue. Sitte und Recht. Analogien zwischen Mutterschaft - und Sexualität. Mutter und Gattungszweck. Die »alma« - mater. Die Mutterliebe ethisch indifferent. Die Dirne - außerhalb des Gattungszweckes. Die Prostituierte und - die sozial anerkannte Moral. Die Prostituierte, der - Verbrecher und Eroberer. Nochmals der »Willensmensch« - und sein Verhältnis zum Genie. Hetäre und Imperator. - Motiv der Dirne. Koitus Selbstzweck. Koketterie. Die - Empfindungen des Weibes beim Koitus im Verhältnis zu - seinem sonstigen Leben. Mutterrecht und Vaterschaft. - Versehen und Infektionslehre. Die Dirne als Feindin. - Bejahung und Verneinung. Lebensfreundlichkeit und - Lebensfeindlichkeit. Keine Prostitution bei den Tieren. - Rätsel im Ursprung. - - XI. Kapitel: Erotik und Ästhetik 314-341 - - Weiber und Weiberhaß. Erotik und Sexualität. - Platonische Liebe und Sinnlichkeit. Problem - einer _Idee_ der Liebe. -- Die Schönheit des - Weibes. Ihr Verhältnis zum Sexualtrieb. Liebe und - Schönheit. Der Unterschied der Ästhetik von der - Logik und Ethik als Normwissenschaften. Wesen - der Liebe. Projektionsphänomen. Schönheit und - Sittlichkeit. Schönheit und Vollkommenheit. Natur - und Ethik. _Naturschönheit und Kunstschönheit._ - Naturgesetz und Kunstgesetz. Naturzweckmäßigkeit - und Kunstzweckmäßigkeit. Die Einzelschönheit. Die - Geschlechtsliebe als Schuld. Haß und Liebe als - Erleichterungen des moralischen Strebens. Die - Schöpfung des Teufels. Liebe und Mitleid. Liebe und - Schamhaftigkeit. Liebe und Eifersucht. Liebe und - Erlösungsbedürfnis. Das Weib in der Erotik Mittel zum - Zweck. Problem des Zusammenhanges von Kind und Liebe, - Kind und Sexualität. Grausamkeit nicht nur in der - Lust, sondern noch in der Liebe. Liebe und Mord. Liebe - als Feigheit, Unrecht, Irrtum. Der Madonnenkult. Die - Madonna eine gedankliche Konzeption des Mannes; ohne - Grund in der realen Weiblichkeit. Widerstreben gegen - die Einsicht in das wahre Weib. Die Liebe des Mannes - zum Weibe als Spezialfall. Das Weib nur sexuell, nicht - erotisch. Der Schönheitssinn der Frauen. Schön und - hübsch. Liebe und Verliebtheit. Wodurch der Mann auf - die Frau wirkt. Das Fatum des Weibes. Einordnung der - neuen Erkenntnis unter die früheren. Die Liebe als - bezeichnend für das Wesen der Menschheit. Warum der - Mann das Weib liebt. Möglichkeiten. - - XII. Kapitel: Das Wesen des Weibes und sein - Sinn im Universum 342-402 - - Gleichheit oder Gleichstellung. P. J. _Moebius_. - Sinnlosigkeit oder Bedeutung der Weiblichkeit. - _Kuppelei._ Instinktiver Drang. Der Mann und die - Kuppelei. Welche Phänomene noch weiter Kuppelei sind. - Hochwertung des Koitus. Der eigene Geschlechtstrieb ein - Spezialfall. Mutter -- Dirne. Das Wesen des Weibes nur - in der Kuppelei ausgesprochen. Kuppelei = Weiblichkeit - = universale Sexualität. - - System von Einwänden und Widersprüchen. Notwendigkeit - der Auflösung. Beeinflußbarkeit und Passivität. - Unbewußte Verleugnung der eigenen Natur als Folge. - _Organische Verlogenheit_ des Weibes. _Die Hysterie._ - Psychologisches Schema für den »Mechanismus« der - Hysterie. Definition der letzteren. Zustand der - Hysterischen. _Eigentümliches Wechselspiel: die fremde - Natur als die eigene, die eigene als die fremde._ - Der »Fremdkörper«. Zwang und Lüge. Heteronomie der - Hysterischen. Wille und Kraft zur Wahrheit. Der - hysterische Paroxysmus. Was abgewehrt wird. Die - hysterische Konstitution. _Magd und Megäre._ Die - Megäre als Gegenteil der Hysterika. Die Wahrheitsliebe - der Hysterika als _ihre_ Lüge. Die hysterische - Keuschheit und Abneigung gegen den Geschlechtsakt. - Das hysterische Schuldbewußtsein und die hysterische - Selbstbeobachtung. Die Visionärin und Seherin im Weibe. - Die Hysterie und die Unfreiheit des Weibes. Sein - Schicksal und dessen Hoffnungslosigkeit. - - Notwendigkeit der Zurückführung auf ein letztes - Prinzip. Unterschiede zwischen Mensch und Tier, - zwischen Mann und Frau. Übersichtstafel. Das zweite - oder höhere _Leben_, das metaphysische _Sein_ im - Menschen. Analogien zum niederen Leben. Nur im Manne - ewiges Leben. Das Verhältnis beider Leben und die - Erbsünde. Geburt und Tod. Freiheit und Glück. Das Glück - und der Mann. Das Glück und die Frau. Die Frau und das - Problem des Lebens. _Nichtsein des Weibes._ Hieraus - zunächst die _Möglichkeit_ von Lüge und Kuppelei, - Amoralität und Alogizität erschlossen. Nochmals die - Kuppelei. Gemeinschaft und Sexualität. Männliche und - weibliche Freundschaft. Kuppelei wider Eifersucht. - Kuppelei identisch mit Weiblichkeit. Warum die Frauen - Menschen sind. Wesen des Geschlechtsgegensatzes. - Gegensätze: _Subjekt -- Objekt = Form -- Materie = - Mann -- Weib._ Kontrektation und Tastsinn. Deutung der - Heniden. Non-Entität der Frau; als Folge universelle - Suszeptibilität. Formung und Bildung der Frau durch den - Mann. Trachten nach Existenz. Geschlechtsdualität und - Weltdualismus. Die Bedeutung des Weibes im Universum. - Der Mann als das Etwas, die Frau als das Nichts. Das - psychologische Problem der Furcht vor dem Weibe. Die - Weiblichkeit und der Verbrecher. Das Nichts und das - Nicht. Die Schöpfung des Weibes durch den Verbrecher - im Manne. Das Weib als die bejahte Sexualität des - Mannes. Das Weib als die Schuld des Mannes. Die Liebe. - Deduktion der Weiblichkeit. - - XIII. Kapitel: Das Judentum 403-441 - - Unterschiede unter den Männern. Zurückweisung der - hierauf gegründeten Einwände. Die Zwischenformen - und die Rassenanthropologie. Amphibolie der - Weiblichkeit mit dem Judentum. Das Jüdische als - Idee. Der Antisemitismus. Richard _Wagner_. Keine - Identität mit der Weiblichkeit; Übereinstimmungen - mit dieser: Eigentum, Staat, Gesellschaft, - Adel, _Mangel an Persönlichkeit und Eigenwert_, - _Amoralität ohne Antimoralität_, _Gattungsleben_, - Familie, _Kuppelei_. Einzige Art einer Lösung der - Judenfrage. Gottesbegriff des Juden. Seelenlosigkeit, - kein Unsterblichkeitsbedürfnis. _Judentum in der - Wissenschaft._ Der Jude als Chemiker. Der Jude - genielos. _Spinoza._ Der Jude nicht monadenartig - veranlagt. Der Engländer und der Jude. Die Engländer - in Philosophie, Musik, Architektur. Unterschiede. - Humorlosigkeit des Juden. _Wesen des Humors._ - Humor und Satire. Die Jüdin. Nicht-Sein, völlige - Veränderungsfähigkeit, Mittelbarkeit beim Juden - wie beim Weibe. Größte Übereinstimmung und größte - Differenz. Aktivität und Begrifflichkeit des Juden. - Tiefstes Wesen des Judentums. Glaubenslosigkeit und - innere Haltlosigkeit. Der Jude nicht amystisch, sondern - unfromm. Mangel an Ernst, Begeisterungsfähigkeit - und Eifer. Innerliche Vieldeutigkeit. Keinerlei - Einfalt des Glaubens. Innere Würdelosigkeit. Der - Jude als der Gegenpol des Helden. -- Christentum und - Judentum. Ursprung des Christentums. Problem des - Religionsstifters. Der Religionsstifter als Vollzieher - einer eigenen Reinigung vom Verbrechen und von der - Gottlosigkeit. In ihm allein eine völlige Neugeburt - verwirklicht. Er als der Mensch mit dem tiefsten - Schuldgefühl. Christus als Überwinder des Judentums - _in_ sich. Christentum und Judentum als letzte - Gegensätze. Der Religionsstifter als der größte Mensch. - Überwindung alles Judentumes, eine Notwendigkeit für - jeden Religionsstifter. -- Das Judentum und die heutige - Zeit. Judentum, Weiblichkeit; Kultur und Menschheit. - - XIV. Kapitel: Das Weib und die Menschheit 442-461 - - Die Idee der Menschheit und die Frau als Kupplerin. - Der Goethe-Kult. Verweiblichung der Männer. Virginität - und Keuschheit. Männlicher Ursprung dieser Ideale. Das - Unverständnis der Frau für die Erotik. Ihr Verständnis - der Sexualität. Der Koitus und die Liebe. Die Frau als - Gegnerin der Emanzipation. Askese unsittlich. Der - Geschlechtsverkehr als Mißachtung des Nebenmenschen. - Problem des Juden = Problem des Weibes = Problem der - Sklaverei. Was sittliches Verhalten gegen die Frau - ist. Der Mann als Gegner der Frauenemanzipation. - Ethische Postulate. Zwei Möglichkeiten. Die Frauenfrage - als die Menschheitsfrage. Untergang des Weibes. -- - Enthaltsamkeit und Aussterben des Menschengeschlechtes. - Furcht vor der Einsamkeit. Die eigentlichen Gründe der - Unsittlichkeit des Geschlechtsverkehres. Die irdische - Vaterschaft. Forderung der Aufnahme der Frauen unter - die Menschheitsidee. Die Mutter und die Erziehung des - Menschengeschlechtes. Letzte Fragen. - - Anhang: $Zusätze und Nachweise$ 463-597 - - - - -ERSTER (VORBEREITENDER) TEIL. - -DIE SEXUELLE MANNIGFALTIGKEIT. - - - - -Einleitung. - - -Alles Denken beginnt mit _Begriffen von mittlerer Allgemeinheit_ -und entwickelt sich von ihnen aus nach zwei Richtungen hin: nach -Begriffen von immer höherer Allgemeinheit, welche ein immer mehr -Dingen Gemeinsames erfassen und hiedurch ein immer weiteres Gebiet -der Wirklichkeit umspannen; und nach dem Kreuzungspunkte aller -Begriffslinien hin, dem konkreten Einzelkomplex, dem Individuum, -welchem wir denkend immer nur durch unendlich viele einschränkende -Bestimmungen beizukommen vermögen, das wir definieren durch Hinzufügung -unendlich vieler spezifischer differenzierter Momente zu einem höchsten -Allgemeinbegriff »Ding« oder »etwas«. Daß es eine Tierklasse der Fische -gibt, die von den Säugetieren, den Vögeln, den Würmern unterschieden -ist, war lange bekannt, bevor man einerseits unter den Fischen selbst -wieder Knorpel- und Knochenfische schied, anderseits sie mit den Vögeln -und Säugetieren durch den Begriff des Wirbeltieres zusammenzufassen -sich veranlaßt sah, und die Würmer dem hiedurch geeinten größeren -Komplexe gegenüberstellte. - -Mit dem Kampf ums Dasein der Wesen untereinander hat man diese -Selbstbehauptung des Geistes gegenüber einer durch zahllose -Ähnlichkeiten und Unterschiede verwirrenden Wirklichkeit verglichen.[1] -Wir _erwehren_ uns der Welt durch unsere Begriffe.[2] Nur langsam -bringen wir sie in deren Fassung, allmählich, wie man einen -Tobsüchtigen zuerst über den ganzen Körper fesselt, notdürftig, um ihn -wenigstens nur auf beschränkterem Orte gefährlich sein zu lassen; erst -dann, wenn wir in der Hauptsache gesichert sind, kommen die einzelnen -Gliedmaßen an die Reihe und wir ergänzen die Fesselung. - -_Es gibt zwei Begriffe, sie gehören zu den ältesten der Menschheit, -mit denen diese ihr geistiges Leben seit Anbeginn zur Not gefristet -hat._ Freilich hat man oft und oft kleine Korrekturen angebracht, sie -wieder und wieder in die Reparaturwerkstätte geschickt, notdürftig -geflickt, wo die Reform an Haupt und Gliedern not tat; weggenommen -und angestückelt, Einschränkungen in besonderen Fällen gemacht und -dann wieder Erweiterungen getroffen, wie wenn jüngere Bedürfnisse -sich nur nach und nach gegen ein altes, enges Wahlgesetz durchsetzen, -indem dieses einen Riemen nach dem anderen aufschnallen muß: aber im -ganzen und großen glauben wir doch noch mit ihnen in der alten Weise -auszukommen, mit diesen Begriffen, die ich hier meine, den Begriffen -_Mann und Weib_. - -Zwar sprechen wir von mageren, schmalen, flachen, muskelkräftigen, -energischen, genialen »Weibern«, von »Weibern« mit kurzem Haar -und tiefer Stimme, von bartlosen, geschwätzigen »Männern«. Wir -erkennen sogar an, daß es »unweibliche Weiber«, »Mannweiber« gibt -und »unmännliche«, »weibliche« »Männer«. Bloß auf eine Eigenschaft -achtend, nach welcher bei der Geburt die Geschlechtszugehörigkeit jedes -Menschen bestimmt wird, wagen wir es also sogar, Begriffen Bestimmungen -beizufügen, durch welche sie verneint werden. Ein solcher Zustand ist -logisch unhaltbar. - -Wer hat nicht im Freundeskreis oder im Salon, in wissenschaftlicher -oder in öffentlicher Versammlung die heftigsten Diskussionen über -»Männer und Frauen«, über die »Befreiung des Weibes« angehört -und mitgemacht? Gespräche und Debatten, in denen mit trostloser -Regelmäßigkeit »die Männer« und »die Weiber« einander gegenübergestellt -wurden, als wie weiße und rote Kugeln, von denen die gleichfarbigen -keine Unterschiede mehr untereinander aufweisen! Nie wurde eine -individuelle Behandlung der Streitpunkte versucht; und da jeder -nur individuelle Erfahrungen hatte, war naturgemäß eine Einigung -ausgeschlossen, wie überall dort, wo verschiedene Dinge mit dem -gleichen Worte bezeichnet werden, Sprache und Begriffe sich -nicht decken. Sollten wirklich alle »Weiber« und alle »Männer« -streng voneinander geschieden sein und doch auf jeder Seite alle -untereinander, Weiber einerseits, Männer anderseits sich in einer Reihe -von Punkten vollständig gleichen? Wie ja bei allen Verhandlungen über -Geschlechtsunterschiede, meist natürlich unbewußt, vorausgesetzt wird. -Nirgends in der Natur ist sonst eine so klaffende Unstetigkeit; wir -finden stetige Übergänge von Metallen zu Nichtmetallen, von chemischen -Verbindungen zu Mischungen; zwischen Tieren und Pflanzen, zwischen -Phanerogamen und Kryptogamen, zwischen Säugetieren und Vögeln gibt es -Vermittlungen. Zunächst nur aus allgemeinstem praktischen Bedürfnis -nach Übersicht teilen wir ab, halten gewaltsam Grenzen fest, hören -Arien heraus aus der unendlichen Melodie alles Natürlichen. Aber -»Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage« gilt von den alten Begriffen des -Denkens wie von den ererbten Gesetzen des Verkehrs. Wir werden es nach -den angeführten Analogien auch hier von vornherein für unwahrscheinlich -halten dürfen, daß in der Natur ein _Schnitt_ geführt sei zwischen -allen Masculinis einerseits und allen Femininis anderseits, und ein -lebendes Wesen in dieser Hinsicht einfach so beschreibbar, daß es -diesseits oder jenseits einer solchen Kluft sich aufhalte. Nicht einmal -die Grammatik ist so streng. - -Man hat in dem Streite um die Frauenfrage vielfach _den Anatomen_ als -Schiedsrichter angerufen, um durch ihn die kontroverse Abgrenzung -der _unabänderlichen_, weil _angebornen_, gegen die _erworbenen_ -Eigenschaften der männlichen und weiblichen Sinnesart vornehmen zu -lassen. (Sonderbar genug war es, von seinen Befunden die Entscheidung -abhängig zu machen in der Frage der natürlichen Begabung von Mann und -Weib: als ob, wenn _wirklich_ alle andere Erfahrung hier keinerlei -Unterschied hätte feststellen können, zwölf Deka Hirn plus auf der -einen Seite ein solches Resultat zu widerlegen vermöchten.) Aber die -besonnenen Anatomen geben, um ausnahmslose Kriterien gefragt, in jedem -Falle, handle es sich nun um das Gehirn oder sonst um irgend ein Organ -des Körpers, zur Antwort: _durchgehende_ sexuelle Unterschiede zwischen -_allen_ Männern einerseits und _allen_ Frauen anderseits sind nicht -nachweisbar. Wohl sei auch das Handskelett der Mehrzahl der Männer ein -anderes als das der Mehrzahl der Frauen, doch sei mit Sicherheit weder -aus den skelettierten noch aus den mit Muskeln, Bändern, Sehnen, Haut, -Blut und Nerven aufbewahrten (isolierten) Bestandteilen das Geschlecht -mit Sicherheit bestimmbar. Ganz das Gleiche gelte vom Thorax, vom -Kreuzbein, vom Schädel. Und wie steht es mit dem Skeletteil, bei -dem, wenn überhaupt irgendwo, strenge geschlechtliche Unterschiede -hervortreten müßten, was ist's mit dem Becken? Das Becken ist doch der -allgemeinen Überzeugung nach im einen Fall dem Geburtsakt angepaßt, im -anderen nicht. Aber nicht einmal beim Becken ist mit Sicherheit ein -Maßstab anzulegen. Es gibt, wie jeder von der Straße her weiß -- und -die Anatomen wissen da auch nicht mehr -- genug »Weiber« mit männlichem -schmalen und genug »Männer« mit weiblichem breiten Becken. Also ist es -nichts mit den Geschlechtsunterschieden? Da wäre es ja fast geraten, -Männer und Weiber überhaupt nicht mehr zu unterscheiden?! - -Wie helfen wir uns aus der Frage? Das Alte ist ungenügend, und wir -können es doch gewiß nicht entbehren. Reichen die überkommenen Begriffe -nicht aus, so werden wir sie nur aufgeben, um zu versuchen, uns neu und -besser zu orientieren. - - - - -I. Kapitel. - -„Männer” und „Weiber”. - - -Mit der allgemeinsten Klassifikation der meisten Lebewesen, ihrer -Kennzeichnung schlechtweg als Männchen oder Weibchen, Mann oder -Weib, kommen wir den Tatsachen gegenüber nicht länger aus. Die -Mangelhaftigkeit dieser Begriffe wird von vielen mehr oder weniger klar -gefühlt. Hier ins Reine zu kommen, ist zunächst das Ziel dieser Arbeit. - -Ich schließe mich anderen Autoren, welche in jüngster Zeit über zu -diesem Thema gehörige Erscheinungen geschrieben haben, an, wenn ich -zum Ausgangspunkt der Betrachtung die von der Entwicklungsgeschichte -(Embryologie) festgestellte Tatsache _der geschlechtlichen -Undifferenziertheit der ersten embryonalen Anlage_ des Menschen, der -Pflanzen und der Tiere wähle. - -Einem menschlichen Embryo beispielsweise kann man, wenn er jünger als -fünf Wochen ist, das Geschlecht nicht ankennen, zu dem er sich später -entwickeln wird. Erst in der fünften Fötalwoche beginnen hier jene -Prozesse, welche gegen Ende des dritten Monates der Schwangerschaft -zur Entwicklung einer ursprünglich beiden Geschlechtern gemeinsamen -Genitalanlage nach einer Seite hin und weiter zur Gestaltung des -ganzen Individuums als eines sexuell _genau definierten_ führen.[3] -Die Einzelheiten dieser Vorgänge sollen hier nicht näher beschrieben -werden. - -Zu jener _bisexuellen Anlage_ eines jeden, auch des höchsten -Organismus, läßt sich sehr gut das _ausnahmslose Beharren_, der Mangel -eines völligen Verschwindens der Charaktere des anderen Geschlechtes -_beim noch so eingeschlechtlich entwickelten_ pflanzlichen, -tierischen und menschlichen Individuum in Beziehung bringen. Die -geschlechtliche Differenzierung ist nämlich nie eine vollständige. -_Alle Eigentümlichkeiten des männlichen Geschlechtes sind irgendwie, -wenn auch noch so schwach entwickelt, auch beim weiblichen Geschlechte -nachzuweisen; und ebenso die Geschlechtscharaktere des Weibes auch beim -Manne sämtlich irgendwie vorhanden, wenn auch noch so zurückgeblieben -in ihrer Ausbildung._ Man sagt, sie seien »rudimentär« vorhanden. -So, um gleich den Menschen, der uns weiterhin fast ausschließlich -interessieren wird, als Beispiel anzuführen, hat auch die weiblichste -Frau einen feinen Flaum von unpigmentierten Wollhaaren, »Lanugo« -genannt, an den Stellen des männlichen Bartes, auch der männlichste -Mann in der Entwicklung stehen gebliebene Drüsenkomplexe unter einer -Brustwarze. Im einzelnen nachgegangen ist man diesen Dingen vor -allem in der Gegend der Geschlechtsorgane und ihrer Ausführwege, im -eigentlichen »Tractus urogenitalis«, und hat bei jedem Geschlechte -alle Anlagen des anderen im rudimentären Zustande in lückenlosem -Parallelismus nachweisen können. - -Diese Feststellungen der Embryologen können, mit anderen -zusammengehalten, in einen systematischen Zusammenhang gebracht -werden. Bezeichnet man nach _Häckel_ die Trennung der Geschlechter -als »_Gonochorismus_«, so wird man zunächst bei verschiedenen Klassen -und Arten verschiedene _Grade_ dieses Gonochorismus zu unterscheiden -haben. Nicht nur die verschiedenen Arten der Pflanzen, sondern auch die -Tierspezies werden sich durch die _größere oder geringere Latenz_ der -Charaktere des zweiten Geschlechtes voneinander abheben. Der extremste -Fall der Geschlechtsdifferenzierung, also stärkster Gonochorismus, -liegt für dieses erweiterte Blickfeld im _Geschlechtsdimorphismus_ -vor, jener Eigentümlichkeit z. B. mancher Asselarten, daß Männchen und -Weibchen innerhalb der nämlichen Spezies sich äußerlich voneinander -nicht weniger, ja oft mehr unterscheiden, als selbst Mitglieder zweier -differenter Familien und Gattungen. Bei Wirbeltieren kommt danach -nie so ausgeprägter Gonochorismus vor, als ihn z. B. Krustaceen oder -Insekten aufweisen können. Es gibt unter ihnen nirgends eine so -vollständige Scheidung von Männchen und Weibchen, wie sie im sexuellen -Dimorphismus vollzogen ist, vielmehr überall unzählige Mischformen -der Geschlechter, selbst sogenannten »abnormen Hermaphroditismus«, ja -bei den Fischen sogar Familien mit ausschließlichem Zwittertum, mit -»normalem Hermaphroditismus«. - -Es ist nun von vornherein anzunehmen, daß es nicht nur extreme Männchen -mit geringsten Resten der Weiblichkeit und auf der anderen Seite -extreme Weibchen mit ganz reduzierter Männlichkeit und in der Mitte -zwischen beiden gedrängt jene Zwitterformen, zwischen jenen drei -Punkten aber nur leere Strecken geben werde. Uns beschäftigt speziell -der Mensch. Doch ist fast alles, was hier über ihn zu sagen ist, mit -größeren oder geringeren Modifikationen auch auf die meisten anderen -Lebewesen mit geschlechtlicher Fortpflanzung anwendbar. - -Vom Menschen aber gilt ohne jeden Zweifel folgendes: - -_Es gibt_ unzählige Abstufungen _zwischen Mann und Weib_, »_sexuelle -Zwischenformen_«. _Wie die Physik von idealen Gasen spricht_, d. h. -solchen, die genau dem _Boyle-Gay-Lussac_schen Gesetze folgen -(in Wirklichkeit gehorcht ihm kein einziges), und von diesem -Gesetze ausgeht, um im konkreten Falle die Abweichungen von ihm zu -konstatieren: _so können wir einen idealen Mann M und ein ideales Weib -W, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, aufstellen als sexuelle -Typen_. Diese Typen _können_ nicht nur, sie _müssen_ konstruiert -werden. _Nicht allein das »Objekt der Kunst«, auch das der Wissenschaft -ist der Typus, die platonische Idee._ Die wissenschaftliche Physik -erforscht das Verhalten des _vollkommen_ starren und des _vollkommen_ -elastischen Körpers, wohl bewußt, daß die Wirklichkeit weder den -einen noch den anderen ihr je zur Bestätigung darbieten wird; die -empirisch gegebenen Vermittlungen zwischen beiden dienen ihr nur als -Ausgangspunkt für diese Aufsuchung der typischen Verhaltungsweisen -und werden bei der Rückkehr aus der Theorie zur Praxis als Mischfälle -behandelt und erschöpfend dargestellt. _Und ebenso gibt es nur alle -möglichen vermittelnden Stufen zwischen dem vollkommenen Manne und dem -vollkommenen Weibe_, Annäherungen an beide, die selbst nie von der -Anschauung erreicht werden. - -Man achte wohl: hier ist nicht bloß von bisexueller _Anlage_ die Rede, -sondern von _dauernder_ Doppelgeschlechtlichkeit. Und auch nicht bloß -von den sexuellen _Mittel_stufen, (körperlichen oder psychischen) -Zwittern, auf die bis heute aus naheliegenden Gründen alle ähnlichen -Betrachtungen beschränkt sind. In dieser Form ist also der Gedanke -durchaus neu. Bis heute bezeichnet man als »sexuelle Zwischenstufen« -nur die sexuellen _Mittel_stufen: als ob dort, mathematisch gesprochen, -eine _Häufungsstelle_ wäre, _$mehr$ wäre als eine kleine Strecke auf -der überall $gleich$ dicht besetzten Verbindungslinie zweier Extreme_! - -Also Mann und Weib sind wie zwei Substanzen, die in verschiedenem -Mischungsverhältnis, ohne daß je der Koeffizient einer Substanz Null -wird, auf die lebenden Individuen verteilt sind. _Es gibt in der -Erfahrung nicht Mann noch Weib_ könnte man sagen, _sondern nur männlich -und weiblich_. Ein Individuum A oder ein Individuum B darf man darum -nicht mehr schlechthin als »Mann« oder »Weib« bezeichnen, sondern ein -jedes ist nach den Bruchteilen zu beschreiben, die es von _beiden_ hat, -etwa: - - { α M { β W - A { α' W B { β' M - -wobei stets - - 0 < α < 1, 0 < β < 1, - 0 < α' < 1, 0 < β' < 1. - -Die genaueren Belege für diese Auffassung -- einiges Allgemeinste -wurde vorbereitend in der Einleitung angedeutet -- sind zahllos. Es -sei erinnert an alle »Männer« mit weiblichem Becken und weiblichen -Brüsten, fehlendem oder spärlichem Bartwuchs, mit ausgesprochener -Taille, überlangem Kopfhaar, an alle »Weiber« mit schmalen Hüften[4] -und flachen Brüsten, mageren Nates und Femurfettpolstern, tiefer rauher -Stimme und einem Schnurrbart (zu dem die Anlage viel öfter ausgiebig -vorhanden ist, als man sie gemeiniglich bemerkt, weil er natürlich nie -belassen wird; vom Barte, der so vielen Frauen nach dem Klimakterium -wächst, ist hier nicht die Rede) etc. etc. Alle diese Dinge, _die sich -bezeichnenderweise fast immer am gleichen Menschen beisammen finden_, -sind jedem Kliniker und praktischen Anatomen aus eigener Anschauung -bekannt, nur noch nirgends zusammengefaßt. - -Den umfassendsten Beweis für die hier verfochtene Anschauung liefert -aber die große Schwankungsbreite der Zahlen für geschlechtliche -Unterschiede, die innerhalb der einzelnen Arbeiten wie zwischen den -verschiedenen anthropologischen und anatomischen Unternehmungen zur -Messung derselben ohne Ausnahme anzutreffen ist, die Tatsache, daß die -Zahlen für das weibliche Geschlecht nie dort anfangen, wo jene für das -männliche aufhören, sondern stets in der Mitte ein Gebiet liegt, in -welchem Männer und Frauen vertreten sind. So sehr diese Unsicherheit -der Theorie von den sexuellen Zwischenstufen zugute kommt, so -aufrichtig muß man sie im Interesse wahrer Wissenschaft bedauern. Die -Anatomen und Anthropologen von Fach haben eben eine wissenschaftliche -Darstellung des sexuellen Typus noch gar nicht angestrebt, sondern -wollten immer nur allgemein in gleichem Ausmaße gültige Merkmale -haben, und hieran wurden sie durch die Überzahl der Ausnahmen immer -verhindert. So erklärt sich die Unbestimmtheit und Weite aller hieher -gehörigen Resultate der Messung. - -Gar sehr hat der Zug zur Statistik, der unser industrielles Zeitalter -vor allen früheren auszeichnet, in dem es -- offenbar der schüchternen -Verwandtschaft mit der Mathematik wegen -- seine Wissenschaftlichkeit -besonders betont glaubt, auch hier den Fortschritt der Erkenntnis -gehemmt. Den _Durchschnitt_ wollte man gewinnen, nicht den _Typus_. -Man begriff gar nicht, daß es im Systeme reiner (nicht angewandter) -Wissenschaft nur auf diesen ankommt. Darum lassen denjenigen, welchem -es um die Typen zu tun ist, die bestehende Morphologie und Physiologie -mit ihren Angaben gänzlich im Stich. Es wären da alle Messungen wie -auch alle übrigen Detailforschungen erst auszuführen. Was existiert, -ist für eine Wissenschaft auch in laxerem (nicht erst in Kantischem) -Sinne völlig unverwendbar. - -Alles kommt auf die Kenntnis von M und W, auf die richtige Feststellung -des idealen Mannes und des idealen Weibes an (ideal im Sinne von -typisch, ohne jede Bewertung). - -Wird es gelungen sein, diese Typen zu erkennen und zu konstruieren, so -wird die Anwendung auf den einzelnen Fall, seine Darstellung durch ein -quantitatives Mischungsverhältnis, ebenso unschwer wie fruchtbar sein. - -Ich resumiere den Inhalt dieses Kapitels: es gibt keine kurzweg -als ein- und bestimmt-geschlechtlich zu bezeichnenden Lebewesen. -Vielmehr zeigt die Wirklichkeit ein Schwanken zwischen zwei Punkten, -auf denen selbst kein empirisches Individuum mehr anzutreffen ist, -_zwischen_ denen _irgendwo_ jedes Individuum sich aufhält. Aufgabe -der Wissenschaft ist es, die Stellung jedes Einzelwesens zwischen -jenen zwei Bauplänen festzustellen; diesen Bauplänen ist keineswegs -eine metaphysische Existenz neben oder über der Erfahrungswelt -zuzuschreiben, sondern ihre Konstruktion ist notwendig aus dem -heuristischen Motive einer möglichst vollkommenen Abbildung der -Wirklichkeit. -- -- - -Die Ahnung dieser Bisexualität alles Lebenden (durch die nie ganz -vollständige sexuelle Differenzierung) ist uralt. Vielleicht ist -sie chinesischen Mythen nicht fremd gewesen; jedenfalls war sie im -Griechentum äußerst lebendig. Hiefür zeugen die Personifikation -des Hermaphroditos als einer mythischen Gestalt; die Erzählung des -Aristophanes im platonischen Gastmahl; ja noch in später Zeit galt -der gnostischen Sekte der Ophiten der Urmensch als mannweiblich, -ἀρσενόθηλυς. - - - - -II. Kapitel. - -Arrhenoplasma und Thelyplasma. - - -Die nächste Erwartung, welche eine Arbeit zu befriedigen hätte, in -deren Plan eine universelle Revision aller einschlägigen Tatsachen -gelegen wäre, würde sich auf eine neue und vollständige Darstellung -der anatomischen und physiologischen Eigenschaften der sexuellen -Typen richten. Da ich aber selbständige Untersuchungen zum Zwecke -einer Lösung dieser umfassenden Aufgabe nicht angestellt habe, und -eine Beantwortung jener Fragen für die _letzten_ Ziele dieses Buches -mir nicht notwendig erscheint, so muß ich auf dieses Unternehmen von -vornherein Verzicht leisten -- ganz abgesehen davon, ob es die Kräfte -eines einzelnen nicht bei weitem übersteigt. Eine Kompilation der -in der Literatur niedergelegten Ergebnisse wäre überflüssig, denn -eine solche ist in vorzüglicher Weise von _Havelock Ellis_ besorgt -worden. Aus den von ihm gesammelten Resultaten die sexuellen Typen -auf dem Wege wahrscheinlicher Schlußfolgerungen zu gewinnen, bliebe -hypothetisch und würde der Wissenschaft nicht eine einzige Neuarbeit -zu ersparen vermögen. Die Erörterungen dieses Kapitels sind darum -mehr formaler und allgemeiner Natur, sie gehen auf die biologischen -Prinzipien, zum Teil wollen sie auch jener notwendigen Arbeit der -Zukunft die Berücksichtigung bestimmter einzelner Punkte ans Herz legen -und so derselben förderlich zu werden versuchen. Der biologische Laie -kann diesen Abschnitt überschlagen, ohne das Verständnis der übrigen -hiedurch sehr zu beeinträchtigen. - -Es wurde die Lehre von den verschiedenen Graden der Männlichkeit und -Weiblichkeit vorderhand rein anatomisch entwickelt. Die Anatomie wird -aber nicht nur nach den Formen fragen, in denen, sondern auch nach den -Orten, an denen sich Männlichkeit und Weiblichkeit ausprägt. Daß die -Sexualität nicht bloß auf die Begattungswerkzeuge und die Keimdrüsen -beschränkt ist, geht schon aus den früher als Beispielen sexueller -Unterschiedenheit erwähnten Körperteilen hervor. Aber wo ist hier die -Grenze zu ziehen, mit anderen Worten, wo steckt das Geschlecht und -wo steckt es nicht? Ist es bloß auf die »primären« und »sekundären« -Sexualcharaktere beschränkt? Oder reicht sein Umfang nicht viel weiter? - -Es scheint nun eine große Anzahl in den letzten Jahrzehnten -aufgefundener Tatsachen zur Wiederaufnahme einer Lehre zu zwingen, -welche in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts aufgestellt -wurde, aber wenig Anhänger fand, da ihre Konsequenzen dem Begründer -der Theorie selbst ebenso wie ihren Bestreitern einer Reihe von -Forschungsergebnissen zu widersprechen schienen, die zwar nicht jenem, -aber diesen als unumstößlich galten. Ich meine unter dieser Anschauung, -welche, mit einer Modifikation, die Erfahrung uns gebieterisch abermals -aufnötigt, die Lehre des Kopenhagener Zoologen Joh. Japetus Sm. -_Steenstrup_, der behauptet hatte, _das Geschlecht stecke überall im -Körper_. - -Ellis hat zahlreiche Untersuchungen über fast alle Gewebe des -Organismus excerpiert, die überall Unterschiede der Sexualität -nachweisen konnten. Ich will erwähnen, daß der typisch männliche und -der typisch weibliche »Teint« sehr voneinander verschieden sind; dies -berechtigt zur Annahme sexueller Differenzen in den Zellen der Cutis -und der Blutgefäße. Aber auch in der Menge des Blutfarbstoffes, in -der Zahl der roten Blutkörperchen im Kubikcentimeter der Flüssigkeit -sind solche gesichert. _Bischoff_ und _Rüdinger_ haben im Gehirne -Abweichungen der Geschlechter voneinander festgestellt, und Justus und -Alice _Gaule_ in der jüngsten Zeit solche auch in vegetativen Organen -(Leber, Lunge, Milz) aufgefunden. Tatsächlich wirkt auch _alles_ am -Weibe, wenn auch gewisse Zonen stärker und andere schwächer, »_erogen_« -auf den Mann, und ebenso _alles_ am Manne sexuell anziehend und -erregend auf das Weib. - -Wir können so zu der vom formal-logischen Standpunkt hypothetischen, -aber durch die Summe der Tatsachen fast zur Gewißheit erhobenen -Anschauung fortschreiten: _jede Zelle des Organismus ist_ (wie wir -vorläufig sagen wollen) _geschlechtlich charakterisiert, oder hat -eine bestimmte sexuelle Betonung_. Unserem Prinzipe der Allgemeinheit -der sexuellen Zwischenformen gemäß werden wir gleich hinzufügen, _daß -diese sexuelle Charakteristik verschieden hohe Grade haben kann_. -Diese sofort zu machende Annahme einer verschieden starken Ausprägung -der sexuellen Charakteristik ließe uns auch den Pseudo- und sogar -den echten Hermaphroditismus (dessen Vorkommen für viele Tiere, -wenn auch nicht mit Sicherheit für den Menschen, seit _Steenstrups_ -Zeit über allen Zweifel erhoben worden ist) unserem Systeme leicht -eingliedern. _Steenstrup_ sagte: »Wenn das Geschlecht eines Tieres -wirklich seinen Sitz allein in den Geschlechtswerkzeugen hätte, so -könnte man sich noch zwei Geschlechter in einem Tiere gesammelt, zwei -solche Geschlechtswerkzeuge an die Seite voneinander gestellt denken. -Aber das Geschlecht ist nicht etwas, welches seinen Sitz in einer -gegebenen Stelle hat, oder welches sich nur durch ein angegebenes -Werkzeug äußert; es wirkt durch das ganze Wesen, und hat sich in jedem -Punkte davon entwickelt. In einem männlichen Geschöpfe ist jeder, -auch der kleinste Teil männlich, mag er dem entsprechenden Teile von -einem weiblichen Geschöpfe noch so ähnlich sein, und in diesem ist -ebenso der allerkleinste Teil nur weiblich. Eine Vereinigung von -beiden Geschlechtswerkzeugen in einem Geschöpfe würde deshalb dieses -erst zweigeschlechtlich machen, wenn die Naturen beider Geschlechter -durch den ganzen Körper herrschen und sich auf jeden einzelnen -Punkt davon geltend machen könnten -- etwas, das sich infolge des -Gegensatzes beider Geschlechter nur als eine gegenseitige Aufhebung -voneinander, als ein Verschwinden alles Geschlechtes in einem solchen -Geschöpfe äußern könnte.« Wenn jedoch, und hiezu scheinen alle -empirischen Tatsachen zu zwingen, _das Prinzip der unzähligen sexuellen -Übergangsstufen zwischen M und W auf alle Zellen des Organismus -ausgedehnt wird_, so entfällt die Schwierigkeit, an der _Steenstrup_ -Anstoß nahm, und das Zwittertum ist keine Naturwidrigkeit mehr. Von der -völligen Männlichkeit an in allen Vermittlungen bis zu deren gänzlichem -Fehlen, welches mit dem Vorhandensein der absoluten Weiblichkeit -zusammenfiele, sind danach _unzählige verschiedene sexuelle -Charakteristiken_ jeder einzelnen Zelle denkbar. Ob diese Graduierung -in einer Skala von Differenzialien wirklich unter dem Bilde _zweier -realer_, jeweils in anderem Verhältnis zusammentretender Substanzen zu -denken ist, oder ein _einheitliches_ Protoplasma in unendlich vielen -Modifikationen (etwa räumlich verschiedenen Anordnungen der Atome in -großen Molekülen) anzunehmen ist, darüber tut man gut, sich jeder -Vermutung zu enthalten. Die erste Annahme wird physiologisch nicht -gut verwendbar sein -- man denke an eine männliche oder weibliche -Körperbewegung und die dann notwendige Duplizität in den bestimmenden -Verhältnissen ihrer realen, physiologisch doch immer einheitlichen -Erscheinungsform; die zweite erinnert zu sehr an wenig geglückte -Spekulationen über die Vererbung. Vielleicht sind beide gleich weit von -der Wahrheit entfernt. - -Worin die Männlichkeit (Maskulität) oder Weiblichkeit (Muliebrität) -einer Zelle eigentlich bestehen mag, welche histologischen, -molekular-physikalischen oder gar chemischen Unterschiede jede Zelle -von W trennen mögen von jeder Zelle von M, darüber ist eine Aussage -auch auf dem Wege der Wahrscheinlichkeit heute empirisch nicht zu -begründen. Ohne also irgend einer späteren Untersuchung vorzugreifen -(die wohl die Unableitbarkeit des spezifisch Biologischen aus -Physik und Chemie zur Genüge eingesehen haben wird), läßt sich die -Annahme _verschieden_ starker sexueller Betonungen auch für alle -_Einzelzellen_, nicht bloß für den _ganzen_ Organismus als ihre Summe, -mit guten Gründen verteidigen. Weibliche Männer haben meist auch eine -insgesamt weiblichere Haut, die Zellen der männlichen Organe haben bei -ihnen schwächere Tendenzen zur Teilung, worauf das geringere Wachstum -makroskopischer Sexualcharaktere unbedingt zurückweist, u. s. w. - -Nach dem verschiedenen Grade der makroskopischen Ausprägung der -sexuellen Charakteristik ist auch die Einteilung der Sexualcharaktere -zu treffen; ihre Anordnung fällt im großen zusammen mit der Stärke -ihrer erogenen Wirkung auf das andere Geschlecht (wenigstens im -Tierreiche). Um nicht von der allgemein angenommenen _John Hunter_schen -Nomenklatur abzuweichen und jede Verwirrung zu vermeiden, nenne -ich _primordiale Sexualcharaktere_ die männliche und die weibliche -Keimdrüse (Testis, Epididymis, Ovarium, Epoophoron); _primäre_ die -inneren Adnexe der Keimdrüsen (Samenstränge, Samenbläschen, Tuba, -Uterus, die ihrer sexuellen Charakteristik nach erfahrungsgemäß von -jener der Keimdrüsen zuweilen weit differieren) _und_ die »äußeren -Geschlechtsteile«, nach welchen allein die Geschlechtsbestimmung des -Menschen bei der Geburt vollzogen und damit in gewisser Weise über -sein Lebensschicksal (wie sich zeigen wird, nicht selten unrichtig) -entschieden wird. Alle Geschlechtscharaktere _nach_ den primären haben -das Gemeinsame, daß sie für die Zwecke der Begattung nicht unmittelbar -mehr erforderlich sind. Als _sekundäre Geschlechtscharaktere_ sind -zunächst am besten scharf zu umgrenzen diejenigen, welche erst _zur -Zeit der Geschlechtsreife_ äußerlich sichtbar auftreten und nach einer -fast zur Gewißheit erhobenen Anschauung ohne eine »innere Sekretion« -bestimmter Stoffe aus den Keimdrüsen in das Blut sich nicht entwickeln -können (Wuchs des männlichen Bartes und des weiblichen Kopfhaares, -Brüsteentwicklung, Stimmwechsel u. s. w.). - -_Praktische_ Gründe mehr als theoretische empfehlen die weitere -Bezeichnung erst auf Grund von Äußerungen oder Handlungen zu -erschließender angeborener Eigenschaften, wie Muskelkraft, -Eigenwilligkeit beim Manne, als _tertiärer Sexualcharaktere_. Durch -relativ zufällige Sitte, Gewöhnung, Beschäftigung hinzugekommen sind -endlich die accessorischen oder _quartären_ Sexualcharaktere, wie -Rauchen und Trinken des Mannes, Handarbeit des Weibes; auch diese -ermangeln nicht, gelegentlich ihre erogene Wirkung auszuüben, und -schon dies deutet darauf hin, daß sie viel öfter, als man vielleicht -glaubt, auf die tertiären zurückzuführen sind und möglicherweise -bisweilen tief noch mit den primordialen zusammenhängen. Mit dieser -Klassifikation der Sexualcharaktere soll nichts für eine _wesentliche_ -Reihenfolge präjudiziert und gar nichts darüber entschieden sein, ob -die geistigen Eigenschaften im Vergleiche zu den körperlichen primär -oder von ihnen bedingt und erst im Laufe einer langen Kausalkette aus -ihnen abzuleiten sind; sondern nur die Stärke der anziehenden Wirkung -auf das andere Geschlecht[5], die zeitliche Reihenfolge, in welcher sie -diesem auffallen und die Rangordnung der Sicherheit, mit der sie von -ihm erschlossen werden, dürfte hiemit für die meisten Fälle getroffen -sein. - -Die »sekundären Geschlechtscharaktere« führten zur Erwähnung der -inneren Sekretion von Keimstoffen in den Kreislauf. Die Wirkungen -dieses Einflusses wie seines durch Kastration künstlich erzeugten -Mangels hat man nämlich vor allem an der Entwicklung oder dem -Ausbleiben der _sekundären_ Geschlechtscharaktere studiert. Die -»innere Sekretion« übt aber zweifellos einen Einfluß auf _alle_ Zellen -des Körpers. Dies beweisen die Veränderungen, welche zur Zeit der -Pubertät im _ganzen_ Organismus und nicht bloß an den durch sekundäre -Geschlechtscharaktere ausgezeichneten Partien erfolgen. Auch kann man -von vornherein die innere Sekretion aller Drüsen nicht gut anders -auffassen, als auf alle Gewebe _gleichmäßig_ sich erstreckend. - -_Die innere Sekretion der Keimdrüsen komplettiert also erst die -Geschlechtlichkeit des Individuums._ Es ist demgemäß in jeder Zelle -eine _originäre sexuelle Charakteristik anzunehmen_, zu der jedoch -die innere Sekretion der Keimdrüsen _in einem gewissen Ausmaße als -ergänzende Komplementärbedingung hinzukommen muß, um ein bestimmt -qualifiziertes, fertiges Masculinum oder Femininum hervorzubringen_. - -Die Keimdrüse ist das Organ, in welchem die sexuelle Charakteristik -des Individuums _am sichtbarsten_ hervortritt, und in dessen -morphologischen Elementareinheiten sie am leichtesten nachweisbar -ist. Ebenso muß man aber annehmen, daß die Gattungs-, Art-, -Familieneigenschaften eines Organismus in den Keimdrüsen am -vollzähligsten vertreten sind. Gleichwie anderseits _Steenstrup_ mit -Recht gelehrt hat, daß das Geschlecht überall im Körper verbreitet -und nicht bloß in spezifischen »Geschlechtsteilen« lokalisiert sei, -so haben _Naegeli_, _de Vries_, _Oscar Hertwig_ u. a. die ungemein -aufklärende Theorie entwickelt und mit wichtigen Argumenten sehr sicher -begründet, daß _jede_ Zelle eines vielzelligen Organismus Träger der -_gesamten $Art$_eigenschaften ist, und diese in den Keimzellen nur in -einer besonderen ausgezeichneten Weise zusammengefaßt erscheinen -- was -vielleicht einmal allen Forschern selbstverständlich vorkommen wird -angesichts der Tatsache, daß jedes Lebewesen durch Furchung und Teilung -aus _einer_ einzigen Zelle entsteht. - -Wie nun die genannten Forscher auf Grund vieler Phänomene, die -seitdem durch zahlreiche Erfahrungen über Regeneration aus beliebigen -Teilen und Feststellungen chemischer Differenzen in den homologen -Geweben verschiedener Spezies vermehrt worden sind, die Existenz des -_Idioplasma_ als der _Gesamtheit_ der spezifischen Arteigenschaften -auch in allen jenen Zellen eines Metazoons anzunehmen berechtigt waren, -die nicht mehr unmittelbar für die Fortpflanzung verwertet werden -- so -können und müssen auch _hier_ die Begriffe eines _Arrhenoplasma_ und -eines _Thelyplasma_ geschaffen werden, _als der zwei Modifikationen, -in denen jedes Idioplasma bei geschlechtlich differenzierten Wesen -auftreten kann_, und zwar nach den hier grundsätzlich vertretenen -Ansichten wieder nur als _Idealfälle_, als Grenzen, _zwischen_ -denen die empirische Realität liegt. Es geht demnach das wirklich -existierende Protoplasma, vom idealen Arrhenoplasma sich immer mehr -entfernend, durch einen (realen oder gedachten) Indifferenzpunkt (= -Hermaphroditismus verus) in ein Protoplasma über, das bereits dem -Thelyplasma näher liegt, um sich diesem bis auf ein Differenziale -zu nähern. Dies ist aus der Summe des Vorausgeschickten nur die -konsequente Folgerung, und ich bitte die neuen Namen zu entschuldigen; -sie sind nicht dazu erfunden, um die Neuheit der Sache zu steigern. - -Der Nachweis, daß _jedes_ einzelne Organ und weiter _jede einzelne -Zelle_ eine Sexualität besitzt, die auf irgend einem Punkte zwischen -Arrhenoplasma und Thelyplasma anzutreffen sein wird, daß also jeder -Elementarteil ursprünglich in bestimmter Weise und bestimmtem Ausmaß -sexuell charakterisiert ist, dieser Nachweis läßt sich auch durch -die Tatsache leicht führen, daß selbst im _gleichen_ Organismus -die verschiedenen Zellen nicht immer die gleiche und sehr oft -nicht eine gleich _starke_ sexuelle Charakteristik besitzen. Es -liegt nämlich durchaus nicht in allen Zellen eines Körpers der -gleiche Gehalt an M oder W, die gleiche Annäherung an Arrhenoplasma -oder Thelyplasma, ja es können Zellen des gleichen Körpers auf -verschiedenen Seiten des Indifferenzpunktes zwischen diesen Polen -sich befinden. Wenn wir, statt Maskulität und Muliebrität immer -auszuschreiben, verschiedene Vorzeichen für beide wählen und, noch -ohne tückische tiefere Hintergedanken, dem Männlichen ein positives, -dem Weiblichen ein negatives Vorzeichen geben, so heißt jener Satz in -anderer Ausdrucksform: in den Zellen des nämlichen Organismus kann -die Sexualität der verschiedenen Zellen nicht nur eine verschiedene -absolute Größe, sondern auch ein verschiedenes Vorzeichen haben. Es -gibt _sonst_ ziemlich wohlcharakterisierte Masculina mit nur ganz -schwachem Bart und ganz schwacher Muskulatur; oder fast typische -Feminina mit schwachen Brüsten. Und anderseits recht weibische Männer -mit starkem Bartwuchs, Weiber, die bei abnorm kurzem Haar und deutlich -sichtbarem Bartwuchs gut entwickelte Brüste und ein geräumiges Becken -aufweisen. Mir sind ferner Menschen bekannt mit weiblichem Ober- -und männlichem Unterschenkel, mit rechter weiblicher und linker -männlicher Hüfte. Überhaupt werden von der lokalen Verschiedenheit der -sexuellen Charakteristik am häufigsten die beiden, auch sonst nur im -idealen Falle symmetrischen Körperhälften rechts und links von der -Medianebene betroffen; hier findet man in dem Grade der Ausprägung der -Sexualcharaktere, z. B. des Bartwuchses, eine Unzahl von Asymmetrien. -Auf eine ungleichmäßige innere Sekretion läßt sich aber dieser Mangel -an Konformität (und eine absolute Konformität gibt es in der sexuellen -Charakteristik nie), wie schon gesagt, kaum schieben; das Blut muß -zwar nicht in gleicher Menge, aber doch in gleicher Mischung zu allen -Organen gelangen, in nichtpathologischen Fällen stets in einer den -Bedingungen der Erhaltung angemessenen Qualität und Quantität. - -Wäre also nicht eine ursprüngliche, vom Anfang der embryonalen -Entwicklung an feststehende, in jeder einzelnen Zelle im allgemeinen -verschiedene sexuelle Charakteristik als die Ursache dieser Variationen -anzunehmen, so müßte ein Individuum einfach durch eine Angabe darüber, -wie gut beispielsweise seine Keimdrüsen dem Typus des Geschlechtes sich -annähern, vollauf sexuell beschrieben werden können, und die Sache läge -viel einfacher, als sie in Wirklichkeit ist. Die Sexualität ist aber -nicht in einem fiktiven Normalmaß gleichsam ausgegossen über das ganze -Individuum, so daß mit der sexuellen Bestimmung _einer_ Zelle auch alle -anderen erledigt wären. Wenn auch _weite_ Abstände in der sexuellen -Charakteristik zwischen verschiedenen Zellen oder Organen _desselben_ -Lebewesens eine Seltenheit bilden werden: als den _allgemeinen_ Fall -muß man die _Spezifität_ derselben für jede einzelne Zelle ansehen; -man wird aber dabei immerhin daran festhalten können, daß sich viel -häufiger Annäherungen an eine vollkommene Einförmigkeit der sexuellen -Charakteristik (durch den ganzen Körper hindurch) finden, als ein -Auseinandertreten zu beträchtlichen graduellen Differenzen zwischen -den einzelnen Organen, geschweige denn zwischen den einzelnen Zellen -vorzukommen scheint. Das Maximum der hier möglichen Schwankungsbreite -müßte erst durch eine Untersuchung im einzelnen festgestellt werden. - -Träte, wie dies die populäre, auf _Aristoteles_ zurückgehende -Ansicht und auch die Anschauung vieler Mediziner und Zoologen ist, -mit der _Kastration_ eines Tieres regelmäßig ein Umschlag nach dem -entgegengesetzten Geschlechte hin ein, wäre z. B. mit der Entmannung -eines Tieres auch schon eo ipso als Folge seine völlige Verweiblichung -gesetzt, so wäre das Bestehen eines von den Keimdrüsen unabhängigen -primordialen Sexualcharakters jeder Zelle wieder in Frage gestellt. -Aber die jüngsten experimentellen Untersuchungen von _Sellheim_ -und _Foges_ haben gezeigt, daß es einen vom weiblichen durchaus -verschiedenen Typus des Kastraten gibt, daß Entmannung nicht ohne -weiters identisch ist mit Verweiblichung. Freilich wird man gut tun, -auch in dieser Richtung zu weitgehende, radikale Folgerungen zu -vermeiden, man darf keinesfalls die Möglichkeit ausschließen, daß -eine zweite, latent gebliebene Keimdrüse des anderen Geschlechtes -nach Beseitigung oder Atrophie einer ersten Keimdrüse sozusagen -die Herrschaft über einen in seiner sexuellen Charakteristik in -gewissem Maße schwankenden Organismus gewinne. Die häufigen, freilich -wohl allgemein etwas zu kühn (als durchgängige Annahme männlicher -Charaktere) interpretierten Fälle, in denen, nach der Involution der -weiblichen Geschlechtsorgane im Klimakterium, an einem weiblichen -Organismus äußere sekundäre Sexualcharaktere des Masculinums sichtbar -werden, wären das bekannteste Beispiel hiefür: der »Bart« der -menschlichen »Großmütter«, alte Ricken, die bisweilen einen kurzen -Stirnzapfen erhalten, die »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen u. s. w. -Aber selbst ganz ohne senile Rückbildungen oder operative äußere -Eingriffe scheinen derartige Verwandlungen vorzukommen. Sichergestellt -als die _normale_ Entwicklung sind sie für einige Vertreter der -Gattungen Cymothoa, Anilocra, Nerocila aus den zur Gruppe der -Cymothoideen gehörigen, auf Fischen schmarotzenden Asseln. Diese -Tiere sind Hermaphroditen eigentümlicher Art: an ihnen sind männliche -und weibliche Keimdrüse dauernd gleichzeitig vorhanden, aber nicht -gleichzeitig funktionsfähig. Es besteht eine Art »Protandrie«: jedes -Individuum fungiert zuerst als Männchen, später als Weibchen. Zur -Zeit ihrer Funktionstüchtigkeit als Männchen besitzen sie durchwegs -männliche Begattungsorgane, die nachher abgeworfen werden, wenn die -weiblichen Ausfuhrwege und Brutlamellen sich entwickelt und geöffnet -haben. Daß es aber auch beim Menschen solche Dinge gibt, scheinen -jene äußerst merkwürdigen Fälle von »Eviratio« und »Effeminatio« -zu beweisen, von welchen die sexuelle Psychopathologie aus dem -erwachsenen Alter reifer Männer erzählt. Man wird also um so weniger -das tatsächliche Vorkommen der Verweiblichung in gänzliche Abrede -stellen dürfen, wenn für diese eine so günstige Bedingung wie die -Exstirpation der männlichen Keimdrüse geschaffen wird.[6] Daß aber -der Zusammenhang kein allgemeiner und notwendiger ist, daß Kastration -ein Individuum durchaus nicht _mit Sicherheit_ zum Angehörigen -des anderen Geschlechtes macht -- dies ist wieder ein Beweis, wie -notwendig die allgemeine Annahme ursprünglich arrhenoplasmatischer und -thelyplasmatischer Zellen für den ganzen Körper ist. - -Das Bestehen der originären sexuellen Charakteristik jeder Zelle -und die Ohnmacht der auf sich allein angewiesenen Keimdrüsensekrete -wird weiter erwiesen durch die gänzliche Erfolglosigkeit von -Transplantationen männlicher Keimdrüsen auf weibliche Tiere. Zur -strikten Beweiskraft dieser letzteren Versuche wäre es freilich -vonnöten, daß die exstirpierten Testikel einem möglichst nahe -verwandten weiblichen Tier, womöglich einer Schwester des kastrierten -Männchens, eingepflanzt würden: das _Idioplasma_ dürfte nicht _auch -noch_ ein zu verschiedenes sein. Es würde nämlich hier wie sonst viel -darauf ankommen, die Bedingungen des Erfolges in möglichst reiner -Isolation wirken zu lassen, um ein möglichst eindeutiges Resultat zu -erhalten. Versuche auf der _Chrobak_schen Klinik in Wien haben gezeigt, -daß zwischen zwei (wahllos ausgemusterten) weiblichen Tieren beliebig -vertauschte Ovarien in der Mehrzahl der Fälle atrophieren und nie -die Verkümmerung der sekundären Charaktere (z. B. der Milchdrüsen) -aufzuhalten vermögen: während bei Entfernung der eigenen Keimdrüse -von ihrem natürlichen Lager und ihrer Implantation an einem davon -verschiedenen Orte im _selben_ Tiere (das somit sein eigenes Gewebe -behält) im Idealfalle die _völlige_ Entwicklung der sekundären -Geschlechtscharaktere _ebenso_ möglich ist, wie wenn gar kein -Eingriff erfolgt. Das Mißlingen der Transplantation auf kastrierte -Geschlechtsgenossen ist vielleicht hauptsächlich in der mangelnden -Familienverwandtschaft begründet: das idioplasmatische Moment müßte in -erster Linie beachtet werden. - -Diese Dinge erinnern sehr an die Erfahrungen bei der _Transfusion_ -heterologen Blutes. Es ist eine praktische Regel der Chirurgen, daß -man verlorenes Blut (bei Gefahr schwerer Störungen) nicht nur durch -das Blut der gleichen Spezies und einer verwandten Familie, sondern -auch durch das Blut eines gleichgeschlechtlichen Wesens ersetzen -muß. Die Parallele mit den Transplantationsversuchen springt in die -Augen. Sollten aber die hier vertretenen Ansichten sich behaupten, so -werden die Chirurgen, soweit sie überhaupt transfundieren und nicht -Kochsalzinfusionen bevorzugen, vielleicht nicht bloß darauf achten -müssen, ob das Ersatzblut einem möglichst stammverwandten Tiere -entnommen ist. Es fragt sich, ob dann die Forderung zu weit ginge, daß -nur das Blut eines Wesens von möglichst gleichem Grade der Maskulität -oder Muliebrität Verwendung finden dürfte. - -Wie diese Verhältnisse bei der Transfusion ein Beweis für die eigene -sexuelle Charakteristik der Blutkörperchen, so liefert, wie erwähnt, -der gänzliche Mißerfolg aller Überpflanzungen männlicher Keimdrüsen -auf Weibchen oder weiblicher Keimdrüsen auf Männchen noch einen -Beweis dafür, daß die innere Sekretion _nur auf ein ihr adäquates -Arrhenoplasma oder Thelyplasma wirksam ist_. - -In Anknüpfung hieran soll schließlich noch des organotherapeutischen -Heilverfahrens mit einem Worte gedacht werden. Es ist nach dem obigen -klar, daß und warum, wenn die Transplantation möglichst geschonter -ganzer Keimdrüsen auf andersgeschlechtliche Individuen keinen Erfolg -hatte, auch ebenso z. B. die Injektion von Ovarialsubstanz in das Blut -eines Masculinums höchstens Schaden anrichten konnte. Aber anderseits -erledigen sich ebenso eine Menge von Einwürfen _gegen_ das _Prinzip_ -der Organotherapie damit, daß Organpräparate von _Nicht_-Artgenossen -naturgemäß nicht immer eine volle Wirkung ausüben können. Durch die -Nichtbeachtung eines biologischen Prinzipes von solcher Wichtigkeit -wie die Idioplasmalehre haben sich die ärztlichen Vertreter der -Organotherapie vielleicht manchen Heilerfolg verscherzt. - -Die Idioplasmalehre, die auch jenen Geweben und Zellen den spezifischen -Artcharakter zuschreibt, welche die reproduktive Fähigkeit verloren -haben, ist allerdings noch nicht allgemein anerkannt. Aber daß -zumindest in den Keimdrüsen die Arteigenschaften versammelt sind, wird -jedermann einsehen müssen, und damit auch zugeben, daß gerade bei -Präparaten aus den Keimdrüsen die möglichst geringe verwandtschaftliche -Entfernung erstes Postulat ist, sofern diese Methode mehr erstrebt, als -ein gutes Tonikum zu liefern. Parallelversuche zwischen Transplantation -von Keimdrüsen und Injektionen ihrer Extrakte, etwa ein Vergleich -zwischen dem Einfluß des ihm selbst oder einem nahe verwandten -Individuum entnommenen und auf einen Hahn irgendwo, z. B. in seinen -Peritonealraum transplantierten Hodens _mit_ dem Einfluß intravenöser -Injektionen von Testikularextrakt in einen anderen kastrierten Hahn, -wobei dieser Extrakt ebenfalls aus den Hoden verwandter Individuen -gewonnen sein müßte -- solche Parallelversuche wären hier vielleicht -mit Nutzen auszuführen. Sie könnten möglicherweise auch noch -lehrreiche Aufschlüsse bringen über die passendste Darstellung und -Menge der Organpräparate und der einzelnen Injektionen. Es wäre auch -_theoretisch_ eine Feststellung darüber erwünscht, ob die inneren -Keimdrüsensekrete mit Stoffen in der Zelle eine chemische Verbindung -eingehen, oder ob ihre Wirkung bloß eine katalytische, von der Menge -eigentlich doch unabhängige ist. Die letztere Annahme kann nach den -bisher vorliegenden Untersuchungen noch nicht ausgeschlossen werden. - -Die Grenzen des Einflusses der inneren Sekretion auf die Gestaltung -des definitiven geschlechtlichen Charakters waren zu ziehen, -um die gemachte Annahme einer originären, _im allgemeinen_ für -jede Zelle graduell verschiedenen, von Anfang an bestimmten -sexuellen Charakteristik gegen Einwände zu sichern.[7] Wenn diese -Charakteristiken auch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle für die -verschiedenen Zellen und Gewebe desselben Individuums nicht sonderlich -dem Grade nach verschieden sein dürften, so gibt es doch eklatante -Ausnahmen, die uns die Möglichkeit großer Amplituden vor Augen rücken. -Auch die einzelnen Eizellen und die einzelnen Spermatozoiden, nicht nur -verschiedener Organismen, auch in den Follikeln und in der Spermamasse -_eines_ Individuums, zur selben Zeit und mehr noch zu verschiedenen -Zeiten, werden Unterschiede in dem Grade ihrer Muliebrität und -Maskulität zeigen, z. B. die Samenfäden verschieden schlank, -verschieden schnell sein. Freilich sind wir über diese Unterschiede bis -jetzt sehr wenig unterrichtet, aber wohl nur, weil niemand bisher diese -Dinge in gleicher Absicht untersucht hat. - -Doch hat man -- und dies ist eben das Interessante -- in den Hoden von -Amphibien neben den normalen Entwicklungsstufen der Spermatogenese -regelrechte und wohlentwickelte _Eier_, nicht ein einziger einmal, -sondern verschiedene Beobachter zu öfteren Malen, gefunden. Diese -Deutung der Befunde wurde zwar bestritten und von einer Seite -nur die Existenz abnorm großer Zellen in den Samenkanälchen als -feststehend zugegeben, aber der Sachverhalt wurde später unzweifelhaft -festgestellt. Allerdings sind Zwitterbildungen gerade bei den -betreffenden Amphibien ungemein häufig; dennoch ist diese eine Tatsache -genug Beweis für die Notwendigkeit, mit der Annahme annähernder -Konformität des Arrhenoplasma oder Thelyplasma in _einem_ Körper -_vorsichtig_ zu sein. Es scheint entlegen und gehört doch ganz in die -gleiche Kategorie von Übereilung, wenn ein menschliches Individuum, -bloß weil es bei der Geburt ein, wenn auch noch so kurzes, etwa gar -epi- oder hypospadisches männliches Glied zeigt, ja selbst noch bei -doppelseitigem Kryptorchismus als »Knabe« bezeichnet und ohne weiters -als solcher angesehen wird, obwohl es in den übrigen Körperpartien, -z. B. cerebral, weit näher dem Thelyplasma als dem Arrhenoplasma steht. -Man wird es da wohl noch einmal zu lernen trachten müssen, selbst -feinere Abstufungen der Geschlechtlichkeit schon bei der Geburt zu -diagnostizieren. - -Als Resultat dieser längeren Induktionen und Deduktionen können wir -nun wohl die Sicherung der originären sexuellen Charakteristik, die a -priori nicht für alle Zellen auch desselben Körpers gleich oder auch -nur ungefähr gleich gesetzt werden darf, betrachten. Jede Zelle, jeder -Zellkomplex, jedes Organ hat einen bestimmten Index, der seine Stellung -zwischen Arrhenoplasma und Thelyplasma anzeigt. Im großen und ganzen -freilich wird _ein_ Index für den _ganzen_ Körper geringen Ansprüchen -an Exaktheit genügen. Wir würden indes verhängnisvolle Irrtümer im -Theoretischen, schwere Sünden im Praktischen auf uns laden, wenn wir -hier mit solcher inkorrekter Beschreibung auch im Einzelfalle ernstlich -alles getan zu haben glaubten. - -_Die verschiedenen Grade der ursprünglichen sexuellen Charakteristik -zusammen mit der_ (bei den einzelnen Individuen wahrscheinlich -qualitativ und quantitativ) _variierenden inneren Sekretion $bedingen$ -das Auftreten der sexuellen Zwischenformen_. - -Arrhenoplasma und Thelyplasma, in ihren unzähligen Abstufungen, sind -die _mikro_skopischen Agentien, die im Vereine mit der »inneren -Sekretion« jene _makro_skopischen Differenzen schaffen, von denen das -vorige Kapitel ausschließlich handelte. - -Unter Voraussetzung der Richtigkeit der bisherigen Darlegungen -ergibt sich die Notwendigkeit einer ganzen Reihe von anatomischen, -physiologischen, histologischen und histochemischen Untersuchungen -über die Unterschiede zwischen den _Typen_ M und W in Bau und -Funktion _aller_ einzelnen Organe, über die Art, wie Arrhenoplasma -und Thelyplasma sich in den verschiedenen Geweben und Organen -besonders differenzieren. Die Durchschnittskenntnisse, die wir bis -jetzt über all das haben, genügen selbst dem modernen Statistiker -kaum mehr. Wissenschaftlich ist ihr Wert ganz gering. Daß z. B. -alle Untersuchungen über sexuelle Unterschiede im Gehirn so wenig -Wertvolles zu Tage fördern konnten, dafür ist auch dies ein Grund, -daß man nicht den _typischen_ Verhältnissen nachgegangen ist, sondern -sich mit dem, was der Taufschein oder der oberflächlichste Aspekt der -Leiche über das Geschlecht sagte, zufrieden gab und so jeden Hans -und jede Grete als vollwertige Repräsentanten der Männlichkeit oder -Weiblichkeit gelten ließ. Man hätte, wenn man schon psychologischer -Daten nicht zu bedürfen glaubte, doch wenigstens, da Harmonie in der -sexuellen Charakteristik der verschiedenen Körperteile häufiger ist als -große Sprünge derselben zwischen den einzelnen Organen, sich einiger -Tatsachen bezüglich der übrigen Körperbeschaffenheit versichern sollen, -die für Männlichkeit und Weiblichkeit in Betracht kommen, wie der -Distanz der großen Trochanteren, der Spinae iliacae ant. sup. etc. etc. - -Dieselbe Fehlerquelle -- das unbedenkliche Passierenlassen sexueller -Zwischenstufen als maßgebender Individuen -- ist übrigens auch bei -anderen Untersuchungen nicht verstopft worden; und diese Sorglosigkeit -kann das Gewinnen haltbarer und beweisbarer Resultate auf lange Zeit -hintanhalten. Schon wer z. B. den Ursachen des _Knabenüberschusses bei -den Geburten_ nachspekuliert, dürfte diese Verhältnisse nicht ganz -außer Acht lassen. Namentlich wird sich aber ihre Nichtberücksichtigung -an jedermann rächen, der das _Problem der geschlechtsbestimmenden -Ursachen_ lösen zu wollen sich unterfängt. Bevor er nicht jedes zur -Welt gekommene Lebewesen, das ihm zum Objekt der Untersuchung wird, -auch auf seine Stellung zwischen M und W geprüft hat, wird man seinen -Hypothesen oder gar seinen Beeinflussungsmethoden zu trauen sich hüten -dürfen. Wenn er nämlich die sexuellen Zwischenstufen einerseits bloß in -der bisherigen äußerlichen Weise unter die männlichen oder unter die -weiblichen Geburten einreiht, so wird er Fälle _für_ sich in Anspruch -nehmen, die bei tieferer Betrachtung _gegen_ ihn zeugen würden, und -andere Fälle als Gegeninstanzen betrachten, die es tatsächlich nicht -sind: ohne den idealen Mann und das ideale Weib entbehrt er eben -eines festen Maßstabes, den er an die Wirklichkeit anlegen könnte, -und tappt im ungewissen, oberflächlichen Schein. _Maupas_ z. B., dem -die experimentelle Geschlechtsbestimmung bei Hydatina senta, einem -Rädertierchen, gelungen ist, hat noch immer 3-5% an abweichenden -Resultaten erzielt. Bei niedrigerer Temperatur wurde die Geburt von -Weibchen erwartet, und doch ergab sich dieser Satz von Männchen; -entsprechend kamen bei hoher Temperatur gegen die Regel etwa ebensoviel -Weibchen heraus. Es ist anzunehmen, daß dies sexuelle Zwischenstufen -waren, sehr arrhenoide Weibchen bei hoher, sehr thelyide Männchen bei -tiefer Temperatur. Wo das Problem viel komplizierter liegt, z. B. -beim Rinde, um vom Menschen zu schweigen, wird der Prozentsatz der -übereinstimmenden Resultate kaum je so groß sein wie hier und deshalb -die richtige Deutung durch von den sexuellen Zwischenstufen herrührende -Störungen viel schwerer beeinträchtigt werden. - -Wie Morphologie, Physiologie und Entwicklungsmechanik, so ist auch -eine vergleichende _Pathologie_ der sexuellen _Typen_ vorderhand ein -Desiderat. Freilich wird man hier wie dort aus der Statistik gewisse -Schlüsse ziehen dürfen. Wenn diese erweist, daß eine Krankheit beim -»weiblichen Geschlechte« sehr erheblich häufiger sich findet als beim -»männlichen«, so wird man hienach im allgemeinen die Annahme wagen -dürfen, sie sei eine dem Thelyplasma eigentümliche, »idiopathische« -Affektion. So dürfte z. B. Myxödem eine Krankheit von W sein; Hydrokele -ist naturgemäß eine Krankheit von M. - -Doch können selbst die am lautesten sprechenden Zahlen der Statistik -hier so lange vor theoretischen Irrtümern nicht mit Sicherheit -bewahren, als nicht von dem Charakter irgend eines Leidens gezeigt ist, -daß es in unauflöslicher, funktioneller Beziehung an die Männlichkeit -oder an die Weiblichkeit geknüpft ist. Die _Theorie_ der betreffenden -Krankheiten wird auch darüber Rechenschaft zu geben haben, _$warum$_ -sie »fast ausschließlich bei einem Geschlechte auftreten«, d. h. (in -der hier begründeten Fassung) warum sie entweder M oder W zugehören. - - - - -III. Kapitel. - -Gesetze der sexuellen Anziehung. - - _Carmen_: - - »L'amour est un oiseau rebelle, - Que nul ne peut apprivoiser: - Et c'est bien en vain qu'on l'appelle, - S'il lui convient de refuser. - Rien n'y fait; menace ou prière: - L'un parle, l'autre se tait; - Et c'est l'autre que je prefère; - Il n'a rien dit, mais il me plaît. - ............. - L'amour est enfant de Bohême - Il n'a jamais connu de loi.« - - $?$ - - -In den alten Begriffen ausgedrückt, besteht bei sämtlichen -geschlechtlich differenzierten Lebewesen eine auf Begattung gerichtete -Anziehung zwischen Männchen und Weibchen, Mann und Weib. Da Mann und -Weib aber nur Typen sind, die in der Realität nirgends rein sich -vertreten finden, so werden wir hievon nicht mehr so sprechen können, -daß die geschlechtliche Anziehung ein Masculinum schlechtweg und ein -Femininum schlechtweg einander zu nähern suche. Über die Tatsachen der -sexuellen Wirkungen muß aber auch die hier vertretene Theorie, wenn -sie vollständig sein soll, Rechenschaft geben können, ja es muß auch -ihr Erscheinungsgebiet sich mit den neuen Mitteln besser darstellen -lassen als mit den bisherigen, wenn jene vor diesen ihren Vorzug -behaupten sollen. Wirklich hat mich die Erkenntnis, daß M und W in -allen _verschiedenen_ Verhältnissen sich auf die Lebewesen _verteilen_, -zur Entdeckung eines ungekannten, bloß von einem Philosophen einmal -geahnten _Naturgesetzes_ geführt, eines _Gesetzes der sexuellen -Anziehung_. Beobachtungen des Menschen ließen es mich gewinnen, und ich -will daher von diesem hier ausgehen. - -Jeder Mensch hat, was das andere Geschlecht anlangt, einen bestimmten, -ihm eigentümlichen »Geschmack«. Wenn wir etwa die Bildnisse der -Frauen vergleichen, die irgend ein berühmter Mann der Geschichte -nachweislich geliebt hat, so finden wir fast immer, daß alle eine -beinahe durchgängige Übereinstimmung aufweisen, die äußerlich am -ehesten hervortreten wird in ihrer _Gestalt_ (im engeren Sinne des -_Wuchses_) oder in ihrem _Gesichte_, aber sich bei näherem Zusehen bis -in die kleinsten Züge -- ad unguem, bis auf die Nägel der Finger -- -erstrecken wird. Ganz ebenso verhält es sich aber auch sonst. Daher die -Erscheinung, daß jedes Mädchen, von welchem eine starke Anziehung auf -den Mann ausgeht, auch sofort die Erinnerung an jene Mädchen wachruft, -die schon früher ähnlich auf ihn gewirkt haben. Jeder hat ferner -zahlreiche Bekannte, deren Geschmack, das andere Geschlecht betreffend, -ihm schon den Ausruf abgenötigt hat: »Wie einem die gefallen kann, -verstehe ich nicht!« Eine Menge Tatsachen, welche den bestimmten -besonderen Geschmack jedes Einzelwesens auch für die Tiere außer allen -Zweifel setzen, hat _Darwin_ gesammelt (in seiner »Abstammung des -Menschen«). Daß Analoga zu dieser Tatsache des bestimmten Geschmackes -aber selbst bei den Pflanzen sich deutlich ausgeprägt finden, wird bald -besprochen werden. - -Die sexuelle Anziehung ist fast ausnahmslos nicht anders als bei der -Gravitation eine gegenseitige; wo diese Regel Ausnahmen zu erleiden -scheint, lassen sich beinahe immer differenziertere Momente nachweisen, -welche es zu verhindern wissen, daß dem _unmittelbaren_ Geschmacke, -der fast stets ein wechselseitiger ist, Folge gegeben werde; oder -ein Begehren erzeugen, wenn dieser unmittelbare erste Eindruck nicht -dagewesen ist. - -Auch der Sprachgebrauch redet vom »Kommen des Richtigen«, vom -»Nichtzueinanderpassen« zweier Leute. Er beweist so eine gewisse -dunkle Ahnung der _Tatsache, daß in jedem Menschen gewisse -Eigenschaften liegen, die es nicht ganz gleichgültig erscheinen lassen, -$welches$ Individuum des anderen Geschlechtes mit ihm eine sexuelle -Vereinigung einzugehen geeignet ist; daß nicht jeder »Mann« für jeden -anderen »Mann«, nicht jedes »Weib« für jedes andere »Weib«, ohne daß es -einen Unterschied macht, eintreten kann_. - -Jedermann weiß ferner aus eigener Erfahrung, daß gewisse Personen des -anderen Geschlechtes auf ihn sogar eine direkt _abstoßende_ Wirkung -ausüben können, andere ihn kalt lassen, noch andere ihn reizen, bis -endlich (vielleicht nicht immer) ein Individuum erscheint, mit dem -vereinigt zu sein in dem Maße sein Verlangen wird, daß die ganze -Welt _daneben_ für ihn eventuell wertlos wird und verschwindet. -Welches Individuum ist das? Welche Eigenschaften muß es besitzen? -Hat wirklich -- und es ist so -- jeder Typus unter den Männern einen -ihm entsprechenden Typus unter den Weibern zum Korrelate, der auf -ihn sexuell wirkt, und umgekehrt, so scheint zumindest hier ein -gewisses Gesetz zu walten. Was ist das für ein Gesetz? Wie lautet -es? »Gegensätze ziehen sich an«, so hörte ich es formulieren, als -ich, bereits im Besitze der eigenen Antwort auf meine Frage, bei -verschiedenen Menschen hartnäckig auf das Aussprechen eines solchen -drang und ihrer Abstraktionskraft durch Beispiele zu Hilfe kam. Auch -dies ist in gewissem Sinne und für einen kleineren Teil der Fälle -zuzugeben. Aber es ist doch zu allgemein, zerfließt unter den Händen, -die Anschauliches erfassen wollen, und läßt keinerlei mathematische -Formulierung zu. - -Diese Schrift nun vermißt sich nicht, _sämtliche_ Gesetze der sexuellen -Anziehung -- es gibt ihrer nämlich mehrere -- aufdecken zu wollen, und -erhebt somit keineswegs den Anspruch, jedem Individuum bereits sichere -Auskunft über dasjenige Individuum des anderen Geschlechtes geben zu -können, das seinem Geschmack am besten entsprechen werde, wie dies eine -vollständige Kenntnis der in Betracht kommenden Gesetze allerdings -ermöglichen würde. Nur ein einziges von diesen Gesetzen soll in diesem -Kapitel besprochen werden, da es in organischem Zusammenhange mit -den übrigen Erörterungen des Buches steht. Einer Anzahl weiterer -Gesetze bin ich auf der Spur, doch war dieses das erste, auf das ich -aufmerksam wurde, und das, was ich darüber zu sagen habe, ist relativ -am fertigsten. Die Unvollkommenheiten im Beweismaterial möge man -in Erwägung der Neuheit und Schwierigkeit der Sache mit Nachsicht -beurteilen. - -Die Tatsachen, aus denen ich dieses Gesetz der sexuellen Affinität -ursprünglich gewonnen, und die große Anzahl jener, die es mir bestätigt -haben, hier anzuführen, ist jedoch glücklicherweise in gewissem -Sinne überflüssig. Ein jeder ist gebeten, es zunächst an sich selbst -zu prüfen, und dann Umschau zu halten im Kreise seiner Bekannten; -besonders empfehle ich eben jene Fälle der Erinnerung und Beachtung, -wo er ihren Geschmack nicht verstanden oder ihnen gar einmal allen -»Geschmack« abgesprochen hat, oder wo ihm dasselbe von ihrer Seite -widerfahren ist. Jenes Mindestmaß von Kenntnis der äußeren Formen des -menschlichen Körpers, welches zu dieser Kontrolle nötig ist, besitzt -jeder Mensch. - -Auch ich bin zu dem Gesetze, das ich nun formulieren will, auf eben dem -Wege gelangt, auf welchen ich hier zunächst habe verweisen müssen. - -Das Gesetz lautet: »_Zur sexuellen Vereinigung trachten immer ein -$ganzer$ Mann (M) und ein $ganzes$ Weib (W) zusammen zu kommen, $wenn -auch auf die zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in -verschiedenem Verhältnisse verteilt.$_« - -Anders ausgedrückt: Wenn m_{μ} das Männliche, w_{μ} das Weibliche -ist in irgend einem von der gewöhnlichen Auffassung einfach als -»Mann« bezeichneten Individuum μ und w_{ω} das Weibliche, m_{ω} das -Männliche dem Grade nach ausdrückt in irgend einer sonst oberflächlich -schlechtweg als »Weib« gekennzeichneten Person ω, so ist bei jeder -_vollkommenen Affinität_, d. h. im Falle der _stärksten_ sexuellen -Attraktion: - - (Ia) m_{μ} + m_{ω} = C(onstans)_{1} = M = dem idealen Manne - -und darum natürlich gleichzeitig auch - - (Ib) w_{μ} + w_{ω} = C_{2} = W = dem idealen Weibe. - -Man mißverstehe diese Formulierung nicht. Es ist _ein_ Fall, _eine -einzige_ sexuelle Relation, für die beide Formeln Geltung haben, von -denen aber die zweite aus der ersten unmittelbar folgt und nichts Neues -zu ihr hinzufügt; denn wir operieren ja unter der Voraussetzung, daß -jedes Individuum so viel Weibliches hat, als ihm Männliches gebricht. -Ist es _ganz_ männlich, so wird es ein _ganz_ weibliches Gegenglied -verlangen; ist es ganz weiblich, ein ganz männliches. Ist in ihm aber -ein bestimmter größerer Bruchteil vom Manne _und_ ein keineswegs -zu vernachlässigender anderer Bruchteil vom Weibe, so wird es zur -Ergänzung ein Individuum fordern, das seinen Bruchteil an Männlichkeit -zum Ganzen, zur Einheit komplettiert; damit wird aber _zugleich_ auch -sein weiblicher Anteil in ebensolcher Weise vervollständigt. Es habe -z. B. ein Individuum - - { ¾ M, - μ { _also_ - { ¼ W. - -Dann wird sein bestes sexuelles Komplement nach diesem Gesetze jenes -Individuum ω sein, welches sexuell folgendermaßen zu definieren ist: - - { ¼ M, - ω { _also_ - { ¾ W. - -Man erkennt bereits in dieser Fassung den Wert größerer Allgemeinheit -vor der gewöhnlichen Anschauung. Daß Mann und Weib, als sexuelle Typen, -einander anziehen, ist hierin eben nur als _Spezialfall_ enthalten, als -jener Fall, in welchem ein imaginäres Individuum - - X { 1 . M - { 0 . W - -sein Komplement in einem ebenso imaginären - - Y { 0 . M - { 1 . W - -findet. - -Niemand wird zögern, die Tatsache des bestimmten sexuellen -Geschmackes zuzugeben; damit ist aber auch die Berechtigung der -Frage nach den _Gesetzen_ dieses Geschmackes anerkannt, nach dem -Funktionalzusammenhang, in welchem die sexuelle Vorliebe mit den -übrigen körperlichen und psychischen Qualitäten eines Wesens steht. -Das Gesetz, welches hier aufgestellt wurde, hat von vornherein nicht -das geringste _Un_wahrscheinliche an sich: es steht ihm weder in der -gewöhnlichen noch in der wissenschaftlich geeichten Erfahrung das -geringste _entgegen_. Aber es ist an und für sich auch gewiß nicht -»selbstverständlich«. Es könnte ja -- _denkbar_ wäre es, da das Gesetz -selbst bis jetzt nicht weiter ableitbar ist -- auch lauten: m_{μ} - -m{ω} = Const., d. h. die _Differenz_ im Gehalte an M eine konstante -Größe sein, nicht die Summe, also der männlichste Mann von _seinem_ -Komplemente, welches dann gerade in der Mitte zwischen M und W läge, -ebensoweit entfernt stehen wie der weiblichste Mann von dem seinen, -das wir in diesem Falle in der extremen Weiblichkeit zu erblicken -hätten. _Denkbar_ wäre das, wie gesagt, doch ist es darum nicht in der -Realität verwirklicht. Folgen wir also, in der Erkenntnis, daß wir ein -empirisches Gesetz vor uns haben, dem wissenschaftlichen Gebote der -Bescheidung, so werden wir vorderhand nicht von einer »Kraft« sprechen, -welche die zwei Individuen wie zwei Hampelmännchen gegeneinander laufen -läßt, sondern in dem Gesetze nur den Ausdruck eines Verhältnisses -erblicken, das in jeder stärksten sexuellen Anziehung in ganz gleicher -Weise zu konstatieren ist; es kann nur eine »Invariante« (_Ostwald_), -eine »Multiponible« (_Avenarius_) aufzeigen, und das ist in diesem -Falle die stets gleich bleibende Summe des Männlichen wie die des -Weiblichen in den beiden einander mit größter Stärke anziehenden -Lebewesen. - -Vom »ästhetischen«, vom »Schönheits«-Moment muß _hier_ ganz abgesehen -werden. Denn wie oft kommt es vor, daß der eine von einer bestimmten -Frau ganz entzückt ist, ganz außer sich über deren »außerordentliche«, -»berückende« Schönheit, und der andere »gern wissen möchte«, was an -der Betreffenden »denn nur gefunden werden könne«, da sie eben nicht -auch _sein_ sexuelles Komplement ist. Ohne hier den Standpunkt irgend -einer normativen Ästhetik einnehmen oder für einen Relativismus der -Wertungen Beispiele sammeln zu wollen, kann man es aussprechen, daß -sicherlich nicht nur vom rein ästhetischen Standpunkte _Indifferentes_, -sondern selbst _Unschönes_ vom verliebten Menschen schön gefunden wird, -wobei unter »rein-ästhetisch« nicht ein Absolut-Schönes, sondern nur -_das Schöne_, d. h. das nach Abzug aller »sexuellen Apperzeptionen« -_ästhetisch Gefallende_ verstanden werden soll. - -Das Gesetz selbst habe ich in mehreren hundert Fällen (um die -niederste Zahl zu nennen) bestätigt gefunden, und alle Ausnahmen -erwiesen sich als scheinbare. Fast ein jedes Liebespaar, dem man auf -der Straße begegnet, liefert eine neue Bestätigung. Die Ausnahmen -waren insoferne lehrreich, als sie die Spur der anderen Gesetze -der Sexualität verstärkten und zu deren Erforschung aufforderten. -Übrigens habe ich auch selbst eine Anzahl von Versuchen in folgender -Weise angestellt, daß ich mit einer Kollektion von Photographien -rein-ästhetisch untadeliger Frauen, deren jede einem bestimmten Gehalte -an W entsprach, eine Enquête veranstaltete, indem ich sie einer Reihe -von Bekannten, »zur Auswahl der Schönsten«, wie ich hinterlistig sagte, -vorlegte. Die Antwort, die ich bekam, war regelmäßig dieselbe, die -ich im voraus erwartete. Von anderen, die bereits wußten, worum es -sich handelte, habe ich mich in der Weise prüfen lassen, daß sie mir -Bilder vorlegten, und ich aus diesen die für sie Schönste herausfinden -mußte. Dies ist mir immer gelungen. Anderen habe ich, ohne daß sie mir -vorher unfreiwillige Stichproben davon geliefert hatten, ihr Ideal -vom anderen Geschlechte zuweilen mit annähernder Vollständigkeit -beschreiben können, jedenfalls oft viel genauer, als sie selbst es -anzugeben vermochten; manchmal wurden sie jedoch auch auf das, was -ihnen _miß_fiel -- was die Menschen im allgemeinen viel eher kennen als -das, was ihnen gefällt -- erst aufmerksam, als ich es ihnen sagte. - -Ich glaube, daß der Leser bei einiger Übung es bald zu der gleichen -Fertigkeit wird bringen können, die einige Bekannte aus einem engeren -wissenschaftlichen Freundeskreis, von den hier vertretenen Ideen -angeregt, bereits erlangt haben. Freilich wäre hiezu eine Erkenntnis -der anderen Gesetze der sexuellen Anziehung sehr erwünscht. Als Proben -auf das Verhältnis wirklicher komplementärer Ergänzung ließen sich -eine Menge spezieller Konstanten namhaft machen. Man könnte z. B. auf -den Gedanken geraten, die Summe der Haarlängen zweier Verliebter sei -immer gleich groß. Doch wird dies schon aus den im zweiten Kapitel -erörterten Gründen nicht immer zutreffen, indem nicht alle Organe eines -und desselben Wesens gleich männlich oder gleich weiblich sind. Überdem -würden solche heuristische Regeln bald sich vermehren und dann schnell -zu der Kategorie der schlechten Witze herabsinken, weshalb ich hier von -ihrer Anführung lieber absehen mag. - -Ich verhehle mir nicht, daß die Art, wie dieses Gesetz hier eingeführt -wurde, etwas Dogmatisches hat, das ihm bei dem Mangel einer exakten -Begründung um so schlechter ansteht. Mir konnte aber auch hier -weniger daran liegen, mit fertigen Ergebnissen hervorzutreten, als -zur Gewinnung solcher anzuregen, nachdem die Mittel, die mir zur -genauen Überprüfung jener Sätze nach naturwissenschaftlicher Methode -zur Verfügung standen, äußerst beschränkte waren. Wenn also auch im -einzelnen vieles hypothetisch bleibt, so hoffe ich doch im folgenden -mit Hinweisen auf merkwürdige Analogien, die bisher keine Beachtung -gefunden haben, die einzelnen Balken des Gebäudes noch durcheinander -stützen zu können: einer »rückwirkenden Verfestigung« vermögen -vielleicht selbst die Prinzipien der analytischen Mechanik nicht zu -entbehren. - -Eine höchst auffällige Bestätigung erfährt das aufgestellte Gesetz -zunächst durch eine Gruppe von Tatsachen aus dem Pflanzenreiche, -die man bisher in völliger Isolation betrachtet hat und denen -demgemäß der Charakter der Seltsamkeit in hohem Grade anzuhaften -schien. Wie jeder Botaniker sofort erraten haben wird, meine ich -die von _Persoon_ entdeckte, von _Darwin_ zuerst beschriebene, -von _Hildebrand_ benannte Erscheinung der _Ungleichgriffeligkeit_ -oder _Heterostylie_. Sie besteht in folgendem: Viele dikotyle (und -eine einzige monokotyle) Pflanzenspezies, z. B. Primulaceen und -Geraniaceen, besonders aber viele Rubiaceen, lauter Pflanzen, auf -deren Blüte sowohl Pollen als Narbe funktionsfähig sind, aber nur -für Produkte fremder Blüten, die also in morphologischer Beziehung -androgyn, in physiologischer Hinsicht jedoch diözisch erscheinen -- -diese alle haben die Eigentümlichkeit, _ihre Narben und Staubbeutel -auf verschiedenen Individuen zu verschiedener Höhe zu entwickeln_. Das -eine Exemplar bildet ausschließlich Blüten mit langem Griffel, daher -hochstehender Narbe und niedrigen Antheren (Staubbeuteln): es ist -nach meiner Auffassung das weiblichere. Das andere Exemplar hingegen -bringt nur Blüten hervor mit tiefstehender Narbe und hochstehenden -Antheren (weil langen Staubfäden): das männlichere. Neben diesen -»dimorphen« Arten gibt es aber auch »trimorphe«, wie Lythrum salicaria, -mit dreierlei Längenverhältnissen der Geschlechtsorgane: außer der -Blütenform mit langgriffeligen und der mit kurzgriffeligen findet -sich hier noch eine mit »mesostylen« Blüten, d. i. mittellangen -Griffeln. Obwohl nur dimorphe und trimorphe Heterostylie den Weg in die -Kompendien gefunden haben, ist auch damit die Mannigfaltigkeit nicht -erschöpft. _Darwin_ deutet an, daß, »wenn kleinere Verschiedenheiten -berücksichtigt werden, _fünf_ verschiedene Sitze von männlichen Organen -zu unterscheiden seien«. Es besteht also auch die hier unleugbar -vorkommende _Dis_kontinuität, die Trennung der verschiedenen Grade von -Maskulität und Muliebrität in verschiedene Stockwerke nicht _allgemein_ -zu Recht, auch in diesem Falle haben wir hie und da _kontinuierlichere -sexuelle Zwischenformen_ vor uns. Anderseits ist auch dieses -diskrete Fächerwerk nicht ohne frappante Analogien im Tierreich, wo -die betreffenden Erscheinungen als ebenso vereinzelt und wunderbar -angesehen wurden, weil man sich der Heterostylie gar nicht _entsann_. -Bei mehreren Insektengattungen, nämlich bei Forficuliden (Ohrwürmern) -und Lamellicornien (und zwar bei Lucanus cervus, dem Hirschkäfer, -bei Dynastes hercules und Xylotrupes gideon) gibt es _einerseits_ -viele Männchen, welche den sekundären Geschlechtscharakter, der sie -von den Weibchen am sichtbarsten scheidet, die Fühlhörner zu sehr -großer Länge entwickeln; die _andere_ Hauptgruppe der Männchen hat nur -relativ wenig entwickelte Hörner. _Bateson_, von dem die ausführlichere -Beschreibung dieser Verhältnisse herrührt, unterscheidet darum unter -ihnen »high males« und »low males«. Zwar sind diese beiden Typen durch -kontinuierliche Übergänge miteinander verbunden, aber die zwischen -ihnen vermittelnden Stufen sind selten, die meisten Exemplare stehen -an der einen oder der anderen Grenze. Leider ist es _Bateson_ nicht -darum zu tun gewesen, die sexuellen Beziehungen dieser beiden Gruppen -zu den Weibchen zu erforschen, da er die Fälle nur als Beispiele -diskontinuierlicher Variation anführt; und so ist nicht bekannt, ob -es zwei Gruppen auch unter den Weibchen der betreffenden Arten gibt, -die eine verschiedene sexuelle Affinität zu den verschiedenen Formen -der Männchen besitzen. Darum lassen sich auch diese Beobachtungen -nur als eine morphologische Parallele zur Heterostylie, nicht als -physiologische Instanzen für das Gesetz der sexuellen Anziehung -verwenden, _für das die Heterostylie in der Tat sich verwerten läßt_. - -Denn in den heterostylen Pflanzen liegt vielleicht eine völlige -Bestätigung der Ansicht von der allgemeinen Gültigkeit jener Formel -innerhalb aller Lebewesen vor. Es ist von _Darwin_ nachgewiesen und -seither von vielen Beobachtern in gleicher Weise konstatiert worden, -daß bei den heterostylen Pflanzen Befruchtung fast nur dann Aussicht -auf guten Erfolg hat, ja oft nur in dem Falle möglich ist, wenn der -_Pollen der makrostylen Blüte_, d. i. derjenige von den niedrigeren -Antheren, auf die _mikrostyle Narbe_ eines anderen Individuums, -welches sodann lange Staubfäden hat, übertragen wird, oder der aus -hochstehenden Staubbeuteln stammende _Pollen einer mikrostylen Blüte_ -auf die makrostyle Narbe einer anderen Pflanze (mit kurzen Filamenten). -So lang also in der einen Blüte der Griffel, d. h. so gut weiblich in -ihr das weibliche Organ entwickelt ist, so lang muß in der anderen, -von der sie mit Erfolg empfangen soll, das männliche, der Staubfaden -sein, und umso kürzer in der letzteren der Griffel, dessen Länge den -Grad der Weiblichkeit mißt. Wo dreierlei Griffellängen vorhanden sind, -da fällt die Befruchtung nach derselben erweiterten Regel am besten -aus, wenn der Pollen auf diejenige Narbe übertragen wird, die auf einer -anderen Blüte in derselben Höhe steht wie der Staubbeutel, aus welchem -der Pollen stammt. Wird dies nicht eingehalten, sondern etwa künstliche -Befruchtung mit nicht-adäquatem Pollen herbeigeführt, so entstehen, -wenn diese Prozedur überhaupt von Erfolg begleitet ist, fast immer -nur kränkliche und kümmerliche, zwerghafte und durchaus unfruchtbare -Sprößlinge, die den Hybriden aus verschiedenen Spezies äußerst ähneln. - -Den Autoren, welche die Heterostylie besprochen haben, merkt man -es insgesamt an, daß sie mit der gewöhnlichen Erklärung dieses -verschiedenartigen Verhaltens bei der Befruchtung nicht zufrieden sind. -Diese besagt nämlich, daß die Insekten beim Blütenbesuch gleich hoch -gestellte Sexualorgane mit der gleichen Körperstelle berühren und so -den merkwürdigen Effekt herbeiführen. _Darwin_ gesteht jedoch selbst, -daß die Bienen alle Arten von Pollen an jeder Körperstelle mit sich -tragen; es bleibt also das _elektive_ Verfahren der weiblichen Organe -bei Bestäubung mit doppelt und dreifach verschiedenen Pollen nach wie -vor aufzuhellen. Auch scheint jene Begründung, so ansprechend und -zauberkräftig sie sich ausnimmt, doch etwas oberflächlich, wenn eben -mit ihr verständlich gemacht werden soll, warum künstlicher Bestäubung -mit inadäquatem Pollen, sogenannter »_illegitimer Befruchtung_«, so -schlechter Erfolg beschieden ist. Jene ausschließliche Berührung mit -»legitimem« Pollen müßte dann die Narben _durch Gewöhnung_ nur für den -Blütenstaub dieser einen Provenienz aufnahmsfähig haben werden lassen; -aber es konnte soeben _Darwin_ selbst als Zeuge dafür einvernommen -werden, daß diese Unberührtheit durch anderen Pollen vollkommen -illusorisch ist, indem die Insekten, welche als Ehevermittler hiebei in -Anspruch genommen werden, tatsächlich viel eher eine _unterschiedslose -Kreuzung_ begünstigen. - -Es scheint also die Hypothese viel plausibler, daß der Grund dieses -eigentümlich auswählenden Verhaltens ein anderer, tieferer, in den -Blüten selbst ursprünglich gelegener ist. Es dürfte sich hier wie -beim Menschen darum handeln, daß die sexuelle Anziehung zwischen jenen -Individuen am größten ist, _deren eines ebensoviel von M besitzt wie -das andere von W_, was ja wieder nur ein anderer Ausdruck der obigen -Formel ist. Die Wahrscheinlichkeit dieser Deutung wird ungemein -erhöht dadurch, daß in der männlicheren, kurzgriffeligen Blüte die -Pollenkörner in den hier höher stehenden Staubbeuteln auch stets -größer, die Narbenpapillen kleiner sind als die homologen Teile in -der langgriffeligen weiblicheren. Man sieht hieraus, daß es sich -kaum um etwas anderes handeln kann als um verschiedene Grade der -Männlichkeit und Weiblichkeit. Und unter dieser Voraussetzung erfährt -hier das aufgestellte Gesetz der sexuellen Affinität eine glänzende -Verifikation, indem eben im Tier- und im Pflanzenreiche -- an späterem -Orte wird hierauf zurückzukommen sein -- Befruchtung _stets dort_ den -besten Erfolg aufweist, _wo die Eltern die größte sexuelle Affinität -zueinander gehabt haben_.[8] - -Daß im _Tierreich_ das Gesetz in voller Geltung besteht, wird -erst bei der Besprechung des »konträren Sexualtriebes« zu großer -Wahrscheinlichkeit erhoben werden können. Einstweilen möchte ich hier -nur darauf aufmerksam machen, wie interessant Untersuchungen darüber -wären, ob nicht auch die größeren, schwerer beweglichen Eizellen die -flinkeren und schlankeren unter den Spermatozoiden stärker anziehen -als die kleineren, dotterreichen und zugleich weniger trägen Eier, und -diese nicht gerade die langsameren, voluminöseren unter den Zoospermien -an sich locken. Vielleicht ergibt sich hier wirklich, wie L. _Weill_ -in einer kleinen Spekulation über die geschlechtsbestimmenden Faktoren -vermutet hat, eine Korrelation zwischen den Bewegungsgrößen oder den -kinetischen Energien der beiden Konjugationszellen. Es ist ja noch -nicht einmal festgestellt -- freilich auch sehr schwierig festzustellen --- ob die beiden Generationszellen, nach Abzug der Reibung und -Strömung im flüssigen Medium, eine Beschleunigung gegeneinander -aufweisen oder sich mit gleichförmiger Geschwindigkeit bewegen würden. -So viel und noch einiges mehr könnte man da fragen. - -Wie schon mehrfach hervorgehoben wurde, ist das bisher besprochene -Gesetz der sexuellen Anziehung beim Menschen (und wohl auch bei den -Tieren) nicht das einzige. Wäre es das, so müßte es ganz unbegreiflich -scheinen, daß es nicht schon längst gefunden wurde. Gerade weil sehr -viele Faktoren mitspielen, weil noch eine, vielleicht beträchtliche, -Anzahl anderer Gesetze erfüllt sein muß[9], darum sind Fälle von -_unaufhaltsamer_ sexueller Anziehung so _selten_. Da die bezüglichen -Forschungen noch nicht abgeschlossen sind, will ich von jenen Gesetzen -hier nicht sprechen und bloß der Illustration halber noch auf einen -weiteren, mathematisch wohl nicht leicht faßbaren der in Betracht -kommenden Faktoren hinweisen. - -Die Erscheinungen, auf die ich anspiele, sind im einzelnen ziemlich -allgemein bekannt. Ganz jung, noch nicht 20 Jahre alt, wird man meist -durch ältere Frauen (von über 35 Jahren) angezogen, während man -mit zunehmendem Alter immer jüngere liebt; ebenso ziehen aber auch -(Gegenseitigkeit!) die ganz jungen Mädchen, der »Backfisch«, ältere -Männer oft jüngeren vor, um später wieder mit ganz jungen Bürschlein -nicht selten die Ehe zu brechen. Das ganze Phänomen dürfte viel tiefer -wurzeln, als es nach der anekdotenhaften Art aussehen möchte, in der -man meist von ihm Notiz nimmt. - -Trotz der notwendigen Beschränkung dieser Arbeit auf das eine Gesetz -wird es im Interesse der Korrektheit liegen, wenn nun eine bessere -mathematische Formulierung, die keine unwahre Einfachheit vortäuscht, -versucht wird. Auch ohne alle mitspielenden Faktoren und in Frage -kommenden anderen Gesetze als selbständige Größen einzuführen, -erreichen wir diese äußerliche Genauigkeit durch Hinzufügung eines -Proportionalitätsfaktors. - -Die erste Formel war mir eine »ökonomische« Zusammenfassung des -_Gleichförmigen_ aller Fälle sexueller Anziehung von _idealer_ Stärke, -soweit das geschlechtliche Verhältnis durch das Gesetz überhaupt -bestimmt wird. Nun wollen wir einen Ausdruck herschreiben für die -_Stärke der sexuellen Affinität_ in jedem denkbaren Falle, einen -Ausdruck übrigens, der, seiner unbestimmten Form wegen, _zugleich die -allgemeinste Beschreibung des Verhältnisses zweier Lebewesen überhaupt, -selbst von verschiedener Art und von gleichem Geschlechte_, abgeben -könnte. - -Wenn - - { α M { β W - X { und Y { - { α' W { β' M - -wobei wieder - - α - 0 < β < 1 - α' - β' - -irgend zwei beliebige Lebewesen sexuell definieren, so ist die Stärke -der Anziehung zwischen beiden - - A = k/(α - β) . f(t) (II) - -worin f(t) irgend eine empirische oder analytische Funktion der -Zeit bedeutet, während welcher es den Individuen möglich ist, -aufeinander zu wirken, der »_Reaktionszeit_«, wie wir sie nennen -könnten; indes k jener Proportionalitätsfaktor ist, in den wir -alle bekannten und unbekannten Gesetze der sexuellen Affinität -hineinstecken, und der außerdem noch von dem Grade der Art-, Rassen- -und Familienverwandtschaft, sowie von Gesundheit und dem Mangel an -Deformationen in beiden Individuen abhängt, schließlich mit ihrer -größeren räumlichen Entfernung voneinander kleiner wird, der also noch -in jedem Falle besonders festzustellen ist. - -Wird in dieser Formel α = β, so wird A = ∞; das ist der extremste -Fall: es ist die sexuelle Anziehung als Elementargewalt, wie sie -mit unheimlicher Meisterschaft in der Novelle »Im Postwagen« von -_Lynkeus_ geschildert ist. Die sexuelle Anziehung ist etwas genau so -Naturgesetzliches wie das Wachstum der Wurzel gegen den Erdmittelpunkt, -die Wanderung der Bakterien zum Sauerstoff am Rande des Objektträgers; -man wird sich an eine solche Auffassung der Sache freilich erst -gewöhnen müssen. Ich komme übrigens gleich auf diesen Punkt zurück. - -Erreicht α - β seinen Maximalwert - - lim (α - β) = Max. = 1, - -so wird lim A = k . f(t). Es ergeben sich also hier als ein bestimmter -_Grenzfall_ alle sympathischen und antipathischen Beziehungen zwischen -Menschen überhaupt (die aber mit den _sozialen_ Beziehungen im engsten -Sinne, als konstituierend für gesellschaftliche Rechtsordnung, -nichts zu tun haben), soweit sie nicht durch _unser_ Gesetz der -sexuellen Affinität geregelt sind. Indem k mit der Stärke der -verwandtschaftlichen Beziehungen im allgemeinen wächst, hat A unter -Volksgenossen z. B. einen größeren Wert als unter Fremdnationalen. -Wie f(t) hier seinen guten Sinn behält, kann man am Verhältnis zweier -zusammenlebender Haustiere von ungleicher Spezies sehr wohl beobachten: -die erste Regung ist oft erbitterte Feindschaft, oft Furcht vor -einander (A bekommt ein _negatives_ Vorzeichen), später tritt oft ein -freundschaftliches Verhältnis an deren Stelle, sie suchen einander auf. - -Setze ich ferner in - - A = (k . f(t))/(α - β) k = 0, - -so wird A = 0, d. h. zwischen zwei lebenden Individuen von allzu -verschiedener Abstammung findet auch keinerlei merkliche Anziehung mehr -statt. - -Da der Sodomieparagraph in den Strafgesetzbüchern nicht für nichts und -wieder nichts enthalten sein dürfte, da sexuelle Akte sogar zwischen -Mensch und Henne schon zur Beobachtung gelangt sind, sieht man, daß -k innerhalb sehr _weiter_ Grenzen größer als Null bleibt. Wir dürfen -also die beiden fraglichen Individuen nicht auf dieselbe Art, ja nicht -einmal auf die gleiche Klasse beschränken. - -Daß alles Zusammentreffen männlicher und weiblicher Organismen nicht -Zufallssache ist, sondern unter der Herrschaft bestimmter Gesetze -steht, ist eine neue Anschauung, und das Befremdliche in ihr -- es -wurde vorhin daran gerührt -- zwingt zu einer Erörterung der tiefen -Frage nach der geheimnisvollen Natur dieser sexuellen Anziehung. - -Bekannte Versuche von Wilhelm _Pfeffer_ haben gezeigt, daß die -Spermatozoiden verschiedener Kryptogamen nicht bloß durch die -weiblichen Archegonien in natura, sondern ebenso durch Stoffe angezogen -werden, die entweder von diesen auch unter gewöhnlichen Verhältnissen -wirklich ausgeschieden werden, oder künstlich hergestellt sind, und -oft sogar durch solche Stoffe, die mit den Samenfäden sonst nie in -Berührung zu treten Gelegenheit hätten, wenn nicht die eigentümliche -Versuchsanlage dies vermittelte, weil sie in der Natur gar nicht -vorkommen. So werden die Spermatozoiden der Farne durch die aus den -Archegonien ausgeschiedene Äpfelsäure, aber auch durch synthetisch -dargestellte Äpfelsäure, ja sogar durch Maleinsäure, die der Laubmoose -durch Rohrzucker angezogen. Das Spermatozoon, das, wir wissen nicht -wie, durch Unterschiede in der Konzentration der Lösung beeinflußt -wird, bewegt sich nach der Richtung der stärkeren Konzentration hin. -_Pfeffer_ hat diese Bewegungen _chemotaktische_ genannt und für jene -ganzen Erscheinungen wie für andere Fälle asexueller Reizbewegungen den -Begriff des _Chemotropismus_ geschaffen. Vieles spräche nun dafür, daß -die Anziehung, welche das Weibchen, beim Tiere vom Männchen durch die -Sinnesorgane aus der Ferne perzipiert, auf das Männchen ausübt (und -vice versa), als eine der chemotaktischen in gewissen Punkten analoge -zu betrachten sei. - -Sehr wahrscheinlich ist ein Chemotropismus die Ursache jener -energischen und hartnäckigen Bewegung, welche die Samenfäden auch -der Säugetiere, _entgegen_ der Richtung der von innen nach außen, -vom Körper gegen den Hals der Gebärmutter zu flimmernden Wimpern der -Uterusschleimhaut, ganze Tage hindurch ohne jede äußere Unterstützung -selbständig verfolgen. Mit unglaublicher, fast rätselhafter Sicherheit -weiß allen mechanischen und sonstigen Hindernissen zum Trotz das -Spermatozoon die Eizelle aufzufinden. Am eigentümlichsten berühren -in dieser Hinsicht die ungeheuren Wanderungen so mancher Fische; die -Lachse wandern viele Monate lang, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, aus -dem Meere gegen die Wogen des Rheins stromaufwärts, um nahe seinem -Ursprung an sicherer, nahrungsreicher Stätte zu laichen. - -Anderseits sei an die hübsche Schilderung erinnert, die P. _Falkenberg_ -von dem Befruchtungsvorgang bei einigen niederen Algen des -mittelländischen Meeres entwirft. Wenn wir von den Linien der Kraft -sprechen, die zwei ungleichnamige Magnetpole gegeneinander bewegt, so -haben wir es hier nicht minder mit einer solchen Naturkraft zu tun, die -mit unwiderstehlicher Gewalt das Spermatozoon gegen das Ei treibt. Der -Unterschied wird hauptsächlich darin liegen, daß die Bewegungen der -_leblosen_ Materie Verschiebungen in den Spannungszuständen _umgebender -Medien_ voraussetzen, während die Kräfte der _lebenden_ Materie in -den Organismen selbst, als wahren _Kraftzentren_, lokalisiert sind. -Nach _Falkenbergs_ Beobachtungen überwanden die Spermatozoiden -bei ihrer Bewegung nach der Eizelle hin selbst die Kraft, die sie -sonst dem einfallenden Lichte entgegengeführt hätte. Stärker als -die _$photo$taktische_ wäre also die _$chemo$taktische Wirkung, -Geschlechtstrieb genannt_. - -Wenn zwei nach unseren Formeln schlecht zusammenpassende Individuen -eine Verbindung eingehen und später das wirkliche Komplement des einen -erscheint, so stellt sich die Neigung, den früheren notdürftigen Behelf -zu verlassen, auf der Stelle mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ein. -_Der Ehebruch ist da_: als Elementarereignis, als Naturphänomen, wie -wenn FeSO_{4} mit 2 KOH zusammengebracht wird und die SO_{4}-Ionen -nun sofort die Fe-Ionen verlassen und zu den K-Ionen übergehen. Wer -moralisch billigen oder verwerfen wollte, wenn in der _Natur_ ein -Ausgleich von Potentialdifferenzen zu erfolgen droht, würde vielen eine -lächerliche Figur zu spielen scheinen. - -Dies ist ja auch der Grundgedanke der _Goethe_schen -»Wahlverwandtschaften«, wie er dort als tändelndes Präludium, voll -ungeahnter Zukunftsbedeutung, im vierten Kapitel des ersten Teiles -von denen entwickelt wird, die seine tiefe schicksalsschwere Wahrheit -nachher an sich selbst erfahren sollen; und diese Darlegung ist -nicht wenig stolz darauf, die erste zu sein, welche jenen Gedanken -wieder aufnimmt. Dennoch will sie, so wenig es Goethe wollte, den -Ehebruch verteidigen, ihn vielmehr nur begreiflich machen. Es gibt -_im Menschen_ Motive, die dem Ehebruch erfolgreich entgegenwirken und -ihn verhindern können. Hierüber wird im zweiten Teile noch zu handeln -sein. Daß auch die niedere Sexualsphäre beim Menschen nicht so streng -in den Kreis der Naturgesetzlichkeit gebannt ist wie die der übrigen -Organismen, dafür ist immerhin schon dies ein Anzeichen, daß der -Mensch in _allen_ Jahreszeiten sexuell ist und bei ihm die Reste einer -besonderen Brunstzeit im Frühjahr viel schwächer sind als selbst bei -den Haustieren. - -Das Gesetz der sexuellen Affinität zeigt weiter, freilich neben -radikalen Unterschieden, noch Analogien zu einem bekannten Gesetze der -theoretischen Chemie. Zu den vom »Massenwirkungsgesetz« geregelten -Vorgängen ist nämlich unsere Regel insofern analog, als z. B. eine -stärkere Säure sich vornehmlich mit der stärkeren Base ebenso verbindet -wie das männlichere mit dem weiblicheren Lebewesen. Doch besteht -hier mehr als ein Novum gegenüber dem toten Chemismus. Der lebendige -Organismus ist vor allem keine homogene und isotrope, in beliebig -viele, qualitativ gleiche Teile spaltbare Substanz: das »principium -individuationis«, die Tatsache, daß alles, was lebt, als Individuum -lebt, _ist identisch mit der Tatsache der Struktur_. Es kann also hier -nicht wie dort ein größerer Teil die eine, ein kleinerer die andere -Verbindung eingehen und ein Nebenprodukt liefern. Der Chemo_tropismus_ -kann ferner auch ein _negativer_ sein. Von einer gewissen Größe der -Differenz α - β an in der Formel II erhalten wir eine negative, d. h. -entgegengesetzt gerichtete Anziehung, das Vorzeichen hat zu wechseln: -_sexuelle Abstoßung liegt vor_. Zwar kann auch beim toten Chemismus -_dieselbe_ Reaktion mit _verschiedener Geschwindigkeit_ erfolgen. Nie -aber kann, nach den neuesten Anschauungen wenigstens, etwa durch einen -Katalysator statt des absoluten Fehlens (in unserem Falle sozusagen -des Gegenteils) einer Reaktion diese selbe Reaktion in längerer oder -kürzerer Zeit bewirkt werden; sehr wohl dagegen eine Verbindung, die -sich von einer gewissen Temperatur an bildet, bei einer höheren sich -wieder zersetzt und umgekehrt. Ist hier die _Richtung_ der Reaktion -eine Funktion der Temperatur, so dort oft eine solche der Zeit. - -In der Bedeutung des Faktors t, der »Reaktionszeit«, liegt nun aber -wohl die letzte Analogie der sexuellen Anziehung zum Chemismus, -wenn man solche Vergleiche zu ziehen nicht von vornherein allzu -schroff ablehnt. Man könnte auch hier an eine Formel für die -_Reaktionsgeschwindigkeit_, die verschiedenen Grade der Schnelligkeit, -mit denen die sexuelle Reaktion zwischen zwei Individuen sich -entwickelt, denken und etwa gar A nach t zu differenzieren versuchen. -Doch soll die Eitelkeit auf das »mathematische Gepränge« (_Kant_) -niemand verleiten, an so komplizierte und schwierige Verhältnisse, an -Funktionen, deren Stetigkeit eben sehr fraglich ist, schon mit einem -Differentialquotienten heranzurücken. Was gemeint ist, leuchtet wohl -auch so ein: sinnliches Verlangen kann zwischen zwei Individuen, die -längere Zeit beisammen, besser noch: _miteinander eingesperrt_ sind, -sich auch entwickeln, wo vorher keines oder gar Abstoßung vorlag, -ähnlich einem chemischen Prozesse, der sehr viel Zeit in Anspruch -nimmt, ehe merklich wird, daß er vor sich geht. Zum Teil hierauf beruht -ja wohl auch der Trost, den man ohne Liebe Heiratenden mitzugeben -pflegt: Das stelle sich »schon später« ein; es komme »_mit der Zeit_«. - -Man sieht: viel Wert ist auf die Analogie mit der Affinität im toten -Chemismus nicht zu legen. Es schien mir aber _aufklärend_, derartige -Betrachtungen anzustellen. Selbst ob die sexuelle Anziehung unter -die Tropismen zu subsumieren ist, bleibt noch unentschieden, und -keineswegs ist, auch wenn es für die _Sexualität feststände_, damit -auch schon _implicite_ etwas über die _Erotik_ ausgemacht. Das Phänomen -der Liebe bedarf noch einer anderen Behandlung, die ihm der zweite -Teil zu geben versuchen soll. Dennoch bestehen zwischen den Formen, in -denen leidenschaftlichste Anziehung selbst unter Menschen auftritt, und -jenen Chemotropismen noch unleugbare Analogien; ich verweise auf die -Schilderung des Verhältnisses zwischen Eduard und Ottilie eben in den -»Wahlverwandtschaften«. - -Mit der Nennung dieses Romanes war bereits einmal ein kurzes Eingehen -auf das Problem der Ehe gegeben, und einige Nutzanwendungen, welche -aus dem Theoretischen dieses Kapitels für die Praxis folgen, sollen -ebenfalls zunächst an das Problem der Ehe geknüpft werden. Das für -die sexuelle Anziehung aufgestellte eine Gesetz, dem die anderen sehr -ähnlich gebaut zu sein scheinen, lehrt nämlich, daß, weil unzählige -sexuelle Zwischenstufen existieren, es auch immer _zwei_ Wesen geben -wird, die _am besten_ zueinander passen. _Insofern_ ist also die Ehe -gerechtfertigt und »freie Liebe«, von diesem biologischen Standpunkte -aus zu verwerfen. Freilich wird die Frage der Monogamie durch andere -Verhältnisse, z. B. durch später zu erwähnende Periodizitäten wie auch -durch die besprochene Veränderung des Geschmackes mit zunehmendem -Alter, wieder bedeutend kompliziert und die Leichtigkeit einer Lösung -vermindert. - -Eine zweite Folgerung ergibt sich, wenn wir uns der Heterostylie -erinnern, insbesondere der Tatsache, daß aus der »illegitimen -Befruchtung« fast lauter entwicklungsunfähige Keime hervorgehen. Dies -legt bereits den Gedanken nahe, daß auch bei den anderen Lebewesen die -stärkste und gesündeste Nachkommenschaft aus Verbindungen hervorgehen -werde, in denen wechselseitige geschlechtliche Anziehung in hohem -Ausmaße besteht. So spricht auch das Volk längst von den »Kindern -der Liebe« in ganz besonderer Weise, und glaubt, daß diese schönere, -bessere, prächtigere Menschen werden. Aus diesem Grunde wird, selbst -wer keinen speziellen Beruf zum Menschenzüchter in sich fühlt, schon -um der Hygiene willen die bloße Geldheirat, die sich von Verstandesehe -noch erheblich unterscheiden kann, mißbilligen. - -Ferner dürfte auf die Tierzucht, wie ich nebenbei bemerken will, -die Beachtung der Gesetze sexueller Anziehung vielleicht einen -ziemlichen Einfluß gewinnen. Man wird zunächst den sekundären -Geschlechtscharakteren, und dem Grade ihrer Ausbildung in den beiden zu -kopulierenden Individuen mehr Aufmerksamkeit als bisher schenken. Die -künstlichen Prozeduren, die man vornimmt, um Weibchen durch männliche -Zuchttiere auch dann belegen zu lassen, wenn diese an jenen wenig -Gefallen gefunden haben, verfehlen gewiß im einzelnen ihren Zweck -keineswegs, sie sind aber im allgemeinen stets von irgend welchen üblen -Folgen begleitet; die ungeheuere Nervosität beispielsweise der durch -Unterschiebung falscher Stuten gezeugten Hengste, die man, trotz jedem -modernen jungen Mann, mit Brom und anderen Medikamenten füttern muß, -geht sicherlich in letzter Linie hierauf zurück, ähnlich wie an der -körperlichen Degeneration des modernen Judentums nicht zum wenigsten -der Umstand beteiligt sein mag, daß bei den Juden viel häufiger als -irgend sonstwo auf der Welt die Ehen der Heiratsvermittler und nicht -die Liebe zustande bringt. - -_Darwin_ hat in seinen auch hierfür grundlegenden Arbeiten durch -sehr ausgedehnte Experimente und Beobachtungen festgestellt, was -seither allgemein bestätigt worden ist: daß sowohl ganz nahe -verwandte Individuen als auch anderseits solche von allzu ungleichem -Artcharakter einander sexuell weniger anziehen als gewisse »unbedeutend -verschiedene«, und daß, wenn es trotzdem dort zur Befruchtung kommt, -der Keim entweder in den Vorstadien der Entwicklung abstirbt oder ein -schwächliches, selbst meist nicht mehr reproduktionsfähiges Produkt -entsteht, wie eben auch bei den heterostylen Pflanzen »_legitime_ -Befruchtung« _mehr_ und _besseren_ Samen liefert als alle anderen -Kombinationen. - -_Es gedeihen also stets am besten diejenigen Keime, deren Eltern die -größte sexuelle Affinität gezeigt haben._ - -Aus dieser Regel, die wohl als allgemein gültig zu betrachten -ist, folgt die Richtigkeit des bereits aus dem Früheren gezogenen -Schlusses: Wenn schon geheiratet wird und Kinder gezeugt werden, dann -sollen diese wenigstens nicht aus der Überwindung einer sexuellen -Abstoßung hervorgegangen sein, die nicht ohne eine Versündigung an -der körperlichen und geistigen Konstitution des Kindes geschehen -könnte. Sicherlich bilden einen großen Teil der unfruchtbaren Ehen die -Ehen ohne Liebe. Die alte Erfahrung, nach der beiderseitige sexuelle -Erregung beim Geschlechtsakte die Aussichten der Konzeption erhöhen -soll, gehört wohl auch teilweise in diese Sphäre und wird aus der von -Anfang an größeren Intensität des Sexualtriebes zwischen zwei einander -wohl ergänzenden Individuen leichter verständlich. - - - - -IV. Kapitel. - -Homosexualität und Päderastie. - - -In dem besprochenen Gesetze der sexuellen Anziehung ist zugleich die --- langgesuchte -- Theorie der konträren Sexualempfindung, d. i. -der sexuellen Hinneigung zum eigenen (nicht oder nicht nur zum -anderen) Geschlechte enthalten. Von einer Distinktion abgesehen, die -später zu treffen sein wird, läßt sich kühnlich behaupten, daß jeder -Konträrsexuelle auch anatomisch die Charaktere des anderen Geschlechtes -aufweist. Einen rein »psychosexuellen Hermaphroditismus« gibt es nicht; -Männer, die sich sexuell von Männern angezogen fühlen, sind auch ihrem -äußeren Habitus nach weibliche Männer, und ebenso zeigen jene Frauen -körperlich männliche Charaktere, die andere Frauen sinnlich begehren. -Diese Anschauung ist vom Standpunkte eines strengen Parallelismus -zwischen Physischem und Psychischem _selbstverständlich_; ihre -Durchführung fordert jedoch Beachtung der im zweiten Kapitel erwähnten -Tatsache, daß nicht alle Teile _desselben_ Organismus die gleiche -Stellung zwischen M und W einnehmen, sondern verschiedene Organe -verschieden männlich oder verschieden stark weiblich sein können. _Es -fehlt also beim sexuell Invertierten nie eine anatomische Annäherung an -das andere Geschlecht._ - -Schon dies würde genügen, um die Meinung derer zu widerlegen, welche -den konträren Sexualtrieb als eine Eigenschaft betrachten, die von -den betreffenden Individuen im Laufe des Lebens erworben wird und -das normale Geschlechtsgefühl überdeckt. An eine solche Erwerbung -durch äußere Anlässe im Laufe des individuellen Lebens glauben -angesehene Forscher, _Schrenck-Notzing_, _Kraepelin_, _Féré_; als -solche Anlässe betrachten sie Abstinenz vom »normalen« Verkehr und -besonders »Verführung«. Was ist es aber dann mit dem ersten Verführer? -Wurde dieser vom Gotte Hermaphroditos unterwiesen? Mir ist diese ganze -Meinung nie anders vorgekommen, als wenn jemand die »normale« sexuelle -Hinneigung des typischen Mannes zur typischen Frau als künstlich -erworben ansehen wollte, und sich zur Behauptung verstiege, diese gehe -stets auf Belehrung älterer Genossen zurück, die _zufällig_ einmal die -Annehmlichkeit des Geschlechtsverkehres entdeckt hätten. So wie der -»Normale« ganz von selbst darauf kommt, »was ein Weib ist«, so stellt -sich wohl auch beim »Konträren« die sexuelle Anziehung, welche Personen -des eigenen Geschlechtes auf ihn ausüben, im Laufe seiner individuellen -Entwicklung durch Vermittlung jener ontogenetischen Prozesse, die über -die Geburt hinaus das ganze Leben hindurch fortdauern, von selbst -ein. Natürlich wird eine _Gelegenheit_ hinzukommen müssen, welche die -Begierde nach der Ausübung homosexueller Akte hervortreten läßt, _aber -diese kann nur aktuell machen_, was in den Individuen in größerem oder -geringerem Grade bereits längst vorhanden ist und nur der Auslösung -harrt. _Daß bei sexueller Abstinenz_ (um den zweiten angeblichen Grund -konträrer Sexualempfindung nicht zu übergehen) _eben noch zu etwas -anderem gegriffen werden kann als zur Masturbation, das ist es, was -die Erwerbungstheoretiker erklären müßten_; aber daß _homosexuelle_ -Akte angestrebt und ausgeführt werden, muß in der Naturanlage bereits -begründet sein. Auch die heterosexuelle Anziehung könnte man ja -»erworben« nennen, wenn man es einer ausdrücklichen Konstatierung -bedürftig fände, daß z. B. der heterosexuelle Mann irgend einmal ein -Weib oder zumindest ein weibliches Bildnis gesehen haben muß, um sich -zu verlieben. Aber wer das konträre Geschlechtsgefühl acquiriert sein -läßt, gleicht gar einem Manne, der hierauf ausschließlich reflektierte -und die ganze Anlage des Individuums, in Bezug auf die allein doch ein -bestimmter Anlaß seine bestimmte Wirkung entfalten kann, ausschaltete, -um ein an sich nebensächliches Ereignis des äußeren Lebens, eine letzte -»Komplementärbedingung« oder »Teilursache« zum alleinigen Faktor des -ganzen Resultates zu machen. - -Ebensowenig als die konträre Sexualempfindung erworben ist, ebensowenig -ist sie von den Eltern oder Großeltern _ererbt_. Dies hat man wohl auch -kaum behauptet -- denn dem widerspräche alle Erfahrung auf den ersten -Blick --, sondern nur eine durchaus neuropathische Konstitution als -ihre Bedingung hinstellen wollen, eine allgemeine hereditäre Belastung, -die sich im Nachkommen eben auch durch Verkehrung der geschlechtlichen -Instinkte äußere. Man rechnete die ganze Erscheinung zum Gebiete der -Psychopathologie, betrachtete sie als ein Symptom der Degeneration, -die von ihr Betroffenen als Kranke. Obwohl diese Auffassung nun viel -weniger Anhänger zählt als noch vor etlichen Jahren, seitdem ihr -früherer Hauptvertreter _v. Krafft-Ebing_ in den späteren Auflagen -seiner »Psychopathia sexualis« sie selbst stillschweigend hat fallen -lassen, so ist doch noch immer die Bemerkung nicht unangebracht, daß -die Menschen mit sexueller Inversion in allem übrigen ganz gesund sein -können und sich, accessorische soziale Momente abgerechnet, nicht -weniger wohl fühlen wie alle anderen gesunden Menschen. Fragt man sie, -ob sie sich überhaupt wünschen, in dieser Beziehung anders zu sein, als -sie sind, so erhält man gar oft eine verneinende Antwort. - -Daß man die Homosexualität gänzlich isolierte und nicht in Verbindung -mit anderen Tatsachen zu bringen suchte, ist schuld an all diesen -verfehlten Erklärungsversuchen. Wer die »sexuellen Inversionen« als -etwas Pathologisches oder als eine scheußlich-monströse geistige -Bildungsanomalie betrachtet (die letztere ist die vom Philister -sanktionierte Anschauungsweise) oder sie gar als ein angewöhntes -Laster, als das Resultat einer fluchwürdigen Verführung auffaßt, der -bedenke doch, _daß unendlich viele Übergänge führen vom männlichsten -Masculinum über den weiblichen Mann und schließlich über den -Konträrsexuellen hinweg zum Hermaphroditismus spurius und genuinus und -von da über die Tribade, weiter über die Virago hinweg zur weiblichen -Virgo. Die Konträrsexuellen_ (»beiderlei Geschlechtes«) _sind im -Sinne der hier vertretenen Anschauung als Individuen zu definieren, -bei denen der Bruch α um 0·5 herum schwankt_, also sich von α' (vgl. -S. 10) nicht weit unterscheidet, die also ungefähr ebensoviel vom -Manne als vom Weibe haben, ja öfters mehr vom Weibe, obwohl sie als -Männer, und vielleicht auch mehr vom Manne, obwohl sie als Weiber -gelten. Entsprechend der nicht immer gleichmäßigen Verteilung der -sexuellen Charakteristik über den ganzen Körper ist es nämlich sicher, -daß häufig genug Individuen bloß auf Grund eines primären männlichen -Geschlechtscharakters, auch wenn der Descensus testiculorum erst später -erfolgt, oder Epi- oder Hypospadie da ist, oder später Azoospermie -sich einstellt, oder auch wenn (beim weiblichen Geschlechte) Atresia -vaginae bemerkt wird, unbedenklich in das eine Geschlecht eingereiht -werden, welches jener Charakter angibt, z. B. eine männliche Erziehung -genießen, zum Militärdienst u. s. w. herangezogen werden, _obwohl -bei ihnen α < 0·5, α' > 0·5_ ist. Das sexuelle Komplement solcher -Individuen wird demgemäß scheinbar auf der diesseitigen Hälfte -sich befinden, auf der nämlichen, auf der sie selbst sich jedoch -nur aufzuhalten _scheinen_, indes sie tatsächlich bereits auf der -jenseitigen stehen. Übrigens -- dies kommt meiner Auffassung zu -Hilfe und wird anderseits erst durch sie erklärt -- es gibt keinen -Invertierten, der _bloß_ konträrsexuell wäre. Alle sind von Anfang -an nur _bisexuell_, d. h. es ist ihnen sowohl der Geschlechtsverkehr -mit Männern als mit Frauen möglich. Es kann aber sein, daß sie -selbst später aktiv ihre einseitige Ausbildung zu einem Geschlechte -begünstigen, einen Einfluß auf sich in der Richtung der Unisexualität -nehmen, und so schließlich die Hetero- oder die Homosexualität in sich -zum Überwiegen bringen oder durch äußere Einwirkungen in einem solchen -Sinne sich beeinflussen lassen; obwohl die Bisexualität hiedurch nie -erlischt, vielmehr immer wieder ihr nur zeitweilig zurückgedrängtes -Dasein zu erkennen gibt. - -Daß ein Zusammenhang der homosexuellen Erscheinungen mit der -bisexuellen Anlage jedes tierischen und pflanzlichen Embryo besteht, -hat man mehrfach, und in jüngster Zeit mit steigender Häufigkeit -eingesehen. Das Neue in _dieser_ Darstellung ist, daß für sie -die Homosexualität nicht einen Rückschlag oder eine unvollendete -Entwicklung, eine mangelhafte Differenzierung des Geschlechtes bedeutet -wie für jene Untersuchungen, daß ihr die Homosexualität überhaupt keine -Anomalie mehr ist, die nur vereinzelt dastünde und als Rest einer -früheren Undifferenziertheit in die sonst völlig vollzogene Sonderung -der Geschlechter hereinragte. _Sie reiht vielmehr die Homosexualität -als die Geschlechtlichkeit der sexuellen Mittelstufen ein in den -kontinuierlichen Zusammenhang der sexuellen Zwischenformen_, die ihr -als einzig real gelten, indes die Extreme ihr nur Idealfälle sind. -Ebenso wie nach ihr alle Wesen auch _heterosexuell_ sind, so sind ihr -darum _alle auch homosexuell_. - -Daß in _jedem_ menschlichen Wesen, entsprechend dem _mehr_ oder -_minder_ rudimentär gewordenen _anderen_ Geschlecht, auch die Anlage -zur Homosexualität, wenn auch noch schwach, vorhanden ist, wird -besonders klar erwiesen durch die Tatsache, daß im Alter _vor_ der -Pubertät, wo noch eine verhältnismäßige Undifferenziertheit herrscht, -wo noch nicht die innere Sekretion der Keimdrüsen vollends über den -Grad der einseitigen sexuellen Ausprägung entschieden hat, jene -schwärmerischen »Jugendfreundschaften« die Regel sind, die nie eines -sinnlichen Charakters ganz entbehren, und zwar sowohl beim männlichen -wie beim weiblichen Geschlecht. - -Wer freilich über jenes Alter _hinaus_ noch sehr von »Freundschaft« -mit dem eigenen Geschlecht übermäßig schwärmt, hat schon einen -starken Einschlag vom anderen in sich; eine noch weit vorgerücktere -Zwischenstufe markieren aber jene, die von Kollegialität zwischen den -»beiden Geschlechtern« begeistert sind, mit dem anderen Geschlecht, -das ja doch nur das ihrige ist, ohne über die eigenen Gefühle wachen -zu müssen, kameradschaftlich verkehren können, von ihm zu Vertrauten -gemacht werden, und ein derartiges »ideales«, »reines« Verhältnis -auch anderen aufdrängen wollen, die es weniger leicht haben, rein zu -bleiben. - -Es gibt auch keine Freundschaft zwischen Männern, die ganz eines -Elementes von Sexualität entbehrte, so wenig damit das Wesen der -Freundschaft bezeichnet, so _peinlich_ sie vielmehr gerade dem Gedanken -an die Freundschaft, so _entgegensetzt_ sie der _Idee_ der Freundschaft -ist. Schon daß keine Freundschaft zwischen Männern werden kann, wenn -die äußere Erscheinung gar keine Sympathie zwischen beiden geweckt -hat, weil sie dann eben einander nie näher treten werden, ist Beweis -genug für die Richtigkeit des Gesagten. Sehr viel »Beliebtheit«, -Protektion, Nepotismus zwischen Männern geht auf solche oft unbewußt -geschlechtliche Verhältnisse zurück. - -Der sexuellen Jugendfreundschaft entspricht vielleicht ein analoges -Phänomen bei älteren Männern: dann nämlich, wenn mit einer -greisenhaften Rückbildung der im Mannesalter einseitig entwickelten -Geschlechtscharaktere die latente Amphisexualität wieder zu Tage -tritt. Daß so viele Männer von 50 Jahren aufwärts wegen verübter -»Unsittlichkeitsdelikte« gerichtlich belangt werden, hat möglicherweise -dies zur Ursache. - -Endlich sind homosexuelle Akte in nicht geringer Zahl auch bei Tieren -beobachtet worden. Die Fälle (nicht alle) hat aus der Literatur in -verdienstvoller Weise F. _Karsch_ zusammengestellt. Leider geben -die Beobachter kaum je etwas über die Grade der »Maskulität« und -»Muliebrität« bei diesen Tieren an. Dennoch kann kein Zweifel sein, -daß wir es hier mit einem Beweise der Gültigkeit unseres Gesetzes auch -für die _Tierwelt_ zu tun haben. Wenn man Stiere längere Zeit in einem -Raume eingesperrt hält, ohne sie zu einer Kuh zuzulassen, so kann -man mit der Zeit konträrsexuelle Akte zwischen ihnen wahrnehmen; die -einen, die weiblicheren, verfallen früher, die anderen später darauf, -manche vielleicht auch nie. (Gerade beim Rinde ist die große Zahl -sexueller Zwischenstufen bereits festgestellt.) Dies beweist, daß eben -die Anlage in ihnen vorhanden ist, sie nur vorher ihr Bedürfnis besser -befriedigen konnten. Die gefangen gehaltenen Stiere benehmen sich -eben nicht anders, als es so oft in den Gefängnissen der Menschen, in -Internaten und Konvikten, hergeht. Daß die Tiere ebenfalls nicht nur -die Onanie (die bei ihnen so wie beim Menschen vorkommt), sondern auch -die Homosexualität kennen, darin erblicke ich, nachdem es auch unter -ihnen sexuelle Zwischenformen gibt, eine der stärksten Bestätigungen -des aufgestellten Gesetzes der sexuellen Anziehung. - -_Das konträre Geschlechtsgefühl wird so für diese Theorie keine -Ausnahme von dem Naturgesetze, sondern nur ein Spezialfall desselben._ -Ein Individuum, das ungefähr zur Hälfte Mann, zur Hälfte Weib ist, -verlangt eben nach dem Gesetze zu seiner Ergänzung ein anderes, -das ebenfalls von beiden Geschlechtern etwa gleiche Anteile hat. -Dies ist der Grund der ja ebenfalls eine Erklärung verlangenden -Erscheinung, daß die »Konträren« fast immer nur _untereinander_ ihre -Art von Sexualität ausüben, und nur höchst selten jemand in ihren -Kreis gerät, der nicht die gleiche Form der Befriedigung sucht wie -sie -- die sexuelle Anziehung ist wechselseitig -- und _sie_ ist -der mächtige Faktor, der es bewirkt, daß die Homosexuellen einander -immer sofort erkennen. So kommt es aber auch, daß die »Normalen« im -allgemeinen von der ungeheueren Verbreitung der Homosexualität keine -Ahnung haben, und, wenn er plötzlich von einem solchen Akte hört, der -ärgste »normalgeschlechtliche« Wüstling zur Verurteilung »solcher -Ungeheuerlichkeiten« ein volles Recht zu besitzen glaubt. Ein Professor -der Psychiatrie an einer deutschen Universität hat noch im Jahre 1900 -ernstlich vorgeschlagen, man möge die Homosexuellen einfach kastrieren. - -Das therapeutische Verfahren, mit welchem man heute die sexuelle -Inversion zu bekämpfen sucht (wo man überhaupt einen solchen Versuch -unternimmt), ist zwar minder radikal als jener Rat, aber es offenbart -auf dem Wege der Praxis die völlige Unzulänglichkeit so mancher -theoretischer Vorstellungen über die Natur der Homosexualität. -Heute behandelt man nämlich -- wie begreiflich, geschieht dies -hauptsächlich von Seite der Erwerbungstheoretiker -- die betreffenden -Menschen hypnotisch: man sucht ihnen die Vorstellung des Weibes -und des »normalen« aktiven Koitus mit demselben auf suggestivem -Wege beizubringen und sie daran zu gewöhnen. Der Erfolg ist -eingestandenermaßen ein minimaler. - -Das ist von unserem Standpunkt aus auch selbstverständlich. Der -Hypnotiseur entwirft dem zu Behandelnden das _typische_ (!!) Bild -des Weibes, das diesem seiner ganzen, angeborenen, gerade seiner -unbewußten, durch Suggestion schwer angreifbaren Natur nach ein -Greuel ist. Denn nicht W ist sein Komplement, und nicht zum ersten -besten Freimädchen, das ihm nur um Geld zu Gefallen ist, darf ihn -der Arzt schicken, um so diese Kur, welche den Abscheu vor dem -»normalen« Koitus im Behandelten im allgemeinen noch vermehrt haben -wird, angemessen zu krönen. Fragen wir unsere Formel nach dem -Komplemente des Konträrsexuellen, so erhalten wir vielmehr gerade -das allermännlichste Weib, die Lesbierin, die Tribade. _Tatsächlich -ist diese auch nahezu das einzige Weib, welches den Konträrsexuellen -anzieht, das einzige, dem er gefällt._ Wenn also eine »Therapie« der -konträren Sexualempfindung unbedingt sein muß und auf ihre Ausarbeitung -nicht verzichtet werden kann, so ergibt diese Theorie den Vorschlag, -den Konträren an die Konträre, den Homosexuellen an die Tribade zu -weisen. Der Sinn dieser Empfehlung kann aber nur der sein, _beiden_ -die Befolgung der (in England, Deutschland, Österreich) noch in Kraft -stehenden Gesetze gegen homosexuelle Akte, die eine Lächerlichkeit -sind und zu deren Abschaffung diese Zeilen ebenfalls beitragen wollen, -möglichst leicht zu machen. Der zweite Teil dieser Arbeit wird es -verständlich werden lassen, _warum_ die aktive Prostituierung eines -Mannes durch einen mit ihm vollzogenen Sexualakt wie die passive -Selbsthingabe des anderen Mannes zu einem solchen so viel intensiver -als eine Schmach empfunden wird, als der sexuelle Verkehr des Mannes -mit der Frau beide zu entwürdigen scheint. _An und für sich besteht -aber ethisch gar keine Differenz zwischen beiden._ Trotz all dem heute -beliebten Geschwätze von dem verschiedenen Rechte für verschiedene -Persönlichkeiten gibt es nur eine, für alles, was Menschenantlitz -trägt, gleiche allgemeine Ethik, so wie es nur eine Logik und nicht -mehrere Logiken gibt. Ganz verwerflich hingegen und auch mit den -Prinzipien des Strafrechtes, das nur das Verbrechen, nicht die Sünde -ahndet, völlig _unvereinbar_ ist es, dem Homosexuellen seine Art des -Geschlechtsverkehres zu verbieten und dem Heterosexuellen die seine zu -gestatten, wenn beide mit der gleichen Vermeidung des »öffentlichen -Ärgernisses« sich abspielen. _Logisch_ wäre einzig und allein (vom -Standpunkte einer reinen Humanität und eines Strafrechtes als nicht -bloß »abschreckenden« sozialpädagogischen Zwecksystems sehe ich in -dieser Betrachtung überhaupt ab), die »Konträren« Befriedigung dort -finden zu lassen, wo sie sie suchen: untereinander. - -Diese ganze Theorie scheint völlig widerspruchslos und in sich -geschlossen zu sein und eine völlig befriedigende Erklärung aller -Phänomene zu ermöglichen. Nun muß aber die Darstellung mit Tatsachen -herausrücken, die jener sicher werden entgegengehalten werden, und -auch wirklich die ganze Subsumtion dieser sexuellen »Perversion« unter -die sexuellen Zwischenformen und das Gesetz ihres Geschlechtsverkehres -umzustoßen scheinen. Es gibt nämlich wirklich und ohne allen Zweifel, -während für die invertierten Frauen die obige Darlegung vielleicht -ausreicht, Männer, die sehr wenig weiblich sind und auf die doch -Personen des eigenen Geschlechtes eine sehr starke Wirkung ausüben, -eine stärkere als auf andere Männer, die vielleicht viel weiblicher -sind als sie, eine Wirkung ferner, die auch vom männlichen Manne auf -sie ausgehen kann, eine Wirkung endlich, die oft stärker sein kann -als der Eindruck, den irgend eine Frau auf jene Männer auszuüben -imstande ist. Albert _Moll_ sagt mit Recht: »Es gibt psychosexuelle -Hermaphroditen, die sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen, -die aber bei jedem Geschlechte nur die typischen Eigenschaften dieses -Geschlechtes lieben, und anderseits gibt es psychosexuelle [?] -Hermaphroditen, die nicht beim einzelnen Geschlechte die typischen -Eigenschaften dieses Geschlechtes lieben, sondern denen diese -Eigenschaften gleichgültig, zum Teile sogar abstoßend sind.« Auf diesen -Unterschied bezieht sich nun die in der Überschrift dieses Kapitels -getroffene _Distinktion zwischen Homosexualität und Päderastie_. Die -Trennung beider läßt sich wohl begründen; als homosexuell ist derjenige -Typus von »Perversen« bezeichnet, welcher sehr thelyide Männer _und_ -sehr arrhenoide Weiber bevorzugt, nach dem besprochenen Gesetze; der -_Päderast hingegen kann sehr männliche Männer, aber ebensowohl sehr -weibliche Frauen lieben_, das letztere, _$soweit$ er $nicht$ Päderast -ist. Dennoch wird die Neigung zum männlichen Geschlechte bei ihm -stärker sein und tiefer gehen als die zum weiblichen._ Die Frage nach -dem Grunde der Päderastie bildet ein Problem für sich und bleibt für -diese Untersuchung gänzlich unerledigt. - - - - -V. Kapitel. - -Anwendung auf die Charakterologie. - - -Vermöge der Tatsache, daß zwischen Physischem und Psychischem eine -wie immer geartete Korrespondenz besteht, ist von vornherein zu -erwarten, daß dem weiten Umfange, in welchem unter morphologischen -und physiologischen Verhältnissen das Prinzip der sexuellen -Zwischenstufen sich nachweisen ließ, psychologisch eine mindestens -ebenso reiche Ausbeute entsprechen werde. Sicherlich gibt es auch -einen psychischen Typus des Weibes und des Mannes (wenigstens -stellen die bisherigen Ergebnisse die Aufsuchung solcher Typen zur -Aufgabe), Typen, die von der Wirklichkeit nie erreicht werden, da -diese von der reichen Folge der sexuellen Zwischenformen im Geistigen -ebenso erfüllt ist wie im Körperlichen. Das Prinzip hat also die -größte Aussicht, sich den _geistigen_ Eigenschaften gegenüber zu -bewähren und das verworrene Dunkel etwas zu lichten, in welches die -psychologischen Unterschiede _zwischen den einzelnen Menschen_ für -die Wissenschaft noch immer gehüllt sind. Denn es ist hiemit ein -Schritt vorwärts gemacht im Sinne einer differenzierten Auffassung -auch des geistigen Habitus jedes Menschen, man wird auch von dem -_Charakter_ einer Person wissenschaftlich nicht mehr sagen, er sei -_männlich_ oder er sei _weiblich schlechthin_, sondern darauf achten -und danach fragen: _wieviel Mann_, _wieviel Weib_ ist in einem -Menschen. Hat _er_ oder hat _sie_ in dem betreffenden Individuum -dies oder jenes getan, gesagt, gedacht? Eine _individualisierende_ -Beschreibung aller Menschen und alles Menschlichen ist hiedurch -erleichtert, und so liegt die neue Methode in der eingangs -dargelegten Entwicklungsrichtung aller Forschung: alle Erkenntnis -hat seit jeher, von Begriffen mittlerer Allgemeinheit ausgehend, -nach zwei divergierenden Richtungen auseinandergestrebt, dem allem -Einzelnen gemeinschaftlichen Allgemeinsten nicht allein entgegen, -sondern ebenso der allereinzelnsten, individuellsten Erscheinung zu. -Darum ist die Hoffnung wohl begründet, welche von dem Prinzip der -sexuellen Zwischenformen die stärkste Förderung für die noch ungelöste -wissenschaftliche Aufgabe einer Charakterologie erwartet, und der -Versuch berechtigt, es methodisch zu dem Range eines _heuristischen -Grundsatzes_ in der »Psychologie der individuellen Differenzen« oder -»differentiellen Psychologie« zu erheben. Und seine Anwendung auf das -Unternehmen einer Charakterologie, dieses bisher fast ausschließlich -von Literaten bepflügten, wissenschaftlich noch recht verwahrlosten -Feldes, ist vielleicht um so freudiger zu begrüßen, als es unmittelbar -aller quantitativen Abstufungen fähig ist, indem man sozusagen -den Prozentgehalt an M und W, den ein Individuum besitzt, auch im -Psychischen aufzusuchen sich nicht wird scheuen dürfen. Daß diese -Aufgabe mit einer _anatomischen_ Beantwortung der Frage nach der -sexuellen Stellung eines Organismus zwischen Mann und Weib noch nicht -gelöst ist, sondern _im allgemeinen_ noch eine besondere Behandlung -erfordert, selbst wenn _im speziellen_ hier viel öfter Kongruenz als -Inkongruenz sich nachweisen ließe, ist bereits mit den Ausführungen -des zweiten Kapitels über die Ungleichmäßigkeiten gegeben, welche -selbst zwischen den einzelnen _körperlichen_ Teilen und Qualitäten -des nämlichen Individuums untereinander betreffs des _Grades_ ihrer -Männlichkeit oder Weiblichkeit bestehen. - -Das Nebeneinander von Männlichem und Weiblichem im gleichen Menschen -ist hiebei nicht als völlige oder annähernde _Simultaneität_ zu -verstehen. Die wichtige neue Hinzufügung, welche an dieser Stelle -notwendig wird, ist nicht nur eine erläuternde Anweisung zur -richtigen psychologischen Verwertung des Prinzipes, sondern auch eine -bedeutungsvolle Ergänzung der früheren Ausführungen. _Es schwankt oder -oszilliert nämlich jeder Mensch zwischen dem Manne und dem Weibe in -ihm hin und her_; wenn auch diese Oszillationen bei dem einen abnorm -groß, bei dem anderen klein bis zur Unmerklichkeit sein können, _sie -sind immer da_ und offenbaren sich, wenn sie von einiger Erheblichkeit -sind, auch durch ein wechselndes körperliches Aussehen der von ihnen -Betroffenen. Diese _Schwankungen der sexuellen Charakteristik_ -zerfallen, den Schwankungen des Erdmagnetismus vergleichbar, in -regelmäßige und unregelmäßige. Die regelmäßigen sind entweder kleine -Oszillationen: z. B. fühlen manche Menschen am Abend männlicher als -am Morgen; oder sie gehören in das Reich der größeren und großen -_Perioden_ des organischen Lebens, auf die man kaum erst aufmerksam -zu werden begonnen hat, und deren Erforschung Licht auf eine noch -gar nicht absehbare Menge von Phänomenen werfen zu sollen scheint. -Die unregelmäßigen Schwankungen werden wahrscheinlich durch äußere -Anlässe, vor allem durch den sexuellen Charakter des Nebenmenschen, -hervorgerufen. Sie bedingen gewiß zum Teile jene merkwürdigen -Phänomene der _Einstellung_, welche in der Psychologie einer _Menge_ -die größte Rolle spielen, wenn sie auch bis jetzt kaum die gebührende -Beachtung gefunden haben. Kurz, die _Bisexualität_ wird sich nicht -in einem einzigen Augenblicke, sondern kann sich psychologisch nur -im _Nacheinander_ offenbaren, ob nun diese Differenz der sexuellen -Charakteristik in der Zeit dem Gesetze einer Periodizität gehorche oder -nicht, ob die Schwingung nach der Seite des einen Geschlechtes hin eine -andere Amplitude habe als die Schwingung nach dem anderen Geschlechte -hin, oder ob der männliche dem weiblichen Schwingungsbauche gleich sei -(was durchaus nicht der Fall zu sein braucht, im Gegenteile nur ein -Fall unter unzähligen gleich möglichen ist). - -Man dürfte also wohl bereits prinzipiell, noch vor der Erprobung durch -den ausgeführten Versuch, zuzugeben geneigt sein, daß das Prinzip der -sexuellen Zwischenformen eine bessere charakterologische Beschreibung -der Individuen ermöglicht, indem es das Mischungsverhältnis zu suchen -auffordert, in dem Männliches und Weibliches in jedem einzelnen -zusammentreten, und die Elongation der Oszillationen zu bestimmen -gebietet, deren ein Individuum nach beiden Seiten hin fähig ist. Wir -geraten aber nun vor eine Frage, bezüglich welcher die Darstellung -sich _hier_ entscheiden muß, indem von ihrer Beantwortung der Gang -der weiteren Untersuchung fast ausschließlich abhängt. Es handelt -sich darum, ob diese zuerst das unendlich reiche Gebiet der sexuellen -Zwischenstufen, _die sexuelle Mannigfaltigkeit im Geistigen_, -durchmessen und an besonders geeigneten Punkten zu möglichst getreuen -Aufnahmen der Verhältnisse zu gelangen suchen soll, oder ob sie damit -zu beginnen hat, _die sexuellen Typen_ festzulegen, die psychologische -Konstruktion des »idealen Mannes« und des »idealen Weibes« vorzunehmen -und zu vollenden, bevor sie die verschiedenen Möglichkeiten ihrer -empirischen Vereinigung in concreto untersucht und prüft, wie weit die -auf deduktivem Wege gewonnenen Bilder sich mit der Wirklichkeit decken. -Der erste Weg entspricht der Entwicklung, welche die Gedanken nach der -allgemeinen Anschauung psychologisch immer nehmen, indem die Ideen -aus der Wirklichkeit, die sexuellen Typen nur aus der allein realen -sexuellen Mannigfaltigkeit geschöpft werden können: er wäre induktiv -und analytisch. Der zweite würde vor dem ersten den Vorzug der formal -logischen Strenge haben: er wäre deduktiv-synthetisch. - -Diesen anderen Weg habe ich aus dem Grunde nicht einschlagen wollen, -weil die Anwendung zweier bereits wohl definierter Typen auf die -konkrete Wirklichkeit jedermann leicht in voller Selbständigkeit -machen kann, indem sie nur die (für jeden Fall ohnedies stets neu -und besonders zu gewinnende) Kenntnis des _Mischungsverhältnisses_ -beider voraussetzt, um schon die Möglichkeit zu gestatten, Theorie -und Praxis zur Deckung zu bringen; sodann weil (gesetzt auch, es -würde die außerhalb der Kompetenz des Verfassers liegende Form -historisch-biographischer Untersuchung gewählt) Gesagtes immerfort zu -wiederholen wäre, und dem Interesse an den Einzelpersonen aller, der -Theorie kein Gewinn mehr aus dieser Verzweigung ins Detail erwüchse. -Der erste, der induktive Weg ist darum nicht gangbar, weil in diesem -Falle die Menge der Wiederholungen auf den Teil entfiele, welcher -die Tafel der Gegensätze der sexuellen Typen entrollen würde, und -zudem das vorhergehende Studium der sexuellen Zwischenstufen und die -es begleitende Präparation der Typen langwierig, zeitraubend und ohne -Nutzen für den Leser wäre. - -Eine andere Erwägung mußte also die Einteilung bestimmen. - -Da die morphologische und physiologische Erforschung der sexuellen -Extreme nicht meine Sache war, wurde nur das Prinzip der -Zwischenformen, dieses aber nach allen Seiten hin, denen es Aufklärung -bringen zu können schien, also auch vom biologischen Standpunkte aus -behandelt. So bekam das Ganze der vorliegenden Arbeit seine Gestalt. -Die eben erwähnte Betrachtung der Zwischenstufen bildet ihren ersten -Teil, während der zweite die rein _psychologische Analyse von M und -W_ in Angriff nehmen und so weit und tief als möglich fortzuführen -trachten wird. Die konkreten Fälle wird sich, in Anwendung der -eventuell daselbst zu gewinnenden Erkenntnisse, ein jeder selbsttätig -immer zusammensetzen und sie mit den dort zu gewinnenden Anschauungen -und Begriffen leicht abbilden können. Dieser zweite Teil wird sich auf -die bekannten und gangbaren Meinungen über die geistigen Unterschiede -zwischen den Geschlechtern nur sehr wenig stützen können. Hier jedoch -will ich, bloß der Vollständigkeit halber und ohne der Sache eine -besondere Wichtigkeit beizumessen, die sexuellen Zwischenstufen des -psychischen Lebens in aller Kürze an einigen Punkten auftreten lassen, -Punkten, die nur ein paar insgemein bekannte Eigentümlichkeiten, welche -hier noch keiner näheren Analyse unterzogen werden sollen, in einigen -Modifikationen sichtbar werden lassen. - -Weibliche Männer haben oft ein ungemein starkes Bedürfnis zu heiraten, -mögen sie (was ich erwähne, um Mißverständnissen vorzubeugen) materiell -noch so glänzend gestellt sein. Sie sind es auch, die, wenn sie können, -fast immer sehr jung in die Ehe treten. Es wird ihnen oft besonders -schmeicheln, eine berühmte Frau, eine Dichterin oder Malerin, die aber -auch eine Sängerin oder Schauspielerin sein kann, zur Gattin zu haben. - -Weibliche Männer sind ihrer Weiblichkeit gemäß auch körperlich eitler -als die anderen unter den Männern. Es gibt auch »Männer«, die auf -die Promenade gehen, um ihr Gesicht, welches, als Weibergesicht, die -Absicht seines Trägers meist hinreichend verrät, bewundert zu fühlen -und dann befriedigt nach Hause zu gehen. Das Urbild des Narciß ist -ein solcher »Mann« gewesen. Dieselben Personen sind natürlich auch, -was Frisur, Kleidung, Schuhwerk, Wäsche anlangt, ungemein sorgfältig, -ihrer momentanen Körperhaltung und ihres Aussehens an jedem bestimmten -Tage, der kleinsten Einzelheiten ihrer Toilette, des vorübergehendsten -Blickes, der von anderer Menschen Augen auf sie fällt, sich fast -ebenso bewußt, wie W es stets ist, ja in Gang und Geberde oft geradezu -kokett. Bei den Viragines hingegen nimmt man oft grobe Vernachlässigung -der Toilette und Mangel an Körperpflege wahr; sie sind mit dem -Ankleiden oft viel schneller fertig als mancher weibliche Mann. Das -ganze »Gecken«- oder »Gigerl«tum geht, ebenso wie zum Teile die -Frauenemanzipation, auf die jetzige Vermehrung dieser Zwittergeschöpfe -zurück; das ist alles mehr als »bloße Mode«. Es fragt sich eben immer, -_warum_ etwas zur Mode werden kann, und es gibt wohl überhaupt weniger -»bloße Mode«, als der oberflächlich _kritisierende_ Zuschauer wähnt. - -Je mehr von W eine Frau hat, desto weniger wird sie den Mann -_verstehen_, umso stärker jedoch wird er _in seiner geschlechtlichen -Eigentümlichkeit_ auf sie _wirken_, um so mehr Eindruck als Mann auf -sie machen. Dies ist nicht nur aus dem bereits erläuterten Gesetze der -sexuellen Anziehung zu verstehen, sondern geht darauf zurück, daß eine -Frau um so eher ihr Gegenteil aufzufassen in der Lage sein wird, je -reiner weiblich sie ist. Umgekehrt wird einer, je mehr von M er hat, -desto weniger W zu _verstehen_ in der Lage sein, desto _eindringlicher_ -jedoch werden die Frauen ihrem ganzen _äußeren_ Wesen nach, in ihrer -Weiblichkeit, sich ihm _darstellen_. Die sogenannten »Frauenkenner«, -d. h. solche, die nichts mehr sind als nur »Frauenkenner«, sind darum -alle zum guten Teile selbst Weiber. Die weiblicheren Männer wissen -denn auch oft die Frauen viel besser zu behandeln als Vollmänner, die -das erst nach langen Erfahrungen und, von ganz bestimmten Ausnahmen -abgesehen, wohl überhaupt nie völlig erlernen. - -An diese paar Illustrationen, welche die Verwendbarkeit des -Prinzipes an Beispielen veranschaulichen sollen, die absichtlich der -_trivialsten_ Sphäre der tertiären Geschlechtscharaktere entnommen -wurden, möchte ich die naheliegenden Anwendungen schließen, die sich -mir aus ihm für die Pädagogik zu ergeben scheinen. _Eine_ Wirkung -nämlich erhoffe ich vor allem von einer allgemeinen Anerkennung des -Gemeinschaftlichen, das diesen und den früheren Tatsachen wie so -vielen anderen noch zu Grunde liegt: _eine mehr individualisierende -Erziehung_. Jeder Schuster, der den Füßen das Maß nimmt, muß das -Individualisieren besser verstehen als die heutigen Erzieher in Schule -und Haus, die nicht zum lebendigen Bewußtsein einer solchen moralischen -Verpflichtung zu bringen sind! Denn bis jetzt erzieht man die sexuellen -Zwischenformen (insbesondere unter den Frauen) im Sinne einer möglichst -extremen Annäherung an ein Mannes- oder Frauenideal von konventioneller -Geltung, man übt eine geistige Orthopädie in der vollsten Bedeutung -einer Tortur. Dadurch schafft man nicht nur sehr viel Abwechslung -aus der Welt, sondern unterdrückt vieles, was keimhaft da ist und -Wurzel fassen könnte, verrenkt anderes zu unnatürlicher Lage, züchtet -Künstlichkeit und Verstellung. - -Die längste Zeit hat unsere Erziehung uniformierend gewirkt auf -alles, was mit einer männlichen, und auf alles, was mit einer -weiblichen Geschlechtsregion zur Welt kommt. Gar bald werden -»Knaben« und »Mädchen« in verschiedene Gewänder gesteckt, lernen -verschiedene Spiele spielen, schon der Elementarunterricht ist gänzlich -getrennt, die »Mädchen« lernen unterschiedslos Handarbeiten etc. -etc. _Die Zwischenstufen kommen da alle zu kurz._ Wie mächtig aber -die Instinkte, die »Determinanten« ihrer Naturanlage, in derartig -mißhandelten Menschen sein können, das zeigt sich oft schon _vor_ -der Pubertät: Buben, die am liebsten mit Puppen spielen, sich von -ihrem Schwesterlein häkeln und stricken lehren lassen, mit Vorliebe -Mädchenkleidung anlegen und sich sehr gerne mit weiblichem Vornamen -rufen hören; Mädchen, die sich unter die Knaben mischen, an deren -wilderen Spielen teilnehmen wollen und oft auch von diesen ganz als -ihresgleichen, »kollegial« behandelt werden. Immer aber kommt eine -durch Erziehung von außen unterdrückte Natur _nach_ der Pubertät zum -Vorschein: männliche Weiber scheren sich die Haare kurz, bevorzugen -frackartige Gewänder, studieren, trinken, rauchen, klettern auf die -Berge, werden passionierte Jägerinnen; weibliche Männer lassen das -Haupthaar lang wachsen, sie tragen Mieder, zeigen viel Verständnis für -die Toilettesorgen der Weiber, mit denen sie vom gleichen Interesse -getragene kameradschaftliche Gespräche zu führen imstande sind; ja -sie schwärmen denn auch oft aufrichtig von freundschaftlichem Verkehr -zwischen den beiden Geschlechtern, weibische Studenten z. B. von -»kollegialem Verhältnis« zu den Studentinnen u. s. w. - -Unter der schraubstockartigen Pressung in eine gleichmachende Erziehung -haben Mädchen und Knaben gleich viel, die letzteren später mehr unter -ihrer Subsumtion unter das gleiche _Gesetz_, die ersteren mehr unter -der Schablonisierung durch die gleiche _Sitte_ zu leiden. Die hier -erhobene Forderung wird darum, fürchte ich, was die Mädchen betrifft, -mehr passivem Widerstand in den _Köpfen_ begegnen als für die Knaben. -Hier gilt es vor allem, sich von der gänzlichen Falschheit der weit -verbreiteten, von Autoritäten des Tages weitergegebenen und immer -wiederholten Meinung von der _Gleichheit aller »Weiber«_ (»es gibt -keine Unterschiede, keine Individuen unter den Weibern; wer eine -kennt, kennt alle«) gründlich zu überzeugen. _Es gibt unter denjenigen -Individuen, die W näher stehen als M_ (den »Frauen«), _zwar bei weitem -nicht so viele Unterschiede und Möglichkeiten wie unter den übrigen_ -- -die größere Variabilität der »Männchen« ist nicht nur für den Menschen, -sondern im Bereiche der ganzen Zoologie eine allgemeine Tatsache, die -insbesondere von _Darwin_ eingehend gewürdigt worden ist -- _aber -noch immer Differenzen genug_. Die psychologische Genese jener so -weit verbreiteten irrigen Meinung ist zum großen Teile die, daß (vgl. -Kapitel III) jeder Mann in seinem Leben nur _eine_ ganz bestimmte -Gruppe von Frauen _intimer_ kennen lernt, die _naturgesetzlich_ alle -untereinander viel Gemeinsames haben. Man hört ja auch von Weibern -öfters, aus der gleichen Ursache und mit noch weniger Grund: »die -Männer sind einer wie der andere«. So erklären sich auch manche, -gelinde gesagt, _gewagte_ Behauptungen vieler Frauenrechtlerinnen über -den Mann und die angeblich unwahre Überlegenheit desselben: daraus -nämlich, _was für_ Männer gerade _sie_ in der Regel näher kennen lernen. - -_In dem verschieden-abgestuften Beisammensein von M und W_, in dem wir -ein _Hauptprinzip aller wissenschaftlichen Charakterologie_ erkannt -haben, sehen wir somit auch eine von der speziellen Pädagogik zu -beherzigende Tatsache vor uns. - -Die Charakterologie verhält sich zu jener Psychologie, welche eine -»Aktualitätstheorie« des Psychischen eigentlich allein gelten lassen -dürfte, wie Anatomie zur Physiologie. Da sie stets ein theoretisches -und praktisches Bedürfnis bleiben wird, ist es notwendig, unabhängig -von ihrer erkenntnistheoretischen Grundlegung und Abgrenzung -gegenüber dem Gegenstande der allgemeinen Psychologie, Psychologie -der individuellen Differenzen treiben zu dürfen. Wer der Theorie vom -psychophysischen Parallelismus huldigt, wird mit den prinzipiellen -Gesichtspunkten der bisherigen Behandlung insoferne einverstanden -sein, als für ihn, ebenso wie ihm Psychologie im engeren Sinne und -Physiologie (des Zentralnervensystems) Parallelwissenschaften sind, -_Charakterologie zur Schwester die Morphologie haben muß_. In der -Tat, von der Verbindung von Anatomie und Charakterologie und der -wechselseitigen Anregung, die sie voneinander empfangen können, ist für -die Zukunft noch Großes zu hoffen. Zugleich würde durch ein solches -Bündnis der _psychologischen Diagnostik_, welche Voraussetzung jeder -_individualisierenden Pädagogik_ ist, ein unschätzbares Hilfsmittel an -die Hand gegeben. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen, und mehr -noch die Methode des _morphologisch-charakterologischen Parallelismus_ -in ihrer _weiteren_ Anwendung gewähren uns nämlich den Ausblick auf -eine Zeit, wo jene Aufgabe, welche die hervorragendsten Geister stets -so mächtig angezogen und immer wieder zurückgeworfen hat, wo die -_Physiognomik_ zu den Ehren einer wissenschaftlichen Disziplin endlich -gelangen könnte. - -Das Problem der Physiognomik ist das Problem einer konstanten Zuordnung -des _ruhenden_ Psychischen zum _ruhenden_ Körperlichen, wie das Problem -der physiologischen Psychologie das einer gesetzmäßigen Zuordnung -des _bewegten_ Psychischen zum _bewegten_ Körperlichen (womit keiner -speziellen _Mechanik_ der Nervenprozesse das Wort geredet ist). Das -eine ist gewissermaßen _statisch_, das andere eher rein _dynamisch_; -prinzipielle Berechtigung aber hat das eine Unternehmen ebensoviel -oder ebensowenig wie das andere. Es ist also methodisch wie sachlich -ein großes Unrecht, die Beschäftigung mit der Physiognomik, ihrer -enormen Schwierigkeiten halber, für etwas so _Unsolides_ zu halten, -wie das heute, mehr unbewußt als bewußt, in den wissenschaftlichen -Kreisen der Fall ist und gelegentlich, z. B. gegenüber den von -_Moebius_ erneuerten Versuchen _Galls_, die Physiognomie des geborenen -Mathematikers aufzufinden, zu Tage tritt. Wenn es möglich ist, nach dem -Äußeren eines Menschen, den man nie gekannt hat, sehr viel Richtiges -über seinen Charakter aus einer unmittelbaren Empfindung heraus, -nicht auf Grund eines Schatzes bewußter oder unbewußter Erfahrungen, -zu sagen -- und es gibt Menschen, die diese Fähigkeit in hohem Maße -besitzen -- so kann es auch kein Ding der Unmöglichkeit sein, zu einem -wissenschaftlichen System dieser Dinge zu gelangen. Es handelt sich nur -um die begriffliche Klärung gewisser starker Gefühle, um die Legung des -Kabels nach dem Sprachzentrum (um mich sehr grob auszudrücken): eine -Aufgabe, die allerdings oft ungemein schwierig ist. - -Im übrigen: es wird noch lange dauern, bis die offizielle Wissenschaft -die Beschäftigung mit der Physiognomik nicht mehr als etwas höchst -_Unmoralisches_ betrachten wird. Man wird auf den psychophysischen -Parallelismus genau so eingeschworen bleiben wie bisher und doch -zu gleicher Zeit die Physiognomiker als Verlorene betrachten, -als Charlatane, wie bis vor kurzem die Forscher auf hypnotischem -Gebiete; trotzdem es keinen Menschen gibt, der nicht unbewußt, keinen -hervorragenden Menschen, der nicht bewußt Physiognomiker wäre. Der -Redensart: »Das sieht man ihm an der Nase an« bedienen sich auch Leute, -die von der Physiognomik als einer Wissenschaft nichts halten, und das -Bild eines bedeutenden Menschen wie das eines Raubmörders interessiert -gar sehr auch alle jene, die gar nie das Wort »Physiognomik« gehört -haben. - -In dieser Zeit der hochflutenden Literatur über das Verhältnis des -Physischen zum Psychischen, da der Ruf: »Hie Wechselwirkung!« von -einer kleinen, aber mutigen und sich mehrenden Schar dem anderen -Ruf einer kompakten Majorität: »Hie psychologischer Parallelismus!« -entgegengesetzt wird, wäre es von Nutzen gewesen, auf diese -Verhältnisse zu reflektieren. Man hätte sich dann freilich die Frage -vorlegen müssen, _ob nicht die Setzung einer wie immer gearteten -Korrespondenz zwischen Physischem und Psychischem eine bisher -übersehene, apriorische, synthetische Funktion unseres Denkens ist_, -was mir wenigstens dadurch sicher verbürgt scheint, daß eben jeder -Mensch die Physiognomik _anerkennt_, insoferne jeder, _unabhängig_ -von der _Erfahrung_, Physiognomik _treibt_. So wenig _Kant_ diese -Tatsache bemerkt hat, so gibt sie doch seiner Auffassung recht, daß -über das Verhältnis des Körperlichen zum Geistigen sich _weiter_ -wissenschaftlich nichts beweisen noch ausmachen läßt. Das Prinzip -einer gesetzmäßigen Relation zwischen Psychischem und Materiellem _muß -daher als Forschungsgrundsatz heuristisch acceptiert werden_, und es -bleibt der Metaphysik und Religion vorbehalten, über die Art dieses -Zusammenhanges, _dessen Tatsächlichkeit a priori für jeden Menschen -feststeht_, noch nähere Bestimmungen zu treffen. - -Ob nun Charakterologie in einer Verbindung mit Morphologie gehalten -werde oder nicht, für sie allein wie für das Resultat des -koordinierten Betriebes beider, für die Physiognomik, dürfte es Geltung -haben, daß die beinahe gänzliche Erfolglosigkeit der bisherigen -Versuche zur Begründung solcher Wissenschaften zwar auch sonst tief -genug in der Natur des schwierigen Unternehmens wurzelt, daß aber -immerhin dem Mangel an einer adäquaten Methode nicht zum geringsten -Teile dieses Mißlingen zugeschrieben werden muß. Dem Vorschlag, den -ich im folgenden an Stelle einer solchen entwickle, verdanke ich die -sichere Leitung durch manches Labyrinth; ich glaube daher nicht zögern -zu sollen, ihn einer allgemeinen Beurteilung zu unterbreiten. - -Die einen unter den Menschen haben die Hunde gern und können die Katzen -nicht ausstehen, die anderen sehen nur gerne dem Spiel der Kätzchen zu, -und der Hund ist ihnen ein widerliches Tier. Man ist in solchen Fällen, -und mit vielem Rechte, stets sehr stolz darauf gewesen, zu fragen: -_Warum_ zieht der eine die Katze vor, der andere den Hund? Warum? Warum? - -Diese Fragestellung scheint jedoch gerade hier nicht sehr fruchtbar. -Ich glaube nicht, daß _Hume_, und besonders _Mach_ recht haben, -wenn sie keinen besonderen Unterschied zwischen _simultaner_ und -_succedaner_ Kausalität machen. Gewisse zweifellose formale Analogien -werden da recht gewaltsam übertrieben, um den schwanken Bau des -Systems zu stützen. Das Verhältnis zweier Erscheinungen, die in -der Zeit regelmäßig aufeinander_folgen_, mit einer regelmäßigen -Funktionalbeziehung verschiedener _gleichzeitiger_ Elemente zu -identifizieren, geht nicht an: Nichts berechtigt in Wirklichkeit, von -Zeit_empfindungen_ zu sprechen, und gar nichts, einen den anderen -Sinnen koordinierten Zeitsinn anzunehmen; und wer wirklich das -Zeitproblem erledigt glaubt, wenn er die Zeit und den Stundenwinkel -der Erde nur eine und dieselbe Tatsache sein läßt, der übersieht -zum wenigsten dies, daß, sogar im Falle als die Erde plötzlich mit -ungleichförmiger Geschwindigkeit um ihre Achse sich zu drehen anfinge, -wir doch nach wie vor die eben apriorische Voraussetzung eines -gleichförmigen Zeitablaufes machen würden. Die Unterscheidung der -Zeit von den materialen Erlebnissen, auf welcher die Trennung der -succedanen von der simultanen Abhängigkeit beruht, und damit die Frage -nach der _Ursache_ von _Veränderungen_, die Frage nach dem _Warum_ sind -wohlberechtigt und fruchtbringend, wo Bedingendes und Bedingtes in -_zeitlicher_ Abfolge _nacheinander_ auftreten. In dem oben als Beispiel -individualpsychologischer Fragestellung angeführten Falle jedoch sollte -man in der empirischen Wissenschaft, welche als solche das regelmäßige -Zusammensein einzelner Züge in einem Komplexe keineswegs durch die -metaphysische Annahme einer _Substanz erklärt_, nicht sowohl nach dem -Warum forschen, sondern zunächst untersuchen: _Wodurch unterscheiden -sich Katzen- und Hundeliebhaber_ noch? - -Die Gewöhnung, stets diese Frage nach den korrespondierenden _anderen_ -Unterschieden zu stellen, wo zwischen Ruhendem _ein_ Unterschied -bemerkt worden ist, wird nicht nur der Charakterologie, wie ich glaube, -von großem Nutzen sein können, sondern auch der reinen Morphologie -und somit naturgemäß die Methode ihrer Verbindung, der Physiognomik, -werden. _Aristoteles_ ist es bereits aufgefallen, daß viele Merkmale -bei den Tieren nie unabhängig voneinander variieren. Später haben, -zuerst bekanntlich _Cuvier_, sodann _Geoffroy_ St. _Hilaire_ und -_Darwin_ diese Erscheinungen der »Korrelation« zum Gegenstande -eingehenden Studiums gemacht. Das Bestehen konstanter Beziehungen kann -hie und da leicht aus einem einheitlichen Zwecke verstanden werden: so -wird man es teleologisch geradezu erwarten, daß, wo der Verdauungskanal -für Fleischnahrung adaptiert ist, auch Kauapparate und Organe für -das Ergreifen von Beute vorhanden sein müssen. Warum aber alle -Wiederkäuer auch Zweihufer und im männlichen Geschlechte Hörnerträger -sind, warum Immunität gegen gewisse Gifte bei manchen Tieren stets -mit einer bestimmten Haarfarbe einhergeht, warum unter den Tauben -die Spielarten mit kurzem Schnabel kleine, die mit langem Schnabel -große Füße haben, oder gar, warum weiße Katzen mit blauen Augen immer -taub sind, solche Regelmäßigkeiten des Nebeneinander sind weder aus -einem einzigen offenbaren Grunde noch auch unter dem Gesichtspunkte -eines einheitlichen Zweckes zu begreifen. Damit ist natürlich nicht -gesagt, daß die Forschung nun prinzipiell in alle Ewigkeit mit der -bloßen Konstatierung eines steten Beisammenseins sich zu begnügen habe. -Das wäre ja so, als würde jemand zum ersten Male wissenschaftlich -vorzugehen behaupten, indem er sich darauf _beschränke, vorzufinden_: -»Wenn ich in einen Automaten ein Geldstück werfe, so kommt eine -Schachtel Zündhölzer heraus«; was darüber gehe, sei Metaphysik und von -Übel, das Kriterium des echten Forschers sei Resignation. Probleme -der Art, woher es komme, daß langes Kopfhaar und zwei normale Ovarien -sich fast ausnahmslos in denselben Menschen vereinigt finden, sind -von der größten Bedeutung; aber sie fallen eben nicht in den Bereich -der _Morphologie_, sondern in den der _Physiologie_. Vielleicht -ist ein _Ziel_ einer _idealen Morphologie_ mit der Anschauung gut -bezeichnet, daß diese _in einem deduktiv-synthetischen Teile_ nicht -jeder einzeln existierenden Art und Spielart nachkriechen solle -in Erdlöcher und nachtauchen auf den Meeresgrund -- das ist die -Wissenschaftlichkeit des Briefmarkensammlers -- sondern aus einer -_vorgegebenen Anzahl_ qualitativ und quantitativ genau bestimmter -Stücke in der Lage sein werde, den _ganzen_ Organismus zu konstruieren, -nicht auf Grund einer Intuition, wie dies ein _Cuvier_ vermochte, -sondern in strengem Beweisverfahren. Ein Organismus nämlich, von dem -man ihr irgend eine Eigenschaft genau bekanntgegeben hätte, müßte für -diese Wissenschaft der Zukunft bereits noch durch eine andere, nun -nicht mehr willkürliche, sondern damit in ebensolcher Genauigkeit -bereits bestimmbare Eigenschaft beschränkt sein. In der Sprache der -Thermodynamik unserer Tage ließe sich das ebensogut durch die Forderung -ausdrücken, daß für eine solche _deduktive_ Morphologie der Organismus -nur eine endliche Zahl von »Freiheitsgraden« besitzen dürfte. Oder man -könnte, eine lehrreiche Ausführung _Machs_ benützend, verlangen, daß -auch die organische Welt, sofern sie wissenschaftlich begreifbar und -darstellbar, eine solche sei, in der zwischen n Variablen eine Zahl -von Gleichungen bestehe, die kleiner sei als n (und zwar gleich n-1, -wenn sie durch ein wissenschaftliches System _eindeutig_ bestimmbar -sein soll; die Gleichungen würden bei geringerer Zahl zu unbestimmten -Gleichungen werden, und bei einer größeren Zahl könnte der durch eine -Gleichung ausgesagten Abhängigkeit von einer zweiten ohne weiters -widersprochen werden). - -Dies ist die logische Bedeutung des Korrelationsprinzipes in der -Biologie: es enthüllt sich als die Anwendung des _Funktionsbegriffes_ -auf das Lebendige, und darum liegt in der Möglichkeit _seiner_ -Ausbreitung und Vertiefung die Hoffnung auf eine theoretische -Morphologie hauptsächlich begründet. Die kausale Forschung ist damit -nicht ausgeschlossen, sondern erst auf ihr eigenstes Gebiet verwiesen. -Im _Idioplasma_ wird sie wohl die Gründe jener Tatsachen aufzufinden -trachten müssen, die dem Korrelationsprinzipe zu Grunde liegen. - -Die Möglichkeit einer _psychologischen_ Anwendung des Prinzipes -der korrelativen Abänderung liegt nun in der »differentiellen -Psychologie«, in der _psychologischen Varietätenlehre_, vor. Und die -eindeutige Zuordnung von anatomischem Habitus und geistigem Charakter -wird zur Aufgabe der _statischen Psychophysik oder Physiognomik_. -Die Forschungsregel aller drei Disziplinen wird aber die Frage -zu sein haben, worin sich zwei Lebewesen, die in einer Beziehung -ein differentes Verhalten gezeigt haben, _noch_ unterscheiden. -Die hier geforderte Art der Fragestellung scheint mir der einzig -denkbare »Methodus inveniendi«, gleichsam die »Ars magna« jener -Wissenschaften, und geeignet, die ganze Technik des Betriebes derselben -zu durchdringen. Man wird nun, um einen charakterologischen Typus zu -ergründen, nicht mehr bloß durch die nur bohrende Frage nach dem Warum, -unter möglichst hermetischer Absperrung, in einem Loche hartes Erdreich -aufzugraben sich mühen, nicht wie jene stereotropischen Würmer _Jacques -Loebs_ an einem Dreikant immer von neuem sich verbluten, nicht durch -Scheuklappen die Aussicht auf das erreichbare Daneben sich versperren, -um geradeaus in der Tiefendimension dem aller nur _empirischen_ -Wissenschaft unerforschlichen Grunde nachzuschnaufen. Wenn jedesmal, -ohne irgend welche Nachlässigkeit oder Rücksicht auf Bequemlichkeit, -beim Sichtbarwerden _einer_ Differenz der Vorsatz gefaßt wird, auf die -_anderen_ Differenzen zu achten, die nach dem Prinzipe unausweichlich -_noch_ da sein müssen; wenn jedesmal den unbekannten Eigenschaften, -welche mit der zur Abhebung gelangten in Funktionalzusammenhang stehen, -»ein Aufpasser im Intellekte bestellt« wird, dann ist die Aussicht, -die neuen Korrelationen zu entdecken, bedeutend vermehrt: ist nur -die Frage gestellt, so wird sich die Antwort, je nach der Ausdauer -und Wachsamkeit des Beobachters und der Gunst des ihm zur Prüfung -beschiedenen Materials, früher oder später einstellen. - -Jedenfalls wird man, im bewußten Gebrauche dieses Prinzipes, nicht -mehr lediglich darauf angewiesen sein zu warten, bis endlich einem -Menschen durch die glückliche Laune einer gedanklichen Konstellation -das konstante Beisammensein zweier Dinge im selben Individuum -_auffällt_, sondern man wird lernen, immer _sofort_ nach dem ebenfalls -vorhandenen _zweiten_ Ding zu _fragen_. Denn wie sehr ist nicht -bisher alle Entdeckung auf den Zufall einer günstigen Konjunktur der -Vorstellungen in dem Geiste eines Menschen beschränkt gewesen! Welch -große Rolle spielt hier nicht die Willkür der Umstände, die zwei -heterogene Gedankengruppen im geeigneten Moment zu jener gegenseitigen -Kreuzung zu führen vermögen, aus der das Kind, die neue Einsicht und -Anschauung, einzig geboren werden kann! Diese Rolle zu vermindern, -scheint die neue Fragestellung und der Wille, sie in jedem Einzelfalle -zu befolgen, außerordentlich befähigt. Bei der Succession der Wirkung -auf die Ursache ist die psychologische Veranlassung zur Frage aus dem -Grunde eher da, weil jede Verletzung der Stabilität und Kontinuität -in einem vorhandenen psychischen Bestande unmittelbar beunruhigend -wirkt, eine »Vitaldifferenz setzt« (_Avenarius_). _Wo gleichzeitige -Abhängigkeit besteht, fällt aber diese Triebkraft weg._ Darum könnte -diese Methode dem Forscher selbst inmitten seiner Tätigkeit die -größten Dienste leisten, ja den Fortschritt der Wissenschaft insgesamt -beschleunigen; die Erkenntnis von der heuristischen Anwendbarkeit des -Korrelationsprinzipes es wäre eine Einsicht, die fortzeugend immer neue -Einsicht könnte gebären helfen. - - - - -VI. Kapitel. - -Die emanzipierten Frauen. - - -Im unmittelbaren Anschluß an die differentiell-psychologische -Verwertung des Prinzipes der sexuellen Zwischenformen muß zum ersten -Male auf jene Frage eingegangen werden, deren theoretischer und -praktischer Lösung dieses Buch recht eigentlich gewidmet ist, soweit -sie nicht theoretisch eine Frage der Ethnologie und Nationalökonomie, -also der Sozialwissenschaft im weitesten Sinne, praktisch eine -Frage der Rechts- und Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist: -auf die _Frauenfrage_. Die Antwort, welche dieses Kapitel auf die -Frauenfrage geben soll, ist indes nicht eine, mit der für das Ganze -der Untersuchung das Problem erledigt wäre. Sie ist vielmehr bloß -eine vorläufige, da sie nicht mehr geben kann, als aus den bisherigen -Prinzipien ableitbar ist. Sie bewegt sich gänzlich in den Niederungen -der Einzelerfahrung, von der sie nicht zu allgemeinen Grundsätzen -von tieferer Bedeutung sich zu erheben trachtet; die praktischen -Anweisungen, die sie gibt, sind keine Maximen eines sittlichen -Verhaltens, das künftige Erfahrung regulieren sollte oder könnte, -sondern nur aus vergangener Erfahrung abstrahierte technische Regeln -zu einem sozialdiätetischen Gebrauche. Der Grund ist, daß hier noch -keineswegs an die Erfassung des männlichen und weiblichen Typus -geschritten wird, die Sache des zweiten Teiles verbleibt. Diese -provisorische Betrachtung soll nur diejenigen charakterologischen -_Ergebnisse des Prinzipes der Zwischenformen bringen, welche für die -Frauenfrage von Bedeutung sind_. - -Wie diese Anwendung ausfallen wird, liegt nach dem Bisherigen ziemlich -offen zu Tage. Sie gipfelt darin, daß _Emanzipationsbedürfnis und -Emanzipationsfähigkeit einer Frau nur in dem Anteile an M begründet -liegt, den sie hat_. Der Begriff der Emanzipation ist aber ein -_vieldeutiger_, und seine Unklarheit zu steigern lag im Interesse -aller jener mit dem Worte oft verfolgten praktischen Absichten, -die theoretische Einsichten zu vertragen nicht vermochten. Unter -der Emanzipiertheit einer Frau verstehe ich weder die Tatsache, -daß in ihrem Hause sie das Regiment führt und der Gatte keinen -Widerspruch mehr wagt, noch den Mut, ohne schützenden Begleiter zur -Nachtzeit unsichere Gegenden zu passieren; weder ein Hinwegsetzen -über konventionelle gesellschaftliche Formen, welche der Frau das -Alleinleben fast verbieten, es nicht dulden, daß sie einem Manne einen -Besuch abstatte, und die Berührung sexueller Themen durch sie selbst -oder durch andere in ihrer Gegenwart verpönen; noch schließlich die -Suche nach einem selbständigen Erwerb, sei als Mittel zu diesem nun -die Handelsschule oder das Universitätsstudium, das Konservatorium -oder die Lehrerinnenbildungsanstalt gewählt. Vielleicht gibt es noch -weitere Dinge, die samt und sonders unter dem großen Schilde der -Emanzipationsbewegung sich bergen, doch soll auf diese vorderhand -nicht eingegangen werden. Die Emanzipation, die ich im Sinne habe, -ist auch nicht der Wunsch nach der äußerlichen Gleich_stellung_ -mit dem Manne, sondern _problematisch_ ist dem hier vorliegenden -Versuche, zur Klarheit in der Frauenfrage zu gelangen, der _Wille_ -eines _Weibes_, dem Manne _innerlich gleich zu werden_, zu seiner -geistigen und moralischen Freiheit, zu seinen Interessen und seiner -Schaffenskraft zu gelangen. Und was nun behauptet wird, ist dies, _daß -W gar kein Bedürfnis und dementsprechend auch keine Fähigkeit zu dieser -Emanzipation hat. Alle wirklich nach Emanzipation strebenden, alle mit -einem gewissen Recht berühmten und geistig irgendwie hervorragenden -Frauen weisen stets zahlreiche männliche Züge auf, und es sind an ihnen -dem schärferen Blicke auch immer anatomisch-männliche Charaktere, -ein körperlich dem Manne angenähertes Aussehen, erkennbar._ Nur den -_vorgerückteren_ sexuellen Zwischenformen, man könnte beinahe schon -sagen jenen sexuellen Mittelstufen, die gerade noch den »Weibern« -beigezählt werden, entstammen jene Frauen der Vergangenheit wie -der Gegenwart, die von männlichen und weiblichen Vorkämpfern der -Emanzipationsbestrebungen zum Beweise für die großen Leistungen von -_Frauen_ immer mit Namen angeführt werden. Gleich die erste der -geschichtlichen Abfolge nach, gleich _Sappho_ ist _konträr_sexuell, -ja von ihr schreibt sich die Bezeichnung eines geschlechtlichen -Verhältnisses zwischen Frauen mit dem Namen der sapphischen oder -lesbischen Liebe her. Hier sehen wir, wie uns die Erörterungen des -dritten und vierten Kapitels zugute kommen für eine Entscheidung in -der Frauenfrage. Das charakterologische Material, welches uns über die -sogenannten »bedeutenden Frauen«, also über die de facto Emanzipierten, -zu Gebote steht, ist zu dürftig, seine Interpretation zu vielem -Widerspruche ausgesetzt, als daß wir uns seiner mit der Hoffnung -bedienen könnten, eine _zufriedenstellende_ Lösung zu geben. Wir -bedurften eines Prinzipes, welches die Stellung eines Menschen zwischen -M und W unzweideutig festzustellen gestattete. Ein solches Prinzip -wurde gefunden in dem Gesetze der sexuellen Anziehung zwischen Mann -und Weib. Seine Anwendung auf das Problem der Homosexualität ergab, -daß die zur Frau sexuell hingezogene Frau eben ein halber Mann ist. -Damit ist aber für den historischen Einzelnachweis der These, daß der -Grad der Emanzipiertheit einer Frau mit dem Grade ihrer Männlichkeit -identisch ist, so ziemlich alles gewonnen, dessen wir bedürfen. Denn -Sappho _leitet_ die Reihe jener Frauen, die auf der Liste weiblicher -Berühmtheiten stehen und die zugleich homo- oder mindestens bisexuell -empfanden, _nur ein_. Man hat Sappho von philologischer Seite sehr -eifrig von dem Verdachte zu reinigen gesucht, daß sie wirkliche, das -bloß Freundschaftliche übersteigende Liebesverhältnisse mit Frauen -unterhalten habe, als ob dieser Vorwurf, wenn er gerechtfertigt wäre, -eine Frau sittlich sehr stark herabwürdigen müßte. Daß dem keineswegs -so ist, daß eine unsinnliche homosexuelle Liebe gerade das Weib mehr -ehrt als das heterosexuelle Verhältnis, das wird aus dem zweiten Teile -noch klar hervorgehen. Hier genüge die Bemerkung, daß die Neigung zu -lesbischer Liebe in einer Frau eben _Ausfluß ihrer Männlichkeit, diese -aber Bedingung ihres Höherstehens ist_. _Katharina II. von Rußland_ und -die Königin _Christine von Schweden_, nach einer Angabe die hochbegabte -taubstummblinde _Laura Bridgman_, sowie sicherlich die _George Sand_ -sind zum Teil bisexuell, zum Teil ausschließlich homosexuell, ebenso -wie alle Frauen und Mädchen von auch nur einigermaßen in Betracht -kommender Begabung, die ich selbst kennen zu lernen Gelegenheit hatte. - -Was nun aber jene große Zahl emanzipierter Weiber betrifft, über die -keine Zeugnisse lesbischen Empfindens vorliegen, so verfügen wir -hier fast immer über andere Indizien, welche beweisen, daß es keine -willkürliche Behauptung und auch kein engherziger, für das männliche -Geschlecht eben _alles_ zu reklamieren gieriger, habsüchtiger Egoismus -ist, wenn ich von der Männlichkeit aller Frauen spreche, die man sonst -mit einigem Rechte für die höhere Befähigung des Weibes anführt. Denn -wie die bisexuellen Frauen entweder mit männlichen Weibern oder mit -weiblichen Männern in geschlechtlichem Verkehre stehen, so werden -auch die heterosexuellen Frauen ihren Gehalt an Männlichkeit noch -immer dadurch offenbaren, daß ihr sexuelles Komplement auf Seite der -Männer nie ein echter Mann sein wird. Die berühmtesten unter den -vielen »Verhältnissen« der _George Sand_ sind das mit _Musset_, dem -weibischesten Lyriker, den die Geschichte kennt, und mit _Chopin_, -den man sogar als den einzigen weiblichen Musiker bezeichnen könnte --- so weibisch ist er.[10] _Vittoria Colonna_ ist weniger berühmt -durch ihre eigene dichterische Produktion geworden als durch die -Verehrung, die _Michel Angelo_ für sie gehegt hat, der sonst nur zu -Männern in erotischem Verhältnis gestanden ist. Die Schriftstellerin -_Daniel Stern_ war die Geliebte desselben _Franz Liszt_, dessen Leben -und Lebenswerk durchaus immer etwas Weibliches an sich hat, dessen -Freundschaft für den auch nicht vollkommen männlichen und jedenfalls -etwas päderastisch veranlagten _Wagner_ fast ebensoviel Homosexualität -in sich schloß, wie die schwärmerische Verehrung, die dem letzteren von -König _Ludwig_ II. von _Bayern_ entgegengebracht wurde. Von Mme. _de -Stael_, deren Schrift über Deutschland vielleicht als das bedeutendste -Buch von Frauenhand angesehen werden muß, ist es wahrscheinlich, daß -sie in sexuellen Beziehungen zu dem homosexuellen Hauslehrer ihrer -Kinder, zu _August Wilhelm Schlegel_, gestanden ist. _Klara Schumanns_ -Gatten würde man bloß dem Gesichte nach zu gewissen Zeiten seines -Lebens eher für ein Weib halten, denn für einen Mann, und auch in -seiner Musik ist viel, wenn auch nicht immer gleich viel, Weiblichkeit. - -Wo alle Angaben über die Menschen fehlen, zu welchen eine sexuelle -Beziehung bestand, oder solche Personen überhaupt nicht genannt -werden, da ist oft reichlich Ersatz in kleinen Mitteilungen, die -über das Äußere berühmter Frauen auf uns gelangt sind: sie zeigen, -wie die Männlichkeit jener Frauen auch physiognomisch in Antlitz und -Gestalt zum Ausdruck kommt und bestätigen auf diese Weise, ebenso wie -die von jenen Frauen erhaltenen Porträts, die Richtigkeit der hier -vertretenen Anschauung. Es ist die Rede von _George Eliots_ breiter, -mächtiger Stirn: »ihre Bewegungen wie ihr Mienenspiel waren scharf -und bestimmt, es fehlte ihnen aber die anmutige weibliche Weichheit«; -von dem »_scharfen_, geistvollen Gesicht _Lavinia Fontanas_, das -uns seltsam anmutet«. Die Züge der _Rachel Ruysch_ »tragen einen -Charakter von fast männlicher Bestimmtheit an sich«. Der Biograph der -originellsten Dichterin, der _Annette von Droste-Hülshoff_, berichtet -von ihrer »elfenhaft schlanken, zarten Gestalt«; und das Gesicht -dieser Künstlerin ist von einem Ausdruck strenger Männlichkeit, der -ganz entfernt an _Dantes_ Züge erinnert. Die Schriftstellerin und -Mathematikerin _Sonja Kowalewska_ hatte, ebenso wie schon Sappho, einen -abnorm geringen Haarwuchs des Kopfes, einen geringeren noch, als die -Dichterinnen und Studentinnen von heutzutage ihn gewöhnlich haben, die -sich regelmäßig, wenn die Frage nach den geistigen Leistungen des -Weibes aufgeworfen wird, zuerst auf sie berufen. Und wer im Gesichte -der hervorragendsten Malerin, der _Rosa Bonheur_, auch nur _einen_ -weiblichen Zug wahrzunehmen behauptete, der wäre durch den Klang des -Namens in die Irre geführt. Sehr männlich von Ansehen ist auch die -berühmte _Helene Petrowna Blavatsky_. Von den noch lebenden produktiven -und emanzipierten Frauen habe ich mit Absicht keine erwähnt, -sondern geschwiegen, obwohl _sie_ mir, wie den Anreiz zu manchen -der ausgesprochenen Gedanken, so auch die allgemeinste Bestätigung -meiner Ansicht geliefert haben, daß das echte Weib, daß W mit der -»Emanzipation des Weibes« nichts zu schaffen hat. Die historische -Nachforschung muß dem Volksmund recht geben, der ihr Resultat -längst vorweggenommen hat: »Je länger das Haar, desto kürzer der -Verstand«. Dieses Wort trifft zu mit der im zweiten Kapitel gemachten -Einschränkung. - -Und was die emanzipierten Frauen anlangt: _Nur der Mann in ihnen ist -es, der sich emanzipieren will._ - -Es hat einen tieferen Grund, als man glaubt, warum die -schriftstellernden Frauen so oft einen Männernamen annehmen: sie -fühlen sich eben beinahe als Mann, und bei Personen wie _George -Sand_ entspricht dies völlig ihrer Neigung zu männlicher Kleidung -und männlicher Beschäftigung. Das Motiv zur Wahl eines männlichen -Pseudonyms muß in dem Gefühle liegen, daß nur ein solches der eigenen -Natur korrespondiert; es kann nicht in dem Wunsche nach größerer -Beachtung und Anerkennung von Seite der Öffentlichkeit wurzeln. Denn -was Frauen produzieren, hat seit jeher, infolge der damit verbundenen -geschlechtlichen Pikanterie, mehr Aufmerksamkeit erregt als, ceteris -paribus, die Schöpfungen von Männern, und ist, wegen der von Anfang -an immer tiefer gestimmten Ansprüche, stets nachsichtiger behandelt, -wenn es gut war, stets unvergleichlich höher gepriesen worden, als was -Männer gleich Gutes geleistet hatten. So ist das besonders heutzutage, -und es gelangen noch fortwährend Frauen durch Produkte zu großem -Ansehen, von denen man kaum Notiz nehmen würde, wenn sie männlichen -Ursprunges wären. Es ist Zeit, hier zu sondern und auszuscheiden. -Man nehme nur zum Vergleiche die männlichen Schöpfungen, welche die -Literatur-, Philosophie-, Wissenschafts- und Kunstgeschichte gelten -lassen und gebrauche diese als Maßstab: und man wird die immerhin -nicht unbeträchtliche Zahl jener Frauen, die als bedeutende Geister -immer wieder angeführt werden, gleich auf den ersten Schlag kläglich -zusammenschrumpfen sehen. In der Tat gehört sehr viel Milde und Laxheit -dazu, um Frauen wie _Angelika Kauffmann_ oder _Mme. Lebrun_, _Fernan -Caballero_ oder _Hroswitha von Gandersheim_, _Mary Somerville_ oder -_George Egerton_, _Elizabeth Barrett Browning_ oder _Sophie Germain_, -_Anna Maria Schurmann_ oder _Sibylla Merian_ auch nur ein Titelchen von -_Bedeutung_ beizulegen. Ich will davon nicht reden, wie sehr auch die -früheren, als Beispiele der Viraginität genannten Frauen im einzelnen -überschätzt werden; ich will auch das Maß des Ruhmes nicht kritisieren, -den die lebenden weiblichen Künstlerinnen geerntet haben. Es genüge die -allgemeine Feststellung, daß keine einzige unter _allen_ Frauen der -Geistesgeschichte auch nur mit männlichen Genien fünften und sechsten -Ranges, wie ihn, um Beispiele anzuführen, etwa _Rückert_ unter den -Dichtern, _van Dyck_ unter den Malern, _Schleiermacher_ unter den -Philosophen einnehmen, in concreto wahrhaft verglichen werden kann. - -Scheiden wir die hysterischen Visionärinnen, wie _die Sibyllen_, -die _Pythien von Delphi_, die _Bourignon_ und die _Klettenberg_, -_Jeanne de la Motte Guyon_, _Johanna Southcott_, _Beate Sturmin_, -oder die _heilige Therese_ vorderhand aus, so bleiben nun noch Fälle -wie die der _Marie Bashkirtseff_. Diese ist (soweit ich es nach der -Erinnerung an ihr Bild zu sagen vermag) allerdings von ausgesprochen -weiblichem Körperbau gewesen, bis auf die Stirn, die mir einen etwas -männlichen Eindruck gemacht hat. Aber wer in der Salle des Étrangers -im Pariser Luxembourg ihre Bilder neben denen des von ihr geliebten -_Bastien-Lepage_ hat hängen sehen, der weiß, daß sie den Stil desselben -nicht anders und nicht minder vollkommen angenommen hat als Ottilie die -Handschrift Eduards in Goethes »Wahlverwandtschaften«. - -Den langen Rest bilden jene zahlreichen Fälle, wo ein allen Mitgliedern -einer Familie eigentümliches _Talent_ zufällig in einem _weiblichen_ -Mitgliede am stärksten hervortritt, ohne daß dieses im geringsten -genial zu sein braucht. Denn nur das Talent wird vererbt, nicht das -Genie. _Margaretha van Eyck_ und _Sabine von Steinbach_ geben hier -nur das Paradigma ab für eine lange Reihe jener Künstlerinnen, von -denen nach Ernst _Guhl_, einem den kunstübenden Frauen außerordentlich -gewogenen Autor, »uns ausdrücklich überliefert wird, daß sie durch -Vater, Mutter oder Bruder zur Kunst angeleitet worden sind, oder daß -sie, mit anderen Worten, den Anlaß zum Künstlerberuf in der eigenen -Familie gefunden haben. Es sind deren zweihundert bis dreihundert, und -wieviele Hunderte mögen noch außerdem durch ganz ähnliche Einflüsse zu -Künstlerinnen geworden sein, ohne daß die Geschichte deren Erwähnung -tun konnte!« Um die Bedeutung dieser Zahlenangaben zu würdigen, muß man -in Betracht ziehen, daß _Guhl_ kurz vorher »von den beiläufig tausend -Namen, die uns von weiblichen Künstlern bekannt sind«, spricht. - -Hiemit sei die historische Revue über die emanzipierten Frauen -zum Abschluß gebracht. Sie hat der Behauptung, daß echtes -Emanzipationsbedürfnis und wahres Emanzipationsvermögen in der Frau -Männlichkeit voraussetzt, _recht_ gegeben. Denn die ungeheuere Überzahl -jener Frauen, die sicherlich nicht im geringsten der Kunst oder dem -Wissen _gelebt_ haben, bei denen diese Beschäftigung vielmehr an die -Stelle der üblichen »Handarbeit« tritt und in dem ungestörten Idyll -ihres Lebens nur einen _Zeitvertreib_ bedeutet -- und alle jene, denen -gedankliche wie künstlerische Tätigkeit nur eine ungeheuer angespannte -_Koketterie_ vor mehr oder weniger bestimmten Personen männlichen -Geschlechtes ist -- diese beiden großen Gruppen durfte und mußte eine -reinliche Betrachtung ausscheiden. Die übrig bleibenden erweisen sich -dem näheren Zusehen insgesamt als sexuelle Zwischenformen. - -Zeigt sich aber das Bedürfnis nach Befreiung und Gleichstellung -mit dem Manne nur bei männlichen Frauen, so ist der Schluß per -inductionem _gerechtfertigt_, daß W _keinerlei Bedürfnis nach der -Emanzipation empfindet_, auch wenn einstweilen diese Folgerung, so -wie es hier ausschließlich geschehen ist, nur aus der geschichtlichen -Einzelbetrachtung und nicht aus einer Untersuchung der psychischen -Eigenschaften von W selbst abgeleitet wird. - -Stellen wir uns demnach auf den hygienischen (nicht ethischen) -Standpunkt einer der natürlichen Anlage angemessensten Praxis, so -würde sich das Urteil über die »Emanzipation des Weibes« so gestalten. -Der _Unsinn_ der Emanzipationsbestrebungen liegt in der _Bewegung_, -in der _Agitation_. Durch diese vor allem verleitet, fangen, wenn -von Motiven der Eitelkeit, des Männerfanges abgesehen wird, bei der -großen imitatorischen Veranlagung der Frauen auch solche zu studieren, -zu schreiben u. s. w. an, die nie ein originäres Verlangen danach -gehabt haben; denn da es eine große Anzahl von Frauen wirklich zu -geben scheint, die aus einem gewissen inneren Bedürfnis heraus eine -Emanzipation suchen, wird von diesen auf jene das Bildungsstreben -_induziert_ und so das Frauenstudium zur _Mode_, und eine lächerliche -Agitation der Frauen unter sich läßt schließlich _alle_ an die -Echtheit dessen glauben, was der guten Hausfrau so oft nur Mittel -zu Demonstrationszwecken gegen den Mann, der Tochter so oft nur -eine ostentative Kundgebung gegen die mütterliche Gewalt ist. Das -praktische Verhalten in der ganzen Frage hätte demnach, ohne daß diese -Regel (schon ihres fließenden Charakters halber) zur Grundlage einer -Gesetzgebung gemacht werden könnte und dürfte, folgendes zu sein: -_Freien Zulaß zu allem, kein Hindernis in den Weg derjenigen, deren -wahre psychische Bedürfnisse sie, stets in Gemäßheit ihrer körperlichen -Beschaffenheit, zu männlicher Beschäftigung treiben_, für die Frauen -mit _männlichen_ Zügen. _Aber weg mit der $Partei$bildung, weg mit der -$unwahren$ Revolutionierung, weg mit der ganzen Frauen$bewegung$_, die -in so vielen widernatürliches und künstliches, im Grunde verlogenes -Streben schafft. - -Und _weg_ auch mit der abgeschmackten Phrase von der »völligen -Gleichheit«! Selbst das männlichste Femininum hat wohl kaum je mehr -als 50 Prozent an M und _diesem $Feingehalte$_ dankt sie ja doch -ihre ganze Bedeutung oder besser all das, was sie eventuell bedeuten -_könnte_. Man darf keineswegs, wie dies nicht wenige intellektuelle -Frauen zu tun scheinen, aus manchen (wie schon bemerkt, ohnedies -nicht typischen) Einzelerfahrungen über den Mann, die sie zu sammeln -Gelegenheit hatten, und aus denen ja nicht die Parität, sondern gar -die Superiorität des weiblichen Geschlechtes hervorginge; allgemeine -Folgerungen ziehen, sondern muß, wie _Darwin_ dies vorschlug, die -Spitzen hier und die Spitzen dort miteinander vergleichen. Aber -»wenn je ein Verzeichnis der bedeutendsten Männer und Frauen auf dem -Gebiete der Dichtkunst, Malerei, Bildhauerei, Musik, Geschichte, -Naturwissenschaft und Philosophie hergestellt und unter jedem -Gegenstand ein halbes Dutzend Namen verzeichnet würden, so könnten -beide Listen nicht den Vergleich miteinander bestehen«. Erwägt man -nun noch, daß die Personen auf der weiblichen Liste, genau besehen, -auch nur wieder für die _Männlichkeit des Genies_ Zeugnis ablegen -würden, so ist zu erwarten, daß die Lust der Frauenrechtlerinnen, die -Zusammenstellung eines solchen Verzeichnisses zu wagen, noch geringer -werden dürfte, als sie bisher es gewesen ist. - -Der übliche Einwurf, der auch jetzt erhoben werden wird, lautet -dahin, daß die Geschichte nichts beweise, da die Bewegung erst Raum -schaffen müsse für eine ungehemmte, volle geistige Entwicklung der -Frau. Dieser Einwand verkennt, daß es emanzipierte Frauen, eine -Frauenfrage, eine Frauenbewegung zu _allen_ Zeiten gegeben hat, wenn -auch in den verschiedenen Epochen mit verschiedener Lebhaftigkeit; -er übertreibt immens die Schwierigkeiten, welche den nach geistiger -Bildung strebenden Frauen von Seite des Mannes irgendwann gemacht -wurden, und auch angeblich gerade jetzt wieder bereitet werden[11]; er -übersieht schließlich wiederum, daß auch heute nicht das wirkliche Weib -die Forderung der Emanzipation erhebt, sondern daß dies durchwegs nur -männlichere Frauen tun, die ihre eigene Natur mißdeuten und die Motive -ihres Handelns nicht einsehen, wenn sie im Namen des Weibes zu sprechen -glauben. - -Wie jede andere Bewegung der Geschichte, so war auch die Frauenbewegung -überzeugt, daß sie erstmalig, neu, noch nie dagewesen war; ihre -Vorkämpferinnen lehrten, daß bislang das Weib in Finsternis -geschmachtet habe und in Fesseln gelegen sei, während es nun erst -sein natürliches Recht zu begreifen und zu beanspruchen beginne. Wie -für jede andere geschichtliche Bewegung, so hat man aber auch für die -Frauenbewegung Analogien weiter und weiter zurückverfolgen können; -nicht nur in _sozialer_ Beziehung gab es im Altertum und im Mittelalter -eine Frauenfrage, sondern auch für die _geistige_ Emanzipation -waren zu längst entschwundenen Zeiten produktive Frauen durch ihre -Leistungen selbst wie männliche und weibliche Apologeten des weiblichen -Geschlechtes durch theoretische Darlegungen tätig. So ist denn jener -Glaube ganz irrig, der dem Kampfe der Frauenrechtlerinnen so viel -Eifer und Frische verliehen hat, daß bis auf die letzten Jahre die -Frauen noch nie Gelegenheit zur ungestörten Entfaltung ihrer geistigen -Entwicklungsmöglichkeiten gehabt hätten. Jakob _Burckhardt_ erzählt -von der Renaissance: »Das Ruhmvollste, was damals von den großen -Italienerinnen gesagt wird, ist, daß sie einen männlichen Geist, ein -männliches Gemüt hätten. Man braucht nur die völlig männliche Haltung -der meisten Weiber in den Heldengedichten, zumal bei Bojardo und -Ariosto, zu beachten, um zu wissen, daß es sich hier um ein bestimmtes -Ideal handelt. Der Titel einer »Virago«, den unser Jahrhundert für ein -sehr zweideutiges Kompliment hält, war damals reiner Ruhm.« Im XVI. -Jahrhundert wurde den Frauen die Bühne freigegeben, es sah die ersten -Schauspielerinnen. »Zu jener Zeit wurde die Frau für fähig gehalten, -gleich den Männern das höchste Maß von Bildung zu erreichen.« Es -ist die Zeit, da ein Panegyrikus nach dem anderen auf das weibliche -Geschlecht erscheint, Thomas _Morus_ seine völlige Gleichstellung mit -dem männlichen verlangt, und _Agrippa von Nettesheim_ die Frauen sogar -hoch über die Männer erhebt. Und jene großen Erfolge des weiblichen -Geschlechtes wurden wieder verloren, die ganze Zeit tauchte unter -in eine Vergessenheit, aus der sie erst das XIX. Jahrhundert wieder -hervorholte. - -Ist es nicht sehr auffallend, daß die Frauenemanzipationsbestrebungen -in der Weltgeschichte in konstanten Intervallen, in gewissen sich -gleich bleibenden zeitlichen Abständen aufzutreten scheinen? - -Im X. Jahrhundert, im XV. und XVI. und jetzt wieder im XIX. und XX. -hat es allem Ermessen nach viel mehr emanzipierte Weiber und eine -stärkere Frauenbewegung gegeben als in den dazwischen liegenden -Zeiten. Es wäre voreilig, hierauf schon eine Hypothese zu gründen, -doch muß man immerhin die Möglichkeit ins Auge fassen, daß hier eine -gewaltige Periodizität vorliegt, vermöge deren in regelmäßigen Phasen -mehr Zwittergeburten, mehr Zwischenformen auf die Welt kommen als in -den Intervallen. Bei Tieren sind solche Perioden in verwandten Dingen -beobachtet worden. - -Es wären das unserer Anschauung gemäß Zeiten von minderem -Gonochorismus; und es würde die Tatsache, daß zu gewissen Zeiten -mehr männliche Weiber geboren werden als sonst, als Pendant auf -der Gegenseite verlangen, daß in der gleichen Zeit auch mehr -weibliche Männer auf die Welt gebracht werden. Und dies sehen wir in -überraschendem Maße ebenfalls zutreffen. Der ganze »sezessionistische -Geschmack«, der den großen, schlanken Frauen mit flachen Brüsten und -schmalen Hüften den Preis der Schönheit zuerkennt, ist vielleicht -hierauf zurückzuführen. Die ungeheuere Vermehrung des Stutzertums -wie der Homosexualität in den letzten Jahren kann ihren Grund nur in -einer größeren Weiblichkeit der jetzigen Ära haben. Und nicht ohne -tiefere Ursache sucht der ästhetische wie der sexuelle Geschmack dieses -Zeitalters Anlehnung bei dem der Präraphaeliten. - -Wenn es im organischen Leben solche Perioden gibt, die den -Oszillationen im Leben des einzelnen gleichen, aber sich über -mehrere Generationen hinweg erstrecken, so eröffnet uns dies eine -weitere Aussicht auf das Verständnis so mancher dunkler Punkte -auch in der menschlichen Geschichte, als es die prätentiösen -»Geschichtsauffassungen«, die sich in der jüngsten Zeit so gehäuft -haben, insbesondere die ökonomisch-materialistische Ansicht, anzubahnen -vermocht haben. Sicherlich ist von einer _biologischen_ Betrachtung -auch der menschlichen _Geschichte_ noch unendlich viel Aufschluß in -der Zukunft zu erwarten. Hier soll nur die Nutzanwendung auf den -vorliegenden Fall gesucht werden. - -Wenn es richtig ist, daß zu gewissen Zeiten mehr, zu anderen weniger -hermaphroditische Menschen geboren werden, so wäre als die _Folge_ -dessen vorauszusehen, daß die Frauenbewegung größtenteils _von selbst -sich wieder verlaufen_ und nach längerer Zeit erst wieder zum Vorschein -kommen würde, um wieder unter- und emporzutauchen in einem Rhythmus -ohne Ende. Es würden eben die Frauen, die sich selbst emanzipieren -_wollten_, bald in größerer, bald in weit geringerer Anzahl _geboren_ -werden. - -Von den ökonomischen Verhältnissen, welche auch die sehr weibliche -Frau des kinderreichen Proletariers in die Fabrik oder zur Bauarbeit -drängen können, ist hier natürlich nicht die Rede. Der Zusammenhang -der industriellen und gewerblichen Entwicklung mit der Frauenfrage ist -viel lockerer, als er, besonders von sozialdemokratischen Theoretikern, -gewöhnlich hingestellt wird, und noch viel weniger besteht ein enger -ursächlicher Konnex zwischen den Bestrebungen, die auf die geistige, -und jenen, die auf die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit gerichtet -sind. In Frankreich z. B. ist es, obwohl es drei der hervorragendsten -Frauen hervorgebracht hat, niemals einer Frauen_bewegung_ recht -eigentlich gelungen, Wurzel zu fassen, und doch sind in keinem Lande -Europas so viele Frauen selbständig geschäftlich tätig als eben dort. -Der Kampf um das materielle Auskommen hat also mit dem Kampfe um einen -geistigen Lebensinhalt, wenn wirklich von Seite einer Gruppe von -Frauen ein solcher geführt wird, nichts zu tun und ist scharf von ihm -zu scheiden. - -Die Prognose, welche dieser letzteren Bewegung, der auf dem geistigen -Gebiete, gestellt wurde, war keine erfreuliche; sie ist wohl noch -trostloser als die Aussicht, die man ihr auf den Weg mitgeben könnte, -wenn mit einigen Autoren eine _fortschreitende_ Entwicklung des -Menschengeschlechtes zu _völliger_ sexueller _Differenzierung_, also -einem ausgesprochenen Geschlechts-Dimorphismus entgegen, anzunehmen -wäre. - -Die letztere Meinung scheint mir aus dem Grunde unhaltbar, weil im -Tierreich durchaus nicht eine mit der höheren systematischen Stellung -_zu_nehmende Geschlechtertrennung sich verfolgen läßt. Gewisse -Gephyreen und Rotatorien, viele Vögel, ja selbst unter den Affen noch -der Mandrill tun einen viel stärkeren Gonochorismus kund, als er beim -Menschen, vom morphologischen Standpunkte aus, sich beobachten läßt. -Während aber diese Vermutung eine Zeit voraussagt, wo wenigstens das -_Bedürfnis_ nach der Emanzipation _für immer_ erloschen sein und es nur -mehr komplette Masculina und komplette Feminina geben würde, verurteilt -die Annahme einer periodischen Wiederkehr der Frauenbewegung das -ganze Streben der Frauenrechtlerinnen in grausamster Weise zu einer -schmerzlichen Ohnmacht, es läßt ihr gesamtes Tun unter dem Aspekte -einer Danaidenarbeit erscheinen, deren Erfolge mit der fortschreitenden -Zeit wieder von selbst in das gleiche Nichts zerrinnen. - -Dieses trübe Los könnte der Emanzipation der Frauen gefallen sein, wenn -diese immer weiter ihre Ziele nur im _Sozialen_, in der historischen -Zukunft der _Gattung_ suchte und ihre Feinde blind unter den Männern -und in den von Männern geschaffenen rechtlichen Institutionen wähnte. -Dann freilich müßte das Korps der Amazonen formiert werden, und es wäre -nie ein Dauerndes gewonnen, wenn jenes geraume Zeit nach seiner Bildung -immer wieder sich auflöste. Insoferne bietet die Renaissance und ihr -spurloses Verschwinden den Frauenrechtlerinnen eine Lehre. Die wahre -Befreiung des Geistes kann nicht von einem noch so großen und noch so -wilden Heere gesucht werden, um sie muß das einzelne Individuum für -sich allein kämpfen. Gegen wen? Gegen das, was im eigenen Gemüte sich -dawiderstemmt. _Der größte, der einzige Feind der Emanzipation der Frau -ist die Frau._ - -Dies zu beweisen, ist Aufgabe des zweiten Teiles. - - - - -ZWEITER ODER HAUPTTEIL. - -DIE SEXUELLEN TYPEN. - - - - -I. Kapitel. - -Mann und Weib. - - »All that a man does is physiognomical of him.« - - _Carlyle._ - - -Freie Bahn für die Erforschung alles wirklichen Geschlechtsgegensatzes -ist durch die Erkenntnis geschaffen, daß Mann und Weib nur als -Typen zu erfassen sind und die verwirrende Wirklichkeit, welche den -bekannten Kontroversen immer neue Nahrung bieten wird, allein durch -ein Mischungsverhältnis aus jenen zwei Typen sich nachbilden läßt. -Die einzig realen sexuellen Zwischenformen hat der erste Teil dieser -Untersuchung behandelt, und zwar, wie nun hervorgehoben werden muß, -nach einem etwas schematisierenden Verfahren. Die Rücksichtnahme -auf die allgemein biologische Geltung der entwickelten Prinzipien -führte das dort mit sich. Jetzt, da, noch viel ausschließlicher als -bisher, _der Mensch_ das Objekt der Betrachtung werden soll und die -psychophysiologischen Zuordnungen der introspektiven Analyse zu weichen -sich anschicken, bedarf der universelle Anspruch des Prinzipes der -sexuellen Zwischenstufen einer gewichtigen Restriktion. - -Bei Pflanzen und Tieren ist das Vorkommen des echten Hermaphroditismus -eine gegen jeden Zweifel erhärtete Tatsache. Aber selbst bei den Tieren -scheint oft das Zwittertum mehr eine Juxtaposition der männlichen und -weiblichen Keimdrüse in einem Individuum als ein Ausgeglichensein -beider Geschlechter in demselben, eher ein Zusammensein beider Extreme -denn einen gänzlich neutralen Zustand in der Mitte zwischen denselben -zu bedeuten. Vom _Menschen_ jedoch läßt sich _psychologisch_ mit -vollster Bestimmtheit behaupten, daß er, zunächst wenigstens in einer -und derselben Zeit, _notwendig $entweder$ Mann $oder$ Weib sein muß_. -Damit steht nicht nur im Einklang, daß fast alles, was sich für ein -Masculinum oder Femininum schlechtweg hält, auch sein Komplement für -»_das_ Weib« oder »_den_ Mann« schlechthin ansieht.[12] Es wird jene -Unisexualität am stärksten erwiesen durch die in ihrer theoretischen -Wichtigkeit _kaum zu überschätzende_ Tatsache, daß auch im Verhältnisse -zweier homosexueller Menschen zueinander immer der eine die körperliche -und psychische Rolle des Mannes übernimmt, im Falle längeren Verkehres -auch seinen männlichen Vornamen behält oder einen solchen annimmt, -während der andere die des Weibes spielt, seinen weiblichen Vornamen -entweder bewahrt oder einen solchen sich gibt oder noch öfter -- dies -ist bezeichnend genug -- ihn vom anderen erhält. - -Also es füllt in den sexuellen Relationen zweier Lesbierinnen oder -zweier Urninge immer die eine Person die männliche, die zweite die -weibliche Funktion aus, und dies ist von größter Bedeutung. Das -Verhältnis Mann-Weib erweist sich hier als _fundamental_ an der -_entscheidenden_ Stelle, als etwas, worüber nicht hinauszukommen ist. - -_Trotz allen sexuellen Zwischenformen $ist$ der Mensch am Ende doch -$eines$ von beiden, $entweder$ Mann $oder$ Weib._ Auch in dieser -ältesten empirischen Dualität steckt (nicht bloß anatomisch und -keineswegs im konkreten Falle in regelmäßiger genauer Übereinstimmung -mit dem morphologischen Befunde) eine tiefe Wahrheit, die sich nicht -ungestraft vernachlässigen läßt. - -Hiemit scheint nun ein Schritt gemacht, der von der größten Tragweite -ist, und allem Ferneren so segensreich wie verhängnisvoll werden -kann. Es ist mit einer solchen Anschauung ein _Sein_ statuiert. -Die _Bedeutung_ dieses _Seins_ zu erforschen ist freilich eben die -Aufgabe, welche der ganzen folgenden Untersuchung anheimfällt. Da -aber mit diesem problematischen _Sein_ an die Hauptschwierigkeit der -Charakterologie unmittelbar gerührt ist, wird es gut sein, ehe daß eine -solche Arbeit in naiver Kühnheit begonnen werde, über dieses heikelste -Problem, an dessen Schwelle aller Wagemut bereits stockt, eine kurze -Orientierung zu versuchen. - -Die Hemmnisse, mit denen jedes charakterologische Unternehmen zu -kämpfen hat, sind allein schon wegen der Kompliziertheit des Stoffes -enorme. Oft und oft ereignet es sich, daß der Weg, den man durch -das Waldesdickicht bereits gefunden zu haben glaubt, sich verliert -im undurchdringlichen Gestrüppe, der Faden nicht mehr herauszulösen -ist aus der unendlichen Verfilzung. Das schlimmste aber ist, daß -betreffs der Methode einer systematischen Darstellung des wirklich -entwundenen Stoffes, anläßlich der prinzipiellen Deutung auch -erfolgreicher Anfänge, sich wieder und wieder die ernstesten Bedenken -erheben und gerade der Typisierung sich entgegentürmen. In dem Falle -des Geschlechtsgegensatzes z. B. erwies sich bis jetzt die Annahme -einer Art Polarität der Extreme und unzähliger Abstufungen zwischen -denselben als die einzig brauchbare. Es scheint so auch in den meisten -übrigen charakterologischen Dingen -- auf einige komme ich selbst -noch zu sprechen -- etwas wie Polarität zu geben (was schon der -Pythagoreer _Alkmaion von Kroton_ geahnt hat); und vielleicht wird auf -diesem Gebiete die _Schelling_sche Naturphilosophie noch ganz andere -Genugtuungen erleben als die Auferstehung, welche ein physikalischer -Chemiker unserer Tage ihr bereitet zu haben vermeint. - -Aber ist die Hoffnung berechtigt, durch die Festlegung des Individuums -auf einem bestimmten Punkte in den Verbindungslinien je zweier -Extreme, ja durch unendliche Häufung dieser Verbindungslinien, -durch ein unendlich viele Dimensionen zählendes Koordinatensystem -das Individuum selbst je zu erschöpfen? Verfallen wir nicht, -nur auf einem konkreteren Gebiet, bereits in die dogmatische -Skepsis der _Mach_-_Hume_schen Ich-Analyse zurück, wenn wir die -vollständige Beschreibung des menschlichen Individuums in Form eines -_Rezeptes_ erwarten? Und führt uns da nicht eine Art _Weismann_scher -Determinanten-Atomistik zu einer Mosaik-Psychognomik, nachdem wir uns -von der »Mosaik-Psychologie« eben erst zu erholen beginnen? - -In neuer Fassung stehen wir hier vor dem alten und, wie sich zeigt, -noch immer lebendig zähen Grundproblem: Gibt es ein einheitliches und -einfaches Sein im Menschen, und wie verhält es sich zu der zweifellos -neben ihm bestehenden Vielheit? Gibt es eine Psyche? Und wie verhält -sich die Psyche zu den psychischen Erscheinungen? Man begreift -nun, warum es noch immer keine Charakterologie gibt: Das Objekt -dieser Wissenschaft, der Charakter, ist seiner Existenz nach selbst -problematisch. Das Problem aller Metaphysik und Erkenntnistheorie, -die höchste Prinzipienfrage der Psychologie, ist auch das Problem -der Charakterologie, das Problem »vor aller Charakterologie, -die als Wissenschaft wird auftreten können«. Wenigstens aller -erkenntniskritisch über ihre Voraussetzungen, Ansprüche und Ziele -unterrichteten und aller über Unterschiede im _Wesen_ der Menschen -Belehrung erstrebenden Charakterologie. - -Diese, sei's drum, unbescheidene Charakterologie will mehr sein als -jene »Psychologie der individuellen Differenzen«, deren erneute -Aufstellung als eines Zieles der psychologischen Wissenschaft durch -L. William _Stern_ darum doch eine sehr verdienstvolle Tat war; sie -will mehr bieten als ein Nationale der motorischen und sensorischen -Reaktionen eines Individuums, und darum soll sie nicht gleich zu dem -Tiefstand der übrigen modernen psychologischen Experimentalforschung -herabsinken, als welche sie ja nur eine sonderbare Kombination von -statistischem Seminar und physikalischem Praktikum vorstellt. So -hofft sie mit der reichen seelischen Wirklichkeit, aus deren völligem -Vergessen das Selbstbewußtsein der Hebel- und Schraubenpsychologie -einzig erklärt werden kann, in einem herzlichen Kontakte zu bleiben -und fürchtet nicht, die Erwartungen des nach Aufklärung über sich -selbst dürstenden Studenten der Psychologie durch Untersuchungen über -das Lernen einsilbiger Worte und den Einfluß kleiner Kaffeedosen auf -das Addieren befriedigen zu müssen. So traurig es als Zeichen der -übrigens allgemein dumpf empfundenen prinzipiellen Unzulänglichkeit der -modernen psychologischen Arbeit ist, so begreiflich ist es doch, wenn -angesehene Gelehrte, die sich unter einer Psychologie mehr vorgestellt -haben als eine Empfindungs- und Assoziationslehre, vor der herrschenden -Öde zu der Überzeugung gelangen, Probleme wie das Heldentum oder -die Selbstaufopferung, den Wahnsinn oder das Verbrechen müsse die -reflektierende Wissenschaft auf ewig der Kunst, als dem einzigen Organe -ihres Verständnisses, überlassen und jede Hoffnung aufgeben, nicht sie -besser zu verstehen als jene (das wäre anmaßend einem _Shakespeare_ -oder _Dostojewskij_ gegenüber), wohl aber, sie ihrerseits auch nur -systematisch zu begreifen. - -Keine Wissenschaft muß, wenn sie unphilosophisch wird, so schnell -verflachen wie die Psychologie. Die Emanzipation von der Philosophie -ist der wahre Grund des Verfalles der Psychologie. Gewiß nicht in ihren -Voraussetzungen, aber in ihren Endabsichten hätte die Psychologie -philosophisch bleiben sollen. Sie wäre dann zunächst zu der Einsicht -gelangt, _daß die Lehre von den Sinnesempfindungen mit der Psychologie -direkt überhaupt nichts zu tun hat_. Die empirischen Psychologien von -heutzutage gehen von den Tast- und Gemeinempfindungen aus, um mit der -»Entwicklung eines sittlichen Charakters« zu endigen. Die Analyse der -Empfindungen gehört aber zur Physiologie der Sinne, jeder Versuch, ihre -Spezialprobleme in eine tiefere Beziehung zu dem übrigen Inhalte der -Psychologie zu bringen, muß mißlingen. - -Es ist das Unglück der wissenschaftlichen Psychologie gewesen, -daß sie von zwei Physikern, von _Fechner_ und von _Helmholtz_, am -nachhaltigsten sich hat beeinflussen lassen und so verkennen konnte, -_daß sich zwar die äußere, aber nicht so auch die innere Welt aus -baren Empfindungen zusammensetzt_. Die zwei feinsinnigsten unter -den empirischen Psychologen der letzten Jahrzehnte, William _James_ -und Richard _Avenarius_, sind denn auch die beiden einzigen, die -wenigstens instinktiv gefühlt haben, daß man die Psychologie nicht -mit dem Hautsinn und Muskelsinn anfangen dürfe, während alle übrige -moderne Psychologie mehr oder minder Empfindungskleister ist. _Hier_ -liegt der von _Dilthey_ nicht scharf genug bezeichnete Grund dafür, -daß die heutige Psychologie zu den Problemen, die man als eminent -psychologische sonst zu bezeichnen gewohnt ist, zur Analyse des Mordes, -der Freundschaft, der Einsamkeit u. s. w., _gar nicht gelangt_, ja --- hier verfängt nicht die alte Berufung auf ihre große Jugend -- zu -ihnen gar nicht gelangen _kann_, da sie in einer ganz anderen Richtung -sich bewegt, als in einer, die sie am Ende doch dahin führen könnte. -Darum hat die Losung des Kampfes um eine _psychologische Psychologie_ -in erster Linie zu sein: _Hinaus mit der Empfindungslehre aus der -Psychologie!_ - -Das Unternehmen einer Charakterologie in dem oben bezeichneten weiteren -und tieferen Sinne involviert vor allem den Begriff des _Charakters_ -selbst, als den Begriff eines konstanten einheitlichen Seins. Wie -die schon im 5. Kapitel des I. Teiles zum Vergleich herangezogene -Morphologie die bei allem physiologischen Wechsel gleich bleibende -_Form_ des Organischen behandelt, so setzt die Charakterologie als -ihren Gegenstand ein Gleichbleibendes im psychischen Leben voraus, das -in jeder seelischen Lebensäußerung in analoger Weise nachweisbar sein -muß, und ist so vor allem jener »Aktualitätstheorie« vom Psychischen -entgegengesetzt, die ein Bleibendes schon darum nicht anerkennen mag, -weil sie auf jener empfindungsatomistischen Grundanschauung beruht. - -Der Charakter ist danach nicht etwas hinter dem Denken und Fühlen des -Individuums Thronendes, _sondern etwas, das sich in $jedem$ Gedanken -und $jedem$ Gefühle desselben offenbart_. »Alles, was ein Mensch tut, -ist physiognomisch für ihn.« Wie _jede_ Zelle die Eigenschaften des -_ganzen_ Individuums in sich birgt, so enthält _jede_ psychische Regung -eines Menschen, nicht bloß einzelne wenige »Charakterzüge«, _sein -ganzes Wesen_, von dem nur im einen Momente diese, im anderen jene -Eigentümlichkeit mehr hervortritt. - -Wie es weiter gar keine isolierte Empfindung gibt, sondern stets ein -Blick_feld_ und ein Empfindungsganzes da ist, als das dem Subjekte -gegenüberstehende Objekt, als die _Welt_ des Ichs, von welcher -nur einmal der eine, ein anderes Mal der andere Gegenstand sich -deutlicher abhebt: _so steckt in jedem Augenblicke des psychischen -Lebens der $ganze$ Mensch_, und es fällt nur in jeder Zeiteinheit -der Accent auf einen anderen Punkt seines Wesens. _Dieses überall in -dem psychischen Zustande jedes Augenblickes nachweisbare $Sein$ ist -das Objekt der Charakterologie._ So würde diese erst die notwendige -Ergänzung der bisherigen empirischen Psychologie bilden, die, in -merkwürdigem Gegensatze zu ihrem Namen einer _$Psycho$logie_, bisher -fast ausschließlich den Wechsel im Empfindungsfelde, die Buntheit -der _Welt_, in Betracht gezogen und den Reichtum des Ich ganz -vernachlässigt hat. Damit könnte sie auf die allgemeine Psychologie als -die Lehre von dem Ganzen, das aus der Kompliziertheit des Subjektes -und der Kompliziertheit des Objektes resultiert (die beide aus diesem -Ganzen nur durch eine eigentümliche Abstraktion isoliert werden -konnten), befruchtend und regenerierend wirken. So manche Streitfragen -der Psychologie -- vielleicht sind es gerade die prinzipiellsten -Fragen -- vermag überhaupt nur eine charakterologische Betrachtung zur -Entscheidung zu bringen, indem sie zeigt, _warum_ der eine diese, der -andere jene Meinung verficht, darlegt, weshalb sie differieren, wenn -sie über das gleiche Thema sprechen: daß sie über denselben Vorgang und -denselben psychischen Prozeß aus keinem anderen Grunde verschiedener -Ansicht sind, als weil dieser bei jedem die individuelle Färbung, -die _Note_ seines Charakters erhalten hat. So ermöglicht gerade die -psychologische _Differenzen_lehre erst die _Einigung_ auf dem Gebiete -der _Allgemein_psychologie. - -Das formale Ich wäre das letzte Problem der dynamischen, das material -erfüllte Ich das letzte Problem der statischen Psychologie. Indessen -wird ja bezweifelt, daß es überhaupt Charakter gibt; oder wenigstens -sollte das vom konsequenten Positivismus im Sinne von _Hume_, _Mach_, -_Avenarius_ geleugnet werden. Es ist danach leicht begreiflich, warum -es noch keine Charakterologie gibt als Lehre vom bestimmten Charakter. - -Die Verquickung der Charakterologie mit der Seelenlehre ist aber ihre -schlimmste Schädigung gewesen. Daß die Charakterologie _historisch_ -mit dem Schicksal des Ichbegriffs verknüpft worden ist, gibt allein -noch kein Recht, sie _sachlich_ an dasselbe zu binden. Und nur wer -dogmatisch sich auf den Standpunkt des absoluten Phänomenalismus stellt -und glaubt, dieser allein enthebe aller Beweislasten, die, schon mit -seiner Betretung, von selbst allen anderen Standpunkten aufgebürdet -seien, der wird das _Sein_, das die Charakterologie behauptet, und das -noch durchaus nicht mit einer metaphysischen _Essenz_ identisch ist, -ohne weiteres abweisen. - -Die Charakterologie hat sich gegen zwei schlimme Feinde zu halten. Der -eine nimmt den Charakter als gegeben und leugnet, daß, ebenso wie die -künstlerische Darstellung, die Wissenschaft sich seiner bemächtigen -könne. Der andere nimmt die Empfindungen als das allein Wirkliche an, -Realität und Empfindung sind ihm eins geworden, die Empfindung ist -ihm der Baustein der Welt wie des Ich, und für diesen gibt es keinen -Charakter. Was soll nun die Charakterologie, die Wissenschaft vom -Charakter? »De individuo nulla scientia«, »Individuum est ineffabile«, -so tönt es ihr von der einen Seite entgegen, die am Individuum -festhält; von der anderen, die auf der Wissenschaftlichkeit allein -besteht und nicht »die Kunst als Organ des Lebensverständnisses« -sich gerettet hat, muß sie es wieder und wieder vernehmen, daß die -Wissenschaft nichts wisse vom Charakter. - -Zwischen solchem Kreuzfeuer hätte die Charakterologie sich zu -behaupten. Wen wandelt da nicht die Furcht an, daß sie das Los ihrer -Schwestern teilen, eine ewig unerfüllte Verheißung bleiben werde wie -die Physiognomik, eine divinatorische Kunst wie die Graphologie? - -Auch diese Frage ist eine, welche die späteren Kapitel zu beantworten -werden suchen müssen. Das Sein, welches die Charakterologie behauptet, -ist seiner einfachen oder mehrfachen Bedeutung nach von ihnen zu -untersuchen. Warum diese Frage ganz allgemein gerade mit der Frage nach -dem psychischen Unterschiede der _Geschlechter_ so innig sich berührt, -das wird freilich erst aus ihren letzten Resultaten hervorgehen. - - - - -II. Kapitel. - -Männliche und weibliche Sexualität. - - »Die Frau verrät ihr Geheimnis nicht.« - - _Kant._ - - »Mulier taceat de muliere.« - - _Nietzsche._ - - -Unter Psychologie überhaupt ist gewöhnlich die Psychologie der -Psychologen zu verstehen, und die Psychologen sind ausschließlich -Männer: noch hat man, seit Menschen Geschichte aufzeichnen, nicht von -einem _weiblichen_ Psychologen gehört. Aus diesem Grunde bildet die -Psychologie des Weibes ein Kapitel, welches der Allgemeinpsychologie -nicht anders angehängt wird als die Psychologie des Kindes. Und da -die Psychologie von Männern in regelmäßiger, aber wohl kaum bewußter -ausschließlicher Berücksichtigung des Mannes geschrieben wird, ist die -Allgemeinpsychologie Psychologie der »Männer« geworden, und wird das -Problem einer Psychologie der Geschlechter immer dann erst aufgeworfen, -wenn der Gedanke an eine Psychologie des Weibes auftaucht. So sagt -_Kant_: »In der Anthropologie ist die weibliche Eigentümlichkeit mehr -als die männliche ein Studium für den Philosophen.« Die Psychologie der -Geschlechter wird sich immer decken mit der Psychologie von W. - -Die Psychologie von W jedoch wird ebenfalls nur von Männern -geschrieben. Man kann also mit Leichtigkeit sich auf den Standpunkt -stellen, daß sie wirklich zu schreiben ein Ding der Unmöglichkeit sei, -da sie Behauptungen über fremde Menschen aufstellen müsse, die keine -Verifikation durch deren eigene Beobachtung ihrer selbst erhalten -haben. Gesetzt, W könnte sich selbst je mit der erforderlichen Schärfe -beschreiben, so ist damit noch nicht ausgemacht, ob sie den Dingen, die -uns hauptsächlich interessieren, _dasselbe_ Interesse entgegenbrächte; -ja, und wenn sie selbst noch so genau sich erkennen könnte und wollte --- setzen wir den Fall -- so fragt sich's noch immer, ob sie je -_über_ sich zu reden zu bringen sein würde. Es wird sich im Laufe der -Untersuchung herausstellen, daß diese drei Unwahrscheinlichkeiten auf -eine gemeinsame Quelle in der Natur des Weibes zurückweisen. - -Diese Untersuchung kann nur in dem Anspruch unternommen werden, daß -jemand, ohne selbst Weib zu sein, über das Weib richtige Aussagen zu -machen imstande sei. Es bleibt also jener erste Einwand einstweilen -bestehen, und da seine Widerlegung erst viel später erfolgen kann, -hilft es nichts, wir müssen uns über ihn hinwegsetzen. Nur so viel -will ich bemerken. Noch hat nie -- ist auch dies nur eine Folge der -Unterdrückung durch den Mann? -- beispielsweise eine schwangere Frau -ihre Empfindungen und Gefühle irgendwie, sei es in einem Gedichte, -sei es in Memoiren, sei es in einer gynäkologischen Abhandlung, zum -Ausdruck gebracht; und Folge einer übergroßen Schamhaftigkeit kann das -nicht sein, denn -- _Schopenhauer_ hat hierauf mit Recht hingewiesen -- -es gibt nichts, was einer schwangeren Frau so fern läge wie die Scham -über ihren Zustand. Außerdem bestünde ja an sich die Möglichkeit, nach -dem Ende der Schwangerschaft aus der Erinnerung über das psychische -Leben zu jener Zeit zu beichten; wenn dennoch das Schamgefühl damals -von Mitteilung zurückgehalten hätte, so entfiele ja nachher dieses -Motiv, und das Interesse, das solchen Eröffnungen von vielen Seiten -entgegengebracht würde, wäre für viele wohl sonst Grund genug, das -Schweigen zu brechen. Aber nichts von alledem! Wie wir sonst nur -Männern wirklich wertvolle Enthüllungen über die psychischen Vorgänge -im Weibe danken, so haben auch hier bloß Männer die Empfindungen der -schwangeren Frau geschildert. Wie vermochten sie das? - -Wenn auch in jüngster Zeit die Aussagen von Dreiviertel- und -Halbweibern über ihr psychisches Leben sich mehren, so erzählen diese -doch mehr von dem Manne als von dem eigentlichen Weibe in ihnen. Wir -bleiben demnach nur auf eines angewiesen: _auf das, was in den Männern -selbst Weibliches ist_. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen -erweist sich hier in gewissem Sinne als die Voraussetzung jedes -wahren Urteils eines Mannes über die Frau. Doch wird sich später die -Notwendigkeit einer Beschränkung und Ergänzung dieser Bedeutung des -Prinzipes ergeben. Denn es ohne weiteres anwenden, müßte dazu führen, -daß der weiblichste Mann das Weib am besten zu beschreiben in der Lage -sei, und konsequent würde daraus weiter folgen, daß das echte Weib -sich selbst am besten durchschauen könne, was ja eben sehr in Zweifel -gezogen wurde. Wir werden also schon hier darauf aufmerksam, daß ein -Mann Weibliches in bestimmtem Maße in sich haben kann, ohne darum in -gleichem Grade schon eine sexuelle Zwischenform darzustellen. Umso -merkwürdiger erscheint es, daß der Mann gültige Feststellungen über -die Natur des Weibes solle machen können; ja, da wir diese Fähigkeit, -bei der außerordentlichen Männlichkeit vieler offenbar ausgezeichneter -Beurteiler der Frauen, selbst M nicht absprechen zu können scheinen, -bleibt das Recht des Mannes, über die Frau[13] mitzusprechen, ein -desto merkwürdigeres Problem, und wir werden uns der Auflösung des -prinzipiellen methodischen Zweifels an diesem Rechte später um so -weniger entziehen können. Einstweilen betrachten wir jedoch, wie -gesagt, den Einwurf als nicht gemacht und schreiten an die Untersuchung -der Sache selbst. _Worin liegt der wesentliche psychologische -Unterschied zwischen Mann und Weib?_ so fragen wir drauf los. - -Man hat in der größeren Intensität des Geschlechtstriebes beim Manne -diesen Urunterschied zwischen den Geschlechtern erblicken wollen, -aus dem sich alle anderen ableiten ließen. Ganz abgesehen, ob die -Behauptung richtig, ob mit dem Worte »Geschlechtstrieb« ein Eindeutiges -und wirklich Meßbares bezeichnet ist, so steht doch die prinzipielle -Berechtigung einer solchen Ableitung wohl noch sehr in Frage. Zwar -dürfte an allen jenen antiken und mittelalterlichen Theorien über den -Einfluß der »unbefriedigten Gebärmutter« beim Weibe und des »semen -retentum« beim Manne ein Wahres sein, und es hat da nicht erst der -heute so beliebten Phrase bedurft, daß »alles« nur »sublimierter -Geschlechtstrieb« sei. Aber auf die Ahnung so vager Zusammenhänge läßt -sich keine systematische Darstellung gründen. Daß mit größerer oder -geringerer Stärke des Geschlechtstriebes andere Qualitäten ihrem Grade -nach bestimmt sind, ist in keiner Weise sicherzustellen versucht worden. - -Indessen die Behauptung, daß die Intensität des Geschlechtstriebes bei -M größer sei als bei W, ist _an sich falsch_. Man hat ja auch wirklich -das Gegenteil ebenso behauptet: es ist _ebenso falsch_. In Wahrheit -bleibt die Stärke des Bedürfnisses nach dem Sexualakt unter Männern -selbst gleich starker Männlichkeit noch immer verschieden, ebenso, -wenigstens dem Anscheine nach, unter Frauen mit dem gleichen Gehalte an -W. Hier spielen gerade unter den Männern ganz andere Einteilungsgründe -mit, die es mir zum Teil gelungen ist aufzufinden und über die -vielleicht eine andere Publikation ausführlich handeln wird. - -Also in der größeren Heftigkeit des Begattungstriebes liegt, -entgegen vielen populären Meinungen, _kein_ Unterschied der -Geschlechter. Dagegen werden wir einen solchen gewahr, wenn wir -jene zwei analytischen Momente, die Albert _Moll_ aus dem Begriffe -des Geschlechtstriebes herausgehoben hat, einzeln auf Mann und Weib -anwenden: den _Detumescenz-_ und den _Kontrektationstrieb_. Der erste -resultiert aus den Unlustgefühlen durch in größerer Menge angesammelte -reife Keimzellen, der zweite ist das Bedürfnis nach körperlicher -Berührung eines zu sexueller Ergänzung in Anspruch genommenen -Individuums. Während nämlich M beides besitzt, Detumescenz- wie -Kontrektationstrieb, ist bei W ein eigentlicher Detumescenztrieb gar -nicht vorhanden. Dies ist schon damit gegeben, daß im Sexualakte nicht -W an M, sondern nur M an W etwas abgibt: W _behält_ die männlichen wie -die weiblichen Sekrete. Im anatomischen Bau kommt dies ebenfalls zum -Ausdruck in der Prominenz der männlichen Genitalien, die dem Körper des -Mannes den Charakter eines Gefäßes so völlig nimmt. Wenigstens kann -man die Männlichkeit des Detumescenztriebes in dieser morphologischen -Tatsache angedeutet finden, ohne daran sofort eine naturphilosophische -Folgerung zu knüpfen. Daß W der Detumescenztrieb fehlt, wird auch -durch die Tatsache bewiesen, daß die meisten Menschen, die über ⅔ -M enthalten, ohne Ausnahme in der Jugend der Onanie auf längere -oder kürzere Zeit verfallen, einem Laster, dem unter den Frauen nur -die mannähnlichsten huldigen. W selbst ist die Masturbation fremd. -Ich weiß, daß ich hiemit eine Behauptung aufstelle, der schroffe -gegenteilige Versicherungen gegenüberstehen. Doch werden sich die -scheinbar widersprechenden Erfahrungen sofort befriedigend erklären. - -Zuvor jedoch harrt noch der Kontrektationstrieb von W der Besprechung. -Dieser spielt beim Weibe die größte, weil eine alleinige Rolle. Aber -auch von ihm läßt sich nicht behaupten, daß er beim einen Geschlechte -größer sei als beim anderen. Im Begriffe des Kontrektationstriebes -liegt ja nicht die Aktivität in der Berührung, sondern nur das -Bedürfnis nach dem körperlichen Kontakte mit dem Nebenmenschen -überhaupt, ohne daß schon etwas darüber ausgesagt wäre, wer der -berührende und wer der berührte Teil ist. Die Konfusion in diesen -Dingen, indem immer _Intensität des Wunsches_ mit dem _Wunsch nach -Aktivität_ zusammengeworfen wird, rührt von der Tatsache her, daß -M in der ganzen Tierwelt W gegenüber, ebenso mikrokosmisch jeder -tierische und pflanzliche Samenfaden der Eizelle gegenüber stets der -_aufsuchende_ und _aggressive_ Teil ist, und der Irrtum nahe liegt, -ein _unternehmendes Verhalten_ behufs Erreichung eines Zweckes und -den _Wunsch_ nach dessen Erreichung aus einander regelmäßig und in -einer konstanten Proportion folgen zu lassen, und auf eine Abwesenheit -des Bedürfnisses zu schließen, wo sich keine deutlichen motorischen -Bestrebungen zeigen, dieses zu befriedigen. So ist man dazu gekommen, -den Kontrektationstrieb für speziell männlich anzusehen und gerade ihn -dem Weibe abzusprechen. Man versteht aber, daß hier noch sehr wohl -_innerhalb_ des Kontrektationstriebes eine Unterscheidung getroffen -werden muß. Es wird sich fernerhin noch ergeben, daß M in sexueller -Beziehung das Bedürfnis hat, _anzugreifen_ (im wörtlichen _und_ im -übertragenen Sinne), W das Bedürfnis, _angegriffen zu werden_, und es -ist klar, daß das weibliche Bedürfnis, bloß weil es nach Passivität -geht, darum kein geringeres zu sein braucht als das männliche nach der -Aktivität. Diese Distinktionen täten den häufigen Debatten not, welche -immer wieder die Frage aufwerfen, bei welchem Geschlechte der Trieb -nach dem anderen wohl größer sein möge. - -Was man bei der Frau als Masturbation bezeichnet hat, entspringt -aus einer anderen Ursache als aus dem Detumescenztriebe. W ist, und -damit kommen wir auf einen wirklichen Unterschied zum ersten Male zu -sprechen, _sexuell viel erregbarer als der Mann_; seine _physiologische -Irritabilität_ (nicht Sensibilität) ist, was die Sexualsphäre anlangt, -eine viel stärkere. Die Tatsache dieser leichten sexuellen Erregbarkeit -kann sich bei der Frau entweder im _Wunsche_ nach der sexuellen -Erregung offenbaren oder in einer eigentümlichen, sehr reizbaren, -ihrer selbst, wie es scheint, keineswegs sicheren und darum unruhigen -und heftigen _Scheu_ vor der Erregung durch Berührung. Der Wunsch -nach der sexuellen Excitation ist insoferne ein wirkliches Zeichen -der leichten Erregbarkeit, als dieser Wunsch nicht etwa einer jener -Wünsche ist, welchen das in der Natur eines Menschen selbst gegründete -_Schicksal_ nie Erfüllung gewähren kann, sondern im Gegenteile die hohe -Leichtigkeit und Willigkeit der Gesamtanlage bedeutet, in den Zustand -der sexuellen Erregtheit überzugehen, der vom Weibe möglichst intensiv -und möglichst perpetuierlich ersehnt wird und nicht, wie beim Manne, -mit der in der Kontrektation erreichten Detumescenz ein natürliches -Ende findet. Was man für Onanie des Weibes ausgegeben hat, sind nicht -wie beim Manne Akte mit der immanierenden Tendenz, den Zustand der -sexuellen Erregtheit aufzuheben; es sind vielmehr lauter Versuche, ihn -herbeizuführen, zu steigern und zu prolongieren. -- Aus der Scheu vor -der sexuellen Erregung, einer Scheu, deren Analyse einer Psychologie -der Frau eine keineswegs leichte, vielleicht sogar die schwierigste -Aufgabe stellt, läßt sich desgleichen mit Sicherheit auf eine große -Schwäche in dieser Beziehung schließen. - -Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet für die Frau nur die -höchste Steigerung ihres Gesamtdaseins. _Dieses ist immer und durchaus -sexuell. W geht im Geschlechtsleben, in der Sphäre der Begattung -und Fortpflanzung, d. i. im Verhältnisse zum Manne und zum Kinde, -vollständig auf_, sie wird von diesen Dingen in ihrer Existenz -vollkommen ausgefüllt, während M _nicht nur_ sexuell ist. Hier liegt -also in Wirklichkeit jener Unterschied, den man in der verschiedenen -_Intensität_ des Sexualtriebes zu finden suchte. Man hüte sich also -vor einer Verwechslung der _Heftigkeit_ des sexuellen Begehrens -und der Stärke der sexuellen Affekte mit der _Breite_, in welcher -geschlechtliche Wünsche und Besorgnisse den männlichen oder weiblichen -Menschen ausfüllen. _Bloß die größere Ausdehnung der Sexualsphäre über -den ganzen Menschen bei W_ bildet einen spezifischen Unterschied von -der schwersten Bedeutung zwischen den geschlechtlichen Extremen. - -Während also W von der Geschlechtlichkeit gänzlich ausgefüllt und -eingenommen ist, kennt M noch ein Dutzend anderer Dinge: Kampf -und Spiel, Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft, -Geschäft und Politik, Religion und Kunst. Ich rede nicht davon, ob -es einmal anders war; das soll uns wenig bekümmern; damit ist es wie -mit der Judenfrage: man sagt, die Juden seien erst das geworden, was -sie sind und einmal ganz anders gewesen. Mag sein: doch das wissen -wir hier nicht. Wer der Entwicklung so viel zutraut, mag immerhin -daran glauben; bewiesen ist von jenen Dingen nichts, gegen die eine -historische Überlieferung steht da immer gleich eine andere. Aber -wie heute die Frauen sind, darauf kommt es an. Und stoßen wir auf -Dinge, die unmöglich von außen in ein Wesen können hineinverpflanzt -worden sein, so werden wir getrost annehmen, daß dieses sich von jeher -gleich geblieben ist. Heute nun zumindest ist eines sicher richtig: W -befaßt sich, eine scheinbare Ausnahme (Kapitel 12) abgerechnet, mit -außergeschlechtlichen Dingen nur für den Mann, den sie liebt, oder um -des Mannes willen, von dem sie geliebt sein möchte. Ein Interesse für -diese Dinge _an sich_ fehlt ihr vollständig. Es kommt vor, daß eine -echte Frau die lateinische Sprache lernt; dann ist es aber nur, um etwa -ihren Sohn, der das Gymnasium besucht, auch hierin noch unterstützen -und überwachen zu können. Lust aber an einer Sache und Talent zu -ihr, das Interesse für sie und die Leichtigkeit ihrer Aneignung sind -einander stets proportional. Wer keine Muskeln hat, hat auch keine -Lust zum Hanteln und Stemmen; nur wer Talent zur Mathematik hat, wird -sich ihrem Studium zuwenden. Also scheint selbst das _Talent_ im -echten Weibe seltener oder weniger intensiv zu sein (obwohl hierauf -wenig ankommt: die Geschlechtlichkeit wäre ja auch im gegenteiligen -Falle zu stark, um andere ernstgemeinte Beschäftigung zuzulassen); und -darum mangelt es wohl auch beim Weibe an den Bedingungen zur Bildung -interessanter Kombinationen, die beim Manne eine Individualität wohl -nicht ausmachen, aber modellieren können. - -Dem entsprechend sind es ausschließlich weiblichere Männer, die in -einem fort hinter den Frauenzimmern her sind und an nichts Interesse -finden als an Liebschaften und an geschlechtlichem Verkehre. Doch -soll hiemit keineswegs das Don Juan-Problem erledigt, oder auch nur -ernstlich berührt sein. - -_W ist nichts als Sexualität, M ist sexuell und noch etwas -darüber._ Dies zeigt sich besonders deutlich in der so gänzlich -verschiedenen Art, wie Mann und Weib ihren Eintritt in die Periode -der Geschlechts_reife_ erleben. Beim Manne ist die Zeit der Pubertät -immer krisenhaft, er fühlt, daß ein Fremdes in sein Dasein tritt, -etwas, das zu seinem bisherigen Denken und Fühlen hinzukommt, ohne -daß er es _gewollt_ hat. Es ist die physiologische Erektion, über -die der Wille keine Gewalt hat; und die erste Erektion wird darum -von jedem Manne rätselhaft und beunruhigend empfunden, sehr viele -Männer erinnern sich ihrer Umstände ihr ganzes Leben lang mit -größter Genauigkeit. Das Weib aber findet sich nicht nur leicht in -die Pubertät, es fühlt sein Dasein von da ab sozusagen potenziert, -seine eigene Wichtigkeit unendlich erhöht. Der Mann hat als Knabe -gar kein Bedürfnis nach der _sexuellen_ Reife; die Frau erwartet -bereits als ganz junges Mädchen von dieser Zeit _alles_. Der Mann -begleitet die Symptome seiner körperlichen Reife mit unangenehmen, -ja feindlichen und unruhigen Gefühlen, die Frau verfolgt in höchster -Gespanntheit, mit der fieberhaftesten, ungeduldigsten Erwartung ihre -somatische Entwicklung während der Pubertät. Dies beweist, daß die -Geschlechtlichkeit des Mannes nicht auf der geraden Linie seiner -Entwicklung liegt, während bei der Frau nur eine ungeheuere Steigerung -ihrer _bisherigen_ Daseinsart eintritt. Es gibt wenig Knaben dieses -Alters, welche den Gedanken, daß sie sich verlieben oder heiraten -würden (heiraten überhaupt, nicht im Hinblick auf ein bestimmtes -Mädchen), nicht höchst lächerlich finden und indigniert zurückweisen; -indes die kleinsten Mädchen bereits auf die Liebe und die Heirat -überhaupt wie auf die Vollendung ihres Daseins erpicht zu sein -scheinen. Darum wertet die Frau bei sich selbst und bei anderen Frauen -nur die Zeit der Geschlechtsreife positiv; zur Kindheit wie zum Alter -hat sie kein rechtes Verhältnis. Der Gedanke an ihre Kindheit ist ihr -später nur ein Gedanke an ihre Dummheit, der Aspekt, unter dem sich ihr -das eigene Alter im voraus darstellt, ist Angst und Abscheu. Aus der -Kindheit werden durch eine positive Bewertung von ihrem Gedächtnis nur -die sexuellen Momente herausgehoben, und auch diese sind im Nachteile -gegenüber den späteren unvergleichlich höheren Intensifikationen ihres -Lebens -- welches eben ein Sexualleben ist. Die Brautnacht endlich, -der Moment der Defloration, ist der wichtigste, ich möchte sagen, der -Halbierungspunkt des ganzen Lebens der Frau. Im Leben des Mannes spielt -der erste Koitus im Verhältnis zu der Bedeutung, die er beim anderen -Geschlechte besitzt, überhaupt keine Rolle. - -Die Frau ist _nur_ sexuell, der Mann ist _auch_ sexuell: sowohl -räumlich wie zeitlich läßt sich diese Differenz noch weiter ausspinnen. -Die Punkte seines Körpers, von denen aus der Mann geschlechtlich erregt -werden kann, sind gering an Zahl und streng lokalisiert. Beim Weibe -ist die Sexualität diffus ausgebreitet über den ganzen Körper, jede -Berührung, an welcher Stelle immer, erregt sie sexuell. Wenn also im -zweiten Kapitel des ersten Teiles die bestimmte sexuelle Charakteristik -des _ganzen_ männlichen wie des _ganzen_ weiblichen Körpers behauptet -wurde, so ist dies nicht so zu verstehen, als bestünde von jedem Punkte -aus die Möglichkeit gleichmäßiger sexueller Reizung beim Manne ebenso -wie beim Weibe. Freilich gibt es auch bei der Frau lokale Unterschiede -in der Erregbarkeit, aber es sind hier nicht wie beim Manne alle -übrigen körperlichen Partien gegen den Genitaltrakt scharf geschieden. - -Die morphologische Abhebung der männlichen Genitalien vom Körper des -Mannes könnte abermals als symbolisch für dieses Verhältnis angesehen -werden. - -Wie die Sexualität des Mannes _örtlich_ gegen Asexuelles in -ihm hervortritt, so findet sich dieselbe Ungleichheit auch in -seinem Verhalten zu verschiedenen _Zeiten_ ausgeprägt. Das Weib -ist _fortwährend_, der Mann nur _intermittierend_ sexuell. Der -Geschlechtstrieb ist beim Weibe immer vorhanden (über jene scheinbaren -Ausnahmen, welche man gegen die Geschlechtlichkeit des Weibes stets ins -Feld führt, wird noch sehr ausführlich zu handeln sein), beim Manne -_ruht_ er immer längere oder kürzere Zeit. Daraus erklärt sich nun auch -der _eruptive_ Charakter des männlichen Geschlechtstriebes, der diesen -so viel auffallender erscheinen läßt als den weiblichen und zu der -Verbreitung des Irrtumes beigetragen hat, daß der Geschlechtstrieb des -Mannes intensiver sei als der des Weibes. Der wahre Unterschied liegt -hier darin, daß für M der Begattungstrieb sozusagen ein pausierendes -Jucken, für W ein unaufhörlicher Kitzel ist. - -Die ausschließliche und kontinuierliche Sexualität des Weibes in -körperlicher und psychischer Hinsicht hat nun aber noch weiterreichende -Folgen. Daß die Sexualität nämlich beim Manne nur einen Appendix und -nicht alles ausmacht, ermöglicht dem Manne auch ihre _psychologische_ -Abhebung von einem Hintergrunde und somit ihr _Bewußtwerden_. So kann -sich der Mann seiner Sexualität gegenüberstellen und sie losgelöst -von anderem in Betracht ziehen. Beim Weibe kann sich die Sexualität -nicht durch eine zeitliche Begrenzung ihrer Ausbrüche noch durch -_ein_ anatomisches Organ, in dem sie äußerlich sichtbar lokalisiert -ist, _ab_heben von einer _nicht_sexuellen Sphäre. Darum _weiß_ der -Mann um seine Sexualität, während die Frau sich ihrer Sexualität -schon darum gar nicht bewußt werden und sie somit in gutem Glauben in -Abrede stellen kann, _weil sie nichts ist als Sexualität, weil sie -die Sexualität selbst ist_, wie in Antizipation späterer Darlegungen -gleich hinzugefügt werden mag. Es fehlt den _Frauen_, weil sie -_nur_ sexuell sind, die zum _Bemerken_ der Sexualität wie zu allem -Bemerken notwendige _Zweiheit_; indessen sich beim stets mehr als -bloß sexuellen _Manne_ die Sexualität nicht nur anatomisch, sondern -auch _psychologisch_ von allem anderen abhebt. Darum besitzt er die -Fähigkeit, zur Sexualität selbständig in ein Verhältnis zu treten; er -kann sie, wenn er sich mit ihr auseinandersetzt, in Schranken weisen -oder ihr eine größere Ausdehnung einräumen, er kann sie negieren oder -bejahen: zum Don Juan wie zum Heiligen sind die Möglichkeiten in ihm -vorhanden, er kann die eine oder die andere von beiden ergreifen. Grob -ausgedrückt: der Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau. - -Es ist hiemit als wahrscheinlich deduziert, daß der Mann seiner -Sexualität sich bewußt werde und ihr selbständig gegenübertrete, -während der Frau die Möglichkeit dazu abzugehen scheint; und zwar -beruft sich diese Begründung auf eine größere Differenziertheit im -Manne, in dem Sexuelles _und_ Asexuelles auseinandergetreten sind. Die -Möglichkeit oder Unmöglichkeit, einen bestimmten einzelnen Gegenstand -zu ergreifen, liegt aber nicht in dem Begriffe, den man mit dem -Worte Bewußtsein gewöhnlich verbindet. Dieser scheint vielmehr zu -inkludieren, daß, _wenn_ ein Wesen Bewußtsein hat, es _jedes_ Objekt zu -dessen Inhalt machen könne. Es erhebt sich also hier die Frage nach der -_Natur des weiblichen Bewußtseins überhaupt_, und die Erörterungen über -dieses Thema werden uns erst auf einem langen Umweg zu jenem hier so -flüchtig gestreiften Punkte wieder zurückführen. - - - - -III. Kapitel. - -Männliches und weibliches Bewußtsein. - - -Bevor auf einen Hauptunterschied des psychischen Lebens der -Geschlechter, soweit dieses die Dinge der Welt zu seinen Inhalten -macht, näher eingegangen werden kann, müssen einige psychologische -Sondierungen vorgenommen und einige Begriffe festgelegt werden. Da die -Anschauungen und Prinzipien der herrschenden Psychologie ohne Rücksicht -auf dieses spezielle Thema sich entwickelt haben, so wäre es ja nur zu -verwundern, wenn ihre Theorien ohne weiteres auf dessen Gebiet sich -anwenden ließen. Zudem gibt es heute noch keine _Psychologie_, sondern -bis jetzt nur _Psychologien_; und der Anschluß an eine bestimmte -Schule, um, nur unter Zugrundelegung ihrer Lehrmeinungen, das ganze -Thema zu behandeln, trüge wohl viel mehr den Charakter der Willkür an -sich als das hier einzuschlagende Verfahren, welches, in möglichstem -Anschluß an bisherige Errungenschaften, doch die Dinge, soweit als -nötig, von neuem in Selbständigkeit ergründen will. - -Die Bestrebungen nach einer vereinheitlichenden Betrachtung des ganzen -Seelenlebens, nach seiner Zurückführung auf einen einzigen Grundprozeß -haben in der empirischen Psychologie vor allem in dem Verhältnis sich -geoffenbart, das von den einzelnen Forschern zwischen _Empfindungen_ -und _Gefühlen_ angenommen wurde. _Herbart_ hat die Gefühle aus den -Vorstellungen abgeleitet, _Horwicz_ hingegen aus den Gefühlen erst -die Empfindungen sich entwickeln lassen. Die führenden modernen -Psychologen haben die Aussichtslosigkeit dieser monistischen Bemühungen -hervorgehoben. Dennoch lag diesen ein Wahres zu Grunde. - -Man muß, um dieses Wahre zu finden, eine Unterscheidung zu treffen -nicht unterlassen, welche, so nahe sie zu liegen scheint, in der -heutigen Psychologie merkwürdigerweise gänzlich vermißt wird. Man muß -das erstmalige Empfinden einer Empfindung, das erste Denken eines -Gedankens, das erste Fühlen eines Gefühles selbst auseinanderhalten von -den späteren Wiederholungen desselben Vorganges, bei welchen schon ein -Wiedererkennen erfolgen kann. Für eine Anzahl von Problemen scheint -diese Distinktion, obgleich sie in der heutigen Psychologie leider -nicht gemacht wird, von bedeutender Wichtigkeit. - -Jeder deutlichen, klaren, plastischen _Empfindung_ läuft ursprünglich, -ebenso jedem scharfen, distinkten Gedanken, bevor er _zum ersten Male_ -in Worte gefaßt wird, ein, freilich oft äußerst _kurzes, Stadium -der Unklarheit voran_. Desgleichen geht jeder noch nicht geläufigen -_Assoziation_ eine mehr oder minder verkürzte Spanne Zeit vorher, -wo bloß ein dunkles Richtungsgefühl nach dem zu Assoziierenden hin, -eine allgemeine Assoziationsahnung, eine Empfindung von Zugehörigkeit -zu etwas anderem vorhanden ist. Verwandte Vorgänge haben besonders -_Leibniz_ sicherlich beschäftigt und gaben, mehr oder weniger gut -beschrieben, Anlaß zu den erwähnten Theorien von Herbart und Horwicz. - -Da man als einfache Grundformen der _Gefühle_ insgemein nur Lust und -Unlust, eventuell noch mit _Wundt_ Lösung und Spannung, Beruhigung -und Erregung ansieht, ist die Einteilung der psychischen Phänomene -in Empfindungen und Gefühle für die Erscheinungen, die in das Gebiet -jener Vorstadien der Klarheit fallen, wie sich bald deutlicher zeigen -wird, zu eng und darum zu ihrer Beschreibung nicht verwendbar. Ich will -daher, um hier scharf zu umgrenzen, die allgemeinste Klassifikation der -psychischen Phänomene benützen, die wohl getroffen werden konnte: es -ist die von _Avenarius_ in »Elemente« und »Charaktere« (der »Charakter« -hat in dieser Bedeutung nichts mit dem _Objekte der Charakterologie_ -gemein). - -_Avenarius_ hat den Gebrauch seiner Theorien weniger durch seine, -bekanntlich vollständig neue, Terminologie erschwert (die sogar viel -Vorzügliches enthält und für gewisse Dinge, die er zuerst bemerkt und -bezeichnet hat, kaum entbehrlich ist); was der Annahme mancher seiner -Ergebnisse am meisten im Wege steht, ist seine unglückliche Sucht, die -Psychologie aus einem gehirnphysiologischen Systeme abzuleiten, _das -er selbst nur aus den psychologischen Tatsachen der inneren Erfahrung_ -(unter äußerlicher Zuziehung der allgemeinsten biologischen Kenntnisse -über das Gleichgewicht zwischen Ernährung und Arbeit) _gewonnen -hatte_. Der psychologische zweite Teil seiner »Kritik der reinen -Erfahrung« war die Basis, auf der sich in ihm selbst die Hypothesen -des physiologischen ersten Teiles aufgebaut hatten; in der Darstellung -kehrte sich das Verhältnis um, und so mutet dieser erste Teil den Leser -an wie eine Reisebeschreibung von Atlantis. Um dieser Schwierigkeiten -willen muß ich den Sinn der Avenariusschen Einteilung, die für meinen -Zweck sich am geeignetsten erwiesen hat, hier kurz darlegen. - -»_Element_« ist für Avenarius das, was in der Schulpsychologie -»Empfindung«, »Empfindungsinhalt« oder »Inhalt« schlechtweg heißt (und -zwar sowohl bei der »Perzeption« als bei der »Reproduktion«), bei -Schopenhauer »Vorstellung«, bei den Engländern sowohl die »impression« -als die »idea«, im gewöhnlichen Leben »Ding, Sache, Gegenstand«: -_gleichviel, ob äußere Erregung eines Sinnesorganes vorhanden ist oder -nicht, was sehr wichtig und neu war_. Dabei ist es, für seine wie für -unsere Zwecke, recht nebensächlich, wo man mit der sogenannten Analyse -Halt macht, ob man den _ganzen_ Baum als »Empfindung« betrachtet oder -nur das einzelne Blatt, den einzelnen Stengel, oder (wobei meistens -stehen geblieben wird) gar nur deren Farbe, Größe, Konsistenz, Geruch, -Temperatur als wirklich »Einfaches« gelten lassen will. Denn man könnte -ja auf diesem Wege noch weiter gehen, sagen, das Grün des Blattes sei -schon Komplex, nämlich Resultante aus seiner Qualität, Intensität, -Helligkeit, Sättigung und Ausdehnung, und brauchte erst diese als -Elemente gelten zu lassen; ähnlich wie es den Atomen oft geht: schon -einmal mußten sie den »Ameren« weichen, jetzt wieder den »Elektronen«. - -Seien also »grün«, »blau«, »kalt«, »warm«, »hart«, »weich«, »süß«, -»sauer« _Elemente_, so ist _Charakter_ nach Avenarius jederlei -»Färbung«, »_Gefühlston_«, mit dem jene auftreten; _und zwar $nicht -nur$_ »angenehm«, »schön«, »wohltuend« und ihre Gegenteile, sondern -auch, was Avenarius zuerst als psychologisch hieher gehörend erkannt -hat, »befremdend«, »zuverlässig«, »unheimlich«, »beständig«, »anders«, -»sicher«, »bekannt«, »tatsächlich«, »zweifelhaft« etc. etc. _Was_ ich -z. B. vermute, glaube, weiß, ist »_Element_«; _daß_ es just _vermutet_ -wird, nicht _geglaubt_, nicht _gewußt_, ist _psychologisch_ (nicht -logisch) ein »_Charakter_«, _in_ welchem das »Element« gesetzt ist. - -Nun gibt es aber ein Stadium im Seelenleben, auf welchem auch diese -umfassendste Einteilung der psychischen Phänomene _noch nicht_ -durchführbar ist, _zu früh kommt_. _Es erscheinen nämlich in ihren -Anfängen alle »Elemente« wie in einem verschwommenen Hintergrunde_, als -eine »rudis indigestaque moles«, _während Charakterisierung (ungefähr -also = Gefühlsbetonung) zu dieser Zeit das Ganze lebhaft umwogt_. -Es gleicht dies dem Prozesse, der vor sich geht, wenn man einem -Umgebungsbestandteil, einem Strauch, einem Holzstoß aus weiter Ferne -sich nähert: den ursprünglichen Eindruck, den man von ihm empfängt, -diesen ersten Augenblick, in dem man noch lange nicht weiß, was -»_es_« eigentlich ist, diesen Moment der ersten stärksten Unklarheit -und Unsicherheit bitte ich zum Verständnis des Folgenden vor allem -festzuhalten. - -_In diesem Augenblicke nun sind »Element« und »Charakter« absolut -ununterscheidbar_ (_untrennbar_ sind sie stets, nach der sicherlich zu -befürwortenden Modifikation, die _Petzoldt_ an _Avenarius'_ Darstellung -vorgenommen hat). In einem dichten Menschengedränge nehme ich z. B. -ein Gesicht wahr, dessen Anblick mir durch die dazwischen wogenden -Massen _sofort_ wieder entzogen wird. Ich habe keine Ahnung, wie dieses -Gesicht aussieht, wäre völlig unfähig, es zu beschreiben oder auch nur -_ein_ Kennzeichen desselben anzugeben; und doch hat es mich in die -lebhafteste Aufregung versetzt, und ich frage in angstvoll-gieriger -Unruhe: wo hab' ich dieses Gesicht nur schon gesehen? - -Erblickt ein Mensch einen Frauenkopf, der auf ihn einen sehr starken -sinnlichen Eindruck macht, für einen »Augenblick«, so vermag er oft -sich selbst gar nicht zu sagen, was er eigentlich gesehen hat, es kann -vorkommen, daß er nicht einmal an die Haarfarbe genau sich zu erinnern -weiß. Bedingung ist immer, daß die Netzhaut dem Objekte, um mich ganz -photographisch auszudrücken, genügend _kurze_ Zeit, _Bruchteile_ einer -Sekunde lang, _exponiert_ war. - -Wenn man sich irgend einem Gegenstande aus weiter Ferne nähert, hat -man stets zuerst nur ganz vage Umrisse von ihm unterschieden; dabei -aber überaus lebhafte Gefühle empfunden, die in dem Maße zurücktreten, -als man eben näher kommt und die Einzelheiten schärfer ausnimmt. (Von -»Erwartungsgefühlen« ist, wie noch ausdrücklich bemerkt werden soll, -hier nicht die Rede.) Man denke an Beispiele, wie an den ersten Anblick -eines aus seinen Nähten gelösten menschlichen Keilbeins; oder an den -mancher Bilder und Gemälde, sowie man einen halben Meter inner- oder -außerhalb der richtigen Distanz Fuß gefaßt hat; ich erinnere mich -speziell an den Eindruck, den mir Passagen mit Zweiunddreißigsteln -aus Beethovenschen Klavierauszügen und eine Abhandlung mit lauter -dreifachen Integralen gemacht haben, ehe ich noch die Noten kannte -und vom Integrieren einen Begriff hatte. Dies eben haben _Avenarius_ -und _Petzoldt_ _übersehen_: daß alles _Hervortreten der Elemente_ -von _einer gewissen Absonderung der Charakterisierung_ (der -Gefühlsbetonung) _begleitet ist_. - -Auch einige von der experimentellen Psychologie festgestellte -Tatsachen kann man zu diesen Ergebnissen der Selbstbeobachtung in -Beziehung bringen. Läßt man im Dunkelzimmer auf ein im Zustande der -Dunkeladaptation befindliches Auge einen momentanen oder äußerst -kurze Zeit währenden _farbigen_ Reiz einwirken, so hat der Beobachter -nur den Eindruck schlechtweg der Erhellung, ohne daß er die nähere -Farbenqualität des Lichtreizes anzugeben vermag; es wird ein »Etwas« -empfunden ohne irgend welche genauere Bestimmtheit, ein »Lichteindruck -überhaupt« ausgesagt; und die präzise Angabe der Farbenqualität ist -selbst noch dann nicht leicht möglich, wenn die Dauer des Reizes -(natürlich nicht über ein gewisses Maß) verlängert wird. - -Ebenso geht aber jeder wissenschaftlichen Entdeckung, jeder technischen -Erfindung, jeder künstlerischen Schöpfung ein verwandtes Stadium der -Dunkelheit voran, einer Dunkelheit wie jener, aus welcher _Zarathustra_ -seine Wiederkunftslehre an das Licht ruft: »Herauf, abgründlicher -Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgengrauen, -verschlafener Wurm: auf, auf! meine Stimme soll dich schon wachkrähen!« --- Der Prozeß in seiner Gänze, von der völligen Wirrnis bis zur -strahlenden Helle, ist in seinem Verlaufe vergleichbar mit der Folge -der Bilder, die man passiv empfängt, wenn von irgend einer plastischen -Gruppe, einem Relief die feuchten Tücher, die es in großer Anzahl -eingehüllt haben, eines nach dem anderen weggenommen werden; bei einer -Denkmalsenthüllung erlebt der Zuschauer ähnliches. Aber auch, wenn ich -mich an etwas erinnere, z. B. an irgend eine einmal gehörte Melodie, -wird dieser Prozeß _wieder_ durchgemacht; freilich oft in äußerst -verkürzter Gestalt und darum schwer zu bemerken. _Jedem_ neuen Gedanken -geht ein solches Stadium des »_Vorgedankens_«, wie ich es nennen -möchte, vorher, wo fließende geometrische Gebilde, visuelle Phantasmen, -Nebelbilder auftauchen und zergehen, »schwankende Gestalten«, -verschleierte Bilder, geheimnisvoll lockende Masken sich zeigen; Anfang -und Ende des ganzen Herganges, den ich in seiner Vollständigkeit kurz -den Prozeß der »_Klärung_« nenne, verhalten sich in gewisser Beziehung -wie die Eindrücke, die ein stark Kurzsichtiger von weit entfernten -Gegenständen erhält mit und ohne die korrigierenden Linsen. - -Und wie im Leben des einzelnen (der vielleicht stirbt, ehe er den -ganzen Prozeß durchlaufen hat), so gehen auch in der Geschichte der -Forschung die »_Ahnungen_« stets den klaren Erkenntnissen voran. -Es ist derselbe Prozeß der Klärung, _auf Generationen verteilt_. -Man denke z. B. an die zahlreichen griechischen und neuzeitlichen -Antizipationen der _Lamarck_schen und _Darwin_schen Theorien, -derentwegen die »Vorläufer« heute bis zum Überdruß belobt werden, an -die vielen Vorgänger von _Robert Mayer_ und _Helmholtz_, an all die -Punkte, wo _Goethe_ und _Lionardo da Vinci_, freilich vielleicht die -vielseitigsten Menschen, den späteren Fortschritt der Wissenschaft -vorweggenommen haben u. s. w., u. s. w. Um solche Vorstadien handelt -es sich regelmäßig, wenn entdeckt wird, dieser oder jener Gedanke -sei gar nicht neu, er stehe ja schon bei dem und dem. -- Auch -bei allen Kunststilen, in der Malerei wie in der Musik, ist ein -ähnlicher Entwicklungsprozeß zu beobachten: vom unsicheren Tasten -und vorsichtigen Balancieren bis zu großen Siegen. -- Ebenso beruht -der gedankliche Fortschritt der Menschheit auch in der Wissenschaft -fast allein auf einer besseren und immer besseren Beschreibung und -Erkenntnis _derselben_ Dinge, es ist der Prozeß der _Klärung, über die -ganze menschliche Geschichte ausgedehnt_. Was wir neues bemerken, es -kommt _daneben_ nicht eigentlich sehr in Betracht. - -Wie viele Grade der Deutlichkeit und Differenziertheit ein -Vorstellungsinhalt durchlaufen kann bis zum völlig distinkten, von -keinerlei Nebel in den Konturen mehr getrübten Gedanken, das kann -man stets beobachten, wenn man einen schwierigen neuen Gegenstand, -z. B. die Theorie der elliptischen Funktionen, durch das Studium -sich anzueignen sucht. Wie viele _Grade des Verstehens_ macht man da -nicht an sich selbst durch (insbesondere in Mathematik und Mechanik), -bis alles vor einem daliegt, in schöner Ordnung, in vollständiger -Disposition, in ungestörter und vollkommener Harmonie der Teile zum -Ganzen, offen dem mühelosen Ergreifen durch die Aufmerksamkeit! Diese -Grade entsprechen den einzelnen Etappen auf dem Wege der Klärung. - -Der Prozeß der Klärung kann auch _retrograd_ verlaufen: von der -völligen Distinktheit bis zur größten Verschwommenheit. Diese -_Umkehrung_ des Klärungsverlaufes ist nichts anderes als der -Prozeß des _Vergessens_, der nur in der Regel über eine längere -Zeit ausgedehnt ist und meist bloß durch Zufall auf dem einen oder -anderen Punkte seines Fortschreitens bemerkt wird. Es verfallen -gleichsam ehedem wohlgebahnte Straßen, für deren Pflege nichts durch -»Reproduktion« geschehen ist; wie aus dem jugendlichen »Vorgedanken« -der in größter Intensität aufblitzende »Gedanke«, so wird aus dem -»Gedanken« der altersschwache »Nachgedanke«: und wie auf einem lange -nicht begangenen Waldweg von rechts und links Gräser, Kräuter, -Stauden hereinzuwuchern beginnen, so verwischt sich Tag für Tag die -deutliche Prägung des Gedankens, der nicht mehr gedacht wird. Hieraus -wird auch eine praktische Regel verständlich, die ein Freund[14] -sehr oft bestätigt gefunden hat: wer irgend etwas _erlernen_ will, -sei es ein Musikstück oder ein Abschnitt aus der Geschichte der -Philosophie, wird im allgemeinen nicht ohne Unterbrechung sich dieser -Aneignungsarbeit widmen können, und jede einzelne Partie des Stoffes -wiederholt durchnehmen müssen. Da fragt es sich nun, wie groß sind am -zweckmäßigsten die Pausen, zwischen dem einen Male und dem nächsten -zu wählen? Es hat sich nun herausgestellt -- und es dürfte allgemein -so sein -- daß mit einer Wiederholung begonnen werden muß, solange -man sich _noch nicht wieder_ für die Arbeit _interessiert_, so lange -man sein Pensum noch halbwegs _zu beherrschen glaubt_. Sowie es -einem nämlich genugsam entschwunden ist, um wieder zu interessieren, -neugierig oder wißbegierig zu machen, sind die Resultate der ersten -Einübung schon zurückgegangen und kann die zweite die erste nicht -gleich verstärken, sondern muß einen guten Teil der Klärungsarbeit von -frischem auf sich nehmen. - -Vielleicht ist im Sinne der Siegmund _Exner_schen Lehre von der -»Bahnung« einer sehr populären Anschauung gemäß, wirklich als der -physiologische Parallelprozeß der Klärung, anzunehmen, daß die -Nervenfasern, eventuell ihre Fibrillen, erst durch (entweder länger -anhaltende oder häufig wiederholte) Affektion für die Reizleitung -_wegsam_ gemacht werden müssen. Ebenso würde natürlich im Falle -des Vergessens das Resultat dieser »Bahnung« rückgängig gemacht, -die durch sie herausgebildeten morphologischen Strukturelemente -im einzelnen Neuron infolge mangelnden Geübtwerdens atrophieren. -Die _Avenarius_sche Theorie den obigen verwandter Erscheinungen -- -_Avenarius_ würde Unterschiede der »Artikulation« oder »Gliederung« in -den Gehirnprozessen (den »unabhängigen Schwankungen des Systems C«) -zur Erklärung dieser Dinge angenommen haben -- überträgt denn doch -wohl zu einfach und wörtlich Eigenschaften der »abhängigen Reihe« -(d. i. des Psychischen) auf die »unabhängige« (physische), als daß -sie speziell der Frage der psychophysischen Zuordnung irgendwie für -förderlich gelten könnte. Dagegen erscheint der Ausdruck »artikuliert«, -»gegliedert« zur Beschreibung des Grades der Distinktheit, mit welchem -die einzelnen psychischen Data gegeben sind, wohl geeignet, und sei -hiemit seine spätere Verwendung für diesen Zweck vorbehalten. - -Der Prozeß der Klärung mußte hier in seinem ganzen Verlauf verfolgt -werden, um Umfang und Inhalt des neuen Begriffes kennen zu lernen; doch -ist für das jetzt Folgende nur das Initialstadium, der Ausgangspunkt -der Klärung, von Wichtigkeit. An den Inhalten, die weiterhin den Prozeß -der Klärung durchmachen, ist, so hieß es, im allerersten Momente, in -dem sie sich präsentieren, auch die _Avenarius_sche Unterscheidung -von »Element« und »Charakter« _noch nicht durchführbar_. Es wird also -derjenige, welcher diese Einteilung für alle Data der _entwickelten_ -Psyche acceptiert, für die Inhalte in jenem Stadium, _wo eine solche -Zweiheit an ihnen noch nicht unterscheidbar ist_, einen eigenen Namen -einzuführen haben. Es sei, ohne alle über den Rahmen dieser Arbeit -hinausgehenden Ansprüche, für psychische Data auf jenem primitivsten -Zustande ihrer Kindheit das Wort »_Henide_« vorgeschlagen (von ἕν, weil -sie noch nicht Empfindung und Gefühl als _zwei_ für die Abstraktion -isolierbare analytische Momente, noch keinerlei Zweiheit erkennen -lassen). - -_Die absolute Henide ist hiebei nur als ein Grenzbegriff zu -betrachten._ Wie oft _wirkliche_ psychische Erlebnisse im _erwachsenen_ -Alter des Menschen einen Grad von Undifferenziertheit erreichen, der -ihnen diesen Namen mit Recht eintrüge, läßt sich so rasch nicht mit -Sicherheit ausmachen; aber die Theorie an sich wird hiedurch nicht -berührt. Eine Henide wird es im allgemeinen genannt werden dürfen, -was, bei verschiedenen Menschen verschieden häufig, im Gespräche zu -passieren pflegt: man hat ein ganz bestimmtes Gefühl, wollte eben -etwas ganz Bestimmtes _sagen_; da bemerkt z. B. der andere etwas, und -»es« ist nun weg, nicht mehr zu erhaschen. Später wird aber durch eine -Assoziation plötzlich etwas reproduziert, von dem man sofort ganz -genau weiß, daß es _dasselbe_ ist, was man früher nicht beim Zipfel -fassen konnte: ein Beweis, daß es _derselbe_ Inhalt war, nur in anderer -_Form_, _auf einem anderen Stadium der Entwicklung_. Die Klärung -erfolgt also nicht nur im Laufe des ganzen individuellen Lebens nach -dieser Richtung hin, sie muß auch für jeden Inhalt wieder von neuem -durchgemacht werden. - -Ich besorge, daß jemand eine nähere Beschreibung dessen verlangen -möchte, was ich mit der Henide eigentlich meine. Wie sehe eine -Henide aus? Das wäre ein völliges Mißverständnis. Es liegt im -Begriffe der Henide, daß sie sich nicht näher beschreiben läßt, als -ein dumpfes Eines; _daß später die Identifikation mit dem völlig -artikulierten Inhalte erfolgt, ist ebenso sicher, wie daß die Henide -dieser artikulierte Inhalt selbst noch nicht ganz ist_, sich von -ihm irgendwie, durch den Grad der Bewußtheit, durch den Mangel an -Reliefierung, durch das Verschmolzensein von Folie und Hauptsache, -durch den Mangel eines »Blickpunktes« im »Blickfelde« unterscheidet. - -Also einzelne Heniden kann man nicht beobachten und nicht beschreiben: -_man kann nur Kenntnis nehmen von ihrem Dagewesensein_. - -Es läßt sich übrigens _prinzipiell_ in Heniden genau so gut denken, -leben wie in Elementen und Charakteren; jede Henide ist ein Individuum -und unterscheidet sich sehr wohl von jeder anderen. Aus später zu -erörternden Gründen ist anzunehmen, daß die Erlebnisse der ersten -Kindheit (und zwar dürfte dies für die ersten 14 Monate ausnahmslos -für das Leben _aller_ Menschen zutreffen) Heniden sind, wenn auch -vielleicht nicht in der absoluten Bedeutung. Doch rücken die -psychischen Geschehnisse der ersten Kindheit wenigstens nie weit aus -der Nähe des Henidenstadiums heraus; für den Erwachsenen indessen -gibt es stets eine Entwicklung vieler Inhalte über jene Stufe empor. -Dagegen ist in der Henide offenbar die Form des Empfindungslebens der -niedersten Bionten, und vielleicht sehr vieler Pflanzen und Tiere zu -sehen. Von der Henide ist _dem Menschen_ die Entwicklung nach einem -vollständig differenzierten, plastischen Empfinden und Denken hin -möglich, wenn auch dieses nur ein nie ganz ihm erreichbares Ideal -darstellt. Während die absolute Henide die Sprache überhaupt noch nicht -gestattet, indem die Gliederung der Rede nur aus der des Gedankens -folgt, gibt es auch auf der höchsten dem Menschen möglichen Stufe des -Intellektes noch Unklares und darum Unaussprechliches. - -Im ganzen also will die Henidentheorie den zwischen Empfindung und -Gefühl um die Würde des höheren Alters geführten Streit schlichten -helfen, und an Stelle der von _Avenarius_ und _Petzoldt_ aus der -Mitte des Klärungsverlaufes herausgegriffenen Notionen »Element« -und »Charakter« eine _entwicklungsgeschichtliche_ Beschreibung des -Sachverhaltes versuchen: auf Grund der fundamentalen Beobachtung, daß -erst mit dem Heraustreten der »Elemente« diese von den »Charakteren« -unterscheidbar werden. Darum ist man zu »Stimmungen« und zu allen -»Sentimentalitäten« nur disponiert, wenn die Dinge sich nicht in -scharfen Konturen darstellen, und ihnen eher ausgesetzt in der Nacht -als am Tage. Wenn die Nacht dem Lichte weicht, wird auch die Denkart -der Menschen eine andere. - -In welcher Beziehung steht nun aber diese Untersuchung zur Psychologie -der Geschlechter? Wie unterscheiden sich -- denn offenbar wurde -zu solchem Zwecke diese längere Grundlegung gewagt -- M und W mit -Rücksicht auf die verschiedenen Stadien der Klärung? - -Darauf ist folgende Antwort zu geben: - -_Der Mann hat die gleichen psychischen Inhalte wie das Weib in -artikulierterer Form; wo sie mehr oder minder in Heniden denkt, dort -denkt er bereits in klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich -ausgesprochene und stets die Absonderung von den Dingen gestattende -Gefühle knüpfen. Bei W sind »Denken« und »Fühlen« eins, ungeschieden, -für M sind sie auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse noch -in Henidenform, wenn bei M längst Klärung eingetreten ist._[15] Darum -ist W sentimental, und kennt das Weib nur die Rührung, nicht die -Erschütterung. - -Der größeren Artikulation der psychischen Data im Manne entspricht -auch die größere Schärfe seines Körperbaues und seiner Gesichtszüge -gegenüber der Weichheit, Rundung, Unentschiedenheit in der echten -weiblichen Gestalt und Physiognomie. Ferner stimmen mit dieser -Anschauung die Ergebnisse der die Geschlechter vergleichenden -Sensibilitätsmessungen überein, die, entgegen der populären Meinung, -bei den _Männern_ eine durchgängig größere Sinnesempfindlichkeit schon -am _Durchschnitt_ ergeben haben und solche Differenzen sicherlich in -noch viel höherem Maße hätten hervortreten lassen, wenn die _Typen_ -in Betracht gezogen worden wären. Die einzige Ausnahme bildet der -Tastsinn: die taktile Empfindlichkeit der Frauen ist feiner als -die der Männer. Das Faktum ist interessant genug, um zur Auslegung -aufzufordern, und eine solche wird auch später versucht werden. Zu -bemerken ist hier noch, daß hingegen die Schmerzsensibilität des -Mannes eine unvergleichlich größere ist als die der Frau, was für -die physiologischen Untersuchungen über den »Schmerzsinn« und seine -Scheidung vom »Hautsinn« von Wichtigkeit ist. - -Schwache Sensibilität wird das Verbleiben der Inhalte in der Nähe des -Henidenstadiums sicherlich begünstigen; geringere Klärung kann aber -nicht als ihre unbedingte Folge dargetan werden, sondern läßt sich -mit ihr nur in einen sehr wahrscheinlichen Zusammenhang bringen. Ein -zuverlässigerer Beweis für die geringere Artikulation des weiblichen -Vorstellens liegt in der größeren _Entschiedenheit im Urteil_ des -Mannes, ohne daß diese _allein_ aus der geringeren Distinktheit des -Denkens beim Weibe sich schon völlig _ableiten_ ließe (vielleicht -weisen beide auf eine gemeinsame tiefere Wurzel zurück). Doch ist -wenigstens dies eine sicher, daß wir, so lange wir dem Henidenstadium -nahe sind, meist nur genau wissen, wie sich eine Sache _nicht_ verhält, -und das wissen wir immer schon lange, bevor wir wissen, _wie_ sie sich -verhält: hierauf, auf einem Besitzen von Inhalten in Henidenform, -beruht wohl auch das, was _Mach_ »instinktive Erfahrung« nennt. Nahe -dem Henidenstadium reden wir noch immer um die Sache herum, korrigieren -uns bei jedem Versuche sie zu bezeichnen und sagen: »Das ist auch noch -nicht das richtige Wort.« Damit ist naturgemäß Unsicherheit im Urteilen -von selbst gegeben. Erst mit vollendeter Klärung wird auch unser -Urteil bestimmt und sicher; _der Urteilsakt selbst setzt eine gewisse -Entfernung vom Henidenstadium voraus_, selbst wenn durch ihn ein -analytisches Urteil, das den geistigen Besitzstand des Menschen nicht -vermehrt, ausgesprochen werden soll. - -Der entscheidende Beweis aber für die Richtigkeit der Anschauung, -welche die Henide W, den differenzierten Inhalt M zuschreibt und -hier einen fundamentalen Gegensatz beider erblickt, liegt darin, -daß, wo immer ein neues Urteil zu fällen und nicht ein schon lange -fertiges einmal mehr in Satzform auszusprechen ist, _daß in solchem -Falle stets W von M die Klärung ihrer dunklen Vorstellungen, $die -Deutung der Heniden erwartet$_. Es wird die in der Rede des Mannes -sichtbar werdende Gliederung seiner Gedanken dort, wo die Frau ohne -helle Bewußtheit vorgestellt hat, _als ein (tertiärer) männlicher -Geschlechtscharakter von ihr geradezu erwartet, gewünscht und -beansprucht, und wirkt auf sie wie ein solcher_. _Hierauf_ bezieht es -sich, wenn so viele Mädchen sagen, sie wünschten nur einen solchen -Mann zu heiraten, oder könnten zumindest nur jenen Mann _lieben_, _der -gescheiter sei als sie_; daß es sie befremden, ja sexuell _abstoßen_ -kann, wenn der Mann dem, was sie sagen, einfach recht gibt und es nicht -gleich besser sagt als sie; kurz und gut, warum eine Frau es eben als -_Kriterium der Männlichkeit_ fühlt, daß der Mann ihr auch geistig -überlegen sei, von dem Manne mächtig angezogen wird, dessen Denken ihr -imponiert, und damit, ohne es zu wissen, das entscheidende Votum gegen -alle Gleichheitstheorien abgibt. - -_M lebt bewußt, W lebt unbewußt._ Zu diesem Schlusse für die Extreme -sind wir nun berechtigt. _W empfängt ihr Bewußtsein von M_: die -Funktion, das Unbewußte bewußt zu machen, ist die sexuelle Funktion -des typischen Mannes gegenüber dem typischen Weibe, das zu ihm im -Verhältnis idealer Ergänzung steht. - -Hiemit ist die Darstellung beim _Problem der Begabung_ angelangt: der -ganze theoretische Streit in der Frauenfrage geht heute fast nur darum, -wer geistig höher veranlagt sei, »die Männer« oder »die Frauen«. Die -populäre Fragestellung erfolgt ohne Typisierung; hier wurden über die -Typen Anschauungen entwickelt, die auf die Beantwortung jener Frage -nicht ohne Einfluß bleiben können. Die Art dieses Zusammenhanges bedarf -jetzt der Erörterung. - - - - -IV. Kapitel. - -Begabung und Genialität. - - -Da über das Wesen der genialen Veranlagung sehr vielerlei an vielen -Orten zu lesen ist, wird es Mißverständnisse verhüten, wenn noch vor -allem Eingehen auf die Sache einige Feststellungen getroffen werden. - -Da handelt es sich zunächst um die Abgrenzung gegen den Begriff des -Talentes. Die populäre Anschauung bringt Genie und Talent fast immer -so in Verbindung, als wäre das erste ein höherer oder höchster Grad -des letzteren, durch stärkste Potenzierung oder Häufung verschiedener -Talente in einem Menschen aus jenem abzuleiten, als gäbe es zumindest -vermittelnde Übergänge zwischen beiden. Diese Ansicht ist vollständig -verkehrt. Wenn es auch vielerlei Grade und verschieden hohe -Steigerungen der Genialität sicherlich gibt, so haben diese Stufen doch -gar nichts zu tun mit dem sogenannten »Talent«. Ein Talent, z. B. das -mathematische Talent, mag jemand von Geburt in außerordentlichem Grade -besitzen; er wird dann die schwierigsten Kapitel dieser Wissenschaft -mit leichter Mühe sich anzueignen imstande sein; aber von Genialität, -was dasselbe ist wie Originalität, Individualität und Bedingung eigener -Produktivität, braucht er darum noch nichts zu besitzen. Umgekehrt gibt -es hochgeniale Menschen, die kein spezielles Talent in besonders hohem -Grade entwickelt haben. Man denke an _Novalis_ oder an _Jean Paul_. -Das Genie ist also keineswegs ein höchster Superlativ des Talentes, es -ist etwas von ihm durch eine ganze Welt Geschiedenes, beide durchaus -heterogener Natur, nicht aneinander zu messen und nicht miteinander -zu vergleichen. Das Talent ist vererbbar, es kann Gemeingut einer -Familie sein (die _Bachs_); das Genie ist nicht übertragbar, es ist -nie generell, sondern stets individuell (_Johann Sebastian_). - -Vielen leicht zu blendenden mittelmäßigen Köpfen, insbesondere aber -den _Frauen_, gilt im allgemeinen geistreich und genial als dasselbe. -Die Frauen haben, wenn auch der äußere Schein für das Gegenteil -sprechen mag, in Wahrheit gar keinen Sinn für das Genie, ihnen gilt -jede Extravaganz der Natur, die einen Mann aus Reih und Glied der -anderen sichtbar hervortreten läßt, zur Befriedigung ihres sexuellen -Ehrgeizes gleich; sie verwechseln den Dramatiker mit dem Schauspieler, -und machen keinen Unterschied zwischen Virtuos und Künstler. So gilt -ihnen denn auch der geistreiche Mensch als der geniale, _Nietzsche_ -als der Typus des Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfällen bloß -jongliert, alles Franzosentum des Geistes, mit wahrer geistiger Höhe -nicht die entfernteste Verwandtschaft. Menschen, die nichts sind als -eben geistreich, sind unfromme Menschen; es sind solche, die, von -den Dingen nicht wirklich erfüllt, an ihnen nie ein aufrichtiges und -tiefes Interesse nehmen, in denen nicht lang und schwer etwas der -Geburt entgegenstrebt. Es ist ihnen nur daran gelegen, daß ihr Gedanke -glitzere und funkle wie eine prächtig zugeschliffene Raute, nicht, daß -er auch etwas beleuchte! Und das kommt daher, weil ihr Sinnen vor allem -die Absicht auf das behält, was die anderen zu eben diesen Gedanken -wohl »sagen« werden -- eine Rücksicht, die durchaus nicht immer -»rücksichtsvoll« ist. Es gibt Männer, die imstande sind, eine Frau, die -sie in keiner Weise anzieht, zu heiraten -- bloß weil sie _den anderen_ -gefällt. Und solche Ehen findet man auch zwischen so manchen Menschen -und ihren Gedanken. Ich denke z. B. an eines lebenden Autors boshafte, -anflegelnde, beleidigende Schreibweise: er glaubt zu brüllen und bellt -doch nur. Leider scheint auch Friedrich _Nietzsche_, in seinen späteren -Schriften (so erhaben er sonst über den Vergleich mit jenem ist), an -seinen Einfällen manchmal vor allem das interessiert zu haben, was -seinem Vermuten nach die Leute recht chokieren mußte. Er _ist_ oft -gerade dort am eitelsten, wo er am rücksichtslosesten _scheint_. Es ist -die Eitelkeit des Spiegels selbst, der von dem Gespiegelten brünstig -Anerkennung erfleht: Sieh, wie gut, wie _rücksichtslos_ ich spiegle! --- In der Jugend, so lange man selbst noch nicht gefestigt ist, -sucht ja wohl ein jeder sich dadurch zu festigen, daß er den anderen -anrempelt; aber leidenschaftlich-aggressiv sind ganz große Männer doch -immer nur aus Not. Nicht sie gleichen dem jungen Fuchs auf der Suche -nach seiner Mensur, nicht sie dem jungen Mädchen, das die neue Toilette -vor allem darum so entzückt, weil ihre »Freundinnen« sich $so$ darüber -ärgern werden. - -Genie! Genialität! Was hat dieses Phänomen nicht bei der Mehrzahl der -Menschen für Unruhe und geistiges Unbehagen, für Haß und Neid, für -Mißgunst und Verkleinerungssucht hervorgerufen, wieviel Unverständnis -und -- wieviel Nachahmungstrieb hat es nicht ans Licht treten lassen! -»Wie er sich räuspert und wie er spuckt ...« - -Leicht trennen wir uns von den Imitationen des Genius, um uns ihm -selbst und seinen echten Verkörperungen zuzuwenden. Aber wahrlich! -Wo hier auch die Betrachtung den Anfang nehmen möge, bei der -unendlichen, ineinanderfließenden Fülle wird immer nur ihre Willkür -den Ausgangspunkt wählen können. Alle Qualitäten, die man als -geniale bezeichnen muß, hängen so innig miteinander zusammen, daß -eine vereinzelte Betrachtung ihrer, die nur allmählich zu höherer -Allgemeinheit aufzusteigen plant, zur denkbar schwierigsten Sache -wird: indem die Darstellung stets zu vorzeitiger Abrundung des Ganzen -verführt zu werden fürchten muß, und sich in der isolierenden Methode -nicht behaupten zu können droht. Alle bisherigen Erörterungen über das -Wesen des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklären -mit lächerlicher Anmaßung das bißchen Wissen auf diesem Gebiete zur -Beantwortung der schwierigsten und tiefsten psychologischen Fragen -für hinreichend. Oder sie steigen von der Höhe eines metaphysischen -Standpunktes _herab_, um die Genialität in ihr System _aufzunehmen_. -Wenn der Weg, der hier eingeschlagen werden soll, nicht zu allen Zielen -_auf einmal_ führt, so liegt dies eben an seiner Natur eines Weges. - -Denken wir daran, um wieviel besser der große Dichter in die Menschen -sich hineinversetzen kann als der Durchschnittsmensch. Man ermesse -die außerordentliche Anzahl der Charaktere, die _Shakespeare_, -die _Euripides_ geschildert haben; oder denke an die ungeheuere -Mannigfaltigkeit der Personen, die in den Romanen _Zolas_ auftreten. -_Heinrich von Kleist_ hat nach der Penthesilea ihr vollendetes -Gegenteil, das Käthchen von Heilbronn geschaffen, _Michel Angelo_ die -Leda und die delphische Sibylle aus seiner Phantasie heraus verkörpert. -Es gibt wohl wenige Menschen, die so wenig darstellende Künstler waren -wie Immanuel _Kant_ und Joseph _Schelling_, und doch sind sie es, die -über die Kunst das Tiefste und Wahrste geschrieben haben. - -Um nun einen Menschen zu erkennen oder darzustellen, muß man ihn -_verstehen_. Um aber einen Menschen zu verstehen, muß man mit ihm -Ähnlichkeit haben, man muß so sein wie er, um seine Handlungen -nachzubilden und würdigen zu können, muß man die psychologischen -Voraussetzungen, die sie in ihm hatten, in sich selbst nachzuerzeugen -vermögen: _einen Menschen verstehen, heißt ihn in sich haben_. Man -muß dem Geist gleichen, den man begreifen will. Darum versteht ein -Gauner nur immer gut den anderen Gauner, ein gänzlich harmloser Mensch -wieder vermag nie jenen, stets nur eine ihm ebenbürtige Gutmütigkeit -zu fassen; ein Poseur erklärt sich die Handlungen des anderen Menschen -fast immer als Posen und vermag einen zweiten Poseur rascher zu -durchschauen als der einfache Mensch, an den der Poseur seinerseits nie -recht zu glauben imstande ist. _Einen Menschen verstehen heißt also: er -selbst sein._ - -Danach müßte aber jeder Mensch sich selbst am besten verstehen, und das -ist gewiß nicht richtig. Kein Mensch kann sich selbst je verstehen, -denn dazu müßte er aus sich selbst herausgehen, dazu müßte das Subjekt -des Erkennens und Wollens Objekt werden können: ganz wie, um das -Universum zu verstehen, ein Standpunkt noch außerhalb des Universums -erforderlich wäre, und einen solchen zu gewinnen, ist nach dem Begriffe -eines Universums nicht möglich. Wer sich selbst verstehen könnte, der -könnte die Welt verstehen. Daß dieser Satz nicht nur vergleichsweise -gilt, sondern ihm eine sehr tiefe Bedeutung innewohnt, wird sich aus -der Darstellung allmählich ergeben. Für den Augenblick ist sicher, daß -man sein tiefstes eigenstes Wesen nicht selbst verstehen kann. Und es -gilt auch wirklich: man wird, wenn man überhaupt verstanden wird, immer -nur von anderen, nie von sich selbst verstanden. Der andere nämlich, -der mit dem ersten eine Ähnlichkeit hat und ihm in anderer Beziehung -doch gar nicht gleich ist, dem kann diese Ähnlichkeit zum Gegenstande -der Betrachtung werden, er kann sich im anderen, oder den anderen in -sich _erkennen_, darstellen, _verstehen_. _Einen Menschen verstehen -heißt also: $auch$ er sein._ - -Der geniale Mensch aber offenbarte sich an jenen Beispielen eben als -der Mensch, welcher ungleich mehr Wesen versteht als der mittelmäßige. -_Goethe_ soll von sich gesagt haben, es gebe kein Laster und kein -Verbrechen, zu dem er nicht die Anlage in sich verspürt, das er nicht -in irgend einem Zeitpunkte seines Lebens vollauf verstanden habe. Der -geniale Mensch ist also komplizierter, zusammengesetzter, reicher; _und -ein Mensch ist um so genialer zu nennen, je mehr Menschen er in sich -vereinigt_, und zwar, wie hinzugefügt werden muß, _je lebendiger_, mit -je größerer _Intensität_ er die anderen Menschen in sich hat. Wenn -das Verständnis des Nebenmenschen nur wie ein schwaches Stümpchen -in ihm brennte, dann wäre er nicht imstande, als großer Dichter in -seinen Helden das Leben einer mächtigen Flamme gleich zu entzünden, -seine Figuren wären ohne Mark und Kraft. Das Ideal gerade von einem -künstlerischen Genius ist es, in allen Menschen zu leben, an alle sich -zu verlieren, in die Vielheit zu _emanieren_; indes der Philosoph alle -anderen _in sich_ wiederfinden, sie zu einer Einheit, die eben immer -nur _seine_ Einheit sein wird, zu _resorbieren_ die Aufgabe hat. - -Diese Proteus-Natur des Genies ist, ebensowenig wie früher die -Bisexualität, als Simultaneität aufzufassen; auch dem größten Genius -ist es nicht gegeben, zu gleicher Zeit, etwa an einem und demselben -Tage, das Wesen aller Menschen zu verstehen. Die umfassendere und -inhaltsvollere Anlage, welche ein Mensch geistig besitzt, kann nur -nach und nach, in allmählicher Entfaltung seines ganzen Wesens sich -offenbaren. Es hat den Anschein, daß auch sie in einem bestimmten -Ablauf gesetzmäßiger _Perioden_ zum Vorschein kommt. Diese Perioden -wiederholen sich aber im Laufe des Lebens nicht in der gleichen Weise, -als wäre jede nur die gewöhnliche Wiederholung der vorhergegangenen, -sondern sozusagen in immer höherer Sphäre; es gibt nicht zwei Momente -des individuellen Lebens, die einander ganz gleichen; und es existiert -zwischen den späteren und den früheren Perioden nur die Ähnlichkeit der -Punkte der höheren mit den homologen der niederen Spiralwindung. Daher -kommt es, daß hervorragende Menschen so oft in ihrer Jugend den Plan zu -einem Werke fassen, nach langer Pause im Mannesalter das Jahre hindurch -nicht vorgenommene Konzept einer Bearbeitung unterziehen und erst im -Greisenalter nach abermaligem Zurückstellen es vollenden: es sind die -verschiedenen Perioden, in die sie abwechselnd treten und die sie stets -mit anderen Gegenständen erfüllen. Diese Perioden existieren bei jedem -Menschen, nur in verschiedener Stärke, mit verschiedener »Amplitüde«. -Da das Genie die meisten Menschen mit der _größten_ Lebendigkeit in -sich hat, _wird die Amplitüde der Perioden um so ausgesprochener sein, -je bedeutender ein Mensch in geistiger Beziehung ist_. Hochstehende -Menschen hören daher meist von Jugend auf von Seiten ihrer Erzieher -den Vorwurf, daß sie fortwährend »von einem Extrem ins andere« fielen. -Als ob sie sich dabei besonders wohl befinden würden! Gerade beim -hervorragenden Menschen nehmen solche Übergänge in der Regel einen -ausgesprochen krisenhaften Charakter an. _Goethe_ hat einmal von der -»wiederholten Pubertät« der Künstler gesprochen. Was er gemeint hat, -hängt innig mit diesem Gegenstande zusammen. Denn gerade die starke -Periodizität des Genies bringt es mit sich, daß bei ihm immer erst auf -sterile Jahre die fruchtbaren und auf sehr produktive Zeiten immer -wieder sehr unfruchtbare folgen -- Zeiten, in denen er von sich nichts -hält, ja von sich _psychologisch_ (nicht logisch) weniger hält _als -von jedem anderen Menschen_: quält ihn doch die Erinnerung an die -Schaffensperiode, und vor allem -- wie _frei_ sieht er sie, die von -solchen Erinnerungen nicht Belästigten, herumgehen! Wie seine Ekstasen -gewaltiger sind als die der anderen, so sind auch seine Depressionen -fürchterlicher. Bei jedem hervorragenden Menschen gibt es solche -Zeiten, kürzere und längere; Zeiten, wo er in völliger Verzweiflung -an sich selbst sein, wo es bei ihm zu Selbstmordgedanken kommen kann, -Zeiten, wo zwar auch eine Menge Dinge ihm auffallen können, und vor -allem eine Menge Dinge sich ansetzen werden für eine spätere Ernte; wo -aber nichts mit dem gewaltigen Tonus der produktiven Periode erscheint, -wo, mit anderen Worten, _der Sturm sich nicht einstellt_; Zeiten, in -denen wohl über solche, die trotzdem fortzuschaffen versuchen, gesagt -wird: »Wie der jetzt herunterkommt!« »Wie der sich völlig ausgegeben -hat!« »Wie der sich selbst kopiert!« etc. etc. - -Auch seine anderen Eigenschaften, nicht bloß ob er überhaupt, -sondern auch der Stoff, in welchem, der Geist, aus welchem heraus er -produziert, sind im genialen Menschen einem Wechsel und einer starken -Periodizität unterworfen. Er ist das eine Mal eher reflektierend und -wissenschaftlich, das andere Mal mehr zu künstlerischer Darstellung -disponiert (_Goethe_); zuerst konzentriert sich sein Interesse auf die -menschliche Kultur und Geschichte, dann wieder auf die Natur (man halte -_Nietzsches_ »Unzeitgemäße Betrachtungen« neben seinen »Zarathustra«); -er ist jetzt mystisch, nachher naiv (solche Beispiele haben in jüngster -Zeit _Björnson_ und _Maurice Maeterlinck_ gegeben). Ja, so groß ist -im hervorragenden Menschen die »Amplitüde« der Perioden, in denen -die verschiedenen Seiten seines Wesens, die vielen Menschen, die in -ihm intensiv leben, aufeinander succedieren, daß diese Periodizität -auch physiognomisch sich deutlich offenbart. Hieraus möchte ich die -auffallende Erscheinung erklären, daß bei begabteren Menschen der -Ausdruck des Antlitzes viel öfter wechselt als bei Unbegabten, ja daß -sie zu verschiedenen Zeiten oft unglaublich verschiedene Gesichter -haben können; man vergleiche nur die von _Goethe_, von _Beethoven_, -von _Kant_, von _Schopenhauer_ aus den verschiedenen Epochen ihres -Lebens erhaltenen Bilder! _Man kann die Zahl der Gesichter, die ein -Mensch hat, geradezu als ein physiognomisches Kriterium seiner Begabung -ansehen._ Menschen, die stets ein und dasselbe Gesicht _völlig_ -unverändert aufweisen, stehen auch intellektuell sehr tief. Hingegen -wird es den Physiognomiker nicht wundern, daß begabtere Menschen, die -auch im Verkehr und Gespräch immer neue Seiten ihres Wesens offenbaren, -über die darum das Nachdenken nicht so bald ein fertiges Urteil -gewinnt, diese Eigenschaft auch durch ihr Aussehen bewahrheiten. - -Man wird vielleicht mit Entrüstung die hier entwickelte _vorläufige_ -Vorstellung vom Genie zurückweisen, weil sie als notwendig postuliere, -daß ein _Shakespeare_ auch die ganze Gemeinheit eines Falstaff, die -ganze Schurkenhaftigkeit eines Jago, die ganze Rohheit eines Caliban in -sich gehabt habe, somit die großen Menschen moralisch erniedrige, indem -sie ihnen das intimste Verständnis auch für alles Verächtliche und -Unbedeutende imputiere. Und es muß zugegeben werden, daß nach dieser -Auffassung die genialen Menschen von den zahlreichsten und heftigsten -Leidenschaften erfüllt und selbst von den widerlichsten Trieben nicht -verschont sind (was übrigens durch ihre Biographien überall bestätigt -wird). - -Aber jener Einwurf ist trotzdem unberechtigt. Dies wird aus der -späteren Vertiefung des Problems noch hervorgehen; einstweilen sei -darauf hingewiesen, daß nur eine oberflächliche Schlußweise ihn als die -notwendige Folgerung aus den bis jetzt dargelegten Prämissen betrachten -kann, die vielmehr allein schon sein Gegenteil mehr als wahrscheinlich -zu machen genügen. _Zola_, der den Impuls zum Lustmord so gut kennt, -hätte trotzdem nie einen Lustmord begangen, und zwar darum, _weil in -ihm selber eben so viel anderes $noch$ ist_. Der wirkliche Lustmörder -ist die Beute seines Antriebes; in seinem Dichter wirkt der ganze -Reichtum seiner vielfältigen Anlage dem Reize entgegen. Er bewirkt, -daß _Zola_ den Lustmörder viel besser als jeder wirkliche Lustmörder -sich selbst _kennen_, daß er aber eben damit ihn _erkennen_ wird, -wenn die Versuchung wirklich an ihn herantreten sollte; und damit -steht er ihr bereits gegenüber, Aug' in Auge, und kann sich ihrer -erwehren. Auf diese Weise wird der verbrecherische Trieb im großen -Menschen _vergeistigt_, zum Künstlermotiv wie bei _Zola_, oder zur -philosophischen Konzeption des »Radikal-Bösen« wie bei _Kant_, darum -führt er ihn nicht zur verbrecherischen _Tat_. - -Aus der Fülle von Möglichkeiten, die in jedem bedeutenden Menschen -vorhanden sind, ergeben sich nun wichtige Konsequenzen, welche zur -Theorie der Heniden, wie sie im vorigen Kapitel entwickelt wurde, -zurückleiten. _Was man in sich hat, $bemerkt$ man eher, als was man -nicht versteht_ (wäre dem anders, so gäb' es keine Möglichkeit, daß -die Menschen miteinander verkehren könnten -- sie wissen meistens gar -nicht, wie _oft sie_ einander mißverstehen); dem Genie, das so viel -mehr _versteht_ als der Dutzendmensch, wird also auch mehr _auffallen_ -als diesem. Der Intrigant wird es leicht bemerken, wenn ein anderer -ihm gleicht; der leidenschaftliche Spieler sofort wahrnehmen, wenn -ein zweiter große Lust zum Spiele verrät, während dies den anderen, -die anders sind, in den meisten Fällen lange entgeht: »der Art ja -versiehst du dich besser«, heißt es in _Wagners_ »Siegfried«. Vom -komplizierteren Menschen aber galt, daß er jeden Menschen besser -verstehen könne als dieser sich selber, vorausgesetzt, daß er dieser -Mensch ist und zugleich noch etwas mehr, _genauer, wenn er diesen -Menschen $und dessen Gegenteil$, alle beide, in sich hat. Die Zweiheit -ist stets die Bedingung des Bemerkens und des Begreifens_; fragen wir -die Psychologie nach der kardinalsten Bedingung des Bewußtwerdens, der -»Abhebung«, so erhalten wir zur Antwort, daß hiefür die notwendige -Voraussetzung der _Kontrast_ sei. Gäbe es nur ein einförmiges Grau, so -hätte niemand ein Bewußtsein, geschweige denn einen Begriff von Farbe; -absolute _Ein_tönigkeit eines Geräusches führt beim Menschen raschen -$Schlaf$ herbei: _Zweiheit (das $Licht$, das die Dinge scheidet und -unterscheidet) ist die Ursache des wachen Bewußtseins._ - -Darum kann niemand sich selbst verstehen, wenn er auch sein ganzes -Leben ununterbrochen über sich nachdächte, und immer nur einen anderen, -dem er zwar ähnlich, aber der er nicht ganz ist, sondern von dessen -Gegenteil er ebensoviel in sich hat wie von ihm selbst. Denn in dieser -Verteilung liegen die Verhältnisse für das Verstehen am günstigsten: -der früher erwähnte Fall _Kleistens_. _Endgültig bedeutet also einen -Menschen verstehen soviel als: ihn $und$ sein Gegenteil in sich haben._ - -Daß sich ganz allgemein stets Gegensatz_paare_ im selben Menschen -zusammenfinden müssen, um ihm das Bewußtwerden auch nur _eines_ -Gliedes von jedem Paare zu gestatten, dafür liefert die Lehre vom -Farbensinn des Auges mehrere physiologische Beweise, von denen ich -nur die bekannte Erscheinung erwähne, daß die Farbenblindheit sich -immer auf _beide_ Komplementärfarben erstreckt; der Rotblinde ist auch -grünblind, und es gibt nur Blaugelbblinde und keinen Menschen, der blau -empfinden könnte, wenn er für gelb unempfänglich wäre. Dieses Gesetz -gilt im Geistigen überall, es ist das Grundgesetz alles Bewußtwerdens. -Zum Beispiel wird, wer immer sehr zum Frohmut, auch zum Umschlag in -Trübsinn eher veranlagt sein als ein stets gleichmäßig Gestimmter; -und wer für jederlei Feinheit und Subtilität so viel Sinn hat wie -_Shakespeare_, auch die ungeschlachteste Derbheit, weil gleichsam als -seine Gefahr, am sichersten empfinden und auffassen. - -Je mehr menschliche Typen und deren Gegensätze ein Mensch in seiner -Person vereinigt, desto weniger wird ihm, da aus dem Verstehen auch das -Bemerken folgt, _entgehen_, was die Menschen treiben und lassen, desto -eher wird er _durchschauen_, was sie fühlen, denken und eigentlich -wollen. _Es gibt keinen genialen Menschen, der nicht ein großer -Menschenkenner wäre_; der bedeutende Mensch blickt einfacheren Menschen -oft im ersten Augenblick bis auf den Grund, und ist nicht selten -imstande, sie sofort völlig zu charakterisieren. - -Nun hat aber unter den meisten Menschen der eine für dies, der andere -für jenes einen nur mehr oder minder einseitig entwickelten Sinn. -Dieser kennt alle Vögel und unterscheidet ihre Stimmen aufs feinste, -jener hat von früh auf einen liebevollen und sicheren Blick für die -Pflanzen; der eine fühlt sich von den übereinandergeschichteten -tellurischen Sedimenten erschüttert (_Goethe_), der andere erschauert -unter der Kälte des nächtigen Fixsternhimmels (_Kant_); manch -einer findet das Gebirge tot und fühlt sich gewaltig nur vom ewig -bewegten Meere angesprochen (_Böcklin_), ein zweiter kann zu dessen -immerwährender Unruhe kein Verhältnis gewinnen und kehrt unter die -erhabene Macht der Berge zurück (_Nietzsche_). So hat jeder Mensch, -auch der einfachste, etwas in der Natur, zu dem es ihn hinzieht, und -für das seine Sinne schärfer werden denn für alles übrige. Wie sollte -nun der genialste Mensch, der, im idealen Falle, diese Menschen alle -in sich hat, mit ihrem Innenleben nicht auch ihre Beziehungen und -Liebesneigungen zur Außenwelt in sich versammeln? So wächst in ihn -die Allgemeinheit nicht nur alles Menschlichen, sondern auch alles -Natürlichen hinein; _er ist der Mensch, der zu den meisten Dingen -im intimsten Rapporte steht_, dem das meiste auffällt, das wenigste -entgeht; der das meiste versteht, und es am tiefsten versteht schon -darum, weil er es mit den vielfältigsten Dingen zu vergleichen und -von den zahlreichsten zu unterscheiden in der Lage ist, am besten zu -messen und am besten zu begrenzen weiß. _Dem genialen Menschen wird -das meiste und all dies am stärksten $bewußt$._ Darum wird zweifellos -auch seine Sensibilität die feinste sein; dies darf man aber nicht, -wie es, in offenbar einseitigem Hinblick auf den Künstler, geschehen -ist, bloß zu Gunsten einer verfeinerten Sinnesempfindung, größerer -Sehschärfe beim Maler (oder beim Dichter), größerer Hörschärfe beim -Komponisten (_Mozart_) auslegen: das Maß der Genialität ist weniger in -der Unterschiedsempfindlichkeit der Sinne, als in der des Geistes zu -suchen; anderseits wird jene Empfindlichkeit oft auch mehr nach innen -gekehrt sein. - -So ist das geniale Bewußtsein am _weitesten_ entfernt vom -Henidenstadium; es hat vielmehr die größte, grellste Klarheit und -Helle. _Genialität offenbart sich hier bereits als eine Art höherer -Männlichkeit; $und darum kann W nicht genial sein$._ Dies ist die -folgerechte Anwendung des im vorigen Kapitel gewonnenen Ergebnisses, -daß M bewußter lebe als W, auf den eigentlichen Ertrag des jetzigen -Kapitels: dieses gipfelt in dem Satze, daß _Genialität identisch -ist mit höherer, weil allgemeinerer Bewußtheit_. Jenes intensivere -Bewußtsein von allem wird aber selbst erst ermöglicht durch die enorme -Zahl von Gegensätzen, die im hervorragenden Menschen beisammen sind. - -_Darum ist zugleich Universalität das Kennzeichen des Genies._ -Es gibt keine Spezialgenies, keine »mathematischen« und keine -»musikalischen Genies«, auch keine »Schachgenies«, _sondern es gibt -$nur$ Universalgenies. Der geniale Mensch läßt sich definieren -als derjenige, der $alles$ weiß, ohne es gelernt zu haben._ Unter -diesem »Alleswissen« sind selbstverständlich nicht die Theorien und -Systematisierungen gemeint, welche die Wissenschaft an den Tatsachen -vorgenommen hat, nicht die Geschichte des spanischen Erbfolgekrieges, -und nicht die Experimente über Diamagnetismus. Aber nicht erst aus dem -Studium der Optik erwächst dem Künstler die Kenntnis der Farben des -Wassers bei trübem und heiterem Himmel, und es bedarf keiner Vertiefung -in eine Charakterologie, um Menschen einheitlich zu gestalten. Denn je -begabter ein Mensch ist, über desto mehr _hat_ er immer _selbständig_ -nachgedacht, zu desto mehr Dingen hat er ein persönliches Verhältnis. - -Die Lehre von den Spezialgenies, die es gestattet, z. B. vom -»Musikgenie« zu reden, das »in allen anderen Beziehungen -unzurechnungsfähig« sei, verwechselt abermals Talent und Genie. Der -Musiker kann, wenn er wahrhaft groß ist, in der Sprache, auf die ihn -die Richtung seines besonderen Talentes weist, genau so universell -sein, genau so die ganze innere und äußere Welt durchmessen wie der -Dichter oder der Philosoph; solch ein Genie war _Beethoven_. Und er -kann in ebenso beschränkter Sphäre sich bewegen wie ein mittelmäßiger -wissenschaftlicher oder künstlerischer Kopf; solch ein Geist war -_Johann Strauß_, den es merkwürdig berührt, ein Genie nennen zu -hören, so schöne Blüten eine lebhafte, aber sehr eng begrenzte -Einbildungskraft in ihm auch getrieben hat. _Es gibt_, um nochmals -darauf zurückzukommen, _vielerlei Talente, aber es gibt nur $eine$ -Genialität_, die ein beliebiges Talent wählen und ergreifen mag, um -in ihm sich zu betätigen. Es gibt etwas, das allen genialen Menschen -als _genialen_ gemeinsam ist, so sehr auch der große Philosoph vom -großen Maler, der große Musiker vom großen Bildhauer, der große -Dichter vom großen Religionsstifter sich sonst unterscheiden mögen. -Das Talent, durch dessen Medium die eigentliche Geistesanlage eines -Menschen sich offenbart, ist viel mehr Nebensache, als man gewöhnlich -glaubt, und wird aus der großen Nähe, aus welcher kunstphilosophische -Betrachtung leider so oft erfolgt, in seiner Wichtigkeit meist weit -überschätzt. Nicht nur die Unterschiede in der Begabung, auch die -Gemütsart und Weltanschauung kehren sich wenig an die Grenzen der -Künste voneinander, diese werden übersprungen, und so ergeben sich dem -vorurteilsloseren Blick oft überraschende Ähnlichkeiten; er wird dann, -statt _innerhalb_ der Musikgeschichte, respektive der Geschichte der -Kunst, der Literatur und Philosophie nach Analogien zu blättern, lieber -ungescheut z. B. _Bach_ mit _Kant_ vergleichen, Karl Maria v. _Weber_ -neben _Eichendorff_ stellen, und _Böcklin_ mit _Homer_ zusammenhalten; -und wenn so die Betrachtung reiche Anregung und große Fruchtbarkeit -gewinnen kann, so wird das auch dem psychologischen Tiefblick -schließlich zugute kommen, an dessen Mangel alle Geschichtsschreibung -von Kunst wie von Philosophie am empfindlichsten krankt. Welche -organischen und psychologischen Bedingungen es übrigens sind, die ein -Genie entweder zum mystischen Visionär oder etwa zum großen Zeichner -werden lassen, das muß als unwesentlich für die Zwecke _dieser_ Schrift -beiseite bleiben. - -_Von jener Genialität aber_, die, bei allen oft sehr tief gehenden -Unterschieden zwischen den einzelnen Genies, eine und dieselbe bleibt -und, nach dem hier aufgestellten Begriffe, überall manifestiert werden -kann, _ist das Weib ausgeschlossen_. Wenn auch die Frage, ob es rein -wissenschaftliche, und ob es bloß handelnde, nicht nur künstlerische -und philosophische Genies geben könne, erst in einem späteren -Abschnitt zur Entscheidung gebracht werden soll: man hat allen Grund, -vorsichtiger zu verfahren mit der Verleihung des Prädikates genial, -als man dies bisher gewesen ist. Es wird sich noch deutlich zeigen: -will man überhaupt vom Wesen der Genialität eine Vorstellung sich -bilden und zu einem Begriffe derselben zu gelangen suchen, so _muß_ -die Frau als ungenial bezeichnet werden; und trotzdem wird niemand der -Darstellung nachsagen dürfen, sie hätte im Hinblick auf das weibliche -Geschlecht irgend einen willkürlichen Begriff erst konstruiert und -ihn nachträglich als das Wesen der Genialität hingestellt, um nur den -Frauen keinen Platz _innerhalb_ derselben gönnen zu müssen. - -Hier kann auf die anfänglichen Betrachtungen des Kapitels -zurückgegriffen werden. Während die Frau der Genialität kein -Verständnis entgegenbringt, außer einem, das sich eventuell an die -Persönlichkeit eines noch lebenden Trägers knüpfte, hat der Mann -jenes tiefe Verhältnis zu dieser Erscheinung an sich, das _Carlyle_ -in seinem noch immer so wenig verstandenen Buche Hero-Worship, -Heldenverehrung, genannt und so schön und hinreißend ausgemalt hat. -In der Heldenverehrung des Mannes kommt abermals zum Ausdruck, daß -_Genialität an die Männlichkeit geknüpft ist, daß sie eine ideale, -potenzierte Männlichkeit vorstellt_[16]; denn das Weib hat kein -originelles, sondern ein ihr vom Manne verliehenes Bewußtsein, sie lebt -unbewußt, der Mann bewußt: am bewußtesten aber der Genius. - - - - -V. Kapitel. - -Begabung und Gedächtnis. - - -Um von der Heniden-Theorie auszugehen, sei folgende Beobachtung -erzählt. Ich notierte gerade, _halb_ mechanisch, die Seitenzahl einer -Stelle aus einer botanischen Abhandlung, die ich später zu exzerpieren -beabsichtigte, als ich etwas in Henidenform dachte. Aber was ich da -dachte, wie ich es dachte, was da an die Tür der Bewußtheit klopfte, -dessen konnte ich mich schon im nächsten Augenblick trotz aller -Anstrengung nicht entsinnen. Aber gerade darum ist dieser Fall -- er -ist typisch -- besonders lehrreich. - -_Je plastischer, je geformter ein Empfindungskomplex ist, desto -eher ist er reproduzierbar._ Deutlichkeit des Bewußtseins ist erste -Bedingung der Erinnerung, der _Intensität_ der Bewußtseinserregung -ist das _Gedächtnis_ an die Erregung proportional. »Das wird mir -unvergeßlich bleiben«, »daran werde ich mein Lebtag denken«, »das kann -mir nie mehr entschwinden« sagt ja der Mensch von Ereignissen, die ihn -heftig aufgeregt haben, von Augenblicken, aus denen er um eine Einsicht -klüger, um eine wichtige Erfahrung reicher geworden ist. Steht also -die Reproduzierbarkeit der Bewußtseinsinhalte im geraden Verhältnis zu -ihrer Gliederung, so ist klar, _daß an die absolute Henide überhaupt -keine Erinnerung möglich sein wird_. - -Da nun die Begabung[17] eines Menschen mit der Artikulation seiner -gesamten Erlebnisse wächst, so wird einer, _je begabter er ist, desto -eher an seine $ganze$ Vergangenheit, an alles, was er je gedacht und -getan, gesehen und gehört, empfunden und gefühlt hat, sich erinnern -können_, mit desto größerer Sicherheit und Lebhaftigkeit wird er -alles aus seinem Leben reproduzieren. _Das universelle Gedächtnis an -alles Erlebte ist darum das sicherste, allgemeinste, am leichtesten -zu ergründende Kennzeichen des Genies._ Es ist zwar eine verbreitete -und besonders unter allen Kaffeehausliteraten beliebte Lehre, daß -_produktive_ Menschen (weil sie _Neues_ schüfen) kein Gedächtnis -hätten: aber offenbar nur, weil darin die einzige Bedingung der -Produktivität liegt, die bei ihnen erfüllt ist. - -Freilich darf man diese große Ausdehnung und Lebendigkeit des -Gedächtnisses beim genialen Menschen, die ich zunächst als eine -Folgerung aus dem Systeme ganz dogmatisch einführe, ohne sie aus -der Erfahrung neu zu begründen, nicht mit dem raschen Vergessen -des gesamten gymnasialen Geschichtsstoffes oder der unregelmäßigen -Verba des Griechischen widerlegen wollen. _Es handelt sich um -das Gedächtnis für das Erlebte, nicht um die Erinnerung an das -Erlernte_; was zu Prüfungszwecken studiert wird, davon wird immer -nur der kleinste Teil behalten, jener Teil, welcher dem speziellen -Talente des Schülers entspricht. So kann ein Zimmermaler ein -besseres Gedächtnis für Farben haben als der größte Philosoph, -der beschränkteste Philologe ein besseres Gedächtnis für die vor -Jahren auswendig gelernten Aoriste als sein Kollege, der vielleicht -ein genialer Dichter ist. Es verrät die ganze Jämmerlichkeit und -Hilflosigkeit der experimentellen Richtung in der Psychologie (noch -mehr aber die Unfähigkeit so vieler Leute, die, mit einem Arsenal von -elektrischen Batterien und Sphygmographiontrommeln im Rücken, gestützt -auf die »Exaktheit« ihrer langweiligen Versuchsreihen, nun in rebus -psychologicis vor allen anderen gehört zu werden beanspruchen), daß -sie das Gedächtnis der Menschen durch Aufgaben, wie das Erlernen von -Buchstaben, mehrzifferigen Zahlen, zusammenhanglosen Worten prüfen -zu können glaubt. An das eigentliche Gedächtnis des Menschen, jenes -Gedächtnis, welches in Betracht kommt, wenn ein Mensch die Summe -seines Lebens zieht, reichen diese Versuche so wenig heran, daß man -sich unwillkürlich zu der Frage gedrängt sieht, ob jene fleißigen -Experimentatoren von der Existenz dieses anderen Gedächtnisses, ja -eines psychischen _Lebens_ überhaupt, etwas wissen. Jene Untersuchungen -stellen die verschiedensten Menschen unter ganz uniformierende -Bedingungen, denen gegenüber nie _Individualität_ sich äußern kann, -sie _abstrahieren_ wie geflissentlich gerade vom Kern des Individuums, -und behandeln es einfach als guten oder schlechten Registrierapparat. -Es liegt ein großer Tiefblick darin, daß im Deutschen »bemerken« und -»merken« aus der nämlichen Wurzel gebildet ist. Nur was _auffällt_, von -selbst, infolge angeborner Beschaffenheit, wird _behalten_. Wessen man -sich erinnert, dafür muß ein ursprüngliches Interesse vorhanden sein, -und wenn etwas vergessen wird, dann war die Anteilnahme an ihm nicht -stark genug. Dem religiösen Menschen werden darum religiöse Lehren, dem -Dichter Verse, dem Zahlenmystiker Zahlen am sichersten und längsten -haften bleiben. - -Und hier kann auf das vorige Kapitel in anderer Weise zurückgegriffen -und die besondere Treue des Gedächtnisses bei hervorragenden Menschen -noch auf einem zweiten Wege _deduziert_ werden. Denn je bedeutender -ein Mensch ist, desto mehr Menschen, desto mehr Interessen sind in ihm -zusammengekommen, desto umfassender also muß sein Gedächtnis werden. -Die Menschen haben im allgemeinen durchaus _gleich_ viel äußere -Gelegenheit zu »perzipieren«, aber die meisten »apperzipieren« von der -unendlichen Menge nur einen unendlich kleinen Teil. Das Ideal von einem -Genie müßte ein Wesen sein, dessen sämtliche »Perzeptionen« ebensoviele -»Apperzeptionen« wären. Ein solches Wesen gibt es nicht. Es ist aber -auch kein Mensch, der nie _ap_perzipiert, sondern immer bloß perzipiert -hätte. Schon darum muß es alle möglichen _Grade_ der Genialität -geben[18]; zumindest ist _kein männliches_ Wesen ganz ungenial. Aber -auch vollkommene Genialität bleibt ein Ideal: _es existiert kein Mensch -ohne alle und kein Mensch mit universaler Apperzeption_ (als welche -man das vollkommene Genie weiter bestimmen könnte). Der Apperzeption -als der Aneignung ist das Gedächtnis als der Besitz, seinem Umfang -wie seiner Festigkeit nach, proportioniert. So führt denn auch eine -ununterbrochene Stufenfolge vom ganz diskontinuierlichen, bloß von -Augenblick zu Augenblick lebenden Menschen, dem kein Erlebnis etwas -_bedeuten_ könnte, weil es auf kein früheres sich würde beziehen -lassen -- einen solchen Menschen gibt es aber nicht -- bis zum -völlig kontinuierlich Lebenden, dem _alles unvergeßlich_ bleibt (so -intensiv wirkt es auf ihn ein und wird von ihm aufgefaßt), _und den -es ebensowenig gibt_: selbst das höchste Genie ist nicht in jedem -Augenblicke seines Lebens »genial«. - -Eine erste Bestätigung dieser Anschauung von dem Zusammenhange zwischen -Gedächtnis und Genialität, wie der Deduktion dieses Zusammenhanges, -die hier versucht wurde, liegt in dem außerordentlichen, die Besitzer -oft selbst verblüffenden _Gedächtnis für scheinbar nebensächliche -Umstände, für Kleinigkeiten_, das begabtere Menschen auszeichnet. Bei -der Universalität ihrer Veranlagung hat nämlich alles eine, ihnen -selbst oft lange unbewußte, _Bedeutung_ für sie; und so bleiben sie -hartnäckig an ihrem Gedächtnisse kleben, prägen sich diesem ganz von -selbst unverlöschbar ein, ohne daß im allgemeinen die geringste Mühe an -die spezielle Erinnerung gewendet oder die Aufmerksamkeit in den Dienst -dieses Gedächtnisses noch besonders gestellt würde. Darum könnte man, -in einem erst später zu erhellenden tieferen Sinne, bereits jetzt den -genialen Menschen als denjenigen bestimmen, der die Redensart nicht -kennt, und weder sich selbst noch anderen gegenüber zu gebrauchen -vermöchte, dies oder jenes Ereignis aus entlegener Zeit sei »gar nicht -mehr wahr«. Es gibt vielmehr für ihn _nichts_, das ihm nicht mehr wahr -wäre, auch wenn, ja vielleicht gerade _weil_ er für alles, was im Laufe -der Zeit anders geworden ist, ein deutlicheres Gefühl hat als alle -anderen Menschen. - -Als das beste Mittel zur objektiven Prüfung der Begabung, der geistigen -Bedeutung eines Menschen läßt sich darum dies empfehlen: man sei -längere Zeit mit ihm nicht beisammen gewesen und fange nun von dem -letzten Zusammensein zu sprechen an, knüpfe das neue Gespräch an die -Gegenstände des letzten. Man wird gleich zu Beginn gewahr werden, wie -lebhaft er dieses aufgenommen, wie nachhaltig es in ihm fortgewirkt -hat, und sehr bald sehen, wie treu er die Einzelheiten bewahrt hat. -Wie vieles unbegabte Menschen aus ihrem Leben vergessen, das kann, wer -Lust hat, zu seiner Überraschung und seinem Entsetzen nachprüfen. Es -kommt vor, daß man mit ihnen vor wenigen Wochen stundenlang beisammen -war: es ist ihnen nun entschwunden. Man kann Menschen finden, mit -denen man vor einigen Jahren acht oder vierzehn Tage lang, zufällig -oder in bestimmten Angelegenheiten, sehr viel zu tun hatte, und die -nach Ablauf dieser Zeit _an nichts mehr_ sich zu erinnern vermögen. -Freilich, wenn man ihnen durch genaue Darstellung alles dessen, worum -es sich handelte, durch Wiederbelebung der Situation in allen ihren -Details, zu Hilfe kommt, so gelingt es immer, falls diese Bemühung -lange genug fortgesetzt wird, zuerst ein schwaches Aufleuchten des -fast völlig Erloschenen und allmählich eine Erinnerung herbeizuführen. -Solche Erfahrungen haben es mir sehr wahrscheinlich gemacht, daß -die theoretisch immer zu machende Annahme, es gebe kein völliges -Vergessen, sich auch empirisch, und zwar nicht bloß durch die Hypnose, -nachweisen lassen dürfte, wenn man nur dem Befragten mit den richtigen -Vorstellungen an die Hand zu gehen weiß. - -_Es kommt also darauf an, daß man einem Menschen aus seinem Leben, -aus dem, was er gesagt oder gehört, gesehen oder gefühlt, getan oder -erlitten hat, möglichst wenig erzählen könne, das er nicht selbst -weiß._ Hiemit ist zum ersten Male ein Kriterium der Begabung gefunden, -welches leichter Überprüfung von seiten anderer zugänglich ist, -_$ohne$ daß schon $schöpferische$ Leistungen des Menschen vorliegen -müssen_. Wie vielfacher Anwendung in der Erziehung es entgegengeht, -mag unerörtert bleiben. Für Eltern und Lehrer dürfte es gleich wichtig -sein. - -Vom Gedächtnisse der Menschen hängt, wie natürlich, auch das Maß -ab, in welchem sie in der Lage sein werden, sowohl Unterschiede als -Ähnlichkeiten zu bemerken. Am meisten wird diese Fähigkeit bei jenen -entwickelt sein, in deren Leben immer die ganze Vergangenheit in die -Gegenwart hineinreicht, bei denen alle Einzelmomente des Lebens zur -Einheit zusammenfließen und aneinander verglichen werden. So kommen -gerade sie am vornehmlichsten in die Gelegenheit, _Gleichnisse_ zu -gebrauchen, _und zwar gerade mit dem Tertium comparationis, auf das es -gerade ankommt_; denn sie werden aus dem Vergangenen immer dasjenige -herausgreifen, was die stärkste Übereinstimmung mit dem Gegenwärtigen -aufweist, indem beide Erlebnisse, das neue und das zum Vergleiche -herangezogene ältere, bei ihnen _artikuliert_ genug dazu sind, um keine -Ähnlichkeit und keinen Unterschied vor ihrem Auge zu verbergen; und -darum eben auch, was längst vorbei ist, gegen den Einfluß der Jahre -hier sich behaupten konnte. Nicht umsonst hat man daher die längste -Zeit in dem Reichtum eines Dichters an schönen und vollkommenen -Gleichnissen und Bildern einen besonderen Vorzug seiner Gattung -erblickt, seine Lieblingsgleichnisse aus dem Homer, aus Shakespeare und -Klopstock immer wieder aufgeschlagen oder bei der Lektüre mit Ungeduld -erwartet. Heute, da Deutschland seit 150 Jahren zum ersten Mal ohne -großen Künstler und ohne großen Denker ist, indes dafür bald niemand -mehr aufzutreiben sein wird, der nicht »geschrieben« hätte, heute -scheint das ganz vorüber; man sucht nach derartigem nicht, man würde -auch nichts finden. Eine Zeit, die in vagen, undeutlich schillernden -Stimmungen ihr Wesen am besten ausgesprochen sieht, deren Philosophie -in mehr als einem Sinne das Unbewußte geworden ist, zeigt zu -offensichtlich, daß nicht ein wahrhaft Großer in ihr lebt; denn Größe -ist Bewußtsein, vor dem der Nebel des Unbewußten schwindet wie vor -den Strahlen der Sonne. Gäbe ein einziger dieser Zeit ein Bewußtsein, -wie gerne würde sie all ihre Stimmungskunst, deren sie sich heute -noch berühmt, dahingeben! -- Erst im vollen Bewußtsein, in welchem -in das Erlebnis der Gegenwart alle Erlebnisse der Vergangenheit in -größter Intensität hineinspielen, findet Phantasie, die Bedingung des -philosophischen wie des künstlerischen Schaffens, eine Stelle. Demgemäß -ist es auch gar nicht wahr, daß die Frauen mehr Phantasie haben als die -Männer. Die Erfahrungen, auf Grund deren man dem Weibe eine lebhaftere -Einbildungskraft hat zusprechen wollen, entstammen sämtlich dem -sexuellen Phantasieleben der Frauen; und die Folgerungen, die allein -mit Recht hieraus gezogen werden könnten, gestatten eine Behandlung in -diesem Zusammenhange noch nicht. - -Die absolute Bedeutungslosigkeit der Frauen in der _Musikgeschichte_ -läßt sich wohl noch auf weit tiefere Gründe zurückführen: doch beweist -sie zunächst den Mangel des Weibes an Phantasie. Denn zur musikalischen -Produktivität gehört unendlich viel mehr Phantasie als selbst das -männlichste Weib besitzt: viel mehr als zu sonstiger künstlerischer -oder wissenschaftlicher Tätigkeit. Nichts Wirkliches in der Natur, -nichts Gegebenes in der sinnlichen Empirie entspricht einem Tonbilde. -Die Musik ist wie ohne Beziehungen zur Erfahrungswelt: es gibt keine -Klänge, keine Accorde, keine Melodien in der Natur, sondern hier hat -erst der Mensch auch die letzten Elemente noch selbständig zu erzeugen. -Jede andere Kunst hat deutlichere Beziehungen zur empirischen Realität -als sie, ja die ihr, was man auch dagegen sagen mag, _verwandte_ -Architektur betätigt sich bis zuletzt an einem Stoffe; obwohl sie -mit der Musik die Eigenschaft teilt, daß sie (vielleicht sogar mehr -noch als diese) von sinnlicher _Nachahmung_ frei ist. Darum ist auch -Baukunst eine durchaus männliche Sache, der weibliche Baumeister eine -fast nur Mitleid weckende Vorstellung. - -Desgleichen rührt die »verdummende« Wirkung der Musik auf schaffende -und ausübende Musiker, von der man öfter sprechen hört (besonders -kommt hier die reine Instrumentalmusik in Betracht), nur davon her, -daß noch der Geruchssinn dem Menschen mehr zur Orientierung in der -Erfahrungswelt dienen kann als der Inhalt eines musikalischen Werkes. -Und eben diese gänzliche Abwesenheit aller Beziehungen zur Welt, die -wir sehen, tasten, riechen können, macht die Musik nicht besonders -geeignet für Äußerungen weiblichen Wesens. Zugleich erklärt diese -Eigenart seiner Kunst, warum der schöpferische Musiker der Phantasie -im allerhöchsten Grade bedarf und warum der Mensch, welchem Melodien -einfallen (ja vielleicht gegen sein Sträuben zuströmen), noch viel -mehr Gegenstand des Staunens seitens der anderen Menschen wird als der -Dichter oder der Bildhauer. Die »weibliche Phantasie« muß wohl eine von -der männlichen gänzlich verschiedene sein, wenn es ihrer ungeachtet -keine Musikerin gibt, welche für die Musikgeschichte auch nur so weit -in Betracht käme, wie etwa _Angelika Kauffmann_ für die Malerei. - -Wo irgend es deutlich auf kraftvolle Formung ankommt, haben die -Frauen nicht die kleinste Leistung aufzuweisen: nicht in der Musik -und nicht in der Architektur, nicht in der Plastik und nicht in der -Philosophie. Wo in vagen und weichen Übergängen des Sentiments noch -ein wenig Wirkung erzielt werden kann, wie in Malerei und Dichtung, -wie in einer gewissen verschwommenen Pseudo-Mystik und Theosophie, -dort haben sie noch am ehesten ein Feld ihrer Betätigung gesucht und -gefunden. -- Der Mangel an Produktivität auf jenen Gebieten hängt also -auch zusammen mit der Undifferenziertheit des psychischen Lebens im -Weibe. Namentlich in der Musik kommt es auf das denkbar artikulierteste -Empfinden an. Es gibt nichts Bestimmteres, nichts Charakteristischeres, -nichts _Eindringlicheres_ als eine _Melodie_, nichts, was unter jeder -Verwischung stärker litte. Deshalb _erinnert_ man sich an Gesungenes um -so viel leichter als an Gesprochenes, an die Arien immer besser als an -die Rezitativen, und kostet der Sprechgesang dem Wagnersänger so viel -Studium. - -Hier mußte darum länger verweilt werden, weil in der Musik nicht wie -anderswo die Ausrede der Frauenrechtler und -Rechtlerinnen gilt: der -Zugang zu ihr sei den Frauen zu kurze Zeit erst freigegeben, als daß -man schon reife Früchte von ihnen fordern dürfe. Sängerinnen und -Virtuosinnen hat es immer, bereits im klassischen Altertum, gegeben. -Und doch ...... - -Auch die schon früher häufige Übung, Frauen malen und zeichnen zu -lassen, hat bereits seit etwa 200 Jahren in erheblichem Maße sich -gesteigert. Man weiß, wie viele Mädchen ohne Not heute zeichnen -und malen lernen. Also auch hier ist lange schon kein engherziger -Ausschluß mehr wahrzunehmen, _äußere_ Möglichkeiten wären reichlich -vorhanden. Wenn trotzdem so wenige Malerinnen für eine Geschichte der -Kunst ernsthaft in Betracht kommen, so dürfte es an den _inneren_ -Bedingungen gebrechen. Die weibliche Malerei und Kupferstecherei kann -eben für die Frauen nur eine Art eleganterer, luxuriöser _Handarbeit_ -bedeuten. Dabei scheint ihnen das sinnliche, körperliche Element der -Farbe eher erreichbar als das geistige, formale der Linie; und dies ist -ohne Zweifel der Grund, daß zwar einige Malerinnen, aber noch keine -Zeichnerin von Ansehen bekannt geworden ist. Die Fähigkeit, einem Chaos -Form geben zu können, ist eben die Fähigkeit des Menschen, dem die -allgemeinste Apperzeption das allgemeinste Gedächtnis verschafft, sie -ist die Eigenschaft des männlichen Genies. - -Ich beklage es, daß ich mit diesem Worte »Genie«, »genial« immerfort -operieren muß, welches, wie erst von einem bestimmten jährlichen -Einkommen ab an den Staat eine gewisse Steuer zu zahlen ist, »die -Genies« als eine bestimmte Kaste streng abgrenzt von jenen, die es gar -nicht sein sollen. Die Bezeichnung »Genie« hat vielleicht gerade ein -Mann erfunden, der sie selbst nur in recht geringem Maße verdiente; den -größeren wird das »Genie-Sein« wohl zu selbstverständlich vorgekommen -sein; sie werden wahrscheinlich lang genug gebraucht haben, um -einzusehen, daß man überhaupt auch nicht »genial« sein könne. Wie -denn _Pascal_ außerordentlich treffend bemerkt: Je origineller ein -Mensch sei, für desto origineller halte er auch die anderen; womit man -_Goethes_ Wort vergleiche: Vielleicht vermag nur der Genius den Genius -ganz zu verstehen. - -Es gibt vielleicht nur sehr wenige Menschen, die gar nie in ihrem Leben -»genial« gewesen sind. Wenn doch, so hat es ihnen vielleicht nur an -der Gelegenheit gemangelt: an der großen Leidenschaft, an dem großen -Schmerz. Sie hätten nur einmal etwas intensiv genug zu erleben brauchen --- allerdings ist die Fähigkeit des Erlebens etwas zunächst subjektiv -Bestimmtes -- und sie wären damit, wenigstens vorübergehend, genial -gewesen. Das Dichten während der ersten Liebe gehört z. B. ganz hieher. -Und wahre Liebe ist völlig Zufallssache. - -Man darf schließlich auch nicht verkennen, daß ganz einfache Menschen -in großer Erregung, im Zorn über irgend eine Niedertracht, Worte -finden, die man ihnen nie zugetraut hätte. Der größte Teil dessen, -was man gemeinhin »_Ausdruck_« nennt, in Kunst wie in prosaischer -Rede, beruht aber (wenn man sich des früher über den Prozeß der -Klärung Bemerkten erinnert) darauf, daß ein Individuum, das begabtere, -Inhalte geklärt, gegliedert aufweist zu einer Zeit, wo das andere, -minder hoch veranlagte, sie noch im Henidenstadium oder in einem sich -nahe daranschließenden besitzt. Der Verlauf der Klärung wird durch -den Ausdruck, welcher einem zweiten Menschen gelungen ist, ungemein -_abgekürzt_, und daher das Lustvolle, auch wenn wir _andere_ einen -»guten Ausdruck« finden sehen. Erleben zwei ungleich Begabte dasselbe, -so wird bei dem Begabteren die Intensität groß genug sein, daß etwa -die »Sprechschwelle«[19] erreicht wird. Im anderen aber wird der -Klärungsprozeß hiedurch nur erleichtert. - -Wäre wirklich, wie die populäre Ansicht glaubt, das Genie vom -nichtgenialen Menschen durch eine dicke Wand getrennt, die keinen -Ton aus einem Reiche in das andere dringen ließe, so müßte jedes -Verständnis der Leistungen des Genies dem nichtgenialen Menschen -_völlig_ verschlossen sein, und dessen Werke könnten auf ihn auch -nicht den leisesten Eindruck hervorbringen. _Alle Kulturhoffnungen -vermögen demnach nur auf die Forderung sich zu gründen, daß dem nicht -so sei._ Und es ist auch nicht so. _Der Unterschied liegt in der -geringeren Intensität des Bewußtseins, er ist ein quantitativer, kein -prinzipieller, qualitativer._[20] - -Umgekehrt aber hat es recht wenig Sinn, jüngeren Leuten die Äußerung -einer Meinung darum zu verweisen und ihr Wort darum geringer zu -werten, weil sie weniger Erfahrung hätten als ältere Personen. Es gibt -Menschen, die wohl tausend Jahre und darüber leben könnten, ohne eine -einzige _Erfahrung_ gemacht zu haben. Nur unter Gleichbegabten hätte -jene Rede einen guten Sinn und eine volle Berechtigung. - -Denn während der geniale Mensch schon als Kind ein intensiveres Leben -führt als alle anderen Kinder, während ihm, je bedeutender er ist, -an eine desto frühere Jugend auch ein Entsinnen möglich ist, ja in -extremen Fällen schon vom dritten Jahre seiner Kindheit angefangen ihm -die vollständige Erinnerung von seinem ganzen Leben stets gegenwärtig -bleibt, datieren die anderen Menschen ihre erste Jugenderinnerung erst -von einem viel späteren Zeitpunkt; ich kenne welche, deren früheste -Reminiszenz überhaupt in ihr achtes Lebensjahr fällt, _die von ihrem -ganzen vorherigen Leben nichts wissen, als was ihnen erzählt wurde_; -und es gibt sicherlich viele, bei denen dieses erste intensive Erlebnis -noch weit später anzusetzen ist. Ich will nicht behaupten und glaube es -auch gar nicht, daß man die Begabungen zweier Menschen ganz ausnahmslos -danach allein bereits gegeneinander abschätzen könne, wenn dieser vom -fünften, jener erst vom zwölften Jahre an sich an alles erinnert, die -früheste Jugenderinnerung des einen in den vierzehnten Monat nach -seiner Geburt fällt, die des zweiten erst in sein drittes Lebensjahr. -Aber im allgemeinen und außerhalb zu enger Grenzen wird man die -angegebene Regel wohl immer zutreffen sehen. - -Vom Zeitpunkt der ersten Jugenderinnerung verfließt gewiß auch beim -hervorragenden Menschen noch immer eine längere oder kürzere Strecke -bis zu jenem Moment, von dem an er an _alles_ sich erinnert, jenem -Tage, von dem an er eben endgültig zum Genie geworden ist. Die -meisten Menschen hingegen haben den größten Teil ihres Lebens einfach -vergessen; ja viele wissen oft nur, _daß kein anderer Mensch für sie -gelebt hat die ganze Zeit hindurch_: aus ihrem ganzen Leben sind ihnen -nur bestimmte Augenblicke, einzelne feste Punkte, markante Stationen -gegenwärtig. Wenn man sie sonst um etwas fragt, so wissen sie nur, -d. h. sie rechnen es sich in der Geschwindigkeit aus, daß in dem und -dem Monat sie so alt waren, diese oder jene Stellung bekleideten, da -oder dort wohnten und so und so viel Einkommen hatten. Hat man vor -Jahren zusammen mit ihnen etwas erlebt, so kann es nun unendliche Mühe -kosten, das Vergangene in ihnen zur Auferstehung zu bringen. Man mag in -solchem Falle einen Menschen mit Sicherheit für unbegabt erklären, man -ist zumindest befugt, ihn nicht für hervorragend zu halten. - -Die Aufforderung zu einer Selbstbiographie brächte die ungeheuere -Mehrzahl der Menschen in die peinlichste Verlegenheit: können doch -schon die wenigsten Rede stehen, wenn man sie fragt, was sie gestern -getan haben. Das Gedächtnis der meisten ist eben ein bloß sprungweises, -gelegentlich assoziatives. Im genialen Menschen _dauert_ ein Eindruck, -den er empfangen hat; ja eigentlich _steht nur er überhaupt unter -Eindrücken_. Damit hängt zusammen, daß wohl alle hervorragenden -Menschen, wenigstens zeitweise, _an fixen Ideen leiden_. Der psychische -Bestand der Menschen mit einem System von eng einander benachbarten -Glocken verglichen, so gilt für den gewöhnlichen Menschen, daß jede -nur klingt, wenn die andere an sie mit ihren Schwingungen stößt, -und nur auf ein paar Augenblicke; für das Genie, daß eine einzige, -angeschlagen, gewaltig ausschwingt, nicht leise tönt, sondern voll, -das ganze System mitbewegt, und nachhallt, oft das ganze Leben lang. -Da diese Art der Bewegung aber oft infolge gänzlich geringfügiger, -ja lächerlicher Anstöße beginnt, und manchesmal gleich intensiv in -unerträglicher Weise wochenlang zäh beharrt, so liegt hierin wirklich -eine Analogie zum Wahnsinn. - -Aus verwandten Gründen ist auch _Dankbarkeit_ so ziemlich die seltenste -Tugend unter den Menschen; sie merken sich wohl manchesmal, wieviel -man ihnen geliehen hat; aber in die Not, in der sie waren, in die -Befreiung, die ihnen wurde, mögen und können sie sich nicht mehr -zurückdenken. Führt Mangel an Gedächtnis sicher zum Undank, so genügt -dennoch selbst ein vorzügliches Gedächtnis allein noch nicht, um einen -Menschen dankbar zu machen. Dazu ist eine spezielle Bedingung mehr -erforderlich, deren Erörterung nicht hieher gehört. - -Aus dem Zusammenhange von Begabung und Gedächtnis, der so oft verkannt -und verleugnet worden ist, weil man ihn nicht dort suchte, wo er zu -finden gewesen wäre: _in der Rückerinnerung an das eigene Leben_, -läßt sich noch eine weitere Tatsache ableiten. Ein Dichter, der seine -Sachen hat schreiben _müssen_, ohne Absicht, ohne Überlegung, ohne erst -zur eigenen Stimmung das Pedal zu treten; ein Musiker, den der Moment -des Komponierens überfallen hat, so daß er wider Willen zu schaffen -genötigt war, sich nicht wehren konnte, selbst wenn er lieber Ruhe und -Schlaf gewünscht hätte: ein solcher wird, was in diesen Stunden geboren -wurde, all das, was nicht auch nur im kleinsten _gemacht_ ist, sein -ganzes Leben lang im Kopfe tragen. Ein Komponist, der keines seiner -Lieder und keinen seiner Sätze, ein Dichter, der keines seiner Gedichte -auswendig kennt -- und zwar ohne sie, wie das _Sixtus Beckmesser_ von -_Hans Sachs_ sich vorstellt, erst »recht gut memoriert« zu haben -- -der hat, des kann man sicher sein, auch nie etwas wahrhaft Bedeutendes -hervorgebracht. - -Bevor nun die Anwendung dieser Aufstellungen auf das Problem der -geistigen Geschlechtsunterschiede versucht werde, ist noch eine -Unterscheidung zu treffen zwischen Gedächtnis und Gedächtnis. Die -einzelnen zeitlichen Momente seines Lebens sind nämlich dem begabten -Menschen in der Erinnerung nicht als diskrete Punkte gegeben, nicht -als durchaus getrennte Situationsbilder, nicht als verschiedene -Individuen von Augenblicken, deren jeder einen bestimmten, von dem -des nächsten, wie die Zahl eins von der Zahl zwei, getrennten Index -aufweist. Die Selbstbeobachtung ergibt vielmehr, daß allem Schlafe, -aller Bewußtseinsenge, allen Erinnerungslücken zum Trotze die einzelnen -Erlebnisse in ganz rätselhafter Weise _zusammengefaßt_ erscheinen; die -Geschehnisse folgen nicht aufeinander wie die Ticklaute einer Uhr, -sondern sie laufen alle in einen einheitlichen Fluß zusammen, in dem -es keine Diskontinuität gibt. Beim ungenialen Menschen sind dieser -Momente, die aus der ursprünglich diskreten Mannigfaltigkeit so zum -geschlossenen Kontinuum sich vereinigen, nur wenige, ihr Lebenslauf -gleicht einem Bächlein, keinem mächtigen Strom, in den, wie beim -Genie, aus weitestem Gebiete _alle_ Wässerlein zusammengeflossen sind, -_aus_ dem, heißt das, vermöge der _universalen Apperzeption_ kein -Erlebnis _ausgeschaltet_, _in_ den vielmehr _alle_ einzelnen Momente -_aufgenommen_, rezipiert sind. Diese _eigentliche_ Kontinuität, die -den Menschen erst ganz dessen vergewissern kann, daß er _lebt_, daß -er da, daß er auf der Welt ist, allumfassend beim Genius, auf wenige -wichtige Momente beschränkt beim Mittelmäßigen, _fehlt $gänzlich$ beim -Weibe_. Dem Weibe bietet sich, wenn es rückschauend, rückfühlend sein -Leben betrachtet, dieses nicht unter dem Aspekt eines unaufhaltsamen, -nirgends unterbrochenen Drängens und Strebens dar, es bleibt vielmehr -immer nur an einzelnen Punkten _hängen_. - -Was für Punkte sind das? Es können nur diejenigen sein, für welche -W ihrer Natur nach ein Interesse hat. Worauf dieses Interesse ihrer -Konstitution ausschließlich geht, wurde im zweiten Kapitel zu erwägen -begonnen; wer sich an dessen Ergebnisse erinnert, den wird die folgende -Tatsache nicht überraschen: - -W verfügt _überhaupt_ nur über _eine_ Klasse von Erinnerungen: es sind -die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden. -An den Geliebten und an den Bewerber; an die Hochzeitsnacht, an jedes -Kind wie an ihre Puppen; an die Blumen, die sie auf jedem Balle -bekommen, Zahl, Größe und Preis der Bouquets; an jedes Ständchen, das -ihr gebracht, an jedes Gedicht, das (wie sie sich einbildet) auf sie -geschrieben wurde, an jeden Ausspruch des Mannes, der ihr imponiert -hat, vor allem aber -- mit einer Genauigkeit, die ebenso verächtlich -ist als sie unheimlich berührt -- _an jedes Kompliment ohne Ausnahme_, -das ihr im Leben gemacht wurde. - -Das ist $alles$, woran das _echte_ Weib aus seinem Leben sich erinnert. - -_Was aber ein Mensch nie vergißt, und was er sich nicht merken -kann, das ermöglicht am besten die Erkenntnis seines Wesens, seines -Charakters._ Es wird später noch genauer als jetzt zu untersuchen sein, -_worauf_ es deutet, daß W gerade _diese_ Erinnerungen hat. Großer -Aufschluß ist gerade von der unglaublichen Treue zu erwarten, mit -welcher die Frauen an alle Huldigungen und Schmeicheleien, an sämtliche -Beweise der Galanterie sich erinnern, die ihnen seit frühester Kindheit -entgegengebracht worden sind. Was man gegen die hiemit vollzogene -Einschränkung des weiblichen Gedächtnisses auf den Bereich der -Sexualität und des Gattungslebens einwenden kann, ist mir natürlich -klar; ich muß darauf gefaßt sein, alle Mädchenschulen und sämtliche -Ausweise aufmarschieren zu sehen. Diese Schwierigkeiten können -indes erst später behoben werden. Hier möchte ich nur dies nochmals -zu bedenken geben, daß es, bei allem Gedächtnis, welches für die -psychologische Erkenntnis der Individualität ernstlich in Frage käme, -um Gedächtnis für Erlerntes nur dort sich handeln könnte, wo Erlerntes -wirklich Erlebtes wäre. - -Daß es dem psychischen Leben der Frauen an Kontinuität (die hier -nur als ein nicht zu übersehendes psychologisches Faktum, sozusagen -im Anhang der Gedächtnislehre, nicht als spiritualistische oder -idealistische These eingeführt wurde) gebricht, dem kann erst weiter -unten eine Beleuchtung, dem Wesen der Kontinuität nur in Stellungnahme -zu dem umstrittensten Probleme aller Philosophie und Psychologie eine -Ergründung werden. Als Beweis für jenen Mangel will ich vorläufig -nichts anführen als die oft bestaunte, von _Lotze_ ausdrücklich -hervorgehobene Tatsache, daß die Frauen sich viel leichter in neue -Verhältnisse fügen und sich ihnen eher anpassen als die Männer, -denen man den Parvenu noch lange anmerkt, wenn kein Mensch mehr -die Bürgerliche von der Adeligen, die in ärmlichen Verhältnissen -Aufgewachsene von der Patrizierstochter auseinanderzukennen vermag. -Doch muß ich auch hierauf später noch ausführlich zurückkommen. - -Übrigens wird man nun begreifen, warum (wenn nicht Eitelkeit, -Tratschsucht oder Nachahmungslust dazu treibt) nur bessere Menschen -Erinnerungen aus ihrem Leben niederschreiben, und wie ich hierin eine -Hauptstütze des Zusammenhanges von Gedächtnis und Begabung erblicke. -Nicht als ob jeder geniale Mensch auch eine Autobiographie abfassen -würde: um zur Selbstbiographie zu schreiten, dazu sind noch gewisse -_spezielle_, sehr tief liegende psychologische Bedingungen nötig. Aber -umgekehrt ist die Abfassung einer _vollständigen_ Selbstbiographie, -wenn sie aus originärem Bedürfnis heraus erfolgt, stets ein Zeichen -eines höheren Menschen. Denn gerade im wirklich _treuen_ Gedächtnis -liegt auch die Wurzel der _Pietät_. Ein bedeutender Mensch, vor das -Ansinnen gestellt, seine Vergangenheit um irgend welcher äußerer -materieller oder innerer hygienischer Vorteile willen preiszugeben, -würde es zurückweisen, auch wenn ihm die größten Schätze der Welt, -ja _das Glück selbst_, fürs Vergessen in Aussicht gestellt würden. -Der Wunsch nach dem Trank aus dem Lethestrom ist ein Zug mittlerer -und minderer Naturen. Und mag ein wahrhaft hervorragender Mensch nach -dem _Goethe_schen Worte gegen eben abgelegte eigene Irrtümer sehr -streng und heftig auch dort sein, wo er _andere_ an ihnen festhalten -sieht, so wird er doch sein vergangenes Tun und Lassen nie belächeln, -über seine frühere Denk- und Lebensweise sich niemals lustig machen. -Die heute so sehr ins Kraut geschossenen »Überwinder« verdienen -rechtens alles andere eher denn diesen Namen: Menschen, die anderen -spöttisch erzählen, was sie einst alles geglaubt, und wie sie all das -»überwunden« hätten, denen war es mit dem Alten nicht Ernst, denen -ist am Neuen ebensowenig gelegen. Ihnen kommt es immer nur auf die -Instrumentation, nie auf die Melodie an; kein Stadium von all den -»überwundenen« war wirklich in ihrem Wesen tief gegründet. Dagegen -beobachte man, mit welch weihevoller Sorgfalt große Männer in ihren -Selbstbiographien selbst den scheinbar geringfügigsten Dingen einen -Wert beilegen: denn für sie ist Gegenwart und Vergangenheit gleich, -für jene keine von beiden wahr. Der hervorragende Mensch fühlt, wie -_alles_, auch das Kleinste, Nebensächlichste, in seinem Leben eine -Wichtigkeit gewonnen, wie es ihm zu seiner Entwicklung mitverholfen -hat, und _daher_ die außerordentliche _Pietät_ seiner Memoiren. Und -eine solche Autobiographie wird sicherlich nicht etwa auf einmal, -einem anderen Einfall vergleichbar, unvermittelt niedergeschrieben, -der Gedanke hiezu entsteht in ihm nicht plötzlich; sie ist für den -großen Menschen, der eine schreibt, sozusagen immer fertig. Gerade weil -das bisherige Leben ihm immer ganz gegenwärtig ist, darum empfindet -er seine neuen Erlebnisse als für ihn bedeutsam, darum hat er und -eigentlich nur er ein _Schicksal_. Und davon rührt es zunächst auch -her, daß gerade die bedeutendsten Menschen immer viel _abergläubischer_ -sein werden als mittelmäßige Köpfe. Man kann also zusammenfassend sagen: - -_Ein Mensch ist um so $bedeutender$, je mehr alle Dinge für ihn -$bedeuten$._ - -Im Laufe der ferneren Untersuchung wird diesem Satze, außer der -Universalität der verständnisvollen Beziehung und der erinnernden -Vergleichung, noch ein tieferer Sinn allmählich unterlegt werden können. - -Wie es in diesen Hinsichten mit dem Weibe steht, ist nicht schwer zu -sagen. Das echte Weib kommt nie zum Bewußtsein eines Schicksals, seines -Schicksals; das Weib ist nicht heroisch, denn es kämpft höchstens für -seinen Besitz, und es ist nicht tragisch, denn sein Los entscheidet -sich mit dem Lose dieses Besitzes. Da das Weib ohne Kontinuität ist, -kann es auch nicht pietätvoll sein; in der Tat ist Pietät eine durchaus -männliche Tugend. Pietätvoll ist man zunächst _gegen sich_, und Pietät -gegen sich Bedingung aller Pietät gegen andere. Aber eine Frau kostet -es recht wenig Überwindung, über ihre Vergangenheit den Stab zu -brechen; wenn das Wort Ironie am Platze wäre, so könnte man sagen, daß -nicht leicht ein Mann sein vergangenes Selbst so ironisch und überlegen -betrachten wird, wie die Frauen dies oftmals -- nicht nur nach der -Hochzeitsnacht -- zu tun pflegen. Es wird sich noch Gelegenheit finden, -darauf hinzuweisen, wie die Frauen eigentlich das Gegenteil von all -dem wollen, dessen Ausdruck die Pietät ist. Was endlich die Pietät -der Witwen anlangt -- doch von diesem Gegenstande will ich lieber -schweigen. Und der Aberglaube der Frauen schließlich ist psychologisch -ein durchaus anderer als der Aberglaube hervorragender Männer. - -Das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, wie es in der Pietät zum -Ausdrucke kommt und auf dem kontinuierlichen Gedächtnis beruht, das -selbst wieder nur durch die Apperzeption ermöglicht ist, läßt sich noch -in weiteren Zusammenhängen zeigen und zugleich tiefer analysieren. -_Damit nämlich, ob ein Mensch überhaupt ein Verhältnis zu seiner -Vergangenheit hat oder nicht, hängt es außerordentlich innig zusammen, -ob er ein Bedürfnis nach Unsterblichkeit fühlen oder ob ihn der Gedanke -des Todes gleichgültig lassen wird._ - -Das Unsterblichkeitsbedürfnis wird zwar heute recht allgemein sehr -schäbig und von oben herab behandelt. Das Problem, das aus ihm -erwächst, macht man sich nicht etwa bloß als ein ontologisches, -sondern auch als ein psychologisches schmachvoll leicht. Der eine -will es, zugleich mit dem Glauben an die Seelenwanderung, damit -erklärt haben, daß in vielen Menschen Situationen, in welche sie -sicherlich zum ersten Male geraten sind, das Gefühl erwecken, als -hätten sie dieselben schon einmal durchlebt. Die andere, heute -allgemein adoptierte Ableitung des Unsterblichkeitsglaubens aus -dem _Seelenkult_, wie sie sich bei _Tylor_, _Spencer_, _Avenarius_ -findet, wäre von jedem anderen Zeitalter als dem der _experimentellen_ -Psychologie a priori zurückgewiesen worden. Es sollte doch, meine -ich, jedem Denkenden völlig unmöglich erscheinen, daß etwas, woran so -vielen Menschen gelegen, wofür so gekämpft und gestritten worden ist, -bloß das letzte Schlußglied eines Syllogismus bilden könnte, dessen -Prämisse etwa die nächtlichen Traumerscheinungen Verstorbener gewesen -wären. Und welche Phänomene zu erklären ist wohl jene felsenfeste -Meinung von ihrem Weiterleben nach dem Tode ersonnen worden, die -_Goethe_, die _Bach_ gehabt haben, auf welches »Pseudoproblem« läßt -sich das Unsterblichkeitsbedürfnis zurückführen, das aus _Beethovens_ -letzten Sonaten und Quartetten zu uns spricht? Der Wunsch nach der -persönlichen Fortdauer muß gewaltigeren Quellen entströmt sein als -jenen rationalistischen Springbrunnen. - -Dieser tiefere Ursprung hängt mit dem Verhältnisse des Menschen zu -seiner Vergangenheit lebhaft zusammen. _Im Sichfühlen und Sichsehen -in der Vergangenheit liegt ein mächtiger Grund des Sichweiterfühlen-, -Sichweitersehenwollens._ Wem seine Vergangenheit wert ist, wer sein -Innenleben, mehr als sein körperliches Leben, hochhält, _der wird -es auch an den Tod nicht hingeben wollen_. Daher tritt primäres, -originelles Unsterblichkeitsbedürfnis bei den größten Genien der -Menschheit, den Menschen mit der reichsten Vergangenheit, am -stärksten, am nachhaltigsten auf. Daß _dieser_ Zusammenhang der -Unsterblichkeitsforderung mit dem Gedächtnis _wirklich_ besteht, -erhellt daraus, was Menschen, die aus Todesgefahr errettet werden, -von sich übereinstimmend aussagen. Sie durchleben nämlich, wenn sie -auch sonst nie viel an ihre Vergangenheit gedacht haben, nun plötzlich -auf einmal mit rasender Geschwindigkeit ihre ganze Lebensgeschichte -nochmals, und erinnern sich innerhalb weniger Sekunden an Dinge, welche -Jahrzehnte lang ihnen nicht ins Bewußtsein zurückgekommen sind. Denn -das Gefühl dessen, was ihnen bevorsteht, bringt -- abermals vermöge -des Kontrastes -- all das ins Bewußtsein, was nun für immer vernichtet -werden soll. - -Wir wissen ja sehr wenig über die geistige Verfassung Sterbender. Es -gehört auch ein mehr als gewöhnlicher Mensch dazu, um zu erkennen, -was in einem Sterbenden vorgeht; anderseits sind Verscheidende -aus den dargelegten Gründen gerade von besseren Menschen meistens -gemieden. Aber es ist wohl gänzlich unrichtig, die in so vielen -Todkranken plötzlich auftretende Religiosität nur auf die bekannte -Erwägung »vielleicht doch, sicher ist sicher« zurückzuführen; und sehr -oberflächlich, anzunehmen, bloß die sonst nie beachtete tradierte -Höllenlehre gewinne nun plötzlich gerade in der Todesstunde so -viel Kraft, daß es dem Menschen unmöglich werde, mit einer Lüge zu -sterben.[21] Denn dies ist das Wichtigste: Warum fühlen Menschen, die -ein durch und durch verlogenes Leben geführt haben, nun plötzlich -den Drang nach der Wahrheit? Und warum macht es auch auf denjenigen, -der nicht an _Strafen_ im Jenseits glaubt, einen so entsetzlichen -Eindruck, wenn er vernimmt, ein Mensch sei _mit_ einer Lüge, _mit_ -einer unbereuten Schlechtigkeit _verschieden_, warum hat beides, sowohl -die Verstocktheit bis zum Schlusse, als auch die Umkehr vor dem Tode, -die Dichter so oft mächtig gereizt? Die Frage nach der »Euthanasie der -Atheisten«, die man im XVIII. Jahrhundert so häufig aufwarf, ist also -keine ganz sinnlose, und nicht bloß ein historisches Kuriosum, als -welches sie von Friedrich Albert _Lange_ behandelt wurde. - -Ich erwähne dies alles nicht allein, um eine Möglichkeit zu erörtern, -welcher kaum der Rang einer Vermutung zukommt. Undenkbar nämlich -scheint es mir, da viel mehr Menschen »genial« sind, als es »Genies« -gibt, nicht zu sein, daß die quantitative Differenz in der Begabung vor -allem in dem Zeitpunkte zum Ausdruck komme, in welchem die Menschen -zum Genie werden. Für eine größere Anzahl fiele dieser Augenblick -mit ihrem natürlichen Tode zusammen. Wurden wir schon früher dahin -geführt, die genialen Menschen nicht etwa, wie die Steuerzahler von -einem bestimmten jährlichen Einkommen ab, als von allen anderen -Menschen durch eine scharfe Grenze getrennt anzusehen, so vereinigen -sich diese neuen Betrachtungen mit jenen alten. Und ebenso wie die -erste Kindheitserinnerung des Menschen nicht mit einem, den früheren -Lauf der Dinge unterbrechenden, _äußeren_ Ereignis verknüpft ist, -sondern plötzlich, unscheinbar, _infolge einer inneren Entwicklung_, -für jeden früher oder später ein Tag kommt, _an welchem das Bewußtsein -so intensiv wird_, daß eine Erinnerung bleibt, und von nun an, je -nach der Begabung, mehr oder weniger zahlreiche Erinnerungen beharren --- _ein Faktum, das allein die ganze moderne Psychologie umstößt_ --- so _bedürfte_ es bei den _verschiedenen Menschen verschieden -vieler Stöße_, um sie zu genialen zu machen, _und nach der Zahl -dieser Bewußtseinsstöße, deren letzter in der Todesstunde erfolgte_, -wären die Menschen ihrer Begabung gemäß zu klassifizieren. Bei -dieser Gelegenheit will ich noch darauf hinweisen, wie falsch -die Lehre der heutigen Psychologie ist (für die das menschliche -Individuum eben nur wie ein besserer Registrierapparat in Betracht -kommt und keinerlei von _innen_ kommende, ontogenetische geistige -Entwicklung besitzt), daß im jugendlichen Alter die größte Anzahl -von Eindrücken behalten werden. Man darf die erlebten Impressionen -nicht mit dem äußerlichen und fremden Gedächtnisstoff verwechseln. -Diesen nimmt das Kind gerade deshalb um so viel leichter auf, weil es -noch so wenig von Gemütseindrücken beschwert ist. Eine Psychologie, -die in so fundamentalen Dingen der Erfahrung zuwiderläuft, hat -allen Anlaß zur Einkehr, zur Umkehr. Was hier versucht wurde, ist -kaum eine Andeutung von jener _ontogenetischen Psychologie_ oder -_theoretischen Biographie_, die über kurz oder lang die heutige -Wissenschaft vom menschlichen Geiste zu verdrängen berufen ist. -- -Jedes Programm enthält implicite eine Überzeugung, jedem Ziele des -Willens gehen bestimmte Vorstellungen realer Verhältnisse voran. Der -Name »theoretische Biographie« soll das Gebiet gegen _Philosophie_ -und _Physiologie_ besser als bisher abstecken, und die biologische -Betrachtungsweise, welche von der letzten Richtung in der Psychologie -(_Darwin_, _Spencer_, _Mach_, _Avenarius_) einseitig hervorgekehrt -und zum Teil arg übertrieben worden ist, doch dahin _erweitern_, daß -eine solche Wissenschaft über den _gesamten_ gesetzmäßigen _geistigen -Lebensverlauf als Ganzes_, von der Geburt bis zum Tode eines Menschen, -Rechenschaft zu geben hätte, wie über Entstehen und Vergehen und -alle einzelnen Lebensphasen irgend einer Pflanze. Und _Biographie_, -nicht Bio_logie_, sollte sie genannt werden, weil ihre Aufgabe in der -Erforschung gleichbleibender Gesetze der _geistigen_ Entwicklung des -_Individuums_ liegt. Bisher kennt alle Geschichtsschreibung jeglicher -Gattung nur Individualitäten, βίοι. Hier aber würde es sich darum -handeln, allgemeine Gesichtspunkte zu gewinnen, Typen festzuhalten. -_Die Psychologie müßte anfangen, $theoretische Biographie$ zu -werden._ Im Rahmen einer solchen Wissenschaft könnte und würde alle -bisherige Psychologie aufgehen, und erst dann nach dem Wunsche Wilhelm -_Wundts_ eine fruchtbare Grundlage für die Geisteswissenschaften -wirklich abgeben. Es wäre verfehlt, an dieser Möglichkeit darum -zu verzweifeln, weil die heutige Psychologie, welche eben jene -ihre eigentliche Aufgabe als ihr Ziel noch gar nicht begriffen -hat, auch völlig außerstande ist, den Geisteswissenschaften das -Geringste zu bieten. Hierin dürfte, trotz der großen Klärung, welche -_Windelbands_ und _Rickerts_ Untersuchungen über das Verhältnis von -Natur- und Geisteswissenschaften mit sich gebracht haben, doch eine -Berechtigung liegen, _neben_ der neuen Einteilung der Wissenschaften -in »Gesetzes-« und »Ereignis«-Wissenschaften, in »nomothetische« und -»idiographische« Disziplinen, die _Mill_sche Zweiteilung von Natur- und -Geisteswissenschaften beizubehalten. -- -- - -Mit der Deduktion des Unsterblichkeitsbedürfnisses, welche dieses -in einen Konnex mit der kontinuierlichen Form des Gedächtnisses und -der Pietät brachte, stimmt es vollständig überein, daß _den Frauen -jegliches Unsterblichkeitsbedürfnis völlig abgeht_. Auch ist hieraus -mit Sicherheit zu entnehmen, wie sehr jene unrecht haben, welche in -dem Postulat der persönlichen Fortexistenz bloß einen Ausfluß der -Todesfurcht und des leiblichen Egoismus sehen, und hiemit eigentlich -der populärsten Meinung über allen Ewigkeitsglauben Ausdruck geben. -Denn die _Angst_ vor dem Sterben findet sich bei Frauen wie bei -Männern, das _Unsterblichkeitsbedürfnis_ ist auf diese beschränkt. - -Die von mir versuchte Erklärung des psychologischen Wunsches nach -Unsterblichkeit ist indessen bislang mehr ein Aufzeigen einer -Verbindung, die zwischen ihm und dem Gedächtnisse besteht, als eine -wahrhaft strenge _Ableitung_ aus einem höheren Grundsatze. Daß hier -eine Verwandtschaft da ist, wird man immer bewahrheitet finden: je -mehr ein Mensch in seiner _Vergangenheit_ lebt -- _nicht_, wie man -bei oberflächlichem Hinsehen glauben könnte, in seiner _Zukunft_ -- -desto intensiver wird sein Unsterblichkeitsverlangen sein. Ebenso -kommt bei den Frauen der Mangel an dem Bedürfnis eines Fortlebens -nach dem Tode mit ihrem Mangel an sonstiger Pietät gegen die eigene -Person überein. Dennoch scheint, wie diese Abwesenheit bei der Frau -noch nach einer tieferen Begründung und Ableitung beider aus _einem_ -allgemeineren Prinzipe verlangt, so auch beim Manne das Beisammensein -von Gedächtnis und Unsterblichkeitsbedürfnis auf eine _gemeinsame_, -noch bloßzulegende Wurzel beider hinzuweisen. Denn was bisher geleistet -wurde, war doch nur der Nachweis, daß und wie sich das Leben in -der eigenen Vergangenheit und ihre Schätzung mit der Hoffnung auf -ein Jenseits im selben Menschen zusammenfinden. Den tieferen Grund -dieses Zusammenhanges zu erforschen, wurde noch gar nicht als Aufgabe -betrachtet. Nun aber ist auch an deren Lösung heranzutreten. - - * * * * * - -Gehen wir von der Formulierung aus, die wir dem universellen Gedächtnis -des bedeutenden Menschen gaben. Ihm sei alles, das längst Entwirklichte -wie das eben erst Entschwundene, _gleich wahr_. Hierin liegt, daß das -einzelne Erlebnis nicht mit dem Zeitmoment, in dem es gesetzt ist, so -wie dieses Zeitatom selbst verschwindet, untergeht, daß es nicht an -den bestimmten Zeitaugenblick _gebunden_ bleibt, sondern ihm -- eben -durch das Gedächtnis -- _entwunden_ wird. _Das Gedächtnis macht die -Erlebnisse zeitlos_, es ist, schon seinem Begriffe nach, _Überwindung -der Zeit_. An Vergangenes kann sich der Mensch nur darum erinnern, weil -das Gedächtnis es vom _Einfluß_ der Zeit _befreit, die Geschehnisse, -die überall sonst in der Natur $Funktionen$ der Zeit sind, hier im -Geiste $über$ die Zeit $hinaus$gehoben hat_. - -Doch hier steigt scheinbar eine Schwierigkeit vor uns auf. Wie kann -das Gedächtnis eine Negation der Zeit in sich schließen, da es doch -anderseits gewiß ist, daß wir von der Zeit nichts wüßten, wenn wir -kein Gedächtnis hätten? Sicherlich wird uns immer und ewig nur -durch Erinnerung an Vergangenes zum Bewußtsein gebracht, _daß_ es -einen Ablauf der Zeit _gibt_. Wie kann also von dem, was so enge -zusammenhängt, das eine das Gegenteil und die Aufhebung des anderen -bedeuten? - -Die Schwierigkeit löst sich leicht. Eben _weil_ ein beliebiges Wesen --- es braucht nicht der Mensch zu sein -- _wenn_ es mit Gedächtnis -ausgestattet ist, _mit seinen Erlebnissen nicht einfach in den -Zeitverlauf eingeschaltet_ ist, darum kann ein solches Wesen dem -Zeitverlauf gegenübertreten, ihn _auffassen_, ihn zum Gegenstande der -Betrachtung machen. Wäre das einzelne Erlebnis dem übrigen Zeitverlauf -anheimgegeben, würde es ihm verfallen und nicht aus ihm gerettet werden -durch das Gedächtnis, müßte es mit der Zeit sich ändern wie eine -abhängige Variable mit ihrer Unabhängigen, stünde der Mensch mitten -im zeitlichen Fluß des Geschehens _darinnen_, so könnte dieser ihm -nicht _auffallen_, nicht _bewußt_ werden -- _Bewußtsein setzt Zweiheit -voraus_ -- er könnte nie das Objekt, der Gedanke, die Vorstellung des -Menschen sein. Man muß _irgendwie_ die Zeit _überwunden_ haben, um über -sie _reflektieren_, man muß irgendwie _außerhalb der Zeit stehen_, um -sie _betrachten_ zu können. Dies gilt nicht nur von jeder besonderen -Zeit -- _in_ der Leidenschaft selbst kann man _über_ die Leidenschaft -nicht nachdenken, man muß erst zeitlich über sie hinausgekommen sein -- -sondern ebenso vom _allgemeinen Begriffe_ der Zeit. _Gäbe es nicht ein -Zeitloses, so gäbe es keine Anschauung der Zeit._ - -Gedenken wir, um dieses Zeitlose zu erkunden, vorläufig dessen, _was_ -durch das Gedächtnis der Zeit wirklich entrückt wird. Als solches hat -sich all das ergeben, was für das Individuum _von Interesse ist oder -eine Bedeutung_ hat, oder, wie kurz gesagt werden soll, _alles, was für -das Individuum einen $Wert$ besitzt_. Man erinnert sich nur an solche -Dinge, die für die Person einen, wenn auch oft lange unbewußten, $Wert$ -gehabt haben: $dieser Wert gibt ihnen die Zeitlosigkeit$. _Man vergißt -alles, was nicht irgendwie, wenn auch oft unbewußt, von der Person -$gewertet$ wurde._ - -Der Wert ist also das Zeitlose; und umgekehrt: ein Ding hat destomehr -Wert, je weniger es Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit -sich ändert. In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur so viel Wert -ein, als es zeitlos ist: $nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet$. -_Dies ist_, wenn auch, wie ich glaube, noch nicht die tiefste und -allgemeinste Definition des Wertes und keine völlige Erschöpfung seines -Wesens, doch _das erste $spezielle$ Gesetz aller Werttheorie_. - -Eine eilende Rundsicht wird genügen, um es überall nachzuweisen. Man -ist immer geneigt, die Überzeugung desjenigen gering zu schätzen, -der erst vor kurzem zu ihr gelangt ist, und wird auf die Äußerungen -eines Menschen überhaupt nicht viel Wert legen, dessen Ansichten -noch im Flusse begriffen sind und sich fortwährend ändern. Eherne -Unwandelbarkeit hingegen wird stets Respekt einflößen, selbst wenn sie -in den unedlen Formen der Rachsucht und des Starrsinns sich offenbart; -ja auch, wenn sie aus leblosen Gegenständen spricht: man denke an das -»aere perennius« der Poeten und an die »Quarante siècles« der Pyramiden -Ägyptens. Der Ruhm oder das gute Angedenken, die ein Mensch hinterläßt, -würden durch die Vorstellung sofort _ent_wertet, daß sie nur kurze -Zeit, und nicht lange, womöglich ewig, währen sollten. Ein Mensch -vermag ferner nie positiv zu werten, daß er sich immerfort ändert; -gesetzt, er täte dies in irgend welcher Beziehung, und es würde ihm -nun gesagt, daß er jedesmal von einer neuen Seite sich zeige, so mag -er freilich dessen sogar froh und stolz auf diese Eigenschaft sein -können, doch ist es natürlich nur die Konstanz, die Regelmäßigkeit -und Sicherheit dieser Andersheiten, deren er sich dann freute. Der -Lebensmüde, für den es keinen Wert mehr gibt, hat eben an _keinem -Bestande_ mehr ein Interesse. Die Furcht vor dem Erlöschen einer -Familie und dem Aussterben ihres Namens gehören ganz hieher. - -Auch jede soziale Wertung, die etwa in Rechtssatzungen und Verträgen -sichtbar wird, tritt, ob auch Gewohnheit, tägliches Leben an ihnen -Verschiebungen vornehmen mögen, von Anbeginn mit dem Anspruch auf -zeitlose Geltung selbst dann auf, wenn ihre Rechtskraft ausdrücklich -(ihrem Wortlaute nach) nur bis zu einem bestimmten Termin erstreckt -wird: denn gerade hiemit erscheint die Zeit als Konstante speziell -_gewählt_, und nicht als Variable angesehen, in Abhängigkeit von -welcher die vereinbarten Verhältnisse stetig oder unstetig sich irgend -ändern könnten. Freilich wird auch hier zum Vorschein kommen, daß ein -Ding um so höher gewertet wird, je länger seine Dauer ist; denn niemand -glaubt, wenn zwischen zwei rechtlichen Kontrahenten ein Pakt auf sehr -kurze Zeit geschlossen wird, daß den beiden viel an dem Vertrage -liege; sie selbst, die ihn geschlossen haben, werden in diesem Falle -nicht anders gestimmt sein, und von Anfang an, trotz allen Akten, sich -vorsehen und einander mißtrauen. - -In dem aufgestellten Gesetze liegt auch die wahre Erklärung dafür, daß -die Menschen _Interessen über ihren Tod hinaus_ haben. Das Bedürfnis -nach dem Wert äußert sich in dem allgemeinen Bestreben, die Dinge von -der Zeit zu emanzipieren, und dieser Drang erstreckt sich selbst auf -Verhältnisse, die »_mit der Zeit_« früher oder später _doch_ sich -ändern, z. B. auf Reichtum und Besitz, auf alles, was man »irdische -Güter« zu heißen pflegt. Hierin liegt das tiefe psychologische Motiv -des _Testamentes_, der Vermachung einer _Erbschaft_. Nicht aus der -Fürsorge für die Angehörigen hat diese Erscheinung ihren Ursprung -genommen. Auch der Mann ohne Familie und ohne Angehörige macht sein -Testament, ja gerade er wird sicher im allgemeinen mit weit größerem -Ernst und tieferer Hingabe zu dieser Handlung schreiten als der -Familienvater, der seine Spuren mit dem eigenen Tode nicht so gänzlich -aus Sein und Denken der anderen ausgelöscht weiß. Der große Politiker -und Herrscher, besonders aber der Despot, der Mann des Staatsstreiches, -dessen Regiment mit seinem Tode endet, sucht diesem Wert zu verleihen, -indem er Zeitloses mit ihm verknüpft: durch ein Gesetzbuch oder eine -Biographie des Julius Cäsar, allerhand große geistige Unternehmungen -und wissenschaftliche Kollektivarbeiten, Museen und Sammlungen, Bauten -aus hartem Fels (Saxa loquuntur), am eigentümlichsten durch Schaffung -oder Regulierung eines Kalenders den Moment zu verewigen strebt. -Aber er sucht auch seiner Macht selbst, schon für seine Lebzeiten, -möglichste Dauer zu verleihen, nicht allein in wechselseitiger -Sicherung durch Verträge, in Herstellung nie wieder zu verwischender -verwandtschaftlicher Beziehungen vermöge diplomatischer Heiraten: -sondern vor allem durch Wegräumung alles dessen, was den ewigen -Bestand seiner Herrschaft bloß durch sein freies Dasein noch je in -Frage stellen könnte. So wird der Politiker zum Eroberer. - -Die psychologischen und philosophischen Untersuchungen zur Werttheorie -haben das Gesetz der Zeitlosigkeit gar nicht beachtet. Allerdings -waren sie zum großen Teile von den Bedürfnissen der Wirtschaftslehre -beeinflußt und suchten selbst auf diese überzugreifen. Doch glaube ich -darum nicht, daß das neuentwickelte Gesetz in der politischen Ökonomie -keine Geltung habe, weil es hier viel öfter als in der Psychologie -durch Komplikationen verundeutlicht wird. Auch wirtschaftlich hat alles -desto mehr Wert, je dauerhafter es ist. Wessen Konservierungsfähigkeit -sehr eingeschränkt ist, so daß es etwa nach einer Viertelstunde zu -Grunde ginge, wenn ich es nicht kaufte, das werde ich überall dort, -wo nicht durch feste Preise der moralische _Wert_ des geschäftlichen -Unternehmens über zeitliche Schwankungen emporgehoben werden soll, -zu später Stunde, etwa vor Einbruch der Nacht, um billigeres Geld -erhalten. Man denke auch an die vielen Anstalten zur Bewahrung vor dem -Zeiteinfluß, zur Erhaltung des Wertes (Lagerhäuser, Depots, Keller, -Réchauds, alle Sammlungen mit Kustoden). Es ist selbst hier ganz -unrichtig, den Wert, wie es von den psychologischen Werttheoretikern -meist geschieht, als dasjenige zu definieren, was geeignet sei, -unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Denn auch die Launen des Menschen -gehören zu seinen (momentanen) Bedürfnissen, und doch gibt es nichts -aller Werthaltung mehr Entgegengesetztes als eben _die Laune_. Die -Laune _kennt_ keinen Wert, sie verlangt nach ihm höchstens, um ihn -im nächsten Augenblicke zu zerbrechen. _So ist das Moment der Dauer -aus dem Wertbegriff nicht zu eliminieren._ Selbst die Erscheinungen, -welche man nur mit Hilfe der _Menger_schen Theorie vom »Grenznutzen« -erklären zu können vermeint hat, ordnen sich meiner Auffassung unter -(ohne daß diese natürlich im geringsten sich anmaßt, an sich etwas -für die Nationalökonomie leisten zu können). Daß Luft und Wasser -keinen Wert haben, liegt nach ihr nämlich daran, _daß nur irgendwie -individualisierte, geformte Dinge_ positiv gewertet werden können: -denn alles Geformte kann formlos gemacht, kann zerstört werden, und -braucht _als solches_ nicht zu _dauern_. Ein Berg, ein Wald, eine -Ebene ist noch zu formen durch Umfassung und Begrenzung, und darum -selbst im wüstesten Zustande noch Wertobjekt. Die Luft der Atmosphäre -und das Wasser auf und über der Erdoberfläche vermöchte niemand in -Grenzen zu fassen, sie sind diffus und uneingeschränkt verbreitet. -Wäre ein zauberkräftiger Mann imstande, die atmosphärische Luft, die -den Erdball umgibt, wie jenen Geist aus dem orientalischen Märchen auf -einen relativ kleinen Raum der Erde zu komprimieren, oder könnte es -jemand gelingen, die Wassermassen derselben in einem großen Reservoir -unter Verhinderung der Verdunstung einzusperren: beide hätten sofort -_Form_ gewonnen, und wären damit auch der Wertung unterworfen. Wert -wird von einer Sache also nur dann prädiziert, wo ein, wenn auch noch -so entfernter, Anlaß zur Besorgnis vorhanden ist, daß sie mit der -Zeit sich ändern könne; _denn der Wert wird nur in Relation zur Zeit -gewonnen, im Gegensatze zu ihr aufgestellt_. Wert und Zeit erfordern -sich also gegenseitig wie zwei korrelative Begriffe. Wie tief eine -solche Auffassung führt, wie gerade sie konstitutiv sogar für eine -_Weltanschauung_ werden kann, dies möchte ich _hier_ nicht weiter -verfolgen. Es genügt für den vorgesetzten Zweck, zu wissen, daß jeder -Anlaß, von Wert zu reden, gerade dort wieder entfällt, wo keine -Gefährdung durch die Zeit mehr möglich ist. Das Chaos kann, auch wenn -es ewig ist, nur negativ gewertet werden. _Form $und$ Zeitlosigkeit_ -oder _Individuation $und$ Dauer_ sind die beiden analytischen Momente, -welche den Wert zunächst schaffen und begründen. - -So ist denn jenes Fundamentalgesetz der Werttheorie durchgängig, auf -individualpsychologischem und sozialpsychologischem Gebiete, zur -Darstellung gebracht. Und nun kann in successiver Wiederaufnahme der -eigentlichen Untersuchungsgegenstände erledigt werden, was noch von -früher her, obwohl besondere Aufgabe dieses Kapitels, rückständig ist. - -Als erste Folgerung darf aus dem Vorhergehenden diese gezogen werden, -daß es ein _Bedürfnis nach Zeitlosigkeit, einen $Willen zum Wert$_, -auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit gibt. Und dieser Wille -zum Wert, der mit dem »_Willen zur Macht_« an Tiefe sich zu messen -keine Scheu tragen möge, geht, wenigstens in der Form des Willens -zur Zeitlosigkeit, dem individuellen Weibe ganz und gar ab. Die -alten Frauen pflegen in den seltensten Fällen Bestimmungen über ihre -Hinterlassenschaft zu treffen, was damit zusammenhängt, daß die Frauen -kein Unsterblichkeitsbedürfnis besitzen. Denn es liegt über dem -Vermächtnis eines Menschen die Weihe eines Höheren, Allgemeineren, und -dies ist auch der Grund, warum es von den anderen Menschen _geachtet_ -wird. - -_Das Unsterblichkeitsbedürfnis selbst ist nur ein besonderer Fall -des allgemeinen Gesetzes, daß nur zeitlose Dinge positiv gewertet -werden._ Hierin liegt sein Zusammenhang mit dem Gedächtnis begründet. -Die Remanenz, welche die Erlebnisse eines Menschen bei ihm haben, -ist der Bedeutung proportional, die sie für ihn gewinnen können. So -paradox es klingt: $der Wert ist es, der die Vergangenheit schafft$. -Nur was positiv gewertet wurde, nur das bleibt im Schutze des -Gedächtnisses vor dem Zahn der Zeit bewahrt; _und so darf auch das -individuelle psychische Leben als Ganzes, soll es positiv bewertet -werden, nicht Funktion der Zeit, es muß über die Zeit erhaben sein -durch eine über den körperlichen Tod hinausgehende ewige Dauer_. -Hiemit sind wir dem innersten Motiv des Unsterblichkeitsbedürfnisses -unvergleichlich näher gerückt. Die völlige Einbuße an Bedeutung, die -das individuell erfüllte, lebensvoll gelebte Leben erleidet, wenn es -mit dem Tode für immer restlos zu Ende sein soll, die _Sinnlosigkeit_ -des _Ganzen_ in solchem Falle, dies spricht mit anderen Worten auch -_Goethe_ zu _Eckermann_ aus (4. Februar 1829), führt zur Forderung nach -Unsterblichkeit. - -Das intensivste Verlangen nach Unsterblichkeit hat das Genie. Und -auch dies fällt zusammen mit allen anderen Tatsachen, die bisher -über seine Natur aufgedeckt wurden. _Das Gedächtnis ist vollständige -Besiegung der Zeit nur dann, wenn es, wie im universellen Menschen, -in der universellen Form auftritt. Der Genius ist somit der eigentlich -zeitlose Mensch_, wenigstens ist dies und nichts anderes sein Ideal -von sich selbst; er ist, wie gerade sein sehnsüchtiges und dringendes -Begehren nach Unsterblichkeit beweist, eben der Mensch mit dem -stärksten Verlangen nach Zeitlosigkeit, _mit dem mächtigsten Willen zum -Werte_.[22] - -Und nun tut sich vor dem geblendeten Auge eine fast noch wunderbarere -Koinzidenz auf. Die Zeitlosigkeit des Genius wird nicht allein im -Verhältnis zu den einzelnen Augenblicken seines Lebens kund, sondern -auch in seiner Beziehung zu dem, was man aus der Zeitrechnung als seine -Generation herausgreift und im engeren Sinne »seine Zeit« nennt. _Zu -dieser hat er nämlich de facto gar keine Beziehungen._ Nicht die Zeit, -die ihn braucht, schafft den Genius, er ist nicht ihr Produkt, nicht -aus ihr zu erklären, und man erweist ihm keine Ehre, ihn mit ihr zu -entschuldigen. _Carlyle_ hat mit Recht darauf hingewiesen, wie vielen -Epochen nur der bedeutende Mensch not tat, wie dringend sie seiner -bedurften, und wie er doch nicht erschienen ist. Das Kommen des Genius -bleibt ein Mysterium, auf dessen Ergründung der Mensch in Ehrfurcht -verzichte. Und wie die _Ursachen_ seines Auftretens nicht in seiner -Zeit gefunden werden können, so bleiben auch, diese Übereinstimmung -ist das zweite Rätsel, _dessen $Folgen$ nicht an eine bestimmte Zeit -geknüpft. Die Taten des Genius leben ewig, an ihnen wird durch die Zeit -nichts geändert._ Durch seine Werke ist dem bedeutenden Menschen eine -Unsterblichkeit auf Erden beschieden, und so ist er in _dreifacher -Weise zeitlos_: seine universale Apperzeption oder ausnahmslose -Wertung aller seiner Erlebnisse enthebt diese in seinem Gedächtnis -der Vernichtung mit dem Augenblick; aus der Zeit, die seinem Werden -vorangeht, ist er nicht emporgewachsen; und nicht der Zeit, in der er -tätig ist, und auch keiner anderen, früher oder später ihr folgenden, -fällt anheim, was er geschaffen hat. - -Hier ist nun der glücklichste Ort, die Besprechung einer Frage -einzufügen, die beantwortet werden muß, obwohl sie, merkwürdig genug, -noch kaum von jemand aufgeworfen scheint. Sie betrifft nichts anderes -als, ob das, was Genie genannt zu werden verdient, auch unter den -Tieren (oder Pflanzen) sich findet. Es besteht nun, außer den bereits -entwickelten Kriterien der Begabung, deren Anwendung auf die Tiere -wohl kaum die Anwesenheit dermaßen ausgezeichneter Individuen unter -ihnen ergeben dürfte, auch sonst genügende Berechtigung zu der, später -noch zu begründenden, Annahme, daß es dort nichts irgendwie Ähnliches -gebe. _Talente_ dürften im Reiche der Tiere vorhanden sein wie unter -den noch-nicht-genialen Menschen. Aber das, was man vor _Moreau -de Tours_, _Lombroso_ und _Max Nordau_ immer als den »göttlichen -Funken« betrachtet hat, das haben wir allen Grund auf die Tiere nicht -auszudehnen. Diese Einschränkung ist nicht Eifersucht, nicht ängstliche -Wahrung eines Privilegs, sondern sie läßt sich mit guten Gründen -verteidigen. - -Denn was wird durch das Erstauftreten des Genies _im Menschen_ nicht -alles erklärt! Der ganze »objektive Geist«, mit anderen Worten, _daß -der Mensch allein unter allen Lebewesen eine $Geschichte$ hat_! - -Die ganze menschliche Geschichte (darunter ist natürlich Geistes- und -nicht z. B. Kriegsgeschichte zu verstehen), läßt sie sich nicht am -ehesten begreifen durch das Auftreten des Genies, der Anregungen, die -von ihm ausgingen, und der Nachahmung dessen, was das Genie tat, durch -mehr _pithekoide_ Wesen? Des Hausbaues, des Ackerbaues, vor allem aber -der _Sprache_! Jedes Wort ist von _einem_ Menschen zuerst geschaffen -worden, von einem Menschen, der über dem Durchschnitt stand, wie dies -auch heute immer noch ausschließlich geschieht (von den Namen für -neue technische Erfindungen muß man hiebei freilich absehen). Wie -sollte es denn auch wohl sonst entstanden sein? Die Urworte _waren_ -»onomatopoetisch«: in sie kam ohne den Willen des Sprechenden, durch -die bloße Heftigkeit der spezifischen Erregung, ein dem Erreger -Ähnliches hinein; und alle anderen Worte sind ursprünglich Tropen, -sozusagen Onomatopoesien zweiter Ordnung, Metaphern, Gleichnisse: -alle Prosa ist einmal Poesie gewesen. _Die meisten Genies sind also -unbekannt geblieben._ Man denke nur an die Sprichwörter, selbst an -die heute trivialsten, wie: »eine Hand wäscht die andere«. Ja, das -hat doch vor vielen Jahren _ein_ geistvoller Mann zum ersten Male -gesagt! Anderseits: wie viele Citate aus klassischen Autoren, aus den -allergelesensten, wie viele _Worte Christi_ kommen uns nicht heute -vollkommen unpersönlich-sprichwörtlich vor, wie oft müssen wir uns -erst darauf besinnen, daß wir in diesem Falle den Urheber kennen! Man -sollte darum nicht von der »Weisheit der Sprache«, von den Vorzügen -und den glücklichen Ausdrücken »des Französischen« reden. Ebensowenig -wie das »Volkslied« ist die Sprache von einer Menge geschaffen -worden. Mit jenen Redensarten sind wir gegen so viele _einzelne_ -undankbar, um ein Volk überreich zu beschenken. Der Genius selbst, -der sprachschöpferisch war, gehört vermöge seiner Universalität nicht -bloß der Nation an, aus der er stammt und in deren Sprache er sein -Wesen ausgedrückt hat. Die Nation orientiert sich an ihren Genien und -bildet nach ihnen ihren Idealbegriff von sich selbst, der darum nicht -der Leitstern der Hervorragenden selber, wohl aber jener aller anderen -sein kann. Aus verwandten Gründen aber wäre auch mehr Vorsicht geboten, -wenn, wie so oft, Psychologie der Sprache und Völkerpsychologie ohne -kritische Voruntersuchung als zusammengehörig behandelt werden. Weil -die Sprache von einzelnen großen Männern geschaffen ist, darum liegt -in ihr wirklich so viel erstaunliche Weisheit verborgen; wenn ein -so inbrünstig tiefer Denker wie _Jakob Böhme_ Etymologie treibt, so -will dies doch etwas mehr sagen, als so mancher Geschichtsschreiber -der Philosophie begreifen zu können scheint. Von _Baco_ bis Fritz -_Mauthner_ sind alle _Flach_köpfe _Sprachkritiker_ gewesen.[23] - -Der Genius ist es hingegen, der die Sprache nicht kritisiert, sondern -hervorgebracht hat und immer neu hervorbringt, wie auch all die anderen -Geisteswerke, die im engeren Sinne den Grundstock der Kultur, den -»objektiven Geist« bilden, soweit dieser wirklich _Geist_ ist. So sehen -wir, _daß der zeitlose Mensch jener ist, der die Geschichte schafft: -Geschichte kann nur von Wesen geschaffen werden, die außerhalb ihrer -Kausalverkettung stehen._ Denn nur sie treten in jenes unauflösliche -Verhältnis zum absolut Zeit_losen_, zum Werte, das ihren Produktionen -einen ewigen Gehalt gibt. Und was aus allem Geschehenen in die Kultur -eingeht, geht in sie ein unter dem Gesichtspunkte des ewigen Wertes. - -Legen wir jenen Maßstab der dreifachen Zeitlosigkeit an den Genius -an, so werden wir am sichersten auch bei der nun nicht mehr allzu -schwierigen Entscheidung geleitet werden, wem das Prädikat des -Genies zuzusprechen ist, und wem es aberkannt werden muß. _Zwischen_ -der populären Meinung, die beispielsweise _Türck_ und _Lombroso_ -vertreten, welche den Begriff des Genies bei jeder über den -Durchschnitt stärker hinausragenden intellektuellen oder werklichen -Leistung anzuwenden bereit ist, und der Exklusivität jener Lehren -_Kant_ens und _Schelling_s, welche einzig im schaffenden Künstler das -Walten des Genius erblicken wollen, liegt, obwohl in der Mitte, doch -zweifelsohne diesmal das Richtige. _Der Titel des Genius ist nur den -großen Künstlern und den großen Philosophen_ (zu denen ich hier auch -die seltensten Genien, die großen _Religionsstifter_ zähle[24]) _zu -vindizieren_. Weder der »große Mann der Tat« noch »der große Mann der -Wissenschaft« haben auf ihn Anspruch. - -Die »_Männer der Tat_«, die berühmten Politiker und Feldherren, mögen -wohl einzelne Züge haben, die an das Genie erinnern (z. B. eine -vorzügliche Menschenkenntnis, ein enormes Personengedächtnis); auf -_ihre_ Psychologie kommt diese Untersuchung noch einmal zu sprechen; -aber mit dem Genius kann sie nur verwechseln, wer schon durch den -äußeren Aspekt von Größe allein völlig zu blenden ist. Das Genie ist in -mehr als einem Sinne ausgezeichnet gerade durch den _Verzicht_ auf alle -Größe _nach außen_, _durch reine innere Größe_. Der wahrhaft bedeutende -Mensch hat den stärksten Sinn für die _Werte_, der Feldherr-Politiker -ein fast ausschließliches Fassungsvermögen für die _Mächte_. Jener -sucht allenfalls die Macht an den Wert, dieser höchstens den Wert an -die Macht zu knüpfen und zu binden (man erinnere sich an das oben von -den Unternehmungen der Imperatoren Gesagte). Der große Feldherr, der -große Politiker, sie steigen aus dem Chaos der _Verhältnisse_ empor wie -der Vogel Phönix, um zu verschwinden wie dieser. Der große Imperator -oder große Demagog ist der einzige Mann, der ganz in der Gegenwart -lebt; er träumt nicht von einer schöneren, besseren Zukunft, er sinnt -keiner entflossenen Vergangenheit nach; er knüpft sein Dasein an den -Moment, und sucht nicht auf eine jener beiden Arten, die dem Menschen -möglich sind, _die Zeit zu überspringen_. Der echte _Genius_ aber macht -sich in seinem Schaffen nicht abhängig von den konkret-zeitlichen -Bedingungen seines Lebens, die für den Feldherr-Politiker stets das -Ding-an-sich bleiben, das, was ihm zuletzt Richtung gibt. So wird der -große Imperator _zu einem Phänomen der Natur_, der große Denker und -Künstler steht außerhalb ihrer, er ist eine Verkörperung des Geistes. -Die Werke des Tatmenschen gehen denn auch meist mit seinem Tode, oft -schon früher, und nie sehr viel später, spurlos zu Grunde, nur die -Chronik der Zeit meldet von dem, was da geformt wurde, nur um wieder -zerstört zu werden. Der Imperator schafft keine Werke, an denen -die zeitlosen, ewigen _Werte_ in ungeheuerer Sichtbarkeit für alle -Jahrtausende zum Ausdruck kommen; denn dies sind die Taten des Genius. -$Dieser$, nicht der andere, $schafft$ die Geschichte, weil er nicht -_in sie_ gebannt ist, sondern _außerhalb ihrer_ steht. _Der bedeutende -Mensch hat eine Geschichte, den Imperator hat die Geschichte._ Der -bedeutende Mensch zeugt die Zeit, der Imperator wird _von_ ihr gezeugt -und -- getötet. - -Ebensowenig wie der große Willensmensch besitzt der große -_Wissenschaftler_, wenn er nicht zugleich großer Philosoph ist, ein -Recht auf den Namen des Genius, heiße er sonst _Newton_ oder _Gauß_, -_Linné_ oder _Darwin_, _Kopernikus_ oder _Galilei_. Die Männer der -Wissenschaft sind nicht universell, denn es gibt Wissenschaft nur vom -Fache, allenfalls von Fächern. Das liegt keineswegs, wie man glaubt, -an der »fortschreitenden Spezialisierung«, die es »unmöglich mache, -alles zu beherrschen«: es gibt unter den Gelehrten auch im XIX. und XX. -Jahrhundert noch manch ebenso staunenerregende Polyhistorie, wie sie -_Aristoteles_, oder wie sie _Leibniz_ besaß; ich erinnere an _Alexander -v. Humboldt_, an _Wilhelm Wundt_. Jener Mangel liegt vielmehr im -Wesen aller Wissenschaft und Wissenschaftler tief begründet. Das 8. -Kapitel erst wird die letzte Differenz, die hier besteht, aufzudecken -versuchen. Indes ist man vielleicht bereits hier zu dem Zugeständnis -geneigt, auch der hervorragendste Mann der Wissenschaft sei keine so -allumfassende Natur wie selbst jene Philosophen es waren, die an der -äußersten Grenze dessen stehen, wo die Bezeichnung genial noch statthat -(ich denke an _Schleiermacher_, _Carlyle_, _Nietzsche_). Welcher bloße -Wissenschaftler fühlte in sich ein unmittelbares Verständnis _aller_ -Menschen, _aller_ Dinge, oder auch nur die Möglichkeit, ein solches -in sich und aus sich selbst heraus je zu verwirklichen? Ja, welchen -anderen Sinn hätte denn die wissenschaftliche Arbeit der Jahrtausende, -als diese unmittelbare Einsicht zu _ersetzen_? Dies ist der Grund, -warum alle Wissenschaftler _notwendig_ immer »Fachmänner« sind. Es -kennt auch nie ein Wissenschaftler, der nicht Philosoph ist, selbst -wenn er noch so Hervorragendes leistete, jenes kontinuierliche, -nichtsvergessende Leben, das den Genius auszeichnet: eben wegen seines -Mangels an Universalität. - -Schließlich sind die Forschungen des Wissenschaftlers immer in den -Stand der Kenntnisse seiner Zeit gebannt, er übernimmt einen Fonds von -Erfahrungen in bestimmter Menge und Gestalt, vermehrt und verändert -ihn um ein Geringes oder Größeres, und gibt ihn weiter. Aber auch von -_seinen_ Leistungen wird vieles weggenommen, vieles muß hinzugefügt -werden, sie dauern als Bücher fort in den Bibliotheken, aber nicht als -ewige, der Korrektur auch nur in _einem_ Punkte entrückte Schöpfungen. -Aus den berühmten Philosophien dagegen spricht wie aus den großen -Kunstwerken ein Unverrückbares, Unverlierbares, eine _Weltanschauung_ -zu uns, an welcher der Fortschritt der Zeiten nichts ändert, die je -nach der Individualität ihres Schöpfers, welche in ihr sichtbar zum -Ausdruck gelangte, _immer_ ihm verwandte Menschen findet, die ihr -anhangen. Es gibt _Platoniker_ und _Aristoteliker_, _Spinozisten_ und -_Berkeleyaner_, _Thomisten_ und Anhänger _Brunos_ noch heute, aber -es gibt keinen _Galileianer_ und keine _Helmholtzianer_, nirgends -_Ptolemäer_, nirgends _Kopernikaner_. Es ist darum ein Unfug und -verdirbt den Sinn des Wortes, wenn man von »Klassikern der exakten -Wissenschaften« oder »Klassikern der Pädagogik« ebenso spricht, wie man -mit gutem Recht von klassischen Philosophen und klassischen Künstlern -redet. - -Der große Philosoph also trägt den Namen des Genius mit Verdienst und -Ehre; und wenn es auch des Philosophen größter Schmerz in Ewigkeit -bleibt, daß er nicht Künstler ist -- denn aus keinem anderen Grunde -wird er Ästhetiker -- so neidet doch nicht minder der Künstler dem -Philosophen die zähe und wehrhafte Kraft des abstrakten systematischen -Denkens -- nicht umsonst werden Prometheus und Faust, Prospero und -Cyprian, der Apostel Paulus und der »Penseroso« ihm Problem. Darum, -däucht mir, sind beide einander gleich zu achten, und hat keiner vor -dem anderen allzuviel voraus. - -Freilich heißt es auch in der Philosophie mit dem Begriffe der -Genialität nicht so verschwenderisch umzugehen, als dies gewöhnlich -zu geschehen pflegt; sonst würde meine Darstellung mit Recht den -Vorwurf der Parteilichkeit gegen die »positive Wissenschaft« auf sich -laden, einer Parteilichkeit, die mir selbstverständlich fern liegt, -da ich einen solchen Angriff ja zunächst als gegen mich selbst und -einen großen Teil dieser Arbeit gekehrt empfinden müßte. _Anaxagoras_, -_Geulincx_, _Baader_, _Emerson_ als geniale Menschen zu bezeichnen, -geht nicht an. Weder unoriginelle Tiefe (_Angelus Silesius_, -_Philo_, _Jacobi_) noch originelle Flachheit (_Comte_, _Feuerbach_, -_Hume_, _Mill_, _Herbart_, _Locke_, _Karneades_) sollte auf die -Anwendung des Begriffes ein Recht erwirken können. Die Geschichte -der Kunst ist heute in gleicher Weise wie die der Philosophie voll -der verkehrtesten Wertungen; ganz anders die Geschichte der ihre -eigenen Ergebnisse fortwährend berichtigenden und nach dem _Umfang_ -dieser _Verbesserungen_ wertenden Wissenschaft. Die Geschichte der -Wissenschaft verzichtet auf die Biographie ihrer wackersten Kämpfer; -ihr Ziel ist ein System überindividueller Erfahrung, aus dem der -einzelne verschwunden ist. In der Hingabe an die Wissenschaft liegt -darum die _größte_ Entsagung: denn durch sie verzichtet der einzelne -Mensch als solcher auf _Ewigkeit_. - - - - -VI. Kapitel. - -Gedächtnis, Logik, Ethik. - - -Die Überschrift, welche ich diesem Kapitel voranstelle, ist sofort und -mit Leichtigkeit einem schweren Mißverständnis ausgesetzt. Es könnte -nach ihr scheinen, als huldige der Autor der Ansicht, die logischen -und ethischen Wertungen seien Objekte ausschließlich der empirischen -Psychologie, psychische Phänomene ganz so wie die Empfindung und das -Gefühl, Logik und Ethik also spezielle Disziplinen, Unterabteilungen -der Psychologie und aus ihr, in ihr zu begründen. - -Ich bekenne gleich und vollständig, daß ich diese Anschauung, den -»Psychologismus«, für gänzlich falsch und verderblich halte; falsch, -weil das Unternehmen nie gelingen kann, wovon wir uns noch überzeugen -werden; verderblich, weil es nicht einmal so sehr die hiedurch kaum -berührte Logik und Ethik als die Psychologie zu Grunde richtet. Der -Ausschluß der Logik und Ethik von der _Begründung_ der Psychologie und -ihr Verweis in einen Appendix der letzteren ist das Korrelat zu dem -Überwuchern der Empfindungslehre, und hat mit dieser zusamt all das auf -dem Gewissen, was sich heute als »empirische Psychologie« präsentiert: -jenen Haufen toter Gebeine, denen kein Feinsinn und kein Fleiß mehr -Leben einhaucht, in denen vor allem die wirkliche _Erfahrung_ nicht -wiederzuerkennen ist. Was also die unglücklichen Versuche betrifft, -Logik und Ethik auf den Stufenbau einer, gleichgültig mit welchem -Mörtel, zusammensetzenden Psychologie, als das zarte, jüngste Kind -des Seelenlebens, zu setzen, so trage ich wenigstens kein Bedenken, -gegen _Brentano_ und seine Schule (_Stumpf_, _Meinong_, _Höfler_, -_Ehrenfels_), gegen Th. _Lipps_ und G. _Heymans_, gegen die ebenfalls -dahin zu zählenden Meinungen von _Mach_ und _Avenarius_, hier mich -prinzipiell jener anderen Richtung anzuschließen, deren Positionen -heute von _Windelband_, _Cohen_, _Natorp_, F. J. _Schmidt_, besonders -aber von _Husserl_ verteidigt werden (der selbst früher Psychologist -war, seither aber zu der festesten Überzeugung von der Unhaltbarkeit -dieses Standpunktes gelangt ist), jener Richtung, welche gegen die -psychologisch-genetische Methode _Humes_ den transcendental-kritischen -Gedanken _Kant_ens geltend macht und hochzuhalten weiß. - -Da aber die vorliegende Arbeit keine ist, welche mit den allgemeinen, -überindividuell gültigen Normen des Handelns und Denkens und den -Bedingungen des Erkennens sich beschäftigte, da sie vielmehr, ihrem -Ausgangspunkt wie ihrem Ziele nach, eben _Unterschiede_ zwischen -Menschen festzustellen trachtet, und nicht für beliebige Wesen (selbst -für »die lieben Engelein« im Himmel) gültig zu sein beansprucht, wie -die Philosophie _Kant_ens ihren Grundgedanken nach, so durfte und -mußte sie bisher psychologisch (nicht psycho_logistisch_) sein, und -wird es weiter bleiben, ohne an den Stellen, wo sich die Notwendigkeit -herausstellen sollte, zu verabsäumen, selbst eine formale Betrachtung -zu wagen, oder wenigstens darauf hinzuweisen, daß da oder dort das -alleinige Recht der logischen, kritischen, transcendentalen Methode -zustehe. - -Der Titel dieses Kapitels rechtfertigt sich anders. Die langwierige, -weil gänzlich neu zu führende Untersuchung des vorigen hat gezeigt, daß -das menschliche Gedächtnis zu Dingen in intimer Beziehung steht, mit -denen man es einer Verwandtschaft bisher nicht für würdig gehalten zu -haben scheint. Zeit, Wert, Genie, Unsterblichkeit -- all dies vermochte -sie mit dem Gedächtnis in einem merkwürdigen Zusammenhange zu zeigen, -dessen Existenz man offenbar noch gar nicht vermutet hat. Dieses fast -völlige Fehlen aller Hinweise muß einen tieferen Grund haben. Er liegt, -so scheint es, in den Unzulänglichkeiten und Schlampereien, welche die -Theorien des Gedächtnisses immer wieder sich haben zu Schulden kommen -lassen. - -Hier lenkt zunächst die schon in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts -von Charles _Bonnet_ begründete, im letzten Drittel des XIX. -Jahrhunderts besonders durch Ewald _Hering_ (und E. _Mach_) in Schwung -gekommene Lehre den Blick auf sich, welche im Gedächtnis des Menschen -nichts weiter sieht als die »allgemeine Funktion der organisierten -Materie«, auf neue Reize, die vorangegangenen Reizen mehr oder -weniger gleichen, anders, leichter und schneller zu reagieren als auf -erstmalige Irritation. Diese Theorie glaubt also die menschlichen -Gedächtnisphänomene durch die sonstige Erfahrung der Übungsfähigkeit -lebender Wesen schon erschöpft, für sie ist das Gedächtnis eine -Anpassungserscheinung nach _Lamarck_schem Muster. Gewiß, es besteht ein -Gemeinsames zwischen dem menschlichen Gedächtnis und jenen Tatsachen, -z. B. gesteigerter Reflexerregbarkeit bei gehäufter Wiederholung der -Erregungen; das identische Element liegt in dem Fortwirken des ersten -Eindruckes über den Moment hinaus, und das 12. Kapitel wird auf den -tiefsten Grund dieser Verwandtschaft noch einmal zurückkommen. Es ist -aber daneben doch ein abgrundtiefer Unterschied zwischen der Stärkung -eines Muskels durch Gewöhnung an wiederholte Kontraktion, zwischen der -Anpassung des Arsenikessers oder des Morphinisten an immer größere -Quantitäten des Giftes hier, und der Erinnerung des Menschen an -seine früheren Erlebnisse dort. Auf der einen Seite ist die Spur des -Alten nur im Neuen verfolgbar, auf der anderen treten früher erlebte -Situationen wieder, ganz als die _alten_, hervor in das Bewußtsein, -so wie sie selbst waren, mit aller Individuation ausgestattet, nicht -zu bloßer Nachwirkung auf den neuen Moment durch ein Residuum nutzbar -gemacht. Die Identifikation beider Phänomene wäre so ungereimt, daß -auf eine weitere Besprechung dieser allgemein-biologischen Ansicht -verzichtet werden kann. - -Mit der physiologischen Hypothese hängt die Associationslehre als -Theorie des Gedächtnisses _historisch_ durch _Hartley_ und _sachlich_ -durch den _Begriff der Gewöhnung_ zusammen. Sie leitet _alles_ -Gedächtnis aus dem mechanischen Spiel der Vorstellungsverknüpfungen -nach ein bis vier Gesetzen ab. Dabei _übersieht sie, daß das -Gedächtnis (das kontinuierliche des Mannes) im Grunde eine -Willenserscheinung ist_. Ich kann mich auf etwas besinnen, wenn ich -es wirklich _will_, entgegen beispielsweise meiner Schlafsucht, wenn -ich nur wahrhaft entschlossen bin, diese zu unterdrücken. _In der -Hypnose, durch welche Erinnerung an alles Vergessene erzielt werden -kann, tritt der Wille des Fremden an die Stelle des allzu schwachen -eigenen_ und liefert so wieder den Beweis, daß es der _Wille_ ist, -_welcher die zweckmäßigen Associationen aufsucht, daß alle Association -durch die tiefere Apperzeption herbeigeführt wird_. Hier mußte einem -späteren Abschnitt vorgegriffen werden, welcher das Verhältnis zwischen -Associations- und Apperzeptionspsychologie klarzustellen und die -Berechtigung beider abzuwägen suchen wird. - -Mit der Associationspsychologie, welche das psychische Leben zuerst -zerspaltet, und wähnt, im Tanze der einander die Hände reichenden -Bruchstücke es dann noch zusammenleimen zu können, hängt wiederum enge -jene dritte Konfusion zusammen, die, ungeachtet des von _Avenarius_ -und besonders von _Höffding_ ungefähr zur gleichen Zeit mit so viel -Recht erhobenen Einspruches, noch immer das _Gedächtnis_ mit dem -_Wiedererkennen_ zusammenwirft. Das Wiedererkennen eines Gegenstandes -braucht durchaus nicht auf der gesonderten Reproduktion des früheren -Eindruckes zu beruhen, wenn auch in einem Teile der Fälle im neuen -Eindrucke die Tendenz zu liegen scheint, auf der Stelle den älteren -wachzurufen. Aber es gibt _daneben_ ein mindestens ebenso häufig -vorkommendes _unmittelbares_ Wiedererkennen, in welchem nicht die -neue Empfindung _von sich selbst wegführt_ und wie mit einem Streben -verknüpft erscheint, sondern wo das Gesehene, Gehörte etc. nur mit -einer spezifischen _Färbung_ (»tinge« würde _James_ sagen) auftritt, -mit jenem »Charakter«, den _Avenarius_ »das Notal«, _Höffding_ -»die Bekanntheitsqualität« nennt. Wer in die Heimat zurückkehrt, -dem scheinen Weg und Steg »bekannt«, auch wenn er nichts mehr zu -benennen und sich gar nicht leicht zurechtzufinden weiß, und keines -besonderen Tages gerade gedenkt, an dem er hier gegangen; eine -Melodie kann mir »bekannt vorkommen«, ohne daß ich weiß, wann und wo -ich sie gehört habe. Der »Charakter« (im _Avenarius_schen Sinne) der -_Bekanntheit_, der _Vertrautheit_ etc. schwebt hier sozusagen über -dem Sinneseindruck selbst, die Analyse weiß nichts von Associationen, -deren »Verschmelzung« mit meiner neuen Empfindung, nach der Behauptung -einer anmaßenden Pseudo-Psychologie, jenes unmittelbare Gefühl erst -_erzeugen_ soll, und sie vermag diese Fälle sehr gut von jenen anderen -zu unterscheiden, wo schon leise und kaum merklich (in Henidenform) das -ältere Erlebnis wirklich associiert wird. - -Auch individualpsychologisch ist diese Distinktion eine -Notwendigkeit. Im hochstehenden Menschen ist das Bewußtsein einer -nicht interrupten Vergangenheit fortwährend so lebendig, daß er, -etwa beim Wiedererblicken eines Bekannten auf der Gasse, sofort die -letzte Begegnung als selbständiges Erlebnis reproduziert, während -im weniger Begabten das einfache Bekanntheitsgefühl, das ihm ein -Wiedererkennen ermöglicht, oft auch dann _allein_ auftritt, wenn er -jenes Zusammensein, sogar in seinen Einzelheiten, noch recht gut sich -zu vergegenwärtigen vermöchte. - -Stellen wir nun noch, zum Abschlusse dessen, die Frage, ob die anderen -Organismen außer dem Menschen ebenfalls jene, von allem Ähnlichen wohl -zu unterscheidende Fähigkeit besitzen, frühere Augenblicke ihres Lebens -wieder _in ihrer Gänze aufleben zu lassen_, so ist diese Frage mit -der größten Wahrscheinlichkeit im verneinenden Sinne zu beantworten. -Die Tiere könnten nicht, wie sie es tun, stundenlang regungslos und -ruhig auf einem Flecke verharren, wenn sie an ihr vergangenes Leben -zurückdächten oder eine Zukunft in Gedanken vorausnähmen. Die Tiere -haben Bekanntheitsqualitäten und Erwartungsgefühle (der die Heimkehr -des Herrn nach zwanzig Jahren begrüßende Hund; die Schweine vor dem -Tore des Metzgers, die zur Belegung geführte rossige Stute), aber -sie besitzen keine Erinnerung und keine Hoffnung. _Sie vermögen -wiederzuerkennen_ (mit Hilfe des »Notals«), _aber sie haben kein -Gedächtnis_. - -Ist so das Gedächtnis als eine besondere, mit niederen Gebieten -psychischen Lebens nicht zu verwechselnde Eigenschaft dargetan, scheint -es zudem ausschließlicher Besitz des Menschen zu sein, so wird es nicht -mehr wundernehmen, daß es mit jenen höheren Dingen, wie dem Wert- und -Zeitbegriff, dem keinem Tiere eignenden Unsterblichkeitsbedürfnisse, -der nur dem Menschen möglichen Genialität, in einem Zusammenhange -steht. Und wenn es einen einheitlichen Begriff vom Menschen gibt, ein -tiefstes _Wesen_ der Menschheit, das in allen besonderen Qualitäten -des Menschen zum Ausdrucke kommt, so wird man es geradezu _erwarten_ -müssen, daß auch die logischen und ethischen Phänomene, die den anderen -Lebewesen allem Anscheine nach ebenso abgehen wie das Gedächtnis, mit -diesem irgendwo sich berühren werden. Diese Beziehung heißt es nun -aufsuchen. - -Es kann zu dem Behufe von der wohlbekannten Tatsache ausgegangen -werden, daß _Lügner_ ein schlechtes Gedächtnis haben. Vom -»pathologischen _Lügner_« steht es fest, daß er nahezu überhaupt »kein -Gedächtnis hat«. Auf den männlichen Lügner komme ich im folgenden -noch einmal zu sprechen; er bildet nicht die Regel unter den Männern. -Faßt man hingegen ins Auge, was früher über das Gedächtnis der Frauen -gesagt wurde, so wird man es neben die angeführte Erscheinung der -mangelnden Erinnerungsgabe verlogener Männer stellen dürfen, wenn so -viele Sprichwörter und Erzählungen, wenn Dichtung und Volksmund vor -der Lügenhaftigkeit des Weibes warnen. Es ist klar: einem jeden Wesen, -dessen Gedächtnis ein so minimales wäre, daß, was es gesagt, getan, -erlitten hat, später nur im dürftigsten Grade von Bewußtheit ihm noch -gegenwärtig bliebe, einem jeden solchen Wesen muß, wenn ihm die Gabe -der Sprache verliehen ist, die Lüge leicht fallen, und dem Impulse -zu ihr wird, wenn es auf die Erreichung praktischer Zwecke ankommt, -von einem so beschaffenen Individuum, dem nicht der wahre Vorgang -mit voller Intensität vorschwebt, schwer widerstanden werden können. -Und noch stärker muß sich diese Versuchung geltend machen, wenn das -Gedächtnis dieses Wesens nicht von jener kontinuierlichen Art ist, die -nur der Mann kennt, sondern wenn das Wesen, wie W, sozusagen nur in -Augenblicken, diskret, diskontinuierlich, zusammenhanglos lebt, in den -zeitlichen Ereignissen _aufgeht_, statt _über_ ihnen zu _stehen_, oder -den Zeitablauf wenigstens zum _Problem_ zu erheben; wenn es nicht, wie -M, alle seine Erlebnisse auf einen einheitlichen _Träger_ derselben -bezieht, sie von _diesem auf sich nehmen läßt_, wenn ein _»Zentrum« -der Apperzeption fehlt_, dem alle Vergangenheit stets in einheitlicher -Weise zugezählt wird, _wenn das Wesen sich nicht_ als _eines und selbes -in allen seinen Lebenslagen fühlt und weiß_. Es kommt zwar wohl auch -bei jedem Manne vor, daß er sich einmal »nicht versteht«, ja bei sehr -vielen Männern ist es, wenn sie an ihre Vergangenheit zurückdenken, -ohne daß dies mit den Phänomenen der psychischen Periodizität in -Verbindung gebracht werden dürfte[25], die Regel, daß sie die -Substitution ihrer gegenwärtigen Persönlichkeit für den Träger jener -älteren Erlebnisse nicht leicht auszuführen vermögen, daß sie nicht -begreifen, wie sie dies oder jenes damals denken oder tun konnten; -_und doch wissen und fühlen sie sehr wohl, daß sie es trotzdem gedacht -und getan haben, und zweifeln nicht im mindesten daran_. Dieses Gefühl -der Identität in allen Lebenslagen fehlt dem echten Weibe völlig, da -sein Gedächtnis, selbst wenn es -- das kommt in einzelnen Fällen vor --- auffallend gut ist, _stets alle Kontinuität vermissen läßt_. Das -Einheitsbewußtsein des Mannes, der sich in seiner Vergangenheit oft -nicht versteht, äußert sich in dem _Bedürfnisse sich zu verstehen_, und -diesem Bedürfnis _immaniert die $Voraussetzung$_, daß er stets _ein -und derselbe_ trotz seines Sichjetztnichtverstehens gewesen ist; die -Frauen verstehen sich, wenn sie an ihr früheres Leben zurückdenken, -_nie, haben aber auch kein Bedürfnis sich zu verstehen_, wie man schon -aus dem geringen Interesse entnehmen kann, das sie den Worten des -Mannes entgegenbringen, der ihnen etwas über sie selbst sagt. _Die Frau -interessiert sich nicht für sich_ -- darum gibt es keine weibliche -Psychologin und keine Psychologie des Weibes von einem Weibe -- und -ganz unfaßbar wäre ihr das krampfhafte, echt männliche Bemühen, die -eigene Vergangenheit als eine _logische_ Folge von _kontinuierlichem_, -lückenlos kausal geordnetem, nicht sprunghaftem Geschehen zu -interpretieren, Anfang, Mitte, Ende des individuellen Lebens zueinander -in Beziehung zu bringen. - -Von hier aus aber ist auch die Brücke zur Logik durch einen -Grenzübergang zu schlagen möglich. Ein Wesen, das, wie W, das absolute -Weib, sich nicht in den aufeinanderfolgenden Zeitpunkten als identisch -wüßte, hätte auch keine Evidenz der Identität seines Denkobjektes -zu verschiedenen Zeiten; da, wenn beide Teile, der Veränderung -unterworfen sind, sozusagen das absolute Koordinatensystem fehlt, auf -das Veränderung bezogen, mit Hilfe dessen Veränderung einzig bemerkt -werden könnte. Ja ein Wesen, dessen Gedächtnis nicht einmal so weit -reichte, um ihm die psychologische Möglichkeit zu gestatten, das Urteil -zu fällen, ein Gegenstand oder ein Ding sei trotz des Zeitablaufes mit -sich selbst identisch geblieben, um es also z. B. zu befähigen, irgend -eine mathematische Größe in einer längeren Rechnung als dieselbe zu -verwenden, einzusetzen und festzuhalten; _ein solches Wesen würde im -extremen Falle auch nicht imstande sein, vermöge seines Gedächtnisses -die unendlich klein gesetzte Zeit zu überwinden, welche (psychologisch) -jedenfalls erforderlich ist, um von A zu sagen, daß es im nächsten -Momente doch noch A sei, um das Urteil der Identität A = A zu fällen, -oder den Satz des Widerspruches auszusprechen, der voraussetzt, daß ein -A nicht sofort dem Denkenden entschwinde; denn sonst könnte es das A -vom non-A, das nicht A ist, und das es wegen der Enge des Bewußtseins -nicht gleichzeitig ins Auge zu fassen vermag, nicht wirklich -unterscheiden_. - -Das ist kein bloßer Scherz des Gedankens, kein neckisches Sophisma -der Mathematik, keine verblüffende Konklusion aus durchgeschmuggelten -Prämissen. Zwar bezieht sich sicherlich -- es muß das, um möglichen -Einwänden zu begegnen, der folgenden Untersuchung vorweggenommen -werden -- das Urteil der Identität immer auf _Begriffe_, nie auf -Empfindungen oder Komplexe von solchen, und die Begriffe sind als -logische Begriffe zeitlos, sie behalten ihre Konstanz, ob ich sie -als psychologisches Subjekt konstant denke oder nicht. Aber der -Mensch denkt den Begriff eben nie rein als logischen Begriff, _weil -er kein rein logisches, sondern auch ein psychologisches_, »von den -Bedingungen der Sinnlichkeit affiziertes« _Wesen ist_, er kann an -seiner Statt immer nur eine, aus seinen individuellen Erfahrungen -durch wechselseitige Auslöschung der Differenzen und Verstärkung des -Gleichartigen hervorgewachsene Allgemeinvorstellung (eine »typische«, -»konnotative«, »repräsentative« Vorstellung) denken, _die aber das -abstrakte Moment der Begrifflichkeit erhalten und wunderbarer Weise in -diesem Sinne verwertet werden kann_. Er muß also auch die Möglichkeit -haben, die Vorstellung, in welcher er den de facto _unanschaulichen_ -Begriff _anschaulich_ denkt, zu bewahren, zu konservieren; -diese Möglichkeit hinwiederum wird ihm nur durch das Gedächtnis -gewährleistet. Fehlte ihm also das Gedächtnis, so wäre für ihn auch -die Möglichkeit dahin, logisch zu denken, jene Möglichkeit, die sich -sozusagen immer nur an einem _psychologischen_ Medium _inkarniert_. - -Also ist der Beweis streng geführt, daß mit dem Gedächtnis auch die -Fähigkeit erlischt, die logischen Funktionen auszuüben. Die Sätze der -Logik werden hiedurch nicht tangiert, nur die Kraft, sie anzuwenden, -ist dargetan als an jene Bedingung gebunden. Der Satz A = A nun hat -_psychologisch_ stets eine Beziehung zur _Zeit_, insoferne er nur -im _Gegensatze_ zur Zeit _ausgesprochen_ werden kann: A_{t_{1}} = -A_{t_{2}}. _Logisch_ wohnt ihm diese Beziehung freilich nicht inne; -wir werden aber noch darüber Aufschluß erhalten, warum er rein logisch -_als $besonderes$ Urteil keinen $speziellen$ Sinn_ hat und dieser -_psychologischen_ Folie so sehr bedarf. Psychologisch ist demnach das -Urteil nur in _Relation zur Zeit_ vollziehbar, als deren eigentliche -_Negation_ es sich darstellt. - -Ich habe aber früher das stetige Gedächtnis als die Überwindung -der Zeit, und eben damit als die psychologische _Bedingung_ der -Zeit_auffassung_ erwiesen. _So präsentiert sich denn die Tatsache des -kontinuierlichen Gedächtnisses als der $psychologische$ Ausdruck des -$logischen$ Satzes der Identität._[26] Dem absoluten Weibe, dem jenes -fehlt, kann auch dieser Satz nicht Axiom seines Denkens sein. $Für das -absolute Weib gibt es kein Principium identitatis (und contradictionis -und exclusi tertii).$ - -Aber nicht nur diese drei Prinzipien; auch das vierte der logischen -Denkgesetze, _der Satz vom Grunde_, der von jedem Urteil eine -Begründung verlangt, die es für alle Denkenden notwendig mache, hängt -mit dem Gedächtnis aufs innigste zusammen. - -Der Satz vom zureichenden Grunde ist der Nerv, das Prinzip des -Syllogismus. Die Prämissen eines Schlusses sind aber psychologisch -immer frühere, der Konklusion zeitlich vorhergehende _Urteile_, die vom -Denkenden ebenso festgehalten werden müssen, wie die _Begriffe_ durch -die Sätze von der Identität und vom Widerspruch gleichsam _geschützt_ -werden. Die Gründe eines Menschen sind immer in seiner Vergangenheit zu -suchen. Darum hängt die Kontinuität, welche das Denken des Menschen als -Maxime gänzlich beherrscht, mit der Kausalität so enge zusammen. Jedes -_psychologische_ In-Kraft-Treten des Satzes vom Grunde setzt demzufolge -kontinuierliches, alle Identitäten wahrendes _Gedächtnis_ voraus. Da W -dieses Gedächtnis so wenig als Kontinuität sonst irgend kennt, _so gibt -es für sie auch kein Principium rationis sufficientis_. - -_Es ist also richtig, daß das Weib keine Logik besitzt._ - -Georg _Simmel_ hat diese alte Erkenntnis als unhaltbar bezeichnet, -weil die Frauen oft mit äußerster, strengster Konsequenz Folgerungen -zu ziehen wüßten. Daß die Frau in einem _konkreten_ Falle, wo es ihr -_zur Erreichung irgend eines Zweckes_ paßt und dringend notwendig -scheint, unerbittlich folgert, ist so wenig ein Beweis dafür, daß sie -ein Verhältnis zum Satz vom Grunde hat, wie es ein Beweis für ein -Verhältnis zum Satz der Identität ist, daß sie so oft hartnäckig -ein und dasselbe behauptet, und immer wieder auf ihr erstes, längst -widerlegtes, Wort zurückkommt. _Die Frage ist, ob jemand die logischen -Axiome als Kriterien der Gültigkeit seines Denkens, als Richter -über das, was er sagt, anerkennt oder nicht, ob er sie zur steten -Richtschnur und Norm seines Urteils macht._ Eine Frau nun sieht nie -ein, _daß man alles auch begründen müsse_; da sie keine Kontinuität -hat, empfindet sie auch kein Bedürfnis nach der logischen Stützung -alles Gedachten: _daher die Leichtgläubigkeit $aller$ Weiber_. Also im -Einzelfall mögen sie konsequent sein, aber dann ist die Logik nicht -Maßstab, sondern Werkzeug, nicht Richter, sondern meistens Henker. -Dagegen wird eine Frau durchaus, wenn sie eine Ansicht äußerte, und der -Mann so dumm wäre, dies überhaupt ernst zu nehmen und einen Beweis von -ihr verlangte, ein solches Ansinnen als unbequem und lästig, als gegen -ihre Natur gerichtet empfinden. _Der Mann fühlt sich vor sich selbst -beschämt, er fühlt sich schuldig, wenn er einen Gedanken, habe er ihn -nun geäußert oder nicht, zu begründen unterlassen hat_, weil er die -Verpflichtung dazu fühlt, die logische Norm einzuhalten, die er ein für -allemal über sich gesetzt hat. Die Frau erbittert die Zumutung, ihr -Denken von der Logik _ausnahmslos_ abhängig zu machen. _Ihr mangelt das -intellektuelle Gewissen._ Man könnte bei ihr von »_logical_ insanity« -sprechen. - -Der häufigste Fehler, den man an der weiblichen Rede entdecken würde, -wollte man sie wirklich auf ihre Logizität prüfen (was jeder Mann -gewöhnlich unterläßt und schon damit seine Verachtung der weiblichen -Logik kundgibt), wäre die quaternio terminorum, jene Verschiebung, die -eben aus der Unfähigkeit des Festhaltens _bestimmter_ Vorstellungen, -aus dem Mangel eines Verhältnisses zum Satze der Identität, hervorgeht. -Die Frau erkennt nicht von selbst, daß sie an diesen Satz sich halten -müsse, er ist ihr nicht oberstes Kriterium ihrer Urteile. Der Mann -fühlt sich zur Logik verpflichtet, die Frau nicht; nur darauf aber -kommt es an, nur jenes Gefühl der Schuldigkeit kann eine Bürgschaft -dafür bieten, daß von einem Menschen immer und ewig logisch zu denken -gestrebt werde. Es ist vielleicht der tiefste Gedanke, welchen -_Descartes_ je geäußert hat, und wohl darum so wenig verstanden und -meist als schreckliche Irrlehre hingestellt: _daß aller Irrtum eine -Schuld ist_. - -Aber Quell alles Irrtums ist im Leben auch immer ein Mangel an -Gedächtnis. So hängen Logik wie Ethik, die sich eben in der -Wahrheitsforderung berühren und im höchsten Werte der Wahrheit -zusammentreffen, wieder beide auch mit dem Gedächtnis zusammen. Und es -dämmert uns auch bereits die Erkenntnis auf, daß _Platon_ so Unrecht -nicht hatte, wenn er die Einsicht mit der Erinnerung in Zusammenhang -brachte. Das Gedächtnis ist zwar kein logischer und ethischer _Akt_, -aber zumindest ein logisches und ethisches _Phänomen_. Ein Mensch -z. B., der eine wahrhaft tiefe Empfindung gehabt hat, empfindet es als -sein Unrecht, wenn er, sei's auch durch äußeren Anlaß genötigt, eine -halbe Stunde darauf schon an etwas ganz anderes denkt. Der Mann kommt -sich gewissenlos und unmoralisch vor, wenn er bemerkt, daß er an irgend -einen Punkt seines Lebens längere Zeit hindurch nicht gedacht hat. -Das Gedächtnis ist ferner schon deshalb moralisch, weil es allein die -_Reue_ ermöglicht. _Alles Vergessen hingegen ist an sich unmoralisch._ -Darum ist _Pietät_ eben auch _sittliche_ Vorschrift: es ist $Pflicht$, -$nichts$ zu vergessen; und nur insofern hat man der Verstorbenen -besonders zu gedenken. Darum auch sucht der Mann, aus logischen und -ethischen Motiven in gleichem Maße, in seine Vergangenheit Logik zu -bringen, alle Punkte in ihr zur Einheit zu ordnen. - -_Wie mit einem Schlage ist hier an den tiefen Zusammenhang von Logik -und Ethik gerührt, den Sokrates und Plato geahnt haben, Kant und Fichte -neu entdecken mußten, auf daß er später wieder vernachlässigt würde und -den Lebenden ganz in Verlust geriete._ - -Ein Wesen, das nicht begreift oder nicht anerkennt, daß A und non-A -einander ausschließen, wird durch nichts mehr gehindert zu lügen; -vielmehr, es gibt für ein solches Wesen gar keinen _Begriff_ der Lüge, -weil ihr Gegenteil, die Wahrheit, als das Maß ihm abgeht; ein solches -Wesen kann, wenn ihm dennoch Sprache verliehen ist, _lügen, ohne es zu -wissen_, ja ohne die Möglichkeit, zu erkennen, daß es lügt, da es des -Kriteriums der Wahrheit entbehrt. »Veritas norma sui et falsi est.« Es -gibt nichts Erschütternderes für einen Mann, als wenn er, einem Weibe -auf eine Lüge gekommen, sie fragt: »Was lügst Du?« und dann gewahren -muß, _wie sie diese Frage gar nicht versteht_ und, ohne zu begreifen, -ihn angafft, oder lächelnd _ihn_ zu beruhigen sucht -- oder gar in -Tränen ausbricht. - -Denn mit dem Gedächtnis allein ist die Sache nicht erledigt. Es ist -auch unter den Männern die Lüge genug verbreitet. Und es kann gelogen -werden trotz der _Erinnerung_ an den tatsächlichen Sachverhalt, an -dessen Stelle zu irgend welchem Zwecke ein anderer gesetzt wird. Ja, -nur von einem solchen Menschen, der, trotz seinem besseren Wissen und -Bewußtsein, den Tatbestand fälscht, kann eigentlich _mit Recht_ gesagt -werden, daß er lüge. Und es muß ein Verhältnis zur Idee der Wahrheit -als des höchsten Wertes der Logik wie der Ethik _da sein_, damit von -einer Unterdrückung dieses Wertes zugunsten fremder Motive die Rede -sein könne. Wo dieses fehlt, kann man nicht von _Irrtum_ und _Lüge_, -sondern höchstens von _Verirrtheit_ und _Verlogenheit_ sprechen; nicht -von _$anti$moralischem_, sondern nur von _$a$moralischem_ Sein. _Das -Weib also ist $a$moralisch._ - -Jenes absolute Unverständnis für den _Wert der Wahrheit an sich_ -muß demnach tiefer liegen. Aus dem kontinuierlichen Gedächtnis -ist, da der Mann ebenfalls, ja eigentlich _nur $er$ lügt_, die -Wahrheits_forderung_, das Wahrheits_bedürfnis_, das eigentliche -ethisch-logische Grundphänomen, nicht _abzuleiten_, sondern es steht -damit nur in engem _Zusammenhange_. - -Das, was einem Menschen, einem Manne ein aufrichtiges Verhältnis -zur Idee der Wahrheit ermöglicht, und was ihn deshalb einzig an der -Lüge zu hindern imstande ist, das kann nur etwas von aller Zeit -Unabhängiges, durchaus Unveränderliches sein, welches die alte Tat im -neuen Augenblick ganz ebenso als wirklich _setzt_ wie im früheren, -weil es _es selbst_ geblieben ist, an der Tatsache, daß _es_ die -Handlung so vollzogen hat, nichts ändern läßt und nicht rütteln will; -es kann nur dasselbe sein, auf das alle diskreten Erlebnisse bezogen -werden, und das so ein kontinuierliches Dasein erst schafft; es ist -eben dasselbe, das zum Gefühl der _Verantwortlichkeit_ für die eigenen -Taten drängt und den Menschen alle Handlungen, die jüngsten wie die -ältesten, _verantworten_ zu können trachten läßt, das zum Phänomen -der _Reue_, zum _Schuldbewußtsein_ führt, das heißt zur _Zurechnung -vergangener Dinge an ein ewig Selbes und darum auch Gegenwärtiges_, zu -einer Zurechnung, die in viel größerer Feinheit und Weite geschieht, -als durch das öffentliche Urteil und die Normen der Gesellschaft je -erreicht werden könnte, einer Zurechnung, die von allem Sozialen -gänzlich unabhängig das Individuum an sich selbst vollzieht; weshalb -alle Moralpsychologie, welche die Moral auf das soziale Zusammenleben -der Menschen begründen und ihren Ursprung auf dieses zurückführen -will, in Grund und Boden falsch und verlogen ist. Die Gesellschaft -kennt den Begriff des _Verbrechens_, aber nicht den der _Sünde_, sie -zwingt zur _Strafe_, ohne _Reue_ erreichen zu wollen; die Lüge wird -vom Strafgesetz nur in ihrer, _öffentlichen Schaden_ zufügenden, -feierlichen Form des Meineides geahndet, und der Irrtum ist noch -nie unter die Vergehungen gegen das geschriebene Gesetz gestellt -worden. Die Sozialethik, die da fürchtet, der Nebenmensch komme bei -jedem ethischen Individualismus zu kurz, und _darum_ von Pflichten -des Individuums gegen die Gesellschaft und gegen die 1500 Millionen -lebender Menschen faselt, _erweitert_ also nicht, wie sie glaubt, -das Gebiet der Moral, sondern _beschränkt_ es in unzulässiger und -verwerflicher Weise. - -Was ist nun jenes über Zeit und Veränderung Erhabene, jenes »Zentrum -der Apperzeption«? - -»Es kann nichts Mindereres sein, als was den Menschen über sich selbst -(als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der -Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann, und die zugleich die -ganze Sinnenwelt ..... unter sich hat. Es ist nichts anderes als die -_Persönlichkeit_.« - -Auf ein von allem empirischen Bewußtsein verschiedenes _»intelligibles« -$Ich$_ hat das erhabenste Buch der Welt, die »Kritik der praktischen -Vernunft«, der diese Worte entnommen sind, die Moral als auf ihren -Gesetzgeber zurückgeführt. - -Hiemit steht die Untersuchung beim Problem des Subjektes, und dieses -bildet ihren nächsten Gegenstand. - - - - -VII. Kapitel. - -Logik, Ethik und das Ich. - - -Bekanntlich hat David _Hume_ den Ich-Begriff einer Kritik unterzogen, -die in ihm nur ein »Bündel« verschiedener, in fortwährendem Flusse und -Bewegung befindlicher »Perzeptionen« entdeckte. So sehr auch _Hume_ das -Ich hiedurch kompromittiert fand, er trägt seine Anschauung relativ -bescheiden vor, und salviert sich dem Wortlaute nach tadellos. Von -einigen Metaphysikern nämlich, erklärt er, müsse man absehen, die sich -eines anderen Ichs zu erfreuen meinten; er selbst sei ganz gewiß, -keines zu haben, und glaube annehmen zu dürfen, daß es auch von den -übrigen Menschen (von jenen paar Käuzen natürlich werde er sich wohl -hüten, zu reden) gelte, daß sie nichts seien als Bündel. So drückt -sich der Weltmann aus. Im nächsten Kapitel wird sich zeigen, wie seine -Ironie auf ihn selbst zurückfällt. Daß sie so berühmt wurde, liegt an -der allgemeinen Überschätzung Humes, an der _Kant_ die Schuld trägt. -Hume war ein ausgezeichneter empirischer Psychologe, aber er ist -keineswegs ein Genie zu nennen, wie das meistens geschieht; es gehört -zwar nicht eben viel dazu, der größte englische Philosoph zu sein, aber -Hume hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten Anspruch. Und wenn -Kant (trotz den »Paralogismen«) den _Spinozismus_ a limine deswegen -zurückgewiesen hat, weil nach diesem die Menschen nicht Substanzen, -sondern bloße Accidenzen sind, und ihn mit jener seiner »ungereimten« -Grundidee schon für erledigt ansah -- so möchte ich wenigstens nicht -dafür einstehen, ob er sein Lob des Engländers nicht beträchtlich -gedämpft hätte, wäre ihm auch der »Treatise« desselben bekannt gewesen -und nicht bloß der spätere »Inquiry«, in welchen, wie man weiß, Hume -seine Kritik des Ichs nicht aufgenommen hat. - -_Lichtenberg_, der nach Hume gegen das Ich zu Felde zog, war schon -kühner als dieser. Er ist der Philosoph der Unpersönlichkeit -und korrigiert nüchtern das _sprachliche_ »Ich denke« durch ein -sachliches »es denkt«; so ist ihm das Ich eigentlich eine Erfindung -der _Grammatiker_. Hierin war ihm übrigens Hume doch insofern -vorangegangen, als auch er am Schlusse seiner Auseinandersetzungen -allen Hader um die Identität der Person für einen bloßen Wortstreit -erklärt hatte. - -In jüngster Zeit hat E. _Mach_ das Weltall als eine zusammenhängende -Masse aufgefaßt und die Ichs als Punkte, in denen die zusammenhängende -Masse stärkere Konsistenz habe. Das einzig Reale seien die -Empfindungen, die im einen Individuum untereinander stark, mit jenen -eines anderen aber, welches man _darum_ vom ersten unterscheide, -schwächer zusammenhingen. Der Inhalt sei die Hauptsache und bleibe -stets auch in anderen erhalten bis auf die wertlosen (!) persönlichen -Erinnerungen. Das Ich sei keine reale, nur eine praktische Einheit, -_unrettbar_, darum könne man auf individuelle Unsterblichkeit (gerne) -verzichten; doch sei es nichts Tadelnswertes, hie und da, besonders zu -Zwecken des _Darwin_schen Kampfes ums Dasein, sich so zu benehmen, als -ob man ein Ich besäße. - -Es ist wunderlich, wie ein Forscher, der nicht nur als Historiker -seiner Spezialwissenschaft und Kritiker ihrer Begriffe so -Ungewöhnliches geleistet hat wie _Mach_, sondern auch in biologischen -Dingen überaus kenntnisreich ist und auf die Lehre von diesen vielfach, -direkt und indirekt, anregend gewirkt hat, gar nicht auf die Tatsache -Rücksicht nimmt, daß alle organischen Wesen zunächst _unteilbar_, also -doch irgendwie Atome, Monaden sind (vgl. Teil I, Kap. 3, S. 48). Das -ist ja doch der erste Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebtem, -daß jenes _immer_ differenziert ist zu ungleichartigen, aufeinander -angewiesenen Teilen, während selbst der geformte Kristall durchaus -gleichgeartet ist. Darum sollte man doch, wenigstens als Eventualität, -die Möglichkeit in Betracht ziehen, ob nicht allein aus der -Individuation, der Tatsache, daß die organischen Wesen im allgemeinen -nicht zusammenhängen wie die siamesischen Zwillinge, auch etwas für -das Psychische sich ergibt, _mehr_ Psychisches zu erwarten ist als das -_Mach_sche Ich, dieser bloße _Wartesaal_ für Empfindungen. - -Es ist zu glauben, daß solch ein psychisches Korrelat schon bei den -Tieren existiert. Alles, was ein Tier fühlt und empfindet, hat wohl bei -jedem Individuum eine verschiedene Note oder Färbung, die nicht nur die -seiner Klasse, Gattung und Art, seiner Rasse und Familie eigentümliche -ist, sondern in jedem einzelnen Wesen sich von der in jedem anderen -unterscheidet. Das Idioplasma ist das physiologische Äquivalent zu -dieser _Spezifität_ aller Empfindungen und Gefühle jedes besonderen -Tieres, und es sind analoge Gründe wie die Gründe der Idioplasmatheorie -(vgl. Teil I, Kap. 2, S. 20 und Teil II, Kap. 1, S. 102 f.), welche -die Vermutung nahe legen, daß es einen _empirischen Charakter_ auch -bei den Tieren gibt. Der Jäger, der mit Hunden, der Züchter, der mit -Pferden, der Wärter, der mit Affen zu tun hat, wird die Singularität -nicht nur, sondern auch die Konstanz im Verhalten jedes einzelnen -Tieres bestätigen. Also jedenfalls ist schon hier ein über das bloße -Rendezvous der »Elemente« Hinausgehendes ungemein _wahrscheinlich_. - -Wenn nun auch dieses psychische Korrelat zum Idioplasma existiert, -wenn sicherlich selbst die Tiere eine Eigenart haben, so hat diese -doch immer noch mit dem intelligiblen Charakter nichts zu tun, den -wir bei keinem lebenden Wesen vorauszusetzen einen Grund haben, -als beim Menschen. Es verhält sich der intelligible Charakter des -Menschen, die _Individualität_, zum empirischen Charakter, der bloßen -_Individuation_, wie das Gedächtnis zum einfachen unmittelbaren -Wiedererkennen. Die Gründe aber, aus denen beim Menschen die Existenz -eines solchen noumenalen, transempirischen Subjektes erschlossen werden -darf, müssen nun in Kürze dargelegt werden. Sie ergeben sich aus der -Logik und der Ethik. - -In der Logik handelt es sich um die wahre Bedeutung des Prinzipes -der Identität (und des Widerspruches; die vielen Kontroversen über -deren Vorrang vor einander und die richtigste Form ihres Ausdruckes -kommen hier wenig in Betracht). _Der Satz A = A ist unmittelbar gewiß -und evident._ Er ist zugleich das Urmaß der Wahrheit für alle anderen -Sätze; wenn ihm irgendwo einer widerspräche, so oft in einem speziellen -Urteil der Prädikatsbegriff von einem Subjekte etwas aussagte, das dem -Begriffe desselben widerspräche, würden wir es für falsch halten; und -als Gesetz unseres Richtspruches würde sich uns, wenn wir nachsinnen, -zuletzt dieser Satz ergeben. Er ist das Prinzip von wahr und falsch; -und wer ihn für eine Tautologie erachtet, die nichts besage und unser -Denken nicht fördere, wie dies so oft geschehen ist, von _Hegel_ -und später von fast allen _Empiristen_ -- es ist dies nicht der -einzige Berührungspunkt zwischen den scheinbar so unversöhnlichen -Gegensätzen -- der hat ganz recht, aber die Natur des Satzes schlecht -verstanden. A = A, das _Prinzip aller_ Wahrheit, kann nicht selbst -eine _spezielle_ Wahrheit sein. Wer den Satz der Identität oder des -Widerspruches inhaltsleer findet, hat es sich selbst zuzuschreiben. -Er glaubte in ihnen besondere Gedanken zu finden, was er hoffte, war -eine Bereicherung seines Fonds an positiven Kenntnissen. Aber jene -Sätze sind nicht selbst Erkenntnisse, besondere Denkakte, sondern das -_Maß, das an alle Denkakte angelegt wird. Dieses kann nicht selbst ein -Denkakt sein, der mit den anderen sich irgend vergleichen ließe. Die -Norm des Denkens kann nicht im Denken selbst gelegen sein._ Der Satz -von der Identität fügt unserem Wissen nichts hinzu, er vermehrt nicht -einen Reichtum, den er vielmehr gänzlich erst _begründet_. _Der Satz -von der Identität ist entweder nichts, oder er ist alles._ - -Worauf bezieht sich der Satz der Identität und der Satz des -Widerspruches? Man meint gewöhnlich: auf Urteile. _Sigwart_ z. B., der -gar den letzteren nur so formuliert: »Die beiden Urteile, A ist B, -und A ist nicht B, können nicht zugleich wahr sein«, behauptet, das -Urteil: »Ein ungelehrter Mensch ist gelehrt« involviere deshalb einen -Widerspruch, »weil das Prädikat gelehrt einem Subjekte zugesprochen -wird, von welchem durch das Urteil, das implicite in seiner Bezeichnung -mit dem Subjektsworte ‚ungelehrter Mensch’ liegt, behauptet war, es -sei nicht gelehrt; es läßt sich also zurückführen auf die zwei Urteile -X ist gelehrt und X ist nicht gelehrt« etc. Der Psychologismus dieser -Beweisführung springt ins Auge. Sie rekurriert auf ein _zeitlich_ der -Bildung des Begriffes von einem ungelehrten Menschen vorhergehendes -Urteil. Der obige Satz aber, A ist nicht non-A, beansprucht Gültigkeit, -ganz einerlei, ob es überhaupt andere Urteile gibt, gegeben hat -oder geben wird. Er bezieht sich auf den _Begriff_ des ungelehrten -Menschen. Diesen Begriff _sichert_ er durch Ausschließung aller ihm -widersprechenden Merkmale. - -_Hierin_ liegt die wahre Funktion der Sätze vom Widerspruch und von der -Identität. _Sie sind konstitutiv für die Begrifflichkeit._ - -Freilich geht diese Funktion bloß auf den logischen Begriff, nicht -auf das, was man den »psychologischen Begriff« genannt hat. Zwar -ist der Begriff _psychologisch_ stets durch eine anschauliche -Allgemeinvorstellung vertreten; dieser Vorstellung immaniert jedoch in -einer gewissen Weise das Moment der Begrifflichkeit. Die psychologisch -den Begriff repräsentierende Allgemeinvorstellung, an der sich das -begriffliche Denken beim Menschen vollzieht, ist nicht dasselbe wie -der Begriff. Sie kann z. B. reicher sein (im Falle ich ein Triangel -denke); oder sie kann auch ärmer sein (im Begriffe des Löwen ist -mehr enthalten, als in meiner Anschauung desselben, während es beim -Dreieck umgekehrt ergeht). Der logische Begriff ist die Richtschnur, -welcher die Aufmerksamkeit folgt, wenn sie aus der einen Begriff beim -Individuum repräsentierenden _Vorstellung_ nur gewisse Momente, _eben -die durch den Begriff angezeigten_, heraushebt er ist das Ziel und -der Wunsch des psychologischen Begriffes, der Polarstern, zu dem die -Aufmerksamkeit emporblickt, wenn sie sein konkretes Surrogat erzeugt: -_er ist das Gesetz ihrer Wahl_. - -Gewiß gibt es kein Denken, das nur rein logisch und nicht psychologisch -vor sich ginge: _denn das wäre ja $das$ Wunder_. Rein logisch denkt -ihrem Begriffe nach die Gottheit, der Mensch muß immer zugleich -psychologisch denken, da er nicht nur Vernunft, sondern auch -Sinnlichkeit besitzt, und sein Denken wohl auf logische, d. h. -zeitlose Ergebnisse abzweckt, aber psychologisch _in_ der Zeit vor -sich geht. Die Logizität ist aber der erhabene Maßstab, der an die -psychologischen Denkakte des Individuums von ihm selbst wie von anderen -angelegt wird. Wenn zwei Menschen über etwas diskutieren, so sprechen -sie vom Begriffe, nicht von den bei jedem verschiedenen individuellen -Vorstellungen, die ihn hier und dort vertreten: _der Begriff ist -so ein Wert, an dem die Individualvorstellung gemessen wird_. Wie -_psychologisch_ die Allgemeinvorstellung entsteht, hat darum mit -der Natur des Begriffes _gar nichts_ zu tun, und ist für diese von -keinerlei Bedeutung. Den Charakter der Logizität, der dem Begriff seine -_Würde_ und seine _Strenge_ verleiht, hat er nicht aus der Erfahrung, -welche stets nur schwankende Gestalten zeigt, und höchstens vage -Gesamtvorstellungen erzeugen könnte. _Absolute Konstanz_ und _absolute -Eindeutigkeit_, die nicht aus der Erfahrung entstammen _können_, sind -das Wesen der _Begrifflichkeit_, jener »verborgenen Kunst in den Tiefen -der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich -jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen legen werden«, wie die -»Kritik der reinen Vernunft« sich ausdrückt. Jene absolute Konstanz und -Eindeutigkeit bezieht sich nicht auf metaphysische Entitäten: die Dinge -sind nicht so weit real, als sie am Begriffe Anteil haben, sondern ihre -Qualitäten sind logisch nur so weit ihre Qualitäten, als sie im Inhalte -des Begriffes liegen. _Der Begriff ist die Norm der Essenz, nicht der -Existenz._ - -Daß ich von einem kreisförmigen Dinge aussagen könne, es sei gekrümmt, -hiezu liegt meine logische Berechtigung im Begriffe des Kreises, -welcher die Krümmung als Merkmal enthält. Den Begriff aber als die -Essenz selbst, als das »Wesen« zu definieren, ist schlecht: »Wesen« ist -hier entweder ein psychologisches Abgehobensein oder ein metaphysisches -Ding. Und den Begriff mit seiner Definition gleichzusetzen, verbietet -die Natur der Definition, die stets nur auf den Inhalt, nicht auf -den Umfang des Begriffes sich bezieht, d. h. nur den _Wortlaut_, -nicht den _Kompetenzkreis_ jener _Norm_ angibt, welche das Wesen der -Begrifflichkeit ausmacht. Der Begriff als Norm, als Norm der Essenz -kann auch nicht selbst Essenz sein; die Norm muß etwas anderes sein, -und da sie nicht Essenz ist, so kann sie -- ein drittes gibt es nicht --- nur _Existenz_ sein, und zwar nicht eine Existenz, die das Sein -von Objekten, sondern eine Existenz, die das _Sein_ einer _Funktion_ -enthüllt. - -Nun ist aber bei jeder gedanklichen Streitfrage zwischen Menschen, -wenn schließlich in letzter Instanz an die Definition appelliert wird, -dann eben nichts anderes die _Norm der Essenz_ als die Sätze A = A -oder A ≠ non-A. Die Begrifflichkeit, _Konstanz_ wie _Eindeutigkeit_, -wird dem Begriffe durch den Satz A = A und durch nichts anderes. Und -zwar verteilen sich die Rollen der logischen Axiome hier derart, daß -durch das principium identitatis die dauernde Unverrückbarkeit und -Insichgeschlossenheit des Begriffes _selbst_ verbürgt wird, indes das -principium contradictionis ihn eindeutig gegen alle _anderen_ möglichen -Begriffe abgrenzt. _Hiemit ist, zum ersten Male, erwiesen, daß die -begriffliche Funktion ausgedrückt werden kann durch die beiden obersten -logischen Axiome, und selbst nichts anderes ist als diese._ Der Satz -A = A (und A ≠ non-A) ermöglicht also erst jedweden Begriff, er ist der -_Nerv_ der begrifflichen Natur oder Begrifflichkeit des Begriffes. - -Wenn ich endlich den Satz selbst, A = A, ausspreche, so ist offenbar -der Sinn dieses Satzes nicht, daß ein _spezielles_ A, das _ist_, ja -nicht einmal, daß _jedes_ besondere A _wirklicher_ Erfahrung oder -_wirklichen_ Denkens sich selbst gleich sei. Das Urteil der Identität -ist _unabhängig_ davon, _ob überhaupt ein A existiert_, d. h. natürlich -wieder keineswegs, daß der Satz nicht von jemand Existierendem müsse -gedacht werden; _aber er ist unabhängig davon $gedacht$, $ob$ etwas, -$ob$ jemand existiert_. Er bedeutet: wenn es ein A gibt (es mag eines -geben oder nicht, _auch_ wenn es vielleicht gar keines gibt), so gilt -jedenfalls A = A. Hiemit ist nun unwiderruflich eine Position gegeben, -ein _Sein_ gesetzt, nämlich das Sein A = A, trotzdem es hypothetisch -bleibt, ob A selbst überhaupt _ist_. Der Satz A = A behauptet also, -daß etwas _existiert_, und diese Existenz ist eben jene gesuchte -Norm der Essenz. Aus der Empirie, aus wenigen oder noch so vielen -_Erlebnissen_ kann er nicht stammen, wie _Mill_ glaubte; denn er ist -eben ganz unabhängig von der Erfahrung, er gilt sicher, ob diese ein A -ihm zeigen werde oder nicht. Er ist von keinem Menschen noch geleugnet -worden und könnte es auch nicht werden, da die Leugnung ihn selbst -wieder voraussetzte, wenn sie _etwas_, ein _Bestimmtes_ leugnen wollte. -_Da nun der Satz ein Sein behauptet, ohne von der Existenz von Objekten -sich abhängig zu machen, oder über solche Existenz etwas auszusagen, -so kann er nur ein von allem Sein wirklicher und möglicher Objekte -verschiedenes Sein, das ist also das $Sein$ dessen ausdrücken, was -seinem Begriffe nach nie Objekt werden kann[27]; er wird durch seine -Evidenz also die Existenz des Subjektes offenbaren; und zwar liegt -dieses im Satz der Identität ausgesprochene Sein nicht im ersten und -nicht im zweiten A, sondern im identischen Gleichheitszeichen A ≡ A. -Dieser Satz also ist identisch mit dem Satze: ich bin._ - -Psychologisch läßt sich diese schwierige Deduktion leichter vermitteln, -wenn auch nicht ersparen. Es ist klar, daß, um A = A sagen, um die -Unveränderlichkeit des Begriffes normierend festsetzen zu können und -sie den stets wechselnden Einzeldingen der Erfahrung gegenüber aufrecht -zu erhalten, ein Unveränderliches bestehen muß, und dies kann nur das -Subjekt sein; wäre ich eingeschaltet in den Kreis der Veränderung, so -könnte ich nicht erkennen, daß ein A sich selbst gleich geblieben ist; -würde ich mich fortwährend ändern und nicht ein Identisches bleiben, -wäre mein Selbst funktionell an die Veränderung geknüpft, so gäbe es -keine Möglichkeit, dieser gegenüberzutreten und sie zu erkennen; es -fehlte das absolute geistige Koordinatensystem, in Beziehung auf das -allein und einzig ein Identisches bestimmt und als solches festgehalten -werden könnte. - -Die Existenz des Subjektes läßt sich nicht _ableiten_, hierin behält -_Kant_ens Kritik der rationalen Psychologie vollkommen recht. Aber es -läßt sich dartun, wo diese Existenz strenge und unzweideutig auch in -der Logik zum Ausdruck gelangt; und man braucht nicht das intelligible -Sein als bloße logische Denk_möglichkeit_ hinzustellen, die uns allein -das moralische Gesetz später völlig zur Gewißheit zu machen geeignet -sei, wie _Kant_ dies tat. _Fichte_ hatte recht, als er in der reinen -Logik ebenfalls die Existenz des Ich verbürgt fand, soweit das Ich mit -dem intelligiblen _Sein_ zusammenfällt. - -Das Prinzip aller Wahrheit sind die logischen Axiome, diese statuieren -ein _Sein_, und nach diesem richtet sich, nach ihm strebt das Erkennen. -Die _Logik_ ist ein Gesetz, dem gehorcht werden soll, und _der Mensch -$ist$ erst dann ganz er selbst, wenn er $ganz$ logisch ist_; ja er -_ist_ nicht, ehe denn er überall und durchaus nur Logik ist. _In der -Erkenntnis findet er sich selbst._ - -Aller Irrtum wird als Schuld empfunden. Daraus ergibt sich, daß der -Mensch nicht irren _mußte_. Er _soll_ die Wahrheit finden; darum _kann_ -er sie finden. Aus der Pflicht zur Erkenntnis folgt ihre Möglichkeit, -folgt die _Freiheit_ des Denkens und die Siegeshoffnung des Erkennens. -In der _Normativität_ der Logik liegt der Beweis, _daß das Denken des -Menschen $frei$ ist_ und sein Ziel erreichen _kann_. - - * * * * * - -Kürzer und anders kann ich mich bezüglich der Ethik fassen, da diese -Untersuchung durchaus auf den Boden der _Kantischen Moralphilosophie_ -sich stellt und auch die letzten logischen Deduktionen und Postulate, -wie man gesehen hat, in einer gewissen Analogie zu jener durchgeführt -wurden. Das tiefste, das intelligible Wesen des Menschen ist eben das, -was der Kausalität nicht untersteht, und wählt in Freiheit das Gute -oder das Böse. Dies wird ganz in der gleichen Weise kundgetan, durch -das Schuldbewußtsein, durch die _Reue_. Niemand hat noch vermocht, -diese Tatsachen anders zu erklären; und niemand läßt es sich einreden, -daß er diese oder jene Tat hat begehen _müssen_. Im Sollen liegt -auch hier der Zeuge für das Können. Der kausalen Bestimmungsgründe, -der niederen Motive, die ihn hinabgezogen haben, kann der Mensch -sich vollkommen bewußt sein, und er wird doch, _ja gerade dann am -gewissesten_, die Zurechnung an sein intelligibles Ich als ein freies, -das anders hätte handeln _können_, vollziehen. - -_Wahrheit, Reinheit, Treue, Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber_: -das ist die einzig denkbare Ethik. Es gibt nur Pflichten gegen sich, -Pflichten des empirischen gegen das intelligible Ich, welche in der -Form jener zwei Imperative auftreten, an denen aller Psychologismus -immer zu Schanden wird: in der Form der logischen und der moralischen -Gesetzlichkeit. Die normativen Disziplinen, die psychische Tatsache -der inneren Forderung, die viel mehr verlangt, als alle bürgerliche -Gesittung je haben will -- das ist es, was kein Empirismus je wird -ausreichend erklären können. Seinen wahren Gegensatz findet er in einer -kritisch-transscendentalen, nicht in einer metaphysisch-transcendenten -_Methode_, da alle Metaphysik nur hypostasierende Psychologie, -Transcendentalphilosophie aber Logik der Wertungen ist. Aller -Empirismus und Skeptizismus, Positivismus und Relativismus, -aller Psychologismus und alle rein immanente Betrachtungsweise -fühlen instinktiv sehr wohl, daß aus Ethik und Logik ihnen die -Hauptschwierigkeit erwächst. Daher die fortwährend erneuten und immer -vergeblichen Versuche einer empirischen und psychologischen Begründung -dieser Disziplinen; und fast wird nur noch ein Versuch vermißt, das -principium contradictionis experimentell zu prüfen und nachzuweisen. - -Logik und Ethik aber sind im Grunde nur eines und dasselbe -- Pflicht -gegen sich selbst. Sie feiern ihre Vereinigung im höchsten Werte der -Wahrheit, dem dort der Irrtum, hier die Lüge gegenübersteht: die -Wahrheit selbst aber ist nur eine. Alle Ethik ist nur nach den Gesetzen -der Logik möglich, alle Logik ist zugleich ethisches Gesetz. _Nicht -nur Tugend, sondern auch Einsicht, nicht nur Heiligkeit, sondern auch -Weisheit ist Pflicht und Aufgabe des Menschen: erst beide zusammen -begründen $Vollkommenheit$._ - -Aber freilich ist aus der Ethik, deren Sätze Heischesätze sind, nicht -wie aus der Logik ein strenger logischer Beweis für _Existenz_ schon -zu führen. Die Ethik ist nicht im selben Sinne logisches wie die Logik -ethisches Gebot. Die Logik rückt dem Ich seine völlige Verwirklichung -als absolutes Sein vor Augen; die Ethik hingegen gebietet erst diese -Verwirklichung. Die Logik wird von der Ethik aufgenommen und zu ihrem -eigentlichen Inhalte, zu ihrer Forderung gemacht. - -An jener berühmten Stelle der »Kritik der praktischen Vernunft«, -da _Kant_ den Menschen als Glied der intelligiblen Welt einführt -(»Pflicht! Du erhabener, großer Name ....«), wird man also mit Recht -fragen, woher denn Kant wisse, daß das moralische Gesetz von der -Persönlichkeit emaniere? Es könne kein anderer, seiner würdiger, -Ursprung gefunden werden, ist das einzige, was Kant hierauf zur Antwort -gibt. Er begründet es nicht weiter, daß der kategorische Imperativ -das vom Noumenon gegebene Gesetz sei, sie gehören ihm offensichtlich -von Anfang an zusammen. Das aber liegt in der Natur der Ethik. Diese -fordert, daß das intelligible Ich von allen Schlacken des empirischen -frei _wirke_, _und so kann durch die Ethik dasselbe Sein erst in -seiner Reinheit gänzlich verwirklicht werden_, welches _die Logik -verheißungsvoll in der Form eines doch irgendwie bereits Gegenwärtigen -uns verkündet_. - -Aber was für _Kant_ die _Monaden-_, die _Seelenlehre_ im _Gemüte_ -bedeutete, wie er an ihr als einzigem Gute von je festhielt, und mit -seiner Theorie vom »intelligiblen Charakter«, den man so oft als -eine neue Entdeckung oder Erfindung, als ein _Auskunftsmittel_ der -Kantischen Philosophie mißversteht, nur das an ihr wissenschaftlich -Haltbare festlegen wollte: dies ist aus jener Unterlassung deutlich zu -entnehmen. - -Es gibt _Pflicht_ nur gegen sich selbst; des muß Kant schon in -frühester Jugend (vielleicht nachdem er einmal den Impuls zur Lüge -verspürt hatte) sicher geworden sein. - -Wenn von der _Herakles-Sage_, von einigen Stellen _Nietzsches_ und -eher noch _Stirners_, aus denen man Kant-Verwandtes herauslesen kann, -abgesehen wird, so hat das Prinzip der Kantischen Ethik bloß _Ibsen_ -(im »Brand« und »Peer Gynt«) beinahe selbständig gefunden. Gelegentlich -sind Äußerungen, wie _Hebbels_ Epigramm »Lüge und Wahrheit«: - - »Was Du teurer bezahlst, die Lüge oder die Wahrheit? - Jene kostet Dein Ich, diese doch höchstens Dein Glück.« - -oder _Suleikas_ weltbekannte Worte aus dem »Westöstlichen Diwan«: - - »Volk und Knecht und Überwinder, - Sie gesteh'n zu jeder Zeit: - Höchstes Glück der Erdenkinder - Sei nur die Persönlichkeit. - - Jedes Leben sei zu führen, - Wenn man sich nicht selbst vermißt; - Alles könne man verlieren, - Wenn man bleibe, was man ist.« - -Sicher ist es wahr, daß die meisten Menschen irgendwie Jehovah -brauchen. Die wenigsten -- es sind die genialen Menschen -- leben gar -nicht _heteronom_. Die anderen rechtfertigen ihr Tun und Lassen, ihr -Denken und Sein mindestens in Gedanken auch immer vor jemand _anderem_, -sei es ein persönlicher Judengott, oder ein geliebter, geachteter, -gefürchteter Mensch. Nur _so_ handeln sie in formeller äußerer -Übereinstimmung mit dem Sittengesetz. - -_Kant_ war, wie dies aus seiner ganzen, sich selbst gesetzten, bis ins -einzelnste unabhängigen Lebensführung hervorleuchtet, so durchdrungen -von seiner Überzeugung, daß der Mensch nur sich selbst verantwortlich -ist, daß er diesen Punkt seiner Lehre als den selbstverständlichsten, -Anfechtungen am wenigsten ausgesetzten, betrachtete. Und doch hat -gerade hier das Schweigen Kantens dazu beigetragen, daß seine Ethik, -_die einzige gerade introspektiv-psychologisch haltbare_, die einzige, -welche die harte und strenge innere Stimme des Einen nicht durch den -Lärm der Vielen undeutlich zu machen sucht, daß diese Ethik tatsächlich -so wenig _verstanden_ worden ist. - -Auch für _Kant_ hat es, darauf läßt eine Stelle in seiner -»Anthropologie« schließen, in seinem irdischen Leben einen Zustand -gegeben, welcher der »Begründung eines Charakters« vorherging. Aber der -Augenblick, in dem es ihm zu furchtbar strahlender Klarheit gelangte: -ich habe nur mir selbst Rechenschaft abzulegen, muß niemand anderem -dienen, kann nicht in Arbeit mich vergessen; ich steh' _allein_, bin -_frei_, bin _mein Herr_: dieser Moment bezeichnet die Geburt der -Kantischen Ethik, des heroischesten Aktes der Weltgeschichte. - -»Zwey Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender -Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken -damit beschäftigt: _Der bestirnte Himmel über mir und das moralische -Gesetz in mir._ Beides darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt -oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und -bloß vermuthen; ich sehe sie _vor_ mir, und verknüpfe sie unmittelbar -mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem Platze -an, den ich in der äußeren Sinnenwelt einnehme, und erweitert die -Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Große mit Welten über -Welten und Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten -ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite -fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und -stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur -dem Verstande spürbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich -mit allen jenen sichtbaren Welten) ich mich, nicht wie dort, in bloß -zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne. -Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam -meine Wichtigkeit, als eines _thierischen Geschöpfs_, das die Materie, -daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punct im Weltall) wieder -zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit (man weiß, nicht wie) mit -Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meinen Wert, -als einer _Intelligenz_, unendlich, durch meine Persönlichkeit, in -welcher das moralische Gesetz mir ein von der Thierheit und selbst -von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens -so viel sich aus der zweckmäßigen Bestimmung meines Daseins durch -dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens -eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, abnehmen läßt.« - -So verstehen wir jetzt, nach diesem Beschlusse, diese »Kritik der -praktischen Vernunft«. Der Mensch ist _allein_ im Weltall, in ewiger, -ungeheuerer _Einsamkeit_. - -Er hat keinen Zweck außer sich, nichts anderes, wofür er lebt -- weit -ist er fortgeflogen über Sklave-sein-wollen, Sklave-sein-können, -Sklave-sein-müssen: tief unter ihm verschwunden alle menschliche -Gesellschaft, versunken die _Sozial_-Ethik; er ist allein, $allein$. - -Aber er ist nun eben erst _einer_ und _alles_; und darum hat er auch -ein _Gesetz_ in sich, darum _ist_ er selbst alles Gesetz, und keine -springende Willkür. Und er verlangt _von sich_, daß er dieses Gesetz -_in_ sich, das Gesetz seines Selbst, befolge, daß er _nur_ Gesetz -sei, ohne Rück-Sicht hinter sich, ohne Vor-Sicht vor sich. Das ist -das Grauenvoll-Große: es hat weiter _keinen Sinn_, daß er der Pflicht -gehorche. Nichts ist ihm, dem Alleinen, _All-Einen_ _über_geordnet. -Doch der unerbittlichen, keine Verhandlung mit sich duldenden, das ist -_kategorischen_ Forderung _in sich_ muß er nachkommen. _Erlösung!_ -ruft er[28], Ruhe, nur schon Ruhe vor dem Feind, Frieden, nicht dies -endlose Ringen -- und _erschrickt_: selbst im Erlöst-sein-wollen war -noch Feigheit, im schmachtenden _Schon!_ noch Desertion, als wäre -er zu klein diesem Kampf. _Wozu!_ fragt er, schreit er hinaus ins -Weltall -- und _errötet_; denn gerade wollte er wieder das _Glück_, -die Anerkennung des Kampfes, den, der ihn belohne, den $anderen$. -_Kant_ens einsamster Mensch lacht nicht und tanzt nicht, er brüllt -nicht und jubelt nicht: er hat es nicht not Lärm zu machen, weil der -Weltraum zu tief schweigt. Nicht die Sinnlosigkeit einer Welt »von -ohngefähr« ist ihm Pflicht, sondern _seine_ Pflicht ist ihm _der -Sinn des Weltalls_. _Ja_ sagen zu $dieser$ Einsamkeit, das ist das -»Dionysische« _Kant_ens; das erst ist Sittlichkeit. - - - - -VIII. Kapitel. - -Ich-Problem und Genialität. - - »Im Anfang war diese Welt - allein der Âtman, in - Gestalt eines Menschen. - Der blickte um sich: da - sah er nichts anderes als - sich selbst. Da rief er - zu Anfang aus: ‚Das bin - ich!’ Daraus entstand - der Name Ich. -- Daher - auch heutzutage, wenn - einer angerufen wird, so - sagt er zuerst: ‚Das bin - ich’ und dann erst nennt - er den anderen Namen, - welchen er trägt.« - - (Bṛihadâraṇyaka-Upanishad.) - - -Viele Prinzipienstreitigkeiten in der Psychologie beruhen auf -den individuellen charakterologischen Differenzen zwischen den -Dissentierenden. Der Charakterologie könnte damit, wie bereits erwähnt, -eine wichtige Rolle zufallen: während der eine dies, der andere jenes -in sich vorzufinden behauptet, hätte sie zu lehren, _warum_ die -Selbstbeobachtung des einen anders ausfällt als die des zweiten; oder -wenigstens zu zeigen, durch was alles die in Rede stehenden Personen -_noch_ sich unterscheiden. In der Tat sehe ich keinen anderen Weg, -gerade in den umstrittensten psychologischen Dingen ins Reine zu -kommen. Die Psychologie ist eine Erfahrungswissenschaft, und darum -geht nicht wie in den überindividuellen Normwissenschaften der Logik -und Ethik das Allgemeine dem Besonderen in ihr vorher, sondern es muß -umgekehrt vom individuellen Einzelmenschen ausgegangen werden. Es gibt -keine empirische Allgemeinpsychologie; und es war ein Fehler, eine -solche ohne _gleichzeitigen_ Betrieb differentieller Psychologie in -Angriff zu nehmen. - -Schuld an dem Jammer ist die Doppelstellung der Psychologie -zwischen Philosophie und Empfindungsanalyse. Von welcher der beiden -die Psychologen kamen, stets traten sie mit dem Anspruch auf -Allgemeingültigkeit der Ergebnisse auf. Aber vielleicht sind nicht -einmal so fundamentale Fragen, wie diese, ob es einen tätigen _Akt_ -der Wahrnehmung, eine _Spontaneität_ des Bewußtseins schon in der -Empfindung gebe oder nicht, ohne charakterologische Unterscheidungen -gänzlich ins Reine zu bringen. - -Einen kleinen Teil solcher Amphibolien durch Charakterologie -aufzulösen ist, in Hinsicht auf die Psychologie der Geschlechter, -eine Hauptaufgabe dieser Arbeit. Die verschiedenen Behandlungen des -Ich-Problems hingegen resultieren nicht sowohl aus den psychologischen -Differenzen der Geschlechter, sondern zunächst, wenn auch nicht -ausschließlich[29], aus den individuellen Unterschieden in der -_Begabung_. - -Gerade die Entscheidung zwischen _Hume_ und _Kant_ ist auch -_charakterologisch_ möglich, insoferne etwa, als ich zwischen zwei -Menschen entscheiden kann, von denen dem einen die Werke des _Makart_ -und _Gounod_, dem anderen die _Rembrandts_ und _Beethovens_ das Höchste -sind. Ich werde solche Menschen nämlich zunächst _unter_scheiden nach -ihrer Begabung. Und so ist es auch in diesem Falle statthaft, ja -notwendig, die Urteile über das Ich, wenn sie von zwei sehr verschieden -hoch veranlagten Menschen ausgehen, nicht ganz gleich zu werten. _Es -gibt keinen wahrhaft bedeutenden Menschen, der nicht von der Existenz -des Ich überzeugt wäre_; ein Mensch, der das Ich leugnet, kann nie ein -bedeutender Mensch sein.[30] - -Diese These wird sich im Laufe des nun Folgenden als eine Behauptung -von zwingender Notwendigkeit herausstellen, und auch für die in ihr -gelegene Höherwertung der Urteile des Genius eine Begründung gesucht -und gefunden werden. - -Es gibt nämlich keinen bedeutenden Menschen und kann keinen geben, für -den nicht im Laufe seines Lebens, im allgemeinen je bedeutender er -ist, desto früher (vgl. Kapitel 5), ein Moment käme, in welchem er die -völlige Sicherheit gewinnt, ein Ich im höheren Sinne zu besitzen.[31] -Man vergleiche folgende Äußerungen dreier sehr verschiedener Menschen -und überaus genialer Naturen. - -_Jean Paul_ erzählt in seiner autobiographischen Skizze »Wahrheit aus -meinem Leben«: - -»Nie vergess' ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in -mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich -Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr -junges Kind unter der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als -auf einmal das innere Gesicht: ich bin ein Ich! wie ein Blitzstrahl -vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb -- da -hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig. -Täuschungen des Erinnerns sind hier schwerlich gedenkbar, da kein -fremdes Erzählen sich in eine bloß im verhangenen Allerheiligsten des -Menschen vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltäglichen -Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen mengen konnte.« - -Und offenbar meint ganz das nämliche Erlebnis _Novalis_, der in seinen -»Fragmenten vermischten Inhalts« bemerkt: - -»Darthun läßt sich dieses Factum nicht, jeder muß es selbst erfahren. -Es ist ein Factum höherer Art, _das nur der höhere Mensch antreffen -wird_; die Menschen aber sollen streben, es in sich zu veranlassen. -Philosophieren ist eine Selbstbesprechung obiger Art, eine eigentliche -Selbstoffenbarung, Erregung des wirklichen Ich durch das idealische -Ich. Philosophieren ist der Grund aller anderen Offenbarungen; der -Entschluß zu philosophieren ist eine Aufforderung an das wirkliche -Ich, daß es sich besinnen, erwachen und Geyst sein solle.« - -_Schelling_ bespricht im achten seiner »Philosophischen Briefe über -Dogmatismus und Kritizismus«, einem wenig bekannten Jugendwerk, -_dasselbe_ Phänomen mit folgenden tiefen und schönen Worten: »Uns -allen ... wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem -Wechsel der Zeit in unser Innerstes, von allem, was von außenher -hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der -Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen. _Diese Anschauung ist -die innerste, eigenste Erfahrung, von welcher alles, alles abhängt, -was wir von einer übersinnlichen Welt wissen und glauben. Diese -Anschauung zuerst überzeugt uns, daß irgend etwas im eigentlichen Sinne -$ist$, während alles übrige nur $erscheint$, worauf wir jenes Wort -übertragen._ Sie unterscheidet sich von jeder sinnlichen Anschauung -dadurch, daß sie nur durch _Freiheit_ hervorgebracht und jedem anderen -fremd und unbekannt ist, dessen Freiheit, von der hervordringenden -Macht der Objekte überwältigt, kaum zur Hervorbringung des Bewußtseins -hinreicht. Doch gibt es auch für diejenigen, die diese Freiheit -der Selbstanschauung nicht besitzen, wenigstens Annäherung zu ihr, -mittelbare Erfahrungen, durch welche sie ihr Dasein ahnen läßt. Es gibt -einen gewissen Tiefsinn, dessen man sich selbst nicht bewußt ist, den -man vergebens sich zu entwickeln strebt. _Jakobi_ hat ihn beschrieben -..... Diese intellektuale Anschauung tritt dann ein, wo wir für uns -selbst aufhören, _Objekt_ zu sein, wo, in sich selbst zurückgezogen, -das anschauende Selbst mit dem angeschauten identisch ist. _In diesem -Moment der Anschauung schwindet für uns Zeit und Dauer dahin: nicht -$wir$ sind in der Zeit, sondern die Zeit -- oder vielmehr nicht sie, -sondern die reine absolute Ewigkeit ist $in uns$._ Nicht wir sind -in der Anschauung der objektiven Welt, sondern sie ist in unserer -Anschauung verloren.« - -Es wird der Immanente, der Positivist, vielleicht nur lächeln über -den betrogenen Betrüger, den Philosophen, der solche Erlebnisse zu -haben vorgibt. Nun, dagegen läßt sich nicht leicht etwas tun. Ist auch -überflüssig. Doch bin ich keineswegs der Meinung, daß jenes »Faktum -hoher Art« sich bei _allen_ genialen Menschen in jener mystischen -Form eines Eins-Werdens von Subjekt und Objekt, eines einheitlichen -Erlebens abspiele, wie _Schelling_ dies beschreibt. Ob es ungeteilte -Erlebnisse gibt, in denen der Dualismus schon _während des Lebens_ -überwunden wird, wie dies von _Plotin_ und den indischen _Mahatmas_ -bezeugt ist, oder ob dies nur höchste Intensifikationen des Erlebens -sind, prinzipiell aber gleichartig mit allem anderen -- dies soll uns -hier nicht beschäftigen, das Zusammenfallen von Subjekt und Objekt, -von Zeit und Ewigkeit, das Schauen Gottes durch den lebenden Menschen -weder als möglich behauptet noch als unmöglich in Abrede gestellt -werden. Erkenntnistheoretisch ist mit einem _Erleben_ des eigenen Ich -nichts anzufangen, und noch niemand hat es je für eine _systematische_ -Philosophie zu verwerten gesucht. Ich will daher jenes Faktum -»höherer Art«, das sich bei einem Menschen so, beim anderen anders -vollzieht, nicht _Erlebnis_ des eigenen Ich nennen, sondern nur als das -_Ich-Ereignis_ bezeichnen. - -Das Ich-Ereignis kennt jeder bedeutende Mensch. Ob er nun in der -Liebe zu einem Weibe erst sein Ich finde und sich seines Selbst -bewußt werde[32] -- denn der bedeutende Mensch liebt intensiver als -der unbedeutende -- oder ob er durch ein Schuldbewußtsein, wieder -vermöge eines Kontrastes, zum Gefühle seines höheren echten Wesens -gelange, dem er in der bereuten Handlung untreu wurde -- denn auch -das Schuldbewußtsein ist im bedeutenden Menschen heftiger und -differenzierter als im unbedeutenden; ob ihn das Ich-Ereignis zum -Eins-Werden mit dem All, zum Schauen aller Dinge in Gott führe, -oder ihm vielmehr den furchtbaren Dualismus zwischen Natur und -Geist im Weltall offenbare, und in ihm das Erlösungsbedürfnis, das -Bedürfnis nach dem _inneren_ Wunder, wachrufe: immer und ewig ist -mit dem Ich-Ereignis zugleich der Kern einer _Weltanschauung_, ganz -von selbst, ohne Zutun des denkenden Menschen, bereits _gegeben_. -Weltanschauung ist nicht die große Synthese, die am jüngsten Tage der -Wissenschaft von irgend einem besonders fleißigen Mann, der durch alle -Fächer der Reihe nach sich hindurchgearbeitet hat, vor dem Schreibtisch -inmitten einer großen Bibliothek vollzogen wird, Weltanschauung -ist etwas Erlebtes, und sie kann _als Ganzes klar und unzweideutig -sein_, wenn auch im einzelnen noch so vieles vorderhand in Dunkelheit -und Widerspruch verharrt. Das Ich-Ereignis aber ist Wurzel aller -Weltanschauung, d. h. aller _Anschauung_ der _Welt_ als _ganzer_, und -zwar für den Künstler nicht minder als für den Philosophen. Und so -radikal sonst die Weltanschauungen voneinander differieren, eines wohnt -ihnen allen, soweit sie den Namen einer Weltanschauung verdienen[33], -gemeinsam inne; es ist eben das, was durchs Ich-Ereignis vermittelt -wird, der Glaube, _den jeder bedeutende Mensch besitzt: die Überzeugung -von der Existenz eines Ich oder einer Seele_, die im Weltall einsam -ist, dem ganzen Weltall gegenübersteht, die ganze _Welt anschaut_. - -Vom Ich-Ereignis an gerechnet wird der bedeutende Mensch im allgemeinen --- Unterbrechungen, vom fürchterlichsten der Gefühle, vom Gefühle des -_Gestorbenseins_, ausgefüllt, mögen wohl häufig vorkommen -- _mit -Seele_ leben. - -Aus diesem Grunde, und nicht allein aus hochgestimmtem Hinblick auf -eben Geschaffenes schreibt es, wie ich an dieser Stelle beifügen -will, sich her, daß bedeutende Menschen immer, in jedem Sinne, auch -das größte Selbstbewußtsein haben werden. Nichts ist so gefehlt, als -von der »Bescheidenheit« großer Männer zu reden, die gar nicht gewußt -hätten, was in ihnen stecke. Es gibt keinen bedeutenden Menschen, -der nicht wüßte, wie sehr er sich von den anderen unterscheidet (mit -Ausnahme der Depressionsperioden, welchen gegenüber sogar der in -besseren Zeiten gefaßte Vorsatz, von nun ab etwas von sich zu halten, -fruchtlos bleiben mag), keinen, der sich nicht für einen bedeutenden -Menschen hielte, sobald er einmal etwas _geschaffen_ hat -- allerdings -auch keinen, dessen Eitelkeit oder Ruhmsucht so gering wäre, daß er -sich nicht noch stets überschätzte. _Schopenhauer_ hat sich für viel -größer gehalten als _Kant_. Wenn _Nietzsche_ seinen Zarathustra für -das tiefste Buch der Welt erklärt, so spielt außerdem wohl noch die -Enttäuschung durch die schweigenden Zeitungsschreiber und das Bedürfnis -diese zu reizen mit -- allerdings auch keine sehr vornehmen Motive. - -Aber eines ist allerdings richtig an der Lehre von der Bescheidenheit -bedeutender Menschen: bedeutende Menschen sind nie anmaßend. Anmaßung -und Selbstbewußtsein sind wohl die zwei entgegengesetztesten Dinge, -die es geben kann, und sollten nicht, wie es meistens geschieht, -eins für das andere gesetzt werden. Ein Mensch hat immer so viel -Arroganz, als ihm Selbstbewußtsein fehlt. Anmaßung ist sicherlich -nur ein Mittel, durch künstliche Erniedrigung des Nebenmenschen das -Selbstbewußtsein gewaltsam zu steigern, ja so erst zum Bewußtsein eines -Selbst zu kommen. Natürlich gilt das von der unbewußten, sozusagen -physiologischen Arroganz; zu beabsichtigter Grobheit verächtlichen -Subjekten gegenüber mag wohl auch ein hochstehender Mensch der eigenen -Würde halber hie und da sich verhalten müssen. - -Die feste, vollkommene, des _Beweises_ für ihre Person nicht eigentlich -bedürftige Überzeugung, daß sie eine Seele besitzen, ist also allen -genialen Menschen gemeinsam. Man sollte die lächerliche Besorgnis -doch endlich ablegen, welche hinter jedem, der von der Seele als -einer hyperempirischen Realität redet, gleich den werbenden Theologen -wittert. Der Glaube an die Seele ist alles eher denn ein Aberglaube, -und kein bloßes Verführungsmittel aller Geistlichkeit. Auch die -Künstler sprechen von ihrer Seele, ohne Philosophie und Theologie -studiert zu haben, selbst die atheistischesten, wie _Shelley_, und -glauben zu wissen, was sie damit meinen. Oder denkt man, daß »Seele« -für sie ein bloßes, leeres, schönes Wort sei, welches sie anderen -nachsprechen, ohne zu fühlen? Daß der große Künstler Bezeichnungen -anwende, ohne über ein Bezeichnetes, in diesem Falle von denkbar -höchster Realität, sich klar zu sein? Der immanente Empirist, der -Nur-Physiolog muß aber all das für nichtssagendes Geschwätz halten, -oder _Lucrez_ für den einzigen großen Dichter. So viel Mißbrauch -sicherlich mit dem Worte getrieben wird: wenn _bedeutende_ Künstler von -ihrer Seele zeugen, so wissen sie wohl, was sie tun. Es gibt für sie -wie für die großen Philosophen ein gewisses _Grenzgefühl_ der höchsten -Wirklichkeit; _Hume_ hat dieses Gefühl sicherlich nicht gekannt. - -Der Wissenschaftler nämlich steht, wie schon hervorgehoben wurde, -und nun bald bewiesen werden soll, _unter_ dem Philosophen und -_unter_ dem Künstler. Diese verdienen das Prädikat des Genies, der -bloße Wissenschaftler niemals. Es heißt jedoch dem Genius vor der -Wissenschaft noch einen weiteren, bisher noch immer unbegründeten -Vorzug einräumen, wenn, wie dies hier geschehen ist, seiner Anschauung -über ein bestimmtes Problem, bloß weil es seine Anschauung ist, mehr -Gewicht beigelegt wird als der Ansicht des Wissenschaftlers. Besteht zu -dieser Bevorzugung ein Recht? Kann der Genius Dinge erkunden, die dem -Mann der Wissenschaft als solchem versagt sind, kann er in eine Tiefe -blicken, welche jener vielleicht nicht einmal bemerkt? - -Genialität schließt, wie sich zeigte, ihrer Idee nach Universalität -ein. Für den ganz und gar genialen Menschen, der eine notwendige -Fiktion ist, gäbe es gar nichts, wozu er nicht ein gleich lebendiges, -unendlich inniges, schicksalsvolles Verhältnis hätte. Genialität war -universale Apperzeption, und hiemit vollkommenes Gedächtnis, absolute -Zeitlosigkeit. Man muß aber, um etwas apperzipieren zu können, ein ihm -Verwandtes bereits in sich haben. Man bemerkt, versteht und ergreift -nur das, womit man irgend eine Ähnlichkeit hat (S. 139 f.). Der -Genius war zuletzt, aller Kompliziertheit wie zum Trotze, der Mensch -mit dem intensivsten, lebendigsten, bewußtesten, kontinuierlichsten, -einheitlichsten Ich. Das Ich jedoch ist das punktuelle Zentrum, die -Einheit der Apperzeption, die »Synthesis« alles Mannigfaltigen. - -Das Ich des Genies muß demnach selbst die universale Apperzeption sein, -der Punkt schon den unendlichen Raum in sich schließen: _der bedeutende -Mensch hat die $ganze$ Welt $in sich, der Genius ist der lebendige -Mikrokosmus$_. Er ist nicht eine sehr zusammengesetzte Mosaik, keine -aus einer, doch immer _endlichen_, _Viel_zahl von Elementen aufgebaute -chemische Verbindung, und nicht das war der Sinn der Darlegungen des -vierten Kapitels über sein innigeres Verwandtsein mit mehr Menschen -und Dingen: _sondern er ist alles_. Wie im Ich und durch das Ich alle -psychischen Erscheinungen zusammenhängen, wie dieser Zusammenhang -unmittelbar erlebt und ins Seelenleben nicht mühsam erst hineingetragen -wird durch eine Wissenschaft (die bei allen äußeren Dingen freilich -hiezu verhalten ist)[34], wie hier das Ganze durchaus vor den Teilen -besteht; so blickt der Genius, in dem das Ich wie das All, als das All -_lebt_, auch in die Natur und ins Getriebe aller Wesen als ein Ganzes, -er _schaut_ hier die _Verbindungen_ und konstruiert nicht einen Bau -aus Bruchstücken. Darum kann ein bedeutender Mensch zunächst schon -bloßer empirischer Psychologe nicht sein, für den es nur Einzelheiten -gibt, die er im Schweiße seines Angesichtes, durch Associationen, -Leitungsbahnen u. s. w. zu verkitten trachtet; ebensowenig aber bloßer -Physiker, dem die Welt aus Atomen und Molekülen _zusammengesetzt_ ist. - -_Aus der Idee des Ganzen heraus, in welcher der Genius fortwährend -lebt, erkennt er den $Sinn$ der Teile. Er $wertet$ darum $alles$_, -alles in sich, alles _außerhalb_ seiner, wertet es nach dieser Idee; -und _nur darum_ ist es für ihn nicht Funktion der Zeit, sondern -repräsentiert ihm stets einen großen und ewigen Gedanken. So ist der -_geniale_ Mensch zugleich der _tiefe_ Mensch, und nur er tief, nur -der Tiefe genial. Darum gilt denn auch wirklich seine Meinung mehr -als die der anderen. Weil er aus dem Ganzen seines das Universum -enthaltenden Ich schafft, während die anderen Menschen nie ganz zum -Bewußtsein dieses ihres wahren Selbst kommen, werden ihm die Dinge -sinnvoll, _bedeuten_ sie ihm alle etwas, sieht er in ihnen stets -_Symbole_. Für ihn ist der Atem mehr als ein Gasaustausch durch -die feinsten Wandungen der Blutkapillaren, das Blau des Himmels -mehr als teilweise polarisiertes, an den Trübungen der Atmosphäre -diffus reflektiertes Sonnenlicht, die Schlangen mehr als fußlose -Reptilien ohne Schultergürtel und Extremitäten. Wenn man selbst alle -wissenschaftlichen Entdeckungen, die je gemacht wurden, zusammentäte -und von einem einzigen Menschen gefunden sein ließe; wenn alles, -was _Archimedes_ und _Lagrange_, _Johannes Müller_ und _Karl Ernst -von Baer_, _Newton_ und _Laplace_, _Konrad Sprengel_ und _Cuvier_, -_Thukydides_ und _Niebuhr_, _Friedrich August Wolf_ und _Franz Bopp_, -was noch so viele andere für die Wissenschaft Hervorragendstes -geleistet haben, _selbst wenn all dies $ein$ einziger Mensch im Laufe -$eines$ kurzen Menschenlebens geleistet hätte, er verdiente darum doch -nicht das Prädikat des Genius_. - -Denn damit ist noch nirgends in Tiefen gedrungen. Der Wissenschaftler -nimmt die Erscheinungen wie sie sinnfällig _sind_, der bedeutende -Mensch oder Genius für das, was sie _bedeuten_. Ihm sind Meer und -Gebirge, Licht und Finsternis, Frühling und Herbst, Cypresse und Palme, -Taube und Schwan _Symbole_, er ahnt nicht nur, er erkennt in ihnen ein -Tieferes. Nicht auf Luftdruckverschiebungen geht der Walkürenritt, und -nicht auf Oxydationsprozesse bezieht sich der Feuerzauber. Und dies -alles ist jenem nur möglich, weil die _äußere_ Welt _in_ ihm reich und -stark zusammenhängt wie die _innere_, ja das Außenleben nur wie ein -Spezialfall seines Innenlebens sich ausnimmt, Welt und Ich in ihm eins -geworden sind, und er nicht Stück für Stück der Erfahrung nach Gesetz -und Regel erst aneinanderheften muß. Auch die größte Polyhistorie -dagegen addiert nur Fächer zu Fächern und bildet noch keine Gesamtheit. -Deshalb also tritt der große Wissenschaftler hinter den großen Künstler -oder Philosophen. - -Der Unendlichkeit des Weltalls entspricht beim Genius eine wahre -Unendlichkeit in der eigenen Brust, er hält Chaos und Kosmos, alle -Besonderheit und alle Totalität, alle Vielheit und alle Einheit -in seinem Innern. Ist mit diesen Bestimmungen auch mehr über die -Genialität als über das Wesen des genialen _Schaffens_ ausgesagt, -bleiben der Zustand der künstlerischen Ekstase, der philosophischen -Konzeption, der religiösen Erleuchtung gleich rätselhaft wie zuvor, -sind also damit gewiß nur die _Bedingungen_, nicht der _Vorgang_ eines -wahrhaft _bedeutenden_ Produzierens klarer geworden, so sei dennoch -hier als endgültige Definition des Genies diese gegeben: - -$Genial ist ein Mensch dann zu nennen, wenn er in bewußtem -Zusammenhange mit dem Weltganzen lebt. Erst das Geniale ist somit das -eigentlich Göttliche im Menschen.$ - -Die große Idee von der Seele des Menschen als dem Mikrokosmus, die -tiefste Schöpfung der Philosophen der Renaissance -- wiewohl ihre -ersten Spuren schon bei _Plato_ und _Aristoteles_ sich finden -- -scheint dem neueren Denken seit _Leibniz_ens Tode ganz abhanden -gekommen. Sie wurde hier bis jetzt als bloß für das Genie gültig, von -jenen Meistern aber vom Menschen überhaupt als das eigentliche Wesen -desselben behauptet. - -Doch ist die Inkongruenz nur scheinbar. Alle Menschen sind genial, und -kein Mensch ist genial. Genialität ist eine _Idee_, welcher dieser -näher kommt, während jener in großer Ferne von ihr bleibt, welcher der -eine rasch sich naht, der andere vielleicht erst am Ende seines Lebens. - -Der Mensch, dem wir bereits den Besitz der Genialität zuschreiben, ist -nur der, welcher bereits angefangen hat zu sehen, und den anderen die -Augen öffnet. Daß sie sodann mit seinem Auge sehen können, beweist, -wie sie nur vor dem Tore standen. Auch der mittelmäßige Mensch kann, -selbst als solcher, _mittelbar_ zu allem in Beziehung treten; seine -Idee des Ganzen ist aber nur ahnungsvoll, es gelingt ihm nicht, sich -mit ihr zu identifizieren. Aber er ist darum nicht ohne Möglichkeit, -diese Identifikation anderen nachzuleben und so ein Gesamtbild zu -gewinnen. Durch Weltanschauung kann er dem Universum, durch Bildung -allem einzelnsten sich verbinden; nichts ist ihm gänzlich fremd, und -an alle Dinge der Welt knüpft auch ihn ein Band der Sympathie. Nicht -so das Tier oder die Pflanze. Sie sind begrenzt, sie kennen nicht -alle, sondern nur ein Element, sie bevölkern nicht die ganze Erde, und -wo sie eine allgemeine Verbreitung gefunden haben, ist es im Dienste -des Menschen, der ihnen eine überall gleichmäßige Funktion angewiesen -hat. Sie mögen eine Beziehung zur Sonne oder zum Monde haben, aber -sicherlich fehlt ihnen »der gestirnte Himmel« und »das moralische -Gesetz«. Dieses aber stammt von der Seele des Menschen her, in der alle -Totalität geborgen ist, _die alles betrachten kann, weil sie selbst -alles $ist$_: der gestirnte Himmel und das moralische Gesetz, auch sie -sind im Grunde eines und dasselbe. Der Universalismus des kategorischen -Imperatives ist der Universalismus des Universums, die Unendlichkeit -des Weltalls nur das Sinnbild der Unendlichkeit des sittlichen Wollens. - -So hat dies, den Mikrokosmus im Menschen, schon _Empedokles_, der -gewaltige Magus von Agrigent, gelehrt: - - Γαιη μεν γαρ γαιαν οπωπαμεν, ὑδατι δ'ὑδωρ, - Αιθερι δ'αιθερα διον, αταρ πυρι πυρ αιδηλον, - Στοργη δε στοργην, νεικος δε τε νεικει λυγρω. - -Und _Plotinus_: Ου γαρ αν πωποτε ειδεν οφθαλμος ἡλιον ἡλιοειδης μη -γεγενημενος, dem es _Goethe_ in den berühmten Versen nachgedichtet hat: - - »Wär' nicht das Auge sonnenhaft, - Die Sonne könnt' es nie erblicken; - Läg' nicht in uns des Gottes eig'ne Kraft, - Wie könnt' uns Göttliches entzücken?« - -_Der Mensch ist das einzige Wesen, er ist $dasjenige$ Wesen in der -Natur, das zu $allen$ Dingen in derselben ein Verhältnis hat._ - -In wem dieses Verhältnis nicht bloß zu einzelnen, vielen oder wenigen, -sondern zu allen Dingen Klarheit und intensivste Bewußtheit erlangt, -wer über alles selbständig gedacht hat, den nennt man ein Genie; in wem -es nur der Möglichkeit nach vorhanden, in wem wohl für alles irgend -ein Interesse wachzurufen ist, aber nur zu wenigem ein lebhafteres von -selbst besteht, den nennt man einfach einen Menschen. _Leibnizens_ -wohl selten recht verstandene Lehre, daß auch die niedere Monade ein -Spiegel der Welt sei, ohne aber sich dieser ihrer Tätigkeit bewußt -zu werden, drückt nur dieselbe Tatsache aus. Der geniale Mensch lebt -im Zustande allgemeiner Bewußtheit, die Bewußtheit des Allgemeinen -ist; auch im gewöhnlichen Menschen ist das Weltganze, aber nicht bis -zu schöpferischem Bewußtsein gebracht. Der eine lebt in bewußtem -tätigen, der andere in unbewußtem virtuellen Zusammenhang mit dem All; -_der geniale Mensch ist der aktuelle, der ungeniale der potentielle -Mikrokosmus_. Erst der geniale Mensch ist ganz Mensch; was als -Mensch-Sein, als Menschheit (im Kantischen Sinne) in jedem Menschen, -δυνάμει, der Möglichkeit nach ist, das lebt im genialen Menschen, -ενεργεια, in voller Entfaltung. - -Der Mensch ist das All und darum nicht, wie ein bloßer Teil desselben, -abhängig vom anderen Teile, nicht an einer bestimmten Stelle -_eingeschaltet_ in die Naturgesetzlichkeit, _sondern selbst der -Inbegriff aller Gesetze, und $eben darum frei$_, wie das Weltganze -als das All selbst nicht noch bedingt, sondern unabhängig ist. Der -bedeutende Mensch nun, der _nichts_ vergißt, weil er _sich_ nicht -vergißt, weil Vergessen funktionelle Beeinflussung durch die Zeit, -daher unfrei und unethisch ist; der nicht von einer geschichtlichen -Bewegung, als ihr Kind, emporgeworfen, nicht von der nächsten wieder -verschlungen wird, weil _alles, alle Vergangenheit und alle Zukunft_, -in der _Ewigkeit_ seines geistigen Blickes bereits sich birgt; dessen -Unsterblichkeitsbewußtsein am stärksten ist, weil ihn auch der Gedanke -an den _Tod_ nicht feige macht; der in das leidenschaftlichste -Verhältnis zu den Symbolen oder Werten tritt, indem er nicht nur alles -in sich, sondern auch alles außer sich einschätzt und damit deutet: -er ist zugleich der _freieste_ und der _weiseste_, $er$ ist der -_sittlichste_ Mensch; und nur _darum_ leidet gerade $er$ am schwersten -unter allem, was auch in ihm noch unbewußt, noch Chaos, noch _Fatum_ -ist. -- - -Wie steht es nun mit der Sittlichkeit großer Menschen den anderen -Menschen gegenüber? Ist dies doch die einzige Form, in welcher, -nach der populären Meinung, die Unsittlichkeit nicht anders als in -Verbindung mit dem Strafgesetzbuch zu denken weiß, Moralität sich -offenbaren kann! Und haben nicht gerade hier die berühmten Männer die -bedenklichsten Charaktereigenschaften verraten? Mußten sie nicht oft -schnöden Undanks, grausamer Härte, schlimmer Verführertücken sich -zeihen lassen? - -Weil Künstler und Denker, je größer sie sind, desto rücksichtsloser -sich selbst die Treue wahren und hiebei die Erwartungen manch eines -täuschen, mit dem sie vorübergehende Gemeinschaft geistiger Interessen -verknüpfte, und die, ihrem höheren Fluge zu folgen später nicht mehr -imstande, den Adler selbst an die Erde binden wollen (_Lavater_ und -_Goethe_) -- darum hat man sie als unmoralisch verschrieen. Das -Schicksal der _Friederike aus Sesenheim_ ist _Goethe_, obwohl ihn das -keineswegs entschuldigt, sicherlich viel näher gegangen als dieser, und -wenn er auch glücklicherweise so unendlich viel _verschwiegen_ hat, -daß die Modernen, die ihn als den leichtlebigen Olympier _ganz_ zu -besitzen glauben, tatsächlich nur jene Flocken von ihm in den Händen -halten, die Faustens unsterbliches Teil umgeben -- man darf gewiß -sein, daß er selbst am genauesten prüfte, wieviel Schuld ihn traf, -und diese in ihrem ganzen Ausmaß bereut hat. Und wenn scheelsüchtige -Nörgler, die _Schopenhauers_ Erlösungslehre und den Sinn des Nirwâna -nie erfaßt haben, es diesem Philosophen zum Vorwurf machen, daß er auf -seinem _Rechte_ auf sein Eigentum, bis zum Äußersten, bestanden hat, so -verdient dies, als ein hündisches Gekläffe, gar keine Antwort. - -Daß der bedeutende Mensch gegen sich selbst am sittlichsten ist, steht -also wohl fest: er wird nicht eine fremde Anschauung sich aufzwingen -lassen und hiedurch sein Ich unterdrücken; er wird die Meinung des -anderen -- das fremde Ich und dessen Ansicht bleiben für ihn etwas -vom Eigenen gänzlich Unterschiedenes -- nicht passiv acceptieren, -und ist er einmal rezeptiv gewesen, so wird ihm der Gedanke hieran -schmerzvoll und fürchterlich sein. Eine bewußte Lüge, die er einmal -getan hat, wird er sein ganzes Leben lang _mitschleppen_, und nicht in -»dionysischer« Weise leichthin _abschütteln_ können. Am stärksten aber -werden geniale Menschen leiden, wenn sie sich selbst erst hinterdrein -auf eine Lüge kommen, um die sie gar nicht wußten, als sie sie anderen -gegenüber sprachen, oder mit der sie sich selbst belogen haben. Die -anderen Menschen, die nicht dieses Bedürfnis nach Wahrheit haben wie -er, bleiben eben darum immer viel tiefer in Lüge und Irrtum verstrickt, -und dies ist der Grund, warum sie die eigentliche Meinung und die -Heftigkeit des Kampfes großer Persönlichkeiten gegen die »_Lebenslüge_« -so wenig verstehen. - -Der hochstehende Mensch, das ist jener, in dem das zeitlose Ich die -Macht gewonnen hat, sucht seinen Wert vor seinem intelligiblen Ich, vor -seinem moralischen und intellektuellen Gewissen zu steigern. Auch seine -Eitelkeit ist zunächst die vor sich selbst: _es entsteht in ihm das -Bedürfnis, sich selbst zu imponieren_ (mit seinem Denken, Handeln und -Schaffen). Diese Eitelkeit ist die eigentliche Eitelkeit des Genies, -das seinen Wert und seinen Lohn in sich selbst hat, und dem es nicht -auf die Meinung anderer von ihm darum ankommt, damit es selbst auf -diesem Umweg von sich eine höhere gewinne. Sie ist jedoch keineswegs -etwas löbliches, und asketisch angelegte Naturen (_Pascal_) werden auch -unter dieser Eitelkeit schwer leiden können, ohne doch je über sie -hinauszukommen. Zur inneren Eitelkeit wird sich Eitelkeit vor anderen -stets gesellen; _aber die beiden liegen miteinander im Kampfe_. - -Wird nun nicht durch diese starke Betonung der Pflicht gegen -sich selbst die Pflichterfüllung den anderen Menschen gegenüber -beeinträchtigt? Stehen die beiden nicht in einem solchen -Wechselverhältnis, daß, wer sich selbst die Treue wahrt, sie notwendig -anderen brechen muß? - -Keineswegs. Wie die Wahrheit nur eine ist, so gibt es auch nur ein -_Bedürfnis_ nach Wahrheit -- _Carlyles_ »Sincerity« -- das man -_sowohl_ sich selbst als auch der Welt gegenüber hat oder nicht hat, -aber nie getrennt, nie eines von beiden, nicht Weltbeobachtung ohne -Selbstbeobachtung, und nicht Selbstbeobachtung ohne Weltbeobachtung: so -gibt es überhaupt nur eine einzige Pflicht, nur einerlei Sittlichkeit. -Man handelt moralisch oder unmoralisch _überhaupt_, und wer sich selbst -gegenüber sittlich ist, der ist es auch den anderen gegenüber. - -Über nichts sind indessen falsche Vorstellungen so verbreitet wie -darüber, was sittliche Pflicht gegen den Nebenmenschen ist, und wodurch -ihr erst genügt wird. - -Wenn ich von jenen theoretischen Systemen der Ethik einstweilen -absehe, welche Förderung der menschlichen Gesellschaft als das -Prinzip betrachten, das allem Handeln zu Grunde zu legen sei, und die -immerhin weniger auf die konkreten Gefühle während der Handlung und -auf das empirische im Impulse, als auf das Walten eines generellen -sittlichen Gesichtspunktes gehen und insofern doch hoch über aller -Sympathiemoral stehen: so bleibt nur die populäre Meinung übrig, welche -die Sittlichkeit eines Menschen größtenteils nach dem Grade seiner -Mitleidigkeit, seiner »Güte« bestimmt. Von philosophischer Seite haben -im Mitgefühle _Hutcheson_, _Hume_ und _Smith_ das Wesen und die Quelle -alles ethischen Verhaltens erblickt; eine außerordentliche Vertiefung -hat dann diese Lehre in _Schopenhauers_ Mitleidsmoral erhalten. -Die _Schopenhauer_sche »Preisschrift über die Grundlage der Moral« -verrät indes gleich in ihrem Motto »Moral predigen ist leicht, Moral -begründen schwer« den Grundfehler aller Sympathieethik: als welche sie -nämlich stets verkennt, daß die Ethik keine sachlich-beschreibende, -sondern eine das Handeln normierende Wissenschaft ist. Wer sich über -die Versuche lustig macht, genau zu erhorchen, was die innere Stimme -im Menschen wirklich spricht, mit Sicherheit zu ergründen, was der -Mensch _soll_, der verzichtet auf jede Ethik, die ihrem Begriffe nach -eben eine Lehre von den Forderungen ist, welche der Mensch an sich -und an alle anderen stellt; und nicht von dem erzählt, was er, diesen -Forderungen Raum gebend oder sie übertönend, tatsächlich vollbringt. -Nicht was geschieht, sondern was geschehen _soll_, ist Objekt der -Moralwissenschaft, alles andere gehört in die Psychologie. - -Alle Versuche, die Ethik in Psychologie aufzulösen, übersehen, daß jede -psychische Regung im Menschen vom Menschen selbst _gewertet_ wird, und -das Maß zur Bewertung irgend welchen Geschehens nicht selbst Geschehnis -sein kann. Dieser Maßstab kann nur eine _Idee_ oder ein _Wert_ sein, -der nie völlig verwirklicht und aus keiner Erfahrung abzuleiten ist, -weil _er_ bestehen bleibt, wenn auch alle Erfahrung ihm zuwiderliefe. -_Sittliches Handeln kann also nur Handeln nach einer Idee sein._ Es -ist hienach nur zwischen solchen Morallehren zu wählen, welche Ideen, -Maximen des Handelns aufstellen, und da kommt immer nur zweierlei in -Betracht: der ethische Sozialismus oder die »Sozialethik«, die von -_Bentham_ und den _Mill_ begründet, und später von eifrigen Importeuren -auch auf den Kontinent und sogar nach Deutschland und Norwegen gebracht -wurde, und der ethische Individualismus, wie ihn _das Christentum_ und -der _deutsche Idealismus_ lehren. - -Der _zweite_ Fehler aller Ethik des Mitgefühls ist eben der, daß sie -Moral begründen, _ableiten_ will, Moral, die ihrem Begriffe nach den -letzten Grund des menschlichen Handelns bilden soll, und darum nicht -selbst noch erklärbar, deduzierbar sein darf, die Zweck an sich selbst -ist und nicht mit irgend etwas außer ihr, wie Mittel und Zweck, in -Verbindung gebracht werden darf. Soferne aber dieser Anspruch der -Sympathiemoral mit dem Prinzipe jeder bloß deskriptiven und danach -notwendig relativistischen Ethik übereinkommt, sind beide Fehler -im Grunde eins, und muß diesem Unterfangen immer entgegengehalten -werden, daß niemand, liefe er auch das ganze Gebiet aller Ursachen und -Wirkungen ab, irgendwo den Gedanken eines höchsten _Zweckes_ in ihm -entdecken würde, der allein für alle moralischen Handlungen wesentlich -ist. Der Zweckgedanke kann nicht aus Grund und Folge erklärt werden, -das Verhältnis von Grund und Folge schließt ihn vielmehr aus. Der -Zweck tritt auf mit dem Anspruch, das Handeln zu schaffen, an ihm wird -der Erfolg und Ausgang aller Tat gemessen, und auch dann noch immer -ungenügend gefunden, wenn selbst alle Faktoren, die sie bestimmten, -wohl bekannt sind und noch so schwer ihr Gewicht im Bewußtsein geltend -machen. Neben dem Reich der Ursachen gibt es ein Reich der Zwecke, und -dieses Reich ist das Reich des Menschen. Vollendete Wissenschaft vom -Sein ist eine Gesamtheit der Ursachen, die bis zur obersten Ursache -aufsteigen will, vollendete Wissenschaft vom Sollen ein Ganzes der -Zwecke, das in einem letzten höchsten Zwecke kulminiert. - -Wer also das Mitleid ethisch positiv wertet, hat etwas, das gar nicht -Handlung war, sondern nur Gefühl, nicht eine Tat, sondern nur ein -Affekt (der seiner Natur nach nicht unter den Zweck-Gesichtspunkt -fällt), moralisch beurteilt. Das Mitleid mag ein ethisches _Phänomen_, -eine Äußerungsweise von etwas Ethischem sein, es ist aber so wenig ein -ethischer _Akt_ wie das Schamgefühl oder der Stolz; _man hat zwischen -ethischem Akt und ethischem Phänomen wohl zu unterscheiden_. Unter -dem ersteren darf nichts verstanden werden als _bewußte Bejahung der -Idee durch die Handlung: ethische Phänomene sind unbeabsichtigte, -unwillkürliche Anzeichen einer andauernden Richtung des Gemütes auf -die Idee._ Nur in den Motivenkampf greift die Idee immer wieder ein -und sucht ihn zu beeinflussen und zu entscheiden; in den empirischen -Mischungen ethischer mit unethischen Gefühlen, des Mitleids mit der -Schadenfreude, des Selbstgefühles mit dem Übermut, liegt noch nichts -von einem _Entschlusse_. _Das Mitleid ist vielleicht der sicherste -Anzeiger der Gesinnung, aber kein Zweck irgend eines Handelns._ Nur -_Wissen_ des Zweckes, _Bewußtsein_ des Wertes gegenüber allem Unwerte -konstituiert die Sittlichkeit; hierin hat _Sokrates_ gegenüber allen -Philosophen, die nach ihm gekommen sind (nur _Plato_ und _Kant_ haben -ihm sich angeschlossen), recht. Ein alogisches Gefühl, wie das Mitleid -immer ist, hat keinen Anspruch auf _Achtung_, sondern erweckt höchstens -_Sympathie_. - -Die Frage ist demnach erst zu beantworten, inwiefern ein Mensch sich -sittlich verhalten könne gegen andere Menschen. - -Nicht durch unerbetene Hilfe, die in die fremde Einsamkeit _dringt_ -und die Grenzen durchbricht, welche der Nebenmensch um sich zieht, -sondern durch die Ehrerbietung, mit der man diese Grenzen _wahrt_; -nicht durch _Mitleid_, nur durch _Achtung_. _Achtung_, dies hat _Kant_ -zuerst ausgesprochen, bringen wir keinem Wesen auf der Welt entgegen -als dem Menschen. Es ist seine ungeheuere Entdeckung, daß kein Mensch -sich selbst, sein intelligibles Ich, die Menschheit (das ist nicht -die menschliche Gesellschaft von 1500 Millionen, sondern die _Idee_ -der _Menschenseele_) in seiner Person oder in der Person des anderen -als Mittel zum Zweck gebrauchen kann. »In der ganzen Schöpfung kann -alles, was man will, und worüber man etwas vermag, auch _bloß als -Mittel_ gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm jedes vernünftige -Geschöpf, ist _Zweck an sich selbst_.« - -Womit aber erweise ich einem Menschen Verachtung, und wie bezeige -ich ihm meine Achtung? Das erste, indem ich ihn _ignoriere_, das -zweite, indem ich mich mit ihm _beschäftige_. Wie benütze ich ihn -als Mittel zum Zweck, und wie ehre ich in ihm etwas, das Selbstzweck -ist? Das eine, indem ich ihn nur als Glied in der Kette der Umstände -betrachte, mit denen meine Handlungen zu rechnen haben, das andere, -indem ich ihn zu _erkennen_ suche. Erst so, indem man sich für ihn, -ohne es ihm gerade zu zeigen, interessiert, an ihn denkt, sein Handeln -zu begreifen, sein Schicksal mitzufühlen, ihn selbst zu _verstehen_ -sucht, erst dadurch, _nur_ dadurch kann man seinen Mitmenschen _ehren_. -Nur wer, durchs eigene Ungemach nicht selbstsüchtig geworden, allen -kleinlichen Hader mit dem Mitmenschen vergessend, den Zorn gegen -ihn unterdrückend, ihn zu _verstehen_ trachtet, der ist wahrhaft -uneigennützig gegen seinen Nächsten; und er handelt sittlich, denn er -_siegt_ gerade dann über den _stärksten_ Feind, der das Verständnis des -Nebenmenschen am längsten erschwert: über die _Eigenliebe_. - -Wie verhält sich nun in dieser Hinsicht der hervorragende Mensch? - -Er, der die meisten Menschen versteht, weil er am universellsten -veranlagt ist, der zum Weltganzen in der innigsten Beziehung lebt, es -am leidenschaftlichsten objektiv zu erkennen trachtet, er wird auch -wie kein zweiter an seinem Nebenmenschen sittlich handeln. In der -Tat, niemand denkt so viel und so intensiv wie er über die anderen -Menschen (ja über viele auch, wenn er sie nur ein einziges Mal flüchtig -erblickt hat), und niemand sucht so lebhaft wie er zur Klarheit über -sie zu kommen, wenn er sie noch nicht mit genügender Deutlichkeit und -Intensität in sich hat. Wie er selbst eine kontinuierlich von seinem -Ich erfüllte Vergangenheit hinter sich hat, so wird er auch darüber -sich Gedanken machen, welches das Schicksal der anderen in der Zeit -gewesen ist, ehe da er sie noch kennen lernte. Er folgt dem stärksten -Zuge des inneren Wesens, wenn er über sie denkt, denn er sucht ja in -ihnen nur über sich zur Klarheit, zur Wahrheit zu gelangen. Hier zeigt -sich eben, daß die Menschen alle Glieder einer intelligiblen Welt -sind, in der es keinen beschränkten Egoismus oder Altruismus gibt. Nur -so ist es zu erklären, daß große Männer, wie zu den Menschen _neben_ -ihnen, so auch zu allen Persönlichkeiten der Geschichte, die zeitlich -_vor_ ihnen gelebt haben, in ein lebendigeres, verständnisvolleres -Verhältnis treten, nur _dies_ der Grund, warum der große Künstler -auch die geschichtliche Individualität so viel besser und intensiver -erfaßt als der bloß wissenschaftliche Historiker. Es gibt keinen großen -Mann, der nicht zu _Napoleon_, zu _Plato_, zu _Mohammed_ in einem -persönlichen Verhältnisse stünde. _So nämlich erweist er auch denen -seine Achtung und wahre Pietät, die vor ihm gelebt haben._ Und wenn so -mancher, der mit Künstlern verkehrt hat, sich peinlich berührt fühlte, -als er sich später in einer ihrer Schöpfungen wiedererkannte; wenn -deshalb so oft über den Dichter die Beschwerde laut wird, daß ihm alles -zum Modell werde, so ist das unangenehme Gefühl in solcher Situation -nur zu begreiflich; aber der Künstler, der mit der Kleinlichkeit der -Menschen nicht rechnet, hat darum kein Verbrechen begangen: er hat, in -seiner Weise der unreflektierten Darstellung und Neuerzeugung der Welt, -den _schöpferischen Akt des Verständnisses vollzogen; und es gibt kein -Verhältnis zwischen Menschen, das reiner wäre als dieses_. - -Damit dürfte denn auch das sehr wahre, schon einmal erwähnte Wort -_Pascals_ an Verständlichkeit gewonnen haben: »A mesure qu'on a plus -d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du -commun ne trouvent pas de différence entre les hommes.« -- Es hängt -mit all dem ferner zusammen, daß ein Mensch, je höher er stehen, desto -größere Anforderungen bezüglich des _Verstehens fremder_ Äußerungen -an sich stellen wird; während der Unbegabte bald etwas zu verstehen -glaubt, oft gar nicht einmal fühlt, daß hier etwas ist, das er nicht -versteht, den _fremden_ Geist kaum empfindet, der aus einem Kunstwerk, -aus einer Philosophie zu ihm spricht; und so höchstens ein Verhältnis -zu den Sachen gewinnt, aber nicht zum Nachdenken über den Schöpfer -selbst sich aufschwingt. Der bedeutende Mensch, der die höchste Stufe -der Bewußtheit erklimmt, identifiziert nicht leicht etwas, das er -liest; mit sich und seiner Meinung, während bei geringerer Helligkeit -des Geistes sehr verschiedene Dinge ineinander verschwimmen und sich -gleich ausnehmen können. - -Der geniale Mensch ist derjenige, dem sein _Ich_ zum Bewußtsein gelangt -ist. Darum kommt ihm auch das Anderssein der anderen am ehesten zur -Abhebung, _darum empfindet er im anderen Menschen auch dann dessen -Ich, wenn dieses noch gar nicht stark genug war, um jenem selbst zum -Bewußtsein zu kommen. Aber nur wer fühlt, daß der andere Mensch $auch -ein Ich, eine Monade, ein eigenes Zentrum der Welt ist$, mit besonderer -Gefühlsweise und Denkart, und besonderer Vergangenheit, der wird $von -selbst davor gefeit$ sein, den Mitmenschen bloß $als Mittel zum Zweck$ -zu benützen_, er wird der _Kant_ischen Ethik gemäß auch im Mitmenschen -die _Persönlichkeit_ (als Teil der _intelligiblen_ Welt) _spüren, ahnen -und darum $ehren$, und nicht bloß an ihm $sich ärgern$. $Psychologische -Grundbedingung alles praktischen Altruismus ist daher theoretischer -Individualismus.$_ - -_Hier liegt also die Brücke_, welche vom moralischen Verhalten sich -selbst gegenüber zum moralischen Verhalten dem anderen gegenüber führt, -jene Vermittlung, deren Mangel in der _Kant_ischen Philosophie von -_Schopenhauer_ mit Unrecht als ein Fehler derselben angesehen, und ihr -wie ein notwendiges, in ihren wesentlichen Prinzipien begründetes -Unvermögen ausgelegt wurde. - -Die Probe darauf ist leicht zu machen. Nur der vertierte Verbrecher -und der Irrsinnige interessieren sich _gar nicht_ auch nur für irgend -einen unter ihren Nebenmenschen, sie leben, als ob sie allein auf der -Welt wären, sie _fühlen_ die _Anwesenheit_ des _Fremden_ gar nicht. Es -gibt also keinen _praktischen Solipsismus_: in wem ein Selbst ist, für -den gibt es auch ein Selbst im Nebenmenschen; und nur wenn ein Mensch -seinen (logischen und ethischen) Wesenskern eingebüßt hat, reagiert er -auch auf den zweiten Menschen nicht mehr so, als ob dieser ein Mensch, -ein Wesen mit durchaus eigener Persönlichkeit wäre. _Ich und Du sind -eben Wechselbegriffe._ - -Am stärksten gelangt der Mensch zum Bewußtsein seiner selbst, wenn er -mit anderen Menschen beisammen ist. Darum ist der Mensch in Gegenwart -anderer Menschen stolzer, als wenn er allein ist, und bleibt es den -Stunden seiner Einsamkeit aufgespart, seinen Übermut zu dämpfen. - -Endlich: wer sich tötet, der tötet gleichzeitig die ganze Welt; und wer -den anderen mordet, begeht eben darum das schwerste Verbrechen, weil er -in ihm sich gemordet hat. So ist denn jener Solipsismus im Praktischen -ein Unding, und sollte lieber _Nihilismus_ genannt werden; wenn kein -Du da ist, dann ist auch sicherlich nie ein Ich vorhanden, es bleibt -hernach überhaupt -- nichts. - -Auf die psychologische _Verfassung_ kommt es an, welche es _unmöglich_ -macht, den anderen Menschen als Mittel zum Zweck zu gebrauchen. Und -da fand sich: _wer seine Persönlichkeit fühlt, der fühlt sie auch -in anderen_. Für ihn ist das Tat-tvam-asi keine schöne Hypothese, -sondern _Wirklichkeit_. _Der höchste Individualismus $ist$ der höchste -Universalismus._ - -Schwer irrt also der Leugner des Subjektes, Ernst _Mach_, wenn er -glaubt, nach dem Verzicht auf das eigene Ich sei erst ein ethisches -Verhalten, »welches Mißachtung des fremden Ich und Überschätzung des -eigenen ausschließt,« zu erwarten. Es hat sich eben gezeigt, wohin -der Mangel eines eigenen Ich im Verhalten zum Nebenmenschen führt. -_Das Ich ist Grundbedingung auch aller sozialen Moral._ Gegen eine -bloße _Verknotungsstelle_ von »Elementen« werde ich mich, _rein -psychologisch_, nie ethisch verhalten können. Als Ideal kann man das -_aussprechen_; es ist aber dem praktischen Verhalten ganz entrückt, -kann ihm nie als Norm dienen, _weil es die psychologische Bedingung -aller Verwirklichung der sittlichen Idee $eliminiert$, während die -moralische Forderung eben psychologisch $da ist$_. - -_Gerade umgekehrt handelt es sich darum, jedem Menschen bewußt zu -machen, daß er ein höheres Selbst, eine Seele besitzt, und daß auch die -anderen Menschen eine Seele besitzen._ (Dazu wird der größte Teil der -Menschheit aber immer einen _Seelenhirten_ benötigen.) Erst hiemit ist -ein ethisches Verhältnis zum Nebenmenschen _da, wirklich da_. - -Dieses Verhältnis aber ist im genialen Menschen in einzigster Weise -verwirklicht. Niemand wird mit den Menschen, und darum an den -Menschen, mit denen er lebt, so _leiden_ wie er. Denn in bestimmtem -Sinne wird sicherlich der Mensch _nur_ »durch Mitleid wissend«. -Ist Mitleid auch nicht selbst klares, abstrakt-begriffliches oder -anschaulich-symbolisches Wissen, so ist es doch der stärkste Impuls, -um zu allem Wissen zu gelangen. Nur durch Leiden _unter_ den Dingen -begreift sie der Genius, nur durch Leiden _mit_ den Menschen versteht -er diese. Und der Genius leidet am meisten, weil er mit allem und in -allem leidet; aber am stärksten leidet er an seinem Mitleiden. - -Wurde in einem früheren Kapitel das Geniale zu erweisen gesucht als -jener Faktor, der den Menschen erst eigentlich über das Tier erhebt, -und zugleich damit die Tatsache in Verbindung gebracht, daß nur der -Mensch eine Geschichte hat (diese erkläre sich aus der allen Menschen -innewohnenden und nur graduell verschiedenen Genialität), so muß -hierauf nun noch einmal zurückgegriffen werden. Genialität fällt -zusammen mit lebendiger Tätigkeit des intelligiblen Subjektes. Und -Geschichte offenbart sich nur im Sozialen, im »objektiven Geiste«, die -Individuen an sich bleiben sich ewig gleich und schreiten nicht vor wie -dieser (sie sind _das Ahistorische_). So sehen wir hier, wie unsere -Fäden zusammenlaufen, um ein überraschendes Resultat zu erzeugen. Ist -nämlich -- hierin glaube ich nicht zu irren -- die zeitlose menschliche -Persönlichkeit auch Bedingung jedes wahrhaft ethischen Verhaltens -auch gegen den Nebenmenschen, _Individualität $Voraussetzung$_ einer -_sozialen_ Gesinnung, so wird damit auch klar, warum das »animal -metaphysicum« und das »ζῷον πολιτικόν«, das geniale Geschöpf und -der Träger einer Geschichte _eines_ sind, ein und dasselbe Wesen, -_$nämlich$ der Mensch_. Und so ist auch die alte Streitfrage erledigt, -was _früher_ da sei, _Individuum_ oder _Gemeinschaft_: $beide nämlich -sind zugleich und miteinander da$. - -Hiemit betrachte ich denn in jeder Beziehung den Nachweis als -geführt, daß Genialität _höhere Sittlichkeit_ überhaupt ist. Der -bedeutende Mensch ist nicht nur der sich selbst treueste, der nichts -von sich vergessende, der, dem Irrtum und Lüge am verhaßtesten, am -unerträglichsten sind; er ist auch der sozialste, der einsamste -zugleich der zweisamste Mensch. _Das Genie ist eine höhere Daseinsform -überhaupt, nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch. Der Genius -offenbart ganz eigentlich $die Idee$ des Menschen. Er kündet, was der -Mensch ist: das $Subjekt$, dessen $Objekt$ das $ganze$ Universum, und -stellt das fest für ewige Zeiten._ - -Man lasse sich nicht irre machen. _Bewußtsein_, und _nur Bewußtsein_, -ist an und für sich moralisch, alles Unbewußte unmoralisch, und alles -Unmoralische unbewußt. Das »unmoralische Genie«, der »große böse -Mensch« ist deshalb ein Fabeltier; von großen Menschen in bestimmten -Augenblicken ihres Lebens als eine Möglichkeit ersonnen, um dann, -sehr gegen den Willen der Schöpfer, für furchtsame und schwächliche -Naturen einen Wauwau abzugeben, mit dem sie sich und andere Kinder -schrecken. Es gibt keinen Verbrecher, der seiner Tat gewachsen wäre, -der da dächte und spräche wie der _Hagen_ der »Götterdämmerung« an -_Siegfrieds_ Leichnam: »Ja denn, ich hab ihn erschlagen, _ich, Hagen_, -schlug ihn zu tot!« _Napoleon_ und _Baco von Verulam_, die man als -Gegeninstanzen anführt, werden intellektuell bei weitem überschätzt -oder falsch gedeutet. Und zu _Nietzsche_ darf man in diesen Dingen -- -wenn er von den Borgias zu reden anfängt -- am wenigsten Vertrauen -hegen. Die Konzeption des Diabolischen, des Antichrist, des Ahriman, -des »Radikal-Bösen in der menschlichen Natur« ist überaus gewaltig. Mit -dem Genie aber hat sie nur insoferne zu schaffen, als sie gerade sein -Gegenteil ist. Sie ist eine Fiktion, geboren in den Stunden, da große -Menschen gegen den Verbrecher in sich den entscheidenden Kampf gekämpft -haben. - -Universelle Apperzeption, Allgemeinbewußtsein, vollkommene -Zeitlosigkeit ist ein Ideal, auch für die »genialen« Menschen; -_Genialität ist ein innerer Imperativ_, nie bei einem Menschen je -gänzlich vollzogene _Tatsache_. Darum wird zu allerletzt ein »genialer« -Mensch, er am allerwenigsten, von sich so einfach zu sagen imstande -sein: »Ich _bin_ ein Genie.« Denn Genialität ist, ihrem Begriffe nach, -nichts als gänzliche Erfüllung der Idee des Menschen, und darum genial -etwas, das jeder Mensch sein _sollte_ und das zu werden _prinzipiell -jedem Menschen möglich sein muß_. Denn Genialität ist höchste -Sittlichkeit, und darum Pflicht eines jeden. Zum Genie wird der Mensch -durch einen höchsten _Willensakt_, _indem er das ganze Weltall in sich -bejaht_. Genialität ist etwas, das die »genialen Menschen« _auf sich -genommen haben_: es ist die größte Aufgabe und der größte Stolz, das -größte Unglück und das größte Hochgefühl, das einem Menschen möglich -ist. So paradox es klingt: genial ist der Mensch, wenn er es sein -_will_. - -Nun wird man freilich sagen: sehr viele Menschen möchten sehr gerne -»Original-Genies« sein, und es hilft ihnen doch aller Wunsch nicht -dazu. Aber wenn diese Menschen, die »es sehr gerne möchten«, eine -lebhaftere Ahnung davon hätten, _was_ das, wonach ihr Wunsch verlangt, -eigentlich _bedeutet_, wenn ihnen aufgegangen wäre, daß Genialität -identisch ist mit _universeller Verantwortlichkeit_ -- und bevor einem -etwas ganz klar ist, kann er es ja nur _wünschen_, nicht _wollen_ -- -so ist wahrscheinlich, daß die weitaus größte Zahl der Menschen, genial -zu werden, _ablehnen_ würde. - -Aus keinem anderen Grunde auch -- Toren glauben dann an die -Nachwirkungen der Venus oder an die spinale Degeneration des -Neurasthenikers -- verfallen so viele geniale Menschen dem _Irrsinn_. -Es sind diejenigen, denen die Last zu schwer wurde, die ganze Welt -gleich dem Atlas auf ihren Schultern zu tragen, und darum immer -kleinere, minder hervorragende, nie die allergrößten, nie die stärksten -Geister. Das Genie, das zum Irrsinnigen wird, _will nicht mehr Genie -sein_; es will statt der Sittlichkeit -- das _Glück_. Denn aller -Wahnsinn entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewußtheit -geknüpften Schmerzes; und darum hat _Sophokles_ am tiefsten das Motiv -angedeutet, warum ein Mensch auch seinen _Irrsinn wollen_ kann; indem -er den Aias, dessen Geist denn auch zuletzt der Nacht verfällt, sagen -läßt: - -ἐν τῷ φρονεῖν γὰρ μηδὲν ἥδιστος βίος. - -Ich beschließe dieses Kapitel mit den tiefen, an die erhabensten -Momente des _Kant_ischen Stiles gemahnenden Worten des _Johann Pico -von Mirandola_, für deren Verständnis ich hier vielleicht einiges -getan habe. Er läßt, in seiner Rede »Über die Würde des Menschen« die -Gottheit zum Menschen also sprechen: - -»Nec certam sedem, nec propriam faciem, nec munus ullum peculiare -tibi dedimus, o Adam: ut quam sedem, quam faciem, quae munera tute -optaveris, ea pro voto, pro tua sententia, habeas et possideas. -Definita ceteris natura intra praescriptas a nobis leges coercetur; tu -nullis angustiis coercitus, pro tuo arbitrio, in cuius manu te posui, -tibi illam praefinies. Medium te mundi posui, ut circumspiceres inde -commodius quicquid est in mundo. Nec te caelestem, neque terrenum, -neque mortalem, neque immortalem fecimus, ut tui ipsius quasi -arbitrarius honorariusque plastes et fictor in quam malueris tute -formam effingas. Poteris in inferiora quae sunt bruta degenerare, -poteris in superiora quae sunt divina, ex tui animi sententia -regenerari. - -O summam Dei Patris liberalitatem, summam et admirandam hominis -felicitatem: cui datum id habere quod optat, id esse quod velit. -Bruta simul atque nascuntur id secum afferunt e bulga matris, quod -possessura sunt. Supremi spiritus aut ab initio aut paulo mox id -fuerunt, quod sunt futuri in perpetuas aeternitates. _Nascenti homini -omniferaria semina et omnigenae vitae germina indidit Pater_; quae -quisque excoluerit, illa adolescent et fructus suos ferent in illo: -si vegetalia, planta fiet, si sensualia, obbrutescet, si rationalia, -caeleste evadet animal, si intellectualia, angelus erit et Dei -_filius_. _Et si nulla creaturarum sorte contentus in unitatis centrum -suae se receperit, unus cum Deo spiritus factus, in solitaria Patris -caligine qui est super omnia constitutus omnibus antestabit._« - - - - -IX. Kapitel. - -Männliche und weibliche Psychologie. - - »De subjecto vetustissimo ....« - - _Galilei._ - - -Es ist an der Zeit, zu der eigentlichen Aufgabe der Untersuchung -zurückzukehren, um zu sehen, wie weit deren Lösung durch die längeren -Einschiebungen gefördert worden ist, die oft ziemlich weit von ihr -abzuführen schienen. - -Die Konsequenzen der entwickelten Grundsätze sind für eine Psychologie -der Geschlechter so radikale, daß, auch wer zu den bisherigen -Ableitungen seine Zustimmung gegeben hat, vor _diesen_ Folgerungen -zurückscheuen dürfte. Es ist noch nicht der Ort, die Gründe dieser -Scheu zu analysieren; aber um die nun aufzustellende These gegen -alle Einwände, die aus ihr fließen werden, zu schützen, soll sie in -diesem Abschnitt noch in ausgiebigster Weise durch zwingende Argumente -vollständig gesichert werden. - -Worum es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, daß das -logische und das ethische Phänomen, beide im Begriffe der Wahrheit zum -höchsten Werte sich zusammenschließend, zur Annahme eines intelligiblen -Ich oder einer Seele, als eines Seienden von höchster, hyperempirischer -Realität, zwingen. _Bei einem Wesen, dem, wie $W$, das logische und -das ethische Phänomen mangeln, entfällt auch der Grund, jene Annahme -zu machen._ Das vollkommen weibliche Wesen kennt weder den logischen -noch den moralischen Imperativ, und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht, -Pflicht gegen sich selbst, ist das Wort, das ihm am fremdesten -klingt. Also ist der Schluß vollkommen berechtigt, daß ihm auch die -übersinnliche Persönlichkeit fehlt. - -$Das absolute Weib hat kein Ich.$ - -Dies ist, in gewisser Beziehung, ein Abschluß der Betrachtung, ein -Letztes, wozu alle Analyse des Weibes führt. Und wenn auch diese -Erkenntnis, so kurz und bündig ausgesprochen, hart und unduldsam, -paradox und von allzu schroffer Neuheit scheint: es ist, in einer -solchen Sache, von vornherein kaum wahrscheinlich, daß der Verfasser -der erste sei, welcher zu dieser Anschauung gelangt ist; wenn er auch -selbständig wieder zu ihr den Weg finden mußte, um das Treffende der -früheren ähnlichen Aussagen zu begreifen. Die _Chinesen_ sprechen seit -ältester Zeit dem Weibe eine eigene Seele ab. Fragt man einen Chinesen -nach der Zahl seiner Kinder, so zählt er nur die Knaben, und hat er -bloß Töchter, so erklärt er, kinderlos zu sein.[35] Aus einem ähnlichen -Grunde hat wohl _Mohammed_ die Frauen vom Paradiese ausgeschlossen, und -die unwürdige Stellung, welche das weibliche Geschlecht in den Ländern -islamitischer Religion einnimmt, hiedurch mitverschuldet. - -Von den Philosophen ist hier vor allem _Aristoteles_ zu nennen. Für -ihn ist das männliche Prinzip bei der Zeugung das formende, aktive, -der Logos, das weibliche vertritt die passive Materie. Erwägt man -nun, wie für _Aristoteles_ Seele mit Form, Entelechie, Urbewegendem -zusammenfällt, so ist klar, wie sehr er sich der hier ausgesprochenen -Ansicht nähert, obwohl seine Anschauung nur dort zutage tritt, wo -er vom Akte der Befruchtung redet; während ihm sonst mit fast allen -Griechen außer _Euripides_ es gemeinsam zu sein scheint, daß er über -die Frauen selbst nicht nachdenkt, und deshalb nirgends ein Standpunkt -in Bezug auf die Eigenschaften des Weibes überhaupt (nicht nur in -Ansehung seiner Rolle beim Begattungsakte) von ihm eingenommen wird. - -Unter den Kirchenvätern scheinen besonders _Tertullian_ und _Origenes_ -sehr niedrig vom Weibe gedacht zu haben; indes _Augustinus_ schon -durch das innige Verhältnis zu seiner Mutter davon hat abgehalten -werden müssen, die Ansichten jener zu teilen. In der _Renaissance_ -ist die Aristotelische Ansicht wieder mehrfach aufgenommen worden, -z. B. von Jean _Wier_ (1518-1588). Damals scheint man diese überhaupt, -gefühlsmäßig und intuitiv, besser verstanden und nicht bloß als -Kuriosum betrachtet zu haben, wie das in der heutigen Wissenschaft -üblich ist, die freilich noch zu anderen Verbeugungen vor der -Aristotelischen Anthropologie sich einmal gewiß wird bequemen müssen. - -In den letzten Jahrzehnten haben dieselbe Erkenntnis Henrik _Ibsen_ -(mit den Gestalten der _Anitra_, _Rita_ und _Irene_) und August -_Strindberg_ (»Gläubiger«) ausgesprochen. Am populärsten aber ist -der Gedanke von der Seelenlosigkeit des Weibes durch das wundervolle -Märchen _Fouqués_ geworden, dessen Stoff dieser Romantiker aus dem, von -ihm eifrig studierten, _Paracelsus_ geschöpft hat, und durch E. T. A. -_Hoffmann_, _Girschner_ und Albert _Lortzing_, welche es in Musik -gesetzt haben. _Undine, die seelenlose Undine, ist die platonische -Idee des Weibes._ Trotz aller Bisexualität kommt ihr die Wirklichkeit -meist sehr nahe. Die verbreitete Rede: »das Weib hat keinen Charakter« -meint im Grunde auch nichts anderes. Persönlichkeit und Individualität, -(intelligibles) Ich und Seele, Wille und (intelligibler) Charakter -- -dies alles bezeichnet ein und dasselbe, das im Bereiche des Menschen -nur M zukommt und W fehlt. - -Da aber die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, und bedeutende -Menschen solche, welche durchaus _mit_ Seele leben, d. h. in denen -die _ganze Welt lebendig_ ist, _so muß W absolut $un$genial veranlagt -sein_. _Der Mann_ hat _alles_ in sich, und mag nur, nach den Worten -_Picos von Mirandola_, dies oder jenes in sich besonders begünstigen. -Er kann zur höchsten Höhe hinaufgelangen und aufs tiefste entarten, er -kann zum Tiere, zur Pflanze, _er kann auch zum Weibe werden, und darum -gibt es weibliche, weibische Männer_. - -$Aber die Frau kann nie zum Manne werden.$ Hier ist also die wichtigste -Einschränkung an den Aufstellungen des ersten Teiles dieser Schrift -vorzunehmen. _Während mir eine große Anzahl von Männern bekannt sind, -die psychisch fast vollständig, und nicht etwa zur Hälfte nur, Weib -sind, habe ich zwar schon sehr viele Frauen gesehen mit männlichen -Zügen, aber noch nie auch nur eine einzige Frau, die nicht doch im -Grunde Weib gewesen wäre_, wenn auch diese Weiblichkeit unter einer -Menge verkleidender Hüllen vor dem Blicke der Person selbst, nicht -nur der anderen, oft genug sich verbarg. Man _ist_ (vgl. Kapitel 1 -des zweiten Teiles) _entweder_ Mann _oder_ Weib, so viel man auch von -beiden Geschlechtern Eigentümlichkeiten haben mag, und dieses _Sein_, -das Problem der Untersuchung von Anfang an, bestimmt sich jetzt nach -dem Verhältnis eines Menschen zur Ethik und zur Logik; aber während es -anatomische Männer gibt, die psychologisch Weiber _sind_, gibt es keine -Personen, die körperlich Weiber und doch psychisch Männer _sind_; wenn -sie auch in noch so vielen äußerlichen Beziehungen einen männlichen -Aspekt gewähren, und einen unweiblichen Eindruck hervorbringen. - -Darum aber läßt sich mit Sicherheit nun folgende _abschließende_ -Antwort auf die Frage nach der Begabung der Geschlechter geben: _es -gibt wohl Weiber mit genialen Zügen, aber es gibt kein weibliches -Genie, hat nie ein solches gegeben und kann nie ein solches geben_. Wer -prinzipiell in solchen Dingen der Laxheit huldigen und den Begriff der -Genialität so auftun und erweitern wollte, daß die Frauen unter ihm -auch nur ein Fleckchen Raumes fänden, der würde diesen Begriff damit -bereits _zerstört_ haben. Wenn überhaupt ein Begriff von Genialität in -Strenge und Einheitlichkeit gewonnen und gewahrt werden soll und kann, -so sind, wie ich glaube, keine anderen Definitionen von ihm möglich -als die hier entwickelten. Wie könnte nach diesen ein seelenloses -Wesen Genie haben? Genialität ist identisch mit _Tiefe_; und man -versuche nur, tief und Weib wie Attribut und Substantiv miteinander -zu verbinden: ein jeder hört den Widerspruch. _Ein weiblicher Genius -ist demnach eine contradictio in adjecto_; denn Genialität war ja nur -gesteigerte, voll entfaltete, höhere, allgemein bewußte Männlichkeit. -Der geniale Mensch hat, wie alles, auch das Weib völlig in sich; aber -das Weib selbst ist nur ein Teil im Weltall, und der Teil kann nicht -das Ganze, Weiblichkeit also nicht Genialität in sich schließen. Die -_Genielosigkeit_ des Weibes folgt unabwendbar daraus, daß das Weib -keine Monade und somit kein Spiegel des Universums ist. - -Zum Nachweise der _Seelenlosigkeit_ des Weibes aber vereinigt sich -der größte Teil alles dessen, was etwa in den vorigen Kapiteln zu -ermitteln sollte gelungen sein. Das dritte Kapitel zunächst hat -gezeigt, daß die Frau in Heniden, der Mann in gegliederten Inhalten -lebt, daß das weibliche Geschlecht ein weniger _bewußtes_ Leben führt -als das männliche. Bewußtsein ist aber _ein_ erkenntnistheoretischer -und zugleich _der_ psychologische Fundamentalbegriff. -Erkenntnistheoretisches Bewußtsein und Besitz eines kontinuierlichen -Ich, transcendentales Subjekt und Seele sind vertauschbare -Wechselbegriffe. Jedes Ich _ist_ nur in der Weise, daß es sich selbst -fühlt, sich seiner in seinen Denkinhalten bewußt wird; alles Sein ist -Bewußtsein. Aber es ist jetzt zu jener Theorie von den Heniden eine -wichtige Erläuterung hinzuzufügen. Die artikulierten Denkinhalte des -Mannes sind nicht einfach die auseinandergefalteten und geformten -weiblichen, sie sind nicht bloß aktuell, was jene potentiell waren; -sondern es steckt in ihnen von allem Anfang an noch ein _qualitativ -anderes_. Die psychischen Inhalte des Mannes sind, selbst schon im -ersten Henidenstadium, das sie stets zu überwinden trachten, bereits -zur _Begrifflichkeit_ angelegt, und vielleicht tendiert selbst _alle -Empfindung_ des Mannes von einem sehr frühen Stadium an _zum Begriffe_. -Das Weib selbst ist durchaus unbegrifflich veranlagt, in seinem -Wahrnehmen wie in seinem Denken. - -Das Prinzip aller Begrifflichkeit sind die logischen Axiome, -und diese fehlen den Frauen; ihnen ist nicht das Prinzip der -Identität Richtschnur, welches allein dem Begriff seine eindeutige -Bestimmtheit verleihen kann, und sie machen sich nicht das principium -contradictionis zur Norm, das einzig ihn, als völlig selbständigen, -gegen alle anderen möglichen und wirklichen Dinge abgrenzt. Dieser -Mangel an begrifflicher Bestimmtheit alles weiblichen Denkens -ermöglicht jene »Sensitivität« der Frauen, die vagen Associationen -ein schrankenloses Recht einräumt, und so häufig ganz fernliegende -Dinge zum Vergleich heranzieht. Auch die Frauen mit dem besten und -am wenigsten begrenzten Gedächtnis kommen über diese Manier der -_Synästhesien_ nie hinaus. Gesetzt z. B., durch irgend ein Wort -fühlten sie sich an eine bestimmte Farbe, durch einen Menschen an -eine bestimmte Speise erinnert -- wie das wirklich bei Frauen oft -genug vorkommt: in solchem Falle geben sie sich mit ihrer subjektiven -Association vollständig _zufrieden_, sie suchen weder zu ergründen, -warum ihnen gerade dieser Vergleich eingefallen, inwiefern er wirklich -durch die tatsächlichen Verhältnisse nahegelegt sei, noch trachten sie -weiter und eifriger über ihren Eindruck von dem Worte, von dem Menschen -ins Klare zu kommen. Diese Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit hängt -mit dem zusammen, was früher als intellektuelle Gewissenlosigkeit des -Weibes bezeichnet wurde, und gleich weiter unten nochmals zur Sprache -kommen und in seinem Konnex mit dem Mangel an Begrifflichkeit erläutert -werden soll. Jenes Schwelgen in rein gefühlsmäßigen Anklängen, -jener Verzicht auf Begrifflichkeit und auf Begreiflichkeit, jenes -_Sichwiegen_ ohne _Streben_ nach irgend einer Tiefe charakterisiert -den schillernden Stil so vieler moderner Schriftsteller und Maler als -einen eminent _weiblichen_. Männliches Denken scheidet sich von allem -weiblichen grundsätzlich durch das Bedürfnis nach sicheren Formen, -und so ist auch jede »Stimmungskunst« immer notwendig eine _formlose_ -»Kunst«. - -Die psychischen Inhalte des Mannes können aus diesen Gründen nie -einfach Heniden des Weibes in bloßer Weiterentwicklung in »expliciter« -Form sein. Das Denken des Weibes ist ein Gleiten und ein Huschen -zwischen den Dingen hindurch, ein Nippen von ihren obersten Flächen, -denen der Mann, der »in der Wesen Tiefe trachtet«, oft gar keine -Beachtung schenkt, es ist ein Kosten und ein Schmecken, ein _Tasten_, -kein _Ergreifen_ des Richtigen. Darum, weil das Denken des Weibes -vornehmlich eine Art _Schmecken_ ist, bleibt auch _Geschmack_, -im _weitesten_ Sinne, die vornehmste weibliche Eigenschaft, das -Höchste, was eine Frau selbständig erreichen, und worin sie es bis -zu einer gewissen Vollendung bringen kann. Geschmack erfordert -eine Beschränkung des Interesses auf Oberflächen, er geht auf den -Zusammenklang des Ganzen, und verweilt nie bei scharf herausgehobenen -Teilen. Wenn eine Frau einen Mann »versteht« -- über Möglichkeit und -Unmöglichkeit solchen Verstehens wird noch zu handeln sein -- so -_schmeckt_ sie sozusagen -- so geschmacklos gerade dieser Ausdruck -sein mag -- _nach_, was er ihr _$vorgedacht$_ hat. Da es auf ihrer -Seite hiebei eben nicht zu scharfer Unterscheidung kommen kann, so ist -klar, daß an ein Verständnis von ihr selbst oft wird geglaubt werden, -wo nur höchst vage Analogien in der Empfindung vorhanden sind. Als -maßgebend für die _In_kongruenzen ist hiebei vor allem anzusehen, daß -die Denkinhalte des Mannes nicht auf derselben Linie, und nicht etwa -nur auf ihr weiter vorgerückt liegen als die des Weibes, sondern daß es -_zwei_ Reihen sind, welche auf die gleichen Objekte sich erstrecken, -eine begriffliche männliche und eine unbegriffliche weibliche, und -eine im Verstehen ausgesagte Identifikation demnach _nicht nur_ -zwischen einem entwickelten, differenzierten, späteren, und einem noch -chaotischen, ungegliederten, früheren Inhalt _derselben_ Reihe erfolgen -kann (wie im Falle des Ausdrucks, S. 154); sondern daß gerade im -Verstehen zwischen Mann und Weib ein _begrifflicher_ Gedanke der einen -Reihe einem _unbegrifflichen_ »Gefühle«, einer »Henide«, in der anderen -gleichgesetzt wird. - -Die unbegriffliche Natur des Weibes ist aber, nicht minder als seine -geringere Bewußtheit, ein Beweis dafür, daß es kein Ich besitzt. Denn -erst der Begriff schafft den bloßen Empfindungskomplex zum _Objekt_ -um, er macht ihn unabhängig davon, ob ich ihn empfinde oder nicht. -Das Dasein des Empfindungskomplexes ist immer vom Willen des Menschen -abhängig: dieser schließt das Auge, er verstopft das Ohr und sieht -und hört schon nicht mehr, er berauscht sich oder sucht den Schlaf, -und vergißt. Erst der _Begriff_ emanzipiert von der ewig subjektiven, -ewig psychologisch-relativen Tatsache des _Empfindens_, er schafft die -_Dinge_. Durch seine begriffliche Funktion stellt sich der Intellekt -selbsttätig ein Objekt _gegenüber_; und umgekehrt kann nur, wo eine -begriffliche Funktion da ist, von Subjekt und Objekt gesprochen werden, -nur dort sind beide voneinander unterscheidbar; in jedem anderen Falle -ist nur ein Haufe ähnlicher und unähnlicher Bilder vorhanden, die -ineinander ohne jede Regel und Ordnung verschwimmen und übergehen. Der -Begriff schafft also die frei in der Luft schwebenden _Impressionen -zu Gegenständen_ um, er zeugt aus der Empfindung ein Objekt, dem das -Subjekt gegenübertritt, einen Feind, an dem es seine Kräfte mißt. -So ist der Begriff konstitutiv für alle Realität; nicht als ob der -Gegenstand selbst nur so weit Realität besäße, als er Anteil hätte -an einer jenseits der Erfahrung in einem τόπος νοητός liegenden Idee -und nur eine unvollkommene Projektion, ein stets mißlungenes Abbild -dieser darstellte: sondern umgekehrt, _insofern sich auf irgend etwas -die begriffliche Funktion unseres Intellektes erstreckt, insofern -und nur insofern wird es zum realen Ding_. Der _Begriff_ ist das -»_transcendentale Objekt_« der _Kant_schen Vernunftkritik, als welches -aber stets nur einem _transcendentalen Subjekte_ korrespondiert. Denn -nur aus dem Subjekte stammt jene rätselhafte objektivierende Funktion, -die jenen _Kant_schen »Gegenstand X«, auf den alle _Erkenntnis_ sich -erst _richtet_, selbst _hervorbringt_, und die ja als identisch mit -den logischen Axiomen erkannt wurde, in welchen wieder nur das Dasein -des Subjektes zum Ausdruck gelangt. Das principium contradictionis -nämlich grenzt den Begriff ab gegen alles, was nicht er selbst ist; das -principium identitatis ermöglicht seine Betrachtung, als ob er allein -auf der Welt wäre. Ich kann nie von einem rohen Empfindungskomplexe -sagen, daß er sich selbst gleich sei; in dem Augenblick, wo ich das -Urteil der Identität auf ihn anwende, ist er bereits begrifflich -geworden. So verleiht erst der Begriff allem Wahrnehmungsgebilde und -allem Gedankengespinst seine _Würde_ und seine _Strenge_: _der Begriff -$befreit$ jeden Inhalt, indem er ihn $bindet$_. Und hier wird abermals -offenbar, wie alle Freiheit Selbstbindung ist, in der Logik wie in der -Ethik. Frei wird der Mensch allein, indem er selbst das Gesetz wird: -nur so entgeht er der Heteronomie, der Bestimmung durch anderes und -durch andere, die unausbleiblich an jede Willkür geknüpft ist. Deshalb -ist auch die begriffliche Funktion eine _Selbstehrung_ des Menschen; -er ehrt _sich_, indem er seinem Objekte die Freiheit gibt und es -verselbständigt, als den allgemeingültigen _Gegenstand der Erkenntnis_, -auf den rekurriert wird, wo immer zwei Männer über eine Sache streiten -mögen. -- Nur die Frau steht nie Dingen _gegenüber_, sie springt mit -ihnen und in ihnen mit sich nach Belieben um: sie kann dem Objekte -keine Freiheit schenken, da sie selbst keine hat. - -Die Verselbständigung der Empfindung im Begriffe ist aber nicht -sowohl eine Loslösung vom _Subjekte_, als eine Loslösung von der -_Subjektivität_. Der Begriff ist vielmehr eben das, worüber _ich_ -denke, schreibe und spreche. Darin liegt der Glaube, daß ich -nichtsdestoweniger noch in einer Beziehung zu ihm stehe, und _dieser_ -Glaube ist das Wesen des $Urteils$. Wenn die immanenten Psychologisten, -_Hume_, _Huxley_, _Mach_, _Avenarius_, sich mit dem _Begriff_ noch -so abzufinden suchten, daß sie ihn mit der Allgemeinvorstellung -identifizierten, und zwischen logischem und psychologischem Begriff -keine Unterscheidung mehr trafen: so ist es hingegen sehr bezeichnend, -daß sie das _Urteil_ einfach ignorieren, ja, tun müssen, als ob es -nicht da wäre. Sie können, von ihrem Standpunkt aus, für _das allem -Empfindungsmonismus Fremde_, das im Urteils_akte_ enthalten ist, -keinerlei Verständnis sich gestatten. Im Urteil liegt Anerkennung -oder Verwerfung, Billigung oder Mißbilligung bestimmter Dinge, und -der Maßstab dieser Billigung -- _die Idee der Wahrheit_ -- kann nicht -selbst in den Wahrnehmungskomplexen gelegen sein, die beurteilt werden. -Für wen es nichts als Empfindungen gibt, für den sind notwendig -alle Empfindungen _gleichwertig_, die Aussichten der einen nicht -größer als die der anderen, Baustein einer realen Welt zu werden. So -vernichtet gerade der _Empirismus_ die Wirklichkeit der _Erfahrung_, -und entpuppt sich der _Positivismus_ trotz des »solid« und »reell« -klingenden Titels seiner Firma als der wahre _Nihilismus_ -- wie -so manches der Ehrbarkeit volle geschäftliche Unternehmen als ein -schwindelhafter Luftbau. Der Gedanke eines _Maßes_ der Erfahrung, der -_Wahrheitsgedanke_, kann nicht schon in der _Erfahrung_ gelegen sein. -_In jedem Urteil aber liegt gerade dieser Anspruch auf Wahrheit_, -es erhebt implicite, auch wenn es mit noch so vielen, subjektiv -einschränkenden, Zusätzen versehen wird, die Forderung seiner -objektiven Gültigkeit eben in der restringierten Form, die ihm sein -Urheber gab. Wer etwas in der Weise eines Urteils ausspricht, wird so -behandelt, als verlangte er die allgemeine Anerkennung für das, was -er sagt; und erklärt er, daß ihm diese Hoffnung fern gelegen sei, so -wird er mit Recht zu hören bekommen, daß er sich eines Mißbrauches der -Urteilsform schuldig gemacht habe. Demnach ist es richtig, daß in der -urteilenden Funktion der Anspruch auf _Erkenntnis_, das heißt _auf die -Wahrheit des Geurteilten_, gelegen sei. - -Dieser Anspruch auf Erkenntnis besagt nicht mehr und nicht weniger, -als daß das Subjekt über das Objekt zu _urteilen_, über es _Richtiges_ -auszusagen _vermöge_. Die Objekte, über die geurteilt wird, sind -_Begriffe_: der Begriff ist der Gegenstand der Erkenntnis. Der Begriff -stellte dem Subjekt ein Objekt _gegenüber_; _durch das Urteil wird -wiederum die Möglichkeit einer Verbindung_ und Verwandtschaft _zwischen -ihnen behauptet_. Denn die Wahrheitsforderung heißt so viel, daß das -Subjekt über das Objekt auch richtig urteilen _könne_; _und so liegt -in der Urteilsfunktion der $Beweis$ eines Zusammenhanges zwischen -dem Ich und dem All_, ja der Möglichkeit ihrer vollen Einheit; diese -Einheit, und nichts anderes, nicht die _Übereinstimmung_, sondern die -_Identität_ von Sein und Denken ist _Wahrheit_; nie eine dem Menschen -als Menschen je erreichbare _Tatsache_[36], immer nur eine ewige -_Forderung_. So ist das Urteilsvermögen, in der Voraussetzung, die ihm -am allgemeinsten zu Grunde liegt, nur der trockene _logische Ausdruck -der Theorie von der Seele des Menschen als des Mikrokosmus_. Und die -viel verhandelte Frage, was vorhergehe, Begriff oder Urteil, wird wohl -dahin entschieden werden müssen, daß keinem von beiden eine Priorität -vor dem anderen zukomme, vielmehr beide einander notwendig bedingen. -Denn alle Erkenntnis geht auf einen Gegenstand, Erkennen aber -vollzieht sich in der Form des Urteilens und sein Gegenstand ist der -Begriff. Die begriffliche Funktion hat Subjekt und Objekt gespalten, -und jenes einsam gemacht: wie alle Liebe, so sucht damit sogleich auch -die Sehnsucht des Erkenntnistriebes das Entzweite wieder zu einen. - -Fehlt einem Wesen, wie dem echten Weibe, die begriffliche, so mangelt -ihm deshalb notgedrungen gleichzeitig die urteilende Tätigkeit. Man -wird diese Behauptung eine lächerliche Paradoxie nennen, weil ja doch -die Frauen genug _sprechen_ (wenigstens hat sich niemand über das -Gegenteil beklagt), und alles Sprechen Ausdruck von Urteilen sei. Aber -eben dieses letztere ist nicht richtig. Der _Lügner_ z. B., den man -gegen die tiefere Bedeutung des Urteilsphänomens gewöhnlich ins Feld -führt, _urteilt gar nicht_ (es gibt eine »innere Urteilsform«[37] -wie eine »innere Sprachform«), indem er eben, lügend, an das, was er -sagt, gar nicht den Maßstab der Wahrheit anlegt; und, wenn er für die -Lüge auch noch so allgemeine Anerkennung erzwingen will, eben seine -eigene Person hievon ausnimmt und damit die objektive Gültigkeit dahin -ist. Wer sich hingegen selbst belügt, fragt vor dem inneren Forum -seine Gedanken nicht nach ihren Rechtsgründen, würde sich aber wohl -hüten, sie vor einem äußeren zu vertreten. Es kann also jemand die -äußere sprachliche Form des Urteils sehr wohl wahren, ohne seiner -inneren Bedingung gerecht geworden zu sein. Diese innere Bedingung ist -aufrichtige Anerkennung der Idee der Wahrheit als obersten Richters -über alle Aussagen, und herzliches Begehren, vor diesem Richter mit -jedem Ausspruche, den man tue, bestehen zu können. Man steht aber zur -Idee der Wahrheit in einem Verhältnis überhaupt und ein für alle Male, -und nur aus einem solchen kann Wahrhaftigkeit sowohl den Menschen, -als den Dingen, als auch sich selbst gegenüber fließen. Darum ist -die eben getroffene Einteilung in Lüge vor sich und Lüge vor anderen -falsch, und wer _subjektiv verlogen_ ist, wie das von der Frau bereits -hervorgehoben wurde und noch sehr ausführlich auseinandergesetzt -werden wird, der kann auch kein Interesse an der _objektiven_ Wahrheit -besitzen. Das Weib hat keinen Eifer für die Wahrheit -- darum ist es -nicht _ernst_ -- darum nimmt es auch keinen Anteil an _Gedanken_. Es -gibt eine Menge weiblicher Schriftstellerinnen, aber _Gedanken_ vermißt -man in allem, was weibliche Künstler je geschaffen haben, und so gering -ist diese Liebe zur (objektiven) Wahrheit, daß sie Gedanken meist nicht -einmal zu _borgen_ der Mühe wert finden. - -Kein Weib hat wirkliches Interesse für die Wissenschaft, sie mag -es sich selbst und noch so vielen braven Männern, aber schlechten -Psychologen, vorlügen. Man kann sicher sein, daß, wo immer eine Frau -irgend etwas nicht _ganz_ Unerhebliches in wissenschaftlichen Dingen -selbständig geleistet hat (Sophie _Germain_, Mary _Somerville_ etc.), -dahinter stets ein Mann sich verbirgt, dem sie auf diese Weise näher zu -kommen trachtete; und viel allgemeiner als für den Mann das »Cherchez -la femme« gilt für die Frauen ein »Cherchez l'homme«. - -Bedeutendere Leistungen hat es aber selbst auf dem Gebiete der -Wissenschaft von weiblicher Seite nie gegeben. Denn die Fähigkeit zur -Wahrheit stammt nur aus dem Willen zur Wahrheit, und ist stets diesem -in ihrer Stärke angemessen. - -Darum ist auch der Wirklichkeitssinn der Frauen, so oft auch das -Gegenteil behauptet worden ist, viel geringer als jener der Männer. -Ihnen ordnet sich die Erkenntnis stets einem fremden Zwecke unter, und -wenn die Absicht auf diesen intensiv genug ist, dann mögen die Frauen -sehr scharf und unbeirrt blicken; was Wahrheit an sich und um ihrer -selbst willen für einen Wert haben solle, wird eine Frau nie und nimmer -einzusehen imstande sein. Wo also Täuschung seinen (oft unbewußten) -Wünschen _entgegenkommt_, dort wird das Weib gänzlich unkritisch, -und verliert jede Kontrolle über die Realität. Daraus erklärt sich -der feste Glaube so mancher Frauen, von sexuellen Attacken bedroht -worden zu sein, daraus die ungemeine Häufigkeit der Halluzinationen -des Tastsinnes beim weiblichen Geschlechte, von deren intensivem -Realitätscharakter der Mann nicht leicht eine Vorstellung sich bilden -mag; denn die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die Phantasie -des Mannes hingegen, als Künstlers oder Philosophen, erst höhere -Wahrheit. - -Der Wahrheitsgedanke aber liegt allem, was den Namen _Urteil_ -verdient, zu Grunde. Urteilen ist die Form alles Erkennens, und Denken -selbst heißt nichts anderes als urteilen. Die Norm des Urteils ist -der Satz vom Grunde, gleichwie die Sätze vom Widerspruch und von -der Identität den Begriff (als die Norm der Essenz) konstituieren. -Daß die Frau den Satz vom Grunde _nicht_ anerkennt, darauf wurde -schon hingewiesen. Alles Denken ist Ordnen des Mannigfaltigen zur -Einheit; im Satz vom Grunde, der die Berechtigung jedes Urteils -von einem logischen Erkenntnisgrunde abhängig macht, liegt der -Gedanke der _Einheitsfunktion_ unseres Denkens _mit Bezug_ auf die -Mannigfaltigkeit, und _trotz_ derselben; indes die drei anderen -logischen Axiome nur ein Ausdruck des _Seins_ der Einheit selbst ohne -Beziehung auf eine Mannigfaltigkeit sind. Beide sind darum nicht -aufeinander zurückzuführen, _vielmehr ist darin, daß sie zweierlei -sind, der formal-logische Ausdruck des Dualismus in der Welt, der -Existenz einer Vielheit neben der Einheit zu erblicken_. Jedenfalls -hatte _Leibniz_ recht, als er beide unterschied, und jede Theorie, die -dem Weibe die Logik abspricht, muß nicht nur vom Satz des Widerspruchs -(und der Identität), der sich auf den Begriff bezieht, sondern -ebenso vom Satz des Grundes, dessen Gewalt das Urteil untersteht, -nachweisen, daß es ihn nicht begreife und ihm sich nicht beuge. In der -intellektuellen Gewissenlosigkeit der Frau liegt dieser Nachweis. Hat -einmal ein Weib einen theoretischen Einfall, so verfolgt es ihn nicht -weiter, es bringt ihn nicht in Beziehung zu anderem, _es denkt nicht -$nach$_. Deshalb kann es am wenigsten einen weiblichen Philosophen -geben; es fehlt die Ausdauer, die Zähigkeit, die Beharrlichkeit des -Denkens und alle Motive zu diesem, und daß eine Frau an _Problemen -litte_, davon kann zu allerletzt die Rede sein. Man schweige nur von -den Weibern, denen nicht zu helfen ist. Der problematische Mann will -erkennen, das problematische Weib will doch nur erkannt werden. - -Ein _psychologischer_ Beweis für die _Männlichkeit der Urteilsfunktion_ -ist dieser, _daß das Urteilen vom Weibe als männlich empfunden wird, -und wie ein (tertiärer) Sexualcharakter anziehend auf es_ wirkt. -Die Frau _verlangt_ vom Manne stets bestimmte Überzeugungen, die sie -übernehme; für den _Zweifler_ im Manne geht ihr jegliches Verständnis, -welcher Art immer, ab. Auch erwartet sie stets, daß der Mann _rede_, -und die Rede des Mannes ist ihr ein Zeichen von Männlichkeit. Den -Frauen ist zwar die Gabe der Sprache, aber nicht so die der Rede -verliehen; eine Frau konversiert (kokettiert) oder schnattert, aber sie -redet nicht. Am gefährlichsten aber ist sie, wenn sie stumm ist: denn -der Mann ist nur allzugeneigt, Stummheit für Schweigen zu nehmen. - -So ist nicht nur von den logischen Normen, sondern auch von den -Funktionen, welche durch diese Grundsätze geregelt werden, von der -begrifflichen und der urteilenden Tätigkeit, bewiesen, daß W ihrer -entbehrt. Da aber die Begrifflichkeit ihrem Wesen nach darin besteht, -einem _Subjekt_ sein Objekt gegenüberzustellen, und im Urteilen die -Urverwandtschaft und tiefste Wesenseinheit des Subjektes mit seinem -Objekte zum Ausdruck kommt, so muß der Frau abermals der Besitz eines -Subjektes aberkannt werden. - -An den Nachweis der Alogizität des absoluten Weibes hat sich der -Nachweis seiner Amoralität im einzelnen zu schließen. Die tiefe -Verlogenheit des Weibes, welche aus dem Mangel eines Verhältnisses -zur Idee der Wahrheit, wie zu den Werten überhaupt, freilich schon -hier sich ergibt, muß noch so eingehend Gegenstand der Besprechung -werden, daß hier zunächst andere Momente sollen hervorgekehrt sein. -Es gilt dabei unausgesetzt einen besonderen Scharfsinn und eine große -Vorsicht; denn es gibt so unendlich viele Imitationen des Ethischen, ja -so täuschende Kopien der Moral, daß die Sittlichkeit der Frauen wohl -von vielen stets höher als die der Männer wird gewertet werden. Ich -habe schon die Notwendigkeit der Distinktion zwischen _a_moralischem -und _anti_moralischem Verhalten betont, und wiederhole, daß nur von -ersterem, welches eben gar keinen Sinn für die Moral, und gar keine -Richtung mit Bezug auf dieselbe involviert, beim echten Weibe die Rede -sein kann. Es ist eine aus der Kriminalstatistik wie aus dem täglichen -Leben wohl bekannte Tatsache, daß von Frauen unvergleichlich weniger -Verbrechen begangen werden als von Männern. Auf diese Tatsache berufen -sich denn auch immer die geschäftigen Apologeten der Sittenreinheit des -Weibes. - -Aber bei der Entscheidung der Frage nach der weiblichen Sittlichkeit -kommt es nicht darauf an, ob jemand objektiv gegen die Idee gesündigt -hat; sondern nur darauf, ob er einen subjektiven Wesenskern hat, -der in ein Verhältnis zur Idee treten konnte, und dessen Wert er in -Frage stellte, als er fehlte. Gewiß wird der Verbrecher mit seinen -verbrecherischen Trieben geboren, aber nichtsdestoweniger fühlt er -selbst, trotz aller Theorien von der »moral insanity«, daß er durch -seine Tat seinen Wert und sein Recht auf das Leben verwirkt hat; -denn es gibt nur feige Verbrecher, und keinen, dessen Stolz und -Selbstbewußtsein durch die böse Tat erhöht und nicht vermindert worden -wäre, keinen, der es übernähme, sie zu rechtfertigen. - -Der männliche Verbrecher hat ebenso von Geburt an ein Verhältnis zur -Idee des Wertes wie jener andere Mann, dem die verbrecherischen Triebe, -die den ersten beherrschen, fast völlig mangeln. Das Weib hingegen -behauptet oft im vollen Rechte zu sein, wenn es die denkbar größte -Gemeinheit begangen hat; während der echte Verbrecher stumpfsinnig auf -alle Vorwürfe _schweigt_, kann eine Frau empört ihrer Verwunderung -und Entrüstung darüber Ausdruck geben, daß man ihr gutes Recht, so -oder so zu handeln, in Zweifel ziehe. Frauen sind überzeugt _von_ -ihrem »Rechte«, ohne je _über_ sich zu Gericht gesessen zu sein. Der -Verbrecher geht zwar auch nie in sich, aber er behauptet auch nie -sein Recht; er geht vielmehr dem Gedanken des Rechtes hastig aus dem -Wege, weil es ihn an seine Schuld erinnern könnte: und hier liegt -auch der Beweis, daß er ein Verhältnis zur Idee _hatte_, und nur an -seine Untreue gegen sein besseres Selbst nicht erinnert werden will. -_Kein Verbrecher hat noch wirklich geglaubt, daß ihm Unrecht geschehen -sei durch die Strafe_[38]; die Frau hingegen ist überzeugt von -der Böswilligkeit ihrer Ankläger; und, wenn _sie nicht will_, kann -ihr niemand beweisen, daß sie Unrecht getan habe. Wenn ihr jemand -zuredet, so kommt es freilich oft vor, daß sie in Tränen ausbricht, -um Verzeihung bittet und »ihr Unrecht einsieht«, ja wirklich glaubt, -dieses Unrecht aufrichtig zu fühlen; aber immer nur, wenn sie dazu die -Lust empfunden hat; denn diese Auflösung im Weinen bereitet ihr stets -ein gewisses wollüstiges Vergnügen. Der Verbrecher ist verstockt, er -läßt sich nicht im Nu umdrehen, wie der scheinbare Trotz einer Frau -in ein ebenso scheinbares Schuldgefühl sich verkehren läßt, wenn der -Ankläger sie entsprechend zu behandeln versteht. Die einsame Pein der -Schuld, die am Bette weinend sitzt und vergehen möchte vor Scham über -den Makel, mit dem sie sich beladen hat, die kennt kein Weib, und eine -scheinbare Ausnahme (die Büßerin, die den Leib kasteiende Betschwester) -wird später ebenfalls zeigen, daß _eine Frau stets nur zu zweien sich -sündhaft fühlt_. - -Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich -behaupte, _daß sie vielmehr böse gar nie sein kann_; sie ist nur -amoralisch, _gemein_. - -Das weibliche Mitleid und die weibliche Schamhaftigkeit sind die -beiden anderen Phänomene, auf welche der Schätzer weiblicher Tugend -insgemein sich beruft. Speziell die weibliche Güte, das weibliche -Mitgefühl haben zu der schönen Sage von der Psyche des Weibes den -meisten Anlaß gegeben, und das letzte Argument alles Glaubens an die -höhere Sittlichkeit der Frau ist die Frau als Krankenpflegerin, als -barmherzige Schwester. Ich erwähne diesen Punkt ungern und hätte ihn -nicht berührt, bin aber durch einen Einwand, der mir mündlich gemacht -wurde und dem voraussichtlich weitere folgen werden, hiezu gezwungen. - -Es ist kurzsichtig, wenn man die Krankenpflege der Frauen für einen -Beweis ihres Mitleids hält, indem vielmehr gerade das Gegenteil -aus ihr folgt. Denn der Mann könnte die Schmerzen des Kranken nie -mitansehen, er müßte unter ihnen so leiden, daß er völlig aufgerieben -würde, und wartende Pflege des Patienten wäre ihm ganz unmöglich. Wer -Krankenschwestern beobachtet, nimmt mit Erstaunen wahr, daß diese -gleichmütig und »sanft« bleiben, selbst unter den furchtbarsten -Krämpfen eines Sterbenden; und so ist es gut; denn der Mann, der -Qualen und Tod nicht mitmachen kann, wäre dem Kranken ein schlechter -Pfleger. Der Mann würde die Qualen lindern, den Tod aufhalten, mit -einem Worte, er würde _helfen_ wollen; wo nicht zu helfen ist, da ist -kein Platz für ihn, da kann allein die Pflege in ihr Recht treten, und -für diese eignet sich nur das Weib. Man ist aber völlig im Unrecht, -wenn man die Tätigkeit der Frauen auf diesem Ressort anders als vom -utilitaristischen Standpunkt schätzen zu können glaubt. - -Dazu tritt noch, daß für die Frau das _Problem_ von Einsamkeit und -Gesellschaft gar nicht existiert. Sie schickt sich gerade deshalb -besonders gut zur Gesellschafterin (Vorleserin, Krankenpflegerin), -weil sie nie aus einer Einsamkeit heraustritt in eine Mehrsamkeit. -_Dem Manne wird Einsamkeit und Mehrsamkeit immer irgendwie Problem, -wenn auch oft nur eine von beiden zur Möglichkeit_. Die Frau verläßt -keine Einsamkeit, um den Kranken zu pflegen, wie sie es tun müßte, -auf daß ihre Tat wirklich sittlich könnte genannt werden; _denn eine -Frau ist $nie$ einsam_, sie kennt nicht die Liebe zur Einsamkeit und -nicht die Furcht vor ihr. _Die Frau lebt stets, auch wenn sie allein -ist, in einem Zustande der $Verschmolzenheit$ mit allen Menschen, die -sie kennt_: ein Beweis, daß sie keine Monade ist, denn alle Monaden -haben _Grenzen_. Die Frauen sind ihrer Natur nach unbegrenzt, aber -nicht unbegrenzt wie der Genius, dessen Grenzen mit denen der Welt -zusammenfallen; sondern sie _trennt_ nie etwas Wirkliches von der Natur -oder von den Menschen.[39] - -Dieses Verschmolzensein ist etwas durchaus _Sexuelles_, und -dementsprechend äußert sich alles weibliche Mitleid in _körperlicher -Annäherung_ an das bemitleidete Wesen, es ist tierische Zärtlichkeit, -es muß streicheln und trösten. Wieder nur ein Beweis für das Fehlen -jenes harten Striches, der stets zwischen Persönlichkeit und -Persönlichkeit gezogen ist! Die Frau ehrt nicht den Schmerz des -Nebenmenschen durch Schweigen, sie glaubt ihn durch Zureden aufheben -zu können: so sehr fühlt sie sich mit ihm verbunden, als natürliches, -nicht als geistiges Wesen. Und wo die Sexualität erloschen ist, dort -fehlt auch jedes Mitleid: im alten Weib ist nie auch nur ein Funken -jener angeblichen Güte mehr, und so liefert das Greisenalter der Frau -den indirekten Beweis, wie all ihr Mitleid nur eine Form sexueller -Verschmolzenheit war, _selbst_ wenn es auf ein gleichgeschlechtliches -Wesen sich bezog. - -Das _verschmolzene_ Leben, eine der wichtigsten und am tiefsten -führenden Tatsachen des weiblichen Daseins, ist auch der Grund der -Rührseligkeit aller Frauen, jener gemeinen Willigkeit und Leichtigkeit -und Schamlosigkeit des Tränenergusses. Nicht umsonst kennt man nur -Klageweiber, und achtet einen in Gesellschaft weinenden Mann nicht sehr -hoch. Wenn jemand weint, so weint die Frau mit, wie sie stets mitlacht, -wenn ein anderer, außer über sie selbst, lacht: und damit ist ein guter -Teil des weiblichen Mitleidens auch bereits erschöpft. - -Nur das Weib jammert so recht andere Menschen _an_, weint sie _an_ -und _verlangt_ ihr Mitleid. Hierin liegt einer der stärksten Beweise -der psychischen Schamlosigkeit des Weibes. Die Frau provoziert das -Mitleid der Fremden, um _mit diesen_ weinen und sich selbst so noch -mehr bedauern zu können, als sie es bereits tat. Ja, es ist nicht -zu viel behauptet, daß das Weib, auch wenn es allein weint, stets -_mit_weine mit anderen, denen es in Gedanken sein Leid klagt, wodurch -es selbst sehr heftig gerührt wird. »Mitleid mit sich selbst« ist eine -eminent weibliche Eigenschaft: die Frau stellt sich zuerst in eine -Reihe mit den anderen, _macht sich zum Objekt des Mitleidens anderer_, -und beginnt nun, tief ergriffen, _mit_ ihnen über sich, »die Arme«, -mitzuweinen. Aus diesem Grunde schämt sich der Mann vielleicht keiner -anderen Regung so sehr, als wenn er sich auf einem Impuls zu diesem -sogenannten »Mitleid mit sich selbst« ertappt, _in dem das Subjekt -tatsächlich Objekt wird_. - -Das weibliche Mitleid, an das selbst _Schopenhauer_ geglaubt hat, ist -ein Schluchzen und Heulen überhaupt, beim geringsten Anlaß, ohne die -schwächste Bemühung, aus Scham die Regung zu unterdrücken; denn wie -alles wahre Leiden, so müßte auch wahres Mitleiden, sofern es eben -wirklich Leiden wäre, schamhaft sein; ja kein Leid kann so schamhaft -sein wie das Mitleid und die Liebe, weil diese beiden am stärksten -die unübersteigbaren _Grenzen_ jeder Individualität zum _Bewußtsein_ -bringen. Von der Liebe und ihrer Schamhaftigkeit kann erst später -gehandelt werden; im _Mitleid_ aber, im echten männlichen Mitleiden, -liegt immer Beschämung, Schuldbewußtsein, weil es mir nicht so schlecht -geht wie diesem, weil ich nicht er, sondern ein von ihm, auch durch -äußerliche Umstände, _getrenntes_ Wesen bin. _Das männliche Mitleid ist -das über sich selbst errötende principium individuationis; darum ist -alles weibliche Mitleid zudringlich, das männliche versteckt sich._ - -Was es mit der Schamhaftigkeit der Frauen für eine Bewandtnis habe, das -ist hierin zum Teil schon ausgesprochen; zum Teil kann es ebenfalls -erst später, mit dem Thema der Hysterie zusammen, abgehandelt werden. -Wie man angesichts des naiven Eifers, mit dem alle Frauen, wo die -gesellschaftliche Konvention es nur gestattet, ihre Decolletage -betreiben, noch an einer angeborenen inneren Schamhaftigkeit als -der Tugend des weiblichen Geschlechtes festhalten könne, ist nicht -einzusehen: man _ist_ entweder schamhaft oder man _ist_ es nicht, -und das ist keine Schamhaftigkeit, die man in gewissen Augenblicken -regelmäßig spazieren schickt. - -Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen (und ein Hinweis -darauf, _woher_ die Forderung der Schamhaftigkeit wohl eigentlich -stammen mag, welcher die Frauen äußerlich oft so peinlich nachkommen) -liegt jedoch darin, daß Frauen untereinander sich immer ungescheut -völlig entblößen, während Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu -bedecken suchen. Wenn Frauen allein sind, werden eifrige Vergleiche -zwischen den körperlichen Reizen der einzelnen angestellt, und oft alle -Anwesenden einer genauen und eingehenden Visitierung unterzogen, die -nicht ohne Lüsternheit erfolgt, weil stets der Wert, den der Mann auf -diesen oder jenen Vorzug legen werde, unbewußt der Hauptgesichtspunkt -bleibt. Der einzelne Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des -zweiten Mannes, während jede Frau auch die andere Frau in Gedanken -stets entkleidet, und eben hiedurch die allgemeine interindividuelle -Schamlosigkeit des Geschlechtes beweist. Dem Manne ist es peinlich und -unangenehm, sich die Sexualität seines Nebenmannes zu vergegenwärtigen; -die Frau sucht sofort in Gedanken die geschlechtlichen Beziehungen -auf, in denen eine zweite Frau stehen mag, sobald sie diese nur -kennen lernt; ja sie wertet die andere immer ausschließlich nach dem -»Verhältnis«. - -Ich komme hierauf noch sehr ausführlich zurück; indessen trifft die -Darstellung nun zum ersten Male mit jenem Punkte wieder zusammen, der -im zweiten Kapitel dieses Teiles besprochen wurde. Wessen man sich -schämt, dessen muß man sich _bewußt_ sein, und wie zur Bewußtheit, -so ist auch zum Schamgefühl stets Differenzierung vonnöten. Die -Frau, die nur sexuell ist, kann _asexuell zu sein scheinen, weil sie -die Sexualität selbst ist_, und hier nicht die Geschlechtlichkeit -körperlich und psychisch, räumlich und zeitlich sich _abhebt_ wie -beim Manne; die Frau, die stets schamlos ist, kann den Eindruck der -Schamhaftigkeit machen, _weil es bei ihr keine Scham zu verletzen -gibt_. Und so ist die Frau auch nie nackt oder stets nackt, wie man es -haben will: nie nackt, weil sie nie zum echten Gefühle einer Nacktheit -wirklich gelangt; stets nackt, weil ihr eben das andere fehlt, das -vorhanden sein müßte, um ihr je zum _Bewußtsein_ zu bringen, daß sie -(objektiv) nackt ist, und so ein innerer Impuls zur Bedeckung werden -könnte. Daß man auch unter Kleidern nackt sein kann, ist freilich -etwas, das blödem Blicke nicht einleuchtet, aber es wäre ein schlimmes -Zeugnis, das ein Psychologe sich ausstellte, wenn er aus der Tatsache -des Gewandes schon auf den geringsten Mangel an Nacktheit schließen -wollte. Und eine Frau ist objektiv stets nackt, selbst unter der -Krinoline und dem Mieder.[40] - -Dies alles hängt damit zusammen, was das Wort Ich für die Frau denn -eigentlich immer bedeutet. Wenn man eine Frau fragt, was sie unter -ihrem Ich verstehe, so vermag sie nichts anderes sich darunter -vorzustellen als ihren Körper. Ihr _Äußeres_, das ist das Ich der -Frauen. _Machs_ »Zeichnung des Ich« in seinen »Antimetaphysischen -Vorbemerkungen« stellt also ganz richtig das Ich des vollkommenen -Weibes dar. Wenn E. _Krause_ sagt, die Selbstanschauung Ich sei -ohne weiteres ausführbar, so ist das nicht so ganz lächerlich, wie -_Mach_ unter der Zustimmung vieler anderer glaubt, denen gerade diese -»scherzhafte Illustration des philosophischen ‚Viel Lärm um nichts’« in -den Büchern _Machs_ am besten gefallen zu haben scheint. - -Das Ich der Frauen begründet auch die spezifische Eitelkeit der Frauen. -Männliche Eitelkeit ist eine Emanation des _Willens zum Wert_, und -ihre _objektive_ Äußerungsform, _Empfindlichkeit_, das Bedürfnis, die -Erreichbarkeit des Wertes von niemand in Frage gestellt zu sehen. -Was dem Manne Wert und Zeitlosigkeit gibt, ist einzig und allein -_Persönlichkeit_. Dieser höchste _Wert_, der nicht ein _Preis_ ist, -weil an seine Stelle, nach den Worten _Kant_ens, nicht »auch etwas -anderes als _Äquivalent_ gesetzt werden« kann, sondern der »über -allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet«, ist die -_Würde_ des Mannes. Die Frauen haben, trotz _Schiller_, keine Würde --- die _Dame_ wurde ja nur erfunden, um diesen Mangel auszufüllen -- -und ihre Eitelkeit wird sich danach richten, was ihnen ihr höchster -Wert ist; das heißt, sie wird auf die Festhaltung, Steigerung und -Anerkennung körperlicher Schönheit gehen. Die Eitelkeit von W -ist somit einerseits ein gewisses, nur ihr eigenes, selbst dem -(männlich) schönsten Manne[41] _fremdes_ Behagen am eigenen Leibe: -eine Freude, die sich, selbst beim häßlichsten Mädchen, sowohl bei der -Selbstbetastung, als bei der Selbstbetrachtung im Spiegel, als auch -bei vielen Organempfindungen einzustellen scheint; aber schon hier -macht sich mit voller Stärke und mit dem erregendsten Vorgefühl der -Gedanke an den Mann geltend, dem diese Reize einst gehören sollen, -und beweist wiederum, wie das Weib zwar allein, aber nie einsam sein -kann. Anderseits also ist die weibliche Eitelkeit Bedürfnis, den Körper -bewundert oder vielmehr _begehrt, vom sexuell erregten Manne begehrt_ -zu fühlen. - -Dieses Bedürfnis ist so stark, daß es wirklich viele Weiber gibt, denen -diese Bewunderung, begehrlich von seiten des Mannes, neiderfüllt von -seiten der Geschlechtsgenossinnen, zum Leben vollkommen genügt; sie -kommen damit aus, andere Bedürfnisse haben sie kaum. - -Die weibliche Eitelkeit ist also stete Rücksicht auf andere, -_die Frauen leben nur im Gedanken an die anderen_. Und auch die -Empfindlichkeit des Weibes bezieht sich auf diesen nämlichen Punkt. -Nie wird eine Frau vergessen, daß ein anderer sie häßlich gefunden -hat; allein nämlich findet ein Weib sich _nie_ häßlich, sondern stets -nur _minderwertig_, und auch das nur, indem es an die Triumphe denkt, -welche andere Frauen bei den Männern über sie davon getragen haben. Es -gibt kein Weib, das sich nicht noch schön und begehrenswert fände, wenn -es sich im Spiegel betrachtet; der Frau wird nie, gleich dem Manne, -eigene Häßlichkeit zur schmerzvollen Realität, sondern sie sucht bis -ans Ende sich und die anderen darüber hinwegzutäuschen. - -Woher kann nun die weibliche Art der Eitelkeit einzig stammen? Sie -fällt zusammen mit dem Mangel des intelligiblen Ich, _des stets und -absolut positiv Bewerteten_, sie erklärt sich aus dem Fehlen eines -_Eigenwertes_. Da sie keinen _Eigenwert_ für sich selbst und vor sich -selbst haben, trachten sie Objekt der Wertung anderer zu werden, durch -Begehrung und Bewunderung von deren Seite, einen Wert für Fremde, vor -Fremden zu gewinnen. Das einzige, was absoluten, unendlichen Wert auf -der Welt hat, ist Seele. »Ihr seid besser denn viele Sperlinge« hat -darum Christus die Menschen wieder gelehrt. Die Frau indessen wertet -sich nicht danach, wie weit sie ihrer Persönlichkeit treu, wie weit -sie frei gewesen ist; jedes Wesen aber, das ein Ich besitzt, kann sich -nur so und nicht anders werten. Wenn also die echte Frau, wie dies -ganz ohne Zweifel wirklich zutrifft, sich selbst immer und ausnahmslos -stets nur so hoch einschätzt, wie den Mann, der sie gewählt hat; wenn -sie nur durch den Gatten oder Geliebten Wert erhält und eben darum -nicht nur sozial und materiell, sondern ihrer tiefsten Wesenheit -nach auf die Ehe gestellt ist: _so kann sie eben keinen Wert an sich -selbst besitzen_, es _fehlt_ ihr _der Eigenwert der menschlichen -Persönlichkeit_. Die Frauen leiten ihren Wert immer von anderen Dingen -ab, von ihrem Geld und Gut, der Zahl und Pracht ihrer Kleider, dem Rang -ihrer Loge im Theater, von ihren Kindern, vor allem aber von ihrem -Bewunderer, von ihrem Manne; und worauf sich eine Frau im Streit mit -der anderen immer zuletzt beruft, und womit sie die andere wirklich am -tiefsten zu treffen und am sichersten zu demütigen weiß, das ist die -soziale Stellung, der Reichtum, das Ansehen und die Titel, aber auch -die Jugendfrische und die vielen Verehrerinnen ihres Mannes; während -es einem Manne, und zwar in erster Linie von ihm selbst, zur höchsten -Schande angerechnet wird, wenn er sich auf irgend ein Fremdes beruft, -und nicht _seinen Wert $an sich$ verteidigt_ gegen alle Angriffe auf -denselben. - -Dafür, daß W keine Seele hat, ist Folgendes ein weiterer Beweis. -Während (ganz nach _Goethes_ bekanntem Rezept) W durch Nichtbeachtung -von seiten des Mannes ungemein gereizt wird, auch auf ihn Eindruck zu -machen -- liegt doch der ganze Sinn und Wert ihres Lebens nur in dieser -Fähigkeit -- wird für M das Weib, das ihn unfreundlich und unhöflich -behandelt, eo ipso schon antipathisch. Nichts macht M so glücklich, -als wenn ihn ein Mädchen liebt; selbst wenn sie ihn nicht von Anbeginn -gefesselt hat, ist dann die Gefahr, Feuer zu fangen, für ihn sehr -groß. Für W ist die Liebe eines Mannes, der ihr nicht gefällt, nur eine -Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder eine Beunruhigung und Aufscheuchung -schlummernder Wünsche. Die Frau erhebt stets gleichmäßig einen Anspruch -auf alle Männer, die es auf der Welt gibt. Ähnliches gilt auch von -freundschaftlicher Zuneigung innerhalb desselben Geschlechtes, in der -ja doch immer etwas Sexualität steckt. - -Das Verhalten der empirisch allein gegebenen Zwischenstufen ist in -solchem Falle nach ihrer Stellung zwischen M und W besonders zu -bestimmen. Also, um auch in diesem Teile ein Beispiel für eine solche -Anwendung zu geben: während _jedes Lächeln_ auf dem Munde eines -Mädchens M leicht entzückt und entflammt, beachten weibliche Männer -wirklich oft nur solche Weiber und Männer, die sich um sie nicht -kümmern, fast ganz wie W einen Bewunderer, dessen sie sicher zu sein -glaubt, der ihren Eigenwert also nicht mehr steigern kann, sofort -stehen läßt. Weshalb ja die Frauen auch nur der Mann anzieht und sie -auch nur dem Manne in der Ehe treu bleiben, der noch bei anderen Frauen -Glück hat als bei ihnen: denn _sie_ können _ihm_ keinen neuen Wert -geben und ihr Urteil dem aller anderen _entgegen_setzen. Beim echten -Manne verhält es sich gerade verkehrt. - -Die Schamlosigkeit wie die Herzlosigkeit des Weibes kommt darin zum -Ausdruck, _daß_ es, und _wie_ es davon sprechen kann, daß es geliebt -wird. Der Mann fühlt sich beschämt, wenn er geliebt wird, weil er -damit beschenkt, passiv, gefesselt, statt Geber, aktiv, frei ist, und -weil er weiß, daß er als Ganzes Liebe nie vollständig verdient; und -über nichts wird er denn so tief schweigen wie hierüber, auch wenn -er zu dem Mädchen selbst nicht in ein intimeres Verhältnis getreten -ist, so daß er fürchten müßte, sie durch hierauf bezügliche Äußerungen -bloßzustellen. Das Weib _rühmt_ sich dessen, daß es geliebt wird, es -prahlt damit vor anderen Frauen, um von diesen beneidet zu werden. -Die Frau empfindet die Neigung eines Menschen zu ihr nicht, wie der -Mann, als eine Schätzung ihres _wirklichen_ Wertes, als ein tieferes -_Verständnis_ für ihr Wesen; sondern sie empfindet diese Neigung als -die _Verleihung_ eines Wertes, den sie sonst nicht hätte, als die Gabe -einer Existenz und einer Essenz, _die ihr hiemit erst_ wird, und mit -welcher sie vor anderen sich legitimiert. - -_Daraus_ erklärt sich auch das unglaubliche, einem früheren Abschnitt -Problem gewordene _Gedächtnis_ der Frauen für _Komplimente_, selbst -wenn ihnen diese in frühester Jugend gemacht wurden. Durch Komplimente -nämlich _erhalten_ sie erst _Wert_, und _darum verlangen_ die Frauen -vom Manne, daß er »_galant_« sei. Die Galanterie ist die billigste Form -der Veräußerung von Wert an die Frau, und so wenig sie den Mann kostet, -so schwer wiegt sie für das Weib, das eine Huldigung _nie_ vergißt, -und bis ins späteste Alter von den fadesten Schmeicheleien zehrt. Man -erinnert sich nur an das, was für den Menschen einen Wert besitzt; -und wenn dem so ist, mag man erwägen, _was_ es besagt, daß die Frauen -gerade für Komplimente das ausgesuchteste Gedächtnis besitzen. Sie sind -etwas, das den Frauen Wert nur darum verleihen kann, weil diese keinen -urwüchsigen Maßstab des Wertes kennen, keinen absoluten Wert in sich -fühlen, der alles verschmäht außer sich selbst. Und so liefert selbst -das Phänomen der Courtoisie, der »Ritterlichkeit«, den Beweis, daß -die Frauen keine Seele besitzen, ja, daß der Mann gerade dann, wenn -er gegen das Weib galant ist, ihm am wenigsten Seele, am wenigsten -_Eigenwert_ zuschreibt, und es am tiefsten _gerade dort mißachtet und -herabwürdigt_, wo es selbst _am höchsten sich gehoben_ fühlt. -- -- - -Wie amoralisch das Weib ist, kann man daraus ersehen, daß ihm sofort -entschwindet, was es Unsittliches getan hat; und daß es vom Manne, wenn -dieser die Erziehung des Weibes sich angelegen sein läßt, immer wieder -daran erinnert werden muß: dann allerdings kann es momentan vermöge -der eigentümlichen Art der weiblichen Verlogenheit wirklich einzusehen -glauben, daß es ein Unrecht begangen habe, und so sich und den Mann -täuschen. Der Mann dagegen hat für nichts ein so tiefes Gedächtnis, wie -für die Punkte, in denen er schuldig geworden ist. Hier offenbart sich -das Gedächtnis wiederum als ein eminent moralisches Phänomen. Vergeben -und Vergessen, nicht Vergeben und Verstehen, sind eines. _Wer sich -der Lüge erinnert, wirft sie sich auch vor._ Daß das Weib sich seine -Gemeinheit nicht verübelt, kommt damit überein, daß es sich ihrer _nie -wirklich bewußt wird_ -- hat es doch kein Verhältnis zur sittlichen -Idee -- und sie _vergißt_. Darum ist es ganz begreiflich, wenn es sie -_leugnet_. Man hält die Frauen, weil bei ihnen das Ethische gar nicht -_problematisch_ wird, törichterweise für _unschuldig_, ja man hält sie -für sittlicher als den Mann: es kommt das aber nur daher, daß sie noch -gar nicht wissen, was unsittlich ist. Denn auch die Unschuld des Kindes -kann kein Verdienst sein, nur die Unschuld des Greises wäre eines -- -und die gibt es nicht. - -Aber auch die Selbstbeobachtung ist ein durchaus Männliches -- auf -eine scheinbare Ausnahme, die hysterische Selbstbeobachtung mancher -Frauen, kann hier noch nicht eingegangen werden -- ebenso wie das -Schuldbewußtsein, die Reue; die Kasteiungen, die Frauen an sich -vornehmen, diese merkwürdigen Imitationen eines echten Schuldgefühles, -werden am gleichen Orte wie die weibliche Form der Selbstbeobachtung -zur Sprache kommen. _Das Subjekt der Selbstbeobachtung nämlich ist -identisch mit dem moralisierenden: es faßt die psychischen Phänomene -nur auf, indem es sie einschätzt._ - -Es ist ganz in der Ordnung und liegt nur auf der Linie des -Positivismus, wenn _Auguste Comte_ die Selbstbeobachtung für in sich -widerspruchsvoll erklärt und sie eine »abgründliche Absurdität« -nennt. Es ist ja klar, folgt aus der Enge des Bewußtseins und bedarf -kaum einer besonderen Hervorhebung, daß nicht zu _gleicher_ Zeit ein -psychisches Geschehnis und noch eine besondere Wahrnehmung desselben -dasein könne: erst an das »primäre« Erinnerungsbild (_Jodl_) knüpft -sich die Beobachtung und Wertung; es ist ein Urteil über eine Art -Nachbild, das vollzogen wird. Aber innerhalb lauter _gleichwertiger -Phänomene_ könnte nie eines zum Objekte gemacht und bejaht oder -verneint werden, wie dies in aller Selbstbeobachtung geschieht. Was -hier alle Inhalte betrachtet, beurteilt und wertet, kann nicht in den -Inhalten selbst, als ein Inhalt unter anderen, gelegen sein. Es ist -das zeitlose Ich, das die Vergangenheit zurechnet wie die Gegenwart, -das jene »Einheit des Selbstbewußtseins«, jenes kontinuierliche -Gedächtnis erst schafft, welches der Frau abgeht. Denn nicht das -Gedächtnis, wie _Mill_, oder die Kontinuität, wie _Mach_ vermutet, -bringen den Glauben an ein Ich hervor, das außer diesen keine Existenz -habe, sondern gerade umgekehrt wird Gedächtnis und Kontinuität, wie -Pietät und Unsterblichkeitsbedürfnis, aus dem Werte des Ich heraus -erzeugt, von dessen Inhalten nichts Funktion der Zeit sein, nichts der -Vernichtung soll anheimgegeben werden dürfen.[42] - -Hätte das Weib Eigenwert und den Willen, einen solchen gegen alle -Anfechtung zu behaupten, hätte es auch nur das _Bedürfnis_ nach -_Selbstachtung_, so könnte es nicht _neidisch_ sein. Wahrscheinlich -sind alle Frauen neidisch; der Neid aber ist eine Eigenschaft, welche -nur dort sein kann, wo jene Voraussetzungen fehlen. Auch der Neid der -Mütter, wenn die Töchter anderer Frauen eher heiraten als ihre eigenen, -ist ein Symptom echter Gemeinheit, und setzt, wie übrigens aller Neid, -einen völligen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl voraus. In der Idee der -_Gerechtigkeit_, welche in der Anwendung der Idee der Wahrheit auf das -Praktische besteht, berühren sich Logik und Ethik ebenso eng wie im -theoretischen Wahrheitswerte selbst. - -Ohne Gerechtigkeit keine Gesellschaft; der Neid hingegen ist _die_ -absolut unsoziale Eigenschaft. Das Weib ist wirklich auch vollkommen -_unsozial_; und wenn früher mit Recht alle Gesellschaftsbildung an den -Besitz einer Individualität geknüpft wurde, so liegt hier die Probe -darauf vor. Für den Staat, für Politik, für gesellige Gemütlichkeit -hat die Frau keinen Sinn, und weibliche Vereine, in welche Männer -keinen Zutritt erhalten, pflegen nach kurzer Zeit sich aufzulösen. -Die Familie endlich ist geradezu _das_ unsoziale, und keineswegs -ein soziales Gebilde; Männer, die heiraten, ziehen sich damit schon -auch aus den Gesellschaften, denen sie bis dahin als Mitglieder und -Teilnehmer angehörten, zurück. Dies hatte ich geschrieben, bevor -die wertvollen ethnologischen Forschungen von _Heinrich Schurtz_ -veröffentlicht wurden, die an der Hand eines reichen Materiales dartun, -daß in den _Männerbünden_ und nicht in der Familie die Anfänge der -Gesellschaftsbildung zu suchen seien. - -_Pascal_ hat wunderbar ausgeführt, wie Gesellschaft vom Menschen nur -gesucht wird, weil dieser die Einsamkeit nicht ertragen, sondern sich -selbst vergessen will: auch hier sieht man die vollkommene Kongruenz -zwischen der früheren Position, durch welche der Frau die Fähigkeit -zur Einsamkeit abgesprochen wurde, und der jetzigen, welche ihre -Ungeselligkeit behauptet. - -Hätte die Frau ein Ich, so hätte sie auch einen Sinn für das Eigentum, -bei sich wie bei anderen. Der Stehltrieb ist aber bei den Frauen viel -entwickelter als bei den Männern: die sogenannten Kleptomanen (Diebe -_ohne Not_) sind beinahe ausschließlich Frauen. Denn das Weib hat wohl -Verständnis für Macht und für Reichtum, aber nicht für das Eigentum. -Auch pflegen die kleptomanen Frauen, wenn sie ihrer Diebstähle -überführt werden, sich damit zu verantworten, daß sie angeben, es sei -ihnen vorgekommen, als hätte ihnen alles gehört. In Leihbibliotheken -sieht man hauptsächlich Frauen aus- und eingehen, und zwar auch solche, -die begütert genug wären, mehrere Büchereien zu kaufen; aber es fehlt -ihnen eine größere Innigkeit des Verhältnisses zu allem, was ihnen -gehört, als zu allem, das sie nur entlehnt haben. Auch hier sieht -man den Zusammenhang zwischen Individualität und Sozialität deutlich -hervorleuchten: wie man selbst Persönlichkeit haben muß, um fremde -Persönlichkeit aufzufassen, so muß der Sinn auf Erwerbung eigenen -Besitzes gerichtet sein, wenn fremde Habe nicht berührt werden soll. - -Inniger noch als das Eigentum ist der _Name_ und ein herzliches -_Verhältnis_ zu ihrem Namen mit jeder _Persönlichkeit_ notwendig -gegeben. Und hier sprechen die Tatsachen so laut, daß man sich wundern -muß, wie wenig diese Sprache im allgemeinen vernommen wird. Die -Frauen sind nämlich durch _gar kein_ Band mit ihrem Namen verknüpft. -_Beweisend_ hiefür ist allein schon, daß sie ihren Namen aufgeben -und den des Mannes annehmen, den sie heiraten, ja diesen Schritt der -Namensänderung an sich nie als bedeutsam empfinden, um den alten Namen -nicht eine Sekunde trauern, sondern leichten Sinnes den des Mannes -annehmen; wie an den Mann nicht ohne tiefen in der Natur des Weibes -gelegenen Grund (bis vor kurzem wenigstens) meist auch das Eigentum -der Frau übergegangen ist. Es ist auch nichts davon zu merken, daß -speziell jene Trennung sie einen Kampf kostete; im Gegenteil, schon -vom Liebhaber und Kurmacher lassen sie sich den Namen geben, der _ihm_ -gefällt. Und selbst wenn sie einem ungeliebten Mann und diesem nur mit -großem Widerstreben in die Ehe folgen, es hat noch nie eine Frau gerade -darüber sich beklagt, daß sie von ihrem Namen habe Abschied nehmen -müssen, es läßt ihn jede und scheidet von ihm, ohne die geringste -Pietät dafür zu verraten, daß _sie_ ehemals so hieß. Im allgemeinen -wird vielmehr die eigene Neubenennung bereits vom Liebenden ebenso -_gefordert_, wie der neue Familienname des Ehegatten ungeduldig, schon -der Neuheit wegen, _erwartet_. Der Name aber ist gedacht als ein Symbol -der Individualität; nur bei den allertiefst stehenden Rassen der Erde, -wie bei den Buschmännern Südafrikas, soll es keine Personennamen geben, -weil das natürliche Unterscheidungsbedürfnis der Menschen voneinander -nicht so weit reicht. Das Weib, das im Grund _namenlos_ ist[43], ist -dies, weil es, seiner Idee nach, keine _Persönlichkeit_ besitzt. - -Damit hängt endlich noch die wichtige Beobachtung zusammen, welche zu -machen man nie verfehlen wird, sobald man einmal aufmerksam geworden -ist. Wenn in einen Raum, in dem ein Weib sich befindet, ein Mann tritt -und sie ihn erblickt, seinen Schritt hört oder seine Anwesenheit auch -nur ahnt, _so wird sie sofort eine ganz andere_. Ihre Miene, ihre -Bewegungen ändern sich mit unglaublicher Plötzlichkeit. Sie »richtet -ihre Frisur«, zieht ihre Röcke zusammen und hebt sie, oder macht sich -an ihrem Kleide zu schaffen, in ihr ganzes Wesen kommt eine halb -schamlose, halb ängstliche Erwartung. Man kann im Einzelfalle oft nur -darüber noch im Zweifel sein, ob sie mehr errötet über ihr schamloses -Lächeln, oder mehr schamlos lächelt über ihr Erröten. - -Seele, Persönlichkeit, Charakter ist aber -- hierin liegt eine -unendlich tiefe, bleibende Einsicht _Schopenhauers_ -- identisch mit -dem freien _Willen_ oder es deckt sich wenigstens der Wille mit dem Ich -insofern, als dieses in Relation zum Absoluten gedacht ist. Und fehlt -den Frauen das Ich, so können sie auch keinen Willen besitzen. Nur wer -keinen eigenen Willen, keinen Charakter in höherem Sinne hat, bleibt, -schon durch die bloße Gegenwart eines zweiten Menschen, so leicht -_beeinflußbar_, wie das Weib es ist, in funktioneller _Abhängigkeit_ -von dieser, statt in freier _Auffassung_ derselben. _Sie_ ist das -beste Medium, $M$ ihr bester Hypnotiseur. Aus diesem Grunde allein ist -unerfindlich, warum die Frauen gerade als Ärztinnen besonders viel -taugen sollen; da doch einsichtigere Mediziner selbst zugeben, daß der -Hauptteil dessen, was sie bis heute -- und so wird es wohl bleiben -- -zu leisten vermögen, in der suggestiven Einwirkung auf den Kranken -besteht. - -Schon in der ganzen Tierreihe ist W stets leichter hypnotisierbar als -M. Und wie die hypnotischen Phänomene doch mit den alltäglichsten in -einer nahen Verwandtschaft stehen, erhellt aus dem Folgenden: Wie -leicht wird nicht (ich habe schon gelegentlich der Frage des weiblichen -Mitleids darauf hingewiesen) W durch Lachen oder Weinen »angesteckt«! -Wie imponiert ihr nicht alles, was in der Zeitung steht, wie leicht -fällt sie nicht dem dümmsten Aberglauben zum Opfer, wie probiert sie -nicht sofort jedes Wundermittel, das ihr eine Nachbarin empfohlen hat! - -Wem ein Charakter fehlt, dem gebricht es auch an Überzeugungen. -Darum ist W leichtgläubig, unkritisch, ganz ohne Verständnis für den -Protestantismus. Dennoch hat man, so sicher ein jeder Christ schon als -Katholik _oder_ als Protestant vor der Taufe _auf die Welt kommt_, -kein Recht, den Katholizismus darum als weiblich anzusehen, weil er den -Frauen noch immer eher zugänglich ist, als der Protestantismus. Hier -wäre ein anderer charakterologischer Einteilungsgrund in Betracht zu -ziehen, dessen Erörterung nicht Sache dieser Schrift sein kann. -- -- - -So ist denn ein ganz umfassender Nachweis geführt, daß W seelenlos -ist, daß es kein Ich und keine Individualität, keine Persönlichkeit -und keine Freiheit, keinen Charakter und keinen Willen hat. _Dieses -Resultat ist aber für alle Psychologie von kaum zu überschätzender -Wichtigkeit._ Es besagt nicht weniger, als _daß die Psychologie von M -und die Psychologie von W getrennt zu behandeln sind. Für W scheint -eine rein empirische Darstellung des psychischen Lebens möglich, für M -muß jede Psychologie nach dem Ich als dem obersten Giebel des Gebäudes -in der Weise tendieren, wie Kant dies als notwendig eingesehen hatte._ - -Die _Hume_sche (und _Mach_sche) Ansicht, nach welcher es nur -»~impressions~« und »~thoughts~« (A B C .... und α β γ ...) gibt, und -die heute allgemein zur Verbannung der Psyche aus der Psychologie -geführt hat, erklärt nicht nur, daß die ganze Welt ausschließlich -unter dem Bilde eines Winkelspiegels, als ein Kaleidoskop zu verstehen -sei; sie macht nicht nur alles zu einem Tanz der »Elemente«, sinnlos, -grundlos; sie vernichtet nicht nur die Möglichkeit, einen festen -Standpunkt für das Denken zu gewinnen, sie zerstört nicht nur den -Wahrheitsbegriff und damit eben die Wirklichkeit, deren Philosophie sie -einzig zu sein beansprucht: sie trägt auch die Hauptschuld an dem Elend -der heutigen Psychologie. - -Diese heutige Psychologie nennt sich mit Stolz die »_Psychologie ohne -Seele_«, nach dem ersten, der dies Wort ausgesprochen hat, nach dem -vielüberschätzten Friedrich Albert _Lange_. Diese Untersuchung glaubt -gezeigt zu haben, daß ohne die Annahme einer Seele den psychischen -Erscheinungen gegenüber kein Auskommen zu finden ist: sowohl an den -Phänomenen von M, dem eine Seele zuerkannt werden muß, als auch an -den Phänomenen von W, die seelenlos ist. Unsere heutige Psychologie -ist eine eminent weibliche Psychologie, und gerade darum ist die -vergleichende Untersuchung der Geschlechter so besonders lehrreich, -nicht zuletzt darum habe ich sie mit dieser Gründlichkeit ausgeführt; -denn hier am ehesten kann offenbar werden, was zur Annahme des -Ich nötigt, und wie die Konfusion von männlichem und weiblichem -Seelenleben (im weitesten und tiefsten Sinne), bei dem Bestreben, eine -Allgemeinpsychologie zu schaffen, als der Faktor angesehen werden darf, -der am weitesten in die Irre geführt hat, wenn er auch (ja gerade -_weil_ er) gar nicht _bewußt_ zur Geltung gebracht worden ist. - -Freilich erhebt sich nun die Frage, _ist von M überhaupt Psychologie -$als Wissenschaft$ möglich? Und hierauf ist vorderhand mit Nein zu -antworten._ Ich muß wohl darauf gefaßt sein, an die Untersuchungen der -Experimentatoren verwiesen zu werden, und auch wer in dem allgemeinen -Experimentalrausch nüchterner geblieben ist, wird vielleicht verwundert -fragen, ob diese denn gar nicht zählten. Aber die experimentelle -Psychologie hat nicht nur keinen einzigen Aufschluß über die tieferen -Gründe des männlichen Seelenlebens gegeben; nicht nur kann niemand -an eine mehr als sporadische Erwähnung, geschweige denn an eine -systematische Verarbeitung dieser ungeheueren Zahl von Versuchsreihen -denken: sondern vor allem ist, wie gezeigt wurde, ihre _Methode_, außen -anzufangen und von da in den Kern hineinzudringen, verfehlt; und darum -hat sie auch nicht _eine_ Aufklärung über den tieferen innerlichen -Zusammenhang der psychischen Phänomene gebracht. Die psychophysische -Maßlehre hat überdies gerade gezeigt, wie das eigentliche Wesen der -psychischen im Gegensatz zu den physischen Phänomenen darin besteht, -daß die Funktionen, durch welche ihr Zusammenhang und ihr Übergehen -ineinander allenfalls darstellbar wäre, auch im besten Falle _unstetig_ -und darum _nicht differenzierbar_ geraten müßten. Mit der Stetigkeit -ist aber auch die prinzipielle Möglichkeit der Erreichbarkeit des -unbedingt mathematischen Ideales aller Wissenschaft dahin. Wem übrigens -klar ist, daß Raum und Zeit nur durch die Psyche geschaffen werden, der -wird nicht von Geometrie und Arithmetik erwarten, daß sie je ihren -Schöpfer erschöpfen könnten. - -Es gibt keine wissenschaftliche Psychologie vom Manne; denn im Wesen -aller Psychologie liegt es, das Unableitbare ableiten zu wollen, ihr -endliches Ziel müßte, deutlicher gesprochen, dieses sein, _jedem -Menschen seine Existenz und Essenz zu beweisen, zu deduzieren_. -Dann wäre aber jeder Mensch, auch seinem tiefsten Wesen nach, Folge -eines Grundes, determiniert und kein Mensch dem anderen mehr, als -einem Mitgliede eines Reiches der Freiheit und des unendlichen -Wertes, Achtung schuldig: _im Augenblick, wo ich völlig deduziert, -völlig subsumiert werden könnte, hätte ich allen $Wert$ verloren_, -und wäre eben _seelenlos_. Mit der _Freiheit_ des _Wollens_ wie des -_Denkens_ (denn diese muß man zu jener hinzufügen) ist die Annahme der -durchgängigen Bestimmtheit unverträglich, mit welcher alle Psychologie -ihr Geschäft beginnt. Wer darum an ein freies Subjekt glaubte, wie -_Kant_ und _Schopenhauer_, der mußte die Möglichkeit der Psychologie -als Wissenschaft leugnen; wer an die Psychologie glaubte, für den -konnte die Freiheit des Subjektes auch nicht eine Denkmöglichkeit mehr -bleiben: so wenig für _Hume_ als für _Herbart_ (die zwei Begründer der -modernen Psychologie). - -Aus diesem Dilemma erklärt sich der traurige Stand der heutigen -Psychologie in allen ihren Prinzipienfragen. Jene Bemühungen, den -_Willen_ aus der Psychologie hinauszuschaffen, jene immer wiederholten -Versuche, ihn aus Empfindung und Gefühl abzuleiten, haben eigentlich -ganz recht darin, daß der Wille kein _empirisches_ Faktum ist. Der -Wille ist in der Erfahrung nirgends aufzutreiben und nachzuweisen, weil -er selbst die Voraussetzung jedes empirisch-psychologischen Datums ist. -Versuche einer, der am Morgen gern lange schläft, sich in dem Momente -zu beobachten, da er den Entschluß faßt, sich vom Bette zu erheben. _Im -Entschlusse liegt_ (wie in der Aufmerksamkeit) _das ganze ungeteilte -Ich_, und darum fehlt die Zweiheit, die notwendig wäre, um den Willen -wahrzunehmen. Ebensowenig wie das Wollen ist das _Denken_ ein Faktum, -das man in den Händen behielte, wenn man wissenschaftliche Psychologie -treibt. Denken ist urteilen, aber was ist das Urteil für die innere -Wahrnehmung? Nichts, es ist ein ganz Fremdes, das zu aller Rezeptivität -hinzukommt, aus den Bausteinen, welche die psychologischen Fasolte und -Fafners herbeigeschleppt haben, nicht abzuleiten: jeder neue Urteilsakt -vernichtet von neuem die mühselige Arbeit der Empfindungsatomisten. -Ebenso ist's mit dem _Begriff_. Kein Mensch denkt Begriffe, und doch -gibt es Begriffe, wie es Urteile gibt. Und am Ende sind auch _Wundts_ -Gegner vollständig im Rechte damit, daß die _Apperzeption_ kein -empirisch-psychologisches Faktum, und kein irgendwann wahrnehmbarer -Akt ist. Freilich ist Wundt tiefer als seine Bekämpfer -- nur die -allerflachsten Gesellen können Assoziationspsychologen sein -- und es -ist auch sicherlich begründet, wenn er die Apperzeption mit dem Willen -und der Aufmerksamkeit zusammenbringt. Aber sie ist so wenig eine -Tatsache der Erfahrung wie eben diese, so wenig wie Urteil und Begriff. -Wenn trotzdem alle diese Dinge, wenn Denken und Wollen da sind, nicht -hinauszubringen, und jeder Bemühung einer Analyse spottend, so handelt -es sich nur um die Wahl, ob man etwas annehmen wolle, das alles -psychische Leben erst möglich mache, oder nicht. - -Darum sollte man dem Unfug ein Ziel setzen, von einer empirischen -Apperzeption zu reden, und einsehen, wie sehr _Kant_ recht hatte, als -er nur eine _transcendentale Apperzeption_ gelten ließ. Will man aber -hinter die Erfahrung nicht zurückgehen, so bleibt nichts übrig als die -unendlich ausgespreizte, armselig öde Empfindungsatomistik mit ihren -Assoziationsgesetzen; oder die Psychologie wird _methodisch_ zu einem -Annex der Physiologie und Biologie, wie bei _Avenarius_, dessen feiner -Bearbeitung eines, übrigens recht begrenzten, Stückes aus dem ganzen -Seelenleben jedoch nur sehr wenige und recht unglückliche Versuche der -Weiterführung gefolgt sind. - -Somit hat sich, ein wirkliches Verständnis des Menschen anzubahnen, -die unphilosophische Seelenkunde als völlig ungeeignet erwiesen, -und keine Vertröstung auf die Zukunft vermag sichere Bürgschaft zu -bieten, daß ihr dies je gelingen könne. Ein je besserer Psychologe -einer ist, desto langweiliger werden ihm diese heutigen Psychologien. -Denn sie steifen sich samt und sonders darauf, die Einheit, die -alles psychische Geschehen erst begründet, bis zum Schluß zu -ignorieren: allwo wir dann regelmäßig noch durch einen letzten -Abschnitt unangenehm überrascht werden, der von der Entwicklung einer -harmonischen Persönlichkeit handelt. Jene _Einheit_, die allein -die wahre _Unendlichkeit_ ist, wollte man aus einer größeren oder -geringeren _Zahl_ von Bestimmungsstücken aufbauen; die »Psychologie -als Erfahrungswissenschaft« sollte die Bedingung aller Erfahrung -_aus_ der Erfahrung gewinnen! Das Unternehmen wird ewig fehlschlagen -und ewig erneuert werden, weil die Geistesrichtung des Positivismus -und Psychologismus so lange bestehen muß, als es mittelmäßige Köpfe -und bequeme, nicht bis zu Ende denkende Naturen gibt. Wer, wie der -Idealismus, die Psyche nicht opfern will, der muß die Psychologie -preisgeben; wer die Psychologie aufrichtet, der tötet die Psyche. Alle -Psychologie will das Ganze aus den Teilen ableiten und als bedingt -hinstellen; alles tiefere Nachdenken erkennt, daß die Teilerscheinungen -hier aus dem Ganzen als letztem Urquell fließen. _So negiert die -Psychologie die Psyche, und die Psyche ihrem Begriff nach jede Lehre -von ihr: die Psyche negiert die Psychologie._ - -Diese Darstellung hat sich für die _Psyche_ und gegen die lächerliche -und jämmerliche _seelenlose Psychologie_ entschieden. Ja, es bleibt ihr -fraglich, ob Psychologie mit Seele je vereinbar, eine Wissenschaft, -die Kausalgesetze und selbstgesetzte Normen des Denkens und Wollens -aufsuchen will, mit der Freiheit des Denkens und Wollens überhaupt -verträglich sei. Auch die Annahme einer besonderen »psychischen -Kausalität«[44] kann vielleicht nichts daran ändern, daß die -Psychologie, indem sie zuletzt ihre eigene Unmöglichkeit dartut, durch -ein solches Ende den glänzendsten Beweis für das jetzt allgemein -verlachte und verlästerte Recht des Freiheitsbegriffes wird erbringen -müssen. - -Hiemit soll aber keineswegs eine neue Ära der rationalen Psychologie -ausgerufen sein. Vielmehr ist die Absicht im Anschluß an _Kant_ die, -daß die transcendentale _Idee_ der Psyche von Anfang an als Führer -beim Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten zu -dienen habe, durchaus nicht hingegen »in Ansehung des Hinabgehens -zum Bedingten«. Nur die Versuche mußten abgelehnt werden, jenes -Unbedingte aus dem Bedingten (am Schlusse eines Buches von 500-1500 -Seiten) hervorspringen zu lassen. Seele ist das regulative Prinzip, -das aller wahrhaft psychologischen, und nicht empfindungsanalytischen, -Einzelforschung vorzuschweben und diese zu leiten hat; weil sonst -jede Darstellung des Seelenlebens, auch wenn sie noch so detailliert, -liebevoll und verständnisinnig geschrieben ist, in ihrer Mitte gähnend -ein großes schwarzes Loch aufweist. - -Es ist unbegreiflich, wie Forscher, die nie einen Versuch gemacht -haben, Phänomene wie Scham und Schuld, Glauben und Hoffnung, Furcht -und Reue, Liebe und Haß, Sehnsucht und Einsamkeit, Eitelkeit -und Empfindlichkeit, Ruhmsucht und Unsterblichkeitsbedürfnis zu -analysieren, den Mut haben, über das Ich kurzerhand abzusprechen, weil -sie es nicht vorfinden wie die Farbe der Orange oder den Geschmack des -Laugenhaften. Oder wie wollen _Mach_ und _Hume_ auch nur die Tatsache -des _Stiles_ erklären, wenn nicht aus der Individualität? Ja, weiter: -die Tiere erschrecken nie, wenn sie sich im Spiegel sehen, aber kein -Mensch vermöchte sein Leben in einem Spiegelzimmer zu verbringen. Oder -ist auch diese Furcht, die Furcht vor dem _Doppelgänger_ (von der -bezeichnenderweise das Weib frei ist[45]) »biologisch«, »darwinistisch« -abzuleiten? Man braucht das Wort Doppelgänger nur zu nennen, um in -den meisten Männern heftiges Herzklopfen hervorzurufen. Hier hört -eben alle rein empirische Psychologie notgedrungen auf, hier ist -_Tiefe_ vonnöten. Denn wie könnte man _diese_ Dinge zurückführen -auf ein früheres Stadium der Wildheit oder Tierheit und des Mangels -an Sicherung durch die Zivilisation, woraus _Mach_ die Furcht der -kleinen Kinder als eine ontogenetische Reminiszenz erklären zu können -glaubt! Ich habe übrigens dies nur als eine Andeutung erwähnt, um die -»Immanenten« und »naiven Realisten« daran zu mahnen, daß es auch in -ihnen Dinge gibt, von denen ..... - -Warum ist kein Mensch angenehm berührt und völlig damit einverstanden, -wenn man ihn als Nietzscheaner, Herbartianer, Wagnerianer u. s. w. -_einreiht_? Wenn man ihn, mit einem Worte, _subsumiert_? Auch Ernst -_Mach_ ist es doch gewiß schon passiert, daß ihn ein oder der andere -liebe Freund subsumiert hat als Positivisten, Idealisten oder irgendwie -sonst. Glaubt er sich richtig beschrieben, wenn jemand sagen wollte, -das Gefühl, das man bei solchen durch andere vorgenommenen Subsumtionen -habe, gehe bloß auf die fast völlige Gewißheit der _Einzigartigkeit_ -des Zusammentreffens der »_Elemente_« in einem Menschen, es sei nur -beleidigte Wahrscheinlichkeitsrechnung? Und doch hat dieses Gefühl, -genau genommen, nichts von einem Nichteinverstandensein, wie sonst -wohl mit irgend einer wissenschaftlichen These. Es ist auch etwas ganz -anderes, und darf damit nicht verwechselt werden, wenn jemand selbst es -sagt, er sei Wagnerianer. Hierin liegt im tiefsten Grunde immer eine -positive Bewertung des Wagnertums, weil man selbst Wagnerianer ist. -Wer aufrichtig ist, wer es sein kann, wird zugeben, daß er mit einer -solchen Aussage _auch_ eine Erhöhung Wagners vornimmt. Vom anderen -Menschen fürchtet man meist, daß er das Gegenteil einer Erhöhung -beabsichtige. Daher die Erscheinung, daß ein Mensch sehr viel von sich -selbst sagen kann, was ihm von anderen zu hören höchst peinlich wäre, -wie _Cyrano von Bergerac_ von den tollsten Sticheleien bekennt: - - »Je me les sers moi-même, avec assez de verve, - Mais je ne permets pas qu'un autre me les serve.« - -Woher rührt also jenes Gefühl, das selbst tiefstehende Menschen haben? -Von einem, wenn auch noch so dunklen Bewußtsein ihres Ich, ihrer -Individualität, die dabei zu kurz kommt. _Dieses Widerstreben ist das -Urbild aller Empörung._ - -Es geht endlich auch nicht recht an, einen _Pascal_, einen _Newton_ -einerseits höchst geniale Denker und anderseits mit einer Menge -beschränkter Vorurteile behaftet sein zu lassen, über die »_wir_« -längst hinaus seien. Stehen wir denn wirklich auf unsere elektrischen -Bahnen und empirischen Psychologien hin schon ohne weiteres um so viel -höher als jene Zeit? Ist _Kultur_, wenn es Kulturwerte gibt, wirklich -nach dem Stande der Wissenschaft, die immer nur einen _sozialen_, nie -einen _individuellen, nicht-demonstrierbaren_ Charakter hat, nach der -Zahl der Volksbibliotheken und Laboratorien zu messen? Ist Kultur denn -etwas außerhalb des Menschen, ist Kultur nicht vor allem _im_ Menschen? - -Und man mag sich noch so erhaben fühlen über einen _Euler_, gewiß -einen der größten Mathematiker aller Zeiten, welcher einmal sagt: was -_er_, im Augenblick, da _er_ einen Brief schreibe, tue, das würde _er_ -genau so tun wie wenn _er_ im Körper eines Rhinozeros steckte. Ich -will die Äußerung _Eulers_ auch nicht schlechthin verteidigen, sie ist -vielleicht charakteristisch für den Mathematiker, ein Maler hätte sie -nie getan. Aber dieses Wort gar nicht zu begreifen, nicht einmal die -Mühe zu seinem Verständnisse sich zu nehmen, sich über sie einfach -lustig zu machen und _Euler_ mit der »Beschränktheit seiner Zeit« zu -entschuldigen, das scheint mir keineswegs gerechtfertigt. - -Also, es ist, wenigstens für den Mann, auch in der Psychologie _ohne_ -den Ich-Begriff nicht dauernd auszukommen; ob _mit_ diesem eine im -_Windelband_schen Sinne nomothetische Psychologie, d. h. psychologische -Gesetze vereinbar sind, scheint sehr fraglich, kann aber an der -Anerkennung jener Notwendigkeit nichts ändern. Vielleicht schlägt die -Psychologie jene Bahn ein, die ihr ein früheres Kapitel vorzeichnen -zu können glaubte, und wird theoretische Biographie. Aber gerade dann -werden ihr die Grenzen aller empirischen Psychologie am ehesten zum -Bewußtsein kommen. - -Daß _im Manne_ für alle Psychologie ein Ineffabile, ein Unauflösliches -bleibt, damit stimmt es wunderbar überein, daß _regelrechte Fälle von -»duplex« oder »multiplex personality«, Verdoppelung oder Vervielfachung -des Ich, $nur bei Frauen$ beobachtet worden sind. Das absolute Weib -ist zerlegbar_: der Mann ist in alle Ewigkeit, auch durch die beste -Charakterologie nicht völlig zerlegbar, geschweige denn durchs -Experiment: in ihm ist ein Wesenskern, der keine Zergliederung mehr -zuläßt. W ist ein Aggregat und daher dissoziierbar, spaltbar. - -Deswegen ist es ungemein komisch und belustigend, moderne Gymnasiasten -(als platonische Idee) von der Seele des Weibes, von Frauenherzen -und ihren Mysterien, von der Psyche des modernen Weibes etc. reden -zu hören. Es scheint auch zu dem Befähigungsnachweis eines gesuchten -Accoucheurs zu gehören, daß er an die Seele des Weibes glaube. -Wenigstens hören es viele Frauen sehr gerne, wenn man von ihrer -Seele spricht, obwohl sie (in Henidenform) wissen, daß das Ganze ein -Schwindel ist. _Das Weib als die Sphinx! Ein ärgerer Unsinn ist kaum -je gesagt worden. Der Mann ist unendlich rätselhafter, unvergleichlich -komplizierter._ Man braucht nur auf die Gasse zu gehen: es gibt kaum -ein Frauengesicht, dessen Ausdruck einem da nicht bald klar würde. Das -Register des Weibes an Gefühlen, an Stimmungen ist so unendlich arm! -Während gar manches männliche Antlitz lange und schwer zu raten gibt. - -Schließlich werden wir hier auch einer Lösung der Frage: Parallelismus -oder Wechselwirkung zwischen Seelischem und Körperlichem? nähergeführt. -Für W trifft der psychophysische Parallelismus, als vollständige -Koordination beider Reihen, zu: mit der senilen Involution der Frau -erlischt auch die Fähigkeit zu geistiger Anspannung, die ja nur im -Gefolge sexueller Zwecke auftritt, und diesen dienstbar gemacht wird. -Der Mann wird nie in dem Sinne völlig alt wie das Weib, und es ist -die geistige Rückbildung hier durchaus nicht notwendig, sondern nur -in einzelnen Fällen mit der körperlichen verknüpft; am allerwenigsten -endlich ist von greisenhafter Schwäche bei jenem Menschen etwas -wahrzunehmen, welcher die Männlichkeit in voller geistiger Entfaltung -zeigt, beim Genie. - -Nicht umsonst sind jene Philosophen, welche die strengsten -Parallelisten waren, _Spinoza_ und _Fechner_, auch die strengsten -Deterministen. Bei M, dem freien, intelligiblen Subjekte, das sich -für Gut oder für Böse _nach seinem Willen_ entscheiden kann, ist der -psychophysische Parallelismus, der eine der mechanischen genau analoge -Kausalverkettung auch für alles Geistige fordern würde, auszuschließen. - -So weit wäre denn die Frage, welcher prinzipielle Standpunkt in der -Behandlung der Psychologie der Geschlechter einzunehmen ist, erledigt. -Es erwächst dieser Ansicht jedoch wieder eine außerordentliche -Schwierigkeit in einer Reihe merkwürdiger Tatsachen, die zwar für die -faktische Seelenlosigkeit von W noch einmal, und zwar in geradezu -entscheidender Weise in Betracht kommen, die aber anderseits von der -Darstellung auch die Erklärung eines sehr eigentümlichen Verhaltens der -Frau fordern, das seltsamerweise noch kaum jemand ernstlich Problem -geworden zu sein scheint. - -Schon längst wurde bemerkt, wie die Klarheit des männlichen Denkens -gegenüber der weiblichen Unbestimmtheit, und später wurde darauf -hingewiesen, wie die Funktion der gesetzten Rede, in welcher feste -logische _Urteile_ zum Ausdruck kommen, auf die Frau wie ein -_Sexualcharakter_ des Mannes wirkt. Was aber W sexuell anreizt, muß -eine Eigenschaft von M sein. Ebenso macht Unbeugsamkeit des männlichen -Charakters auf die Frau sexuellen Eindruck, sie mißachtet den Mann, -der einem anderen nachgibt. Man pflegt in solchen Fällen oft von -sittlichem Einfluß des Weibes auf den Mann zu reden, wo doch sie nur -das sexuelle Komplement in seinen komplementierenden Eigenschaften -voll und ganz sich zu erhalten strebt. Die Frauen verlangen vom Manne -Männlichkeit, und glauben sich zur höchsten Entrüstung und Verachtung -berechtigt, wenn der Mann ihre Erwartungen in diesem Punkt enttäuscht. -So wird eine Frau, auch wenn sie noch so kokett und noch so verlogen -ist, in Erbitterung und Empörung geraten, wenn sie beim Manne Spuren -von Koketterie oder Lügenhaftigkeit wahrnimmt. Sie mag noch so feige -sein: der Mann soll Mut beweisen. Daß dies nur sexueller Egoismus -ist, der sich den ungetrübten Genuß seines Komplementes zu wahren -sucht, wird allzuoft verkannt. Und so ist denn auch aus der Erfahrung -kaum ein zwingenderer Beweis für die Seelenlosigkeit des Weibes -zu führen als daraus, _daß die Frauen vom Manne Seele verlangen_, -und Güte auf sie wirken kann, obwohl sie selbst nicht wirklich gut -sind. Seele ist ein Sexualcharakter, der nicht anders und zu keinem -anderen Zwecke beansprucht wird als große Muskelkraft oder kitzelnde -Schnurrbartspitze. Man mag sich an der Kraßheit des Ausdruckes stoßen, -an der Sache ist nichts zu ändern. -- Die allerstärkste Wirkung endlich -übt auf die Frau der männliche _Wille_. Und sie hat einen merkwürdig -feinen Sinn dafür, ob das »Ich will« des Mannes bloß Anstrengung und -Aufgeblasenheit oder wirkliche Entschlossenheit ist. Im letzteren Falle -ist der Effekt ein ganz ungeheuerer. - -_Wie kann nun aber eine Frau, wenn sie an sich seelenlos ist, Seele -beim Manne perzipieren, wie seine Moralität beurteilen, da sie selbst -amoralisch ist, wie seine Charakterstärke auffassen, ohne als Person -Charakter zu haben, wie seinen Willen spüren, obgleich sie doch eigenen -Willen nicht besitzt?_ - -Hiemit ist das außerordentlich schwierige Problem formuliert, vor dem -die Untersuchung weiterhin noch zu bestehen haben wird. - -Bevor aber seine Lösung versucht werde, müssen die errungenen -Positionen nach allen Seiten hin befestigt und gegen Angriffe geschützt -werden, die in den Augen mancher imstande sein könnten, sie zu -erschüttern. - - - - -X. Kapitel. - -Mutterschaft und Prostitution. - - -Der Haupteinwand, welcher gegen die bisherige Darstellung wird erhoben -werden, bezieht sich auf die Allgemeingültigkeit des Gesagten für -_alle_ Frauen. Bei einigen, bei vielen möge das zutreffen; aber es gebe -doch auch andere ... - -Es lag ursprünglich nicht in meiner Absicht, auf spezielle Formen -der Weiblichkeit einzugehen. Die Frauen lassen sich nach mehreren -Gesichtspunkten einteilen, und gewiß muß man sich hüten, das, was von -einem extremen Typus gilt, der zwar überall nachweisbar ist, aber -oft durch das Vorwalten gerade des entgegengesetzten Typus bis zur -Unmerklichkeit zurückgedrängt wird, von der Allgemeinheit der Frauen -in gleicher Weise zu behaupten. Es sind _mehrere_ Einteilungen der -Frauen möglich, und es gibt _verschiedene_ Frauencharaktere; wenn -auch das Wort Charakter hier nur im empirischen Verstande angewendet -werden darf. Alle Charaktereigenschaften des Mannes finden merkwürdige, -zu Amphibolien oft genug Anlaß bietende Analoga beim Weibe (einen -interessanten Vergleich dieser Art zieht später dieses Kapitel); -doch ist beim Manne der Charakter stets _auch_ in die Sphäre des -Intelligiblen getaucht, und dort mächtig verankert; hieraus wird -denn die früher (S. 104) gerügte Vermischung der Seelenlehre mit der -Charakterologie, und die Gemeinsamkeit im Schicksale beider, wieder -eher begreiflich. Die charakterologischen Unterschiede unter den -Frauen senden ihre Wurzeln nie so tief in den Urboden hinab, daß sie -in die Entwicklung einer Individualität einzugehen vermöchten; und es -gibt vielleicht gar keine weibliche Eigenschaft, die nicht im Laufe -des Lebens, unter dem Einfluß des männlichen Willens, in der Frau -modifiziert, zurückgedrängt, ja vernichtet werden könnte. - -Was es unter ganz _gleich männlichen_ oder ganz _gleich weiblichen_ -Individuen _noch_ für Unterschiede geben möge, diese Frage hatte -ich bisher mit Bedacht aus dem Spiele gelassen. Keineswegs, weil -mit der Zurückführung psychologischer Differenzen auf das Prinzip -der sexuellen Zwischenformen mehr gewonnen gewesen war als _ein_ -Leitfaden unter tausenden auf diesem verschlungensten aller Gebiete: -sondern aus dem einfachen Grunde, weil jede Kreuzung mit einem anderen -Prinzipe, jede Erweiterung der linearen Betrachtungen ins Flächenhafte, -störend gewirkt hätte bei diesem ersten Versuche einer gründlichen -charakterologischen Orientierung, der weiter kommen wollte als bis zur -Ermittelung von Temperamenten oder Sinnestypen. - -Die spezielle weibliche Charakterologie soll einer besonderen -Darstellung vorbehalten bleiben; aber schon diese Schrift ist nicht -ohne Hinblick auf individuelle Differenzen unter den Frauen abgefaßt, -und ich glaube so den Fehler falscher Verallgemeinerung vermieden, und -bisher nur solches behauptet zu haben, was unterschiedslos von allen -gleich weiblichen Frauen in gleicher Weise und gleicher Stärke gilt. -Nur auf W ganz allgemein ist es bisher angekommen. Da man aber meinen -Darlegungen vornehmlich _einen_ Typus unter den Frauen entgegenhalten -wird, ergibt sich die Notwendigkeit, bereits hier _ein_ Gegensatzpaar -aus der Fülle herauszugreifen. - -Allem Schlechten und Garstigen, das ich den Frauen nachgesagt habe, -wird das Weib als Mutter gegenübergestellt werden. Dieses erfordert -also eine Besprechung. Seine Ergründung kann aber niemand in Angriff -nehmen, ohne zugleich den Gegenpol der Mutter, welcher die für das Weib -diametral konträre Möglichkeit verwirklicht zeigt, heranzuziehen; weil -nur hiedurch der Muttertypus eine deutliche Abgrenzung erfährt, nur -so die Eigenschaften der Mutter von allem Fremden scharf sich abheben -können. - -_Jener der Mutter polar entgegengesetzte Typus ist die Dirne._ Die -Notwendigkeit gerade dieser Gegenüberstellung läßt sich ebensowenig -_deduzieren_, wie daß Mann und Weib einander entgegengesetzt sind; -wie man dies nur _sieht_ und nicht beweist, so muß man auch jenes -_erschaut_ haben, oder es in der Wirklichkeit wiederzufinden trachten, -um sich zu überzeugen, ob diese dem Schema sich bequem einordnet. Auf -jene Restriktionen, die vorzunehmen sind, komme ich noch zu sprechen; -einstweilen seien die Frauen betrachtet als stets von zwei Typen, -einmal mehr vom einen, ein andermal mehr vom anderen etwas in sich -tragend: _diese Typen sind die Mutter und die Dirne_. - -Man würde diese Dichotomie mißverstehen, wenn man sie von einer -populären Entgegensetzung nicht unterschiede. Man hat oft gesagt, -das Weib sei sowohl _Mutter_ als _Geliebte_. Den Sinn und Nutzen -dieser Distinktion kann ich nicht recht einsehen. Soll mit der -Qualität der Geliebten das Stadium bezeichnet werden, welches der -Mutterschaft notwendig vorhergeht? Dann kann es keinerlei dauernde -charakterologische Eigentümlichkeit bezeichnen. Und was sagt denn der -Begriff »Geliebte« über die Frau selbst aus, als daß sie geliebt wird? -Fügt er ihr wirklich eine wesentliche, oder nicht vielmehr eine ganz -äußerliche Bestimmung zu? Geliebt werden mag sowohl die Mutter als -die Dirne. Höchstens könnte man mit der »Geliebten« eine Gruppe von -Frauen haben umschreiben wollen, die ungefähr in der Mitte zwischen -den hier bezeichneten Polen sich aufhielte, eine Zwischenform von -Mutter und Dirne; oder man hält es einer ausdrücklichen Feststellung -für bedürftig, daß eine Mutter zum Vater ihrer Kinder in einem anderen -Verhältnis stehe als zu ihren Kindern selbst, und Geliebte eben sei, -insoferne sie sich lieben läßt, d. h. dem Liebenden sich hingibt. Aber -damit ist nichts gewonnen, weil dies beide, Mutter wie Prostituierte, -gegebenenfalls in formal gleicher Weise tun können. Der Begriff der -Geliebten sagt gar nichts über die Qualitäten des Wesens aus, das -geliebt wird; wie natürlich, denn er soll nur das erste zeitliche -Stadium im Leben _einer_ und _derselben_ Frau andeuten, an welches sich -später als zweites die Mutterschaft schließt. Da also der Zustand der -Geliebten doch nur ein accidentielles Merkmal ihrer Person ist, wird -jene Gegenüberstellung ganz unlogisch, indem die Mutterschaft auch -etwas Innerliches ist und nicht bloß die Tatsache anzeigt, daß eine -Frau geboren hat. Worin dieses tiefere Wesen der Mutterschaft besteht, -wird eben Aufgabe der jetzigen Untersuchung. - -Daß Mutterschaft und Prostitution einander polar entgegengesetzt -sind, ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit allein schon aus der -größeren Kinderzahl der guten Hausmütter, indes die Kokotte immer -nur wenige Kinder hat, und die Gassendirne in der Mehrzahl der Fälle -überhaupt steril ist. Es ist wohl zu beachten, daß nicht das käufliche -Mädchen allein dem Dirnentypus angehört, sondern sehr viele unter den -sogenannten anständigen Mädchen und verheirateten Frauen, ja selbst -solche, die gar nie die Ehe brechen, nicht, weil die Gelegenheit nicht -günstig genug ist, sondern weil sie selbst es nicht bis dahin kommen -lassen. Man stoße sich also nicht an der Verwendung des Begriffes der -Dirne, der ja erst noch zu analysieren ist, in einem viel weiteren -Umfange als einem, der bloß auf feile Weiber sich erstreckt. Überdies -könnte der Dirnentypus auch dann zum Ausdruck kommen, wenn bloß ein -Mann und ein Weib auf der Welt wären, denn er äußert sich bereits in -dem spezifisch verschiedenen Verhalten zum einzelnen Manne. - -Schon die Tatsache der geringeren Fruchtbarkeit enthöbe mich der -Pflicht einer Auseinandersetzung mit der allgemeinen Ansicht, welche -ein, notwendigerweise tief im Wesen eines Menschen gegründetes -Phänomen, wie die Prostitution, ableiten will aus sozialen Mißständen, -aus der Erwerbslosigkeit vieler Frauen, und daraufhin spezielle -Anklagen gegen die heutige Gesellschaft erhebt, deren männliche -Machthaber in ihrem ökonomischen Egoismus den unverheirateten Frauen -die Möglichkeit eines rechtschaffenen Lebens so erschwerten; oder auf -das Junggesellentum rekurriert, das ebenfalls angeblich nur materielle -Gründe habe, und zu seiner notwendigen Ergänzung nach der Prostitution -verlange. Oder soll doch angeführt werden: daß die Prostitution nicht -bloß bei ärmlichen Gassendirnen zu suchen ist; daß wohlhabende Mädchen -zuweilen sich aller Vorteile ihres Rufes begeben, und ein offenes -Flanieren auf der Straße versteckten Liebschaften vorziehen -- denn -zur _richtigen_ Prostitution _gehört_ die _Gasse_ --; daß viele -Stellen in Geschäftsläden, in der Buchhaltung, im Post-, Telegraphen- -und Telephondienste, wo immer eine rein schablonenmäßige Tätigkeit -beansprucht wird, mit Vorliebe an Frauen vergeben werden, weil W viel -weniger differenziert und eben darum bedürfnisloser ist als M, der -Kapitalismus aber lange vor der Wissenschaft das weggehabt hat, daß -man die Frauen ihrer niedrigeren Lebenshaltung wegen auch schlechter -bezahlen dürfe. Übrigens findet selbst die junge Dirne, weil sie -teueren Mietzins zu zahlen, eine nicht gewöhnliche Kleidung zu tragen -und den Souteneur auszuhalten hat, meist nur sehr schwer ihr Auskommen. -Wie tief der Hang zu ihrem Leben in ihnen wurzelt, das bezeugt die -häufige Erscheinung, daß Prostituierte, wenn sie geehelicht werden, -wieder zu ihrem früheren Gewerbe zurückkehren. Die Prostituierten -sind ferner vermöge unbekannter, aber offenbar in einer angeborenen -Konstitution liegender Ursachen gegen manche Infektionen oft _immun_, -denen »rechtschaffene Frauen« meist unterliegen. Schließlich hat die -Prostitution _immer_ bestanden und ist mit den Errungenschaften der -kapitalistischen Ära keineswegs relativ gewachsen, ja, sie gehörte -sogar zu den _religiösen_ Institutionen gewisser Völker des Altertums, -z. B. der Phönizier. - -Die Prostitution kann also keineswegs als etwas betrachtet werden, -wohin erst der Mann die Frau gedrängt hat. Oft genug wird sicherlich -ein Mann die Schuld tragen, wenn ein Mädchen ihren Dienst verlassen -mußte und sich brotlos fand. Daß aber in solchem Falle zu etwas -gegriffen werden kann, wie es die Prostitution ist, muß in der Natur -des menschlichen Weibes selbst liegen. Was nicht ist, kann auch nicht -werden. Dem echten Manne, den materiell noch öfter ein widriges -Schicksal trifft, und welcher Armut intensiver empfindet als das Weib, -ist gleichwohl die Prostitution fremd, und männliche Prostituierte -(unter Kellnern, Friseurgehilfen etc.) sind immer vorgerückte sexuelle -Zwischenformen. Demnach ist die Eignung und der Hang zum Dirnentum -ebenso wie die Anlage zur Mutterschaft in einem Weibe organisch, von -der Geburt an vorhanden. - -Damit soll aber nicht gesagt sein, jedes Weib, das zur Dirne wird, sei -mit ausschließlich innerer Notwendigkeit dazu geworden. Es stecken -vielleicht in den meisten Frauen _beide_ Möglichkeiten, sowohl die -Mutter als die Dirne; nur die Jungfrau -- man entschuldige; ich weiß, -es ist rücksichtslos gegen die _Männer_ -- nur die Jungfrau, die gibt -es nicht. Worauf es in solchen Schwebefällen ankommt, das kann nur der -Mann sein, der ein Weib zur Mutter zu machen auf jeden Fall durch seine -Person imstande ist; nicht erst durch den Koitus, sondern durch ein -einmaliges _Anblicken_. _Schopenhauer_ bemerkt, der Mensch müsse sein -Dasein streng genommen von dem Augenblick datieren, da sein Vater und -seine Mutter sich ineinander verliebt hätten. Das ist nicht richtig. -Die Geburt eines Menschen müßte, im idealen Falle, in den Augenblick -verlegt werden, wo _eine Frau $ihn$_, den Vater ihres Kindes, _zum -ersten Male erblickt oder auch nur seine Stimme hört_. Die biologische -und medizinische Wissenschaft, die Züchtungslehre und die Gynäkologie -verhalten sich freilich, seit über sechzig Jahren, unter dem Einflusse -von _Johannes Müller_, Th. _Bischoff_ und Ch. _Darwin_, der Frage des -»Versehens« oder »Verschauens« gegenüber beinahe durchaus ablehnend. -Es wird im weiteren eine Theorie des Versehens zu entwickeln versucht -werden; hier möchte ich nur soviel bemerken, daß die Sache denn doch -vielleicht nicht so steht, daß es kein Versehen geben dürfe, weil -es mit der Ansicht sich nicht vertrage, daß bloß Samenzelle und Ei -das neue Individuum bilden helfen; sondern es gibt ein Versehen, -und die Wissenschaft soll trachten, es zu erklären, statt es als -schlechterdings unmöglich in Abrede zu stellen, und zu tun, als ob -sie in erfahrungswissenschaftlichen Dingen je über so viel Erfahrung -verfügen könnte, um eine solche Behauptung aufstellen zu dürfen. In -einer apriorischen Disziplin, wie der Mathematik, darf ich es ganz -ausgeschlossen nennen, daß auf dem Planeten Jupiter 2 × 2 = 5 sei; die -Biologie kennt nur Sätze von »komparativer Allgemeinheit« (_Kant_). -Wenn ich hier _für_ das Versehen eintreten und in seiner Leugnung -eine Beschränktheit erblicken muß, will ich doch keineswegs behauptet -haben, daß alle sogenannten Mißbildungen, oder auch nur ein sehr -großer Teil derselben in ihm ihren Grund haben. Es kommt vorläufig nur -auf die Möglichkeit einer Beeinflussung der Nachkommenschaft ohne den -Koitus mit der Mutter an. Und da möchte ich zu sagen wagen[46]: so -wie sicherlich, wenn _Schopenhauer_ und _Goethe_ in der Farbenlehre -_einer_ Meinung sind, sie schon darum _a priori_ gegen alle Physiker -der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft recht haben dürften, -ebenso wird etwas, das für _Ibsen_ (»Frau vom Meer«) und _Goethe_ -(»Wahlverwandtschaften«) _Wahrheit_ ist, noch nicht _falsch_ durch das -Gutachten sämtlicher medizinischer Fakultäten der Welt. - -Der Mann übrigens, von dem eine so starke Wirkung auf die Frau erwartet -werden könnte, daß ihr Kind auch dann ihm ähnlich würde, wenn es nicht -aus seinem Samen sich entwickelt hat, dieser Mann müßte die Frau -sexuell in äußerst vollkommener Weise ergänzen. Wenn demnach solche -Fälle nur sehr _selten_ sind, so liegt dies an der Unwahrscheinlichkeit -eines Zusammentreffens so vollständiger Komplemente, und darf keinen -Einwand gegen die _prinzipielle Möglichkeit_ solcher Tatsachen bilden, -wie sie _Goethe_ und _Ibsen_ dargestellt haben. - -_Ob_ aber eine Frau jenen Mann trifft, der sie durch seine bloße -Gegenwart zur Mutter seines Kindes macht, das ist Zufallssache. -_Insofern_ ist für _viele_ Mütter und Prostituierte wohl die -_Denkbarkeit_ zuzugeben, daß sich ihre Lose umgekehrt hätten gestalten -können. Aber anderseits gibt es nicht nur zahllose Beispiele, in -welchen auch ohne diesen Mann die Frau im Mutter-Typus verbleibt, -sondern es kommen ebenso zweifellos Fälle vor, wo dieser eine Mann -_auftritt_, und doch auch _sein_ Erscheinen die schließliche, -endgültige Wendung zur Prostitution nicht zu hindern vermag. - -Es bleibt demnach nichts übrig, als _zwei_ angeborene, entgegengesetzte -Veranlagungen anzunehmen, die sich auf die verschiedenen Frauen in -verschiedenem Verhältnis verteilen: die absolute Mutter und die -absolute Dirne. _Zwischen_ beiden liegt die Wirklichkeit: es gibt -sicherlich kein Weib ohne alle Dirneninstinkte (viele werden das -leugnen und fragen, woran denn das Dirnenhafte in vielen Frauen -erkennbar sei, die nichts weniger als Kokotten zu sein scheinen; ich -verweise diesbezüglich einstweilen nur auf den Grad der Bereitschaft -und Willigkeit, sich von irgendwelchem Fremden unzüchtig berühren und -diesen an sich anstreifen zu lassen; legt man diesen Maßstab an, so -wird man finden, daß es keine absolute Mutter gibt). Ebensowenig aber -existiert ein Weib, das aller mütterlichen Regungen bar wäre; obgleich -ich gestehen muß, außerordentliche Annäherungen an die absolute Dirne -viel öfter gefunden zu haben als solche Grade von Mütterlichkeit, -hinter denen alles Dirnenhafte zurücktritt. - -Das Wesen der Mutterschaft besteht, wie schon die erste und -oberflächlichste Analyse des Begriffes ergibt, darin, daß die -Erreichung des _Kindes_ der Hauptzweck des Lebens der _Mutter_ ist, -indessen bei der absoluten _Dirne_ dieser Zweck für die Begattung -gänzlich in Wegfall gekommen scheint. Eine eingehendere Untersuchung -wird also vor allem _zwei_ Dinge in Betracht ziehen und sehen müssen, -wie sich Dirne und Mutter zu beiden verhalten: die Beziehung einer -jeden zum Kinde, und ihre Beziehung zum Koitus. - -Zunächst scheiden sich beide, Mutter und Dirne, durch der ersteren -Verhältnis zum Kinde. Der absoluten Dirne liegt nur am Manne, der -absoluten Mutter kann nur am Kinde gelegen sein. Prüfstein ist am -sichersten das Verhältnis zur Tochter: nur wenn sie diese gar nie -beneidet wegen größerer Jugend oder Schönheit, ihr nie die Bewunderung -im geringsten mißgönnt, die sie bei den Männern findet, _sondern sich -vollständig mit ihr identifiziert_ und des Verehrers ihrer Tochter sich -so freut, als wäre er ihr eigener Anbeter, nur dann ist sie Mutter zu -nennen. - -Die absolute Mutter, der es allein auf das Kind ankommt, wird Mutter -durch jeden Mann. Man wird finden, daß Frauen, die in ihrer Kindheit -eifriger als die anderen mit Puppen spielten, bereits als Mädchen -Kinder sehr liebten und gerne warteten, dem Manne gegenüber wenig -wählerisch sind, sondern bereitwillig den ersten besten Gatten nehmen, -der sie halbwegs zu versorgen imstande und ihren Eltern und Verwandten -genehm ist. Wenn ein solches Mädchen aber, gleichgültig durch wen, -Mutter geworden ist, so bekümmert es sich, im Idealfalle, um keinen -anderen Mann mehr. Der absoluten Dirne hingegen sind, schon als Kind, -Kinder ein Greuel; später benützt sie das Kind höchstens als Mittel, um -durch Vortäuschung eines, auf Rührung des Mannes berechneten, Idylles -zwischen Mutter und Kind, diesen an sich zu locken. Sie ist das Weib, -das _allen_ Männern zu gefallen das Bedürfnis hat, und da es keine -absolute Mutter gibt, wird man in jeder Frau mindestens noch die _Spur_ -dieser allgemeinen Gefallsucht entdecken können, welche nie auch nur -auf einen Mann der Welt verzichtet. - -Hier nimmt man übrigens eine _formale Ähnlichkeit_ zwischen der -absoluten Mutter und der absoluten Kokotte wahr. _Beide_ sind -eigentlich in Bezug auf die _Individualität_ des sexuellen Komplementes -_anspruchslos_. Die eine nimmt jeden beliebigen Mann, der ihr zum -Kinde dienlich ist, und bedarf keines weiteren Mannes, sobald sie das -Kind hat: _nur aus diesem Grunde ist sie »monogam« zu nennen_. Die -andere gibt sich jedem beliebigen Mann, der ihr zum erotischen Genusse -verhilft: dieser ist für sie Selbstzweck. Hier berühren sich also die -beiden Extreme, wir mögen somit hoffen, einen Durchblick auf das Wesen -des Weibes _überhaupt_ von da aus gewinnen zu können. - -In der Tat muß ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt -habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, daß das _Weib_ monogam -und der _Mann_ polygam sei. _Das Umgekehrte_ ist der Fall. Man darf -sich nicht dadurch beirren lassen, daß die Frauen oft lange den Mann -abwarten und, wenn möglich, wählen, der ihnen am meisten Wert zu -schenken in der Lage ist -- den Herrlichsten, Berühmtesten, den »Ersten -unter Allen«. Dieses Bedürfnis scheidet das Weib vom Tiere, welches -Wert überhaupt nicht, weder vor sich selbst, durch sich selbst (wie -der Mann), noch durch einen anderen, vor einem anderen (wie das Weib) -zu gewinnen trachtet. Aber nur von Dummköpfen konnte es im rühmenden -Sinne hervorgehoben werden, da es doch am sichersten zeigt, wie die -Frau alles _Eigenwertes_ entbehrt. Dieses Bedürfnis nun verlangt -allerdings nach Befriedigung; es liegt aber in ihm durchaus nicht der -sittliche _Gedanke_ der Monogamie. Der Mann ist in der Lage, Wert zu -spenden, Wert zu übertragen an die Frau, er _kann schenken_, er _will_ -auch schenken; nie kann er seinen Wert, wie das Weib, als Beschenkter -finden. Die Frau sucht also zwar sich möglichst viel Wert zu -verschaffen, indem sie ihre Erwählung durch jenen einen Mann betreibt, -der ihr den _meisten_ Wert geben kann; der Ehe aber liegen, beim Manne, -ganz andere Motive zu Grunde. Sie ist jedenfalls ursprünglich als die -Vollendung der idealen Liebe, als eine Erfüllung gedacht, auch wenn -es sehr fraglich ist, ob sie so viel je wirklich leisten kann. Sie -ist ferner durchdrungen von dem ganz und gar männlichen Gedanken der -_Treue_ (die Kontinuität, ein intelligibles _Ich_ voraussetzt). Man -wird zwar oft das Weib treuer nennen hören als den Mann; die Treue des -Mannes ist nämlich für ihn ein _Zwang_, den er sich, allerdings im -_freien_ Willen und mit vollem _Bewußtsein_, auferlegt hat. Er wird an -diese Selbstbindung oft sich nicht kehren, aber dies stets als sein -Unrecht betrachten oder irgendwie fühlen. Wenn er die Ehe bricht, so -hat er sein intelligibles Wesen nicht zum Worte kommen lassen. Für die -Frau ist der Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke -der Sittlichkeit gar nicht, sondern nur die Motive der Sicherheit und -des Rufes mitsprechen. Es gibt kein Weib, das in Gedanken ihrem Manne -nie untreu geworden wäre, _ohne_ daß es aber darum dies auch schon -sich vorwürfe. Denn das Weib geht die Ehe zitternd und voll unbewußter -Begier ein und bricht sie, da es kein der Zeitlichkeit entrücktes -Ich hat, so erwartungsvoll, so gedankenlos, wie es sie geschlossen -hat. Jenes Motiv, das einem _Vertrage_ Treue wahren heißt, kann nur -beim Manne sich finden; für die bindende Kraft eines gegebenen Wortes -fehlt der Frau das Verständnis. Was man als Beispiele weiblicher Treue -anführt, beweist hiegegen wenig. Sie ist entweder die lange Nachwirkung -eines intensiven Verhältnisses sexueller Folgsamkeit (_Penelope_) -oder dieses Hörigkeitsverhältnis selbst, hündisch, nachlaufend, voll -instinktiver zäher Anhänglichkeit, vergleichbar der körperlichen -Nähe als Bedingung alles weiblichen Mitleidens (_Das Käthchen von -Heilbronn_). - -Die Ein-Ehe hat also der Mann geschaffen. Sie hat ihren Ursprung im -Gedanken der männlichen Individualität, die im Wandel der Zeiten -unverändert fortdauert; und demnach zu ihrer vollen Ergänzung stets -nur eines und desselben Wesens bedürfen kann. Insoweit liegt in dem -Plane der _Ein-Ehe_ unleugbar etwas Höheres und findet die Aufnahme -derselben unter die Sakramente der katholischen Kirche eine gewisse -Rechtfertigung. Dennoch soll hiemit in der Frage »Ehe oder freie Liebe« -nicht Partei ergriffen sein. Auf dem Boden irgendwelcher Abweichungen -vom strengsten Sittengesetz -- und eine solche Abweichung liegt in -jeder empirischen Ehe -- sind _völlig_ befriedigende Problemlösungen -nie mehr möglich: _zugleich_ mit der Ehe ist der Ehe_bruch_ auf die -Welt gekommen. - -_Trotzdem_ kann die Ehe nur vom Manne eingesetzt sein. Es gibt kein -Rechtsinstitut weiblichen Ursprungs, alles _Recht_ rührt vom Manne, und -nur viele _Sitte_ vom Weibe her (schon darum wäre es ganz verfehlt, -das Recht aus der Sitte, oder umgekehrt die Sitte aus dem Recht -hervorgehen zu lassen. Beide sind ganz heterogene Dinge). _Ordnung_ in -wirre sexuelle Verhältnisse zu bringen, dazu kann, wie nach Ordnung, -nach _Regel_, nach Gesetz überhaupt (im praktischen wie theoretischen) -nur der Mann -- donna è mobile -- das Bedürfnis und die Kraft besessen -haben. Und es scheint ja wirklich für viele Völker eine Zeit gegeben -zu haben, da die Frauen auf die soziale Gestaltung großen Einfluß -nehmen durften; aber damals gab es nichts weniger als Ehe: die Zeit des -_Matriarchats_ ist die Zeit der _Vielmännerei_. -- - -Das ungleiche Verhältnis der Mutter und der Dirne zum Kinde ist -reich an weiteren Aufschlüssen. Ein Weib, das vorwiegend Dirne ist, -wird auch in ihrem Sohne zunächst dessen Mannheit wahrnehmen und -stets in einem sexuellen Verhältnis zu ihm stehen. Da aber kein Weib -ganz mütterlich ist, läßt es sich nicht verkennen, daß ein letzter -Rest sexueller Wirkung von jedem Sohne auf seine Mutter ausgeht. -Darum bezeichnete ich früher das Verhältnis zur Tochter als den -zuverlässigsten Maßstab der Mutterliebe. Sicherlich steht anderseits -auch jeder Sohn zu seiner Mutter in einer, wenn auch vor den Blicken -beider noch so verschleierten, sexuellen Beziehung. In der ersten -Zeit der Pubertät kommt dies bei den meisten Männern, bei manchen -selbst noch später hin und wieder, aus seiner Zurückdrängung im wachen -Bewußtsein, durch sexuelle Phantasien während des Schlafes, deren -Objekt die Mutter bildet, zum Vorschein (»Ödipus-Traum«). Daß aber -auch im eigentlichsten Verhältnis der echten Mutter zum Kinde noch ein -tiefes, sexuelles Verschmolzenheitselement steckt, darauf scheinen -die Wollustgefühle hinzudeuten, welche die Frau bei der Laktation so -unzweifelhaft empfindet, wie die anatomische Tatsache feststeht, daß -sich unter der weiblichen Brustwarze erektiles Gewebe befindet und von -den Physiologen ermittelt ist, daß durch Reizung von diesem Punkte aus -Zusammenziehungen der Gebärmuttermuskulatur ausgelöst werden können. -Sowohl die Passivität, welche für das Weib aus dem aktiven Saugen des -Kindes resultiert, als auch der Zustand inniger, körperlicher Berührung -während der Spende der Muttermilch stellen eine sehr vollkommene -Analogie zum Verhalten des Weibes im Koitus her; sie lassen es -begreiflich erscheinen, daß die monatlichen Blutungen auch während der -Laktation pausieren, und geben der unklaren, aber tiefen Eifersucht des -Mannes schon auf den Säugling ein gewisses Recht. Das Nähren des Kindes -ist aber eine durchaus mütterliche Beschäftigung; je mehr eine Frau -Dirne ist, desto weniger wird sie ihr Kind selbst stillen wollen, desto -schlechter wird sie es können. Es läßt sich also nicht leugnen, daß das -Verhältnis Mutter--Kind an sich bereits ein dem Verhältnis Weib--Mann -verwandtes ist. - -Die Mütterlichkeit ist ferner gleich allgemein wie die Sexualität und -den verschiedenen Wesen gegenüber so abgestuft wie diese. Wenn eine -Frau mütterlich ist, muß ihre Mütterlichkeit nicht nur dem leiblichen -Kinde gegenüber sich offenbaren, sondern auch schon vorher und jedem -Menschen gegenüber zum Ausdruck kommen; wenngleich das Interesse für -das eigene Kind später alles andere absorbiert und die Mutter im -Falle eines Konfliktes durchaus engherzig, blind und ungerecht macht. -Am interessantesten ist hier das Verhältnis des mütterlichen Mädchens -zum Geliebten. Mütterliche Frauen nämlich sind schon als Mädchen dem -Manne gegenüber, den sie lieben, selbst für jenen Mann, der später -Vater ihres Kindes wird, Mütter; _er $ist$ selbst schon in gewissem -Sinne ihr Kind_. In diesem Mutter und liebender Frau Gemeinsamen[47] -offenbart sich uns das tiefste Wesen _dieses_ Weibestypus: es ist -der fortlaufende Wurzelstock der Gattung, den die Mütter bilden, -das nie endende, mit dem Boden verwachsene Rhizom, von dem sich der -einzelne _Mann_ als Individuum _ab_hebt und dem gegenüber er seiner -Vergänglichkeit inne wird. Dieser Gedanke ist es, mehr oder weniger -bewußt, welcher den Mann selbst das mütterliche Einzelwesen, auch schon -als Mädchen, in einer gewissen Ewigkeit erblicken läßt[48], der das -schwangere Weib zu einer großen Idee macht (_Zola_). Die ungeheuere -_Sicherheit_ der Gattung, aber freilich sonst nichts, liegt in dem -_Schweigen_ dieser Geschöpfe, vor dem sich der Mann für Augenblicke -sogar klein fühlen kann. Ein gewisser Friede, eine große Ruhe mag -in solchen Minuten über ihn kommen, ein Schweigen aller höheren -und tieferen Sehnsucht, und er mag so für Momente wirklich wähnen, -den tiefsten Zusammenhang mit der Welt durch das Weib gefunden zu -haben. Wird er doch beim geliebten Weib dann ebenfalls zum _Kinde_ -(_Siegfried_ bei _Brünnhilde_, dritter Akt); zum Kinde, das die Mutter -lächelnd betrachtet, für das sie unendlich viel _weiß_, dem sie Pflege -angedeihen läßt, das sie zähmt und im Zaum hält. Aber nur auf Sekunden -(Siegfried reißt sich von Brünnhilde). Denn was den Mann ausmacht, -ist ja nur, was ihn von der Gattung loslöst, indem es ihn über sie -erhebt. Darum ist die Vaterschaft durchaus nicht die Befriedigung -seines tiefsten Gemütsbedürfnisses, darum ist ihm der Gedanke, in der -Gattung auf-, in ihr unterzugehen, entsetzlich; und das fürchterlichste -Kapitel, in dem trostärmsten unter den großen Büchern der menschlichen -Literatur, in der »Welt als Wille und Vorstellung«, das »Über den Tod -und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich«, -wo diese Unendlichkeit des Gattungswillens als die einzig wirkliche -Unsterblichkeit hingestellt ist. - -Die Sicherheit der Gattung ist es, welche die Mutter mutig und -unerschrocken macht im Gegensatz zur stets feigen und furchtsamen -Prostituierten. Es ist nicht der Mut der Individualität, der moralische -Mut, der aus der Werthaltung der Wahrheit und der Unbeugsamkeit -des innerlich Freien folgt, sondern der Lebenswille der Gattung, -welche durch die Einzelperson der Mutter das Kind und selbst den -Mann schützt. Wie vom Begriffspaare Mut und Feigheit, so ist auch -vom Gegensatz Hoffnung -- Furcht die Hoffnung der Mutter, die Furcht -der Dirne zugefallen. Die absolute Mutter ist sozusagen stets und in -jeder Beziehung »in der Hoffnung«; da sie in der Gattung unsterblich -ist, kennt sie auch keine Furcht vor dem Tode, vor dem die Dirne -eine entsetzliche Angst hat, ohne im geringsten ein individuelles -Unsterblichkeitsbedürfnis zu hegen -- ein Beweis mehr, wie falsch es -ist, das Begehren nach persönlicher Fortdauer bloß auf die Furcht vor -dem körperlichen Tode und das Wissen um diesen zurückzuführen. - -Die Mutter fühlt sich dem Manne stets überlegen, sie weiß sich -als seinen Anker; indes sie selbst in der geschlossenen Kette der -Generationen wohl gesichert, gleichsam den Hafen vorstellt, aus dem -jedes Schiff neu ausläuft, steuert der Mann weit draußen allein auf -hoher See. Die Mutter ist, im höchsten Alter noch, immer bereit, das -Kind zu empfangen und zu bergen; bereits in der Konzeption des Kindes -lag psychisch, wie sich zeigen wird, für die Mutter dieses Moment, -in der Schwangerschaft tritt das andere des Schutzes und der Nahrung -ganz deutlich zu Tage. Dieses Überlegenheitsverhältnis kommt auch -vor dem Geliebten zum Vorschein: die Mutter hat Verständnis für das -Naive und Kindliche, für die _Einfalt_ im Manne, die Hetäre für seine -Feinheiten und sein Raffinement. Die Mutter hat das Bedürfnis, ihr -Kind zu lehren, ihm alles zu geben, sei dieses Kind auch der Geliebte; -die Hetäre brennt darauf, daß ihr der Mann _imponiere_, sie will ihm -selbst erst alles _verdanken_. Die Mutter als Vertreterin des Genus, -das sich in jedem seiner Angehörigen auswirkt, ist freundlich gegen -alle Mitglieder der Gattung (_selbst jede Tochter ist in diesem Sinne -noch die Mutter ihres Vaters_); erst wenn die Interessen der engeren -Kinder auf dem Spiele stehen, wird sie, aber dann auch in einem -außerordentlichen Grade, exklusiv; die Dirne ist nie so liebreich und -nie so engherzig, wie die Mutter es sein kann. - -_Die Mutter steht ganz unter dem Gattungszweck; die Prostituierte steht -außerhalb desselben._ Ja die Gattung hat eigentlich nur diesen einen -Anwalt, diese eine Priesterin, die Mutter; der Wille des Genus kommt -nur in ihr rein zum Ausdruck, während bereits die Erscheinung der Dirne -den Beweis dafür liefert, daß _Schopenhauers_ Lehre, es handle sich in -aller Sexualität nur um die Zusammensetzung der künftigen Generation, -unmöglich allgemein zutreffen kann. Daß es der Mutter nur auf das Leben -ihrer Gattung ankommt, wird auch daraus ersichtlich, daß mütterliche -Frauen es sind, die gegen Tiere am meisten Härte beweisen. Man muß -beobachtet haben, mit welcher unerschütterlichen Ruhe, wie durchdrungen -von der Verdienstlichkeit ihres Amtes die gute Hausfrau und Mutter ein -Huhn nach dem anderen schlachtet. Denn die Kehrseite der Mutterschaft -ist die Stiefmutterschaft; jede Mutter ihrer Kinder ist Stiefmutter -aller anderen Geschöpfe. - -Noch auffallender als diese Bestätigung fällt für den Zusammenhang -der Mutter mit der Erhaltung der Gattung ihr eigentümlich inniges -Verhältnis zu allem ins Gewicht, was zur _Nahrung_ dient. Sie kann es -nicht ertragen, daß irgend etwas, das hätte gegessen werden können, sei -es auch ein noch so geringfügiger Rest, zu Grunde gehe. Ganz anders die -Dirne, die nach Willkür, ohne rechten Grund jetzt große Quantitäten -an Vorräten zum Essen und Trinken beschafft, um sie dann haufenweise -»stehen« zu lassen. Die Mutter ist überhaupt geizig und kleinlich, -die Prostituierte verschwenderisch, launisch. Denn die _Erhaltung der -Gattung_ ist der Zweck, für den die Mutter lebt; so sorgt sie sich -eifrig darum, daß die von ihr Bemutterten sich satt essen, und durch -nichts ist sie so zu erfreuen, wie durch einen gesegneten Appetit. -Damit hängt ihr Verhältnis zum Brode, zu allem, was Wirtschaft heißt, -zusammen. _Ceres_ ist eine gute Mutter: eine Tatsache, die in ihrem -griechischen Namen _Demeter_ deutlich zum Ausdruck kommt. So pflegt die -Mutter die Physis, nicht aber die Psyche des Kindes[49]. Das Verhältnis -zwischen Mutter und Kind bleibt von seiten der Mutter immer ein -körperliches: vom Küssen und Herzen des Kleinen bis zu der umgebenden -und einwickelnden Sorge für den Erwachsenen. Auch das aller Vernunft -bare Entzücken über jedwede Lebensäußerung des kleinen Säuglings -ist nicht anders zu verstehen, als aus dieser einzigen Aufgabe der -Erhaltung und Hut des irdischen Daseins. - -Damit ergibt sich hieraus auch, warum die Mutterliebe nicht wahrhaft -sittlich hochgeschätzt werden kann. Es frage sich jeder aufrichtig, ob -er glaubt, daß ihn seine Mutter nicht ebenso lieben würde, wenn er ganz -anders wäre als er ist, ob ihre Neigung geringer würde, wenn er nicht -er, sondern ein ganz anderer Mensch wäre! _Hier_ liegt der springende -Punkt, und hier sollen die Rede stehen, welche von der moralischen -Hochachtung des Weibes um der Mutterliebe willen nicht lassen wollen. -Die Individualität des Kindes ist der Mutterliebe ganz gleichgültig, -ihr genügt die bloße Tatsache der Kindschaft: _und dies ist eben das -Unsittliche an ihr_. In jeder Liebe von Mann zu Weib, auch in jeder -Liebe innerhalb des gleichen Geschlechtes, kommt es sonst immer auf -ein bestimmtes Wesen mit ganz besonderen körperlichen und psychischen -Eigenschaften an; nur die Mutterliebe erstreckt sich wahllos auf alles, -was die Mutter je in ihrem Schoße getragen hat. Es ist ein grausames -Geständnis, das man sich macht, grausam gegen Mutter und Kind, daß -gerade hierin sich offenbart, wie vollkommen unethisch die Mutterliebe -eigentlich ist, jene Liebe, die ganz gleich fortwährt, ob der Sohn ein -Heiliger oder ein Verbrecher, ein König oder ein Bettler werde, ein -Engel bleibe oder zum Scheusal entarte. Nicht minder gemein freilich -ist der Anspruch, den so oft die Kinder auf die Liebe ihrer Mutter -zu haben glauben, bloß weil sie deren Kinder sind (besonders gilt -dies von den Töchtern; indessen sind auch die Söhne in diesem Punkte -meist fahrlässig). Die Mutterliebe ist darum unmoralisch, weil sie -kein Verhältnis zum fremden _Ich_ ist, sondern ein _Verwachsensein_ -von Anfang an darstellt; sie ist, wie alle Unsittlichkeit gegen -andere, eine _Grenzüberschreitung_. Es gibt ein ethisches Verhältnis -nur _von Individualität zu Individualität_. Die Mutterliebe schaltet -die Individualität _aus_, indem sie _wahllos_ und _zudringlich_ ist. -_Das Verhältnis der Mutter zum Kinde ist in alle Ewigkeit ein System -von reflexartigen Verbindungen zwischen diesem und jener._ Schreit -oder weint das Kleine, während die Mutter im Nebenzimmer sitzt, -plötzlich auf, so wird die Mutter wie gestochen emporfahren und zu ihm -hineineilen (eine gute Gelegenheit, um sofort zu erkennen, was eine -Frau mehr ist, Mutter oder Dirne); und auch später teilt sich jeder -Wunsch, jede Klage des Erwachsenen der Mutter augenblicklich mit, sie -werden auf sie gleichsam fortgeleitet, pflanzen sich auf sie über, und -werden unbesehen, unaufgehalten die ihren. _Eine nie unterbrochene -Leitung zwischen der Mutter und allem, was je durch eine Nabelschnur -mit ihr verbunden war_: das ist das Wesen der Mutterschaft, und -ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe nicht -einstimmen, sondern muß gerade das an ihr verwerflich finden, was an -ihr so oft gepriesen wird: ihre Wahllosigkeit. Ich glaube übrigens, daß -von vielen hervorragenderen Denkern und Künstlern dies wohl erkannt -und nur verschwiegen worden ist; die früher so verbreitete große -Überschätzung _Rafaels_ ist gewichen, und sonst stehen die Sänger der -Mutterliebe eben doch nicht höher als _Fischart_ oder als _Richepin_. -Die Mutterliebe ist instinktiv und triebhaft: auch die Tiere kennen sie -nicht weniger als die Menschen. Damit allein wäre aber schon bewiesen, -daß diese Art der Liebe keine echte Liebe, daß dieser Altruismus -keine wahre Sittlichkeit sein kann; denn alle Moral stammt von jenem -intelligiblen Charakter, dessen die gänzlich unfreien tierischen -Geschöpfe entraten. Dem ethischen Imperative kann nur von einem -vernünftigen Wesen gehorcht werden; es gibt keine triebhafte sondern -nur bewußte Sittlichkeit. - -Ihre Stellung außerhalb des Gattungszweckes, der Umstand, daß sie -nicht bloß als Aufenthaltsort und Behälter, gleichsam nur zum ewigen -Durchpassieren für neue Wesen dient und sich nicht darin verzehrt, -diesen Nahrung zu geben, stellt die Hetäre in gewisser Beziehung -_über_ die Mutter; soweit dort von ethisch höherem Standort überhaupt -die Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber handelt. Die Mutter, -die ganz in Pflege und Kleidung von Mann und Kind, in Besorgung oder -Aufsicht von Küche und Haus, Garten und Feld aufgeht, steht fast -immer intellektuell sehr tief. Die geistig höchstentwickelten Frauen, -alles, was dem Manne irgendwie _Muse_ wird, gehört in die Kategorie -der Prostituierten: zu diesem, dem _Aspasien-Typus_, sind die Frauen -der Romantik zu rechnen, vor allem die hervorragendste unter ihnen, -_Karoline Michaelis-Böhmer-Forster-Schlegel-Schelling_. - -Es hängt damit zusammen, daß nur solche Männer sexuell von der Mutter -sich angezogen fühlen, die kein Bedürfnis nach geistiger Produktivität -haben. Wessen Vaterschaft sich auf leibliche Kinder beschränkt, von dem -ist es ja auch zu erwarten, daß er die fruchtbare Frau, die Mutter, -erwählen wird vor der anderen. _Bedeutende Menschen haben stets nur -Prostituierte geliebt_[50]; ihre Wahl fällt auf das sterile Weib, -wie sie selbst, wenn überhaupt eine Nachkommenschaft, so stets eine -lebensunfähige, bald aussterbende hervorbringen -- was vielleicht -einen tiefen ethischen Grund hat. Die irdische Vaterschaft nämlich -ist ebenso geringwertig wie die Mutterschaft; sie ist unsittlich, wie -sich später zeigen wird (Kapitel 14); und sie ist unlogisch, denn sie -stellt in jeder Beziehung eine Illusion vor: wie weit er Vater seines -Kindes ist, dessen ist kein Mensch je gewiß. Und auch ihre Dauer ist -doch immer kurz und vergänglich: jedes Geschlecht und jede Rasse der -Menschheit ist schließlich zu Grunde gegangen und erloschen. - -Die so verbreitete, so ausschließliche und geradezu ehrfürchtige -Wertschätzung der mütterlichen Frau, die man dann gerne noch für den -alleinigen und einzig echten Typus des Weibes auszugeben pflegt, ist -nach alledem völlig unberechtigt; obwohl von fast allen Männern zähe -an ihr festgehalten, ja gewöhnlich noch behauptet wird, daß jede -Frau erst als Mutter ihre Vollendung finde. Ich gestehe, daß mir -die Prostituierte nicht als Person, sondern als Phänomen weit mehr -imponiert. - -Die allgemeine Höherstellung der Mutter hat verschiedene Gründe. -Vor allem scheint sie, da ihr am Manne an sich nichts oder nur so -viel liegt, als er Kind ist, eher geeignet, dem Virginitätsideal -zu entsprechen, das, wie sich zeigen wird, stets erst der Mann aus -einem gewissen Bedürfnis an die Frau heranbringt; welcher Keuschheit -ursprünglich fremd ist, der nach Kindern begehrenden Mutter ganz ebenso -wie der männersüchtigen Dirne. - -Jenen Schein großer Sittlichkeit vergilt ihr der Mann durch die, -an und für sich ganz unbegründete, moralische und soziale Erhebung -über die Prostituierte. Diese ist das Weib, das sich den Wertungen -des Mannes und dem von ihm bei der Frau gesuchten Keuschheitsideale -nie gefügt, sondern stets, in verborgenem Sträuben als Weltdame, in -passivem leisen Widerstande als Halbweltlerin, in offener Demonstration -als Gassendirne, _widersetzt_ hat. _Hieraus allein_ erklärt sich die -Sonderposition, die Stellung außer aller sozialen Achtung, ja nahezu -außer Recht und Gesetz, welche die Prostituierte heute fast überall -einnimmt. Die Mutter hatte es leicht, sich dem sittlichen Willen des -Mannes zu unterwerfen, da es ihr nur auf das Kind, auf das Leben der -Gattung ankam. - -Ganz anders die Dirne. Sie lebt wenigstens ihr eigenes Leben ganz -und gar[51], wenn sie auch dafür -- im extremen Falle -- mit dem -Ausschluß aus der Gesellschaft bestraft wird. Sie ist zwar nicht mutig -wie die Mutter, vielmehr feige durch und durch, aber sie besitzt -auch das stete Korrelat der Feigheit, die Frechheit, und so hat sie -wenigstens die Unverschämtheit ihrer Schamlosigkeit. Von Natur zur -Vielmännerei veranlagt, und immer mehr Männer anziehend als bloß den -einen Gründer einer Familie, ihren Trieben Lauf lassend und sie wie im -Trotze befriedigend, fühlt sie sich als Herrscherin, und die tiefste -Selbstverständlichkeit ist ihr, daß sie Macht habe. Die Mutter ist -leicht zu kränken oder zu empören, die Prostituierte kann niemand -verletzen, niemand beleidigen; denn die Mutter hat als Hüterin des -Genus, der Familie eine gewisse _Ehre_, die Prostituierte hat auf alle -soziale Ehre verzichtet, und das ist ihr Stolz, darum wirft sie den -Nacken zurück. Den Gedanken aber, daß sie keine Macht habe, vermöchte -sie nicht zu fassen. (»La maîtresse«.) Sie erwartet es und kann es gar -nicht anders glauben, als daß alle Menschen sich mit ihr befassen, nur -an sie denken, _für sie leben_. Und tatsächlich ist sie es auch -- -sie, das Weib als Dame -- welche die meiste Macht unter den Menschen -besitzt, den größten, ja den alleinigen Einfluß ausübt in allem -Menschenleben, das nicht durch männliche Verbände (vom Turnverein bis -zum Staat) geregelt ist. - -Sie bildet hier das Analogon zum großen Eroberer auf politischem -Gebiet. Wie dieser, wie _Alexander_ und _Napoleon_, wird die ganz -große, ganz bezaubernde Dirne vielleicht nur alle tausend Jahre einmal -geboren, aber dann feiert sie auch, wie dieser, ihren Siegeszug durch -die ganze Welt. - -Jeder solche Mann steht immer in einer gewissen Verwandtschaft zur -Prostituierten (jeder Politiker ist irgendwie _Volkstribun_, und -im Tribunat steckt ein Element der Prostitution); wie er ist die -Prostituierte, im Gefühle ihrer Macht, vor dem Manne nie im geringsten -verlegen, während es jeder Mann gerade ihr und ihm gegenüber immer -ist. Wie der große Tribun glaubt sie jeden Menschen, mit dem sie -spricht, zu _beglücken_ -- man beobachte ein solches Weib, wenn es -einen Polizeimann um eine Auskunft bittet, wenn es in ein Geschäft -tritt; gleichgültig ob Männer oder Frauen darin angestellt sind, -gleichgültig, wie klein der Einkauf ist, den sie macht: immer glaubt -sie Gaben _auszuteilen_ nach allen Seiten hin. Man wird in jedem -geborenen Politiker dieselben Elemente entdecken. Und die Menschen, -alle Menschen haben _beiden_ gegenüber -- man denke, sogar der -selbstbewußte _Goethe_ in seinem Verhalten zu _Napoleon_ in Erfurt -- -tatsächlich und unwiderstehlich das Gefühl, _beschenkt_ worden zu sein -(_Pandora-Mythus_; _Geburt der Venus_: die aus dem Meer aufsteigt und -bereits darbietend um sich blickt). - -Hiemit bin ich, wie ich im fünften Kapitel[52] versprochen habe, -nochmals zu den »Männern der Tat« auf einen Augenblick zurückgekehrt. -Selbst ein so tiefer Mensch wie _Carlyle_ hat sie hochgewertet, ja »the -hero as king« zuletzt, zuhöchst unter allen Heroen gesetzt. Es wurde -schon an jener Stelle gezeigt, warum dies nicht zutreffen kann. Ich -darf jetzt weiter darauf hinweisen, wie alle großen Politiker Lüge und -Betrug zu brauchen nicht scheuen, auch die größten nicht, _Caesar_, -_Cromwell_, _Napoleon_, _Bismarck_; wie _Alexander der Große_ sogar zum -Mörder wurde und sich seine Schuld von einem Sophisten nachträglich -bereitwillig ausreden ließ. Verlogenheit aber ist unvereinbar mit -Genialität; _Napoleon_ hat auf St. Helena von Lüge gesättigte, von -Sentimentalität triefende Memoiren geschrieben, und sein letztes Wort -war noch die altruistische Pose, daß er stets nur Frankreich geliebt -habe. _Napoleon_, die größte Erscheinung unter allen, zeigt auch -am deutlichsten, daß die »großen Willensmenschen«, Verbrecher, und -demnach keine Genies sind. Ihn kann man nicht anders verstehen als -aus der _ungeheuren Intensität, mit der er sich selbst floh_: nur -so ist alle Eroberung, im Großen, wie im Kleinen, zu erklären. Über -sich selbst mochte Napoleon nie nachdenken, nicht eine Stunde durfte -er ohne große äußere Dinge bleiben, die ihn ganz ausfüllen sollten: -darum mußte er die Welt erobern. Da er große Anlagen hatte, größere -als jeder Imperator vor ihm, brauchte er mehr, um alle Gegenstimmen in -sich zum Schweigen zu bringen. Übertäubung seines besseren Selbst, das -war das gewaltige Motiv seines Ehrgeizes. Der höhere, der bedeutende -Mensch mag zwar das gemeine Bedürfnis nach Bewunderung oder nach dem -Ruhme teilen, aber nicht den Ehrgeiz als das Bestreben, alle Dinge in -der Welt mit sich als empirischer Person zu verknüpfen, sie von sich -abhängig zu machen, um auf den eigenen Namen alle Dinge der Welt zu -einer unendlichen Pyramide zu _häufen_. Der große Mensch hat _Grenzen_, -denn _er_ ist die Monade der Monaden, und -- dies ist eben jene letzte -Tatsache -- gleichzeitig der bewußte Mikrokosmus, _pantogen_, er hat -die ganze Welt in sich, er sieht, im vollständigsten Falle, bei der -ersten Erfahrung, die er macht, klar ihre Zusammenhänge im All, und er -bedarf darum zwar der _Erlebnisse_, aber keiner _Induktion_; der große -Tribun und die große Hetäre sind _die_ absolut _grenzenlosen_ Menschen, -welche die ganze Welt zur Dekoration und Erhöhung ihres _empirischen_ -Ich gebrauchen. Darum sind beide jeder Liebe, Neigung und Freundschaft -unfähig, lieblos, liebeleer. - -Man denke an das tiefe Märchen von dem König, der die Sterne erobern -wollte! Es enthüllt strahlend und grell die Idee des Imperators. Der -wahre Genius gibt sich selbst seine Ehre, und am allerwenigsten setzt -er sich in jenes Wechselverhältnis gegenseitiger Abhängigkeit zum -Pöbel, wie dies jeder Tribun tut. Denn im großen Politiker steckt nicht -nur ein Spekulant und Milliardär, sondern auch ein Bänkelsänger; er ist -nicht nur großer Schachspieler, sondern auch großer Schauspieler; er -ist nicht nur ein Despot, sondern auch ein Gunstbuhler; er prostituiert -nicht nur, er ist auch eine große Prostituierte. Es gibt keinen -Politiker, keinen Feldherrn, der nicht »hinabstiege«. Seine Hinabstiege -sind ja berühmt, sie sind seine Sexualakte! _Auch zum richtigen Tribun -gehört die Gasse._ Das Ergänzungsverhältnis zum Pöbel ist geradezu -konstitutiv für den Politiker. Er kann überhaupt nur Pöbel brauchen; -mit den anderen, den Individualitäten, räumt er auf, wenn er unklug -ist, oder heuchelt sie zu schätzen, um sie unschädlich zu machen, wenn -er so gerieben ist wie _Napoleon_. Seine Abhängigkeit vom Pöbel hat -dieser denn auch am feinsten gespürt. Ein Politiker kann durchaus nicht -alles Beliebige unternehmen, auch wenn er ein Napoleon ist, und selbst -wenn er, was er aber als Napoleon nicht wird, _Ideale_ realisieren -wollte: er würde gar bald von dem Pöbel, seinem wahren Herren, eines -Besseren belehrt werden. Alle »Willensersparnis« hat nur für den -_formalen_ Akt der _Initiative_ Geltung; _frei_ ist das Wollen des -Machtgierigen nicht. - -Auf diese Gegenseitigkeit, diese Relation zu den Massen fühlt -sich jeder Imperator hingewiesen, _darum_ sind alle ausnahmslos -ganz instinktiv _für_ die Constituante, für die Volks- oder -Heeresversammlung, für das allgemeinste Wahlrecht (_Bismarck_ 1866). -Nicht Marc Aurel und Diokletian, sondern Kleon, Antonius, Mirabeau, das -sind die Gestalten, in denen der echte Politiker erscheint. Ambitio -heißt eigentlich Herumgehen. Das tut der Tribun wie die Prostituierte. -Napoleon hat in Paris nach _Emerson_ »inkognito in den Straßen auf die -Hurras und Lobsprüche des Pöbels gelauscht«. Von _Wallenstein_ heißt es -bei _Schiller_ ganz ähnlich. - -Von jeher hat das Phänomen des großen Mannes der Tat, als ein ganz -Einzigartiges, vor allem die Künstler (aber auch philosophische -Schriftsteller) mächtig angezogen. Die überraschende Konformität, -welche hier entrollt wurde, wird es vielleicht erleichtern, der -Erscheinung begrifflich, durch die Analyse, näher zu kommen. _Antonius_ -(_Caesar_) und _Kleopatra_ -- die beiden sind einander gar nicht -unähnlich. Den meisten Menschen wird die Parallele wohl zuerst -ganz fiktiv erscheinen, und doch däucht mich das Bestehen einer -engen Analogie über allen Zweifel erhaben, so heterogen beide den -ersten Anblick berühren mögen. Wie der »große Mann der Tat« auf ein -_Innenleben verzichtet_, um sich gänzlich in der Welt, hier paßt das -Wort, _auszuleben_, und zugrundezugehen wie alles _Aus_gelebte, statt -zu bestehen wie alles _Ein_gelebte, wie er seinen ganzen _Wert_ mit -kolossaler Wucht hinter sich wirft und sich ihn _weghält_, so schmeißt -die große Prostituierte der Gesellschaft den Wert ins Antlitz, den sie -als Mutter von ihr beziehen könnte, nicht freilich um in sich zu gehen -und ein beschauliches Leben zu führen, sondern um ihrem sinnlichen -Triebe nun erst vollen Lauf zu lassen. Beide, die große Prostituierte -und der große Tribun, sind wie Brandfackeln, die entzündet weithin -leuchten, Leichen über Leichen auf ihrem Wege lassen und untergehen, -wie Meteore, für menschliche Weisheit sinnlos, zwecklos, ohne ein -Bleibendes zu hinterlassen, ohne alle Ewigkeit -- indessen die Mutter -und der Genius in der Stille die Zukunft wirken. Beide, Dirne und -Tribun, werden darum als »Gottesgeißeln«, als antimoralische Phänomene -empfunden. - -Hiegegen erscheint es neuerdings gerechtfertigt, daß seinerzeit vom -Begriffe des genialen Menschen der »große Willensmensch« ausgeschlossen -wurde. Das Genie, und zwar nicht etwa bloß das philosophische, sondern -auch das künstlerische, ist immer ausgezeichnet durch das Vorwalten der -begrifflichen oder darstellenden _Erkenntnis_ über alles _Praktische_. - -Das Motiv, welches die Dirne treibt, bedarf indessen noch einer -Untersuchung. Das Wesen der Mutter war relativ leicht zu erkennen: -sie ist in eminenter Weise das Werkzeug zur Erhaltung der Gattung. -Viel rätselhafter und schwieriger ist die Erklärung der Prostitution. -Für jeden, der über diese lange nachgedacht hat, sind sicherlich -Augenblicke gekommen, wo er an ihrer Aufhellung völlig verzweifelt -hat. Worauf es hier aber gewiß vor allem ankommt, ist das verschiedene -Verhältnis beider, der Mutter und der Dirne, zum Koitus. Die Gefahr ist -hoffentlich gering, daß jemand die Beschäftigung hiemit, wie überhaupt -mit dem Thema der Prostitution, für des Philosophen unwürdig erachten -könnte. Es ist der Geist der Behandlung, der vielen Gegenständen -Würde erteilen muß. Auch die Künstler, welche die Dirne zum Vorwurf -gewählt haben -- mir sind _Zolas_ »Confession de Claude«, _Hortense_, -_Renée_ und _Nana_, _Tolstois_ »Auferstehung«, _Ibsens_ _Hedda Gabler_ -und _Rita_, schließlich die _Sonja_ eines der größten Geister, des -_Dostojewskij_ bekannt geworden -- wollten nie wirklich singuläre -Fälle, sondern stets Allgemeines darstellen. Vom Allgemeinen aber muß -auch eine Theorie möglich sein. - -Für die Mutter ist der Koitus Mittel zum Zweck; die Dirne nimmt -insofern eine Sonderstellung zu ihm ein, _als ihr der Koitus -Selbstzweck wird_. Daß im Naturganzen dem Koitus noch eine andere -Rolle zugefallen ist außer der Fortpflanzung, hierauf sehen wir uns -allerdings auch dadurch hingewiesen, daß bei vielen Lebewesen die -letztere ohne den Koitus erreicht wird (_Parthenogenesis_). Aber -andererseits sehen wir bei den Tieren noch überall die _Begattung_ dem -Ziele der Hervorbringung einer Nachkommenschaft dienen, und nirgends -ist uns der Gedanke nahegelegt, daß die Kopulation _ausschließlich_ der -Lust wegen gesucht werde, indem sie vielmehr nur zu gewissen Zeiten, -den Brunstperioden, vor sich geht; so daß man die Lust geradezu als das -Mittel betrachtet hat, welches die Natur anwende, um _ihren_ Zweck der -Erhaltung der Gattung zu erreichen. - -Wenn der Koitus der Dirne Selbstzweck ist, so heißt dies nicht, daß -für die Mutter der Koitus nichts bedeute. Es gibt zwar eine Kategorie -»sexuell-anästhetischer« Frauen, die man als »frigid« bezeichnet, -obwohl solche Fälle viel seltener glaubwürdig sind, als man denkt, -indem sicherlich an der ganzen Kälte oft nur der Mann die Schuld trägt, -der durch seine Person nicht vermochte, das Gegenteil herbeizuführen; -die übrigen Fälle aber sind nicht dem Muttertypus zuzurechnen. -Frigidität kann sowohl bei der Mutter als bei der Dirne auftreten; sie -wird später unter den hysterischen Phänomenen eine Erklärung finden. -Ebensowenig darf man die Prostituierte für sexuell unempfindlich -halten, weil die Straßendirnen (d. i. jenes Kontingent, das im ganzen -und großen nur von der bäuerischen Bevölkerung, den Dienstmädchen -u. s. w. zur Prostitution gestellt wird) hier oft hochgespannte -Erwartungen durch Mangel an Lebendigkeit enttäuscht haben mögen. Weil -das käufliche Mädchen auch die Liebesbezeugungen solcher sich gefallen -lassen muß, die ihm sexuell nichts bieten, darf man es nicht etwa -als zu seinem Wesen gehörig betrachten, beim Koitus überhaupt kalt -zu bleiben. Dieser Schein entsteht nur, weil gerade sie die höchsten -Ansprüche an das sinnliche Vergnügen stellt; und für alle Entbehrungen, -die sie in dieser Hinsicht sonst erduldet, wird sie die Gemeinschaft -mit dem Zuhälter aufs ausgiebigste entschädigen müssen. - -Daß für die Dirne der Koitus Selbstzweck ist, wird auch hieraus -ersichtlich, daß sie, und nur sie allein, _kokett_ ist. Die Koketterie -ist nie ohne Beziehung zum Koitus. Ihr Wesen besteht darin, daß sie die -Eroberung der Frau dem Manne als geschehen vorspiegelt, um ihn _durch -den Kontrast_ mit der Realität, welche diese Erfüllung noch keineswegs -zeigt, zur Verwirklichung der Eroberung anzuspornen. So ist sie eine -Herausforderung des Mannes, dem sie eine und dieselbe Aufgabe in ewig -wechselnder Form zeigt und ihm _gleichzeitig_ zu verstehen gibt, daß -er nicht für fähig gehalten werde, diese Aufgabe je zu lösen. Hiebei -leistet das Spiel der Koketterie an sich für die Frau dies, daß es -ihren Zweck, den Koitus, bereits während seines Verlaufes in gewissem -Sinne erfüllt: denn durch das Begehren des Mannes, das sie hervorruft, -fühlt die Dirne schon ein den Sensationen des Koitiert-Werdens -Analoges und verschafft sich so den Reiz der Wollust zu jeder Zeit -und von jedem Manne. Ob sie hierin bis zum äußersten Ende gehen oder -sich zurückziehen werde, wenn die Bewegung einen zu beschleunigten -Fortgang nimmt, hängt wohl nur davon ab, ob die Form des wirklichen -Koitus, den sie zur Zeit ausübt, d. h. ob ihr gegenwärtiger Mann sie -schon so befriedigt, daß sie von dem anderen nicht _mehr_ erwartet. -Und daß gerade die Straßendirne im allgemeinen nicht kokett ist, kommt -vielleicht nur davon her, daß sie die Empfindungen, welche das Ziel -der Koketterie sind, im stärksten Ausmaß und in der massivsten Form -ohnedies unausgesetzt kostet und daher auf die feineren prickelnden -Variationen leicht verzichten kann. Die Koketterie ist also ein Mittel, -den aktiven sexuellen Angriff von Seite des Mannes herbeizuführen, -die Intensität dieses Angriffes nach Belieben zu steigern oder -abzuschwächen und seine Richtung, dem Angreifer selbst unmerkbar, -dorthin zu dirigieren, wo ihn die Frau haben will; ein Mittel, entweder -bloß Blicke und Worte hervorzurufen, durch welche sie sich angenehm -kitzelnd betastet fühlt, oder es bis zur »Vergewaltigung« kommen zu -lassen.[53] - -_Die Sensationen des Koitus sind prinzipiell keine anderen Empfindungen -als wie sie das Weib sonst kennt, sie zeigen dieselben nur in -höchster Intensifikation; das $ganze$ Sein des Weibes offenbart sich -im Koitus, aufs höchste $potenziert$._ Darum kommen hier auch die -Unterschiede zwischen Mutter und Dirne am stärksten zur Geltung. Die -Mutter empfindet den Koitus nicht _weniger_, sondern _anders_ als die -Prostituierte. Das Verhalten der Mutter ist mehr annehmend, hinnehmend, -die Dirne fühlt, schlürft bis aufs äußerste den Genuß. Die Mutter -empfindet das Sperma des Mannes gleichsam als _Depositum_: bereits im -Gefühle des Koitus findet sich bei ihr das Moment des Aufnehmens und -Bewahrens; denn sie ist die Hüterin des Lebens. Die Dirne hingegen -will nicht wie die Mutter das Dasein überhaupt erhöht und gesteigert -fühlen, wenn sie vom Koitus sich erhebt; _sie will vielmehr im Koitus -als Realität verschwinden, zermalmt, zernichtet, zu nichts, bewußtlos -werden vor Wollust_. Für die Mutter ist der Koitus der _Anfang $einer -Reihe$_; die Dirne will in ihm ihr _Ende_, sie will _vergehen_ in ihm. -Der Schrei der Mutter ist darum ein kurzer, mit schnellem Schluß; der -der Prostituierten ist langgezogen, denn alles Leben, das sie hat, will -sie in diesen Moment _konzentriert, zusammengedrängt_ wissen. Weil -dies nie gelingen kann, darum wird die Prostituierte in ihrem ganzen -Leben _nie_ befriedigt, von allen Männern der Welt nicht. - -Hierin liegt also ein fundamentaler Unterschied im Wesen beider. -Unterschiedslos aber fühlt sich jede Frau, da das Weib nur und durchaus -sexuell ist, da diese Sexualität über den ganzen Körper sich erstreckt -und an einigen Punkten, physikalisch gesprochen, bloß _dichter_ ist als -an anderen, fortwährend und am ganzen Leibe, überall und immer, von -was es auch sei, ausnahmslos _koitiert_. Das, was man gewöhnlich als -Koitus bezeichnet, ist nur ein _Spezialfall_ von höchster Intensität. -Die Dirne will _von allem koitiert werden_ -- darum kokettiert sie -auch, wenn sie _allein_ ist, _und selbst vor leblosen Gegenständen_, -vor jedem Bach, vor jedem Baum -- die Mutter wird von allen Dingen, -fortwährend und am ganzen Leibe, _geschwängert_. _Dies ist die -Erklärung des Versehens._ Alles, was auf eine Mutter je Eindruck -gemacht hat, wirkt fort, je nach der Stärke des Eindruckes -- der zur -Konzeption führende Koitus ist nur das intensivste dieser Erlebnisse -und überwiegt an Einfluß alle anderen -- _all das wird Vater ihres -Kindes_, es wird _Anfang einer Entwicklung_, deren Resultat sich später -am Kinde zeigt. - -Darum also ist die Vaterschaft eine armselige Täuschung; denn sie muß -stets mit unendlich vielen Dingen und Menschen geteilt werden, und -das _natürliche, physische_ Recht das _Mutterrecht_. Weiße Frauen, -die einst von einem Neger ein Kind gehabt haben, gebären später oft -einem weißen Manne Nachkommen, die noch unverkennbare Merkmale der -Negerrasse an sich tragen. Blüten, die mit einer Pollenart bestäubt -werden, ergeben oft nach vielen späteren andersartigen Bestäubungen -Früchte, welche noch an die Spezies erinnern, mit deren Pollen sie -ehedem affiziert wurden. Und die Stute des _Lord Morton_ ist ja berühmt -geworden, die, nachdem sie einmal einem Quagga einen Bastard geboren -hatte, noch lange hernach einem arabischen Hengst zwei Füllen warf, -welche deutliche Merkmale des Quaggas an sich trugen. - -Man hat an diesen Fällen viel gedeutelt; man hat erklärt, sie müßten -viel häufiger vorkommen, wenn der Vorgang überhaupt möglich wäre. Aber -damit sich diese »_Infektion_«, wie man ihn nennt (_Weismann_ hat -den ausgezeichneten Namen _Telegonie_, d. i. _Zeugung in die Ferne_, -vorgeschlagen, _Focke_ von Gastgeschenken, _Xenien_ gesprochen), -damit sich Fernzeugung deutlich offenbaren könne, ist eine Erfüllung -sämtlicher Gesetze der Sexualanziehung, eine außergewöhnlich hohe -geschlechtliche Affinität zwischen dem ersten Vater und der Mutter -erforderlich. Die Wahrscheinlichkeit ist von vornherein gering, -daß ein Paar sich finde, in welchem jene Affinität derart mächtig -ist, daß sie die mangelnde Rassenverwandtschaft überwindet; und -doch besteht nur, wenn Rassenverschiedenheit vorhanden ist, eine -Aussicht auf augenfällige, allgemein überzeugende Divergenzen; -indessen bei sehr naher Familienverwandtschaft die Möglichkeit fehlt, -unzweideutige Abweichungen vom Vatertypus an jenem Kinde, das noch -unter dem Einflusse der früheren Zeugung stehen soll, mit Sicherheit -festzustellen. Übrigens ist, daß man so heftig gegen die Keiminfektion -sich gewehrt hat, nur daraus zu erklären, daß man die Erscheinungen -nicht in ein System zu bringen wußte. - -Nicht besser als der Infektionslehre ist es dem Versehen ergangen. -Hätte man begriffen, daß auch die Fernzeugung ein Versehen ist, nur -eben ein Spezialfall des letzteren von höchster Intensität, hätte man -eingesehen, daß der Urogenitaltrakt nicht der einzige, sondern nur der -wirksamste Weg ist, auf dem eine Frau koitiert werden kann, daß die -Frau durch einen _Blick_, durch ein _Wort_ sich bereits _besessen_ -fühlen kann, es wäre der Widerspruch gegen das Versehen wie gegen -die Telegonie so laut nicht geworden. Ein Wesen, das überall und -von allen Dingen _koitiert_ wird, kann auch überall und von allen -Dingen _befruchtet_ werden: _die Mutter ist empfänglich überhaupt. In -ihr gewinnt alles Leben_, denn alles macht auf sie physiologischen -Eindruck und geht in ihr Kind als dessen Bildner ein. Hierin ist sie -wirklich, in ihrer niederen körperlichen Sphäre, nochmals dem Genius -vergleichbar. - -Anders die Dirne. Wie sie selbst im Koitus zunichte werden will, so -ist ihr Wirken auch sonst durchaus auf Zerstörung angelegt. Während -die Mutter alles, was dem irdischen Leben und guten Fortkommen des -Menschen förderlich ist, begünstigt, alles Ausschweifende aber von -ihm fernhält, während sie den Fleiß des Sohnes aneifert und die -Arbeitsamkeit des Gatten spornt, sucht die Hetäre die ganze Kraft -und Zeit des Mannes _für sich_ in Anspruch zu nehmen. Aber nicht -nur sie selbst ist gleichsam von Anbeginn dazu bestimmt, den Mann -zu mißbrauchen: auch in jedem Mann verlangt etwas nach dieser Frau, -das an Seite der schlichteren, stets geschäftigen, geschmacklos -gekleideten, aller geistigen Elégance baren Mutter keine Befriedigung -findet. Etwas in ihm _sucht_ den Genuß, und beim _Freudenmädchen_ -vergißt er sich am leichtesten. Denn die Dirne vertritt das Prinzip des -leichten Sinnes, sie sorgt nicht vor wie die Mutter, sie und nicht die -Mutter ist die gute Tänzerin, nur sie verlangt nach Unterhaltung und -großer Gesellschaft, nach dem Spaziergang und dem Vergnügungslokal, -nach dem Seebad und dem Kurort, nach Theater und Konzert, nach immer -neuen Toiletten und Edelsteinen; nach Geld, um es mit vollen Händen -hinauszustreuen, nach Luxus statt nach Komfort, nach Lärm statt nach -Ruhe; nicht nach dem Lehnstuhl inmitten von Enkeln und Enkelinnen, -sondern nach dem Triumphzug auf dem Siegeswagen des schönen Körpers -durch die Welt. - -Die Prostituierte erscheint denn auch dem Manne unmittelbar als die -Verführerin: in den Gefühlen, die sie in ihm weckt; nur sie, das -unkeusche Weib par excellence, als »Zauberin«. Sie ist der weibliche -»Don Juan«, sie ist jenes Wesen in der Frau, das die Ars amatoria -kennt, lehrt und hütet. - -Hiemit hängen aber noch interessantere und tiefer führende Dinge -zusammen. Die Mutter wünscht vom Manne Anständigkeit, nicht um der -Idee willen, _sondern weil sie die Bejaherin des Erdenlebens ist_. Wie -sie selbst arbeitet und nicht faul ist gleich der Dirne, wie sie stets -von Geschäften mit Bezug auf die Zukunft erfüllt scheint, so hat sie -auch beim Manne Sinn für Tätigkeit und sucht ihn nicht von dieser zum -Vergnügen hin abzuziehen. Die Dirne hingegen kitzelt am stärksten der -Gedanke eines rücksichtslosen, gaunerischen, der Arbeit abgewandten -Mannes. Ein Mensch, der einmal eingesperrt war, ist der Mutter ein -Gegenstand des Abscheus, der Dirne eine Attraktion. Es gibt Frauen, -die mit ihrem Sohne wirklich unzufrieden sind, wenn er in der Schule -nicht gut tut, und solche, die an ihm, wenn sie auch das Gegenteil -heucheln, dann um so größeres Wohlgefallen finden. Das »_Solide_« reizt -die Mutter, das »_Unsolide_« die Dirne. Jene verabscheut, diese liebt -den kräftig trinkenden Mann. Und so ließe sich noch vieles andere, in -der gleichen Richtung gelegene anführen. Nur ein Einzelfall dieser -allgemeinen, hoch in die wohlhabendsten Klassen hinauf reichenden -Verschiedenheit ist es, daß die Gassendirne zu jenen Menschen sich am -meisten hingezogen fühlt, die offene Verbrecher sind: der _Zuhälter_ -ist immer gewalttätig, kriminell veranlagt, oft Räuber oder Betrüger, -wenn nicht Mörder zugleich. - -Dies legt nun, so wenig das Weib selbst _anti_moralisch genannt werden -darf -- es ist immer nur amoralisch -- den Gedanken nahe, daß die -Prostitution in irgend einer tiefen _Beziehung_ zum _Anti_moralischen -stehe, während alle Mutterschaft nie einen solchen Hinweis enthält. -Nicht als ob die Prostituierte selbst das weibliche Äquivalent des -männlichen Verbrechers bildete; obwohl sie so arbeitsscheu ist wie -dieser, darf aus den in den vorigen Kapiteln erörterten Gründen -die Existenz eines verbrecherischen Weibes nicht zugegeben werden: -die Frauen stehen nicht so hoch. Aber _in einer Relation_ zum -Antimoralischen, zum Bösen wird die Prostituierte unleugbar vom Manne -empfunden, selbst wenn dieser nicht in ein sexuelles Verhältnis zu ihr -getreten ist; so daß man nicht sagen kann, nur die Abwehr irgend eines -eigenen Wollustgedankens habe diese projizierende Form angenommen. Der -Mann erlebt die Prostitution von vornherein als ein Dunkles, Nächtiges, -Schauervolles, Unheimliches, ihr Eindruck lastet schwerer, qualvoller -auf seiner Brust als der, welchen die Mutter auf ihn hervorbringt. -Die merkwürdige Analogie der großen Hetäre zum großen Verbrecher, -d. i. eben zum Eroberer; die intime Beziehung der kleinen Dirne zum -moralischen Ausbunde der Menschheit, dem Zuhältertum; jenes Gefühl, -das sie im Manne wachruft, endlich die Absichten, die sie in betreff -seiner hat -- all das vereinigt sich dazu, jene Ansicht zu bekräftigen. -_Wie die Mutter ein lebensfreundliches, so ist die Prostituierte ein -lebensfeindliches Prinzip._ Aber wie die Bejahung der Mutter nicht -auf die Seele, sondern auf den Leib geht, so erstreckt sich auch die -Verneinung der Dirne nicht diabolisch auf die Idee, sondern nur auf -Empirisches. Sie will vernichtet werden und vernichten, sie schadet -und zerstört. _Physisches Leben und physischer Tod, beide im Koitus so -geheimnisvoll tief zusammenhängend_ (vgl. das nächste Kapitel), _sie -verteilen sich auf das Weib als Mutter und als Prostituierte_. - -Eine entscheidendere Antwort als diese kann auf die Frage nach -der Bedeutung von Mutterschaft und Prostitution einstweilen kaum -gegeben werden. Es ist ja ein völlig dunkles, von keinem Wanderer -noch betretenes Gebiet, auf dem ich mich hier befinde; der Mythus -in seiner religiösen Phantasie mag es zu erleuchten sich erkühnen, -dem Philosophen sind metaphysische Übergriffe allzufrüh nicht -anzuraten. Dennoch bedarf noch einiges einer besseren Hervorhebung. -Die antimoralische Bedeutung des Phänomens der Prostitution stimmt -damit überein, daß sie ausschließlich auf den Menschen beschränkt -ist. Bei den Tieren ist das Weibchen durchaus der Fortpflanzung -untertan, es gibt dort keine sterile Weiblichkeit. Ja man könnte sogar -daran denken, daß sich bei den Tieren die Männchen prostituieren, -wenn man an den Rad schlagenden Pfau denkt, an das Leuchten des -Glühwurms, die Lockrufe der Singvögel, den balzenden Auerhahn. Aber -diese Schaustellungen sekundärer Geschlechtscharaktere sind bloße -_exhibitionistische_ Akte des Männchens; wie es auch unter den Menschen -vorkommt, daß läufige Männer ihre Genitalien vor Frauen entblößen -als Aufforderung zum Koitus. Nur insofern sind diese tierischen Akte -vorsichtig zu interpretieren, als man sich hüten muß, zu glauben, die -psychische Wirkung, welche durch sie auf das Weibchen hervorgebracht -wird, werde von dem Männchen im voraus in Betracht und Rechnung -gezogen. Es handelt sich viel mehr um einen triebhaften _Ausdruck_ -des _eigenen_ sexuellen Verlangens als um ein Mittel, dasselbe beim -Weibe zu steigern, es ist ein Hintreten vor die Frau _mit_ und _in_ -der sexuellen Erregung; während bei exhibitionierenden _Menschen_ -wohl stets die Vorstellung der Erregung des anderen Geschlechtes -mitspielt[54]. - -Die Prostitution ist demnach etwas beim Menschen allein Auftretendes; -Tiere und Pflanzen sind ja nur gänzlich amoralisch, nicht irgendwie -dem Antimoralischen verwandt, und kennen darum nur die Mutterschaft. -_Hier liegt also eines der tiefsten Geheimnisse aus Wesen und -Ursprüngen des $Menschen$ verborgen._ Und nun ist insofern an dem -früheren eine Korrektur anzubringen, als mir wenigstens, je länger -ich über sie nachdenke, desto mehr die Prostitution eine _Möglichkeit -für $alle$ Frauen zu sein scheint, ebenso wie die, ja bloß physische, -Mutterschaft_. Sie ist vielleicht etwas, wovon _jedes_ menschliche Weib -durchsetzt, etwas, womit hier die tierische Mutter tingiert ist[55], -ja am Ende eben das, was im menschlichen Weibe jenen Eigenschaften -entspricht, um die der menschliche Mann mehr ist als das tierische -Männchen. Zu der bloßen Mutterschaft des Tieres ist hier, mit dem -Antimoralischen im Manne zu gleicher Zeit und nicht ohne merkwürdige -Beziehungen zu diesem, ein Faktor hinzugekommen, der das menschliche -Weib vom tierischen gänzlich und von Grund aus unterscheidet. Welche -Bedeutung das Weib gerade als _Dirne_ für den Mann in _besonderem_ -Maße gewinnen konnte, davon soll erst gegen den Schluß der gesamten -Untersuchung die Rede werden; der Ursprung, die letzte Ursache der -Prostitution, bleibt gleichwohl vielleicht für immer ein tiefes Rätsel -und in völliges Dunkel gehüllt. - -Es lag mir bei dieser etwas breiten, aber durchaus nicht -erschöpfenden, durchaus nicht alle Phänomene auch nur streifenden -Betrachtung alles andere näher, als etwa ein Prostituierten-Ideal -aufzustellen, wie es manche begabte Schriftsteller der jüngsten Zeit -kaum verhüllt entwickelt zu haben scheinen. Aber dem anderen, dem -scheinbar unsinnlichen Mädchen _mußte_ ich den Nimbus rauben, mit dem -es jeder Mann so gerne umgeben möchte, durch die Erkenntnis, daß gerade -dieses Geschöpf das mütterlichste ist, und die Virginität ihm, seinem -Begriffe nach, ebenso fremd wie der Dirne. Und selbst die Mutterliebe -konnte vor einer eindringenderen Analyse nicht als ein sittliches -Verdienst sich behaupten. Die Idee der unbefleckten Empfängnis endlich, -der reinen Jungfrau Goethes, Dantes, enthält die Wahrheit, daß die -absolute Mutter den Koitus nie als Selbstzweck, um der Lust willen, -herbeiwünschen würde. Sie darum heiligen konnte nur eine Illusion. -Dagegen ist es wohl begreiflich, daß sowohl der Mutterschaft als der -Prostitution, beiden als Symbolen tiefer und mächtiger Geheimnisse, -religiöse Verehrung gezollt wurde. - -Ist damit die Unhaltbarkeit jener Ansicht dargetan, welche einen -besonderen Frauentypus doch noch verteidigen und für die Sittlichkeit -des Weibes in Anspruch nehmen zu können glaubt, so soll jetzt die -Erforschung der Motive in Angriff genommen werden, welche den Mann die -Frau immer und ewig werden verklären lassen. - - - - -XI. Kapitel. - -Erotik und Ästhetik. - - -Die Argumente, mit welchen die Hochwertung der Frau immer wieder zu -begründen versucht wird, sind nun, bis auf wenige, noch nachzuholende -Dinge, einer Prüfung unterzogen, und vom Standpunkte der kritischen -Philosophie, auf welchen die Untersuchung, nicht ohne diese Wahl zu -begründen, sich gestellt hat, auch widerlegt. Freilich ist wenig Grund -zur Hoffnung, daß man sich in einer Diskussion auf diesen harten Boden -begeben werde. Das Schicksal _Schopenhauers_ gibt zu denken, dessen -niedrige Meinung »Über die Weiber« noch immer darauf zurückgeführt zu -werden pflegt, daß ein venetianisches Mädchen, mit dem er ging, sich -in den vorübergaloppierenden, körperlich schöneren _Byron_ vergaffte: -als ob die schlechteste Meinung von den Frauen der bekäme, der am -wenigsten, und nicht vielmehr jener, der am meisten Glück bei ihnen -gehabt hat. Die Methode, statt Gründe mit Gründen zu widerlegen, jemand -einfach als Misogynen zu bezeichnen, hat in der Tat viel für sich. Der -Haß ist nie über sein Objekt hinaus, und so bringt die Bezeichnung -eines Menschen als eines Hassers dessen, worüber er aburteilt, -ihn stets mit Leichtigkeit in den Verdacht der Unaufrichtigkeit, -Unreinheit, Unsicherheit, die durch das Pathos der Abwehr zu ersetzen -suche, was ihr an innerer Berechtigung gebricht. So verfehlt diese -Art der Antwort nie ihren _Zweck_, von allem Eingehen auf die Frage -zu entheben. Sie ist die geschickteste und treffsicherste Waffe jener -ungeheuren Mehrzahl unter den Männern, die sich über das Weib _nie -klar werden $will$_. Es ist nun allerdings eine Unsitte, in einer -theoretischen Kontroverse auf die psychologischen Motive des Gegners -zu rekurrieren und diesen Rekurs statt der Beweise zu brauchen. Ich -will auch niemand theoretisch darüber belehren, daß in einem sachlichen -Streite die Gegner beide unter die überpersönliche Idee der Wahrheit -sich zu stellen haben und ein Ergebnis unabhängig davon sollen zu -erreichen suchen, ob und wie sie beide als konkrete Einzelpersonen -existieren. Wenn aber von der einen Seite das logische Schlußverfahren -folgerichtig bis zu einem gewissen Abschluß gebracht wurde, ohne daß -die andere auf den Beweisprozeß an sich eingeht, sondern nur gegen die -Konklusionen heftig sich sträubt: dann darf in gewissen Fällen der -erste wohl sich erlauben, den zweiten für die Unanständigkeit seines, -zum Eingehen auf strenge Deduktion nicht zu bewegenden Benehmens zu -strafen, indem er ihm die Motive seiner Halsstarrigkeit recht vor die -Augen rückt. Denn wären dem anderen diese Gründe bewußt, so würde er -sie auch sachlich abwägen gegen die Wirklichkeit, die seinen Wünschen -so widerstreitet. Nur weil sie ihm unbewußt waren, darum konnte er, -sich selbst gegenüber, nicht zu einer objektiven Stellung gelangen. -Deshalb soll jetzt, nach den strengen logischen und sachlichen -Ableitungen, der Spieß umgekehrt, und einmal der Frauenverteidiger -darauf untersucht werden, aus welchem Gefühle das Pathos seiner -Parteinahme stammt, inwiefern es seine Wurzeln in lauterer, und wie -weit es sie in fragwürdiger Gesinnung hat. - -Alle Einwände, welche dem Verächter der Weiblichkeit gemacht werden, -gehen gefühlsmäßig samt und sonders aus dem _erotischen_ Verhältnisse -hervor, in welchem der Mann zu der Frau steht. Dieses Verhältnis ist -von dem nur _sexuellen_, mit welchem bei den Tieren die Beziehungen -der Geschlechter erschöpft sind, und das auch unter den Menschen dem -Umfang nach die weitaus größere Rolle spielt, _ein prinzipiell durchaus -Verschiedenes_. Es ist vollkommen verfehlt, daß Sexualität und Erotik, -Geschlechtstrieb und Liebe, im Grunde nur ein und dasselbe seien, -die zweite eine Verbrämung, Verfeinerung, Umnebelung, »Sublimation« -des ersten; obwohl hierauf wohl alle Mediziner schwören, ja selbst -Geister wie _Kant_ und _Schopenhauer_ nichts anderes geglaubt haben. -Ehe ich auf die Begründung dieser schroffen Trennung eingehe, will -ich, was diese beiden Männer betrifft, folgendes zu bemerken nicht -unterlassen. _Kantens_ Meinung kann aus dem Grunde nicht maßgebend -sein, weil er sowohl die Liebe als den Geschlechtstrieb nur in so -geringem Maße gekannt haben muß, wie überhaupt nie ein Mensch außer -ihm. Er war so wenig erotisch, daß er nicht einmal das Bedürfnis hatte -zu _reisen_. Er steht also zu hoch und zu rein da, um in dieser Frage -als Autorität mitzusprechen: die einzige Geliebte, an der _er_ sich -gerächt hat, war die Metaphysik. Und was _Schopenhauer_ anlangt, so hat -dieser eben wenig Verständnis für höhere Erotik, sondern nur eines für -sinnliche Sexualität besessen. Dies läßt sich auf folgendem Wege ohne -Schwierigkeit ableiten. _Schopenhauers_ Gesicht zeigt wenig Güte und -viel Grausamkeit (unter der er allerdings am fürchterlichsten selbst -gelitten haben muß: man stellt keine Mitleidsethik auf, wenn man selbst -sehr mitleidig ist. Die mitleidigsten Menschen sind die, welche sich -ihr Mitleiden am meisten verübeln: _Kant_ und _Nietzsche_). Aber _nur_ -zum _Mitleiden_ stark veranlagte Menschen sind, worauf schon hier -hingewiesen werden darf, einer heftigen _Erotik_ fähig; solche, die -»an nichts keinen Anteil nehmen«, sind der Liebe unfähig. Es müssen -dies nicht satanische Naturen sein, im Gegenteil, sie können sittlich -sehr hoch stehen, ohne doch recht zu bemerken, was ihr Nebenmensch -gerade denkt oder was in ihm vorgeht; und ohne ein Verständnis für ein -übersexuelles Verhältnis zum Weibe zu besitzen. So ist es auch bei -_Schopenhauer_. Er war ein extrem unter dem Geschlechtstriebe leidender -Mensch, er hat aber nie geliebt; wäre doch sonst auch die Einseitigkeit -seiner berühmten »Metaphysik der Geschlechtsliebe« unerklärlich, deren -wichtigste Lehre es ist, daß der unbewußte Endzweck auch aller _Liebe_ -nichts weiter sei als »die Zusammensetzung der nächsten Generation«. - -Diese Ansicht ist, wie ich zeigen zu können glaube, _falsch_. Zwar eine -Liebe, die ganz frei von Sinnlichkeit ist, gibt es _in der Erfahrung_ -nicht. Der Mensch, mag er noch so hoch stehen, ist eben immer _auch_ -Sinnenwesen. Worauf es ankommt und was unwiderstehlich die gegnerische -Ansicht zu Boden schlägt, ist, daß jede Liebe selbst, an und für sich --- nicht erst durchs Hinzutreten asketischer Grundsätze -- _feindlich_ -gegen alle jene Elemente des Verhältnisses sich stellt, die zum Koitus -drängen, _ja sie als ihre eigene Negation selbst empfindet_. Liebe und -Begehren sind zwei so verschiedene, einander so völlig ausschließende, -ja entgegengesetzte Zustände, daß, in den Momenten, wo ein Mensch -wirklich _liebt_, ihm der Gedanke der körperlichen Vereinigung mit dem -geliebten Wesen ein völlig undenkbarer ist. Daß es keine Hoffnung gibt, -die von Furcht ganz frei wäre, ändert nichts daran, daß Hoffnung und -Furcht einander gerade entgegengesetzt sind. Nicht anders verhält es -sich zwischen dem Geschlechtstrieb und der Liebe. Je erotischer ein -Mensch ist, desto weniger wird er von seiner Sexualität belästigt, und -umgekehrt. Wenn es keine Anbetung gibt, die von Begierde gänzlich frei -wäre, so darf man darum beide Dinge nicht identifizieren, die höchstens -_entgegengesetzte_ Phasen sein mögen, in welche ein reicherer Mensch -successive eintreten kann. Der lügt oder hat nie gewußt, was Liebe ist, -der behauptet, eine Frau noch zu lieben, die er begehrt: so verschieden -sind Liebe und Geschlechtstrieb. Darum wird es auch fast immer als eine -Heuchelei empfunden, wenn einer von Liebe in der Ehe spricht. - -Dem stumpfen Blicke, der dem gegenüber noch immer, wie aus -grundsätzlichem Cynismus, an der Identität beider festhält, sei -folgendes zu schauen gegeben: die sexuelle Anziehung wächst mit der -körperlichen Nähe, die Liebe ist am stärksten in der Abwesenheit der -geliebten Person, sie bedarf der Trennung, einer gewissen Distanz, -um am Leben zu bleiben. Ja, was alle Reisen in ferne Länder nicht -erreichen konnten, daß wahre Liebe sterbe, wo aller Zeitverlauf dem -_Vergessen_ nichts fruchtete, da kann eine zufällige, unbeabsichtigte -körperliche Berührung mit der Geliebten den Geschlechtstrieb wachrufen -und es vermögen, die Liebe auf der Stelle zu töten. Und für den höher -differenzierten, den bedeutenden Menschen haben das Mädchen, das er -begehrt, und das Mädchen, das er nur lieben, aber nie begehren könnte, -sicherlich immer eine ganz verschiedene Gestalt, einen verschiedenen -Gang, eine verschiedene Charakteranlage: _es sind zwei gänzlich -verschiedene Wesen_. - -Es gibt also »platonische« Liebe, wenn auch die Professoren der -Psychiatrie nichts davon halten. Ich möchte sogar sagen: _es gibt -nur »platonische« $Liebe$_. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, -gehört in das Reich der Säue. Es gibt nur eine Liebe: es ist die Liebe -zur Beatrice, die Anbetung der Madonna. Für den Koitus ist ja die -babylonische Hure da. - -_Kantens_ Aufzählung der transcendentalen Ideen bedürfte, sollte dies -haltbar bleiben, einer Erweiterung. Auch die reine hohe, begehrungslose -Liebe, die Liebe _Platons_ und _Brunos_, wäre eine _transcendentale -Idee_, deren Bedeutung als _Idee_ dadurch nicht berührt würde, daß -keine Erfahrung jemals sie völlig verwirklicht aufwiese. - -Es ist das Problem des »_Tannhäuser_«. Hie Tannhäuser, hie Wolfram; hie -Venus, hie Maria. Die Tatsache, daß ein Liebespaar, das sich wirklich -auf ewig gefunden hat -- Tristan und Isolde -- in den Tod geht statt -ins Brautbett, ist ein ebenso absoluter Beweis eines Höheren, sei's -drum, Metaphysischen _im_ Menschen, wie das Märtyrertum eines _Giordano -Bruno_. - - »Dir, hohe Liebe, töne - Begeistert mein Gesang, - Die mir in Engelschöne - Tief in die Seele drang! - Du nahst als Gottgesandte: - Ich folg' aus holder Fern', -- - So führst du in die Lande, - Wo ewig strahlt dein Stern.« - - * * * * * - -Wer ist der Gegenstand solcher Liebe? Dasselbe Weib, das hier -geschildert wurde, das Weib ohne alle Qualitäten, die einem Wesen -Wert verleihen können, das Weib ohne den Willen nach einem eigenen -Werte? Wohl kaum: es ist das überschöne, das engelreine Weib, das mit -dieser Liebe geliebt wird. Woher jenem Weibe seine Schönheit und seine -Keuschheit kommt, das ist nun die Frage. - -Es ist häufig darüber gestritten worden, ob wirklich das weibliche -Geschlecht das schönere sei, und noch mehr wurde seine Bezeichnung als -_das schöne_ schlechthin angefochten. Es wird sich empfehlen, zunächst -im einzelnen zu fragen, von wem und inwiefern das Weib schön gefunden -wird. - -Bekannt ist, daß das Weib nicht in seiner Nacktheit am schönsten ist. -Allerdings, in der Reproduktion durch das Kunstwerk, als Statue oder -als Bild, mag das unbekleidete Weib schön sein. Aber das lebende nackte -Weib kann schon aus dem Grunde von niemand schön gefunden werden, weil -der Geschlechtstrieb jene bedürfnislose Betrachtung unmöglich macht, -welche für alles Schönfinden unumgängliche Voraussetzung bleibt. Aber -auch abgesehen hievon erzeugt das völlig nackte lebendige Weib den -Eindruck von etwas Unfertigem, noch nach etwas _außer_ sich Strebenden, -und dieser ist mit der Schönheit unverträglich. Das nackte Weib ist -im einzelnen schöner denn als Ganzes; als solches nämlich erweckt es -unvermeidlich das Gefühl, daß es etwas suche, und bereitet darum dem -Beschauer eher Unlust als Lust. Am stärksten tritt dieses Moment des -Insichzwecklosen, des einen Zweck _außer sich_ habenden, am aufrecht -_stehenden_ nackten Weibe hervor; durch die liegende Position wird es -naturgemäß gemildert. Die künstlerische Darstellung des nackten Weibes -hat dies wohl empfunden; und wenn das nackte Weib aufrecht stehend oder -schwebend gebildet ward, so zeigte sie das Weib nie allein, sondern -stets mit Rücksicht auf eine Umgebung, vor welcher es dann seine Blöße -mit der Hand zu bedecken suchen konnte. - -Aber das Weib ist auch im einzelnen nicht durchaus schön, selbst wenn -es möglichst vollkommen und ganz untadelig den körperlichen Typus -seines Geschlechtes repräsentiert. Was hier theoretisch am meisten in -Betracht kommt, ist das weibliche Genitale. Wenn die Meinung Recht -hätte, daß alle Liebe des Mannes zum Weibe nur zum Hirn gestiegener -Detumescenztrieb ist, wenn _Schopenhauers_ Behauptung haltbar wäre: -»Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige -Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb -umnebelte männliche Intellekt: _in diesem Triebe nämlich steckt seine -ganze Schönheit_« -- -- so müßte das weibliche Genitale am heftigsten -geliebt sein und vom ganzen Körper des Weibes am schönsten gefunden -werden. Aber, von einigen widerlichen Lärmmachern der letzten Jahre -zu schweigen, welche durch die Aufdringlichkeit ihrer Reklame für -die Schönheit des weiblichen Genitales sowohl beweisen, daß erst -eine Agitation nötig ist, um hieran glauben zu machen, als auch die -Unaufrichtigkeit jener Reden erkennen lassen, von deren Inhalt sie -überzeugt zu sein vorgeben: von diesen abgesehen läßt sich behaupten, -daß kein Mann speziell das weibliche _Genitale_ schön, vielmehr ein -jeder es _häßlich_ findet; es mögen gemeine Naturen durch diesen -Körperteil des Weibes besonders zu sinnlicher Begierde gereizt werden, -jedoch gerade solche werden ihn vielleicht sehr _angenehm_, nie aber -_schön_ finden. Die Schönheit des Weibes kann also kein bloßer Effekt -des Sexualtriebes sein; sie ist ihm vielmehr geradezu entgegengesetzt. -Männer, die ganz unter der Gewalt des Geschlechtsbedürfnisses stehen, -haben für Schönheit am Weibe gar keinen Sinn; Beweis hiefür ist, daß -sie ganz wahllos jede Frau begehren, die sie erblicken, bloß nach den -vagen Formen ihrer Körperlichkeit. - -Der Grund für die angeführten Phänomene, die Häßlichkeit des weiblichen -Genitales und die Unschönheit seines lebenden Körpers als _ganzen_, -kann nirgend anders gefunden werden als darin, daß sie das Schamgefühl -im Manne verletzen. Die kanonische Flachköpfigkeit unserer Tage hat -es auch möglich werden lassen, daß das Schamgefühl aus der Tatsache -der Kleidung abgeleitet und hinter dem Widerstreben gegen weibliche -Nacktheit nur Unnatur und versteckte Unzüchtigkeit vermutet wurde. -Aber ein Mann, der unzüchtig geworden ist, wehrt sich gar nicht mehr -gegen die Nacktheit, weil sie ihm als solche nicht mehr auffällt. Er -begehrt bloß, er liebt nicht mehr. Alle wahre Liebe ist schamhaft, -ebenso wie alles wahre Mitleid. Es gibt nur eine Schamlosigkeit: die -Liebeserklärung, von deren Aufrichtigkeit ein Mensch im selben Momente -überzeugt wäre, in dem er sie machte. Diese würde das objektive -Maximum an Schamlosigkeit repräsentieren, welches denkbar ist; es wäre -etwa so, wie wenn jemand sagen würde: ich bin sehnsüchtig. Jenes wäre -die _Idee_ der schamlosen Handlung, dies die Idee der schamlosen Rede. -Beide sind nie verwirklicht, weil alle Wahrheit schamhaft ist. Es gibt -keine Liebeserklärung, die nicht eine Lüge wäre; und wie dumm die -Frauen doch eigentlich sind, kann man daraus ersehen, wie oft sie an -Liebesbeteuerungen glauben. - -_In der Liebe des Mannes, die stets schamhaft ist, liegt nach alldem -der Maßstab für das, was am Weibe schön, und das, was an ihm häßlich -gefunden wird._ Es ist hier _nicht_ wie in der _Logik_: das Wahre -der Maßstab des Denkens, der Wahrheitswert sein Schöpfer; _nicht_ -wie in der _Ethik_: das Gute das Kriterium für das Sollen, der Wert -des Guten ausgestattet mit dem _Anspruch_, den Willen zum Guten zu -lenken; _sondern hier, in der Ästhetik, wird die Schönheit erst -von der Liebe geschaffen_; es besteht keinerlei innerer Normzwang, -das zu lieben, was schön ist, und das Schöne tritt nicht an den -Menschen mit dem Anspruch heran, geliebt zu werden. (Nur _darum_ gibt -es keinen überindividuellen, allein »richtigen« Geschmack.) _Alle -Schönheit ist vielmehr selbst erst eine Projektion, eine Emanation des -Liebesbedürfnisses_; und so ist auch die Schönheit des Weibes nicht ein -von der Liebe Verschiedenes, nicht ein Gegenstand, auf den sie sich -richtet, sondern _die Schönheit des Weibes $ist$ die Liebe des Mannes_, -beide sind nicht _zweierlei_, sondern _eine und dieselbe Tatsache_. -Wie Häßlichkeit von Hassen, so kommt Schönheit von Lieben. Und auch -darin, daß Schönheit so wenig wie Liebe mit dem sinnlichen Trieb zu -tun hat, daß jene wie diese ihm fremd ist, drückt sich nur diese selbe -Tatsache aus. Die Schönheit ist ein Unberührbares, Unantastbares, -mit anderem Unvermengbares; nur aus völliger Weite kann sie wie nahe -geschaut werden, und vor jeder Annäherung entfernt sie sich. Der -Geschlechtstrieb, der die Vereinigung mit dem Weibe sucht, vernichtet -dessen Schönheit; das betastete, das besessene Weib wird von niemand -mehr der Schönheit wegen angebetet. - -Dies leitet nun auch über zur Beantwortung der _zweiten_ Frage: Was ist -die Unschuld, was die Moralität des Weibes? - -Von einigen Tatsachen, welche den Beginn jeder Liebe begleiten, wird -hier am besten ausgegangen. Reinheit des Leibes ist, wie schon einmal -angedeutet, beim Manne im allgemeinen ein Zeichen von Sittlichkeit und -Aufrichtigkeit; wenigstens sind körperlich schmutzige Menschen kaum je -von sehr lauterer Gesinnung. Nun kann man beobachten, wie Menschen, die -sonst durchaus nicht sehr auf die Reinlichkeit ihres Leibes achten, -in den Zeiten, da sie zu größerer Anständigkeit des Charakters sich -aufraffen, auch stets häufiger und ausgiebiger sich waschen. Ebenso -werden nun auch Menschen, die nie sauber gewesen sind, für die Dauer -einer Liebe plötzlich aus innerem Triebe reinlichkeitsbedürftig, und -diese kurze Spanne Zeit ist oft die einzige ihres Lebens, wo sie unter -ihrem Hemde nicht unflätig aussehen. Schreiten wir zum Geistigen -vor, so sehen wir, wie bei vielen Menschen Liebe mit Selbstanklagen, -Kasteiungs- und Sühnungsversuchen beginnt. Eine moralische Einkehr -fängt an, von der Geliebten scheint auch eine innere Läuterung -auszugehen, auch wenn der Liebende nie mit ihr gesprochen, ja sie -nur wenige Male aus der Ferne gesehen hat. _Dieser_ Prozeß kann also -unmöglich in dem geliebten Wesen selbst seinen Grund haben: die -Geliebte ist nur zu oft ein Backfisch, nur zu oft eine Kuh, nur zu -oft eine lüsterne Kokette, und niemand nimmt für gewöhnlich an ihr -überirdische Eigenschaften wahr als eben derjenige, der sie liebt. Ist -es also zu glauben, daß diese konkrete Person geliebt werde in der -Liebe, oder dient sie nicht vielmehr einer unvergleichlich größeren -Bewegung nur als _Ausgangspunkt_? - -In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst. Nicht seine -Subjektivität, nicht das, was er, als ein von aller Schwäche und -Gemeinheit, von aller Schwere und Kleinlichkeit behaftetes Wesen -wirklich vorstellt; sondern das, was er ganz sein will und ganz -sein soll, sein eigenstes, tiefstes, intelligibles Wesen, frei von -allen Fetzen der Notwendigkeit, von allen Klumpen der Erdenheit. In -seiner zeitlich-räumlichen Wirksamkeit ist dieses Wesen vermengt mit -den Schlacken sinnlicher Beschränktheit, es ist nicht als reines, -strahlendes Urbild vorhanden; wie tief er auch in sich gehen mag, -er findet sich getrübt und befleckt, und sieht nirgends das, was er -sucht, in weißer, makelloser Reinheit. Und doch bedarf er nichts so -dringend, ersehnt er nichts so heiß als ganz und gar _er selbst_ und -nichts anderes zu sein. Das eine aber, wonach er strebt, das Ziel, -erblickt er nicht in hellem Glanze und unverrückter Festigkeit auf dem -Grunde des eigenen Wesens, _und darum muß er es draußen denken_, um -so ihm leichter nacheifern zu können. _Er projiziert sein Ideal eines -absolut wertvollen Wesens_ auf ein anderes menschliches Wesen, und -das und nichts anderes bedeutet es, wenn er dieses Wesen _liebt_. Nur -wer selbst schuldig geworden ist, und seine Schuld fühlt, ist dieses -Aktes fähig: darum kann das Kind noch nicht lieben. Nur weil die Liebe -das höchste, stets unerreichte Ziel aller Sehnsucht so darstellt, als -wäre es irgendwo in der Erfahrung verwirklicht und nicht bloß in der -Idee vorhanden; nur indem sie es im Nebenmenschen lokalisiert, und -so gleichzeitig eben der Tatsache Ausdruck gibt, daß im Liebenden -selbst das Ideal der Erfüllung noch so ferne ist: nur darum kann mit -der Liebe zugleich das _Streben_ nach Läuterung neu erwachen, ein -Hinwollen zu einem Ziele, das von höchster geistiger Natur ist und -somit keine körperliche Verunreinigung durch _räumliche_ Annäherung an -die Geliebte duldet; darum ist Liebe die höchste und stärkste Äußerung -des Willens zum Werte, darum kommt in ihr wie in nichts auf der Welt -das eigentliche Wesen des _Menschen_ zum Vorschein, das zwischen Geist -und Körper, zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit gebannt ist, an -der Gottheit wie am Tiere Anteil hat. _Der Mensch ist in jeder Weise -erst dann ganz er selbst, wenn er liebt._[56] So erklärt sich's, -daß viele Menschen erst als Liebende an das eigene Ich und an das -fremde Du zu glauben beginnen, die, wie sich längst zeigte, nicht nur -grammatikalische, sondern auch ethische Wechselbegriffe sind; so ist -die große Rolle verständlich, welche in jedem Liebesverhältnis die -_Namen_ der beiden Menschen spielen. So wird deutlich, warum viele -Menschen zuerst in der Liebe von ihrer eigenen Existenz Kenntnis -erhalten, und nicht früher von der Überzeugung durchdrungen werden, daß -sie eine Seele besitzen.[57] So, daß der Liebende zwar die Geliebte um -keinen Preis durch seine Nähe verunreinigen möchte, aber sie doch aus -der Ferne oft zu sehen trachtet, um sich ihrer -- seiner -- Existenz -zu vergewissern. So, daß gar mancher unerweichliche Empirist, nun, -da er liebt, zum schwärmerischen Mystiker wird, wofür der Vater des -Positivismus, Auguste _Comte_, selbst das Beispiel gegeben hat, durch -die Umwälzung seines ganzen Denkens, als er _Clotilde de Vaux_ kennen -lernte. Nicht nur für den Künstler, für den Menschen überhaupt gibt es -psychologisch ein Amo ergo sum. - -So ist die Liebe ein _Projektionsphänomen_ gleich dem Haß, kein -_Äquationsphänomen_ gleich der Freundschaft. Voraussetzung dieser ist -gleiche Geltung beider Individuen; Liebe ist stets ein _Setzen der -Ungleichheit, der Ungleichwertigkeit_. Alles, was man selbst sein -möchte und nie ganz sein kann, auf ein Individuum häufen, es zum Träger -aller Werte machen, das heißt lieben. Sinnbildlich für diese höchste -Vollendung ist die Schönheit. Darum wundert, ja entsetzt es so oft den -Liebenden, wenn er sich überzeugt, daß im schönen Weibe nicht auch -Sittlichkeit wohne, und er beschuldigt die Natur des Betruges, weil -in einem »so schönen Körper« »so viel Verworfenheit« sein könne; er -bedenkt nicht, daß er das Weib nur deshalb noch schön findet, weil -er es noch liebt: denn sonst würde ihn auch die Inkongruenz zwischen -Innerem und Äußerem nicht mehr schmerzen. Die gewöhnliche _Gassendirne_ -scheint deshalb _nie_ schön, weil es hier von vornherein unmöglich -ist, eine Projektion von Wert zu vollziehen; sie kann nur des ganz -gemeinen Menschen Geschmack befriedigen, sie ist die Geliebte des -unsittlichsten Mannes, des Zuhälters. Hier liegt eine dem Moralischen -_entgegengesetzte Beziehung offensichtlich_ zutage; das Weib im -allgemeinen ist aber nur indifferent gegen alles Ethische, es ist -amoralisch, und kann darum, anders als der antimoralische Verbrecher, -den instinktiv niemand liebt, oder der Teufel, den jedermann sich -häßlich vorstellt, für den Akt der Wertübertragung eine Grundlage -abgeben; da es weder gut tut noch sündigt, _sträubt_ sich nichts in -ihm und an ihm gegen diese Kollokation des Ideals in seine Person. Die -Schönheit des Weibes ist nur sichtbar gewordene Sittlichkeit, _aber -diese Sittlichkeit ist selbst die des Mannes_, die er, in höchster -Steigerung und Vollendung, auf das Weib transponiert hat. - -Weil alle Schönheit immer nur einen abermals erneuten -_Verkörperungsversuch des höchsten Wertes_ darstellt, darum ist vor -allem Schönen ein Gefühl des Gefundenhabens, dem gegenüber jede -Begierde, jedes selbstische Interesse schweigt. Alle Formen, die der -Mensch schön findet, sind vermöge seiner ästhetischen Funktion, die -Sittliches und Gedankliches in Sinnlichkeit umsetzt, ebensoviele -Versuche von seiner Seite, das Höchste sichtbar zu realisieren. -_Schönheit ist das Symbol des Vollkommenen in der Erscheinung._ -Darum ist Schönheit unverletzlich, darum ist sie statisch und nicht -dynamisch, darum hebt jede _Änderung_ im Verhalten zu ihr sie schon -auf und vernichtet ihren Begriff. Die Liebe zum eigenen Werte, die -Sehnsucht nach Vollkommenheit zeugt in der Materie die Schönheit. -So wird die Schönheit der Natur geboren, die der Verbrecher nimmer -wahrnimmt, weil eben _die Ethik erst die Natur schafft_. So erklärt -sich's, daß die Natur immer und überall, in der größten und kleinsten -ihrer Bildungen, den Eindruck des Vollendeten hervorruft. So ist auch -das Naturgesetz nur ein sinnliches Symbol des Sittengesetzes, wie die -Naturschönheit der sinnenfällig gewordene Adel der Seele; so die Logik -die verwirklichte Ethik. Wie die Liebe ein neues Weib für den Mann -schafft statt des realen Weibes, so schafft die Kunst, die Erotik des -Alls, aus dem Chaos die Formenfülle im Universum; und wie es keine -Naturschönheit gibt ohne Form, ohne Naturgesetz, so auch keine Kunst -ohne Form, keine Kunstschönheit, die nicht ihren Regeln gehorcht. Denn -die Naturschönheit zeigt die Kunstschönheit nicht anders verwirklicht -als das Naturgesetz das Sittengesetz, als die Naturzweckmäßigkeit jene -Harmonie, deren Urbild über dem Geiste des Menschen thront. Ja, die -Natur, die der Künstler seine ewige Lehrmeisterin nennt, _sie ist -nur die von ihm selbst geschaffene Norm seines Schaffens_, nicht in -begrifflicher Konzentration, sondern in anschaulicher Unendlichkeit. -So sind, um eines als Beispiel zu nennen, die Sätze der Mathematik -die _verwirklichte_ Musik (und nicht umgekehrt), Mathematik selbst -die _konforme Abbildung_ der Musik aus dem Reiche der Freiheit auf -das Reich der Notwendigkeit, und darum das _Sollen_ aller Musiker ein -mathematisches. _Die Kunst schafft also die Natur, und nicht die Natur -die Kunst._ - -Von diesen Andeutungen, welche, wenigstens teilweise, eine Ausführung -und Weiterbildung der tiefen Gedanken _Kant_ens und _Schellings_ (und -des von ihnen beeinflußten _Schiller_) über die Kunst sind, kehre ich -zum Thema zurück. Als Resultat für dessen Zwecke steht nun fest, daß -der Glaube an die Sittlichkeit des Weibes, die »_Introjektion_« der -_Seele_ des _Mannes_ in das _Weib_, und die schöne äußere Erscheinung -des Weibes _eine und dieselbe Tatsache_ sind, die letztere nur der -sinnenfällige Ausdruck des ersteren. Begreiflich, aber eine Umkehrung -des wahren Verhältnisses ist es also, wenn man von einer »schönen -Seele« im moralischen Sinne spricht, oder nach _Shaftesbury_ und -_Herbart_ die Ethik der Ästhetik unterordnet: man mag mit _Sokrates_ -und _Antisthenes_ τὸ καλόν und τἀγαθόν für identisch halten, aber man -darf nicht vergessen, daß Schönheit nur ein körperliches Bild ist, -in dem die Sittlichkeit sich selbst verwirklicht vorstellt, daß alle -Ästhetik doch ein _Geschöpf_ der Ethik bleibt. Jeder _einzelne_ und -zeitlich _begrenzte_ dieser Inkarnationsversuche ist seiner Natur nach -illusorisch, denn er täuscht die erreichte Vollkommenheit nur vor. -Darum ist alle Einzelschönheit vergänglich, und muß auch die Liebe zum -Weibe es sich gefallen lassen, durch das alte Weib widerlegt zu werden. -Die Idee der Schönheit ist die Idee der Natur, sie ist unvergänglich, -wenn auch alles Einzelschöne, alles Natürliche vergeht. Nur eine -Illusion kann im Begrenzten und Konkreten, nur eine Irrung im geliebten -Weibe die Vollkommenheit selbst erblicken. Die Liebe zur Schönheit soll -sich nicht verlieren an das Weib, um den geschlechtlichen Trieb nach -ihm zu überbauen. Wenn alle Liebe zu Personen auf jener Verwechslung -beruht, so _kann_ es keine andere denn unglückliche Liebe geben. Aber -alle Liebe _klammert_ sich an diesen Irrtum; sie ist der heroischeste -Versuch, dort Werte zu behaupten, wo es keine Werte gibt. Die Liebe zum -unendlichen Wert, das ist zum Absoluten oder zu Gott, sei es auch in -Form der Liebe zur unendlichen sinnenfälligen Schönheit des Naturganzen -(Pantheismus), könnte allein die transcendentale Idee der Liebe heißen, -wenn es eine solche gibt; die Liebe zu allem Einzelding, und auch zum -Weibe, ist schon ein Abfall von der Idee, eine _Schuld_. - -_Warum_ der Mensch diese Schuld auf sich lädt, ist im Früheren schon -enthalten. So wie aller _Haß_ nur üble Eigenschaften, die man selbst -besitzt, auf den Nebenmenschen projiziert, um sie dort in einer desto -abschreckenderen Vereinigung zu zeigen; wie der Teufel nur erfunden -wurde, um die bösen Triebe _im_ Menschen _außer_ ihm darzustellen, und -ihm den Stolz und die Kraft des Kämpfers zu leihen: so hat auch die -Liebe nur den Zweck, dem Menschen den Kampf um das Gute zu erleichtern, -das er als Gedanken _in_ sich allein zu ergreifen noch zu kraftlos -ist. Beides, Haß und Liebe, ist darum eine Feigheit. Im Hasse spiegelt -man sich vor, daß man von jemand anderem bedroht sei, um sich selbst -hiedurch bereits als die angegriffene Reinheit zu fingieren, statt es -sich zu gestehen, daß man das Böse aus sich selbst auszujäten habe, -und daß es nirgend anders als im eigenen Herzen niste. Man konstruiert -_den_ Bösen, um sich die Genugtuung zu bereiten, ihm ein Tintenfaß an -den Kopf geworfen zu haben. Nur darum ist der Teufelsglaube unsittlich: -weil er eine unstatthafte Erleichterung des Kampfes darstellt und -eine Abwälzung der Schuld. Durch die Liebe versetzt man, wie im Haß -die Idee des eigenen Unwertes, die Idee des eigenen _Wertes_ in ein -Wesen, das zu ihrer Aufnahme geeignet scheint: der Satan wird häßlich, -die Geliebte schön. So entbrennt man in beiden Fällen, durch eine -Gegenüberstellung, durch die Verteilung von Gut und Böse auf _zwei_ -Personen, _leichter_ für die moralischen Werte. Ist aber alle Liebe zu -Einzelwesen statt zur Idee eine sittliche Schwäche, so muß dies auch -in den Gefühlen des Liebenden zum Vorschein kommen. Niemand begeht -ein Verbrechen, ohne daß ihm dies durch ein Schuldgefühl angezeigt -würde. Nicht ohne Grund ist die Liebe das schamhafteste Gefühl: sie hat -Ursache sich zu schämen, weit mehr noch als das Mitleid. Der Mensch, -den ich bemitleide, bekommt von mir etwas, im Akte des Mitleidens -selbst gebe ich ihm aus meinem eingebildeten oder wesentlichen -Reichtum; die Hilfe ist so nur ein Sichtbarwerden dessen, was bereits -im Mitleiden lag. Der Mensch, den ich liebe, von dem will _ich_ etwas, -ich will zum mindesten, daß er mich nicht durch unschöne Geberden -oder gemeine Züge in meiner Liebe zu ihm störe. Denn durch die Liebe -will ich mich irgendwo gefunden haben, statt weiter zu suchen und zu -streben, ich will aus der Hand eines Nebenmenschen nichts weniger, -nichts anderes empfangen, als mich selbst, ich will von _ihm_ -- _mich_! - -Das Mitleid ist schamhaft, weil es den anderen tiefer gestellt zeigt -als mich, weil es _ihn_ erniedrigt. Die Liebe ist schamhaft, weil ich -_mich_ durch sie tiefer stelle als den anderen; in ihr wird aller Stolz -des Individuums am weitesten vergessen, und das ist ihre Schwäche, -darum schämt sie sich. So ist das Mitleid der Liebe verwandt, und -hieraus erklärt sich, daß nur, wer das Mitleid kennt, auch die Liebe -kennt. Und doch schließen sich beide aus: man kann nie lieben, wen man -bemitleidet, und nie bemitleiden, wen man liebt. Denn im Mitleid bin -ich selbst der feste Pol, in der Liebe ist es der andere; die Richtung -beider Affekte, ihr Vorzeichen ist das Entgegengesetzte. Im Mitleid bin -ich Geber, in der Liebe Bettler. Die Liebe ist die schamhafteste von -allen Bitten, _weil sie um das Meiste, um das Höchste bettelt_. Darum -schlägt sie in den jähesten, rachsüchtigsten Stolz so rasch über, wenn -ihr durch den anderen unvorsichtig oder rücksichtslos zum Bewußtsein -gebracht wird, um was sie eigentlich gefleht hat. - -Alle Erotik ist voll von Schuldbewußtsein. In der Eifersucht tritt -zutage, auf welch unsicheren Grund die Liebe gebaut ist. Eifersucht ist -die Kehrseite jeder Liebe, und offenbart deren ganze Unsittlichkeit. -Durch Eifersucht wird über den freien Willen des Nebenmenschen eine -Gewalt angemaßt. So begreiflich sie gerade der hier entwickelten -Theorie ist, indem durch Liebe _das reine Selbst_ des Liebenden in der -Geliebten lokalisiert wird, und auf sein Selbst der Mensch, durch einen -erklärlichen Fehlschluß, einen Anspruch leicht stets und an jedem Orte -zu haben glaubt: so verrät sie doch, schon weil sie voll Furcht ist, -und Furcht wie das verwandte Schamgefühl[58] sich stets auf eine in der -_Vergangenheit_ verübte Schuld bezieht, daß man durch die Liebe etwas -erlangen wollte, was man auf diesem Wege nicht verlangen durfte. - -Die Schuld, mit welcher in der Liebe der Mensch sich belastet, ist der -Wunsch, von jenem Schuldbewußtsein, das ich früher die Voraussetzung -und Bedingung aller Liebe nannte, _frei zu werden_. Statt alle -begangene Schuld auf sich zu nehmen und ihre Sühnung durch das weitere -Leben zu erreichen, ist die Liebe ein Versuch, von der eigenen Schuld -loszukommen und an sie zu vergessen, ein Versuch, glücklich zu werden. -Statt die Idee der Vollkommenheit selbsttätig zu verwirklichen, will -die Liebe die Idee schon als verwirklicht zeigen, sie spiegelt das -Wunder als geschehen vor, im anderen Menschen zwar -- darum ist sie -die feinste List -- aber es ist doch nur die eigene Befreiung vom -Übel, die man so _ohne Kampf_ zu erreichen hofft. _Hieraus_ erklärt -sich der tiefe Zusammenhang aller Liebe mit dem Erlösungsbedürfnis -(_Dante_, _Goethe_, _Wagner_, _Ibsen_). Alle Liebe ist _selbst_ nur -Erlösungsbedürfnis, und alles Erlösungsbedürfnis noch unsittlich -(Kapitel 7, Schluß). Die Liebe überspringt die Zeit und setzt sich -über die Kausalität hinweg, ohne eigenes Zutun will sie Reinheit -plötzlich und unvermittelt gewinnen. Darum ist sie, als ein Wunder von -außen statt von innen, in sich unmöglich, und kann ihren Zweck nie -erfüllen, am wenigsten bei jenen Menschen, welche allein eigentlich in -ganz unermeßlicher Weise ihrer fähig wären. Sie ist der gefährlichste -Selbstbetrug, gerade weil sie den Kampf um das Gute am stärksten -zu fördern scheint. Mittelmäßige Menschen mögen durch sie erst ihre -Veredlung erfahren; wer ein subtileres Gewissen hat, wird sich hüten, -ihrer Täuschung zu erliegen. - -Der Liebende sucht im geliebten Wesen seine eigene Seele. Insofern -ist die Liebe _frei_, und nicht jenen Gesetzen der bloß sexuellen -Anziehung unterworfen, von denen der erste Teil gehandelt hat. Denn -das psychische Leben der Frau gewinnt einen Einfluß, es begünstigt die -Liebe, wo es der Idealisierung sich ausnehmend leicht fügt, auch bei -geringeren körperlichen Vorzügen und mangelhafter sexueller Ergänzung, -und vernichtet ihre Möglichkeit, wenn es gegen jene »Einlegung« zu -sichtbar absticht. Dennoch ist, trotz aller Gegensätzlichkeit zwischen -Sexualität und Erotik, eine Analogie zwischen ihnen unverkennbar. Die -Sexualität benützt das Weib als Mittel, um zur Lust und zum leiblichen -Kinde zu gelangen; die Erotik als Mittel, um zum Werte und -- zum -geistigen Kinde, zur Produktion zu kommen. Es ist ein unendlich tiefes, -wenn auch, wie es scheint, wenig verstandenes Wort der platonischen -_Diotima_, daß die Liebe nicht dem Schönen, sondern der Erzeugung und -Ausgeburt im Schönen gelte, der Unsterblichkeit im Geistigen, wie der -niedere Geschlechtstrieb dem Fortleben in der Gattung. Im Kinde sucht -jeder Vater, der leibliche wie der geistige, nur sich selbst zu finden: -die konkrete Verwirklichung der Idee seiner selbst, wie sie das Wesen -der Liebe ausmacht, ist eben das _Kind_. Darum sucht der Künstler so -oft das Weib, um das Kunstwerk schaffen zu können. »Und jeder sollte -lieber solche Kinder haben wollen, wenn er auf _Homer_ und _Hesiod_ -und die anderen trefflichen Dichter sieht, nicht ohne Neid, was für -Geburten sie zurücklassen, die ihnen unsterblichen Ruhm und Angedenken -sichern, indem sie selbst unsterblich sind .... Geehrt ist bei euch -auch _Solon_, weil er Gesetze gezeugt, und viele andere anderwärts -unter Hellenen und Barbaren, die viele und schöne Werke dargestellt -haben und vielfältig Tugendhaftes gezeugt: denen auch schon viele -Heiligtümer errichtet wurden um solcher Kinder willen, menschlicher -Kinder wegen aber noch keinem.« - -Es ist nicht eine bloß formale Analogie, nicht Überschätzung einer -etwa nur zufälligen sprachlichen Übereinstimmung, wenn von geistiger -Fruchtbarkeit, geistiger Produktion, oder, wie in diesen Worten -_Platons_, von geistigen Kindern in tieferem Sinne zu reden versucht -wird. Wie die leibliche Sexualität der Versuch eines organischen Wesens -ist, die eigene Form dauernd zu begründen, so ist auch jede Liebe im -Grunde nur das Streben, seelische Form, Individualität, endgültig zu -realisieren. _Hier liegt die Brücke_, welche allen _Willen zur eigenen -Verewigung_ (wie man das Gemeinsame der Sexualität und der Erotik -nennen könnte) _mit dem Kinde verbindet_. Geschlechtstrieb und Liebe -sind beide Versuche zur Realisierung seiner selbst, der erste sucht das -_Individuum_ durch ein körperliches Abbild, die zweite _Individualität_ -durch ihr geistiges Ebenbild zu verewigen. Nur der geniale Mensch aber -kennt die ganz und gar unsinnliche Liebe, und nur er sucht zeitlose -Kinder zu zeugen, in denen sein tiefstes geistiges Wesen zum Ausdruck -kommt. - -Die Parallele kann noch weiter verfolgt werden. Daß aller -Geschlechtstrieb der Grausamkeit verwandt ist, hat man nach _Novalis_ -oft wiederholt. Die »Association« hat einen tiefen Grund. Alles, was -vom Weibe _geboren_ ist, muß auch _sterben_. Zeugung, Geburt und Tod -stehen in einer unauflöslichen Beziehung; vor einem unzeitigen Tode -erwacht in jedem Wesen auf das heftigste der Geschlechtstrieb als -das Bedürfnis, sich noch fortzupflanzen. Und so ist auch der Koitus, -nicht nur psychologisch als Akt, sondern auch vom ethischen und -naturphilosophischen Gesichtspunkte dem Morde verwandt: er verneint das -Weib, aber auch den Mann; er raubt im Idealfall beiden das Bewußtsein, -um dem Kinde das Leben zu geben. Einer ethischen Weltanschauung wird -es begreiflich sein, daß, was so entstanden ist, auch wieder vergehen -muß. Aber auch die höchste Erotik, nicht nur die niederste Sexualität, -benützt das Weib nicht als Zweck an sich selbst, sondern stets nur -als Mittel zum Zweck, um das Ich des Liebenden rein darzustellen: die -Werke eines Künstlers sind immer nur sein auf verschiedenen Etappen -festgehaltenes Ich, das er meist in diesem oder in jenem Weibe, und -sei es selbst ein Weib seiner Einbildungskraft, zuvor lokalisiert hat. - -Die reale Psychologie des geliebten Weibes wird aber hiebei immer -_ausgeschaltet_: im Augenblicke, wo der Mann ein Weib _liebt_, kann -er es nicht _durchschauen_. In der Liebe tritt man zum Weibe nicht -in jenes Verhältnis des _Verstehens_, welches das einzig sittliche -Verhältnis zwischen Menschen ist. Man kann keinen Menschen lieben, -den man ganz erkennt, weil man dann doch auch die Unvollkommenheiten -sehen müßte, die ihm als Menschen notwendig anhaften, _Liebe aber nur -auf Vollkommenes geht_. Liebe zu einem Weibe ist daher nur möglich, -wenn sich diese Liebe um die wirklichen Eigenschaften, die eigenen -Wünsche und Interessen der Geliebten, soweit sie der Lokalisation -höherer Werte in ihrer Person zuwiderlaufen, nicht bekümmert, sondern -in schrankenloser Willkür an die Stelle der psychischen Realität des -geliebten Wesens _eine ganz andere Realität setzt_. Der Versuch, sich -im Weibe selbst zu finden, statt im Weibe eben nur -- das Weib zu -sehen, setzt notwendig eine Vernachlässigung der empirischen Person -voraus. Dieser Versuch ist also voll _Grausamkeit_ gegen das Weib; -und hier liegt die Wurzel des Egoismus aller Liebe, wie auch der -Eifersucht, welche das Weib gänzlich nur noch als unselbständiges -Besitztum betrachtet, und auf sein inneres Leben gar keine Rücksicht -mehr nimmt. - -Hier vollendet sich die Parallele zwischen der Grausamkeit der -Erotik und der Grausamkeit der Sexualität. Liebe ist Mord. Der -Geschlechtstrieb negiert auch das körperliche, die Erotik das -psychische Weib. Die ganz gemeine Sexualität sieht im Weibe einen -Apparat zum Onanieren oder eine Kindergebärerin; man kann gegen das -Weib nicht niedriger sein, als wenn man ihm seine Unfruchtbarkeit -vorhält, und ein erbärmlicheres Zeugnis kann einem Gesetzbuch nicht -ausgestellt werden, als wenn es die Sterilität eines Weibes als legalen -Grund der Ehescheidung anführt. Die höhere Erotik aber verlangt von -der Frau schonungslos, daß sie das männliche Adorationsbedürfnis -befriedige, und sich möglichst anstandslos lieben lasse, damit der -Liebende in ihr sein Ideal von sich verwirklicht sehen, und ein -geistiges Kind mit ihr zeugen könne. So ist die Liebe nicht nur -antilogisch, denn sie setzt sich über die objektive Wahrheit des -Weibes und seine wirkliche Beschaffenheit hinweg, sie will nicht nur -die Denkillusion, und verlangt nicht nur ungestüm nach dem Betruge der -Vernunft: sondern sie ist auch antiethisch gegen das Weib, dem sie die -Verstellung und den Schein, die vollkommene Kongruenz mit einem ihr -fremden Wunsche gebieterisch aufnötigen möchte. - -Denn die Erotik braucht die Frau nur, um den Kampf zu ebnen und -abzukürzen, sie will von ihr immer bloß, _daß sie den Ast abgebe, an -dem $er$ sich $leichter$ zur Erlösung emporschwinge_. So gesteht es ja -_Paul Verlaine_: - - »Marie Immaculée, amour essentiel, - Logique de la foi cordiale et vivace, - _En vous aimant qu'est-il de bon que je ne fasse_, - En vous aimant du seul amour, Porte du Ciel?« - -Und fast noch deutlicher lehrt es _Goethe_ im »Faust«: - - »Dir, der Unberührbaren, - Ist es nicht benommen, - Daß die leicht Verführbaren - Traulich zu Dir kommen. - - In die Schwachheit hingerafft, - Sind sie schwer zu retten; - _Wer zerreißt aus eigner Kraft - Der Gelüste Ketten?_« - -Ferne ist es mir, die heroische Größe zu verkennen, welche in dieser -höchsten Erotik, im _Madonnenkulte_, liegt. Wie könnte ich vor der -Außerordentlichkeit des Phänomens meine Augen verschließen, das den -Namen _Dante_ führt! Es liegt eine so unermeßliche Abtretung von -Wert an das Weib in dem Leben dieses größten Madonnenverehrers, daß -selbst der dionysische Trotz, mit dem diese Schenkung aller weiblichen -Wirklichkeit entgegen vollzogen wird, den Eindruck vollster Erhabenheit -hervorzurufen kaum verfehlt. Es liegt scheinbar eine solche Abnegation -seiner selbst in dieser Verkörperung des Zieles aller Sehnsucht in -_einer_ irdisch-begrenzten Person, in einem Mädchen noch dazu, das -der Künstler _einmal_, als Neunjähriger, zu Gesicht bekommen, das -vielleicht später eine Xanthippe oder eine Fettgans geworden ist; es -liegt darin ein derartiger Akt der Projektion aller, das zeitlich -Eingeengte des Individuums übersteigenden Werte auf ein an sich -gänzlich wertloses Weib, daß man nicht leicht es über sich bringt, die -wahre Natur des Vorganges zu enthüllen, und gegen ihn zu sprechen. -_Aber es bedeutet jede, auch die sublimste Erotik, noch immer eine -dreifache Unsittlichkeit_: einen unduldsamen Egoismus gegen die -wirkliche Frau der Erfahrung, _die nur als Mittel zum Zweck der eigenen -Hinanziehung benützt_, der darum kein selbständiges Leben verstattet -wird; mehr noch: eine Felonie gegen sich selbst, ein Davonlaufen -vor sich selbst, eine Flüchtung des Wertes in fremdes Land, ein -Erlöst-_Sein_-Wollen, und darum eine Feigheit, eine Schwäche, eine -Würdelosigkeit, ja gerade einen absoluten Unheroismus; drittens endlich -eine Scheu vor der Wahrheit, die man nicht brauchen kann, weil sie der -Absicht der Liebe widerstrebt, die man nicht zu ertragen vermag, weil -man dadurch um die Möglichkeit einer bequemen Erlösung käme. - -Diese letzte Unsittlichkeit ist eben diejenige, welche jede Aufklärung -über das Weib _verhindert_, weil sie sie _meidet_ und so die -Anerkennung der Wertlosigkeit des Weibes an sich wohl stets vereiteln -wird. Die Madonna ist eine Schöpfung des Mannes, nichts entspricht -ihr in der Wirklichkeit. Der Madonnenkult kann nicht moralisch sein, -weil er die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, weil mit ihm -der Liebende sich _belügt_. Der Madonnenkult, von dem ich spreche, -der Madonnenkult des großen Künstlers, ist in jeder Beziehung eine -_völlige_ Umschaffung des Weibes, die sich nur vollziehen kann, wenn -von der empirischen Realität der Frauen gänzlich abgesehen wird; die -Einlegung wird bloß dem schönen Körper nach ausgeführt, und sie kann -nichts für ihren Zweck verwenden, was dem schroff entgegenstünde, wofür -diese Schönheit Symbol werden soll. - -Der Zweck dieser Neuschöpfung des Weibes oder das Bedürfnis, aus -welchem die Liebe entspringt, ist nun ausführlich genug analysiert -worden. Es ist zugleich der Hauptgrund, warum man vor allen Wahrheiten, -die für das Weib nachteilig klingen, immer wieder die Ohren sich -zuhält. Lieber schwört man auf die weibliche »Schamhaftigkeit«, -entzückt sich am weiblichen »Mitleid«, interpretiert das Senken des -Blickes beim Backfisch als ein eminent sittliches Phänomen, als daß man -_mit_ dieser Lüge die Möglichkeit preisgäbe, das Weib als Mittel zum -Zweck der eigenen höheren Wallungen zu benützen, als daß man darauf -verzichtete, diesen Weg für die eigene Erlösung sich offen zu lassen. - -Hierin liegt also die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach -den Motiven, aus welchen an dem Glauben an die weibliche Tugend so -zähe festgehalten wird. Man will davon nicht lassen, es zum Gefäß -der Idee der eigenen Vollkommenheit zu machen, diese in der Frau als -realisiert sich vorzustellen, um mit dem zum Träger des höchsten Wertes -gemachten Weibe leichter sein geistiges Kind und besseres Selbst zu -realisieren. Der Zustand des Liebenden hat nicht umsonst so viel -Ähnlichkeit mit dem des Schaffenden; die ganz besonders große Güte -gegen alles, was lebt, die Verlorenheit für alle kleinen konkreten -Werte sind beiden gemeinsam, als Zustände, die den liebenden gleich -dem produktiven Menschen auszeichnen, und sie dem Philister, für den -gerade die materiellen Nichtigkeiten die einzige Realität bilden, stets -unbegreiflich und lächerlich erscheinen läßt. - -Denn jeder große Erotiker ist ein Genie und alles Genie im Grunde -erotisch, auch wenn seine Liebe zum _Wert_, das ist zur _Ewigkeit_, -zum _Weltganzen_, nicht in dem Körper eines Weibes Platz findet. _Das -Verhältnis des Ichs zur Welt, das Verhältnis von Subjekt zu Objekt -ist nämlich selbst gewissermaßen eine Wiederholung des Verhältnisses -von Mann zu Weib in höherer und weiterer Sphäre, oder vielmehr dieses -ein Spezialfall von jenem._ Wie der Empfindungskomplex zum Objekt -umgeschaffen wird, aber nur vom Subjekte und aus diesem heraus, so -wird das Weib der Erfahrung aufgehoben durch das Weib der Erotik. -Wie der Erkenntnistrieb die sehnsüchtige Liebe zu den Dingen ist, in -denen der Mensch immer und ewig nur sich selbst findet, so wird auch -der Gegenstand der Liebe im engeren Sinne vom Liebenden selbst erst -geschaffen, und er entdeckt in ihm stets nur sein eigenes tiefstes -Wesen. So ist die Liebe dem Liebenden eine Parabel: im Brennpunkte -steht allerdings sie; aber konjugiert ist die Unendlichkeit -- --. - -Es fragt sich nun noch, _wer_ diese Liebe kennt, ob _nur_ der _Mann_ -übersexuell, oder ob auch das _Weib_ der höheren Liebe fähig ist. -Suchen wir hierauf, ganz unabhängig und unbeeinflußt von den bisherigen -Ergebnissen, eine Antwort aus der Erfahrung neu zu gewinnen. Diese -zeigt ganz unzweideutig, daß W, eine _scheinbare_ Ausnahme abgerechnet, -nie mehr als bloß _sexuell_ ist. Die Frauen wollen entweder mehr den -Koitus oder mehr das Kind (jedenfalls aber wollen sie geheiratet -werden). Die »Liebeslyrik« der modernen Frauen ist nicht nur vollkommen -anerotisch, sondern ganz extrem sinnlich; und so kurz die Zeit ist, -seit welcher die Frauen mit solchen Erzeugnissen sich hervorwagen, sie -haben in dieser Beziehung Kühneres geleistet, als alle Männer je vorher -es gewagt haben, und ihre Produkte sind wohl geeignet, die leckersten -Erwartungen, die selbst an »Junggesellen-Lektüre« geknüpft werden -können, zu befriedigen. Hier ist nirgends von einer keuschen und reinen -Neigung die Rede, welche das geliebte Wesen durch die eigene Nähe zu -verunreinigen fürchtet. Es handelt sich nur um den tobendsten Orgiasmus -und die wildeste Wollust, und so wäre diese Literatur recht eigentlich -danach angetan, die Augen über die durchaus nur sexuelle und nicht -erotische Natur des Weibes zu öffnen. - -Liebe allein erzeugt Schönheit. Haben die Frauen zur Schönheit ein -Verhältnis? Es ist keine bloße Redensart, wenn man von den Frauen oft -hört: »Ach, wozu braucht denn ein Mann schön zu sein?« Es ist keine -bloße Schmeichelei: für den Mann und nicht allein darauf berechnet, -ihn an seiner Eitelkeit zu fangen, wenn eine Frau ihn um Rat fragt, -welche Farben ihr zu einem Kleide am besten passen; sie versteht diese -selbst nicht so zu wählen, daß sie _ästhetisch_ wirken könnten. Über -eine Anordnung, die Geschmack statt Schönheitssinn verrät, kommt eine -Frau ohne männliche Hilfe selbst in ihrer Toilette nicht hinaus. Wäre -in der Frau an sich irgend welche Schönheit, trüge sie auch nur einen -Maßstab der Schönheit ursprünglich im tieferen Innern, so würde sie -nicht vom Manne immerfort es sich versichern lassen wollen, daß sie -schön _sei_. - -Und so finden die Frauen auch den Mann nicht eigentlich _schön_, und -je mehr sie mit dem Worte herumwerfen, desto mehr verraten sie, wie -fern ihnen jedes Verhältnis zur Idee der Schönheit ist. Es ist der -sicherste Maßstab der Schamhaftigkeit eines Menschen, wie oft er das -Wort »schön«, diese Liebeserklärung an die Natur, in den Mund nimmt. -Wären die _Frauen_ sehnsüchtig nach Schönheit, so dürften sie ihren -Namen seltener nennen. Sie haben aber kein Bedürfnis nach Schönheit und -können keines haben, weil nur die sozial anerkannte äußere Erscheinung -in solchem Sinne auf sie wirkt. Schön aber ist nicht, was gefällt; -so oft diese Definition auch aufgestellt wird, so falsch ist sie, -so gerade läuft sie dem Sinn des Wortes zuwider. _Hübsch_ ist, was -gefällt; _schön_ ist, was _der Einzelne liebt_. Hübschsein ist immer -allgemein, Schönheit stets individuell. Darum ist alles wahrhafte -Schön-Finden schamhaft, denn es ist aus der Sehnsucht geboren, und die -Sehnsucht aus der Unvollkommenheit und Bedürftigkeit des Einsamen. -_Eros_ ist der Sohn des _Poros_ und der _Penia_, der Sprößling aus -der Verbindung von Reichtum und Armut. Um etwas schön zu finden, -dazu gehört, als zur Objektivität einer Liebe, Individualität, nicht -nur Individuation; bloßes Hübsch-Sein ist gesellschaftliche Münze. -Das Schöne wird _geliebt_, ins Hübsche pflegen die Leute _sich zu -verlieben_. Liebe ist stets hinauswollend, transcendent, weil sie -der Ungenügsamkeit des an die Subjektivität gefesselten Subjektes -entstammt. Wer bei den Frauen _solches_ Mißvergnügen vorzufinden -meint, ist ein schlechter Deuter und Unterscheider. W ist höchstens -_verliebt_, M _liebt_; und dumm und unwahr ist jene Behauptung -lamentierender Frauen, das Weib sei wahrer Liebe fähiger als der Mann: -im Gegenteil, es ist ihrer _unfähig_. Nicht jenem Bilde von der Parabel -wie die Liebe, sondern dem eines in sich selbst zurücklaufenden -Kreises gleicht alle _Verliebtheit_, und insonderheit die des Weibes. - -Wo der Mann auf die Frau individuell wirkt, ist es nicht durch -seine Schönheit. Für Schönheit hat, auch wenn sie im Manne sich -offenbart, nur der Mann einen Sinn: fällt es nicht auf, wie auch -von männlicher, nicht nur von weiblicher Schönheit aller Begriff -vom Manne ist geschaffen worden? Oder soll auch dies Folge der -»Unterdrückung« sein? Der einzige Begriff, der, wenn er auch von -Frauen darum nicht herstammen kann, weil diese nie auch nur einen -einzigen Begriff geschaffen haben, dennoch ihnen, in gewissem Sinne, -seine materiale Erfüllung und die Lebhaftigkeit der ihn begleitenden -Associationen verdankt, ist der Begriff das »feschen Kerls«, wie er -in Wien und Süddeutschland, des »forschen Mannes«, wie er in Berlin -und Norddeutschland heißt. Was durch diese Bezeichnung angedeutet -wird, ist die starke und entwickelte Sexualität des Mannes; denn die -Frau empfindet zuletzt doch immer als ihren Feind alles, was den Mann -abzieht von der Sexualität und der Fortpflanzung, seine Bücher und -seine Politik, seine Wissenschaft und seine Kunst. - -Nur das Sexuelle, nie das Asexuelle, Transsexuelle im Manne wirkt als -solches auf die Frau, und nicht Schönheit, sondern volles sexuelles -Begehren verlangt sie von ihm. _Es ist nie das Apollinische im Manne, -das auf sie Eindruck macht, aber darum auch nicht das Dionysische, -sondern stets nur, im weitesten Umfang, das Faunische in ihm_; nie der -Mann, sondern immer nur »le mâle«, (das Männchen); es ist vor allem -- -darüber kann ein Buch über das wirkliche Weib nicht schweigen -- seine -Sexualität im engsten Sinne, _es ist der Phallus_.[59] - -Man hat es entweder nicht sehen oder nicht sagen wollen, man hat sich -aber auch kaum noch eine ganz richtige Vorstellung davon gebildet, -was das Zeugungsglied des Mannes für das Weib, als Frau wie schon -als Jungfrau, bedeutet, wie es das ganze Leben der Frau zu oberst -beherrscht. Ich meine nicht, daß die Frau den Geschlechtsteil des -Mannes schön oder auch nur hübsch findet. Sie empfindet ihn vielmehr -ähnlich wie der Mensch das Medusenhaupt, der Vogel die Schlange; er -übt auf sie eine hypnotisierende, bannende, faszinierende Wirkung. -Sie empfindet ihn als das Gewisse, das Etwas, wofür sie gar keinen -Namen hat: _er ist ihr Schicksal_, er ist das, wovon es für sie kein -Entrinnen gibt. Nur darum scheut sie sich so davor, den Mann nackt zu -sehen, und gibt ihm nie ein Bedürfnis darnach zu erkennen: weil sie -fühlt, daß sie in demselben Augenblicke verloren wäre. _Der Phallus ist -das, was die Frau absolut und endgültig $unfrei$ macht._ - -Es ist also gerade jener Teil, welcher den Körper des Mannes recht -eigentlich verunziert, welcher allein den nackten Mann häßlich macht --- weswegen er auch von den Bildhauern so oft mit einem Akanthus- oder -Feigenblatte verdeckt ward --, _derselbe_, der die Frauen am tiefsten -aufregt und am heftigsten erregt, und zwar gerade dann, wenn er wohl -das Unangenehmste überhaupt vorstellt, im erigierten Zustande. Und -hierin liegt der letzte und entscheidendste Beweis dafür, daß die -Frauen von der Liebe nicht die Schönheit wollen, sondern -- etwas -anderes. - -Die neue Erfahrung, um welche die Untersuchung damit endgültig -bereichert ist, wäre aus dem Bisherigen vorherzusagen gewesen. Da -Logik und Ethik ausschließlich beim Manne sich geltend machen, so -war von vornherein wahrscheinlich, daß die Frauen mit der Ästhetik -nicht auf besserem Fuße stehen würden, als mit ihren normierenden -Schwesterwissenschaften. Die Verwandtschaft zwischen der Ästhetik und -der Logik kommt in aller Systematik und Architektonik der Philosophien, -ebenso aber in der Forderung strenger Logik für das Kunstwerk, in -höchster Vereinigung in dem Bau der Mathematik und in der musikalischen -Komposition zum Vorschein. Wie schwer es so vielen wird, Ästhetik -und Ethik auseinanderzuhalten, ist schon erwähnt worden. Auch die -ästhetische Funktion, nicht nur die ethische und logische, ist nach -_Kant_ eine solche, die vom Subjekte in Freiheit ausgeübt wird. _Das -Weib aber besitzt keinen freien Willen_, und so kann ihm auch nicht die -Fähigkeit verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren. - -Damit ist aber auch gesagt, daß die Frau nicht lieben könne. Als -Bedingung der Liebe muß Individualität, und zwar nicht rein und -ungetrübt, jedoch mit dem Willen zur eigenen Befreiung von Staub -und Schmutz, vorhanden sein. Denn ein Mittelding zwischen Haben und -Nichthaben ist Eros; kein Gott, sondern ein Dämon; er allein entspricht -der Stellung des Menschen zwischen Sterblichem und Unsterblichem: -so hat es der größte Denker erkannt, der _göttliche Platon_, wie -_Plotin_ ihn nennt (der einzige Mensch, der ihn wirklich, _innerlich -$verstanden$_ hat; indes viele seiner heutigen Kommentatoren und -Geschichtsschreiber von seiner Lehre nicht viel mehr begreifen als die -Ohrwürmer von den Sternschnuppen). Die Liebe ist also in Wirklichkeit -_keine_ »transscendentale Idee«; denn sie entspricht allein der Idee -eines Wesens, das nicht rein transcendental-apriorisch, sondern auch -sinnlich-empirisch ist: _der Idee der Menschheit_. - -Das Weib hingegen, das ganz und gar keine Seele hat, sehnt sich auch -nicht, diese geläutert von allem ihr anhaftenden Fremden irgendwo, -irgendwann endlich ganz zu finden. Es gibt kein Ideal der Frauen vom -Manne, das an die Madonna erinnern würde, nicht der reine, keusche, -sittliche Mann wird von der Frau gewollt, sondern -- ein anderer. - -So ist denn bewiesen, daß die Frau nicht die Tugend des Mannes -_wünschen kann_. Hätte sie in sich ein Unterpfand der Idee der -Vollkommenheit, wäre sie irgendwie Ebenbild Gottes, so müßte sie auch -den Mann, wie dieser das Weib, heilig, göttlich wollen. Daß ihr dies -ganz ferne liegt, ist wiederum nur ein Zeichen für ihren völligen -Mangel an Willen zum eigenen Werte, den sie nicht, wie so gerne -der Mann, irgendwo außer sich verkörpert denkt, um leichter zu ihm -emporstreben zu können. - -Ein unauflösbares Rätsel bleibt nur dies, warum gerade die Frau -mit dieser vergötternden Liebe geliebt wird, und, mit Ausnahme der -Knabenliebe, in welcher indes der Geliebte ebenfalls zum Weibe wird, -nicht irgend ein anderes Wesen. Ist die Hypothese nicht allzu kühn, die -sich hierüber entwickeln läßt? - -Vielleicht hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen -metaphysischen _außerzeitlichen_ Akt das Göttliche, die Seele für sich -allein behalten -- aus welchem Motive dies geschehen sein könnte, -vermögen wir freilich noch nicht abzusehen. Dieses sein Unrecht gegen -die Frau _büßt_ er nun in den Leiden der Liebe, _in und mit welcher er -der Frau die ihr geraubte Seele wieder zurückzugeben sucht_, ihr eine -Seele schenken will, weil er sich des Raubes wegen vor ihr schuldig -fühlt. Denn gerade dem _geliebten_ Weibe, ja, eigentlich nur ihm -gegenüber drückt ihn ein rätselhaftes Schuldbewußtsein am stärksten. -Die Aussichtslosigkeit eines solchen Rückgabeversuches, durch den er -seine Schuld zu sühnen würde trachten wollen, könnte wohl erklären, -warum es _glückliche Liebe_ nicht gibt. So wäre dieser Mythos kein -übler Vorwurf für ein dramatisches Mysterium. Aber die Grenzen einer -wissenschaftlichen, auch einer wissenschaftlich-philosophischen -Betrachtung sind mit ihm weit überflogen. - -Was die Frau _nicht_ will, wurde im obigen klargestellt; aber was sie -zu tiefst will, und daß dieses ihr innerstes Wollen dem Wollen des -Mannes gerade entgegengerichtet ist, soll jetzt gezeigt werden. - - - - -XII. Kapitel. - -Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum. - - »Erst Mann und Weib - zusammen machen den - Menschen aus.« - - _Kant._ - - -Immer tiefer ist die Analyse in der Schätzung des Weibes bis jetzt -heruntergegangen, immer mehr Hohes und Edles, Großes und Schönes mußte -sie ihm absprechen. Wenn sie nun in diesem Kapitel noch einen, den -entscheidenden, äußersten Schritt in derselben Richtung zu tun sich -anschickt, so möchte ich, zur Verhütung eines Mißverständnisses, schon -hier bemerken, worauf ich noch zurückkomme: daß mir wahrhaftig nichts -ferner liegt, als dem asiatischen Standpunkt in der Behandlung des -Weibes das Wort zu reden. Wer den vorausgehenden Darlegungen über das -Unrecht aufmerksamer gefolgt ist, das alle Sexualität, ja noch die -Erotik an der Frau begeht, dem wird bereits zum Bewußtsein gekommen -sein, daß dieses Buch kein Plaidoyer für den Harem ist, und daß es sich -hütet, die Härte des Urteils zu entwerten durch die Forderung einer so -problematischen Strafe. - -Aber die _rechtliche_ Gleich_stellung_ von Mann und Weib kann man sehr -wohl verlangen, ohne darum an die _moralische_ und _intellektuelle_ -Gleich_heit_ zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher -Zeit jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht -verdammt, und braucht doch der ungeheuerste, kosmische Gegensatz und -Wesensunterschied hier nicht verkannt zu werden. $Der tiefststehende -Mann steht noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe$; und -doch hat niemand das Recht, selbst das tiefststehende Weib irgendwie -zu schmälern oder zu unterdrücken. Durch die völlige _Berechtigung_ des -Anspruches auf Gleichheit vor jedem Gesetze wird kein gründlicherer -Menschenkenner in der Überzeugung sich beirren lassen, daß zwischen -den Geschlechtern die denkbar polarste Gegensätzlichkeit besteht. Was -für seichte Psychologen (um von dem menschenkundigen Tiefblick der -sozialistischen Theoretiker zu schweigen) die Materialisten, Empiristen -und Positivisten sind, kann man abermals hieraus entnehmen, daß gerade -aus ihren Kreisen vorzugsweise die Männer gekommen sind und auch jetzt -noch aus ihnen sich rekrutieren, welche für die ursprünglich _angeborne -psychologische Gleichheit_ zwischen Mann und Weib eintreten. - -Aber auch vor der Verwechslung meines Standpunktes in der Beurteilung -des Weibes mit den hausbackenen, und nur als tapfere Reaktion gegen -die Massenströmung erfreulichen Ansichten von P. J. _Moebius_ bin ich -hoffentlich gefeit. Das Weib ist nicht »physiologisch schwachsinnig«; -und ich kann auch die Auffassung nicht teilen, welche in Frauen mit -hervorragenderen Leistungen Entartungserscheinungen erblickt. Von einem -_moralischen_ Aussichtspunkte kann man diese Frauen, da sie stets -männlicher sind als die anderen, nur freudig begrüßen, und müßte bei -ihnen eher das Gegenteil einer Entartung, nämlich einen Fortschritt -und eine Überwindung, zugeben; in _biologischer_ Hinsicht sind sie -ebensowenig oder ebensosehr ein Degenerationsphänomen als der weibliche -Mann ein solches darstellt (wenn man ihn nicht ethisch wertet). Die -sexuellen Zwischenformen sind aber in der ganzen Reihe der Organismen -durchaus die normale und nicht eine pathologische Erscheinung, und ihr -Auftreten also noch kein Beweis körperlicher Décadence. - -Das Weib ist weder tiefsinnig noch hochsinnig, weder scharfsinnig noch -geradsinnig, es ist vielmehr von alledem das gerade Gegenteil; es -ist, so weit wir bisher sehen, überhaupt nicht »sinnig«: es ist als -Ganzes _Un_-sinn, _un_-sinnig. Aber das ist noch nicht _schwach_sinnig, -nach dem Begriffe, den man in deutscher Sprache damit verbindet: dem -Begriffe des Mangels an der einfachsten praktischen Orientierung im -gewöhnlichen Leben. Gerade Schlauheit, _Berechnung_, »_Gescheitheit_« -besitzt W viel regelmäßiger und konstanter als M, sobald es auf die -Erreichung naheliegender egoistischer Zwecke ankommt. Ein Weib ist nie -so dumm, wie es der Mann zuweilen sein kann. - -Hat nun das Weib gar keine Bedeutung? Verfolgt es wirklich keinen -allgemeineren Zweck? Hat es nicht doch eine Bestimmung, und liegt ihm -nicht, trotz all seiner Unsinnigkeit und Nichtigkeit, eine bestimmte -Absicht im Weltganzen zu Grunde? _Dient es einer Mission, oder ist sein -Dasein ein Zufall und eine Lächerlichkeit?_ - -Um hinter diesen Sinn zu kommen, muß von einem Phänomen ausgegangen -werden, das, so alt und so bekannt es ist, noch nirgends und niemals -einer Beachtung oder gar Würdigung wert befunden wurde. _Es ist kein -anderes als das Phänomen der $Kuppelei$, welches den eigentlichen, den -tiefsten Einblick in die Natur des Weibes gestattet._ - -Seine Analyse ergibt zunächst das Moment der _Herbeiführung_ und -_Begünstigung_ des Sichfindens zweier Menschen, die eine sexuelle -Vereinigung, sei es in Form der Heirat oder nicht, einzugehen in der -Lage sind. Dieses Bestreben, zwischen zwei Menschen etwas zustande zu -bringen, _hat jede Frau ausnahmslos schon in frühester Kindheit_: ganz -kleine Mädchen leisten bereits, und zwar selbst dem Liebhaber ihrer -älteren Schwestern, Mittlerdienste. Und wenn der Trieb zu kuppeln auch -erst dann deutlicher zum Vorschein kommen kann, wenn das weibliche -Einzelindividuum sich selbst untergebracht hat, d. h. nach seiner -eigenen Versorgung durch die Heirat: so ist er doch die ganze Zeit -über zwischen der Pubertät und der Hochzeit ebenso vorhanden; nur -wirken ihm der _Neid_ auf die Konkurrentinnen, und die _Angst_ vor den -größeren Chancen derselben im Kampf um den Mann so lang entgegen, bis -die Frau selbst ihren Gemahl sich glücklich erobert, oder ihr Geld, -die Beziehungen, in welche er nun zu ihrer Familie tritt u. s. w., ihn -gekirrt und geködert haben. Dies ist der einzige Grund, aus welchem -die Frauen erst in der Ehe mit vollem Eifer daran gehen, die Töchter -und Söhne ihrer Bekannten unter die Haube zu bringen. Und wie sehr -nun erst das alte Weib kuppelt, bei dem die Sorge für die eigene -sexuelle Befriedigung gänzlich in Wegfall gekommen ist, das ist so -allgemein bekannt, daß man, sehr mit Unrecht, das alte Weib _allein_ -zur eigentlichen Kupplerin gestempelt hat. - -Nicht nur Frauen, auch Männer werden sehr gerne in den Ehestand zu -bringen gesucht, auch von ihren eigenen Müttern, ja gerade von diesen -mit besonderer Lebhaftigkeit und Zähigkeit. Ganz ohne Rücksicht auf -die individuelle Eigenart des Sohnes ist es der Wunsch und die Sucht -jeder Mutter, ihren Sohn verheiratet zu sehen: ein Bedürfnis, in dem -man geblendet genug war, etwas Höheres, wieder jene Mutterliebe zu -erblicken, von welcher das vorige Kapitel nur eine so geringe Meinung -gewinnen konnte. Es ist möglich, daß viele Mütter, sei der Sohn auch -gar nicht für die Ehe geschaffen, von vornherein überzeugt sind, ihm -durch sie erst zum bleibenden Glück zu verhelfen; aber sicher fehlt -sehr vielen selbst dieser Glaube, und jedenfalls spielt allerwärts -und immer als _stärkstes_ Motiv der Kuppel_trieb_, die gefühlsmäßige -Abneigung gegen das Junggesellentum des Mannes, mit. - -Man sieht bereits hier, daß die Frauen _einem rein instinktiven Drange, -der in sie gelegt ist, folgen_, auch wenn sie _ihre Töchter_ zu -verheiraten suchen. Nicht aus logischen, und nur zum kleinsten Teile -aus materiellen Erwägungen entspringen die unendlichen Bemühungen, -welche die Mütter zu diesem Zwecke unternehmen, sie geschehen nicht -aus Entgegenkommen gegen geäußerte oder unausgesprochene Wünsche -der Tochter (denen sie in der speziellen Wahl des Mannes sogar oft -zuwiderlaufen); und es kann, da die Kuppelei ganz allgemein auf alle -Menschen sich erstreckt und nie auf die eigene Tochter sich beschränkt, -hier am wenigsten von einer »altruistischen«, »moralischen« Handlung -der _mütterlichen_ Liebe die Rede sein; obwohl sicherlich die meisten -Frauen, wenn jemand ihr kupplerisches Gebaren ihnen vorhielte, zur -Antwort geben würden: es sei ihre Pflicht, beizeiten an die Zukunft -ihres teueren Kindes zu denken. - -_Eine Mutter verheiratet ihre eigene Tochter nicht anders, als sie -jedem anderen Mädchen zum Manne gern verhilft_, wenn nur jene Aufgabe -innerhalb der Familie zuvor gelöst ist: _es ist ganz dasselbe, Kuppelei -hier wie dort, die Verkuppelung der eigenen Tochter unterscheidet sich -psychologisch in nichts von der Verkuppelung der fremden_. - -Wie schon öfter das Verhalten des einen Geschlechtes zu gewissen Zügen -des anderen als ein brauchbares Kriterium dafür verwendet werden -konnte, welche Eigentümlichkeiten des Charakters ausschließlich auf -eines beschränkt sind und welche auch dem anderen zukommen[60], so -kann, während bisher stets das Weib Zeuge sein mußte, daß gewisse, -ihm von vielen so gerne zugesprochene Eigenschaften ausschließlich -dem Manne angehören, hier einmal durch sein Verhalten der Mann -dokumentieren, wie die Kuppelei echt weiblich und ausschließlich -weiblich ist: die Ausnahmen betreffen entweder _sehr_ weibliche Männer -oder einen Fall, der noch ausführlich wird besprochen werden[61]. -Jeder wahre Mann nämlich wendet sich vom heiratsvermittelnden Treiben -der Frauen, selbst wenn es sich um seine eigene Tochter handelt, und -er diese gerne versorgt sehen möchte, mit Widerwillen und Verachtung -ab und überläßt die Kuppelsorgen überhaupt dem Weibe als sein Fach. -Zugleich sieht man hier am klarsten, wie auf den _Mann_ gar nicht die -_wahren psychischen_ Sexualcharaktere des Weibes attraktiv wirken, wie -sie ihn vielmehr abstoßen, wo sie ihm bewußt werden: indes die rein -männlichen Eigenschaften _an sich_, und wie sie wirklich sind, das -_Weib_ anzuziehen _genügen_, muß der Mann das Weib erst umformen, ehe -er es lieben kann. - -Die Kuppelei reicht aber bedeutend tiefer und durchdringt das Wesen -des Weibes in viel weiterer Ausdehnung, als jemand nach diesen -Beispielen, die nur den Umfang des Sprachgebrauches erschöpfen, -glauben könnte. Ich will zunächst darauf hinweisen, wie die Frauen -im Theater sitzen: stets mit der Erwartung, _ob_ die zwei, _wie_ die -zwei Liebesleute »sich kriegen« werden. _Auch dies ist nichts anderes -als Kuppelei_, und um kein Haar von ihr psychologisch verschieden: -_es ist das Herbeiwünschen des Zusammenkommens von Mann und Weib, wo -auch immer_. Aber das geht noch weiter: _auch die Lektüre sinnlicher -oder obscöner Dichtungen oder Romane, die ungeheuere Spannung auf -den Moment des Koitus, mit welcher die Frauen lesen, ist nichts, gar -nichts als Verkuppelung der beiden Personen des Buches_, tonische -Excitation durch den Gedanken der Kopulation und positive Wertung -der sexuellen Vereinigung. Man halte das nicht für eine logische und -formale Analogisierung, man versuche nachzufühlen, wie für die Frau -psychologisch beides _dasselbe $ist$_. Die Erregung der Mutter am -Hochzeitstage der Tochter ist keine andere als die der Leserin von -_Prévost_, oder von _Sudermanns_ »Katzensteg«. Es kommt zwar auch -vor, daß Männer solche Romane zu Detumeszenzzwecken gerne lesen, -aber das ist etwas prinzipiell von der weiblichen Art der Lektüre -_Verschiedenes_, es geht auf die lebhaftere Imagination des Sexualaktes -und verfolgt nicht krampfhaft von Anbeginn jede Verringerung der -Entfernung zwischen den beiden Menschen, um die es sich gerade handelt, -und wächst nicht, wie bei der Frau, kontinuierlich, in Proportion mit -einer sehr hohen Potenz vom reziproken Werte des Abstandes der Personen -voneinander. Die atemlose Begünstigung jeder Verringerung der Distanz -von dem Ziele, die deprimierte Enttäuschung bei jeder Vereitelung der -sexuellen Befriedigung ist durchaus weiblich und unmännlich; aber sie -tritt in der Frau ganz unterschiedslos bei jeder Bewegung auf, die -ihrer Richtung nach zum Geschlechtsakte führen kann, betreffe sie nun -Personen des Lebens oder der Phantasie. - -Hat man denn nie darüber nachgedacht, $warum$ die Frauen so gerne, so -»selbstlos« andere Frauen mit Männern zusammenbringen? Das Vergnügen, -welches ihnen hiedurch bereitet wird, _beruht auf einer eigentümlichen -Erregung durch den Gedanken auch des fremden Koitus_. - -Aber die volle Breite der Kuppelei ist auch mit der Ausdehnung auf den -Hauptgesichtspunkt aller weiblichen Lektüre noch nicht ausgemessen. -Wo an Sommerabenden in dunklen Gärten, auf den Bänken oder an den -Mauern Liebespaare eine Zuflucht suchen, dort wird eine Frau, die -vorübergeht, stets _neugierig_, sie _sieht hin_, indes der Mann, -der jenen Weg zu gehen gezwungen ist, sich unwillig abwendet, weil -er die Schamhaftigkeit verletzt fühlt. Desgleichen wenden sich die -Frauen fast nach jedem Liebespaare, dem sie auf der Gasse begegnen, -_um_ und verfolgen es mit ihren Blicken. Dieses _Hin_schauen, dieses -_Sichumdrehen_ ist nicht minder Kuppelei als das bisher unter den -Begriff Subsumierte. Was man ungern sieht und nicht wünscht, von dem -wendet man sich weg, und sperrt nicht die Augen nach ihm auf; die -Frauen sehen darum ein Liebespaar so gern, und überraschen es deshalb -am liebsten bei Küssen und weitergehenden Liebesbezeigungen, _weil sie -den Koitus $überhaupt$ (nicht nur für sich) wollen_. _Man beachtet -nur_, wie schon längst gezeigt wurde, _was irgendwie positiv gewertet -wird_. Die Frau, die zwei Liebende miteinander sieht, wartet stets auf -das, was kommen werde, d. h. sie erwartet es, nimmt es voraus, hofft -es, wünscht es. Ich habe eine längst verheiratete Hausfrau gekannt, die -ihr Dienstmädchen, das den Liebhaber eingelassen hatte, zuerst lang -in großer Anteilnahme vor der Tür behorchte, ehe sie hineinging, um -ihm seine Stellung zu kündigen. Die Frau hatte also den ganzen Vorgang -_innerlich bejaht_, um dann das Mädchen, in passiver Befolgung der ihr -überkommenen Schicklichkeitsbegriffe, wenn nicht gar nur aus unbewußter -Mißgunst, hinauszuwerfen. Ich glaube freilich, daß auch das letztere -Motiv häufig mitspielt, und zur Verdammung der Betroffenen der Neid, -der ihr jene Stunden doch nicht allein gönnt, seinen Teil beisteuert. - -Der Gedanke des Koitus wird von der Frau stets und in jeder Form, -in der er sich vollziehen mag, (selbst wenn ihn Tiere ausführen), -lebhaft ergriffen, und nie zurückgewiesen[62]; sie verneint ihn nicht, -empfindet keinen Ekel vor dem Ekelhaften des Vorganges, sucht nicht -sofort lieber an etwas anderes zu denken: sondern die Vorstellung -ergreift völlig von ihr Besitz und beschäftigt sie unausgesetzt -weiter, bis sie von anderen Vorstellungen ebenso sexuellen Charakters -abgelöst wird. Hiemit ist ein großer Teil des vielen so rätselhaft -scheinenden psychischen Lebens der Frauen sicherlich beschrieben. _Das -Bedürfnis, selbst koitiert zu werden, ist zwar das heftigste Bedürfnis -der Frau, aber es ist nur ein $Spezialfall$ ihres tiefsten, $ihres -einzigen vitalen Interesses, das nach dem Koitus überhaupt geht$; des -Wunsches, daß möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann immer, -koitiert werde._ - -_Dieses_ allgemeinere Bedürfnis richtet sich entweder mehr auf den Akt -selbst, oder mehr auf das Kind; im ersten Falle ist die Frau Dirne und -Kupplerin um der bloßen Vorstellung vom Akte willen; im zweiten ist sie -Mutter, aber nicht nur mit dem Wunsche selbst Mutter zu werden; sondern -an _jeder_ Ehe, die sie kennt oder zustande bringt, ist, je mehr sie -der absoluten Mutter sich nähert, desto ausschließlicher ihr Interesse -auf die Hervorbringung des Kindes gerichtet: die echte Mutter ist auch -die echte Großmutter (selbst wenn sie Jungfrau geblieben ist; man -vergleiche Johann _Tesmans_ unübertreffliche »_Tante Jule_« in _Ibsens_ -»_Hedda Gabler_«). Jede ganze _Mutter_ wirkt für die Gattung insgesamt, -sie ist Mutter der ganzen Menschheit: _jede_ Schwangerschaft wird von -ihr begrüßt. Die _Dirne_ will die anderen Weiber nicht schwanger, -sondern bloß _prostituiert_ sehen wie sich selbst. - -Wie sogar die Sexualität der Frauen ihrer Kuppelei noch _unter_geordnet -ist, und eigentlich nur als ein besonderer Fall der ersteren aufgefaßt -werden darf, das geht sehr deutlich aus ihrem Verhältnis zu den -verheirateten Männern hervor. Nichts ist den Frauen, da sie sämtlich -Kupplerinnen sind, so wie der ledige Stand des Mannes zuwider, und -darum suchen alle ihn zu verheiraten; _ist_ er aber schon Ehemann, so -verliert er für sie auch dann sehr viel an Interesse, wenn er früher -ihnen selbst ganz ausnehmend gefallen hat. _Auch_ wenn sie selber -bereits verheiratet sind, also nicht mehr jeder Mann zunächst unter -dem Gesichtspunkte der _eigenen_ Versorgung in Betracht kommt, und -nun, wie man denken sollte, der Ehemann darum nicht mehr geringere -Beachtung finden müßte als der andere, Ledige, selbst dann, als -ungetreue Ehefrauen, kokettieren die Weiber kaum mit dem Gatten einer -anderen; außer wenn sie über diese einen Triumph feiern wollen, -dadurch, daß sie ihn ihr abspenstig machen. Hiedurch erst ist ganz -bestätigt, daß es den Frauen nur auf die Verkuppelung ankommt; mit -_Verheirateten_ wird _darum_ so selten der Ehebruch begangen, _weil -diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt, bereits genügen_. Die -Kuppelei ist die allgemeinste Eigenschaft des menschlichen Weibes: der -Wille zur Schwiegermutter -- ich meine den Willen, Schwiegermutter -zu werden -- ist noch viel durchgängiger vorhanden als der Wille zur -Mutterschaft, dessen Intensität und Umfang man gewöhnlich über Gebühr -hoch veranschlagt. - -Man wird den Nachdruck, der hier gerade auf die _Kuppelei_ des Weibes -gelegt wird, vielleicht doch noch nicht ganz verstehen, die Bedeutung, -die ihr zugemessen werde, übertrieben, das Pathos der Argumentation -unmotiviert finden. Man begreife aber, worum es sich handelt. Die -Kuppelei ist dasjenige Phänomen, welches das Wesen des Weibes am -weitesten aufschließt, und man muß nicht, wie dies immer geschieht, -sie nur zur Kenntnis nehmen und gleich zu etwas anderem übergehen, -sondern sie zu analysieren und zu ergründen trachten. Gewiß ist es -eine den meisten Menschen geläufige Tatsache, daß »jedes Weib gern -ein bißchen kuppelt«. _Aber daß gerade hierin und nirgendwo anders -die Wesenheit des Weibes liegt, darauf kommt es an._ Es läßt sich --- nach reiflicher Betrachtung der verschiedensten Frauentypen und -Berücksichtigung noch weiterer spezieller Einteilungen, außer der hier -bereits durchgeführten, bin ich zu diesem Schlusse gekommen -- _absolut -nichts anderes als positive allgemein-weibliche Eigenschaft prädizieren -als die Kuppelei, das ist die Tätigkeit im Dienste der Idee des Koitus -$überhaupt$_. Jede Begriffsbestimmung der Weiblichkeit, welche deren -Wesen bloß im Wunsche, selbst koitiert zu werden, suchte, die im echten -Weibe nichts für echt hielte, als das Bedürfnis vergewaltigt zu werden, -wäre zu _eng_; jede Definition, die da sagen würde, der Inhalt des -Weibes sei das Kind oder sei der Mann oder sei beides, bereits zu -_weit_. Das allgemeinste und eigentlichste Wesen der Frau ist mit der -_Kuppelei_, d. h. $mit der Mission im Dienste der Idee körperlicher -Gemeinschaft$, _vollständig_ und _erschöpfend_ bezeichnet. _Jedes Weib -kuppelt_; und diese Eigenschaft des Weibes, _$Gesandte, Mandatarin des -Koitusgedankens$ zu sein_, ist auch die _einzige_, welche in _allen_ -Lebensaltern da ist _und selbst das Klimakterium überdauert_: das alte -Weib verkuppelt weiter, nicht mehr sich, sondern die anderen. Wenn man -das alte Weib mit Vorliebe als _die_ Kupplerin sich vorgestellt hat, so -wurde ein Grund hiefür schon angeführt. Der Beruf der greisen Kupplerin -ist nicht etwas, das _hinzu_kommt, sondern eben dies, was jetzt allein -_heraustritt_ und _übrig bleibt_ aus den früheren Komplikationen durch -das eigene Bedürfnis: das reine Wirken im Dienste der unreinen Idee. - -Es sei gestattet, hier kurz zu rekapitulieren, was die Untersuchung -nach und nach an positiven Resultaten über die Sexualität des Weibes -zutage gefördert hat. Es erwies sich zuerst als ausschließlich, und -nicht nur in Pausen, sondern kontinuierlich sexuell interessiert; es -war körperlich und psychisch in seinem ganzen _Wesen_ nichts als eben -die Sexualität selbst. Es wurde dabei überrascht, daß es sich überall, -am ganzen Körper und ohne Unterlaß, von allen Dingen ausnahmslos -_koitiert_ fühlt. Und wie der ganze _Körper_ des Weibes eine Dépendance -seines _Geschlechtsteiles_ war, so offenbart sich nun die zentrale -Stellung _der Koitus-Idee_ in seinem _Denken_. _Der Koitus ist das -einzige, allerwärts und immer, von der Frau ausschließlich $positiv$ -Bewertete; die Frau ist die Trägerin des Gemeinschaftsgedankens -überhaupt._ Die weibliche Höchstwertung des Koitus ist nicht auf -ein Individuum, auch nicht auf das wertende Individuum, beschränkt, -sie bezieht sich auf Wesen _überhaupt_, sie ist nicht individuell, -sondern _inter_individuell, _über_individuell, sie ist sozusagen -- -man sehe mir die Entweihung des Wortes einstweilen nach -- _$die -transcendentale$ Funktion des Weibes_. _Denn wenn Weiblichkeit -Kuppelei ist, so ist Weiblichkeit $universelle Sexualität$. Der Koitus -ist der höchste Wert der Frau, ihn sucht sie immer und überall zu -verwirklichen. $Ihre eigene Sexualität bildet von diesem unbegrenzten -Wollen nur einen begrenzten Teil.$_ -- - -Der männlichen Höchststellung der Schuldlosigkeit und Reinheit aber, -deren Erscheinung jene höhere Virginität wäre, welche der Mann -aus erotischem Bedürfnis von der Frau wünscht und fordert, diesem -nur _männlichen_ Ideale der Keuschheit ist jenes Streben der Frau -nach Realisierung der Gemeinschaft so polar entgegengesetzt, daß -es unbedingt als ihre eigentliche Natur sogar durch den dichtesten -Weihrauch der erotischen Illusion hindurch vom Mann hätte erkannt -werden müssen, wenn nicht _noch_ ein Faktor durch sein Dazwischentreten -diese Klärung regelmäßig verhindert hätte. Diesen Umstand, der -sich immer wieder einschiebt, um der Einsicht des Mannes in das -allgemeine und eigentliche Wesen der Weiblichkeit entgegenzuwirken, -dieses komplizierteste Problem des Weibes, seine abgründlich tiefe -_Verlogenheit_, gilt es nun aufzuhellen. So schwierig und so gewagt das -Unternehmen ist, es muß schließlich zu jener letzten Wurzel führen, -_aus der wir sowohl die Kuppelei_ (im weitesten Sinne, in dem die -eigene Geschlechtlichkeit nur ihr hervorstechendster Spezialfall ist) -_als auch diese Verlogenheit_, welche die Begierde nach dem Sexualakt -immerfort -- vor den Blicken des Weibes selbst! -- _verhüllt_, _beide_ -unter dem Lichte _eines_ letzten Prinzipes klar werden emporsprießen -sehen. - - * * * * * - -Alles nämlich, was vielleicht schon wie ein sicherer Gewinn erschienen -ist, findet sich nun nochmals in Frage gestellt. Den Frauen wurde keine -Selbstbeobachtung eingeräumt: es gibt aber sicherlich Weiber, die sehr -scharf vieles beobachten, was in ihnen vorgeht. Die Wahrheitsliebe -wurde ihnen abgesprochen; und doch kennt man Frauen, die es auf das -peinlichste vermeiden, eine Unwahrheit zu sagen. Das Schuldbewußtsein -sei ihnen fremd, wurde behauptet, obwohl Frauen existieren, die sich -selbst wegen geringfügiger Dinge die heftigsten Vorwürfe zu machen -pflegen, obwohl man von Büßerinnen und ihren Körper kasteienden -Weibern sichere Nachricht hat. Das Schamgefühl wurde nur dem Manne -belassen: aber muß nicht das Wort von der weiblichen Schamhaftigkeit, -von jener Scham, die nach _Hamerling_ sogar _nur_ das Weib kennt, -in der Erfahrung irgend eine Grundlage haben, die es ermöglichte, -ja begünstigte, daß die Dinge so gedeutet würden? Und weiter: -Religiosität könnte dem Weibe fehlen trotz allen »religieuses«? Strenge -Sittenreinheit bei ihm ausgeschlossen sein, aller tugendhaften Frauen -ungeachtet, von denen Lied und Geschichte melden? Bloß sexuell sollte -das Weib sein, die Sexualität allein bei ihm Anwert finden, wo es doch -mannigfach bekannt ist, daß Frauen wegen der geringsten Anspielung -auf sexuelle Dinge empört sein können, sich, statt zu kuppeln, oft -erbittert und angeekelt wegwenden von jedem Orte der Unzucht, ja nicht -selten den Koitus auch für ihre Person verabscheuen und ihm viel -gleichgültiger gegenüberstehen als irgend ein Mann? - -Es ist wohl offenbar, daß es sich in all diesen Antinomien um eine -und dieselbe Frage handelt, von deren Beantwortung die letzte und -endgültige Entscheidung über das Weib abhängt. Es ist klar, daß, wenn -auch nur _ein einziges_ sehr weibliches Wesen _innerlich asexuell_ -wäre, oder in einem wahrhaften Verhältnis zur Idee sittlichen -Eigenwertes stünde, $alles$, was hier von den Frauen gesagt wurde, -seine Allgemeingültigkeit als psychisches Charakteristikum ihres -Geschlechtes sofort unrettbar verlieren müßte, und somit die _ganze_ -Position des Buches mit einem Schlage vollkommen hinfällig würde. _Jene -scheinbar widersprechenden Erscheinungen müssen befriedigend erklärt, -und es muß von ihnen gezeigt werden, daß, was ihnen wirklich zu Grunde -liegt und so leicht zu Äquivokationen verführt, $derselben$ weiblichen -Natur entspricht, die bisher überall nachgewiesen werden konnte._ - -Man muß zunächst an die ungeheuere _Beeinflußbarkeit_, besser, nur -schlechter zu sprechen, _Beeindruckbarkeit_ der Frauen sich erinnern, -um zum Verständnis jener trügerischen Widersprüche zu gelangen. Diese -außerordentliche Zugänglichkeit für Fremdes und die leichte Annahme der -Ansichten anderer ist in diesem Buche bis jetzt noch nicht genügend -gewürdigt worden. Ganz allgemein schmiegt sich W an M vollständig an, -wie ein Etui an die Kleinodien in ihm, _seine_ Anschauungen werden -die _ihren_, seine Lieblingsneigungen teilen sich ihr mit wie seine -ganz individuellen Antipathien, jedes Wort von ihm ist für sie ein -_Ereignis_, und zwar um so stärker, je mehr er sexuell auf sie wirkt. -Diesen Einfluß des Mannes empfindet die Frau nicht als eine Ablenkung -von der Linie ihrer eigenen Entwicklung, sie erwehrt sich seiner -nicht als einer fremdartigen Störung, sie sucht sich nicht von ihm zu -befreien als von einem Eingriff in ihr inneres Leben, _sie schämt sich -nicht, rezeptiv zu sein_: im Gegenteil, sie fühlt sich nur _glücklich_, -wenn sie es sein kann, _verlangt_ vom Manne, daß er sie, auch geistig, -zu rezipieren _zwinge_. Sie schließt sich immer nur gerne an, _und -ihr Warten auf den Mann ist nur das Warten auf den Augenblick, wo sie -$vollkommen passiv$ sein könne_. - -Aber nicht nur vom »richtigen« Manne (wenn schon von ihm am liebsten), -auch von Vater und Mutter, Onkeln und Tanten, Brüdern und Schwestern, -nahen Verwandten und fernen Bekannten _übernehmen_ die Frauen, was -sie glauben und denken, und sind es froh, wenn in ihnen eine Meinung -_geschaffen_ wird. Noch die erwachsenen und verheirateten Frauen, nicht -nur die unreifen Kinder, ahmen einander in allem und jedem, _als ob -das natürlich wäre_, nach, von einer geschmackvolleren Toilette oder -Frisur, einer Aufsehen erregenden Körperhaltung angefangen bis auf -die Geschäfte, in denen sie einkaufen, und die Rezepte, nach welchen -sie kochen. Auch dieses gegenseitige Kopieren geschieht _ohne_ das -Gefühl, sich hiedurch etwas zu _vergeben_, wie es wohl sein müßte, -besäßen sie eine Individualität, die nur rein ihrem eigenen Gesetze zu -folgen strebt. So setzt sich der theoretische Bestand des weiblichen -Denkens und Handelns der Hauptsache nach aus Überkommenem und wahllos -Übernommenem zusammen, das von den Frauen um so eifriger ergriffen und -um so dogmatischer festgehalten wird, als ein Weib eine Überzeugung -nie selbsttätig aus objektiver Anschauung der Dinge gewinnt, und also -auch nie nach geändertem Aspekte frei aufgibt, nie selbst noch über -seinen Gedanken steht, vielmehr immer nur will, daß ihm eine Meinung -beigebracht werde, die es dann zähe festhalten könne. Darum sind die -Frauen am unduldsamsten, wo ein Verstoß gegen sanktionierte Sitten und -Gebräuche sich ereignet, mögen diese Institutionen welchen Inhaltes -immer sein. Einen angesichts der Frauenbewegung besonders ergötzlichen -Fall dieser Art will ich nach Herbert _Spencer_ mitteilen. Wie bei -vielen Indianerstämmen Nord- und Südamerikas, so gehen auch bei den -_Dakotas_ die Männer bloß der Jagd und dem Kriege nach und haben alle -niedrigen und mühevollen Beschäftigungen auf ihre Weiber gewälzt. Von -der Natürlichkeit und Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens sind die Frauen, -statt irgend sich unterdrückt zu fühlen, allmählich so durchdrungen -worden, daß ein Dakota-Weib dem anderen keinen größeren Schimpf antun -und keine ärgere Kränkung bereiten kann, als diese: »Schändliche Frau -.... ich habe Deinen Mann Holz in seine Wohnung tragen sehen zum -Feueranzünden. Wo war seine Frau, daß er genötigt war, sich selbst zum -Weibe zu machen?« - -Diese außerordentliche Bestimmbarkeit des Weibes durch außer ihm -Liegendes ist im Grunde wesensgleich mit seiner Suggestibilität, die -weit größer und ausnahmsloser ist als die des Mannes: beides kommt -damit überein, daß das Weib im Sexualakte und seinen Vorstadien nur -die passive, nie die aktive Rolle zu spielen wünscht.[63] _Es ist -die $allgemeine$ Passivität der weiblichen Natur, welche die Frauen -am Ende auch die männlichen Wertungen, zu welchen sie gar kein -ursprüngliches Verhältnis haben, acceptieren und übernehmen läßt._ -Diese _Imprägnierbarkeit_ durch die männlichen Anschauungen, diese -_Durchdringung_ des eigenen Gedankenlebens der Frau mit dem fremden -Element, diese _verlogene_ Anerkennung der Sittlichkeit, die man gar -nicht Heuchelei nennen kann, weil nichts _Anti_moralisches durch sie -verdeckt werden soll, diese Aufnahme und Anwendung eines an und für -sich ihr ganz _hetero_nomen Gebotes wird, soweit die Frau selbst nicht -wertet, im allgemeinen leicht und glatt von statten gehen _und den -täuschendsten Schein höherer Sittlichkeit leicht hervorbringen_. -Komplikationen können sich erst einstellen, wenn es zur Kollision -kommt mit der _einzigen eingeborenen_, echten und allgemein-weiblichen -Wertung, der _Höchstwertung des Koitus_. - -Die Bejahung der Gemeinschaft als des höchsten Wertes ist bei der Frau -eine ganz unbewußte. Denn dieser Bejahung steht nicht wie beim Manne -ihre Verneinung als die andere Möglichkeit gegenüber, es fehlt hier -die Zweiheit, die zum Bemerken führen könnte. Kein Weib weiß, oder -hat noch gewußt, oder auch nur wissen können, was es tut, wenn es -kuppelt. _Die Weiblichkeit selbst ist ja identisch mit der Kuppelei_, -und ein Weib müßte aus sich heraustreten können, um zu bemerken, zu -verstehen, daß es kuppelt. So bleibt das tiefste Wollen des Weibes, -das, was sein Dasein eigentlich bedeutet, von ihm stets unerkannt. -Nichts hindert also, daß die männliche negative Wertung der Sexualität -die positive weibliche vollständig im Bewußtsein des Weibes überdecke. -_Die Rezeptivität des Weibes geht so weit, daß es das, was es ist -- -das $einzige$, was es wirklich positiv $ist$! -- daß es selbst dies -verleugnen kann._ - -Aber die Lüge, die es begeht, wenn es sich das männliche -gesellschaftliche Urteil über die Sexualität, über Schamlosigkeit, ja -über die Lüge selbst, _einverleiben_ läßt und den männlichen Maßstab -aller Handlungen zu dem seinigen macht, diese Lüge ist eine solche, -die ihm nie bewußt wird, _es erhält eine zweite Natur, ohne auch nur -zu ahnen, daß es seine echte nicht ist_, es nimmt sich ernst, glaubt -etwas zu sein und zu glauben, ist überzeugt von der Aufrichtigkeit und -Ursprünglichkeit seines moralischen Gebarens und Urteilens: _so tief -sitzt die Lüge, $die organische$_, ich möchte, wenn es gestattet wäre, -am liebsten sagen: _$die ontologische$ Verlogenheit des Weibes_. - -_Wolfram von Eschenbach_ erzählt von seinem Helden: - - »... So keusch und rein - Ruht' er bei seiner Königin, - Daß kein Genügen fänd' darin - So manches Weib beim lieben Mann. - Daß doch so manche in Gedanken - Zur Üppigkeit will überschwanken, - Die sonst sich spröde zeigen kann! - Vor Fremden züchtig sie erscheinen, - _Doch ist des Herzens tiefstes Meinen - Das Widerspiel vom äußern Schein_.« - -Was das tiefste Meinen des weiblichen Herzens ist, das hat _Wolfram_ -klar genug angedeutet. Aber er sagt nicht alles. Nicht nur die Fremden, -_auch sich selbst_ belügen die Frauen in diesem Punkte. Man kann aber -seine Natur, sei es auch die physische, nicht unterdrücken ohne Folgen. -Die hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur -des Weibes ist die _Hysterie_. - -Von allen Neurosen und Psychosen stellen die _hysterischen_ -Erscheinungen dem Psychologen beinahe die reizvollste Aufgabe; eine -weit schwierigere und darum verlockendere als eine verhältnismäßig -leicht nachzulebende _Melancholie_, oder eine simple _Paranoia_. - -Zwar haben gegen psychologische Analysen fast alle Psychiater ein -nicht zu beseitigendes Mißtrauen; jede Erklärung durch pathologisch -veränderte Gewebe oder durch Intoxikationen auf nutritivem Wege ist -ihnen a limine glaubhaft, nur dem Psychischen mögen sie keine primäre -Wirksamkeit zuerkennen. Da aber nie noch ein Beweis dafür erbracht -worden ist, daß dem Psychischen eher als dem Physischen die sekundäre -Rolle zufallen müsse -- alle Hinweise auf die »Erhaltung der Energie« -sind von den berufensten Physikern selbst desavouiert worden -- so -kann man billig über dieses Vorurteil hinweggehen. Auf die Bloßlegung -des »psychischen Mechanismus« der Hysterie kann unendlich viel, ja -- -nichts spricht dagegen[64] -- möglicherweise _alles_ ankommen. Daß -höchstwahrscheinlich dieser Weg der richtige ist, darauf weist auch -hin, daß die wenigen bisherigen wahren Aufschlüsse über die Hysterie -nicht anders gewonnen wurden: ich meine die mit den Namen _Pierre -Janet_ und _Oskar Vogt_, und besonders J. _Breuer_ und S. _Freud_ -verknüpften Forschungen. Jede weitere Aufklärung über die Hysterie ist -in der Richtung zu suchen, welche diese Männer eingeschlagen haben: in -der Richtung auf die Rekonstruktion des _psychologischen_ Prozesses, -welcher zur Krankheit geführt hat. - -Schematisch hat man sich, wie ich glaube, die Entstehung derselben, -unter Annahme eines _sexuellen_ »traumatischen« Erlebnisses als des -häufigsten (nach _Freud alleinigen_) Anlasses zur Erkrankung, so -vorzustellen: eine Frau, die irgend eine sexuelle Wahrnehmung oder -Vorstellung gehabt, diese durch ursprüngliche oder Rückbeziehung -auf sich selbst _verstanden_ hat, und diese nun, vermöge der -ihr aufgedrungenen und von ihr gänzlich übernommenen, _in sie -über_gegangenen und ihr _waches Bewußtsein_ allein beherrschenden -männlichen Wertung _als ganze zurückweist, über sie empört, unglücklich -ist -- und sie gleichzeitig vermöge ihrer Beschaffenheit als Weib -positiv wertet, bejaht, wünscht in ihrem tiefsten Unbewußten_; in -der dann dieser Konflikt weiter schwärt, gärt und zu Zeiten in einem -Anfall aufbraust: eine solche Frau gewährt das mehr oder minder typisch -gewordene Krankheitsbild der Hysterie. So erklärt sich die Empfindung -des von der Person, wie sie _glaubt_, verabscheuten, tatsächlich aber -doch von etwas in ihr, von der ursprünglichen Natur, _gewollten_ -Sexualaktes als eines »_Fremdkörpers im Bewußtsein_«. _Die kolossale -Intensität des durch jeden Versuch zu seiner Unterdrückung nur -gesteigerten Wunsches, die um so heftigere, beleidigtere Zurückweisung -des Gedankens_ -- dies ist das Wechselspiel, das sich in der Hysterika -vollzieht. Denn die _chronische_ Verlogenheit des Weibes wird _akut_, -wenn sie auf den _Hauptpunkt_ sich erstreckt, wenn die Frau sich -auch die ethisch-negative Bewertung der Sexualität vom Manne noch -hat einverleiben lassen. Und daß die Hysterischen die _stärkste -Suggestibilität_ dem Manne gegenüber offenbaren, ist ja bekannt. -$Hysterie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des -Weibes.$ Ich leugne nicht, daß es auch, wenngleich _relativ_ nur recht -_selten_, hysterische _Männer_ gibt: denn _eine_ unter den unendlich -vielen Möglichkeiten, die psychisch im Manne liegen, ist es, zum -Weibe und damit, gegebenenfalls, auch _hysterisch_ zu werden. Es gibt -freilich auch verlogene _Männer_; aber da verläuft die Krisis anders -(wie auch ihre Verlogenheit stets eine andere, nie eine so völlig -_hoffnungslose_ ist): sie führt zur, obschon oft nur vorübergehenden, -_Läuterung_. - -Diese Einsicht in die organische Verlogenheit des Weibes, in seine -Unfähigkeit zur Wahrheit über sich selbst, die allein ermöglicht, daß -es in einer Weise denke, die ihm gar nicht entspricht, scheint mir -eine im Prinzip befriedigende Auflösung jener Schwierigkeiten, welche -die Ätiologie der Hysterie darbietet. Wäre die Tugend des Weibes echt, -so könnte es durch sie nicht leiden; es büßt nur die _Lüge_ gegen die -eigene, in Wirklichkeit ungeschwächte Konstitution. Im einzelnen bedarf -nun noch manches der Erläuterung und der Belege. - -Die Hysterie zeigt, daß die Verlogenheit, so tief sie hinabreicht, doch -nicht so fest sitzt, um _alles_ zu verdrängen. Das Weib hat ein ganzes -System von ihm fremden Vorstellungen und Wertungen durch Erziehung -oder Verkehr sich zu eigen gemacht, oder vielmehr: ihnen gehorsam alle -Einflußnahme auf sich gestattet; und es bedarf eines ganz gewaltigen -Anstoßes, um diesen großen, fest in sie eingewachsenen psychischen -Komplex aus dem Sattel zu heben, und so das Weib in jenen Zustand -intellektueller Hilflosigkeit, jener »Abulie« zu versetzen, welche für -die Hysterie so kennzeichnend ist. Ein außerordentlicher _Schreck_ etwa -vermag den künstlichen Bau umzuwerfen und die Frau nun zum Schauplatz -des Kampfes einer ihr unbewußten, verdrängten _Natur_ mit einem zwar -bewußten, aber ihr unnatürlichen _Geiste_ zu machen. Das Hin- und -Hergeworfenwerden zwischen beiden, welches nun anhebt, erklärt die -außergewöhnliche psychische Diskontinuität während des hysterischen -Leidens, das fortwährende Wechseln verschiedener Stimmungen, von denen -keine durch einen, ihnen allen noch übergeordneten Bewußtseinskern -ergriffen und festgehalten, beobachtet und beschrieben, erkannt -und bekämpft werden kann. Auch hängt hiemit das überleichte -Zusammenschrecken der Hysterischen zusammen. Doch läßt sich vermuten, -daß viele Anlässe, auch wenn sie dem geschlechtlichen Gebiete -_objektiv_ noch so fern liegen, von ihnen sexuell mögen apperzipiert -werden; wer aber vermöchte dann zu sagen, _womit_ das schreckhafte -äußere Erlebnis von scheinbar ganz _a_sexueller Natur _in ihnen_ sich -wieder verknüpft hat? - -Höchst wunderbar ist immer das Zusammensein so vieler Widersprüche in -den Hysterischen erschienen. Sie sind einerseits von eminent kritischem -Verstande und großer Urteilssicherheit, sträuben sich gegen die Hypnose -u. s. w., u. s. w., anderseits durch die geringfügigsten Anlässe am -stärksten excitierbar, und die tiefsten Grade hypnotischen Schlafes bei -ihnen erreichbar. Sie sind, von da gesehen, abnorm keusch, von dort aus -betrachtet, enorm sinnlich. - -All das ist hienach nicht schwer mehr zu erklären. Die gründliche -Rechtschaffenheit, die peinliche Wahrheitsliebe, das strenge Meiden -alles Sexuellen, das besonnene Urteil und die Willensstärke -- _all -dies ist nur ein Teil jener Pseudopersönlichkeit_, welche die Frau -_in ihrer Passivität vor sich und aller Welt zu spielen übernommen -hat_. Alles, was ihrer _ursprünglichen_ Beschaffenheit angehört und in -deren Sinn liegt, bildet jene »abgespaltene Person«, jene »unbewußte -Psyche«, die _gleichzeitig_ in Obscönitäten sich ergehen kann und -der suggestiven Beeinflussung so zugänglich ist. Man hat in den als -»duplex« und »multiplex personality«, als »double conscience«, als -»Doppel-Ich« benannten Tatsachen eines der stärksten Argumente gegen -die Annahme der _einen_ Seele erblicken wollen. In Wirklichkeit -sind gerade diese Phänomene der bedeutsamste Fingerzeig dafür, -_daß_ und _wo_ man von einer Seele reden darf. _Die »Spaltungen der -Persönlichkeit« sind eben nur dort möglich, wo von Anfang an keine -Persönlichkeit da ist, wie beim Weibe._ _All_ jene berühmten Fälle, -die _Janet_ in seinem Buche »L'Automatisme psychologique« beschrieben -hat, _beziehen sich auf Frauen_, kein einziger auf einen Mann. Nur die -Frau, die, ohne Seele, ohne ein intelligibles Ich, nicht Kraft hat, -alles in ihr Enthaltene bewußt zu machen, das Licht der Wahrheit über -ihrem Innern zu entzünden, kann durch die völlig passive _Durchflößung_ -mit einem fremden Bewußtsein, wie durch die im Sinne ihrer eigenen -Natur gelegenen Regungen so übertölpelt werden, wie es Voraussetzung -der von _Janet_ beschriebenen hysterischen Zustände ist, nur bei ihr -kann es zu derartig dichten Verkleidungen, zum Auftreten der _Hoffnung_ -auf den Koitus als _Angst vor_ dem Akte, zur _inneren Maskierung -vor sich selbst_ und Einspinnung des wirklichen Wollens wie in eine -undurchdringliche Kokonhülle kommen. Die Hysterie selbst ist der -Bankerott des aufgeprägten oberflächlichen Schein-Ich; deshalb macht -sie das Weib zeitweilig innerlich beinahe zur »tabula rasa«: indem auch -jeder eigene Trieb wie aus ihr hinweggeräumt scheint (»Anorexie«); -bis dann jene Versuche der wirklichen Weiblichkeit folgen, gegen -ihre verlogene Verleugnung sich nun endlich durchzusetzen. Wenn -jener »nervöse Choc«, jenes »psychische Trauma« je wirklich ein -asexuelles Schrecknis ist, so hat eben dieses die innere Schwäche -und Unhaltbarkeit des angenommenen Ich dargetan, es verscheucht, -davongejagt und so die Gelegenheit für den Ausbruch der echten Natur -geschaffen. - -Das _Heraufkommen dieser_ ist jener »Gegenwille« _Freuds_, der wie ein -fremder empfunden und durch die Zuflucht bei dem alten, nun aber morsch -und brüchig gewordenen Schein-Ich abgewehrt wird. Denn der »Gegenwille« -wird zurückzudrängen versucht: früher hat jener äußere _Zwang_, den -die Hysterika wie eine _Pflicht_ empfand, die eigene Natur unter die -Bewußtseinsschwelle verwiesen, sie verdammt und in Fesseln gelegt; -nun sucht sie nochmals vor den befreiten, emporwollenden Gewalten in -jenes System von Grundsätzen sich zu flüchten und mit seiner Hilfe die -ungewohnten Anfechtungen abzuschütteln und niederzuschlagen; aber jenes -hat zumindest seine Alleinherrschaft nun eingebüßt. - -_Der »Fremdkörper im Bewußtsein«, das »schlimme Ich« ist in -Wirklichkeit ihre eigenste weibliche Natur, während, was $sie$ für ihr -wahres Ich hält, gerade die Person ist, die sie durch das Einströmen -alles $Fremden$ wurde._ Der »Fremdkörper« ist die _Sexualität_, die -sie nicht _anerkennt_, deren Zugehörigkeit zu sich sie nicht zugibt; -die sie aber doch nicht mehr zu _bannen_ vermag wie ehedem, da ihre -Triebe vor der einwandernden Sittlichkeit sich geräuschlos und wie für -immer zurückzogen. Zwar mögen sich auch jetzt noch die mit äußerster -Anspannung unterdrückten Sexualvorstellungen »_konvertieren_« in alle -möglichen Zustände und so jenen proteusartigen Charakter des Leidens -hervorbringen, jenes Überspringen von Glied zu Glied, jene alles -nachahmende und niemals konstante Gestalt, welche die Definition der -Hysterie nach ihrem Symptomenbilde stets so sehr erschwert hat; aber in -keiner »Konversion« von allen geht nunmehr der Trieb auf, er verlangt -nach oben, in keiner Verwandlung findet er mehr seine _Erschöpfung_. - -Das _Unvermögen der Frauen zur Wahrheit_ -- für mich, der ich auf dem -Boden des Kantischen Indeterminismus stehe, folgt es aus ihrem Mangel -an einem _freien Willen zur Wahrheit_ -- bedingt ihre _Verlogenheit_. -Wer mit Frauen Umgang hatte, der weiß, wie oft sie, _unter dem -momentanen Zwang auf eine Frage zu antworten_, ganz beliebig falsche -Gründe für das, was sie gesagt oder getan haben, aus dem Stegreif -angeben. Nun ist es richtig, daß gerade die Hysterischen peinlichst -(aber nie ohne eine gewisse, demonstrative, Absichtlichkeit vor -Fremden) jeder Unwahrheit aus dem Wege gehen: _aber gerade hierin -liegt, so paradox es klingt, ihre Verlogenheit_. Denn sie wissen -nicht, daß ihnen die ganze Wahrheitsforderung von außen gekommen -und allmählich eingepflanzt worden ist. Sie haben das Postulat der -Sittlichkeit knechtisch acceptiert und geben darum, dem braven -Sklaven gleich, bei jeder Gelegenheit zu erkennen, wie getreu sie es -befolgen. Es ist immer auffällig, wenn man über jemand oft hervorheben -hört, was für ein ausnehmend anständiger Mensch er sei: er hat dann -sicherlich dafür gesorgt, daß man es wisse, und man kann wetten, daß er -insgeheim ein Spitzbube ist. Es kann das Vertrauen zu der Echtheit der -Moralität der Hysterischen nicht fördern, wenn die Ärzte (natürlich in -gutem Glauben) so oft betonen, wie hoch ihre Patienten in sittlicher -Beziehung stünden. - -Ich wiederhole: die Hysterischen simulieren nicht bewußt; nur unter dem -Einfluß der Suggestion kann ihnen klar werden, _daß_ sie tatsächlich -simuliert haben, und nur so sind alle »Geständnisse« der Verstellung zu -erklären. _$Sonst$ aber glauben sie an ihre eigene Aufrichtigkeit und -Moralität_: Auch die Beschwerden, von denen sie gepeinigt werden, sind -keine eingebildeten; vielmehr liegt darin, _daß_ sie diese wirklich -fühlen, und daß die Symptome erst mit der _Breuer_schen »Katharsis« -verschwinden, welche ihnen die wahren Ursachen der Krankheit in -der Hypnose successive _zum Bewußtsein_ bringt, der _Beweis_ des -_Organischen_ ihrer Verlogenheit. - -Auch die Selbstanklagen, welche die Hysterischen so laut zu erheben -pflegen, sind nichts als unbewußte Gleisnerei. Ein Schuldgefühl -kann nicht echt sein, das sich auf kleinste wie auf größte Dinge -_gleichmäßig_ erstreckt; hätten die hysterischen Selbstquäler das Maß -der Sittlichkeit in sich und aus sich selbst, so würden sie nicht so -wahllos in ihren Selbstanklagen sein und nicht die geringfügigste -Unterlassung schon _gleich_ schwer sich anrechnen wie den größten Fehl. - -Das entscheidende Zeichen für die unbewußte _Verlogenheit_ ihrer -Selbstvorwürfe ist die Art, in der sie anderen zu sagen pflegen, wie -schlecht sie seien, was für Sünden sie begangen hätten, und jene -fragen, ob sie selbst (die Hysterischen) nicht ganz und gar verworfene -Geschöpfe seien. Wessen Gewissensbisse ihn wirklich zu Boden drücken, -der kann nicht so reden. Es ist eine _Täuschung_, der besonders -_Breuer_ und _Freud_ zum Opfer gefallen sind, wenn sie gerade die -Hysteriker als eminent sittliche Menschen hinstellen. Denn diese haben -nur ein ihnen ursprünglich Fremdes, die Moral, vollständiger von außen -in sich übergehen lassen als die anderen. Diesem Kodex unterstehen sie -nun sklavisch, sie prüfen nichts mehr selbsttätig, wägen im einzelnen -nichts mehr ab. Das kann sehr leicht den Eindruck des sittenstrengsten -Rigorismus hervorrufen, und ist doch so unsittlich als möglich, denn es -ist das Höchste, was an _Heteronomie_ überhaupt geleistet werden kann. -Dem sittlichen Ziele einer _sozialen_ Ethik, für welche die Lüge kaum -ein Vergehen sein kann, wenn sie der Gesellschaft oder der Entwicklung -der Gattung nützt, diesem idealen Menschen einer solchen _hetero_nomen -Moral kommen die Hysterischen vielleicht näher als irgend ein anderes -Wesen. _Das hysterische Frauenzimmer ist die Probiermamsell der -Erfolgs- und der Sozialethik_: sowohl genetisch, denn die sittlichen -Vorschriften sind ihr wirklich von außen gekommen; als auch praktisch, -denn sie wird am leichtesten altruistisch zu handeln scheinen: für sie -sind die Pflichten gegen andere nicht ein Sonderfall der Pflicht gegen -sich selbst. - -Je getreuer die Hysterischen an die Wahrheit sich zu halten glauben, -desto tiefer sitzt ihre Verlogenheit. Ihre völlige Unfähigkeit zur -eigenen Wahrheit, zur Wahrheit über sich -- die Hysterischen denken nie -über sich nach und wollen nur, daß der andere über sie nachdenke, sie -wollen ihn _interessieren_ -- geht daraus hervor, daß die Hysterischen -die besten Medien für alle Hypnose abgeben. Wer aber sich hypnotisieren -läßt, der begeht die unsittlichste Handlung, die denkbar ist. Er begibt -sich in die vollendetste Sklaverei: er verzichtet auf seinen Willen, -auf sein Bewußtsein, über ihn gewinnt der andere Gewalt und erzeugt in -ihm das Bewußtsein, das ihm hervorzubringen gutdünkt. So liefert die -Hypnose den Beweis, wie alle _Möglichkeit_ der Wahrheit vom _Wollen_ -der Wahrheit, d. h. aber vom Wollen seiner selbst, abhängt: wem in -der Hypnose etwas aufgetragen wird, der führt es im Wachen aus, und -ersinnt, um seine Gründe gefragt, auf der Stelle ein beliebiges Motiv -dafür; ja, nicht nur vor anderen, auch vor sich selbst rechtfertigt -er mit einer ganz aus der Luft gegriffenen Erklärung, weshalb er nun -so handle. Man hat hier sozusagen eine experimentelle Bestätigung der -Kantischen Ethik. Wäre der Hypnotisierte bloß ohne Erinnerung, so müßte -er darüber erschrecken, daß er nicht _wisse_, warum er etwas tue. Aber -er erfindet sich ohne weiteres ein neues Motiv, das mit dem wahren -Grunde, aus dem er die Handlung ausführt, gar nichts zu tun hat. Er hat -eben auf sein Wollen verzichtet, und damit keine Fähigkeit zur Wahrheit -mehr. - -_Alle Frauen nun sind zu hypnotisieren und wollen gerne hypnotisiert -werden_; am leichtesten, am stärksten die Hysterischen. Selbst das -Gedächtnis für bestimmte Dinge aus ihrem Leben kann man -- denn das -Ich, der Wille, _schafft_ das Gedächtnis -- bei Frauen durch die -einfache Suggestion, daß sie von ihnen nichts mehr wüßten, auslöschen, -vernichten. - -Jenes _Breuer_sche »Abreagieren« der psychischen Konflikte durch -den hypnotisierten Kranken liefert den zwingenden Beweis, daß sein -Schuldbewußtsein kein ursprüngliches war. Wer sich einmal aufrichtig -schuldig gefühlt hat, ist von diesem Gefühle nie so völlig zu befreien, -wie es die Hysterischen sind, unter dem bloßen Einfluß des fremden -Wortes. - -Aber selbst diese Scheinzurechnung, welche die Frauen von hysterischer -Konstitution an sich vollziehen, wird hinfällig im Augenblicke, wo -die Natur, das sexuelle Begehren, sich durchzusetzen droht gegen die -scheinbare Bändigung. Im hysterischen Paroxysmus geht nichts anderes im -Weibe vor, als daß es sich, ohne es mehr sich selbst, wie früher, ganz -zu glauben, fort und fort versichert: das will _ich_ ja gar nicht, das -will _man_, das will jemand _Fremder_ _von mir_, aber _ich_ will es -_nicht_. Jede Regung anderer wird nun zu jenem Ansinnen in Beziehung -gebracht, das an sie, wie sie glaubt, von außen gestellt wurde, aber -in Wahrheit ihrer eigenen Natur entstammt und deren tiefsten Wünschen -vollauf entspricht; nur darum sind die Hysterischen im Anfall so -leicht durch das Geringste aufzubringen. Es handelt sich da immer um -die letzte verlogene Abwehr der in ungeheuerer Stärke frei werdenden -Konstitution; die »~Attitudes passionnelles~« der Hysterischen sind -nichts als diese demonstrative Abweisung des Sexualaktes, die darum so -laut sein muß, weil sie eben doch unecht ist, und so viel lärmender -als früher, weil nun die Gefahr größer ist.[65] Daß so oft sexuelle -Erlebnisse aus der Zeit vor der Pubertät in der akuten Hysterie die -größte Rolle spielen, ist danach leicht zu verstehen. Auf das Kind -war der Einfluß der fremden moralischen Anschauungen verhältnismäßig -leicht auszuüben, ohne einen erheblichen Widerstand in den noch fast -gänzlich schlummernden sexuellen Wünschen überwinden zu müssen. Nun -aber greift die bloß zurückgedrängte, nicht überwundene Natur das -alte, schon damals von ihr, nur ohne die Kraft es bis zum wachen -Bewußtsein emporzuheben und gegen dieses durchzusetzen, _positiv_ -gewertete Erlebnis _auf_, und stellt es nun erst gänzlich verführerisch -dar. Jetzt ist das wahre Bedürfnis nicht mehr so leicht vom wachen -Bewußtsein fernzuhalten wie ehedem, und so ergibt sich die Krise. Daß -der hysterische Anfall selbst so viele verschiedene Formen zeigen und -sich fortwährend in ein neues Symptomenbild transmutieren kann, liegt -vielleicht nur daran, daß der Ursprung des Leidens nicht _erkannt_, -daß die Tatsache, ein sexuelles Begehren sei da, vom Individuum nicht -_zugegeben_, nicht als von _ihm_ ausgegangen _ins Auge gefaßt_, sondern -einem zweiten Ich zugerechnet wird. - -Dies aber ist auch der Grundfehler aller ärztlichen Beobachter der -Hysterie, daß sie sich von den Hysterischen hierin immer ebenso haben -belügen lassen, wie diese sich allerdings auch selber aufsitzen[66]: -_nicht das abwehrende Ich, sondern das abgewehrte ist die eigene, -wahre und ursprüngliche Natur der Hysterischen_, so eifrig diese -auch sich selbst und anderen vormachen, daß es ein Fremdes sei. Wäre -das abwehrende Ich wirklich ihr eigenes, so könnten sie der Regung, -als einer ihnen fremden, _gegenübertreten_, sie _bewußt werten_ und -klar entschieden _abweisen_, sie gedanklich _festlegen_ und _wieder -erkennen_. So aber findet eine Maskierung statt, weil das abwehrende -Ich nur geborgt ist, und darum der Mut fehlt, dem eigenen Wunsche ins -Auge zu schauen, von dem man eben doch dumpf irgendwie fühlt, daß er -der echtgeborene, der allein mächtige ist. Darum kann jenes Begehren -auch nicht identisch bleiben, wo es an einem identischen Subjekte -fehlt; und da es unterdrückt werden soll, springt es sozusagen über -von einem Körperteil auf den anderen. Denn die Lüge ist vielgestaltig, -sie nimmt immer neue Formen an. Man wird diesen Erklärungsversuch -vielleicht mythologisch finden; aber wenigstens scheint sicher, daß es -immer nur ein und dasselbe ist, was jetzt als Kontraktur, dann wieder -plötzlich als Hemianästhesie, und nun gar als Lähmung erscheint. Dieses -eine ist das, was die Hysterika nicht als zu sich gehörig anerkennen -will, und unter dessen Gewalt sie _eben damit_ gerät: denn würde sie -es sich zurechnen und es beurteilen, wie sie alle geringfügigsten -Dinge sonst sich zugerechnet hat, so würde sie zugleich irgendwie -außerhalb und oberhalb ihres Erlebnisses stehen. Gerade das Rasen und -Wüten der Hysterikerinnen gegen etwas, _das sie als fremdes Wollen -empfinden, obwohl es ihr eigenstes ist_, zeigt, daß sie tatsächlich -ganz so sklavisch unter der Herrschaft der Sexualität stehen wie -die nichthysterischen Frauen, genau so von ihrem Schicksal besessen -sind und nichts haben, was über demselben steht: kein zeitloses, -intelligibles, _freies_ Ich. - -Man wird nun mit Recht noch die Frage aufwerfen, warum nicht alle -Frauen hysterisch, da doch alle verlogen seien. Es ist dies keine -andere Frage als die nach der hysterischen Konstitution. Wenn die hier -entwickelte Theorie das Richtige getroffen hat, so muß sie auch hierauf -eine Antwort geben können, die mit der Wirklichkeit übereinstimmt. -Die hysterische Frau ist nach ihr diejenige, welche in passiver -Gefügigkeit den Komplex der männlichen und gesellschaftlichen Wertungen -einfach acceptiert hat, statt ihrer sinnlichen Natur möglichsten Lauf -lassen zu wollen. _Die nicht folgsame Frau wird also das Gegenteil -der Hysterika sein._ Ich will hiebei nicht lange verweilen, weil es -eigentlich in die spezielle weibliche Charakterologie gehört. Das -hysterische Weib wird hysterisch als eine Folge seiner Knechtsamkeit, -es ist identisch mit dem geistigen Typus der _Magd_; ihr Gegenteil, die -absolut unhysterische Frau (welche, als eine Idee, es in der Erfahrung -nicht gibt), wäre die absolute _Megäre_. Denn auch dies ist ein -Einteilungsgrund aller Frauen. Die Magd dient, die Megäre herrscht.[67] -Zum Dienstmädchen kann und muß man geboren sein, und eignet sich sehr -wohl manche Frau, die reich genug ist, um nie den Stand derselben -ergreifen zu müssen. Und Magd und Megäre stehen immer in einem gewissen -Ergänzungsverhältnis.[68] - -Die Folgerung aus der Theorie wird nun von der Erfahrung vollauf -bestätigt. Die Xanthippe ist jene Frau, welche in der Tat am wenigsten -Ähnlichkeit mit der Hysterika hat. Sie läßt ihre Wut (die wohl auch -nur auf mangelhafte sexuelle Befriedigung zurückgeht) an anderen, die -hysterische Sklavin an sich selbst aus. Die Megäre »haßt« die anderen, -die Magd »haßt« »sich«. Alles, was die Megäre drückt, bekommt der -Nebenmensch zu spüren; sie weint ebenso leicht wie die Magd, aber -sie weint stets andere an. Die Sklavin schluchzt auch allein, ohne -_freilich je einsam zu sein_ -- Einsamkeit wäre ja mit Sittlichkeit -identisch und Bedingung jeder wahren Zweisamkeit und Mehrsamkeit; die -Megäre verträgt das Alleinsein nicht, sie muß ihren Zorn an jemand -außer sich auslassen, indes die Hysterische sich selbst verfolgt. Die -Megäre lügt offen und frech, aber ohne es zu wissen, weil sie von Natur -_immer_ im Rechte zu sein glaubt; so beschimpft sie noch den anderen, -der ihr widerspricht. Die Magd hält sich gehorsam an die ihr von Natur -ebenso fremde Wahrheitsforderung; die _Verlogenheit_ dieser fügsamen -Ergebung kommt in ihrer Hysterie zum Vorschein: dann nämlich, wenn -der Konflikt mit ihren eigenen sexuellen Wünschen da ist. Um dieser -Rezeption und allgemeinen Empfänglichkeit willen mußte die Hysterie -und das hysterische Frauenzimmer so eingehend besprochen werden: -dieser Typus, nicht die Megäre, ist es, der mir zuletzt noch hätte -entgegengehalten werden können.[69] - -Verlogenheit, organische Verlogenheit, charakterisiert aber beide und -somit sämtliche Frauen. Es ist ganz unrichtig, wenn man sagt, daß die -Weiber _lügen_. Das würde voraussetzen, daß sie auch manchesmal die -Wahrheit sagen. Als ob _Aufrichtigkeit_, pro foro interno et externo, -nicht gerade die Tugend wäre, deren die Frauen _absolut unfähig_ sind, -die ihnen _völlig unmöglich_ ist! Es handelt sich darum, daß man -einsehe, _wie eine Frau in ihrem ganzen Leben $nie$ wahr $ist$, selbst, -ja $gerade$ dann nicht, wenn sie, wie die Hysterische, sich sklavisch -an die für sie $hetero$nome Wahrheitsforderung hält und so $äußerlich$ -doch die Wahrheit $sagt$_. - -Ein Weib kann beliebig lachen, weinen, erröten, ja es kann schlecht -aussehen auf Verlangen: die Megäre, wann sie, irgend einem Zweck -zuliebe, es will; die Magd, wann der äußere Zwang es verlangt, der sie, -ohne daß sie es weiß, beherrscht. Zu solcher Verlogenheit fehlen dem -Manne offenbar auch die organischen, physiologischen Bedingungen. - -_Ist so die $Wahrheitsliebe$ dieses Frauentypus $nur als die ihm -eigentümliche Form der Verlogenheit$ entlarvt_, so ist von den -anderen Eigenschaften, die an ihm gerühmt werden, von Anfang an zu -erwarten, daß es nicht besser mit ihnen werde bestellt sein. Seine -Schamhaftigkeit, seine Selbstbeobachtung, seine Religiosität werden -rühmend hervorgehoben. Die weibliche Schamhaftigkeit ist aber nichts -anderes als Prüderie, d. h. eine demonstrative Verleugnung und Abwehr -der _eigenen_ Unkeuschheit. Wo irgend bei einem Weibe das wahrgenommen -wird, was man als Schamhaftigkeit deutet, dort ist auch schon, im genau -entsprechenden Maße, Hysterie vorhanden. Die ganz unhysterische, die -gänzlich unbeeinflußbare Frau, d. i. die absolute Megäre, wird nicht -erröten, auch wenn ihr der Mann etwas noch so Berechtigtes vorwirft; -ein Anfang von Hysterie ist da, wenn das Weib unter dem unmittelbaren -Eindruck des männlichen Tadels errötet; vollkommen hysterisch aber ist -es erst, sobald es auch dann errötet, wenn es allein, und wenn kein -fremder Mensch anwesend ist: denn dann erst ist es vom anderen, von der -männlichen Wertung, _$vollständig$ imprägniert_. - -Frauen, die dem nahe kommen, was man sexuelle Anästhesie oder -Frigidität genannt hat, sind, wie ich, in Übereinstimmung mit Paul -_Solliers_ Befunden, hervorheben kann, stets Hysterikerinnen. Die -sexuelle Anästhesie ist eben nur _eine_ von den vielen hysterischen, -d. h. unwahren, verlogenen Anästhesien. Es ist ja, besonders durch die -Experimente von Oskar _Vogt_, bekannt, daß solche Anästhesien keinen -wirklichen Mangel der Empfindung bedeuten, sondern nur einen Zwang, -der gewisse Empfindungen vom Bewußtsein fernhält und ausschließt. -Wenn man den anästhetisch gemachten Arm einer Hypnotisierten beliebig -oft sticht und dem Medium aufgegeben hat, jene Zahl zu nennen, die -ihm gleichzeitig einfalle, so nennt es die Zahl der Stiche, die es -in seinem (dem »somnambulen«) Zustande, offenbar nur unter der Kraft -eines bestimmten Bannes, nicht perzipieren durfte. So ist auch die -sexuelle Frigidität auf ein _Kommando_ entstanden: durch die zwingende -Kraft der Imprägnation mit einer asexuellen, aus der Umgebung auf -das empfängliche Weib übergegangenen Lebensanschauung; aber wie -alle Anästhesie durch ein genügend starkes _Kommando_ auch wieder -_aufzuheben_. - -Ebenso wie mit der eigenen körperlichen Unempfindlichkeit gegen den -Geschlechtsakt verhält es sich mit dem Abscheu gegen Geschlechtlichkeit -überhaupt. Ein solcher Abscheu, eine intensive Abneigung gegen alles -Sexuelle, wird von manchen Frauen wirklich empfunden, und man könnte -glauben, hier liege eine Instanz gegen die Allgemeingültigkeit -der Kuppelei und gegen ihre Gleichsetzung mit der Weiblichkeit -vor. Frauen, welche es krank machen kann, wenn sie ein Paar im -Geschlechtsverkehre überraschen, sind aber stets Hysterikerinnen. So -tritt hier vielmehr überzeugend die Richtigkeit der Theorie hervor, -welche die Kuppelei als das Wesen der Frau hinstellte und die eigene -Sexualität derselben nur als einen besonderen Fall unterordnete: eine -Frau kann nicht nur hysterisch werden durch ein sexuelles Attentat, -das auf sie ausgeübt wurde, und gegen das sie _äußerlich_ sich wehrte, -ohne es _innerlich_ zu verneinen, sondern ebenso durch den Anblick -irgend eines koitierenden Paares, indem sie dessen Koitus noch negativ -zu werten glaubt, wo schon die eingeborene Bejahung desselben mächtig -durchbricht durch alles Angenommene und Künstliche, durch die ganze -ihr aufgedrückte und einverleibte Denkweise, in deren Sinn sie sonst -empfindet. Denn sie fühlt auch mit jeder sexuellen Vereinigung anderer -nur sich selbst koitiert. - -Ein Ähnliches gilt von dem bereits kritisierten hysterischen -»Schuldbewußtsein«. Die absolute Megäre fühlt sich überhaupt _nie_ -schuldig, die leicht hysterische Frau nur in Gegenwart des Mannes, die -ganz hysterische vor jenem Mann, der definitiv in sie übergegangen -ist. Man komme nicht mit den Kasteiungen der Betschwestern und -Büßerinnen, um das Schuldgefühl der Frauen zu beweisen. Gerade die -extremen Formen, welche hier die Selbstzüchtigung annimmt, machen sie -verdächtig. Die Kasteiung beweist wohl in den meisten Fällen nur, daß -ein Mensch nicht _über_ seiner Tat steht, daß er sie nicht schon durch -das Schuldbewußtsein auf sich genommen hat; sie scheint viel eher ein -Versuch zu sein, die Reue, die man doch nicht ganz innerlich empfindet, -von außen sich aufzudrängen und ihr so die Stärke zu geben, die sie an -sich nicht hat. - -Damit hängt auch der vom einen dem anderen immer wieder nachgesprochene -Irrtum zusammen, daß die Frauen religiös veranlagt seien. Die weibliche -Mystik ist, wo sie über simplen Aberglauben hinausgeht, _entweder_ eine -sanft verhüllte Sexualität, wie bei den zahlreichen Spiritistinnen -und Theosophinnen -- diese Identifikation des Geliebten mit der -Gottheit ist von Dichtern mehrfach behandelt worden, besonders von -_Maupassant_, in dessen bestem Romane _Christus_ für die Frau des -Bankiers _Walter_ die Züge des »_Bel-Ami_« annimmt, und nach ihm von -Gerhart _Hauptmann_ in »_Hanneles Himmelfahrt_« --, _oder_ es ist -der andere Fall verwirklicht, daß auch die Religiosität vom Manne -passiv und unbewußt übernommen und um so krampfhafter festzuhalten -gesucht wird, je stärker ihr die eigenen natürlichen Bedürfnisse -widersprechen. Bald wird der Geliebte zum Heiland; bald (wie man -weiß, bei so vielen Nonnen) der Heiland zum Geliebten. Alle großen -Visionärinnen, welche die Geschichte nennt (vgl. Teil I, S. 85), sind -hysterisch gewesen; die berühmteste unter ihnen, die _heilige Therese_, -hat man nicht mit Unrecht »die Schutzheilige der Hysterie« genannt. -Wäre übrigens die Religiosität der Frauen echt, und käme sie bei ihnen -aus einem Inneren, so hätten sie religiös schöpferisch sein können, -ja, irgendwie sein müssen: sie sind es aber nie, nicht im mindesten, -gewesen. Man wird verstehen, was ich meine, wenn ich den eigentlichen -Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Credo so ausspreche: -die Religiosität des Mannes ist höchster Glaube _an sich selbst_, die -Religiosität des Weibes höchster Glaube _an den anderen_. - -So bleibt nur noch die Selbstbeobachtung, die bei den Hysterikern -oft als außerordentlich entwickelt bezeichnet wird. Daß es aber -bloß der Mann ist, der in das Weib so weit eingedrungen ist, daß er -selbst _in_ ihr noch beobachtet, wird aus der Art und Weise klar, wie -_Vogt_, in weiterer und exakterer Anwendung eines zuerst von _Freud_ -eingeschlagenen Verfahrens, die Selbstbeobachtung _in der Hypnose_ -erzwang. Der fremde männliche Wille _schafft_ durch seinen Einfluß -_in der hypnotisierten Frau einen Selbstbeobachter_, vermöge der -Erzeugung eines Zustandes »systematisch eingeengten Wachseins«. Aber -auch außerhalb der Suggestion, im gesunden Leben der Hysterischen, -ist es nur der Mann, mit dem sie imprägniert sind, welcher in ihnen -beobachtet. So ist auch alle Menschenkenntnis der Frauen durchaus -Imprägnation mit dem richtig beurteilten Manne. Im Paroxysmus schwindet -jene künstliche Selbstbeobachtung vor der zum Durchbruch drängenden -Natur dahin. - -Ganz so verhält es sich auch mit dem _Hellsehen_ hysterischer -Medien, das ohne Zweifel vorkommt und mit dem »okkulten« Spiritismus -ebensowenig zu tun hat wie die hypnotischen Phänomene. Wie die -Patientinnen _Vogts_ unter dem energischen Willen des Suggestors sich -selbst vorzüglich zu beobachten vermochten, so wird die Hellseherin -unter dem Einflusse der drohenden Stimme eines Mannes, der sie zu allem -zu zwingen vermag, auch zu telepathischen Leistungen fähig und liest -aus weiter Ferne gehorsam mit verbundenen Augen die Schriftstücke -in den Händen fremder Menschen, was ich in München unzweideutig -wahrzunehmen selbst Gelegenheit hatte. Denn im Weibe stehen nicht, wie -im Manne, dem Willen zum Guten und Wahren sehr starke Leidenschaften -unausrottbar _entgegen_. Der männliche Wille hat über das Weib mehr -Gewalt als über den Mann: er kann im Weibe etwas realisieren, dem im -eigenen Hause zu viel Dinge sich _widersetzen_. In _ihm_ wirkt ein -Antimoralisches und ein Antilogisches _wider_ die Klärung, er will nie -ganz allein die Erkenntnis, sondern immer noch anderes. _Über die Frau -aber kann der männliche Wille so vollständig alle Gewalt gewinnen, daß -er sie sogar hellsichtig macht_, und alle Schranken der Sinnlichkeit -für _sie_ fortfallen. - -Darum ist das Weib eher telepathisch als der Mann, darum leistet es -als _Seherin_ mehr als dieser, freilich nur, wenn es Medium, d. h. zum -Objekt geworden ist, an welchem der _männliche_ Wille am leichtesten -und vollkommensten sich verwirklicht. Auch die _Wala_ kann _wissend_ -werden: aber erst, wenn sie von _Wotan_ _bezwungen_ ist. Sie kommt ihm -hierin entgegen; denn ihre einzige Leidenschaft ist es eben, daß sie -gezwungen werden will. - -Das Thema der Hysterie ist hiemit, soweit es für den Zweck dieser -Untersuchung berührt werden mußte, auch erschöpft. _Jene Frauen, -die als Beweise der weiblichen Sittlichkeit angeführt werden, sind -stets Hysterikerinnen_, und gerade in der Befolgung der Sittlichkeit, -in dem Gebaren nach dem Moralgesetze, als ob dieses Gesetz das -Gesetz ihrer Persönlichkeit wäre, und nicht vielmehr, ohne sie zu -fragen, von ihnen kurzerhand _Besitz_ ergriffen hätte, liegt die -Verlogenheit und Unwahrheit dieser Sittlichkeit. Die hysterische -Konstitution ist eine lächerliche Mimicry der männlichen Seele, eine -Parodie auf die Willensfreiheit, die das Weib vor sich posiert in -dem nämlichen Augenblicke, wo es dem männlichen Einfluß am stärksten -unterliegt. Nichtsdestoweniger sind die höchststehenden Frauen -eben Hysterikerinnen, wenn auch die Zurückdrängung der triebhaften -Sexualität, die sie über die anderen Frauen erhebt, keine solche ist, -die aus _eigener_ Kraft und in mutigem Kampfe mit einem zum _Stehen_ -gezwungenen Gegner erfolgt wäre. An den hysterischen Frauen aber -_rächt_ sich wenigstens die eigene Verlogenheit, und insoferne kann man -sie als ein wenn auch noch so _verfälschtes Surrogat_ jener _Tragik_ -gelten lassen, zu der es sonst dem Weibe an jeglicher Fähigkeit -gebricht. - -Das Weib ist _unfrei_: es wird schließlich immer bezwungen durch das -Bedürfnis, vom Manne, in eigener Person wie in der aller anderen, -_vergewaltigt_ zu werden; es steht unter dem Banne des Phallus und -verfällt unrettbar seinem Verhängnis, auch wenn es nicht selbst zur -völligen Geschlechtsgemeinschaft gelangt. Das höchste, wozu ein -Weib es bringen mag, ist ein dumpfes Gefühl dieser Unfreiheit, ein -düsteres Ahnen eines Verhängnisses _über_ sich -- es kann dies offenbar -nur der letzte Schimmer des _freien_ intelligiblen Subjektes sein, -der kümmerliche Rest von angeborener Männlichkeit, der ihr, _durch -den Kontrast_, eine, wenn auch noch so schwache, _Empfindung_ der -_Notwendigkeit_ gestattet: es gibt kein absolutes Weib. Aber ein klares -_Bewußtsein_ ihres Schicksales und des Zwanges, unter dem sie steht, -ist der Frau _unmöglich_: _nur der Freie $erkennt$ ein Fatum_, weil -er nicht in die Notwendigkeit _einbegriffen_ ist, sondern, wenigstens -mit einem Teile seines Selbst, einem Zuschauer und einem Kämpfer, -außerhalb seines Schicksals und über diesem steht. Die Frau hält sich -gerade darum meist für _un_gebunden, weil sie _ganz_ gebunden, und -leidet nicht an der Leidenschaft, weil sie selbst nichts _ist_ als -Leidenschaft. _Nur der Mann_ konnte von der »dira necessitas« in sich -sprechen, nur er die Konzeption einer Moira und einer Nemesis fassen, -nur er Parzen und Nornen schaffen: weil er nicht nur empirisches, -_bedingtes_, sondern auch intelligibles, _freies_ Subjekt ist. - -Aber, wie schon gesagt: selbst wenn eine Frau ihre eigene -Determiniertheit zu ahnen beginnt, ein klares _Bewußtsein_ derselben, -eine Auffassung und ein Verständnis ist dies nicht zu nennen; denn dazu -wäre der _Wille_ zu einem Selbst erfordert. Vielmehr bleibt es bei -einem schweren dunklen Gefühl, das zu einem verzweifelten Aufbäumen -führt, aber nicht zu einem entschlossenen, in sich die Möglichkeit -des Sieges bergenden Kampfe. Ihre Sexualität, die sie stets knechten -wird, zu überwinden, sind die Frauen unvermögend. Die Hysterie war -eine solche ohnmächtige Abwehrbewegung gegen die Geschlechtlichkeit. -Wäre der Kampf gegen die eigene Begier redlich und echt, wäre deren -Niederlage _aufrichtig gewollt_, so wäre sie ihr zu bereiten dem -Weibe auch _möglich_. Die Hysterie aber ist selbst das, was von den -Hysterikerinnen angestrebt wird; sie _suchen_ nicht wirklich zu -_genesen_. _Die Verlogenheit dieser Demonstration gegen die Sklaverei -bedingt ihre Hoffnungslosigkeit._ Die vornehmsten Exemplare des -Geschlechtes mögen fühlen, daß Knechtschaft ihnen nur eben darum ein -Muß ist, weil sie sie wünschen -- man denke an _Hebbels_ _Judith_ und -_Wagners_ _Kundry_ -- aber auch dies gibt ihnen keine Kraft, sich in -Wahrheit gegen den Zwang zur Wehre zu setzen: im letzten Augenblicke -küssen sie dennoch den Mann, der sie notzüchtigt, und suchen den zu -ihrem Herrn zu machen, der sie zu vergewaltigen zögert. _Das Weib -steht wie unter einem Fluche._ Es kann ihn für Augenblicke pressend -auf sich lasten fühlen, aber es entrinnt ihm _nie_, weil ihm die Wucht -zu süß dünkt. Sein Schreien und Toben ist im Grunde _unecht_. Es will -seinem Fluche gerade dann am süchtigsten erliegen, wenn es ihn am -entsetztesten zu meiden sich geberdet. - - * * * * * - -Von der langen Reihe jener früheren Aufstellungen, welche den Mangel -des Weibes an irgend welchem angeborenen, unveräußerlichen Verhältnis -zu den _Werten_ behaupteten, ist keine einzige zurückzuziehen oder auch -nur einzuschränken gewesen. Selbst durch all das, was den Menschen -insgemein weibliche Liebe, weibliche Frömmigkeit, weibliche Scham -und weibliche Tugend heißt, sind sie nicht umgestoßen worden; sie -haben sich vor dem stärksten Ansturm, vor dem Heere der hysterischen -Imitationen aller männlichen Vorzüge, behaupten können. Nicht allein -durch die Kraft des, mit dem Weibe selbst der Fernzeugung fähigen -männlichen Spermas -- auf welches die unglaubliche geistige Veränderung -aller Frauen in der Ehe sicherlich zunächst zurückgeht -- sondern auch -vom männlichen _Bewußtsein_, und sogar vom _sozialen Geiste_ wird das -Weib, jenes empfängliche Weib, das hier allein in Betracht kommt, _von -frühester Jugend auf_ erfüllt, imprägniert und umgebildet. So erklärt -es sich, daß alle jene Eigenschaften des männlichen Geschlechtes, die -dem weiblichen an sich nicht zukommen, nichtsdestoweniger von diesem -in so sklavischer Nachahmung zur Erscheinung gebracht werden können; -wonach die vielen Irrtümer über die höhere Sittlichkeit des Weibes -leichter begreiflich werden. - -Aber noch ist diese erstaunliche Rezeptivität der Frau ein isoliertes -Faktum der Erfahrung und von der Darstellung nicht in jenen -Zusammenhang mit den übrigen positiven und negativen Eigenschaften -des Weibes gebracht, welchen das theoretische Bedürfnis wünschenswert -erscheinen läßt. Was hat die Bildsamkeit des Weibes mit seiner -Kuppelei, was seine Sexualität mit seiner Verlogenheit zu tun? _Warum -ist all dies gerade in dieser Vereinigung $im Weibe$ beisammen?_ - -Und noch ist erst zu begründen, _woher_ es komme, daß die Frau alles in -sich aufnehmen kann. Wie ist jene Verlogenheit möglich, die das Weib -selber wähnen läßt, das zu glauben, was es nur von anderen vernommen, -das zu haben, was es nur von ihnen bekommen, das zu sein, was es nur -durch sie geworden ist? - -Um hierauf eine Antwort zu geben, muß nochmals, zum letzten Male, -vom geraden Wege abgebogen werden. Man erinnert sich vielleicht noch, -wie das _tierische Wiedererkennen_, das psychische Äquivalent der -allgemein-organischen Übungsfähigkeit, vom _menschlichen Gedächtnis_ -als ein gänzlich Verschiedenes und doch Ähnliches abgetrennt wurde: -indem beide eine gleichsam ewige Nachwirkung des zeitlich begrenzten -einmaligen Eindruckes bedeuten, das Gedächtnis aber, zum Unterschiede -vom unmittelbaren passiven Wiedererkennen, sein Wesen in der -aktiven Reproduktion des Vergangenen findet.[70] Später wurde bloße -Individuation als die Eigenschaft alles Organischen wohl unterschieden -von Individualität, welche nur der Mensch besitzt.[71] Und schließlich -machte sich die Notwendigkeit einer genauen Distinktion zwischen -Geschlechtstrieb und Liebe fühlbar, von denen ebenfalls nur der erste -den nichtmenschlichen Lebewesen zugesprochen werden konnte.[72] Dennoch -waren beide verwandt, in ihren Gemeinheiten wie in ihren Erhabenheiten -(als Bestrebungen zur eigenen Verewigung). - -Auch der Wille zum Wert wurde öfter als charakteristisch für den -Menschen hingestellt, indes die Tiere nur ein Streben nach Lust kennen -und der Wertbegriff ihnen fremd ist.[73] Zwischen _Lust_ und _Wert -besteht_ eine _Analogie, und doch sind beide grundverschieden_: die -Lust _wird_ begehrt, der Wert _soll_ begehrt werden; beide werden -noch immer ganz widerrechtlich verwechselt, und so in Psychologie -und Ethik die größte Konfusion dauernd festgehalten. Aber dieses -Durcheinanderfließen hat nicht nur zwischen dem Wert- und dem -Lustbegriff stattgefunden; es ist den Unterscheidungen zwischen -Persönlichkeit und Person, zwischen Wiedererkennen und Gedächtnis, -zwischen Geschlechtstrieb und Liebe nicht besser ergangen: alle -diese Gegensätze werden fortwährend zusammengeworfen, und was noch -bezeichnender ist, fast stets von denselben Menschen, mit denselben -theoretischen Anschauungen und wie in einer gewissen Absichtlichkeit, -um den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu verwischen. - -Auch weitere, bisher kaum berührte Distinktionen werden hier meist -vernachlässigt. Tierisch ist die _Enge des Bewußtseins_, rein -menschlich ist die _aktive Aufmerksamkeit_: beide haben, das sieht -jeder klar, ein Gemeinsames, und doch auch ein Verschiedenes. Nicht -anders steht es mit der so vielen geläufigen Zusammenwerfung von -_Trieb_ und _Wille_. Der Trieb ist allen Lebewesen gemeinschaftlich, -im Menschen kommt noch der Wille hinzu, der frei ist und kein -psychologisches Faktum bildet, weil er allem speziellen psychologischen -Erleben zu Grunde liegt. Daß Trieb und Wille fast immer als -identisch betrachtet werden, hieran trägt übrigens nicht bloß -der Einfluß _Darwins_ die Schuld; sondern es kommt von ihr fast -ebensoviel auf Rechnung des unklaren, einerseits ganz allgemein -_natur_philosophischen, anderseits eminent _ethischen_ Willensbegriffes -von Arthur _Schopenhauer_. - -Ich stelle zusammen: - - _$Auch$_ _$Nur$_ - - tierisch, beziehungsweise organisch dem Menschen, respektive - überhaupt dem menschlichen _Manne_ - sind: eigen: - - Individuation Individualität - Wiedererkennen Gedächtnis - Lust Wert - Geschlechtstrieb Liebe - Enge des Bewußtseins Aufmerksamkeit - Trieb Wille - -Man sieht, wie sich über _jede_ Eigenschaft _alles_ Lebendigen im -_Menschen_ noch eine _andere_, in gewisser Beziehung _verwandte und -doch höhere_ legt. Die uralte tendenziöse Identifikation der beiden -Reihen und, auf der anderen Seite, das Bedürfnis, sie immer wieder -auseinanderzuhalten, weisen auf ein Gemeinsames hin, das die Glieder -jeder Reihe miteinander verbindet und scheidet von allen Gliedern -der zweiten. Es nimmt sich zunächst aus, als ob hier im Menschen -ein _Überbau_ von höheren Eigenschaften über korrelative niedere -Erscheinungen aufgeführt wäre. Man könnte an eine Lehre des _indischen -Geheimbuddhismus_ sich erinnert fühlen, an seine Theorie von der -_»Menschheitswelle«_. Es ist nämlich gleichsam, als wäre jeder bloß -tierischen Eigenschaft im Menschen eine verwandte und doch einer -höheren Sphäre angehörige Qualität _superponiert_, wie eine Schwingung -einer anderen sich addiert: jene niederen Eigenschaften fehlen dem -Menschen keineswegs, allein es ist zu ihnen in ihm etwas hinzugekommen. -Was ist dieses neu Dazugetretene? Worin unterscheidet es sich vom -anderen und worin gleicht es ihm? Denn die Tafel zeigt unverkennbar, -daß jedes Glied der linken Reihe mit jedem, auf gleicher Höhe -stehenden, Gliede der rechten eine Ähnlichkeit hat, und doch wieder -anderseits _alle_ Glieder _jeder_ Reihe eng zueinander gehören. Woher -diese merkwürdige Übereinstimmung bei gleichzeitiger ganz abgrundtiefer -Verschiedenheit? - -Die linksstehenden Dinge sind fundamentale Eigenschaften alles -animalischen respektive pflanzlichen _Lebens_. Alles solche Leben ist -Leben von Individuen, nicht von ungegliederten Massen, es äußert sich -als Trieb, um Bedürfnisse zu befriedigen, insonderheit als Sexualtrieb, -um sich fortzupflanzen. Individualität, Gedächtnis, Wille, Liebe können -somit als Eigenschaften eines _zweiten_ Lebens gelten, das mit dem -organischen Leben eine gewisse Verwandtschaft haben und doch von ihm -toto coelo verschieden sein wird. - -_Es ist keine andere als die Idee des ewigen, höheren, $neuen$ Lebens -der Religionen und speziell des Christentums, deren tiefe Berechtigung -uns hier entgegentritt._ Neben dem organischen hat der Mensch noch teil -an einem anderen Leben, der ζωή αιώνιος des neuen Bundes. Wie jenes -Leben von irdischer Speise sich nährt, so bedarf dieses der geistigen -Atzung (Symbol des _Abendmahles_). Wie jenes eine Geburt und einen Tod, -so kennt auch dieses eine Begründung -- die _sittliche Wiedergeburt_ -des Menschen, die »_Regeneration_« -- und einen Untergang: den -_endgültigen_ Verfall in Irrsinn oder Verbrechen. Wie jenes bestimmt -wird durch kausale Naturgesetze von außen, so bindet sich dieses -durch normierende Imperative von innen. Jenes ist von begrenzter Art -_zweckmäßig_; dieses, in unendlicher unbegrenzter Herrlichkeit, ist -_vollkommen_.[74] - -Die Eigenschaften, welche die linke Reihe aufzählt, sind allem -niedrigen Leben gemeinsam; die Merkmale aus der rechten Kolumne sind -die korrespondierenden Zeichen des ewigen Lebens, Künder eines höheren -Seins, an welchem der Mensch, und nur er allein, noch überdies Anteil -hat. Die ewige Verwechslung und die stets erneute Auseinanderhaltung -beider Reihen, des höheren und des niederen Lebens, bildet das -Hauptthema aller Historie des menschlichen Geistes: _dies_ ist _das -Motiv der Weltgeschichte_. - -Man mag in diesem zweiten Leben etwas erblicken, das sich im Menschen -zu den, früher vorhandenen, anderen Eigenschaften hinzuentwickelt -habe; hier soll über diese Frage nicht entschieden werden. Doch wird -wohl eine tiefere Auffassung jenes sinnliche und sinnenfällige, -hinfällige Leben nicht als den Erzeuger des höheren, geistigen, -ewigen, sondern umgekehrt, im Sinne des vorigen Kapitels, das erstere -als eine Projektion des letzteren auf die Sinnlichkeit, als seine -Abbildung im Reiche der Notwendigkeit, als sein _Heruntersteigen_, -seine _Erniedrigung_ zu diesem, als seinen _Sündenfall_ ansehen müssen. -Denn nur der _letzte Abglanz_ der höheren Idee von einem ewigen Leben -ist es, der auf die Fliege fällt, die mich belästigt, und mich hindern -kann, sie zu töten. - -_Das absolute Weib jedoch_, dem Individualität und Wille mangeln, -das keinen Teil hat am Werte und an der Liebe, ist, so können wir -jetzt sagen, _von jenem höheren, transcendenten, metaphysischen Sein -ausgeschlossen_. Die intelligible hyperempirische Existenz des _Mannes_ -ist erhaben über Stoff, Raum und Zeit; in _ihm_ ist Sterbliches -genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat die Möglichkeit, zwischen -beiden zu wählen; zwischen jenem Leben, das mit dem irdischen Tode -vergeht, und jenem, für welches dieser erst eine Herstellung in -gänzlicher Reine bedeutet. Nach diesem vollkommen zeitlosen Sein, nach -dem absoluten Werte, geht aller tiefste Wille im Manne: er ist eins -mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Und daß die Frau kein Verlangen -nach persönlicher Fortdauer hat, wird so endlich _ganz_ klar: in ihr -ist nichts von jenem ewigen Leben, das der Mann durchsetzen will und -durchsetzen soll gegen sein ärmliches Abbild in der Sinnlichkeit. -Irgend eine Beziehung zur Idee des höchsten Wertes, zur Idee des -Absoluten, zur Idee jener _völligen Freiheit_, die er noch nicht -besitzt, weil er immer _auch determiniert_ ist, die er aber erlangen -kann, weil der Geist Gewalt hat über die Natur: eine solche Beziehung -zur Idee überhaupt, oder zur Gottheit, hat jeder Mann: indem zwar durch -sein Leben auf Erden eine Trennung und Loslösung vom Absoluten erfolgt -ist, aber die Seele sich aus dieser Verunreinigung, als der _Erbsünde_, -wieder hinaussehnt. - -Wie die Liebe seiner Eltern keine reine zur Idee war, sondern mehr oder -weniger eine sinnliche Verkörperung suchte, so will auch der Sohn, der -eben das ist, worauf diese Liebe hinauslief, so lang er lebt, nicht -bloß das ewige, sondern auch das zeitliche Leben: wir erschrecken -vor dem Gedanken des Todes, wehren uns gegen ihn, klammern uns an -das irdische Dasein und beweisen dadurch, daß wir geboren zu werden -_wünschten_, als wir geboren wurden, indem wir _noch immer_ in diese -Welt geboren zu werden verlangen. Ein Mensch, der vor dem irdischen -Tode gar keine Furcht mehr hätte, würde in eben diesem Augenblicke -sterben; denn er hätte nur mehr den reinen Willen zum ewigen Leben, und -dieses soll und kann der Mensch selbständig in sich verwirklichen: es -_schafft sich_, wie _alles_ Leben selbst sich schafft. - -Weil aber jeder Mann in einem Verhältnis zur Idee des höchsten Wertes -steht, ohne dieser Idee ganz teilhaft zu sein, darum gibt es keinen -Mann, der _glücklich_ wäre. _Glücklich sind nur die Frauen._ Kein Mann -fühlt sich glücklich, denn ein jeder hat eine Beziehung zur Freiheit, -und ist doch auf Erden immer noch irgendwie unfrei. Glücklich kann -sich nur ein gänzlich passives Wesen fühlen, wie das echte Weib, oder -ein gänzlich aktives, wie die Gottheit. Glück wäre das Gefühl der -Vollkommenheit, dieses Gefühl kann ein Mann nie haben; wohl aber gibt -es Frauen, die sich vollkommen dünken. Der Mann hat immer Probleme -hinter sich und Aufgaben vor sich: alle Probleme wurzeln in der -Vergangenheit; das Land der Aufgaben ist die Zukunft. Für das Weib ist -denn auch die Zeit gar nicht _gerichtet_, sie hat ihr keinen _Sinn_: -es gibt keine Frau, die sich die Frage nach dem _Zwecke_ ihres Lebens -stellte; _doch die Einsinnigkeit der Zeit ist nur der Ausdruck dafür, -daß dieses Leben einen Sinn gewinnen soll und kann_. - -_Glück_ für den Mann: das könnte nur ganze, reine _Aktivität_ sein, -völlige Freiheit, nie ein geringer, aber auch nicht der höchste Grad -von Unfreiheit: denn seine Schuld häuft sich, je weiter er von der Idee -der Freiheit sich entfernt. Das irdische Leben _ist_ ihm ein _Leiden_ -und _muß_ es sein, schon weil in der Empfindung der Mensch eben doch -_passiv_ ist; weil ein Affiziertwerden stattfindet, weil es Materie -und nicht nur Formung der Erfahrung gibt. Es ist kein Mensch, welcher -der Wahrnehmung nicht bedürfte, selbst der geniale Mensch wäre nichts -ohne sie, auch wenn er, mächtiger und schneller als alle anderen, -alsbald mit dem ganzen Gehalte seines Ich sie erfüllt und durchdringt, -und nicht einer vollständigen Induktion bedarf, um die Idee eines -Dinges zu erkennen. Die _Rezeptivität_ ist durch keinen _Fichte_schen -Gewaltstreich aus der Welt zu schaffen: in der Sinnesempfindung ist -der Mensch _passiv_, und seine Spontaneität, seine Freiheit gelangt -erst im _Urteil_ zur Geltung und in jener Form eines universalen -_Gedächtnisses_, das alle Erlebnisse dem _Willen_ des Individuums -zu reproduzieren vermag. Annäherungen an die höchste Spontaneität, -scheinbar schon Verwirklichungen gänzlicher Freiheit, sind dem Manne -die Liebe und das geistige Schaffen. Darum gewähren am ehesten _sie_ -ihm eine Ahnung dessen, _was_ das _Glück_ ist, und lassen ihn seine -Nähe, auf Augenblicke freilich nur, zitternd über sich verspüren. - -Der Frau hingegen, die nie tief unglücklich sein kann, ist _darum_ -Glück eigentlich ein leeres Wort: auch der Begriff des Glückes ist vom -Manne, vom _unglücklichen_ Manne geschaffen worden, obwohl er in ihm -nie eine adäquate Realisation findet. Die Frauen scheuen sich nie, ihr -Unglück anderen zu zeigen: weil es eben kein echtes Unglück ist, weil -hinter ihm keine Schuld steht, am wenigsten die Schuld des Erdenlebens -als der Erbsünde. - -Der letzte, der absolute Beweis der völligen Nichtigkeit des weiblichen -Lebens, seines völligen Mangels an höherem _Sein_, wird uns aus der -Art, wie Frauen den Selbstmord vollziehen. Ihr Selbstmord erfolgt -nämlich wohl immer mit dem Gedanken an die anderen Menschen, was -diese sich denken, wie diese sie bedauern, wie sie sich grämen oder --- sich ärgern werden. Das ist nicht so zu verstehen, als ob die Frau -nicht von ihrem, nach ihrer Ansicht _stets un_verdienten Unglück fest -durchdrungen wäre im Augenblicke, da sie sich tötet: im Gegenteil, vor -dem Selbstmord bemitleidet sie sich am allerheftigsten, nach jenem -Schema des Mitleidens mit sich selbst, das nur ein Mitweinen mit den -anderen über das Objekt des Mitgefühls des anderen, ein völliges -Aufhören Subjekt zu sein, ist. Wie könnte auch eine Frau ihr Unglück -_als zu sich gehörig_ ansehen, da sie doch unfähig ist, ein Schicksal -zu haben? Das Fürchterliche und für die _Leerheit und Nullität der -Frauen_ Entscheidende ist vielmehr dies, daß sie nicht einmal _vor dem -Tode_ zum _Probleme_ des Lebens, _ihres_ Lebens gelangen: weil in ihnen -nicht ein höheres Leben der Persönlichkeit realisiert werden wollte. - -_Die Frage also, welche im Eingang dieses zweiten Teiles als sein -Hauptproblem formuliert wurde, die Frage nach der Bedeutung des -Mann-Seins und Weib-Seins, kann jetzt beantwortet werden. Die Frauen -haben keine Existenz und keine Essenz_, sie _$sind$_ nicht, sie sind -_$nichts$_. _Man $ist$ Mann oder man $ist$ Weib, je nachdem ob man wer -$ist$ oder nicht._ - -Das Weib hat keinen Teil an der ontologischen Realität; darum hat es -kein Verhältnis zum Ding an sich, das für jede tiefere Auffassung -identisch ist mit dem Absoluten, der Idee oder Gott. Der Mann, in -seiner Aktualität, dem Genie, glaubt an das Ding an sich: ihm ist es -entweder das Absolute als sein höchster Begriff von wesenhaftem Werte: -dann ist er Philosoph. Oder es ist das wundergleiche Märchenland seiner -Träume, das Reich der absoluten Schönheit: dann ist er Künstler. -_Beides aber bedeutet dasselbe._ - -Das Weib hat kein Verhältnis zur Idee, es bejaht sie weder, noch -verneint es sie: es ist weder moralisch noch antimoralisch, es hat, -mathematisch gesprochen, _kein Vorzeichen_, es ist richtungslos, weder -gut noch böse, weder Engel noch Teufel, es ist _amoralisch_ wie es -_alogisch_ ist. Alles Sein aber ist moralisches und logisches Sein. -_Die Frau also $ist$ nicht._ - -Das Weib ist verlogen. Das Tier hat zwar ebensowenig metaphysische -Realität wie die echte Frau; aber es spricht nicht, und folglich lügt -es nicht. Um die Wahrheit reden zu können, muß man etwas _sein_; -denn die Wahrheit geht auf ein _Sein_, und zum Sein kann nur der ein -_Verhältnis_ haben, der selbst etwas _ist_. Der Mann will die ganze -Wahrheit das heißt, er will _nur $sein$_. Auch der Erkenntnistrieb ist -zuletzt _identisch_ mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Wer dagegen über -einen Tatbestand etwas aussagt, ohne wirklich mutig ein Sein behaupten -zu wollen; wem die äußere Urteilsform gegeben ist ohne die innere; -wer, wie die Frau, nicht wahrhaft _ist_: der _muß_ notwendig _immer_ -lügen. _Darum lügt die Frau stets, auch wenn sie objektiv die Wahrheit -spricht._ - -Das Weib kuppelt. Die Lebenseinheiten des niederen Lebens sind -Individuen, Organismen; die Lebenseinheiten des höheren Lebens -sind Individualitäten, Monaden, »Meta-Organismen«, wie ein nicht -wegzuwerfender Terminus bei _Hellenbach_ lautet. Jede Monade aber -unterscheidet sich von jeder anderen, und ist von ihr so getrennt, -wie zwei Dinge nur sein können. Die Monaden haben keine Fenster; -statt dessen haben sie die ganze Welt _in_ sich. Der Mann als die -Monade, als potentielle oder aktuelle, das ist geniale Individualität, -will auch _überall sonst_ Unterschied und Trennung, Individuation, -Auseinandertreten: der naive Monismus ist ausschließlich weiblich. -Jede Monade bildet für sich eine abgeschlossene Einheit, ein Ganzes; -aber auch das fremde Ich ist ihr eine solche vollendete Totalität, -in die sie nicht übergreift. Der Mann $_hat_ Grenzen$, und _bejaht, -will_ Grenzen; die Frau, die keine Einsamkeit kennt, ist auch nicht -imstande, die Einsamkeit des Nebenmenschen als solche zu bemerken -und aufzufassen, zu achten oder zu ehren, und sie unangetastet -anzuerkennen: für sie gibt es, weil keine Einsamkeit, auch keine -Mehrsamkeit, sondern nur ein ungeschiedenes Verschmolzensein. Weil -in der Frau kein Ich ist, darum ist für sie auch kein Du, _darum -gehören, nach ihrer Auffassung, Ich und Du $zusammen$ als $Paar$, als -ununterschiedenes Eines: darum kann die Frau zusammenbringen, darum -kann sie kuppeln_. Die Tendenz ihrer Liebe ist die Tendenz ihres -Mitleidens: die Gemeinschaft, die Verschmolzenheit.[75] - -Für die Frau gibt es nirgends _Grenzen_ ihres Ich, die durchbrochen -werden könnten, und die sie zu hüten hätte. Hierauf beruht zunächst der -Hauptunterschied zwischen männlicher und weiblicher _Freundschaft_. -Alle _männliche_ Freundschaft ist ein Versuch zusammenzugehen unter -dem Zeichen einer und derselben _Idee_, welcher die Freunde, jeder -für sich, gesondert und doch vereint, nachstreben; die _weibliche_ -»Freundschaft« ist ein Zusammen_stecken_, und zwar, was besonders -hervorzuheben ist, unter dem Gedanken der _Kuppelei_. Denn auf -dieser beruht die einzig mögliche Art eines intimeren und nicht -hinterhältigen Verkehres zwischen Frauen: soweit diese überhaupt nicht -bloß des Klatsches oder materieller Interessen halber gerade weibliche -Gesellschaft aufsuchen.[76] Wenn nämlich von zwei Mädchen oder Frauen -die eine für sehr viel schöner gilt als die andere, dann findet die -häßliche _eine gewisse sexuelle Befriedigung_ in der Bewunderung, -welche der Schöneren gezollt wird. Bedingung jeder Freundschaft -zwischen Frauen ist also zu oberst, daß ein Rivalisieren zwischen ihnen -ausgeschlossen sei: es gibt keine Frau, die sich nicht körperlich mit -jeder anderen Frau sofort vergliche, welche sie kennen lernt. Lediglich -in jenen Fällen großer _Un_gleichheit und _aussichtsloser_ Konkurrenz -kann die Häßliche für die Schönere schwärmen, weil diese für sie, ohne -daß es beiden im geringsten bewußt würde, das nächste Mittel ist, -_selbst sexuell befriedigt zu werden_: es ist nicht anders, sie fühlt -sich gleichsam _$in$ jener_ koitiert.[77] Das völlig _unpersönliche_ -Leben der Frauen, wie auch der überindividuelle Sinn ihrer Sexualität, -die Kuppelei als der Grundzug ihres Wesens, leuchtet hieraus deutlich -hervor. Sie verkuppeln sich _wie_ die anderen, sich _in_ den anderen. -_Das Mindeste, was auch das häßlichste Weib verlangt, und woran es -schon ein gewisses Genügen findet, ist, daß überhaupt irgend eine ihres -Geschlechtes bewundert, begehrt werde._ - -Mit diesem völlig verschmolzenen Leben des Weibes hängt es zusammen, -daß die Frauen _nie wirklich Eifersucht_ fühlen. So gemein Eifersucht -und Rachedurst sind, es steckt in beiden ein Großes, dessen die -Frauen, wie aller Größe, im Guten oder im Bösen, _un_fähig sind. In -der Eifersucht, liegt ein verzweifelter Anspruch auf ein vorgebliches -Recht, und der Rechtsbegriff ist den Frauen transcendent. Aber der -hauptsächlichste Grund, daß die Frau auf einen einzelnen Mann nie ganz -eifersüchtig sein kann, ist ein anderer. Wenn der Mann, auch einer, in -den sie rasend verliebt wäre, im Zimmer neben dem ihren eine andere -Frau umarmte und besäße, so würde sie der Gedanke hieran sexuell -selbst so erregen, daß für die Eifersucht kein Platz bliebe. Dem Manne -würde eine solche Scene, wenn er um sie wüßte, höchst widerlich und -abstoßend sein, und ihm den Aufenthalt in der Nähe verekeln; das Weib -bejaht innerlich beinahe fieberhaft den ganzen Hergang; oder es wird -hysterisch, wenn es sich nicht eingestehen will, daß es zu tiefst auch -diese Vereinigung nur _gewünscht_ hat. - -Ferner gewinnt über den Mann der Gedanke an den fremden Koitus nie -völlig Gewalt, er steht außer und über einem solchen Erlebnis, das für -ihn eigentlich gar keines ist; die Frau aber verfolgt den Prozeß kaum -selbst_tätig_, sie ist in _fieberhafter Erregung_ und wie _festgebannt_ -durch den Gedanken, was hart neben ihr sich vollzieht. - -Oft mag auch das Interesse des _Mannes_ an seinem Mitmenschen, der ihm -ein Rätsel ist, bis auf dessen sexuelles Leben sich erstrecken; aber -jene _Neugier_, welche den Nebenmenschen gewissermaßen zur Sexualität -_zwingt_, ist nur den Weibern eigentümlich, von ihnen jedoch ganz -allgemein betätigt, in gleicher Weise Frauen wie Männern gegenüber. -Eine Frau interessieren an jedem Menschen zunächst und vor allem seine -_Liebschaften_, und er ist ihr intellektuell nur so lange dunkel und -reizvoll, als sie über diesen Punkt nicht im Klaren ist. - -Aus alledem geht nochmals klar hervor, daß Weiblichkeit und Kuppelei -identisch sind: eine rein _immanente_ Betrachtung des Gegenstandes -würde denn auch mit dieser Feststellung ihr Ende erreicht haben müssen. -Meine Absicht ging aber weiter; und ich glaube nun bereits angedeutet -zu haben, wie das Weib als Position, als Kupplerin, zusammenhängt mit -dem Weibe als Negation, das eines höheren Lebens als Monade gänzlich -entbehrt. Das Weib verwirklicht eine einzige Idee, die ihm selbst eben -darum nie zum Bewußtsein kommen kann, jene Idee, welche der Idee der -Seele am äußersten entgegengesetzt ist. Ob sie nun als Mutter nach -dem Ehebett verlangt oder als Dirne das Bacchanal bevorzugt, ob sie -zu zweien Familie begründen will oder nach den Massenverschlingungen -des Venusberges hinstrebt, sie handelt stets _nach der Idee der -Gemeinschaft_, jener Idee, welche die _Grenzen_ der Individuen, durch -_Vermischung_, am weitesten aufhebt. - -So ermöglicht hier eines das andere: Emissärin des Koitus kann nur -ein Wesen ohne Individualität, ohne Grenzen sein. Nicht ohne Grund -ist in der Beweisführung so weit ausgeholt worden, wie es sicherlich -noch nie in einer Behandlung dieses Gegenstandes, noch auch sonst je -einer charakterologischen Arbeit geschehen ist. Das Thema ist darum -so ergiebig, weil hier der Zusammenhang alles höheren Lebens auf der -einen und alles niederen Lebens auf der anderen Seite sich offenbaren -muß. Jede Psychologie und jede Philosophie findet hier einen Prüfstein, -vorzüglicher als die meisten anderen, auf daß sie an ihm sich erprobe. -Nur darum bleibt das Problem Mann-Weib in aller Charakterologie das -interessanteste Kapitel, nur darum habe ich es zum Objekte einer so -umfassenden, weit ausgreifenden Untersuchung gewählt. - -Man wird an dem Punkte, zu welchem die Darlegung nun gelangt ist, -sicherlich offen fragen, was man bisher vielleicht nur als Bedenken -bei sich erwogen hat: ob denn dieser Anschauung die Frauen überhaupt -noch Menschen seien? Ob sie nach der Theorie des Verfassers nicht -eigentlich unter die Tiere oder die Pflanzen gerechnet werden müßten? -Denn sie entbehrten, nach seiner Auffassung, einer höheren als der -sinnlichen Existenz nicht minder denn jene, sie hätten so wenig teil am -ewigen Leben wie die übrigen Organismen, denen persönliche Fortdauer -kein Bedürfnis und keine Möglichkeit ist. Eine metaphysische Realität -sei beiden gleich wenig beschieden, sie _seien_ alle nicht, das Weib -nicht, noch auch das Tier, noch die Pflanze -- alle nur Erscheinung, -nirgends etwas vom Ding an sich. Der Mensch ist, nach der Ansicht, die -sein Wesen am tiefsten erfaßt hat, ein Spiegel des Universums, er ist -der Mikrokosmus; die Frau aber ist absolut ungenial, sie lebt nicht im -tiefen Zusammenhange mit dem All. - -In _Ibsens_ »Klein Eyolf« spricht das Weib an einer schönen Stelle zum -Manne: - -_Rita_: Wir sind doch schließlich nur Menschen. - -_Allmers_: Auch mit Himmel und Meer sind wir ein wenig verwandt, Rita. - -_Rita_: _Du vielleicht. Ich nicht._ - -Ganz bündig liegt hierin die Einsicht des Dichters, daß die Frau zur -Idee der Unendlichkeit, zur Gottheit, kein Verhältnis hat: weil ihr -die Seele fehlt. Zum _Brahman_ dringt man, nach den Indern, nur durch -das _Âtman_ vor. Das Weib ist nicht Mikrokosmus, es ist nicht nach dem -Ebenbilde der Gottheit entstanden. Ist es also noch Mensch? Oder ist es -Tier? Oder Pflanze? - -Den Anatomen müssen diese Fragen wohl recht lächerlich bedünken, und -er wird einen Standort von vornherein für verfehlt halten, auf dessen -Boden solche Problemstellungen erwachsen können. Ihm ist das Weib -homo sapiens und von allen übrigen Spezies wohl unterschieden, dem -menschlichen Manne nicht anders zugeordnet als das Weibchen in jeder -Art und Gattung sonst seinem Männchen. Und der Philosoph darf gewiß -nicht sagen: Was gehen mich die Anatomen an! Mag er auch von dieser -Seite noch so wenig Verständnis erhoffen für das, was ihn bewegt: er -spricht hier über anthropologische Dinge, und, wenn er die Wahrheit -findet, darf auch die morphologische Tatsache um ihr Recht nicht -verkürzt worden sein. - -In der Tat! Zwar stehen die Frauen sicherlich in ihrem Unbewußten der -Natur näher als der Mann. Die Blumen sind ihre Schwestern, und daß sie -von den Tieren minder weit entfernt sind als der Mann, dafür zeugt, daß -sie zur Sodomie sicherlich mehr Neigung haben als er (Pasiphae- und -Leda-Mythus. Auch das Verhältnis zum Schoßhündchen ist wahrscheinlich -ein noch weit sinnlicheres, als man gewöhnlich es sich ausmalt).[78] -Aber die Frauen sind Menschen. Selbst W, die wir ohne jede Spur des -intelligiblen Ich denken, ist doch immerhin das Komplement zu M. Und -sicherlich ist die Tatsache der besonderen _sexuellen_ und _erotischen_ -Ergänzung des menschlichen Mannes durch das _menschliche_ Weib wenn -auch nicht jene sittliche Erscheinung, von welcher die Fürsprecher -der Ehe schwatzen, so doch von ungeheuerer Bedeutung für das Problem -der Frau. Die Tiere sind ferner bloß Individuen, die Frauen Personen -(wenn auch nicht Persönlichkeiten). Die äußere Urteilsform, wenn auch -nicht die innere, die Sprache, obgleich nicht die Rede, ein gewisses -Gedächtnis, obschon keine kontinuierliche Einheit des Selbstbewußtseins -ist ihnen verliehen. Für alles im Manne besitzen sie eigentümliche -_Surrogate_, die noch fortwährend jene Verwechslungen begünstigen, -denen die Schätzer der Weiblichkeit so gerne unterliegen. - -Es ist keine andere Frage als die nach dem _letzten Wesen des -Geschlechtsgegensatzes_, die hiemit neu aufgeworfen erscheint. Die -Rolle, welche das männliche und das weibliche Prinzip im Tier- und im -Pflanzenreiche spielen, bleibt hier _außer_ Betracht; es handelt sich -einzig um den Menschen. Daß solche Prinzipien der Männlichkeit und -Weiblichkeit nicht als metaphysische Ideen, sondern als theoretische -Begriffe angenommen werden müssen, darauf lief die ganze Untersuchung -gleich zu Anfang hinaus. Welche gewaltigen Unterschiede zwischen Mann -und Weib, weit über die bloße physiologisch-sexuelle Differenz hinaus, -ohne Frage zumindest beim _Menschen_ bestehen, das hat der ganze -weitere Verlauf der Betrachtung gezeigt. Jene Anschauung also, welche -in der Tatsache des Dualismus der Geschlechter nichts weiter erblickt -als eine Vorrichtung zur Distribution verschiedener Funktionen auf -verschiedene Wesen im Sinne einer Teilung der physiologischen Arbeit --- eine Auffassung, die, wie ich glaube, dem Zoologen _Milne-Edwards_ -ihre besondere Verbreitung zu danken hat -- erscheint hienach völlig -unannehmbar; über ihre ans Lächerliche streifende Oberflächlichkeit und -intellektuelle Genügsamkeit ist weiter kein Wort zu verlieren. Zwar ist -der _Darwinismus_ der Popularisierung dieser Ansicht besonders günstig -gewesen, und man hat sogar ziemlich allgemein an ein Hervorgehen der -geschlechtlich differenzierten Organismen aus einem früheren Stadium -sexueller Ungeschiedenheit gedacht: durch einen Sieg der einer solchen -Funktionsentlastung teilhaft gewordenen Wesen über die primitiveren, -überbürdeten, ungeschlechtlichen oder doppelgeschlechtlichen Arten. -Daß aber eine solche »Entstehung des Geschlechtes« infolge der -»Vorzüge der Arbeitsteilung«, der »Erleichterung im Kampfe ums Dasein« -eine, ganz _unvollziehbare Vorstellung ist_, hat, lange vor den -modernen Totenkäfern _Darwins_, Gustav Theodor _Fechner_ in einer -unwiderleglichen Argumentation dargetan. - -Isoliert ist der Sinn von Mann und Weib nicht zu erforschen; sie -können in ihrer Bedeutung nur aneinander erkannt und gegeneinander -bestimmt werden. _In ihrem Verhältnis zueinander_ muß der Schlüssel -für das Wesen _beider_ zu finden sein. Bei dem Versuche, die Natur -der Erotik zu ergründen, ist bereits kurz auf ihn angespielt worden. -_Es ist das Verhältnis von Mann und Weib kein anderes als das von -$Subjekt$ und $Objekt$. $Das Weib sucht seine Vollendung als Objekt.$_ -Es ist die _Sache_ des Mannes, oder die _Sache_ des Kindes, und will, -trotz aller Bemäntelung, nicht anders genommen werden denn wie eine -_Sache_. Niemand mißversteht so sehr, was eine Frau wirklich will, -als wer sich für das interessiert, was in ihr vorgeht, und für ihre -Gefühle und Hoffnungen, für ihre Erlebnisse und innere Eigenart eine -Teilnahme in sich aufkommen läßt. Die Frau _will nicht_ als _Subjekt_ -behandelt werden, sie will stets und in alle Wege -- das ist eben -ihr Frau-Sein -- lediglich _passiv_ bleiben, _einen Willen auf sich -gerichtet fühlen_, sie will nicht gescheut noch geschont, _sie will -nicht $geachtet$ sein_. Ihr Bedürfnis ist vielmehr, nur als Körper -begehrt, und nur als fremdes Eigentum besessen zu werden. _Wie die -bloße Empfindung erst Realität gewinnt, indem sie begrifflich, d. h. -$Gegenstand$ wird, so gelangt das Weib zu seinem Dasein und zu einem -Gefühle desselben erst, indem es vom Manne oder vom Kinde, als dem -Subjekte, zu dessen $Objekt$ erhoben wird, und so eine Existenz -geschenkt erhält._ - -_Was erkenntnistheoretisch der Gegensatz des Subjekts zum Objekt, das -sagt ontologisch die Gegenüberstellung von $Form$ und $Materie$._ Sie -ist nur die Übersetzung jener Unterscheidung aus dem Transcendentalen -ins Transcendente, aus dem Erfahrungskritischen ins Metaphysische. -Die Materie, das absolut _Un_individualisierte, das, was _jede_ Form -annehmen kann, selbst aber keine bestimmten und dauernden Eigenschaften -hat, ist das, was so wenig _Essenz_ besitzt, wie der bloßen Empfindung, -der Materie der Erfahrung, an sich schon _Existenz_ zukommt. Während -also der Gegensatz von Subjekt und Objekt ein solcher der Existenz ist -(_indem die Empfindung erst als ein dem Subjekte gegenübergestellter -Gegenstand Realität gewinnt_), bedeutet der Gegensatz von Form und -Materie einen Unterschied der Essenz (_die Materie ist ohne Formung -absolut qualitätenlos_). Darum konnte _Platon_ die Stofflichkeit, -die bildsame Masse, das an sich formlose ἄπειρον, den knetbaren Teig -des ἐκμαγεῖον, das, worein die Form eingeht, ihren Ort, ihre χώρα, -das ἐν ᾧ, jenes ewig _Zweite_, _Andere_, das θάτερον, auch $als das -Nichtseiende$, als das µὴ ὄν bezeichnen. Der zieht den tiefsten Denker -auf das Niveau der vordersten Oberflächlichkeit, der ihn, wie dies -häufig geschieht, meinen läßt, sein Nichtseiendes sei der _Raum_. Gewiß -wird kein bedeutender Philosoph dem Raum eine metaphysische Existenz -zuschreiben, aber ebensowenig kann er ihn für _das_ Nichtseiende an -sich halten. Es charakterisiert gerade den ahnungslosen, frechen -Schwätzer, daß der leere Raum für ihn »Luft«, »Nichts« ist; erst dem -vertieften Nachdenken gewinnt er an Realität, und wird ihm Problem. -Das Nichtseiende _Platons_ ist gerade das, was dem _Philister_ als das -denkbar _Realste_, als die Summation der Existenzwerte erscheint, _es -ist nichts anderes als die Materie_. - -Ist es also eine zu klaffende Diskontinuität, wenn ich im Anschluß -an _Plato_, der selbst sein jede Form Annehmendes vergleichsweise -als die _Mutter_ und _Amme_ alles Werdens bezeichnet, auf den Spuren -des _Aristoteles_, dessen Naturphilosophie _im Zeugungsakte_ dem -weiblichen Prinzip die _stoffliche_, dem männlichen die _formende_ -Rolle zuerteilt hat -- ist es Willkür, wenn ich, in Übereinstimmung mit -dieser Anschauung und Erweiterung derselben, _die Bedeutung des Weibes -für den Menschen nun überhaupt in der Vertretung der Materie erblicke_? -Der Mann, als Mikrokosmus, ist beides, zusammengesetzt aus höherem und -niederem Leben, aus metaphysisch Existentem und Wesenlosem, aus Form -und Materie: das _Weib_ ist _nichts_, _es ist $nur$ Materie_. - -Erst _diese_ Erkenntnis bildet den Schlußstein des Gebäudes, von -ihr aus wird alles deutlich, was noch unklar war, und rundet sich -zum geschlossenen Zusammenhange. Das geschlechtliche Streben des -Weibes geht nach _Berührung_, es ist nur _Kontrektations-_ und nicht -Detumeszenztrieb.[79] Dem entspricht, daß sein feinster Sinn, und -zugleich der einzige, bei ihm weiter als beim Manne entwickelte Sinn -das _Tastgefühl_ ist.[80] Auge und Ohr führen beide ins Unbegrenzte -und lassen eine Unendlichkeit ahnen; der Tastsinn erfordert engste -körperliche Nähe zur eigenen Betätigung; man vermengt sich mit dem, was -man angreift: er ist der eminent schmutzige Sinn, und wie geschaffen -für ein auf körperliche Gemeinschaft angelegtes Wesen. Was durch ihn -vermittelt wird, ist die Widerstandsempfindung, die Wahrnehmung des -Palpablen; und eben von der _Materie_ läßt sich, wie _Kant_ gezeigt -hat, nichts anderes aussagen, als daß sie eine derartige Raumerfüllung -ist, die allem, was in sie einzudringen strebt, einen gewissen -_Widerstand_ entgegensetzt. Die Erfahrung des »Hindernisses« hat, wie -den psychologischen (nicht den erkenntnistheoretischen) _Ding_begriff, -so auch den übergroßen Realitätscharakter geschaffen, welchen die -Data des Tastsinnes für die meisten Menschen immer besitzen, als die -solideren, »primären« Qualitäten der Erfahrungswelt. Aber nichts -anderes als der ihm stets anhaftende letzte Rest von Weiblichkeit -ist es, der bewirkt, daß für den Mann die Materie den Charakter der -eigentlichen Realität gefühlsmäßig nie vollständig _verliert_. Gäbe -es einen absoluten Mann, so wäre ihm die Materie auch _psychologisch_ -(nicht nur logisch) kein irgendwie Seiendes mehr. - -Der Mann ist Form, das Weib Materie. Ist das richtig, so muß es auch -in dem Verhältnis ihrer psychischen Einzelerlebnisse zueinander einen -Ausdruck finden. Die längst festgestellte Gliederung der Inhalte des -männlichen Seelenlebens gegenüber dem unartikulierten und chaotischen -Vorstellen des Weibes verkündet nichts anderes als diesen nämlichen -Gegensatz von Form und Materie. Die Materie will geformt werden: _darum -verlangt_ das Weib vom Manne die _Klärung_ seiner verworrenen Gedanken, -die _Deutung der Heniden_.[81] - -Die Frauen sind die Materie, die jede Form annimmt. Jene -Untersuchungen, welche für die Mädchen eine bessere Erinnerung speziell -an den Lehrstoff ergeben haben, als für die Knaben, können nur so -erklärt werden: aus der Inanität und Nullität der Frauen, die mit allem -Beliebigen _imprägniert_ werden können, indes der Mann nur behält, was -ihn wirklich interessiert, und alles übrige _vergißt_ (vgl. Teil II, -S. 147, 168). Aber vor allem geht das, was die _Schmiegsamkeit_ des -Weibes genannt wurde, seine außerordentliche _Beeinflußbarkeit_ durch -das fremde Urteil, seine _Suggestibilität_, seine völlige _Umschaffung_ -durch den Mann auf dieses Bloß-Materie-Sein, diesen _Mangel_ jeder -_ursprünglichen Form_ zurück. _Das Weib $ist$ nichts, und darum, $nur$ -darum $kann es alles werden$; während der Mann stets nur werden kann, -was er $ist$._ Aus einer Frau kann man machen, _was man will_; dem -Manne höchstens zu dem verhelfen, was _er_ will. Darum hat, in der -wahren Bedeutung des Wortes, eigentlich nur _Frauen_, nicht Männer, -zu _erziehen_ einen _Sinn_. Am Manne wird durch alle Erziehung -nie irgend ein Wesentliches geändert; im Weibe kann sogar seine -eigenste Natur, die Hochwertung der Sexualität, durch äußeren Einfluß -völlig zurückgedrängt werden. Das Weib mag alles scheinen und alles -verleugnen, aber es _ist_ nie irgend etwas in Wahrheit. - -Man wird freilich, selbst wenn man mit den bisherigen Ableitungen -sollte einverstanden sein, ihnen zum Vorwurf machen, daß sie keine -Auskunft darüber gäben, $was$ denn der _Mann_ eigentlich _sei_. Läßt -sich von ihm, wie vom Weibe _Kuppelei_ und _Wesenlosigkeit_, irgend -etwas als allgemeine Eigenschaft prädizieren? Gibt es überhaupt einen -_Begriff_ des Mannes, wie es einen Begriff des Weibes gibt, und läßt -sich dieser Begriff ähnlich definieren? - -Hierauf ist zu antworten, daß die Männlichkeit eben in der _Tatsache_ -der Individualität, der wesenhaften Monade liegt und sich mit ihr -deckt. Jede Monade aber ist von jeder anderen um ein _Unendliches_ -verschieden, und darum keine subsumierbar unter einen umfassenderen -Begriff, der mehreren Monaden Gemeinsames enthielte. Der _Mann_ -ist der _Mikrokosmus_, in ihm sind _alle_ Möglichkeiten überhaupt -enthalten. Man hüte sich dies zu verwechseln mit der _universellen -$Suszeptibilität$_ der Frau, die alles wird, _ohne irgend etwas zu -sein_, indes der Mann alles _ist_ und davon mehr oder weniger, je nach -seiner Begabung, auch _wird_. Der Mann hat auch das Weib, er hat auch -Materie in sich, und kann diesen Teil seines Wesens sich entwickeln -lassen, d. h. verkommen und entarten; oder er kann ihn erkennen und -bekämpfen -- _darum_ kann _er_, und _nur $er$_, über die Frau zur -Wahrheit gelangen (Teil II, S. 106-108). _Das Weib aber hat keine -Möglichkeit einer Entwicklung, außer durch den Mann._ - -Ganz deutlich wird die Bedeutung von Mann und Weib immer erst in -der Betrachtung ihrer gegenseitigen _sexuellen_ und _erotischen -Relationen_. Das tiefste Begehren der Frau ist, vom Manne _geformt_ -und _dadurch erst geschaffen_ zu werden. Die Frau wünscht, daß der -Mann ihr Meinungen beibringe, _ganz andere_, als sie bisher gehabt -hat, sie will durch ihn umgestoßen sehen, was sie bisher für richtig -hielt (Gegenteil der Pietät, S. 161), sie will als Ganzes _widerlegt -sein_, und erst _neugebildet_ werden durch ihn. Der Wille des Mannes -_schafft_ erst die Frau, er _gebietet_ über sie, und _verändert -sie von Grund auf_ (Hypnose). Hier ist auch endlich Klärung über -das Verhältnis des Psychischen zum Physischen bei Mann und Weib zu -finden. Für den Mann wurde früher die Wechselwirkung, und zwar nur im -Sinne einer einseitigen Schöpfung des Leibes durch die transcendente -Psyche, als die Projektion derselben auf die Erscheinungswelt, für -das Weib hingegen der Parallelismus eines bloß Empirisch-Psychischen -und Empirisch-Physischen angenommen. Jetzt ist klar, daß auch beim -Weibe eine Wechselwirkung Geltung hat. Aber während beim _Manne_, -nach _Schopenhauers_ wahrster Lehre, daß der Mensch sein eigenes Werk -sei, der _eigene_ Wille sich den Körper _schafft_ und _umschafft_, -wird das _Weib_ durch den _fremden_ Willen körperlich _beeinflußt_ -und _umgebildet_ (Suggestion, Versehen). Der Mann formt also nicht -nur sich, sondern auch, ja leichter noch, das Weib. Jene Mythen der -Genesis und anderer Kosmogonien, welche das Weib vom Manne geschaffen -sein lassen, haben eine tiefere Wahrheit verkündet als die biologischen -Deszendenzlehren, die an ein Hervorgehen des Männlichen aus dem -Weiblichen glauben. - -Auch jene im 9. Kapitel (S. 279) offen gelassene Frage, wie das Weib, -ohne selbst Seele und Willen zu besitzen, doch in der Lage sein könne, -herauszufinden, in welchem Maße der Mann mit ihnen ausgestattet ist, -auch diese schwierigste Frage mag jetzt zu beantworten versucht werden. -Man muß sich nur darüber klar geworden sein, daß, was die Frau bemerkt, -und wofür sie ein Organ hat, nicht die _besondere_ Natur eines Mannes -ist, sondern nur die _allgemeine Tatsache_ und etwa noch der _Grad_ -seiner _Männlich$keit$_. Es ist ganz falsch, _Heuchelei, oder aus der -späteren Imprägnation mit dem männlichen Wesen zu Unrecht erschlossen_, -daß die Frau ein ursprüngliches _Verständnis_ für die _Individualität_ -des Mannes habe.[82] Der Verliebte, der durch das unbewußte Simulieren -eines tieferen Begreifens von Seite des Weibes so leicht zu foppen -ist, mag an ein Verständnis seiner selbst durch ein Mädchen glauben; -wer weniger genügsam ist, wird es sich nicht verhehlen können, daß -die Frauen nur für das _Daß_, nicht für das _Was_ der Seele, nur -für die _formale allgemeine Tatsache_, nicht für die _Besonderheit_ -der Persönlichkeit einen Sinn besitzen. Denn um _spezielle_ Form -perzipieren und apperzipieren zu können, müßte die Materie an sich -nicht _formlos_ sein; das Verhältnis der Frau zum Mann ist aber kein -anderes als das der Materie zur Form, und ihr Verständnis für ihn -nichts als Bereitwilligkeit, möglichst kräftig geformt zu werden, der -Instinkt des Existenzlosen für Existenz. Also dieses »Verständnis« -ist kein theoretisches, es ist kein Anteilnehmen, sondern ein -Anteilhabenwollen; es ist zudringlich und egoistisch. Die Frau hat kein -Verhältnis zum _Manne_ und keinen Sinn für den Mann, sondern nur einen -für _Männlichkeit_; und wenn sie für sexuell anspruchsvoller gehalten -werden darf als er, so ist diese Anspruchsfülle nichts anderes als das -intensive Begehren nach ausgiebigster und stärkster Formung: _es ist -das Warten auf das größtmögliche Quantum von Existenz_. - -Und nichts anderes ist schließlich auch die _Kuppelei_. Die Sexualität -der Frauen ist _über_individuell, weil sie nicht abgegrenzte, geformte, -individualisierte Wesenheiten im höheren Sinne darstellen. Der höchste -Augenblick im Leben des Weibes, der, in dem sein _Ur_sein, die _Urlust_ -sich offenbart, ist jener Moment, wo der männliche Same in es fließt. -Da umarmt es den Mann stürmisch und preßt ihn an sich: es ist die -höchste Lust der Passivität, stärker noch als das Glücksgefühl der -Hypnotisierten, die Materie, welche eben geformt wird und die Form -nicht loslassen, sie ewig an sich binden will. Dieses unendliche -Trachten der Armut, dem Reichtum sich zu gesellen, das gänzlich -formlose und darum überindividuelle Streben des _Un_gegliederten, die -Form zur Berührung mit sich zu bringen, sie dauernd festzuhalten und -so Existenz zu gewinnen, liegt der Kuppelei im Tiefsten zu Grunde. Daß -das Weib nicht Monade ist und keine Grenzen hat, dadurch ist Kuppelei -nur _ermöglicht_; zur _Wirklichkeit_ wird sie, weil es die Idee des -_Nichts_, der _Materie_ repräsentiert, die unaufhörlich und in jeder -Weise die Form zur Vermengung mit sich zu verführen trachtet. Kuppelei -ist das ewige Drängen des Nichts zum Etwas. - -So hat sich allmählich die Dualität von Mann und Weib zum Dualismus -überhaupt entwickelt, zum Dualismus des höheren und des niederen -Lebens, des Subjekts und Objekts, der Form und der Materie, des Etwas -und des Nichts. Alles metaphysische, alles transcendentale Sein ist -logisches und moralisches Sein: _das Weib ist alogisch und amoralisch_. -Es enthält aber auch keine Abkehr vom Logischen und Moralischen, es ist -nicht _anti_logisch, es ist nicht _anti_moralisch. Es ist nicht das -_Nicht_, sondern das _Nichts_, es ist _weder Ja_, _noch_ ist es _Nein_. -Der _Mann_ birgt in sich die Möglichkeit zum absoluten Etwas _und_ zum -absoluten Nichts, und darum hat all sein Handeln eine _Richtung_ nach -dem einen oder dem anderen: das Weib _sündigt_ nicht, _denn es ist -selbst $die$ Sünde, als $Möglichkeit$ im Manne_. - -_Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten $Etwas$, das -Weib, auch das Weib im Manne, ist das Symbol des $Nichts$: das ist die -Bedeutung des Weibes im Universum, und so ergänzen und bedingen sich -Mann und Weib._ Als des Mannes _Gegensatz_ hat das Weib einen Sinn und -eine Funktion im Weltganzen; und wie der menschliche Mann über das -tierische Männchen, so reicht das menschliche Weib über das Weibchen -der Zoologie hinaus.[83] _Kein begrenztes Sein, kein begrenztes -Nichtsein_ (wie im Tierreich) liegen im _Menschen_ im Kampfe: _was -hier sich gegenübersteht, ist unbegrenztes Sein_ und _unbegrenztes -Nichtsein_. _Darum_ machen erst Mann und Weib _zusammen_ den Menschen -aus. - -Der _Sinn_ des Weibes ist es also, _Nicht-Sinn_ zu sein. Es -repräsentiert das _Nichts_, den Gegenpol der Gottheit, die _andere -Möglichkeit_ im Menschen. Darum gilt mit Recht nichts für gleich -verächtlich, als der Weib gewordene Mann, und wird ein solcher -Mann geringer geachtet als selbst der stumpfsinnigste und roheste -Verbrecher. Und so erklärt sich auch jene tiefste _Furcht_ im Manne: -die _Furcht vor dem Weibe_, das ist die _Furcht vor der Sinnlosigkeit_: -das ist die Furcht _vor dem lockenden Abgrund des Nichts_. - -Das _alte Weib_ offenbart erst ganz und gar, was das Weib -in Wirklichkeit ist. Die Schönheit der Frau wird, auch rein -erfahrungsgemäß, nur _geschaffen_ durch die _Liebe_ des Mannes: die -Frau wird schöner, wenn ein Mann sie liebt, _weil sie passiv dem Willen -entspricht, der in seiner Liebe liegt_; so mystisch dies klinge, es ist -nur eine alltägliche Beobachtung. Das alte Weib zeigt, wie das Weib -nie schön _war_: _wäre_ das Weib, so wäre die Hexe nicht. Aber das -Weib _ist_ nichts, ein hohles Gefäß, eine Zeitlang überschminkt und -übertüncht. - -Alle Qualitäten der Frau hängen an ihrem Nicht-Sein, an ihrer -_Wesenlosigkeit_: weil sie kein wahres, unwandelbares, sondern nur ein -irdisches Leben hat, darum begünstigt sie als Kupplerin die Zeugung in -_diesem_, darum ist sie durch den Mann, der sinnlich auf sie wirkt, vom -Grund auf umzuschaffen und empfänglich überhaupt. So vereinigen sich -die drei fundamentalen Eigenschaften des Weibes, welche dieses Kapitel -aufgedeckt hat, und schließen sich zusammen in seinem Nicht-Sein. - -Aus dem Begriff des Nicht-Seins ergeben sich Veränderlichkeit -und Verlogenheit, als die zwei _negativen_ Bestimmungen, durch -_unmittelbare_ Deduktion. Bloß Kuppelei, als die einzige _Position_ im -Weibe, folgt aus ihm nicht gleich rasch durch einfache Analyse. - -Und das ist wohl begreiflich. Denn das _Dasein_ des Weibes ist selbst -_identisch_ mit der Kuppelei, mit Bejahung aller Sexualität überhaupt. -_Kuppelei ist nichts anderes als universale Sexualität_; daß das Weib -ist, heißt nichts anderes, als daß in der Welt ein radikaler Hang zu -allgemeiner Sexualität besteht. _Die Kuppelei noch weiter $kausal$ -zurückführen bedeutet so viel als das $Dasein des Weibes erklären$._ - -Wenn hiezu von der Tafel des zwiefachen Lebens (S. 378) ausgegangen -wird, so ist die _Richtung vom höchsten Leben weg zum irdischen hin_, -das _Ergreifen des Nicht-Seienden statt des Seienden_, der _Wille zum -Nichts_, das _Nicht_, das _An-Sich-Böse_. _Anti_moralisch ist die -_Bejahung_ des _Nichts_: das Bedürfnis, _Form in Formloses, in Materie -zu verwandeln_, das Bedürfnis zu _zerstören_. - -_Das Nicht aber ist dem Nichts verwandt. Und darum besteht ein -so tiefer Zusammenhang zwischen allem Verbrecherischen und allem -Weiblichen._ Das _Anti_moralische berührt sich eben mit dem -$A$moralischen, von dem es in dieser Untersuchung zuerst ausdrücklich -_getrennt_ wurde, im gemeinsamen Begriffe des _Un_moralischen, und -die gewöhnliche unterschiedslose Verwechslung beider erfährt nun -dennoch eine gewisse Rechtfertigung. Denn das Nichts ist _allein_ -eben -- _nichts_, es _ist_ nicht, es hat weder Existenz noch Essenz. -Es ist stets nur das _Mittel_ des Nicht, das, was _durch_ das _Nein_ -dem _Etwas gegenübergestellt_ wird. _Erst indem der Mann seine eigene -Sexualität bejaht, indem er das Absolute verneint, sich vom ewigen -Leben ab-, dem niederen zukehrt, erhält das Weib Existenz. $Nur indem -das Etwas zum Nichts kommt, kann das Nichts zum Etwas kommen.$_ - -Der _bejahte Phallus_ ist das _Anti_moralische. Darum wird er als das -Häßlichste empfunden; darum wurde er stets in einer Beziehung zum Satan -gedacht: den Mittelpunkt der _Dante_schen _Hölle_ (das Zentrum des -Erdinneren) bildet der _Geschlechtsteil Lucifers_. - -$So erklärt sich denn die absolute Gewalt der männlichen -Geschlechtlichkeit über das Weib$.[84] _Nur indem der Mann $sexuell$ -wird, erhält das Weib Existenz und Bedeutung: sein Dasein ist an -den Phallus geknüpft, und $darum$ dieser sein höchster Herr $und$ -unumschränkter Gebieter._ Der Geschlecht gewordene Mann ist das Fatum -des Weibes; der Don Juan der einzige Mensch, vor dem es bis zum Grunde -erzittert. - -$Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille -des Mannes$: das _Nichts_ ist nur ein Werkzeug in der Hand des _Nicht_. -Die Kirchenväter drückten dasselbe pathetischer aus, als sie das Weib -das Instrument des Teufels nannten. Denn _an sich_ ist die Materie -_nichts_, _erst die Form muß ihr Existenz geben wollen_. Der Sündenfall -der Form ist eben jene Verunreinigung, die sie auf sich lädt, indem es -sie treibt, an der Materie sich zu betätigen. _Als der Mann $sexuell$ -ward, da $schuf$ er das $Weib$._ - -_Daß das Weib da ist, heißt also nichts anderes, als daß vom Manne die -Geschlechtlichkeit bejaht wurde. Das Weib ist nur das $Resultat$ dieser -Bejahung, es ist die Sexualität selber_ (S. 116). - -Das Weib ist in seiner Existenz _abhängig_ vom Manne: indem der Mann -zum Manne, als Gegenteil des Weibes, indem er geschlechtlich wird, -_setzt_ er das Weib und ruft es ins Dasein. Deshalb muß dem Weibe alles -daran gelegen sein, den Mann _sexuell zu erhalten_: denn es hat so viel -Existenz als der Mann Geschlechtlichkeit. _Deshalb_ muß der Mann, so -will sie es, _ganz zum Phallus werden_, $deshalb kuppelt die Frau$. -Sie ist unfähig, ein Wesen anders denn als Mittel zum Zweck, zu diesem -Zweck des Koitus zu gebrauchen: denn mit ihr ist selbst $kein anderer -Zweck$ verfolgt, als der, $den Mann schuldig werden zu lassen$. Und sie -wäre _tot_ in dem Augenblick, da der Mann _seine_ Sexualität überwunden -hätte. - -Der Mann hat das Weib geschaffen und schafft es immer neu, so lange -er noch sexuell ist. Wie er der Frau das _Bewußtsein_ gab (Teil II, -Kapitel 3, Ende), so gibt er ihr das _Sein_. Indem er auf den Koitus -nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. $Das Weib ist die Schuld des -Mannes.$ - -Diese Schuld gut zu machen, dazu soll ihm die Liebe dienen. Hiedurch -hellt sich auf, was der Schluß des vorigen Kapitels nur wie einen -dunklen Mythos einführte. Was der Mann durch die Schöpfung des Weibes, -das ist durch die Bejahung des Koitus verbrochen hat und noch -fortwährend verbricht, _das bittet er dem Weibe ab als Erotiker_. -Denn von wannen sonst käme die nie und nimmer sich genug tuende -_Generosität_ aller Liebe? Woher, daß die Liebe gerade dem Weibe, und -nicht einem anderen Wesen, Seele zu schenken beflissen ist? Durchaus -ist das Weib nur der Gegenstand, den sich der Trieb des Mannes erzeugt -hat als das eigene Ziel, es ist die Objektivation der männlichen -Sexualität, _die verkörperte Geschlechtlichkeit, seine Fleisch -gewordene Schuld_. Die _Liebe_ soll die Schuld über_decken_, statt sie -zu über_winden_; sie _$er$hebt_ das Weib, statt es _$auf$zuheben_. Das -Etwas schließt das Nichts in seine Arme, und glaubt so die Welt von der -Negation zu befreien, und alle Widersprüche zu versöhnen: da doch das -Nichts nur verschwinden könnte, wenn das Etwas sich ihm fern hielte. -Die Liebe des Mannes ist sein kühnster, äußerster Versuch, das Weib -als Weib sich zu retten, statt es als solches zu verneinen. Nur daher -stammt ihr Schuldbewußtsein: durch sie soll Schuld selbst _weggeräumt_, -statt _gesühnt_ werden. - -$Denn das Weib ist nur die Schuld und nur durch die Schuld des Mannes; -und wenn Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle Schuld -von selbst sich zu vermehren trachtet.$ Was die Frau, ohne je anders -zu können, durch ihr bloßes Dasein, durch ihr ganzes Wesen, ewig -unbewußt auswirkt, das ist nur _ein Hang im $Manne$_, sein zweiter, -unausrottbarer, sein _niederer Hang_: sie ist, gleich der Walküre, -eines _fremden_ Willens »blind wählende Kür«. Die Materie scheint ein -nicht minder unergründliches Rätsel als die Form, das Weib gleich -unendlich wie der Mann, das Nichts so ewig wie das Sein; aber diese -Ewigkeit ist nur die Ewigkeit der Schuld. - - - - -XIII. Kapitel. - -Das Judentum. - - -Es könnte nicht wundern, wenn es manchem scheinen wollte, bei dem -Ganzen der bisherigen Untersuchung seien »die Männer« allzugut -davongekommen, und in ihrer Gesamtheit auf ein übertrieben hohes -Postament gestellt. Man wird zwar vielleicht auf billige Argumente -verzichten, ihren Resultaten nicht entgegenhalten, wie überrascht -dieser Philister oder jener Spitzbube wäre, zu vernehmen, daß _er_ -die ganze Welt in sich habe; und doch die Behandlung des männlichen -Geschlechtes nicht bloß allzuglimpflich finden, sondern geradezu eine -tendenziöse Vernachlässigung aller widerlichen und kleinen Seiten der -Männlichkeit zu Gunsten ihrer höchsten Spitzen der Darstellung als -einen Fehler anrechnen. - -Die Beschuldigung wäre ungerechtfertigt. Es kommt mir nicht in den -Sinn, die Männer zu idealisieren, um die Frauen leichter in der -Schätzung herabdrücken zu können. So viel Beschränktheit und so viel -Gemeinheit unter den empirischen Vertretern der Männlichkeit oft -gedeiht, es handelt sich um die besseren _Möglichkeiten_, die in -jedem Manne sind, und als vernachlässigte von ihm schmerzlich-hell -oder dumpf-gehässig empfunden werden; Möglichkeiten, die als solche -bei der Frau weder in Wirklichkeit, noch in gedanklicher Erwägung -irgend in Rechnung gelangen. Und es konnte mir hier auch gar nicht -auf Unterscheidungen _unter_ den Männern wesentlich ankommen, so -wenig ich mich vor deren Wichtigkeit verschließe. Es handelte sich -darum, festzustellen, was das Weib _nicht_ ist, und da fehlte ihm -denn freilich unendlich viel, was selbst im mittelmäßigsten und -plebejischesten Manne nie _ganz_ vermißt wird. Das, was es _ist_, die -positiven Eigenschaften des Weibes (soferne da von einem Sein, von -Positionen wohl gesprochen werden kann) wird man stets auch bei vielen -Männern wiederfinden. Es gibt, wie schon öfter hervorgehoben wurde, -_Männer_, die _zu Weibern geworden_, oder _Weiber geblieben_ sind; aber -es gibt keine Frau, die über gewisse umschriebene, nicht sonderlich -hoch zu ziehende, moralische und intellektuelle Grenzen hinauskäme. Und -darum will ich es hier nochmals aussprechen: _das höchststehende Weib -steht noch unendlich tief unter dem tiefststehenden Manne_. - -Jene Einwendungen aber könnten weiter gehen, und einen Punkt berühren, -dessen Außerachtlassung der Theorie allerdings zum Vorwurf müßte -gemacht werden. Es gibt nämlich Völkerschaften und Rassen, bei deren -Männern, obwohl sie keineswegs als sexuelle Zwischenformen können -gedeutet werden, man doch so wenig und so selten eine Annäherung an -die Idee der Männlichkeit findet, wie sie aus der hier entworfenen -Zeichnung derselben hervortritt, daß die Prinzipien, ja, die ganzen -Fundamente, auf welchen diese Arbeit ruht, hiedurch stark könnten -erschüttert scheinen. Was ist z. B. von den _Chinesen_ zu halten, mit -ihrer weiblichen Bedürfnislosigkeit und ihrem Mangel an jeglichem -Streben? Man möchte _hier_ allerdings noch an eine größere Weiblichkeit -des ganzen Volkes zu glauben sich versucht fühlen. Wenigstens kann es -keine bloße Laune einer ganzen Nation sein, daß die Chinesen einen Zopf -zu tragen pflegen, und es ist ja auch ihr Bartwuchs nur ein äußerst -spärlicher. Aber wie verhält es sich dann mit den _Negern_? Es hat -unter den Negern vielleicht kaum je ein Genie gegeben, und moralisch -stehen sie beinahe allgemein so tief, daß man in Amerika bekanntlich -anfängt zu fürchten, mit ihrer Emanzipation einen unbesonnenen Streich -verübt zu haben. - -Wenn also auch das Prinzip der sexuellen Zwischenformen vielleicht -Aussicht hätte, für eine Rassenanthropologie bedeutsam zu werden (indem -über einige Völker ein größeres Quantum von Weiblichkeit insgesamt -ausgestreut schiene), so muß doch zugegeben werden, daß die bisherigen -Deduktionen zuvörderst auf den _arischen Mann_ und das _arische Weib_ -sich beziehen. Wie weit in den anderen großen Stämmen der Menschheit -mit den für ihre Gipfel geltenden Verhältnissen Übereinstimmung -herrscht, und was jene hauptsächlich davon zurückhält und so lange -hindert, an diese näher heranzukommen, das bedürfte erst der Erhellung -durch die eingehendste und lohnendste psychologische Vertiefung in die -Rassencharaktere. - -Das _Judentum_, das ich zum Gegenstande einer Besprechung zunächst -darum gewählt habe, weil es, wie sich zeigen wird, der härteste und -am meisten zu fürchtende Gegner der hier entwickelten und besonders -der noch zu entwickelnden Anschauungen, wie überhaupt des ganzen -Standpunktes ist, von dem aus jene möglich sind -- das Judentum scheint -anthropologisch mit allen beiden erwähnten Rassen, mit den Negern -wie mit den Mongolen, eine gewisse Verwandtschaft zu besitzen. Auf -den Neger weisen die so gern sich ringelnden Haare, auf Beimischung -von Mongolenblut die ganz chinesisch oder malaiisch geformten -Gesichtsschädel, die man so oft unter den Juden antrifft, und denen -regelmäßig eine gelblichere Hautfärbung entspricht. - -Dies ist nicht mehr als das Ergebnis einer alltäglichen Erfahrung, -und anders wollen diese Bemerkungen nicht verstanden sein; die -_anthropologische_ Frage nach der Entstehung des Judentums ist eine -ungemein schwierige, und auch ein so interessanter Lösungsversuch -wie der in den berühmten »Grundlagen des XIX. Jahrhunderts« von -H. S. _Chamberlain_ unternommene hat in jüngster Zeit sehr viel -Widerspruch gefunden. Sie zu behandeln besitze ich nicht das nötige -Wissen; was hier in Kürze, aber bis zu möglichster Tiefe analysiert -werden soll, ist nur die psychische Eigenheit des Jüdischen. Diese -Aufgabe ist eine Obliegenheit der psychologischen Beobachtung und -Zergliederung; sie ist lösbar, frei von allen Hypothesen über nun -nicht mehr kontrollierbare historische Vorgänge; und nur bedarf dieses -Unternehmen einer um so größeren Objektivität, als die Stellung zum -Judentum heute beinahe die wichtigste und hervorstechendste Rubrik des -Nationales ist, welches ein jeder vor der Öffentlichkeit ausfüllt, -ja allgemach der gebräuchlichste Einteilungsgrund der zivilisierten -Menschen geworden scheint. Und es läßt sich nicht behaupten, daß der -Wert, welcher auf eine offene Erklärung in dieser Frage allgemein -gelegt wird, ihrem Ernst und ihrer Bedeutung nicht angemessen sei, und -ihre Wichtigkeit übertreibe. Daß man auf sie überall stößt, ob man nun -von kulturellen oder materiellen, von religiösen oder politischen, von -künstlerischen oder wissenschaftlichen, biologischen oder historischen, -charakterologischen oder philosophischen Dingen herkommt, das muß -einen tiefen, tiefsten Grund im Wesen des Judentumes selbst haben. Ihn -aufzusuchen, wird keine Mühe zu groß scheinen dürfen: denn der Gewinn -muß sie in jedem Falle unendlich belohnen.[85] - -Zuvor jedoch will ich genau angeben, in welchem Sinne ich vom -Judentum rede. Es handelt sich mir _nicht_ um eine _Rasse_ und nicht -um ein _Volk_, noch weniger freilich um ein gesetzlich anerkanntes -Bekenntnis. _Man darf das Judentum nur für eine Geistesrichtung, -für eine psychische Konstitution halten, welche für $alle$ Menschen -eine $Möglichkeit$ bildet, und im historischen Judentum bloß die -grandioseste $Verwirklichung$ gefunden hat._ - -Daß dem so ist, wird durch nichts anderes bewiesen, als durch den -_Antisemitismus_. - -Die echtesten, arischesten, ihres Ariertums gewissesten Arier sind -keine Antisemiten, sie können, so unangenehm sicherlich auch sie von -auffallend jüdischen Zügen sich berührt fühlen, doch den _feindseligen_ -Antisemitismus im allgemeinen gar nicht _begreifen_; und sie sind es -auch, die von den Verteidigern des Judentums gerne als »Philosemiten« -bezeichnet, und deren verwunderte und mißbilligende Äußerungen über -den Judenhaß angeführt werden, wo das Judentum herabgesetzt oder -angegriffen wird.[86] Im _aggressiven_ Antisemiten wird man hingegen -immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften wahrnehmen; ja sogar in -seiner Physiognomie kann das zuweilen sich ausprägen, mag auch sein -Blut rein von allen semitischen Beimengungen sein. - -Es könnte dies auch unmöglich anders sich verhalten. _Wie man im -anderen nur $liebt$, was man gerne ganz sein möchte und doch nie ganz -ist, so $haßt$ man im anderen nur, was man nimmer sein will, und doch -immer zum Teile noch ist._ - -Man haßt nicht etwas, womit man keinerlei Ähnlichkeit hat. Nur macht -uns oft erst der andere Mensch darauf aufmerksam, was für unschöne und -gemeine Züge wir in uns haben. - -So erklärt es sich, daß die allerschärfsten Antisemiten _unter den -Juden_ zu finden sind. Denn bloß die ganz jüdischen Juden, desgleichen -die völlig arischen Arier, sind gar nicht antisemitisch gestimmt; unter -den übrigen betätigen die gemeineren Naturen ihren Antisemitismus nur -den anderen gegenüber, und richten diese, ohne je mit sich selber in -dieser Sache vor Gericht gegangen zu sein; und nur wenige fangen mit -ihrem Antisemitismus bei sich selbst an. - -Doch dies eine bleibt darum nicht minder gewiß: wer immer das jüdische -Wesen haßt, der haßt es zunächst _in_ sich: daß er es im anderen -verfolgt, ist nur sein Versuch, vom Jüdischen auf diese Weise sich -zu sondern; er trachtet sich von ihm zu scheiden dadurch, daß er es -gänzlich im Nebenmenschen lokalisiert, und so für den Augenblick von -ihm frei zu sein wähnen kann. Der Haß ist ein Projektionsphänomen wie -die Liebe: der Mensch haßt nur, durch wen er sich _un_angenehm an sich -selbst erinnert fühlt.[87] - -Der Antisemitismus _des Juden_ liefert demnach den Beweis, daß niemand, -der ihn kennt, den Juden als ein Liebenswertes empfindet -- auch der -Jude nicht; der Antisemitismus _des Ariers_ ergibt eine nicht minder -bedeutungsvolle Einsicht: daß man das Juden_tum_ nicht verwechseln darf -mit _den Juden_. Es gibt Arier, die jüdischer sind als mancher Jude, -und es gibt wirklich Juden, die arischer sind als gewisse Arier. Ich -will von jenen Nicht-Semiten, welche viel Judentum in sich hatten, -die kleineren (wie den bekannten _Friedrich Nicolai_ des XVIII. -Jahrhunderts) und mittelgroßen (hier dürfte _Friedrich Schiller_ -kaum außer acht bleiben) nicht aufzählen, und nicht auf ihr Judentum -analysieren. Aber auch _Richard Wagner_ -- der tiefste Antisemit -- -ist von einem Beisatz von Judentum, selbst in seiner Kunst, nicht -freizusprechen, so gewiß er neben _Michel Angelo_ der größte Künstler -aller Zeiten ist, so wahrscheinlich er geradezu den Künstler überhaupt -in der Menschheit repräsentiert; und so zweifellos sein _Siegfried_ -das _Unjüdischeste_ ist, was erdacht werden konnte. Aber niemand ist -umsonst Antisemit. Wie _Wagners_ Abneigung gegen die große Oper und das -Theater zurückgeht auf den starken Zug, den er selbst zu ihnen empfand, -einen Zug, der noch im »Lohengrin« deutlich erkennbar bleibt: so ist -auch seine Musik, in ihren motivischen Einzelgedanken die gewaltigste -der Welt, nicht gänzlich freizusprechen von etwas Aufdringlichem, -Lautem, Unvornehmem; womit die Bemühungen _Wagners_ um die äußere -Instrumentation seiner Werke im Zusammenhang stehen. Es läßt sich -auch nicht verkennen, daß _Wagners_ Musik sowohl auf den jüdischen -Antisemiten, welcher vom Judentum nie gänzlich loskommen kann, als -auf den antisemitischen Indogermanen, der ihm zu verfallen fürchtet, -den stärksten Eindruck hervorbringt. Von der Parsifal-Musik, die dem -völlig echten Juden in Ewigkeit fast ebenso unzugänglich bleibt wie die -Parsifal-Dichtung, vom »Pilgerchor« und der Romfahrt im »Tannhäuser«, -und sicher noch von manchem anderen ist hiebei _gänzlich_ abzusehen; -aber es ist z. B. sein Jugendwerk, der »Rienzi«, in seinem thematischen -Materiale wie in der Ausführung, noch vom Judentum vielleicht nicht -gänzlich frei. Auch könnte zweifellos, wer _nur_ ein Deutscher wäre, -das Wesen des Deutschtums nie so klar sich zum Bewußtsein bringen, als -_Wagner_ in den »Meistersingern von Nürnberg« dies vermocht hat.[88] -Man denke endlich an jene Seite in _Wagner_, die zu _Feuerbach_, statt -zu _Schopenhauer_, sich hingezogen fühlte. - -Hier ist keine kleinpsychologische Heruntersetzung des großen Mannes -geplant. Ihm war das Judentum die große Hilfe, um zur klaren Erkenntnis -und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum Siegfried und -zum Parsifal sich durchzuringen, und dem Germanentum den höchsten -Ausdruck zu geben, den es wohl in der Geschichte gefunden hat. Noch -ein Größerer als _Wagner_ mußte erst das Judentum in sich überwinden, -ehe er die eigene Mission fand; und es ist, vorläufig gesprochen, -_vielleicht die welthistorische Bedeutung und das ungeheuere Verdienst -des Judentums kein anderes, als den Arier immerfort zum Bewußtsein -seines Selbst zu bringen, ihn $an sich$ zu mahnen_. Dies ist es, was -der Arier dem Juden zu _danken_ hat; durch ihn weiß er, wovor er sich -hüte: _vor dem Judentum als Möglichkeit in ihm selber_. - -Dieses Beispiel wird hinlänglich verdeutlicht haben, was nach meinem -Ermessen unter dem Judentum zu verstehen ist. Keine Nation und keine -Rasse, keine Konfession und kein Schrifttum. Wenn ich fürder vom Juden -spreche, so meine ich nie den einzelnen und nie eine Gesamtheit, -_sondern den Menschen überhaupt, sofern er Anteil hat an der -platonischen Idee des Judentums_. Und nur die Bedeutung dieser Idee -gilt es mir zu ergründen. - -Daß aber diese Untersuchung gerade in einer Psychologie der -Geschlechter geführt werden muß, ist unerläßlich aus Gründen einer -Abgrenzung. Es bereitet jedem, der über beide, über das Weib und über -den Juden, nachgedacht hat, eine eigentümliche Überraschung, wenn er -wahrnimmt, in welchem Maße gerade das Judentum durchtränkt scheint -von jener Weiblichkeit, deren Wesen einstweilen nur im Gegensatze -zu _allem_ Männlichen _ohne Unterschied_ zu erforschen getrachtet -wurde. Er könnte hier überaus leicht geneigt sein, dem Juden einen -größeren Anteil an der Weiblichkeit zuzuschreiben, als dem Arier, ja -am Ende eine platonische μέθεξις auch des männlichsten Juden am Weibe -anzunehmen sich bewogen fühlen. - -Diese Meinung wäre irrig. Da indes eine Anzahl der wichtigsten Punkte, -solcher Punkte, in denen das tiefste Wesen der Weiblichkeit zum -Ausdruck zu kommen schien, beim Juden sich in einer merkwürdigen -Weise ebenfalls und wie zum zweiten Male finden, ist es unerläßlich, -Übereinstimmung und Abweichung hier genau festzustellen. - -Die Konformität will dem ersten Blicke überall sich darbieten, worauf -er sich auch richte; ja die Analogien sehen aus, als wären sie -außergewöhnlich weit verfolgbar: so daß man Bestätigungen früherer -Ergebnisse wie auch manch interessanten neuen Beitrag zum Hauptthema -anzutreffen gewärtig sein darf. Und es scheint ganz beliebig, womit man -hiebei den Anfang macht. - -So ist es, um gleich eine Analogie zum Weibe anzuführen, höchst -merkwürdig, wie sehr die Juden die beweglichen Güter bevorzugen --- auch heutzutage, da ihnen der Erwerb anderer frei steht -- -und wie sie eigentlich, trotz allem Erwerbssinn, kein Bedürfnis -nach dem _Eigentume_, am wenigsten in seiner festesten Form, dem -Grundbesitze, haben. Das Eigen_tum_ steht in einem unauflöslichen -Zusammenhang mit der Eigen_art_, mit der Individualität. Hiemit -hängt also zusammen, daß die Juden dem Kommunismus so scharenweise -sich zuwenden. Den _Kommunismus_ als Tendenz zur _Gemeinschaft_ -sollte man stets unterscheiden vom _Sozialismus_ als Bestrebung zu -gesellschaftlicher _Kooperation_ und zur Anerkennung der Menschheit -in jedem Gliede derselben. Der Sozialismus ist arisch (_Owen_, -_Carlyle_, _Ruskin_, _Fichte_), der Kommunismus jüdisch[89] (_Marx_). -Die moderne Sozialdemokratie hat sich in ihrem Gedankenkreise -darum vom christlichen, präraphaelitischen Sozialismus so weit -entfernt, weil die Juden in ihr eine so große Rolle spielen. Trotz -ihren vergesellschaftenden Neigungen hat die marxistische Form der -Arbeiterbewegung (im Gegensatze zu _Rodbertus_) gar kein Verhältnis -zur Idee des _Staates_, und dies ist sicherlich nur auf das völlige -Unverständnis des Juden für den Staatsgedanken zurückzuführen. Dieser -ist zu wenig ein Greifbares, die Abstraktion, die in ihm liegt, -allen konkreten Zwecken zu weit entrückt, als daß der Jude sich mit -ihm inniger befreunden könnte. Der Staat ist das Ganze aller Zwecke, -die nur durch eine Verbindung vernünftiger Wesen als vernünftiger -verwirklicht werden können. _Diese kantische Vernunft aber, der Geist -ist es, woran es dem Juden wie dem Weibe vor allem zu gebrechen -scheint._ - -Aus jenem Grunde ist aller Zionismus so aussichtslos, obwohl er die -edelsten Regungen unter den Juden gesammelt hat: denn der Zionismus -ist die Negation des Judentums, in welchem, _seiner Idee nach_, die -Ausbreitung über die ganze Erde liegt. Der Begriff des Bürgers ist dem -Juden vollständig _transcendent_; darum hat es nie im eigentlichen -Sinne des Wortes einen jüdischen _Staat_ gegeben, und kann nie -einen solchen geben. In der Staatsidee liegt eine Position, die -Hypostasierung der interindividuellen Zwecke, der Entschluß, einer -selbst gegebenen Rechtsordnung, deren _Symbol_ (und nichts anderes) -das Staatsoberhaupt ist, aus freier Wahl beizutreten. Darum ist das -Gegenteil des Staates die Anarchie, mit der gerade der Kommunismus auch -heute noch, eben durch sein Unverständnis für den Staat, verschwistert -ist; so sehr auch hievon die meisten anderen Elemente in der -sozialistischen Bewegung abstechen. Wenn der Staatsgedanke in keiner -historischen Form auch nur annähernd verwirklicht ist, so liegt doch -in jedem geschichtlichen Versuche zur Staatenbildung etwas, vielleicht -nur jenes Minimum von ihm, das ein Gebilde über eine bloße Association -zu Geschäfts- und Machtzwecken erhebt. Die historische Untersuchung, -wie ein bestimmter Staat entstanden sei, sagt nichts über die _Idee_, -die in ihm liegt, _soweit_ er eben Staat und nicht Kaserne ist. Um -jene zu erfassen, wird man sich bequemen müssen, der vielgeschmähten -_Rousseau_schen Vertragstheorie wieder mehr Gerechtigkeit widerfahren -zu lassen. Nur das Zusammentreten ethischer Persönlichkeiten zu -gemeinsamen Aufgaben kommt im Staate, sofern er Staat ist, zum Ausdruck. - -Daß der Jude nicht erst seit gestern, sondern mehr oder weniger von -jeher staatfremd ist, deutet bereits daraufhin, _daß dem Juden wie -dem Weibe die Persönlichkeit fehlt; was sich allmählich in der -Tat herausstellen wird_. Denn nur aus dem Mangel des intelligiblen -Ich kann, wie alle weibliche, so auch die jüdische Unsoziabilität -abzuleiten sein. Die Juden stecken gerne beieinander wie die Weiber, -aber sie _verkehren_ nicht miteinander als selbständige, voneinander -geschiedene Wesen, unter dem Zeichen einer überindividuellen Idee. - -So wenig wie es in der Wirklichkeit eine »Würde der _Frauen_« gibt, -so unmöglich ist die Vorstellung eines _jüdischen_ »gentleman«. Dem -echten Juden gebricht es an jener inneren Vornehmheit, welche Würde -des eigenen und Achtung des fremden Ich zur Folge hat. _Es gibt keinen -jüdischen Adel_; und dies ist um so bemerkenswerter, als doch bei den -Juden jahrtausendelange Inzucht besteht. - -So erklärt sich denn auch weiter, was man jüdische Arroganz nennt: -aus dem Mangel an _Bewußtsein_ eines Selbst und dem gewaltsamen -Bedürfnis nach Steigerung des Wertes der Person durch Erniedrigung -des Nebenmenschen; _denn der echte Jude hat kein Ich und darum auch -keinen Eigenwert_. Daher, trotz seiner Inkommensurabilität mit -allem Aristokratischen, seine weibische Titelsucht, die nur auf -einer Linie steht mit seiner Protzerei, deren Objekte die Loge im -Theater oder die modernen Gemälde in seinem Salon, seine christliche -Bekanntschaft oder sein Wissen sein können. Aber zugleich ist die -jüdische Verständnislosigkeit für alles Aristokratische erst hierin -eigentlich begründet. Der Arier hat ein Bedürfnis zu wissen, wer -_seine_ Ahnen waren; er achtet sie und interessiert sich für sie, -_weil sie seine Ahnen waren_; und er schätzt sie, weil er die eigene -Vergangenheit immer höher hält als der schnell sich verwandelnde -Jude, der pietätlos ist, weil er dem Leben keinen Wert spenden kann. -Ihm fehlt jener Ahnenstolz vollständig, den selbst der ärmste, -plebejischeste Arier noch in einem gewissen Grade besitzt; er ehrt -nicht, wie dieser, seine Vorfahren, weil sie _seine_ Vorfahren sind, -er ehrt nicht in ihnen _sich selbst_. Der Einwand ginge fehl, der sich -auf den außerordentlichen Umfang und die Kraft der jüdischen Tradition -beriefe. Die Geschichte seines Volkes ist hier dem Nachfahren, auch -demjenigen, welchem sie viel zu bedeuten scheint, nicht die Summe des -Einstmaligen, Gewesenen, sondern stets nur der Quell, aus dem er neue -Hoffnungsträume saugt: die _Vergangenheit_ des Juden ist nicht wirklich -seine Vergangenheit, sie ist immer nur seine _Zukunft_. -- -- - -Man hat die Mängel des Judentums oft genug, nicht allein -jüdischerseits, auf die brutale Unterdrückung und Knechtung -zurückführen wollen, welche die Juden im ganzen Mittelalter bis ins -XIX. Jahrhundert erfahren hätten. Den Sklavensinn habe im Juden -erst der Arier gezüchtet; und es gibt nicht wenige Christen, welche -den Juden in dieser Weise ernstlich als ihre Schuld empfinden. Doch -diese Gesinnung geht zu weit im Selbstvorwurf: es ist unzulässig, -von Veränderungen zu sprechen, welche durch Einflüsse von _außen_ im -Laufe der Generationen _im_ Menschen bewirkt worden seien, _ohne_ daß -in diesem selber der äußeren Gelegenheit etwas entgegengekommen sei -und ihr willig die Hand gereicht habe. Noch ist nicht bewiesen, daß -es eine Vererbung _erworbener_ Eigenschaften gibt, und sicherer als -bei den anderen Lebewesen bleibt, trotz aller Scheinanpassungen, beim -_Menschen_ der Charakter des einzelnen wie der Rasse konstant. Nur die -seichteste Oberflächlichkeit kann glauben, daß der Mensch durch seine -Umgebung gebildet werde, ja es ist beschämend, an die Bekämpfung einer -solchen, jeder freien Einsicht den Atem raubenden Anschauung auch nur -eine Zeile wenden zu sollen. Wenn sich der Mensch ändert, so kann es -nur von innen nach außen geschehen; oder es ist, wie beim Weibe, nie -ein Wirkliches da, also das Nichts-Sein das ewig Gleichbleibende. Wie -kann man übrigens an eine historische Erzeugung des Juden denken, da -doch bereits das alte Testament sichtlich zustimmend davon spricht, wie -_Jakob_, der Patriarch, seinen sterbenden Vater _Isaak_ belogen, seinen -Bruder _Esau_ und seinen Schwieger _Laban_ übervorteilt hat? - -_Mit Recht_ aber wird von den Verteidigern der Juden geltend gemacht, -daß diese, auch dem Prozentsatze nach, seltener schwere Verbrechen -begehen als die Arier. Der Jude ist nicht eigentlich _anti_moralisch. -Aber es müßte wohl hinzugefügt werden, daß er auch nicht den höchsten -ethischen Typus vorstellt. Er ist vielmehr relativ _a_moralisch, -nie sehr gut, noch je sehr böse, im Grunde keines von beiden, und -eher _gemein_. _Daher fehlt dem Judentum, wie die Konzeption der -Engel, auch der Begriff des Teufels_, die Personifikation des Guten -nicht minder als die des Bösen. Durch den Hinweis auf das Buch Hiob, -die Belialgestalt und den Eden-Mythus wird diese Behauptung nicht -entkräftet. Zwar liegen jene modernen quellenkritischen Streitfragen, -die Echtes und Entlehntes hier zu scheiden bemüht sind, auf einem -Wege, den zu betreten ich mich nicht berufen fühle; was ich aber wohl -weiß, ist dies, daß im psychischen Leben des heutigen Juden, sei er -nun »aufgeklärt« oder sei er »orthodox«, weder ein teuflisches noch -irgend ein engelhaftes Prinzip, weder Himmel noch Hölle auch nur die -geringste religiöse Rolle spielen. -- Wenn also der Jude nie die -höchste sittliche Höhe erreicht, so wird doch auch sicherlich Mord -und Gewalttat von ihm viel seltener verübt als vom Arier; und hieraus -wird eben das Fehlen jeder Furcht vor einem diabolischen Prinzipe erst -völlig verständlich. - -Kaum minder oft als die Fürsprecher der _Juden_ berufen sich die -Anwälte der _Frauen_ auf deren geringere Kriminalität als auf den -Beweis ihrer vollendeteren Sittlichkeit. Die Homologie zwischen beiden -scheint immer vollständiger zu werden. Es gibt keinen weiblichen -Teufel, so wenig es einen weiblichen Engel gibt: nur die Liebe, jene -trotzige Verneinung der Wirklichkeit, kann den Mann im Weibe ein -himmlisches Wesen erblicken lassen, nur blinder Haß es für verderbt und -schurkenhaft erklären. _Was dem Weibe wie dem Juden vielmehr durchaus -abgeht, das ist $Größe$_, Größe in irgend welcher Hinsicht, überragende -Sieger im Moralischen, großzügige Diener des Antimoralischen. Im -arischen Manne sind das gute und das böse Prinzip der _kantischen_ -Religionsphilosophie _beide beisammen und doch am weitesten -auseinandergetreten_, um ihn streiten sein guter und sein böser Dämon. -Im Juden sind, fast wie im Weibe, Gut und Böse noch nicht voneinander -differenziert; es gibt zwar keinen jüdischen Mörder, doch es gibt auch -keinen jüdischen Heiligen. Und so wird es wohl richtig sein, daß die -wenigen Elemente des Teufelsglaubens in der jüdischen Überlieferung aus -dem Parsismus und aus Babylon stammen. - -Die Juden leben sonach nicht als freie, selbstherrliche, zwischen -Tugend und Laster wählende Individualitäten wie die Arier. Diese -stellt sich ein jeder ganz unwillkürlich vor _wie eine Schar einzelner -Männer_, jene wie ein, über eine weite Fläche ausgebreitetes, -zusammenhängendes Plasmodium. Der Antisemitismus hat daraus oft -fälschlich ein hartnäckiges bewußtes Zusammenhalten gemacht, und -von der »jüdischen Solidarität« gesprochen. Das ist eine leicht -begreifliche Verwechslung verschiedener Dinge. Wenn gegen irgend -einen Unbekannten, welcher dem Judentum angehört, eine Beschuldigung -erhoben wird, und nun alle Juden innerlich für den Betreffenden sich -einsetzen, seine Unschuld wünschen, hoffen, und zu erweisen suchen: -_so glaube man nur ja nicht, daß der betreffende Mensch als einzelner -Jude sie irgendwie interessiere, sein individuelles Schicksal, weil -es das eines Juden ist, mehr Mitleid bei ihnen erwecke als das -eines ungerecht verfolgten Ariers_. Dies ist keineswegs der Fall. -_Nur das gefährdete Juden$tum$, die Befürchtung, es könnte auf die -Gesamtheit der Judenschaft, besser: auf das Jüdische überhaupt, auf -die $Idee$ des Juden$tums$ ein schädlicher Schatten fallen, führt zu -jenen Erscheinungen unwillkürlicher Parteinahme._ Es ist ganz so, -wie wenn die Weiber jede einzelne Angehörige ihres Geschlechtes mit -Wonne heruntersetzen hören, und selbst erniedrigen helfen, falls nur -auf das Weib kein schlechtes Licht hiedurch geworfen werde: wenn nur -kein Mann sich hiedurch abschrecken läßt, _überhaupt_ nach Frauen zu -verlangen, wofern nur niemand an der »Liebe« irre, sondern weiter -geheiratet wird, und nicht die alten Junggesellen sich vermehren. Nur -die _Gattung_ wird verteidigt, nur das _Geschlecht_, beziehungsweise -die _Rasse_ geschützt, nicht das _Individuum_; dieses kommt nur -insoferne in Betracht, als es Angehöriger der Gruppe ist. _Der echte -Jude wie das echte Weib, sie leben beide nur in der Gattung, nicht als -Individualitäten._[90] - -Hieraus erklärt es sich, daß die _Familie_ (als biologischer, nicht -als rechtlicher Komplex) bei keinem Volk der Welt eine so große Rolle -spielt, wie bei den Juden; nächstdem bei den mit ihnen, wie sich zeigen -wird, entfernt verwandten Engländern. Die Familie in diesem Sinne -ist eben weiblichen, mütterlichen Ursprungs, und hat mit dem Staate, -mit der Gesellschaftsbildung nichts zu tun. Die Zusammengehörigkeit -der Familienmitglieder, nur als eine Folge des gemeinsamen -Dunstkreises, ist am engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen -Manne, dem begabteren stets mehr als dem mittelmäßigen, aber auch -dem gewöhnlichsten noch, ist dies eigen, daß er sich mit seinem -_Vater_ nie völlig verträgt: weil ein jeder einen, wenn auch noch -so leisen, unbewußten oder bewußt gewordenen _Zorn_ auf denjenigen -Menschen empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben genötigt -und ihm den Namen gegeben hat, der ihm bei der Geburt gutdünkte; von -dem er zumindest hierin _abhängig_ gewesen ist, und der, auch nach -jeder tieferen metaphysischen Anschauung, doch immer als in einem -_Zusammenhange_ damit stehend betrachtet werden muß, daß der Sohn -selbst in das Erdenleben wollte. Nur unter Juden kommt es vor, daß der -Sohn ganz tief in der Familie _darinnensteckt_, und mit dem Vater in -gemeiner Gemeinschaft sich wohl fühlt; fast nur unter Christen, daß -Vater und Sohn wie Freund und Freund miteinander verkehren. Ja sogar -die Töchter der Arier stehen noch immer eher außerhalb der Familie als -die Jüdinnen, und öfter als diese ergreifen sie einen Beruf, der sie -von Verwandten und Eltern entfernt und unabhängig macht. - -Auch ist hier die Probe auf die Ausführungen des vorigen Kapitels zu -machen, welche das unindividuelle, vom anderen Menschen nicht durch -die Grenzen des Einsamen geschiedene Leben als eine unerläßliche -Voraussetzung der Kuppelei ansahen (S. 385). Männer, die kuppeln, -haben immer Judentum in sich; _und damit ist der Punkt der $stärksten$ -Übereinstimmung zwischen Weiblichkeit und Judentum erreicht_. Der Jude -ist stets lüsterner, geiler, wenn auch merkwürdigerweise, vielleicht -im Zusammenhange mit seiner nicht eigentlich _anti_moralischen Natur, -sexuell weniger potent als der arische Mann. Nur Juden sind echte -Heiratsvermittler, und nirgends erfreut sich Ehevermittlung durch -Männer einer so ausgedehnten Verbreitung wie unter den Juden. Freilich -ist eine Tätigkeit nach dieser Richtung hier dringender als sonst -vonnöten; denn es gibt, wessen schon einmal gedacht wurde (Teil I, -S. 51), kein Volk der Welt, in dem so wenig aus Liebe geheiratet würde -wie unter ihnen: ein Beweis, mehr für die Seelenlosigkeit des absoluten -Juden. - -Daß die Kuppelei eine organische Veranlagung im Juden ist, wird auch -durch das Unverständnis des Juden für alle Askese nahe gelegt; aber -erhärtet dadurch, daß die jüdischen Rabbinen es lieben, besonders -eingehend über das Fortpflanzungsgeschäft zu spekulieren, und eine -mündliche Tradition im Zusammenhange mit der Kinderzeugung pflegen; wie -dies von den Obersten eines Volkes, dessen sittliche Hauptaufgabe, nach -seiner Überlieferung wenigstens, es sein muß, »sich zu mehren«, kaum -anders erwartet werden kann. - -Kuppelei ist schließlich Grenzverwischung: _und der Jude ist der -Grenzverwischer κατ' εξοχήν_. Er ist der Gegenpol des Aristokraten; -das Prinzip alles Aristokratismus ist strengste _Wahrung_ aller -_Grenzen_ zwischen den Menschen. Der Jude ist geborener Kommunist, -und immer will er die Gemeinschaft. Die Formlosigkeit des Juden im -Verkehr, sein Mangel an gesellschaftlichem Takte gehen hierauf zurück. -Alle Umgangsformen sind nur die feinen Mittel, um die Grenzen der -persönlichen Monaden zu betonen und zu schützen; der Jude aber ist -nicht Monadologe. - -Ich betone nochmals, obwohl es selbstverständlich sein sollte: trotz -der abträglichen Wertung des echten Juden kann nichts mir weniger in -den Sinn kommen, als durch diese oder die noch folgenden Bemerkungen -einer theoretischen oder gar einer praktischen Judenverfolgung in die -Hände arbeiten zu wollen. Ich spreche über das Judentum als platonische -Idee -- _es gibt einen absoluten Juden so wenig als es einen absoluten -Christen gibt_ -- ich spreche nicht von den einzelnen Juden, von -denen ich so vielen nur höchst ungern wehe getan haben wollte, und -deren manchem bitteres Unrecht geschehen würde, wenn das Gesagte auf -ihn sollte angewendet werden. Losungen wie »Kauft nur bei Christen« -sind _jüdisch_, denn sie betrachten und werten das Individuum nur als -Gattungsangehörigen; ähnlich wie der jüdische Begriff des »Goy« jeden -Christen einfach als solchen bezeichnet und auch schon subsumiert. - -Nicht also der Boykott, und nicht etwa die Austreibung der Juden oder -ihre Fernhaltung von Amt und Würde ist hier befürwortet. Durch solche -Mittel ist die Judenfrage nicht lösbar, denn sie liegen nicht auf -dem Wege der Sittlichkeit. Aber auch der »Zionismus« ist ihr nicht -gewachsen. Er will die Juden sammeln, die, wie H. S. _Chamberlain_ -nachweist, längst vor der Zerstörung des jerusalemitischen Tempels zum -Teile die Diaspora als ihr natürliches Leben, das Leben des über die -ganze Erde fortkriechenden, die Individuation ewig hintertreibenden -Wurzelstockes gewählt hatten, er will etwas _Un_jüdisches. _Die Juden -müßten erst das Judentum überwunden haben, ehe sie für den Zionismus -reif würden._ - -_Zu diesem Behuf aber wäre vor allem geboten, daß die Juden sich -selbst verstehen, daß sie sich kennen lernen und gegen sich kämpfen, -$innerlich$ das Judentum $in sich$ besiegen $wollten$._ Bis heute -aber kennen sich die Juden nur so weit, daß sie Witze über sich -machen und verständnisvoll goutieren -- nicht weiter. _Unbewußt_ nur -achtet jeder Jude den Arier höher als sich selbst. Erst die feste und -unerschütterliche Entschlossenheit, die höchste Selbstachtung sich zu -ermöglichen, könnte den Juden vom Judentume befreien. Dieser Entschluß -ist aber nur vom Individuum, nicht von einer Gruppe, und sei sie noch -so stark, noch so ehrenhaft, zu fassen und auszuführen. Darum kann die -Judenfrage nur _individuell_ gelöst werden, _jeder einzelne Jude muß -sie für seine Person zu beantworten suchen_. - -Es gibt keine andere Lösung der Frage und kann keine andere geben; dem -Zionismus wird sie nie gelingen. - -Der Jude freilich, der überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden -wäre, besäße dann allerdings auch das volle Recht, vom Arier als -einzelner genommen, und nicht nach einer Rassenangehörigkeit mehr -beurteilt zu werden, über die ihn sein moralisches Streben längst -hinausgehoben hätte. Er mag unbesorgt sein: seinem gegründeten Anspruch -wird niemand sich widersetzen wollen. Der höher stehende Arier hat -immer das Bedürfnis den Juden zu achten, sein Antisemitismus ist ihm -keine Freude und kein Zeitvertreib. Darum liebt er es nicht, wenn -der Jude über den Juden Bekenntnisse ablegt; und wer es dennoch tut, -kann, von seiner Seite fast noch weniger als von der stets so überaus -empfindlichen Judenschaft, irgend Dank sich erhoffen. Zu allerletzt -wünscht gerade der Arier, daß der Jude dem Antisemitismus durch die -Taufe recht gebe. Aber auch diese Gefahr der äußersten Verkennung -seines ehrlichsten Strebens darf den Juden, der die _innerliche_ -Befreiung will, nicht bekümmern. Er wird darauf verzichten müssen, das -Unmögliche zu leisten, sich als _Jude_ zu schätzen, wie es der Arier -von ihm haben will, und danach trachten, sich als _Mensch_ ehren zu -dürfen. Er wird die seelische Taufe des Geistes zu erreichen verlangen, -welcher die äußerliche des Körpers symbolisch nur immer dann folgen mag. - -Die dem Juden so wichtige und so nötige Erkenntnis dessen, _was das -Jüdische und das Judentum eigentlich $ist$_, wäre die Lösung eines der -schwierigsten Probleme; das Judentum ist ein viel tieferes Rätsel, als -wohl mancher Antisemiten-Katechismus glaubt, und im letzten Grunde wird -es einer gewissen Dunkelheit wohl nie weit entzogen werden. Auch die -Parallele mit dem Weibe wird uns nun bald verlassen; einstweilen vermag -sie noch weiterzuhelfen. - -Im Christen liegen Stolz und Demut, im Juden Hochmut und Kriecherei -miteinander im Kampf; in jenem Selbstbewußtsein und Zerknirschung, in -diesem Arroganz und Devotion. Mit dem völligen Mangel des Juden an -Demut hängt sein Unverständnis für die Idee der Gnade zusammen. Aus -seiner knechtischen Veranlagung entspringt seine heteronome Ethik, -der Dekalog, das unmoralischeste Gesetzbuch der Welt, welches für die -gehorsame Befolgung eines mächtigen _fremden_ Willens das Wohlergehen -auf _Erden_ in Aussicht stellt und die Eroberung der Welt verheißt. Das -Verhältnis zum Jehovah, dem _abstrakten_ Götzen, vor dem er die Angst -des _Sklaven_ hat, dessen Namen er nicht einmal _auszusprechen_ wagt, -charakterisiert den Juden analog dem Weibe als einer fremden Herrschaft -über sich bedürftig. _Schopenhauer_ definiert einmal: »Das Wort Gott -bedeutet einen Menschen, der die Welt gemacht hat.« Für den Gott der -Juden trifft dies allerdings zu. Von dem Göttlichen _im_ Menschen, -dem »Gott, der mir im Busen wohnt,« weiß der echte Jude nichts; dem, -was _Christus_ und _Plato_, _Eckhard_ und _Paulus_, _Goethe_ und -_Kant_, was von den _vedischen Priestern_ bis auf _Fechners_ herrliche -Schlußverse aus den »Drei Motiven und Gründen des Glaubens« jeder -Arier unter dem Göttlichen gemeint hat, dem Worte »Ich werde bei euch -sein alle Tage bis an der Welt Ende«: all dem steht er verständnislos -gegenüber. Denn was im Menschen von Gott ist, das ist des Menschen -Seele; _der absolute Jude aber ist seelenlos_. - -_So kann es denn gar nicht anders sein, als daß dem alten Testamente -der Unsterblichkeitsglaube fehlt. Wer keine Seele hat, wie sollte -der nach ihrer Unsterblichkeit ein Bedürfnis haben?_ Ebenso -wie den Frauen fehlt den Juden, und zwar ganz allgemein, das -_Unsterblichkeitsbedürfnis_: »Anima naturaliter christiana« -- so sagt -_Tertullian_. - -Aus dem nämlichen Grunde aber gibt es unter den Juden -- -H. S. _Chamberlain_ hat das richtig erkannt -- auch keine eigentliche -Mystik, außer einer wüsten Superstitio und Interpretationsmagie, »die -Kabbâla« genannt. Der jüdische Monotheismus hat mit echtem Glauben -an Gott nichts, gar nichts zu tun, er ist vielmehr seine Negation, -der »Afterdienst« des wahren Dienstes unter dem guten Prinzipe, -die Homonymität des Judengottes und des Christengottes die ärgste -Verhöhnung des letzteren. Hier ist keine Religion aus reiner Vernunft; -eher ein Altweiberglaube aus schmutziger Angst. - -Warum wird aber aus dem orthodoxen Jehovah-Knecht so rasch und leicht -ein Materialist, ein »Freigeist«? Warum ist das _Lessing_sche Wort -vom »Aufkläricht«, trotz der Einrede des wohl nicht ohne guten Grund -antisemitischen _Dühring_, wie auf das Judentum gemünzt? Hier ist -der _Sklavensinn_ gewichen und hat seiner steten Kehrseite, der -_Frechheit_, Platz gemacht: beide sind wechselnde Phasen eines und -desselben Wollens im nämlichen Menschen. Die _Arroganz den Dingen -gegenüber_, die nicht als Symbole eines Tieferen empfunden oder auch -nur dunkel geahnt werden, der Mangel an »verecundia« auch vor dem -Naturgeschehen, das führt zur jüdischen, materialistischen Form der -Wissenschaft, wie sie leider heute eine gewisse Herrschaft erlangt -hat, und intolerant gegen alle Philosophie geworden ist. Wenn man, -wie es notwendig und allein richtig ist, das Judentum als eine _Idee_ -betrachtet, an der auch der Arier mehr oder weniger _Anteil_ haben -kann, dann wird wenig dagegen einzuwenden sein, wenn man an die Stelle -der »_Geschichte des Materialismus_« lieber ein »_Wesen des Judentums_« -gesetzt wissen will. »Das Judentum in der Musik« hat _Wagner_ -besprochen; vom _Judentum in der Wissenschaft_ ist hier noch einiges zu -sagen. - -Judentum im weitesten Sinne ist jene Richtung in der Wissenschaft, -welcher diese vor allem _Mittel zum Zweck_ ist, alles Transcendente -auszuschließen. Der Arier empfindet das Bestreben, _alles_ begreifen -und ableiten zu wollen, als eine Entwertung der Welt, denn er -fühlt, daß gerade das Unerforschliche es ist, das dem Dasein seinen -Wert verleiht. Der Jude hat keine Scheu vor Geheimnissen, weil er -nirgends welche ahnt. Sein Bestreben ist es, die Welt möglichst -platt und gewöhnlich zu sehen, nicht um durch Klarheit dem ewig -Dunklen sein ewiges Recht erst zu sichern, sondern um eine öde -Selbstverständlichkeit des Alls zu erzeugen und die Dinge aus dem -Wege zu räumen, welche einer freien Bewegung seiner Ellbogen auch -im Geistigen entgegenstehen. Die _anti_philosophische (nicht die -aphilosophische) Wissenschaft ist im Grunde jüdisch. - -Auch sind die Juden stets, eben weil ihre Gottesverehrung -mit wahrer Religion gar keine Verwandtschaft hat, der -mechanistisch-materialistischen Anschauung der Welt am wenigsten abhold -gewesen; wie _sie_ am eifrigsten den _Darwinismus_ und die lächerliche -Theorie von der Affenabstammung des Menschen aufgriffen, so wurden sie -beinahe schöpferisch als Begründer jener _ökonomischen_ Auffassung -der menschlichen Geschichte, welche den Geist aus der Entwicklung -des Menschengeschlechtes am vollständigsten streicht. Früher die -enragiertesten Anhänger _Büchners_, sind sie jetzt die begeistertsten -Vorkämpfer _Ostwalds_. - -Es ist auch kein Zufall, daß die _Chemie_ heutzutage in so weitem -Umfang in den Händen der Juden sich befindet, wie einst in den Händen -der stammesverwandten Araber. Das Aufgehen in der Materie, das -Bedürfnis, alles in ihr aufgehen zu lassen, setzt den Mangel eines -intelligiblen Ich voraus, ist also wesentlich jüdisch. - -»_O curas Chymicorum! o quantum in pulvere inane!_« - -Dieser Hexameter ist freilich von dem _deutschesten_ Forscher aller -Zeiten: der ihn gedichtet hat, heißt Johannes _Kepler_.[91] - -Es hängt mit dem Einflusse jüdischen Geistes auch sicherlich zusammen, -daß die Medizin, welcher die Juden so scharenweise sich zuwenden, -ihre heutige Entwicklung genommen hat. Stets, von den Wilden bis zur -heutigen Naturheilbewegung, von der sich die Juden bezeichnenderweise -gänzlich ferngehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religiöses, -war der Medizinmann der Priester. Die bloß _chemische_ Richtung in der -Heilkunde -- das ist das Judentum. Sicherlich aber wird niemals das -Organische aus dem Unorganischen, sondern höchstens dieses aus jenem -zu erklären sein. Es ist kein Zweifel, daß _Fechner_ und _Preyer_ -recht haben, die das Tote aus dem Lebenden, und nicht umgekehrt, -entstanden sein lassen. Was wir täglich im _individuellen_ Leben vor -sich gehen sehen: daß Organisches zu Anorganischem wird (schon durch -die Verknöcherung und Verkalkung im Alter, die senile Arteriosklerose -und Atheromatose, wird der Tod vorbereitet); indes noch niemand, -aus Totem Lebendes hat erstehen sehen -- das sollte, im Sinne des -»biogenetischen« Parallelismus zwischen Ontogenie und Phylogenie, auch -auf die _Gesamtheit_ der anorganischen Materie angewendet werden. Hat -die Lehre von der Urzeugung von _Swammerdam_ bis _Pasteur_ so viele -Posten nacheinander aufgeben müssen, so wird sie auch ihren letzten -Halt, den sie im monistischen Bedürfnis so vieler zu haben scheint, -fahren lassen, wenn dieses anders und besser wird befriedigt werden -können. Die Gleichungen für das tote Geschehen werden sich vielleicht -einmal durch Einsetzung bestimmter Zeitwerte als _Grenz_fälle der -Gleichungen des lebendigen Geschehens ergeben, nie umgekehrt das -Lebende durch das Tote darstellbar sein. Die _Homunculus-Bestrebungen_ -sind _Faust_ fremd, _Goethe_ hat sie nicht ohne Grund für _Wagner_, den -Famulus, reserviert. Mit der Chemie ist wahrhaftig nur den Exkrementen -des Lebendigen beizukommen; ist doch das Tote selbst nur ein Exkret -des Lebens. Die chemische Anschauungsweise setzt den Organismus auf -eine Stufe mit seinen Auswürfen und Abscheidungen. Wie anders sollten -Erscheinungen zu erklären sein gleich dem Glauben eines Menschen, durch -Ernährung mit mehr oder weniger Zucker das Geschlecht des werdenden -Kindes beeinflussen zu können? Das _unkeusche Anpacken_ jener Dinge, -die der Arier im Grunde seiner Seele immer als _Schickung_ empfindet, -ist erst durch den Juden in die Naturwissenschaft gekommen. Die Zeit -jener tiefreligiösen Forscher, für die ihr Objekt stets an einer -übersinnlichen Dignität einen, wenn auch noch so geringen, Anteil -hatte, für die es Geheimnisse gab, die vom Staunen kaum je sich -erholten über das, was sie zu entdecken sich _begnadet_ fühlten, die -Zeit eines _Kopernikus_ und _Galilei_, eines _Kepler_ und _Euler_, -_Newton_ und _Linné_, _Lamarck_ und _Faraday_, Konrad _Sprengel_ und -_Cuvier_ scheint vorüber. Die heutigen Freigeister, die, weil sie vom -Geiste frei sind, an keine immanente Offenbarung eines Höheren im -Naturganzen mehr zu glauben vermögen, sind, vielleicht eben darum, -auch in ihrem besonderen wissenschaftlichen Fache nicht imstande, jene -Männer wirklich zu ersetzen und zu erreichen. - -Aus diesem _Mangel an Tiefe_ wird auch klar, weshalb die Juden keine -ganz großen Männer hervorbringen können, _weshalb dem Judentum_, wie -dem Weibe, _die höchste Genialität versagt ist_. Der hervorragendste -Jude der letzten neunzehnhundert Jahre, an dessen rein semitischer -Abkunft zu zweifeln kein Grund vorliegt, und der sicherlich viel mehr -Bedeutung besitzt als der, fast jeder _Größe_ entbehrende, Dichter -_Heine_ oder der originelle, aber keineswegs tiefe Maler _Israels_, ist -der Philosoph _Spinoza_. Die allgemein übliche ungeheure Überschätzung -auch des letzteren geht weniger auf Vertiefung in seine Werke und ein -Studium derselben, als auf den zufälligen Umstand zurück, daß er der -einzige Denker ist, den _Goethe_ eingehender gelesen hat. - -Für _Spinoza_ selbst gab es eigentlich keine _Probleme_: darin zeigt er -sich als echter Jude; sonst hätte er nicht jene »mathematische Methode« -wählen können, die wie darauf berechnet ist, alles _selbstverständlich_ -erscheinen zu lassen. Spinozas System war sein Schutzbau, in den er -sich darum zurückzog, weil niemand so sehr wie er gemieden hat über -sich nachzudenken; darum konnte es für denjenigen Menschen, der wohl -am meisten, und schmerzvoller als alle anderen, über sich nachgedacht -hat, darum konnte es für _Goethe_ eine Beruhigung und Erholung werden. -Denn der wahrhaft bedeutende Mensch denkt, über was immer er denke, -im Grunde doch immer nur über sich selbst nach. Und so gewiß _Hegel_ -im Unrecht war, die logische Opposition wie eine reale Repugnanz zu -behandeln, so gewiß geht doch auch das trockenste _logische Problem_ -beim _tieferen_ Denker _psychologisch_ auf einen mächtigen _inneren -Konflikt_ zurück. Spinozas System, in seinem voraussetzungslosen -Monismus und Optimismus, in seiner vollkommenen Harmonie, die -Goethe so hygienisch empfand, ist unleugbar keine Philosophie eines -Gewaltigen: sie ist die Absperrung eines die Idylle suchenden, -und ihrer doch nicht wirklich fähigen, weil gänzlich humorlosen -Unglücklichen. - -Die Echtheit seines Judentums erweist Spinoza mehrfach, und läßt -deutlich die Grenzen sichtbar werden, welche rein jüdischem Geiste -immer gezogen sind: ich meine hier weniger sein Unverständnis für den -Staatsgedanken und seine Anhängerschaft an den _Hobbes_schen »Krieg -aller gegen alle« als angeblichen Urzustand der Menschheit. Was den -relativen Tiefstand seiner philosophischen Anschauungen bezeugt, -ist vielmehr sein völliges Unverständnis für die _Willensfreiheit_ --- der Jude ist stets Sklave und also Determinist -- und am meisten -dies, daß für ihn, als _echten Juden_, die Individuen nur Accidenzen, -nicht Substanzen, nur nicht-wirkliche Modi einer allein wirklichen, -aller Individuation fremden unendlichen Substanz sind. Der Jude ist -nicht Monadolog. Darum gibt es keinen tieferen Gegensatz als den -zwischen _Spinoza_ und seinem weit bedeutenderen und universelleren -Zeitgenossen _Leibniz_, dem Vertreter der _Monaden_-Lehre, und deren -noch weit größerem Schöpfer _Bruno_, dessen Ähnlichkeit mit Spinoza -eine oberflächliche Anschauung in einer ans Groteske streifenden Weise -übertrieben hat.[92] - -Wie das »Radikal-Gute« und das »Radikal-Böse«, so fehlt aber dem Juden -(_und dem Weibe_) _mit dem Genie_ auch das _Radikal-Dumme_ in der -menschlichen, männlichen Natur. Die spezifische Art der Intelligenz, -die dem Juden wie dem Weibe nachgerühmt wird, ist freilich einerseits -nur _größere Wachsamkeit ihres größeren Egoismus_; anderseits beruht -sie auf der unendlichen Anpassungsfähigkeit beider an alle beliebigen -äußeren Zwecke ohne Unterschied: _weil sie keinen urwüchsigen Maßstab -des Wertes, kein Reich der Zwecke in der eigenen Brust tragen_. Dafür -haben sie ungetrübtere natürliche Instinkte, welche dem arischen Manne -nicht in gleicher Weise zurückkehren, um ihm weiterzuhelfen, wenn ihn -das Übersinnliche in seiner Intelligenz verlassen hat. - -Hier ist auch der Ort, der seit Richard _Wagner_ oft hervorgehobenen -Ähnlichkeit des Engländers mit dem Juden zu gedenken. Denn sicherlich -haben unter allen Germanen sie am ehesten eine gewisse Verwandtschaft -mit den Semiten. Ihre Orthodoxie, ihre streng wörtliche Auslegung der -Sabbatruhe weist darauf hin. Es ist in der Religiosität der Engländer -nicht selten Scheinheiligkeit, in ihrer Askese nicht wenig Prüderie -gelegen. Auch sind sie, wie die Frauen, weder durch Musik noch durch -Religion je produktiv gewesen: es mag irreligiöse Dichter geben -- -_sehr_ große Künstler können es nicht sein -- aber es gibt keinen -irreligiösen Musiker. Und es hängt hiemit auch zusammen, warum die -Engländer keinen bedeutenden Architekten, und nie einen hervorragenden -Philosophen hervorgebracht haben. _Berkeley_ ist wie _Swift_ und -_Sterne_ ein _Ire_, _Erigena_, _Carlyle_ und _Hamilton_, ebenso wie -_Burns_, sind _Schotten_. _Shakespeare_ und _Shelley_, die zwei größten -Engländer, bezeichnen noch lange nicht die Gipfel der Menschheit, sie -reichen auch nicht entfernt hinan an _Dante_, oder an _Aischylos_. -Und wenn wir nun die englischen »Philosophen« betrachten, so sehen -wir, wie von ihnen seit dem Mittelalter stets die Reaktion gegen alle -Tiefe ausgegangen ist: von _Wilhelm von Occam_ und _Duns Scotus_ -angefangen, über _Roger Baco_ und seinen _Namensvetter den Kanzler_, -den Spinoza so geistesverwandten _Hobbes_ und den seichten _Locke_, -bis zu _Hartley_, _Priestley_, _Bentham_, den beiden _Mill_, _Lewes_, -_Huxley_, _Spencer_. Damit sind aber aus der Geschichte der englischen -Philosophie die wichtigsten Namen auch schon aufgezählt; denn Adam -_Smith_ und David _Hume_ waren Schotten. _Vergessen wir niemals, -daß uns aus England die seelenlose Psychologie gekommen ist!_ Der -Engländer hat dem Deutschen als tüchtiger Empiriker, als Realpolitiker -im Praktischen wie im Theoretischen imponiert, aber damit ist seine -Wichtigkeit für die Philosophie auch erschöpft. Es hat noch nie einen -tieferen Denker gegeben, der beim Empirismus stehen geblieben ist; und -noch nie einen Engländer, der über ihn selbständig hinausgekommen wäre. - -Dennoch darf man den Engländer nicht mit dem Juden verwechseln. Im -Engländer ist viel mehr Transcendentes als im Juden, nur ist sein Sinn -mehr vom Transcendenten aufs Empirische, als vom Empirischen aufs -Transcendente gerichtet. Sonst wäre er nicht so _humorvoll_, wie er es -ist, indes dem Juden der Humor fehlt, indem dieser vielmehr selbst, -nach der Sexualität, das ergiebigste Objekt alles Witzes ist. - -Ich weiß wohl, ein wie schwieriges Problem das Lachen und der Humor -ist; so schwierig wie alles, was nur menschlich und nicht auch tierisch -ist, so schwierig, daß _Schopenhauer_ gar nichts Rechtes, und selbst -_Jean Paul_ nichts ganz Befriedigendes über den Gegenstand zu sagen -weiß. Im Humor liegt zunächst vielerlei: für manche Menschen scheint -er eine feinere Form des Mitleids mit anderen oder mit sich selbst zu -bedeuten; aber damit ist nichts ausgesprochen, was gerade für den Humor -ausschließlich charakteristisch wäre. In ihm mag bewußtes »Pathos der -Distanz« zum Ausdruck kommen -- beim gänzlich unpathetischen Menschen; -aber auch hiemit ist nichts gerade für ihn Entscheidendes gewonnen. - -Das Wesentlichste im Humor scheint mir eine _übermäßige Betonung -des Empirischen_, um dessen _Unwichtigkeit_ eben hiedurch klarer -darzustellen. Lächerlich ist im Grunde alles, was verwirklicht ist; und -hierauf gründet sich der Humor, so ist er das Widerspiel der Erotik. -Will diese aus dem Begrenzten ins Unbegrenzte, so läßt der Humor auf -das Begrenzte sich nieder, schiebt es allein in den Vordergrund der -Bühne, und stellt es bloß, indem er es von allen Seiten betrachtet. -Nur der Humorist hat den Sinn für das Kleine und den Zug zum Kleinen; -sein Reich ist weder Meer noch Gebirge, sein Gebiet ist das Flachland. -Darum sucht er mit Vorliebe das Idyll auf und vertieft sich in jedes -_Einzelding_: aber immer nur, um sein _Mißverhältnis_ zum _Ding an -sich_ zu enthüllen. _Er blamiert die Immanenz, indem er sie von der -Transcendenz gänzlich loslöst_, ja nicht einmal den Namen der letzteren -mehr nennt. Der Witz sucht den Widerspruch innerhalb der Erscheinung -auf, der Humor tut ihr den größeren Tort an, sie wie ein in sich -geschlossenes Ganzes hinzustellen; _beide zeigen, was alles möglich -ist_; und kompromittieren hiedurch am gründlichsten die Erfahrungswelt. -Die Tragik hingegen tut dar, was in alle Ewigkeit _unmöglich_ ist, und -so verneinen Komik und Tragik, jede auf ihre Weise, die Empirie, obwohl -sie eine das Gegenteil der anderen zu sein scheinen. - -Der Jude, der nicht vom Übersinnlichen kommt wie der Humorist, und -nicht zum Übersinnlichen will wie der Erotiker, hat kein Interesse, -das Gegebene geringer zu werten: darum wird ihm das Leben nie zum -Gaukelspiel, nie zum Tollhaus. Weil der Humor _höhere_ Werte kennt, -als alle konkreten Dinge, und sie nur listig _verschweigt_, ist er -seinem Wesen nach _tolerant_; die Satire, sein Gegenteil, ist ihrem -Wesen nach _intolerant_ und entspricht darum besser der eigentlichen -Natur des Juden wie der des Weibes. Juden und Weiber sind humorlos, -aber spottlustig. In Rom hat es sogar eine Verfasserin von Satiren, -_Sulpicia_ mit Namen, gegeben. Weil die Satire unduldsam ist, macht -sie den Menschen in der Gesellschaft am leichtesten unmöglich. Der -Humorist, der es zu verhindern weiß, daß die Kleinigkeiten und -Kleinlichkeiten der Welt ihn und die anderen Menschen ernstlich -zu bekümmern anfangen, ist der am liebsten gesehene Gast in jeder -Gesellschaft. Denn der Humor räumt wie die Liebe Berge aus dem Wege; -er ist eine Verhaltungsweise, die ein soziales Leben, d. h. eine -Gemeinsamkeit unter einer _höheren_ Idee, sehr begünstigt. Der Jude ist -denn auch nicht, der Engländer in hohem Maße sozial veranlagt. - -Der Vergleich des Juden mit dem Engländer versagt also noch viel früher -als sein Vergleich mit dem Weibe. Der Grund, aus welchem dennoch -hier wie dort Ausführlichkeit geboten schien, liegt in der Hitze des -Kampfes, welcher um Wert und Wesen des Judentums seit längster Zeit -geführt wird. Auch darf ich hier wohl auf _Wagner_ mich berufen, den -das Problem des Judentums am intensivsten, von Anfang bis zuletzt, -beschäftigt hat, und der nicht nur im Engländer einen Juden hat wieder -entdecken wollen: auch über seiner _Kundry_, der tiefsten Frauengestalt -der Kunst, schwebt unverkennbar der Schatten des _Ahasverus_. - -Noch mehr scheint es im Sinne der Parallele mit dem Weibe gelegen, -und noch stärker verleitet zu ihrer voreiligen Annahme, daß -- nicht -bloß für die Augen des Juden -- keine Frau der Welt die _Idee_ des -Weibes so völlig repräsentiert wie die Jüdin. Selbst vom Arier wird -sie ähnlich empfunden: man denke an _Grillparzers_ »Jüdin von Toledo«. -Dieser Schein wird darum so leicht erregt, weil die Arierin vom Arier -auch das Metaphysische als einen Sexualcharakter fordert, und von -seinen religiösen Überzeugungen ebenso zu durchdringen ist, wie von -seinen anderen Qualitäten (vgl. Kapitel 9 gegen Ende und Kapitel 12). -In Wirklichkeit gibt es freilich dennoch nur Christen und nicht -Christinnen. Die Jüdin aber kann, sowohl als kinderreiche Hausmutter -wie als wollüstige Odaliske, die Weiblichkeit in ihren beiden Polen, -als Kypris und als Kybele, darum vollständiger zu repräsentieren -scheinen, weil der Mann, der sie sexuell ergänzt und geistig -imprägniert, der Mann, der sie für sich geschaffen hat, selber so wenig -Transcendentes in sich birgt. - -Die Kongruenz zwischen Judentum und Weiblichkeit _scheint_ eine völlige -zu werden, sobald auf die unendliche Veränderungsfähigkeit des Juden -zu reflektieren begonnen wird. Das große Talent der Juden für den -Journalismus, die »Beweglichkeit« des jüdischen Geistes, der Mangel -an einer wurzelhaften und ursprünglichen _Gesinnung_ -- lassen sie -nicht von den Juden wie von den Frauen es gelten: _sie $sind$ nichts, -und können eben darum alles $werden$_? Der Jude ist Individuum, aber -nicht Individualität; dem niederen Leben ganz zugewandt, hat er kein -Bedürfnis nach der persönlichen Fortexistenz: es fehlt ihm das wahre, -unveränderliche, das metaphysische Sein, er hat keinen Teil am höheren, -_ewigen Leben_. - -Und doch gehen gerade hier Judentum und Weiblichkeit in entscheidender -Weise _auseinander_; _das Nicht-Sein und Alles-Werden-Können ist im -Juden ein anderes als in der Frau_. Die Frau ist die Materie, die -_passiv_ jede Form annimmt. Im Juden liegt zunächst unleugbar eine -gewisse _Aggressivität_: nicht durch den großen Eindruck, den andere -auf ihn hervorbringen, wird er rezeptiv, er ist nicht suggestibler -als der Arier; sondern er paßt sich den verschiedenen Umständen und -Erfordernissen, jeder Umgebung und jeder Rasse selbsttätig an; wie -der Parasit, der in jedem Wirte ein anderer wird, und so völlig ein -verschiedenes Aussehen gewinnt, daß man ein neues Tier vor sich -zu haben glaubt, während er doch immer derselbe geblieben ist. Er -assimiliert sich allem und assimiliert es so sich; und er wird hiebei -nicht vom anderen unterworfen, sondern unterwirft sich so ihn. - -Das Weib ist ferner _gar nicht_, der Jude _eminent begrifflich_ -veranlagt, womit auch seine Neigung für die Jurisprudenz zusammenhängt, -welcher die Frau nie Geschmack abgewinnen wird; und auch in dieser -begrifflichen Natur des Juden kommt seine _Aktivität_ zum Ausdruck, -eine Aktivität freilich von ganz eigentümlicher Art, keine Aktivität -der selbstschöpferischen Freiheit des höheren Lebens. - -Der Jude ist ewig wie das Weib, ewig nicht als Persönlichkeit, sondern -als Gattung. _Er ist nicht unmittelbar wie der arische Mann, aber seine -Mittelbarkeit ist trotzdem eine andere als die des Weibes._ - -Am tiefsten wird die Erkenntnis des eigentlich-jüdischen Wesens -erschlossen durch die _Irreligiosität_ des Juden. Es ist hier nicht der -Ort für eine Untersuchung des Religionsbegriffes, und es sei denn unter -Religion, ohne eine Begründung, die notgedrungen langatmig werden und -vom Thema weit abführen müßte, zunächst die _Bejahung alles ewigen, aus -den Daten des niederen nie abzuleitenden, nie zu erweisenden höheren -Lebens $im$ Menschen $durch$ den Menschen_ verstanden. _Der Jude ist -der $ungläubige$_ Mensch. _Glaube_ ist jene Handlung des Menschen, -durch welche er in Verhältnis zu einem _Sein_ tritt. Der _religiöse -Glaube_ richtet sich nur speziell auf das _$absolute$ Sein_. _Und der -Jude $ist$ nichts, im tiefsten Grunde darum, weil er nichts $glaubt$._ - -Glaube aber ist alles. Mag ein Mensch an Gott glauben oder nicht, es -kommt nicht alles darauf an: wenn er nur wenigstens an seinen Atheismus -glaubt. Das aber ist es eben; der Jude glaubt gar nichts, er glaubt -nicht an seinen Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel. Er ist nie -ganz durchdrungen von seinem Jubel, aber ebensowenig fähig, völlig von -seinem Unglück erfüllt zu werden. Er nimmt sich nie ernst, und darum -nimmt er auch keinen anderen Menschen, keine andere Sache wahrhaft -ernst. - -_Hiemit ist die wesentliche Differenz zwischen dem Juden und dem -Weibe endlich bezeichnet._ Ihre Ähnlichkeit beruht zu allertiefst -darauf, daß er, so wenig wie sie, _an sich selbst_ glaubt. Aber _sie_ -glaubt an den _anderen_, an den Mann, an das Kind, an »die Liebe«; -sie hat einen Schwerpunkt, nur liegt er außerhalb ihrer. _Der Jude -aber glaubt nichts, weder in sich noch außer sich_; auch im Fremden -hat er keinen Halt, auch in ihm schlägt er keine Wurzeln gleich dem -Weibe. Und nur gleichsam symbolisch erscheint sein Mangel an irgend -welcher Bodenständigkeit in seinem so tiefen Unverständnis für allen -Grundbesitz und seiner Vorliebe für das mobile Kapital. - -Die Frau glaubt an den Mann, an den Mann außer sich oder an den Mann -in sich, an den Mann, von dem sie geistig imprägniert worden ist, -und kann auf diese Weise sogar sich selbst ernst nehmen.[93] Der -Jude hält nie etwas wirklich für echt und unumstößlich, für heilig -und unverletzbar. Darum ist er überall frivol, und alles bewitzelnd; -er glaubt keinem Christen sein Christentum, geschweige denn einem -Juden die Ehrlichkeit seiner Taufe. Aber er ist auch nicht wirklich -realistisch und keineswegs ein echter Empiriker. Hier ist an den -früheren Aufstellungen, die, zum Teile, an H. S. _Chamberlain_ sich -anschlossen, die wichtigste Einschränkung vorzunehmen. Der Jude ist -nicht eigentlich immanent wie der englische Erfahrungsphilosoph; denn -der Positivismus des bloßen Empiristen glaubt an einen Abschluß alles -menschenmöglichen Wissens im Bereiche der Sinnfälligkeit, er hofft auf -die Vollendung des Systemes exakter Wissenschaft. Der Jude aber glaubt -auch an das Wissen nicht; und doch er ist darum keineswegs Skeptiker, -denn ebensowenig ist er vom Skeptizismus überzeugt. Dagegen waltet noch -über einem gänzlich ametaphysischen Systeme wie dem des _Avenarius_ -eine weihevolle Sorgfalt, ja selbst über die relativistischen -Anschauungen von Ernst _Mach_ ist eine vertrauensvolle _Frömmigkeit_ -ausgebreitet. Der Empirismus mag nicht tief sein; jüdisch ist er darum -nicht zu nennen. - -_Der Jude ist der unfromme Mensch im weitesten Sinne._ Frömmigkeit -aber ist der Grund von allem, und die Basis, auf der alles andere -erst sich erhebt. Man hält den Juden schon für prosaisch, weil er -nicht schwungvoll ist, und nach keinem Urquell des Seins sich sehnt; -mit Unrecht. Alle echte innere Kultur, und was immer ein Mensch für -Wahrheit halte, daß es für ihn Kultur, daß es für ihn Wahrheit, daß es -für ihn Werte gibt, das ruht auf dem Grunde des Glaubens, es bedarf der -Frömmigkeit. Und Frömmigkeit ist nicht etwas, das bloß in der Mystik -und in der Religion sich offenbart; auch aller Wissenschaft und aller -Skepsis, allem, womit der Mensch es _innerlich ernst meint_, liegt -_sie_ am tiefsten zu Grunde. Daß sie auf verschiedene Weise sich äußern -mag, ist sicher: Begeisterung und Sachlichkeit, hoher Enthusiasmus und -tiefer Ernst, das sind die zwei vornehmsten Arten, in welchen sie zum -Vorschein gelangt. Der Jude ist nie schwärmerisch, aber er ist auch -nicht eigentlich nüchtern; er ist nicht ekstatisch, aber er ist auch -nicht trocken. Fehlt ihm der niedere wie der geistige Rausch, ist er -so wenig Alkoholiker, als höherer Verzückung fähig, so ist er darum -noch nicht kühl, und noch in weiter Ferne von der Ruhe überzeugender -Argumentation: seine Wärme schwitzt, und seine Kälte dampft. Seine -Beschränkung wird immer Magerkeit, seine Fülle immer Schwulst. Kommt -er, wenn er zur schrankenlosen Begeisterung des Gefühles den Aufflug -wagt, nie weit über das Pathetische hinaus, so unterläßt er, auch wenn -er in den engsten Fesseln des Gedankens sich zu bewegen unternimmt, -doch nicht, geräuschvoll mit seinen Ketten zu rasseln. Und drängt es -ihn auch kaum zum Kuß der ganzen Welt, er bleibt gegen sie darum nicht -minder zudringlich. - -Alle Sonderung und alle Umschlingung, alle Strenge und alle Liebe, -alle Sachlichkeit und alles Hymnische, jede wahre, unverlogene Regung -im Menschenherzen, sei sie ernst oder freudig, ruht zuletzt auf der -Frömmigkeit. Der Glaube muß nicht, wie im Genius, im religiösesten -Menschen, auf eine metaphysische Entität sich beziehen -- Religion -ist Setzung seiner selbst und der Welt mit sich selbst -- er mag auch -auf ein empirisches Sein sich erstrecken, und hierin gleichsam völlig -aufzugehen scheinen: es ist doch nur ein und derselbe Glaube an ein -Sein, an einen Wert, eine Wahrheit, an ein Absolutes, an einen Gott. -Religion ist Schöpfung des Alls; und alles, was im Menschen _ist_, ist -nur durch _Religion_. Der Jude ist demnach nicht der religiöse Mensch, -wofür man ihn so oft ausgegeben hat; sondern der irreligiöse Mensch -κατ' εξοχήν.[94] - -Soll ich dies nun noch begründen? Soll ich lange ausführen, wie der -Jude ohne Eifer im Glauben ist, und darum die jüdische Konfession -die einzige, die um keinen Proselyten wirbt, der zum Judentum -Übergetretene dessen Bekennern selbst das größte Rätsel und die größte -Verlegenheit?[95] Soll ich über das Wesen des jüdischen Gebetes hier -mich verbreiten und seine Formelhaftigkeit, seinen Mangel an jener -Inbrunst, die nur der Augenblick geben kann, betonen? Soll ich endlich -wiederholen, was die jüdische Religion ist: keine Lehre vom Sinn und -Zweck des Lebens, sondern eine historische Tradition, zusammenzufassen -in dem einen Übergang durchs rote Meer, gipfelnd also in dem Danke des -flüchtenden Feigen an den mächtigen Erretter? Es wäre wohl auch sonst -klar: der Jude ist der irreligiöse Mensch, und von jedem Glauben am -allerweitesten entfernt. Er setzt nicht sich selbst und mit sich die -Welt, worin das Wesentliche in der Religion besteht. Aller Glaube ist -heroisch: der Jude aber kennt weder den Mut noch das Fürchten, als das -Gefühl des bedrohten Glaubens; er ist weder sonnenhaft noch dämonisch. - -Nicht also, wie _Chamberlain_ glaubt, Mystik, sondern _Frömmigkeit_ -ist das, was dem Juden zu allerletzt mangelt. Wäre er nur ehrlicher -Materialist, wäre er nur bornierter Entwicklungsanbeter! Aber er ist -nicht Kritiker, sondern nur Kritikaster, er ist nicht Skeptiker nach -dem Bilde des _Cartesius_, nicht Zweifler, um aus dem größten Mißtrauen -zur größten Sicherheit zu gelangen; sondern absoluter Ironiker wie -- -hier kann ich eben nur einen Juden nennen -- wie Heinrich _Heine_. Er -ist gar nicht echter Revolutionär (denn woher käme ihm die Kraft und -der innere Elan der Empörung?), und unterscheidet sich eben hiedurch -vom _Franzosen_: er ist nur zersetzend, und gar nie wirklich zerstörend. - -Und was ist er nun selbst, der Jude, wenn er nichts von alledem ist, -was sonst ein Mensch sein kann? Was geht in ihm wahrhaft vor, wenn er -ohne irgend welches Letzte ist, ohne einen Grund, auf den das Senkblei -des Psychologen am Ende doch hart und vernehmlich stieße? - -Des Juden psychische Inhalte sind sämtlich mit einer gewissen Zweiheit -oder Mehrheit behaftet; _über diese Ambiguität, diese Duplizität, -ja Multiplizität kommt er nie hinaus_. Er hat immer _noch_ eine -Möglichkeit, noch _viele_ Möglichkeiten, wo der Arier, ohne ärmer im -Blicke zu sein, unbedingt sich entscheidet und wählt. Diese innere -Vieldeutigkeit, diesen Mangel an unmittelbarer innerer _Realität_ -irgend eines psychischen Geschehens, die Armut an jenem An- und -Fürsich-Sein, aus welchem allein höchste Schöpferkraft fließen kann, -glaube ich als die Definition dessen betrachten zu müssen, was ich -das Jüdische als Idee genannt habe.[96] _Es ist wie ein Zustand $vor$ -dem $Sein$_, ein ewiges Irren draußen vor dem Tore der Realität. Mit -nichts kann der Jude sich wahrhaft identifizieren, für keine Sache sein -Leben ganz und gar einsetzen.[97] Nicht der Eiferer, sondern der Eifer -fehlt dem Juden: weil ihm alles Ungeteilte, alles Ganze fremd ist. Es -ist die _Einfalt_ des _Glaubens_, die ihm abgeht, und weil er diese -_Einfalt_ nicht hat, und keine wie immer geartete letzte _Position_ -bedeutet, darum scheint er gescheiter als der Arier, und entwindet -sich _elastisch_ jeder Unterdrückung.[98] _Innerliche Vieldeutigkeit_, -ich möchte es wiederholen, _ist das absolut Jüdische, Einfalt das -absolut Unjüdische_. Die Frage des Juden ist die Frage, die Elsa an -Lohengrin richtet: die Unfähigkeit, irgend einer Verkündigung, sei es -auch der inneren Offenbarung, die Unmöglichkeit, _irgend_ einem _Sein_ -schlechthin zu _glauben_. - -Man wird vielleicht einwenden, jenes zwiespältige Sein finde sich nur -bei den zivilisierten Juden, in welchen die alte Orthodoxie neben -der modernen Gesittung noch fortwirke. Aber das wäre weit gefehlt. -Seine Bildung läßt das Wesen des Juden nur darum stets noch klarer -zum Vorschein kommen, weil es so an Dingen sich betätigt, die mit -tieferem Ernste erwogen sein wollen, als materielle Geldgeschäfte. Der -Beweis, daß der Jude an sich nicht eindeutig ist, läßt sich erbringen: -der Jude _singt_ nicht. Nicht aus Schamhaftigkeit, sondern weil er -sich seinen Gesang nicht _glaubt_. So wenig die Vieldeutigkeit des -Juden mit eigentlicher, realer Differenziertheit oder Genialität, so -wenig hat seine eigentümliche Scheu vor dem Gesang, oder auch nur vor -dem lauten hellen Worte, mit echter Zurückhaltung etwas zu tun. Alle -Scham ist stolz; jene Abneigung des Juden ist aber ein Zeichen seiner -_inneren Würdelosigkeit_: denn das unmittelbare Sein versteht er nicht, -und er würde sich schon lächerlich finden und kompromittiert fühlen, -wenn er nur sänge. Schamhaftigkeit umfaßt alle Inhalte, die mit dem -Ich des Menschen, durch eine innige Kontinuität fester verknüpft sind; -die fragliche Gêne des Juden aber erstreckt sich auch auf Dinge, die -ihm keineswegs heilig sein können, die er also nicht zu profanieren -fürchten müßte, wenn er öffentlich die Stimme würde erheben sollen. -Und abermals trifft dies mit der Unfrömmigkeit des Juden zusammen: -denn alle Musik ist absolut, und besteht wie losgelöst von aller -Unterlage; nur darum hat sie unter allen Künsten die engste Beziehung -zur Religion, und ist der einfache Gesang, der eine einzelne Melodie -mit ganzer Seele erfüllt, unjüdisch wie jene. - -Ich glaube nun gerade deutlich genug gewesen zu sein, um nicht darüber -schlecht verstanden zu werden, was ich mit dem eigentlichen Wesen des -Judentums meine. _Ibsens_ König _Håkon_ in den »Kronprätendenten«, -sein Dr. _Stockmann_ im »Volksfeind« mögen es, wenn es dessen bedürfen -sollte, noch klarer machen, was dem echten Juden in alle Ewigkeit -unzugänglich ist: _das unmittelbare Sein_, _das Gottesgnadentum_, _der -Eichbaum_, _die Trompete_, _das Siegfriedmotiv_, _die Schöpfung seiner -selbst_, _das Wort: $ich bin$_. Der Jude ist wahrhaftig das »Stiefkind -Gottes auf Erden«; und es gibt denn auch keinen (männlichen) Juden, der -nicht, wenn auch noch so dumpf, an seinem Judentum, das ist im tiefsten -Grunde, an seinem Unglauben, $litte$. - -Judentum und Christentum, jenes das zerrissenste, der inneren Identität -barste, dieses das glaubenskräftigste, gottvertrauendste Sein, sie -bilden so den weitesten, unermeßlichsten Gegensatz. Christentum ist -höchstes Heldentum; der Jude aber ist nie einheitlich und ganz. Darum -eben ist der Jude feige, und der Heros sein äußerster Gegenpol. - -H. S. _Chamberlain_ hat von dem furchtbaren, unheimlichen Unverständnis -des echten Juden für die Gestalt und die Lehre Christi, für den Krieger -wie für den Dulder in ihm, für sein Leben wie für sein Sterben, viel -Wahres und Treffendes gesagt. Aber es wäre irrig, zu glauben, der Jude -_hasse_ Christum; der Jude ist nicht der Antichrist, _er hat zu Jesus -nur eigentlich gar keine Beziehung_; es gibt streng genommen nur Arier --- Verbrecher -- die Christum _hassen_. Der Jude fühlt sich durch -ihn nur, als ein seinem Witze nicht recht Angreifbares, weil seinem -Verständnis Entrücktes, _gestört_ und unangenehm _geärgert_. - -Dennoch ist die Sage vom Neuen Testament als reifster Blüte und -höchster Vollendung des Alten, und die künstliche Vermittelung, welche -das letztere den messianischen Verheißungen des ersteren angepaßt hat, -den Juden sehr zustatten gekommen; sie ist ihr stärkster äußerer Schutz -gewesen. Daß nun trotz dieses polaren Verhältnisses gerade aus dem -Judentum das Christentum hervorgegangen ist, bildet eines der tiefsten -psychologischen Rätsel: es ist kein anderes Problem als die Psychologie -des Religionsstifters, um die es sich hier handelt.[99] - -Wodurch unterscheidet sich der geniale Religionsstifter von allem -übrigen Genie? Welche innere Notwendigkeit treibt ihn, Religion zu -stiften? - -_Es kann keine andere sein, als daß er selbst nicht immer an den Gott -geglaubt hat, den er verkündet._ Die Überlieferung erzählt von _Buddha_ -wie von _Christus_, welchen Versuchungen sie ausgesetzt waren, viel -stärkeren als alle anderen Menschen. Zwei weitere, _Mohammed_ und -_Luther_, sind _epileptisch_ gewesen. Die _Epilepsie_ aber ist _die -Krankheit des Verbrechers_: _Cäsar_, _Narses_, _Napoleon_, die »großen« -Verbrecher, haben sämtlich an der Fallsucht gelitten, und _Flaubert_ -und _Dostojewskij_, welche zu ihr wenigstens tendierten, hatten beide -außerordentlich viel vom Verbrecher in sich, ohne natürlich Verbrecher -zu _sein_. - -_Der Religionsstifter ist jener Mensch, der ganz gottlos gelebt -und dennoch zum höchsten Glauben sich durchgerungen hat._ »Wie es -möglich sei, daß ein natürlicherweise böser Mensch sich selbst zum -guten Menschen mache, das übersteigt alle unsere Begriffe; denn -wie kann ein böser Baum gute Früchte bringen?« so fragt _Kant_ in -seiner Religionsphilosophie, und _bejaht dennoch prinzipiell_ diese -Möglichkeit: »Denn, ungeachtet jenes Abfalles erschallt doch das -Gebot: wir _sollen_ bessere Menschen werden, unvermindert in unserer -Seele; folglich müssen wir es auch _können_ ..« Jene unbegreifliche -Möglichkeit der vollständigen _Wiedergeburt_ eines Menschen, der -alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch gelebt -hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen -_verwirklicht_, welche die großen Religionen der Menschheit begründet -haben. Hiedurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: in diesem -überwiegt von Geburt an die Anlage zum Guten. - -Alle Genialität ist nur höchste Freiheit vom Naturgesetz. - - »Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, - Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.« - -_Wenn dies so sich verhält, dann ist der Religionsstifter der genialste -Mensch._ Denn er hat _am meisten_ überwunden. Er ist der Mensch, dem -das gelungen ist, was die tiefsten Denker der Menschheit nur zaghaft, -nur um ihre ethische Weltanschauung, um die _Freiheit_ der _Wahl_ nicht -preisgeben zu müssen, als möglich hingestellt haben: _die völlige -Neugeburt des Menschen_, seine »Regeneration«, die gänzliche Umkehr des -Willens. Die anderen großen Geister haben zwar auch den Kampf mit dem -Bösen zu führen, aber bei ihnen neigt die Wagschale von vornherein -entschieden zum Guten. Nicht so beim Religionsgründer. In ihm ist so -viel Böses, so viel Machtwille, so viel irdische Leidenschaft, daß er -40 Tage in der Wüste, ununterbrochen, ohne Nahrung, ohne Schlaf, mit -dem Feind in sich kämpft. Erst dann hat er gesiegt: nicht zum Tode -ist er eingegangen, sondern das höchste Leben hat er in sich befreit. -Wäre das anders, so fehlte jeder Impuls zur Glaubensstiftung. Der -Religionsgründer will und muß nichts anderes den Menschen bringen, als -was ihm, dem belastetsten von allen, gelungen ist: den Bund mit der -Gottheit zu schließen. Er weiß, daß er der schuldbeladenste Mensch ist; -und er sühnt die _größte_ Schuldsumme durch den Tod am Kreuze. - -Im Judentum waren zwei Möglichkeiten. Vor _Christi_ Geburt lagen sie -noch beisammen, und es war noch nicht gewählt worden. Es war eine -Diaspora da, und zugleich wenigstens eine Art Staat: Negation und -Position, beide waren nebeneinander vorhanden. _Christus ist der -Mensch, der die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet, -und so die stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum -Entgegengesetzteste, schafft._ Aus dem Zustand _vor_ dem Sein _trennen_ -sich Sein und Nicht-Sein. _Jetzt_ sind die Lose gefallen: das alte -Israel scheidet sich in Juden und in Christen, der _Jude_, wie wir -ihn kennen, wie ich ihn beschrieben habe, entsteht $zugleich$ mit dem -_Christen_. Die Diaspora wird nun vollständig, und aus dem Judentum -verschwindet die Möglichkeit zur Größe: Menschen wie _Jesaias_, jenen -gewaltigsten Mann des alten Israel, hat das _Judentum_ seither nicht -wieder hervorbringen können. _Christentum und Judentum bedingen sich -welthistorisch wie Position und Negation._ In Israel waren die höchsten -Möglichkeiten, die je einem Volke beschieden waren: die Möglichkeit -Christi. _Die andere Möglichkeit ist der Jude._ - -Ich hoffe nicht mißverstanden zu werden: ich will dem Judentum nicht -eine Beziehung zum Christentum andichten, die ihm fremd ist. _Das -Christentum ist die absolute Negation des Judentums; aber es hat zu -diesem dasselbe Verhältnis, welches alle Dinge mit ihren Gegenteilen, -jede Position mit der Negation verbindet, welche durch sie überwunden -ist._[100] Noch mehr als Frömmigkeit und Judentum, sind Christentum und -Judentum nur _aneinander_, und durch ihre wechselseitige Ausschließung, -zu definieren. _Das Judentum ist der Abgrund, über dem das Christentum -aufgerichtet ist, und darum der Jude die stärkste Furcht und die -tiefste Abneigung des Ariers._[101] - -Ich vermag nicht mit _Chamberlain_ zu glauben, daß die Geburt des -Heilands in Palästina ein bloßer Zufall könne gewesen sein. _Christus -war ein Jude, aber nur, um das Judentum in sich am vollständigsten zu -überwinden_; denn wer über den mächtigsten _Zweifel_ gesiegt hat, der -ist der _gläubigste_, wer über die ödeste _Negation_ sich erhoben hat, -der _positivste_ Bejaher. _Christus ist der größte Mensch, weil er am -größten Gegner sich gemessen hat._ Vielleicht ist er der einzige Jude -und wird es bleiben, dem dieser Sieg über das Judentum gelungen: der -erste Jude wäre der letzte, der ganz und gar _Christ_ geworden ist; -vielleicht aber liegt auch heute noch im Judentum die Möglichkeit, -den Christ hervorzubringen, vielleicht sogar _muß_ auch der nächste -Religionsstifter abermals erst durch das _Judentum_ hindurchgehen. -Wenn also im Juden vielleicht noch immer die höchsten _Möglichkeiten_, -so liegen doch in ihm die geringsten _Wirklichkeiten_; er ist wohl -der _zum Meisten veranlagte_, und doch zugleich der _innerlich des -Wenigsten mächtige_ Mensch. - - * * * * * - -Unsere heutige Zeit läßt das Judentum auf der höchsten Höhe erblicken, -die es seit den Tagen des _Herodes_ erklommen hat. _Jüdisch_ ist der -_Geist der Modernität_, von wo man ihn betrachte. Die Sexualität wird -bejaht, und die heutige Gattungsethik singt zum Koitus den Hymenaios. -Der unglückliche _Nietzsche_ ist wahrhaftig nicht verantwortlich -für die große Vereinigung von natürlicher Zuchtwahl und natürlicher -Unzuchtwahl, deren schmählicher Apostel sich Wilhelm _Bölsche_ nennt. -_Er_ hat Verständnis gehabt für die Askese, und nur unter der eigenen -zu sehr gelitten, um nicht ihr Gegenteil oft wünschenswerter zu finden. -Aber Weiber und Juden kuppeln, ihr Ziel ist es: den Menschen schuldig -werden lassen. - -Unsere Zeit, die nicht nur die jüdischeste, sondern auch die -weibischeste aller Zeiten ist; die Zeit, für welche die Kunst nur ein -Schweißtuch ihrer Stimmungen abgibt, die den künstlerischen Drang aus -den Spielen der Tiere abgeleitet hat; die Zeit des leichtgläubigsten -Anarchismus, die Zeit ohne Sinn für Staat und Recht, die Zeit der -Gattungs-Ethik, die Zeit der seichtesten unter allen denkbaren -Geschichtsauffassungen (des historischen Materialismus), die Zeit -des Kapitalismus und des Marxismus, die Zeit, der Geschichte, Leben, -Wissenschaft, alles nur mehr Ökonomie und Technik ist; die Zeit, -die das Genie für eine Form des Irrsinns erklärt hat, die aber auch -keinen einzigen großen Künstler, keinen einzigen großen Philosophen -mehr besitzt, die Zeit der geringsten Originalität und der größten -Originalitätshascherei; die Zeit, die an die Stelle des Ideals der -Jungfräulichkeit den Kultus der Demi-Vierge gesetzt hat: _diese Zeit -hat auch den Ruhm, die erste zu sein, welche den Koitus bejaht und -angebetet hat_. - -Aber dem neuen Judentum entgegen drängt ein neues Christentum zum -Lichte; die Menschheit harrt des neuen Religionsstifters, und der -Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre eins. Zwischen Judentum und -Christentum, zwischen Geschäft und Kultur, zwischen Weib und Mann, -zwischen Gattung und Persönlichkeit, zwischen Unwert und Wert, zwischen -irdischem und höherem Leben, zwischen dem Nichts und der Gottheit hat -abermals die Menschheit die Wahl. Das sind die beiden Pole: es gibt -kein drittes Reich. - - - - -XIV. Kapitel. - -Das Weib und die Menschheit. - - -Nun erst ist es möglich, gereinigt und gewaffnet nochmals vor die -Frage der Emanzipation des Weibes zu treten. Gereinigt, weil nun nicht -mehr die tausend fliegenden Mücken jener Zweideutigkeiten, welche den -Gegenstand umspielen, den Blick trüben; gewaffnet, weil im Besitze -fester theoretischer Begriffe und sicherer ethischer Anschauungen. Fern -ab von dem Tummelplatze der gewöhnlichen Kontroversen und selbst weit -über das Problem der ungleichen Begabung hinaus ist die Untersuchung -an Punkte gelangt, welche die Rolle des Weibes im Weltganzen und -den Sinn seiner Mission für den Menschen ahnen ließen. Darum sollen -auch hier Fragen von allzu besonderem Charakter in die Erörterung -nicht einbezogen werden; diese ist nicht optimistisch genug, auf die -Führung politischer Geschäfte von ihren Resultaten einen Einfluß zu -erhoffen. Darum verzichtet sie auf die Ausarbeitung sozialhygienischer -Vorschläge, und behandelt das Problem vom Standpunkte jener Idee der -Menschheit, die über der Philosophie von _Immanuel Kant_ schwebt. - -Die Gefahr ist groß, welche dieser Idee von der Weiblichkeit droht. -Den Frauen ist in hohem Grade die Kunst verliehen den Schein zu -erregen, als wären sie eigentlich asexuell und ihre Sexualität nur eine -Konzession an den Mann. Denn fiele dieser Schein weg, wo bliebe dann -die Konkurrenz mehrerer, vieler um eine? Sie haben aber, unterstützt -von Männern, die es ihnen glaubten, heute dem anderen Geschlechte -beinahe dies einzureden vermocht, daß des Mannes wichtigstes, -eigentlichstes Bedürfnis die Sexualität sei, daß er erst vom Weibe -Befriedigung seiner wahrsten und tiefsten Wünsche erhoffen dürfe, -daß Keuschheit für ihn ein Unnatürliches und Unmögliches bilde. Wie -oft können junge Männer, die in ernster Arbeit Genugtuung finden, von -Frauen, denen sie nicht allzuhäßlich vorkommen, und, als Liebhaber oder -Schwiegersöhne, nicht allzuwenig zu versprechen scheinen, es vernehmen, -daß sie nicht so übermäßig studieren, vielmehr »ihr Leben genießen« -sollten. In diesen freundlichen Mahnungen liegt, natürlich gänzlich -unbewußt, ein Gefühl des Weibes, seine einzig auf den Begattungsakt -gerichtete Sendung zu verfehlen, _nichts mehr zu sein_, mit seinem -ganzen Geschlechte alle Bedeutung zu verlieren, sowie der Mann um -andere als um sexuelle Dinge sich zu bekümmern anfängt. - -Ob sich die Frauen hierin je ändern werden, ist fraglich. Man darf -auch nicht glauben, daß sie je anders gewesen sind. Heute mag das -sinnliche Element stärker hervortreten als früher, denn unendlich -viel in der »Bewegung« ist nur ein Hinüberwollen von der Mutterschaft -zur Prostitution; sie ist als Ganzes mehr Dirnen-Emanzipation als -Frauen-Emanzipation, und sicherlich ihren wirklichen Resultaten nach -vor allem: ein mutigeres Hervortreten des kokottenhaften Elementes im -Weibe. Was _neu_ scheint, das ist das Verhalten der _Männer_. Mit unter -dem Einfluß des Judentums sind sie heute nahe daran, der weiblichen -Wertung ihrer selbst sich zu fügen, ja selber sie sich anzueignen. Die -männliche Keuschheit wird verlacht, gar nicht mehr _verstanden_, das -Weib vom Manne nicht mehr als Sünde, als _Schicksal_ empfunden, die -eigene Begierde weckt im Manne keine Scham mehr. - -Man sieht jetzt, _woher_ die Forderung des Sich-Auslebens, der -Kaffeehausbegriff des Dionysischen, der Kult _Goethes_, soweit Goethe -_Ovid_ ist, woher diese ganze moderne _Koitus-Kultur_ eigentlich -stammt. Denn es ist so weit, daß kaum je einer noch den Mut findet, -zur Keuschheit sich zu bekennen, und fast jeder lieber so tut, als -wäre er ein Wüstling. Geschlechtliche Ausschweifungen bilden den -beliebtesten Gegenstand der _Renommage_, ja die Sexualität wird so -hoch gewertet, daß der Renommist schon Mühe hat, Glauben zu finden; -die Keuschheit hingegen steht in so geringem Ansehen, daß gerade der -wahrhaft Keusche oft hinter dem Scheine des Roué sich verbirgt. Es ist -sicher wahr, daß der Schamhafte auch seiner Scham sich _schämt_; aber -jene andere, heutige Scham ist nicht die Scham der Erotik, sondern die -Scham des Weibes, weil es noch keinen Mann gefunden, noch keinen Wert -vom anderen Geschlechte empfangen hat. Darum ist einer dem anderen zu -zeigen beflissen, mit welcher _Treue_ und pflichtgemäßer _Wonne_ er die -sexuellen Funktionen ausübt. So bestimmt heute das Weib, das seiner -Natur nach am Manne nur die sexuelle Seite schätzen kann, was männlich -ist: aus seinen Händen nehmen die Männer den Maßstab ihrer Männlichkeit -entgegen. So ist die Zahl der Beischläfe, das »Verhältnis«, das -»Mädel«, in der Tat die _Legitimation eines Masculinums vor dem -anderen_ geworden. Doch nein: denn dann gibt es keine Männer mehr. - -Dagegen ist alle Hochschätzung der _Virginität ursprünglich_ vom -Manne ausgegangen, und geht, wo es Männer gibt, noch immer von da -aus: sie ist die Projektion des dem Manne _immanenten_ Ideales -fleckenloser Reinheit auf den Gegenstand seiner Liebe. Man lasse sich -nur hierin nicht beirren, weder durch die Angst und den Schrecken -vor der Berührung, die sich so gern möglichst bald in Zutraulichkeit -transformieren, noch durch die hysterische Unterdrückung der sexuellen -Wünsche; nicht durch den _äußeren Zwang_, dem Anspruch des Mannes -auf physische Reinheit zu entsprechen, weil sonst der Käufer sich -nicht einstellen würde; aber auch nicht durch jenes Bedürfnis Wert zu -_empfangen_, aus welchem die Frau oft so lange auf jenen Mann wartet, -der ihr am meisten Wert schenken kann (was man gemeinhin völlig -verkehrt als hohe _Selbst_schätzung solcher Mädchen interpretiert). -Will man wissen, wie die _Frauen_ über die Jungfernschaft denken, so -kann dies freilich von vornherein kaum zweifelhaft sein, nach der -Erkenntnis, daß das Hauptziel der Frauen die Herbeiführung des _Koitus -überhaupt_ ist, als durch welchen sie erst Existenz gewinnen; denn -daß die Frau den Koitus will und nichts anderes, auch wenn sie, für -ihre Person, noch so uninteressiert an der Wollust _scheinen_ mag, das -konnte aus der Allgemeinheit der Kuppelei _bewiesen_ werden. - -Man muß, um sich davon neu zu überzeugen, betrachten, mit welchen Augen -die Frau Jungfernschaft bei den anderen Angehörigen ihres Geschlechtes -ansieht. - -Und da nimmt man wahr: der Zustand der Nicht-Verheirateten wird von den -Frauen selbst sehr tief gestellt. Ja es ist eigentlich _der_ weibliche -Zustand, den das Weib _negativ_ bewertet. Die Frauen schätzen jede -Frau überhaupt erst, wenn sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen -häßlichen, schwachen, armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen -Mann »unglücklich« verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet, -will sagen, hat Wert, hat Existenz empfangen. Und wenn eine auch nur -kurze Zeit die Herrlichkeiten eines Maitressenlebens gekostet, ja -wenn sie Straßendirne geworden ist, sie steht höher in der weiblichen -Schätzung als das alte Fräulein, das einsam in seiner Kammer näht -und flickt, ohne je einem Manne, in gesetzlicher oder ungesetzlicher -Verbindung, für lange oder für einen rasch vergangenen Taumel, angehört -zu haben. - -So aber wird auch das ganz junge Mädchen, wenn es durch körperliche -Vorzüge sich auszeichnet, vom Weibe nie um seiner Schönheit willen -positiv gewertet -- der Frau _fehlt_ das Organ des Schön-Findens, weil -sie keinen Wert zu projizieren hat -- sondern nur, weil es leichtere -Aussicht hat, einen Mann an sich zu fesseln. _Je schöner eine Jungfrau -ist, eine desto zuverlässigere $Promesse$ ist sie den anderen Frauen, -desto wertvoller ist sie dem Weibe als Kupplerin, seiner Bestimmung als -Hüterin der Gemeinschaft $nach$; nur dieser $unbewußte$ Gedanke ist es, -der eine Frau an einem schönen Mädchen Freude finden läßt._ Wie dies -erst dann rein zum Vorschein kommen kann, wenn das wertende weibliche -Einzelindividuum bereits selbst Existenz empfangen hat (weil sonst der -Neid auf die Konkurrentin, und das Gefühl, die eigenen Chancen im Kampf -um den Wert durch sie vermindert zu sehen, jene Regungen überstimmen -muß), das wurde bereits besprochen. Zuerst müssen sie wohl sich selbst -verkuppeln -- kuppeln kommt von copulare, ein Paar fertig bringen -- -früher können es die anderen auch kaum verlangen. - -Die leider so allgemein gewordene Geringschätzung der »alten Jungfer« -ist demnach durchaus vom _Weibe_ ausgegangen. Von einem bejahrten -Fräulein wird man Männer oft mit Respekt reden hören; aber jede Frau -und jedes Mädchen, gleichgültig ob verheiratet oder nicht, hat für die -Betreffende nur die extremste Geringschätzung, mag dies auch in manchen -Fällen ihnen selbst gar nicht bewußt werden. Eine verheiratete Dame, -die für geistreich und mannigfach talentiert gelten konnte, und ihres -Äußeren wegen so viele Bewunderer zählte, daß Neid in diesem Falle ganz -außer Frage steht, hörte ich einmal über ihre unschöne und ältliche -italienische Lehrerin sich lustig machen, weil diese wiederholt betont -habe: Io sono ancora una vergine (sie sei noch eine Jungfrau). - -Freilich ist, vorausgesetzt daß die Äußerung richtig reproduziert -war, zuzugeben, daß die Ältere eine Tugend wohl nur aus der Not -gemacht hatte, und jedenfalls selbst sehr froh gewesen wäre, ihre -Jungfernschaft auf irgend eine Weise los zu werden, ohne dadurch in der -Gesellschaft an Ansehen einbüßen zu müssen. - -Denn dies ist das Wichtigste: die Frauen verachten und höhnen nicht -nur die Jungfernschaft anderer Frauen, sondern sie schätzen auch die -eigene Jungfernschaft als _Zustand_ äußerst _gering_ (und nur als eine -sehr gesuchte _Ware_ von höchstem Anwert bei den _Männern hoch_). Darum -blicken sie zu jeder Verheirateten wie zu einem höheren Wesen empor. -Wie sehr es dem Weibe im tiefsten Grunde speziell auf den Sexualakt -ankommt, das kann man gerade an der wahren Verehrung sehen, welche erst -ganz vor kurzem verheiratete Frauen bei den jungen Mädchen genießen: -ist doch der Sinn ihres Daseins diesen eben enthüllt, sie selbst auf -dessen Zenit geführt worden. Dagegen betrachtet jedes junge Mädchen -jedes andere als ein unvollkommenes Wesen, das seine Bestimmung ebenso, -wie sie selbst, erst noch erreichen will. - -Hiemit erachte ich als dargetan, wie vollkommen die aus der Kuppelei -gezogene Folgerung, das Virginitäts-Ideal müsse männlichen, und könne -nicht weiblichen Ursprunges sein, mit der Erfahrung sich deckt. Der -Mann verlangt Keuschheit von sich und von anderen, am meisten von -dem Wesen, das er liebt; das Weib will unkeusch sein können, und es -will Sinnlichkeit auch vom Manne, nicht Tugend. Für »Musterknaben« -hat die Frau kein Verständnis. Dagegen ist bekannt, daß sie stets -dem in die Arme fliegt, welchem der Ruf des Don Juan meilenweit -vorauseilt. Die Frau will den Mann sexuell, weil sie nur durch seine -Sexualität Existenz gewinnt. Nicht einmal für die Erotik des Mannes, -als ein _Distanz_phänomen, sondern nur für diejenige Seite an ihm, die -unaufhaltsam das Objekt ihres Begehrens ergreift und sich aneignet, -haben die Frauen einen Sinn, und es wirken Männer auf sie nicht, bei -denen Brutalitäts-Instinkte gar nicht oder wenig entwickelt sind. -Selbst die höhere platonische Liebe des Mannes ist ihnen im Grunde -nicht willkommen; sie schmeichelt ihnen und sie streichelt sie, _aber -sie $sagt$ ihnen nichts_. Und wenn das Gebet auf den Knien vor ihr zu -lange währen wollte, würde _Beatrice_ so ungeduldig wie _Messalina_. - -_Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in der Liebe die höchste -Erhebung des Weibes. Daß das Weib den Koitus verlangt, und nicht die -Liebe, bedeutet, daß es heruntergesetzt, und nicht erhöht werden will._ -$Die letzte Gegnerin der Frauen-Emanzipation ist die Frau.$ - -Nicht weil der Koitus lustvoll, nicht weil er das Urbild aller -Wonne des niederen Lebens ist, nicht darum ist er unsittlich. Die -Askese, welche die Lust für das Unsittliche an sich erklärt, ist -selbst unsittlich; denn sie sucht den Maßstab des Unrechtes in einer -_Begleit_erscheinung und äußeren Folge der Handlung, _nicht_ in der -Gesinnung: sie ist _heteronom_. Der Mensch darf die Lust anstreben, er -mag sein Leben auf der Erde leichter und froher zu gestalten suchen: -nur darf er dem nie ein sittliches Gebot opfern. In der Askese aber -will der Mensch die Moralität _erpressen_ durch Selbstzerfleischung, -_er will sie als Folge eines Grundes_, die eigene Sittlichkeit als -Resultat und Belohnung dafür, daß er sich so viel versagt hat. Die -Askese ist demnach als prinzipieller Standpunkt wie als psychologische -Disposition _verwerflich_; denn sie _bindet_ die Tugend an etwas -anderes als dessen _Erfolg_, _macht sie zur Wirkung einer Ursache_, und -strebt sie nicht an sich, als unmittelbaren Selbstzweck, an. Die Askese -ist eine gefährliche Verführerin: ihrer Täuschung fallen so viele so -leicht zum Opfer, weil die Lust der _häufigste Beweggrund_ ist, aus -welchem der Pfad des Gesetzes verlassen wird, und der Irrtum nahe genug -liegt, der auf dem rechten Pfad sicherer zu bleiben glaubt, wenn er an -ihrer Statt den Schmerz anstrebt. An sich aber ist Lust weder sittlich -noch unsittlich. _Nur wenn der Wille zur Lust den Willen zum Wert -besiegt_, dann ist der Mensch gefallen. - -Der Koitus ist _darum_ unmoralisch, weil es keinen Mann gibt, der das -Weib in solchem Augenblicke nicht als Mittel zum Zweck gebrauchte, den -Wert der Menschheit, in seiner wie in ihrer Person, in diesem Momente -nicht der Lust hintansetzte. Im Koitus vergißt der Mann sich selbst ob -der Lust, und er vergißt das Weib; dieses hat für ihn keine psychische, -sondern nur eine körperliche Existenz mehr. Er will von ihr entweder -ein Kind oder die Befriedigung der eigenen Wollust: in beiden Fällen -benützt er sie nicht als Zweck an sich selbst, sondern um einer fremden -Absicht willen. Nur aus diesem, und aus keinem anderen Grunde, ist der -Koitus unmoralisch. - -Gewiß ist die Frau die Missionärin der Idee des Koitus, und gebraucht -sich selbst, wie alles andere in der Welt, immer nur als Mittel zu -diesem Zweck; sie will den Mann als Mittel zur Lust oder zum Kinde; -sie will _selbst_ vom Manne als Mittel zum Zweck benützt sein, wie -eine Sache, wie ein Objekt, wie sein Eigentum behandelt, nach seinem -Gutdünken von ihm verändert und geformt werden. Aber nicht nur soll -niemand von einem anderen als Mittel zum Zweck sich gebrauchen lassen; -man darf auch den Standpunkt des Mannes der Frau gegenüber nicht -danach bestimmen wollen, daß diese den Koitus wirklich wünscht, und -von ihm, wenn sie's auch weder sich noch ihm je ganz gesteht, _nie -etwas anderes erfleht_. _Kundry_ appelliert freilich an _Parsifals_ -Mitleid für ihr Sehnen: aber gerade da offenbart sich die ganze -Schwäche der Mitleidsmoral, die zwingen würde, einen jeden Wunsch -des Nebenmenschen zu erfüllen, sei er noch so unberechtigt. Die -konsequente Sympathiemoral und die konsequente Sozialethik sind beide -gleich absurd, denn sie machen das _Sollen vom Wollen abhängig_ (ob -vom eigenen oder vom fremden oder vom gesellschaftlichen, bleibt sich -gleich), _statt das Wollen vom Sollen_; sie wählen zum Maßstab der -Sittlichkeit konkretes Menschenschicksal, konkretes Menschenglück, -konkreten Menschenaugenblick, _anstatt der Idee_. - -Die Frage ist: wie soll der Mann das Weib behandeln? _Wie es selbst -behandelt werden will, oder wie es die sittliche Idee verlangt?_ Wenn -er es zu behandeln hat, wie es behandelt werden will, dann muß er -es koitieren, denn es will koitiert werden, schlagen, denn es will -geschlagen werden, hypnotisieren, denn es will hypnotisiert werden, -ihm durch die Galanterie zeigen, wie gering er seinen Wert an sich -veranschlagt; denn es will Komplimente, es will nicht an sich geachtet -werden. Will er dagegen dem Weibe so entgegentreten, wie es die -sittliche Idee verlangt, so muß er in ihm den _Menschen_ zu sehen, und -es zu achten suchen. Zwar ist W _eine Funktion von M_, eine Funktion, -die er setzen, die er aufheben kann, und die Frauen wollen nicht mehr -sein als eben dies, nichts anderes als nur dies: die Witwen in Indien -sollen sich gerne und überzeugt verbrennen lassen, ja zu diesem Tode -geradezu sich drängen; doch darum bleibt diese Sitte nicht minder die -fürchterlichste Barbarei. - -Es ist mit der Emanzipation der Frauen wie mit der Emanzipation der -Juden und der Neger. Sicherlich liegt dafür, daß diese Völker als -Sklaven behandelt und immer niedrig eingeschätzt wurden, an ihrer -knechtischen Veranlagung die Hauptschuld; sie haben kein so starkes -Bedürfnis nach Freiheit wie die Indogermanen. Und wenn auch heute in -Amerika für die Weißen die Notwendigkeit sich ergeben hat, von den -Negern sich völlig abzusondern, weil diese von ihrer Freiheit einen -schlimmen und nichtswürdigen Gebrauch machen: so war doch im Kriege der -Nordstaaten gegen die Föderierten, welcher den Schwarzen die Freiheit -gab, das Recht durchaus auf Seite der ersteren. _Trotzdem die Anlage -der Menschheit_ im Juden, noch mehr im Neger, _und noch weit mehr im -Weibe_, mit einer größeren Anzahl amoralischer Triebe belastet ist; _ob -sie auch hier mit mehr Hindernissen zu kämpfen hat_ als im arischen -Manne, noch ihren letzten Rest, sei er selbst noch so gering, muß der -Mensch achten, _noch hier die Idee der Menschheit_ (das heißt nicht: -der menschlichen Gesellschaft, sondern das _Mensch-Sein_, die _Seele -als Teil einer intelligiblen Welt_) _ehren_. Auch über den gesunkensten -Verbrecher darf niemand sich eine Gewalt anmaßen als das Gesetz; kein -Mensch hat das Recht ihn zu lynchen. - -Das _Problem des Weibes_ und _das Problem des Juden_ ist ganz identisch -mit dem _Problem der Sklaverei_, und muß ebenso aufgelöst werden, wie -dieses. Niemand darf unterdrückt werden, wenn er sich gleich nur in der -Unterdrückung wohlfühle. Dem Haustier, das ich benütze, nehme ich keine -Freiheit, denn es hatte keine, bevor ich es mir dienstbar machte; aber -in der Frau ist noch ein ohnmächtiges Gefühl des Nicht-Anderskönnens, -als eine letzte, wenn auch noch so kümmerliche Spur der intelligiblen -Freiheit: wohl deshalb, weil es kein absolutes Weib gibt. Die Frauen -sind _Menschen_ und müssen _als solche_ behandelt werden, auch wenn sie -selbst das _nie_ wollen würden. _Frau und Mann haben gleiche Rechte._ - -Man erschrecke nicht und wende nicht ein, daß hiemit den Frauen -auch gleich die Teilnahme an der politischen Herrschaft eingeräumt -werden müßte. Vom _Utilitäts_standpunkte ist von dieser Konzession -gewiß einstweilen, und vielleicht stets, abzuraten; in _Neuseeland_, -wo man das ethische Prinzip so hochhielt, den Frauen das Wahlrecht -zu geben, hat man damit die schlimmsten Erfahrungen gesammelt. Wie -man Kindern, Schwachsinnigen, Verbrechern mit Recht keinen Einfluß -auf die Leitung des Gemeinwesens gestatten würde, selbst wenn diese -plötzlich die numerische Parität oder Majorität erlangten, so _darf_ -vorderhand die Frau von einer Sache ferngehalten werden, von der so -lebhaft zu befürchten steht, daß sie durch den weiblichen Einfluß nur -könnte geschädigt werden. Wie die Resultate der Wissenschaft davon -unabhängig sind, ob alle Menschen ihnen zustimmen oder nicht, so kann -auch Recht und Unrecht der Frau ganz genau ermittelt werden, ohne daß -die Frauen selbst mitbeschließen, und sie brauchen nicht zu besorgen, -übervorteilt zu werden, wenn bei dieser Feststellung eben Recht- und -nicht Machtgesichtspunkte die Entscheidung bestimmen. - -_Das Recht aber ist nur eines und das gleiche für Mann und Frau._ -Niemand darf der Frau irgend etwas als »unweiblich« verwehren und -verbieten wollen; und ein ganz niederträchtiges Urteil ist es, das -einen Mann freispricht, der seine ehebrecherische Frau erschlagen -hat, als wäre diese rechtlich seine _Sache_. Man hat die Frau als -Einzelwesen und nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen, -nicht nach einem aus der Empirie oder aus den Liebesbedürfnissen des -Mannes hergeleiteten Maßstabe zu beurteilen: auch wenn sie selber nie -jener Höhe der Beurteilung sich sollte würdig zeigen. - -Darum ist dieses Buch die größte Ehre, welche den Frauen je erwiesen -worden ist. Auch gegen das Weib ist nur _ein_ sittliches Verhalten dem -Manne möglich; nicht die Sexualität, nicht die Liebe -- denn beide -benützen es als Mittel zu _fremden_ Zwecken: _sondern einzig der -Versuch, es zu verstehen_. Die meisten Menschen geben theoretisch vor, -_$das$ Weib_ zu achten, um praktisch _$die$ Weiber_ desto gründlicher -zu verachten: hier wurde dieses Verhältnis umgekehrt. _Das Weib_ konnte -nicht hochgewertet werden: aber _die Weiber_ sind von aller Achtung -nicht von vornherein und ein für alle Male auszuschließen. - -Leider haben sehr berühmte und bedeutende Männer in dieser Frage -eigentlich _recht gemein_ gedacht. Ich erinnere an _Schopenhauers_ und -an _Demosthenes'_ Stellung zur Frauenemanzipation. Und _Goethes_: - - »Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reifet im stillen - Häuslicher Tugend entgegen, _den klugen Mann zu beglücken_. - Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewißlich - ein Kochbuch,« - -steht nicht höher als _Molières_: - - »........... Une femme en sait toujours assez, - Quand la capacité de son esprit se hausse - A connaître un pourpoint d'avec un haut-de-chausse.« - -_Die Abneigung gegen das männliche Weib hat der Mann in sich zu -überwinden_; denn sie ist nichts als gemeiner Egoismus. Wenn das Weib -männlich werden sollte, indem es logisch und ethisch würde, so wird -es sich nicht mehr so gut zum _passiven Substrate_ einer _Projektion_ -eignen; aber das ist kein genügender Grund, die Frau, wie dies heute -geschieht, nur für den Mann und für das Kind erziehen zu lassen, mit -einer Norm, die ihr etwas verbietet, weil es _männlich_ sei. - -Denn wenn auch für das _absolute_ Weib keine Möglichkeit der -Sittlichkeit besteht, mit dem Erschauen dieser _Idee_ des Weibes -ist noch nicht gegeben, daß der Mann das _empirische_ Weib dieser -vollständig und rettungslos solle _verfallen_ lassen; noch weniger, daß -er dazu beitrage, daß es dieser Idee immer gemäßer werde. Im lebenden -menschlichen Weibe ist, der Theorie nach, immer noch »ein Keim des -Guten«, nach _Kant_scher Terminologie, als vorhanden anzunehmen; es -ist jener Rest eines freien Wesens, der dem Weibe das dumpfe Gefühl -seines Schicksals ermöglicht.[102] Daß auf diesen Keim ein Mehr könne -gepfropft werden, davon darf _theoretisch_ die Unmöglichkeit _nie -gänzlich behauptet_ werden, wenn es auch _praktisch_ sicher noch nie -gelungen _ist_, wenn es selbst in aller Zukunft nie gelingen _sollte_. - -Unter der sittlichen Idee steht die ganze Welt, selbst die Tiere werden -als _Phänomene_ gewertet, der Elefant sittlich höher geschätzt als -die Schlange, wenn auch z. B. die Tötung eines anderen Tieres ihnen -nicht als Personen _zugerechnet_. Dem _Weibe_ aber _wird_ von uns -_zugerechnet_; und hierin liegt die _Forderung, daß es anders werde. -Und wenn alle Weiblichkeit Unsittlichkeit ist, so muß das Weib aufhören -Weib zu sein, und Mann werden._ - -Freilich muß gerade hier die Gefahr der äußerlichen Anähnlichung, -die das Weib stets am intensivsten in die Weiblichkeit zurückwirft, -am vorsichtigsten gemieden werden. Die Aussichten des Unternehmens, -die Frauen wahrhaft zu emanzipieren, ihnen die Freiheit zu geben, -die nicht _Willkür_, sondern _Wille_ wäre, sind äußerst gering. Wenn -man nach den Tatsachen urteilt, so scheint den Frauen nur zweierlei -möglich zu sein: die verlogene Acceptierung des vom Manne Geschaffenen, -indem sie selbst glauben, das zu wollen, was ihrer ganzen, _noch -ungeschwächten_ Natur _widerspricht_, die unbewußt verlogene Entrüstung -über die Unsittlichkeit, _als ob sie sittlich wären_, über die -Sinnlichkeit, _als ob_ sie die _un_sinnliche Liebe wollten; oder das -offene Zugeständnis[103], der Inhalt des Weibes sei der Mann und das -Kind, ohne das geringste Bewußtsein davon, _was_ sie damit zugeben, -welche Schamlosigkeit, welche Niederlage in dieser Erklärung liegt. -_Unbewußte Heuchelei oder cynische Identifikation mit dem Naturtrieb_: -ein anderes scheint dem Weibe nicht gegeben. - -Aber _nicht Bejahung_ und _nicht Verleugnung_, sondern _Verneinung, -Überwindung_ der Weiblichkeit, ist das, worauf es ankommt. Würde z. B. -eine Frau _wirklich_ die Keuschheit des Mannes _wollen_, so hätte sie -freilich hiemit das Weib überwunden; denn ihr wäre der Koitus nicht -mehr höchster Wert und seine Herbeiführung nicht mehr letztes Ziel. -Aber dies ist's eben: an die Echtheit solcher Forderungen vermag man -nicht zu glauben, wenn sie auch hie und da wirklich erhoben werden. -Denn ein Weib, das die Keuschheit des Mannes verlangt, ist, abgesehen -von seiner Hysterie, so dumm und so jeder Wahrheit unfähig, daß es -nicht einmal mehr dunkel fühlt, daß es sich selbst damit verneint, sich -absolut und ohne Rettung wertlos, existenzlos macht. Man weiß hier kaum -mehr, wem man den Vorzug geben soll; der grenzenlosen Verlogenheit, -welche selbst das ihr fremdeste, das _asketische_ Ideal auf den -Schild zu heben fähig ist; oder der ungenierten Bewunderung für den -berüchtigten Wüstling und der einfachen Hingabe an denselben. - -Da jedoch alles wirkliche Wollen der Frau _in beiden Fällen_ in -gleicher Weise darauf gerichtet bleibt, den Mann schuldig werden -zu lassen, so liegt _hierin_ das Hauptproblem der Frauenfrage: und -insoweit fällt sie zusammen mit der Menschheitsfrage. - -Friedrich _Nietzsche_ sagt an einer Stelle seiner Schriften: »Sich im -Grundproblem ‚Mann und Weib’ zu vergreifen, hier den abgründlichsten -Antagonismus und die Notwendigkeit einer ewig-feindseligen Spannung -zu leugnen, hier vielleicht von gleichen Rechten, gleicher Erziehung, -gleichen Ansprüchen und Verpflichtungen zu träumen: das ist ein -_typisches_ Zeichen von Flachköpfigkeit, und ein Denker, der an dieser -gefährlichsten Stelle sich flach erwiesen hat -- flach im Instinkte! -- -darf überhaupt als verdächtig, mehr noch, als verraten, als aufgedeckt -gelten: wahrscheinlich wird er für alle Grundfragen des Lebens, -auch des zukünftigen Lebens, zu ‚kurz’ sein und in _keine_ Tiefe -hinunterkönnen. Ein Mann hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste -wie in seinen Begierden, auch jene Tiefe des Wohlwollens, welche der -Strenge und der Härte fähig ist und leicht mit ihnen verwechselt wird, -kann über das Weib immer nur _orientalisch_ denken: -- er muß das Weib -als Besitz, als verschließbares Eigentum, als etwas zur Dienstbarkeit -Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes fassen, -- er muß sich hier -auf die ungeheuere Vernunft Asiens, auf Asiens Instinkt-Überlegenheit -stellen, wie dies ehemals die Griechen getan haben, diese besten Erben -und Schüler Asiens, -- welche, wie bekannt, von Homer bis zu den Zeiten -des Perikles, mit _zunehmender_ Kultur und Umfänglichkeit an Kraft, -Schritt für Schritt auch _strenger_ gegen das Weib, kurz orientalischer -geworden sind. _Wie_ notwendig, _wie_ logisch, _wie_ selbst menschlich -wünschbar dies war: möge man darüber bei sich nachdenken!« - -Der Individualist denkt hier durchaus sozialethisch: seine Kasten- und -Gruppen-, seine Abschließungstheorie sprengt, wie so oft, die Autonomie -seiner Morallehre. Denn er will _im Dienste der Gesellschaft, der -störungslosen Ruhe der Männer_, die Frau unter ein Machtverhältnis -stellen, in dem sie allerdings kaum noch den Laut eines Wunsches nach -Emanzipation von sich geben, und nicht einmal jene verlogene und -unechte Freiheitsforderung mehr erheben wird, welche die heutigen -Frauenrechtlerinnen aufgestellt haben: _die gar nicht ahnen, wo die -Unfreiheit des Weibes eigentlich liegt, und was ihre Gründe sind_. Aber -nicht, um _Nietzsche_ einer Inkonsequenz zu überführen, habe ich ihn -citiert; sondern um seinen Worten gegenüber zu zeigen, wie das Problem -der Menschheit nicht lösbar ist ohne eine Lösung des Problems der Frau. -Denn wem die Forderung überflüssig hoch gespannt scheint, daß der Mann -die Frau um der Idee, um des Noumenon willen zu achten, und nicht als -Mittel zu einem außer ihr gelegenen Zweck zu benützen, daß er ihr darum -die gleichen Rechte, ebenso aber die gleichen Pflichten (der sittlichen -und geistigen Selbstbildung) zuzuerkennen habe wie sich selbst: der -möge bedenken, _daß der Mann das ethische Problem für seine Person -nicht lösen kann, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer -wieder negiert_, indem er sie als Genußmittel benützt. _Der Koitus ist -in allem Asiatismus die Bezahlung, welche der Mann der Frau für ihre -Unterdrückung zu leisten hat._ Und so sehr es die Frau charakterisieren -mag, _daß sie um diesen Preis sicherlich stets auch dem ärgsten -Sklavenjoch sich gerne fügt_, der Mann _darf_ auf den Handel nicht -eingehen, weil auch _er_ sittlich dabei zu kurz kommt. - -Also selbst _technisch_ ist das Menschheitsproblem nicht lösbar für den -Mann _allein_; er muß die Frau _mitnehmen_, auch wenn er nur _sich_ -erlösen wollte, er muß sie zum _Verzicht_ auf ihre unsittliche Absicht -auf ihn zu bewegen suchen. Die Frau muß dem Koitus _innerlich_ und -_wahrhaft_, aus _freien Stücken_ entsagen. Das bedeutet nun allerdings: -das Weib muß _als solches untergehen_, und es ist keine Möglichkeit -für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden, eh dies nicht -geschehen ist. Darum sind _Pythagoras_, _Platon_, _das Christentum_ (im -Gegensatze zum _Judentum_), _Tertullian_, _Swift_, _Wagner_, _Ibsen_ -für die Befreiung, für Erlösung des Weibes eingetreten, _nicht für die -Emanzipation des Weibes vom Manne, sondern für die Emanzipation des -Weibes vom Weibe_. Und in solcher Gemeinschaft den Bannfluch Nietzsches -zu tragen ist ein Leichtes. - -Aus eigener Kraft aber kann das Weib schwer zu solchem Ziele gelangen. -Der Funke, der in ihr so schwach ist, müßte am Feuer des Mannes immer -wieder sich entzünden können: das _Beispiel_ müßte gegeben werden. -Bevor das Weib nicht aufhört, für den Mann als Weib zu existieren, -kann es selbst nicht aufhören, Weib zu sein: _Kundry_ kann nur von -_Parsifal_, vom sündelosen, unbefleckten Manne aus _Klingsors_ Banne -wirklich befreit werden. So deckt sich diese psychologische mit der -philosophischen Deduktion, wie sie hier mit _Wagners_ »Parsifal«, -der tiefsten Dichtung der Weltliteratur, in völliger Übereinstimmung -sich weiß. Erst die Sexualität des Mannes gibt dem Weibe Existenz als -Weib. Alle Materie hat nur so viel Existenz, als die Schuldsumme im -Universum beträgt: auch das Weib wird nur so lange leben, bis der Mann -seine Schuld gänzlich getilgt, bis er die _eigene_ Sexualität wirklich -überwunden hat. - -Nur so erledigt sich der ewige Einspruch gegen alle antifeministischen -Tendenzen: das Weib sei nun einmal da, so wie es sei, nicht zu ändern, -und darum müsse man mit ihm sich abzufinden suchen; der Kampf nütze -nichts, weil er nichts beseitigen könne. Es ist aber gezeigt, daß die -Frau nicht _ist_, und in dem Augenblicke _stirbt_, da der Mann gänzlich -nur _sein_ will. Das, wogegen der Kampf geführt wird, ist keine Sache -von ewig unveränderlicher Existenz und Essenz: es ist etwas, das -aufgehoben werden _kann_, und aufgehoben werden _soll_. - -Nur so, nicht anders, ist die Frauenfrage zu lösen, für den, der -sie _verstanden_ hat. Man wird die Lösung unmöglich, ihren Geist -überspannt, ihren Anspruch übertrieben, ihre Forderung unduldsam -finden. Und allerdings: von der Frauenfrage, über welche die Frauen -_sprechen_, ist hier längst die Rede nicht mehr; es handelt sich um -jene, von der die Frauen _schweigen_, ewig schweigen _müssen_; um _die -Unfreiheit_, die in der _Geschlechtlichkeit_ liegt. _Diese_ Frauenfrage -ist so alt wie das Geschlecht, und nicht jünger als die Menschheit. Und -die Antwort auf sie: der Mann muß vom Geschlechte sich erlösen, und -_so_, nur _so_ erlöst er die Frau. _Allein_ seine _Keuschheit_, nicht, -wie _sie_ wähnt, seine Unkeuschheit, ist ihre Rettung. Freilich geht -sie, als _Weib_, so unter: aber nur, um aus der Asche neu, verjüngt, -als der _reine $Mensch$_, sich emporzuheben. - -Darum wird die Frauenfrage bestehen, so lang es zwei Geschlechter gibt, -und nicht eher verstummen denn die Menschheitsfrage. In diesem Sinne -hat _Christus_, nach dem Zeugnis des Kirchenvaters _Klemens_, zur -_Salome_ gesprochen, ohne die optimistische Beschönigung, die _Paulus_, -die _Luther_ für das Geschlecht späterhin fanden: so lang werde der Tod -währen, als die Weiber gebären, und nicht eher die Wahrheit geschaut -werden, als bis aus zweien eins, aus Mann und Weib ein drittes Selbes, -_weder_ Mann _noch_ Weib, werde geworden sein. - - * * * * * - -_Hiemit erst, aus dem höchsten Gesichtspunkte des Frauen- als des -Menschheitsproblems, ist die Forderung der Enthaltsamkeit für beide -Geschlechter gänzlich begründet._ Sie aus den gesundheitsschädlichen -Folgen des Verkehres abzuleiten, ist flach, und mag von den Advokaten -des Körpers ewig bestritten werden; sie auf die Unsittlichkeit der Lust -zu gründen, falsch; denn so wird ein heteronomes Motiv in die Ethik -eingeführt. Schon _Augustinus_ aber hat, wenn er die Keuschheit für -alle Menschen verlangte, den Einwand vernehmen müssen, daß in solchem -Falle die Menschheit von der Erde binnen kurzem verschwunden wäre. In -dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher der schrecklichste Gedanke der -zu sein scheint, daß die _Gattung_ aussterben könne, liegt nicht allein -äußerster Unglaube an die _individuelle_ Unsterblichkeit und ein ewiges -Leben der sittlichen Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt -irreligiös: man beweist mit ihr zugleich seinen Kleinmut, seine -Unfähigkeit, außer der _Herde_ zu leben. Wer so denkt, kann sich die -Erde nicht vorstellen ohne das Gekribbel und Gewimmel der Menschen auf -ihr, ihm wird angst und bange _nicht so sehr vor dem Tode, als vor der -Einsamkeit_. Hätte die an sich unsterbliche moralische Persönlichkeit -genug Kraft in ihm, so besäße er Mut, dieser Konsequenz ins Auge zu -sehen; er würde den leiblichen Tod nicht fürchten, und nicht für den -mangelnden Glauben an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der -Gewißheit eines Weiterbestehens der Gattung suchen. Die Verneinung der -Sexualität tötet bloß den körperlichen Menschen und ihn nur, um dem -geistigen erst das volle Dasein zu geben. - -Darum kann es auch nicht sittliche Pflicht sein, für die Fortdauer -der Gattung zu sorgen, wie man dies so oft behaupten hört. Es ist -diese Ausrede von einer außerordentlich _unverfrorenen Verlogenheit_; -diese liegt so offen zu Tage, daß ich fürchte, mich durch die Frage -lächerlich zu machen, ob schon je ein Mensch den Koitus mit dem -Gedanken vollzogen hat, er müsse der großen Gefahr vorbeugen, daß die -Menschheit zu Grunde gehe. _Alle Fécondité ist nur ekelhaft_; und kein -Mensch fühlt, wenn er sich aufrichtig befragt, es als seine Pflicht, -für die dauernde Existenz der menschlichen Gattung zu sorgen. Was man -aber nicht als seine Pflicht fühlt, das $ist$ nicht Pflicht. - -Im Gegenteil: es ist unmoralisch, ein menschliches Wesen zur Wirkung -einer Ursache zu machen, es als Bedingtes hervorzubringen, wie das -mit der Elternschaft gegeben ist; und der Mensch ist im tiefsten -Grunde nur deshalb unfrei und determiniert neben seiner Freiheit und -Spontaneität, weil er auf diese unsittliche Weise entstanden ist. Die -moralische Weihe also, die man dem Koitus (der ihrer freilich dringend -bedarf) bisweilen zu geben versucht hat, indem man einen idealen Koitus -fingierte, bei dem nur die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes in -Betracht gezogen werde -- diese liebevolle Verbrämung erweist sich -nicht als ein genügender Schutz: denn das angeblich ihn verstattende -und heiligende Motiv ist nicht nur kein Gebot und nirgends im Menschen -als ein Imperativ zu finden, sondern vielmehr selbst ein sittlich -verwerflicher Beweggrund; weil man einen Menschen nicht um seine -Einwilligung fragt, dessen Vater oder Mutter man wird. Für den anderen -Koitus aber, bei dem die Möglichkeit einer Fortpflanzung künstlich -verhindert wird, kommt selbst jene, auf so schwachen Füßen stehende -Rechtfertigung in Wegfall. - -Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee der Menschheit; -nicht weil Askese Pflicht ist, sondern vor allem, weil das Weib in ihm -Objekt, Sache werden will, und der Mann ihm hier wirklich den Gefallen -tut, es nur als Ding, nicht als lebenden Menschen, mit inneren, -psychischen Vorgängen anzusehen. Darum verachtet auch der Mann das Weib -augenblicklich, sobald er es besessen hat, und das Weib _fühlt_, daß es -nun verachtet wird, auch wenn es vor zwei Minuten sich noch vergöttert -wußte. - -Respektieren kann der Mensch im Menschen nur die _Idee_, die Idee der -Menschheit; in der Verachtung des Weibes (und seiner selbst), die sich -nach dem Koitus einstellt, liegt der sicherste Anzeiger, daß gegen -die Idee hier gefehlt wurde. Und wer nicht verstehen kann, was mit -dieser _Kant_ischen $Idee$ der Menschheit gemeint ist, der mag es sich -wenigstens zum Bewußtsein bringen, daß es _seine_ Schwestern, _seine_ -Mutter, _seine_ weiblichen Verwandten sind, um die es sich handelt: _um -unser selbst willen_ sollte das Weib als Mensch behandelt, _geachtet_ -werden, und nicht _erniedrigt_, wie es durch alle Sexualität geschieht. - -Zu $ehren$ aber könnte der Mann das Weib erst dann _mit Recht_ -beginnen, wenn es _selbst_ aufhörte, _Objekt_ und _Materie_ für den -Mann _sein zu $wollen$_; wenn ihm wirklich an einer Emanzipation läge, -die mehr wäre als eine Emanzipation der Dirne. Noch ist nie offen -gesagt worden, wo die Hörigkeit der Frau einzig zu suchen ist: in der -souveränen, angebeteten Gewalt, die der Phallus des Mannes über sie -besitzt. Darum haben die Frauen-Emanzipation aufrichtig stets nur -_Männer_ gewollt, nicht sehr sexuelle, nicht sehr liebesbedürftige, -nicht sehr tiefblickende, aber edle und für das Recht begeisterte -Männer, darüber kann kein Zweifel sein. Ich will die erotischen -Motive des Mannes nicht beschönigen, und seine Antipathie gegen das -»emanzipierte Weib« nicht geringer darstellen, als sie ist: es ist -leichter, sich hinanziehen zu lassen, wie _Goethe_, als einsam zu -steigen und immerfort zu steigen, wie _Kant_. Aber vieles, was dem -Mann als _Feindschaft_ gegen die Emanzipation ausgelegt wird, ist in -Wahrheit nur Mißtrauen und Zweifel an ihrer Möglichkeit. Der Mann -will das Weib nicht als Sklavin, er sucht oft genug zunächst eine -Gefährtin, die ihn verstehe. - -Nicht die Erziehung, die das Weib heute empfängt, ist die angemessene -Vorbereitung, um der Frau den Entschluß nahezulegen und zu erleichtern, -jene ihre wahre Unfreiheit zu besiegen. Alles letzte Mittel -_mütterlicher Pädagogik_ ist es, der Tochter, die zu diesem oder jenem -sich nicht bequemt, als Strafe aufzudrohen, _sie werde keinen Mann -bekommen_. Die Erziehung, welche den Frauen zuteil wird, ist auf nichts -angelegt als auf ihre _Verkuppelung_, in deren glücklichem Gelingen -sie ihre Krönung findet. Am Manne ist durch solche Einflüsse wenig zu -ändern; aber das Weib wird durch sie in seiner Weiblichkeit, in seiner -Unselbständigkeit und Unfreiheit, noch _bestärkt_. - -_Die Erziehung des Weibes muß dem Weibe, $die Erziehung der ganzen -Menschheit der Mutter entzogen werden$._ - -Dies wäre die erste Voraussetzung, die erfüllt sein müßte, um die Frau -in den Dienst der Menschheitsidee zu stellen, der niemand, so wie -_sie_, seit Anbeginn entgegengewirkt hat. - - * * * * * - -Eine Frau, die wirklich entsagt hätte, die in sich selbst die Ruhe -suchen würde, eine solche Frau wäre kein Weib mehr. Sie hätte -aufgehört, Weib zu sein, sie hätte zur äußeren endlich die innere Taufe -empfangen. - -Kann das werden? - -Es gibt kein absolutes Weib, und doch ist uns die Bejahung dieser Frage -wie eine Bejahung des Wunders. - -Glücklicher wird das Weib nicht werden durch solche Emanzipation: die -Seligkeit kann sie ihm nicht versprechen, und zu Gott ist der Weg noch -lang. Kein Wesen zwischen Freiheit und Unfreiheit kennt das Glück. Wird -aber das Weib sich entschließen können, die Sklaverei aufzugeben, um -_unglücklich_ zu werden? - -Nicht die Frau heilig zu machen, nicht darum kann es so bald sich -handeln. Nur darum: kann das Weib zum Probleme seines Daseins, -zum Begriffe der _Schuld_ redlich gelangen? Wird es die Freiheit -wenigstens _wollen_? Allein auf die Durchsetzung des Ideales, auf das -Erblicken des Leitsternes kommt es an. Bloß darauf: kann im Weibe der -kategorische Imperativ lebendig werden? Wird sich das Weib unter die -sittliche Idee, unter die _Idee der Menschheit_ stellen? - -Denn einzig _das_ wäre _Frauen-Emanzipation_. - - - - -ANHANG - -ZUSÄTZE UND NACHWEISE. - - - - -Zur Einleitung des ersten Teiles. - - -($S. 3, Z. 2 f.$) Der Ausdruck »Begriffe mittlerer Allgemeinheit« -stammt von John Stuart _Mill_. -- Über die beschriebene Entwicklung -eines begrifflichen Systems von Gedanken vgl. E. _Mach_, Die Analyse -der Empfindungen etc., 3. Aufl., Jena 1902, S. 242 f. - -($S. 5, Z. 12 f.$) Vgl. Ludwig _Boltzmann_, Über den zweiten Hauptsatz -der mechanischen Wärmetheorie, Almanach der k. k. Akademie der -Wissenschaften zu Wien, 36. Jahrgang, S. 255: »Wie in die Augen -springend ist der Unterschied zwischen Tier und Pflanze, trotzdem gehen -die einfachen Formen kontinuierlich ineinander über, so daß gewisse -gerade an der Grenze stehen, ebensogut Tiere wie Pflanzen darstellend. -Die einzelnen Spezies in der Naturgeschichte sind meist aufs schärfste -getrennt, hier und da aber finden wieder kontinuierliche Übergänge -statt.« Über das Verhältnis von chemischer Verbindung und Mischung -vgl. F. _Wald_, Kritische Studie über die wichtigsten chemischen -Grundbegriffe, Annalen der Naturphilosophie, I, 1902, S. 181 ff. - -($S. 6, Z. 12 f.$) Z. B. kommt die sehr ausführliche Untersuchung -von Paul _Bartels_, Über Geschlechtsunterschiede am Schädel, Berlin -1897, zu dem Schlusse (S. 94): »Einen durchgreifenden Unterschied des -männlichen vom weiblichen Schädel kennen wir bis jetzt noch nicht ..... -Alle etwa anzuerkennenden Unterschiede erweisen sich als Charaktere des -männlichen beziehungsweise weiblichen Durchschnittes und zeigen eine -größere oder geringere Anzahl von Ausnahmen.« (S. 100): »Eine sichere -Diagnose des Geschlechtes ist zur Zeit nicht möglich, und wird, fürchte -ich, nie möglich sein.« - -($S. 6, Z. 15.$) Konrad _Rieger_, Die Kastration in rechtlicher, -sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 35: »Jeder, der schon -viele nackte Menschen gesehen hat, weiß doch aus Erfahrung: einerseits, -daß es viele Frauen gibt, deren Becken »männlich« ist; und anderseits, -daß es viele Männer gibt, deren Becken »weiblich« ist ..... Bekanntlich -ist deshalb die Geschlechtsdiagnose eines Skelettes durchaus nicht -immer möglich.« - - - - -Zu Teil I, Kapitel 1. - - -($S. 7, Z. 13.$) Vor Heinrich _Rathke_ (Beobachtungen und Betrachtungen -über die Entwicklung der Geschlechtswerkzeuge bei den Wirbeltieren, -Halle 1825. Neueste Schriften der naturforschenden Gesellschaft in -Danzig, Bd. I, Heft 4) herrschte dogmatisch die _Tiedemann_sche -Anschauung, daß ursprünglich alle Embryonen weiblich seien, und -der Hode durch eine Weiterentwicklung des Eierstockes entstanden. -(Vgl. Richard _Semon_, Die indifferente Anlage der Keimdrüsen beim -Hühnchen und ihre Differenzierung zum Hoden, Habilitationsschrift, -Jena 1887, S. 1 f.) Rathke (S. 121 f.) bekämpfte mit vielen Gründen -die Auffassung, daß das männliche Geschlecht ein höher entwickeltes -weibliches sei, und kam als erster zu dem Schlusse: »Alle .... in -diesem Werke mitgeteilten Beobachtungen bezeugen, daß aller sinnlicher -Unterschied, der sich auf das verschiedene Geschlecht bezieht, zwischen -den männlichen und weiblichen Gebilden in frühester Lebenszeit -durchaus wegfällt. Wenigstens ist dies der Fall bei den inneren -Geschlechtsteilen, denn von den äußeren kann ich fast nur allein aus -fremder, nicht aber aus eigener Erfahrung urteilen. Diese fremden -Erfahrungen aber scheinen ebenfalls auf eine Gleichheit jener äußeren -Gebilde hinzudeuten. Es läßt sich demnach behaupten, daß wenigstens bei -den Wirbeltieren die Geschlechter ursprünglich, so weit die sinnliche -Wahrnehmung reicht, einander gleich sind.« Diese Ansicht wurde weiter -geprüft, bestätigt und schließlich zur Geltung gebracht durch die -Arbeiten von _Johannes Müller_ (Bildungsgeschichte der Genitalien, -Düsseldorf 1830), _Valentin_ (Über die Entwicklung der Follikel in -den Eierstöcken der Säugetiere, Müllers Archiv, 1838, S. 103 f.), -R. _Remak_ (Untersuchungen über die Entwicklung der Wirbeltiere) und -Wilhelm _Waldeyer_ (Eierstock und Ei, 1870). - -($S. 7, Z. 15.$) Für die Pflanzen ist dieser Nachweis erst in jüngster -Zeit in K. _Goebels_ Abhandlung »Über Homologien in der Entwicklung -männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane« (Flora oder allgemeine -botanische Zeitung, Bd. XC, 1902, S. 279-305) erfolgt. Goebel zeigt, -wie auch bei der Pflanze männliche und weibliche Organe sich aus einer -ursprünglichen Grundform entwickeln, indem im weiblichen Organ jene -Zellen steril werden, die im männlichen zur Spermatozoidbildung führen, -und umgekehrt. - -($S. 7, Z. 16 ff.$) Die Zeitangaben beziehen sich auf die _äußeren_ -Geschlechtsteile. Sie werden von den Beobachtern nicht in -Übereinstimmung gemacht, vgl. W. _Nagel_, Über die Entwicklung des -Urogenitalsystems des Menschen, Archiv für mikroskopische Anatomie, -Bd. XXXIV, 1889, S. 269-384 (besonders S. 375 f.), Die im Texte -gegebenen Daten im allgemeinen nach Oscar _Hertwig_, Lehrbuch der -Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Tiere, 7. Aufl., S. 427, -441. Ganz kontrovers ist der Zeitpunkt der Differenzierung der inneren -Keimdrüsenanlagen, ja selbst die Frage noch strittig, ob deren Anlage -zuerst hermaphroditisch oder gleich sexuell bestimmt sei. Vgl. die -auch hierüber am ausführlichsten orientierende Abhandlung Nagels -(S. 299 ff.). - -($S. 8, Z. 21 f.$) Ich gebe hier nach Oscar _Hertwig_ (Lehrbuch der -Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Wirbeltiere, 7. Aufl., Jena -1902, S. 444 f.) die vollständige »Tabellarische Übersicht I. über die -vergleichbaren Teile der äußeren und der inneren Geschlechtsorgane des -männlichen und des weiblichen Geschlechtes, und II. über ihre Ableitung -von der ursprünglich indifferenten Anlage des Urogenitalsystems bei den -Säugetieren«. - - _Männliche _Gemeinschaftliche _Weibliche - Geschlechtsteile._ Ausgangsform._ Geschlechtsteile._ - - Samenampullen und Keimepithel Eifollikel, Graafsche - Samenkanälchen Bläschen. - - Urniere - - ~a~) Nebenhoden, ~a~) Vorderer Teil mit ~a~) Epoophoron mit - Epididymis mit Rete den Marksträngen des - testis und Tubuli Geschlechtssträngen Eierstocks. - recti (Geschlechtsteil) - - ~b~) Paradidymis ~b~) Hinterer Teil ~b~) Paroophoron. - (eigentlicher - Urnierenteil) - - Samenleiter mit Urnierengang Gärtnersche Kanäle - Samenbläschen einiger Säugetiere. - - Niere und Ureter Niere und Ureter Niere und Ureter. - - Hydatide des } Müllerscher Gang { Eileiter und Fimbrien - Nebenhodens } { - Sinus prostaticus } { Gebärmutter und - (Uterus masculinus) } { Scheide. - - Gubernaculum Leistenband der Rundes Mutterband - Hunteri Urniere und Ligamentum - ovarii. - - Männliche Harnröhre Sinus urogenitalis Vorhof der Scheide. - (Pars prostatica und - membranacea) - - Männliches Glied Geschlechtshöcker Klitoris. - - Pars cavernosa Geschlechtsfalten Kleine Schamlippen. - urethrae - - Hodensack Geschlechtswülste Große Schamlippen. - -($S. 8, Z. 9 v. u.$) Ernst _Häckel_, Generelle Morphologie der -Organismen, Band II: Allgemeine Entwicklungsgeschichte der Organismen -etc., Berlin 1866, S. 60 f.: »Jedes Individuum (irgend einer Ordnung) -als _Zwitter_ (_Hermaphroditus_) vereinigt in sich beiderlei -Geschlechtsstoffe, Ovum und Sperma. Der Gegensatz hiezu ist die -Trennung der Genitalien, die Verteilung der beiderlei Geschlechtsstoffe -auf zwei Individuen (gleichviel welcher Ordnung), welche wir als -_Geschlechtstrennung oder Gonochorismus_ bezeichnen. Jedes Individuum -irgend einer Ordnung als _Nichtzwitter_ (Gonochoristus) besitzt -nur einen von beiden Geschlechtsstoffen, Ovum _oder_ Sperma.« In -einer Anmerkung hiezu gibt er die Etymologie: »γονη, ἡ Genitale, -Geschlechtsteil: χωριστός, getrennt. Wir führen dieses neue Wort hier -ein, weil es bisher seltsamerweise gänzlich an einer _allgemeinen_ -Bezeichnung der Geschlechtstrennung mangelte, während man für die -Zwitterbildung deren mehrere besaß (Hermaphroditismus, Androgynie).« - -($S. 9, Z. 9.$) Am wenigsten dimorph sind die Geschlechter wohl bei den -Stachelhäutern (Echinodermen). Ferner finden sich nach _Weismann_, Das -Keimplasma, Jena 1892, S. 466 f., auch bei Volvox, unter den Schwämmen -und den Medusenpolypen Organismen, bei welchen männliche und weibliche -Individuen lediglich durch die Art der Geschlechtszellen selbst sich -unterscheiden, also ohne alle weiteren Sexualcharaktere. - -($S. 9, Z. 11.$) Normaler Hermaphroditismus unter den Fischen: beim -Seebarsch (Serranus scriba), der Goldbrasse (Chrysophrys aurata) -und der Myxine glutinosa (einem auf anderen Fischen schmarotzenden -Cyklostoma). Vgl. C. _Claus_, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg -1897, S. 745, und _Richard Hertwig_, Lehrbuch der Zoologie, 5. Aufl., -Jena 1900, S. 99. - -($S. 9, Z. 13 v. u.$) Aus Gründen der Vererbungslehre wird von _Darwin_ -und besonders von _Weismann_ die Bisexualität der geschlechtlich -differenzierten Lebewesen geradezu als eine Notwendigkeit postuliert. -Darwin, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der -Domestikation, 2. Aufl., Stuttgart 1873, Bd. II, S. 59 f.: »Wir -sehen daher, daß in vielen, wahrscheinlich in allen Fällen die -sekundären Charaktere jedes Geschlechtes schlafend oder latent in dem -entgegengesetzten Geschlechte ruhen, bereit, sich unter eigentümlichen -Umständen zu entwickeln. Wir können auf diese Weise verstehen, woher es -z. B. möglich ist, daß eine gut melkende Kuh ihre guten Eigenschaften -durch ihre männlichen Nachkommen auf spätere Generationen überliefert, -indem wir zuversichtlich annehmen, daß diese Eigenschaften in den -Männchen jeder Generation, wenn auch in einem latenten Zustande, -vorhanden sind. Dasselbe gilt für den Kampfhahn, welcher seine -Vorzüglichkeiten in Betreff des Mutes und der Lebendigkeit durch seine -weibliche auf seine männliche Nachkommenschaft überliefern kann; und -beim Menschen ist es bekannt, daß Krankheiten, wie z. B. Hydrokele, -welche notwendig auf das männliche Geschlecht beschränkt sind, durch -die Tochter auf den Enkel überliefert werden können. Derartige Fälle, -wie die vorstehenden, bieten .... die möglichst einfachen Beispiele von -Rückschlag dar, und sie sind unter der Annahme verständlich, daß bei -dem Großvater und Enkel eines und desselben Geschlechtes gemeinsame -Charaktere, wenn auch latent, in dem zwischenliegenden Erzeuger -des entgegengesetzten Geschlechtes vorhanden sind.« Weismann, Das -Keimplasma, eine Theorie der Vererbung, Jena 1892, S. 467 f.: »Vom -Menschen her wissen wir, daß sämtliche sekundären Geschlechtscharaktere -nicht nur von den Individuen des entsprechenden Geschlechtes vererbt -werden, sondern auch von denen des anderen. Die schöne Sopranstimme -der Mutter kann sich durch den Sohn hindurch auf die Enkelin vererben, -ebenso der schwarze Bart des Vaters durch die Tochter auf den Enkel. -Auch bei den Tieren müssen in jedem geschlechtlich differenzierten Bion -beiderlei Geschlechtscharaktere vorhanden sein, die einen manifest, die -anderen latent. Der Nachweis ist hier nur in gewissen Fällen zu führen, -weil wir die individuellen Unterschiede dieser Charaktere nur selten so -genau bemerken, allein er ist selbst für ziemlich einfach organisierte -Arten zu führen, und _die latente Anwesenheit der entgegengesetzten -Geschlechtscharaktere in jedem geschlechtlich differenzierten Bion_ -muß deshalb als allgemeine Einrichtung aufgefaßt werden. Bei der Biene -besitzen die aus unbefruchteten Eiern sich entwickelnden Männchen -die sekundären Geschlechtscharaktere des Großvaters, und bei den -Wasserflöhen, bei welchen mehrere rein weibliche Generationen aus -einander hervorgehen, bringt die letzte derselben Männchen hervor mit -den sekundären Geschlechtscharakteren der Art, welche somit in latentem -Zustande in einer großen Reihe von weiblichen Generationen vorhanden -sein mußten.« Man vergleiche hiemit auch _Moll_, Untersuchungen über -die Libido sexualis, Berlin 1898, Bd. I, S. 444. - -($S. 9, Z. 4 v. u.$) Als das »Objekt der Kunst« wird »die platonische -Idee« bekanntlich betrachtet im dritten Buche der »Welt als Wille und -Vorstellung« von _Schopenhauer_. - -($S. 10, Z. 18.$) Seit 1899 erscheint alljährlich unter Redaktion von -Dr. Magnus _Hirschfeld_ ein »_Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen_«. -Dieses Unternehmen wäre noch verdienstvoller, als es ist, wenn es nicht -nur die Homosexuellen und die Zwittergeburten, das sind die sexuellen -_Mittel_stufen, in den Kreis seiner Betrachtung zöge. Vgl. übrigens -Kap. IV und die Nachweise zu demselben. - -($S. 11, Z. 3 ff.$) Auch für die Pflanzen. Vgl. August _Schulz_, -Beiträge zur Kenntnis der Bestäubungseinrichtungen und -Geschlechtsverteilung bei den Pflanzen, II. Teil, Kassel 1890, an -vielen Orten, z. B. S. 185. Ferner erzählt _Darwin_, Die verschiedenen -Blütenformen bei Pflanzen der nämlichen Art, Werke IX/3, Stuttgart -1877, S. 10, von der gemeinen Esche (Fraxinus excelsior): »..... ich -untersuchte .... 15 Bäume, welche auf dem Felde wuchsen, und von -diesen produzierten 8 allein männliche Blüten und im Frühjahr und im -Herbste nicht ein einziges Samenkorn; 4 produzierten nur weibliche -Blüten, welche außerordentlich zahlreichen Samen ansetzten; drei waren -Zwitter, welche, als sie in Blüte waren, ein von den anderen Bäumen -verschiedenes Aussehen hatten: zwei von ihnen produzierten nahezu so -viel Samen wie die weiblichen Bäume, während der dritte nicht einen -hervorbrachte, so daß er der Funktion nach männlich war. _Die Trennung -der Geschlechter ist indessen bei der Esche nicht vollständig, denn -die weiblichen Blüten enthalten Staubgefäße, welche in einer frühen -Periode abfallen, und ihre Antheren, welche sich niemals öffnen -oder dehiszieren, enthalten meistens eine breiige Substanz anstatt -des Pollens. An einigen weiblichen Blüten fand ich jedoch einige -wenige Antheren, welche allem Anscheine nach gesunde Pollenkörner -enthielten. An den männlichen Bäumen enthalten die meisten Blüten -Pistille_, dieselben fallen aber gleichfalls in einer frühen Periode -ab; und die Eichen, welche schließlich abortieren, sind sehr klein -verglichen mit denen in weiblichen Blüten von demselben Alter.« Man -vergleiche übrigens die im III. Kapitel besprochene Heterostylie. -- -Was die Tiere betrifft, und besonders den Menschen, so ließen sich -ganze Bogen mit Belegen aus hierauf bezüglichen Publikationen füllen. -Ich verweise aber lieber zunächst auf Albert _Moll_, Untersuchungen -über die Libido sexualis, I, S. 334 ff. (z, B. seine Beweise für -das Vorkommen sezernierender Milchdrüsen bei Männern). -- Konrad -_Rieger_, Die Kastration in rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht, -Jena 1900, S. 21, Anmerkung 2: »Manche weibliche Ziegen haben sehr -starke Hörner, die sich nur wenig von denen eines Ziegen_bockes_ -unterscheiden; andere weibliche Ziegen sind völlig hornlos, und -schließlich gibt es auch Ziegen_böcke_ (_und zwar unkastrierte_) ohne -Hörner.« S. 26: »Sieht man eine größere Anzahl von Rindviehbildern -durch, so ergibt sich sofort, daß sehr bedeutende Unterschiede bestehen -in Bezug auf die Hörner bei den Stieren selbst.« S. 30: »Ich habe -selbst zufällig neulich ein weibliches Schaf von einer importierten -Rasse gesehen, das die schönsten Widderhörner hatte.« Vgl. ferner M., -Über Rehböcke mit abnormer Geweihbildung und deren eigentümliches -Verhalten, Deutsche Jäger-Zeitung, XXXII, 363. Edw. R. _Alston_, On -Female Deer with antlers, Proceed. Zoolog. Society, London 1879, -p. 296 f. -- Von _lokalen_ Häufungen der Zwischenstufen bei Käfern und -Schmetterlingen berichtet William _Bateson_, Materials for the study -of variation treated with especial regard of discontinuity in the -origin of species, London 1894, p. 254: »In all other localities the -male Phalanger maculatus alone is spotten with white, the female being -without spots, but in Waigiu the females are spotted like the males. -This curious fact was first noticed by Jentink.« (F. A. _Jentink_, -Notes, Leyd. Mus., VII, 1885, p. 90.) Und in einer Anmerkung hiezu: -»Compare the converse case of Hepialus humuli (the Ghost Moth), of -which, in all other localities, the male are clear and the females are -light yellow-brown with spots, but in the Shetland Islands the males -are very like the females, _though in varying degrees_. See Jenner -Weir, Entomologist, 1880, p. 251 Pl.« -- _Darwin_, Das Variieren der -Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, II, 259: »Die vielen -wohlbeglaubigten Fälle verschiedener männlicher Säugetiere, welche -Milch geben, zeigen, daß ihre rudimentären Milchdrüsen diese Fähigkeit -in einem latenten Zustande behalten.« Dazu _Moll_, Untersuchungen, I, -481: »Von der typischen Beschaffenheit der männlichen Brust finden -wir bis zur völligen Ausbildung der weiblichen Brustdrüsen beim Manne -zahlreiche Übergänge.« -- _Von der großen Veränderlichkeit sekundärer -Geschlechtscharaktere_ handelt _Darwin_ im 5. Kapitel der »Entstehung -der Arten« (S. 207 ff. der Übersetzung von Haek, Universalbibliothek), -von »_Abstufungen sekundärer geschlechtlicher Charaktere_« im -14. Kapitel der »Abstammung des Menschen u. s. w.« (Bd. II, S. 143 ff. -der gleichen Ausgabe). -- Über sexuelle Zwischenformen bei den -Cerviden noch Adolf _Rörig_, Welche Beziehungen bestehen zwischen -den Reproduktionsorganen der Cerviden und der Geweihbildung, Archiv -für Entwicklungsmechanik der Organismen VIII, 1899, 382-447 (mit -weiterer Literatur); bei den Vögeln: A. _Tichomiroff_, Androgynie -bei den Vögeln, Anatomischer Anzeiger, 15. März 1888 (III, 221-228); -bei Vögeln und anderen Tieren: Alexander _Brandt_, Anatomisches und -Allgemeines über die sogenannte Hahnenfedrigkeit und über anderweitige -Geschlechtscharaktere bei Vögeln, Zeitschrift für wissenschaftliche -Zoologie, 48, 1889, S. 101-190. - -($S. 11, Z. 6.$) Über das virile Weiberbecken vgl. W. _Waldeyer_, Das -Becken, Topographisch-anatomisch mit besonderer Berücksichtigung der -Chirurgie und Gynäkologie dargestellt (in: G. _Joessel_, Lehrbuch der -topographisch-chirurgischen Anatomie, Teil II, Bonn 1899) S. 393 f.: -»Wir finden auch Weiberbecken vom Habitus der Männerbecken. Die Knochen -sind massiver, die Darmbeine stehen steil, der Schambogen ist eng, die -Beckenhöhle hat eine Trichterform. Meist haben die betreffenden Frauen -auch in ihrem übrigen Körperhabitus etwas ..... Männliches (Viragines). -Doch braucht dies nicht immer der Fall zu sein.« - -($S. 11, Z. 8.$) Über _bärtige Weiber_ vgl. Max _Bartels_, Über -abnorme Behaarung beim Menschen, Zeitschrift für Ethnologie VIII -(1876), 110-129 (mit Literaturnachweisen), XI (1879), 145-194, XIII -(1881), 213-233. Wilhelm _Stricker_, Über die sogenannten Haarmenschen -(Hypertrichosis universalis) und insbesondere die bärtigen Frauen, -Bericht über die Senckenbergische naturforschende Gesellschaft, -Frankfurt 1877, S. 97 f. Louis A. _Duhring_, Case of bearded women, -Archives of Dermatology III (1877), p. 193-200. Harris _Liston_, -Cases of bearded women, British medical Journal vom 2. Juni 1894. -Albert _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1898, -I, p. 337 (mit Literatur). Cesare _Taruffi_, Hermaphrodismus und -Zeugungsunfähigkeit, Eine systematische Darstellung der Mißbildungen -der menschlichen Geschlechtsorgane, übersetzt von R. Teuscher, Berlin -1903, S. 164-173: Über Hypertrichosis beim Weibe, mit vielen weiteren -Literaturangaben. Alexander _Brandt_, Über den Bart der Mannweiber -(Viragines), Biologisches Zentralblatt 17, 1897, S. 226-239. Les Femmes -à barbe, Revue scientifique VII, 618-622. Gustav _Behrend_, Artikel -_Hypertrichosis_ in Eulenburgs Realenzyklopädie, Bd. XI^3, S. 194. -Alexander _Ecker_, Über abnorme Behaarung beim Menschen, insbesondere -über die sogenannten Haarmenschen, Braunschweig 1878, mit weiterer -Literatur S. 21. - -($S. 11, Z. 17 ff.$) Man vergleiche z. B. die in der Schrift von -Livius _Fürst_, Die Maß- und Neigungsverhältnisse des weiblichen -Beckens nach Profildurchschnitten gefrorener Leichen, Leipzig 1875, -S. 16 und S. 24 ff. enthaltenen Tafeln mit den Maßzahlen, die von -den verschiedenen Beobachtern von _Luschka_, _Henle_, _Rüdinger_, -_Hoffmann_, _Pirogoff_, _Braune_, _Le Gendre_ und _Fürst_ selbst als -Dimensionen des Beckens der Geschlechter angegeben werden. -- Ferner -W. _Krause_, Spezielle und makroskopische Anatomie (II. Bd. der 3. -Aufl. des Handbuches der menschlichen Anatomie von C. F. Th. Krause), -Hannover 1879, S. 122 ff., mit Tabellen für die Maximal- und -Minimalproportionen sowohl beim Manne als bei der Frau. - -($S. 13, Z. 7 f.$) Die Angabe über die Ophiten nach _Überweg-Heinze_, -Grundriß der Geschichte der Philosophie, Teil II, Die mittlere oder die -patristische und scholastische Zeit, 8. Aufl., Berlin 1898, S. 40. - - - - -Zu Teil I, Kapitel 2. - - -($S. 14, Z. 16 v. u.$) Havelock _Ellis_, Man and Woman, A Study of -human secondary sexual characters, London 1894, deutsch: Mann und -Weib, Anthropologische und psychologische Untersuchung der sekundären -Geschlechtsunterschiede, übersetzt von Dr. Hans Kurella (Bibliothek -für Sozialwissenschaft, Bd. III) Leipzig 1895. In Betracht kommt hier -auch das einseitigere, aber originellere und durch glückliche Belege -aus der belletristischen Literatur psychologisch bereicherte Werk -von C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als Verbrecherin und -Prostituierte, Anthropologische Studien, gegründet auf eine Darstellung -der Biologie und Psychologie des normalen Weibes, übersetzt von -Kurella, Hamburg 1894. - -($S. 15, Z. 22.$) Joh. Japetus Sm. _Steenstrup_, Untersuchungen über -das Vorkommen des Hermaphroditismus in der Natur, aus dem Dänischen -übersetzt von C. F. Hornschuch, Greifswald 1846, S. 9 ff. -- Man -vergleiche über Steenstrups Anschauungen die absprechenden Urteile von -Rud. _Leuckart_, Artikel »Zeugung« in Rud. Wagners Handwörterbuch der -Physiologie, Bd. IV, 1853, S. 743 f., und C. _Claus_, Lehrbuch der -Zoologie, S. 117^6. - -($S. 15, Z. 23.$) _Ellis_, Mann und Weib, besonders S. 203 ff. - -($S. 15 Z. 10 v. u.$) Über die Geschlechtsunterschiede in der -Zusammensetzung des Blutes, Ellis, S. 204 f. -- Olof _Hammarsten_, -Lehrbuch der physiologischen Chemie, 4. Aufl., Wiesbaden 1899, S. 137. -»Beim Menschen kommen gewöhnlich in je 1 ~cm~^3 beim Manne 5 Millionen -und beim Weibe 4 à 4·5 Millionen (roter Blutkörperchen) vor.« -- Ernst -_Ziegler_, Lehrbuch der allgemeinen und speziellen pathologischen -Anatomie, Bd. II: Spezielle pathologische Anatomie, 9. Aufl., Jena -1898, S. 3: »In 100 ~cm~^3 Blut sind .... bei Männern 14·5 ~g~, bei -Frauen 13·2 ~g~ Hämoglobin enthalten.« Vgl. bes. _Lombroso-Ferrero_, -S. 22 f. und die dort citierte Literatur. - -($S. 15, Z. 8 v. u.$) v. _Bischoff_, Das Hirngewicht des Menschen, Bonn -1880. -- _Rüdinger_, Vorläufige Mitteilungen über die Unterschiede der -Großhirnwindungen nach dem Geschlecht beim Fötus und Neugeborenen. -Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns. I, 1877, -S. 286-307. -- Auch _Passet_, Über einige Unterschiede des Großhirns -nach dem Geschlecht, Archiv für Anthropologie, Bd. XIV, 1883, -S. 89-141, und Emil _Huschke_, Schädel, Hirn und Seele des Menschen und -der Tiere nach Alter, Geschlecht und Rasse, Jena 1854, S. 152 f., haben -die Existenz solcher Unterschiede versichert und mit genauen Daten -belegt. - -($S. 15, Z. 6 v. u.$) Alice _Gaule_, Die geschlechtlichen Unterschiede -in der Leber des Frosches, Archiv für die gesamte Physiologie, -herausgegeben von Pflüger, Bd. LXXXIV, 1901, Heft 1/2, S. 1-5. - -($S. 15, Z. 3 v. u.$) Wo der Ausdruck »erogen« (»Zones érogènes« -als Name für diejenigen Körperteile, die sexuell besonders anziehend -auf das andere Geschlecht wirken) zum ersten Male vorkommt, war -mir zu ermitteln nicht möglich. Der verstorbene Professor Freiherr -_v. Krafft-Ebing_, von dem ich einmal Belehrung hierüber erbat, -vermutete, bei _Gilles de la Tourette_. Doch ist in dessen großem Werke -über die Hysterie nichts hierauf Bezügliches enthalten. - -($S. 16, Z. 15.$) Die Anführung aus _Steenstrup_ a. a. O., S. 9 bis 10. - -($S. 18, Z. 6.$) John _Hunter_, Observations on certain parts of -the animal oeconomy, London 1786, berichtet in einem zuerst in den -Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Vol. -LXX/2, 1. Juni 1780, pag. 527-535, veröffentlichten »Account of an -extraordinary pheasant« von der »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen und -vergleicht diese mit der Bärtigkeit der Großmütter. S. 63 (528) wird -die berühmte Unterscheidung eingeführt: »It is well known that there -are many orders of animals which have the two parts designed for the -purpose of generation different in the same species, by which they -are distinguished into male and female: but this is not the only -mark of distinction in many genera of animals, of the greatest part -the male being distinguished from the female by various marks. _The -differences which are found in the parts of generation themselves, I -shall call the first or principle, and all others depending upon these -I shall call secondary._« Wenn im Texte (Z. 20 ff.) der Bereich der -sekundären Charaktere strenger denn gewöhnlich als die Gesamtheit der -erst in der Mannbarkeit äußerlich sichtbar hervortretenden Charaktere -umschrieben wird, so ist damit auf _Hunters_ _ursprüngliche_ Bestimmung -zurückgegriffen, S. 68: »We see the sexes which at an early period had -little to distinguish them from each other, acquiring about the time -of puberty secondary properties, which clearly characterise the male -and female. The male at this time recedes from the female, and assumes -the secondary characters of his sex.« Vgl. _Darwin_, Das Variieren etc. -I^2, S. 199. Entstehung der Arten (übersetzt von Haek), S. 201. - -($S. 18, Z. 8.$) Dafür, daß von den primären noch »primordiale« -Sexualcharaktere abgeschieden werden müssen, sind die vielen Fälle -beweisend, in denen die äußeren Geschlechtsteile etwa weiblich, die -Geschlechtsdrüsen selbst immer noch männlich sind, Vgl. z. B. Andrew -_Clark_, A case of spurious hermaphroditism (hypospadia and undescended -testis in a subject who has been brought up as female and married -for sixteen years), Middlesex Hospital, The Lancet, 12. März 1898, -p. 718 f. -- L. _Siebourg_, Ein Fall von Pseudo-Hermaphroditismus -masculinus completus, Deutsche medizinische Wochenschrift, 9. Juni -1898, S. 367-368. - -($S. 18, Z. 23 f.$) Die Lehre von der »inneren Sekretion« im -allgemeinen stammt nicht, wie man jetzt überall angegeben findet, von -_Brown-Séquard_, der sie nur auf die Keimdrüse als erster angewendet -hat, sondern von Claude _Bernard_, nachdem schon bei C. _Legallois_ -im Jahre 1801 eine dunkle Ahnung der Sache zu finden ist, worüber man -Näheres aus der Année biologique, Vol. I, p. 315 f. erfährt. Vgl. -Bernard, Nouvelle fonction du foie considéré comme organe producteur -de matière sucrée chez l'homme et les animaux, Paris, Baillière, 1853, -p. 58 und 71 f. Ferner Leçons de physiologie expérimentale, Vol. I, -Paris 1855, aus der folgende Stellen wörtlich angeführt seien: »On -s'est fait pendant longtemps une très-fausse idée de ce qu'est un -organe sécréteur. On pensait que toute sécrétion devait être versée -sur une surface interne ou externe, et que tout organe sécrétoire -devait nécessairement être pourvu d'un conduit excréteur destiné à -porter au dehors les produits de la sécrétion. L'histoire du foie -établit maintenant d'une manière très-nette qu'il y a des sécrétions -internes, c'est à dire des sécrétions dont le produit, au lieu d'être -déversé à l'extérieur, est transmis directement dans le sang« (p. 96). --- »Il doit être maintenant bien établi qu'il y a dans le foie deux -fonctions de la nature de sécrétions. L'une, sécrétion externe, -produit la bile qui s'écoule au dehors; l'autre, sécrétion interne, -forme le sucre qui entre immédiatement dans le sang de la circulation -générale« (p. 107). -- Ferner (Rapport sur les progrès et la marche -de la physiologie générale en France, Paris 1867, p. 73): »La cellule -sécrétoire crée et élabore en elle-même le produit de sécrétion qu'elle -verse soit au dehors sur les surfaces muqueuses, soit directement -dans la masse du sang. J'ai appelé _sécrétions externes_ celles -qui s'écoulent en dehors, et _sécrétions internes_ celles qui sont -versées dans le milieu organique intérieur.« (p. 79:) »Les sécrétions -internes sont beaucoup moint connues que les sécrétions externes. -Elles ont été plus ou moins vaguement soupçonnées, mais elles ne sont -point encore généralement admises. Cependant, selon moi, elles ne -sauraient être douteuses, et je pense que le sang, ou autrement dit -le milieu intérieur organique, doit être regardé comme un produit des -glandes vasculaires internes.« (p. 84:) »Le foie glycogénique forme -une grosse glande sanguine, c'est-à-dire une glande qui n'a pas de -conduit excréteur extérieur. Il donne naissance aux produits sucrés -du sang, peut-être aussi à d'autres produits albuminoïdes. Mais il -existe beaucoup d'autres glandes sanguines, telle que la rate, le corps -thyroïde, les capsules surrénales, les glandes lymphatiques, dont les -fonctions sont encore aujourd'hui indéterminées; cependant on regarde -généralement ces organes comme concourant à la régénération du plasma -et du sang, ainsi qu'à la formation des globules blancs et des globules -rouges qui nagent dans ce liquide.« Danach ist die sehr allgemeine -Angabe, _Brown-Séquard_ sei der Begründer der Lehre von den Funktionen -der Drüsen ohne Ausführungsgänge, wie sie sich z. B. in _Bunges_ -»Physiologischer Chemie« (Lehrbuch der Physiologie des Menschen, -Leipzig 1901, Bd. II, S. 545), bei _Chrobak_ und _Rosthorn_ (Die -Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I. Teil, Wien 1896/1900, -S. 388), bei Ernst _Ziegler_ (Lehrbuch der allgemeinen und speziellen -pathologischen Anatomie, I^9, 1898, S. 80), Oscar _Hertwig_ (Die Zelle -und die Gewebe, Bd. II, 1898, S. 167) oder H. _Boruttau_ (Kurzes -Lehrbuch der Physiologie, Leipzig und Wien, 1898, S. 138) findet, zu -korrigieren. - -_Brown-Séquard_ selbst (Effets physiologiques d'un liquide extrait -des glandes sexuelles et surtout des testicules, Comptes Rendus -hebdomadaires des Séances de l'Académie des Sciences, Paris, 30. Mai -1892, p. 1237 f.) sagt: »Déjà en 1869, dans un cours à la Faculté -de Médecine de Paris, j'avais émis l'idée que les glandes ont des -sécrétions internes et fournissent au sang des principes utiles sinon -essentiels.« Die Priorität gebührt demnach ohne Zweifel Bernard; -nur die Anwendung auf die Keimdrüsen ist Brown-Séquards alleiniges -Verdienst: »Je croyais, dès alors, que la faiblesse chez les vieillards -dépend non seulement de l'état sénile des organes, mais aussi de ce -que les glandes sexuelles ne donnent plus au sang des principes qui, à -l'âge adulte, contribuent largement à maintenir la vigueur propre à cet -âge. Il était donc tout naturel de songer à trouver un moyen de donner -au sang de vieillards affaiblis les principes que les glandes sexuelles -ne lui fournissent plus. C'est ce qui m'a conduit à proposer l'emploi -d'injections sous-cutanées d'un liquide extrait de ces glandes.« Die -erste Veröffentlichung Brown-Séquards über dieses Thema ist die in den -»Comptes rendus hebdomadaires des séances et mémoires de la Société de -Biologie«, Tome 41, 1889, p. 415-419 enthaltene (datiert vom 1. Juni -1889). - -Als Gegner der Lehre von der inneren Sekretion, speziell der -Keimdrüsen, sind zu nennen: Konrad _Rieger_ in seiner Schrift über die -Kastration (Jena 1900, S. 71; ihn erinnert sie an die Theorien der -mittelalterlichen Mönche über die Folgen des »semen retentum«) und -A. W. _Johnston_, Internal Secretion of the Ovary, 25. Annual Meeting -of the American Gynaecological Society, vgl. British Gyn. Journal, -Part 62, August 1900, S. 63. Unentschieden lassen die Frage, ob die -Erscheinungen nach Kastration und Involution der Keimdrüsen, nach der -Pubertät und in der Gravidität, soweit sie von den Genitalien ihren -Ursprung nehmen, auf nervösem Wege oder durch das Blut vermittelt -werden, _Ziegler_, Patholog. Anatomie, I^9, S. 80, und O. _Hertwig_, -Zelle und Gewebe, II, 162. Dieser sagt: »Wenn auf der einen Seite der -Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Geschlechtsdrüsen und der -sekundären Sexualcharaktere nicht in Abrede gestellt werden kann, so -fehlt uns auf der anderen Seite doch das tiefere Verständnis dafür. -Wird die Korrelation zwischen den Organen, welche funktionell direkt -nichts miteinander zu tun haben, durch das Nervensystem vermittelt, -oder sind es vielleicht besondere Substanzen, welche vom Hoden oder -Eierstock abgesondert werden, in den Blutstrom geraten und so die -weit abgelegenen Körperteile zu korrelativem Wachstum veranlassen? Zu -einem Entscheid der aufgeworfenen Alternative fehlt es noch an jeder -experimentellen Unterlage.« - -Der letzte Satz war wohl schon zu der Zeit, da Hertwig ihn schrieb -(1898), nicht mehr ganz richtig. Fr. _Goltz_ und A. _Freusberg_ -hatten 1874 (»Über den Einfluß des Nervensystems auf die Vorgänge -während der Schwangerschaft und des Gebäraktes«, Pflügers Archiv -für die gesamte Physiologie, IX, 552-565) von folgendem berichtet -(S. 557): »Eine Hündin mit vollständiger Trennung des Rückenmarkes -in der Höhe des ersten Lendenwirbels ist brünstig geworden, hat -empfangen und ein lebensfähiges Junges ohne Kunsthilfe geboren. Bei -und nach diesen Vorgängen hat das Tier alle die damit verbundenen -Naturtriebe (Instinkte) entfaltet ebenso wie ein unversehrtes Geschöpf« -(d. h. die Milchdrüsen füllten sich und das Junge wurde mit größter -Zärtlichkeit behandelt. Man vgl. auch _Brücke_, Vorlesungen über -Physiologie II^3, Wien 1884, S. 126 f.). Goltz selbst kam schon damals -zu folgendem Schlusse (S. 559): »Es scheint mir ... äußerst fraglich, -ob überhaupt der Zusammenhang zwischen Gebärmutter und Milchdrüsen -durch Beteiligung des Nervensystems zu denken ist. Mir sagt auch in -diesem Falle der Gedanke mehr zu, daß das Blut diesen Zusammenhang -vermittelt.« Er erinnert daselbst auch an die Ausfallserscheinungen -nach der Kastration. In ihrer berühmter gewordenen Arbeit »Der Hund mit -verkürztem Rückenmark« (Pflügers Archiv; 63, 362-400) sind Fr. _Goltz_ -und J. R. _Ewald_ 22 Jahre nach jener Untersuchung nochmals auf das -Thema zurückgekommen (vgl. in jener Abhandlung S. 385 f.). - -Der hauptsächlichste Beweis, daß _keine_ nervöse Vermittlung vorliegt, -ist, wie ich meine, darin zu erblicken, daß einseitige Kastration, -also Exstirpation bloß eines Ovars oder Testikels, an der Entwicklung -der sekundären Geschlechtscharaktere nicht das Geringste ändert. Den -Einfluß jeder Keimdrüse hätte man aber, wenn ein solcher auf nervösem -Wege sich vollzieht, als stets auf eine Hemisphäre des Körpers -_stärker_ sich erstreckend vorzustellen, ja eine halbseitige Kastration -wäre, zunächst wenigstens, nur für _eine_ Körperhälfte als entscheidend -anzunehmen. Mit Ausnahme einer einzigen Angabe aber, der _Rieger_, Die -Kastration, S. 24, mit Recht als Jägerlatein mißtraut (es ist die in -_Brehms_ Säugetieren, Leipzig und Wien, 1891, III^3, 430: »Einseitig -verschnittene Hirsche setzen bloß an der unversehrten Seite noch auf«), -hat nirgends etwas ähnliches verlautet: halbseitig verschnittene -Tiere sind wie gar nicht verschnittene. So schon _Berthold_, -Nachrichten von der Universität und Gesellschaft der Wissenschaften -zu Göttingen, 1849, Nr. 1, S. 1-6. Vgl. z. B. _Chrobak-Rosthorn_, -Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I/2, S. 371 f.: -»_Sokoloff_[104] operierte an Hunden, verfolgte die Veränderungen -sowohl bei einseitiger als auch bei doppelseitiger Kastration. _Bei -ersterer trat die Brunst wie normal ein_, bei letzterer blieb sie -regelmäßig weg. _Einseitige Kastration bei jungen Tieren läßt das -Wachstum beider Gebärmutterhälften fortdauern._ Schon 1½ Monate nach -zweiseitiger Kastration war eine ausgesprochene Atrophie der zirkulären -Muskelschichte aufgetreten.« - -Diesen Beweis halte ich darum für stringenter selbst als die -Transplantationsversuche (auf Grund deren J. _Halban_, Über den Einfluß -der Ovarien auf die Entwicklung des Genitales, Monatsschrift für -Geburtshilfe und Gynäkologie, XII, 1900, 496-506, besonders S. 505, -A. _Foges_, Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren, -Pflügers Archiv, XCIII, 1902, 39 ff., Emil _Knauer_, Die -Ovarientransplantation, experimentelle Studie, Archiv für Gynäkologie, -LX, 1900, besonders S. 352-359, mit so viel Recht für die innere -Sekretion sich entscheiden), weil diesen gegenüber als letzter noch -immer der Einwand möglich wäre, daß vermittelnde nervöse Bahnen in das -transplantierte Gewebe zugleich mit dessen Vaskularisierung eingezogen -seien. - -($S. 18, Z. 10 v. u. ff.$) Einen _anderen_ Begriff _von tertiären -Sexualcharakteren_ hat Havelock _Ellis_ aufgestellt, Mann und Weib, -S. 24: ».... So haben wir z. B. die verhältnismäßig größere Flachheit -des Schädels, die größere Aktivität und Ausdehnung der Schilddrüse und -die geringere Durchschnittsmenge der roten Blutkörperchen beim Weibe. -Diese Differenzen hängen wahrscheinlich indirekt mit primären und -sekundären sexuellen Charakteren zusammen. Vom zoologischen Standpunkt -aus sind sie kaum von Interesse, dagegen vom anthropologischen und -gelegentlich auch vom pathologischen und sozialen Standpunkt aus -höchst bemerkenswert. In dieselbe Gruppe mit den sekundären sexuellen -Charakteren lassen sie sich keinesfalls einreihen, und wir tun wohl am -besten, sie zu einer neuen Gruppe zusammenzufassen und als ‚tertiäre -sexuelle Charaktere’ zu bezeichnen.« Ellis bemerkt selbst, daß »sich -wegen der Tendenz dieser Merkmale, ineinander überzugehen, diese -Teilung schwer durchführen läßt«. Aber nicht nur der theoretische, auch -der praktische Wert dieser Gliederung scheint mir geringer als der Wert -der im Texte vorgeschlagenen Einteilung, nach welcher als primordiale -Geschlechtscharaktere die allgemein-biologischen, als primäre die -im engeren Sinne anatomischen, als sekundäre die im engeren Sinne -physiognomischen, als tertiäre die psychologischen und als quartäre die -sozialen Unterschiede der Geschlechter bezeichnet werden. - -($S. 19, Z. 15 ff.$) Die Annahme dünkt mich sehr wahrscheinlich, daß -_gleichzeitig_ mit _jeder äußeren_ eine _innere Sekretion_ vor sich -geht, also auch die letztere keine kontinuierliche, sondern eine -intermittierende Funktion sei. Denn der Bartwuchs z. B. ist nicht -gleichmäßig, sondern er erfolgt schubweise, stoßweise. Als Erklärung -hiefür scheint eine interrupte innere Sekretion am nächsten zu liegen. - -($S. 19, Z. 7 v. u.$) Der Ausdruck »Komplementärbedingung« nach Richard -_Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 29. - -($S. 20, Z. 10-28.$) Über das Idioplasma vgl. C. v. _Naegeli_, -Mechanisch-Physiologische Theorie der Abstammungslehre, 1884. Der -Begriff wird dort, in einer von seiner Entwicklung im Texte etwas -abweichenden Weise, eingeführt auf S. 23. Es heißt dann weiter: »Jede -wahrnehmbare Eigenschaft ist als Anlage im Idioplasma vorhanden, -es gibt daher so viele Arten von Idioplasma, als es Kombinationen -von Eigenschaften gibt. Jedes Individuum ist aus einem etwas anders -gearteten Idioplasma hervorgegangen, und in dem nämlichen Individuum -verdankt jedes Organ und jeder Organteil seine Entstehung einer -eigentümlichen Modifikation oder eher einem eigentümlichen Zustande des -Idioplasmas. Das Idioplasma, welches wenigstens in einer bestimmten -Entwicklungsperiode durch alle Teile des Organismus verteilt ist, -hat also an jedem Punkte etwas andere Eigenschaften, indem es -beispielsweise bald einen Ast, bald eine Blüte, eine Wurzel, ein -grünes Blatt, ein Blumenblatt, ein Staubgefäß, eine Fruchtanlage, -ein Haar, einen Stachel bildet.« Am wichtigsten ist für das hier in -Betracht kommende die Stelle S. 32 f.: »Jede beliebige Zelle muß -davon [vom Idioplasma] eine gewisse Menge enthalten, weil dadurch die -ererbte Tätigkeit bedingt wird.« Ferner S. 531: »Jede Ontogenie ... -beginnt mit einem winzigen Keim, in welchem eine kleine Menge von -Idioplasma enthalten ist. Dieses Idioplasma zerfällt, indem es sich -fortwährend in entsprechendem Maße vermehrt, bei den Zellteilungen, -durch welche der Organismus wächst, in ebenso viele Partien, die -den einzelnen Zellen zukommen, ....... Jede Zelle des Organismus -ist idioplasmatisch befähigt, zum Keim für ein neues Individuum zu -werden. Ob diese Befähigung sich verwirklichen könne, hängt von der -Beschaffenheit des Ernährungsplasmas ab. Das Vermögen hiezu kommt -bei niederen Pflanzen jeder einzelnen Zelle zu; bei den höheren -Pflanzen haben es manche Zellen verloren; im Tierreiche besitzen es -im allgemeinen nur die zu ungeschlechtlichen oder geschlechtlichen -Keimen normal bestimmten Zellen.« -- Hugo de _Vries_: in seinem Buche: -Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 55-60, 75 ff., 92 ff., -101 ff., und besonders S. 120. Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die -Gewebe, Grundzüge der allgemeinen Anatomie und Physiologie. (Diesem -Buche verdanke ich in biologischer Hinsicht ganz allgemein neben -_Darwins_ »Variieren« die reichste Belehrung.) Hertwig begründet -die Theorie im ersten Bande (Jena 1893), S. 277 ff.: »Wenn man das -Moospflänzchen Funaria hygrometrica zu einem feinen Brei zerhackt, -so läßt sich auf feuchter Erde aus jedem kleinsten Fragment wieder -ein ganzes Moospflänzchen züchten. Die Süßwasserhydra läßt sich -in kleine Stückchen zerschneiden, von denen sich jedes wieder zu -einer ganzen Hydra mit allen ihren Eigenschaften umbildet. Bei einem -Baum können sich an den verschiedensten Stellen durch Wucherung -vegetativer Zellen Knospen bilden, die zu einem Sproß auswachsen, -der, vom Ganzen abgetrennt und in Erde verpflanzt, sich bewurzelt und -zu einem vollständigen Baum wird. Bei Cölenteraten, manchen Würmern -und Tunikaten ist die ungeschlechtliche Vermehrung auf vegetativem -Wege eine ähnliche, da fast an jeder Stelle des Körpers eine Knospe -entstehen und zu einem neuen Individuum werden kann ....... Ein -abgeschnittener und ins Wasser gestellter Weidenzweig entwickelt -wurzelbildende Zellen an seinem unteren Ende, und so wird hier von -Zellen, die im Plane des ursprünglichen Ganzen eine sehr abweichende -Funktion zu erfüllen hatten, eine den neuen Bedingungen entsprechende -Aufgabe übernommen, ein Beweis, daß die Anlage dazu in ihnen gegeben -war. Und so können sich umgekehrt auch aus abgeschnittenen Wurzeln -Laubsprosse bilden, die dann zu ihrer Zeit selbst männliche und -weibliche Geschlechtsprodukte hervorbringen. In diesem Falle stammen -also direkt aus Zellbestandteilen einer Wurzel Geschlechtszellen ab, -die als solche wieder zur Reproduktion des Ganzen dienen ...... Die -Botaniker hängen zum größten Teile der Lehre an, die kürzlich de -Vries gegen Weismann verteidigt und in den Satz zusammengefaßt hat, -daß _alle oder doch weitaus die meisten_ Zellen des _Pflanzenkörpers -die sämtlichen erblichen Eigenschaften der Art im latenten Zustand -enthalten. Dasselbe läßt sich auf Grund von Tatsachen von niedrigen -tierischen Organismen sagen._ Für höhere Tiere kann man den Beweis -allerdings nicht führen; deswegen ist man aber nicht zu der Folgerung -gezwungen, daß die Zellen der höheren und niederen Organismen insoferne -verschieden wären, als die letzteren alle Eigenschaften der Art im -latenten Zustand, also die Gesamtheit der Erbmasse, die ersteren -dagegen nur noch Teile von ihr enthielten.« -- Als der heftigste -Gegner der Idioplasmalehre ist August _Weismann_ aufgetreten in seiner -Schrift: Die Kontinuität des Keimplasmas als Grundlage einer Theorie -der Vererbung, 1885 (Aufsätze über Vererbung und verwandte biologische -Fragen, Jena 1892, S. 215 ff.). Weismanns Hauptargument (S. 237): -»Ehe nicht erwiesen wird, daß ‚somatisches’ Idioplasma überhaupt -rückverwandelt werden kann in Keimidioplasma, haben wir kein Recht, -aus einer von ihnen [den somatischen Zellen] Keimzellen entstehen zu -lassen«, dürfte vor den genauen Untersuchungen von Friedlich _Miescher_ -(Die histochemischen und physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig -1897, Bd. II, S. 116 ff.) über die Entwicklung der Keimdrüsen der -Lachse auf Kosten ihres großen Seitenrumpfmuskels nicht mehr haltbar -sein. Vgl. übrigens die vernichtende Kritik, welche an den überaus -künstlichen Theorien Weismanns von _Kassowitz_, Allgemeine Biologie, -Bd. II, Wien 1900, geübt worden ist, auf die Weismann, wohl ihres -überscharfen Tones halber, nicht geantwortet hat. - -Für die Idioplasmalehre zeugen vollends Untersuchungen wie die von -Paul _Jensen_, Über individuelle physiologische Unterschiede zwischen -Zellen der gleichen Art (Pflügers Archiv, LXII, 1896, 172-200). Es -heißt da z. B. (S. 191): »Wenn ein Foraminifer durch abgetrennte eigene -Pseudopodien niemals, dagegen stets durch abgeschnittene Pseudopodien -eines anderen Individuums kontrektatorisch erregt wird, so muß das -Protoplasma des ersteren sich von dem der letzteren in bestimmter -Weise unterscheiden, oder allgemein ausgedrückt: das Protoplasma -verschiedener Individuen muß physiologisch verschieden sein. Welcher -Art aber ist diese Verschiedenheit und welcher Art der Reiz, der -ihr entspringt? Wir werden nicht umhin können, Unterschiede in der -chemischen Zusammensetzung der Protoplasmen verschiedener Individuen -anzunehmen.« -- Über die Regenerationsfähigkeit (auch niederer _Tiere_) -vgl. Hermann _Vöchting_, Über die Regeneration der Marchantieen, -Jahrbücher für wissenschaftliche Botanik, 1885, Bd. XVI, S. 367 bis -414. Über Organbildung im Pflanzenreich, Physiologische Untersuchungen -über Wachstumsursachen und Lebenseinheiten, Teil I, Bonn 1878, -S. 236-240, besonders S. 251-253. -- Jacques _Loeb_, Untersuchungen zur -physiologischen Morphologie der Tiere, II. Organbildung und Wachstum, -Würzburg 1892, S. 34 ff. (über Regeneration bei Ciona intestinalis). - -($S. 21, Z. 6 ff.$) Wenn jede Zelle, also auch jede Nervenzelle, -männlich oder weiblich (in bestimmtem Grade) ist, so entfällt auch -der letzte Anlaß zur Annahme eines »psychosexuellen Zentrums« für -den Geschlechtstrieb im Gehirn, wie es besonders _Krafft-Ebing_ -(Psychopathia sexualis, 11. Aufl., S. 248, Anm. 1) und seine Schüler, -ferner (nach ihm) _Taruffi_, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit, -übersetzt von R. Teuscher, Berlin 1903, S. 190, ungeachtet der in der -Anmerkung zu S. 18, Z. 15 v. u. citierten Experimente von _Goltz_, -postuliert haben. - -($S. 21, Z. 2 v. u.$) Wilhelm _Caspari_, Einiges über Hermaphroditen -bei Schmetterlingen, Jahrbücher des nassauischen Vereines für -Naturkunde, 48. Jahrgang, S. 171-173 (Referat von P. _Marchal_, Année -biologique, I. 288), berichtet, wie zuweilen die eine seitliche Hälfte -eines Schmetterlings vollständig männlich und die andere vollständig -weiblich ist. Bei Saturnia pavonia, einem Pfauenauge, ist der -Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Färbung sehr groß und -daher, bei Hermaphroditen in dieser Art der Kontrast zwischen rechter -und linker Körperhälfte höchst auffallend. -- Richard _Hertwig_, -Lehrbuch der Zoologie^5, 1900, S. 99 über diesen »Hermaphroditismus -lateralis« und jene hermaphroditischen Formen bei Schmetterlingen wie -Ocneria dispar (einem Spinner), dessen männliche Hälfte die besondere -Gestalt der männlichen Fühler, Augen und Flügel trägt, und sich durch -sie wesentlich von der weiblichen Hälfte unterscheidet. - -($S. 22, Z. 4 v. u. ff.$) _Aristoteles_ sagt (Histor. Anim. 5, 14, -545, ~a~ 21:) εἰς τὸ θήλυ γαρ μεταβάλλει τα ἐκτεμνόμενα. (9, 50, -632, ~a~ 4) μεταβάλλει δὲ καὶ ἡ φωνὴ ἐπὶ τῶν ἐκτεμνομένων ἁπαντων -εἰς τὸ θήλυ. Die falschen Angaben über regelmäßige Verweiblichung -des entmannten Tieres rühren in der neuesten Zeit hauptsächlich -von William _Yarrell_ her (On the influence of the sexual organ in -modifying external character, Journal of the Proceedings of the -Linnean Society, Zool. Vol. I, 1857, p. 81), und sind ihm (mit oder -ohne Berufung auf ihn) oft nachgesprochen worden, z. B. von _Darwin_, -Das Variieren etc., II^2, 59: »Der Kapaun fängt an, sich auf Eier zu -setzen und brütet Hühnchen aus;« von _Weismann_, Keimplasma, S. 469 f.: -»Bei ausgebildeten Individuen des einen Geschlechtes können unter -besonderen Umständen die sekundären Sexualcharaktere des anderen -Geschlechtes zur nachträglichen Ausbildung gelangen. Dahin gehören -vor allem die _Folgen der Kastration_ bei beiden Geschlechtern.« -Ebenso von _Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin -1899, S. 170, Anm. 1. _Gegen_ diese Theorien hat sich namentlich -_Rieger_ gewendet (Die Kastration, S. 33 f.), ferner Hugo _Sellheim_ -(Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren, Beiträge zur -Geburtshilfe und Gynäkologie, herausgegeben von A. Hegar, Bd. I, 1898, -S. 229-255): »In keiner Weise konnten wir [bei den Kapaunen] einen -Umschlag, eine Entwicklung von Mutterliebe konstatieren, die sich in -einer Fürsorge für die beigegebenen Küchlein ausgesprochen hätte« -(S. 234). »Von einer aktiven Annäherung an das weibliche Tier, wie sie -von mancher Seite bei den durch die Entfernung der Hoden bedingten -Veränderungen angenommen wird, ist bei dem Kastratenkehlkopf nichts zu -merken« (S. 241). Schließlich hat Arthur _Foges_ (Zur Lehre von den -sekundären Geschlechtscharakteren, Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902, -S. 39-58) Sellheims Befunde bestätigt und die ältere Ansicht nochmals -zurückgewiesen (S. 53). Die letzten Autoren gehen aber wohl zu weit, -indem sie die Verweiblichung für ausgeschlossen zu halten scheinen; sie -ist zwar keine notwendige Folge der Kastration, da sie jedoch gänzlich -_ohne_ dieselbe eintreten kann (vgl. S. 24, Z. 1-8 und die Anmerkung -zu dieser Stelle), so wird durch Kastration ihre Möglichkeit in vielen -Fällen wohl noch erleichtert werden. - -($S. 23, Z. 16 f.$) Über die Annahme männlicher Charaktere durch die -Frauen, respektive Weibchen, nach dem Aufhören der Geschlechtsreife, -respektive der Menopause, vgl. vor allem die ausführliche Abhandlung -von Alexander Brandt, Anatomisches und Allgemeines über die sogenannte -Hahnenfedrigkeit und über anderweitige Geschlechtsanomalien bei -Vögeln, Zeitschr. f. wiss. Zool., 48, 1889, S. 101-190. -- Die erste -Angabe über Hahnenfedrigkeit bei _Aristoteles_, Histor. Animal. 9, -49, 631 b, 7 ff. -- Im XIX. Jahrhundert handeln von ihr vornehmlich -William _Yarrell_, On the change in the plumage of some Hen-Pheasants, -Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 10. Mai -1827 (Part. II, p. 268-275); _Darwin_, Das Variieren II^2, S. 58; -Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898, S. 162. --- Hieher gehört vielleicht der interessante Fall von Hypertrichosis, -den _Chrobak_ und _Rosthorn_, Die Erkrankungen der weiblichen -Geschlechtsorgane, Teil I, S. 388, nach Virchow erzählen, »in welchem -es sich um eine junge Frau handelte, die während der Menstruation an -akutem Magen- und Darmkatarrh erkrankte, später amenorrhoisch wurde, -und bei welcher sich während der Dauer des Ausbleibens der Regel der -ganze Körper mit schwarzen wachsenden Haaren bedeckte.« - -($S. 23, Z. 22 f.$) Ricken: nach _Brehms_ Tierleben, 3. Aufl. von -Pechuel-Loesche, Säugetiere, Bd. III, 1891, S. 495: »Auch sehr alte -Ricken erhalten bisweilen einen kurzen Stirnzapfen und setzen schwache -Gehörne auf ... Von einem derartigen Geweih teilt mir _Block_ mit, -daß es aus zwei gegen 5 ~cm~ langen Stangen bestand und selbst einen -alten Weidmann täuschen konnte, welcher die Ricke als Bock ansprach und -erlegte.« - -($S. 23, Z. 13 v. u. ff.$) Vgl. Paul _Mayer_, Carcinologische -Mitteilungen, Mitteilungen a. d. zool. Station zu Neapel, I, 1879, -VI: Über den Hermaphroditismus bei einigen Isopoden, S. 165 bis 179. -Von Vertretern der Gattungen Cymothoa, Anilocra und Nerocila ist -durch Mayer sichergestellt, daß dieselben Individuen in ihrer Jugend -als Männchen fungieren, bei denen nach einer späteren Häutung die -ursprünglich zwar vorhandenen, aber nicht funktionsfähigen Eierstöcke -die männlichen Keimdrüsen zurückdrängen, so daß die Tiere nun die Rolle -von Weibchen ausfüllen. -- Der Ausdruck »Protandrie« (nach dem Muster -der Botanik vgl. _Nolls_ Physiologie in Strasburgers Lehrbuch der -Botanik, 3. Aufl., 1898, S. 250) wird auch von Mayer, S. 177, für diese -Erscheinung gebraucht. Vgl. Cesare _Lombroso_ und Guglielmo _Ferrero_, -Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, übersetzt von Hans -Kurella, Hamburg, 1894, S. 3. Übrigens hat L. _Cuénot_ bei gewissen -Seesternen ganz die gleiche Erscheinung nachweisen können: Notes sur -les Echinodermes, III: »L'hermaphrodisme _protandrique_ d'Asterina -gibbosa Penn. et ses variations suivant les localités« (Zoologischer -Anzeiger, XXI/_{1}, 1898, S. 273-279). Er kommt zu dem Ergebnis -(S. 275): »L'hermaphrodisme protandrique est donc ici indiscutable: -les Asterina sont fonctionnellement mâles ... puis, elles deviennent -exclusivement femelles pour le reste de leur existence.« - -($S. 24, Z. 1 ff.$) Über Fälle von sexueller Umwandlung wird auch -sonst sporadisch berichtet. Z. B. von L. _Janson_, Über scheinbare -Geschlechtsmetamorphose bei Hühnern, Mitteilungen d. deutsch. -Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Heft 60, S. 478 -bis 480. -- _Kob_, De mutatione sexus, Berlin 1823. -- Anekdotenhafte -Fälle sind bei _Taruffi_, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit, -Berlin 1903, S. 296, 307 f., 364 f., aus einer Literatur von sehr -ungleicher Zuverlässigkeit gesammelt. -- »Man hat eine zehn Jahre -alte Ente gekannt, welche sowohl das vollständige Winter- als -Sommergefieder des Enterichs annahm.« _Darwin_, Das Variieren etc., -II^2, S. 58. Vgl. _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis, -I, S. 444. -- R. v. _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis mit -besonderer Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, eine -klinisch-forensische Studie, 8. Aufl., Stuttgart 1893, erwähnt -S. 198 f. verschiedene höchst merkwürdige Fälle von Männern, die im -Laufe ihres Lebens eine vollständige Umwandlung zum Weibe erfahren -haben; besonders kommt in Betracht jene Autobiographie eines Arztes -(S. 203 ff.) als Beispiel einer Umwandlung, die, wie Krafft-Ebing -S. 215 selbst zugeben muß, durchaus ohne paranoischen Wahn ist, obwohl -er auch jenen Fall S. 203 unter der Überschrift »Metamorphosis sexualis -paranoica« einführt. - -($S. 24, Z. 11 v. u.$) Die hier erwähnten Versuche sind die von Emil -_Knauer_ (Die Ovarientransplantation, Experimentelle Studie, Archiv -für Gynäkologie, Bd. LX, 1900, S. 322-376) ausgeführten. Nur in zwei -von dreizehn Fällen mißlang die Transplantation nicht (ibid., S. 371). -»Mit Rücksicht auf diese beiden letzten, positiven Erfolge glaube ich -behaupten zu können, _daß die Überpflanzung der Eierstöcke von einem -auf ein zweites Tier ebenfalls möglich sei_.« (S. 372.) _Foges_, der -unter Kenntnis von Knauers Erfolgen denselben Versuch wiederholte, -ist die Vertauschung nie gelungen (Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902, -S. 93.), ebensowenig wie Knauers von ihm selbst, S. 373 f., citierten -Vorgängern. Als Grund ist wohl (neben Wechseln in der Vollkommenheit -der technischen Ausführung) der im Text vermutete zu betrachten. -- -Über den guten Erfolg der Transplantation innerhalb des Tieres vgl. -Knauer S. 339 ff. - -($S. 25, Z. 8 ff.$) Über die heute ihrer Gefahren wegen freilich fast -außer Gebrauch gekommene Bluttransfusion, vgl. L. _Landois_, Artikel -»Transfusion« in Eulenburgs Realenzyklopädie der Heilkunde, 2. Aufl., -Bd. XX, 1890, welche für, und Ernst v. _Bergmann_, Die Schicksale der -Transfusion im letzten Dezennium, Berlin 1883, sowie A. _Landerer_, -Über Transfusion und Infusion, Virchows Archiv für pathologische -Anatomie und Physiologie und klinische Medizin, Bd. CV, 1886, -S. 351-372, die beide gegen die Transfusion sich einsetzen. - -($S. 25, Z. 10 v. u. ff.$) Über die »Organsafttherapie« unterrichtet -am ausführlichsten der, ihrem Prinzipe freilich äußerst gewogene, -gleichlautende Artikel von Georg _Buschan_ in Eulenburgs -Realenzyklopädie, 3. Aufl., Bd. XVIII (1898), S. 22-82. - -($S. 26, Z. 6 v. u.$) Nach _Foges_, Zur Lehre von den sekundären -Geschlechtscharakteren, Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902 (S. 57), wäre -freilich die _Quantität_ der ins Blut sezernierten Keimdrüsenstoffe von -der größten Bedeutung; denn daß die vollständige Erhaltung des normalen -Sexualcharakters durch Hodentransplantation bei seinen Versuchstieren -nicht gelang, führt er darauf zurück, daß eine im Verhältnis zur Größe -des normalen Hodens nur ganz kleine Menge Hodengewebes zur Anheilung -kam. - -($S. 25, Z. 4 v. u. ff.$) Nach _Buschan_ (a. a. O., S. 32) tun eine -Reihe von Versuchen, die von _Ferré_ und _Bechasi_ (Note préliminaire -sur l'étude de l'action du suc ovarien sur le cobaye, Gazette -hebdomadaire, XLIV, 1897, Nr. 50) in dem physiologischen Laboratorium -der Universität Rom angestellt worden sind, deutlich dar, »daß die -Wirkung dieser [der Organ-]Präparate auf das männliche Geschlecht eine -ganz andere als auf das weibliche ist. Spritzten diese Beobachter von -einem Ovarialextrakt ... 5 ~cm~^3 einem _weiblichen_ Meerschweinchen -ein, dann trat weder eine lokale noch eine allgemeine Reaktion auf, -nur das Körpergewicht erfuhr eine Zunahme; wurde die gleiche Menge -einem _männlichen_ Tiere injiziert, dann stellten sich ebenfalls -keine lokalen noch Allgemeinerscheinungen, wohl aber Abmagerung ein. -Bei Injektion von 10 ~cm~^3 war beim _weiblichen_ Tier die lokale -Reaktion nur ganz gering, Allgemeinreaktion war nicht vorhanden und -die Gewichtszunahme eine bedeutende; beim _männlichen_ Tier dagegen -die lokale Reizung schon ganz beträchtlich, ferner stellte sich eine -vorübergehende Temperatursteigerung ein, und die Gewichtsabnahme war -noch stärker ausgeprägt. Wenn endlich 15 ~cm~^3 injiziert wurden, -dann blieb die lokale Reaktion beim _Weibchen_ eine nur schwache, -beim Männchen hingegen nahm sie eine noch bedeutendere Höhe an; bei -ersterem trat gleichfalls eine Temperatursteigerung um einige Dezigrade -während des Injektionstages, bei letzterem hingegen eine sehr deutliche -Hypothermie mit nervösem Zittern und intensiver Depression ein; -_außerdem erfuhr das männliche Meerschweinchen eine sehr beträchtliche -Abnahme seines Gewichtes und starb schließlich innerhalb vier bis sechs -Tagen_.« - -($S. 27, Z. 6 ff.$) Es dürfte dies für verschiedene Organismen -verschieden sein. Z. B. bemerken gegenüber anderslautenden Aussagen von -_Born_ und _Pflüger_ die _Hertwigs_ auf S. 43 ihrer »Experimentellen -Untersuchungen über die Bedingungen der Bastardbefruchtung« -(_Oscar_ und _Richard Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie und -Physiologie der Zelle, 4. Heft, Jena 1885): »Selbst bei den stärksten -Vergrößerungen ist es uns nicht möglich gewesen, zwischen den reifen -Samenfäden eines Sphaerechinus oder Strongylocentrotus oder einer -Arbacia Unterschiede in Form und Größe zu entdecken.« Dagegen setzt -L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation zwischen den beiden -Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik der Organismen, Bd. -XI, 1901, S. 222-224, die Existenz individueller Unterschiede auch -zwischen den Spermatozoiden und Eizellen derselben Tiere voraus. -- -Daß übrigens die Dimensionen der Eier sicherlich schwanken, ist aus -den Maßzahlen zu ersehen, die Karl _Schulin_, Zur Morphologie des -Ovariums, Archiv für mikroskopische Anatomie, Bd. XIX, 1881, S. 472 f. -und W. _Nagel_, Das menschliche Ei, ibid., Bd. XXXI, 1888, S. 397, 399 -angeben. - -($S. 27, Z. 12 ff.$) Über die Geschwindigkeit der Spermatozoiden vgl. -_Chrobak-Rosthorn_ I/2, S. 441. - -($S. 27, Z. 16 ff.$) _Purser_, The British Medical Journal, 1885, -p. 1159 (vgl. _Moll_, Untersuchungen, I, S. 252) und besonders Franz -_Friedmann_, Rudimentäre Eier im Hoden von Rana viridis, Archiv -für mikroskopische Anatomie und Entwicklungsgeschichte, Bd. LII, -1898, S. 248-261 (mit vielen Literaturangaben, S. 261). Friedmanns -Fall ist dadurch besonders interessant, daß sich in _beiden_ Hoden -(im einen fünf, im anderen zehn) wohl entwickelte _Eier_ mit einem -Durchmesser von 225-500 μ fanden, die sämtlich _innerhalb der -Samen_kanälchen selbst, und nicht erst zwischen den Hodenschläuchen -lagen. Auch _Pflüger_, Über die das Geschlecht bestimmenden Ursachen -und die Geschlechtsverhältnisse der Frösche, Archiv für die gesamte -Physiologie, Bd. XXIX, 1882, S. 13-40, berichtet über die großen -Graafschen Follikel, die er gegen seine Erwartung in den Hoden brauner -Grasfrösche gefunden habe (S. 33). Seine Abhandlung spricht geradezu -von Übergangsformen von Hode zu Eierstock. -- Weitere Literaturangaben -bei Frank J. _Cole_, A Case of Hermaphroditism in Rana temporaria, -Anatomischer Anzeiger, 21. September 1895, S. 104-112. G. _Loisel_, -Grenouille femelle présentant les caractères sexuels secondaires du -mâle, Comptes rendus hebdomadaires des Séances et Mémoires de la -Société de Biologie, LIII, 1901, p. 204-206. _La Valette St. George_, -Zwitterbildung beim kleinen Wassermolch, Archiv für mikroskopische -Anatomie, Bd. XLV (1895), S. 1-14. - -($S. 28, Z. 12 v. u.$) Einen freilich nicht weit geführten Anfang zu -einer Theorie der sexuellen Zwischenformen hat der bekannte Gynäkologe -A. _Hegar_ schon im Jahre 1877 gemacht (Über die Exstirpation -normaler und nicht zu umfänglicher Tumoren degenerierter Eierstöcke, -Zentralblatt für Gynäkologie, 10. November 1877, S. 297-307, S. 305 -heißt es): »Der Satz ‚propter solum ovarium mulier est quod est’ ist -entschieden zu scharf gefaßt, wenn man denselben in dem Sinne auffaßt, -daß von dem Eierstock ausschließlich der Anstoß zur Herstellung des -eigentümlichen weiblichen Körpertypus und der speziellen weiblichen -Geschlechtscharaktere gegeben werde. Schon _Geoffroy St. Hilaire_ -lehrte die Unabhängigkeit in der Entwicklung der einzelnen Abschnitte -des Geschlechtsapparates, und _Klebs_ hat in neuerer Zeit diese Lehre -durch die Verhältnisse beim Hermaphroditismus motiviert. Jedenfalls ist -es jedoch notwendig, auch selbst wenn man den Eierstock als wichtigstes -Movens annimmt, noch weiter zurückzugehen und nach einem Moment zu -suchen, welches bedingt, daß in dem einen Fall eine männliche, in -dem anderen eine weibliche Keimdrüse zustande kommt. [Hier wurde als -solches das Arrheno-, respektive Thelyplasma des ganzen Organismus -angesehen]..... Wir können hier für unsere Betrachtungen kurzweg -von _einem_ geschlechtsbedingenden Moment sprechen. Nehmen wir nun -an, daß ursprünglich in jedem Individuum zwei geschlechtsbedingende -Momente vorhanden sind, von denen das eine zum Manne, das andere zum -Weibe führt, und nehmen wir ferner an, daß diese Momente nicht bloß -die spezifische Keimdrüse, sondern gleichzeitig auch die anderen -Geschlechtscharaktere herzustellen suchen, so erscheint uns eine -genügende Erklärung für alle .... Tatsachen vorhanden zu sein. Die eine -Bewegungsrichtung überwiegt für gewöhnlich so, daß nur ein spezifischer -Typus geschaffen, während der andere verdrängt wird. Es kann dieses -Übergewicht so bedeutend sein, daß, selbst bei Defekt oder rudimentärer -Ausbildung der ihm zukommenden spezifischen Keimdrüse, doch die -übrigen entsprechenden Geschlechtscharaktere hergestellt werden. -[Disharmonie in der sexuellen Charakteristik der verschiedenen Teile -_eines_ Organismus.] In welcher Art jene Verdrängung stattfindet, ist -freilich nicht leicht zu sagen. Wahrscheinlich spielen hier teilweise -sehr einfache mechanische Vorgänge mit. [??] Das Bildungsmaterial wird -aufgebraucht oder es bleibt einfach kein Platz, kein Raum mehr für die -Entwicklung des andersartigen Organes. Einen analogen Vorgang finden -wir ja bei Vögeln, bei denen der linke Eierstock durch sein kräftigeres -Wachstum den rechten zur Atrophie bringt, gleichsam totdrückt ....... -Bei der zufälligen Schwäche der Bewegungsrichtung können leicht -zufällige, selbst leichte Widerstände bedeutend einwirken. Es wird -dann das andere geschlechtsbedingende Moment zur Geltung kommen, -und wir sehen so ein Individuum entstehen, welches einen anderen -Geschlechtstypus hat als denjenigen, welcher ihm seiner Keimdrüse -nach zukommt. Meist sind freilich Gemische männlicher und weiblicher -Eigenschaften in den mannigfachsten Kombinationen vorhanden bis zu -jenen feinen Nuancen herab, bei denen wir von einem weibischen Manne -und einem Mannweibe sprechen.« - -($S. 30, Z. 2 f.$) _Maupas_, Sur le déterminisme de la sexualité -chez l'Hydatina senta, Comptes Rendus hebdomadaires des Séances de -l'Académie des Sciences, 14. September 1891, p. 388 f.: »Au début de -l'ovogénèse, l'œuf est encore neutre et, en agissant convenablement, on -peut à ce moment lui faire prendre à volonté l'un ou l'autre caractère -sexuel. L'agent modificateur est la température. L'abaisse-t-on, les -jeunes œufs qui vont se former revêtent l'état de pondeuses d'œufs -femelles; l'élève-t-on, au contraire, c'est l'état de pondeuses d'œufs -mâles qui se développe.« - -($S. 30, Z. 8 f.$) Vgl. M. _Nußbaum_, Die Entstehung des Geschlechts -bei Hydatina senta, Archiv für mikroskopische Anatomie und -Entwicklungsgeschichte, Bd. XLIX (1897), 227-308, der S. 235 sagt: -»Schon aus den von _Plate_ angegebenen Maßen für männliche und -weibliche Sommereier der Hydatina senta ergibt sich mit Notwendigkeit, -daß man das Geschlecht nicht in allen Fällen aus der Größe der Eier -vorhersagen kann. Man nehme an, daß sich aus den größten Eiern stets -Weibchen und aus den kleinsten Männchen entwickeln. Zwischen diesen -weit abstehenden Grenzen gibt es aber stufenweise Übergänge, von denen -man nicht sagen kann, was aus ihnen werden wird ..... Ein und dasselbe -Weibchen legt Eier der verschiedensten Größe.« - -($S. 30, Z. 9 f.$) Die Ausdrücke »arrhenoid« und »thelyid« nach der -citierten Abhandlung _Brandts_ (Zeitschrift für wissenschaftliche -Zoologie, Bd. XLVIII, S. 102). - - - - -Zu Teil I, Kapitel 3. - - -($S. 31, Z. 3 ff.$) _Carmen_, Opéra-Comique tiré de la nouvelle de -Prosper Mérimée par Henry _Meilhac_ & Ludovic _Halévy_, Paris, Acte I, -Scène V, p. 13. - -($S. 32, Z. 1.$) Der Philosoph ist _Arthur Schopenhauer_ in -seiner »Metaphysik der Geschlechtsliebe«. (Die Welt als Wille und -Vorstellung, ed. Frauenstädt, Bd. II, Kapitel 44, S. 623 f.): »Alle -Geschlechtlichkeit ist Einseitigkeit. Diese Einseitigkeit ist in einem -Individuo entschiedener ausgesprochen und in höherem Grade vorhanden -als im anderen: daher kann sie in jedem Individuo besser durch Eines -als das Andere vom anderen Geschlecht ergänzt und neutralisiert werden, -indem es einer der seinigen individuell entgegengesetzten Einseitigkeit -bedarf, zur Ergänzung des Typus der Menschheit im neu zu erzeugenden -Individuo, als auf dessen Beschaffenheit immer alles hinausläuft. -Die Physiologen wissen, daß Mannheit und Weiblichkeit unzählige -Grade zulassen, durch welche jene bis zum widerlichen Gynander und -Hypospadiaeus sinkt, diese bis zur anmutigen Androgyne steigt: von -beiden Seiten aus kann der vollkommene Hermaphroditismus erreicht -werden, auf welchem Individuen stehen, welche, die gerade Mitte -zwischen beiden Geschlechtern haltend, keinem beizuzählen, folglich zur -Fortpflanzung untauglich sind. Zur in Rede stehenden Neutralisation -zweier Individualitäten durch einander ist demzufolge erfordert, daß -der bestimmte Grad _seiner_ Mannheit dem bestimmten Grade _ihrer_ -Weiblichkeit genau entspreche; damit beide Einseitigkeiten einander -gerade aufheben. Demnach wird der männlichste Mann das weiblichste Weib -suchen und vice versa, und ebenso jedes Individuum das ihm im Grade -der Geschlechtlichkeit entsprechende. Inwiefern nun hierin zwischen -zweien das erforderliche Verhältnis statt habe, wird instinktmäßig von -ihnen gefühlt, und liegt, nebst den anderen _relativen_ Rücksichten, -den höheren Graden der Verliebtheit zum Grunde.« Dieser Passus zeigt -eine weit vollere Einsicht als die einzige noch zu erwähnende Stelle, -wo ich ähnliches entdecken konnte; diese findet sich bei Albert _Moll_, -Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897, Bd. I, S. 193. Da -heißt es: »Wir können überhaupt sagen, daß wir zwischen dem typischen -weiblichen Geschlechtstrieb, der auf vollständig erwachsene männliche -Personen gerichtet ist, und dem typischen männlichen Geschlechtstrieb, -der auf vollständig entwickelte weibliche Personen gerichtet ist, alle -möglichen Übergänge finden.« - -Beide Stellen waren mir unbekannt, als ich (Anfang 1901) dieses Gesetz -als erster gefunden zu haben glaubte, so eng sich meine Darstellung -speziell mit der Schopenhauers _sachlich_, ja manchmal _wörtlich_ -berührt. - -($S. 32, Z. 5 ff.$) Der Ausspruch Blaise _Pascals_ (Pensées I, 10, 24): -»Il y a un modèle d'agrément et de beauté, qui consiste en un certain -rapport entre notre nature faible ou forte, telle qu'elle est, et la -chose qui nous plaît. Tout ce qui est formé sur ce modèle nous agrée: -maison, chanson, discours, vers, prose, femme, oiseaux, rivières, -arbres, chambres, habits,« mag hier Platz finden, obwohl seine weite -Berechtigung erst allmählich im Laufe des Folgenden (vgl. Teil I, -Kap. 5 und Teil II, Kap. 1) ganz klar werden kann. - -($S. 32, Z. 14 v. u.$) Charles _Darwin_, Die Abstammung des Menschen -und die Zuchtwahl in geschlechtlicher Beziehung, übersetzt von David -Haek (Universalbibliothek), Bd. II, Kap. 14, S. 120-132, Kap. 17, -S. 285-290; die Fälle sprechen keineswegs allein von einer »Wahl« -seitens des Weibchens, sondern ebensosehr von Bevorzugung und -Verschmähung der Weibchen durch die Männchen. Vgl. auch: Das Variieren -der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, übersetzt von -J. V. Carus, Kap. 18 (Stuttgart 1873, II^2, 186): »Es ist durchaus -nicht selten, gewisse männliche und weibliche Tiere zu finden, welche -sich nicht zusammen fortpflanzen, trotzdem man von beiden weiß, daß -sie mit anderen Männchen und Weibchen vollkommen fruchtbar sind ..... -Die Ursache liegt, wie es scheint, in einer eingeborenen sexuellen -Unverträglichkeit des Paares, welches gepaart werden soll. Mehrere -Beispiele dieser Art sind mir mitgeteilt worden ..... In diesen Fällen -pflanzten sich Weibchen, welche sich entweder früher oder später als -fruchtbar erwiesen, mit gewissen Männchen nicht fort, mit denen man -ganz besonders wünschte sie zu paaren« u. s. w. - -($S. 32, Z. 8-10 v. u.$) »Fast ausnahmslos ....« »_Beinahe_ immer ....« -wegen _Oscar_ und _Richard Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie -und Physiologie der Zelle, Heft 4: Experimentelle Untersuchungen über -die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 33: »_In der -Kreuzbefruchtung zweier Arten besteht sehr häufig keine Reziprozität._ -Alle möglichen Abstufungen finden sich hier. Während Eier von Echinus -microtuberculatus sich durch Samen von Strongylocentrotus lividus fast -ohne Ausnahme befruchten lassen, wird bei Kreuzung in entgegengesetzter -Richtung nur in wenigen Fällen eine Entwicklung hervorgerufen. Die -Befruchtung von Strongylocentrotus lividus durch Samen von Arbacia -pustulosa bleibt erfolglos, dagegen entwickeln sich von Arbacia -pustulosa immerhin einige Eier, wenn ihnen Samen von Strongylocentrotus -lividus hinzugefügt wird. Und so ähnlich noch in anderen Fällen. Es -ist zur Zeit gar nicht möglich, gesetzmäßige Beziehungen zwischen -Bastardierungen in entgegengesetzter Richtung nachzuweisen.« - -($S. 34, Z. 2 v. u.$) Den Ausdruck »geschlechtliche _Affinität_«, in -Analogie mit der chemischen Verwandtschaft, haben O. und R. _Hertwig_ -zuerst eingeführt (Experimentelle Untersuchungen über die Bedingungen -der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 44), und der erstere in seinem -Buche »Die Zelle und die Gewebe«, Bd. I, S. 240 f., enger, als dies -hier geschehen ist, auf die Wechselwirkungen zwischen Einzelzellen -beschränkt. - -($S. 35, Z. 12 v. u.$) Mit den von _Darwin_ (A Monograph on the -Sub-Class Cirripedia: The Lepadidae or Pedunculated Cirripedes, London -1851, p. 55, S. 182, 213 ff., 281 f., 291 ff.; The Balanidae or sessile -Cirripedes, The Verrucidae etc., London 1854, p. 29) bei Rankenfüßern -entdeckten »_komplementären Männchen_«, welche mit Hermaphroditen -sich paaren, hat die hier vorgetragene Anschauung von einer sexuellen -Ergänzung trotz dem Ausdruck »Komplement« nichts zu schaffen. - -($S. 36, Z. 10 v. u.$) Wilhelm _Ostwald_, Die Überwindung -des wissenschaftlichen Materialismus (Vortrag auf der -Naturforscherversammlung zu Lübeck), Leipzig 1895, S. 11 und 27. -- -Richard _Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung, Leipzig 1888-1890, an -vielen Orten, z. B. Bd. II, S. 299. - -($S. 38, Z. 10 v. u.$) P. _Volkmann_, Einführung in das Studium der -theoretischen Physik, insbesondere in das der analytischen Mechanik mit -einer Einleitung in die Theorie der physikalischen Erkenntnis, Leipzig -1900, S. 4: »Die Physik ist .... ein Begriffssystem mit rückwirkender -Verfestigung.« - -($S. 38, Z. 4 v. u.$) »_Persoon_ gab in Usteris Annalen 1794, -11. Stück, S. 10, die erste Beschreibung der langgriffeligen und -kurzgriffeligen Formen von Primula« sagt Hugo v. _Mohl_, Einige -Beobachtungen über dimorphe Blüten, Botanische Zeitung, 23. Oktober -1863, S. 326. - -($S. 38, Z. 3 v. u.$) Charles _Darwin_, The different forms of flowers -on plants of the same species, London 1877, 2. ed., 1884, p. 1-277. -(Deutsch: Die verschiedenen Blütenformen bei Pflanzen der nämlichen -Art, Werke übersetzt von J. V. Carus, IX/3, Stuttgart 1877, S. 1-240.) -In seinen ersten, den Gegenstand betreffenden Publikationen aus dem -Jahre 1862 und den folgenden hatte Darwin bloß der mehrdeutigen -Ausdrücke Dimorphismus und Trimorphismus sich bedient. Hiefür hat -den Namen Heterostylie Friedrich _Hildebrand_ zuerst vorgeschlagen -in seiner Abhandlung »Über den Trimorphismus in der Gattung Oxalis« -(S. 369) in den »Monatsberichten der kgl. preußischen Akademie der -Wissenschaften zu Berlin«, 1866, S. 352-374. Vgl. auch dessen größere -Werke: Die Geschlechtsverteilung bei den Pflanzen und das Gesetz der -vermiedenen und unvorteilhaften Selbstbefruchtung, Leipzig 1867, und -Die Lebensverhältnisse der Oxalisarten, Jena 1884, S. 127 f. - -($S. 38, Z. 2 v. u.$) Über die Heterostylie vgl. außer _Darwins_ -schönem Buch, dem Hauptwerk über den Gegenstand und der reichen, -darin auf Schritt und Tritt citierten Literatur: Oskar _Kirchner_ -und H. _Potonié_, Die Geheimnisse der Blumen, eine populäre -Jubiläumsschrift zum Andenken an Christian Konrad Sprengel, Berlin -1893, S. 21 f.; Julius _Sachs_, Vorlesungen über Pflanzenphysiologie, -2. Aufl., Leipzig 1887, S. 850; _Noll_ in _Strasburgers_ Lehrbuch der -Botanik für Hochschulen, 3. Auflage, Jena 1898, S. 250 f.; Julius -_Wiesner_, Elemente der wissenschaftlichen Botanik, Bd. III: Biologie -der Pflanzen, Wien 1902, S. 152-154. Anton _Kerner v. Marilaun_, Das -Pflanzenleben, Bd. II, Wien 1891, S. 300 ff., 389 ff.; _Darwin_ selbst -noch in der »Entstehung der Arten«, Kap. 9 (S. 399 f., übersetzt von -Haek), und »Das Variieren etc.«, Kap. 19 (II^2, S. 207 ff.). - -($S. 39, Z. 1.$) Die einzigen Monokotyledonen, die heterostyle -Blüten besitzen, sind die von Fritz _Müller_ (Jenaische Zeitschrift -für Naturwissenschaft VI, 1871, S. 74 f.) in Brasilien entdeckten -Pontederien. - -($S. 39, Z. 11.$) Auch Darwin nähert sich ein- oder zweimal dieser -Auffassung, um sie sofort wieder aus den Augen zu verlieren, weil bei -ihm stets der Gedanke an eine fortschreitende Tendenz der Pflanzen, -diözisch zu werden, an die Stelle des allgemeingültigen Prinzipes der -sexuellen Zwischenformen sich schiebt (vgl. p. 257 der englischen -Ausgabe). Doch sagt er an einer Stelle (p. 296) über Rhamnus -lanceolatus: »The short-styled form is said by Asa Gray to be the more -fruitful of the two, as might have been expected from its appearing to -produce less pollen, and from the grains being of smaller size; _it is -therefore the more highly feminine of the two_. The long styled form -produces a greater number of flowers .... they yield some fruit, but as -just stated are less fruitful than the other form, _so that this form -appears to be the more masculine of the two_.« - -($S. 39, Z. 21 f.$) Es heißt im englischen Texte auf S. 137 (in der -deutschen Übersetzung S. 118^1) von Lythrum salicaria wörtlich: »If -smaller differences are considered, there are five distinct sets of -males.« - -($S. 40, Z. 2.$) William _Bateson_, Materials for the study of -variation treated with especial regard to discontinuity in the origin -of species, London 1894, p. 38 f. Er sagt von Xylotrupes geradezu: -»The form is dimorphic, and has two male normals.« Die Stelle ist zu -ausgedehnt, als daß ich sie ganz hiehersetzen könnte. - -($S. 41, Z. 17.$) _Darwin_, p. 148: »It must not however be supposed -that the bees do not get more or less dusted all over with the several -kinds of pollen.« - -($S. 42, Z. 5-10.$) _Darwin_ spricht p. 186 von dieser Erscheinung als -von »the usual rule of the grains from the longer stamens, the tubes -of which have to penetrate the longer pistils, being larger than those -from the stamens of less length.« Vgl. auch p. 38, 140 und besonders -286 ff. -- F. _Hildebrand_, Experimente über den Dimorphismus von Linum -perenne und Primula sinensis, Botanische Zeitung, 1. Jänner 1864, -S. 2: »Meine Beobachtungen .... zeigten, daß .... die Pollenkörner der -kurzgriffeligen Form bedeutend größer sind als die der langgriffeligen.« - -($S. 42, Z. 9 v. u.$) L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation -der beiden Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik der -Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222-224. - -($S. 42, Z. 1 ff.$) _Hildebrand_, Monatsberichte der königlich -preußischen Akademie der Wissenschaften, 1866, S. 370, spricht sich, -gegen _Lindley_ und _Zuccarini_, dahin aus, daß die kurzgriffeligen -Blüten deshalb nicht männlich, die langgriffeligen deshalb nicht -weiblich sein könnten, weil in der kurzgriffeligen Form die Narbe -keineswegs verkümmert, in der langgriffeligen der Pollen keineswegs -schlecht und wirkungslos sei. Aber es ist durchaus charakteristisch für -die Pflanzen, daß bei ihnen in viel weiterem Umfange _Juxtapositionen_ -möglich sind als bei den Tieren. - -($S. 42, Z. 9 v. u.$) L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation -zwischen den beiden Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik -der Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222-224. - -($S. 44, Z. 6 v. u.$) Der Faktor t spielt hier, nicht nur unter -den Menschen, oder den anderen Organismen, sondern selbst noch im -Verkehre der Keimzellen eine wichtige und überaus merkwürdige Rolle. -So schildern O. und R. _Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie -und Physiologie der Zelle, 4. Heft, Experimentelle Untersuchungen -über die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 37, ihre -Beobachtungen an Echinodermen: »Wir haben nun gefunden, daß Eier, -welche gleich nach ihrer Entleerung aus dem strotzend gefüllten -Eierstock bastardiert wurden, das fremde Spermatozoon _zurückwiesen_, -es aber nach 10, 20 oder 30 Stunden bei der zweiten oder dritten -oder vierten Nachbefruchtung in sich aufnahmen und dann sich normal -weiter entwickelten.« S. 38: »Je später [nach der Entleerung aus den -Ovarien] die Befruchtung geschah, sei es nach 50 der 10 oder 20 oder -30 Stunden, um so mehr wuchs der Perzentsatz der bastardierten Eier, -bis schließlich ein Bastardierungsoptimum erreicht wurde. Als solches -bezeichnen wir das Stadium, in welchem sich fast das gesamte Eiquantum, -mit Ausnahme einer geringen Zahl, in normaler Weise entwickelt.« - -($S. 45, Z. 6.$) »Phantasien eines Realisten« von _Lynkeus_, Dresden -und Leipzig, 1900, II. Teil, S. 155-162. - -($S. 45, Z. 21 f.$) »... im allgemeinen ...«; k wird _nicht immer_ -einfach in Proportion mit der systematischen Nähe größer. Sieh O. und -R. _Hertwig_ a. a. O., S. 32 f.: »Das Gelingen oder Nichtgelingen -der Bastardierung hängt nicht ausschließlich von dem Grade der -systematischen Verwandtschaft der gekreuzten Arten ab. Wir können -beobachten, daß Arten, die in äußeren Merkmalen sich kaum voneinander -unterscheiden, sich nicht kreuzen lassen, während es zwischen relativ -entfernt stehenden, verschiedenen Familien und Ordnungen angehörenden -Arten möglich ist. Die Amphibien liefern uns hier besonders treffende -Beispiele. Rana arvalis und Rana fusca stimmen in ihrem Aussehen fast -vollständig überein, trotzdem lassen sich die Eier der letzteren nicht -befruchten, während in einzelnen Fällen Befruchtung mit Samen von Bufo -communis und sogar von Triton möglich war. Dieselbe Erscheinung ließ -sich, wenn auch weniger deutlich, bei den Echinodermen konstatieren. -Immerhin muß aber im Auge behalten werden, daß die systematische -Verwandtschaft für die Möglichkeit der Bastardierung ein wichtiger -Faktor ist. Denn zwischen Tieren, die so weit auseinanderstehen, wie -Amphibien und Säugetiere, Seeigel und Seesterne, ist noch niemals eine -Kreuzbefruchtung erzielt worden.« Vgl. hiemit Julius _Sachs_, Lehrbuch -der Pflanzenphysiologie, 2. Aufl., Leipzig 1887, S. 838: »Die sexuelle -Affinität geht mit der äußeren Ähnlichkeit der Pflanzen nicht immer -parallel; so ist es z. B. noch nicht gelungen, Bastarde von Apfel- und -Birnbaum, von Anagallis arvensis und caerulea, von Primula officinalis -und elatior, von Nigella damascena und sativa und anderen systematisch -sehr ähnlichen Spezies derselben Gattung zu erzielen, während in -anderen Fällen sehr unähnliche Formen sich vereinigen, so z. B. -Aegilops ovata mit Triticum vulgare, Lychnis diurna mit Lychnis flos -cuculi, Cereus speciosissimus und Phyllocactus phyllanthus, Pfirsich -und Mandel. In noch auffallenderer Weise wird die Verschiedenheit der -sexuellen Affinität und systematischen Verwandtschaft dadurch bewiesen, -daß zuweilen die Varietäten derselben Spezies unter sich ganz oder -teilweise unfruchtbar sind, z. B. Silene inflata var. alpina mit var. -angustifolia, var. latifolia mit var. litoralis u. a.« Vgl. auch Oscar -_Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. I, S. 249. - -($S. 46, Z. 11 f.$) Wilhelm _Pfeffer_, Lokomotorische -Richtungsbewegungen durch chemische Reize, Untersuchungen aus dem -botanischen Institut zu Tübingen, Bd. I, 1885, S. 363-482. - -($S. 46, Z. 23.$) Über die Wirkung der Maleinsäure (»welche, soweit -bekannt, im Pflanzenreiche nicht vorkommt«), _Pfeffer_ a. a. O., S. 412. - -($S. 46, Z. 27.$) Der Terminus wird bei _Pfeffer_ eingeführt a. a. O., -S. 474, Anm. 2. - -($S. 46, Z. 3 v. u.$) Hiefür spricht vor allem der Bericht -L. _Seeligmanns_, Weitere Mitteilungen zur Behandlung der Sterilitas -matrimonii, Vortrag in der gynäkologischen Gesellschaft zu Hamburg, -Zentralblatt für Gynäkologie, 18. April 1896, S. 429: »Eine Anordnung -des mikroskopischen Präparates in der Weise, daß auf der einen Seite -des Deckglases normales Cervicalsekret an und etwas unter das Deckglas -gebracht wurde, ergab das Resultat, daß auf der einen Seite des -Vaginalsekretes nach einiger Zeit nur ganz wenige Spermatozoen, die -sich nicht mehr bewegten, vorhanden waren, während auf der anderen -Seite des Cervicalsekretes sich die Samentierchen dicht gedrängt -in lebhafter Bewegung befanden. Hier könne offenbar von einer -chemotaktischen Wirkung des Cervicalsekretes auf die Samenzellen -gesprochen werden.« - -($S. 46, Z. 1 v. u. ff.$) M. _Hofmeier_, Zur Kenntnis der normalen -Uterusschleimhaut, Zentralblatt für Gynäkologie, Bd. XVII, 1893, -S. 764-766. »Nach den positiven Beobachtungen kann ein Zweifel nicht -mehr bestehen, daß tatsächlich _der Wimperstrom im Uterus von oben nach -unten zu geht_.« - -($S. 47, Z. 8 f.$) Über die Wanderungen der Lachse, ihr Fasten und ihre -Abmagerung vgl. vor allem Friedrich _Miescher_, Die histochemischen und -physiologischen Arbeiten von F. M., gesammelt und herausgegeben von -seinen Freunden, Bd. II, Leipzig 1897, S. 116-191, 192-218, 304-324, -325-327, 359-414, 415-420. - -($S. 47, Z. 13 ff.$) P. _Falkenberg_, Die Befruchtung und der -Generationswechsel von Cutleria, Mitteilungen aus der zoologischen -Station zu Neapel, Bd. I, 1879, S. 420-447. Es heißt dort, -S. 425 f.: »Vollständig negative Resultate ergab der Versuch einer -Wechselbefruchtung zwischen den nahe verwandten Cutleria-Spezies -C. adspersa und C. multifida, die -- abgesehen von der Verschiedenheit -ihrer Standorte -- sich äußerlich nur durch geringe habituelle -Differenzen unterscheiden. Empfängnisfähigen, zur Ruhe gekommenen -Eiern der einen Spezies wurden lebhaft schwärmende Spermatozoidien der -anderen Art zugesetzt. In solchen Fällen sah man die Spermatozoidien -unter dem Mikroskop zahllos umherirren und endlich absterben, ohne an -den Eiern der verwandten Algen-Spezies den Befruchtungsakt vollzogen -zu haben. Freilich blieben einzelne Spermatozoidien, welche zufällig -auf die ruhenden Eier stießen, momentan an diesen hängen, aber nur um -sich ebenso schnell wieder von ihnen loszureißen. Ganz anders wurde -das Bild unter dem Mikroskop, sobald man auf derartigen Präparaten -den Spermatozoidien auch nur ein einziges befruchtungsfähiges Ei -der gleichen Spezies hinzusetzte. Wenige Augenblicke genügten, um -sämtliche Spermatozoidien von allen Seiten her um dieses eine Ei zu -versammeln, selbst wenn dasselbe mehrere Zentimeter von der Hauptmasse -der Spermatozoidien entfernt lag. Es entsprach nunmehr das Bild ganz -den von _Thuret_ (Recherches sur la fécondation des Fucacées, Ann. -des Sc. natur., Sér. 4, Tome II, p 203, pl. 12, Fig. 4) für Fucus -gegebenen Abbildungen, und ebenso wurde auch das an sich längst -bewegungslos gewordene Ei nunmehr durch vereinte Kräfte der zahlreichen -Spermatozoidien hin- und hergedreht ... Aus diesen Versuchen geht -einmal hervor, daß die Anziehungskraft zwischen den Eiern von Cutleria -und den Spermatozoidien sich auf verhältnismäßig bedeutende Distanzen -geltend macht, daß auf der anderen Seite diese Anziehungskraft nur -zwischen den Geschlechtszellen der gleichen Spezies existiert. -Außerdem zeigen die mitgeteilten Erscheinungen, daß die Bewegungen der -Spermatozoidien von Cutleria .... unter dem Einfluß der Anziehungskraft -der Eier energisch genug sind, um jene Kraft, welche sie sonst -dem einfallenden Lichte entgegenführt, zu überwinden und sie dazu -befähigten, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Mag die Kraft, -welche die Vereinigung der männlichen und weiblichen Geschlechtszellen -von Cutleria anstrebt und die Bewegungsrichtung der männlichen -Schwärmer reguliert, in der männlichen oder in der weiblichen Zelle -oder in beiden ihren Sitz haben -- so viel ist sicher, daß die Kraft, -welche bei Cutleria die Spermatozoidien den Eiern zuführt, ihren Sitz -in dem Organismus selbst haben muß und unabhängig vom Zufall und von -Strömungen wirkt, welche etwa im Wasser stattfinden können.« - -($S. 48, Z. 12.$) Vgl. Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren -seines Lebens von Johann Peter _Eckermann_ (30. März 1824). - -($S. 48, Z. 21.$) Die Analogien zwischen Mensch und Haustier betreffs -des Nichtgebundenseins des sexuellen Verkehrs an bestimmte Zeitpunkte -werden oft übertrieben; vgl. hierüber _Chrobak-Rosthorn_, Die -Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900, Teil I/2, -S. 379 f. - -($S. 50, Z. 10.$) Ich meine die außerordentlich wahre Stelle: »Nach -wie vor übten sie eine unbeschreibliche, fast magische Anziehungskraft -gegeneinander aus. Sie wohnten unter einem Dache; aber selbst ohne -gerade aneinander zu denken, mit anderen Dingen beschäftigt, von der -Gesellschaft hin- und hergezogen, näherten sie sich einander. Fanden -sie sich in einem Saale, so dauerte es nicht lange und sie standen, -sie saßen nebeneinander. Nur die nächste Nähe konnte sie beruhigen, -aber auch völlig beruhigen, und diese Nähe war genug; _nicht eines -Blickes, nicht eines Wortes, keiner Geberde, keiner Berührung bedurfte -es, nur des reinen Zusammenseins. Dann waren es nicht zwei Menschen, -es war nur ein Mensch im bewußtlosen vollkommenen Behagen_, mit sich -selbst zufrieden und mit der Welt. _Ja, hätte man Eins von Beiden am -letzten Ende der Wohnung festgehalten, das Andere hätte sich nach -und nach von selbst ohne Vorsatz zu ihm hinbewegt._« (_Goethe_, Die -Wahlverwandtschaften, II. Teil, 17. Kapitel.) - -($S. 50, Z. 4 v. u. ff.$) Hiemit vergleiche man die folgenden -Aussprüche der Dichter. - -_Theognis_ spricht zu dem Knaben Kyrnos (V. 183 f.): - - »κριοὺς μὲν καὶ ὄνους διζήμεθα, Κύρνε, καὶ ἵππους - εὐγενέας, καί τις βούλεται ἐξ ἀγαθῶν - βήσεσθαι∙ γῆμαι δὲ κακὴν κακοῦ οὐ μελεδαίνει - ἐσθλὸς ἀνήρ, ἤν οἱ χρήματα πολλὰ διδῷ, - οὐδὲ γυνὴ κακοῦ ἀνδρὸς ἀναίνεται εἶναι ἄκοιτις - πλουσίου, ἀλλ᾿ ἀφνεὸν βούλεται ἀντ᾿ ἀγαθοῦ. - χρήματα γὰρ τιμῶσι∙ καὶ ἐκ κακοῦ ἐσθλὸς ἔγημεν, - καὶ κακὸς ἐξ ἀγαθοῦ∙ πλοῦτος ἔμειξε γένος.« u. s. w. - -_Shakespeare_ legt dem Bastarden Edmund die bekannten Verse in den Mund -(König Lear, 1. Aufzug, 2. Scene): - - »......... Warum - Mit unecht uns brandmarken? Bastard? Unecht? - Uns, die im heißen Diebstahl der Natur - Mehr Stoff empfah'n und kräft'gern Feuergeist, - Als in verdumpftem, trägem, schalem Bett - Verwandt wird auf ein ganzes Heer von Tröpfen, - Halb zwischen Schlaf gezeugt und Wachen?...« - -($S. 51, Z. 15 v. u. ff.$) _Darwin_: Das Variieren der Tiere und -Pflanzen, Bd. II, Kap. 17-19 (z. B. S. 170 der 2. Aufl., Stuttgart -1873); besonders aber: Die Wirkungen der Kreuz- und Selbstbefruchtung -im Pflanzenreich, Stuttgart 1877 (Werke Bd. X), S. 24: »Der -bedeutungsvollste Schluß, zu dem ich gelangt bin, ist der, daß der -bloße Akt der Kreuzung an und für sich nicht gut tut. Das Gute hängt -davon ab, daß die Individuen, welche gekreuzt werden, unbedeutend in -ihrer Konstitution voneinander verschieden sind, und zwar infolge -davon, daß ihre Vorfahren mehrere Generationen hindurch unbedeutend -verschiedenen Bedingungen, oder dem, was wir in unserer Unwissenheit -‚spontane Abänderung’ nennen, ausgesetzt sind.« - - - - -Zu Teil I, Kapitel 4. - - -($S. 53, Z. 1 ff.$) Von der Literatur will ich nur die wenigen -wichtigsten Bücher nennen, in denen man alle weiteren Angaben findet: -Richard v. _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis, mit besonderer -Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, 9. Aufl., Stuttgart -1894. Albert _Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin -1899. Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, Berlin 1897/98. -Havelock _Ellis_ und J. A. _Symonds_, Das konträre Geschlechtsgefühl, -Leipzig 1896. - -($S. 55, Z. 2 f.$) »Komplementärbedingung« nach _Avenarius_, Kritik der -reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 29; »Teilursache« nach Alois -_Höfler_, Logik unter Mitwirkung von Dr. Alexius _Meinong_, Wien 1890, -S. 63. - -($S. 54, Z. 2.$) v. _Schrenck-Notzing_, Die Suggestionstherapie bei -krankhaften Erscheinungen des Geschlechtslebens, mit besonderer -Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, Stuttgart 1892 (z. B. -S. 193: »Der Anteil der occasionellen Momente ist vielfach in der -Ätiologie des Gewohnheitstriebes zu perversen sexuellen Entäußerungen -ein größerer als derjenige erblicher Belastung.«) Ein Beitrag zur -Ätiologie der konträren Sexualempfindung, Wien 1895, S. 1 ff. -Kriminalpsychologische und psycho-pathologische Studien. Leipzig 1902, -S. 2 f., S. 17 f. -- Emil _Kraepelin_, Psychiatrie, 4. Aufl., Leipzig -1893, S. 689 f. -- Ch. _Féré_, La descendance d'un inverti, Revue -générale de clinique et de thérapeutique, 1896, citiert nach _Moll_, -Untersuchungen, Bd. I, S. 651, Anm. 3. In seinem Buche, L'Instinct -Sexuel, Evolution et Dissolution, Paris 1899, p. 266 f., legt Féré -jedoch das Schwergewicht auf die kongenitale Veranlagung. - -($S. 56, Z. 19 f.$) Daß in der Mitte zwischen M und W stehende Personen -sich untereinander sexuell anziehen, wird auch sehr wahrscheinlich -aus den Beobachtungen von Fr. _Neugebauer_ (Fifty false marriages -between Individuals of the same gender with some divorces for »Erreur -de Sexe«), Referat im British Gynaecological Journal, 15, 1899, -S. 315, vgl. 16, 1900, S. 104 des »Summary of Gynaecology, including -Obstetrics«. - -($S. 56, Z. 13 v. u.$) Vgl. Emil _Kraepelin_, Psychiatrie, 4. Aufl., -Leipzig 1893, S. 690: »Verhältnismäßig selten sind jene Personen, bei -welchen _niemals_ eine Spur von heterosexuellen Regungen vorhanden -gewesen ist.« - -($S. 56, Z. 3 v. u. f.$) Der Amerikaner Jas. G. _Kiernan_ soll -zuerst den Grund der Homosexualität in der geschlechtlichen -Undifferenziertheit des Embryo gesucht haben (American Lancet, 1884 -und im Medical Standard [Nov.-Dec. 1888]), nach ihm Frank _Lydston_ -(Philadelphia Medical and Surgical Recorder, September 1888, Addresses -and Essays, 1892, p. 46 und 246), beide in Abhandlungen, die mir nicht -zugänglich geworden sind. Die gleiche Theorie bringt ein _Patient -von Krafft-Ebing_ vor, in dessen Psychopathia sexualis, 8. Aufl., -Stuttgart 1893, S. 227. Dieser selbst hat sie acceptiert in einer -Abhandlung »Zur Erklärung der konträren Sexualempfindung«, Jahrbücher -für Psychiatrie und Nervenheilkunde, Bd. XIII, Heft 2, ferner haben -sich ihr angeschlossen Albert _Moll_, Untersuchungen über die Libido -sexualis, Bd. I, S. 327 ff., Magnus _Hirschfeld_, Die objektive -Diagnose der Homosexualität, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, -Bd. I (1899), S. 4 ff., Havelock _Ellis_, Studies in the Psychology of -Sex, Vol. I, Sexual Inversion, 1900, p. 132 f., Norbert _Grabowski_, -Die mannweibliche Natur des Menschen, Leipzig 1896 etc. - -($S. 58, Z. 11.$) Die Anerkennung einer das Tierreich beherrschenden -Gesetzlichkeit in der sexuellen Anziehung ist folgenschwer insoferne, -als sie die Hypothese einer »sexuellen Zuchtwahl« fast völlig unmöglich -macht. - -($S. 58, Z. 16 v. u.$) Homosexualität bei Tieren: vgl. Ch. _Féré_, -Les perversions sexuelles chez les animaux in L'instinct sexuel, -Paris 1899, p. 59-87. F. _Karsch_, Päderastie und Tribadie bei den -Tieren, auf Grund der Literatur zusammengestellt, Jahrbuch für -sexuelle Zwischenstufen, Bd. II (1900), S. 126-154. Albert _Moll_, -Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, 1898, S. 368 ff. - -($S. 59, Z. 6.$) Es beruht also auf einer Täuschung, wenn so -viele glauben (wie schon _Platon_, Gesetze, VIII, 836c), die -»gleichgeschlechtliche Liebe« sei ein bloß dem _Menschen_ -eigentümliches, »widernatürliches« Laster. Doch dürfte für die -Päderastie Plato da Recht behalten; indes Homosexualität nicht auf den -Menschen beschränkt ist. - -($S. 59, Z. 10 v. u. ff.$) Vgl. _Krafft-Ebing_ bei Alfred _Fuchs_, Die -Therapie der anomalen Vita sexualis, Stuttgart 1899, S. 4. - -($S. 61, Z. 7.$) Der einzige wahrhaft große Mann, der die -Homosexualität strenge verurteilt zu haben scheint, ist der _Apostel -Paulus_ (Römer, I, 26-27); aber er hat selbst bekannt, wenig sexuell -veranlagt gewesen zu sein, woraus allein auch der etwas naive -Optimismus begreiflich wird, mit dem er von der Ehe spricht. - -($S. 61, Z. 10 v. u.$) _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis, -Bd. I, Berlin 1898, S. 484. - -($S. 62, Z. 3 v. u.$) Männer wie _Michel-Angelo_ oder _Winckelmann_, -jener sicherlich einer der männlichsten Künstler, sind also nach -dieser Nomenklatur nicht als Homosexuelle, sondern als Päderasten zu -bezeichnen. - - - - -Zu Teil I, Kapitel 5. - - -($S. 63, Z. 15 f.$) Wenn Theodor _Gomperz_, Griechische Denker, -Leipzig 1896, Bd. I, S. 149, mit der Interpretation recht hätte, -welche er einigen in lateinischer Übersetzung erhaltenen Versen des -_Parmenides_ gibt (vgl. _Parmenides' Lehrgedicht_, griechisch und -deutsch von Hermann _Diels_, Berlin 1897, Fragment 18, und Diels' -Bemerkungen hiezu, S. 113 ff.), so hätte ich den großen Denker hier -als meinen Vorgänger zu nennen. Gomperz sagt: »In .... dieser Theorie -tritt auch die den pythagoreisch und somit mathematisch Gebildeten -kennzeichnende Tendenz hervor, ... qualitative Verschiedenheiten aus -quantitativen Unterschieden abzuleiten. Das Größenverhältnis nämlich, -in welchem der von ihm (ebenso wie schon von Alkmäon) vorausgesetzte -weibliche Bildungsstoff zu dem männlichen steht, wurde zur Erklärung -der Charaktereigentümlichkeiten und insbesondere der Art der -Geschlechtsneigung des Erzeugten verwendet. Und dieselbe Richtung -offenbart sich in dem Bestreben, die individuelle Verschiedenheit -der Individuen gleichwie ihrer jedesmaligen Geisteszustände auf den -größeren oder geringeren Anteil zurückzuführen, den ihr Körper an den -beiden Grundstoffen hat.« Wenn Gomperz kein anderes Fragment meinen -sollte als das oben bezeichnete, so gäbe diese Auslegung dem Parmenides -etwas, das Gomperz gebührt. Vgl. auch _Zeller_, Die Philosophie der -Griechen, I/1, 5. Aufl., Leipzig 1892, S. 578 f., Anm. 4. - -($S. 64, Z. 12.$) Hier ist angespielt auf die programmatische Schrift -von L. William _Stern_, Psychologie der individuellen Differenzen -(Ideen zu einer »differentiellen Psychologie«), Schriften der -Gesellschaft für psychologische Forschung, Heft 12, Leipzig 1900. - -($S. 65, Z. 11 f.$) Über die Periodizität im menschlichen, und zwar -auch im männlichen Leben, sowie in allen biologischen Dingen findet -sich das Interessanteste und Anregendste in einem Buche, dessen auch -sonst ungeschickt gewählter Titel über diesen Inhalt nichts vermuten -läßt, bei Wilhelm _Fließ_, Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen -Geschlechtsorganen in ihrer biologischen Bedeutung dargestellt, Leipzig -und Wien 1897, einer ungemein originellen Schrift, der eine historische -Berühmtheit gerade dann sicher sein dürfte, wenn die Forschung einmal -weit über sie hinausgelangen sollte. Einstweilen sind die höchst -merkwürdigen Dinge, die Fließ entdeckt hat, noch bezeichnend wenig -beachtet worden (vgl Fließ, S. 117 ff., 174, 237). - -($S. 70, Z. 9 v. u. f.$) Über diese angebliche »Monotonie« der -Frauen sind Äußerungen verschiedener Autoren zu finden in dem -großen Sammelwerk von C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als -Verbrecherin und Prostituierte, Anthropologische Studien, gegründet -auf eine Darstellung der Biologie und Psychologie des normalen Weibes, -übersetzt von H. _Kurella_, Hamburg 1894, S. 172 f. - -($S. 70, Z. 3 v. u. f.$) Größere Variabilität der Männchen: _Darwin_, -Die Abstammung des Menschen etc., übersetzt von Haek, Kap. 8, -S. 334 ff.; Kap. 14, S. 132 ff., besonders 136; Kap. 19, S. 338 ff. -- -C. B. _Davenport_ und C. _Bullard_, Studies in Morphogenesis, VI: A -Contribution to the quantitative Study of correlated variation and the -comparative Variability of the Sexes, Proceedings of the Amer. Phil. -Soc. 32, 85-97. Referat Année Biologique, 1895, p. 273 f. - -($S. 71, Z. 19 v. u. f.$) Die »Aktualitätstheorie« des Psychischen -ist die Theorie Wilhelm _Wundts_ (Grundriß der Psychologie, 4. Aufl., -Leipzig 1901, S. 387); sie lehnt alles substantielle und zeitlose -Sein in der Psychologie ab und erblickt hierin ihren wesentlichen -Unterschied gegenüber der Naturwissenschaft, welche über den Begriff -der Materie nie hinauskommen könne (vgl. auch _Wundts_ Logik, Bd. II, -Methodenlehre, 2. Aufl., Leipzig 1895). - -($S. 72, Z. 9 ff.$) Die im folgenden dargetane prinzipielle -Berechtigung der Physiognomik, die trotz _Lichtenbergs_ übler -Prophezeiung nicht »im eigenen Fett erstickt«, vielmehr an der -Auszehrung gestorben ist, liegt eigentlich bereits in den Worten des -_Aristoteles_ enthalten (περὶ Ψυχής A 3, 407 b, 13 f.): »Εκεινο δὲ -ἄτοπον συμβαίνει καὶ τούτῳ τῷ λόγῳ καὶ τοῖς πλείστοις τῶν περὶ ψυχῆς· -συνάπτουσι γὰρ καὶ τιθέασιν εἰς σῶμα τὴν ψυχήν, οὐθὲν προσδιορίσαντες -διὰ τίν' αἰτίαν καὶ πῶς ἔχοντος τοῦ σώματος. καίτοι δόξειεν ἂν τοῦτ' -ἀναγκαῖον εἶναι· διὰ γὰρ τὴν κοινωνίαν τὸ μὲν ποιεῖ τὸ δὲ πάσχει καὶ -τὸ μὲν κινεῖται τὸ δὲ κινεῖ, τούτων δ' οὐδὲν ὑπαρχει πρὸς ἄλληλα τοῖς -τυχοῦσιν. Ὁἱ δὲ μόνον ἐπιχειροῦσι λέγειν ποῖόν τι ἡ ψυχή, περὶ δὲ τοῦ -δεξομένου σώματος οὐθὲν ἔτι προσδιορίζουσιν, ὥσπερ ἐνδεχόμενον κατὰ -τοὺς Πυθαγορικοὺς μύθους _τὴν τυχοῦσαν ψυχὴν εἰς τὸ τυχὸν ἐνδύεσθαι -σῶμα_· δοκεῖ γὰρ ἕκαστον ἴδιον ἔχειν εἶδος καὶ μορφήν. Παραπλήσιον δὲ -λέγουσιν ὥσπερ εἴ τις φαίη τὴν τεκτονικὴν εἰς αὐλοὺς ἐνδύεσθαι· δεῖ γὰρ -τὴν μὲν τέχνην χρῆσθαι τοῖς ὀργάνοις, τὴν δὲ ψυχὴν τῷ σώματι.« - -($S. 72, Z. 22.$) P. J. _Moebius_, Über die Anlage zur Mathematik, -Leipzig 1900. - -($S. 74, Z. 19 v. u.$) _Hume_ schweigt über den Unterschied, _Mach_ -leugnet ihn (vgl. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch -entwickelt, 2. Aufl. Leipzig 1900, S. 432 ff.). - -($S. 74, Z. 8 v. u. f.$) Die hier zurückgewiesene Ansicht über das -Zeitproblem ist die von Ernst _Mach_, Die Mechanik in ihrer Entwicklung -historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 233. -Unendlich flach ist, was J. B. _Stallo_ zu dieser Frage bemerkt, The -Concepts and Theories of modern physics, 3. ed., London 1890, p. 204. - -($S. 75, Z. 19.$) Über _Aristoteles_ als Begründer der -Korrelationslehre vgl. Jürgen Bona _Meyer_, Aristoteles' Tierkunde, -Berlin 1855, S. 468. - -($S. 75, Z. 17 v. u. ff.$) Über die merkwürdige Korrelation bei Katzen -sowie über »Correlated Variability« überhaupt vgl. _Darwin_, Das -Variieren der Tiere und Pflanzen, Stuttgart 1873, Kap. 25 (Bd. II^2, -S. 375). Vgl. Entstehung der Arten, S. 36 f., 194 f. der Haekschen -Übersetzung (Universal-Bibliothek). - -($S. 76, Z. 7 v. u.$) Ernst _Mach_, Die Mechanik u. s. w., 4. Aufl., -S. 235. - -($S. 77, Z. 14 f.$) Hier berührt sich die Darstellung mit Wilhelm -_Dilthey_, Beiträge zum Studium der Individualität, Sitzungsberichte -der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1896 -(S. 295-335), S. 303: »In einem ... Typus sind mehrere Merkmale, Teile -oder Funktionen regelmäßig miteinander verbunden. Diese Züge, deren -Verbindung den Typus ausmacht, stehen in einer solchen gegenseitigen -Relation zueinander, daß die Anwesenheit des einen Zuges auf die des -anderen schließen läßt, die Variationen im einen auf die im anderen. -Und zwar nimmt diese typische Verbindung von Merkmalen im Universum -in einer aufsteigenden Reihe von Lebensformen zu und erreicht im -organischen und dann im psychischen Leben ihren Höhepunkt. Dieses -Prinzip des Typus kann als das zweite, welches die Individuen -beherrscht, angesehen werden. Dieses Gesetz ermöglichte es dem großen -_Cuvier_, aus versteinerten Resten eines tierischen Körpers diesen zu -rekonstruieren, und dasselbe Gesetz in der geistig-geschichtlichen Welt -hat Fr. A. _Wolf_ und _Niebuhr_ ihre Schlüsse ermöglicht.« - -($S. 77, Z. 8 v. u.$) Gemeint sind die künstlich des -Oberschlundganglions beraubten Nereiden. »Hat man mehrere so operierte -Würmer in einem Gefäß zusammen, so ... geraten sie in eine Ecke und -suchen hier durch die Wand zu rennen. Die Würmer blieben viele Stunden -so und gingen schließlich infolge ihres unsinnigen Bestrebens, vorwärts -zu kommen, zu Grunde.« Jacques _Loeb_, Einleitung in die vergleichende -Gehirnphysiologie und vergleichende Psychologie mit besonderer -Berücksichtigung der wirbellosen Tiere, Leipzig 1899, S. 63 (wo nach -S. S. _Maxwell_, Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie, 67, -1897, eine Zeichnung von diesem Vorgange gegeben ist). - -($S. 78, Z. 4 v. o.$) Der Ausdruck »Aufpasser« u. s. w. bei -_Schopenhauer_, Parerga II, § 350 bis. - -($S. 78, Z. 1 v. u.$) Konrad _Rieger_ sagt (Die Kastration, Jena -1900, Vorwort, S. XXV): »Auch ich teile vollkommen mit _Gall_, -_Comte_, _Moebius_ die Überzeugung: daß es der größte Fortschritt -wäre, sowohl in der reinen Wissenschaft als in praktisch sozialer und -politischer Hinsicht, wenn eine Methode gefunden würde, mittels deren -es möglich wäre, Moral, Intelligenz, Charakter, Wille eines Menschen -[physiognomisch] exakt zu bestimmen.« Ich kann mich dieser Auffassung -nicht anschließen und halte sie für ein wenig übertrieben; doch ich -führe sie an, weil sie immerhin die Wichtigkeit der Sache ins Licht -setzen hilft. - - - - -Zu Teil I, Kapitel 6. - - -($S. 79, Z. 6.$) Am nächsten kommt der in diesem Kapitel entwickelten -Auffassung der Frauenfrage _Arduin_, Die Frauenfrage und die sexuellen -Zwischenstufen, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. II, 1900, -S. 211-223. Jedoch bin ich von diesem Autor gänzlich unabhängig. - -($S. 81, Z. 6 v. u.$) Vgl. _Welcker_, Sappho von einem herrschenden -Vorurteil befreit, Göttingen 1816, wieder abgedruckt in seinen »Kleinen -Schriften«, II. Teil, Bonn 1845, S. 80-144. Auch Q. _Horatius_ Flaccus, -erklärt von Hermann _Schütz_, III. Teil, Episteln (Berlin 1883), -Kommentar zu Epistel I, 19, 28, und dazu _Welcker_, Kleine Schriften, -Bd. V, S. 239 f. - -($S. 82, Z. 4 v. u.$) _Mérimée_: nach Adele _Gerhardt_ und Helene -_Simon_, Mutterschaft und geistige Arbeit, eine psychologische und -soziologische Studie auf Grundlage einer internationalen Erhebung mit -Berücksichtigung der geschichtlichen Entwicklung, Berlin 1901, S. 162. -Die Erzählung über George _Sand_ und _Chopin_ ebenda S. 166. Dieser -fleißigen Arbeit verdanke ich auch sonst eine Anzahl von Belegen und -den Hinweis auf einige Quellen. - -($S. 82, Z. 6.$) Die Angabe über Laura _Bridgman_ rührt von Albert -_Moll_ her, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897/98, -Bd. I, S. 144. Die Stellen bei Wilhelm _Jerusalem_, Laura Bridgman, -Erziehung einer Taubstumm-Blinden, eine psychologische Studie, Wien -1890, S. 60, sprechen freilich eher für das Gegenteil. Über die -George _Sand_: Moll ibid., S. 698 f., Anm. 4; über _Katharina_ II.: -_Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 516; -über _Christine_: Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_, Mutterschaft -und geistige Arbeit, Berlin 1901, S. 209 (»jedenfalls eine durch -sexuell-pathologische Erscheinungen gefährdete Persönlichkeit«). - -($S. 83, Z. 6.$) Man vergleiche »Briefe Ludwigs II. von Bayern an -Richard Wagner«, veröffentlicht in der Wage, Wiener Wochenschrift, -1. Jänner bis 5. Februar 1899. - -($S. 83, Z. 15 v. u. ff.$) Über George _Eliot_: _Gerhardt_ und _Simon_ -a. a. O., S. 155. Über Lavinia _Fontana_ ibid., S. 98. Über die -_Droste-Hülshoff_, S. 137. Über die Rachel _Ruysch_: Ernst _Guhl_, Die -Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 122. - -($S. 84, Z. 3 f.$) Über Rosa _Bonheur_ vgl. _Gerhardt-Simon_, -S. 107 f. Dort ist nach dem Biographen der Malerin René _Peyrol_ (Rosa -Bonheur, Her Life and Work, London) citiert: »The masculine vigour -of her character, as also her hair, which she was in the habit of -wearing short, contributed to perfect her disguise.« Wenn R. B. in -Männerkleidern ging, schöpfte niemand den geringsten Verdacht. - -($S. 84, Z. 4 v. u.$) Da Frauen weniger produzieren als Männer, haben -ihre Werke von vornherein einen Seltenheitswert und gelten eher als -Kuriosität. Vgl. _Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, S. 260 f.: -»Es genügte, daß ein Werk von weiblicher Hand herrührte, um schon um -deswillen gepriesen zu werden.« - -($S. 86, Z. 4 f.$) Vgl. P. J. _Moebius_, Über die Vererbung -künstlerischer Talente, in der »Umschau«, IV, Nr. 38, S. 742-745 (15. -September 1900). Jürgen Bona _Meyer_, Zeitschrift für Völkerpsychologie -und Sprachwissenschaft, 1880, S. 295-298. Karl _Joel_, Die Frauen in -der Philosophie. Sammlung gemeinverständlicher Vorträge, herausgegeben -von Virchow und Holtzendorff, Heft 246, Hamburg 1896, S. 32 und 63. - -($S. 86, Z. 8 f.$) _Guhl_ a. a. O., S. 8. - -($S. 86, Z. 15.$) Ich hätte hier noch als sehr männlich Dorothea -_Mendelssohn_ erwähnen sollen; über sie wie über ihren so weiblichen -Gatten Friedrich _Schlegel_ vgl. Joh. _Schubert_, Frauengestalten -aus der Zeit der deutschen Romantik, Hamburg 1898 (Sammlung -gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, herausgegeben von -Virchow, Heft 285), S. 8 f. Auch die hochbegabte homosexuelle Gräfin -_Sarolta_ V. aus _Krafft-Ebings_ Psychopathia sexualis (8. Aufl., 1893, -S. 311-317) wäre anzuführen gewesen. - -($S. 86, Z. 18.$) _Guhl_ a. a. O., S. 5. - -($S. 86, Z. 3 v. u.$) Wer eifriger sammelt, als ich dies getan habe, -mit größeren Kenntnissen in der Literatur-, Kunst-, Wissenschafts- und -politischen Geschichte, und reichlichere Quellen besser aufzufinden -weiß, als ich dies hier vermochte, der wird gewiß zu diesem Punkte noch -viele merkwürdige Bestätigungen entdecken. - -($S. 88, Z. 9 f.$) Die Stelle über die berühmten Frauen, _Darwin_, -Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II, S. 344 f. - -($S. 88, Z. 2 v. u.$) Mit dieser Angabe über _Burns_, die ich -_Carlyle_, On Heroes etc., London, Chapman & Hall, p. 175 entnommen -habe, steht im Widerspruch, was das »Memoir of Robert Burns«, welches -der Ausgabe der Poetical Works, London, Warne, 1896, vorgedruckt ist, -p. 16 f. über dessen Bildungsgang erzählt. - -($S. 89, Z. 14 v. u.$) Das Citat aus _Burckhardt_, Die Kultur der -Renaissance in Italien, 4. Aufl., besorgt von Ludwig Geiger, Leipzig -1885, Bd. II, S. 125. - -($S. 89, Z. 6 v. u.$) _Gerhardt_ und _Simon_ a. a. O., S. 46 f. - -($S. 90, Z. 8 ff.$) Hier bin ich durch Ottokar _Lorenz_ angeregt. -Dieser sagt (Lehrbuch der gesamten wissenschaftlichen Genealogie, -Stammbaum und Ahnentafel in ihrer geschichtlichen, soziologischen -und naturwissenschaftlichen Bedeutung, Berlin 1898, S. 54 f.): »Die -Erscheinungen, die man heute mit dem Namen der Frauenemanzipation -nicht eben sehr treffend bezeichnet, vermöchte wohl kein Kenner -vergangener Kulturzustände als eine in allen einzelnen Teilen neue -Sache zu betrachten. Namentlich ist der Antrieb der Frauen, sich -der gelehrten Bildung ihrer Zeit zu bemächtigen, im XVI. und im -X. Jahrhundert ganz ebenso groß gewesen wie im XIX. Auch der heutige -soziale Gedanke, den Frauen eine auf sich gestellte Wirksamkeit zu -sichern, hat im kirchlichen und Klosterleben vergangener Zeiten seine -vollen Analogien. Wenn man nun die Ursachen dieser im Wechsel der -Zeiten sich ganz regelmäßig wiederholenden Erscheinungen erforscht, so -ist doch unzweifelhaft, daß mindestens einen mächtigen Anteil daran -jene Antriebe, jene Bewegungen haben müssen, die in den persönlichen -Eigenschaften eben der nach der sogenannten Emanzipation in ihren -verschiedenen Formen und Zeiten strebenden Frauen selbst begründet -waren. Indem also die Frauenfrage im Wechsel der Zeiten bald mehr, -bald weniger hervortritt, beweist sie für die aufeinanderfolgenden -Geschlechter eine gewisse Wiederkehr frauenhafter Eigenschaften, die in -gewissen Epochen unzweifelhaft weit mehr von männischer Art sind als in -anderen, wo in denselben Zügen etwas geradezu Häßliches erblickt worden -ist.« - -($S. 90, Z. 22.$) _Darwin_, Das Variieren etc., II^2, 58: »Es ist -bekannt, daß eine große Anzahl weiblicher Vögel ...., wenn sie alt oder -krank sind, .... zum Teil die sekundären männlichen Charaktere ihrer -Spezies annehmen. In Bezug auf die Fasanenhennen hat man beobachtet, -daß dies während gewisser Jahre viel häufiger eintritt als während -anderer.« Darwin beruft sich hiefür auf William _Yarrell_, On the -change in the plumage of some Hen-Pheasants, Philosophical Transactions -of the Royal Society of London, 1827 (p. 270). - -($S. 91, Z. 13 v. u.$) Werner _Sombart_ (Die Frauenfrage, in der -Wiener Wochenschrift »Die Zeit«, 1. März 1902, S. 134) spricht über -die Ansicht, daß die Maschinenarbeit an der Frauenarbeit die Schuld -trage, weil sie Muskelkraft entbehrlich gemacht habe, und sagt: »Gewiß -gilt das für zahlreiche Gewerbe, z. B. für die wichtige Weberei. Aber -schon nicht für die Spinnerei, die vor Erfindung der mechanischen -Spinnstühle viel ausschließlicher Frauenarbeit war als heute. Hier -hat die Maschinentechnik die Möglichkeit gerade der Männerarbeit erst -geschaffen, wie denn bekanntlich in den mechanischen Spinnereien -zahlreiche männliche Spinner beschäftigt sind. _Es gilt aber auch für -die meisten anderen Gewerbe mit starker Arbeit nicht; man denke an -Putzmacherei, Stickerei, Strickerei, Tabakindustrie und andere, in -denen die Maschinen die Frauen eher verdrängt als sie herangezogen -haben._ Es gilt auch für das Hauptgebiet moderner Frauenarbeit, für -die Konfektionsindustrie, nicht. Denn die Handnäherei ist doch der -Frau nicht weniger zugänglich als die Maschinennäherei. Was vielmehr -entscheidend für die Entwicklung der Frauenarbeit gewesen ist, -was auf der Seite der Produktionsvorgänge die Differenzierung der -ursprünglich-komplexen (und darum immer gelernten) Arbeitsverrichtung -bedingte, war aber gar nicht einmal in erster Linie dieser -Vorgang in der Produktionssphäre, sondern sind vielmehr bestimmte -Gestaltungen der Bevölkerungsverhältnisse gewesen: die Entstehung von -weiblicher Überschußbevölkerung auf dem Lande und in den Städten, -die auf tieferliegende, hier nicht näher zu erörternde Ursachen -zurückzuführen ist. Beliebt man ein Schlagwort, so kann man sagen: -die moderne Frauenarbeit in der Industrie (und den übrigen nicht zur -Landwirtschaft gehörigen Sphären des Wirtschaftslebens), verdankt ihre -Entstehung nicht unmittelbar den Veränderungen in der Technik, sondern -Umgestaltungen der Siedelungsverhältnisse.« - -($S. 92, Z. 7 f.$) _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis, S. 220: »Die -Tendenz der Natur auf heutiger Entwicklungsstufe ist die Hervorbringung -von monosexualen Individuen.« - -($S. 92, Z. 15.$) Über die Gephyreen _Weismann_, Keimplasma, S. 477 f.: -»Es gibt in verschiedenen Gruppen des Tierreichs _Arten, deren Männchen -sich beinahe in allen Charakteren von den Weibchen unterscheiden_. -Schon bei vielen Rädertieren sind die Männchen winzig klein gegenüber -den Weibchen, haben eine in allen Teilen verschiedene Körpergestalt und -entbehren des gesamten Nahrungskanals; und bei Bonellia viridis, einem -Meereswurm aus der Gruppe der Gephyreen, weicht das Männchen so sehr -vom Weibchen ab, daß man versucht sein könnte, es einer ganz anderen -Klasse von Würmern, den Strudelwürmern, zuzuteilen. Zugleich ist hier -der Unterschied in der Körpergröße zwischen beiden Geschlechtern -noch weit bedeutender; das Männchen hat eine Länge von 1-2 ~mm~, -das Weibchen von 150 ~mm~, und das erstere schmarotzt im Innern des -letzteren« etc. Vgl. _Claus_, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg -1897, S. 403. Auch manche Asseln (Bopyriden) sind sexuell weiter -differenziert als der Mensch, vgl. Claus a. a. O., S. 482. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 1. - - -($S. 97, Z. 3.$) Thomas _Carlyle_, On Heroes, Hero-Worship and the -Heroic in History, London, Chapman & Hall, p. 99. - -($S. 97, Z. 7 v. u. f.$) Vgl. Franz L. _Neugebauer_, 37 Fälle von -Verdoppelungen der äußeren Geschlechtsteile, Monatsschrift für -Geburtshilfe und Gynäkologie, VII, 1898, S. 550-564, 645-659, -besonders S. 554 f., wo ein Fall von »Juxtapositio organorum sexualium -externorum utriusque sexus« beschrieben ist. Von dem bloß auf -Entwicklungshemmungen beruhenden Scheinzwittertum sehe ich hier ab. - -($S. 99, Z. 12 v. u.$) _Aristoteles_, Metaphysik, A 5, 986a, 31: -Αλκμαίων ὁ Κροτωνιάτης φησι εἶναι δύο τὰ πολλά τῶν ανθρωπίνων. - -($S. 99, Z. 10 v. u.$) Vgl. _Schelling_, Von der Weltseele, Werke, -Stuttgart und Augsburg, 1857, Abt. I, Bd. II, S. 489: »So ist wohl das -Gesetz der Polarität ein allgemeines Weltgesetz.« - -($S. 101, Z. 4 ff.$) Gemeint sind hier die mit großem Recht sehr -bekannt gewordenen hervorragenden Aufsätze von Wilhelm _Dilthey_, Ideen -über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Sitzungsberichte -der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften, 1894, S. 1309-1407. -Beiträge zum Studium der Individualität, ibid. 1896, S. 295-335. Im -ersten Aufsatz heißt es z. B. (S. 1322): »In den Werken der Dichter, -in den Reflexionen über das Leben, wie große Schriftsteller sie -ausgesprochen haben, ist ein Verständnis des Menschen enthalten, -hinter welchem alle, erklärende Psychologie weit zurückbleibt.« Im -zweiten Aufsatz (S. 299, Anm.): »Ich erwarte eine .... überzeugende -Zergliederung .... auch der heroischen Willenshandlung, welche sich zu -opfern und das sinnliche Dasein wegzuwerfen vermag.« - -($S. 104, Z. 16 v. u.$) Vgl. Heinrich _Rickert_, Die Grenzen der -naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Freiburg im Breisgau -1902, S. 545: »Die atomisierende Individual-Psychologie sieht alle -_Individuen_ als gleich an und _muß es als allgemeinste Theorie vom -Seelenleben tun_, die individualistische _Geschichtsschreibung_ richtet -ihr Interesse auf individuelle Differenzen.« - -($S. 104, Z. 11 v. u.$) Man vergleiche die Kontroversen zwischen -G. v. _Below_ und Karl _Lamprecht_ über die historische Methode und das -Verhältnis der soziologischen Geschichtsschreibung zur Individualität -aus den Jahren 1898 und 1899. - -($S. 104, Z. 7 v. u.$) »Kein wissenschaftlicher Kopf kann je -erschöpfen, kein Fortschritt der Wissenschaft kann erreichen, was der -Künstler über den Inhalt des Lebens zu sagen hat. Die Kunst ist das -Organ des Lebensverständnisses.« _Dilthey_, Beiträge zum Studium der -Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, p. 306. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 2. - - -($S. 106, Z. 3 f.$) Die Motti aus _Kant_, Anthropologie in -pragmatischer Hinsicht, Zweiter Teil B. (S. 229 ed. Kirchmann); -_Nietzsche_, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 232. - -($S. 106, Z. 19.$) _Kant_ a. a. O. (S. 228). - -($S. 107, Z. 22.$) »... die beachtenswerte Erscheinung, daß, während -jedes Weib, wenn beim Generationsakte überrascht, vor Scham vergehen -möchte, sie hingegen ihre Schwangerschaft, ohne eine Spur von -Scham, ja mit einer Art Stolz, zur Schau trägt; da doch überall ein -unfehlbar sicheres Zeichen als gleichbedeutend mit der bezeichneten -Sache selbst genommen wird, daher denn auch jedes andere Zeichen des -vollzogenen Koitus das Weib im höchsten Grade beschämt; nur allein die -Schwangerschaft nicht.« _Schopenhauer_, Parerga, II, § 166. - -($S. 107, Z. 9.$) Ich glaube es rechtfertigen zu können, daß ich -zwei Psychologinnen, die mir durch Arbeiten bekannt waren, im Texte -übergangen habe; denn die eine ist eine amerikanische Experimentatorin, -die andere die russische Verfasserin einer schlechten Geschichte des -Apperzeptionsbegriffes. - -($S. 107, Z. 5 v. u.$) Das Beste über das schwangere Weib und das, was -in ihm vorgeht, ist in einem leider bis jetzt ungedruckten Gedichte -eines noch unbekannten _männlichen_ Dichters gesagt, dessen Wiedergabe -an dieser Stelle mir gestattet wurde; wofür ich hier um so mehr -meinen Dank sage, als ich selbst auf das psychologische Problem der -Schwangerschaft auch im zehnten Kapitel nicht näher eingegangen bin. - - »Geheimnisvolle Kräfte schlingen - Um mich ein nie gekanntes Walten. - Ich hör' ein liebend zartes Klingen, - Und alles will sich neu entfalten. - - Mir ist, als ob Natur sich neige - In Ehrfurcht, wo ich leise gehe, - _Als ob der Baum dem Baum mich zeige_, - Daß er mich staunend schreiten sehe. - - Ich fühle mich so hoch erhoben, - Ein jedes Wesen ist mir nah, - Mir hat sich die Natur verwoben, - Seit mir so hohes Glück geschah. - - Es schläft in mir, was nie noch lebte, - Ein Wunder, das ein Traum gebar: - Natur so ahnungsvoll erbebte, - Weil hier ein neues Wesen war.« - -($S. 108, Z. 8 v. u. f.$) So unter anderen Guglielmo _Ferrero_, Woman's -Sphere in Art, New Review, November 1893 (citiert nach Havelock -_Ellis_). - -($S. 108, Z. 5 v. u. f.$) Die Forscher scheinen eher der Meinung -von der geringeren Intensität des »Geschlechtstriebes« beim Weibe -zu huldigen (z. B. _Hegar_, Der Geschlechtstrieb, 1894, S. 6), die -praktischen »Frauenkenner« sind fast alle in großer Entschiedenheit der -entgegengesetzten Ansicht. - -($S. 109, Z. 4 v. u.$) Daß beim Weibe die Wollust nicht wie beim Manne -durch irgend eine Ejakulation vermittelt sein kann, führt _Moll_ -aus (Untersuchungen, I, S. 8 ff.). Vgl. auch _Chrobak-Rosthorn_, -Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900 (aus -Nothnagels Spezieller Pathologie und Therapie), Bd. I, S. 423 f.: -»Wir müssen mit _Moll_ einen Detumeszenz- (Entleerungs-), vielleicht -richtiger Depletionstrieb, und einen Kontrektations- (Berührungs-)trieb -... annehmen. Viel schwieriger steht die Frage dem Weibe gegenüber, -bei welchem wir ... insofern keine Analogie mit dem Vorgang beim -Manne finden können, als eine _Ejakulation_ von _Keimzellen_ nicht -stattfindet ... Es kommt allerdings auch bei Frauen unter der -Kohabitation häufig ein Flüssigkeitserguß aus den Bartholinschen Drüsen -unter Bewegungen der Musculi ischio-et bulbo-cavernosi zustande, es -findet auch eine Abschwellung der ebenfalls durch Muskelbewegungen -strotzend gefüllten und dadurch vielleicht ein Unlustgefühl erzeugenden -Gefäße (an den Schwellkörpern der Klitoris) statt, doch betrifft diese -Entleerung einesteils nicht die keimbereitenden Organe, anderseits -scheint sich diese sogenannte Ejakulation oft genug nicht einzustellen, -_ohne daß hiedurch das Gefühl der sexuellen Befriedigung verhindert_ -würde.« - -($S. 109, Z. 10.$) Die _Moll_sche Unterscheidung in dessen Büchern: Die -konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 2. Untersuchungen -über die Libido sexualis, 1897, Bd. I, S. 10. - -($S. 112, Z. 7.$) Daraus, daß W selbst durchaus und überall Sexualität -ist, wird leicht erklärlich, daß man beim Weibchen in der ganzen -Zoologie gar nicht eigentlich von »sekundären Geschlechtscharakteren« -im selben Sinne reden kann wie beim Manne. Weibchen »bieten selten -merkwürdige sexuelle Charaktere« (_Darwin_, Entstehung der Arten, -S. 201, ed. Haek). - -($S. 115, Z. 15 v. u. f.$) Auch unter den Tieren bildet bei den -Männchen die Brunstzeit einen viel stärkeren Gegensatz zu ihrem -sonstigen Leben als bei den Weibchen. Man vergleiche, um ein Beispiel -statt vieler anzuführen, wie Friedrich _Miescher_ den Rheinlachs -vor und während der Laichzeit schildert (Die histochemischen und -physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig 1897, Bd. II, S. 123): -»Wenn man etwa im Dezember einen männlichen Salm, sogenannten -Wintersalm sieht, mit klarem, bläulich schimmerndem Schuppenkleid, -der schönen Rundung des Leibes, mit der kurzen Schnauze ... ohne jede -Spur von Hakenbildung ... und man daneben den bekannten Hakenlachs -erblickt, mit einer Nase von doppelter Länge, einer überhaupt ganz -veränderten Physiognomie des Vorderkopfes, mit der tigerartig rot und -schwarz gefleckten, von Epithelwucherung trüben, dicken Hautschwarte, -dem abgeplatteten Körper und den dünnen schlotternden Bauchwänden, -so hat man immer wieder Mühe, sich zu überreden, daß dies Exemplare -einer und derselben Spezies seien. Etwas geringer ist der Gegensatz -beim weiblichen Exemplar. Die Länge und Form der Schnauze ist nicht -wesentlich verschieden; die roten Flecken an Kopf und Leib, beim -Winterlachs gänzlich fehlend, sind beim weiblichen Laichlachs schwächer -entwickelt als beim Männchen; die Haut ist getrübt und wie unrein, doch -nicht so stark verdickt.« - -($S. 115, Z. 10 v. u.$) Ein sehr hervorragender, aber merkwürdig wenig -beachteter Aufsatz von Oskar _Friedländer_ (»Eine für Viele«, eine -psychologische Studie, »Die Gesellschaft«, Münchener Halbmonatsschrift, -XVIII. Jahrgang, 1902, Heft 15/16, S. 166) nähert sich in diesem -Punkte meiner Auffassung so weit, daß ich ihn hier, wie noch mehrfach, -citieren muß: »Sicherlich, der Geschlechtstrieb tritt beim Manne -heftiger und ungestümer auf als beim Weibe. Es liegt dies wohl weniger -an dem verschiedenen Grade der Intensität als daran, daß im männlichen -Geiste die heterogensten Elemente aus allen psychischen Gebieten -zusammenkommen, die um die Vorherrschaft kämpfen und die sexuellen -Instinkte zu verdrängen suchen, und diese durch die Kontrastwirkung -desto stärker empfunden werden, während ihre gleichmäßige Verteilung -über _die ganze Seele_ des Weibes ... sie nicht mit besonderer Schärfe -zur Abhebung kommen läßt.« - - - - -Zu Teil II, Kapitel 3. - - -($S. 117, Z. 6 v. u.$) »Begierde und Gefühl sind nur Arten, wie unsere -Vorstellungen sich im Bewußtsein befinden.« Joh. Friedr. _Herbart_, -Psychologie als Wissenschaft, neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik -und Mathematik, II. (analytischer) Teil, § 104 (Werke VI, S. 60, ed. -Kehrbach, Langensalza 1887). - -($S. 117, Z. 5 v. u.$) A. _Horwicz_, Psychologische Analysen auf -physiologischer Grundlage, Ein Versuch zur Neubegründung der -Seelenlehre, II/1, Die Analyse des Denkens, Halle 1875, S. 177 f.: -»Das Gefühl ist unserer Auffassung gemäß das früheste, elementarste -Gebilde des Seelenlebens, es ist der früheste und einzige Inhalt -des Bewußtseins, die Triebfeder der ganzen seelischen Entwicklung. -Wie verhält sich nun hiezu das Denken?... Das Denken ist eine -Folgeerscheinung des Gefühls, wie es auch die Bewegung ist, es ist die -ureigenste Dialektik der Triebe ... der stärker geübte, von anderen -unterschiedene Trieb gibt durchdachte, geordnete, aus einer Anzahl von -geläufigen Bewegungen ausgewählte Bewegungen, das ist durchdachtes -Denken.« II/2, Die Analyse der qualitativen Gefühle, Magdeburg 1878, -S. 59: »Es [das Gefühl] ist die allgemeinste elementarste Form des -Bewußtseins, in dieser allereinfachsten Gestalt [bei Tieren und -Pflanzen] freilich nur ein ganz schwaches, dunkles Bewußtsein, mehr -ein brütendes Ahnen als ein Erkennen und Wissen. Aber es bedarf, um -deutliches und klares Bewußtsein zu werden, keiner weiteren fraglichen -Zutaten, sondern nur der Vervielfachung und intensiven Gradsteigerung.« -Vgl. Wilhelm _Wundt_, Über das Verhältnis der Gefühle zu den -Vorstellungen, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, -III, 1879, S. 129-151, und Horwicz' Antwort: »Über das Verhältnis -der Gefühle zu den Vorstellungen und die Frage nach dem psychischen -Grundprozesse«, a. a. O., S. 308-341. - -($S. 118, Z. 18.$) Über solche »Feelings of tendency« vgl. William -_James_, The Principles of Psychology, New-York 1890, Vol. I, p. 254. - -($S. 118, Z. 18 v. u.$) Vgl. besonders _Leibnitii_ Meditationes de -cognitione, veritate et ideis Acta eruditorum, Lips., November 1684, -p. 537 f. (p. 79 f. ed. Erdmann). - -($S. 118, Z. 14 v. u.$) Wilhelm _Wundt_, Grundzüge der physiologischen -Psychologie, 5. Aufl., Leipzig 1902, Bd. II, S. 286 ff. - -($S. 118, Z. 6 v. u.$) Richard _Avenarius_, Kritik der reinen -Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 16. Der menschliche Weltbegriff, -Leipzig 1891, S. 1 f. Vgl. Joseph _Petzoldt_, Einführung in die -Philosophie der reinen Erfahrung, Bd. I, Die Bestimmtheit der Seele, -Leipzig 1900, S. 112 ff. - -($S. 118, Z. 5 v. u.$) Über die verschiedenen Bedeutungen des Wortes -»Charakter« (welches auch in dieser Schrift in dreifach verschiedener -Anwendung, doch unter Vermeidung aller Äquivokationen gebraucht -werden mußte) vgl. Rudolf _Eucken_, Die Grundbegriffe der Gegenwart, -historisch und kritisch entwickelt, 1893, S. 273 ff. - -($S. 119, Z. 14.$) Die _Avenarius_sche Zusammenstellung von -Wahrnehmungs- und Gedächtnisbild hat unter den späteren Psychologen -bloß Oswald _Külpe_ acceptiert, welcher in seinem »Grundriß der -Psychologie, auf experimenteller Grundlage dargestellt« (Leipzig 1893), -S. 174 ff., in terminologisch freilich durchaus nicht einwandfreier -Weise die Lehre vom Gedächtnis als die Lehre von den »zentral erregten -Empfindungen« abhandelt. - -($S. 120, Z. 8 v. u.$) _Petzoldt_ a. a. O., S. 138 ff. - -($S. 121, Z. 7 v. u. f.$) Vgl. A. _Kunkel_, Über die Abhängigkeit der -Farbenempfindung von der Zeit, Archiv für die gesamte Physiologie der -Menschen und der Tiere, IX, 1874, S. 215. Hiezu weiter _Fechner_, -Elemente der Psychophysik, 1. Aufl., Leipzig 1860, Bd. I, S. 249 f.; -Oswald _Külpe_, Grundriß der Psychologie, S. 131, 210; Hermann -_Ebbinghaus_, Grundzüge der Psychologie, Leipzig 1902, S. 230. - -($S. 122, Z. 4 v. u.$) Johann Gottlieb _Fichte_, Über den Begriff der -Wissenschaftslehre (Werke I/1, Berlin 1845, S. 73) »Der menschliche -Geist macht mancherlei Versuche: er kommt durch blindes Herumtappen -zur Dämmerung, und geht erst aus dieser zum hellen Tag über. Er wird -anfangs durch dunkle Gefühle ... geleitet ...«. _Schopenhauer_, -Parerga, I, § 14 (Werke IV, S. 159 f., ed. Grisebach): »Im allgemeinen -... ist über diesen Punkt zu sagen, daß von jeder großen Wahrheit -sich, ehe sie gefunden wird, ein Vorgefühl kundgibt, eine Ahndung, -ein undeutliches Bild, wie im Nebel, und ein vergebliches Haschen, -sie zu ergreifen; weil eben die Fortschritte der Zeit sie vorbereitet -haben. Demgemäß präludieren dann vereinzelte Aussprüche. Allein, -nur wer eine Wahrheit aus ihren Gründen erkannt und in ihren Folgen -durchdacht, ihren ganzen Inhalt entwickelt, den Umfang ihres Bereiches -übersehen und sie sonach mit vollem Bewußtsein ihres Wertes und ihrer -Wichtigkeit, deutlich und zusammenhängend, dargelegt hat, der ist ihr -Urheber. Daß sie hingegen, in alter und neuer Zeit, irgend einmal mit -halbem Bewußtsein und fast wie ein Reden im Schlaf ausgesprochen worden -und demnach sich daselbst finden läßt, wenn man hinterher danach sucht, -bedeutet, wenn sie auch totidem verbis dasteht, nicht viel mehr, als -wäre es totidem litteris; gleichwie der Finder einer Sache nur der ist, -welcher sie, ihren Wert erkennend, aufhob und bewahrte; nicht aber der, -welcher sie zufällig einmal in die Hand nahm und wieder fallen ließ; -oder wie Kolumbus der Entdecker Amerikas ist, nicht aber der erste -Schiffbrüchige, den die Wellen dort einmal abwarfen. Dies eben ist -der Sinn des Donatischen pereant qui ante nos nostra dixerunt.« Noch -treffender sagt _Kant_: »Dergleichen allgemeine und dennoch bestimmte -Prinzipien lernt man nicht leicht von anderen, denen sie nur dunkel -vorgeschwebt haben. Man muß durch eigenes Nachdenken zuvor selbst -darauf gekommen sein, danach findet man sie auch anderwärts, wo man -sie gewiß nicht zuerst würde angetroffen haben, weil die Verfasser -selbst nicht einmal wußten, daß ihren Bemerkungen eine solche Idee -zum Grunde liege. _Die so niemals selbst denken, besitzen dennoch -die Scharfsichtigkeit, alles, nachdem es ihnen gezeigt worden, in -demjenigen, was sonst schon gesagt worden, aufzufinden, wo es doch -vorher niemand entdecken konnte._« (Prolegomena zu jeder künftigen -Metaphysik, § 3, gegen Ende.) - -($S. 122, Z. 8 f.$) Das Citat aus _Nietzsche_, Also sprach Zarathustra, -III. Buch, Kap.: Der Genesende. - -($S. 124, Z. 11 v. u.$) S. _Exner_, Entwurf zu einer physiologischen -Erklärung der psychischen Erscheinungen, I. Teil, Leipzig und Wien -1894, S. 76 ff. Vgl. H. _Höffding_, Vierteljahrschr. f. wiss. Philos. -13, 1889, S. 431. - -($S. 125, Z. 3 v. o.$) _Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung, -Bd. I, Leipzig 1888, S. 77; Bd. II, Leipzig 1890, S. 57. Übrigens -schlägt den gleichen Ausdruck in ähnlichem Falle Wilhelm _Dilthey_ vor, -Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Berliner -Sitzungsberichte, 1894, S. 1387. - -($S. 126, Z. 14.$) Wahrscheinlicher jedoch als die _Exner_sche -Theorie dünkt mich jetzt folgende Vermutung. Der Parallelismus -zwischen Phylo- und Ontogenese, das »biogenetische Grundgesetz« -wird gewöhnlich konstatiert, ohne daß man weiter darüber nachdenkt, -_warum_ die Entwicklung des Individuums immer die Geschichte der -Gattung wiederhole; so eilig hat man es eben, die Tatsache für die -Deszendenzlehre und besonders für ihre ungeteilte Anwendung auf den -Menschen auszubeuten. Vielleicht liegt aber in der Entwicklung von -der Henide zum differenzierten Inhalt ein Parallelprozeß zu jener -Erscheinung vor, der ihre bisherige Isoliertheit und Rätselhaftigkeit -aufheben könnte. - -($S. 128, Z. 13 f.$) Über die falsche populäre Annahme einer -allgemeinen größeren Sinnesempfindlichkeit beim Weibe, eine Annahme, -die Sensibilität mit Emotivität und Irritabilität verwechselt, vgl. -Havelock _Ellis_, Mann und Weib, S. 153 f. - -($S. 129, Z. 9 v. o.$) Vgl. Ernst _Mach_, Die Mechanik in ihrer -Entwicklung, historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, -S. 1 f., 28 f. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch -entwickelt, 2. Aufl., Leipzig 1900, S. 151. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 4. - - -($S. 131, Z. 1 f.$) Die Bestimmungen, zu welchen dieses Kapitel über -das Wesen der Genialität gelangt, sind ganz provisorisch und können -erst nach der Lektüre des achten Kapitels verstanden werden, das sie -wieder aufnimmt, aber in einem weit größeren Ganzen zeigt und darum -erst eigentlich begründet. - -($S. 134, Z. 12 v. u.$) Über das _Verstehen_ der Menschen und -menschlicher Äußerungen ist in der wissenschaftlich-psychologischen -Literatur bezeichnend wenig zu finden. Nur Wilhelm _Dilthey_ bemerkt -(Beiträge zum Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte, -1896, S. 309 ff.): »Wir können zunächst das Verstehen eines fremden -Zustandes als einen Analogieschluß auffassen, der von einem _äußeren -physischen_ Vorgang vermittels seiner _Ähnlichkeit_ mit _solchen_ -Vorgängen, die wir mit bestimmten _inneren_ Zuständen verbunden -finden, auf einen diesen _ähnlichen inneren_ Zustand hingeht ..... Die -Glieder des Nachbildungsvorganges sind gar nicht bloß durch logische -Operationen, etwa durch einen Analogieschluß, miteinander verbunden. -Nachbilden ist eben ein Nacherleben. Ein rätselhafter Tatbestand! -Wir können dies etwa, wie ein Urphänomen, darauf zurückführen, daß -wir fremde Zustände in einem gewissen Grade wie die eigenen fühlen, -uns mitfreuen und mittrauern können, zunächst je nach dem Grade -der Sympathie, Liebe oder Verwandtschaft mit anderen Personen. Die -Verwandtschaft dieser Tatsache mit dem nachbildenden Verstehen ergibt -sich aus mehreren Umständen. Auch das Verstehen ist von dem Maße der -Sympathie abhängig, und ganz unsympathische Menschen verstehen wir -überhaupt nicht mehr. Ferner offenbart sich die Verwandtschaft des -Mitgefühls mit dem nachbildenden Verstehen sehr deutlich, wenn wir -vor der Bühne sitzen!« ..... »Gemäß diesen Verhältnissen hat auch die -_wissenschaftliche Auslegung oder Interpretation_ als das kunstmäßig -nachbildende Verstehen immer etwas Genialisches, das heißt, sie -erlangt erst durch innere Verwandtschaft und Sympathie einen hohen -Grad von Vollendung. So wurden die Werke der Alten erst im Zeitalter -der Renaissance ganz wiederverstanden, als ähnliche Verhältnisse eine -Verwandtschaft der Menschen zur Folge hatten ..... Es gibt keinen -wissenschaftlichen Prozeß, welcher dieses lebendige Nachbilden als -untergeordnetes Moment hinter sich zu lassen vermöchte. Hier ist der -mütterliche Boden, aus dem auch die abstraktesten Operationen der -Geisteswissenschaften immer wieder ihre Kraft ziehen müssen. _Nie -kann hier Verstehen in rationales Begreifen aufgehoben werden. Es ist -umsonst, aus Umständen aller Art den Helden oder den Genius begreiflich -machen zu wollen. Der eigenste Zugang zu ihm ist der subjektive._« -..... (S. 314 f.): »Die älteren Maler strebten, die bleibenden Züge -der Physiognomie in einem idealen Moment, der für dieselben am meisten -prägnant und bezeichnend ist, zu sammeln. Möchte nun eine neue Schule -den momentanen Eindruck festhalten, um so den Eindruck des Lebens zu -steigern: so gibt sie die Personen an die Zufälligkeit des Momentes -hin. Und auch in diesem findet ja eine Auffassung des Inbegriffs von -Eindrücken eines gegebenen Momentes unter der Einwirkung des erworbenen -seelischen Zusammenhanges statt; eben in dieser Apperzeption entspringt -die Verbindung der Züge von einem gefühlten Eindruckspunkt aus, welche -Auslassungen und Betonungen bedingt: so entsteht ein Momentbild -ebenso der Apperzeptionsweise des Malers als des Gegenstandes, -und jede Bemühung zu sehen ohne zu apperzipieren, so gleichsam das -sinnliche Bild in Farben auf einer Platte aufzulösen, muß mißlingen. -Was noch tiefer führt, der Eindruckspunkt ist schließlich durch das -Verhältnis irgend einer Lebendigkeit zu der meinigen bedingt, ich -finde mich in meinem Lebenszusammenhang von etwas Wirkendem in einer -Natur innerlich berührt; ich verstehe von diesem Lebenspunkt aus die -dorthin konvergierenden Züge. So entsteht ein Typus. Ein Individuum -war das Original: ein Typus ist jedes echte Porträt, geschweige denn -in einem Figurengemälde. Auch die Poesie kann nicht abschreiben, -was vor sich geht u. s. w.« Sonst ist nur die sehr interessante und -originelle Arbeit von Hermann _Swoboda_, Verstehen und Begreifen, -Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XXVII, 1903, -Heft 2, zu nennen. _Swoboda_ hält wie Dilthey die Gleichheit respektive -Verwandtschaft für das _einzige_ Erfordernis des Verständnisses; hierin -weiche ich von beiden ab. - -($S. 139, Z. 17.$) Richard _Wagner_, Gesammelte Schriften und -Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. VI, S. 128. - -($S. 142, Z. 7 v. o.$) Es gibt nur Universalgenies: »ὃν γὰρ ἀπέστειλεν -ὁ θεός, τὰ ῥήματα του θεου λαλει· οὐ γὰρ ἐκ μέτρου δίδωσιν τὸ πνεῦμα.« -(_Evang. Joh._ 3, 34.) - -($S. 142, Z. 16 v. u.$) Die hier gerügte Verwechslung kommt besonders -deutlich zum Vorschein bei Franz _Brentano_, Das Genie, ein Vortrag, -Leipzig 1892, S. 11: »Jedes Genie hat sein eigentümliches Gebiet; nicht -bloß gibt es kein Universalgenie im vollen Sinne des Wortes, sondern -meist hat die Genialität auch in der einzelnen Kunstgattung engere -Grenzen. So war z. B. Pindar ein genialer Lyriker und nichts weiter.« -Wäre diese populäre Ansicht haltbar, so müßte man den Dichter und Maler -Rossetti über den »bloßen« Dichter Dante stellen, Novalis höher halten -als Kant und Lionardo da Vinci für den größten Menschen ansehen. - -($S. 143, Z. 10 v. u.$) Hiemit stimmt _Schopenhauers_ Überzeugung -überein (Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 31, S. 447, ed. -Frauenstädt): »Weiber können bedeutendes Talent, aber kein Genie haben.« - -($S. 144, Z. 11 v. o.$) Über das Verhältnis der anderen Menschen zum -Helden Thomas _Carlyle_, On Heroes, Hero-Worship and the Heroic in -History, London, Chapman and Hall, p. 10 ff. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 5. - - -($S. 145, Z. 5 v. u.$) Anderthalb Jahre nach Niederschrift dieser -Partien fand ich in _Schopenhauers_ Nachlaß (Neue Paralipomena, -§ 143) eine Stelle, die einzige mir in der gesamten Literatur bekannt -gewordene, in der eine Ahnung des Zusammenhanges zwischen Genialität -und Gedächtnis sich äußert. Sie lautet: »Ob nicht alles Genie seine -Wurzel hat in der Vollkommenheit und Lebhaftigkeit der Rückerinnerung -des eigenen Lebenslaufes? Denn nur vermöge dieser, die eigentlich unser -Leben zu einem großen Ganzen verbindet, erlangen wir ein umfassenderes -und tieferes Verständnis desselben, als die übrigen haben.« - -($S. 146, Z. 5 f.$) David _Hume_ fragt einmal (A Treatise of Human -Nature, 1. Ausgabe, London 1738, Vol. I, p. 455): »Who can tell me, for -instance, what were his thoughts and actions on the first of January -1715, the 11. of March 1719 and the 3. of August 1733?« Das vollkommene -Genie müßte dies von allen Tagen seines Lebens mit Sicherheit wissen. - -($S. 150, Z. 4 ff.$) Vgl. _Goethe_, Dichtung und Wahrheit, III. Teil -XIV. Buch (Bd. XXIV, S. 141 der Hesseschen Ausgabe): »Ein Gefühl aber, -das bei mir gewaltig überhand nahm und sich nicht wundersam genug -äußern konnte, war die Empfindung der Vergangenheit und Gegenwart in -eins: eine Anschauung, die etwas Gespenstermäßiges in die Gegenwart -brachte. Sie ist in vielen meiner größeren und kleineren Arbeiten -ausgedrückt und wirkt im Gedicht immer wohltätig, ob sie gleich im -Augenblicke, wo sie sich unmittelbar am Leben und im Leben selbst -ausdrückte, jedermann seltsam, unerklärlich, vielleicht unerfreulich -scheinen mußte.« - -($S. 152, Z. 5 v. u. f.$) »Der Erfolg der Sängerinnen hatte im -Laufe des XVII. Jahrhunderts der Frau jede Gelegenheit auch der -theoretisch-musikalischen Ausbildung eröffnet. Unzulängliche Vorbildung -kann also in der Komposition als Grund für die minderwertige weibliche -Leistung nicht gelten.« So Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_, -Mutterschaft und geistige Arbeit, S. 74; ich citiere diese Stelle auch, -um _Mills_ geistreichen Syllogismus anzuführen: »Man unterrichtet -die Frauen in der Musik, aber nicht damit sie komponieren, sondern -nur damit sie ausüben können, und _folglich_ sind in der Musik die -Männer den Frauen als Komponisten überlegen.« (Die Hörigkeit der Frau, -übersetzt von Jenny Hirsch, Berlin 1869, S. 126.) - -($S. 152, Z. 2 v. u. f.$) Die Angabe über die Malerinnen etc. nach -_Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 150. - -($S. 153, Z. 10 v. u.$) »A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve -qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas -de différence entre les hommes.« (_Pascal_, Pensées, I, 10, 1.) - -($S. 154, Z. 5 v. u.$) Hiemit stimmt überein, was _Helvetius_ (nach -J. B. _Meyer_, Genie und Talent, Eine prinzipielle Betrachtung, -Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. XI, 1880, S. 298) und -_Schopenhauer_ (Parerga und Paralipomena II, § 53) über den nur -dem Grade nach bestehenden Unterschied zwischen dem Genie und den -Normalköpfen lehren. Vgl. auch _Jean Paul_, Vorschule der Ästhetik, -§ 8: »Wie könnte denn ein Genie nur einen Monat, geschweige -Jahrtausende lang von der ungleichartigen Menge erduldet oder gar -erhoben werden ohne irgend eine ausgemachte Familienähnlichkeit mit -ihr?« - -($S. 155, Z. 9 ff.$) Man vergleiche die Autobiographie der bedeutenden -Menschen mit denen minder hervorragender Männer. Jene reichen stets -weiter zurück (_Goethe_, _Hebbel_, _Grillparzer_, Richard _Wagner_, -_Jean Paul_ u. s. w.). _Rousseau_, Confessions, Nouvelle édition, Paris -1875, p. 4: »J'ignore ce que je fis jusqu'à cinq ou six ans. Je ne -sais comment j'appris à lire; je ne me souviens que de mes premières -lectures et de leur effet sur moi: _c'est le temps d'où je date sans -interruption la conscience de moi-même_.« -- Natürlich ist nicht jeder -Biograph seines eigenen Lebens ein großer Genius (J. St. _Mill_, -_Darwin_, Benvenuto _Cellini_). - -($S. 157, Z. 19 v. u.$) Richard _Wagner_, »Die Meistersinger von -Nürnberg,« III. Akt (Gesammelte Schriften und Dichtungen, Bd. VII, -Leipzig 1898, S. 246). - -($S. 157, Z. 12 v. u.$) So bemerkt bereits _Aristoteles_ (während -_Platon_ bis auf Timaeus 37 D ff. die Zeit im engeren Sinne nicht -Problem geworden zu sein scheint), Physika VI, 9, 239 b, 8: Οὐ γὰρ -σύγκειται ὁ χρόνος ἐκ τῶν νῦν ἀδιαιρέτων. - -($S. 158, Z. 1 v. u.$) Wie wenig tief im Wesen der Frau das -Gedächtnis gegründet ist, geht daraus hervor, daß man in einer Frau -das Erinnerungsvermögen für bestimmte Dinge töten kann, indem man -ihr in der Hypnose verbietet, je wieder derselben zu gedenken. Einen -solchen Fall entnehme ich einer Erzählung _Freuds_ in seinen mit -_Breuer_ gemeinsam herausgegebenen »Studien über Hysterie«, Leipzig -und Wien 1895 (S. 49): »Ich unterbreche sie hier .... und nehme ihr -die Möglichkeit, alle diese traurigen Dinge wieder zu sehen, indem -ich nicht nur die plastische Erinnerung verlösche, sondern die ganze -Reminiszenz aus ihrem Gedächtnisse löse, als ob sie nie darin gewesen -wäre.« Und in einer Anmerkung zu dieser Stelle fügt _Freud_ hinzu: »Ich -bin diesmal in meiner Energie wohl zu weit gegangen. Noch 1½ Jahre -später, als ich Frau Emmy in relativ hohem Wohlbefinden wiedersah, -klagte sie mir, _es sei merkwürdig, daß sie sich an gewisse, sehr -wichtige Momente ihres Lebens nur höchst ungenau erinnern könne_. Sie -sah darin einen Beweis für die Abnahme ihres Gedächtnisses, während -ich mich hüten mußte, ihr die Erklärung für diese spezielle Amnesie zu -geben« (um einen Rückfall in die Krankheit zu verhindern). - -($S. 159, Z. 9 v. u.$) _Lotze_: im »Mikrokosmus«, 1. Aufl., 1858, -Bd. II, S. 369. - -($S. 162, Z. 17 f.$) Diese Ableitung aus dem Schein der Bekanntheit -neuer Situationen bei _Rhys Davids_, Der Buddhismus, Leipzig, -Universalbibliothek, S. 107. - -($S. 162, Z. 23.$) Edward B. _Tylor_, Die Anfänge der Kultur, -Untersuchungen über die Entwicklung der Mythologie, Philosophie, -Religion, Kunst und Sitte, übersetzt von J. W. Spengel und Fr. Poske, -Leipzig 1873, Bd. II, S. 1: Es »kann ... nicht nachdrücklich genug -hervorgehoben werden, daß die Lehre von einem zukünftigen Leben, wie -wir sie selbst bei den niedrigsten Rassen vorfinden, eine durchaus -notwendige Folge des rohen Animismus ist.« -- Herbert _Spencer_, Die -Prinzipien der Soziologie, Bd. I, Stuttg. 1877, § 100 (S. 225). Richard -_Avenarius_, Der menschliche Weltbegriff, Leipzig 1891, S. 35 ff. - -($S. 163, Z. 11 f.$) Über dieses plötzliche Auftauchen aller -Erinnerungen vor dem Tode oder in Todesgefahr und Todesnähe vgl. -_Fechner_, Zend-Avesta, 2. Aufl., Bd. II, S. 203 ff. - -($S. 164, Z. 8 f.$) Über die »Euthanasie der Atheisten« vergleiche man, -was F. A. _Lange_ erzählt (Geschichte des Materialismus, 5. Aufl., -1896, Bd. I, S. 358). - -($S. 166, Z. 5 v. u. f.$) Aus den angeführten Gründen sind mir die -indischen Lehren vom Leben nach dem Tode, die griechische Anschauung -vom Lethe-Trunk und die Verkündung von _Wagners_ Tristan: »... -im weiten Reich der Welten-Nacht. Nur ein Wissen dort uns eigen: -göttlich ew'ges _Ur-Vergessen_«, ungleich weniger verständlich -als die Anschauung Gustav Theodor _Fechners_, dem das zukünftige -Leben ein volles und ganzes Erinnerungsleben ist (Zend-Avesta oder -über die Dinge des Himmels und des Jenseits vom Standpunkte der -Naturbetrachtung, 2. Aufl., besorgt von Kurd Laßwitz, Hamburg und -Leipzig 1901, Bd. II, S. 190 ff.), z. B. S. 196: »Ein volles Erinnern -an das alte Leben wird beginnen, wenn das ganze alte Leben hinten -liegt, und alles Erinnern innerhalb des alten Lebens selber ist bloß -ein kleiner Vorbegriff davon.«. Die Annahme ist _unethisch_, welche -die Erinnerungen aus dem Erdenleben mit dem Tode völlig ausgelöscht -sein läßt: sie entwertet Wertvolles; da Wertloses ohnehin vergessen -wird. Und dann: in der Erinnerung ist der Mensch bereits aktiv, das -Gedächtnis ist eine Willenserscheinung; von einem Leben in voller -Aktivität ist zu denken, daß es alle Elemente der Aktivität in sich -aufgenommen habe, es ist ewig, weil es zeitlos ist und also Vergangenes -und Zukünftiges nebeneinander sieht. Sehr schön sagt Fechner (ibid. -S. 197 f.): »So denke dir also, daß nach dem letzten Augenschluß, der -gänzlichen Abtötung aller diesseitigen Anschauung und Sinnesempfindung -überhaupt, die der höhere Geist bisher durch dich gewonnen, nicht -bloß die Erinnerungen an den letzten Tag erwachen, sondern teils -die Erinnerungen, teils die Fähigkeit zu Erinnerungen an dein ganzes -Leben, lebendiger, zusammenhängender, umfassender, heller, klarer, -überschaulicher, als je Erinnerungen erwachten, da du immer noch halb -in Sinnesbanden gefangen lagst; denn so sehr dein eigener Leib das -Mittel war, diesseitige Sinnesanschauungen zu schöpfen und irdisch -zu verarbeiten, so sehr war er das Mittel, dich an dies Geschäft zu -binden. Nun ist aus das Schöpfen, Sammeln, Umbilden im Sinne des -Diesseits; der heimgetragene Eimer öffnet sich, du gewinnst, und in -dir tut's der höhere Geist, auf einmal allen Reichtum, den du nach und -nach hineingetan. Ein geistiger Zusammenhang und Abklang alles dessen, -was du je getan, gesehen, gedacht, errungen in deinem ganzen irdischen -Leben, wird nun in dir wach und helle; wohl dir, wenn du dich dessen -freuen kannst. Mit solchem Lichtwerden deines ganzen Geistesbaues -wirst du geboren ins neue Leben, um mit hellerem Bewußtsein fortan zu -arbeiten an dem höheren Geistesleben ...« - -»Manche sind, die glauben wohl an ein künftig Leben, nur gerade, daß -die Erinnerung des jetzigen hinüberreichen werde, wollen sie nicht -glauben. Der Mensch werde neu gemacht und finde sich ein anderer im -neuen Leben, der wisse nichts mehr von dem früheren Menschen. Sie -brechen damit selbst die Brücke ab, die zwischen Diesseits und Jenseits -überleitet und werfen eine dunkle Wolke zwischen. Statt daß nach uns -der Mensch mit dem Tode sich ganz und vollständig wieder gewinnen soll, -ja so vollständig, als er sich niemals im Leben hatte, lassen sie ihn -sich ganz verlieren; der Hauch, der aus dem Wasser steigt, statt den -künftigen Zustand des ganzen Wassers vorzubedeuten, verschwindet ihnen -mit dem Wasser zugleich. Nun soll es plötzlich als neues Wasser in -einer neuen Welt da sein. Allein wie ward es so? Wie kam's dahin? Die -Antwort bleiben sie uns schuldig. So bleibt man auch gar leicht den -Glauben daran schuldig. - -Was ist der Grund von solcher Ansicht? Weil keine Erinnerungen aus -einem früheren Leben ins jetzige hinüberreichen, sei auch nicht zu -erwarten, daß solche aus dem jetzigen ins folgende hinüberreichen. Aber -hören wir doch auf, Gleiches aus Ungleichem zu folgern. Das Leben vor -der Geburt hatte noch keine Erinnerungen, ja kein Erinnerungsvermögen -in sich, wie sollten Erinnerungen davon in das jetzige Leben reichen; -das jetzige hat Erinnerungen und ein Erinnerungsvermögen in sich -entwickelt, wie sollten Erinnerungen nicht in das künftige Leben -reichen, ja sich nicht steigern, wenn wir doch im künftigen Leben eine -Steigerung dessen zu erwarten haben, was sich im Übergange vom vorigen -zum jetzigen Leben gesteigert hat. Wohl wird der Tod als zweite Geburt -in ein neues Leben zu fassen sein; ... aber kann darum alles gleich -sein zwischen Geburt und Tod? Nichts ist doch sonst ganz gleich -zwischen zwei Dingen. Der Tod ist eine _zweite_ Geburt, indes die -Geburt eine _erste_. Und soll uns die zweite zurückwerfen auf den Punkt -der ersten, nicht vielmehr von neuem Anlauf auf uns weiter führen? Und -muß der Abschnitt zwischen zwei Leben notwendig ein Schnitt sein? Kann -er nicht auch darin bestehen, daß das Enge sich plötzlich ausdehnt in -das Weite?« (S. 199 f.). - -($S. 169, Z. 4.$) In den werttheoretischen Büchern von _Döring_, -_Meinong_, _Ehrenfels_, _Kreibig_ habe ich vergebens nach irgend -einer Bestimmung des Verhältnisses von Wert und Zeit gesucht. Was -bei Alexius v. _Meinong_, Psychologisch-ethische Untersuchungen -zur Werttheorie, Graz 1894, S. 46 und 58 ff., bei Josef Clemens -_Kreibig_, Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie, -Wien 1902, S. 53 ff., zu finden ist, steht in keiner Beziehung zu -dem hier in Betracht kommenden prinzipiellen Zwecke. Gerade was -Kreibig ausführt, S. 54: »Das stets gleichbleibende lang andauernde -Tönen einer Dampfpfeife oder eines Nebelhornes, das Einerlei eines -gleichförmig grauen Himmels, das endlose Plappern eines witzelnden -Gesellschafters wirkt auf die Dauer unlusterregend, auch wenn diese -Inhalte ursprünglich angenehm empfunden wurden. Goethe sagt treffend, -nichts sei schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen (!) -Tagen. Auf allen höheren Gebieten finden wir ähnliche Tatbestände; -der immer süße Mendelssohn, der leiernde Hexameter Vossens, das Lob -der Speichellecker wird schließlich peinvoll. Der Sozialist Fourier -beweist Beobachtungsgabe, indem er in seinem Phalansterium der -»Schmetterlingsleidenschaft« der Menschen durch entsprechenden Wechsel -der pflichtmäßigen Beschäftigung jedes einzelnen Rechnung trägt. Daß -anderseits eine zu rasche Abfolge differenter Inhalte ermüdend und -damit negativ wertbeeinflussend wirkt, braucht nicht ausführlich belegt -zu werden« -- gerade diese Auseinandersetzung zeigt, wie heillos die -_Brentano_sche Schule »Wertgefühl« und Lust konfundiert hat. Die Lust -mag durch Dauer geschwächt werden, ein Wertvolles kann durch sie nie an -Wert verlieren. - -Nur an zwei Orten finde ich Meinungen, die an die Darlegungen -des Textes erinnern könnten. Harald _Höffding_ stellt in seiner -»Religionsphilosophie« (übersetzt von F. Bendixen, Leipzig 1901, -S. 105, 193 ff.) eine These von der »Erhaltung des Wertes« auf, -durch welche man sich entfernt an den Satz von der Zeitlosigkeit des -Wertes gemahnt fühlen könnte. Viel näher und deutlicher erkennbar ist -meine Übereinstimmung mit Rudolf _Eucken_, Der Wahrheitsgehalt der -Religion, Leipzig 1901, S. 219 f.: »... Wohl heißt es, daß der Mensch -der bloßen Zeit angehört, aber er tut das nur für eine gewisse Fläche -seines Daseins; alles geistige Leben ist eine Erhebung über die Zeit, -eine Überwindung der Zeit. Was immer an geistigen Inhalten entfaltet -wird, das trägt in sich den Anspruch, ohne alle Beziehung zur Zeit -und unberührt von ihrem Wandel, d. h. also in einer ewigen Ordnung -der Dinge zu gelten; nicht nur die Wissenschaft gibt ihre Wahrheit -»unter der Form der Ewigkeit«, was immer wertvoll und wesenhaft sein -will, das verschmäht ein Dahinschwimmen mit dem Flusse der Zeit, eine -Unterwerfung unter den Wandel ihrer Mode und Laune, das will umgekehrt -von sich aus die Zeiten messen und ihren Wert bestimmen. - -Dieses Verlangen nach Ewigkeit begnügt sich nicht damit, eine -Zuflucht aus den Wirren der Zeit zu suchen, es nimmt auf dem eigenen -Boden der Zeit den Kampf mit ihr auf; dieser Zusammenstoß von Zeit -und Ewigkeit ist es vornehmlich, woraus Geschichte im menschlichen -Sinne entsteht und besteht. In der Zeit selbst erwächst ein Streben -über alles Zeitliche hinaus zu etwas Unwandelbarem: so fixiert -das Kulturleben von den Leistungen der Vergangenheit gewisse als -klassisch und möchte sie nicht nur dauernd im Bewußtsein erhalten, -sondern in ihnen ein untrügliches Maß des Strebens finden ... nicht -dadurch entsteht Geschichte im menschlichen und geistigen Sinne, daß -Erscheinungen einander folgen und sich anhäufen, sondern dadurch, daß -diese Folge irgend gedacht und erlebt wird. Nun aber wäre nicht einmal -ein Überschauen und die Vereinigung der Mannigfaltigkeit in einen -Gesamtanblick möglich ohne ein Heraustreten des Beobachters aus dem -rastlosen Strom der Zeit. Und die Betrachtung allein vermag keineswegs -eine historische Gestaltung der Kultur hervorzubringen, diese kommt nur -zustande, indem in der Geschichte Wesentliches und Nebensächliches, -Bleibendes und Vergängliches auseinandertritt; sie ist nicht möglich -ohne ein energisches Sondern und Sichten der chaotischen Fülle, die uns -zuströmt. Der echte Bestand, der allein für die eigene Lebensführung -Wert hat, ist aus der Erscheinung immer erst herauszuarbeiten. Wer -anders aber sollte jenes Sondern und Sichten vollziehen als ein der -Zeit überlegener, nach inneren Notwendigkeiten messender Lebensprozeß -und wie anders sollte er es tun, als indem er das echt Befundene aus -allem Wandel der Zeit heraushebt und ihr gegenüber festlegt?...« -S. 221 f.: »... ein anderes ist es, die anthropomorphe Unsterblichkeit -abzulehnen, ein anderes, dem Geisteswesen des Menschen alle Teilnahme -an der Ewigkeit zu versagen. Denn dies heißt nicht sowohl Aussichten -in die Zukunft abschneiden als alles Geistesleben der bloßen Zeit -überantworten, damit aber es herabdrücken, zerstreuen, innerlich -vernichten. Auch das zeitliche Leben wird zu bloßem Schatten und -Schein, wenn ihm kein Streben zur Ewigkeit innewohnt; müßte doch bei -voller Gebundenheit an die Zeit alles menschliche Erlebnis, alle -menschliche Wirklichkeit nach dem Aufleuchten des bloßen Augenblicks -sofort in den Abgrund des Nichts zurücksinken.« - -Wollte ich noch weiteres anführen, so könnte ich nur auf den schönen -Traum verweisen, den Knut _Hamsun_ in seinem Roman »Neue Erde« -(übersetzt von M. v. Borch, München 1894, S. 169 ff.) schildert, oder -müßte schon hier auf die ewigen Ideen _Platons_ zurückgreifen, die -unberührt von der Zeit an einem Orte »jenseits des Himmels« thronen. -Die _Ideen_ Platons in ihrer späteren restringierten Fassung sind die -_Werte_ der modernen, von _Kant_ begründeten Philosophie. Aber in der -rein psychologischen Auseinandersetzung dieses Kapitels kommt das noch -nicht in Betracht. - -($S. 174, Z. 19 f.$) _Carlyle_, On Heroes etc., p. 11 f. »He was the -‚creature of the Time’, they say; the Time called him forth, the Time -did everything, he nothing .... The Time call forth? Alas, we have -known Times _call_ loudly enough for their great man; but not find him -when they called! He was not there; Providence has not sent him; the -Time, _calling_ its loudest, had to go down to confusion and wreck -because he would not come when called. - -For if we will think of it, no time need have gone to ruin, could it -have _found_ a man great enough, a man wise and good enough: wisdom -to discern truly what the Time wanted, valour to lead it on the right -road thither; these are the salvation of any Time. But I liken common -languid Times, with their unbelief, distress, perplexity, with their -languid doubting characters and embarrassed circumstances, impotently -crumbling-down into ever worse distress towards final ruin; -- all this -I liken to dry dead fuel, waiting for the lightning but of Heaven that -shall kindle it. The great man, with his free force direct out of God's -own hand, is the lightning. His word is the wise healing word which all -can believe in. All blazes round him now, when he has once struck on -it, into fire like his own. The dry mouldering sticks are thought to -have called him forth. They did want him greatly; but as to calling him -forth --! -- Those are critics of small vision, I think, who cry: ‚See, -is it not the stick that made the fire?’ _No sadder proof can be given -by a man of his own littleness than disbelief in great men._« - -($S. 176, Z. 4 v. u.$) _Baco_ als Sprachkritiker: Novum Organum I, 43. -Fritz _Mauthner_, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. I, Sprache -und Psychologie, Stuttgart 1901. - -($S. 177, Z. 19 v. u.$) Hermann _Türck_, Der geniale Mensch, 5. Aufl., -Berlin 1901, S. 275 f. -- Cesare _Lombroso_, Der geniale Mensch, -übersetzt von M. O. Fränkel, Hamburg 1890, passim. -- Zur Erheiterung -sei hier noch Francis _Galton_ (Hereditary Genius, Inquiry into its -Laws and Consequences, London 1892, p. 9, vgl. Preface p. XII) folgende -Auffassung entnommen: »When I speak of an eminent man, I mean one who -has achieved a position that is attained by only 250 persons in each -million of men, or by one person in each 4000.« - -($S. 177, Z. 15 v. u.$) _Kant_ über das Genie: Kritik der Urteilskraft, -§ 46-50. Vgl. Otto _Schlapp_, Kants Lehre vom Genie, Göttingen 1902, -besonders S. 305 ff. _Schelling_, System des transscendentalen -Idealismus, Werke I/3, S. 622-624, S. 623 heißt es: »Nur das, was -die Kunst hervorbringt, ist allein und nur durch Genie möglich.« -- -Gegen Kantens Ausschluß der Philosophen von der Genialität wenden -sich _Jean Paul_, Das Kampanertal oder über die Unsterblichkeit der -Seele, 503. Station und Johann Gottlieb _Fichte_, Über den Begriff -der Wissenschaftslehre, 1794, § 7. (Sämtliche Werke herausgegeben von -J. H. Fichte, Bd. I/1, S. 73, Anmerkung.) - - - - -Zu Teil II, Kapitel 6. - - -($S. 182, Z. 1 v. u.$) _Für_ den Psychologismus: Karl _Stumpf_, -Psychologie und Erkenntnistheorie, Abhandlungen der philos.-philol. kl. -königlich bayerischen Akad. der Wissensch., Bd. 19, 1892, S. 465-516. -Alois _Höfler_, Logik, Wien 1890, S. 17: »Da die Psychologie -_sämtliche_ psychischen Erscheinungen, die Logik nur die Erscheinungen -des _Denkens_, und zwar die des _richtigen_ Denkens zum unmittelbaren -Gegenstande hat, so bildet die theoretische Bearbeitung des letzteren -nur einen _speziellen Teil_ der _Psychologie_.« Theodor _Lipps_, -Grundzüge der Logik, Hamburg 1893, S. 1 f., S. 149. - -_Gegen_ den Psychologismus: Edmund _Husserl_, Logische Untersuchungen, -I. Teil, Halle 1900. Hermann _Cohen_, Kants Theorie der Erfahrung, -2. Aufl., Berlin 1885, S. 69 f., 81 f., und Logik der reinen -Erkenntnis, Berlin 1902 (System der Philosophie, I. Teil), S. 509 f. -Wilhelm _Windelband_, Kritische oder genetische Methode (Präludien, -1. Aufl., 1884, S. 247 ff.). Ferdinand Jakob _Schmidt_, Grundzüge -der konstitutiven Erfahrungsphilosophie als Theorie des immanenten -Erfahrungsmonismus, Berlin 1901, S. 16 f., 59 f., 69 f. Emil -_Lucka_, Erkenntnistheorie, Logik und Psychologie, in der Wiener -Halbmonatsschrift »Die Gnosis« vom 25. März 1903. - -($S. 183, Z. 18.$) Wenn _Kant_ bei der Aufstellung seines -Sittengesetzes für »alle möglichen vernünftigen Wesen« an einen -besonderen Träger außer dem Menschen gedacht hat und nicht bloß -das streng formale Prinzip reinhalten wollte von dem Zufälligen -der empirischen Menschheit, so dürften ihm eher jene Bewohner -anderer Gestirne vorgeschwebt haben, von welchen der dritte Teil -der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels« handelte, -als das, was _Schopenhauer_ ihm unterschiebt (Preisschrift über -die Grundlage der Moral, § 6): »Man kann sich des Verdachtes nicht -erwehren, daß _Kant_ dabei ein wenig an die lieben Engelein gedacht, -oder doch auf deren Beistand in der Überzeugung des Lesers gezählt -habe.« Für die Engel gälte nämlich die Kantische Ethik gar nicht, da -bei ihnen Sollen und Sein zusammenfiele. - -($S. 183, Z. 5 v. u.$) Auch der Aufsatz von A. _Meinong_, -Zur erkenntnistheoretischen Würdigung des Gedächtnisses, -Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, X, 1886, -S. 7-33, liegt gänzlich abseits von den hier behandelten Problemen. - -($S. 184, Z. 2 f.$) Charles _Bonnet_, Essai analytique sur les facultés -de l'âme, Copenhague 1760, p. 61: »La souplesse ou la mobilité des -fibres augmente par le retour des mêmes ébranlements. Le sentiment -attaché à cette augmentation de souplesse ou de mobilité constitue la -réminiscence.« (Citiert nach Harald _Höffding_) Vgl. übrigens noch Max -_Offner_, Die Psychologie Charles Bonnets, Eine Studie zur Geschichte -der Psychologie, Schriften der Gesellschaft für psychologische -Forschung, Heft 5, Leipzig 1893, S. 34 ff. -- Ewald _Hering_, Über das -Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie, -Vortrag, 2. Ausgabe, Wien 1876. -- Vgl. E. _Mach_, Die Analyse der -Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, -3. Aufl., Jena 1902, S. 177 ff. - -($S. 185, Z. 6 ff.$) Über Erinnerung unter dem Einflusse der Suggestion -vgl. Friedrich _Jodl_, Lehrbuch der Psychologie, 2. Aufl., Stuttgart -und Berlin 1903, Bd. II, S. 159: »Als eine Zwischenstufe zwischen -dem, was .... als passives und aktives Moment der repräsentativen -Aufmerksamkeit unterschieden wird, kann man den Fall ansehen, wo in die -Leitung des Reproduktionsprozesses und die Fixierung der Aufmerksamkeit -nicht der eigene Wille des Subjektes, sondern ein fremder Wille -eingreift, um mit jenem bestimmte Zwecke zu erreichen oder bestimmte -Bewußtseinsphänomene hervorzurufen .... Hier geschieht durch Einwirkung -von außen, was bei der willkürlichen Reproduktion aus dem Willen des -Subjektes heraus erfolgt.« - -($S. 185, Z. 19 v. u.$) Richard _Avenarius_, Kritik der reinen -Erfahrung, Bd. II, Leipzig 1890, S. 32, 42 ff. -- H. _Höffding_, -Über Wiedererkennen, Association und psychische Aktivität, -Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889, -S. 420 f. und XIV, 1890, S. 27 ff. Psychologie in Umrissen, übersetzt -von Bendixen, 2. Aufl., 1893, S. 163 f., Philosophische Studien, VIII, -S. 86 f. - -Im ersten Aufsatze sagt Höffding (S. 426 f.): »Was in solchen -Bewußtseinszuständen .... gegeben ist, das ist die unmittelbare -Auffassung des Unterschiedes zwischen Bekanntem und Vertrautem und -etwas Neuem und Fremdem. Dieser Unterschied ist so einfach und -klar, daß er sich ebensowenig näher beschreiben läßt, als z. B. -der Unterschied zwischen Lust und Unlust, oder der Unterschied -zwischen Gelb und Blau. Wir stehen hier einem unmittelbaren -Qualitätsunterschiede gegenüber. Die eigentümliche Qualität, mit -welcher das Bekannte im Gegensatz zum Neuen im Bewußtsein auftritt, -werde ich im folgenden die _Bekanntheitsqualität_ nennen.« [Es] »ist -noch hervorzuheben, daß die Selbstbeobachtung in den angeführten -Fällen _nicht die geringste Spur von anderen Vorstellungen zeigt, die -durch die erkannte Erscheinung erweckt würden_, und von denen man -annehmen könnte, sie spielten eine Rolle beim Wiedererkennen selbst. -Insofern also jemand annehmen wollte, alles Wiedererkennen setze -derartige Vorstellungen voraus, so liegt ihm die Beweispflicht ob; und -läßt sich das unmittelbare Wiedererkennen, sowie es in den angeführten -Fällen auftritt, ohne eine solche Annahme erklären, so wird diese -Erklärung die einzige wissenschaftliche sein.« - -Gegen diese Lehre _Höffdings_ haben sich mit durchaus unzureichenden -Gründen Wilhelm _Wundt_, Grundzüge der physiologischen Psychologie, 4. -Aufl., Leipzig 1893, Bd. II, S. 442, Anmerkung 1, und William _James_, -The Principles of Psychology, 1890, Vol. I, p. 674, Anmerkung 1 -ausgesprochen. Höffding selbst bemerkt klar genug S. 431: »Diese -Reproduktion braucht nicht dahin zu führen, daß das, was reproduziert -wird, als selbständiges Glied im Bewußtsein auftrete. Und in den -vorliegenden Fällen geschieht dies auch nicht. Deren Eigentümlichkeit -bestand unter anderem gerade in ihrem nicht zusammengesetzten -Charakter. Außer dem erkannten Zug oder den erkannten Zügen findet -sich im Bewußtsein nicht das Mindeste, was mit dem Wiedererkennen -zu schaffen hat. Das Wort »~Les Plans~« klingt bekannt, und diese -Bekanntheitsqualität ist die _ganze Erscheinung_ ....« Es ist dagegen -unzutreffend, wenn _Wundt_ behauptet (a. a. O. II^4, 445): »Es geht -_immer_ der simultane deutlich in einen successiven Associationsvorgang -über, in welchem der zuerst vorhandene Eindruck, die dann hinzutretende -Mittelvorstellung und endlich das Wiedererkennungsgefühl als die -Glieder der Associationsreihe auftreten.« - -($S. 186, Z. 1 v. u.$) Nur dieselbe Verwechslung des Wiedererkennens -mit dem Gedächtnis liegt den Beispielen zu Grunde, auf Grund deren -G. John _Romanes_, Die geistige Entwicklung im Tierreich, Leipzig 1885, -S. 127 f. den Tieren ein Gedächtnis zuschreibt. - -($S. 190, Z. 12.$) Der Ausdruck connotativ (mitbezeichnend) stammt -von John Stuart _Mill_, System der deduktiven und induktiven Logik, -übersetzt von Gomperz, I^2, Leipzig 1884, S. 30 f. -- Den Ausdruck -»typische Vorstellung« gebraucht Harald _Höffding_, der Terminus -»Repräsentativ-Vorstellung« ist der englischen und französischen -Psychologie geläufig. - -($S. 191, Z. 13 v u.$) Wunderbar gibt _Fouqué_ dem _Alogischen_ im -Weibe zusammen mit seinem völligen Mangel an Kontinuität Ausdruck in -der »Undine« (fünftes Kapitel): »Einen Teil des Tages über strich er -mit einer alten Armbrust, die er in einem Winkel der Hütte gefunden -und sich ausgebessert hatte, umher, nach den vorüberfliegenden Vögeln -lauernd und, was er von ihnen treffen konnte, als guten Braten in die -Hütte liefernd. Brachte er nun seine Beute zurück, so unterließ Undine -fast niemals, ihn auszuschelten, daß er den lieben, lustigen Tierchen -oben im blauen Luftmeer so feindlich ihr fröhliches Leben stehle; ja -sie weinte oftmals bitterlich bei dem Anblick des toten Geflügels. Kam -er aber dann ein andermal wieder heim und hatte nichts geschossen, -so schalt sie ihn nicht minder ernstlich darüber aus, daß man nun um -seines Ungeschickes und seiner Nachlässigkeit willen mit Fischen und -Krebsen vorlieb nehmen müsse.« - -($S. 191, Z. 10 v. u.$) G. _Simmel_, Zur Psychologie der Frauen, -Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, XX, 1890, -S. 6-46: »Hier ist der Ort, der vielkritisierten Logik der Frauen -zu gedenken. Zunächst ist die Meinung, die ihnen dieselbe ganz oder -fast ganz absprechen will, einfach abzuweisen; das ist eine von den -trivialen Paradoxen, der gegenüber man sicher behaupten kann, daß -jeder, der nur irgend eingehender mit Frauen zu tun hatte, oft genug -von der Schärfe und Unbarmherzigkeit ihrer Folgerungen überrascht -worden ist.« (S. 9 f.) - -($S. 195, Z. 5 v. u.$) _Kant_, Kritik der praktischen Vernunft, S. 105 -(Universalbibliothek). - -($S. 196, Z. 8 v. u. f.$) Die Stelle über Spinoza bei _Kant_ ist -ungemein charakteristisch (vgl. Kap. 13); man findet sie in der Kritik -der praktischen Vernunft, S. 123, ed. Kehrbach. -- Was Kant an Hume -mit Recht sympathisch ansprechen durfte, war die Sonderstellung, -welche dieser klügste Empirist immerhin der Mathematik einräumte. Das -große Lob Humes aus dem Munde Kantens, welchem Hume sein hohes Ansehen -bei den nachkantischen Philosophen und Historikern der Philosophie -vornehmlich dankt, ist wohl so zu erklären, daß Kant selbst schon, -bevor er Hume kennen gelernt hatte, die Notwendigkeit der Ersetzung des -metaphysischen durch den transcendentalen Standpunkt unklar gefühlt -hatte. Den Angriff Humes empfand er als solchen, den er selbst längst -hätte führen sollen, und machte sich den eigenen Mangel an Rüstigkeit -in der Abrechnung mit allem Unbewiesenen in der Spekulation heftig -zum Vorwurf. So kam es, daß er Humes Skeptizismus dem Dogmatismus -gegenüber, den er in den eigenen Gliedern noch immer spürte, -hochstellen konnte, und an der Flachheit dieses Empirismus, bei dem -er natürlich nicht bleiben konnte, relativ wenig Anstoß nahm. -- Wie -unglaublich seicht Hume übrigens auch als Geschichtsschreiber in seinen -Urteilen über historische Bewegungen und historische Persönlichkeiten -ist, darüber vergleiche man das Büchlein von Julius _Goldstein_, Die -empiristische Geschichtsauffassung David Humes mit Berücksichtigung -moderner methodischer und erkenntnistheoretischer Probleme, eine -philosophische Studie, Leipzig 1903, z. B. die dort S. 19 f. aus -Humes »History of England« citierten Äußerungen über die Religion -und religiöse Menschen, besonders über Luther. Jene Stellen verraten -Borniertheit. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 7. - - -($S. 197, Z. 3 ff.$) David _Hume_, A Treatise of Human Nature, being an -Attempt to introduce the experimental Method of Reasoning into Moral -Subjects, Book I. Of the Understanding, Part IV. Of the sceptical and -other systems of philosophy, Sect. VI. Of personal identity, Vol. I, -p. 438 f. (der ersten englischen Ausgabe, London 1739): - -»For my part, when I enter most intimately into what I call myself, I -always stumble on some particular perception or other, of heat or cold, -light or shade, love or hatred, pain or pleasure. I never can catch -myself at any time without a perception, and never can observe anything -but the perception. When my perceptions are remov'd for any time, as -by sound sleep; so long am I insensible of _myself_, and may truly be -said not to exist. And were all my perceptions remov'd by death, and -cou'd I neither think, nor feel, nor see, nor love, nor hate after -the dissolution of my body, I thou'd be entirely annihilated, nor do -I conceive what is farther requisite to make me a perfect non-entity. -If any one, upon serious and unprejudiced reflection thinks he has a -different notion (439) of _himself_, I must confess I can reason no -longer with him. All I can allow him is, that he may be in the right as -well as I, and that we are essentially different in this particular. He -may, perhaps, perceive something simple and continu'd, which he calls -_himself_; tho' I am certain there is no such principle in me. - -But setting aside some metaphysicians of this kind, I may venture to -affirm of the rest of mankind that they are nothing but a bundle or -collection of different perceptions, which succeed each other with an -inconceivable rapidity, and are in a perpetual flux and movement.« - -($S. 198, Z. 3 f.$) Georg Christoph _Lichtenberg_, Ausgewählte -Schriften, herausgegeben von Eugen Reichel, Leipzig, -Universalbibliothek, S. 74 f.: »Wir werden uns gewisser Vorstellungen -bewußt, die nicht von uns abhängen; andere, glauben wir wenigstens, -hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die -Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. _Es denkt_, -sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen ~cogito~, ist -schon zu viel, sobald man es durch Ich denke übersetzt. Das _Ich_ -anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.« - -($S. 198, Z. 8 f.$) _Hume_ a. a. O., S. 455 f.: »All the nice and -subtile questions concerning personal identity can never possibly -be decided, and are to be regarded rather as grammatical than as -philosophical difficulties ... All the disputes concerning the identity -of connected objects are merely verbal.« - -($S. 198, Z. 12 f.$) E. _Mach_, Die Analyse der Empfindungen und -das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902, -S. 2 ff, 6 f., 10 f., 18 ff., 29 f. - -($S. 199, Z. 12 f.$) Das _Idioplasma_ ist also wohl das von Alois -_Höfler_, Psychologie, Wien und Prag 1897, S. 382, vermißte -physiologische Äquivalent des _empirischen_ Ich. - -($S. 200, Z. 5 v. u.$) Die beiden Stellen aus _Sigwart_ in dessen -Logik, I^2, Freiburg 1889, S. 182, 190. - -($S. 200, Z. 13.$) _Hegel_, Enzyklopädie der philosophischen -Wissenschaften im Grundrisse, § 115 (Werke, vollständige Ausgabe, Bd. -VI, S. 230 f., Berlin 1840): »Dieser Satz, statt ein wahres Denkgesetz -zu sein, ist nichts als das Gesetz des _abstrakten Verstandes_. Die -_Form des Satzes_ widerspricht ihm schon selbst, da ein Satz auch -einen Unterschied zwischen Subjekt und Prädikat verspricht, dieser -aber das nicht leistet, was seine Form fordert ... Wenn man behauptet, -dieser Satz könne nicht bewiesen werden, aber _jedes_ Bewußtsein -verfahre danach, und stimmt ihm nach der Erfahrung sogleich zu, wie -es ihn vernehme, so ist dieser angeblichen Erfahrung der Schule die -allgemeine Erfahrung entgegenzusetzen, daß kein Bewußtseyn nach diesem -Gesetze denkt, noch Vorstellungen hat u. s. f., noch spricht, daß keine -Existenz, welcher Art sie sey, nach demselben existiert. Das Sprechen -nach diesem seynsollenden Gesetze der Wahrheit (ein Planet ist -- ein -Planet, der Magnetismus ist -- der Magnetismus, der Geist ist -- ein -Geist) gilt mit vollem Recht für albern; dies ist wohl allgemeine -Erfahrung.« - -($S. 200, Z. 18 f.$) Vgl. hiezu Hermann _Cohen_, System der -Philosophie, I. Teil, Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902, S. 79: -»Man sagt, diese Identität bedeute nichts als Tautologie. Das Wort, -durch welches der Vorwurf bezeichnet wird, verrät die Unterschlagung -des Prinzipes. Freilich bedeutet die Identität Tautologie: nämlich -dadurch, daß durch Dasselbe (ταὐτό) das Denken zum Logos wird. Und so -erklärt es sich, daß vorzugsweise, _ja ausschließlich die Identität als -Denkgesetz stabiliert wurde._« - -($S. 201, Z. 16 f.$) Mit Heinrich _Gomperz_, Zur Psychologie der -logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien 1897, S. 21 f., ist meine -Darstellung an diesem Punkte vollkommen einer Ansicht. Er sagt: ».... -die wissenschaftlichen Begriffe bilden überall keinen Gegenstand -der Psychologie, d. h. der psychologischen Erfahrung ...... Wir -gelangen zu solchen Begriffen durch eine eigene Methode, nämlich -durch Synthese, wie wir zu den Naturgesetzen durch die Methode der -Induktion vorschreiten, und verwerten diese Begriffe durch Analyse wie -jene Gesetze durch Deduktion. Und deshalb gibt es eine Psychologie -des wissenschaftlichen Säugetierbegriffes ebensowenig wie eine -Psychologie des wissenschaftlichen Gravitationsgesetzes. Daß wir diese -Gesetzmäßigkeiten durch eigene Worte -- Säugetier und Gravitation -- -bezeichnen, kann hieran nichts ändern. Denn diese Worte bezeichnen -lediglich äußere, wenn auch ideelle Dinge. Diese sind Gegenstände, -nicht Elemente oder überhaupt Bestandteile des Denkens.« - -($S. 202, Z. 19.$) Die Stelle aus _Kant_: Kritik der reinen Vernunft, -S. 145, Kehrbach. -- Zur Lösung des von Kant bezeichneten Rätsels -glaube ich hier und auf S. 244-251 ein Weniges beigetragen zu haben. - -($S. 202, Z. 11 v. u.$) Was ich unter _Essenz_ meine, deckt sich also -ziemlich mit dem aristotelischen τὸ τί ἦν εἶναι. Der Begriff ist auch -für _Aristoteles_ an einer Stelle λόγος τί ἦν εἶναι λέγων (Eth. Nicom. -II, 6, 1107 a 6). - -($S. 203, Z. 7 v. u.$). Vgl. _Schelling_, System des transcendentalen -Idealismus, Werke I/3, S. 362: »In dem Urteil A = A wird ganz von dem -Inhalte des Subjektes A abstrahiert. Ob A _Realität_ hat oder nicht, -ist für dieses Wissen ganz gleichgültig.« »Der Satz ist evident und -gewiß, ganz abgesehen davon, ob A etwas wirklich Existierendes oder -bloß Eingebildetes oder selbst unmöglich ist.« - -($S. 204, Z. 3 v. o.$) John Stuart _Mill_, System der deduktiven -und induktiven Logik, Eine Darlegung der Grundsätze der Beweislehre -und der Methoden wissenschaftlicher Forschung, Buch II, Kapitel 7, -§ 5, 2. Aufl., übersetzt von Theodor Gomperz, Leipzig 1884, Bd. -I (Gesammelte Werke, Bd. II), S. 326: »Ich erkenne im principium -contradictionis, wie in anderen Axiomen eine unserer frühesten -und naheliegendsten Verallgemeinerungen aus der Erfahrung. Ihre -ursprüngliche Grundlage finde ich darin, daß Glaube und Unglaube zwei -verschiedene Geisteszustände sind, die einander ausschließen. Dies -erkennen wir aus der einfachsten Beobachtung unseres eigenen Geistes. -Und richten wir unsere Beobachtung nach außen, so finden wir auch hier, -daß Licht und Dunkel, Schall und Stille, Bewegung und Ruhe, Gleichheit -und Ungleichheit, Vorangehen und Nachfolgen, Aufeinanderfolge und -Gleichzeitigkeit, kurz jedes positive Phänomen und seine Verneinung -unterschiedene Phänomene sind, im Verhältnis eines zugespitzten -Gegensatzes, und die eine immer dort abwesend, wo die andere anwesend -ist. Ich betrachte das fragliche Axiom als eine Verallgemeinerung aus -all diesen Tatsachen.« - -Von der Flachheit dieser Auseinandersetzung will ich schweigen; denn -daß John St. Mill unter den berühmten Flachköpfen des XIX. Jahrhunderts -der flachste ist, das kann wie eine identische Gleichung ausgesprochen -werden. Aber man vermag auch nicht leicht falscher und leichtsinniger -zu argumentieren, als es hier von Mill geschehen ist. Für diesen -Mann ist Kant vergebens auf der Welt erschienen; er hat sich nicht -einmal dies klar gemacht, daß dem Satze A = A nie eine Erfahrung -widersprechen kann, und daß wir dies mit absoluter Sicherheit von -Rechts wegen behaupten dürfen, während alle Induktion nie imstande ist, -Sätze von solchem Gewißheitsgrade zu liefern. -- Außerdem verwechselt -Mill hier den konträren mit dem kontradiktorischen Gegensatz. -- Die -vielen verständnislosen Beschimpfungen des Identitätsprinzipes seien -übergangen. - -($S. 205, Z. 18.$) Johann Gottlieb _Fichte_, Grundlage der gesamten -Wissenschaftslehre, Leipzig 1794, S. 5 ff. (sämtliche Werke -herausgegeben von J. H. Fichte, Erste Abteilung, Bd. I, Berlin 1845, -S. 92 ff.): - -»1. Den Satz _A ist A_ (soviel als A = A, denn das ist die Bedeutung -der logischen Copula) gibt jeder zu; und zwar ohne sich im geringsten -darüber zu bedenken: man erkennt ihn für völlig gewiß und ausgemacht an. - -Wenn aber jemand einen Beweis desselben fordern sollte, so würde man -sich auf einen solchen Beweis gar nicht einlassen, sondern behaupten, -jener Satz sey schlechthin, d. i. _ohne allen weiteren Grund_, gewiß: -und indem man dieses, ohne Zweifel mit allgemeiner Beistimmung, thut, -schreibt man sich das Vermögen zu, _etwas schlechthin zu setzen_. - -2. Man setzt durch die Behauptung, daß obiger Satz an sich gewiß sey, - -_nicht_, daß A _sey_. Der Satz: _A ist A_ ist gar nicht gleichbedeutend -dem: _A ist_, oder: _es ist ein A_. (_Seyn_, ohne Prädikat gesetzt, -drückt etwas ganz anderes aus, als seyn mit einem Prädikate .......) -Man nehme an, A bedeute einen in zwei gerade Linien eingeschlossenen -Raum, so bleibt jener Satz immer richtig; obgleich der Satz: _A ist_, -offenbar falsch wäre. Sondern - -man setzt: _wenn_ A sey, _so_ sey A. Mithin ist davon, _ob_ überhaupt -A sey oder nicht, gar nicht die Frage. Es ist nicht die Frage vom -_Gehalte_ des Satzes, sondern bloß von seiner _Form_; nicht von dem, -_wovon_ man etwas weiß, sondern von dem, _was_ man weiß, von irgend -einem Gegenstande, welcher es auch seyn möge. - -Mithin wird durch die Behauptung, daß der obige Satz schlechthin gewiß -sey, _das_ festgesetzt, daß zwischen jenem _Wenn_ und diesem _So_ -ein nothwendiger Zusammenhang sey; und der _nothwendige Zusammenhang -zwischen beiden_ ist es, der schlechthin und _ohne allen Grund_ gesetzt -wird. Ich nenne diesen notwendigen Zusammenhang vorläufig = X. - -3. In Rücksicht auf A selbst aber, _ob_ es sey oder nicht, ist dadurch -noch nichts gesetzt. Es entsteht also die Frage: unter welcher -Bedingung _ist_ denn A? - -~a~) X wenigstens ist _im_ Ich und _durch_ das Ich gesetzt -- denn -das Ich ist es, welches im obigen Satze urtheilt, und zwar nach X -als einem Gesetze urtheilt, welches mithin dem Ich gegeben, und da es -schlechthin und ohne allen weiteren Grund aufgestellt wird, dem Ich -durch das Ich selbst gegeben seyn muß. - -~b~) _Ob_ und _wie_ A überhaupt gesetzt sey, wissen wir nicht; aber -da X einen Zusammenhang zwischen einem unbekannten Setzen des A, und -einem unter der Bedingung jenes Setzens absoluten Setzen desselben -A bezeichnen soll, so ist, _wenigstens insofern jener_ Zusammenhang -gesetzt wird, A $in$ dem Ich und _durch_ das Ich gesetzt, so wie X; -X ist nur in Beziehung auf ein A möglich; nun ist X im Ich wirklich -gesetzt; mithin muß auch A im Ich gesetzt sein, insofern X darauf -bezogen wird. - -~c~) X bezieht sich auf dasjenige A, welches im obigen Satze die -logische Stelle einnimmt, ebenso wie auf dasjenige, welches für das des -Prädikats steht; denn beide werden durch X vereinigt. Beide also sind, -insofern sie gesetzt sind, im Ich gesetzt; und der obige Satz läßt sich -demnach auch so ausdrücken: Wenn A _im_ Ich gesetzt ist, so _ist es -gesetzt_; oder -- so _ist_ es. - -4. Es wird demnach durch das X vermittelst X gesetzt: _A sey für das -urteilende Ich schlechthin und lediglich kraft seines Gesetztseyns im -Ich überhaupt_; das heißt: es wird gesetzt, daß im Ich -- es sey nun -insbesondere setzend oder urtheilend oder was es auch sey -- etwas -sey, das sich stets gleich, stets Ein und ebendasselbe sey; und das -schlechthin gesetzte Ich läßt sich auch so ausdrücken: _Ich = Ich_; Ich -bin Ich. - -5. Durch diese Operation sind wir schon unvermerkt zu dem Satze: _Ich -bin_ (zwar nicht als Ausdruck einer _Thathandlung_, aber doch einer -_Thatsache_) angekommen. Denn - -X ist schlechthin gesetzt; das ist Thatsache des empirischen -Bewußtseyns. Nun ist X gleich dem Satze: Ich bin Ich; mithin ist auch -dieser schlechthin gesetzt. - -Aber der Satz: Ich bin Ich, hat eine ganz andere Bedeutung als der Satz -A = A. -- Nämlich der letztere hat nur unter einer gewissen Bedingung -einen Gehalt. Wenn A gesetzt ist, so ist es freilich _als_ A, mit -dem Prädicate A gesetzt. Es ist aber durch jenen Satz noch gar nicht -ausgemacht, _ob_ es überhaupt gesetzt, mithin, ob es mit irgend einem -Prädicate gesetzt sey. Der Satz: Ich bin Ich, aber gilt unbedingt und -schlechthin, denn er ist gleich dem Satze X: er gilt nicht nur der -Form, er gilt auch seinem Gehalte nach. In ihm ist das Ich, nicht unter -Bedingung, sondern schlechthin, mit dem Prädicate der Gleichheit mit -sich selbst gesetzt; es ist also gesetzt; und der Satz läßt sich auch -ausdrücken: _Ich bin._« - -Dieser Fichtesche Beweis ist verfehlt; denn er findet, obwohl er es -anfänglich in Abrede stellt, im Satze selbst das Sein desselben A, -von dem A = A behauptet wird, schon enthalten. Der Beweis, den ich -selbst im Texte versucht habe, ist auch ungenügend und beruht auf -einer unzulässigen Äquivokation, die in der Anmerkung S. 204 berichtigt -ist. Meine Anschauungen hierüber haben sich während der Drucklegung -des Buches geändert. Ich glaube jetzt, daß es aussichtslos ist, mit -_Fichte_ und _Schelling_ aus dem Satze das Ich herauszulesen; was aber -sehr wohl in ihm zum Ausdruck kommt, ist das _Sein_, das absolute, -hyperempirische, gar nicht im geringsten mehr zufällige, sondern das an -sich seiende _Sein_. Der Beweis gestaltet sich dann kurz so: es _ist_ -etwas (nämlich das Gleichheitszeichen, das X _Fichtes_), gleichgültig, -ob sonst etwas ist oder nicht. Es besteht und gilt mindestens das Sein -A = A, unabhängig von jedem besonderen A, und ob ein solches A selbst -nun sei oder nicht. Und insofern die Frau diesen Satz nicht anerkannt, -insofern _ist_ sie nicht. Auch in dieser Form bleibt der Satz von der -größten Tragweite für das zwölfte Kapitel, wo die Seelenlosigkeit der -Frau in einen weiteren Zusammenhang aufgenommen wird (S. 378 ff.). - -($S. 206, Z. 15.$) Über die Reue vgl. _Kant_, Kritik der praktischen -Vernunft, S. 218 ff. (ed. Kehrbach). - -($S. 207, Z. 18.$) Kritik der praktischen Vernunft, S. 105, Kehrbach. - -($S. 208, Z. 10.$) _Ibsens_ _Brand_ antwortet den Fragenden (fünfter -Aufzug): - - »_Wie lang das Streiten währen wird?_ - Es währt bis an des Lebens Ende, - Bis alle Opfer ihr gebracht, - Bis ihr vom Pakt euch frei gemacht, - Bis ihr es wollt, wollt unbeirrt; - Bis jeder Zweifel schwindet, nichts - Euch trennt vom: alles oder nichts. - _Und eure Opfer?_ -- Alle Götzen, - Die euch den ew'gen Gott ersetzen; - Die blanken gold'nen Sklavenketten, - Samt eurer schlaffen Trägheit Betten. -- - _Der Siegespreis?_ -- Des Willens Einheit, - Des Glaubens Schwung, der Seelen Reinheit; - Die Freudigkeit, die euch durchschauert, - Die alles opfert, überdauert; - Um eure Stirn die Dornenkrone: - Seht, das erhaltet ihr zum Lohne.« - -($S. 208, Z. 12 f.$) Friedrich _Hebbels_ sämtliche Werke, herausgegeben -von Hermann _Krumm_, Bd. I, S. 214. - -($S. 209, Z. 7 f.$) _Kant_, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, -§ 87 (S. 216, ed. Kirchmann): »Der Mensch, der sich eines Charakters -in seiner Denkungsart bewußt ist, hat ihn nicht von der Natur, sondern -muß ihn jederzeit _erworben_ haben. Man kann auch annehmen, daß -die Gründung desselben gleich einer Art Wiedergeburt, eine gewisse -Feierlichkeit der Angelobung, die er sich selbst tut, sie und den -Zeitpunkt, da diese Umwandlung in ihm vorging, gleich einer neuen -Epoche ihm unvergeßlich mache.« - -($S. 209, Z. 16 ff.$) _Kant_, Kritik der praktischen Vernunft, -S. 193 f., Kehrbach. - -($S. 210, Z. 20 ff.$) Vgl. _Kant_, Grundlegung zur Metaphysik der -Sitten, dritter Abschnitt, wo die so einfachen und doch so tiefen -Worte stehen (S. 75, ed. Kirchmann): »Die Naturnotwendigkeit war eine -Heteronomie der wirkenden Ursachen; denn jede Wirkung war nur nach dem -Gesetze möglich, daß etwas anderes die wirkende Ursache zur Kausalität -bestimmte; was kann denn wohl die Freiheit des Willens sonst sein -als Autonomie, d. i. die Eigenschaft des Willens, sich selbst ein -Gesetz zu sein? Der Satz aber: der Wille ist in allen Handlungen sich -selbst ein Gesetz, bezeichnet nur das Prinzip, nach keiner anderen -Maxime zu handeln, als die sich selbst auch als ein allgemeines Gesetz -zum Gegenstande haben kann. Dies ist aber gerade die Formel des -kategorischen Imperativs und das Prinzip der Sittlichkeit; also ist ein -freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei.« - - - - -Zu Teil II, Kapitel 8. - - -($S. 212, Z. 3 ff.$) Die Stelle aus der »Großen Wald-Upanishad« (1, -4, 1) nach Paul _Deussens_ Übersetzung (Sechzig Upanishads des Veda, -Leipzig 1897, S. 392 f.). - -($S. 214, Z. 10 ff.$) Die folgenden Citate aus _Jean Pauls_ Werken, -Hempelsche Ausgabe, XLVIII. Teil, S. 328. -- _Novalis_ Schriften, von -Schlegel und Tieck, II. Teil, Wien 1820, S. 143 f. -- _Schellings_ -Werke, I/1, S. 318 f. - -($S. 220, Z. 13 v. u. ff.$) Durch diese Bemerkung hoffe ich zur -Verdeutlichung dessen beizutragen, was Wilhelm _Dilthey_, ohne -recht verstanden worden zu sein, als den Grundunterschied zwischen -psychischem und physischem Geschehen aufgedeckt hat (z. B. Beiträge zum -Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, S. 296): -»Darin, daß der Zusammenhang im Seelenleben primär gegeben ist, besteht -der Grundunterschied der psychologischen Erkenntnis vom Naturerkennen, -und da liegt also auch die erste und fundamentale Eigentümlichkeit der -Geisteswissenschaften. Da im Gebiete der äußeren Erscheinungen nur -Neben- und Nacheinander in die Erfahrung fällt, könnte der Gedanke -von Zusammenhang nicht entstehen, wäre er nicht in der eigenen -zusammenhängenden Einheitlichkeit gegeben.« - -($S. 222, Z. 18.$) Der bewußte Zusammenhang mit dem All, die Bewußtheit -des Mikrokosmus, die den genialen Menschen konstituiert, reicht -vielleicht auch zur Erklärung der Tatsache aus, daß wenn nicht alle, -so doch gewiß die meisten Genies telepathische Erlebnisse und Visionen -kennen und erfahren. _Die geniale Individualität hat etwas vom -Hellseher._ Im Text wollte ich diese Dinge hier nicht berühren, weil -heute, wer die Telepathie für möglich hält, einem Obskuranten gleich -geachtet wird. Auch die Offenbarungen Sterbender reihen sich diesem -Zusammenhange wohl ein: der Sterbende gewinnt eine tiefere Vereinigung -mit dem All, als es dem Lebenden möglich war, und kann deshalb den -Fernstehenden in der Todesstunde erscheinen, auf ihr Denken und Träumen -einen Einfluß gewinnen. - -($S. 222, Z. 19 v. u. ff.$) Der Gedanke des Mikrokosmus liegt natürlich -auch der Schöpfungsgeschichte der Genesis zu Grunde, als welche den -Menschen das Ebenbild Gottes sein läßt. - -Naturgemäß findet sich dieselbe Konzeption auch bei den _Indern_. -Bṛihadâraṇyaka-Upanishad 4, 4, 5 (_Deussen_, Sechzig Upanishaden des -Veda, Leipzig 1897, S. 476): »Wahrlich, dieses Selbst ist das Brahman, -bestehend aus Erkenntnis, aus Leben, aus Auge, aus Ohr, bestehend aus -Erde, aus Wasser, aus Wind, aus Äther; bestehend aus Feuer und nicht -aus Feuer, aus Lust und nicht aus Lust, aus Zorn und nicht aus Zorn, -aus Gerechtigkeit und nicht aus Gerechtigkeit, _bestehend aus allem_.« -Chândogya-Upanishad 3, 14, 2 f. (a. a. O., S. 109): »Geist ist sein -[des Menschen] Stoff, Leben sein Leib, Licht seine Gestalt; sein -Ratschluß ist Wahrheit, _sein Selbst die Unendlichkeit_. Allwirkend -ist er, allwünschend, allriechend, allschmeckend, das All umfassend, -schweigend, unbekümmert; -- - -dieser ist meine Seele im inneren Herzen, kleiner als ein Reiskorn oder -Gerstenkorn oder Senfkorn oder Hirsekorn oder eines Hirsekornes Kern; -- - -dieser ist meine Seele im inneren Herzen, größer als die Erde, größer -als der Luftraum, größer als der Himmel, größer als diese Welten. - -Der Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, das -All Umfassende, Schweigende, Unbekümmerte, dieser ist meine Seele im -inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu ihm werde ich, von hier -abscheidend, eingehen. -- Wem dieses ward, fürwahr, der zweifelt nicht!« - -_Plato_ lehrt zuerst im Menon (81 c): »ἁτε οὖν ἡ ψυχὴ ἀθάνατός τε οὖσα -καὶ πολλάκις γεγονυῖα καὶ ἑωρακυῖα καὶ τὰ ἐνθάδε _καὶ πάντα χρήματα_, -οὐκ ἔστιν ὅ τι οὐ μεμάθηκεν ... ἁτε γὰρ _τῆς φύσεως ἁπάσης συγγενοῦς -οὔσης καὶ μεμαθηκυίας τῆς ψυχῆς ἅπαντα_ οὐδὲν κωλύει ... πάντα ... -ἀνευρεῖν.« Anklänge finden sich auch im Philebos (29 a ff.), z. B.: -»Τρέφεται καὶ γιγνεται καὶ ἄρχεται τό τοῦ παντὸς πὑρ ὑπὸ τοῦ παρ' ἡμων -πυρός, ή τούναντίον ύπ' έκείνου τό τ' ἐμόν καὶ τό σόν καὶ τό τών άλλων -ζώων ἅπαντ ἴσχει ταῦτα.« Deutlicher _Aristoteles_, De anima III, -8, 431 b 21: »ἡ ψυχὴ τὰ ὄντα πώς ἐστι πάντα.« Vgl. Ludwig _Stein_, -Die Psychologie der Stoa, Bd. I: Metaphysisch-anthropologischer -Teil (Berliner Studien für klassische Philologie und Archäologie, -Bd. III, 1. Heft, Berlin 1886), S. 206: »Bei Aristoteles hat man es -bereits mit einem deutlichen Hinweis auf den Mikrokosmus zu tun. Ja -man wird nicht fehl gehen, wenn man selbst diesen Terminus auf den -Stagiriten zurückführt« (Aristot. Physika, VIII^2, 252 b 24: »εἰ -δ'ἐν ζώω τοΰτο δυνατὸν γενέσθαι, τί κωλύει τὸ αὐτὸ συμβῆναι καὶ κατὰ -τὸ πᾶν; εἰ γὰρ ἐν _μικρῷ κόσμῳ_ γίνεται, καὶ ἐν _μεγάλῳ_ ...), wenn -auch der Begriff älter sein mag.« S. 214: »In der Stoa tritt uns zum -ersten Male ein klar ausgesprochener, scharf gezeichneter und kühn -ausgebauter Mikrokosmos entgegen.« Weiteres über die Geschichte des -Mikrokosmusgedankens (z. B. bei _Philo_) bei Stein a. a. O. Auch -bei _Augustinus_ findet er sich nach _Überweg-Heinze_, Grundriß der -Geschichte der Philosophie, II^8, 128. _Pico de Mirandolas_ Anschauung -ist von mir ausführlich wiedergegeben S. 237 f. Vgl. auch Rudolf -_Eisler_, Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke, Berlin -1901 sub verbo und Rudolf _Eucken_, Die Grundbegriffe der Gegenwart, -historisch und kritisch entwickelt. 2. Aufl., Leipzig 1893, S. 188 f. - -($S. 223, Z. 14 v. u. ff.$) _Empedokles_ bei Aristoteles Metaphysik, -1000 b, 6. -- _Plotinus_ Enneades I, 6, 9. -- Übrigens steht auch bei -_Plato_ Rep. 508 b: »ἀλλ' [ὄμμα] ἡλιοειδέστατόν γε, οἶμαι, τῶν περὶ τὰς -αἰσθήσεως ὀργάνων.« - -($S. 223, Z. 17.$) In _Kantens_ Ethik wird wohl nichts so wenig -verstanden wie die Forderung, nach einer allgemeinsten Maxime zu -handeln. Man glaubt noch immer, hierin etwas Soziales erblicken zu -müssen, die _Büchner_sche Ethik (»Was Du nicht willst, daß man Dir tu« -u. s. w.), eine Anleitung für ein Strafgesetzbuch. Die Allgemeinheit -des kategorischen Imperatives drückt nur die Metaphysik transcendental -aus, welche nach _Cicero_ (De natura deorum II, 14, 37) der große -Stoiker _Chrysippos_ gelehrt hat: »... Cetera omnia aliorum causa esse -generata, ut eos fruges atque fructus quos terra gignat, animantium -causa, animantes autem hominum, ut equum vehendi causa, arandi bovem, -venandi et custodiendi canem. Ipse autem homo ortus est ad mundum -contemplandum _et imitandum_ ...« - -($S. 224, Z. 13 v. u.$) Vielleicht sind die drei Probleme, an denen am -schnellsten offenbar wird, wie weit die Tiefe eines Menschen reicht, -das Problem der Religion, das Problem der Kunst und das Problem der -Freiheit -- alle drei im Grunde doch das eine Problem des Seins. -Die Form aber, in welcher dieses eine Problem von den wenigsten -verstanden wird, ist das Problem der Freiheit. Den niedrigsten Menschen -ist der »Indeterminismus«, den mittelmäßigen der »Determinismus« -selbstverständlich; daß hier der Dualismus am intensivsten sich -offenbart, wie selten wird das begriffen! - -Die tiefsten Denker der Menschheit haben sicherlich alle -indeterministisch gedacht. _Goethe_, Dichtung und Wahrheit, IV. Teil, -16. Buch (Bd. XXIV, S. 177, ed. Hesse): »Wo sich in den Thieren -etwas Vernunftähnliches hervorthut, so können wir uns von unserer -Verwunderung nicht erholen, denn ob sie uns gleich so nahe stehen, -so scheinen sie doch durch eine unendliche Kluft von uns getrennt -und in das Reich der Nothwendigkeit verwiesen.« Durch dieselbe Kluft -aber scheidet sich Goethe von der »modernen Weltanschauung« und der -»Entwicklungslehre«. - -So auch _Dante_, Paradiso, Canto V, V. 19-24: - - »Lo maggior don, che Dio per sua larghezza - Fesse creando, ed alla sua bontate - Più conformato, e quel ch'ei più apprezza - Fu della volontà la libertate, - Di che le creature intelligenti - E tutte e sole fûro e son dotate.« - -So läßt schon _Platon_, die _Schelling-Schopenhauer_sche Lehre von der -Willensfreiheit antizipierend (wie es überhaupt keinen philosophischen -Gedanken gibt, der sich bei ihm nicht fände) in seinem »Staat« (X, -617, D E) die Parze Lachesis sagen: »Ψυχαὶ ἐφήμεροι ... οὐχ ὑμᾶς -δαίμων λήξεται, ἀλλ' ὑμεῖς δαιμονα αἱρήσεσθε ... αιτια ἑλομενου · θεὸς -ἀναίτιος.« Und so alle Größten, _Kant_, _Augustinus_, Richard _Wagner_ -(»Siegfried«, III. Akt: Wotan und Erda). - -($S. 226, Z. 2 v. u.$) _Carlyle_: On Heroes etc., an mehreren Orten, -besonders S. 116 (ed. Chapman and Hall, London). Ganze und lautere -Wahrheit ist, was er sagt: »_The merit of originality is not novelty; -it is sincerity._« - -($S. 232. Z. 1 f.$) Pensées de Blaise _Pascal_, Paris 1841, S. 184 -(Partie I, Article X, 1). - -($S. 234, Z. 10 v. u.$) Ich vermöchte für das, was ich über das -eigenartige Verhalten begabterer Menschen in Gesellschaft anderer -bemerkt habe, kein besseres Zeugnis anzuführen als das hochinteressante -Bekenntnis des auf dem Kontinent verhältnismäßig wenig gewürdigten -englischen Dichters John _Keats_. Obwohl es mit besonderer Rücksicht -auf den Dichter ausgesprochen ist, gilt es mit einigen leicht -wahrzunehmenden Modifikationen vom Künstler, ja vom Genius überhaupt. -Keats schreibt an seinen Freund Richard _Woodhouse_ am 27. Oktober 1818 -(The poetical works and other writings of John Keats, edited by Harry -Buxton Forman, Vol. III, London 1883, p. 233 f.): »As to the poetical -character itself (I mean that sort, of which, if I am anything, I am a -member; that sort distinguished from the Wordsworthian or egotistical -sublime, which is a thing per se, and stands alone), it is not itself --- it has no self -- it is everything and nothing -- it has no -character -- it enjoys light and shade -- it lives in gusto, be it foul -or fair, high or low, rich or poor, mean or elevated -- it has as much -delight in conceiving a Jago or an Imogen. What shocks the virtuous -philosopher delights the cameleon poet. It does no harm from its relish -of the dark side of things, any more than from its taste for the -bright one, because they both end in speculation. _A poet is the most -unpoetical of anything in existence_, because he has no identity: he is -continually in for, and filling, some other body. The sun, the moon, -the sea and men and women, who are creatures of impulse, are poetical -and have about them an unchangeable attribute; the poet has none. He -is certainly the most unpoetical of all God's creatures. If then, he -has no self[105], and if I am a poet, where is the wonder that I should -say I would write no more? Might I not that very instant have been -cogitating on the character of Saturn and Ops? It is a wretched thing -to confess, but it is a very fact, that not one word I ever utter can -be taken for granted as an opinion growing out of my identical nature. -How can it, when I have no nature? When I am in a room with people, -if I ever am free from speculating on creations of my brain, then not -myself goes home to myself, _but the identity of everyone in the room -begins to press upon me, so that I am in a very little time annihilated --- not only among men; it would be the same in a nursery of children_ -...« - -($S. 233, Z. 4 v. u. f.$) _Mach_, Die Analyse der Empfindungen -u. s. w., 3. Aufl. 1902, S. 19. - -($S. 235, Z. 2 v. u.$) Gesammelte Schriften und Dichtungen von Richard -_Wagner_, Leipzig 1898, Bd. VI, S. 249. - -($S. 236, Z. 1 ff.$) So sagt J. B. _Meyer_, Genie und Talent, Eine -psychologische Betrachtung, Zeitschrift für Völkerpsychologie und -Sprachwissenschaft, 1880, XI, S. 289: »Cesare Borgia, Ludwig XI. von -Frankreich, Richard III. waren geniale Bösewichter, und in der Reihe -der Schwindler findet sich manches Genie« -- und gibt damit durchaus -der populären Meinung Ausdruck. - -($S. 237, Z. 20 v. u.$) _Sophokles_ Aias Vers 553. - -($S. 237, Z. 14 v. u. ff.$) _Joannis Pici Mirandulae Concordiaeque -Comitis_ ... Opera quae extant omnia Basileae Per Sebastianum -Henricepetri, 1601, Vol. I, p. 207-219: »De hominis dignitate oratio.« -Die citierte Stelle p. 208. -- Mirandola lebte nur von 1463-1494. -- -»Supremi spiritus« sind die Engel und die Teufel, die (»paulo mox«) -gefallenen Engel. -- Als denjenigen Menschen, der mit dem Lose keines -Einzelgeschöpfes sich begnügt, hat man eben den Genius anzusehen; wenn -das Genie das Göttliche im Menschen ist, so wird der Mensch, der ganz -Genius wird, Gott gleich. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 9. - - -($S. 240, Z. 10 f.$) Theodor _Waitz_, Anthropologie der Naturvölker, -Erster Teil. Leipzig 1859, S. 380: »Haben ältere christliche -Autoritäten an der Ehe nur die sinnliche Seite gesehen und ernstlich -bezweifelt, ob auch die Weiber eine Seele besitzen, so können wir uns -nicht darüber wundern, daß ihnen von Chinesen, Indern, Muhammedanern -eine solche geradezu abgesprochen wird. Wird der Chinese nach seinen -Kindern gefragt, so zählt er nur die Knaben als solche; hat er nur -Mädchen, so sagt er, er habe keine Kinder (_Duhaut-Cilly_, Voyage -autour du monde, 1834, II, 369).« - -($S. 240, Z. 19.$) _Aristoteles_: De gener. animalium I, 2, 716 a 4: -τῆς γενέσεως ἀρχὰς ἄν τις οὐχ ἥκιστα θείη τὸ θῆλυ καὶ τὸ ἄρρεν, τὸ μὲν -ἄρρεν ὡς τῆς κινήσεως καὶ τῆς γενέσεως ἔχον τὴν ἀρχήν, τὸ δὲ θῆλυ ὡς -ὕλης. I 20, 729 a 9: τὸ μὲν ἄρρεν παρέχεται τό τε εἶδος καὶ τὴν ἀρχὴν -τῆς κινήσεως, τὸ δὲ θῆλυ τὸ σῶμα καὶ τὴν ὕλην. 729 a 29: τὸ ἄρρεν ἐστὶν -ὡς κινοῦν, τὸ δὲ θῆλυ, ᾗ θῆλυ, ὡς παθητικόν. II, 1, 732 a 3: βέλτιον -γὰρ καὶ θειότερον ἡ ἀρχὴ τῆς κινήσεως, ᾗ ἄρρεν ὑπάρχει τοῖς γινομένοις. -ὕλη δὲ τὸ θῆλυ.. II, 4, 738 b 25: ἀεὶ δὲ παρέχει τὸ μὲν θῆλυ τῆν ὕλην, -τὸ δὲ ἄρρεν τὸ δημιουργοῦν. ἔστι τὸ μὲν σῶμα ὲκ τοῦ θήλεος, ἡ δὲ ψυχὴ -ἐκ τοῦ ἄρρενος. Vgl. noch I, 21, 729 b 1 und 730 a 25. II, 3, 737, a -29. 740 b 12-25. Metaphysik, V, 28, 1024 a 34. IX, 1057 a 31 f. I, -6, 988 a 2 f. erläutert er nach demselben Prinzipe, warum der Mann -mehr Kinder zeugen könne als die Frau: ὁἱ μὲν γὰρ ἐκ τῆς ὕλης πολλὰ -ποιοῦσιν, τὸ δ' εἶδος ἅπαξ γεννᾷ μόνον, φαίνεται δ' ἐκ μιᾶς ὕλης μία -τράπεζα, ὁ δὲ τὸ εἶδος ἐπιφέρων εἷς ὢν πολλὰς ποιεῖ. ὁμοίως δ' ἔχει -καὶ τὸ ἄρρεν πρὸς τὸ θῆλυ· τὸ μὲν γὰρ ὑπὸ μιᾶς πληροῦται ὀχείας, τὸ δ' -ἄρρεν πολλὰ πληροῖ· καίτοι ταῦτα μιμήματα τῶν ἀρχῶν ἐκείνων ἐστίν. - -Vergleiche über diese Lehre des Aristoteles: J. B. _Meyer_, Aristoteles -Tierkunde, Berlin 1855, S. 454 f.; Hermann _Siebeck_, Aristoteles, -Stuttgart 1899 (Frommanns Klassiker der Philosophie, Bd. VIII), S. 69; -Eduard _Zeller_, Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen -Entwicklung, II/2. Leipzig 1879, 3. Aufl., S. 325 und 525 f.; -_Überweg-Heinze_, Grundriß der Geschichte der Philosophie, I^9, Berlin -1903, S. 259; J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung der -Gynaikokratie der alten Welt, Stuttgart 1861, S. 164-168. -- Speziell -über die aristotelische Zeugungstheorie, ihr Verhältnis zu den früheren -und den modernen Ansichten handelt Wilhelm _His_, Die Theorien der -geschlechtlichen Zeugung, Archiv für Anthropologie, Bd. IV, 1870, -S. 202 bis 208. - -($S. 241, Z. 3 f.$) Jean _Wier_, Opera omnia, Amstelodami 1660, Liber -IV, Caput 24. Aus der späteren Literatur wüßte ich nur noch _Oken_ zu -nennen (Lehrbuch der Naturphilosophie, 3. Aufl., Zürich 1843, S. 387, -Nr. 2958): »In der Paarung sind die männlichen Theile das Sinnesorgan, -das weibliche nur der empfangende Mund. Eigentlich sind beide -Sinnesorgane, aber jene das handelnde, diese das leidende« (ibid. Nr. -2962). »Wenn auch männlicher Same wirklich zur Frucht miterstarrt, so -ist es doch nicht seine Masse, die in der Frucht zur Betrachtung kommt, -sondern nur seine polarisierende Kraft.« - -Die Absicht der Auseinandersetzungen des Textes geht nicht auf eine -naturphilosophische Theorie der Zeugung, wie die von Aristoteles und -Oken. Aber die Spekulation dieser Männer ging gedanklich ohne Zweifel -von den geistigen Unterschieden der Geschlechter aus, und dehnte diese -auch auf das Verhältnis der beiden Keime in der Befruchtung aus; -deshalb darf ich sie hier wohl anführen. - -($S. 241, Z. 13 f.$) Vgl. Ausgewählte Werke von Friedrich Baron _de la -Motte-Fouqué_, Ausgabe letzter Hand, Bd. XII, Halle 1841, S. 136 ff. - -($S. 243, Z. 12 f.$) Kantianer, die von dem Philosophen nur den -Buchstaben fassen, werden das sicherlich in Abrede stellen; und es -würde ihnen die Kantische Terminologie hiezu eine gewisse Handhabe -bieten, nach welcher das transcendentale Subjekt das Subjekt des -_Verstandes_, und der intelligible Charakter das Subjekt der -_Vernunft_, die letztere aber, als das praktische Vermögen im -Menschen, dem ersteren, als einem bloß theoretischen, übergeordnet -ist. Doch kann ich mich auf Stellen berufen, wie in der Vorrede zur -»Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (S. 8, ed. Kirchmann): »Teils -erfordere ich zur Kritik einer reinen praktischen Vernunft, daß, wenn -sie vollendet sein soll, _ihre Einheit mit der spekulativen in einem -gemeinschaftlichen Prinzip_ zugleich müsse dargestellt werden können, -_weil es doch am Ende nur eine und dieselbe Vernunft sein kann_, die -bloß in der Anwendung unterschieden sein muß.« Ähnlich in der »Kritik -der praktischen Vernunft«, S. 110, 118, 145 (ed. Kehrbach). Übrigens -war es eben diese »Einheit des ganzen reinen Vernunftvermögens (des -theoretischen sowohl als praktischen)«, welche _Kant_ens geplantes und -nicht zustande gekommenes Hauptwerk »Der Transcendentalphilosophie -höchster Standpunkt im System der Ideen: Gott, die Welt und der Mensch, -oder System der reinen Philosophie in ihrem Zusammenhange« (vgl. Hans -_Vaihinger_, Archiv für Geschichte der Philosophie, IV, S. 734 f.) -darzustellen bestimmt war. - -An diesem Orte möchte ich noch folgendes bemerken: - -In der großen Literatur, welche sich mit dem Verhältnisse _Goethes_ zu -_Kant_ beschäftigt, finde ich merkwürdigerweise die allerkantischeste -Stelle im ganzen Goethe nicht erwähnt. Sie ist allerdings geschrieben, -bevor Goethe noch irgend etwas von Kant gelesen hat, und ist auch -weniger für sein Verhältnis zu dem konkreten Menschen Kant und zu -dessen Büchern, als für Goethes Beziehung zur Kantischen Gedankenwelt -charakteristisch. Sie findet sich in den noch in Frankfurt abgefaßten -»Physiognomischen Fragmenten« (Erster Versuch, Drittes Fragment: Bd. -XIV, S. 242 der Hesseschen Ausgabe) und lautet: »Die gütige Vorsehung -hat jedem einen gewissen Trieb gegeben, so oder anders zu handeln, -der denn auch einem jeden durch die Welt hilft. Eben dieser innere -Trieb kombiniert auch mehr oder weniger die Erfahrungen, die der -Mensch macht, ohne daß er sich dessen selbst bewußt ist.« Hierin ist -deutlich die Identität des intelligiblen Wesens ausgesprochen, von dem -einerseits die synthetische Einheit der Apperzeption ausgeht, und das -anderseits das _frei_ wollende Noumenon ist. - -($S. 245, Z. 5 v. u. f.$) Eine der einfachsten und klarsten -Auseinandersetzungen über diesen Sachverhalt rührt von Franz -_Staudinger_ her, Identität und Apriori, Vierteljahrsschrift für -wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889, S. 66 f.: »..... nicht bloß -die heutige Wahrnehmung von der Sonne ist eine andere als die gestrige, -die heutige Sonne selbst ist nicht mehr die, welche gestern leuchtete. -Dennoch aber sage ich: die gestrige Sonne ist mit der heutigen eins. -Das heißt aber nichts anderes, als daß ich einen fortlaufenden -Zusammenhang des Gegenstandes selbst, auf den meine zeitlich durchaus -getrennten Vorstellungen gehen, voraussetzen muß. Es ist eine objektive -Existenz des Gegenstandes selber gedacht, die ganz unabhängig von der -Zerstücktheit unseres Wahrnehmens bestehen soll. Diese Feststellung -der Dauer des Gegenstandes selbst ist das wesentliche Moment, welches -unsere Substanzvorstellung konstituiert. Das Rätsel, welches hierin -liegt, daß wir von ganz getrennten Vorstellungen, die doch jedesmal, -streng genommen, nur gegenwärtige Gegenstände bezeichnen, zu der -Vorstellung des Zusammenhanges eines einzigen dauernden Gegenstandes -übergehen, wird, obwohl es von _Kant_ klar erkannt worden ist, noch -allzuwenig der Aufmerksamkeit gewürdigt. Ob es Kant gelöst hat, und wie -es zu lösen sein mag, ist freilich eine Frage, welche den Ursprungsort -der Erkenntniselemente betrifft ..... Wir müssen uns hier mit der -Tatsache begnügen, daß wir gezwungen sind, solche Vorstellungen, die -wir Wahrnehmungen nennen, auf einheitliche, mindestens von der ersten -Wahrnehmung bis zur jetzigen dauernde Gegenstände zu beziehen.« - -Auch diese Schwierigkeit scheint vor der im Texte dargelegten -Auffassung zu verschwinden oder wenigstens ihre Identität mit einer -anderen, allerdings nicht minder großen, zu erweisen. A = A, das -Prinzip der Begrifflichkeit und Gegenständlichkeit, ist psychologisch -eine Negation der Zeit (wenn auch im rein logischen _Sinne_ des Satzes -diese Beziehung auf die Zeit nicht liegt) und vermittelt insofern die -Kontinuität des Objektes. Soweit aber in ihm das Sein des Subjektes -zum Ausdrucke kommt, _setzt_ er die gleiche Kontinuität für das innere -Leben, trotz der Vereinzelung der psychischen Erlebnisse, trotz -der Bewußtseinsenge. Es ist also nur _ein_ Rätsel, die Frage nach -der Kontinuität des Objektes dieselbe wie nach der Kontinuität des -Subjektes. - -($S. 246, Z. 18 v. u.$) _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl., -Von der Synthesis der Rekognition im Begriffe (S. 119, Kehrbach). - -($S. 247, Z. 15.$) Vgl. besonders _Huxley_, Hume (English Men of -Letters, edited by John Morley, No. 5, London 1881), p. 94 f.: - -»When several complex impressions which are more or less different from -one another -- let us say that out of ten impressions in each, six -are the same in all, and four are different from all the rest -- are -successively presented to the mind, it is easy to see what must be the -nature of the result. The repetition of the six similar impressions -will strengthen the six corresponding elements of the complex idea, -which will therefore acquire greater vividness: while the four -differing impressions of each will not only acquire no greater strength -than they had at first, but, in accordance with the law of association, -they will all tend to appear at once, and will thus neutralise one -another. - -This mental operation may be rendered comprehensible by considering -what takes place in the formation of compound photographs -- when the -images of the faces of six sitters, for example, are each received -on the same photographic plate, for a sixth of the time requisite -to take one portrait. The final result is that all those points in -which the six faces agree are brought out strongly, while all those -in which they differ are left vague; and thus what may be termed a -_generic_ portrait of the six, in contradistinction to a _specific_ -portrait of any one, is produced.« -- Eine ähnliche Anschauung von der -Entstehung des Begriffes durch Übereinanderlagerung, wobei Verstärkung -des Gleichartigen, Auslöschen des Ungleichartigen stattfindet, kennt -auch schon _Herbart_ (Psychologie als Wissenschaft, II, § 122), der -freilich den Unterschied zwischen logischem und psychologischem -Begriff ausgezeichnet verstanden und klargelegt hat (a. a. O., § -119). -- _Avenarius_: Kritik der reinen Erfahrung, Bd. II, Leipzig -1890, S. 298 ff. -- _Mach_, Die ökonomische Natur der physikalischen -Forschung, Populär-wissenschaftliche Vorlesungen, Leipzig 1896, -S. 217 ff. Tiefer gräbt _Mach_ in den »Prinzipien der Wärmelehre, -historisch-kritisch entwickelt«, 2. Aufl., Leipzig 1900, S. 415 f., -419 f. - -($S. 248, Z. 7 v. u.$) Das Urteil existiert; als Voraussetzung dessen, -daß es existiert, immaniert ihm die Annahme eines Zusammenhanges -zwischen dem Menschen und dem All, erkenntniskritisch ausgedrückt, -einer Beziehung des _Denkens_ zum _Sein_. Diesen Zusammenhang, diese -Beziehung zu ergründen ist das Hauptproblem aller theoretischen -Philosophie, wie es das Hauptproblem aller praktischen Philosophie ist, -das Verhältnis des _Sollens_ zum Sein festzustellen. Insofern also das -Urteil _ist_, ist der Mensch der Mikrokosmus. - -($S. 249, Z. 15.$) Der Ausdruck »_innere Urteilsform_« bei -Wilhelm _Jerusalem_, Die Urteilsfunktion, eine psychologische und -erkenntniskritische Untersuchung, Wien und Leipzig, 1895, S. 80. - -($S. 251, Z. 19.$) _Leibniz_: Monadologie No. 31 (Opera philosophica, -ed. Erdmann, p. 707): »Nos raisonnements sont fondés sur deux grands -principes, _celui de la contradiction_, en vertu duquel nous jugeons -faux ce qui en enveloppe, et vrai ce qui est opposé ou contradictoire -au faux; [no. 32] _et celui de la raison suffisante_, en vertu duquel -nous considérons, qu'aucun fait ne serait se trouver vrai ou existant, -aucune énonciation véritable, sans qu'il y ait une raison suffisante, -pourquoi il en soit ainsi et non pas autrement, quoique ces raisons le -plus souvent ne puissent point nous êtres connues.« - -($S. 253, Z. 2.$) Über die geringere Kriminalität der Frauen vergleiche -z. B. den Artikel des Dr. G. _Morache_, Die Verantwortlichkeit des -Weibes vor Gericht in der »Wage« vom 14. März 1903, S. 372-376. Es -heißt dort: »Die Zahl der Frauen übersteigt die der Männer ganz -erheblich; in Frankreich weniger als anderswo, aber auch hier ist der -Unterschied ein merklicher; wäre nun die weibliche Kriminalität der -des Mannes gleich, so müßten die Zahlen, die sie zum Ausdruck bringen, -ebenfalls ziemlich gleich sein. - -Greifen wir nun drei beliebige Zahlen heraus; wenn man will, 1889, -1890, 1891. Während dieser Zeit sind 2970 Männer wegen schwerer -Verbrechen (Mord, Kindesmord, Verbrechen gegen die Sittlichkeit) vor -Gericht gestellt worden, während man 745 Frauen in dem nämlichen -Zeitraum derselben Verbrechen anklagte. Die Kriminalität des Weibes -wird also durch eine Zahl ausgedrückt, die ein Viertel der männlichen -beträgt, oder mit anderen Worten, es werden von vier Verbrechen -drei von Männern begangen und eines von Frauen. Selbst wenn wir das -Verbrechen des Kindesmordes beiseite lassen, für das eigentlich nur der -Mann verantwortlich ist, denn er ist ja der Autor, so findet man, daß -bei den wegen gemeiner Verbrechen Angeklagten nur 211 Frauen auf 2954 -Männer kommen; das Weib ist also 14mal weniger verbrecherisch als der -Mann. - -An Auslegungen dieser unleugbaren Tatsachen -- denn sie zu bestreiten -wäre unmöglich -- fehlt es nicht. Man sagt, die Körperkonstitution -des Weibes eigne sich nicht zur Gewalttat, die die Mehrzahl der -verbrecherischen Handlungen aufzuweisen haben; sie sei für die -Verbrechen mit bewaffneter Hand, für den Einbruch nicht geschaffen. -Man behauptet, wenn sie das Verbrechen auch nicht materiell begeht, so -suggeriere sie es doch und habe ihren Nutzen davon; moralisch sei sie -der Urheber und um so schuldiger, weil sie im Dunklen handelt und mit -der Hand eines anderen schlägt. So kommt man auf das alte Wort zurück: -Cherchez la femme ... Die italienische Schule hat recht wohl erkannt, -daß das Weib vom materiellen Standpunkt weniger verbrecherisch ist als -der Mann, doch sie gibt für diese Tatsache eine interessante Erklärung; -der Verbrecher stiehlt und mordet, um sich ohne Arbeit das Geld zu -verschaffen, das Müßiggang und Vergnügen gewährt. Das Weib besitzt, um -zu demselben Zweck zu gelangen, ein weit einfacheres Mittel. Sie treibt -Handel mit ihrem Körper, sie verkauft sich. Addiert man die Zahl der -Verbrecherinnen zu der der käuflichen Frauen, so kommt man zur Zahl der -männlichen Kriminalität. - -Die Theorie scheint befriedigend, ist aber paradox. Außerdem ist sie -grundfalsch: denn wenn man auch die Zahl der unter Anklage gestellten -Verbrecherinnen kennt, so kann man doch nicht einmal annähernd die Zahl -der Frauen abschätzen, die unter irgend einer Maske und unter ganz -verschiedenen Modalitäten aus ihren Reizen Nutzen ziehen.« - -Soweit Morache. Abgesehen von der Oberflächlichkeit der Meinung, -die das Verbrechen des Gewinnes halber geschehen läßt, wäre noch -zu bemerken, daß es genug Frauen vom Prostituiertentypus gibt, die -sich gar nicht des Geldes oder Schmuckes wegen prostituieren, sich -jedem Kutscher, der ihre Begierde erregt, hingeben, nicht also um -noch höheren Luxus treiben zu können, Frauen aus den höchsten und -reichsten Kreisen. -- Vergleiche ferner _Ellis_, Mann und Weib, -S. 364 ff. und die dort citierte reiche Literatur. _Lombroso-Ferrero_, -Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, zweiter -Teil: Kriminologie des Weibes, S. 193 ff. und besonders Paul -_Näcke_, Verbrechen und Wahnsinn beim Weibe, mit Ausblicken auf die -Kriminal-Anthropologie überhaupt, Wien und Leipzig 1894, mit sehr -vollständigem Literaturverzeichnis auf S. 240 bis 255. - -($S. 254, Z. 19 f.$) Darum ist die Frau auch nicht _häßlich_, während -der Verbrecher häßlich ist. - -($S. 255, Z. 16.$) Von diesem Gesichtspunkt aus behandeln die -Krankenpflege des Weibes E. _Leyden_, Weibliche Krankenpflege und -weibliche Heilkunst, Deutsche Rundschau, XIX, 1879, S. 126-148, -Franz _König_, Die Schwesternpflege der Kranken, Ein Stück moderner -Kulturarbeit der Frau, a. a. O. LXXI, 1892, S. 141-146, Julius _Duboc_, -Fünfzig Jahre Frauenfrage in Deutschland, Geschichte und Kritik, -Leipzig 1896, S. 18 f. -- Über den _hysterischen_ Charakter mancher -Krankenpflege (der nach Kapitel XII wohl begreiflich wird) vgl. -_Freuds_ Bemerkungen in _Breuer_ und _Freuds_ Studien über Hysterie, -Leipzig und Wien 1895, S. 141. - -($S. 259, Z. 8 f.$) _Mach_, Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl., -1902, S. 14. - -($S. 259, Z. 16.$) Sie ist z. B. abgedruckt bei Karl _Pearson_, The -Grammar of Science, London 1892, p. 78. - -($S. 259, Z. 14 v. u.$) _Kant_: in der »Grundlegung zur Metaphysik der -Sitten«, S. 60, ed. Kirchmann. - -($S. 260, Z. 5 v. u.$) Das Wort »Eigenwert« stammt nicht von mir, -sondern ist, wie ich glaube, zuerst gebraucht von August _Döring_, -Philosophische Güterlehre 1888, S. 56, 319 ff. - -($S. 262, Z. 4 f.$) _Kant_, Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann: - -»Der Mann ist eifersüchtig, _wenn_ er _liebt_; die Frau auch ohne daß -sie liebt; weil so viele Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen -wurden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind.« - -($S. 262, Z. 8.$) Beweis: es gibt wohl Kameradschaft zu mehren, -Freundschaft aber nur zu zweien. - -($S. 263, Z. 13 v. u.$) Das Phänomen der Galanterie hoffe ich anderswo -zu analysieren. Auch _Kant_ spricht (Fragmente aus dem Nachlaß, ed. -Kirchmann, Bd. VIII, S. 307) von der »Beleidigung der Weiber, in der -Gewohnheit, ihnen zu schmeicheln.« - -($S. 264, Z. 14 v. u.$) Vgl. Auguste _Comte_, Cours de Philosophie -positive, 2^{ième} éd., par E. Littré, Vol. III, Paris 1864, p. -538 f. Er spricht vom »vain principe fondamental de _l'observation -intérieure_« und der »profonde absurdité que présente la seule -supposition, si évidemment contradictoire, de l'homme se regardant -penser.« - -($S. 264, Z. 7 v. u.$) Friedrich _Jodl_, Lehrbuch der Psychologie, 2. -Aufl., Bd. II, Stuttgart und Berlin 1903, S. 103. - -($S. 265, Z. 4.$) _Mill_: in seinem Buche gegen _Hamilton_ (nach -Pierre _Janet_, L'Automatisme psychologique, 3^{ième} éd., Paris 1899, -p. 39 f., wo zum Ich-Problem manches in Deutschland weniger Bekannte -angeführt wird). _Mach_: Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl. 1902, -S. 3, 18 f. -- Übrigens sagt bereits _Hume_ (Treatise I, 4, 6, p. 454 -der ersten Ausgabe, Vol. I, London 1739): »Memory is to be considered -as the source of personal identity.« - -($S. 266, Z. 2.$) Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde, -Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902. - -($S. 266, Z. 6.$) _Pascal_: Pensées I, 7, 1 »Misère de l'homme«. - -($S. 266, Z. 16.$) Über die Kleptomanie der Weiber vgl. Albert _Moll_, -Das nervöse Weib, Berlin 1898, S. 167 f. Paul _Dubuisson_, Les voleuses -des grands magasins, Archives d'Anthropologie criminelle, XVI, 1901, -p. 1-20, 341-370. - -($S. 266, Z. 8 v. u.$) Eduard von _Hartmann_, Phänomenologie des -sittlichen Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik, Berlin -1879, S. 522 f. macht die zutreffende Bemerkung: - -»Fast alle Weiber sind geborne Defraudantinnen aus Passion. Wenige -nur werden sich entschließen, zu viel erhaltene Ware oder zu viel -herausbekommenes Geld zurückzuliefern; sie trösten sich damit, der -Kaufmann habe ja doch genug an ihnen verdient, und es könne ihnen ja -nicht bewiesen werden, daß sie sich ihrer Unterschlagung bewußt gewesen -seien.« - -($S. 267, Z. 20.$) Über die Buschmänner, _Klemm_, Allgemeine -Kulturgeschichte der Menschheit, Leipzig 1844, Bd. I, S. 336. - -($S. 268, Z. 4 v. u. ff.$) Hier darf ich _Kant_ selbst für meine -Anschauung von der Seelenlosigkeit des Weibes in Anspruch nehmen. Er -sagt (Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann): »‚Was die Welt sagt, -ist _wahr_, und was sie _thut_, gut’ ist ein weiblicher Grundsatz, -der sich schwer mit einem _Charakter_, in der engen Bedeutung des -Wortes, vereinigen läßt.« Er fügt allerdings hinzu: »Es gab aber -doch wackere Weiber, die, in Beziehung auf ihr Hauswesen, einen -dieser ihrer Bestimmung angemessenen Charakter mit Ruhm behaupteten.« -Jedenfalls wird niemand mit Ruhm behaupten, daß diese Einschränkung -den »intelligiblen Charakter« des Weibes retten könne, der nach der -Kantischen Hauptlehre Zweck an sich selbst ist. -- Wenn übrigens ein -Kantianer, der nur am Wortlaut des Meisters kleben würde, der ganzen -Darlegung entgegenhielte, daß nach Kant der intelligible Charakter -_allen_ vernünftigen Wesen zukomme, so ist zu erwidern, daß das -Weib eben keine Vernunft im Kantischen Sinne hat. Da das Weib keine -Beziehung zu den Werten hat, so ist der Schluß auf das Fehlen des -wertenden Gesetzgebers gerechtfertigt. - -($S. 269, Z. 14.$) Der abgrundtiefe Unterschied zwischen dem -psychischen Leben des Mannes und der Frau wird noch immer, vielleicht -selbst in diesem Buche, seiner Bedeutung und Tragweite nach -unterschätzt. Nur selten finden sich hievon Ahnungen, wie bei Heinrich -_Spitta_, Die Schlaf- und Traumzustände der menschlichen Seele mit -besonderer Berücksichtigung ihres Verhältnisses zu den psychischen -Alienationen, 2. Aufl., Tübingen 1882, S. 301: »Ein entscheidender, -durchgreifender Einfluß auf das gesamte seelische Leben liegt zunächst -in dem Geschlechtsunterschied begründet; dieser Teilungsstrich, den die -Natur hiemit durch die ganze Menschenwelt gezogen hat, dokumentiert -sich auf allen Gebieten des psychischen Lebens. Alles Fühlen, Wollen, -Begehren, mit einem Worte die ganze Vorstellungsweise, alles Dichten -und Trachten erhält durch den Unterschied der beiden Geschlechter -einen eigenartigen Typus, welcher im Verlauf der einzelnen Lebensalter -sich immer mehr ausprägt und damit gleichsam die Form bildet, unter -welcher und in welcher ein jeder das Ganze seiner eigenen Geisteswelt -in der ihm eigentümlichen Weise erfaßt. Der Unterschied im Seelenleben -zwischen Mann und Weib ist ein ungeheuerer, ein bis in die kleinsten -Details hinein sich erstreckender ....« - -($S. 269, Z. 5 v. u.$) Friedrich Albert _Lange_, Geschichte des -Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, Buch II, 5. -Aufl., Leipzig 1896, S. 381. - -($S. 273, Z. 1 ff.$) Vgl. hiemit Theodor _Lipps_, Suggestion und -Hypnose, Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der -königlichen Akademie der Wissenschaften zu München, 1897/II, S. 520: -»Psychologisch ist das Ganze jederzeit mehr und in gewissem Sinne -jederzeit eher als der Teil.« Und besonders Wilhelm _Diltheys_ mehrfach -erwähnte charakterologische Abhandlungen. - -($S. 274, Z. 4 ff.$) Vgl. _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, S. 289, -ed. Kehrbach. - -($S. 274, Z. 17.$) Eine mit meiner Darstellung in gewissen Punkten sich -berührende, sehr interessante Abhandlung ist die von Oskar _Ewald_, Die -sogenannte empirische Psychologie und der Transcendentalismus Kants, -Die Gnosis, Halbmonatsschrift, Wien, 5. März 1903, S. 87-91. Ewalds -Absicht läuft auf eine psychologische Kategorienlehre hinaus, als auf -eine Tafel jener Verstandesbegriffe (»Wille, Kraft und psychische -Aktivität«), die psychologische Erfahrung erst möglich machen sollen. -Kant habe nur die eine Hälfte der Arbeit, den naturwissenschaftlichen -Teil, geleistet, den anderen noch zu tun gelassen. Ich kann mich dieser -Auffassung nicht anschließen, weil es nach ihr zweierlei Erfahrung, -eine äußere und eine ihr _beigeordnete_ innere, geben müßte, und weil -der Zusammenhang des psychischen Lebens ein unmittelbar erlebter ist, -und aus seiner Beobachtung Erfahrungssätze von höherer als komparativer -Allgemeinheit geschöpft werden können (vgl. S. 220). Aber mit diesen -Einwendungen möchte ich das von _Ewald_ angeregte Problem keineswegs -erledigt haben. Es ist dieses Problem, weit genug verfolgt, vielleicht -das tiefste philosophische Problem überhaupt, oder identisch mit -diesem; denn das Verhältnis von Begriff und Anschauung, von Freiheit -und Notwendigkeit spielt hier herein. Und schließlich hängt diese -ganze Frage aufs innigste mit dem Postulate der Unabhängigkeit der -Erkenntnistheorie von der Psychologie zusammen. Ich kann hierauf nicht -näher eingehen, und möchte auf jenen bedeutungsvollen, bloß an etwas -okkultem Orte publizierten Gedanken hier nur hingewiesen haben. - -($S. 275, Z. 3.$) E. _Mach_, Die Analyse der Empfindungen und das -Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902, -S. 60 f. - -($S. 275, Z. 6 v. u. ff.$) Die französischen Verse aus Edmond -_Rostand_, Cyrano de Bergerac, Acte I, Scène IV (Paris 1898, p. 43). - -($S. 276, Z. 4 ff.$) Die hier bekämpften Anschauungen sind die von -_Mach_, Die Mechanik, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 478 ff. - -($S. 276, Z. 8 v. u.$) Wilhelm _Windelband_, Geschichte und -Naturwissenschaft, Rektoratsrede, Straßburg 1894. - -($S. 277, Z. 5.$) v. _Schrenck-Notzing_, Über Spaltung der -Persönlichkeit (sogenanntes Doppel-Ich), Wien 1896, erwähnt auf S. 6 -nach _Proust_ einen Fall (den einzigen mir aus der Literatur bekannt -gewordenen) eines männlichen Hysterikers mit »condition prime« und -»condition seconde«. Es sind gewiß noch einige Fälle mehr beobachtet -worden; aber jedenfalls verschwinden sie an Zahl vor der Menge der -Frauen mit derartigem psychischen Zustandswechsel. Daß es Männer mit -»mehrfachem Ich« gibt, beweist nichts gegen die Thesen des Textes; denn -der Mann kann eben auch jene eine Möglichkeit von den unzähligen in ihm -verwirklichen, er kann auch Weib werden (vgl. S. 241, 359, 398 f.). - -($S. 277, Z. 19.$) So sagt Heinrich _Heine_ in einem sehr schlechten -Gedichte (Letzte Gedichte, zum »Lazarus« 12): - - Die Gestalt der wahren Sphinx - Weicht nicht ab von der des Weibes. - Faselei ist jener Zusatz - Des betatzten Löwenleibes. - - Todesdunkel ist das Rätsel - Dieser wahren Sphinx. Es hatte - Kein so schweres zu erraten - Frau Jokastens Sohn und Gatte. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 10. - - -($S. 283, Z. 8-10$) Nur 34% der eigentlichen Prostituierten bringen -Kinder zur Welt (nach C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als -Verbrecherin und Prostituierte, übersetzt von H. Kurella, Hamburg 1894, -S. 540). - -($S. 283, Z. 16 v. u. f.$) Die hier abgewiesene Meinung ist vor allem -eine bekannte Lehre sozialdemokratischer Theoretiker, insbesondere -August _Bebels_ (Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und -Zukunft, 9. Aufl., Stuttgart 1891, S. 140 ff.): »Die Prostitution -eine nothwendige soziale Institution der bürgerlichen Welt.« »So wird -die Prostitution zu einer nothwendigen sozialen Institution für die -bürgerliche Gesellschaft, ganz wie Polizei, stehendes Heer, Kirche, -Unternehmerschaft u. s. w.« - -($S. 284, Z. 18 f.$) Vgl. über diese der Prostitution gezollten -Ehrungen Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde, Eine -Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902, S. 198 f. -Auch _Lombroso-Ferrero_, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, -Hamburg 1894, S. 228 ff.; über die Phönicier, S. 230. - -($S. 285, Z. 10.$) Der hier berichtigte Gedanke _Schopenhauers_ ist -ausgesprochen in der »Welt als Wille und Vorstellung«, Bd. II, S. 630, -Grisebach. - -($S. 285, Z. 20.$) Johannes _Müller_, Handbuch der Physiologie des -Menschen für Vorlesungen, II. Bd., 2. Abt. Coblenz 1838, S. 574 f.: -»Beim Versehen ..... soll etwas Positives gebildet werden, und die -Form des Gebildes soll der Form in der Vorstellung entsprechen. -Diese Wirkung ist schon deswegen unwahrscheinlich, weil sie sich von -einem Organismus auf den anderen erstrecken soll; die Verbindung von -Mutter und Kind ist aber nichts anderes als eine möglichst innige -Juxtaposition zweier an und für sich ganz selbständiger Wesen, welche -sich mit ihren Oberflächen anziehen und wovon das eine die Nahrung und -Wärme abgibt, die sich das andere aneignet. [Dies eben, die Ansicht -von der bloßen Juxtaposition, ist falsch. Vgl. im Texte S. 296.] Aber -abgesehen davon läßt sich diese alte und höchst populäre Superstition -vom Versehen durch viele andere Gründe entkräften. Ich habe -Gelegenheit, die meisten Monstra zu sehen, welche in der preußischen -Monarchie geboren werden. Gleichwohl kann ich behaupten, daß mir -trotz dieser großen Gelegenheit in der Regel nichts Neues in dieser -Weise vorkommt, und daß sich hiebei nur gewisse Formen wiederholen, -welche den großen Reihen der Hemmungsbildungen, Spaltbildungen, -Defekte, Verschmelzungen seitlicher Teile mit Defekt der mittleren -u. s. w. angehören ..... Bedenkt man ferner, daß sich jede Schwangere -während der Zeit ihrer Schwangerschaft gewiß oft erschreckt, und daß -sehr viele sich gewiß wenigstens einmal, wenn nicht mehrere Male -versehen, ohne daß dies irgend eine Folge hat, so wird es, falls eine -Monstrosität irgendwo geboren wird, gewiß nicht an Gelegenheit fehlen, -diese auf eine dem populären Glauben entsprechende Weise zu erklären. -Die vernünftige Lehre vom Versehen reduziert sich daher darauf, daß -jeder heftige leidenschaftliche Zustand der Mutter auf die organische -Wechselwirkung zwischen Mutter und Kind einen ebenso, plötzlichen -Einfluß haben, und demzufolge auch eine Hemmung der Bildungen oder ein -Stehenbleiben der Formationen auf gewissen Stufen der Metamorphose -herbeiführen kann, ohne daß jedoch die Vorstellung der Mutter auf die -Stelle, wo sich dergleichen Retentionen erzeugen, Einfluß haben könne -u. s. w.« - -Th. _Bischoff_, Artikel: »Entwicklungsgeschichte mit besonderer -Berücksichtigung der Mißbildungen« in Rudolf Wagners Handwörterbuch -der Physiologie, Bd. I, Braunschweig 1842, S. 885 bis 889. Zunächst -S. 886: »_Meckel_ hat mit Recht zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß -in der Frage nach dem Versehen, wie sie gewöhnlich aufgestellt wird, -meistens zwei wesentlich verschiedene eingeschlossen sind, nämlich -erstens die: können Affekte der Mutter auf die Entwicklung des neuen -Organismus einen Einfluß haben? Und zweitens die: können Affekte der -Mutter, die durch einen bestimmten Gegenstand veranlaßt werden, die -Bildung des neuen Organismus dergestalt verändern, daß derselbe jenem -Gegenstande gleich oder ähnlich wird? Wenn nun gleich die Erfahrung oft -zeigt, daß sich der Fötus sehr selbständig, sowohl von den körperlichen -als psychischen Zuständen der Mutter entwickeln kann, und demnach -durchaus keine notwendige Beziehung zwischen beiden sich vorfindet, -so haben doch anderseits tausende von Fällen die Abhängigkeit der -Entwicklung der Frucht von den körperlichen und psychischen Zuständen -der Mutter so entschieden nachgewiesen, daß die erste Frage nur -ganz unbedingt bejahend beantwortet werden kann ..... Es ist in -vielen Fällen wirklich wahr gewesen und ereignet sich noch, daß ein -heftiger Schrecken oder Gemütsbewegung der Mutter eine Mißbildung -veranlaßt hat, ohne daß indessen die Form derselben dem Gegenstande -jenes Schreckens entspräche. Wir sehen aber, wie sich hieraus unter -Beihilfe der Phantasie, die Ähnlichkeiten schafft, wo keine sind, viele -Angaben erklären lassen. Allein auch noch für diese Ähnlichkeiten -sind wir imstande, nähere Erklärungen und Aufschlüsse zu geben .....« -»So ist es erklärlich, wie Furcht und Schrecken, deprimierende und -schwächende Einflüsse Störungen und Hemmungen in der Ausbildung der -Frucht hervorbringen können, welche zufällig und einzelne Male selbst -eine gewisse Ähnlichkeit mit den Objekten des Affektes haben können.« -Er macht im weiteren achterlei Gründe namhaft, »welche man gegen die -Erklärung der Entstehung gewisser Mißbildungen durch Affekte der -Mutter, veranlaßt durch, diesen Mißbildungen ähnliche, Gegenstände -aufwerfen muß«, bekannte Argumente, die ich hier nicht alle wiederholen -kann, und kommt zu dem Schlusse: »Nehmen wir zu diesem allen noch -hinzu, daß wir die meisten Mißbildungen aus den Entwicklungsgesetzen -und anderen naturwissenschaftlich zu analysierenden Ursachen erklären -können, _so wird wohl jedermann zugestehen müssen, daß das Versehen -zum wenigsten nur als eine sehr seltene und beschränkte Ursache der -Mißbildungen angenommen werden kann_.« S. 885: »Schon _Hippokrates_ -verteidigte eine Prinzessin, welche in den Verdacht des Ehebruches -gekommen war, weil sie ein schwarzes Kind gebar, dadurch, daß zu den -Füßen ihres Bettes das Bild eines Negers gehangen habe ..... Später -scheint es, daß vorzüglich der unglückliche und verderbliche Wahn, die -Mißbildungen seien Wirkungen des göttlichen Zornes oder dämonischer -und sodomitischer Abstammung, den Glauben an das Versehen vorzüglich -bestärkt haben. Die unglücklichen Mütter solcher Mißbildungen waren -natürlich gerne bereit, den auf sie fallenden schrecklichen Verdacht -und die ihm so oft folgenden grausamen Strafen dadurch von sich -abzuwenden, daß sie die Annahme des Versehens so sehr als möglich -unterstützten. So wurde sie denn die allgemein verbreitetste, und der -Phantasie wurde es nicht schwer, für die Formen der Mißbildungen äußere -Objekte als Ursachen aufzufinden.« - -Charles _Darwin_: Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande -der Domestikation, übersetzt von J. Viktor Carus, II. Bd., 2. Aufl. -Stuttgart 1873, S. 301 (Kapitel 22). - -Ablehnendes Verhalten der Züchtungstheoretiker: Hermann _Settegast_, -Die Tierzucht, 4. Aufl., I. Bd.; Die Züchtungslehre, Breslau 1878, -S. 100 bis 102, 219 bis 222. S. 219: »Der Glaube an die Möglichkeit -des Versehens ist uralt. Schon die Bibel erzählt uns (1. Buch Mose, -Kap. 30, Vers 37 bis 39), daß der Erzvater Jakob es verstand, ein -‚Versehen’ der Mutterschafe künstlich hervorzurufen und auf diese Weise -scheckige Lämmer zu erzeugen. Er tat nämlich Holzstäbe, die durch -stellenweises Abschälen der Rinde ein scheckiges Aussehen gewonnen -hatten, in Tränkrinnen. Es mag dahingestellt bleiben, ob Jakob der -Meinung war, daß das Versehen an diesen bunten Holzstäbchen während des -Bespringens der Mutterschafe, das an den Tränktrögen bewerkstelligt -worden zu sein scheint, vor sich gehen werde, oder daß die _schon -tragenden_ Mutterschafe im Anblick der auffallenden Gegenstände, die -ihnen beim Trinken vor die Augen gerückt wurden, und den bunten Stäben -entsprechend scheckige Lämmer bringen müßten. Seinen gewinnsüchtigen -Zweck hat aber Jakob erreicht und dadurch den Grund zu seiner -Wohlhabenheit gelegt. Bis auf den heutigen Tag finden Schilderungen -ähnlicher Art Gläubige.« In einer Anmerkung hiezu: »Äußert sich doch -noch im Jahre 1874 Dr. J. in einer der gelesensten und geachtetsten -Zeitungen Deutschlands unter anderem wie folgt: ‚Es ist eine -eigentümliche Erfahrung, welche der Züchter macht, daß durch die -Imagination des Muttertieres, zumal wenn es tragend ist, sich die Farbe -der es umgebenden Gegenstände und besonders die Farbe der Tiere von -seiner nächsten Umgebung auf die Nachkommenschaft häufig überträgt. So -ist es sehr oft beobachtet worden, daß der wiederholte und reichliche -Verbrauch von Kalkanstrich den Ställen und Verschlägen, worin sich -eine Rinderzuchtherde befindet, erheblich das Verhältnis der weißen -oder weißscheckigen Kälber vermehrt, die geboren werden.’ Solche und -ähnliche Erzählungen legen Zeugnis von der Leichtfertigkeit ab, womit -kritiklos und aus Sucht, dem Leser Pikanterien zu bieten, unbegründete -Behauptungen mit dem Gewande sogenannter Erfahrungen umkleidet werden.« -»..... Der Umstände und Tatsachen, welche gegen die Möglichkeit des -Versehens sprechen, gibt es so viele, daß es uns fast wie ein Rest von -Aberglauben vorkommen will, wenn man an dieser haltlosen Theorie, -durch die auffallende Formen erklärt werden sollen, ferner festhält.« - -Endlich sei als ein Gynäkologe angeführt Max _Runge_, Lehrbuch der -Geburtshilfe, 6. Aufl., Berlin 1901, S. 82 f.: »Die Frage, ob starke -psychische Eindrücke, welche eine Schwangere treffen, Einfluß auf die -Entstehung körperlicher Verbildungen oder geistiger Defekte der Frucht -haben können, spielt bei vielen Laien eine große Rolle (Versehen der -Schwangeren). Von der neueren wissenschaftlichen Medizin ist bis auf -die jüngste Zeit die Frage abgelehnt worden, und insbesondere die -Möglichkeit eines Kausalzusammenhanges zwischen psychischem Eindruck -und einer vorliegenden Mißbildung des Kindes auf das bestimmteste -geleugnet worden. In neuester Zeit hat man die genannte Frage aber doch -einer Diskussion wert erachtet. Mag die Frage also wissenschaftlich -noch diskutabel sein, für die Praxis gilt auch heute noch der Rat, bei -Schwangeren und ihrer Umgebung den Glauben an das sogenannte Versehen -ernstlich zu bekämpfen.« - -_Runge_ spielt hier an auf die Abhandlungen von J. _Preuß_, -Vom Versehen der Schwangeren, Berliner Klinik, Heft 51 (1892), -_Ballantyne_, Edinburgh Medical Journal, Vol. XXXVI, 1891 und -die Arbeit Gerhards von _Welsenburg_, Das Versehen der Frauen -in Vergangenheit und Gegenwart und die Anschauungen der Ärzte, -Naturforscher und Philosophen darüber, Leipzig 1899. v. Welsenburgs -ausführliche Zusammenstellung läßt am Schlusse die Frage unentschieden. - -Über das Versehen und die sicher übertriebene Sucht, alle Mißbildungen -hierauf als einzige Ursache zurückzuführen vgl. noch _Ploß_, Das Weib -in der Natur- und Völkerkunde, 7. Aufl., 1902, Bd. I, S. 809 bis -811. Benjamin _Bablot_, Dissertation sur le pouvoir de l'imagination -des femmes enceintes. E. v. _Feuchtersleben_, Die Frage über das -Versehen der Schwangeren, zergliedert in den Verhandlungen der k. k. -Gesellschaft der Ärzte zu Wien, 1842, S. 430 f., und andere, -worüber bei von Welsenburg nachgelesen werden kann. Dieser führt auch -zahlreiche Fürsprecher des Versehens an (so _Budge_, _Schönlein_, -_Carus_, _Bechstein_, Prosper _Lucas_, G. H. _Bergmann_, A. von -_Solbrig_, Theodor _Roth_, Karl _Hennig_ [die zwei letzteren in -Virchows Archiv 1883, 1886], _Bichat_ u. a.). Ich möchte nur -noch erwähnen, was ein so hervorragender, klarer und nüchterner -Naturforscher wie Karl Ernst von _Baer_ zu dieser Frage bemerkt -hat (bei dem ebenfalls zu den Anhängern des Versehens zählenden -ausgezeichneten Karl Friedrich _Burdach_, in dessen Physiologie als -Erfahrungswissenschaft, 2. Aufl. Bd. II, Leipzig 1837, S. 127): - -»Eine schwangere Frau wurde durch eine in der Ferne sichtbare Flamme -sehr erschreckt und beunruhigt, weil sie dieselbe in der Gegend ihrer -Heimat erblickte. Der Erfolg lehrte, daß sie sich nicht geirrt hatte; -da der Ort aber sieben Meilen entfernt war, so dauerte es lange, bis -man sich hierüber Gewißheit verschaffte, und diese lange Ungewißheit -mag besonders auf die Frau eingewirkt haben, so daß sie lange nachher -versicherte, stets die Flamme vor Augen zu haben. Zwei oder drei -Monate nach dem Brande wurde sie von einer Tochter entbunden, welche -einen roten Fleck auf der Stirn hatte, der nach oben spitz zulief -in Form einer auflodernden Flamme; er wurde erst im siebenten Jahre -unkenntlich. _Ich erzähle diesen Fall, weil ich ihn zu genau kenne, -da er meine eigene Schwester betrifft_, und weil die Klage über die -Flamme vor den Augen _während der Schwangerschaft_ geführt, und nicht, -wie gewöhnlich, nach der Entbindung die Ursache der Abweichung in der -Vergangenheit aufgesucht wurde.« - -($S. 286, Z. 9 ff.$) Henrik _Ibsen_, Die Frau vom Meer, Zweiter -Aufzug, Siebenter Auftritt. -- _Goethe_, Die Wahlverwandtschaften, -Zweiter Teil, Dreizehntes Kapitel. -- v. _Welsenburg_ weist auch auf -_Immermanns_, infolge eines bösen Traumes seiner Mutter mit einem -hirschfängerartigen Male unter dem Herzen gebornen Jäger aus dem -»Münchhausen« hin (Buch II, Kap. 7, S. 168-175, ed. Hempel). - -Es ist von Interesse, zu hören, wie zwei Männer der Wissenschaft über -die bekannte Begebenheit aus den »Wahlverwandtschaften« sich äußern. -H. _Settegast_, Die Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre, -Breslau 1878, spricht S. 101 f. zuerst über die fragliche Beeinflussung -des Embryo durch Eindrücke der Mutter während der Gestation, und fährt -dann fort: »Es wird erzählt, es sei einst ein weißköpfiges Fohlen -geboren worden infolge des Umstandes, daß während des Beschälaktes -im Gesichtskreise der Zeugenden sich ein Knabe befand, der sich den -Kopf mit einem weißen Tuche verhüllt hatte. Ein scheckiges Fohlen ward -geboren, nachdem die zur Beschälstation geführte rossige Stute den -Weg wiederholt in Gesellschaft eines scheckigen Pferdes zurückgelegt -hatte. In einem anderen Falle soll das Scheckenkleid des Fohlens -durch das plötzliche Erscheinen eines scheckigen Jagdhundes während -des Beschälaktes veranlaßt worden sein ... Wollte man einwenden, -daß es zweifelhaft sei, ob das, was _der Mensch_ für eine genug -auffällige Erscheinung halte, die Einbildungskraft des zeugenden -Tieres zu beschäftigen, auch von dem Tiere so angesehen werde, so -könnten aus der Erfahrung zahlreiche Fälle beigebracht werden, in -denen nachweisbar während der Begattung die Einbildungskraft eines der -Zeugenden mit einem sinnlichen Gegenstande beschäftigt sein mußte. So -gehört es z. B. in der Tierzucht zu den nicht ungewöhnlichen Mitteln, -ein männliches Tier zur Begattung mit einem von ihm nicht begehrten -dadurch zu vermögen, daß man eine seiner Favoritinnen in die Nähe der -Verschmähten bringt. Nun wird der Sprung nicht versagt, die durch die -Neigung des männlichen Individuums Begünstigte wird schnell zurück-, -und die Verschmähte zur Kopulation untergeschoben. _Noch niemals -hat man beobachtet, daß das Kind des so Betrogenen dem Gegenstande -seiner Neigung, mit dem seine Phantasie während des Begattungsaktes -beschäftigt sein mußte, gleiche, und daß sich ein Prozeß vollziehe, den -Goethe in seinen Wahlverwandtschaften mit dichterischer Meisterschaft -geschildert hat. In das von ihm beherrschte Gebiet der Phantasie und -Dichtung wird man die Ansicht von dem Einfluß seelischer Eindrücke auf -das Zeugungsprodukt zu verweisen haben._« - -Viel bescheidener absprechend sagt Rudolf _Wagner_, Nachtrag -zu Rud. Leuckarts Artikel »Zeugung« in Wagners Handwörterbuch -der Physiologie, Bd. IV, Braunschweig 1853, S. 1013: »Infolge -heftigen Schreckens kann Abortus entstehen. Anhaltender Gram kann -ein Gesamtleiden der Mutter zur Folge haben, welches Zerrüttung -ihrer Konstitution, schlechte Ernährung, Krankheiten des Fötus -veranlassen kann. Aber ein spezifischer Einfluß durch Eindrücke -äußerer Gegenstände auf die Schwangeren darf nicht zugegeben werden, -und niemals kann die Entstehung von Mißbildungen, von Muttermälern -etc. damit in Zusammenhang gebracht werden. _Wer im Sinne von -Goethes Wahlverwandtschaften -- wo diese Ansicht mit der für den -Menschenkenner eigentümlichen Tiefe durchgeführt ist -- einen Einfluß -innerer Gedankenbildung im Momente des Beischlafes auf die physische -und psychische Bildung der Frucht annehmen will, der wird vom -physiologischen Standpunkte weder zu widerlegen sein, noch wird ihm -seine Ansicht bestätigt werden können._ Bis zu solcher Tiefe ist die -Physiologie noch nicht vorgeschritten, und es steht zu bezweifeln, -daß sie je dahin gelangen werde. _Wenn ich mein subjektives Urteil -aussprechen soll, so muß ich jedoch gestehen, daß ich einen solchen -Einfluß der bloßen Vorstellung im Momente des Zeugungsaktes viel eher -zu bezweifeln als anzunehmen geneigt bin._« - -Schließlich sei noch erwähnt, daß auch _Kant_ das Versehen bestritten -hat, in der Abhandlung: Über die Bestimmung des Begriffs einer -Menschenrasse (Berliner Monatsschrift, November 1785, Bd. VIII, -S. 131-132, ed. Kirchmann): »Es ist klar, daß, wenn der Zauberkraft -der Einbildung oder der Künstelei der Menschen an tierischen Körpern -ein Vermögen zugestanden würde, die Zeugungskraft selbst abzuändern, -das uranfängliche Modell der Natur umzuformen oder durch Zusätze zu -verunstalten, die gleichwohl nachher beharrlich in den folgenden -Zeugungen aufbehalten würden, man gar nicht mehr wissen würde, von -welchem Originale die Natur ausgegangen sei, oder wie weit es mit -der Abänderung desselben gehen könne, und, da der Menschen Einbildung -keine Grenzen erkennt, in welche Fratzengestalt die Gattungen und -Arten zuletzt noch verwildern dürften. Dieser Erwägung gemäß nehme ich -es mir zum Grundsatze, gar keinen in das Zeugungsgeschäft der Natur -pfuschenden Einfluß der Einbildungskraft gelten zu lassen und kein -Vermögen der Menschen, durch äußere Künstelei Abänderungen in dem -alten Original der Gattungen oder Arten zu bewirken, solche in die -Zeugungskraft zu bringen und erblich zu machen. Denn lasse ich auch nur -einen Fall dieser Art zu, so ist es, als ob ich auch nur eine einzige -Gespenstergeschichte oder Zauberei einräumte u. s. w.« - -($S. 287, Z. 14 v. u.$) Daß den Prostituierten alle mütterlichen -Gefühle abgehen, darüber vgl. _Lombroso-Ferrero_, S. 539 f. der -deutschen Ausgabe (Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg -1894). - -($S. 290, Z. 14.$) Die Argumente, welche als moralische Begründungen -der Ehe angeführt werden, sind bare Sophisterei. Sogar vom Standpunkte -der Kantischen Ethik -- und es gibt keine andere Ethik -- hat man -sie auf folgende Weise aufrechtzuhalten gesucht, wie Theodor G. v. -_Hippel_ (Über die Ehe, 3. Aufl., Berlin 1792, S. 150): »Nie ist der -Mensch _Mittel_, allemal ist er _Zweck_: nie Instrument, sondern -Spielmann; nie kann er genossen werden, sondern er ist Genießer! -In der Ehe verbinden sich zwei Personen, einander gegenseitig zu -genießen: das Weib will eine Sache für den Mann seyn, und auch der -Ehemann macht sich dagegen in bester Form Rechtens verbindlich, sich -dahin zu geben. Da beide sich zu Instrumenten herabsetzen, auf denen -wechselweise gespielt wird, so geht Null mit Null auf: und dieser -einzige Menschengenußkontrakt ist erlaubt, nöthig, göttlich weise.« -Ja _Kant_ selbst führt eine gleiche arithmetische Operation in seinen -»Metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre« aus (§ 25, S. 88 f., -ed. Kirchmann): »Der natürliche Gebrauch, den ein Geschlecht von den -Geschlechtsorganen des anderen macht, ist ein _Genuß_, zu dem sich ein -Teil dem anderen hingibt. In diesem Akt macht sich der Mensch selbst -zur Sache, welches dem Rechte der Menschheit an seiner eigenen Person -widerstreitet. Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses möglich, -daß, indem die eine Person von der anderen _gleich als Sache_ erworben -wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe, denn so gewinnt sie -wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit wieder her. Es ist -aber der Erwerb eines Gliedmaßes am Menschen zugleich Erwerbung der -ganzen Person -- weil diese eine absolute Einheit ist -- folglich ist -die Hingebung und Annehmung eines Geschlechtes zum Genuß des anderen -nicht allein unter der Bedingung der Ehe zulässig, sondern auch -_allein_ unter derselben möglich.« - -Diese Rechtfertigung berührt sehr eigentümlich. Es hebt sich moralisch -nicht auf, wenn zwei Menschen einander gleich viel stehlen. Zu erklären -ist diese Äußerung wohl nur aus der geringen Rolle, welche die Frauen -in Kantens psychischem Leben spielten, und der geringen Heftigkeit der -erotischen Neigungen, die er zu bekämpfen hatte. - -($S. 291, Z. 14 f.$) Vgl. Joseph _Hyrtl_, Topographische Anatomie, 5. -Aufl., 1865, S. 559 f.: »Der Zusammendrückung der Ausführungsgänge der -einzelnen Drüsenlappen wird durch das Hartwerden der Warze vorgebeugt, -welche sich umsomehr steift, je größer der mechanische Reiz ist, -welchen die kindlichen Kiefer auf die Warze ausüben. Die zahlreichen -Tastwärzchen an der Oberfläche der Papille werden die Erfüllung der -Mutterpflicht mit einem wohltuenden Kitzel lohnen, der jedoch zu -wenig wollüstig ist, um jede Mutter für die Leistung der heiligsten -Pflicht zu gewinnen.« [Wohl aber jede Mutter nach dem im Texte -entwickelten Begriffe einer eigentlichen Mutterschaft im Gegensatze -zur Dirnenhaftigkeit.] -- Über die Erection der Warze selbst vgl. -L. _Landois_, Lehrbuch der Physiologie des Menschen, 9. Aufl., Wien und -Leipzig 1896, S. 441: »Bei der Entleerung der Milch wirkt nicht allein -rein mechanisch das _Saugen_, sondern es kommt eine _aktive Tätigkeit -der Brustdrüse_ hinzu. Diese besteht zunächst in der Erection der -Warze, wobei die glatten Muskeln derselben zur Entleerung der Milch -auf die Sinus der Gänge drücken, so daß dieselbe sogar im Strahle -hervorspritzen kann.« -- Über die Uteruskontraktionen Max _Runge_, -Lehrbuch der Geburtshilfe, 4. Aufl., Berlin 1898, S. 180: »Der Reiz der -Warzen durch das Saugen löst Uteruskontraktionen aus.« - -($S. 292, Z. 1 v. u.$) Man vergleiche hiemit die folgenden -Betrachtungen J. J. _Bachofens_, die vielleicht tief genannt zu werden -verdienen (Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, S. 165 f.): »Der Mann -erscheint als das bewegende Prinzip. Mit der Einwirkung der männlichen -Kraft auf den weiblichen Stoff beginnt die Bewegung des Lebens, der -Kreislauf des ὁρατὸς κόσμος. War zuvor alles in Ruhe, so hebt jetzt mit -der ersten männlichen Tat jener ewige Fluß der Dinge an, der durch die -erste κίνησις hervorgerufen wird, und, nach Heraklits bekanntem Bilde, -in keinem Augenblicke völlig derselbe ist. Durch Peleus' Tat wird aus -Thetis' unsterblichem Mutterschoße das Geschlecht der Sterblichen -geboren. Der Mann bringt den Tod in die Welt. Während die Mutter für -sich der Unsterblichkeit genießt, geht nun, durch den Phallus erweckt, -aus ihrem Leibe ein Geschlecht hervor, das gleich einem Strome immer -dem Tode entgegeneilt, gleich Meleagers Feuerbrand stets sich selbst -verzehrt.« Auch S. 34 f. ist von Bachofen manches Schöne über die im -»demetrisch-tellurischen Prinzipe« gelegene Art der Unsterblichkeit -gesagt. - -($S. 293, Z. 4 f.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und Vorstellung, -Bd. II, Buch 4, Kapitel 41. - -($S. 294, Z. 18.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und Vorstellung, -Bd. II, Buch 4, Kapitel 44: »Der Endzweck aller Liebeshändel, sie mögen -auf dem Soccus oder dem Kothurn gespielt werden, ist ... wichtiger als -alle anderen Zwecke im Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes, -womit jeder ihn verfolgt, völlig wert. Das nämlich, was dadurch -entschieden wird, ist nichts Geringeres als die _Zusammensetzung der -nächsten Generation_ u. s. w.« - -($S. 295, Z. 26.$) Z. B. sagt der freilich auch sonst überaus flache -und unoriginelle Eduard von _Hartmann_, der jetzt von manchen, wie es -scheint, bloß weil er kein Universitätsprofessor ist, schon für einen -großen Denker gehalten wird, in seiner »Phänomenologie des sittlichen -Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik« (Berlin 1879), -S. 268 f.: »Man denke ... an ein vom naivsten aber rücksichtslosesten -und schamlosesten Egoismus beseeltes Weib, das von dem Tage an, wo -es Mutter wird, mit der ganzen Naivität des weiblichen Gefühls ihr -Selbst auf die Personen ihrer Kinder mit ausdehnt, kein Opfer für das -Wohl dieser scheut, aber auch die so erweiterte Mutterselbstsucht -ebenso rücksichtslos und schamlos nach außen übt wie vorher ihren -Egoismus, ja noch ungenierter, weil sie in ihren Mutterpflichten -eine ethische Rechtfertigung ihres Verhaltens zu besitzen glaubt ... -Ist auch eine solche einseitige Liebe, die rücksichtslos zu allem -außerhalb dieses Liebesverhältnisses Liegenden sich verhält, eine -sittlich unvollkommene, so ist sie doch im Prinzip ein unermeßlicher -Fortschritt über den starren Eigennutz und die kahle Eigenliebe -hinaus, und zeigt den grundsätzlichen Bruch mit der Beschränkung des -Willens auf das alleinige Wohl der Individualität. Man kann sagen, -daß in einer solchen Mutter, bei aller Einseitigkeit ihrer Moralität, -doch unendlich viel mehr ethische _Tiefe_ verwirklicht ist als bei -dem Virtuosen der Klugheitsmoral, dem willenlosen Sklaven kirchlicher -Moralformeln und dem Künstler der ästhetischen Moral zusammengenommen, -da jene die _Wurzel alles Bösen_ wenigstens in _einem_ Punkte radikal -und _von Grund aus zerstört hat_, während von diesen die beiden ersten -sich durch außerhalb der Sache liegende Rücksichten, der letztere doch -nur durch oberflächliche und äußerliche Seiten der Sache bestimmen -läßt. Darum wird solche Liebe sittliche Achtung und in ihren höheren -Graden selbst Ehrfurcht und Bewunderung erwecken, selbst da, wo ihre -Einseitigkeit zu unsittlichem Verhalten nach anderen Richtungen -führt.« Alle diese Irrtümer entstehen aus dem trotz _Kant_ überall -verbreiteten, aber ganz unhaltbaren Glauben an eine triebhafte, naive, -unbewußte und auf diese Art vollkommene Sittlichkeit. Man wird es ewig -zu wiederholen haben, daß Moralität und Bewußtheit, Unbewußtheit und -Immoralität einerlei sind. (So spricht von »unbewußter Sittlichkeit« -Hartmann a. a. O., S. 311; es muß hiegegen anerkannt werden, daß er an -anderen Stellen einsichtiger über die Frauen urteilt; z. B. S. 526: -»Der Mangel an Rechtlichkeit und Gerechtigkeit macht das weibliche -Geschlecht als Ganzes zu einem moralischen Parasiten des männlichen.«) - -($S. 297, Z. 1.$) Johann _Fischart_, Das Philosophisch Ehezuchtbüchlin. --- Jean _Richepins_ bekannte Ballade »La Glu« nach dem Bretonischen (in -»La Chanson des Gueux«). Auch H. _Heine_ hätte mehrerer Gedichte wegen -hier angeführt werden dürfen. - -($S. 297, Z. 10.$) J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung -über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und -rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 10: »Auf den tiefsten, düstersten -Stufen des menschlichen Daseins bildet die Liebe, welche die Mutter -mit den Geburten ihres Leibes verbindet, den Lichtpunkt des Lebens, -die einzige Erhellung der moralischen Finsternis, die einzige Wonne -inmitten des tiefen Elends.« »Dasjenige Verhältnis, an welchem die -Menschheit zuerst zur Gesittung emporwächst, das der Entwicklung -jeder Tugend, der Ausbildung jeder edleren Seite des Daseins zum -Ausgangspunkte dient, ist der Zauber des Muttertums, der inmitten -eines gewalterfüllten Lebens als das göttliche Prinzip der Liebe, der -Einigung, des Friedens wirksam wird.« Bachofen ist ein viel tieferer -und weiter blickender Mann, von einer universelleren, echteren -philosophischen Bildung als irgend ein Soziolog seit Hegel; und doch -übersieht er hier etwas so Naheliegendes wie den völligen Mangel an -Unterschieden zwischen der Mutterliebe bei den Tieren (Henne, Katze) -und beim Menschen. - -Robert _Hamerling_, sonst mehr Rhetor als wahrer Künstler, macht über -die Mutterliebe eine gute Bemerkung, die, ohne daß er dies zu wollen -scheint, klar zeigt, wie von Sittlichkeit hier gar nicht gesprochen -werden kann (Ahasver in Rom, II. Gesang, Werke, Volksausgabe, Bd. I, -S. 59): - - »Die Mutterliebe, sieh, das ist der Pflichtteil - Von Liebesglück, den jeder Kreatur - Auswirft die kargende Natur -- der Rest - Ist Schein und Trug. _Wahrhaftig, mich ergötzt es, - Daß es ein Wesen gibt, für das es ewig - Naturnotwendigkeit ist, mich zu lieben._« - -($S. 299, Z. 9. v. u.$) An Annäherungen an jenes größere Hetärentum -(Aspasia, Kleopatra) hat es in der Renaissance nicht gefehlt. Vgl. -_Burckhardt_, Die Kultur der Renaissance in Italien, 4. Aufl., bes. von -L. Geiger, Bd. I, S. 127. - -($S. 302, Z. 15 v. u.$) Die Erzählung über Napoleon nach _Emerson_, -Repräsentanten des Menschengeschlechtes, übersetzt von Oskar Dähnert, -Leipzig, Universalbibliothek, S. 199. - -($S. 306, Z. 18.$) Dieser Auffassung der Mutterschaft kommt am nächsten -die des _Aischylos_ (Eumeniden, V. 658 f.): - - »Οὐκ ἔστι μήτηρ ἡ κεκλημένου τέκνου - τοκεύς, τροφὸς δὲ κύματος νεοσπόρου. - τίκτει δ'ὁ θρώσκων, ἡ δ'ἁπερ ξένω ξένη - ἔσωσεν ἔρνος, οίσι μὴ βλάφη θεός.« - -($S. 307, Z. 16 v. u.$) Die Illusion der Vaterschaft hat der mächtigen -Tragödie August _Strindbergs_ »Der Vater« den Namen gegeben. (Man vgl. -in dieser außerordentlichen Dichtung [übersetzt von E. Brausewetter, -Universalbibliothek] als speziell auf diesen Punkt sich beziehend -S. 34.) - -($S. 307, Z. 14 v. u. ff.$) _Bachofen_, Das Mutterrecht, S. 9: »... -der Name matrimonium selbst ruht auf der Grundidee des Mutterrechtes. -Man sagte matrimonium, nicht patrimonium, wie man zunächst auch nur -von einer materfamilias sprach. Paterfamilias ist ohne Zweifel ein -späteres Wort. Plautus hat materfamilias öfters, Paterfamilias nicht -ein einziges Mal ... Nach dem Mutterrecht gibt es wohl einen Pater, -aber keinen Paterfamilias. _Familia ist ein rein physischer Begriff_, -und darum zunächst nur der Mutter geltend. Die Übertragung auf den -Vater ist ein improprie dictum, das daher zwar im Recht angenommen, -aber in den gewöhnlichen, nicht juristischen Sprachgebrauch später -erst übertragen wurde. Der Vater ist stets eine juristische Fiktion, -die Mutter dagegen eine physische Tatsache. Paulus ad Edictum in Fr. -5 D. de in ius vocando (2, 4), ‚mater semper certa est, etiamsi vulgo -conceperit, pater vero is tantum, quem nuptiae demonstrant’. Tantum -deutet an, daß hier eine juristische Fiktion an die Stelle der stets -fehlenden natürlichen Sicherheit treten muß. Das Mutterrecht ist natura -verum, der Vater bloß iure civili, wie Paulus sich ausdrückt.« - -($S. 307, Z. 12 v. u.$) Herbert _Spencer_, Die Unzulänglichkeit der -natürlichen Zuchtwahl, Biologisches Zentralblatt, XIV, 1894, S. 262 f. -bemerkt: »Ich bin einem ausgezeichneten Korrespondenten zu großem -Dank verpflichtet, der meine Aufmerksamkeit auf beglaubigte Tatsachen -gelenkt hat, die über die Nachkommen von Weißen und Negern in den -Vereinigten Staaten berichtet werden. Indem er sich auf einen Bericht, -der ihm mehrere Jahre zuvor gemacht worden war, bezieht, sagt er: ‚Es -ging darauf hinaus, daß die Kinder weißer Frauen von weißen Vätern -_mehrere_ Male Spuren von Negerblut zeigten, wenn die Frau früher -ein Kind von einem Neger gehabt hatte.’ Zu der Zeit, als ich diesen -Bericht erhielt, besuchte mich ein Amerikaner, und darüber befragt, -antwortete er, daß in den Vereinigten Staaten diese Meinung allgemein -anerkannt werde. Um jedoch nicht nach Hörensagen zu urteilen, schrieb -ich sogleich nach Amerika, Umfrage zu halten ... Prof. _Marsh_, der -ausgezeichnete Paläontologe aus Yale, New Haven, der auch Beweise -sammelt, sendet mir einen vorläufigen Bericht, in welchem er sagt: -‚Ich selbst kenne keinen solchen Fall, aber ich habe viele Aussagen -gehört, die mir ihre Existenz wahrscheinlich machen. Ein Beispiel in -Connecticut wurde mir von einem Bekannten so zuverlässig beteuert, daß -ich allen Grund habe, es für authentisch zu halten.’ - -Daß Fälle dieser Art nicht häufig im Norden gesehen werden, ist -natürlich zu erwarten. Das erste der obenerwähnten Beispiele bezieht -sich auf Vorgänge, die im Süden während der Sklavenzeit beobachtet -wurden; und selbst damals waren die bezüglichen Bedingungen -natürlicherweise sehr selten. Dr. W. J. _Youmans_ in New-York hat in -meinem Interesse mehrere Medizinprofessoren befragt, die, obgleich sie -nicht selbst solche Beispiele gesehen haben, sagen, daß das behauptete, -oben beschriebene Resultat ‚allgemein als eine Tatsache anerkannt -wird’. Aber er sendet mir etwas, das nach meiner Meinung als ein -autoritatives Zeugnis gelten kann. Es ist ein Citat aus dem klassischen -Werk von Prof. _Austin Flint_, das hier folgt: - -‚Eine eigentümliche und, wie es scheint, unerklärliche Tatsache ist es, -daß frühere Schwangerschaften einen Einfluß auf die Nachkommenschaft -haben. Das ist den Tierzüchtern wohl bekannt. Wenn Vollblutstuten oder -Hündinnen einmal mit Männchen von weniger reinem Blut belegt worden -waren, so werden bei späteren Befruchtungen die Jungen geneigt sein, -die Art des ersten Männchens anzunehmen, selbst wenn sie von Männchen -mit unzweifelhaftem Stammbaum erzeugt wurden. Wie man diesen Einfluß -der ersten Empfängnis erklären kann, ist unmöglich zu sagen, aber -die Tatsache ist unbestritten. Der gleiche Einfluß ist beim Menschen -beobachtet worden. Eine Frau kann vom zweiten Mann Kinder haben, -die dem ersten ähnlich sind, und diese Beobachtung ist besonders in -Bezug auf Haar und Augen gemacht worden. Eine weiße Frau, die zuerst -Kinder von einem Neger hat, kann später Kinder von einem weißen Vater -gebären, und doch werden diese Kinder unfragliche Eigentümlichkeiten -der Negerrasse an sich tragen.’« (A Text Book of Human Physiology. By -_Austin Flint_ MD. LL. D. _Fourth_ edition, New York, D. Appleton & -Co., 1888, p. 797.) - -Dr. _Youmans_ besuchte Prof. _Flint_, der ihm erzählte, daß er ‚den -Gegenstand näher untersucht habe, als er sein größeres Werk schrieb -(das obige Citat ist aus einem Auszug), und er fügte hinzu, daß er -nie gehört habe, daß der Bericht in Frage gestellt sei’. (Vgl. über -dieselbe Frage _Spencer_, Biolog. Zentralblatt XIII, 1893, S. 743-748.) - -($S. 307, Z. 8 v. u.$) Vgl. Charles _Darwin_, Über die direkte oder -unmittelbare Einwirkung des männlichen Elementes auf die Mutterform -(Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, -11. Kapitel, Bd. I, 2. Aufl., Stuttgart 1873, S. 445 f.): »Eine andere -merkwürdige Klasse von Tatsachen muß hier noch betrachtet werden, weil -man angenommen hat, daß sie einige Fälle von Knospenvariation erklären. -Ich meine die direkte Einwirkung des männlichen Elementes, nicht in -der gewöhnlichen Weise auf die Ovula, sondern auf gewisse Teile der -weiblichen Pflanzen, oder wie es der Fall bei Tieren ist, auf die -späteren Nachkommen des Weibchens von einem zweiten Männchen. Ich will -vorausschicken, daß bei Pflanzen das Ovarium und die Eihülle offenbar -Teile des Weibchens sind, und es hätte sich nicht voraussehen lassen, -daß diese von dem Pollen einer fremden Varietät oder Spezies affiziert -werden würden, obgleich die Entwicklung des Embryo innerhalb des -Embryosackes, innerhalb des Ovulums, innerhalb des Ovariums natürlich -vom männlichen Element abhängt. - -Schon im Jahre 1729 wurde beobachtet (Philosophical Transactions, -Vol. XLIII, 1744/45, p. 525), daß sich weiße und blaue Varietäten -der Erbsen, wenn sie nahe aneinander gepflanzt werden, gegenseitig -kreuzten, ohne Zweifel durch die Tätigkeit der Bienen, und im Herbste -wurden blaue und weiße Erbsen innerhalb derselben Schoten gefunden. -_Wiegmann_ machte eine genau ähnliche Beobachtung im jetzigen -Jahrhundert. Dasselbe Resultat erfolgte mehrere Male, wenn eine -Varietät Erbsen von der einen Färbung künstlich mit einer verschieden -gefärbten Varietät gebaut wurde. (Mr. _Swayne_ in: Transact. Horticult. -Soc., Vol. V, p. 234, und _Gärtner_, Bastarderzeugung, 1849, S. 81 und -499). Diese Angaben veranlaßten _Gärtner_, der äußerst skeptisch über -diesen Gegenstand war, eine lange Reihe von Experimenten sorgfältig -anzustellen. Er wählte die konstantesten Varietäten sorgfältig heraus, -und das Resultat zeigte ganz überzeugend, daß die Farbe der Haut -der Erbse modifiziert wird, wenn Pollen einer verschieden gefärbten -Varietät gebraucht wird. Diese Folgerung ist seitdem durch Experimente, -welche J. M. _Berkeley_ angestellt hat, bestätigt worden (_Gardeners_' -Chronicle, 1854, p. 404) ...« - -(S. 447): »Wenden wir uns nun zur Gattung _Matthiola_. Der Pollen -der einen Sorte von _Levkoj_ affiziert zuweilen die Farbe der Samen -einer anderen Sorte, die als Mutterpflanze benutzt wird. Ich führe den -folgenden Fall um so lieber an, als _Gärtner_ ähnliche Angaben, die -in Bezug auf den Levkoj von anderen Beobachtern früher gemacht worden -waren, bezweifelte. Ein sehr bekannter Gartenzüchter, Major _Trevor -Clark_ (siehe auch einen Aufsatz, welchen dieser Beobachter vor dem -internationalen Hortikultur- und botanischen Kongreß in London 1866 -gelesen hat), teilt mir mit, daß die Samen des großen rotblütigen, -_zweijährigen_ Levkoj (M. annua; »Cocardeau« der Franzosen) hellbraun -sind, und die des purpurnen verzweigten Levkojs »Queen« (M. incana) -violettschwarz sind. Nun fand er, daß, wenn Blüten des roten Levkojs -mit Pollen des purpurnen befruchtet wurden, sie ungefähr 50% schwarzen -Samen ergaben. Er schickte mir vier Schoten von einer rotblühenden -Pflanze, von denen zwei mit ihren eigenen Pollen befruchtet worden -waren, und diese enthielten blaßbraune Samen, und zwei, welche mit -Pollen von der purpurnen Sorte gekreuzt worden waren, und diese -enthielten Samen, die alle tief mit Schwarz gefärbt waren. Diese -letzteren Samen ergaben purpurblühende Pflanzen wie ihr Vater, während -die blaßbraunen Samen normale rotblühende Pflanzen ergaben. Major -_Clarke_ hat beim Aussäen ähnlicher Samen in einem größeren Maßstabe -dasselbe Resultat erhalten. Die Beweise für die direkte Einwirkung des -Pollens einer Spezies auf die Färbung der Samen einer anderen Spezies -scheinen mir in diesem Falle ganz entscheidend zu sein.« - -Darwin legt hier besonderen Nachdruck auf die radikale Veränderung in -der Mutterpflanze durch den männlichen Pollen. So im englischen Texte -(2. ed., London 1875, Vol. II, p. 430 f.): »Professor _Hildebrand_ -(Botanische Zeitung, Mai 1868, S. 326) ... has fertilised ... a -kind [of maize] bearing yellow grains with the precaution that the -mother-plant was true. A kind bearing yellow grains was fertilised -with pollen of a kind having brown grains, and two ears produced -yellow grains, but one side of the spindle was tinted with a reddish -brown; _so that here we have the important fact of the influence of -the foreign pollen extending to the axis_.« S. 449 (der deutschen -Ausgabe): »Mr. _Sabine_ (Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 69) gibt -an, daß er gesehen hat, wie die Form der nahezu kugeligen Samenkapseln -von Amaryllis vittata durch die Anwendung des Pollens einer anderen -Spezies, deren Kapseln höckerige Kanten haben, verändert wurden.« - -(S. 459): »Ich habe nun nach der Autorität mehrerer ausgezeichneter -Beobachter der Pflanzen, welche zu sehr verschiedenen Ordnungen -gehören, gezeigt, daß der Pollen einer Spezies oder Varietät, wenn er -auf eine distinkte Form gebracht wird, gelegentlich die Modifikation -der Samenhüllen und des Fruchtknotens oder der Frucht verursacht, -was sich in einem Falle bis auf den Kelch und den oberen Teil des -Fruchtstiels der Mutterpflanze erstreckt. Es geschieht zuweilen, daß -das ganze Ovarium oder alle Samen auf diese Weise modifiziert werden; -zuweilen wird nur eine gewisse Anzahl Samen, wie in dem Falle bei der -Erbse, oder nur ein Teil des Ovariums, wie bei der gestreiften Orange, -den gefleckten Trauben und dem gefleckten Mais, so affiziert. Man darf -nicht annehmen, daß irgend eine direkte oder unmittelbare Wirkung der -Anwendung fremden Pollens unabänderlich folgt: dies ist durchaus nicht -der Fall; auch weiß man nicht, von welchen Bedingungen das Resultat -abhängt.« - -(S. 451): »Die Beweise für die Wirkung fremden Pollens auf die -Mutterpflanze sind mit beträchtlichem Detail gegeben worden, weil diese -Wirkung ... von der höchsten theoretischen Bedeutung ist und weil sie -an und für sich ein merkwürdiger und scheinbar anormaler Umstand ist. -Daß sie vom physiologischen Standpunkte aus merkwürdig ist, ist klar; -denn das männliche Element affiziert nicht bloß, im Einklang mit seiner -eigentlichen Funktion, den Keim, sondern auch die umgebenden Gewebe der -Mutterpflanze.« (Hier fährt die englische Ausgabe I^2, p. 430, fort): -»... $We thus see, that an ovule is not indispensable for the reception -of the influence of the male element.$« - -($S. 307, Z. 5 v. u.$) Ich setze den berühmten Bericht im Original her: -(Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 1821, Part -I, p. 20 f.): - -_A communication of a singular fact in Natural History. By the Right -Honourable the Earl of $Morton$_, F. R. S., in a Letter addressed to -the President. - - Read, November 23, 1820. - - My Dear Sir, - - I yesterday had an opportunity of observing a singular - fact in Natural History, which you may perhaps deem not - unworthy of being communicated to the Royal Society. - - Some years ago, I was desirous of trying the experiment - of domesticating the Quagga, and endeavoured to procure - some individuals of that species. I obtained a male; - but being disappointed of a female, I tried to breed - from the male quagga and a young chestnut mare of - seven-eighths Arabian blood and which had never been - bred from: the result was the production of a female - hybrid, now five years old, and bearing, both in her - form and in her colour, very decided indications of - her mixed origin. I subsequently parted with the - seven-eighth Arabia mare to Sir _Gore Ouseley_, who - has bred from her by a very fine black Arabian horse. - I yesterday morning examined the produce, namely, a - two-years old filly, and a year-old colt. They have - the character of the Arabian breed as decidedly as can - be expected, where fifteen-sixteenths of the blood - are Arabian; and they are fine specimens of that - breed; _but both in their colour, and in the hair of - their manes, they have a striking resemblance to the - quagga_. Their colour is bay, marked more or less like - the quagga in a darker tint. Both are distinguished - by the dark line along the ridge of the back, the - dark stripes across the fore-hand, and the dark bars - across the back-part of the legs. The stripes across - the fore-hand of the colt are confined to the withers, - and to the part of the neck next to them; those on the - filly cover nearly the whole of the neck and the back, - as far as the flanks. The colour of her coat on the - neck adjoining to the mane is pale and approaching to - dun, rendering the stripes there more conspicuous than - those on the colt. The same pale tint appears in a less - degree on the rump: and in this circumstance of the dun - tint also she resembles the quagga -- -- -- -- -- -- - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- [p. 22] These - circumstances may appear singular; but I think you - will agree with me that they are trifles compared with - the extraordinary fact of so many striking features, - which do not belong to the dam, being in two successive - instances communicated through her to the progeny, not - only of another sire, who also has them not, but of a - sire belonging probably to another species; for such we - have very strong reason for supposing the quagga to be. - - I am, my dear Sir - Your faithful humble servant - $Morton$. - -($S. 308, Z. 1 f.$) Besonders ausführlich H. _Settegast_, Die -Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre, Breslau 1878, S. 223 -bis 234: Infektion (Superfötation). Er verweist alles in das Gebiet des -Aberglaubens und der Phantastik. »So kommen wir denn zu dem Schluß, -daß die vermeintliche Infektion der Mutter auf einer Täuschung beruht, -und daß es unzulässig ist, durch sie die Fälle erklären zu wollen, in -welchen das Kind in Farbe und Abzeichen, in Form und Eigenschaften -der Übereinstimmung mit den Eltern ermangelt. Aus unseren bisherigen -Untersuchungen über Abweichungen von elterlicher Verwandtschaft ist zu -ersehen, daß die vereinzelten Fälle, welche die Infektionstheorie zu -ihren Gunsten auslegt, und die zugleich als verbürgt angesehen werden -dürfen, auf Rechnung der Neubildung der Natur zu schreiben sind. - -Durch unsere Ausführungen glauben wir die Infektionstheorie widerlegt -zu haben: daß es uns gelungen sein sollte, sie für immer zu bannen, -dürfen wir kaum hoffen. Die Infektionstheorie ist die Seeschlange der -Vererbungslehre.« - -($S. 308, Z. 3.$) F. C. _Mahnke_, Die Infektionstheorie, Stettin 1864. -Vgl. zu der Frage auch Rudolf _Wagner_, Nachtrag zu R. Leuckarts -Artikel »Zeugung«, in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV, -1853, S. 1011 f. Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II, -Jena 1898, S. 137 f. - -($S. 308, Z. 4.$) August _Weismann_, Das Keimplasma, Eine Theorie -der Vererbung, Jena 1892, S. 503 f. Die Allmacht der Naturzüchtung, -Jena 1893, S. 81-84, 87-91. Weismann verhält sich, wie er (seiner -Überzeugung von der völligen Unbeeinflußbarkeit des Keimplasmas -gemäß) es wohl muß, ablehnend, und beruft sich hiebei vor allem auf -die eingehenden Erörterungen _Settegasts_. Ähnlich Hugo _de Vries_, -Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 206-207. - -Dagegen ist _Darwin_ von der »direkten Wirkung des männlichen Elementes -auf das Weibchen« (nicht bloß auf eine einzige Keimzelle desselben) -überzeugt, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der -Domestikation, Kap. 27 (Bd. II^2, S. 414, Stuttgart 1873); wie es wohl -ein jeder sein muß, der sich die ungeheuere Veränderung, welche in den -Frauen sofort mit Beginn der Ehe eintritt, und ihre außerordentliche -Anähnlichung an den Mann während derselben vor Augen hält. Vgl. im -Texte S. 376, 396. - -Darwin sagt a. a. O., S. 414: »Wir sehen hier, daß das männliche -Element nicht den Teil affiziert und hybridisiert, welchen zu -affizieren es eigentlich bestimmt ist, nämlich das Eichen, sondern die -besonders entwickelten Gewebe eines distinkten Individuums.« - -Ausführlicher spricht Darwin über die Telegonie im 11. Kapitel dieses -selben Werkes, wo er aus der Literatur eine große Zahl von Fällen -anführt, welche für ihr Vorkommen beweisend sind (Bd. I^2, S. 453-455): - -»In Bezug auf die Varietäten unserer domestizierten Tiere sind viele -ähnliche und sicher beglaubigte Tatsachen veröffentlicht worden, andere -sind mir noch mitgeteilt worden; alle beweisen den Einfluß des ersten -Männchens auf die später von derselben Mutter mit anderen Männchen -erzeugten Nachkommen. Es wird hinreichen, noch einen einzigen Fall -mitzuteilen, der in einem auf den des Lord _Morton_ folgenden Aufsatz -in den »Philosophical Transactions« enthalten ist: Mr. _Giles_ brachte -eine Sau von Lord _Westerns_ schwarzer und weißer Essexrasse zu einem -wilden Eber von einer tiefkastanienbraunen Färbung; die produzierten -Schweine trugen in ihrer äußeren Erscheinung Merkmale sowohl des Ebers -als der Sau, bei einigen herrschte aber die braune Färbung des Ebers -bedeutend vor. Nachdem der Eber schon längere Zeit tot war, ward die -Sau zu einem Eber ihrer eigenen schwarzen und weißen Rasse getan (einer -Rasse, von welcher man sehr wohl weiß, daß sie sehr rein züchtet und -niemals irgend eine braune Färbung zeigt); und doch produzierte die -Sau nach dieser Verbindung einige junge Schweine, welche deutlich -dieselbe kastanienbraune Färbung besaßen, wie die aus dem ersten Wurfe. -_Ähnliche Fälle sind so oft vorgekommen, daß sorgfältige Züchter es -vermeiden, ein geringeres Männchen zu einem ausgezeichneten Weibchen zu -lassen wegen der Beeinträchtigung der späteren Nachkommen, welche sich -hienach erwarten läßt._ - -Einige Physiologen haben diese merkwürdigen Folgen einer ersten -Befruchtung aus der innigen Verbindung und der freien Kommunikation -zwischen den Blutgefäßen des modifizierten Embryo und der Mutter -zu erklären versucht. Es ist indes eine äußerst unwahrscheinliche -Hypothese, daß das bloße Blut des einen Individuums die -Reproduktionsorgane eines anderen Individuums in einer solchen Weise -affizieren könne, daß die späteren Nachkommen dadurch modifiziert -würden. Die Analogie mit der direkten Einwirkung fremden Pollens auf -den Fruchtknoten und die Samenhüllen der Mutterpflanze bietet der -Annahme eine kräftige Unterstützung, daß das männliche Element, so -wunderbar diese Wirkung auch ist, direkt auf die Reproduktionsorgane -des Weibchen wirkt, und nicht erst durch die Intervention des -gekreuzten Embryo.« - -Wilhelm Olbers _Focke_, Die Pflanzen-Mischlinge, Ein Beitrag zur -Biologie der Gewächse, Berlin 1881, S. 510-518: »Ich schlage ... -vor, solche Abweichungen von der normalen Gestalt oder Färbung, -welche in irgendwelchen Teilen einer Pflanze durch die Einwirkung vom -fremden Blütenstaube hervorgebracht werden, als Xenien zu bezeichnen, -gleichsam als Gastgeschenke der Pollen spendenden Pflanze an die Pollen -empfangende.« (S. 511.) - -($S. 308, Z. 16 v. u.$) Zum »Versehen« vgl. die Anmerkungen zu S. 285 f. - -($S. 308, Z. 8 v. u.$) Wie für das Versehen auf _Goethe_ und auf -_Ibsen_, so hätte ich, wenn ich nicht erst nach Abschluß dieses -Kapitels hierauf wäre aufmerksam gemacht worden, auch für die Realität -der Telegonie auf das Werk eines großen Künstlers mich berufen -können: ich meine Madeleine _Férat_, den wenig gelesenen, aber wohl -sehr großartigen Roman des jugendlichen _Zola_. Was Zola über die -Frauen gedacht hat, muß, nach diesem, wie nach anderen Werken, meinen -Anschauungen sehr nahe gestanden sein. Vgl. Madeleine Férat, Nouvelle -édition, Paris, Bibliothèque-Charpentier 1898, S. 173 f., besonders -S. 181 ff. und 251 f., Stellen, die ich ihrer großen Länge wegen nicht -hiehersetzen kann. - -($S. 310, Z. 17.$) Über die Zuhälter vgl. _Lombroso-Ferrero_, Das -Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, S. 560 ff. -der deutschen Ausgabe, über ihre Identität mit den eigentlichen -Verbrechern, ibid. S. 563-564. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 11. - - -($S. 314, Z. 11 f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd. II, -Kapitel XXVII. -- Die Erzählung in Betreff des Lord _Byron_ ist nach -R. von _Hornstein_ wiedergegeben von Eduard _Grisebach_ im Anhange zu -Schopenhauers sämtlichen Werken, Bd. VI, S. 191 f. - -($S. 315, Z. 1 v. u.$) _Kant_, Beobachtungen über das Gefühl des -Schönen und Erhabenen, Königsberg 1764, III. Abschnitt (Bd. VIII, -S. 36 der Kirchmannschen Ausgabe): »Diese ganze Bezauberung ist im -Grunde über den Geschlechtstrieb verbreitet. Die Natur verfolgt ihre -große Absicht, und alle Feinigkeiten, die sich hinzugesellen, sie -mögen nun so weit davon abzustehen scheinen, wie sie wollen, sind -nur Verbrämungen und entlehnen ihren Reiz doch am Ende aus derselben -Quelle.« -- _Schopenhauer_ in seiner wiederholt citierten »Metaphysik -der Geschlechtsliebe« (Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. -44). - -($S. 316, Z. 3 v. u. f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd. -II, § 369. - -($S. 318, Z. 10.$) _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, Transscendentale -Dialektik, I, 3. System der transcendentalen Ideen (S. 287 ff., -Kehrbach). - -($S. 318, Z. 15-8 v. u.$) Das Lied ist das des Wolfram aus _Wagners_ -Tannhäuser, 2. Aufzug, 4. Scene. - -($S. 324, Z. 19 f.$) _Platon_, Phaedrus, p. 251 A. B.: »ὅταν θεοειδὲς -πρόσωπον ἴδῃ κάλλος εὖ μεμιμημένον, ἤ τινα σώματος ἰδέαν, πρῶτον μὲν -ἔφριξε ... εἶτα προσορῶν ὡς θεὸν σέβεται, καὶ εἰ μὴ δεδιείη τὴν τῆς -σφόδρα μανίας δόξαν, θύοι ἂν ὡς ἀγάλματι καὶ θεῷ τοῖς παιδικοῖς. ἰδόντα -δὲ αὐτὸν, οἷον ἐκ τῆς φρίκης, μεταβολή τε καὶ ἱδρὼς καὶ θερμότης ἀήθης -λαμβάνει· δεξάμενος γὰρ τοῦ κάλλους τὴν ἀποῤῥοὴν διὰ τῶν ὀμμάτων, -ἐθερμάνθη ᾗ ἡ τοῦ πτεροῦ φύσις ἄρδεται, θερμανθέντος δὲ ἐτάκη τὰ περὶ -τὴν ἔκφυσιν, ἃ πάλαι ὑπὸ σκληρότητος συμμεμυκότα εἶργε μὴ βλαστάνειν, -ἐπιῤῥυείσης δὲ τῆς τροφῆς ᾤδησέ τε καὶ ὥρμησε φύεσθαι ἀπὸ τῆς ῥίζης -ὁ τοῦ πτεροῦ καυλὸς ὑπὸ πᾶν τὸ τῆς ψυχῆς εἶδος· πᾶσα γὰρ ἦν τὸ πάλαι -πτερωτή.« - -($S. 325, Z. 16-8 v. u.$) Vgl. _Dante_, Paradiso, Canto VII, v. 64-66: -»La divina bontà, che da sè sperne ogni livore, ardendo in sè sfavilla -Si che dispiega le bellezze interne.« - -($S. 326, Z. 13.$) _Kant_, Kritik der Urteilskraft. -- _Schelling_, -System des transcendentalen Idealismus, Sämtliche Werke, I. Abteilung, -Bd. III. -- _Schiller_, Über die ästhetische Erziehung des Menschen. - -($S. 326, Z. 17 v. u.$) _Shaftesbury_: nach W. _Windelband_, Geschichte -der neueren Philosophie in ihrem Zusammenhange mit der allgemeinen -Kultur und den besonderen Wissenschaften, 2. Aufl., Leipzig 1899, Bd. -I, S. 272. -- _Herbart_, Analytische Beleuchtung des Naturrechts und -der Moral, Göttingen 1836, Sämtliche Werke, ed. Hartenstein, Bd. VIII, -S. 213 ff. - -($S. 330, Z. 19 v. u.$) _Platons_ Gastmahl, 206 E. - -($S. 330, Z. 11 f. v. u.$) _Platon_ a. a. O., Kap. 27, S. 209 C-E -(Übersetzung nach _Schleiermacher_). - -($S. 331, Z. 17 v. u.$) _Novalis_: »Es ist wunderbar genug, daß -nicht längst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit -die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und ihre -gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.« (Novalis' Schriften, -herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel, Zweiter Teil, Wien -1820, S. 288.) - -($S. 331, Z. 15 v. u.$) _Bachofen_, Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, -S. 52: »Das stoffliche, das tellurische Sein umschließt beides, Leben -und Tod. Alle Personifikationen der chthonischen Erdkraft vereinigen in -sich diese beiden Seiten, das Entstehen und das Vergehen, die beiden -Endpunkte, zwischen welchen sich, um mit Plato zu reden, der Kreislauf -aller Dinge bewegt. So ist Venus, die Herrin der stofflichen Zeugung, -als Libitina die Göttin des Todes. So steht zu Delphi eine Bildsäule -mit dem Zunamen Epitymbia, bei welcher man die Abgeschiedenen zu den -Totenopfern heraufruft (Plut. quaest. rom. 29). So heißt Priapus in -jener römischen Sepulcralinschrift, die in der Nähe des Campanaschen -Columbariums gefunden wurde, mortis et vitai locus. So ist auch in -den Gräbern nichts häufiger als Priapische Darstellungen, Symbole der -stofflichen Zeugung. Ja es findet sich auch in Südetrurien ein Grab, -an dessen Eingang, auf dem rechten Türpfosten, ein weibliches sporium -abgebildet ist.« -- Der Kreislauf von Tod und Leben war auch ein -Lieblingsthema der Reden _Buddhas_. Ihn hat aber auch der tiefste unter -den voreleatischen Griechen, _Anaximandros_, gelehrt (bei Simplicius -in Aristot. Physika 24, 18): »ἐξ ὧν ἡ γένεσίς ἐστι τοῖς οὖσι, καὶ τὴν -φθορὰν εἰς ταῦτα γίνεσθαι κατὰ χρεών. διδόναι γὰρ αὐτὰ τίσιν καὶ δίκην -τῆς ἀδικίας κατὰ τὴν τοῦ χρόνου τάξιν.« - -($S. 332, Z. 10-11.$) Giordano _Bruno_, Gli eroici furori, Dialogo -secundo 13 (Opere di G. B. Nolano ed. Adolfo Wagner, Vol. II, -Leipzig 1830, p. 332): »Tutti gli amori, se sono eroici, e non son -puri animali, che chiamano naturali e cattivi a la generazione come -instrumenti de la natura, in certo modo hanno per oggetto la divinità, -tendono a la divina bellezza, la quale prima si comunica a l'anime e -risplende in quelle, e da quelle poi, o per dir meglio, per quelle poi -si comunica a li corpi.« - -($S. 332, Z. 8-9 v. u.$) Ed. v. _Hartmann_. Phänomenologie des -sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 699 spricht es nur der allgemeinen -Meinung nach: »..... es ist an der Zeit, den heranwachsenden -Mädchen klar zu machen, daß ihr Beruf, wie er durch ihr Geschlecht -vorgezeichnet ist, nur in der Stellung als Gattin und Mutter sich -erfüllen läßt, daß er in nichts anderem besteht, als in dem Gebären und -Erziehen von Kindern, daß die tüchtigste und am höchsten zu ehrende -Frau diejenige ist, welche der Menschheit die größte Zahl besterzogener -Kinder geschenkt hat, und daß alle sogenannte Berufsbildung der Mädchen -nur einen traurigen Notbehelf für diejenigen bildet, welche das Unglück -gehabt haben, ihren wahren Beruf zu verfehlen.« - -($S. 332, Z. 8 v. u.$) Besonders im Judentum werden zum Teil noch -heute unfruchtbare Frauen als zwecklos betrachtet (vgl. Kapitel -XIII, S. 417). Aber auch nach deutschem Recht »durfte der Mann wegen -Unfruchtbarkeit seiner Frau .... geschieden zu werden verlangen«. Jakob -_Grimm_, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Ausgabe, Leipzig 1899, S. 626. - -($S. 333, Z. 13 f.$) Das französische Citat stammt aus dem Cyklus -»Sagesse« (Paul _Verlaine_, Choix de Poésies, Edition augmentée d'une -Préface de François Coppée, Paris 1902, p. 179). - -($S. 336, Z. 15.$) Vgl. Liebeslieder moderner Frauen, eine Sammlung von -Paul _Grabein_, Berlin 1902. - -($S. 337, Z. 15.$) Poros und Penia als Eltern des Eros: nach der so -tiefen Fabel des platonischen Gastmahls (p. 203, B-D). Vgl. S. 340 und -397. - -($S. 338, Z. 8 v. u. ff.$) Zu der Wirkung des männlichen -Geschlechtsteiles auf das weibliche Geschlecht vgl. eine Erzählung -_Freuds_ (_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, Leipzig -und Wien, S. 113); vor allem aber die großartige Scene in _Zolas_ -Roman »Germinal« (Quinzième Partie, Fin, p. 416), wo die Frauen das -Zeugungsglied des gemordeten und nach dem Tode kastrierten Maigrat -erblicken. - -($S. 339, Z. 6.$) Erst lange, nachdem ich diese Stelle -niedergeschrieben hatte, wurde ich darauf aufmerksam, daß fascinum, von -dem fascinare sich herleitet, im Lateinischen (z. B. Horaz, Epod. 8, -18) nichts anderes als das männliche Glied bedeutet. Die Wirkung des -männlichen Bartes auf die Frau ist zwar eine bedeutend schwächere und -nicht gleich allgemeine, aber mit der des Zeugungsgliedes psychologisch -nicht ohne Verwandtschaft. - -($S. 340, Z. 9 f.$) _Plato_, Symposion, 202, D-E: Τί οὖν ἄν εἴη ὁ -Ἔρως;.... Μεταξὺ θνητοῦ καὶ ἀθανάτου, .... δαίμων μέγας, ὦ Σώκρατες· -καὶ γὰρ πᾶν τὸ δαιμόνιον μεταξύ ἐστι θεοῦ τε καὶ θνητοῦ. 203 E: οὔτε -ἀπορεῖ Ἔρως ποτὲ οὔτε πλουτεῖ. σοφίας τε αὖ καὶ ἀμαθίας ἐν μέσῳ ἐστίν. - -($S. 340, Z. 14 f.$) Der neueste Darsteller der platonischen -Gedankenwelt ist ein Anhänger _Mills_: Theodor _Gomperz_, Griechische -Denker, eine Geschichte der antiken Philosophie, Bd. II, Leipzig 1902, -S. 201 ff. In manchen Regionen scheint dieser vielfach hochverdiente -Autor selbst gefühlt zu haben, wie ferne er einem Verständnis der -inneren Denkmotive des Philosophen ist. Interessanter sind jene Stellen -des Buches, wo der Verfasser Plato zu begreifen meint und beloben zu -müssen glaubt. Vor dem Geiste der Modernität, welcher die höchsten -Synthesen, deren er fähig war, im Lawn-tennis-Spiele vollzogen hat, -vermögen nur zwei Stellen des »Staates« vollste Gnade zu finden. (»_Wir -dürfen es Plato hoch anrechnen_, daß er die ‚hinkende’ Einseitigkeit -des bloßen Sport- und Jagdliebhabers nicht stärker mißbilligt als -jene, die sich nur um die Pflege des Geistes und gar nicht um jene -des Körpers kümmert .... Nicht minder bezeichnend ist es, daß er -auch bei der Auswahl der Herrscher neben den Charaktereigenschaften -nach Möglichkeit die Wohlgestalt berücksichtigt wissen will .... Hier -ist der asketische Verfasser des Phaedon wieder ganz und gar Hellene -geworden.« S. 583.) Dem Dialog über den Staatsmann wird wie als höchste -Anerkennung diese, daß »ein Hauch von baconischem, modern induktivem -Geiste ihn gestreift« habe (S. 465). Gleichsam als das Ruhmwürdigste im -»Phaedon« erscheint die Antizipation der Associationsgesetze (S. 356), -und allen Ernstes wird als eine »wunderbare Äußerung Platons« eine -Stelle des Sophisten (247, D E) gepriesen, die als eine Vorwegnahme der -»modernen Energetik« vielleicht aus purem Wohlwollen gegen den Denker -mißverstanden wird, der mit John Stuart Mill so gar keine Ähnlichkeit -hatte (S. 455). Wie es unter solchen Umständen dem Timaeus ergeht, -das kann man sich leicht ausmalen. Man sollte übrigens -- und diese -Bemerkung richtet sich nicht bloß gegen eine unzulängliche Darstellung -Platos -- es durchaus unterlassen, einen Philosophen oder Künstler -deswegen zu loben, weil die Nur-Wissenschaftler nach tausend Jahren -einen Gedanken von ihm zu begreifen anfangen. _Goethe_, _Plato_ und -_Kant_ sind zu größeren Dingen auf der Erde erschienen, als empirische -Wissenschaft aus ihrer Erfahrung allein je einsehen oder begründen -könnte. - -($S. 340, Z. 13 v. u.$) O. _Friedländer_ bemerkt in seinem Aufsatz -»Eine für viele« (vgl. zu S. 115, Z. 10 v. u.) S. 180 f. sehr scharf, -aber wahr: »Nichts kann den Frauen ferner gelegen sein, als der Kampf -gegen die voreheliche Unkeuschheit des Mannes. Was sie im Gegenteil von -dem letzteren verlangen, ist die subtilste Kenntnis aller Details des -Geschlechtslebens und der Entschluß, diese theoretische Superiorität -auch praktisch zur Geltung zu bringen ... Die Jungfrau vertraut ihre -unberührten Reize meist lieber den bewährten Händen des ausgekneipten -Wüstlings an, der lange das Reifeexamen der ars amandi abgelegt hat, -als den zitternden Fingern des erotischen Analphabeten, der das Abc der -Liebe kaum zu stammeln vermag.« - - - - -Zu Teil II, Kapitel 12. - - -($S. 342, Z. 6.$) Das Motto aus _Kant_ habe ich irgendwo citiert -gefunden, kann mich aber nicht entsinnen, wo, noch war es mir möglich, -in Kantens Schriften selbst es zu entdecken. In den »Fragmenten aus -dem Nachlaß« (Bd. VIII, S. 330, ed. Kirchmann) heißt es: »Wenn man -bedenkt, daß Mann und Frau ein moralisches Ganze ausmachen, so muß man -ihnen nicht einerlei Eigenschaften beilegen, sondern der einen solche -Eigenschaften, die dem anderen fehlen« -- übrigens eine Ansicht, durch -die leicht die Wahrheit umgekehrt erscheinen könnte: der Mann hat alle -Eigenschaften der Frau in sich, zumindest als Möglichkeiten; dagegen -ist die Frau ärmer als der Mann, weil nur ein Teil desselben. (Vgl. den -Schluß dieses Kapitels.) - -($S. 343, Z. 17.$) Paul Julius _Moebius_, Über den physiologischen -Schwachsinn des Weibes, 5. Aufl., Halle 1903. Über einige Unterschiede -der Geschlechter, in: Stachyologie, Weitere vermischte Aufsätze, -Leipzig 1901, S. 125-138. - -($S. 350, Z. 13.$) Man übertreibt oft die Stärke des Verlangens -nach dem Kinde bei der Frau. Ed. v. _Hartmann_ (Phänomenologie des -sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 693) bemerkt zum Teil mit Recht: -»Der Instinkt nach dem Besitz von Kindern ist bei _jungen_ Frauen -und Mädchen keineswegs so allgemein und entschieden ausgeprägt, als -man gemeinhin annimmt, und als die Mädchen selbst dies erheucheln, -um dadurch die Männer anzuziehen; erst in reiferen Jahren pflegen -kinderlose Frauen ihren Zustand als schmerzliche Entbehrung im -Vergleich zu ihren kinderbesitzenden Altersgenossinnen zu fühlen -.... Meist geschieht es mehr, um den Mann zufrieden zu stellen, als -um ihrer selbst willen, wenn junge Frauen sich Kinder wünschen; der -Mutterinstinkt erwacht erst, wenn der hilfefordernde junge Weltbürger -_wirklich da ist_.« Man sieht übrigens, wie notwendig sowohl in dieser -Frage als den ewig wiederholten Behauptungen der Gynäkologen gegenüber -(für welche das Weib theoretisch immer nur eine Brutanstalt ist) die im -10. Kapitel durchgeführte Zweiteilung ist. - -($S. 353, Z. 2.$) - - »Das _Weib_ ist's, das ein _Herz_ sucht, nicht _Genuß_. - Das Weib ist keusch in seinem tiefsten Wesen, - Und was die Scham ist, weiß doch nur ein Weib.« - -_Hamerling_, Ahasver in Rom, II. Gesang: Werke, Volksausgabe Hamburg, -Bd. I, p. 58. - -($S. 355, Z. 6 f.$) Herbert _Spencer_, Die Prinzipien der Ethik, Bd. I, -Stuttgart 1894, S. 341 f. - -($S. 355, Z. 16 v. u. f.$) _Ellis_, Mann und Weib, S. 288 äußert die -interessante Vermutung, daß auch die Erscheinung der _Mimicry_ mit der -_Suggestibilität_ in einem Zusammenhange stehe. Mit der Darstellung im -Texte würde das vielleicht sich besser reimen als irgend eine andere -Deutung jenes Phänomenes. - -($S. 356, Z. 5 v. u. ff.$) _Wolfram von Eschenbach_, Parzival, -übersetzt von Karl Pannier (Leipzig, Universalbibliothek), Buch IV, -Vers 698 ff. - -($S. 357, Z. 19 v. u. ff.$) Sehr vereinzelt ist unter den Psychiatern -eine Stimme, wie die Konrad _Riegers_, Professors in Würzburg: »Was -ich erstrebe ist die Autonomie der Psychiatrie und Psychologie. Sie -sollen beide frei sein von einer Anatomie, die sie nichts angeht; von -einer Chemie, die sie nichts angeht. Eine psychologische Erscheinung -ist etwas ebenso Originales wie eine chemische und anatomische. Sie hat -keine Stützen nötig, an die angelehnt werden müßte.« (Die Kastration in -rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 31.) - -($S. 357, Z. 1 v. u. f.$) Pierre _Janet_, L'État mental des -Hystériques, Paris 1894; L'Automatisme psychologique, Essai de -Psychologie expérimentale sur les formes inférieures de l'activité -humaine, 3. éd., Paris 1898; F. _Raymond_ et Pierre _Janet_, Névroses -et Idées fixes, Paris 1898. -- Oskar _Vogt_: in den zu S. 372, Z. 13 -v. u. citierten Aufsätzen. -- Jos. _Breuer_ und Sigm. _Freud_, Studien -über Hysterie, Leipzig und Wien 1895. - -($S. 358, Z. 9.$) Sigmund _Freud_, Zur Ätiologie der Hysterie, Wiener -klinische Rundschau, X, S. 379 ff. (1896, Nr. 22-26). Die Sexualität in -der Ätiologie der Neurosen, ibid. XII, 1898, Nr. 2-7. - -($S. 358, Z. 13 v. u.$) »Fremdkörper« nach _Breuer_ und _Freud_. -Studien über Hysterie, S. 4. - -($S. 358, Z. 8 v. u.$) Hier gedenkt man vielleicht der vollendetsten -Frauengestalt _Zolas_, der _Françoise_ aus dem Romane »La Terre«, und -ihres Verhaltens gegen den von ihr bis zum Schlusse ganz unbewußt -begehrten und stets zurückgewiesenen _Buteau_. - -($S. 359, Z. 1 ff.$) Unter den hysterischen _Männern_ sind wohl viele -sexuelle Zwischenformen. Eine Bemerkung _Charcots_ weist darauf hin -(Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems, insbesondere -über Hysterie, übersetzt von Sigmund _Freud_, Leipzig und Wien 1886, -S. 70): »Beim Manne sieht man nicht selten einen Hoden, _besonders wenn -er Sitz einer Lage- oder Entwicklungsanomalie_ ist, in eine hysterogene -Zone einbezogen.« Vgl. S. 74 über einen hysterischen Knaben von -weibischer Erscheinung. Eine Stelle, die ich in demselben Buche gelesen -zu haben mich bestimmt entsinne, aber später nicht mehr aufzufinden -vermochte, gibt an, daß der Hode besonders dann eine hysterogene Zone -bilde, _wenn er im Leistenkanal zurückgeblieben sei_. Beim Weibe aber -sind die hysterogenen Punkte auch lauter sexuell besonders stark -hervorgehobene (Der Ilial-, Mammar-, Inguinalpunkt, die »Ovarie«, vgl. -_Ziehens_ Artikel »Hysterie« in Eulenburgs Realenzyklopädie). Der -Hode, welcher den Descensus nicht vollzogen hat, ist eine Keimdrüse -von stark weiblicher Sexualcharakteristik (nach Teil I, Kap. 2); er -steht einem Ovarium nahe und kann auch dessen Eigenschaften übernehmen, -also hysterogen werden. -- Ich habe einmal in einer Vorlesung einen -Psychiater die Unrichtigkeit der Lehre von der Weiblichkeit der -Hysterie an einem Knaben demonstrieren sehen, dessen Testikel ihrer -besonderen Kleinheit wegen ihm selbst aufgefallen waren. - -Nach _Briquet_ (citiert bei _Charcot_ a. a. O., S. 78) kommen 20 -hysterische Frauen auf einen hysterischen Mann. - -Im übrigen hat auch der männlichste Mann, vielleicht gerade er am -stärksten, die _Möglichkeit_ des Weibes in sich. _Hebbel_, _Ibsen_, -_Zola_ -- die drei größten Kenner des Weibes im 19. Jahrhundert -- -sind extrem männliche Künstler, der letztere so sehr, daß seine Romane -_trotz ihrem oft so sexuellen Gehalte_ bei den Frauen auffallend wenig -in Gunst stehen ... Je mehr Mann einer ist, desto mehr vom Weibe -hat er in sich _überwunden_, und es ist vielleicht der männlichste -Mann insofern zugleich der weiblichste. Hiemit ist die Seite 108 -aufgeworfene Frage wohl am richtigsten beantwortet. - -($S. 359, Z. 21 v. u. ff.$) Pierre _Janet_ kommt meiner Auffassung -von der passiven Übernahme der Anschauungsweise des Mannes einmal -ziemlich nahe. Névroses et Idées fixes I, 475 f.: »... On a vu que -le travail du directeur pendant les séances ... a été un travail de -synthèse; il a organisé des résolutions, des croyances, des émotions, -il a aidé le sujet à rattacher à sa personnalité des images et des -sensations. Bien plus il a échafaudé tout ce système de pensées autour -d'un centre spécial qui est le souvenir et l'image de sa personne. -Le sujet a emporté dans son esprit et dans son cerveau une synthèse -nouvelle, passablement artificielle et très fragile, sur laquelle -l'émotion a facilement exercé sa puissance désorganisatrice,« p. 477: -les phénomènes »consistent toujours dans une affirmation et une volonté -c'est-à-dire une direction imposée aux gens qui ne peuvent pas vouloir, -qui ne peuvent pas s'adapter, qui vivent d'une manière insuffisante«. - -($S. 359, Z. 12 v. u.$) Abulie: Vgl. die Beschreibung _Janets_ (Un cas -d'aboulie et d'idées fixes, Névroses et Idées fixes, Vol. I, p. 1 ff.). - -($S. 360, Z. 8 f.$) Von der außerordentlichen _Leichtgläubigkeit_ der -Hysterikerinnen spricht Pierre _Janet_, L'Automatisme Psychologique, -Essai de psychologie expérimentale sur les formes inférieures de -l'activité humaine, 3. éd. Paris 1899, p. 207 f. Ferner pag. 210: »Ces -personnes, en apparence spontanées et entreprenantes, sont de la plus -étrange docilité quand on sait de quelle manière il faut les diriger. -De même que l'on peut changer un rêve par quelques mots adressés au -dormeur, de même on peut modifier les actes et toutes la conduite -d'un individu faible par un mot, une allusion, un signe léger auquel -il obéit aveuglément tandis qu'il résisterait avec fureur si on avait -l'air de lui commander.« _Briquet_, Traité clinique et thérapeutique -de l'hystérie, Paris 1859, p. 98: »Toutes les hystériques que j'ai -observées étaient extrêmement _impressionables_. Toutes, dès leur -enfance, étaient très craintives; elles avaient une peur extrême d'être -grondées, et quand il leur arrivait de l'être, elles étouffaient, -sanglotaient, fuyaient au loin ou se trouvaient mal.« (Vgl. im Texte -weiter unten über die hysterische Konstitution.) Wie hiegegen der -Eigensinn der Hysterischen alles eher denn einen Einwand bildet, das -geht hervor aus der glänzenden Bemerkung von _Lipps_ (Suggestion und -Hypnose, S. 483, Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen -und der historischen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu -München, 1897, Bd. II): »..... _blinder Eigensinn ist im Prinzip -dasselbe wie blinder Gehorsam_ ....., es kann nicht verwundern, wenn -..... beim suggestibeln ..... Beides angetroffen wird. Der größte -Grad der Suggestibilität ..... bedingt die Willensautomatie. Hier -wirkt ausschließlich oder übermächtig der im Befehl eingeschlossene -Willensantrieb. Ein geringerer Grad der Suggestibilität dagegen kann -neben der Willensautomatie das blinde Zuwiderhandeln gegen den Befehl -erzeugen.« - -($S. 360, Z. 16-21.$) Auch _Freuds_ »_Deckerinnerungen_«, -(Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, VI, 1899), gehören -hieher. Es sind das die Reaktionen des Schein-Ich auf diejenigen -Ereignisse, auf welche es anders antwortet als die eigentliche Natur. - -($S. 360, Z. 13 v. u. f.$) Z. B. Th. _Gomperz_, Griechische Denker, -Leipzig 1902, II, 353: »Erst unsere Zeit hat ..... der vermeintlichen -Einfachheit der Seele Tatsachen des »doppelten Bewußtseins« und -verwandte Vorgänge gegenübergestellt«. - -($S. 360, Z. 5 v. u.$) Vgl. auch S. 277, Z. 1 ff. und die Anmerkung -hiezu. - -($S. 361, Z. 14.$) »Anorexie«, Mangel an Streben, hat man das -zeitweilige Fehlen aller Emotivität, den völligen Indifferentismus -der Hysterischen genannt: dieser resultiert aus der Unterdrückung -der weiblichen Triebe, indem eben die einzige Wertung hier aus dem -Bewußtsein verdrängt ist, deren die Frauen fähig sind und die sonst ihr -Handeln bestimmt. - -($S. 361, Z. 17.$) Über den »Shock nerveux« vgl. Oeuvres complètes de -J. M. _Charcot_, Leçons sur les maladies du système nerveux, Tome III, -Paris 1887, p. 453 ff. - -($S. 361, Z. 22.$) »Gegenwille«: _Breuer_ und _Freud_, Studien über -Hysterie, S. 2. - -($S. 361, Z. 14 v. u.$) Über die »Abwehr«: _Freud_, Neurologisches -Zentralblatt, 15. Mai 1894, S. 364. - -($S. 361, Z. 4 v. u.$) Das »schlimme Ich«: Ausdruck einer Patientin -_Breuers_ (Breuer und Freud, Studien über Hysterie, S. 36). - -($S. 362, Z. 7.$) Der Ausdruck »_Konversion_«, »konvertieren« ist -eingeführt worden von _Freud_, Die Abwehr-Neuropsychosen, Versuch einer -psychologischen Theorie der akquirierten Hysterie, vieler Phobien -und Zwangsvorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen, -Neurologisches Zentralblatt, Bd. XIII, 1. Juni 1894, S. 402 ff. Vgl. -auch _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 73, 105, 127, -177 ff., 190, 261. Er bedeutet: Umsetzung gewaltsam unterdrückter -psychischer Erregung in körperliche Dauersymptome. - -($S. 362, Z. 11.$) Vgl. P. J. _Moebius_, Über den Begriff der Hysterie, -Zentralblatt für Nervenheilkunde, Psychiatrie und gerichtliche -Psychopathologie, XI, 66-71 (1. II. 1888). - -($S. 363, Z. 9.$) _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 6. - -($S. 363, Z. 11 v. u.$) _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, -S. 10, 203. - -($S. 364, Z. 3.$) Zur hysterischen Heteronomie vgl. z. B. Pierre -_Janet_, Névroses et Idées fixes, I, 458: »D....., atteinte de foluè du -scrupule, me demande si réellement elle est très méchante, si tout ce -qu'elle fait est mal; je lui certifie qu'il n'en est rien et elle s'en -va contente.« - -($S. 364, Z. 21 v. u.$) O. _Binswanger_, Artikel »Hypnotismus« in -Eulenburgs Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde, 3. Aufl., Bd. -XI, S. 242: »Hysterische Individuen geben die reichste Ausbeute an -hypnotischen Erscheinungen.« - -($S. 365, Z. 1 ff.$) Daß das Verhältnis zwischen Hypnotiseur und Medium -ein sehr sexuelles ist, wird durch die merkwürdigen, besonders von -Albert _Moll_ (Der Rapport in der Hypnose, Untersuchungen über den -tierischen Magnetismus, Schriften für psychologische Forschung, Heft -III-IV, Leipzig 1892) studierten Tatsachen des »Isolier-Rapportes« -bewiesen. Literatur bei _Janet_, Névroses et Idées fixes, Vol. I, -Paris 1898, p. 424, vgl. auch p. 425: »Si le sujet n'a été endormi -qu'un très petit nombre de fois à des intervalles éloignés ... il se -réveillera de l'hypnose dans un état presque normal et ne conservera -de son hypnotiseur aucune préoccupation particulière ... Au contraire, -si, pour un motif quelconque ... les séances de somnambulisme sont -rapprochées, il est facile de remarquer que l'attitude du sujet -vis-à-vis de l'hypnotiseur ne tarde pas à se modifier. Deux faits -sont surtout apparents: le sujet, qui d'abord avait quelque crainte -ou quelque répugnance pour le somnambulisme, recherche maintenant les -séances avec un désir passioné; en outre, surtout à un certain moment, -il parle beaucoup de son hypnotiseur et s'en préoccupe d'une façon -évidemment excessive.« Also wirkt die Hypnose ganz wie der Koitus auf -das Weib, es findet um so mehr Geschmack daran, je öfter sie wiederholt -wird. Vgl. p. 427 f. über die »passion somnambulique«: »Les malades ... -se souviennent du bien-être que leur a causé le somnambulisme précédent -et ils n'ont plus qu'une seule pensée, c'est d'être endormis de -nouveau. Quelques malades voudraient être hypnotisés par n'importe qui, -mais le plus souvent il n'en est pas ainsi, c'est leur hypnotiseur, -celui qui les a déjà endormis fréquemment, qu'ils réclament avec une -impatience croissante.« p. 447 über die Eifersucht der Medien: »... -beaucoup de magnétiseurs ont bien décrit la souffrance qu'éprouve une -somnambule quand elle apprend que son directeur endort de la même -manière une autre personne.« Ferner p. 451: »Si Qe., même seule, laisse -sa main griffonner sur le papier, elle voit avec étonnement qu'elle -a sans cesse écrit mon nom ou quelque recommandation que je lui ai -faite.« »Si je la laisse regarder [une boule de verre] en évitant -de lui rien suggérer, elle ne tarde pas à voir ma figure dans cette -boule.« Janet selbst bespricht die Frage, ob die hypnotischen Phänomene -sexuelle seien, S. 456 f., verneint sie aber aus ganz unstichhältigen -Gründen, z. B. weil die Hypnotisierte oft vor dem Magnetiseur Angst -habe, oder ihm mütterliche Gefühle entgegenbringe; aber es ist klar, -daß die Angst der Frauen vor dem Manne nur die Verschleierung eines -erwartungsvollen Begehrens, und das mütterliche Verhältnis eben auch -ein geschlechtliches ist. _Moll_ selbst sagt S. 131: »Eine gewisse -Verwandtschaft der geschlechtlichen Liebe mit dem suggestiven Rapport -kann übrigens für einzelne Fälle nicht geleugnet werden.« _Freud_ bei -_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 44: »So macht sich -jedesmal schon während der Massage mein Einfluß geltend, sie wird -ruhiger und klarer und findet auch ohne hypnotisches Befragen die -Gründe ihrer jedesmaligen Verstimmung u. s. f.« So wie die sexuellen -Bande, welche eine Frau an einen Mann knüpfen, gelockert werden durch -jede Schwäche, jede Lüge des letzteren, so vermag auch der Einfluß -einer Suggestion gebrochen zu werden, sobald der Wille des Suggestors -sich als gegensätzlich zu dem herausgestellt hat, was speziell von ihm -erwartet wurde. Einen solchen Fall teilt _Freud_ mit (_Breuer_ und -_Freud_, Studien über Hysterie, S. 64 f.): »Die Mutter ... gelangte auf -einem Gedankenwege, dem ich nicht nachgespürt habe, zum Schluß, daß wir -beide, Dr. N... und ich, Schuld an der Erkrankung des Kindes trügen, -weil wir ihr das schwere Leiden der Kleinen als leicht dargestellt, -hob gewissermaßen durch einen Willensakt die Wirkung meiner Behandlung -auf und verfiel alsbald wieder in dieselben Zustände, von denen ich -sie befreit hatte.« Das Verhältnis zwischen Medium und Hypnotiseur ist -eben stets und unabänderlich, zumindest auf der Seite des ersteren, ein -_sexuelles_ oder einem sexuellen ganz analog. - -($S. 365, Z. 9.$) _Breuer_ bei _Breuer_ und _Freud_, Studien über -Hysterie, S. 6-7. - -($S. 365, Z. 2 v. u.$) Umwandlung des hysterischen Anfalls in -Somnambulismus: Pierre _Janet_, Névroses et Idées fixes, Vol. I, Paris -1898, p. 160 f. - -($S. 366, Z. 9-12.$) Es ist wohl überaus gewagt und sagt mir, als zu -grob, selbst wenig zu, auch die etwaigen Heilerfolge der Ovariotomie -hysterischer Erkrankung gegenüber, von denen so häufig berichtet wird, -im Sinne meiner Theorie zu interpretieren. Dennoch fügen sich die -zahlreichen bezüglichen Angaben, wenn auf sie nur Verlaß ist, leicht -in die Gesamtanschauung. Die Geschlechtlichkeit nämlich, welche der -Imprägnation mit dem gegengeschlechtlichen Willen entgegensteht, wird -durch jene Operation radikal aufgehoben oder ungemein vermindert (vgl. -Teil I, Kap. 2), und so entfällt der Anlaß zum Konflikte. - -(S. 367, Z. 1 ff.) F. _Raymond_ et Pierre _Janet_, Névroses et Idées -fixes, Vol. II, Paris 1898, p. 313: »La malade entre à l'hôpital -... nouvelle émotion en voyant une femme qui tombe par terre: cette -émotion bouleverse l'équilibre nerveux, lui rend tout à coup la -parole et transforme l'hémiplégie gauche en paraplégie complète. _Ces -transformations, ces équivalences sont bien connues dans l'hystérie_; -ce n'est pas une raison pour que nous ne déclarions pas qu'elles sont -à notre avis très étonnantes et probablement très instructives sur le -mécanisme du système nerveux central.« - -($S. 367, Z. 2 v. u. f.$) Hiemit stimmen alle Angaben über den -Charakter der Hysterischen gut überein. Z. B. bemerkt _Sollier_, -Genèse et Nature de l'Hystérie, Paris 1897, Vol. I, p. 460: »Elles -[les hystériques] sentent instinctivement qu'elles ont besoin d'être -dirigées, commandées, et c'est pour cette raison qu'elles s'attachent -de préférence à ceux qui leur imposent, chez qui elles sentent une -volonté très-forte.« Er citiert die Äußerung einer seiner Patientinnen: -»II faut que je sois en sous-ordre; ... je sais bien faire ce qu'on -me commande, mais je ne serais pas capable de faire les choses toute -seule, et encore moins de commander à d'autres.« - -($S. 368, Z. 10.$) Man könnte vielleicht glauben, daß die _Mutter_ -das hysterische Weib sei: dies war eine Zeitlang meine Anschauung, -da ich die Mutter für weniger sinnlich hielt und die Hysterie aus -einem Konflikte zwischen dem bloß nach dem Kinde gehenden Wunsche -des Einzelwesens und dem Widerstreben gegen das, diesen Zweck zu -erreichen, erforderliche Mittel, also aus einem im Unbewußten -erfolgenden Zusammenstoß von Individual- und Gattungswillen in -einem einzigen Individuum mir zu erklären suchte. Nach _Briquet_ -sind aber Prostituierte sehr häufig hysterisch. Es besteht hierin -kein Unterschied zwischen Mutter und Dirne. Denn ebenso können -Hysterikerinnen auch Mütter sein: die _Léonie_, an der Pierre -_Janet_ so viele Erfahrungen gesammelt hat, betrachtete ihn, der ihr -Magnetiseur war, als ihren _Sohn_ (Névroses et Idées fixes, Vol. I, -p. 447). Ich habe seither reichlich Gelegenheit gefunden, selbst -wahrzunehmen, daß Mütter und Prostituierte unterschiedslos hysterisch -sind. - -($S. 370, Z. 13.$) Paul _Sollier_, Genèse et Nature de l'Hystérie, -Recherches cliniques et expérimentales de Psycho-Physiologie Paris -1897, Vol. I, p. 211: »..... L'anésthésie est bien plus fréquente -chez les hystériques que l'hyperésthésie, et par suite la frigidité -est l'état le plus habituel ..... Il est aussi une conséquence de -l'anésthésie des organes sexuels chez l'hystérique qu'il est bon de -signaler et que j'ai été à même de constater: c'est l'absence de -sensation des mouvements du foetus pendant la grossesse. Quoique -ceux-ci soient faciles à démontrer par la palpation, ce phénomène -peut cependant donner dans certains cas des craintes non justifiées -sur la santé du foetus; ou pousser certaines femmes à réclamer une -intervention en niant énergiquement qu'elles sont enceintes.« Zum -zehnten Kapitel (S. 291) würde das wohl stimmen: die Verleugnung der -Sexualität muß auch eine Verleugnung des Kindes mit sich führen. Vgl. -ferner bei _Sollier_ noch Vol. I, pag. 458: »Chez celles-ci [les -grandes hystériques] il y a de l'anésthésie génitale comme de tous -les organes, et elles sont ordinairement complètement frigides ..... -Certaines hystériques prennent l'horreur des rapports conjugaux qui -leur sont ou absolument indifférents quand elles sont anésthésiques, ou -désagréables quand elles ne le sont pas tout-à-fait.« - -($S. 370, Z. 17.$) Oskar _Vogt_, Normalpsychologische Einleitung in -die Psychopathologie der Hysterie, Zeitschrift für Hypnotismus, Bd. -VIII, 1899, S. 215: »Ich gebe A. einerseits die Suggestion, daß bei -jeder Berührung des rechten Armes in ihm die Vorstellung einer roten -Farbe auftauchen solle, und anderseits mache ich den rechten Arm -anästhetisch. Berühre ich jetzt den Arm, so empfindet A. nicht die -Berührung trotz darauf eingestellter Aufmerksamkeit, aber bei jeder -meiner nicht von A. empfundenen Berührungen tritt doch die Vorstellung -der roten Farbe in A. auf.« - -($S. 372, Z. 3.$) Guy de _Maupassant_, Bel-Ami, Paris, S. 389 f. - -($S. 372, Z. 4-8.$) Von einem solchen sehr lehrreichen Fall von -Imprägnation durch gänzlich von außen gekommene Vorstellungen erzählt -_Freud_ bei Breuer und Freud, Studien über Hysterie, 1895, S. 242 f. -Eine Dame phantasiert da in den Symbolen der Theosophen, in deren -Gesellschaft sie eingetreten ist. Auf Freuds Frage, seit wann sie sich -Vorwürfe mache und mit sich unzufrieden sei, antwortet sie, _seitdem -sie Mitglied des Vereines geworden sei und die von ihm herausgegebenen -Schriften lese_. Suggestibel sind Frauen wie Kinder eben auch durch -Bücher. - -($S. 372, Z. 13.$) Der Ausdruck »Schutzheilige etc.« stammt von -_Breuer_ (_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 204). -Einiges Interessante in einem freilich tendenziös antireligiösen -Schriftchen des Dr. _Rouby_, L'Hystérie de Sainte Thérèse (Bibliothèque -diabolique), Paris, Alcan, 1902, p. 11 f., 16 f., 20 f., 39 f. _Gilles -de la Tourette_, Traité clinique et thérapeutique de l'Hystérie -d'après l'enseignement de la Salpétrière, Paris 1891, Vol. I, p. 223 -bemerkt: »Il n'est pas douteux que sainte Thérèse ..... fût atteinte de -cardialgie hystérique, ou mieux d'angine de poitrine de même nature, -complexus qui s'accompagne souvent de troubles hyperésthésiques de -la région précordiale.« _Hahn_, Les phénomènes hystériques et les -révélations de Sainte-Thérèse, Revue des Questions Scientifiques, Vol. -XIV et XV, Bruxelles 1882. Charles _Binet-Sanglé_, Physio-Psychologie -des Religieuses, Archives d'Anthropologie criminelle, XVII, 1902, -p. 453-477, 517-545, 607-623. - -($S. 372, Z. 13 v. u. f.$) Oskar _Vogt_, Die direkte psychologische -Experimentalmethode in hypnotischen Bewußtseinszuständen, Zeitschrift -für Hypnotismus V, 1897, S. 7-30, 180-218. (Vgl. besonders S. 195 ff.: -»Die Erfahrung lehrt, daß die Exaktheit der Selbstbeobachtung -noch durch Suggestionen gesteigert werden kann.« S. 199: »Die -Selbstbeobachtung kann gehoben werden: einmal durch spezialisierte -Intensitätsverstärkungen oder Hemmungen und dann durch Einengung -des Wachseins und damit der Aufmerksamkeit auf die am Experiment -beteiligten Bewußtseinselemente.« S. 218: »Es kann sich im einzelnen -Menschen hohe Suggestibilität mit der Fähigkeit einer kritischen -Selbstbeobachtung verbinden« [nämlich im Zustande des vom Hypnotiseur -erzeugten »partiellen systematischen Wachseins«.]) Zur Methodik der -ätiologischen Erforschung der Hysterie, ibid. VIII, 1899, S. 65 ff., -besonders S. 70. Zur Kritik der hypnogenetischen Erforschung der -Hysterie, ibid. 342-355. _Freud_ als Vorgänger: _Breuer_ und _Freud_, -Studien über Hysterie S. 133 ff. - -($S. 378, Z. 13.$) Die Bemerkung über _Schopenhauer_ bedarf einer -Erläuterung. Die Verwechslung von Trieb und Wille ist vielleicht der -folgenschwerste Fehler des Schopenhauerschen Systemes. So viel sie zur -Popularisierung seiner Philosophie beigetragen hat, um ebensoviel hat -sie die Tatsachen unzulässig vereinfacht. Aus ihr erklärt sich, wie -Schopenhauer, für den das intelligible Wesen des Menschen mit Recht -Wille ist, dasselbe überall in der belebten Natur und schließlich -auch in der unbelebten als Bewegung wiederfinden kann. Dadurch aber -kommt notwendig Konfusion in Schopenhauers System. Er ist im tiefsten -Grunde _dualistisch_ veranlagt, und hat eine _monistische Metaphysik_; -er weiß, daß gerade das intelligible Wesen des _Menschen_ Wille ist -und muß doch durch eine unglückliche Psychologie, welche Willen und -Intellekt in einer sehr verfehlten Weise sondert, und nur den letzteren -allein dem Menschen zuteilt, diesen von Tier und Pflanze unterscheiden; -er ist, was man auch sagen mag, _zuletzt_ Optimist, als _Bejaher_ einer -anderen Seinsform, über die er nur aller positiven Bestimmungen sich -enthält, also eines anderen Lebens: und, so paradox dies dem heutigen -Ohr klinge, nur sein _Monismus_ gibt dem System die pessimistische -Wertung: indem er den gleichen Willen hier wie dort sieht, ewiges -und irdisches Leben nicht scheidet, und die einzige Unsterblichkeit -danach nur die des Gattungswillens sein kann. So offenbart sich die -Identifikation des höheren mit dem niederen Willensbegriff -- welchen -letzteren man stets als Trieb bezeichnen sollte -- als das Verhängnis -seiner ganzen Philosophie. Hätte er die Kantische Moralphilosophie -verstanden, so hätte er auch eingesehen, was der Unterschied zwischen -Wille und Trieb ist: _der Wille ist stets frei, und nur der Trieb -unfrei. $Es gibt gar keine Frage nach der Freiheit, sondern nur -eine nach der Existenz des Willens.$_ Alle _Phänomene_ sind kausal -bedingt; einen Willen kann darum die _empirische_ Psychologie, die nur -psychische _Phänomene_ anerkennt, nicht brauchen und nicht zulassen. -_Denn aller Wille ist seinem Begriffe nach frei und von absoluter -Spontaneität._ _Kant_ sagt (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, -S. 77, Kirchmann): »Die Idee der Freiheit müssen wir voraussetzen, wenn -wir uns ein Wesen als vernünftig und mit Bewußtsein seiner Kausalität -in Ansehung der Handlungen, das ist mit einem Willen begabt uns denken -wollen, und so finden wir, daß wir aus ebendemselben Grunde jedem -mit Vernunft und Willen begabten Wesen diese Eigenschaft, sich unter -der Idee seiner Freiheit zum Handeln zu bestimmen, beilegen müssen.« -Unfreiheit des Willens gibt es, wie man sieht, auch für Kant gar nicht: -der Wille kann gar nicht determiniert werden. Der Mensch, der _will_, -wirklich _will_, will immer _frei_. Der Mensch hat aber freilich -nicht nur einen Willen, sondern auch Triebe. _Kant_ (ibid. S. 78): -»Dieses [das moralische] Sollen ist eigentlich ein Wollen, das unter -der Bedingung für jedes vernünftige Wesen gilt, wenn die Vernunft bei -ihm ohne Hindernisse praktisch wäre; für Wesen, die, wie wir, noch -durch Sinnlichkeit, als Triebfedern anderer Art, affiziert werden, bei -denen es nicht immer geschieht, was die Vernunft für sich allein tun -würde, heißt jene Notwendigkeit der Handlung nur ein Sollen, und die -subjektive Notwendigkeit wird von der objektiven unterschieden.« - -_$Aller$ Wille ist $Wille zum Wert$, und aller $Trieb$ Trieb nach -der $Lust$_; es gibt keinen Willen zur Lust und auch keinen _Willen_ -zur _Macht_, sondern nur Gier und zähen Hunger nach der Herrschaft. -_Platon_ hat dies im »Gorgias« wohl erkannt, er ist aber nicht -verstanden worden. 466 D E: φημὶ γὰρ, ὦ Πῶλε, ἐγὼ τοὺς ρήτορας καὶ -τοὺς τυράννους δύνασθαι μὲν ἐν ταῖς πόλεσι σμικρότατον, ὥσπερ νῦν δὴ -ἔλεγον· _οὐδεν γὰρ ποιεῖν ὦν βούλονται_, ὡς ἔπος εἰπεῖν· ποιεῖν μέντοι -ὅτι ἂν αὐτοῖς δόξη βέλτιστον εἶναι. Und das »οὐδεὶς ἑκὼν ἁμαρτάνει« des -_Sokrates_ -- noch oft wird es wohl verloren gehen, immer wieder werden -all die seichten und verständnislosen Einwände gegen diese gewisseste -Erkenntnis sich vernehmen lassen und die noch traurigeren Versuche, -Sokrates wegen dieses Ausspruches gewissermaßen zu _entschuldigen_ -(so z. B. _Gomperz_, Griechische Denker, Eine Geschichte der antiken -Philosophie, Leipzig 1902, S. 51 ff.) unternommen werden. Um so öfter -muß er denn wiederholt werden. - -Die Idee eines ganz freien Wesens ist die Idee Gottes; die Idee -eines aus Freiheit und Unfreiheit gemischten Wesens ist die Idee des -Menschen. _Soweit_ der Mensch _frei ist_, das heißt frei _will_, soweit -_ist_ er Gott. Und so ist die Kantische Ethik im tiefsten Grunde -mystisch und sagt nichts anderes als _Fechners_ Glaubenssatz: - - »In Gott ruht meine Seele - Gott wirkt sie in sich aus; - Sein Wollen ist mein Sollen.« - -(Die drei Motive und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 256.) - -($S. 378, Z. 2 v. u. f.$) Vgl. A. P. _Sinnett_, Die esoterische Lehre -oder Geheimbuddhismus, 2. Aufl., Leipzig 1899, S. 153-172. - -($S. 381, Z. 17.$) Es ist eines der schönsten Worte _Goethes_ (Maximen -und Reflexionen, III): »_Die Idee ist ewig und einzig; daß wir auch den -Plural brauchen, ist nicht wohlgethan._« - -($S. 381, Z. 2 v. u.$) Ich finde nur in der kleinen, aber interessanten -Schrift Karl _Joels_, Die Frauen in der Philosophie, Hamburg 1896 -(Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, Heft 246), -S. 59, eine entfernt ähnlich lautende Bemerkung: »Das Weib ist -intellektuell glücklicher, aber unphilosophischer nach dem alten Worte, -daß die Philosophie aus dem Ringen und Zweifel der Seele geboren wird. -Schopenhauers Mutter war eine Romanschriftstellerin und seine Schwester -eine Blumenmalerin.« - -($S. 383, Z. 15.$) Vgl. _Taguet_, Du suicide dans l'hystérie, Annales -Médico-Psychologiques, V. Série, Vol. 17, 1877, p. 346: »L'hystérique -ment dans la mort comme elle ment dans toutes les circonstances de sa -vie.« - -($S. 384, Z. 6 v. u.$) Lazar B. _Hellenbach_, Die Vorurteile der -Menschheit, Bd. III: Die Vorurteile des gemeinen Verstandes, Wien 1880, -S. 99. - -($S. 388, Z. 5-11.$) Wie innig Geschlechtlichkeit und Grenzaufhebung -Hand in Hand gehen, darüber macht _Bachofen_, Das Mutterrecht, -S. XXIII, eine Andeutung. »Der dionysische Kult .... hat alle Fesseln -gelöst, alle Unterschiede aufgehoben, und dadurch, daß er den Geist -der Völker vorzugsweise auf die Materie und die Verschönerung des -leiblichen Daseins richtete, das Leben selbst wieder zu den Gesetzen -des Stoffes zurückgeführt. Dieser Fortschritt der Versinnlichung des -Daseins fällt überall mit der Auflösung der politischen Organisation -und dem Verfall des staatlichen Lebens zusammen. An der Stelle reicher -Gliederung macht sich das Gesetz der Demokratie, der ununterschiedenen -Masse, und jene Freiheit und Gleichheit geltend, welche das -natürliche Leben vor dem civil-geordneten auszeichnet und das der -leiblich-stofflichen Seite der menschlichen Natur angehört. Die -Alten sind sich über diese Verbindung völlig klar, heben sie in den -entscheidendsten Aussprüchen hervor .... Die dionysische Religion ist -zu gleicher Zeit die Apotheose des aphroditischen Genusses und die der -allgemeinen Brüderlichkeit, daher den dienenden Ständen besonders lieb -und von Tyrannen, den Pisistratiden, Ptolemäern, Caesar im Interesse -ihrer auf die demokratische Entwicklung gegründeten Herrschaft [vgl. -Kapitel X, S. 302] besonders begünstigt.« »Ausfluß einer wesentlich -weiblichen Gesinnung«, so nennt Bachofen a. a. O. diese Erscheinungen; -doch ist ihm keineswegs eine wirkliche Einsicht in die tieferen Gründe -des Phänomens gewährt gewesen; neben Aussprüchen wie diesem finden sich -begeisterte Hymnen auf die keusche Natur des Weibes auch bei ihm. - -($S. 389, Z. 6.$) »Klein-Eyolf«, 3. Akt (Henrik _Ibsens_ sämtliche -Werke, herausgegeben von Brandes, Elias, Schlenther. Berlin, Bd. IX, -S. 72). - -($S. 389, Z. 14.$) Über die schwierige Frage des Verhältnisses des -Âtman zum Brahman vgl. Paul _Deussen_, Das System des Vedânta etc., -Leipzig 1883, S. 50 f. - -($S. 391, Z. 1.$) _Milne-Edwards_, Introduction à la Zoologie -générale, I. partie, Paris 1851, p. 157. Ebenso Rudolf _Leuckart_, -Artikel »Zeugung« in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV, -Braunschweig 1853, S. 742 f.: ».... In physiologischer Beziehung -erscheint diese Verteilung der weiblichen und männlichen Organe als -eine Arbeitsteilung.« - -Wenig Verständnis für das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen -verraten _Leuckarts_ abweisende Worte (a. a. O.): »Man hört nicht -selten die Behauptung, daß männliche und weibliche Individuen einer -Tierform nach Ausstattung und Tätigkeiten nicht bloß unter sich -verschieden, sondern _entgegengesetzt_ seien. Eine solche Auffassung -müssen wir jedoch auf das entschiedenste zurückweisen. Die Lehre von -dem Gegensatze der Geschlechter, die zunächst aus gewissen unklaren -und mystischen Vorstellungen von der Begattung und Befruchtung -hervorgegangen ist, stammt aus einer Zeit der naturhistorischen -Forschung, in der man meinte, mit den Begriffen von Polarität, polarem -Verhalten u. s. w. das Leben in allen seinen Erscheinungen erklären zu -können. Männliche und weibliche Produkte, Organe, Individuen sollten -sich hienach verhalten wie + und -, als ob die Natur mit Geschlecht -und Geschlechtsstoffen hantierte wie ein Physiker mit Elektrizität und -Leydener Flaschen! - -Eine unbefangene und vorurteilsfreie Naturbetrachtung zeigt uns -zwischen männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen keinen anderen -Gegensatz als überhaupt zwischen Organen und Organgruppen, die sich -in ihren Leistungen gegenseitig unterstützen und ergänzen .... Die -physiologischen Motive einer solchen Arbeitsteilung sind im allgemeinen -nicht schwer zu bezeichnen. Es sind im Grunde dieselben, die eine jede -Arbeitsteilung, auch auf dem Gebiete des praktischen Lebens, in unseren -Augen rechtfertigen. Es sind die Vorteile, welche damit verbunden sind, -vor allem Ersparnis an Kraft und Zeit für andere neue Leistungen. -_In dem Dualismus des Geschlechtes sehen wir nichts anderes als eine -mechanische Veranstaltung, aus der gewisse Vorteile hervorgehen._« - -Diese Auffassung des Geschlechtsunterschiedes ist die am weitesten -verbreitete. Daneben kommen noch die Anschauungen von K. W. _Brooks_ -(The law of Heredity, a study of the cause of variation and the -origin of living organisms, Baltimore 1883) und August _Weismann_ -(Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung für die Selektionstheorie, -Jena 1886) in Betracht, welche die geschlechtliche Fortpflanzung als -das Mittel ansehen, »dessen sich die Natur bedient, um Variationen -hervorzubringen« (so Weismann, Aufsätze über Vererbung, Jena 1892, -S. 390); schließlich noch die Auffassungen von Edouard _van Beneden_ -(Recherches sur la maturation de l'œuf, la fécondation et la division -cellulaire, Gand 1883, p. 404 f.), Viktor _Hensen_ (Physiologie der -Zeugung, in Hermanns Handbuch der Physiologie, Bd. VI/_{2}, S. 236 f.), -_Maupas_ (Le rajeunissement karyogamique chez les Ciliés, Archives -de Zoologie expérimentale, 2. série, Vol. VII, 1890) und _Bütschli_ -(Über die ersten Entwicklungsvorgänge der Eizelle, Zellteilung und -Konjugation der Infusorien, Abhandlungen der Senckenbergischen -naturforsch. Gesellschaft, X, 1876), welche allerdings mehr auf das -Wesen des _Befruchtungs_prozesses sich beziehen: in welchem diese -Forscher nämlich die Absicht einer _Verjüngung_ der Individuen -erblicken. -- Was Wilhelm _Wundt_, System der Philosophie, 2. Aufl., -Leipzig 1897, S. 521 ff. über geschlechtliche und ungeschlechtliche -Zeugung sagt, geht über eine Rezeption der herrschenden -naturwissenschaftlichen Anschauungen nicht hinaus. - -($S. 391, Z. 16.$) Die diesbezügliche Widerlegung der Deszendenzlehre -bei _Fechner_, Einige Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte -der Organismen, Leipzig 1873, S. 59 ff. - -($S. 392, Z. 16 v. u.$) _Plato_ im _Timaeus_, p. 50 B C: »δέχεται -τε γὰρ ἀεὶ τὰ πάντα, καὶ μορφὴν οὐδεμίαν ποτὲ οὐδενὶ τῶν εἰσιόντων -ὁμοιαν εἰληφεν οὐδαμῆ οὐδαμως· _ἐκμαγεὶον_ γὰρ φύσει παντὶ κεῖται, -κινούμενόν τε καὶ διασχηματιζόμενον ὑπο τῶν εἴσιόντων. φαίνεται δὲ -δι' ἐκεῖνα ἄλλοτε ἀλλοιον· τὰ δὲ εἰσιόντα καὶ ἐξιόντα τῶν ὄντων ἀεὶ -μιμήματα, τυπωθέντα ἀπ' αὐτων τρόπον τινὰ δύσφραστον καὶ θαυμαστόν, ὁν -εἰς αῦθις μέτιμεν. ἐν δ'οὖν τῷ παρόντι χρὴ γένη διανοηθῆναι τριττἀ, τὸ -μὲν γιγνόμενον, τὸ δὲ ἐν ῷ γίγνεται, τὸ δ'ὁθεν ἀφομοιούμενον φύεται τὸ -γιγνόμενον.« 52 A B: »τρίτον δὲ αὖ γὲνος τὸ τῆς _χώρας_ ἀεὶ φθορὰν -οὐ προσδεχόμενον, ἕδραν δὲ παρέχον ὅσα ἔχει γένεσιν πᾶσιν, αὐτὸ δὲ -μετ' ἀναισθησίας ἁπτὸν λογισμω τινὶ νόθω, μόγις πιστόν, πρὸς ὁ δὴ καὶ -ὀνειροπολοῦμεν βλέποντες καὶ φαμεν ἀναγκαῖον εἶναί που τὸ ὄν ἁπαν -ἔν τινι τόπω καὶ κατέχον χώραν τινά, τό δὲ μήτε ἐν γῆ μήτε που κατ' -οὐρανὸν οὐδὲν εἶναι« u. s. w. Vgl. J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, -Stuttgart 1861, S. 164-168. - -($S. 392, Z. 11 v. u. f.$) Diese Interpretation der χώρα als des Raumes -hat am ausführlichsten Hermann _Siebeck_ zu begründen gesucht (Platos -Lehre von der Materie, Untersuchungen zur Philosophie der Griechen, 2. -Aufl., Freiburg 1888, S. 49-106). - -($S. 393, Z. 5.$) _Plato_, Timaeus, 50 D: »Καὶ δὴ καὶ προσεικάσαι -πρέπει τὸ μὲν δεχόμενον _μητρί_, τὸ δ'ὅθεν πατρί, τὴν δὲ μεταξὺ τούτων -φύσιν ἐκγόνῳ.« 49 A: »τίνα οὖν ἔχον δύναμιν κατὰ φύσιν αὐτὸ ὑποληπτέον; -τοιάνδε μάλιστα, πάσης εἶναι γενέσεως ὑποδοχὴν αὐτό, οἷον _τιθήνην_.« -Vgl. _Plutarch_ de Is. et Osir. 56 (Moralia 373 E F). - -($S. 393, Z. 6.$) _Aristoteles_: vgl. zu S. 240, Z. 19. - -($S. 393, Z. 7 v. u.$) _Kant_, Metaphysische Anfangsgründe der -Naturwissenschaft, Zweites Hauptstück, Erklärung 1-4. - -($S. 394, Z. 6 v. o.$) Die Ahnung dieser tieferen Bedeutung des -Gegensatzes von Mann und Weib ist sehr alt (vgl. S. 13). Die -_Pythagoreer_ haben nach _Aristoteles_ (Metaphysik, A 5, 986 a 22-26) -eine »Tafel der Gegensätze« aufgestellt, in welcher sie ».... τὰς ἀρχὰς -δέκα λέγουσιν εἶναι τὰς κατὰ συστοιχίαν λεγομένας, πέρας καὶ ἄπειρον, -περιττὸν καὶ ἄρτιον, ἕν καὶ πλῆθος, δεξιὸν καὶ ἀριστερόν, _ἄρρεν καὶ -θῆλυ_, ἠρεμοῦν καὶ κινούμενον, εὐθὺ καὶ καμπύλον, φῶς καὶ σκότος, -ὰγαθὸν καὶ κακόν, τετράγωνον καὶ ἑτερόμηκες.« - -($S. 399, Z. 15.$) Hier möchte ich nicht unterlassen, _Giordano Brunos_ -Worte anzuführen (De gli eroici furori, im einleitenden Schreiben an -Sir Philip Sidney, Opere di Giordano Bruno Nolano ed. Adolfo Wagner, -Vol. II, Leipzig 1830, p. 299 f.): - -»È cosa veramente .... da basso, bruto e sporco ingegno d' essersi -fatto constantemente studioso, et aver affisso un curioso pensiero -circa o sopra la bellezza d' un corpo feminile. Che spettacolo, -o dio buono, più vile e ignobile può presentarsi ad un occhio di -terso sentimento, che un uomo cogitabundo, afflitto, tormentato, -triste, maninconioso, per divenir or freddo, or caldo, or fervente, -or tremante, or pallido, or rosso, or in mina di perplesso, or in -atto di risoluto, un, che spende il miglior intervallo di tempo e -li più scelti frutti di sua vita corrente destillando l' elixir del -cervello con mettere in concetto, scritto e sigillar in publici -monumenti quelle continue torture, que' gravi tormenti, que' razionali -discorsi, que' faticosi pensieri, e quelli amarissimi studi, -destinati sotto la tirannide d' una indegna, imbecilla, stolta e -sozza sporcaria?.......... ............... Ecco vergato in carte, -rinchiuso in libri, messo avanti gli occhi, e intonato a gli orecchi -un rumore, un strepito, un fracasso d'insegne, d'imprese, di motti, -d'epistole, di sonetti, d'epigrammi, di libri, di prolissi scarfazzi, -di sudori estremi, di vite consumate, con strida, ch'assordiscon gli -astri, lamenti, che fanno ribombar gli antri infernali, doglie, che -fanno stupefar l'anime viventi, suspiri da far exinanire e compatir -gli dei, per quegli occhi, per quelle guance, per quel busto, per -quel bianco, per quel vermiglio, per quella lingua, per quel labro, -quel crine, quella veste, quel manto, quel guanto, quella scarpetta, -quella pianella, quella parsimonia, quel risetto, quel sdegnosetto, -quella vedova finestra, quell'eclissato sole, quel martello, quel -schifo, quel puzzo, _quel sepolcro, quel cesso, quel mestruo, quella -carogna, quella febre quartana_, quella estrema ingiuria e torto di -natura, che con una superficie, un'ombra, un fantasma, un sogno, un -circeo incantesimo ordinato al servigio de la generazione, ne inganna -in specie di bellezza; la quale insieme viene e passa, nasce e muore, -fiorisce e marcisce: et è bella un pochettino a l'esterno, che nel suo -intrinseco, vera e stabilmente è contenuto un navilio, una bottega, una -dogana, un mercato di quante sporcarie, tossichi e veneni abbia possuti -produrre la nostra madrigna natura: la quale, dopo aver riscosso quel -seme, di cui la si serva, ne viene sovente a pagar d'un lezzo, d'un -pentimento, d'una tristizia, d'una fiacchezza, d'un dolor di capo, -d'una lassitudine, d'altri e d'altri malanni, che sono manifesti a -tutto il mondo, a fin che amaramente dolga, dove soavemente proriva -................. Voglio che le donne siano così onorate et amate, -come denno essere amate et onorate le donne: per tal causa dico, e per -tanto, per quanto si deve a quel poco, a quel tempo e quella occasione, -se non hanno altra virtù che naturale, cioè di quella bellezza, di quel -splendore, di quel servigio, senza il quale denno esser stimate più -vanamente nate al mondo, che un morboso fungo, qual con pregiudizio di -miglior piante occupa la terra, e più noiosamente, che qual si voglia -napello, o vipera, che caccia il capo fuor di quella?...« u. s. w. - -($S. 400, Z. 16 v. u.$) Das _Weib_ also ist der _Ausdruck_ des -Sündenfalles des Menschen, es ist die objektivierte Sexualität des -Mannes und nichts anderes als diese. Eva war nie im Paradiese. Dagegen -glaube ich mit dem Mythus der _Genesis_ (I, 2, 22) und mit dem -_Apostel Paulus_ (1. Timoth. 2, 13, und besonders 1. Korinth. 11, 8: -οὐ γὰρ ἐστιν ἀνὴρ ἐκ γυναικός, ἀλλὰ γυνὴ ἐξ ἀνδρός) an die Priorität -des _Mannes_, an die Schöpfung des Weibes durch den Mann, an seine -_Mittelbarkeit_, durch die seine Seelenlosigkeit ermöglicht ist. Gegen -diese metaphysische Posteriorität des Weibes, die eine Posteriorität -dem Seins-Range nach ist und keine bestimmte zeitliche Stelle hat, -sondern eine in jedem Augenblick vollzogene Schöpfung des Weibes durch -den noch immer sexuellen Mann, sozusagen ein _fortwährendes Ereignis_ -bedeutet, bildet es keinen Einwand, daß bei wenig differenzierten -Lebewesen das männliche Geschlecht noch fehlt, und die Funktionen, die -es auf höherer Stufe ausübt, entbehrlich scheinen. Daß übrigens hierin -eine schroffe Absage an alle deszendenz-theoretischen Spekulationen -liegt, soweit diese auf die Philosophie einer Einflußnahme sich -vermessen, dessen bin ich mir wohl bewußt, vermag aber die -Verantwortung für diesen Schritt verhältnismäßig leicht zu tragen. -Philosophie ist nicht Historie, vielmehr ihr striktes Gegenteil: -denn es gibt keine Philosophie, die nicht die Zeit negierte, keinen -Philosophen, dem die Zeit eine Realität wäre wie die anderen Dinge. - -Dagegen ist es sehr wohl begreiflich, wie die Anschauung von der -Ewigkeit der Frau und der Vergänglichkeit des Mannes hat entstehen -können. Das absolut Formenlose scheint ebenso dauerhaft zu sein wie -die reine geistige Form, diese dem Dutzendmenschen ganz unvollziehbare -Vorstellung. Und über die Ewigkeit der Mutter ist im 10. Kapitel das -Nötigste bemerkt. Man vgl. auch _Bachofen_, Das Mutterrecht S. 35: -»Das Weib ist das Gegebene, der Mann wird. Von Anfang an ist die Erde -der mütterliche Grundstoff. Aus ihrem Mutterschoße geht alsdann die -sichtbare Schöpfung hervor, und erst in dieser zeigt sich ein doppeltes -getrenntes Geschlecht; erst in ihr tritt die männliche Bildung ans -Tageslicht, Weib und Mann erscheinen also nicht gleichzeitig, sind -nicht gleich geordnet. Das Weib geht voran, der Mann folgt; das Weib -ist früher, der Mann steht zu ihr im Sohnesverhältnis; das Weib -ist das Gegebene, der Mann das aus ihr erst Gewordene. Er gehört -der sichtbaren, aber stets wechselnden Schöpfung; er kommt nur in -sterblicher Gestalt zum Dasein. Von Anfang an vorhanden, gegeben, -unwandelbar ist nur das Weib; geworden, und darum stetem Untergang -verfallen, der Mann. Auf dem Gebiete des physischen Lebens steht -also das männliche Prinzip an zweiter Stelle, es ist dem weiblichen -untergeordnet.« S. 36: »In der Pflanze, die aus dem Boden hervorbricht, -wird der Erde Muttereigenschaft anschaulich. Noch ist keine Darstellung -der Männlichkeit vorhanden; diese wird erst später an dem ersten -männlich gebildeten Kinde erkannt. Der Mann ist also nicht nur später -als das Weib, sondern dieses erscheint auch als die Offenbarerin des -großen Mysteriums der Lebenszeugung. Denn aller Beobachtung entzieht -sich der Akt, der im Dunkel des Erdschoßes das Leben weckt und dessen -Keim entfaltet; was zuerst sichtbar wird, ist das Ereignis der -Geburt; an diesem hat aber nur die Mutter teil. Existenz und Bildung -der männlichen Kraft wird erst durch die Gestaltung des männlichen -Kindes geoffenbart; durch eine solche Geburt reveliert die Mutter -den Menschen das, was vor der Geburt unbekannt war, und dessen -Tätigkeit in Finsternis begraben lag. In unzähligen Darstellungen der -alten Mythologie erscheint die männliche Kraft als das geoffenbarte -Mysterium; das Weib dagegen als das von Anfang an Gegebene, als der -stoffliche Urgrund, als das Materielle, sinnlich Wahrnehmbare, das -selbst keiner Offenbarung bedarf, vielmehr seinerseits durch die erste -Geburt Existenz und Gestalt der Männlichkeit zur Gewißheit bringt.« - -Das μὴ ὄν nämlich, welches vom Weibe vertreten wird, ist das völlig -Ungeformte, Strukturlose, das Amorphe, die Materie, die keinen -letzten Teil mehr hat an der Idee des Lebens, aber ebenso ewig und -unsterblich zu sein scheint wie reine Form, schuldfreies höheres Leben, -unverkörperter Geist ewig ist. Das eine, weil nichts an ihm geändert, -vom Formlosen keine Form zerstört werden kann; das zweite, weil es sich -nicht inkarniert, weil es nicht endlich, und darum nicht vernichtbar -wird. - -Der Begriff des ewigen Lebens der Religionen ist der Begriff des -absoluten, metaphysischen Seins (der Aseität) der Philosophien. - -($S. 400, Z. 12 v. u.$) _Dante_ Inferno XXXIV, Vers 76 f. - -($S. 401, Z. 5 f.$) Es hat Anspruch auf das ernsteste Nachdenken, und -verdient die tiefste Ehrfurcht des Hörers, und nicht Gelächter (womit -ihm heute wohl allenthalben geantwortet würde), wenn _Tertullian_ -das Weib so apostrophiert (De habitu muliebri liber, Opera rec. -J. J. Semler, Halae 1770, Vol. III, p. 35 f.): »Tu es diaboli ianua, tu -es arboris illius resignatrix, tu es divinae legis prima desertrix, tu -es, quae eum suasisti, quem diabolus aggredi non valuit. Tu imaginem -dei, hominem, tam facile elisisti; propter tuum meritum, id est mortem, -etiam filius dei mori debuit; et adornari tibi in mente est, propter -pelliceas tuas tunicas?« Diese Worte sind an die _Weiblichkeit_ als -_Idee_ gerichtet; die empirischen Frauen würden durch die Zumessung -einer solchen Bedeutung sich stets nur angenehm gekitzelt fühlen; die -Frauen sind sehr zufrieden mit dem _anti_sexuellen Manne, und ratlos -nur dem $a$sexuellen gegenüber. - -($S. 401, Z. 12.$) Wie sich durch seine Sexualität der Mann dem Weibe -annähert, geht aus der Tatsache hervor, daß die Erektion dem Willen -entzogen ist und durch ihn nicht aufgehoben werden kann, gleichwie -eine Muskelkontraktion vom gesunden Menschen auf Befehl des Willens -rückgängig gemacht wird. Der Zustand der wollüstigen Erregtheit -beherrscht das Weib ganz, beim Manne doch nur einen Teil. Aber die -Wollust dürfte die einzige Empfindung sein, welche im allgemeinen nicht -durchaus verschieden ist bei den beiden Geschlechtern; die Empfindung -des Koitus hat für Mann und Frau eine gleiche Qualität. Der Koitus -wäre sonst unmöglich. Er ist der Akt, der zwei Menschen am stärksten -einander angleicht. Nichts kann demnach irriger sein als die populäre -Ansicht, daß Mann und Weib vor allem oder gar ausschließlich in ihrer -_Sexualität differieren_, wie ihr z. B. _Rousseau_ Ausdruck gibt -(Emile, Livre V., Anfang): »En tout ce qui ne tient pas au sexe la -femme est homme.« Gerade die Sexualität ist das _Band_ zwischen Mann -und Frau und wirkt auch stets _ausgleichend_ zwischen beiden. - -($S. 402, Z. 10.$) Auch das spezifische _Mitleid_ des Mannes mit der -Frau -- ihrer inneren Leere und Unselbständigkeit, Haltlosigkeit und -Gehaltlosigkeit wegen -- weist, wie alles Mitleid, auf eine Schuld -zurück. - -($S. 402, Z. 9 v. u.$) Es sind hiemit scheinbar drei _verschiedene_ -Erklärungen der Kuppelei (und somit Herleitungen der Weiblichkeit) -gegeben; aber sie drücken, wie man wohl sieht, alle ein und dasselbe -aus. Die sich ewig vergrößernde Schuld des höheren Lebens ist die dem -Menschen ewig unerklärliche, für ihn wahrhaft _letzte_ Tatsache des -Abfalls jenes Lebens zum niederen Leben; der plötzliche Absturz des -völlig Schuldlosen in die Schuld. Das niedere Leben aber kulminiert -in jenem Akte, durch das es neu erzeugt wird; alle Begünstigung -des niederen Lebens schließt darum notwendig Kuppelei ein. Dieses -selbe Streben, das irdische Leben Realität gewinnen zu lassen, ist -dadurch bezeichnet, daß alle Materie sich verführerisch der Formung -entgegendrängt; oder wie dies _Plato_ tiefsinnig angedeutet hat: durch -die betrügerische Zudringlichkeit der _Penia_ (der Armut, des Leeren, -des Nichts) an den trunkenen, träumenden Gott _Poros_ (den Reichen). - - - - -Zu Teil II, Kapitel 13. - - -($S. 404, Z. 13 v. u.$) Über den mangelhaften Bartwuchs der Chinesen -_Darwin_, Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II, -S. 339. Auch die _Stimme_ des Mannes soll sich bei den verschiedenen -Menschenrassen nicht gleich sehr von der des Weibes unterscheiden, -z. B. gerade bei Chinesen und Tataren, »die Stimme des Mannes nicht -so sehr von der des Weibes abweichen, wie bei anderen Rassen.« -(_Darwin_, Die Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Leipzig, -Universalbibliothek, Bd. II, S. 348, nach Sir Duncan _Gibb_, Journal of -the Anthropological Society, April 1869, p. LVII und LVIII.) - -($S. 405, Z. 14 v. u.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen -des 19. Jahrhunderts, I. Hälfte, 4, Aufl., München 1903, S. 345 ff. - -($S. 406, Z. 1 v. u.$) Als hervorragendere »Philosemiten« könnten -nur der sehr überschätzte G. E. _Lessing_, und Friedr. _Nietzsche_ -in Betracht kommen, der letztere aber wohl bloß infolge eines -Oppositionsbedürfnisses gegen _Schopenhauer_ und _Wagner_; und -der erstere hat den eigenen Rang viel klarer erkannt und offener -eingestanden als die Geschichtsschreiber der deutschen Literatur (vgl. -Hamburgische Dramaturgie, Stück 101 f.). Der schärfste Antisemit unter -allen ist wohl _Kant_ gewesen (nach der Anmerkung zum § 44 seiner -»Anthropologie in pragmatischer Hinsicht«). Vgl. über den »Consensus -ingeniorum« _Chamberlain_, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, S. 335. - -($S. 413, Z. 7 v. u. f.$) _1. Buch Mosis_, Kap. 25, 24-34; 27, 1-45; -30, 31-43. - -($S. 414, Z. 4-9.$) Nach M. _Friedländer_, Der Antichrist in den -vorchristlichen jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 118 ff. hat -der Antichrist schon im vorchristlichen Judentum (z. B. dem freilich -sehr spät entstandenen Buche Deuteronomium) eine Rolle als »Beliar« -gespielt. Friedländers Auffassung gipfelt, wie ich glaube (von dem -historischen Materiale muß ich absehen), darin, daß der Antichrist erst -da sein mußte, damit der Christ komme, ihn zu vernichten (S. 131). -Damit wird jedoch dem Bösen eine selbständige Existenz _vor_ dem Guten -und also unabhängig von diesem zugesprochen; das Böse indes ist nur -»Privation« des Guten (_Augustinus_, _Goethe_). Nur der gute, nicht der -böse Mensch _fürchtet_ das Böse, dem der Verbrecher selbst _dient_. Das -Böse ist nur ein Abfall vom Guten, und hat nur einen Sinn in Bezug auf -dieses; indes das Gute an sich ist und keiner Relation bedarf. - -Die wenigen Elemente des vorchristlichen jüdischen Teufelsglaubens -stammen nach den Resultaten der Forschung aus dem Parsismus. Vgl. -W. _Bousset_, Die jüdische Apokalyptik, ihre religionsgeschichtliche -Herkunft und ihre Bedeutung für das neue Testament, Berlin 1903, -S. 38-51. S. 45: »Der Schluß drängt sich mit zwingender Gewalt auf: die -jüdische Apokalyptik ist in dem Neuen, was sie in den Hoffnungsglauben -des Judentums hineinbringt, von Seiten der eranischen Religion bedingt -und angeregt.« Und S. 48: »Nun läßt sich doch behaupten, daß der -Dualismus spezifisch unisraelitisch ist. Die Religion der Propheten -und des alten Testamentes kennt den Teufel nicht. Die Gestalt des -Satans, wie sie im Erzählungsstück des Hiobbuches, in der Chronik, -bei Sacharja auftritt, hat mit der späteren des Teufels, wie sie im -neutestamentlichen Zeitalter herrscht, äußerst wenig, nicht viel mehr -als den Namen gemeinsam. Und überdies sind sämtliche hier genannten -Stücke -- auch das Erzählungsstück des Hiobbuches -- recht spät. Der -Teufelsglaube, die Annahme eines organisierten dämonischen Reiches -widerspricht direkt dem Geiste der Frömmigkeit der Propheten und -Psalmen, ihrem starken und starren Monotheismus. Hingegen ist in keiner -anderen Religion der Dualismus so heimisch und wurzelt so tief wie in -der eranischen Religion. Auch von hier aus drängt sich der Schluß der -Abhängigkeit der jüdischen Apokalyptik unmittelbar auf.« - -($S. 415, Z. 10.$) So nicht nur die Argumente des Tages, sondern -selbst _Schopenhauer_ (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132): »[Das -jüdische Volk] lebt parasitisch auf den anderen Völkern und ihrem -Boden, ist aber dabei nichtsdestoweniger von lebhaftestem Patriotismus -für die eigene Nation beseelt, den es an den Tag legt durch das -festeste Zusammenhalten, wonach Alle für Einen und Einer für Alle -stehen; so daß dieser Patriotismus ~sine patria~ begeisterter wirkt, -als irgend ein anderer. Das Vaterland des Juden sind die übrigen Juden: -daher kämpft er für sie, wie ~pro ara et focis~, und keine Gemeinschaft -auf Erden hält so fest zusammen wie diese.« - -($S. 418, Z. 18.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen des -neunzehnten Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 143, Anm. 1. -- -Über die jüdische Diaspora der letzten vorchristlichen Jahrhunderte -vgl. ferner M. _Friedländer_, Der Antichrist in den vorchristlichen -jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 90 f. - -($S. 420, Z. 10.$) Über den Mangel an Unsterblichkeitsglauben im alten -Testamente hat _Schopenhauer_ das Treffendste und Kräftigste gesagt -(Parerga und Paralipomena, Bd. I, S. 151 f., ed. Grisebach). - -($S. 420, Z. 12.$) _Schopenhauer_, Neue Paralipomena, § 396 -(Handschriftlicher Nachlaß, Bd. IV, herausgegeben von Eduard Grisebach, -S. 244). - -($S. 420, Z. 18 f.$) Gustav Theodor _Fechner_, Die drei Motive -und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 254-256. Auch in der -»Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht«, Leipzig 1879, S. 65-68. - -($S. 420, Z. 8 v. u.$) _Tertulliani_ Apologeticus adversus gentes pro -christianis, cap. 17 (Opera, Vol. V, p. 47, rec. Semler, Halae 1773.) - -($S. 420, Z. 6 v. u.$) _Chamberlain_ a. a. O., S. 391-400. - -($S. 421, Z. 13.$) _Schopenhauer_ hat das Wesen des Jüdischen am -sichersten herausgefühlt; denn von ihm rührt das Wort her von den »dem -Nationalcharakter der Juden anhängenden, bekannten Fehlern, worunter -eine wundersame Abwesenheit alles dessen, was das Wort ~verecundia~ -ausdrückt, der hervorstechendste, wenngleich ein Mangel ist, der in -der Welt besser weiter hilft, als vielleicht irgend eine positive -Eigenschaft ....« (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132.) - -Diesen Mangel an ~verecundia~ will ich erst weiterhin berühren und -in einen Zusammenhang mit allem übrigen jüdischen Wesen zu bringen -versuchen (S. 591). - -($S. 422, Z. 14 v. u.$) Aus Versen _Keplers_ citiert nach Johann -Karl Friedrich _Zöllner_, Über die Natur der Kometen, Beiträge zur -Geschichte und Theorie der Erkenntnis, 2. Aufl., Leipzig 1872, S. 164. - -($S. 423, Z. 1 v. u.$) Gustav Theodor _Fechner_, Ideen zur -Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Organismen, Leipzig 1873. -Wilhelm _Preyer_, Naturwissenschaftliche Tatsachen und Probleme, -1880, II. Vortrag: Die Hypothesen über den Ursprung des Lebens -(»Kosmozoen-Theorie«). - -($S. 425, Z. 4.$) Was _Schopenhauer_ (Über den Willen in der Natur, -Werke, ed. Grisebach, III, 337) und _Chamberlain_ (Grundlagen des 19. -Jahrhunderts, 4. Aufl., S. 170 f.) _Spinoza_ hauptsächlich zum Vorwurf -machen, seine merkwürdigen sittlichen Lehren, das bildet in weit -geringerem Grade einen Einwand gegen ihn und gegen das Judentum, und am -wenigsten deutet es auf irgend eine Immoralität in Spinoza selbst hin. -Spinozas ethische Lehre ist gerade darum so flach geworden, weil er -recht wenig Verbrecherisches in sich zu überwinden hatte. Aus demselben -Grunde treffen auch _Aristoteles'_, _Fechners_ oder _Lotzes_ ethische -Theorien so wenig das eigentliche Problem, obwohl sie, als Arier, von -vornherein tiefer sind als der Jude. - -($S. 425, Z. 13.$) Ich glaube, daß auf einem Mißverständnis, auf einer -Verwechslung von Wille und Willkür beruht, was _Chamberlain_ sagt -(a. a. O., S. 243 f.): »Das liberum arbitrium ist entschieden eine -semitische und in seiner vollen Ausbildung speziell eine jüdische -Vorstellung.« - -($S. 425, Z. 17.$) Wie ganz anders auch _Fechner_, den eine -oberflächliche Betrachtung in sehr große Nähe zu Spinoza zu rücken -versucht hat, als welcher jenem an Bedeutung und Tiefe weit nachsteht! -Vgl. z. B. Zend-Avesta, II^2, 197: »Der Mensch, aus dem der jenseitige -Geist kommt [beim Tode] ...., bleibt unter _allen_ Einwirkungen, die -ihm begegnen mögen, ein Individuelles.« - -($S. 427, Z. 16 f.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und -Vorstellung, Zweiter Band, erstes Buch, Kapitel 8: Zur Theorie des -Lächerlichen. -- _Jean Paul_, Vorschule der Ästhetik, § 26-55. - -($S. 429, Z. 2 f.$) Im »fliegenden Holländer«, im »Lohengrin«, im -»Parsifal« ist das Problem des Judentums offen formuliert; aber -Siegfried, der »dumme Knab'«, ist nicht minder als Parsifal, der »reine -Tor«, von _Wagner_ in einem Gegensatze zu allem Jüdischen gedacht -worden. - -($S. 434, Z. 10-12.$) Die Selbstsetzung des Ich bleibt der tiefste -Gedanke der _Fichte_schen Philosophie. Vgl. Grundlage der gesamten -Wissenschaftslehre, Sämtliche Werke herausgegeben von J. H. Fichte, -I/1, Berlin 1845, S. 95 f. (vgl. zu S. 205, Z. 18): - -»~a)~ Durch den Satz A = A wird _geurtheilt_. Alles Urtheilen aber -ist laut des empirischen Bewußtseyns ein Handeln des menschlichen -Geistes; denn es hat alle Bedingungen der Handlung im empirischen -Selbstbewußtseyn, welche zum Behuf der Reflexion, als bekannt und -ausgemacht, vorausgesetzt werden müssen. - -~b)~ Diesem Handeln nun liegt etwas auf nichts höheres gegründetes, -nemlich X = Ich bin, zum Grunde. - -~c)~ Demnach ist das _schlechthin gesetzte_ und _auf sich -selbst gegründete_ -- Grund _eines gewissen_ (durch die ganze -Wissenschaftslehre wird sich ergeben, _alles_) Handelns des -menschlichen Geistes, mithin sein reiner Charakter; der reine -Charakter der Thätigkeit an sich; abgesehen von den besonderen -empirischen Bedingungen derselben. - -Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thätigkeit -desselben. -- Das Ich _setzt sich selbst_, und es _ist_, vermöge dieses -bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt, das Ich _ist_, und es -setzt sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns. -- Es ist zugleich das -Handelnde und das Produkt der Handlung; das Thätige, und das, was durch -die Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung und That sind Eins und -ebendasselbe; und daher ist das: _Ich bin_, Ausdruck einer Thathandlung -..... - -8. Ist das Ich nur, insofern es sich setzt, so ist es auch nur _für_ -das setzende und setzt nur für das seyende. -- _Das Ich ist für das -Ich_, -- setzt es aber sich selbst, schlechthin so wie es ist, so setzt -es sich nothwendig und ist nothwendig für das Ich. _Ich bin nur für -Mich; aber für mich bin ich nothwendig_ (indem ich sage _für Mich_, -setze ich schon mein Seyn). - -9. _Sich selbst setzen_ und _Seyn_ sind, vom Ich gebraucht, völlig -gleich. Der Satz: Ich bin, weil ich mich selbst gesetzt habe, kann -demnach auch so ausgedrückt werden: _Ich bin schlechthin, weil ich bin._ - -Ferner, das sich setzende Ich und das seyende Ich sind völlig gleich, -Ein und ebendasselbe. Das Ich ist dasjenige, als _was_ es sich -setzt; und es setzt sich als _dasjenige_, was es ist. Also: _Ich bin -schlechthin, was ich bin._ - -10. Der unmittelbare Ausdruck der jetzt entwickelten Thathandlung wäre -folgende Formel: _Ich bin schlechthin, das ist ich bin schlechthin, -weil ich bin, und bin schlechthin, was ich bin; beides für das Ich._ - -Denkt man sich die Erzählung von dieser Thathandlung an die Spitze -einer Wissenschaftslehre, so müßte sie etwa folgendermaßen ausgedrückt -werden: _Das Ich setzt ursprünglich sein eigenes Seyn._« - -($S. 434, Z. 15 f.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_ a. a. O., S. 397 f. --- Die Dualität von Religion und Glaube, die Chamberlain S. 405 f. -behauptet, dürfte kaum haltbar sein. - -($S. 435, Z. 6 v. u.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_, Die Grundlagen des -XIX. Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 244, 401. - -($S. 436, Z. 2 v. u.$) Man sieht, wie schwierig es ist, das Judentum -zu definieren. Dem Juden fehlt die Härte, aber auch die Sanftmut -- -eher ist er zähe und weich; er ist weder roh noch fein, weder grob noch -höflich. Er ist nicht König, nicht Führer, aber auch nicht Lehnsmann, -nicht Vasall. Was er nicht kennt, ist Erschütterung; doch es mangelt -ihm ebensosehr der Gleichmut. Ihm ist nie etwas selbstverständlich, -aber ebenso fremd ist ihm alles wahre Staunen. Er hat nichts vom -_Lohengrin_, aber beinahe noch weniger vom _Telramund_ (der mit -seiner Ehre steht und fällt). Er ist lächerlich als Korpsstudent; und -gibt doch keinen guten Philister ab. Er ist nie schwerblütig, aber -auch nie vom Herzen leichtsinnig. Weil er nichts glaubt, flüchtet er -ins Materielle; nur daher stammt seine Geldgier: er sucht hier eine -Realität und will durchs »Geschäft« von einem Seienden überzeugt -werden -- der einzige Wert, den er als tatsächlich anerkennt, wird -so das »verdiente« Geld. Aber dennoch ist er nicht einmal eigentlich -Geschäftsmann: denn das »Unreelle«, »Unsolide« im Gebaren des jüdischen -Händlers ist nur die konkrete Erscheinung des der _inneren Identität_ -baren jüdischen Wesens auch auf diesem Gebiete. _»$Jüdisch$« ist also -eine $Kategorie$_ und psychologisch nicht weiter zurückzuführen und zu -bestimmen; metaphysisch mag man es als _Zustand vor dem Sein_ fassen; -introspektiv kommt man nicht weiter als bis zur inneren Vieldeutigkeit, -dem Mangel an Überzeugungen, der Unfähigkeit zu irgend welcher Liebe, -das ist ungeteilten Hingabe, und zum Opfer. - -Die Erotik des Juden ist sentimental, sein Humor Satire; jeder -Satiriker aber ist sentimental, wie jeder Humorist nur ein umgekehrter -Erotiker. In der Satire und in der Sentimentalität ist jene Duplizität, -die das Jüdische eigentlich ausmacht (denn die Satire verschweigt -zu wenig und fälscht darum den Humor); und jenes Lächeln ist beiden -gemeinsam, welches das jüdische Gesicht kennzeichnet: kein seliges, -kein schmerzvolles, kein stolzes, kein verzerrtes Lächeln, sondern -jener unbestimmte Gesichtsausdruck, welcher _Bereitschaft_ verrät, _auf -alles einzugehen_, und alle Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst -vermissen läßt; jene Ehrfurcht, die allein alle andere »~verecundia~« -erst begründet. - -($S. 437, Z. 6.$) _Chamberlain_: a. a. O., S. 329 f. - -($S. 437, Z. 5 v. u. f.$) Über das »epileptische Genie« vgl. besonders -_Lombroso_, Der geniale Mensch, Hamburg 1890, an vielen Orten. Über -Napoleons Epilepsie orientiert Louis _Proal_, Napoléon I. était-il -épileptique? Archives d'Anthropologie criminelle, 1902, p. 261-266 (mit -den Zeugnissen von Constant und Talleyrand). - -($S. 438, Z. 11.$) _Kant_, Die Religion innerhalb der Grenzen der -bloßen Vernunft, S. 46-47, ed. Kehrbach. Vgl. S. 49 f.: »Wenn der -Mensch aber im Grunde seiner Maximen verderbt ist, wie ist es möglich, -daß er durch eigene Kräfte diese Revolution [einen Übergang zur Maxime -der Heiligkeit der Gesinnung] zustande bringe und von selbst ein -guter Mensch werde? Und doch gebietet die Pflicht, es zu sein, sie -gebietet uns aber nichts, als was uns tunlich ist. Dieses ist nicht -anders zu vereinigen, als daß die Revolution für die Denkungsart, die -allmähliche Reform aber für die Sinnesart (welche jener Hindernisse -entgegenstellt), notwendig und daher auch dem Menschen möglich sein -muß. Das ist: wenn er den obersten Grund seiner Maximen, wodurch er ein -böser Mensch war, durch eine einzige unwandelbare Entschließung umkehrt -(und hiemit einen neuen Menschen anzieht); so ist er sofern dem Prinzip -und der Denkungsart nach ein fürs Gute empfängliches Subjekt u. s. w.« --- - -Das andere Genie erfährt die Gnade noch vor der Geburt; der -Religionsstifter im Laufe seines Lebens. In ihm stirbt ein älteres -Wesen am vollständigsten und tritt vor einem gänzlich neuen zurück. -Je größer ein Mensch werden will, desto mehr ist in ihm, dessen -Tod er beschließen muß. Ich glaube, daß auch _Sokrates_ hier den -Religionsstiftern (als der einzige unter allen Griechen[106]) sich -nähert; vielleicht hat er den entscheidenden Kampf mit dem Bösen an -jenem Tage gekämpft, da er bei Potidaea vierundzwanzig Stunden allein -an einem und demselben Orte aufrecht stand. - -_Kant_ (Religionsphilosophie; vgl. im Texte S. 209), _Goethe_ (Citat -auf S. 438), _Jakob Böhme_ (De regeneratione) und Richard _Wagner_ -(Wotan bei Erda, Siegfried, III. Akt) sind ebenfalls diesem Ereignis -einer buchstäblichen _Neugeburt_ des _ganzen_ Menschen weniger fern -gewesen als die meisten anderen großen Männer. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 14. - - -($S. 443, Z. 7 v. u.$) »Alle höhere Kultur ist nicht auf das Prinzip -der _Sexualität_, sondern im Gegenteil auf das Prinzip der _Askese_ -gegründet« das ist (wenn man Askese nicht zu eng, nicht im Sinne einer -Jesuiten-Schulung faßt) das wahrste Wort aus dem trefflichen Aufsatze -von O. _Friedländer_ (vgl. zu S. 446, Z. 1 v. u.). - -($S. 443, Z. 15-21.$) Auf das Überwiegen des dirnenhaften Elementes -im heutigen Weibe dürfte die zunehmende Unlust und Unfähigkeit der -Mütter, ihre Kinder zu stillen, viel eher zurückweisen als auf den seit -Jahrhunderten unverändert großen Alkoholgenuß (vgl. S. 291, Z. 14 v. -u. f.) - -($S. 444, Z. 15.$) Sogar in die Wissenschaft ist diese Wertung des -Mannes nach seiner geschlechtlichen Fähigkeit eingedrungen. »Il ne peut -être douteux que les testicules donnent à l'homme ses plus nobles et -ses plus utiles qualités.« (_Brown-Séquard_, Archives de Physiologie -normale et pathologie, 1889, p. 652.) - -Es ist sehr verdienstlich von _Rieger_, diesen so populären -Anschauungen derart kräftig entgegengetreten zu sein, wie er es in -seinem Buche über »Die Kastration« (Jena 1900) getan hat. - -($S. 446, Z. 1 v. u.$) Auf einem anderen Wege und weniger durch -eine Analyse der Weiblichkeit als der Männlichkeit kommt Oskar -_Friedländer_ (»Eine für Viele«, eine Studie, Die Gesellschaft, -Münchener Halbmonatsschrift, 1902, Heft 15/16) zu _demselben_ Ergebnis -(S. 181 f.): »Die Geschlechter bilden und beeinflussen einander in -der Richtung nach dem physischen und moralischen Ideale, das sie als -Maßstab ihrer wechselseitigen Wertschätzung zu Grunde legen, und von -dessen mehr oder minder vollkommener Erfüllung die Bevorzugung der -einen vor den anderen bei der Liebeswahl abhängig zu denken ist. Wenn -echte Weiblichkeit mit dem Attribute der Keuschheit unzertrennlich -verbunden ist, so ist demnach der Grund dafür nicht in der Natur des -Weibes, sondern in der moralischen Disposition des Mannes zu suchen. -Ihm ist die Keuschheit, im weiteren Sinne: die Fähigkeit, die Schranken -des sinnlichen Einzeldaseins zu übersteigen, der höchste sittliche -Wert und wird es trotz aller beklagenswerten Aberrationen, an denen -unser, einem durchaus unberechtigten Optimismus huldigendes Zeitalter -so reich ist, immer bleiben; darum überträgt er ihn in der Form eines -moralischen Imperatives auf das andere Geschlecht. Der Frau ist, -weniger im ethischen als im sexuellen Interesse, alles an der Erfüllung -dieser Forderung gelegen. Deshalb hält sie so unerbittlich zähe daran -fest, zähe besonders am Scheine der Keuschheit, an den Regeln der -Konvenienz. - -Die Anwendung auf den entgegengesetzten Fall wird man mir erlassen. -Es heißt dem Scharfsinn meiner Leser nicht allzuviel zumuten, wenn -ich ihnen die Entscheidung anheimstelle, wo das Ideal der männlichen -Unkeuschheit seinen Ursprung genommen haben mag.« - -($S. 447, Z. 1.$) Doch ist auch der Wert, der auf Jungfräulichkeit -gelegt wird, wie bekannt, ein sehr verschiedener bei den verschiedenen -Menschenrassen. Vgl. Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde, -Berlin 1902, S. 93. - -($S 447, Z. 1 v. u.$) Der Mensch, der sich straft durch -Fleischeskreuzigung und Abtötung des Leibes, will den Sieg ohne Kampf; -er räumt den Leib aus dem Wege, weil er zu schwach ist, dessen Triebe -zu überwinden. Er ist ebenso feig wie der Selbstmörder, der sich -erschösse, weil er am Siege über sich verzweifelte. Und die Buße ist -der Reue geradezu entgegengesetzt; denn sie beweist, daß der Mensch -gar nicht _über_ seiner Missetat steht, sondern noch in ihr befangen -ist, sonst würde er sich nicht züchtigen; er würde trotz der Zurechnung -einen Unterschied machen zwischen dem Moment der Tat und dem Moment -der Reue, wofern Reue da wäre. Denn Bedingung der Reue ist nunmehrige -Unfähigkeit zur Tat, und diese Unfähigkeit zum Bösen kann kein Mensch -in sich strafen wollen. Auch _Kant_ hat die Askese durchschaut -(Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, § 53). - -($S. 448, Z. 4 v. u.$) Richard _Wagner_, Parsifal, ein -Bühnenweihfestspiel. Zweiter Aufzug. (Gesammelte Schriften und -Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. X, S. 360 f.) - -($S. 451, Z. 9 v. u.$) _Schopenhauer_: »Die Mormonen haben Recht.« -(Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 370 Ende.) _Demosthenes_ 59, 122 -(Κατὰ Νεαίρας): »Tὰς μὲν γὰρ ἑταίρας ἡ δονῆς ἕνεκ' ἔχομεν, τὰς δὲ -παλλακὰς τῆς καθ' ἡμέραν θεραπείας τοῦ σώματος, τὰς δἐ γυναῖκας τοῦ -παιδοποιεῖσθαι γνησίως καὶ τῶν ἔνδον φύλακα πιστὴν ἔχειν.« - -($S. 451, Z. 8 v. u. f.$) _Goethe_, Zweite Epistel. -- _Molière_, Les -Femmes Savantes, Acte II, Scène VII. -- Selbst _Kant_ dürfte, wäre er -nach einer Schrift aus dem Jahre 1764 zu beurteilen, keineswegs von -diesem Vorwurfe ausgenommen werden. Denn in den »Beobachtungen über das -Gefühl des Schönen und Erhabenen« (III. Abschnitt, Bd. VIII, S. 32, -ed. Kirchmann) steht: »[Die Frauenzimmer] tun etwas nur darum, weil es -ihnen so beliebt, _und die Kunst besteht darin, zu machen, daß ihnen -nur dasjenige beliebt, was gut ist_. Ich glaube schwerlich, daß das -schöne Geschlecht der Grundsätze fähig sei, und ich hoffe dadurch nicht -zu beleidigen, denn diese sind auch äußerst selten beim männlichen.« - -($S. 452, Z. 17.$) _Kant_, Die Religion innerhalb der Grenzen der -bloßen Vernunft, ed. Kehrbach, S. 47. - -($S. 452, Z. 6 v. u.$) W. H. _Riehl_, Die Familie, Stuttgart 1861, -S. 7, sagt: »Man muß ... den tollen Mut der Sozialisten bewundern, -welche den beiden Geschlechtern trotz aller leiblichen und seelischen -Ungleichartigkeit doch die gleiche politische und soziale Berufung -zusprechen und ganz resolut ein Gesetz der Natur entthronen wollen, -um ein Gesetz der Schule und des Systems an seine Stelle zu setzen. -Périsse la nature plutôt que les principes!« - -Dieser Standpunkt, den Riehl toll nennt, ist der meinige. Ich kann -nicht einsehen, wie ein anderer gewählt werden könnte, wofern man nicht -utilitaristisch, sondern ethisch zu denken gewillt ist. Sicherlich wird -der alte Mißbrauch, der mit den Worten der Natur, des Natürlichen und -Naturgemäßen getrieben wird, sich erneuern, sobald es diese Forderung -zu bekämpfen gelten wird. Das Verhältnis des Menschen zur Natur wird -aber, um es ganz unzweideutig zu sagen, nicht zerstört, _sondern erst -$geschaffen$ dadurch, daß der Mensch sich über sie $erhebt$_, _mehr_ -wird als ein bloßes Glied, ein bloßer Teil von ihr. Denn Natur ist -immer das _Ganze_ der sinnlichen Welt, und dieses kann nicht von einem -seiner Teile aus übersehen werden. - -($S. 453, Z. 16 f.$) Je tiefer das Weib steht, desto notwendiger muß es -emanzipiert werden. Gewöhnlich schließt man umgekehrt. - -($S. 453, Z. 22-24.$) Ich meine hier die »Vera«-Literatur, welche im -Jahre 1902 ziemlich viel Staub aufgewirbelt hat. Das einzige Gute, was -über die ganze Streitfrage geschrieben worden ist, findet man in dem -mehrfach citierten Aufsatze von Oskar _Friedländer_, Eine für Viele, -eine Studie (vgl. besonders zu S. 446, Z. 1 v. u.). - -($S. 454, Z. 4 f.$) Friedrich _Nietzsche_, Jenseits von Gut und Böse, -Aphorismus 238. - -($S. 455, Z. 7.$) »_Pythagoras_ erscheint als der Vertreter des -Frauengeschlechtes, als der Verteidiger seiner Rechte, seiner -Unverletzlichkeit, seines hohen Berufes in der Familie und im Staate. -Den Männern stellt er die Unterdrückung des Weibes als Sünde dar. -Nicht unterworfen, sondern mit voller Gleichberechtigung dem Gatten -beigeordnet soll das Weib sein.« (J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, -Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer -religiösen und rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 381.) - -($S. 456, Z. 11.$) Über die _»Parsifal«-Dichtung_ _Wagners_ ist mir -eine einzige verständnisvolle Abhandlung bekannt geworden: Zur Symbolik -in Wagners Parsifal, von Emil _Lucka_, Wiener Rundschau, V, 16, -S. 313 f. (15. August 1901). Leider ist in diesem sehr vorzüglichen -Aufsatz das Thema allzu knapp behandelt. Eine Auffassung der Dichtung, -welche von jenem Autor in vielen Punkten beträchtlich abweicht, -ausführlich darzulegen, hoffe ich selbst Gelegenheit zu finden. - -($S. 457, Z. 6 f.$) _Clemens Alexandrinus_, Stromata, III 6, vol. I, -p. 532, ed. Potter (Oxford 1715) = p. 1149 ed. Migne (Patrologiae -Graecae, Tomus VIII, Paris 1857): Τῇ Σαλώμῃ ὁ Κύριος πυνθανομένῃ -_μέχρι πότε θάνατος ἰσχύσει_ οὐχ ὡς κακοῦ τοῦ βίου ὄντος καὶ τῆς -κτίσεως πονηρᾶς »_Μέχρις ἄν, εἶπεν, ὑμεῖς αἱ γυναῖκες τίκτετε_« ἀλλ' -ὡς τὴν ἀκολουθίαν τὴν φυσικὴν διδάσκων· γεννήσει γὰρ πάντως ἕπεται καὶ -φθορά. -- Ibid. III, 13 (I, 553 Potter, p. 1192 Migne) wird aus dem -»Evangelium der Ägypter« nach dem Zeugnis des _Cassianus_ (dessen Werk -Περὶ ἐγκρατείας oder περὶ εὐνουχίας) folgendes Wort Jesu berichtet: -»Πυνθανομένης τῆς Σαλώμης πότε γνωσθήσεται τὰ περὶ ὧν ἤρετο, ἔφη ὁ -Κύριος, _Ὅταν τὸ τῆς αἰσχύνης ἔνδυμα πατήσητε, καὶ ὅταν γένηται τὰ -δύο ἕν, καὶ τὸ ἄρρεν μετὰ τῆς θηλείας οὔτε ἄρρεν οὔτε θῆλυ_.« -- -Schließlich ibid. III, 9 (I, 540 Potter, p. 1165 Migne): »_ἤλθον -καταλῦσαι τὰ ἔργα τῆς θηλείας_· θηλείας μὲν, τῆς ἐπιθυμίας· ἔργα δέ, -γέννησιν καὶ φθοράν.« - -Es ist dieser Ausspruch so ohne alle Vorgänger im Griechentum, daß wohl -seine Echtheit angenommen und es ein hohes Glück genannt werden darf, -daß er nicht verloren ging, wie die herrlichsten Aussprüche Christi -sicherlich verloren gegangen sind, weil die synoptischen Evangelisten -sie nicht verstehen und also nicht behalten konnten. - -Daß das Begehren nach dem Weibe immer unsittlich ist, liegt übrigens -bereits im Worte: »_πᾶς ὁ βλέπων γυναῖκα πρὸς τὸ ἐπιθυμῆσαι ἤδη -ἐμοίχευσεν αὐτὴν τῇ καρδίᾳ αὔτοῦ_« (Evang. Matth. 5, 28). - -($S. 457, Z. 15 v. u.$) _Augustinus_, De bono viduitatis, Cap. XXIII -(Patrologiae Latinae Tom. XL, p. 449 f., ed. Migne, Paris 1845): »Non -vos ... frangat querela vanorum, qui dicunt: Quomodo subsistet genus -humanum, si omnes fuerint continentes? Quasi propter aliud retardetur -hoc saeculum, nisi ut impleatur praedestinatus numerus ille sanctorum, -quo citius impleto, profecto nec terminus saeculi differetur.« De -bono conjugali, Cap. X (ibid. p. 381): »Sed novi qui murmurent. Quid -si, inquiunt, omnes homines velint ab omni concubitu continere: -unde subsistet genus humanum? Utinam omnes hoc vellent, dumtaxat in -charitate de corde puro et conscientia bona et fide non ficta (1. Tim, -1, 5): multo citius Dei civitas compleretur, et acceleraretur terminus -saeculi.« Ich verdanke diese Nachweise _Schopenhauers_ »Welt als Wille -und Vorstellung«, Bd. II, Kap. 48. - -($S. 457, Z. 2 v. u.$) Hier liegt also das eigentliche Motiv jener -Furcht, nach welchem Leo _Tolstoi_ (Über die sexuelle Frage, Leipzig -1901, S. 16 ff., 87 f.) gesucht hat, ohne es zu finden. - -($S. 458, Z. 14.$) Man mag es krankhaft nennen, daß der Mann die -schwangere Frau abstoßend häßlich findet (wenn sie auch manches Mal -ihn sinnlich erregt), aber es ist dies eben das, was ihn vor dem Tiere -auszeichnet, und wer es ihm ausreden will, der will ihn der Menschheit -entkleiden. Das Phänomen liegt tief; es zeigt wieder, wie alle Ästhetik -nur ein Ausdruck der Ethik ist. -- »Toutes les _hideurs_ de la -fécondité« sagt einmal Charles _Baudelaire_ (Les fleurs du mal, Paris -1857, 5. Gedicht, p. 21). - -($S. 459, Z. 15.$) Die Idee der Menschheit im Kantischen Sinne ist auch -von _Platon_ an einer berühmten Stelle der Politeia ausgesprochen (IX, -589 A B), in der zugleich die Anschauung vom Menschen als dem mit allen -Möglichkeiten ausgestatteten Wesen liegt: »..... ὁ τὰ δίκαια λέγων -λυσιτελεῖν φαίη ἂν δεῖν ταῦτα πράττειν καὶ ταῦτα λέγειν, ὅθεν _τοῦ -ἀνθρώπου ὁ έντὸς ἄνθρωπος_ ἔσται ἐγκρατέστατος .....« - -($S. 459, Z. 11-8 v. u.$) Die ganze Entwicklung, welche Herbert -_Spencer_, Die Prinzipien der Ethik, Stuttgart 1892, Bd. II, S. 181 f. -beschreibt, die Entwicklung vom »Fidschi-Insulaner, der sein Weib -töten und aufessen konnte«, von den alten Germanen, bei denen der Mann -das Weib »wieder verkaufen und sogar töten durfte«, von den alten -englischen Zeiten, wo die Braut gekauft wurde und ihr eigener Wille -beim Handel nicht in Frage kam, bis auf den heutigen Tag, da die Frau -wenigstens von Rechts wegen selbständiges Eigentum besitzen darf -- -diese ganze Entwicklung ist keineswegs durch irgend welche Bewegungen -von Seiten der Frauen hervorgerufen, sondern allmählich durch -Vervollkommnung der gesetzlichen Fortschritte vom Manne herbeigeführt -worden. - -Ich möchte hier noch Oskar _Friedländer_ anführen, welcher a. a. O. -S. 182 f. (Die Gesellschaft, 1902, Heft 15/16) sagt: »Die spärlichen -moralischen Elemente, die in der Emanzipationsbewegung enthalten sind, -haben übrigens, und das kennzeichnet am besten die innere Bedeutung -des ganzen Rummels, ebensowenig als das Keuschheitsideal ihren -Ursprung im erhitzten Hirne der für die Emanzipation des Fleisches -besonders begeisterten Vorkämpferinnen genommen. Es waren _Männer_, -die jene Elemente zur Geltung brachten, um der unwürdigen »Hörigkeit -der Frau« ein Ende zu bereiten, und die Frauen erschienen erst auf -dem Kampfplatze, als der Frontangriff zu ihren Gunsten entschieden -war und sie nicht länger mit Ehren fern bleiben konnten. Es spricht -wohl deutlich genug, daß gerade in ihren Reihen die erbittertsten -Gegner der neuen Richtung erstanden. Die scheinbare Bereitwilligkeit, -den veränderten Verhältnissen Rechnung zu tragen, die aggressive -Haltung mancher Frauen darf einen nicht über die wahre Sachlage -hinwegtäuschen. Das Hochschulstudium nimmt in diesen Kreisen keinen -höheren Rang ein als der Radfahrsport oder das Lawntennisspiel: das -erforderliche Minimalquantum wissenschaftlicher Bildung zählt heute -mit zu den sekundären Geschlechtscharakteren. Den ethischen Kern der -Emanzipationstendenz, die Erhebung auf das moralische Niveau des -Mannes, haben die Frauen immer als einen lästigen Zwang empfunden, -dessen sie sich auch sicherlich entledigen werden, wenn es nur mit -Anstand, ohne die gute Meinung ihrer Anwälte allzu offenkundig zu -desavouieren, geschehen kann.« - - - - -Verbesserungen sinnstörender Fehler. - - - Seite 3, Zeile 3 v. u.: Lies _alle$m$_ statt _alle$s$_. - - » 30, » 10: » _thelyide_ statt _thely$o$ide_. - - » 36, » 10: » _ge$a$ichten_ statt _ge$e$ichten_. - - » 49, » 11: » _zersetz$en$_ statt _zersetz$t$_. - - » 62, » 3: » _thelyide_ statt _thely$o$ide_. - - » 69, » 9 v. u.: » _eine$r$_ statt _eine$m$_. - - » 100, » 7 v. u.: » _welche ja_ statt _welche $sie$ ja_. - - » 114, » 11 v. u.: » _Intensi$f$ikationen_ statt - _Intensi$v$ikationen_. - - » 134, » 3: » _haben; $oder denke an$_ statt - _haben an_. - - » 169, » 19: » _da$ß$ er_ statt _da er_. - - » 170, » 6-5 v. u.: Streiche: _den Moment zu verewigen - strebt_. - - » 177, » 23: Lies _Schellings_ statt _Schelling$en$s_. - - » 180, » 10 v. u.: » _umgehen_ statt _um$zu$gehen_. - - » 189, » 4: » _geordnete$n$_ statt _geordnete$m$_. - - » 190, » 1 v. u.: » _präsentiert_ statt - _$re$präsentiert_. - - » 194, » 3: » _Möglichkeit$,$ zu erkennen_ statt - _Möglichkeit zu erkennen_. - - » 216, » 10: » _Intensi$f$ikationen_ statt - _Intensi$v$ikationen_. - - » 220, » 11 v. u.: » _$ein erw$ärmter Stab durch_ statt - _$erw durch$ärmter Stab_. - - » 227, » 10 v. u.: » _welche nämlich_ statt _welche $sie$ - nämlich_. - - » 274, » 10 v. u.: » _$zu$ verbringen_ statt - _verbringen_. - - » 291, » 7: » _aus $seiner$_ statt _aus $ihrer$_. - - » 295, » 18: » _$aber$ auch_ statt _$hieraus$ - auch_. - - » 301, » 6: » _größer$e$_ statt _größer_. - - » 331, » 3 v. u.: » _de$s$ Liebenden_ statt _de$r$ - Liebenden_. - - » 356, » 8: » _steht nicht $wie$ beim_ statt - _steht nicht beim_. - - » 361, » 18: » _$a$sexuelles_ statt _sexuelles_. - - » 366, » 12 v. u.: » _fremde$n$_ statt _fremde_. - - » 408, » 17: » _Laute$n$_ statt _Laute$m$_, - _Unvornehme$n$_ statt - _Unvornehme$m$_. - - » 410, » 10 v. u.: » _ihre$n$_ statt _ihre$r$_. - - » 425, » 2: » _$es$ ist_ statt _$sie$ ist_. - - » 434, » 3: » _de$r$ Augenblick_ statt _de$n$ - Augenblick_. - - » 434, » 11: » _sich $die$ Welt_ statt _sich Welt_. - - » 448, » 9: » _anst$reb$t_ statt _anst$ell$t_. - - » 455, » 15 v. u.: » _Als$o$_ statt _Als_. - - » 467, » 14 v. u.: » _Hydatide_ statt _Hydat$r$ide_. - - » 476, » 15: » _$Il$ était_ statt _$Je$ était_. - -[Illustration: DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.] - - - - -Fußnoten - -[1] Auch das Spencersche Weltschema: Differentiation und Integration, -läßt sich hier leicht anwenden. - -[2] Dies gilt von den Begriffen aber nur als von Objekten einer -psychologischen, nicht einer logischen Betrachtungsweise. Diese sind -trotz allem modernen Psychologismus (Brentano, Meinong, Höfler) nicht -ohne beiderseitigen Schaden zusammenzuwerfen. - -[3] Natürlich -- zu dieser Anschauung werden wir durch unser Bedürfnis -nach Kontinuität genötigt -- _irgendwie_ müssen die sexuellen -Unterschiede, wenn auch anatomisch, morphologisch unsichtbar und -selbst durch die stärksten Vergrößerungen des Mikroskopes dem Auge -nicht zu erschließen, schon vor der Zeit der ersten Differenzierung -formiert, »präformiert« sein. Aber wie, das ist ja die große Krux aller -Entwicklungsgeschichte. - -[4] Nicht die absolute Breite des Beckens als in Centimetern angegebene -Distanz der Knorren der Oberschenkel oder der Hüftbeindorne, sondern -die relative Breite der Hüften im Verhältnis zur Schulterbreite ist -ein ziemlich sicheres und recht allgemein verwendbares körperliches -Kriterium für den Gehalt an W. - -[5] Von den verschiedenen »Fetischismen« ist hiebei natürlich -abzusehen; ebensowenig kommen für erogene Wirkung die primordialen -Charaktere in Betracht. - -[6] Ebensowenig wie im umgekehrten Falle der Kastration eines -weiblichen Tieres die Maskularisierung schroff _geleugnet_ werden kann. - -[7] Daß solche Grenzen existieren, ergibt ja auch die Existenz -sexueller Unterschiede _vor_ der Pubertät. - -[8] Für spezielle Zwecke der Züchter, deren Absichten meist auf -Abänderung der natürlichen Tendenzen gehen, muß hievon freilich oft -abgegangen werden. - -[9] Gewöhnlich denkt man, wenn von einer Konstanz im sexuellen -Geschmack des Mannes oder der Frau gesprochen wird, zunächst an -die Bevorzugung einer Lieblingsfarbe des Kopfhaares beim anderen -Geschlechte. Es scheint auch wirklich, wo überhaupt einer bestimmten -Farbe der Haare der Preis gegeben wird (dies ist nicht bei allen -Menschen der Fall), die Vorliebe für diese ziemlich tief zu liegen. - -[10] Dies zeigt auch klar sein Bildnis. _Mérimée_ nennt George Sand -»maigre comme un clou«. Bei der ersten Begegnung beider ist »sie« -offenbar Männchen und »er« ganz Weibchen gewesen: _er_ errötet, als -_sie_ ihn fixiert und mit _tiefer_ Stimme _ihm_ Komplimente zu machen -beginnt. - -[11] Es hat übrigens viele gänzlich _ungelehrte große_ Künstler gegeben -(_Burns_, _Wolfram von Eschenbach_), aber keine diesen vergleichbare -Künstlerin. - -[12] Auf den Anblick einer bisexuell funktionierenden Schauspielerin -mit leichtem Bartanfluge, einer tiefen sonoren Stimme und fast ohne -Haare auf dem Kopfe habe ich einen bisexuellen Mann ausrufen hören: »Ja -das ist ein Prachtweib!« »Das Weib« ist eben für jeden ein anderes und -doch dasselbe, »im Weibe« hat noch jeder Dichter Verschiedenes und doch -ein Gleiches besungen. - -[13] Es bedeutet im folgenden »_der_ Mann« immer M und mit »_der_ Frau« -ist immer W gemeint, nicht »die Männer« oder »die Frauen«. - -[14] Herr Dr. _Hermann Swoboda_ in Wien. - -[15] Wobei weder an absolute Heniden beim Weibe noch an absolute -Klärung beim Manne gedacht werden darf. - -[16] _Begabung_ (nicht _Talent_) und _Geschlecht_ sind die beiden -einzigen Dinge, _die nicht vererbt werden_, sondern _unabhängig_ von -der »Erbmasse« sind und gleichsam spontan zu entstehen scheinen. Schon -diese Tatsache läßt erwarten, daß Genialität, beziehungsweise ihr -Mangel, in einem Zusammenhange mit der Männlichkeit oder Weiblichkeit -eines Menschen stehen müsse. - -[17] Ich gebrauche das Wort Begabung, um dem Worte Genialität so -oft als tunlich aus dem Wege zu gehen, und bezeichne mit ihm jene -Veranlagung, deren höchste Steigerung Genialität ist. Begabung und -Talent werden demnach hier streng auseinandergehalten. - -[18] Die aber mit dem _Talente_ nichts zu schaffen haben. - -[19] Ausdruck von Herrn Dr. H. _Swoboda_ in Wien. - -[20] Sehr wesentlich ist hingegen der geniale _Augenblick_ vom -nichtgenialen psychologisch geschieden, _auch in einem und demselben -Menschen_. - -[21] Ich wage auch daran zu erinnern, wie häufig reine Wissenschaftler -erst knapp vor dem Tode mit religiösen und metaphysischen Problemen -sich beschäftigen: _Newton_, _Gauß_, _Riemann_, Wilh. _Weber_. - -[22] Man ist oft erstaunt darüber, wie Menschen von ganz gewöhnlicher, -ja gemeiner Natur keinerlei Furcht vor dem Tode empfinden. Aber -es wird so klar: _nicht die Furcht vor dem Tode schafft das -Unsterblichkeitsbedürfnis, sondern das Unsterblichkeitsbedürfnis -schafft die Furcht vor dem Tode_. - -[23] Im übrigen säume ich nicht, die Manen _Bacos_ für diese -Zusammenstellung um Verzeihung zu bitten. - -[24] Über sie handelt kurz das 13. Kapitel. - -[25] Welche der sich immer verstehende Mensch ebensogut kennt wie der -sich nie verstehende. - -[26] Hiemit hoffe ich auch, die Kühnheit dieses gänzlich neuartigen -Überganges vom Gedächtnis zur Logik gerechtfertigt zu haben. - -[27] Dieser Beweis beruht jedoch, wie zu bemerken ist, auf -der Identifikation eines beliebigen _logischen_ A mit dem -_erkenntnistheoretischen_ Objekt überhaupt; diese Identifikation -läßt sich in ihrer Berechtigung selbst nicht noch dartun. Vom _Sein -überhaupt_, welches aus der Gültigkeit des Identitätsprinzipes streng -genommen allein gefolgert werden könnte, will ich hier jedoch aus -methodischen Gründen absehen. -- Übrigens würde, um den Positivismus -zu widerlegen (worauf es ankam), bereits dieser Beweis eines Seins -_jenseits_ der Erfahrung, _unabhängig von aller_ Erfahrung, hingereicht -haben. Daß dieses Sein das Sein des Ichs ist, dafür ist keine rein -_logische_, sondern eigentlich nur eine _psychologische_ Begründung aus -der _Erfahrungstatsache_ möglich, daß die logische Norm dem Menschen -nicht von außen kommt, sondern vom eigenen tiefsten Wesen ihm gegeben -wird. Nur darum kann das _absolute Sein_ oder das _Sein des Absoluten_, -wie es im Satze A = A sich manifestiert, mit dem _Sein des Ichs_ -gleichgesetzt werden: das absolute Ich ist das Absolute. - -[28] Ruft _Schopenhauer_, ruft _Wagner_. - -[29] Vgl. über sich verstehende und sich nicht verstehende Menschen -S. 188. - -[30] Womit aber nicht gesagt ist, daß jedermann, der das Ich anerkennt, -schon ein Genie sei. - -[31] Wie damit zusammenhängt, daß hervorragende Menschen schon sehr -früh (z. B. im Alter von vier Jahren) _lieben_ können, wird später klar -werden (S. 323 f.). - -[32] Dieser Fall wird später noch einer Untersuchung bedürfen -(S. 322 ff.). - -[33] Wozu also der Darwinismus und die monistischen Systeme, in deren -Zentrum der »Entwicklungsgedanke« steht, nicht gehören. Die Gattungs- -und Begattungsherrlichkeit unserer Zeit konnte sich nicht deutlicher -offenbaren als dadurch, daß man die Descendenzlehre mit dem Worte -Weltanschauung in Verbindung brachte und dem Pessimismus entgegensetzte. - -[34] Darum gibt es _innerhalb_ des Einzelmenschen keinen Begriff -des _Zufalls_, ja es kann der Gedanke an einen solchen gar nicht -auftauchen. Daß ein erwärmter Stab durch die Zufuhr thermischer Energie -sich ausdehnt und nicht infolge eines gleichzeitig am Himmel sichtbaren -Kometen, nehme ich an vermöge langer Erfahrung und Induktion, aber auch -nur auf Grund dieser; die _richtige_ Beziehung ist hier nicht _sofort_ -in einem Erlebnis schon gelegen. Wenn ich dagegen über mein eigenes -Betragen in einer bestimmten Gesellschaft mich ärgere, so _weiß_ -ich, gesetzt auch, es geschehe zum ersten Male, und es schöben sich -noch so viel andere gleichzeitige psychische Ereignisse dazwischen, -_unmittelbar_ den _Grund_ meiner Unzufriedenheit, und bin seiner sofort -vollständig sicher, oder kann es wenigstens, wenn ich mich nicht -darüber hinwegzutäuschen versuche, schon beim ersten Male werden. - -[35] Vgl. auch Prediger _Salomo_ 7, 29: »Unter Tausenden habe ich einen -Menschen gefunden, aber kein Weib habe ich unter allen gefunden.« - -[36] Von der also nicht eine Philosophie _ausgehen_ darf, zu der sie -nur als zu einer letzten Grenzmarkung gelangen soll. - -[37] Der Ausdruck stammt von Dr. Wilh. _Jerusalem_. - -[38] Der Verbrecher fühlt sich sogar dann in seiner Weise schuldig, -wenn er gerade nichts Übles getan hat. Er ist stets von anderen auf -den Vorwurf des Betruges, des Diebstahls u. s. w. gefaßt, auch wenn -er die Tat gar nicht begangen hat: weil er sich ihrer fähig weiß. Er -fühlt sich darum auch stets ertappt, wenn irgend ein anderer Missetäter -festgenommen wird. - -[39] Weil die Frau den zweiten Menschen gar nicht als _besonderes_ -Wesen empfindet, deshalb leidet sie nie unter ihren Nächsten, und nur -deshalb kann sie stets allen Menschen sich _überlegen_ fühlen. - -[40] Der Einwände, welche hiegegen, und der Gründe, welche für die -Schamhaftigkeit des Weibes immer wieder werden geltend gemacht werden; -ist diese Untersuchung durchaus gewärtig; auf sie kommt ihr zwölftes -Kapitel zu sprechen. - -[41] Nota bene: Viele sogenannte »schöne Männer« sind halbe Weiber. - -[42] Erst hiemit ist auch ganz klar geworden, was jener besondere -_Wert_ ist, der, _durch Schaffung der Vergangenheit, die Zeit negiert_, -wie ihn das 5. Kapitel postulierte. - -[43] Vgl. _Klingsors_ Worte an _Kundry_ in _Wagners_ _Parsifal_, -zweiter Aufzug, zu Anfang: - -»Herauf! Herauf zu mir! Dein Meister ruft _Dich Namenlose_: -Ur-Teufelin! Höllenrose! Herodias warst Du, und was noch? Gundryggia -dort, Kundry hier: Hieher! Hieher denn, Kundry! Zu Deinem Meister, -herauf!« - - -[44] Es ist nur zu begreiflich, daß man leicht zu einer solchen Annahme -verführt werden mag. Wer hat nicht z. B. in der Lektüre _dieses_ Buches -beim Übergang vom ersten zum zweiten Teil das Gefühl, daß es sich in -beiden um etwas ganz anderes handle! Dort um äußerliche, hier um innere -Zusammenhänge. - -[45] Noch hat niemand von Doppelgängerinnen gehört. Man nennt die -Frauen das furchtsame Geschlecht, weil man zu wenig scheidet zwischen -Angst und Furcht. Es gibt eine tiefe Furcht, die nur der Mann kennt. - -[46] Im Hinblick auf die Erörterungen des 8. Kapitels über das größere -Ansehen, welches dem tieferen Blick des bedeutenden Geistes gebührt, -vor dem jeweiligen Stande der Wissenschaft (S. 222). - -[47] Das die größten Dichter erkannt haben. Man denke an die -Identifikation der _Aase_ und _Solveig_ am Schlusse von _Ibsens_ »Peer -Gynt« und an die Verknüpfung der _Herzeleide_ mit der _Kundry_ in der -Verführung des _Wagner_schen _Parsifal_. - -[48] »Ewig war ich, ewig in süß sehnender Wonne, doch ewig zu Deinem -Heil« (_Brünnhilde_ zu _Siegfried_). - -[49] Man vergleiche in _Ibsens_ »Peer Gynt«, 2. Akt, das Gespräch -zwischen dem _Vater_ der _Solveig_ und _Aase_ (einer der -bestgezeichneten »Mütter« der schönen Literatur) auf der Suche nach -ihrem Sohn: - -_Aase_: ».... Wir finden ihn!« _Der Mann_: »Retten die Seel'!« _Aase_: -»Und den Leib!« - - -[50] Ich rede natürlich, die ganze Zeit über, nicht bloß vom käuflichen -Gassenmädchen. - -[51] Hiemit dürfte es zusammenhängen, daß die Prostituierte körperlich, -was manchem seltsam scheinen wird, mehr als die Mutter auf _Reinheit_ -achtet. - -[52] Seite 177 f. - -[53] Dem Verfasser geht es nicht besser als seinem Leser, wenn diesen -die obige Analyse der Koketterie nicht sollte befriedigt haben. Was -sie aufdeckte, lag doch ziemlich an der Oberfläche. Das Rätselhafte -in der Koketterie scheint mir immer mehr ein eigentümlicher _Akt_ zu -sein, durch welchen die Frau sich zum _Objekt_ des Mannes macht und -sich _funktionell_ mit ihm _verknüpft_. Sie ist da ganz dem anderen -weiblichen Streben vergleichbar, _Gegenstand des Mitleids_ der -Nebenmenschen zu werden: _in beiden Fällen macht sich das Subjekt zum -Objekt, zur Empfindung des anderen_ und setzt diesen über sich als -Richter ein. Die _Koketterie_ ist die spezifische Verschmolzenheit -der Dirne, wie die zuerst als Schwangerschaft, später als Laktation -u. s. w. auftretende _Fürsorge_ die Verschmolzenheit der Mutter -vorstellt. - -[54] Auch ist das Motiv des tierischen Männchens keineswegs Eitelkeit -als Wille zum Wert. - -[55] Wer bedenkt, wie fast alle Frauen bei ihrer heutigen großen -Freiheit sich auf der Gasse bewegen, wie sie durch straffes Anziehen -ihrer Kleider alle Formen sichtbar werden lassen, wie sie jedes -Regenwetter zu solchem Zwecke ausnützen, der wird dies nicht -übertrieben finden. - -[56] Nicht wenn er _spielt_ (_Schiller_). - -[57] Vgl. S. 216. - -[58] Beide berühren sich im Begriffe der _Scheu_ (im lateinischen: -_vereri_). - -[59] Die Wirkung des männlichen Bartes auf die Frau ist in einem -weiteren Sinne und aus einem tieferen Grunde, als man vielleicht -glaubt, psychologisch ein vollständiges, und nur in der Intensität -geschwächtes, _Abbild_ der Wirkung des männlichen Gliedes selbst. Doch -kann ich dies hier nicht näher ausführen. - -[60] Ich verweise vor allem auf den Schluß des 9. Kapitels. - -[61] Kapitel 13. - -[62] Die _eine_ scheinbare Ausnahme, die es hievon gibt, findet noch in -diesem Kapitel eine gründliche Erörterung. - -[63] Das ruhende, träge, große Ei wird vom beweglichen, flinken, -kleinen Spermatozoon aufgesucht. - -[64] Und nur _dafür_, daß niemand noch ein hysterisch verändertes -_Gewebe_ gesehen hat. - -[65] Aus diesem Grunde sind Frauen aus dem hysterischen Anfall (nach -_Janet_) so besonders leicht in Somnambulismus überzuführen: sie stehen -gerade dann bereits unter dem zwingendsten fremden Banne. - -[66] Ganz oberflächlich ist die alte Meinung, daß die Hysterika -_bewußt_ simuliere und lügnerische Geschichtlein erzähle. Die -Verlogenheit des Weibes liegt ganz im Unbewußten; der eigentlichen -Lüge, sofern diese einen Gegensatz zur Möglichkeit der Wahrheit bildet, -ist das Weib gar nicht fähig (S. 194, 369 und 384). - -[67] Auch unter den Männern finden sich hiezu Analogien: es gibt -geborene Diener, es gibt aber auch männliche Megären, z. B. Polizisten. -Merkwürdigerweise findet der Polizeimann im allgemeinen auch sein -_sexuelles_ Komplement im Dienstmädchen. - -[68] Die absolute Megäre wird ihren Mann nie fragen, was sie tun, -was sie z. B. kochen soll, die Hysterika ist immer ratlos und -verlangt nach der Inspiration von außen; dies sei, als ein banalstes -Erkennungszeichen beider, hier angeführt. - -[69] Die Magd, nicht die Megäre, ist auch jene Frau, von der man, -entgegen dem elften Kapitel, glauben könnte, daß sie der Liebe fähig -sei. Die Liebe dieser Frau ist aber nur der Vorgang des _geistigen_ -Erfülltwerdens von der Männlichkeit eines bestimmten Mannes, und darum -nur bei der Hysterika möglich; mit eigentlicher Liebe hat sie nichts -zu tun, und kann sie nichts zu tun haben. Auch in der Schamhaftigkeit -des Weibes ist ein solches Besessensein von einem Manne; erst hiedurch -kommt Abschließung gegen alle anderen Männer zustande. - -[70] S. 184. - -[71] S. 199. - -[72] S. 315 f., 330. - -[73] S. 173, 224. - -[74] Es ließen sich die Analogien zwischen höherem und niederem Leben -noch vermehren. Es ist nicht, wie man heute allgemein glaubt, nur -ein oberflächlicher Fehlschluß, wenn stets und überall der _Atem_ in -eine besondere Beziehung zur _Seele_ des Menschen gesetzt wurde. Wie -die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, d. h. im Zusammenhange -mit dem All lebt, so ist auch der Atem, viel allgemeiner noch als die -Sinnesorgane, Vermittler eines Konnexes zwischen jedem Organismus und -dem Weltganzen; und wenn er erlischt, ist das niedere Leben zu Ende. Er -ist das Prinzip des irdischen, wie die Seele das des ewigen Lebens. - -[75] Alle Individualität ist der Gemeinschaft feind: wo sie in -höchster Sichtbarkeit wirkt, wie im genialen Menschen, zeigt sich dies -gerade dem Geschlechtlichen gegenüber. Nur _hieraus_ erklärt es sich, -daß sicherlich alle bedeutenden Menschen, die, welche es verhüllt -aussprechen können, wie die Künstler, und die, welche so unendlich viel -verschweigen müssen wie die Philosophen -- weshalb man sie dann für -trocken und leidenschaftslos hält -- daß also alle genialen Menschen -ohne Ausnahme, soweit sie eine entwickelte Sexualität besitzen, an -den stärksten geschlechtlichen Perversionen leiden (entweder am -»_Sadismus_«, oder, wie zweifelsohne die größeren, am »_Masochismus_«). -Das allen jenen Neigungen Gemeinsame ist ein instinktives _Ausweichen_ -vor der völligen körperlichen Gemeinschaft, ein _Vorbeiwollen am -Koitus_. Denn einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Koitus mehr -sähe als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar in -ihm das tiefste, heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es -niemals geben. - -[76] Die männliche Freundschaft scheut das Niederreißen von Mauern -zwischen den Freunden. Freundinnen _verlangen_ Intimitäten _auf Grund_ -ihrer Freundschaft. - -[77] In solchen Fällen kommt die hübschere der weniger ansehnlichen -oder weniger beachteten zweiten mit einem aus Mitleid und Verachtung -gemischten Gefühl entgegen, welches, nebst dem Interesse an einer Folie -für die eigenen Vorzüge, allein die längere Aufrechthaltung derartiger -Beziehungen auch von ihrer Seite begünstigt. - -[78] Man darf dies nicht verwechseln mit der Fähigkeit, die ganze Natur -zu umfassen, wie sie der Mann hat, weil er _nicht nur_ Natur ist. Die -Frauen stehen _in_ der Natur als ein _Teil_ derselben, und in kausaler -Wechselbeziehung zu allen anderen Teilen: von Mond und Meer, von Wetter -und Gewitter, von Elektrizität und Magnetismus sind sie in einem viel -weiteren Ausmaß _abhängig_ als der Mann. - -[79] Vgl. S. 109. - -[80] Vgl. S. 128. - -[81] Vgl. S. 127, 129. - -[82] Vgl. hiezu auch S. 245. - -[83] Man vergleiche den Schluß des 10. Kapitels. - -[84] Vgl. Kapitel 11, Schluß. So auch, warum höher stehende Frauen -bisexuell sein, d. h. nicht _ausschließlich_ unter dem Regiment -des Phallus stehen müssen (Teil I, S. 81-82). Doch scheint in der -lesbischen Liebe _Hysterie_ eine beträchtliche Rolle zu spielen. - -[85] Der Verfasser hat hier zu bemerken, daß er selbst jüdischer -Abstammung ist. - -[86] Ein solcher vom Judentum fast freier Mann, und darum »Philosemit«, -war _Zola_. Daß hervorragendere Menschen sonst fast stets Antisemiten -waren (_Tacitus_, _Pascal_, _Voltaire_, _Herder_, _Goethe_, _Kant_, -_Jean Paul_, _Schopenhauer_, _Grillparzer_, _Wagner_) geht eben darauf -zurück, daß sie, die so viel mehr in sich haben als die anderen -Menschen, auch das Judentum besser verstehen als diese (vgl. Kapitel 4). - -[87] Vgl. Kapitel 11, S. 327. - -[88] Vgl. S. 139 f. - -[89] Und russisch. Die Russen aber sind bezeichnend wenig sozial -veranlagt, und haben unter allen europäischen Völkern das geringste -Verständnis für den Staat. Hiemit stimmt es nach dem vorigen nur -überein, daß sie durchwegs Antisemiten sind. - -[90] Der Glaube an Jehovah und die Lehre Mosis ist nur ein Glaube -an diese jüdische Gattung und ihre Lebenskraft; Jehovah ist die -personifizierte Idee des Juden_tums_. - -[91] Hier kam es mir darauf an, den Drang der Juden zur Chemie -einzuordnen. Der anderen Chemie, der Wissenschaft eines _Berzelius_, -_Liebig_, _van t'Hoff_ soll hiemit nicht nahegetreten sein. - -[92] Ein Genie ist _Spinoza_ nicht gewesen. Es gibt keinen -gedankenärmeren und keinen phantasieloseren Philosophen unter allen -_singulären_ Gestalten der Philosophiegeschichte. Und man mißversteht -den Spinozismus -- durch den Gedanken an _Goethe_ getäuscht -- -_völlig_, wenn man in ihm vielleicht den schamhaften Ausdruck eines -tiefsten Verhältnisses zur Natur erblickt. Wer das All umfassen will, -der kann nicht mit Definitionen beginnen. _Spinozas_ Verhältnis zur -Natur war vielmehr ein ausnehmend loses. Dazu stimmt es, daß er -auf seinem ganzen Lebenswege nirgends der Kunst begegnet ist (vgl. -Kapitel 11, S. 325 f.). - -[93] Vgl. Kapitel 12, S. 356, 363. - -[94] Dem hier entwickelten, _umfassenden_ Begriff der Frömmigkeit -könnten mannigfache Mißdeutungen leicht begegnen. Darum möchte ich zu -seiner Erläuterung noch einiges bemerken. Frömmigkeit liegt nicht bloß -im _Besitz_, sondern auch im Kampfe, um Besitz zu _erringen_: nicht -bloß der überzeugte _Gottverkünder_ (wie _Händel_, oder wie _Fechner_) -ist _fromm_, sondern auch der irrende, zweifelnde _Gottsucher_ (wie -_Lenau_, oder wie _Dürer_). Frömmigkeit braucht nicht in ewiger -Betrachtung vor dem Weltganzen zu stehen (so wie _Bach_ vor ihm steht); -sie mag (wie bei _Mozart_) als eine alle _Einzel_dinge _begleitende_ -Religiosität sich offenbaren. Sie ist endlich nicht an das Auftreten -eines Stifters gebunden: das frömmste Volk der Welt sind die _Griechen_ -gewesen, und darum war ihre Kultur die höchste unter allen bisherigen; -unter ihnen aber hat es sicher nie einen überragenden Religionsstifter -gegeben (dessen sie nicht bedurften; vgl. S. 440). - -[95] Hiegegen kann die jüdische Unduldsamkeit keinen Einwand bilden. -Wahre Religion ist _immer_ eifrig, aber _nie_ zelotisch. Intoleranz ist -vielmehr identisch mit Ungläubigkeit; wie die _Macht_ das täuschendste -Surrogat der _Freiheit_ ist, so entsteht Intoleranz nur aus dem Mangel -an _individueller Sicherheit_ des Glaubens. - -[96] Hieraus erst ist wirklich die Genielosigkeit des Juden erklärbar -(vgl. S. 236): nur Glaube ist schöpferisch. Und vielleicht spiegelt die -geringere geschlechtliche Potenz des Juden _dieselbe_ Tatsache in der -_niederen_ Sphäre wieder. - -[97] Der Mann erst schafft das Weib. Darum besitzen die Jüdinnen -bekanntermaßen jene Einfachheit der Christinnen nicht, die sich ohne -weiteres an das sexuelle Komplement hingibt. - -[98] Dies darf man aber nicht, wie _Schopenhauer_, und nach ihm -unter Benützung seiner mangelhaften psychologischen Distinktion, -H. S. _Chamberlain_, als ein Überwiegen des Willens und ein abnormes -Zurücktreten des Intellektes deuten. Der Jude ist gar nicht wirklich -willensstark, und seine innere Unentschiedenheit könnte sogar leicht -zu einer _irrigen_ Verwechslung mit psychischem »Masochismus«, das ist -Schwere und Hilflosigkeit im Augenblicke des Entschlusses, Anlaß geben. - -[99] Hier gelangt zur Erledigung, was aus den Erörterungen des vierten -bis achten Kapitels mit Absicht fern gehalten werden mußte. - -[100] Man erinnert sich hier vielleicht des S. 139 f. über die -psychologische Bedeutung der Gegensatzpaare Bemerkten. - -[101] Hierin liegt auch der Unterschied und die Grenze zwischen dem -Antisemitismus des Juden und dem Antisemitismus des Indogermanen -begründet. Dem jüdischen Antisemiten ist der Jude nur antipathisch; der -antisemitische Arier hingegen ist, wenn er auch noch so mutig den Kampf -gegen das Judentum führt, im Grunde seines Herzens doch immer, was der -Jude nie ist: _Judaeophobe_. - -[102] Vgl. Kapitel 12, S. 374 f. - -[103] Zum Beispiel der Laura _Marholm_. - -[104] Über den Einfluß der Ovarienexstirpation auf -Strukturveränderungen des Uterus. Archiv für Gynäkologie, 51, 1896, -286 ff. - -[105] Man würde sich einer sehr zweischneidigen Waffe bedienen, wenn -man diese Worte so auffassen wollte, als hätte Keats wie Hume erklärt, -keine Seele zu besitzen, da in Wirklichkeit vielmehr die Existenz der -Seele hierin ausgesprochen ist. - -[106] _Nietzsche_ hatte auch wohl recht, als er in ihm keinen echten -Hellenen erblickte; indes _Plato_ wieder ganz und gar Grieche ist. - - - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | - | gebräuchlich waren, wie: | - | | - | Abfalles -- Abfalls | - | Alkmaion -- Alkmäon | - | angeborene -- angeborne | - | Association -- Assoziation | - | Augenblickes -- Augenblicks | - | Descendenzlehre -- Deszendenzlehre | - | Detumescenz -- Detumeszenz | - | Eierstockes -- Eierstocks | - | Erection -- Erektion | - | Frauen-Emanzipation -- Frauenemanzipation | - | Gattungs-Ethik -- Gattungsethik | - | geborenen -- gebornen | - | Geschlechts-Dimorphismus -- Geschlechtsdimorphismus | - | Heniden-Theorie -- Henidentheorie | - | Herren -- Herrn | - | hiefür -- hierfür | - | Ich-Begriff -- Ichbegriff | - | Imperatives -- Imperativs | - | Inhaltes -- Inhalts | - | Irrtumes -- Irrtums | - | Judentumes -- Judentums | - | Kantische -- kantische | - | L'Instinct Sexuel -- L'instinct sexuel | - | Lawn-tennis-Spiel -- Lawntennisspiel | - | Materiales -- Materials | - | Mutter-Typus -- Muttertypus | - | Mythos -- Mythus | - | Nicht-Sein -- Nichtsein | - | Plato -- Platon | - | Schicksales -- Schicksals | - | Schön-Finden -- Schönfinden | - | stammesverwandten -- stammverwandten | - | Subjektes -- Subjekts | - | Systemes -- Systems | - | transcendental -- transscendental | - | ungeheuere -- ungeheure | - | Ursprunges -- Ursprungs | - | Urteil -- Urtheil | - | Verkehres -- Verkehrs | - | Vermittelung -- Vermittlung | - | Virginitäts-Ideal -- Virginitätsideal | - | weiteres -- weiters | - | Widerspruches -- Widerspruchs | - | | - | Fehlende Satzzeichen wurden ohne Erwähnung ergänzt. | - | Die folgenden Korrekturen wurden vorgenommen. Sie beinhalten | - | Teile der auf Seite 598 f. aufgeführten »Verbesserungen | - | sinnstörender Fehler«. | - | | - | S. XVIII »Erkenntis« in »Erkenntnis« geändert. | - | S. 3 »alles« in »allem« geändert (Fußnote). | - | S. 20 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert. | - | S. 22 »Spezifizität« in »Spezifität« geändert. | - | S. 30 »thelyoide« in »thelyide« geändert. | - | S. 34 « eingefügt. | - | S. 37 »Apperceptionen«« in »Apperzeptionen«« geändert. | - | S. 40 »bestimmer« in »bestimmter« geändert. | - | S. 45 »andern« in »anderen« geändert. | - | S. 48 »vertheidigen« in »verteidigen« geändert. | - | S. 54 »Kräpelin« in »Kraepelin« geändert. | - | S. 62 »thelyoide« in »thelyide« geändert. | - | S. 69 »einem« in »einer« geändert. | - | S. 85 »de la Mothe Guyon« in »de la Motte Guyon« geändert. | - | S. 85 »Elisabeth Barrett-Browning« in »Elizabeth Barrett | - | Browning« geändert. | - | S. 85 »Angelika Kaufmann« in »Angelika Kauffmann« geändert. | - | S. 85 »Etrangers« in »Étrangers« geändert. | - | S. 85 »vorherhand« in »vorderhand« geändert. | - | S. 114 »Intensivikationen« in »Intensifikationen« geändert. | - | S. 121 » in « geändert. | - | S. 126 »verschedenen« in »verschiedenen« geändert. | - | S. 134 »; oder denke« eingefügt. | - | S. 144 »Hero-worship« in »Hero-Worship« geändert. | - | S. 150 »schillerndern« in »schillernden« geändert. | - | S. 150 »Ubereinstimmung« in »Übereinstimmung« geändert. | - | S. 169 »da« in »daß« geändert. | - | S. 177 »Schellingens« in »Schellings« geändert. | - | S. 189 »sprunghaften« in »sprunghaftem« geändert. | - | S. 190 »repräsentiert« in »präsentiert« geändert. | - | S. 194 , eingefügt. | - | S. 216 »Intensivikationen« in »Intensifikationen« geändert. | - | S. 220 »erw durchärmter Stab« in »erwärmter Stab durch« geändert | - | (Fußnote). | - | S. 237 »caeteris« in »ceteris« geändert. | - | S. 264 »Phänome« in »Phänomene« geändert. | - | S. 267 « eingefügt (Fußnote). | - | S. 272 »innnere« in »innere« geändert. | - | S. 277 »und und« in »und« geändert. | - | S. 274 »zu« eingefügt. | - | S. 291 »ihrer« in »seiner« geändert. | - | S. 301 »größer« in »größere« geändert. | - | S. 311 »zusammenhangend« in »zusammenhängend« geändert. | - | S. 331 »der« in »des« geändert. | - | S. 333 »unermessliche« in »unermeßliche« geändert. | - | S. 333 »mir« in »mit« geändert. | - | S. 333 « eingefügt. | - | S. 345 »Gebahren« in »Gebaren« geändert. | - | S. 356 »wie« eingefügt. | - | S. 361 »sexuelles« in »asexuelles« geändert. | - | S. 366 »fremde« in »fremden« geändert. | - | S. 384 , entfernt. | - | S. 405 »kontrolierbare« in »kontrollierbare« geändert. | - | S. 405 »malaisch« in »malaiisch« geändert. | - | S. 425 »sie« in »es« geändert. | - | S. 428 »Ganze« in »Ganzes« geändert. | - | S. 434 »den Augenblick« in »der Augenblick« geändert. | - | S. 434 »sich Welt« in »sich die Welt« geändert. | - | S. 440 »Jndogermanen« in »Indogermanen« geändert (Fußnote). | - | S. 444 »von vorherein« in »von vornherein« geändert. | - | S. 448 »anstellt« in »anstrebt« geändert. | - | S. 449 »er geben« in »ergeben« geändert. | - | S. 449 »veranschlägt« in »veranschlagt« geändert. | - | S. 450 »Neu-Seeland« in »Neuseeland« geändert. | - | S. 451 »zu« entfernt. | - | S. 455 »Als« in »Also« geändert. | - | S. 456 »Anwort« in »Antwort« geändert. | - | S. 466 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert. | - | S. 467 »Hydatride« in »Hydatide« geändert. | - | S. 473 « eingefügt. | - | S. 474 »S. 397-368« in »S. 367-368« geändert. | - | S. 475 » eingefügt. | - | S. 476 »Je était« in »Il était« geändert. | - | S. 483 »hen-pheasants« in »Hen-Pheasants« geändert. | - | S. 486 »Literaturausgaben« in »Literaturangaben« geändert. | - | S. 488 »Hypospadaeus« in »Hypospadiaeus« geändert. | - | S. 491 »dioecisch« in »diözisch« geändert. | - | S. 494 « eingefügt. | - | S. 494 »Phyllanthus« in »phyllanthus« geändert. | - | S. 501 »Univeral-Bibliothek« in »Universal-Bibliothek« geändert. | - | S. 502 « eingefügt. | - | S. 505 »eröternde« in »erörternde« geändert. | - | S. 505 ) eingefügt. | - | S. 508 »Womans« in »Woman's« geändert. | - | S. 512 »Erscheinugen« in »Erscheinungen« geändert. | - | S. 514 »διδωσι« in »δίδωσιν« geändert. | - | S. 517 « in » geändert. | - | S. 517 ) eingefügt. | - | S. 522 »Stazion« in »Station« geändert. | - | S. 523 »Fremden« in »Fremdem« geändert. | - | S. 525 »Mathemathik« in »Mathematik« geändert. | - | S. 526 »he« in »the« geändert. | - | S. 534 »Ludwig Sein« in »Ludwig Stein« geändert. | - | S. 534 »caussa« in »causa« geändert. | - | S. 534 »καῖ« in »καὶ« geändert. | - | S. 534 « eingefügt. | - | S. 536 »mosh« in »most« geändert. | - | S. 537 »πολλὰ« in »πολλὰς« geändert. | - | S. 540 »or« in »of« geändert. | - | S. 545 »Halbmonatschrift« in »Halbmonatsschrift« geändert. | - | S. 552 , entfernt. | - | S. 554 »Peleus Tat« in »Peleus' Tat« geändert. | - | S. 554 « eingefügt. | - | S. 556 »Das philosophische Ehzuchtbüchlein« in »Das | - | Philosophisch Ehezuchtbüchlin« geändert. | - | S. 559 »Gardeners Chronicle« in »Gardeners' Chronicle« geändert. | - | S. 561 »chesnut« in »chestnut« geändert. | - | S. 561 »sexteenths« in »sixteenths« geändert. | - | S. 562 »whit« in »with« geändert. | - | S. 562 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert. | - | S. 564 »emfangende« in »empfangende« geändert. | - | S. 564 « entfernt. | - | S. 565 »Ogni« in »ogni« geändert. | - | S. 567 . in , geändert. | - | S. 567 »συτε« in »ουτε« geändert. | - | S. 570 »L'Etat« in »L'État« geändert. | - | S. 571 »anquel« in »auquel« geändert. | - | S. 572 »arriva« in »arrivait« geändert. | - | S. 573 »idées« in »Idées« geändert. | - | S. 577 « eingefügt. | - | S. 577 ] eingefügt. | - | S. 580 »entscheidensten« in »entscheidendsten« geändert. | - | S. 580 »Ptolemaern« in »Ptolemäern« geändert. | - | S. 581 »τε« eingefügt. | - | S. 581 »ειστιοντων« in »εισιοντων« geändert. | - | S. 581 »ειστιοντα« in »εισιοντα« geändert. | - | S. 581 »δυστφραστον« in »δυσφραστον« geändert. | - | S. 581 »εισταυθις« in »εισ αυθις« geändert. | - | S. 582 »κάμπυλον« in »καμπύλον« geändert. | - | S. 582 »studj« in »studi« geändert. | - | S. 583 »esmanire« in »exinanire« geändert. | - | S. 583 »li dei« in »gli dei« geändert. | - | S. 590 »Tätigkeit« in »Thätigkeit« geändert. | - | S. 595 « entfernt. | - | | - +------------------------------------------------------------------+ - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT UND CHARAKTER*** - - -******* This file should be named 51221-0.txt or 51221-0.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/1/2/2/51221 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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