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-The Project Gutenberg eBook, Geschlecht und Charakter, by Otto Weininger
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-Title: Geschlecht und Charakter
- Eine prinzipielle Untersuchung
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-Author: Otto Weininger
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-Release Date: February 14, 2016 [eBook #51221]
-
-Language: German
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-Character set encoding: UTF-8
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-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT UND CHARAKTER***
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-E-text prepared by Peter Becker, Jana Srna, Norbert H. Langkau, and the
-Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page
-images generously made available by Austrian Literature Online
-(http://www.literature.at)
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-Note: Images of the original pages are available through
- Austrian Literature Online. See
- http://www.literature.at/viewer.alo?objid=12020&page=1&viewmode=fullscreen
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- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, kursiver Text |
- | als ~kursiv~ und Fettschrift als $fett$. |
- | |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
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-GESCHLECHT UND CHARAKTER
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-Eine prinzipielle Untersuchung
-
-von
-
-DR. OTTO WEININGER
-
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-Wien und Leipzig
-Wilhelm Braumüller
-K. u. K. Hof- U. Universitäts-Buchhändler
-1903
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-GESCHLECHT UND CHARAKTER.
-
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-GESCHLECHT UND CHARAKTER
-
-Eine prinzipielle Untersuchung
-
-von
-
-DR. OTTO WEININGER
-
-
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-[Illustration]
-
-Wien und Leipzig.
-Wilhelm Braumüller
-K. U. K. Hof- und Universitäts-Buchhändler.
-1903.
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-VORBEHALTEN.
-Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung
-
-Druck von Friedrich Jasper in Wien.
-
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-
-VORWORT.
-
-
-Dieses Buch unternimmt es, das Verhältnis der Geschlechter in ein
-neues Licht zu rücken. Es sollen nicht möglichst viele einzelne
-Charakterzüge aneinandergereiht, nicht die Ergebnisse der bisherigen
-wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt, sondern
-die Ableitung alles Gegensatzes von Mann und Weib aus _einem_ einzigen
-Prinzipe versucht werden. Hiedurch unterscheidet es sich von allen
-anderen Büchern dieser Art. Es verweilt nicht bei diesem oder jenem
-Idyll, sondern dringt bis zu einem letzten Ziele vor; es häuft nicht
-Beobachtung auf Beobachtung, sondern bringt die geistigen Differenzen
-der Geschlechter in ein System; es gilt nicht den Frauen, sondern
-der Frau. Zwar nimmt es stets das Alltäglichste und Oberflächlichste
-zu seinem Ausgangspunkt, aber nur, um alle konkrete Einzelerfahrung
-zu _deuten_. Das ist hier nicht »induktive Metaphysik«, sondern
-schrittweise psychologische Vertiefung.
-
-Die Untersuchung ist keine spezielle, sondern eine prinzipielle; sie
-verachtet das Laboratorium nicht, wenn ihr auch seine Hülfsmittel
-dem tieferen Probleme gegenüber beschränkt erscheinen vor dem
-Werke der selbstbeobachtenden Analyse. Auch der Künstler, der ein
-weibliches Wesen darstellt, kann Typisches geben, ohne sich vor einer
-experimentellen Merkergilde durch Zahl und Serie legitimiert zu haben.
-Der Künstler verschmäht nicht die Erfahrung, er betrachtet es im
-Gegenteile als seine _Pflicht_, Erfahrung zu gewinnen; aber sie ist ihm
-nur der Ausgangspunkt eines Versenkens in sich selbst, das in der Kunst
-wie ein Versenken in die Welt erscheint.
-
-Die Psychologie nun, welche hier der Darstellung dient, ist eine
-durchaus philosophische, wenn auch ihre eigentümliche Methode, die
-allein durch das eigentümliche Thema sich rechtfertigt, es bleibt,
-vom trivialsten Erfahrungsbestande auszugehen. Der Philosoph aber hat
-nur eine der Form nach vom Künstler verschiedene Aufgabe. Was diesem
-Symbol ist, wird jenem Begriff. Wie Ausdruck und Inhalt, so verhalten
-sich Kunst und Philosophie. Der Künstler hat die Welt eingeatmet, um
-sie auszuatmen; für den Philosophen ist sie ausgeatmet, und er muß sie
-wieder einatmen.
-
-Indes hat alle Theorie notwendig immer etwas Prätentiöses; und so
-kann derselbe Inhalt, der im Kunstwerk wie Natur erscheint, hier, im
-philosophischen Systeme, als eng zusammengezogene Behauptung über
-ein Allgemeines, als These, die dem Satz vom Grunde untersteht und
-den Beweis antritt, viel schroffer, ja beleidigend wirken. Wo die
-Darstellung antifeministisch ist -- und das ist sie fast immer --
-dort werden auch die Männer ihr nie gerne und mit voller Überzeugung
-zustimmen: ihr sexueller Egoismus läßt sie das Weib immer lieber so
-sehen, wie sie es haben wollen, wie sie es lieben wollen.
-
-Und wie sollte ich nicht erst auf die Antwort gefaßt sein, welche die
-Frauen für mein Urteil über ihr Geschlecht haben werden?
-
-Daß die Untersuchung an ihrem Ende gegen den _Mann_ sich kehrt, und,
-freilich in einem tieferen Sinne, als die Frauenrechtlerin ahnt, _ihm_
-die größte Schuld zumißt, das wird ihrem Verfasser wenig fruchten, und
-ist von einer Beschaffenheit, die ihn zu allerletzt beim _weiblichen_
-Geschlechte könnte rehabilitieren helfen.
-
-Zum Schuldproblem aber gelangt die Analyse, weil sie von den vordersten
-und nächstliegenden Phänomenen bis zu Punkten aufsteigt, von denen
-nicht nur ein Einblick in das Wesen des Weibes und seine Bedeutung im
-Weltganzen, sondern auch der Aspekt auf sein Verhältnis zur Menschheit
-und zu deren letzten und höchsten Aufgaben sich öffnet, von wo zum
-Kulturproblem eine Stellung gewonnen und die Leistung der Weiblichkeit
-für das Ganze der ideellen Zwecke eingeschätzt werden kann. Dort also,
-wo Kultur- und Menschheitsproblem zusammenfallen, wird nicht mehr bloß
-zu erklären, sondern auch zu werten versucht; ja dort fallen Erklärung
-und Wertung von selbst zusammen.
-
-Zu solcher Höhe des Ausblickes gelangt die Untersuchung gleichsam
-gezwungen, ohne von Anfang an auf sie loszusteuern. Auf dem
-empirisch-psychologischen Boden selber ergibt sich ihr allmählich die
-Unzulänglichkeit aller empirisch-psychologischen Philosophie. Ihr
-Respekt vor der Erfahrung wird hievon nicht beeinträchtigt, denn stets
-wird vor dieser die Ehrfurcht nur erhöht und nicht zerstört, wenn der
-Mensch in der Erscheinung -- freilich dem Einzigen, das er erlebt --
-jene Bestandteile bemerkt, die es ihm zur Gewißheit machen, daß es
-nicht _bloß_ Erscheinung gibt, wenn er jene Zeichen in ihr wahrnimmt,
-die auf ein Höheres, _über_ ihr Gelegenes weisen. Daß ein solcher
-Urquell ist, läßt sich feststellen, auch wenn kein Lebender je zu ihm
-vordringen wird. Und bis in die Nähe dieses Quells will auch dieses
-Buch leiten, und nicht eher rasten.
-
-Innerhalb des Engpasses, in welchem die gegensätzlichen Meinungen über
-die Frau und ihre Frage bis nun immer aufeinander gestoßen sind, hätte
-es freilich nie gewagt werden dürfen, solch hohes Ziel anzustreben.
-Aber das Problem ist eines, das mit allen tiefsten Rätseln des
-Daseins im Zusammenhange steht. Nur unter der sicheren Führung einer
-_Weltanschauung_ kann es, praktisch und theoretisch, moralisch oder
-metaphysisch aufgelöst werden.
-
-Es sind nur Keime einer solchen Gesamtauffassung, die in diesem
-Buche sichtbar werden, einer Auffassung, die den Weltanschauungen
-_Platos_, _Kantens_ und _des Christentums_ am nächsten steht. Aber
-die wissenschaftliche, psychologisch-philosophische, logisch-ethische
-Grundlegung mußte ich mir zu einem großen Teile selbst schaffen. Vieles
-zwar, dessen nähere Ausführung nicht möglich war, gedenke ich demnächst
-eingehend zu begründen. Wenn ich dennoch gerade auf diese Partien
-des Buches hier ausdrücklich verweise, so ist es, weil mir an der
-Beachtung dessen, was über die tiefsten und allgemeinsten Probleme in
-ihm ausgesprochen ist, noch mehr liegt, als an dem Beifall, welchen die
-besondere Anwendung auf die Frauenfrage allenfalls erwarten könnte.
-
-Sollte es den philosophischen Leser peinlich berühren, daß die
-Behandlung der höchsten und letzten Fragen hier gleichsam _in
-den Dienst_ eines Spezialproblemes von nicht übergroßer Dignität
-gestellt scheint: so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser
-Empfindung. Doch darf ich sagen, daß durchaus das Einzelproblem
-des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den Ausgangspunkt als das
-Ziel des tieferen Eindringens bildet. So erfloß reicher Gewinn
-aus seiner Behandlung auch für das Problem der Genialität, des
-Unsterblichkeitsbedürfnisses und des Judentumes. Daß die umfassenden
-Auseinandersetzungen schließlich dem Spezialproblem zugute kommen,
-weil es in um so mannigfachere Beziehungen tritt, je mehr das Gebiet
-sich vergrößert, das ist natürlich. Und wenn sich in diesem weiteren
-Zusammenhange herausstellt, wie gering die Hoffnungen sind, welche
-Kultur an die Art des Weibes knüpfen kann, wenn die letzten Resultate
-eine vollständige Entwertung, ja eine Negation der Weiblichkeit
-bedeuten: es wird durch sie nichts vernichtet, was _ist_, nichts
-heruntergesetzt, was _an sich_ einen Wert _hat_. Müßte mich doch selbst
-ein gewisses Grauen vor der eigenen Tat anwandeln, wäre ich hier
-wirklich nur Zerstörer, und bliebe nichts auf dem Plan! Die Bejahungen
-des Buches sind vielleicht weniger kräftig instrumentiert worden: wer
-hören kann, wird sie wohl aus allem zu vernehmen wissen.
-
-Die Arbeit zerfällt in zwei Teile: einen ersten,
-biologisch-psychologischen, und einen zweiten,
-psychologisch-philosophischen. Vielleicht wird mancher dafürhalten, daß
-ich aus dem Ganzen besser zwei Bücher hätte machen sollen, ein rein
-naturwissenschaftliches und ein rein introspektives. Allein ich mußte
-von der Biologie mich befreien, um ganz Psychologe sein zu können. Der
-zweite Teil behandelt gewisse seelische Probleme recht anders, als sie
-jeder Naturforscher heute wohl behandeln würde, und ich bin mir bewußt,
-daß ich hiedurch auch die Aufnahme des ersten Teiles bei einem großen
-Teile des Publikums gefährde; gleichwohl erhebt dieser erste Teil in
-seiner Gänze den Anspruch auf eine Beachtung und Beurteilung seitens
-der Naturwissenschaft, was der zweite, mehr der inneren Erfahrung
-zugekehrte, nur an wenigen Stellen vermag. Weil dieser zweite Teil aus
-einer nichtpositivistischen Weltanschauung hervorgegangen ist, werden
-von manchen beide für unwissenschaftlich gehalten werden (obwohl der
-Positivismus dortselbst eine strenge Widerlegung erfährt). Hiemit
-muß ich mich einstweilen abfinden, in der Überzeugung, der Biologie
-gegeben zu haben, was ihr gebührt, und einer nichtbiologischen,
-nichtphysiologischen Psychologie das Recht gewahrt zu haben, welches
-ihr für alle Zeiten bleiben wird.
-
-Vielleicht wird man der Untersuchung an gewissen Punkten vorwerfen, daß
-sie nicht genug der _Beweise_ bringe; allein eben dies däucht mich ihre
-geringste Schwäche. Denn was könnte in diesem Gegenstande »Beweisen«
-wohl heißen? Es ist nicht Mathematik und nicht Erkenntnistheorie (die
-letztere nur an zwei Stellen), was hier abgehandelt wird; es sind
-erfahrungswissenschaftliche Dinge, und da kann höchstens der Finger
-gelegt werden auf das, was _ist_; was man sonst hier _beweisen_ nennt,
-ist ein bloßes Zusammenstimmen der neuen Erfahrungen mit den alten;
-und da bleibt es sich gleich, ob das neue Phänomen vom Menschen
-experimentell erzeugt wird oder schon aus der Schöpferhand der Natur
-fertig vorliegt. Der letzteren Beweise aber bringt diese Schrift eine
-große Zahl.
-
-Das Buch ist endlich, soweit ich das zu beurteilen vermag, (in seinem
-Hauptteile) nicht ein solches, das man nach einmaliger flüchtiger
-Lektüre verstehen und in sich aufnehmen könnte; zur Orientierung des
-Lesers und zum eigenen Schutze will ich selber diesen Umstand hier
-anmerken.
-
-Je weniger ich in beiden Teilen (vornehmlich im zweiten) Altes, längst
-Bekanntes wiederholt habe, desto mehr mußte ich dort, wo ich mit
-früher Ausgesprochenem und allgemeiner Anerkanntem in Übereinstimmung
-mich fand, auf alle Koinzidenzen hinweisen. Diesem Zwecke dienen die
-Literaturnachweise des Anhanges. Ich habe mich bemüht, die Citate
-in genauer und für Fachmänner wie für Laien brauchbarer Gestalt
-wiederzugeben. Dieser größeren Ausführlichkeit wegen, und um die
-Lektüre des Textes nicht ein fortwährendes Stolpern werden zu lassen,
-sind sie an den Schluß des Buches verwiesen.
-
-Dem Herrn Universitätsprofessor Dr. Laurenz _Müllner_ statte ich
-geziemenden Dank ab für die wirksame Förderung, welche er mir hat
-zuteil werden lassen; Herrn Professor Dr. Friedrich _Jodl_ für das
-freundliche Interesse, welches er meinen Arbeiten von Anbeginn
-entgegenbrachte. Ganz besonders fühle ich mich auch den Freunden
-verpflichtet, welche mich bei der Korrektur des Buches unterstützten.
-
-
-
-
-INHALTSVERZEICHNIS.
-
-
- Seite
-
- Vorwort V-XI
-
- Inhaltsverzeichnis XIII-XXII
-
-
- Erster (vorbereitender) Teil: $Die sexuelle
- Mannigfaltigkeit$ 1-93
-
- Einleitung 3-6
-
- Über Begriffsentwicklung im allgemeinen und
- im besonderen. Mann und Weib. Widersprüche.
- Fließende Übergänge. Anatomie und Begabung.
- Keine Sicherheit im Morphologischen?
-
- I. Kapitel: »Männer und Weiber« 7-13
-
- Embryonale Undifferenziertheit. Rudimente beim
- Erwachsenen. Grade des »Gonochorismus«. Prinzip
- der Zwischenformen. M und W. Belege. Notwendigkeit
- der Typisierung. Resumé. Älteste
- Ahnungen.
-
- II. Kapitel: Arrhenoplasma und Thelyplasma 14-30
-
- Sitz des Geschlechtes. _Steenstrups_ Ansicht
- befürwortet. Sexualcharaktere. Innere Sekretion.
- Idioplasma -- Arrhenoplasma -- Thelyplasma. Schwankungen.
- Beweise aus erfolgloser Kastration. Transplantation
- und Transfusion. Organotherapie. Individuelle
- Unterschiede zwischen den einzelnen Zellen.
- Ursache der sexuellen Zwischenformen. Gehirn.
- Knabenüberschuß der Geburten. Geschlechtsbestimmung.
- Vergleichende Pathologie.
-
- III. Kapitel: Gesetze der sexuellen Anziehung 31-52
-
- Sexueller »Geschmack«. Wahrscheinlichkeit eines
- Gesetzmäßigen. Erste Formel. Erste Deutung. Beweise.
- Heterostylie. Interpretation derselben. Tierreich.
- Weitere Gesetze. Zweite Formel. Chemotaxis? Analogien
- und Differenzen. »Wahlverwandtschaften.« Ehebruch und
- Ehe. Folgen für die Nachkommenschaft.
-
- IV. Kapitel: Homosexualität und Päderastie 53-62
-
- Homosexuelle als sexuelle Zwischenformen. Angeboren
- oder erworben, gesund oder krankhaft? Spezialfall
- des Gesetzes. Alle Menschen mit der Anlage zur
- Homosexualität. Freundschaft und Sexualität. Tiere.
- Vorschlag einer Therapie. Homosexualität, Strafgesetz
- und Ethik. Distinktion zwischen Homosexualität und
- Päderastie.
-
- V. Kapitel: Anwendung auf die Charakterologie 63-78
-
- Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen als ein
- kardinaler Grundsatz der Individualpsychologie.
- Simultaneität oder Periodizität? Methode der
- psychologischen Untersuchung. Beispiele.
- Individualisierende Erziehung. Gleichmacherei.
- Morphologisch-charakterologischer Parallelismus. Die
- Physiognomik und das Prinzip der Psychophysik. Methodik
- der Varietätenlehre. Eine neue Fragestellung. Deduktive
- Morphologie. Korrelation und Funktionsbegriff.
- Aussichten.
-
- VI. Kapitel: Die emanzipierten Frauen 79-93
-
- Frauenfrage. Emanzipationsbedürfnis und Männlichkeit.
- Emanzipation und Homosexualität. Sexueller Geschmack
- der emanzipierten Frauen. Physiognomisches über
- sie. Die übrigbleibenden Berühmtheiten. W und die
- Emanzipation. Praktische Regel. Männlichkeit alles
- Genies. Die Frauenbewegung in der Geschichte.
- Periodizität. Biologie und Geschichtsauffassung.
- Aussichten der Frauenbewegung. Ihr Grundirrtum.
-
-
- Zweiter oder Hauptteil: $Die sexuellen Typen$ 95-461
-
- I. Kapitel: Mann und Weib 97-105
-
- Bisexualität und Unisexualität. Man ist Mann _oder_
- Weib. Das Problematische in diesem Sein und die
- Hauptschwierigkeit der Charakterologie. Das Experiment,
- die Empfindungsanalyse und die Psychologie. _Dilthey._
- Begriff des empirischen Charakters. Ziel und Nicht-Ziel
- der Psychologie. Charakter und Individualität. Problem
- der Charakterologie und Problem der Geschlechter.
-
- II. Kapitel: Männliche und weibliche Sexualität 106-116
-
- Problem einer weiblichen Psychologie. Der
- Mann als Psychologe des Weibes. Unterschiede im
- »Geschlechtstrieb«. Im »Kontrektations-« und
- »Detumeszenztrieb«. Intensität und Aktivität. Sexuelle
- Irritabilität der Frau. Größere Breite des Sexuallebens
- bei W. Geschlechtliche Unterschiede im
- Empfinden der Geschlechtlichkeit. Örtliche und zeitliche
- Abhebung der männlichen Sexualität. Unterschiede
- im Bewußtseinsgrade der Sexualität.
-
- III. Kapitel: Männliches und weibliches Bewußtsein 117-130
-
- Empfindung und Gefühl. Ihr Verhältnis. _Avenarius'_
- Einteilung in »Elemente« und »Charaktere«. Auf einem
- frühesten Stadium noch nicht durchführbar. Verkehrtes
- Verhältnis zwischen Distinktheit und Charakterisierung.
- Prozeß der Klärung. Ahnungen. Grade des Verstehens.
- Vergessen. Bahnung und Artikulation. Die Henide als
- das einfachste psychische Datum. Geschlechtlicher
- Unterschied in der Artikulation der Inhalte.
- Sensibilität. Urteilssicherheit. Das entwickelte
- Bewußtsein als männlicher Geschlechtscharakter.
-
- IV. Kapitel: Begabung und Genialität 131-144
-
- Genie und Talent. Genial und geistreich. Methode.
- Verständnis für mehr Menschen. Was es heißt: einen
- Menschen verstehen? Größere Kompliziertheit des
- Genies. Perioden im psychischen Leben. Keine
- Herabwürdigung der bedeutenden Menschen. Verstehen
- und Bemerken. Innerer Zusammenhang von Licht und
- Wachsein. Endgültige Feststellung der Bedingungen des
- Verstehens. Allgemeinere Bewußtheit des Genies. Größte
- Entfernung vom Henidenstadium; danach höherer Grad von
- Männlichkeit. Nur Universalgenies. W ungenial und ohne
- Heldenverehrung. Begabung und Geschlecht.
-
- V. Kapitel: Begabung und Gedächtnis 145-181
-
- Artikulation und Reproduzierbarkeit. Gedächtnis an
- Erlebnisse als Kennzeichen der Begabung. Erinnerung
- und Apperzeption. Anwendungen und Folgerungen.
- Fähigkeit des Vergleichens und Beziehens. Gründe für
- die Männlichkeit der Musik. Zeichnung und Farbe,
- Grade der Genialität; das Verhältnis des Genius zum
- ungenialen Menschen. Selbstbiographie. Fixe Ideen.
- Erinnerung an das Selbstgeschaffene. _Kontinuierliches
- und diskontinuierliches Gedächtnis._ Einheit des
- biographischen Selbstbewußtseins nur bei M. Charakter
- der weiblichen Erinnerungen. Kontinuität und Pietät.
- Vergangenheit und Schicksal. _Vergangenheit und
- Zukunft._ _Unsterblichkeitsbedürfnis._ Bisherige
- psychologische Erklärungsversuche. Wahre Wurzel. Innere
- Entwicklung des Menschen bis zum Tode. Ontogenetische
- Psychologie oder theoretische Biographie. _Die Frau
- ohne jedes Unsterblichkeitsbedürfnis._ -- Fortschritt
- zu tieferer Analyse des Zusammenhanges mit dem
- Gedächtnis. _Gedächtnis und Zeit._ Postulierung des
- Zeitlosen. _Der Wert als das Zeitlose._ Erstes Gesetz
- der Werttheorie. Nachweise. Individuation und Dauer
- als konstitutiv für den Wert. _Wille zum Wert._
- Das Unsterblichkeitsbedürfnis als _Spezialfall_.
- Unsterblichkeitsbedürfnis des Genies, zusammenfallend
- mit seiner Zeitlosigkeit durch sein universales
- Gedächtnis und die ewige Dauer seiner Werke. Das Genie
- und die Geschichte. Das Genie und die Nation. Das
- Genie und die Sprache. Die »Männer der Tat« und die
- »Männer der Wissenschaft« ohne Anrecht auf den Titel
- des Genius; anders Philosoph (Religionsstifter) und
- Künstler.
-
- VI. Kapitel: Gedächtnis, Logik, Ethik 182-196
-
- Psychologie und Psychologismus. Würde des
- Gedächtnisses. Theorien des Gedächtnisses. Übungs-
- und Associationslehren. Verwechslung mit dem
- Wiedererkennen. Gedächtnis nur dem Menschen
- eigen. Moralische Bedeutung. Lüge und Zurechnung.
- Übergang zur Logik. Gedächtnis und Identitätsprinzip.
- Gedächtnis und Satz vom Grunde. Die
- Frau alogisch und amoralisch. Intellektuelles und
- sittliches Gewissen: intelligibles Ich.
-
- VII. Kapitel: Logik, Ethik und das Ich 197-211
-
- Die Kritiker des Ich-Begriffes: _Hume_, _Lichtenberg_,
- _Mach_. Das _Mach_sche Ich und die Biologie.
- Individuation und Individualität, Logik und Ethik als
- Zeugen für die Existenz des Ich. -- Erstens die Logik:
- die Sätze der Identität und des Widerspruches. Die
- Frage ihres Nutzens und ihrer Bedeutung. Die logischen
- Axiome als identisch mit der begrifflichen Funktion.
- Definition des logischen Begriffes als Norm der Essenz.
- Die logischen Axiome als eben diese Norm der _Essenz_,
- welche _Existenz_ einer Funktion ist. Diese Existenz
- als das absolute Sein oder das Sein des absoluten Ich.
- _Kant_ und _Fichte_. Logizität als Norm. Denkfreiheit
- neben Willensfreiheit. -- Zweitens die Ethik.
- Zurechnung. Das Verhältnis der Ethik zur Logik. Die
- Verschiedenheit der Subjektsbeweise aus der Logik und
- der Ethik. Eine Unterlassung _Kant_ens. Ihre sachlichen
- und ihre persönlichen Gründe. Zur Psychologie der
- Kantischen Ethik. _Kant_ und _Nietzsche_.
-
- VIII. Kapitel: Ich-Problem und Genialität 212-238
-
- Die Charakterologie und der Glaube an das Ich. Das
- Ich-Ereignis: _Jean Paul_, _Novalis_, _Schelling_.
- Ich-Ereignis und Weltanschauung. Selbstbewußtsein
- und Anmaßung. Die Ansicht des Genies höher zu
- werten als die der anderen Menschen. Endgültige
- Feststellungen über den Begriff des Genies. Die
- geniale Persönlichkeit als der vollbewußte Mikrokosmus.
- Natürlich-synthetische und sinnerfüllende Tätigkeit des
- Genies. Bedeutung und Symbolik. Definition des Genies
- im Verhältnis zum gewöhnlichen Menschen. Universalität
- als Freiheit. Sittlichkeit oder Unsittlichkeit des
- Genies? Pflichten gegen sich und gegen andere. Was
- Pflicht gegen andere ist. Kritik der Sympathiemoral und
- der sozialen Ethik. Verständnis des Nebenmenschen als
- einzige Forderung der Sittlichkeit wie der Erkenntnis.
- Ich und Du. Individualismus und Universalismus.
- Sittlichkeit nur unter Monaden. Der genialste Mensch
- als der sittlichste Mensch. Warum der Mensch ζῷον
- πολιτικόν ist. Bewußtsein und Moralität. Der »große
- Verbrecher.« Genialität als Pflicht und Gehorsam. Genie
- und Verbrechen. Genie und Irrsinn. Der Mensch als
- Schöpfer seiner selbst.
-
- IX. Kapitel: Männliche und weibliche Psychologie 239-279
-
- Seelenlosigkeit des Weibes. Geschichte dieser
- Erkenntnis. Das Weib gänzlich ungenial. Keine
- männlichen Frauen im strengen Sinne. Unbegriffliche
- Natur des Weibes, aus dem Mangel des Ich zu erklären.
- Korrektur der Henidentheorie. Weibliches Denken.
- _Begriff und Objekt._ _Begriff und Urteil._ _Wesen des
- Urteils._ Das Weib und die Wahrheit als Richtschnur des
- Denkens. _Der Satz vom Grunde und sein Verhältnis zum
- Satz der Identität._ _Amoralität, nicht Antimoralität
- des Weibes._ _Das Weib und das Einsamkeitsproblem._
- Verschmolzenheit, nicht Gesellschaft. Weibliches
- Mitleid und weibliche Schamhaftigkeit. Das Ich der
- Frauen. Weibliche Eitelkeit. Mangel an Eigenwert.
- Gedächtnis für Huldigungen. Selbstbeobachtung und
- Reue. Gerechtigkeit und Neid. Name und Eigentum.
- Beeinflußbarkeit. -- Radikale Differenz zwischen
- männlichem und weiblichem Geistesleben. Psychologie
- ohne und mit Seele. Psychologie eine Wissenschaft?
- Freiheit und Gesetzlichkeit. Die Grundbegriffe
- der Psychologie transcendenter Natur. _Psyche und
- Psychologie._ Die Hilflosigkeit der seelenlosen
- Psychologie. Wo »Spaltungen der Persönlichkeit«
- allein möglich sind. Psychophysischer Parallelismus
- und Wechselwirkung. Problem der Wirkung psychischer
- Sexualcharaktere des Mannes auf das Weib.
-
- X. Kapitel: Mutterschaft und Prostitution 280-313
-
- Spezielle weibliche Charakterologie. Mutter und Dirne.
- Anlage zur Prostitution angeboren, aber nicht allein
- entscheidend. Einfluß des Mannes. Versehen. Verhältnis
- beider Typen zum Kinde. Die Frau polygam. Ehe und
- Treue. Sitte und Recht. Analogien zwischen Mutterschaft
- und Sexualität. Mutter und Gattungszweck. Die »alma«
- mater. Die Mutterliebe ethisch indifferent. Die Dirne
- außerhalb des Gattungszweckes. Die Prostituierte und
- die sozial anerkannte Moral. Die Prostituierte, der
- Verbrecher und Eroberer. Nochmals der »Willensmensch«
- und sein Verhältnis zum Genie. Hetäre und Imperator.
- Motiv der Dirne. Koitus Selbstzweck. Koketterie. Die
- Empfindungen des Weibes beim Koitus im Verhältnis zu
- seinem sonstigen Leben. Mutterrecht und Vaterschaft.
- Versehen und Infektionslehre. Die Dirne als Feindin.
- Bejahung und Verneinung. Lebensfreundlichkeit und
- Lebensfeindlichkeit. Keine Prostitution bei den Tieren.
- Rätsel im Ursprung.
-
- XI. Kapitel: Erotik und Ästhetik 314-341
-
- Weiber und Weiberhaß. Erotik und Sexualität.
- Platonische Liebe und Sinnlichkeit. Problem
- einer _Idee_ der Liebe. -- Die Schönheit des
- Weibes. Ihr Verhältnis zum Sexualtrieb. Liebe und
- Schönheit. Der Unterschied der Ästhetik von der
- Logik und Ethik als Normwissenschaften. Wesen
- der Liebe. Projektionsphänomen. Schönheit und
- Sittlichkeit. Schönheit und Vollkommenheit. Natur
- und Ethik. _Naturschönheit und Kunstschönheit._
- Naturgesetz und Kunstgesetz. Naturzweckmäßigkeit
- und Kunstzweckmäßigkeit. Die Einzelschönheit. Die
- Geschlechtsliebe als Schuld. Haß und Liebe als
- Erleichterungen des moralischen Strebens. Die
- Schöpfung des Teufels. Liebe und Mitleid. Liebe und
- Schamhaftigkeit. Liebe und Eifersucht. Liebe und
- Erlösungsbedürfnis. Das Weib in der Erotik Mittel zum
- Zweck. Problem des Zusammenhanges von Kind und Liebe,
- Kind und Sexualität. Grausamkeit nicht nur in der
- Lust, sondern noch in der Liebe. Liebe und Mord. Liebe
- als Feigheit, Unrecht, Irrtum. Der Madonnenkult. Die
- Madonna eine gedankliche Konzeption des Mannes; ohne
- Grund in der realen Weiblichkeit. Widerstreben gegen
- die Einsicht in das wahre Weib. Die Liebe des Mannes
- zum Weibe als Spezialfall. Das Weib nur sexuell, nicht
- erotisch. Der Schönheitssinn der Frauen. Schön und
- hübsch. Liebe und Verliebtheit. Wodurch der Mann auf
- die Frau wirkt. Das Fatum des Weibes. Einordnung der
- neuen Erkenntnis unter die früheren. Die Liebe als
- bezeichnend für das Wesen der Menschheit. Warum der
- Mann das Weib liebt. Möglichkeiten.
-
- XII. Kapitel: Das Wesen des Weibes und sein
- Sinn im Universum 342-402
-
- Gleichheit oder Gleichstellung. P. J. _Moebius_.
- Sinnlosigkeit oder Bedeutung der Weiblichkeit.
- _Kuppelei._ Instinktiver Drang. Der Mann und die
- Kuppelei. Welche Phänomene noch weiter Kuppelei sind.
- Hochwertung des Koitus. Der eigene Geschlechtstrieb ein
- Spezialfall. Mutter -- Dirne. Das Wesen des Weibes nur
- in der Kuppelei ausgesprochen. Kuppelei = Weiblichkeit
- = universale Sexualität.
-
- System von Einwänden und Widersprüchen. Notwendigkeit
- der Auflösung. Beeinflußbarkeit und Passivität.
- Unbewußte Verleugnung der eigenen Natur als Folge.
- _Organische Verlogenheit_ des Weibes. _Die Hysterie._
- Psychologisches Schema für den »Mechanismus« der
- Hysterie. Definition der letzteren. Zustand der
- Hysterischen. _Eigentümliches Wechselspiel: die fremde
- Natur als die eigene, die eigene als die fremde._
- Der »Fremdkörper«. Zwang und Lüge. Heteronomie der
- Hysterischen. Wille und Kraft zur Wahrheit. Der
- hysterische Paroxysmus. Was abgewehrt wird. Die
- hysterische Konstitution. _Magd und Megäre._ Die
- Megäre als Gegenteil der Hysterika. Die Wahrheitsliebe
- der Hysterika als _ihre_ Lüge. Die hysterische
- Keuschheit und Abneigung gegen den Geschlechtsakt.
- Das hysterische Schuldbewußtsein und die hysterische
- Selbstbeobachtung. Die Visionärin und Seherin im Weibe.
- Die Hysterie und die Unfreiheit des Weibes. Sein
- Schicksal und dessen Hoffnungslosigkeit.
-
- Notwendigkeit der Zurückführung auf ein letztes
- Prinzip. Unterschiede zwischen Mensch und Tier,
- zwischen Mann und Frau. Übersichtstafel. Das zweite
- oder höhere _Leben_, das metaphysische _Sein_ im
- Menschen. Analogien zum niederen Leben. Nur im Manne
- ewiges Leben. Das Verhältnis beider Leben und die
- Erbsünde. Geburt und Tod. Freiheit und Glück. Das Glück
- und der Mann. Das Glück und die Frau. Die Frau und das
- Problem des Lebens. _Nichtsein des Weibes._ Hieraus
- zunächst die _Möglichkeit_ von Lüge und Kuppelei,
- Amoralität und Alogizität erschlossen. Nochmals die
- Kuppelei. Gemeinschaft und Sexualität. Männliche und
- weibliche Freundschaft. Kuppelei wider Eifersucht.
- Kuppelei identisch mit Weiblichkeit. Warum die Frauen
- Menschen sind. Wesen des Geschlechtsgegensatzes.
- Gegensätze: _Subjekt -- Objekt = Form -- Materie =
- Mann -- Weib._ Kontrektation und Tastsinn. Deutung der
- Heniden. Non-Entität der Frau; als Folge universelle
- Suszeptibilität. Formung und Bildung der Frau durch den
- Mann. Trachten nach Existenz. Geschlechtsdualität und
- Weltdualismus. Die Bedeutung des Weibes im Universum.
- Der Mann als das Etwas, die Frau als das Nichts. Das
- psychologische Problem der Furcht vor dem Weibe. Die
- Weiblichkeit und der Verbrecher. Das Nichts und das
- Nicht. Die Schöpfung des Weibes durch den Verbrecher
- im Manne. Das Weib als die bejahte Sexualität des
- Mannes. Das Weib als die Schuld des Mannes. Die Liebe.
- Deduktion der Weiblichkeit.
-
- XIII. Kapitel: Das Judentum 403-441
-
- Unterschiede unter den Männern. Zurückweisung der
- hierauf gegründeten Einwände. Die Zwischenformen
- und die Rassenanthropologie. Amphibolie der
- Weiblichkeit mit dem Judentum. Das Jüdische als
- Idee. Der Antisemitismus. Richard _Wagner_. Keine
- Identität mit der Weiblichkeit; Übereinstimmungen
- mit dieser: Eigentum, Staat, Gesellschaft,
- Adel, _Mangel an Persönlichkeit und Eigenwert_,
- _Amoralität ohne Antimoralität_, _Gattungsleben_,
- Familie, _Kuppelei_. Einzige Art einer Lösung der
- Judenfrage. Gottesbegriff des Juden. Seelenlosigkeit,
- kein Unsterblichkeitsbedürfnis. _Judentum in der
- Wissenschaft._ Der Jude als Chemiker. Der Jude
- genielos. _Spinoza._ Der Jude nicht monadenartig
- veranlagt. Der Engländer und der Jude. Die Engländer
- in Philosophie, Musik, Architektur. Unterschiede.
- Humorlosigkeit des Juden. _Wesen des Humors._
- Humor und Satire. Die Jüdin. Nicht-Sein, völlige
- Veränderungsfähigkeit, Mittelbarkeit beim Juden
- wie beim Weibe. Größte Übereinstimmung und größte
- Differenz. Aktivität und Begrifflichkeit des Juden.
- Tiefstes Wesen des Judentums. Glaubenslosigkeit und
- innere Haltlosigkeit. Der Jude nicht amystisch, sondern
- unfromm. Mangel an Ernst, Begeisterungsfähigkeit
- und Eifer. Innerliche Vieldeutigkeit. Keinerlei
- Einfalt des Glaubens. Innere Würdelosigkeit. Der
- Jude als der Gegenpol des Helden. -- Christentum und
- Judentum. Ursprung des Christentums. Problem des
- Religionsstifters. Der Religionsstifter als Vollzieher
- einer eigenen Reinigung vom Verbrechen und von der
- Gottlosigkeit. In ihm allein eine völlige Neugeburt
- verwirklicht. Er als der Mensch mit dem tiefsten
- Schuldgefühl. Christus als Überwinder des Judentums
- _in_ sich. Christentum und Judentum als letzte
- Gegensätze. Der Religionsstifter als der größte Mensch.
- Überwindung alles Judentumes, eine Notwendigkeit für
- jeden Religionsstifter. -- Das Judentum und die heutige
- Zeit. Judentum, Weiblichkeit; Kultur und Menschheit.
-
- XIV. Kapitel: Das Weib und die Menschheit 442-461
-
- Die Idee der Menschheit und die Frau als Kupplerin.
- Der Goethe-Kult. Verweiblichung der Männer. Virginität
- und Keuschheit. Männlicher Ursprung dieser Ideale. Das
- Unverständnis der Frau für die Erotik. Ihr Verständnis
- der Sexualität. Der Koitus und die Liebe. Die Frau als
- Gegnerin der Emanzipation. Askese unsittlich. Der
- Geschlechtsverkehr als Mißachtung des Nebenmenschen.
- Problem des Juden = Problem des Weibes = Problem der
- Sklaverei. Was sittliches Verhalten gegen die Frau
- ist. Der Mann als Gegner der Frauenemanzipation.
- Ethische Postulate. Zwei Möglichkeiten. Die Frauenfrage
- als die Menschheitsfrage. Untergang des Weibes. --
- Enthaltsamkeit und Aussterben des Menschengeschlechtes.
- Furcht vor der Einsamkeit. Die eigentlichen Gründe der
- Unsittlichkeit des Geschlechtsverkehres. Die irdische
- Vaterschaft. Forderung der Aufnahme der Frauen unter
- die Menschheitsidee. Die Mutter und die Erziehung des
- Menschengeschlechtes. Letzte Fragen.
-
- Anhang: $Zusätze und Nachweise$ 463-597
-
-
-
-
-ERSTER (VORBEREITENDER) TEIL.
-
-DIE SEXUELLE MANNIGFALTIGKEIT.
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Alles Denken beginnt mit _Begriffen von mittlerer Allgemeinheit_
-und entwickelt sich von ihnen aus nach zwei Richtungen hin: nach
-Begriffen von immer höherer Allgemeinheit, welche ein immer mehr
-Dingen Gemeinsames erfassen und hiedurch ein immer weiteres Gebiet
-der Wirklichkeit umspannen; und nach dem Kreuzungspunkte aller
-Begriffslinien hin, dem konkreten Einzelkomplex, dem Individuum,
-welchem wir denkend immer nur durch unendlich viele einschränkende
-Bestimmungen beizukommen vermögen, das wir definieren durch Hinzufügung
-unendlich vieler spezifischer differenzierter Momente zu einem höchsten
-Allgemeinbegriff »Ding« oder »etwas«. Daß es eine Tierklasse der Fische
-gibt, die von den Säugetieren, den Vögeln, den Würmern unterschieden
-ist, war lange bekannt, bevor man einerseits unter den Fischen selbst
-wieder Knorpel- und Knochenfische schied, anderseits sie mit den Vögeln
-und Säugetieren durch den Begriff des Wirbeltieres zusammenzufassen
-sich veranlaßt sah, und die Würmer dem hiedurch geeinten größeren
-Komplexe gegenüberstellte.
-
-Mit dem Kampf ums Dasein der Wesen untereinander hat man diese
-Selbstbehauptung des Geistes gegenüber einer durch zahllose
-Ähnlichkeiten und Unterschiede verwirrenden Wirklichkeit verglichen.[1]
-Wir _erwehren_ uns der Welt durch unsere Begriffe.[2] Nur langsam
-bringen wir sie in deren Fassung, allmählich, wie man einen
-Tobsüchtigen zuerst über den ganzen Körper fesselt, notdürftig, um ihn
-wenigstens nur auf beschränkterem Orte gefährlich sein zu lassen; erst
-dann, wenn wir in der Hauptsache gesichert sind, kommen die einzelnen
-Gliedmaßen an die Reihe und wir ergänzen die Fesselung.
-
-_Es gibt zwei Begriffe, sie gehören zu den ältesten der Menschheit,
-mit denen diese ihr geistiges Leben seit Anbeginn zur Not gefristet
-hat._ Freilich hat man oft und oft kleine Korrekturen angebracht, sie
-wieder und wieder in die Reparaturwerkstätte geschickt, notdürftig
-geflickt, wo die Reform an Haupt und Gliedern not tat; weggenommen
-und angestückelt, Einschränkungen in besonderen Fällen gemacht und
-dann wieder Erweiterungen getroffen, wie wenn jüngere Bedürfnisse
-sich nur nach und nach gegen ein altes, enges Wahlgesetz durchsetzen,
-indem dieses einen Riemen nach dem anderen aufschnallen muß: aber im
-ganzen und großen glauben wir doch noch mit ihnen in der alten Weise
-auszukommen, mit diesen Begriffen, die ich hier meine, den Begriffen
-_Mann und Weib_.
-
-Zwar sprechen wir von mageren, schmalen, flachen, muskelkräftigen,
-energischen, genialen »Weibern«, von »Weibern« mit kurzem Haar
-und tiefer Stimme, von bartlosen, geschwätzigen »Männern«. Wir
-erkennen sogar an, daß es »unweibliche Weiber«, »Mannweiber« gibt
-und »unmännliche«, »weibliche« »Männer«. Bloß auf eine Eigenschaft
-achtend, nach welcher bei der Geburt die Geschlechtszugehörigkeit jedes
-Menschen bestimmt wird, wagen wir es also sogar, Begriffen Bestimmungen
-beizufügen, durch welche sie verneint werden. Ein solcher Zustand ist
-logisch unhaltbar.
-
-Wer hat nicht im Freundeskreis oder im Salon, in wissenschaftlicher
-oder in öffentlicher Versammlung die heftigsten Diskussionen über
-»Männer und Frauen«, über die »Befreiung des Weibes« angehört
-und mitgemacht? Gespräche und Debatten, in denen mit trostloser
-Regelmäßigkeit »die Männer« und »die Weiber« einander gegenübergestellt
-wurden, als wie weiße und rote Kugeln, von denen die gleichfarbigen
-keine Unterschiede mehr untereinander aufweisen! Nie wurde eine
-individuelle Behandlung der Streitpunkte versucht; und da jeder
-nur individuelle Erfahrungen hatte, war naturgemäß eine Einigung
-ausgeschlossen, wie überall dort, wo verschiedene Dinge mit dem
-gleichen Worte bezeichnet werden, Sprache und Begriffe sich
-nicht decken. Sollten wirklich alle »Weiber« und alle »Männer«
-streng voneinander geschieden sein und doch auf jeder Seite alle
-untereinander, Weiber einerseits, Männer anderseits sich in einer Reihe
-von Punkten vollständig gleichen? Wie ja bei allen Verhandlungen über
-Geschlechtsunterschiede, meist natürlich unbewußt, vorausgesetzt wird.
-Nirgends in der Natur ist sonst eine so klaffende Unstetigkeit; wir
-finden stetige Übergänge von Metallen zu Nichtmetallen, von chemischen
-Verbindungen zu Mischungen; zwischen Tieren und Pflanzen, zwischen
-Phanerogamen und Kryptogamen, zwischen Säugetieren und Vögeln gibt es
-Vermittlungen. Zunächst nur aus allgemeinstem praktischen Bedürfnis
-nach Übersicht teilen wir ab, halten gewaltsam Grenzen fest, hören
-Arien heraus aus der unendlichen Melodie alles Natürlichen. Aber
-»Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage« gilt von den alten Begriffen des
-Denkens wie von den ererbten Gesetzen des Verkehrs. Wir werden es nach
-den angeführten Analogien auch hier von vornherein für unwahrscheinlich
-halten dürfen, daß in der Natur ein _Schnitt_ geführt sei zwischen
-allen Masculinis einerseits und allen Femininis anderseits, und ein
-lebendes Wesen in dieser Hinsicht einfach so beschreibbar, daß es
-diesseits oder jenseits einer solchen Kluft sich aufhalte. Nicht einmal
-die Grammatik ist so streng.
-
-Man hat in dem Streite um die Frauenfrage vielfach _den Anatomen_ als
-Schiedsrichter angerufen, um durch ihn die kontroverse Abgrenzung
-der _unabänderlichen_, weil _angebornen_, gegen die _erworbenen_
-Eigenschaften der männlichen und weiblichen Sinnesart vornehmen zu
-lassen. (Sonderbar genug war es, von seinen Befunden die Entscheidung
-abhängig zu machen in der Frage der natürlichen Begabung von Mann und
-Weib: als ob, wenn _wirklich_ alle andere Erfahrung hier keinerlei
-Unterschied hätte feststellen können, zwölf Deka Hirn plus auf der
-einen Seite ein solches Resultat zu widerlegen vermöchten.) Aber die
-besonnenen Anatomen geben, um ausnahmslose Kriterien gefragt, in jedem
-Falle, handle es sich nun um das Gehirn oder sonst um irgend ein Organ
-des Körpers, zur Antwort: _durchgehende_ sexuelle Unterschiede zwischen
-_allen_ Männern einerseits und _allen_ Frauen anderseits sind nicht
-nachweisbar. Wohl sei auch das Handskelett der Mehrzahl der Männer ein
-anderes als das der Mehrzahl der Frauen, doch sei mit Sicherheit weder
-aus den skelettierten noch aus den mit Muskeln, Bändern, Sehnen, Haut,
-Blut und Nerven aufbewahrten (isolierten) Bestandteilen das Geschlecht
-mit Sicherheit bestimmbar. Ganz das Gleiche gelte vom Thorax, vom
-Kreuzbein, vom Schädel. Und wie steht es mit dem Skeletteil, bei
-dem, wenn überhaupt irgendwo, strenge geschlechtliche Unterschiede
-hervortreten müßten, was ist's mit dem Becken? Das Becken ist doch der
-allgemeinen Überzeugung nach im einen Fall dem Geburtsakt angepaßt, im
-anderen nicht. Aber nicht einmal beim Becken ist mit Sicherheit ein
-Maßstab anzulegen. Es gibt, wie jeder von der Straße her weiß -- und
-die Anatomen wissen da auch nicht mehr -- genug »Weiber« mit männlichem
-schmalen und genug »Männer« mit weiblichem breiten Becken. Also ist es
-nichts mit den Geschlechtsunterschieden? Da wäre es ja fast geraten,
-Männer und Weiber überhaupt nicht mehr zu unterscheiden?!
-
-Wie helfen wir uns aus der Frage? Das Alte ist ungenügend, und wir
-können es doch gewiß nicht entbehren. Reichen die überkommenen Begriffe
-nicht aus, so werden wir sie nur aufgeben, um zu versuchen, uns neu und
-besser zu orientieren.
-
-
-
-
-I. Kapitel.
-
-„Männer” und „Weiber”.
-
-
-Mit der allgemeinsten Klassifikation der meisten Lebewesen, ihrer
-Kennzeichnung schlechtweg als Männchen oder Weibchen, Mann oder
-Weib, kommen wir den Tatsachen gegenüber nicht länger aus. Die
-Mangelhaftigkeit dieser Begriffe wird von vielen mehr oder weniger klar
-gefühlt. Hier ins Reine zu kommen, ist zunächst das Ziel dieser Arbeit.
-
-Ich schließe mich anderen Autoren, welche in jüngster Zeit über zu
-diesem Thema gehörige Erscheinungen geschrieben haben, an, wenn ich
-zum Ausgangspunkt der Betrachtung die von der Entwicklungsgeschichte
-(Embryologie) festgestellte Tatsache _der geschlechtlichen
-Undifferenziertheit der ersten embryonalen Anlage_ des Menschen, der
-Pflanzen und der Tiere wähle.
-
-Einem menschlichen Embryo beispielsweise kann man, wenn er jünger als
-fünf Wochen ist, das Geschlecht nicht ankennen, zu dem er sich später
-entwickeln wird. Erst in der fünften Fötalwoche beginnen hier jene
-Prozesse, welche gegen Ende des dritten Monates der Schwangerschaft
-zur Entwicklung einer ursprünglich beiden Geschlechtern gemeinsamen
-Genitalanlage nach einer Seite hin und weiter zur Gestaltung des
-ganzen Individuums als eines sexuell _genau definierten_ führen.[3]
-Die Einzelheiten dieser Vorgänge sollen hier nicht näher beschrieben
-werden.
-
-Zu jener _bisexuellen Anlage_ eines jeden, auch des höchsten
-Organismus, läßt sich sehr gut das _ausnahmslose Beharren_, der Mangel
-eines völligen Verschwindens der Charaktere des anderen Geschlechtes
-_beim noch so eingeschlechtlich entwickelten_ pflanzlichen,
-tierischen und menschlichen Individuum in Beziehung bringen. Die
-geschlechtliche Differenzierung ist nämlich nie eine vollständige.
-_Alle Eigentümlichkeiten des männlichen Geschlechtes sind irgendwie,
-wenn auch noch so schwach entwickelt, auch beim weiblichen Geschlechte
-nachzuweisen; und ebenso die Geschlechtscharaktere des Weibes auch beim
-Manne sämtlich irgendwie vorhanden, wenn auch noch so zurückgeblieben
-in ihrer Ausbildung._ Man sagt, sie seien »rudimentär« vorhanden.
-So, um gleich den Menschen, der uns weiterhin fast ausschließlich
-interessieren wird, als Beispiel anzuführen, hat auch die weiblichste
-Frau einen feinen Flaum von unpigmentierten Wollhaaren, »Lanugo«
-genannt, an den Stellen des männlichen Bartes, auch der männlichste
-Mann in der Entwicklung stehen gebliebene Drüsenkomplexe unter einer
-Brustwarze. Im einzelnen nachgegangen ist man diesen Dingen vor
-allem in der Gegend der Geschlechtsorgane und ihrer Ausführwege, im
-eigentlichen »Tractus urogenitalis«, und hat bei jedem Geschlechte
-alle Anlagen des anderen im rudimentären Zustande in lückenlosem
-Parallelismus nachweisen können.
-
-Diese Feststellungen der Embryologen können, mit anderen
-zusammengehalten, in einen systematischen Zusammenhang gebracht
-werden. Bezeichnet man nach _Häckel_ die Trennung der Geschlechter
-als »_Gonochorismus_«, so wird man zunächst bei verschiedenen Klassen
-und Arten verschiedene _Grade_ dieses Gonochorismus zu unterscheiden
-haben. Nicht nur die verschiedenen Arten der Pflanzen, sondern auch die
-Tierspezies werden sich durch die _größere oder geringere Latenz_ der
-Charaktere des zweiten Geschlechtes voneinander abheben. Der extremste
-Fall der Geschlechtsdifferenzierung, also stärkster Gonochorismus,
-liegt für dieses erweiterte Blickfeld im _Geschlechtsdimorphismus_
-vor, jener Eigentümlichkeit z. B. mancher Asselarten, daß Männchen und
-Weibchen innerhalb der nämlichen Spezies sich äußerlich voneinander
-nicht weniger, ja oft mehr unterscheiden, als selbst Mitglieder zweier
-differenter Familien und Gattungen. Bei Wirbeltieren kommt danach
-nie so ausgeprägter Gonochorismus vor, als ihn z. B. Krustaceen oder
-Insekten aufweisen können. Es gibt unter ihnen nirgends eine so
-vollständige Scheidung von Männchen und Weibchen, wie sie im sexuellen
-Dimorphismus vollzogen ist, vielmehr überall unzählige Mischformen
-der Geschlechter, selbst sogenannten »abnormen Hermaphroditismus«, ja
-bei den Fischen sogar Familien mit ausschließlichem Zwittertum, mit
-»normalem Hermaphroditismus«.
-
-Es ist nun von vornherein anzunehmen, daß es nicht nur extreme Männchen
-mit geringsten Resten der Weiblichkeit und auf der anderen Seite
-extreme Weibchen mit ganz reduzierter Männlichkeit und in der Mitte
-zwischen beiden gedrängt jene Zwitterformen, zwischen jenen drei
-Punkten aber nur leere Strecken geben werde. Uns beschäftigt speziell
-der Mensch. Doch ist fast alles, was hier über ihn zu sagen ist, mit
-größeren oder geringeren Modifikationen auch auf die meisten anderen
-Lebewesen mit geschlechtlicher Fortpflanzung anwendbar.
-
-Vom Menschen aber gilt ohne jeden Zweifel folgendes:
-
-_Es gibt_ unzählige Abstufungen _zwischen Mann und Weib_, »_sexuelle
-Zwischenformen_«. _Wie die Physik von idealen Gasen spricht_, d. h.
-solchen, die genau dem _Boyle-Gay-Lussac_schen Gesetze folgen
-(in Wirklichkeit gehorcht ihm kein einziges), und von diesem
-Gesetze ausgeht, um im konkreten Falle die Abweichungen von ihm zu
-konstatieren: _so können wir einen idealen Mann M und ein ideales Weib
-W, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, aufstellen als sexuelle
-Typen_. Diese Typen _können_ nicht nur, sie _müssen_ konstruiert
-werden. _Nicht allein das »Objekt der Kunst«, auch das der Wissenschaft
-ist der Typus, die platonische Idee._ Die wissenschaftliche Physik
-erforscht das Verhalten des _vollkommen_ starren und des _vollkommen_
-elastischen Körpers, wohl bewußt, daß die Wirklichkeit weder den
-einen noch den anderen ihr je zur Bestätigung darbieten wird; die
-empirisch gegebenen Vermittlungen zwischen beiden dienen ihr nur als
-Ausgangspunkt für diese Aufsuchung der typischen Verhaltungsweisen
-und werden bei der Rückkehr aus der Theorie zur Praxis als Mischfälle
-behandelt und erschöpfend dargestellt. _Und ebenso gibt es nur alle
-möglichen vermittelnden Stufen zwischen dem vollkommenen Manne und dem
-vollkommenen Weibe_, Annäherungen an beide, die selbst nie von der
-Anschauung erreicht werden.
-
-Man achte wohl: hier ist nicht bloß von bisexueller _Anlage_ die Rede,
-sondern von _dauernder_ Doppelgeschlechtlichkeit. Und auch nicht bloß
-von den sexuellen _Mittel_stufen, (körperlichen oder psychischen)
-Zwittern, auf die bis heute aus naheliegenden Gründen alle ähnlichen
-Betrachtungen beschränkt sind. In dieser Form ist also der Gedanke
-durchaus neu. Bis heute bezeichnet man als »sexuelle Zwischenstufen«
-nur die sexuellen _Mittel_stufen: als ob dort, mathematisch gesprochen,
-eine _Häufungsstelle_ wäre, _$mehr$ wäre als eine kleine Strecke auf
-der überall $gleich$ dicht besetzten Verbindungslinie zweier Extreme_!
-
-Also Mann und Weib sind wie zwei Substanzen, die in verschiedenem
-Mischungsverhältnis, ohne daß je der Koeffizient einer Substanz Null
-wird, auf die lebenden Individuen verteilt sind. _Es gibt in der
-Erfahrung nicht Mann noch Weib_ könnte man sagen, _sondern nur männlich
-und weiblich_. Ein Individuum A oder ein Individuum B darf man darum
-nicht mehr schlechthin als »Mann« oder »Weib« bezeichnen, sondern ein
-jedes ist nach den Bruchteilen zu beschreiben, die es von _beiden_ hat,
-etwa:
-
- { α M { β W
- A { α' W B { β' M
-
-wobei stets
-
- 0 < α < 1, 0 < β < 1,
- 0 < α' < 1, 0 < β' < 1.
-
-Die genaueren Belege für diese Auffassung -- einiges Allgemeinste
-wurde vorbereitend in der Einleitung angedeutet -- sind zahllos. Es
-sei erinnert an alle »Männer« mit weiblichem Becken und weiblichen
-Brüsten, fehlendem oder spärlichem Bartwuchs, mit ausgesprochener
-Taille, überlangem Kopfhaar, an alle »Weiber« mit schmalen Hüften[4]
-und flachen Brüsten, mageren Nates und Femurfettpolstern, tiefer rauher
-Stimme und einem Schnurrbart (zu dem die Anlage viel öfter ausgiebig
-vorhanden ist, als man sie gemeiniglich bemerkt, weil er natürlich nie
-belassen wird; vom Barte, der so vielen Frauen nach dem Klimakterium
-wächst, ist hier nicht die Rede) etc. etc. Alle diese Dinge, _die sich
-bezeichnenderweise fast immer am gleichen Menschen beisammen finden_,
-sind jedem Kliniker und praktischen Anatomen aus eigener Anschauung
-bekannt, nur noch nirgends zusammengefaßt.
-
-Den umfassendsten Beweis für die hier verfochtene Anschauung liefert
-aber die große Schwankungsbreite der Zahlen für geschlechtliche
-Unterschiede, die innerhalb der einzelnen Arbeiten wie zwischen den
-verschiedenen anthropologischen und anatomischen Unternehmungen zur
-Messung derselben ohne Ausnahme anzutreffen ist, die Tatsache, daß die
-Zahlen für das weibliche Geschlecht nie dort anfangen, wo jene für das
-männliche aufhören, sondern stets in der Mitte ein Gebiet liegt, in
-welchem Männer und Frauen vertreten sind. So sehr diese Unsicherheit
-der Theorie von den sexuellen Zwischenstufen zugute kommt, so
-aufrichtig muß man sie im Interesse wahrer Wissenschaft bedauern. Die
-Anatomen und Anthropologen von Fach haben eben eine wissenschaftliche
-Darstellung des sexuellen Typus noch gar nicht angestrebt, sondern
-wollten immer nur allgemein in gleichem Ausmaße gültige Merkmale
-haben, und hieran wurden sie durch die Überzahl der Ausnahmen immer
-verhindert. So erklärt sich die Unbestimmtheit und Weite aller hieher
-gehörigen Resultate der Messung.
-
-Gar sehr hat der Zug zur Statistik, der unser industrielles Zeitalter
-vor allen früheren auszeichnet, in dem es -- offenbar der schüchternen
-Verwandtschaft mit der Mathematik wegen -- seine Wissenschaftlichkeit
-besonders betont glaubt, auch hier den Fortschritt der Erkenntnis
-gehemmt. Den _Durchschnitt_ wollte man gewinnen, nicht den _Typus_.
-Man begriff gar nicht, daß es im Systeme reiner (nicht angewandter)
-Wissenschaft nur auf diesen ankommt. Darum lassen denjenigen, welchem
-es um die Typen zu tun ist, die bestehende Morphologie und Physiologie
-mit ihren Angaben gänzlich im Stich. Es wären da alle Messungen wie
-auch alle übrigen Detailforschungen erst auszuführen. Was existiert,
-ist für eine Wissenschaft auch in laxerem (nicht erst in Kantischem)
-Sinne völlig unverwendbar.
-
-Alles kommt auf die Kenntnis von M und W, auf die richtige Feststellung
-des idealen Mannes und des idealen Weibes an (ideal im Sinne von
-typisch, ohne jede Bewertung).
-
-Wird es gelungen sein, diese Typen zu erkennen und zu konstruieren, so
-wird die Anwendung auf den einzelnen Fall, seine Darstellung durch ein
-quantitatives Mischungsverhältnis, ebenso unschwer wie fruchtbar sein.
-
-Ich resumiere den Inhalt dieses Kapitels: es gibt keine kurzweg
-als ein- und bestimmt-geschlechtlich zu bezeichnenden Lebewesen.
-Vielmehr zeigt die Wirklichkeit ein Schwanken zwischen zwei Punkten,
-auf denen selbst kein empirisches Individuum mehr anzutreffen ist,
-_zwischen_ denen _irgendwo_ jedes Individuum sich aufhält. Aufgabe
-der Wissenschaft ist es, die Stellung jedes Einzelwesens zwischen
-jenen zwei Bauplänen festzustellen; diesen Bauplänen ist keineswegs
-eine metaphysische Existenz neben oder über der Erfahrungswelt
-zuzuschreiben, sondern ihre Konstruktion ist notwendig aus dem
-heuristischen Motive einer möglichst vollkommenen Abbildung der
-Wirklichkeit. -- --
-
-Die Ahnung dieser Bisexualität alles Lebenden (durch die nie ganz
-vollständige sexuelle Differenzierung) ist uralt. Vielleicht ist
-sie chinesischen Mythen nicht fremd gewesen; jedenfalls war sie im
-Griechentum äußerst lebendig. Hiefür zeugen die Personifikation
-des Hermaphroditos als einer mythischen Gestalt; die Erzählung des
-Aristophanes im platonischen Gastmahl; ja noch in später Zeit galt
-der gnostischen Sekte der Ophiten der Urmensch als mannweiblich,
-ἀρσενόθηλυς.
-
-
-
-
-II. Kapitel.
-
-Arrhenoplasma und Thelyplasma.
-
-
-Die nächste Erwartung, welche eine Arbeit zu befriedigen hätte, in
-deren Plan eine universelle Revision aller einschlägigen Tatsachen
-gelegen wäre, würde sich auf eine neue und vollständige Darstellung
-der anatomischen und physiologischen Eigenschaften der sexuellen
-Typen richten. Da ich aber selbständige Untersuchungen zum Zwecke
-einer Lösung dieser umfassenden Aufgabe nicht angestellt habe, und
-eine Beantwortung jener Fragen für die _letzten_ Ziele dieses Buches
-mir nicht notwendig erscheint, so muß ich auf dieses Unternehmen von
-vornherein Verzicht leisten -- ganz abgesehen davon, ob es die Kräfte
-eines einzelnen nicht bei weitem übersteigt. Eine Kompilation der
-in der Literatur niedergelegten Ergebnisse wäre überflüssig, denn
-eine solche ist in vorzüglicher Weise von _Havelock Ellis_ besorgt
-worden. Aus den von ihm gesammelten Resultaten die sexuellen Typen
-auf dem Wege wahrscheinlicher Schlußfolgerungen zu gewinnen, bliebe
-hypothetisch und würde der Wissenschaft nicht eine einzige Neuarbeit
-zu ersparen vermögen. Die Erörterungen dieses Kapitels sind darum
-mehr formaler und allgemeiner Natur, sie gehen auf die biologischen
-Prinzipien, zum Teil wollen sie auch jener notwendigen Arbeit der
-Zukunft die Berücksichtigung bestimmter einzelner Punkte ans Herz legen
-und so derselben förderlich zu werden versuchen. Der biologische Laie
-kann diesen Abschnitt überschlagen, ohne das Verständnis der übrigen
-hiedurch sehr zu beeinträchtigen.
-
-Es wurde die Lehre von den verschiedenen Graden der Männlichkeit und
-Weiblichkeit vorderhand rein anatomisch entwickelt. Die Anatomie wird
-aber nicht nur nach den Formen fragen, in denen, sondern auch nach den
-Orten, an denen sich Männlichkeit und Weiblichkeit ausprägt. Daß die
-Sexualität nicht bloß auf die Begattungswerkzeuge und die Keimdrüsen
-beschränkt ist, geht schon aus den früher als Beispielen sexueller
-Unterschiedenheit erwähnten Körperteilen hervor. Aber wo ist hier die
-Grenze zu ziehen, mit anderen Worten, wo steckt das Geschlecht und
-wo steckt es nicht? Ist es bloß auf die »primären« und »sekundären«
-Sexualcharaktere beschränkt? Oder reicht sein Umfang nicht viel weiter?
-
-Es scheint nun eine große Anzahl in den letzten Jahrzehnten
-aufgefundener Tatsachen zur Wiederaufnahme einer Lehre zu zwingen,
-welche in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts aufgestellt
-wurde, aber wenig Anhänger fand, da ihre Konsequenzen dem Begründer
-der Theorie selbst ebenso wie ihren Bestreitern einer Reihe von
-Forschungsergebnissen zu widersprechen schienen, die zwar nicht jenem,
-aber diesen als unumstößlich galten. Ich meine unter dieser Anschauung,
-welche, mit einer Modifikation, die Erfahrung uns gebieterisch abermals
-aufnötigt, die Lehre des Kopenhagener Zoologen Joh. Japetus Sm.
-_Steenstrup_, der behauptet hatte, _das Geschlecht stecke überall im
-Körper_.
-
-Ellis hat zahlreiche Untersuchungen über fast alle Gewebe des
-Organismus excerpiert, die überall Unterschiede der Sexualität
-nachweisen konnten. Ich will erwähnen, daß der typisch männliche und
-der typisch weibliche »Teint« sehr voneinander verschieden sind; dies
-berechtigt zur Annahme sexueller Differenzen in den Zellen der Cutis
-und der Blutgefäße. Aber auch in der Menge des Blutfarbstoffes, in
-der Zahl der roten Blutkörperchen im Kubikcentimeter der Flüssigkeit
-sind solche gesichert. _Bischoff_ und _Rüdinger_ haben im Gehirne
-Abweichungen der Geschlechter voneinander festgestellt, und Justus und
-Alice _Gaule_ in der jüngsten Zeit solche auch in vegetativen Organen
-(Leber, Lunge, Milz) aufgefunden. Tatsächlich wirkt auch _alles_ am
-Weibe, wenn auch gewisse Zonen stärker und andere schwächer, »_erogen_«
-auf den Mann, und ebenso _alles_ am Manne sexuell anziehend und
-erregend auf das Weib.
-
-Wir können so zu der vom formal-logischen Standpunkt hypothetischen,
-aber durch die Summe der Tatsachen fast zur Gewißheit erhobenen
-Anschauung fortschreiten: _jede Zelle des Organismus ist_ (wie wir
-vorläufig sagen wollen) _geschlechtlich charakterisiert, oder hat
-eine bestimmte sexuelle Betonung_. Unserem Prinzipe der Allgemeinheit
-der sexuellen Zwischenformen gemäß werden wir gleich hinzufügen, _daß
-diese sexuelle Charakteristik verschieden hohe Grade haben kann_.
-Diese sofort zu machende Annahme einer verschieden starken Ausprägung
-der sexuellen Charakteristik ließe uns auch den Pseudo- und sogar
-den echten Hermaphroditismus (dessen Vorkommen für viele Tiere,
-wenn auch nicht mit Sicherheit für den Menschen, seit _Steenstrups_
-Zeit über allen Zweifel erhoben worden ist) unserem Systeme leicht
-eingliedern. _Steenstrup_ sagte: »Wenn das Geschlecht eines Tieres
-wirklich seinen Sitz allein in den Geschlechtswerkzeugen hätte, so
-könnte man sich noch zwei Geschlechter in einem Tiere gesammelt, zwei
-solche Geschlechtswerkzeuge an die Seite voneinander gestellt denken.
-Aber das Geschlecht ist nicht etwas, welches seinen Sitz in einer
-gegebenen Stelle hat, oder welches sich nur durch ein angegebenes
-Werkzeug äußert; es wirkt durch das ganze Wesen, und hat sich in jedem
-Punkte davon entwickelt. In einem männlichen Geschöpfe ist jeder,
-auch der kleinste Teil männlich, mag er dem entsprechenden Teile von
-einem weiblichen Geschöpfe noch so ähnlich sein, und in diesem ist
-ebenso der allerkleinste Teil nur weiblich. Eine Vereinigung von
-beiden Geschlechtswerkzeugen in einem Geschöpfe würde deshalb dieses
-erst zweigeschlechtlich machen, wenn die Naturen beider Geschlechter
-durch den ganzen Körper herrschen und sich auf jeden einzelnen
-Punkt davon geltend machen könnten -- etwas, das sich infolge des
-Gegensatzes beider Geschlechter nur als eine gegenseitige Aufhebung
-voneinander, als ein Verschwinden alles Geschlechtes in einem solchen
-Geschöpfe äußern könnte.« Wenn jedoch, und hiezu scheinen alle
-empirischen Tatsachen zu zwingen, _das Prinzip der unzähligen sexuellen
-Übergangsstufen zwischen M und W auf alle Zellen des Organismus
-ausgedehnt wird_, so entfällt die Schwierigkeit, an der _Steenstrup_
-Anstoß nahm, und das Zwittertum ist keine Naturwidrigkeit mehr. Von der
-völligen Männlichkeit an in allen Vermittlungen bis zu deren gänzlichem
-Fehlen, welches mit dem Vorhandensein der absoluten Weiblichkeit
-zusammenfiele, sind danach _unzählige verschiedene sexuelle
-Charakteristiken_ jeder einzelnen Zelle denkbar. Ob diese Graduierung
-in einer Skala von Differenzialien wirklich unter dem Bilde _zweier
-realer_, jeweils in anderem Verhältnis zusammentretender Substanzen zu
-denken ist, oder ein _einheitliches_ Protoplasma in unendlich vielen
-Modifikationen (etwa räumlich verschiedenen Anordnungen der Atome in
-großen Molekülen) anzunehmen ist, darüber tut man gut, sich jeder
-Vermutung zu enthalten. Die erste Annahme wird physiologisch nicht
-gut verwendbar sein -- man denke an eine männliche oder weibliche
-Körperbewegung und die dann notwendige Duplizität in den bestimmenden
-Verhältnissen ihrer realen, physiologisch doch immer einheitlichen
-Erscheinungsform; die zweite erinnert zu sehr an wenig geglückte
-Spekulationen über die Vererbung. Vielleicht sind beide gleich weit von
-der Wahrheit entfernt.
-
-Worin die Männlichkeit (Maskulität) oder Weiblichkeit (Muliebrität)
-einer Zelle eigentlich bestehen mag, welche histologischen,
-molekular-physikalischen oder gar chemischen Unterschiede jede Zelle
-von W trennen mögen von jeder Zelle von M, darüber ist eine Aussage
-auch auf dem Wege der Wahrscheinlichkeit heute empirisch nicht zu
-begründen. Ohne also irgend einer späteren Untersuchung vorzugreifen
-(die wohl die Unableitbarkeit des spezifisch Biologischen aus
-Physik und Chemie zur Genüge eingesehen haben wird), läßt sich die
-Annahme _verschieden_ starker sexueller Betonungen auch für alle
-_Einzelzellen_, nicht bloß für den _ganzen_ Organismus als ihre Summe,
-mit guten Gründen verteidigen. Weibliche Männer haben meist auch eine
-insgesamt weiblichere Haut, die Zellen der männlichen Organe haben bei
-ihnen schwächere Tendenzen zur Teilung, worauf das geringere Wachstum
-makroskopischer Sexualcharaktere unbedingt zurückweist, u. s. w.
-
-Nach dem verschiedenen Grade der makroskopischen Ausprägung der
-sexuellen Charakteristik ist auch die Einteilung der Sexualcharaktere
-zu treffen; ihre Anordnung fällt im großen zusammen mit der Stärke
-ihrer erogenen Wirkung auf das andere Geschlecht (wenigstens im
-Tierreiche). Um nicht von der allgemein angenommenen _John Hunter_schen
-Nomenklatur abzuweichen und jede Verwirrung zu vermeiden, nenne
-ich _primordiale Sexualcharaktere_ die männliche und die weibliche
-Keimdrüse (Testis, Epididymis, Ovarium, Epoophoron); _primäre_ die
-inneren Adnexe der Keimdrüsen (Samenstränge, Samenbläschen, Tuba,
-Uterus, die ihrer sexuellen Charakteristik nach erfahrungsgemäß von
-jener der Keimdrüsen zuweilen weit differieren) _und_ die »äußeren
-Geschlechtsteile«, nach welchen allein die Geschlechtsbestimmung des
-Menschen bei der Geburt vollzogen und damit in gewisser Weise über
-sein Lebensschicksal (wie sich zeigen wird, nicht selten unrichtig)
-entschieden wird. Alle Geschlechtscharaktere _nach_ den primären haben
-das Gemeinsame, daß sie für die Zwecke der Begattung nicht unmittelbar
-mehr erforderlich sind. Als _sekundäre Geschlechtscharaktere_ sind
-zunächst am besten scharf zu umgrenzen diejenigen, welche erst _zur
-Zeit der Geschlechtsreife_ äußerlich sichtbar auftreten und nach einer
-fast zur Gewißheit erhobenen Anschauung ohne eine »innere Sekretion«
-bestimmter Stoffe aus den Keimdrüsen in das Blut sich nicht entwickeln
-können (Wuchs des männlichen Bartes und des weiblichen Kopfhaares,
-Brüsteentwicklung, Stimmwechsel u. s. w.).
-
-_Praktische_ Gründe mehr als theoretische empfehlen die weitere
-Bezeichnung erst auf Grund von Äußerungen oder Handlungen zu
-erschließender angeborener Eigenschaften, wie Muskelkraft,
-Eigenwilligkeit beim Manne, als _tertiärer Sexualcharaktere_. Durch
-relativ zufällige Sitte, Gewöhnung, Beschäftigung hinzugekommen sind
-endlich die accessorischen oder _quartären_ Sexualcharaktere, wie
-Rauchen und Trinken des Mannes, Handarbeit des Weibes; auch diese
-ermangeln nicht, gelegentlich ihre erogene Wirkung auszuüben, und
-schon dies deutet darauf hin, daß sie viel öfter, als man vielleicht
-glaubt, auf die tertiären zurückzuführen sind und möglicherweise
-bisweilen tief noch mit den primordialen zusammenhängen. Mit dieser
-Klassifikation der Sexualcharaktere soll nichts für eine _wesentliche_
-Reihenfolge präjudiziert und gar nichts darüber entschieden sein, ob
-die geistigen Eigenschaften im Vergleiche zu den körperlichen primär
-oder von ihnen bedingt und erst im Laufe einer langen Kausalkette aus
-ihnen abzuleiten sind; sondern nur die Stärke der anziehenden Wirkung
-auf das andere Geschlecht[5], die zeitliche Reihenfolge, in welcher sie
-diesem auffallen und die Rangordnung der Sicherheit, mit der sie von
-ihm erschlossen werden, dürfte hiemit für die meisten Fälle getroffen
-sein.
-
-Die »sekundären Geschlechtscharaktere« führten zur Erwähnung der
-inneren Sekretion von Keimstoffen in den Kreislauf. Die Wirkungen
-dieses Einflusses wie seines durch Kastration künstlich erzeugten
-Mangels hat man nämlich vor allem an der Entwicklung oder dem
-Ausbleiben der _sekundären_ Geschlechtscharaktere studiert. Die
-»innere Sekretion« übt aber zweifellos einen Einfluß auf _alle_ Zellen
-des Körpers. Dies beweisen die Veränderungen, welche zur Zeit der
-Pubertät im _ganzen_ Organismus und nicht bloß an den durch sekundäre
-Geschlechtscharaktere ausgezeichneten Partien erfolgen. Auch kann man
-von vornherein die innere Sekretion aller Drüsen nicht gut anders
-auffassen, als auf alle Gewebe _gleichmäßig_ sich erstreckend.
-
-_Die innere Sekretion der Keimdrüsen komplettiert also erst die
-Geschlechtlichkeit des Individuums._ Es ist demgemäß in jeder Zelle
-eine _originäre sexuelle Charakteristik anzunehmen_, zu der jedoch
-die innere Sekretion der Keimdrüsen _in einem gewissen Ausmaße als
-ergänzende Komplementärbedingung hinzukommen muß, um ein bestimmt
-qualifiziertes, fertiges Masculinum oder Femininum hervorzubringen_.
-
-Die Keimdrüse ist das Organ, in welchem die sexuelle Charakteristik
-des Individuums _am sichtbarsten_ hervortritt, und in dessen
-morphologischen Elementareinheiten sie am leichtesten nachweisbar
-ist. Ebenso muß man aber annehmen, daß die Gattungs-, Art-,
-Familieneigenschaften eines Organismus in den Keimdrüsen am
-vollzähligsten vertreten sind. Gleichwie anderseits _Steenstrup_ mit
-Recht gelehrt hat, daß das Geschlecht überall im Körper verbreitet
-und nicht bloß in spezifischen »Geschlechtsteilen« lokalisiert sei,
-so haben _Naegeli_, _de Vries_, _Oscar Hertwig_ u. a. die ungemein
-aufklärende Theorie entwickelt und mit wichtigen Argumenten sehr sicher
-begründet, daß _jede_ Zelle eines vielzelligen Organismus Träger der
-_gesamten $Art$_eigenschaften ist, und diese in den Keimzellen nur in
-einer besonderen ausgezeichneten Weise zusammengefaßt erscheinen -- was
-vielleicht einmal allen Forschern selbstverständlich vorkommen wird
-angesichts der Tatsache, daß jedes Lebewesen durch Furchung und Teilung
-aus _einer_ einzigen Zelle entsteht.
-
-Wie nun die genannten Forscher auf Grund vieler Phänomene, die
-seitdem durch zahlreiche Erfahrungen über Regeneration aus beliebigen
-Teilen und Feststellungen chemischer Differenzen in den homologen
-Geweben verschiedener Spezies vermehrt worden sind, die Existenz des
-_Idioplasma_ als der _Gesamtheit_ der spezifischen Arteigenschaften
-auch in allen jenen Zellen eines Metazoons anzunehmen berechtigt waren,
-die nicht mehr unmittelbar für die Fortpflanzung verwertet werden -- so
-können und müssen auch _hier_ die Begriffe eines _Arrhenoplasma_ und
-eines _Thelyplasma_ geschaffen werden, _als der zwei Modifikationen,
-in denen jedes Idioplasma bei geschlechtlich differenzierten Wesen
-auftreten kann_, und zwar nach den hier grundsätzlich vertretenen
-Ansichten wieder nur als _Idealfälle_, als Grenzen, _zwischen_
-denen die empirische Realität liegt. Es geht demnach das wirklich
-existierende Protoplasma, vom idealen Arrhenoplasma sich immer mehr
-entfernend, durch einen (realen oder gedachten) Indifferenzpunkt (=
-Hermaphroditismus verus) in ein Protoplasma über, das bereits dem
-Thelyplasma näher liegt, um sich diesem bis auf ein Differenziale
-zu nähern. Dies ist aus der Summe des Vorausgeschickten nur die
-konsequente Folgerung, und ich bitte die neuen Namen zu entschuldigen;
-sie sind nicht dazu erfunden, um die Neuheit der Sache zu steigern.
-
-Der Nachweis, daß _jedes_ einzelne Organ und weiter _jede einzelne
-Zelle_ eine Sexualität besitzt, die auf irgend einem Punkte zwischen
-Arrhenoplasma und Thelyplasma anzutreffen sein wird, daß also jeder
-Elementarteil ursprünglich in bestimmter Weise und bestimmtem Ausmaß
-sexuell charakterisiert ist, dieser Nachweis läßt sich auch durch
-die Tatsache leicht führen, daß selbst im _gleichen_ Organismus
-die verschiedenen Zellen nicht immer die gleiche und sehr oft
-nicht eine gleich _starke_ sexuelle Charakteristik besitzen. Es
-liegt nämlich durchaus nicht in allen Zellen eines Körpers der
-gleiche Gehalt an M oder W, die gleiche Annäherung an Arrhenoplasma
-oder Thelyplasma, ja es können Zellen des gleichen Körpers auf
-verschiedenen Seiten des Indifferenzpunktes zwischen diesen Polen
-sich befinden. Wenn wir, statt Maskulität und Muliebrität immer
-auszuschreiben, verschiedene Vorzeichen für beide wählen und, noch
-ohne tückische tiefere Hintergedanken, dem Männlichen ein positives,
-dem Weiblichen ein negatives Vorzeichen geben, so heißt jener Satz in
-anderer Ausdrucksform: in den Zellen des nämlichen Organismus kann
-die Sexualität der verschiedenen Zellen nicht nur eine verschiedene
-absolute Größe, sondern auch ein verschiedenes Vorzeichen haben. Es
-gibt _sonst_ ziemlich wohlcharakterisierte Masculina mit nur ganz
-schwachem Bart und ganz schwacher Muskulatur; oder fast typische
-Feminina mit schwachen Brüsten. Und anderseits recht weibische Männer
-mit starkem Bartwuchs, Weiber, die bei abnorm kurzem Haar und deutlich
-sichtbarem Bartwuchs gut entwickelte Brüste und ein geräumiges Becken
-aufweisen. Mir sind ferner Menschen bekannt mit weiblichem Ober-
-und männlichem Unterschenkel, mit rechter weiblicher und linker
-männlicher Hüfte. Überhaupt werden von der lokalen Verschiedenheit der
-sexuellen Charakteristik am häufigsten die beiden, auch sonst nur im
-idealen Falle symmetrischen Körperhälften rechts und links von der
-Medianebene betroffen; hier findet man in dem Grade der Ausprägung der
-Sexualcharaktere, z. B. des Bartwuchses, eine Unzahl von Asymmetrien.
-Auf eine ungleichmäßige innere Sekretion läßt sich aber dieser Mangel
-an Konformität (und eine absolute Konformität gibt es in der sexuellen
-Charakteristik nie), wie schon gesagt, kaum schieben; das Blut muß
-zwar nicht in gleicher Menge, aber doch in gleicher Mischung zu allen
-Organen gelangen, in nichtpathologischen Fällen stets in einer den
-Bedingungen der Erhaltung angemessenen Qualität und Quantität.
-
-Wäre also nicht eine ursprüngliche, vom Anfang der embryonalen
-Entwicklung an feststehende, in jeder einzelnen Zelle im allgemeinen
-verschiedene sexuelle Charakteristik als die Ursache dieser Variationen
-anzunehmen, so müßte ein Individuum einfach durch eine Angabe darüber,
-wie gut beispielsweise seine Keimdrüsen dem Typus des Geschlechtes sich
-annähern, vollauf sexuell beschrieben werden können, und die Sache läge
-viel einfacher, als sie in Wirklichkeit ist. Die Sexualität ist aber
-nicht in einem fiktiven Normalmaß gleichsam ausgegossen über das ganze
-Individuum, so daß mit der sexuellen Bestimmung _einer_ Zelle auch alle
-anderen erledigt wären. Wenn auch _weite_ Abstände in der sexuellen
-Charakteristik zwischen verschiedenen Zellen oder Organen _desselben_
-Lebewesens eine Seltenheit bilden werden: als den _allgemeinen_ Fall
-muß man die _Spezifität_ derselben für jede einzelne Zelle ansehen;
-man wird aber dabei immerhin daran festhalten können, daß sich viel
-häufiger Annäherungen an eine vollkommene Einförmigkeit der sexuellen
-Charakteristik (durch den ganzen Körper hindurch) finden, als ein
-Auseinandertreten zu beträchtlichen graduellen Differenzen zwischen
-den einzelnen Organen, geschweige denn zwischen den einzelnen Zellen
-vorzukommen scheint. Das Maximum der hier möglichen Schwankungsbreite
-müßte erst durch eine Untersuchung im einzelnen festgestellt werden.
-
-Träte, wie dies die populäre, auf _Aristoteles_ zurückgehende
-Ansicht und auch die Anschauung vieler Mediziner und Zoologen ist,
-mit der _Kastration_ eines Tieres regelmäßig ein Umschlag nach dem
-entgegengesetzten Geschlechte hin ein, wäre z. B. mit der Entmannung
-eines Tieres auch schon eo ipso als Folge seine völlige Verweiblichung
-gesetzt, so wäre das Bestehen eines von den Keimdrüsen unabhängigen
-primordialen Sexualcharakters jeder Zelle wieder in Frage gestellt.
-Aber die jüngsten experimentellen Untersuchungen von _Sellheim_
-und _Foges_ haben gezeigt, daß es einen vom weiblichen durchaus
-verschiedenen Typus des Kastraten gibt, daß Entmannung nicht ohne
-weiters identisch ist mit Verweiblichung. Freilich wird man gut tun,
-auch in dieser Richtung zu weitgehende, radikale Folgerungen zu
-vermeiden, man darf keinesfalls die Möglichkeit ausschließen, daß
-eine zweite, latent gebliebene Keimdrüse des anderen Geschlechtes
-nach Beseitigung oder Atrophie einer ersten Keimdrüse sozusagen
-die Herrschaft über einen in seiner sexuellen Charakteristik in
-gewissem Maße schwankenden Organismus gewinne. Die häufigen, freilich
-wohl allgemein etwas zu kühn (als durchgängige Annahme männlicher
-Charaktere) interpretierten Fälle, in denen, nach der Involution der
-weiblichen Geschlechtsorgane im Klimakterium, an einem weiblichen
-Organismus äußere sekundäre Sexualcharaktere des Masculinums sichtbar
-werden, wären das bekannteste Beispiel hiefür: der »Bart« der
-menschlichen »Großmütter«, alte Ricken, die bisweilen einen kurzen
-Stirnzapfen erhalten, die »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen u. s. w.
-Aber selbst ganz ohne senile Rückbildungen oder operative äußere
-Eingriffe scheinen derartige Verwandlungen vorzukommen. Sichergestellt
-als die _normale_ Entwicklung sind sie für einige Vertreter der
-Gattungen Cymothoa, Anilocra, Nerocila aus den zur Gruppe der
-Cymothoideen gehörigen, auf Fischen schmarotzenden Asseln. Diese
-Tiere sind Hermaphroditen eigentümlicher Art: an ihnen sind männliche
-und weibliche Keimdrüse dauernd gleichzeitig vorhanden, aber nicht
-gleichzeitig funktionsfähig. Es besteht eine Art »Protandrie«: jedes
-Individuum fungiert zuerst als Männchen, später als Weibchen. Zur
-Zeit ihrer Funktionstüchtigkeit als Männchen besitzen sie durchwegs
-männliche Begattungsorgane, die nachher abgeworfen werden, wenn die
-weiblichen Ausfuhrwege und Brutlamellen sich entwickelt und geöffnet
-haben. Daß es aber auch beim Menschen solche Dinge gibt, scheinen
-jene äußerst merkwürdigen Fälle von »Eviratio« und »Effeminatio«
-zu beweisen, von welchen die sexuelle Psychopathologie aus dem
-erwachsenen Alter reifer Männer erzählt. Man wird also um so weniger
-das tatsächliche Vorkommen der Verweiblichung in gänzliche Abrede
-stellen dürfen, wenn für diese eine so günstige Bedingung wie die
-Exstirpation der männlichen Keimdrüse geschaffen wird.[6] Daß aber
-der Zusammenhang kein allgemeiner und notwendiger ist, daß Kastration
-ein Individuum durchaus nicht _mit Sicherheit_ zum Angehörigen
-des anderen Geschlechtes macht -- dies ist wieder ein Beweis, wie
-notwendig die allgemeine Annahme ursprünglich arrhenoplasmatischer und
-thelyplasmatischer Zellen für den ganzen Körper ist.
-
-Das Bestehen der originären sexuellen Charakteristik jeder Zelle
-und die Ohnmacht der auf sich allein angewiesenen Keimdrüsensekrete
-wird weiter erwiesen durch die gänzliche Erfolglosigkeit von
-Transplantationen männlicher Keimdrüsen auf weibliche Tiere. Zur
-strikten Beweiskraft dieser letzteren Versuche wäre es freilich
-vonnöten, daß die exstirpierten Testikel einem möglichst nahe
-verwandten weiblichen Tier, womöglich einer Schwester des kastrierten
-Männchens, eingepflanzt würden: das _Idioplasma_ dürfte nicht _auch
-noch_ ein zu verschiedenes sein. Es würde nämlich hier wie sonst viel
-darauf ankommen, die Bedingungen des Erfolges in möglichst reiner
-Isolation wirken zu lassen, um ein möglichst eindeutiges Resultat zu
-erhalten. Versuche auf der _Chrobak_schen Klinik in Wien haben gezeigt,
-daß zwischen zwei (wahllos ausgemusterten) weiblichen Tieren beliebig
-vertauschte Ovarien in der Mehrzahl der Fälle atrophieren und nie
-die Verkümmerung der sekundären Charaktere (z. B. der Milchdrüsen)
-aufzuhalten vermögen: während bei Entfernung der eigenen Keimdrüse
-von ihrem natürlichen Lager und ihrer Implantation an einem davon
-verschiedenen Orte im _selben_ Tiere (das somit sein eigenes Gewebe
-behält) im Idealfalle die _völlige_ Entwicklung der sekundären
-Geschlechtscharaktere _ebenso_ möglich ist, wie wenn gar kein
-Eingriff erfolgt. Das Mißlingen der Transplantation auf kastrierte
-Geschlechtsgenossen ist vielleicht hauptsächlich in der mangelnden
-Familienverwandtschaft begründet: das idioplasmatische Moment müßte in
-erster Linie beachtet werden.
-
-Diese Dinge erinnern sehr an die Erfahrungen bei der _Transfusion_
-heterologen Blutes. Es ist eine praktische Regel der Chirurgen, daß
-man verlorenes Blut (bei Gefahr schwerer Störungen) nicht nur durch
-das Blut der gleichen Spezies und einer verwandten Familie, sondern
-auch durch das Blut eines gleichgeschlechtlichen Wesens ersetzen
-muß. Die Parallele mit den Transplantationsversuchen springt in die
-Augen. Sollten aber die hier vertretenen Ansichten sich behaupten, so
-werden die Chirurgen, soweit sie überhaupt transfundieren und nicht
-Kochsalzinfusionen bevorzugen, vielleicht nicht bloß darauf achten
-müssen, ob das Ersatzblut einem möglichst stammverwandten Tiere
-entnommen ist. Es fragt sich, ob dann die Forderung zu weit ginge, daß
-nur das Blut eines Wesens von möglichst gleichem Grade der Maskulität
-oder Muliebrität Verwendung finden dürfte.
-
-Wie diese Verhältnisse bei der Transfusion ein Beweis für die eigene
-sexuelle Charakteristik der Blutkörperchen, so liefert, wie erwähnt,
-der gänzliche Mißerfolg aller Überpflanzungen männlicher Keimdrüsen
-auf Weibchen oder weiblicher Keimdrüsen auf Männchen noch einen
-Beweis dafür, daß die innere Sekretion _nur auf ein ihr adäquates
-Arrhenoplasma oder Thelyplasma wirksam ist_.
-
-In Anknüpfung hieran soll schließlich noch des organotherapeutischen
-Heilverfahrens mit einem Worte gedacht werden. Es ist nach dem obigen
-klar, daß und warum, wenn die Transplantation möglichst geschonter
-ganzer Keimdrüsen auf andersgeschlechtliche Individuen keinen Erfolg
-hatte, auch ebenso z. B. die Injektion von Ovarialsubstanz in das Blut
-eines Masculinums höchstens Schaden anrichten konnte. Aber anderseits
-erledigen sich ebenso eine Menge von Einwürfen _gegen_ das _Prinzip_
-der Organotherapie damit, daß Organpräparate von _Nicht_-Artgenossen
-naturgemäß nicht immer eine volle Wirkung ausüben können. Durch die
-Nichtbeachtung eines biologischen Prinzipes von solcher Wichtigkeit
-wie die Idioplasmalehre haben sich die ärztlichen Vertreter der
-Organotherapie vielleicht manchen Heilerfolg verscherzt.
-
-Die Idioplasmalehre, die auch jenen Geweben und Zellen den spezifischen
-Artcharakter zuschreibt, welche die reproduktive Fähigkeit verloren
-haben, ist allerdings noch nicht allgemein anerkannt. Aber daß
-zumindest in den Keimdrüsen die Arteigenschaften versammelt sind, wird
-jedermann einsehen müssen, und damit auch zugeben, daß gerade bei
-Präparaten aus den Keimdrüsen die möglichst geringe verwandtschaftliche
-Entfernung erstes Postulat ist, sofern diese Methode mehr erstrebt, als
-ein gutes Tonikum zu liefern. Parallelversuche zwischen Transplantation
-von Keimdrüsen und Injektionen ihrer Extrakte, etwa ein Vergleich
-zwischen dem Einfluß des ihm selbst oder einem nahe verwandten
-Individuum entnommenen und auf einen Hahn irgendwo, z. B. in seinen
-Peritonealraum transplantierten Hodens _mit_ dem Einfluß intravenöser
-Injektionen von Testikularextrakt in einen anderen kastrierten Hahn,
-wobei dieser Extrakt ebenfalls aus den Hoden verwandter Individuen
-gewonnen sein müßte -- solche Parallelversuche wären hier vielleicht
-mit Nutzen auszuführen. Sie könnten möglicherweise auch noch
-lehrreiche Aufschlüsse bringen über die passendste Darstellung und
-Menge der Organpräparate und der einzelnen Injektionen. Es wäre auch
-_theoretisch_ eine Feststellung darüber erwünscht, ob die inneren
-Keimdrüsensekrete mit Stoffen in der Zelle eine chemische Verbindung
-eingehen, oder ob ihre Wirkung bloß eine katalytische, von der Menge
-eigentlich doch unabhängige ist. Die letztere Annahme kann nach den
-bisher vorliegenden Untersuchungen noch nicht ausgeschlossen werden.
-
-Die Grenzen des Einflusses der inneren Sekretion auf die Gestaltung
-des definitiven geschlechtlichen Charakters waren zu ziehen,
-um die gemachte Annahme einer originären, _im allgemeinen_ für
-jede Zelle graduell verschiedenen, von Anfang an bestimmten
-sexuellen Charakteristik gegen Einwände zu sichern.[7] Wenn diese
-Charakteristiken auch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle für die
-verschiedenen Zellen und Gewebe desselben Individuums nicht sonderlich
-dem Grade nach verschieden sein dürften, so gibt es doch eklatante
-Ausnahmen, die uns die Möglichkeit großer Amplituden vor Augen rücken.
-Auch die einzelnen Eizellen und die einzelnen Spermatozoiden, nicht nur
-verschiedener Organismen, auch in den Follikeln und in der Spermamasse
-_eines_ Individuums, zur selben Zeit und mehr noch zu verschiedenen
-Zeiten, werden Unterschiede in dem Grade ihrer Muliebrität und
-Maskulität zeigen, z. B. die Samenfäden verschieden schlank,
-verschieden schnell sein. Freilich sind wir über diese Unterschiede bis
-jetzt sehr wenig unterrichtet, aber wohl nur, weil niemand bisher diese
-Dinge in gleicher Absicht untersucht hat.
-
-Doch hat man -- und dies ist eben das Interessante -- in den Hoden von
-Amphibien neben den normalen Entwicklungsstufen der Spermatogenese
-regelrechte und wohlentwickelte _Eier_, nicht ein einziger einmal,
-sondern verschiedene Beobachter zu öfteren Malen, gefunden. Diese
-Deutung der Befunde wurde zwar bestritten und von einer Seite
-nur die Existenz abnorm großer Zellen in den Samenkanälchen als
-feststehend zugegeben, aber der Sachverhalt wurde später unzweifelhaft
-festgestellt. Allerdings sind Zwitterbildungen gerade bei den
-betreffenden Amphibien ungemein häufig; dennoch ist diese eine Tatsache
-genug Beweis für die Notwendigkeit, mit der Annahme annähernder
-Konformität des Arrhenoplasma oder Thelyplasma in _einem_ Körper
-_vorsichtig_ zu sein. Es scheint entlegen und gehört doch ganz in die
-gleiche Kategorie von Übereilung, wenn ein menschliches Individuum,
-bloß weil es bei der Geburt ein, wenn auch noch so kurzes, etwa gar
-epi- oder hypospadisches männliches Glied zeigt, ja selbst noch bei
-doppelseitigem Kryptorchismus als »Knabe« bezeichnet und ohne weiters
-als solcher angesehen wird, obwohl es in den übrigen Körperpartien,
-z. B. cerebral, weit näher dem Thelyplasma als dem Arrhenoplasma steht.
-Man wird es da wohl noch einmal zu lernen trachten müssen, selbst
-feinere Abstufungen der Geschlechtlichkeit schon bei der Geburt zu
-diagnostizieren.
-
-Als Resultat dieser längeren Induktionen und Deduktionen können wir
-nun wohl die Sicherung der originären sexuellen Charakteristik, die a
-priori nicht für alle Zellen auch desselben Körpers gleich oder auch
-nur ungefähr gleich gesetzt werden darf, betrachten. Jede Zelle, jeder
-Zellkomplex, jedes Organ hat einen bestimmten Index, der seine Stellung
-zwischen Arrhenoplasma und Thelyplasma anzeigt. Im großen und ganzen
-freilich wird _ein_ Index für den _ganzen_ Körper geringen Ansprüchen
-an Exaktheit genügen. Wir würden indes verhängnisvolle Irrtümer im
-Theoretischen, schwere Sünden im Praktischen auf uns laden, wenn wir
-hier mit solcher inkorrekter Beschreibung auch im Einzelfalle ernstlich
-alles getan zu haben glaubten.
-
-_Die verschiedenen Grade der ursprünglichen sexuellen Charakteristik
-zusammen mit der_ (bei den einzelnen Individuen wahrscheinlich
-qualitativ und quantitativ) _variierenden inneren Sekretion $bedingen$
-das Auftreten der sexuellen Zwischenformen_.
-
-Arrhenoplasma und Thelyplasma, in ihren unzähligen Abstufungen, sind
-die _mikro_skopischen Agentien, die im Vereine mit der »inneren
-Sekretion« jene _makro_skopischen Differenzen schaffen, von denen das
-vorige Kapitel ausschließlich handelte.
-
-Unter Voraussetzung der Richtigkeit der bisherigen Darlegungen
-ergibt sich die Notwendigkeit einer ganzen Reihe von anatomischen,
-physiologischen, histologischen und histochemischen Untersuchungen
-über die Unterschiede zwischen den _Typen_ M und W in Bau und
-Funktion _aller_ einzelnen Organe, über die Art, wie Arrhenoplasma
-und Thelyplasma sich in den verschiedenen Geweben und Organen
-besonders differenzieren. Die Durchschnittskenntnisse, die wir bis
-jetzt über all das haben, genügen selbst dem modernen Statistiker
-kaum mehr. Wissenschaftlich ist ihr Wert ganz gering. Daß z. B.
-alle Untersuchungen über sexuelle Unterschiede im Gehirn so wenig
-Wertvolles zu Tage fördern konnten, dafür ist auch dies ein Grund,
-daß man nicht den _typischen_ Verhältnissen nachgegangen ist, sondern
-sich mit dem, was der Taufschein oder der oberflächlichste Aspekt der
-Leiche über das Geschlecht sagte, zufrieden gab und so jeden Hans
-und jede Grete als vollwertige Repräsentanten der Männlichkeit oder
-Weiblichkeit gelten ließ. Man hätte, wenn man schon psychologischer
-Daten nicht zu bedürfen glaubte, doch wenigstens, da Harmonie in der
-sexuellen Charakteristik der verschiedenen Körperteile häufiger ist als
-große Sprünge derselben zwischen den einzelnen Organen, sich einiger
-Tatsachen bezüglich der übrigen Körperbeschaffenheit versichern sollen,
-die für Männlichkeit und Weiblichkeit in Betracht kommen, wie der
-Distanz der großen Trochanteren, der Spinae iliacae ant. sup. etc. etc.
-
-Dieselbe Fehlerquelle -- das unbedenkliche Passierenlassen sexueller
-Zwischenstufen als maßgebender Individuen -- ist übrigens auch bei
-anderen Untersuchungen nicht verstopft worden; und diese Sorglosigkeit
-kann das Gewinnen haltbarer und beweisbarer Resultate auf lange Zeit
-hintanhalten. Schon wer z. B. den Ursachen des _Knabenüberschusses bei
-den Geburten_ nachspekuliert, dürfte diese Verhältnisse nicht ganz
-außer Acht lassen. Namentlich wird sich aber ihre Nichtberücksichtigung
-an jedermann rächen, der das _Problem der geschlechtsbestimmenden
-Ursachen_ lösen zu wollen sich unterfängt. Bevor er nicht jedes zur
-Welt gekommene Lebewesen, das ihm zum Objekt der Untersuchung wird,
-auch auf seine Stellung zwischen M und W geprüft hat, wird man seinen
-Hypothesen oder gar seinen Beeinflussungsmethoden zu trauen sich hüten
-dürfen. Wenn er nämlich die sexuellen Zwischenstufen einerseits bloß in
-der bisherigen äußerlichen Weise unter die männlichen oder unter die
-weiblichen Geburten einreiht, so wird er Fälle _für_ sich in Anspruch
-nehmen, die bei tieferer Betrachtung _gegen_ ihn zeugen würden, und
-andere Fälle als Gegeninstanzen betrachten, die es tatsächlich nicht
-sind: ohne den idealen Mann und das ideale Weib entbehrt er eben
-eines festen Maßstabes, den er an die Wirklichkeit anlegen könnte,
-und tappt im ungewissen, oberflächlichen Schein. _Maupas_ z. B., dem
-die experimentelle Geschlechtsbestimmung bei Hydatina senta, einem
-Rädertierchen, gelungen ist, hat noch immer 3-5% an abweichenden
-Resultaten erzielt. Bei niedrigerer Temperatur wurde die Geburt von
-Weibchen erwartet, und doch ergab sich dieser Satz von Männchen;
-entsprechend kamen bei hoher Temperatur gegen die Regel etwa ebensoviel
-Weibchen heraus. Es ist anzunehmen, daß dies sexuelle Zwischenstufen
-waren, sehr arrhenoide Weibchen bei hoher, sehr thelyide Männchen bei
-tiefer Temperatur. Wo das Problem viel komplizierter liegt, z. B.
-beim Rinde, um vom Menschen zu schweigen, wird der Prozentsatz der
-übereinstimmenden Resultate kaum je so groß sein wie hier und deshalb
-die richtige Deutung durch von den sexuellen Zwischenstufen herrührende
-Störungen viel schwerer beeinträchtigt werden.
-
-Wie Morphologie, Physiologie und Entwicklungsmechanik, so ist auch
-eine vergleichende _Pathologie_ der sexuellen _Typen_ vorderhand ein
-Desiderat. Freilich wird man hier wie dort aus der Statistik gewisse
-Schlüsse ziehen dürfen. Wenn diese erweist, daß eine Krankheit beim
-»weiblichen Geschlechte« sehr erheblich häufiger sich findet als beim
-»männlichen«, so wird man hienach im allgemeinen die Annahme wagen
-dürfen, sie sei eine dem Thelyplasma eigentümliche, »idiopathische«
-Affektion. So dürfte z. B. Myxödem eine Krankheit von W sein; Hydrokele
-ist naturgemäß eine Krankheit von M.
-
-Doch können selbst die am lautesten sprechenden Zahlen der Statistik
-hier so lange vor theoretischen Irrtümern nicht mit Sicherheit
-bewahren, als nicht von dem Charakter irgend eines Leidens gezeigt ist,
-daß es in unauflöslicher, funktioneller Beziehung an die Männlichkeit
-oder an die Weiblichkeit geknüpft ist. Die _Theorie_ der betreffenden
-Krankheiten wird auch darüber Rechenschaft zu geben haben, _$warum$_
-sie »fast ausschließlich bei einem Geschlechte auftreten«, d. h. (in
-der hier begründeten Fassung) warum sie entweder M oder W zugehören.
-
-
-
-
-III. Kapitel.
-
-Gesetze der sexuellen Anziehung.
-
- _Carmen_:
-
- »L'amour est un oiseau rebelle,
- Que nul ne peut apprivoiser:
- Et c'est bien en vain qu'on l'appelle,
- S'il lui convient de refuser.
- Rien n'y fait; menace ou prière:
- L'un parle, l'autre se tait;
- Et c'est l'autre que je prefère;
- Il n'a rien dit, mais il me plaît.
- .............
- L'amour est enfant de Bohême
- Il n'a jamais connu de loi.«
-
- $?$
-
-
-In den alten Begriffen ausgedrückt, besteht bei sämtlichen
-geschlechtlich differenzierten Lebewesen eine auf Begattung gerichtete
-Anziehung zwischen Männchen und Weibchen, Mann und Weib. Da Mann und
-Weib aber nur Typen sind, die in der Realität nirgends rein sich
-vertreten finden, so werden wir hievon nicht mehr so sprechen können,
-daß die geschlechtliche Anziehung ein Masculinum schlechtweg und ein
-Femininum schlechtweg einander zu nähern suche. Über die Tatsachen der
-sexuellen Wirkungen muß aber auch die hier vertretene Theorie, wenn
-sie vollständig sein soll, Rechenschaft geben können, ja es muß auch
-ihr Erscheinungsgebiet sich mit den neuen Mitteln besser darstellen
-lassen als mit den bisherigen, wenn jene vor diesen ihren Vorzug
-behaupten sollen. Wirklich hat mich die Erkenntnis, daß M und W in
-allen _verschiedenen_ Verhältnissen sich auf die Lebewesen _verteilen_,
-zur Entdeckung eines ungekannten, bloß von einem Philosophen einmal
-geahnten _Naturgesetzes_ geführt, eines _Gesetzes der sexuellen
-Anziehung_. Beobachtungen des Menschen ließen es mich gewinnen, und ich
-will daher von diesem hier ausgehen.
-
-Jeder Mensch hat, was das andere Geschlecht anlangt, einen bestimmten,
-ihm eigentümlichen »Geschmack«. Wenn wir etwa die Bildnisse der
-Frauen vergleichen, die irgend ein berühmter Mann der Geschichte
-nachweislich geliebt hat, so finden wir fast immer, daß alle eine
-beinahe durchgängige Übereinstimmung aufweisen, die äußerlich am
-ehesten hervortreten wird in ihrer _Gestalt_ (im engeren Sinne des
-_Wuchses_) oder in ihrem _Gesichte_, aber sich bei näherem Zusehen bis
-in die kleinsten Züge -- ad unguem, bis auf die Nägel der Finger --
-erstrecken wird. Ganz ebenso verhält es sich aber auch sonst. Daher die
-Erscheinung, daß jedes Mädchen, von welchem eine starke Anziehung auf
-den Mann ausgeht, auch sofort die Erinnerung an jene Mädchen wachruft,
-die schon früher ähnlich auf ihn gewirkt haben. Jeder hat ferner
-zahlreiche Bekannte, deren Geschmack, das andere Geschlecht betreffend,
-ihm schon den Ausruf abgenötigt hat: »Wie einem die gefallen kann,
-verstehe ich nicht!« Eine Menge Tatsachen, welche den bestimmten
-besonderen Geschmack jedes Einzelwesens auch für die Tiere außer allen
-Zweifel setzen, hat _Darwin_ gesammelt (in seiner »Abstammung des
-Menschen«). Daß Analoga zu dieser Tatsache des bestimmten Geschmackes
-aber selbst bei den Pflanzen sich deutlich ausgeprägt finden, wird bald
-besprochen werden.
-
-Die sexuelle Anziehung ist fast ausnahmslos nicht anders als bei der
-Gravitation eine gegenseitige; wo diese Regel Ausnahmen zu erleiden
-scheint, lassen sich beinahe immer differenziertere Momente nachweisen,
-welche es zu verhindern wissen, daß dem _unmittelbaren_ Geschmacke,
-der fast stets ein wechselseitiger ist, Folge gegeben werde; oder
-ein Begehren erzeugen, wenn dieser unmittelbare erste Eindruck nicht
-dagewesen ist.
-
-Auch der Sprachgebrauch redet vom »Kommen des Richtigen«, vom
-»Nichtzueinanderpassen« zweier Leute. Er beweist so eine gewisse
-dunkle Ahnung der _Tatsache, daß in jedem Menschen gewisse
-Eigenschaften liegen, die es nicht ganz gleichgültig erscheinen lassen,
-$welches$ Individuum des anderen Geschlechtes mit ihm eine sexuelle
-Vereinigung einzugehen geeignet ist; daß nicht jeder »Mann« für jeden
-anderen »Mann«, nicht jedes »Weib« für jedes andere »Weib«, ohne daß es
-einen Unterschied macht, eintreten kann_.
-
-Jedermann weiß ferner aus eigener Erfahrung, daß gewisse Personen des
-anderen Geschlechtes auf ihn sogar eine direkt _abstoßende_ Wirkung
-ausüben können, andere ihn kalt lassen, noch andere ihn reizen, bis
-endlich (vielleicht nicht immer) ein Individuum erscheint, mit dem
-vereinigt zu sein in dem Maße sein Verlangen wird, daß die ganze
-Welt _daneben_ für ihn eventuell wertlos wird und verschwindet.
-Welches Individuum ist das? Welche Eigenschaften muß es besitzen?
-Hat wirklich -- und es ist so -- jeder Typus unter den Männern einen
-ihm entsprechenden Typus unter den Weibern zum Korrelate, der auf
-ihn sexuell wirkt, und umgekehrt, so scheint zumindest hier ein
-gewisses Gesetz zu walten. Was ist das für ein Gesetz? Wie lautet
-es? »Gegensätze ziehen sich an«, so hörte ich es formulieren, als
-ich, bereits im Besitze der eigenen Antwort auf meine Frage, bei
-verschiedenen Menschen hartnäckig auf das Aussprechen eines solchen
-drang und ihrer Abstraktionskraft durch Beispiele zu Hilfe kam. Auch
-dies ist in gewissem Sinne und für einen kleineren Teil der Fälle
-zuzugeben. Aber es ist doch zu allgemein, zerfließt unter den Händen,
-die Anschauliches erfassen wollen, und läßt keinerlei mathematische
-Formulierung zu.
-
-Diese Schrift nun vermißt sich nicht, _sämtliche_ Gesetze der sexuellen
-Anziehung -- es gibt ihrer nämlich mehrere -- aufdecken zu wollen, und
-erhebt somit keineswegs den Anspruch, jedem Individuum bereits sichere
-Auskunft über dasjenige Individuum des anderen Geschlechtes geben zu
-können, das seinem Geschmack am besten entsprechen werde, wie dies eine
-vollständige Kenntnis der in Betracht kommenden Gesetze allerdings
-ermöglichen würde. Nur ein einziges von diesen Gesetzen soll in diesem
-Kapitel besprochen werden, da es in organischem Zusammenhange mit
-den übrigen Erörterungen des Buches steht. Einer Anzahl weiterer
-Gesetze bin ich auf der Spur, doch war dieses das erste, auf das ich
-aufmerksam wurde, und das, was ich darüber zu sagen habe, ist relativ
-am fertigsten. Die Unvollkommenheiten im Beweismaterial möge man
-in Erwägung der Neuheit und Schwierigkeit der Sache mit Nachsicht
-beurteilen.
-
-Die Tatsachen, aus denen ich dieses Gesetz der sexuellen Affinität
-ursprünglich gewonnen, und die große Anzahl jener, die es mir bestätigt
-haben, hier anzuführen, ist jedoch glücklicherweise in gewissem
-Sinne überflüssig. Ein jeder ist gebeten, es zunächst an sich selbst
-zu prüfen, und dann Umschau zu halten im Kreise seiner Bekannten;
-besonders empfehle ich eben jene Fälle der Erinnerung und Beachtung,
-wo er ihren Geschmack nicht verstanden oder ihnen gar einmal allen
-»Geschmack« abgesprochen hat, oder wo ihm dasselbe von ihrer Seite
-widerfahren ist. Jenes Mindestmaß von Kenntnis der äußeren Formen des
-menschlichen Körpers, welches zu dieser Kontrolle nötig ist, besitzt
-jeder Mensch.
-
-Auch ich bin zu dem Gesetze, das ich nun formulieren will, auf eben dem
-Wege gelangt, auf welchen ich hier zunächst habe verweisen müssen.
-
-Das Gesetz lautet: »_Zur sexuellen Vereinigung trachten immer ein
-$ganzer$ Mann (M) und ein $ganzes$ Weib (W) zusammen zu kommen, $wenn
-auch auf die zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in
-verschiedenem Verhältnisse verteilt.$_«
-
-Anders ausgedrückt: Wenn m_{μ} das Männliche, w_{μ} das Weibliche
-ist in irgend einem von der gewöhnlichen Auffassung einfach als
-»Mann« bezeichneten Individuum μ und w_{ω} das Weibliche, m_{ω} das
-Männliche dem Grade nach ausdrückt in irgend einer sonst oberflächlich
-schlechtweg als »Weib« gekennzeichneten Person ω, so ist bei jeder
-_vollkommenen Affinität_, d. h. im Falle der _stärksten_ sexuellen
-Attraktion:
-
- (Ia) m_{μ} + m_{ω} = C(onstans)_{1} = M = dem idealen Manne
-
-und darum natürlich gleichzeitig auch
-
- (Ib) w_{μ} + w_{ω} = C_{2} = W = dem idealen Weibe.
-
-Man mißverstehe diese Formulierung nicht. Es ist _ein_ Fall, _eine
-einzige_ sexuelle Relation, für die beide Formeln Geltung haben, von
-denen aber die zweite aus der ersten unmittelbar folgt und nichts Neues
-zu ihr hinzufügt; denn wir operieren ja unter der Voraussetzung, daß
-jedes Individuum so viel Weibliches hat, als ihm Männliches gebricht.
-Ist es _ganz_ männlich, so wird es ein _ganz_ weibliches Gegenglied
-verlangen; ist es ganz weiblich, ein ganz männliches. Ist in ihm aber
-ein bestimmter größerer Bruchteil vom Manne _und_ ein keineswegs
-zu vernachlässigender anderer Bruchteil vom Weibe, so wird es zur
-Ergänzung ein Individuum fordern, das seinen Bruchteil an Männlichkeit
-zum Ganzen, zur Einheit komplettiert; damit wird aber _zugleich_ auch
-sein weiblicher Anteil in ebensolcher Weise vervollständigt. Es habe
-z. B. ein Individuum
-
- { ¾ M,
- μ { _also_
- { ¼ W.
-
-Dann wird sein bestes sexuelles Komplement nach diesem Gesetze jenes
-Individuum ω sein, welches sexuell folgendermaßen zu definieren ist:
-
- { ¼ M,
- ω { _also_
- { ¾ W.
-
-Man erkennt bereits in dieser Fassung den Wert größerer Allgemeinheit
-vor der gewöhnlichen Anschauung. Daß Mann und Weib, als sexuelle Typen,
-einander anziehen, ist hierin eben nur als _Spezialfall_ enthalten, als
-jener Fall, in welchem ein imaginäres Individuum
-
- X { 1 . M
- { 0 . W
-
-sein Komplement in einem ebenso imaginären
-
- Y { 0 . M
- { 1 . W
-
-findet.
-
-Niemand wird zögern, die Tatsache des bestimmten sexuellen
-Geschmackes zuzugeben; damit ist aber auch die Berechtigung der
-Frage nach den _Gesetzen_ dieses Geschmackes anerkannt, nach dem
-Funktionalzusammenhang, in welchem die sexuelle Vorliebe mit den
-übrigen körperlichen und psychischen Qualitäten eines Wesens steht.
-Das Gesetz, welches hier aufgestellt wurde, hat von vornherein nicht
-das geringste _Un_wahrscheinliche an sich: es steht ihm weder in der
-gewöhnlichen noch in der wissenschaftlich geeichten Erfahrung das
-geringste _entgegen_. Aber es ist an und für sich auch gewiß nicht
-»selbstverständlich«. Es könnte ja -- _denkbar_ wäre es, da das Gesetz
-selbst bis jetzt nicht weiter ableitbar ist -- auch lauten: m_{μ} -
-m{ω} = Const., d. h. die _Differenz_ im Gehalte an M eine konstante
-Größe sein, nicht die Summe, also der männlichste Mann von _seinem_
-Komplemente, welches dann gerade in der Mitte zwischen M und W läge,
-ebensoweit entfernt stehen wie der weiblichste Mann von dem seinen,
-das wir in diesem Falle in der extremen Weiblichkeit zu erblicken
-hätten. _Denkbar_ wäre das, wie gesagt, doch ist es darum nicht in der
-Realität verwirklicht. Folgen wir also, in der Erkenntnis, daß wir ein
-empirisches Gesetz vor uns haben, dem wissenschaftlichen Gebote der
-Bescheidung, so werden wir vorderhand nicht von einer »Kraft« sprechen,
-welche die zwei Individuen wie zwei Hampelmännchen gegeneinander laufen
-läßt, sondern in dem Gesetze nur den Ausdruck eines Verhältnisses
-erblicken, das in jeder stärksten sexuellen Anziehung in ganz gleicher
-Weise zu konstatieren ist; es kann nur eine »Invariante« (_Ostwald_),
-eine »Multiponible« (_Avenarius_) aufzeigen, und das ist in diesem
-Falle die stets gleich bleibende Summe des Männlichen wie die des
-Weiblichen in den beiden einander mit größter Stärke anziehenden
-Lebewesen.
-
-Vom »ästhetischen«, vom »Schönheits«-Moment muß _hier_ ganz abgesehen
-werden. Denn wie oft kommt es vor, daß der eine von einer bestimmten
-Frau ganz entzückt ist, ganz außer sich über deren »außerordentliche«,
-»berückende« Schönheit, und der andere »gern wissen möchte«, was an
-der Betreffenden »denn nur gefunden werden könne«, da sie eben nicht
-auch _sein_ sexuelles Komplement ist. Ohne hier den Standpunkt irgend
-einer normativen Ästhetik einnehmen oder für einen Relativismus der
-Wertungen Beispiele sammeln zu wollen, kann man es aussprechen, daß
-sicherlich nicht nur vom rein ästhetischen Standpunkte _Indifferentes_,
-sondern selbst _Unschönes_ vom verliebten Menschen schön gefunden wird,
-wobei unter »rein-ästhetisch« nicht ein Absolut-Schönes, sondern nur
-_das Schöne_, d. h. das nach Abzug aller »sexuellen Apperzeptionen«
-_ästhetisch Gefallende_ verstanden werden soll.
-
-Das Gesetz selbst habe ich in mehreren hundert Fällen (um die
-niederste Zahl zu nennen) bestätigt gefunden, und alle Ausnahmen
-erwiesen sich als scheinbare. Fast ein jedes Liebespaar, dem man auf
-der Straße begegnet, liefert eine neue Bestätigung. Die Ausnahmen
-waren insoferne lehrreich, als sie die Spur der anderen Gesetze
-der Sexualität verstärkten und zu deren Erforschung aufforderten.
-Übrigens habe ich auch selbst eine Anzahl von Versuchen in folgender
-Weise angestellt, daß ich mit einer Kollektion von Photographien
-rein-ästhetisch untadeliger Frauen, deren jede einem bestimmten Gehalte
-an W entsprach, eine Enquête veranstaltete, indem ich sie einer Reihe
-von Bekannten, »zur Auswahl der Schönsten«, wie ich hinterlistig sagte,
-vorlegte. Die Antwort, die ich bekam, war regelmäßig dieselbe, die
-ich im voraus erwartete. Von anderen, die bereits wußten, worum es
-sich handelte, habe ich mich in der Weise prüfen lassen, daß sie mir
-Bilder vorlegten, und ich aus diesen die für sie Schönste herausfinden
-mußte. Dies ist mir immer gelungen. Anderen habe ich, ohne daß sie mir
-vorher unfreiwillige Stichproben davon geliefert hatten, ihr Ideal
-vom anderen Geschlechte zuweilen mit annähernder Vollständigkeit
-beschreiben können, jedenfalls oft viel genauer, als sie selbst es
-anzugeben vermochten; manchmal wurden sie jedoch auch auf das, was
-ihnen _miß_fiel -- was die Menschen im allgemeinen viel eher kennen als
-das, was ihnen gefällt -- erst aufmerksam, als ich es ihnen sagte.
-
-Ich glaube, daß der Leser bei einiger Übung es bald zu der gleichen
-Fertigkeit wird bringen können, die einige Bekannte aus einem engeren
-wissenschaftlichen Freundeskreis, von den hier vertretenen Ideen
-angeregt, bereits erlangt haben. Freilich wäre hiezu eine Erkenntnis
-der anderen Gesetze der sexuellen Anziehung sehr erwünscht. Als Proben
-auf das Verhältnis wirklicher komplementärer Ergänzung ließen sich
-eine Menge spezieller Konstanten namhaft machen. Man könnte z. B. auf
-den Gedanken geraten, die Summe der Haarlängen zweier Verliebter sei
-immer gleich groß. Doch wird dies schon aus den im zweiten Kapitel
-erörterten Gründen nicht immer zutreffen, indem nicht alle Organe eines
-und desselben Wesens gleich männlich oder gleich weiblich sind. Überdem
-würden solche heuristische Regeln bald sich vermehren und dann schnell
-zu der Kategorie der schlechten Witze herabsinken, weshalb ich hier von
-ihrer Anführung lieber absehen mag.
-
-Ich verhehle mir nicht, daß die Art, wie dieses Gesetz hier eingeführt
-wurde, etwas Dogmatisches hat, das ihm bei dem Mangel einer exakten
-Begründung um so schlechter ansteht. Mir konnte aber auch hier
-weniger daran liegen, mit fertigen Ergebnissen hervorzutreten, als
-zur Gewinnung solcher anzuregen, nachdem die Mittel, die mir zur
-genauen Überprüfung jener Sätze nach naturwissenschaftlicher Methode
-zur Verfügung standen, äußerst beschränkte waren. Wenn also auch im
-einzelnen vieles hypothetisch bleibt, so hoffe ich doch im folgenden
-mit Hinweisen auf merkwürdige Analogien, die bisher keine Beachtung
-gefunden haben, die einzelnen Balken des Gebäudes noch durcheinander
-stützen zu können: einer »rückwirkenden Verfestigung« vermögen
-vielleicht selbst die Prinzipien der analytischen Mechanik nicht zu
-entbehren.
-
-Eine höchst auffällige Bestätigung erfährt das aufgestellte Gesetz
-zunächst durch eine Gruppe von Tatsachen aus dem Pflanzenreiche,
-die man bisher in völliger Isolation betrachtet hat und denen
-demgemäß der Charakter der Seltsamkeit in hohem Grade anzuhaften
-schien. Wie jeder Botaniker sofort erraten haben wird, meine ich
-die von _Persoon_ entdeckte, von _Darwin_ zuerst beschriebene,
-von _Hildebrand_ benannte Erscheinung der _Ungleichgriffeligkeit_
-oder _Heterostylie_. Sie besteht in folgendem: Viele dikotyle (und
-eine einzige monokotyle) Pflanzenspezies, z. B. Primulaceen und
-Geraniaceen, besonders aber viele Rubiaceen, lauter Pflanzen, auf
-deren Blüte sowohl Pollen als Narbe funktionsfähig sind, aber nur
-für Produkte fremder Blüten, die also in morphologischer Beziehung
-androgyn, in physiologischer Hinsicht jedoch diözisch erscheinen --
-diese alle haben die Eigentümlichkeit, _ihre Narben und Staubbeutel
-auf verschiedenen Individuen zu verschiedener Höhe zu entwickeln_. Das
-eine Exemplar bildet ausschließlich Blüten mit langem Griffel, daher
-hochstehender Narbe und niedrigen Antheren (Staubbeuteln): es ist
-nach meiner Auffassung das weiblichere. Das andere Exemplar hingegen
-bringt nur Blüten hervor mit tiefstehender Narbe und hochstehenden
-Antheren (weil langen Staubfäden): das männlichere. Neben diesen
-»dimorphen« Arten gibt es aber auch »trimorphe«, wie Lythrum salicaria,
-mit dreierlei Längenverhältnissen der Geschlechtsorgane: außer der
-Blütenform mit langgriffeligen und der mit kurzgriffeligen findet
-sich hier noch eine mit »mesostylen« Blüten, d. i. mittellangen
-Griffeln. Obwohl nur dimorphe und trimorphe Heterostylie den Weg in die
-Kompendien gefunden haben, ist auch damit die Mannigfaltigkeit nicht
-erschöpft. _Darwin_ deutet an, daß, »wenn kleinere Verschiedenheiten
-berücksichtigt werden, _fünf_ verschiedene Sitze von männlichen Organen
-zu unterscheiden seien«. Es besteht also auch die hier unleugbar
-vorkommende _Dis_kontinuität, die Trennung der verschiedenen Grade von
-Maskulität und Muliebrität in verschiedene Stockwerke nicht _allgemein_
-zu Recht, auch in diesem Falle haben wir hie und da _kontinuierlichere
-sexuelle Zwischenformen_ vor uns. Anderseits ist auch dieses
-diskrete Fächerwerk nicht ohne frappante Analogien im Tierreich, wo
-die betreffenden Erscheinungen als ebenso vereinzelt und wunderbar
-angesehen wurden, weil man sich der Heterostylie gar nicht _entsann_.
-Bei mehreren Insektengattungen, nämlich bei Forficuliden (Ohrwürmern)
-und Lamellicornien (und zwar bei Lucanus cervus, dem Hirschkäfer,
-bei Dynastes hercules und Xylotrupes gideon) gibt es _einerseits_
-viele Männchen, welche den sekundären Geschlechtscharakter, der sie
-von den Weibchen am sichtbarsten scheidet, die Fühlhörner zu sehr
-großer Länge entwickeln; die _andere_ Hauptgruppe der Männchen hat nur
-relativ wenig entwickelte Hörner. _Bateson_, von dem die ausführlichere
-Beschreibung dieser Verhältnisse herrührt, unterscheidet darum unter
-ihnen »high males« und »low males«. Zwar sind diese beiden Typen durch
-kontinuierliche Übergänge miteinander verbunden, aber die zwischen
-ihnen vermittelnden Stufen sind selten, die meisten Exemplare stehen
-an der einen oder der anderen Grenze. Leider ist es _Bateson_ nicht
-darum zu tun gewesen, die sexuellen Beziehungen dieser beiden Gruppen
-zu den Weibchen zu erforschen, da er die Fälle nur als Beispiele
-diskontinuierlicher Variation anführt; und so ist nicht bekannt, ob
-es zwei Gruppen auch unter den Weibchen der betreffenden Arten gibt,
-die eine verschiedene sexuelle Affinität zu den verschiedenen Formen
-der Männchen besitzen. Darum lassen sich auch diese Beobachtungen
-nur als eine morphologische Parallele zur Heterostylie, nicht als
-physiologische Instanzen für das Gesetz der sexuellen Anziehung
-verwenden, _für das die Heterostylie in der Tat sich verwerten läßt_.
-
-Denn in den heterostylen Pflanzen liegt vielleicht eine völlige
-Bestätigung der Ansicht von der allgemeinen Gültigkeit jener Formel
-innerhalb aller Lebewesen vor. Es ist von _Darwin_ nachgewiesen und
-seither von vielen Beobachtern in gleicher Weise konstatiert worden,
-daß bei den heterostylen Pflanzen Befruchtung fast nur dann Aussicht
-auf guten Erfolg hat, ja oft nur in dem Falle möglich ist, wenn der
-_Pollen der makrostylen Blüte_, d. i. derjenige von den niedrigeren
-Antheren, auf die _mikrostyle Narbe_ eines anderen Individuums,
-welches sodann lange Staubfäden hat, übertragen wird, oder der aus
-hochstehenden Staubbeuteln stammende _Pollen einer mikrostylen Blüte_
-auf die makrostyle Narbe einer anderen Pflanze (mit kurzen Filamenten).
-So lang also in der einen Blüte der Griffel, d. h. so gut weiblich in
-ihr das weibliche Organ entwickelt ist, so lang muß in der anderen,
-von der sie mit Erfolg empfangen soll, das männliche, der Staubfaden
-sein, und umso kürzer in der letzteren der Griffel, dessen Länge den
-Grad der Weiblichkeit mißt. Wo dreierlei Griffellängen vorhanden sind,
-da fällt die Befruchtung nach derselben erweiterten Regel am besten
-aus, wenn der Pollen auf diejenige Narbe übertragen wird, die auf einer
-anderen Blüte in derselben Höhe steht wie der Staubbeutel, aus welchem
-der Pollen stammt. Wird dies nicht eingehalten, sondern etwa künstliche
-Befruchtung mit nicht-adäquatem Pollen herbeigeführt, so entstehen,
-wenn diese Prozedur überhaupt von Erfolg begleitet ist, fast immer
-nur kränkliche und kümmerliche, zwerghafte und durchaus unfruchtbare
-Sprößlinge, die den Hybriden aus verschiedenen Spezies äußerst ähneln.
-
-Den Autoren, welche die Heterostylie besprochen haben, merkt man
-es insgesamt an, daß sie mit der gewöhnlichen Erklärung dieses
-verschiedenartigen Verhaltens bei der Befruchtung nicht zufrieden sind.
-Diese besagt nämlich, daß die Insekten beim Blütenbesuch gleich hoch
-gestellte Sexualorgane mit der gleichen Körperstelle berühren und so
-den merkwürdigen Effekt herbeiführen. _Darwin_ gesteht jedoch selbst,
-daß die Bienen alle Arten von Pollen an jeder Körperstelle mit sich
-tragen; es bleibt also das _elektive_ Verfahren der weiblichen Organe
-bei Bestäubung mit doppelt und dreifach verschiedenen Pollen nach wie
-vor aufzuhellen. Auch scheint jene Begründung, so ansprechend und
-zauberkräftig sie sich ausnimmt, doch etwas oberflächlich, wenn eben
-mit ihr verständlich gemacht werden soll, warum künstlicher Bestäubung
-mit inadäquatem Pollen, sogenannter »_illegitimer Befruchtung_«, so
-schlechter Erfolg beschieden ist. Jene ausschließliche Berührung mit
-»legitimem« Pollen müßte dann die Narben _durch Gewöhnung_ nur für den
-Blütenstaub dieser einen Provenienz aufnahmsfähig haben werden lassen;
-aber es konnte soeben _Darwin_ selbst als Zeuge dafür einvernommen
-werden, daß diese Unberührtheit durch anderen Pollen vollkommen
-illusorisch ist, indem die Insekten, welche als Ehevermittler hiebei in
-Anspruch genommen werden, tatsächlich viel eher eine _unterschiedslose
-Kreuzung_ begünstigen.
-
-Es scheint also die Hypothese viel plausibler, daß der Grund dieses
-eigentümlich auswählenden Verhaltens ein anderer, tieferer, in den
-Blüten selbst ursprünglich gelegener ist. Es dürfte sich hier wie
-beim Menschen darum handeln, daß die sexuelle Anziehung zwischen jenen
-Individuen am größten ist, _deren eines ebensoviel von M besitzt wie
-das andere von W_, was ja wieder nur ein anderer Ausdruck der obigen
-Formel ist. Die Wahrscheinlichkeit dieser Deutung wird ungemein
-erhöht dadurch, daß in der männlicheren, kurzgriffeligen Blüte die
-Pollenkörner in den hier höher stehenden Staubbeuteln auch stets
-größer, die Narbenpapillen kleiner sind als die homologen Teile in
-der langgriffeligen weiblicheren. Man sieht hieraus, daß es sich
-kaum um etwas anderes handeln kann als um verschiedene Grade der
-Männlichkeit und Weiblichkeit. Und unter dieser Voraussetzung erfährt
-hier das aufgestellte Gesetz der sexuellen Affinität eine glänzende
-Verifikation, indem eben im Tier- und im Pflanzenreiche -- an späterem
-Orte wird hierauf zurückzukommen sein -- Befruchtung _stets dort_ den
-besten Erfolg aufweist, _wo die Eltern die größte sexuelle Affinität
-zueinander gehabt haben_.[8]
-
-Daß im _Tierreich_ das Gesetz in voller Geltung besteht, wird
-erst bei der Besprechung des »konträren Sexualtriebes« zu großer
-Wahrscheinlichkeit erhoben werden können. Einstweilen möchte ich hier
-nur darauf aufmerksam machen, wie interessant Untersuchungen darüber
-wären, ob nicht auch die größeren, schwerer beweglichen Eizellen die
-flinkeren und schlankeren unter den Spermatozoiden stärker anziehen
-als die kleineren, dotterreichen und zugleich weniger trägen Eier, und
-diese nicht gerade die langsameren, voluminöseren unter den Zoospermien
-an sich locken. Vielleicht ergibt sich hier wirklich, wie L. _Weill_
-in einer kleinen Spekulation über die geschlechtsbestimmenden Faktoren
-vermutet hat, eine Korrelation zwischen den Bewegungsgrößen oder den
-kinetischen Energien der beiden Konjugationszellen. Es ist ja noch
-nicht einmal festgestellt -- freilich auch sehr schwierig festzustellen
--- ob die beiden Generationszellen, nach Abzug der Reibung und
-Strömung im flüssigen Medium, eine Beschleunigung gegeneinander
-aufweisen oder sich mit gleichförmiger Geschwindigkeit bewegen würden.
-So viel und noch einiges mehr könnte man da fragen.
-
-Wie schon mehrfach hervorgehoben wurde, ist das bisher besprochene
-Gesetz der sexuellen Anziehung beim Menschen (und wohl auch bei den
-Tieren) nicht das einzige. Wäre es das, so müßte es ganz unbegreiflich
-scheinen, daß es nicht schon längst gefunden wurde. Gerade weil sehr
-viele Faktoren mitspielen, weil noch eine, vielleicht beträchtliche,
-Anzahl anderer Gesetze erfüllt sein muß[9], darum sind Fälle von
-_unaufhaltsamer_ sexueller Anziehung so _selten_. Da die bezüglichen
-Forschungen noch nicht abgeschlossen sind, will ich von jenen Gesetzen
-hier nicht sprechen und bloß der Illustration halber noch auf einen
-weiteren, mathematisch wohl nicht leicht faßbaren der in Betracht
-kommenden Faktoren hinweisen.
-
-Die Erscheinungen, auf die ich anspiele, sind im einzelnen ziemlich
-allgemein bekannt. Ganz jung, noch nicht 20 Jahre alt, wird man meist
-durch ältere Frauen (von über 35 Jahren) angezogen, während man
-mit zunehmendem Alter immer jüngere liebt; ebenso ziehen aber auch
-(Gegenseitigkeit!) die ganz jungen Mädchen, der »Backfisch«, ältere
-Männer oft jüngeren vor, um später wieder mit ganz jungen Bürschlein
-nicht selten die Ehe zu brechen. Das ganze Phänomen dürfte viel tiefer
-wurzeln, als es nach der anekdotenhaften Art aussehen möchte, in der
-man meist von ihm Notiz nimmt.
-
-Trotz der notwendigen Beschränkung dieser Arbeit auf das eine Gesetz
-wird es im Interesse der Korrektheit liegen, wenn nun eine bessere
-mathematische Formulierung, die keine unwahre Einfachheit vortäuscht,
-versucht wird. Auch ohne alle mitspielenden Faktoren und in Frage
-kommenden anderen Gesetze als selbständige Größen einzuführen,
-erreichen wir diese äußerliche Genauigkeit durch Hinzufügung eines
-Proportionalitätsfaktors.
-
-Die erste Formel war mir eine »ökonomische« Zusammenfassung des
-_Gleichförmigen_ aller Fälle sexueller Anziehung von _idealer_ Stärke,
-soweit das geschlechtliche Verhältnis durch das Gesetz überhaupt
-bestimmt wird. Nun wollen wir einen Ausdruck herschreiben für die
-_Stärke der sexuellen Affinität_ in jedem denkbaren Falle, einen
-Ausdruck übrigens, der, seiner unbestimmten Form wegen, _zugleich die
-allgemeinste Beschreibung des Verhältnisses zweier Lebewesen überhaupt,
-selbst von verschiedener Art und von gleichem Geschlechte_, abgeben
-könnte.
-
-Wenn
-
- { α M { β W
- X { und Y {
- { α' W { β' M
-
-wobei wieder
-
- α
- 0 < β < 1
- α'
- β'
-
-irgend zwei beliebige Lebewesen sexuell definieren, so ist die Stärke
-der Anziehung zwischen beiden
-
- A = k/(α - β) . f(t) (II)
-
-worin f(t) irgend eine empirische oder analytische Funktion der
-Zeit bedeutet, während welcher es den Individuen möglich ist,
-aufeinander zu wirken, der »_Reaktionszeit_«, wie wir sie nennen
-könnten; indes k jener Proportionalitätsfaktor ist, in den wir
-alle bekannten und unbekannten Gesetze der sexuellen Affinität
-hineinstecken, und der außerdem noch von dem Grade der Art-, Rassen-
-und Familienverwandtschaft, sowie von Gesundheit und dem Mangel an
-Deformationen in beiden Individuen abhängt, schließlich mit ihrer
-größeren räumlichen Entfernung voneinander kleiner wird, der also noch
-in jedem Falle besonders festzustellen ist.
-
-Wird in dieser Formel α = β, so wird A = ∞; das ist der extremste
-Fall: es ist die sexuelle Anziehung als Elementargewalt, wie sie
-mit unheimlicher Meisterschaft in der Novelle »Im Postwagen« von
-_Lynkeus_ geschildert ist. Die sexuelle Anziehung ist etwas genau so
-Naturgesetzliches wie das Wachstum der Wurzel gegen den Erdmittelpunkt,
-die Wanderung der Bakterien zum Sauerstoff am Rande des Objektträgers;
-man wird sich an eine solche Auffassung der Sache freilich erst
-gewöhnen müssen. Ich komme übrigens gleich auf diesen Punkt zurück.
-
-Erreicht α - β seinen Maximalwert
-
- lim (α - β) = Max. = 1,
-
-so wird lim A = k . f(t). Es ergeben sich also hier als ein bestimmter
-_Grenzfall_ alle sympathischen und antipathischen Beziehungen zwischen
-Menschen überhaupt (die aber mit den _sozialen_ Beziehungen im engsten
-Sinne, als konstituierend für gesellschaftliche Rechtsordnung,
-nichts zu tun haben), soweit sie nicht durch _unser_ Gesetz der
-sexuellen Affinität geregelt sind. Indem k mit der Stärke der
-verwandtschaftlichen Beziehungen im allgemeinen wächst, hat A unter
-Volksgenossen z. B. einen größeren Wert als unter Fremdnationalen.
-Wie f(t) hier seinen guten Sinn behält, kann man am Verhältnis zweier
-zusammenlebender Haustiere von ungleicher Spezies sehr wohl beobachten:
-die erste Regung ist oft erbitterte Feindschaft, oft Furcht vor
-einander (A bekommt ein _negatives_ Vorzeichen), später tritt oft ein
-freundschaftliches Verhältnis an deren Stelle, sie suchen einander auf.
-
-Setze ich ferner in
-
- A = (k . f(t))/(α - β) k = 0,
-
-so wird A = 0, d. h. zwischen zwei lebenden Individuen von allzu
-verschiedener Abstammung findet auch keinerlei merkliche Anziehung mehr
-statt.
-
-Da der Sodomieparagraph in den Strafgesetzbüchern nicht für nichts und
-wieder nichts enthalten sein dürfte, da sexuelle Akte sogar zwischen
-Mensch und Henne schon zur Beobachtung gelangt sind, sieht man, daß
-k innerhalb sehr _weiter_ Grenzen größer als Null bleibt. Wir dürfen
-also die beiden fraglichen Individuen nicht auf dieselbe Art, ja nicht
-einmal auf die gleiche Klasse beschränken.
-
-Daß alles Zusammentreffen männlicher und weiblicher Organismen nicht
-Zufallssache ist, sondern unter der Herrschaft bestimmter Gesetze
-steht, ist eine neue Anschauung, und das Befremdliche in ihr -- es
-wurde vorhin daran gerührt -- zwingt zu einer Erörterung der tiefen
-Frage nach der geheimnisvollen Natur dieser sexuellen Anziehung.
-
-Bekannte Versuche von Wilhelm _Pfeffer_ haben gezeigt, daß die
-Spermatozoiden verschiedener Kryptogamen nicht bloß durch die
-weiblichen Archegonien in natura, sondern ebenso durch Stoffe angezogen
-werden, die entweder von diesen auch unter gewöhnlichen Verhältnissen
-wirklich ausgeschieden werden, oder künstlich hergestellt sind, und
-oft sogar durch solche Stoffe, die mit den Samenfäden sonst nie in
-Berührung zu treten Gelegenheit hätten, wenn nicht die eigentümliche
-Versuchsanlage dies vermittelte, weil sie in der Natur gar nicht
-vorkommen. So werden die Spermatozoiden der Farne durch die aus den
-Archegonien ausgeschiedene Äpfelsäure, aber auch durch synthetisch
-dargestellte Äpfelsäure, ja sogar durch Maleinsäure, die der Laubmoose
-durch Rohrzucker angezogen. Das Spermatozoon, das, wir wissen nicht
-wie, durch Unterschiede in der Konzentration der Lösung beeinflußt
-wird, bewegt sich nach der Richtung der stärkeren Konzentration hin.
-_Pfeffer_ hat diese Bewegungen _chemotaktische_ genannt und für jene
-ganzen Erscheinungen wie für andere Fälle asexueller Reizbewegungen den
-Begriff des _Chemotropismus_ geschaffen. Vieles spräche nun dafür, daß
-die Anziehung, welche das Weibchen, beim Tiere vom Männchen durch die
-Sinnesorgane aus der Ferne perzipiert, auf das Männchen ausübt (und
-vice versa), als eine der chemotaktischen in gewissen Punkten analoge
-zu betrachten sei.
-
-Sehr wahrscheinlich ist ein Chemotropismus die Ursache jener
-energischen und hartnäckigen Bewegung, welche die Samenfäden auch
-der Säugetiere, _entgegen_ der Richtung der von innen nach außen,
-vom Körper gegen den Hals der Gebärmutter zu flimmernden Wimpern der
-Uterusschleimhaut, ganze Tage hindurch ohne jede äußere Unterstützung
-selbständig verfolgen. Mit unglaublicher, fast rätselhafter Sicherheit
-weiß allen mechanischen und sonstigen Hindernissen zum Trotz das
-Spermatozoon die Eizelle aufzufinden. Am eigentümlichsten berühren
-in dieser Hinsicht die ungeheuren Wanderungen so mancher Fische; die
-Lachse wandern viele Monate lang, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, aus
-dem Meere gegen die Wogen des Rheins stromaufwärts, um nahe seinem
-Ursprung an sicherer, nahrungsreicher Stätte zu laichen.
-
-Anderseits sei an die hübsche Schilderung erinnert, die P. _Falkenberg_
-von dem Befruchtungsvorgang bei einigen niederen Algen des
-mittelländischen Meeres entwirft. Wenn wir von den Linien der Kraft
-sprechen, die zwei ungleichnamige Magnetpole gegeneinander bewegt, so
-haben wir es hier nicht minder mit einer solchen Naturkraft zu tun, die
-mit unwiderstehlicher Gewalt das Spermatozoon gegen das Ei treibt. Der
-Unterschied wird hauptsächlich darin liegen, daß die Bewegungen der
-_leblosen_ Materie Verschiebungen in den Spannungszuständen _umgebender
-Medien_ voraussetzen, während die Kräfte der _lebenden_ Materie in
-den Organismen selbst, als wahren _Kraftzentren_, lokalisiert sind.
-Nach _Falkenbergs_ Beobachtungen überwanden die Spermatozoiden
-bei ihrer Bewegung nach der Eizelle hin selbst die Kraft, die sie
-sonst dem einfallenden Lichte entgegengeführt hätte. Stärker als
-die _$photo$taktische_ wäre also die _$chemo$taktische Wirkung,
-Geschlechtstrieb genannt_.
-
-Wenn zwei nach unseren Formeln schlecht zusammenpassende Individuen
-eine Verbindung eingehen und später das wirkliche Komplement des einen
-erscheint, so stellt sich die Neigung, den früheren notdürftigen Behelf
-zu verlassen, auf der Stelle mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ein.
-_Der Ehebruch ist da_: als Elementarereignis, als Naturphänomen, wie
-wenn FeSO_{4} mit 2 KOH zusammengebracht wird und die SO_{4}-Ionen
-nun sofort die Fe-Ionen verlassen und zu den K-Ionen übergehen. Wer
-moralisch billigen oder verwerfen wollte, wenn in der _Natur_ ein
-Ausgleich von Potentialdifferenzen zu erfolgen droht, würde vielen eine
-lächerliche Figur zu spielen scheinen.
-
-Dies ist ja auch der Grundgedanke der _Goethe_schen
-»Wahlverwandtschaften«, wie er dort als tändelndes Präludium, voll
-ungeahnter Zukunftsbedeutung, im vierten Kapitel des ersten Teiles
-von denen entwickelt wird, die seine tiefe schicksalsschwere Wahrheit
-nachher an sich selbst erfahren sollen; und diese Darlegung ist
-nicht wenig stolz darauf, die erste zu sein, welche jenen Gedanken
-wieder aufnimmt. Dennoch will sie, so wenig es Goethe wollte, den
-Ehebruch verteidigen, ihn vielmehr nur begreiflich machen. Es gibt
-_im Menschen_ Motive, die dem Ehebruch erfolgreich entgegenwirken und
-ihn verhindern können. Hierüber wird im zweiten Teile noch zu handeln
-sein. Daß auch die niedere Sexualsphäre beim Menschen nicht so streng
-in den Kreis der Naturgesetzlichkeit gebannt ist wie die der übrigen
-Organismen, dafür ist immerhin schon dies ein Anzeichen, daß der
-Mensch in _allen_ Jahreszeiten sexuell ist und bei ihm die Reste einer
-besonderen Brunstzeit im Frühjahr viel schwächer sind als selbst bei
-den Haustieren.
-
-Das Gesetz der sexuellen Affinität zeigt weiter, freilich neben
-radikalen Unterschieden, noch Analogien zu einem bekannten Gesetze der
-theoretischen Chemie. Zu den vom »Massenwirkungsgesetz« geregelten
-Vorgängen ist nämlich unsere Regel insofern analog, als z. B. eine
-stärkere Säure sich vornehmlich mit der stärkeren Base ebenso verbindet
-wie das männlichere mit dem weiblicheren Lebewesen. Doch besteht
-hier mehr als ein Novum gegenüber dem toten Chemismus. Der lebendige
-Organismus ist vor allem keine homogene und isotrope, in beliebig
-viele, qualitativ gleiche Teile spaltbare Substanz: das »principium
-individuationis«, die Tatsache, daß alles, was lebt, als Individuum
-lebt, _ist identisch mit der Tatsache der Struktur_. Es kann also hier
-nicht wie dort ein größerer Teil die eine, ein kleinerer die andere
-Verbindung eingehen und ein Nebenprodukt liefern. Der Chemo_tropismus_
-kann ferner auch ein _negativer_ sein. Von einer gewissen Größe der
-Differenz α - β an in der Formel II erhalten wir eine negative, d. h.
-entgegengesetzt gerichtete Anziehung, das Vorzeichen hat zu wechseln:
-_sexuelle Abstoßung liegt vor_. Zwar kann auch beim toten Chemismus
-_dieselbe_ Reaktion mit _verschiedener Geschwindigkeit_ erfolgen. Nie
-aber kann, nach den neuesten Anschauungen wenigstens, etwa durch einen
-Katalysator statt des absoluten Fehlens (in unserem Falle sozusagen
-des Gegenteils) einer Reaktion diese selbe Reaktion in längerer oder
-kürzerer Zeit bewirkt werden; sehr wohl dagegen eine Verbindung, die
-sich von einer gewissen Temperatur an bildet, bei einer höheren sich
-wieder zersetzt und umgekehrt. Ist hier die _Richtung_ der Reaktion
-eine Funktion der Temperatur, so dort oft eine solche der Zeit.
-
-In der Bedeutung des Faktors t, der »Reaktionszeit«, liegt nun aber
-wohl die letzte Analogie der sexuellen Anziehung zum Chemismus,
-wenn man solche Vergleiche zu ziehen nicht von vornherein allzu
-schroff ablehnt. Man könnte auch hier an eine Formel für die
-_Reaktionsgeschwindigkeit_, die verschiedenen Grade der Schnelligkeit,
-mit denen die sexuelle Reaktion zwischen zwei Individuen sich
-entwickelt, denken und etwa gar A nach t zu differenzieren versuchen.
-Doch soll die Eitelkeit auf das »mathematische Gepränge« (_Kant_)
-niemand verleiten, an so komplizierte und schwierige Verhältnisse, an
-Funktionen, deren Stetigkeit eben sehr fraglich ist, schon mit einem
-Differentialquotienten heranzurücken. Was gemeint ist, leuchtet wohl
-auch so ein: sinnliches Verlangen kann zwischen zwei Individuen, die
-längere Zeit beisammen, besser noch: _miteinander eingesperrt_ sind,
-sich auch entwickeln, wo vorher keines oder gar Abstoßung vorlag,
-ähnlich einem chemischen Prozesse, der sehr viel Zeit in Anspruch
-nimmt, ehe merklich wird, daß er vor sich geht. Zum Teil hierauf beruht
-ja wohl auch der Trost, den man ohne Liebe Heiratenden mitzugeben
-pflegt: Das stelle sich »schon später« ein; es komme »_mit der Zeit_«.
-
-Man sieht: viel Wert ist auf die Analogie mit der Affinität im toten
-Chemismus nicht zu legen. Es schien mir aber _aufklärend_, derartige
-Betrachtungen anzustellen. Selbst ob die sexuelle Anziehung unter
-die Tropismen zu subsumieren ist, bleibt noch unentschieden, und
-keineswegs ist, auch wenn es für die _Sexualität feststände_, damit
-auch schon _implicite_ etwas über die _Erotik_ ausgemacht. Das Phänomen
-der Liebe bedarf noch einer anderen Behandlung, die ihm der zweite
-Teil zu geben versuchen soll. Dennoch bestehen zwischen den Formen, in
-denen leidenschaftlichste Anziehung selbst unter Menschen auftritt, und
-jenen Chemotropismen noch unleugbare Analogien; ich verweise auf die
-Schilderung des Verhältnisses zwischen Eduard und Ottilie eben in den
-»Wahlverwandtschaften«.
-
-Mit der Nennung dieses Romanes war bereits einmal ein kurzes Eingehen
-auf das Problem der Ehe gegeben, und einige Nutzanwendungen, welche
-aus dem Theoretischen dieses Kapitels für die Praxis folgen, sollen
-ebenfalls zunächst an das Problem der Ehe geknüpft werden. Das für
-die sexuelle Anziehung aufgestellte eine Gesetz, dem die anderen sehr
-ähnlich gebaut zu sein scheinen, lehrt nämlich, daß, weil unzählige
-sexuelle Zwischenstufen existieren, es auch immer _zwei_ Wesen geben
-wird, die _am besten_ zueinander passen. _Insofern_ ist also die Ehe
-gerechtfertigt und »freie Liebe«, von diesem biologischen Standpunkte
-aus zu verwerfen. Freilich wird die Frage der Monogamie durch andere
-Verhältnisse, z. B. durch später zu erwähnende Periodizitäten wie auch
-durch die besprochene Veränderung des Geschmackes mit zunehmendem
-Alter, wieder bedeutend kompliziert und die Leichtigkeit einer Lösung
-vermindert.
-
-Eine zweite Folgerung ergibt sich, wenn wir uns der Heterostylie
-erinnern, insbesondere der Tatsache, daß aus der »illegitimen
-Befruchtung« fast lauter entwicklungsunfähige Keime hervorgehen. Dies
-legt bereits den Gedanken nahe, daß auch bei den anderen Lebewesen die
-stärkste und gesündeste Nachkommenschaft aus Verbindungen hervorgehen
-werde, in denen wechselseitige geschlechtliche Anziehung in hohem
-Ausmaße besteht. So spricht auch das Volk längst von den »Kindern
-der Liebe« in ganz besonderer Weise, und glaubt, daß diese schönere,
-bessere, prächtigere Menschen werden. Aus diesem Grunde wird, selbst
-wer keinen speziellen Beruf zum Menschenzüchter in sich fühlt, schon
-um der Hygiene willen die bloße Geldheirat, die sich von Verstandesehe
-noch erheblich unterscheiden kann, mißbilligen.
-
-Ferner dürfte auf die Tierzucht, wie ich nebenbei bemerken will,
-die Beachtung der Gesetze sexueller Anziehung vielleicht einen
-ziemlichen Einfluß gewinnen. Man wird zunächst den sekundären
-Geschlechtscharakteren, und dem Grade ihrer Ausbildung in den beiden zu
-kopulierenden Individuen mehr Aufmerksamkeit als bisher schenken. Die
-künstlichen Prozeduren, die man vornimmt, um Weibchen durch männliche
-Zuchttiere auch dann belegen zu lassen, wenn diese an jenen wenig
-Gefallen gefunden haben, verfehlen gewiß im einzelnen ihren Zweck
-keineswegs, sie sind aber im allgemeinen stets von irgend welchen üblen
-Folgen begleitet; die ungeheuere Nervosität beispielsweise der durch
-Unterschiebung falscher Stuten gezeugten Hengste, die man, trotz jedem
-modernen jungen Mann, mit Brom und anderen Medikamenten füttern muß,
-geht sicherlich in letzter Linie hierauf zurück, ähnlich wie an der
-körperlichen Degeneration des modernen Judentums nicht zum wenigsten
-der Umstand beteiligt sein mag, daß bei den Juden viel häufiger als
-irgend sonstwo auf der Welt die Ehen der Heiratsvermittler und nicht
-die Liebe zustande bringt.
-
-_Darwin_ hat in seinen auch hierfür grundlegenden Arbeiten durch
-sehr ausgedehnte Experimente und Beobachtungen festgestellt, was
-seither allgemein bestätigt worden ist: daß sowohl ganz nahe
-verwandte Individuen als auch anderseits solche von allzu ungleichem
-Artcharakter einander sexuell weniger anziehen als gewisse »unbedeutend
-verschiedene«, und daß, wenn es trotzdem dort zur Befruchtung kommt,
-der Keim entweder in den Vorstadien der Entwicklung abstirbt oder ein
-schwächliches, selbst meist nicht mehr reproduktionsfähiges Produkt
-entsteht, wie eben auch bei den heterostylen Pflanzen »_legitime_
-Befruchtung« _mehr_ und _besseren_ Samen liefert als alle anderen
-Kombinationen.
-
-_Es gedeihen also stets am besten diejenigen Keime, deren Eltern die
-größte sexuelle Affinität gezeigt haben._
-
-Aus dieser Regel, die wohl als allgemein gültig zu betrachten
-ist, folgt die Richtigkeit des bereits aus dem Früheren gezogenen
-Schlusses: Wenn schon geheiratet wird und Kinder gezeugt werden, dann
-sollen diese wenigstens nicht aus der Überwindung einer sexuellen
-Abstoßung hervorgegangen sein, die nicht ohne eine Versündigung an
-der körperlichen und geistigen Konstitution des Kindes geschehen
-könnte. Sicherlich bilden einen großen Teil der unfruchtbaren Ehen die
-Ehen ohne Liebe. Die alte Erfahrung, nach der beiderseitige sexuelle
-Erregung beim Geschlechtsakte die Aussichten der Konzeption erhöhen
-soll, gehört wohl auch teilweise in diese Sphäre und wird aus der von
-Anfang an größeren Intensität des Sexualtriebes zwischen zwei einander
-wohl ergänzenden Individuen leichter verständlich.
-
-
-
-
-IV. Kapitel.
-
-Homosexualität und Päderastie.
-
-
-In dem besprochenen Gesetze der sexuellen Anziehung ist zugleich die
--- langgesuchte -- Theorie der konträren Sexualempfindung, d. i.
-der sexuellen Hinneigung zum eigenen (nicht oder nicht nur zum
-anderen) Geschlechte enthalten. Von einer Distinktion abgesehen, die
-später zu treffen sein wird, läßt sich kühnlich behaupten, daß jeder
-Konträrsexuelle auch anatomisch die Charaktere des anderen Geschlechtes
-aufweist. Einen rein »psychosexuellen Hermaphroditismus« gibt es nicht;
-Männer, die sich sexuell von Männern angezogen fühlen, sind auch ihrem
-äußeren Habitus nach weibliche Männer, und ebenso zeigen jene Frauen
-körperlich männliche Charaktere, die andere Frauen sinnlich begehren.
-Diese Anschauung ist vom Standpunkte eines strengen Parallelismus
-zwischen Physischem und Psychischem _selbstverständlich_; ihre
-Durchführung fordert jedoch Beachtung der im zweiten Kapitel erwähnten
-Tatsache, daß nicht alle Teile _desselben_ Organismus die gleiche
-Stellung zwischen M und W einnehmen, sondern verschiedene Organe
-verschieden männlich oder verschieden stark weiblich sein können. _Es
-fehlt also beim sexuell Invertierten nie eine anatomische Annäherung an
-das andere Geschlecht._
-
-Schon dies würde genügen, um die Meinung derer zu widerlegen, welche
-den konträren Sexualtrieb als eine Eigenschaft betrachten, die von
-den betreffenden Individuen im Laufe des Lebens erworben wird und
-das normale Geschlechtsgefühl überdeckt. An eine solche Erwerbung
-durch äußere Anlässe im Laufe des individuellen Lebens glauben
-angesehene Forscher, _Schrenck-Notzing_, _Kraepelin_, _Féré_; als
-solche Anlässe betrachten sie Abstinenz vom »normalen« Verkehr und
-besonders »Verführung«. Was ist es aber dann mit dem ersten Verführer?
-Wurde dieser vom Gotte Hermaphroditos unterwiesen? Mir ist diese ganze
-Meinung nie anders vorgekommen, als wenn jemand die »normale« sexuelle
-Hinneigung des typischen Mannes zur typischen Frau als künstlich
-erworben ansehen wollte, und sich zur Behauptung verstiege, diese gehe
-stets auf Belehrung älterer Genossen zurück, die _zufällig_ einmal die
-Annehmlichkeit des Geschlechtsverkehres entdeckt hätten. So wie der
-»Normale« ganz von selbst darauf kommt, »was ein Weib ist«, so stellt
-sich wohl auch beim »Konträren« die sexuelle Anziehung, welche Personen
-des eigenen Geschlechtes auf ihn ausüben, im Laufe seiner individuellen
-Entwicklung durch Vermittlung jener ontogenetischen Prozesse, die über
-die Geburt hinaus das ganze Leben hindurch fortdauern, von selbst
-ein. Natürlich wird eine _Gelegenheit_ hinzukommen müssen, welche die
-Begierde nach der Ausübung homosexueller Akte hervortreten läßt, _aber
-diese kann nur aktuell machen_, was in den Individuen in größerem oder
-geringerem Grade bereits längst vorhanden ist und nur der Auslösung
-harrt. _Daß bei sexueller Abstinenz_ (um den zweiten angeblichen Grund
-konträrer Sexualempfindung nicht zu übergehen) _eben noch zu etwas
-anderem gegriffen werden kann als zur Masturbation, das ist es, was
-die Erwerbungstheoretiker erklären müßten_; aber daß _homosexuelle_
-Akte angestrebt und ausgeführt werden, muß in der Naturanlage bereits
-begründet sein. Auch die heterosexuelle Anziehung könnte man ja
-»erworben« nennen, wenn man es einer ausdrücklichen Konstatierung
-bedürftig fände, daß z. B. der heterosexuelle Mann irgend einmal ein
-Weib oder zumindest ein weibliches Bildnis gesehen haben muß, um sich
-zu verlieben. Aber wer das konträre Geschlechtsgefühl acquiriert sein
-läßt, gleicht gar einem Manne, der hierauf ausschließlich reflektierte
-und die ganze Anlage des Individuums, in Bezug auf die allein doch ein
-bestimmter Anlaß seine bestimmte Wirkung entfalten kann, ausschaltete,
-um ein an sich nebensächliches Ereignis des äußeren Lebens, eine letzte
-»Komplementärbedingung« oder »Teilursache« zum alleinigen Faktor des
-ganzen Resultates zu machen.
-
-Ebensowenig als die konträre Sexualempfindung erworben ist, ebensowenig
-ist sie von den Eltern oder Großeltern _ererbt_. Dies hat man wohl auch
-kaum behauptet -- denn dem widerspräche alle Erfahrung auf den ersten
-Blick --, sondern nur eine durchaus neuropathische Konstitution als
-ihre Bedingung hinstellen wollen, eine allgemeine hereditäre Belastung,
-die sich im Nachkommen eben auch durch Verkehrung der geschlechtlichen
-Instinkte äußere. Man rechnete die ganze Erscheinung zum Gebiete der
-Psychopathologie, betrachtete sie als ein Symptom der Degeneration,
-die von ihr Betroffenen als Kranke. Obwohl diese Auffassung nun viel
-weniger Anhänger zählt als noch vor etlichen Jahren, seitdem ihr
-früherer Hauptvertreter _v. Krafft-Ebing_ in den späteren Auflagen
-seiner »Psychopathia sexualis« sie selbst stillschweigend hat fallen
-lassen, so ist doch noch immer die Bemerkung nicht unangebracht, daß
-die Menschen mit sexueller Inversion in allem übrigen ganz gesund sein
-können und sich, accessorische soziale Momente abgerechnet, nicht
-weniger wohl fühlen wie alle anderen gesunden Menschen. Fragt man sie,
-ob sie sich überhaupt wünschen, in dieser Beziehung anders zu sein, als
-sie sind, so erhält man gar oft eine verneinende Antwort.
-
-Daß man die Homosexualität gänzlich isolierte und nicht in Verbindung
-mit anderen Tatsachen zu bringen suchte, ist schuld an all diesen
-verfehlten Erklärungsversuchen. Wer die »sexuellen Inversionen« als
-etwas Pathologisches oder als eine scheußlich-monströse geistige
-Bildungsanomalie betrachtet (die letztere ist die vom Philister
-sanktionierte Anschauungsweise) oder sie gar als ein angewöhntes
-Laster, als das Resultat einer fluchwürdigen Verführung auffaßt, der
-bedenke doch, _daß unendlich viele Übergänge führen vom männlichsten
-Masculinum über den weiblichen Mann und schließlich über den
-Konträrsexuellen hinweg zum Hermaphroditismus spurius und genuinus und
-von da über die Tribade, weiter über die Virago hinweg zur weiblichen
-Virgo. Die Konträrsexuellen_ (»beiderlei Geschlechtes«) _sind im
-Sinne der hier vertretenen Anschauung als Individuen zu definieren,
-bei denen der Bruch α um 0·5 herum schwankt_, also sich von α' (vgl.
-S. 10) nicht weit unterscheidet, die also ungefähr ebensoviel vom
-Manne als vom Weibe haben, ja öfters mehr vom Weibe, obwohl sie als
-Männer, und vielleicht auch mehr vom Manne, obwohl sie als Weiber
-gelten. Entsprechend der nicht immer gleichmäßigen Verteilung der
-sexuellen Charakteristik über den ganzen Körper ist es nämlich sicher,
-daß häufig genug Individuen bloß auf Grund eines primären männlichen
-Geschlechtscharakters, auch wenn der Descensus testiculorum erst später
-erfolgt, oder Epi- oder Hypospadie da ist, oder später Azoospermie
-sich einstellt, oder auch wenn (beim weiblichen Geschlechte) Atresia
-vaginae bemerkt wird, unbedenklich in das eine Geschlecht eingereiht
-werden, welches jener Charakter angibt, z. B. eine männliche Erziehung
-genießen, zum Militärdienst u. s. w. herangezogen werden, _obwohl
-bei ihnen α < 0·5, α' > 0·5_ ist. Das sexuelle Komplement solcher
-Individuen wird demgemäß scheinbar auf der diesseitigen Hälfte
-sich befinden, auf der nämlichen, auf der sie selbst sich jedoch
-nur aufzuhalten _scheinen_, indes sie tatsächlich bereits auf der
-jenseitigen stehen. Übrigens -- dies kommt meiner Auffassung zu
-Hilfe und wird anderseits erst durch sie erklärt -- es gibt keinen
-Invertierten, der _bloß_ konträrsexuell wäre. Alle sind von Anfang
-an nur _bisexuell_, d. h. es ist ihnen sowohl der Geschlechtsverkehr
-mit Männern als mit Frauen möglich. Es kann aber sein, daß sie
-selbst später aktiv ihre einseitige Ausbildung zu einem Geschlechte
-begünstigen, einen Einfluß auf sich in der Richtung der Unisexualität
-nehmen, und so schließlich die Hetero- oder die Homosexualität in sich
-zum Überwiegen bringen oder durch äußere Einwirkungen in einem solchen
-Sinne sich beeinflussen lassen; obwohl die Bisexualität hiedurch nie
-erlischt, vielmehr immer wieder ihr nur zeitweilig zurückgedrängtes
-Dasein zu erkennen gibt.
-
-Daß ein Zusammenhang der homosexuellen Erscheinungen mit der
-bisexuellen Anlage jedes tierischen und pflanzlichen Embryo besteht,
-hat man mehrfach, und in jüngster Zeit mit steigender Häufigkeit
-eingesehen. Das Neue in _dieser_ Darstellung ist, daß für sie
-die Homosexualität nicht einen Rückschlag oder eine unvollendete
-Entwicklung, eine mangelhafte Differenzierung des Geschlechtes bedeutet
-wie für jene Untersuchungen, daß ihr die Homosexualität überhaupt keine
-Anomalie mehr ist, die nur vereinzelt dastünde und als Rest einer
-früheren Undifferenziertheit in die sonst völlig vollzogene Sonderung
-der Geschlechter hereinragte. _Sie reiht vielmehr die Homosexualität
-als die Geschlechtlichkeit der sexuellen Mittelstufen ein in den
-kontinuierlichen Zusammenhang der sexuellen Zwischenformen_, die ihr
-als einzig real gelten, indes die Extreme ihr nur Idealfälle sind.
-Ebenso wie nach ihr alle Wesen auch _heterosexuell_ sind, so sind ihr
-darum _alle auch homosexuell_.
-
-Daß in _jedem_ menschlichen Wesen, entsprechend dem _mehr_ oder
-_minder_ rudimentär gewordenen _anderen_ Geschlecht, auch die Anlage
-zur Homosexualität, wenn auch noch schwach, vorhanden ist, wird
-besonders klar erwiesen durch die Tatsache, daß im Alter _vor_ der
-Pubertät, wo noch eine verhältnismäßige Undifferenziertheit herrscht,
-wo noch nicht die innere Sekretion der Keimdrüsen vollends über den
-Grad der einseitigen sexuellen Ausprägung entschieden hat, jene
-schwärmerischen »Jugendfreundschaften« die Regel sind, die nie eines
-sinnlichen Charakters ganz entbehren, und zwar sowohl beim männlichen
-wie beim weiblichen Geschlecht.
-
-Wer freilich über jenes Alter _hinaus_ noch sehr von »Freundschaft«
-mit dem eigenen Geschlecht übermäßig schwärmt, hat schon einen
-starken Einschlag vom anderen in sich; eine noch weit vorgerücktere
-Zwischenstufe markieren aber jene, die von Kollegialität zwischen den
-»beiden Geschlechtern« begeistert sind, mit dem anderen Geschlecht,
-das ja doch nur das ihrige ist, ohne über die eigenen Gefühle wachen
-zu müssen, kameradschaftlich verkehren können, von ihm zu Vertrauten
-gemacht werden, und ein derartiges »ideales«, »reines« Verhältnis
-auch anderen aufdrängen wollen, die es weniger leicht haben, rein zu
-bleiben.
-
-Es gibt auch keine Freundschaft zwischen Männern, die ganz eines
-Elementes von Sexualität entbehrte, so wenig damit das Wesen der
-Freundschaft bezeichnet, so _peinlich_ sie vielmehr gerade dem Gedanken
-an die Freundschaft, so _entgegensetzt_ sie der _Idee_ der Freundschaft
-ist. Schon daß keine Freundschaft zwischen Männern werden kann, wenn
-die äußere Erscheinung gar keine Sympathie zwischen beiden geweckt
-hat, weil sie dann eben einander nie näher treten werden, ist Beweis
-genug für die Richtigkeit des Gesagten. Sehr viel »Beliebtheit«,
-Protektion, Nepotismus zwischen Männern geht auf solche oft unbewußt
-geschlechtliche Verhältnisse zurück.
-
-Der sexuellen Jugendfreundschaft entspricht vielleicht ein analoges
-Phänomen bei älteren Männern: dann nämlich, wenn mit einer
-greisenhaften Rückbildung der im Mannesalter einseitig entwickelten
-Geschlechtscharaktere die latente Amphisexualität wieder zu Tage
-tritt. Daß so viele Männer von 50 Jahren aufwärts wegen verübter
-»Unsittlichkeitsdelikte« gerichtlich belangt werden, hat möglicherweise
-dies zur Ursache.
-
-Endlich sind homosexuelle Akte in nicht geringer Zahl auch bei Tieren
-beobachtet worden. Die Fälle (nicht alle) hat aus der Literatur in
-verdienstvoller Weise F. _Karsch_ zusammengestellt. Leider geben
-die Beobachter kaum je etwas über die Grade der »Maskulität« und
-»Muliebrität« bei diesen Tieren an. Dennoch kann kein Zweifel sein,
-daß wir es hier mit einem Beweise der Gültigkeit unseres Gesetzes auch
-für die _Tierwelt_ zu tun haben. Wenn man Stiere längere Zeit in einem
-Raume eingesperrt hält, ohne sie zu einer Kuh zuzulassen, so kann
-man mit der Zeit konträrsexuelle Akte zwischen ihnen wahrnehmen; die
-einen, die weiblicheren, verfallen früher, die anderen später darauf,
-manche vielleicht auch nie. (Gerade beim Rinde ist die große Zahl
-sexueller Zwischenstufen bereits festgestellt.) Dies beweist, daß eben
-die Anlage in ihnen vorhanden ist, sie nur vorher ihr Bedürfnis besser
-befriedigen konnten. Die gefangen gehaltenen Stiere benehmen sich
-eben nicht anders, als es so oft in den Gefängnissen der Menschen, in
-Internaten und Konvikten, hergeht. Daß die Tiere ebenfalls nicht nur
-die Onanie (die bei ihnen so wie beim Menschen vorkommt), sondern auch
-die Homosexualität kennen, darin erblicke ich, nachdem es auch unter
-ihnen sexuelle Zwischenformen gibt, eine der stärksten Bestätigungen
-des aufgestellten Gesetzes der sexuellen Anziehung.
-
-_Das konträre Geschlechtsgefühl wird so für diese Theorie keine
-Ausnahme von dem Naturgesetze, sondern nur ein Spezialfall desselben._
-Ein Individuum, das ungefähr zur Hälfte Mann, zur Hälfte Weib ist,
-verlangt eben nach dem Gesetze zu seiner Ergänzung ein anderes,
-das ebenfalls von beiden Geschlechtern etwa gleiche Anteile hat.
-Dies ist der Grund der ja ebenfalls eine Erklärung verlangenden
-Erscheinung, daß die »Konträren« fast immer nur _untereinander_ ihre
-Art von Sexualität ausüben, und nur höchst selten jemand in ihren
-Kreis gerät, der nicht die gleiche Form der Befriedigung sucht wie
-sie -- die sexuelle Anziehung ist wechselseitig -- und _sie_ ist
-der mächtige Faktor, der es bewirkt, daß die Homosexuellen einander
-immer sofort erkennen. So kommt es aber auch, daß die »Normalen« im
-allgemeinen von der ungeheueren Verbreitung der Homosexualität keine
-Ahnung haben, und, wenn er plötzlich von einem solchen Akte hört, der
-ärgste »normalgeschlechtliche« Wüstling zur Verurteilung »solcher
-Ungeheuerlichkeiten« ein volles Recht zu besitzen glaubt. Ein Professor
-der Psychiatrie an einer deutschen Universität hat noch im Jahre 1900
-ernstlich vorgeschlagen, man möge die Homosexuellen einfach kastrieren.
-
-Das therapeutische Verfahren, mit welchem man heute die sexuelle
-Inversion zu bekämpfen sucht (wo man überhaupt einen solchen Versuch
-unternimmt), ist zwar minder radikal als jener Rat, aber es offenbart
-auf dem Wege der Praxis die völlige Unzulänglichkeit so mancher
-theoretischer Vorstellungen über die Natur der Homosexualität.
-Heute behandelt man nämlich -- wie begreiflich, geschieht dies
-hauptsächlich von Seite der Erwerbungstheoretiker -- die betreffenden
-Menschen hypnotisch: man sucht ihnen die Vorstellung des Weibes
-und des »normalen« aktiven Koitus mit demselben auf suggestivem
-Wege beizubringen und sie daran zu gewöhnen. Der Erfolg ist
-eingestandenermaßen ein minimaler.
-
-Das ist von unserem Standpunkt aus auch selbstverständlich. Der
-Hypnotiseur entwirft dem zu Behandelnden das _typische_ (!!) Bild
-des Weibes, das diesem seiner ganzen, angeborenen, gerade seiner
-unbewußten, durch Suggestion schwer angreifbaren Natur nach ein
-Greuel ist. Denn nicht W ist sein Komplement, und nicht zum ersten
-besten Freimädchen, das ihm nur um Geld zu Gefallen ist, darf ihn
-der Arzt schicken, um so diese Kur, welche den Abscheu vor dem
-»normalen« Koitus im Behandelten im allgemeinen noch vermehrt haben
-wird, angemessen zu krönen. Fragen wir unsere Formel nach dem
-Komplemente des Konträrsexuellen, so erhalten wir vielmehr gerade
-das allermännlichste Weib, die Lesbierin, die Tribade. _Tatsächlich
-ist diese auch nahezu das einzige Weib, welches den Konträrsexuellen
-anzieht, das einzige, dem er gefällt._ Wenn also eine »Therapie« der
-konträren Sexualempfindung unbedingt sein muß und auf ihre Ausarbeitung
-nicht verzichtet werden kann, so ergibt diese Theorie den Vorschlag,
-den Konträren an die Konträre, den Homosexuellen an die Tribade zu
-weisen. Der Sinn dieser Empfehlung kann aber nur der sein, _beiden_
-die Befolgung der (in England, Deutschland, Österreich) noch in Kraft
-stehenden Gesetze gegen homosexuelle Akte, die eine Lächerlichkeit
-sind und zu deren Abschaffung diese Zeilen ebenfalls beitragen wollen,
-möglichst leicht zu machen. Der zweite Teil dieser Arbeit wird es
-verständlich werden lassen, _warum_ die aktive Prostituierung eines
-Mannes durch einen mit ihm vollzogenen Sexualakt wie die passive
-Selbsthingabe des anderen Mannes zu einem solchen so viel intensiver
-als eine Schmach empfunden wird, als der sexuelle Verkehr des Mannes
-mit der Frau beide zu entwürdigen scheint. _An und für sich besteht
-aber ethisch gar keine Differenz zwischen beiden._ Trotz all dem heute
-beliebten Geschwätze von dem verschiedenen Rechte für verschiedene
-Persönlichkeiten gibt es nur eine, für alles, was Menschenantlitz
-trägt, gleiche allgemeine Ethik, so wie es nur eine Logik und nicht
-mehrere Logiken gibt. Ganz verwerflich hingegen und auch mit den
-Prinzipien des Strafrechtes, das nur das Verbrechen, nicht die Sünde
-ahndet, völlig _unvereinbar_ ist es, dem Homosexuellen seine Art des
-Geschlechtsverkehres zu verbieten und dem Heterosexuellen die seine zu
-gestatten, wenn beide mit der gleichen Vermeidung des »öffentlichen
-Ärgernisses« sich abspielen. _Logisch_ wäre einzig und allein (vom
-Standpunkte einer reinen Humanität und eines Strafrechtes als nicht
-bloß »abschreckenden« sozialpädagogischen Zwecksystems sehe ich in
-dieser Betrachtung überhaupt ab), die »Konträren« Befriedigung dort
-finden zu lassen, wo sie sie suchen: untereinander.
-
-Diese ganze Theorie scheint völlig widerspruchslos und in sich
-geschlossen zu sein und eine völlig befriedigende Erklärung aller
-Phänomene zu ermöglichen. Nun muß aber die Darstellung mit Tatsachen
-herausrücken, die jener sicher werden entgegengehalten werden, und
-auch wirklich die ganze Subsumtion dieser sexuellen »Perversion« unter
-die sexuellen Zwischenformen und das Gesetz ihres Geschlechtsverkehres
-umzustoßen scheinen. Es gibt nämlich wirklich und ohne allen Zweifel,
-während für die invertierten Frauen die obige Darlegung vielleicht
-ausreicht, Männer, die sehr wenig weiblich sind und auf die doch
-Personen des eigenen Geschlechtes eine sehr starke Wirkung ausüben,
-eine stärkere als auf andere Männer, die vielleicht viel weiblicher
-sind als sie, eine Wirkung ferner, die auch vom männlichen Manne auf
-sie ausgehen kann, eine Wirkung endlich, die oft stärker sein kann
-als der Eindruck, den irgend eine Frau auf jene Männer auszuüben
-imstande ist. Albert _Moll_ sagt mit Recht: »Es gibt psychosexuelle
-Hermaphroditen, die sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen,
-die aber bei jedem Geschlechte nur die typischen Eigenschaften dieses
-Geschlechtes lieben, und anderseits gibt es psychosexuelle [?]
-Hermaphroditen, die nicht beim einzelnen Geschlechte die typischen
-Eigenschaften dieses Geschlechtes lieben, sondern denen diese
-Eigenschaften gleichgültig, zum Teile sogar abstoßend sind.« Auf diesen
-Unterschied bezieht sich nun die in der Überschrift dieses Kapitels
-getroffene _Distinktion zwischen Homosexualität und Päderastie_. Die
-Trennung beider läßt sich wohl begründen; als homosexuell ist derjenige
-Typus von »Perversen« bezeichnet, welcher sehr thelyide Männer _und_
-sehr arrhenoide Weiber bevorzugt, nach dem besprochenen Gesetze; der
-_Päderast hingegen kann sehr männliche Männer, aber ebensowohl sehr
-weibliche Frauen lieben_, das letztere, _$soweit$ er $nicht$ Päderast
-ist. Dennoch wird die Neigung zum männlichen Geschlechte bei ihm
-stärker sein und tiefer gehen als die zum weiblichen._ Die Frage nach
-dem Grunde der Päderastie bildet ein Problem für sich und bleibt für
-diese Untersuchung gänzlich unerledigt.
-
-
-
-
-V. Kapitel.
-
-Anwendung auf die Charakterologie.
-
-
-Vermöge der Tatsache, daß zwischen Physischem und Psychischem eine
-wie immer geartete Korrespondenz besteht, ist von vornherein zu
-erwarten, daß dem weiten Umfange, in welchem unter morphologischen
-und physiologischen Verhältnissen das Prinzip der sexuellen
-Zwischenstufen sich nachweisen ließ, psychologisch eine mindestens
-ebenso reiche Ausbeute entsprechen werde. Sicherlich gibt es auch
-einen psychischen Typus des Weibes und des Mannes (wenigstens
-stellen die bisherigen Ergebnisse die Aufsuchung solcher Typen zur
-Aufgabe), Typen, die von der Wirklichkeit nie erreicht werden, da
-diese von der reichen Folge der sexuellen Zwischenformen im Geistigen
-ebenso erfüllt ist wie im Körperlichen. Das Prinzip hat also die
-größte Aussicht, sich den _geistigen_ Eigenschaften gegenüber zu
-bewähren und das verworrene Dunkel etwas zu lichten, in welches die
-psychologischen Unterschiede _zwischen den einzelnen Menschen_ für
-die Wissenschaft noch immer gehüllt sind. Denn es ist hiemit ein
-Schritt vorwärts gemacht im Sinne einer differenzierten Auffassung
-auch des geistigen Habitus jedes Menschen, man wird auch von dem
-_Charakter_ einer Person wissenschaftlich nicht mehr sagen, er sei
-_männlich_ oder er sei _weiblich schlechthin_, sondern darauf achten
-und danach fragen: _wieviel Mann_, _wieviel Weib_ ist in einem
-Menschen. Hat _er_ oder hat _sie_ in dem betreffenden Individuum
-dies oder jenes getan, gesagt, gedacht? Eine _individualisierende_
-Beschreibung aller Menschen und alles Menschlichen ist hiedurch
-erleichtert, und so liegt die neue Methode in der eingangs
-dargelegten Entwicklungsrichtung aller Forschung: alle Erkenntnis
-hat seit jeher, von Begriffen mittlerer Allgemeinheit ausgehend,
-nach zwei divergierenden Richtungen auseinandergestrebt, dem allem
-Einzelnen gemeinschaftlichen Allgemeinsten nicht allein entgegen,
-sondern ebenso der allereinzelnsten, individuellsten Erscheinung zu.
-Darum ist die Hoffnung wohl begründet, welche von dem Prinzip der
-sexuellen Zwischenformen die stärkste Förderung für die noch ungelöste
-wissenschaftliche Aufgabe einer Charakterologie erwartet, und der
-Versuch berechtigt, es methodisch zu dem Range eines _heuristischen
-Grundsatzes_ in der »Psychologie der individuellen Differenzen« oder
-»differentiellen Psychologie« zu erheben. Und seine Anwendung auf das
-Unternehmen einer Charakterologie, dieses bisher fast ausschließlich
-von Literaten bepflügten, wissenschaftlich noch recht verwahrlosten
-Feldes, ist vielleicht um so freudiger zu begrüßen, als es unmittelbar
-aller quantitativen Abstufungen fähig ist, indem man sozusagen
-den Prozentgehalt an M und W, den ein Individuum besitzt, auch im
-Psychischen aufzusuchen sich nicht wird scheuen dürfen. Daß diese
-Aufgabe mit einer _anatomischen_ Beantwortung der Frage nach der
-sexuellen Stellung eines Organismus zwischen Mann und Weib noch nicht
-gelöst ist, sondern _im allgemeinen_ noch eine besondere Behandlung
-erfordert, selbst wenn _im speziellen_ hier viel öfter Kongruenz als
-Inkongruenz sich nachweisen ließe, ist bereits mit den Ausführungen
-des zweiten Kapitels über die Ungleichmäßigkeiten gegeben, welche
-selbst zwischen den einzelnen _körperlichen_ Teilen und Qualitäten
-des nämlichen Individuums untereinander betreffs des _Grades_ ihrer
-Männlichkeit oder Weiblichkeit bestehen.
-
-Das Nebeneinander von Männlichem und Weiblichem im gleichen Menschen
-ist hiebei nicht als völlige oder annähernde _Simultaneität_ zu
-verstehen. Die wichtige neue Hinzufügung, welche an dieser Stelle
-notwendig wird, ist nicht nur eine erläuternde Anweisung zur
-richtigen psychologischen Verwertung des Prinzipes, sondern auch eine
-bedeutungsvolle Ergänzung der früheren Ausführungen. _Es schwankt oder
-oszilliert nämlich jeder Mensch zwischen dem Manne und dem Weibe in
-ihm hin und her_; wenn auch diese Oszillationen bei dem einen abnorm
-groß, bei dem anderen klein bis zur Unmerklichkeit sein können, _sie
-sind immer da_ und offenbaren sich, wenn sie von einiger Erheblichkeit
-sind, auch durch ein wechselndes körperliches Aussehen der von ihnen
-Betroffenen. Diese _Schwankungen der sexuellen Charakteristik_
-zerfallen, den Schwankungen des Erdmagnetismus vergleichbar, in
-regelmäßige und unregelmäßige. Die regelmäßigen sind entweder kleine
-Oszillationen: z. B. fühlen manche Menschen am Abend männlicher als
-am Morgen; oder sie gehören in das Reich der größeren und großen
-_Perioden_ des organischen Lebens, auf die man kaum erst aufmerksam
-zu werden begonnen hat, und deren Erforschung Licht auf eine noch
-gar nicht absehbare Menge von Phänomenen werfen zu sollen scheint.
-Die unregelmäßigen Schwankungen werden wahrscheinlich durch äußere
-Anlässe, vor allem durch den sexuellen Charakter des Nebenmenschen,
-hervorgerufen. Sie bedingen gewiß zum Teile jene merkwürdigen
-Phänomene der _Einstellung_, welche in der Psychologie einer _Menge_
-die größte Rolle spielen, wenn sie auch bis jetzt kaum die gebührende
-Beachtung gefunden haben. Kurz, die _Bisexualität_ wird sich nicht
-in einem einzigen Augenblicke, sondern kann sich psychologisch nur
-im _Nacheinander_ offenbaren, ob nun diese Differenz der sexuellen
-Charakteristik in der Zeit dem Gesetze einer Periodizität gehorche oder
-nicht, ob die Schwingung nach der Seite des einen Geschlechtes hin eine
-andere Amplitude habe als die Schwingung nach dem anderen Geschlechte
-hin, oder ob der männliche dem weiblichen Schwingungsbauche gleich sei
-(was durchaus nicht der Fall zu sein braucht, im Gegenteile nur ein
-Fall unter unzähligen gleich möglichen ist).
-
-Man dürfte also wohl bereits prinzipiell, noch vor der Erprobung durch
-den ausgeführten Versuch, zuzugeben geneigt sein, daß das Prinzip der
-sexuellen Zwischenformen eine bessere charakterologische Beschreibung
-der Individuen ermöglicht, indem es das Mischungsverhältnis zu suchen
-auffordert, in dem Männliches und Weibliches in jedem einzelnen
-zusammentreten, und die Elongation der Oszillationen zu bestimmen
-gebietet, deren ein Individuum nach beiden Seiten hin fähig ist. Wir
-geraten aber nun vor eine Frage, bezüglich welcher die Darstellung
-sich _hier_ entscheiden muß, indem von ihrer Beantwortung der Gang
-der weiteren Untersuchung fast ausschließlich abhängt. Es handelt
-sich darum, ob diese zuerst das unendlich reiche Gebiet der sexuellen
-Zwischenstufen, _die sexuelle Mannigfaltigkeit im Geistigen_,
-durchmessen und an besonders geeigneten Punkten zu möglichst getreuen
-Aufnahmen der Verhältnisse zu gelangen suchen soll, oder ob sie damit
-zu beginnen hat, _die sexuellen Typen_ festzulegen, die psychologische
-Konstruktion des »idealen Mannes« und des »idealen Weibes« vorzunehmen
-und zu vollenden, bevor sie die verschiedenen Möglichkeiten ihrer
-empirischen Vereinigung in concreto untersucht und prüft, wie weit die
-auf deduktivem Wege gewonnenen Bilder sich mit der Wirklichkeit decken.
-Der erste Weg entspricht der Entwicklung, welche die Gedanken nach der
-allgemeinen Anschauung psychologisch immer nehmen, indem die Ideen
-aus der Wirklichkeit, die sexuellen Typen nur aus der allein realen
-sexuellen Mannigfaltigkeit geschöpft werden können: er wäre induktiv
-und analytisch. Der zweite würde vor dem ersten den Vorzug der formal
-logischen Strenge haben: er wäre deduktiv-synthetisch.
-
-Diesen anderen Weg habe ich aus dem Grunde nicht einschlagen wollen,
-weil die Anwendung zweier bereits wohl definierter Typen auf die
-konkrete Wirklichkeit jedermann leicht in voller Selbständigkeit
-machen kann, indem sie nur die (für jeden Fall ohnedies stets neu
-und besonders zu gewinnende) Kenntnis des _Mischungsverhältnisses_
-beider voraussetzt, um schon die Möglichkeit zu gestatten, Theorie
-und Praxis zur Deckung zu bringen; sodann weil (gesetzt auch, es
-würde die außerhalb der Kompetenz des Verfassers liegende Form
-historisch-biographischer Untersuchung gewählt) Gesagtes immerfort zu
-wiederholen wäre, und dem Interesse an den Einzelpersonen aller, der
-Theorie kein Gewinn mehr aus dieser Verzweigung ins Detail erwüchse.
-Der erste, der induktive Weg ist darum nicht gangbar, weil in diesem
-Falle die Menge der Wiederholungen auf den Teil entfiele, welcher
-die Tafel der Gegensätze der sexuellen Typen entrollen würde, und
-zudem das vorhergehende Studium der sexuellen Zwischenstufen und die
-es begleitende Präparation der Typen langwierig, zeitraubend und ohne
-Nutzen für den Leser wäre.
-
-Eine andere Erwägung mußte also die Einteilung bestimmen.
-
-Da die morphologische und physiologische Erforschung der sexuellen
-Extreme nicht meine Sache war, wurde nur das Prinzip der
-Zwischenformen, dieses aber nach allen Seiten hin, denen es Aufklärung
-bringen zu können schien, also auch vom biologischen Standpunkte aus
-behandelt. So bekam das Ganze der vorliegenden Arbeit seine Gestalt.
-Die eben erwähnte Betrachtung der Zwischenstufen bildet ihren ersten
-Teil, während der zweite die rein _psychologische Analyse von M und
-W_ in Angriff nehmen und so weit und tief als möglich fortzuführen
-trachten wird. Die konkreten Fälle wird sich, in Anwendung der
-eventuell daselbst zu gewinnenden Erkenntnisse, ein jeder selbsttätig
-immer zusammensetzen und sie mit den dort zu gewinnenden Anschauungen
-und Begriffen leicht abbilden können. Dieser zweite Teil wird sich auf
-die bekannten und gangbaren Meinungen über die geistigen Unterschiede
-zwischen den Geschlechtern nur sehr wenig stützen können. Hier jedoch
-will ich, bloß der Vollständigkeit halber und ohne der Sache eine
-besondere Wichtigkeit beizumessen, die sexuellen Zwischenstufen des
-psychischen Lebens in aller Kürze an einigen Punkten auftreten lassen,
-Punkten, die nur ein paar insgemein bekannte Eigentümlichkeiten, welche
-hier noch keiner näheren Analyse unterzogen werden sollen, in einigen
-Modifikationen sichtbar werden lassen.
-
-Weibliche Männer haben oft ein ungemein starkes Bedürfnis zu heiraten,
-mögen sie (was ich erwähne, um Mißverständnissen vorzubeugen) materiell
-noch so glänzend gestellt sein. Sie sind es auch, die, wenn sie können,
-fast immer sehr jung in die Ehe treten. Es wird ihnen oft besonders
-schmeicheln, eine berühmte Frau, eine Dichterin oder Malerin, die aber
-auch eine Sängerin oder Schauspielerin sein kann, zur Gattin zu haben.
-
-Weibliche Männer sind ihrer Weiblichkeit gemäß auch körperlich eitler
-als die anderen unter den Männern. Es gibt auch »Männer«, die auf
-die Promenade gehen, um ihr Gesicht, welches, als Weibergesicht, die
-Absicht seines Trägers meist hinreichend verrät, bewundert zu fühlen
-und dann befriedigt nach Hause zu gehen. Das Urbild des Narciß ist
-ein solcher »Mann« gewesen. Dieselben Personen sind natürlich auch,
-was Frisur, Kleidung, Schuhwerk, Wäsche anlangt, ungemein sorgfältig,
-ihrer momentanen Körperhaltung und ihres Aussehens an jedem bestimmten
-Tage, der kleinsten Einzelheiten ihrer Toilette, des vorübergehendsten
-Blickes, der von anderer Menschen Augen auf sie fällt, sich fast
-ebenso bewußt, wie W es stets ist, ja in Gang und Geberde oft geradezu
-kokett. Bei den Viragines hingegen nimmt man oft grobe Vernachlässigung
-der Toilette und Mangel an Körperpflege wahr; sie sind mit dem
-Ankleiden oft viel schneller fertig als mancher weibliche Mann. Das
-ganze »Gecken«- oder »Gigerl«tum geht, ebenso wie zum Teile die
-Frauenemanzipation, auf die jetzige Vermehrung dieser Zwittergeschöpfe
-zurück; das ist alles mehr als »bloße Mode«. Es fragt sich eben immer,
-_warum_ etwas zur Mode werden kann, und es gibt wohl überhaupt weniger
-»bloße Mode«, als der oberflächlich _kritisierende_ Zuschauer wähnt.
-
-Je mehr von W eine Frau hat, desto weniger wird sie den Mann
-_verstehen_, umso stärker jedoch wird er _in seiner geschlechtlichen
-Eigentümlichkeit_ auf sie _wirken_, um so mehr Eindruck als Mann auf
-sie machen. Dies ist nicht nur aus dem bereits erläuterten Gesetze der
-sexuellen Anziehung zu verstehen, sondern geht darauf zurück, daß eine
-Frau um so eher ihr Gegenteil aufzufassen in der Lage sein wird, je
-reiner weiblich sie ist. Umgekehrt wird einer, je mehr von M er hat,
-desto weniger W zu _verstehen_ in der Lage sein, desto _eindringlicher_
-jedoch werden die Frauen ihrem ganzen _äußeren_ Wesen nach, in ihrer
-Weiblichkeit, sich ihm _darstellen_. Die sogenannten »Frauenkenner«,
-d. h. solche, die nichts mehr sind als nur »Frauenkenner«, sind darum
-alle zum guten Teile selbst Weiber. Die weiblicheren Männer wissen
-denn auch oft die Frauen viel besser zu behandeln als Vollmänner, die
-das erst nach langen Erfahrungen und, von ganz bestimmten Ausnahmen
-abgesehen, wohl überhaupt nie völlig erlernen.
-
-An diese paar Illustrationen, welche die Verwendbarkeit des
-Prinzipes an Beispielen veranschaulichen sollen, die absichtlich der
-_trivialsten_ Sphäre der tertiären Geschlechtscharaktere entnommen
-wurden, möchte ich die naheliegenden Anwendungen schließen, die sich
-mir aus ihm für die Pädagogik zu ergeben scheinen. _Eine_ Wirkung
-nämlich erhoffe ich vor allem von einer allgemeinen Anerkennung des
-Gemeinschaftlichen, das diesen und den früheren Tatsachen wie so
-vielen anderen noch zu Grunde liegt: _eine mehr individualisierende
-Erziehung_. Jeder Schuster, der den Füßen das Maß nimmt, muß das
-Individualisieren besser verstehen als die heutigen Erzieher in Schule
-und Haus, die nicht zum lebendigen Bewußtsein einer solchen moralischen
-Verpflichtung zu bringen sind! Denn bis jetzt erzieht man die sexuellen
-Zwischenformen (insbesondere unter den Frauen) im Sinne einer möglichst
-extremen Annäherung an ein Mannes- oder Frauenideal von konventioneller
-Geltung, man übt eine geistige Orthopädie in der vollsten Bedeutung
-einer Tortur. Dadurch schafft man nicht nur sehr viel Abwechslung
-aus der Welt, sondern unterdrückt vieles, was keimhaft da ist und
-Wurzel fassen könnte, verrenkt anderes zu unnatürlicher Lage, züchtet
-Künstlichkeit und Verstellung.
-
-Die längste Zeit hat unsere Erziehung uniformierend gewirkt auf
-alles, was mit einer männlichen, und auf alles, was mit einer
-weiblichen Geschlechtsregion zur Welt kommt. Gar bald werden
-»Knaben« und »Mädchen« in verschiedene Gewänder gesteckt, lernen
-verschiedene Spiele spielen, schon der Elementarunterricht ist gänzlich
-getrennt, die »Mädchen« lernen unterschiedslos Handarbeiten etc.
-etc. _Die Zwischenstufen kommen da alle zu kurz._ Wie mächtig aber
-die Instinkte, die »Determinanten« ihrer Naturanlage, in derartig
-mißhandelten Menschen sein können, das zeigt sich oft schon _vor_
-der Pubertät: Buben, die am liebsten mit Puppen spielen, sich von
-ihrem Schwesterlein häkeln und stricken lehren lassen, mit Vorliebe
-Mädchenkleidung anlegen und sich sehr gerne mit weiblichem Vornamen
-rufen hören; Mädchen, die sich unter die Knaben mischen, an deren
-wilderen Spielen teilnehmen wollen und oft auch von diesen ganz als
-ihresgleichen, »kollegial« behandelt werden. Immer aber kommt eine
-durch Erziehung von außen unterdrückte Natur _nach_ der Pubertät zum
-Vorschein: männliche Weiber scheren sich die Haare kurz, bevorzugen
-frackartige Gewänder, studieren, trinken, rauchen, klettern auf die
-Berge, werden passionierte Jägerinnen; weibliche Männer lassen das
-Haupthaar lang wachsen, sie tragen Mieder, zeigen viel Verständnis für
-die Toilettesorgen der Weiber, mit denen sie vom gleichen Interesse
-getragene kameradschaftliche Gespräche zu führen imstande sind; ja
-sie schwärmen denn auch oft aufrichtig von freundschaftlichem Verkehr
-zwischen den beiden Geschlechtern, weibische Studenten z. B. von
-»kollegialem Verhältnis« zu den Studentinnen u. s. w.
-
-Unter der schraubstockartigen Pressung in eine gleichmachende Erziehung
-haben Mädchen und Knaben gleich viel, die letzteren später mehr unter
-ihrer Subsumtion unter das gleiche _Gesetz_, die ersteren mehr unter
-der Schablonisierung durch die gleiche _Sitte_ zu leiden. Die hier
-erhobene Forderung wird darum, fürchte ich, was die Mädchen betrifft,
-mehr passivem Widerstand in den _Köpfen_ begegnen als für die Knaben.
-Hier gilt es vor allem, sich von der gänzlichen Falschheit der weit
-verbreiteten, von Autoritäten des Tages weitergegebenen und immer
-wiederholten Meinung von der _Gleichheit aller »Weiber«_ (»es gibt
-keine Unterschiede, keine Individuen unter den Weibern; wer eine
-kennt, kennt alle«) gründlich zu überzeugen. _Es gibt unter denjenigen
-Individuen, die W näher stehen als M_ (den »Frauen«), _zwar bei weitem
-nicht so viele Unterschiede und Möglichkeiten wie unter den übrigen_ --
-die größere Variabilität der »Männchen« ist nicht nur für den Menschen,
-sondern im Bereiche der ganzen Zoologie eine allgemeine Tatsache, die
-insbesondere von _Darwin_ eingehend gewürdigt worden ist -- _aber
-noch immer Differenzen genug_. Die psychologische Genese jener so
-weit verbreiteten irrigen Meinung ist zum großen Teile die, daß (vgl.
-Kapitel III) jeder Mann in seinem Leben nur _eine_ ganz bestimmte
-Gruppe von Frauen _intimer_ kennen lernt, die _naturgesetzlich_ alle
-untereinander viel Gemeinsames haben. Man hört ja auch von Weibern
-öfters, aus der gleichen Ursache und mit noch weniger Grund: »die
-Männer sind einer wie der andere«. So erklären sich auch manche,
-gelinde gesagt, _gewagte_ Behauptungen vieler Frauenrechtlerinnen über
-den Mann und die angeblich unwahre Überlegenheit desselben: daraus
-nämlich, _was für_ Männer gerade _sie_ in der Regel näher kennen lernen.
-
-_In dem verschieden-abgestuften Beisammensein von M und W_, in dem wir
-ein _Hauptprinzip aller wissenschaftlichen Charakterologie_ erkannt
-haben, sehen wir somit auch eine von der speziellen Pädagogik zu
-beherzigende Tatsache vor uns.
-
-Die Charakterologie verhält sich zu jener Psychologie, welche eine
-»Aktualitätstheorie« des Psychischen eigentlich allein gelten lassen
-dürfte, wie Anatomie zur Physiologie. Da sie stets ein theoretisches
-und praktisches Bedürfnis bleiben wird, ist es notwendig, unabhängig
-von ihrer erkenntnistheoretischen Grundlegung und Abgrenzung
-gegenüber dem Gegenstande der allgemeinen Psychologie, Psychologie
-der individuellen Differenzen treiben zu dürfen. Wer der Theorie vom
-psychophysischen Parallelismus huldigt, wird mit den prinzipiellen
-Gesichtspunkten der bisherigen Behandlung insoferne einverstanden
-sein, als für ihn, ebenso wie ihm Psychologie im engeren Sinne und
-Physiologie (des Zentralnervensystems) Parallelwissenschaften sind,
-_Charakterologie zur Schwester die Morphologie haben muß_. In der
-Tat, von der Verbindung von Anatomie und Charakterologie und der
-wechselseitigen Anregung, die sie voneinander empfangen können, ist für
-die Zukunft noch Großes zu hoffen. Zugleich würde durch ein solches
-Bündnis der _psychologischen Diagnostik_, welche Voraussetzung jeder
-_individualisierenden Pädagogik_ ist, ein unschätzbares Hilfsmittel an
-die Hand gegeben. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen, und mehr
-noch die Methode des _morphologisch-charakterologischen Parallelismus_
-in ihrer _weiteren_ Anwendung gewähren uns nämlich den Ausblick auf
-eine Zeit, wo jene Aufgabe, welche die hervorragendsten Geister stets
-so mächtig angezogen und immer wieder zurückgeworfen hat, wo die
-_Physiognomik_ zu den Ehren einer wissenschaftlichen Disziplin endlich
-gelangen könnte.
-
-Das Problem der Physiognomik ist das Problem einer konstanten Zuordnung
-des _ruhenden_ Psychischen zum _ruhenden_ Körperlichen, wie das Problem
-der physiologischen Psychologie das einer gesetzmäßigen Zuordnung
-des _bewegten_ Psychischen zum _bewegten_ Körperlichen (womit keiner
-speziellen _Mechanik_ der Nervenprozesse das Wort geredet ist). Das
-eine ist gewissermaßen _statisch_, das andere eher rein _dynamisch_;
-prinzipielle Berechtigung aber hat das eine Unternehmen ebensoviel
-oder ebensowenig wie das andere. Es ist also methodisch wie sachlich
-ein großes Unrecht, die Beschäftigung mit der Physiognomik, ihrer
-enormen Schwierigkeiten halber, für etwas so _Unsolides_ zu halten,
-wie das heute, mehr unbewußt als bewußt, in den wissenschaftlichen
-Kreisen der Fall ist und gelegentlich, z. B. gegenüber den von
-_Moebius_ erneuerten Versuchen _Galls_, die Physiognomie des geborenen
-Mathematikers aufzufinden, zu Tage tritt. Wenn es möglich ist, nach dem
-Äußeren eines Menschen, den man nie gekannt hat, sehr viel Richtiges
-über seinen Charakter aus einer unmittelbaren Empfindung heraus,
-nicht auf Grund eines Schatzes bewußter oder unbewußter Erfahrungen,
-zu sagen -- und es gibt Menschen, die diese Fähigkeit in hohem Maße
-besitzen -- so kann es auch kein Ding der Unmöglichkeit sein, zu einem
-wissenschaftlichen System dieser Dinge zu gelangen. Es handelt sich nur
-um die begriffliche Klärung gewisser starker Gefühle, um die Legung des
-Kabels nach dem Sprachzentrum (um mich sehr grob auszudrücken): eine
-Aufgabe, die allerdings oft ungemein schwierig ist.
-
-Im übrigen: es wird noch lange dauern, bis die offizielle Wissenschaft
-die Beschäftigung mit der Physiognomik nicht mehr als etwas höchst
-_Unmoralisches_ betrachten wird. Man wird auf den psychophysischen
-Parallelismus genau so eingeschworen bleiben wie bisher und doch
-zu gleicher Zeit die Physiognomiker als Verlorene betrachten,
-als Charlatane, wie bis vor kurzem die Forscher auf hypnotischem
-Gebiete; trotzdem es keinen Menschen gibt, der nicht unbewußt, keinen
-hervorragenden Menschen, der nicht bewußt Physiognomiker wäre. Der
-Redensart: »Das sieht man ihm an der Nase an« bedienen sich auch Leute,
-die von der Physiognomik als einer Wissenschaft nichts halten, und das
-Bild eines bedeutenden Menschen wie das eines Raubmörders interessiert
-gar sehr auch alle jene, die gar nie das Wort »Physiognomik« gehört
-haben.
-
-In dieser Zeit der hochflutenden Literatur über das Verhältnis des
-Physischen zum Psychischen, da der Ruf: »Hie Wechselwirkung!« von
-einer kleinen, aber mutigen und sich mehrenden Schar dem anderen
-Ruf einer kompakten Majorität: »Hie psychologischer Parallelismus!«
-entgegengesetzt wird, wäre es von Nutzen gewesen, auf diese
-Verhältnisse zu reflektieren. Man hätte sich dann freilich die Frage
-vorlegen müssen, _ob nicht die Setzung einer wie immer gearteten
-Korrespondenz zwischen Physischem und Psychischem eine bisher
-übersehene, apriorische, synthetische Funktion unseres Denkens ist_,
-was mir wenigstens dadurch sicher verbürgt scheint, daß eben jeder
-Mensch die Physiognomik _anerkennt_, insoferne jeder, _unabhängig_
-von der _Erfahrung_, Physiognomik _treibt_. So wenig _Kant_ diese
-Tatsache bemerkt hat, so gibt sie doch seiner Auffassung recht, daß
-über das Verhältnis des Körperlichen zum Geistigen sich _weiter_
-wissenschaftlich nichts beweisen noch ausmachen läßt. Das Prinzip
-einer gesetzmäßigen Relation zwischen Psychischem und Materiellem _muß
-daher als Forschungsgrundsatz heuristisch acceptiert werden_, und es
-bleibt der Metaphysik und Religion vorbehalten, über die Art dieses
-Zusammenhanges, _dessen Tatsächlichkeit a priori für jeden Menschen
-feststeht_, noch nähere Bestimmungen zu treffen.
-
-Ob nun Charakterologie in einer Verbindung mit Morphologie gehalten
-werde oder nicht, für sie allein wie für das Resultat des
-koordinierten Betriebes beider, für die Physiognomik, dürfte es Geltung
-haben, daß die beinahe gänzliche Erfolglosigkeit der bisherigen
-Versuche zur Begründung solcher Wissenschaften zwar auch sonst tief
-genug in der Natur des schwierigen Unternehmens wurzelt, daß aber
-immerhin dem Mangel an einer adäquaten Methode nicht zum geringsten
-Teile dieses Mißlingen zugeschrieben werden muß. Dem Vorschlag, den
-ich im folgenden an Stelle einer solchen entwickle, verdanke ich die
-sichere Leitung durch manches Labyrinth; ich glaube daher nicht zögern
-zu sollen, ihn einer allgemeinen Beurteilung zu unterbreiten.
-
-Die einen unter den Menschen haben die Hunde gern und können die Katzen
-nicht ausstehen, die anderen sehen nur gerne dem Spiel der Kätzchen zu,
-und der Hund ist ihnen ein widerliches Tier. Man ist in solchen Fällen,
-und mit vielem Rechte, stets sehr stolz darauf gewesen, zu fragen:
-_Warum_ zieht der eine die Katze vor, der andere den Hund? Warum? Warum?
-
-Diese Fragestellung scheint jedoch gerade hier nicht sehr fruchtbar.
-Ich glaube nicht, daß _Hume_, und besonders _Mach_ recht haben,
-wenn sie keinen besonderen Unterschied zwischen _simultaner_ und
-_succedaner_ Kausalität machen. Gewisse zweifellose formale Analogien
-werden da recht gewaltsam übertrieben, um den schwanken Bau des
-Systems zu stützen. Das Verhältnis zweier Erscheinungen, die in
-der Zeit regelmäßig aufeinander_folgen_, mit einer regelmäßigen
-Funktionalbeziehung verschiedener _gleichzeitiger_ Elemente zu
-identifizieren, geht nicht an: Nichts berechtigt in Wirklichkeit, von
-Zeit_empfindungen_ zu sprechen, und gar nichts, einen den anderen
-Sinnen koordinierten Zeitsinn anzunehmen; und wer wirklich das
-Zeitproblem erledigt glaubt, wenn er die Zeit und den Stundenwinkel
-der Erde nur eine und dieselbe Tatsache sein läßt, der übersieht
-zum wenigsten dies, daß, sogar im Falle als die Erde plötzlich mit
-ungleichförmiger Geschwindigkeit um ihre Achse sich zu drehen anfinge,
-wir doch nach wie vor die eben apriorische Voraussetzung eines
-gleichförmigen Zeitablaufes machen würden. Die Unterscheidung der
-Zeit von den materialen Erlebnissen, auf welcher die Trennung der
-succedanen von der simultanen Abhängigkeit beruht, und damit die Frage
-nach der _Ursache_ von _Veränderungen_, die Frage nach dem _Warum_ sind
-wohlberechtigt und fruchtbringend, wo Bedingendes und Bedingtes in
-_zeitlicher_ Abfolge _nacheinander_ auftreten. In dem oben als Beispiel
-individualpsychologischer Fragestellung angeführten Falle jedoch sollte
-man in der empirischen Wissenschaft, welche als solche das regelmäßige
-Zusammensein einzelner Züge in einem Komplexe keineswegs durch die
-metaphysische Annahme einer _Substanz erklärt_, nicht sowohl nach dem
-Warum forschen, sondern zunächst untersuchen: _Wodurch unterscheiden
-sich Katzen- und Hundeliebhaber_ noch?
-
-Die Gewöhnung, stets diese Frage nach den korrespondierenden _anderen_
-Unterschieden zu stellen, wo zwischen Ruhendem _ein_ Unterschied
-bemerkt worden ist, wird nicht nur der Charakterologie, wie ich glaube,
-von großem Nutzen sein können, sondern auch der reinen Morphologie
-und somit naturgemäß die Methode ihrer Verbindung, der Physiognomik,
-werden. _Aristoteles_ ist es bereits aufgefallen, daß viele Merkmale
-bei den Tieren nie unabhängig voneinander variieren. Später haben,
-zuerst bekanntlich _Cuvier_, sodann _Geoffroy_ St. _Hilaire_ und
-_Darwin_ diese Erscheinungen der »Korrelation« zum Gegenstande
-eingehenden Studiums gemacht. Das Bestehen konstanter Beziehungen kann
-hie und da leicht aus einem einheitlichen Zwecke verstanden werden: so
-wird man es teleologisch geradezu erwarten, daß, wo der Verdauungskanal
-für Fleischnahrung adaptiert ist, auch Kauapparate und Organe für
-das Ergreifen von Beute vorhanden sein müssen. Warum aber alle
-Wiederkäuer auch Zweihufer und im männlichen Geschlechte Hörnerträger
-sind, warum Immunität gegen gewisse Gifte bei manchen Tieren stets
-mit einer bestimmten Haarfarbe einhergeht, warum unter den Tauben
-die Spielarten mit kurzem Schnabel kleine, die mit langem Schnabel
-große Füße haben, oder gar, warum weiße Katzen mit blauen Augen immer
-taub sind, solche Regelmäßigkeiten des Nebeneinander sind weder aus
-einem einzigen offenbaren Grunde noch auch unter dem Gesichtspunkte
-eines einheitlichen Zweckes zu begreifen. Damit ist natürlich nicht
-gesagt, daß die Forschung nun prinzipiell in alle Ewigkeit mit der
-bloßen Konstatierung eines steten Beisammenseins sich zu begnügen habe.
-Das wäre ja so, als würde jemand zum ersten Male wissenschaftlich
-vorzugehen behaupten, indem er sich darauf _beschränke, vorzufinden_:
-»Wenn ich in einen Automaten ein Geldstück werfe, so kommt eine
-Schachtel Zündhölzer heraus«; was darüber gehe, sei Metaphysik und von
-Übel, das Kriterium des echten Forschers sei Resignation. Probleme
-der Art, woher es komme, daß langes Kopfhaar und zwei normale Ovarien
-sich fast ausnahmslos in denselben Menschen vereinigt finden, sind
-von der größten Bedeutung; aber sie fallen eben nicht in den Bereich
-der _Morphologie_, sondern in den der _Physiologie_. Vielleicht
-ist ein _Ziel_ einer _idealen Morphologie_ mit der Anschauung gut
-bezeichnet, daß diese _in einem deduktiv-synthetischen Teile_ nicht
-jeder einzeln existierenden Art und Spielart nachkriechen solle
-in Erdlöcher und nachtauchen auf den Meeresgrund -- das ist die
-Wissenschaftlichkeit des Briefmarkensammlers -- sondern aus einer
-_vorgegebenen Anzahl_ qualitativ und quantitativ genau bestimmter
-Stücke in der Lage sein werde, den _ganzen_ Organismus zu konstruieren,
-nicht auf Grund einer Intuition, wie dies ein _Cuvier_ vermochte,
-sondern in strengem Beweisverfahren. Ein Organismus nämlich, von dem
-man ihr irgend eine Eigenschaft genau bekanntgegeben hätte, müßte für
-diese Wissenschaft der Zukunft bereits noch durch eine andere, nun
-nicht mehr willkürliche, sondern damit in ebensolcher Genauigkeit
-bereits bestimmbare Eigenschaft beschränkt sein. In der Sprache der
-Thermodynamik unserer Tage ließe sich das ebensogut durch die Forderung
-ausdrücken, daß für eine solche _deduktive_ Morphologie der Organismus
-nur eine endliche Zahl von »Freiheitsgraden« besitzen dürfte. Oder man
-könnte, eine lehrreiche Ausführung _Machs_ benützend, verlangen, daß
-auch die organische Welt, sofern sie wissenschaftlich begreifbar und
-darstellbar, eine solche sei, in der zwischen n Variablen eine Zahl
-von Gleichungen bestehe, die kleiner sei als n (und zwar gleich n-1,
-wenn sie durch ein wissenschaftliches System _eindeutig_ bestimmbar
-sein soll; die Gleichungen würden bei geringerer Zahl zu unbestimmten
-Gleichungen werden, und bei einer größeren Zahl könnte der durch eine
-Gleichung ausgesagten Abhängigkeit von einer zweiten ohne weiters
-widersprochen werden).
-
-Dies ist die logische Bedeutung des Korrelationsprinzipes in der
-Biologie: es enthüllt sich als die Anwendung des _Funktionsbegriffes_
-auf das Lebendige, und darum liegt in der Möglichkeit _seiner_
-Ausbreitung und Vertiefung die Hoffnung auf eine theoretische
-Morphologie hauptsächlich begründet. Die kausale Forschung ist damit
-nicht ausgeschlossen, sondern erst auf ihr eigenstes Gebiet verwiesen.
-Im _Idioplasma_ wird sie wohl die Gründe jener Tatsachen aufzufinden
-trachten müssen, die dem Korrelationsprinzipe zu Grunde liegen.
-
-Die Möglichkeit einer _psychologischen_ Anwendung des Prinzipes
-der korrelativen Abänderung liegt nun in der »differentiellen
-Psychologie«, in der _psychologischen Varietätenlehre_, vor. Und die
-eindeutige Zuordnung von anatomischem Habitus und geistigem Charakter
-wird zur Aufgabe der _statischen Psychophysik oder Physiognomik_.
-Die Forschungsregel aller drei Disziplinen wird aber die Frage
-zu sein haben, worin sich zwei Lebewesen, die in einer Beziehung
-ein differentes Verhalten gezeigt haben, _noch_ unterscheiden.
-Die hier geforderte Art der Fragestellung scheint mir der einzig
-denkbare »Methodus inveniendi«, gleichsam die »Ars magna« jener
-Wissenschaften, und geeignet, die ganze Technik des Betriebes derselben
-zu durchdringen. Man wird nun, um einen charakterologischen Typus zu
-ergründen, nicht mehr bloß durch die nur bohrende Frage nach dem Warum,
-unter möglichst hermetischer Absperrung, in einem Loche hartes Erdreich
-aufzugraben sich mühen, nicht wie jene stereotropischen Würmer _Jacques
-Loebs_ an einem Dreikant immer von neuem sich verbluten, nicht durch
-Scheuklappen die Aussicht auf das erreichbare Daneben sich versperren,
-um geradeaus in der Tiefendimension dem aller nur _empirischen_
-Wissenschaft unerforschlichen Grunde nachzuschnaufen. Wenn jedesmal,
-ohne irgend welche Nachlässigkeit oder Rücksicht auf Bequemlichkeit,
-beim Sichtbarwerden _einer_ Differenz der Vorsatz gefaßt wird, auf die
-_anderen_ Differenzen zu achten, die nach dem Prinzipe unausweichlich
-_noch_ da sein müssen; wenn jedesmal den unbekannten Eigenschaften,
-welche mit der zur Abhebung gelangten in Funktionalzusammenhang stehen,
-»ein Aufpasser im Intellekte bestellt« wird, dann ist die Aussicht,
-die neuen Korrelationen zu entdecken, bedeutend vermehrt: ist nur
-die Frage gestellt, so wird sich die Antwort, je nach der Ausdauer
-und Wachsamkeit des Beobachters und der Gunst des ihm zur Prüfung
-beschiedenen Materials, früher oder später einstellen.
-
-Jedenfalls wird man, im bewußten Gebrauche dieses Prinzipes, nicht
-mehr lediglich darauf angewiesen sein zu warten, bis endlich einem
-Menschen durch die glückliche Laune einer gedanklichen Konstellation
-das konstante Beisammensein zweier Dinge im selben Individuum
-_auffällt_, sondern man wird lernen, immer _sofort_ nach dem ebenfalls
-vorhandenen _zweiten_ Ding zu _fragen_. Denn wie sehr ist nicht
-bisher alle Entdeckung auf den Zufall einer günstigen Konjunktur der
-Vorstellungen in dem Geiste eines Menschen beschränkt gewesen! Welch
-große Rolle spielt hier nicht die Willkür der Umstände, die zwei
-heterogene Gedankengruppen im geeigneten Moment zu jener gegenseitigen
-Kreuzung zu führen vermögen, aus der das Kind, die neue Einsicht und
-Anschauung, einzig geboren werden kann! Diese Rolle zu vermindern,
-scheint die neue Fragestellung und der Wille, sie in jedem Einzelfalle
-zu befolgen, außerordentlich befähigt. Bei der Succession der Wirkung
-auf die Ursache ist die psychologische Veranlassung zur Frage aus dem
-Grunde eher da, weil jede Verletzung der Stabilität und Kontinuität
-in einem vorhandenen psychischen Bestande unmittelbar beunruhigend
-wirkt, eine »Vitaldifferenz setzt« (_Avenarius_). _Wo gleichzeitige
-Abhängigkeit besteht, fällt aber diese Triebkraft weg._ Darum könnte
-diese Methode dem Forscher selbst inmitten seiner Tätigkeit die
-größten Dienste leisten, ja den Fortschritt der Wissenschaft insgesamt
-beschleunigen; die Erkenntnis von der heuristischen Anwendbarkeit des
-Korrelationsprinzipes es wäre eine Einsicht, die fortzeugend immer neue
-Einsicht könnte gebären helfen.
-
-
-
-
-VI. Kapitel.
-
-Die emanzipierten Frauen.
-
-
-Im unmittelbaren Anschluß an die differentiell-psychologische
-Verwertung des Prinzipes der sexuellen Zwischenformen muß zum ersten
-Male auf jene Frage eingegangen werden, deren theoretischer und
-praktischer Lösung dieses Buch recht eigentlich gewidmet ist, soweit
-sie nicht theoretisch eine Frage der Ethnologie und Nationalökonomie,
-also der Sozialwissenschaft im weitesten Sinne, praktisch eine
-Frage der Rechts- und Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist:
-auf die _Frauenfrage_. Die Antwort, welche dieses Kapitel auf die
-Frauenfrage geben soll, ist indes nicht eine, mit der für das Ganze
-der Untersuchung das Problem erledigt wäre. Sie ist vielmehr bloß
-eine vorläufige, da sie nicht mehr geben kann, als aus den bisherigen
-Prinzipien ableitbar ist. Sie bewegt sich gänzlich in den Niederungen
-der Einzelerfahrung, von der sie nicht zu allgemeinen Grundsätzen
-von tieferer Bedeutung sich zu erheben trachtet; die praktischen
-Anweisungen, die sie gibt, sind keine Maximen eines sittlichen
-Verhaltens, das künftige Erfahrung regulieren sollte oder könnte,
-sondern nur aus vergangener Erfahrung abstrahierte technische Regeln
-zu einem sozialdiätetischen Gebrauche. Der Grund ist, daß hier noch
-keineswegs an die Erfassung des männlichen und weiblichen Typus
-geschritten wird, die Sache des zweiten Teiles verbleibt. Diese
-provisorische Betrachtung soll nur diejenigen charakterologischen
-_Ergebnisse des Prinzipes der Zwischenformen bringen, welche für die
-Frauenfrage von Bedeutung sind_.
-
-Wie diese Anwendung ausfallen wird, liegt nach dem Bisherigen ziemlich
-offen zu Tage. Sie gipfelt darin, daß _Emanzipationsbedürfnis und
-Emanzipationsfähigkeit einer Frau nur in dem Anteile an M begründet
-liegt, den sie hat_. Der Begriff der Emanzipation ist aber ein
-_vieldeutiger_, und seine Unklarheit zu steigern lag im Interesse
-aller jener mit dem Worte oft verfolgten praktischen Absichten,
-die theoretische Einsichten zu vertragen nicht vermochten. Unter
-der Emanzipiertheit einer Frau verstehe ich weder die Tatsache,
-daß in ihrem Hause sie das Regiment führt und der Gatte keinen
-Widerspruch mehr wagt, noch den Mut, ohne schützenden Begleiter zur
-Nachtzeit unsichere Gegenden zu passieren; weder ein Hinwegsetzen
-über konventionelle gesellschaftliche Formen, welche der Frau das
-Alleinleben fast verbieten, es nicht dulden, daß sie einem Manne einen
-Besuch abstatte, und die Berührung sexueller Themen durch sie selbst
-oder durch andere in ihrer Gegenwart verpönen; noch schließlich die
-Suche nach einem selbständigen Erwerb, sei als Mittel zu diesem nun
-die Handelsschule oder das Universitätsstudium, das Konservatorium
-oder die Lehrerinnenbildungsanstalt gewählt. Vielleicht gibt es noch
-weitere Dinge, die samt und sonders unter dem großen Schilde der
-Emanzipationsbewegung sich bergen, doch soll auf diese vorderhand
-nicht eingegangen werden. Die Emanzipation, die ich im Sinne habe,
-ist auch nicht der Wunsch nach der äußerlichen Gleich_stellung_
-mit dem Manne, sondern _problematisch_ ist dem hier vorliegenden
-Versuche, zur Klarheit in der Frauenfrage zu gelangen, der _Wille_
-eines _Weibes_, dem Manne _innerlich gleich zu werden_, zu seiner
-geistigen und moralischen Freiheit, zu seinen Interessen und seiner
-Schaffenskraft zu gelangen. Und was nun behauptet wird, ist dies, _daß
-W gar kein Bedürfnis und dementsprechend auch keine Fähigkeit zu dieser
-Emanzipation hat. Alle wirklich nach Emanzipation strebenden, alle mit
-einem gewissen Recht berühmten und geistig irgendwie hervorragenden
-Frauen weisen stets zahlreiche männliche Züge auf, und es sind an ihnen
-dem schärferen Blicke auch immer anatomisch-männliche Charaktere,
-ein körperlich dem Manne angenähertes Aussehen, erkennbar._ Nur den
-_vorgerückteren_ sexuellen Zwischenformen, man könnte beinahe schon
-sagen jenen sexuellen Mittelstufen, die gerade noch den »Weibern«
-beigezählt werden, entstammen jene Frauen der Vergangenheit wie
-der Gegenwart, die von männlichen und weiblichen Vorkämpfern der
-Emanzipationsbestrebungen zum Beweise für die großen Leistungen von
-_Frauen_ immer mit Namen angeführt werden. Gleich die erste der
-geschichtlichen Abfolge nach, gleich _Sappho_ ist _konträr_sexuell,
-ja von ihr schreibt sich die Bezeichnung eines geschlechtlichen
-Verhältnisses zwischen Frauen mit dem Namen der sapphischen oder
-lesbischen Liebe her. Hier sehen wir, wie uns die Erörterungen des
-dritten und vierten Kapitels zugute kommen für eine Entscheidung in
-der Frauenfrage. Das charakterologische Material, welches uns über die
-sogenannten »bedeutenden Frauen«, also über die de facto Emanzipierten,
-zu Gebote steht, ist zu dürftig, seine Interpretation zu vielem
-Widerspruche ausgesetzt, als daß wir uns seiner mit der Hoffnung
-bedienen könnten, eine _zufriedenstellende_ Lösung zu geben. Wir
-bedurften eines Prinzipes, welches die Stellung eines Menschen zwischen
-M und W unzweideutig festzustellen gestattete. Ein solches Prinzip
-wurde gefunden in dem Gesetze der sexuellen Anziehung zwischen Mann
-und Weib. Seine Anwendung auf das Problem der Homosexualität ergab,
-daß die zur Frau sexuell hingezogene Frau eben ein halber Mann ist.
-Damit ist aber für den historischen Einzelnachweis der These, daß der
-Grad der Emanzipiertheit einer Frau mit dem Grade ihrer Männlichkeit
-identisch ist, so ziemlich alles gewonnen, dessen wir bedürfen. Denn
-Sappho _leitet_ die Reihe jener Frauen, die auf der Liste weiblicher
-Berühmtheiten stehen und die zugleich homo- oder mindestens bisexuell
-empfanden, _nur ein_. Man hat Sappho von philologischer Seite sehr
-eifrig von dem Verdachte zu reinigen gesucht, daß sie wirkliche, das
-bloß Freundschaftliche übersteigende Liebesverhältnisse mit Frauen
-unterhalten habe, als ob dieser Vorwurf, wenn er gerechtfertigt wäre,
-eine Frau sittlich sehr stark herabwürdigen müßte. Daß dem keineswegs
-so ist, daß eine unsinnliche homosexuelle Liebe gerade das Weib mehr
-ehrt als das heterosexuelle Verhältnis, das wird aus dem zweiten Teile
-noch klar hervorgehen. Hier genüge die Bemerkung, daß die Neigung zu
-lesbischer Liebe in einer Frau eben _Ausfluß ihrer Männlichkeit, diese
-aber Bedingung ihres Höherstehens ist_. _Katharina II. von Rußland_ und
-die Königin _Christine von Schweden_, nach einer Angabe die hochbegabte
-taubstummblinde _Laura Bridgman_, sowie sicherlich die _George Sand_
-sind zum Teil bisexuell, zum Teil ausschließlich homosexuell, ebenso
-wie alle Frauen und Mädchen von auch nur einigermaßen in Betracht
-kommender Begabung, die ich selbst kennen zu lernen Gelegenheit hatte.
-
-Was nun aber jene große Zahl emanzipierter Weiber betrifft, über die
-keine Zeugnisse lesbischen Empfindens vorliegen, so verfügen wir
-hier fast immer über andere Indizien, welche beweisen, daß es keine
-willkürliche Behauptung und auch kein engherziger, für das männliche
-Geschlecht eben _alles_ zu reklamieren gieriger, habsüchtiger Egoismus
-ist, wenn ich von der Männlichkeit aller Frauen spreche, die man sonst
-mit einigem Rechte für die höhere Befähigung des Weibes anführt. Denn
-wie die bisexuellen Frauen entweder mit männlichen Weibern oder mit
-weiblichen Männern in geschlechtlichem Verkehre stehen, so werden
-auch die heterosexuellen Frauen ihren Gehalt an Männlichkeit noch
-immer dadurch offenbaren, daß ihr sexuelles Komplement auf Seite der
-Männer nie ein echter Mann sein wird. Die berühmtesten unter den
-vielen »Verhältnissen« der _George Sand_ sind das mit _Musset_, dem
-weibischesten Lyriker, den die Geschichte kennt, und mit _Chopin_,
-den man sogar als den einzigen weiblichen Musiker bezeichnen könnte
--- so weibisch ist er.[10] _Vittoria Colonna_ ist weniger berühmt
-durch ihre eigene dichterische Produktion geworden als durch die
-Verehrung, die _Michel Angelo_ für sie gehegt hat, der sonst nur zu
-Männern in erotischem Verhältnis gestanden ist. Die Schriftstellerin
-_Daniel Stern_ war die Geliebte desselben _Franz Liszt_, dessen Leben
-und Lebenswerk durchaus immer etwas Weibliches an sich hat, dessen
-Freundschaft für den auch nicht vollkommen männlichen und jedenfalls
-etwas päderastisch veranlagten _Wagner_ fast ebensoviel Homosexualität
-in sich schloß, wie die schwärmerische Verehrung, die dem letzteren von
-König _Ludwig_ II. von _Bayern_ entgegengebracht wurde. Von Mme. _de
-Stael_, deren Schrift über Deutschland vielleicht als das bedeutendste
-Buch von Frauenhand angesehen werden muß, ist es wahrscheinlich, daß
-sie in sexuellen Beziehungen zu dem homosexuellen Hauslehrer ihrer
-Kinder, zu _August Wilhelm Schlegel_, gestanden ist. _Klara Schumanns_
-Gatten würde man bloß dem Gesichte nach zu gewissen Zeiten seines
-Lebens eher für ein Weib halten, denn für einen Mann, und auch in
-seiner Musik ist viel, wenn auch nicht immer gleich viel, Weiblichkeit.
-
-Wo alle Angaben über die Menschen fehlen, zu welchen eine sexuelle
-Beziehung bestand, oder solche Personen überhaupt nicht genannt
-werden, da ist oft reichlich Ersatz in kleinen Mitteilungen, die
-über das Äußere berühmter Frauen auf uns gelangt sind: sie zeigen,
-wie die Männlichkeit jener Frauen auch physiognomisch in Antlitz und
-Gestalt zum Ausdruck kommt und bestätigen auf diese Weise, ebenso wie
-die von jenen Frauen erhaltenen Porträts, die Richtigkeit der hier
-vertretenen Anschauung. Es ist die Rede von _George Eliots_ breiter,
-mächtiger Stirn: »ihre Bewegungen wie ihr Mienenspiel waren scharf
-und bestimmt, es fehlte ihnen aber die anmutige weibliche Weichheit«;
-von dem »_scharfen_, geistvollen Gesicht _Lavinia Fontanas_, das
-uns seltsam anmutet«. Die Züge der _Rachel Ruysch_ »tragen einen
-Charakter von fast männlicher Bestimmtheit an sich«. Der Biograph der
-originellsten Dichterin, der _Annette von Droste-Hülshoff_, berichtet
-von ihrer »elfenhaft schlanken, zarten Gestalt«; und das Gesicht
-dieser Künstlerin ist von einem Ausdruck strenger Männlichkeit, der
-ganz entfernt an _Dantes_ Züge erinnert. Die Schriftstellerin und
-Mathematikerin _Sonja Kowalewska_ hatte, ebenso wie schon Sappho, einen
-abnorm geringen Haarwuchs des Kopfes, einen geringeren noch, als die
-Dichterinnen und Studentinnen von heutzutage ihn gewöhnlich haben, die
-sich regelmäßig, wenn die Frage nach den geistigen Leistungen des
-Weibes aufgeworfen wird, zuerst auf sie berufen. Und wer im Gesichte
-der hervorragendsten Malerin, der _Rosa Bonheur_, auch nur _einen_
-weiblichen Zug wahrzunehmen behauptete, der wäre durch den Klang des
-Namens in die Irre geführt. Sehr männlich von Ansehen ist auch die
-berühmte _Helene Petrowna Blavatsky_. Von den noch lebenden produktiven
-und emanzipierten Frauen habe ich mit Absicht keine erwähnt,
-sondern geschwiegen, obwohl _sie_ mir, wie den Anreiz zu manchen
-der ausgesprochenen Gedanken, so auch die allgemeinste Bestätigung
-meiner Ansicht geliefert haben, daß das echte Weib, daß W mit der
-»Emanzipation des Weibes« nichts zu schaffen hat. Die historische
-Nachforschung muß dem Volksmund recht geben, der ihr Resultat
-längst vorweggenommen hat: »Je länger das Haar, desto kürzer der
-Verstand«. Dieses Wort trifft zu mit der im zweiten Kapitel gemachten
-Einschränkung.
-
-Und was die emanzipierten Frauen anlangt: _Nur der Mann in ihnen ist
-es, der sich emanzipieren will._
-
-Es hat einen tieferen Grund, als man glaubt, warum die
-schriftstellernden Frauen so oft einen Männernamen annehmen: sie
-fühlen sich eben beinahe als Mann, und bei Personen wie _George
-Sand_ entspricht dies völlig ihrer Neigung zu männlicher Kleidung
-und männlicher Beschäftigung. Das Motiv zur Wahl eines männlichen
-Pseudonyms muß in dem Gefühle liegen, daß nur ein solches der eigenen
-Natur korrespondiert; es kann nicht in dem Wunsche nach größerer
-Beachtung und Anerkennung von Seite der Öffentlichkeit wurzeln. Denn
-was Frauen produzieren, hat seit jeher, infolge der damit verbundenen
-geschlechtlichen Pikanterie, mehr Aufmerksamkeit erregt als, ceteris
-paribus, die Schöpfungen von Männern, und ist, wegen der von Anfang
-an immer tiefer gestimmten Ansprüche, stets nachsichtiger behandelt,
-wenn es gut war, stets unvergleichlich höher gepriesen worden, als was
-Männer gleich Gutes geleistet hatten. So ist das besonders heutzutage,
-und es gelangen noch fortwährend Frauen durch Produkte zu großem
-Ansehen, von denen man kaum Notiz nehmen würde, wenn sie männlichen
-Ursprunges wären. Es ist Zeit, hier zu sondern und auszuscheiden.
-Man nehme nur zum Vergleiche die männlichen Schöpfungen, welche die
-Literatur-, Philosophie-, Wissenschafts- und Kunstgeschichte gelten
-lassen und gebrauche diese als Maßstab: und man wird die immerhin
-nicht unbeträchtliche Zahl jener Frauen, die als bedeutende Geister
-immer wieder angeführt werden, gleich auf den ersten Schlag kläglich
-zusammenschrumpfen sehen. In der Tat gehört sehr viel Milde und Laxheit
-dazu, um Frauen wie _Angelika Kauffmann_ oder _Mme. Lebrun_, _Fernan
-Caballero_ oder _Hroswitha von Gandersheim_, _Mary Somerville_ oder
-_George Egerton_, _Elizabeth Barrett Browning_ oder _Sophie Germain_,
-_Anna Maria Schurmann_ oder _Sibylla Merian_ auch nur ein Titelchen von
-_Bedeutung_ beizulegen. Ich will davon nicht reden, wie sehr auch die
-früheren, als Beispiele der Viraginität genannten Frauen im einzelnen
-überschätzt werden; ich will auch das Maß des Ruhmes nicht kritisieren,
-den die lebenden weiblichen Künstlerinnen geerntet haben. Es genüge die
-allgemeine Feststellung, daß keine einzige unter _allen_ Frauen der
-Geistesgeschichte auch nur mit männlichen Genien fünften und sechsten
-Ranges, wie ihn, um Beispiele anzuführen, etwa _Rückert_ unter den
-Dichtern, _van Dyck_ unter den Malern, _Schleiermacher_ unter den
-Philosophen einnehmen, in concreto wahrhaft verglichen werden kann.
-
-Scheiden wir die hysterischen Visionärinnen, wie _die Sibyllen_,
-die _Pythien von Delphi_, die _Bourignon_ und die _Klettenberg_,
-_Jeanne de la Motte Guyon_, _Johanna Southcott_, _Beate Sturmin_,
-oder die _heilige Therese_ vorderhand aus, so bleiben nun noch Fälle
-wie die der _Marie Bashkirtseff_. Diese ist (soweit ich es nach der
-Erinnerung an ihr Bild zu sagen vermag) allerdings von ausgesprochen
-weiblichem Körperbau gewesen, bis auf die Stirn, die mir einen etwas
-männlichen Eindruck gemacht hat. Aber wer in der Salle des Étrangers
-im Pariser Luxembourg ihre Bilder neben denen des von ihr geliebten
-_Bastien-Lepage_ hat hängen sehen, der weiß, daß sie den Stil desselben
-nicht anders und nicht minder vollkommen angenommen hat als Ottilie die
-Handschrift Eduards in Goethes »Wahlverwandtschaften«.
-
-Den langen Rest bilden jene zahlreichen Fälle, wo ein allen Mitgliedern
-einer Familie eigentümliches _Talent_ zufällig in einem _weiblichen_
-Mitgliede am stärksten hervortritt, ohne daß dieses im geringsten
-genial zu sein braucht. Denn nur das Talent wird vererbt, nicht das
-Genie. _Margaretha van Eyck_ und _Sabine von Steinbach_ geben hier
-nur das Paradigma ab für eine lange Reihe jener Künstlerinnen, von
-denen nach Ernst _Guhl_, einem den kunstübenden Frauen außerordentlich
-gewogenen Autor, »uns ausdrücklich überliefert wird, daß sie durch
-Vater, Mutter oder Bruder zur Kunst angeleitet worden sind, oder daß
-sie, mit anderen Worten, den Anlaß zum Künstlerberuf in der eigenen
-Familie gefunden haben. Es sind deren zweihundert bis dreihundert, und
-wieviele Hunderte mögen noch außerdem durch ganz ähnliche Einflüsse zu
-Künstlerinnen geworden sein, ohne daß die Geschichte deren Erwähnung
-tun konnte!« Um die Bedeutung dieser Zahlenangaben zu würdigen, muß man
-in Betracht ziehen, daß _Guhl_ kurz vorher »von den beiläufig tausend
-Namen, die uns von weiblichen Künstlern bekannt sind«, spricht.
-
-Hiemit sei die historische Revue über die emanzipierten Frauen
-zum Abschluß gebracht. Sie hat der Behauptung, daß echtes
-Emanzipationsbedürfnis und wahres Emanzipationsvermögen in der Frau
-Männlichkeit voraussetzt, _recht_ gegeben. Denn die ungeheuere Überzahl
-jener Frauen, die sicherlich nicht im geringsten der Kunst oder dem
-Wissen _gelebt_ haben, bei denen diese Beschäftigung vielmehr an die
-Stelle der üblichen »Handarbeit« tritt und in dem ungestörten Idyll
-ihres Lebens nur einen _Zeitvertreib_ bedeutet -- und alle jene, denen
-gedankliche wie künstlerische Tätigkeit nur eine ungeheuer angespannte
-_Koketterie_ vor mehr oder weniger bestimmten Personen männlichen
-Geschlechtes ist -- diese beiden großen Gruppen durfte und mußte eine
-reinliche Betrachtung ausscheiden. Die übrig bleibenden erweisen sich
-dem näheren Zusehen insgesamt als sexuelle Zwischenformen.
-
-Zeigt sich aber das Bedürfnis nach Befreiung und Gleichstellung
-mit dem Manne nur bei männlichen Frauen, so ist der Schluß per
-inductionem _gerechtfertigt_, daß W _keinerlei Bedürfnis nach der
-Emanzipation empfindet_, auch wenn einstweilen diese Folgerung, so
-wie es hier ausschließlich geschehen ist, nur aus der geschichtlichen
-Einzelbetrachtung und nicht aus einer Untersuchung der psychischen
-Eigenschaften von W selbst abgeleitet wird.
-
-Stellen wir uns demnach auf den hygienischen (nicht ethischen)
-Standpunkt einer der natürlichen Anlage angemessensten Praxis, so
-würde sich das Urteil über die »Emanzipation des Weibes« so gestalten.
-Der _Unsinn_ der Emanzipationsbestrebungen liegt in der _Bewegung_,
-in der _Agitation_. Durch diese vor allem verleitet, fangen, wenn
-von Motiven der Eitelkeit, des Männerfanges abgesehen wird, bei der
-großen imitatorischen Veranlagung der Frauen auch solche zu studieren,
-zu schreiben u. s. w. an, die nie ein originäres Verlangen danach
-gehabt haben; denn da es eine große Anzahl von Frauen wirklich zu
-geben scheint, die aus einem gewissen inneren Bedürfnis heraus eine
-Emanzipation suchen, wird von diesen auf jene das Bildungsstreben
-_induziert_ und so das Frauenstudium zur _Mode_, und eine lächerliche
-Agitation der Frauen unter sich läßt schließlich _alle_ an die
-Echtheit dessen glauben, was der guten Hausfrau so oft nur Mittel
-zu Demonstrationszwecken gegen den Mann, der Tochter so oft nur
-eine ostentative Kundgebung gegen die mütterliche Gewalt ist. Das
-praktische Verhalten in der ganzen Frage hätte demnach, ohne daß diese
-Regel (schon ihres fließenden Charakters halber) zur Grundlage einer
-Gesetzgebung gemacht werden könnte und dürfte, folgendes zu sein:
-_Freien Zulaß zu allem, kein Hindernis in den Weg derjenigen, deren
-wahre psychische Bedürfnisse sie, stets in Gemäßheit ihrer körperlichen
-Beschaffenheit, zu männlicher Beschäftigung treiben_, für die Frauen
-mit _männlichen_ Zügen. _Aber weg mit der $Partei$bildung, weg mit der
-$unwahren$ Revolutionierung, weg mit der ganzen Frauen$bewegung$_, die
-in so vielen widernatürliches und künstliches, im Grunde verlogenes
-Streben schafft.
-
-Und _weg_ auch mit der abgeschmackten Phrase von der »völligen
-Gleichheit«! Selbst das männlichste Femininum hat wohl kaum je mehr
-als 50 Prozent an M und _diesem $Feingehalte$_ dankt sie ja doch
-ihre ganze Bedeutung oder besser all das, was sie eventuell bedeuten
-_könnte_. Man darf keineswegs, wie dies nicht wenige intellektuelle
-Frauen zu tun scheinen, aus manchen (wie schon bemerkt, ohnedies
-nicht typischen) Einzelerfahrungen über den Mann, die sie zu sammeln
-Gelegenheit hatten, und aus denen ja nicht die Parität, sondern gar
-die Superiorität des weiblichen Geschlechtes hervorginge; allgemeine
-Folgerungen ziehen, sondern muß, wie _Darwin_ dies vorschlug, die
-Spitzen hier und die Spitzen dort miteinander vergleichen. Aber
-»wenn je ein Verzeichnis der bedeutendsten Männer und Frauen auf dem
-Gebiete der Dichtkunst, Malerei, Bildhauerei, Musik, Geschichte,
-Naturwissenschaft und Philosophie hergestellt und unter jedem
-Gegenstand ein halbes Dutzend Namen verzeichnet würden, so könnten
-beide Listen nicht den Vergleich miteinander bestehen«. Erwägt man
-nun noch, daß die Personen auf der weiblichen Liste, genau besehen,
-auch nur wieder für die _Männlichkeit des Genies_ Zeugnis ablegen
-würden, so ist zu erwarten, daß die Lust der Frauenrechtlerinnen, die
-Zusammenstellung eines solchen Verzeichnisses zu wagen, noch geringer
-werden dürfte, als sie bisher es gewesen ist.
-
-Der übliche Einwurf, der auch jetzt erhoben werden wird, lautet
-dahin, daß die Geschichte nichts beweise, da die Bewegung erst Raum
-schaffen müsse für eine ungehemmte, volle geistige Entwicklung der
-Frau. Dieser Einwand verkennt, daß es emanzipierte Frauen, eine
-Frauenfrage, eine Frauenbewegung zu _allen_ Zeiten gegeben hat, wenn
-auch in den verschiedenen Epochen mit verschiedener Lebhaftigkeit;
-er übertreibt immens die Schwierigkeiten, welche den nach geistiger
-Bildung strebenden Frauen von Seite des Mannes irgendwann gemacht
-wurden, und auch angeblich gerade jetzt wieder bereitet werden[11]; er
-übersieht schließlich wiederum, daß auch heute nicht das wirkliche Weib
-die Forderung der Emanzipation erhebt, sondern daß dies durchwegs nur
-männlichere Frauen tun, die ihre eigene Natur mißdeuten und die Motive
-ihres Handelns nicht einsehen, wenn sie im Namen des Weibes zu sprechen
-glauben.
-
-Wie jede andere Bewegung der Geschichte, so war auch die Frauenbewegung
-überzeugt, daß sie erstmalig, neu, noch nie dagewesen war; ihre
-Vorkämpferinnen lehrten, daß bislang das Weib in Finsternis
-geschmachtet habe und in Fesseln gelegen sei, während es nun erst
-sein natürliches Recht zu begreifen und zu beanspruchen beginne. Wie
-für jede andere geschichtliche Bewegung, so hat man aber auch für die
-Frauenbewegung Analogien weiter und weiter zurückverfolgen können;
-nicht nur in _sozialer_ Beziehung gab es im Altertum und im Mittelalter
-eine Frauenfrage, sondern auch für die _geistige_ Emanzipation
-waren zu längst entschwundenen Zeiten produktive Frauen durch ihre
-Leistungen selbst wie männliche und weibliche Apologeten des weiblichen
-Geschlechtes durch theoretische Darlegungen tätig. So ist denn jener
-Glaube ganz irrig, der dem Kampfe der Frauenrechtlerinnen so viel
-Eifer und Frische verliehen hat, daß bis auf die letzten Jahre die
-Frauen noch nie Gelegenheit zur ungestörten Entfaltung ihrer geistigen
-Entwicklungsmöglichkeiten gehabt hätten. Jakob _Burckhardt_ erzählt
-von der Renaissance: »Das Ruhmvollste, was damals von den großen
-Italienerinnen gesagt wird, ist, daß sie einen männlichen Geist, ein
-männliches Gemüt hätten. Man braucht nur die völlig männliche Haltung
-der meisten Weiber in den Heldengedichten, zumal bei Bojardo und
-Ariosto, zu beachten, um zu wissen, daß es sich hier um ein bestimmtes
-Ideal handelt. Der Titel einer »Virago«, den unser Jahrhundert für ein
-sehr zweideutiges Kompliment hält, war damals reiner Ruhm.« Im XVI.
-Jahrhundert wurde den Frauen die Bühne freigegeben, es sah die ersten
-Schauspielerinnen. »Zu jener Zeit wurde die Frau für fähig gehalten,
-gleich den Männern das höchste Maß von Bildung zu erreichen.« Es
-ist die Zeit, da ein Panegyrikus nach dem anderen auf das weibliche
-Geschlecht erscheint, Thomas _Morus_ seine völlige Gleichstellung mit
-dem männlichen verlangt, und _Agrippa von Nettesheim_ die Frauen sogar
-hoch über die Männer erhebt. Und jene großen Erfolge des weiblichen
-Geschlechtes wurden wieder verloren, die ganze Zeit tauchte unter
-in eine Vergessenheit, aus der sie erst das XIX. Jahrhundert wieder
-hervorholte.
-
-Ist es nicht sehr auffallend, daß die Frauenemanzipationsbestrebungen
-in der Weltgeschichte in konstanten Intervallen, in gewissen sich
-gleich bleibenden zeitlichen Abständen aufzutreten scheinen?
-
-Im X. Jahrhundert, im XV. und XVI. und jetzt wieder im XIX. und XX.
-hat es allem Ermessen nach viel mehr emanzipierte Weiber und eine
-stärkere Frauenbewegung gegeben als in den dazwischen liegenden
-Zeiten. Es wäre voreilig, hierauf schon eine Hypothese zu gründen,
-doch muß man immerhin die Möglichkeit ins Auge fassen, daß hier eine
-gewaltige Periodizität vorliegt, vermöge deren in regelmäßigen Phasen
-mehr Zwittergeburten, mehr Zwischenformen auf die Welt kommen als in
-den Intervallen. Bei Tieren sind solche Perioden in verwandten Dingen
-beobachtet worden.
-
-Es wären das unserer Anschauung gemäß Zeiten von minderem
-Gonochorismus; und es würde die Tatsache, daß zu gewissen Zeiten
-mehr männliche Weiber geboren werden als sonst, als Pendant auf
-der Gegenseite verlangen, daß in der gleichen Zeit auch mehr
-weibliche Männer auf die Welt gebracht werden. Und dies sehen wir in
-überraschendem Maße ebenfalls zutreffen. Der ganze »sezessionistische
-Geschmack«, der den großen, schlanken Frauen mit flachen Brüsten und
-schmalen Hüften den Preis der Schönheit zuerkennt, ist vielleicht
-hierauf zurückzuführen. Die ungeheuere Vermehrung des Stutzertums
-wie der Homosexualität in den letzten Jahren kann ihren Grund nur in
-einer größeren Weiblichkeit der jetzigen Ära haben. Und nicht ohne
-tiefere Ursache sucht der ästhetische wie der sexuelle Geschmack dieses
-Zeitalters Anlehnung bei dem der Präraphaeliten.
-
-Wenn es im organischen Leben solche Perioden gibt, die den
-Oszillationen im Leben des einzelnen gleichen, aber sich über
-mehrere Generationen hinweg erstrecken, so eröffnet uns dies eine
-weitere Aussicht auf das Verständnis so mancher dunkler Punkte
-auch in der menschlichen Geschichte, als es die prätentiösen
-»Geschichtsauffassungen«, die sich in der jüngsten Zeit so gehäuft
-haben, insbesondere die ökonomisch-materialistische Ansicht, anzubahnen
-vermocht haben. Sicherlich ist von einer _biologischen_ Betrachtung
-auch der menschlichen _Geschichte_ noch unendlich viel Aufschluß in
-der Zukunft zu erwarten. Hier soll nur die Nutzanwendung auf den
-vorliegenden Fall gesucht werden.
-
-Wenn es richtig ist, daß zu gewissen Zeiten mehr, zu anderen weniger
-hermaphroditische Menschen geboren werden, so wäre als die _Folge_
-dessen vorauszusehen, daß die Frauenbewegung größtenteils _von selbst
-sich wieder verlaufen_ und nach längerer Zeit erst wieder zum Vorschein
-kommen würde, um wieder unter- und emporzutauchen in einem Rhythmus
-ohne Ende. Es würden eben die Frauen, die sich selbst emanzipieren
-_wollten_, bald in größerer, bald in weit geringerer Anzahl _geboren_
-werden.
-
-Von den ökonomischen Verhältnissen, welche auch die sehr weibliche
-Frau des kinderreichen Proletariers in die Fabrik oder zur Bauarbeit
-drängen können, ist hier natürlich nicht die Rede. Der Zusammenhang
-der industriellen und gewerblichen Entwicklung mit der Frauenfrage ist
-viel lockerer, als er, besonders von sozialdemokratischen Theoretikern,
-gewöhnlich hingestellt wird, und noch viel weniger besteht ein enger
-ursächlicher Konnex zwischen den Bestrebungen, die auf die geistige,
-und jenen, die auf die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit gerichtet
-sind. In Frankreich z. B. ist es, obwohl es drei der hervorragendsten
-Frauen hervorgebracht hat, niemals einer Frauen_bewegung_ recht
-eigentlich gelungen, Wurzel zu fassen, und doch sind in keinem Lande
-Europas so viele Frauen selbständig geschäftlich tätig als eben dort.
-Der Kampf um das materielle Auskommen hat also mit dem Kampfe um einen
-geistigen Lebensinhalt, wenn wirklich von Seite einer Gruppe von
-Frauen ein solcher geführt wird, nichts zu tun und ist scharf von ihm
-zu scheiden.
-
-Die Prognose, welche dieser letzteren Bewegung, der auf dem geistigen
-Gebiete, gestellt wurde, war keine erfreuliche; sie ist wohl noch
-trostloser als die Aussicht, die man ihr auf den Weg mitgeben könnte,
-wenn mit einigen Autoren eine _fortschreitende_ Entwicklung des
-Menschengeschlechtes zu _völliger_ sexueller _Differenzierung_, also
-einem ausgesprochenen Geschlechts-Dimorphismus entgegen, anzunehmen
-wäre.
-
-Die letztere Meinung scheint mir aus dem Grunde unhaltbar, weil im
-Tierreich durchaus nicht eine mit der höheren systematischen Stellung
-_zu_nehmende Geschlechtertrennung sich verfolgen läßt. Gewisse
-Gephyreen und Rotatorien, viele Vögel, ja selbst unter den Affen noch
-der Mandrill tun einen viel stärkeren Gonochorismus kund, als er beim
-Menschen, vom morphologischen Standpunkte aus, sich beobachten läßt.
-Während aber diese Vermutung eine Zeit voraussagt, wo wenigstens das
-_Bedürfnis_ nach der Emanzipation _für immer_ erloschen sein und es nur
-mehr komplette Masculina und komplette Feminina geben würde, verurteilt
-die Annahme einer periodischen Wiederkehr der Frauenbewegung das
-ganze Streben der Frauenrechtlerinnen in grausamster Weise zu einer
-schmerzlichen Ohnmacht, es läßt ihr gesamtes Tun unter dem Aspekte
-einer Danaidenarbeit erscheinen, deren Erfolge mit der fortschreitenden
-Zeit wieder von selbst in das gleiche Nichts zerrinnen.
-
-Dieses trübe Los könnte der Emanzipation der Frauen gefallen sein, wenn
-diese immer weiter ihre Ziele nur im _Sozialen_, in der historischen
-Zukunft der _Gattung_ suchte und ihre Feinde blind unter den Männern
-und in den von Männern geschaffenen rechtlichen Institutionen wähnte.
-Dann freilich müßte das Korps der Amazonen formiert werden, und es wäre
-nie ein Dauerndes gewonnen, wenn jenes geraume Zeit nach seiner Bildung
-immer wieder sich auflöste. Insoferne bietet die Renaissance und ihr
-spurloses Verschwinden den Frauenrechtlerinnen eine Lehre. Die wahre
-Befreiung des Geistes kann nicht von einem noch so großen und noch so
-wilden Heere gesucht werden, um sie muß das einzelne Individuum für
-sich allein kämpfen. Gegen wen? Gegen das, was im eigenen Gemüte sich
-dawiderstemmt. _Der größte, der einzige Feind der Emanzipation der Frau
-ist die Frau._
-
-Dies zu beweisen, ist Aufgabe des zweiten Teiles.
-
-
-
-
-ZWEITER ODER HAUPTTEIL.
-
-DIE SEXUELLEN TYPEN.
-
-
-
-
-I. Kapitel.
-
-Mann und Weib.
-
- »All that a man does is physiognomical of him.«
-
- _Carlyle._
-
-
-Freie Bahn für die Erforschung alles wirklichen Geschlechtsgegensatzes
-ist durch die Erkenntnis geschaffen, daß Mann und Weib nur als
-Typen zu erfassen sind und die verwirrende Wirklichkeit, welche den
-bekannten Kontroversen immer neue Nahrung bieten wird, allein durch
-ein Mischungsverhältnis aus jenen zwei Typen sich nachbilden läßt.
-Die einzig realen sexuellen Zwischenformen hat der erste Teil dieser
-Untersuchung behandelt, und zwar, wie nun hervorgehoben werden muß,
-nach einem etwas schematisierenden Verfahren. Die Rücksichtnahme
-auf die allgemein biologische Geltung der entwickelten Prinzipien
-führte das dort mit sich. Jetzt, da, noch viel ausschließlicher als
-bisher, _der Mensch_ das Objekt der Betrachtung werden soll und die
-psychophysiologischen Zuordnungen der introspektiven Analyse zu weichen
-sich anschicken, bedarf der universelle Anspruch des Prinzipes der
-sexuellen Zwischenstufen einer gewichtigen Restriktion.
-
-Bei Pflanzen und Tieren ist das Vorkommen des echten Hermaphroditismus
-eine gegen jeden Zweifel erhärtete Tatsache. Aber selbst bei den Tieren
-scheint oft das Zwittertum mehr eine Juxtaposition der männlichen und
-weiblichen Keimdrüse in einem Individuum als ein Ausgeglichensein
-beider Geschlechter in demselben, eher ein Zusammensein beider Extreme
-denn einen gänzlich neutralen Zustand in der Mitte zwischen denselben
-zu bedeuten. Vom _Menschen_ jedoch läßt sich _psychologisch_ mit
-vollster Bestimmtheit behaupten, daß er, zunächst wenigstens in einer
-und derselben Zeit, _notwendig $entweder$ Mann $oder$ Weib sein muß_.
-Damit steht nicht nur im Einklang, daß fast alles, was sich für ein
-Masculinum oder Femininum schlechtweg hält, auch sein Komplement für
-»_das_ Weib« oder »_den_ Mann« schlechthin ansieht.[12] Es wird jene
-Unisexualität am stärksten erwiesen durch die in ihrer theoretischen
-Wichtigkeit _kaum zu überschätzende_ Tatsache, daß auch im Verhältnisse
-zweier homosexueller Menschen zueinander immer der eine die körperliche
-und psychische Rolle des Mannes übernimmt, im Falle längeren Verkehres
-auch seinen männlichen Vornamen behält oder einen solchen annimmt,
-während der andere die des Weibes spielt, seinen weiblichen Vornamen
-entweder bewahrt oder einen solchen sich gibt oder noch öfter -- dies
-ist bezeichnend genug -- ihn vom anderen erhält.
-
-Also es füllt in den sexuellen Relationen zweier Lesbierinnen oder
-zweier Urninge immer die eine Person die männliche, die zweite die
-weibliche Funktion aus, und dies ist von größter Bedeutung. Das
-Verhältnis Mann-Weib erweist sich hier als _fundamental_ an der
-_entscheidenden_ Stelle, als etwas, worüber nicht hinauszukommen ist.
-
-_Trotz allen sexuellen Zwischenformen $ist$ der Mensch am Ende doch
-$eines$ von beiden, $entweder$ Mann $oder$ Weib._ Auch in dieser
-ältesten empirischen Dualität steckt (nicht bloß anatomisch und
-keineswegs im konkreten Falle in regelmäßiger genauer Übereinstimmung
-mit dem morphologischen Befunde) eine tiefe Wahrheit, die sich nicht
-ungestraft vernachlässigen läßt.
-
-Hiemit scheint nun ein Schritt gemacht, der von der größten Tragweite
-ist, und allem Ferneren so segensreich wie verhängnisvoll werden
-kann. Es ist mit einer solchen Anschauung ein _Sein_ statuiert.
-Die _Bedeutung_ dieses _Seins_ zu erforschen ist freilich eben die
-Aufgabe, welche der ganzen folgenden Untersuchung anheimfällt. Da
-aber mit diesem problematischen _Sein_ an die Hauptschwierigkeit der
-Charakterologie unmittelbar gerührt ist, wird es gut sein, ehe daß eine
-solche Arbeit in naiver Kühnheit begonnen werde, über dieses heikelste
-Problem, an dessen Schwelle aller Wagemut bereits stockt, eine kurze
-Orientierung zu versuchen.
-
-Die Hemmnisse, mit denen jedes charakterologische Unternehmen zu
-kämpfen hat, sind allein schon wegen der Kompliziertheit des Stoffes
-enorme. Oft und oft ereignet es sich, daß der Weg, den man durch
-das Waldesdickicht bereits gefunden zu haben glaubt, sich verliert
-im undurchdringlichen Gestrüppe, der Faden nicht mehr herauszulösen
-ist aus der unendlichen Verfilzung. Das schlimmste aber ist, daß
-betreffs der Methode einer systematischen Darstellung des wirklich
-entwundenen Stoffes, anläßlich der prinzipiellen Deutung auch
-erfolgreicher Anfänge, sich wieder und wieder die ernstesten Bedenken
-erheben und gerade der Typisierung sich entgegentürmen. In dem Falle
-des Geschlechtsgegensatzes z. B. erwies sich bis jetzt die Annahme
-einer Art Polarität der Extreme und unzähliger Abstufungen zwischen
-denselben als die einzig brauchbare. Es scheint so auch in den meisten
-übrigen charakterologischen Dingen -- auf einige komme ich selbst
-noch zu sprechen -- etwas wie Polarität zu geben (was schon der
-Pythagoreer _Alkmaion von Kroton_ geahnt hat); und vielleicht wird auf
-diesem Gebiete die _Schelling_sche Naturphilosophie noch ganz andere
-Genugtuungen erleben als die Auferstehung, welche ein physikalischer
-Chemiker unserer Tage ihr bereitet zu haben vermeint.
-
-Aber ist die Hoffnung berechtigt, durch die Festlegung des Individuums
-auf einem bestimmten Punkte in den Verbindungslinien je zweier
-Extreme, ja durch unendliche Häufung dieser Verbindungslinien,
-durch ein unendlich viele Dimensionen zählendes Koordinatensystem
-das Individuum selbst je zu erschöpfen? Verfallen wir nicht,
-nur auf einem konkreteren Gebiet, bereits in die dogmatische
-Skepsis der _Mach_-_Hume_schen Ich-Analyse zurück, wenn wir die
-vollständige Beschreibung des menschlichen Individuums in Form eines
-_Rezeptes_ erwarten? Und führt uns da nicht eine Art _Weismann_scher
-Determinanten-Atomistik zu einer Mosaik-Psychognomik, nachdem wir uns
-von der »Mosaik-Psychologie« eben erst zu erholen beginnen?
-
-In neuer Fassung stehen wir hier vor dem alten und, wie sich zeigt,
-noch immer lebendig zähen Grundproblem: Gibt es ein einheitliches und
-einfaches Sein im Menschen, und wie verhält es sich zu der zweifellos
-neben ihm bestehenden Vielheit? Gibt es eine Psyche? Und wie verhält
-sich die Psyche zu den psychischen Erscheinungen? Man begreift
-nun, warum es noch immer keine Charakterologie gibt: Das Objekt
-dieser Wissenschaft, der Charakter, ist seiner Existenz nach selbst
-problematisch. Das Problem aller Metaphysik und Erkenntnistheorie,
-die höchste Prinzipienfrage der Psychologie, ist auch das Problem
-der Charakterologie, das Problem »vor aller Charakterologie,
-die als Wissenschaft wird auftreten können«. Wenigstens aller
-erkenntniskritisch über ihre Voraussetzungen, Ansprüche und Ziele
-unterrichteten und aller über Unterschiede im _Wesen_ der Menschen
-Belehrung erstrebenden Charakterologie.
-
-Diese, sei's drum, unbescheidene Charakterologie will mehr sein als
-jene »Psychologie der individuellen Differenzen«, deren erneute
-Aufstellung als eines Zieles der psychologischen Wissenschaft durch
-L. William _Stern_ darum doch eine sehr verdienstvolle Tat war; sie
-will mehr bieten als ein Nationale der motorischen und sensorischen
-Reaktionen eines Individuums, und darum soll sie nicht gleich zu dem
-Tiefstand der übrigen modernen psychologischen Experimentalforschung
-herabsinken, als welche sie ja nur eine sonderbare Kombination von
-statistischem Seminar und physikalischem Praktikum vorstellt. So
-hofft sie mit der reichen seelischen Wirklichkeit, aus deren völligem
-Vergessen das Selbstbewußtsein der Hebel- und Schraubenpsychologie
-einzig erklärt werden kann, in einem herzlichen Kontakte zu bleiben
-und fürchtet nicht, die Erwartungen des nach Aufklärung über sich
-selbst dürstenden Studenten der Psychologie durch Untersuchungen über
-das Lernen einsilbiger Worte und den Einfluß kleiner Kaffeedosen auf
-das Addieren befriedigen zu müssen. So traurig es als Zeichen der
-übrigens allgemein dumpf empfundenen prinzipiellen Unzulänglichkeit der
-modernen psychologischen Arbeit ist, so begreiflich ist es doch, wenn
-angesehene Gelehrte, die sich unter einer Psychologie mehr vorgestellt
-haben als eine Empfindungs- und Assoziationslehre, vor der herrschenden
-Öde zu der Überzeugung gelangen, Probleme wie das Heldentum oder
-die Selbstaufopferung, den Wahnsinn oder das Verbrechen müsse die
-reflektierende Wissenschaft auf ewig der Kunst, als dem einzigen Organe
-ihres Verständnisses, überlassen und jede Hoffnung aufgeben, nicht sie
-besser zu verstehen als jene (das wäre anmaßend einem _Shakespeare_
-oder _Dostojewskij_ gegenüber), wohl aber, sie ihrerseits auch nur
-systematisch zu begreifen.
-
-Keine Wissenschaft muß, wenn sie unphilosophisch wird, so schnell
-verflachen wie die Psychologie. Die Emanzipation von der Philosophie
-ist der wahre Grund des Verfalles der Psychologie. Gewiß nicht in ihren
-Voraussetzungen, aber in ihren Endabsichten hätte die Psychologie
-philosophisch bleiben sollen. Sie wäre dann zunächst zu der Einsicht
-gelangt, _daß die Lehre von den Sinnesempfindungen mit der Psychologie
-direkt überhaupt nichts zu tun hat_. Die empirischen Psychologien von
-heutzutage gehen von den Tast- und Gemeinempfindungen aus, um mit der
-»Entwicklung eines sittlichen Charakters« zu endigen. Die Analyse der
-Empfindungen gehört aber zur Physiologie der Sinne, jeder Versuch, ihre
-Spezialprobleme in eine tiefere Beziehung zu dem übrigen Inhalte der
-Psychologie zu bringen, muß mißlingen.
-
-Es ist das Unglück der wissenschaftlichen Psychologie gewesen,
-daß sie von zwei Physikern, von _Fechner_ und von _Helmholtz_, am
-nachhaltigsten sich hat beeinflussen lassen und so verkennen konnte,
-_daß sich zwar die äußere, aber nicht so auch die innere Welt aus
-baren Empfindungen zusammensetzt_. Die zwei feinsinnigsten unter
-den empirischen Psychologen der letzten Jahrzehnte, William _James_
-und Richard _Avenarius_, sind denn auch die beiden einzigen, die
-wenigstens instinktiv gefühlt haben, daß man die Psychologie nicht
-mit dem Hautsinn und Muskelsinn anfangen dürfe, während alle übrige
-moderne Psychologie mehr oder minder Empfindungskleister ist. _Hier_
-liegt der von _Dilthey_ nicht scharf genug bezeichnete Grund dafür,
-daß die heutige Psychologie zu den Problemen, die man als eminent
-psychologische sonst zu bezeichnen gewohnt ist, zur Analyse des Mordes,
-der Freundschaft, der Einsamkeit u. s. w., _gar nicht gelangt_, ja
--- hier verfängt nicht die alte Berufung auf ihre große Jugend -- zu
-ihnen gar nicht gelangen _kann_, da sie in einer ganz anderen Richtung
-sich bewegt, als in einer, die sie am Ende doch dahin führen könnte.
-Darum hat die Losung des Kampfes um eine _psychologische Psychologie_
-in erster Linie zu sein: _Hinaus mit der Empfindungslehre aus der
-Psychologie!_
-
-Das Unternehmen einer Charakterologie in dem oben bezeichneten weiteren
-und tieferen Sinne involviert vor allem den Begriff des _Charakters_
-selbst, als den Begriff eines konstanten einheitlichen Seins. Wie
-die schon im 5. Kapitel des I. Teiles zum Vergleich herangezogene
-Morphologie die bei allem physiologischen Wechsel gleich bleibende
-_Form_ des Organischen behandelt, so setzt die Charakterologie als
-ihren Gegenstand ein Gleichbleibendes im psychischen Leben voraus, das
-in jeder seelischen Lebensäußerung in analoger Weise nachweisbar sein
-muß, und ist so vor allem jener »Aktualitätstheorie« vom Psychischen
-entgegengesetzt, die ein Bleibendes schon darum nicht anerkennen mag,
-weil sie auf jener empfindungsatomistischen Grundanschauung beruht.
-
-Der Charakter ist danach nicht etwas hinter dem Denken und Fühlen des
-Individuums Thronendes, _sondern etwas, das sich in $jedem$ Gedanken
-und $jedem$ Gefühle desselben offenbart_. »Alles, was ein Mensch tut,
-ist physiognomisch für ihn.« Wie _jede_ Zelle die Eigenschaften des
-_ganzen_ Individuums in sich birgt, so enthält _jede_ psychische Regung
-eines Menschen, nicht bloß einzelne wenige »Charakterzüge«, _sein
-ganzes Wesen_, von dem nur im einen Momente diese, im anderen jene
-Eigentümlichkeit mehr hervortritt.
-
-Wie es weiter gar keine isolierte Empfindung gibt, sondern stets ein
-Blick_feld_ und ein Empfindungsganzes da ist, als das dem Subjekte
-gegenüberstehende Objekt, als die _Welt_ des Ichs, von welcher
-nur einmal der eine, ein anderes Mal der andere Gegenstand sich
-deutlicher abhebt: _so steckt in jedem Augenblicke des psychischen
-Lebens der $ganze$ Mensch_, und es fällt nur in jeder Zeiteinheit
-der Accent auf einen anderen Punkt seines Wesens. _Dieses überall in
-dem psychischen Zustande jedes Augenblickes nachweisbare $Sein$ ist
-das Objekt der Charakterologie._ So würde diese erst die notwendige
-Ergänzung der bisherigen empirischen Psychologie bilden, die, in
-merkwürdigem Gegensatze zu ihrem Namen einer _$Psycho$logie_, bisher
-fast ausschließlich den Wechsel im Empfindungsfelde, die Buntheit
-der _Welt_, in Betracht gezogen und den Reichtum des Ich ganz
-vernachlässigt hat. Damit könnte sie auf die allgemeine Psychologie als
-die Lehre von dem Ganzen, das aus der Kompliziertheit des Subjektes
-und der Kompliziertheit des Objektes resultiert (die beide aus diesem
-Ganzen nur durch eine eigentümliche Abstraktion isoliert werden
-konnten), befruchtend und regenerierend wirken. So manche Streitfragen
-der Psychologie -- vielleicht sind es gerade die prinzipiellsten
-Fragen -- vermag überhaupt nur eine charakterologische Betrachtung zur
-Entscheidung zu bringen, indem sie zeigt, _warum_ der eine diese, der
-andere jene Meinung verficht, darlegt, weshalb sie differieren, wenn
-sie über das gleiche Thema sprechen: daß sie über denselben Vorgang und
-denselben psychischen Prozeß aus keinem anderen Grunde verschiedener
-Ansicht sind, als weil dieser bei jedem die individuelle Färbung,
-die _Note_ seines Charakters erhalten hat. So ermöglicht gerade die
-psychologische _Differenzen_lehre erst die _Einigung_ auf dem Gebiete
-der _Allgemein_psychologie.
-
-Das formale Ich wäre das letzte Problem der dynamischen, das material
-erfüllte Ich das letzte Problem der statischen Psychologie. Indessen
-wird ja bezweifelt, daß es überhaupt Charakter gibt; oder wenigstens
-sollte das vom konsequenten Positivismus im Sinne von _Hume_, _Mach_,
-_Avenarius_ geleugnet werden. Es ist danach leicht begreiflich, warum
-es noch keine Charakterologie gibt als Lehre vom bestimmten Charakter.
-
-Die Verquickung der Charakterologie mit der Seelenlehre ist aber ihre
-schlimmste Schädigung gewesen. Daß die Charakterologie _historisch_
-mit dem Schicksal des Ichbegriffs verknüpft worden ist, gibt allein
-noch kein Recht, sie _sachlich_ an dasselbe zu binden. Und nur wer
-dogmatisch sich auf den Standpunkt des absoluten Phänomenalismus stellt
-und glaubt, dieser allein enthebe aller Beweislasten, die, schon mit
-seiner Betretung, von selbst allen anderen Standpunkten aufgebürdet
-seien, der wird das _Sein_, das die Charakterologie behauptet, und das
-noch durchaus nicht mit einer metaphysischen _Essenz_ identisch ist,
-ohne weiteres abweisen.
-
-Die Charakterologie hat sich gegen zwei schlimme Feinde zu halten. Der
-eine nimmt den Charakter als gegeben und leugnet, daß, ebenso wie die
-künstlerische Darstellung, die Wissenschaft sich seiner bemächtigen
-könne. Der andere nimmt die Empfindungen als das allein Wirkliche an,
-Realität und Empfindung sind ihm eins geworden, die Empfindung ist
-ihm der Baustein der Welt wie des Ich, und für diesen gibt es keinen
-Charakter. Was soll nun die Charakterologie, die Wissenschaft vom
-Charakter? »De individuo nulla scientia«, »Individuum est ineffabile«,
-so tönt es ihr von der einen Seite entgegen, die am Individuum
-festhält; von der anderen, die auf der Wissenschaftlichkeit allein
-besteht und nicht »die Kunst als Organ des Lebensverständnisses«
-sich gerettet hat, muß sie es wieder und wieder vernehmen, daß die
-Wissenschaft nichts wisse vom Charakter.
-
-Zwischen solchem Kreuzfeuer hätte die Charakterologie sich zu
-behaupten. Wen wandelt da nicht die Furcht an, daß sie das Los ihrer
-Schwestern teilen, eine ewig unerfüllte Verheißung bleiben werde wie
-die Physiognomik, eine divinatorische Kunst wie die Graphologie?
-
-Auch diese Frage ist eine, welche die späteren Kapitel zu beantworten
-werden suchen müssen. Das Sein, welches die Charakterologie behauptet,
-ist seiner einfachen oder mehrfachen Bedeutung nach von ihnen zu
-untersuchen. Warum diese Frage ganz allgemein gerade mit der Frage nach
-dem psychischen Unterschiede der _Geschlechter_ so innig sich berührt,
-das wird freilich erst aus ihren letzten Resultaten hervorgehen.
-
-
-
-
-II. Kapitel.
-
-Männliche und weibliche Sexualität.
-
- »Die Frau verrät ihr Geheimnis nicht.«
-
- _Kant._
-
- »Mulier taceat de muliere.«
-
- _Nietzsche._
-
-
-Unter Psychologie überhaupt ist gewöhnlich die Psychologie der
-Psychologen zu verstehen, und die Psychologen sind ausschließlich
-Männer: noch hat man, seit Menschen Geschichte aufzeichnen, nicht von
-einem _weiblichen_ Psychologen gehört. Aus diesem Grunde bildet die
-Psychologie des Weibes ein Kapitel, welches der Allgemeinpsychologie
-nicht anders angehängt wird als die Psychologie des Kindes. Und da
-die Psychologie von Männern in regelmäßiger, aber wohl kaum bewußter
-ausschließlicher Berücksichtigung des Mannes geschrieben wird, ist die
-Allgemeinpsychologie Psychologie der »Männer« geworden, und wird das
-Problem einer Psychologie der Geschlechter immer dann erst aufgeworfen,
-wenn der Gedanke an eine Psychologie des Weibes auftaucht. So sagt
-_Kant_: »In der Anthropologie ist die weibliche Eigentümlichkeit mehr
-als die männliche ein Studium für den Philosophen.« Die Psychologie der
-Geschlechter wird sich immer decken mit der Psychologie von W.
-
-Die Psychologie von W jedoch wird ebenfalls nur von Männern
-geschrieben. Man kann also mit Leichtigkeit sich auf den Standpunkt
-stellen, daß sie wirklich zu schreiben ein Ding der Unmöglichkeit sei,
-da sie Behauptungen über fremde Menschen aufstellen müsse, die keine
-Verifikation durch deren eigene Beobachtung ihrer selbst erhalten
-haben. Gesetzt, W könnte sich selbst je mit der erforderlichen Schärfe
-beschreiben, so ist damit noch nicht ausgemacht, ob sie den Dingen, die
-uns hauptsächlich interessieren, _dasselbe_ Interesse entgegenbrächte;
-ja, und wenn sie selbst noch so genau sich erkennen könnte und wollte
--- setzen wir den Fall -- so fragt sich's noch immer, ob sie je
-_über_ sich zu reden zu bringen sein würde. Es wird sich im Laufe der
-Untersuchung herausstellen, daß diese drei Unwahrscheinlichkeiten auf
-eine gemeinsame Quelle in der Natur des Weibes zurückweisen.
-
-Diese Untersuchung kann nur in dem Anspruch unternommen werden, daß
-jemand, ohne selbst Weib zu sein, über das Weib richtige Aussagen zu
-machen imstande sei. Es bleibt also jener erste Einwand einstweilen
-bestehen, und da seine Widerlegung erst viel später erfolgen kann,
-hilft es nichts, wir müssen uns über ihn hinwegsetzen. Nur so viel
-will ich bemerken. Noch hat nie -- ist auch dies nur eine Folge der
-Unterdrückung durch den Mann? -- beispielsweise eine schwangere Frau
-ihre Empfindungen und Gefühle irgendwie, sei es in einem Gedichte,
-sei es in Memoiren, sei es in einer gynäkologischen Abhandlung, zum
-Ausdruck gebracht; und Folge einer übergroßen Schamhaftigkeit kann das
-nicht sein, denn -- _Schopenhauer_ hat hierauf mit Recht hingewiesen --
-es gibt nichts, was einer schwangeren Frau so fern läge wie die Scham
-über ihren Zustand. Außerdem bestünde ja an sich die Möglichkeit, nach
-dem Ende der Schwangerschaft aus der Erinnerung über das psychische
-Leben zu jener Zeit zu beichten; wenn dennoch das Schamgefühl damals
-von Mitteilung zurückgehalten hätte, so entfiele ja nachher dieses
-Motiv, und das Interesse, das solchen Eröffnungen von vielen Seiten
-entgegengebracht würde, wäre für viele wohl sonst Grund genug, das
-Schweigen zu brechen. Aber nichts von alledem! Wie wir sonst nur
-Männern wirklich wertvolle Enthüllungen über die psychischen Vorgänge
-im Weibe danken, so haben auch hier bloß Männer die Empfindungen der
-schwangeren Frau geschildert. Wie vermochten sie das?
-
-Wenn auch in jüngster Zeit die Aussagen von Dreiviertel- und
-Halbweibern über ihr psychisches Leben sich mehren, so erzählen diese
-doch mehr von dem Manne als von dem eigentlichen Weibe in ihnen. Wir
-bleiben demnach nur auf eines angewiesen: _auf das, was in den Männern
-selbst Weibliches ist_. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen
-erweist sich hier in gewissem Sinne als die Voraussetzung jedes
-wahren Urteils eines Mannes über die Frau. Doch wird sich später die
-Notwendigkeit einer Beschränkung und Ergänzung dieser Bedeutung des
-Prinzipes ergeben. Denn es ohne weiteres anwenden, müßte dazu führen,
-daß der weiblichste Mann das Weib am besten zu beschreiben in der Lage
-sei, und konsequent würde daraus weiter folgen, daß das echte Weib
-sich selbst am besten durchschauen könne, was ja eben sehr in Zweifel
-gezogen wurde. Wir werden also schon hier darauf aufmerksam, daß ein
-Mann Weibliches in bestimmtem Maße in sich haben kann, ohne darum in
-gleichem Grade schon eine sexuelle Zwischenform darzustellen. Umso
-merkwürdiger erscheint es, daß der Mann gültige Feststellungen über
-die Natur des Weibes solle machen können; ja, da wir diese Fähigkeit,
-bei der außerordentlichen Männlichkeit vieler offenbar ausgezeichneter
-Beurteiler der Frauen, selbst M nicht absprechen zu können scheinen,
-bleibt das Recht des Mannes, über die Frau[13] mitzusprechen, ein
-desto merkwürdigeres Problem, und wir werden uns der Auflösung des
-prinzipiellen methodischen Zweifels an diesem Rechte später um so
-weniger entziehen können. Einstweilen betrachten wir jedoch, wie
-gesagt, den Einwurf als nicht gemacht und schreiten an die Untersuchung
-der Sache selbst. _Worin liegt der wesentliche psychologische
-Unterschied zwischen Mann und Weib?_ so fragen wir drauf los.
-
-Man hat in der größeren Intensität des Geschlechtstriebes beim Manne
-diesen Urunterschied zwischen den Geschlechtern erblicken wollen,
-aus dem sich alle anderen ableiten ließen. Ganz abgesehen, ob die
-Behauptung richtig, ob mit dem Worte »Geschlechtstrieb« ein Eindeutiges
-und wirklich Meßbares bezeichnet ist, so steht doch die prinzipielle
-Berechtigung einer solchen Ableitung wohl noch sehr in Frage. Zwar
-dürfte an allen jenen antiken und mittelalterlichen Theorien über den
-Einfluß der »unbefriedigten Gebärmutter« beim Weibe und des »semen
-retentum« beim Manne ein Wahres sein, und es hat da nicht erst der
-heute so beliebten Phrase bedurft, daß »alles« nur »sublimierter
-Geschlechtstrieb« sei. Aber auf die Ahnung so vager Zusammenhänge läßt
-sich keine systematische Darstellung gründen. Daß mit größerer oder
-geringerer Stärke des Geschlechtstriebes andere Qualitäten ihrem Grade
-nach bestimmt sind, ist in keiner Weise sicherzustellen versucht worden.
-
-Indessen die Behauptung, daß die Intensität des Geschlechtstriebes bei
-M größer sei als bei W, ist _an sich falsch_. Man hat ja auch wirklich
-das Gegenteil ebenso behauptet: es ist _ebenso falsch_. In Wahrheit
-bleibt die Stärke des Bedürfnisses nach dem Sexualakt unter Männern
-selbst gleich starker Männlichkeit noch immer verschieden, ebenso,
-wenigstens dem Anscheine nach, unter Frauen mit dem gleichen Gehalte an
-W. Hier spielen gerade unter den Männern ganz andere Einteilungsgründe
-mit, die es mir zum Teil gelungen ist aufzufinden und über die
-vielleicht eine andere Publikation ausführlich handeln wird.
-
-Also in der größeren Heftigkeit des Begattungstriebes liegt,
-entgegen vielen populären Meinungen, _kein_ Unterschied der
-Geschlechter. Dagegen werden wir einen solchen gewahr, wenn wir
-jene zwei analytischen Momente, die Albert _Moll_ aus dem Begriffe
-des Geschlechtstriebes herausgehoben hat, einzeln auf Mann und Weib
-anwenden: den _Detumescenz-_ und den _Kontrektationstrieb_. Der erste
-resultiert aus den Unlustgefühlen durch in größerer Menge angesammelte
-reife Keimzellen, der zweite ist das Bedürfnis nach körperlicher
-Berührung eines zu sexueller Ergänzung in Anspruch genommenen
-Individuums. Während nämlich M beides besitzt, Detumescenz- wie
-Kontrektationstrieb, ist bei W ein eigentlicher Detumescenztrieb gar
-nicht vorhanden. Dies ist schon damit gegeben, daß im Sexualakte nicht
-W an M, sondern nur M an W etwas abgibt: W _behält_ die männlichen wie
-die weiblichen Sekrete. Im anatomischen Bau kommt dies ebenfalls zum
-Ausdruck in der Prominenz der männlichen Genitalien, die dem Körper des
-Mannes den Charakter eines Gefäßes so völlig nimmt. Wenigstens kann
-man die Männlichkeit des Detumescenztriebes in dieser morphologischen
-Tatsache angedeutet finden, ohne daran sofort eine naturphilosophische
-Folgerung zu knüpfen. Daß W der Detumescenztrieb fehlt, wird auch
-durch die Tatsache bewiesen, daß die meisten Menschen, die über ⅔
-M enthalten, ohne Ausnahme in der Jugend der Onanie auf längere
-oder kürzere Zeit verfallen, einem Laster, dem unter den Frauen nur
-die mannähnlichsten huldigen. W selbst ist die Masturbation fremd.
-Ich weiß, daß ich hiemit eine Behauptung aufstelle, der schroffe
-gegenteilige Versicherungen gegenüberstehen. Doch werden sich die
-scheinbar widersprechenden Erfahrungen sofort befriedigend erklären.
-
-Zuvor jedoch harrt noch der Kontrektationstrieb von W der Besprechung.
-Dieser spielt beim Weibe die größte, weil eine alleinige Rolle. Aber
-auch von ihm läßt sich nicht behaupten, daß er beim einen Geschlechte
-größer sei als beim anderen. Im Begriffe des Kontrektationstriebes
-liegt ja nicht die Aktivität in der Berührung, sondern nur das
-Bedürfnis nach dem körperlichen Kontakte mit dem Nebenmenschen
-überhaupt, ohne daß schon etwas darüber ausgesagt wäre, wer der
-berührende und wer der berührte Teil ist. Die Konfusion in diesen
-Dingen, indem immer _Intensität des Wunsches_ mit dem _Wunsch nach
-Aktivität_ zusammengeworfen wird, rührt von der Tatsache her, daß
-M in der ganzen Tierwelt W gegenüber, ebenso mikrokosmisch jeder
-tierische und pflanzliche Samenfaden der Eizelle gegenüber stets der
-_aufsuchende_ und _aggressive_ Teil ist, und der Irrtum nahe liegt,
-ein _unternehmendes Verhalten_ behufs Erreichung eines Zweckes und
-den _Wunsch_ nach dessen Erreichung aus einander regelmäßig und in
-einer konstanten Proportion folgen zu lassen, und auf eine Abwesenheit
-des Bedürfnisses zu schließen, wo sich keine deutlichen motorischen
-Bestrebungen zeigen, dieses zu befriedigen. So ist man dazu gekommen,
-den Kontrektationstrieb für speziell männlich anzusehen und gerade ihn
-dem Weibe abzusprechen. Man versteht aber, daß hier noch sehr wohl
-_innerhalb_ des Kontrektationstriebes eine Unterscheidung getroffen
-werden muß. Es wird sich fernerhin noch ergeben, daß M in sexueller
-Beziehung das Bedürfnis hat, _anzugreifen_ (im wörtlichen _und_ im
-übertragenen Sinne), W das Bedürfnis, _angegriffen zu werden_, und es
-ist klar, daß das weibliche Bedürfnis, bloß weil es nach Passivität
-geht, darum kein geringeres zu sein braucht als das männliche nach der
-Aktivität. Diese Distinktionen täten den häufigen Debatten not, welche
-immer wieder die Frage aufwerfen, bei welchem Geschlechte der Trieb
-nach dem anderen wohl größer sein möge.
-
-Was man bei der Frau als Masturbation bezeichnet hat, entspringt
-aus einer anderen Ursache als aus dem Detumescenztriebe. W ist, und
-damit kommen wir auf einen wirklichen Unterschied zum ersten Male zu
-sprechen, _sexuell viel erregbarer als der Mann_; seine _physiologische
-Irritabilität_ (nicht Sensibilität) ist, was die Sexualsphäre anlangt,
-eine viel stärkere. Die Tatsache dieser leichten sexuellen Erregbarkeit
-kann sich bei der Frau entweder im _Wunsche_ nach der sexuellen
-Erregung offenbaren oder in einer eigentümlichen, sehr reizbaren,
-ihrer selbst, wie es scheint, keineswegs sicheren und darum unruhigen
-und heftigen _Scheu_ vor der Erregung durch Berührung. Der Wunsch
-nach der sexuellen Excitation ist insoferne ein wirkliches Zeichen
-der leichten Erregbarkeit, als dieser Wunsch nicht etwa einer jener
-Wünsche ist, welchen das in der Natur eines Menschen selbst gegründete
-_Schicksal_ nie Erfüllung gewähren kann, sondern im Gegenteile die hohe
-Leichtigkeit und Willigkeit der Gesamtanlage bedeutet, in den Zustand
-der sexuellen Erregtheit überzugehen, der vom Weibe möglichst intensiv
-und möglichst perpetuierlich ersehnt wird und nicht, wie beim Manne,
-mit der in der Kontrektation erreichten Detumescenz ein natürliches
-Ende findet. Was man für Onanie des Weibes ausgegeben hat, sind nicht
-wie beim Manne Akte mit der immanierenden Tendenz, den Zustand der
-sexuellen Erregtheit aufzuheben; es sind vielmehr lauter Versuche, ihn
-herbeizuführen, zu steigern und zu prolongieren. -- Aus der Scheu vor
-der sexuellen Erregung, einer Scheu, deren Analyse einer Psychologie
-der Frau eine keineswegs leichte, vielleicht sogar die schwierigste
-Aufgabe stellt, läßt sich desgleichen mit Sicherheit auf eine große
-Schwäche in dieser Beziehung schließen.
-
-Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet für die Frau nur die
-höchste Steigerung ihres Gesamtdaseins. _Dieses ist immer und durchaus
-sexuell. W geht im Geschlechtsleben, in der Sphäre der Begattung
-und Fortpflanzung, d. i. im Verhältnisse zum Manne und zum Kinde,
-vollständig auf_, sie wird von diesen Dingen in ihrer Existenz
-vollkommen ausgefüllt, während M _nicht nur_ sexuell ist. Hier liegt
-also in Wirklichkeit jener Unterschied, den man in der verschiedenen
-_Intensität_ des Sexualtriebes zu finden suchte. Man hüte sich also
-vor einer Verwechslung der _Heftigkeit_ des sexuellen Begehrens
-und der Stärke der sexuellen Affekte mit der _Breite_, in welcher
-geschlechtliche Wünsche und Besorgnisse den männlichen oder weiblichen
-Menschen ausfüllen. _Bloß die größere Ausdehnung der Sexualsphäre über
-den ganzen Menschen bei W_ bildet einen spezifischen Unterschied von
-der schwersten Bedeutung zwischen den geschlechtlichen Extremen.
-
-Während also W von der Geschlechtlichkeit gänzlich ausgefüllt und
-eingenommen ist, kennt M noch ein Dutzend anderer Dinge: Kampf
-und Spiel, Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft,
-Geschäft und Politik, Religion und Kunst. Ich rede nicht davon, ob
-es einmal anders war; das soll uns wenig bekümmern; damit ist es wie
-mit der Judenfrage: man sagt, die Juden seien erst das geworden, was
-sie sind und einmal ganz anders gewesen. Mag sein: doch das wissen
-wir hier nicht. Wer der Entwicklung so viel zutraut, mag immerhin
-daran glauben; bewiesen ist von jenen Dingen nichts, gegen die eine
-historische Überlieferung steht da immer gleich eine andere. Aber
-wie heute die Frauen sind, darauf kommt es an. Und stoßen wir auf
-Dinge, die unmöglich von außen in ein Wesen können hineinverpflanzt
-worden sein, so werden wir getrost annehmen, daß dieses sich von jeher
-gleich geblieben ist. Heute nun zumindest ist eines sicher richtig: W
-befaßt sich, eine scheinbare Ausnahme (Kapitel 12) abgerechnet, mit
-außergeschlechtlichen Dingen nur für den Mann, den sie liebt, oder um
-des Mannes willen, von dem sie geliebt sein möchte. Ein Interesse für
-diese Dinge _an sich_ fehlt ihr vollständig. Es kommt vor, daß eine
-echte Frau die lateinische Sprache lernt; dann ist es aber nur, um etwa
-ihren Sohn, der das Gymnasium besucht, auch hierin noch unterstützen
-und überwachen zu können. Lust aber an einer Sache und Talent zu
-ihr, das Interesse für sie und die Leichtigkeit ihrer Aneignung sind
-einander stets proportional. Wer keine Muskeln hat, hat auch keine
-Lust zum Hanteln und Stemmen; nur wer Talent zur Mathematik hat, wird
-sich ihrem Studium zuwenden. Also scheint selbst das _Talent_ im
-echten Weibe seltener oder weniger intensiv zu sein (obwohl hierauf
-wenig ankommt: die Geschlechtlichkeit wäre ja auch im gegenteiligen
-Falle zu stark, um andere ernstgemeinte Beschäftigung zuzulassen); und
-darum mangelt es wohl auch beim Weibe an den Bedingungen zur Bildung
-interessanter Kombinationen, die beim Manne eine Individualität wohl
-nicht ausmachen, aber modellieren können.
-
-Dem entsprechend sind es ausschließlich weiblichere Männer, die in
-einem fort hinter den Frauenzimmern her sind und an nichts Interesse
-finden als an Liebschaften und an geschlechtlichem Verkehre. Doch
-soll hiemit keineswegs das Don Juan-Problem erledigt, oder auch nur
-ernstlich berührt sein.
-
-_W ist nichts als Sexualität, M ist sexuell und noch etwas
-darüber._ Dies zeigt sich besonders deutlich in der so gänzlich
-verschiedenen Art, wie Mann und Weib ihren Eintritt in die Periode
-der Geschlechts_reife_ erleben. Beim Manne ist die Zeit der Pubertät
-immer krisenhaft, er fühlt, daß ein Fremdes in sein Dasein tritt,
-etwas, das zu seinem bisherigen Denken und Fühlen hinzukommt, ohne
-daß er es _gewollt_ hat. Es ist die physiologische Erektion, über
-die der Wille keine Gewalt hat; und die erste Erektion wird darum
-von jedem Manne rätselhaft und beunruhigend empfunden, sehr viele
-Männer erinnern sich ihrer Umstände ihr ganzes Leben lang mit
-größter Genauigkeit. Das Weib aber findet sich nicht nur leicht in
-die Pubertät, es fühlt sein Dasein von da ab sozusagen potenziert,
-seine eigene Wichtigkeit unendlich erhöht. Der Mann hat als Knabe
-gar kein Bedürfnis nach der _sexuellen_ Reife; die Frau erwartet
-bereits als ganz junges Mädchen von dieser Zeit _alles_. Der Mann
-begleitet die Symptome seiner körperlichen Reife mit unangenehmen,
-ja feindlichen und unruhigen Gefühlen, die Frau verfolgt in höchster
-Gespanntheit, mit der fieberhaftesten, ungeduldigsten Erwartung ihre
-somatische Entwicklung während der Pubertät. Dies beweist, daß die
-Geschlechtlichkeit des Mannes nicht auf der geraden Linie seiner
-Entwicklung liegt, während bei der Frau nur eine ungeheuere Steigerung
-ihrer _bisherigen_ Daseinsart eintritt. Es gibt wenig Knaben dieses
-Alters, welche den Gedanken, daß sie sich verlieben oder heiraten
-würden (heiraten überhaupt, nicht im Hinblick auf ein bestimmtes
-Mädchen), nicht höchst lächerlich finden und indigniert zurückweisen;
-indes die kleinsten Mädchen bereits auf die Liebe und die Heirat
-überhaupt wie auf die Vollendung ihres Daseins erpicht zu sein
-scheinen. Darum wertet die Frau bei sich selbst und bei anderen Frauen
-nur die Zeit der Geschlechtsreife positiv; zur Kindheit wie zum Alter
-hat sie kein rechtes Verhältnis. Der Gedanke an ihre Kindheit ist ihr
-später nur ein Gedanke an ihre Dummheit, der Aspekt, unter dem sich ihr
-das eigene Alter im voraus darstellt, ist Angst und Abscheu. Aus der
-Kindheit werden durch eine positive Bewertung von ihrem Gedächtnis nur
-die sexuellen Momente herausgehoben, und auch diese sind im Nachteile
-gegenüber den späteren unvergleichlich höheren Intensifikationen ihres
-Lebens -- welches eben ein Sexualleben ist. Die Brautnacht endlich,
-der Moment der Defloration, ist der wichtigste, ich möchte sagen, der
-Halbierungspunkt des ganzen Lebens der Frau. Im Leben des Mannes spielt
-der erste Koitus im Verhältnis zu der Bedeutung, die er beim anderen
-Geschlechte besitzt, überhaupt keine Rolle.
-
-Die Frau ist _nur_ sexuell, der Mann ist _auch_ sexuell: sowohl
-räumlich wie zeitlich läßt sich diese Differenz noch weiter ausspinnen.
-Die Punkte seines Körpers, von denen aus der Mann geschlechtlich erregt
-werden kann, sind gering an Zahl und streng lokalisiert. Beim Weibe
-ist die Sexualität diffus ausgebreitet über den ganzen Körper, jede
-Berührung, an welcher Stelle immer, erregt sie sexuell. Wenn also im
-zweiten Kapitel des ersten Teiles die bestimmte sexuelle Charakteristik
-des _ganzen_ männlichen wie des _ganzen_ weiblichen Körpers behauptet
-wurde, so ist dies nicht so zu verstehen, als bestünde von jedem Punkte
-aus die Möglichkeit gleichmäßiger sexueller Reizung beim Manne ebenso
-wie beim Weibe. Freilich gibt es auch bei der Frau lokale Unterschiede
-in der Erregbarkeit, aber es sind hier nicht wie beim Manne alle
-übrigen körperlichen Partien gegen den Genitaltrakt scharf geschieden.
-
-Die morphologische Abhebung der männlichen Genitalien vom Körper des
-Mannes könnte abermals als symbolisch für dieses Verhältnis angesehen
-werden.
-
-Wie die Sexualität des Mannes _örtlich_ gegen Asexuelles in
-ihm hervortritt, so findet sich dieselbe Ungleichheit auch in
-seinem Verhalten zu verschiedenen _Zeiten_ ausgeprägt. Das Weib
-ist _fortwährend_, der Mann nur _intermittierend_ sexuell. Der
-Geschlechtstrieb ist beim Weibe immer vorhanden (über jene scheinbaren
-Ausnahmen, welche man gegen die Geschlechtlichkeit des Weibes stets ins
-Feld führt, wird noch sehr ausführlich zu handeln sein), beim Manne
-_ruht_ er immer längere oder kürzere Zeit. Daraus erklärt sich nun auch
-der _eruptive_ Charakter des männlichen Geschlechtstriebes, der diesen
-so viel auffallender erscheinen läßt als den weiblichen und zu der
-Verbreitung des Irrtumes beigetragen hat, daß der Geschlechtstrieb des
-Mannes intensiver sei als der des Weibes. Der wahre Unterschied liegt
-hier darin, daß für M der Begattungstrieb sozusagen ein pausierendes
-Jucken, für W ein unaufhörlicher Kitzel ist.
-
-Die ausschließliche und kontinuierliche Sexualität des Weibes in
-körperlicher und psychischer Hinsicht hat nun aber noch weiterreichende
-Folgen. Daß die Sexualität nämlich beim Manne nur einen Appendix und
-nicht alles ausmacht, ermöglicht dem Manne auch ihre _psychologische_
-Abhebung von einem Hintergrunde und somit ihr _Bewußtwerden_. So kann
-sich der Mann seiner Sexualität gegenüberstellen und sie losgelöst
-von anderem in Betracht ziehen. Beim Weibe kann sich die Sexualität
-nicht durch eine zeitliche Begrenzung ihrer Ausbrüche noch durch
-_ein_ anatomisches Organ, in dem sie äußerlich sichtbar lokalisiert
-ist, _ab_heben von einer _nicht_sexuellen Sphäre. Darum _weiß_ der
-Mann um seine Sexualität, während die Frau sich ihrer Sexualität
-schon darum gar nicht bewußt werden und sie somit in gutem Glauben in
-Abrede stellen kann, _weil sie nichts ist als Sexualität, weil sie
-die Sexualität selbst ist_, wie in Antizipation späterer Darlegungen
-gleich hinzugefügt werden mag. Es fehlt den _Frauen_, weil sie
-_nur_ sexuell sind, die zum _Bemerken_ der Sexualität wie zu allem
-Bemerken notwendige _Zweiheit_; indessen sich beim stets mehr als
-bloß sexuellen _Manne_ die Sexualität nicht nur anatomisch, sondern
-auch _psychologisch_ von allem anderen abhebt. Darum besitzt er die
-Fähigkeit, zur Sexualität selbständig in ein Verhältnis zu treten; er
-kann sie, wenn er sich mit ihr auseinandersetzt, in Schranken weisen
-oder ihr eine größere Ausdehnung einräumen, er kann sie negieren oder
-bejahen: zum Don Juan wie zum Heiligen sind die Möglichkeiten in ihm
-vorhanden, er kann die eine oder die andere von beiden ergreifen. Grob
-ausgedrückt: der Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau.
-
-Es ist hiemit als wahrscheinlich deduziert, daß der Mann seiner
-Sexualität sich bewußt werde und ihr selbständig gegenübertrete,
-während der Frau die Möglichkeit dazu abzugehen scheint; und zwar
-beruft sich diese Begründung auf eine größere Differenziertheit im
-Manne, in dem Sexuelles _und_ Asexuelles auseinandergetreten sind. Die
-Möglichkeit oder Unmöglichkeit, einen bestimmten einzelnen Gegenstand
-zu ergreifen, liegt aber nicht in dem Begriffe, den man mit dem
-Worte Bewußtsein gewöhnlich verbindet. Dieser scheint vielmehr zu
-inkludieren, daß, _wenn_ ein Wesen Bewußtsein hat, es _jedes_ Objekt zu
-dessen Inhalt machen könne. Es erhebt sich also hier die Frage nach der
-_Natur des weiblichen Bewußtseins überhaupt_, und die Erörterungen über
-dieses Thema werden uns erst auf einem langen Umweg zu jenem hier so
-flüchtig gestreiften Punkte wieder zurückführen.
-
-
-
-
-III. Kapitel.
-
-Männliches und weibliches Bewußtsein.
-
-
-Bevor auf einen Hauptunterschied des psychischen Lebens der
-Geschlechter, soweit dieses die Dinge der Welt zu seinen Inhalten
-macht, näher eingegangen werden kann, müssen einige psychologische
-Sondierungen vorgenommen und einige Begriffe festgelegt werden. Da die
-Anschauungen und Prinzipien der herrschenden Psychologie ohne Rücksicht
-auf dieses spezielle Thema sich entwickelt haben, so wäre es ja nur zu
-verwundern, wenn ihre Theorien ohne weiteres auf dessen Gebiet sich
-anwenden ließen. Zudem gibt es heute noch keine _Psychologie_, sondern
-bis jetzt nur _Psychologien_; und der Anschluß an eine bestimmte
-Schule, um, nur unter Zugrundelegung ihrer Lehrmeinungen, das ganze
-Thema zu behandeln, trüge wohl viel mehr den Charakter der Willkür an
-sich als das hier einzuschlagende Verfahren, welches, in möglichstem
-Anschluß an bisherige Errungenschaften, doch die Dinge, soweit als
-nötig, von neuem in Selbständigkeit ergründen will.
-
-Die Bestrebungen nach einer vereinheitlichenden Betrachtung des ganzen
-Seelenlebens, nach seiner Zurückführung auf einen einzigen Grundprozeß
-haben in der empirischen Psychologie vor allem in dem Verhältnis sich
-geoffenbart, das von den einzelnen Forschern zwischen _Empfindungen_
-und _Gefühlen_ angenommen wurde. _Herbart_ hat die Gefühle aus den
-Vorstellungen abgeleitet, _Horwicz_ hingegen aus den Gefühlen erst
-die Empfindungen sich entwickeln lassen. Die führenden modernen
-Psychologen haben die Aussichtslosigkeit dieser monistischen Bemühungen
-hervorgehoben. Dennoch lag diesen ein Wahres zu Grunde.
-
-Man muß, um dieses Wahre zu finden, eine Unterscheidung zu treffen
-nicht unterlassen, welche, so nahe sie zu liegen scheint, in der
-heutigen Psychologie merkwürdigerweise gänzlich vermißt wird. Man muß
-das erstmalige Empfinden einer Empfindung, das erste Denken eines
-Gedankens, das erste Fühlen eines Gefühles selbst auseinanderhalten von
-den späteren Wiederholungen desselben Vorganges, bei welchen schon ein
-Wiedererkennen erfolgen kann. Für eine Anzahl von Problemen scheint
-diese Distinktion, obgleich sie in der heutigen Psychologie leider
-nicht gemacht wird, von bedeutender Wichtigkeit.
-
-Jeder deutlichen, klaren, plastischen _Empfindung_ läuft ursprünglich,
-ebenso jedem scharfen, distinkten Gedanken, bevor er _zum ersten Male_
-in Worte gefaßt wird, ein, freilich oft äußerst _kurzes, Stadium
-der Unklarheit voran_. Desgleichen geht jeder noch nicht geläufigen
-_Assoziation_ eine mehr oder minder verkürzte Spanne Zeit vorher,
-wo bloß ein dunkles Richtungsgefühl nach dem zu Assoziierenden hin,
-eine allgemeine Assoziationsahnung, eine Empfindung von Zugehörigkeit
-zu etwas anderem vorhanden ist. Verwandte Vorgänge haben besonders
-_Leibniz_ sicherlich beschäftigt und gaben, mehr oder weniger gut
-beschrieben, Anlaß zu den erwähnten Theorien von Herbart und Horwicz.
-
-Da man als einfache Grundformen der _Gefühle_ insgemein nur Lust und
-Unlust, eventuell noch mit _Wundt_ Lösung und Spannung, Beruhigung
-und Erregung ansieht, ist die Einteilung der psychischen Phänomene
-in Empfindungen und Gefühle für die Erscheinungen, die in das Gebiet
-jener Vorstadien der Klarheit fallen, wie sich bald deutlicher zeigen
-wird, zu eng und darum zu ihrer Beschreibung nicht verwendbar. Ich will
-daher, um hier scharf zu umgrenzen, die allgemeinste Klassifikation der
-psychischen Phänomene benützen, die wohl getroffen werden konnte: es
-ist die von _Avenarius_ in »Elemente« und »Charaktere« (der »Charakter«
-hat in dieser Bedeutung nichts mit dem _Objekte der Charakterologie_
-gemein).
-
-_Avenarius_ hat den Gebrauch seiner Theorien weniger durch seine,
-bekanntlich vollständig neue, Terminologie erschwert (die sogar viel
-Vorzügliches enthält und für gewisse Dinge, die er zuerst bemerkt und
-bezeichnet hat, kaum entbehrlich ist); was der Annahme mancher seiner
-Ergebnisse am meisten im Wege steht, ist seine unglückliche Sucht, die
-Psychologie aus einem gehirnphysiologischen Systeme abzuleiten, _das
-er selbst nur aus den psychologischen Tatsachen der inneren Erfahrung_
-(unter äußerlicher Zuziehung der allgemeinsten biologischen Kenntnisse
-über das Gleichgewicht zwischen Ernährung und Arbeit) _gewonnen
-hatte_. Der psychologische zweite Teil seiner »Kritik der reinen
-Erfahrung« war die Basis, auf der sich in ihm selbst die Hypothesen
-des physiologischen ersten Teiles aufgebaut hatten; in der Darstellung
-kehrte sich das Verhältnis um, und so mutet dieser erste Teil den Leser
-an wie eine Reisebeschreibung von Atlantis. Um dieser Schwierigkeiten
-willen muß ich den Sinn der Avenariusschen Einteilung, die für meinen
-Zweck sich am geeignetsten erwiesen hat, hier kurz darlegen.
-
-»_Element_« ist für Avenarius das, was in der Schulpsychologie
-»Empfindung«, »Empfindungsinhalt« oder »Inhalt« schlechtweg heißt (und
-zwar sowohl bei der »Perzeption« als bei der »Reproduktion«), bei
-Schopenhauer »Vorstellung«, bei den Engländern sowohl die »impression«
-als die »idea«, im gewöhnlichen Leben »Ding, Sache, Gegenstand«:
-_gleichviel, ob äußere Erregung eines Sinnesorganes vorhanden ist oder
-nicht, was sehr wichtig und neu war_. Dabei ist es, für seine wie für
-unsere Zwecke, recht nebensächlich, wo man mit der sogenannten Analyse
-Halt macht, ob man den _ganzen_ Baum als »Empfindung« betrachtet oder
-nur das einzelne Blatt, den einzelnen Stengel, oder (wobei meistens
-stehen geblieben wird) gar nur deren Farbe, Größe, Konsistenz, Geruch,
-Temperatur als wirklich »Einfaches« gelten lassen will. Denn man könnte
-ja auf diesem Wege noch weiter gehen, sagen, das Grün des Blattes sei
-schon Komplex, nämlich Resultante aus seiner Qualität, Intensität,
-Helligkeit, Sättigung und Ausdehnung, und brauchte erst diese als
-Elemente gelten zu lassen; ähnlich wie es den Atomen oft geht: schon
-einmal mußten sie den »Ameren« weichen, jetzt wieder den »Elektronen«.
-
-Seien also »grün«, »blau«, »kalt«, »warm«, »hart«, »weich«, »süß«,
-»sauer« _Elemente_, so ist _Charakter_ nach Avenarius jederlei
-»Färbung«, »_Gefühlston_«, mit dem jene auftreten; _und zwar $nicht
-nur$_ »angenehm«, »schön«, »wohltuend« und ihre Gegenteile, sondern
-auch, was Avenarius zuerst als psychologisch hieher gehörend erkannt
-hat, »befremdend«, »zuverlässig«, »unheimlich«, »beständig«, »anders«,
-»sicher«, »bekannt«, »tatsächlich«, »zweifelhaft« etc. etc. _Was_ ich
-z. B. vermute, glaube, weiß, ist »_Element_«; _daß_ es just _vermutet_
-wird, nicht _geglaubt_, nicht _gewußt_, ist _psychologisch_ (nicht
-logisch) ein »_Charakter_«, _in_ welchem das »Element« gesetzt ist.
-
-Nun gibt es aber ein Stadium im Seelenleben, auf welchem auch diese
-umfassendste Einteilung der psychischen Phänomene _noch nicht_
-durchführbar ist, _zu früh kommt_. _Es erscheinen nämlich in ihren
-Anfängen alle »Elemente« wie in einem verschwommenen Hintergrunde_, als
-eine »rudis indigestaque moles«, _während Charakterisierung (ungefähr
-also = Gefühlsbetonung) zu dieser Zeit das Ganze lebhaft umwogt_.
-Es gleicht dies dem Prozesse, der vor sich geht, wenn man einem
-Umgebungsbestandteil, einem Strauch, einem Holzstoß aus weiter Ferne
-sich nähert: den ursprünglichen Eindruck, den man von ihm empfängt,
-diesen ersten Augenblick, in dem man noch lange nicht weiß, was
-»_es_« eigentlich ist, diesen Moment der ersten stärksten Unklarheit
-und Unsicherheit bitte ich zum Verständnis des Folgenden vor allem
-festzuhalten.
-
-_In diesem Augenblicke nun sind »Element« und »Charakter« absolut
-ununterscheidbar_ (_untrennbar_ sind sie stets, nach der sicherlich zu
-befürwortenden Modifikation, die _Petzoldt_ an _Avenarius'_ Darstellung
-vorgenommen hat). In einem dichten Menschengedränge nehme ich z. B.
-ein Gesicht wahr, dessen Anblick mir durch die dazwischen wogenden
-Massen _sofort_ wieder entzogen wird. Ich habe keine Ahnung, wie dieses
-Gesicht aussieht, wäre völlig unfähig, es zu beschreiben oder auch nur
-_ein_ Kennzeichen desselben anzugeben; und doch hat es mich in die
-lebhafteste Aufregung versetzt, und ich frage in angstvoll-gieriger
-Unruhe: wo hab' ich dieses Gesicht nur schon gesehen?
-
-Erblickt ein Mensch einen Frauenkopf, der auf ihn einen sehr starken
-sinnlichen Eindruck macht, für einen »Augenblick«, so vermag er oft
-sich selbst gar nicht zu sagen, was er eigentlich gesehen hat, es kann
-vorkommen, daß er nicht einmal an die Haarfarbe genau sich zu erinnern
-weiß. Bedingung ist immer, daß die Netzhaut dem Objekte, um mich ganz
-photographisch auszudrücken, genügend _kurze_ Zeit, _Bruchteile_ einer
-Sekunde lang, _exponiert_ war.
-
-Wenn man sich irgend einem Gegenstande aus weiter Ferne nähert, hat
-man stets zuerst nur ganz vage Umrisse von ihm unterschieden; dabei
-aber überaus lebhafte Gefühle empfunden, die in dem Maße zurücktreten,
-als man eben näher kommt und die Einzelheiten schärfer ausnimmt. (Von
-»Erwartungsgefühlen« ist, wie noch ausdrücklich bemerkt werden soll,
-hier nicht die Rede.) Man denke an Beispiele, wie an den ersten Anblick
-eines aus seinen Nähten gelösten menschlichen Keilbeins; oder an den
-mancher Bilder und Gemälde, sowie man einen halben Meter inner- oder
-außerhalb der richtigen Distanz Fuß gefaßt hat; ich erinnere mich
-speziell an den Eindruck, den mir Passagen mit Zweiunddreißigsteln
-aus Beethovenschen Klavierauszügen und eine Abhandlung mit lauter
-dreifachen Integralen gemacht haben, ehe ich noch die Noten kannte
-und vom Integrieren einen Begriff hatte. Dies eben haben _Avenarius_
-und _Petzoldt_ _übersehen_: daß alles _Hervortreten der Elemente_
-von _einer gewissen Absonderung der Charakterisierung_ (der
-Gefühlsbetonung) _begleitet ist_.
-
-Auch einige von der experimentellen Psychologie festgestellte
-Tatsachen kann man zu diesen Ergebnissen der Selbstbeobachtung in
-Beziehung bringen. Läßt man im Dunkelzimmer auf ein im Zustande der
-Dunkeladaptation befindliches Auge einen momentanen oder äußerst
-kurze Zeit währenden _farbigen_ Reiz einwirken, so hat der Beobachter
-nur den Eindruck schlechtweg der Erhellung, ohne daß er die nähere
-Farbenqualität des Lichtreizes anzugeben vermag; es wird ein »Etwas«
-empfunden ohne irgend welche genauere Bestimmtheit, ein »Lichteindruck
-überhaupt« ausgesagt; und die präzise Angabe der Farbenqualität ist
-selbst noch dann nicht leicht möglich, wenn die Dauer des Reizes
-(natürlich nicht über ein gewisses Maß) verlängert wird.
-
-Ebenso geht aber jeder wissenschaftlichen Entdeckung, jeder technischen
-Erfindung, jeder künstlerischen Schöpfung ein verwandtes Stadium der
-Dunkelheit voran, einer Dunkelheit wie jener, aus welcher _Zarathustra_
-seine Wiederkunftslehre an das Licht ruft: »Herauf, abgründlicher
-Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgengrauen,
-verschlafener Wurm: auf, auf! meine Stimme soll dich schon wachkrähen!«
--- Der Prozeß in seiner Gänze, von der völligen Wirrnis bis zur
-strahlenden Helle, ist in seinem Verlaufe vergleichbar mit der Folge
-der Bilder, die man passiv empfängt, wenn von irgend einer plastischen
-Gruppe, einem Relief die feuchten Tücher, die es in großer Anzahl
-eingehüllt haben, eines nach dem anderen weggenommen werden; bei einer
-Denkmalsenthüllung erlebt der Zuschauer ähnliches. Aber auch, wenn ich
-mich an etwas erinnere, z. B. an irgend eine einmal gehörte Melodie,
-wird dieser Prozeß _wieder_ durchgemacht; freilich oft in äußerst
-verkürzter Gestalt und darum schwer zu bemerken. _Jedem_ neuen Gedanken
-geht ein solches Stadium des »_Vorgedankens_«, wie ich es nennen
-möchte, vorher, wo fließende geometrische Gebilde, visuelle Phantasmen,
-Nebelbilder auftauchen und zergehen, »schwankende Gestalten«,
-verschleierte Bilder, geheimnisvoll lockende Masken sich zeigen; Anfang
-und Ende des ganzen Herganges, den ich in seiner Vollständigkeit kurz
-den Prozeß der »_Klärung_« nenne, verhalten sich in gewisser Beziehung
-wie die Eindrücke, die ein stark Kurzsichtiger von weit entfernten
-Gegenständen erhält mit und ohne die korrigierenden Linsen.
-
-Und wie im Leben des einzelnen (der vielleicht stirbt, ehe er den
-ganzen Prozeß durchlaufen hat), so gehen auch in der Geschichte der
-Forschung die »_Ahnungen_« stets den klaren Erkenntnissen voran.
-Es ist derselbe Prozeß der Klärung, _auf Generationen verteilt_.
-Man denke z. B. an die zahlreichen griechischen und neuzeitlichen
-Antizipationen der _Lamarck_schen und _Darwin_schen Theorien,
-derentwegen die »Vorläufer« heute bis zum Überdruß belobt werden, an
-die vielen Vorgänger von _Robert Mayer_ und _Helmholtz_, an all die
-Punkte, wo _Goethe_ und _Lionardo da Vinci_, freilich vielleicht die
-vielseitigsten Menschen, den späteren Fortschritt der Wissenschaft
-vorweggenommen haben u. s. w., u. s. w. Um solche Vorstadien handelt
-es sich regelmäßig, wenn entdeckt wird, dieser oder jener Gedanke
-sei gar nicht neu, er stehe ja schon bei dem und dem. -- Auch
-bei allen Kunststilen, in der Malerei wie in der Musik, ist ein
-ähnlicher Entwicklungsprozeß zu beobachten: vom unsicheren Tasten
-und vorsichtigen Balancieren bis zu großen Siegen. -- Ebenso beruht
-der gedankliche Fortschritt der Menschheit auch in der Wissenschaft
-fast allein auf einer besseren und immer besseren Beschreibung und
-Erkenntnis _derselben_ Dinge, es ist der Prozeß der _Klärung, über die
-ganze menschliche Geschichte ausgedehnt_. Was wir neues bemerken, es
-kommt _daneben_ nicht eigentlich sehr in Betracht.
-
-Wie viele Grade der Deutlichkeit und Differenziertheit ein
-Vorstellungsinhalt durchlaufen kann bis zum völlig distinkten, von
-keinerlei Nebel in den Konturen mehr getrübten Gedanken, das kann
-man stets beobachten, wenn man einen schwierigen neuen Gegenstand,
-z. B. die Theorie der elliptischen Funktionen, durch das Studium
-sich anzueignen sucht. Wie viele _Grade des Verstehens_ macht man da
-nicht an sich selbst durch (insbesondere in Mathematik und Mechanik),
-bis alles vor einem daliegt, in schöner Ordnung, in vollständiger
-Disposition, in ungestörter und vollkommener Harmonie der Teile zum
-Ganzen, offen dem mühelosen Ergreifen durch die Aufmerksamkeit! Diese
-Grade entsprechen den einzelnen Etappen auf dem Wege der Klärung.
-
-Der Prozeß der Klärung kann auch _retrograd_ verlaufen: von der
-völligen Distinktheit bis zur größten Verschwommenheit. Diese
-_Umkehrung_ des Klärungsverlaufes ist nichts anderes als der
-Prozeß des _Vergessens_, der nur in der Regel über eine längere
-Zeit ausgedehnt ist und meist bloß durch Zufall auf dem einen oder
-anderen Punkte seines Fortschreitens bemerkt wird. Es verfallen
-gleichsam ehedem wohlgebahnte Straßen, für deren Pflege nichts durch
-»Reproduktion« geschehen ist; wie aus dem jugendlichen »Vorgedanken«
-der in größter Intensität aufblitzende »Gedanke«, so wird aus dem
-»Gedanken« der altersschwache »Nachgedanke«: und wie auf einem lange
-nicht begangenen Waldweg von rechts und links Gräser, Kräuter,
-Stauden hereinzuwuchern beginnen, so verwischt sich Tag für Tag die
-deutliche Prägung des Gedankens, der nicht mehr gedacht wird. Hieraus
-wird auch eine praktische Regel verständlich, die ein Freund[14]
-sehr oft bestätigt gefunden hat: wer irgend etwas _erlernen_ will,
-sei es ein Musikstück oder ein Abschnitt aus der Geschichte der
-Philosophie, wird im allgemeinen nicht ohne Unterbrechung sich dieser
-Aneignungsarbeit widmen können, und jede einzelne Partie des Stoffes
-wiederholt durchnehmen müssen. Da fragt es sich nun, wie groß sind am
-zweckmäßigsten die Pausen, zwischen dem einen Male und dem nächsten
-zu wählen? Es hat sich nun herausgestellt -- und es dürfte allgemein
-so sein -- daß mit einer Wiederholung begonnen werden muß, solange
-man sich _noch nicht wieder_ für die Arbeit _interessiert_, so lange
-man sein Pensum noch halbwegs _zu beherrschen glaubt_. Sowie es
-einem nämlich genugsam entschwunden ist, um wieder zu interessieren,
-neugierig oder wißbegierig zu machen, sind die Resultate der ersten
-Einübung schon zurückgegangen und kann die zweite die erste nicht
-gleich verstärken, sondern muß einen guten Teil der Klärungsarbeit von
-frischem auf sich nehmen.
-
-Vielleicht ist im Sinne der Siegmund _Exner_schen Lehre von der
-»Bahnung« einer sehr populären Anschauung gemäß, wirklich als der
-physiologische Parallelprozeß der Klärung, anzunehmen, daß die
-Nervenfasern, eventuell ihre Fibrillen, erst durch (entweder länger
-anhaltende oder häufig wiederholte) Affektion für die Reizleitung
-_wegsam_ gemacht werden müssen. Ebenso würde natürlich im Falle
-des Vergessens das Resultat dieser »Bahnung« rückgängig gemacht,
-die durch sie herausgebildeten morphologischen Strukturelemente
-im einzelnen Neuron infolge mangelnden Geübtwerdens atrophieren.
-Die _Avenarius_sche Theorie den obigen verwandter Erscheinungen --
-_Avenarius_ würde Unterschiede der »Artikulation« oder »Gliederung« in
-den Gehirnprozessen (den »unabhängigen Schwankungen des Systems C«)
-zur Erklärung dieser Dinge angenommen haben -- überträgt denn doch
-wohl zu einfach und wörtlich Eigenschaften der »abhängigen Reihe«
-(d. i. des Psychischen) auf die »unabhängige« (physische), als daß
-sie speziell der Frage der psychophysischen Zuordnung irgendwie für
-förderlich gelten könnte. Dagegen erscheint der Ausdruck »artikuliert«,
-»gegliedert« zur Beschreibung des Grades der Distinktheit, mit welchem
-die einzelnen psychischen Data gegeben sind, wohl geeignet, und sei
-hiemit seine spätere Verwendung für diesen Zweck vorbehalten.
-
-Der Prozeß der Klärung mußte hier in seinem ganzen Verlauf verfolgt
-werden, um Umfang und Inhalt des neuen Begriffes kennen zu lernen; doch
-ist für das jetzt Folgende nur das Initialstadium, der Ausgangspunkt
-der Klärung, von Wichtigkeit. An den Inhalten, die weiterhin den Prozeß
-der Klärung durchmachen, ist, so hieß es, im allerersten Momente, in
-dem sie sich präsentieren, auch die _Avenarius_sche Unterscheidung
-von »Element« und »Charakter« _noch nicht durchführbar_. Es wird also
-derjenige, welcher diese Einteilung für alle Data der _entwickelten_
-Psyche acceptiert, für die Inhalte in jenem Stadium, _wo eine solche
-Zweiheit an ihnen noch nicht unterscheidbar ist_, einen eigenen Namen
-einzuführen haben. Es sei, ohne alle über den Rahmen dieser Arbeit
-hinausgehenden Ansprüche, für psychische Data auf jenem primitivsten
-Zustande ihrer Kindheit das Wort »_Henide_« vorgeschlagen (von ἕν, weil
-sie noch nicht Empfindung und Gefühl als _zwei_ für die Abstraktion
-isolierbare analytische Momente, noch keinerlei Zweiheit erkennen
-lassen).
-
-_Die absolute Henide ist hiebei nur als ein Grenzbegriff zu
-betrachten._ Wie oft _wirkliche_ psychische Erlebnisse im _erwachsenen_
-Alter des Menschen einen Grad von Undifferenziertheit erreichen, der
-ihnen diesen Namen mit Recht eintrüge, läßt sich so rasch nicht mit
-Sicherheit ausmachen; aber die Theorie an sich wird hiedurch nicht
-berührt. Eine Henide wird es im allgemeinen genannt werden dürfen,
-was, bei verschiedenen Menschen verschieden häufig, im Gespräche zu
-passieren pflegt: man hat ein ganz bestimmtes Gefühl, wollte eben
-etwas ganz Bestimmtes _sagen_; da bemerkt z. B. der andere etwas, und
-»es« ist nun weg, nicht mehr zu erhaschen. Später wird aber durch eine
-Assoziation plötzlich etwas reproduziert, von dem man sofort ganz
-genau weiß, daß es _dasselbe_ ist, was man früher nicht beim Zipfel
-fassen konnte: ein Beweis, daß es _derselbe_ Inhalt war, nur in anderer
-_Form_, _auf einem anderen Stadium der Entwicklung_. Die Klärung
-erfolgt also nicht nur im Laufe des ganzen individuellen Lebens nach
-dieser Richtung hin, sie muß auch für jeden Inhalt wieder von neuem
-durchgemacht werden.
-
-Ich besorge, daß jemand eine nähere Beschreibung dessen verlangen
-möchte, was ich mit der Henide eigentlich meine. Wie sehe eine
-Henide aus? Das wäre ein völliges Mißverständnis. Es liegt im
-Begriffe der Henide, daß sie sich nicht näher beschreiben läßt, als
-ein dumpfes Eines; _daß später die Identifikation mit dem völlig
-artikulierten Inhalte erfolgt, ist ebenso sicher, wie daß die Henide
-dieser artikulierte Inhalt selbst noch nicht ganz ist_, sich von
-ihm irgendwie, durch den Grad der Bewußtheit, durch den Mangel an
-Reliefierung, durch das Verschmolzensein von Folie und Hauptsache,
-durch den Mangel eines »Blickpunktes« im »Blickfelde« unterscheidet.
-
-Also einzelne Heniden kann man nicht beobachten und nicht beschreiben:
-_man kann nur Kenntnis nehmen von ihrem Dagewesensein_.
-
-Es läßt sich übrigens _prinzipiell_ in Heniden genau so gut denken,
-leben wie in Elementen und Charakteren; jede Henide ist ein Individuum
-und unterscheidet sich sehr wohl von jeder anderen. Aus später zu
-erörternden Gründen ist anzunehmen, daß die Erlebnisse der ersten
-Kindheit (und zwar dürfte dies für die ersten 14 Monate ausnahmslos
-für das Leben _aller_ Menschen zutreffen) Heniden sind, wenn auch
-vielleicht nicht in der absoluten Bedeutung. Doch rücken die
-psychischen Geschehnisse der ersten Kindheit wenigstens nie weit aus
-der Nähe des Henidenstadiums heraus; für den Erwachsenen indessen
-gibt es stets eine Entwicklung vieler Inhalte über jene Stufe empor.
-Dagegen ist in der Henide offenbar die Form des Empfindungslebens der
-niedersten Bionten, und vielleicht sehr vieler Pflanzen und Tiere zu
-sehen. Von der Henide ist _dem Menschen_ die Entwicklung nach einem
-vollständig differenzierten, plastischen Empfinden und Denken hin
-möglich, wenn auch dieses nur ein nie ganz ihm erreichbares Ideal
-darstellt. Während die absolute Henide die Sprache überhaupt noch nicht
-gestattet, indem die Gliederung der Rede nur aus der des Gedankens
-folgt, gibt es auch auf der höchsten dem Menschen möglichen Stufe des
-Intellektes noch Unklares und darum Unaussprechliches.
-
-Im ganzen also will die Henidentheorie den zwischen Empfindung und
-Gefühl um die Würde des höheren Alters geführten Streit schlichten
-helfen, und an Stelle der von _Avenarius_ und _Petzoldt_ aus der
-Mitte des Klärungsverlaufes herausgegriffenen Notionen »Element«
-und »Charakter« eine _entwicklungsgeschichtliche_ Beschreibung des
-Sachverhaltes versuchen: auf Grund der fundamentalen Beobachtung, daß
-erst mit dem Heraustreten der »Elemente« diese von den »Charakteren«
-unterscheidbar werden. Darum ist man zu »Stimmungen« und zu allen
-»Sentimentalitäten« nur disponiert, wenn die Dinge sich nicht in
-scharfen Konturen darstellen, und ihnen eher ausgesetzt in der Nacht
-als am Tage. Wenn die Nacht dem Lichte weicht, wird auch die Denkart
-der Menschen eine andere.
-
-In welcher Beziehung steht nun aber diese Untersuchung zur Psychologie
-der Geschlechter? Wie unterscheiden sich -- denn offenbar wurde
-zu solchem Zwecke diese längere Grundlegung gewagt -- M und W mit
-Rücksicht auf die verschiedenen Stadien der Klärung?
-
-Darauf ist folgende Antwort zu geben:
-
-_Der Mann hat die gleichen psychischen Inhalte wie das Weib in
-artikulierterer Form; wo sie mehr oder minder in Heniden denkt, dort
-denkt er bereits in klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich
-ausgesprochene und stets die Absonderung von den Dingen gestattende
-Gefühle knüpfen. Bei W sind »Denken« und »Fühlen« eins, ungeschieden,
-für M sind sie auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse noch
-in Henidenform, wenn bei M längst Klärung eingetreten ist._[15] Darum
-ist W sentimental, und kennt das Weib nur die Rührung, nicht die
-Erschütterung.
-
-Der größeren Artikulation der psychischen Data im Manne entspricht
-auch die größere Schärfe seines Körperbaues und seiner Gesichtszüge
-gegenüber der Weichheit, Rundung, Unentschiedenheit in der echten
-weiblichen Gestalt und Physiognomie. Ferner stimmen mit dieser
-Anschauung die Ergebnisse der die Geschlechter vergleichenden
-Sensibilitätsmessungen überein, die, entgegen der populären Meinung,
-bei den _Männern_ eine durchgängig größere Sinnesempfindlichkeit schon
-am _Durchschnitt_ ergeben haben und solche Differenzen sicherlich in
-noch viel höherem Maße hätten hervortreten lassen, wenn die _Typen_
-in Betracht gezogen worden wären. Die einzige Ausnahme bildet der
-Tastsinn: die taktile Empfindlichkeit der Frauen ist feiner als
-die der Männer. Das Faktum ist interessant genug, um zur Auslegung
-aufzufordern, und eine solche wird auch später versucht werden. Zu
-bemerken ist hier noch, daß hingegen die Schmerzsensibilität des
-Mannes eine unvergleichlich größere ist als die der Frau, was für
-die physiologischen Untersuchungen über den »Schmerzsinn« und seine
-Scheidung vom »Hautsinn« von Wichtigkeit ist.
-
-Schwache Sensibilität wird das Verbleiben der Inhalte in der Nähe des
-Henidenstadiums sicherlich begünstigen; geringere Klärung kann aber
-nicht als ihre unbedingte Folge dargetan werden, sondern läßt sich
-mit ihr nur in einen sehr wahrscheinlichen Zusammenhang bringen. Ein
-zuverlässigerer Beweis für die geringere Artikulation des weiblichen
-Vorstellens liegt in der größeren _Entschiedenheit im Urteil_ des
-Mannes, ohne daß diese _allein_ aus der geringeren Distinktheit des
-Denkens beim Weibe sich schon völlig _ableiten_ ließe (vielleicht
-weisen beide auf eine gemeinsame tiefere Wurzel zurück). Doch ist
-wenigstens dies eine sicher, daß wir, so lange wir dem Henidenstadium
-nahe sind, meist nur genau wissen, wie sich eine Sache _nicht_ verhält,
-und das wissen wir immer schon lange, bevor wir wissen, _wie_ sie sich
-verhält: hierauf, auf einem Besitzen von Inhalten in Henidenform,
-beruht wohl auch das, was _Mach_ »instinktive Erfahrung« nennt. Nahe
-dem Henidenstadium reden wir noch immer um die Sache herum, korrigieren
-uns bei jedem Versuche sie zu bezeichnen und sagen: »Das ist auch noch
-nicht das richtige Wort.« Damit ist naturgemäß Unsicherheit im Urteilen
-von selbst gegeben. Erst mit vollendeter Klärung wird auch unser
-Urteil bestimmt und sicher; _der Urteilsakt selbst setzt eine gewisse
-Entfernung vom Henidenstadium voraus_, selbst wenn durch ihn ein
-analytisches Urteil, das den geistigen Besitzstand des Menschen nicht
-vermehrt, ausgesprochen werden soll.
-
-Der entscheidende Beweis aber für die Richtigkeit der Anschauung,
-welche die Henide W, den differenzierten Inhalt M zuschreibt und
-hier einen fundamentalen Gegensatz beider erblickt, liegt darin,
-daß, wo immer ein neues Urteil zu fällen und nicht ein schon lange
-fertiges einmal mehr in Satzform auszusprechen ist, _daß in solchem
-Falle stets W von M die Klärung ihrer dunklen Vorstellungen, $die
-Deutung der Heniden erwartet$_. Es wird die in der Rede des Mannes
-sichtbar werdende Gliederung seiner Gedanken dort, wo die Frau ohne
-helle Bewußtheit vorgestellt hat, _als ein (tertiärer) männlicher
-Geschlechtscharakter von ihr geradezu erwartet, gewünscht und
-beansprucht, und wirkt auf sie wie ein solcher_. _Hierauf_ bezieht es
-sich, wenn so viele Mädchen sagen, sie wünschten nur einen solchen
-Mann zu heiraten, oder könnten zumindest nur jenen Mann _lieben_, _der
-gescheiter sei als sie_; daß es sie befremden, ja sexuell _abstoßen_
-kann, wenn der Mann dem, was sie sagen, einfach recht gibt und es nicht
-gleich besser sagt als sie; kurz und gut, warum eine Frau es eben als
-_Kriterium der Männlichkeit_ fühlt, daß der Mann ihr auch geistig
-überlegen sei, von dem Manne mächtig angezogen wird, dessen Denken ihr
-imponiert, und damit, ohne es zu wissen, das entscheidende Votum gegen
-alle Gleichheitstheorien abgibt.
-
-_M lebt bewußt, W lebt unbewußt._ Zu diesem Schlusse für die Extreme
-sind wir nun berechtigt. _W empfängt ihr Bewußtsein von M_: die
-Funktion, das Unbewußte bewußt zu machen, ist die sexuelle Funktion
-des typischen Mannes gegenüber dem typischen Weibe, das zu ihm im
-Verhältnis idealer Ergänzung steht.
-
-Hiemit ist die Darstellung beim _Problem der Begabung_ angelangt: der
-ganze theoretische Streit in der Frauenfrage geht heute fast nur darum,
-wer geistig höher veranlagt sei, »die Männer« oder »die Frauen«. Die
-populäre Fragestellung erfolgt ohne Typisierung; hier wurden über die
-Typen Anschauungen entwickelt, die auf die Beantwortung jener Frage
-nicht ohne Einfluß bleiben können. Die Art dieses Zusammenhanges bedarf
-jetzt der Erörterung.
-
-
-
-
-IV. Kapitel.
-
-Begabung und Genialität.
-
-
-Da über das Wesen der genialen Veranlagung sehr vielerlei an vielen
-Orten zu lesen ist, wird es Mißverständnisse verhüten, wenn noch vor
-allem Eingehen auf die Sache einige Feststellungen getroffen werden.
-
-Da handelt es sich zunächst um die Abgrenzung gegen den Begriff des
-Talentes. Die populäre Anschauung bringt Genie und Talent fast immer
-so in Verbindung, als wäre das erste ein höherer oder höchster Grad
-des letzteren, durch stärkste Potenzierung oder Häufung verschiedener
-Talente in einem Menschen aus jenem abzuleiten, als gäbe es zumindest
-vermittelnde Übergänge zwischen beiden. Diese Ansicht ist vollständig
-verkehrt. Wenn es auch vielerlei Grade und verschieden hohe
-Steigerungen der Genialität sicherlich gibt, so haben diese Stufen doch
-gar nichts zu tun mit dem sogenannten »Talent«. Ein Talent, z. B. das
-mathematische Talent, mag jemand von Geburt in außerordentlichem Grade
-besitzen; er wird dann die schwierigsten Kapitel dieser Wissenschaft
-mit leichter Mühe sich anzueignen imstande sein; aber von Genialität,
-was dasselbe ist wie Originalität, Individualität und Bedingung eigener
-Produktivität, braucht er darum noch nichts zu besitzen. Umgekehrt gibt
-es hochgeniale Menschen, die kein spezielles Talent in besonders hohem
-Grade entwickelt haben. Man denke an _Novalis_ oder an _Jean Paul_.
-Das Genie ist also keineswegs ein höchster Superlativ des Talentes, es
-ist etwas von ihm durch eine ganze Welt Geschiedenes, beide durchaus
-heterogener Natur, nicht aneinander zu messen und nicht miteinander
-zu vergleichen. Das Talent ist vererbbar, es kann Gemeingut einer
-Familie sein (die _Bachs_); das Genie ist nicht übertragbar, es ist
-nie generell, sondern stets individuell (_Johann Sebastian_).
-
-Vielen leicht zu blendenden mittelmäßigen Köpfen, insbesondere aber
-den _Frauen_, gilt im allgemeinen geistreich und genial als dasselbe.
-Die Frauen haben, wenn auch der äußere Schein für das Gegenteil
-sprechen mag, in Wahrheit gar keinen Sinn für das Genie, ihnen gilt
-jede Extravaganz der Natur, die einen Mann aus Reih und Glied der
-anderen sichtbar hervortreten läßt, zur Befriedigung ihres sexuellen
-Ehrgeizes gleich; sie verwechseln den Dramatiker mit dem Schauspieler,
-und machen keinen Unterschied zwischen Virtuos und Künstler. So gilt
-ihnen denn auch der geistreiche Mensch als der geniale, _Nietzsche_
-als der Typus des Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfällen bloß
-jongliert, alles Franzosentum des Geistes, mit wahrer geistiger Höhe
-nicht die entfernteste Verwandtschaft. Menschen, die nichts sind als
-eben geistreich, sind unfromme Menschen; es sind solche, die, von
-den Dingen nicht wirklich erfüllt, an ihnen nie ein aufrichtiges und
-tiefes Interesse nehmen, in denen nicht lang und schwer etwas der
-Geburt entgegenstrebt. Es ist ihnen nur daran gelegen, daß ihr Gedanke
-glitzere und funkle wie eine prächtig zugeschliffene Raute, nicht, daß
-er auch etwas beleuchte! Und das kommt daher, weil ihr Sinnen vor allem
-die Absicht auf das behält, was die anderen zu eben diesen Gedanken
-wohl »sagen« werden -- eine Rücksicht, die durchaus nicht immer
-»rücksichtsvoll« ist. Es gibt Männer, die imstande sind, eine Frau, die
-sie in keiner Weise anzieht, zu heiraten -- bloß weil sie _den anderen_
-gefällt. Und solche Ehen findet man auch zwischen so manchen Menschen
-und ihren Gedanken. Ich denke z. B. an eines lebenden Autors boshafte,
-anflegelnde, beleidigende Schreibweise: er glaubt zu brüllen und bellt
-doch nur. Leider scheint auch Friedrich _Nietzsche_, in seinen späteren
-Schriften (so erhaben er sonst über den Vergleich mit jenem ist), an
-seinen Einfällen manchmal vor allem das interessiert zu haben, was
-seinem Vermuten nach die Leute recht chokieren mußte. Er _ist_ oft
-gerade dort am eitelsten, wo er am rücksichtslosesten _scheint_. Es ist
-die Eitelkeit des Spiegels selbst, der von dem Gespiegelten brünstig
-Anerkennung erfleht: Sieh, wie gut, wie _rücksichtslos_ ich spiegle!
--- In der Jugend, so lange man selbst noch nicht gefestigt ist,
-sucht ja wohl ein jeder sich dadurch zu festigen, daß er den anderen
-anrempelt; aber leidenschaftlich-aggressiv sind ganz große Männer doch
-immer nur aus Not. Nicht sie gleichen dem jungen Fuchs auf der Suche
-nach seiner Mensur, nicht sie dem jungen Mädchen, das die neue Toilette
-vor allem darum so entzückt, weil ihre »Freundinnen« sich $so$ darüber
-ärgern werden.
-
-Genie! Genialität! Was hat dieses Phänomen nicht bei der Mehrzahl der
-Menschen für Unruhe und geistiges Unbehagen, für Haß und Neid, für
-Mißgunst und Verkleinerungssucht hervorgerufen, wieviel Unverständnis
-und -- wieviel Nachahmungstrieb hat es nicht ans Licht treten lassen!
-»Wie er sich räuspert und wie er spuckt ...«
-
-Leicht trennen wir uns von den Imitationen des Genius, um uns ihm
-selbst und seinen echten Verkörperungen zuzuwenden. Aber wahrlich!
-Wo hier auch die Betrachtung den Anfang nehmen möge, bei der
-unendlichen, ineinanderfließenden Fülle wird immer nur ihre Willkür
-den Ausgangspunkt wählen können. Alle Qualitäten, die man als
-geniale bezeichnen muß, hängen so innig miteinander zusammen, daß
-eine vereinzelte Betrachtung ihrer, die nur allmählich zu höherer
-Allgemeinheit aufzusteigen plant, zur denkbar schwierigsten Sache
-wird: indem die Darstellung stets zu vorzeitiger Abrundung des Ganzen
-verführt zu werden fürchten muß, und sich in der isolierenden Methode
-nicht behaupten zu können droht. Alle bisherigen Erörterungen über das
-Wesen des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklären
-mit lächerlicher Anmaßung das bißchen Wissen auf diesem Gebiete zur
-Beantwortung der schwierigsten und tiefsten psychologischen Fragen
-für hinreichend. Oder sie steigen von der Höhe eines metaphysischen
-Standpunktes _herab_, um die Genialität in ihr System _aufzunehmen_.
-Wenn der Weg, der hier eingeschlagen werden soll, nicht zu allen Zielen
-_auf einmal_ führt, so liegt dies eben an seiner Natur eines Weges.
-
-Denken wir daran, um wieviel besser der große Dichter in die Menschen
-sich hineinversetzen kann als der Durchschnittsmensch. Man ermesse
-die außerordentliche Anzahl der Charaktere, die _Shakespeare_,
-die _Euripides_ geschildert haben; oder denke an die ungeheuere
-Mannigfaltigkeit der Personen, die in den Romanen _Zolas_ auftreten.
-_Heinrich von Kleist_ hat nach der Penthesilea ihr vollendetes
-Gegenteil, das Käthchen von Heilbronn geschaffen, _Michel Angelo_ die
-Leda und die delphische Sibylle aus seiner Phantasie heraus verkörpert.
-Es gibt wohl wenige Menschen, die so wenig darstellende Künstler waren
-wie Immanuel _Kant_ und Joseph _Schelling_, und doch sind sie es, die
-über die Kunst das Tiefste und Wahrste geschrieben haben.
-
-Um nun einen Menschen zu erkennen oder darzustellen, muß man ihn
-_verstehen_. Um aber einen Menschen zu verstehen, muß man mit ihm
-Ähnlichkeit haben, man muß so sein wie er, um seine Handlungen
-nachzubilden und würdigen zu können, muß man die psychologischen
-Voraussetzungen, die sie in ihm hatten, in sich selbst nachzuerzeugen
-vermögen: _einen Menschen verstehen, heißt ihn in sich haben_. Man
-muß dem Geist gleichen, den man begreifen will. Darum versteht ein
-Gauner nur immer gut den anderen Gauner, ein gänzlich harmloser Mensch
-wieder vermag nie jenen, stets nur eine ihm ebenbürtige Gutmütigkeit
-zu fassen; ein Poseur erklärt sich die Handlungen des anderen Menschen
-fast immer als Posen und vermag einen zweiten Poseur rascher zu
-durchschauen als der einfache Mensch, an den der Poseur seinerseits nie
-recht zu glauben imstande ist. _Einen Menschen verstehen heißt also: er
-selbst sein._
-
-Danach müßte aber jeder Mensch sich selbst am besten verstehen, und das
-ist gewiß nicht richtig. Kein Mensch kann sich selbst je verstehen,
-denn dazu müßte er aus sich selbst herausgehen, dazu müßte das Subjekt
-des Erkennens und Wollens Objekt werden können: ganz wie, um das
-Universum zu verstehen, ein Standpunkt noch außerhalb des Universums
-erforderlich wäre, und einen solchen zu gewinnen, ist nach dem Begriffe
-eines Universums nicht möglich. Wer sich selbst verstehen könnte, der
-könnte die Welt verstehen. Daß dieser Satz nicht nur vergleichsweise
-gilt, sondern ihm eine sehr tiefe Bedeutung innewohnt, wird sich aus
-der Darstellung allmählich ergeben. Für den Augenblick ist sicher, daß
-man sein tiefstes eigenstes Wesen nicht selbst verstehen kann. Und es
-gilt auch wirklich: man wird, wenn man überhaupt verstanden wird, immer
-nur von anderen, nie von sich selbst verstanden. Der andere nämlich,
-der mit dem ersten eine Ähnlichkeit hat und ihm in anderer Beziehung
-doch gar nicht gleich ist, dem kann diese Ähnlichkeit zum Gegenstande
-der Betrachtung werden, er kann sich im anderen, oder den anderen in
-sich _erkennen_, darstellen, _verstehen_. _Einen Menschen verstehen
-heißt also: $auch$ er sein._
-
-Der geniale Mensch aber offenbarte sich an jenen Beispielen eben als
-der Mensch, welcher ungleich mehr Wesen versteht als der mittelmäßige.
-_Goethe_ soll von sich gesagt haben, es gebe kein Laster und kein
-Verbrechen, zu dem er nicht die Anlage in sich verspürt, das er nicht
-in irgend einem Zeitpunkte seines Lebens vollauf verstanden habe. Der
-geniale Mensch ist also komplizierter, zusammengesetzter, reicher; _und
-ein Mensch ist um so genialer zu nennen, je mehr Menschen er in sich
-vereinigt_, und zwar, wie hinzugefügt werden muß, _je lebendiger_, mit
-je größerer _Intensität_ er die anderen Menschen in sich hat. Wenn
-das Verständnis des Nebenmenschen nur wie ein schwaches Stümpchen
-in ihm brennte, dann wäre er nicht imstande, als großer Dichter in
-seinen Helden das Leben einer mächtigen Flamme gleich zu entzünden,
-seine Figuren wären ohne Mark und Kraft. Das Ideal gerade von einem
-künstlerischen Genius ist es, in allen Menschen zu leben, an alle sich
-zu verlieren, in die Vielheit zu _emanieren_; indes der Philosoph alle
-anderen _in sich_ wiederfinden, sie zu einer Einheit, die eben immer
-nur _seine_ Einheit sein wird, zu _resorbieren_ die Aufgabe hat.
-
-Diese Proteus-Natur des Genies ist, ebensowenig wie früher die
-Bisexualität, als Simultaneität aufzufassen; auch dem größten Genius
-ist es nicht gegeben, zu gleicher Zeit, etwa an einem und demselben
-Tage, das Wesen aller Menschen zu verstehen. Die umfassendere und
-inhaltsvollere Anlage, welche ein Mensch geistig besitzt, kann nur
-nach und nach, in allmählicher Entfaltung seines ganzen Wesens sich
-offenbaren. Es hat den Anschein, daß auch sie in einem bestimmten
-Ablauf gesetzmäßiger _Perioden_ zum Vorschein kommt. Diese Perioden
-wiederholen sich aber im Laufe des Lebens nicht in der gleichen Weise,
-als wäre jede nur die gewöhnliche Wiederholung der vorhergegangenen,
-sondern sozusagen in immer höherer Sphäre; es gibt nicht zwei Momente
-des individuellen Lebens, die einander ganz gleichen; und es existiert
-zwischen den späteren und den früheren Perioden nur die Ähnlichkeit der
-Punkte der höheren mit den homologen der niederen Spiralwindung. Daher
-kommt es, daß hervorragende Menschen so oft in ihrer Jugend den Plan zu
-einem Werke fassen, nach langer Pause im Mannesalter das Jahre hindurch
-nicht vorgenommene Konzept einer Bearbeitung unterziehen und erst im
-Greisenalter nach abermaligem Zurückstellen es vollenden: es sind die
-verschiedenen Perioden, in die sie abwechselnd treten und die sie stets
-mit anderen Gegenständen erfüllen. Diese Perioden existieren bei jedem
-Menschen, nur in verschiedener Stärke, mit verschiedener »Amplitüde«.
-Da das Genie die meisten Menschen mit der _größten_ Lebendigkeit in
-sich hat, _wird die Amplitüde der Perioden um so ausgesprochener sein,
-je bedeutender ein Mensch in geistiger Beziehung ist_. Hochstehende
-Menschen hören daher meist von Jugend auf von Seiten ihrer Erzieher
-den Vorwurf, daß sie fortwährend »von einem Extrem ins andere« fielen.
-Als ob sie sich dabei besonders wohl befinden würden! Gerade beim
-hervorragenden Menschen nehmen solche Übergänge in der Regel einen
-ausgesprochen krisenhaften Charakter an. _Goethe_ hat einmal von der
-»wiederholten Pubertät« der Künstler gesprochen. Was er gemeint hat,
-hängt innig mit diesem Gegenstande zusammen. Denn gerade die starke
-Periodizität des Genies bringt es mit sich, daß bei ihm immer erst auf
-sterile Jahre die fruchtbaren und auf sehr produktive Zeiten immer
-wieder sehr unfruchtbare folgen -- Zeiten, in denen er von sich nichts
-hält, ja von sich _psychologisch_ (nicht logisch) weniger hält _als
-von jedem anderen Menschen_: quält ihn doch die Erinnerung an die
-Schaffensperiode, und vor allem -- wie _frei_ sieht er sie, die von
-solchen Erinnerungen nicht Belästigten, herumgehen! Wie seine Ekstasen
-gewaltiger sind als die der anderen, so sind auch seine Depressionen
-fürchterlicher. Bei jedem hervorragenden Menschen gibt es solche
-Zeiten, kürzere und längere; Zeiten, wo er in völliger Verzweiflung
-an sich selbst sein, wo es bei ihm zu Selbstmordgedanken kommen kann,
-Zeiten, wo zwar auch eine Menge Dinge ihm auffallen können, und vor
-allem eine Menge Dinge sich ansetzen werden für eine spätere Ernte; wo
-aber nichts mit dem gewaltigen Tonus der produktiven Periode erscheint,
-wo, mit anderen Worten, _der Sturm sich nicht einstellt_; Zeiten, in
-denen wohl über solche, die trotzdem fortzuschaffen versuchen, gesagt
-wird: »Wie der jetzt herunterkommt!« »Wie der sich völlig ausgegeben
-hat!« »Wie der sich selbst kopiert!« etc. etc.
-
-Auch seine anderen Eigenschaften, nicht bloß ob er überhaupt,
-sondern auch der Stoff, in welchem, der Geist, aus welchem heraus er
-produziert, sind im genialen Menschen einem Wechsel und einer starken
-Periodizität unterworfen. Er ist das eine Mal eher reflektierend und
-wissenschaftlich, das andere Mal mehr zu künstlerischer Darstellung
-disponiert (_Goethe_); zuerst konzentriert sich sein Interesse auf die
-menschliche Kultur und Geschichte, dann wieder auf die Natur (man halte
-_Nietzsches_ »Unzeitgemäße Betrachtungen« neben seinen »Zarathustra«);
-er ist jetzt mystisch, nachher naiv (solche Beispiele haben in jüngster
-Zeit _Björnson_ und _Maurice Maeterlinck_ gegeben). Ja, so groß ist
-im hervorragenden Menschen die »Amplitüde« der Perioden, in denen
-die verschiedenen Seiten seines Wesens, die vielen Menschen, die in
-ihm intensiv leben, aufeinander succedieren, daß diese Periodizität
-auch physiognomisch sich deutlich offenbart. Hieraus möchte ich die
-auffallende Erscheinung erklären, daß bei begabteren Menschen der
-Ausdruck des Antlitzes viel öfter wechselt als bei Unbegabten, ja daß
-sie zu verschiedenen Zeiten oft unglaublich verschiedene Gesichter
-haben können; man vergleiche nur die von _Goethe_, von _Beethoven_,
-von _Kant_, von _Schopenhauer_ aus den verschiedenen Epochen ihres
-Lebens erhaltenen Bilder! _Man kann die Zahl der Gesichter, die ein
-Mensch hat, geradezu als ein physiognomisches Kriterium seiner Begabung
-ansehen._ Menschen, die stets ein und dasselbe Gesicht _völlig_
-unverändert aufweisen, stehen auch intellektuell sehr tief. Hingegen
-wird es den Physiognomiker nicht wundern, daß begabtere Menschen, die
-auch im Verkehr und Gespräch immer neue Seiten ihres Wesens offenbaren,
-über die darum das Nachdenken nicht so bald ein fertiges Urteil
-gewinnt, diese Eigenschaft auch durch ihr Aussehen bewahrheiten.
-
-Man wird vielleicht mit Entrüstung die hier entwickelte _vorläufige_
-Vorstellung vom Genie zurückweisen, weil sie als notwendig postuliere,
-daß ein _Shakespeare_ auch die ganze Gemeinheit eines Falstaff, die
-ganze Schurkenhaftigkeit eines Jago, die ganze Rohheit eines Caliban in
-sich gehabt habe, somit die großen Menschen moralisch erniedrige, indem
-sie ihnen das intimste Verständnis auch für alles Verächtliche und
-Unbedeutende imputiere. Und es muß zugegeben werden, daß nach dieser
-Auffassung die genialen Menschen von den zahlreichsten und heftigsten
-Leidenschaften erfüllt und selbst von den widerlichsten Trieben nicht
-verschont sind (was übrigens durch ihre Biographien überall bestätigt
-wird).
-
-Aber jener Einwurf ist trotzdem unberechtigt. Dies wird aus der
-späteren Vertiefung des Problems noch hervorgehen; einstweilen sei
-darauf hingewiesen, daß nur eine oberflächliche Schlußweise ihn als die
-notwendige Folgerung aus den bis jetzt dargelegten Prämissen betrachten
-kann, die vielmehr allein schon sein Gegenteil mehr als wahrscheinlich
-zu machen genügen. _Zola_, der den Impuls zum Lustmord so gut kennt,
-hätte trotzdem nie einen Lustmord begangen, und zwar darum, _weil in
-ihm selber eben so viel anderes $noch$ ist_. Der wirkliche Lustmörder
-ist die Beute seines Antriebes; in seinem Dichter wirkt der ganze
-Reichtum seiner vielfältigen Anlage dem Reize entgegen. Er bewirkt,
-daß _Zola_ den Lustmörder viel besser als jeder wirkliche Lustmörder
-sich selbst _kennen_, daß er aber eben damit ihn _erkennen_ wird,
-wenn die Versuchung wirklich an ihn herantreten sollte; und damit
-steht er ihr bereits gegenüber, Aug' in Auge, und kann sich ihrer
-erwehren. Auf diese Weise wird der verbrecherische Trieb im großen
-Menschen _vergeistigt_, zum Künstlermotiv wie bei _Zola_, oder zur
-philosophischen Konzeption des »Radikal-Bösen« wie bei _Kant_, darum
-führt er ihn nicht zur verbrecherischen _Tat_.
-
-Aus der Fülle von Möglichkeiten, die in jedem bedeutenden Menschen
-vorhanden sind, ergeben sich nun wichtige Konsequenzen, welche zur
-Theorie der Heniden, wie sie im vorigen Kapitel entwickelt wurde,
-zurückleiten. _Was man in sich hat, $bemerkt$ man eher, als was man
-nicht versteht_ (wäre dem anders, so gäb' es keine Möglichkeit, daß
-die Menschen miteinander verkehren könnten -- sie wissen meistens gar
-nicht, wie _oft sie_ einander mißverstehen); dem Genie, das so viel
-mehr _versteht_ als der Dutzendmensch, wird also auch mehr _auffallen_
-als diesem. Der Intrigant wird es leicht bemerken, wenn ein anderer
-ihm gleicht; der leidenschaftliche Spieler sofort wahrnehmen, wenn
-ein zweiter große Lust zum Spiele verrät, während dies den anderen,
-die anders sind, in den meisten Fällen lange entgeht: »der Art ja
-versiehst du dich besser«, heißt es in _Wagners_ »Siegfried«. Vom
-komplizierteren Menschen aber galt, daß er jeden Menschen besser
-verstehen könne als dieser sich selber, vorausgesetzt, daß er dieser
-Mensch ist und zugleich noch etwas mehr, _genauer, wenn er diesen
-Menschen $und dessen Gegenteil$, alle beide, in sich hat. Die Zweiheit
-ist stets die Bedingung des Bemerkens und des Begreifens_; fragen wir
-die Psychologie nach der kardinalsten Bedingung des Bewußtwerdens, der
-»Abhebung«, so erhalten wir zur Antwort, daß hiefür die notwendige
-Voraussetzung der _Kontrast_ sei. Gäbe es nur ein einförmiges Grau, so
-hätte niemand ein Bewußtsein, geschweige denn einen Begriff von Farbe;
-absolute _Ein_tönigkeit eines Geräusches führt beim Menschen raschen
-$Schlaf$ herbei: _Zweiheit (das $Licht$, das die Dinge scheidet und
-unterscheidet) ist die Ursache des wachen Bewußtseins._
-
-Darum kann niemand sich selbst verstehen, wenn er auch sein ganzes
-Leben ununterbrochen über sich nachdächte, und immer nur einen anderen,
-dem er zwar ähnlich, aber der er nicht ganz ist, sondern von dessen
-Gegenteil er ebensoviel in sich hat wie von ihm selbst. Denn in dieser
-Verteilung liegen die Verhältnisse für das Verstehen am günstigsten:
-der früher erwähnte Fall _Kleistens_. _Endgültig bedeutet also einen
-Menschen verstehen soviel als: ihn $und$ sein Gegenteil in sich haben._
-
-Daß sich ganz allgemein stets Gegensatz_paare_ im selben Menschen
-zusammenfinden müssen, um ihm das Bewußtwerden auch nur _eines_
-Gliedes von jedem Paare zu gestatten, dafür liefert die Lehre vom
-Farbensinn des Auges mehrere physiologische Beweise, von denen ich
-nur die bekannte Erscheinung erwähne, daß die Farbenblindheit sich
-immer auf _beide_ Komplementärfarben erstreckt; der Rotblinde ist auch
-grünblind, und es gibt nur Blaugelbblinde und keinen Menschen, der blau
-empfinden könnte, wenn er für gelb unempfänglich wäre. Dieses Gesetz
-gilt im Geistigen überall, es ist das Grundgesetz alles Bewußtwerdens.
-Zum Beispiel wird, wer immer sehr zum Frohmut, auch zum Umschlag in
-Trübsinn eher veranlagt sein als ein stets gleichmäßig Gestimmter;
-und wer für jederlei Feinheit und Subtilität so viel Sinn hat wie
-_Shakespeare_, auch die ungeschlachteste Derbheit, weil gleichsam als
-seine Gefahr, am sichersten empfinden und auffassen.
-
-Je mehr menschliche Typen und deren Gegensätze ein Mensch in seiner
-Person vereinigt, desto weniger wird ihm, da aus dem Verstehen auch das
-Bemerken folgt, _entgehen_, was die Menschen treiben und lassen, desto
-eher wird er _durchschauen_, was sie fühlen, denken und eigentlich
-wollen. _Es gibt keinen genialen Menschen, der nicht ein großer
-Menschenkenner wäre_; der bedeutende Mensch blickt einfacheren Menschen
-oft im ersten Augenblick bis auf den Grund, und ist nicht selten
-imstande, sie sofort völlig zu charakterisieren.
-
-Nun hat aber unter den meisten Menschen der eine für dies, der andere
-für jenes einen nur mehr oder minder einseitig entwickelten Sinn.
-Dieser kennt alle Vögel und unterscheidet ihre Stimmen aufs feinste,
-jener hat von früh auf einen liebevollen und sicheren Blick für die
-Pflanzen; der eine fühlt sich von den übereinandergeschichteten
-tellurischen Sedimenten erschüttert (_Goethe_), der andere erschauert
-unter der Kälte des nächtigen Fixsternhimmels (_Kant_); manch
-einer findet das Gebirge tot und fühlt sich gewaltig nur vom ewig
-bewegten Meere angesprochen (_Böcklin_), ein zweiter kann zu dessen
-immerwährender Unruhe kein Verhältnis gewinnen und kehrt unter die
-erhabene Macht der Berge zurück (_Nietzsche_). So hat jeder Mensch,
-auch der einfachste, etwas in der Natur, zu dem es ihn hinzieht, und
-für das seine Sinne schärfer werden denn für alles übrige. Wie sollte
-nun der genialste Mensch, der, im idealen Falle, diese Menschen alle
-in sich hat, mit ihrem Innenleben nicht auch ihre Beziehungen und
-Liebesneigungen zur Außenwelt in sich versammeln? So wächst in ihn
-die Allgemeinheit nicht nur alles Menschlichen, sondern auch alles
-Natürlichen hinein; _er ist der Mensch, der zu den meisten Dingen
-im intimsten Rapporte steht_, dem das meiste auffällt, das wenigste
-entgeht; der das meiste versteht, und es am tiefsten versteht schon
-darum, weil er es mit den vielfältigsten Dingen zu vergleichen und
-von den zahlreichsten zu unterscheiden in der Lage ist, am besten zu
-messen und am besten zu begrenzen weiß. _Dem genialen Menschen wird
-das meiste und all dies am stärksten $bewußt$._ Darum wird zweifellos
-auch seine Sensibilität die feinste sein; dies darf man aber nicht,
-wie es, in offenbar einseitigem Hinblick auf den Künstler, geschehen
-ist, bloß zu Gunsten einer verfeinerten Sinnesempfindung, größerer
-Sehschärfe beim Maler (oder beim Dichter), größerer Hörschärfe beim
-Komponisten (_Mozart_) auslegen: das Maß der Genialität ist weniger in
-der Unterschiedsempfindlichkeit der Sinne, als in der des Geistes zu
-suchen; anderseits wird jene Empfindlichkeit oft auch mehr nach innen
-gekehrt sein.
-
-So ist das geniale Bewußtsein am _weitesten_ entfernt vom
-Henidenstadium; es hat vielmehr die größte, grellste Klarheit und
-Helle. _Genialität offenbart sich hier bereits als eine Art höherer
-Männlichkeit; $und darum kann W nicht genial sein$._ Dies ist die
-folgerechte Anwendung des im vorigen Kapitel gewonnenen Ergebnisses,
-daß M bewußter lebe als W, auf den eigentlichen Ertrag des jetzigen
-Kapitels: dieses gipfelt in dem Satze, daß _Genialität identisch
-ist mit höherer, weil allgemeinerer Bewußtheit_. Jenes intensivere
-Bewußtsein von allem wird aber selbst erst ermöglicht durch die enorme
-Zahl von Gegensätzen, die im hervorragenden Menschen beisammen sind.
-
-_Darum ist zugleich Universalität das Kennzeichen des Genies._
-Es gibt keine Spezialgenies, keine »mathematischen« und keine
-»musikalischen Genies«, auch keine »Schachgenies«, _sondern es gibt
-$nur$ Universalgenies. Der geniale Mensch läßt sich definieren
-als derjenige, der $alles$ weiß, ohne es gelernt zu haben._ Unter
-diesem »Alleswissen« sind selbstverständlich nicht die Theorien und
-Systematisierungen gemeint, welche die Wissenschaft an den Tatsachen
-vorgenommen hat, nicht die Geschichte des spanischen Erbfolgekrieges,
-und nicht die Experimente über Diamagnetismus. Aber nicht erst aus dem
-Studium der Optik erwächst dem Künstler die Kenntnis der Farben des
-Wassers bei trübem und heiterem Himmel, und es bedarf keiner Vertiefung
-in eine Charakterologie, um Menschen einheitlich zu gestalten. Denn je
-begabter ein Mensch ist, über desto mehr _hat_ er immer _selbständig_
-nachgedacht, zu desto mehr Dingen hat er ein persönliches Verhältnis.
-
-Die Lehre von den Spezialgenies, die es gestattet, z. B. vom
-»Musikgenie« zu reden, das »in allen anderen Beziehungen
-unzurechnungsfähig« sei, verwechselt abermals Talent und Genie. Der
-Musiker kann, wenn er wahrhaft groß ist, in der Sprache, auf die ihn
-die Richtung seines besonderen Talentes weist, genau so universell
-sein, genau so die ganze innere und äußere Welt durchmessen wie der
-Dichter oder der Philosoph; solch ein Genie war _Beethoven_. Und er
-kann in ebenso beschränkter Sphäre sich bewegen wie ein mittelmäßiger
-wissenschaftlicher oder künstlerischer Kopf; solch ein Geist war
-_Johann Strauß_, den es merkwürdig berührt, ein Genie nennen zu
-hören, so schöne Blüten eine lebhafte, aber sehr eng begrenzte
-Einbildungskraft in ihm auch getrieben hat. _Es gibt_, um nochmals
-darauf zurückzukommen, _vielerlei Talente, aber es gibt nur $eine$
-Genialität_, die ein beliebiges Talent wählen und ergreifen mag, um
-in ihm sich zu betätigen. Es gibt etwas, das allen genialen Menschen
-als _genialen_ gemeinsam ist, so sehr auch der große Philosoph vom
-großen Maler, der große Musiker vom großen Bildhauer, der große
-Dichter vom großen Religionsstifter sich sonst unterscheiden mögen.
-Das Talent, durch dessen Medium die eigentliche Geistesanlage eines
-Menschen sich offenbart, ist viel mehr Nebensache, als man gewöhnlich
-glaubt, und wird aus der großen Nähe, aus welcher kunstphilosophische
-Betrachtung leider so oft erfolgt, in seiner Wichtigkeit meist weit
-überschätzt. Nicht nur die Unterschiede in der Begabung, auch die
-Gemütsart und Weltanschauung kehren sich wenig an die Grenzen der
-Künste voneinander, diese werden übersprungen, und so ergeben sich dem
-vorurteilsloseren Blick oft überraschende Ähnlichkeiten; er wird dann,
-statt _innerhalb_ der Musikgeschichte, respektive der Geschichte der
-Kunst, der Literatur und Philosophie nach Analogien zu blättern, lieber
-ungescheut z. B. _Bach_ mit _Kant_ vergleichen, Karl Maria v. _Weber_
-neben _Eichendorff_ stellen, und _Böcklin_ mit _Homer_ zusammenhalten;
-und wenn so die Betrachtung reiche Anregung und große Fruchtbarkeit
-gewinnen kann, so wird das auch dem psychologischen Tiefblick
-schließlich zugute kommen, an dessen Mangel alle Geschichtsschreibung
-von Kunst wie von Philosophie am empfindlichsten krankt. Welche
-organischen und psychologischen Bedingungen es übrigens sind, die ein
-Genie entweder zum mystischen Visionär oder etwa zum großen Zeichner
-werden lassen, das muß als unwesentlich für die Zwecke _dieser_ Schrift
-beiseite bleiben.
-
-_Von jener Genialität aber_, die, bei allen oft sehr tief gehenden
-Unterschieden zwischen den einzelnen Genies, eine und dieselbe bleibt
-und, nach dem hier aufgestellten Begriffe, überall manifestiert werden
-kann, _ist das Weib ausgeschlossen_. Wenn auch die Frage, ob es rein
-wissenschaftliche, und ob es bloß handelnde, nicht nur künstlerische
-und philosophische Genies geben könne, erst in einem späteren
-Abschnitt zur Entscheidung gebracht werden soll: man hat allen Grund,
-vorsichtiger zu verfahren mit der Verleihung des Prädikates genial,
-als man dies bisher gewesen ist. Es wird sich noch deutlich zeigen:
-will man überhaupt vom Wesen der Genialität eine Vorstellung sich
-bilden und zu einem Begriffe derselben zu gelangen suchen, so _muß_
-die Frau als ungenial bezeichnet werden; und trotzdem wird niemand der
-Darstellung nachsagen dürfen, sie hätte im Hinblick auf das weibliche
-Geschlecht irgend einen willkürlichen Begriff erst konstruiert und
-ihn nachträglich als das Wesen der Genialität hingestellt, um nur den
-Frauen keinen Platz _innerhalb_ derselben gönnen zu müssen.
-
-Hier kann auf die anfänglichen Betrachtungen des Kapitels
-zurückgegriffen werden. Während die Frau der Genialität kein
-Verständnis entgegenbringt, außer einem, das sich eventuell an die
-Persönlichkeit eines noch lebenden Trägers knüpfte, hat der Mann
-jenes tiefe Verhältnis zu dieser Erscheinung an sich, das _Carlyle_
-in seinem noch immer so wenig verstandenen Buche Hero-Worship,
-Heldenverehrung, genannt und so schön und hinreißend ausgemalt hat.
-In der Heldenverehrung des Mannes kommt abermals zum Ausdruck, daß
-_Genialität an die Männlichkeit geknüpft ist, daß sie eine ideale,
-potenzierte Männlichkeit vorstellt_[16]; denn das Weib hat kein
-originelles, sondern ein ihr vom Manne verliehenes Bewußtsein, sie lebt
-unbewußt, der Mann bewußt: am bewußtesten aber der Genius.
-
-
-
-
-V. Kapitel.
-
-Begabung und Gedächtnis.
-
-
-Um von der Heniden-Theorie auszugehen, sei folgende Beobachtung
-erzählt. Ich notierte gerade, _halb_ mechanisch, die Seitenzahl einer
-Stelle aus einer botanischen Abhandlung, die ich später zu exzerpieren
-beabsichtigte, als ich etwas in Henidenform dachte. Aber was ich da
-dachte, wie ich es dachte, was da an die Tür der Bewußtheit klopfte,
-dessen konnte ich mich schon im nächsten Augenblick trotz aller
-Anstrengung nicht entsinnen. Aber gerade darum ist dieser Fall -- er
-ist typisch -- besonders lehrreich.
-
-_Je plastischer, je geformter ein Empfindungskomplex ist, desto
-eher ist er reproduzierbar._ Deutlichkeit des Bewußtseins ist erste
-Bedingung der Erinnerung, der _Intensität_ der Bewußtseinserregung
-ist das _Gedächtnis_ an die Erregung proportional. »Das wird mir
-unvergeßlich bleiben«, »daran werde ich mein Lebtag denken«, »das kann
-mir nie mehr entschwinden« sagt ja der Mensch von Ereignissen, die ihn
-heftig aufgeregt haben, von Augenblicken, aus denen er um eine Einsicht
-klüger, um eine wichtige Erfahrung reicher geworden ist. Steht also
-die Reproduzierbarkeit der Bewußtseinsinhalte im geraden Verhältnis zu
-ihrer Gliederung, so ist klar, _daß an die absolute Henide überhaupt
-keine Erinnerung möglich sein wird_.
-
-Da nun die Begabung[17] eines Menschen mit der Artikulation seiner
-gesamten Erlebnisse wächst, so wird einer, _je begabter er ist, desto
-eher an seine $ganze$ Vergangenheit, an alles, was er je gedacht und
-getan, gesehen und gehört, empfunden und gefühlt hat, sich erinnern
-können_, mit desto größerer Sicherheit und Lebhaftigkeit wird er
-alles aus seinem Leben reproduzieren. _Das universelle Gedächtnis an
-alles Erlebte ist darum das sicherste, allgemeinste, am leichtesten
-zu ergründende Kennzeichen des Genies._ Es ist zwar eine verbreitete
-und besonders unter allen Kaffeehausliteraten beliebte Lehre, daß
-_produktive_ Menschen (weil sie _Neues_ schüfen) kein Gedächtnis
-hätten: aber offenbar nur, weil darin die einzige Bedingung der
-Produktivität liegt, die bei ihnen erfüllt ist.
-
-Freilich darf man diese große Ausdehnung und Lebendigkeit des
-Gedächtnisses beim genialen Menschen, die ich zunächst als eine
-Folgerung aus dem Systeme ganz dogmatisch einführe, ohne sie aus
-der Erfahrung neu zu begründen, nicht mit dem raschen Vergessen
-des gesamten gymnasialen Geschichtsstoffes oder der unregelmäßigen
-Verba des Griechischen widerlegen wollen. _Es handelt sich um
-das Gedächtnis für das Erlebte, nicht um die Erinnerung an das
-Erlernte_; was zu Prüfungszwecken studiert wird, davon wird immer
-nur der kleinste Teil behalten, jener Teil, welcher dem speziellen
-Talente des Schülers entspricht. So kann ein Zimmermaler ein
-besseres Gedächtnis für Farben haben als der größte Philosoph,
-der beschränkteste Philologe ein besseres Gedächtnis für die vor
-Jahren auswendig gelernten Aoriste als sein Kollege, der vielleicht
-ein genialer Dichter ist. Es verrät die ganze Jämmerlichkeit und
-Hilflosigkeit der experimentellen Richtung in der Psychologie (noch
-mehr aber die Unfähigkeit so vieler Leute, die, mit einem Arsenal von
-elektrischen Batterien und Sphygmographiontrommeln im Rücken, gestützt
-auf die »Exaktheit« ihrer langweiligen Versuchsreihen, nun in rebus
-psychologicis vor allen anderen gehört zu werden beanspruchen), daß
-sie das Gedächtnis der Menschen durch Aufgaben, wie das Erlernen von
-Buchstaben, mehrzifferigen Zahlen, zusammenhanglosen Worten prüfen
-zu können glaubt. An das eigentliche Gedächtnis des Menschen, jenes
-Gedächtnis, welches in Betracht kommt, wenn ein Mensch die Summe
-seines Lebens zieht, reichen diese Versuche so wenig heran, daß man
-sich unwillkürlich zu der Frage gedrängt sieht, ob jene fleißigen
-Experimentatoren von der Existenz dieses anderen Gedächtnisses, ja
-eines psychischen _Lebens_ überhaupt, etwas wissen. Jene Untersuchungen
-stellen die verschiedensten Menschen unter ganz uniformierende
-Bedingungen, denen gegenüber nie _Individualität_ sich äußern kann,
-sie _abstrahieren_ wie geflissentlich gerade vom Kern des Individuums,
-und behandeln es einfach als guten oder schlechten Registrierapparat.
-Es liegt ein großer Tiefblick darin, daß im Deutschen »bemerken« und
-»merken« aus der nämlichen Wurzel gebildet ist. Nur was _auffällt_, von
-selbst, infolge angeborner Beschaffenheit, wird _behalten_. Wessen man
-sich erinnert, dafür muß ein ursprüngliches Interesse vorhanden sein,
-und wenn etwas vergessen wird, dann war die Anteilnahme an ihm nicht
-stark genug. Dem religiösen Menschen werden darum religiöse Lehren, dem
-Dichter Verse, dem Zahlenmystiker Zahlen am sichersten und längsten
-haften bleiben.
-
-Und hier kann auf das vorige Kapitel in anderer Weise zurückgegriffen
-und die besondere Treue des Gedächtnisses bei hervorragenden Menschen
-noch auf einem zweiten Wege _deduziert_ werden. Denn je bedeutender
-ein Mensch ist, desto mehr Menschen, desto mehr Interessen sind in ihm
-zusammengekommen, desto umfassender also muß sein Gedächtnis werden.
-Die Menschen haben im allgemeinen durchaus _gleich_ viel äußere
-Gelegenheit zu »perzipieren«, aber die meisten »apperzipieren« von der
-unendlichen Menge nur einen unendlich kleinen Teil. Das Ideal von einem
-Genie müßte ein Wesen sein, dessen sämtliche »Perzeptionen« ebensoviele
-»Apperzeptionen« wären. Ein solches Wesen gibt es nicht. Es ist aber
-auch kein Mensch, der nie _ap_perzipiert, sondern immer bloß perzipiert
-hätte. Schon darum muß es alle möglichen _Grade_ der Genialität
-geben[18]; zumindest ist _kein männliches_ Wesen ganz ungenial. Aber
-auch vollkommene Genialität bleibt ein Ideal: _es existiert kein Mensch
-ohne alle und kein Mensch mit universaler Apperzeption_ (als welche
-man das vollkommene Genie weiter bestimmen könnte). Der Apperzeption
-als der Aneignung ist das Gedächtnis als der Besitz, seinem Umfang
-wie seiner Festigkeit nach, proportioniert. So führt denn auch eine
-ununterbrochene Stufenfolge vom ganz diskontinuierlichen, bloß von
-Augenblick zu Augenblick lebenden Menschen, dem kein Erlebnis etwas
-_bedeuten_ könnte, weil es auf kein früheres sich würde beziehen
-lassen -- einen solchen Menschen gibt es aber nicht -- bis zum
-völlig kontinuierlich Lebenden, dem _alles unvergeßlich_ bleibt (so
-intensiv wirkt es auf ihn ein und wird von ihm aufgefaßt), _und den
-es ebensowenig gibt_: selbst das höchste Genie ist nicht in jedem
-Augenblicke seines Lebens »genial«.
-
-Eine erste Bestätigung dieser Anschauung von dem Zusammenhange zwischen
-Gedächtnis und Genialität, wie der Deduktion dieses Zusammenhanges,
-die hier versucht wurde, liegt in dem außerordentlichen, die Besitzer
-oft selbst verblüffenden _Gedächtnis für scheinbar nebensächliche
-Umstände, für Kleinigkeiten_, das begabtere Menschen auszeichnet. Bei
-der Universalität ihrer Veranlagung hat nämlich alles eine, ihnen
-selbst oft lange unbewußte, _Bedeutung_ für sie; und so bleiben sie
-hartnäckig an ihrem Gedächtnisse kleben, prägen sich diesem ganz von
-selbst unverlöschbar ein, ohne daß im allgemeinen die geringste Mühe an
-die spezielle Erinnerung gewendet oder die Aufmerksamkeit in den Dienst
-dieses Gedächtnisses noch besonders gestellt würde. Darum könnte man,
-in einem erst später zu erhellenden tieferen Sinne, bereits jetzt den
-genialen Menschen als denjenigen bestimmen, der die Redensart nicht
-kennt, und weder sich selbst noch anderen gegenüber zu gebrauchen
-vermöchte, dies oder jenes Ereignis aus entlegener Zeit sei »gar nicht
-mehr wahr«. Es gibt vielmehr für ihn _nichts_, das ihm nicht mehr wahr
-wäre, auch wenn, ja vielleicht gerade _weil_ er für alles, was im Laufe
-der Zeit anders geworden ist, ein deutlicheres Gefühl hat als alle
-anderen Menschen.
-
-Als das beste Mittel zur objektiven Prüfung der Begabung, der geistigen
-Bedeutung eines Menschen läßt sich darum dies empfehlen: man sei
-längere Zeit mit ihm nicht beisammen gewesen und fange nun von dem
-letzten Zusammensein zu sprechen an, knüpfe das neue Gespräch an die
-Gegenstände des letzten. Man wird gleich zu Beginn gewahr werden, wie
-lebhaft er dieses aufgenommen, wie nachhaltig es in ihm fortgewirkt
-hat, und sehr bald sehen, wie treu er die Einzelheiten bewahrt hat.
-Wie vieles unbegabte Menschen aus ihrem Leben vergessen, das kann, wer
-Lust hat, zu seiner Überraschung und seinem Entsetzen nachprüfen. Es
-kommt vor, daß man mit ihnen vor wenigen Wochen stundenlang beisammen
-war: es ist ihnen nun entschwunden. Man kann Menschen finden, mit
-denen man vor einigen Jahren acht oder vierzehn Tage lang, zufällig
-oder in bestimmten Angelegenheiten, sehr viel zu tun hatte, und die
-nach Ablauf dieser Zeit _an nichts mehr_ sich zu erinnern vermögen.
-Freilich, wenn man ihnen durch genaue Darstellung alles dessen, worum
-es sich handelte, durch Wiederbelebung der Situation in allen ihren
-Details, zu Hilfe kommt, so gelingt es immer, falls diese Bemühung
-lange genug fortgesetzt wird, zuerst ein schwaches Aufleuchten des
-fast völlig Erloschenen und allmählich eine Erinnerung herbeizuführen.
-Solche Erfahrungen haben es mir sehr wahrscheinlich gemacht, daß
-die theoretisch immer zu machende Annahme, es gebe kein völliges
-Vergessen, sich auch empirisch, und zwar nicht bloß durch die Hypnose,
-nachweisen lassen dürfte, wenn man nur dem Befragten mit den richtigen
-Vorstellungen an die Hand zu gehen weiß.
-
-_Es kommt also darauf an, daß man einem Menschen aus seinem Leben,
-aus dem, was er gesagt oder gehört, gesehen oder gefühlt, getan oder
-erlitten hat, möglichst wenig erzählen könne, das er nicht selbst
-weiß._ Hiemit ist zum ersten Male ein Kriterium der Begabung gefunden,
-welches leichter Überprüfung von seiten anderer zugänglich ist,
-_$ohne$ daß schon $schöpferische$ Leistungen des Menschen vorliegen
-müssen_. Wie vielfacher Anwendung in der Erziehung es entgegengeht,
-mag unerörtert bleiben. Für Eltern und Lehrer dürfte es gleich wichtig
-sein.
-
-Vom Gedächtnisse der Menschen hängt, wie natürlich, auch das Maß
-ab, in welchem sie in der Lage sein werden, sowohl Unterschiede als
-Ähnlichkeiten zu bemerken. Am meisten wird diese Fähigkeit bei jenen
-entwickelt sein, in deren Leben immer die ganze Vergangenheit in die
-Gegenwart hineinreicht, bei denen alle Einzelmomente des Lebens zur
-Einheit zusammenfließen und aneinander verglichen werden. So kommen
-gerade sie am vornehmlichsten in die Gelegenheit, _Gleichnisse_ zu
-gebrauchen, _und zwar gerade mit dem Tertium comparationis, auf das es
-gerade ankommt_; denn sie werden aus dem Vergangenen immer dasjenige
-herausgreifen, was die stärkste Übereinstimmung mit dem Gegenwärtigen
-aufweist, indem beide Erlebnisse, das neue und das zum Vergleiche
-herangezogene ältere, bei ihnen _artikuliert_ genug dazu sind, um keine
-Ähnlichkeit und keinen Unterschied vor ihrem Auge zu verbergen; und
-darum eben auch, was längst vorbei ist, gegen den Einfluß der Jahre
-hier sich behaupten konnte. Nicht umsonst hat man daher die längste
-Zeit in dem Reichtum eines Dichters an schönen und vollkommenen
-Gleichnissen und Bildern einen besonderen Vorzug seiner Gattung
-erblickt, seine Lieblingsgleichnisse aus dem Homer, aus Shakespeare und
-Klopstock immer wieder aufgeschlagen oder bei der Lektüre mit Ungeduld
-erwartet. Heute, da Deutschland seit 150 Jahren zum ersten Mal ohne
-großen Künstler und ohne großen Denker ist, indes dafür bald niemand
-mehr aufzutreiben sein wird, der nicht »geschrieben« hätte, heute
-scheint das ganz vorüber; man sucht nach derartigem nicht, man würde
-auch nichts finden. Eine Zeit, die in vagen, undeutlich schillernden
-Stimmungen ihr Wesen am besten ausgesprochen sieht, deren Philosophie
-in mehr als einem Sinne das Unbewußte geworden ist, zeigt zu
-offensichtlich, daß nicht ein wahrhaft Großer in ihr lebt; denn Größe
-ist Bewußtsein, vor dem der Nebel des Unbewußten schwindet wie vor
-den Strahlen der Sonne. Gäbe ein einziger dieser Zeit ein Bewußtsein,
-wie gerne würde sie all ihre Stimmungskunst, deren sie sich heute
-noch berühmt, dahingeben! -- Erst im vollen Bewußtsein, in welchem
-in das Erlebnis der Gegenwart alle Erlebnisse der Vergangenheit in
-größter Intensität hineinspielen, findet Phantasie, die Bedingung des
-philosophischen wie des künstlerischen Schaffens, eine Stelle. Demgemäß
-ist es auch gar nicht wahr, daß die Frauen mehr Phantasie haben als die
-Männer. Die Erfahrungen, auf Grund deren man dem Weibe eine lebhaftere
-Einbildungskraft hat zusprechen wollen, entstammen sämtlich dem
-sexuellen Phantasieleben der Frauen; und die Folgerungen, die allein
-mit Recht hieraus gezogen werden könnten, gestatten eine Behandlung in
-diesem Zusammenhange noch nicht.
-
-Die absolute Bedeutungslosigkeit der Frauen in der _Musikgeschichte_
-läßt sich wohl noch auf weit tiefere Gründe zurückführen: doch beweist
-sie zunächst den Mangel des Weibes an Phantasie. Denn zur musikalischen
-Produktivität gehört unendlich viel mehr Phantasie als selbst das
-männlichste Weib besitzt: viel mehr als zu sonstiger künstlerischer
-oder wissenschaftlicher Tätigkeit. Nichts Wirkliches in der Natur,
-nichts Gegebenes in der sinnlichen Empirie entspricht einem Tonbilde.
-Die Musik ist wie ohne Beziehungen zur Erfahrungswelt: es gibt keine
-Klänge, keine Accorde, keine Melodien in der Natur, sondern hier hat
-erst der Mensch auch die letzten Elemente noch selbständig zu erzeugen.
-Jede andere Kunst hat deutlichere Beziehungen zur empirischen Realität
-als sie, ja die ihr, was man auch dagegen sagen mag, _verwandte_
-Architektur betätigt sich bis zuletzt an einem Stoffe; obwohl sie
-mit der Musik die Eigenschaft teilt, daß sie (vielleicht sogar mehr
-noch als diese) von sinnlicher _Nachahmung_ frei ist. Darum ist auch
-Baukunst eine durchaus männliche Sache, der weibliche Baumeister eine
-fast nur Mitleid weckende Vorstellung.
-
-Desgleichen rührt die »verdummende« Wirkung der Musik auf schaffende
-und ausübende Musiker, von der man öfter sprechen hört (besonders
-kommt hier die reine Instrumentalmusik in Betracht), nur davon her,
-daß noch der Geruchssinn dem Menschen mehr zur Orientierung in der
-Erfahrungswelt dienen kann als der Inhalt eines musikalischen Werkes.
-Und eben diese gänzliche Abwesenheit aller Beziehungen zur Welt, die
-wir sehen, tasten, riechen können, macht die Musik nicht besonders
-geeignet für Äußerungen weiblichen Wesens. Zugleich erklärt diese
-Eigenart seiner Kunst, warum der schöpferische Musiker der Phantasie
-im allerhöchsten Grade bedarf und warum der Mensch, welchem Melodien
-einfallen (ja vielleicht gegen sein Sträuben zuströmen), noch viel
-mehr Gegenstand des Staunens seitens der anderen Menschen wird als der
-Dichter oder der Bildhauer. Die »weibliche Phantasie« muß wohl eine von
-der männlichen gänzlich verschiedene sein, wenn es ihrer ungeachtet
-keine Musikerin gibt, welche für die Musikgeschichte auch nur so weit
-in Betracht käme, wie etwa _Angelika Kauffmann_ für die Malerei.
-
-Wo irgend es deutlich auf kraftvolle Formung ankommt, haben die
-Frauen nicht die kleinste Leistung aufzuweisen: nicht in der Musik
-und nicht in der Architektur, nicht in der Plastik und nicht in der
-Philosophie. Wo in vagen und weichen Übergängen des Sentiments noch
-ein wenig Wirkung erzielt werden kann, wie in Malerei und Dichtung,
-wie in einer gewissen verschwommenen Pseudo-Mystik und Theosophie,
-dort haben sie noch am ehesten ein Feld ihrer Betätigung gesucht und
-gefunden. -- Der Mangel an Produktivität auf jenen Gebieten hängt also
-auch zusammen mit der Undifferenziertheit des psychischen Lebens im
-Weibe. Namentlich in der Musik kommt es auf das denkbar artikulierteste
-Empfinden an. Es gibt nichts Bestimmteres, nichts Charakteristischeres,
-nichts _Eindringlicheres_ als eine _Melodie_, nichts, was unter jeder
-Verwischung stärker litte. Deshalb _erinnert_ man sich an Gesungenes um
-so viel leichter als an Gesprochenes, an die Arien immer besser als an
-die Rezitativen, und kostet der Sprechgesang dem Wagnersänger so viel
-Studium.
-
-Hier mußte darum länger verweilt werden, weil in der Musik nicht wie
-anderswo die Ausrede der Frauenrechtler und -Rechtlerinnen gilt: der
-Zugang zu ihr sei den Frauen zu kurze Zeit erst freigegeben, als daß
-man schon reife Früchte von ihnen fordern dürfe. Sängerinnen und
-Virtuosinnen hat es immer, bereits im klassischen Altertum, gegeben.
-Und doch ......
-
-Auch die schon früher häufige Übung, Frauen malen und zeichnen zu
-lassen, hat bereits seit etwa 200 Jahren in erheblichem Maße sich
-gesteigert. Man weiß, wie viele Mädchen ohne Not heute zeichnen
-und malen lernen. Also auch hier ist lange schon kein engherziger
-Ausschluß mehr wahrzunehmen, _äußere_ Möglichkeiten wären reichlich
-vorhanden. Wenn trotzdem so wenige Malerinnen für eine Geschichte der
-Kunst ernsthaft in Betracht kommen, so dürfte es an den _inneren_
-Bedingungen gebrechen. Die weibliche Malerei und Kupferstecherei kann
-eben für die Frauen nur eine Art eleganterer, luxuriöser _Handarbeit_
-bedeuten. Dabei scheint ihnen das sinnliche, körperliche Element der
-Farbe eher erreichbar als das geistige, formale der Linie; und dies ist
-ohne Zweifel der Grund, daß zwar einige Malerinnen, aber noch keine
-Zeichnerin von Ansehen bekannt geworden ist. Die Fähigkeit, einem Chaos
-Form geben zu können, ist eben die Fähigkeit des Menschen, dem die
-allgemeinste Apperzeption das allgemeinste Gedächtnis verschafft, sie
-ist die Eigenschaft des männlichen Genies.
-
-Ich beklage es, daß ich mit diesem Worte »Genie«, »genial« immerfort
-operieren muß, welches, wie erst von einem bestimmten jährlichen
-Einkommen ab an den Staat eine gewisse Steuer zu zahlen ist, »die
-Genies« als eine bestimmte Kaste streng abgrenzt von jenen, die es gar
-nicht sein sollen. Die Bezeichnung »Genie« hat vielleicht gerade ein
-Mann erfunden, der sie selbst nur in recht geringem Maße verdiente; den
-größeren wird das »Genie-Sein« wohl zu selbstverständlich vorgekommen
-sein; sie werden wahrscheinlich lang genug gebraucht haben, um
-einzusehen, daß man überhaupt auch nicht »genial« sein könne. Wie
-denn _Pascal_ außerordentlich treffend bemerkt: Je origineller ein
-Mensch sei, für desto origineller halte er auch die anderen; womit man
-_Goethes_ Wort vergleiche: Vielleicht vermag nur der Genius den Genius
-ganz zu verstehen.
-
-Es gibt vielleicht nur sehr wenige Menschen, die gar nie in ihrem Leben
-»genial« gewesen sind. Wenn doch, so hat es ihnen vielleicht nur an
-der Gelegenheit gemangelt: an der großen Leidenschaft, an dem großen
-Schmerz. Sie hätten nur einmal etwas intensiv genug zu erleben brauchen
--- allerdings ist die Fähigkeit des Erlebens etwas zunächst subjektiv
-Bestimmtes -- und sie wären damit, wenigstens vorübergehend, genial
-gewesen. Das Dichten während der ersten Liebe gehört z. B. ganz hieher.
-Und wahre Liebe ist völlig Zufallssache.
-
-Man darf schließlich auch nicht verkennen, daß ganz einfache Menschen
-in großer Erregung, im Zorn über irgend eine Niedertracht, Worte
-finden, die man ihnen nie zugetraut hätte. Der größte Teil dessen,
-was man gemeinhin »_Ausdruck_« nennt, in Kunst wie in prosaischer
-Rede, beruht aber (wenn man sich des früher über den Prozeß der
-Klärung Bemerkten erinnert) darauf, daß ein Individuum, das begabtere,
-Inhalte geklärt, gegliedert aufweist zu einer Zeit, wo das andere,
-minder hoch veranlagte, sie noch im Henidenstadium oder in einem sich
-nahe daranschließenden besitzt. Der Verlauf der Klärung wird durch
-den Ausdruck, welcher einem zweiten Menschen gelungen ist, ungemein
-_abgekürzt_, und daher das Lustvolle, auch wenn wir _andere_ einen
-»guten Ausdruck« finden sehen. Erleben zwei ungleich Begabte dasselbe,
-so wird bei dem Begabteren die Intensität groß genug sein, daß etwa
-die »Sprechschwelle«[19] erreicht wird. Im anderen aber wird der
-Klärungsprozeß hiedurch nur erleichtert.
-
-Wäre wirklich, wie die populäre Ansicht glaubt, das Genie vom
-nichtgenialen Menschen durch eine dicke Wand getrennt, die keinen
-Ton aus einem Reiche in das andere dringen ließe, so müßte jedes
-Verständnis der Leistungen des Genies dem nichtgenialen Menschen
-_völlig_ verschlossen sein, und dessen Werke könnten auf ihn auch
-nicht den leisesten Eindruck hervorbringen. _Alle Kulturhoffnungen
-vermögen demnach nur auf die Forderung sich zu gründen, daß dem nicht
-so sei._ Und es ist auch nicht so. _Der Unterschied liegt in der
-geringeren Intensität des Bewußtseins, er ist ein quantitativer, kein
-prinzipieller, qualitativer._[20]
-
-Umgekehrt aber hat es recht wenig Sinn, jüngeren Leuten die Äußerung
-einer Meinung darum zu verweisen und ihr Wort darum geringer zu
-werten, weil sie weniger Erfahrung hätten als ältere Personen. Es gibt
-Menschen, die wohl tausend Jahre und darüber leben könnten, ohne eine
-einzige _Erfahrung_ gemacht zu haben. Nur unter Gleichbegabten hätte
-jene Rede einen guten Sinn und eine volle Berechtigung.
-
-Denn während der geniale Mensch schon als Kind ein intensiveres Leben
-führt als alle anderen Kinder, während ihm, je bedeutender er ist,
-an eine desto frühere Jugend auch ein Entsinnen möglich ist, ja in
-extremen Fällen schon vom dritten Jahre seiner Kindheit angefangen ihm
-die vollständige Erinnerung von seinem ganzen Leben stets gegenwärtig
-bleibt, datieren die anderen Menschen ihre erste Jugenderinnerung erst
-von einem viel späteren Zeitpunkt; ich kenne welche, deren früheste
-Reminiszenz überhaupt in ihr achtes Lebensjahr fällt, _die von ihrem
-ganzen vorherigen Leben nichts wissen, als was ihnen erzählt wurde_;
-und es gibt sicherlich viele, bei denen dieses erste intensive Erlebnis
-noch weit später anzusetzen ist. Ich will nicht behaupten und glaube es
-auch gar nicht, daß man die Begabungen zweier Menschen ganz ausnahmslos
-danach allein bereits gegeneinander abschätzen könne, wenn dieser vom
-fünften, jener erst vom zwölften Jahre an sich an alles erinnert, die
-früheste Jugenderinnerung des einen in den vierzehnten Monat nach
-seiner Geburt fällt, die des zweiten erst in sein drittes Lebensjahr.
-Aber im allgemeinen und außerhalb zu enger Grenzen wird man die
-angegebene Regel wohl immer zutreffen sehen.
-
-Vom Zeitpunkt der ersten Jugenderinnerung verfließt gewiß auch beim
-hervorragenden Menschen noch immer eine längere oder kürzere Strecke
-bis zu jenem Moment, von dem an er an _alles_ sich erinnert, jenem
-Tage, von dem an er eben endgültig zum Genie geworden ist. Die
-meisten Menschen hingegen haben den größten Teil ihres Lebens einfach
-vergessen; ja viele wissen oft nur, _daß kein anderer Mensch für sie
-gelebt hat die ganze Zeit hindurch_: aus ihrem ganzen Leben sind ihnen
-nur bestimmte Augenblicke, einzelne feste Punkte, markante Stationen
-gegenwärtig. Wenn man sie sonst um etwas fragt, so wissen sie nur,
-d. h. sie rechnen es sich in der Geschwindigkeit aus, daß in dem und
-dem Monat sie so alt waren, diese oder jene Stellung bekleideten, da
-oder dort wohnten und so und so viel Einkommen hatten. Hat man vor
-Jahren zusammen mit ihnen etwas erlebt, so kann es nun unendliche Mühe
-kosten, das Vergangene in ihnen zur Auferstehung zu bringen. Man mag in
-solchem Falle einen Menschen mit Sicherheit für unbegabt erklären, man
-ist zumindest befugt, ihn nicht für hervorragend zu halten.
-
-Die Aufforderung zu einer Selbstbiographie brächte die ungeheuere
-Mehrzahl der Menschen in die peinlichste Verlegenheit: können doch
-schon die wenigsten Rede stehen, wenn man sie fragt, was sie gestern
-getan haben. Das Gedächtnis der meisten ist eben ein bloß sprungweises,
-gelegentlich assoziatives. Im genialen Menschen _dauert_ ein Eindruck,
-den er empfangen hat; ja eigentlich _steht nur er überhaupt unter
-Eindrücken_. Damit hängt zusammen, daß wohl alle hervorragenden
-Menschen, wenigstens zeitweise, _an fixen Ideen leiden_. Der psychische
-Bestand der Menschen mit einem System von eng einander benachbarten
-Glocken verglichen, so gilt für den gewöhnlichen Menschen, daß jede
-nur klingt, wenn die andere an sie mit ihren Schwingungen stößt,
-und nur auf ein paar Augenblicke; für das Genie, daß eine einzige,
-angeschlagen, gewaltig ausschwingt, nicht leise tönt, sondern voll,
-das ganze System mitbewegt, und nachhallt, oft das ganze Leben lang.
-Da diese Art der Bewegung aber oft infolge gänzlich geringfügiger,
-ja lächerlicher Anstöße beginnt, und manchesmal gleich intensiv in
-unerträglicher Weise wochenlang zäh beharrt, so liegt hierin wirklich
-eine Analogie zum Wahnsinn.
-
-Aus verwandten Gründen ist auch _Dankbarkeit_ so ziemlich die seltenste
-Tugend unter den Menschen; sie merken sich wohl manchesmal, wieviel
-man ihnen geliehen hat; aber in die Not, in der sie waren, in die
-Befreiung, die ihnen wurde, mögen und können sie sich nicht mehr
-zurückdenken. Führt Mangel an Gedächtnis sicher zum Undank, so genügt
-dennoch selbst ein vorzügliches Gedächtnis allein noch nicht, um einen
-Menschen dankbar zu machen. Dazu ist eine spezielle Bedingung mehr
-erforderlich, deren Erörterung nicht hieher gehört.
-
-Aus dem Zusammenhange von Begabung und Gedächtnis, der so oft verkannt
-und verleugnet worden ist, weil man ihn nicht dort suchte, wo er zu
-finden gewesen wäre: _in der Rückerinnerung an das eigene Leben_,
-läßt sich noch eine weitere Tatsache ableiten. Ein Dichter, der seine
-Sachen hat schreiben _müssen_, ohne Absicht, ohne Überlegung, ohne erst
-zur eigenen Stimmung das Pedal zu treten; ein Musiker, den der Moment
-des Komponierens überfallen hat, so daß er wider Willen zu schaffen
-genötigt war, sich nicht wehren konnte, selbst wenn er lieber Ruhe und
-Schlaf gewünscht hätte: ein solcher wird, was in diesen Stunden geboren
-wurde, all das, was nicht auch nur im kleinsten _gemacht_ ist, sein
-ganzes Leben lang im Kopfe tragen. Ein Komponist, der keines seiner
-Lieder und keinen seiner Sätze, ein Dichter, der keines seiner Gedichte
-auswendig kennt -- und zwar ohne sie, wie das _Sixtus Beckmesser_ von
-_Hans Sachs_ sich vorstellt, erst »recht gut memoriert« zu haben --
-der hat, des kann man sicher sein, auch nie etwas wahrhaft Bedeutendes
-hervorgebracht.
-
-Bevor nun die Anwendung dieser Aufstellungen auf das Problem der
-geistigen Geschlechtsunterschiede versucht werde, ist noch eine
-Unterscheidung zu treffen zwischen Gedächtnis und Gedächtnis. Die
-einzelnen zeitlichen Momente seines Lebens sind nämlich dem begabten
-Menschen in der Erinnerung nicht als diskrete Punkte gegeben, nicht
-als durchaus getrennte Situationsbilder, nicht als verschiedene
-Individuen von Augenblicken, deren jeder einen bestimmten, von dem
-des nächsten, wie die Zahl eins von der Zahl zwei, getrennten Index
-aufweist. Die Selbstbeobachtung ergibt vielmehr, daß allem Schlafe,
-aller Bewußtseinsenge, allen Erinnerungslücken zum Trotze die einzelnen
-Erlebnisse in ganz rätselhafter Weise _zusammengefaßt_ erscheinen; die
-Geschehnisse folgen nicht aufeinander wie die Ticklaute einer Uhr,
-sondern sie laufen alle in einen einheitlichen Fluß zusammen, in dem
-es keine Diskontinuität gibt. Beim ungenialen Menschen sind dieser
-Momente, die aus der ursprünglich diskreten Mannigfaltigkeit so zum
-geschlossenen Kontinuum sich vereinigen, nur wenige, ihr Lebenslauf
-gleicht einem Bächlein, keinem mächtigen Strom, in den, wie beim
-Genie, aus weitestem Gebiete _alle_ Wässerlein zusammengeflossen sind,
-_aus_ dem, heißt das, vermöge der _universalen Apperzeption_ kein
-Erlebnis _ausgeschaltet_, _in_ den vielmehr _alle_ einzelnen Momente
-_aufgenommen_, rezipiert sind. Diese _eigentliche_ Kontinuität, die
-den Menschen erst ganz dessen vergewissern kann, daß er _lebt_, daß
-er da, daß er auf der Welt ist, allumfassend beim Genius, auf wenige
-wichtige Momente beschränkt beim Mittelmäßigen, _fehlt $gänzlich$ beim
-Weibe_. Dem Weibe bietet sich, wenn es rückschauend, rückfühlend sein
-Leben betrachtet, dieses nicht unter dem Aspekt eines unaufhaltsamen,
-nirgends unterbrochenen Drängens und Strebens dar, es bleibt vielmehr
-immer nur an einzelnen Punkten _hängen_.
-
-Was für Punkte sind das? Es können nur diejenigen sein, für welche
-W ihrer Natur nach ein Interesse hat. Worauf dieses Interesse ihrer
-Konstitution ausschließlich geht, wurde im zweiten Kapitel zu erwägen
-begonnen; wer sich an dessen Ergebnisse erinnert, den wird die folgende
-Tatsache nicht überraschen:
-
-W verfügt _überhaupt_ nur über _eine_ Klasse von Erinnerungen: es sind
-die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden.
-An den Geliebten und an den Bewerber; an die Hochzeitsnacht, an jedes
-Kind wie an ihre Puppen; an die Blumen, die sie auf jedem Balle
-bekommen, Zahl, Größe und Preis der Bouquets; an jedes Ständchen, das
-ihr gebracht, an jedes Gedicht, das (wie sie sich einbildet) auf sie
-geschrieben wurde, an jeden Ausspruch des Mannes, der ihr imponiert
-hat, vor allem aber -- mit einer Genauigkeit, die ebenso verächtlich
-ist als sie unheimlich berührt -- _an jedes Kompliment ohne Ausnahme_,
-das ihr im Leben gemacht wurde.
-
-Das ist $alles$, woran das _echte_ Weib aus seinem Leben sich erinnert.
-
-_Was aber ein Mensch nie vergißt, und was er sich nicht merken
-kann, das ermöglicht am besten die Erkenntnis seines Wesens, seines
-Charakters._ Es wird später noch genauer als jetzt zu untersuchen sein,
-_worauf_ es deutet, daß W gerade _diese_ Erinnerungen hat. Großer
-Aufschluß ist gerade von der unglaublichen Treue zu erwarten, mit
-welcher die Frauen an alle Huldigungen und Schmeicheleien, an sämtliche
-Beweise der Galanterie sich erinnern, die ihnen seit frühester Kindheit
-entgegengebracht worden sind. Was man gegen die hiemit vollzogene
-Einschränkung des weiblichen Gedächtnisses auf den Bereich der
-Sexualität und des Gattungslebens einwenden kann, ist mir natürlich
-klar; ich muß darauf gefaßt sein, alle Mädchenschulen und sämtliche
-Ausweise aufmarschieren zu sehen. Diese Schwierigkeiten können
-indes erst später behoben werden. Hier möchte ich nur dies nochmals
-zu bedenken geben, daß es, bei allem Gedächtnis, welches für die
-psychologische Erkenntnis der Individualität ernstlich in Frage käme,
-um Gedächtnis für Erlerntes nur dort sich handeln könnte, wo Erlerntes
-wirklich Erlebtes wäre.
-
-Daß es dem psychischen Leben der Frauen an Kontinuität (die hier
-nur als ein nicht zu übersehendes psychologisches Faktum, sozusagen
-im Anhang der Gedächtnislehre, nicht als spiritualistische oder
-idealistische These eingeführt wurde) gebricht, dem kann erst weiter
-unten eine Beleuchtung, dem Wesen der Kontinuität nur in Stellungnahme
-zu dem umstrittensten Probleme aller Philosophie und Psychologie eine
-Ergründung werden. Als Beweis für jenen Mangel will ich vorläufig
-nichts anführen als die oft bestaunte, von _Lotze_ ausdrücklich
-hervorgehobene Tatsache, daß die Frauen sich viel leichter in neue
-Verhältnisse fügen und sich ihnen eher anpassen als die Männer,
-denen man den Parvenu noch lange anmerkt, wenn kein Mensch mehr
-die Bürgerliche von der Adeligen, die in ärmlichen Verhältnissen
-Aufgewachsene von der Patrizierstochter auseinanderzukennen vermag.
-Doch muß ich auch hierauf später noch ausführlich zurückkommen.
-
-Übrigens wird man nun begreifen, warum (wenn nicht Eitelkeit,
-Tratschsucht oder Nachahmungslust dazu treibt) nur bessere Menschen
-Erinnerungen aus ihrem Leben niederschreiben, und wie ich hierin eine
-Hauptstütze des Zusammenhanges von Gedächtnis und Begabung erblicke.
-Nicht als ob jeder geniale Mensch auch eine Autobiographie abfassen
-würde: um zur Selbstbiographie zu schreiten, dazu sind noch gewisse
-_spezielle_, sehr tief liegende psychologische Bedingungen nötig. Aber
-umgekehrt ist die Abfassung einer _vollständigen_ Selbstbiographie,
-wenn sie aus originärem Bedürfnis heraus erfolgt, stets ein Zeichen
-eines höheren Menschen. Denn gerade im wirklich _treuen_ Gedächtnis
-liegt auch die Wurzel der _Pietät_. Ein bedeutender Mensch, vor das
-Ansinnen gestellt, seine Vergangenheit um irgend welcher äußerer
-materieller oder innerer hygienischer Vorteile willen preiszugeben,
-würde es zurückweisen, auch wenn ihm die größten Schätze der Welt,
-ja _das Glück selbst_, fürs Vergessen in Aussicht gestellt würden.
-Der Wunsch nach dem Trank aus dem Lethestrom ist ein Zug mittlerer
-und minderer Naturen. Und mag ein wahrhaft hervorragender Mensch nach
-dem _Goethe_schen Worte gegen eben abgelegte eigene Irrtümer sehr
-streng und heftig auch dort sein, wo er _andere_ an ihnen festhalten
-sieht, so wird er doch sein vergangenes Tun und Lassen nie belächeln,
-über seine frühere Denk- und Lebensweise sich niemals lustig machen.
-Die heute so sehr ins Kraut geschossenen »Überwinder« verdienen
-rechtens alles andere eher denn diesen Namen: Menschen, die anderen
-spöttisch erzählen, was sie einst alles geglaubt, und wie sie all das
-»überwunden« hätten, denen war es mit dem Alten nicht Ernst, denen
-ist am Neuen ebensowenig gelegen. Ihnen kommt es immer nur auf die
-Instrumentation, nie auf die Melodie an; kein Stadium von all den
-»überwundenen« war wirklich in ihrem Wesen tief gegründet. Dagegen
-beobachte man, mit welch weihevoller Sorgfalt große Männer in ihren
-Selbstbiographien selbst den scheinbar geringfügigsten Dingen einen
-Wert beilegen: denn für sie ist Gegenwart und Vergangenheit gleich,
-für jene keine von beiden wahr. Der hervorragende Mensch fühlt, wie
-_alles_, auch das Kleinste, Nebensächlichste, in seinem Leben eine
-Wichtigkeit gewonnen, wie es ihm zu seiner Entwicklung mitverholfen
-hat, und _daher_ die außerordentliche _Pietät_ seiner Memoiren. Und
-eine solche Autobiographie wird sicherlich nicht etwa auf einmal,
-einem anderen Einfall vergleichbar, unvermittelt niedergeschrieben,
-der Gedanke hiezu entsteht in ihm nicht plötzlich; sie ist für den
-großen Menschen, der eine schreibt, sozusagen immer fertig. Gerade weil
-das bisherige Leben ihm immer ganz gegenwärtig ist, darum empfindet
-er seine neuen Erlebnisse als für ihn bedeutsam, darum hat er und
-eigentlich nur er ein _Schicksal_. Und davon rührt es zunächst auch
-her, daß gerade die bedeutendsten Menschen immer viel _abergläubischer_
-sein werden als mittelmäßige Köpfe. Man kann also zusammenfassend sagen:
-
-_Ein Mensch ist um so $bedeutender$, je mehr alle Dinge für ihn
-$bedeuten$._
-
-Im Laufe der ferneren Untersuchung wird diesem Satze, außer der
-Universalität der verständnisvollen Beziehung und der erinnernden
-Vergleichung, noch ein tieferer Sinn allmählich unterlegt werden können.
-
-Wie es in diesen Hinsichten mit dem Weibe steht, ist nicht schwer zu
-sagen. Das echte Weib kommt nie zum Bewußtsein eines Schicksals, seines
-Schicksals; das Weib ist nicht heroisch, denn es kämpft höchstens für
-seinen Besitz, und es ist nicht tragisch, denn sein Los entscheidet
-sich mit dem Lose dieses Besitzes. Da das Weib ohne Kontinuität ist,
-kann es auch nicht pietätvoll sein; in der Tat ist Pietät eine durchaus
-männliche Tugend. Pietätvoll ist man zunächst _gegen sich_, und Pietät
-gegen sich Bedingung aller Pietät gegen andere. Aber eine Frau kostet
-es recht wenig Überwindung, über ihre Vergangenheit den Stab zu
-brechen; wenn das Wort Ironie am Platze wäre, so könnte man sagen, daß
-nicht leicht ein Mann sein vergangenes Selbst so ironisch und überlegen
-betrachten wird, wie die Frauen dies oftmals -- nicht nur nach der
-Hochzeitsnacht -- zu tun pflegen. Es wird sich noch Gelegenheit finden,
-darauf hinzuweisen, wie die Frauen eigentlich das Gegenteil von all
-dem wollen, dessen Ausdruck die Pietät ist. Was endlich die Pietät
-der Witwen anlangt -- doch von diesem Gegenstande will ich lieber
-schweigen. Und der Aberglaube der Frauen schließlich ist psychologisch
-ein durchaus anderer als der Aberglaube hervorragender Männer.
-
-Das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, wie es in der Pietät zum
-Ausdrucke kommt und auf dem kontinuierlichen Gedächtnis beruht, das
-selbst wieder nur durch die Apperzeption ermöglicht ist, läßt sich noch
-in weiteren Zusammenhängen zeigen und zugleich tiefer analysieren.
-_Damit nämlich, ob ein Mensch überhaupt ein Verhältnis zu seiner
-Vergangenheit hat oder nicht, hängt es außerordentlich innig zusammen,
-ob er ein Bedürfnis nach Unsterblichkeit fühlen oder ob ihn der Gedanke
-des Todes gleichgültig lassen wird._
-
-Das Unsterblichkeitsbedürfnis wird zwar heute recht allgemein sehr
-schäbig und von oben herab behandelt. Das Problem, das aus ihm
-erwächst, macht man sich nicht etwa bloß als ein ontologisches,
-sondern auch als ein psychologisches schmachvoll leicht. Der eine
-will es, zugleich mit dem Glauben an die Seelenwanderung, damit
-erklärt haben, daß in vielen Menschen Situationen, in welche sie
-sicherlich zum ersten Male geraten sind, das Gefühl erwecken, als
-hätten sie dieselben schon einmal durchlebt. Die andere, heute
-allgemein adoptierte Ableitung des Unsterblichkeitsglaubens aus
-dem _Seelenkult_, wie sie sich bei _Tylor_, _Spencer_, _Avenarius_
-findet, wäre von jedem anderen Zeitalter als dem der _experimentellen_
-Psychologie a priori zurückgewiesen worden. Es sollte doch, meine
-ich, jedem Denkenden völlig unmöglich erscheinen, daß etwas, woran so
-vielen Menschen gelegen, wofür so gekämpft und gestritten worden ist,
-bloß das letzte Schlußglied eines Syllogismus bilden könnte, dessen
-Prämisse etwa die nächtlichen Traumerscheinungen Verstorbener gewesen
-wären. Und welche Phänomene zu erklären ist wohl jene felsenfeste
-Meinung von ihrem Weiterleben nach dem Tode ersonnen worden, die
-_Goethe_, die _Bach_ gehabt haben, auf welches »Pseudoproblem« läßt
-sich das Unsterblichkeitsbedürfnis zurückführen, das aus _Beethovens_
-letzten Sonaten und Quartetten zu uns spricht? Der Wunsch nach der
-persönlichen Fortdauer muß gewaltigeren Quellen entströmt sein als
-jenen rationalistischen Springbrunnen.
-
-Dieser tiefere Ursprung hängt mit dem Verhältnisse des Menschen zu
-seiner Vergangenheit lebhaft zusammen. _Im Sichfühlen und Sichsehen
-in der Vergangenheit liegt ein mächtiger Grund des Sichweiterfühlen-,
-Sichweitersehenwollens._ Wem seine Vergangenheit wert ist, wer sein
-Innenleben, mehr als sein körperliches Leben, hochhält, _der wird
-es auch an den Tod nicht hingeben wollen_. Daher tritt primäres,
-originelles Unsterblichkeitsbedürfnis bei den größten Genien der
-Menschheit, den Menschen mit der reichsten Vergangenheit, am
-stärksten, am nachhaltigsten auf. Daß _dieser_ Zusammenhang der
-Unsterblichkeitsforderung mit dem Gedächtnis _wirklich_ besteht,
-erhellt daraus, was Menschen, die aus Todesgefahr errettet werden,
-von sich übereinstimmend aussagen. Sie durchleben nämlich, wenn sie
-auch sonst nie viel an ihre Vergangenheit gedacht haben, nun plötzlich
-auf einmal mit rasender Geschwindigkeit ihre ganze Lebensgeschichte
-nochmals, und erinnern sich innerhalb weniger Sekunden an Dinge, welche
-Jahrzehnte lang ihnen nicht ins Bewußtsein zurückgekommen sind. Denn
-das Gefühl dessen, was ihnen bevorsteht, bringt -- abermals vermöge
-des Kontrastes -- all das ins Bewußtsein, was nun für immer vernichtet
-werden soll.
-
-Wir wissen ja sehr wenig über die geistige Verfassung Sterbender. Es
-gehört auch ein mehr als gewöhnlicher Mensch dazu, um zu erkennen,
-was in einem Sterbenden vorgeht; anderseits sind Verscheidende
-aus den dargelegten Gründen gerade von besseren Menschen meistens
-gemieden. Aber es ist wohl gänzlich unrichtig, die in so vielen
-Todkranken plötzlich auftretende Religiosität nur auf die bekannte
-Erwägung »vielleicht doch, sicher ist sicher« zurückzuführen; und sehr
-oberflächlich, anzunehmen, bloß die sonst nie beachtete tradierte
-Höllenlehre gewinne nun plötzlich gerade in der Todesstunde so
-viel Kraft, daß es dem Menschen unmöglich werde, mit einer Lüge zu
-sterben.[21] Denn dies ist das Wichtigste: Warum fühlen Menschen, die
-ein durch und durch verlogenes Leben geführt haben, nun plötzlich
-den Drang nach der Wahrheit? Und warum macht es auch auf denjenigen,
-der nicht an _Strafen_ im Jenseits glaubt, einen so entsetzlichen
-Eindruck, wenn er vernimmt, ein Mensch sei _mit_ einer Lüge, _mit_
-einer unbereuten Schlechtigkeit _verschieden_, warum hat beides, sowohl
-die Verstocktheit bis zum Schlusse, als auch die Umkehr vor dem Tode,
-die Dichter so oft mächtig gereizt? Die Frage nach der »Euthanasie der
-Atheisten«, die man im XVIII. Jahrhundert so häufig aufwarf, ist also
-keine ganz sinnlose, und nicht bloß ein historisches Kuriosum, als
-welches sie von Friedrich Albert _Lange_ behandelt wurde.
-
-Ich erwähne dies alles nicht allein, um eine Möglichkeit zu erörtern,
-welcher kaum der Rang einer Vermutung zukommt. Undenkbar nämlich
-scheint es mir, da viel mehr Menschen »genial« sind, als es »Genies«
-gibt, nicht zu sein, daß die quantitative Differenz in der Begabung vor
-allem in dem Zeitpunkte zum Ausdruck komme, in welchem die Menschen
-zum Genie werden. Für eine größere Anzahl fiele dieser Augenblick
-mit ihrem natürlichen Tode zusammen. Wurden wir schon früher dahin
-geführt, die genialen Menschen nicht etwa, wie die Steuerzahler von
-einem bestimmten jährlichen Einkommen ab, als von allen anderen
-Menschen durch eine scharfe Grenze getrennt anzusehen, so vereinigen
-sich diese neuen Betrachtungen mit jenen alten. Und ebenso wie die
-erste Kindheitserinnerung des Menschen nicht mit einem, den früheren
-Lauf der Dinge unterbrechenden, _äußeren_ Ereignis verknüpft ist,
-sondern plötzlich, unscheinbar, _infolge einer inneren Entwicklung_,
-für jeden früher oder später ein Tag kommt, _an welchem das Bewußtsein
-so intensiv wird_, daß eine Erinnerung bleibt, und von nun an, je
-nach der Begabung, mehr oder weniger zahlreiche Erinnerungen beharren
--- _ein Faktum, das allein die ganze moderne Psychologie umstößt_
--- so _bedürfte_ es bei den _verschiedenen Menschen verschieden
-vieler Stöße_, um sie zu genialen zu machen, _und nach der Zahl
-dieser Bewußtseinsstöße, deren letzter in der Todesstunde erfolgte_,
-wären die Menschen ihrer Begabung gemäß zu klassifizieren. Bei
-dieser Gelegenheit will ich noch darauf hinweisen, wie falsch
-die Lehre der heutigen Psychologie ist (für die das menschliche
-Individuum eben nur wie ein besserer Registrierapparat in Betracht
-kommt und keinerlei von _innen_ kommende, ontogenetische geistige
-Entwicklung besitzt), daß im jugendlichen Alter die größte Anzahl
-von Eindrücken behalten werden. Man darf die erlebten Impressionen
-nicht mit dem äußerlichen und fremden Gedächtnisstoff verwechseln.
-Diesen nimmt das Kind gerade deshalb um so viel leichter auf, weil es
-noch so wenig von Gemütseindrücken beschwert ist. Eine Psychologie,
-die in so fundamentalen Dingen der Erfahrung zuwiderläuft, hat
-allen Anlaß zur Einkehr, zur Umkehr. Was hier versucht wurde, ist
-kaum eine Andeutung von jener _ontogenetischen Psychologie_ oder
-_theoretischen Biographie_, die über kurz oder lang die heutige
-Wissenschaft vom menschlichen Geiste zu verdrängen berufen ist. --
-Jedes Programm enthält implicite eine Überzeugung, jedem Ziele des
-Willens gehen bestimmte Vorstellungen realer Verhältnisse voran. Der
-Name »theoretische Biographie« soll das Gebiet gegen _Philosophie_
-und _Physiologie_ besser als bisher abstecken, und die biologische
-Betrachtungsweise, welche von der letzten Richtung in der Psychologie
-(_Darwin_, _Spencer_, _Mach_, _Avenarius_) einseitig hervorgekehrt
-und zum Teil arg übertrieben worden ist, doch dahin _erweitern_, daß
-eine solche Wissenschaft über den _gesamten_ gesetzmäßigen _geistigen
-Lebensverlauf als Ganzes_, von der Geburt bis zum Tode eines Menschen,
-Rechenschaft zu geben hätte, wie über Entstehen und Vergehen und
-alle einzelnen Lebensphasen irgend einer Pflanze. Und _Biographie_,
-nicht Bio_logie_, sollte sie genannt werden, weil ihre Aufgabe in der
-Erforschung gleichbleibender Gesetze der _geistigen_ Entwicklung des
-_Individuums_ liegt. Bisher kennt alle Geschichtsschreibung jeglicher
-Gattung nur Individualitäten, βίοι. Hier aber würde es sich darum
-handeln, allgemeine Gesichtspunkte zu gewinnen, Typen festzuhalten.
-_Die Psychologie müßte anfangen, $theoretische Biographie$ zu
-werden._ Im Rahmen einer solchen Wissenschaft könnte und würde alle
-bisherige Psychologie aufgehen, und erst dann nach dem Wunsche Wilhelm
-_Wundts_ eine fruchtbare Grundlage für die Geisteswissenschaften
-wirklich abgeben. Es wäre verfehlt, an dieser Möglichkeit darum
-zu verzweifeln, weil die heutige Psychologie, welche eben jene
-ihre eigentliche Aufgabe als ihr Ziel noch gar nicht begriffen
-hat, auch völlig außerstande ist, den Geisteswissenschaften das
-Geringste zu bieten. Hierin dürfte, trotz der großen Klärung, welche
-_Windelbands_ und _Rickerts_ Untersuchungen über das Verhältnis von
-Natur- und Geisteswissenschaften mit sich gebracht haben, doch eine
-Berechtigung liegen, _neben_ der neuen Einteilung der Wissenschaften
-in »Gesetzes-« und »Ereignis«-Wissenschaften, in »nomothetische« und
-»idiographische« Disziplinen, die _Mill_sche Zweiteilung von Natur- und
-Geisteswissenschaften beizubehalten. -- --
-
-Mit der Deduktion des Unsterblichkeitsbedürfnisses, welche dieses
-in einen Konnex mit der kontinuierlichen Form des Gedächtnisses und
-der Pietät brachte, stimmt es vollständig überein, daß _den Frauen
-jegliches Unsterblichkeitsbedürfnis völlig abgeht_. Auch ist hieraus
-mit Sicherheit zu entnehmen, wie sehr jene unrecht haben, welche in
-dem Postulat der persönlichen Fortexistenz bloß einen Ausfluß der
-Todesfurcht und des leiblichen Egoismus sehen, und hiemit eigentlich
-der populärsten Meinung über allen Ewigkeitsglauben Ausdruck geben.
-Denn die _Angst_ vor dem Sterben findet sich bei Frauen wie bei
-Männern, das _Unsterblichkeitsbedürfnis_ ist auf diese beschränkt.
-
-Die von mir versuchte Erklärung des psychologischen Wunsches nach
-Unsterblichkeit ist indessen bislang mehr ein Aufzeigen einer
-Verbindung, die zwischen ihm und dem Gedächtnisse besteht, als eine
-wahrhaft strenge _Ableitung_ aus einem höheren Grundsatze. Daß hier
-eine Verwandtschaft da ist, wird man immer bewahrheitet finden: je
-mehr ein Mensch in seiner _Vergangenheit_ lebt -- _nicht_, wie man
-bei oberflächlichem Hinsehen glauben könnte, in seiner _Zukunft_ --
-desto intensiver wird sein Unsterblichkeitsverlangen sein. Ebenso
-kommt bei den Frauen der Mangel an dem Bedürfnis eines Fortlebens
-nach dem Tode mit ihrem Mangel an sonstiger Pietät gegen die eigene
-Person überein. Dennoch scheint, wie diese Abwesenheit bei der Frau
-noch nach einer tieferen Begründung und Ableitung beider aus _einem_
-allgemeineren Prinzipe verlangt, so auch beim Manne das Beisammensein
-von Gedächtnis und Unsterblichkeitsbedürfnis auf eine _gemeinsame_,
-noch bloßzulegende Wurzel beider hinzuweisen. Denn was bisher geleistet
-wurde, war doch nur der Nachweis, daß und wie sich das Leben in
-der eigenen Vergangenheit und ihre Schätzung mit der Hoffnung auf
-ein Jenseits im selben Menschen zusammenfinden. Den tieferen Grund
-dieses Zusammenhanges zu erforschen, wurde noch gar nicht als Aufgabe
-betrachtet. Nun aber ist auch an deren Lösung heranzutreten.
-
- * * * * *
-
-Gehen wir von der Formulierung aus, die wir dem universellen Gedächtnis
-des bedeutenden Menschen gaben. Ihm sei alles, das längst Entwirklichte
-wie das eben erst Entschwundene, _gleich wahr_. Hierin liegt, daß das
-einzelne Erlebnis nicht mit dem Zeitmoment, in dem es gesetzt ist, so
-wie dieses Zeitatom selbst verschwindet, untergeht, daß es nicht an
-den bestimmten Zeitaugenblick _gebunden_ bleibt, sondern ihm -- eben
-durch das Gedächtnis -- _entwunden_ wird. _Das Gedächtnis macht die
-Erlebnisse zeitlos_, es ist, schon seinem Begriffe nach, _Überwindung
-der Zeit_. An Vergangenes kann sich der Mensch nur darum erinnern, weil
-das Gedächtnis es vom _Einfluß_ der Zeit _befreit, die Geschehnisse,
-die überall sonst in der Natur $Funktionen$ der Zeit sind, hier im
-Geiste $über$ die Zeit $hinaus$gehoben hat_.
-
-Doch hier steigt scheinbar eine Schwierigkeit vor uns auf. Wie kann
-das Gedächtnis eine Negation der Zeit in sich schließen, da es doch
-anderseits gewiß ist, daß wir von der Zeit nichts wüßten, wenn wir
-kein Gedächtnis hätten? Sicherlich wird uns immer und ewig nur
-durch Erinnerung an Vergangenes zum Bewußtsein gebracht, _daß_ es
-einen Ablauf der Zeit _gibt_. Wie kann also von dem, was so enge
-zusammenhängt, das eine das Gegenteil und die Aufhebung des anderen
-bedeuten?
-
-Die Schwierigkeit löst sich leicht. Eben _weil_ ein beliebiges Wesen
--- es braucht nicht der Mensch zu sein -- _wenn_ es mit Gedächtnis
-ausgestattet ist, _mit seinen Erlebnissen nicht einfach in den
-Zeitverlauf eingeschaltet_ ist, darum kann ein solches Wesen dem
-Zeitverlauf gegenübertreten, ihn _auffassen_, ihn zum Gegenstande der
-Betrachtung machen. Wäre das einzelne Erlebnis dem übrigen Zeitverlauf
-anheimgegeben, würde es ihm verfallen und nicht aus ihm gerettet werden
-durch das Gedächtnis, müßte es mit der Zeit sich ändern wie eine
-abhängige Variable mit ihrer Unabhängigen, stünde der Mensch mitten
-im zeitlichen Fluß des Geschehens _darinnen_, so könnte dieser ihm
-nicht _auffallen_, nicht _bewußt_ werden -- _Bewußtsein setzt Zweiheit
-voraus_ -- er könnte nie das Objekt, der Gedanke, die Vorstellung des
-Menschen sein. Man muß _irgendwie_ die Zeit _überwunden_ haben, um über
-sie _reflektieren_, man muß irgendwie _außerhalb der Zeit stehen_, um
-sie _betrachten_ zu können. Dies gilt nicht nur von jeder besonderen
-Zeit -- _in_ der Leidenschaft selbst kann man _über_ die Leidenschaft
-nicht nachdenken, man muß erst zeitlich über sie hinausgekommen sein --
-sondern ebenso vom _allgemeinen Begriffe_ der Zeit. _Gäbe es nicht ein
-Zeitloses, so gäbe es keine Anschauung der Zeit._
-
-Gedenken wir, um dieses Zeitlose zu erkunden, vorläufig dessen, _was_
-durch das Gedächtnis der Zeit wirklich entrückt wird. Als solches hat
-sich all das ergeben, was für das Individuum _von Interesse ist oder
-eine Bedeutung_ hat, oder, wie kurz gesagt werden soll, _alles, was für
-das Individuum einen $Wert$ besitzt_. Man erinnert sich nur an solche
-Dinge, die für die Person einen, wenn auch oft lange unbewußten, $Wert$
-gehabt haben: $dieser Wert gibt ihnen die Zeitlosigkeit$. _Man vergißt
-alles, was nicht irgendwie, wenn auch oft unbewußt, von der Person
-$gewertet$ wurde._
-
-Der Wert ist also das Zeitlose; und umgekehrt: ein Ding hat destomehr
-Wert, je weniger es Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit
-sich ändert. In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur so viel Wert
-ein, als es zeitlos ist: $nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet$.
-_Dies ist_, wenn auch, wie ich glaube, noch nicht die tiefste und
-allgemeinste Definition des Wertes und keine völlige Erschöpfung seines
-Wesens, doch _das erste $spezielle$ Gesetz aller Werttheorie_.
-
-Eine eilende Rundsicht wird genügen, um es überall nachzuweisen. Man
-ist immer geneigt, die Überzeugung desjenigen gering zu schätzen,
-der erst vor kurzem zu ihr gelangt ist, und wird auf die Äußerungen
-eines Menschen überhaupt nicht viel Wert legen, dessen Ansichten
-noch im Flusse begriffen sind und sich fortwährend ändern. Eherne
-Unwandelbarkeit hingegen wird stets Respekt einflößen, selbst wenn sie
-in den unedlen Formen der Rachsucht und des Starrsinns sich offenbart;
-ja auch, wenn sie aus leblosen Gegenständen spricht: man denke an das
-»aere perennius« der Poeten und an die »Quarante siècles« der Pyramiden
-Ägyptens. Der Ruhm oder das gute Angedenken, die ein Mensch hinterläßt,
-würden durch die Vorstellung sofort _ent_wertet, daß sie nur kurze
-Zeit, und nicht lange, womöglich ewig, währen sollten. Ein Mensch
-vermag ferner nie positiv zu werten, daß er sich immerfort ändert;
-gesetzt, er täte dies in irgend welcher Beziehung, und es würde ihm
-nun gesagt, daß er jedesmal von einer neuen Seite sich zeige, so mag
-er freilich dessen sogar froh und stolz auf diese Eigenschaft sein
-können, doch ist es natürlich nur die Konstanz, die Regelmäßigkeit
-und Sicherheit dieser Andersheiten, deren er sich dann freute. Der
-Lebensmüde, für den es keinen Wert mehr gibt, hat eben an _keinem
-Bestande_ mehr ein Interesse. Die Furcht vor dem Erlöschen einer
-Familie und dem Aussterben ihres Namens gehören ganz hieher.
-
-Auch jede soziale Wertung, die etwa in Rechtssatzungen und Verträgen
-sichtbar wird, tritt, ob auch Gewohnheit, tägliches Leben an ihnen
-Verschiebungen vornehmen mögen, von Anbeginn mit dem Anspruch auf
-zeitlose Geltung selbst dann auf, wenn ihre Rechtskraft ausdrücklich
-(ihrem Wortlaute nach) nur bis zu einem bestimmten Termin erstreckt
-wird: denn gerade hiemit erscheint die Zeit als Konstante speziell
-_gewählt_, und nicht als Variable angesehen, in Abhängigkeit von
-welcher die vereinbarten Verhältnisse stetig oder unstetig sich irgend
-ändern könnten. Freilich wird auch hier zum Vorschein kommen, daß ein
-Ding um so höher gewertet wird, je länger seine Dauer ist; denn niemand
-glaubt, wenn zwischen zwei rechtlichen Kontrahenten ein Pakt auf sehr
-kurze Zeit geschlossen wird, daß den beiden viel an dem Vertrage
-liege; sie selbst, die ihn geschlossen haben, werden in diesem Falle
-nicht anders gestimmt sein, und von Anfang an, trotz allen Akten, sich
-vorsehen und einander mißtrauen.
-
-In dem aufgestellten Gesetze liegt auch die wahre Erklärung dafür, daß
-die Menschen _Interessen über ihren Tod hinaus_ haben. Das Bedürfnis
-nach dem Wert äußert sich in dem allgemeinen Bestreben, die Dinge von
-der Zeit zu emanzipieren, und dieser Drang erstreckt sich selbst auf
-Verhältnisse, die »_mit der Zeit_« früher oder später _doch_ sich
-ändern, z. B. auf Reichtum und Besitz, auf alles, was man »irdische
-Güter« zu heißen pflegt. Hierin liegt das tiefe psychologische Motiv
-des _Testamentes_, der Vermachung einer _Erbschaft_. Nicht aus der
-Fürsorge für die Angehörigen hat diese Erscheinung ihren Ursprung
-genommen. Auch der Mann ohne Familie und ohne Angehörige macht sein
-Testament, ja gerade er wird sicher im allgemeinen mit weit größerem
-Ernst und tieferer Hingabe zu dieser Handlung schreiten als der
-Familienvater, der seine Spuren mit dem eigenen Tode nicht so gänzlich
-aus Sein und Denken der anderen ausgelöscht weiß. Der große Politiker
-und Herrscher, besonders aber der Despot, der Mann des Staatsstreiches,
-dessen Regiment mit seinem Tode endet, sucht diesem Wert zu verleihen,
-indem er Zeitloses mit ihm verknüpft: durch ein Gesetzbuch oder eine
-Biographie des Julius Cäsar, allerhand große geistige Unternehmungen
-und wissenschaftliche Kollektivarbeiten, Museen und Sammlungen, Bauten
-aus hartem Fels (Saxa loquuntur), am eigentümlichsten durch Schaffung
-oder Regulierung eines Kalenders den Moment zu verewigen strebt.
-Aber er sucht auch seiner Macht selbst, schon für seine Lebzeiten,
-möglichste Dauer zu verleihen, nicht allein in wechselseitiger
-Sicherung durch Verträge, in Herstellung nie wieder zu verwischender
-verwandtschaftlicher Beziehungen vermöge diplomatischer Heiraten:
-sondern vor allem durch Wegräumung alles dessen, was den ewigen
-Bestand seiner Herrschaft bloß durch sein freies Dasein noch je in
-Frage stellen könnte. So wird der Politiker zum Eroberer.
-
-Die psychologischen und philosophischen Untersuchungen zur Werttheorie
-haben das Gesetz der Zeitlosigkeit gar nicht beachtet. Allerdings
-waren sie zum großen Teile von den Bedürfnissen der Wirtschaftslehre
-beeinflußt und suchten selbst auf diese überzugreifen. Doch glaube ich
-darum nicht, daß das neuentwickelte Gesetz in der politischen Ökonomie
-keine Geltung habe, weil es hier viel öfter als in der Psychologie
-durch Komplikationen verundeutlicht wird. Auch wirtschaftlich hat alles
-desto mehr Wert, je dauerhafter es ist. Wessen Konservierungsfähigkeit
-sehr eingeschränkt ist, so daß es etwa nach einer Viertelstunde zu
-Grunde ginge, wenn ich es nicht kaufte, das werde ich überall dort,
-wo nicht durch feste Preise der moralische _Wert_ des geschäftlichen
-Unternehmens über zeitliche Schwankungen emporgehoben werden soll,
-zu später Stunde, etwa vor Einbruch der Nacht, um billigeres Geld
-erhalten. Man denke auch an die vielen Anstalten zur Bewahrung vor dem
-Zeiteinfluß, zur Erhaltung des Wertes (Lagerhäuser, Depots, Keller,
-Réchauds, alle Sammlungen mit Kustoden). Es ist selbst hier ganz
-unrichtig, den Wert, wie es von den psychologischen Werttheoretikern
-meist geschieht, als dasjenige zu definieren, was geeignet sei,
-unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Denn auch die Launen des Menschen
-gehören zu seinen (momentanen) Bedürfnissen, und doch gibt es nichts
-aller Werthaltung mehr Entgegengesetztes als eben _die Laune_. Die
-Laune _kennt_ keinen Wert, sie verlangt nach ihm höchstens, um ihn
-im nächsten Augenblicke zu zerbrechen. _So ist das Moment der Dauer
-aus dem Wertbegriff nicht zu eliminieren._ Selbst die Erscheinungen,
-welche man nur mit Hilfe der _Menger_schen Theorie vom »Grenznutzen«
-erklären zu können vermeint hat, ordnen sich meiner Auffassung unter
-(ohne daß diese natürlich im geringsten sich anmaßt, an sich etwas
-für die Nationalökonomie leisten zu können). Daß Luft und Wasser
-keinen Wert haben, liegt nach ihr nämlich daran, _daß nur irgendwie
-individualisierte, geformte Dinge_ positiv gewertet werden können:
-denn alles Geformte kann formlos gemacht, kann zerstört werden, und
-braucht _als solches_ nicht zu _dauern_. Ein Berg, ein Wald, eine
-Ebene ist noch zu formen durch Umfassung und Begrenzung, und darum
-selbst im wüstesten Zustande noch Wertobjekt. Die Luft der Atmosphäre
-und das Wasser auf und über der Erdoberfläche vermöchte niemand in
-Grenzen zu fassen, sie sind diffus und uneingeschränkt verbreitet.
-Wäre ein zauberkräftiger Mann imstande, die atmosphärische Luft, die
-den Erdball umgibt, wie jenen Geist aus dem orientalischen Märchen auf
-einen relativ kleinen Raum der Erde zu komprimieren, oder könnte es
-jemand gelingen, die Wassermassen derselben in einem großen Reservoir
-unter Verhinderung der Verdunstung einzusperren: beide hätten sofort
-_Form_ gewonnen, und wären damit auch der Wertung unterworfen. Wert
-wird von einer Sache also nur dann prädiziert, wo ein, wenn auch noch
-so entfernter, Anlaß zur Besorgnis vorhanden ist, daß sie mit der
-Zeit sich ändern könne; _denn der Wert wird nur in Relation zur Zeit
-gewonnen, im Gegensatze zu ihr aufgestellt_. Wert und Zeit erfordern
-sich also gegenseitig wie zwei korrelative Begriffe. Wie tief eine
-solche Auffassung führt, wie gerade sie konstitutiv sogar für eine
-_Weltanschauung_ werden kann, dies möchte ich _hier_ nicht weiter
-verfolgen. Es genügt für den vorgesetzten Zweck, zu wissen, daß jeder
-Anlaß, von Wert zu reden, gerade dort wieder entfällt, wo keine
-Gefährdung durch die Zeit mehr möglich ist. Das Chaos kann, auch wenn
-es ewig ist, nur negativ gewertet werden. _Form $und$ Zeitlosigkeit_
-oder _Individuation $und$ Dauer_ sind die beiden analytischen Momente,
-welche den Wert zunächst schaffen und begründen.
-
-So ist denn jenes Fundamentalgesetz der Werttheorie durchgängig, auf
-individualpsychologischem und sozialpsychologischem Gebiete, zur
-Darstellung gebracht. Und nun kann in successiver Wiederaufnahme der
-eigentlichen Untersuchungsgegenstände erledigt werden, was noch von
-früher her, obwohl besondere Aufgabe dieses Kapitels, rückständig ist.
-
-Als erste Folgerung darf aus dem Vorhergehenden diese gezogen werden,
-daß es ein _Bedürfnis nach Zeitlosigkeit, einen $Willen zum Wert$_,
-auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit gibt. Und dieser Wille
-zum Wert, der mit dem »_Willen zur Macht_« an Tiefe sich zu messen
-keine Scheu tragen möge, geht, wenigstens in der Form des Willens
-zur Zeitlosigkeit, dem individuellen Weibe ganz und gar ab. Die
-alten Frauen pflegen in den seltensten Fällen Bestimmungen über ihre
-Hinterlassenschaft zu treffen, was damit zusammenhängt, daß die Frauen
-kein Unsterblichkeitsbedürfnis besitzen. Denn es liegt über dem
-Vermächtnis eines Menschen die Weihe eines Höheren, Allgemeineren, und
-dies ist auch der Grund, warum es von den anderen Menschen _geachtet_
-wird.
-
-_Das Unsterblichkeitsbedürfnis selbst ist nur ein besonderer Fall
-des allgemeinen Gesetzes, daß nur zeitlose Dinge positiv gewertet
-werden._ Hierin liegt sein Zusammenhang mit dem Gedächtnis begründet.
-Die Remanenz, welche die Erlebnisse eines Menschen bei ihm haben,
-ist der Bedeutung proportional, die sie für ihn gewinnen können. So
-paradox es klingt: $der Wert ist es, der die Vergangenheit schafft$.
-Nur was positiv gewertet wurde, nur das bleibt im Schutze des
-Gedächtnisses vor dem Zahn der Zeit bewahrt; _und so darf auch das
-individuelle psychische Leben als Ganzes, soll es positiv bewertet
-werden, nicht Funktion der Zeit, es muß über die Zeit erhaben sein
-durch eine über den körperlichen Tod hinausgehende ewige Dauer_.
-Hiemit sind wir dem innersten Motiv des Unsterblichkeitsbedürfnisses
-unvergleichlich näher gerückt. Die völlige Einbuße an Bedeutung, die
-das individuell erfüllte, lebensvoll gelebte Leben erleidet, wenn es
-mit dem Tode für immer restlos zu Ende sein soll, die _Sinnlosigkeit_
-des _Ganzen_ in solchem Falle, dies spricht mit anderen Worten auch
-_Goethe_ zu _Eckermann_ aus (4. Februar 1829), führt zur Forderung nach
-Unsterblichkeit.
-
-Das intensivste Verlangen nach Unsterblichkeit hat das Genie. Und
-auch dies fällt zusammen mit allen anderen Tatsachen, die bisher
-über seine Natur aufgedeckt wurden. _Das Gedächtnis ist vollständige
-Besiegung der Zeit nur dann, wenn es, wie im universellen Menschen,
-in der universellen Form auftritt. Der Genius ist somit der eigentlich
-zeitlose Mensch_, wenigstens ist dies und nichts anderes sein Ideal
-von sich selbst; er ist, wie gerade sein sehnsüchtiges und dringendes
-Begehren nach Unsterblichkeit beweist, eben der Mensch mit dem
-stärksten Verlangen nach Zeitlosigkeit, _mit dem mächtigsten Willen zum
-Werte_.[22]
-
-Und nun tut sich vor dem geblendeten Auge eine fast noch wunderbarere
-Koinzidenz auf. Die Zeitlosigkeit des Genius wird nicht allein im
-Verhältnis zu den einzelnen Augenblicken seines Lebens kund, sondern
-auch in seiner Beziehung zu dem, was man aus der Zeitrechnung als seine
-Generation herausgreift und im engeren Sinne »seine Zeit« nennt. _Zu
-dieser hat er nämlich de facto gar keine Beziehungen._ Nicht die Zeit,
-die ihn braucht, schafft den Genius, er ist nicht ihr Produkt, nicht
-aus ihr zu erklären, und man erweist ihm keine Ehre, ihn mit ihr zu
-entschuldigen. _Carlyle_ hat mit Recht darauf hingewiesen, wie vielen
-Epochen nur der bedeutende Mensch not tat, wie dringend sie seiner
-bedurften, und wie er doch nicht erschienen ist. Das Kommen des Genius
-bleibt ein Mysterium, auf dessen Ergründung der Mensch in Ehrfurcht
-verzichte. Und wie die _Ursachen_ seines Auftretens nicht in seiner
-Zeit gefunden werden können, so bleiben auch, diese Übereinstimmung
-ist das zweite Rätsel, _dessen $Folgen$ nicht an eine bestimmte Zeit
-geknüpft. Die Taten des Genius leben ewig, an ihnen wird durch die Zeit
-nichts geändert._ Durch seine Werke ist dem bedeutenden Menschen eine
-Unsterblichkeit auf Erden beschieden, und so ist er in _dreifacher
-Weise zeitlos_: seine universale Apperzeption oder ausnahmslose
-Wertung aller seiner Erlebnisse enthebt diese in seinem Gedächtnis
-der Vernichtung mit dem Augenblick; aus der Zeit, die seinem Werden
-vorangeht, ist er nicht emporgewachsen; und nicht der Zeit, in der er
-tätig ist, und auch keiner anderen, früher oder später ihr folgenden,
-fällt anheim, was er geschaffen hat.
-
-Hier ist nun der glücklichste Ort, die Besprechung einer Frage
-einzufügen, die beantwortet werden muß, obwohl sie, merkwürdig genug,
-noch kaum von jemand aufgeworfen scheint. Sie betrifft nichts anderes
-als, ob das, was Genie genannt zu werden verdient, auch unter den
-Tieren (oder Pflanzen) sich findet. Es besteht nun, außer den bereits
-entwickelten Kriterien der Begabung, deren Anwendung auf die Tiere
-wohl kaum die Anwesenheit dermaßen ausgezeichneter Individuen unter
-ihnen ergeben dürfte, auch sonst genügende Berechtigung zu der, später
-noch zu begründenden, Annahme, daß es dort nichts irgendwie Ähnliches
-gebe. _Talente_ dürften im Reiche der Tiere vorhanden sein wie unter
-den noch-nicht-genialen Menschen. Aber das, was man vor _Moreau
-de Tours_, _Lombroso_ und _Max Nordau_ immer als den »göttlichen
-Funken« betrachtet hat, das haben wir allen Grund auf die Tiere nicht
-auszudehnen. Diese Einschränkung ist nicht Eifersucht, nicht ängstliche
-Wahrung eines Privilegs, sondern sie läßt sich mit guten Gründen
-verteidigen.
-
-Denn was wird durch das Erstauftreten des Genies _im Menschen_ nicht
-alles erklärt! Der ganze »objektive Geist«, mit anderen Worten, _daß
-der Mensch allein unter allen Lebewesen eine $Geschichte$ hat_!
-
-Die ganze menschliche Geschichte (darunter ist natürlich Geistes- und
-nicht z. B. Kriegsgeschichte zu verstehen), läßt sie sich nicht am
-ehesten begreifen durch das Auftreten des Genies, der Anregungen, die
-von ihm ausgingen, und der Nachahmung dessen, was das Genie tat, durch
-mehr _pithekoide_ Wesen? Des Hausbaues, des Ackerbaues, vor allem aber
-der _Sprache_! Jedes Wort ist von _einem_ Menschen zuerst geschaffen
-worden, von einem Menschen, der über dem Durchschnitt stand, wie dies
-auch heute immer noch ausschließlich geschieht (von den Namen für
-neue technische Erfindungen muß man hiebei freilich absehen). Wie
-sollte es denn auch wohl sonst entstanden sein? Die Urworte _waren_
-»onomatopoetisch«: in sie kam ohne den Willen des Sprechenden, durch
-die bloße Heftigkeit der spezifischen Erregung, ein dem Erreger
-Ähnliches hinein; und alle anderen Worte sind ursprünglich Tropen,
-sozusagen Onomatopoesien zweiter Ordnung, Metaphern, Gleichnisse:
-alle Prosa ist einmal Poesie gewesen. _Die meisten Genies sind also
-unbekannt geblieben._ Man denke nur an die Sprichwörter, selbst an
-die heute trivialsten, wie: »eine Hand wäscht die andere«. Ja, das
-hat doch vor vielen Jahren _ein_ geistvoller Mann zum ersten Male
-gesagt! Anderseits: wie viele Citate aus klassischen Autoren, aus den
-allergelesensten, wie viele _Worte Christi_ kommen uns nicht heute
-vollkommen unpersönlich-sprichwörtlich vor, wie oft müssen wir uns
-erst darauf besinnen, daß wir in diesem Falle den Urheber kennen! Man
-sollte darum nicht von der »Weisheit der Sprache«, von den Vorzügen
-und den glücklichen Ausdrücken »des Französischen« reden. Ebensowenig
-wie das »Volkslied« ist die Sprache von einer Menge geschaffen
-worden. Mit jenen Redensarten sind wir gegen so viele _einzelne_
-undankbar, um ein Volk überreich zu beschenken. Der Genius selbst,
-der sprachschöpferisch war, gehört vermöge seiner Universalität nicht
-bloß der Nation an, aus der er stammt und in deren Sprache er sein
-Wesen ausgedrückt hat. Die Nation orientiert sich an ihren Genien und
-bildet nach ihnen ihren Idealbegriff von sich selbst, der darum nicht
-der Leitstern der Hervorragenden selber, wohl aber jener aller anderen
-sein kann. Aus verwandten Gründen aber wäre auch mehr Vorsicht geboten,
-wenn, wie so oft, Psychologie der Sprache und Völkerpsychologie ohne
-kritische Voruntersuchung als zusammengehörig behandelt werden. Weil
-die Sprache von einzelnen großen Männern geschaffen ist, darum liegt
-in ihr wirklich so viel erstaunliche Weisheit verborgen; wenn ein
-so inbrünstig tiefer Denker wie _Jakob Böhme_ Etymologie treibt, so
-will dies doch etwas mehr sagen, als so mancher Geschichtsschreiber
-der Philosophie begreifen zu können scheint. Von _Baco_ bis Fritz
-_Mauthner_ sind alle _Flach_köpfe _Sprachkritiker_ gewesen.[23]
-
-Der Genius ist es hingegen, der die Sprache nicht kritisiert, sondern
-hervorgebracht hat und immer neu hervorbringt, wie auch all die anderen
-Geisteswerke, die im engeren Sinne den Grundstock der Kultur, den
-»objektiven Geist« bilden, soweit dieser wirklich _Geist_ ist. So sehen
-wir, _daß der zeitlose Mensch jener ist, der die Geschichte schafft:
-Geschichte kann nur von Wesen geschaffen werden, die außerhalb ihrer
-Kausalverkettung stehen._ Denn nur sie treten in jenes unauflösliche
-Verhältnis zum absolut Zeit_losen_, zum Werte, das ihren Produktionen
-einen ewigen Gehalt gibt. Und was aus allem Geschehenen in die Kultur
-eingeht, geht in sie ein unter dem Gesichtspunkte des ewigen Wertes.
-
-Legen wir jenen Maßstab der dreifachen Zeitlosigkeit an den Genius
-an, so werden wir am sichersten auch bei der nun nicht mehr allzu
-schwierigen Entscheidung geleitet werden, wem das Prädikat des
-Genies zuzusprechen ist, und wem es aberkannt werden muß. _Zwischen_
-der populären Meinung, die beispielsweise _Türck_ und _Lombroso_
-vertreten, welche den Begriff des Genies bei jeder über den
-Durchschnitt stärker hinausragenden intellektuellen oder werklichen
-Leistung anzuwenden bereit ist, und der Exklusivität jener Lehren
-_Kant_ens und _Schelling_s, welche einzig im schaffenden Künstler das
-Walten des Genius erblicken wollen, liegt, obwohl in der Mitte, doch
-zweifelsohne diesmal das Richtige. _Der Titel des Genius ist nur den
-großen Künstlern und den großen Philosophen_ (zu denen ich hier auch
-die seltensten Genien, die großen _Religionsstifter_ zähle[24]) _zu
-vindizieren_. Weder der »große Mann der Tat« noch »der große Mann der
-Wissenschaft« haben auf ihn Anspruch.
-
-Die »_Männer der Tat_«, die berühmten Politiker und Feldherren, mögen
-wohl einzelne Züge haben, die an das Genie erinnern (z. B. eine
-vorzügliche Menschenkenntnis, ein enormes Personengedächtnis); auf
-_ihre_ Psychologie kommt diese Untersuchung noch einmal zu sprechen;
-aber mit dem Genius kann sie nur verwechseln, wer schon durch den
-äußeren Aspekt von Größe allein völlig zu blenden ist. Das Genie ist in
-mehr als einem Sinne ausgezeichnet gerade durch den _Verzicht_ auf alle
-Größe _nach außen_, _durch reine innere Größe_. Der wahrhaft bedeutende
-Mensch hat den stärksten Sinn für die _Werte_, der Feldherr-Politiker
-ein fast ausschließliches Fassungsvermögen für die _Mächte_. Jener
-sucht allenfalls die Macht an den Wert, dieser höchstens den Wert an
-die Macht zu knüpfen und zu binden (man erinnere sich an das oben von
-den Unternehmungen der Imperatoren Gesagte). Der große Feldherr, der
-große Politiker, sie steigen aus dem Chaos der _Verhältnisse_ empor wie
-der Vogel Phönix, um zu verschwinden wie dieser. Der große Imperator
-oder große Demagog ist der einzige Mann, der ganz in der Gegenwart
-lebt; er träumt nicht von einer schöneren, besseren Zukunft, er sinnt
-keiner entflossenen Vergangenheit nach; er knüpft sein Dasein an den
-Moment, und sucht nicht auf eine jener beiden Arten, die dem Menschen
-möglich sind, _die Zeit zu überspringen_. Der echte _Genius_ aber macht
-sich in seinem Schaffen nicht abhängig von den konkret-zeitlichen
-Bedingungen seines Lebens, die für den Feldherr-Politiker stets das
-Ding-an-sich bleiben, das, was ihm zuletzt Richtung gibt. So wird der
-große Imperator _zu einem Phänomen der Natur_, der große Denker und
-Künstler steht außerhalb ihrer, er ist eine Verkörperung des Geistes.
-Die Werke des Tatmenschen gehen denn auch meist mit seinem Tode, oft
-schon früher, und nie sehr viel später, spurlos zu Grunde, nur die
-Chronik der Zeit meldet von dem, was da geformt wurde, nur um wieder
-zerstört zu werden. Der Imperator schafft keine Werke, an denen
-die zeitlosen, ewigen _Werte_ in ungeheuerer Sichtbarkeit für alle
-Jahrtausende zum Ausdruck kommen; denn dies sind die Taten des Genius.
-$Dieser$, nicht der andere, $schafft$ die Geschichte, weil er nicht
-_in sie_ gebannt ist, sondern _außerhalb ihrer_ steht. _Der bedeutende
-Mensch hat eine Geschichte, den Imperator hat die Geschichte._ Der
-bedeutende Mensch zeugt die Zeit, der Imperator wird _von_ ihr gezeugt
-und -- getötet.
-
-Ebensowenig wie der große Willensmensch besitzt der große
-_Wissenschaftler_, wenn er nicht zugleich großer Philosoph ist, ein
-Recht auf den Namen des Genius, heiße er sonst _Newton_ oder _Gauß_,
-_Linné_ oder _Darwin_, _Kopernikus_ oder _Galilei_. Die Männer der
-Wissenschaft sind nicht universell, denn es gibt Wissenschaft nur vom
-Fache, allenfalls von Fächern. Das liegt keineswegs, wie man glaubt,
-an der »fortschreitenden Spezialisierung«, die es »unmöglich mache,
-alles zu beherrschen«: es gibt unter den Gelehrten auch im XIX. und XX.
-Jahrhundert noch manch ebenso staunenerregende Polyhistorie, wie sie
-_Aristoteles_, oder wie sie _Leibniz_ besaß; ich erinnere an _Alexander
-v. Humboldt_, an _Wilhelm Wundt_. Jener Mangel liegt vielmehr im
-Wesen aller Wissenschaft und Wissenschaftler tief begründet. Das 8.
-Kapitel erst wird die letzte Differenz, die hier besteht, aufzudecken
-versuchen. Indes ist man vielleicht bereits hier zu dem Zugeständnis
-geneigt, auch der hervorragendste Mann der Wissenschaft sei keine so
-allumfassende Natur wie selbst jene Philosophen es waren, die an der
-äußersten Grenze dessen stehen, wo die Bezeichnung genial noch statthat
-(ich denke an _Schleiermacher_, _Carlyle_, _Nietzsche_). Welcher bloße
-Wissenschaftler fühlte in sich ein unmittelbares Verständnis _aller_
-Menschen, _aller_ Dinge, oder auch nur die Möglichkeit, ein solches
-in sich und aus sich selbst heraus je zu verwirklichen? Ja, welchen
-anderen Sinn hätte denn die wissenschaftliche Arbeit der Jahrtausende,
-als diese unmittelbare Einsicht zu _ersetzen_? Dies ist der Grund,
-warum alle Wissenschaftler _notwendig_ immer »Fachmänner« sind. Es
-kennt auch nie ein Wissenschaftler, der nicht Philosoph ist, selbst
-wenn er noch so Hervorragendes leistete, jenes kontinuierliche,
-nichtsvergessende Leben, das den Genius auszeichnet: eben wegen seines
-Mangels an Universalität.
-
-Schließlich sind die Forschungen des Wissenschaftlers immer in den
-Stand der Kenntnisse seiner Zeit gebannt, er übernimmt einen Fonds von
-Erfahrungen in bestimmter Menge und Gestalt, vermehrt und verändert
-ihn um ein Geringes oder Größeres, und gibt ihn weiter. Aber auch von
-_seinen_ Leistungen wird vieles weggenommen, vieles muß hinzugefügt
-werden, sie dauern als Bücher fort in den Bibliotheken, aber nicht als
-ewige, der Korrektur auch nur in _einem_ Punkte entrückte Schöpfungen.
-Aus den berühmten Philosophien dagegen spricht wie aus den großen
-Kunstwerken ein Unverrückbares, Unverlierbares, eine _Weltanschauung_
-zu uns, an welcher der Fortschritt der Zeiten nichts ändert, die je
-nach der Individualität ihres Schöpfers, welche in ihr sichtbar zum
-Ausdruck gelangte, _immer_ ihm verwandte Menschen findet, die ihr
-anhangen. Es gibt _Platoniker_ und _Aristoteliker_, _Spinozisten_ und
-_Berkeleyaner_, _Thomisten_ und Anhänger _Brunos_ noch heute, aber
-es gibt keinen _Galileianer_ und keine _Helmholtzianer_, nirgends
-_Ptolemäer_, nirgends _Kopernikaner_. Es ist darum ein Unfug und
-verdirbt den Sinn des Wortes, wenn man von »Klassikern der exakten
-Wissenschaften« oder »Klassikern der Pädagogik« ebenso spricht, wie man
-mit gutem Recht von klassischen Philosophen und klassischen Künstlern
-redet.
-
-Der große Philosoph also trägt den Namen des Genius mit Verdienst und
-Ehre; und wenn es auch des Philosophen größter Schmerz in Ewigkeit
-bleibt, daß er nicht Künstler ist -- denn aus keinem anderen Grunde
-wird er Ästhetiker -- so neidet doch nicht minder der Künstler dem
-Philosophen die zähe und wehrhafte Kraft des abstrakten systematischen
-Denkens -- nicht umsonst werden Prometheus und Faust, Prospero und
-Cyprian, der Apostel Paulus und der »Penseroso« ihm Problem. Darum,
-däucht mir, sind beide einander gleich zu achten, und hat keiner vor
-dem anderen allzuviel voraus.
-
-Freilich heißt es auch in der Philosophie mit dem Begriffe der
-Genialität nicht so verschwenderisch umzugehen, als dies gewöhnlich
-zu geschehen pflegt; sonst würde meine Darstellung mit Recht den
-Vorwurf der Parteilichkeit gegen die »positive Wissenschaft« auf sich
-laden, einer Parteilichkeit, die mir selbstverständlich fern liegt,
-da ich einen solchen Angriff ja zunächst als gegen mich selbst und
-einen großen Teil dieser Arbeit gekehrt empfinden müßte. _Anaxagoras_,
-_Geulincx_, _Baader_, _Emerson_ als geniale Menschen zu bezeichnen,
-geht nicht an. Weder unoriginelle Tiefe (_Angelus Silesius_,
-_Philo_, _Jacobi_) noch originelle Flachheit (_Comte_, _Feuerbach_,
-_Hume_, _Mill_, _Herbart_, _Locke_, _Karneades_) sollte auf die
-Anwendung des Begriffes ein Recht erwirken können. Die Geschichte
-der Kunst ist heute in gleicher Weise wie die der Philosophie voll
-der verkehrtesten Wertungen; ganz anders die Geschichte der ihre
-eigenen Ergebnisse fortwährend berichtigenden und nach dem _Umfang_
-dieser _Verbesserungen_ wertenden Wissenschaft. Die Geschichte der
-Wissenschaft verzichtet auf die Biographie ihrer wackersten Kämpfer;
-ihr Ziel ist ein System überindividueller Erfahrung, aus dem der
-einzelne verschwunden ist. In der Hingabe an die Wissenschaft liegt
-darum die _größte_ Entsagung: denn durch sie verzichtet der einzelne
-Mensch als solcher auf _Ewigkeit_.
-
-
-
-
-VI. Kapitel.
-
-Gedächtnis, Logik, Ethik.
-
-
-Die Überschrift, welche ich diesem Kapitel voranstelle, ist sofort und
-mit Leichtigkeit einem schweren Mißverständnis ausgesetzt. Es könnte
-nach ihr scheinen, als huldige der Autor der Ansicht, die logischen
-und ethischen Wertungen seien Objekte ausschließlich der empirischen
-Psychologie, psychische Phänomene ganz so wie die Empfindung und das
-Gefühl, Logik und Ethik also spezielle Disziplinen, Unterabteilungen
-der Psychologie und aus ihr, in ihr zu begründen.
-
-Ich bekenne gleich und vollständig, daß ich diese Anschauung, den
-»Psychologismus«, für gänzlich falsch und verderblich halte; falsch,
-weil das Unternehmen nie gelingen kann, wovon wir uns noch überzeugen
-werden; verderblich, weil es nicht einmal so sehr die hiedurch kaum
-berührte Logik und Ethik als die Psychologie zu Grunde richtet. Der
-Ausschluß der Logik und Ethik von der _Begründung_ der Psychologie und
-ihr Verweis in einen Appendix der letzteren ist das Korrelat zu dem
-Überwuchern der Empfindungslehre, und hat mit dieser zusamt all das auf
-dem Gewissen, was sich heute als »empirische Psychologie« präsentiert:
-jenen Haufen toter Gebeine, denen kein Feinsinn und kein Fleiß mehr
-Leben einhaucht, in denen vor allem die wirkliche _Erfahrung_ nicht
-wiederzuerkennen ist. Was also die unglücklichen Versuche betrifft,
-Logik und Ethik auf den Stufenbau einer, gleichgültig mit welchem
-Mörtel, zusammensetzenden Psychologie, als das zarte, jüngste Kind
-des Seelenlebens, zu setzen, so trage ich wenigstens kein Bedenken,
-gegen _Brentano_ und seine Schule (_Stumpf_, _Meinong_, _Höfler_,
-_Ehrenfels_), gegen Th. _Lipps_ und G. _Heymans_, gegen die ebenfalls
-dahin zu zählenden Meinungen von _Mach_ und _Avenarius_, hier mich
-prinzipiell jener anderen Richtung anzuschließen, deren Positionen
-heute von _Windelband_, _Cohen_, _Natorp_, F. J. _Schmidt_, besonders
-aber von _Husserl_ verteidigt werden (der selbst früher Psychologist
-war, seither aber zu der festesten Überzeugung von der Unhaltbarkeit
-dieses Standpunktes gelangt ist), jener Richtung, welche gegen die
-psychologisch-genetische Methode _Humes_ den transcendental-kritischen
-Gedanken _Kant_ens geltend macht und hochzuhalten weiß.
-
-Da aber die vorliegende Arbeit keine ist, welche mit den allgemeinen,
-überindividuell gültigen Normen des Handelns und Denkens und den
-Bedingungen des Erkennens sich beschäftigte, da sie vielmehr, ihrem
-Ausgangspunkt wie ihrem Ziele nach, eben _Unterschiede_ zwischen
-Menschen festzustellen trachtet, und nicht für beliebige Wesen (selbst
-für »die lieben Engelein« im Himmel) gültig zu sein beansprucht, wie
-die Philosophie _Kant_ens ihren Grundgedanken nach, so durfte und
-mußte sie bisher psychologisch (nicht psycho_logistisch_) sein, und
-wird es weiter bleiben, ohne an den Stellen, wo sich die Notwendigkeit
-herausstellen sollte, zu verabsäumen, selbst eine formale Betrachtung
-zu wagen, oder wenigstens darauf hinzuweisen, daß da oder dort das
-alleinige Recht der logischen, kritischen, transcendentalen Methode
-zustehe.
-
-Der Titel dieses Kapitels rechtfertigt sich anders. Die langwierige,
-weil gänzlich neu zu führende Untersuchung des vorigen hat gezeigt, daß
-das menschliche Gedächtnis zu Dingen in intimer Beziehung steht, mit
-denen man es einer Verwandtschaft bisher nicht für würdig gehalten zu
-haben scheint. Zeit, Wert, Genie, Unsterblichkeit -- all dies vermochte
-sie mit dem Gedächtnis in einem merkwürdigen Zusammenhange zu zeigen,
-dessen Existenz man offenbar noch gar nicht vermutet hat. Dieses fast
-völlige Fehlen aller Hinweise muß einen tieferen Grund haben. Er liegt,
-so scheint es, in den Unzulänglichkeiten und Schlampereien, welche die
-Theorien des Gedächtnisses immer wieder sich haben zu Schulden kommen
-lassen.
-
-Hier lenkt zunächst die schon in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts
-von Charles _Bonnet_ begründete, im letzten Drittel des XIX.
-Jahrhunderts besonders durch Ewald _Hering_ (und E. _Mach_) in Schwung
-gekommene Lehre den Blick auf sich, welche im Gedächtnis des Menschen
-nichts weiter sieht als die »allgemeine Funktion der organisierten
-Materie«, auf neue Reize, die vorangegangenen Reizen mehr oder
-weniger gleichen, anders, leichter und schneller zu reagieren als auf
-erstmalige Irritation. Diese Theorie glaubt also die menschlichen
-Gedächtnisphänomene durch die sonstige Erfahrung der Übungsfähigkeit
-lebender Wesen schon erschöpft, für sie ist das Gedächtnis eine
-Anpassungserscheinung nach _Lamarck_schem Muster. Gewiß, es besteht ein
-Gemeinsames zwischen dem menschlichen Gedächtnis und jenen Tatsachen,
-z. B. gesteigerter Reflexerregbarkeit bei gehäufter Wiederholung der
-Erregungen; das identische Element liegt in dem Fortwirken des ersten
-Eindruckes über den Moment hinaus, und das 12. Kapitel wird auf den
-tiefsten Grund dieser Verwandtschaft noch einmal zurückkommen. Es ist
-aber daneben doch ein abgrundtiefer Unterschied zwischen der Stärkung
-eines Muskels durch Gewöhnung an wiederholte Kontraktion, zwischen der
-Anpassung des Arsenikessers oder des Morphinisten an immer größere
-Quantitäten des Giftes hier, und der Erinnerung des Menschen an
-seine früheren Erlebnisse dort. Auf der einen Seite ist die Spur des
-Alten nur im Neuen verfolgbar, auf der anderen treten früher erlebte
-Situationen wieder, ganz als die _alten_, hervor in das Bewußtsein,
-so wie sie selbst waren, mit aller Individuation ausgestattet, nicht
-zu bloßer Nachwirkung auf den neuen Moment durch ein Residuum nutzbar
-gemacht. Die Identifikation beider Phänomene wäre so ungereimt, daß
-auf eine weitere Besprechung dieser allgemein-biologischen Ansicht
-verzichtet werden kann.
-
-Mit der physiologischen Hypothese hängt die Associationslehre als
-Theorie des Gedächtnisses _historisch_ durch _Hartley_ und _sachlich_
-durch den _Begriff der Gewöhnung_ zusammen. Sie leitet _alles_
-Gedächtnis aus dem mechanischen Spiel der Vorstellungsverknüpfungen
-nach ein bis vier Gesetzen ab. Dabei _übersieht sie, daß das
-Gedächtnis (das kontinuierliche des Mannes) im Grunde eine
-Willenserscheinung ist_. Ich kann mich auf etwas besinnen, wenn ich
-es wirklich _will_, entgegen beispielsweise meiner Schlafsucht, wenn
-ich nur wahrhaft entschlossen bin, diese zu unterdrücken. _In der
-Hypnose, durch welche Erinnerung an alles Vergessene erzielt werden
-kann, tritt der Wille des Fremden an die Stelle des allzu schwachen
-eigenen_ und liefert so wieder den Beweis, daß es der _Wille_ ist,
-_welcher die zweckmäßigen Associationen aufsucht, daß alle Association
-durch die tiefere Apperzeption herbeigeführt wird_. Hier mußte einem
-späteren Abschnitt vorgegriffen werden, welcher das Verhältnis zwischen
-Associations- und Apperzeptionspsychologie klarzustellen und die
-Berechtigung beider abzuwägen suchen wird.
-
-Mit der Associationspsychologie, welche das psychische Leben zuerst
-zerspaltet, und wähnt, im Tanze der einander die Hände reichenden
-Bruchstücke es dann noch zusammenleimen zu können, hängt wiederum enge
-jene dritte Konfusion zusammen, die, ungeachtet des von _Avenarius_
-und besonders von _Höffding_ ungefähr zur gleichen Zeit mit so viel
-Recht erhobenen Einspruches, noch immer das _Gedächtnis_ mit dem
-_Wiedererkennen_ zusammenwirft. Das Wiedererkennen eines Gegenstandes
-braucht durchaus nicht auf der gesonderten Reproduktion des früheren
-Eindruckes zu beruhen, wenn auch in einem Teile der Fälle im neuen
-Eindrucke die Tendenz zu liegen scheint, auf der Stelle den älteren
-wachzurufen. Aber es gibt _daneben_ ein mindestens ebenso häufig
-vorkommendes _unmittelbares_ Wiedererkennen, in welchem nicht die
-neue Empfindung _von sich selbst wegführt_ und wie mit einem Streben
-verknüpft erscheint, sondern wo das Gesehene, Gehörte etc. nur mit
-einer spezifischen _Färbung_ (»tinge« würde _James_ sagen) auftritt,
-mit jenem »Charakter«, den _Avenarius_ »das Notal«, _Höffding_
-»die Bekanntheitsqualität« nennt. Wer in die Heimat zurückkehrt,
-dem scheinen Weg und Steg »bekannt«, auch wenn er nichts mehr zu
-benennen und sich gar nicht leicht zurechtzufinden weiß, und keines
-besonderen Tages gerade gedenkt, an dem er hier gegangen; eine
-Melodie kann mir »bekannt vorkommen«, ohne daß ich weiß, wann und wo
-ich sie gehört habe. Der »Charakter« (im _Avenarius_schen Sinne) der
-_Bekanntheit_, der _Vertrautheit_ etc. schwebt hier sozusagen über
-dem Sinneseindruck selbst, die Analyse weiß nichts von Associationen,
-deren »Verschmelzung« mit meiner neuen Empfindung, nach der Behauptung
-einer anmaßenden Pseudo-Psychologie, jenes unmittelbare Gefühl erst
-_erzeugen_ soll, und sie vermag diese Fälle sehr gut von jenen anderen
-zu unterscheiden, wo schon leise und kaum merklich (in Henidenform) das
-ältere Erlebnis wirklich associiert wird.
-
-Auch individualpsychologisch ist diese Distinktion eine
-Notwendigkeit. Im hochstehenden Menschen ist das Bewußtsein einer
-nicht interrupten Vergangenheit fortwährend so lebendig, daß er,
-etwa beim Wiedererblicken eines Bekannten auf der Gasse, sofort die
-letzte Begegnung als selbständiges Erlebnis reproduziert, während
-im weniger Begabten das einfache Bekanntheitsgefühl, das ihm ein
-Wiedererkennen ermöglicht, oft auch dann _allein_ auftritt, wenn er
-jenes Zusammensein, sogar in seinen Einzelheiten, noch recht gut sich
-zu vergegenwärtigen vermöchte.
-
-Stellen wir nun noch, zum Abschlusse dessen, die Frage, ob die anderen
-Organismen außer dem Menschen ebenfalls jene, von allem Ähnlichen wohl
-zu unterscheidende Fähigkeit besitzen, frühere Augenblicke ihres Lebens
-wieder _in ihrer Gänze aufleben zu lassen_, so ist diese Frage mit
-der größten Wahrscheinlichkeit im verneinenden Sinne zu beantworten.
-Die Tiere könnten nicht, wie sie es tun, stundenlang regungslos und
-ruhig auf einem Flecke verharren, wenn sie an ihr vergangenes Leben
-zurückdächten oder eine Zukunft in Gedanken vorausnähmen. Die Tiere
-haben Bekanntheitsqualitäten und Erwartungsgefühle (der die Heimkehr
-des Herrn nach zwanzig Jahren begrüßende Hund; die Schweine vor dem
-Tore des Metzgers, die zur Belegung geführte rossige Stute), aber
-sie besitzen keine Erinnerung und keine Hoffnung. _Sie vermögen
-wiederzuerkennen_ (mit Hilfe des »Notals«), _aber sie haben kein
-Gedächtnis_.
-
-Ist so das Gedächtnis als eine besondere, mit niederen Gebieten
-psychischen Lebens nicht zu verwechselnde Eigenschaft dargetan, scheint
-es zudem ausschließlicher Besitz des Menschen zu sein, so wird es nicht
-mehr wundernehmen, daß es mit jenen höheren Dingen, wie dem Wert- und
-Zeitbegriff, dem keinem Tiere eignenden Unsterblichkeitsbedürfnisse,
-der nur dem Menschen möglichen Genialität, in einem Zusammenhange
-steht. Und wenn es einen einheitlichen Begriff vom Menschen gibt, ein
-tiefstes _Wesen_ der Menschheit, das in allen besonderen Qualitäten
-des Menschen zum Ausdrucke kommt, so wird man es geradezu _erwarten_
-müssen, daß auch die logischen und ethischen Phänomene, die den anderen
-Lebewesen allem Anscheine nach ebenso abgehen wie das Gedächtnis, mit
-diesem irgendwo sich berühren werden. Diese Beziehung heißt es nun
-aufsuchen.
-
-Es kann zu dem Behufe von der wohlbekannten Tatsache ausgegangen
-werden, daß _Lügner_ ein schlechtes Gedächtnis haben. Vom
-»pathologischen _Lügner_« steht es fest, daß er nahezu überhaupt »kein
-Gedächtnis hat«. Auf den männlichen Lügner komme ich im folgenden
-noch einmal zu sprechen; er bildet nicht die Regel unter den Männern.
-Faßt man hingegen ins Auge, was früher über das Gedächtnis der Frauen
-gesagt wurde, so wird man es neben die angeführte Erscheinung der
-mangelnden Erinnerungsgabe verlogener Männer stellen dürfen, wenn so
-viele Sprichwörter und Erzählungen, wenn Dichtung und Volksmund vor
-der Lügenhaftigkeit des Weibes warnen. Es ist klar: einem jeden Wesen,
-dessen Gedächtnis ein so minimales wäre, daß, was es gesagt, getan,
-erlitten hat, später nur im dürftigsten Grade von Bewußtheit ihm noch
-gegenwärtig bliebe, einem jeden solchen Wesen muß, wenn ihm die Gabe
-der Sprache verliehen ist, die Lüge leicht fallen, und dem Impulse
-zu ihr wird, wenn es auf die Erreichung praktischer Zwecke ankommt,
-von einem so beschaffenen Individuum, dem nicht der wahre Vorgang
-mit voller Intensität vorschwebt, schwer widerstanden werden können.
-Und noch stärker muß sich diese Versuchung geltend machen, wenn das
-Gedächtnis dieses Wesens nicht von jener kontinuierlichen Art ist, die
-nur der Mann kennt, sondern wenn das Wesen, wie W, sozusagen nur in
-Augenblicken, diskret, diskontinuierlich, zusammenhanglos lebt, in den
-zeitlichen Ereignissen _aufgeht_, statt _über_ ihnen zu _stehen_, oder
-den Zeitablauf wenigstens zum _Problem_ zu erheben; wenn es nicht, wie
-M, alle seine Erlebnisse auf einen einheitlichen _Träger_ derselben
-bezieht, sie von _diesem auf sich nehmen läßt_, wenn ein _»Zentrum«
-der Apperzeption fehlt_, dem alle Vergangenheit stets in einheitlicher
-Weise zugezählt wird, _wenn das Wesen sich nicht_ als _eines und selbes
-in allen seinen Lebenslagen fühlt und weiß_. Es kommt zwar wohl auch
-bei jedem Manne vor, daß er sich einmal »nicht versteht«, ja bei sehr
-vielen Männern ist es, wenn sie an ihre Vergangenheit zurückdenken,
-ohne daß dies mit den Phänomenen der psychischen Periodizität in
-Verbindung gebracht werden dürfte[25], die Regel, daß sie die
-Substitution ihrer gegenwärtigen Persönlichkeit für den Träger jener
-älteren Erlebnisse nicht leicht auszuführen vermögen, daß sie nicht
-begreifen, wie sie dies oder jenes damals denken oder tun konnten;
-_und doch wissen und fühlen sie sehr wohl, daß sie es trotzdem gedacht
-und getan haben, und zweifeln nicht im mindesten daran_. Dieses Gefühl
-der Identität in allen Lebenslagen fehlt dem echten Weibe völlig, da
-sein Gedächtnis, selbst wenn es -- das kommt in einzelnen Fällen vor
--- auffallend gut ist, _stets alle Kontinuität vermissen läßt_. Das
-Einheitsbewußtsein des Mannes, der sich in seiner Vergangenheit oft
-nicht versteht, äußert sich in dem _Bedürfnisse sich zu verstehen_, und
-diesem Bedürfnis _immaniert die $Voraussetzung$_, daß er stets _ein
-und derselbe_ trotz seines Sichjetztnichtverstehens gewesen ist; die
-Frauen verstehen sich, wenn sie an ihr früheres Leben zurückdenken,
-_nie, haben aber auch kein Bedürfnis sich zu verstehen_, wie man schon
-aus dem geringen Interesse entnehmen kann, das sie den Worten des
-Mannes entgegenbringen, der ihnen etwas über sie selbst sagt. _Die Frau
-interessiert sich nicht für sich_ -- darum gibt es keine weibliche
-Psychologin und keine Psychologie des Weibes von einem Weibe -- und
-ganz unfaßbar wäre ihr das krampfhafte, echt männliche Bemühen, die
-eigene Vergangenheit als eine _logische_ Folge von _kontinuierlichem_,
-lückenlos kausal geordnetem, nicht sprunghaftem Geschehen zu
-interpretieren, Anfang, Mitte, Ende des individuellen Lebens zueinander
-in Beziehung zu bringen.
-
-Von hier aus aber ist auch die Brücke zur Logik durch einen
-Grenzübergang zu schlagen möglich. Ein Wesen, das, wie W, das absolute
-Weib, sich nicht in den aufeinanderfolgenden Zeitpunkten als identisch
-wüßte, hätte auch keine Evidenz der Identität seines Denkobjektes
-zu verschiedenen Zeiten; da, wenn beide Teile, der Veränderung
-unterworfen sind, sozusagen das absolute Koordinatensystem fehlt, auf
-das Veränderung bezogen, mit Hilfe dessen Veränderung einzig bemerkt
-werden könnte. Ja ein Wesen, dessen Gedächtnis nicht einmal so weit
-reichte, um ihm die psychologische Möglichkeit zu gestatten, das Urteil
-zu fällen, ein Gegenstand oder ein Ding sei trotz des Zeitablaufes mit
-sich selbst identisch geblieben, um es also z. B. zu befähigen, irgend
-eine mathematische Größe in einer längeren Rechnung als dieselbe zu
-verwenden, einzusetzen und festzuhalten; _ein solches Wesen würde im
-extremen Falle auch nicht imstande sein, vermöge seines Gedächtnisses
-die unendlich klein gesetzte Zeit zu überwinden, welche (psychologisch)
-jedenfalls erforderlich ist, um von A zu sagen, daß es im nächsten
-Momente doch noch A sei, um das Urteil der Identität A = A zu fällen,
-oder den Satz des Widerspruches auszusprechen, der voraussetzt, daß ein
-A nicht sofort dem Denkenden entschwinde; denn sonst könnte es das A
-vom non-A, das nicht A ist, und das es wegen der Enge des Bewußtseins
-nicht gleichzeitig ins Auge zu fassen vermag, nicht wirklich
-unterscheiden_.
-
-Das ist kein bloßer Scherz des Gedankens, kein neckisches Sophisma
-der Mathematik, keine verblüffende Konklusion aus durchgeschmuggelten
-Prämissen. Zwar bezieht sich sicherlich -- es muß das, um möglichen
-Einwänden zu begegnen, der folgenden Untersuchung vorweggenommen
-werden -- das Urteil der Identität immer auf _Begriffe_, nie auf
-Empfindungen oder Komplexe von solchen, und die Begriffe sind als
-logische Begriffe zeitlos, sie behalten ihre Konstanz, ob ich sie
-als psychologisches Subjekt konstant denke oder nicht. Aber der
-Mensch denkt den Begriff eben nie rein als logischen Begriff, _weil
-er kein rein logisches, sondern auch ein psychologisches_, »von den
-Bedingungen der Sinnlichkeit affiziertes« _Wesen ist_, er kann an
-seiner Statt immer nur eine, aus seinen individuellen Erfahrungen
-durch wechselseitige Auslöschung der Differenzen und Verstärkung des
-Gleichartigen hervorgewachsene Allgemeinvorstellung (eine »typische«,
-»konnotative«, »repräsentative« Vorstellung) denken, _die aber das
-abstrakte Moment der Begrifflichkeit erhalten und wunderbarer Weise in
-diesem Sinne verwertet werden kann_. Er muß also auch die Möglichkeit
-haben, die Vorstellung, in welcher er den de facto _unanschaulichen_
-Begriff _anschaulich_ denkt, zu bewahren, zu konservieren;
-diese Möglichkeit hinwiederum wird ihm nur durch das Gedächtnis
-gewährleistet. Fehlte ihm also das Gedächtnis, so wäre für ihn auch
-die Möglichkeit dahin, logisch zu denken, jene Möglichkeit, die sich
-sozusagen immer nur an einem _psychologischen_ Medium _inkarniert_.
-
-Also ist der Beweis streng geführt, daß mit dem Gedächtnis auch die
-Fähigkeit erlischt, die logischen Funktionen auszuüben. Die Sätze der
-Logik werden hiedurch nicht tangiert, nur die Kraft, sie anzuwenden,
-ist dargetan als an jene Bedingung gebunden. Der Satz A = A nun hat
-_psychologisch_ stets eine Beziehung zur _Zeit_, insoferne er nur
-im _Gegensatze_ zur Zeit _ausgesprochen_ werden kann: A_{t_{1}} =
-A_{t_{2}}. _Logisch_ wohnt ihm diese Beziehung freilich nicht inne;
-wir werden aber noch darüber Aufschluß erhalten, warum er rein logisch
-_als $besonderes$ Urteil keinen $speziellen$ Sinn_ hat und dieser
-_psychologischen_ Folie so sehr bedarf. Psychologisch ist demnach das
-Urteil nur in _Relation zur Zeit_ vollziehbar, als deren eigentliche
-_Negation_ es sich darstellt.
-
-Ich habe aber früher das stetige Gedächtnis als die Überwindung
-der Zeit, und eben damit als die psychologische _Bedingung_ der
-Zeit_auffassung_ erwiesen. _So präsentiert sich denn die Tatsache des
-kontinuierlichen Gedächtnisses als der $psychologische$ Ausdruck des
-$logischen$ Satzes der Identität._[26] Dem absoluten Weibe, dem jenes
-fehlt, kann auch dieser Satz nicht Axiom seines Denkens sein. $Für das
-absolute Weib gibt es kein Principium identitatis (und contradictionis
-und exclusi tertii).$
-
-Aber nicht nur diese drei Prinzipien; auch das vierte der logischen
-Denkgesetze, _der Satz vom Grunde_, der von jedem Urteil eine
-Begründung verlangt, die es für alle Denkenden notwendig mache, hängt
-mit dem Gedächtnis aufs innigste zusammen.
-
-Der Satz vom zureichenden Grunde ist der Nerv, das Prinzip des
-Syllogismus. Die Prämissen eines Schlusses sind aber psychologisch
-immer frühere, der Konklusion zeitlich vorhergehende _Urteile_, die vom
-Denkenden ebenso festgehalten werden müssen, wie die _Begriffe_ durch
-die Sätze von der Identität und vom Widerspruch gleichsam _geschützt_
-werden. Die Gründe eines Menschen sind immer in seiner Vergangenheit zu
-suchen. Darum hängt die Kontinuität, welche das Denken des Menschen als
-Maxime gänzlich beherrscht, mit der Kausalität so enge zusammen. Jedes
-_psychologische_ In-Kraft-Treten des Satzes vom Grunde setzt demzufolge
-kontinuierliches, alle Identitäten wahrendes _Gedächtnis_ voraus. Da W
-dieses Gedächtnis so wenig als Kontinuität sonst irgend kennt, _so gibt
-es für sie auch kein Principium rationis sufficientis_.
-
-_Es ist also richtig, daß das Weib keine Logik besitzt._
-
-Georg _Simmel_ hat diese alte Erkenntnis als unhaltbar bezeichnet,
-weil die Frauen oft mit äußerster, strengster Konsequenz Folgerungen
-zu ziehen wüßten. Daß die Frau in einem _konkreten_ Falle, wo es ihr
-_zur Erreichung irgend eines Zweckes_ paßt und dringend notwendig
-scheint, unerbittlich folgert, ist so wenig ein Beweis dafür, daß sie
-ein Verhältnis zum Satz vom Grunde hat, wie es ein Beweis für ein
-Verhältnis zum Satz der Identität ist, daß sie so oft hartnäckig
-ein und dasselbe behauptet, und immer wieder auf ihr erstes, längst
-widerlegtes, Wort zurückkommt. _Die Frage ist, ob jemand die logischen
-Axiome als Kriterien der Gültigkeit seines Denkens, als Richter
-über das, was er sagt, anerkennt oder nicht, ob er sie zur steten
-Richtschnur und Norm seines Urteils macht._ Eine Frau nun sieht nie
-ein, _daß man alles auch begründen müsse_; da sie keine Kontinuität
-hat, empfindet sie auch kein Bedürfnis nach der logischen Stützung
-alles Gedachten: _daher die Leichtgläubigkeit $aller$ Weiber_. Also im
-Einzelfall mögen sie konsequent sein, aber dann ist die Logik nicht
-Maßstab, sondern Werkzeug, nicht Richter, sondern meistens Henker.
-Dagegen wird eine Frau durchaus, wenn sie eine Ansicht äußerte, und der
-Mann so dumm wäre, dies überhaupt ernst zu nehmen und einen Beweis von
-ihr verlangte, ein solches Ansinnen als unbequem und lästig, als gegen
-ihre Natur gerichtet empfinden. _Der Mann fühlt sich vor sich selbst
-beschämt, er fühlt sich schuldig, wenn er einen Gedanken, habe er ihn
-nun geäußert oder nicht, zu begründen unterlassen hat_, weil er die
-Verpflichtung dazu fühlt, die logische Norm einzuhalten, die er ein für
-allemal über sich gesetzt hat. Die Frau erbittert die Zumutung, ihr
-Denken von der Logik _ausnahmslos_ abhängig zu machen. _Ihr mangelt das
-intellektuelle Gewissen._ Man könnte bei ihr von »_logical_ insanity«
-sprechen.
-
-Der häufigste Fehler, den man an der weiblichen Rede entdecken würde,
-wollte man sie wirklich auf ihre Logizität prüfen (was jeder Mann
-gewöhnlich unterläßt und schon damit seine Verachtung der weiblichen
-Logik kundgibt), wäre die quaternio terminorum, jene Verschiebung, die
-eben aus der Unfähigkeit des Festhaltens _bestimmter_ Vorstellungen,
-aus dem Mangel eines Verhältnisses zum Satze der Identität, hervorgeht.
-Die Frau erkennt nicht von selbst, daß sie an diesen Satz sich halten
-müsse, er ist ihr nicht oberstes Kriterium ihrer Urteile. Der Mann
-fühlt sich zur Logik verpflichtet, die Frau nicht; nur darauf aber
-kommt es an, nur jenes Gefühl der Schuldigkeit kann eine Bürgschaft
-dafür bieten, daß von einem Menschen immer und ewig logisch zu denken
-gestrebt werde. Es ist vielleicht der tiefste Gedanke, welchen
-_Descartes_ je geäußert hat, und wohl darum so wenig verstanden und
-meist als schreckliche Irrlehre hingestellt: _daß aller Irrtum eine
-Schuld ist_.
-
-Aber Quell alles Irrtums ist im Leben auch immer ein Mangel an
-Gedächtnis. So hängen Logik wie Ethik, die sich eben in der
-Wahrheitsforderung berühren und im höchsten Werte der Wahrheit
-zusammentreffen, wieder beide auch mit dem Gedächtnis zusammen. Und es
-dämmert uns auch bereits die Erkenntnis auf, daß _Platon_ so Unrecht
-nicht hatte, wenn er die Einsicht mit der Erinnerung in Zusammenhang
-brachte. Das Gedächtnis ist zwar kein logischer und ethischer _Akt_,
-aber zumindest ein logisches und ethisches _Phänomen_. Ein Mensch
-z. B., der eine wahrhaft tiefe Empfindung gehabt hat, empfindet es als
-sein Unrecht, wenn er, sei's auch durch äußeren Anlaß genötigt, eine
-halbe Stunde darauf schon an etwas ganz anderes denkt. Der Mann kommt
-sich gewissenlos und unmoralisch vor, wenn er bemerkt, daß er an irgend
-einen Punkt seines Lebens längere Zeit hindurch nicht gedacht hat.
-Das Gedächtnis ist ferner schon deshalb moralisch, weil es allein die
-_Reue_ ermöglicht. _Alles Vergessen hingegen ist an sich unmoralisch._
-Darum ist _Pietät_ eben auch _sittliche_ Vorschrift: es ist $Pflicht$,
-$nichts$ zu vergessen; und nur insofern hat man der Verstorbenen
-besonders zu gedenken. Darum auch sucht der Mann, aus logischen und
-ethischen Motiven in gleichem Maße, in seine Vergangenheit Logik zu
-bringen, alle Punkte in ihr zur Einheit zu ordnen.
-
-_Wie mit einem Schlage ist hier an den tiefen Zusammenhang von Logik
-und Ethik gerührt, den Sokrates und Plato geahnt haben, Kant und Fichte
-neu entdecken mußten, auf daß er später wieder vernachlässigt würde und
-den Lebenden ganz in Verlust geriete._
-
-Ein Wesen, das nicht begreift oder nicht anerkennt, daß A und non-A
-einander ausschließen, wird durch nichts mehr gehindert zu lügen;
-vielmehr, es gibt für ein solches Wesen gar keinen _Begriff_ der Lüge,
-weil ihr Gegenteil, die Wahrheit, als das Maß ihm abgeht; ein solches
-Wesen kann, wenn ihm dennoch Sprache verliehen ist, _lügen, ohne es zu
-wissen_, ja ohne die Möglichkeit, zu erkennen, daß es lügt, da es des
-Kriteriums der Wahrheit entbehrt. »Veritas norma sui et falsi est.« Es
-gibt nichts Erschütternderes für einen Mann, als wenn er, einem Weibe
-auf eine Lüge gekommen, sie fragt: »Was lügst Du?« und dann gewahren
-muß, _wie sie diese Frage gar nicht versteht_ und, ohne zu begreifen,
-ihn angafft, oder lächelnd _ihn_ zu beruhigen sucht -- oder gar in
-Tränen ausbricht.
-
-Denn mit dem Gedächtnis allein ist die Sache nicht erledigt. Es ist
-auch unter den Männern die Lüge genug verbreitet. Und es kann gelogen
-werden trotz der _Erinnerung_ an den tatsächlichen Sachverhalt, an
-dessen Stelle zu irgend welchem Zwecke ein anderer gesetzt wird. Ja,
-nur von einem solchen Menschen, der, trotz seinem besseren Wissen und
-Bewußtsein, den Tatbestand fälscht, kann eigentlich _mit Recht_ gesagt
-werden, daß er lüge. Und es muß ein Verhältnis zur Idee der Wahrheit
-als des höchsten Wertes der Logik wie der Ethik _da sein_, damit von
-einer Unterdrückung dieses Wertes zugunsten fremder Motive die Rede
-sein könne. Wo dieses fehlt, kann man nicht von _Irrtum_ und _Lüge_,
-sondern höchstens von _Verirrtheit_ und _Verlogenheit_ sprechen; nicht
-von _$anti$moralischem_, sondern nur von _$a$moralischem_ Sein. _Das
-Weib also ist $a$moralisch._
-
-Jenes absolute Unverständnis für den _Wert der Wahrheit an sich_
-muß demnach tiefer liegen. Aus dem kontinuierlichen Gedächtnis
-ist, da der Mann ebenfalls, ja eigentlich _nur $er$ lügt_, die
-Wahrheits_forderung_, das Wahrheits_bedürfnis_, das eigentliche
-ethisch-logische Grundphänomen, nicht _abzuleiten_, sondern es steht
-damit nur in engem _Zusammenhange_.
-
-Das, was einem Menschen, einem Manne ein aufrichtiges Verhältnis
-zur Idee der Wahrheit ermöglicht, und was ihn deshalb einzig an der
-Lüge zu hindern imstande ist, das kann nur etwas von aller Zeit
-Unabhängiges, durchaus Unveränderliches sein, welches die alte Tat im
-neuen Augenblick ganz ebenso als wirklich _setzt_ wie im früheren,
-weil es _es selbst_ geblieben ist, an der Tatsache, daß _es_ die
-Handlung so vollzogen hat, nichts ändern läßt und nicht rütteln will;
-es kann nur dasselbe sein, auf das alle diskreten Erlebnisse bezogen
-werden, und das so ein kontinuierliches Dasein erst schafft; es ist
-eben dasselbe, das zum Gefühl der _Verantwortlichkeit_ für die eigenen
-Taten drängt und den Menschen alle Handlungen, die jüngsten wie die
-ältesten, _verantworten_ zu können trachten läßt, das zum Phänomen
-der _Reue_, zum _Schuldbewußtsein_ führt, das heißt zur _Zurechnung
-vergangener Dinge an ein ewig Selbes und darum auch Gegenwärtiges_, zu
-einer Zurechnung, die in viel größerer Feinheit und Weite geschieht,
-als durch das öffentliche Urteil und die Normen der Gesellschaft je
-erreicht werden könnte, einer Zurechnung, die von allem Sozialen
-gänzlich unabhängig das Individuum an sich selbst vollzieht; weshalb
-alle Moralpsychologie, welche die Moral auf das soziale Zusammenleben
-der Menschen begründen und ihren Ursprung auf dieses zurückführen
-will, in Grund und Boden falsch und verlogen ist. Die Gesellschaft
-kennt den Begriff des _Verbrechens_, aber nicht den der _Sünde_, sie
-zwingt zur _Strafe_, ohne _Reue_ erreichen zu wollen; die Lüge wird
-vom Strafgesetz nur in ihrer, _öffentlichen Schaden_ zufügenden,
-feierlichen Form des Meineides geahndet, und der Irrtum ist noch
-nie unter die Vergehungen gegen das geschriebene Gesetz gestellt
-worden. Die Sozialethik, die da fürchtet, der Nebenmensch komme bei
-jedem ethischen Individualismus zu kurz, und _darum_ von Pflichten
-des Individuums gegen die Gesellschaft und gegen die 1500 Millionen
-lebender Menschen faselt, _erweitert_ also nicht, wie sie glaubt,
-das Gebiet der Moral, sondern _beschränkt_ es in unzulässiger und
-verwerflicher Weise.
-
-Was ist nun jenes über Zeit und Veränderung Erhabene, jenes »Zentrum
-der Apperzeption«?
-
-»Es kann nichts Mindereres sein, als was den Menschen über sich selbst
-(als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der
-Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann, und die zugleich die
-ganze Sinnenwelt ..... unter sich hat. Es ist nichts anderes als die
-_Persönlichkeit_.«
-
-Auf ein von allem empirischen Bewußtsein verschiedenes _»intelligibles«
-$Ich$_ hat das erhabenste Buch der Welt, die »Kritik der praktischen
-Vernunft«, der diese Worte entnommen sind, die Moral als auf ihren
-Gesetzgeber zurückgeführt.
-
-Hiemit steht die Untersuchung beim Problem des Subjektes, und dieses
-bildet ihren nächsten Gegenstand.
-
-
-
-
-VII. Kapitel.
-
-Logik, Ethik und das Ich.
-
-
-Bekanntlich hat David _Hume_ den Ich-Begriff einer Kritik unterzogen,
-die in ihm nur ein »Bündel« verschiedener, in fortwährendem Flusse und
-Bewegung befindlicher »Perzeptionen« entdeckte. So sehr auch _Hume_ das
-Ich hiedurch kompromittiert fand, er trägt seine Anschauung relativ
-bescheiden vor, und salviert sich dem Wortlaute nach tadellos. Von
-einigen Metaphysikern nämlich, erklärt er, müsse man absehen, die sich
-eines anderen Ichs zu erfreuen meinten; er selbst sei ganz gewiß,
-keines zu haben, und glaube annehmen zu dürfen, daß es auch von den
-übrigen Menschen (von jenen paar Käuzen natürlich werde er sich wohl
-hüten, zu reden) gelte, daß sie nichts seien als Bündel. So drückt
-sich der Weltmann aus. Im nächsten Kapitel wird sich zeigen, wie seine
-Ironie auf ihn selbst zurückfällt. Daß sie so berühmt wurde, liegt an
-der allgemeinen Überschätzung Humes, an der _Kant_ die Schuld trägt.
-Hume war ein ausgezeichneter empirischer Psychologe, aber er ist
-keineswegs ein Genie zu nennen, wie das meistens geschieht; es gehört
-zwar nicht eben viel dazu, der größte englische Philosoph zu sein, aber
-Hume hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten Anspruch. Und wenn
-Kant (trotz den »Paralogismen«) den _Spinozismus_ a limine deswegen
-zurückgewiesen hat, weil nach diesem die Menschen nicht Substanzen,
-sondern bloße Accidenzen sind, und ihn mit jener seiner »ungereimten«
-Grundidee schon für erledigt ansah -- so möchte ich wenigstens nicht
-dafür einstehen, ob er sein Lob des Engländers nicht beträchtlich
-gedämpft hätte, wäre ihm auch der »Treatise« desselben bekannt gewesen
-und nicht bloß der spätere »Inquiry«, in welchen, wie man weiß, Hume
-seine Kritik des Ichs nicht aufgenommen hat.
-
-_Lichtenberg_, der nach Hume gegen das Ich zu Felde zog, war schon
-kühner als dieser. Er ist der Philosoph der Unpersönlichkeit
-und korrigiert nüchtern das _sprachliche_ »Ich denke« durch ein
-sachliches »es denkt«; so ist ihm das Ich eigentlich eine Erfindung
-der _Grammatiker_. Hierin war ihm übrigens Hume doch insofern
-vorangegangen, als auch er am Schlusse seiner Auseinandersetzungen
-allen Hader um die Identität der Person für einen bloßen Wortstreit
-erklärt hatte.
-
-In jüngster Zeit hat E. _Mach_ das Weltall als eine zusammenhängende
-Masse aufgefaßt und die Ichs als Punkte, in denen die zusammenhängende
-Masse stärkere Konsistenz habe. Das einzig Reale seien die
-Empfindungen, die im einen Individuum untereinander stark, mit jenen
-eines anderen aber, welches man _darum_ vom ersten unterscheide,
-schwächer zusammenhingen. Der Inhalt sei die Hauptsache und bleibe
-stets auch in anderen erhalten bis auf die wertlosen (!) persönlichen
-Erinnerungen. Das Ich sei keine reale, nur eine praktische Einheit,
-_unrettbar_, darum könne man auf individuelle Unsterblichkeit (gerne)
-verzichten; doch sei es nichts Tadelnswertes, hie und da, besonders zu
-Zwecken des _Darwin_schen Kampfes ums Dasein, sich so zu benehmen, als
-ob man ein Ich besäße.
-
-Es ist wunderlich, wie ein Forscher, der nicht nur als Historiker
-seiner Spezialwissenschaft und Kritiker ihrer Begriffe so
-Ungewöhnliches geleistet hat wie _Mach_, sondern auch in biologischen
-Dingen überaus kenntnisreich ist und auf die Lehre von diesen vielfach,
-direkt und indirekt, anregend gewirkt hat, gar nicht auf die Tatsache
-Rücksicht nimmt, daß alle organischen Wesen zunächst _unteilbar_, also
-doch irgendwie Atome, Monaden sind (vgl. Teil I, Kap. 3, S. 48). Das
-ist ja doch der erste Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebtem,
-daß jenes _immer_ differenziert ist zu ungleichartigen, aufeinander
-angewiesenen Teilen, während selbst der geformte Kristall durchaus
-gleichgeartet ist. Darum sollte man doch, wenigstens als Eventualität,
-die Möglichkeit in Betracht ziehen, ob nicht allein aus der
-Individuation, der Tatsache, daß die organischen Wesen im allgemeinen
-nicht zusammenhängen wie die siamesischen Zwillinge, auch etwas für
-das Psychische sich ergibt, _mehr_ Psychisches zu erwarten ist als das
-_Mach_sche Ich, dieser bloße _Wartesaal_ für Empfindungen.
-
-Es ist zu glauben, daß solch ein psychisches Korrelat schon bei den
-Tieren existiert. Alles, was ein Tier fühlt und empfindet, hat wohl bei
-jedem Individuum eine verschiedene Note oder Färbung, die nicht nur die
-seiner Klasse, Gattung und Art, seiner Rasse und Familie eigentümliche
-ist, sondern in jedem einzelnen Wesen sich von der in jedem anderen
-unterscheidet. Das Idioplasma ist das physiologische Äquivalent zu
-dieser _Spezifität_ aller Empfindungen und Gefühle jedes besonderen
-Tieres, und es sind analoge Gründe wie die Gründe der Idioplasmatheorie
-(vgl. Teil I, Kap. 2, S. 20 und Teil II, Kap. 1, S. 102 f.), welche
-die Vermutung nahe legen, daß es einen _empirischen Charakter_ auch
-bei den Tieren gibt. Der Jäger, der mit Hunden, der Züchter, der mit
-Pferden, der Wärter, der mit Affen zu tun hat, wird die Singularität
-nicht nur, sondern auch die Konstanz im Verhalten jedes einzelnen
-Tieres bestätigen. Also jedenfalls ist schon hier ein über das bloße
-Rendezvous der »Elemente« Hinausgehendes ungemein _wahrscheinlich_.
-
-Wenn nun auch dieses psychische Korrelat zum Idioplasma existiert,
-wenn sicherlich selbst die Tiere eine Eigenart haben, so hat diese
-doch immer noch mit dem intelligiblen Charakter nichts zu tun, den
-wir bei keinem lebenden Wesen vorauszusetzen einen Grund haben,
-als beim Menschen. Es verhält sich der intelligible Charakter des
-Menschen, die _Individualität_, zum empirischen Charakter, der bloßen
-_Individuation_, wie das Gedächtnis zum einfachen unmittelbaren
-Wiedererkennen. Die Gründe aber, aus denen beim Menschen die Existenz
-eines solchen noumenalen, transempirischen Subjektes erschlossen werden
-darf, müssen nun in Kürze dargelegt werden. Sie ergeben sich aus der
-Logik und der Ethik.
-
-In der Logik handelt es sich um die wahre Bedeutung des Prinzipes
-der Identität (und des Widerspruches; die vielen Kontroversen über
-deren Vorrang vor einander und die richtigste Form ihres Ausdruckes
-kommen hier wenig in Betracht). _Der Satz A = A ist unmittelbar gewiß
-und evident._ Er ist zugleich das Urmaß der Wahrheit für alle anderen
-Sätze; wenn ihm irgendwo einer widerspräche, so oft in einem speziellen
-Urteil der Prädikatsbegriff von einem Subjekte etwas aussagte, das dem
-Begriffe desselben widerspräche, würden wir es für falsch halten; und
-als Gesetz unseres Richtspruches würde sich uns, wenn wir nachsinnen,
-zuletzt dieser Satz ergeben. Er ist das Prinzip von wahr und falsch;
-und wer ihn für eine Tautologie erachtet, die nichts besage und unser
-Denken nicht fördere, wie dies so oft geschehen ist, von _Hegel_
-und später von fast allen _Empiristen_ -- es ist dies nicht der
-einzige Berührungspunkt zwischen den scheinbar so unversöhnlichen
-Gegensätzen -- der hat ganz recht, aber die Natur des Satzes schlecht
-verstanden. A = A, das _Prinzip aller_ Wahrheit, kann nicht selbst
-eine _spezielle_ Wahrheit sein. Wer den Satz der Identität oder des
-Widerspruches inhaltsleer findet, hat es sich selbst zuzuschreiben.
-Er glaubte in ihnen besondere Gedanken zu finden, was er hoffte, war
-eine Bereicherung seines Fonds an positiven Kenntnissen. Aber jene
-Sätze sind nicht selbst Erkenntnisse, besondere Denkakte, sondern das
-_Maß, das an alle Denkakte angelegt wird. Dieses kann nicht selbst ein
-Denkakt sein, der mit den anderen sich irgend vergleichen ließe. Die
-Norm des Denkens kann nicht im Denken selbst gelegen sein._ Der Satz
-von der Identität fügt unserem Wissen nichts hinzu, er vermehrt nicht
-einen Reichtum, den er vielmehr gänzlich erst _begründet_. _Der Satz
-von der Identität ist entweder nichts, oder er ist alles._
-
-Worauf bezieht sich der Satz der Identität und der Satz des
-Widerspruches? Man meint gewöhnlich: auf Urteile. _Sigwart_ z. B., der
-gar den letzteren nur so formuliert: »Die beiden Urteile, A ist B,
-und A ist nicht B, können nicht zugleich wahr sein«, behauptet, das
-Urteil: »Ein ungelehrter Mensch ist gelehrt« involviere deshalb einen
-Widerspruch, »weil das Prädikat gelehrt einem Subjekte zugesprochen
-wird, von welchem durch das Urteil, das implicite in seiner Bezeichnung
-mit dem Subjektsworte ‚ungelehrter Mensch’ liegt, behauptet war, es
-sei nicht gelehrt; es läßt sich also zurückführen auf die zwei Urteile
-X ist gelehrt und X ist nicht gelehrt« etc. Der Psychologismus dieser
-Beweisführung springt ins Auge. Sie rekurriert auf ein _zeitlich_ der
-Bildung des Begriffes von einem ungelehrten Menschen vorhergehendes
-Urteil. Der obige Satz aber, A ist nicht non-A, beansprucht Gültigkeit,
-ganz einerlei, ob es überhaupt andere Urteile gibt, gegeben hat
-oder geben wird. Er bezieht sich auf den _Begriff_ des ungelehrten
-Menschen. Diesen Begriff _sichert_ er durch Ausschließung aller ihm
-widersprechenden Merkmale.
-
-_Hierin_ liegt die wahre Funktion der Sätze vom Widerspruch und von der
-Identität. _Sie sind konstitutiv für die Begrifflichkeit._
-
-Freilich geht diese Funktion bloß auf den logischen Begriff, nicht
-auf das, was man den »psychologischen Begriff« genannt hat. Zwar
-ist der Begriff _psychologisch_ stets durch eine anschauliche
-Allgemeinvorstellung vertreten; dieser Vorstellung immaniert jedoch in
-einer gewissen Weise das Moment der Begrifflichkeit. Die psychologisch
-den Begriff repräsentierende Allgemeinvorstellung, an der sich das
-begriffliche Denken beim Menschen vollzieht, ist nicht dasselbe wie
-der Begriff. Sie kann z. B. reicher sein (im Falle ich ein Triangel
-denke); oder sie kann auch ärmer sein (im Begriffe des Löwen ist
-mehr enthalten, als in meiner Anschauung desselben, während es beim
-Dreieck umgekehrt ergeht). Der logische Begriff ist die Richtschnur,
-welcher die Aufmerksamkeit folgt, wenn sie aus der einen Begriff beim
-Individuum repräsentierenden _Vorstellung_ nur gewisse Momente, _eben
-die durch den Begriff angezeigten_, heraushebt er ist das Ziel und
-der Wunsch des psychologischen Begriffes, der Polarstern, zu dem die
-Aufmerksamkeit emporblickt, wenn sie sein konkretes Surrogat erzeugt:
-_er ist das Gesetz ihrer Wahl_.
-
-Gewiß gibt es kein Denken, das nur rein logisch und nicht psychologisch
-vor sich ginge: _denn das wäre ja $das$ Wunder_. Rein logisch denkt
-ihrem Begriffe nach die Gottheit, der Mensch muß immer zugleich
-psychologisch denken, da er nicht nur Vernunft, sondern auch
-Sinnlichkeit besitzt, und sein Denken wohl auf logische, d. h.
-zeitlose Ergebnisse abzweckt, aber psychologisch _in_ der Zeit vor
-sich geht. Die Logizität ist aber der erhabene Maßstab, der an die
-psychologischen Denkakte des Individuums von ihm selbst wie von anderen
-angelegt wird. Wenn zwei Menschen über etwas diskutieren, so sprechen
-sie vom Begriffe, nicht von den bei jedem verschiedenen individuellen
-Vorstellungen, die ihn hier und dort vertreten: _der Begriff ist
-so ein Wert, an dem die Individualvorstellung gemessen wird_. Wie
-_psychologisch_ die Allgemeinvorstellung entsteht, hat darum mit
-der Natur des Begriffes _gar nichts_ zu tun, und ist für diese von
-keinerlei Bedeutung. Den Charakter der Logizität, der dem Begriff seine
-_Würde_ und seine _Strenge_ verleiht, hat er nicht aus der Erfahrung,
-welche stets nur schwankende Gestalten zeigt, und höchstens vage
-Gesamtvorstellungen erzeugen könnte. _Absolute Konstanz_ und _absolute
-Eindeutigkeit_, die nicht aus der Erfahrung entstammen _können_, sind
-das Wesen der _Begrifflichkeit_, jener »verborgenen Kunst in den Tiefen
-der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich
-jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen legen werden«, wie die
-»Kritik der reinen Vernunft« sich ausdrückt. Jene absolute Konstanz und
-Eindeutigkeit bezieht sich nicht auf metaphysische Entitäten: die Dinge
-sind nicht so weit real, als sie am Begriffe Anteil haben, sondern ihre
-Qualitäten sind logisch nur so weit ihre Qualitäten, als sie im Inhalte
-des Begriffes liegen. _Der Begriff ist die Norm der Essenz, nicht der
-Existenz._
-
-Daß ich von einem kreisförmigen Dinge aussagen könne, es sei gekrümmt,
-hiezu liegt meine logische Berechtigung im Begriffe des Kreises,
-welcher die Krümmung als Merkmal enthält. Den Begriff aber als die
-Essenz selbst, als das »Wesen« zu definieren, ist schlecht: »Wesen« ist
-hier entweder ein psychologisches Abgehobensein oder ein metaphysisches
-Ding. Und den Begriff mit seiner Definition gleichzusetzen, verbietet
-die Natur der Definition, die stets nur auf den Inhalt, nicht auf
-den Umfang des Begriffes sich bezieht, d. h. nur den _Wortlaut_,
-nicht den _Kompetenzkreis_ jener _Norm_ angibt, welche das Wesen der
-Begrifflichkeit ausmacht. Der Begriff als Norm, als Norm der Essenz
-kann auch nicht selbst Essenz sein; die Norm muß etwas anderes sein,
-und da sie nicht Essenz ist, so kann sie -- ein drittes gibt es nicht
--- nur _Existenz_ sein, und zwar nicht eine Existenz, die das Sein
-von Objekten, sondern eine Existenz, die das _Sein_ einer _Funktion_
-enthüllt.
-
-Nun ist aber bei jeder gedanklichen Streitfrage zwischen Menschen,
-wenn schließlich in letzter Instanz an die Definition appelliert wird,
-dann eben nichts anderes die _Norm der Essenz_ als die Sätze A = A
-oder A ≠ non-A. Die Begrifflichkeit, _Konstanz_ wie _Eindeutigkeit_,
-wird dem Begriffe durch den Satz A = A und durch nichts anderes. Und
-zwar verteilen sich die Rollen der logischen Axiome hier derart, daß
-durch das principium identitatis die dauernde Unverrückbarkeit und
-Insichgeschlossenheit des Begriffes _selbst_ verbürgt wird, indes das
-principium contradictionis ihn eindeutig gegen alle _anderen_ möglichen
-Begriffe abgrenzt. _Hiemit ist, zum ersten Male, erwiesen, daß die
-begriffliche Funktion ausgedrückt werden kann durch die beiden obersten
-logischen Axiome, und selbst nichts anderes ist als diese._ Der Satz
-A = A (und A ≠ non-A) ermöglicht also erst jedweden Begriff, er ist der
-_Nerv_ der begrifflichen Natur oder Begrifflichkeit des Begriffes.
-
-Wenn ich endlich den Satz selbst, A = A, ausspreche, so ist offenbar
-der Sinn dieses Satzes nicht, daß ein _spezielles_ A, das _ist_, ja
-nicht einmal, daß _jedes_ besondere A _wirklicher_ Erfahrung oder
-_wirklichen_ Denkens sich selbst gleich sei. Das Urteil der Identität
-ist _unabhängig_ davon, _ob überhaupt ein A existiert_, d. h. natürlich
-wieder keineswegs, daß der Satz nicht von jemand Existierendem müsse
-gedacht werden; _aber er ist unabhängig davon $gedacht$, $ob$ etwas,
-$ob$ jemand existiert_. Er bedeutet: wenn es ein A gibt (es mag eines
-geben oder nicht, _auch_ wenn es vielleicht gar keines gibt), so gilt
-jedenfalls A = A. Hiemit ist nun unwiderruflich eine Position gegeben,
-ein _Sein_ gesetzt, nämlich das Sein A = A, trotzdem es hypothetisch
-bleibt, ob A selbst überhaupt _ist_. Der Satz A = A behauptet also,
-daß etwas _existiert_, und diese Existenz ist eben jene gesuchte
-Norm der Essenz. Aus der Empirie, aus wenigen oder noch so vielen
-_Erlebnissen_ kann er nicht stammen, wie _Mill_ glaubte; denn er ist
-eben ganz unabhängig von der Erfahrung, er gilt sicher, ob diese ein A
-ihm zeigen werde oder nicht. Er ist von keinem Menschen noch geleugnet
-worden und könnte es auch nicht werden, da die Leugnung ihn selbst
-wieder voraussetzte, wenn sie _etwas_, ein _Bestimmtes_ leugnen wollte.
-_Da nun der Satz ein Sein behauptet, ohne von der Existenz von Objekten
-sich abhängig zu machen, oder über solche Existenz etwas auszusagen,
-so kann er nur ein von allem Sein wirklicher und möglicher Objekte
-verschiedenes Sein, das ist also das $Sein$ dessen ausdrücken, was
-seinem Begriffe nach nie Objekt werden kann[27]; er wird durch seine
-Evidenz also die Existenz des Subjektes offenbaren; und zwar liegt
-dieses im Satz der Identität ausgesprochene Sein nicht im ersten und
-nicht im zweiten A, sondern im identischen Gleichheitszeichen A ≡ A.
-Dieser Satz also ist identisch mit dem Satze: ich bin._
-
-Psychologisch läßt sich diese schwierige Deduktion leichter vermitteln,
-wenn auch nicht ersparen. Es ist klar, daß, um A = A sagen, um die
-Unveränderlichkeit des Begriffes normierend festsetzen zu können und
-sie den stets wechselnden Einzeldingen der Erfahrung gegenüber aufrecht
-zu erhalten, ein Unveränderliches bestehen muß, und dies kann nur das
-Subjekt sein; wäre ich eingeschaltet in den Kreis der Veränderung, so
-könnte ich nicht erkennen, daß ein A sich selbst gleich geblieben ist;
-würde ich mich fortwährend ändern und nicht ein Identisches bleiben,
-wäre mein Selbst funktionell an die Veränderung geknüpft, so gäbe es
-keine Möglichkeit, dieser gegenüberzutreten und sie zu erkennen; es
-fehlte das absolute geistige Koordinatensystem, in Beziehung auf das
-allein und einzig ein Identisches bestimmt und als solches festgehalten
-werden könnte.
-
-Die Existenz des Subjektes läßt sich nicht _ableiten_, hierin behält
-_Kant_ens Kritik der rationalen Psychologie vollkommen recht. Aber es
-läßt sich dartun, wo diese Existenz strenge und unzweideutig auch in
-der Logik zum Ausdruck gelangt; und man braucht nicht das intelligible
-Sein als bloße logische Denk_möglichkeit_ hinzustellen, die uns allein
-das moralische Gesetz später völlig zur Gewißheit zu machen geeignet
-sei, wie _Kant_ dies tat. _Fichte_ hatte recht, als er in der reinen
-Logik ebenfalls die Existenz des Ich verbürgt fand, soweit das Ich mit
-dem intelligiblen _Sein_ zusammenfällt.
-
-Das Prinzip aller Wahrheit sind die logischen Axiome, diese statuieren
-ein _Sein_, und nach diesem richtet sich, nach ihm strebt das Erkennen.
-Die _Logik_ ist ein Gesetz, dem gehorcht werden soll, und _der Mensch
-$ist$ erst dann ganz er selbst, wenn er $ganz$ logisch ist_; ja er
-_ist_ nicht, ehe denn er überall und durchaus nur Logik ist. _In der
-Erkenntnis findet er sich selbst._
-
-Aller Irrtum wird als Schuld empfunden. Daraus ergibt sich, daß der
-Mensch nicht irren _mußte_. Er _soll_ die Wahrheit finden; darum _kann_
-er sie finden. Aus der Pflicht zur Erkenntnis folgt ihre Möglichkeit,
-folgt die _Freiheit_ des Denkens und die Siegeshoffnung des Erkennens.
-In der _Normativität_ der Logik liegt der Beweis, _daß das Denken des
-Menschen $frei$ ist_ und sein Ziel erreichen _kann_.
-
- * * * * *
-
-Kürzer und anders kann ich mich bezüglich der Ethik fassen, da diese
-Untersuchung durchaus auf den Boden der _Kantischen Moralphilosophie_
-sich stellt und auch die letzten logischen Deduktionen und Postulate,
-wie man gesehen hat, in einer gewissen Analogie zu jener durchgeführt
-wurden. Das tiefste, das intelligible Wesen des Menschen ist eben das,
-was der Kausalität nicht untersteht, und wählt in Freiheit das Gute
-oder das Böse. Dies wird ganz in der gleichen Weise kundgetan, durch
-das Schuldbewußtsein, durch die _Reue_. Niemand hat noch vermocht,
-diese Tatsachen anders zu erklären; und niemand läßt es sich einreden,
-daß er diese oder jene Tat hat begehen _müssen_. Im Sollen liegt
-auch hier der Zeuge für das Können. Der kausalen Bestimmungsgründe,
-der niederen Motive, die ihn hinabgezogen haben, kann der Mensch
-sich vollkommen bewußt sein, und er wird doch, _ja gerade dann am
-gewissesten_, die Zurechnung an sein intelligibles Ich als ein freies,
-das anders hätte handeln _können_, vollziehen.
-
-_Wahrheit, Reinheit, Treue, Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber_:
-das ist die einzig denkbare Ethik. Es gibt nur Pflichten gegen sich,
-Pflichten des empirischen gegen das intelligible Ich, welche in der
-Form jener zwei Imperative auftreten, an denen aller Psychologismus
-immer zu Schanden wird: in der Form der logischen und der moralischen
-Gesetzlichkeit. Die normativen Disziplinen, die psychische Tatsache
-der inneren Forderung, die viel mehr verlangt, als alle bürgerliche
-Gesittung je haben will -- das ist es, was kein Empirismus je wird
-ausreichend erklären können. Seinen wahren Gegensatz findet er in einer
-kritisch-transscendentalen, nicht in einer metaphysisch-transcendenten
-_Methode_, da alle Metaphysik nur hypostasierende Psychologie,
-Transcendentalphilosophie aber Logik der Wertungen ist. Aller
-Empirismus und Skeptizismus, Positivismus und Relativismus,
-aller Psychologismus und alle rein immanente Betrachtungsweise
-fühlen instinktiv sehr wohl, daß aus Ethik und Logik ihnen die
-Hauptschwierigkeit erwächst. Daher die fortwährend erneuten und immer
-vergeblichen Versuche einer empirischen und psychologischen Begründung
-dieser Disziplinen; und fast wird nur noch ein Versuch vermißt, das
-principium contradictionis experimentell zu prüfen und nachzuweisen.
-
-Logik und Ethik aber sind im Grunde nur eines und dasselbe -- Pflicht
-gegen sich selbst. Sie feiern ihre Vereinigung im höchsten Werte der
-Wahrheit, dem dort der Irrtum, hier die Lüge gegenübersteht: die
-Wahrheit selbst aber ist nur eine. Alle Ethik ist nur nach den Gesetzen
-der Logik möglich, alle Logik ist zugleich ethisches Gesetz. _Nicht
-nur Tugend, sondern auch Einsicht, nicht nur Heiligkeit, sondern auch
-Weisheit ist Pflicht und Aufgabe des Menschen: erst beide zusammen
-begründen $Vollkommenheit$._
-
-Aber freilich ist aus der Ethik, deren Sätze Heischesätze sind, nicht
-wie aus der Logik ein strenger logischer Beweis für _Existenz_ schon
-zu führen. Die Ethik ist nicht im selben Sinne logisches wie die Logik
-ethisches Gebot. Die Logik rückt dem Ich seine völlige Verwirklichung
-als absolutes Sein vor Augen; die Ethik hingegen gebietet erst diese
-Verwirklichung. Die Logik wird von der Ethik aufgenommen und zu ihrem
-eigentlichen Inhalte, zu ihrer Forderung gemacht.
-
-An jener berühmten Stelle der »Kritik der praktischen Vernunft«,
-da _Kant_ den Menschen als Glied der intelligiblen Welt einführt
-(»Pflicht! Du erhabener, großer Name ....«), wird man also mit Recht
-fragen, woher denn Kant wisse, daß das moralische Gesetz von der
-Persönlichkeit emaniere? Es könne kein anderer, seiner würdiger,
-Ursprung gefunden werden, ist das einzige, was Kant hierauf zur Antwort
-gibt. Er begründet es nicht weiter, daß der kategorische Imperativ
-das vom Noumenon gegebene Gesetz sei, sie gehören ihm offensichtlich
-von Anfang an zusammen. Das aber liegt in der Natur der Ethik. Diese
-fordert, daß das intelligible Ich von allen Schlacken des empirischen
-frei _wirke_, _und so kann durch die Ethik dasselbe Sein erst in
-seiner Reinheit gänzlich verwirklicht werden_, welches _die Logik
-verheißungsvoll in der Form eines doch irgendwie bereits Gegenwärtigen
-uns verkündet_.
-
-Aber was für _Kant_ die _Monaden-_, die _Seelenlehre_ im _Gemüte_
-bedeutete, wie er an ihr als einzigem Gute von je festhielt, und mit
-seiner Theorie vom »intelligiblen Charakter«, den man so oft als
-eine neue Entdeckung oder Erfindung, als ein _Auskunftsmittel_ der
-Kantischen Philosophie mißversteht, nur das an ihr wissenschaftlich
-Haltbare festlegen wollte: dies ist aus jener Unterlassung deutlich zu
-entnehmen.
-
-Es gibt _Pflicht_ nur gegen sich selbst; des muß Kant schon in
-frühester Jugend (vielleicht nachdem er einmal den Impuls zur Lüge
-verspürt hatte) sicher geworden sein.
-
-Wenn von der _Herakles-Sage_, von einigen Stellen _Nietzsches_ und
-eher noch _Stirners_, aus denen man Kant-Verwandtes herauslesen kann,
-abgesehen wird, so hat das Prinzip der Kantischen Ethik bloß _Ibsen_
-(im »Brand« und »Peer Gynt«) beinahe selbständig gefunden. Gelegentlich
-sind Äußerungen, wie _Hebbels_ Epigramm »Lüge und Wahrheit«:
-
- »Was Du teurer bezahlst, die Lüge oder die Wahrheit?
- Jene kostet Dein Ich, diese doch höchstens Dein Glück.«
-
-oder _Suleikas_ weltbekannte Worte aus dem »Westöstlichen Diwan«:
-
- »Volk und Knecht und Überwinder,
- Sie gesteh'n zu jeder Zeit:
- Höchstes Glück der Erdenkinder
- Sei nur die Persönlichkeit.
-
- Jedes Leben sei zu führen,
- Wenn man sich nicht selbst vermißt;
- Alles könne man verlieren,
- Wenn man bleibe, was man ist.«
-
-Sicher ist es wahr, daß die meisten Menschen irgendwie Jehovah
-brauchen. Die wenigsten -- es sind die genialen Menschen -- leben gar
-nicht _heteronom_. Die anderen rechtfertigen ihr Tun und Lassen, ihr
-Denken und Sein mindestens in Gedanken auch immer vor jemand _anderem_,
-sei es ein persönlicher Judengott, oder ein geliebter, geachteter,
-gefürchteter Mensch. Nur _so_ handeln sie in formeller äußerer
-Übereinstimmung mit dem Sittengesetz.
-
-_Kant_ war, wie dies aus seiner ganzen, sich selbst gesetzten, bis ins
-einzelnste unabhängigen Lebensführung hervorleuchtet, so durchdrungen
-von seiner Überzeugung, daß der Mensch nur sich selbst verantwortlich
-ist, daß er diesen Punkt seiner Lehre als den selbstverständlichsten,
-Anfechtungen am wenigsten ausgesetzten, betrachtete. Und doch hat
-gerade hier das Schweigen Kantens dazu beigetragen, daß seine Ethik,
-_die einzige gerade introspektiv-psychologisch haltbare_, die einzige,
-welche die harte und strenge innere Stimme des Einen nicht durch den
-Lärm der Vielen undeutlich zu machen sucht, daß diese Ethik tatsächlich
-so wenig _verstanden_ worden ist.
-
-Auch für _Kant_ hat es, darauf läßt eine Stelle in seiner
-»Anthropologie« schließen, in seinem irdischen Leben einen Zustand
-gegeben, welcher der »Begründung eines Charakters« vorherging. Aber der
-Augenblick, in dem es ihm zu furchtbar strahlender Klarheit gelangte:
-ich habe nur mir selbst Rechenschaft abzulegen, muß niemand anderem
-dienen, kann nicht in Arbeit mich vergessen; ich steh' _allein_, bin
-_frei_, bin _mein Herr_: dieser Moment bezeichnet die Geburt der
-Kantischen Ethik, des heroischesten Aktes der Weltgeschichte.
-
-»Zwey Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender
-Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken
-damit beschäftigt: _Der bestirnte Himmel über mir und das moralische
-Gesetz in mir._ Beides darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt
-oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und
-bloß vermuthen; ich sehe sie _vor_ mir, und verknüpfe sie unmittelbar
-mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem Platze
-an, den ich in der äußeren Sinnenwelt einnehme, und erweitert die
-Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Große mit Welten über
-Welten und Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten
-ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite
-fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und
-stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur
-dem Verstande spürbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich
-mit allen jenen sichtbaren Welten) ich mich, nicht wie dort, in bloß
-zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne.
-Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam
-meine Wichtigkeit, als eines _thierischen Geschöpfs_, das die Materie,
-daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punct im Weltall) wieder
-zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit (man weiß, nicht wie) mit
-Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meinen Wert,
-als einer _Intelligenz_, unendlich, durch meine Persönlichkeit, in
-welcher das moralische Gesetz mir ein von der Thierheit und selbst
-von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens
-so viel sich aus der zweckmäßigen Bestimmung meines Daseins durch
-dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens
-eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, abnehmen läßt.«
-
-So verstehen wir jetzt, nach diesem Beschlusse, diese »Kritik der
-praktischen Vernunft«. Der Mensch ist _allein_ im Weltall, in ewiger,
-ungeheuerer _Einsamkeit_.
-
-Er hat keinen Zweck außer sich, nichts anderes, wofür er lebt -- weit
-ist er fortgeflogen über Sklave-sein-wollen, Sklave-sein-können,
-Sklave-sein-müssen: tief unter ihm verschwunden alle menschliche
-Gesellschaft, versunken die _Sozial_-Ethik; er ist allein, $allein$.
-
-Aber er ist nun eben erst _einer_ und _alles_; und darum hat er auch
-ein _Gesetz_ in sich, darum _ist_ er selbst alles Gesetz, und keine
-springende Willkür. Und er verlangt _von sich_, daß er dieses Gesetz
-_in_ sich, das Gesetz seines Selbst, befolge, daß er _nur_ Gesetz
-sei, ohne Rück-Sicht hinter sich, ohne Vor-Sicht vor sich. Das ist
-das Grauenvoll-Große: es hat weiter _keinen Sinn_, daß er der Pflicht
-gehorche. Nichts ist ihm, dem Alleinen, _All-Einen_ _über_geordnet.
-Doch der unerbittlichen, keine Verhandlung mit sich duldenden, das ist
-_kategorischen_ Forderung _in sich_ muß er nachkommen. _Erlösung!_
-ruft er[28], Ruhe, nur schon Ruhe vor dem Feind, Frieden, nicht dies
-endlose Ringen -- und _erschrickt_: selbst im Erlöst-sein-wollen war
-noch Feigheit, im schmachtenden _Schon!_ noch Desertion, als wäre
-er zu klein diesem Kampf. _Wozu!_ fragt er, schreit er hinaus ins
-Weltall -- und _errötet_; denn gerade wollte er wieder das _Glück_,
-die Anerkennung des Kampfes, den, der ihn belohne, den $anderen$.
-_Kant_ens einsamster Mensch lacht nicht und tanzt nicht, er brüllt
-nicht und jubelt nicht: er hat es nicht not Lärm zu machen, weil der
-Weltraum zu tief schweigt. Nicht die Sinnlosigkeit einer Welt »von
-ohngefähr« ist ihm Pflicht, sondern _seine_ Pflicht ist ihm _der
-Sinn des Weltalls_. _Ja_ sagen zu $dieser$ Einsamkeit, das ist das
-»Dionysische« _Kant_ens; das erst ist Sittlichkeit.
-
-
-
-
-VIII. Kapitel.
-
-Ich-Problem und Genialität.
-
- »Im Anfang war diese Welt
- allein der Âtman, in
- Gestalt eines Menschen.
- Der blickte um sich: da
- sah er nichts anderes als
- sich selbst. Da rief er
- zu Anfang aus: ‚Das bin
- ich!’ Daraus entstand
- der Name Ich. -- Daher
- auch heutzutage, wenn
- einer angerufen wird, so
- sagt er zuerst: ‚Das bin
- ich’ und dann erst nennt
- er den anderen Namen,
- welchen er trägt.«
-
- (Bṛihadâraṇyaka-Upanishad.)
-
-
-Viele Prinzipienstreitigkeiten in der Psychologie beruhen auf
-den individuellen charakterologischen Differenzen zwischen den
-Dissentierenden. Der Charakterologie könnte damit, wie bereits erwähnt,
-eine wichtige Rolle zufallen: während der eine dies, der andere jenes
-in sich vorzufinden behauptet, hätte sie zu lehren, _warum_ die
-Selbstbeobachtung des einen anders ausfällt als die des zweiten; oder
-wenigstens zu zeigen, durch was alles die in Rede stehenden Personen
-_noch_ sich unterscheiden. In der Tat sehe ich keinen anderen Weg,
-gerade in den umstrittensten psychologischen Dingen ins Reine zu
-kommen. Die Psychologie ist eine Erfahrungswissenschaft, und darum
-geht nicht wie in den überindividuellen Normwissenschaften der Logik
-und Ethik das Allgemeine dem Besonderen in ihr vorher, sondern es muß
-umgekehrt vom individuellen Einzelmenschen ausgegangen werden. Es gibt
-keine empirische Allgemeinpsychologie; und es war ein Fehler, eine
-solche ohne _gleichzeitigen_ Betrieb differentieller Psychologie in
-Angriff zu nehmen.
-
-Schuld an dem Jammer ist die Doppelstellung der Psychologie
-zwischen Philosophie und Empfindungsanalyse. Von welcher der beiden
-die Psychologen kamen, stets traten sie mit dem Anspruch auf
-Allgemeingültigkeit der Ergebnisse auf. Aber vielleicht sind nicht
-einmal so fundamentale Fragen, wie diese, ob es einen tätigen _Akt_
-der Wahrnehmung, eine _Spontaneität_ des Bewußtseins schon in der
-Empfindung gebe oder nicht, ohne charakterologische Unterscheidungen
-gänzlich ins Reine zu bringen.
-
-Einen kleinen Teil solcher Amphibolien durch Charakterologie
-aufzulösen ist, in Hinsicht auf die Psychologie der Geschlechter,
-eine Hauptaufgabe dieser Arbeit. Die verschiedenen Behandlungen des
-Ich-Problems hingegen resultieren nicht sowohl aus den psychologischen
-Differenzen der Geschlechter, sondern zunächst, wenn auch nicht
-ausschließlich[29], aus den individuellen Unterschieden in der
-_Begabung_.
-
-Gerade die Entscheidung zwischen _Hume_ und _Kant_ ist auch
-_charakterologisch_ möglich, insoferne etwa, als ich zwischen zwei
-Menschen entscheiden kann, von denen dem einen die Werke des _Makart_
-und _Gounod_, dem anderen die _Rembrandts_ und _Beethovens_ das Höchste
-sind. Ich werde solche Menschen nämlich zunächst _unter_scheiden nach
-ihrer Begabung. Und so ist es auch in diesem Falle statthaft, ja
-notwendig, die Urteile über das Ich, wenn sie von zwei sehr verschieden
-hoch veranlagten Menschen ausgehen, nicht ganz gleich zu werten. _Es
-gibt keinen wahrhaft bedeutenden Menschen, der nicht von der Existenz
-des Ich überzeugt wäre_; ein Mensch, der das Ich leugnet, kann nie ein
-bedeutender Mensch sein.[30]
-
-Diese These wird sich im Laufe des nun Folgenden als eine Behauptung
-von zwingender Notwendigkeit herausstellen, und auch für die in ihr
-gelegene Höherwertung der Urteile des Genius eine Begründung gesucht
-und gefunden werden.
-
-Es gibt nämlich keinen bedeutenden Menschen und kann keinen geben, für
-den nicht im Laufe seines Lebens, im allgemeinen je bedeutender er
-ist, desto früher (vgl. Kapitel 5), ein Moment käme, in welchem er die
-völlige Sicherheit gewinnt, ein Ich im höheren Sinne zu besitzen.[31]
-Man vergleiche folgende Äußerungen dreier sehr verschiedener Menschen
-und überaus genialer Naturen.
-
-_Jean Paul_ erzählt in seiner autobiographischen Skizze »Wahrheit aus
-meinem Leben«:
-
-»Nie vergess' ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in
-mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich
-Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr
-junges Kind unter der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als
-auf einmal das innere Gesicht: ich bin ein Ich! wie ein Blitzstrahl
-vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb -- da
-hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig.
-Täuschungen des Erinnerns sind hier schwerlich gedenkbar, da kein
-fremdes Erzählen sich in eine bloß im verhangenen Allerheiligsten des
-Menschen vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltäglichen
-Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen mengen konnte.«
-
-Und offenbar meint ganz das nämliche Erlebnis _Novalis_, der in seinen
-»Fragmenten vermischten Inhalts« bemerkt:
-
-»Darthun läßt sich dieses Factum nicht, jeder muß es selbst erfahren.
-Es ist ein Factum höherer Art, _das nur der höhere Mensch antreffen
-wird_; die Menschen aber sollen streben, es in sich zu veranlassen.
-Philosophieren ist eine Selbstbesprechung obiger Art, eine eigentliche
-Selbstoffenbarung, Erregung des wirklichen Ich durch das idealische
-Ich. Philosophieren ist der Grund aller anderen Offenbarungen; der
-Entschluß zu philosophieren ist eine Aufforderung an das wirkliche
-Ich, daß es sich besinnen, erwachen und Geyst sein solle.«
-
-_Schelling_ bespricht im achten seiner »Philosophischen Briefe über
-Dogmatismus und Kritizismus«, einem wenig bekannten Jugendwerk,
-_dasselbe_ Phänomen mit folgenden tiefen und schönen Worten: »Uns
-allen ... wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem
-Wechsel der Zeit in unser Innerstes, von allem, was von außenher
-hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der
-Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen. _Diese Anschauung ist
-die innerste, eigenste Erfahrung, von welcher alles, alles abhängt,
-was wir von einer übersinnlichen Welt wissen und glauben. Diese
-Anschauung zuerst überzeugt uns, daß irgend etwas im eigentlichen Sinne
-$ist$, während alles übrige nur $erscheint$, worauf wir jenes Wort
-übertragen._ Sie unterscheidet sich von jeder sinnlichen Anschauung
-dadurch, daß sie nur durch _Freiheit_ hervorgebracht und jedem anderen
-fremd und unbekannt ist, dessen Freiheit, von der hervordringenden
-Macht der Objekte überwältigt, kaum zur Hervorbringung des Bewußtseins
-hinreicht. Doch gibt es auch für diejenigen, die diese Freiheit
-der Selbstanschauung nicht besitzen, wenigstens Annäherung zu ihr,
-mittelbare Erfahrungen, durch welche sie ihr Dasein ahnen läßt. Es gibt
-einen gewissen Tiefsinn, dessen man sich selbst nicht bewußt ist, den
-man vergebens sich zu entwickeln strebt. _Jakobi_ hat ihn beschrieben
-..... Diese intellektuale Anschauung tritt dann ein, wo wir für uns
-selbst aufhören, _Objekt_ zu sein, wo, in sich selbst zurückgezogen,
-das anschauende Selbst mit dem angeschauten identisch ist. _In diesem
-Moment der Anschauung schwindet für uns Zeit und Dauer dahin: nicht
-$wir$ sind in der Zeit, sondern die Zeit -- oder vielmehr nicht sie,
-sondern die reine absolute Ewigkeit ist $in uns$._ Nicht wir sind
-in der Anschauung der objektiven Welt, sondern sie ist in unserer
-Anschauung verloren.«
-
-Es wird der Immanente, der Positivist, vielleicht nur lächeln über
-den betrogenen Betrüger, den Philosophen, der solche Erlebnisse zu
-haben vorgibt. Nun, dagegen läßt sich nicht leicht etwas tun. Ist auch
-überflüssig. Doch bin ich keineswegs der Meinung, daß jenes »Faktum
-hoher Art« sich bei _allen_ genialen Menschen in jener mystischen
-Form eines Eins-Werdens von Subjekt und Objekt, eines einheitlichen
-Erlebens abspiele, wie _Schelling_ dies beschreibt. Ob es ungeteilte
-Erlebnisse gibt, in denen der Dualismus schon _während des Lebens_
-überwunden wird, wie dies von _Plotin_ und den indischen _Mahatmas_
-bezeugt ist, oder ob dies nur höchste Intensifikationen des Erlebens
-sind, prinzipiell aber gleichartig mit allem anderen -- dies soll uns
-hier nicht beschäftigen, das Zusammenfallen von Subjekt und Objekt,
-von Zeit und Ewigkeit, das Schauen Gottes durch den lebenden Menschen
-weder als möglich behauptet noch als unmöglich in Abrede gestellt
-werden. Erkenntnistheoretisch ist mit einem _Erleben_ des eigenen Ich
-nichts anzufangen, und noch niemand hat es je für eine _systematische_
-Philosophie zu verwerten gesucht. Ich will daher jenes Faktum
-»höherer Art«, das sich bei einem Menschen so, beim anderen anders
-vollzieht, nicht _Erlebnis_ des eigenen Ich nennen, sondern nur als das
-_Ich-Ereignis_ bezeichnen.
-
-Das Ich-Ereignis kennt jeder bedeutende Mensch. Ob er nun in der
-Liebe zu einem Weibe erst sein Ich finde und sich seines Selbst
-bewußt werde[32] -- denn der bedeutende Mensch liebt intensiver als
-der unbedeutende -- oder ob er durch ein Schuldbewußtsein, wieder
-vermöge eines Kontrastes, zum Gefühle seines höheren echten Wesens
-gelange, dem er in der bereuten Handlung untreu wurde -- denn auch
-das Schuldbewußtsein ist im bedeutenden Menschen heftiger und
-differenzierter als im unbedeutenden; ob ihn das Ich-Ereignis zum
-Eins-Werden mit dem All, zum Schauen aller Dinge in Gott führe,
-oder ihm vielmehr den furchtbaren Dualismus zwischen Natur und
-Geist im Weltall offenbare, und in ihm das Erlösungsbedürfnis, das
-Bedürfnis nach dem _inneren_ Wunder, wachrufe: immer und ewig ist
-mit dem Ich-Ereignis zugleich der Kern einer _Weltanschauung_, ganz
-von selbst, ohne Zutun des denkenden Menschen, bereits _gegeben_.
-Weltanschauung ist nicht die große Synthese, die am jüngsten Tage der
-Wissenschaft von irgend einem besonders fleißigen Mann, der durch alle
-Fächer der Reihe nach sich hindurchgearbeitet hat, vor dem Schreibtisch
-inmitten einer großen Bibliothek vollzogen wird, Weltanschauung
-ist etwas Erlebtes, und sie kann _als Ganzes klar und unzweideutig
-sein_, wenn auch im einzelnen noch so vieles vorderhand in Dunkelheit
-und Widerspruch verharrt. Das Ich-Ereignis aber ist Wurzel aller
-Weltanschauung, d. h. aller _Anschauung_ der _Welt_ als _ganzer_, und
-zwar für den Künstler nicht minder als für den Philosophen. Und so
-radikal sonst die Weltanschauungen voneinander differieren, eines wohnt
-ihnen allen, soweit sie den Namen einer Weltanschauung verdienen[33],
-gemeinsam inne; es ist eben das, was durchs Ich-Ereignis vermittelt
-wird, der Glaube, _den jeder bedeutende Mensch besitzt: die Überzeugung
-von der Existenz eines Ich oder einer Seele_, die im Weltall einsam
-ist, dem ganzen Weltall gegenübersteht, die ganze _Welt anschaut_.
-
-Vom Ich-Ereignis an gerechnet wird der bedeutende Mensch im allgemeinen
--- Unterbrechungen, vom fürchterlichsten der Gefühle, vom Gefühle des
-_Gestorbenseins_, ausgefüllt, mögen wohl häufig vorkommen -- _mit
-Seele_ leben.
-
-Aus diesem Grunde, und nicht allein aus hochgestimmtem Hinblick auf
-eben Geschaffenes schreibt es, wie ich an dieser Stelle beifügen
-will, sich her, daß bedeutende Menschen immer, in jedem Sinne, auch
-das größte Selbstbewußtsein haben werden. Nichts ist so gefehlt, als
-von der »Bescheidenheit« großer Männer zu reden, die gar nicht gewußt
-hätten, was in ihnen stecke. Es gibt keinen bedeutenden Menschen,
-der nicht wüßte, wie sehr er sich von den anderen unterscheidet (mit
-Ausnahme der Depressionsperioden, welchen gegenüber sogar der in
-besseren Zeiten gefaßte Vorsatz, von nun ab etwas von sich zu halten,
-fruchtlos bleiben mag), keinen, der sich nicht für einen bedeutenden
-Menschen hielte, sobald er einmal etwas _geschaffen_ hat -- allerdings
-auch keinen, dessen Eitelkeit oder Ruhmsucht so gering wäre, daß er
-sich nicht noch stets überschätzte. _Schopenhauer_ hat sich für viel
-größer gehalten als _Kant_. Wenn _Nietzsche_ seinen Zarathustra für
-das tiefste Buch der Welt erklärt, so spielt außerdem wohl noch die
-Enttäuschung durch die schweigenden Zeitungsschreiber und das Bedürfnis
-diese zu reizen mit -- allerdings auch keine sehr vornehmen Motive.
-
-Aber eines ist allerdings richtig an der Lehre von der Bescheidenheit
-bedeutender Menschen: bedeutende Menschen sind nie anmaßend. Anmaßung
-und Selbstbewußtsein sind wohl die zwei entgegengesetztesten Dinge,
-die es geben kann, und sollten nicht, wie es meistens geschieht,
-eins für das andere gesetzt werden. Ein Mensch hat immer so viel
-Arroganz, als ihm Selbstbewußtsein fehlt. Anmaßung ist sicherlich
-nur ein Mittel, durch künstliche Erniedrigung des Nebenmenschen das
-Selbstbewußtsein gewaltsam zu steigern, ja so erst zum Bewußtsein eines
-Selbst zu kommen. Natürlich gilt das von der unbewußten, sozusagen
-physiologischen Arroganz; zu beabsichtigter Grobheit verächtlichen
-Subjekten gegenüber mag wohl auch ein hochstehender Mensch der eigenen
-Würde halber hie und da sich verhalten müssen.
-
-Die feste, vollkommene, des _Beweises_ für ihre Person nicht eigentlich
-bedürftige Überzeugung, daß sie eine Seele besitzen, ist also allen
-genialen Menschen gemeinsam. Man sollte die lächerliche Besorgnis
-doch endlich ablegen, welche hinter jedem, der von der Seele als
-einer hyperempirischen Realität redet, gleich den werbenden Theologen
-wittert. Der Glaube an die Seele ist alles eher denn ein Aberglaube,
-und kein bloßes Verführungsmittel aller Geistlichkeit. Auch die
-Künstler sprechen von ihrer Seele, ohne Philosophie und Theologie
-studiert zu haben, selbst die atheistischesten, wie _Shelley_, und
-glauben zu wissen, was sie damit meinen. Oder denkt man, daß »Seele«
-für sie ein bloßes, leeres, schönes Wort sei, welches sie anderen
-nachsprechen, ohne zu fühlen? Daß der große Künstler Bezeichnungen
-anwende, ohne über ein Bezeichnetes, in diesem Falle von denkbar
-höchster Realität, sich klar zu sein? Der immanente Empirist, der
-Nur-Physiolog muß aber all das für nichtssagendes Geschwätz halten,
-oder _Lucrez_ für den einzigen großen Dichter. So viel Mißbrauch
-sicherlich mit dem Worte getrieben wird: wenn _bedeutende_ Künstler von
-ihrer Seele zeugen, so wissen sie wohl, was sie tun. Es gibt für sie
-wie für die großen Philosophen ein gewisses _Grenzgefühl_ der höchsten
-Wirklichkeit; _Hume_ hat dieses Gefühl sicherlich nicht gekannt.
-
-Der Wissenschaftler nämlich steht, wie schon hervorgehoben wurde,
-und nun bald bewiesen werden soll, _unter_ dem Philosophen und
-_unter_ dem Künstler. Diese verdienen das Prädikat des Genies, der
-bloße Wissenschaftler niemals. Es heißt jedoch dem Genius vor der
-Wissenschaft noch einen weiteren, bisher noch immer unbegründeten
-Vorzug einräumen, wenn, wie dies hier geschehen ist, seiner Anschauung
-über ein bestimmtes Problem, bloß weil es seine Anschauung ist, mehr
-Gewicht beigelegt wird als der Ansicht des Wissenschaftlers. Besteht zu
-dieser Bevorzugung ein Recht? Kann der Genius Dinge erkunden, die dem
-Mann der Wissenschaft als solchem versagt sind, kann er in eine Tiefe
-blicken, welche jener vielleicht nicht einmal bemerkt?
-
-Genialität schließt, wie sich zeigte, ihrer Idee nach Universalität
-ein. Für den ganz und gar genialen Menschen, der eine notwendige
-Fiktion ist, gäbe es gar nichts, wozu er nicht ein gleich lebendiges,
-unendlich inniges, schicksalsvolles Verhältnis hätte. Genialität war
-universale Apperzeption, und hiemit vollkommenes Gedächtnis, absolute
-Zeitlosigkeit. Man muß aber, um etwas apperzipieren zu können, ein ihm
-Verwandtes bereits in sich haben. Man bemerkt, versteht und ergreift
-nur das, womit man irgend eine Ähnlichkeit hat (S. 139 f.). Der
-Genius war zuletzt, aller Kompliziertheit wie zum Trotze, der Mensch
-mit dem intensivsten, lebendigsten, bewußtesten, kontinuierlichsten,
-einheitlichsten Ich. Das Ich jedoch ist das punktuelle Zentrum, die
-Einheit der Apperzeption, die »Synthesis« alles Mannigfaltigen.
-
-Das Ich des Genies muß demnach selbst die universale Apperzeption sein,
-der Punkt schon den unendlichen Raum in sich schließen: _der bedeutende
-Mensch hat die $ganze$ Welt $in sich, der Genius ist der lebendige
-Mikrokosmus$_. Er ist nicht eine sehr zusammengesetzte Mosaik, keine
-aus einer, doch immer _endlichen_, _Viel_zahl von Elementen aufgebaute
-chemische Verbindung, und nicht das war der Sinn der Darlegungen des
-vierten Kapitels über sein innigeres Verwandtsein mit mehr Menschen
-und Dingen: _sondern er ist alles_. Wie im Ich und durch das Ich alle
-psychischen Erscheinungen zusammenhängen, wie dieser Zusammenhang
-unmittelbar erlebt und ins Seelenleben nicht mühsam erst hineingetragen
-wird durch eine Wissenschaft (die bei allen äußeren Dingen freilich
-hiezu verhalten ist)[34], wie hier das Ganze durchaus vor den Teilen
-besteht; so blickt der Genius, in dem das Ich wie das All, als das All
-_lebt_, auch in die Natur und ins Getriebe aller Wesen als ein Ganzes,
-er _schaut_ hier die _Verbindungen_ und konstruiert nicht einen Bau
-aus Bruchstücken. Darum kann ein bedeutender Mensch zunächst schon
-bloßer empirischer Psychologe nicht sein, für den es nur Einzelheiten
-gibt, die er im Schweiße seines Angesichtes, durch Associationen,
-Leitungsbahnen u. s. w. zu verkitten trachtet; ebensowenig aber bloßer
-Physiker, dem die Welt aus Atomen und Molekülen _zusammengesetzt_ ist.
-
-_Aus der Idee des Ganzen heraus, in welcher der Genius fortwährend
-lebt, erkennt er den $Sinn$ der Teile. Er $wertet$ darum $alles$_,
-alles in sich, alles _außerhalb_ seiner, wertet es nach dieser Idee;
-und _nur darum_ ist es für ihn nicht Funktion der Zeit, sondern
-repräsentiert ihm stets einen großen und ewigen Gedanken. So ist der
-_geniale_ Mensch zugleich der _tiefe_ Mensch, und nur er tief, nur
-der Tiefe genial. Darum gilt denn auch wirklich seine Meinung mehr
-als die der anderen. Weil er aus dem Ganzen seines das Universum
-enthaltenden Ich schafft, während die anderen Menschen nie ganz zum
-Bewußtsein dieses ihres wahren Selbst kommen, werden ihm die Dinge
-sinnvoll, _bedeuten_ sie ihm alle etwas, sieht er in ihnen stets
-_Symbole_. Für ihn ist der Atem mehr als ein Gasaustausch durch
-die feinsten Wandungen der Blutkapillaren, das Blau des Himmels
-mehr als teilweise polarisiertes, an den Trübungen der Atmosphäre
-diffus reflektiertes Sonnenlicht, die Schlangen mehr als fußlose
-Reptilien ohne Schultergürtel und Extremitäten. Wenn man selbst alle
-wissenschaftlichen Entdeckungen, die je gemacht wurden, zusammentäte
-und von einem einzigen Menschen gefunden sein ließe; wenn alles,
-was _Archimedes_ und _Lagrange_, _Johannes Müller_ und _Karl Ernst
-von Baer_, _Newton_ und _Laplace_, _Konrad Sprengel_ und _Cuvier_,
-_Thukydides_ und _Niebuhr_, _Friedrich August Wolf_ und _Franz Bopp_,
-was noch so viele andere für die Wissenschaft Hervorragendstes
-geleistet haben, _selbst wenn all dies $ein$ einziger Mensch im Laufe
-$eines$ kurzen Menschenlebens geleistet hätte, er verdiente darum doch
-nicht das Prädikat des Genius_.
-
-Denn damit ist noch nirgends in Tiefen gedrungen. Der Wissenschaftler
-nimmt die Erscheinungen wie sie sinnfällig _sind_, der bedeutende
-Mensch oder Genius für das, was sie _bedeuten_. Ihm sind Meer und
-Gebirge, Licht und Finsternis, Frühling und Herbst, Cypresse und Palme,
-Taube und Schwan _Symbole_, er ahnt nicht nur, er erkennt in ihnen ein
-Tieferes. Nicht auf Luftdruckverschiebungen geht der Walkürenritt, und
-nicht auf Oxydationsprozesse bezieht sich der Feuerzauber. Und dies
-alles ist jenem nur möglich, weil die _äußere_ Welt _in_ ihm reich und
-stark zusammenhängt wie die _innere_, ja das Außenleben nur wie ein
-Spezialfall seines Innenlebens sich ausnimmt, Welt und Ich in ihm eins
-geworden sind, und er nicht Stück für Stück der Erfahrung nach Gesetz
-und Regel erst aneinanderheften muß. Auch die größte Polyhistorie
-dagegen addiert nur Fächer zu Fächern und bildet noch keine Gesamtheit.
-Deshalb also tritt der große Wissenschaftler hinter den großen Künstler
-oder Philosophen.
-
-Der Unendlichkeit des Weltalls entspricht beim Genius eine wahre
-Unendlichkeit in der eigenen Brust, er hält Chaos und Kosmos, alle
-Besonderheit und alle Totalität, alle Vielheit und alle Einheit
-in seinem Innern. Ist mit diesen Bestimmungen auch mehr über die
-Genialität als über das Wesen des genialen _Schaffens_ ausgesagt,
-bleiben der Zustand der künstlerischen Ekstase, der philosophischen
-Konzeption, der religiösen Erleuchtung gleich rätselhaft wie zuvor,
-sind also damit gewiß nur die _Bedingungen_, nicht der _Vorgang_ eines
-wahrhaft _bedeutenden_ Produzierens klarer geworden, so sei dennoch
-hier als endgültige Definition des Genies diese gegeben:
-
-$Genial ist ein Mensch dann zu nennen, wenn er in bewußtem
-Zusammenhange mit dem Weltganzen lebt. Erst das Geniale ist somit das
-eigentlich Göttliche im Menschen.$
-
-Die große Idee von der Seele des Menschen als dem Mikrokosmus, die
-tiefste Schöpfung der Philosophen der Renaissance -- wiewohl ihre
-ersten Spuren schon bei _Plato_ und _Aristoteles_ sich finden --
-scheint dem neueren Denken seit _Leibniz_ens Tode ganz abhanden
-gekommen. Sie wurde hier bis jetzt als bloß für das Genie gültig, von
-jenen Meistern aber vom Menschen überhaupt als das eigentliche Wesen
-desselben behauptet.
-
-Doch ist die Inkongruenz nur scheinbar. Alle Menschen sind genial, und
-kein Mensch ist genial. Genialität ist eine _Idee_, welcher dieser
-näher kommt, während jener in großer Ferne von ihr bleibt, welcher der
-eine rasch sich naht, der andere vielleicht erst am Ende seines Lebens.
-
-Der Mensch, dem wir bereits den Besitz der Genialität zuschreiben, ist
-nur der, welcher bereits angefangen hat zu sehen, und den anderen die
-Augen öffnet. Daß sie sodann mit seinem Auge sehen können, beweist,
-wie sie nur vor dem Tore standen. Auch der mittelmäßige Mensch kann,
-selbst als solcher, _mittelbar_ zu allem in Beziehung treten; seine
-Idee des Ganzen ist aber nur ahnungsvoll, es gelingt ihm nicht, sich
-mit ihr zu identifizieren. Aber er ist darum nicht ohne Möglichkeit,
-diese Identifikation anderen nachzuleben und so ein Gesamtbild zu
-gewinnen. Durch Weltanschauung kann er dem Universum, durch Bildung
-allem einzelnsten sich verbinden; nichts ist ihm gänzlich fremd, und
-an alle Dinge der Welt knüpft auch ihn ein Band der Sympathie. Nicht
-so das Tier oder die Pflanze. Sie sind begrenzt, sie kennen nicht
-alle, sondern nur ein Element, sie bevölkern nicht die ganze Erde, und
-wo sie eine allgemeine Verbreitung gefunden haben, ist es im Dienste
-des Menschen, der ihnen eine überall gleichmäßige Funktion angewiesen
-hat. Sie mögen eine Beziehung zur Sonne oder zum Monde haben, aber
-sicherlich fehlt ihnen »der gestirnte Himmel« und »das moralische
-Gesetz«. Dieses aber stammt von der Seele des Menschen her, in der alle
-Totalität geborgen ist, _die alles betrachten kann, weil sie selbst
-alles $ist$_: der gestirnte Himmel und das moralische Gesetz, auch sie
-sind im Grunde eines und dasselbe. Der Universalismus des kategorischen
-Imperatives ist der Universalismus des Universums, die Unendlichkeit
-des Weltalls nur das Sinnbild der Unendlichkeit des sittlichen Wollens.
-
-So hat dies, den Mikrokosmus im Menschen, schon _Empedokles_, der
-gewaltige Magus von Agrigent, gelehrt:
-
- Γαιη μεν γαρ γαιαν οπωπαμεν, ὑδατι δ'ὑδωρ,
- Αιθερι δ'αιθερα διον, αταρ πυρι πυρ αιδηλον,
- Στοργη δε στοργην, νεικος δε τε νεικει λυγρω.
-
-Und _Plotinus_: Ου γαρ αν πωποτε ειδεν οφθαλμος ἡλιον ἡλιοειδης μη
-γεγενημενος, dem es _Goethe_ in den berühmten Versen nachgedichtet hat:
-
- »Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
- Die Sonne könnt' es nie erblicken;
- Läg' nicht in uns des Gottes eig'ne Kraft,
- Wie könnt' uns Göttliches entzücken?«
-
-_Der Mensch ist das einzige Wesen, er ist $dasjenige$ Wesen in der
-Natur, das zu $allen$ Dingen in derselben ein Verhältnis hat._
-
-In wem dieses Verhältnis nicht bloß zu einzelnen, vielen oder wenigen,
-sondern zu allen Dingen Klarheit und intensivste Bewußtheit erlangt,
-wer über alles selbständig gedacht hat, den nennt man ein Genie; in wem
-es nur der Möglichkeit nach vorhanden, in wem wohl für alles irgend
-ein Interesse wachzurufen ist, aber nur zu wenigem ein lebhafteres von
-selbst besteht, den nennt man einfach einen Menschen. _Leibnizens_
-wohl selten recht verstandene Lehre, daß auch die niedere Monade ein
-Spiegel der Welt sei, ohne aber sich dieser ihrer Tätigkeit bewußt
-zu werden, drückt nur dieselbe Tatsache aus. Der geniale Mensch lebt
-im Zustande allgemeiner Bewußtheit, die Bewußtheit des Allgemeinen
-ist; auch im gewöhnlichen Menschen ist das Weltganze, aber nicht bis
-zu schöpferischem Bewußtsein gebracht. Der eine lebt in bewußtem
-tätigen, der andere in unbewußtem virtuellen Zusammenhang mit dem All;
-_der geniale Mensch ist der aktuelle, der ungeniale der potentielle
-Mikrokosmus_. Erst der geniale Mensch ist ganz Mensch; was als
-Mensch-Sein, als Menschheit (im Kantischen Sinne) in jedem Menschen,
-δυνάμει, der Möglichkeit nach ist, das lebt im genialen Menschen,
-ενεργεια, in voller Entfaltung.
-
-Der Mensch ist das All und darum nicht, wie ein bloßer Teil desselben,
-abhängig vom anderen Teile, nicht an einer bestimmten Stelle
-_eingeschaltet_ in die Naturgesetzlichkeit, _sondern selbst der
-Inbegriff aller Gesetze, und $eben darum frei$_, wie das Weltganze
-als das All selbst nicht noch bedingt, sondern unabhängig ist. Der
-bedeutende Mensch nun, der _nichts_ vergißt, weil er _sich_ nicht
-vergißt, weil Vergessen funktionelle Beeinflussung durch die Zeit,
-daher unfrei und unethisch ist; der nicht von einer geschichtlichen
-Bewegung, als ihr Kind, emporgeworfen, nicht von der nächsten wieder
-verschlungen wird, weil _alles, alle Vergangenheit und alle Zukunft_,
-in der _Ewigkeit_ seines geistigen Blickes bereits sich birgt; dessen
-Unsterblichkeitsbewußtsein am stärksten ist, weil ihn auch der Gedanke
-an den _Tod_ nicht feige macht; der in das leidenschaftlichste
-Verhältnis zu den Symbolen oder Werten tritt, indem er nicht nur alles
-in sich, sondern auch alles außer sich einschätzt und damit deutet:
-er ist zugleich der _freieste_ und der _weiseste_, $er$ ist der
-_sittlichste_ Mensch; und nur _darum_ leidet gerade $er$ am schwersten
-unter allem, was auch in ihm noch unbewußt, noch Chaos, noch _Fatum_
-ist. --
-
-Wie steht es nun mit der Sittlichkeit großer Menschen den anderen
-Menschen gegenüber? Ist dies doch die einzige Form, in welcher,
-nach der populären Meinung, die Unsittlichkeit nicht anders als in
-Verbindung mit dem Strafgesetzbuch zu denken weiß, Moralität sich
-offenbaren kann! Und haben nicht gerade hier die berühmten Männer die
-bedenklichsten Charaktereigenschaften verraten? Mußten sie nicht oft
-schnöden Undanks, grausamer Härte, schlimmer Verführertücken sich
-zeihen lassen?
-
-Weil Künstler und Denker, je größer sie sind, desto rücksichtsloser
-sich selbst die Treue wahren und hiebei die Erwartungen manch eines
-täuschen, mit dem sie vorübergehende Gemeinschaft geistiger Interessen
-verknüpfte, und die, ihrem höheren Fluge zu folgen später nicht mehr
-imstande, den Adler selbst an die Erde binden wollen (_Lavater_ und
-_Goethe_) -- darum hat man sie als unmoralisch verschrieen. Das
-Schicksal der _Friederike aus Sesenheim_ ist _Goethe_, obwohl ihn das
-keineswegs entschuldigt, sicherlich viel näher gegangen als dieser, und
-wenn er auch glücklicherweise so unendlich viel _verschwiegen_ hat,
-daß die Modernen, die ihn als den leichtlebigen Olympier _ganz_ zu
-besitzen glauben, tatsächlich nur jene Flocken von ihm in den Händen
-halten, die Faustens unsterbliches Teil umgeben -- man darf gewiß
-sein, daß er selbst am genauesten prüfte, wieviel Schuld ihn traf,
-und diese in ihrem ganzen Ausmaß bereut hat. Und wenn scheelsüchtige
-Nörgler, die _Schopenhauers_ Erlösungslehre und den Sinn des Nirwâna
-nie erfaßt haben, es diesem Philosophen zum Vorwurf machen, daß er auf
-seinem _Rechte_ auf sein Eigentum, bis zum Äußersten, bestanden hat, so
-verdient dies, als ein hündisches Gekläffe, gar keine Antwort.
-
-Daß der bedeutende Mensch gegen sich selbst am sittlichsten ist, steht
-also wohl fest: er wird nicht eine fremde Anschauung sich aufzwingen
-lassen und hiedurch sein Ich unterdrücken; er wird die Meinung des
-anderen -- das fremde Ich und dessen Ansicht bleiben für ihn etwas
-vom Eigenen gänzlich Unterschiedenes -- nicht passiv acceptieren,
-und ist er einmal rezeptiv gewesen, so wird ihm der Gedanke hieran
-schmerzvoll und fürchterlich sein. Eine bewußte Lüge, die er einmal
-getan hat, wird er sein ganzes Leben lang _mitschleppen_, und nicht in
-»dionysischer« Weise leichthin _abschütteln_ können. Am stärksten aber
-werden geniale Menschen leiden, wenn sie sich selbst erst hinterdrein
-auf eine Lüge kommen, um die sie gar nicht wußten, als sie sie anderen
-gegenüber sprachen, oder mit der sie sich selbst belogen haben. Die
-anderen Menschen, die nicht dieses Bedürfnis nach Wahrheit haben wie
-er, bleiben eben darum immer viel tiefer in Lüge und Irrtum verstrickt,
-und dies ist der Grund, warum sie die eigentliche Meinung und die
-Heftigkeit des Kampfes großer Persönlichkeiten gegen die »_Lebenslüge_«
-so wenig verstehen.
-
-Der hochstehende Mensch, das ist jener, in dem das zeitlose Ich die
-Macht gewonnen hat, sucht seinen Wert vor seinem intelligiblen Ich, vor
-seinem moralischen und intellektuellen Gewissen zu steigern. Auch seine
-Eitelkeit ist zunächst die vor sich selbst: _es entsteht in ihm das
-Bedürfnis, sich selbst zu imponieren_ (mit seinem Denken, Handeln und
-Schaffen). Diese Eitelkeit ist die eigentliche Eitelkeit des Genies,
-das seinen Wert und seinen Lohn in sich selbst hat, und dem es nicht
-auf die Meinung anderer von ihm darum ankommt, damit es selbst auf
-diesem Umweg von sich eine höhere gewinne. Sie ist jedoch keineswegs
-etwas löbliches, und asketisch angelegte Naturen (_Pascal_) werden auch
-unter dieser Eitelkeit schwer leiden können, ohne doch je über sie
-hinauszukommen. Zur inneren Eitelkeit wird sich Eitelkeit vor anderen
-stets gesellen; _aber die beiden liegen miteinander im Kampfe_.
-
-Wird nun nicht durch diese starke Betonung der Pflicht gegen
-sich selbst die Pflichterfüllung den anderen Menschen gegenüber
-beeinträchtigt? Stehen die beiden nicht in einem solchen
-Wechselverhältnis, daß, wer sich selbst die Treue wahrt, sie notwendig
-anderen brechen muß?
-
-Keineswegs. Wie die Wahrheit nur eine ist, so gibt es auch nur ein
-_Bedürfnis_ nach Wahrheit -- _Carlyles_ »Sincerity« -- das man
-_sowohl_ sich selbst als auch der Welt gegenüber hat oder nicht hat,
-aber nie getrennt, nie eines von beiden, nicht Weltbeobachtung ohne
-Selbstbeobachtung, und nicht Selbstbeobachtung ohne Weltbeobachtung: so
-gibt es überhaupt nur eine einzige Pflicht, nur einerlei Sittlichkeit.
-Man handelt moralisch oder unmoralisch _überhaupt_, und wer sich selbst
-gegenüber sittlich ist, der ist es auch den anderen gegenüber.
-
-Über nichts sind indessen falsche Vorstellungen so verbreitet wie
-darüber, was sittliche Pflicht gegen den Nebenmenschen ist, und wodurch
-ihr erst genügt wird.
-
-Wenn ich von jenen theoretischen Systemen der Ethik einstweilen
-absehe, welche Förderung der menschlichen Gesellschaft als das
-Prinzip betrachten, das allem Handeln zu Grunde zu legen sei, und die
-immerhin weniger auf die konkreten Gefühle während der Handlung und
-auf das empirische im Impulse, als auf das Walten eines generellen
-sittlichen Gesichtspunktes gehen und insofern doch hoch über aller
-Sympathiemoral stehen: so bleibt nur die populäre Meinung übrig, welche
-die Sittlichkeit eines Menschen größtenteils nach dem Grade seiner
-Mitleidigkeit, seiner »Güte« bestimmt. Von philosophischer Seite haben
-im Mitgefühle _Hutcheson_, _Hume_ und _Smith_ das Wesen und die Quelle
-alles ethischen Verhaltens erblickt; eine außerordentliche Vertiefung
-hat dann diese Lehre in _Schopenhauers_ Mitleidsmoral erhalten.
-Die _Schopenhauer_sche »Preisschrift über die Grundlage der Moral«
-verrät indes gleich in ihrem Motto »Moral predigen ist leicht, Moral
-begründen schwer« den Grundfehler aller Sympathieethik: als welche sie
-nämlich stets verkennt, daß die Ethik keine sachlich-beschreibende,
-sondern eine das Handeln normierende Wissenschaft ist. Wer sich über
-die Versuche lustig macht, genau zu erhorchen, was die innere Stimme
-im Menschen wirklich spricht, mit Sicherheit zu ergründen, was der
-Mensch _soll_, der verzichtet auf jede Ethik, die ihrem Begriffe nach
-eben eine Lehre von den Forderungen ist, welche der Mensch an sich
-und an alle anderen stellt; und nicht von dem erzählt, was er, diesen
-Forderungen Raum gebend oder sie übertönend, tatsächlich vollbringt.
-Nicht was geschieht, sondern was geschehen _soll_, ist Objekt der
-Moralwissenschaft, alles andere gehört in die Psychologie.
-
-Alle Versuche, die Ethik in Psychologie aufzulösen, übersehen, daß jede
-psychische Regung im Menschen vom Menschen selbst _gewertet_ wird, und
-das Maß zur Bewertung irgend welchen Geschehens nicht selbst Geschehnis
-sein kann. Dieser Maßstab kann nur eine _Idee_ oder ein _Wert_ sein,
-der nie völlig verwirklicht und aus keiner Erfahrung abzuleiten ist,
-weil _er_ bestehen bleibt, wenn auch alle Erfahrung ihm zuwiderliefe.
-_Sittliches Handeln kann also nur Handeln nach einer Idee sein._ Es
-ist hienach nur zwischen solchen Morallehren zu wählen, welche Ideen,
-Maximen des Handelns aufstellen, und da kommt immer nur zweierlei in
-Betracht: der ethische Sozialismus oder die »Sozialethik«, die von
-_Bentham_ und den _Mill_ begründet, und später von eifrigen Importeuren
-auch auf den Kontinent und sogar nach Deutschland und Norwegen gebracht
-wurde, und der ethische Individualismus, wie ihn _das Christentum_ und
-der _deutsche Idealismus_ lehren.
-
-Der _zweite_ Fehler aller Ethik des Mitgefühls ist eben der, daß sie
-Moral begründen, _ableiten_ will, Moral, die ihrem Begriffe nach den
-letzten Grund des menschlichen Handelns bilden soll, und darum nicht
-selbst noch erklärbar, deduzierbar sein darf, die Zweck an sich selbst
-ist und nicht mit irgend etwas außer ihr, wie Mittel und Zweck, in
-Verbindung gebracht werden darf. Soferne aber dieser Anspruch der
-Sympathiemoral mit dem Prinzipe jeder bloß deskriptiven und danach
-notwendig relativistischen Ethik übereinkommt, sind beide Fehler
-im Grunde eins, und muß diesem Unterfangen immer entgegengehalten
-werden, daß niemand, liefe er auch das ganze Gebiet aller Ursachen und
-Wirkungen ab, irgendwo den Gedanken eines höchsten _Zweckes_ in ihm
-entdecken würde, der allein für alle moralischen Handlungen wesentlich
-ist. Der Zweckgedanke kann nicht aus Grund und Folge erklärt werden,
-das Verhältnis von Grund und Folge schließt ihn vielmehr aus. Der
-Zweck tritt auf mit dem Anspruch, das Handeln zu schaffen, an ihm wird
-der Erfolg und Ausgang aller Tat gemessen, und auch dann noch immer
-ungenügend gefunden, wenn selbst alle Faktoren, die sie bestimmten,
-wohl bekannt sind und noch so schwer ihr Gewicht im Bewußtsein geltend
-machen. Neben dem Reich der Ursachen gibt es ein Reich der Zwecke, und
-dieses Reich ist das Reich des Menschen. Vollendete Wissenschaft vom
-Sein ist eine Gesamtheit der Ursachen, die bis zur obersten Ursache
-aufsteigen will, vollendete Wissenschaft vom Sollen ein Ganzes der
-Zwecke, das in einem letzten höchsten Zwecke kulminiert.
-
-Wer also das Mitleid ethisch positiv wertet, hat etwas, das gar nicht
-Handlung war, sondern nur Gefühl, nicht eine Tat, sondern nur ein
-Affekt (der seiner Natur nach nicht unter den Zweck-Gesichtspunkt
-fällt), moralisch beurteilt. Das Mitleid mag ein ethisches _Phänomen_,
-eine Äußerungsweise von etwas Ethischem sein, es ist aber so wenig ein
-ethischer _Akt_ wie das Schamgefühl oder der Stolz; _man hat zwischen
-ethischem Akt und ethischem Phänomen wohl zu unterscheiden_. Unter
-dem ersteren darf nichts verstanden werden als _bewußte Bejahung der
-Idee durch die Handlung: ethische Phänomene sind unbeabsichtigte,
-unwillkürliche Anzeichen einer andauernden Richtung des Gemütes auf
-die Idee._ Nur in den Motivenkampf greift die Idee immer wieder ein
-und sucht ihn zu beeinflussen und zu entscheiden; in den empirischen
-Mischungen ethischer mit unethischen Gefühlen, des Mitleids mit der
-Schadenfreude, des Selbstgefühles mit dem Übermut, liegt noch nichts
-von einem _Entschlusse_. _Das Mitleid ist vielleicht der sicherste
-Anzeiger der Gesinnung, aber kein Zweck irgend eines Handelns._ Nur
-_Wissen_ des Zweckes, _Bewußtsein_ des Wertes gegenüber allem Unwerte
-konstituiert die Sittlichkeit; hierin hat _Sokrates_ gegenüber allen
-Philosophen, die nach ihm gekommen sind (nur _Plato_ und _Kant_ haben
-ihm sich angeschlossen), recht. Ein alogisches Gefühl, wie das Mitleid
-immer ist, hat keinen Anspruch auf _Achtung_, sondern erweckt höchstens
-_Sympathie_.
-
-Die Frage ist demnach erst zu beantworten, inwiefern ein Mensch sich
-sittlich verhalten könne gegen andere Menschen.
-
-Nicht durch unerbetene Hilfe, die in die fremde Einsamkeit _dringt_
-und die Grenzen durchbricht, welche der Nebenmensch um sich zieht,
-sondern durch die Ehrerbietung, mit der man diese Grenzen _wahrt_;
-nicht durch _Mitleid_, nur durch _Achtung_. _Achtung_, dies hat _Kant_
-zuerst ausgesprochen, bringen wir keinem Wesen auf der Welt entgegen
-als dem Menschen. Es ist seine ungeheuere Entdeckung, daß kein Mensch
-sich selbst, sein intelligibles Ich, die Menschheit (das ist nicht
-die menschliche Gesellschaft von 1500 Millionen, sondern die _Idee_
-der _Menschenseele_) in seiner Person oder in der Person des anderen
-als Mittel zum Zweck gebrauchen kann. »In der ganzen Schöpfung kann
-alles, was man will, und worüber man etwas vermag, auch _bloß als
-Mittel_ gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm jedes vernünftige
-Geschöpf, ist _Zweck an sich selbst_.«
-
-Womit aber erweise ich einem Menschen Verachtung, und wie bezeige
-ich ihm meine Achtung? Das erste, indem ich ihn _ignoriere_, das
-zweite, indem ich mich mit ihm _beschäftige_. Wie benütze ich ihn
-als Mittel zum Zweck, und wie ehre ich in ihm etwas, das Selbstzweck
-ist? Das eine, indem ich ihn nur als Glied in der Kette der Umstände
-betrachte, mit denen meine Handlungen zu rechnen haben, das andere,
-indem ich ihn zu _erkennen_ suche. Erst so, indem man sich für ihn,
-ohne es ihm gerade zu zeigen, interessiert, an ihn denkt, sein Handeln
-zu begreifen, sein Schicksal mitzufühlen, ihn selbst zu _verstehen_
-sucht, erst dadurch, _nur_ dadurch kann man seinen Mitmenschen _ehren_.
-Nur wer, durchs eigene Ungemach nicht selbstsüchtig geworden, allen
-kleinlichen Hader mit dem Mitmenschen vergessend, den Zorn gegen
-ihn unterdrückend, ihn zu _verstehen_ trachtet, der ist wahrhaft
-uneigennützig gegen seinen Nächsten; und er handelt sittlich, denn er
-_siegt_ gerade dann über den _stärksten_ Feind, der das Verständnis des
-Nebenmenschen am längsten erschwert: über die _Eigenliebe_.
-
-Wie verhält sich nun in dieser Hinsicht der hervorragende Mensch?
-
-Er, der die meisten Menschen versteht, weil er am universellsten
-veranlagt ist, der zum Weltganzen in der innigsten Beziehung lebt, es
-am leidenschaftlichsten objektiv zu erkennen trachtet, er wird auch
-wie kein zweiter an seinem Nebenmenschen sittlich handeln. In der
-Tat, niemand denkt so viel und so intensiv wie er über die anderen
-Menschen (ja über viele auch, wenn er sie nur ein einziges Mal flüchtig
-erblickt hat), und niemand sucht so lebhaft wie er zur Klarheit über
-sie zu kommen, wenn er sie noch nicht mit genügender Deutlichkeit und
-Intensität in sich hat. Wie er selbst eine kontinuierlich von seinem
-Ich erfüllte Vergangenheit hinter sich hat, so wird er auch darüber
-sich Gedanken machen, welches das Schicksal der anderen in der Zeit
-gewesen ist, ehe da er sie noch kennen lernte. Er folgt dem stärksten
-Zuge des inneren Wesens, wenn er über sie denkt, denn er sucht ja in
-ihnen nur über sich zur Klarheit, zur Wahrheit zu gelangen. Hier zeigt
-sich eben, daß die Menschen alle Glieder einer intelligiblen Welt
-sind, in der es keinen beschränkten Egoismus oder Altruismus gibt. Nur
-so ist es zu erklären, daß große Männer, wie zu den Menschen _neben_
-ihnen, so auch zu allen Persönlichkeiten der Geschichte, die zeitlich
-_vor_ ihnen gelebt haben, in ein lebendigeres, verständnisvolleres
-Verhältnis treten, nur _dies_ der Grund, warum der große Künstler
-auch die geschichtliche Individualität so viel besser und intensiver
-erfaßt als der bloß wissenschaftliche Historiker. Es gibt keinen großen
-Mann, der nicht zu _Napoleon_, zu _Plato_, zu _Mohammed_ in einem
-persönlichen Verhältnisse stünde. _So nämlich erweist er auch denen
-seine Achtung und wahre Pietät, die vor ihm gelebt haben._ Und wenn so
-mancher, der mit Künstlern verkehrt hat, sich peinlich berührt fühlte,
-als er sich später in einer ihrer Schöpfungen wiedererkannte; wenn
-deshalb so oft über den Dichter die Beschwerde laut wird, daß ihm alles
-zum Modell werde, so ist das unangenehme Gefühl in solcher Situation
-nur zu begreiflich; aber der Künstler, der mit der Kleinlichkeit der
-Menschen nicht rechnet, hat darum kein Verbrechen begangen: er hat, in
-seiner Weise der unreflektierten Darstellung und Neuerzeugung der Welt,
-den _schöpferischen Akt des Verständnisses vollzogen; und es gibt kein
-Verhältnis zwischen Menschen, das reiner wäre als dieses_.
-
-Damit dürfte denn auch das sehr wahre, schon einmal erwähnte Wort
-_Pascals_ an Verständlichkeit gewonnen haben: »A mesure qu'on a plus
-d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du
-commun ne trouvent pas de différence entre les hommes.« -- Es hängt
-mit all dem ferner zusammen, daß ein Mensch, je höher er stehen, desto
-größere Anforderungen bezüglich des _Verstehens fremder_ Äußerungen
-an sich stellen wird; während der Unbegabte bald etwas zu verstehen
-glaubt, oft gar nicht einmal fühlt, daß hier etwas ist, das er nicht
-versteht, den _fremden_ Geist kaum empfindet, der aus einem Kunstwerk,
-aus einer Philosophie zu ihm spricht; und so höchstens ein Verhältnis
-zu den Sachen gewinnt, aber nicht zum Nachdenken über den Schöpfer
-selbst sich aufschwingt. Der bedeutende Mensch, der die höchste Stufe
-der Bewußtheit erklimmt, identifiziert nicht leicht etwas, das er
-liest; mit sich und seiner Meinung, während bei geringerer Helligkeit
-des Geistes sehr verschiedene Dinge ineinander verschwimmen und sich
-gleich ausnehmen können.
-
-Der geniale Mensch ist derjenige, dem sein _Ich_ zum Bewußtsein gelangt
-ist. Darum kommt ihm auch das Anderssein der anderen am ehesten zur
-Abhebung, _darum empfindet er im anderen Menschen auch dann dessen
-Ich, wenn dieses noch gar nicht stark genug war, um jenem selbst zum
-Bewußtsein zu kommen. Aber nur wer fühlt, daß der andere Mensch $auch
-ein Ich, eine Monade, ein eigenes Zentrum der Welt ist$, mit besonderer
-Gefühlsweise und Denkart, und besonderer Vergangenheit, der wird $von
-selbst davor gefeit$ sein, den Mitmenschen bloß $als Mittel zum Zweck$
-zu benützen_, er wird der _Kant_ischen Ethik gemäß auch im Mitmenschen
-die _Persönlichkeit_ (als Teil der _intelligiblen_ Welt) _spüren, ahnen
-und darum $ehren$, und nicht bloß an ihm $sich ärgern$. $Psychologische
-Grundbedingung alles praktischen Altruismus ist daher theoretischer
-Individualismus.$_
-
-_Hier liegt also die Brücke_, welche vom moralischen Verhalten sich
-selbst gegenüber zum moralischen Verhalten dem anderen gegenüber führt,
-jene Vermittlung, deren Mangel in der _Kant_ischen Philosophie von
-_Schopenhauer_ mit Unrecht als ein Fehler derselben angesehen, und ihr
-wie ein notwendiges, in ihren wesentlichen Prinzipien begründetes
-Unvermögen ausgelegt wurde.
-
-Die Probe darauf ist leicht zu machen. Nur der vertierte Verbrecher
-und der Irrsinnige interessieren sich _gar nicht_ auch nur für irgend
-einen unter ihren Nebenmenschen, sie leben, als ob sie allein auf der
-Welt wären, sie _fühlen_ die _Anwesenheit_ des _Fremden_ gar nicht. Es
-gibt also keinen _praktischen Solipsismus_: in wem ein Selbst ist, für
-den gibt es auch ein Selbst im Nebenmenschen; und nur wenn ein Mensch
-seinen (logischen und ethischen) Wesenskern eingebüßt hat, reagiert er
-auch auf den zweiten Menschen nicht mehr so, als ob dieser ein Mensch,
-ein Wesen mit durchaus eigener Persönlichkeit wäre. _Ich und Du sind
-eben Wechselbegriffe._
-
-Am stärksten gelangt der Mensch zum Bewußtsein seiner selbst, wenn er
-mit anderen Menschen beisammen ist. Darum ist der Mensch in Gegenwart
-anderer Menschen stolzer, als wenn er allein ist, und bleibt es den
-Stunden seiner Einsamkeit aufgespart, seinen Übermut zu dämpfen.
-
-Endlich: wer sich tötet, der tötet gleichzeitig die ganze Welt; und wer
-den anderen mordet, begeht eben darum das schwerste Verbrechen, weil er
-in ihm sich gemordet hat. So ist denn jener Solipsismus im Praktischen
-ein Unding, und sollte lieber _Nihilismus_ genannt werden; wenn kein
-Du da ist, dann ist auch sicherlich nie ein Ich vorhanden, es bleibt
-hernach überhaupt -- nichts.
-
-Auf die psychologische _Verfassung_ kommt es an, welche es _unmöglich_
-macht, den anderen Menschen als Mittel zum Zweck zu gebrauchen. Und
-da fand sich: _wer seine Persönlichkeit fühlt, der fühlt sie auch
-in anderen_. Für ihn ist das Tat-tvam-asi keine schöne Hypothese,
-sondern _Wirklichkeit_. _Der höchste Individualismus $ist$ der höchste
-Universalismus._
-
-Schwer irrt also der Leugner des Subjektes, Ernst _Mach_, wenn er
-glaubt, nach dem Verzicht auf das eigene Ich sei erst ein ethisches
-Verhalten, »welches Mißachtung des fremden Ich und Überschätzung des
-eigenen ausschließt,« zu erwarten. Es hat sich eben gezeigt, wohin
-der Mangel eines eigenen Ich im Verhalten zum Nebenmenschen führt.
-_Das Ich ist Grundbedingung auch aller sozialen Moral._ Gegen eine
-bloße _Verknotungsstelle_ von »Elementen« werde ich mich, _rein
-psychologisch_, nie ethisch verhalten können. Als Ideal kann man das
-_aussprechen_; es ist aber dem praktischen Verhalten ganz entrückt,
-kann ihm nie als Norm dienen, _weil es die psychologische Bedingung
-aller Verwirklichung der sittlichen Idee $eliminiert$, während die
-moralische Forderung eben psychologisch $da ist$_.
-
-_Gerade umgekehrt handelt es sich darum, jedem Menschen bewußt zu
-machen, daß er ein höheres Selbst, eine Seele besitzt, und daß auch die
-anderen Menschen eine Seele besitzen._ (Dazu wird der größte Teil der
-Menschheit aber immer einen _Seelenhirten_ benötigen.) Erst hiemit ist
-ein ethisches Verhältnis zum Nebenmenschen _da, wirklich da_.
-
-Dieses Verhältnis aber ist im genialen Menschen in einzigster Weise
-verwirklicht. Niemand wird mit den Menschen, und darum an den
-Menschen, mit denen er lebt, so _leiden_ wie er. Denn in bestimmtem
-Sinne wird sicherlich der Mensch _nur_ »durch Mitleid wissend«.
-Ist Mitleid auch nicht selbst klares, abstrakt-begriffliches oder
-anschaulich-symbolisches Wissen, so ist es doch der stärkste Impuls,
-um zu allem Wissen zu gelangen. Nur durch Leiden _unter_ den Dingen
-begreift sie der Genius, nur durch Leiden _mit_ den Menschen versteht
-er diese. Und der Genius leidet am meisten, weil er mit allem und in
-allem leidet; aber am stärksten leidet er an seinem Mitleiden.
-
-Wurde in einem früheren Kapitel das Geniale zu erweisen gesucht als
-jener Faktor, der den Menschen erst eigentlich über das Tier erhebt,
-und zugleich damit die Tatsache in Verbindung gebracht, daß nur der
-Mensch eine Geschichte hat (diese erkläre sich aus der allen Menschen
-innewohnenden und nur graduell verschiedenen Genialität), so muß
-hierauf nun noch einmal zurückgegriffen werden. Genialität fällt
-zusammen mit lebendiger Tätigkeit des intelligiblen Subjektes. Und
-Geschichte offenbart sich nur im Sozialen, im »objektiven Geiste«, die
-Individuen an sich bleiben sich ewig gleich und schreiten nicht vor wie
-dieser (sie sind _das Ahistorische_). So sehen wir hier, wie unsere
-Fäden zusammenlaufen, um ein überraschendes Resultat zu erzeugen. Ist
-nämlich -- hierin glaube ich nicht zu irren -- die zeitlose menschliche
-Persönlichkeit auch Bedingung jedes wahrhaft ethischen Verhaltens
-auch gegen den Nebenmenschen, _Individualität $Voraussetzung$_ einer
-_sozialen_ Gesinnung, so wird damit auch klar, warum das »animal
-metaphysicum« und das »ζῷον πολιτικόν«, das geniale Geschöpf und
-der Träger einer Geschichte _eines_ sind, ein und dasselbe Wesen,
-_$nämlich$ der Mensch_. Und so ist auch die alte Streitfrage erledigt,
-was _früher_ da sei, _Individuum_ oder _Gemeinschaft_: $beide nämlich
-sind zugleich und miteinander da$.
-
-Hiemit betrachte ich denn in jeder Beziehung den Nachweis als
-geführt, daß Genialität _höhere Sittlichkeit_ überhaupt ist. Der
-bedeutende Mensch ist nicht nur der sich selbst treueste, der nichts
-von sich vergessende, der, dem Irrtum und Lüge am verhaßtesten, am
-unerträglichsten sind; er ist auch der sozialste, der einsamste
-zugleich der zweisamste Mensch. _Das Genie ist eine höhere Daseinsform
-überhaupt, nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch. Der Genius
-offenbart ganz eigentlich $die Idee$ des Menschen. Er kündet, was der
-Mensch ist: das $Subjekt$, dessen $Objekt$ das $ganze$ Universum, und
-stellt das fest für ewige Zeiten._
-
-Man lasse sich nicht irre machen. _Bewußtsein_, und _nur Bewußtsein_,
-ist an und für sich moralisch, alles Unbewußte unmoralisch, und alles
-Unmoralische unbewußt. Das »unmoralische Genie«, der »große böse
-Mensch« ist deshalb ein Fabeltier; von großen Menschen in bestimmten
-Augenblicken ihres Lebens als eine Möglichkeit ersonnen, um dann,
-sehr gegen den Willen der Schöpfer, für furchtsame und schwächliche
-Naturen einen Wauwau abzugeben, mit dem sie sich und andere Kinder
-schrecken. Es gibt keinen Verbrecher, der seiner Tat gewachsen wäre,
-der da dächte und spräche wie der _Hagen_ der »Götterdämmerung« an
-_Siegfrieds_ Leichnam: »Ja denn, ich hab ihn erschlagen, _ich, Hagen_,
-schlug ihn zu tot!« _Napoleon_ und _Baco von Verulam_, die man als
-Gegeninstanzen anführt, werden intellektuell bei weitem überschätzt
-oder falsch gedeutet. Und zu _Nietzsche_ darf man in diesen Dingen --
-wenn er von den Borgias zu reden anfängt -- am wenigsten Vertrauen
-hegen. Die Konzeption des Diabolischen, des Antichrist, des Ahriman,
-des »Radikal-Bösen in der menschlichen Natur« ist überaus gewaltig. Mit
-dem Genie aber hat sie nur insoferne zu schaffen, als sie gerade sein
-Gegenteil ist. Sie ist eine Fiktion, geboren in den Stunden, da große
-Menschen gegen den Verbrecher in sich den entscheidenden Kampf gekämpft
-haben.
-
-Universelle Apperzeption, Allgemeinbewußtsein, vollkommene
-Zeitlosigkeit ist ein Ideal, auch für die »genialen« Menschen;
-_Genialität ist ein innerer Imperativ_, nie bei einem Menschen je
-gänzlich vollzogene _Tatsache_. Darum wird zu allerletzt ein »genialer«
-Mensch, er am allerwenigsten, von sich so einfach zu sagen imstande
-sein: »Ich _bin_ ein Genie.« Denn Genialität ist, ihrem Begriffe nach,
-nichts als gänzliche Erfüllung der Idee des Menschen, und darum genial
-etwas, das jeder Mensch sein _sollte_ und das zu werden _prinzipiell
-jedem Menschen möglich sein muß_. Denn Genialität ist höchste
-Sittlichkeit, und darum Pflicht eines jeden. Zum Genie wird der Mensch
-durch einen höchsten _Willensakt_, _indem er das ganze Weltall in sich
-bejaht_. Genialität ist etwas, das die »genialen Menschen« _auf sich
-genommen haben_: es ist die größte Aufgabe und der größte Stolz, das
-größte Unglück und das größte Hochgefühl, das einem Menschen möglich
-ist. So paradox es klingt: genial ist der Mensch, wenn er es sein
-_will_.
-
-Nun wird man freilich sagen: sehr viele Menschen möchten sehr gerne
-»Original-Genies« sein, und es hilft ihnen doch aller Wunsch nicht
-dazu. Aber wenn diese Menschen, die »es sehr gerne möchten«, eine
-lebhaftere Ahnung davon hätten, _was_ das, wonach ihr Wunsch verlangt,
-eigentlich _bedeutet_, wenn ihnen aufgegangen wäre, daß Genialität
-identisch ist mit _universeller Verantwortlichkeit_ -- und bevor einem
-etwas ganz klar ist, kann er es ja nur _wünschen_, nicht _wollen_ --
-so ist wahrscheinlich, daß die weitaus größte Zahl der Menschen, genial
-zu werden, _ablehnen_ würde.
-
-Aus keinem anderen Grunde auch -- Toren glauben dann an die
-Nachwirkungen der Venus oder an die spinale Degeneration des
-Neurasthenikers -- verfallen so viele geniale Menschen dem _Irrsinn_.
-Es sind diejenigen, denen die Last zu schwer wurde, die ganze Welt
-gleich dem Atlas auf ihren Schultern zu tragen, und darum immer
-kleinere, minder hervorragende, nie die allergrößten, nie die stärksten
-Geister. Das Genie, das zum Irrsinnigen wird, _will nicht mehr Genie
-sein_; es will statt der Sittlichkeit -- das _Glück_. Denn aller
-Wahnsinn entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewußtheit
-geknüpften Schmerzes; und darum hat _Sophokles_ am tiefsten das Motiv
-angedeutet, warum ein Mensch auch seinen _Irrsinn wollen_ kann; indem
-er den Aias, dessen Geist denn auch zuletzt der Nacht verfällt, sagen
-läßt:
-
-ἐν τῷ φρονεῖν γὰρ μηδὲν ἥδιστος βίος.
-
-Ich beschließe dieses Kapitel mit den tiefen, an die erhabensten
-Momente des _Kant_ischen Stiles gemahnenden Worten des _Johann Pico
-von Mirandola_, für deren Verständnis ich hier vielleicht einiges
-getan habe. Er läßt, in seiner Rede »Über die Würde des Menschen« die
-Gottheit zum Menschen also sprechen:
-
-»Nec certam sedem, nec propriam faciem, nec munus ullum peculiare
-tibi dedimus, o Adam: ut quam sedem, quam faciem, quae munera tute
-optaveris, ea pro voto, pro tua sententia, habeas et possideas.
-Definita ceteris natura intra praescriptas a nobis leges coercetur; tu
-nullis angustiis coercitus, pro tuo arbitrio, in cuius manu te posui,
-tibi illam praefinies. Medium te mundi posui, ut circumspiceres inde
-commodius quicquid est in mundo. Nec te caelestem, neque terrenum,
-neque mortalem, neque immortalem fecimus, ut tui ipsius quasi
-arbitrarius honorariusque plastes et fictor in quam malueris tute
-formam effingas. Poteris in inferiora quae sunt bruta degenerare,
-poteris in superiora quae sunt divina, ex tui animi sententia
-regenerari.
-
-O summam Dei Patris liberalitatem, summam et admirandam hominis
-felicitatem: cui datum id habere quod optat, id esse quod velit.
-Bruta simul atque nascuntur id secum afferunt e bulga matris, quod
-possessura sunt. Supremi spiritus aut ab initio aut paulo mox id
-fuerunt, quod sunt futuri in perpetuas aeternitates. _Nascenti homini
-omniferaria semina et omnigenae vitae germina indidit Pater_; quae
-quisque excoluerit, illa adolescent et fructus suos ferent in illo:
-si vegetalia, planta fiet, si sensualia, obbrutescet, si rationalia,
-caeleste evadet animal, si intellectualia, angelus erit et Dei
-_filius_. _Et si nulla creaturarum sorte contentus in unitatis centrum
-suae se receperit, unus cum Deo spiritus factus, in solitaria Patris
-caligine qui est super omnia constitutus omnibus antestabit._«
-
-
-
-
-IX. Kapitel.
-
-Männliche und weibliche Psychologie.
-
- »De subjecto vetustissimo ....«
-
- _Galilei._
-
-
-Es ist an der Zeit, zu der eigentlichen Aufgabe der Untersuchung
-zurückzukehren, um zu sehen, wie weit deren Lösung durch die längeren
-Einschiebungen gefördert worden ist, die oft ziemlich weit von ihr
-abzuführen schienen.
-
-Die Konsequenzen der entwickelten Grundsätze sind für eine Psychologie
-der Geschlechter so radikale, daß, auch wer zu den bisherigen
-Ableitungen seine Zustimmung gegeben hat, vor _diesen_ Folgerungen
-zurückscheuen dürfte. Es ist noch nicht der Ort, die Gründe dieser
-Scheu zu analysieren; aber um die nun aufzustellende These gegen
-alle Einwände, die aus ihr fließen werden, zu schützen, soll sie in
-diesem Abschnitt noch in ausgiebigster Weise durch zwingende Argumente
-vollständig gesichert werden.
-
-Worum es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, daß das
-logische und das ethische Phänomen, beide im Begriffe der Wahrheit zum
-höchsten Werte sich zusammenschließend, zur Annahme eines intelligiblen
-Ich oder einer Seele, als eines Seienden von höchster, hyperempirischer
-Realität, zwingen. _Bei einem Wesen, dem, wie $W$, das logische und
-das ethische Phänomen mangeln, entfällt auch der Grund, jene Annahme
-zu machen._ Das vollkommen weibliche Wesen kennt weder den logischen
-noch den moralischen Imperativ, und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht,
-Pflicht gegen sich selbst, ist das Wort, das ihm am fremdesten
-klingt. Also ist der Schluß vollkommen berechtigt, daß ihm auch die
-übersinnliche Persönlichkeit fehlt.
-
-$Das absolute Weib hat kein Ich.$
-
-Dies ist, in gewisser Beziehung, ein Abschluß der Betrachtung, ein
-Letztes, wozu alle Analyse des Weibes führt. Und wenn auch diese
-Erkenntnis, so kurz und bündig ausgesprochen, hart und unduldsam,
-paradox und von allzu schroffer Neuheit scheint: es ist, in einer
-solchen Sache, von vornherein kaum wahrscheinlich, daß der Verfasser
-der erste sei, welcher zu dieser Anschauung gelangt ist; wenn er auch
-selbständig wieder zu ihr den Weg finden mußte, um das Treffende der
-früheren ähnlichen Aussagen zu begreifen. Die _Chinesen_ sprechen seit
-ältester Zeit dem Weibe eine eigene Seele ab. Fragt man einen Chinesen
-nach der Zahl seiner Kinder, so zählt er nur die Knaben, und hat er
-bloß Töchter, so erklärt er, kinderlos zu sein.[35] Aus einem ähnlichen
-Grunde hat wohl _Mohammed_ die Frauen vom Paradiese ausgeschlossen, und
-die unwürdige Stellung, welche das weibliche Geschlecht in den Ländern
-islamitischer Religion einnimmt, hiedurch mitverschuldet.
-
-Von den Philosophen ist hier vor allem _Aristoteles_ zu nennen. Für
-ihn ist das männliche Prinzip bei der Zeugung das formende, aktive,
-der Logos, das weibliche vertritt die passive Materie. Erwägt man
-nun, wie für _Aristoteles_ Seele mit Form, Entelechie, Urbewegendem
-zusammenfällt, so ist klar, wie sehr er sich der hier ausgesprochenen
-Ansicht nähert, obwohl seine Anschauung nur dort zutage tritt, wo
-er vom Akte der Befruchtung redet; während ihm sonst mit fast allen
-Griechen außer _Euripides_ es gemeinsam zu sein scheint, daß er über
-die Frauen selbst nicht nachdenkt, und deshalb nirgends ein Standpunkt
-in Bezug auf die Eigenschaften des Weibes überhaupt (nicht nur in
-Ansehung seiner Rolle beim Begattungsakte) von ihm eingenommen wird.
-
-Unter den Kirchenvätern scheinen besonders _Tertullian_ und _Origenes_
-sehr niedrig vom Weibe gedacht zu haben; indes _Augustinus_ schon
-durch das innige Verhältnis zu seiner Mutter davon hat abgehalten
-werden müssen, die Ansichten jener zu teilen. In der _Renaissance_
-ist die Aristotelische Ansicht wieder mehrfach aufgenommen worden,
-z. B. von Jean _Wier_ (1518-1588). Damals scheint man diese überhaupt,
-gefühlsmäßig und intuitiv, besser verstanden und nicht bloß als
-Kuriosum betrachtet zu haben, wie das in der heutigen Wissenschaft
-üblich ist, die freilich noch zu anderen Verbeugungen vor der
-Aristotelischen Anthropologie sich einmal gewiß wird bequemen müssen.
-
-In den letzten Jahrzehnten haben dieselbe Erkenntnis Henrik _Ibsen_
-(mit den Gestalten der _Anitra_, _Rita_ und _Irene_) und August
-_Strindberg_ (»Gläubiger«) ausgesprochen. Am populärsten aber ist
-der Gedanke von der Seelenlosigkeit des Weibes durch das wundervolle
-Märchen _Fouqués_ geworden, dessen Stoff dieser Romantiker aus dem, von
-ihm eifrig studierten, _Paracelsus_ geschöpft hat, und durch E. T. A.
-_Hoffmann_, _Girschner_ und Albert _Lortzing_, welche es in Musik
-gesetzt haben. _Undine, die seelenlose Undine, ist die platonische
-Idee des Weibes._ Trotz aller Bisexualität kommt ihr die Wirklichkeit
-meist sehr nahe. Die verbreitete Rede: »das Weib hat keinen Charakter«
-meint im Grunde auch nichts anderes. Persönlichkeit und Individualität,
-(intelligibles) Ich und Seele, Wille und (intelligibler) Charakter --
-dies alles bezeichnet ein und dasselbe, das im Bereiche des Menschen
-nur M zukommt und W fehlt.
-
-Da aber die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, und bedeutende
-Menschen solche, welche durchaus _mit_ Seele leben, d. h. in denen
-die _ganze Welt lebendig_ ist, _so muß W absolut $un$genial veranlagt
-sein_. _Der Mann_ hat _alles_ in sich, und mag nur, nach den Worten
-_Picos von Mirandola_, dies oder jenes in sich besonders begünstigen.
-Er kann zur höchsten Höhe hinaufgelangen und aufs tiefste entarten, er
-kann zum Tiere, zur Pflanze, _er kann auch zum Weibe werden, und darum
-gibt es weibliche, weibische Männer_.
-
-$Aber die Frau kann nie zum Manne werden.$ Hier ist also die wichtigste
-Einschränkung an den Aufstellungen des ersten Teiles dieser Schrift
-vorzunehmen. _Während mir eine große Anzahl von Männern bekannt sind,
-die psychisch fast vollständig, und nicht etwa zur Hälfte nur, Weib
-sind, habe ich zwar schon sehr viele Frauen gesehen mit männlichen
-Zügen, aber noch nie auch nur eine einzige Frau, die nicht doch im
-Grunde Weib gewesen wäre_, wenn auch diese Weiblichkeit unter einer
-Menge verkleidender Hüllen vor dem Blicke der Person selbst, nicht
-nur der anderen, oft genug sich verbarg. Man _ist_ (vgl. Kapitel 1
-des zweiten Teiles) _entweder_ Mann _oder_ Weib, so viel man auch von
-beiden Geschlechtern Eigentümlichkeiten haben mag, und dieses _Sein_,
-das Problem der Untersuchung von Anfang an, bestimmt sich jetzt nach
-dem Verhältnis eines Menschen zur Ethik und zur Logik; aber während es
-anatomische Männer gibt, die psychologisch Weiber _sind_, gibt es keine
-Personen, die körperlich Weiber und doch psychisch Männer _sind_; wenn
-sie auch in noch so vielen äußerlichen Beziehungen einen männlichen
-Aspekt gewähren, und einen unweiblichen Eindruck hervorbringen.
-
-Darum aber läßt sich mit Sicherheit nun folgende _abschließende_
-Antwort auf die Frage nach der Begabung der Geschlechter geben: _es
-gibt wohl Weiber mit genialen Zügen, aber es gibt kein weibliches
-Genie, hat nie ein solches gegeben und kann nie ein solches geben_. Wer
-prinzipiell in solchen Dingen der Laxheit huldigen und den Begriff der
-Genialität so auftun und erweitern wollte, daß die Frauen unter ihm
-auch nur ein Fleckchen Raumes fänden, der würde diesen Begriff damit
-bereits _zerstört_ haben. Wenn überhaupt ein Begriff von Genialität in
-Strenge und Einheitlichkeit gewonnen und gewahrt werden soll und kann,
-so sind, wie ich glaube, keine anderen Definitionen von ihm möglich
-als die hier entwickelten. Wie könnte nach diesen ein seelenloses
-Wesen Genie haben? Genialität ist identisch mit _Tiefe_; und man
-versuche nur, tief und Weib wie Attribut und Substantiv miteinander
-zu verbinden: ein jeder hört den Widerspruch. _Ein weiblicher Genius
-ist demnach eine contradictio in adjecto_; denn Genialität war ja nur
-gesteigerte, voll entfaltete, höhere, allgemein bewußte Männlichkeit.
-Der geniale Mensch hat, wie alles, auch das Weib völlig in sich; aber
-das Weib selbst ist nur ein Teil im Weltall, und der Teil kann nicht
-das Ganze, Weiblichkeit also nicht Genialität in sich schließen. Die
-_Genielosigkeit_ des Weibes folgt unabwendbar daraus, daß das Weib
-keine Monade und somit kein Spiegel des Universums ist.
-
-Zum Nachweise der _Seelenlosigkeit_ des Weibes aber vereinigt sich
-der größte Teil alles dessen, was etwa in den vorigen Kapiteln zu
-ermitteln sollte gelungen sein. Das dritte Kapitel zunächst hat
-gezeigt, daß die Frau in Heniden, der Mann in gegliederten Inhalten
-lebt, daß das weibliche Geschlecht ein weniger _bewußtes_ Leben führt
-als das männliche. Bewußtsein ist aber _ein_ erkenntnistheoretischer
-und zugleich _der_ psychologische Fundamentalbegriff.
-Erkenntnistheoretisches Bewußtsein und Besitz eines kontinuierlichen
-Ich, transcendentales Subjekt und Seele sind vertauschbare
-Wechselbegriffe. Jedes Ich _ist_ nur in der Weise, daß es sich selbst
-fühlt, sich seiner in seinen Denkinhalten bewußt wird; alles Sein ist
-Bewußtsein. Aber es ist jetzt zu jener Theorie von den Heniden eine
-wichtige Erläuterung hinzuzufügen. Die artikulierten Denkinhalte des
-Mannes sind nicht einfach die auseinandergefalteten und geformten
-weiblichen, sie sind nicht bloß aktuell, was jene potentiell waren;
-sondern es steckt in ihnen von allem Anfang an noch ein _qualitativ
-anderes_. Die psychischen Inhalte des Mannes sind, selbst schon im
-ersten Henidenstadium, das sie stets zu überwinden trachten, bereits
-zur _Begrifflichkeit_ angelegt, und vielleicht tendiert selbst _alle
-Empfindung_ des Mannes von einem sehr frühen Stadium an _zum Begriffe_.
-Das Weib selbst ist durchaus unbegrifflich veranlagt, in seinem
-Wahrnehmen wie in seinem Denken.
-
-Das Prinzip aller Begrifflichkeit sind die logischen Axiome,
-und diese fehlen den Frauen; ihnen ist nicht das Prinzip der
-Identität Richtschnur, welches allein dem Begriff seine eindeutige
-Bestimmtheit verleihen kann, und sie machen sich nicht das principium
-contradictionis zur Norm, das einzig ihn, als völlig selbständigen,
-gegen alle anderen möglichen und wirklichen Dinge abgrenzt. Dieser
-Mangel an begrifflicher Bestimmtheit alles weiblichen Denkens
-ermöglicht jene »Sensitivität« der Frauen, die vagen Associationen
-ein schrankenloses Recht einräumt, und so häufig ganz fernliegende
-Dinge zum Vergleich heranzieht. Auch die Frauen mit dem besten und
-am wenigsten begrenzten Gedächtnis kommen über diese Manier der
-_Synästhesien_ nie hinaus. Gesetzt z. B., durch irgend ein Wort
-fühlten sie sich an eine bestimmte Farbe, durch einen Menschen an
-eine bestimmte Speise erinnert -- wie das wirklich bei Frauen oft
-genug vorkommt: in solchem Falle geben sie sich mit ihrer subjektiven
-Association vollständig _zufrieden_, sie suchen weder zu ergründen,
-warum ihnen gerade dieser Vergleich eingefallen, inwiefern er wirklich
-durch die tatsächlichen Verhältnisse nahegelegt sei, noch trachten sie
-weiter und eifriger über ihren Eindruck von dem Worte, von dem Menschen
-ins Klare zu kommen. Diese Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit hängt
-mit dem zusammen, was früher als intellektuelle Gewissenlosigkeit des
-Weibes bezeichnet wurde, und gleich weiter unten nochmals zur Sprache
-kommen und in seinem Konnex mit dem Mangel an Begrifflichkeit erläutert
-werden soll. Jenes Schwelgen in rein gefühlsmäßigen Anklängen,
-jener Verzicht auf Begrifflichkeit und auf Begreiflichkeit, jenes
-_Sichwiegen_ ohne _Streben_ nach irgend einer Tiefe charakterisiert
-den schillernden Stil so vieler moderner Schriftsteller und Maler als
-einen eminent _weiblichen_. Männliches Denken scheidet sich von allem
-weiblichen grundsätzlich durch das Bedürfnis nach sicheren Formen,
-und so ist auch jede »Stimmungskunst« immer notwendig eine _formlose_
-»Kunst«.
-
-Die psychischen Inhalte des Mannes können aus diesen Gründen nie
-einfach Heniden des Weibes in bloßer Weiterentwicklung in »expliciter«
-Form sein. Das Denken des Weibes ist ein Gleiten und ein Huschen
-zwischen den Dingen hindurch, ein Nippen von ihren obersten Flächen,
-denen der Mann, der »in der Wesen Tiefe trachtet«, oft gar keine
-Beachtung schenkt, es ist ein Kosten und ein Schmecken, ein _Tasten_,
-kein _Ergreifen_ des Richtigen. Darum, weil das Denken des Weibes
-vornehmlich eine Art _Schmecken_ ist, bleibt auch _Geschmack_,
-im _weitesten_ Sinne, die vornehmste weibliche Eigenschaft, das
-Höchste, was eine Frau selbständig erreichen, und worin sie es bis
-zu einer gewissen Vollendung bringen kann. Geschmack erfordert
-eine Beschränkung des Interesses auf Oberflächen, er geht auf den
-Zusammenklang des Ganzen, und verweilt nie bei scharf herausgehobenen
-Teilen. Wenn eine Frau einen Mann »versteht« -- über Möglichkeit und
-Unmöglichkeit solchen Verstehens wird noch zu handeln sein -- so
-_schmeckt_ sie sozusagen -- so geschmacklos gerade dieser Ausdruck
-sein mag -- _nach_, was er ihr _$vorgedacht$_ hat. Da es auf ihrer
-Seite hiebei eben nicht zu scharfer Unterscheidung kommen kann, so ist
-klar, daß an ein Verständnis von ihr selbst oft wird geglaubt werden,
-wo nur höchst vage Analogien in der Empfindung vorhanden sind. Als
-maßgebend für die _In_kongruenzen ist hiebei vor allem anzusehen, daß
-die Denkinhalte des Mannes nicht auf derselben Linie, und nicht etwa
-nur auf ihr weiter vorgerückt liegen als die des Weibes, sondern daß es
-_zwei_ Reihen sind, welche auf die gleichen Objekte sich erstrecken,
-eine begriffliche männliche und eine unbegriffliche weibliche, und
-eine im Verstehen ausgesagte Identifikation demnach _nicht nur_
-zwischen einem entwickelten, differenzierten, späteren, und einem noch
-chaotischen, ungegliederten, früheren Inhalt _derselben_ Reihe erfolgen
-kann (wie im Falle des Ausdrucks, S. 154); sondern daß gerade im
-Verstehen zwischen Mann und Weib ein _begrifflicher_ Gedanke der einen
-Reihe einem _unbegrifflichen_ »Gefühle«, einer »Henide«, in der anderen
-gleichgesetzt wird.
-
-Die unbegriffliche Natur des Weibes ist aber, nicht minder als seine
-geringere Bewußtheit, ein Beweis dafür, daß es kein Ich besitzt. Denn
-erst der Begriff schafft den bloßen Empfindungskomplex zum _Objekt_
-um, er macht ihn unabhängig davon, ob ich ihn empfinde oder nicht.
-Das Dasein des Empfindungskomplexes ist immer vom Willen des Menschen
-abhängig: dieser schließt das Auge, er verstopft das Ohr und sieht
-und hört schon nicht mehr, er berauscht sich oder sucht den Schlaf,
-und vergißt. Erst der _Begriff_ emanzipiert von der ewig subjektiven,
-ewig psychologisch-relativen Tatsache des _Empfindens_, er schafft die
-_Dinge_. Durch seine begriffliche Funktion stellt sich der Intellekt
-selbsttätig ein Objekt _gegenüber_; und umgekehrt kann nur, wo eine
-begriffliche Funktion da ist, von Subjekt und Objekt gesprochen werden,
-nur dort sind beide voneinander unterscheidbar; in jedem anderen Falle
-ist nur ein Haufe ähnlicher und unähnlicher Bilder vorhanden, die
-ineinander ohne jede Regel und Ordnung verschwimmen und übergehen. Der
-Begriff schafft also die frei in der Luft schwebenden _Impressionen
-zu Gegenständen_ um, er zeugt aus der Empfindung ein Objekt, dem das
-Subjekt gegenübertritt, einen Feind, an dem es seine Kräfte mißt.
-So ist der Begriff konstitutiv für alle Realität; nicht als ob der
-Gegenstand selbst nur so weit Realität besäße, als er Anteil hätte
-an einer jenseits der Erfahrung in einem τόπος νοητός liegenden Idee
-und nur eine unvollkommene Projektion, ein stets mißlungenes Abbild
-dieser darstellte: sondern umgekehrt, _insofern sich auf irgend etwas
-die begriffliche Funktion unseres Intellektes erstreckt, insofern
-und nur insofern wird es zum realen Ding_. Der _Begriff_ ist das
-»_transcendentale Objekt_« der _Kant_schen Vernunftkritik, als welches
-aber stets nur einem _transcendentalen Subjekte_ korrespondiert. Denn
-nur aus dem Subjekte stammt jene rätselhafte objektivierende Funktion,
-die jenen _Kant_schen »Gegenstand X«, auf den alle _Erkenntnis_ sich
-erst _richtet_, selbst _hervorbringt_, und die ja als identisch mit
-den logischen Axiomen erkannt wurde, in welchen wieder nur das Dasein
-des Subjektes zum Ausdruck gelangt. Das principium contradictionis
-nämlich grenzt den Begriff ab gegen alles, was nicht er selbst ist; das
-principium identitatis ermöglicht seine Betrachtung, als ob er allein
-auf der Welt wäre. Ich kann nie von einem rohen Empfindungskomplexe
-sagen, daß er sich selbst gleich sei; in dem Augenblick, wo ich das
-Urteil der Identität auf ihn anwende, ist er bereits begrifflich
-geworden. So verleiht erst der Begriff allem Wahrnehmungsgebilde und
-allem Gedankengespinst seine _Würde_ und seine _Strenge_: _der Begriff
-$befreit$ jeden Inhalt, indem er ihn $bindet$_. Und hier wird abermals
-offenbar, wie alle Freiheit Selbstbindung ist, in der Logik wie in der
-Ethik. Frei wird der Mensch allein, indem er selbst das Gesetz wird:
-nur so entgeht er der Heteronomie, der Bestimmung durch anderes und
-durch andere, die unausbleiblich an jede Willkür geknüpft ist. Deshalb
-ist auch die begriffliche Funktion eine _Selbstehrung_ des Menschen;
-er ehrt _sich_, indem er seinem Objekte die Freiheit gibt und es
-verselbständigt, als den allgemeingültigen _Gegenstand der Erkenntnis_,
-auf den rekurriert wird, wo immer zwei Männer über eine Sache streiten
-mögen. -- Nur die Frau steht nie Dingen _gegenüber_, sie springt mit
-ihnen und in ihnen mit sich nach Belieben um: sie kann dem Objekte
-keine Freiheit schenken, da sie selbst keine hat.
-
-Die Verselbständigung der Empfindung im Begriffe ist aber nicht
-sowohl eine Loslösung vom _Subjekte_, als eine Loslösung von der
-_Subjektivität_. Der Begriff ist vielmehr eben das, worüber _ich_
-denke, schreibe und spreche. Darin liegt der Glaube, daß ich
-nichtsdestoweniger noch in einer Beziehung zu ihm stehe, und _dieser_
-Glaube ist das Wesen des $Urteils$. Wenn die immanenten Psychologisten,
-_Hume_, _Huxley_, _Mach_, _Avenarius_, sich mit dem _Begriff_ noch
-so abzufinden suchten, daß sie ihn mit der Allgemeinvorstellung
-identifizierten, und zwischen logischem und psychologischem Begriff
-keine Unterscheidung mehr trafen: so ist es hingegen sehr bezeichnend,
-daß sie das _Urteil_ einfach ignorieren, ja, tun müssen, als ob es
-nicht da wäre. Sie können, von ihrem Standpunkt aus, für _das allem
-Empfindungsmonismus Fremde_, das im Urteils_akte_ enthalten ist,
-keinerlei Verständnis sich gestatten. Im Urteil liegt Anerkennung
-oder Verwerfung, Billigung oder Mißbilligung bestimmter Dinge, und
-der Maßstab dieser Billigung -- _die Idee der Wahrheit_ -- kann nicht
-selbst in den Wahrnehmungskomplexen gelegen sein, die beurteilt werden.
-Für wen es nichts als Empfindungen gibt, für den sind notwendig
-alle Empfindungen _gleichwertig_, die Aussichten der einen nicht
-größer als die der anderen, Baustein einer realen Welt zu werden. So
-vernichtet gerade der _Empirismus_ die Wirklichkeit der _Erfahrung_,
-und entpuppt sich der _Positivismus_ trotz des »solid« und »reell«
-klingenden Titels seiner Firma als der wahre _Nihilismus_ -- wie
-so manches der Ehrbarkeit volle geschäftliche Unternehmen als ein
-schwindelhafter Luftbau. Der Gedanke eines _Maßes_ der Erfahrung, der
-_Wahrheitsgedanke_, kann nicht schon in der _Erfahrung_ gelegen sein.
-_In jedem Urteil aber liegt gerade dieser Anspruch auf Wahrheit_,
-es erhebt implicite, auch wenn es mit noch so vielen, subjektiv
-einschränkenden, Zusätzen versehen wird, die Forderung seiner
-objektiven Gültigkeit eben in der restringierten Form, die ihm sein
-Urheber gab. Wer etwas in der Weise eines Urteils ausspricht, wird so
-behandelt, als verlangte er die allgemeine Anerkennung für das, was
-er sagt; und erklärt er, daß ihm diese Hoffnung fern gelegen sei, so
-wird er mit Recht zu hören bekommen, daß er sich eines Mißbrauches der
-Urteilsform schuldig gemacht habe. Demnach ist es richtig, daß in der
-urteilenden Funktion der Anspruch auf _Erkenntnis_, das heißt _auf die
-Wahrheit des Geurteilten_, gelegen sei.
-
-Dieser Anspruch auf Erkenntnis besagt nicht mehr und nicht weniger,
-als daß das Subjekt über das Objekt zu _urteilen_, über es _Richtiges_
-auszusagen _vermöge_. Die Objekte, über die geurteilt wird, sind
-_Begriffe_: der Begriff ist der Gegenstand der Erkenntnis. Der Begriff
-stellte dem Subjekt ein Objekt _gegenüber_; _durch das Urteil wird
-wiederum die Möglichkeit einer Verbindung_ und Verwandtschaft _zwischen
-ihnen behauptet_. Denn die Wahrheitsforderung heißt so viel, daß das
-Subjekt über das Objekt auch richtig urteilen _könne_; _und so liegt
-in der Urteilsfunktion der $Beweis$ eines Zusammenhanges zwischen
-dem Ich und dem All_, ja der Möglichkeit ihrer vollen Einheit; diese
-Einheit, und nichts anderes, nicht die _Übereinstimmung_, sondern die
-_Identität_ von Sein und Denken ist _Wahrheit_; nie eine dem Menschen
-als Menschen je erreichbare _Tatsache_[36], immer nur eine ewige
-_Forderung_. So ist das Urteilsvermögen, in der Voraussetzung, die ihm
-am allgemeinsten zu Grunde liegt, nur der trockene _logische Ausdruck
-der Theorie von der Seele des Menschen als des Mikrokosmus_. Und die
-viel verhandelte Frage, was vorhergehe, Begriff oder Urteil, wird wohl
-dahin entschieden werden müssen, daß keinem von beiden eine Priorität
-vor dem anderen zukomme, vielmehr beide einander notwendig bedingen.
-Denn alle Erkenntnis geht auf einen Gegenstand, Erkennen aber
-vollzieht sich in der Form des Urteilens und sein Gegenstand ist der
-Begriff. Die begriffliche Funktion hat Subjekt und Objekt gespalten,
-und jenes einsam gemacht: wie alle Liebe, so sucht damit sogleich auch
-die Sehnsucht des Erkenntnistriebes das Entzweite wieder zu einen.
-
-Fehlt einem Wesen, wie dem echten Weibe, die begriffliche, so mangelt
-ihm deshalb notgedrungen gleichzeitig die urteilende Tätigkeit. Man
-wird diese Behauptung eine lächerliche Paradoxie nennen, weil ja doch
-die Frauen genug _sprechen_ (wenigstens hat sich niemand über das
-Gegenteil beklagt), und alles Sprechen Ausdruck von Urteilen sei. Aber
-eben dieses letztere ist nicht richtig. Der _Lügner_ z. B., den man
-gegen die tiefere Bedeutung des Urteilsphänomens gewöhnlich ins Feld
-führt, _urteilt gar nicht_ (es gibt eine »innere Urteilsform«[37]
-wie eine »innere Sprachform«), indem er eben, lügend, an das, was er
-sagt, gar nicht den Maßstab der Wahrheit anlegt; und, wenn er für die
-Lüge auch noch so allgemeine Anerkennung erzwingen will, eben seine
-eigene Person hievon ausnimmt und damit die objektive Gültigkeit dahin
-ist. Wer sich hingegen selbst belügt, fragt vor dem inneren Forum
-seine Gedanken nicht nach ihren Rechtsgründen, würde sich aber wohl
-hüten, sie vor einem äußeren zu vertreten. Es kann also jemand die
-äußere sprachliche Form des Urteils sehr wohl wahren, ohne seiner
-inneren Bedingung gerecht geworden zu sein. Diese innere Bedingung ist
-aufrichtige Anerkennung der Idee der Wahrheit als obersten Richters
-über alle Aussagen, und herzliches Begehren, vor diesem Richter mit
-jedem Ausspruche, den man tue, bestehen zu können. Man steht aber zur
-Idee der Wahrheit in einem Verhältnis überhaupt und ein für alle Male,
-und nur aus einem solchen kann Wahrhaftigkeit sowohl den Menschen,
-als den Dingen, als auch sich selbst gegenüber fließen. Darum ist
-die eben getroffene Einteilung in Lüge vor sich und Lüge vor anderen
-falsch, und wer _subjektiv verlogen_ ist, wie das von der Frau bereits
-hervorgehoben wurde und noch sehr ausführlich auseinandergesetzt
-werden wird, der kann auch kein Interesse an der _objektiven_ Wahrheit
-besitzen. Das Weib hat keinen Eifer für die Wahrheit -- darum ist es
-nicht _ernst_ -- darum nimmt es auch keinen Anteil an _Gedanken_. Es
-gibt eine Menge weiblicher Schriftstellerinnen, aber _Gedanken_ vermißt
-man in allem, was weibliche Künstler je geschaffen haben, und so gering
-ist diese Liebe zur (objektiven) Wahrheit, daß sie Gedanken meist nicht
-einmal zu _borgen_ der Mühe wert finden.
-
-Kein Weib hat wirkliches Interesse für die Wissenschaft, sie mag
-es sich selbst und noch so vielen braven Männern, aber schlechten
-Psychologen, vorlügen. Man kann sicher sein, daß, wo immer eine Frau
-irgend etwas nicht _ganz_ Unerhebliches in wissenschaftlichen Dingen
-selbständig geleistet hat (Sophie _Germain_, Mary _Somerville_ etc.),
-dahinter stets ein Mann sich verbirgt, dem sie auf diese Weise näher zu
-kommen trachtete; und viel allgemeiner als für den Mann das »Cherchez
-la femme« gilt für die Frauen ein »Cherchez l'homme«.
-
-Bedeutendere Leistungen hat es aber selbst auf dem Gebiete der
-Wissenschaft von weiblicher Seite nie gegeben. Denn die Fähigkeit zur
-Wahrheit stammt nur aus dem Willen zur Wahrheit, und ist stets diesem
-in ihrer Stärke angemessen.
-
-Darum ist auch der Wirklichkeitssinn der Frauen, so oft auch das
-Gegenteil behauptet worden ist, viel geringer als jener der Männer.
-Ihnen ordnet sich die Erkenntnis stets einem fremden Zwecke unter, und
-wenn die Absicht auf diesen intensiv genug ist, dann mögen die Frauen
-sehr scharf und unbeirrt blicken; was Wahrheit an sich und um ihrer
-selbst willen für einen Wert haben solle, wird eine Frau nie und nimmer
-einzusehen imstande sein. Wo also Täuschung seinen (oft unbewußten)
-Wünschen _entgegenkommt_, dort wird das Weib gänzlich unkritisch,
-und verliert jede Kontrolle über die Realität. Daraus erklärt sich
-der feste Glaube so mancher Frauen, von sexuellen Attacken bedroht
-worden zu sein, daraus die ungemeine Häufigkeit der Halluzinationen
-des Tastsinnes beim weiblichen Geschlechte, von deren intensivem
-Realitätscharakter der Mann nicht leicht eine Vorstellung sich bilden
-mag; denn die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die Phantasie
-des Mannes hingegen, als Künstlers oder Philosophen, erst höhere
-Wahrheit.
-
-Der Wahrheitsgedanke aber liegt allem, was den Namen _Urteil_
-verdient, zu Grunde. Urteilen ist die Form alles Erkennens, und Denken
-selbst heißt nichts anderes als urteilen. Die Norm des Urteils ist
-der Satz vom Grunde, gleichwie die Sätze vom Widerspruch und von
-der Identität den Begriff (als die Norm der Essenz) konstituieren.
-Daß die Frau den Satz vom Grunde _nicht_ anerkennt, darauf wurde
-schon hingewiesen. Alles Denken ist Ordnen des Mannigfaltigen zur
-Einheit; im Satz vom Grunde, der die Berechtigung jedes Urteils
-von einem logischen Erkenntnisgrunde abhängig macht, liegt der
-Gedanke der _Einheitsfunktion_ unseres Denkens _mit Bezug_ auf die
-Mannigfaltigkeit, und _trotz_ derselben; indes die drei anderen
-logischen Axiome nur ein Ausdruck des _Seins_ der Einheit selbst ohne
-Beziehung auf eine Mannigfaltigkeit sind. Beide sind darum nicht
-aufeinander zurückzuführen, _vielmehr ist darin, daß sie zweierlei
-sind, der formal-logische Ausdruck des Dualismus in der Welt, der
-Existenz einer Vielheit neben der Einheit zu erblicken_. Jedenfalls
-hatte _Leibniz_ recht, als er beide unterschied, und jede Theorie, die
-dem Weibe die Logik abspricht, muß nicht nur vom Satz des Widerspruchs
-(und der Identität), der sich auf den Begriff bezieht, sondern
-ebenso vom Satz des Grundes, dessen Gewalt das Urteil untersteht,
-nachweisen, daß es ihn nicht begreife und ihm sich nicht beuge. In der
-intellektuellen Gewissenlosigkeit der Frau liegt dieser Nachweis. Hat
-einmal ein Weib einen theoretischen Einfall, so verfolgt es ihn nicht
-weiter, es bringt ihn nicht in Beziehung zu anderem, _es denkt nicht
-$nach$_. Deshalb kann es am wenigsten einen weiblichen Philosophen
-geben; es fehlt die Ausdauer, die Zähigkeit, die Beharrlichkeit des
-Denkens und alle Motive zu diesem, und daß eine Frau an _Problemen
-litte_, davon kann zu allerletzt die Rede sein. Man schweige nur von
-den Weibern, denen nicht zu helfen ist. Der problematische Mann will
-erkennen, das problematische Weib will doch nur erkannt werden.
-
-Ein _psychologischer_ Beweis für die _Männlichkeit der Urteilsfunktion_
-ist dieser, _daß das Urteilen vom Weibe als männlich empfunden wird,
-und wie ein (tertiärer) Sexualcharakter anziehend auf es_ wirkt.
-Die Frau _verlangt_ vom Manne stets bestimmte Überzeugungen, die sie
-übernehme; für den _Zweifler_ im Manne geht ihr jegliches Verständnis,
-welcher Art immer, ab. Auch erwartet sie stets, daß der Mann _rede_,
-und die Rede des Mannes ist ihr ein Zeichen von Männlichkeit. Den
-Frauen ist zwar die Gabe der Sprache, aber nicht so die der Rede
-verliehen; eine Frau konversiert (kokettiert) oder schnattert, aber sie
-redet nicht. Am gefährlichsten aber ist sie, wenn sie stumm ist: denn
-der Mann ist nur allzugeneigt, Stummheit für Schweigen zu nehmen.
-
-So ist nicht nur von den logischen Normen, sondern auch von den
-Funktionen, welche durch diese Grundsätze geregelt werden, von der
-begrifflichen und der urteilenden Tätigkeit, bewiesen, daß W ihrer
-entbehrt. Da aber die Begrifflichkeit ihrem Wesen nach darin besteht,
-einem _Subjekt_ sein Objekt gegenüberzustellen, und im Urteilen die
-Urverwandtschaft und tiefste Wesenseinheit des Subjektes mit seinem
-Objekte zum Ausdruck kommt, so muß der Frau abermals der Besitz eines
-Subjektes aberkannt werden.
-
-An den Nachweis der Alogizität des absoluten Weibes hat sich der
-Nachweis seiner Amoralität im einzelnen zu schließen. Die tiefe
-Verlogenheit des Weibes, welche aus dem Mangel eines Verhältnisses
-zur Idee der Wahrheit, wie zu den Werten überhaupt, freilich schon
-hier sich ergibt, muß noch so eingehend Gegenstand der Besprechung
-werden, daß hier zunächst andere Momente sollen hervorgekehrt sein.
-Es gilt dabei unausgesetzt einen besonderen Scharfsinn und eine große
-Vorsicht; denn es gibt so unendlich viele Imitationen des Ethischen, ja
-so täuschende Kopien der Moral, daß die Sittlichkeit der Frauen wohl
-von vielen stets höher als die der Männer wird gewertet werden. Ich
-habe schon die Notwendigkeit der Distinktion zwischen _a_moralischem
-und _anti_moralischem Verhalten betont, und wiederhole, daß nur von
-ersterem, welches eben gar keinen Sinn für die Moral, und gar keine
-Richtung mit Bezug auf dieselbe involviert, beim echten Weibe die Rede
-sein kann. Es ist eine aus der Kriminalstatistik wie aus dem täglichen
-Leben wohl bekannte Tatsache, daß von Frauen unvergleichlich weniger
-Verbrechen begangen werden als von Männern. Auf diese Tatsache berufen
-sich denn auch immer die geschäftigen Apologeten der Sittenreinheit des
-Weibes.
-
-Aber bei der Entscheidung der Frage nach der weiblichen Sittlichkeit
-kommt es nicht darauf an, ob jemand objektiv gegen die Idee gesündigt
-hat; sondern nur darauf, ob er einen subjektiven Wesenskern hat,
-der in ein Verhältnis zur Idee treten konnte, und dessen Wert er in
-Frage stellte, als er fehlte. Gewiß wird der Verbrecher mit seinen
-verbrecherischen Trieben geboren, aber nichtsdestoweniger fühlt er
-selbst, trotz aller Theorien von der »moral insanity«, daß er durch
-seine Tat seinen Wert und sein Recht auf das Leben verwirkt hat;
-denn es gibt nur feige Verbrecher, und keinen, dessen Stolz und
-Selbstbewußtsein durch die böse Tat erhöht und nicht vermindert worden
-wäre, keinen, der es übernähme, sie zu rechtfertigen.
-
-Der männliche Verbrecher hat ebenso von Geburt an ein Verhältnis zur
-Idee des Wertes wie jener andere Mann, dem die verbrecherischen Triebe,
-die den ersten beherrschen, fast völlig mangeln. Das Weib hingegen
-behauptet oft im vollen Rechte zu sein, wenn es die denkbar größte
-Gemeinheit begangen hat; während der echte Verbrecher stumpfsinnig auf
-alle Vorwürfe _schweigt_, kann eine Frau empört ihrer Verwunderung
-und Entrüstung darüber Ausdruck geben, daß man ihr gutes Recht, so
-oder so zu handeln, in Zweifel ziehe. Frauen sind überzeugt _von_
-ihrem »Rechte«, ohne je _über_ sich zu Gericht gesessen zu sein. Der
-Verbrecher geht zwar auch nie in sich, aber er behauptet auch nie
-sein Recht; er geht vielmehr dem Gedanken des Rechtes hastig aus dem
-Wege, weil es ihn an seine Schuld erinnern könnte: und hier liegt
-auch der Beweis, daß er ein Verhältnis zur Idee _hatte_, und nur an
-seine Untreue gegen sein besseres Selbst nicht erinnert werden will.
-_Kein Verbrecher hat noch wirklich geglaubt, daß ihm Unrecht geschehen
-sei durch die Strafe_[38]; die Frau hingegen ist überzeugt von
-der Böswilligkeit ihrer Ankläger; und, wenn _sie nicht will_, kann
-ihr niemand beweisen, daß sie Unrecht getan habe. Wenn ihr jemand
-zuredet, so kommt es freilich oft vor, daß sie in Tränen ausbricht,
-um Verzeihung bittet und »ihr Unrecht einsieht«, ja wirklich glaubt,
-dieses Unrecht aufrichtig zu fühlen; aber immer nur, wenn sie dazu die
-Lust empfunden hat; denn diese Auflösung im Weinen bereitet ihr stets
-ein gewisses wollüstiges Vergnügen. Der Verbrecher ist verstockt, er
-läßt sich nicht im Nu umdrehen, wie der scheinbare Trotz einer Frau
-in ein ebenso scheinbares Schuldgefühl sich verkehren läßt, wenn der
-Ankläger sie entsprechend zu behandeln versteht. Die einsame Pein der
-Schuld, die am Bette weinend sitzt und vergehen möchte vor Scham über
-den Makel, mit dem sie sich beladen hat, die kennt kein Weib, und eine
-scheinbare Ausnahme (die Büßerin, die den Leib kasteiende Betschwester)
-wird später ebenfalls zeigen, daß _eine Frau stets nur zu zweien sich
-sündhaft fühlt_.
-
-Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich
-behaupte, _daß sie vielmehr böse gar nie sein kann_; sie ist nur
-amoralisch, _gemein_.
-
-Das weibliche Mitleid und die weibliche Schamhaftigkeit sind die
-beiden anderen Phänomene, auf welche der Schätzer weiblicher Tugend
-insgemein sich beruft. Speziell die weibliche Güte, das weibliche
-Mitgefühl haben zu der schönen Sage von der Psyche des Weibes den
-meisten Anlaß gegeben, und das letzte Argument alles Glaubens an die
-höhere Sittlichkeit der Frau ist die Frau als Krankenpflegerin, als
-barmherzige Schwester. Ich erwähne diesen Punkt ungern und hätte ihn
-nicht berührt, bin aber durch einen Einwand, der mir mündlich gemacht
-wurde und dem voraussichtlich weitere folgen werden, hiezu gezwungen.
-
-Es ist kurzsichtig, wenn man die Krankenpflege der Frauen für einen
-Beweis ihres Mitleids hält, indem vielmehr gerade das Gegenteil
-aus ihr folgt. Denn der Mann könnte die Schmerzen des Kranken nie
-mitansehen, er müßte unter ihnen so leiden, daß er völlig aufgerieben
-würde, und wartende Pflege des Patienten wäre ihm ganz unmöglich. Wer
-Krankenschwestern beobachtet, nimmt mit Erstaunen wahr, daß diese
-gleichmütig und »sanft« bleiben, selbst unter den furchtbarsten
-Krämpfen eines Sterbenden; und so ist es gut; denn der Mann, der
-Qualen und Tod nicht mitmachen kann, wäre dem Kranken ein schlechter
-Pfleger. Der Mann würde die Qualen lindern, den Tod aufhalten, mit
-einem Worte, er würde _helfen_ wollen; wo nicht zu helfen ist, da ist
-kein Platz für ihn, da kann allein die Pflege in ihr Recht treten, und
-für diese eignet sich nur das Weib. Man ist aber völlig im Unrecht,
-wenn man die Tätigkeit der Frauen auf diesem Ressort anders als vom
-utilitaristischen Standpunkt schätzen zu können glaubt.
-
-Dazu tritt noch, daß für die Frau das _Problem_ von Einsamkeit und
-Gesellschaft gar nicht existiert. Sie schickt sich gerade deshalb
-besonders gut zur Gesellschafterin (Vorleserin, Krankenpflegerin),
-weil sie nie aus einer Einsamkeit heraustritt in eine Mehrsamkeit.
-_Dem Manne wird Einsamkeit und Mehrsamkeit immer irgendwie Problem,
-wenn auch oft nur eine von beiden zur Möglichkeit_. Die Frau verläßt
-keine Einsamkeit, um den Kranken zu pflegen, wie sie es tun müßte,
-auf daß ihre Tat wirklich sittlich könnte genannt werden; _denn eine
-Frau ist $nie$ einsam_, sie kennt nicht die Liebe zur Einsamkeit und
-nicht die Furcht vor ihr. _Die Frau lebt stets, auch wenn sie allein
-ist, in einem Zustande der $Verschmolzenheit$ mit allen Menschen, die
-sie kennt_: ein Beweis, daß sie keine Monade ist, denn alle Monaden
-haben _Grenzen_. Die Frauen sind ihrer Natur nach unbegrenzt, aber
-nicht unbegrenzt wie der Genius, dessen Grenzen mit denen der Welt
-zusammenfallen; sondern sie _trennt_ nie etwas Wirkliches von der Natur
-oder von den Menschen.[39]
-
-Dieses Verschmolzensein ist etwas durchaus _Sexuelles_, und
-dementsprechend äußert sich alles weibliche Mitleid in _körperlicher
-Annäherung_ an das bemitleidete Wesen, es ist tierische Zärtlichkeit,
-es muß streicheln und trösten. Wieder nur ein Beweis für das Fehlen
-jenes harten Striches, der stets zwischen Persönlichkeit und
-Persönlichkeit gezogen ist! Die Frau ehrt nicht den Schmerz des
-Nebenmenschen durch Schweigen, sie glaubt ihn durch Zureden aufheben
-zu können: so sehr fühlt sie sich mit ihm verbunden, als natürliches,
-nicht als geistiges Wesen. Und wo die Sexualität erloschen ist, dort
-fehlt auch jedes Mitleid: im alten Weib ist nie auch nur ein Funken
-jener angeblichen Güte mehr, und so liefert das Greisenalter der Frau
-den indirekten Beweis, wie all ihr Mitleid nur eine Form sexueller
-Verschmolzenheit war, _selbst_ wenn es auf ein gleichgeschlechtliches
-Wesen sich bezog.
-
-Das _verschmolzene_ Leben, eine der wichtigsten und am tiefsten
-führenden Tatsachen des weiblichen Daseins, ist auch der Grund der
-Rührseligkeit aller Frauen, jener gemeinen Willigkeit und Leichtigkeit
-und Schamlosigkeit des Tränenergusses. Nicht umsonst kennt man nur
-Klageweiber, und achtet einen in Gesellschaft weinenden Mann nicht sehr
-hoch. Wenn jemand weint, so weint die Frau mit, wie sie stets mitlacht,
-wenn ein anderer, außer über sie selbst, lacht: und damit ist ein guter
-Teil des weiblichen Mitleidens auch bereits erschöpft.
-
-Nur das Weib jammert so recht andere Menschen _an_, weint sie _an_
-und _verlangt_ ihr Mitleid. Hierin liegt einer der stärksten Beweise
-der psychischen Schamlosigkeit des Weibes. Die Frau provoziert das
-Mitleid der Fremden, um _mit diesen_ weinen und sich selbst so noch
-mehr bedauern zu können, als sie es bereits tat. Ja, es ist nicht
-zu viel behauptet, daß das Weib, auch wenn es allein weint, stets
-_mit_weine mit anderen, denen es in Gedanken sein Leid klagt, wodurch
-es selbst sehr heftig gerührt wird. »Mitleid mit sich selbst« ist eine
-eminent weibliche Eigenschaft: die Frau stellt sich zuerst in eine
-Reihe mit den anderen, _macht sich zum Objekt des Mitleidens anderer_,
-und beginnt nun, tief ergriffen, _mit_ ihnen über sich, »die Arme«,
-mitzuweinen. Aus diesem Grunde schämt sich der Mann vielleicht keiner
-anderen Regung so sehr, als wenn er sich auf einem Impuls zu diesem
-sogenannten »Mitleid mit sich selbst« ertappt, _in dem das Subjekt
-tatsächlich Objekt wird_.
-
-Das weibliche Mitleid, an das selbst _Schopenhauer_ geglaubt hat, ist
-ein Schluchzen und Heulen überhaupt, beim geringsten Anlaß, ohne die
-schwächste Bemühung, aus Scham die Regung zu unterdrücken; denn wie
-alles wahre Leiden, so müßte auch wahres Mitleiden, sofern es eben
-wirklich Leiden wäre, schamhaft sein; ja kein Leid kann so schamhaft
-sein wie das Mitleid und die Liebe, weil diese beiden am stärksten
-die unübersteigbaren _Grenzen_ jeder Individualität zum _Bewußtsein_
-bringen. Von der Liebe und ihrer Schamhaftigkeit kann erst später
-gehandelt werden; im _Mitleid_ aber, im echten männlichen Mitleiden,
-liegt immer Beschämung, Schuldbewußtsein, weil es mir nicht so schlecht
-geht wie diesem, weil ich nicht er, sondern ein von ihm, auch durch
-äußerliche Umstände, _getrenntes_ Wesen bin. _Das männliche Mitleid ist
-das über sich selbst errötende principium individuationis; darum ist
-alles weibliche Mitleid zudringlich, das männliche versteckt sich._
-
-Was es mit der Schamhaftigkeit der Frauen für eine Bewandtnis habe, das
-ist hierin zum Teil schon ausgesprochen; zum Teil kann es ebenfalls
-erst später, mit dem Thema der Hysterie zusammen, abgehandelt werden.
-Wie man angesichts des naiven Eifers, mit dem alle Frauen, wo die
-gesellschaftliche Konvention es nur gestattet, ihre Decolletage
-betreiben, noch an einer angeborenen inneren Schamhaftigkeit als
-der Tugend des weiblichen Geschlechtes festhalten könne, ist nicht
-einzusehen: man _ist_ entweder schamhaft oder man _ist_ es nicht,
-und das ist keine Schamhaftigkeit, die man in gewissen Augenblicken
-regelmäßig spazieren schickt.
-
-Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen (und ein Hinweis
-darauf, _woher_ die Forderung der Schamhaftigkeit wohl eigentlich
-stammen mag, welcher die Frauen äußerlich oft so peinlich nachkommen)
-liegt jedoch darin, daß Frauen untereinander sich immer ungescheut
-völlig entblößen, während Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu
-bedecken suchen. Wenn Frauen allein sind, werden eifrige Vergleiche
-zwischen den körperlichen Reizen der einzelnen angestellt, und oft alle
-Anwesenden einer genauen und eingehenden Visitierung unterzogen, die
-nicht ohne Lüsternheit erfolgt, weil stets der Wert, den der Mann auf
-diesen oder jenen Vorzug legen werde, unbewußt der Hauptgesichtspunkt
-bleibt. Der einzelne Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des
-zweiten Mannes, während jede Frau auch die andere Frau in Gedanken
-stets entkleidet, und eben hiedurch die allgemeine interindividuelle
-Schamlosigkeit des Geschlechtes beweist. Dem Manne ist es peinlich und
-unangenehm, sich die Sexualität seines Nebenmannes zu vergegenwärtigen;
-die Frau sucht sofort in Gedanken die geschlechtlichen Beziehungen
-auf, in denen eine zweite Frau stehen mag, sobald sie diese nur
-kennen lernt; ja sie wertet die andere immer ausschließlich nach dem
-»Verhältnis«.
-
-Ich komme hierauf noch sehr ausführlich zurück; indessen trifft die
-Darstellung nun zum ersten Male mit jenem Punkte wieder zusammen, der
-im zweiten Kapitel dieses Teiles besprochen wurde. Wessen man sich
-schämt, dessen muß man sich _bewußt_ sein, und wie zur Bewußtheit,
-so ist auch zum Schamgefühl stets Differenzierung vonnöten. Die
-Frau, die nur sexuell ist, kann _asexuell zu sein scheinen, weil sie
-die Sexualität selbst ist_, und hier nicht die Geschlechtlichkeit
-körperlich und psychisch, räumlich und zeitlich sich _abhebt_ wie
-beim Manne; die Frau, die stets schamlos ist, kann den Eindruck der
-Schamhaftigkeit machen, _weil es bei ihr keine Scham zu verletzen
-gibt_. Und so ist die Frau auch nie nackt oder stets nackt, wie man es
-haben will: nie nackt, weil sie nie zum echten Gefühle einer Nacktheit
-wirklich gelangt; stets nackt, weil ihr eben das andere fehlt, das
-vorhanden sein müßte, um ihr je zum _Bewußtsein_ zu bringen, daß sie
-(objektiv) nackt ist, und so ein innerer Impuls zur Bedeckung werden
-könnte. Daß man auch unter Kleidern nackt sein kann, ist freilich
-etwas, das blödem Blicke nicht einleuchtet, aber es wäre ein schlimmes
-Zeugnis, das ein Psychologe sich ausstellte, wenn er aus der Tatsache
-des Gewandes schon auf den geringsten Mangel an Nacktheit schließen
-wollte. Und eine Frau ist objektiv stets nackt, selbst unter der
-Krinoline und dem Mieder.[40]
-
-Dies alles hängt damit zusammen, was das Wort Ich für die Frau denn
-eigentlich immer bedeutet. Wenn man eine Frau fragt, was sie unter
-ihrem Ich verstehe, so vermag sie nichts anderes sich darunter
-vorzustellen als ihren Körper. Ihr _Äußeres_, das ist das Ich der
-Frauen. _Machs_ »Zeichnung des Ich« in seinen »Antimetaphysischen
-Vorbemerkungen« stellt also ganz richtig das Ich des vollkommenen
-Weibes dar. Wenn E. _Krause_ sagt, die Selbstanschauung Ich sei
-ohne weiteres ausführbar, so ist das nicht so ganz lächerlich, wie
-_Mach_ unter der Zustimmung vieler anderer glaubt, denen gerade diese
-»scherzhafte Illustration des philosophischen ‚Viel Lärm um nichts’« in
-den Büchern _Machs_ am besten gefallen zu haben scheint.
-
-Das Ich der Frauen begründet auch die spezifische Eitelkeit der Frauen.
-Männliche Eitelkeit ist eine Emanation des _Willens zum Wert_, und
-ihre _objektive_ Äußerungsform, _Empfindlichkeit_, das Bedürfnis, die
-Erreichbarkeit des Wertes von niemand in Frage gestellt zu sehen.
-Was dem Manne Wert und Zeitlosigkeit gibt, ist einzig und allein
-_Persönlichkeit_. Dieser höchste _Wert_, der nicht ein _Preis_ ist,
-weil an seine Stelle, nach den Worten _Kant_ens, nicht »auch etwas
-anderes als _Äquivalent_ gesetzt werden« kann, sondern der »über
-allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet«, ist die
-_Würde_ des Mannes. Die Frauen haben, trotz _Schiller_, keine Würde
--- die _Dame_ wurde ja nur erfunden, um diesen Mangel auszufüllen --
-und ihre Eitelkeit wird sich danach richten, was ihnen ihr höchster
-Wert ist; das heißt, sie wird auf die Festhaltung, Steigerung und
-Anerkennung körperlicher Schönheit gehen. Die Eitelkeit von W
-ist somit einerseits ein gewisses, nur ihr eigenes, selbst dem
-(männlich) schönsten Manne[41] _fremdes_ Behagen am eigenen Leibe:
-eine Freude, die sich, selbst beim häßlichsten Mädchen, sowohl bei der
-Selbstbetastung, als bei der Selbstbetrachtung im Spiegel, als auch
-bei vielen Organempfindungen einzustellen scheint; aber schon hier
-macht sich mit voller Stärke und mit dem erregendsten Vorgefühl der
-Gedanke an den Mann geltend, dem diese Reize einst gehören sollen,
-und beweist wiederum, wie das Weib zwar allein, aber nie einsam sein
-kann. Anderseits also ist die weibliche Eitelkeit Bedürfnis, den Körper
-bewundert oder vielmehr _begehrt, vom sexuell erregten Manne begehrt_
-zu fühlen.
-
-Dieses Bedürfnis ist so stark, daß es wirklich viele Weiber gibt, denen
-diese Bewunderung, begehrlich von seiten des Mannes, neiderfüllt von
-seiten der Geschlechtsgenossinnen, zum Leben vollkommen genügt; sie
-kommen damit aus, andere Bedürfnisse haben sie kaum.
-
-Die weibliche Eitelkeit ist also stete Rücksicht auf andere,
-_die Frauen leben nur im Gedanken an die anderen_. Und auch die
-Empfindlichkeit des Weibes bezieht sich auf diesen nämlichen Punkt.
-Nie wird eine Frau vergessen, daß ein anderer sie häßlich gefunden
-hat; allein nämlich findet ein Weib sich _nie_ häßlich, sondern stets
-nur _minderwertig_, und auch das nur, indem es an die Triumphe denkt,
-welche andere Frauen bei den Männern über sie davon getragen haben. Es
-gibt kein Weib, das sich nicht noch schön und begehrenswert fände, wenn
-es sich im Spiegel betrachtet; der Frau wird nie, gleich dem Manne,
-eigene Häßlichkeit zur schmerzvollen Realität, sondern sie sucht bis
-ans Ende sich und die anderen darüber hinwegzutäuschen.
-
-Woher kann nun die weibliche Art der Eitelkeit einzig stammen? Sie
-fällt zusammen mit dem Mangel des intelligiblen Ich, _des stets und
-absolut positiv Bewerteten_, sie erklärt sich aus dem Fehlen eines
-_Eigenwertes_. Da sie keinen _Eigenwert_ für sich selbst und vor sich
-selbst haben, trachten sie Objekt der Wertung anderer zu werden, durch
-Begehrung und Bewunderung von deren Seite, einen Wert für Fremde, vor
-Fremden zu gewinnen. Das einzige, was absoluten, unendlichen Wert auf
-der Welt hat, ist Seele. »Ihr seid besser denn viele Sperlinge« hat
-darum Christus die Menschen wieder gelehrt. Die Frau indessen wertet
-sich nicht danach, wie weit sie ihrer Persönlichkeit treu, wie weit
-sie frei gewesen ist; jedes Wesen aber, das ein Ich besitzt, kann sich
-nur so und nicht anders werten. Wenn also die echte Frau, wie dies
-ganz ohne Zweifel wirklich zutrifft, sich selbst immer und ausnahmslos
-stets nur so hoch einschätzt, wie den Mann, der sie gewählt hat; wenn
-sie nur durch den Gatten oder Geliebten Wert erhält und eben darum
-nicht nur sozial und materiell, sondern ihrer tiefsten Wesenheit
-nach auf die Ehe gestellt ist: _so kann sie eben keinen Wert an sich
-selbst besitzen_, es _fehlt_ ihr _der Eigenwert der menschlichen
-Persönlichkeit_. Die Frauen leiten ihren Wert immer von anderen Dingen
-ab, von ihrem Geld und Gut, der Zahl und Pracht ihrer Kleider, dem Rang
-ihrer Loge im Theater, von ihren Kindern, vor allem aber von ihrem
-Bewunderer, von ihrem Manne; und worauf sich eine Frau im Streit mit
-der anderen immer zuletzt beruft, und womit sie die andere wirklich am
-tiefsten zu treffen und am sichersten zu demütigen weiß, das ist die
-soziale Stellung, der Reichtum, das Ansehen und die Titel, aber auch
-die Jugendfrische und die vielen Verehrerinnen ihres Mannes; während
-es einem Manne, und zwar in erster Linie von ihm selbst, zur höchsten
-Schande angerechnet wird, wenn er sich auf irgend ein Fremdes beruft,
-und nicht _seinen Wert $an sich$ verteidigt_ gegen alle Angriffe auf
-denselben.
-
-Dafür, daß W keine Seele hat, ist Folgendes ein weiterer Beweis.
-Während (ganz nach _Goethes_ bekanntem Rezept) W durch Nichtbeachtung
-von seiten des Mannes ungemein gereizt wird, auch auf ihn Eindruck zu
-machen -- liegt doch der ganze Sinn und Wert ihres Lebens nur in dieser
-Fähigkeit -- wird für M das Weib, das ihn unfreundlich und unhöflich
-behandelt, eo ipso schon antipathisch. Nichts macht M so glücklich,
-als wenn ihn ein Mädchen liebt; selbst wenn sie ihn nicht von Anbeginn
-gefesselt hat, ist dann die Gefahr, Feuer zu fangen, für ihn sehr
-groß. Für W ist die Liebe eines Mannes, der ihr nicht gefällt, nur eine
-Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder eine Beunruhigung und Aufscheuchung
-schlummernder Wünsche. Die Frau erhebt stets gleichmäßig einen Anspruch
-auf alle Männer, die es auf der Welt gibt. Ähnliches gilt auch von
-freundschaftlicher Zuneigung innerhalb desselben Geschlechtes, in der
-ja doch immer etwas Sexualität steckt.
-
-Das Verhalten der empirisch allein gegebenen Zwischenstufen ist in
-solchem Falle nach ihrer Stellung zwischen M und W besonders zu
-bestimmen. Also, um auch in diesem Teile ein Beispiel für eine solche
-Anwendung zu geben: während _jedes Lächeln_ auf dem Munde eines
-Mädchens M leicht entzückt und entflammt, beachten weibliche Männer
-wirklich oft nur solche Weiber und Männer, die sich um sie nicht
-kümmern, fast ganz wie W einen Bewunderer, dessen sie sicher zu sein
-glaubt, der ihren Eigenwert also nicht mehr steigern kann, sofort
-stehen läßt. Weshalb ja die Frauen auch nur der Mann anzieht und sie
-auch nur dem Manne in der Ehe treu bleiben, der noch bei anderen Frauen
-Glück hat als bei ihnen: denn _sie_ können _ihm_ keinen neuen Wert
-geben und ihr Urteil dem aller anderen _entgegen_setzen. Beim echten
-Manne verhält es sich gerade verkehrt.
-
-Die Schamlosigkeit wie die Herzlosigkeit des Weibes kommt darin zum
-Ausdruck, _daß_ es, und _wie_ es davon sprechen kann, daß es geliebt
-wird. Der Mann fühlt sich beschämt, wenn er geliebt wird, weil er
-damit beschenkt, passiv, gefesselt, statt Geber, aktiv, frei ist, und
-weil er weiß, daß er als Ganzes Liebe nie vollständig verdient; und
-über nichts wird er denn so tief schweigen wie hierüber, auch wenn
-er zu dem Mädchen selbst nicht in ein intimeres Verhältnis getreten
-ist, so daß er fürchten müßte, sie durch hierauf bezügliche Äußerungen
-bloßzustellen. Das Weib _rühmt_ sich dessen, daß es geliebt wird, es
-prahlt damit vor anderen Frauen, um von diesen beneidet zu werden.
-Die Frau empfindet die Neigung eines Menschen zu ihr nicht, wie der
-Mann, als eine Schätzung ihres _wirklichen_ Wertes, als ein tieferes
-_Verständnis_ für ihr Wesen; sondern sie empfindet diese Neigung als
-die _Verleihung_ eines Wertes, den sie sonst nicht hätte, als die Gabe
-einer Existenz und einer Essenz, _die ihr hiemit erst_ wird, und mit
-welcher sie vor anderen sich legitimiert.
-
-_Daraus_ erklärt sich auch das unglaubliche, einem früheren Abschnitt
-Problem gewordene _Gedächtnis_ der Frauen für _Komplimente_, selbst
-wenn ihnen diese in frühester Jugend gemacht wurden. Durch Komplimente
-nämlich _erhalten_ sie erst _Wert_, und _darum verlangen_ die Frauen
-vom Manne, daß er »_galant_« sei. Die Galanterie ist die billigste Form
-der Veräußerung von Wert an die Frau, und so wenig sie den Mann kostet,
-so schwer wiegt sie für das Weib, das eine Huldigung _nie_ vergißt,
-und bis ins späteste Alter von den fadesten Schmeicheleien zehrt. Man
-erinnert sich nur an das, was für den Menschen einen Wert besitzt;
-und wenn dem so ist, mag man erwägen, _was_ es besagt, daß die Frauen
-gerade für Komplimente das ausgesuchteste Gedächtnis besitzen. Sie sind
-etwas, das den Frauen Wert nur darum verleihen kann, weil diese keinen
-urwüchsigen Maßstab des Wertes kennen, keinen absoluten Wert in sich
-fühlen, der alles verschmäht außer sich selbst. Und so liefert selbst
-das Phänomen der Courtoisie, der »Ritterlichkeit«, den Beweis, daß
-die Frauen keine Seele besitzen, ja, daß der Mann gerade dann, wenn
-er gegen das Weib galant ist, ihm am wenigsten Seele, am wenigsten
-_Eigenwert_ zuschreibt, und es am tiefsten _gerade dort mißachtet und
-herabwürdigt_, wo es selbst _am höchsten sich gehoben_ fühlt. -- --
-
-Wie amoralisch das Weib ist, kann man daraus ersehen, daß ihm sofort
-entschwindet, was es Unsittliches getan hat; und daß es vom Manne, wenn
-dieser die Erziehung des Weibes sich angelegen sein läßt, immer wieder
-daran erinnert werden muß: dann allerdings kann es momentan vermöge
-der eigentümlichen Art der weiblichen Verlogenheit wirklich einzusehen
-glauben, daß es ein Unrecht begangen habe, und so sich und den Mann
-täuschen. Der Mann dagegen hat für nichts ein so tiefes Gedächtnis, wie
-für die Punkte, in denen er schuldig geworden ist. Hier offenbart sich
-das Gedächtnis wiederum als ein eminent moralisches Phänomen. Vergeben
-und Vergessen, nicht Vergeben und Verstehen, sind eines. _Wer sich
-der Lüge erinnert, wirft sie sich auch vor._ Daß das Weib sich seine
-Gemeinheit nicht verübelt, kommt damit überein, daß es sich ihrer _nie
-wirklich bewußt wird_ -- hat es doch kein Verhältnis zur sittlichen
-Idee -- und sie _vergißt_. Darum ist es ganz begreiflich, wenn es sie
-_leugnet_. Man hält die Frauen, weil bei ihnen das Ethische gar nicht
-_problematisch_ wird, törichterweise für _unschuldig_, ja man hält sie
-für sittlicher als den Mann: es kommt das aber nur daher, daß sie noch
-gar nicht wissen, was unsittlich ist. Denn auch die Unschuld des Kindes
-kann kein Verdienst sein, nur die Unschuld des Greises wäre eines --
-und die gibt es nicht.
-
-Aber auch die Selbstbeobachtung ist ein durchaus Männliches -- auf
-eine scheinbare Ausnahme, die hysterische Selbstbeobachtung mancher
-Frauen, kann hier noch nicht eingegangen werden -- ebenso wie das
-Schuldbewußtsein, die Reue; die Kasteiungen, die Frauen an sich
-vornehmen, diese merkwürdigen Imitationen eines echten Schuldgefühles,
-werden am gleichen Orte wie die weibliche Form der Selbstbeobachtung
-zur Sprache kommen. _Das Subjekt der Selbstbeobachtung nämlich ist
-identisch mit dem moralisierenden: es faßt die psychischen Phänomene
-nur auf, indem es sie einschätzt._
-
-Es ist ganz in der Ordnung und liegt nur auf der Linie des
-Positivismus, wenn _Auguste Comte_ die Selbstbeobachtung für in sich
-widerspruchsvoll erklärt und sie eine »abgründliche Absurdität«
-nennt. Es ist ja klar, folgt aus der Enge des Bewußtseins und bedarf
-kaum einer besonderen Hervorhebung, daß nicht zu _gleicher_ Zeit ein
-psychisches Geschehnis und noch eine besondere Wahrnehmung desselben
-dasein könne: erst an das »primäre« Erinnerungsbild (_Jodl_) knüpft
-sich die Beobachtung und Wertung; es ist ein Urteil über eine Art
-Nachbild, das vollzogen wird. Aber innerhalb lauter _gleichwertiger
-Phänomene_ könnte nie eines zum Objekte gemacht und bejaht oder
-verneint werden, wie dies in aller Selbstbeobachtung geschieht. Was
-hier alle Inhalte betrachtet, beurteilt und wertet, kann nicht in den
-Inhalten selbst, als ein Inhalt unter anderen, gelegen sein. Es ist
-das zeitlose Ich, das die Vergangenheit zurechnet wie die Gegenwart,
-das jene »Einheit des Selbstbewußtseins«, jenes kontinuierliche
-Gedächtnis erst schafft, welches der Frau abgeht. Denn nicht das
-Gedächtnis, wie _Mill_, oder die Kontinuität, wie _Mach_ vermutet,
-bringen den Glauben an ein Ich hervor, das außer diesen keine Existenz
-habe, sondern gerade umgekehrt wird Gedächtnis und Kontinuität, wie
-Pietät und Unsterblichkeitsbedürfnis, aus dem Werte des Ich heraus
-erzeugt, von dessen Inhalten nichts Funktion der Zeit sein, nichts der
-Vernichtung soll anheimgegeben werden dürfen.[42]
-
-Hätte das Weib Eigenwert und den Willen, einen solchen gegen alle
-Anfechtung zu behaupten, hätte es auch nur das _Bedürfnis_ nach
-_Selbstachtung_, so könnte es nicht _neidisch_ sein. Wahrscheinlich
-sind alle Frauen neidisch; der Neid aber ist eine Eigenschaft, welche
-nur dort sein kann, wo jene Voraussetzungen fehlen. Auch der Neid der
-Mütter, wenn die Töchter anderer Frauen eher heiraten als ihre eigenen,
-ist ein Symptom echter Gemeinheit, und setzt, wie übrigens aller Neid,
-einen völligen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl voraus. In der Idee der
-_Gerechtigkeit_, welche in der Anwendung der Idee der Wahrheit auf das
-Praktische besteht, berühren sich Logik und Ethik ebenso eng wie im
-theoretischen Wahrheitswerte selbst.
-
-Ohne Gerechtigkeit keine Gesellschaft; der Neid hingegen ist _die_
-absolut unsoziale Eigenschaft. Das Weib ist wirklich auch vollkommen
-_unsozial_; und wenn früher mit Recht alle Gesellschaftsbildung an den
-Besitz einer Individualität geknüpft wurde, so liegt hier die Probe
-darauf vor. Für den Staat, für Politik, für gesellige Gemütlichkeit
-hat die Frau keinen Sinn, und weibliche Vereine, in welche Männer
-keinen Zutritt erhalten, pflegen nach kurzer Zeit sich aufzulösen.
-Die Familie endlich ist geradezu _das_ unsoziale, und keineswegs
-ein soziales Gebilde; Männer, die heiraten, ziehen sich damit schon
-auch aus den Gesellschaften, denen sie bis dahin als Mitglieder und
-Teilnehmer angehörten, zurück. Dies hatte ich geschrieben, bevor
-die wertvollen ethnologischen Forschungen von _Heinrich Schurtz_
-veröffentlicht wurden, die an der Hand eines reichen Materiales dartun,
-daß in den _Männerbünden_ und nicht in der Familie die Anfänge der
-Gesellschaftsbildung zu suchen seien.
-
-_Pascal_ hat wunderbar ausgeführt, wie Gesellschaft vom Menschen nur
-gesucht wird, weil dieser die Einsamkeit nicht ertragen, sondern sich
-selbst vergessen will: auch hier sieht man die vollkommene Kongruenz
-zwischen der früheren Position, durch welche der Frau die Fähigkeit
-zur Einsamkeit abgesprochen wurde, und der jetzigen, welche ihre
-Ungeselligkeit behauptet.
-
-Hätte die Frau ein Ich, so hätte sie auch einen Sinn für das Eigentum,
-bei sich wie bei anderen. Der Stehltrieb ist aber bei den Frauen viel
-entwickelter als bei den Männern: die sogenannten Kleptomanen (Diebe
-_ohne Not_) sind beinahe ausschließlich Frauen. Denn das Weib hat wohl
-Verständnis für Macht und für Reichtum, aber nicht für das Eigentum.
-Auch pflegen die kleptomanen Frauen, wenn sie ihrer Diebstähle
-überführt werden, sich damit zu verantworten, daß sie angeben, es sei
-ihnen vorgekommen, als hätte ihnen alles gehört. In Leihbibliotheken
-sieht man hauptsächlich Frauen aus- und eingehen, und zwar auch solche,
-die begütert genug wären, mehrere Büchereien zu kaufen; aber es fehlt
-ihnen eine größere Innigkeit des Verhältnisses zu allem, was ihnen
-gehört, als zu allem, das sie nur entlehnt haben. Auch hier sieht
-man den Zusammenhang zwischen Individualität und Sozialität deutlich
-hervorleuchten: wie man selbst Persönlichkeit haben muß, um fremde
-Persönlichkeit aufzufassen, so muß der Sinn auf Erwerbung eigenen
-Besitzes gerichtet sein, wenn fremde Habe nicht berührt werden soll.
-
-Inniger noch als das Eigentum ist der _Name_ und ein herzliches
-_Verhältnis_ zu ihrem Namen mit jeder _Persönlichkeit_ notwendig
-gegeben. Und hier sprechen die Tatsachen so laut, daß man sich wundern
-muß, wie wenig diese Sprache im allgemeinen vernommen wird. Die
-Frauen sind nämlich durch _gar kein_ Band mit ihrem Namen verknüpft.
-_Beweisend_ hiefür ist allein schon, daß sie ihren Namen aufgeben
-und den des Mannes annehmen, den sie heiraten, ja diesen Schritt der
-Namensänderung an sich nie als bedeutsam empfinden, um den alten Namen
-nicht eine Sekunde trauern, sondern leichten Sinnes den des Mannes
-annehmen; wie an den Mann nicht ohne tiefen in der Natur des Weibes
-gelegenen Grund (bis vor kurzem wenigstens) meist auch das Eigentum
-der Frau übergegangen ist. Es ist auch nichts davon zu merken, daß
-speziell jene Trennung sie einen Kampf kostete; im Gegenteil, schon
-vom Liebhaber und Kurmacher lassen sie sich den Namen geben, der _ihm_
-gefällt. Und selbst wenn sie einem ungeliebten Mann und diesem nur mit
-großem Widerstreben in die Ehe folgen, es hat noch nie eine Frau gerade
-darüber sich beklagt, daß sie von ihrem Namen habe Abschied nehmen
-müssen, es läßt ihn jede und scheidet von ihm, ohne die geringste
-Pietät dafür zu verraten, daß _sie_ ehemals so hieß. Im allgemeinen
-wird vielmehr die eigene Neubenennung bereits vom Liebenden ebenso
-_gefordert_, wie der neue Familienname des Ehegatten ungeduldig, schon
-der Neuheit wegen, _erwartet_. Der Name aber ist gedacht als ein Symbol
-der Individualität; nur bei den allertiefst stehenden Rassen der Erde,
-wie bei den Buschmännern Südafrikas, soll es keine Personennamen geben,
-weil das natürliche Unterscheidungsbedürfnis der Menschen voneinander
-nicht so weit reicht. Das Weib, das im Grund _namenlos_ ist[43], ist
-dies, weil es, seiner Idee nach, keine _Persönlichkeit_ besitzt.
-
-Damit hängt endlich noch die wichtige Beobachtung zusammen, welche zu
-machen man nie verfehlen wird, sobald man einmal aufmerksam geworden
-ist. Wenn in einen Raum, in dem ein Weib sich befindet, ein Mann tritt
-und sie ihn erblickt, seinen Schritt hört oder seine Anwesenheit auch
-nur ahnt, _so wird sie sofort eine ganz andere_. Ihre Miene, ihre
-Bewegungen ändern sich mit unglaublicher Plötzlichkeit. Sie »richtet
-ihre Frisur«, zieht ihre Röcke zusammen und hebt sie, oder macht sich
-an ihrem Kleide zu schaffen, in ihr ganzes Wesen kommt eine halb
-schamlose, halb ängstliche Erwartung. Man kann im Einzelfalle oft nur
-darüber noch im Zweifel sein, ob sie mehr errötet über ihr schamloses
-Lächeln, oder mehr schamlos lächelt über ihr Erröten.
-
-Seele, Persönlichkeit, Charakter ist aber -- hierin liegt eine
-unendlich tiefe, bleibende Einsicht _Schopenhauers_ -- identisch mit
-dem freien _Willen_ oder es deckt sich wenigstens der Wille mit dem Ich
-insofern, als dieses in Relation zum Absoluten gedacht ist. Und fehlt
-den Frauen das Ich, so können sie auch keinen Willen besitzen. Nur wer
-keinen eigenen Willen, keinen Charakter in höherem Sinne hat, bleibt,
-schon durch die bloße Gegenwart eines zweiten Menschen, so leicht
-_beeinflußbar_, wie das Weib es ist, in funktioneller _Abhängigkeit_
-von dieser, statt in freier _Auffassung_ derselben. _Sie_ ist das
-beste Medium, $M$ ihr bester Hypnotiseur. Aus diesem Grunde allein ist
-unerfindlich, warum die Frauen gerade als Ärztinnen besonders viel
-taugen sollen; da doch einsichtigere Mediziner selbst zugeben, daß der
-Hauptteil dessen, was sie bis heute -- und so wird es wohl bleiben --
-zu leisten vermögen, in der suggestiven Einwirkung auf den Kranken
-besteht.
-
-Schon in der ganzen Tierreihe ist W stets leichter hypnotisierbar als
-M. Und wie die hypnotischen Phänomene doch mit den alltäglichsten in
-einer nahen Verwandtschaft stehen, erhellt aus dem Folgenden: Wie
-leicht wird nicht (ich habe schon gelegentlich der Frage des weiblichen
-Mitleids darauf hingewiesen) W durch Lachen oder Weinen »angesteckt«!
-Wie imponiert ihr nicht alles, was in der Zeitung steht, wie leicht
-fällt sie nicht dem dümmsten Aberglauben zum Opfer, wie probiert sie
-nicht sofort jedes Wundermittel, das ihr eine Nachbarin empfohlen hat!
-
-Wem ein Charakter fehlt, dem gebricht es auch an Überzeugungen.
-Darum ist W leichtgläubig, unkritisch, ganz ohne Verständnis für den
-Protestantismus. Dennoch hat man, so sicher ein jeder Christ schon als
-Katholik _oder_ als Protestant vor der Taufe _auf die Welt kommt_,
-kein Recht, den Katholizismus darum als weiblich anzusehen, weil er den
-Frauen noch immer eher zugänglich ist, als der Protestantismus. Hier
-wäre ein anderer charakterologischer Einteilungsgrund in Betracht zu
-ziehen, dessen Erörterung nicht Sache dieser Schrift sein kann. -- --
-
-So ist denn ein ganz umfassender Nachweis geführt, daß W seelenlos
-ist, daß es kein Ich und keine Individualität, keine Persönlichkeit
-und keine Freiheit, keinen Charakter und keinen Willen hat. _Dieses
-Resultat ist aber für alle Psychologie von kaum zu überschätzender
-Wichtigkeit._ Es besagt nicht weniger, als _daß die Psychologie von M
-und die Psychologie von W getrennt zu behandeln sind. Für W scheint
-eine rein empirische Darstellung des psychischen Lebens möglich, für M
-muß jede Psychologie nach dem Ich als dem obersten Giebel des Gebäudes
-in der Weise tendieren, wie Kant dies als notwendig eingesehen hatte._
-
-Die _Hume_sche (und _Mach_sche) Ansicht, nach welcher es nur
-»~impressions~« und »~thoughts~« (A B C .... und α β γ ...) gibt, und
-die heute allgemein zur Verbannung der Psyche aus der Psychologie
-geführt hat, erklärt nicht nur, daß die ganze Welt ausschließlich
-unter dem Bilde eines Winkelspiegels, als ein Kaleidoskop zu verstehen
-sei; sie macht nicht nur alles zu einem Tanz der »Elemente«, sinnlos,
-grundlos; sie vernichtet nicht nur die Möglichkeit, einen festen
-Standpunkt für das Denken zu gewinnen, sie zerstört nicht nur den
-Wahrheitsbegriff und damit eben die Wirklichkeit, deren Philosophie sie
-einzig zu sein beansprucht: sie trägt auch die Hauptschuld an dem Elend
-der heutigen Psychologie.
-
-Diese heutige Psychologie nennt sich mit Stolz die »_Psychologie ohne
-Seele_«, nach dem ersten, der dies Wort ausgesprochen hat, nach dem
-vielüberschätzten Friedrich Albert _Lange_. Diese Untersuchung glaubt
-gezeigt zu haben, daß ohne die Annahme einer Seele den psychischen
-Erscheinungen gegenüber kein Auskommen zu finden ist: sowohl an den
-Phänomenen von M, dem eine Seele zuerkannt werden muß, als auch an
-den Phänomenen von W, die seelenlos ist. Unsere heutige Psychologie
-ist eine eminent weibliche Psychologie, und gerade darum ist die
-vergleichende Untersuchung der Geschlechter so besonders lehrreich,
-nicht zuletzt darum habe ich sie mit dieser Gründlichkeit ausgeführt;
-denn hier am ehesten kann offenbar werden, was zur Annahme des
-Ich nötigt, und wie die Konfusion von männlichem und weiblichem
-Seelenleben (im weitesten und tiefsten Sinne), bei dem Bestreben, eine
-Allgemeinpsychologie zu schaffen, als der Faktor angesehen werden darf,
-der am weitesten in die Irre geführt hat, wenn er auch (ja gerade
-_weil_ er) gar nicht _bewußt_ zur Geltung gebracht worden ist.
-
-Freilich erhebt sich nun die Frage, _ist von M überhaupt Psychologie
-$als Wissenschaft$ möglich? Und hierauf ist vorderhand mit Nein zu
-antworten._ Ich muß wohl darauf gefaßt sein, an die Untersuchungen der
-Experimentatoren verwiesen zu werden, und auch wer in dem allgemeinen
-Experimentalrausch nüchterner geblieben ist, wird vielleicht verwundert
-fragen, ob diese denn gar nicht zählten. Aber die experimentelle
-Psychologie hat nicht nur keinen einzigen Aufschluß über die tieferen
-Gründe des männlichen Seelenlebens gegeben; nicht nur kann niemand
-an eine mehr als sporadische Erwähnung, geschweige denn an eine
-systematische Verarbeitung dieser ungeheueren Zahl von Versuchsreihen
-denken: sondern vor allem ist, wie gezeigt wurde, ihre _Methode_, außen
-anzufangen und von da in den Kern hineinzudringen, verfehlt; und darum
-hat sie auch nicht _eine_ Aufklärung über den tieferen innerlichen
-Zusammenhang der psychischen Phänomene gebracht. Die psychophysische
-Maßlehre hat überdies gerade gezeigt, wie das eigentliche Wesen der
-psychischen im Gegensatz zu den physischen Phänomenen darin besteht,
-daß die Funktionen, durch welche ihr Zusammenhang und ihr Übergehen
-ineinander allenfalls darstellbar wäre, auch im besten Falle _unstetig_
-und darum _nicht differenzierbar_ geraten müßten. Mit der Stetigkeit
-ist aber auch die prinzipielle Möglichkeit der Erreichbarkeit des
-unbedingt mathematischen Ideales aller Wissenschaft dahin. Wem übrigens
-klar ist, daß Raum und Zeit nur durch die Psyche geschaffen werden, der
-wird nicht von Geometrie und Arithmetik erwarten, daß sie je ihren
-Schöpfer erschöpfen könnten.
-
-Es gibt keine wissenschaftliche Psychologie vom Manne; denn im Wesen
-aller Psychologie liegt es, das Unableitbare ableiten zu wollen, ihr
-endliches Ziel müßte, deutlicher gesprochen, dieses sein, _jedem
-Menschen seine Existenz und Essenz zu beweisen, zu deduzieren_.
-Dann wäre aber jeder Mensch, auch seinem tiefsten Wesen nach, Folge
-eines Grundes, determiniert und kein Mensch dem anderen mehr, als
-einem Mitgliede eines Reiches der Freiheit und des unendlichen
-Wertes, Achtung schuldig: _im Augenblick, wo ich völlig deduziert,
-völlig subsumiert werden könnte, hätte ich allen $Wert$ verloren_,
-und wäre eben _seelenlos_. Mit der _Freiheit_ des _Wollens_ wie des
-_Denkens_ (denn diese muß man zu jener hinzufügen) ist die Annahme der
-durchgängigen Bestimmtheit unverträglich, mit welcher alle Psychologie
-ihr Geschäft beginnt. Wer darum an ein freies Subjekt glaubte, wie
-_Kant_ und _Schopenhauer_, der mußte die Möglichkeit der Psychologie
-als Wissenschaft leugnen; wer an die Psychologie glaubte, für den
-konnte die Freiheit des Subjektes auch nicht eine Denkmöglichkeit mehr
-bleiben: so wenig für _Hume_ als für _Herbart_ (die zwei Begründer der
-modernen Psychologie).
-
-Aus diesem Dilemma erklärt sich der traurige Stand der heutigen
-Psychologie in allen ihren Prinzipienfragen. Jene Bemühungen, den
-_Willen_ aus der Psychologie hinauszuschaffen, jene immer wiederholten
-Versuche, ihn aus Empfindung und Gefühl abzuleiten, haben eigentlich
-ganz recht darin, daß der Wille kein _empirisches_ Faktum ist. Der
-Wille ist in der Erfahrung nirgends aufzutreiben und nachzuweisen, weil
-er selbst die Voraussetzung jedes empirisch-psychologischen Datums ist.
-Versuche einer, der am Morgen gern lange schläft, sich in dem Momente
-zu beobachten, da er den Entschluß faßt, sich vom Bette zu erheben. _Im
-Entschlusse liegt_ (wie in der Aufmerksamkeit) _das ganze ungeteilte
-Ich_, und darum fehlt die Zweiheit, die notwendig wäre, um den Willen
-wahrzunehmen. Ebensowenig wie das Wollen ist das _Denken_ ein Faktum,
-das man in den Händen behielte, wenn man wissenschaftliche Psychologie
-treibt. Denken ist urteilen, aber was ist das Urteil für die innere
-Wahrnehmung? Nichts, es ist ein ganz Fremdes, das zu aller Rezeptivität
-hinzukommt, aus den Bausteinen, welche die psychologischen Fasolte und
-Fafners herbeigeschleppt haben, nicht abzuleiten: jeder neue Urteilsakt
-vernichtet von neuem die mühselige Arbeit der Empfindungsatomisten.
-Ebenso ist's mit dem _Begriff_. Kein Mensch denkt Begriffe, und doch
-gibt es Begriffe, wie es Urteile gibt. Und am Ende sind auch _Wundts_
-Gegner vollständig im Rechte damit, daß die _Apperzeption_ kein
-empirisch-psychologisches Faktum, und kein irgendwann wahrnehmbarer
-Akt ist. Freilich ist Wundt tiefer als seine Bekämpfer -- nur die
-allerflachsten Gesellen können Assoziationspsychologen sein -- und es
-ist auch sicherlich begründet, wenn er die Apperzeption mit dem Willen
-und der Aufmerksamkeit zusammenbringt. Aber sie ist so wenig eine
-Tatsache der Erfahrung wie eben diese, so wenig wie Urteil und Begriff.
-Wenn trotzdem alle diese Dinge, wenn Denken und Wollen da sind, nicht
-hinauszubringen, und jeder Bemühung einer Analyse spottend, so handelt
-es sich nur um die Wahl, ob man etwas annehmen wolle, das alles
-psychische Leben erst möglich mache, oder nicht.
-
-Darum sollte man dem Unfug ein Ziel setzen, von einer empirischen
-Apperzeption zu reden, und einsehen, wie sehr _Kant_ recht hatte, als
-er nur eine _transcendentale Apperzeption_ gelten ließ. Will man aber
-hinter die Erfahrung nicht zurückgehen, so bleibt nichts übrig als die
-unendlich ausgespreizte, armselig öde Empfindungsatomistik mit ihren
-Assoziationsgesetzen; oder die Psychologie wird _methodisch_ zu einem
-Annex der Physiologie und Biologie, wie bei _Avenarius_, dessen feiner
-Bearbeitung eines, übrigens recht begrenzten, Stückes aus dem ganzen
-Seelenleben jedoch nur sehr wenige und recht unglückliche Versuche der
-Weiterführung gefolgt sind.
-
-Somit hat sich, ein wirkliches Verständnis des Menschen anzubahnen,
-die unphilosophische Seelenkunde als völlig ungeeignet erwiesen,
-und keine Vertröstung auf die Zukunft vermag sichere Bürgschaft zu
-bieten, daß ihr dies je gelingen könne. Ein je besserer Psychologe
-einer ist, desto langweiliger werden ihm diese heutigen Psychologien.
-Denn sie steifen sich samt und sonders darauf, die Einheit, die
-alles psychische Geschehen erst begründet, bis zum Schluß zu
-ignorieren: allwo wir dann regelmäßig noch durch einen letzten
-Abschnitt unangenehm überrascht werden, der von der Entwicklung einer
-harmonischen Persönlichkeit handelt. Jene _Einheit_, die allein
-die wahre _Unendlichkeit_ ist, wollte man aus einer größeren oder
-geringeren _Zahl_ von Bestimmungsstücken aufbauen; die »Psychologie
-als Erfahrungswissenschaft« sollte die Bedingung aller Erfahrung
-_aus_ der Erfahrung gewinnen! Das Unternehmen wird ewig fehlschlagen
-und ewig erneuert werden, weil die Geistesrichtung des Positivismus
-und Psychologismus so lange bestehen muß, als es mittelmäßige Köpfe
-und bequeme, nicht bis zu Ende denkende Naturen gibt. Wer, wie der
-Idealismus, die Psyche nicht opfern will, der muß die Psychologie
-preisgeben; wer die Psychologie aufrichtet, der tötet die Psyche. Alle
-Psychologie will das Ganze aus den Teilen ableiten und als bedingt
-hinstellen; alles tiefere Nachdenken erkennt, daß die Teilerscheinungen
-hier aus dem Ganzen als letztem Urquell fließen. _So negiert die
-Psychologie die Psyche, und die Psyche ihrem Begriff nach jede Lehre
-von ihr: die Psyche negiert die Psychologie._
-
-Diese Darstellung hat sich für die _Psyche_ und gegen die lächerliche
-und jämmerliche _seelenlose Psychologie_ entschieden. Ja, es bleibt ihr
-fraglich, ob Psychologie mit Seele je vereinbar, eine Wissenschaft,
-die Kausalgesetze und selbstgesetzte Normen des Denkens und Wollens
-aufsuchen will, mit der Freiheit des Denkens und Wollens überhaupt
-verträglich sei. Auch die Annahme einer besonderen »psychischen
-Kausalität«[44] kann vielleicht nichts daran ändern, daß die
-Psychologie, indem sie zuletzt ihre eigene Unmöglichkeit dartut, durch
-ein solches Ende den glänzendsten Beweis für das jetzt allgemein
-verlachte und verlästerte Recht des Freiheitsbegriffes wird erbringen
-müssen.
-
-Hiemit soll aber keineswegs eine neue Ära der rationalen Psychologie
-ausgerufen sein. Vielmehr ist die Absicht im Anschluß an _Kant_ die,
-daß die transcendentale _Idee_ der Psyche von Anfang an als Führer
-beim Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten zu
-dienen habe, durchaus nicht hingegen »in Ansehung des Hinabgehens
-zum Bedingten«. Nur die Versuche mußten abgelehnt werden, jenes
-Unbedingte aus dem Bedingten (am Schlusse eines Buches von 500-1500
-Seiten) hervorspringen zu lassen. Seele ist das regulative Prinzip,
-das aller wahrhaft psychologischen, und nicht empfindungsanalytischen,
-Einzelforschung vorzuschweben und diese zu leiten hat; weil sonst
-jede Darstellung des Seelenlebens, auch wenn sie noch so detailliert,
-liebevoll und verständnisinnig geschrieben ist, in ihrer Mitte gähnend
-ein großes schwarzes Loch aufweist.
-
-Es ist unbegreiflich, wie Forscher, die nie einen Versuch gemacht
-haben, Phänomene wie Scham und Schuld, Glauben und Hoffnung, Furcht
-und Reue, Liebe und Haß, Sehnsucht und Einsamkeit, Eitelkeit
-und Empfindlichkeit, Ruhmsucht und Unsterblichkeitsbedürfnis zu
-analysieren, den Mut haben, über das Ich kurzerhand abzusprechen, weil
-sie es nicht vorfinden wie die Farbe der Orange oder den Geschmack des
-Laugenhaften. Oder wie wollen _Mach_ und _Hume_ auch nur die Tatsache
-des _Stiles_ erklären, wenn nicht aus der Individualität? Ja, weiter:
-die Tiere erschrecken nie, wenn sie sich im Spiegel sehen, aber kein
-Mensch vermöchte sein Leben in einem Spiegelzimmer zu verbringen. Oder
-ist auch diese Furcht, die Furcht vor dem _Doppelgänger_ (von der
-bezeichnenderweise das Weib frei ist[45]) »biologisch«, »darwinistisch«
-abzuleiten? Man braucht das Wort Doppelgänger nur zu nennen, um in
-den meisten Männern heftiges Herzklopfen hervorzurufen. Hier hört
-eben alle rein empirische Psychologie notgedrungen auf, hier ist
-_Tiefe_ vonnöten. Denn wie könnte man _diese_ Dinge zurückführen
-auf ein früheres Stadium der Wildheit oder Tierheit und des Mangels
-an Sicherung durch die Zivilisation, woraus _Mach_ die Furcht der
-kleinen Kinder als eine ontogenetische Reminiszenz erklären zu können
-glaubt! Ich habe übrigens dies nur als eine Andeutung erwähnt, um die
-»Immanenten« und »naiven Realisten« daran zu mahnen, daß es auch in
-ihnen Dinge gibt, von denen .....
-
-Warum ist kein Mensch angenehm berührt und völlig damit einverstanden,
-wenn man ihn als Nietzscheaner, Herbartianer, Wagnerianer u. s. w.
-_einreiht_? Wenn man ihn, mit einem Worte, _subsumiert_? Auch Ernst
-_Mach_ ist es doch gewiß schon passiert, daß ihn ein oder der andere
-liebe Freund subsumiert hat als Positivisten, Idealisten oder irgendwie
-sonst. Glaubt er sich richtig beschrieben, wenn jemand sagen wollte,
-das Gefühl, das man bei solchen durch andere vorgenommenen Subsumtionen
-habe, gehe bloß auf die fast völlige Gewißheit der _Einzigartigkeit_
-des Zusammentreffens der »_Elemente_« in einem Menschen, es sei nur
-beleidigte Wahrscheinlichkeitsrechnung? Und doch hat dieses Gefühl,
-genau genommen, nichts von einem Nichteinverstandensein, wie sonst
-wohl mit irgend einer wissenschaftlichen These. Es ist auch etwas ganz
-anderes, und darf damit nicht verwechselt werden, wenn jemand selbst es
-sagt, er sei Wagnerianer. Hierin liegt im tiefsten Grunde immer eine
-positive Bewertung des Wagnertums, weil man selbst Wagnerianer ist.
-Wer aufrichtig ist, wer es sein kann, wird zugeben, daß er mit einer
-solchen Aussage _auch_ eine Erhöhung Wagners vornimmt. Vom anderen
-Menschen fürchtet man meist, daß er das Gegenteil einer Erhöhung
-beabsichtige. Daher die Erscheinung, daß ein Mensch sehr viel von sich
-selbst sagen kann, was ihm von anderen zu hören höchst peinlich wäre,
-wie _Cyrano von Bergerac_ von den tollsten Sticheleien bekennt:
-
- »Je me les sers moi-même, avec assez de verve,
- Mais je ne permets pas qu'un autre me les serve.«
-
-Woher rührt also jenes Gefühl, das selbst tiefstehende Menschen haben?
-Von einem, wenn auch noch so dunklen Bewußtsein ihres Ich, ihrer
-Individualität, die dabei zu kurz kommt. _Dieses Widerstreben ist das
-Urbild aller Empörung._
-
-Es geht endlich auch nicht recht an, einen _Pascal_, einen _Newton_
-einerseits höchst geniale Denker und anderseits mit einer Menge
-beschränkter Vorurteile behaftet sein zu lassen, über die »_wir_«
-längst hinaus seien. Stehen wir denn wirklich auf unsere elektrischen
-Bahnen und empirischen Psychologien hin schon ohne weiteres um so viel
-höher als jene Zeit? Ist _Kultur_, wenn es Kulturwerte gibt, wirklich
-nach dem Stande der Wissenschaft, die immer nur einen _sozialen_, nie
-einen _individuellen, nicht-demonstrierbaren_ Charakter hat, nach der
-Zahl der Volksbibliotheken und Laboratorien zu messen? Ist Kultur denn
-etwas außerhalb des Menschen, ist Kultur nicht vor allem _im_ Menschen?
-
-Und man mag sich noch so erhaben fühlen über einen _Euler_, gewiß
-einen der größten Mathematiker aller Zeiten, welcher einmal sagt: was
-_er_, im Augenblick, da _er_ einen Brief schreibe, tue, das würde _er_
-genau so tun wie wenn _er_ im Körper eines Rhinozeros steckte. Ich
-will die Äußerung _Eulers_ auch nicht schlechthin verteidigen, sie ist
-vielleicht charakteristisch für den Mathematiker, ein Maler hätte sie
-nie getan. Aber dieses Wort gar nicht zu begreifen, nicht einmal die
-Mühe zu seinem Verständnisse sich zu nehmen, sich über sie einfach
-lustig zu machen und _Euler_ mit der »Beschränktheit seiner Zeit« zu
-entschuldigen, das scheint mir keineswegs gerechtfertigt.
-
-Also, es ist, wenigstens für den Mann, auch in der Psychologie _ohne_
-den Ich-Begriff nicht dauernd auszukommen; ob _mit_ diesem eine im
-_Windelband_schen Sinne nomothetische Psychologie, d. h. psychologische
-Gesetze vereinbar sind, scheint sehr fraglich, kann aber an der
-Anerkennung jener Notwendigkeit nichts ändern. Vielleicht schlägt die
-Psychologie jene Bahn ein, die ihr ein früheres Kapitel vorzeichnen
-zu können glaubte, und wird theoretische Biographie. Aber gerade dann
-werden ihr die Grenzen aller empirischen Psychologie am ehesten zum
-Bewußtsein kommen.
-
-Daß _im Manne_ für alle Psychologie ein Ineffabile, ein Unauflösliches
-bleibt, damit stimmt es wunderbar überein, daß _regelrechte Fälle von
-»duplex« oder »multiplex personality«, Verdoppelung oder Vervielfachung
-des Ich, $nur bei Frauen$ beobachtet worden sind. Das absolute Weib
-ist zerlegbar_: der Mann ist in alle Ewigkeit, auch durch die beste
-Charakterologie nicht völlig zerlegbar, geschweige denn durchs
-Experiment: in ihm ist ein Wesenskern, der keine Zergliederung mehr
-zuläßt. W ist ein Aggregat und daher dissoziierbar, spaltbar.
-
-Deswegen ist es ungemein komisch und belustigend, moderne Gymnasiasten
-(als platonische Idee) von der Seele des Weibes, von Frauenherzen
-und ihren Mysterien, von der Psyche des modernen Weibes etc. reden
-zu hören. Es scheint auch zu dem Befähigungsnachweis eines gesuchten
-Accoucheurs zu gehören, daß er an die Seele des Weibes glaube.
-Wenigstens hören es viele Frauen sehr gerne, wenn man von ihrer
-Seele spricht, obwohl sie (in Henidenform) wissen, daß das Ganze ein
-Schwindel ist. _Das Weib als die Sphinx! Ein ärgerer Unsinn ist kaum
-je gesagt worden. Der Mann ist unendlich rätselhafter, unvergleichlich
-komplizierter._ Man braucht nur auf die Gasse zu gehen: es gibt kaum
-ein Frauengesicht, dessen Ausdruck einem da nicht bald klar würde. Das
-Register des Weibes an Gefühlen, an Stimmungen ist so unendlich arm!
-Während gar manches männliche Antlitz lange und schwer zu raten gibt.
-
-Schließlich werden wir hier auch einer Lösung der Frage: Parallelismus
-oder Wechselwirkung zwischen Seelischem und Körperlichem? nähergeführt.
-Für W trifft der psychophysische Parallelismus, als vollständige
-Koordination beider Reihen, zu: mit der senilen Involution der Frau
-erlischt auch die Fähigkeit zu geistiger Anspannung, die ja nur im
-Gefolge sexueller Zwecke auftritt, und diesen dienstbar gemacht wird.
-Der Mann wird nie in dem Sinne völlig alt wie das Weib, und es ist
-die geistige Rückbildung hier durchaus nicht notwendig, sondern nur
-in einzelnen Fällen mit der körperlichen verknüpft; am allerwenigsten
-endlich ist von greisenhafter Schwäche bei jenem Menschen etwas
-wahrzunehmen, welcher die Männlichkeit in voller geistiger Entfaltung
-zeigt, beim Genie.
-
-Nicht umsonst sind jene Philosophen, welche die strengsten
-Parallelisten waren, _Spinoza_ und _Fechner_, auch die strengsten
-Deterministen. Bei M, dem freien, intelligiblen Subjekte, das sich
-für Gut oder für Böse _nach seinem Willen_ entscheiden kann, ist der
-psychophysische Parallelismus, der eine der mechanischen genau analoge
-Kausalverkettung auch für alles Geistige fordern würde, auszuschließen.
-
-So weit wäre denn die Frage, welcher prinzipielle Standpunkt in der
-Behandlung der Psychologie der Geschlechter einzunehmen ist, erledigt.
-Es erwächst dieser Ansicht jedoch wieder eine außerordentliche
-Schwierigkeit in einer Reihe merkwürdiger Tatsachen, die zwar für die
-faktische Seelenlosigkeit von W noch einmal, und zwar in geradezu
-entscheidender Weise in Betracht kommen, die aber anderseits von der
-Darstellung auch die Erklärung eines sehr eigentümlichen Verhaltens der
-Frau fordern, das seltsamerweise noch kaum jemand ernstlich Problem
-geworden zu sein scheint.
-
-Schon längst wurde bemerkt, wie die Klarheit des männlichen Denkens
-gegenüber der weiblichen Unbestimmtheit, und später wurde darauf
-hingewiesen, wie die Funktion der gesetzten Rede, in welcher feste
-logische _Urteile_ zum Ausdruck kommen, auf die Frau wie ein
-_Sexualcharakter_ des Mannes wirkt. Was aber W sexuell anreizt, muß
-eine Eigenschaft von M sein. Ebenso macht Unbeugsamkeit des männlichen
-Charakters auf die Frau sexuellen Eindruck, sie mißachtet den Mann,
-der einem anderen nachgibt. Man pflegt in solchen Fällen oft von
-sittlichem Einfluß des Weibes auf den Mann zu reden, wo doch sie nur
-das sexuelle Komplement in seinen komplementierenden Eigenschaften
-voll und ganz sich zu erhalten strebt. Die Frauen verlangen vom Manne
-Männlichkeit, und glauben sich zur höchsten Entrüstung und Verachtung
-berechtigt, wenn der Mann ihre Erwartungen in diesem Punkt enttäuscht.
-So wird eine Frau, auch wenn sie noch so kokett und noch so verlogen
-ist, in Erbitterung und Empörung geraten, wenn sie beim Manne Spuren
-von Koketterie oder Lügenhaftigkeit wahrnimmt. Sie mag noch so feige
-sein: der Mann soll Mut beweisen. Daß dies nur sexueller Egoismus
-ist, der sich den ungetrübten Genuß seines Komplementes zu wahren
-sucht, wird allzuoft verkannt. Und so ist denn auch aus der Erfahrung
-kaum ein zwingenderer Beweis für die Seelenlosigkeit des Weibes
-zu führen als daraus, _daß die Frauen vom Manne Seele verlangen_,
-und Güte auf sie wirken kann, obwohl sie selbst nicht wirklich gut
-sind. Seele ist ein Sexualcharakter, der nicht anders und zu keinem
-anderen Zwecke beansprucht wird als große Muskelkraft oder kitzelnde
-Schnurrbartspitze. Man mag sich an der Kraßheit des Ausdruckes stoßen,
-an der Sache ist nichts zu ändern. -- Die allerstärkste Wirkung endlich
-übt auf die Frau der männliche _Wille_. Und sie hat einen merkwürdig
-feinen Sinn dafür, ob das »Ich will« des Mannes bloß Anstrengung und
-Aufgeblasenheit oder wirkliche Entschlossenheit ist. Im letzteren Falle
-ist der Effekt ein ganz ungeheuerer.
-
-_Wie kann nun aber eine Frau, wenn sie an sich seelenlos ist, Seele
-beim Manne perzipieren, wie seine Moralität beurteilen, da sie selbst
-amoralisch ist, wie seine Charakterstärke auffassen, ohne als Person
-Charakter zu haben, wie seinen Willen spüren, obgleich sie doch eigenen
-Willen nicht besitzt?_
-
-Hiemit ist das außerordentlich schwierige Problem formuliert, vor dem
-die Untersuchung weiterhin noch zu bestehen haben wird.
-
-Bevor aber seine Lösung versucht werde, müssen die errungenen
-Positionen nach allen Seiten hin befestigt und gegen Angriffe geschützt
-werden, die in den Augen mancher imstande sein könnten, sie zu
-erschüttern.
-
-
-
-
-X. Kapitel.
-
-Mutterschaft und Prostitution.
-
-
-Der Haupteinwand, welcher gegen die bisherige Darstellung wird erhoben
-werden, bezieht sich auf die Allgemeingültigkeit des Gesagten für
-_alle_ Frauen. Bei einigen, bei vielen möge das zutreffen; aber es gebe
-doch auch andere ...
-
-Es lag ursprünglich nicht in meiner Absicht, auf spezielle Formen
-der Weiblichkeit einzugehen. Die Frauen lassen sich nach mehreren
-Gesichtspunkten einteilen, und gewiß muß man sich hüten, das, was von
-einem extremen Typus gilt, der zwar überall nachweisbar ist, aber
-oft durch das Vorwalten gerade des entgegengesetzten Typus bis zur
-Unmerklichkeit zurückgedrängt wird, von der Allgemeinheit der Frauen
-in gleicher Weise zu behaupten. Es sind _mehrere_ Einteilungen der
-Frauen möglich, und es gibt _verschiedene_ Frauencharaktere; wenn
-auch das Wort Charakter hier nur im empirischen Verstande angewendet
-werden darf. Alle Charaktereigenschaften des Mannes finden merkwürdige,
-zu Amphibolien oft genug Anlaß bietende Analoga beim Weibe (einen
-interessanten Vergleich dieser Art zieht später dieses Kapitel);
-doch ist beim Manne der Charakter stets _auch_ in die Sphäre des
-Intelligiblen getaucht, und dort mächtig verankert; hieraus wird
-denn die früher (S. 104) gerügte Vermischung der Seelenlehre mit der
-Charakterologie, und die Gemeinsamkeit im Schicksale beider, wieder
-eher begreiflich. Die charakterologischen Unterschiede unter den
-Frauen senden ihre Wurzeln nie so tief in den Urboden hinab, daß sie
-in die Entwicklung einer Individualität einzugehen vermöchten; und es
-gibt vielleicht gar keine weibliche Eigenschaft, die nicht im Laufe
-des Lebens, unter dem Einfluß des männlichen Willens, in der Frau
-modifiziert, zurückgedrängt, ja vernichtet werden könnte.
-
-Was es unter ganz _gleich männlichen_ oder ganz _gleich weiblichen_
-Individuen _noch_ für Unterschiede geben möge, diese Frage hatte
-ich bisher mit Bedacht aus dem Spiele gelassen. Keineswegs, weil
-mit der Zurückführung psychologischer Differenzen auf das Prinzip
-der sexuellen Zwischenformen mehr gewonnen gewesen war als _ein_
-Leitfaden unter tausenden auf diesem verschlungensten aller Gebiete:
-sondern aus dem einfachen Grunde, weil jede Kreuzung mit einem anderen
-Prinzipe, jede Erweiterung der linearen Betrachtungen ins Flächenhafte,
-störend gewirkt hätte bei diesem ersten Versuche einer gründlichen
-charakterologischen Orientierung, der weiter kommen wollte als bis zur
-Ermittelung von Temperamenten oder Sinnestypen.
-
-Die spezielle weibliche Charakterologie soll einer besonderen
-Darstellung vorbehalten bleiben; aber schon diese Schrift ist nicht
-ohne Hinblick auf individuelle Differenzen unter den Frauen abgefaßt,
-und ich glaube so den Fehler falscher Verallgemeinerung vermieden, und
-bisher nur solches behauptet zu haben, was unterschiedslos von allen
-gleich weiblichen Frauen in gleicher Weise und gleicher Stärke gilt.
-Nur auf W ganz allgemein ist es bisher angekommen. Da man aber meinen
-Darlegungen vornehmlich _einen_ Typus unter den Frauen entgegenhalten
-wird, ergibt sich die Notwendigkeit, bereits hier _ein_ Gegensatzpaar
-aus der Fülle herauszugreifen.
-
-Allem Schlechten und Garstigen, das ich den Frauen nachgesagt habe,
-wird das Weib als Mutter gegenübergestellt werden. Dieses erfordert
-also eine Besprechung. Seine Ergründung kann aber niemand in Angriff
-nehmen, ohne zugleich den Gegenpol der Mutter, welcher die für das Weib
-diametral konträre Möglichkeit verwirklicht zeigt, heranzuziehen; weil
-nur hiedurch der Muttertypus eine deutliche Abgrenzung erfährt, nur
-so die Eigenschaften der Mutter von allem Fremden scharf sich abheben
-können.
-
-_Jener der Mutter polar entgegengesetzte Typus ist die Dirne._ Die
-Notwendigkeit gerade dieser Gegenüberstellung läßt sich ebensowenig
-_deduzieren_, wie daß Mann und Weib einander entgegengesetzt sind;
-wie man dies nur _sieht_ und nicht beweist, so muß man auch jenes
-_erschaut_ haben, oder es in der Wirklichkeit wiederzufinden trachten,
-um sich zu überzeugen, ob diese dem Schema sich bequem einordnet. Auf
-jene Restriktionen, die vorzunehmen sind, komme ich noch zu sprechen;
-einstweilen seien die Frauen betrachtet als stets von zwei Typen,
-einmal mehr vom einen, ein andermal mehr vom anderen etwas in sich
-tragend: _diese Typen sind die Mutter und die Dirne_.
-
-Man würde diese Dichotomie mißverstehen, wenn man sie von einer
-populären Entgegensetzung nicht unterschiede. Man hat oft gesagt,
-das Weib sei sowohl _Mutter_ als _Geliebte_. Den Sinn und Nutzen
-dieser Distinktion kann ich nicht recht einsehen. Soll mit der
-Qualität der Geliebten das Stadium bezeichnet werden, welches der
-Mutterschaft notwendig vorhergeht? Dann kann es keinerlei dauernde
-charakterologische Eigentümlichkeit bezeichnen. Und was sagt denn der
-Begriff »Geliebte« über die Frau selbst aus, als daß sie geliebt wird?
-Fügt er ihr wirklich eine wesentliche, oder nicht vielmehr eine ganz
-äußerliche Bestimmung zu? Geliebt werden mag sowohl die Mutter als
-die Dirne. Höchstens könnte man mit der »Geliebten« eine Gruppe von
-Frauen haben umschreiben wollen, die ungefähr in der Mitte zwischen
-den hier bezeichneten Polen sich aufhielte, eine Zwischenform von
-Mutter und Dirne; oder man hält es einer ausdrücklichen Feststellung
-für bedürftig, daß eine Mutter zum Vater ihrer Kinder in einem anderen
-Verhältnis stehe als zu ihren Kindern selbst, und Geliebte eben sei,
-insoferne sie sich lieben läßt, d. h. dem Liebenden sich hingibt. Aber
-damit ist nichts gewonnen, weil dies beide, Mutter wie Prostituierte,
-gegebenenfalls in formal gleicher Weise tun können. Der Begriff der
-Geliebten sagt gar nichts über die Qualitäten des Wesens aus, das
-geliebt wird; wie natürlich, denn er soll nur das erste zeitliche
-Stadium im Leben _einer_ und _derselben_ Frau andeuten, an welches sich
-später als zweites die Mutterschaft schließt. Da also der Zustand der
-Geliebten doch nur ein accidentielles Merkmal ihrer Person ist, wird
-jene Gegenüberstellung ganz unlogisch, indem die Mutterschaft auch
-etwas Innerliches ist und nicht bloß die Tatsache anzeigt, daß eine
-Frau geboren hat. Worin dieses tiefere Wesen der Mutterschaft besteht,
-wird eben Aufgabe der jetzigen Untersuchung.
-
-Daß Mutterschaft und Prostitution einander polar entgegengesetzt
-sind, ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit allein schon aus der
-größeren Kinderzahl der guten Hausmütter, indes die Kokotte immer
-nur wenige Kinder hat, und die Gassendirne in der Mehrzahl der Fälle
-überhaupt steril ist. Es ist wohl zu beachten, daß nicht das käufliche
-Mädchen allein dem Dirnentypus angehört, sondern sehr viele unter den
-sogenannten anständigen Mädchen und verheirateten Frauen, ja selbst
-solche, die gar nie die Ehe brechen, nicht, weil die Gelegenheit nicht
-günstig genug ist, sondern weil sie selbst es nicht bis dahin kommen
-lassen. Man stoße sich also nicht an der Verwendung des Begriffes der
-Dirne, der ja erst noch zu analysieren ist, in einem viel weiteren
-Umfange als einem, der bloß auf feile Weiber sich erstreckt. Überdies
-könnte der Dirnentypus auch dann zum Ausdruck kommen, wenn bloß ein
-Mann und ein Weib auf der Welt wären, denn er äußert sich bereits in
-dem spezifisch verschiedenen Verhalten zum einzelnen Manne.
-
-Schon die Tatsache der geringeren Fruchtbarkeit enthöbe mich der
-Pflicht einer Auseinandersetzung mit der allgemeinen Ansicht, welche
-ein, notwendigerweise tief im Wesen eines Menschen gegründetes
-Phänomen, wie die Prostitution, ableiten will aus sozialen Mißständen,
-aus der Erwerbslosigkeit vieler Frauen, und daraufhin spezielle
-Anklagen gegen die heutige Gesellschaft erhebt, deren männliche
-Machthaber in ihrem ökonomischen Egoismus den unverheirateten Frauen
-die Möglichkeit eines rechtschaffenen Lebens so erschwerten; oder auf
-das Junggesellentum rekurriert, das ebenfalls angeblich nur materielle
-Gründe habe, und zu seiner notwendigen Ergänzung nach der Prostitution
-verlange. Oder soll doch angeführt werden: daß die Prostitution nicht
-bloß bei ärmlichen Gassendirnen zu suchen ist; daß wohlhabende Mädchen
-zuweilen sich aller Vorteile ihres Rufes begeben, und ein offenes
-Flanieren auf der Straße versteckten Liebschaften vorziehen -- denn
-zur _richtigen_ Prostitution _gehört_ die _Gasse_ --; daß viele
-Stellen in Geschäftsläden, in der Buchhaltung, im Post-, Telegraphen-
-und Telephondienste, wo immer eine rein schablonenmäßige Tätigkeit
-beansprucht wird, mit Vorliebe an Frauen vergeben werden, weil W viel
-weniger differenziert und eben darum bedürfnisloser ist als M, der
-Kapitalismus aber lange vor der Wissenschaft das weggehabt hat, daß
-man die Frauen ihrer niedrigeren Lebenshaltung wegen auch schlechter
-bezahlen dürfe. Übrigens findet selbst die junge Dirne, weil sie
-teueren Mietzins zu zahlen, eine nicht gewöhnliche Kleidung zu tragen
-und den Souteneur auszuhalten hat, meist nur sehr schwer ihr Auskommen.
-Wie tief der Hang zu ihrem Leben in ihnen wurzelt, das bezeugt die
-häufige Erscheinung, daß Prostituierte, wenn sie geehelicht werden,
-wieder zu ihrem früheren Gewerbe zurückkehren. Die Prostituierten
-sind ferner vermöge unbekannter, aber offenbar in einer angeborenen
-Konstitution liegender Ursachen gegen manche Infektionen oft _immun_,
-denen »rechtschaffene Frauen« meist unterliegen. Schließlich hat die
-Prostitution _immer_ bestanden und ist mit den Errungenschaften der
-kapitalistischen Ära keineswegs relativ gewachsen, ja, sie gehörte
-sogar zu den _religiösen_ Institutionen gewisser Völker des Altertums,
-z. B. der Phönizier.
-
-Die Prostitution kann also keineswegs als etwas betrachtet werden,
-wohin erst der Mann die Frau gedrängt hat. Oft genug wird sicherlich
-ein Mann die Schuld tragen, wenn ein Mädchen ihren Dienst verlassen
-mußte und sich brotlos fand. Daß aber in solchem Falle zu etwas
-gegriffen werden kann, wie es die Prostitution ist, muß in der Natur
-des menschlichen Weibes selbst liegen. Was nicht ist, kann auch nicht
-werden. Dem echten Manne, den materiell noch öfter ein widriges
-Schicksal trifft, und welcher Armut intensiver empfindet als das Weib,
-ist gleichwohl die Prostitution fremd, und männliche Prostituierte
-(unter Kellnern, Friseurgehilfen etc.) sind immer vorgerückte sexuelle
-Zwischenformen. Demnach ist die Eignung und der Hang zum Dirnentum
-ebenso wie die Anlage zur Mutterschaft in einem Weibe organisch, von
-der Geburt an vorhanden.
-
-Damit soll aber nicht gesagt sein, jedes Weib, das zur Dirne wird, sei
-mit ausschließlich innerer Notwendigkeit dazu geworden. Es stecken
-vielleicht in den meisten Frauen _beide_ Möglichkeiten, sowohl die
-Mutter als die Dirne; nur die Jungfrau -- man entschuldige; ich weiß,
-es ist rücksichtslos gegen die _Männer_ -- nur die Jungfrau, die gibt
-es nicht. Worauf es in solchen Schwebefällen ankommt, das kann nur der
-Mann sein, der ein Weib zur Mutter zu machen auf jeden Fall durch seine
-Person imstande ist; nicht erst durch den Koitus, sondern durch ein
-einmaliges _Anblicken_. _Schopenhauer_ bemerkt, der Mensch müsse sein
-Dasein streng genommen von dem Augenblick datieren, da sein Vater und
-seine Mutter sich ineinander verliebt hätten. Das ist nicht richtig.
-Die Geburt eines Menschen müßte, im idealen Falle, in den Augenblick
-verlegt werden, wo _eine Frau $ihn$_, den Vater ihres Kindes, _zum
-ersten Male erblickt oder auch nur seine Stimme hört_. Die biologische
-und medizinische Wissenschaft, die Züchtungslehre und die Gynäkologie
-verhalten sich freilich, seit über sechzig Jahren, unter dem Einflusse
-von _Johannes Müller_, Th. _Bischoff_ und Ch. _Darwin_, der Frage des
-»Versehens« oder »Verschauens« gegenüber beinahe durchaus ablehnend.
-Es wird im weiteren eine Theorie des Versehens zu entwickeln versucht
-werden; hier möchte ich nur soviel bemerken, daß die Sache denn doch
-vielleicht nicht so steht, daß es kein Versehen geben dürfe, weil
-es mit der Ansicht sich nicht vertrage, daß bloß Samenzelle und Ei
-das neue Individuum bilden helfen; sondern es gibt ein Versehen,
-und die Wissenschaft soll trachten, es zu erklären, statt es als
-schlechterdings unmöglich in Abrede zu stellen, und zu tun, als ob
-sie in erfahrungswissenschaftlichen Dingen je über so viel Erfahrung
-verfügen könnte, um eine solche Behauptung aufstellen zu dürfen. In
-einer apriorischen Disziplin, wie der Mathematik, darf ich es ganz
-ausgeschlossen nennen, daß auf dem Planeten Jupiter 2 × 2 = 5 sei; die
-Biologie kennt nur Sätze von »komparativer Allgemeinheit« (_Kant_).
-Wenn ich hier _für_ das Versehen eintreten und in seiner Leugnung
-eine Beschränktheit erblicken muß, will ich doch keineswegs behauptet
-haben, daß alle sogenannten Mißbildungen, oder auch nur ein sehr
-großer Teil derselben in ihm ihren Grund haben. Es kommt vorläufig nur
-auf die Möglichkeit einer Beeinflussung der Nachkommenschaft ohne den
-Koitus mit der Mutter an. Und da möchte ich zu sagen wagen[46]: so
-wie sicherlich, wenn _Schopenhauer_ und _Goethe_ in der Farbenlehre
-_einer_ Meinung sind, sie schon darum _a priori_ gegen alle Physiker
-der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft recht haben dürften,
-ebenso wird etwas, das für _Ibsen_ (»Frau vom Meer«) und _Goethe_
-(»Wahlverwandtschaften«) _Wahrheit_ ist, noch nicht _falsch_ durch das
-Gutachten sämtlicher medizinischer Fakultäten der Welt.
-
-Der Mann übrigens, von dem eine so starke Wirkung auf die Frau erwartet
-werden könnte, daß ihr Kind auch dann ihm ähnlich würde, wenn es nicht
-aus seinem Samen sich entwickelt hat, dieser Mann müßte die Frau
-sexuell in äußerst vollkommener Weise ergänzen. Wenn demnach solche
-Fälle nur sehr _selten_ sind, so liegt dies an der Unwahrscheinlichkeit
-eines Zusammentreffens so vollständiger Komplemente, und darf keinen
-Einwand gegen die _prinzipielle Möglichkeit_ solcher Tatsachen bilden,
-wie sie _Goethe_ und _Ibsen_ dargestellt haben.
-
-_Ob_ aber eine Frau jenen Mann trifft, der sie durch seine bloße
-Gegenwart zur Mutter seines Kindes macht, das ist Zufallssache.
-_Insofern_ ist für _viele_ Mütter und Prostituierte wohl die
-_Denkbarkeit_ zuzugeben, daß sich ihre Lose umgekehrt hätten gestalten
-können. Aber anderseits gibt es nicht nur zahllose Beispiele, in
-welchen auch ohne diesen Mann die Frau im Mutter-Typus verbleibt,
-sondern es kommen ebenso zweifellos Fälle vor, wo dieser eine Mann
-_auftritt_, und doch auch _sein_ Erscheinen die schließliche,
-endgültige Wendung zur Prostitution nicht zu hindern vermag.
-
-Es bleibt demnach nichts übrig, als _zwei_ angeborene, entgegengesetzte
-Veranlagungen anzunehmen, die sich auf die verschiedenen Frauen in
-verschiedenem Verhältnis verteilen: die absolute Mutter und die
-absolute Dirne. _Zwischen_ beiden liegt die Wirklichkeit: es gibt
-sicherlich kein Weib ohne alle Dirneninstinkte (viele werden das
-leugnen und fragen, woran denn das Dirnenhafte in vielen Frauen
-erkennbar sei, die nichts weniger als Kokotten zu sein scheinen; ich
-verweise diesbezüglich einstweilen nur auf den Grad der Bereitschaft
-und Willigkeit, sich von irgendwelchem Fremden unzüchtig berühren und
-diesen an sich anstreifen zu lassen; legt man diesen Maßstab an, so
-wird man finden, daß es keine absolute Mutter gibt). Ebensowenig aber
-existiert ein Weib, das aller mütterlichen Regungen bar wäre; obgleich
-ich gestehen muß, außerordentliche Annäherungen an die absolute Dirne
-viel öfter gefunden zu haben als solche Grade von Mütterlichkeit,
-hinter denen alles Dirnenhafte zurücktritt.
-
-Das Wesen der Mutterschaft besteht, wie schon die erste und
-oberflächlichste Analyse des Begriffes ergibt, darin, daß die
-Erreichung des _Kindes_ der Hauptzweck des Lebens der _Mutter_ ist,
-indessen bei der absoluten _Dirne_ dieser Zweck für die Begattung
-gänzlich in Wegfall gekommen scheint. Eine eingehendere Untersuchung
-wird also vor allem _zwei_ Dinge in Betracht ziehen und sehen müssen,
-wie sich Dirne und Mutter zu beiden verhalten: die Beziehung einer
-jeden zum Kinde, und ihre Beziehung zum Koitus.
-
-Zunächst scheiden sich beide, Mutter und Dirne, durch der ersteren
-Verhältnis zum Kinde. Der absoluten Dirne liegt nur am Manne, der
-absoluten Mutter kann nur am Kinde gelegen sein. Prüfstein ist am
-sichersten das Verhältnis zur Tochter: nur wenn sie diese gar nie
-beneidet wegen größerer Jugend oder Schönheit, ihr nie die Bewunderung
-im geringsten mißgönnt, die sie bei den Männern findet, _sondern sich
-vollständig mit ihr identifiziert_ und des Verehrers ihrer Tochter sich
-so freut, als wäre er ihr eigener Anbeter, nur dann ist sie Mutter zu
-nennen.
-
-Die absolute Mutter, der es allein auf das Kind ankommt, wird Mutter
-durch jeden Mann. Man wird finden, daß Frauen, die in ihrer Kindheit
-eifriger als die anderen mit Puppen spielten, bereits als Mädchen
-Kinder sehr liebten und gerne warteten, dem Manne gegenüber wenig
-wählerisch sind, sondern bereitwillig den ersten besten Gatten nehmen,
-der sie halbwegs zu versorgen imstande und ihren Eltern und Verwandten
-genehm ist. Wenn ein solches Mädchen aber, gleichgültig durch wen,
-Mutter geworden ist, so bekümmert es sich, im Idealfalle, um keinen
-anderen Mann mehr. Der absoluten Dirne hingegen sind, schon als Kind,
-Kinder ein Greuel; später benützt sie das Kind höchstens als Mittel, um
-durch Vortäuschung eines, auf Rührung des Mannes berechneten, Idylles
-zwischen Mutter und Kind, diesen an sich zu locken. Sie ist das Weib,
-das _allen_ Männern zu gefallen das Bedürfnis hat, und da es keine
-absolute Mutter gibt, wird man in jeder Frau mindestens noch die _Spur_
-dieser allgemeinen Gefallsucht entdecken können, welche nie auch nur
-auf einen Mann der Welt verzichtet.
-
-Hier nimmt man übrigens eine _formale Ähnlichkeit_ zwischen der
-absoluten Mutter und der absoluten Kokotte wahr. _Beide_ sind
-eigentlich in Bezug auf die _Individualität_ des sexuellen Komplementes
-_anspruchslos_. Die eine nimmt jeden beliebigen Mann, der ihr zum
-Kinde dienlich ist, und bedarf keines weiteren Mannes, sobald sie das
-Kind hat: _nur aus diesem Grunde ist sie »monogam« zu nennen_. Die
-andere gibt sich jedem beliebigen Mann, der ihr zum erotischen Genusse
-verhilft: dieser ist für sie Selbstzweck. Hier berühren sich also die
-beiden Extreme, wir mögen somit hoffen, einen Durchblick auf das Wesen
-des Weibes _überhaupt_ von da aus gewinnen zu können.
-
-In der Tat muß ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt
-habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, daß das _Weib_ monogam
-und der _Mann_ polygam sei. _Das Umgekehrte_ ist der Fall. Man darf
-sich nicht dadurch beirren lassen, daß die Frauen oft lange den Mann
-abwarten und, wenn möglich, wählen, der ihnen am meisten Wert zu
-schenken in der Lage ist -- den Herrlichsten, Berühmtesten, den »Ersten
-unter Allen«. Dieses Bedürfnis scheidet das Weib vom Tiere, welches
-Wert überhaupt nicht, weder vor sich selbst, durch sich selbst (wie
-der Mann), noch durch einen anderen, vor einem anderen (wie das Weib)
-zu gewinnen trachtet. Aber nur von Dummköpfen konnte es im rühmenden
-Sinne hervorgehoben werden, da es doch am sichersten zeigt, wie die
-Frau alles _Eigenwertes_ entbehrt. Dieses Bedürfnis nun verlangt
-allerdings nach Befriedigung; es liegt aber in ihm durchaus nicht der
-sittliche _Gedanke_ der Monogamie. Der Mann ist in der Lage, Wert zu
-spenden, Wert zu übertragen an die Frau, er _kann schenken_, er _will_
-auch schenken; nie kann er seinen Wert, wie das Weib, als Beschenkter
-finden. Die Frau sucht also zwar sich möglichst viel Wert zu
-verschaffen, indem sie ihre Erwählung durch jenen einen Mann betreibt,
-der ihr den _meisten_ Wert geben kann; der Ehe aber liegen, beim Manne,
-ganz andere Motive zu Grunde. Sie ist jedenfalls ursprünglich als die
-Vollendung der idealen Liebe, als eine Erfüllung gedacht, auch wenn
-es sehr fraglich ist, ob sie so viel je wirklich leisten kann. Sie
-ist ferner durchdrungen von dem ganz und gar männlichen Gedanken der
-_Treue_ (die Kontinuität, ein intelligibles _Ich_ voraussetzt). Man
-wird zwar oft das Weib treuer nennen hören als den Mann; die Treue des
-Mannes ist nämlich für ihn ein _Zwang_, den er sich, allerdings im
-_freien_ Willen und mit vollem _Bewußtsein_, auferlegt hat. Er wird an
-diese Selbstbindung oft sich nicht kehren, aber dies stets als sein
-Unrecht betrachten oder irgendwie fühlen. Wenn er die Ehe bricht, so
-hat er sein intelligibles Wesen nicht zum Worte kommen lassen. Für die
-Frau ist der Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke
-der Sittlichkeit gar nicht, sondern nur die Motive der Sicherheit und
-des Rufes mitsprechen. Es gibt kein Weib, das in Gedanken ihrem Manne
-nie untreu geworden wäre, _ohne_ daß es aber darum dies auch schon
-sich vorwürfe. Denn das Weib geht die Ehe zitternd und voll unbewußter
-Begier ein und bricht sie, da es kein der Zeitlichkeit entrücktes
-Ich hat, so erwartungsvoll, so gedankenlos, wie es sie geschlossen
-hat. Jenes Motiv, das einem _Vertrage_ Treue wahren heißt, kann nur
-beim Manne sich finden; für die bindende Kraft eines gegebenen Wortes
-fehlt der Frau das Verständnis. Was man als Beispiele weiblicher Treue
-anführt, beweist hiegegen wenig. Sie ist entweder die lange Nachwirkung
-eines intensiven Verhältnisses sexueller Folgsamkeit (_Penelope_)
-oder dieses Hörigkeitsverhältnis selbst, hündisch, nachlaufend, voll
-instinktiver zäher Anhänglichkeit, vergleichbar der körperlichen
-Nähe als Bedingung alles weiblichen Mitleidens (_Das Käthchen von
-Heilbronn_).
-
-Die Ein-Ehe hat also der Mann geschaffen. Sie hat ihren Ursprung im
-Gedanken der männlichen Individualität, die im Wandel der Zeiten
-unverändert fortdauert; und demnach zu ihrer vollen Ergänzung stets
-nur eines und desselben Wesens bedürfen kann. Insoweit liegt in dem
-Plane der _Ein-Ehe_ unleugbar etwas Höheres und findet die Aufnahme
-derselben unter die Sakramente der katholischen Kirche eine gewisse
-Rechtfertigung. Dennoch soll hiemit in der Frage »Ehe oder freie Liebe«
-nicht Partei ergriffen sein. Auf dem Boden irgendwelcher Abweichungen
-vom strengsten Sittengesetz -- und eine solche Abweichung liegt in
-jeder empirischen Ehe -- sind _völlig_ befriedigende Problemlösungen
-nie mehr möglich: _zugleich_ mit der Ehe ist der Ehe_bruch_ auf die
-Welt gekommen.
-
-_Trotzdem_ kann die Ehe nur vom Manne eingesetzt sein. Es gibt kein
-Rechtsinstitut weiblichen Ursprungs, alles _Recht_ rührt vom Manne, und
-nur viele _Sitte_ vom Weibe her (schon darum wäre es ganz verfehlt,
-das Recht aus der Sitte, oder umgekehrt die Sitte aus dem Recht
-hervorgehen zu lassen. Beide sind ganz heterogene Dinge). _Ordnung_ in
-wirre sexuelle Verhältnisse zu bringen, dazu kann, wie nach Ordnung,
-nach _Regel_, nach Gesetz überhaupt (im praktischen wie theoretischen)
-nur der Mann -- donna è mobile -- das Bedürfnis und die Kraft besessen
-haben. Und es scheint ja wirklich für viele Völker eine Zeit gegeben
-zu haben, da die Frauen auf die soziale Gestaltung großen Einfluß
-nehmen durften; aber damals gab es nichts weniger als Ehe: die Zeit des
-_Matriarchats_ ist die Zeit der _Vielmännerei_. --
-
-Das ungleiche Verhältnis der Mutter und der Dirne zum Kinde ist
-reich an weiteren Aufschlüssen. Ein Weib, das vorwiegend Dirne ist,
-wird auch in ihrem Sohne zunächst dessen Mannheit wahrnehmen und
-stets in einem sexuellen Verhältnis zu ihm stehen. Da aber kein Weib
-ganz mütterlich ist, läßt es sich nicht verkennen, daß ein letzter
-Rest sexueller Wirkung von jedem Sohne auf seine Mutter ausgeht.
-Darum bezeichnete ich früher das Verhältnis zur Tochter als den
-zuverlässigsten Maßstab der Mutterliebe. Sicherlich steht anderseits
-auch jeder Sohn zu seiner Mutter in einer, wenn auch vor den Blicken
-beider noch so verschleierten, sexuellen Beziehung. In der ersten
-Zeit der Pubertät kommt dies bei den meisten Männern, bei manchen
-selbst noch später hin und wieder, aus seiner Zurückdrängung im wachen
-Bewußtsein, durch sexuelle Phantasien während des Schlafes, deren
-Objekt die Mutter bildet, zum Vorschein (»Ödipus-Traum«). Daß aber
-auch im eigentlichsten Verhältnis der echten Mutter zum Kinde noch ein
-tiefes, sexuelles Verschmolzenheitselement steckt, darauf scheinen
-die Wollustgefühle hinzudeuten, welche die Frau bei der Laktation so
-unzweifelhaft empfindet, wie die anatomische Tatsache feststeht, daß
-sich unter der weiblichen Brustwarze erektiles Gewebe befindet und von
-den Physiologen ermittelt ist, daß durch Reizung von diesem Punkte aus
-Zusammenziehungen der Gebärmuttermuskulatur ausgelöst werden können.
-Sowohl die Passivität, welche für das Weib aus dem aktiven Saugen des
-Kindes resultiert, als auch der Zustand inniger, körperlicher Berührung
-während der Spende der Muttermilch stellen eine sehr vollkommene
-Analogie zum Verhalten des Weibes im Koitus her; sie lassen es
-begreiflich erscheinen, daß die monatlichen Blutungen auch während der
-Laktation pausieren, und geben der unklaren, aber tiefen Eifersucht des
-Mannes schon auf den Säugling ein gewisses Recht. Das Nähren des Kindes
-ist aber eine durchaus mütterliche Beschäftigung; je mehr eine Frau
-Dirne ist, desto weniger wird sie ihr Kind selbst stillen wollen, desto
-schlechter wird sie es können. Es läßt sich also nicht leugnen, daß das
-Verhältnis Mutter--Kind an sich bereits ein dem Verhältnis Weib--Mann
-verwandtes ist.
-
-Die Mütterlichkeit ist ferner gleich allgemein wie die Sexualität und
-den verschiedenen Wesen gegenüber so abgestuft wie diese. Wenn eine
-Frau mütterlich ist, muß ihre Mütterlichkeit nicht nur dem leiblichen
-Kinde gegenüber sich offenbaren, sondern auch schon vorher und jedem
-Menschen gegenüber zum Ausdruck kommen; wenngleich das Interesse für
-das eigene Kind später alles andere absorbiert und die Mutter im
-Falle eines Konfliktes durchaus engherzig, blind und ungerecht macht.
-Am interessantesten ist hier das Verhältnis des mütterlichen Mädchens
-zum Geliebten. Mütterliche Frauen nämlich sind schon als Mädchen dem
-Manne gegenüber, den sie lieben, selbst für jenen Mann, der später
-Vater ihres Kindes wird, Mütter; _er $ist$ selbst schon in gewissem
-Sinne ihr Kind_. In diesem Mutter und liebender Frau Gemeinsamen[47]
-offenbart sich uns das tiefste Wesen _dieses_ Weibestypus: es ist
-der fortlaufende Wurzelstock der Gattung, den die Mütter bilden,
-das nie endende, mit dem Boden verwachsene Rhizom, von dem sich der
-einzelne _Mann_ als Individuum _ab_hebt und dem gegenüber er seiner
-Vergänglichkeit inne wird. Dieser Gedanke ist es, mehr oder weniger
-bewußt, welcher den Mann selbst das mütterliche Einzelwesen, auch schon
-als Mädchen, in einer gewissen Ewigkeit erblicken läßt[48], der das
-schwangere Weib zu einer großen Idee macht (_Zola_). Die ungeheuere
-_Sicherheit_ der Gattung, aber freilich sonst nichts, liegt in dem
-_Schweigen_ dieser Geschöpfe, vor dem sich der Mann für Augenblicke
-sogar klein fühlen kann. Ein gewisser Friede, eine große Ruhe mag
-in solchen Minuten über ihn kommen, ein Schweigen aller höheren
-und tieferen Sehnsucht, und er mag so für Momente wirklich wähnen,
-den tiefsten Zusammenhang mit der Welt durch das Weib gefunden zu
-haben. Wird er doch beim geliebten Weib dann ebenfalls zum _Kinde_
-(_Siegfried_ bei _Brünnhilde_, dritter Akt); zum Kinde, das die Mutter
-lächelnd betrachtet, für das sie unendlich viel _weiß_, dem sie Pflege
-angedeihen läßt, das sie zähmt und im Zaum hält. Aber nur auf Sekunden
-(Siegfried reißt sich von Brünnhilde). Denn was den Mann ausmacht,
-ist ja nur, was ihn von der Gattung loslöst, indem es ihn über sie
-erhebt. Darum ist die Vaterschaft durchaus nicht die Befriedigung
-seines tiefsten Gemütsbedürfnisses, darum ist ihm der Gedanke, in der
-Gattung auf-, in ihr unterzugehen, entsetzlich; und das fürchterlichste
-Kapitel, in dem trostärmsten unter den großen Büchern der menschlichen
-Literatur, in der »Welt als Wille und Vorstellung«, das »Über den Tod
-und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich«,
-wo diese Unendlichkeit des Gattungswillens als die einzig wirkliche
-Unsterblichkeit hingestellt ist.
-
-Die Sicherheit der Gattung ist es, welche die Mutter mutig und
-unerschrocken macht im Gegensatz zur stets feigen und furchtsamen
-Prostituierten. Es ist nicht der Mut der Individualität, der moralische
-Mut, der aus der Werthaltung der Wahrheit und der Unbeugsamkeit
-des innerlich Freien folgt, sondern der Lebenswille der Gattung,
-welche durch die Einzelperson der Mutter das Kind und selbst den
-Mann schützt. Wie vom Begriffspaare Mut und Feigheit, so ist auch
-vom Gegensatz Hoffnung -- Furcht die Hoffnung der Mutter, die Furcht
-der Dirne zugefallen. Die absolute Mutter ist sozusagen stets und in
-jeder Beziehung »in der Hoffnung«; da sie in der Gattung unsterblich
-ist, kennt sie auch keine Furcht vor dem Tode, vor dem die Dirne
-eine entsetzliche Angst hat, ohne im geringsten ein individuelles
-Unsterblichkeitsbedürfnis zu hegen -- ein Beweis mehr, wie falsch es
-ist, das Begehren nach persönlicher Fortdauer bloß auf die Furcht vor
-dem körperlichen Tode und das Wissen um diesen zurückzuführen.
-
-Die Mutter fühlt sich dem Manne stets überlegen, sie weiß sich
-als seinen Anker; indes sie selbst in der geschlossenen Kette der
-Generationen wohl gesichert, gleichsam den Hafen vorstellt, aus dem
-jedes Schiff neu ausläuft, steuert der Mann weit draußen allein auf
-hoher See. Die Mutter ist, im höchsten Alter noch, immer bereit, das
-Kind zu empfangen und zu bergen; bereits in der Konzeption des Kindes
-lag psychisch, wie sich zeigen wird, für die Mutter dieses Moment,
-in der Schwangerschaft tritt das andere des Schutzes und der Nahrung
-ganz deutlich zu Tage. Dieses Überlegenheitsverhältnis kommt auch
-vor dem Geliebten zum Vorschein: die Mutter hat Verständnis für das
-Naive und Kindliche, für die _Einfalt_ im Manne, die Hetäre für seine
-Feinheiten und sein Raffinement. Die Mutter hat das Bedürfnis, ihr
-Kind zu lehren, ihm alles zu geben, sei dieses Kind auch der Geliebte;
-die Hetäre brennt darauf, daß ihr der Mann _imponiere_, sie will ihm
-selbst erst alles _verdanken_. Die Mutter als Vertreterin des Genus,
-das sich in jedem seiner Angehörigen auswirkt, ist freundlich gegen
-alle Mitglieder der Gattung (_selbst jede Tochter ist in diesem Sinne
-noch die Mutter ihres Vaters_); erst wenn die Interessen der engeren
-Kinder auf dem Spiele stehen, wird sie, aber dann auch in einem
-außerordentlichen Grade, exklusiv; die Dirne ist nie so liebreich und
-nie so engherzig, wie die Mutter es sein kann.
-
-_Die Mutter steht ganz unter dem Gattungszweck; die Prostituierte steht
-außerhalb desselben._ Ja die Gattung hat eigentlich nur diesen einen
-Anwalt, diese eine Priesterin, die Mutter; der Wille des Genus kommt
-nur in ihr rein zum Ausdruck, während bereits die Erscheinung der Dirne
-den Beweis dafür liefert, daß _Schopenhauers_ Lehre, es handle sich in
-aller Sexualität nur um die Zusammensetzung der künftigen Generation,
-unmöglich allgemein zutreffen kann. Daß es der Mutter nur auf das Leben
-ihrer Gattung ankommt, wird auch daraus ersichtlich, daß mütterliche
-Frauen es sind, die gegen Tiere am meisten Härte beweisen. Man muß
-beobachtet haben, mit welcher unerschütterlichen Ruhe, wie durchdrungen
-von der Verdienstlichkeit ihres Amtes die gute Hausfrau und Mutter ein
-Huhn nach dem anderen schlachtet. Denn die Kehrseite der Mutterschaft
-ist die Stiefmutterschaft; jede Mutter ihrer Kinder ist Stiefmutter
-aller anderen Geschöpfe.
-
-Noch auffallender als diese Bestätigung fällt für den Zusammenhang
-der Mutter mit der Erhaltung der Gattung ihr eigentümlich inniges
-Verhältnis zu allem ins Gewicht, was zur _Nahrung_ dient. Sie kann es
-nicht ertragen, daß irgend etwas, das hätte gegessen werden können, sei
-es auch ein noch so geringfügiger Rest, zu Grunde gehe. Ganz anders die
-Dirne, die nach Willkür, ohne rechten Grund jetzt große Quantitäten
-an Vorräten zum Essen und Trinken beschafft, um sie dann haufenweise
-»stehen« zu lassen. Die Mutter ist überhaupt geizig und kleinlich,
-die Prostituierte verschwenderisch, launisch. Denn die _Erhaltung der
-Gattung_ ist der Zweck, für den die Mutter lebt; so sorgt sie sich
-eifrig darum, daß die von ihr Bemutterten sich satt essen, und durch
-nichts ist sie so zu erfreuen, wie durch einen gesegneten Appetit.
-Damit hängt ihr Verhältnis zum Brode, zu allem, was Wirtschaft heißt,
-zusammen. _Ceres_ ist eine gute Mutter: eine Tatsache, die in ihrem
-griechischen Namen _Demeter_ deutlich zum Ausdruck kommt. So pflegt die
-Mutter die Physis, nicht aber die Psyche des Kindes[49]. Das Verhältnis
-zwischen Mutter und Kind bleibt von seiten der Mutter immer ein
-körperliches: vom Küssen und Herzen des Kleinen bis zu der umgebenden
-und einwickelnden Sorge für den Erwachsenen. Auch das aller Vernunft
-bare Entzücken über jedwede Lebensäußerung des kleinen Säuglings
-ist nicht anders zu verstehen, als aus dieser einzigen Aufgabe der
-Erhaltung und Hut des irdischen Daseins.
-
-Damit ergibt sich hieraus auch, warum die Mutterliebe nicht wahrhaft
-sittlich hochgeschätzt werden kann. Es frage sich jeder aufrichtig, ob
-er glaubt, daß ihn seine Mutter nicht ebenso lieben würde, wenn er ganz
-anders wäre als er ist, ob ihre Neigung geringer würde, wenn er nicht
-er, sondern ein ganz anderer Mensch wäre! _Hier_ liegt der springende
-Punkt, und hier sollen die Rede stehen, welche von der moralischen
-Hochachtung des Weibes um der Mutterliebe willen nicht lassen wollen.
-Die Individualität des Kindes ist der Mutterliebe ganz gleichgültig,
-ihr genügt die bloße Tatsache der Kindschaft: _und dies ist eben das
-Unsittliche an ihr_. In jeder Liebe von Mann zu Weib, auch in jeder
-Liebe innerhalb des gleichen Geschlechtes, kommt es sonst immer auf
-ein bestimmtes Wesen mit ganz besonderen körperlichen und psychischen
-Eigenschaften an; nur die Mutterliebe erstreckt sich wahllos auf alles,
-was die Mutter je in ihrem Schoße getragen hat. Es ist ein grausames
-Geständnis, das man sich macht, grausam gegen Mutter und Kind, daß
-gerade hierin sich offenbart, wie vollkommen unethisch die Mutterliebe
-eigentlich ist, jene Liebe, die ganz gleich fortwährt, ob der Sohn ein
-Heiliger oder ein Verbrecher, ein König oder ein Bettler werde, ein
-Engel bleibe oder zum Scheusal entarte. Nicht minder gemein freilich
-ist der Anspruch, den so oft die Kinder auf die Liebe ihrer Mutter
-zu haben glauben, bloß weil sie deren Kinder sind (besonders gilt
-dies von den Töchtern; indessen sind auch die Söhne in diesem Punkte
-meist fahrlässig). Die Mutterliebe ist darum unmoralisch, weil sie
-kein Verhältnis zum fremden _Ich_ ist, sondern ein _Verwachsensein_
-von Anfang an darstellt; sie ist, wie alle Unsittlichkeit gegen
-andere, eine _Grenzüberschreitung_. Es gibt ein ethisches Verhältnis
-nur _von Individualität zu Individualität_. Die Mutterliebe schaltet
-die Individualität _aus_, indem sie _wahllos_ und _zudringlich_ ist.
-_Das Verhältnis der Mutter zum Kinde ist in alle Ewigkeit ein System
-von reflexartigen Verbindungen zwischen diesem und jener._ Schreit
-oder weint das Kleine, während die Mutter im Nebenzimmer sitzt,
-plötzlich auf, so wird die Mutter wie gestochen emporfahren und zu ihm
-hineineilen (eine gute Gelegenheit, um sofort zu erkennen, was eine
-Frau mehr ist, Mutter oder Dirne); und auch später teilt sich jeder
-Wunsch, jede Klage des Erwachsenen der Mutter augenblicklich mit, sie
-werden auf sie gleichsam fortgeleitet, pflanzen sich auf sie über, und
-werden unbesehen, unaufgehalten die ihren. _Eine nie unterbrochene
-Leitung zwischen der Mutter und allem, was je durch eine Nabelschnur
-mit ihr verbunden war_: das ist das Wesen der Mutterschaft, und
-ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe nicht
-einstimmen, sondern muß gerade das an ihr verwerflich finden, was an
-ihr so oft gepriesen wird: ihre Wahllosigkeit. Ich glaube übrigens, daß
-von vielen hervorragenderen Denkern und Künstlern dies wohl erkannt
-und nur verschwiegen worden ist; die früher so verbreitete große
-Überschätzung _Rafaels_ ist gewichen, und sonst stehen die Sänger der
-Mutterliebe eben doch nicht höher als _Fischart_ oder als _Richepin_.
-Die Mutterliebe ist instinktiv und triebhaft: auch die Tiere kennen sie
-nicht weniger als die Menschen. Damit allein wäre aber schon bewiesen,
-daß diese Art der Liebe keine echte Liebe, daß dieser Altruismus
-keine wahre Sittlichkeit sein kann; denn alle Moral stammt von jenem
-intelligiblen Charakter, dessen die gänzlich unfreien tierischen
-Geschöpfe entraten. Dem ethischen Imperative kann nur von einem
-vernünftigen Wesen gehorcht werden; es gibt keine triebhafte sondern
-nur bewußte Sittlichkeit.
-
-Ihre Stellung außerhalb des Gattungszweckes, der Umstand, daß sie
-nicht bloß als Aufenthaltsort und Behälter, gleichsam nur zum ewigen
-Durchpassieren für neue Wesen dient und sich nicht darin verzehrt,
-diesen Nahrung zu geben, stellt die Hetäre in gewisser Beziehung
-_über_ die Mutter; soweit dort von ethisch höherem Standort überhaupt
-die Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber handelt. Die Mutter,
-die ganz in Pflege und Kleidung von Mann und Kind, in Besorgung oder
-Aufsicht von Küche und Haus, Garten und Feld aufgeht, steht fast
-immer intellektuell sehr tief. Die geistig höchstentwickelten Frauen,
-alles, was dem Manne irgendwie _Muse_ wird, gehört in die Kategorie
-der Prostituierten: zu diesem, dem _Aspasien-Typus_, sind die Frauen
-der Romantik zu rechnen, vor allem die hervorragendste unter ihnen,
-_Karoline Michaelis-Böhmer-Forster-Schlegel-Schelling_.
-
-Es hängt damit zusammen, daß nur solche Männer sexuell von der Mutter
-sich angezogen fühlen, die kein Bedürfnis nach geistiger Produktivität
-haben. Wessen Vaterschaft sich auf leibliche Kinder beschränkt, von dem
-ist es ja auch zu erwarten, daß er die fruchtbare Frau, die Mutter,
-erwählen wird vor der anderen. _Bedeutende Menschen haben stets nur
-Prostituierte geliebt_[50]; ihre Wahl fällt auf das sterile Weib,
-wie sie selbst, wenn überhaupt eine Nachkommenschaft, so stets eine
-lebensunfähige, bald aussterbende hervorbringen -- was vielleicht
-einen tiefen ethischen Grund hat. Die irdische Vaterschaft nämlich
-ist ebenso geringwertig wie die Mutterschaft; sie ist unsittlich, wie
-sich später zeigen wird (Kapitel 14); und sie ist unlogisch, denn sie
-stellt in jeder Beziehung eine Illusion vor: wie weit er Vater seines
-Kindes ist, dessen ist kein Mensch je gewiß. Und auch ihre Dauer ist
-doch immer kurz und vergänglich: jedes Geschlecht und jede Rasse der
-Menschheit ist schließlich zu Grunde gegangen und erloschen.
-
-Die so verbreitete, so ausschließliche und geradezu ehrfürchtige
-Wertschätzung der mütterlichen Frau, die man dann gerne noch für den
-alleinigen und einzig echten Typus des Weibes auszugeben pflegt, ist
-nach alledem völlig unberechtigt; obwohl von fast allen Männern zähe
-an ihr festgehalten, ja gewöhnlich noch behauptet wird, daß jede
-Frau erst als Mutter ihre Vollendung finde. Ich gestehe, daß mir
-die Prostituierte nicht als Person, sondern als Phänomen weit mehr
-imponiert.
-
-Die allgemeine Höherstellung der Mutter hat verschiedene Gründe.
-Vor allem scheint sie, da ihr am Manne an sich nichts oder nur so
-viel liegt, als er Kind ist, eher geeignet, dem Virginitätsideal
-zu entsprechen, das, wie sich zeigen wird, stets erst der Mann aus
-einem gewissen Bedürfnis an die Frau heranbringt; welcher Keuschheit
-ursprünglich fremd ist, der nach Kindern begehrenden Mutter ganz ebenso
-wie der männersüchtigen Dirne.
-
-Jenen Schein großer Sittlichkeit vergilt ihr der Mann durch die,
-an und für sich ganz unbegründete, moralische und soziale Erhebung
-über die Prostituierte. Diese ist das Weib, das sich den Wertungen
-des Mannes und dem von ihm bei der Frau gesuchten Keuschheitsideale
-nie gefügt, sondern stets, in verborgenem Sträuben als Weltdame, in
-passivem leisen Widerstande als Halbweltlerin, in offener Demonstration
-als Gassendirne, _widersetzt_ hat. _Hieraus allein_ erklärt sich die
-Sonderposition, die Stellung außer aller sozialen Achtung, ja nahezu
-außer Recht und Gesetz, welche die Prostituierte heute fast überall
-einnimmt. Die Mutter hatte es leicht, sich dem sittlichen Willen des
-Mannes zu unterwerfen, da es ihr nur auf das Kind, auf das Leben der
-Gattung ankam.
-
-Ganz anders die Dirne. Sie lebt wenigstens ihr eigenes Leben ganz
-und gar[51], wenn sie auch dafür -- im extremen Falle -- mit dem
-Ausschluß aus der Gesellschaft bestraft wird. Sie ist zwar nicht mutig
-wie die Mutter, vielmehr feige durch und durch, aber sie besitzt
-auch das stete Korrelat der Feigheit, die Frechheit, und so hat sie
-wenigstens die Unverschämtheit ihrer Schamlosigkeit. Von Natur zur
-Vielmännerei veranlagt, und immer mehr Männer anziehend als bloß den
-einen Gründer einer Familie, ihren Trieben Lauf lassend und sie wie im
-Trotze befriedigend, fühlt sie sich als Herrscherin, und die tiefste
-Selbstverständlichkeit ist ihr, daß sie Macht habe. Die Mutter ist
-leicht zu kränken oder zu empören, die Prostituierte kann niemand
-verletzen, niemand beleidigen; denn die Mutter hat als Hüterin des
-Genus, der Familie eine gewisse _Ehre_, die Prostituierte hat auf alle
-soziale Ehre verzichtet, und das ist ihr Stolz, darum wirft sie den
-Nacken zurück. Den Gedanken aber, daß sie keine Macht habe, vermöchte
-sie nicht zu fassen. (»La maîtresse«.) Sie erwartet es und kann es gar
-nicht anders glauben, als daß alle Menschen sich mit ihr befassen, nur
-an sie denken, _für sie leben_. Und tatsächlich ist sie es auch --
-sie, das Weib als Dame -- welche die meiste Macht unter den Menschen
-besitzt, den größten, ja den alleinigen Einfluß ausübt in allem
-Menschenleben, das nicht durch männliche Verbände (vom Turnverein bis
-zum Staat) geregelt ist.
-
-Sie bildet hier das Analogon zum großen Eroberer auf politischem
-Gebiet. Wie dieser, wie _Alexander_ und _Napoleon_, wird die ganz
-große, ganz bezaubernde Dirne vielleicht nur alle tausend Jahre einmal
-geboren, aber dann feiert sie auch, wie dieser, ihren Siegeszug durch
-die ganze Welt.
-
-Jeder solche Mann steht immer in einer gewissen Verwandtschaft zur
-Prostituierten (jeder Politiker ist irgendwie _Volkstribun_, und
-im Tribunat steckt ein Element der Prostitution); wie er ist die
-Prostituierte, im Gefühle ihrer Macht, vor dem Manne nie im geringsten
-verlegen, während es jeder Mann gerade ihr und ihm gegenüber immer
-ist. Wie der große Tribun glaubt sie jeden Menschen, mit dem sie
-spricht, zu _beglücken_ -- man beobachte ein solches Weib, wenn es
-einen Polizeimann um eine Auskunft bittet, wenn es in ein Geschäft
-tritt; gleichgültig ob Männer oder Frauen darin angestellt sind,
-gleichgültig, wie klein der Einkauf ist, den sie macht: immer glaubt
-sie Gaben _auszuteilen_ nach allen Seiten hin. Man wird in jedem
-geborenen Politiker dieselben Elemente entdecken. Und die Menschen,
-alle Menschen haben _beiden_ gegenüber -- man denke, sogar der
-selbstbewußte _Goethe_ in seinem Verhalten zu _Napoleon_ in Erfurt --
-tatsächlich und unwiderstehlich das Gefühl, _beschenkt_ worden zu sein
-(_Pandora-Mythus_; _Geburt der Venus_: die aus dem Meer aufsteigt und
-bereits darbietend um sich blickt).
-
-Hiemit bin ich, wie ich im fünften Kapitel[52] versprochen habe,
-nochmals zu den »Männern der Tat« auf einen Augenblick zurückgekehrt.
-Selbst ein so tiefer Mensch wie _Carlyle_ hat sie hochgewertet, ja »the
-hero as king« zuletzt, zuhöchst unter allen Heroen gesetzt. Es wurde
-schon an jener Stelle gezeigt, warum dies nicht zutreffen kann. Ich
-darf jetzt weiter darauf hinweisen, wie alle großen Politiker Lüge und
-Betrug zu brauchen nicht scheuen, auch die größten nicht, _Caesar_,
-_Cromwell_, _Napoleon_, _Bismarck_; wie _Alexander der Große_ sogar zum
-Mörder wurde und sich seine Schuld von einem Sophisten nachträglich
-bereitwillig ausreden ließ. Verlogenheit aber ist unvereinbar mit
-Genialität; _Napoleon_ hat auf St. Helena von Lüge gesättigte, von
-Sentimentalität triefende Memoiren geschrieben, und sein letztes Wort
-war noch die altruistische Pose, daß er stets nur Frankreich geliebt
-habe. _Napoleon_, die größte Erscheinung unter allen, zeigt auch
-am deutlichsten, daß die »großen Willensmenschen«, Verbrecher, und
-demnach keine Genies sind. Ihn kann man nicht anders verstehen als
-aus der _ungeheuren Intensität, mit der er sich selbst floh_: nur
-so ist alle Eroberung, im Großen, wie im Kleinen, zu erklären. Über
-sich selbst mochte Napoleon nie nachdenken, nicht eine Stunde durfte
-er ohne große äußere Dinge bleiben, die ihn ganz ausfüllen sollten:
-darum mußte er die Welt erobern. Da er große Anlagen hatte, größere
-als jeder Imperator vor ihm, brauchte er mehr, um alle Gegenstimmen in
-sich zum Schweigen zu bringen. Übertäubung seines besseren Selbst, das
-war das gewaltige Motiv seines Ehrgeizes. Der höhere, der bedeutende
-Mensch mag zwar das gemeine Bedürfnis nach Bewunderung oder nach dem
-Ruhme teilen, aber nicht den Ehrgeiz als das Bestreben, alle Dinge in
-der Welt mit sich als empirischer Person zu verknüpfen, sie von sich
-abhängig zu machen, um auf den eigenen Namen alle Dinge der Welt zu
-einer unendlichen Pyramide zu _häufen_. Der große Mensch hat _Grenzen_,
-denn _er_ ist die Monade der Monaden, und -- dies ist eben jene letzte
-Tatsache -- gleichzeitig der bewußte Mikrokosmus, _pantogen_, er hat
-die ganze Welt in sich, er sieht, im vollständigsten Falle, bei der
-ersten Erfahrung, die er macht, klar ihre Zusammenhänge im All, und er
-bedarf darum zwar der _Erlebnisse_, aber keiner _Induktion_; der große
-Tribun und die große Hetäre sind _die_ absolut _grenzenlosen_ Menschen,
-welche die ganze Welt zur Dekoration und Erhöhung ihres _empirischen_
-Ich gebrauchen. Darum sind beide jeder Liebe, Neigung und Freundschaft
-unfähig, lieblos, liebeleer.
-
-Man denke an das tiefe Märchen von dem König, der die Sterne erobern
-wollte! Es enthüllt strahlend und grell die Idee des Imperators. Der
-wahre Genius gibt sich selbst seine Ehre, und am allerwenigsten setzt
-er sich in jenes Wechselverhältnis gegenseitiger Abhängigkeit zum
-Pöbel, wie dies jeder Tribun tut. Denn im großen Politiker steckt nicht
-nur ein Spekulant und Milliardär, sondern auch ein Bänkelsänger; er ist
-nicht nur großer Schachspieler, sondern auch großer Schauspieler; er
-ist nicht nur ein Despot, sondern auch ein Gunstbuhler; er prostituiert
-nicht nur, er ist auch eine große Prostituierte. Es gibt keinen
-Politiker, keinen Feldherrn, der nicht »hinabstiege«. Seine Hinabstiege
-sind ja berühmt, sie sind seine Sexualakte! _Auch zum richtigen Tribun
-gehört die Gasse._ Das Ergänzungsverhältnis zum Pöbel ist geradezu
-konstitutiv für den Politiker. Er kann überhaupt nur Pöbel brauchen;
-mit den anderen, den Individualitäten, räumt er auf, wenn er unklug
-ist, oder heuchelt sie zu schätzen, um sie unschädlich zu machen, wenn
-er so gerieben ist wie _Napoleon_. Seine Abhängigkeit vom Pöbel hat
-dieser denn auch am feinsten gespürt. Ein Politiker kann durchaus nicht
-alles Beliebige unternehmen, auch wenn er ein Napoleon ist, und selbst
-wenn er, was er aber als Napoleon nicht wird, _Ideale_ realisieren
-wollte: er würde gar bald von dem Pöbel, seinem wahren Herren, eines
-Besseren belehrt werden. Alle »Willensersparnis« hat nur für den
-_formalen_ Akt der _Initiative_ Geltung; _frei_ ist das Wollen des
-Machtgierigen nicht.
-
-Auf diese Gegenseitigkeit, diese Relation zu den Massen fühlt
-sich jeder Imperator hingewiesen, _darum_ sind alle ausnahmslos
-ganz instinktiv _für_ die Constituante, für die Volks- oder
-Heeresversammlung, für das allgemeinste Wahlrecht (_Bismarck_ 1866).
-Nicht Marc Aurel und Diokletian, sondern Kleon, Antonius, Mirabeau, das
-sind die Gestalten, in denen der echte Politiker erscheint. Ambitio
-heißt eigentlich Herumgehen. Das tut der Tribun wie die Prostituierte.
-Napoleon hat in Paris nach _Emerson_ »inkognito in den Straßen auf die
-Hurras und Lobsprüche des Pöbels gelauscht«. Von _Wallenstein_ heißt es
-bei _Schiller_ ganz ähnlich.
-
-Von jeher hat das Phänomen des großen Mannes der Tat, als ein ganz
-Einzigartiges, vor allem die Künstler (aber auch philosophische
-Schriftsteller) mächtig angezogen. Die überraschende Konformität,
-welche hier entrollt wurde, wird es vielleicht erleichtern, der
-Erscheinung begrifflich, durch die Analyse, näher zu kommen. _Antonius_
-(_Caesar_) und _Kleopatra_ -- die beiden sind einander gar nicht
-unähnlich. Den meisten Menschen wird die Parallele wohl zuerst
-ganz fiktiv erscheinen, und doch däucht mich das Bestehen einer
-engen Analogie über allen Zweifel erhaben, so heterogen beide den
-ersten Anblick berühren mögen. Wie der »große Mann der Tat« auf ein
-_Innenleben verzichtet_, um sich gänzlich in der Welt, hier paßt das
-Wort, _auszuleben_, und zugrundezugehen wie alles _Aus_gelebte, statt
-zu bestehen wie alles _Ein_gelebte, wie er seinen ganzen _Wert_ mit
-kolossaler Wucht hinter sich wirft und sich ihn _weghält_, so schmeißt
-die große Prostituierte der Gesellschaft den Wert ins Antlitz, den sie
-als Mutter von ihr beziehen könnte, nicht freilich um in sich zu gehen
-und ein beschauliches Leben zu führen, sondern um ihrem sinnlichen
-Triebe nun erst vollen Lauf zu lassen. Beide, die große Prostituierte
-und der große Tribun, sind wie Brandfackeln, die entzündet weithin
-leuchten, Leichen über Leichen auf ihrem Wege lassen und untergehen,
-wie Meteore, für menschliche Weisheit sinnlos, zwecklos, ohne ein
-Bleibendes zu hinterlassen, ohne alle Ewigkeit -- indessen die Mutter
-und der Genius in der Stille die Zukunft wirken. Beide, Dirne und
-Tribun, werden darum als »Gottesgeißeln«, als antimoralische Phänomene
-empfunden.
-
-Hiegegen erscheint es neuerdings gerechtfertigt, daß seinerzeit vom
-Begriffe des genialen Menschen der »große Willensmensch« ausgeschlossen
-wurde. Das Genie, und zwar nicht etwa bloß das philosophische, sondern
-auch das künstlerische, ist immer ausgezeichnet durch das Vorwalten der
-begrifflichen oder darstellenden _Erkenntnis_ über alles _Praktische_.
-
-Das Motiv, welches die Dirne treibt, bedarf indessen noch einer
-Untersuchung. Das Wesen der Mutter war relativ leicht zu erkennen:
-sie ist in eminenter Weise das Werkzeug zur Erhaltung der Gattung.
-Viel rätselhafter und schwieriger ist die Erklärung der Prostitution.
-Für jeden, der über diese lange nachgedacht hat, sind sicherlich
-Augenblicke gekommen, wo er an ihrer Aufhellung völlig verzweifelt
-hat. Worauf es hier aber gewiß vor allem ankommt, ist das verschiedene
-Verhältnis beider, der Mutter und der Dirne, zum Koitus. Die Gefahr ist
-hoffentlich gering, daß jemand die Beschäftigung hiemit, wie überhaupt
-mit dem Thema der Prostitution, für des Philosophen unwürdig erachten
-könnte. Es ist der Geist der Behandlung, der vielen Gegenständen
-Würde erteilen muß. Auch die Künstler, welche die Dirne zum Vorwurf
-gewählt haben -- mir sind _Zolas_ »Confession de Claude«, _Hortense_,
-_Renée_ und _Nana_, _Tolstois_ »Auferstehung«, _Ibsens_ _Hedda Gabler_
-und _Rita_, schließlich die _Sonja_ eines der größten Geister, des
-_Dostojewskij_ bekannt geworden -- wollten nie wirklich singuläre
-Fälle, sondern stets Allgemeines darstellen. Vom Allgemeinen aber muß
-auch eine Theorie möglich sein.
-
-Für die Mutter ist der Koitus Mittel zum Zweck; die Dirne nimmt
-insofern eine Sonderstellung zu ihm ein, _als ihr der Koitus
-Selbstzweck wird_. Daß im Naturganzen dem Koitus noch eine andere
-Rolle zugefallen ist außer der Fortpflanzung, hierauf sehen wir uns
-allerdings auch dadurch hingewiesen, daß bei vielen Lebewesen die
-letztere ohne den Koitus erreicht wird (_Parthenogenesis_). Aber
-andererseits sehen wir bei den Tieren noch überall die _Begattung_ dem
-Ziele der Hervorbringung einer Nachkommenschaft dienen, und nirgends
-ist uns der Gedanke nahegelegt, daß die Kopulation _ausschließlich_ der
-Lust wegen gesucht werde, indem sie vielmehr nur zu gewissen Zeiten,
-den Brunstperioden, vor sich geht; so daß man die Lust geradezu als das
-Mittel betrachtet hat, welches die Natur anwende, um _ihren_ Zweck der
-Erhaltung der Gattung zu erreichen.
-
-Wenn der Koitus der Dirne Selbstzweck ist, so heißt dies nicht, daß
-für die Mutter der Koitus nichts bedeute. Es gibt zwar eine Kategorie
-»sexuell-anästhetischer« Frauen, die man als »frigid« bezeichnet,
-obwohl solche Fälle viel seltener glaubwürdig sind, als man denkt,
-indem sicherlich an der ganzen Kälte oft nur der Mann die Schuld trägt,
-der durch seine Person nicht vermochte, das Gegenteil herbeizuführen;
-die übrigen Fälle aber sind nicht dem Muttertypus zuzurechnen.
-Frigidität kann sowohl bei der Mutter als bei der Dirne auftreten; sie
-wird später unter den hysterischen Phänomenen eine Erklärung finden.
-Ebensowenig darf man die Prostituierte für sexuell unempfindlich
-halten, weil die Straßendirnen (d. i. jenes Kontingent, das im ganzen
-und großen nur von der bäuerischen Bevölkerung, den Dienstmädchen
-u. s. w. zur Prostitution gestellt wird) hier oft hochgespannte
-Erwartungen durch Mangel an Lebendigkeit enttäuscht haben mögen. Weil
-das käufliche Mädchen auch die Liebesbezeugungen solcher sich gefallen
-lassen muß, die ihm sexuell nichts bieten, darf man es nicht etwa
-als zu seinem Wesen gehörig betrachten, beim Koitus überhaupt kalt
-zu bleiben. Dieser Schein entsteht nur, weil gerade sie die höchsten
-Ansprüche an das sinnliche Vergnügen stellt; und für alle Entbehrungen,
-die sie in dieser Hinsicht sonst erduldet, wird sie die Gemeinschaft
-mit dem Zuhälter aufs ausgiebigste entschädigen müssen.
-
-Daß für die Dirne der Koitus Selbstzweck ist, wird auch hieraus
-ersichtlich, daß sie, und nur sie allein, _kokett_ ist. Die Koketterie
-ist nie ohne Beziehung zum Koitus. Ihr Wesen besteht darin, daß sie die
-Eroberung der Frau dem Manne als geschehen vorspiegelt, um ihn _durch
-den Kontrast_ mit der Realität, welche diese Erfüllung noch keineswegs
-zeigt, zur Verwirklichung der Eroberung anzuspornen. So ist sie eine
-Herausforderung des Mannes, dem sie eine und dieselbe Aufgabe in ewig
-wechselnder Form zeigt und ihm _gleichzeitig_ zu verstehen gibt, daß
-er nicht für fähig gehalten werde, diese Aufgabe je zu lösen. Hiebei
-leistet das Spiel der Koketterie an sich für die Frau dies, daß es
-ihren Zweck, den Koitus, bereits während seines Verlaufes in gewissem
-Sinne erfüllt: denn durch das Begehren des Mannes, das sie hervorruft,
-fühlt die Dirne schon ein den Sensationen des Koitiert-Werdens
-Analoges und verschafft sich so den Reiz der Wollust zu jeder Zeit
-und von jedem Manne. Ob sie hierin bis zum äußersten Ende gehen oder
-sich zurückziehen werde, wenn die Bewegung einen zu beschleunigten
-Fortgang nimmt, hängt wohl nur davon ab, ob die Form des wirklichen
-Koitus, den sie zur Zeit ausübt, d. h. ob ihr gegenwärtiger Mann sie
-schon so befriedigt, daß sie von dem anderen nicht _mehr_ erwartet.
-Und daß gerade die Straßendirne im allgemeinen nicht kokett ist, kommt
-vielleicht nur davon her, daß sie die Empfindungen, welche das Ziel
-der Koketterie sind, im stärksten Ausmaß und in der massivsten Form
-ohnedies unausgesetzt kostet und daher auf die feineren prickelnden
-Variationen leicht verzichten kann. Die Koketterie ist also ein Mittel,
-den aktiven sexuellen Angriff von Seite des Mannes herbeizuführen,
-die Intensität dieses Angriffes nach Belieben zu steigern oder
-abzuschwächen und seine Richtung, dem Angreifer selbst unmerkbar,
-dorthin zu dirigieren, wo ihn die Frau haben will; ein Mittel, entweder
-bloß Blicke und Worte hervorzurufen, durch welche sie sich angenehm
-kitzelnd betastet fühlt, oder es bis zur »Vergewaltigung« kommen zu
-lassen.[53]
-
-_Die Sensationen des Koitus sind prinzipiell keine anderen Empfindungen
-als wie sie das Weib sonst kennt, sie zeigen dieselben nur in
-höchster Intensifikation; das $ganze$ Sein des Weibes offenbart sich
-im Koitus, aufs höchste $potenziert$._ Darum kommen hier auch die
-Unterschiede zwischen Mutter und Dirne am stärksten zur Geltung. Die
-Mutter empfindet den Koitus nicht _weniger_, sondern _anders_ als die
-Prostituierte. Das Verhalten der Mutter ist mehr annehmend, hinnehmend,
-die Dirne fühlt, schlürft bis aufs äußerste den Genuß. Die Mutter
-empfindet das Sperma des Mannes gleichsam als _Depositum_: bereits im
-Gefühle des Koitus findet sich bei ihr das Moment des Aufnehmens und
-Bewahrens; denn sie ist die Hüterin des Lebens. Die Dirne hingegen
-will nicht wie die Mutter das Dasein überhaupt erhöht und gesteigert
-fühlen, wenn sie vom Koitus sich erhebt; _sie will vielmehr im Koitus
-als Realität verschwinden, zermalmt, zernichtet, zu nichts, bewußtlos
-werden vor Wollust_. Für die Mutter ist der Koitus der _Anfang $einer
-Reihe$_; die Dirne will in ihm ihr _Ende_, sie will _vergehen_ in ihm.
-Der Schrei der Mutter ist darum ein kurzer, mit schnellem Schluß; der
-der Prostituierten ist langgezogen, denn alles Leben, das sie hat, will
-sie in diesen Moment _konzentriert, zusammengedrängt_ wissen. Weil
-dies nie gelingen kann, darum wird die Prostituierte in ihrem ganzen
-Leben _nie_ befriedigt, von allen Männern der Welt nicht.
-
-Hierin liegt also ein fundamentaler Unterschied im Wesen beider.
-Unterschiedslos aber fühlt sich jede Frau, da das Weib nur und durchaus
-sexuell ist, da diese Sexualität über den ganzen Körper sich erstreckt
-und an einigen Punkten, physikalisch gesprochen, bloß _dichter_ ist als
-an anderen, fortwährend und am ganzen Leibe, überall und immer, von
-was es auch sei, ausnahmslos _koitiert_. Das, was man gewöhnlich als
-Koitus bezeichnet, ist nur ein _Spezialfall_ von höchster Intensität.
-Die Dirne will _von allem koitiert werden_ -- darum kokettiert sie
-auch, wenn sie _allein_ ist, _und selbst vor leblosen Gegenständen_,
-vor jedem Bach, vor jedem Baum -- die Mutter wird von allen Dingen,
-fortwährend und am ganzen Leibe, _geschwängert_. _Dies ist die
-Erklärung des Versehens._ Alles, was auf eine Mutter je Eindruck
-gemacht hat, wirkt fort, je nach der Stärke des Eindruckes -- der zur
-Konzeption führende Koitus ist nur das intensivste dieser Erlebnisse
-und überwiegt an Einfluß alle anderen -- _all das wird Vater ihres
-Kindes_, es wird _Anfang einer Entwicklung_, deren Resultat sich später
-am Kinde zeigt.
-
-Darum also ist die Vaterschaft eine armselige Täuschung; denn sie muß
-stets mit unendlich vielen Dingen und Menschen geteilt werden, und
-das _natürliche, physische_ Recht das _Mutterrecht_. Weiße Frauen,
-die einst von einem Neger ein Kind gehabt haben, gebären später oft
-einem weißen Manne Nachkommen, die noch unverkennbare Merkmale der
-Negerrasse an sich tragen. Blüten, die mit einer Pollenart bestäubt
-werden, ergeben oft nach vielen späteren andersartigen Bestäubungen
-Früchte, welche noch an die Spezies erinnern, mit deren Pollen sie
-ehedem affiziert wurden. Und die Stute des _Lord Morton_ ist ja berühmt
-geworden, die, nachdem sie einmal einem Quagga einen Bastard geboren
-hatte, noch lange hernach einem arabischen Hengst zwei Füllen warf,
-welche deutliche Merkmale des Quaggas an sich trugen.
-
-Man hat an diesen Fällen viel gedeutelt; man hat erklärt, sie müßten
-viel häufiger vorkommen, wenn der Vorgang überhaupt möglich wäre. Aber
-damit sich diese »_Infektion_«, wie man ihn nennt (_Weismann_ hat
-den ausgezeichneten Namen _Telegonie_, d. i. _Zeugung in die Ferne_,
-vorgeschlagen, _Focke_ von Gastgeschenken, _Xenien_ gesprochen),
-damit sich Fernzeugung deutlich offenbaren könne, ist eine Erfüllung
-sämtlicher Gesetze der Sexualanziehung, eine außergewöhnlich hohe
-geschlechtliche Affinität zwischen dem ersten Vater und der Mutter
-erforderlich. Die Wahrscheinlichkeit ist von vornherein gering,
-daß ein Paar sich finde, in welchem jene Affinität derart mächtig
-ist, daß sie die mangelnde Rassenverwandtschaft überwindet; und
-doch besteht nur, wenn Rassenverschiedenheit vorhanden ist, eine
-Aussicht auf augenfällige, allgemein überzeugende Divergenzen;
-indessen bei sehr naher Familienverwandtschaft die Möglichkeit fehlt,
-unzweideutige Abweichungen vom Vatertypus an jenem Kinde, das noch
-unter dem Einflusse der früheren Zeugung stehen soll, mit Sicherheit
-festzustellen. Übrigens ist, daß man so heftig gegen die Keiminfektion
-sich gewehrt hat, nur daraus zu erklären, daß man die Erscheinungen
-nicht in ein System zu bringen wußte.
-
-Nicht besser als der Infektionslehre ist es dem Versehen ergangen.
-Hätte man begriffen, daß auch die Fernzeugung ein Versehen ist, nur
-eben ein Spezialfall des letzteren von höchster Intensität, hätte man
-eingesehen, daß der Urogenitaltrakt nicht der einzige, sondern nur der
-wirksamste Weg ist, auf dem eine Frau koitiert werden kann, daß die
-Frau durch einen _Blick_, durch ein _Wort_ sich bereits _besessen_
-fühlen kann, es wäre der Widerspruch gegen das Versehen wie gegen
-die Telegonie so laut nicht geworden. Ein Wesen, das überall und
-von allen Dingen _koitiert_ wird, kann auch überall und von allen
-Dingen _befruchtet_ werden: _die Mutter ist empfänglich überhaupt. In
-ihr gewinnt alles Leben_, denn alles macht auf sie physiologischen
-Eindruck und geht in ihr Kind als dessen Bildner ein. Hierin ist sie
-wirklich, in ihrer niederen körperlichen Sphäre, nochmals dem Genius
-vergleichbar.
-
-Anders die Dirne. Wie sie selbst im Koitus zunichte werden will, so
-ist ihr Wirken auch sonst durchaus auf Zerstörung angelegt. Während
-die Mutter alles, was dem irdischen Leben und guten Fortkommen des
-Menschen förderlich ist, begünstigt, alles Ausschweifende aber von
-ihm fernhält, während sie den Fleiß des Sohnes aneifert und die
-Arbeitsamkeit des Gatten spornt, sucht die Hetäre die ganze Kraft
-und Zeit des Mannes _für sich_ in Anspruch zu nehmen. Aber nicht
-nur sie selbst ist gleichsam von Anbeginn dazu bestimmt, den Mann
-zu mißbrauchen: auch in jedem Mann verlangt etwas nach dieser Frau,
-das an Seite der schlichteren, stets geschäftigen, geschmacklos
-gekleideten, aller geistigen Elégance baren Mutter keine Befriedigung
-findet. Etwas in ihm _sucht_ den Genuß, und beim _Freudenmädchen_
-vergißt er sich am leichtesten. Denn die Dirne vertritt das Prinzip des
-leichten Sinnes, sie sorgt nicht vor wie die Mutter, sie und nicht die
-Mutter ist die gute Tänzerin, nur sie verlangt nach Unterhaltung und
-großer Gesellschaft, nach dem Spaziergang und dem Vergnügungslokal,
-nach dem Seebad und dem Kurort, nach Theater und Konzert, nach immer
-neuen Toiletten und Edelsteinen; nach Geld, um es mit vollen Händen
-hinauszustreuen, nach Luxus statt nach Komfort, nach Lärm statt nach
-Ruhe; nicht nach dem Lehnstuhl inmitten von Enkeln und Enkelinnen,
-sondern nach dem Triumphzug auf dem Siegeswagen des schönen Körpers
-durch die Welt.
-
-Die Prostituierte erscheint denn auch dem Manne unmittelbar als die
-Verführerin: in den Gefühlen, die sie in ihm weckt; nur sie, das
-unkeusche Weib par excellence, als »Zauberin«. Sie ist der weibliche
-»Don Juan«, sie ist jenes Wesen in der Frau, das die Ars amatoria
-kennt, lehrt und hütet.
-
-Hiemit hängen aber noch interessantere und tiefer führende Dinge
-zusammen. Die Mutter wünscht vom Manne Anständigkeit, nicht um der
-Idee willen, _sondern weil sie die Bejaherin des Erdenlebens ist_. Wie
-sie selbst arbeitet und nicht faul ist gleich der Dirne, wie sie stets
-von Geschäften mit Bezug auf die Zukunft erfüllt scheint, so hat sie
-auch beim Manne Sinn für Tätigkeit und sucht ihn nicht von dieser zum
-Vergnügen hin abzuziehen. Die Dirne hingegen kitzelt am stärksten der
-Gedanke eines rücksichtslosen, gaunerischen, der Arbeit abgewandten
-Mannes. Ein Mensch, der einmal eingesperrt war, ist der Mutter ein
-Gegenstand des Abscheus, der Dirne eine Attraktion. Es gibt Frauen,
-die mit ihrem Sohne wirklich unzufrieden sind, wenn er in der Schule
-nicht gut tut, und solche, die an ihm, wenn sie auch das Gegenteil
-heucheln, dann um so größeres Wohlgefallen finden. Das »_Solide_« reizt
-die Mutter, das »_Unsolide_« die Dirne. Jene verabscheut, diese liebt
-den kräftig trinkenden Mann. Und so ließe sich noch vieles andere, in
-der gleichen Richtung gelegene anführen. Nur ein Einzelfall dieser
-allgemeinen, hoch in die wohlhabendsten Klassen hinauf reichenden
-Verschiedenheit ist es, daß die Gassendirne zu jenen Menschen sich am
-meisten hingezogen fühlt, die offene Verbrecher sind: der _Zuhälter_
-ist immer gewalttätig, kriminell veranlagt, oft Räuber oder Betrüger,
-wenn nicht Mörder zugleich.
-
-Dies legt nun, so wenig das Weib selbst _anti_moralisch genannt werden
-darf -- es ist immer nur amoralisch -- den Gedanken nahe, daß die
-Prostitution in irgend einer tiefen _Beziehung_ zum _Anti_moralischen
-stehe, während alle Mutterschaft nie einen solchen Hinweis enthält.
-Nicht als ob die Prostituierte selbst das weibliche Äquivalent des
-männlichen Verbrechers bildete; obwohl sie so arbeitsscheu ist wie
-dieser, darf aus den in den vorigen Kapiteln erörterten Gründen
-die Existenz eines verbrecherischen Weibes nicht zugegeben werden:
-die Frauen stehen nicht so hoch. Aber _in einer Relation_ zum
-Antimoralischen, zum Bösen wird die Prostituierte unleugbar vom Manne
-empfunden, selbst wenn dieser nicht in ein sexuelles Verhältnis zu ihr
-getreten ist; so daß man nicht sagen kann, nur die Abwehr irgend eines
-eigenen Wollustgedankens habe diese projizierende Form angenommen. Der
-Mann erlebt die Prostitution von vornherein als ein Dunkles, Nächtiges,
-Schauervolles, Unheimliches, ihr Eindruck lastet schwerer, qualvoller
-auf seiner Brust als der, welchen die Mutter auf ihn hervorbringt.
-Die merkwürdige Analogie der großen Hetäre zum großen Verbrecher,
-d. i. eben zum Eroberer; die intime Beziehung der kleinen Dirne zum
-moralischen Ausbunde der Menschheit, dem Zuhältertum; jenes Gefühl,
-das sie im Manne wachruft, endlich die Absichten, die sie in betreff
-seiner hat -- all das vereinigt sich dazu, jene Ansicht zu bekräftigen.
-_Wie die Mutter ein lebensfreundliches, so ist die Prostituierte ein
-lebensfeindliches Prinzip._ Aber wie die Bejahung der Mutter nicht
-auf die Seele, sondern auf den Leib geht, so erstreckt sich auch die
-Verneinung der Dirne nicht diabolisch auf die Idee, sondern nur auf
-Empirisches. Sie will vernichtet werden und vernichten, sie schadet
-und zerstört. _Physisches Leben und physischer Tod, beide im Koitus so
-geheimnisvoll tief zusammenhängend_ (vgl. das nächste Kapitel), _sie
-verteilen sich auf das Weib als Mutter und als Prostituierte_.
-
-Eine entscheidendere Antwort als diese kann auf die Frage nach
-der Bedeutung von Mutterschaft und Prostitution einstweilen kaum
-gegeben werden. Es ist ja ein völlig dunkles, von keinem Wanderer
-noch betretenes Gebiet, auf dem ich mich hier befinde; der Mythus
-in seiner religiösen Phantasie mag es zu erleuchten sich erkühnen,
-dem Philosophen sind metaphysische Übergriffe allzufrüh nicht
-anzuraten. Dennoch bedarf noch einiges einer besseren Hervorhebung.
-Die antimoralische Bedeutung des Phänomens der Prostitution stimmt
-damit überein, daß sie ausschließlich auf den Menschen beschränkt
-ist. Bei den Tieren ist das Weibchen durchaus der Fortpflanzung
-untertan, es gibt dort keine sterile Weiblichkeit. Ja man könnte sogar
-daran denken, daß sich bei den Tieren die Männchen prostituieren,
-wenn man an den Rad schlagenden Pfau denkt, an das Leuchten des
-Glühwurms, die Lockrufe der Singvögel, den balzenden Auerhahn. Aber
-diese Schaustellungen sekundärer Geschlechtscharaktere sind bloße
-_exhibitionistische_ Akte des Männchens; wie es auch unter den Menschen
-vorkommt, daß läufige Männer ihre Genitalien vor Frauen entblößen
-als Aufforderung zum Koitus. Nur insofern sind diese tierischen Akte
-vorsichtig zu interpretieren, als man sich hüten muß, zu glauben, die
-psychische Wirkung, welche durch sie auf das Weibchen hervorgebracht
-wird, werde von dem Männchen im voraus in Betracht und Rechnung
-gezogen. Es handelt sich viel mehr um einen triebhaften _Ausdruck_
-des _eigenen_ sexuellen Verlangens als um ein Mittel, dasselbe beim
-Weibe zu steigern, es ist ein Hintreten vor die Frau _mit_ und _in_
-der sexuellen Erregung; während bei exhibitionierenden _Menschen_
-wohl stets die Vorstellung der Erregung des anderen Geschlechtes
-mitspielt[54].
-
-Die Prostitution ist demnach etwas beim Menschen allein Auftretendes;
-Tiere und Pflanzen sind ja nur gänzlich amoralisch, nicht irgendwie
-dem Antimoralischen verwandt, und kennen darum nur die Mutterschaft.
-_Hier liegt also eines der tiefsten Geheimnisse aus Wesen und
-Ursprüngen des $Menschen$ verborgen._ Und nun ist insofern an dem
-früheren eine Korrektur anzubringen, als mir wenigstens, je länger
-ich über sie nachdenke, desto mehr die Prostitution eine _Möglichkeit
-für $alle$ Frauen zu sein scheint, ebenso wie die, ja bloß physische,
-Mutterschaft_. Sie ist vielleicht etwas, wovon _jedes_ menschliche Weib
-durchsetzt, etwas, womit hier die tierische Mutter tingiert ist[55],
-ja am Ende eben das, was im menschlichen Weibe jenen Eigenschaften
-entspricht, um die der menschliche Mann mehr ist als das tierische
-Männchen. Zu der bloßen Mutterschaft des Tieres ist hier, mit dem
-Antimoralischen im Manne zu gleicher Zeit und nicht ohne merkwürdige
-Beziehungen zu diesem, ein Faktor hinzugekommen, der das menschliche
-Weib vom tierischen gänzlich und von Grund aus unterscheidet. Welche
-Bedeutung das Weib gerade als _Dirne_ für den Mann in _besonderem_
-Maße gewinnen konnte, davon soll erst gegen den Schluß der gesamten
-Untersuchung die Rede werden; der Ursprung, die letzte Ursache der
-Prostitution, bleibt gleichwohl vielleicht für immer ein tiefes Rätsel
-und in völliges Dunkel gehüllt.
-
-Es lag mir bei dieser etwas breiten, aber durchaus nicht
-erschöpfenden, durchaus nicht alle Phänomene auch nur streifenden
-Betrachtung alles andere näher, als etwa ein Prostituierten-Ideal
-aufzustellen, wie es manche begabte Schriftsteller der jüngsten Zeit
-kaum verhüllt entwickelt zu haben scheinen. Aber dem anderen, dem
-scheinbar unsinnlichen Mädchen _mußte_ ich den Nimbus rauben, mit dem
-es jeder Mann so gerne umgeben möchte, durch die Erkenntnis, daß gerade
-dieses Geschöpf das mütterlichste ist, und die Virginität ihm, seinem
-Begriffe nach, ebenso fremd wie der Dirne. Und selbst die Mutterliebe
-konnte vor einer eindringenderen Analyse nicht als ein sittliches
-Verdienst sich behaupten. Die Idee der unbefleckten Empfängnis endlich,
-der reinen Jungfrau Goethes, Dantes, enthält die Wahrheit, daß die
-absolute Mutter den Koitus nie als Selbstzweck, um der Lust willen,
-herbeiwünschen würde. Sie darum heiligen konnte nur eine Illusion.
-Dagegen ist es wohl begreiflich, daß sowohl der Mutterschaft als der
-Prostitution, beiden als Symbolen tiefer und mächtiger Geheimnisse,
-religiöse Verehrung gezollt wurde.
-
-Ist damit die Unhaltbarkeit jener Ansicht dargetan, welche einen
-besonderen Frauentypus doch noch verteidigen und für die Sittlichkeit
-des Weibes in Anspruch nehmen zu können glaubt, so soll jetzt die
-Erforschung der Motive in Angriff genommen werden, welche den Mann die
-Frau immer und ewig werden verklären lassen.
-
-
-
-
-XI. Kapitel.
-
-Erotik und Ästhetik.
-
-
-Die Argumente, mit welchen die Hochwertung der Frau immer wieder zu
-begründen versucht wird, sind nun, bis auf wenige, noch nachzuholende
-Dinge, einer Prüfung unterzogen, und vom Standpunkte der kritischen
-Philosophie, auf welchen die Untersuchung, nicht ohne diese Wahl zu
-begründen, sich gestellt hat, auch widerlegt. Freilich ist wenig Grund
-zur Hoffnung, daß man sich in einer Diskussion auf diesen harten Boden
-begeben werde. Das Schicksal _Schopenhauers_ gibt zu denken, dessen
-niedrige Meinung »Über die Weiber« noch immer darauf zurückgeführt zu
-werden pflegt, daß ein venetianisches Mädchen, mit dem er ging, sich
-in den vorübergaloppierenden, körperlich schöneren _Byron_ vergaffte:
-als ob die schlechteste Meinung von den Frauen der bekäme, der am
-wenigsten, und nicht vielmehr jener, der am meisten Glück bei ihnen
-gehabt hat. Die Methode, statt Gründe mit Gründen zu widerlegen, jemand
-einfach als Misogynen zu bezeichnen, hat in der Tat viel für sich. Der
-Haß ist nie über sein Objekt hinaus, und so bringt die Bezeichnung
-eines Menschen als eines Hassers dessen, worüber er aburteilt,
-ihn stets mit Leichtigkeit in den Verdacht der Unaufrichtigkeit,
-Unreinheit, Unsicherheit, die durch das Pathos der Abwehr zu ersetzen
-suche, was ihr an innerer Berechtigung gebricht. So verfehlt diese
-Art der Antwort nie ihren _Zweck_, von allem Eingehen auf die Frage
-zu entheben. Sie ist die geschickteste und treffsicherste Waffe jener
-ungeheuren Mehrzahl unter den Männern, die sich über das Weib _nie
-klar werden $will$_. Es ist nun allerdings eine Unsitte, in einer
-theoretischen Kontroverse auf die psychologischen Motive des Gegners
-zu rekurrieren und diesen Rekurs statt der Beweise zu brauchen. Ich
-will auch niemand theoretisch darüber belehren, daß in einem sachlichen
-Streite die Gegner beide unter die überpersönliche Idee der Wahrheit
-sich zu stellen haben und ein Ergebnis unabhängig davon sollen zu
-erreichen suchen, ob und wie sie beide als konkrete Einzelpersonen
-existieren. Wenn aber von der einen Seite das logische Schlußverfahren
-folgerichtig bis zu einem gewissen Abschluß gebracht wurde, ohne daß
-die andere auf den Beweisprozeß an sich eingeht, sondern nur gegen die
-Konklusionen heftig sich sträubt: dann darf in gewissen Fällen der
-erste wohl sich erlauben, den zweiten für die Unanständigkeit seines,
-zum Eingehen auf strenge Deduktion nicht zu bewegenden Benehmens zu
-strafen, indem er ihm die Motive seiner Halsstarrigkeit recht vor die
-Augen rückt. Denn wären dem anderen diese Gründe bewußt, so würde er
-sie auch sachlich abwägen gegen die Wirklichkeit, die seinen Wünschen
-so widerstreitet. Nur weil sie ihm unbewußt waren, darum konnte er,
-sich selbst gegenüber, nicht zu einer objektiven Stellung gelangen.
-Deshalb soll jetzt, nach den strengen logischen und sachlichen
-Ableitungen, der Spieß umgekehrt, und einmal der Frauenverteidiger
-darauf untersucht werden, aus welchem Gefühle das Pathos seiner
-Parteinahme stammt, inwiefern es seine Wurzeln in lauterer, und wie
-weit es sie in fragwürdiger Gesinnung hat.
-
-Alle Einwände, welche dem Verächter der Weiblichkeit gemacht werden,
-gehen gefühlsmäßig samt und sonders aus dem _erotischen_ Verhältnisse
-hervor, in welchem der Mann zu der Frau steht. Dieses Verhältnis ist
-von dem nur _sexuellen_, mit welchem bei den Tieren die Beziehungen
-der Geschlechter erschöpft sind, und das auch unter den Menschen dem
-Umfang nach die weitaus größere Rolle spielt, _ein prinzipiell durchaus
-Verschiedenes_. Es ist vollkommen verfehlt, daß Sexualität und Erotik,
-Geschlechtstrieb und Liebe, im Grunde nur ein und dasselbe seien,
-die zweite eine Verbrämung, Verfeinerung, Umnebelung, »Sublimation«
-des ersten; obwohl hierauf wohl alle Mediziner schwören, ja selbst
-Geister wie _Kant_ und _Schopenhauer_ nichts anderes geglaubt haben.
-Ehe ich auf die Begründung dieser schroffen Trennung eingehe, will
-ich, was diese beiden Männer betrifft, folgendes zu bemerken nicht
-unterlassen. _Kantens_ Meinung kann aus dem Grunde nicht maßgebend
-sein, weil er sowohl die Liebe als den Geschlechtstrieb nur in so
-geringem Maße gekannt haben muß, wie überhaupt nie ein Mensch außer
-ihm. Er war so wenig erotisch, daß er nicht einmal das Bedürfnis hatte
-zu _reisen_. Er steht also zu hoch und zu rein da, um in dieser Frage
-als Autorität mitzusprechen: die einzige Geliebte, an der _er_ sich
-gerächt hat, war die Metaphysik. Und was _Schopenhauer_ anlangt, so hat
-dieser eben wenig Verständnis für höhere Erotik, sondern nur eines für
-sinnliche Sexualität besessen. Dies läßt sich auf folgendem Wege ohne
-Schwierigkeit ableiten. _Schopenhauers_ Gesicht zeigt wenig Güte und
-viel Grausamkeit (unter der er allerdings am fürchterlichsten selbst
-gelitten haben muß: man stellt keine Mitleidsethik auf, wenn man selbst
-sehr mitleidig ist. Die mitleidigsten Menschen sind die, welche sich
-ihr Mitleiden am meisten verübeln: _Kant_ und _Nietzsche_). Aber _nur_
-zum _Mitleiden_ stark veranlagte Menschen sind, worauf schon hier
-hingewiesen werden darf, einer heftigen _Erotik_ fähig; solche, die
-»an nichts keinen Anteil nehmen«, sind der Liebe unfähig. Es müssen
-dies nicht satanische Naturen sein, im Gegenteil, sie können sittlich
-sehr hoch stehen, ohne doch recht zu bemerken, was ihr Nebenmensch
-gerade denkt oder was in ihm vorgeht; und ohne ein Verständnis für ein
-übersexuelles Verhältnis zum Weibe zu besitzen. So ist es auch bei
-_Schopenhauer_. Er war ein extrem unter dem Geschlechtstriebe leidender
-Mensch, er hat aber nie geliebt; wäre doch sonst auch die Einseitigkeit
-seiner berühmten »Metaphysik der Geschlechtsliebe« unerklärlich, deren
-wichtigste Lehre es ist, daß der unbewußte Endzweck auch aller _Liebe_
-nichts weiter sei als »die Zusammensetzung der nächsten Generation«.
-
-Diese Ansicht ist, wie ich zeigen zu können glaube, _falsch_. Zwar eine
-Liebe, die ganz frei von Sinnlichkeit ist, gibt es _in der Erfahrung_
-nicht. Der Mensch, mag er noch so hoch stehen, ist eben immer _auch_
-Sinnenwesen. Worauf es ankommt und was unwiderstehlich die gegnerische
-Ansicht zu Boden schlägt, ist, daß jede Liebe selbst, an und für sich
--- nicht erst durchs Hinzutreten asketischer Grundsätze -- _feindlich_
-gegen alle jene Elemente des Verhältnisses sich stellt, die zum Koitus
-drängen, _ja sie als ihre eigene Negation selbst empfindet_. Liebe und
-Begehren sind zwei so verschiedene, einander so völlig ausschließende,
-ja entgegengesetzte Zustände, daß, in den Momenten, wo ein Mensch
-wirklich _liebt_, ihm der Gedanke der körperlichen Vereinigung mit dem
-geliebten Wesen ein völlig undenkbarer ist. Daß es keine Hoffnung gibt,
-die von Furcht ganz frei wäre, ändert nichts daran, daß Hoffnung und
-Furcht einander gerade entgegengesetzt sind. Nicht anders verhält es
-sich zwischen dem Geschlechtstrieb und der Liebe. Je erotischer ein
-Mensch ist, desto weniger wird er von seiner Sexualität belästigt, und
-umgekehrt. Wenn es keine Anbetung gibt, die von Begierde gänzlich frei
-wäre, so darf man darum beide Dinge nicht identifizieren, die höchstens
-_entgegengesetzte_ Phasen sein mögen, in welche ein reicherer Mensch
-successive eintreten kann. Der lügt oder hat nie gewußt, was Liebe ist,
-der behauptet, eine Frau noch zu lieben, die er begehrt: so verschieden
-sind Liebe und Geschlechtstrieb. Darum wird es auch fast immer als eine
-Heuchelei empfunden, wenn einer von Liebe in der Ehe spricht.
-
-Dem stumpfen Blicke, der dem gegenüber noch immer, wie aus
-grundsätzlichem Cynismus, an der Identität beider festhält, sei
-folgendes zu schauen gegeben: die sexuelle Anziehung wächst mit der
-körperlichen Nähe, die Liebe ist am stärksten in der Abwesenheit der
-geliebten Person, sie bedarf der Trennung, einer gewissen Distanz,
-um am Leben zu bleiben. Ja, was alle Reisen in ferne Länder nicht
-erreichen konnten, daß wahre Liebe sterbe, wo aller Zeitverlauf dem
-_Vergessen_ nichts fruchtete, da kann eine zufällige, unbeabsichtigte
-körperliche Berührung mit der Geliebten den Geschlechtstrieb wachrufen
-und es vermögen, die Liebe auf der Stelle zu töten. Und für den höher
-differenzierten, den bedeutenden Menschen haben das Mädchen, das er
-begehrt, und das Mädchen, das er nur lieben, aber nie begehren könnte,
-sicherlich immer eine ganz verschiedene Gestalt, einen verschiedenen
-Gang, eine verschiedene Charakteranlage: _es sind zwei gänzlich
-verschiedene Wesen_.
-
-Es gibt also »platonische« Liebe, wenn auch die Professoren der
-Psychiatrie nichts davon halten. Ich möchte sogar sagen: _es gibt
-nur »platonische« $Liebe$_. Denn was sonst noch Liebe genannt wird,
-gehört in das Reich der Säue. Es gibt nur eine Liebe: es ist die Liebe
-zur Beatrice, die Anbetung der Madonna. Für den Koitus ist ja die
-babylonische Hure da.
-
-_Kantens_ Aufzählung der transcendentalen Ideen bedürfte, sollte dies
-haltbar bleiben, einer Erweiterung. Auch die reine hohe, begehrungslose
-Liebe, die Liebe _Platons_ und _Brunos_, wäre eine _transcendentale
-Idee_, deren Bedeutung als _Idee_ dadurch nicht berührt würde, daß
-keine Erfahrung jemals sie völlig verwirklicht aufwiese.
-
-Es ist das Problem des »_Tannhäuser_«. Hie Tannhäuser, hie Wolfram; hie
-Venus, hie Maria. Die Tatsache, daß ein Liebespaar, das sich wirklich
-auf ewig gefunden hat -- Tristan und Isolde -- in den Tod geht statt
-ins Brautbett, ist ein ebenso absoluter Beweis eines Höheren, sei's
-drum, Metaphysischen _im_ Menschen, wie das Märtyrertum eines _Giordano
-Bruno_.
-
- »Dir, hohe Liebe, töne
- Begeistert mein Gesang,
- Die mir in Engelschöne
- Tief in die Seele drang!
- Du nahst als Gottgesandte:
- Ich folg' aus holder Fern', --
- So führst du in die Lande,
- Wo ewig strahlt dein Stern.«
-
- * * * * *
-
-Wer ist der Gegenstand solcher Liebe? Dasselbe Weib, das hier
-geschildert wurde, das Weib ohne alle Qualitäten, die einem Wesen
-Wert verleihen können, das Weib ohne den Willen nach einem eigenen
-Werte? Wohl kaum: es ist das überschöne, das engelreine Weib, das mit
-dieser Liebe geliebt wird. Woher jenem Weibe seine Schönheit und seine
-Keuschheit kommt, das ist nun die Frage.
-
-Es ist häufig darüber gestritten worden, ob wirklich das weibliche
-Geschlecht das schönere sei, und noch mehr wurde seine Bezeichnung als
-_das schöne_ schlechthin angefochten. Es wird sich empfehlen, zunächst
-im einzelnen zu fragen, von wem und inwiefern das Weib schön gefunden
-wird.
-
-Bekannt ist, daß das Weib nicht in seiner Nacktheit am schönsten ist.
-Allerdings, in der Reproduktion durch das Kunstwerk, als Statue oder
-als Bild, mag das unbekleidete Weib schön sein. Aber das lebende nackte
-Weib kann schon aus dem Grunde von niemand schön gefunden werden, weil
-der Geschlechtstrieb jene bedürfnislose Betrachtung unmöglich macht,
-welche für alles Schönfinden unumgängliche Voraussetzung bleibt. Aber
-auch abgesehen hievon erzeugt das völlig nackte lebendige Weib den
-Eindruck von etwas Unfertigem, noch nach etwas _außer_ sich Strebenden,
-und dieser ist mit der Schönheit unverträglich. Das nackte Weib ist
-im einzelnen schöner denn als Ganzes; als solches nämlich erweckt es
-unvermeidlich das Gefühl, daß es etwas suche, und bereitet darum dem
-Beschauer eher Unlust als Lust. Am stärksten tritt dieses Moment des
-Insichzwecklosen, des einen Zweck _außer sich_ habenden, am aufrecht
-_stehenden_ nackten Weibe hervor; durch die liegende Position wird es
-naturgemäß gemildert. Die künstlerische Darstellung des nackten Weibes
-hat dies wohl empfunden; und wenn das nackte Weib aufrecht stehend oder
-schwebend gebildet ward, so zeigte sie das Weib nie allein, sondern
-stets mit Rücksicht auf eine Umgebung, vor welcher es dann seine Blöße
-mit der Hand zu bedecken suchen konnte.
-
-Aber das Weib ist auch im einzelnen nicht durchaus schön, selbst wenn
-es möglichst vollkommen und ganz untadelig den körperlichen Typus
-seines Geschlechtes repräsentiert. Was hier theoretisch am meisten in
-Betracht kommt, ist das weibliche Genitale. Wenn die Meinung Recht
-hätte, daß alle Liebe des Mannes zum Weibe nur zum Hirn gestiegener
-Detumescenztrieb ist, wenn _Schopenhauers_ Behauptung haltbar wäre:
-»Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige
-Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb
-umnebelte männliche Intellekt: _in diesem Triebe nämlich steckt seine
-ganze Schönheit_« -- -- so müßte das weibliche Genitale am heftigsten
-geliebt sein und vom ganzen Körper des Weibes am schönsten gefunden
-werden. Aber, von einigen widerlichen Lärmmachern der letzten Jahre
-zu schweigen, welche durch die Aufdringlichkeit ihrer Reklame für
-die Schönheit des weiblichen Genitales sowohl beweisen, daß erst
-eine Agitation nötig ist, um hieran glauben zu machen, als auch die
-Unaufrichtigkeit jener Reden erkennen lassen, von deren Inhalt sie
-überzeugt zu sein vorgeben: von diesen abgesehen läßt sich behaupten,
-daß kein Mann speziell das weibliche _Genitale_ schön, vielmehr ein
-jeder es _häßlich_ findet; es mögen gemeine Naturen durch diesen
-Körperteil des Weibes besonders zu sinnlicher Begierde gereizt werden,
-jedoch gerade solche werden ihn vielleicht sehr _angenehm_, nie aber
-_schön_ finden. Die Schönheit des Weibes kann also kein bloßer Effekt
-des Sexualtriebes sein; sie ist ihm vielmehr geradezu entgegengesetzt.
-Männer, die ganz unter der Gewalt des Geschlechtsbedürfnisses stehen,
-haben für Schönheit am Weibe gar keinen Sinn; Beweis hiefür ist, daß
-sie ganz wahllos jede Frau begehren, die sie erblicken, bloß nach den
-vagen Formen ihrer Körperlichkeit.
-
-Der Grund für die angeführten Phänomene, die Häßlichkeit des weiblichen
-Genitales und die Unschönheit seines lebenden Körpers als _ganzen_,
-kann nirgend anders gefunden werden als darin, daß sie das Schamgefühl
-im Manne verletzen. Die kanonische Flachköpfigkeit unserer Tage hat
-es auch möglich werden lassen, daß das Schamgefühl aus der Tatsache
-der Kleidung abgeleitet und hinter dem Widerstreben gegen weibliche
-Nacktheit nur Unnatur und versteckte Unzüchtigkeit vermutet wurde.
-Aber ein Mann, der unzüchtig geworden ist, wehrt sich gar nicht mehr
-gegen die Nacktheit, weil sie ihm als solche nicht mehr auffällt. Er
-begehrt bloß, er liebt nicht mehr. Alle wahre Liebe ist schamhaft,
-ebenso wie alles wahre Mitleid. Es gibt nur eine Schamlosigkeit: die
-Liebeserklärung, von deren Aufrichtigkeit ein Mensch im selben Momente
-überzeugt wäre, in dem er sie machte. Diese würde das objektive
-Maximum an Schamlosigkeit repräsentieren, welches denkbar ist; es wäre
-etwa so, wie wenn jemand sagen würde: ich bin sehnsüchtig. Jenes wäre
-die _Idee_ der schamlosen Handlung, dies die Idee der schamlosen Rede.
-Beide sind nie verwirklicht, weil alle Wahrheit schamhaft ist. Es gibt
-keine Liebeserklärung, die nicht eine Lüge wäre; und wie dumm die
-Frauen doch eigentlich sind, kann man daraus ersehen, wie oft sie an
-Liebesbeteuerungen glauben.
-
-_In der Liebe des Mannes, die stets schamhaft ist, liegt nach alldem
-der Maßstab für das, was am Weibe schön, und das, was an ihm häßlich
-gefunden wird._ Es ist hier _nicht_ wie in der _Logik_: das Wahre
-der Maßstab des Denkens, der Wahrheitswert sein Schöpfer; _nicht_
-wie in der _Ethik_: das Gute das Kriterium für das Sollen, der Wert
-des Guten ausgestattet mit dem _Anspruch_, den Willen zum Guten zu
-lenken; _sondern hier, in der Ästhetik, wird die Schönheit erst
-von der Liebe geschaffen_; es besteht keinerlei innerer Normzwang,
-das zu lieben, was schön ist, und das Schöne tritt nicht an den
-Menschen mit dem Anspruch heran, geliebt zu werden. (Nur _darum_ gibt
-es keinen überindividuellen, allein »richtigen« Geschmack.) _Alle
-Schönheit ist vielmehr selbst erst eine Projektion, eine Emanation des
-Liebesbedürfnisses_; und so ist auch die Schönheit des Weibes nicht ein
-von der Liebe Verschiedenes, nicht ein Gegenstand, auf den sie sich
-richtet, sondern _die Schönheit des Weibes $ist$ die Liebe des Mannes_,
-beide sind nicht _zweierlei_, sondern _eine und dieselbe Tatsache_.
-Wie Häßlichkeit von Hassen, so kommt Schönheit von Lieben. Und auch
-darin, daß Schönheit so wenig wie Liebe mit dem sinnlichen Trieb zu
-tun hat, daß jene wie diese ihm fremd ist, drückt sich nur diese selbe
-Tatsache aus. Die Schönheit ist ein Unberührbares, Unantastbares,
-mit anderem Unvermengbares; nur aus völliger Weite kann sie wie nahe
-geschaut werden, und vor jeder Annäherung entfernt sie sich. Der
-Geschlechtstrieb, der die Vereinigung mit dem Weibe sucht, vernichtet
-dessen Schönheit; das betastete, das besessene Weib wird von niemand
-mehr der Schönheit wegen angebetet.
-
-Dies leitet nun auch über zur Beantwortung der _zweiten_ Frage: Was ist
-die Unschuld, was die Moralität des Weibes?
-
-Von einigen Tatsachen, welche den Beginn jeder Liebe begleiten, wird
-hier am besten ausgegangen. Reinheit des Leibes ist, wie schon einmal
-angedeutet, beim Manne im allgemeinen ein Zeichen von Sittlichkeit und
-Aufrichtigkeit; wenigstens sind körperlich schmutzige Menschen kaum je
-von sehr lauterer Gesinnung. Nun kann man beobachten, wie Menschen, die
-sonst durchaus nicht sehr auf die Reinlichkeit ihres Leibes achten,
-in den Zeiten, da sie zu größerer Anständigkeit des Charakters sich
-aufraffen, auch stets häufiger und ausgiebiger sich waschen. Ebenso
-werden nun auch Menschen, die nie sauber gewesen sind, für die Dauer
-einer Liebe plötzlich aus innerem Triebe reinlichkeitsbedürftig, und
-diese kurze Spanne Zeit ist oft die einzige ihres Lebens, wo sie unter
-ihrem Hemde nicht unflätig aussehen. Schreiten wir zum Geistigen
-vor, so sehen wir, wie bei vielen Menschen Liebe mit Selbstanklagen,
-Kasteiungs- und Sühnungsversuchen beginnt. Eine moralische Einkehr
-fängt an, von der Geliebten scheint auch eine innere Läuterung
-auszugehen, auch wenn der Liebende nie mit ihr gesprochen, ja sie
-nur wenige Male aus der Ferne gesehen hat. _Dieser_ Prozeß kann also
-unmöglich in dem geliebten Wesen selbst seinen Grund haben: die
-Geliebte ist nur zu oft ein Backfisch, nur zu oft eine Kuh, nur zu
-oft eine lüsterne Kokette, und niemand nimmt für gewöhnlich an ihr
-überirdische Eigenschaften wahr als eben derjenige, der sie liebt. Ist
-es also zu glauben, daß diese konkrete Person geliebt werde in der
-Liebe, oder dient sie nicht vielmehr einer unvergleichlich größeren
-Bewegung nur als _Ausgangspunkt_?
-
-In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst. Nicht seine
-Subjektivität, nicht das, was er, als ein von aller Schwäche und
-Gemeinheit, von aller Schwere und Kleinlichkeit behaftetes Wesen
-wirklich vorstellt; sondern das, was er ganz sein will und ganz
-sein soll, sein eigenstes, tiefstes, intelligibles Wesen, frei von
-allen Fetzen der Notwendigkeit, von allen Klumpen der Erdenheit. In
-seiner zeitlich-räumlichen Wirksamkeit ist dieses Wesen vermengt mit
-den Schlacken sinnlicher Beschränktheit, es ist nicht als reines,
-strahlendes Urbild vorhanden; wie tief er auch in sich gehen mag,
-er findet sich getrübt und befleckt, und sieht nirgends das, was er
-sucht, in weißer, makelloser Reinheit. Und doch bedarf er nichts so
-dringend, ersehnt er nichts so heiß als ganz und gar _er selbst_ und
-nichts anderes zu sein. Das eine aber, wonach er strebt, das Ziel,
-erblickt er nicht in hellem Glanze und unverrückter Festigkeit auf dem
-Grunde des eigenen Wesens, _und darum muß er es draußen denken_, um
-so ihm leichter nacheifern zu können. _Er projiziert sein Ideal eines
-absolut wertvollen Wesens_ auf ein anderes menschliches Wesen, und
-das und nichts anderes bedeutet es, wenn er dieses Wesen _liebt_. Nur
-wer selbst schuldig geworden ist, und seine Schuld fühlt, ist dieses
-Aktes fähig: darum kann das Kind noch nicht lieben. Nur weil die Liebe
-das höchste, stets unerreichte Ziel aller Sehnsucht so darstellt, als
-wäre es irgendwo in der Erfahrung verwirklicht und nicht bloß in der
-Idee vorhanden; nur indem sie es im Nebenmenschen lokalisiert, und
-so gleichzeitig eben der Tatsache Ausdruck gibt, daß im Liebenden
-selbst das Ideal der Erfüllung noch so ferne ist: nur darum kann mit
-der Liebe zugleich das _Streben_ nach Läuterung neu erwachen, ein
-Hinwollen zu einem Ziele, das von höchster geistiger Natur ist und
-somit keine körperliche Verunreinigung durch _räumliche_ Annäherung an
-die Geliebte duldet; darum ist Liebe die höchste und stärkste Äußerung
-des Willens zum Werte, darum kommt in ihr wie in nichts auf der Welt
-das eigentliche Wesen des _Menschen_ zum Vorschein, das zwischen Geist
-und Körper, zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit gebannt ist, an
-der Gottheit wie am Tiere Anteil hat. _Der Mensch ist in jeder Weise
-erst dann ganz er selbst, wenn er liebt._[56] So erklärt sich's,
-daß viele Menschen erst als Liebende an das eigene Ich und an das
-fremde Du zu glauben beginnen, die, wie sich längst zeigte, nicht nur
-grammatikalische, sondern auch ethische Wechselbegriffe sind; so ist
-die große Rolle verständlich, welche in jedem Liebesverhältnis die
-_Namen_ der beiden Menschen spielen. So wird deutlich, warum viele
-Menschen zuerst in der Liebe von ihrer eigenen Existenz Kenntnis
-erhalten, und nicht früher von der Überzeugung durchdrungen werden, daß
-sie eine Seele besitzen.[57] So, daß der Liebende zwar die Geliebte um
-keinen Preis durch seine Nähe verunreinigen möchte, aber sie doch aus
-der Ferne oft zu sehen trachtet, um sich ihrer -- seiner -- Existenz
-zu vergewissern. So, daß gar mancher unerweichliche Empirist, nun,
-da er liebt, zum schwärmerischen Mystiker wird, wofür der Vater des
-Positivismus, Auguste _Comte_, selbst das Beispiel gegeben hat, durch
-die Umwälzung seines ganzen Denkens, als er _Clotilde de Vaux_ kennen
-lernte. Nicht nur für den Künstler, für den Menschen überhaupt gibt es
-psychologisch ein Amo ergo sum.
-
-So ist die Liebe ein _Projektionsphänomen_ gleich dem Haß, kein
-_Äquationsphänomen_ gleich der Freundschaft. Voraussetzung dieser ist
-gleiche Geltung beider Individuen; Liebe ist stets ein _Setzen der
-Ungleichheit, der Ungleichwertigkeit_. Alles, was man selbst sein
-möchte und nie ganz sein kann, auf ein Individuum häufen, es zum Träger
-aller Werte machen, das heißt lieben. Sinnbildlich für diese höchste
-Vollendung ist die Schönheit. Darum wundert, ja entsetzt es so oft den
-Liebenden, wenn er sich überzeugt, daß im schönen Weibe nicht auch
-Sittlichkeit wohne, und er beschuldigt die Natur des Betruges, weil
-in einem »so schönen Körper« »so viel Verworfenheit« sein könne; er
-bedenkt nicht, daß er das Weib nur deshalb noch schön findet, weil
-er es noch liebt: denn sonst würde ihn auch die Inkongruenz zwischen
-Innerem und Äußerem nicht mehr schmerzen. Die gewöhnliche _Gassendirne_
-scheint deshalb _nie_ schön, weil es hier von vornherein unmöglich
-ist, eine Projektion von Wert zu vollziehen; sie kann nur des ganz
-gemeinen Menschen Geschmack befriedigen, sie ist die Geliebte des
-unsittlichsten Mannes, des Zuhälters. Hier liegt eine dem Moralischen
-_entgegengesetzte Beziehung offensichtlich_ zutage; das Weib im
-allgemeinen ist aber nur indifferent gegen alles Ethische, es ist
-amoralisch, und kann darum, anders als der antimoralische Verbrecher,
-den instinktiv niemand liebt, oder der Teufel, den jedermann sich
-häßlich vorstellt, für den Akt der Wertübertragung eine Grundlage
-abgeben; da es weder gut tut noch sündigt, _sträubt_ sich nichts in
-ihm und an ihm gegen diese Kollokation des Ideals in seine Person. Die
-Schönheit des Weibes ist nur sichtbar gewordene Sittlichkeit, _aber
-diese Sittlichkeit ist selbst die des Mannes_, die er, in höchster
-Steigerung und Vollendung, auf das Weib transponiert hat.
-
-Weil alle Schönheit immer nur einen abermals erneuten
-_Verkörperungsversuch des höchsten Wertes_ darstellt, darum ist vor
-allem Schönen ein Gefühl des Gefundenhabens, dem gegenüber jede
-Begierde, jedes selbstische Interesse schweigt. Alle Formen, die der
-Mensch schön findet, sind vermöge seiner ästhetischen Funktion, die
-Sittliches und Gedankliches in Sinnlichkeit umsetzt, ebensoviele
-Versuche von seiner Seite, das Höchste sichtbar zu realisieren.
-_Schönheit ist das Symbol des Vollkommenen in der Erscheinung._
-Darum ist Schönheit unverletzlich, darum ist sie statisch und nicht
-dynamisch, darum hebt jede _Änderung_ im Verhalten zu ihr sie schon
-auf und vernichtet ihren Begriff. Die Liebe zum eigenen Werte, die
-Sehnsucht nach Vollkommenheit zeugt in der Materie die Schönheit.
-So wird die Schönheit der Natur geboren, die der Verbrecher nimmer
-wahrnimmt, weil eben _die Ethik erst die Natur schafft_. So erklärt
-sich's, daß die Natur immer und überall, in der größten und kleinsten
-ihrer Bildungen, den Eindruck des Vollendeten hervorruft. So ist auch
-das Naturgesetz nur ein sinnliches Symbol des Sittengesetzes, wie die
-Naturschönheit der sinnenfällig gewordene Adel der Seele; so die Logik
-die verwirklichte Ethik. Wie die Liebe ein neues Weib für den Mann
-schafft statt des realen Weibes, so schafft die Kunst, die Erotik des
-Alls, aus dem Chaos die Formenfülle im Universum; und wie es keine
-Naturschönheit gibt ohne Form, ohne Naturgesetz, so auch keine Kunst
-ohne Form, keine Kunstschönheit, die nicht ihren Regeln gehorcht. Denn
-die Naturschönheit zeigt die Kunstschönheit nicht anders verwirklicht
-als das Naturgesetz das Sittengesetz, als die Naturzweckmäßigkeit jene
-Harmonie, deren Urbild über dem Geiste des Menschen thront. Ja, die
-Natur, die der Künstler seine ewige Lehrmeisterin nennt, _sie ist
-nur die von ihm selbst geschaffene Norm seines Schaffens_, nicht in
-begrifflicher Konzentration, sondern in anschaulicher Unendlichkeit.
-So sind, um eines als Beispiel zu nennen, die Sätze der Mathematik
-die _verwirklichte_ Musik (und nicht umgekehrt), Mathematik selbst
-die _konforme Abbildung_ der Musik aus dem Reiche der Freiheit auf
-das Reich der Notwendigkeit, und darum das _Sollen_ aller Musiker ein
-mathematisches. _Die Kunst schafft also die Natur, und nicht die Natur
-die Kunst._
-
-Von diesen Andeutungen, welche, wenigstens teilweise, eine Ausführung
-und Weiterbildung der tiefen Gedanken _Kant_ens und _Schellings_ (und
-des von ihnen beeinflußten _Schiller_) über die Kunst sind, kehre ich
-zum Thema zurück. Als Resultat für dessen Zwecke steht nun fest, daß
-der Glaube an die Sittlichkeit des Weibes, die »_Introjektion_« der
-_Seele_ des _Mannes_ in das _Weib_, und die schöne äußere Erscheinung
-des Weibes _eine und dieselbe Tatsache_ sind, die letztere nur der
-sinnenfällige Ausdruck des ersteren. Begreiflich, aber eine Umkehrung
-des wahren Verhältnisses ist es also, wenn man von einer »schönen
-Seele« im moralischen Sinne spricht, oder nach _Shaftesbury_ und
-_Herbart_ die Ethik der Ästhetik unterordnet: man mag mit _Sokrates_
-und _Antisthenes_ τὸ καλόν und τἀγαθόν für identisch halten, aber man
-darf nicht vergessen, daß Schönheit nur ein körperliches Bild ist,
-in dem die Sittlichkeit sich selbst verwirklicht vorstellt, daß alle
-Ästhetik doch ein _Geschöpf_ der Ethik bleibt. Jeder _einzelne_ und
-zeitlich _begrenzte_ dieser Inkarnationsversuche ist seiner Natur nach
-illusorisch, denn er täuscht die erreichte Vollkommenheit nur vor.
-Darum ist alle Einzelschönheit vergänglich, und muß auch die Liebe zum
-Weibe es sich gefallen lassen, durch das alte Weib widerlegt zu werden.
-Die Idee der Schönheit ist die Idee der Natur, sie ist unvergänglich,
-wenn auch alles Einzelschöne, alles Natürliche vergeht. Nur eine
-Illusion kann im Begrenzten und Konkreten, nur eine Irrung im geliebten
-Weibe die Vollkommenheit selbst erblicken. Die Liebe zur Schönheit soll
-sich nicht verlieren an das Weib, um den geschlechtlichen Trieb nach
-ihm zu überbauen. Wenn alle Liebe zu Personen auf jener Verwechslung
-beruht, so _kann_ es keine andere denn unglückliche Liebe geben. Aber
-alle Liebe _klammert_ sich an diesen Irrtum; sie ist der heroischeste
-Versuch, dort Werte zu behaupten, wo es keine Werte gibt. Die Liebe zum
-unendlichen Wert, das ist zum Absoluten oder zu Gott, sei es auch in
-Form der Liebe zur unendlichen sinnenfälligen Schönheit des Naturganzen
-(Pantheismus), könnte allein die transcendentale Idee der Liebe heißen,
-wenn es eine solche gibt; die Liebe zu allem Einzelding, und auch zum
-Weibe, ist schon ein Abfall von der Idee, eine _Schuld_.
-
-_Warum_ der Mensch diese Schuld auf sich lädt, ist im Früheren schon
-enthalten. So wie aller _Haß_ nur üble Eigenschaften, die man selbst
-besitzt, auf den Nebenmenschen projiziert, um sie dort in einer desto
-abschreckenderen Vereinigung zu zeigen; wie der Teufel nur erfunden
-wurde, um die bösen Triebe _im_ Menschen _außer_ ihm darzustellen, und
-ihm den Stolz und die Kraft des Kämpfers zu leihen: so hat auch die
-Liebe nur den Zweck, dem Menschen den Kampf um das Gute zu erleichtern,
-das er als Gedanken _in_ sich allein zu ergreifen noch zu kraftlos
-ist. Beides, Haß und Liebe, ist darum eine Feigheit. Im Hasse spiegelt
-man sich vor, daß man von jemand anderem bedroht sei, um sich selbst
-hiedurch bereits als die angegriffene Reinheit zu fingieren, statt es
-sich zu gestehen, daß man das Böse aus sich selbst auszujäten habe,
-und daß es nirgend anders als im eigenen Herzen niste. Man konstruiert
-_den_ Bösen, um sich die Genugtuung zu bereiten, ihm ein Tintenfaß an
-den Kopf geworfen zu haben. Nur darum ist der Teufelsglaube unsittlich:
-weil er eine unstatthafte Erleichterung des Kampfes darstellt und
-eine Abwälzung der Schuld. Durch die Liebe versetzt man, wie im Haß
-die Idee des eigenen Unwertes, die Idee des eigenen _Wertes_ in ein
-Wesen, das zu ihrer Aufnahme geeignet scheint: der Satan wird häßlich,
-die Geliebte schön. So entbrennt man in beiden Fällen, durch eine
-Gegenüberstellung, durch die Verteilung von Gut und Böse auf _zwei_
-Personen, _leichter_ für die moralischen Werte. Ist aber alle Liebe zu
-Einzelwesen statt zur Idee eine sittliche Schwäche, so muß dies auch
-in den Gefühlen des Liebenden zum Vorschein kommen. Niemand begeht
-ein Verbrechen, ohne daß ihm dies durch ein Schuldgefühl angezeigt
-würde. Nicht ohne Grund ist die Liebe das schamhafteste Gefühl: sie hat
-Ursache sich zu schämen, weit mehr noch als das Mitleid. Der Mensch,
-den ich bemitleide, bekommt von mir etwas, im Akte des Mitleidens
-selbst gebe ich ihm aus meinem eingebildeten oder wesentlichen
-Reichtum; die Hilfe ist so nur ein Sichtbarwerden dessen, was bereits
-im Mitleiden lag. Der Mensch, den ich liebe, von dem will _ich_ etwas,
-ich will zum mindesten, daß er mich nicht durch unschöne Geberden
-oder gemeine Züge in meiner Liebe zu ihm störe. Denn durch die Liebe
-will ich mich irgendwo gefunden haben, statt weiter zu suchen und zu
-streben, ich will aus der Hand eines Nebenmenschen nichts weniger,
-nichts anderes empfangen, als mich selbst, ich will von _ihm_ -- _mich_!
-
-Das Mitleid ist schamhaft, weil es den anderen tiefer gestellt zeigt
-als mich, weil es _ihn_ erniedrigt. Die Liebe ist schamhaft, weil ich
-_mich_ durch sie tiefer stelle als den anderen; in ihr wird aller Stolz
-des Individuums am weitesten vergessen, und das ist ihre Schwäche,
-darum schämt sie sich. So ist das Mitleid der Liebe verwandt, und
-hieraus erklärt sich, daß nur, wer das Mitleid kennt, auch die Liebe
-kennt. Und doch schließen sich beide aus: man kann nie lieben, wen man
-bemitleidet, und nie bemitleiden, wen man liebt. Denn im Mitleid bin
-ich selbst der feste Pol, in der Liebe ist es der andere; die Richtung
-beider Affekte, ihr Vorzeichen ist das Entgegengesetzte. Im Mitleid bin
-ich Geber, in der Liebe Bettler. Die Liebe ist die schamhafteste von
-allen Bitten, _weil sie um das Meiste, um das Höchste bettelt_. Darum
-schlägt sie in den jähesten, rachsüchtigsten Stolz so rasch über, wenn
-ihr durch den anderen unvorsichtig oder rücksichtslos zum Bewußtsein
-gebracht wird, um was sie eigentlich gefleht hat.
-
-Alle Erotik ist voll von Schuldbewußtsein. In der Eifersucht tritt
-zutage, auf welch unsicheren Grund die Liebe gebaut ist. Eifersucht ist
-die Kehrseite jeder Liebe, und offenbart deren ganze Unsittlichkeit.
-Durch Eifersucht wird über den freien Willen des Nebenmenschen eine
-Gewalt angemaßt. So begreiflich sie gerade der hier entwickelten
-Theorie ist, indem durch Liebe _das reine Selbst_ des Liebenden in der
-Geliebten lokalisiert wird, und auf sein Selbst der Mensch, durch einen
-erklärlichen Fehlschluß, einen Anspruch leicht stets und an jedem Orte
-zu haben glaubt: so verrät sie doch, schon weil sie voll Furcht ist,
-und Furcht wie das verwandte Schamgefühl[58] sich stets auf eine in der
-_Vergangenheit_ verübte Schuld bezieht, daß man durch die Liebe etwas
-erlangen wollte, was man auf diesem Wege nicht verlangen durfte.
-
-Die Schuld, mit welcher in der Liebe der Mensch sich belastet, ist der
-Wunsch, von jenem Schuldbewußtsein, das ich früher die Voraussetzung
-und Bedingung aller Liebe nannte, _frei zu werden_. Statt alle
-begangene Schuld auf sich zu nehmen und ihre Sühnung durch das weitere
-Leben zu erreichen, ist die Liebe ein Versuch, von der eigenen Schuld
-loszukommen und an sie zu vergessen, ein Versuch, glücklich zu werden.
-Statt die Idee der Vollkommenheit selbsttätig zu verwirklichen, will
-die Liebe die Idee schon als verwirklicht zeigen, sie spiegelt das
-Wunder als geschehen vor, im anderen Menschen zwar -- darum ist sie
-die feinste List -- aber es ist doch nur die eigene Befreiung vom
-Übel, die man so _ohne Kampf_ zu erreichen hofft. _Hieraus_ erklärt
-sich der tiefe Zusammenhang aller Liebe mit dem Erlösungsbedürfnis
-(_Dante_, _Goethe_, _Wagner_, _Ibsen_). Alle Liebe ist _selbst_ nur
-Erlösungsbedürfnis, und alles Erlösungsbedürfnis noch unsittlich
-(Kapitel 7, Schluß). Die Liebe überspringt die Zeit und setzt sich
-über die Kausalität hinweg, ohne eigenes Zutun will sie Reinheit
-plötzlich und unvermittelt gewinnen. Darum ist sie, als ein Wunder von
-außen statt von innen, in sich unmöglich, und kann ihren Zweck nie
-erfüllen, am wenigsten bei jenen Menschen, welche allein eigentlich in
-ganz unermeßlicher Weise ihrer fähig wären. Sie ist der gefährlichste
-Selbstbetrug, gerade weil sie den Kampf um das Gute am stärksten
-zu fördern scheint. Mittelmäßige Menschen mögen durch sie erst ihre
-Veredlung erfahren; wer ein subtileres Gewissen hat, wird sich hüten,
-ihrer Täuschung zu erliegen.
-
-Der Liebende sucht im geliebten Wesen seine eigene Seele. Insofern
-ist die Liebe _frei_, und nicht jenen Gesetzen der bloß sexuellen
-Anziehung unterworfen, von denen der erste Teil gehandelt hat. Denn
-das psychische Leben der Frau gewinnt einen Einfluß, es begünstigt die
-Liebe, wo es der Idealisierung sich ausnehmend leicht fügt, auch bei
-geringeren körperlichen Vorzügen und mangelhafter sexueller Ergänzung,
-und vernichtet ihre Möglichkeit, wenn es gegen jene »Einlegung« zu
-sichtbar absticht. Dennoch ist, trotz aller Gegensätzlichkeit zwischen
-Sexualität und Erotik, eine Analogie zwischen ihnen unverkennbar. Die
-Sexualität benützt das Weib als Mittel, um zur Lust und zum leiblichen
-Kinde zu gelangen; die Erotik als Mittel, um zum Werte und -- zum
-geistigen Kinde, zur Produktion zu kommen. Es ist ein unendlich tiefes,
-wenn auch, wie es scheint, wenig verstandenes Wort der platonischen
-_Diotima_, daß die Liebe nicht dem Schönen, sondern der Erzeugung und
-Ausgeburt im Schönen gelte, der Unsterblichkeit im Geistigen, wie der
-niedere Geschlechtstrieb dem Fortleben in der Gattung. Im Kinde sucht
-jeder Vater, der leibliche wie der geistige, nur sich selbst zu finden:
-die konkrete Verwirklichung der Idee seiner selbst, wie sie das Wesen
-der Liebe ausmacht, ist eben das _Kind_. Darum sucht der Künstler so
-oft das Weib, um das Kunstwerk schaffen zu können. »Und jeder sollte
-lieber solche Kinder haben wollen, wenn er auf _Homer_ und _Hesiod_
-und die anderen trefflichen Dichter sieht, nicht ohne Neid, was für
-Geburten sie zurücklassen, die ihnen unsterblichen Ruhm und Angedenken
-sichern, indem sie selbst unsterblich sind .... Geehrt ist bei euch
-auch _Solon_, weil er Gesetze gezeugt, und viele andere anderwärts
-unter Hellenen und Barbaren, die viele und schöne Werke dargestellt
-haben und vielfältig Tugendhaftes gezeugt: denen auch schon viele
-Heiligtümer errichtet wurden um solcher Kinder willen, menschlicher
-Kinder wegen aber noch keinem.«
-
-Es ist nicht eine bloß formale Analogie, nicht Überschätzung einer
-etwa nur zufälligen sprachlichen Übereinstimmung, wenn von geistiger
-Fruchtbarkeit, geistiger Produktion, oder, wie in diesen Worten
-_Platons_, von geistigen Kindern in tieferem Sinne zu reden versucht
-wird. Wie die leibliche Sexualität der Versuch eines organischen Wesens
-ist, die eigene Form dauernd zu begründen, so ist auch jede Liebe im
-Grunde nur das Streben, seelische Form, Individualität, endgültig zu
-realisieren. _Hier liegt die Brücke_, welche allen _Willen zur eigenen
-Verewigung_ (wie man das Gemeinsame der Sexualität und der Erotik
-nennen könnte) _mit dem Kinde verbindet_. Geschlechtstrieb und Liebe
-sind beide Versuche zur Realisierung seiner selbst, der erste sucht das
-_Individuum_ durch ein körperliches Abbild, die zweite _Individualität_
-durch ihr geistiges Ebenbild zu verewigen. Nur der geniale Mensch aber
-kennt die ganz und gar unsinnliche Liebe, und nur er sucht zeitlose
-Kinder zu zeugen, in denen sein tiefstes geistiges Wesen zum Ausdruck
-kommt.
-
-Die Parallele kann noch weiter verfolgt werden. Daß aller
-Geschlechtstrieb der Grausamkeit verwandt ist, hat man nach _Novalis_
-oft wiederholt. Die »Association« hat einen tiefen Grund. Alles, was
-vom Weibe _geboren_ ist, muß auch _sterben_. Zeugung, Geburt und Tod
-stehen in einer unauflöslichen Beziehung; vor einem unzeitigen Tode
-erwacht in jedem Wesen auf das heftigste der Geschlechtstrieb als
-das Bedürfnis, sich noch fortzupflanzen. Und so ist auch der Koitus,
-nicht nur psychologisch als Akt, sondern auch vom ethischen und
-naturphilosophischen Gesichtspunkte dem Morde verwandt: er verneint das
-Weib, aber auch den Mann; er raubt im Idealfall beiden das Bewußtsein,
-um dem Kinde das Leben zu geben. Einer ethischen Weltanschauung wird
-es begreiflich sein, daß, was so entstanden ist, auch wieder vergehen
-muß. Aber auch die höchste Erotik, nicht nur die niederste Sexualität,
-benützt das Weib nicht als Zweck an sich selbst, sondern stets nur
-als Mittel zum Zweck, um das Ich des Liebenden rein darzustellen: die
-Werke eines Künstlers sind immer nur sein auf verschiedenen Etappen
-festgehaltenes Ich, das er meist in diesem oder in jenem Weibe, und
-sei es selbst ein Weib seiner Einbildungskraft, zuvor lokalisiert hat.
-
-Die reale Psychologie des geliebten Weibes wird aber hiebei immer
-_ausgeschaltet_: im Augenblicke, wo der Mann ein Weib _liebt_, kann
-er es nicht _durchschauen_. In der Liebe tritt man zum Weibe nicht
-in jenes Verhältnis des _Verstehens_, welches das einzig sittliche
-Verhältnis zwischen Menschen ist. Man kann keinen Menschen lieben,
-den man ganz erkennt, weil man dann doch auch die Unvollkommenheiten
-sehen müßte, die ihm als Menschen notwendig anhaften, _Liebe aber nur
-auf Vollkommenes geht_. Liebe zu einem Weibe ist daher nur möglich,
-wenn sich diese Liebe um die wirklichen Eigenschaften, die eigenen
-Wünsche und Interessen der Geliebten, soweit sie der Lokalisation
-höherer Werte in ihrer Person zuwiderlaufen, nicht bekümmert, sondern
-in schrankenloser Willkür an die Stelle der psychischen Realität des
-geliebten Wesens _eine ganz andere Realität setzt_. Der Versuch, sich
-im Weibe selbst zu finden, statt im Weibe eben nur -- das Weib zu
-sehen, setzt notwendig eine Vernachlässigung der empirischen Person
-voraus. Dieser Versuch ist also voll _Grausamkeit_ gegen das Weib;
-und hier liegt die Wurzel des Egoismus aller Liebe, wie auch der
-Eifersucht, welche das Weib gänzlich nur noch als unselbständiges
-Besitztum betrachtet, und auf sein inneres Leben gar keine Rücksicht
-mehr nimmt.
-
-Hier vollendet sich die Parallele zwischen der Grausamkeit der
-Erotik und der Grausamkeit der Sexualität. Liebe ist Mord. Der
-Geschlechtstrieb negiert auch das körperliche, die Erotik das
-psychische Weib. Die ganz gemeine Sexualität sieht im Weibe einen
-Apparat zum Onanieren oder eine Kindergebärerin; man kann gegen das
-Weib nicht niedriger sein, als wenn man ihm seine Unfruchtbarkeit
-vorhält, und ein erbärmlicheres Zeugnis kann einem Gesetzbuch nicht
-ausgestellt werden, als wenn es die Sterilität eines Weibes als legalen
-Grund der Ehescheidung anführt. Die höhere Erotik aber verlangt von
-der Frau schonungslos, daß sie das männliche Adorationsbedürfnis
-befriedige, und sich möglichst anstandslos lieben lasse, damit der
-Liebende in ihr sein Ideal von sich verwirklicht sehen, und ein
-geistiges Kind mit ihr zeugen könne. So ist die Liebe nicht nur
-antilogisch, denn sie setzt sich über die objektive Wahrheit des
-Weibes und seine wirkliche Beschaffenheit hinweg, sie will nicht nur
-die Denkillusion, und verlangt nicht nur ungestüm nach dem Betruge der
-Vernunft: sondern sie ist auch antiethisch gegen das Weib, dem sie die
-Verstellung und den Schein, die vollkommene Kongruenz mit einem ihr
-fremden Wunsche gebieterisch aufnötigen möchte.
-
-Denn die Erotik braucht die Frau nur, um den Kampf zu ebnen und
-abzukürzen, sie will von ihr immer bloß, _daß sie den Ast abgebe, an
-dem $er$ sich $leichter$ zur Erlösung emporschwinge_. So gesteht es ja
-_Paul Verlaine_:
-
- »Marie Immaculée, amour essentiel,
- Logique de la foi cordiale et vivace,
- _En vous aimant qu'est-il de bon que je ne fasse_,
- En vous aimant du seul amour, Porte du Ciel?«
-
-Und fast noch deutlicher lehrt es _Goethe_ im »Faust«:
-
- »Dir, der Unberührbaren,
- Ist es nicht benommen,
- Daß die leicht Verführbaren
- Traulich zu Dir kommen.
-
- In die Schwachheit hingerafft,
- Sind sie schwer zu retten;
- _Wer zerreißt aus eigner Kraft
- Der Gelüste Ketten?_«
-
-Ferne ist es mir, die heroische Größe zu verkennen, welche in dieser
-höchsten Erotik, im _Madonnenkulte_, liegt. Wie könnte ich vor der
-Außerordentlichkeit des Phänomens meine Augen verschließen, das den
-Namen _Dante_ führt! Es liegt eine so unermeßliche Abtretung von
-Wert an das Weib in dem Leben dieses größten Madonnenverehrers, daß
-selbst der dionysische Trotz, mit dem diese Schenkung aller weiblichen
-Wirklichkeit entgegen vollzogen wird, den Eindruck vollster Erhabenheit
-hervorzurufen kaum verfehlt. Es liegt scheinbar eine solche Abnegation
-seiner selbst in dieser Verkörperung des Zieles aller Sehnsucht in
-_einer_ irdisch-begrenzten Person, in einem Mädchen noch dazu, das
-der Künstler _einmal_, als Neunjähriger, zu Gesicht bekommen, das
-vielleicht später eine Xanthippe oder eine Fettgans geworden ist; es
-liegt darin ein derartiger Akt der Projektion aller, das zeitlich
-Eingeengte des Individuums übersteigenden Werte auf ein an sich
-gänzlich wertloses Weib, daß man nicht leicht es über sich bringt, die
-wahre Natur des Vorganges zu enthüllen, und gegen ihn zu sprechen.
-_Aber es bedeutet jede, auch die sublimste Erotik, noch immer eine
-dreifache Unsittlichkeit_: einen unduldsamen Egoismus gegen die
-wirkliche Frau der Erfahrung, _die nur als Mittel zum Zweck der eigenen
-Hinanziehung benützt_, der darum kein selbständiges Leben verstattet
-wird; mehr noch: eine Felonie gegen sich selbst, ein Davonlaufen
-vor sich selbst, eine Flüchtung des Wertes in fremdes Land, ein
-Erlöst-_Sein_-Wollen, und darum eine Feigheit, eine Schwäche, eine
-Würdelosigkeit, ja gerade einen absoluten Unheroismus; drittens endlich
-eine Scheu vor der Wahrheit, die man nicht brauchen kann, weil sie der
-Absicht der Liebe widerstrebt, die man nicht zu ertragen vermag, weil
-man dadurch um die Möglichkeit einer bequemen Erlösung käme.
-
-Diese letzte Unsittlichkeit ist eben diejenige, welche jede Aufklärung
-über das Weib _verhindert_, weil sie sie _meidet_ und so die
-Anerkennung der Wertlosigkeit des Weibes an sich wohl stets vereiteln
-wird. Die Madonna ist eine Schöpfung des Mannes, nichts entspricht
-ihr in der Wirklichkeit. Der Madonnenkult kann nicht moralisch sein,
-weil er die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, weil mit ihm
-der Liebende sich _belügt_. Der Madonnenkult, von dem ich spreche,
-der Madonnenkult des großen Künstlers, ist in jeder Beziehung eine
-_völlige_ Umschaffung des Weibes, die sich nur vollziehen kann, wenn
-von der empirischen Realität der Frauen gänzlich abgesehen wird; die
-Einlegung wird bloß dem schönen Körper nach ausgeführt, und sie kann
-nichts für ihren Zweck verwenden, was dem schroff entgegenstünde, wofür
-diese Schönheit Symbol werden soll.
-
-Der Zweck dieser Neuschöpfung des Weibes oder das Bedürfnis, aus
-welchem die Liebe entspringt, ist nun ausführlich genug analysiert
-worden. Es ist zugleich der Hauptgrund, warum man vor allen Wahrheiten,
-die für das Weib nachteilig klingen, immer wieder die Ohren sich
-zuhält. Lieber schwört man auf die weibliche »Schamhaftigkeit«,
-entzückt sich am weiblichen »Mitleid«, interpretiert das Senken des
-Blickes beim Backfisch als ein eminent sittliches Phänomen, als daß man
-_mit_ dieser Lüge die Möglichkeit preisgäbe, das Weib als Mittel zum
-Zweck der eigenen höheren Wallungen zu benützen, als daß man darauf
-verzichtete, diesen Weg für die eigene Erlösung sich offen zu lassen.
-
-Hierin liegt also die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach
-den Motiven, aus welchen an dem Glauben an die weibliche Tugend so
-zähe festgehalten wird. Man will davon nicht lassen, es zum Gefäß
-der Idee der eigenen Vollkommenheit zu machen, diese in der Frau als
-realisiert sich vorzustellen, um mit dem zum Träger des höchsten Wertes
-gemachten Weibe leichter sein geistiges Kind und besseres Selbst zu
-realisieren. Der Zustand des Liebenden hat nicht umsonst so viel
-Ähnlichkeit mit dem des Schaffenden; die ganz besonders große Güte
-gegen alles, was lebt, die Verlorenheit für alle kleinen konkreten
-Werte sind beiden gemeinsam, als Zustände, die den liebenden gleich
-dem produktiven Menschen auszeichnen, und sie dem Philister, für den
-gerade die materiellen Nichtigkeiten die einzige Realität bilden, stets
-unbegreiflich und lächerlich erscheinen läßt.
-
-Denn jeder große Erotiker ist ein Genie und alles Genie im Grunde
-erotisch, auch wenn seine Liebe zum _Wert_, das ist zur _Ewigkeit_,
-zum _Weltganzen_, nicht in dem Körper eines Weibes Platz findet. _Das
-Verhältnis des Ichs zur Welt, das Verhältnis von Subjekt zu Objekt
-ist nämlich selbst gewissermaßen eine Wiederholung des Verhältnisses
-von Mann zu Weib in höherer und weiterer Sphäre, oder vielmehr dieses
-ein Spezialfall von jenem._ Wie der Empfindungskomplex zum Objekt
-umgeschaffen wird, aber nur vom Subjekte und aus diesem heraus, so
-wird das Weib der Erfahrung aufgehoben durch das Weib der Erotik.
-Wie der Erkenntnistrieb die sehnsüchtige Liebe zu den Dingen ist, in
-denen der Mensch immer und ewig nur sich selbst findet, so wird auch
-der Gegenstand der Liebe im engeren Sinne vom Liebenden selbst erst
-geschaffen, und er entdeckt in ihm stets nur sein eigenes tiefstes
-Wesen. So ist die Liebe dem Liebenden eine Parabel: im Brennpunkte
-steht allerdings sie; aber konjugiert ist die Unendlichkeit -- --.
-
-Es fragt sich nun noch, _wer_ diese Liebe kennt, ob _nur_ der _Mann_
-übersexuell, oder ob auch das _Weib_ der höheren Liebe fähig ist.
-Suchen wir hierauf, ganz unabhängig und unbeeinflußt von den bisherigen
-Ergebnissen, eine Antwort aus der Erfahrung neu zu gewinnen. Diese
-zeigt ganz unzweideutig, daß W, eine _scheinbare_ Ausnahme abgerechnet,
-nie mehr als bloß _sexuell_ ist. Die Frauen wollen entweder mehr den
-Koitus oder mehr das Kind (jedenfalls aber wollen sie geheiratet
-werden). Die »Liebeslyrik« der modernen Frauen ist nicht nur vollkommen
-anerotisch, sondern ganz extrem sinnlich; und so kurz die Zeit ist,
-seit welcher die Frauen mit solchen Erzeugnissen sich hervorwagen, sie
-haben in dieser Beziehung Kühneres geleistet, als alle Männer je vorher
-es gewagt haben, und ihre Produkte sind wohl geeignet, die leckersten
-Erwartungen, die selbst an »Junggesellen-Lektüre« geknüpft werden
-können, zu befriedigen. Hier ist nirgends von einer keuschen und reinen
-Neigung die Rede, welche das geliebte Wesen durch die eigene Nähe zu
-verunreinigen fürchtet. Es handelt sich nur um den tobendsten Orgiasmus
-und die wildeste Wollust, und so wäre diese Literatur recht eigentlich
-danach angetan, die Augen über die durchaus nur sexuelle und nicht
-erotische Natur des Weibes zu öffnen.
-
-Liebe allein erzeugt Schönheit. Haben die Frauen zur Schönheit ein
-Verhältnis? Es ist keine bloße Redensart, wenn man von den Frauen oft
-hört: »Ach, wozu braucht denn ein Mann schön zu sein?« Es ist keine
-bloße Schmeichelei: für den Mann und nicht allein darauf berechnet,
-ihn an seiner Eitelkeit zu fangen, wenn eine Frau ihn um Rat fragt,
-welche Farben ihr zu einem Kleide am besten passen; sie versteht diese
-selbst nicht so zu wählen, daß sie _ästhetisch_ wirken könnten. Über
-eine Anordnung, die Geschmack statt Schönheitssinn verrät, kommt eine
-Frau ohne männliche Hilfe selbst in ihrer Toilette nicht hinaus. Wäre
-in der Frau an sich irgend welche Schönheit, trüge sie auch nur einen
-Maßstab der Schönheit ursprünglich im tieferen Innern, so würde sie
-nicht vom Manne immerfort es sich versichern lassen wollen, daß sie
-schön _sei_.
-
-Und so finden die Frauen auch den Mann nicht eigentlich _schön_, und
-je mehr sie mit dem Worte herumwerfen, desto mehr verraten sie, wie
-fern ihnen jedes Verhältnis zur Idee der Schönheit ist. Es ist der
-sicherste Maßstab der Schamhaftigkeit eines Menschen, wie oft er das
-Wort »schön«, diese Liebeserklärung an die Natur, in den Mund nimmt.
-Wären die _Frauen_ sehnsüchtig nach Schönheit, so dürften sie ihren
-Namen seltener nennen. Sie haben aber kein Bedürfnis nach Schönheit und
-können keines haben, weil nur die sozial anerkannte äußere Erscheinung
-in solchem Sinne auf sie wirkt. Schön aber ist nicht, was gefällt;
-so oft diese Definition auch aufgestellt wird, so falsch ist sie,
-so gerade läuft sie dem Sinn des Wortes zuwider. _Hübsch_ ist, was
-gefällt; _schön_ ist, was _der Einzelne liebt_. Hübschsein ist immer
-allgemein, Schönheit stets individuell. Darum ist alles wahrhafte
-Schön-Finden schamhaft, denn es ist aus der Sehnsucht geboren, und die
-Sehnsucht aus der Unvollkommenheit und Bedürftigkeit des Einsamen.
-_Eros_ ist der Sohn des _Poros_ und der _Penia_, der Sprößling aus
-der Verbindung von Reichtum und Armut. Um etwas schön zu finden,
-dazu gehört, als zur Objektivität einer Liebe, Individualität, nicht
-nur Individuation; bloßes Hübsch-Sein ist gesellschaftliche Münze.
-Das Schöne wird _geliebt_, ins Hübsche pflegen die Leute _sich zu
-verlieben_. Liebe ist stets hinauswollend, transcendent, weil sie
-der Ungenügsamkeit des an die Subjektivität gefesselten Subjektes
-entstammt. Wer bei den Frauen _solches_ Mißvergnügen vorzufinden
-meint, ist ein schlechter Deuter und Unterscheider. W ist höchstens
-_verliebt_, M _liebt_; und dumm und unwahr ist jene Behauptung
-lamentierender Frauen, das Weib sei wahrer Liebe fähiger als der Mann:
-im Gegenteil, es ist ihrer _unfähig_. Nicht jenem Bilde von der Parabel
-wie die Liebe, sondern dem eines in sich selbst zurücklaufenden
-Kreises gleicht alle _Verliebtheit_, und insonderheit die des Weibes.
-
-Wo der Mann auf die Frau individuell wirkt, ist es nicht durch
-seine Schönheit. Für Schönheit hat, auch wenn sie im Manne sich
-offenbart, nur der Mann einen Sinn: fällt es nicht auf, wie auch
-von männlicher, nicht nur von weiblicher Schönheit aller Begriff
-vom Manne ist geschaffen worden? Oder soll auch dies Folge der
-»Unterdrückung« sein? Der einzige Begriff, der, wenn er auch von
-Frauen darum nicht herstammen kann, weil diese nie auch nur einen
-einzigen Begriff geschaffen haben, dennoch ihnen, in gewissem Sinne,
-seine materiale Erfüllung und die Lebhaftigkeit der ihn begleitenden
-Associationen verdankt, ist der Begriff das »feschen Kerls«, wie er
-in Wien und Süddeutschland, des »forschen Mannes«, wie er in Berlin
-und Norddeutschland heißt. Was durch diese Bezeichnung angedeutet
-wird, ist die starke und entwickelte Sexualität des Mannes; denn die
-Frau empfindet zuletzt doch immer als ihren Feind alles, was den Mann
-abzieht von der Sexualität und der Fortpflanzung, seine Bücher und
-seine Politik, seine Wissenschaft und seine Kunst.
-
-Nur das Sexuelle, nie das Asexuelle, Transsexuelle im Manne wirkt als
-solches auf die Frau, und nicht Schönheit, sondern volles sexuelles
-Begehren verlangt sie von ihm. _Es ist nie das Apollinische im Manne,
-das auf sie Eindruck macht, aber darum auch nicht das Dionysische,
-sondern stets nur, im weitesten Umfang, das Faunische in ihm_; nie der
-Mann, sondern immer nur »le mâle«, (das Männchen); es ist vor allem --
-darüber kann ein Buch über das wirkliche Weib nicht schweigen -- seine
-Sexualität im engsten Sinne, _es ist der Phallus_.[59]
-
-Man hat es entweder nicht sehen oder nicht sagen wollen, man hat sich
-aber auch kaum noch eine ganz richtige Vorstellung davon gebildet,
-was das Zeugungsglied des Mannes für das Weib, als Frau wie schon
-als Jungfrau, bedeutet, wie es das ganze Leben der Frau zu oberst
-beherrscht. Ich meine nicht, daß die Frau den Geschlechtsteil des
-Mannes schön oder auch nur hübsch findet. Sie empfindet ihn vielmehr
-ähnlich wie der Mensch das Medusenhaupt, der Vogel die Schlange; er
-übt auf sie eine hypnotisierende, bannende, faszinierende Wirkung.
-Sie empfindet ihn als das Gewisse, das Etwas, wofür sie gar keinen
-Namen hat: _er ist ihr Schicksal_, er ist das, wovon es für sie kein
-Entrinnen gibt. Nur darum scheut sie sich so davor, den Mann nackt zu
-sehen, und gibt ihm nie ein Bedürfnis darnach zu erkennen: weil sie
-fühlt, daß sie in demselben Augenblicke verloren wäre. _Der Phallus ist
-das, was die Frau absolut und endgültig $unfrei$ macht._
-
-Es ist also gerade jener Teil, welcher den Körper des Mannes recht
-eigentlich verunziert, welcher allein den nackten Mann häßlich macht
--- weswegen er auch von den Bildhauern so oft mit einem Akanthus- oder
-Feigenblatte verdeckt ward --, _derselbe_, der die Frauen am tiefsten
-aufregt und am heftigsten erregt, und zwar gerade dann, wenn er wohl
-das Unangenehmste überhaupt vorstellt, im erigierten Zustande. Und
-hierin liegt der letzte und entscheidendste Beweis dafür, daß die
-Frauen von der Liebe nicht die Schönheit wollen, sondern -- etwas
-anderes.
-
-Die neue Erfahrung, um welche die Untersuchung damit endgültig
-bereichert ist, wäre aus dem Bisherigen vorherzusagen gewesen. Da
-Logik und Ethik ausschließlich beim Manne sich geltend machen, so
-war von vornherein wahrscheinlich, daß die Frauen mit der Ästhetik
-nicht auf besserem Fuße stehen würden, als mit ihren normierenden
-Schwesterwissenschaften. Die Verwandtschaft zwischen der Ästhetik und
-der Logik kommt in aller Systematik und Architektonik der Philosophien,
-ebenso aber in der Forderung strenger Logik für das Kunstwerk, in
-höchster Vereinigung in dem Bau der Mathematik und in der musikalischen
-Komposition zum Vorschein. Wie schwer es so vielen wird, Ästhetik
-und Ethik auseinanderzuhalten, ist schon erwähnt worden. Auch die
-ästhetische Funktion, nicht nur die ethische und logische, ist nach
-_Kant_ eine solche, die vom Subjekte in Freiheit ausgeübt wird. _Das
-Weib aber besitzt keinen freien Willen_, und so kann ihm auch nicht die
-Fähigkeit verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren.
-
-Damit ist aber auch gesagt, daß die Frau nicht lieben könne. Als
-Bedingung der Liebe muß Individualität, und zwar nicht rein und
-ungetrübt, jedoch mit dem Willen zur eigenen Befreiung von Staub
-und Schmutz, vorhanden sein. Denn ein Mittelding zwischen Haben und
-Nichthaben ist Eros; kein Gott, sondern ein Dämon; er allein entspricht
-der Stellung des Menschen zwischen Sterblichem und Unsterblichem:
-so hat es der größte Denker erkannt, der _göttliche Platon_, wie
-_Plotin_ ihn nennt (der einzige Mensch, der ihn wirklich, _innerlich
-$verstanden$_ hat; indes viele seiner heutigen Kommentatoren und
-Geschichtsschreiber von seiner Lehre nicht viel mehr begreifen als die
-Ohrwürmer von den Sternschnuppen). Die Liebe ist also in Wirklichkeit
-_keine_ »transscendentale Idee«; denn sie entspricht allein der Idee
-eines Wesens, das nicht rein transcendental-apriorisch, sondern auch
-sinnlich-empirisch ist: _der Idee der Menschheit_.
-
-Das Weib hingegen, das ganz und gar keine Seele hat, sehnt sich auch
-nicht, diese geläutert von allem ihr anhaftenden Fremden irgendwo,
-irgendwann endlich ganz zu finden. Es gibt kein Ideal der Frauen vom
-Manne, das an die Madonna erinnern würde, nicht der reine, keusche,
-sittliche Mann wird von der Frau gewollt, sondern -- ein anderer.
-
-So ist denn bewiesen, daß die Frau nicht die Tugend des Mannes
-_wünschen kann_. Hätte sie in sich ein Unterpfand der Idee der
-Vollkommenheit, wäre sie irgendwie Ebenbild Gottes, so müßte sie auch
-den Mann, wie dieser das Weib, heilig, göttlich wollen. Daß ihr dies
-ganz ferne liegt, ist wiederum nur ein Zeichen für ihren völligen
-Mangel an Willen zum eigenen Werte, den sie nicht, wie so gerne
-der Mann, irgendwo außer sich verkörpert denkt, um leichter zu ihm
-emporstreben zu können.
-
-Ein unauflösbares Rätsel bleibt nur dies, warum gerade die Frau
-mit dieser vergötternden Liebe geliebt wird, und, mit Ausnahme der
-Knabenliebe, in welcher indes der Geliebte ebenfalls zum Weibe wird,
-nicht irgend ein anderes Wesen. Ist die Hypothese nicht allzu kühn, die
-sich hierüber entwickeln läßt?
-
-Vielleicht hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen
-metaphysischen _außerzeitlichen_ Akt das Göttliche, die Seele für sich
-allein behalten -- aus welchem Motive dies geschehen sein könnte,
-vermögen wir freilich noch nicht abzusehen. Dieses sein Unrecht gegen
-die Frau _büßt_ er nun in den Leiden der Liebe, _in und mit welcher er
-der Frau die ihr geraubte Seele wieder zurückzugeben sucht_, ihr eine
-Seele schenken will, weil er sich des Raubes wegen vor ihr schuldig
-fühlt. Denn gerade dem _geliebten_ Weibe, ja, eigentlich nur ihm
-gegenüber drückt ihn ein rätselhaftes Schuldbewußtsein am stärksten.
-Die Aussichtslosigkeit eines solchen Rückgabeversuches, durch den er
-seine Schuld zu sühnen würde trachten wollen, könnte wohl erklären,
-warum es _glückliche Liebe_ nicht gibt. So wäre dieser Mythos kein
-übler Vorwurf für ein dramatisches Mysterium. Aber die Grenzen einer
-wissenschaftlichen, auch einer wissenschaftlich-philosophischen
-Betrachtung sind mit ihm weit überflogen.
-
-Was die Frau _nicht_ will, wurde im obigen klargestellt; aber was sie
-zu tiefst will, und daß dieses ihr innerstes Wollen dem Wollen des
-Mannes gerade entgegengerichtet ist, soll jetzt gezeigt werden.
-
-
-
-
-XII. Kapitel.
-
-Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum.
-
- »Erst Mann und Weib
- zusammen machen den
- Menschen aus.«
-
- _Kant._
-
-
-Immer tiefer ist die Analyse in der Schätzung des Weibes bis jetzt
-heruntergegangen, immer mehr Hohes und Edles, Großes und Schönes mußte
-sie ihm absprechen. Wenn sie nun in diesem Kapitel noch einen, den
-entscheidenden, äußersten Schritt in derselben Richtung zu tun sich
-anschickt, so möchte ich, zur Verhütung eines Mißverständnisses, schon
-hier bemerken, worauf ich noch zurückkomme: daß mir wahrhaftig nichts
-ferner liegt, als dem asiatischen Standpunkt in der Behandlung des
-Weibes das Wort zu reden. Wer den vorausgehenden Darlegungen über das
-Unrecht aufmerksamer gefolgt ist, das alle Sexualität, ja noch die
-Erotik an der Frau begeht, dem wird bereits zum Bewußtsein gekommen
-sein, daß dieses Buch kein Plaidoyer für den Harem ist, und daß es sich
-hütet, die Härte des Urteils zu entwerten durch die Forderung einer so
-problematischen Strafe.
-
-Aber die _rechtliche_ Gleich_stellung_ von Mann und Weib kann man sehr
-wohl verlangen, ohne darum an die _moralische_ und _intellektuelle_
-Gleich_heit_ zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher
-Zeit jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht
-verdammt, und braucht doch der ungeheuerste, kosmische Gegensatz und
-Wesensunterschied hier nicht verkannt zu werden. $Der tiefststehende
-Mann steht noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe$; und
-doch hat niemand das Recht, selbst das tiefststehende Weib irgendwie
-zu schmälern oder zu unterdrücken. Durch die völlige _Berechtigung_ des
-Anspruches auf Gleichheit vor jedem Gesetze wird kein gründlicherer
-Menschenkenner in der Überzeugung sich beirren lassen, daß zwischen
-den Geschlechtern die denkbar polarste Gegensätzlichkeit besteht. Was
-für seichte Psychologen (um von dem menschenkundigen Tiefblick der
-sozialistischen Theoretiker zu schweigen) die Materialisten, Empiristen
-und Positivisten sind, kann man abermals hieraus entnehmen, daß gerade
-aus ihren Kreisen vorzugsweise die Männer gekommen sind und auch jetzt
-noch aus ihnen sich rekrutieren, welche für die ursprünglich _angeborne
-psychologische Gleichheit_ zwischen Mann und Weib eintreten.
-
-Aber auch vor der Verwechslung meines Standpunktes in der Beurteilung
-des Weibes mit den hausbackenen, und nur als tapfere Reaktion gegen
-die Massenströmung erfreulichen Ansichten von P. J. _Moebius_ bin ich
-hoffentlich gefeit. Das Weib ist nicht »physiologisch schwachsinnig«;
-und ich kann auch die Auffassung nicht teilen, welche in Frauen mit
-hervorragenderen Leistungen Entartungserscheinungen erblickt. Von einem
-_moralischen_ Aussichtspunkte kann man diese Frauen, da sie stets
-männlicher sind als die anderen, nur freudig begrüßen, und müßte bei
-ihnen eher das Gegenteil einer Entartung, nämlich einen Fortschritt
-und eine Überwindung, zugeben; in _biologischer_ Hinsicht sind sie
-ebensowenig oder ebensosehr ein Degenerationsphänomen als der weibliche
-Mann ein solches darstellt (wenn man ihn nicht ethisch wertet). Die
-sexuellen Zwischenformen sind aber in der ganzen Reihe der Organismen
-durchaus die normale und nicht eine pathologische Erscheinung, und ihr
-Auftreten also noch kein Beweis körperlicher Décadence.
-
-Das Weib ist weder tiefsinnig noch hochsinnig, weder scharfsinnig noch
-geradsinnig, es ist vielmehr von alledem das gerade Gegenteil; es
-ist, so weit wir bisher sehen, überhaupt nicht »sinnig«: es ist als
-Ganzes _Un_-sinn, _un_-sinnig. Aber das ist noch nicht _schwach_sinnig,
-nach dem Begriffe, den man in deutscher Sprache damit verbindet: dem
-Begriffe des Mangels an der einfachsten praktischen Orientierung im
-gewöhnlichen Leben. Gerade Schlauheit, _Berechnung_, »_Gescheitheit_«
-besitzt W viel regelmäßiger und konstanter als M, sobald es auf die
-Erreichung naheliegender egoistischer Zwecke ankommt. Ein Weib ist nie
-so dumm, wie es der Mann zuweilen sein kann.
-
-Hat nun das Weib gar keine Bedeutung? Verfolgt es wirklich keinen
-allgemeineren Zweck? Hat es nicht doch eine Bestimmung, und liegt ihm
-nicht, trotz all seiner Unsinnigkeit und Nichtigkeit, eine bestimmte
-Absicht im Weltganzen zu Grunde? _Dient es einer Mission, oder ist sein
-Dasein ein Zufall und eine Lächerlichkeit?_
-
-Um hinter diesen Sinn zu kommen, muß von einem Phänomen ausgegangen
-werden, das, so alt und so bekannt es ist, noch nirgends und niemals
-einer Beachtung oder gar Würdigung wert befunden wurde. _Es ist kein
-anderes als das Phänomen der $Kuppelei$, welches den eigentlichen, den
-tiefsten Einblick in die Natur des Weibes gestattet._
-
-Seine Analyse ergibt zunächst das Moment der _Herbeiführung_ und
-_Begünstigung_ des Sichfindens zweier Menschen, die eine sexuelle
-Vereinigung, sei es in Form der Heirat oder nicht, einzugehen in der
-Lage sind. Dieses Bestreben, zwischen zwei Menschen etwas zustande zu
-bringen, _hat jede Frau ausnahmslos schon in frühester Kindheit_: ganz
-kleine Mädchen leisten bereits, und zwar selbst dem Liebhaber ihrer
-älteren Schwestern, Mittlerdienste. Und wenn der Trieb zu kuppeln auch
-erst dann deutlicher zum Vorschein kommen kann, wenn das weibliche
-Einzelindividuum sich selbst untergebracht hat, d. h. nach seiner
-eigenen Versorgung durch die Heirat: so ist er doch die ganze Zeit
-über zwischen der Pubertät und der Hochzeit ebenso vorhanden; nur
-wirken ihm der _Neid_ auf die Konkurrentinnen, und die _Angst_ vor den
-größeren Chancen derselben im Kampf um den Mann so lang entgegen, bis
-die Frau selbst ihren Gemahl sich glücklich erobert, oder ihr Geld,
-die Beziehungen, in welche er nun zu ihrer Familie tritt u. s. w., ihn
-gekirrt und geködert haben. Dies ist der einzige Grund, aus welchem
-die Frauen erst in der Ehe mit vollem Eifer daran gehen, die Töchter
-und Söhne ihrer Bekannten unter die Haube zu bringen. Und wie sehr
-nun erst das alte Weib kuppelt, bei dem die Sorge für die eigene
-sexuelle Befriedigung gänzlich in Wegfall gekommen ist, das ist so
-allgemein bekannt, daß man, sehr mit Unrecht, das alte Weib _allein_
-zur eigentlichen Kupplerin gestempelt hat.
-
-Nicht nur Frauen, auch Männer werden sehr gerne in den Ehestand zu
-bringen gesucht, auch von ihren eigenen Müttern, ja gerade von diesen
-mit besonderer Lebhaftigkeit und Zähigkeit. Ganz ohne Rücksicht auf
-die individuelle Eigenart des Sohnes ist es der Wunsch und die Sucht
-jeder Mutter, ihren Sohn verheiratet zu sehen: ein Bedürfnis, in dem
-man geblendet genug war, etwas Höheres, wieder jene Mutterliebe zu
-erblicken, von welcher das vorige Kapitel nur eine so geringe Meinung
-gewinnen konnte. Es ist möglich, daß viele Mütter, sei der Sohn auch
-gar nicht für die Ehe geschaffen, von vornherein überzeugt sind, ihm
-durch sie erst zum bleibenden Glück zu verhelfen; aber sicher fehlt
-sehr vielen selbst dieser Glaube, und jedenfalls spielt allerwärts
-und immer als _stärkstes_ Motiv der Kuppel_trieb_, die gefühlsmäßige
-Abneigung gegen das Junggesellentum des Mannes, mit.
-
-Man sieht bereits hier, daß die Frauen _einem rein instinktiven Drange,
-der in sie gelegt ist, folgen_, auch wenn sie _ihre Töchter_ zu
-verheiraten suchen. Nicht aus logischen, und nur zum kleinsten Teile
-aus materiellen Erwägungen entspringen die unendlichen Bemühungen,
-welche die Mütter zu diesem Zwecke unternehmen, sie geschehen nicht
-aus Entgegenkommen gegen geäußerte oder unausgesprochene Wünsche
-der Tochter (denen sie in der speziellen Wahl des Mannes sogar oft
-zuwiderlaufen); und es kann, da die Kuppelei ganz allgemein auf alle
-Menschen sich erstreckt und nie auf die eigene Tochter sich beschränkt,
-hier am wenigsten von einer »altruistischen«, »moralischen« Handlung
-der _mütterlichen_ Liebe die Rede sein; obwohl sicherlich die meisten
-Frauen, wenn jemand ihr kupplerisches Gebaren ihnen vorhielte, zur
-Antwort geben würden: es sei ihre Pflicht, beizeiten an die Zukunft
-ihres teueren Kindes zu denken.
-
-_Eine Mutter verheiratet ihre eigene Tochter nicht anders, als sie
-jedem anderen Mädchen zum Manne gern verhilft_, wenn nur jene Aufgabe
-innerhalb der Familie zuvor gelöst ist: _es ist ganz dasselbe, Kuppelei
-hier wie dort, die Verkuppelung der eigenen Tochter unterscheidet sich
-psychologisch in nichts von der Verkuppelung der fremden_.
-
-Wie schon öfter das Verhalten des einen Geschlechtes zu gewissen Zügen
-des anderen als ein brauchbares Kriterium dafür verwendet werden
-konnte, welche Eigentümlichkeiten des Charakters ausschließlich auf
-eines beschränkt sind und welche auch dem anderen zukommen[60], so
-kann, während bisher stets das Weib Zeuge sein mußte, daß gewisse,
-ihm von vielen so gerne zugesprochene Eigenschaften ausschließlich
-dem Manne angehören, hier einmal durch sein Verhalten der Mann
-dokumentieren, wie die Kuppelei echt weiblich und ausschließlich
-weiblich ist: die Ausnahmen betreffen entweder _sehr_ weibliche Männer
-oder einen Fall, der noch ausführlich wird besprochen werden[61].
-Jeder wahre Mann nämlich wendet sich vom heiratsvermittelnden Treiben
-der Frauen, selbst wenn es sich um seine eigene Tochter handelt, und
-er diese gerne versorgt sehen möchte, mit Widerwillen und Verachtung
-ab und überläßt die Kuppelsorgen überhaupt dem Weibe als sein Fach.
-Zugleich sieht man hier am klarsten, wie auf den _Mann_ gar nicht die
-_wahren psychischen_ Sexualcharaktere des Weibes attraktiv wirken, wie
-sie ihn vielmehr abstoßen, wo sie ihm bewußt werden: indes die rein
-männlichen Eigenschaften _an sich_, und wie sie wirklich sind, das
-_Weib_ anzuziehen _genügen_, muß der Mann das Weib erst umformen, ehe
-er es lieben kann.
-
-Die Kuppelei reicht aber bedeutend tiefer und durchdringt das Wesen
-des Weibes in viel weiterer Ausdehnung, als jemand nach diesen
-Beispielen, die nur den Umfang des Sprachgebrauches erschöpfen,
-glauben könnte. Ich will zunächst darauf hinweisen, wie die Frauen
-im Theater sitzen: stets mit der Erwartung, _ob_ die zwei, _wie_ die
-zwei Liebesleute »sich kriegen« werden. _Auch dies ist nichts anderes
-als Kuppelei_, und um kein Haar von ihr psychologisch verschieden:
-_es ist das Herbeiwünschen des Zusammenkommens von Mann und Weib, wo
-auch immer_. Aber das geht noch weiter: _auch die Lektüre sinnlicher
-oder obscöner Dichtungen oder Romane, die ungeheuere Spannung auf
-den Moment des Koitus, mit welcher die Frauen lesen, ist nichts, gar
-nichts als Verkuppelung der beiden Personen des Buches_, tonische
-Excitation durch den Gedanken der Kopulation und positive Wertung
-der sexuellen Vereinigung. Man halte das nicht für eine logische und
-formale Analogisierung, man versuche nachzufühlen, wie für die Frau
-psychologisch beides _dasselbe $ist$_. Die Erregung der Mutter am
-Hochzeitstage der Tochter ist keine andere als die der Leserin von
-_Prévost_, oder von _Sudermanns_ »Katzensteg«. Es kommt zwar auch
-vor, daß Männer solche Romane zu Detumeszenzzwecken gerne lesen,
-aber das ist etwas prinzipiell von der weiblichen Art der Lektüre
-_Verschiedenes_, es geht auf die lebhaftere Imagination des Sexualaktes
-und verfolgt nicht krampfhaft von Anbeginn jede Verringerung der
-Entfernung zwischen den beiden Menschen, um die es sich gerade handelt,
-und wächst nicht, wie bei der Frau, kontinuierlich, in Proportion mit
-einer sehr hohen Potenz vom reziproken Werte des Abstandes der Personen
-voneinander. Die atemlose Begünstigung jeder Verringerung der Distanz
-von dem Ziele, die deprimierte Enttäuschung bei jeder Vereitelung der
-sexuellen Befriedigung ist durchaus weiblich und unmännlich; aber sie
-tritt in der Frau ganz unterschiedslos bei jeder Bewegung auf, die
-ihrer Richtung nach zum Geschlechtsakte führen kann, betreffe sie nun
-Personen des Lebens oder der Phantasie.
-
-Hat man denn nie darüber nachgedacht, $warum$ die Frauen so gerne, so
-»selbstlos« andere Frauen mit Männern zusammenbringen? Das Vergnügen,
-welches ihnen hiedurch bereitet wird, _beruht auf einer eigentümlichen
-Erregung durch den Gedanken auch des fremden Koitus_.
-
-Aber die volle Breite der Kuppelei ist auch mit der Ausdehnung auf den
-Hauptgesichtspunkt aller weiblichen Lektüre noch nicht ausgemessen.
-Wo an Sommerabenden in dunklen Gärten, auf den Bänken oder an den
-Mauern Liebespaare eine Zuflucht suchen, dort wird eine Frau, die
-vorübergeht, stets _neugierig_, sie _sieht hin_, indes der Mann,
-der jenen Weg zu gehen gezwungen ist, sich unwillig abwendet, weil
-er die Schamhaftigkeit verletzt fühlt. Desgleichen wenden sich die
-Frauen fast nach jedem Liebespaare, dem sie auf der Gasse begegnen,
-_um_ und verfolgen es mit ihren Blicken. Dieses _Hin_schauen, dieses
-_Sichumdrehen_ ist nicht minder Kuppelei als das bisher unter den
-Begriff Subsumierte. Was man ungern sieht und nicht wünscht, von dem
-wendet man sich weg, und sperrt nicht die Augen nach ihm auf; die
-Frauen sehen darum ein Liebespaar so gern, und überraschen es deshalb
-am liebsten bei Küssen und weitergehenden Liebesbezeigungen, _weil sie
-den Koitus $überhaupt$ (nicht nur für sich) wollen_. _Man beachtet
-nur_, wie schon längst gezeigt wurde, _was irgendwie positiv gewertet
-wird_. Die Frau, die zwei Liebende miteinander sieht, wartet stets auf
-das, was kommen werde, d. h. sie erwartet es, nimmt es voraus, hofft
-es, wünscht es. Ich habe eine längst verheiratete Hausfrau gekannt, die
-ihr Dienstmädchen, das den Liebhaber eingelassen hatte, zuerst lang
-in großer Anteilnahme vor der Tür behorchte, ehe sie hineinging, um
-ihm seine Stellung zu kündigen. Die Frau hatte also den ganzen Vorgang
-_innerlich bejaht_, um dann das Mädchen, in passiver Befolgung der ihr
-überkommenen Schicklichkeitsbegriffe, wenn nicht gar nur aus unbewußter
-Mißgunst, hinauszuwerfen. Ich glaube freilich, daß auch das letztere
-Motiv häufig mitspielt, und zur Verdammung der Betroffenen der Neid,
-der ihr jene Stunden doch nicht allein gönnt, seinen Teil beisteuert.
-
-Der Gedanke des Koitus wird von der Frau stets und in jeder Form,
-in der er sich vollziehen mag, (selbst wenn ihn Tiere ausführen),
-lebhaft ergriffen, und nie zurückgewiesen[62]; sie verneint ihn nicht,
-empfindet keinen Ekel vor dem Ekelhaften des Vorganges, sucht nicht
-sofort lieber an etwas anderes zu denken: sondern die Vorstellung
-ergreift völlig von ihr Besitz und beschäftigt sie unausgesetzt
-weiter, bis sie von anderen Vorstellungen ebenso sexuellen Charakters
-abgelöst wird. Hiemit ist ein großer Teil des vielen so rätselhaft
-scheinenden psychischen Lebens der Frauen sicherlich beschrieben. _Das
-Bedürfnis, selbst koitiert zu werden, ist zwar das heftigste Bedürfnis
-der Frau, aber es ist nur ein $Spezialfall$ ihres tiefsten, $ihres
-einzigen vitalen Interesses, das nach dem Koitus überhaupt geht$; des
-Wunsches, daß möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann immer,
-koitiert werde._
-
-_Dieses_ allgemeinere Bedürfnis richtet sich entweder mehr auf den Akt
-selbst, oder mehr auf das Kind; im ersten Falle ist die Frau Dirne und
-Kupplerin um der bloßen Vorstellung vom Akte willen; im zweiten ist sie
-Mutter, aber nicht nur mit dem Wunsche selbst Mutter zu werden; sondern
-an _jeder_ Ehe, die sie kennt oder zustande bringt, ist, je mehr sie
-der absoluten Mutter sich nähert, desto ausschließlicher ihr Interesse
-auf die Hervorbringung des Kindes gerichtet: die echte Mutter ist auch
-die echte Großmutter (selbst wenn sie Jungfrau geblieben ist; man
-vergleiche Johann _Tesmans_ unübertreffliche »_Tante Jule_« in _Ibsens_
-»_Hedda Gabler_«). Jede ganze _Mutter_ wirkt für die Gattung insgesamt,
-sie ist Mutter der ganzen Menschheit: _jede_ Schwangerschaft wird von
-ihr begrüßt. Die _Dirne_ will die anderen Weiber nicht schwanger,
-sondern bloß _prostituiert_ sehen wie sich selbst.
-
-Wie sogar die Sexualität der Frauen ihrer Kuppelei noch _unter_geordnet
-ist, und eigentlich nur als ein besonderer Fall der ersteren aufgefaßt
-werden darf, das geht sehr deutlich aus ihrem Verhältnis zu den
-verheirateten Männern hervor. Nichts ist den Frauen, da sie sämtlich
-Kupplerinnen sind, so wie der ledige Stand des Mannes zuwider, und
-darum suchen alle ihn zu verheiraten; _ist_ er aber schon Ehemann, so
-verliert er für sie auch dann sehr viel an Interesse, wenn er früher
-ihnen selbst ganz ausnehmend gefallen hat. _Auch_ wenn sie selber
-bereits verheiratet sind, also nicht mehr jeder Mann zunächst unter
-dem Gesichtspunkte der _eigenen_ Versorgung in Betracht kommt, und
-nun, wie man denken sollte, der Ehemann darum nicht mehr geringere
-Beachtung finden müßte als der andere, Ledige, selbst dann, als
-ungetreue Ehefrauen, kokettieren die Weiber kaum mit dem Gatten einer
-anderen; außer wenn sie über diese einen Triumph feiern wollen,
-dadurch, daß sie ihn ihr abspenstig machen. Hiedurch erst ist ganz
-bestätigt, daß es den Frauen nur auf die Verkuppelung ankommt; mit
-_Verheirateten_ wird _darum_ so selten der Ehebruch begangen, _weil
-diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt, bereits genügen_. Die
-Kuppelei ist die allgemeinste Eigenschaft des menschlichen Weibes: der
-Wille zur Schwiegermutter -- ich meine den Willen, Schwiegermutter
-zu werden -- ist noch viel durchgängiger vorhanden als der Wille zur
-Mutterschaft, dessen Intensität und Umfang man gewöhnlich über Gebühr
-hoch veranschlagt.
-
-Man wird den Nachdruck, der hier gerade auf die _Kuppelei_ des Weibes
-gelegt wird, vielleicht doch noch nicht ganz verstehen, die Bedeutung,
-die ihr zugemessen werde, übertrieben, das Pathos der Argumentation
-unmotiviert finden. Man begreife aber, worum es sich handelt. Die
-Kuppelei ist dasjenige Phänomen, welches das Wesen des Weibes am
-weitesten aufschließt, und man muß nicht, wie dies immer geschieht,
-sie nur zur Kenntnis nehmen und gleich zu etwas anderem übergehen,
-sondern sie zu analysieren und zu ergründen trachten. Gewiß ist es
-eine den meisten Menschen geläufige Tatsache, daß »jedes Weib gern
-ein bißchen kuppelt«. _Aber daß gerade hierin und nirgendwo anders
-die Wesenheit des Weibes liegt, darauf kommt es an._ Es läßt sich
--- nach reiflicher Betrachtung der verschiedensten Frauentypen und
-Berücksichtigung noch weiterer spezieller Einteilungen, außer der hier
-bereits durchgeführten, bin ich zu diesem Schlusse gekommen -- _absolut
-nichts anderes als positive allgemein-weibliche Eigenschaft prädizieren
-als die Kuppelei, das ist die Tätigkeit im Dienste der Idee des Koitus
-$überhaupt$_. Jede Begriffsbestimmung der Weiblichkeit, welche deren
-Wesen bloß im Wunsche, selbst koitiert zu werden, suchte, die im echten
-Weibe nichts für echt hielte, als das Bedürfnis vergewaltigt zu werden,
-wäre zu _eng_; jede Definition, die da sagen würde, der Inhalt des
-Weibes sei das Kind oder sei der Mann oder sei beides, bereits zu
-_weit_. Das allgemeinste und eigentlichste Wesen der Frau ist mit der
-_Kuppelei_, d. h. $mit der Mission im Dienste der Idee körperlicher
-Gemeinschaft$, _vollständig_ und _erschöpfend_ bezeichnet. _Jedes Weib
-kuppelt_; und diese Eigenschaft des Weibes, _$Gesandte, Mandatarin des
-Koitusgedankens$ zu sein_, ist auch die _einzige_, welche in _allen_
-Lebensaltern da ist _und selbst das Klimakterium überdauert_: das alte
-Weib verkuppelt weiter, nicht mehr sich, sondern die anderen. Wenn man
-das alte Weib mit Vorliebe als _die_ Kupplerin sich vorgestellt hat, so
-wurde ein Grund hiefür schon angeführt. Der Beruf der greisen Kupplerin
-ist nicht etwas, das _hinzu_kommt, sondern eben dies, was jetzt allein
-_heraustritt_ und _übrig bleibt_ aus den früheren Komplikationen durch
-das eigene Bedürfnis: das reine Wirken im Dienste der unreinen Idee.
-
-Es sei gestattet, hier kurz zu rekapitulieren, was die Untersuchung
-nach und nach an positiven Resultaten über die Sexualität des Weibes
-zutage gefördert hat. Es erwies sich zuerst als ausschließlich, und
-nicht nur in Pausen, sondern kontinuierlich sexuell interessiert; es
-war körperlich und psychisch in seinem ganzen _Wesen_ nichts als eben
-die Sexualität selbst. Es wurde dabei überrascht, daß es sich überall,
-am ganzen Körper und ohne Unterlaß, von allen Dingen ausnahmslos
-_koitiert_ fühlt. Und wie der ganze _Körper_ des Weibes eine Dépendance
-seines _Geschlechtsteiles_ war, so offenbart sich nun die zentrale
-Stellung _der Koitus-Idee_ in seinem _Denken_. _Der Koitus ist das
-einzige, allerwärts und immer, von der Frau ausschließlich $positiv$
-Bewertete; die Frau ist die Trägerin des Gemeinschaftsgedankens
-überhaupt._ Die weibliche Höchstwertung des Koitus ist nicht auf
-ein Individuum, auch nicht auf das wertende Individuum, beschränkt,
-sie bezieht sich auf Wesen _überhaupt_, sie ist nicht individuell,
-sondern _inter_individuell, _über_individuell, sie ist sozusagen --
-man sehe mir die Entweihung des Wortes einstweilen nach -- _$die
-transcendentale$ Funktion des Weibes_. _Denn wenn Weiblichkeit
-Kuppelei ist, so ist Weiblichkeit $universelle Sexualität$. Der Koitus
-ist der höchste Wert der Frau, ihn sucht sie immer und überall zu
-verwirklichen. $Ihre eigene Sexualität bildet von diesem unbegrenzten
-Wollen nur einen begrenzten Teil.$_ --
-
-Der männlichen Höchststellung der Schuldlosigkeit und Reinheit aber,
-deren Erscheinung jene höhere Virginität wäre, welche der Mann
-aus erotischem Bedürfnis von der Frau wünscht und fordert, diesem
-nur _männlichen_ Ideale der Keuschheit ist jenes Streben der Frau
-nach Realisierung der Gemeinschaft so polar entgegengesetzt, daß
-es unbedingt als ihre eigentliche Natur sogar durch den dichtesten
-Weihrauch der erotischen Illusion hindurch vom Mann hätte erkannt
-werden müssen, wenn nicht _noch_ ein Faktor durch sein Dazwischentreten
-diese Klärung regelmäßig verhindert hätte. Diesen Umstand, der
-sich immer wieder einschiebt, um der Einsicht des Mannes in das
-allgemeine und eigentliche Wesen der Weiblichkeit entgegenzuwirken,
-dieses komplizierteste Problem des Weibes, seine abgründlich tiefe
-_Verlogenheit_, gilt es nun aufzuhellen. So schwierig und so gewagt das
-Unternehmen ist, es muß schließlich zu jener letzten Wurzel führen,
-_aus der wir sowohl die Kuppelei_ (im weitesten Sinne, in dem die
-eigene Geschlechtlichkeit nur ihr hervorstechendster Spezialfall ist)
-_als auch diese Verlogenheit_, welche die Begierde nach dem Sexualakt
-immerfort -- vor den Blicken des Weibes selbst! -- _verhüllt_, _beide_
-unter dem Lichte _eines_ letzten Prinzipes klar werden emporsprießen
-sehen.
-
- * * * * *
-
-Alles nämlich, was vielleicht schon wie ein sicherer Gewinn erschienen
-ist, findet sich nun nochmals in Frage gestellt. Den Frauen wurde keine
-Selbstbeobachtung eingeräumt: es gibt aber sicherlich Weiber, die sehr
-scharf vieles beobachten, was in ihnen vorgeht. Die Wahrheitsliebe
-wurde ihnen abgesprochen; und doch kennt man Frauen, die es auf das
-peinlichste vermeiden, eine Unwahrheit zu sagen. Das Schuldbewußtsein
-sei ihnen fremd, wurde behauptet, obwohl Frauen existieren, die sich
-selbst wegen geringfügiger Dinge die heftigsten Vorwürfe zu machen
-pflegen, obwohl man von Büßerinnen und ihren Körper kasteienden
-Weibern sichere Nachricht hat. Das Schamgefühl wurde nur dem Manne
-belassen: aber muß nicht das Wort von der weiblichen Schamhaftigkeit,
-von jener Scham, die nach _Hamerling_ sogar _nur_ das Weib kennt,
-in der Erfahrung irgend eine Grundlage haben, die es ermöglichte,
-ja begünstigte, daß die Dinge so gedeutet würden? Und weiter:
-Religiosität könnte dem Weibe fehlen trotz allen »religieuses«? Strenge
-Sittenreinheit bei ihm ausgeschlossen sein, aller tugendhaften Frauen
-ungeachtet, von denen Lied und Geschichte melden? Bloß sexuell sollte
-das Weib sein, die Sexualität allein bei ihm Anwert finden, wo es doch
-mannigfach bekannt ist, daß Frauen wegen der geringsten Anspielung
-auf sexuelle Dinge empört sein können, sich, statt zu kuppeln, oft
-erbittert und angeekelt wegwenden von jedem Orte der Unzucht, ja nicht
-selten den Koitus auch für ihre Person verabscheuen und ihm viel
-gleichgültiger gegenüberstehen als irgend ein Mann?
-
-Es ist wohl offenbar, daß es sich in all diesen Antinomien um eine
-und dieselbe Frage handelt, von deren Beantwortung die letzte und
-endgültige Entscheidung über das Weib abhängt. Es ist klar, daß, wenn
-auch nur _ein einziges_ sehr weibliches Wesen _innerlich asexuell_
-wäre, oder in einem wahrhaften Verhältnis zur Idee sittlichen
-Eigenwertes stünde, $alles$, was hier von den Frauen gesagt wurde,
-seine Allgemeingültigkeit als psychisches Charakteristikum ihres
-Geschlechtes sofort unrettbar verlieren müßte, und somit die _ganze_
-Position des Buches mit einem Schlage vollkommen hinfällig würde. _Jene
-scheinbar widersprechenden Erscheinungen müssen befriedigend erklärt,
-und es muß von ihnen gezeigt werden, daß, was ihnen wirklich zu Grunde
-liegt und so leicht zu Äquivokationen verführt, $derselben$ weiblichen
-Natur entspricht, die bisher überall nachgewiesen werden konnte._
-
-Man muß zunächst an die ungeheuere _Beeinflußbarkeit_, besser, nur
-schlechter zu sprechen, _Beeindruckbarkeit_ der Frauen sich erinnern,
-um zum Verständnis jener trügerischen Widersprüche zu gelangen. Diese
-außerordentliche Zugänglichkeit für Fremdes und die leichte Annahme der
-Ansichten anderer ist in diesem Buche bis jetzt noch nicht genügend
-gewürdigt worden. Ganz allgemein schmiegt sich W an M vollständig an,
-wie ein Etui an die Kleinodien in ihm, _seine_ Anschauungen werden
-die _ihren_, seine Lieblingsneigungen teilen sich ihr mit wie seine
-ganz individuellen Antipathien, jedes Wort von ihm ist für sie ein
-_Ereignis_, und zwar um so stärker, je mehr er sexuell auf sie wirkt.
-Diesen Einfluß des Mannes empfindet die Frau nicht als eine Ablenkung
-von der Linie ihrer eigenen Entwicklung, sie erwehrt sich seiner
-nicht als einer fremdartigen Störung, sie sucht sich nicht von ihm zu
-befreien als von einem Eingriff in ihr inneres Leben, _sie schämt sich
-nicht, rezeptiv zu sein_: im Gegenteil, sie fühlt sich nur _glücklich_,
-wenn sie es sein kann, _verlangt_ vom Manne, daß er sie, auch geistig,
-zu rezipieren _zwinge_. Sie schließt sich immer nur gerne an, _und
-ihr Warten auf den Mann ist nur das Warten auf den Augenblick, wo sie
-$vollkommen passiv$ sein könne_.
-
-Aber nicht nur vom »richtigen« Manne (wenn schon von ihm am liebsten),
-auch von Vater und Mutter, Onkeln und Tanten, Brüdern und Schwestern,
-nahen Verwandten und fernen Bekannten _übernehmen_ die Frauen, was
-sie glauben und denken, und sind es froh, wenn in ihnen eine Meinung
-_geschaffen_ wird. Noch die erwachsenen und verheirateten Frauen, nicht
-nur die unreifen Kinder, ahmen einander in allem und jedem, _als ob
-das natürlich wäre_, nach, von einer geschmackvolleren Toilette oder
-Frisur, einer Aufsehen erregenden Körperhaltung angefangen bis auf
-die Geschäfte, in denen sie einkaufen, und die Rezepte, nach welchen
-sie kochen. Auch dieses gegenseitige Kopieren geschieht _ohne_ das
-Gefühl, sich hiedurch etwas zu _vergeben_, wie es wohl sein müßte,
-besäßen sie eine Individualität, die nur rein ihrem eigenen Gesetze zu
-folgen strebt. So setzt sich der theoretische Bestand des weiblichen
-Denkens und Handelns der Hauptsache nach aus Überkommenem und wahllos
-Übernommenem zusammen, das von den Frauen um so eifriger ergriffen und
-um so dogmatischer festgehalten wird, als ein Weib eine Überzeugung
-nie selbsttätig aus objektiver Anschauung der Dinge gewinnt, und also
-auch nie nach geändertem Aspekte frei aufgibt, nie selbst noch über
-seinen Gedanken steht, vielmehr immer nur will, daß ihm eine Meinung
-beigebracht werde, die es dann zähe festhalten könne. Darum sind die
-Frauen am unduldsamsten, wo ein Verstoß gegen sanktionierte Sitten und
-Gebräuche sich ereignet, mögen diese Institutionen welchen Inhaltes
-immer sein. Einen angesichts der Frauenbewegung besonders ergötzlichen
-Fall dieser Art will ich nach Herbert _Spencer_ mitteilen. Wie bei
-vielen Indianerstämmen Nord- und Südamerikas, so gehen auch bei den
-_Dakotas_ die Männer bloß der Jagd und dem Kriege nach und haben alle
-niedrigen und mühevollen Beschäftigungen auf ihre Weiber gewälzt. Von
-der Natürlichkeit und Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens sind die Frauen,
-statt irgend sich unterdrückt zu fühlen, allmählich so durchdrungen
-worden, daß ein Dakota-Weib dem anderen keinen größeren Schimpf antun
-und keine ärgere Kränkung bereiten kann, als diese: »Schändliche Frau
-.... ich habe Deinen Mann Holz in seine Wohnung tragen sehen zum
-Feueranzünden. Wo war seine Frau, daß er genötigt war, sich selbst zum
-Weibe zu machen?«
-
-Diese außerordentliche Bestimmbarkeit des Weibes durch außer ihm
-Liegendes ist im Grunde wesensgleich mit seiner Suggestibilität, die
-weit größer und ausnahmsloser ist als die des Mannes: beides kommt
-damit überein, daß das Weib im Sexualakte und seinen Vorstadien nur
-die passive, nie die aktive Rolle zu spielen wünscht.[63] _Es ist
-die $allgemeine$ Passivität der weiblichen Natur, welche die Frauen
-am Ende auch die männlichen Wertungen, zu welchen sie gar kein
-ursprüngliches Verhältnis haben, acceptieren und übernehmen läßt._
-Diese _Imprägnierbarkeit_ durch die männlichen Anschauungen, diese
-_Durchdringung_ des eigenen Gedankenlebens der Frau mit dem fremden
-Element, diese _verlogene_ Anerkennung der Sittlichkeit, die man gar
-nicht Heuchelei nennen kann, weil nichts _Anti_moralisches durch sie
-verdeckt werden soll, diese Aufnahme und Anwendung eines an und für
-sich ihr ganz _hetero_nomen Gebotes wird, soweit die Frau selbst nicht
-wertet, im allgemeinen leicht und glatt von statten gehen _und den
-täuschendsten Schein höherer Sittlichkeit leicht hervorbringen_.
-Komplikationen können sich erst einstellen, wenn es zur Kollision
-kommt mit der _einzigen eingeborenen_, echten und allgemein-weiblichen
-Wertung, der _Höchstwertung des Koitus_.
-
-Die Bejahung der Gemeinschaft als des höchsten Wertes ist bei der Frau
-eine ganz unbewußte. Denn dieser Bejahung steht nicht wie beim Manne
-ihre Verneinung als die andere Möglichkeit gegenüber, es fehlt hier
-die Zweiheit, die zum Bemerken führen könnte. Kein Weib weiß, oder
-hat noch gewußt, oder auch nur wissen können, was es tut, wenn es
-kuppelt. _Die Weiblichkeit selbst ist ja identisch mit der Kuppelei_,
-und ein Weib müßte aus sich heraustreten können, um zu bemerken, zu
-verstehen, daß es kuppelt. So bleibt das tiefste Wollen des Weibes,
-das, was sein Dasein eigentlich bedeutet, von ihm stets unerkannt.
-Nichts hindert also, daß die männliche negative Wertung der Sexualität
-die positive weibliche vollständig im Bewußtsein des Weibes überdecke.
-_Die Rezeptivität des Weibes geht so weit, daß es das, was es ist --
-das $einzige$, was es wirklich positiv $ist$! -- daß es selbst dies
-verleugnen kann._
-
-Aber die Lüge, die es begeht, wenn es sich das männliche
-gesellschaftliche Urteil über die Sexualität, über Schamlosigkeit, ja
-über die Lüge selbst, _einverleiben_ läßt und den männlichen Maßstab
-aller Handlungen zu dem seinigen macht, diese Lüge ist eine solche,
-die ihm nie bewußt wird, _es erhält eine zweite Natur, ohne auch nur
-zu ahnen, daß es seine echte nicht ist_, es nimmt sich ernst, glaubt
-etwas zu sein und zu glauben, ist überzeugt von der Aufrichtigkeit und
-Ursprünglichkeit seines moralischen Gebarens und Urteilens: _so tief
-sitzt die Lüge, $die organische$_, ich möchte, wenn es gestattet wäre,
-am liebsten sagen: _$die ontologische$ Verlogenheit des Weibes_.
-
-_Wolfram von Eschenbach_ erzählt von seinem Helden:
-
- »... So keusch und rein
- Ruht' er bei seiner Königin,
- Daß kein Genügen fänd' darin
- So manches Weib beim lieben Mann.
- Daß doch so manche in Gedanken
- Zur Üppigkeit will überschwanken,
- Die sonst sich spröde zeigen kann!
- Vor Fremden züchtig sie erscheinen,
- _Doch ist des Herzens tiefstes Meinen
- Das Widerspiel vom äußern Schein_.«
-
-Was das tiefste Meinen des weiblichen Herzens ist, das hat _Wolfram_
-klar genug angedeutet. Aber er sagt nicht alles. Nicht nur die Fremden,
-_auch sich selbst_ belügen die Frauen in diesem Punkte. Man kann aber
-seine Natur, sei es auch die physische, nicht unterdrücken ohne Folgen.
-Die hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur
-des Weibes ist die _Hysterie_.
-
-Von allen Neurosen und Psychosen stellen die _hysterischen_
-Erscheinungen dem Psychologen beinahe die reizvollste Aufgabe; eine
-weit schwierigere und darum verlockendere als eine verhältnismäßig
-leicht nachzulebende _Melancholie_, oder eine simple _Paranoia_.
-
-Zwar haben gegen psychologische Analysen fast alle Psychiater ein
-nicht zu beseitigendes Mißtrauen; jede Erklärung durch pathologisch
-veränderte Gewebe oder durch Intoxikationen auf nutritivem Wege ist
-ihnen a limine glaubhaft, nur dem Psychischen mögen sie keine primäre
-Wirksamkeit zuerkennen. Da aber nie noch ein Beweis dafür erbracht
-worden ist, daß dem Psychischen eher als dem Physischen die sekundäre
-Rolle zufallen müsse -- alle Hinweise auf die »Erhaltung der Energie«
-sind von den berufensten Physikern selbst desavouiert worden -- so
-kann man billig über dieses Vorurteil hinweggehen. Auf die Bloßlegung
-des »psychischen Mechanismus« der Hysterie kann unendlich viel, ja --
-nichts spricht dagegen[64] -- möglicherweise _alles_ ankommen. Daß
-höchstwahrscheinlich dieser Weg der richtige ist, darauf weist auch
-hin, daß die wenigen bisherigen wahren Aufschlüsse über die Hysterie
-nicht anders gewonnen wurden: ich meine die mit den Namen _Pierre
-Janet_ und _Oskar Vogt_, und besonders J. _Breuer_ und S. _Freud_
-verknüpften Forschungen. Jede weitere Aufklärung über die Hysterie ist
-in der Richtung zu suchen, welche diese Männer eingeschlagen haben: in
-der Richtung auf die Rekonstruktion des _psychologischen_ Prozesses,
-welcher zur Krankheit geführt hat.
-
-Schematisch hat man sich, wie ich glaube, die Entstehung derselben,
-unter Annahme eines _sexuellen_ »traumatischen« Erlebnisses als des
-häufigsten (nach _Freud alleinigen_) Anlasses zur Erkrankung, so
-vorzustellen: eine Frau, die irgend eine sexuelle Wahrnehmung oder
-Vorstellung gehabt, diese durch ursprüngliche oder Rückbeziehung
-auf sich selbst _verstanden_ hat, und diese nun, vermöge der
-ihr aufgedrungenen und von ihr gänzlich übernommenen, _in sie
-über_gegangenen und ihr _waches Bewußtsein_ allein beherrschenden
-männlichen Wertung _als ganze zurückweist, über sie empört, unglücklich
-ist -- und sie gleichzeitig vermöge ihrer Beschaffenheit als Weib
-positiv wertet, bejaht, wünscht in ihrem tiefsten Unbewußten_; in
-der dann dieser Konflikt weiter schwärt, gärt und zu Zeiten in einem
-Anfall aufbraust: eine solche Frau gewährt das mehr oder minder typisch
-gewordene Krankheitsbild der Hysterie. So erklärt sich die Empfindung
-des von der Person, wie sie _glaubt_, verabscheuten, tatsächlich aber
-doch von etwas in ihr, von der ursprünglichen Natur, _gewollten_
-Sexualaktes als eines »_Fremdkörpers im Bewußtsein_«. _Die kolossale
-Intensität des durch jeden Versuch zu seiner Unterdrückung nur
-gesteigerten Wunsches, die um so heftigere, beleidigtere Zurückweisung
-des Gedankens_ -- dies ist das Wechselspiel, das sich in der Hysterika
-vollzieht. Denn die _chronische_ Verlogenheit des Weibes wird _akut_,
-wenn sie auf den _Hauptpunkt_ sich erstreckt, wenn die Frau sich
-auch die ethisch-negative Bewertung der Sexualität vom Manne noch
-hat einverleiben lassen. Und daß die Hysterischen die _stärkste
-Suggestibilität_ dem Manne gegenüber offenbaren, ist ja bekannt.
-$Hysterie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des
-Weibes.$ Ich leugne nicht, daß es auch, wenngleich _relativ_ nur recht
-_selten_, hysterische _Männer_ gibt: denn _eine_ unter den unendlich
-vielen Möglichkeiten, die psychisch im Manne liegen, ist es, zum
-Weibe und damit, gegebenenfalls, auch _hysterisch_ zu werden. Es gibt
-freilich auch verlogene _Männer_; aber da verläuft die Krisis anders
-(wie auch ihre Verlogenheit stets eine andere, nie eine so völlig
-_hoffnungslose_ ist): sie führt zur, obschon oft nur vorübergehenden,
-_Läuterung_.
-
-Diese Einsicht in die organische Verlogenheit des Weibes, in seine
-Unfähigkeit zur Wahrheit über sich selbst, die allein ermöglicht, daß
-es in einer Weise denke, die ihm gar nicht entspricht, scheint mir
-eine im Prinzip befriedigende Auflösung jener Schwierigkeiten, welche
-die Ätiologie der Hysterie darbietet. Wäre die Tugend des Weibes echt,
-so könnte es durch sie nicht leiden; es büßt nur die _Lüge_ gegen die
-eigene, in Wirklichkeit ungeschwächte Konstitution. Im einzelnen bedarf
-nun noch manches der Erläuterung und der Belege.
-
-Die Hysterie zeigt, daß die Verlogenheit, so tief sie hinabreicht, doch
-nicht so fest sitzt, um _alles_ zu verdrängen. Das Weib hat ein ganzes
-System von ihm fremden Vorstellungen und Wertungen durch Erziehung
-oder Verkehr sich zu eigen gemacht, oder vielmehr: ihnen gehorsam alle
-Einflußnahme auf sich gestattet; und es bedarf eines ganz gewaltigen
-Anstoßes, um diesen großen, fest in sie eingewachsenen psychischen
-Komplex aus dem Sattel zu heben, und so das Weib in jenen Zustand
-intellektueller Hilflosigkeit, jener »Abulie« zu versetzen, welche für
-die Hysterie so kennzeichnend ist. Ein außerordentlicher _Schreck_ etwa
-vermag den künstlichen Bau umzuwerfen und die Frau nun zum Schauplatz
-des Kampfes einer ihr unbewußten, verdrängten _Natur_ mit einem zwar
-bewußten, aber ihr unnatürlichen _Geiste_ zu machen. Das Hin- und
-Hergeworfenwerden zwischen beiden, welches nun anhebt, erklärt die
-außergewöhnliche psychische Diskontinuität während des hysterischen
-Leidens, das fortwährende Wechseln verschiedener Stimmungen, von denen
-keine durch einen, ihnen allen noch übergeordneten Bewußtseinskern
-ergriffen und festgehalten, beobachtet und beschrieben, erkannt
-und bekämpft werden kann. Auch hängt hiemit das überleichte
-Zusammenschrecken der Hysterischen zusammen. Doch läßt sich vermuten,
-daß viele Anlässe, auch wenn sie dem geschlechtlichen Gebiete
-_objektiv_ noch so fern liegen, von ihnen sexuell mögen apperzipiert
-werden; wer aber vermöchte dann zu sagen, _womit_ das schreckhafte
-äußere Erlebnis von scheinbar ganz _a_sexueller Natur _in ihnen_ sich
-wieder verknüpft hat?
-
-Höchst wunderbar ist immer das Zusammensein so vieler Widersprüche in
-den Hysterischen erschienen. Sie sind einerseits von eminent kritischem
-Verstande und großer Urteilssicherheit, sträuben sich gegen die Hypnose
-u. s. w., u. s. w., anderseits durch die geringfügigsten Anlässe am
-stärksten excitierbar, und die tiefsten Grade hypnotischen Schlafes bei
-ihnen erreichbar. Sie sind, von da gesehen, abnorm keusch, von dort aus
-betrachtet, enorm sinnlich.
-
-All das ist hienach nicht schwer mehr zu erklären. Die gründliche
-Rechtschaffenheit, die peinliche Wahrheitsliebe, das strenge Meiden
-alles Sexuellen, das besonnene Urteil und die Willensstärke -- _all
-dies ist nur ein Teil jener Pseudopersönlichkeit_, welche die Frau
-_in ihrer Passivität vor sich und aller Welt zu spielen übernommen
-hat_. Alles, was ihrer _ursprünglichen_ Beschaffenheit angehört und in
-deren Sinn liegt, bildet jene »abgespaltene Person«, jene »unbewußte
-Psyche«, die _gleichzeitig_ in Obscönitäten sich ergehen kann und
-der suggestiven Beeinflussung so zugänglich ist. Man hat in den als
-»duplex« und »multiplex personality«, als »double conscience«, als
-»Doppel-Ich« benannten Tatsachen eines der stärksten Argumente gegen
-die Annahme der _einen_ Seele erblicken wollen. In Wirklichkeit
-sind gerade diese Phänomene der bedeutsamste Fingerzeig dafür,
-_daß_ und _wo_ man von einer Seele reden darf. _Die »Spaltungen der
-Persönlichkeit« sind eben nur dort möglich, wo von Anfang an keine
-Persönlichkeit da ist, wie beim Weibe._ _All_ jene berühmten Fälle,
-die _Janet_ in seinem Buche »L'Automatisme psychologique« beschrieben
-hat, _beziehen sich auf Frauen_, kein einziger auf einen Mann. Nur die
-Frau, die, ohne Seele, ohne ein intelligibles Ich, nicht Kraft hat,
-alles in ihr Enthaltene bewußt zu machen, das Licht der Wahrheit über
-ihrem Innern zu entzünden, kann durch die völlig passive _Durchflößung_
-mit einem fremden Bewußtsein, wie durch die im Sinne ihrer eigenen
-Natur gelegenen Regungen so übertölpelt werden, wie es Voraussetzung
-der von _Janet_ beschriebenen hysterischen Zustände ist, nur bei ihr
-kann es zu derartig dichten Verkleidungen, zum Auftreten der _Hoffnung_
-auf den Koitus als _Angst vor_ dem Akte, zur _inneren Maskierung
-vor sich selbst_ und Einspinnung des wirklichen Wollens wie in eine
-undurchdringliche Kokonhülle kommen. Die Hysterie selbst ist der
-Bankerott des aufgeprägten oberflächlichen Schein-Ich; deshalb macht
-sie das Weib zeitweilig innerlich beinahe zur »tabula rasa«: indem auch
-jeder eigene Trieb wie aus ihr hinweggeräumt scheint (»Anorexie«);
-bis dann jene Versuche der wirklichen Weiblichkeit folgen, gegen
-ihre verlogene Verleugnung sich nun endlich durchzusetzen. Wenn
-jener »nervöse Choc«, jenes »psychische Trauma« je wirklich ein
-asexuelles Schrecknis ist, so hat eben dieses die innere Schwäche
-und Unhaltbarkeit des angenommenen Ich dargetan, es verscheucht,
-davongejagt und so die Gelegenheit für den Ausbruch der echten Natur
-geschaffen.
-
-Das _Heraufkommen dieser_ ist jener »Gegenwille« _Freuds_, der wie ein
-fremder empfunden und durch die Zuflucht bei dem alten, nun aber morsch
-und brüchig gewordenen Schein-Ich abgewehrt wird. Denn der »Gegenwille«
-wird zurückzudrängen versucht: früher hat jener äußere _Zwang_, den
-die Hysterika wie eine _Pflicht_ empfand, die eigene Natur unter die
-Bewußtseinsschwelle verwiesen, sie verdammt und in Fesseln gelegt;
-nun sucht sie nochmals vor den befreiten, emporwollenden Gewalten in
-jenes System von Grundsätzen sich zu flüchten und mit seiner Hilfe die
-ungewohnten Anfechtungen abzuschütteln und niederzuschlagen; aber jenes
-hat zumindest seine Alleinherrschaft nun eingebüßt.
-
-_Der »Fremdkörper im Bewußtsein«, das »schlimme Ich« ist in
-Wirklichkeit ihre eigenste weibliche Natur, während, was $sie$ für ihr
-wahres Ich hält, gerade die Person ist, die sie durch das Einströmen
-alles $Fremden$ wurde._ Der »Fremdkörper« ist die _Sexualität_, die
-sie nicht _anerkennt_, deren Zugehörigkeit zu sich sie nicht zugibt;
-die sie aber doch nicht mehr zu _bannen_ vermag wie ehedem, da ihre
-Triebe vor der einwandernden Sittlichkeit sich geräuschlos und wie für
-immer zurückzogen. Zwar mögen sich auch jetzt noch die mit äußerster
-Anspannung unterdrückten Sexualvorstellungen »_konvertieren_« in alle
-möglichen Zustände und so jenen proteusartigen Charakter des Leidens
-hervorbringen, jenes Überspringen von Glied zu Glied, jene alles
-nachahmende und niemals konstante Gestalt, welche die Definition der
-Hysterie nach ihrem Symptomenbilde stets so sehr erschwert hat; aber in
-keiner »Konversion« von allen geht nunmehr der Trieb auf, er verlangt
-nach oben, in keiner Verwandlung findet er mehr seine _Erschöpfung_.
-
-Das _Unvermögen der Frauen zur Wahrheit_ -- für mich, der ich auf dem
-Boden des Kantischen Indeterminismus stehe, folgt es aus ihrem Mangel
-an einem _freien Willen zur Wahrheit_ -- bedingt ihre _Verlogenheit_.
-Wer mit Frauen Umgang hatte, der weiß, wie oft sie, _unter dem
-momentanen Zwang auf eine Frage zu antworten_, ganz beliebig falsche
-Gründe für das, was sie gesagt oder getan haben, aus dem Stegreif
-angeben. Nun ist es richtig, daß gerade die Hysterischen peinlichst
-(aber nie ohne eine gewisse, demonstrative, Absichtlichkeit vor
-Fremden) jeder Unwahrheit aus dem Wege gehen: _aber gerade hierin
-liegt, so paradox es klingt, ihre Verlogenheit_. Denn sie wissen
-nicht, daß ihnen die ganze Wahrheitsforderung von außen gekommen
-und allmählich eingepflanzt worden ist. Sie haben das Postulat der
-Sittlichkeit knechtisch acceptiert und geben darum, dem braven
-Sklaven gleich, bei jeder Gelegenheit zu erkennen, wie getreu sie es
-befolgen. Es ist immer auffällig, wenn man über jemand oft hervorheben
-hört, was für ein ausnehmend anständiger Mensch er sei: er hat dann
-sicherlich dafür gesorgt, daß man es wisse, und man kann wetten, daß er
-insgeheim ein Spitzbube ist. Es kann das Vertrauen zu der Echtheit der
-Moralität der Hysterischen nicht fördern, wenn die Ärzte (natürlich in
-gutem Glauben) so oft betonen, wie hoch ihre Patienten in sittlicher
-Beziehung stünden.
-
-Ich wiederhole: die Hysterischen simulieren nicht bewußt; nur unter dem
-Einfluß der Suggestion kann ihnen klar werden, _daß_ sie tatsächlich
-simuliert haben, und nur so sind alle »Geständnisse« der Verstellung zu
-erklären. _$Sonst$ aber glauben sie an ihre eigene Aufrichtigkeit und
-Moralität_: Auch die Beschwerden, von denen sie gepeinigt werden, sind
-keine eingebildeten; vielmehr liegt darin, _daß_ sie diese wirklich
-fühlen, und daß die Symptome erst mit der _Breuer_schen »Katharsis«
-verschwinden, welche ihnen die wahren Ursachen der Krankheit in
-der Hypnose successive _zum Bewußtsein_ bringt, der _Beweis_ des
-_Organischen_ ihrer Verlogenheit.
-
-Auch die Selbstanklagen, welche die Hysterischen so laut zu erheben
-pflegen, sind nichts als unbewußte Gleisnerei. Ein Schuldgefühl
-kann nicht echt sein, das sich auf kleinste wie auf größte Dinge
-_gleichmäßig_ erstreckt; hätten die hysterischen Selbstquäler das Maß
-der Sittlichkeit in sich und aus sich selbst, so würden sie nicht so
-wahllos in ihren Selbstanklagen sein und nicht die geringfügigste
-Unterlassung schon _gleich_ schwer sich anrechnen wie den größten Fehl.
-
-Das entscheidende Zeichen für die unbewußte _Verlogenheit_ ihrer
-Selbstvorwürfe ist die Art, in der sie anderen zu sagen pflegen, wie
-schlecht sie seien, was für Sünden sie begangen hätten, und jene
-fragen, ob sie selbst (die Hysterischen) nicht ganz und gar verworfene
-Geschöpfe seien. Wessen Gewissensbisse ihn wirklich zu Boden drücken,
-der kann nicht so reden. Es ist eine _Täuschung_, der besonders
-_Breuer_ und _Freud_ zum Opfer gefallen sind, wenn sie gerade die
-Hysteriker als eminent sittliche Menschen hinstellen. Denn diese haben
-nur ein ihnen ursprünglich Fremdes, die Moral, vollständiger von außen
-in sich übergehen lassen als die anderen. Diesem Kodex unterstehen sie
-nun sklavisch, sie prüfen nichts mehr selbsttätig, wägen im einzelnen
-nichts mehr ab. Das kann sehr leicht den Eindruck des sittenstrengsten
-Rigorismus hervorrufen, und ist doch so unsittlich als möglich, denn es
-ist das Höchste, was an _Heteronomie_ überhaupt geleistet werden kann.
-Dem sittlichen Ziele einer _sozialen_ Ethik, für welche die Lüge kaum
-ein Vergehen sein kann, wenn sie der Gesellschaft oder der Entwicklung
-der Gattung nützt, diesem idealen Menschen einer solchen _hetero_nomen
-Moral kommen die Hysterischen vielleicht näher als irgend ein anderes
-Wesen. _Das hysterische Frauenzimmer ist die Probiermamsell der
-Erfolgs- und der Sozialethik_: sowohl genetisch, denn die sittlichen
-Vorschriften sind ihr wirklich von außen gekommen; als auch praktisch,
-denn sie wird am leichtesten altruistisch zu handeln scheinen: für sie
-sind die Pflichten gegen andere nicht ein Sonderfall der Pflicht gegen
-sich selbst.
-
-Je getreuer die Hysterischen an die Wahrheit sich zu halten glauben,
-desto tiefer sitzt ihre Verlogenheit. Ihre völlige Unfähigkeit zur
-eigenen Wahrheit, zur Wahrheit über sich -- die Hysterischen denken nie
-über sich nach und wollen nur, daß der andere über sie nachdenke, sie
-wollen ihn _interessieren_ -- geht daraus hervor, daß die Hysterischen
-die besten Medien für alle Hypnose abgeben. Wer aber sich hypnotisieren
-läßt, der begeht die unsittlichste Handlung, die denkbar ist. Er begibt
-sich in die vollendetste Sklaverei: er verzichtet auf seinen Willen,
-auf sein Bewußtsein, über ihn gewinnt der andere Gewalt und erzeugt in
-ihm das Bewußtsein, das ihm hervorzubringen gutdünkt. So liefert die
-Hypnose den Beweis, wie alle _Möglichkeit_ der Wahrheit vom _Wollen_
-der Wahrheit, d. h. aber vom Wollen seiner selbst, abhängt: wem in
-der Hypnose etwas aufgetragen wird, der führt es im Wachen aus, und
-ersinnt, um seine Gründe gefragt, auf der Stelle ein beliebiges Motiv
-dafür; ja, nicht nur vor anderen, auch vor sich selbst rechtfertigt
-er mit einer ganz aus der Luft gegriffenen Erklärung, weshalb er nun
-so handle. Man hat hier sozusagen eine experimentelle Bestätigung der
-Kantischen Ethik. Wäre der Hypnotisierte bloß ohne Erinnerung, so müßte
-er darüber erschrecken, daß er nicht _wisse_, warum er etwas tue. Aber
-er erfindet sich ohne weiteres ein neues Motiv, das mit dem wahren
-Grunde, aus dem er die Handlung ausführt, gar nichts zu tun hat. Er hat
-eben auf sein Wollen verzichtet, und damit keine Fähigkeit zur Wahrheit
-mehr.
-
-_Alle Frauen nun sind zu hypnotisieren und wollen gerne hypnotisiert
-werden_; am leichtesten, am stärksten die Hysterischen. Selbst das
-Gedächtnis für bestimmte Dinge aus ihrem Leben kann man -- denn das
-Ich, der Wille, _schafft_ das Gedächtnis -- bei Frauen durch die
-einfache Suggestion, daß sie von ihnen nichts mehr wüßten, auslöschen,
-vernichten.
-
-Jenes _Breuer_sche »Abreagieren« der psychischen Konflikte durch
-den hypnotisierten Kranken liefert den zwingenden Beweis, daß sein
-Schuldbewußtsein kein ursprüngliches war. Wer sich einmal aufrichtig
-schuldig gefühlt hat, ist von diesem Gefühle nie so völlig zu befreien,
-wie es die Hysterischen sind, unter dem bloßen Einfluß des fremden
-Wortes.
-
-Aber selbst diese Scheinzurechnung, welche die Frauen von hysterischer
-Konstitution an sich vollziehen, wird hinfällig im Augenblicke, wo
-die Natur, das sexuelle Begehren, sich durchzusetzen droht gegen die
-scheinbare Bändigung. Im hysterischen Paroxysmus geht nichts anderes im
-Weibe vor, als daß es sich, ohne es mehr sich selbst, wie früher, ganz
-zu glauben, fort und fort versichert: das will _ich_ ja gar nicht, das
-will _man_, das will jemand _Fremder_ _von mir_, aber _ich_ will es
-_nicht_. Jede Regung anderer wird nun zu jenem Ansinnen in Beziehung
-gebracht, das an sie, wie sie glaubt, von außen gestellt wurde, aber
-in Wahrheit ihrer eigenen Natur entstammt und deren tiefsten Wünschen
-vollauf entspricht; nur darum sind die Hysterischen im Anfall so
-leicht durch das Geringste aufzubringen. Es handelt sich da immer um
-die letzte verlogene Abwehr der in ungeheuerer Stärke frei werdenden
-Konstitution; die »~Attitudes passionnelles~« der Hysterischen sind
-nichts als diese demonstrative Abweisung des Sexualaktes, die darum so
-laut sein muß, weil sie eben doch unecht ist, und so viel lärmender
-als früher, weil nun die Gefahr größer ist.[65] Daß so oft sexuelle
-Erlebnisse aus der Zeit vor der Pubertät in der akuten Hysterie die
-größte Rolle spielen, ist danach leicht zu verstehen. Auf das Kind
-war der Einfluß der fremden moralischen Anschauungen verhältnismäßig
-leicht auszuüben, ohne einen erheblichen Widerstand in den noch fast
-gänzlich schlummernden sexuellen Wünschen überwinden zu müssen. Nun
-aber greift die bloß zurückgedrängte, nicht überwundene Natur das
-alte, schon damals von ihr, nur ohne die Kraft es bis zum wachen
-Bewußtsein emporzuheben und gegen dieses durchzusetzen, _positiv_
-gewertete Erlebnis _auf_, und stellt es nun erst gänzlich verführerisch
-dar. Jetzt ist das wahre Bedürfnis nicht mehr so leicht vom wachen
-Bewußtsein fernzuhalten wie ehedem, und so ergibt sich die Krise. Daß
-der hysterische Anfall selbst so viele verschiedene Formen zeigen und
-sich fortwährend in ein neues Symptomenbild transmutieren kann, liegt
-vielleicht nur daran, daß der Ursprung des Leidens nicht _erkannt_,
-daß die Tatsache, ein sexuelles Begehren sei da, vom Individuum nicht
-_zugegeben_, nicht als von _ihm_ ausgegangen _ins Auge gefaßt_, sondern
-einem zweiten Ich zugerechnet wird.
-
-Dies aber ist auch der Grundfehler aller ärztlichen Beobachter der
-Hysterie, daß sie sich von den Hysterischen hierin immer ebenso haben
-belügen lassen, wie diese sich allerdings auch selber aufsitzen[66]:
-_nicht das abwehrende Ich, sondern das abgewehrte ist die eigene,
-wahre und ursprüngliche Natur der Hysterischen_, so eifrig diese
-auch sich selbst und anderen vormachen, daß es ein Fremdes sei. Wäre
-das abwehrende Ich wirklich ihr eigenes, so könnten sie der Regung,
-als einer ihnen fremden, _gegenübertreten_, sie _bewußt werten_ und
-klar entschieden _abweisen_, sie gedanklich _festlegen_ und _wieder
-erkennen_. So aber findet eine Maskierung statt, weil das abwehrende
-Ich nur geborgt ist, und darum der Mut fehlt, dem eigenen Wunsche ins
-Auge zu schauen, von dem man eben doch dumpf irgendwie fühlt, daß er
-der echtgeborene, der allein mächtige ist. Darum kann jenes Begehren
-auch nicht identisch bleiben, wo es an einem identischen Subjekte
-fehlt; und da es unterdrückt werden soll, springt es sozusagen über
-von einem Körperteil auf den anderen. Denn die Lüge ist vielgestaltig,
-sie nimmt immer neue Formen an. Man wird diesen Erklärungsversuch
-vielleicht mythologisch finden; aber wenigstens scheint sicher, daß es
-immer nur ein und dasselbe ist, was jetzt als Kontraktur, dann wieder
-plötzlich als Hemianästhesie, und nun gar als Lähmung erscheint. Dieses
-eine ist das, was die Hysterika nicht als zu sich gehörig anerkennen
-will, und unter dessen Gewalt sie _eben damit_ gerät: denn würde sie
-es sich zurechnen und es beurteilen, wie sie alle geringfügigsten
-Dinge sonst sich zugerechnet hat, so würde sie zugleich irgendwie
-außerhalb und oberhalb ihres Erlebnisses stehen. Gerade das Rasen und
-Wüten der Hysterikerinnen gegen etwas, _das sie als fremdes Wollen
-empfinden, obwohl es ihr eigenstes ist_, zeigt, daß sie tatsächlich
-ganz so sklavisch unter der Herrschaft der Sexualität stehen wie
-die nichthysterischen Frauen, genau so von ihrem Schicksal besessen
-sind und nichts haben, was über demselben steht: kein zeitloses,
-intelligibles, _freies_ Ich.
-
-Man wird nun mit Recht noch die Frage aufwerfen, warum nicht alle
-Frauen hysterisch, da doch alle verlogen seien. Es ist dies keine
-andere Frage als die nach der hysterischen Konstitution. Wenn die hier
-entwickelte Theorie das Richtige getroffen hat, so muß sie auch hierauf
-eine Antwort geben können, die mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
-Die hysterische Frau ist nach ihr diejenige, welche in passiver
-Gefügigkeit den Komplex der männlichen und gesellschaftlichen Wertungen
-einfach acceptiert hat, statt ihrer sinnlichen Natur möglichsten Lauf
-lassen zu wollen. _Die nicht folgsame Frau wird also das Gegenteil
-der Hysterika sein._ Ich will hiebei nicht lange verweilen, weil es
-eigentlich in die spezielle weibliche Charakterologie gehört. Das
-hysterische Weib wird hysterisch als eine Folge seiner Knechtsamkeit,
-es ist identisch mit dem geistigen Typus der _Magd_; ihr Gegenteil, die
-absolut unhysterische Frau (welche, als eine Idee, es in der Erfahrung
-nicht gibt), wäre die absolute _Megäre_. Denn auch dies ist ein
-Einteilungsgrund aller Frauen. Die Magd dient, die Megäre herrscht.[67]
-Zum Dienstmädchen kann und muß man geboren sein, und eignet sich sehr
-wohl manche Frau, die reich genug ist, um nie den Stand derselben
-ergreifen zu müssen. Und Magd und Megäre stehen immer in einem gewissen
-Ergänzungsverhältnis.[68]
-
-Die Folgerung aus der Theorie wird nun von der Erfahrung vollauf
-bestätigt. Die Xanthippe ist jene Frau, welche in der Tat am wenigsten
-Ähnlichkeit mit der Hysterika hat. Sie läßt ihre Wut (die wohl auch
-nur auf mangelhafte sexuelle Befriedigung zurückgeht) an anderen, die
-hysterische Sklavin an sich selbst aus. Die Megäre »haßt« die anderen,
-die Magd »haßt« »sich«. Alles, was die Megäre drückt, bekommt der
-Nebenmensch zu spüren; sie weint ebenso leicht wie die Magd, aber
-sie weint stets andere an. Die Sklavin schluchzt auch allein, ohne
-_freilich je einsam zu sein_ -- Einsamkeit wäre ja mit Sittlichkeit
-identisch und Bedingung jeder wahren Zweisamkeit und Mehrsamkeit; die
-Megäre verträgt das Alleinsein nicht, sie muß ihren Zorn an jemand
-außer sich auslassen, indes die Hysterische sich selbst verfolgt. Die
-Megäre lügt offen und frech, aber ohne es zu wissen, weil sie von Natur
-_immer_ im Rechte zu sein glaubt; so beschimpft sie noch den anderen,
-der ihr widerspricht. Die Magd hält sich gehorsam an die ihr von Natur
-ebenso fremde Wahrheitsforderung; die _Verlogenheit_ dieser fügsamen
-Ergebung kommt in ihrer Hysterie zum Vorschein: dann nämlich, wenn
-der Konflikt mit ihren eigenen sexuellen Wünschen da ist. Um dieser
-Rezeption und allgemeinen Empfänglichkeit willen mußte die Hysterie
-und das hysterische Frauenzimmer so eingehend besprochen werden:
-dieser Typus, nicht die Megäre, ist es, der mir zuletzt noch hätte
-entgegengehalten werden können.[69]
-
-Verlogenheit, organische Verlogenheit, charakterisiert aber beide und
-somit sämtliche Frauen. Es ist ganz unrichtig, wenn man sagt, daß die
-Weiber _lügen_. Das würde voraussetzen, daß sie auch manchesmal die
-Wahrheit sagen. Als ob _Aufrichtigkeit_, pro foro interno et externo,
-nicht gerade die Tugend wäre, deren die Frauen _absolut unfähig_ sind,
-die ihnen _völlig unmöglich_ ist! Es handelt sich darum, daß man
-einsehe, _wie eine Frau in ihrem ganzen Leben $nie$ wahr $ist$, selbst,
-ja $gerade$ dann nicht, wenn sie, wie die Hysterische, sich sklavisch
-an die für sie $hetero$nome Wahrheitsforderung hält und so $äußerlich$
-doch die Wahrheit $sagt$_.
-
-Ein Weib kann beliebig lachen, weinen, erröten, ja es kann schlecht
-aussehen auf Verlangen: die Megäre, wann sie, irgend einem Zweck
-zuliebe, es will; die Magd, wann der äußere Zwang es verlangt, der sie,
-ohne daß sie es weiß, beherrscht. Zu solcher Verlogenheit fehlen dem
-Manne offenbar auch die organischen, physiologischen Bedingungen.
-
-_Ist so die $Wahrheitsliebe$ dieses Frauentypus $nur als die ihm
-eigentümliche Form der Verlogenheit$ entlarvt_, so ist von den
-anderen Eigenschaften, die an ihm gerühmt werden, von Anfang an zu
-erwarten, daß es nicht besser mit ihnen werde bestellt sein. Seine
-Schamhaftigkeit, seine Selbstbeobachtung, seine Religiosität werden
-rühmend hervorgehoben. Die weibliche Schamhaftigkeit ist aber nichts
-anderes als Prüderie, d. h. eine demonstrative Verleugnung und Abwehr
-der _eigenen_ Unkeuschheit. Wo irgend bei einem Weibe das wahrgenommen
-wird, was man als Schamhaftigkeit deutet, dort ist auch schon, im genau
-entsprechenden Maße, Hysterie vorhanden. Die ganz unhysterische, die
-gänzlich unbeeinflußbare Frau, d. i. die absolute Megäre, wird nicht
-erröten, auch wenn ihr der Mann etwas noch so Berechtigtes vorwirft;
-ein Anfang von Hysterie ist da, wenn das Weib unter dem unmittelbaren
-Eindruck des männlichen Tadels errötet; vollkommen hysterisch aber ist
-es erst, sobald es auch dann errötet, wenn es allein, und wenn kein
-fremder Mensch anwesend ist: denn dann erst ist es vom anderen, von der
-männlichen Wertung, _$vollständig$ imprägniert_.
-
-Frauen, die dem nahe kommen, was man sexuelle Anästhesie oder
-Frigidität genannt hat, sind, wie ich, in Übereinstimmung mit Paul
-_Solliers_ Befunden, hervorheben kann, stets Hysterikerinnen. Die
-sexuelle Anästhesie ist eben nur _eine_ von den vielen hysterischen,
-d. h. unwahren, verlogenen Anästhesien. Es ist ja, besonders durch die
-Experimente von Oskar _Vogt_, bekannt, daß solche Anästhesien keinen
-wirklichen Mangel der Empfindung bedeuten, sondern nur einen Zwang,
-der gewisse Empfindungen vom Bewußtsein fernhält und ausschließt.
-Wenn man den anästhetisch gemachten Arm einer Hypnotisierten beliebig
-oft sticht und dem Medium aufgegeben hat, jene Zahl zu nennen, die
-ihm gleichzeitig einfalle, so nennt es die Zahl der Stiche, die es
-in seinem (dem »somnambulen«) Zustande, offenbar nur unter der Kraft
-eines bestimmten Bannes, nicht perzipieren durfte. So ist auch die
-sexuelle Frigidität auf ein _Kommando_ entstanden: durch die zwingende
-Kraft der Imprägnation mit einer asexuellen, aus der Umgebung auf
-das empfängliche Weib übergegangenen Lebensanschauung; aber wie
-alle Anästhesie durch ein genügend starkes _Kommando_ auch wieder
-_aufzuheben_.
-
-Ebenso wie mit der eigenen körperlichen Unempfindlichkeit gegen den
-Geschlechtsakt verhält es sich mit dem Abscheu gegen Geschlechtlichkeit
-überhaupt. Ein solcher Abscheu, eine intensive Abneigung gegen alles
-Sexuelle, wird von manchen Frauen wirklich empfunden, und man könnte
-glauben, hier liege eine Instanz gegen die Allgemeingültigkeit
-der Kuppelei und gegen ihre Gleichsetzung mit der Weiblichkeit
-vor. Frauen, welche es krank machen kann, wenn sie ein Paar im
-Geschlechtsverkehre überraschen, sind aber stets Hysterikerinnen. So
-tritt hier vielmehr überzeugend die Richtigkeit der Theorie hervor,
-welche die Kuppelei als das Wesen der Frau hinstellte und die eigene
-Sexualität derselben nur als einen besonderen Fall unterordnete: eine
-Frau kann nicht nur hysterisch werden durch ein sexuelles Attentat,
-das auf sie ausgeübt wurde, und gegen das sie _äußerlich_ sich wehrte,
-ohne es _innerlich_ zu verneinen, sondern ebenso durch den Anblick
-irgend eines koitierenden Paares, indem sie dessen Koitus noch negativ
-zu werten glaubt, wo schon die eingeborene Bejahung desselben mächtig
-durchbricht durch alles Angenommene und Künstliche, durch die ganze
-ihr aufgedrückte und einverleibte Denkweise, in deren Sinn sie sonst
-empfindet. Denn sie fühlt auch mit jeder sexuellen Vereinigung anderer
-nur sich selbst koitiert.
-
-Ein Ähnliches gilt von dem bereits kritisierten hysterischen
-»Schuldbewußtsein«. Die absolute Megäre fühlt sich überhaupt _nie_
-schuldig, die leicht hysterische Frau nur in Gegenwart des Mannes, die
-ganz hysterische vor jenem Mann, der definitiv in sie übergegangen
-ist. Man komme nicht mit den Kasteiungen der Betschwestern und
-Büßerinnen, um das Schuldgefühl der Frauen zu beweisen. Gerade die
-extremen Formen, welche hier die Selbstzüchtigung annimmt, machen sie
-verdächtig. Die Kasteiung beweist wohl in den meisten Fällen nur, daß
-ein Mensch nicht _über_ seiner Tat steht, daß er sie nicht schon durch
-das Schuldbewußtsein auf sich genommen hat; sie scheint viel eher ein
-Versuch zu sein, die Reue, die man doch nicht ganz innerlich empfindet,
-von außen sich aufzudrängen und ihr so die Stärke zu geben, die sie an
-sich nicht hat.
-
-Damit hängt auch der vom einen dem anderen immer wieder nachgesprochene
-Irrtum zusammen, daß die Frauen religiös veranlagt seien. Die weibliche
-Mystik ist, wo sie über simplen Aberglauben hinausgeht, _entweder_ eine
-sanft verhüllte Sexualität, wie bei den zahlreichen Spiritistinnen
-und Theosophinnen -- diese Identifikation des Geliebten mit der
-Gottheit ist von Dichtern mehrfach behandelt worden, besonders von
-_Maupassant_, in dessen bestem Romane _Christus_ für die Frau des
-Bankiers _Walter_ die Züge des »_Bel-Ami_« annimmt, und nach ihm von
-Gerhart _Hauptmann_ in »_Hanneles Himmelfahrt_« --, _oder_ es ist
-der andere Fall verwirklicht, daß auch die Religiosität vom Manne
-passiv und unbewußt übernommen und um so krampfhafter festzuhalten
-gesucht wird, je stärker ihr die eigenen natürlichen Bedürfnisse
-widersprechen. Bald wird der Geliebte zum Heiland; bald (wie man
-weiß, bei so vielen Nonnen) der Heiland zum Geliebten. Alle großen
-Visionärinnen, welche die Geschichte nennt (vgl. Teil I, S. 85), sind
-hysterisch gewesen; die berühmteste unter ihnen, die _heilige Therese_,
-hat man nicht mit Unrecht »die Schutzheilige der Hysterie« genannt.
-Wäre übrigens die Religiosität der Frauen echt, und käme sie bei ihnen
-aus einem Inneren, so hätten sie religiös schöpferisch sein können,
-ja, irgendwie sein müssen: sie sind es aber nie, nicht im mindesten,
-gewesen. Man wird verstehen, was ich meine, wenn ich den eigentlichen
-Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Credo so ausspreche:
-die Religiosität des Mannes ist höchster Glaube _an sich selbst_, die
-Religiosität des Weibes höchster Glaube _an den anderen_.
-
-So bleibt nur noch die Selbstbeobachtung, die bei den Hysterikern
-oft als außerordentlich entwickelt bezeichnet wird. Daß es aber
-bloß der Mann ist, der in das Weib so weit eingedrungen ist, daß er
-selbst _in_ ihr noch beobachtet, wird aus der Art und Weise klar, wie
-_Vogt_, in weiterer und exakterer Anwendung eines zuerst von _Freud_
-eingeschlagenen Verfahrens, die Selbstbeobachtung _in der Hypnose_
-erzwang. Der fremde männliche Wille _schafft_ durch seinen Einfluß
-_in der hypnotisierten Frau einen Selbstbeobachter_, vermöge der
-Erzeugung eines Zustandes »systematisch eingeengten Wachseins«. Aber
-auch außerhalb der Suggestion, im gesunden Leben der Hysterischen,
-ist es nur der Mann, mit dem sie imprägniert sind, welcher in ihnen
-beobachtet. So ist auch alle Menschenkenntnis der Frauen durchaus
-Imprägnation mit dem richtig beurteilten Manne. Im Paroxysmus schwindet
-jene künstliche Selbstbeobachtung vor der zum Durchbruch drängenden
-Natur dahin.
-
-Ganz so verhält es sich auch mit dem _Hellsehen_ hysterischer
-Medien, das ohne Zweifel vorkommt und mit dem »okkulten« Spiritismus
-ebensowenig zu tun hat wie die hypnotischen Phänomene. Wie die
-Patientinnen _Vogts_ unter dem energischen Willen des Suggestors sich
-selbst vorzüglich zu beobachten vermochten, so wird die Hellseherin
-unter dem Einflusse der drohenden Stimme eines Mannes, der sie zu allem
-zu zwingen vermag, auch zu telepathischen Leistungen fähig und liest
-aus weiter Ferne gehorsam mit verbundenen Augen die Schriftstücke
-in den Händen fremder Menschen, was ich in München unzweideutig
-wahrzunehmen selbst Gelegenheit hatte. Denn im Weibe stehen nicht, wie
-im Manne, dem Willen zum Guten und Wahren sehr starke Leidenschaften
-unausrottbar _entgegen_. Der männliche Wille hat über das Weib mehr
-Gewalt als über den Mann: er kann im Weibe etwas realisieren, dem im
-eigenen Hause zu viel Dinge sich _widersetzen_. In _ihm_ wirkt ein
-Antimoralisches und ein Antilogisches _wider_ die Klärung, er will nie
-ganz allein die Erkenntnis, sondern immer noch anderes. _Über die Frau
-aber kann der männliche Wille so vollständig alle Gewalt gewinnen, daß
-er sie sogar hellsichtig macht_, und alle Schranken der Sinnlichkeit
-für _sie_ fortfallen.
-
-Darum ist das Weib eher telepathisch als der Mann, darum leistet es
-als _Seherin_ mehr als dieser, freilich nur, wenn es Medium, d. h. zum
-Objekt geworden ist, an welchem der _männliche_ Wille am leichtesten
-und vollkommensten sich verwirklicht. Auch die _Wala_ kann _wissend_
-werden: aber erst, wenn sie von _Wotan_ _bezwungen_ ist. Sie kommt ihm
-hierin entgegen; denn ihre einzige Leidenschaft ist es eben, daß sie
-gezwungen werden will.
-
-Das Thema der Hysterie ist hiemit, soweit es für den Zweck dieser
-Untersuchung berührt werden mußte, auch erschöpft. _Jene Frauen,
-die als Beweise der weiblichen Sittlichkeit angeführt werden, sind
-stets Hysterikerinnen_, und gerade in der Befolgung der Sittlichkeit,
-in dem Gebaren nach dem Moralgesetze, als ob dieses Gesetz das
-Gesetz ihrer Persönlichkeit wäre, und nicht vielmehr, ohne sie zu
-fragen, von ihnen kurzerhand _Besitz_ ergriffen hätte, liegt die
-Verlogenheit und Unwahrheit dieser Sittlichkeit. Die hysterische
-Konstitution ist eine lächerliche Mimicry der männlichen Seele, eine
-Parodie auf die Willensfreiheit, die das Weib vor sich posiert in
-dem nämlichen Augenblicke, wo es dem männlichen Einfluß am stärksten
-unterliegt. Nichtsdestoweniger sind die höchststehenden Frauen
-eben Hysterikerinnen, wenn auch die Zurückdrängung der triebhaften
-Sexualität, die sie über die anderen Frauen erhebt, keine solche ist,
-die aus _eigener_ Kraft und in mutigem Kampfe mit einem zum _Stehen_
-gezwungenen Gegner erfolgt wäre. An den hysterischen Frauen aber
-_rächt_ sich wenigstens die eigene Verlogenheit, und insoferne kann man
-sie als ein wenn auch noch so _verfälschtes Surrogat_ jener _Tragik_
-gelten lassen, zu der es sonst dem Weibe an jeglicher Fähigkeit
-gebricht.
-
-Das Weib ist _unfrei_: es wird schließlich immer bezwungen durch das
-Bedürfnis, vom Manne, in eigener Person wie in der aller anderen,
-_vergewaltigt_ zu werden; es steht unter dem Banne des Phallus und
-verfällt unrettbar seinem Verhängnis, auch wenn es nicht selbst zur
-völligen Geschlechtsgemeinschaft gelangt. Das höchste, wozu ein
-Weib es bringen mag, ist ein dumpfes Gefühl dieser Unfreiheit, ein
-düsteres Ahnen eines Verhängnisses _über_ sich -- es kann dies offenbar
-nur der letzte Schimmer des _freien_ intelligiblen Subjektes sein,
-der kümmerliche Rest von angeborener Männlichkeit, der ihr, _durch
-den Kontrast_, eine, wenn auch noch so schwache, _Empfindung_ der
-_Notwendigkeit_ gestattet: es gibt kein absolutes Weib. Aber ein klares
-_Bewußtsein_ ihres Schicksales und des Zwanges, unter dem sie steht,
-ist der Frau _unmöglich_: _nur der Freie $erkennt$ ein Fatum_, weil
-er nicht in die Notwendigkeit _einbegriffen_ ist, sondern, wenigstens
-mit einem Teile seines Selbst, einem Zuschauer und einem Kämpfer,
-außerhalb seines Schicksals und über diesem steht. Die Frau hält sich
-gerade darum meist für _un_gebunden, weil sie _ganz_ gebunden, und
-leidet nicht an der Leidenschaft, weil sie selbst nichts _ist_ als
-Leidenschaft. _Nur der Mann_ konnte von der »dira necessitas« in sich
-sprechen, nur er die Konzeption einer Moira und einer Nemesis fassen,
-nur er Parzen und Nornen schaffen: weil er nicht nur empirisches,
-_bedingtes_, sondern auch intelligibles, _freies_ Subjekt ist.
-
-Aber, wie schon gesagt: selbst wenn eine Frau ihre eigene
-Determiniertheit zu ahnen beginnt, ein klares _Bewußtsein_ derselben,
-eine Auffassung und ein Verständnis ist dies nicht zu nennen; denn dazu
-wäre der _Wille_ zu einem Selbst erfordert. Vielmehr bleibt es bei
-einem schweren dunklen Gefühl, das zu einem verzweifelten Aufbäumen
-führt, aber nicht zu einem entschlossenen, in sich die Möglichkeit
-des Sieges bergenden Kampfe. Ihre Sexualität, die sie stets knechten
-wird, zu überwinden, sind die Frauen unvermögend. Die Hysterie war
-eine solche ohnmächtige Abwehrbewegung gegen die Geschlechtlichkeit.
-Wäre der Kampf gegen die eigene Begier redlich und echt, wäre deren
-Niederlage _aufrichtig gewollt_, so wäre sie ihr zu bereiten dem
-Weibe auch _möglich_. Die Hysterie aber ist selbst das, was von den
-Hysterikerinnen angestrebt wird; sie _suchen_ nicht wirklich zu
-_genesen_. _Die Verlogenheit dieser Demonstration gegen die Sklaverei
-bedingt ihre Hoffnungslosigkeit._ Die vornehmsten Exemplare des
-Geschlechtes mögen fühlen, daß Knechtschaft ihnen nur eben darum ein
-Muß ist, weil sie sie wünschen -- man denke an _Hebbels_ _Judith_ und
-_Wagners_ _Kundry_ -- aber auch dies gibt ihnen keine Kraft, sich in
-Wahrheit gegen den Zwang zur Wehre zu setzen: im letzten Augenblicke
-küssen sie dennoch den Mann, der sie notzüchtigt, und suchen den zu
-ihrem Herrn zu machen, der sie zu vergewaltigen zögert. _Das Weib
-steht wie unter einem Fluche._ Es kann ihn für Augenblicke pressend
-auf sich lasten fühlen, aber es entrinnt ihm _nie_, weil ihm die Wucht
-zu süß dünkt. Sein Schreien und Toben ist im Grunde _unecht_. Es will
-seinem Fluche gerade dann am süchtigsten erliegen, wenn es ihn am
-entsetztesten zu meiden sich geberdet.
-
- * * * * *
-
-Von der langen Reihe jener früheren Aufstellungen, welche den Mangel
-des Weibes an irgend welchem angeborenen, unveräußerlichen Verhältnis
-zu den _Werten_ behaupteten, ist keine einzige zurückzuziehen oder auch
-nur einzuschränken gewesen. Selbst durch all das, was den Menschen
-insgemein weibliche Liebe, weibliche Frömmigkeit, weibliche Scham
-und weibliche Tugend heißt, sind sie nicht umgestoßen worden; sie
-haben sich vor dem stärksten Ansturm, vor dem Heere der hysterischen
-Imitationen aller männlichen Vorzüge, behaupten können. Nicht allein
-durch die Kraft des, mit dem Weibe selbst der Fernzeugung fähigen
-männlichen Spermas -- auf welches die unglaubliche geistige Veränderung
-aller Frauen in der Ehe sicherlich zunächst zurückgeht -- sondern auch
-vom männlichen _Bewußtsein_, und sogar vom _sozialen Geiste_ wird das
-Weib, jenes empfängliche Weib, das hier allein in Betracht kommt, _von
-frühester Jugend auf_ erfüllt, imprägniert und umgebildet. So erklärt
-es sich, daß alle jene Eigenschaften des männlichen Geschlechtes, die
-dem weiblichen an sich nicht zukommen, nichtsdestoweniger von diesem
-in so sklavischer Nachahmung zur Erscheinung gebracht werden können;
-wonach die vielen Irrtümer über die höhere Sittlichkeit des Weibes
-leichter begreiflich werden.
-
-Aber noch ist diese erstaunliche Rezeptivität der Frau ein isoliertes
-Faktum der Erfahrung und von der Darstellung nicht in jenen
-Zusammenhang mit den übrigen positiven und negativen Eigenschaften
-des Weibes gebracht, welchen das theoretische Bedürfnis wünschenswert
-erscheinen läßt. Was hat die Bildsamkeit des Weibes mit seiner
-Kuppelei, was seine Sexualität mit seiner Verlogenheit zu tun? _Warum
-ist all dies gerade in dieser Vereinigung $im Weibe$ beisammen?_
-
-Und noch ist erst zu begründen, _woher_ es komme, daß die Frau alles in
-sich aufnehmen kann. Wie ist jene Verlogenheit möglich, die das Weib
-selber wähnen läßt, das zu glauben, was es nur von anderen vernommen,
-das zu haben, was es nur von ihnen bekommen, das zu sein, was es nur
-durch sie geworden ist?
-
-Um hierauf eine Antwort zu geben, muß nochmals, zum letzten Male,
-vom geraden Wege abgebogen werden. Man erinnert sich vielleicht noch,
-wie das _tierische Wiedererkennen_, das psychische Äquivalent der
-allgemein-organischen Übungsfähigkeit, vom _menschlichen Gedächtnis_
-als ein gänzlich Verschiedenes und doch Ähnliches abgetrennt wurde:
-indem beide eine gleichsam ewige Nachwirkung des zeitlich begrenzten
-einmaligen Eindruckes bedeuten, das Gedächtnis aber, zum Unterschiede
-vom unmittelbaren passiven Wiedererkennen, sein Wesen in der
-aktiven Reproduktion des Vergangenen findet.[70] Später wurde bloße
-Individuation als die Eigenschaft alles Organischen wohl unterschieden
-von Individualität, welche nur der Mensch besitzt.[71] Und schließlich
-machte sich die Notwendigkeit einer genauen Distinktion zwischen
-Geschlechtstrieb und Liebe fühlbar, von denen ebenfalls nur der erste
-den nichtmenschlichen Lebewesen zugesprochen werden konnte.[72] Dennoch
-waren beide verwandt, in ihren Gemeinheiten wie in ihren Erhabenheiten
-(als Bestrebungen zur eigenen Verewigung).
-
-Auch der Wille zum Wert wurde öfter als charakteristisch für den
-Menschen hingestellt, indes die Tiere nur ein Streben nach Lust kennen
-und der Wertbegriff ihnen fremd ist.[73] Zwischen _Lust_ und _Wert
-besteht_ eine _Analogie, und doch sind beide grundverschieden_: die
-Lust _wird_ begehrt, der Wert _soll_ begehrt werden; beide werden
-noch immer ganz widerrechtlich verwechselt, und so in Psychologie
-und Ethik die größte Konfusion dauernd festgehalten. Aber dieses
-Durcheinanderfließen hat nicht nur zwischen dem Wert- und dem
-Lustbegriff stattgefunden; es ist den Unterscheidungen zwischen
-Persönlichkeit und Person, zwischen Wiedererkennen und Gedächtnis,
-zwischen Geschlechtstrieb und Liebe nicht besser ergangen: alle
-diese Gegensätze werden fortwährend zusammengeworfen, und was noch
-bezeichnender ist, fast stets von denselben Menschen, mit denselben
-theoretischen Anschauungen und wie in einer gewissen Absichtlichkeit,
-um den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu verwischen.
-
-Auch weitere, bisher kaum berührte Distinktionen werden hier meist
-vernachlässigt. Tierisch ist die _Enge des Bewußtseins_, rein
-menschlich ist die _aktive Aufmerksamkeit_: beide haben, das sieht
-jeder klar, ein Gemeinsames, und doch auch ein Verschiedenes. Nicht
-anders steht es mit der so vielen geläufigen Zusammenwerfung von
-_Trieb_ und _Wille_. Der Trieb ist allen Lebewesen gemeinschaftlich,
-im Menschen kommt noch der Wille hinzu, der frei ist und kein
-psychologisches Faktum bildet, weil er allem speziellen psychologischen
-Erleben zu Grunde liegt. Daß Trieb und Wille fast immer als
-identisch betrachtet werden, hieran trägt übrigens nicht bloß
-der Einfluß _Darwins_ die Schuld; sondern es kommt von ihr fast
-ebensoviel auf Rechnung des unklaren, einerseits ganz allgemein
-_natur_philosophischen, anderseits eminent _ethischen_ Willensbegriffes
-von Arthur _Schopenhauer_.
-
-Ich stelle zusammen:
-
- _$Auch$_ _$Nur$_
-
- tierisch, beziehungsweise organisch dem Menschen, respektive
- überhaupt dem menschlichen _Manne_
- sind: eigen:
-
- Individuation Individualität
- Wiedererkennen Gedächtnis
- Lust Wert
- Geschlechtstrieb Liebe
- Enge des Bewußtseins Aufmerksamkeit
- Trieb Wille
-
-Man sieht, wie sich über _jede_ Eigenschaft _alles_ Lebendigen im
-_Menschen_ noch eine _andere_, in gewisser Beziehung _verwandte und
-doch höhere_ legt. Die uralte tendenziöse Identifikation der beiden
-Reihen und, auf der anderen Seite, das Bedürfnis, sie immer wieder
-auseinanderzuhalten, weisen auf ein Gemeinsames hin, das die Glieder
-jeder Reihe miteinander verbindet und scheidet von allen Gliedern
-der zweiten. Es nimmt sich zunächst aus, als ob hier im Menschen
-ein _Überbau_ von höheren Eigenschaften über korrelative niedere
-Erscheinungen aufgeführt wäre. Man könnte an eine Lehre des _indischen
-Geheimbuddhismus_ sich erinnert fühlen, an seine Theorie von der
-_»Menschheitswelle«_. Es ist nämlich gleichsam, als wäre jeder bloß
-tierischen Eigenschaft im Menschen eine verwandte und doch einer
-höheren Sphäre angehörige Qualität _superponiert_, wie eine Schwingung
-einer anderen sich addiert: jene niederen Eigenschaften fehlen dem
-Menschen keineswegs, allein es ist zu ihnen in ihm etwas hinzugekommen.
-Was ist dieses neu Dazugetretene? Worin unterscheidet es sich vom
-anderen und worin gleicht es ihm? Denn die Tafel zeigt unverkennbar,
-daß jedes Glied der linken Reihe mit jedem, auf gleicher Höhe
-stehenden, Gliede der rechten eine Ähnlichkeit hat, und doch wieder
-anderseits _alle_ Glieder _jeder_ Reihe eng zueinander gehören. Woher
-diese merkwürdige Übereinstimmung bei gleichzeitiger ganz abgrundtiefer
-Verschiedenheit?
-
-Die linksstehenden Dinge sind fundamentale Eigenschaften alles
-animalischen respektive pflanzlichen _Lebens_. Alles solche Leben ist
-Leben von Individuen, nicht von ungegliederten Massen, es äußert sich
-als Trieb, um Bedürfnisse zu befriedigen, insonderheit als Sexualtrieb,
-um sich fortzupflanzen. Individualität, Gedächtnis, Wille, Liebe können
-somit als Eigenschaften eines _zweiten_ Lebens gelten, das mit dem
-organischen Leben eine gewisse Verwandtschaft haben und doch von ihm
-toto coelo verschieden sein wird.
-
-_Es ist keine andere als die Idee des ewigen, höheren, $neuen$ Lebens
-der Religionen und speziell des Christentums, deren tiefe Berechtigung
-uns hier entgegentritt._ Neben dem organischen hat der Mensch noch teil
-an einem anderen Leben, der ζωή αιώνιος des neuen Bundes. Wie jenes
-Leben von irdischer Speise sich nährt, so bedarf dieses der geistigen
-Atzung (Symbol des _Abendmahles_). Wie jenes eine Geburt und einen Tod,
-so kennt auch dieses eine Begründung -- die _sittliche Wiedergeburt_
-des Menschen, die »_Regeneration_« -- und einen Untergang: den
-_endgültigen_ Verfall in Irrsinn oder Verbrechen. Wie jenes bestimmt
-wird durch kausale Naturgesetze von außen, so bindet sich dieses
-durch normierende Imperative von innen. Jenes ist von begrenzter Art
-_zweckmäßig_; dieses, in unendlicher unbegrenzter Herrlichkeit, ist
-_vollkommen_.[74]
-
-Die Eigenschaften, welche die linke Reihe aufzählt, sind allem
-niedrigen Leben gemeinsam; die Merkmale aus der rechten Kolumne sind
-die korrespondierenden Zeichen des ewigen Lebens, Künder eines höheren
-Seins, an welchem der Mensch, und nur er allein, noch überdies Anteil
-hat. Die ewige Verwechslung und die stets erneute Auseinanderhaltung
-beider Reihen, des höheren und des niederen Lebens, bildet das
-Hauptthema aller Historie des menschlichen Geistes: _dies_ ist _das
-Motiv der Weltgeschichte_.
-
-Man mag in diesem zweiten Leben etwas erblicken, das sich im Menschen
-zu den, früher vorhandenen, anderen Eigenschaften hinzuentwickelt
-habe; hier soll über diese Frage nicht entschieden werden. Doch wird
-wohl eine tiefere Auffassung jenes sinnliche und sinnenfällige,
-hinfällige Leben nicht als den Erzeuger des höheren, geistigen,
-ewigen, sondern umgekehrt, im Sinne des vorigen Kapitels, das erstere
-als eine Projektion des letzteren auf die Sinnlichkeit, als seine
-Abbildung im Reiche der Notwendigkeit, als sein _Heruntersteigen_,
-seine _Erniedrigung_ zu diesem, als seinen _Sündenfall_ ansehen müssen.
-Denn nur der _letzte Abglanz_ der höheren Idee von einem ewigen Leben
-ist es, der auf die Fliege fällt, die mich belästigt, und mich hindern
-kann, sie zu töten.
-
-_Das absolute Weib jedoch_, dem Individualität und Wille mangeln,
-das keinen Teil hat am Werte und an der Liebe, ist, so können wir
-jetzt sagen, _von jenem höheren, transcendenten, metaphysischen Sein
-ausgeschlossen_. Die intelligible hyperempirische Existenz des _Mannes_
-ist erhaben über Stoff, Raum und Zeit; in _ihm_ ist Sterbliches
-genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat die Möglichkeit, zwischen
-beiden zu wählen; zwischen jenem Leben, das mit dem irdischen Tode
-vergeht, und jenem, für welches dieser erst eine Herstellung in
-gänzlicher Reine bedeutet. Nach diesem vollkommen zeitlosen Sein, nach
-dem absoluten Werte, geht aller tiefste Wille im Manne: er ist eins
-mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Und daß die Frau kein Verlangen
-nach persönlicher Fortdauer hat, wird so endlich _ganz_ klar: in ihr
-ist nichts von jenem ewigen Leben, das der Mann durchsetzen will und
-durchsetzen soll gegen sein ärmliches Abbild in der Sinnlichkeit.
-Irgend eine Beziehung zur Idee des höchsten Wertes, zur Idee des
-Absoluten, zur Idee jener _völligen Freiheit_, die er noch nicht
-besitzt, weil er immer _auch determiniert_ ist, die er aber erlangen
-kann, weil der Geist Gewalt hat über die Natur: eine solche Beziehung
-zur Idee überhaupt, oder zur Gottheit, hat jeder Mann: indem zwar durch
-sein Leben auf Erden eine Trennung und Loslösung vom Absoluten erfolgt
-ist, aber die Seele sich aus dieser Verunreinigung, als der _Erbsünde_,
-wieder hinaussehnt.
-
-Wie die Liebe seiner Eltern keine reine zur Idee war, sondern mehr oder
-weniger eine sinnliche Verkörperung suchte, so will auch der Sohn, der
-eben das ist, worauf diese Liebe hinauslief, so lang er lebt, nicht
-bloß das ewige, sondern auch das zeitliche Leben: wir erschrecken
-vor dem Gedanken des Todes, wehren uns gegen ihn, klammern uns an
-das irdische Dasein und beweisen dadurch, daß wir geboren zu werden
-_wünschten_, als wir geboren wurden, indem wir _noch immer_ in diese
-Welt geboren zu werden verlangen. Ein Mensch, der vor dem irdischen
-Tode gar keine Furcht mehr hätte, würde in eben diesem Augenblicke
-sterben; denn er hätte nur mehr den reinen Willen zum ewigen Leben, und
-dieses soll und kann der Mensch selbständig in sich verwirklichen: es
-_schafft sich_, wie _alles_ Leben selbst sich schafft.
-
-Weil aber jeder Mann in einem Verhältnis zur Idee des höchsten Wertes
-steht, ohne dieser Idee ganz teilhaft zu sein, darum gibt es keinen
-Mann, der _glücklich_ wäre. _Glücklich sind nur die Frauen._ Kein Mann
-fühlt sich glücklich, denn ein jeder hat eine Beziehung zur Freiheit,
-und ist doch auf Erden immer noch irgendwie unfrei. Glücklich kann
-sich nur ein gänzlich passives Wesen fühlen, wie das echte Weib, oder
-ein gänzlich aktives, wie die Gottheit. Glück wäre das Gefühl der
-Vollkommenheit, dieses Gefühl kann ein Mann nie haben; wohl aber gibt
-es Frauen, die sich vollkommen dünken. Der Mann hat immer Probleme
-hinter sich und Aufgaben vor sich: alle Probleme wurzeln in der
-Vergangenheit; das Land der Aufgaben ist die Zukunft. Für das Weib ist
-denn auch die Zeit gar nicht _gerichtet_, sie hat ihr keinen _Sinn_:
-es gibt keine Frau, die sich die Frage nach dem _Zwecke_ ihres Lebens
-stellte; _doch die Einsinnigkeit der Zeit ist nur der Ausdruck dafür,
-daß dieses Leben einen Sinn gewinnen soll und kann_.
-
-_Glück_ für den Mann: das könnte nur ganze, reine _Aktivität_ sein,
-völlige Freiheit, nie ein geringer, aber auch nicht der höchste Grad
-von Unfreiheit: denn seine Schuld häuft sich, je weiter er von der Idee
-der Freiheit sich entfernt. Das irdische Leben _ist_ ihm ein _Leiden_
-und _muß_ es sein, schon weil in der Empfindung der Mensch eben doch
-_passiv_ ist; weil ein Affiziertwerden stattfindet, weil es Materie
-und nicht nur Formung der Erfahrung gibt. Es ist kein Mensch, welcher
-der Wahrnehmung nicht bedürfte, selbst der geniale Mensch wäre nichts
-ohne sie, auch wenn er, mächtiger und schneller als alle anderen,
-alsbald mit dem ganzen Gehalte seines Ich sie erfüllt und durchdringt,
-und nicht einer vollständigen Induktion bedarf, um die Idee eines
-Dinges zu erkennen. Die _Rezeptivität_ ist durch keinen _Fichte_schen
-Gewaltstreich aus der Welt zu schaffen: in der Sinnesempfindung ist
-der Mensch _passiv_, und seine Spontaneität, seine Freiheit gelangt
-erst im _Urteil_ zur Geltung und in jener Form eines universalen
-_Gedächtnisses_, das alle Erlebnisse dem _Willen_ des Individuums
-zu reproduzieren vermag. Annäherungen an die höchste Spontaneität,
-scheinbar schon Verwirklichungen gänzlicher Freiheit, sind dem Manne
-die Liebe und das geistige Schaffen. Darum gewähren am ehesten _sie_
-ihm eine Ahnung dessen, _was_ das _Glück_ ist, und lassen ihn seine
-Nähe, auf Augenblicke freilich nur, zitternd über sich verspüren.
-
-Der Frau hingegen, die nie tief unglücklich sein kann, ist _darum_
-Glück eigentlich ein leeres Wort: auch der Begriff des Glückes ist vom
-Manne, vom _unglücklichen_ Manne geschaffen worden, obwohl er in ihm
-nie eine adäquate Realisation findet. Die Frauen scheuen sich nie, ihr
-Unglück anderen zu zeigen: weil es eben kein echtes Unglück ist, weil
-hinter ihm keine Schuld steht, am wenigsten die Schuld des Erdenlebens
-als der Erbsünde.
-
-Der letzte, der absolute Beweis der völligen Nichtigkeit des weiblichen
-Lebens, seines völligen Mangels an höherem _Sein_, wird uns aus der
-Art, wie Frauen den Selbstmord vollziehen. Ihr Selbstmord erfolgt
-nämlich wohl immer mit dem Gedanken an die anderen Menschen, was
-diese sich denken, wie diese sie bedauern, wie sie sich grämen oder
--- sich ärgern werden. Das ist nicht so zu verstehen, als ob die Frau
-nicht von ihrem, nach ihrer Ansicht _stets un_verdienten Unglück fest
-durchdrungen wäre im Augenblicke, da sie sich tötet: im Gegenteil, vor
-dem Selbstmord bemitleidet sie sich am allerheftigsten, nach jenem
-Schema des Mitleidens mit sich selbst, das nur ein Mitweinen mit den
-anderen über das Objekt des Mitgefühls des anderen, ein völliges
-Aufhören Subjekt zu sein, ist. Wie könnte auch eine Frau ihr Unglück
-_als zu sich gehörig_ ansehen, da sie doch unfähig ist, ein Schicksal
-zu haben? Das Fürchterliche und für die _Leerheit und Nullität der
-Frauen_ Entscheidende ist vielmehr dies, daß sie nicht einmal _vor dem
-Tode_ zum _Probleme_ des Lebens, _ihres_ Lebens gelangen: weil in ihnen
-nicht ein höheres Leben der Persönlichkeit realisiert werden wollte.
-
-_Die Frage also, welche im Eingang dieses zweiten Teiles als sein
-Hauptproblem formuliert wurde, die Frage nach der Bedeutung des
-Mann-Seins und Weib-Seins, kann jetzt beantwortet werden. Die Frauen
-haben keine Existenz und keine Essenz_, sie _$sind$_ nicht, sie sind
-_$nichts$_. _Man $ist$ Mann oder man $ist$ Weib, je nachdem ob man wer
-$ist$ oder nicht._
-
-Das Weib hat keinen Teil an der ontologischen Realität; darum hat es
-kein Verhältnis zum Ding an sich, das für jede tiefere Auffassung
-identisch ist mit dem Absoluten, der Idee oder Gott. Der Mann, in
-seiner Aktualität, dem Genie, glaubt an das Ding an sich: ihm ist es
-entweder das Absolute als sein höchster Begriff von wesenhaftem Werte:
-dann ist er Philosoph. Oder es ist das wundergleiche Märchenland seiner
-Träume, das Reich der absoluten Schönheit: dann ist er Künstler.
-_Beides aber bedeutet dasselbe._
-
-Das Weib hat kein Verhältnis zur Idee, es bejaht sie weder, noch
-verneint es sie: es ist weder moralisch noch antimoralisch, es hat,
-mathematisch gesprochen, _kein Vorzeichen_, es ist richtungslos, weder
-gut noch böse, weder Engel noch Teufel, es ist _amoralisch_ wie es
-_alogisch_ ist. Alles Sein aber ist moralisches und logisches Sein.
-_Die Frau also $ist$ nicht._
-
-Das Weib ist verlogen. Das Tier hat zwar ebensowenig metaphysische
-Realität wie die echte Frau; aber es spricht nicht, und folglich lügt
-es nicht. Um die Wahrheit reden zu können, muß man etwas _sein_;
-denn die Wahrheit geht auf ein _Sein_, und zum Sein kann nur der ein
-_Verhältnis_ haben, der selbst etwas _ist_. Der Mann will die ganze
-Wahrheit das heißt, er will _nur $sein$_. Auch der Erkenntnistrieb ist
-zuletzt _identisch_ mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Wer dagegen über
-einen Tatbestand etwas aussagt, ohne wirklich mutig ein Sein behaupten
-zu wollen; wem die äußere Urteilsform gegeben ist ohne die innere;
-wer, wie die Frau, nicht wahrhaft _ist_: der _muß_ notwendig _immer_
-lügen. _Darum lügt die Frau stets, auch wenn sie objektiv die Wahrheit
-spricht._
-
-Das Weib kuppelt. Die Lebenseinheiten des niederen Lebens sind
-Individuen, Organismen; die Lebenseinheiten des höheren Lebens
-sind Individualitäten, Monaden, »Meta-Organismen«, wie ein nicht
-wegzuwerfender Terminus bei _Hellenbach_ lautet. Jede Monade aber
-unterscheidet sich von jeder anderen, und ist von ihr so getrennt,
-wie zwei Dinge nur sein können. Die Monaden haben keine Fenster;
-statt dessen haben sie die ganze Welt _in_ sich. Der Mann als die
-Monade, als potentielle oder aktuelle, das ist geniale Individualität,
-will auch _überall sonst_ Unterschied und Trennung, Individuation,
-Auseinandertreten: der naive Monismus ist ausschließlich weiblich.
-Jede Monade bildet für sich eine abgeschlossene Einheit, ein Ganzes;
-aber auch das fremde Ich ist ihr eine solche vollendete Totalität,
-in die sie nicht übergreift. Der Mann $_hat_ Grenzen$, und _bejaht,
-will_ Grenzen; die Frau, die keine Einsamkeit kennt, ist auch nicht
-imstande, die Einsamkeit des Nebenmenschen als solche zu bemerken
-und aufzufassen, zu achten oder zu ehren, und sie unangetastet
-anzuerkennen: für sie gibt es, weil keine Einsamkeit, auch keine
-Mehrsamkeit, sondern nur ein ungeschiedenes Verschmolzensein. Weil
-in der Frau kein Ich ist, darum ist für sie auch kein Du, _darum
-gehören, nach ihrer Auffassung, Ich und Du $zusammen$ als $Paar$, als
-ununterschiedenes Eines: darum kann die Frau zusammenbringen, darum
-kann sie kuppeln_. Die Tendenz ihrer Liebe ist die Tendenz ihres
-Mitleidens: die Gemeinschaft, die Verschmolzenheit.[75]
-
-Für die Frau gibt es nirgends _Grenzen_ ihres Ich, die durchbrochen
-werden könnten, und die sie zu hüten hätte. Hierauf beruht zunächst der
-Hauptunterschied zwischen männlicher und weiblicher _Freundschaft_.
-Alle _männliche_ Freundschaft ist ein Versuch zusammenzugehen unter
-dem Zeichen einer und derselben _Idee_, welcher die Freunde, jeder
-für sich, gesondert und doch vereint, nachstreben; die _weibliche_
-»Freundschaft« ist ein Zusammen_stecken_, und zwar, was besonders
-hervorzuheben ist, unter dem Gedanken der _Kuppelei_. Denn auf
-dieser beruht die einzig mögliche Art eines intimeren und nicht
-hinterhältigen Verkehres zwischen Frauen: soweit diese überhaupt nicht
-bloß des Klatsches oder materieller Interessen halber gerade weibliche
-Gesellschaft aufsuchen.[76] Wenn nämlich von zwei Mädchen oder Frauen
-die eine für sehr viel schöner gilt als die andere, dann findet die
-häßliche _eine gewisse sexuelle Befriedigung_ in der Bewunderung,
-welche der Schöneren gezollt wird. Bedingung jeder Freundschaft
-zwischen Frauen ist also zu oberst, daß ein Rivalisieren zwischen ihnen
-ausgeschlossen sei: es gibt keine Frau, die sich nicht körperlich mit
-jeder anderen Frau sofort vergliche, welche sie kennen lernt. Lediglich
-in jenen Fällen großer _Un_gleichheit und _aussichtsloser_ Konkurrenz
-kann die Häßliche für die Schönere schwärmen, weil diese für sie, ohne
-daß es beiden im geringsten bewußt würde, das nächste Mittel ist,
-_selbst sexuell befriedigt zu werden_: es ist nicht anders, sie fühlt
-sich gleichsam _$in$ jener_ koitiert.[77] Das völlig _unpersönliche_
-Leben der Frauen, wie auch der überindividuelle Sinn ihrer Sexualität,
-die Kuppelei als der Grundzug ihres Wesens, leuchtet hieraus deutlich
-hervor. Sie verkuppeln sich _wie_ die anderen, sich _in_ den anderen.
-_Das Mindeste, was auch das häßlichste Weib verlangt, und woran es
-schon ein gewisses Genügen findet, ist, daß überhaupt irgend eine ihres
-Geschlechtes bewundert, begehrt werde._
-
-Mit diesem völlig verschmolzenen Leben des Weibes hängt es zusammen,
-daß die Frauen _nie wirklich Eifersucht_ fühlen. So gemein Eifersucht
-und Rachedurst sind, es steckt in beiden ein Großes, dessen die
-Frauen, wie aller Größe, im Guten oder im Bösen, _un_fähig sind. In
-der Eifersucht, liegt ein verzweifelter Anspruch auf ein vorgebliches
-Recht, und der Rechtsbegriff ist den Frauen transcendent. Aber der
-hauptsächlichste Grund, daß die Frau auf einen einzelnen Mann nie ganz
-eifersüchtig sein kann, ist ein anderer. Wenn der Mann, auch einer, in
-den sie rasend verliebt wäre, im Zimmer neben dem ihren eine andere
-Frau umarmte und besäße, so würde sie der Gedanke hieran sexuell
-selbst so erregen, daß für die Eifersucht kein Platz bliebe. Dem Manne
-würde eine solche Scene, wenn er um sie wüßte, höchst widerlich und
-abstoßend sein, und ihm den Aufenthalt in der Nähe verekeln; das Weib
-bejaht innerlich beinahe fieberhaft den ganzen Hergang; oder es wird
-hysterisch, wenn es sich nicht eingestehen will, daß es zu tiefst auch
-diese Vereinigung nur _gewünscht_ hat.
-
-Ferner gewinnt über den Mann der Gedanke an den fremden Koitus nie
-völlig Gewalt, er steht außer und über einem solchen Erlebnis, das für
-ihn eigentlich gar keines ist; die Frau aber verfolgt den Prozeß kaum
-selbst_tätig_, sie ist in _fieberhafter Erregung_ und wie _festgebannt_
-durch den Gedanken, was hart neben ihr sich vollzieht.
-
-Oft mag auch das Interesse des _Mannes_ an seinem Mitmenschen, der ihm
-ein Rätsel ist, bis auf dessen sexuelles Leben sich erstrecken; aber
-jene _Neugier_, welche den Nebenmenschen gewissermaßen zur Sexualität
-_zwingt_, ist nur den Weibern eigentümlich, von ihnen jedoch ganz
-allgemein betätigt, in gleicher Weise Frauen wie Männern gegenüber.
-Eine Frau interessieren an jedem Menschen zunächst und vor allem seine
-_Liebschaften_, und er ist ihr intellektuell nur so lange dunkel und
-reizvoll, als sie über diesen Punkt nicht im Klaren ist.
-
-Aus alledem geht nochmals klar hervor, daß Weiblichkeit und Kuppelei
-identisch sind: eine rein _immanente_ Betrachtung des Gegenstandes
-würde denn auch mit dieser Feststellung ihr Ende erreicht haben müssen.
-Meine Absicht ging aber weiter; und ich glaube nun bereits angedeutet
-zu haben, wie das Weib als Position, als Kupplerin, zusammenhängt mit
-dem Weibe als Negation, das eines höheren Lebens als Monade gänzlich
-entbehrt. Das Weib verwirklicht eine einzige Idee, die ihm selbst eben
-darum nie zum Bewußtsein kommen kann, jene Idee, welche der Idee der
-Seele am äußersten entgegengesetzt ist. Ob sie nun als Mutter nach
-dem Ehebett verlangt oder als Dirne das Bacchanal bevorzugt, ob sie
-zu zweien Familie begründen will oder nach den Massenverschlingungen
-des Venusberges hinstrebt, sie handelt stets _nach der Idee der
-Gemeinschaft_, jener Idee, welche die _Grenzen_ der Individuen, durch
-_Vermischung_, am weitesten aufhebt.
-
-So ermöglicht hier eines das andere: Emissärin des Koitus kann nur
-ein Wesen ohne Individualität, ohne Grenzen sein. Nicht ohne Grund
-ist in der Beweisführung so weit ausgeholt worden, wie es sicherlich
-noch nie in einer Behandlung dieses Gegenstandes, noch auch sonst je
-einer charakterologischen Arbeit geschehen ist. Das Thema ist darum
-so ergiebig, weil hier der Zusammenhang alles höheren Lebens auf der
-einen und alles niederen Lebens auf der anderen Seite sich offenbaren
-muß. Jede Psychologie und jede Philosophie findet hier einen Prüfstein,
-vorzüglicher als die meisten anderen, auf daß sie an ihm sich erprobe.
-Nur darum bleibt das Problem Mann-Weib in aller Charakterologie das
-interessanteste Kapitel, nur darum habe ich es zum Objekte einer so
-umfassenden, weit ausgreifenden Untersuchung gewählt.
-
-Man wird an dem Punkte, zu welchem die Darlegung nun gelangt ist,
-sicherlich offen fragen, was man bisher vielleicht nur als Bedenken
-bei sich erwogen hat: ob denn dieser Anschauung die Frauen überhaupt
-noch Menschen seien? Ob sie nach der Theorie des Verfassers nicht
-eigentlich unter die Tiere oder die Pflanzen gerechnet werden müßten?
-Denn sie entbehrten, nach seiner Auffassung, einer höheren als der
-sinnlichen Existenz nicht minder denn jene, sie hätten so wenig teil am
-ewigen Leben wie die übrigen Organismen, denen persönliche Fortdauer
-kein Bedürfnis und keine Möglichkeit ist. Eine metaphysische Realität
-sei beiden gleich wenig beschieden, sie _seien_ alle nicht, das Weib
-nicht, noch auch das Tier, noch die Pflanze -- alle nur Erscheinung,
-nirgends etwas vom Ding an sich. Der Mensch ist, nach der Ansicht, die
-sein Wesen am tiefsten erfaßt hat, ein Spiegel des Universums, er ist
-der Mikrokosmus; die Frau aber ist absolut ungenial, sie lebt nicht im
-tiefen Zusammenhange mit dem All.
-
-In _Ibsens_ »Klein Eyolf« spricht das Weib an einer schönen Stelle zum
-Manne:
-
-_Rita_: Wir sind doch schließlich nur Menschen.
-
-_Allmers_: Auch mit Himmel und Meer sind wir ein wenig verwandt, Rita.
-
-_Rita_: _Du vielleicht. Ich nicht._
-
-Ganz bündig liegt hierin die Einsicht des Dichters, daß die Frau zur
-Idee der Unendlichkeit, zur Gottheit, kein Verhältnis hat: weil ihr
-die Seele fehlt. Zum _Brahman_ dringt man, nach den Indern, nur durch
-das _Âtman_ vor. Das Weib ist nicht Mikrokosmus, es ist nicht nach dem
-Ebenbilde der Gottheit entstanden. Ist es also noch Mensch? Oder ist es
-Tier? Oder Pflanze?
-
-Den Anatomen müssen diese Fragen wohl recht lächerlich bedünken, und
-er wird einen Standort von vornherein für verfehlt halten, auf dessen
-Boden solche Problemstellungen erwachsen können. Ihm ist das Weib
-homo sapiens und von allen übrigen Spezies wohl unterschieden, dem
-menschlichen Manne nicht anders zugeordnet als das Weibchen in jeder
-Art und Gattung sonst seinem Männchen. Und der Philosoph darf gewiß
-nicht sagen: Was gehen mich die Anatomen an! Mag er auch von dieser
-Seite noch so wenig Verständnis erhoffen für das, was ihn bewegt: er
-spricht hier über anthropologische Dinge, und, wenn er die Wahrheit
-findet, darf auch die morphologische Tatsache um ihr Recht nicht
-verkürzt worden sein.
-
-In der Tat! Zwar stehen die Frauen sicherlich in ihrem Unbewußten der
-Natur näher als der Mann. Die Blumen sind ihre Schwestern, und daß sie
-von den Tieren minder weit entfernt sind als der Mann, dafür zeugt, daß
-sie zur Sodomie sicherlich mehr Neigung haben als er (Pasiphae- und
-Leda-Mythus. Auch das Verhältnis zum Schoßhündchen ist wahrscheinlich
-ein noch weit sinnlicheres, als man gewöhnlich es sich ausmalt).[78]
-Aber die Frauen sind Menschen. Selbst W, die wir ohne jede Spur des
-intelligiblen Ich denken, ist doch immerhin das Komplement zu M. Und
-sicherlich ist die Tatsache der besonderen _sexuellen_ und _erotischen_
-Ergänzung des menschlichen Mannes durch das _menschliche_ Weib wenn
-auch nicht jene sittliche Erscheinung, von welcher die Fürsprecher
-der Ehe schwatzen, so doch von ungeheuerer Bedeutung für das Problem
-der Frau. Die Tiere sind ferner bloß Individuen, die Frauen Personen
-(wenn auch nicht Persönlichkeiten). Die äußere Urteilsform, wenn auch
-nicht die innere, die Sprache, obgleich nicht die Rede, ein gewisses
-Gedächtnis, obschon keine kontinuierliche Einheit des Selbstbewußtseins
-ist ihnen verliehen. Für alles im Manne besitzen sie eigentümliche
-_Surrogate_, die noch fortwährend jene Verwechslungen begünstigen,
-denen die Schätzer der Weiblichkeit so gerne unterliegen.
-
-Es ist keine andere Frage als die nach dem _letzten Wesen des
-Geschlechtsgegensatzes_, die hiemit neu aufgeworfen erscheint. Die
-Rolle, welche das männliche und das weibliche Prinzip im Tier- und im
-Pflanzenreiche spielen, bleibt hier _außer_ Betracht; es handelt sich
-einzig um den Menschen. Daß solche Prinzipien der Männlichkeit und
-Weiblichkeit nicht als metaphysische Ideen, sondern als theoretische
-Begriffe angenommen werden müssen, darauf lief die ganze Untersuchung
-gleich zu Anfang hinaus. Welche gewaltigen Unterschiede zwischen Mann
-und Weib, weit über die bloße physiologisch-sexuelle Differenz hinaus,
-ohne Frage zumindest beim _Menschen_ bestehen, das hat der ganze
-weitere Verlauf der Betrachtung gezeigt. Jene Anschauung also, welche
-in der Tatsache des Dualismus der Geschlechter nichts weiter erblickt
-als eine Vorrichtung zur Distribution verschiedener Funktionen auf
-verschiedene Wesen im Sinne einer Teilung der physiologischen Arbeit
--- eine Auffassung, die, wie ich glaube, dem Zoologen _Milne-Edwards_
-ihre besondere Verbreitung zu danken hat -- erscheint hienach völlig
-unannehmbar; über ihre ans Lächerliche streifende Oberflächlichkeit und
-intellektuelle Genügsamkeit ist weiter kein Wort zu verlieren. Zwar ist
-der _Darwinismus_ der Popularisierung dieser Ansicht besonders günstig
-gewesen, und man hat sogar ziemlich allgemein an ein Hervorgehen der
-geschlechtlich differenzierten Organismen aus einem früheren Stadium
-sexueller Ungeschiedenheit gedacht: durch einen Sieg der einer solchen
-Funktionsentlastung teilhaft gewordenen Wesen über die primitiveren,
-überbürdeten, ungeschlechtlichen oder doppelgeschlechtlichen Arten.
-Daß aber eine solche »Entstehung des Geschlechtes« infolge der
-»Vorzüge der Arbeitsteilung«, der »Erleichterung im Kampfe ums Dasein«
-eine, ganz _unvollziehbare Vorstellung ist_, hat, lange vor den
-modernen Totenkäfern _Darwins_, Gustav Theodor _Fechner_ in einer
-unwiderleglichen Argumentation dargetan.
-
-Isoliert ist der Sinn von Mann und Weib nicht zu erforschen; sie
-können in ihrer Bedeutung nur aneinander erkannt und gegeneinander
-bestimmt werden. _In ihrem Verhältnis zueinander_ muß der Schlüssel
-für das Wesen _beider_ zu finden sein. Bei dem Versuche, die Natur
-der Erotik zu ergründen, ist bereits kurz auf ihn angespielt worden.
-_Es ist das Verhältnis von Mann und Weib kein anderes als das von
-$Subjekt$ und $Objekt$. $Das Weib sucht seine Vollendung als Objekt.$_
-Es ist die _Sache_ des Mannes, oder die _Sache_ des Kindes, und will,
-trotz aller Bemäntelung, nicht anders genommen werden denn wie eine
-_Sache_. Niemand mißversteht so sehr, was eine Frau wirklich will,
-als wer sich für das interessiert, was in ihr vorgeht, und für ihre
-Gefühle und Hoffnungen, für ihre Erlebnisse und innere Eigenart eine
-Teilnahme in sich aufkommen läßt. Die Frau _will nicht_ als _Subjekt_
-behandelt werden, sie will stets und in alle Wege -- das ist eben
-ihr Frau-Sein -- lediglich _passiv_ bleiben, _einen Willen auf sich
-gerichtet fühlen_, sie will nicht gescheut noch geschont, _sie will
-nicht $geachtet$ sein_. Ihr Bedürfnis ist vielmehr, nur als Körper
-begehrt, und nur als fremdes Eigentum besessen zu werden. _Wie die
-bloße Empfindung erst Realität gewinnt, indem sie begrifflich, d. h.
-$Gegenstand$ wird, so gelangt das Weib zu seinem Dasein und zu einem
-Gefühle desselben erst, indem es vom Manne oder vom Kinde, als dem
-Subjekte, zu dessen $Objekt$ erhoben wird, und so eine Existenz
-geschenkt erhält._
-
-_Was erkenntnistheoretisch der Gegensatz des Subjekts zum Objekt, das
-sagt ontologisch die Gegenüberstellung von $Form$ und $Materie$._ Sie
-ist nur die Übersetzung jener Unterscheidung aus dem Transcendentalen
-ins Transcendente, aus dem Erfahrungskritischen ins Metaphysische.
-Die Materie, das absolut _Un_individualisierte, das, was _jede_ Form
-annehmen kann, selbst aber keine bestimmten und dauernden Eigenschaften
-hat, ist das, was so wenig _Essenz_ besitzt, wie der bloßen Empfindung,
-der Materie der Erfahrung, an sich schon _Existenz_ zukommt. Während
-also der Gegensatz von Subjekt und Objekt ein solcher der Existenz ist
-(_indem die Empfindung erst als ein dem Subjekte gegenübergestellter
-Gegenstand Realität gewinnt_), bedeutet der Gegensatz von Form und
-Materie einen Unterschied der Essenz (_die Materie ist ohne Formung
-absolut qualitätenlos_). Darum konnte _Platon_ die Stofflichkeit,
-die bildsame Masse, das an sich formlose ἄπειρον, den knetbaren Teig
-des ἐκμαγεῖον, das, worein die Form eingeht, ihren Ort, ihre χώρα,
-das ἐν ᾧ, jenes ewig _Zweite_, _Andere_, das θάτερον, auch $als das
-Nichtseiende$, als das µὴ ὄν bezeichnen. Der zieht den tiefsten Denker
-auf das Niveau der vordersten Oberflächlichkeit, der ihn, wie dies
-häufig geschieht, meinen läßt, sein Nichtseiendes sei der _Raum_. Gewiß
-wird kein bedeutender Philosoph dem Raum eine metaphysische Existenz
-zuschreiben, aber ebensowenig kann er ihn für _das_ Nichtseiende an
-sich halten. Es charakterisiert gerade den ahnungslosen, frechen
-Schwätzer, daß der leere Raum für ihn »Luft«, »Nichts« ist; erst dem
-vertieften Nachdenken gewinnt er an Realität, und wird ihm Problem.
-Das Nichtseiende _Platons_ ist gerade das, was dem _Philister_ als das
-denkbar _Realste_, als die Summation der Existenzwerte erscheint, _es
-ist nichts anderes als die Materie_.
-
-Ist es also eine zu klaffende Diskontinuität, wenn ich im Anschluß
-an _Plato_, der selbst sein jede Form Annehmendes vergleichsweise
-als die _Mutter_ und _Amme_ alles Werdens bezeichnet, auf den Spuren
-des _Aristoteles_, dessen Naturphilosophie _im Zeugungsakte_ dem
-weiblichen Prinzip die _stoffliche_, dem männlichen die _formende_
-Rolle zuerteilt hat -- ist es Willkür, wenn ich, in Übereinstimmung mit
-dieser Anschauung und Erweiterung derselben, _die Bedeutung des Weibes
-für den Menschen nun überhaupt in der Vertretung der Materie erblicke_?
-Der Mann, als Mikrokosmus, ist beides, zusammengesetzt aus höherem und
-niederem Leben, aus metaphysisch Existentem und Wesenlosem, aus Form
-und Materie: das _Weib_ ist _nichts_, _es ist $nur$ Materie_.
-
-Erst _diese_ Erkenntnis bildet den Schlußstein des Gebäudes, von
-ihr aus wird alles deutlich, was noch unklar war, und rundet sich
-zum geschlossenen Zusammenhange. Das geschlechtliche Streben des
-Weibes geht nach _Berührung_, es ist nur _Kontrektations-_ und nicht
-Detumeszenztrieb.[79] Dem entspricht, daß sein feinster Sinn, und
-zugleich der einzige, bei ihm weiter als beim Manne entwickelte Sinn
-das _Tastgefühl_ ist.[80] Auge und Ohr führen beide ins Unbegrenzte
-und lassen eine Unendlichkeit ahnen; der Tastsinn erfordert engste
-körperliche Nähe zur eigenen Betätigung; man vermengt sich mit dem, was
-man angreift: er ist der eminent schmutzige Sinn, und wie geschaffen
-für ein auf körperliche Gemeinschaft angelegtes Wesen. Was durch ihn
-vermittelt wird, ist die Widerstandsempfindung, die Wahrnehmung des
-Palpablen; und eben von der _Materie_ läßt sich, wie _Kant_ gezeigt
-hat, nichts anderes aussagen, als daß sie eine derartige Raumerfüllung
-ist, die allem, was in sie einzudringen strebt, einen gewissen
-_Widerstand_ entgegensetzt. Die Erfahrung des »Hindernisses« hat, wie
-den psychologischen (nicht den erkenntnistheoretischen) _Ding_begriff,
-so auch den übergroßen Realitätscharakter geschaffen, welchen die
-Data des Tastsinnes für die meisten Menschen immer besitzen, als die
-solideren, »primären« Qualitäten der Erfahrungswelt. Aber nichts
-anderes als der ihm stets anhaftende letzte Rest von Weiblichkeit
-ist es, der bewirkt, daß für den Mann die Materie den Charakter der
-eigentlichen Realität gefühlsmäßig nie vollständig _verliert_. Gäbe
-es einen absoluten Mann, so wäre ihm die Materie auch _psychologisch_
-(nicht nur logisch) kein irgendwie Seiendes mehr.
-
-Der Mann ist Form, das Weib Materie. Ist das richtig, so muß es auch
-in dem Verhältnis ihrer psychischen Einzelerlebnisse zueinander einen
-Ausdruck finden. Die längst festgestellte Gliederung der Inhalte des
-männlichen Seelenlebens gegenüber dem unartikulierten und chaotischen
-Vorstellen des Weibes verkündet nichts anderes als diesen nämlichen
-Gegensatz von Form und Materie. Die Materie will geformt werden: _darum
-verlangt_ das Weib vom Manne die _Klärung_ seiner verworrenen Gedanken,
-die _Deutung der Heniden_.[81]
-
-Die Frauen sind die Materie, die jede Form annimmt. Jene
-Untersuchungen, welche für die Mädchen eine bessere Erinnerung speziell
-an den Lehrstoff ergeben haben, als für die Knaben, können nur so
-erklärt werden: aus der Inanität und Nullität der Frauen, die mit allem
-Beliebigen _imprägniert_ werden können, indes der Mann nur behält, was
-ihn wirklich interessiert, und alles übrige _vergißt_ (vgl. Teil II,
-S. 147, 168). Aber vor allem geht das, was die _Schmiegsamkeit_ des
-Weibes genannt wurde, seine außerordentliche _Beeinflußbarkeit_ durch
-das fremde Urteil, seine _Suggestibilität_, seine völlige _Umschaffung_
-durch den Mann auf dieses Bloß-Materie-Sein, diesen _Mangel_ jeder
-_ursprünglichen Form_ zurück. _Das Weib $ist$ nichts, und darum, $nur$
-darum $kann es alles werden$; während der Mann stets nur werden kann,
-was er $ist$._ Aus einer Frau kann man machen, _was man will_; dem
-Manne höchstens zu dem verhelfen, was _er_ will. Darum hat, in der
-wahren Bedeutung des Wortes, eigentlich nur _Frauen_, nicht Männer,
-zu _erziehen_ einen _Sinn_. Am Manne wird durch alle Erziehung
-nie irgend ein Wesentliches geändert; im Weibe kann sogar seine
-eigenste Natur, die Hochwertung der Sexualität, durch äußeren Einfluß
-völlig zurückgedrängt werden. Das Weib mag alles scheinen und alles
-verleugnen, aber es _ist_ nie irgend etwas in Wahrheit.
-
-Man wird freilich, selbst wenn man mit den bisherigen Ableitungen
-sollte einverstanden sein, ihnen zum Vorwurf machen, daß sie keine
-Auskunft darüber gäben, $was$ denn der _Mann_ eigentlich _sei_. Läßt
-sich von ihm, wie vom Weibe _Kuppelei_ und _Wesenlosigkeit_, irgend
-etwas als allgemeine Eigenschaft prädizieren? Gibt es überhaupt einen
-_Begriff_ des Mannes, wie es einen Begriff des Weibes gibt, und läßt
-sich dieser Begriff ähnlich definieren?
-
-Hierauf ist zu antworten, daß die Männlichkeit eben in der _Tatsache_
-der Individualität, der wesenhaften Monade liegt und sich mit ihr
-deckt. Jede Monade aber ist von jeder anderen um ein _Unendliches_
-verschieden, und darum keine subsumierbar unter einen umfassenderen
-Begriff, der mehreren Monaden Gemeinsames enthielte. Der _Mann_
-ist der _Mikrokosmus_, in ihm sind _alle_ Möglichkeiten überhaupt
-enthalten. Man hüte sich dies zu verwechseln mit der _universellen
-$Suszeptibilität$_ der Frau, die alles wird, _ohne irgend etwas zu
-sein_, indes der Mann alles _ist_ und davon mehr oder weniger, je nach
-seiner Begabung, auch _wird_. Der Mann hat auch das Weib, er hat auch
-Materie in sich, und kann diesen Teil seines Wesens sich entwickeln
-lassen, d. h. verkommen und entarten; oder er kann ihn erkennen und
-bekämpfen -- _darum_ kann _er_, und _nur $er$_, über die Frau zur
-Wahrheit gelangen (Teil II, S. 106-108). _Das Weib aber hat keine
-Möglichkeit einer Entwicklung, außer durch den Mann._
-
-Ganz deutlich wird die Bedeutung von Mann und Weib immer erst in
-der Betrachtung ihrer gegenseitigen _sexuellen_ und _erotischen
-Relationen_. Das tiefste Begehren der Frau ist, vom Manne _geformt_
-und _dadurch erst geschaffen_ zu werden. Die Frau wünscht, daß der
-Mann ihr Meinungen beibringe, _ganz andere_, als sie bisher gehabt
-hat, sie will durch ihn umgestoßen sehen, was sie bisher für richtig
-hielt (Gegenteil der Pietät, S. 161), sie will als Ganzes _widerlegt
-sein_, und erst _neugebildet_ werden durch ihn. Der Wille des Mannes
-_schafft_ erst die Frau, er _gebietet_ über sie, und _verändert
-sie von Grund auf_ (Hypnose). Hier ist auch endlich Klärung über
-das Verhältnis des Psychischen zum Physischen bei Mann und Weib zu
-finden. Für den Mann wurde früher die Wechselwirkung, und zwar nur im
-Sinne einer einseitigen Schöpfung des Leibes durch die transcendente
-Psyche, als die Projektion derselben auf die Erscheinungswelt, für
-das Weib hingegen der Parallelismus eines bloß Empirisch-Psychischen
-und Empirisch-Physischen angenommen. Jetzt ist klar, daß auch beim
-Weibe eine Wechselwirkung Geltung hat. Aber während beim _Manne_,
-nach _Schopenhauers_ wahrster Lehre, daß der Mensch sein eigenes Werk
-sei, der _eigene_ Wille sich den Körper _schafft_ und _umschafft_,
-wird das _Weib_ durch den _fremden_ Willen körperlich _beeinflußt_
-und _umgebildet_ (Suggestion, Versehen). Der Mann formt also nicht
-nur sich, sondern auch, ja leichter noch, das Weib. Jene Mythen der
-Genesis und anderer Kosmogonien, welche das Weib vom Manne geschaffen
-sein lassen, haben eine tiefere Wahrheit verkündet als die biologischen
-Deszendenzlehren, die an ein Hervorgehen des Männlichen aus dem
-Weiblichen glauben.
-
-Auch jene im 9. Kapitel (S. 279) offen gelassene Frage, wie das Weib,
-ohne selbst Seele und Willen zu besitzen, doch in der Lage sein könne,
-herauszufinden, in welchem Maße der Mann mit ihnen ausgestattet ist,
-auch diese schwierigste Frage mag jetzt zu beantworten versucht werden.
-Man muß sich nur darüber klar geworden sein, daß, was die Frau bemerkt,
-und wofür sie ein Organ hat, nicht die _besondere_ Natur eines Mannes
-ist, sondern nur die _allgemeine Tatsache_ und etwa noch der _Grad_
-seiner _Männlich$keit$_. Es ist ganz falsch, _Heuchelei, oder aus der
-späteren Imprägnation mit dem männlichen Wesen zu Unrecht erschlossen_,
-daß die Frau ein ursprüngliches _Verständnis_ für die _Individualität_
-des Mannes habe.[82] Der Verliebte, der durch das unbewußte Simulieren
-eines tieferen Begreifens von Seite des Weibes so leicht zu foppen
-ist, mag an ein Verständnis seiner selbst durch ein Mädchen glauben;
-wer weniger genügsam ist, wird es sich nicht verhehlen können, daß
-die Frauen nur für das _Daß_, nicht für das _Was_ der Seele, nur
-für die _formale allgemeine Tatsache_, nicht für die _Besonderheit_
-der Persönlichkeit einen Sinn besitzen. Denn um _spezielle_ Form
-perzipieren und apperzipieren zu können, müßte die Materie an sich
-nicht _formlos_ sein; das Verhältnis der Frau zum Mann ist aber kein
-anderes als das der Materie zur Form, und ihr Verständnis für ihn
-nichts als Bereitwilligkeit, möglichst kräftig geformt zu werden, der
-Instinkt des Existenzlosen für Existenz. Also dieses »Verständnis«
-ist kein theoretisches, es ist kein Anteilnehmen, sondern ein
-Anteilhabenwollen; es ist zudringlich und egoistisch. Die Frau hat kein
-Verhältnis zum _Manne_ und keinen Sinn für den Mann, sondern nur einen
-für _Männlichkeit_; und wenn sie für sexuell anspruchsvoller gehalten
-werden darf als er, so ist diese Anspruchsfülle nichts anderes als das
-intensive Begehren nach ausgiebigster und stärkster Formung: _es ist
-das Warten auf das größtmögliche Quantum von Existenz_.
-
-Und nichts anderes ist schließlich auch die _Kuppelei_. Die Sexualität
-der Frauen ist _über_individuell, weil sie nicht abgegrenzte, geformte,
-individualisierte Wesenheiten im höheren Sinne darstellen. Der höchste
-Augenblick im Leben des Weibes, der, in dem sein _Ur_sein, die _Urlust_
-sich offenbart, ist jener Moment, wo der männliche Same in es fließt.
-Da umarmt es den Mann stürmisch und preßt ihn an sich: es ist die
-höchste Lust der Passivität, stärker noch als das Glücksgefühl der
-Hypnotisierten, die Materie, welche eben geformt wird und die Form
-nicht loslassen, sie ewig an sich binden will. Dieses unendliche
-Trachten der Armut, dem Reichtum sich zu gesellen, das gänzlich
-formlose und darum überindividuelle Streben des _Un_gegliederten, die
-Form zur Berührung mit sich zu bringen, sie dauernd festzuhalten und
-so Existenz zu gewinnen, liegt der Kuppelei im Tiefsten zu Grunde. Daß
-das Weib nicht Monade ist und keine Grenzen hat, dadurch ist Kuppelei
-nur _ermöglicht_; zur _Wirklichkeit_ wird sie, weil es die Idee des
-_Nichts_, der _Materie_ repräsentiert, die unaufhörlich und in jeder
-Weise die Form zur Vermengung mit sich zu verführen trachtet. Kuppelei
-ist das ewige Drängen des Nichts zum Etwas.
-
-So hat sich allmählich die Dualität von Mann und Weib zum Dualismus
-überhaupt entwickelt, zum Dualismus des höheren und des niederen
-Lebens, des Subjekts und Objekts, der Form und der Materie, des Etwas
-und des Nichts. Alles metaphysische, alles transcendentale Sein ist
-logisches und moralisches Sein: _das Weib ist alogisch und amoralisch_.
-Es enthält aber auch keine Abkehr vom Logischen und Moralischen, es ist
-nicht _anti_logisch, es ist nicht _anti_moralisch. Es ist nicht das
-_Nicht_, sondern das _Nichts_, es ist _weder Ja_, _noch_ ist es _Nein_.
-Der _Mann_ birgt in sich die Möglichkeit zum absoluten Etwas _und_ zum
-absoluten Nichts, und darum hat all sein Handeln eine _Richtung_ nach
-dem einen oder dem anderen: das Weib _sündigt_ nicht, _denn es ist
-selbst $die$ Sünde, als $Möglichkeit$ im Manne_.
-
-_Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten $Etwas$, das
-Weib, auch das Weib im Manne, ist das Symbol des $Nichts$: das ist die
-Bedeutung des Weibes im Universum, und so ergänzen und bedingen sich
-Mann und Weib._ Als des Mannes _Gegensatz_ hat das Weib einen Sinn und
-eine Funktion im Weltganzen; und wie der menschliche Mann über das
-tierische Männchen, so reicht das menschliche Weib über das Weibchen
-der Zoologie hinaus.[83] _Kein begrenztes Sein, kein begrenztes
-Nichtsein_ (wie im Tierreich) liegen im _Menschen_ im Kampfe: _was
-hier sich gegenübersteht, ist unbegrenztes Sein_ und _unbegrenztes
-Nichtsein_. _Darum_ machen erst Mann und Weib _zusammen_ den Menschen
-aus.
-
-Der _Sinn_ des Weibes ist es also, _Nicht-Sinn_ zu sein. Es
-repräsentiert das _Nichts_, den Gegenpol der Gottheit, die _andere
-Möglichkeit_ im Menschen. Darum gilt mit Recht nichts für gleich
-verächtlich, als der Weib gewordene Mann, und wird ein solcher
-Mann geringer geachtet als selbst der stumpfsinnigste und roheste
-Verbrecher. Und so erklärt sich auch jene tiefste _Furcht_ im Manne:
-die _Furcht vor dem Weibe_, das ist die _Furcht vor der Sinnlosigkeit_:
-das ist die Furcht _vor dem lockenden Abgrund des Nichts_.
-
-Das _alte Weib_ offenbart erst ganz und gar, was das Weib
-in Wirklichkeit ist. Die Schönheit der Frau wird, auch rein
-erfahrungsgemäß, nur _geschaffen_ durch die _Liebe_ des Mannes: die
-Frau wird schöner, wenn ein Mann sie liebt, _weil sie passiv dem Willen
-entspricht, der in seiner Liebe liegt_; so mystisch dies klinge, es ist
-nur eine alltägliche Beobachtung. Das alte Weib zeigt, wie das Weib
-nie schön _war_: _wäre_ das Weib, so wäre die Hexe nicht. Aber das
-Weib _ist_ nichts, ein hohles Gefäß, eine Zeitlang überschminkt und
-übertüncht.
-
-Alle Qualitäten der Frau hängen an ihrem Nicht-Sein, an ihrer
-_Wesenlosigkeit_: weil sie kein wahres, unwandelbares, sondern nur ein
-irdisches Leben hat, darum begünstigt sie als Kupplerin die Zeugung in
-_diesem_, darum ist sie durch den Mann, der sinnlich auf sie wirkt, vom
-Grund auf umzuschaffen und empfänglich überhaupt. So vereinigen sich
-die drei fundamentalen Eigenschaften des Weibes, welche dieses Kapitel
-aufgedeckt hat, und schließen sich zusammen in seinem Nicht-Sein.
-
-Aus dem Begriff des Nicht-Seins ergeben sich Veränderlichkeit
-und Verlogenheit, als die zwei _negativen_ Bestimmungen, durch
-_unmittelbare_ Deduktion. Bloß Kuppelei, als die einzige _Position_ im
-Weibe, folgt aus ihm nicht gleich rasch durch einfache Analyse.
-
-Und das ist wohl begreiflich. Denn das _Dasein_ des Weibes ist selbst
-_identisch_ mit der Kuppelei, mit Bejahung aller Sexualität überhaupt.
-_Kuppelei ist nichts anderes als universale Sexualität_; daß das Weib
-ist, heißt nichts anderes, als daß in der Welt ein radikaler Hang zu
-allgemeiner Sexualität besteht. _Die Kuppelei noch weiter $kausal$
-zurückführen bedeutet so viel als das $Dasein des Weibes erklären$._
-
-Wenn hiezu von der Tafel des zwiefachen Lebens (S. 378) ausgegangen
-wird, so ist die _Richtung vom höchsten Leben weg zum irdischen hin_,
-das _Ergreifen des Nicht-Seienden statt des Seienden_, der _Wille zum
-Nichts_, das _Nicht_, das _An-Sich-Böse_. _Anti_moralisch ist die
-_Bejahung_ des _Nichts_: das Bedürfnis, _Form in Formloses, in Materie
-zu verwandeln_, das Bedürfnis zu _zerstören_.
-
-_Das Nicht aber ist dem Nichts verwandt. Und darum besteht ein
-so tiefer Zusammenhang zwischen allem Verbrecherischen und allem
-Weiblichen._ Das _Anti_moralische berührt sich eben mit dem
-$A$moralischen, von dem es in dieser Untersuchung zuerst ausdrücklich
-_getrennt_ wurde, im gemeinsamen Begriffe des _Un_moralischen, und
-die gewöhnliche unterschiedslose Verwechslung beider erfährt nun
-dennoch eine gewisse Rechtfertigung. Denn das Nichts ist _allein_
-eben -- _nichts_, es _ist_ nicht, es hat weder Existenz noch Essenz.
-Es ist stets nur das _Mittel_ des Nicht, das, was _durch_ das _Nein_
-dem _Etwas gegenübergestellt_ wird. _Erst indem der Mann seine eigene
-Sexualität bejaht, indem er das Absolute verneint, sich vom ewigen
-Leben ab-, dem niederen zukehrt, erhält das Weib Existenz. $Nur indem
-das Etwas zum Nichts kommt, kann das Nichts zum Etwas kommen.$_
-
-Der _bejahte Phallus_ ist das _Anti_moralische. Darum wird er als das
-Häßlichste empfunden; darum wurde er stets in einer Beziehung zum Satan
-gedacht: den Mittelpunkt der _Dante_schen _Hölle_ (das Zentrum des
-Erdinneren) bildet der _Geschlechtsteil Lucifers_.
-
-$So erklärt sich denn die absolute Gewalt der männlichen
-Geschlechtlichkeit über das Weib$.[84] _Nur indem der Mann $sexuell$
-wird, erhält das Weib Existenz und Bedeutung: sein Dasein ist an
-den Phallus geknüpft, und $darum$ dieser sein höchster Herr $und$
-unumschränkter Gebieter._ Der Geschlecht gewordene Mann ist das Fatum
-des Weibes; der Don Juan der einzige Mensch, vor dem es bis zum Grunde
-erzittert.
-
-$Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille
-des Mannes$: das _Nichts_ ist nur ein Werkzeug in der Hand des _Nicht_.
-Die Kirchenväter drückten dasselbe pathetischer aus, als sie das Weib
-das Instrument des Teufels nannten. Denn _an sich_ ist die Materie
-_nichts_, _erst die Form muß ihr Existenz geben wollen_. Der Sündenfall
-der Form ist eben jene Verunreinigung, die sie auf sich lädt, indem es
-sie treibt, an der Materie sich zu betätigen. _Als der Mann $sexuell$
-ward, da $schuf$ er das $Weib$._
-
-_Daß das Weib da ist, heißt also nichts anderes, als daß vom Manne die
-Geschlechtlichkeit bejaht wurde. Das Weib ist nur das $Resultat$ dieser
-Bejahung, es ist die Sexualität selber_ (S. 116).
-
-Das Weib ist in seiner Existenz _abhängig_ vom Manne: indem der Mann
-zum Manne, als Gegenteil des Weibes, indem er geschlechtlich wird,
-_setzt_ er das Weib und ruft es ins Dasein. Deshalb muß dem Weibe alles
-daran gelegen sein, den Mann _sexuell zu erhalten_: denn es hat so viel
-Existenz als der Mann Geschlechtlichkeit. _Deshalb_ muß der Mann, so
-will sie es, _ganz zum Phallus werden_, $deshalb kuppelt die Frau$.
-Sie ist unfähig, ein Wesen anders denn als Mittel zum Zweck, zu diesem
-Zweck des Koitus zu gebrauchen: denn mit ihr ist selbst $kein anderer
-Zweck$ verfolgt, als der, $den Mann schuldig werden zu lassen$. Und sie
-wäre _tot_ in dem Augenblick, da der Mann _seine_ Sexualität überwunden
-hätte.
-
-Der Mann hat das Weib geschaffen und schafft es immer neu, so lange
-er noch sexuell ist. Wie er der Frau das _Bewußtsein_ gab (Teil II,
-Kapitel 3, Ende), so gibt er ihr das _Sein_. Indem er auf den Koitus
-nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. $Das Weib ist die Schuld des
-Mannes.$
-
-Diese Schuld gut zu machen, dazu soll ihm die Liebe dienen. Hiedurch
-hellt sich auf, was der Schluß des vorigen Kapitels nur wie einen
-dunklen Mythos einführte. Was der Mann durch die Schöpfung des Weibes,
-das ist durch die Bejahung des Koitus verbrochen hat und noch
-fortwährend verbricht, _das bittet er dem Weibe ab als Erotiker_.
-Denn von wannen sonst käme die nie und nimmer sich genug tuende
-_Generosität_ aller Liebe? Woher, daß die Liebe gerade dem Weibe, und
-nicht einem anderen Wesen, Seele zu schenken beflissen ist? Durchaus
-ist das Weib nur der Gegenstand, den sich der Trieb des Mannes erzeugt
-hat als das eigene Ziel, es ist die Objektivation der männlichen
-Sexualität, _die verkörperte Geschlechtlichkeit, seine Fleisch
-gewordene Schuld_. Die _Liebe_ soll die Schuld über_decken_, statt sie
-zu über_winden_; sie _$er$hebt_ das Weib, statt es _$auf$zuheben_. Das
-Etwas schließt das Nichts in seine Arme, und glaubt so die Welt von der
-Negation zu befreien, und alle Widersprüche zu versöhnen: da doch das
-Nichts nur verschwinden könnte, wenn das Etwas sich ihm fern hielte.
-Die Liebe des Mannes ist sein kühnster, äußerster Versuch, das Weib
-als Weib sich zu retten, statt es als solches zu verneinen. Nur daher
-stammt ihr Schuldbewußtsein: durch sie soll Schuld selbst _weggeräumt_,
-statt _gesühnt_ werden.
-
-$Denn das Weib ist nur die Schuld und nur durch die Schuld des Mannes;
-und wenn Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle Schuld
-von selbst sich zu vermehren trachtet.$ Was die Frau, ohne je anders
-zu können, durch ihr bloßes Dasein, durch ihr ganzes Wesen, ewig
-unbewußt auswirkt, das ist nur _ein Hang im $Manne$_, sein zweiter,
-unausrottbarer, sein _niederer Hang_: sie ist, gleich der Walküre,
-eines _fremden_ Willens »blind wählende Kür«. Die Materie scheint ein
-nicht minder unergründliches Rätsel als die Form, das Weib gleich
-unendlich wie der Mann, das Nichts so ewig wie das Sein; aber diese
-Ewigkeit ist nur die Ewigkeit der Schuld.
-
-
-
-
-XIII. Kapitel.
-
-Das Judentum.
-
-
-Es könnte nicht wundern, wenn es manchem scheinen wollte, bei dem
-Ganzen der bisherigen Untersuchung seien »die Männer« allzugut
-davongekommen, und in ihrer Gesamtheit auf ein übertrieben hohes
-Postament gestellt. Man wird zwar vielleicht auf billige Argumente
-verzichten, ihren Resultaten nicht entgegenhalten, wie überrascht
-dieser Philister oder jener Spitzbube wäre, zu vernehmen, daß _er_
-die ganze Welt in sich habe; und doch die Behandlung des männlichen
-Geschlechtes nicht bloß allzuglimpflich finden, sondern geradezu eine
-tendenziöse Vernachlässigung aller widerlichen und kleinen Seiten der
-Männlichkeit zu Gunsten ihrer höchsten Spitzen der Darstellung als
-einen Fehler anrechnen.
-
-Die Beschuldigung wäre ungerechtfertigt. Es kommt mir nicht in den
-Sinn, die Männer zu idealisieren, um die Frauen leichter in der
-Schätzung herabdrücken zu können. So viel Beschränktheit und so viel
-Gemeinheit unter den empirischen Vertretern der Männlichkeit oft
-gedeiht, es handelt sich um die besseren _Möglichkeiten_, die in
-jedem Manne sind, und als vernachlässigte von ihm schmerzlich-hell
-oder dumpf-gehässig empfunden werden; Möglichkeiten, die als solche
-bei der Frau weder in Wirklichkeit, noch in gedanklicher Erwägung
-irgend in Rechnung gelangen. Und es konnte mir hier auch gar nicht
-auf Unterscheidungen _unter_ den Männern wesentlich ankommen, so
-wenig ich mich vor deren Wichtigkeit verschließe. Es handelte sich
-darum, festzustellen, was das Weib _nicht_ ist, und da fehlte ihm
-denn freilich unendlich viel, was selbst im mittelmäßigsten und
-plebejischesten Manne nie _ganz_ vermißt wird. Das, was es _ist_, die
-positiven Eigenschaften des Weibes (soferne da von einem Sein, von
-Positionen wohl gesprochen werden kann) wird man stets auch bei vielen
-Männern wiederfinden. Es gibt, wie schon öfter hervorgehoben wurde,
-_Männer_, die _zu Weibern geworden_, oder _Weiber geblieben_ sind; aber
-es gibt keine Frau, die über gewisse umschriebene, nicht sonderlich
-hoch zu ziehende, moralische und intellektuelle Grenzen hinauskäme. Und
-darum will ich es hier nochmals aussprechen: _das höchststehende Weib
-steht noch unendlich tief unter dem tiefststehenden Manne_.
-
-Jene Einwendungen aber könnten weiter gehen, und einen Punkt berühren,
-dessen Außerachtlassung der Theorie allerdings zum Vorwurf müßte
-gemacht werden. Es gibt nämlich Völkerschaften und Rassen, bei deren
-Männern, obwohl sie keineswegs als sexuelle Zwischenformen können
-gedeutet werden, man doch so wenig und so selten eine Annäherung an
-die Idee der Männlichkeit findet, wie sie aus der hier entworfenen
-Zeichnung derselben hervortritt, daß die Prinzipien, ja, die ganzen
-Fundamente, auf welchen diese Arbeit ruht, hiedurch stark könnten
-erschüttert scheinen. Was ist z. B. von den _Chinesen_ zu halten, mit
-ihrer weiblichen Bedürfnislosigkeit und ihrem Mangel an jeglichem
-Streben? Man möchte _hier_ allerdings noch an eine größere Weiblichkeit
-des ganzen Volkes zu glauben sich versucht fühlen. Wenigstens kann es
-keine bloße Laune einer ganzen Nation sein, daß die Chinesen einen Zopf
-zu tragen pflegen, und es ist ja auch ihr Bartwuchs nur ein äußerst
-spärlicher. Aber wie verhält es sich dann mit den _Negern_? Es hat
-unter den Negern vielleicht kaum je ein Genie gegeben, und moralisch
-stehen sie beinahe allgemein so tief, daß man in Amerika bekanntlich
-anfängt zu fürchten, mit ihrer Emanzipation einen unbesonnenen Streich
-verübt zu haben.
-
-Wenn also auch das Prinzip der sexuellen Zwischenformen vielleicht
-Aussicht hätte, für eine Rassenanthropologie bedeutsam zu werden (indem
-über einige Völker ein größeres Quantum von Weiblichkeit insgesamt
-ausgestreut schiene), so muß doch zugegeben werden, daß die bisherigen
-Deduktionen zuvörderst auf den _arischen Mann_ und das _arische Weib_
-sich beziehen. Wie weit in den anderen großen Stämmen der Menschheit
-mit den für ihre Gipfel geltenden Verhältnissen Übereinstimmung
-herrscht, und was jene hauptsächlich davon zurückhält und so lange
-hindert, an diese näher heranzukommen, das bedürfte erst der Erhellung
-durch die eingehendste und lohnendste psychologische Vertiefung in die
-Rassencharaktere.
-
-Das _Judentum_, das ich zum Gegenstande einer Besprechung zunächst
-darum gewählt habe, weil es, wie sich zeigen wird, der härteste und
-am meisten zu fürchtende Gegner der hier entwickelten und besonders
-der noch zu entwickelnden Anschauungen, wie überhaupt des ganzen
-Standpunktes ist, von dem aus jene möglich sind -- das Judentum scheint
-anthropologisch mit allen beiden erwähnten Rassen, mit den Negern
-wie mit den Mongolen, eine gewisse Verwandtschaft zu besitzen. Auf
-den Neger weisen die so gern sich ringelnden Haare, auf Beimischung
-von Mongolenblut die ganz chinesisch oder malaiisch geformten
-Gesichtsschädel, die man so oft unter den Juden antrifft, und denen
-regelmäßig eine gelblichere Hautfärbung entspricht.
-
-Dies ist nicht mehr als das Ergebnis einer alltäglichen Erfahrung,
-und anders wollen diese Bemerkungen nicht verstanden sein; die
-_anthropologische_ Frage nach der Entstehung des Judentums ist eine
-ungemein schwierige, und auch ein so interessanter Lösungsversuch
-wie der in den berühmten »Grundlagen des XIX. Jahrhunderts« von
-H. S. _Chamberlain_ unternommene hat in jüngster Zeit sehr viel
-Widerspruch gefunden. Sie zu behandeln besitze ich nicht das nötige
-Wissen; was hier in Kürze, aber bis zu möglichster Tiefe analysiert
-werden soll, ist nur die psychische Eigenheit des Jüdischen. Diese
-Aufgabe ist eine Obliegenheit der psychologischen Beobachtung und
-Zergliederung; sie ist lösbar, frei von allen Hypothesen über nun
-nicht mehr kontrollierbare historische Vorgänge; und nur bedarf dieses
-Unternehmen einer um so größeren Objektivität, als die Stellung zum
-Judentum heute beinahe die wichtigste und hervorstechendste Rubrik des
-Nationales ist, welches ein jeder vor der Öffentlichkeit ausfüllt,
-ja allgemach der gebräuchlichste Einteilungsgrund der zivilisierten
-Menschen geworden scheint. Und es läßt sich nicht behaupten, daß der
-Wert, welcher auf eine offene Erklärung in dieser Frage allgemein
-gelegt wird, ihrem Ernst und ihrer Bedeutung nicht angemessen sei, und
-ihre Wichtigkeit übertreibe. Daß man auf sie überall stößt, ob man nun
-von kulturellen oder materiellen, von religiösen oder politischen, von
-künstlerischen oder wissenschaftlichen, biologischen oder historischen,
-charakterologischen oder philosophischen Dingen herkommt, das muß
-einen tiefen, tiefsten Grund im Wesen des Judentumes selbst haben. Ihn
-aufzusuchen, wird keine Mühe zu groß scheinen dürfen: denn der Gewinn
-muß sie in jedem Falle unendlich belohnen.[85]
-
-Zuvor jedoch will ich genau angeben, in welchem Sinne ich vom
-Judentum rede. Es handelt sich mir _nicht_ um eine _Rasse_ und nicht
-um ein _Volk_, noch weniger freilich um ein gesetzlich anerkanntes
-Bekenntnis. _Man darf das Judentum nur für eine Geistesrichtung,
-für eine psychische Konstitution halten, welche für $alle$ Menschen
-eine $Möglichkeit$ bildet, und im historischen Judentum bloß die
-grandioseste $Verwirklichung$ gefunden hat._
-
-Daß dem so ist, wird durch nichts anderes bewiesen, als durch den
-_Antisemitismus_.
-
-Die echtesten, arischesten, ihres Ariertums gewissesten Arier sind
-keine Antisemiten, sie können, so unangenehm sicherlich auch sie von
-auffallend jüdischen Zügen sich berührt fühlen, doch den _feindseligen_
-Antisemitismus im allgemeinen gar nicht _begreifen_; und sie sind es
-auch, die von den Verteidigern des Judentums gerne als »Philosemiten«
-bezeichnet, und deren verwunderte und mißbilligende Äußerungen über
-den Judenhaß angeführt werden, wo das Judentum herabgesetzt oder
-angegriffen wird.[86] Im _aggressiven_ Antisemiten wird man hingegen
-immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften wahrnehmen; ja sogar in
-seiner Physiognomie kann das zuweilen sich ausprägen, mag auch sein
-Blut rein von allen semitischen Beimengungen sein.
-
-Es könnte dies auch unmöglich anders sich verhalten. _Wie man im
-anderen nur $liebt$, was man gerne ganz sein möchte und doch nie ganz
-ist, so $haßt$ man im anderen nur, was man nimmer sein will, und doch
-immer zum Teile noch ist._
-
-Man haßt nicht etwas, womit man keinerlei Ähnlichkeit hat. Nur macht
-uns oft erst der andere Mensch darauf aufmerksam, was für unschöne und
-gemeine Züge wir in uns haben.
-
-So erklärt es sich, daß die allerschärfsten Antisemiten _unter den
-Juden_ zu finden sind. Denn bloß die ganz jüdischen Juden, desgleichen
-die völlig arischen Arier, sind gar nicht antisemitisch gestimmt; unter
-den übrigen betätigen die gemeineren Naturen ihren Antisemitismus nur
-den anderen gegenüber, und richten diese, ohne je mit sich selber in
-dieser Sache vor Gericht gegangen zu sein; und nur wenige fangen mit
-ihrem Antisemitismus bei sich selbst an.
-
-Doch dies eine bleibt darum nicht minder gewiß: wer immer das jüdische
-Wesen haßt, der haßt es zunächst _in_ sich: daß er es im anderen
-verfolgt, ist nur sein Versuch, vom Jüdischen auf diese Weise sich
-zu sondern; er trachtet sich von ihm zu scheiden dadurch, daß er es
-gänzlich im Nebenmenschen lokalisiert, und so für den Augenblick von
-ihm frei zu sein wähnen kann. Der Haß ist ein Projektionsphänomen wie
-die Liebe: der Mensch haßt nur, durch wen er sich _un_angenehm an sich
-selbst erinnert fühlt.[87]
-
-Der Antisemitismus _des Juden_ liefert demnach den Beweis, daß niemand,
-der ihn kennt, den Juden als ein Liebenswertes empfindet -- auch der
-Jude nicht; der Antisemitismus _des Ariers_ ergibt eine nicht minder
-bedeutungsvolle Einsicht: daß man das Juden_tum_ nicht verwechseln darf
-mit _den Juden_. Es gibt Arier, die jüdischer sind als mancher Jude,
-und es gibt wirklich Juden, die arischer sind als gewisse Arier. Ich
-will von jenen Nicht-Semiten, welche viel Judentum in sich hatten,
-die kleineren (wie den bekannten _Friedrich Nicolai_ des XVIII.
-Jahrhunderts) und mittelgroßen (hier dürfte _Friedrich Schiller_
-kaum außer acht bleiben) nicht aufzählen, und nicht auf ihr Judentum
-analysieren. Aber auch _Richard Wagner_ -- der tiefste Antisemit --
-ist von einem Beisatz von Judentum, selbst in seiner Kunst, nicht
-freizusprechen, so gewiß er neben _Michel Angelo_ der größte Künstler
-aller Zeiten ist, so wahrscheinlich er geradezu den Künstler überhaupt
-in der Menschheit repräsentiert; und so zweifellos sein _Siegfried_
-das _Unjüdischeste_ ist, was erdacht werden konnte. Aber niemand ist
-umsonst Antisemit. Wie _Wagners_ Abneigung gegen die große Oper und das
-Theater zurückgeht auf den starken Zug, den er selbst zu ihnen empfand,
-einen Zug, der noch im »Lohengrin« deutlich erkennbar bleibt: so ist
-auch seine Musik, in ihren motivischen Einzelgedanken die gewaltigste
-der Welt, nicht gänzlich freizusprechen von etwas Aufdringlichem,
-Lautem, Unvornehmem; womit die Bemühungen _Wagners_ um die äußere
-Instrumentation seiner Werke im Zusammenhang stehen. Es läßt sich
-auch nicht verkennen, daß _Wagners_ Musik sowohl auf den jüdischen
-Antisemiten, welcher vom Judentum nie gänzlich loskommen kann, als
-auf den antisemitischen Indogermanen, der ihm zu verfallen fürchtet,
-den stärksten Eindruck hervorbringt. Von der Parsifal-Musik, die dem
-völlig echten Juden in Ewigkeit fast ebenso unzugänglich bleibt wie die
-Parsifal-Dichtung, vom »Pilgerchor« und der Romfahrt im »Tannhäuser«,
-und sicher noch von manchem anderen ist hiebei _gänzlich_ abzusehen;
-aber es ist z. B. sein Jugendwerk, der »Rienzi«, in seinem thematischen
-Materiale wie in der Ausführung, noch vom Judentum vielleicht nicht
-gänzlich frei. Auch könnte zweifellos, wer _nur_ ein Deutscher wäre,
-das Wesen des Deutschtums nie so klar sich zum Bewußtsein bringen, als
-_Wagner_ in den »Meistersingern von Nürnberg« dies vermocht hat.[88]
-Man denke endlich an jene Seite in _Wagner_, die zu _Feuerbach_, statt
-zu _Schopenhauer_, sich hingezogen fühlte.
-
-Hier ist keine kleinpsychologische Heruntersetzung des großen Mannes
-geplant. Ihm war das Judentum die große Hilfe, um zur klaren Erkenntnis
-und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum Siegfried und
-zum Parsifal sich durchzuringen, und dem Germanentum den höchsten
-Ausdruck zu geben, den es wohl in der Geschichte gefunden hat. Noch
-ein Größerer als _Wagner_ mußte erst das Judentum in sich überwinden,
-ehe er die eigene Mission fand; und es ist, vorläufig gesprochen,
-_vielleicht die welthistorische Bedeutung und das ungeheuere Verdienst
-des Judentums kein anderes, als den Arier immerfort zum Bewußtsein
-seines Selbst zu bringen, ihn $an sich$ zu mahnen_. Dies ist es, was
-der Arier dem Juden zu _danken_ hat; durch ihn weiß er, wovor er sich
-hüte: _vor dem Judentum als Möglichkeit in ihm selber_.
-
-Dieses Beispiel wird hinlänglich verdeutlicht haben, was nach meinem
-Ermessen unter dem Judentum zu verstehen ist. Keine Nation und keine
-Rasse, keine Konfession und kein Schrifttum. Wenn ich fürder vom Juden
-spreche, so meine ich nie den einzelnen und nie eine Gesamtheit,
-_sondern den Menschen überhaupt, sofern er Anteil hat an der
-platonischen Idee des Judentums_. Und nur die Bedeutung dieser Idee
-gilt es mir zu ergründen.
-
-Daß aber diese Untersuchung gerade in einer Psychologie der
-Geschlechter geführt werden muß, ist unerläßlich aus Gründen einer
-Abgrenzung. Es bereitet jedem, der über beide, über das Weib und über
-den Juden, nachgedacht hat, eine eigentümliche Überraschung, wenn er
-wahrnimmt, in welchem Maße gerade das Judentum durchtränkt scheint
-von jener Weiblichkeit, deren Wesen einstweilen nur im Gegensatze
-zu _allem_ Männlichen _ohne Unterschied_ zu erforschen getrachtet
-wurde. Er könnte hier überaus leicht geneigt sein, dem Juden einen
-größeren Anteil an der Weiblichkeit zuzuschreiben, als dem Arier, ja
-am Ende eine platonische μέθεξις auch des männlichsten Juden am Weibe
-anzunehmen sich bewogen fühlen.
-
-Diese Meinung wäre irrig. Da indes eine Anzahl der wichtigsten Punkte,
-solcher Punkte, in denen das tiefste Wesen der Weiblichkeit zum
-Ausdruck zu kommen schien, beim Juden sich in einer merkwürdigen
-Weise ebenfalls und wie zum zweiten Male finden, ist es unerläßlich,
-Übereinstimmung und Abweichung hier genau festzustellen.
-
-Die Konformität will dem ersten Blicke überall sich darbieten, worauf
-er sich auch richte; ja die Analogien sehen aus, als wären sie
-außergewöhnlich weit verfolgbar: so daß man Bestätigungen früherer
-Ergebnisse wie auch manch interessanten neuen Beitrag zum Hauptthema
-anzutreffen gewärtig sein darf. Und es scheint ganz beliebig, womit man
-hiebei den Anfang macht.
-
-So ist es, um gleich eine Analogie zum Weibe anzuführen, höchst
-merkwürdig, wie sehr die Juden die beweglichen Güter bevorzugen
--- auch heutzutage, da ihnen der Erwerb anderer frei steht --
-und wie sie eigentlich, trotz allem Erwerbssinn, kein Bedürfnis
-nach dem _Eigentume_, am wenigsten in seiner festesten Form, dem
-Grundbesitze, haben. Das Eigen_tum_ steht in einem unauflöslichen
-Zusammenhang mit der Eigen_art_, mit der Individualität. Hiemit
-hängt also zusammen, daß die Juden dem Kommunismus so scharenweise
-sich zuwenden. Den _Kommunismus_ als Tendenz zur _Gemeinschaft_
-sollte man stets unterscheiden vom _Sozialismus_ als Bestrebung zu
-gesellschaftlicher _Kooperation_ und zur Anerkennung der Menschheit
-in jedem Gliede derselben. Der Sozialismus ist arisch (_Owen_,
-_Carlyle_, _Ruskin_, _Fichte_), der Kommunismus jüdisch[89] (_Marx_).
-Die moderne Sozialdemokratie hat sich in ihrem Gedankenkreise
-darum vom christlichen, präraphaelitischen Sozialismus so weit
-entfernt, weil die Juden in ihr eine so große Rolle spielen. Trotz
-ihren vergesellschaftenden Neigungen hat die marxistische Form der
-Arbeiterbewegung (im Gegensatze zu _Rodbertus_) gar kein Verhältnis
-zur Idee des _Staates_, und dies ist sicherlich nur auf das völlige
-Unverständnis des Juden für den Staatsgedanken zurückzuführen. Dieser
-ist zu wenig ein Greifbares, die Abstraktion, die in ihm liegt,
-allen konkreten Zwecken zu weit entrückt, als daß der Jude sich mit
-ihm inniger befreunden könnte. Der Staat ist das Ganze aller Zwecke,
-die nur durch eine Verbindung vernünftiger Wesen als vernünftiger
-verwirklicht werden können. _Diese kantische Vernunft aber, der Geist
-ist es, woran es dem Juden wie dem Weibe vor allem zu gebrechen
-scheint._
-
-Aus jenem Grunde ist aller Zionismus so aussichtslos, obwohl er die
-edelsten Regungen unter den Juden gesammelt hat: denn der Zionismus
-ist die Negation des Judentums, in welchem, _seiner Idee nach_, die
-Ausbreitung über die ganze Erde liegt. Der Begriff des Bürgers ist dem
-Juden vollständig _transcendent_; darum hat es nie im eigentlichen
-Sinne des Wortes einen jüdischen _Staat_ gegeben, und kann nie
-einen solchen geben. In der Staatsidee liegt eine Position, die
-Hypostasierung der interindividuellen Zwecke, der Entschluß, einer
-selbst gegebenen Rechtsordnung, deren _Symbol_ (und nichts anderes)
-das Staatsoberhaupt ist, aus freier Wahl beizutreten. Darum ist das
-Gegenteil des Staates die Anarchie, mit der gerade der Kommunismus auch
-heute noch, eben durch sein Unverständnis für den Staat, verschwistert
-ist; so sehr auch hievon die meisten anderen Elemente in der
-sozialistischen Bewegung abstechen. Wenn der Staatsgedanke in keiner
-historischen Form auch nur annähernd verwirklicht ist, so liegt doch
-in jedem geschichtlichen Versuche zur Staatenbildung etwas, vielleicht
-nur jenes Minimum von ihm, das ein Gebilde über eine bloße Association
-zu Geschäfts- und Machtzwecken erhebt. Die historische Untersuchung,
-wie ein bestimmter Staat entstanden sei, sagt nichts über die _Idee_,
-die in ihm liegt, _soweit_ er eben Staat und nicht Kaserne ist. Um
-jene zu erfassen, wird man sich bequemen müssen, der vielgeschmähten
-_Rousseau_schen Vertragstheorie wieder mehr Gerechtigkeit widerfahren
-zu lassen. Nur das Zusammentreten ethischer Persönlichkeiten zu
-gemeinsamen Aufgaben kommt im Staate, sofern er Staat ist, zum Ausdruck.
-
-Daß der Jude nicht erst seit gestern, sondern mehr oder weniger von
-jeher staatfremd ist, deutet bereits daraufhin, _daß dem Juden wie
-dem Weibe die Persönlichkeit fehlt; was sich allmählich in der
-Tat herausstellen wird_. Denn nur aus dem Mangel des intelligiblen
-Ich kann, wie alle weibliche, so auch die jüdische Unsoziabilität
-abzuleiten sein. Die Juden stecken gerne beieinander wie die Weiber,
-aber sie _verkehren_ nicht miteinander als selbständige, voneinander
-geschiedene Wesen, unter dem Zeichen einer überindividuellen Idee.
-
-So wenig wie es in der Wirklichkeit eine »Würde der _Frauen_« gibt,
-so unmöglich ist die Vorstellung eines _jüdischen_ »gentleman«. Dem
-echten Juden gebricht es an jener inneren Vornehmheit, welche Würde
-des eigenen und Achtung des fremden Ich zur Folge hat. _Es gibt keinen
-jüdischen Adel_; und dies ist um so bemerkenswerter, als doch bei den
-Juden jahrtausendelange Inzucht besteht.
-
-So erklärt sich denn auch weiter, was man jüdische Arroganz nennt:
-aus dem Mangel an _Bewußtsein_ eines Selbst und dem gewaltsamen
-Bedürfnis nach Steigerung des Wertes der Person durch Erniedrigung
-des Nebenmenschen; _denn der echte Jude hat kein Ich und darum auch
-keinen Eigenwert_. Daher, trotz seiner Inkommensurabilität mit
-allem Aristokratischen, seine weibische Titelsucht, die nur auf
-einer Linie steht mit seiner Protzerei, deren Objekte die Loge im
-Theater oder die modernen Gemälde in seinem Salon, seine christliche
-Bekanntschaft oder sein Wissen sein können. Aber zugleich ist die
-jüdische Verständnislosigkeit für alles Aristokratische erst hierin
-eigentlich begründet. Der Arier hat ein Bedürfnis zu wissen, wer
-_seine_ Ahnen waren; er achtet sie und interessiert sich für sie,
-_weil sie seine Ahnen waren_; und er schätzt sie, weil er die eigene
-Vergangenheit immer höher hält als der schnell sich verwandelnde
-Jude, der pietätlos ist, weil er dem Leben keinen Wert spenden kann.
-Ihm fehlt jener Ahnenstolz vollständig, den selbst der ärmste,
-plebejischeste Arier noch in einem gewissen Grade besitzt; er ehrt
-nicht, wie dieser, seine Vorfahren, weil sie _seine_ Vorfahren sind,
-er ehrt nicht in ihnen _sich selbst_. Der Einwand ginge fehl, der sich
-auf den außerordentlichen Umfang und die Kraft der jüdischen Tradition
-beriefe. Die Geschichte seines Volkes ist hier dem Nachfahren, auch
-demjenigen, welchem sie viel zu bedeuten scheint, nicht die Summe des
-Einstmaligen, Gewesenen, sondern stets nur der Quell, aus dem er neue
-Hoffnungsträume saugt: die _Vergangenheit_ des Juden ist nicht wirklich
-seine Vergangenheit, sie ist immer nur seine _Zukunft_. -- --
-
-Man hat die Mängel des Judentums oft genug, nicht allein
-jüdischerseits, auf die brutale Unterdrückung und Knechtung
-zurückführen wollen, welche die Juden im ganzen Mittelalter bis ins
-XIX. Jahrhundert erfahren hätten. Den Sklavensinn habe im Juden
-erst der Arier gezüchtet; und es gibt nicht wenige Christen, welche
-den Juden in dieser Weise ernstlich als ihre Schuld empfinden. Doch
-diese Gesinnung geht zu weit im Selbstvorwurf: es ist unzulässig,
-von Veränderungen zu sprechen, welche durch Einflüsse von _außen_ im
-Laufe der Generationen _im_ Menschen bewirkt worden seien, _ohne_ daß
-in diesem selber der äußeren Gelegenheit etwas entgegengekommen sei
-und ihr willig die Hand gereicht habe. Noch ist nicht bewiesen, daß
-es eine Vererbung _erworbener_ Eigenschaften gibt, und sicherer als
-bei den anderen Lebewesen bleibt, trotz aller Scheinanpassungen, beim
-_Menschen_ der Charakter des einzelnen wie der Rasse konstant. Nur die
-seichteste Oberflächlichkeit kann glauben, daß der Mensch durch seine
-Umgebung gebildet werde, ja es ist beschämend, an die Bekämpfung einer
-solchen, jeder freien Einsicht den Atem raubenden Anschauung auch nur
-eine Zeile wenden zu sollen. Wenn sich der Mensch ändert, so kann es
-nur von innen nach außen geschehen; oder es ist, wie beim Weibe, nie
-ein Wirkliches da, also das Nichts-Sein das ewig Gleichbleibende. Wie
-kann man übrigens an eine historische Erzeugung des Juden denken, da
-doch bereits das alte Testament sichtlich zustimmend davon spricht, wie
-_Jakob_, der Patriarch, seinen sterbenden Vater _Isaak_ belogen, seinen
-Bruder _Esau_ und seinen Schwieger _Laban_ übervorteilt hat?
-
-_Mit Recht_ aber wird von den Verteidigern der Juden geltend gemacht,
-daß diese, auch dem Prozentsatze nach, seltener schwere Verbrechen
-begehen als die Arier. Der Jude ist nicht eigentlich _anti_moralisch.
-Aber es müßte wohl hinzugefügt werden, daß er auch nicht den höchsten
-ethischen Typus vorstellt. Er ist vielmehr relativ _a_moralisch,
-nie sehr gut, noch je sehr böse, im Grunde keines von beiden, und
-eher _gemein_. _Daher fehlt dem Judentum, wie die Konzeption der
-Engel, auch der Begriff des Teufels_, die Personifikation des Guten
-nicht minder als die des Bösen. Durch den Hinweis auf das Buch Hiob,
-die Belialgestalt und den Eden-Mythus wird diese Behauptung nicht
-entkräftet. Zwar liegen jene modernen quellenkritischen Streitfragen,
-die Echtes und Entlehntes hier zu scheiden bemüht sind, auf einem
-Wege, den zu betreten ich mich nicht berufen fühle; was ich aber wohl
-weiß, ist dies, daß im psychischen Leben des heutigen Juden, sei er
-nun »aufgeklärt« oder sei er »orthodox«, weder ein teuflisches noch
-irgend ein engelhaftes Prinzip, weder Himmel noch Hölle auch nur die
-geringste religiöse Rolle spielen. -- Wenn also der Jude nie die
-höchste sittliche Höhe erreicht, so wird doch auch sicherlich Mord
-und Gewalttat von ihm viel seltener verübt als vom Arier; und hieraus
-wird eben das Fehlen jeder Furcht vor einem diabolischen Prinzipe erst
-völlig verständlich.
-
-Kaum minder oft als die Fürsprecher der _Juden_ berufen sich die
-Anwälte der _Frauen_ auf deren geringere Kriminalität als auf den
-Beweis ihrer vollendeteren Sittlichkeit. Die Homologie zwischen beiden
-scheint immer vollständiger zu werden. Es gibt keinen weiblichen
-Teufel, so wenig es einen weiblichen Engel gibt: nur die Liebe, jene
-trotzige Verneinung der Wirklichkeit, kann den Mann im Weibe ein
-himmlisches Wesen erblicken lassen, nur blinder Haß es für verderbt und
-schurkenhaft erklären. _Was dem Weibe wie dem Juden vielmehr durchaus
-abgeht, das ist $Größe$_, Größe in irgend welcher Hinsicht, überragende
-Sieger im Moralischen, großzügige Diener des Antimoralischen. Im
-arischen Manne sind das gute und das böse Prinzip der _kantischen_
-Religionsphilosophie _beide beisammen und doch am weitesten
-auseinandergetreten_, um ihn streiten sein guter und sein böser Dämon.
-Im Juden sind, fast wie im Weibe, Gut und Böse noch nicht voneinander
-differenziert; es gibt zwar keinen jüdischen Mörder, doch es gibt auch
-keinen jüdischen Heiligen. Und so wird es wohl richtig sein, daß die
-wenigen Elemente des Teufelsglaubens in der jüdischen Überlieferung aus
-dem Parsismus und aus Babylon stammen.
-
-Die Juden leben sonach nicht als freie, selbstherrliche, zwischen
-Tugend und Laster wählende Individualitäten wie die Arier. Diese
-stellt sich ein jeder ganz unwillkürlich vor _wie eine Schar einzelner
-Männer_, jene wie ein, über eine weite Fläche ausgebreitetes,
-zusammenhängendes Plasmodium. Der Antisemitismus hat daraus oft
-fälschlich ein hartnäckiges bewußtes Zusammenhalten gemacht, und
-von der »jüdischen Solidarität« gesprochen. Das ist eine leicht
-begreifliche Verwechslung verschiedener Dinge. Wenn gegen irgend
-einen Unbekannten, welcher dem Judentum angehört, eine Beschuldigung
-erhoben wird, und nun alle Juden innerlich für den Betreffenden sich
-einsetzen, seine Unschuld wünschen, hoffen, und zu erweisen suchen:
-_so glaube man nur ja nicht, daß der betreffende Mensch als einzelner
-Jude sie irgendwie interessiere, sein individuelles Schicksal, weil
-es das eines Juden ist, mehr Mitleid bei ihnen erwecke als das
-eines ungerecht verfolgten Ariers_. Dies ist keineswegs der Fall.
-_Nur das gefährdete Juden$tum$, die Befürchtung, es könnte auf die
-Gesamtheit der Judenschaft, besser: auf das Jüdische überhaupt, auf
-die $Idee$ des Juden$tums$ ein schädlicher Schatten fallen, führt zu
-jenen Erscheinungen unwillkürlicher Parteinahme._ Es ist ganz so,
-wie wenn die Weiber jede einzelne Angehörige ihres Geschlechtes mit
-Wonne heruntersetzen hören, und selbst erniedrigen helfen, falls nur
-auf das Weib kein schlechtes Licht hiedurch geworfen werde: wenn nur
-kein Mann sich hiedurch abschrecken läßt, _überhaupt_ nach Frauen zu
-verlangen, wofern nur niemand an der »Liebe« irre, sondern weiter
-geheiratet wird, und nicht die alten Junggesellen sich vermehren. Nur
-die _Gattung_ wird verteidigt, nur das _Geschlecht_, beziehungsweise
-die _Rasse_ geschützt, nicht das _Individuum_; dieses kommt nur
-insoferne in Betracht, als es Angehöriger der Gruppe ist. _Der echte
-Jude wie das echte Weib, sie leben beide nur in der Gattung, nicht als
-Individualitäten._[90]
-
-Hieraus erklärt es sich, daß die _Familie_ (als biologischer, nicht
-als rechtlicher Komplex) bei keinem Volk der Welt eine so große Rolle
-spielt, wie bei den Juden; nächstdem bei den mit ihnen, wie sich zeigen
-wird, entfernt verwandten Engländern. Die Familie in diesem Sinne
-ist eben weiblichen, mütterlichen Ursprungs, und hat mit dem Staate,
-mit der Gesellschaftsbildung nichts zu tun. Die Zusammengehörigkeit
-der Familienmitglieder, nur als eine Folge des gemeinsamen
-Dunstkreises, ist am engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen
-Manne, dem begabteren stets mehr als dem mittelmäßigen, aber auch
-dem gewöhnlichsten noch, ist dies eigen, daß er sich mit seinem
-_Vater_ nie völlig verträgt: weil ein jeder einen, wenn auch noch
-so leisen, unbewußten oder bewußt gewordenen _Zorn_ auf denjenigen
-Menschen empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben genötigt
-und ihm den Namen gegeben hat, der ihm bei der Geburt gutdünkte; von
-dem er zumindest hierin _abhängig_ gewesen ist, und der, auch nach
-jeder tieferen metaphysischen Anschauung, doch immer als in einem
-_Zusammenhange_ damit stehend betrachtet werden muß, daß der Sohn
-selbst in das Erdenleben wollte. Nur unter Juden kommt es vor, daß der
-Sohn ganz tief in der Familie _darinnensteckt_, und mit dem Vater in
-gemeiner Gemeinschaft sich wohl fühlt; fast nur unter Christen, daß
-Vater und Sohn wie Freund und Freund miteinander verkehren. Ja sogar
-die Töchter der Arier stehen noch immer eher außerhalb der Familie als
-die Jüdinnen, und öfter als diese ergreifen sie einen Beruf, der sie
-von Verwandten und Eltern entfernt und unabhängig macht.
-
-Auch ist hier die Probe auf die Ausführungen des vorigen Kapitels zu
-machen, welche das unindividuelle, vom anderen Menschen nicht durch
-die Grenzen des Einsamen geschiedene Leben als eine unerläßliche
-Voraussetzung der Kuppelei ansahen (S. 385). Männer, die kuppeln,
-haben immer Judentum in sich; _und damit ist der Punkt der $stärksten$
-Übereinstimmung zwischen Weiblichkeit und Judentum erreicht_. Der Jude
-ist stets lüsterner, geiler, wenn auch merkwürdigerweise, vielleicht
-im Zusammenhange mit seiner nicht eigentlich _anti_moralischen Natur,
-sexuell weniger potent als der arische Mann. Nur Juden sind echte
-Heiratsvermittler, und nirgends erfreut sich Ehevermittlung durch
-Männer einer so ausgedehnten Verbreitung wie unter den Juden. Freilich
-ist eine Tätigkeit nach dieser Richtung hier dringender als sonst
-vonnöten; denn es gibt, wessen schon einmal gedacht wurde (Teil I,
-S. 51), kein Volk der Welt, in dem so wenig aus Liebe geheiratet würde
-wie unter ihnen: ein Beweis, mehr für die Seelenlosigkeit des absoluten
-Juden.
-
-Daß die Kuppelei eine organische Veranlagung im Juden ist, wird auch
-durch das Unverständnis des Juden für alle Askese nahe gelegt; aber
-erhärtet dadurch, daß die jüdischen Rabbinen es lieben, besonders
-eingehend über das Fortpflanzungsgeschäft zu spekulieren, und eine
-mündliche Tradition im Zusammenhange mit der Kinderzeugung pflegen; wie
-dies von den Obersten eines Volkes, dessen sittliche Hauptaufgabe, nach
-seiner Überlieferung wenigstens, es sein muß, »sich zu mehren«, kaum
-anders erwartet werden kann.
-
-Kuppelei ist schließlich Grenzverwischung: _und der Jude ist der
-Grenzverwischer κατ' εξοχήν_. Er ist der Gegenpol des Aristokraten;
-das Prinzip alles Aristokratismus ist strengste _Wahrung_ aller
-_Grenzen_ zwischen den Menschen. Der Jude ist geborener Kommunist,
-und immer will er die Gemeinschaft. Die Formlosigkeit des Juden im
-Verkehr, sein Mangel an gesellschaftlichem Takte gehen hierauf zurück.
-Alle Umgangsformen sind nur die feinen Mittel, um die Grenzen der
-persönlichen Monaden zu betonen und zu schützen; der Jude aber ist
-nicht Monadologe.
-
-Ich betone nochmals, obwohl es selbstverständlich sein sollte: trotz
-der abträglichen Wertung des echten Juden kann nichts mir weniger in
-den Sinn kommen, als durch diese oder die noch folgenden Bemerkungen
-einer theoretischen oder gar einer praktischen Judenverfolgung in die
-Hände arbeiten zu wollen. Ich spreche über das Judentum als platonische
-Idee -- _es gibt einen absoluten Juden so wenig als es einen absoluten
-Christen gibt_ -- ich spreche nicht von den einzelnen Juden, von
-denen ich so vielen nur höchst ungern wehe getan haben wollte, und
-deren manchem bitteres Unrecht geschehen würde, wenn das Gesagte auf
-ihn sollte angewendet werden. Losungen wie »Kauft nur bei Christen«
-sind _jüdisch_, denn sie betrachten und werten das Individuum nur als
-Gattungsangehörigen; ähnlich wie der jüdische Begriff des »Goy« jeden
-Christen einfach als solchen bezeichnet und auch schon subsumiert.
-
-Nicht also der Boykott, und nicht etwa die Austreibung der Juden oder
-ihre Fernhaltung von Amt und Würde ist hier befürwortet. Durch solche
-Mittel ist die Judenfrage nicht lösbar, denn sie liegen nicht auf
-dem Wege der Sittlichkeit. Aber auch der »Zionismus« ist ihr nicht
-gewachsen. Er will die Juden sammeln, die, wie H. S. _Chamberlain_
-nachweist, längst vor der Zerstörung des jerusalemitischen Tempels zum
-Teile die Diaspora als ihr natürliches Leben, das Leben des über die
-ganze Erde fortkriechenden, die Individuation ewig hintertreibenden
-Wurzelstockes gewählt hatten, er will etwas _Un_jüdisches. _Die Juden
-müßten erst das Judentum überwunden haben, ehe sie für den Zionismus
-reif würden._
-
-_Zu diesem Behuf aber wäre vor allem geboten, daß die Juden sich
-selbst verstehen, daß sie sich kennen lernen und gegen sich kämpfen,
-$innerlich$ das Judentum $in sich$ besiegen $wollten$._ Bis heute
-aber kennen sich die Juden nur so weit, daß sie Witze über sich
-machen und verständnisvoll goutieren -- nicht weiter. _Unbewußt_ nur
-achtet jeder Jude den Arier höher als sich selbst. Erst die feste und
-unerschütterliche Entschlossenheit, die höchste Selbstachtung sich zu
-ermöglichen, könnte den Juden vom Judentume befreien. Dieser Entschluß
-ist aber nur vom Individuum, nicht von einer Gruppe, und sei sie noch
-so stark, noch so ehrenhaft, zu fassen und auszuführen. Darum kann die
-Judenfrage nur _individuell_ gelöst werden, _jeder einzelne Jude muß
-sie für seine Person zu beantworten suchen_.
-
-Es gibt keine andere Lösung der Frage und kann keine andere geben; dem
-Zionismus wird sie nie gelingen.
-
-Der Jude freilich, der überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden
-wäre, besäße dann allerdings auch das volle Recht, vom Arier als
-einzelner genommen, und nicht nach einer Rassenangehörigkeit mehr
-beurteilt zu werden, über die ihn sein moralisches Streben längst
-hinausgehoben hätte. Er mag unbesorgt sein: seinem gegründeten Anspruch
-wird niemand sich widersetzen wollen. Der höher stehende Arier hat
-immer das Bedürfnis den Juden zu achten, sein Antisemitismus ist ihm
-keine Freude und kein Zeitvertreib. Darum liebt er es nicht, wenn
-der Jude über den Juden Bekenntnisse ablegt; und wer es dennoch tut,
-kann, von seiner Seite fast noch weniger als von der stets so überaus
-empfindlichen Judenschaft, irgend Dank sich erhoffen. Zu allerletzt
-wünscht gerade der Arier, daß der Jude dem Antisemitismus durch die
-Taufe recht gebe. Aber auch diese Gefahr der äußersten Verkennung
-seines ehrlichsten Strebens darf den Juden, der die _innerliche_
-Befreiung will, nicht bekümmern. Er wird darauf verzichten müssen, das
-Unmögliche zu leisten, sich als _Jude_ zu schätzen, wie es der Arier
-von ihm haben will, und danach trachten, sich als _Mensch_ ehren zu
-dürfen. Er wird die seelische Taufe des Geistes zu erreichen verlangen,
-welcher die äußerliche des Körpers symbolisch nur immer dann folgen mag.
-
-Die dem Juden so wichtige und so nötige Erkenntnis dessen, _was das
-Jüdische und das Judentum eigentlich $ist$_, wäre die Lösung eines der
-schwierigsten Probleme; das Judentum ist ein viel tieferes Rätsel, als
-wohl mancher Antisemiten-Katechismus glaubt, und im letzten Grunde wird
-es einer gewissen Dunkelheit wohl nie weit entzogen werden. Auch die
-Parallele mit dem Weibe wird uns nun bald verlassen; einstweilen vermag
-sie noch weiterzuhelfen.
-
-Im Christen liegen Stolz und Demut, im Juden Hochmut und Kriecherei
-miteinander im Kampf; in jenem Selbstbewußtsein und Zerknirschung, in
-diesem Arroganz und Devotion. Mit dem völligen Mangel des Juden an
-Demut hängt sein Unverständnis für die Idee der Gnade zusammen. Aus
-seiner knechtischen Veranlagung entspringt seine heteronome Ethik,
-der Dekalog, das unmoralischeste Gesetzbuch der Welt, welches für die
-gehorsame Befolgung eines mächtigen _fremden_ Willens das Wohlergehen
-auf _Erden_ in Aussicht stellt und die Eroberung der Welt verheißt. Das
-Verhältnis zum Jehovah, dem _abstrakten_ Götzen, vor dem er die Angst
-des _Sklaven_ hat, dessen Namen er nicht einmal _auszusprechen_ wagt,
-charakterisiert den Juden analog dem Weibe als einer fremden Herrschaft
-über sich bedürftig. _Schopenhauer_ definiert einmal: »Das Wort Gott
-bedeutet einen Menschen, der die Welt gemacht hat.« Für den Gott der
-Juden trifft dies allerdings zu. Von dem Göttlichen _im_ Menschen,
-dem »Gott, der mir im Busen wohnt,« weiß der echte Jude nichts; dem,
-was _Christus_ und _Plato_, _Eckhard_ und _Paulus_, _Goethe_ und
-_Kant_, was von den _vedischen Priestern_ bis auf _Fechners_ herrliche
-Schlußverse aus den »Drei Motiven und Gründen des Glaubens« jeder
-Arier unter dem Göttlichen gemeint hat, dem Worte »Ich werde bei euch
-sein alle Tage bis an der Welt Ende«: all dem steht er verständnislos
-gegenüber. Denn was im Menschen von Gott ist, das ist des Menschen
-Seele; _der absolute Jude aber ist seelenlos_.
-
-_So kann es denn gar nicht anders sein, als daß dem alten Testamente
-der Unsterblichkeitsglaube fehlt. Wer keine Seele hat, wie sollte
-der nach ihrer Unsterblichkeit ein Bedürfnis haben?_ Ebenso
-wie den Frauen fehlt den Juden, und zwar ganz allgemein, das
-_Unsterblichkeitsbedürfnis_: »Anima naturaliter christiana« -- so sagt
-_Tertullian_.
-
-Aus dem nämlichen Grunde aber gibt es unter den Juden --
-H. S. _Chamberlain_ hat das richtig erkannt -- auch keine eigentliche
-Mystik, außer einer wüsten Superstitio und Interpretationsmagie, »die
-Kabbâla« genannt. Der jüdische Monotheismus hat mit echtem Glauben
-an Gott nichts, gar nichts zu tun, er ist vielmehr seine Negation,
-der »Afterdienst« des wahren Dienstes unter dem guten Prinzipe,
-die Homonymität des Judengottes und des Christengottes die ärgste
-Verhöhnung des letzteren. Hier ist keine Religion aus reiner Vernunft;
-eher ein Altweiberglaube aus schmutziger Angst.
-
-Warum wird aber aus dem orthodoxen Jehovah-Knecht so rasch und leicht
-ein Materialist, ein »Freigeist«? Warum ist das _Lessing_sche Wort
-vom »Aufkläricht«, trotz der Einrede des wohl nicht ohne guten Grund
-antisemitischen _Dühring_, wie auf das Judentum gemünzt? Hier ist
-der _Sklavensinn_ gewichen und hat seiner steten Kehrseite, der
-_Frechheit_, Platz gemacht: beide sind wechselnde Phasen eines und
-desselben Wollens im nämlichen Menschen. Die _Arroganz den Dingen
-gegenüber_, die nicht als Symbole eines Tieferen empfunden oder auch
-nur dunkel geahnt werden, der Mangel an »verecundia« auch vor dem
-Naturgeschehen, das führt zur jüdischen, materialistischen Form der
-Wissenschaft, wie sie leider heute eine gewisse Herrschaft erlangt
-hat, und intolerant gegen alle Philosophie geworden ist. Wenn man,
-wie es notwendig und allein richtig ist, das Judentum als eine _Idee_
-betrachtet, an der auch der Arier mehr oder weniger _Anteil_ haben
-kann, dann wird wenig dagegen einzuwenden sein, wenn man an die Stelle
-der »_Geschichte des Materialismus_« lieber ein »_Wesen des Judentums_«
-gesetzt wissen will. »Das Judentum in der Musik« hat _Wagner_
-besprochen; vom _Judentum in der Wissenschaft_ ist hier noch einiges zu
-sagen.
-
-Judentum im weitesten Sinne ist jene Richtung in der Wissenschaft,
-welcher diese vor allem _Mittel zum Zweck_ ist, alles Transcendente
-auszuschließen. Der Arier empfindet das Bestreben, _alles_ begreifen
-und ableiten zu wollen, als eine Entwertung der Welt, denn er
-fühlt, daß gerade das Unerforschliche es ist, das dem Dasein seinen
-Wert verleiht. Der Jude hat keine Scheu vor Geheimnissen, weil er
-nirgends welche ahnt. Sein Bestreben ist es, die Welt möglichst
-platt und gewöhnlich zu sehen, nicht um durch Klarheit dem ewig
-Dunklen sein ewiges Recht erst zu sichern, sondern um eine öde
-Selbstverständlichkeit des Alls zu erzeugen und die Dinge aus dem
-Wege zu räumen, welche einer freien Bewegung seiner Ellbogen auch
-im Geistigen entgegenstehen. Die _anti_philosophische (nicht die
-aphilosophische) Wissenschaft ist im Grunde jüdisch.
-
-Auch sind die Juden stets, eben weil ihre Gottesverehrung
-mit wahrer Religion gar keine Verwandtschaft hat, der
-mechanistisch-materialistischen Anschauung der Welt am wenigsten abhold
-gewesen; wie _sie_ am eifrigsten den _Darwinismus_ und die lächerliche
-Theorie von der Affenabstammung des Menschen aufgriffen, so wurden sie
-beinahe schöpferisch als Begründer jener _ökonomischen_ Auffassung
-der menschlichen Geschichte, welche den Geist aus der Entwicklung
-des Menschengeschlechtes am vollständigsten streicht. Früher die
-enragiertesten Anhänger _Büchners_, sind sie jetzt die begeistertsten
-Vorkämpfer _Ostwalds_.
-
-Es ist auch kein Zufall, daß die _Chemie_ heutzutage in so weitem
-Umfang in den Händen der Juden sich befindet, wie einst in den Händen
-der stammesverwandten Araber. Das Aufgehen in der Materie, das
-Bedürfnis, alles in ihr aufgehen zu lassen, setzt den Mangel eines
-intelligiblen Ich voraus, ist also wesentlich jüdisch.
-
-»_O curas Chymicorum! o quantum in pulvere inane!_«
-
-Dieser Hexameter ist freilich von dem _deutschesten_ Forscher aller
-Zeiten: der ihn gedichtet hat, heißt Johannes _Kepler_.[91]
-
-Es hängt mit dem Einflusse jüdischen Geistes auch sicherlich zusammen,
-daß die Medizin, welcher die Juden so scharenweise sich zuwenden,
-ihre heutige Entwicklung genommen hat. Stets, von den Wilden bis zur
-heutigen Naturheilbewegung, von der sich die Juden bezeichnenderweise
-gänzlich ferngehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religiöses,
-war der Medizinmann der Priester. Die bloß _chemische_ Richtung in der
-Heilkunde -- das ist das Judentum. Sicherlich aber wird niemals das
-Organische aus dem Unorganischen, sondern höchstens dieses aus jenem
-zu erklären sein. Es ist kein Zweifel, daß _Fechner_ und _Preyer_
-recht haben, die das Tote aus dem Lebenden, und nicht umgekehrt,
-entstanden sein lassen. Was wir täglich im _individuellen_ Leben vor
-sich gehen sehen: daß Organisches zu Anorganischem wird (schon durch
-die Verknöcherung und Verkalkung im Alter, die senile Arteriosklerose
-und Atheromatose, wird der Tod vorbereitet); indes noch niemand,
-aus Totem Lebendes hat erstehen sehen -- das sollte, im Sinne des
-»biogenetischen« Parallelismus zwischen Ontogenie und Phylogenie, auch
-auf die _Gesamtheit_ der anorganischen Materie angewendet werden. Hat
-die Lehre von der Urzeugung von _Swammerdam_ bis _Pasteur_ so viele
-Posten nacheinander aufgeben müssen, so wird sie auch ihren letzten
-Halt, den sie im monistischen Bedürfnis so vieler zu haben scheint,
-fahren lassen, wenn dieses anders und besser wird befriedigt werden
-können. Die Gleichungen für das tote Geschehen werden sich vielleicht
-einmal durch Einsetzung bestimmter Zeitwerte als _Grenz_fälle der
-Gleichungen des lebendigen Geschehens ergeben, nie umgekehrt das
-Lebende durch das Tote darstellbar sein. Die _Homunculus-Bestrebungen_
-sind _Faust_ fremd, _Goethe_ hat sie nicht ohne Grund für _Wagner_, den
-Famulus, reserviert. Mit der Chemie ist wahrhaftig nur den Exkrementen
-des Lebendigen beizukommen; ist doch das Tote selbst nur ein Exkret
-des Lebens. Die chemische Anschauungsweise setzt den Organismus auf
-eine Stufe mit seinen Auswürfen und Abscheidungen. Wie anders sollten
-Erscheinungen zu erklären sein gleich dem Glauben eines Menschen, durch
-Ernährung mit mehr oder weniger Zucker das Geschlecht des werdenden
-Kindes beeinflussen zu können? Das _unkeusche Anpacken_ jener Dinge,
-die der Arier im Grunde seiner Seele immer als _Schickung_ empfindet,
-ist erst durch den Juden in die Naturwissenschaft gekommen. Die Zeit
-jener tiefreligiösen Forscher, für die ihr Objekt stets an einer
-übersinnlichen Dignität einen, wenn auch noch so geringen, Anteil
-hatte, für die es Geheimnisse gab, die vom Staunen kaum je sich
-erholten über das, was sie zu entdecken sich _begnadet_ fühlten, die
-Zeit eines _Kopernikus_ und _Galilei_, eines _Kepler_ und _Euler_,
-_Newton_ und _Linné_, _Lamarck_ und _Faraday_, Konrad _Sprengel_ und
-_Cuvier_ scheint vorüber. Die heutigen Freigeister, die, weil sie vom
-Geiste frei sind, an keine immanente Offenbarung eines Höheren im
-Naturganzen mehr zu glauben vermögen, sind, vielleicht eben darum,
-auch in ihrem besonderen wissenschaftlichen Fache nicht imstande, jene
-Männer wirklich zu ersetzen und zu erreichen.
-
-Aus diesem _Mangel an Tiefe_ wird auch klar, weshalb die Juden keine
-ganz großen Männer hervorbringen können, _weshalb dem Judentum_, wie
-dem Weibe, _die höchste Genialität versagt ist_. Der hervorragendste
-Jude der letzten neunzehnhundert Jahre, an dessen rein semitischer
-Abkunft zu zweifeln kein Grund vorliegt, und der sicherlich viel mehr
-Bedeutung besitzt als der, fast jeder _Größe_ entbehrende, Dichter
-_Heine_ oder der originelle, aber keineswegs tiefe Maler _Israels_, ist
-der Philosoph _Spinoza_. Die allgemein übliche ungeheure Überschätzung
-auch des letzteren geht weniger auf Vertiefung in seine Werke und ein
-Studium derselben, als auf den zufälligen Umstand zurück, daß er der
-einzige Denker ist, den _Goethe_ eingehender gelesen hat.
-
-Für _Spinoza_ selbst gab es eigentlich keine _Probleme_: darin zeigt er
-sich als echter Jude; sonst hätte er nicht jene »mathematische Methode«
-wählen können, die wie darauf berechnet ist, alles _selbstverständlich_
-erscheinen zu lassen. Spinozas System war sein Schutzbau, in den er
-sich darum zurückzog, weil niemand so sehr wie er gemieden hat über
-sich nachzudenken; darum konnte es für denjenigen Menschen, der wohl
-am meisten, und schmerzvoller als alle anderen, über sich nachgedacht
-hat, darum konnte es für _Goethe_ eine Beruhigung und Erholung werden.
-Denn der wahrhaft bedeutende Mensch denkt, über was immer er denke,
-im Grunde doch immer nur über sich selbst nach. Und so gewiß _Hegel_
-im Unrecht war, die logische Opposition wie eine reale Repugnanz zu
-behandeln, so gewiß geht doch auch das trockenste _logische Problem_
-beim _tieferen_ Denker _psychologisch_ auf einen mächtigen _inneren
-Konflikt_ zurück. Spinozas System, in seinem voraussetzungslosen
-Monismus und Optimismus, in seiner vollkommenen Harmonie, die
-Goethe so hygienisch empfand, ist unleugbar keine Philosophie eines
-Gewaltigen: sie ist die Absperrung eines die Idylle suchenden,
-und ihrer doch nicht wirklich fähigen, weil gänzlich humorlosen
-Unglücklichen.
-
-Die Echtheit seines Judentums erweist Spinoza mehrfach, und läßt
-deutlich die Grenzen sichtbar werden, welche rein jüdischem Geiste
-immer gezogen sind: ich meine hier weniger sein Unverständnis für den
-Staatsgedanken und seine Anhängerschaft an den _Hobbes_schen »Krieg
-aller gegen alle« als angeblichen Urzustand der Menschheit. Was den
-relativen Tiefstand seiner philosophischen Anschauungen bezeugt,
-ist vielmehr sein völliges Unverständnis für die _Willensfreiheit_
--- der Jude ist stets Sklave und also Determinist -- und am meisten
-dies, daß für ihn, als _echten Juden_, die Individuen nur Accidenzen,
-nicht Substanzen, nur nicht-wirkliche Modi einer allein wirklichen,
-aller Individuation fremden unendlichen Substanz sind. Der Jude ist
-nicht Monadolog. Darum gibt es keinen tieferen Gegensatz als den
-zwischen _Spinoza_ und seinem weit bedeutenderen und universelleren
-Zeitgenossen _Leibniz_, dem Vertreter der _Monaden_-Lehre, und deren
-noch weit größerem Schöpfer _Bruno_, dessen Ähnlichkeit mit Spinoza
-eine oberflächliche Anschauung in einer ans Groteske streifenden Weise
-übertrieben hat.[92]
-
-Wie das »Radikal-Gute« und das »Radikal-Böse«, so fehlt aber dem Juden
-(_und dem Weibe_) _mit dem Genie_ auch das _Radikal-Dumme_ in der
-menschlichen, männlichen Natur. Die spezifische Art der Intelligenz,
-die dem Juden wie dem Weibe nachgerühmt wird, ist freilich einerseits
-nur _größere Wachsamkeit ihres größeren Egoismus_; anderseits beruht
-sie auf der unendlichen Anpassungsfähigkeit beider an alle beliebigen
-äußeren Zwecke ohne Unterschied: _weil sie keinen urwüchsigen Maßstab
-des Wertes, kein Reich der Zwecke in der eigenen Brust tragen_. Dafür
-haben sie ungetrübtere natürliche Instinkte, welche dem arischen Manne
-nicht in gleicher Weise zurückkehren, um ihm weiterzuhelfen, wenn ihn
-das Übersinnliche in seiner Intelligenz verlassen hat.
-
-Hier ist auch der Ort, der seit Richard _Wagner_ oft hervorgehobenen
-Ähnlichkeit des Engländers mit dem Juden zu gedenken. Denn sicherlich
-haben unter allen Germanen sie am ehesten eine gewisse Verwandtschaft
-mit den Semiten. Ihre Orthodoxie, ihre streng wörtliche Auslegung der
-Sabbatruhe weist darauf hin. Es ist in der Religiosität der Engländer
-nicht selten Scheinheiligkeit, in ihrer Askese nicht wenig Prüderie
-gelegen. Auch sind sie, wie die Frauen, weder durch Musik noch durch
-Religion je produktiv gewesen: es mag irreligiöse Dichter geben --
-_sehr_ große Künstler können es nicht sein -- aber es gibt keinen
-irreligiösen Musiker. Und es hängt hiemit auch zusammen, warum die
-Engländer keinen bedeutenden Architekten, und nie einen hervorragenden
-Philosophen hervorgebracht haben. _Berkeley_ ist wie _Swift_ und
-_Sterne_ ein _Ire_, _Erigena_, _Carlyle_ und _Hamilton_, ebenso wie
-_Burns_, sind _Schotten_. _Shakespeare_ und _Shelley_, die zwei größten
-Engländer, bezeichnen noch lange nicht die Gipfel der Menschheit, sie
-reichen auch nicht entfernt hinan an _Dante_, oder an _Aischylos_.
-Und wenn wir nun die englischen »Philosophen« betrachten, so sehen
-wir, wie von ihnen seit dem Mittelalter stets die Reaktion gegen alle
-Tiefe ausgegangen ist: von _Wilhelm von Occam_ und _Duns Scotus_
-angefangen, über _Roger Baco_ und seinen _Namensvetter den Kanzler_,
-den Spinoza so geistesverwandten _Hobbes_ und den seichten _Locke_,
-bis zu _Hartley_, _Priestley_, _Bentham_, den beiden _Mill_, _Lewes_,
-_Huxley_, _Spencer_. Damit sind aber aus der Geschichte der englischen
-Philosophie die wichtigsten Namen auch schon aufgezählt; denn Adam
-_Smith_ und David _Hume_ waren Schotten. _Vergessen wir niemals,
-daß uns aus England die seelenlose Psychologie gekommen ist!_ Der
-Engländer hat dem Deutschen als tüchtiger Empiriker, als Realpolitiker
-im Praktischen wie im Theoretischen imponiert, aber damit ist seine
-Wichtigkeit für die Philosophie auch erschöpft. Es hat noch nie einen
-tieferen Denker gegeben, der beim Empirismus stehen geblieben ist; und
-noch nie einen Engländer, der über ihn selbständig hinausgekommen wäre.
-
-Dennoch darf man den Engländer nicht mit dem Juden verwechseln. Im
-Engländer ist viel mehr Transcendentes als im Juden, nur ist sein Sinn
-mehr vom Transcendenten aufs Empirische, als vom Empirischen aufs
-Transcendente gerichtet. Sonst wäre er nicht so _humorvoll_, wie er es
-ist, indes dem Juden der Humor fehlt, indem dieser vielmehr selbst,
-nach der Sexualität, das ergiebigste Objekt alles Witzes ist.
-
-Ich weiß wohl, ein wie schwieriges Problem das Lachen und der Humor
-ist; so schwierig wie alles, was nur menschlich und nicht auch tierisch
-ist, so schwierig, daß _Schopenhauer_ gar nichts Rechtes, und selbst
-_Jean Paul_ nichts ganz Befriedigendes über den Gegenstand zu sagen
-weiß. Im Humor liegt zunächst vielerlei: für manche Menschen scheint
-er eine feinere Form des Mitleids mit anderen oder mit sich selbst zu
-bedeuten; aber damit ist nichts ausgesprochen, was gerade für den Humor
-ausschließlich charakteristisch wäre. In ihm mag bewußtes »Pathos der
-Distanz« zum Ausdruck kommen -- beim gänzlich unpathetischen Menschen;
-aber auch hiemit ist nichts gerade für ihn Entscheidendes gewonnen.
-
-Das Wesentlichste im Humor scheint mir eine _übermäßige Betonung
-des Empirischen_, um dessen _Unwichtigkeit_ eben hiedurch klarer
-darzustellen. Lächerlich ist im Grunde alles, was verwirklicht ist; und
-hierauf gründet sich der Humor, so ist er das Widerspiel der Erotik.
-Will diese aus dem Begrenzten ins Unbegrenzte, so läßt der Humor auf
-das Begrenzte sich nieder, schiebt es allein in den Vordergrund der
-Bühne, und stellt es bloß, indem er es von allen Seiten betrachtet.
-Nur der Humorist hat den Sinn für das Kleine und den Zug zum Kleinen;
-sein Reich ist weder Meer noch Gebirge, sein Gebiet ist das Flachland.
-Darum sucht er mit Vorliebe das Idyll auf und vertieft sich in jedes
-_Einzelding_: aber immer nur, um sein _Mißverhältnis_ zum _Ding an
-sich_ zu enthüllen. _Er blamiert die Immanenz, indem er sie von der
-Transcendenz gänzlich loslöst_, ja nicht einmal den Namen der letzteren
-mehr nennt. Der Witz sucht den Widerspruch innerhalb der Erscheinung
-auf, der Humor tut ihr den größeren Tort an, sie wie ein in sich
-geschlossenes Ganzes hinzustellen; _beide zeigen, was alles möglich
-ist_; und kompromittieren hiedurch am gründlichsten die Erfahrungswelt.
-Die Tragik hingegen tut dar, was in alle Ewigkeit _unmöglich_ ist, und
-so verneinen Komik und Tragik, jede auf ihre Weise, die Empirie, obwohl
-sie eine das Gegenteil der anderen zu sein scheinen.
-
-Der Jude, der nicht vom Übersinnlichen kommt wie der Humorist, und
-nicht zum Übersinnlichen will wie der Erotiker, hat kein Interesse,
-das Gegebene geringer zu werten: darum wird ihm das Leben nie zum
-Gaukelspiel, nie zum Tollhaus. Weil der Humor _höhere_ Werte kennt,
-als alle konkreten Dinge, und sie nur listig _verschweigt_, ist er
-seinem Wesen nach _tolerant_; die Satire, sein Gegenteil, ist ihrem
-Wesen nach _intolerant_ und entspricht darum besser der eigentlichen
-Natur des Juden wie der des Weibes. Juden und Weiber sind humorlos,
-aber spottlustig. In Rom hat es sogar eine Verfasserin von Satiren,
-_Sulpicia_ mit Namen, gegeben. Weil die Satire unduldsam ist, macht
-sie den Menschen in der Gesellschaft am leichtesten unmöglich. Der
-Humorist, der es zu verhindern weiß, daß die Kleinigkeiten und
-Kleinlichkeiten der Welt ihn und die anderen Menschen ernstlich
-zu bekümmern anfangen, ist der am liebsten gesehene Gast in jeder
-Gesellschaft. Denn der Humor räumt wie die Liebe Berge aus dem Wege;
-er ist eine Verhaltungsweise, die ein soziales Leben, d. h. eine
-Gemeinsamkeit unter einer _höheren_ Idee, sehr begünstigt. Der Jude ist
-denn auch nicht, der Engländer in hohem Maße sozial veranlagt.
-
-Der Vergleich des Juden mit dem Engländer versagt also noch viel früher
-als sein Vergleich mit dem Weibe. Der Grund, aus welchem dennoch
-hier wie dort Ausführlichkeit geboten schien, liegt in der Hitze des
-Kampfes, welcher um Wert und Wesen des Judentums seit längster Zeit
-geführt wird. Auch darf ich hier wohl auf _Wagner_ mich berufen, den
-das Problem des Judentums am intensivsten, von Anfang bis zuletzt,
-beschäftigt hat, und der nicht nur im Engländer einen Juden hat wieder
-entdecken wollen: auch über seiner _Kundry_, der tiefsten Frauengestalt
-der Kunst, schwebt unverkennbar der Schatten des _Ahasverus_.
-
-Noch mehr scheint es im Sinne der Parallele mit dem Weibe gelegen,
-und noch stärker verleitet zu ihrer voreiligen Annahme, daß -- nicht
-bloß für die Augen des Juden -- keine Frau der Welt die _Idee_ des
-Weibes so völlig repräsentiert wie die Jüdin. Selbst vom Arier wird
-sie ähnlich empfunden: man denke an _Grillparzers_ »Jüdin von Toledo«.
-Dieser Schein wird darum so leicht erregt, weil die Arierin vom Arier
-auch das Metaphysische als einen Sexualcharakter fordert, und von
-seinen religiösen Überzeugungen ebenso zu durchdringen ist, wie von
-seinen anderen Qualitäten (vgl. Kapitel 9 gegen Ende und Kapitel 12).
-In Wirklichkeit gibt es freilich dennoch nur Christen und nicht
-Christinnen. Die Jüdin aber kann, sowohl als kinderreiche Hausmutter
-wie als wollüstige Odaliske, die Weiblichkeit in ihren beiden Polen,
-als Kypris und als Kybele, darum vollständiger zu repräsentieren
-scheinen, weil der Mann, der sie sexuell ergänzt und geistig
-imprägniert, der Mann, der sie für sich geschaffen hat, selber so wenig
-Transcendentes in sich birgt.
-
-Die Kongruenz zwischen Judentum und Weiblichkeit _scheint_ eine völlige
-zu werden, sobald auf die unendliche Veränderungsfähigkeit des Juden
-zu reflektieren begonnen wird. Das große Talent der Juden für den
-Journalismus, die »Beweglichkeit« des jüdischen Geistes, der Mangel
-an einer wurzelhaften und ursprünglichen _Gesinnung_ -- lassen sie
-nicht von den Juden wie von den Frauen es gelten: _sie $sind$ nichts,
-und können eben darum alles $werden$_? Der Jude ist Individuum, aber
-nicht Individualität; dem niederen Leben ganz zugewandt, hat er kein
-Bedürfnis nach der persönlichen Fortexistenz: es fehlt ihm das wahre,
-unveränderliche, das metaphysische Sein, er hat keinen Teil am höheren,
-_ewigen Leben_.
-
-Und doch gehen gerade hier Judentum und Weiblichkeit in entscheidender
-Weise _auseinander_; _das Nicht-Sein und Alles-Werden-Können ist im
-Juden ein anderes als in der Frau_. Die Frau ist die Materie, die
-_passiv_ jede Form annimmt. Im Juden liegt zunächst unleugbar eine
-gewisse _Aggressivität_: nicht durch den großen Eindruck, den andere
-auf ihn hervorbringen, wird er rezeptiv, er ist nicht suggestibler
-als der Arier; sondern er paßt sich den verschiedenen Umständen und
-Erfordernissen, jeder Umgebung und jeder Rasse selbsttätig an; wie
-der Parasit, der in jedem Wirte ein anderer wird, und so völlig ein
-verschiedenes Aussehen gewinnt, daß man ein neues Tier vor sich
-zu haben glaubt, während er doch immer derselbe geblieben ist. Er
-assimiliert sich allem und assimiliert es so sich; und er wird hiebei
-nicht vom anderen unterworfen, sondern unterwirft sich so ihn.
-
-Das Weib ist ferner _gar nicht_, der Jude _eminent begrifflich_
-veranlagt, womit auch seine Neigung für die Jurisprudenz zusammenhängt,
-welcher die Frau nie Geschmack abgewinnen wird; und auch in dieser
-begrifflichen Natur des Juden kommt seine _Aktivität_ zum Ausdruck,
-eine Aktivität freilich von ganz eigentümlicher Art, keine Aktivität
-der selbstschöpferischen Freiheit des höheren Lebens.
-
-Der Jude ist ewig wie das Weib, ewig nicht als Persönlichkeit, sondern
-als Gattung. _Er ist nicht unmittelbar wie der arische Mann, aber seine
-Mittelbarkeit ist trotzdem eine andere als die des Weibes._
-
-Am tiefsten wird die Erkenntnis des eigentlich-jüdischen Wesens
-erschlossen durch die _Irreligiosität_ des Juden. Es ist hier nicht der
-Ort für eine Untersuchung des Religionsbegriffes, und es sei denn unter
-Religion, ohne eine Begründung, die notgedrungen langatmig werden und
-vom Thema weit abführen müßte, zunächst die _Bejahung alles ewigen, aus
-den Daten des niederen nie abzuleitenden, nie zu erweisenden höheren
-Lebens $im$ Menschen $durch$ den Menschen_ verstanden. _Der Jude ist
-der $ungläubige$_ Mensch. _Glaube_ ist jene Handlung des Menschen,
-durch welche er in Verhältnis zu einem _Sein_ tritt. Der _religiöse
-Glaube_ richtet sich nur speziell auf das _$absolute$ Sein_. _Und der
-Jude $ist$ nichts, im tiefsten Grunde darum, weil er nichts $glaubt$._
-
-Glaube aber ist alles. Mag ein Mensch an Gott glauben oder nicht, es
-kommt nicht alles darauf an: wenn er nur wenigstens an seinen Atheismus
-glaubt. Das aber ist es eben; der Jude glaubt gar nichts, er glaubt
-nicht an seinen Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel. Er ist nie
-ganz durchdrungen von seinem Jubel, aber ebensowenig fähig, völlig von
-seinem Unglück erfüllt zu werden. Er nimmt sich nie ernst, und darum
-nimmt er auch keinen anderen Menschen, keine andere Sache wahrhaft
-ernst.
-
-_Hiemit ist die wesentliche Differenz zwischen dem Juden und dem
-Weibe endlich bezeichnet._ Ihre Ähnlichkeit beruht zu allertiefst
-darauf, daß er, so wenig wie sie, _an sich selbst_ glaubt. Aber _sie_
-glaubt an den _anderen_, an den Mann, an das Kind, an »die Liebe«;
-sie hat einen Schwerpunkt, nur liegt er außerhalb ihrer. _Der Jude
-aber glaubt nichts, weder in sich noch außer sich_; auch im Fremden
-hat er keinen Halt, auch in ihm schlägt er keine Wurzeln gleich dem
-Weibe. Und nur gleichsam symbolisch erscheint sein Mangel an irgend
-welcher Bodenständigkeit in seinem so tiefen Unverständnis für allen
-Grundbesitz und seiner Vorliebe für das mobile Kapital.
-
-Die Frau glaubt an den Mann, an den Mann außer sich oder an den Mann
-in sich, an den Mann, von dem sie geistig imprägniert worden ist,
-und kann auf diese Weise sogar sich selbst ernst nehmen.[93] Der
-Jude hält nie etwas wirklich für echt und unumstößlich, für heilig
-und unverletzbar. Darum ist er überall frivol, und alles bewitzelnd;
-er glaubt keinem Christen sein Christentum, geschweige denn einem
-Juden die Ehrlichkeit seiner Taufe. Aber er ist auch nicht wirklich
-realistisch und keineswegs ein echter Empiriker. Hier ist an den
-früheren Aufstellungen, die, zum Teile, an H. S. _Chamberlain_ sich
-anschlossen, die wichtigste Einschränkung vorzunehmen. Der Jude ist
-nicht eigentlich immanent wie der englische Erfahrungsphilosoph; denn
-der Positivismus des bloßen Empiristen glaubt an einen Abschluß alles
-menschenmöglichen Wissens im Bereiche der Sinnfälligkeit, er hofft auf
-die Vollendung des Systemes exakter Wissenschaft. Der Jude aber glaubt
-auch an das Wissen nicht; und doch er ist darum keineswegs Skeptiker,
-denn ebensowenig ist er vom Skeptizismus überzeugt. Dagegen waltet noch
-über einem gänzlich ametaphysischen Systeme wie dem des _Avenarius_
-eine weihevolle Sorgfalt, ja selbst über die relativistischen
-Anschauungen von Ernst _Mach_ ist eine vertrauensvolle _Frömmigkeit_
-ausgebreitet. Der Empirismus mag nicht tief sein; jüdisch ist er darum
-nicht zu nennen.
-
-_Der Jude ist der unfromme Mensch im weitesten Sinne._ Frömmigkeit
-aber ist der Grund von allem, und die Basis, auf der alles andere
-erst sich erhebt. Man hält den Juden schon für prosaisch, weil er
-nicht schwungvoll ist, und nach keinem Urquell des Seins sich sehnt;
-mit Unrecht. Alle echte innere Kultur, und was immer ein Mensch für
-Wahrheit halte, daß es für ihn Kultur, daß es für ihn Wahrheit, daß es
-für ihn Werte gibt, das ruht auf dem Grunde des Glaubens, es bedarf der
-Frömmigkeit. Und Frömmigkeit ist nicht etwas, das bloß in der Mystik
-und in der Religion sich offenbart; auch aller Wissenschaft und aller
-Skepsis, allem, womit der Mensch es _innerlich ernst meint_, liegt
-_sie_ am tiefsten zu Grunde. Daß sie auf verschiedene Weise sich äußern
-mag, ist sicher: Begeisterung und Sachlichkeit, hoher Enthusiasmus und
-tiefer Ernst, das sind die zwei vornehmsten Arten, in welchen sie zum
-Vorschein gelangt. Der Jude ist nie schwärmerisch, aber er ist auch
-nicht eigentlich nüchtern; er ist nicht ekstatisch, aber er ist auch
-nicht trocken. Fehlt ihm der niedere wie der geistige Rausch, ist er
-so wenig Alkoholiker, als höherer Verzückung fähig, so ist er darum
-noch nicht kühl, und noch in weiter Ferne von der Ruhe überzeugender
-Argumentation: seine Wärme schwitzt, und seine Kälte dampft. Seine
-Beschränkung wird immer Magerkeit, seine Fülle immer Schwulst. Kommt
-er, wenn er zur schrankenlosen Begeisterung des Gefühles den Aufflug
-wagt, nie weit über das Pathetische hinaus, so unterläßt er, auch wenn
-er in den engsten Fesseln des Gedankens sich zu bewegen unternimmt,
-doch nicht, geräuschvoll mit seinen Ketten zu rasseln. Und drängt es
-ihn auch kaum zum Kuß der ganzen Welt, er bleibt gegen sie darum nicht
-minder zudringlich.
-
-Alle Sonderung und alle Umschlingung, alle Strenge und alle Liebe,
-alle Sachlichkeit und alles Hymnische, jede wahre, unverlogene Regung
-im Menschenherzen, sei sie ernst oder freudig, ruht zuletzt auf der
-Frömmigkeit. Der Glaube muß nicht, wie im Genius, im religiösesten
-Menschen, auf eine metaphysische Entität sich beziehen -- Religion
-ist Setzung seiner selbst und der Welt mit sich selbst -- er mag auch
-auf ein empirisches Sein sich erstrecken, und hierin gleichsam völlig
-aufzugehen scheinen: es ist doch nur ein und derselbe Glaube an ein
-Sein, an einen Wert, eine Wahrheit, an ein Absolutes, an einen Gott.
-Religion ist Schöpfung des Alls; und alles, was im Menschen _ist_, ist
-nur durch _Religion_. Der Jude ist demnach nicht der religiöse Mensch,
-wofür man ihn so oft ausgegeben hat; sondern der irreligiöse Mensch
-κατ' εξοχήν.[94]
-
-Soll ich dies nun noch begründen? Soll ich lange ausführen, wie der
-Jude ohne Eifer im Glauben ist, und darum die jüdische Konfession
-die einzige, die um keinen Proselyten wirbt, der zum Judentum
-Übergetretene dessen Bekennern selbst das größte Rätsel und die größte
-Verlegenheit?[95] Soll ich über das Wesen des jüdischen Gebetes hier
-mich verbreiten und seine Formelhaftigkeit, seinen Mangel an jener
-Inbrunst, die nur der Augenblick geben kann, betonen? Soll ich endlich
-wiederholen, was die jüdische Religion ist: keine Lehre vom Sinn und
-Zweck des Lebens, sondern eine historische Tradition, zusammenzufassen
-in dem einen Übergang durchs rote Meer, gipfelnd also in dem Danke des
-flüchtenden Feigen an den mächtigen Erretter? Es wäre wohl auch sonst
-klar: der Jude ist der irreligiöse Mensch, und von jedem Glauben am
-allerweitesten entfernt. Er setzt nicht sich selbst und mit sich die
-Welt, worin das Wesentliche in der Religion besteht. Aller Glaube ist
-heroisch: der Jude aber kennt weder den Mut noch das Fürchten, als das
-Gefühl des bedrohten Glaubens; er ist weder sonnenhaft noch dämonisch.
-
-Nicht also, wie _Chamberlain_ glaubt, Mystik, sondern _Frömmigkeit_
-ist das, was dem Juden zu allerletzt mangelt. Wäre er nur ehrlicher
-Materialist, wäre er nur bornierter Entwicklungsanbeter! Aber er ist
-nicht Kritiker, sondern nur Kritikaster, er ist nicht Skeptiker nach
-dem Bilde des _Cartesius_, nicht Zweifler, um aus dem größten Mißtrauen
-zur größten Sicherheit zu gelangen; sondern absoluter Ironiker wie --
-hier kann ich eben nur einen Juden nennen -- wie Heinrich _Heine_. Er
-ist gar nicht echter Revolutionär (denn woher käme ihm die Kraft und
-der innere Elan der Empörung?), und unterscheidet sich eben hiedurch
-vom _Franzosen_: er ist nur zersetzend, und gar nie wirklich zerstörend.
-
-Und was ist er nun selbst, der Jude, wenn er nichts von alledem ist,
-was sonst ein Mensch sein kann? Was geht in ihm wahrhaft vor, wenn er
-ohne irgend welches Letzte ist, ohne einen Grund, auf den das Senkblei
-des Psychologen am Ende doch hart und vernehmlich stieße?
-
-Des Juden psychische Inhalte sind sämtlich mit einer gewissen Zweiheit
-oder Mehrheit behaftet; _über diese Ambiguität, diese Duplizität,
-ja Multiplizität kommt er nie hinaus_. Er hat immer _noch_ eine
-Möglichkeit, noch _viele_ Möglichkeiten, wo der Arier, ohne ärmer im
-Blicke zu sein, unbedingt sich entscheidet und wählt. Diese innere
-Vieldeutigkeit, diesen Mangel an unmittelbarer innerer _Realität_
-irgend eines psychischen Geschehens, die Armut an jenem An- und
-Fürsich-Sein, aus welchem allein höchste Schöpferkraft fließen kann,
-glaube ich als die Definition dessen betrachten zu müssen, was ich
-das Jüdische als Idee genannt habe.[96] _Es ist wie ein Zustand $vor$
-dem $Sein$_, ein ewiges Irren draußen vor dem Tore der Realität. Mit
-nichts kann der Jude sich wahrhaft identifizieren, für keine Sache sein
-Leben ganz und gar einsetzen.[97] Nicht der Eiferer, sondern der Eifer
-fehlt dem Juden: weil ihm alles Ungeteilte, alles Ganze fremd ist. Es
-ist die _Einfalt_ des _Glaubens_, die ihm abgeht, und weil er diese
-_Einfalt_ nicht hat, und keine wie immer geartete letzte _Position_
-bedeutet, darum scheint er gescheiter als der Arier, und entwindet
-sich _elastisch_ jeder Unterdrückung.[98] _Innerliche Vieldeutigkeit_,
-ich möchte es wiederholen, _ist das absolut Jüdische, Einfalt das
-absolut Unjüdische_. Die Frage des Juden ist die Frage, die Elsa an
-Lohengrin richtet: die Unfähigkeit, irgend einer Verkündigung, sei es
-auch der inneren Offenbarung, die Unmöglichkeit, _irgend_ einem _Sein_
-schlechthin zu _glauben_.
-
-Man wird vielleicht einwenden, jenes zwiespältige Sein finde sich nur
-bei den zivilisierten Juden, in welchen die alte Orthodoxie neben
-der modernen Gesittung noch fortwirke. Aber das wäre weit gefehlt.
-Seine Bildung läßt das Wesen des Juden nur darum stets noch klarer
-zum Vorschein kommen, weil es so an Dingen sich betätigt, die mit
-tieferem Ernste erwogen sein wollen, als materielle Geldgeschäfte. Der
-Beweis, daß der Jude an sich nicht eindeutig ist, läßt sich erbringen:
-der Jude _singt_ nicht. Nicht aus Schamhaftigkeit, sondern weil er
-sich seinen Gesang nicht _glaubt_. So wenig die Vieldeutigkeit des
-Juden mit eigentlicher, realer Differenziertheit oder Genialität, so
-wenig hat seine eigentümliche Scheu vor dem Gesang, oder auch nur vor
-dem lauten hellen Worte, mit echter Zurückhaltung etwas zu tun. Alle
-Scham ist stolz; jene Abneigung des Juden ist aber ein Zeichen seiner
-_inneren Würdelosigkeit_: denn das unmittelbare Sein versteht er nicht,
-und er würde sich schon lächerlich finden und kompromittiert fühlen,
-wenn er nur sänge. Schamhaftigkeit umfaßt alle Inhalte, die mit dem
-Ich des Menschen, durch eine innige Kontinuität fester verknüpft sind;
-die fragliche Gêne des Juden aber erstreckt sich auch auf Dinge, die
-ihm keineswegs heilig sein können, die er also nicht zu profanieren
-fürchten müßte, wenn er öffentlich die Stimme würde erheben sollen.
-Und abermals trifft dies mit der Unfrömmigkeit des Juden zusammen:
-denn alle Musik ist absolut, und besteht wie losgelöst von aller
-Unterlage; nur darum hat sie unter allen Künsten die engste Beziehung
-zur Religion, und ist der einfache Gesang, der eine einzelne Melodie
-mit ganzer Seele erfüllt, unjüdisch wie jene.
-
-Ich glaube nun gerade deutlich genug gewesen zu sein, um nicht darüber
-schlecht verstanden zu werden, was ich mit dem eigentlichen Wesen des
-Judentums meine. _Ibsens_ König _Håkon_ in den »Kronprätendenten«,
-sein Dr. _Stockmann_ im »Volksfeind« mögen es, wenn es dessen bedürfen
-sollte, noch klarer machen, was dem echten Juden in alle Ewigkeit
-unzugänglich ist: _das unmittelbare Sein_, _das Gottesgnadentum_, _der
-Eichbaum_, _die Trompete_, _das Siegfriedmotiv_, _die Schöpfung seiner
-selbst_, _das Wort: $ich bin$_. Der Jude ist wahrhaftig das »Stiefkind
-Gottes auf Erden«; und es gibt denn auch keinen (männlichen) Juden, der
-nicht, wenn auch noch so dumpf, an seinem Judentum, das ist im tiefsten
-Grunde, an seinem Unglauben, $litte$.
-
-Judentum und Christentum, jenes das zerrissenste, der inneren Identität
-barste, dieses das glaubenskräftigste, gottvertrauendste Sein, sie
-bilden so den weitesten, unermeßlichsten Gegensatz. Christentum ist
-höchstes Heldentum; der Jude aber ist nie einheitlich und ganz. Darum
-eben ist der Jude feige, und der Heros sein äußerster Gegenpol.
-
-H. S. _Chamberlain_ hat von dem furchtbaren, unheimlichen Unverständnis
-des echten Juden für die Gestalt und die Lehre Christi, für den Krieger
-wie für den Dulder in ihm, für sein Leben wie für sein Sterben, viel
-Wahres und Treffendes gesagt. Aber es wäre irrig, zu glauben, der Jude
-_hasse_ Christum; der Jude ist nicht der Antichrist, _er hat zu Jesus
-nur eigentlich gar keine Beziehung_; es gibt streng genommen nur Arier
--- Verbrecher -- die Christum _hassen_. Der Jude fühlt sich durch
-ihn nur, als ein seinem Witze nicht recht Angreifbares, weil seinem
-Verständnis Entrücktes, _gestört_ und unangenehm _geärgert_.
-
-Dennoch ist die Sage vom Neuen Testament als reifster Blüte und
-höchster Vollendung des Alten, und die künstliche Vermittelung, welche
-das letztere den messianischen Verheißungen des ersteren angepaßt hat,
-den Juden sehr zustatten gekommen; sie ist ihr stärkster äußerer Schutz
-gewesen. Daß nun trotz dieses polaren Verhältnisses gerade aus dem
-Judentum das Christentum hervorgegangen ist, bildet eines der tiefsten
-psychologischen Rätsel: es ist kein anderes Problem als die Psychologie
-des Religionsstifters, um die es sich hier handelt.[99]
-
-Wodurch unterscheidet sich der geniale Religionsstifter von allem
-übrigen Genie? Welche innere Notwendigkeit treibt ihn, Religion zu
-stiften?
-
-_Es kann keine andere sein, als daß er selbst nicht immer an den Gott
-geglaubt hat, den er verkündet._ Die Überlieferung erzählt von _Buddha_
-wie von _Christus_, welchen Versuchungen sie ausgesetzt waren, viel
-stärkeren als alle anderen Menschen. Zwei weitere, _Mohammed_ und
-_Luther_, sind _epileptisch_ gewesen. Die _Epilepsie_ aber ist _die
-Krankheit des Verbrechers_: _Cäsar_, _Narses_, _Napoleon_, die »großen«
-Verbrecher, haben sämtlich an der Fallsucht gelitten, und _Flaubert_
-und _Dostojewskij_, welche zu ihr wenigstens tendierten, hatten beide
-außerordentlich viel vom Verbrecher in sich, ohne natürlich Verbrecher
-zu _sein_.
-
-_Der Religionsstifter ist jener Mensch, der ganz gottlos gelebt
-und dennoch zum höchsten Glauben sich durchgerungen hat._ »Wie es
-möglich sei, daß ein natürlicherweise böser Mensch sich selbst zum
-guten Menschen mache, das übersteigt alle unsere Begriffe; denn
-wie kann ein böser Baum gute Früchte bringen?« so fragt _Kant_ in
-seiner Religionsphilosophie, und _bejaht dennoch prinzipiell_ diese
-Möglichkeit: »Denn, ungeachtet jenes Abfalles erschallt doch das
-Gebot: wir _sollen_ bessere Menschen werden, unvermindert in unserer
-Seele; folglich müssen wir es auch _können_ ..« Jene unbegreifliche
-Möglichkeit der vollständigen _Wiedergeburt_ eines Menschen, der
-alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch gelebt
-hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen
-_verwirklicht_, welche die großen Religionen der Menschheit begründet
-haben. Hiedurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: in diesem
-überwiegt von Geburt an die Anlage zum Guten.
-
-Alle Genialität ist nur höchste Freiheit vom Naturgesetz.
-
- »Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
- Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.«
-
-_Wenn dies so sich verhält, dann ist der Religionsstifter der genialste
-Mensch._ Denn er hat _am meisten_ überwunden. Er ist der Mensch, dem
-das gelungen ist, was die tiefsten Denker der Menschheit nur zaghaft,
-nur um ihre ethische Weltanschauung, um die _Freiheit_ der _Wahl_ nicht
-preisgeben zu müssen, als möglich hingestellt haben: _die völlige
-Neugeburt des Menschen_, seine »Regeneration«, die gänzliche Umkehr des
-Willens. Die anderen großen Geister haben zwar auch den Kampf mit dem
-Bösen zu führen, aber bei ihnen neigt die Wagschale von vornherein
-entschieden zum Guten. Nicht so beim Religionsgründer. In ihm ist so
-viel Böses, so viel Machtwille, so viel irdische Leidenschaft, daß er
-40 Tage in der Wüste, ununterbrochen, ohne Nahrung, ohne Schlaf, mit
-dem Feind in sich kämpft. Erst dann hat er gesiegt: nicht zum Tode
-ist er eingegangen, sondern das höchste Leben hat er in sich befreit.
-Wäre das anders, so fehlte jeder Impuls zur Glaubensstiftung. Der
-Religionsgründer will und muß nichts anderes den Menschen bringen, als
-was ihm, dem belastetsten von allen, gelungen ist: den Bund mit der
-Gottheit zu schließen. Er weiß, daß er der schuldbeladenste Mensch ist;
-und er sühnt die _größte_ Schuldsumme durch den Tod am Kreuze.
-
-Im Judentum waren zwei Möglichkeiten. Vor _Christi_ Geburt lagen sie
-noch beisammen, und es war noch nicht gewählt worden. Es war eine
-Diaspora da, und zugleich wenigstens eine Art Staat: Negation und
-Position, beide waren nebeneinander vorhanden. _Christus ist der
-Mensch, der die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet,
-und so die stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum
-Entgegengesetzteste, schafft._ Aus dem Zustand _vor_ dem Sein _trennen_
-sich Sein und Nicht-Sein. _Jetzt_ sind die Lose gefallen: das alte
-Israel scheidet sich in Juden und in Christen, der _Jude_, wie wir
-ihn kennen, wie ich ihn beschrieben habe, entsteht $zugleich$ mit dem
-_Christen_. Die Diaspora wird nun vollständig, und aus dem Judentum
-verschwindet die Möglichkeit zur Größe: Menschen wie _Jesaias_, jenen
-gewaltigsten Mann des alten Israel, hat das _Judentum_ seither nicht
-wieder hervorbringen können. _Christentum und Judentum bedingen sich
-welthistorisch wie Position und Negation._ In Israel waren die höchsten
-Möglichkeiten, die je einem Volke beschieden waren: die Möglichkeit
-Christi. _Die andere Möglichkeit ist der Jude._
-
-Ich hoffe nicht mißverstanden zu werden: ich will dem Judentum nicht
-eine Beziehung zum Christentum andichten, die ihm fremd ist. _Das
-Christentum ist die absolute Negation des Judentums; aber es hat zu
-diesem dasselbe Verhältnis, welches alle Dinge mit ihren Gegenteilen,
-jede Position mit der Negation verbindet, welche durch sie überwunden
-ist._[100] Noch mehr als Frömmigkeit und Judentum, sind Christentum und
-Judentum nur _aneinander_, und durch ihre wechselseitige Ausschließung,
-zu definieren. _Das Judentum ist der Abgrund, über dem das Christentum
-aufgerichtet ist, und darum der Jude die stärkste Furcht und die
-tiefste Abneigung des Ariers._[101]
-
-Ich vermag nicht mit _Chamberlain_ zu glauben, daß die Geburt des
-Heilands in Palästina ein bloßer Zufall könne gewesen sein. _Christus
-war ein Jude, aber nur, um das Judentum in sich am vollständigsten zu
-überwinden_; denn wer über den mächtigsten _Zweifel_ gesiegt hat, der
-ist der _gläubigste_, wer über die ödeste _Negation_ sich erhoben hat,
-der _positivste_ Bejaher. _Christus ist der größte Mensch, weil er am
-größten Gegner sich gemessen hat._ Vielleicht ist er der einzige Jude
-und wird es bleiben, dem dieser Sieg über das Judentum gelungen: der
-erste Jude wäre der letzte, der ganz und gar _Christ_ geworden ist;
-vielleicht aber liegt auch heute noch im Judentum die Möglichkeit,
-den Christ hervorzubringen, vielleicht sogar _muß_ auch der nächste
-Religionsstifter abermals erst durch das _Judentum_ hindurchgehen.
-Wenn also im Juden vielleicht noch immer die höchsten _Möglichkeiten_,
-so liegen doch in ihm die geringsten _Wirklichkeiten_; er ist wohl
-der _zum Meisten veranlagte_, und doch zugleich der _innerlich des
-Wenigsten mächtige_ Mensch.
-
- * * * * *
-
-Unsere heutige Zeit läßt das Judentum auf der höchsten Höhe erblicken,
-die es seit den Tagen des _Herodes_ erklommen hat. _Jüdisch_ ist der
-_Geist der Modernität_, von wo man ihn betrachte. Die Sexualität wird
-bejaht, und die heutige Gattungsethik singt zum Koitus den Hymenaios.
-Der unglückliche _Nietzsche_ ist wahrhaftig nicht verantwortlich
-für die große Vereinigung von natürlicher Zuchtwahl und natürlicher
-Unzuchtwahl, deren schmählicher Apostel sich Wilhelm _Bölsche_ nennt.
-_Er_ hat Verständnis gehabt für die Askese, und nur unter der eigenen
-zu sehr gelitten, um nicht ihr Gegenteil oft wünschenswerter zu finden.
-Aber Weiber und Juden kuppeln, ihr Ziel ist es: den Menschen schuldig
-werden lassen.
-
-Unsere Zeit, die nicht nur die jüdischeste, sondern auch die
-weibischeste aller Zeiten ist; die Zeit, für welche die Kunst nur ein
-Schweißtuch ihrer Stimmungen abgibt, die den künstlerischen Drang aus
-den Spielen der Tiere abgeleitet hat; die Zeit des leichtgläubigsten
-Anarchismus, die Zeit ohne Sinn für Staat und Recht, die Zeit der
-Gattungs-Ethik, die Zeit der seichtesten unter allen denkbaren
-Geschichtsauffassungen (des historischen Materialismus), die Zeit
-des Kapitalismus und des Marxismus, die Zeit, der Geschichte, Leben,
-Wissenschaft, alles nur mehr Ökonomie und Technik ist; die Zeit,
-die das Genie für eine Form des Irrsinns erklärt hat, die aber auch
-keinen einzigen großen Künstler, keinen einzigen großen Philosophen
-mehr besitzt, die Zeit der geringsten Originalität und der größten
-Originalitätshascherei; die Zeit, die an die Stelle des Ideals der
-Jungfräulichkeit den Kultus der Demi-Vierge gesetzt hat: _diese Zeit
-hat auch den Ruhm, die erste zu sein, welche den Koitus bejaht und
-angebetet hat_.
-
-Aber dem neuen Judentum entgegen drängt ein neues Christentum zum
-Lichte; die Menschheit harrt des neuen Religionsstifters, und der
-Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre eins. Zwischen Judentum und
-Christentum, zwischen Geschäft und Kultur, zwischen Weib und Mann,
-zwischen Gattung und Persönlichkeit, zwischen Unwert und Wert, zwischen
-irdischem und höherem Leben, zwischen dem Nichts und der Gottheit hat
-abermals die Menschheit die Wahl. Das sind die beiden Pole: es gibt
-kein drittes Reich.
-
-
-
-
-XIV. Kapitel.
-
-Das Weib und die Menschheit.
-
-
-Nun erst ist es möglich, gereinigt und gewaffnet nochmals vor die
-Frage der Emanzipation des Weibes zu treten. Gereinigt, weil nun nicht
-mehr die tausend fliegenden Mücken jener Zweideutigkeiten, welche den
-Gegenstand umspielen, den Blick trüben; gewaffnet, weil im Besitze
-fester theoretischer Begriffe und sicherer ethischer Anschauungen. Fern
-ab von dem Tummelplatze der gewöhnlichen Kontroversen und selbst weit
-über das Problem der ungleichen Begabung hinaus ist die Untersuchung
-an Punkte gelangt, welche die Rolle des Weibes im Weltganzen und
-den Sinn seiner Mission für den Menschen ahnen ließen. Darum sollen
-auch hier Fragen von allzu besonderem Charakter in die Erörterung
-nicht einbezogen werden; diese ist nicht optimistisch genug, auf die
-Führung politischer Geschäfte von ihren Resultaten einen Einfluß zu
-erhoffen. Darum verzichtet sie auf die Ausarbeitung sozialhygienischer
-Vorschläge, und behandelt das Problem vom Standpunkte jener Idee der
-Menschheit, die über der Philosophie von _Immanuel Kant_ schwebt.
-
-Die Gefahr ist groß, welche dieser Idee von der Weiblichkeit droht.
-Den Frauen ist in hohem Grade die Kunst verliehen den Schein zu
-erregen, als wären sie eigentlich asexuell und ihre Sexualität nur eine
-Konzession an den Mann. Denn fiele dieser Schein weg, wo bliebe dann
-die Konkurrenz mehrerer, vieler um eine? Sie haben aber, unterstützt
-von Männern, die es ihnen glaubten, heute dem anderen Geschlechte
-beinahe dies einzureden vermocht, daß des Mannes wichtigstes,
-eigentlichstes Bedürfnis die Sexualität sei, daß er erst vom Weibe
-Befriedigung seiner wahrsten und tiefsten Wünsche erhoffen dürfe,
-daß Keuschheit für ihn ein Unnatürliches und Unmögliches bilde. Wie
-oft können junge Männer, die in ernster Arbeit Genugtuung finden, von
-Frauen, denen sie nicht allzuhäßlich vorkommen, und, als Liebhaber oder
-Schwiegersöhne, nicht allzuwenig zu versprechen scheinen, es vernehmen,
-daß sie nicht so übermäßig studieren, vielmehr »ihr Leben genießen«
-sollten. In diesen freundlichen Mahnungen liegt, natürlich gänzlich
-unbewußt, ein Gefühl des Weibes, seine einzig auf den Begattungsakt
-gerichtete Sendung zu verfehlen, _nichts mehr zu sein_, mit seinem
-ganzen Geschlechte alle Bedeutung zu verlieren, sowie der Mann um
-andere als um sexuelle Dinge sich zu bekümmern anfängt.
-
-Ob sich die Frauen hierin je ändern werden, ist fraglich. Man darf
-auch nicht glauben, daß sie je anders gewesen sind. Heute mag das
-sinnliche Element stärker hervortreten als früher, denn unendlich
-viel in der »Bewegung« ist nur ein Hinüberwollen von der Mutterschaft
-zur Prostitution; sie ist als Ganzes mehr Dirnen-Emanzipation als
-Frauen-Emanzipation, und sicherlich ihren wirklichen Resultaten nach
-vor allem: ein mutigeres Hervortreten des kokottenhaften Elementes im
-Weibe. Was _neu_ scheint, das ist das Verhalten der _Männer_. Mit unter
-dem Einfluß des Judentums sind sie heute nahe daran, der weiblichen
-Wertung ihrer selbst sich zu fügen, ja selber sie sich anzueignen. Die
-männliche Keuschheit wird verlacht, gar nicht mehr _verstanden_, das
-Weib vom Manne nicht mehr als Sünde, als _Schicksal_ empfunden, die
-eigene Begierde weckt im Manne keine Scham mehr.
-
-Man sieht jetzt, _woher_ die Forderung des Sich-Auslebens, der
-Kaffeehausbegriff des Dionysischen, der Kult _Goethes_, soweit Goethe
-_Ovid_ ist, woher diese ganze moderne _Koitus-Kultur_ eigentlich
-stammt. Denn es ist so weit, daß kaum je einer noch den Mut findet,
-zur Keuschheit sich zu bekennen, und fast jeder lieber so tut, als
-wäre er ein Wüstling. Geschlechtliche Ausschweifungen bilden den
-beliebtesten Gegenstand der _Renommage_, ja die Sexualität wird so
-hoch gewertet, daß der Renommist schon Mühe hat, Glauben zu finden;
-die Keuschheit hingegen steht in so geringem Ansehen, daß gerade der
-wahrhaft Keusche oft hinter dem Scheine des Roué sich verbirgt. Es ist
-sicher wahr, daß der Schamhafte auch seiner Scham sich _schämt_; aber
-jene andere, heutige Scham ist nicht die Scham der Erotik, sondern die
-Scham des Weibes, weil es noch keinen Mann gefunden, noch keinen Wert
-vom anderen Geschlechte empfangen hat. Darum ist einer dem anderen zu
-zeigen beflissen, mit welcher _Treue_ und pflichtgemäßer _Wonne_ er die
-sexuellen Funktionen ausübt. So bestimmt heute das Weib, das seiner
-Natur nach am Manne nur die sexuelle Seite schätzen kann, was männlich
-ist: aus seinen Händen nehmen die Männer den Maßstab ihrer Männlichkeit
-entgegen. So ist die Zahl der Beischläfe, das »Verhältnis«, das
-»Mädel«, in der Tat die _Legitimation eines Masculinums vor dem
-anderen_ geworden. Doch nein: denn dann gibt es keine Männer mehr.
-
-Dagegen ist alle Hochschätzung der _Virginität ursprünglich_ vom
-Manne ausgegangen, und geht, wo es Männer gibt, noch immer von da
-aus: sie ist die Projektion des dem Manne _immanenten_ Ideales
-fleckenloser Reinheit auf den Gegenstand seiner Liebe. Man lasse sich
-nur hierin nicht beirren, weder durch die Angst und den Schrecken
-vor der Berührung, die sich so gern möglichst bald in Zutraulichkeit
-transformieren, noch durch die hysterische Unterdrückung der sexuellen
-Wünsche; nicht durch den _äußeren Zwang_, dem Anspruch des Mannes
-auf physische Reinheit zu entsprechen, weil sonst der Käufer sich
-nicht einstellen würde; aber auch nicht durch jenes Bedürfnis Wert zu
-_empfangen_, aus welchem die Frau oft so lange auf jenen Mann wartet,
-der ihr am meisten Wert schenken kann (was man gemeinhin völlig
-verkehrt als hohe _Selbst_schätzung solcher Mädchen interpretiert).
-Will man wissen, wie die _Frauen_ über die Jungfernschaft denken, so
-kann dies freilich von vornherein kaum zweifelhaft sein, nach der
-Erkenntnis, daß das Hauptziel der Frauen die Herbeiführung des _Koitus
-überhaupt_ ist, als durch welchen sie erst Existenz gewinnen; denn
-daß die Frau den Koitus will und nichts anderes, auch wenn sie, für
-ihre Person, noch so uninteressiert an der Wollust _scheinen_ mag, das
-konnte aus der Allgemeinheit der Kuppelei _bewiesen_ werden.
-
-Man muß, um sich davon neu zu überzeugen, betrachten, mit welchen Augen
-die Frau Jungfernschaft bei den anderen Angehörigen ihres Geschlechtes
-ansieht.
-
-Und da nimmt man wahr: der Zustand der Nicht-Verheirateten wird von den
-Frauen selbst sehr tief gestellt. Ja es ist eigentlich _der_ weibliche
-Zustand, den das Weib _negativ_ bewertet. Die Frauen schätzen jede
-Frau überhaupt erst, wenn sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen
-häßlichen, schwachen, armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen
-Mann »unglücklich« verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet,
-will sagen, hat Wert, hat Existenz empfangen. Und wenn eine auch nur
-kurze Zeit die Herrlichkeiten eines Maitressenlebens gekostet, ja
-wenn sie Straßendirne geworden ist, sie steht höher in der weiblichen
-Schätzung als das alte Fräulein, das einsam in seiner Kammer näht
-und flickt, ohne je einem Manne, in gesetzlicher oder ungesetzlicher
-Verbindung, für lange oder für einen rasch vergangenen Taumel, angehört
-zu haben.
-
-So aber wird auch das ganz junge Mädchen, wenn es durch körperliche
-Vorzüge sich auszeichnet, vom Weibe nie um seiner Schönheit willen
-positiv gewertet -- der Frau _fehlt_ das Organ des Schön-Findens, weil
-sie keinen Wert zu projizieren hat -- sondern nur, weil es leichtere
-Aussicht hat, einen Mann an sich zu fesseln. _Je schöner eine Jungfrau
-ist, eine desto zuverlässigere $Promesse$ ist sie den anderen Frauen,
-desto wertvoller ist sie dem Weibe als Kupplerin, seiner Bestimmung als
-Hüterin der Gemeinschaft $nach$; nur dieser $unbewußte$ Gedanke ist es,
-der eine Frau an einem schönen Mädchen Freude finden läßt._ Wie dies
-erst dann rein zum Vorschein kommen kann, wenn das wertende weibliche
-Einzelindividuum bereits selbst Existenz empfangen hat (weil sonst der
-Neid auf die Konkurrentin, und das Gefühl, die eigenen Chancen im Kampf
-um den Wert durch sie vermindert zu sehen, jene Regungen überstimmen
-muß), das wurde bereits besprochen. Zuerst müssen sie wohl sich selbst
-verkuppeln -- kuppeln kommt von copulare, ein Paar fertig bringen --
-früher können es die anderen auch kaum verlangen.
-
-Die leider so allgemein gewordene Geringschätzung der »alten Jungfer«
-ist demnach durchaus vom _Weibe_ ausgegangen. Von einem bejahrten
-Fräulein wird man Männer oft mit Respekt reden hören; aber jede Frau
-und jedes Mädchen, gleichgültig ob verheiratet oder nicht, hat für die
-Betreffende nur die extremste Geringschätzung, mag dies auch in manchen
-Fällen ihnen selbst gar nicht bewußt werden. Eine verheiratete Dame,
-die für geistreich und mannigfach talentiert gelten konnte, und ihres
-Äußeren wegen so viele Bewunderer zählte, daß Neid in diesem Falle ganz
-außer Frage steht, hörte ich einmal über ihre unschöne und ältliche
-italienische Lehrerin sich lustig machen, weil diese wiederholt betont
-habe: Io sono ancora una vergine (sie sei noch eine Jungfrau).
-
-Freilich ist, vorausgesetzt daß die Äußerung richtig reproduziert
-war, zuzugeben, daß die Ältere eine Tugend wohl nur aus der Not
-gemacht hatte, und jedenfalls selbst sehr froh gewesen wäre, ihre
-Jungfernschaft auf irgend eine Weise los zu werden, ohne dadurch in der
-Gesellschaft an Ansehen einbüßen zu müssen.
-
-Denn dies ist das Wichtigste: die Frauen verachten und höhnen nicht
-nur die Jungfernschaft anderer Frauen, sondern sie schätzen auch die
-eigene Jungfernschaft als _Zustand_ äußerst _gering_ (und nur als eine
-sehr gesuchte _Ware_ von höchstem Anwert bei den _Männern hoch_). Darum
-blicken sie zu jeder Verheirateten wie zu einem höheren Wesen empor.
-Wie sehr es dem Weibe im tiefsten Grunde speziell auf den Sexualakt
-ankommt, das kann man gerade an der wahren Verehrung sehen, welche erst
-ganz vor kurzem verheiratete Frauen bei den jungen Mädchen genießen:
-ist doch der Sinn ihres Daseins diesen eben enthüllt, sie selbst auf
-dessen Zenit geführt worden. Dagegen betrachtet jedes junge Mädchen
-jedes andere als ein unvollkommenes Wesen, das seine Bestimmung ebenso,
-wie sie selbst, erst noch erreichen will.
-
-Hiemit erachte ich als dargetan, wie vollkommen die aus der Kuppelei
-gezogene Folgerung, das Virginitäts-Ideal müsse männlichen, und könne
-nicht weiblichen Ursprunges sein, mit der Erfahrung sich deckt. Der
-Mann verlangt Keuschheit von sich und von anderen, am meisten von
-dem Wesen, das er liebt; das Weib will unkeusch sein können, und es
-will Sinnlichkeit auch vom Manne, nicht Tugend. Für »Musterknaben«
-hat die Frau kein Verständnis. Dagegen ist bekannt, daß sie stets
-dem in die Arme fliegt, welchem der Ruf des Don Juan meilenweit
-vorauseilt. Die Frau will den Mann sexuell, weil sie nur durch seine
-Sexualität Existenz gewinnt. Nicht einmal für die Erotik des Mannes,
-als ein _Distanz_phänomen, sondern nur für diejenige Seite an ihm, die
-unaufhaltsam das Objekt ihres Begehrens ergreift und sich aneignet,
-haben die Frauen einen Sinn, und es wirken Männer auf sie nicht, bei
-denen Brutalitäts-Instinkte gar nicht oder wenig entwickelt sind.
-Selbst die höhere platonische Liebe des Mannes ist ihnen im Grunde
-nicht willkommen; sie schmeichelt ihnen und sie streichelt sie, _aber
-sie $sagt$ ihnen nichts_. Und wenn das Gebet auf den Knien vor ihr zu
-lange währen wollte, würde _Beatrice_ so ungeduldig wie _Messalina_.
-
-_Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in der Liebe die höchste
-Erhebung des Weibes. Daß das Weib den Koitus verlangt, und nicht die
-Liebe, bedeutet, daß es heruntergesetzt, und nicht erhöht werden will._
-$Die letzte Gegnerin der Frauen-Emanzipation ist die Frau.$
-
-Nicht weil der Koitus lustvoll, nicht weil er das Urbild aller
-Wonne des niederen Lebens ist, nicht darum ist er unsittlich. Die
-Askese, welche die Lust für das Unsittliche an sich erklärt, ist
-selbst unsittlich; denn sie sucht den Maßstab des Unrechtes in einer
-_Begleit_erscheinung und äußeren Folge der Handlung, _nicht_ in der
-Gesinnung: sie ist _heteronom_. Der Mensch darf die Lust anstreben, er
-mag sein Leben auf der Erde leichter und froher zu gestalten suchen:
-nur darf er dem nie ein sittliches Gebot opfern. In der Askese aber
-will der Mensch die Moralität _erpressen_ durch Selbstzerfleischung,
-_er will sie als Folge eines Grundes_, die eigene Sittlichkeit als
-Resultat und Belohnung dafür, daß er sich so viel versagt hat. Die
-Askese ist demnach als prinzipieller Standpunkt wie als psychologische
-Disposition _verwerflich_; denn sie _bindet_ die Tugend an etwas
-anderes als dessen _Erfolg_, _macht sie zur Wirkung einer Ursache_, und
-strebt sie nicht an sich, als unmittelbaren Selbstzweck, an. Die Askese
-ist eine gefährliche Verführerin: ihrer Täuschung fallen so viele so
-leicht zum Opfer, weil die Lust der _häufigste Beweggrund_ ist, aus
-welchem der Pfad des Gesetzes verlassen wird, und der Irrtum nahe genug
-liegt, der auf dem rechten Pfad sicherer zu bleiben glaubt, wenn er an
-ihrer Statt den Schmerz anstrebt. An sich aber ist Lust weder sittlich
-noch unsittlich. _Nur wenn der Wille zur Lust den Willen zum Wert
-besiegt_, dann ist der Mensch gefallen.
-
-Der Koitus ist _darum_ unmoralisch, weil es keinen Mann gibt, der das
-Weib in solchem Augenblicke nicht als Mittel zum Zweck gebrauchte, den
-Wert der Menschheit, in seiner wie in ihrer Person, in diesem Momente
-nicht der Lust hintansetzte. Im Koitus vergißt der Mann sich selbst ob
-der Lust, und er vergißt das Weib; dieses hat für ihn keine psychische,
-sondern nur eine körperliche Existenz mehr. Er will von ihr entweder
-ein Kind oder die Befriedigung der eigenen Wollust: in beiden Fällen
-benützt er sie nicht als Zweck an sich selbst, sondern um einer fremden
-Absicht willen. Nur aus diesem, und aus keinem anderen Grunde, ist der
-Koitus unmoralisch.
-
-Gewiß ist die Frau die Missionärin der Idee des Koitus, und gebraucht
-sich selbst, wie alles andere in der Welt, immer nur als Mittel zu
-diesem Zweck; sie will den Mann als Mittel zur Lust oder zum Kinde;
-sie will _selbst_ vom Manne als Mittel zum Zweck benützt sein, wie
-eine Sache, wie ein Objekt, wie sein Eigentum behandelt, nach seinem
-Gutdünken von ihm verändert und geformt werden. Aber nicht nur soll
-niemand von einem anderen als Mittel zum Zweck sich gebrauchen lassen;
-man darf auch den Standpunkt des Mannes der Frau gegenüber nicht
-danach bestimmen wollen, daß diese den Koitus wirklich wünscht, und
-von ihm, wenn sie's auch weder sich noch ihm je ganz gesteht, _nie
-etwas anderes erfleht_. _Kundry_ appelliert freilich an _Parsifals_
-Mitleid für ihr Sehnen: aber gerade da offenbart sich die ganze
-Schwäche der Mitleidsmoral, die zwingen würde, einen jeden Wunsch
-des Nebenmenschen zu erfüllen, sei er noch so unberechtigt. Die
-konsequente Sympathiemoral und die konsequente Sozialethik sind beide
-gleich absurd, denn sie machen das _Sollen vom Wollen abhängig_ (ob
-vom eigenen oder vom fremden oder vom gesellschaftlichen, bleibt sich
-gleich), _statt das Wollen vom Sollen_; sie wählen zum Maßstab der
-Sittlichkeit konkretes Menschenschicksal, konkretes Menschenglück,
-konkreten Menschenaugenblick, _anstatt der Idee_.
-
-Die Frage ist: wie soll der Mann das Weib behandeln? _Wie es selbst
-behandelt werden will, oder wie es die sittliche Idee verlangt?_ Wenn
-er es zu behandeln hat, wie es behandelt werden will, dann muß er
-es koitieren, denn es will koitiert werden, schlagen, denn es will
-geschlagen werden, hypnotisieren, denn es will hypnotisiert werden,
-ihm durch die Galanterie zeigen, wie gering er seinen Wert an sich
-veranschlagt; denn es will Komplimente, es will nicht an sich geachtet
-werden. Will er dagegen dem Weibe so entgegentreten, wie es die
-sittliche Idee verlangt, so muß er in ihm den _Menschen_ zu sehen, und
-es zu achten suchen. Zwar ist W _eine Funktion von M_, eine Funktion,
-die er setzen, die er aufheben kann, und die Frauen wollen nicht mehr
-sein als eben dies, nichts anderes als nur dies: die Witwen in Indien
-sollen sich gerne und überzeugt verbrennen lassen, ja zu diesem Tode
-geradezu sich drängen; doch darum bleibt diese Sitte nicht minder die
-fürchterlichste Barbarei.
-
-Es ist mit der Emanzipation der Frauen wie mit der Emanzipation der
-Juden und der Neger. Sicherlich liegt dafür, daß diese Völker als
-Sklaven behandelt und immer niedrig eingeschätzt wurden, an ihrer
-knechtischen Veranlagung die Hauptschuld; sie haben kein so starkes
-Bedürfnis nach Freiheit wie die Indogermanen. Und wenn auch heute in
-Amerika für die Weißen die Notwendigkeit sich ergeben hat, von den
-Negern sich völlig abzusondern, weil diese von ihrer Freiheit einen
-schlimmen und nichtswürdigen Gebrauch machen: so war doch im Kriege der
-Nordstaaten gegen die Föderierten, welcher den Schwarzen die Freiheit
-gab, das Recht durchaus auf Seite der ersteren. _Trotzdem die Anlage
-der Menschheit_ im Juden, noch mehr im Neger, _und noch weit mehr im
-Weibe_, mit einer größeren Anzahl amoralischer Triebe belastet ist; _ob
-sie auch hier mit mehr Hindernissen zu kämpfen hat_ als im arischen
-Manne, noch ihren letzten Rest, sei er selbst noch so gering, muß der
-Mensch achten, _noch hier die Idee der Menschheit_ (das heißt nicht:
-der menschlichen Gesellschaft, sondern das _Mensch-Sein_, die _Seele
-als Teil einer intelligiblen Welt_) _ehren_. Auch über den gesunkensten
-Verbrecher darf niemand sich eine Gewalt anmaßen als das Gesetz; kein
-Mensch hat das Recht ihn zu lynchen.
-
-Das _Problem des Weibes_ und _das Problem des Juden_ ist ganz identisch
-mit dem _Problem der Sklaverei_, und muß ebenso aufgelöst werden, wie
-dieses. Niemand darf unterdrückt werden, wenn er sich gleich nur in der
-Unterdrückung wohlfühle. Dem Haustier, das ich benütze, nehme ich keine
-Freiheit, denn es hatte keine, bevor ich es mir dienstbar machte; aber
-in der Frau ist noch ein ohnmächtiges Gefühl des Nicht-Anderskönnens,
-als eine letzte, wenn auch noch so kümmerliche Spur der intelligiblen
-Freiheit: wohl deshalb, weil es kein absolutes Weib gibt. Die Frauen
-sind _Menschen_ und müssen _als solche_ behandelt werden, auch wenn sie
-selbst das _nie_ wollen würden. _Frau und Mann haben gleiche Rechte._
-
-Man erschrecke nicht und wende nicht ein, daß hiemit den Frauen
-auch gleich die Teilnahme an der politischen Herrschaft eingeräumt
-werden müßte. Vom _Utilitäts_standpunkte ist von dieser Konzession
-gewiß einstweilen, und vielleicht stets, abzuraten; in _Neuseeland_,
-wo man das ethische Prinzip so hochhielt, den Frauen das Wahlrecht
-zu geben, hat man damit die schlimmsten Erfahrungen gesammelt. Wie
-man Kindern, Schwachsinnigen, Verbrechern mit Recht keinen Einfluß
-auf die Leitung des Gemeinwesens gestatten würde, selbst wenn diese
-plötzlich die numerische Parität oder Majorität erlangten, so _darf_
-vorderhand die Frau von einer Sache ferngehalten werden, von der so
-lebhaft zu befürchten steht, daß sie durch den weiblichen Einfluß nur
-könnte geschädigt werden. Wie die Resultate der Wissenschaft davon
-unabhängig sind, ob alle Menschen ihnen zustimmen oder nicht, so kann
-auch Recht und Unrecht der Frau ganz genau ermittelt werden, ohne daß
-die Frauen selbst mitbeschließen, und sie brauchen nicht zu besorgen,
-übervorteilt zu werden, wenn bei dieser Feststellung eben Recht- und
-nicht Machtgesichtspunkte die Entscheidung bestimmen.
-
-_Das Recht aber ist nur eines und das gleiche für Mann und Frau._
-Niemand darf der Frau irgend etwas als »unweiblich« verwehren und
-verbieten wollen; und ein ganz niederträchtiges Urteil ist es, das
-einen Mann freispricht, der seine ehebrecherische Frau erschlagen
-hat, als wäre diese rechtlich seine _Sache_. Man hat die Frau als
-Einzelwesen und nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen,
-nicht nach einem aus der Empirie oder aus den Liebesbedürfnissen des
-Mannes hergeleiteten Maßstabe zu beurteilen: auch wenn sie selber nie
-jener Höhe der Beurteilung sich sollte würdig zeigen.
-
-Darum ist dieses Buch die größte Ehre, welche den Frauen je erwiesen
-worden ist. Auch gegen das Weib ist nur _ein_ sittliches Verhalten dem
-Manne möglich; nicht die Sexualität, nicht die Liebe -- denn beide
-benützen es als Mittel zu _fremden_ Zwecken: _sondern einzig der
-Versuch, es zu verstehen_. Die meisten Menschen geben theoretisch vor,
-_$das$ Weib_ zu achten, um praktisch _$die$ Weiber_ desto gründlicher
-zu verachten: hier wurde dieses Verhältnis umgekehrt. _Das Weib_ konnte
-nicht hochgewertet werden: aber _die Weiber_ sind von aller Achtung
-nicht von vornherein und ein für alle Male auszuschließen.
-
-Leider haben sehr berühmte und bedeutende Männer in dieser Frage
-eigentlich _recht gemein_ gedacht. Ich erinnere an _Schopenhauers_ und
-an _Demosthenes'_ Stellung zur Frauenemanzipation. Und _Goethes_:
-
- »Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reifet im stillen
- Häuslicher Tugend entgegen, _den klugen Mann zu beglücken_.
- Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewißlich
- ein Kochbuch,«
-
-steht nicht höher als _Molières_:
-
- »........... Une femme en sait toujours assez,
- Quand la capacité de son esprit se hausse
- A connaître un pourpoint d'avec un haut-de-chausse.«
-
-_Die Abneigung gegen das männliche Weib hat der Mann in sich zu
-überwinden_; denn sie ist nichts als gemeiner Egoismus. Wenn das Weib
-männlich werden sollte, indem es logisch und ethisch würde, so wird
-es sich nicht mehr so gut zum _passiven Substrate_ einer _Projektion_
-eignen; aber das ist kein genügender Grund, die Frau, wie dies heute
-geschieht, nur für den Mann und für das Kind erziehen zu lassen, mit
-einer Norm, die ihr etwas verbietet, weil es _männlich_ sei.
-
-Denn wenn auch für das _absolute_ Weib keine Möglichkeit der
-Sittlichkeit besteht, mit dem Erschauen dieser _Idee_ des Weibes
-ist noch nicht gegeben, daß der Mann das _empirische_ Weib dieser
-vollständig und rettungslos solle _verfallen_ lassen; noch weniger, daß
-er dazu beitrage, daß es dieser Idee immer gemäßer werde. Im lebenden
-menschlichen Weibe ist, der Theorie nach, immer noch »ein Keim des
-Guten«, nach _Kant_scher Terminologie, als vorhanden anzunehmen; es
-ist jener Rest eines freien Wesens, der dem Weibe das dumpfe Gefühl
-seines Schicksals ermöglicht.[102] Daß auf diesen Keim ein Mehr könne
-gepfropft werden, davon darf _theoretisch_ die Unmöglichkeit _nie
-gänzlich behauptet_ werden, wenn es auch _praktisch_ sicher noch nie
-gelungen _ist_, wenn es selbst in aller Zukunft nie gelingen _sollte_.
-
-Unter der sittlichen Idee steht die ganze Welt, selbst die Tiere werden
-als _Phänomene_ gewertet, der Elefant sittlich höher geschätzt als
-die Schlange, wenn auch z. B. die Tötung eines anderen Tieres ihnen
-nicht als Personen _zugerechnet_. Dem _Weibe_ aber _wird_ von uns
-_zugerechnet_; und hierin liegt die _Forderung, daß es anders werde.
-Und wenn alle Weiblichkeit Unsittlichkeit ist, so muß das Weib aufhören
-Weib zu sein, und Mann werden._
-
-Freilich muß gerade hier die Gefahr der äußerlichen Anähnlichung,
-die das Weib stets am intensivsten in die Weiblichkeit zurückwirft,
-am vorsichtigsten gemieden werden. Die Aussichten des Unternehmens,
-die Frauen wahrhaft zu emanzipieren, ihnen die Freiheit zu geben,
-die nicht _Willkür_, sondern _Wille_ wäre, sind äußerst gering. Wenn
-man nach den Tatsachen urteilt, so scheint den Frauen nur zweierlei
-möglich zu sein: die verlogene Acceptierung des vom Manne Geschaffenen,
-indem sie selbst glauben, das zu wollen, was ihrer ganzen, _noch
-ungeschwächten_ Natur _widerspricht_, die unbewußt verlogene Entrüstung
-über die Unsittlichkeit, _als ob sie sittlich wären_, über die
-Sinnlichkeit, _als ob_ sie die _un_sinnliche Liebe wollten; oder das
-offene Zugeständnis[103], der Inhalt des Weibes sei der Mann und das
-Kind, ohne das geringste Bewußtsein davon, _was_ sie damit zugeben,
-welche Schamlosigkeit, welche Niederlage in dieser Erklärung liegt.
-_Unbewußte Heuchelei oder cynische Identifikation mit dem Naturtrieb_:
-ein anderes scheint dem Weibe nicht gegeben.
-
-Aber _nicht Bejahung_ und _nicht Verleugnung_, sondern _Verneinung,
-Überwindung_ der Weiblichkeit, ist das, worauf es ankommt. Würde z. B.
-eine Frau _wirklich_ die Keuschheit des Mannes _wollen_, so hätte sie
-freilich hiemit das Weib überwunden; denn ihr wäre der Koitus nicht
-mehr höchster Wert und seine Herbeiführung nicht mehr letztes Ziel.
-Aber dies ist's eben: an die Echtheit solcher Forderungen vermag man
-nicht zu glauben, wenn sie auch hie und da wirklich erhoben werden.
-Denn ein Weib, das die Keuschheit des Mannes verlangt, ist, abgesehen
-von seiner Hysterie, so dumm und so jeder Wahrheit unfähig, daß es
-nicht einmal mehr dunkel fühlt, daß es sich selbst damit verneint, sich
-absolut und ohne Rettung wertlos, existenzlos macht. Man weiß hier kaum
-mehr, wem man den Vorzug geben soll; der grenzenlosen Verlogenheit,
-welche selbst das ihr fremdeste, das _asketische_ Ideal auf den
-Schild zu heben fähig ist; oder der ungenierten Bewunderung für den
-berüchtigten Wüstling und der einfachen Hingabe an denselben.
-
-Da jedoch alles wirkliche Wollen der Frau _in beiden Fällen_ in
-gleicher Weise darauf gerichtet bleibt, den Mann schuldig werden
-zu lassen, so liegt _hierin_ das Hauptproblem der Frauenfrage: und
-insoweit fällt sie zusammen mit der Menschheitsfrage.
-
-Friedrich _Nietzsche_ sagt an einer Stelle seiner Schriften: »Sich im
-Grundproblem ‚Mann und Weib’ zu vergreifen, hier den abgründlichsten
-Antagonismus und die Notwendigkeit einer ewig-feindseligen Spannung
-zu leugnen, hier vielleicht von gleichen Rechten, gleicher Erziehung,
-gleichen Ansprüchen und Verpflichtungen zu träumen: das ist ein
-_typisches_ Zeichen von Flachköpfigkeit, und ein Denker, der an dieser
-gefährlichsten Stelle sich flach erwiesen hat -- flach im Instinkte! --
-darf überhaupt als verdächtig, mehr noch, als verraten, als aufgedeckt
-gelten: wahrscheinlich wird er für alle Grundfragen des Lebens,
-auch des zukünftigen Lebens, zu ‚kurz’ sein und in _keine_ Tiefe
-hinunterkönnen. Ein Mann hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste
-wie in seinen Begierden, auch jene Tiefe des Wohlwollens, welche der
-Strenge und der Härte fähig ist und leicht mit ihnen verwechselt wird,
-kann über das Weib immer nur _orientalisch_ denken: -- er muß das Weib
-als Besitz, als verschließbares Eigentum, als etwas zur Dienstbarkeit
-Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes fassen, -- er muß sich hier
-auf die ungeheuere Vernunft Asiens, auf Asiens Instinkt-Überlegenheit
-stellen, wie dies ehemals die Griechen getan haben, diese besten Erben
-und Schüler Asiens, -- welche, wie bekannt, von Homer bis zu den Zeiten
-des Perikles, mit _zunehmender_ Kultur und Umfänglichkeit an Kraft,
-Schritt für Schritt auch _strenger_ gegen das Weib, kurz orientalischer
-geworden sind. _Wie_ notwendig, _wie_ logisch, _wie_ selbst menschlich
-wünschbar dies war: möge man darüber bei sich nachdenken!«
-
-Der Individualist denkt hier durchaus sozialethisch: seine Kasten- und
-Gruppen-, seine Abschließungstheorie sprengt, wie so oft, die Autonomie
-seiner Morallehre. Denn er will _im Dienste der Gesellschaft, der
-störungslosen Ruhe der Männer_, die Frau unter ein Machtverhältnis
-stellen, in dem sie allerdings kaum noch den Laut eines Wunsches nach
-Emanzipation von sich geben, und nicht einmal jene verlogene und
-unechte Freiheitsforderung mehr erheben wird, welche die heutigen
-Frauenrechtlerinnen aufgestellt haben: _die gar nicht ahnen, wo die
-Unfreiheit des Weibes eigentlich liegt, und was ihre Gründe sind_. Aber
-nicht, um _Nietzsche_ einer Inkonsequenz zu überführen, habe ich ihn
-citiert; sondern um seinen Worten gegenüber zu zeigen, wie das Problem
-der Menschheit nicht lösbar ist ohne eine Lösung des Problems der Frau.
-Denn wem die Forderung überflüssig hoch gespannt scheint, daß der Mann
-die Frau um der Idee, um des Noumenon willen zu achten, und nicht als
-Mittel zu einem außer ihr gelegenen Zweck zu benützen, daß er ihr darum
-die gleichen Rechte, ebenso aber die gleichen Pflichten (der sittlichen
-und geistigen Selbstbildung) zuzuerkennen habe wie sich selbst: der
-möge bedenken, _daß der Mann das ethische Problem für seine Person
-nicht lösen kann, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer
-wieder negiert_, indem er sie als Genußmittel benützt. _Der Koitus ist
-in allem Asiatismus die Bezahlung, welche der Mann der Frau für ihre
-Unterdrückung zu leisten hat._ Und so sehr es die Frau charakterisieren
-mag, _daß sie um diesen Preis sicherlich stets auch dem ärgsten
-Sklavenjoch sich gerne fügt_, der Mann _darf_ auf den Handel nicht
-eingehen, weil auch _er_ sittlich dabei zu kurz kommt.
-
-Also selbst _technisch_ ist das Menschheitsproblem nicht lösbar für den
-Mann _allein_; er muß die Frau _mitnehmen_, auch wenn er nur _sich_
-erlösen wollte, er muß sie zum _Verzicht_ auf ihre unsittliche Absicht
-auf ihn zu bewegen suchen. Die Frau muß dem Koitus _innerlich_ und
-_wahrhaft_, aus _freien Stücken_ entsagen. Das bedeutet nun allerdings:
-das Weib muß _als solches untergehen_, und es ist keine Möglichkeit
-für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden, eh dies nicht
-geschehen ist. Darum sind _Pythagoras_, _Platon_, _das Christentum_ (im
-Gegensatze zum _Judentum_), _Tertullian_, _Swift_, _Wagner_, _Ibsen_
-für die Befreiung, für Erlösung des Weibes eingetreten, _nicht für die
-Emanzipation des Weibes vom Manne, sondern für die Emanzipation des
-Weibes vom Weibe_. Und in solcher Gemeinschaft den Bannfluch Nietzsches
-zu tragen ist ein Leichtes.
-
-Aus eigener Kraft aber kann das Weib schwer zu solchem Ziele gelangen.
-Der Funke, der in ihr so schwach ist, müßte am Feuer des Mannes immer
-wieder sich entzünden können: das _Beispiel_ müßte gegeben werden.
-Bevor das Weib nicht aufhört, für den Mann als Weib zu existieren,
-kann es selbst nicht aufhören, Weib zu sein: _Kundry_ kann nur von
-_Parsifal_, vom sündelosen, unbefleckten Manne aus _Klingsors_ Banne
-wirklich befreit werden. So deckt sich diese psychologische mit der
-philosophischen Deduktion, wie sie hier mit _Wagners_ »Parsifal«,
-der tiefsten Dichtung der Weltliteratur, in völliger Übereinstimmung
-sich weiß. Erst die Sexualität des Mannes gibt dem Weibe Existenz als
-Weib. Alle Materie hat nur so viel Existenz, als die Schuldsumme im
-Universum beträgt: auch das Weib wird nur so lange leben, bis der Mann
-seine Schuld gänzlich getilgt, bis er die _eigene_ Sexualität wirklich
-überwunden hat.
-
-Nur so erledigt sich der ewige Einspruch gegen alle antifeministischen
-Tendenzen: das Weib sei nun einmal da, so wie es sei, nicht zu ändern,
-und darum müsse man mit ihm sich abzufinden suchen; der Kampf nütze
-nichts, weil er nichts beseitigen könne. Es ist aber gezeigt, daß die
-Frau nicht _ist_, und in dem Augenblicke _stirbt_, da der Mann gänzlich
-nur _sein_ will. Das, wogegen der Kampf geführt wird, ist keine Sache
-von ewig unveränderlicher Existenz und Essenz: es ist etwas, das
-aufgehoben werden _kann_, und aufgehoben werden _soll_.
-
-Nur so, nicht anders, ist die Frauenfrage zu lösen, für den, der
-sie _verstanden_ hat. Man wird die Lösung unmöglich, ihren Geist
-überspannt, ihren Anspruch übertrieben, ihre Forderung unduldsam
-finden. Und allerdings: von der Frauenfrage, über welche die Frauen
-_sprechen_, ist hier längst die Rede nicht mehr; es handelt sich um
-jene, von der die Frauen _schweigen_, ewig schweigen _müssen_; um _die
-Unfreiheit_, die in der _Geschlechtlichkeit_ liegt. _Diese_ Frauenfrage
-ist so alt wie das Geschlecht, und nicht jünger als die Menschheit. Und
-die Antwort auf sie: der Mann muß vom Geschlechte sich erlösen, und
-_so_, nur _so_ erlöst er die Frau. _Allein_ seine _Keuschheit_, nicht,
-wie _sie_ wähnt, seine Unkeuschheit, ist ihre Rettung. Freilich geht
-sie, als _Weib_, so unter: aber nur, um aus der Asche neu, verjüngt,
-als der _reine $Mensch$_, sich emporzuheben.
-
-Darum wird die Frauenfrage bestehen, so lang es zwei Geschlechter gibt,
-und nicht eher verstummen denn die Menschheitsfrage. In diesem Sinne
-hat _Christus_, nach dem Zeugnis des Kirchenvaters _Klemens_, zur
-_Salome_ gesprochen, ohne die optimistische Beschönigung, die _Paulus_,
-die _Luther_ für das Geschlecht späterhin fanden: so lang werde der Tod
-währen, als die Weiber gebären, und nicht eher die Wahrheit geschaut
-werden, als bis aus zweien eins, aus Mann und Weib ein drittes Selbes,
-_weder_ Mann _noch_ Weib, werde geworden sein.
-
- * * * * *
-
-_Hiemit erst, aus dem höchsten Gesichtspunkte des Frauen- als des
-Menschheitsproblems, ist die Forderung der Enthaltsamkeit für beide
-Geschlechter gänzlich begründet._ Sie aus den gesundheitsschädlichen
-Folgen des Verkehres abzuleiten, ist flach, und mag von den Advokaten
-des Körpers ewig bestritten werden; sie auf die Unsittlichkeit der Lust
-zu gründen, falsch; denn so wird ein heteronomes Motiv in die Ethik
-eingeführt. Schon _Augustinus_ aber hat, wenn er die Keuschheit für
-alle Menschen verlangte, den Einwand vernehmen müssen, daß in solchem
-Falle die Menschheit von der Erde binnen kurzem verschwunden wäre. In
-dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher der schrecklichste Gedanke der
-zu sein scheint, daß die _Gattung_ aussterben könne, liegt nicht allein
-äußerster Unglaube an die _individuelle_ Unsterblichkeit und ein ewiges
-Leben der sittlichen Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt
-irreligiös: man beweist mit ihr zugleich seinen Kleinmut, seine
-Unfähigkeit, außer der _Herde_ zu leben. Wer so denkt, kann sich die
-Erde nicht vorstellen ohne das Gekribbel und Gewimmel der Menschen auf
-ihr, ihm wird angst und bange _nicht so sehr vor dem Tode, als vor der
-Einsamkeit_. Hätte die an sich unsterbliche moralische Persönlichkeit
-genug Kraft in ihm, so besäße er Mut, dieser Konsequenz ins Auge zu
-sehen; er würde den leiblichen Tod nicht fürchten, und nicht für den
-mangelnden Glauben an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der
-Gewißheit eines Weiterbestehens der Gattung suchen. Die Verneinung der
-Sexualität tötet bloß den körperlichen Menschen und ihn nur, um dem
-geistigen erst das volle Dasein zu geben.
-
-Darum kann es auch nicht sittliche Pflicht sein, für die Fortdauer
-der Gattung zu sorgen, wie man dies so oft behaupten hört. Es ist
-diese Ausrede von einer außerordentlich _unverfrorenen Verlogenheit_;
-diese liegt so offen zu Tage, daß ich fürchte, mich durch die Frage
-lächerlich zu machen, ob schon je ein Mensch den Koitus mit dem
-Gedanken vollzogen hat, er müsse der großen Gefahr vorbeugen, daß die
-Menschheit zu Grunde gehe. _Alle Fécondité ist nur ekelhaft_; und kein
-Mensch fühlt, wenn er sich aufrichtig befragt, es als seine Pflicht,
-für die dauernde Existenz der menschlichen Gattung zu sorgen. Was man
-aber nicht als seine Pflicht fühlt, das $ist$ nicht Pflicht.
-
-Im Gegenteil: es ist unmoralisch, ein menschliches Wesen zur Wirkung
-einer Ursache zu machen, es als Bedingtes hervorzubringen, wie das
-mit der Elternschaft gegeben ist; und der Mensch ist im tiefsten
-Grunde nur deshalb unfrei und determiniert neben seiner Freiheit und
-Spontaneität, weil er auf diese unsittliche Weise entstanden ist. Die
-moralische Weihe also, die man dem Koitus (der ihrer freilich dringend
-bedarf) bisweilen zu geben versucht hat, indem man einen idealen Koitus
-fingierte, bei dem nur die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes in
-Betracht gezogen werde -- diese liebevolle Verbrämung erweist sich
-nicht als ein genügender Schutz: denn das angeblich ihn verstattende
-und heiligende Motiv ist nicht nur kein Gebot und nirgends im Menschen
-als ein Imperativ zu finden, sondern vielmehr selbst ein sittlich
-verwerflicher Beweggrund; weil man einen Menschen nicht um seine
-Einwilligung fragt, dessen Vater oder Mutter man wird. Für den anderen
-Koitus aber, bei dem die Möglichkeit einer Fortpflanzung künstlich
-verhindert wird, kommt selbst jene, auf so schwachen Füßen stehende
-Rechtfertigung in Wegfall.
-
-Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee der Menschheit;
-nicht weil Askese Pflicht ist, sondern vor allem, weil das Weib in ihm
-Objekt, Sache werden will, und der Mann ihm hier wirklich den Gefallen
-tut, es nur als Ding, nicht als lebenden Menschen, mit inneren,
-psychischen Vorgängen anzusehen. Darum verachtet auch der Mann das Weib
-augenblicklich, sobald er es besessen hat, und das Weib _fühlt_, daß es
-nun verachtet wird, auch wenn es vor zwei Minuten sich noch vergöttert
-wußte.
-
-Respektieren kann der Mensch im Menschen nur die _Idee_, die Idee der
-Menschheit; in der Verachtung des Weibes (und seiner selbst), die sich
-nach dem Koitus einstellt, liegt der sicherste Anzeiger, daß gegen
-die Idee hier gefehlt wurde. Und wer nicht verstehen kann, was mit
-dieser _Kant_ischen $Idee$ der Menschheit gemeint ist, der mag es sich
-wenigstens zum Bewußtsein bringen, daß es _seine_ Schwestern, _seine_
-Mutter, _seine_ weiblichen Verwandten sind, um die es sich handelt: _um
-unser selbst willen_ sollte das Weib als Mensch behandelt, _geachtet_
-werden, und nicht _erniedrigt_, wie es durch alle Sexualität geschieht.
-
-Zu $ehren$ aber könnte der Mann das Weib erst dann _mit Recht_
-beginnen, wenn es _selbst_ aufhörte, _Objekt_ und _Materie_ für den
-Mann _sein zu $wollen$_; wenn ihm wirklich an einer Emanzipation läge,
-die mehr wäre als eine Emanzipation der Dirne. Noch ist nie offen
-gesagt worden, wo die Hörigkeit der Frau einzig zu suchen ist: in der
-souveränen, angebeteten Gewalt, die der Phallus des Mannes über sie
-besitzt. Darum haben die Frauen-Emanzipation aufrichtig stets nur
-_Männer_ gewollt, nicht sehr sexuelle, nicht sehr liebesbedürftige,
-nicht sehr tiefblickende, aber edle und für das Recht begeisterte
-Männer, darüber kann kein Zweifel sein. Ich will die erotischen
-Motive des Mannes nicht beschönigen, und seine Antipathie gegen das
-»emanzipierte Weib« nicht geringer darstellen, als sie ist: es ist
-leichter, sich hinanziehen zu lassen, wie _Goethe_, als einsam zu
-steigen und immerfort zu steigen, wie _Kant_. Aber vieles, was dem
-Mann als _Feindschaft_ gegen die Emanzipation ausgelegt wird, ist in
-Wahrheit nur Mißtrauen und Zweifel an ihrer Möglichkeit. Der Mann
-will das Weib nicht als Sklavin, er sucht oft genug zunächst eine
-Gefährtin, die ihn verstehe.
-
-Nicht die Erziehung, die das Weib heute empfängt, ist die angemessene
-Vorbereitung, um der Frau den Entschluß nahezulegen und zu erleichtern,
-jene ihre wahre Unfreiheit zu besiegen. Alles letzte Mittel
-_mütterlicher Pädagogik_ ist es, der Tochter, die zu diesem oder jenem
-sich nicht bequemt, als Strafe aufzudrohen, _sie werde keinen Mann
-bekommen_. Die Erziehung, welche den Frauen zuteil wird, ist auf nichts
-angelegt als auf ihre _Verkuppelung_, in deren glücklichem Gelingen
-sie ihre Krönung findet. Am Manne ist durch solche Einflüsse wenig zu
-ändern; aber das Weib wird durch sie in seiner Weiblichkeit, in seiner
-Unselbständigkeit und Unfreiheit, noch _bestärkt_.
-
-_Die Erziehung des Weibes muß dem Weibe, $die Erziehung der ganzen
-Menschheit der Mutter entzogen werden$._
-
-Dies wäre die erste Voraussetzung, die erfüllt sein müßte, um die Frau
-in den Dienst der Menschheitsidee zu stellen, der niemand, so wie
-_sie_, seit Anbeginn entgegengewirkt hat.
-
- * * * * *
-
-Eine Frau, die wirklich entsagt hätte, die in sich selbst die Ruhe
-suchen würde, eine solche Frau wäre kein Weib mehr. Sie hätte
-aufgehört, Weib zu sein, sie hätte zur äußeren endlich die innere Taufe
-empfangen.
-
-Kann das werden?
-
-Es gibt kein absolutes Weib, und doch ist uns die Bejahung dieser Frage
-wie eine Bejahung des Wunders.
-
-Glücklicher wird das Weib nicht werden durch solche Emanzipation: die
-Seligkeit kann sie ihm nicht versprechen, und zu Gott ist der Weg noch
-lang. Kein Wesen zwischen Freiheit und Unfreiheit kennt das Glück. Wird
-aber das Weib sich entschließen können, die Sklaverei aufzugeben, um
-_unglücklich_ zu werden?
-
-Nicht die Frau heilig zu machen, nicht darum kann es so bald sich
-handeln. Nur darum: kann das Weib zum Probleme seines Daseins,
-zum Begriffe der _Schuld_ redlich gelangen? Wird es die Freiheit
-wenigstens _wollen_? Allein auf die Durchsetzung des Ideales, auf das
-Erblicken des Leitsternes kommt es an. Bloß darauf: kann im Weibe der
-kategorische Imperativ lebendig werden? Wird sich das Weib unter die
-sittliche Idee, unter die _Idee der Menschheit_ stellen?
-
-Denn einzig _das_ wäre _Frauen-Emanzipation_.
-
-
-
-
-ANHANG
-
-ZUSÄTZE UND NACHWEISE.
-
-
-
-
-Zur Einleitung des ersten Teiles.
-
-
-($S. 3, Z. 2 f.$) Der Ausdruck »Begriffe mittlerer Allgemeinheit«
-stammt von John Stuart _Mill_. -- Über die beschriebene Entwicklung
-eines begrifflichen Systems von Gedanken vgl. E. _Mach_, Die Analyse
-der Empfindungen etc., 3. Aufl., Jena 1902, S. 242 f.
-
-($S. 5, Z. 12 f.$) Vgl. Ludwig _Boltzmann_, Über den zweiten Hauptsatz
-der mechanischen Wärmetheorie, Almanach der k. k. Akademie der
-Wissenschaften zu Wien, 36. Jahrgang, S. 255: »Wie in die Augen
-springend ist der Unterschied zwischen Tier und Pflanze, trotzdem gehen
-die einfachen Formen kontinuierlich ineinander über, so daß gewisse
-gerade an der Grenze stehen, ebensogut Tiere wie Pflanzen darstellend.
-Die einzelnen Spezies in der Naturgeschichte sind meist aufs schärfste
-getrennt, hier und da aber finden wieder kontinuierliche Übergänge
-statt.« Über das Verhältnis von chemischer Verbindung und Mischung
-vgl. F. _Wald_, Kritische Studie über die wichtigsten chemischen
-Grundbegriffe, Annalen der Naturphilosophie, I, 1902, S. 181 ff.
-
-($S. 6, Z. 12 f.$) Z. B. kommt die sehr ausführliche Untersuchung
-von Paul _Bartels_, Über Geschlechtsunterschiede am Schädel, Berlin
-1897, zu dem Schlusse (S. 94): »Einen durchgreifenden Unterschied des
-männlichen vom weiblichen Schädel kennen wir bis jetzt noch nicht .....
-Alle etwa anzuerkennenden Unterschiede erweisen sich als Charaktere des
-männlichen beziehungsweise weiblichen Durchschnittes und zeigen eine
-größere oder geringere Anzahl von Ausnahmen.« (S. 100): »Eine sichere
-Diagnose des Geschlechtes ist zur Zeit nicht möglich, und wird, fürchte
-ich, nie möglich sein.«
-
-($S. 6, Z. 15.$) Konrad _Rieger_, Die Kastration in rechtlicher,
-sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 35: »Jeder, der schon
-viele nackte Menschen gesehen hat, weiß doch aus Erfahrung: einerseits,
-daß es viele Frauen gibt, deren Becken »männlich« ist; und anderseits,
-daß es viele Männer gibt, deren Becken »weiblich« ist ..... Bekanntlich
-ist deshalb die Geschlechtsdiagnose eines Skelettes durchaus nicht
-immer möglich.«
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 1.
-
-
-($S. 7, Z. 13.$) Vor Heinrich _Rathke_ (Beobachtungen und Betrachtungen
-über die Entwicklung der Geschlechtswerkzeuge bei den Wirbeltieren,
-Halle 1825. Neueste Schriften der naturforschenden Gesellschaft in
-Danzig, Bd. I, Heft 4) herrschte dogmatisch die _Tiedemann_sche
-Anschauung, daß ursprünglich alle Embryonen weiblich seien, und
-der Hode durch eine Weiterentwicklung des Eierstockes entstanden.
-(Vgl. Richard _Semon_, Die indifferente Anlage der Keimdrüsen beim
-Hühnchen und ihre Differenzierung zum Hoden, Habilitationsschrift,
-Jena 1887, S. 1 f.) Rathke (S. 121 f.) bekämpfte mit vielen Gründen
-die Auffassung, daß das männliche Geschlecht ein höher entwickeltes
-weibliches sei, und kam als erster zu dem Schlusse: »Alle .... in
-diesem Werke mitgeteilten Beobachtungen bezeugen, daß aller sinnlicher
-Unterschied, der sich auf das verschiedene Geschlecht bezieht, zwischen
-den männlichen und weiblichen Gebilden in frühester Lebenszeit
-durchaus wegfällt. Wenigstens ist dies der Fall bei den inneren
-Geschlechtsteilen, denn von den äußeren kann ich fast nur allein aus
-fremder, nicht aber aus eigener Erfahrung urteilen. Diese fremden
-Erfahrungen aber scheinen ebenfalls auf eine Gleichheit jener äußeren
-Gebilde hinzudeuten. Es läßt sich demnach behaupten, daß wenigstens bei
-den Wirbeltieren die Geschlechter ursprünglich, so weit die sinnliche
-Wahrnehmung reicht, einander gleich sind.« Diese Ansicht wurde weiter
-geprüft, bestätigt und schließlich zur Geltung gebracht durch die
-Arbeiten von _Johannes Müller_ (Bildungsgeschichte der Genitalien,
-Düsseldorf 1830), _Valentin_ (Über die Entwicklung der Follikel in
-den Eierstöcken der Säugetiere, Müllers Archiv, 1838, S. 103 f.),
-R. _Remak_ (Untersuchungen über die Entwicklung der Wirbeltiere) und
-Wilhelm _Waldeyer_ (Eierstock und Ei, 1870).
-
-($S. 7, Z. 15.$) Für die Pflanzen ist dieser Nachweis erst in jüngster
-Zeit in K. _Goebels_ Abhandlung Ȇber Homologien in der Entwicklung
-männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane« (Flora oder allgemeine
-botanische Zeitung, Bd. XC, 1902, S. 279-305) erfolgt. Goebel zeigt,
-wie auch bei der Pflanze männliche und weibliche Organe sich aus einer
-ursprünglichen Grundform entwickeln, indem im weiblichen Organ jene
-Zellen steril werden, die im männlichen zur Spermatozoidbildung führen,
-und umgekehrt.
-
-($S. 7, Z. 16 ff.$) Die Zeitangaben beziehen sich auf die _äußeren_
-Geschlechtsteile. Sie werden von den Beobachtern nicht in
-Übereinstimmung gemacht, vgl. W. _Nagel_, Über die Entwicklung des
-Urogenitalsystems des Menschen, Archiv für mikroskopische Anatomie,
-Bd. XXXIV, 1889, S. 269-384 (besonders S. 375 f.), Die im Texte
-gegebenen Daten im allgemeinen nach Oscar _Hertwig_, Lehrbuch der
-Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Tiere, 7. Aufl., S. 427,
-441. Ganz kontrovers ist der Zeitpunkt der Differenzierung der inneren
-Keimdrüsenanlagen, ja selbst die Frage noch strittig, ob deren Anlage
-zuerst hermaphroditisch oder gleich sexuell bestimmt sei. Vgl. die
-auch hierüber am ausführlichsten orientierende Abhandlung Nagels
-(S. 299 ff.).
-
-($S. 8, Z. 21 f.$) Ich gebe hier nach Oscar _Hertwig_ (Lehrbuch der
-Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Wirbeltiere, 7. Aufl., Jena
-1902, S. 444 f.) die vollständige »Tabellarische Übersicht I. über die
-vergleichbaren Teile der äußeren und der inneren Geschlechtsorgane des
-männlichen und des weiblichen Geschlechtes, und II. über ihre Ableitung
-von der ursprünglich indifferenten Anlage des Urogenitalsystems bei den
-Säugetieren«.
-
- _Männliche _Gemeinschaftliche _Weibliche
- Geschlechtsteile._ Ausgangsform._ Geschlechtsteile._
-
- Samenampullen und Keimepithel Eifollikel, Graafsche
- Samenkanälchen Bläschen.
-
- Urniere
-
- ~a~) Nebenhoden, ~a~) Vorderer Teil mit ~a~) Epoophoron mit
- Epididymis mit Rete den Marksträngen des
- testis und Tubuli Geschlechtssträngen Eierstocks.
- recti (Geschlechtsteil)
-
- ~b~) Paradidymis ~b~) Hinterer Teil ~b~) Paroophoron.
- (eigentlicher
- Urnierenteil)
-
- Samenleiter mit Urnierengang Gärtnersche Kanäle
- Samenbläschen einiger Säugetiere.
-
- Niere und Ureter Niere und Ureter Niere und Ureter.
-
- Hydatide des } Müllerscher Gang { Eileiter und Fimbrien
- Nebenhodens } {
- Sinus prostaticus } { Gebärmutter und
- (Uterus masculinus) } { Scheide.
-
- Gubernaculum Leistenband der Rundes Mutterband
- Hunteri Urniere und Ligamentum
- ovarii.
-
- Männliche Harnröhre Sinus urogenitalis Vorhof der Scheide.
- (Pars prostatica und
- membranacea)
-
- Männliches Glied Geschlechtshöcker Klitoris.
-
- Pars cavernosa Geschlechtsfalten Kleine Schamlippen.
- urethrae
-
- Hodensack Geschlechtswülste Große Schamlippen.
-
-($S. 8, Z. 9 v. u.$) Ernst _Häckel_, Generelle Morphologie der
-Organismen, Band II: Allgemeine Entwicklungsgeschichte der Organismen
-etc., Berlin 1866, S. 60 f.: »Jedes Individuum (irgend einer Ordnung)
-als _Zwitter_ (_Hermaphroditus_) vereinigt in sich beiderlei
-Geschlechtsstoffe, Ovum und Sperma. Der Gegensatz hiezu ist die
-Trennung der Genitalien, die Verteilung der beiderlei Geschlechtsstoffe
-auf zwei Individuen (gleichviel welcher Ordnung), welche wir als
-_Geschlechtstrennung oder Gonochorismus_ bezeichnen. Jedes Individuum
-irgend einer Ordnung als _Nichtzwitter_ (Gonochoristus) besitzt
-nur einen von beiden Geschlechtsstoffen, Ovum _oder_ Sperma.« In
-einer Anmerkung hiezu gibt er die Etymologie: »γονη, ἡ Genitale,
-Geschlechtsteil: χωριστός, getrennt. Wir führen dieses neue Wort hier
-ein, weil es bisher seltsamerweise gänzlich an einer _allgemeinen_
-Bezeichnung der Geschlechtstrennung mangelte, während man für die
-Zwitterbildung deren mehrere besaß (Hermaphroditismus, Androgynie).«
-
-($S. 9, Z. 9.$) Am wenigsten dimorph sind die Geschlechter wohl bei den
-Stachelhäutern (Echinodermen). Ferner finden sich nach _Weismann_, Das
-Keimplasma, Jena 1892, S. 466 f., auch bei Volvox, unter den Schwämmen
-und den Medusenpolypen Organismen, bei welchen männliche und weibliche
-Individuen lediglich durch die Art der Geschlechtszellen selbst sich
-unterscheiden, also ohne alle weiteren Sexualcharaktere.
-
-($S. 9, Z. 11.$) Normaler Hermaphroditismus unter den Fischen: beim
-Seebarsch (Serranus scriba), der Goldbrasse (Chrysophrys aurata)
-und der Myxine glutinosa (einem auf anderen Fischen schmarotzenden
-Cyklostoma). Vgl. C. _Claus_, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg
-1897, S. 745, und _Richard Hertwig_, Lehrbuch der Zoologie, 5. Aufl.,
-Jena 1900, S. 99.
-
-($S. 9, Z. 13 v. u.$) Aus Gründen der Vererbungslehre wird von _Darwin_
-und besonders von _Weismann_ die Bisexualität der geschlechtlich
-differenzierten Lebewesen geradezu als eine Notwendigkeit postuliert.
-Darwin, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der
-Domestikation, 2. Aufl., Stuttgart 1873, Bd. II, S. 59 f.: »Wir
-sehen daher, daß in vielen, wahrscheinlich in allen Fällen die
-sekundären Charaktere jedes Geschlechtes schlafend oder latent in dem
-entgegengesetzten Geschlechte ruhen, bereit, sich unter eigentümlichen
-Umständen zu entwickeln. Wir können auf diese Weise verstehen, woher es
-z. B. möglich ist, daß eine gut melkende Kuh ihre guten Eigenschaften
-durch ihre männlichen Nachkommen auf spätere Generationen überliefert,
-indem wir zuversichtlich annehmen, daß diese Eigenschaften in den
-Männchen jeder Generation, wenn auch in einem latenten Zustande,
-vorhanden sind. Dasselbe gilt für den Kampfhahn, welcher seine
-Vorzüglichkeiten in Betreff des Mutes und der Lebendigkeit durch seine
-weibliche auf seine männliche Nachkommenschaft überliefern kann; und
-beim Menschen ist es bekannt, daß Krankheiten, wie z. B. Hydrokele,
-welche notwendig auf das männliche Geschlecht beschränkt sind, durch
-die Tochter auf den Enkel überliefert werden können. Derartige Fälle,
-wie die vorstehenden, bieten .... die möglichst einfachen Beispiele von
-Rückschlag dar, und sie sind unter der Annahme verständlich, daß bei
-dem Großvater und Enkel eines und desselben Geschlechtes gemeinsame
-Charaktere, wenn auch latent, in dem zwischenliegenden Erzeuger
-des entgegengesetzten Geschlechtes vorhanden sind.« Weismann, Das
-Keimplasma, eine Theorie der Vererbung, Jena 1892, S. 467 f.: »Vom
-Menschen her wissen wir, daß sämtliche sekundären Geschlechtscharaktere
-nicht nur von den Individuen des entsprechenden Geschlechtes vererbt
-werden, sondern auch von denen des anderen. Die schöne Sopranstimme
-der Mutter kann sich durch den Sohn hindurch auf die Enkelin vererben,
-ebenso der schwarze Bart des Vaters durch die Tochter auf den Enkel.
-Auch bei den Tieren müssen in jedem geschlechtlich differenzierten Bion
-beiderlei Geschlechtscharaktere vorhanden sein, die einen manifest, die
-anderen latent. Der Nachweis ist hier nur in gewissen Fällen zu führen,
-weil wir die individuellen Unterschiede dieser Charaktere nur selten so
-genau bemerken, allein er ist selbst für ziemlich einfach organisierte
-Arten zu führen, und _die latente Anwesenheit der entgegengesetzten
-Geschlechtscharaktere in jedem geschlechtlich differenzierten Bion_
-muß deshalb als allgemeine Einrichtung aufgefaßt werden. Bei der Biene
-besitzen die aus unbefruchteten Eiern sich entwickelnden Männchen
-die sekundären Geschlechtscharaktere des Großvaters, und bei den
-Wasserflöhen, bei welchen mehrere rein weibliche Generationen aus
-einander hervorgehen, bringt die letzte derselben Männchen hervor mit
-den sekundären Geschlechtscharakteren der Art, welche somit in latentem
-Zustande in einer großen Reihe von weiblichen Generationen vorhanden
-sein mußten.« Man vergleiche hiemit auch _Moll_, Untersuchungen über
-die Libido sexualis, Berlin 1898, Bd. I, S. 444.
-
-($S. 9, Z. 4 v. u.$) Als das »Objekt der Kunst« wird »die platonische
-Idee« bekanntlich betrachtet im dritten Buche der »Welt als Wille und
-Vorstellung« von _Schopenhauer_.
-
-($S. 10, Z. 18.$) Seit 1899 erscheint alljährlich unter Redaktion von
-Dr. Magnus _Hirschfeld_ ein »_Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen_«.
-Dieses Unternehmen wäre noch verdienstvoller, als es ist, wenn es nicht
-nur die Homosexuellen und die Zwittergeburten, das sind die sexuellen
-_Mittel_stufen, in den Kreis seiner Betrachtung zöge. Vgl. übrigens
-Kap. IV und die Nachweise zu demselben.
-
-($S. 11, Z. 3 ff.$) Auch für die Pflanzen. Vgl. August _Schulz_,
-Beiträge zur Kenntnis der Bestäubungseinrichtungen und
-Geschlechtsverteilung bei den Pflanzen, II. Teil, Kassel 1890, an
-vielen Orten, z. B. S. 185. Ferner erzählt _Darwin_, Die verschiedenen
-Blütenformen bei Pflanzen der nämlichen Art, Werke IX/3, Stuttgart
-1877, S. 10, von der gemeinen Esche (Fraxinus excelsior): »..... ich
-untersuchte .... 15 Bäume, welche auf dem Felde wuchsen, und von
-diesen produzierten 8 allein männliche Blüten und im Frühjahr und im
-Herbste nicht ein einziges Samenkorn; 4 produzierten nur weibliche
-Blüten, welche außerordentlich zahlreichen Samen ansetzten; drei waren
-Zwitter, welche, als sie in Blüte waren, ein von den anderen Bäumen
-verschiedenes Aussehen hatten: zwei von ihnen produzierten nahezu so
-viel Samen wie die weiblichen Bäume, während der dritte nicht einen
-hervorbrachte, so daß er der Funktion nach männlich war. _Die Trennung
-der Geschlechter ist indessen bei der Esche nicht vollständig, denn
-die weiblichen Blüten enthalten Staubgefäße, welche in einer frühen
-Periode abfallen, und ihre Antheren, welche sich niemals öffnen
-oder dehiszieren, enthalten meistens eine breiige Substanz anstatt
-des Pollens. An einigen weiblichen Blüten fand ich jedoch einige
-wenige Antheren, welche allem Anscheine nach gesunde Pollenkörner
-enthielten. An den männlichen Bäumen enthalten die meisten Blüten
-Pistille_, dieselben fallen aber gleichfalls in einer frühen Periode
-ab; und die Eichen, welche schließlich abortieren, sind sehr klein
-verglichen mit denen in weiblichen Blüten von demselben Alter.« Man
-vergleiche übrigens die im III. Kapitel besprochene Heterostylie. --
-Was die Tiere betrifft, und besonders den Menschen, so ließen sich
-ganze Bogen mit Belegen aus hierauf bezüglichen Publikationen füllen.
-Ich verweise aber lieber zunächst auf Albert _Moll_, Untersuchungen
-über die Libido sexualis, I, S. 334 ff. (z, B. seine Beweise für
-das Vorkommen sezernierender Milchdrüsen bei Männern). -- Konrad
-_Rieger_, Die Kastration in rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht,
-Jena 1900, S. 21, Anmerkung 2: »Manche weibliche Ziegen haben sehr
-starke Hörner, die sich nur wenig von denen eines Ziegen_bockes_
-unterscheiden; andere weibliche Ziegen sind völlig hornlos, und
-schließlich gibt es auch Ziegen_böcke_ (_und zwar unkastrierte_) ohne
-Hörner.« S. 26: »Sieht man eine größere Anzahl von Rindviehbildern
-durch, so ergibt sich sofort, daß sehr bedeutende Unterschiede bestehen
-in Bezug auf die Hörner bei den Stieren selbst.« S. 30: »Ich habe
-selbst zufällig neulich ein weibliches Schaf von einer importierten
-Rasse gesehen, das die schönsten Widderhörner hatte.« Vgl. ferner M.,
-Über Rehböcke mit abnormer Geweihbildung und deren eigentümliches
-Verhalten, Deutsche Jäger-Zeitung, XXXII, 363. Edw. R. _Alston_, On
-Female Deer with antlers, Proceed. Zoolog. Society, London 1879,
-p. 296 f. -- Von _lokalen_ Häufungen der Zwischenstufen bei Käfern und
-Schmetterlingen berichtet William _Bateson_, Materials for the study
-of variation treated with especial regard of discontinuity in the
-origin of species, London 1894, p. 254: »In all other localities the
-male Phalanger maculatus alone is spotten with white, the female being
-without spots, but in Waigiu the females are spotted like the males.
-This curious fact was first noticed by Jentink.« (F. A. _Jentink_,
-Notes, Leyd. Mus., VII, 1885, p. 90.) Und in einer Anmerkung hiezu:
-»Compare the converse case of Hepialus humuli (the Ghost Moth), of
-which, in all other localities, the male are clear and the females are
-light yellow-brown with spots, but in the Shetland Islands the males
-are very like the females, _though in varying degrees_. See Jenner
-Weir, Entomologist, 1880, p. 251 Pl.« -- _Darwin_, Das Variieren der
-Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, II, 259: »Die vielen
-wohlbeglaubigten Fälle verschiedener männlicher Säugetiere, welche
-Milch geben, zeigen, daß ihre rudimentären Milchdrüsen diese Fähigkeit
-in einem latenten Zustande behalten.« Dazu _Moll_, Untersuchungen, I,
-481: »Von der typischen Beschaffenheit der männlichen Brust finden
-wir bis zur völligen Ausbildung der weiblichen Brustdrüsen beim Manne
-zahlreiche Übergänge.« -- _Von der großen Veränderlichkeit sekundärer
-Geschlechtscharaktere_ handelt _Darwin_ im 5. Kapitel der »Entstehung
-der Arten« (S. 207 ff. der Übersetzung von Haek, Universalbibliothek),
-von »_Abstufungen sekundärer geschlechtlicher Charaktere_« im
-14. Kapitel der »Abstammung des Menschen u. s. w.« (Bd. II, S. 143 ff.
-der gleichen Ausgabe). -- Über sexuelle Zwischenformen bei den
-Cerviden noch Adolf _Rörig_, Welche Beziehungen bestehen zwischen
-den Reproduktionsorganen der Cerviden und der Geweihbildung, Archiv
-für Entwicklungsmechanik der Organismen VIII, 1899, 382-447 (mit
-weiterer Literatur); bei den Vögeln: A. _Tichomiroff_, Androgynie
-bei den Vögeln, Anatomischer Anzeiger, 15. März 1888 (III, 221-228);
-bei Vögeln und anderen Tieren: Alexander _Brandt_, Anatomisches und
-Allgemeines über die sogenannte Hahnenfedrigkeit und über anderweitige
-Geschlechtscharaktere bei Vögeln, Zeitschrift für wissenschaftliche
-Zoologie, 48, 1889, S. 101-190.
-
-($S. 11, Z. 6.$) Über das virile Weiberbecken vgl. W. _Waldeyer_, Das
-Becken, Topographisch-anatomisch mit besonderer Berücksichtigung der
-Chirurgie und Gynäkologie dargestellt (in: G. _Joessel_, Lehrbuch der
-topographisch-chirurgischen Anatomie, Teil II, Bonn 1899) S. 393 f.:
-»Wir finden auch Weiberbecken vom Habitus der Männerbecken. Die Knochen
-sind massiver, die Darmbeine stehen steil, der Schambogen ist eng, die
-Beckenhöhle hat eine Trichterform. Meist haben die betreffenden Frauen
-auch in ihrem übrigen Körperhabitus etwas ..... Männliches (Viragines).
-Doch braucht dies nicht immer der Fall zu sein.«
-
-($S. 11, Z. 8.$) Über _bärtige Weiber_ vgl. Max _Bartels_, Über
-abnorme Behaarung beim Menschen, Zeitschrift für Ethnologie VIII
-(1876), 110-129 (mit Literaturnachweisen), XI (1879), 145-194, XIII
-(1881), 213-233. Wilhelm _Stricker_, Über die sogenannten Haarmenschen
-(Hypertrichosis universalis) und insbesondere die bärtigen Frauen,
-Bericht über die Senckenbergische naturforschende Gesellschaft,
-Frankfurt 1877, S. 97 f. Louis A. _Duhring_, Case of bearded women,
-Archives of Dermatology III (1877), p. 193-200. Harris _Liston_,
-Cases of bearded women, British medical Journal vom 2. Juni 1894.
-Albert _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1898,
-I, p. 337 (mit Literatur). Cesare _Taruffi_, Hermaphrodismus und
-Zeugungsunfähigkeit, Eine systematische Darstellung der Mißbildungen
-der menschlichen Geschlechtsorgane, übersetzt von R. Teuscher, Berlin
-1903, S. 164-173: Über Hypertrichosis beim Weibe, mit vielen weiteren
-Literaturangaben. Alexander _Brandt_, Über den Bart der Mannweiber
-(Viragines), Biologisches Zentralblatt 17, 1897, S. 226-239. Les Femmes
-à barbe, Revue scientifique VII, 618-622. Gustav _Behrend_, Artikel
-_Hypertrichosis_ in Eulenburgs Realenzyklopädie, Bd. XI^3, S. 194.
-Alexander _Ecker_, Über abnorme Behaarung beim Menschen, insbesondere
-über die sogenannten Haarmenschen, Braunschweig 1878, mit weiterer
-Literatur S. 21.
-
-($S. 11, Z. 17 ff.$) Man vergleiche z. B. die in der Schrift von
-Livius _Fürst_, Die Maß- und Neigungsverhältnisse des weiblichen
-Beckens nach Profildurchschnitten gefrorener Leichen, Leipzig 1875,
-S. 16 und S. 24 ff. enthaltenen Tafeln mit den Maßzahlen, die von
-den verschiedenen Beobachtern von _Luschka_, _Henle_, _Rüdinger_,
-_Hoffmann_, _Pirogoff_, _Braune_, _Le Gendre_ und _Fürst_ selbst als
-Dimensionen des Beckens der Geschlechter angegeben werden. -- Ferner
-W. _Krause_, Spezielle und makroskopische Anatomie (II. Bd. der 3.
-Aufl. des Handbuches der menschlichen Anatomie von C. F. Th. Krause),
-Hannover 1879, S. 122 ff., mit Tabellen für die Maximal- und
-Minimalproportionen sowohl beim Manne als bei der Frau.
-
-($S. 13, Z. 7 f.$) Die Angabe über die Ophiten nach _Überweg-Heinze_,
-Grundriß der Geschichte der Philosophie, Teil II, Die mittlere oder die
-patristische und scholastische Zeit, 8. Aufl., Berlin 1898, S. 40.
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 2.
-
-
-($S. 14, Z. 16 v. u.$) Havelock _Ellis_, Man and Woman, A Study of
-human secondary sexual characters, London 1894, deutsch: Mann und
-Weib, Anthropologische und psychologische Untersuchung der sekundären
-Geschlechtsunterschiede, übersetzt von Dr. Hans Kurella (Bibliothek
-für Sozialwissenschaft, Bd. III) Leipzig 1895. In Betracht kommt hier
-auch das einseitigere, aber originellere und durch glückliche Belege
-aus der belletristischen Literatur psychologisch bereicherte Werk
-von C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als Verbrecherin und
-Prostituierte, Anthropologische Studien, gegründet auf eine Darstellung
-der Biologie und Psychologie des normalen Weibes, übersetzt von
-Kurella, Hamburg 1894.
-
-($S. 15, Z. 22.$) Joh. Japetus Sm. _Steenstrup_, Untersuchungen über
-das Vorkommen des Hermaphroditismus in der Natur, aus dem Dänischen
-übersetzt von C. F. Hornschuch, Greifswald 1846, S. 9 ff. -- Man
-vergleiche über Steenstrups Anschauungen die absprechenden Urteile von
-Rud. _Leuckart_, Artikel »Zeugung« in Rud. Wagners Handwörterbuch der
-Physiologie, Bd. IV, 1853, S. 743 f., und C. _Claus_, Lehrbuch der
-Zoologie, S. 117^6.
-
-($S. 15, Z. 23.$) _Ellis_, Mann und Weib, besonders S. 203 ff.
-
-($S. 15 Z. 10 v. u.$) Über die Geschlechtsunterschiede in der
-Zusammensetzung des Blutes, Ellis, S. 204 f. -- Olof _Hammarsten_,
-Lehrbuch der physiologischen Chemie, 4. Aufl., Wiesbaden 1899, S. 137.
-»Beim Menschen kommen gewöhnlich in je 1 ~cm~^3 beim Manne 5 Millionen
-und beim Weibe 4 à 4·5 Millionen (roter Blutkörperchen) vor.« -- Ernst
-_Ziegler_, Lehrbuch der allgemeinen und speziellen pathologischen
-Anatomie, Bd. II: Spezielle pathologische Anatomie, 9. Aufl., Jena
-1898, S. 3: »In 100 ~cm~^3 Blut sind .... bei Männern 14·5 ~g~, bei
-Frauen 13·2 ~g~ Hämoglobin enthalten.« Vgl. bes. _Lombroso-Ferrero_,
-S. 22 f. und die dort citierte Literatur.
-
-($S. 15, Z. 8 v. u.$) v. _Bischoff_, Das Hirngewicht des Menschen, Bonn
-1880. -- _Rüdinger_, Vorläufige Mitteilungen über die Unterschiede der
-Großhirnwindungen nach dem Geschlecht beim Fötus und Neugeborenen.
-Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns. I, 1877,
-S. 286-307. -- Auch _Passet_, Über einige Unterschiede des Großhirns
-nach dem Geschlecht, Archiv für Anthropologie, Bd. XIV, 1883,
-S. 89-141, und Emil _Huschke_, Schädel, Hirn und Seele des Menschen und
-der Tiere nach Alter, Geschlecht und Rasse, Jena 1854, S. 152 f., haben
-die Existenz solcher Unterschiede versichert und mit genauen Daten
-belegt.
-
-($S. 15, Z. 6 v. u.$) Alice _Gaule_, Die geschlechtlichen Unterschiede
-in der Leber des Frosches, Archiv für die gesamte Physiologie,
-herausgegeben von Pflüger, Bd. LXXXIV, 1901, Heft 1/2, S. 1-5.
-
-($S. 15, Z. 3 v. u.$) Wo der Ausdruck »erogen« (»Zones érogènes«
-als Name für diejenigen Körperteile, die sexuell besonders anziehend
-auf das andere Geschlecht wirken) zum ersten Male vorkommt, war
-mir zu ermitteln nicht möglich. Der verstorbene Professor Freiherr
-_v. Krafft-Ebing_, von dem ich einmal Belehrung hierüber erbat,
-vermutete, bei _Gilles de la Tourette_. Doch ist in dessen großem Werke
-über die Hysterie nichts hierauf Bezügliches enthalten.
-
-($S. 16, Z. 15.$) Die Anführung aus _Steenstrup_ a. a. O., S. 9 bis 10.
-
-($S. 18, Z. 6.$) John _Hunter_, Observations on certain parts of
-the animal oeconomy, London 1786, berichtet in einem zuerst in den
-Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Vol.
-LXX/2, 1. Juni 1780, pag. 527-535, veröffentlichten »Account of an
-extraordinary pheasant« von der »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen und
-vergleicht diese mit der Bärtigkeit der Großmütter. S. 63 (528) wird
-die berühmte Unterscheidung eingeführt: »It is well known that there
-are many orders of animals which have the two parts designed for the
-purpose of generation different in the same species, by which they
-are distinguished into male and female: but this is not the only
-mark of distinction in many genera of animals, of the greatest part
-the male being distinguished from the female by various marks. _The
-differences which are found in the parts of generation themselves, I
-shall call the first or principle, and all others depending upon these
-I shall call secondary._« Wenn im Texte (Z. 20 ff.) der Bereich der
-sekundären Charaktere strenger denn gewöhnlich als die Gesamtheit der
-erst in der Mannbarkeit äußerlich sichtbar hervortretenden Charaktere
-umschrieben wird, so ist damit auf _Hunters_ _ursprüngliche_ Bestimmung
-zurückgegriffen, S. 68: »We see the sexes which at an early period had
-little to distinguish them from each other, acquiring about the time
-of puberty secondary properties, which clearly characterise the male
-and female. The male at this time recedes from the female, and assumes
-the secondary characters of his sex.« Vgl. _Darwin_, Das Variieren etc.
-I^2, S. 199. Entstehung der Arten (übersetzt von Haek), S. 201.
-
-($S. 18, Z. 8.$) Dafür, daß von den primären noch »primordiale«
-Sexualcharaktere abgeschieden werden müssen, sind die vielen Fälle
-beweisend, in denen die äußeren Geschlechtsteile etwa weiblich, die
-Geschlechtsdrüsen selbst immer noch männlich sind, Vgl. z. B. Andrew
-_Clark_, A case of spurious hermaphroditism (hypospadia and undescended
-testis in a subject who has been brought up as female and married
-for sixteen years), Middlesex Hospital, The Lancet, 12. März 1898,
-p. 718 f. -- L. _Siebourg_, Ein Fall von Pseudo-Hermaphroditismus
-masculinus completus, Deutsche medizinische Wochenschrift, 9. Juni
-1898, S. 367-368.
-
-($S. 18, Z. 23 f.$) Die Lehre von der »inneren Sekretion« im
-allgemeinen stammt nicht, wie man jetzt überall angegeben findet, von
-_Brown-Séquard_, der sie nur auf die Keimdrüse als erster angewendet
-hat, sondern von Claude _Bernard_, nachdem schon bei C. _Legallois_
-im Jahre 1801 eine dunkle Ahnung der Sache zu finden ist, worüber man
-Näheres aus der Année biologique, Vol. I, p. 315 f. erfährt. Vgl.
-Bernard, Nouvelle fonction du foie considéré comme organe producteur
-de matière sucrée chez l'homme et les animaux, Paris, Baillière, 1853,
-p. 58 und 71 f. Ferner Leçons de physiologie expérimentale, Vol. I,
-Paris 1855, aus der folgende Stellen wörtlich angeführt seien: »On
-s'est fait pendant longtemps une très-fausse idée de ce qu'est un
-organe sécréteur. On pensait que toute sécrétion devait être versée
-sur une surface interne ou externe, et que tout organe sécrétoire
-devait nécessairement être pourvu d'un conduit excréteur destiné à
-porter au dehors les produits de la sécrétion. L'histoire du foie
-établit maintenant d'une manière très-nette qu'il y a des sécrétions
-internes, c'est à dire des sécrétions dont le produit, au lieu d'être
-déversé à l'extérieur, est transmis directement dans le sang« (p. 96).
--- »Il doit être maintenant bien établi qu'il y a dans le foie deux
-fonctions de la nature de sécrétions. L'une, sécrétion externe,
-produit la bile qui s'écoule au dehors; l'autre, sécrétion interne,
-forme le sucre qui entre immédiatement dans le sang de la circulation
-générale« (p. 107). -- Ferner (Rapport sur les progrès et la marche
-de la physiologie générale en France, Paris 1867, p. 73): »La cellule
-sécrétoire crée et élabore en elle-même le produit de sécrétion qu'elle
-verse soit au dehors sur les surfaces muqueuses, soit directement
-dans la masse du sang. J'ai appelé _sécrétions externes_ celles
-qui s'écoulent en dehors, et _sécrétions internes_ celles qui sont
-versées dans le milieu organique intérieur.« (p. 79:) »Les sécrétions
-internes sont beaucoup moint connues que les sécrétions externes.
-Elles ont été plus ou moins vaguement soupçonnées, mais elles ne sont
-point encore généralement admises. Cependant, selon moi, elles ne
-sauraient être douteuses, et je pense que le sang, ou autrement dit
-le milieu intérieur organique, doit être regardé comme un produit des
-glandes vasculaires internes.« (p. 84:) »Le foie glycogénique forme
-une grosse glande sanguine, c'est-à-dire une glande qui n'a pas de
-conduit excréteur extérieur. Il donne naissance aux produits sucrés
-du sang, peut-être aussi à d'autres produits albuminoïdes. Mais il
-existe beaucoup d'autres glandes sanguines, telle que la rate, le corps
-thyroïde, les capsules surrénales, les glandes lymphatiques, dont les
-fonctions sont encore aujourd'hui indéterminées; cependant on regarde
-généralement ces organes comme concourant à la régénération du plasma
-et du sang, ainsi qu'à la formation des globules blancs et des globules
-rouges qui nagent dans ce liquide.« Danach ist die sehr allgemeine
-Angabe, _Brown-Séquard_ sei der Begründer der Lehre von den Funktionen
-der Drüsen ohne Ausführungsgänge, wie sie sich z. B. in _Bunges_
-»Physiologischer Chemie« (Lehrbuch der Physiologie des Menschen,
-Leipzig 1901, Bd. II, S. 545), bei _Chrobak_ und _Rosthorn_ (Die
-Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I. Teil, Wien 1896/1900,
-S. 388), bei Ernst _Ziegler_ (Lehrbuch der allgemeinen und speziellen
-pathologischen Anatomie, I^9, 1898, S. 80), Oscar _Hertwig_ (Die Zelle
-und die Gewebe, Bd. II, 1898, S. 167) oder H. _Boruttau_ (Kurzes
-Lehrbuch der Physiologie, Leipzig und Wien, 1898, S. 138) findet, zu
-korrigieren.
-
-_Brown-Séquard_ selbst (Effets physiologiques d'un liquide extrait
-des glandes sexuelles et surtout des testicules, Comptes Rendus
-hebdomadaires des Séances de l'Académie des Sciences, Paris, 30. Mai
-1892, p. 1237 f.) sagt: »Déjà en 1869, dans un cours à la Faculté
-de Médecine de Paris, j'avais émis l'idée que les glandes ont des
-sécrétions internes et fournissent au sang des principes utiles sinon
-essentiels.« Die Priorität gebührt demnach ohne Zweifel Bernard;
-nur die Anwendung auf die Keimdrüsen ist Brown-Séquards alleiniges
-Verdienst: »Je croyais, dès alors, que la faiblesse chez les vieillards
-dépend non seulement de l'état sénile des organes, mais aussi de ce
-que les glandes sexuelles ne donnent plus au sang des principes qui, à
-l'âge adulte, contribuent largement à maintenir la vigueur propre à cet
-âge. Il était donc tout naturel de songer à trouver un moyen de donner
-au sang de vieillards affaiblis les principes que les glandes sexuelles
-ne lui fournissent plus. C'est ce qui m'a conduit à proposer l'emploi
-d'injections sous-cutanées d'un liquide extrait de ces glandes.« Die
-erste Veröffentlichung Brown-Séquards über dieses Thema ist die in den
-»Comptes rendus hebdomadaires des séances et mémoires de la Société de
-Biologie«, Tome 41, 1889, p. 415-419 enthaltene (datiert vom 1. Juni
-1889).
-
-Als Gegner der Lehre von der inneren Sekretion, speziell der
-Keimdrüsen, sind zu nennen: Konrad _Rieger_ in seiner Schrift über die
-Kastration (Jena 1900, S. 71; ihn erinnert sie an die Theorien der
-mittelalterlichen Mönche über die Folgen des »semen retentum«) und
-A. W. _Johnston_, Internal Secretion of the Ovary, 25. Annual Meeting
-of the American Gynaecological Society, vgl. British Gyn. Journal,
-Part 62, August 1900, S. 63. Unentschieden lassen die Frage, ob die
-Erscheinungen nach Kastration und Involution der Keimdrüsen, nach der
-Pubertät und in der Gravidität, soweit sie von den Genitalien ihren
-Ursprung nehmen, auf nervösem Wege oder durch das Blut vermittelt
-werden, _Ziegler_, Patholog. Anatomie, I^9, S. 80, und O. _Hertwig_,
-Zelle und Gewebe, II, 162. Dieser sagt: »Wenn auf der einen Seite der
-Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Geschlechtsdrüsen und der
-sekundären Sexualcharaktere nicht in Abrede gestellt werden kann, so
-fehlt uns auf der anderen Seite doch das tiefere Verständnis dafür.
-Wird die Korrelation zwischen den Organen, welche funktionell direkt
-nichts miteinander zu tun haben, durch das Nervensystem vermittelt,
-oder sind es vielleicht besondere Substanzen, welche vom Hoden oder
-Eierstock abgesondert werden, in den Blutstrom geraten und so die
-weit abgelegenen Körperteile zu korrelativem Wachstum veranlassen? Zu
-einem Entscheid der aufgeworfenen Alternative fehlt es noch an jeder
-experimentellen Unterlage.«
-
-Der letzte Satz war wohl schon zu der Zeit, da Hertwig ihn schrieb
-(1898), nicht mehr ganz richtig. Fr. _Goltz_ und A. _Freusberg_
-hatten 1874 (»Über den Einfluß des Nervensystems auf die Vorgänge
-während der Schwangerschaft und des Gebäraktes«, Pflügers Archiv
-für die gesamte Physiologie, IX, 552-565) von folgendem berichtet
-(S. 557): »Eine Hündin mit vollständiger Trennung des Rückenmarkes
-in der Höhe des ersten Lendenwirbels ist brünstig geworden, hat
-empfangen und ein lebensfähiges Junges ohne Kunsthilfe geboren. Bei
-und nach diesen Vorgängen hat das Tier alle die damit verbundenen
-Naturtriebe (Instinkte) entfaltet ebenso wie ein unversehrtes Geschöpf«
-(d. h. die Milchdrüsen füllten sich und das Junge wurde mit größter
-Zärtlichkeit behandelt. Man vgl. auch _Brücke_, Vorlesungen über
-Physiologie II^3, Wien 1884, S. 126 f.). Goltz selbst kam schon damals
-zu folgendem Schlusse (S. 559): »Es scheint mir ... äußerst fraglich,
-ob überhaupt der Zusammenhang zwischen Gebärmutter und Milchdrüsen
-durch Beteiligung des Nervensystems zu denken ist. Mir sagt auch in
-diesem Falle der Gedanke mehr zu, daß das Blut diesen Zusammenhang
-vermittelt.« Er erinnert daselbst auch an die Ausfallserscheinungen
-nach der Kastration. In ihrer berühmter gewordenen Arbeit »Der Hund mit
-verkürztem Rückenmark« (Pflügers Archiv; 63, 362-400) sind Fr. _Goltz_
-und J. R. _Ewald_ 22 Jahre nach jener Untersuchung nochmals auf das
-Thema zurückgekommen (vgl. in jener Abhandlung S. 385 f.).
-
-Der hauptsächlichste Beweis, daß _keine_ nervöse Vermittlung vorliegt,
-ist, wie ich meine, darin zu erblicken, daß einseitige Kastration,
-also Exstirpation bloß eines Ovars oder Testikels, an der Entwicklung
-der sekundären Geschlechtscharaktere nicht das Geringste ändert. Den
-Einfluß jeder Keimdrüse hätte man aber, wenn ein solcher auf nervösem
-Wege sich vollzieht, als stets auf eine Hemisphäre des Körpers
-_stärker_ sich erstreckend vorzustellen, ja eine halbseitige Kastration
-wäre, zunächst wenigstens, nur für _eine_ Körperhälfte als entscheidend
-anzunehmen. Mit Ausnahme einer einzigen Angabe aber, der _Rieger_, Die
-Kastration, S. 24, mit Recht als Jägerlatein mißtraut (es ist die in
-_Brehms_ Säugetieren, Leipzig und Wien, 1891, III^3, 430: »Einseitig
-verschnittene Hirsche setzen bloß an der unversehrten Seite noch auf«),
-hat nirgends etwas ähnliches verlautet: halbseitig verschnittene
-Tiere sind wie gar nicht verschnittene. So schon _Berthold_,
-Nachrichten von der Universität und Gesellschaft der Wissenschaften
-zu Göttingen, 1849, Nr. 1, S. 1-6. Vgl. z. B. _Chrobak-Rosthorn_,
-Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I/2, S. 371 f.:
-»_Sokoloff_[104] operierte an Hunden, verfolgte die Veränderungen
-sowohl bei einseitiger als auch bei doppelseitiger Kastration. _Bei
-ersterer trat die Brunst wie normal ein_, bei letzterer blieb sie
-regelmäßig weg. _Einseitige Kastration bei jungen Tieren läßt das
-Wachstum beider Gebärmutterhälften fortdauern._ Schon 1½ Monate nach
-zweiseitiger Kastration war eine ausgesprochene Atrophie der zirkulären
-Muskelschichte aufgetreten.«
-
-Diesen Beweis halte ich darum für stringenter selbst als die
-Transplantationsversuche (auf Grund deren J. _Halban_, Über den Einfluß
-der Ovarien auf die Entwicklung des Genitales, Monatsschrift für
-Geburtshilfe und Gynäkologie, XII, 1900, 496-506, besonders S. 505,
-A. _Foges_, Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren,
-Pflügers Archiv, XCIII, 1902, 39 ff., Emil _Knauer_, Die
-Ovarientransplantation, experimentelle Studie, Archiv für Gynäkologie,
-LX, 1900, besonders S. 352-359, mit so viel Recht für die innere
-Sekretion sich entscheiden), weil diesen gegenüber als letzter noch
-immer der Einwand möglich wäre, daß vermittelnde nervöse Bahnen in das
-transplantierte Gewebe zugleich mit dessen Vaskularisierung eingezogen
-seien.
-
-($S. 18, Z. 10 v. u. ff.$) Einen _anderen_ Begriff _von tertiären
-Sexualcharakteren_ hat Havelock _Ellis_ aufgestellt, Mann und Weib,
-S. 24: ».... So haben wir z. B. die verhältnismäßig größere Flachheit
-des Schädels, die größere Aktivität und Ausdehnung der Schilddrüse und
-die geringere Durchschnittsmenge der roten Blutkörperchen beim Weibe.
-Diese Differenzen hängen wahrscheinlich indirekt mit primären und
-sekundären sexuellen Charakteren zusammen. Vom zoologischen Standpunkt
-aus sind sie kaum von Interesse, dagegen vom anthropologischen und
-gelegentlich auch vom pathologischen und sozialen Standpunkt aus
-höchst bemerkenswert. In dieselbe Gruppe mit den sekundären sexuellen
-Charakteren lassen sie sich keinesfalls einreihen, und wir tun wohl am
-besten, sie zu einer neuen Gruppe zusammenzufassen und als ‚tertiäre
-sexuelle Charaktere’ zu bezeichnen.« Ellis bemerkt selbst, daß »sich
-wegen der Tendenz dieser Merkmale, ineinander überzugehen, diese
-Teilung schwer durchführen läßt«. Aber nicht nur der theoretische, auch
-der praktische Wert dieser Gliederung scheint mir geringer als der Wert
-der im Texte vorgeschlagenen Einteilung, nach welcher als primordiale
-Geschlechtscharaktere die allgemein-biologischen, als primäre die
-im engeren Sinne anatomischen, als sekundäre die im engeren Sinne
-physiognomischen, als tertiäre die psychologischen und als quartäre die
-sozialen Unterschiede der Geschlechter bezeichnet werden.
-
-($S. 19, Z. 15 ff.$) Die Annahme dünkt mich sehr wahrscheinlich, daß
-_gleichzeitig_ mit _jeder äußeren_ eine _innere Sekretion_ vor sich
-geht, also auch die letztere keine kontinuierliche, sondern eine
-intermittierende Funktion sei. Denn der Bartwuchs z. B. ist nicht
-gleichmäßig, sondern er erfolgt schubweise, stoßweise. Als Erklärung
-hiefür scheint eine interrupte innere Sekretion am nächsten zu liegen.
-
-($S. 19, Z. 7 v. u.$) Der Ausdruck »Komplementärbedingung« nach Richard
-_Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 29.
-
-($S. 20, Z. 10-28.$) Über das Idioplasma vgl. C. v. _Naegeli_,
-Mechanisch-Physiologische Theorie der Abstammungslehre, 1884. Der
-Begriff wird dort, in einer von seiner Entwicklung im Texte etwas
-abweichenden Weise, eingeführt auf S. 23. Es heißt dann weiter: »Jede
-wahrnehmbare Eigenschaft ist als Anlage im Idioplasma vorhanden,
-es gibt daher so viele Arten von Idioplasma, als es Kombinationen
-von Eigenschaften gibt. Jedes Individuum ist aus einem etwas anders
-gearteten Idioplasma hervorgegangen, und in dem nämlichen Individuum
-verdankt jedes Organ und jeder Organteil seine Entstehung einer
-eigentümlichen Modifikation oder eher einem eigentümlichen Zustande des
-Idioplasmas. Das Idioplasma, welches wenigstens in einer bestimmten
-Entwicklungsperiode durch alle Teile des Organismus verteilt ist,
-hat also an jedem Punkte etwas andere Eigenschaften, indem es
-beispielsweise bald einen Ast, bald eine Blüte, eine Wurzel, ein
-grünes Blatt, ein Blumenblatt, ein Staubgefäß, eine Fruchtanlage,
-ein Haar, einen Stachel bildet.« Am wichtigsten ist für das hier in
-Betracht kommende die Stelle S. 32 f.: »Jede beliebige Zelle muß
-davon [vom Idioplasma] eine gewisse Menge enthalten, weil dadurch die
-ererbte Tätigkeit bedingt wird.« Ferner S. 531: »Jede Ontogenie ...
-beginnt mit einem winzigen Keim, in welchem eine kleine Menge von
-Idioplasma enthalten ist. Dieses Idioplasma zerfällt, indem es sich
-fortwährend in entsprechendem Maße vermehrt, bei den Zellteilungen,
-durch welche der Organismus wächst, in ebenso viele Partien, die
-den einzelnen Zellen zukommen, ....... Jede Zelle des Organismus
-ist idioplasmatisch befähigt, zum Keim für ein neues Individuum zu
-werden. Ob diese Befähigung sich verwirklichen könne, hängt von der
-Beschaffenheit des Ernährungsplasmas ab. Das Vermögen hiezu kommt
-bei niederen Pflanzen jeder einzelnen Zelle zu; bei den höheren
-Pflanzen haben es manche Zellen verloren; im Tierreiche besitzen es
-im allgemeinen nur die zu ungeschlechtlichen oder geschlechtlichen
-Keimen normal bestimmten Zellen.« -- Hugo de _Vries_: in seinem Buche:
-Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 55-60, 75 ff., 92 ff.,
-101 ff., und besonders S. 120. Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die
-Gewebe, Grundzüge der allgemeinen Anatomie und Physiologie. (Diesem
-Buche verdanke ich in biologischer Hinsicht ganz allgemein neben
-_Darwins_ »Variieren« die reichste Belehrung.) Hertwig begründet
-die Theorie im ersten Bande (Jena 1893), S. 277 ff.: »Wenn man das
-Moospflänzchen Funaria hygrometrica zu einem feinen Brei zerhackt,
-so läßt sich auf feuchter Erde aus jedem kleinsten Fragment wieder
-ein ganzes Moospflänzchen züchten. Die Süßwasserhydra läßt sich
-in kleine Stückchen zerschneiden, von denen sich jedes wieder zu
-einer ganzen Hydra mit allen ihren Eigenschaften umbildet. Bei einem
-Baum können sich an den verschiedensten Stellen durch Wucherung
-vegetativer Zellen Knospen bilden, die zu einem Sproß auswachsen,
-der, vom Ganzen abgetrennt und in Erde verpflanzt, sich bewurzelt und
-zu einem vollständigen Baum wird. Bei Cölenteraten, manchen Würmern
-und Tunikaten ist die ungeschlechtliche Vermehrung auf vegetativem
-Wege eine ähnliche, da fast an jeder Stelle des Körpers eine Knospe
-entstehen und zu einem neuen Individuum werden kann ....... Ein
-abgeschnittener und ins Wasser gestellter Weidenzweig entwickelt
-wurzelbildende Zellen an seinem unteren Ende, und so wird hier von
-Zellen, die im Plane des ursprünglichen Ganzen eine sehr abweichende
-Funktion zu erfüllen hatten, eine den neuen Bedingungen entsprechende
-Aufgabe übernommen, ein Beweis, daß die Anlage dazu in ihnen gegeben
-war. Und so können sich umgekehrt auch aus abgeschnittenen Wurzeln
-Laubsprosse bilden, die dann zu ihrer Zeit selbst männliche und
-weibliche Geschlechtsprodukte hervorbringen. In diesem Falle stammen
-also direkt aus Zellbestandteilen einer Wurzel Geschlechtszellen ab,
-die als solche wieder zur Reproduktion des Ganzen dienen ...... Die
-Botaniker hängen zum größten Teile der Lehre an, die kürzlich de
-Vries gegen Weismann verteidigt und in den Satz zusammengefaßt hat,
-daß _alle oder doch weitaus die meisten_ Zellen des _Pflanzenkörpers
-die sämtlichen erblichen Eigenschaften der Art im latenten Zustand
-enthalten. Dasselbe läßt sich auf Grund von Tatsachen von niedrigen
-tierischen Organismen sagen._ Für höhere Tiere kann man den Beweis
-allerdings nicht führen; deswegen ist man aber nicht zu der Folgerung
-gezwungen, daß die Zellen der höheren und niederen Organismen insoferne
-verschieden wären, als die letzteren alle Eigenschaften der Art im
-latenten Zustand, also die Gesamtheit der Erbmasse, die ersteren
-dagegen nur noch Teile von ihr enthielten.« -- Als der heftigste
-Gegner der Idioplasmalehre ist August _Weismann_ aufgetreten in seiner
-Schrift: Die Kontinuität des Keimplasmas als Grundlage einer Theorie
-der Vererbung, 1885 (Aufsätze über Vererbung und verwandte biologische
-Fragen, Jena 1892, S. 215 ff.). Weismanns Hauptargument (S. 237):
-»Ehe nicht erwiesen wird, daß ‚somatisches’ Idioplasma überhaupt
-rückverwandelt werden kann in Keimidioplasma, haben wir kein Recht,
-aus einer von ihnen [den somatischen Zellen] Keimzellen entstehen zu
-lassen«, dürfte vor den genauen Untersuchungen von Friedlich _Miescher_
-(Die histochemischen und physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig
-1897, Bd. II, S. 116 ff.) über die Entwicklung der Keimdrüsen der
-Lachse auf Kosten ihres großen Seitenrumpfmuskels nicht mehr haltbar
-sein. Vgl. übrigens die vernichtende Kritik, welche an den überaus
-künstlichen Theorien Weismanns von _Kassowitz_, Allgemeine Biologie,
-Bd. II, Wien 1900, geübt worden ist, auf die Weismann, wohl ihres
-überscharfen Tones halber, nicht geantwortet hat.
-
-Für die Idioplasmalehre zeugen vollends Untersuchungen wie die von
-Paul _Jensen_, Über individuelle physiologische Unterschiede zwischen
-Zellen der gleichen Art (Pflügers Archiv, LXII, 1896, 172-200). Es
-heißt da z. B. (S. 191): »Wenn ein Foraminifer durch abgetrennte eigene
-Pseudopodien niemals, dagegen stets durch abgeschnittene Pseudopodien
-eines anderen Individuums kontrektatorisch erregt wird, so muß das
-Protoplasma des ersteren sich von dem der letzteren in bestimmter
-Weise unterscheiden, oder allgemein ausgedrückt: das Protoplasma
-verschiedener Individuen muß physiologisch verschieden sein. Welcher
-Art aber ist diese Verschiedenheit und welcher Art der Reiz, der
-ihr entspringt? Wir werden nicht umhin können, Unterschiede in der
-chemischen Zusammensetzung der Protoplasmen verschiedener Individuen
-anzunehmen.« -- Über die Regenerationsfähigkeit (auch niederer _Tiere_)
-vgl. Hermann _Vöchting_, Über die Regeneration der Marchantieen,
-Jahrbücher für wissenschaftliche Botanik, 1885, Bd. XVI, S. 367 bis
-414. Über Organbildung im Pflanzenreich, Physiologische Untersuchungen
-über Wachstumsursachen und Lebenseinheiten, Teil I, Bonn 1878,
-S. 236-240, besonders S. 251-253. -- Jacques _Loeb_, Untersuchungen zur
-physiologischen Morphologie der Tiere, II. Organbildung und Wachstum,
-Würzburg 1892, S. 34 ff. (über Regeneration bei Ciona intestinalis).
-
-($S. 21, Z. 6 ff.$) Wenn jede Zelle, also auch jede Nervenzelle,
-männlich oder weiblich (in bestimmtem Grade) ist, so entfällt auch
-der letzte Anlaß zur Annahme eines »psychosexuellen Zentrums« für
-den Geschlechtstrieb im Gehirn, wie es besonders _Krafft-Ebing_
-(Psychopathia sexualis, 11. Aufl., S. 248, Anm. 1) und seine Schüler,
-ferner (nach ihm) _Taruffi_, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit,
-übersetzt von R. Teuscher, Berlin 1903, S. 190, ungeachtet der in der
-Anmerkung zu S. 18, Z. 15 v. u. citierten Experimente von _Goltz_,
-postuliert haben.
-
-($S. 21, Z. 2 v. u.$) Wilhelm _Caspari_, Einiges über Hermaphroditen
-bei Schmetterlingen, Jahrbücher des nassauischen Vereines für
-Naturkunde, 48. Jahrgang, S. 171-173 (Referat von P. _Marchal_, Année
-biologique, I. 288), berichtet, wie zuweilen die eine seitliche Hälfte
-eines Schmetterlings vollständig männlich und die andere vollständig
-weiblich ist. Bei Saturnia pavonia, einem Pfauenauge, ist der
-Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Färbung sehr groß und
-daher, bei Hermaphroditen in dieser Art der Kontrast zwischen rechter
-und linker Körperhälfte höchst auffallend. -- Richard _Hertwig_,
-Lehrbuch der Zoologie^5, 1900, S. 99 über diesen »Hermaphroditismus
-lateralis« und jene hermaphroditischen Formen bei Schmetterlingen wie
-Ocneria dispar (einem Spinner), dessen männliche Hälfte die besondere
-Gestalt der männlichen Fühler, Augen und Flügel trägt, und sich durch
-sie wesentlich von der weiblichen Hälfte unterscheidet.
-
-($S. 22, Z. 4 v. u. ff.$) _Aristoteles_ sagt (Histor. Anim. 5, 14,
-545, ~a~ 21:) εἰς τὸ θήλυ γαρ μεταβάλλει τα ἐκτεμνόμενα. (9, 50,
-632, ~a~ 4) μεταβάλλει δὲ καὶ ἡ φωνὴ ἐπὶ τῶν ἐκτεμνομένων ἁπαντων
-εἰς τὸ θήλυ. Die falschen Angaben über regelmäßige Verweiblichung
-des entmannten Tieres rühren in der neuesten Zeit hauptsächlich
-von William _Yarrell_ her (On the influence of the sexual organ in
-modifying external character, Journal of the Proceedings of the
-Linnean Society, Zool. Vol. I, 1857, p. 81), und sind ihm (mit oder
-ohne Berufung auf ihn) oft nachgesprochen worden, z. B. von _Darwin_,
-Das Variieren etc., II^2, 59: »Der Kapaun fängt an, sich auf Eier zu
-setzen und brütet Hühnchen aus;« von _Weismann_, Keimplasma, S. 469 f.:
-»Bei ausgebildeten Individuen des einen Geschlechtes können unter
-besonderen Umständen die sekundären Sexualcharaktere des anderen
-Geschlechtes zur nachträglichen Ausbildung gelangen. Dahin gehören
-vor allem die _Folgen der Kastration_ bei beiden Geschlechtern.«
-Ebenso von _Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin
-1899, S. 170, Anm. 1. _Gegen_ diese Theorien hat sich namentlich
-_Rieger_ gewendet (Die Kastration, S. 33 f.), ferner Hugo _Sellheim_
-(Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren, Beiträge zur
-Geburtshilfe und Gynäkologie, herausgegeben von A. Hegar, Bd. I, 1898,
-S. 229-255): »In keiner Weise konnten wir [bei den Kapaunen] einen
-Umschlag, eine Entwicklung von Mutterliebe konstatieren, die sich in
-einer Fürsorge für die beigegebenen Küchlein ausgesprochen hätte«
-(S. 234). »Von einer aktiven Annäherung an das weibliche Tier, wie sie
-von mancher Seite bei den durch die Entfernung der Hoden bedingten
-Veränderungen angenommen wird, ist bei dem Kastratenkehlkopf nichts zu
-merken« (S. 241). Schließlich hat Arthur _Foges_ (Zur Lehre von den
-sekundären Geschlechtscharakteren, Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902,
-S. 39-58) Sellheims Befunde bestätigt und die ältere Ansicht nochmals
-zurückgewiesen (S. 53). Die letzten Autoren gehen aber wohl zu weit,
-indem sie die Verweiblichung für ausgeschlossen zu halten scheinen; sie
-ist zwar keine notwendige Folge der Kastration, da sie jedoch gänzlich
-_ohne_ dieselbe eintreten kann (vgl. S. 24, Z. 1-8 und die Anmerkung
-zu dieser Stelle), so wird durch Kastration ihre Möglichkeit in vielen
-Fällen wohl noch erleichtert werden.
-
-($S. 23, Z. 16 f.$) Über die Annahme männlicher Charaktere durch die
-Frauen, respektive Weibchen, nach dem Aufhören der Geschlechtsreife,
-respektive der Menopause, vgl. vor allem die ausführliche Abhandlung
-von Alexander Brandt, Anatomisches und Allgemeines über die sogenannte
-Hahnenfedrigkeit und über anderweitige Geschlechtsanomalien bei
-Vögeln, Zeitschr. f. wiss. Zool., 48, 1889, S. 101-190. -- Die erste
-Angabe über Hahnenfedrigkeit bei _Aristoteles_, Histor. Animal. 9,
-49, 631 b, 7 ff. -- Im XIX. Jahrhundert handeln von ihr vornehmlich
-William _Yarrell_, On the change in the plumage of some Hen-Pheasants,
-Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 10. Mai
-1827 (Part. II, p. 268-275); _Darwin_, Das Variieren II^2, S. 58;
-Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898, S. 162.
--- Hieher gehört vielleicht der interessante Fall von Hypertrichosis,
-den _Chrobak_ und _Rosthorn_, Die Erkrankungen der weiblichen
-Geschlechtsorgane, Teil I, S. 388, nach Virchow erzählen, »in welchem
-es sich um eine junge Frau handelte, die während der Menstruation an
-akutem Magen- und Darmkatarrh erkrankte, später amenorrhoisch wurde,
-und bei welcher sich während der Dauer des Ausbleibens der Regel der
-ganze Körper mit schwarzen wachsenden Haaren bedeckte.«
-
-($S. 23, Z. 22 f.$) Ricken: nach _Brehms_ Tierleben, 3. Aufl. von
-Pechuel-Loesche, Säugetiere, Bd. III, 1891, S. 495: »Auch sehr alte
-Ricken erhalten bisweilen einen kurzen Stirnzapfen und setzen schwache
-Gehörne auf ... Von einem derartigen Geweih teilt mir _Block_ mit,
-daß es aus zwei gegen 5 ~cm~ langen Stangen bestand und selbst einen
-alten Weidmann täuschen konnte, welcher die Ricke als Bock ansprach und
-erlegte.«
-
-($S. 23, Z. 13 v. u. ff.$) Vgl. Paul _Mayer_, Carcinologische
-Mitteilungen, Mitteilungen a. d. zool. Station zu Neapel, I, 1879,
-VI: Über den Hermaphroditismus bei einigen Isopoden, S. 165 bis 179.
-Von Vertretern der Gattungen Cymothoa, Anilocra und Nerocila ist
-durch Mayer sichergestellt, daß dieselben Individuen in ihrer Jugend
-als Männchen fungieren, bei denen nach einer späteren Häutung die
-ursprünglich zwar vorhandenen, aber nicht funktionsfähigen Eierstöcke
-die männlichen Keimdrüsen zurückdrängen, so daß die Tiere nun die Rolle
-von Weibchen ausfüllen. -- Der Ausdruck »Protandrie« (nach dem Muster
-der Botanik vgl. _Nolls_ Physiologie in Strasburgers Lehrbuch der
-Botanik, 3. Aufl., 1898, S. 250) wird auch von Mayer, S. 177, für diese
-Erscheinung gebraucht. Vgl. Cesare _Lombroso_ und Guglielmo _Ferrero_,
-Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, übersetzt von Hans
-Kurella, Hamburg, 1894, S. 3. Übrigens hat L. _Cuénot_ bei gewissen
-Seesternen ganz die gleiche Erscheinung nachweisen können: Notes sur
-les Echinodermes, III: »L'hermaphrodisme _protandrique_ d'Asterina
-gibbosa Penn. et ses variations suivant les localités« (Zoologischer
-Anzeiger, XXI/_{1}, 1898, S. 273-279). Er kommt zu dem Ergebnis
-(S. 275): »L'hermaphrodisme protandrique est donc ici indiscutable:
-les Asterina sont fonctionnellement mâles ... puis, elles deviennent
-exclusivement femelles pour le reste de leur existence.«
-
-($S. 24, Z. 1 ff.$) Über Fälle von sexueller Umwandlung wird auch
-sonst sporadisch berichtet. Z. B. von L. _Janson_, Über scheinbare
-Geschlechtsmetamorphose bei Hühnern, Mitteilungen d. deutsch.
-Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Heft 60, S. 478
-bis 480. -- _Kob_, De mutatione sexus, Berlin 1823. -- Anekdotenhafte
-Fälle sind bei _Taruffi_, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit,
-Berlin 1903, S. 296, 307 f., 364 f., aus einer Literatur von sehr
-ungleicher Zuverlässigkeit gesammelt. -- »Man hat eine zehn Jahre
-alte Ente gekannt, welche sowohl das vollständige Winter- als
-Sommergefieder des Enterichs annahm.« _Darwin_, Das Variieren etc.,
-II^2, S. 58. Vgl. _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis,
-I, S. 444. -- R. v. _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis mit
-besonderer Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, eine
-klinisch-forensische Studie, 8. Aufl., Stuttgart 1893, erwähnt
-S. 198 f. verschiedene höchst merkwürdige Fälle von Männern, die im
-Laufe ihres Lebens eine vollständige Umwandlung zum Weibe erfahren
-haben; besonders kommt in Betracht jene Autobiographie eines Arztes
-(S. 203 ff.) als Beispiel einer Umwandlung, die, wie Krafft-Ebing
-S. 215 selbst zugeben muß, durchaus ohne paranoischen Wahn ist, obwohl
-er auch jenen Fall S. 203 unter der Überschrift »Metamorphosis sexualis
-paranoica« einführt.
-
-($S. 24, Z. 11 v. u.$) Die hier erwähnten Versuche sind die von Emil
-_Knauer_ (Die Ovarientransplantation, Experimentelle Studie, Archiv
-für Gynäkologie, Bd. LX, 1900, S. 322-376) ausgeführten. Nur in zwei
-von dreizehn Fällen mißlang die Transplantation nicht (ibid., S. 371).
-»Mit Rücksicht auf diese beiden letzten, positiven Erfolge glaube ich
-behaupten zu können, _daß die Überpflanzung der Eierstöcke von einem
-auf ein zweites Tier ebenfalls möglich sei_.« (S. 372.) _Foges_, der
-unter Kenntnis von Knauers Erfolgen denselben Versuch wiederholte,
-ist die Vertauschung nie gelungen (Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902,
-S. 93.), ebensowenig wie Knauers von ihm selbst, S. 373 f., citierten
-Vorgängern. Als Grund ist wohl (neben Wechseln in der Vollkommenheit
-der technischen Ausführung) der im Text vermutete zu betrachten. --
-Über den guten Erfolg der Transplantation innerhalb des Tieres vgl.
-Knauer S. 339 ff.
-
-($S. 25, Z. 8 ff.$) Über die heute ihrer Gefahren wegen freilich fast
-außer Gebrauch gekommene Bluttransfusion, vgl. L. _Landois_, Artikel
-»Transfusion« in Eulenburgs Realenzyklopädie der Heilkunde, 2. Aufl.,
-Bd. XX, 1890, welche für, und Ernst v. _Bergmann_, Die Schicksale der
-Transfusion im letzten Dezennium, Berlin 1883, sowie A. _Landerer_,
-Über Transfusion und Infusion, Virchows Archiv für pathologische
-Anatomie und Physiologie und klinische Medizin, Bd. CV, 1886,
-S. 351-372, die beide gegen die Transfusion sich einsetzen.
-
-($S. 25, Z. 10 v. u. ff.$) Über die »Organsafttherapie« unterrichtet
-am ausführlichsten der, ihrem Prinzipe freilich äußerst gewogene,
-gleichlautende Artikel von Georg _Buschan_ in Eulenburgs
-Realenzyklopädie, 3. Aufl., Bd. XVIII (1898), S. 22-82.
-
-($S. 26, Z. 6 v. u.$) Nach _Foges_, Zur Lehre von den sekundären
-Geschlechtscharakteren, Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902 (S. 57), wäre
-freilich die _Quantität_ der ins Blut sezernierten Keimdrüsenstoffe von
-der größten Bedeutung; denn daß die vollständige Erhaltung des normalen
-Sexualcharakters durch Hodentransplantation bei seinen Versuchstieren
-nicht gelang, führt er darauf zurück, daß eine im Verhältnis zur Größe
-des normalen Hodens nur ganz kleine Menge Hodengewebes zur Anheilung
-kam.
-
-($S. 25, Z. 4 v. u. ff.$) Nach _Buschan_ (a. a. O., S. 32) tun eine
-Reihe von Versuchen, die von _Ferré_ und _Bechasi_ (Note préliminaire
-sur l'étude de l'action du suc ovarien sur le cobaye, Gazette
-hebdomadaire, XLIV, 1897, Nr. 50) in dem physiologischen Laboratorium
-der Universität Rom angestellt worden sind, deutlich dar, »daß die
-Wirkung dieser [der Organ-]Präparate auf das männliche Geschlecht eine
-ganz andere als auf das weibliche ist. Spritzten diese Beobachter von
-einem Ovarialextrakt ... 5 ~cm~^3 einem _weiblichen_ Meerschweinchen
-ein, dann trat weder eine lokale noch eine allgemeine Reaktion auf,
-nur das Körpergewicht erfuhr eine Zunahme; wurde die gleiche Menge
-einem _männlichen_ Tiere injiziert, dann stellten sich ebenfalls
-keine lokalen noch Allgemeinerscheinungen, wohl aber Abmagerung ein.
-Bei Injektion von 10 ~cm~^3 war beim _weiblichen_ Tier die lokale
-Reaktion nur ganz gering, Allgemeinreaktion war nicht vorhanden und
-die Gewichtszunahme eine bedeutende; beim _männlichen_ Tier dagegen
-die lokale Reizung schon ganz beträchtlich, ferner stellte sich eine
-vorübergehende Temperatursteigerung ein, und die Gewichtsabnahme war
-noch stärker ausgeprägt. Wenn endlich 15 ~cm~^3 injiziert wurden,
-dann blieb die lokale Reaktion beim _Weibchen_ eine nur schwache,
-beim Männchen hingegen nahm sie eine noch bedeutendere Höhe an; bei
-ersterem trat gleichfalls eine Temperatursteigerung um einige Dezigrade
-während des Injektionstages, bei letzterem hingegen eine sehr deutliche
-Hypothermie mit nervösem Zittern und intensiver Depression ein;
-_außerdem erfuhr das männliche Meerschweinchen eine sehr beträchtliche
-Abnahme seines Gewichtes und starb schließlich innerhalb vier bis sechs
-Tagen_.«
-
-($S. 27, Z. 6 ff.$) Es dürfte dies für verschiedene Organismen
-verschieden sein. Z. B. bemerken gegenüber anderslautenden Aussagen von
-_Born_ und _Pflüger_ die _Hertwigs_ auf S. 43 ihrer »Experimentellen
-Untersuchungen über die Bedingungen der Bastardbefruchtung«
-(_Oscar_ und _Richard Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie und
-Physiologie der Zelle, 4. Heft, Jena 1885): »Selbst bei den stärksten
-Vergrößerungen ist es uns nicht möglich gewesen, zwischen den reifen
-Samenfäden eines Sphaerechinus oder Strongylocentrotus oder einer
-Arbacia Unterschiede in Form und Größe zu entdecken.« Dagegen setzt
-L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation zwischen den beiden
-Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik der Organismen, Bd.
-XI, 1901, S. 222-224, die Existenz individueller Unterschiede auch
-zwischen den Spermatozoiden und Eizellen derselben Tiere voraus. --
-Daß übrigens die Dimensionen der Eier sicherlich schwanken, ist aus
-den Maßzahlen zu ersehen, die Karl _Schulin_, Zur Morphologie des
-Ovariums, Archiv für mikroskopische Anatomie, Bd. XIX, 1881, S. 472 f.
-und W. _Nagel_, Das menschliche Ei, ibid., Bd. XXXI, 1888, S. 397, 399
-angeben.
-
-($S. 27, Z. 12 ff.$) Über die Geschwindigkeit der Spermatozoiden vgl.
-_Chrobak-Rosthorn_ I/2, S. 441.
-
-($S. 27, Z. 16 ff.$) _Purser_, The British Medical Journal, 1885,
-p. 1159 (vgl. _Moll_, Untersuchungen, I, S. 252) und besonders Franz
-_Friedmann_, Rudimentäre Eier im Hoden von Rana viridis, Archiv
-für mikroskopische Anatomie und Entwicklungsgeschichte, Bd. LII,
-1898, S. 248-261 (mit vielen Literaturangaben, S. 261). Friedmanns
-Fall ist dadurch besonders interessant, daß sich in _beiden_ Hoden
-(im einen fünf, im anderen zehn) wohl entwickelte _Eier_ mit einem
-Durchmesser von 225-500 μ fanden, die sämtlich _innerhalb der
-Samen_kanälchen selbst, und nicht erst zwischen den Hodenschläuchen
-lagen. Auch _Pflüger_, Über die das Geschlecht bestimmenden Ursachen
-und die Geschlechtsverhältnisse der Frösche, Archiv für die gesamte
-Physiologie, Bd. XXIX, 1882, S. 13-40, berichtet über die großen
-Graafschen Follikel, die er gegen seine Erwartung in den Hoden brauner
-Grasfrösche gefunden habe (S. 33). Seine Abhandlung spricht geradezu
-von Übergangsformen von Hode zu Eierstock. -- Weitere Literaturangaben
-bei Frank J. _Cole_, A Case of Hermaphroditism in Rana temporaria,
-Anatomischer Anzeiger, 21. September 1895, S. 104-112. G. _Loisel_,
-Grenouille femelle présentant les caractères sexuels secondaires du
-mâle, Comptes rendus hebdomadaires des Séances et Mémoires de la
-Société de Biologie, LIII, 1901, p. 204-206. _La Valette St. George_,
-Zwitterbildung beim kleinen Wassermolch, Archiv für mikroskopische
-Anatomie, Bd. XLV (1895), S. 1-14.
-
-($S. 28, Z. 12 v. u.$) Einen freilich nicht weit geführten Anfang zu
-einer Theorie der sexuellen Zwischenformen hat der bekannte Gynäkologe
-A. _Hegar_ schon im Jahre 1877 gemacht (Über die Exstirpation
-normaler und nicht zu umfänglicher Tumoren degenerierter Eierstöcke,
-Zentralblatt für Gynäkologie, 10. November 1877, S. 297-307, S. 305
-heißt es): »Der Satz ‚propter solum ovarium mulier est quod est’ ist
-entschieden zu scharf gefaßt, wenn man denselben in dem Sinne auffaßt,
-daß von dem Eierstock ausschließlich der Anstoß zur Herstellung des
-eigentümlichen weiblichen Körpertypus und der speziellen weiblichen
-Geschlechtscharaktere gegeben werde. Schon _Geoffroy St. Hilaire_
-lehrte die Unabhängigkeit in der Entwicklung der einzelnen Abschnitte
-des Geschlechtsapparates, und _Klebs_ hat in neuerer Zeit diese Lehre
-durch die Verhältnisse beim Hermaphroditismus motiviert. Jedenfalls ist
-es jedoch notwendig, auch selbst wenn man den Eierstock als wichtigstes
-Movens annimmt, noch weiter zurückzugehen und nach einem Moment zu
-suchen, welches bedingt, daß in dem einen Fall eine männliche, in
-dem anderen eine weibliche Keimdrüse zustande kommt. [Hier wurde als
-solches das Arrheno-, respektive Thelyplasma des ganzen Organismus
-angesehen]..... Wir können hier für unsere Betrachtungen kurzweg
-von _einem_ geschlechtsbedingenden Moment sprechen. Nehmen wir nun
-an, daß ursprünglich in jedem Individuum zwei geschlechtsbedingende
-Momente vorhanden sind, von denen das eine zum Manne, das andere zum
-Weibe führt, und nehmen wir ferner an, daß diese Momente nicht bloß
-die spezifische Keimdrüse, sondern gleichzeitig auch die anderen
-Geschlechtscharaktere herzustellen suchen, so erscheint uns eine
-genügende Erklärung für alle .... Tatsachen vorhanden zu sein. Die eine
-Bewegungsrichtung überwiegt für gewöhnlich so, daß nur ein spezifischer
-Typus geschaffen, während der andere verdrängt wird. Es kann dieses
-Übergewicht so bedeutend sein, daß, selbst bei Defekt oder rudimentärer
-Ausbildung der ihm zukommenden spezifischen Keimdrüse, doch die
-übrigen entsprechenden Geschlechtscharaktere hergestellt werden.
-[Disharmonie in der sexuellen Charakteristik der verschiedenen Teile
-_eines_ Organismus.] In welcher Art jene Verdrängung stattfindet, ist
-freilich nicht leicht zu sagen. Wahrscheinlich spielen hier teilweise
-sehr einfache mechanische Vorgänge mit. [??] Das Bildungsmaterial wird
-aufgebraucht oder es bleibt einfach kein Platz, kein Raum mehr für die
-Entwicklung des andersartigen Organes. Einen analogen Vorgang finden
-wir ja bei Vögeln, bei denen der linke Eierstock durch sein kräftigeres
-Wachstum den rechten zur Atrophie bringt, gleichsam totdrückt .......
-Bei der zufälligen Schwäche der Bewegungsrichtung können leicht
-zufällige, selbst leichte Widerstände bedeutend einwirken. Es wird
-dann das andere geschlechtsbedingende Moment zur Geltung kommen,
-und wir sehen so ein Individuum entstehen, welches einen anderen
-Geschlechtstypus hat als denjenigen, welcher ihm seiner Keimdrüse
-nach zukommt. Meist sind freilich Gemische männlicher und weiblicher
-Eigenschaften in den mannigfachsten Kombinationen vorhanden bis zu
-jenen feinen Nuancen herab, bei denen wir von einem weibischen Manne
-und einem Mannweibe sprechen.«
-
-($S. 30, Z. 2 f.$) _Maupas_, Sur le déterminisme de la sexualité
-chez l'Hydatina senta, Comptes Rendus hebdomadaires des Séances de
-l'Académie des Sciences, 14. September 1891, p. 388 f.: »Au début de
-l'ovogénèse, l'œuf est encore neutre et, en agissant convenablement, on
-peut à ce moment lui faire prendre à volonté l'un ou l'autre caractère
-sexuel. L'agent modificateur est la température. L'abaisse-t-on, les
-jeunes œufs qui vont se former revêtent l'état de pondeuses d'œufs
-femelles; l'élève-t-on, au contraire, c'est l'état de pondeuses d'œufs
-mâles qui se développe.«
-
-($S. 30, Z. 8 f.$) Vgl. M. _Nußbaum_, Die Entstehung des Geschlechts
-bei Hydatina senta, Archiv für mikroskopische Anatomie und
-Entwicklungsgeschichte, Bd. XLIX (1897), 227-308, der S. 235 sagt:
-»Schon aus den von _Plate_ angegebenen Maßen für männliche und
-weibliche Sommereier der Hydatina senta ergibt sich mit Notwendigkeit,
-daß man das Geschlecht nicht in allen Fällen aus der Größe der Eier
-vorhersagen kann. Man nehme an, daß sich aus den größten Eiern stets
-Weibchen und aus den kleinsten Männchen entwickeln. Zwischen diesen
-weit abstehenden Grenzen gibt es aber stufenweise Übergänge, von denen
-man nicht sagen kann, was aus ihnen werden wird ..... Ein und dasselbe
-Weibchen legt Eier der verschiedensten Größe.«
-
-($S. 30, Z. 9 f.$) Die Ausdrücke »arrhenoid« und »thelyid« nach der
-citierten Abhandlung _Brandts_ (Zeitschrift für wissenschaftliche
-Zoologie, Bd. XLVIII, S. 102).
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 3.
-
-
-($S. 31, Z. 3 ff.$) _Carmen_, Opéra-Comique tiré de la nouvelle de
-Prosper Mérimée par Henry _Meilhac_ & Ludovic _Halévy_, Paris, Acte I,
-Scène V, p. 13.
-
-($S. 32, Z. 1.$) Der Philosoph ist _Arthur Schopenhauer_ in
-seiner »Metaphysik der Geschlechtsliebe«. (Die Welt als Wille und
-Vorstellung, ed. Frauenstädt, Bd. II, Kapitel 44, S. 623 f.): »Alle
-Geschlechtlichkeit ist Einseitigkeit. Diese Einseitigkeit ist in einem
-Individuo entschiedener ausgesprochen und in höherem Grade vorhanden
-als im anderen: daher kann sie in jedem Individuo besser durch Eines
-als das Andere vom anderen Geschlecht ergänzt und neutralisiert werden,
-indem es einer der seinigen individuell entgegengesetzten Einseitigkeit
-bedarf, zur Ergänzung des Typus der Menschheit im neu zu erzeugenden
-Individuo, als auf dessen Beschaffenheit immer alles hinausläuft.
-Die Physiologen wissen, daß Mannheit und Weiblichkeit unzählige
-Grade zulassen, durch welche jene bis zum widerlichen Gynander und
-Hypospadiaeus sinkt, diese bis zur anmutigen Androgyne steigt: von
-beiden Seiten aus kann der vollkommene Hermaphroditismus erreicht
-werden, auf welchem Individuen stehen, welche, die gerade Mitte
-zwischen beiden Geschlechtern haltend, keinem beizuzählen, folglich zur
-Fortpflanzung untauglich sind. Zur in Rede stehenden Neutralisation
-zweier Individualitäten durch einander ist demzufolge erfordert, daß
-der bestimmte Grad _seiner_ Mannheit dem bestimmten Grade _ihrer_
-Weiblichkeit genau entspreche; damit beide Einseitigkeiten einander
-gerade aufheben. Demnach wird der männlichste Mann das weiblichste Weib
-suchen und vice versa, und ebenso jedes Individuum das ihm im Grade
-der Geschlechtlichkeit entsprechende. Inwiefern nun hierin zwischen
-zweien das erforderliche Verhältnis statt habe, wird instinktmäßig von
-ihnen gefühlt, und liegt, nebst den anderen _relativen_ Rücksichten,
-den höheren Graden der Verliebtheit zum Grunde.« Dieser Passus zeigt
-eine weit vollere Einsicht als die einzige noch zu erwähnende Stelle,
-wo ich ähnliches entdecken konnte; diese findet sich bei Albert _Moll_,
-Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897, Bd. I, S. 193. Da
-heißt es: »Wir können überhaupt sagen, daß wir zwischen dem typischen
-weiblichen Geschlechtstrieb, der auf vollständig erwachsene männliche
-Personen gerichtet ist, und dem typischen männlichen Geschlechtstrieb,
-der auf vollständig entwickelte weibliche Personen gerichtet ist, alle
-möglichen Übergänge finden.«
-
-Beide Stellen waren mir unbekannt, als ich (Anfang 1901) dieses Gesetz
-als erster gefunden zu haben glaubte, so eng sich meine Darstellung
-speziell mit der Schopenhauers _sachlich_, ja manchmal _wörtlich_
-berührt.
-
-($S. 32, Z. 5 ff.$) Der Ausspruch Blaise _Pascals_ (Pensées I, 10, 24):
-»Il y a un modèle d'agrément et de beauté, qui consiste en un certain
-rapport entre notre nature faible ou forte, telle qu'elle est, et la
-chose qui nous plaît. Tout ce qui est formé sur ce modèle nous agrée:
-maison, chanson, discours, vers, prose, femme, oiseaux, rivières,
-arbres, chambres, habits,« mag hier Platz finden, obwohl seine weite
-Berechtigung erst allmählich im Laufe des Folgenden (vgl. Teil I,
-Kap. 5 und Teil II, Kap. 1) ganz klar werden kann.
-
-($S. 32, Z. 14 v. u.$) Charles _Darwin_, Die Abstammung des Menschen
-und die Zuchtwahl in geschlechtlicher Beziehung, übersetzt von David
-Haek (Universalbibliothek), Bd. II, Kap. 14, S. 120-132, Kap. 17,
-S. 285-290; die Fälle sprechen keineswegs allein von einer »Wahl«
-seitens des Weibchens, sondern ebensosehr von Bevorzugung und
-Verschmähung der Weibchen durch die Männchen. Vgl. auch: Das Variieren
-der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, übersetzt von
-J. V. Carus, Kap. 18 (Stuttgart 1873, II^2, 186): »Es ist durchaus
-nicht selten, gewisse männliche und weibliche Tiere zu finden, welche
-sich nicht zusammen fortpflanzen, trotzdem man von beiden weiß, daß
-sie mit anderen Männchen und Weibchen vollkommen fruchtbar sind .....
-Die Ursache liegt, wie es scheint, in einer eingeborenen sexuellen
-Unverträglichkeit des Paares, welches gepaart werden soll. Mehrere
-Beispiele dieser Art sind mir mitgeteilt worden ..... In diesen Fällen
-pflanzten sich Weibchen, welche sich entweder früher oder später als
-fruchtbar erwiesen, mit gewissen Männchen nicht fort, mit denen man
-ganz besonders wünschte sie zu paaren« u. s. w.
-
-($S. 32, Z. 8-10 v. u.$) »Fast ausnahmslos ....« »_Beinahe_ immer ....«
-wegen _Oscar_ und _Richard Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie
-und Physiologie der Zelle, Heft 4: Experimentelle Untersuchungen über
-die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 33: »_In der
-Kreuzbefruchtung zweier Arten besteht sehr häufig keine Reziprozität._
-Alle möglichen Abstufungen finden sich hier. Während Eier von Echinus
-microtuberculatus sich durch Samen von Strongylocentrotus lividus fast
-ohne Ausnahme befruchten lassen, wird bei Kreuzung in entgegengesetzter
-Richtung nur in wenigen Fällen eine Entwicklung hervorgerufen. Die
-Befruchtung von Strongylocentrotus lividus durch Samen von Arbacia
-pustulosa bleibt erfolglos, dagegen entwickeln sich von Arbacia
-pustulosa immerhin einige Eier, wenn ihnen Samen von Strongylocentrotus
-lividus hinzugefügt wird. Und so ähnlich noch in anderen Fällen. Es
-ist zur Zeit gar nicht möglich, gesetzmäßige Beziehungen zwischen
-Bastardierungen in entgegengesetzter Richtung nachzuweisen.«
-
-($S. 34, Z. 2 v. u.$) Den Ausdruck »geschlechtliche _Affinität_«, in
-Analogie mit der chemischen Verwandtschaft, haben O. und R. _Hertwig_
-zuerst eingeführt (Experimentelle Untersuchungen über die Bedingungen
-der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 44), und der erstere in seinem
-Buche »Die Zelle und die Gewebe«, Bd. I, S. 240 f., enger, als dies
-hier geschehen ist, auf die Wechselwirkungen zwischen Einzelzellen
-beschränkt.
-
-($S. 35, Z. 12 v. u.$) Mit den von _Darwin_ (A Monograph on the
-Sub-Class Cirripedia: The Lepadidae or Pedunculated Cirripedes, London
-1851, p. 55, S. 182, 213 ff., 281 f., 291 ff.; The Balanidae or sessile
-Cirripedes, The Verrucidae etc., London 1854, p. 29) bei Rankenfüßern
-entdeckten »_komplementären Männchen_«, welche mit Hermaphroditen
-sich paaren, hat die hier vorgetragene Anschauung von einer sexuellen
-Ergänzung trotz dem Ausdruck »Komplement« nichts zu schaffen.
-
-($S. 36, Z. 10 v. u.$) Wilhelm _Ostwald_, Die Überwindung
-des wissenschaftlichen Materialismus (Vortrag auf der
-Naturforscherversammlung zu Lübeck), Leipzig 1895, S. 11 und 27. --
-Richard _Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung, Leipzig 1888-1890, an
-vielen Orten, z. B. Bd. II, S. 299.
-
-($S. 38, Z. 10 v. u.$) P. _Volkmann_, Einführung in das Studium der
-theoretischen Physik, insbesondere in das der analytischen Mechanik mit
-einer Einleitung in die Theorie der physikalischen Erkenntnis, Leipzig
-1900, S. 4: »Die Physik ist .... ein Begriffssystem mit rückwirkender
-Verfestigung.«
-
-($S. 38, Z. 4 v. u.$) »_Persoon_ gab in Usteris Annalen 1794,
-11. Stück, S. 10, die erste Beschreibung der langgriffeligen und
-kurzgriffeligen Formen von Primula« sagt Hugo v. _Mohl_, Einige
-Beobachtungen über dimorphe Blüten, Botanische Zeitung, 23. Oktober
-1863, S. 326.
-
-($S. 38, Z. 3 v. u.$) Charles _Darwin_, The different forms of flowers
-on plants of the same species, London 1877, 2. ed., 1884, p. 1-277.
-(Deutsch: Die verschiedenen Blütenformen bei Pflanzen der nämlichen
-Art, Werke übersetzt von J. V. Carus, IX/3, Stuttgart 1877, S. 1-240.)
-In seinen ersten, den Gegenstand betreffenden Publikationen aus dem
-Jahre 1862 und den folgenden hatte Darwin bloß der mehrdeutigen
-Ausdrücke Dimorphismus und Trimorphismus sich bedient. Hiefür hat
-den Namen Heterostylie Friedrich _Hildebrand_ zuerst vorgeschlagen
-in seiner Abhandlung »Über den Trimorphismus in der Gattung Oxalis«
-(S. 369) in den »Monatsberichten der kgl. preußischen Akademie der
-Wissenschaften zu Berlin«, 1866, S. 352-374. Vgl. auch dessen größere
-Werke: Die Geschlechtsverteilung bei den Pflanzen und das Gesetz der
-vermiedenen und unvorteilhaften Selbstbefruchtung, Leipzig 1867, und
-Die Lebensverhältnisse der Oxalisarten, Jena 1884, S. 127 f.
-
-($S. 38, Z. 2 v. u.$) Über die Heterostylie vgl. außer _Darwins_
-schönem Buch, dem Hauptwerk über den Gegenstand und der reichen,
-darin auf Schritt und Tritt citierten Literatur: Oskar _Kirchner_
-und H. _Potonié_, Die Geheimnisse der Blumen, eine populäre
-Jubiläumsschrift zum Andenken an Christian Konrad Sprengel, Berlin
-1893, S. 21 f.; Julius _Sachs_, Vorlesungen über Pflanzenphysiologie,
-2. Aufl., Leipzig 1887, S. 850; _Noll_ in _Strasburgers_ Lehrbuch der
-Botanik für Hochschulen, 3. Auflage, Jena 1898, S. 250 f.; Julius
-_Wiesner_, Elemente der wissenschaftlichen Botanik, Bd. III: Biologie
-der Pflanzen, Wien 1902, S. 152-154. Anton _Kerner v. Marilaun_, Das
-Pflanzenleben, Bd. II, Wien 1891, S. 300 ff., 389 ff.; _Darwin_ selbst
-noch in der »Entstehung der Arten«, Kap. 9 (S. 399 f., übersetzt von
-Haek), und »Das Variieren etc.«, Kap. 19 (II^2, S. 207 ff.).
-
-($S. 39, Z. 1.$) Die einzigen Monokotyledonen, die heterostyle
-Blüten besitzen, sind die von Fritz _Müller_ (Jenaische Zeitschrift
-für Naturwissenschaft VI, 1871, S. 74 f.) in Brasilien entdeckten
-Pontederien.
-
-($S. 39, Z. 11.$) Auch Darwin nähert sich ein- oder zweimal dieser
-Auffassung, um sie sofort wieder aus den Augen zu verlieren, weil bei
-ihm stets der Gedanke an eine fortschreitende Tendenz der Pflanzen,
-diözisch zu werden, an die Stelle des allgemeingültigen Prinzipes der
-sexuellen Zwischenformen sich schiebt (vgl. p. 257 der englischen
-Ausgabe). Doch sagt er an einer Stelle (p. 296) über Rhamnus
-lanceolatus: »The short-styled form is said by Asa Gray to be the more
-fruitful of the two, as might have been expected from its appearing to
-produce less pollen, and from the grains being of smaller size; _it is
-therefore the more highly feminine of the two_. The long styled form
-produces a greater number of flowers .... they yield some fruit, but as
-just stated are less fruitful than the other form, _so that this form
-appears to be the more masculine of the two_.«
-
-($S. 39, Z. 21 f.$) Es heißt im englischen Texte auf S. 137 (in der
-deutschen Übersetzung S. 118^1) von Lythrum salicaria wörtlich: »If
-smaller differences are considered, there are five distinct sets of
-males.«
-
-($S. 40, Z. 2.$) William _Bateson_, Materials for the study of
-variation treated with especial regard to discontinuity in the origin
-of species, London 1894, p. 38 f. Er sagt von Xylotrupes geradezu:
-»The form is dimorphic, and has two male normals.« Die Stelle ist zu
-ausgedehnt, als daß ich sie ganz hiehersetzen könnte.
-
-($S. 41, Z. 17.$) _Darwin_, p. 148: »It must not however be supposed
-that the bees do not get more or less dusted all over with the several
-kinds of pollen.«
-
-($S. 42, Z. 5-10.$) _Darwin_ spricht p. 186 von dieser Erscheinung als
-von »the usual rule of the grains from the longer stamens, the tubes
-of which have to penetrate the longer pistils, being larger than those
-from the stamens of less length.« Vgl. auch p. 38, 140 und besonders
-286 ff. -- F. _Hildebrand_, Experimente über den Dimorphismus von Linum
-perenne und Primula sinensis, Botanische Zeitung, 1. Jänner 1864,
-S. 2: »Meine Beobachtungen .... zeigten, daß .... die Pollenkörner der
-kurzgriffeligen Form bedeutend größer sind als die der langgriffeligen.«
-
-($S. 42, Z. 9 v. u.$) L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation
-der beiden Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik der
-Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222-224.
-
-($S. 42, Z. 1 ff.$) _Hildebrand_, Monatsberichte der königlich
-preußischen Akademie der Wissenschaften, 1866, S. 370, spricht sich,
-gegen _Lindley_ und _Zuccarini_, dahin aus, daß die kurzgriffeligen
-Blüten deshalb nicht männlich, die langgriffeligen deshalb nicht
-weiblich sein könnten, weil in der kurzgriffeligen Form die Narbe
-keineswegs verkümmert, in der langgriffeligen der Pollen keineswegs
-schlecht und wirkungslos sei. Aber es ist durchaus charakteristisch für
-die Pflanzen, daß bei ihnen in viel weiterem Umfange _Juxtapositionen_
-möglich sind als bei den Tieren.
-
-($S. 42, Z. 9 v. u.$) L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation
-zwischen den beiden Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik
-der Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222-224.
-
-($S. 44, Z. 6 v. u.$) Der Faktor t spielt hier, nicht nur unter
-den Menschen, oder den anderen Organismen, sondern selbst noch im
-Verkehre der Keimzellen eine wichtige und überaus merkwürdige Rolle.
-So schildern O. und R. _Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie
-und Physiologie der Zelle, 4. Heft, Experimentelle Untersuchungen
-über die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 37, ihre
-Beobachtungen an Echinodermen: »Wir haben nun gefunden, daß Eier,
-welche gleich nach ihrer Entleerung aus dem strotzend gefüllten
-Eierstock bastardiert wurden, das fremde Spermatozoon _zurückwiesen_,
-es aber nach 10, 20 oder 30 Stunden bei der zweiten oder dritten
-oder vierten Nachbefruchtung in sich aufnahmen und dann sich normal
-weiter entwickelten.« S. 38: »Je später [nach der Entleerung aus den
-Ovarien] die Befruchtung geschah, sei es nach 50 der 10 oder 20 oder
-30 Stunden, um so mehr wuchs der Perzentsatz der bastardierten Eier,
-bis schließlich ein Bastardierungsoptimum erreicht wurde. Als solches
-bezeichnen wir das Stadium, in welchem sich fast das gesamte Eiquantum,
-mit Ausnahme einer geringen Zahl, in normaler Weise entwickelt.«
-
-($S. 45, Z. 6.$) »Phantasien eines Realisten« von _Lynkeus_, Dresden
-und Leipzig, 1900, II. Teil, S. 155-162.
-
-($S. 45, Z. 21 f.$) »... im allgemeinen ...«; k wird _nicht immer_
-einfach in Proportion mit der systematischen Nähe größer. Sieh O. und
-R. _Hertwig_ a. a. O., S. 32 f.: »Das Gelingen oder Nichtgelingen
-der Bastardierung hängt nicht ausschließlich von dem Grade der
-systematischen Verwandtschaft der gekreuzten Arten ab. Wir können
-beobachten, daß Arten, die in äußeren Merkmalen sich kaum voneinander
-unterscheiden, sich nicht kreuzen lassen, während es zwischen relativ
-entfernt stehenden, verschiedenen Familien und Ordnungen angehörenden
-Arten möglich ist. Die Amphibien liefern uns hier besonders treffende
-Beispiele. Rana arvalis und Rana fusca stimmen in ihrem Aussehen fast
-vollständig überein, trotzdem lassen sich die Eier der letzteren nicht
-befruchten, während in einzelnen Fällen Befruchtung mit Samen von Bufo
-communis und sogar von Triton möglich war. Dieselbe Erscheinung ließ
-sich, wenn auch weniger deutlich, bei den Echinodermen konstatieren.
-Immerhin muß aber im Auge behalten werden, daß die systematische
-Verwandtschaft für die Möglichkeit der Bastardierung ein wichtiger
-Faktor ist. Denn zwischen Tieren, die so weit auseinanderstehen, wie
-Amphibien und Säugetiere, Seeigel und Seesterne, ist noch niemals eine
-Kreuzbefruchtung erzielt worden.« Vgl. hiemit Julius _Sachs_, Lehrbuch
-der Pflanzenphysiologie, 2. Aufl., Leipzig 1887, S. 838: »Die sexuelle
-Affinität geht mit der äußeren Ähnlichkeit der Pflanzen nicht immer
-parallel; so ist es z. B. noch nicht gelungen, Bastarde von Apfel- und
-Birnbaum, von Anagallis arvensis und caerulea, von Primula officinalis
-und elatior, von Nigella damascena und sativa und anderen systematisch
-sehr ähnlichen Spezies derselben Gattung zu erzielen, während in
-anderen Fällen sehr unähnliche Formen sich vereinigen, so z. B.
-Aegilops ovata mit Triticum vulgare, Lychnis diurna mit Lychnis flos
-cuculi, Cereus speciosissimus und Phyllocactus phyllanthus, Pfirsich
-und Mandel. In noch auffallenderer Weise wird die Verschiedenheit der
-sexuellen Affinität und systematischen Verwandtschaft dadurch bewiesen,
-daß zuweilen die Varietäten derselben Spezies unter sich ganz oder
-teilweise unfruchtbar sind, z. B. Silene inflata var. alpina mit var.
-angustifolia, var. latifolia mit var. litoralis u. a.« Vgl. auch Oscar
-_Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. I, S. 249.
-
-($S. 46, Z. 11 f.$) Wilhelm _Pfeffer_, Lokomotorische
-Richtungsbewegungen durch chemische Reize, Untersuchungen aus dem
-botanischen Institut zu Tübingen, Bd. I, 1885, S. 363-482.
-
-($S. 46, Z. 23.$) Über die Wirkung der Maleinsäure (»welche, soweit
-bekannt, im Pflanzenreiche nicht vorkommt«), _Pfeffer_ a. a. O., S. 412.
-
-($S. 46, Z. 27.$) Der Terminus wird bei _Pfeffer_ eingeführt a. a. O.,
-S. 474, Anm. 2.
-
-($S. 46, Z. 3 v. u.$) Hiefür spricht vor allem der Bericht
-L. _Seeligmanns_, Weitere Mitteilungen zur Behandlung der Sterilitas
-matrimonii, Vortrag in der gynäkologischen Gesellschaft zu Hamburg,
-Zentralblatt für Gynäkologie, 18. April 1896, S. 429: »Eine Anordnung
-des mikroskopischen Präparates in der Weise, daß auf der einen Seite
-des Deckglases normales Cervicalsekret an und etwas unter das Deckglas
-gebracht wurde, ergab das Resultat, daß auf der einen Seite des
-Vaginalsekretes nach einiger Zeit nur ganz wenige Spermatozoen, die
-sich nicht mehr bewegten, vorhanden waren, während auf der anderen
-Seite des Cervicalsekretes sich die Samentierchen dicht gedrängt
-in lebhafter Bewegung befanden. Hier könne offenbar von einer
-chemotaktischen Wirkung des Cervicalsekretes auf die Samenzellen
-gesprochen werden.«
-
-($S. 46, Z. 1 v. u. ff.$) M. _Hofmeier_, Zur Kenntnis der normalen
-Uterusschleimhaut, Zentralblatt für Gynäkologie, Bd. XVII, 1893,
-S. 764-766. »Nach den positiven Beobachtungen kann ein Zweifel nicht
-mehr bestehen, daß tatsächlich _der Wimperstrom im Uterus von oben nach
-unten zu geht_.«
-
-($S. 47, Z. 8 f.$) Über die Wanderungen der Lachse, ihr Fasten und ihre
-Abmagerung vgl. vor allem Friedrich _Miescher_, Die histochemischen und
-physiologischen Arbeiten von F. M., gesammelt und herausgegeben von
-seinen Freunden, Bd. II, Leipzig 1897, S. 116-191, 192-218, 304-324,
-325-327, 359-414, 415-420.
-
-($S. 47, Z. 13 ff.$) P. _Falkenberg_, Die Befruchtung und der
-Generationswechsel von Cutleria, Mitteilungen aus der zoologischen
-Station zu Neapel, Bd. I, 1879, S. 420-447. Es heißt dort,
-S. 425 f.: »Vollständig negative Resultate ergab der Versuch einer
-Wechselbefruchtung zwischen den nahe verwandten Cutleria-Spezies
-C. adspersa und C. multifida, die -- abgesehen von der Verschiedenheit
-ihrer Standorte -- sich äußerlich nur durch geringe habituelle
-Differenzen unterscheiden. Empfängnisfähigen, zur Ruhe gekommenen
-Eiern der einen Spezies wurden lebhaft schwärmende Spermatozoidien der
-anderen Art zugesetzt. In solchen Fällen sah man die Spermatozoidien
-unter dem Mikroskop zahllos umherirren und endlich absterben, ohne an
-den Eiern der verwandten Algen-Spezies den Befruchtungsakt vollzogen
-zu haben. Freilich blieben einzelne Spermatozoidien, welche zufällig
-auf die ruhenden Eier stießen, momentan an diesen hängen, aber nur um
-sich ebenso schnell wieder von ihnen loszureißen. Ganz anders wurde
-das Bild unter dem Mikroskop, sobald man auf derartigen Präparaten
-den Spermatozoidien auch nur ein einziges befruchtungsfähiges Ei
-der gleichen Spezies hinzusetzte. Wenige Augenblicke genügten, um
-sämtliche Spermatozoidien von allen Seiten her um dieses eine Ei zu
-versammeln, selbst wenn dasselbe mehrere Zentimeter von der Hauptmasse
-der Spermatozoidien entfernt lag. Es entsprach nunmehr das Bild ganz
-den von _Thuret_ (Recherches sur la fécondation des Fucacées, Ann.
-des Sc. natur., Sér. 4, Tome II, p 203, pl. 12, Fig. 4) für Fucus
-gegebenen Abbildungen, und ebenso wurde auch das an sich längst
-bewegungslos gewordene Ei nunmehr durch vereinte Kräfte der zahlreichen
-Spermatozoidien hin- und hergedreht ... Aus diesen Versuchen geht
-einmal hervor, daß die Anziehungskraft zwischen den Eiern von Cutleria
-und den Spermatozoidien sich auf verhältnismäßig bedeutende Distanzen
-geltend macht, daß auf der anderen Seite diese Anziehungskraft nur
-zwischen den Geschlechtszellen der gleichen Spezies existiert.
-Außerdem zeigen die mitgeteilten Erscheinungen, daß die Bewegungen der
-Spermatozoidien von Cutleria .... unter dem Einfluß der Anziehungskraft
-der Eier energisch genug sind, um jene Kraft, welche sie sonst
-dem einfallenden Lichte entgegenführt, zu überwinden und sie dazu
-befähigten, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Mag die Kraft,
-welche die Vereinigung der männlichen und weiblichen Geschlechtszellen
-von Cutleria anstrebt und die Bewegungsrichtung der männlichen
-Schwärmer reguliert, in der männlichen oder in der weiblichen Zelle
-oder in beiden ihren Sitz haben -- so viel ist sicher, daß die Kraft,
-welche bei Cutleria die Spermatozoidien den Eiern zuführt, ihren Sitz
-in dem Organismus selbst haben muß und unabhängig vom Zufall und von
-Strömungen wirkt, welche etwa im Wasser stattfinden können.«
-
-($S. 48, Z. 12.$) Vgl. Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren
-seines Lebens von Johann Peter _Eckermann_ (30. März 1824).
-
-($S. 48, Z. 21.$) Die Analogien zwischen Mensch und Haustier betreffs
-des Nichtgebundenseins des sexuellen Verkehrs an bestimmte Zeitpunkte
-werden oft übertrieben; vgl. hierüber _Chrobak-Rosthorn_, Die
-Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900, Teil I/2,
-S. 379 f.
-
-($S. 50, Z. 10.$) Ich meine die außerordentlich wahre Stelle: »Nach
-wie vor übten sie eine unbeschreibliche, fast magische Anziehungskraft
-gegeneinander aus. Sie wohnten unter einem Dache; aber selbst ohne
-gerade aneinander zu denken, mit anderen Dingen beschäftigt, von der
-Gesellschaft hin- und hergezogen, näherten sie sich einander. Fanden
-sie sich in einem Saale, so dauerte es nicht lange und sie standen,
-sie saßen nebeneinander. Nur die nächste Nähe konnte sie beruhigen,
-aber auch völlig beruhigen, und diese Nähe war genug; _nicht eines
-Blickes, nicht eines Wortes, keiner Geberde, keiner Berührung bedurfte
-es, nur des reinen Zusammenseins. Dann waren es nicht zwei Menschen,
-es war nur ein Mensch im bewußtlosen vollkommenen Behagen_, mit sich
-selbst zufrieden und mit der Welt. _Ja, hätte man Eins von Beiden am
-letzten Ende der Wohnung festgehalten, das Andere hätte sich nach
-und nach von selbst ohne Vorsatz zu ihm hinbewegt._« (_Goethe_, Die
-Wahlverwandtschaften, II. Teil, 17. Kapitel.)
-
-($S. 50, Z. 4 v. u. ff.$) Hiemit vergleiche man die folgenden
-Aussprüche der Dichter.
-
-_Theognis_ spricht zu dem Knaben Kyrnos (V. 183 f.):
-
- »κριοὺς μὲν καὶ ὄνους διζήμεθα, Κύρνε, καὶ ἵππους
- εὐγενέας, καί τις βούλεται ἐξ ἀγαθῶν
- βήσεσθαι∙ γῆμαι δὲ κακὴν κακοῦ οὐ μελεδαίνει
- ἐσθλὸς ἀνήρ, ἤν οἱ χρήματα πολλὰ διδῷ,
- οὐδὲ γυνὴ κακοῦ ἀνδρὸς ἀναίνεται εἶναι ἄκοιτις
- πλουσίου, ἀλλ᾿ ἀφνεὸν βούλεται ἀντ᾿ ἀγαθοῦ.
- χρήματα γὰρ τιμῶσι∙ καὶ ἐκ κακοῦ ἐσθλὸς ἔγημεν,
- καὶ κακὸς ἐξ ἀγαθοῦ∙ πλοῦτος ἔμειξε γένος.« u. s. w.
-
-_Shakespeare_ legt dem Bastarden Edmund die bekannten Verse in den Mund
-(König Lear, 1. Aufzug, 2. Scene):
-
- »......... Warum
- Mit unecht uns brandmarken? Bastard? Unecht?
- Uns, die im heißen Diebstahl der Natur
- Mehr Stoff empfah'n und kräft'gern Feuergeist,
- Als in verdumpftem, trägem, schalem Bett
- Verwandt wird auf ein ganzes Heer von Tröpfen,
- Halb zwischen Schlaf gezeugt und Wachen?...«
-
-($S. 51, Z. 15 v. u. ff.$) _Darwin_: Das Variieren der Tiere und
-Pflanzen, Bd. II, Kap. 17-19 (z. B. S. 170 der 2. Aufl., Stuttgart
-1873); besonders aber: Die Wirkungen der Kreuz- und Selbstbefruchtung
-im Pflanzenreich, Stuttgart 1877 (Werke Bd. X), S. 24: »Der
-bedeutungsvollste Schluß, zu dem ich gelangt bin, ist der, daß der
-bloße Akt der Kreuzung an und für sich nicht gut tut. Das Gute hängt
-davon ab, daß die Individuen, welche gekreuzt werden, unbedeutend in
-ihrer Konstitution voneinander verschieden sind, und zwar infolge
-davon, daß ihre Vorfahren mehrere Generationen hindurch unbedeutend
-verschiedenen Bedingungen, oder dem, was wir in unserer Unwissenheit
-‚spontane Abänderung’ nennen, ausgesetzt sind.«
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 4.
-
-
-($S. 53, Z. 1 ff.$) Von der Literatur will ich nur die wenigen
-wichtigsten Bücher nennen, in denen man alle weiteren Angaben findet:
-Richard v. _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis, mit besonderer
-Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, 9. Aufl., Stuttgart
-1894. Albert _Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin
-1899. Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, Berlin 1897/98.
-Havelock _Ellis_ und J. A. _Symonds_, Das konträre Geschlechtsgefühl,
-Leipzig 1896.
-
-($S. 55, Z. 2 f.$) »Komplementärbedingung« nach _Avenarius_, Kritik der
-reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 29; »Teilursache« nach Alois
-_Höfler_, Logik unter Mitwirkung von Dr. Alexius _Meinong_, Wien 1890,
-S. 63.
-
-($S. 54, Z. 2.$) v. _Schrenck-Notzing_, Die Suggestionstherapie bei
-krankhaften Erscheinungen des Geschlechtslebens, mit besonderer
-Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, Stuttgart 1892 (z. B.
-S. 193: »Der Anteil der occasionellen Momente ist vielfach in der
-Ätiologie des Gewohnheitstriebes zu perversen sexuellen Entäußerungen
-ein größerer als derjenige erblicher Belastung.«) Ein Beitrag zur
-Ätiologie der konträren Sexualempfindung, Wien 1895, S. 1 ff.
-Kriminalpsychologische und psycho-pathologische Studien. Leipzig 1902,
-S. 2 f., S. 17 f. -- Emil _Kraepelin_, Psychiatrie, 4. Aufl., Leipzig
-1893, S. 689 f. -- Ch. _Féré_, La descendance d'un inverti, Revue
-générale de clinique et de thérapeutique, 1896, citiert nach _Moll_,
-Untersuchungen, Bd. I, S. 651, Anm. 3. In seinem Buche, L'Instinct
-Sexuel, Evolution et Dissolution, Paris 1899, p. 266 f., legt Féré
-jedoch das Schwergewicht auf die kongenitale Veranlagung.
-
-($S. 56, Z. 19 f.$) Daß in der Mitte zwischen M und W stehende Personen
-sich untereinander sexuell anziehen, wird auch sehr wahrscheinlich
-aus den Beobachtungen von Fr. _Neugebauer_ (Fifty false marriages
-between Individuals of the same gender with some divorces for »Erreur
-de Sexe«), Referat im British Gynaecological Journal, 15, 1899,
-S. 315, vgl. 16, 1900, S. 104 des »Summary of Gynaecology, including
-Obstetrics«.
-
-($S. 56, Z. 13 v. u.$) Vgl. Emil _Kraepelin_, Psychiatrie, 4. Aufl.,
-Leipzig 1893, S. 690: »Verhältnismäßig selten sind jene Personen, bei
-welchen _niemals_ eine Spur von heterosexuellen Regungen vorhanden
-gewesen ist.«
-
-($S. 56, Z. 3 v. u. f.$) Der Amerikaner Jas. G. _Kiernan_ soll
-zuerst den Grund der Homosexualität in der geschlechtlichen
-Undifferenziertheit des Embryo gesucht haben (American Lancet, 1884
-und im Medical Standard [Nov.-Dec. 1888]), nach ihm Frank _Lydston_
-(Philadelphia Medical and Surgical Recorder, September 1888, Addresses
-and Essays, 1892, p. 46 und 246), beide in Abhandlungen, die mir nicht
-zugänglich geworden sind. Die gleiche Theorie bringt ein _Patient
-von Krafft-Ebing_ vor, in dessen Psychopathia sexualis, 8. Aufl.,
-Stuttgart 1893, S. 227. Dieser selbst hat sie acceptiert in einer
-Abhandlung »Zur Erklärung der konträren Sexualempfindung«, Jahrbücher
-für Psychiatrie und Nervenheilkunde, Bd. XIII, Heft 2, ferner haben
-sich ihr angeschlossen Albert _Moll_, Untersuchungen über die Libido
-sexualis, Bd. I, S. 327 ff., Magnus _Hirschfeld_, Die objektive
-Diagnose der Homosexualität, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen,
-Bd. I (1899), S. 4 ff., Havelock _Ellis_, Studies in the Psychology of
-Sex, Vol. I, Sexual Inversion, 1900, p. 132 f., Norbert _Grabowski_,
-Die mannweibliche Natur des Menschen, Leipzig 1896 etc.
-
-($S. 58, Z. 11.$) Die Anerkennung einer das Tierreich beherrschenden
-Gesetzlichkeit in der sexuellen Anziehung ist folgenschwer insoferne,
-als sie die Hypothese einer »sexuellen Zuchtwahl« fast völlig unmöglich
-macht.
-
-($S. 58, Z. 16 v. u.$) Homosexualität bei Tieren: vgl. Ch. _Féré_,
-Les perversions sexuelles chez les animaux in L'instinct sexuel,
-Paris 1899, p. 59-87. F. _Karsch_, Päderastie und Tribadie bei den
-Tieren, auf Grund der Literatur zusammengestellt, Jahrbuch für
-sexuelle Zwischenstufen, Bd. II (1900), S. 126-154. Albert _Moll_,
-Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, 1898, S. 368 ff.
-
-($S. 59, Z. 6.$) Es beruht also auf einer Täuschung, wenn so
-viele glauben (wie schon _Platon_, Gesetze, VIII, 836c), die
-»gleichgeschlechtliche Liebe« sei ein bloß dem _Menschen_
-eigentümliches, »widernatürliches« Laster. Doch dürfte für die
-Päderastie Plato da Recht behalten; indes Homosexualität nicht auf den
-Menschen beschränkt ist.
-
-($S. 59, Z. 10 v. u. ff.$) Vgl. _Krafft-Ebing_ bei Alfred _Fuchs_, Die
-Therapie der anomalen Vita sexualis, Stuttgart 1899, S. 4.
-
-($S. 61, Z. 7.$) Der einzige wahrhaft große Mann, der die
-Homosexualität strenge verurteilt zu haben scheint, ist der _Apostel
-Paulus_ (Römer, I, 26-27); aber er hat selbst bekannt, wenig sexuell
-veranlagt gewesen zu sein, woraus allein auch der etwas naive
-Optimismus begreiflich wird, mit dem er von der Ehe spricht.
-
-($S. 61, Z. 10 v. u.$) _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis,
-Bd. I, Berlin 1898, S. 484.
-
-($S. 62, Z. 3 v. u.$) Männer wie _Michel-Angelo_ oder _Winckelmann_,
-jener sicherlich einer der männlichsten Künstler, sind also nach
-dieser Nomenklatur nicht als Homosexuelle, sondern als Päderasten zu
-bezeichnen.
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 5.
-
-
-($S. 63, Z. 15 f.$) Wenn Theodor _Gomperz_, Griechische Denker,
-Leipzig 1896, Bd. I, S. 149, mit der Interpretation recht hätte,
-welche er einigen in lateinischer Übersetzung erhaltenen Versen des
-_Parmenides_ gibt (vgl. _Parmenides' Lehrgedicht_, griechisch und
-deutsch von Hermann _Diels_, Berlin 1897, Fragment 18, und Diels'
-Bemerkungen hiezu, S. 113 ff.), so hätte ich den großen Denker hier
-als meinen Vorgänger zu nennen. Gomperz sagt: »In .... dieser Theorie
-tritt auch die den pythagoreisch und somit mathematisch Gebildeten
-kennzeichnende Tendenz hervor, ... qualitative Verschiedenheiten aus
-quantitativen Unterschieden abzuleiten. Das Größenverhältnis nämlich,
-in welchem der von ihm (ebenso wie schon von Alkmäon) vorausgesetzte
-weibliche Bildungsstoff zu dem männlichen steht, wurde zur Erklärung
-der Charaktereigentümlichkeiten und insbesondere der Art der
-Geschlechtsneigung des Erzeugten verwendet. Und dieselbe Richtung
-offenbart sich in dem Bestreben, die individuelle Verschiedenheit
-der Individuen gleichwie ihrer jedesmaligen Geisteszustände auf den
-größeren oder geringeren Anteil zurückzuführen, den ihr Körper an den
-beiden Grundstoffen hat.« Wenn Gomperz kein anderes Fragment meinen
-sollte als das oben bezeichnete, so gäbe diese Auslegung dem Parmenides
-etwas, das Gomperz gebührt. Vgl. auch _Zeller_, Die Philosophie der
-Griechen, I/1, 5. Aufl., Leipzig 1892, S. 578 f., Anm. 4.
-
-($S. 64, Z. 12.$) Hier ist angespielt auf die programmatische Schrift
-von L. William _Stern_, Psychologie der individuellen Differenzen
-(Ideen zu einer »differentiellen Psychologie«), Schriften der
-Gesellschaft für psychologische Forschung, Heft 12, Leipzig 1900.
-
-($S. 65, Z. 11 f.$) Über die Periodizität im menschlichen, und zwar
-auch im männlichen Leben, sowie in allen biologischen Dingen findet
-sich das Interessanteste und Anregendste in einem Buche, dessen auch
-sonst ungeschickt gewählter Titel über diesen Inhalt nichts vermuten
-läßt, bei Wilhelm _Fließ_, Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen
-Geschlechtsorganen in ihrer biologischen Bedeutung dargestellt, Leipzig
-und Wien 1897, einer ungemein originellen Schrift, der eine historische
-Berühmtheit gerade dann sicher sein dürfte, wenn die Forschung einmal
-weit über sie hinausgelangen sollte. Einstweilen sind die höchst
-merkwürdigen Dinge, die Fließ entdeckt hat, noch bezeichnend wenig
-beachtet worden (vgl Fließ, S. 117 ff., 174, 237).
-
-($S. 70, Z. 9 v. u. f.$) Über diese angebliche »Monotonie« der
-Frauen sind Äußerungen verschiedener Autoren zu finden in dem
-großen Sammelwerk von C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als
-Verbrecherin und Prostituierte, Anthropologische Studien, gegründet
-auf eine Darstellung der Biologie und Psychologie des normalen Weibes,
-übersetzt von H. _Kurella_, Hamburg 1894, S. 172 f.
-
-($S. 70, Z. 3 v. u. f.$) Größere Variabilität der Männchen: _Darwin_,
-Die Abstammung des Menschen etc., übersetzt von Haek, Kap. 8,
-S. 334 ff.; Kap. 14, S. 132 ff., besonders 136; Kap. 19, S. 338 ff. --
-C. B. _Davenport_ und C. _Bullard_, Studies in Morphogenesis, VI: A
-Contribution to the quantitative Study of correlated variation and the
-comparative Variability of the Sexes, Proceedings of the Amer. Phil.
-Soc. 32, 85-97. Referat Année Biologique, 1895, p. 273 f.
-
-($S. 71, Z. 19 v. u. f.$) Die »Aktualitätstheorie« des Psychischen
-ist die Theorie Wilhelm _Wundts_ (Grundriß der Psychologie, 4. Aufl.,
-Leipzig 1901, S. 387); sie lehnt alles substantielle und zeitlose
-Sein in der Psychologie ab und erblickt hierin ihren wesentlichen
-Unterschied gegenüber der Naturwissenschaft, welche über den Begriff
-der Materie nie hinauskommen könne (vgl. auch _Wundts_ Logik, Bd. II,
-Methodenlehre, 2. Aufl., Leipzig 1895).
-
-($S. 72, Z. 9 ff.$) Die im folgenden dargetane prinzipielle
-Berechtigung der Physiognomik, die trotz _Lichtenbergs_ übler
-Prophezeiung nicht »im eigenen Fett erstickt«, vielmehr an der
-Auszehrung gestorben ist, liegt eigentlich bereits in den Worten des
-_Aristoteles_ enthalten (περὶ Ψυχής A 3, 407 b, 13 f.): »Εκεινο δὲ
-ἄτοπον συμβαίνει καὶ τούτῳ τῷ λόγῳ καὶ τοῖς πλείστοις τῶν περὶ ψυχῆς·
-συνάπτουσι γὰρ καὶ τιθέασιν εἰς σῶμα τὴν ψυχήν, οὐθὲν προσδιορίσαντες
-διὰ τίν' αἰτίαν καὶ πῶς ἔχοντος τοῦ σώματος. καίτοι δόξειεν ἂν τοῦτ'
-ἀναγκαῖον εἶναι· διὰ γὰρ τὴν κοινωνίαν τὸ μὲν ποιεῖ τὸ δὲ πάσχει καὶ
-τὸ μὲν κινεῖται τὸ δὲ κινεῖ, τούτων δ' οὐδὲν ὑπαρχει πρὸς ἄλληλα τοῖς
-τυχοῦσιν. Ὁἱ δὲ μόνον ἐπιχειροῦσι λέγειν ποῖόν τι ἡ ψυχή, περὶ δὲ τοῦ
-δεξομένου σώματος οὐθὲν ἔτι προσδιορίζουσιν, ὥσπερ ἐνδεχόμενον κατὰ
-τοὺς Πυθαγορικοὺς μύθους _τὴν τυχοῦσαν ψυχὴν εἰς τὸ τυχὸν ἐνδύεσθαι
-σῶμα_· δοκεῖ γὰρ ἕκαστον ἴδιον ἔχειν εἶδος καὶ μορφήν. Παραπλήσιον δὲ
-λέγουσιν ὥσπερ εἴ τις φαίη τὴν τεκτονικὴν εἰς αὐλοὺς ἐνδύεσθαι· δεῖ γὰρ
-τὴν μὲν τέχνην χρῆσθαι τοῖς ὀργάνοις, τὴν δὲ ψυχὴν τῷ σώματι.«
-
-($S. 72, Z. 22.$) P. J. _Moebius_, Über die Anlage zur Mathematik,
-Leipzig 1900.
-
-($S. 74, Z. 19 v. u.$) _Hume_ schweigt über den Unterschied, _Mach_
-leugnet ihn (vgl. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch
-entwickelt, 2. Aufl. Leipzig 1900, S. 432 ff.).
-
-($S. 74, Z. 8 v. u. f.$) Die hier zurückgewiesene Ansicht über das
-Zeitproblem ist die von Ernst _Mach_, Die Mechanik in ihrer Entwicklung
-historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 233.
-Unendlich flach ist, was J. B. _Stallo_ zu dieser Frage bemerkt, The
-Concepts and Theories of modern physics, 3. ed., London 1890, p. 204.
-
-($S. 75, Z. 19.$) Über _Aristoteles_ als Begründer der
-Korrelationslehre vgl. Jürgen Bona _Meyer_, Aristoteles' Tierkunde,
-Berlin 1855, S. 468.
-
-($S. 75, Z. 17 v. u. ff.$) Über die merkwürdige Korrelation bei Katzen
-sowie über »Correlated Variability« überhaupt vgl. _Darwin_, Das
-Variieren der Tiere und Pflanzen, Stuttgart 1873, Kap. 25 (Bd. II^2,
-S. 375). Vgl. Entstehung der Arten, S. 36 f., 194 f. der Haekschen
-Übersetzung (Universal-Bibliothek).
-
-($S. 76, Z. 7 v. u.$) Ernst _Mach_, Die Mechanik u. s. w., 4. Aufl.,
-S. 235.
-
-($S. 77, Z. 14 f.$) Hier berührt sich die Darstellung mit Wilhelm
-_Dilthey_, Beiträge zum Studium der Individualität, Sitzungsberichte
-der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1896
-(S. 295-335), S. 303: »In einem ... Typus sind mehrere Merkmale, Teile
-oder Funktionen regelmäßig miteinander verbunden. Diese Züge, deren
-Verbindung den Typus ausmacht, stehen in einer solchen gegenseitigen
-Relation zueinander, daß die Anwesenheit des einen Zuges auf die des
-anderen schließen läßt, die Variationen im einen auf die im anderen.
-Und zwar nimmt diese typische Verbindung von Merkmalen im Universum
-in einer aufsteigenden Reihe von Lebensformen zu und erreicht im
-organischen und dann im psychischen Leben ihren Höhepunkt. Dieses
-Prinzip des Typus kann als das zweite, welches die Individuen
-beherrscht, angesehen werden. Dieses Gesetz ermöglichte es dem großen
-_Cuvier_, aus versteinerten Resten eines tierischen Körpers diesen zu
-rekonstruieren, und dasselbe Gesetz in der geistig-geschichtlichen Welt
-hat Fr. A. _Wolf_ und _Niebuhr_ ihre Schlüsse ermöglicht.«
-
-($S. 77, Z. 8 v. u.$) Gemeint sind die künstlich des
-Oberschlundganglions beraubten Nereiden. »Hat man mehrere so operierte
-Würmer in einem Gefäß zusammen, so ... geraten sie in eine Ecke und
-suchen hier durch die Wand zu rennen. Die Würmer blieben viele Stunden
-so und gingen schließlich infolge ihres unsinnigen Bestrebens, vorwärts
-zu kommen, zu Grunde.« Jacques _Loeb_, Einleitung in die vergleichende
-Gehirnphysiologie und vergleichende Psychologie mit besonderer
-Berücksichtigung der wirbellosen Tiere, Leipzig 1899, S. 63 (wo nach
-S. S. _Maxwell_, Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie, 67,
-1897, eine Zeichnung von diesem Vorgange gegeben ist).
-
-($S. 78, Z. 4 v. o.$) Der Ausdruck »Aufpasser« u. s. w. bei
-_Schopenhauer_, Parerga II, § 350 bis.
-
-($S. 78, Z. 1 v. u.$) Konrad _Rieger_ sagt (Die Kastration, Jena
-1900, Vorwort, S. XXV): »Auch ich teile vollkommen mit _Gall_,
-_Comte_, _Moebius_ die Überzeugung: daß es der größte Fortschritt
-wäre, sowohl in der reinen Wissenschaft als in praktisch sozialer und
-politischer Hinsicht, wenn eine Methode gefunden würde, mittels deren
-es möglich wäre, Moral, Intelligenz, Charakter, Wille eines Menschen
-[physiognomisch] exakt zu bestimmen.« Ich kann mich dieser Auffassung
-nicht anschließen und halte sie für ein wenig übertrieben; doch ich
-führe sie an, weil sie immerhin die Wichtigkeit der Sache ins Licht
-setzen hilft.
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 6.
-
-
-($S. 79, Z. 6.$) Am nächsten kommt der in diesem Kapitel entwickelten
-Auffassung der Frauenfrage _Arduin_, Die Frauenfrage und die sexuellen
-Zwischenstufen, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. II, 1900,
-S. 211-223. Jedoch bin ich von diesem Autor gänzlich unabhängig.
-
-($S. 81, Z. 6 v. u.$) Vgl. _Welcker_, Sappho von einem herrschenden
-Vorurteil befreit, Göttingen 1816, wieder abgedruckt in seinen »Kleinen
-Schriften«, II. Teil, Bonn 1845, S. 80-144. Auch Q. _Horatius_ Flaccus,
-erklärt von Hermann _Schütz_, III. Teil, Episteln (Berlin 1883),
-Kommentar zu Epistel I, 19, 28, und dazu _Welcker_, Kleine Schriften,
-Bd. V, S. 239 f.
-
-($S. 82, Z. 4 v. u.$) _Mérimée_: nach Adele _Gerhardt_ und Helene
-_Simon_, Mutterschaft und geistige Arbeit, eine psychologische und
-soziologische Studie auf Grundlage einer internationalen Erhebung mit
-Berücksichtigung der geschichtlichen Entwicklung, Berlin 1901, S. 162.
-Die Erzählung über George _Sand_ und _Chopin_ ebenda S. 166. Dieser
-fleißigen Arbeit verdanke ich auch sonst eine Anzahl von Belegen und
-den Hinweis auf einige Quellen.
-
-($S. 82, Z. 6.$) Die Angabe über Laura _Bridgman_ rührt von Albert
-_Moll_ her, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897/98,
-Bd. I, S. 144. Die Stellen bei Wilhelm _Jerusalem_, Laura Bridgman,
-Erziehung einer Taubstumm-Blinden, eine psychologische Studie, Wien
-1890, S. 60, sprechen freilich eher für das Gegenteil. Über die
-George _Sand_: Moll ibid., S. 698 f., Anm. 4; über _Katharina_ II.:
-_Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 516;
-über _Christine_: Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_, Mutterschaft
-und geistige Arbeit, Berlin 1901, S. 209 (»jedenfalls eine durch
-sexuell-pathologische Erscheinungen gefährdete Persönlichkeit«).
-
-($S. 83, Z. 6.$) Man vergleiche »Briefe Ludwigs II. von Bayern an
-Richard Wagner«, veröffentlicht in der Wage, Wiener Wochenschrift,
-1. Jänner bis 5. Februar 1899.
-
-($S. 83, Z. 15 v. u. ff.$) Über George _Eliot_: _Gerhardt_ und _Simon_
-a. a. O., S. 155. Über Lavinia _Fontana_ ibid., S. 98. Über die
-_Droste-Hülshoff_, S. 137. Über die Rachel _Ruysch_: Ernst _Guhl_, Die
-Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 122.
-
-($S. 84, Z. 3 f.$) Über Rosa _Bonheur_ vgl. _Gerhardt-Simon_,
-S. 107 f. Dort ist nach dem Biographen der Malerin René _Peyrol_ (Rosa
-Bonheur, Her Life and Work, London) citiert: »The masculine vigour
-of her character, as also her hair, which she was in the habit of
-wearing short, contributed to perfect her disguise.« Wenn R. B. in
-Männerkleidern ging, schöpfte niemand den geringsten Verdacht.
-
-($S. 84, Z. 4 v. u.$) Da Frauen weniger produzieren als Männer, haben
-ihre Werke von vornherein einen Seltenheitswert und gelten eher als
-Kuriosität. Vgl. _Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, S. 260 f.:
-»Es genügte, daß ein Werk von weiblicher Hand herrührte, um schon um
-deswillen gepriesen zu werden.«
-
-($S. 86, Z. 4 f.$) Vgl. P. J. _Moebius_, Über die Vererbung
-künstlerischer Talente, in der »Umschau«, IV, Nr. 38, S. 742-745 (15.
-September 1900). Jürgen Bona _Meyer_, Zeitschrift für Völkerpsychologie
-und Sprachwissenschaft, 1880, S. 295-298. Karl _Joel_, Die Frauen in
-der Philosophie. Sammlung gemeinverständlicher Vorträge, herausgegeben
-von Virchow und Holtzendorff, Heft 246, Hamburg 1896, S. 32 und 63.
-
-($S. 86, Z. 8 f.$) _Guhl_ a. a. O., S. 8.
-
-($S. 86, Z. 15.$) Ich hätte hier noch als sehr männlich Dorothea
-_Mendelssohn_ erwähnen sollen; über sie wie über ihren so weiblichen
-Gatten Friedrich _Schlegel_ vgl. Joh. _Schubert_, Frauengestalten
-aus der Zeit der deutschen Romantik, Hamburg 1898 (Sammlung
-gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, herausgegeben von
-Virchow, Heft 285), S. 8 f. Auch die hochbegabte homosexuelle Gräfin
-_Sarolta_ V. aus _Krafft-Ebings_ Psychopathia sexualis (8. Aufl., 1893,
-S. 311-317) wäre anzuführen gewesen.
-
-($S. 86, Z. 18.$) _Guhl_ a. a. O., S. 5.
-
-($S. 86, Z. 3 v. u.$) Wer eifriger sammelt, als ich dies getan habe,
-mit größeren Kenntnissen in der Literatur-, Kunst-, Wissenschafts- und
-politischen Geschichte, und reichlichere Quellen besser aufzufinden
-weiß, als ich dies hier vermochte, der wird gewiß zu diesem Punkte noch
-viele merkwürdige Bestätigungen entdecken.
-
-($S. 88, Z. 9 f.$) Die Stelle über die berühmten Frauen, _Darwin_,
-Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II, S. 344 f.
-
-($S. 88, Z. 2 v. u.$) Mit dieser Angabe über _Burns_, die ich
-_Carlyle_, On Heroes etc., London, Chapman & Hall, p. 175 entnommen
-habe, steht im Widerspruch, was das »Memoir of Robert Burns«, welches
-der Ausgabe der Poetical Works, London, Warne, 1896, vorgedruckt ist,
-p. 16 f. über dessen Bildungsgang erzählt.
-
-($S. 89, Z. 14 v. u.$) Das Citat aus _Burckhardt_, Die Kultur der
-Renaissance in Italien, 4. Aufl., besorgt von Ludwig Geiger, Leipzig
-1885, Bd. II, S. 125.
-
-($S. 89, Z. 6 v. u.$) _Gerhardt_ und _Simon_ a. a. O., S. 46 f.
-
-($S. 90, Z. 8 ff.$) Hier bin ich durch Ottokar _Lorenz_ angeregt.
-Dieser sagt (Lehrbuch der gesamten wissenschaftlichen Genealogie,
-Stammbaum und Ahnentafel in ihrer geschichtlichen, soziologischen
-und naturwissenschaftlichen Bedeutung, Berlin 1898, S. 54 f.): »Die
-Erscheinungen, die man heute mit dem Namen der Frauenemanzipation
-nicht eben sehr treffend bezeichnet, vermöchte wohl kein Kenner
-vergangener Kulturzustände als eine in allen einzelnen Teilen neue
-Sache zu betrachten. Namentlich ist der Antrieb der Frauen, sich
-der gelehrten Bildung ihrer Zeit zu bemächtigen, im XVI. und im
-X. Jahrhundert ganz ebenso groß gewesen wie im XIX. Auch der heutige
-soziale Gedanke, den Frauen eine auf sich gestellte Wirksamkeit zu
-sichern, hat im kirchlichen und Klosterleben vergangener Zeiten seine
-vollen Analogien. Wenn man nun die Ursachen dieser im Wechsel der
-Zeiten sich ganz regelmäßig wiederholenden Erscheinungen erforscht, so
-ist doch unzweifelhaft, daß mindestens einen mächtigen Anteil daran
-jene Antriebe, jene Bewegungen haben müssen, die in den persönlichen
-Eigenschaften eben der nach der sogenannten Emanzipation in ihren
-verschiedenen Formen und Zeiten strebenden Frauen selbst begründet
-waren. Indem also die Frauenfrage im Wechsel der Zeiten bald mehr,
-bald weniger hervortritt, beweist sie für die aufeinanderfolgenden
-Geschlechter eine gewisse Wiederkehr frauenhafter Eigenschaften, die in
-gewissen Epochen unzweifelhaft weit mehr von männischer Art sind als in
-anderen, wo in denselben Zügen etwas geradezu Häßliches erblickt worden
-ist.«
-
-($S. 90, Z. 22.$) _Darwin_, Das Variieren etc., II^2, 58: »Es ist
-bekannt, daß eine große Anzahl weiblicher Vögel ...., wenn sie alt oder
-krank sind, .... zum Teil die sekundären männlichen Charaktere ihrer
-Spezies annehmen. In Bezug auf die Fasanenhennen hat man beobachtet,
-daß dies während gewisser Jahre viel häufiger eintritt als während
-anderer.« Darwin beruft sich hiefür auf William _Yarrell_, On the
-change in the plumage of some Hen-Pheasants, Philosophical Transactions
-of the Royal Society of London, 1827 (p. 270).
-
-($S. 91, Z. 13 v. u.$) Werner _Sombart_ (Die Frauenfrage, in der
-Wiener Wochenschrift »Die Zeit«, 1. März 1902, S. 134) spricht über
-die Ansicht, daß die Maschinenarbeit an der Frauenarbeit die Schuld
-trage, weil sie Muskelkraft entbehrlich gemacht habe, und sagt: »Gewiß
-gilt das für zahlreiche Gewerbe, z. B. für die wichtige Weberei. Aber
-schon nicht für die Spinnerei, die vor Erfindung der mechanischen
-Spinnstühle viel ausschließlicher Frauenarbeit war als heute. Hier
-hat die Maschinentechnik die Möglichkeit gerade der Männerarbeit erst
-geschaffen, wie denn bekanntlich in den mechanischen Spinnereien
-zahlreiche männliche Spinner beschäftigt sind. _Es gilt aber auch für
-die meisten anderen Gewerbe mit starker Arbeit nicht; man denke an
-Putzmacherei, Stickerei, Strickerei, Tabakindustrie und andere, in
-denen die Maschinen die Frauen eher verdrängt als sie herangezogen
-haben._ Es gilt auch für das Hauptgebiet moderner Frauenarbeit, für
-die Konfektionsindustrie, nicht. Denn die Handnäherei ist doch der
-Frau nicht weniger zugänglich als die Maschinennäherei. Was vielmehr
-entscheidend für die Entwicklung der Frauenarbeit gewesen ist,
-was auf der Seite der Produktionsvorgänge die Differenzierung der
-ursprünglich-komplexen (und darum immer gelernten) Arbeitsverrichtung
-bedingte, war aber gar nicht einmal in erster Linie dieser
-Vorgang in der Produktionssphäre, sondern sind vielmehr bestimmte
-Gestaltungen der Bevölkerungsverhältnisse gewesen: die Entstehung von
-weiblicher Überschußbevölkerung auf dem Lande und in den Städten,
-die auf tieferliegende, hier nicht näher zu erörternde Ursachen
-zurückzuführen ist. Beliebt man ein Schlagwort, so kann man sagen:
-die moderne Frauenarbeit in der Industrie (und den übrigen nicht zur
-Landwirtschaft gehörigen Sphären des Wirtschaftslebens), verdankt ihre
-Entstehung nicht unmittelbar den Veränderungen in der Technik, sondern
-Umgestaltungen der Siedelungsverhältnisse.«
-
-($S. 92, Z. 7 f.$) _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis, S. 220: »Die
-Tendenz der Natur auf heutiger Entwicklungsstufe ist die Hervorbringung
-von monosexualen Individuen.«
-
-($S. 92, Z. 15.$) Über die Gephyreen _Weismann_, Keimplasma, S. 477 f.:
-»Es gibt in verschiedenen Gruppen des Tierreichs _Arten, deren Männchen
-sich beinahe in allen Charakteren von den Weibchen unterscheiden_.
-Schon bei vielen Rädertieren sind die Männchen winzig klein gegenüber
-den Weibchen, haben eine in allen Teilen verschiedene Körpergestalt und
-entbehren des gesamten Nahrungskanals; und bei Bonellia viridis, einem
-Meereswurm aus der Gruppe der Gephyreen, weicht das Männchen so sehr
-vom Weibchen ab, daß man versucht sein könnte, es einer ganz anderen
-Klasse von Würmern, den Strudelwürmern, zuzuteilen. Zugleich ist hier
-der Unterschied in der Körpergröße zwischen beiden Geschlechtern
-noch weit bedeutender; das Männchen hat eine Länge von 1-2 ~mm~,
-das Weibchen von 150 ~mm~, und das erstere schmarotzt im Innern des
-letzteren« etc. Vgl. _Claus_, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg
-1897, S. 403. Auch manche Asseln (Bopyriden) sind sexuell weiter
-differenziert als der Mensch, vgl. Claus a. a. O., S. 482.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 1.
-
-
-($S. 97, Z. 3.$) Thomas _Carlyle_, On Heroes, Hero-Worship and the
-Heroic in History, London, Chapman & Hall, p. 99.
-
-($S. 97, Z. 7 v. u. f.$) Vgl. Franz L. _Neugebauer_, 37 Fälle von
-Verdoppelungen der äußeren Geschlechtsteile, Monatsschrift für
-Geburtshilfe und Gynäkologie, VII, 1898, S. 550-564, 645-659,
-besonders S. 554 f., wo ein Fall von »Juxtapositio organorum sexualium
-externorum utriusque sexus« beschrieben ist. Von dem bloß auf
-Entwicklungshemmungen beruhenden Scheinzwittertum sehe ich hier ab.
-
-($S. 99, Z. 12 v. u.$) _Aristoteles_, Metaphysik, A 5, 986a, 31:
-Αλκμαίων ὁ Κροτωνιάτης φησι εἶναι δύο τὰ πολλά τῶν ανθρωπίνων.
-
-($S. 99, Z. 10 v. u.$) Vgl. _Schelling_, Von der Weltseele, Werke,
-Stuttgart und Augsburg, 1857, Abt. I, Bd. II, S. 489: »So ist wohl das
-Gesetz der Polarität ein allgemeines Weltgesetz.«
-
-($S. 101, Z. 4 ff.$) Gemeint sind hier die mit großem Recht sehr
-bekannt gewordenen hervorragenden Aufsätze von Wilhelm _Dilthey_, Ideen
-über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Sitzungsberichte
-der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften, 1894, S. 1309-1407.
-Beiträge zum Studium der Individualität, ibid. 1896, S. 295-335. Im
-ersten Aufsatz heißt es z. B. (S. 1322): »In den Werken der Dichter,
-in den Reflexionen über das Leben, wie große Schriftsteller sie
-ausgesprochen haben, ist ein Verständnis des Menschen enthalten,
-hinter welchem alle, erklärende Psychologie weit zurückbleibt.« Im
-zweiten Aufsatz (S. 299, Anm.): »Ich erwarte eine .... überzeugende
-Zergliederung .... auch der heroischen Willenshandlung, welche sich zu
-opfern und das sinnliche Dasein wegzuwerfen vermag.«
-
-($S. 104, Z. 16 v. u.$) Vgl. Heinrich _Rickert_, Die Grenzen der
-naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Freiburg im Breisgau
-1902, S. 545: »Die atomisierende Individual-Psychologie sieht alle
-_Individuen_ als gleich an und _muß es als allgemeinste Theorie vom
-Seelenleben tun_, die individualistische _Geschichtsschreibung_ richtet
-ihr Interesse auf individuelle Differenzen.«
-
-($S. 104, Z. 11 v. u.$) Man vergleiche die Kontroversen zwischen
-G. v. _Below_ und Karl _Lamprecht_ über die historische Methode und das
-Verhältnis der soziologischen Geschichtsschreibung zur Individualität
-aus den Jahren 1898 und 1899.
-
-($S. 104, Z. 7 v. u.$) »Kein wissenschaftlicher Kopf kann je
-erschöpfen, kein Fortschritt der Wissenschaft kann erreichen, was der
-Künstler über den Inhalt des Lebens zu sagen hat. Die Kunst ist das
-Organ des Lebensverständnisses.« _Dilthey_, Beiträge zum Studium der
-Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, p. 306.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 2.
-
-
-($S. 106, Z. 3 f.$) Die Motti aus _Kant_, Anthropologie in
-pragmatischer Hinsicht, Zweiter Teil B. (S. 229 ed. Kirchmann);
-_Nietzsche_, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 232.
-
-($S. 106, Z. 19.$) _Kant_ a. a. O. (S. 228).
-
-($S. 107, Z. 22.$) »... die beachtenswerte Erscheinung, daß, während
-jedes Weib, wenn beim Generationsakte überrascht, vor Scham vergehen
-möchte, sie hingegen ihre Schwangerschaft, ohne eine Spur von
-Scham, ja mit einer Art Stolz, zur Schau trägt; da doch überall ein
-unfehlbar sicheres Zeichen als gleichbedeutend mit der bezeichneten
-Sache selbst genommen wird, daher denn auch jedes andere Zeichen des
-vollzogenen Koitus das Weib im höchsten Grade beschämt; nur allein die
-Schwangerschaft nicht.« _Schopenhauer_, Parerga, II, § 166.
-
-($S. 107, Z. 9.$) Ich glaube es rechtfertigen zu können, daß ich
-zwei Psychologinnen, die mir durch Arbeiten bekannt waren, im Texte
-übergangen habe; denn die eine ist eine amerikanische Experimentatorin,
-die andere die russische Verfasserin einer schlechten Geschichte des
-Apperzeptionsbegriffes.
-
-($S. 107, Z. 5 v. u.$) Das Beste über das schwangere Weib und das, was
-in ihm vorgeht, ist in einem leider bis jetzt ungedruckten Gedichte
-eines noch unbekannten _männlichen_ Dichters gesagt, dessen Wiedergabe
-an dieser Stelle mir gestattet wurde; wofür ich hier um so mehr
-meinen Dank sage, als ich selbst auf das psychologische Problem der
-Schwangerschaft auch im zehnten Kapitel nicht näher eingegangen bin.
-
- »Geheimnisvolle Kräfte schlingen
- Um mich ein nie gekanntes Walten.
- Ich hör' ein liebend zartes Klingen,
- Und alles will sich neu entfalten.
-
- Mir ist, als ob Natur sich neige
- In Ehrfurcht, wo ich leise gehe,
- _Als ob der Baum dem Baum mich zeige_,
- Daß er mich staunend schreiten sehe.
-
- Ich fühle mich so hoch erhoben,
- Ein jedes Wesen ist mir nah,
- Mir hat sich die Natur verwoben,
- Seit mir so hohes Glück geschah.
-
- Es schläft in mir, was nie noch lebte,
- Ein Wunder, das ein Traum gebar:
- Natur so ahnungsvoll erbebte,
- Weil hier ein neues Wesen war.«
-
-($S. 108, Z. 8 v. u. f.$) So unter anderen Guglielmo _Ferrero_, Woman's
-Sphere in Art, New Review, November 1893 (citiert nach Havelock
-_Ellis_).
-
-($S. 108, Z. 5 v. u. f.$) Die Forscher scheinen eher der Meinung
-von der geringeren Intensität des »Geschlechtstriebes« beim Weibe
-zu huldigen (z. B. _Hegar_, Der Geschlechtstrieb, 1894, S. 6), die
-praktischen »Frauenkenner« sind fast alle in großer Entschiedenheit der
-entgegengesetzten Ansicht.
-
-($S. 109, Z. 4 v. u.$) Daß beim Weibe die Wollust nicht wie beim Manne
-durch irgend eine Ejakulation vermittelt sein kann, führt _Moll_
-aus (Untersuchungen, I, S. 8 ff.). Vgl. auch _Chrobak-Rosthorn_,
-Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900 (aus
-Nothnagels Spezieller Pathologie und Therapie), Bd. I, S. 423 f.:
-»Wir müssen mit _Moll_ einen Detumeszenz- (Entleerungs-), vielleicht
-richtiger Depletionstrieb, und einen Kontrektations- (Berührungs-)trieb
-... annehmen. Viel schwieriger steht die Frage dem Weibe gegenüber,
-bei welchem wir ... insofern keine Analogie mit dem Vorgang beim
-Manne finden können, als eine _Ejakulation_ von _Keimzellen_ nicht
-stattfindet ... Es kommt allerdings auch bei Frauen unter der
-Kohabitation häufig ein Flüssigkeitserguß aus den Bartholinschen Drüsen
-unter Bewegungen der Musculi ischio-et bulbo-cavernosi zustande, es
-findet auch eine Abschwellung der ebenfalls durch Muskelbewegungen
-strotzend gefüllten und dadurch vielleicht ein Unlustgefühl erzeugenden
-Gefäße (an den Schwellkörpern der Klitoris) statt, doch betrifft diese
-Entleerung einesteils nicht die keimbereitenden Organe, anderseits
-scheint sich diese sogenannte Ejakulation oft genug nicht einzustellen,
-_ohne daß hiedurch das Gefühl der sexuellen Befriedigung verhindert_
-würde.«
-
-($S. 109, Z. 10.$) Die _Moll_sche Unterscheidung in dessen Büchern: Die
-konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 2. Untersuchungen
-über die Libido sexualis, 1897, Bd. I, S. 10.
-
-($S. 112, Z. 7.$) Daraus, daß W selbst durchaus und überall Sexualität
-ist, wird leicht erklärlich, daß man beim Weibchen in der ganzen
-Zoologie gar nicht eigentlich von »sekundären Geschlechtscharakteren«
-im selben Sinne reden kann wie beim Manne. Weibchen »bieten selten
-merkwürdige sexuelle Charaktere« (_Darwin_, Entstehung der Arten,
-S. 201, ed. Haek).
-
-($S. 115, Z. 15 v. u. f.$) Auch unter den Tieren bildet bei den
-Männchen die Brunstzeit einen viel stärkeren Gegensatz zu ihrem
-sonstigen Leben als bei den Weibchen. Man vergleiche, um ein Beispiel
-statt vieler anzuführen, wie Friedrich _Miescher_ den Rheinlachs
-vor und während der Laichzeit schildert (Die histochemischen und
-physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig 1897, Bd. II, S. 123):
-»Wenn man etwa im Dezember einen männlichen Salm, sogenannten
-Wintersalm sieht, mit klarem, bläulich schimmerndem Schuppenkleid,
-der schönen Rundung des Leibes, mit der kurzen Schnauze ... ohne jede
-Spur von Hakenbildung ... und man daneben den bekannten Hakenlachs
-erblickt, mit einer Nase von doppelter Länge, einer überhaupt ganz
-veränderten Physiognomie des Vorderkopfes, mit der tigerartig rot und
-schwarz gefleckten, von Epithelwucherung trüben, dicken Hautschwarte,
-dem abgeplatteten Körper und den dünnen schlotternden Bauchwänden,
-so hat man immer wieder Mühe, sich zu überreden, daß dies Exemplare
-einer und derselben Spezies seien. Etwas geringer ist der Gegensatz
-beim weiblichen Exemplar. Die Länge und Form der Schnauze ist nicht
-wesentlich verschieden; die roten Flecken an Kopf und Leib, beim
-Winterlachs gänzlich fehlend, sind beim weiblichen Laichlachs schwächer
-entwickelt als beim Männchen; die Haut ist getrübt und wie unrein, doch
-nicht so stark verdickt.«
-
-($S. 115, Z. 10 v. u.$) Ein sehr hervorragender, aber merkwürdig wenig
-beachteter Aufsatz von Oskar _Friedländer_ (»Eine für Viele«, eine
-psychologische Studie, »Die Gesellschaft«, Münchener Halbmonatsschrift,
-XVIII. Jahrgang, 1902, Heft 15/16, S. 166) nähert sich in diesem
-Punkte meiner Auffassung so weit, daß ich ihn hier, wie noch mehrfach,
-citieren muß: »Sicherlich, der Geschlechtstrieb tritt beim Manne
-heftiger und ungestümer auf als beim Weibe. Es liegt dies wohl weniger
-an dem verschiedenen Grade der Intensität als daran, daß im männlichen
-Geiste die heterogensten Elemente aus allen psychischen Gebieten
-zusammenkommen, die um die Vorherrschaft kämpfen und die sexuellen
-Instinkte zu verdrängen suchen, und diese durch die Kontrastwirkung
-desto stärker empfunden werden, während ihre gleichmäßige Verteilung
-über _die ganze Seele_ des Weibes ... sie nicht mit besonderer Schärfe
-zur Abhebung kommen läßt.«
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 3.
-
-
-($S. 117, Z. 6 v. u.$) »Begierde und Gefühl sind nur Arten, wie unsere
-Vorstellungen sich im Bewußtsein befinden.« Joh. Friedr. _Herbart_,
-Psychologie als Wissenschaft, neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik
-und Mathematik, II. (analytischer) Teil, § 104 (Werke VI, S. 60, ed.
-Kehrbach, Langensalza 1887).
-
-($S. 117, Z. 5 v. u.$) A. _Horwicz_, Psychologische Analysen auf
-physiologischer Grundlage, Ein Versuch zur Neubegründung der
-Seelenlehre, II/1, Die Analyse des Denkens, Halle 1875, S. 177 f.:
-»Das Gefühl ist unserer Auffassung gemäß das früheste, elementarste
-Gebilde des Seelenlebens, es ist der früheste und einzige Inhalt
-des Bewußtseins, die Triebfeder der ganzen seelischen Entwicklung.
-Wie verhält sich nun hiezu das Denken?... Das Denken ist eine
-Folgeerscheinung des Gefühls, wie es auch die Bewegung ist, es ist die
-ureigenste Dialektik der Triebe ... der stärker geübte, von anderen
-unterschiedene Trieb gibt durchdachte, geordnete, aus einer Anzahl von
-geläufigen Bewegungen ausgewählte Bewegungen, das ist durchdachtes
-Denken.« II/2, Die Analyse der qualitativen Gefühle, Magdeburg 1878,
-S. 59: »Es [das Gefühl] ist die allgemeinste elementarste Form des
-Bewußtseins, in dieser allereinfachsten Gestalt [bei Tieren und
-Pflanzen] freilich nur ein ganz schwaches, dunkles Bewußtsein, mehr
-ein brütendes Ahnen als ein Erkennen und Wissen. Aber es bedarf, um
-deutliches und klares Bewußtsein zu werden, keiner weiteren fraglichen
-Zutaten, sondern nur der Vervielfachung und intensiven Gradsteigerung.«
-Vgl. Wilhelm _Wundt_, Über das Verhältnis der Gefühle zu den
-Vorstellungen, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie,
-III, 1879, S. 129-151, und Horwicz' Antwort: »Über das Verhältnis
-der Gefühle zu den Vorstellungen und die Frage nach dem psychischen
-Grundprozesse«, a. a. O., S. 308-341.
-
-($S. 118, Z. 18.$) Über solche »Feelings of tendency« vgl. William
-_James_, The Principles of Psychology, New-York 1890, Vol. I, p. 254.
-
-($S. 118, Z. 18 v. u.$) Vgl. besonders _Leibnitii_ Meditationes de
-cognitione, veritate et ideis Acta eruditorum, Lips., November 1684,
-p. 537 f. (p. 79 f. ed. Erdmann).
-
-($S. 118, Z. 14 v. u.$) Wilhelm _Wundt_, Grundzüge der physiologischen
-Psychologie, 5. Aufl., Leipzig 1902, Bd. II, S. 286 ff.
-
-($S. 118, Z. 6 v. u.$) Richard _Avenarius_, Kritik der reinen
-Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 16. Der menschliche Weltbegriff,
-Leipzig 1891, S. 1 f. Vgl. Joseph _Petzoldt_, Einführung in die
-Philosophie der reinen Erfahrung, Bd. I, Die Bestimmtheit der Seele,
-Leipzig 1900, S. 112 ff.
-
-($S. 118, Z. 5 v. u.$) Über die verschiedenen Bedeutungen des Wortes
-»Charakter« (welches auch in dieser Schrift in dreifach verschiedener
-Anwendung, doch unter Vermeidung aller Äquivokationen gebraucht
-werden mußte) vgl. Rudolf _Eucken_, Die Grundbegriffe der Gegenwart,
-historisch und kritisch entwickelt, 1893, S. 273 ff.
-
-($S. 119, Z. 14.$) Die _Avenarius_sche Zusammenstellung von
-Wahrnehmungs- und Gedächtnisbild hat unter den späteren Psychologen
-bloß Oswald _Külpe_ acceptiert, welcher in seinem »Grundriß der
-Psychologie, auf experimenteller Grundlage dargestellt« (Leipzig 1893),
-S. 174 ff., in terminologisch freilich durchaus nicht einwandfreier
-Weise die Lehre vom Gedächtnis als die Lehre von den »zentral erregten
-Empfindungen« abhandelt.
-
-($S. 120, Z. 8 v. u.$) _Petzoldt_ a. a. O., S. 138 ff.
-
-($S. 121, Z. 7 v. u. f.$) Vgl. A. _Kunkel_, Über die Abhängigkeit der
-Farbenempfindung von der Zeit, Archiv für die gesamte Physiologie der
-Menschen und der Tiere, IX, 1874, S. 215. Hiezu weiter _Fechner_,
-Elemente der Psychophysik, 1. Aufl., Leipzig 1860, Bd. I, S. 249 f.;
-Oswald _Külpe_, Grundriß der Psychologie, S. 131, 210; Hermann
-_Ebbinghaus_, Grundzüge der Psychologie, Leipzig 1902, S. 230.
-
-($S. 122, Z. 4 v. u.$) Johann Gottlieb _Fichte_, Über den Begriff der
-Wissenschaftslehre (Werke I/1, Berlin 1845, S. 73) »Der menschliche
-Geist macht mancherlei Versuche: er kommt durch blindes Herumtappen
-zur Dämmerung, und geht erst aus dieser zum hellen Tag über. Er wird
-anfangs durch dunkle Gefühle ... geleitet ...«. _Schopenhauer_,
-Parerga, I, § 14 (Werke IV, S. 159 f., ed. Grisebach): »Im allgemeinen
-... ist über diesen Punkt zu sagen, daß von jeder großen Wahrheit
-sich, ehe sie gefunden wird, ein Vorgefühl kundgibt, eine Ahndung,
-ein undeutliches Bild, wie im Nebel, und ein vergebliches Haschen,
-sie zu ergreifen; weil eben die Fortschritte der Zeit sie vorbereitet
-haben. Demgemäß präludieren dann vereinzelte Aussprüche. Allein,
-nur wer eine Wahrheit aus ihren Gründen erkannt und in ihren Folgen
-durchdacht, ihren ganzen Inhalt entwickelt, den Umfang ihres Bereiches
-übersehen und sie sonach mit vollem Bewußtsein ihres Wertes und ihrer
-Wichtigkeit, deutlich und zusammenhängend, dargelegt hat, der ist ihr
-Urheber. Daß sie hingegen, in alter und neuer Zeit, irgend einmal mit
-halbem Bewußtsein und fast wie ein Reden im Schlaf ausgesprochen worden
-und demnach sich daselbst finden läßt, wenn man hinterher danach sucht,
-bedeutet, wenn sie auch totidem verbis dasteht, nicht viel mehr, als
-wäre es totidem litteris; gleichwie der Finder einer Sache nur der ist,
-welcher sie, ihren Wert erkennend, aufhob und bewahrte; nicht aber der,
-welcher sie zufällig einmal in die Hand nahm und wieder fallen ließ;
-oder wie Kolumbus der Entdecker Amerikas ist, nicht aber der erste
-Schiffbrüchige, den die Wellen dort einmal abwarfen. Dies eben ist
-der Sinn des Donatischen pereant qui ante nos nostra dixerunt.« Noch
-treffender sagt _Kant_: »Dergleichen allgemeine und dennoch bestimmte
-Prinzipien lernt man nicht leicht von anderen, denen sie nur dunkel
-vorgeschwebt haben. Man muß durch eigenes Nachdenken zuvor selbst
-darauf gekommen sein, danach findet man sie auch anderwärts, wo man
-sie gewiß nicht zuerst würde angetroffen haben, weil die Verfasser
-selbst nicht einmal wußten, daß ihren Bemerkungen eine solche Idee
-zum Grunde liege. _Die so niemals selbst denken, besitzen dennoch
-die Scharfsichtigkeit, alles, nachdem es ihnen gezeigt worden, in
-demjenigen, was sonst schon gesagt worden, aufzufinden, wo es doch
-vorher niemand entdecken konnte._« (Prolegomena zu jeder künftigen
-Metaphysik, § 3, gegen Ende.)
-
-($S. 122, Z. 8 f.$) Das Citat aus _Nietzsche_, Also sprach Zarathustra,
-III. Buch, Kap.: Der Genesende.
-
-($S. 124, Z. 11 v. u.$) S. _Exner_, Entwurf zu einer physiologischen
-Erklärung der psychischen Erscheinungen, I. Teil, Leipzig und Wien
-1894, S. 76 ff. Vgl. H. _Höffding_, Vierteljahrschr. f. wiss. Philos.
-13, 1889, S. 431.
-
-($S. 125, Z. 3 v. o.$) _Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung,
-Bd. I, Leipzig 1888, S. 77; Bd. II, Leipzig 1890, S. 57. Übrigens
-schlägt den gleichen Ausdruck in ähnlichem Falle Wilhelm _Dilthey_ vor,
-Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Berliner
-Sitzungsberichte, 1894, S. 1387.
-
-($S. 126, Z. 14.$) Wahrscheinlicher jedoch als die _Exner_sche
-Theorie dünkt mich jetzt folgende Vermutung. Der Parallelismus
-zwischen Phylo- und Ontogenese, das »biogenetische Grundgesetz«
-wird gewöhnlich konstatiert, ohne daß man weiter darüber nachdenkt,
-_warum_ die Entwicklung des Individuums immer die Geschichte der
-Gattung wiederhole; so eilig hat man es eben, die Tatsache für die
-Deszendenzlehre und besonders für ihre ungeteilte Anwendung auf den
-Menschen auszubeuten. Vielleicht liegt aber in der Entwicklung von
-der Henide zum differenzierten Inhalt ein Parallelprozeß zu jener
-Erscheinung vor, der ihre bisherige Isoliertheit und Rätselhaftigkeit
-aufheben könnte.
-
-($S. 128, Z. 13 f.$) Über die falsche populäre Annahme einer
-allgemeinen größeren Sinnesempfindlichkeit beim Weibe, eine Annahme,
-die Sensibilität mit Emotivität und Irritabilität verwechselt, vgl.
-Havelock _Ellis_, Mann und Weib, S. 153 f.
-
-($S. 129, Z. 9 v. o.$) Vgl. Ernst _Mach_, Die Mechanik in ihrer
-Entwicklung, historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901,
-S. 1 f., 28 f. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch
-entwickelt, 2. Aufl., Leipzig 1900, S. 151.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 4.
-
-
-($S. 131, Z. 1 f.$) Die Bestimmungen, zu welchen dieses Kapitel über
-das Wesen der Genialität gelangt, sind ganz provisorisch und können
-erst nach der Lektüre des achten Kapitels verstanden werden, das sie
-wieder aufnimmt, aber in einem weit größeren Ganzen zeigt und darum
-erst eigentlich begründet.
-
-($S. 134, Z. 12 v. u.$) Über das _Verstehen_ der Menschen und
-menschlicher Äußerungen ist in der wissenschaftlich-psychologischen
-Literatur bezeichnend wenig zu finden. Nur Wilhelm _Dilthey_ bemerkt
-(Beiträge zum Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte,
-1896, S. 309 ff.): »Wir können zunächst das Verstehen eines fremden
-Zustandes als einen Analogieschluß auffassen, der von einem _äußeren
-physischen_ Vorgang vermittels seiner _Ähnlichkeit_ mit _solchen_
-Vorgängen, die wir mit bestimmten _inneren_ Zuständen verbunden
-finden, auf einen diesen _ähnlichen inneren_ Zustand hingeht ..... Die
-Glieder des Nachbildungsvorganges sind gar nicht bloß durch logische
-Operationen, etwa durch einen Analogieschluß, miteinander verbunden.
-Nachbilden ist eben ein Nacherleben. Ein rätselhafter Tatbestand!
-Wir können dies etwa, wie ein Urphänomen, darauf zurückführen, daß
-wir fremde Zustände in einem gewissen Grade wie die eigenen fühlen,
-uns mitfreuen und mittrauern können, zunächst je nach dem Grade
-der Sympathie, Liebe oder Verwandtschaft mit anderen Personen. Die
-Verwandtschaft dieser Tatsache mit dem nachbildenden Verstehen ergibt
-sich aus mehreren Umständen. Auch das Verstehen ist von dem Maße der
-Sympathie abhängig, und ganz unsympathische Menschen verstehen wir
-überhaupt nicht mehr. Ferner offenbart sich die Verwandtschaft des
-Mitgefühls mit dem nachbildenden Verstehen sehr deutlich, wenn wir
-vor der Bühne sitzen!« ..... »Gemäß diesen Verhältnissen hat auch die
-_wissenschaftliche Auslegung oder Interpretation_ als das kunstmäßig
-nachbildende Verstehen immer etwas Genialisches, das heißt, sie
-erlangt erst durch innere Verwandtschaft und Sympathie einen hohen
-Grad von Vollendung. So wurden die Werke der Alten erst im Zeitalter
-der Renaissance ganz wiederverstanden, als ähnliche Verhältnisse eine
-Verwandtschaft der Menschen zur Folge hatten ..... Es gibt keinen
-wissenschaftlichen Prozeß, welcher dieses lebendige Nachbilden als
-untergeordnetes Moment hinter sich zu lassen vermöchte. Hier ist der
-mütterliche Boden, aus dem auch die abstraktesten Operationen der
-Geisteswissenschaften immer wieder ihre Kraft ziehen müssen. _Nie
-kann hier Verstehen in rationales Begreifen aufgehoben werden. Es ist
-umsonst, aus Umständen aller Art den Helden oder den Genius begreiflich
-machen zu wollen. Der eigenste Zugang zu ihm ist der subjektive._«
-..... (S. 314 f.): »Die älteren Maler strebten, die bleibenden Züge
-der Physiognomie in einem idealen Moment, der für dieselben am meisten
-prägnant und bezeichnend ist, zu sammeln. Möchte nun eine neue Schule
-den momentanen Eindruck festhalten, um so den Eindruck des Lebens zu
-steigern: so gibt sie die Personen an die Zufälligkeit des Momentes
-hin. Und auch in diesem findet ja eine Auffassung des Inbegriffs von
-Eindrücken eines gegebenen Momentes unter der Einwirkung des erworbenen
-seelischen Zusammenhanges statt; eben in dieser Apperzeption entspringt
-die Verbindung der Züge von einem gefühlten Eindruckspunkt aus, welche
-Auslassungen und Betonungen bedingt: so entsteht ein Momentbild
-ebenso der Apperzeptionsweise des Malers als des Gegenstandes,
-und jede Bemühung zu sehen ohne zu apperzipieren, so gleichsam das
-sinnliche Bild in Farben auf einer Platte aufzulösen, muß mißlingen.
-Was noch tiefer führt, der Eindruckspunkt ist schließlich durch das
-Verhältnis irgend einer Lebendigkeit zu der meinigen bedingt, ich
-finde mich in meinem Lebenszusammenhang von etwas Wirkendem in einer
-Natur innerlich berührt; ich verstehe von diesem Lebenspunkt aus die
-dorthin konvergierenden Züge. So entsteht ein Typus. Ein Individuum
-war das Original: ein Typus ist jedes echte Porträt, geschweige denn
-in einem Figurengemälde. Auch die Poesie kann nicht abschreiben,
-was vor sich geht u. s. w.« Sonst ist nur die sehr interessante und
-originelle Arbeit von Hermann _Swoboda_, Verstehen und Begreifen,
-Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XXVII, 1903,
-Heft 2, zu nennen. _Swoboda_ hält wie Dilthey die Gleichheit respektive
-Verwandtschaft für das _einzige_ Erfordernis des Verständnisses; hierin
-weiche ich von beiden ab.
-
-($S. 139, Z. 17.$) Richard _Wagner_, Gesammelte Schriften und
-Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. VI, S. 128.
-
-($S. 142, Z. 7 v. o.$) Es gibt nur Universalgenies: »ὃν γὰρ ἀπέστειλεν
-ὁ θεός, τὰ ῥήματα του θεου λαλει· οὐ γὰρ ἐκ μέτρου δίδωσιν τὸ πνεῦμα.«
-(_Evang. Joh._ 3, 34.)
-
-($S. 142, Z. 16 v. u.$) Die hier gerügte Verwechslung kommt besonders
-deutlich zum Vorschein bei Franz _Brentano_, Das Genie, ein Vortrag,
-Leipzig 1892, S. 11: »Jedes Genie hat sein eigentümliches Gebiet; nicht
-bloß gibt es kein Universalgenie im vollen Sinne des Wortes, sondern
-meist hat die Genialität auch in der einzelnen Kunstgattung engere
-Grenzen. So war z. B. Pindar ein genialer Lyriker und nichts weiter.«
-Wäre diese populäre Ansicht haltbar, so müßte man den Dichter und Maler
-Rossetti über den »bloßen« Dichter Dante stellen, Novalis höher halten
-als Kant und Lionardo da Vinci für den größten Menschen ansehen.
-
-($S. 143, Z. 10 v. u.$) Hiemit stimmt _Schopenhauers_ Überzeugung
-überein (Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 31, S. 447, ed.
-Frauenstädt): »Weiber können bedeutendes Talent, aber kein Genie haben.«
-
-($S. 144, Z. 11 v. o.$) Über das Verhältnis der anderen Menschen zum
-Helden Thomas _Carlyle_, On Heroes, Hero-Worship and the Heroic in
-History, London, Chapman and Hall, p. 10 ff.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 5.
-
-
-($S. 145, Z. 5 v. u.$) Anderthalb Jahre nach Niederschrift dieser
-Partien fand ich in _Schopenhauers_ Nachlaß (Neue Paralipomena,
-§ 143) eine Stelle, die einzige mir in der gesamten Literatur bekannt
-gewordene, in der eine Ahnung des Zusammenhanges zwischen Genialität
-und Gedächtnis sich äußert. Sie lautet: »Ob nicht alles Genie seine
-Wurzel hat in der Vollkommenheit und Lebhaftigkeit der Rückerinnerung
-des eigenen Lebenslaufes? Denn nur vermöge dieser, die eigentlich unser
-Leben zu einem großen Ganzen verbindet, erlangen wir ein umfassenderes
-und tieferes Verständnis desselben, als die übrigen haben.«
-
-($S. 146, Z. 5 f.$) David _Hume_ fragt einmal (A Treatise of Human
-Nature, 1. Ausgabe, London 1738, Vol. I, p. 455): »Who can tell me, for
-instance, what were his thoughts and actions on the first of January
-1715, the 11. of March 1719 and the 3. of August 1733?« Das vollkommene
-Genie müßte dies von allen Tagen seines Lebens mit Sicherheit wissen.
-
-($S. 150, Z. 4 ff.$) Vgl. _Goethe_, Dichtung und Wahrheit, III. Teil
-XIV. Buch (Bd. XXIV, S. 141 der Hesseschen Ausgabe): »Ein Gefühl aber,
-das bei mir gewaltig überhand nahm und sich nicht wundersam genug
-äußern konnte, war die Empfindung der Vergangenheit und Gegenwart in
-eins: eine Anschauung, die etwas Gespenstermäßiges in die Gegenwart
-brachte. Sie ist in vielen meiner größeren und kleineren Arbeiten
-ausgedrückt und wirkt im Gedicht immer wohltätig, ob sie gleich im
-Augenblicke, wo sie sich unmittelbar am Leben und im Leben selbst
-ausdrückte, jedermann seltsam, unerklärlich, vielleicht unerfreulich
-scheinen mußte.«
-
-($S. 152, Z. 5 v. u. f.$) »Der Erfolg der Sängerinnen hatte im
-Laufe des XVII. Jahrhunderts der Frau jede Gelegenheit auch der
-theoretisch-musikalischen Ausbildung eröffnet. Unzulängliche Vorbildung
-kann also in der Komposition als Grund für die minderwertige weibliche
-Leistung nicht gelten.« So Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_,
-Mutterschaft und geistige Arbeit, S. 74; ich citiere diese Stelle auch,
-um _Mills_ geistreichen Syllogismus anzuführen: »Man unterrichtet
-die Frauen in der Musik, aber nicht damit sie komponieren, sondern
-nur damit sie ausüben können, und _folglich_ sind in der Musik die
-Männer den Frauen als Komponisten überlegen.« (Die Hörigkeit der Frau,
-übersetzt von Jenny Hirsch, Berlin 1869, S. 126.)
-
-($S. 152, Z. 2 v. u. f.$) Die Angabe über die Malerinnen etc. nach
-_Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 150.
-
-($S. 153, Z. 10 v. u.$) »A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve
-qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas
-de différence entre les hommes.« (_Pascal_, Pensées, I, 10, 1.)
-
-($S. 154, Z. 5 v. u.$) Hiemit stimmt überein, was _Helvetius_ (nach
-J. B. _Meyer_, Genie und Talent, Eine prinzipielle Betrachtung,
-Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. XI, 1880, S. 298) und
-_Schopenhauer_ (Parerga und Paralipomena II, § 53) über den nur
-dem Grade nach bestehenden Unterschied zwischen dem Genie und den
-Normalköpfen lehren. Vgl. auch _Jean Paul_, Vorschule der Ästhetik,
-§ 8: »Wie könnte denn ein Genie nur einen Monat, geschweige
-Jahrtausende lang von der ungleichartigen Menge erduldet oder gar
-erhoben werden ohne irgend eine ausgemachte Familienähnlichkeit mit
-ihr?«
-
-($S. 155, Z. 9 ff.$) Man vergleiche die Autobiographie der bedeutenden
-Menschen mit denen minder hervorragender Männer. Jene reichen stets
-weiter zurück (_Goethe_, _Hebbel_, _Grillparzer_, Richard _Wagner_,
-_Jean Paul_ u. s. w.). _Rousseau_, Confessions, Nouvelle édition, Paris
-1875, p. 4: »J'ignore ce que je fis jusqu'à cinq ou six ans. Je ne
-sais comment j'appris à lire; je ne me souviens que de mes premières
-lectures et de leur effet sur moi: _c'est le temps d'où je date sans
-interruption la conscience de moi-même_.« -- Natürlich ist nicht jeder
-Biograph seines eigenen Lebens ein großer Genius (J. St. _Mill_,
-_Darwin_, Benvenuto _Cellini_).
-
-($S. 157, Z. 19 v. u.$) Richard _Wagner_, »Die Meistersinger von
-Nürnberg,« III. Akt (Gesammelte Schriften und Dichtungen, Bd. VII,
-Leipzig 1898, S. 246).
-
-($S. 157, Z. 12 v. u.$) So bemerkt bereits _Aristoteles_ (während
-_Platon_ bis auf Timaeus 37 D ff. die Zeit im engeren Sinne nicht
-Problem geworden zu sein scheint), Physika VI, 9, 239 b, 8: Οὐ γὰρ
-σύγκειται ὁ χρόνος ἐκ τῶν νῦν ἀδιαιρέτων.
-
-($S. 158, Z. 1 v. u.$) Wie wenig tief im Wesen der Frau das
-Gedächtnis gegründet ist, geht daraus hervor, daß man in einer Frau
-das Erinnerungsvermögen für bestimmte Dinge töten kann, indem man
-ihr in der Hypnose verbietet, je wieder derselben zu gedenken. Einen
-solchen Fall entnehme ich einer Erzählung _Freuds_ in seinen mit
-_Breuer_ gemeinsam herausgegebenen »Studien über Hysterie«, Leipzig
-und Wien 1895 (S. 49): »Ich unterbreche sie hier .... und nehme ihr
-die Möglichkeit, alle diese traurigen Dinge wieder zu sehen, indem
-ich nicht nur die plastische Erinnerung verlösche, sondern die ganze
-Reminiszenz aus ihrem Gedächtnisse löse, als ob sie nie darin gewesen
-wäre.« Und in einer Anmerkung zu dieser Stelle fügt _Freud_ hinzu: »Ich
-bin diesmal in meiner Energie wohl zu weit gegangen. Noch 1½ Jahre
-später, als ich Frau Emmy in relativ hohem Wohlbefinden wiedersah,
-klagte sie mir, _es sei merkwürdig, daß sie sich an gewisse, sehr
-wichtige Momente ihres Lebens nur höchst ungenau erinnern könne_. Sie
-sah darin einen Beweis für die Abnahme ihres Gedächtnisses, während
-ich mich hüten mußte, ihr die Erklärung für diese spezielle Amnesie zu
-geben« (um einen Rückfall in die Krankheit zu verhindern).
-
-($S. 159, Z. 9 v. u.$) _Lotze_: im »Mikrokosmus«, 1. Aufl., 1858,
-Bd. II, S. 369.
-
-($S. 162, Z. 17 f.$) Diese Ableitung aus dem Schein der Bekanntheit
-neuer Situationen bei _Rhys Davids_, Der Buddhismus, Leipzig,
-Universalbibliothek, S. 107.
-
-($S. 162, Z. 23.$) Edward B. _Tylor_, Die Anfänge der Kultur,
-Untersuchungen über die Entwicklung der Mythologie, Philosophie,
-Religion, Kunst und Sitte, übersetzt von J. W. Spengel und Fr. Poske,
-Leipzig 1873, Bd. II, S. 1: Es »kann ... nicht nachdrücklich genug
-hervorgehoben werden, daß die Lehre von einem zukünftigen Leben, wie
-wir sie selbst bei den niedrigsten Rassen vorfinden, eine durchaus
-notwendige Folge des rohen Animismus ist.« -- Herbert _Spencer_, Die
-Prinzipien der Soziologie, Bd. I, Stuttg. 1877, § 100 (S. 225). Richard
-_Avenarius_, Der menschliche Weltbegriff, Leipzig 1891, S. 35 ff.
-
-($S. 163, Z. 11 f.$) Über dieses plötzliche Auftauchen aller
-Erinnerungen vor dem Tode oder in Todesgefahr und Todesnähe vgl.
-_Fechner_, Zend-Avesta, 2. Aufl., Bd. II, S. 203 ff.
-
-($S. 164, Z. 8 f.$) Über die »Euthanasie der Atheisten« vergleiche man,
-was F. A. _Lange_ erzählt (Geschichte des Materialismus, 5. Aufl.,
-1896, Bd. I, S. 358).
-
-($S. 166, Z. 5 v. u. f.$) Aus den angeführten Gründen sind mir die
-indischen Lehren vom Leben nach dem Tode, die griechische Anschauung
-vom Lethe-Trunk und die Verkündung von _Wagners_ Tristan: »...
-im weiten Reich der Welten-Nacht. Nur ein Wissen dort uns eigen:
-göttlich ew'ges _Ur-Vergessen_«, ungleich weniger verständlich
-als die Anschauung Gustav Theodor _Fechners_, dem das zukünftige
-Leben ein volles und ganzes Erinnerungsleben ist (Zend-Avesta oder
-über die Dinge des Himmels und des Jenseits vom Standpunkte der
-Naturbetrachtung, 2. Aufl., besorgt von Kurd Laßwitz, Hamburg und
-Leipzig 1901, Bd. II, S. 190 ff.), z. B. S. 196: »Ein volles Erinnern
-an das alte Leben wird beginnen, wenn das ganze alte Leben hinten
-liegt, und alles Erinnern innerhalb des alten Lebens selber ist bloß
-ein kleiner Vorbegriff davon.«. Die Annahme ist _unethisch_, welche
-die Erinnerungen aus dem Erdenleben mit dem Tode völlig ausgelöscht
-sein läßt: sie entwertet Wertvolles; da Wertloses ohnehin vergessen
-wird. Und dann: in der Erinnerung ist der Mensch bereits aktiv, das
-Gedächtnis ist eine Willenserscheinung; von einem Leben in voller
-Aktivität ist zu denken, daß es alle Elemente der Aktivität in sich
-aufgenommen habe, es ist ewig, weil es zeitlos ist und also Vergangenes
-und Zukünftiges nebeneinander sieht. Sehr schön sagt Fechner (ibid.
-S. 197 f.): »So denke dir also, daß nach dem letzten Augenschluß, der
-gänzlichen Abtötung aller diesseitigen Anschauung und Sinnesempfindung
-überhaupt, die der höhere Geist bisher durch dich gewonnen, nicht
-bloß die Erinnerungen an den letzten Tag erwachen, sondern teils
-die Erinnerungen, teils die Fähigkeit zu Erinnerungen an dein ganzes
-Leben, lebendiger, zusammenhängender, umfassender, heller, klarer,
-überschaulicher, als je Erinnerungen erwachten, da du immer noch halb
-in Sinnesbanden gefangen lagst; denn so sehr dein eigener Leib das
-Mittel war, diesseitige Sinnesanschauungen zu schöpfen und irdisch
-zu verarbeiten, so sehr war er das Mittel, dich an dies Geschäft zu
-binden. Nun ist aus das Schöpfen, Sammeln, Umbilden im Sinne des
-Diesseits; der heimgetragene Eimer öffnet sich, du gewinnst, und in
-dir tut's der höhere Geist, auf einmal allen Reichtum, den du nach und
-nach hineingetan. Ein geistiger Zusammenhang und Abklang alles dessen,
-was du je getan, gesehen, gedacht, errungen in deinem ganzen irdischen
-Leben, wird nun in dir wach und helle; wohl dir, wenn du dich dessen
-freuen kannst. Mit solchem Lichtwerden deines ganzen Geistesbaues
-wirst du geboren ins neue Leben, um mit hellerem Bewußtsein fortan zu
-arbeiten an dem höheren Geistesleben ...«
-
-»Manche sind, die glauben wohl an ein künftig Leben, nur gerade, daß
-die Erinnerung des jetzigen hinüberreichen werde, wollen sie nicht
-glauben. Der Mensch werde neu gemacht und finde sich ein anderer im
-neuen Leben, der wisse nichts mehr von dem früheren Menschen. Sie
-brechen damit selbst die Brücke ab, die zwischen Diesseits und Jenseits
-überleitet und werfen eine dunkle Wolke zwischen. Statt daß nach uns
-der Mensch mit dem Tode sich ganz und vollständig wieder gewinnen soll,
-ja so vollständig, als er sich niemals im Leben hatte, lassen sie ihn
-sich ganz verlieren; der Hauch, der aus dem Wasser steigt, statt den
-künftigen Zustand des ganzen Wassers vorzubedeuten, verschwindet ihnen
-mit dem Wasser zugleich. Nun soll es plötzlich als neues Wasser in
-einer neuen Welt da sein. Allein wie ward es so? Wie kam's dahin? Die
-Antwort bleiben sie uns schuldig. So bleibt man auch gar leicht den
-Glauben daran schuldig.
-
-Was ist der Grund von solcher Ansicht? Weil keine Erinnerungen aus
-einem früheren Leben ins jetzige hinüberreichen, sei auch nicht zu
-erwarten, daß solche aus dem jetzigen ins folgende hinüberreichen. Aber
-hören wir doch auf, Gleiches aus Ungleichem zu folgern. Das Leben vor
-der Geburt hatte noch keine Erinnerungen, ja kein Erinnerungsvermögen
-in sich, wie sollten Erinnerungen davon in das jetzige Leben reichen;
-das jetzige hat Erinnerungen und ein Erinnerungsvermögen in sich
-entwickelt, wie sollten Erinnerungen nicht in das künftige Leben
-reichen, ja sich nicht steigern, wenn wir doch im künftigen Leben eine
-Steigerung dessen zu erwarten haben, was sich im Übergange vom vorigen
-zum jetzigen Leben gesteigert hat. Wohl wird der Tod als zweite Geburt
-in ein neues Leben zu fassen sein; ... aber kann darum alles gleich
-sein zwischen Geburt und Tod? Nichts ist doch sonst ganz gleich
-zwischen zwei Dingen. Der Tod ist eine _zweite_ Geburt, indes die
-Geburt eine _erste_. Und soll uns die zweite zurückwerfen auf den Punkt
-der ersten, nicht vielmehr von neuem Anlauf auf uns weiter führen? Und
-muß der Abschnitt zwischen zwei Leben notwendig ein Schnitt sein? Kann
-er nicht auch darin bestehen, daß das Enge sich plötzlich ausdehnt in
-das Weite?« (S. 199 f.).
-
-($S. 169, Z. 4.$) In den werttheoretischen Büchern von _Döring_,
-_Meinong_, _Ehrenfels_, _Kreibig_ habe ich vergebens nach irgend
-einer Bestimmung des Verhältnisses von Wert und Zeit gesucht. Was
-bei Alexius v. _Meinong_, Psychologisch-ethische Untersuchungen
-zur Werttheorie, Graz 1894, S. 46 und 58 ff., bei Josef Clemens
-_Kreibig_, Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie,
-Wien 1902, S. 53 ff., zu finden ist, steht in keiner Beziehung zu
-dem hier in Betracht kommenden prinzipiellen Zwecke. Gerade was
-Kreibig ausführt, S. 54: »Das stets gleichbleibende lang andauernde
-Tönen einer Dampfpfeife oder eines Nebelhornes, das Einerlei eines
-gleichförmig grauen Himmels, das endlose Plappern eines witzelnden
-Gesellschafters wirkt auf die Dauer unlusterregend, auch wenn diese
-Inhalte ursprünglich angenehm empfunden wurden. Goethe sagt treffend,
-nichts sei schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen (!)
-Tagen. Auf allen höheren Gebieten finden wir ähnliche Tatbestände;
-der immer süße Mendelssohn, der leiernde Hexameter Vossens, das Lob
-der Speichellecker wird schließlich peinvoll. Der Sozialist Fourier
-beweist Beobachtungsgabe, indem er in seinem Phalansterium der
-»Schmetterlingsleidenschaft« der Menschen durch entsprechenden Wechsel
-der pflichtmäßigen Beschäftigung jedes einzelnen Rechnung trägt. Daß
-anderseits eine zu rasche Abfolge differenter Inhalte ermüdend und
-damit negativ wertbeeinflussend wirkt, braucht nicht ausführlich belegt
-zu werden« -- gerade diese Auseinandersetzung zeigt, wie heillos die
-_Brentano_sche Schule »Wertgefühl« und Lust konfundiert hat. Die Lust
-mag durch Dauer geschwächt werden, ein Wertvolles kann durch sie nie an
-Wert verlieren.
-
-Nur an zwei Orten finde ich Meinungen, die an die Darlegungen
-des Textes erinnern könnten. Harald _Höffding_ stellt in seiner
-»Religionsphilosophie« (übersetzt von F. Bendixen, Leipzig 1901,
-S. 105, 193 ff.) eine These von der »Erhaltung des Wertes« auf,
-durch welche man sich entfernt an den Satz von der Zeitlosigkeit des
-Wertes gemahnt fühlen könnte. Viel näher und deutlicher erkennbar ist
-meine Übereinstimmung mit Rudolf _Eucken_, Der Wahrheitsgehalt der
-Religion, Leipzig 1901, S. 219 f.: »... Wohl heißt es, daß der Mensch
-der bloßen Zeit angehört, aber er tut das nur für eine gewisse Fläche
-seines Daseins; alles geistige Leben ist eine Erhebung über die Zeit,
-eine Überwindung der Zeit. Was immer an geistigen Inhalten entfaltet
-wird, das trägt in sich den Anspruch, ohne alle Beziehung zur Zeit
-und unberührt von ihrem Wandel, d. h. also in einer ewigen Ordnung
-der Dinge zu gelten; nicht nur die Wissenschaft gibt ihre Wahrheit
-»unter der Form der Ewigkeit«, was immer wertvoll und wesenhaft sein
-will, das verschmäht ein Dahinschwimmen mit dem Flusse der Zeit, eine
-Unterwerfung unter den Wandel ihrer Mode und Laune, das will umgekehrt
-von sich aus die Zeiten messen und ihren Wert bestimmen.
-
-Dieses Verlangen nach Ewigkeit begnügt sich nicht damit, eine
-Zuflucht aus den Wirren der Zeit zu suchen, es nimmt auf dem eigenen
-Boden der Zeit den Kampf mit ihr auf; dieser Zusammenstoß von Zeit
-und Ewigkeit ist es vornehmlich, woraus Geschichte im menschlichen
-Sinne entsteht und besteht. In der Zeit selbst erwächst ein Streben
-über alles Zeitliche hinaus zu etwas Unwandelbarem: so fixiert
-das Kulturleben von den Leistungen der Vergangenheit gewisse als
-klassisch und möchte sie nicht nur dauernd im Bewußtsein erhalten,
-sondern in ihnen ein untrügliches Maß des Strebens finden ... nicht
-dadurch entsteht Geschichte im menschlichen und geistigen Sinne, daß
-Erscheinungen einander folgen und sich anhäufen, sondern dadurch, daß
-diese Folge irgend gedacht und erlebt wird. Nun aber wäre nicht einmal
-ein Überschauen und die Vereinigung der Mannigfaltigkeit in einen
-Gesamtanblick möglich ohne ein Heraustreten des Beobachters aus dem
-rastlosen Strom der Zeit. Und die Betrachtung allein vermag keineswegs
-eine historische Gestaltung der Kultur hervorzubringen, diese kommt nur
-zustande, indem in der Geschichte Wesentliches und Nebensächliches,
-Bleibendes und Vergängliches auseinandertritt; sie ist nicht möglich
-ohne ein energisches Sondern und Sichten der chaotischen Fülle, die uns
-zuströmt. Der echte Bestand, der allein für die eigene Lebensführung
-Wert hat, ist aus der Erscheinung immer erst herauszuarbeiten. Wer
-anders aber sollte jenes Sondern und Sichten vollziehen als ein der
-Zeit überlegener, nach inneren Notwendigkeiten messender Lebensprozeß
-und wie anders sollte er es tun, als indem er das echt Befundene aus
-allem Wandel der Zeit heraushebt und ihr gegenüber festlegt?...«
-S. 221 f.: »... ein anderes ist es, die anthropomorphe Unsterblichkeit
-abzulehnen, ein anderes, dem Geisteswesen des Menschen alle Teilnahme
-an der Ewigkeit zu versagen. Denn dies heißt nicht sowohl Aussichten
-in die Zukunft abschneiden als alles Geistesleben der bloßen Zeit
-überantworten, damit aber es herabdrücken, zerstreuen, innerlich
-vernichten. Auch das zeitliche Leben wird zu bloßem Schatten und
-Schein, wenn ihm kein Streben zur Ewigkeit innewohnt; müßte doch bei
-voller Gebundenheit an die Zeit alles menschliche Erlebnis, alle
-menschliche Wirklichkeit nach dem Aufleuchten des bloßen Augenblicks
-sofort in den Abgrund des Nichts zurücksinken.«
-
-Wollte ich noch weiteres anführen, so könnte ich nur auf den schönen
-Traum verweisen, den Knut _Hamsun_ in seinem Roman »Neue Erde«
-(übersetzt von M. v. Borch, München 1894, S. 169 ff.) schildert, oder
-müßte schon hier auf die ewigen Ideen _Platons_ zurückgreifen, die
-unberührt von der Zeit an einem Orte »jenseits des Himmels« thronen.
-Die _Ideen_ Platons in ihrer späteren restringierten Fassung sind die
-_Werte_ der modernen, von _Kant_ begründeten Philosophie. Aber in der
-rein psychologischen Auseinandersetzung dieses Kapitels kommt das noch
-nicht in Betracht.
-
-($S. 174, Z. 19 f.$) _Carlyle_, On Heroes etc., p. 11 f. »He was the
-‚creature of the Time’, they say; the Time called him forth, the Time
-did everything, he nothing .... The Time call forth? Alas, we have
-known Times _call_ loudly enough for their great man; but not find him
-when they called! He was not there; Providence has not sent him; the
-Time, _calling_ its loudest, had to go down to confusion and wreck
-because he would not come when called.
-
-For if we will think of it, no time need have gone to ruin, could it
-have _found_ a man great enough, a man wise and good enough: wisdom
-to discern truly what the Time wanted, valour to lead it on the right
-road thither; these are the salvation of any Time. But I liken common
-languid Times, with their unbelief, distress, perplexity, with their
-languid doubting characters and embarrassed circumstances, impotently
-crumbling-down into ever worse distress towards final ruin; -- all this
-I liken to dry dead fuel, waiting for the lightning but of Heaven that
-shall kindle it. The great man, with his free force direct out of God's
-own hand, is the lightning. His word is the wise healing word which all
-can believe in. All blazes round him now, when he has once struck on
-it, into fire like his own. The dry mouldering sticks are thought to
-have called him forth. They did want him greatly; but as to calling him
-forth --! -- Those are critics of small vision, I think, who cry: ‚See,
-is it not the stick that made the fire?’ _No sadder proof can be given
-by a man of his own littleness than disbelief in great men._«
-
-($S. 176, Z. 4 v. u.$) _Baco_ als Sprachkritiker: Novum Organum I, 43.
-Fritz _Mauthner_, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. I, Sprache
-und Psychologie, Stuttgart 1901.
-
-($S. 177, Z. 19 v. u.$) Hermann _Türck_, Der geniale Mensch, 5. Aufl.,
-Berlin 1901, S. 275 f. -- Cesare _Lombroso_, Der geniale Mensch,
-übersetzt von M. O. Fränkel, Hamburg 1890, passim. -- Zur Erheiterung
-sei hier noch Francis _Galton_ (Hereditary Genius, Inquiry into its
-Laws and Consequences, London 1892, p. 9, vgl. Preface p. XII) folgende
-Auffassung entnommen: »When I speak of an eminent man, I mean one who
-has achieved a position that is attained by only 250 persons in each
-million of men, or by one person in each 4000.«
-
-($S. 177, Z. 15 v. u.$) _Kant_ über das Genie: Kritik der Urteilskraft,
-§ 46-50. Vgl. Otto _Schlapp_, Kants Lehre vom Genie, Göttingen 1902,
-besonders S. 305 ff. _Schelling_, System des transscendentalen
-Idealismus, Werke I/3, S. 622-624, S. 623 heißt es: »Nur das, was
-die Kunst hervorbringt, ist allein und nur durch Genie möglich.« --
-Gegen Kantens Ausschluß der Philosophen von der Genialität wenden
-sich _Jean Paul_, Das Kampanertal oder über die Unsterblichkeit der
-Seele, 503. Station und Johann Gottlieb _Fichte_, Über den Begriff
-der Wissenschaftslehre, 1794, § 7. (Sämtliche Werke herausgegeben von
-J. H. Fichte, Bd. I/1, S. 73, Anmerkung.)
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 6.
-
-
-($S. 182, Z. 1 v. u.$) _Für_ den Psychologismus: Karl _Stumpf_,
-Psychologie und Erkenntnistheorie, Abhandlungen der philos.-philol. kl.
-königlich bayerischen Akad. der Wissensch., Bd. 19, 1892, S. 465-516.
-Alois _Höfler_, Logik, Wien 1890, S. 17: »Da die Psychologie
-_sämtliche_ psychischen Erscheinungen, die Logik nur die Erscheinungen
-des _Denkens_, und zwar die des _richtigen_ Denkens zum unmittelbaren
-Gegenstande hat, so bildet die theoretische Bearbeitung des letzteren
-nur einen _speziellen Teil_ der _Psychologie_.« Theodor _Lipps_,
-Grundzüge der Logik, Hamburg 1893, S. 1 f., S. 149.
-
-_Gegen_ den Psychologismus: Edmund _Husserl_, Logische Untersuchungen,
-I. Teil, Halle 1900. Hermann _Cohen_, Kants Theorie der Erfahrung,
-2. Aufl., Berlin 1885, S. 69 f., 81 f., und Logik der reinen
-Erkenntnis, Berlin 1902 (System der Philosophie, I. Teil), S. 509 f.
-Wilhelm _Windelband_, Kritische oder genetische Methode (Präludien,
-1. Aufl., 1884, S. 247 ff.). Ferdinand Jakob _Schmidt_, Grundzüge
-der konstitutiven Erfahrungsphilosophie als Theorie des immanenten
-Erfahrungsmonismus, Berlin 1901, S. 16 f., 59 f., 69 f. Emil
-_Lucka_, Erkenntnistheorie, Logik und Psychologie, in der Wiener
-Halbmonatsschrift »Die Gnosis« vom 25. März 1903.
-
-($S. 183, Z. 18.$) Wenn _Kant_ bei der Aufstellung seines
-Sittengesetzes für »alle möglichen vernünftigen Wesen« an einen
-besonderen Träger außer dem Menschen gedacht hat und nicht bloß
-das streng formale Prinzip reinhalten wollte von dem Zufälligen
-der empirischen Menschheit, so dürften ihm eher jene Bewohner
-anderer Gestirne vorgeschwebt haben, von welchen der dritte Teil
-der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels« handelte,
-als das, was _Schopenhauer_ ihm unterschiebt (Preisschrift über
-die Grundlage der Moral, § 6): »Man kann sich des Verdachtes nicht
-erwehren, daß _Kant_ dabei ein wenig an die lieben Engelein gedacht,
-oder doch auf deren Beistand in der Überzeugung des Lesers gezählt
-habe.« Für die Engel gälte nämlich die Kantische Ethik gar nicht, da
-bei ihnen Sollen und Sein zusammenfiele.
-
-($S. 183, Z. 5 v. u.$) Auch der Aufsatz von A. _Meinong_,
-Zur erkenntnistheoretischen Würdigung des Gedächtnisses,
-Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, X, 1886,
-S. 7-33, liegt gänzlich abseits von den hier behandelten Problemen.
-
-($S. 184, Z. 2 f.$) Charles _Bonnet_, Essai analytique sur les facultés
-de l'âme, Copenhague 1760, p. 61: »La souplesse ou la mobilité des
-fibres augmente par le retour des mêmes ébranlements. Le sentiment
-attaché à cette augmentation de souplesse ou de mobilité constitue la
-réminiscence.« (Citiert nach Harald _Höffding_) Vgl. übrigens noch Max
-_Offner_, Die Psychologie Charles Bonnets, Eine Studie zur Geschichte
-der Psychologie, Schriften der Gesellschaft für psychologische
-Forschung, Heft 5, Leipzig 1893, S. 34 ff. -- Ewald _Hering_, Über das
-Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie,
-Vortrag, 2. Ausgabe, Wien 1876. -- Vgl. E. _Mach_, Die Analyse der
-Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen,
-3. Aufl., Jena 1902, S. 177 ff.
-
-($S. 185, Z. 6 ff.$) Über Erinnerung unter dem Einflusse der Suggestion
-vgl. Friedrich _Jodl_, Lehrbuch der Psychologie, 2. Aufl., Stuttgart
-und Berlin 1903, Bd. II, S. 159: »Als eine Zwischenstufe zwischen
-dem, was .... als passives und aktives Moment der repräsentativen
-Aufmerksamkeit unterschieden wird, kann man den Fall ansehen, wo in die
-Leitung des Reproduktionsprozesses und die Fixierung der Aufmerksamkeit
-nicht der eigene Wille des Subjektes, sondern ein fremder Wille
-eingreift, um mit jenem bestimmte Zwecke zu erreichen oder bestimmte
-Bewußtseinsphänomene hervorzurufen .... Hier geschieht durch Einwirkung
-von außen, was bei der willkürlichen Reproduktion aus dem Willen des
-Subjektes heraus erfolgt.«
-
-($S. 185, Z. 19 v. u.$) Richard _Avenarius_, Kritik der reinen
-Erfahrung, Bd. II, Leipzig 1890, S. 32, 42 ff. -- H. _Höffding_,
-Über Wiedererkennen, Association und psychische Aktivität,
-Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889,
-S. 420 f. und XIV, 1890, S. 27 ff. Psychologie in Umrissen, übersetzt
-von Bendixen, 2. Aufl., 1893, S. 163 f., Philosophische Studien, VIII,
-S. 86 f.
-
-Im ersten Aufsatze sagt Höffding (S. 426 f.): »Was in solchen
-Bewußtseinszuständen .... gegeben ist, das ist die unmittelbare
-Auffassung des Unterschiedes zwischen Bekanntem und Vertrautem und
-etwas Neuem und Fremdem. Dieser Unterschied ist so einfach und
-klar, daß er sich ebensowenig näher beschreiben läßt, als z. B.
-der Unterschied zwischen Lust und Unlust, oder der Unterschied
-zwischen Gelb und Blau. Wir stehen hier einem unmittelbaren
-Qualitätsunterschiede gegenüber. Die eigentümliche Qualität, mit
-welcher das Bekannte im Gegensatz zum Neuen im Bewußtsein auftritt,
-werde ich im folgenden die _Bekanntheitsqualität_ nennen.« [Es] »ist
-noch hervorzuheben, daß die Selbstbeobachtung in den angeführten
-Fällen _nicht die geringste Spur von anderen Vorstellungen zeigt, die
-durch die erkannte Erscheinung erweckt würden_, und von denen man
-annehmen könnte, sie spielten eine Rolle beim Wiedererkennen selbst.
-Insofern also jemand annehmen wollte, alles Wiedererkennen setze
-derartige Vorstellungen voraus, so liegt ihm die Beweispflicht ob; und
-läßt sich das unmittelbare Wiedererkennen, sowie es in den angeführten
-Fällen auftritt, ohne eine solche Annahme erklären, so wird diese
-Erklärung die einzige wissenschaftliche sein.«
-
-Gegen diese Lehre _Höffdings_ haben sich mit durchaus unzureichenden
-Gründen Wilhelm _Wundt_, Grundzüge der physiologischen Psychologie, 4.
-Aufl., Leipzig 1893, Bd. II, S. 442, Anmerkung 1, und William _James_,
-The Principles of Psychology, 1890, Vol. I, p. 674, Anmerkung 1
-ausgesprochen. Höffding selbst bemerkt klar genug S. 431: »Diese
-Reproduktion braucht nicht dahin zu führen, daß das, was reproduziert
-wird, als selbständiges Glied im Bewußtsein auftrete. Und in den
-vorliegenden Fällen geschieht dies auch nicht. Deren Eigentümlichkeit
-bestand unter anderem gerade in ihrem nicht zusammengesetzten
-Charakter. Außer dem erkannten Zug oder den erkannten Zügen findet
-sich im Bewußtsein nicht das Mindeste, was mit dem Wiedererkennen
-zu schaffen hat. Das Wort »~Les Plans~« klingt bekannt, und diese
-Bekanntheitsqualität ist die _ganze Erscheinung_ ....« Es ist dagegen
-unzutreffend, wenn _Wundt_ behauptet (a. a. O. II^4, 445): »Es geht
-_immer_ der simultane deutlich in einen successiven Associationsvorgang
-über, in welchem der zuerst vorhandene Eindruck, die dann hinzutretende
-Mittelvorstellung und endlich das Wiedererkennungsgefühl als die
-Glieder der Associationsreihe auftreten.«
-
-($S. 186, Z. 1 v. u.$) Nur dieselbe Verwechslung des Wiedererkennens
-mit dem Gedächtnis liegt den Beispielen zu Grunde, auf Grund deren
-G. John _Romanes_, Die geistige Entwicklung im Tierreich, Leipzig 1885,
-S. 127 f. den Tieren ein Gedächtnis zuschreibt.
-
-($S. 190, Z. 12.$) Der Ausdruck connotativ (mitbezeichnend) stammt
-von John Stuart _Mill_, System der deduktiven und induktiven Logik,
-übersetzt von Gomperz, I^2, Leipzig 1884, S. 30 f. -- Den Ausdruck
-»typische Vorstellung« gebraucht Harald _Höffding_, der Terminus
-»Repräsentativ-Vorstellung« ist der englischen und französischen
-Psychologie geläufig.
-
-($S. 191, Z. 13 v u.$) Wunderbar gibt _Fouqué_ dem _Alogischen_ im
-Weibe zusammen mit seinem völligen Mangel an Kontinuität Ausdruck in
-der »Undine« (fünftes Kapitel): »Einen Teil des Tages über strich er
-mit einer alten Armbrust, die er in einem Winkel der Hütte gefunden
-und sich ausgebessert hatte, umher, nach den vorüberfliegenden Vögeln
-lauernd und, was er von ihnen treffen konnte, als guten Braten in die
-Hütte liefernd. Brachte er nun seine Beute zurück, so unterließ Undine
-fast niemals, ihn auszuschelten, daß er den lieben, lustigen Tierchen
-oben im blauen Luftmeer so feindlich ihr fröhliches Leben stehle; ja
-sie weinte oftmals bitterlich bei dem Anblick des toten Geflügels. Kam
-er aber dann ein andermal wieder heim und hatte nichts geschossen,
-so schalt sie ihn nicht minder ernstlich darüber aus, daß man nun um
-seines Ungeschickes und seiner Nachlässigkeit willen mit Fischen und
-Krebsen vorlieb nehmen müsse.«
-
-($S. 191, Z. 10 v. u.$) G. _Simmel_, Zur Psychologie der Frauen,
-Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, XX, 1890,
-S. 6-46: »Hier ist der Ort, der vielkritisierten Logik der Frauen
-zu gedenken. Zunächst ist die Meinung, die ihnen dieselbe ganz oder
-fast ganz absprechen will, einfach abzuweisen; das ist eine von den
-trivialen Paradoxen, der gegenüber man sicher behaupten kann, daß
-jeder, der nur irgend eingehender mit Frauen zu tun hatte, oft genug
-von der Schärfe und Unbarmherzigkeit ihrer Folgerungen überrascht
-worden ist.« (S. 9 f.)
-
-($S. 195, Z. 5 v. u.$) _Kant_, Kritik der praktischen Vernunft, S. 105
-(Universalbibliothek).
-
-($S. 196, Z. 8 v. u. f.$) Die Stelle über Spinoza bei _Kant_ ist
-ungemein charakteristisch (vgl. Kap. 13); man findet sie in der Kritik
-der praktischen Vernunft, S. 123, ed. Kehrbach. -- Was Kant an Hume
-mit Recht sympathisch ansprechen durfte, war die Sonderstellung,
-welche dieser klügste Empirist immerhin der Mathematik einräumte. Das
-große Lob Humes aus dem Munde Kantens, welchem Hume sein hohes Ansehen
-bei den nachkantischen Philosophen und Historikern der Philosophie
-vornehmlich dankt, ist wohl so zu erklären, daß Kant selbst schon,
-bevor er Hume kennen gelernt hatte, die Notwendigkeit der Ersetzung des
-metaphysischen durch den transcendentalen Standpunkt unklar gefühlt
-hatte. Den Angriff Humes empfand er als solchen, den er selbst längst
-hätte führen sollen, und machte sich den eigenen Mangel an Rüstigkeit
-in der Abrechnung mit allem Unbewiesenen in der Spekulation heftig
-zum Vorwurf. So kam es, daß er Humes Skeptizismus dem Dogmatismus
-gegenüber, den er in den eigenen Gliedern noch immer spürte,
-hochstellen konnte, und an der Flachheit dieses Empirismus, bei dem
-er natürlich nicht bleiben konnte, relativ wenig Anstoß nahm. -- Wie
-unglaublich seicht Hume übrigens auch als Geschichtsschreiber in seinen
-Urteilen über historische Bewegungen und historische Persönlichkeiten
-ist, darüber vergleiche man das Büchlein von Julius _Goldstein_, Die
-empiristische Geschichtsauffassung David Humes mit Berücksichtigung
-moderner methodischer und erkenntnistheoretischer Probleme, eine
-philosophische Studie, Leipzig 1903, z. B. die dort S. 19 f. aus
-Humes »History of England« citierten Äußerungen über die Religion
-und religiöse Menschen, besonders über Luther. Jene Stellen verraten
-Borniertheit.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 7.
-
-
-($S. 197, Z. 3 ff.$) David _Hume_, A Treatise of Human Nature, being an
-Attempt to introduce the experimental Method of Reasoning into Moral
-Subjects, Book I. Of the Understanding, Part IV. Of the sceptical and
-other systems of philosophy, Sect. VI. Of personal identity, Vol. I,
-p. 438 f. (der ersten englischen Ausgabe, London 1739):
-
-»For my part, when I enter most intimately into what I call myself, I
-always stumble on some particular perception or other, of heat or cold,
-light or shade, love or hatred, pain or pleasure. I never can catch
-myself at any time without a perception, and never can observe anything
-but the perception. When my perceptions are remov'd for any time, as
-by sound sleep; so long am I insensible of _myself_, and may truly be
-said not to exist. And were all my perceptions remov'd by death, and
-cou'd I neither think, nor feel, nor see, nor love, nor hate after
-the dissolution of my body, I thou'd be entirely annihilated, nor do
-I conceive what is farther requisite to make me a perfect non-entity.
-If any one, upon serious and unprejudiced reflection thinks he has a
-different notion (439) of _himself_, I must confess I can reason no
-longer with him. All I can allow him is, that he may be in the right as
-well as I, and that we are essentially different in this particular. He
-may, perhaps, perceive something simple and continu'd, which he calls
-_himself_; tho' I am certain there is no such principle in me.
-
-But setting aside some metaphysicians of this kind, I may venture to
-affirm of the rest of mankind that they are nothing but a bundle or
-collection of different perceptions, which succeed each other with an
-inconceivable rapidity, and are in a perpetual flux and movement.«
-
-($S. 198, Z. 3 f.$) Georg Christoph _Lichtenberg_, Ausgewählte
-Schriften, herausgegeben von Eugen Reichel, Leipzig,
-Universalbibliothek, S. 74 f.: »Wir werden uns gewisser Vorstellungen
-bewußt, die nicht von uns abhängen; andere, glauben wir wenigstens,
-hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die
-Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. _Es denkt_,
-sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen ~cogito~, ist
-schon zu viel, sobald man es durch Ich denke übersetzt. Das _Ich_
-anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.«
-
-($S. 198, Z. 8 f.$) _Hume_ a. a. O., S. 455 f.: »All the nice and
-subtile questions concerning personal identity can never possibly
-be decided, and are to be regarded rather as grammatical than as
-philosophical difficulties ... All the disputes concerning the identity
-of connected objects are merely verbal.«
-
-($S. 198, Z. 12 f.$) E. _Mach_, Die Analyse der Empfindungen und
-das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902,
-S. 2 ff, 6 f., 10 f., 18 ff., 29 f.
-
-($S. 199, Z. 12 f.$) Das _Idioplasma_ ist also wohl das von Alois
-_Höfler_, Psychologie, Wien und Prag 1897, S. 382, vermißte
-physiologische Äquivalent des _empirischen_ Ich.
-
-($S. 200, Z. 5 v. u.$) Die beiden Stellen aus _Sigwart_ in dessen
-Logik, I^2, Freiburg 1889, S. 182, 190.
-
-($S. 200, Z. 13.$) _Hegel_, Enzyklopädie der philosophischen
-Wissenschaften im Grundrisse, § 115 (Werke, vollständige Ausgabe, Bd.
-VI, S. 230 f., Berlin 1840): »Dieser Satz, statt ein wahres Denkgesetz
-zu sein, ist nichts als das Gesetz des _abstrakten Verstandes_. Die
-_Form des Satzes_ widerspricht ihm schon selbst, da ein Satz auch
-einen Unterschied zwischen Subjekt und Prädikat verspricht, dieser
-aber das nicht leistet, was seine Form fordert ... Wenn man behauptet,
-dieser Satz könne nicht bewiesen werden, aber _jedes_ Bewußtsein
-verfahre danach, und stimmt ihm nach der Erfahrung sogleich zu, wie
-es ihn vernehme, so ist dieser angeblichen Erfahrung der Schule die
-allgemeine Erfahrung entgegenzusetzen, daß kein Bewußtseyn nach diesem
-Gesetze denkt, noch Vorstellungen hat u. s. f., noch spricht, daß keine
-Existenz, welcher Art sie sey, nach demselben existiert. Das Sprechen
-nach diesem seynsollenden Gesetze der Wahrheit (ein Planet ist -- ein
-Planet, der Magnetismus ist -- der Magnetismus, der Geist ist -- ein
-Geist) gilt mit vollem Recht für albern; dies ist wohl allgemeine
-Erfahrung.«
-
-($S. 200, Z. 18 f.$) Vgl. hiezu Hermann _Cohen_, System der
-Philosophie, I. Teil, Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902, S. 79:
-»Man sagt, diese Identität bedeute nichts als Tautologie. Das Wort,
-durch welches der Vorwurf bezeichnet wird, verrät die Unterschlagung
-des Prinzipes. Freilich bedeutet die Identität Tautologie: nämlich
-dadurch, daß durch Dasselbe (ταὐτό) das Denken zum Logos wird. Und so
-erklärt es sich, daß vorzugsweise, _ja ausschließlich die Identität als
-Denkgesetz stabiliert wurde._«
-
-($S. 201, Z. 16 f.$) Mit Heinrich _Gomperz_, Zur Psychologie der
-logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien 1897, S. 21 f., ist meine
-Darstellung an diesem Punkte vollkommen einer Ansicht. Er sagt: »....
-die wissenschaftlichen Begriffe bilden überall keinen Gegenstand
-der Psychologie, d. h. der psychologischen Erfahrung ...... Wir
-gelangen zu solchen Begriffen durch eine eigene Methode, nämlich
-durch Synthese, wie wir zu den Naturgesetzen durch die Methode der
-Induktion vorschreiten, und verwerten diese Begriffe durch Analyse wie
-jene Gesetze durch Deduktion. Und deshalb gibt es eine Psychologie
-des wissenschaftlichen Säugetierbegriffes ebensowenig wie eine
-Psychologie des wissenschaftlichen Gravitationsgesetzes. Daß wir diese
-Gesetzmäßigkeiten durch eigene Worte -- Säugetier und Gravitation --
-bezeichnen, kann hieran nichts ändern. Denn diese Worte bezeichnen
-lediglich äußere, wenn auch ideelle Dinge. Diese sind Gegenstände,
-nicht Elemente oder überhaupt Bestandteile des Denkens.«
-
-($S. 202, Z. 19.$) Die Stelle aus _Kant_: Kritik der reinen Vernunft,
-S. 145, Kehrbach. -- Zur Lösung des von Kant bezeichneten Rätsels
-glaube ich hier und auf S. 244-251 ein Weniges beigetragen zu haben.
-
-($S. 202, Z. 11 v. u.$) Was ich unter _Essenz_ meine, deckt sich also
-ziemlich mit dem aristotelischen τὸ τί ἦν εἶναι. Der Begriff ist auch
-für _Aristoteles_ an einer Stelle λόγος τί ἦν εἶναι λέγων (Eth. Nicom.
-II, 6, 1107 a 6).
-
-($S. 203, Z. 7 v. u.$). Vgl. _Schelling_, System des transcendentalen
-Idealismus, Werke I/3, S. 362: »In dem Urteil A = A wird ganz von dem
-Inhalte des Subjektes A abstrahiert. Ob A _Realität_ hat oder nicht,
-ist für dieses Wissen ganz gleichgültig.« »Der Satz ist evident und
-gewiß, ganz abgesehen davon, ob A etwas wirklich Existierendes oder
-bloß Eingebildetes oder selbst unmöglich ist.«
-
-($S. 204, Z. 3 v. o.$) John Stuart _Mill_, System der deduktiven
-und induktiven Logik, Eine Darlegung der Grundsätze der Beweislehre
-und der Methoden wissenschaftlicher Forschung, Buch II, Kapitel 7,
-§ 5, 2. Aufl., übersetzt von Theodor Gomperz, Leipzig 1884, Bd.
-I (Gesammelte Werke, Bd. II), S. 326: »Ich erkenne im principium
-contradictionis, wie in anderen Axiomen eine unserer frühesten
-und naheliegendsten Verallgemeinerungen aus der Erfahrung. Ihre
-ursprüngliche Grundlage finde ich darin, daß Glaube und Unglaube zwei
-verschiedene Geisteszustände sind, die einander ausschließen. Dies
-erkennen wir aus der einfachsten Beobachtung unseres eigenen Geistes.
-Und richten wir unsere Beobachtung nach außen, so finden wir auch hier,
-daß Licht und Dunkel, Schall und Stille, Bewegung und Ruhe, Gleichheit
-und Ungleichheit, Vorangehen und Nachfolgen, Aufeinanderfolge und
-Gleichzeitigkeit, kurz jedes positive Phänomen und seine Verneinung
-unterschiedene Phänomene sind, im Verhältnis eines zugespitzten
-Gegensatzes, und die eine immer dort abwesend, wo die andere anwesend
-ist. Ich betrachte das fragliche Axiom als eine Verallgemeinerung aus
-all diesen Tatsachen.«
-
-Von der Flachheit dieser Auseinandersetzung will ich schweigen; denn
-daß John St. Mill unter den berühmten Flachköpfen des XIX. Jahrhunderts
-der flachste ist, das kann wie eine identische Gleichung ausgesprochen
-werden. Aber man vermag auch nicht leicht falscher und leichtsinniger
-zu argumentieren, als es hier von Mill geschehen ist. Für diesen
-Mann ist Kant vergebens auf der Welt erschienen; er hat sich nicht
-einmal dies klar gemacht, daß dem Satze A = A nie eine Erfahrung
-widersprechen kann, und daß wir dies mit absoluter Sicherheit von
-Rechts wegen behaupten dürfen, während alle Induktion nie imstande ist,
-Sätze von solchem Gewißheitsgrade zu liefern. -- Außerdem verwechselt
-Mill hier den konträren mit dem kontradiktorischen Gegensatz. -- Die
-vielen verständnislosen Beschimpfungen des Identitätsprinzipes seien
-übergangen.
-
-($S. 205, Z. 18.$) Johann Gottlieb _Fichte_, Grundlage der gesamten
-Wissenschaftslehre, Leipzig 1794, S. 5 ff. (sämtliche Werke
-herausgegeben von J. H. Fichte, Erste Abteilung, Bd. I, Berlin 1845,
-S. 92 ff.):
-
-»1. Den Satz _A ist A_ (soviel als A = A, denn das ist die Bedeutung
-der logischen Copula) gibt jeder zu; und zwar ohne sich im geringsten
-darüber zu bedenken: man erkennt ihn für völlig gewiß und ausgemacht an.
-
-Wenn aber jemand einen Beweis desselben fordern sollte, so würde man
-sich auf einen solchen Beweis gar nicht einlassen, sondern behaupten,
-jener Satz sey schlechthin, d. i. _ohne allen weiteren Grund_, gewiß:
-und indem man dieses, ohne Zweifel mit allgemeiner Beistimmung, thut,
-schreibt man sich das Vermögen zu, _etwas schlechthin zu setzen_.
-
-2. Man setzt durch die Behauptung, daß obiger Satz an sich gewiß sey,
-
-_nicht_, daß A _sey_. Der Satz: _A ist A_ ist gar nicht gleichbedeutend
-dem: _A ist_, oder: _es ist ein A_. (_Seyn_, ohne Prädikat gesetzt,
-drückt etwas ganz anderes aus, als seyn mit einem Prädikate .......)
-Man nehme an, A bedeute einen in zwei gerade Linien eingeschlossenen
-Raum, so bleibt jener Satz immer richtig; obgleich der Satz: _A ist_,
-offenbar falsch wäre. Sondern
-
-man setzt: _wenn_ A sey, _so_ sey A. Mithin ist davon, _ob_ überhaupt
-A sey oder nicht, gar nicht die Frage. Es ist nicht die Frage vom
-_Gehalte_ des Satzes, sondern bloß von seiner _Form_; nicht von dem,
-_wovon_ man etwas weiß, sondern von dem, _was_ man weiß, von irgend
-einem Gegenstande, welcher es auch seyn möge.
-
-Mithin wird durch die Behauptung, daß der obige Satz schlechthin gewiß
-sey, _das_ festgesetzt, daß zwischen jenem _Wenn_ und diesem _So_
-ein nothwendiger Zusammenhang sey; und der _nothwendige Zusammenhang
-zwischen beiden_ ist es, der schlechthin und _ohne allen Grund_ gesetzt
-wird. Ich nenne diesen notwendigen Zusammenhang vorläufig = X.
-
-3. In Rücksicht auf A selbst aber, _ob_ es sey oder nicht, ist dadurch
-noch nichts gesetzt. Es entsteht also die Frage: unter welcher
-Bedingung _ist_ denn A?
-
-~a~) X wenigstens ist _im_ Ich und _durch_ das Ich gesetzt -- denn
-das Ich ist es, welches im obigen Satze urtheilt, und zwar nach X
-als einem Gesetze urtheilt, welches mithin dem Ich gegeben, und da es
-schlechthin und ohne allen weiteren Grund aufgestellt wird, dem Ich
-durch das Ich selbst gegeben seyn muß.
-
-~b~) _Ob_ und _wie_ A überhaupt gesetzt sey, wissen wir nicht; aber
-da X einen Zusammenhang zwischen einem unbekannten Setzen des A, und
-einem unter der Bedingung jenes Setzens absoluten Setzen desselben
-A bezeichnen soll, so ist, _wenigstens insofern jener_ Zusammenhang
-gesetzt wird, A $in$ dem Ich und _durch_ das Ich gesetzt, so wie X;
-X ist nur in Beziehung auf ein A möglich; nun ist X im Ich wirklich
-gesetzt; mithin muß auch A im Ich gesetzt sein, insofern X darauf
-bezogen wird.
-
-~c~) X bezieht sich auf dasjenige A, welches im obigen Satze die
-logische Stelle einnimmt, ebenso wie auf dasjenige, welches für das des
-Prädikats steht; denn beide werden durch X vereinigt. Beide also sind,
-insofern sie gesetzt sind, im Ich gesetzt; und der obige Satz läßt sich
-demnach auch so ausdrücken: Wenn A _im_ Ich gesetzt ist, so _ist es
-gesetzt_; oder -- so _ist_ es.
-
-4. Es wird demnach durch das X vermittelst X gesetzt: _A sey für das
-urteilende Ich schlechthin und lediglich kraft seines Gesetztseyns im
-Ich überhaupt_; das heißt: es wird gesetzt, daß im Ich -- es sey nun
-insbesondere setzend oder urtheilend oder was es auch sey -- etwas
-sey, das sich stets gleich, stets Ein und ebendasselbe sey; und das
-schlechthin gesetzte Ich läßt sich auch so ausdrücken: _Ich = Ich_; Ich
-bin Ich.
-
-5. Durch diese Operation sind wir schon unvermerkt zu dem Satze: _Ich
-bin_ (zwar nicht als Ausdruck einer _Thathandlung_, aber doch einer
-_Thatsache_) angekommen. Denn
-
-X ist schlechthin gesetzt; das ist Thatsache des empirischen
-Bewußtseyns. Nun ist X gleich dem Satze: Ich bin Ich; mithin ist auch
-dieser schlechthin gesetzt.
-
-Aber der Satz: Ich bin Ich, hat eine ganz andere Bedeutung als der Satz
-A = A. -- Nämlich der letztere hat nur unter einer gewissen Bedingung
-einen Gehalt. Wenn A gesetzt ist, so ist es freilich _als_ A, mit
-dem Prädicate A gesetzt. Es ist aber durch jenen Satz noch gar nicht
-ausgemacht, _ob_ es überhaupt gesetzt, mithin, ob es mit irgend einem
-Prädicate gesetzt sey. Der Satz: Ich bin Ich, aber gilt unbedingt und
-schlechthin, denn er ist gleich dem Satze X: er gilt nicht nur der
-Form, er gilt auch seinem Gehalte nach. In ihm ist das Ich, nicht unter
-Bedingung, sondern schlechthin, mit dem Prädicate der Gleichheit mit
-sich selbst gesetzt; es ist also gesetzt; und der Satz läßt sich auch
-ausdrücken: _Ich bin._«
-
-Dieser Fichtesche Beweis ist verfehlt; denn er findet, obwohl er es
-anfänglich in Abrede stellt, im Satze selbst das Sein desselben A,
-von dem A = A behauptet wird, schon enthalten. Der Beweis, den ich
-selbst im Texte versucht habe, ist auch ungenügend und beruht auf
-einer unzulässigen Äquivokation, die in der Anmerkung S. 204 berichtigt
-ist. Meine Anschauungen hierüber haben sich während der Drucklegung
-des Buches geändert. Ich glaube jetzt, daß es aussichtslos ist, mit
-_Fichte_ und _Schelling_ aus dem Satze das Ich herauszulesen; was aber
-sehr wohl in ihm zum Ausdruck kommt, ist das _Sein_, das absolute,
-hyperempirische, gar nicht im geringsten mehr zufällige, sondern das an
-sich seiende _Sein_. Der Beweis gestaltet sich dann kurz so: es _ist_
-etwas (nämlich das Gleichheitszeichen, das X _Fichtes_), gleichgültig,
-ob sonst etwas ist oder nicht. Es besteht und gilt mindestens das Sein
-A = A, unabhängig von jedem besonderen A, und ob ein solches A selbst
-nun sei oder nicht. Und insofern die Frau diesen Satz nicht anerkannt,
-insofern _ist_ sie nicht. Auch in dieser Form bleibt der Satz von der
-größten Tragweite für das zwölfte Kapitel, wo die Seelenlosigkeit der
-Frau in einen weiteren Zusammenhang aufgenommen wird (S. 378 ff.).
-
-($S. 206, Z. 15.$) Über die Reue vgl. _Kant_, Kritik der praktischen
-Vernunft, S. 218 ff. (ed. Kehrbach).
-
-($S. 207, Z. 18.$) Kritik der praktischen Vernunft, S. 105, Kehrbach.
-
-($S. 208, Z. 10.$) _Ibsens_ _Brand_ antwortet den Fragenden (fünfter
-Aufzug):
-
- »_Wie lang das Streiten währen wird?_
- Es währt bis an des Lebens Ende,
- Bis alle Opfer ihr gebracht,
- Bis ihr vom Pakt euch frei gemacht,
- Bis ihr es wollt, wollt unbeirrt;
- Bis jeder Zweifel schwindet, nichts
- Euch trennt vom: alles oder nichts.
- _Und eure Opfer?_ -- Alle Götzen,
- Die euch den ew'gen Gott ersetzen;
- Die blanken gold'nen Sklavenketten,
- Samt eurer schlaffen Trägheit Betten. --
- _Der Siegespreis?_ -- Des Willens Einheit,
- Des Glaubens Schwung, der Seelen Reinheit;
- Die Freudigkeit, die euch durchschauert,
- Die alles opfert, überdauert;
- Um eure Stirn die Dornenkrone:
- Seht, das erhaltet ihr zum Lohne.«
-
-($S. 208, Z. 12 f.$) Friedrich _Hebbels_ sämtliche Werke, herausgegeben
-von Hermann _Krumm_, Bd. I, S. 214.
-
-($S. 209, Z. 7 f.$) _Kant_, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht,
-§ 87 (S. 216, ed. Kirchmann): »Der Mensch, der sich eines Charakters
-in seiner Denkungsart bewußt ist, hat ihn nicht von der Natur, sondern
-muß ihn jederzeit _erworben_ haben. Man kann auch annehmen, daß
-die Gründung desselben gleich einer Art Wiedergeburt, eine gewisse
-Feierlichkeit der Angelobung, die er sich selbst tut, sie und den
-Zeitpunkt, da diese Umwandlung in ihm vorging, gleich einer neuen
-Epoche ihm unvergeßlich mache.«
-
-($S. 209, Z. 16 ff.$) _Kant_, Kritik der praktischen Vernunft,
-S. 193 f., Kehrbach.
-
-($S. 210, Z. 20 ff.$) Vgl. _Kant_, Grundlegung zur Metaphysik der
-Sitten, dritter Abschnitt, wo die so einfachen und doch so tiefen
-Worte stehen (S. 75, ed. Kirchmann): »Die Naturnotwendigkeit war eine
-Heteronomie der wirkenden Ursachen; denn jede Wirkung war nur nach dem
-Gesetze möglich, daß etwas anderes die wirkende Ursache zur Kausalität
-bestimmte; was kann denn wohl die Freiheit des Willens sonst sein
-als Autonomie, d. i. die Eigenschaft des Willens, sich selbst ein
-Gesetz zu sein? Der Satz aber: der Wille ist in allen Handlungen sich
-selbst ein Gesetz, bezeichnet nur das Prinzip, nach keiner anderen
-Maxime zu handeln, als die sich selbst auch als ein allgemeines Gesetz
-zum Gegenstande haben kann. Dies ist aber gerade die Formel des
-kategorischen Imperativs und das Prinzip der Sittlichkeit; also ist ein
-freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei.«
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 8.
-
-
-($S. 212, Z. 3 ff.$) Die Stelle aus der »Großen Wald-Upanishad« (1,
-4, 1) nach Paul _Deussens_ Übersetzung (Sechzig Upanishads des Veda,
-Leipzig 1897, S. 392 f.).
-
-($S. 214, Z. 10 ff.$) Die folgenden Citate aus _Jean Pauls_ Werken,
-Hempelsche Ausgabe, XLVIII. Teil, S. 328. -- _Novalis_ Schriften, von
-Schlegel und Tieck, II. Teil, Wien 1820, S. 143 f. -- _Schellings_
-Werke, I/1, S. 318 f.
-
-($S. 220, Z. 13 v. u. ff.$) Durch diese Bemerkung hoffe ich zur
-Verdeutlichung dessen beizutragen, was Wilhelm _Dilthey_, ohne
-recht verstanden worden zu sein, als den Grundunterschied zwischen
-psychischem und physischem Geschehen aufgedeckt hat (z. B. Beiträge zum
-Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, S. 296):
-»Darin, daß der Zusammenhang im Seelenleben primär gegeben ist, besteht
-der Grundunterschied der psychologischen Erkenntnis vom Naturerkennen,
-und da liegt also auch die erste und fundamentale Eigentümlichkeit der
-Geisteswissenschaften. Da im Gebiete der äußeren Erscheinungen nur
-Neben- und Nacheinander in die Erfahrung fällt, könnte der Gedanke
-von Zusammenhang nicht entstehen, wäre er nicht in der eigenen
-zusammenhängenden Einheitlichkeit gegeben.«
-
-($S. 222, Z. 18.$) Der bewußte Zusammenhang mit dem All, die Bewußtheit
-des Mikrokosmus, die den genialen Menschen konstituiert, reicht
-vielleicht auch zur Erklärung der Tatsache aus, daß wenn nicht alle,
-so doch gewiß die meisten Genies telepathische Erlebnisse und Visionen
-kennen und erfahren. _Die geniale Individualität hat etwas vom
-Hellseher._ Im Text wollte ich diese Dinge hier nicht berühren, weil
-heute, wer die Telepathie für möglich hält, einem Obskuranten gleich
-geachtet wird. Auch die Offenbarungen Sterbender reihen sich diesem
-Zusammenhange wohl ein: der Sterbende gewinnt eine tiefere Vereinigung
-mit dem All, als es dem Lebenden möglich war, und kann deshalb den
-Fernstehenden in der Todesstunde erscheinen, auf ihr Denken und Träumen
-einen Einfluß gewinnen.
-
-($S. 222, Z. 19 v. u. ff.$) Der Gedanke des Mikrokosmus liegt natürlich
-auch der Schöpfungsgeschichte der Genesis zu Grunde, als welche den
-Menschen das Ebenbild Gottes sein läßt.
-
-Naturgemäß findet sich dieselbe Konzeption auch bei den _Indern_.
-Bṛihadâraṇyaka-Upanishad 4, 4, 5 (_Deussen_, Sechzig Upanishaden des
-Veda, Leipzig 1897, S. 476): »Wahrlich, dieses Selbst ist das Brahman,
-bestehend aus Erkenntnis, aus Leben, aus Auge, aus Ohr, bestehend aus
-Erde, aus Wasser, aus Wind, aus Äther; bestehend aus Feuer und nicht
-aus Feuer, aus Lust und nicht aus Lust, aus Zorn und nicht aus Zorn,
-aus Gerechtigkeit und nicht aus Gerechtigkeit, _bestehend aus allem_.«
-Chândogya-Upanishad 3, 14, 2 f. (a. a. O., S. 109): »Geist ist sein
-[des Menschen] Stoff, Leben sein Leib, Licht seine Gestalt; sein
-Ratschluß ist Wahrheit, _sein Selbst die Unendlichkeit_. Allwirkend
-ist er, allwünschend, allriechend, allschmeckend, das All umfassend,
-schweigend, unbekümmert; --
-
-dieser ist meine Seele im inneren Herzen, kleiner als ein Reiskorn oder
-Gerstenkorn oder Senfkorn oder Hirsekorn oder eines Hirsekornes Kern; --
-
-dieser ist meine Seele im inneren Herzen, größer als die Erde, größer
-als der Luftraum, größer als der Himmel, größer als diese Welten.
-
-Der Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, das
-All Umfassende, Schweigende, Unbekümmerte, dieser ist meine Seele im
-inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu ihm werde ich, von hier
-abscheidend, eingehen. -- Wem dieses ward, fürwahr, der zweifelt nicht!«
-
-_Plato_ lehrt zuerst im Menon (81 c): »ἁτε οὖν ἡ ψυχὴ ἀθάνατός τε οὖσα
-καὶ πολλάκις γεγονυῖα καὶ ἑωρακυῖα καὶ τὰ ἐνθάδε _καὶ πάντα χρήματα_,
-οὐκ ἔστιν ὅ τι οὐ μεμάθηκεν ... ἁτε γὰρ _τῆς φύσεως ἁπάσης συγγενοῦς
-οὔσης καὶ μεμαθηκυίας τῆς ψυχῆς ἅπαντα_ οὐδὲν κωλύει ... πάντα ...
-ἀνευρεῖν.« Anklänge finden sich auch im Philebos (29 a ff.), z. B.:
-»Τρέφεται καὶ γιγνεται καὶ ἄρχεται τό τοῦ παντὸς πὑρ ὑπὸ τοῦ παρ' ἡμων
-πυρός, ή τούναντίον ύπ' έκείνου τό τ' ἐμόν καὶ τό σόν καὶ τό τών άλλων
-ζώων ἅπαντ ἴσχει ταῦτα.« Deutlicher _Aristoteles_, De anima III,
-8, 431 b 21: »ἡ ψυχὴ τὰ ὄντα πώς ἐστι πάντα.« Vgl. Ludwig _Stein_,
-Die Psychologie der Stoa, Bd. I: Metaphysisch-anthropologischer
-Teil (Berliner Studien für klassische Philologie und Archäologie,
-Bd. III, 1. Heft, Berlin 1886), S. 206: »Bei Aristoteles hat man es
-bereits mit einem deutlichen Hinweis auf den Mikrokosmus zu tun. Ja
-man wird nicht fehl gehen, wenn man selbst diesen Terminus auf den
-Stagiriten zurückführt« (Aristot. Physika, VIII^2, 252 b 24: »εἰ
-δ'ἐν ζώω τοΰτο δυνατὸν γενέσθαι, τί κωλύει τὸ αὐτὸ συμβῆναι καὶ κατὰ
-τὸ πᾶν; εἰ γὰρ ἐν _μικρῷ κόσμῳ_ γίνεται, καὶ ἐν _μεγάλῳ_ ...), wenn
-auch der Begriff älter sein mag.« S. 214: »In der Stoa tritt uns zum
-ersten Male ein klar ausgesprochener, scharf gezeichneter und kühn
-ausgebauter Mikrokosmos entgegen.« Weiteres über die Geschichte des
-Mikrokosmusgedankens (z. B. bei _Philo_) bei Stein a. a. O. Auch
-bei _Augustinus_ findet er sich nach _Überweg-Heinze_, Grundriß der
-Geschichte der Philosophie, II^8, 128. _Pico de Mirandolas_ Anschauung
-ist von mir ausführlich wiedergegeben S. 237 f. Vgl. auch Rudolf
-_Eisler_, Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke, Berlin
-1901 sub verbo und Rudolf _Eucken_, Die Grundbegriffe der Gegenwart,
-historisch und kritisch entwickelt. 2. Aufl., Leipzig 1893, S. 188 f.
-
-($S. 223, Z. 14 v. u. ff.$) _Empedokles_ bei Aristoteles Metaphysik,
-1000 b, 6. -- _Plotinus_ Enneades I, 6, 9. -- Übrigens steht auch bei
-_Plato_ Rep. 508 b: »ἀλλ' [ὄμμα] ἡλιοειδέστατόν γε, οἶμαι, τῶν περὶ τὰς
-αἰσθήσεως ὀργάνων.«
-
-($S. 223, Z. 17.$) In _Kantens_ Ethik wird wohl nichts so wenig
-verstanden wie die Forderung, nach einer allgemeinsten Maxime zu
-handeln. Man glaubt noch immer, hierin etwas Soziales erblicken zu
-müssen, die _Büchner_sche Ethik (»Was Du nicht willst, daß man Dir tu«
-u. s. w.), eine Anleitung für ein Strafgesetzbuch. Die Allgemeinheit
-des kategorischen Imperatives drückt nur die Metaphysik transcendental
-aus, welche nach _Cicero_ (De natura deorum II, 14, 37) der große
-Stoiker _Chrysippos_ gelehrt hat: »... Cetera omnia aliorum causa esse
-generata, ut eos fruges atque fructus quos terra gignat, animantium
-causa, animantes autem hominum, ut equum vehendi causa, arandi bovem,
-venandi et custodiendi canem. Ipse autem homo ortus est ad mundum
-contemplandum _et imitandum_ ...«
-
-($S. 224, Z. 13 v. u.$) Vielleicht sind die drei Probleme, an denen am
-schnellsten offenbar wird, wie weit die Tiefe eines Menschen reicht,
-das Problem der Religion, das Problem der Kunst und das Problem der
-Freiheit -- alle drei im Grunde doch das eine Problem des Seins.
-Die Form aber, in welcher dieses eine Problem von den wenigsten
-verstanden wird, ist das Problem der Freiheit. Den niedrigsten Menschen
-ist der »Indeterminismus«, den mittelmäßigen der »Determinismus«
-selbstverständlich; daß hier der Dualismus am intensivsten sich
-offenbart, wie selten wird das begriffen!
-
-Die tiefsten Denker der Menschheit haben sicherlich alle
-indeterministisch gedacht. _Goethe_, Dichtung und Wahrheit, IV. Teil,
-16. Buch (Bd. XXIV, S. 177, ed. Hesse): »Wo sich in den Thieren
-etwas Vernunftähnliches hervorthut, so können wir uns von unserer
-Verwunderung nicht erholen, denn ob sie uns gleich so nahe stehen,
-so scheinen sie doch durch eine unendliche Kluft von uns getrennt
-und in das Reich der Nothwendigkeit verwiesen.« Durch dieselbe Kluft
-aber scheidet sich Goethe von der »modernen Weltanschauung« und der
-»Entwicklungslehre«.
-
-So auch _Dante_, Paradiso, Canto V, V. 19-24:
-
- »Lo maggior don, che Dio per sua larghezza
- Fesse creando, ed alla sua bontate
- Più conformato, e quel ch'ei più apprezza
- Fu della volontà la libertate,
- Di che le creature intelligenti
- E tutte e sole fûro e son dotate.«
-
-So läßt schon _Platon_, die _Schelling-Schopenhauer_sche Lehre von der
-Willensfreiheit antizipierend (wie es überhaupt keinen philosophischen
-Gedanken gibt, der sich bei ihm nicht fände) in seinem »Staat« (X,
-617, D E) die Parze Lachesis sagen: »Ψυχαὶ ἐφήμεροι ... οὐχ ὑμᾶς
-δαίμων λήξεται, ἀλλ' ὑμεῖς δαιμονα αἱρήσεσθε ... αιτια ἑλομενου · θεὸς
-ἀναίτιος.« Und so alle Größten, _Kant_, _Augustinus_, Richard _Wagner_
-(»Siegfried«, III. Akt: Wotan und Erda).
-
-($S. 226, Z. 2 v. u.$) _Carlyle_: On Heroes etc., an mehreren Orten,
-besonders S. 116 (ed. Chapman and Hall, London). Ganze und lautere
-Wahrheit ist, was er sagt: »_The merit of originality is not novelty;
-it is sincerity._«
-
-($S. 232. Z. 1 f.$) Pensées de Blaise _Pascal_, Paris 1841, S. 184
-(Partie I, Article X, 1).
-
-($S. 234, Z. 10 v. u.$) Ich vermöchte für das, was ich über das
-eigenartige Verhalten begabterer Menschen in Gesellschaft anderer
-bemerkt habe, kein besseres Zeugnis anzuführen als das hochinteressante
-Bekenntnis des auf dem Kontinent verhältnismäßig wenig gewürdigten
-englischen Dichters John _Keats_. Obwohl es mit besonderer Rücksicht
-auf den Dichter ausgesprochen ist, gilt es mit einigen leicht
-wahrzunehmenden Modifikationen vom Künstler, ja vom Genius überhaupt.
-Keats schreibt an seinen Freund Richard _Woodhouse_ am 27. Oktober 1818
-(The poetical works and other writings of John Keats, edited by Harry
-Buxton Forman, Vol. III, London 1883, p. 233 f.): »As to the poetical
-character itself (I mean that sort, of which, if I am anything, I am a
-member; that sort distinguished from the Wordsworthian or egotistical
-sublime, which is a thing per se, and stands alone), it is not itself
--- it has no self -- it is everything and nothing -- it has no
-character -- it enjoys light and shade -- it lives in gusto, be it foul
-or fair, high or low, rich or poor, mean or elevated -- it has as much
-delight in conceiving a Jago or an Imogen. What shocks the virtuous
-philosopher delights the cameleon poet. It does no harm from its relish
-of the dark side of things, any more than from its taste for the
-bright one, because they both end in speculation. _A poet is the most
-unpoetical of anything in existence_, because he has no identity: he is
-continually in for, and filling, some other body. The sun, the moon,
-the sea and men and women, who are creatures of impulse, are poetical
-and have about them an unchangeable attribute; the poet has none. He
-is certainly the most unpoetical of all God's creatures. If then, he
-has no self[105], and if I am a poet, where is the wonder that I should
-say I would write no more? Might I not that very instant have been
-cogitating on the character of Saturn and Ops? It is a wretched thing
-to confess, but it is a very fact, that not one word I ever utter can
-be taken for granted as an opinion growing out of my identical nature.
-How can it, when I have no nature? When I am in a room with people,
-if I ever am free from speculating on creations of my brain, then not
-myself goes home to myself, _but the identity of everyone in the room
-begins to press upon me, so that I am in a very little time annihilated
--- not only among men; it would be the same in a nursery of children_
-...«
-
-($S. 233, Z. 4 v. u. f.$) _Mach_, Die Analyse der Empfindungen
-u. s. w., 3. Aufl. 1902, S. 19.
-
-($S. 235, Z. 2 v. u.$) Gesammelte Schriften und Dichtungen von Richard
-_Wagner_, Leipzig 1898, Bd. VI, S. 249.
-
-($S. 236, Z. 1 ff.$) So sagt J. B. _Meyer_, Genie und Talent, Eine
-psychologische Betrachtung, Zeitschrift für Völkerpsychologie und
-Sprachwissenschaft, 1880, XI, S. 289: »Cesare Borgia, Ludwig XI. von
-Frankreich, Richard III. waren geniale Bösewichter, und in der Reihe
-der Schwindler findet sich manches Genie« -- und gibt damit durchaus
-der populären Meinung Ausdruck.
-
-($S. 237, Z. 20 v. u.$) _Sophokles_ Aias Vers 553.
-
-($S. 237, Z. 14 v. u. ff.$) _Joannis Pici Mirandulae Concordiaeque
-Comitis_ ... Opera quae extant omnia Basileae Per Sebastianum
-Henricepetri, 1601, Vol. I, p. 207-219: »De hominis dignitate oratio.«
-Die citierte Stelle p. 208. -- Mirandola lebte nur von 1463-1494. --
-»Supremi spiritus« sind die Engel und die Teufel, die (»paulo mox«)
-gefallenen Engel. -- Als denjenigen Menschen, der mit dem Lose keines
-Einzelgeschöpfes sich begnügt, hat man eben den Genius anzusehen; wenn
-das Genie das Göttliche im Menschen ist, so wird der Mensch, der ganz
-Genius wird, Gott gleich.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 9.
-
-
-($S. 240, Z. 10 f.$) Theodor _Waitz_, Anthropologie der Naturvölker,
-Erster Teil. Leipzig 1859, S. 380: »Haben ältere christliche
-Autoritäten an der Ehe nur die sinnliche Seite gesehen und ernstlich
-bezweifelt, ob auch die Weiber eine Seele besitzen, so können wir uns
-nicht darüber wundern, daß ihnen von Chinesen, Indern, Muhammedanern
-eine solche geradezu abgesprochen wird. Wird der Chinese nach seinen
-Kindern gefragt, so zählt er nur die Knaben als solche; hat er nur
-Mädchen, so sagt er, er habe keine Kinder (_Duhaut-Cilly_, Voyage
-autour du monde, 1834, II, 369).«
-
-($S. 240, Z. 19.$) _Aristoteles_: De gener. animalium I, 2, 716 a 4:
-τῆς γενέσεως ἀρχὰς ἄν τις οὐχ ἥκιστα θείη τὸ θῆλυ καὶ τὸ ἄρρεν, τὸ μὲν
-ἄρρεν ὡς τῆς κινήσεως καὶ τῆς γενέσεως ἔχον τὴν ἀρχήν, τὸ δὲ θῆλυ ὡς
-ὕλης. I 20, 729 a 9: τὸ μὲν ἄρρεν παρέχεται τό τε εἶδος καὶ τὴν ἀρχὴν
-τῆς κινήσεως, τὸ δὲ θῆλυ τὸ σῶμα καὶ τὴν ὕλην. 729 a 29: τὸ ἄρρεν ἐστὶν
-ὡς κινοῦν, τὸ δὲ θῆλυ, ᾗ θῆλυ, ὡς παθητικόν. II, 1, 732 a 3: βέλτιον
-γὰρ καὶ θειότερον ἡ ἀρχὴ τῆς κινήσεως, ᾗ ἄρρεν ὑπάρχει τοῖς γινομένοις.
-ὕλη δὲ τὸ θῆλυ.. II, 4, 738 b 25: ἀεὶ δὲ παρέχει τὸ μὲν θῆλυ τῆν ὕλην,
-τὸ δὲ ἄρρεν τὸ δημιουργοῦν. ἔστι τὸ μὲν σῶμα ὲκ τοῦ θήλεος, ἡ δὲ ψυχὴ
-ἐκ τοῦ ἄρρενος. Vgl. noch I, 21, 729 b 1 und 730 a 25. II, 3, 737, a
-29. 740 b 12-25. Metaphysik, V, 28, 1024 a 34. IX, 1057 a 31 f. I,
-6, 988 a 2 f. erläutert er nach demselben Prinzipe, warum der Mann
-mehr Kinder zeugen könne als die Frau: ὁἱ μὲν γὰρ ἐκ τῆς ὕλης πολλὰ
-ποιοῦσιν, τὸ δ' εἶδος ἅπαξ γεννᾷ μόνον, φαίνεται δ' ἐκ μιᾶς ὕλης μία
-τράπεζα, ὁ δὲ τὸ εἶδος ἐπιφέρων εἷς ὢν πολλὰς ποιεῖ. ὁμοίως δ' ἔχει
-καὶ τὸ ἄρρεν πρὸς τὸ θῆλυ· τὸ μὲν γὰρ ὑπὸ μιᾶς πληροῦται ὀχείας, τὸ δ'
-ἄρρεν πολλὰ πληροῖ· καίτοι ταῦτα μιμήματα τῶν ἀρχῶν ἐκείνων ἐστίν.
-
-Vergleiche über diese Lehre des Aristoteles: J. B. _Meyer_, Aristoteles
-Tierkunde, Berlin 1855, S. 454 f.; Hermann _Siebeck_, Aristoteles,
-Stuttgart 1899 (Frommanns Klassiker der Philosophie, Bd. VIII), S. 69;
-Eduard _Zeller_, Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen
-Entwicklung, II/2. Leipzig 1879, 3. Aufl., S. 325 und 525 f.;
-_Überweg-Heinze_, Grundriß der Geschichte der Philosophie, I^9, Berlin
-1903, S. 259; J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung der
-Gynaikokratie der alten Welt, Stuttgart 1861, S. 164-168. -- Speziell
-über die aristotelische Zeugungstheorie, ihr Verhältnis zu den früheren
-und den modernen Ansichten handelt Wilhelm _His_, Die Theorien der
-geschlechtlichen Zeugung, Archiv für Anthropologie, Bd. IV, 1870,
-S. 202 bis 208.
-
-($S. 241, Z. 3 f.$) Jean _Wier_, Opera omnia, Amstelodami 1660, Liber
-IV, Caput 24. Aus der späteren Literatur wüßte ich nur noch _Oken_ zu
-nennen (Lehrbuch der Naturphilosophie, 3. Aufl., Zürich 1843, S. 387,
-Nr. 2958): »In der Paarung sind die männlichen Theile das Sinnesorgan,
-das weibliche nur der empfangende Mund. Eigentlich sind beide
-Sinnesorgane, aber jene das handelnde, diese das leidende« (ibid. Nr.
-2962). »Wenn auch männlicher Same wirklich zur Frucht miterstarrt, so
-ist es doch nicht seine Masse, die in der Frucht zur Betrachtung kommt,
-sondern nur seine polarisierende Kraft.«
-
-Die Absicht der Auseinandersetzungen des Textes geht nicht auf eine
-naturphilosophische Theorie der Zeugung, wie die von Aristoteles und
-Oken. Aber die Spekulation dieser Männer ging gedanklich ohne Zweifel
-von den geistigen Unterschieden der Geschlechter aus, und dehnte diese
-auch auf das Verhältnis der beiden Keime in der Befruchtung aus;
-deshalb darf ich sie hier wohl anführen.
-
-($S. 241, Z. 13 f.$) Vgl. Ausgewählte Werke von Friedrich Baron _de la
-Motte-Fouqué_, Ausgabe letzter Hand, Bd. XII, Halle 1841, S. 136 ff.
-
-($S. 243, Z. 12 f.$) Kantianer, die von dem Philosophen nur den
-Buchstaben fassen, werden das sicherlich in Abrede stellen; und es
-würde ihnen die Kantische Terminologie hiezu eine gewisse Handhabe
-bieten, nach welcher das transcendentale Subjekt das Subjekt des
-_Verstandes_, und der intelligible Charakter das Subjekt der
-_Vernunft_, die letztere aber, als das praktische Vermögen im
-Menschen, dem ersteren, als einem bloß theoretischen, übergeordnet
-ist. Doch kann ich mich auf Stellen berufen, wie in der Vorrede zur
-»Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (S. 8, ed. Kirchmann): »Teils
-erfordere ich zur Kritik einer reinen praktischen Vernunft, daß, wenn
-sie vollendet sein soll, _ihre Einheit mit der spekulativen in einem
-gemeinschaftlichen Prinzip_ zugleich müsse dargestellt werden können,
-_weil es doch am Ende nur eine und dieselbe Vernunft sein kann_, die
-bloß in der Anwendung unterschieden sein muß.« Ähnlich in der »Kritik
-der praktischen Vernunft«, S. 110, 118, 145 (ed. Kehrbach). Übrigens
-war es eben diese »Einheit des ganzen reinen Vernunftvermögens (des
-theoretischen sowohl als praktischen)«, welche _Kant_ens geplantes und
-nicht zustande gekommenes Hauptwerk »Der Transcendentalphilosophie
-höchster Standpunkt im System der Ideen: Gott, die Welt und der Mensch,
-oder System der reinen Philosophie in ihrem Zusammenhange« (vgl. Hans
-_Vaihinger_, Archiv für Geschichte der Philosophie, IV, S. 734 f.)
-darzustellen bestimmt war.
-
-An diesem Orte möchte ich noch folgendes bemerken:
-
-In der großen Literatur, welche sich mit dem Verhältnisse _Goethes_ zu
-_Kant_ beschäftigt, finde ich merkwürdigerweise die allerkantischeste
-Stelle im ganzen Goethe nicht erwähnt. Sie ist allerdings geschrieben,
-bevor Goethe noch irgend etwas von Kant gelesen hat, und ist auch
-weniger für sein Verhältnis zu dem konkreten Menschen Kant und zu
-dessen Büchern, als für Goethes Beziehung zur Kantischen Gedankenwelt
-charakteristisch. Sie findet sich in den noch in Frankfurt abgefaßten
-»Physiognomischen Fragmenten« (Erster Versuch, Drittes Fragment: Bd.
-XIV, S. 242 der Hesseschen Ausgabe) und lautet: »Die gütige Vorsehung
-hat jedem einen gewissen Trieb gegeben, so oder anders zu handeln,
-der denn auch einem jeden durch die Welt hilft. Eben dieser innere
-Trieb kombiniert auch mehr oder weniger die Erfahrungen, die der
-Mensch macht, ohne daß er sich dessen selbst bewußt ist.« Hierin ist
-deutlich die Identität des intelligiblen Wesens ausgesprochen, von dem
-einerseits die synthetische Einheit der Apperzeption ausgeht, und das
-anderseits das _frei_ wollende Noumenon ist.
-
-($S. 245, Z. 5 v. u. f.$) Eine der einfachsten und klarsten
-Auseinandersetzungen über diesen Sachverhalt rührt von Franz
-_Staudinger_ her, Identität und Apriori, Vierteljahrsschrift für
-wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889, S. 66 f.: »..... nicht bloß
-die heutige Wahrnehmung von der Sonne ist eine andere als die gestrige,
-die heutige Sonne selbst ist nicht mehr die, welche gestern leuchtete.
-Dennoch aber sage ich: die gestrige Sonne ist mit der heutigen eins.
-Das heißt aber nichts anderes, als daß ich einen fortlaufenden
-Zusammenhang des Gegenstandes selbst, auf den meine zeitlich durchaus
-getrennten Vorstellungen gehen, voraussetzen muß. Es ist eine objektive
-Existenz des Gegenstandes selber gedacht, die ganz unabhängig von der
-Zerstücktheit unseres Wahrnehmens bestehen soll. Diese Feststellung
-der Dauer des Gegenstandes selbst ist das wesentliche Moment, welches
-unsere Substanzvorstellung konstituiert. Das Rätsel, welches hierin
-liegt, daß wir von ganz getrennten Vorstellungen, die doch jedesmal,
-streng genommen, nur gegenwärtige Gegenstände bezeichnen, zu der
-Vorstellung des Zusammenhanges eines einzigen dauernden Gegenstandes
-übergehen, wird, obwohl es von _Kant_ klar erkannt worden ist, noch
-allzuwenig der Aufmerksamkeit gewürdigt. Ob es Kant gelöst hat, und wie
-es zu lösen sein mag, ist freilich eine Frage, welche den Ursprungsort
-der Erkenntniselemente betrifft ..... Wir müssen uns hier mit der
-Tatsache begnügen, daß wir gezwungen sind, solche Vorstellungen, die
-wir Wahrnehmungen nennen, auf einheitliche, mindestens von der ersten
-Wahrnehmung bis zur jetzigen dauernde Gegenstände zu beziehen.«
-
-Auch diese Schwierigkeit scheint vor der im Texte dargelegten
-Auffassung zu verschwinden oder wenigstens ihre Identität mit einer
-anderen, allerdings nicht minder großen, zu erweisen. A = A, das
-Prinzip der Begrifflichkeit und Gegenständlichkeit, ist psychologisch
-eine Negation der Zeit (wenn auch im rein logischen _Sinne_ des Satzes
-diese Beziehung auf die Zeit nicht liegt) und vermittelt insofern die
-Kontinuität des Objektes. Soweit aber in ihm das Sein des Subjektes
-zum Ausdrucke kommt, _setzt_ er die gleiche Kontinuität für das innere
-Leben, trotz der Vereinzelung der psychischen Erlebnisse, trotz
-der Bewußtseinsenge. Es ist also nur _ein_ Rätsel, die Frage nach
-der Kontinuität des Objektes dieselbe wie nach der Kontinuität des
-Subjektes.
-
-($S. 246, Z. 18 v. u.$) _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl.,
-Von der Synthesis der Rekognition im Begriffe (S. 119, Kehrbach).
-
-($S. 247, Z. 15.$) Vgl. besonders _Huxley_, Hume (English Men of
-Letters, edited by John Morley, No. 5, London 1881), p. 94 f.:
-
-»When several complex impressions which are more or less different from
-one another -- let us say that out of ten impressions in each, six
-are the same in all, and four are different from all the rest -- are
-successively presented to the mind, it is easy to see what must be the
-nature of the result. The repetition of the six similar impressions
-will strengthen the six corresponding elements of the complex idea,
-which will therefore acquire greater vividness: while the four
-differing impressions of each will not only acquire no greater strength
-than they had at first, but, in accordance with the law of association,
-they will all tend to appear at once, and will thus neutralise one
-another.
-
-This mental operation may be rendered comprehensible by considering
-what takes place in the formation of compound photographs -- when the
-images of the faces of six sitters, for example, are each received
-on the same photographic plate, for a sixth of the time requisite
-to take one portrait. The final result is that all those points in
-which the six faces agree are brought out strongly, while all those
-in which they differ are left vague; and thus what may be termed a
-_generic_ portrait of the six, in contradistinction to a _specific_
-portrait of any one, is produced.« -- Eine ähnliche Anschauung von der
-Entstehung des Begriffes durch Übereinanderlagerung, wobei Verstärkung
-des Gleichartigen, Auslöschen des Ungleichartigen stattfindet, kennt
-auch schon _Herbart_ (Psychologie als Wissenschaft, II, § 122), der
-freilich den Unterschied zwischen logischem und psychologischem
-Begriff ausgezeichnet verstanden und klargelegt hat (a. a. O., §
-119). -- _Avenarius_: Kritik der reinen Erfahrung, Bd. II, Leipzig
-1890, S. 298 ff. -- _Mach_, Die ökonomische Natur der physikalischen
-Forschung, Populär-wissenschaftliche Vorlesungen, Leipzig 1896,
-S. 217 ff. Tiefer gräbt _Mach_ in den »Prinzipien der Wärmelehre,
-historisch-kritisch entwickelt«, 2. Aufl., Leipzig 1900, S. 415 f.,
-419 f.
-
-($S. 248, Z. 7 v. u.$) Das Urteil existiert; als Voraussetzung dessen,
-daß es existiert, immaniert ihm die Annahme eines Zusammenhanges
-zwischen dem Menschen und dem All, erkenntniskritisch ausgedrückt,
-einer Beziehung des _Denkens_ zum _Sein_. Diesen Zusammenhang, diese
-Beziehung zu ergründen ist das Hauptproblem aller theoretischen
-Philosophie, wie es das Hauptproblem aller praktischen Philosophie ist,
-das Verhältnis des _Sollens_ zum Sein festzustellen. Insofern also das
-Urteil _ist_, ist der Mensch der Mikrokosmus.
-
-($S. 249, Z. 15.$) Der Ausdruck »_innere Urteilsform_« bei
-Wilhelm _Jerusalem_, Die Urteilsfunktion, eine psychologische und
-erkenntniskritische Untersuchung, Wien und Leipzig, 1895, S. 80.
-
-($S. 251, Z. 19.$) _Leibniz_: Monadologie No. 31 (Opera philosophica,
-ed. Erdmann, p. 707): »Nos raisonnements sont fondés sur deux grands
-principes, _celui de la contradiction_, en vertu duquel nous jugeons
-faux ce qui en enveloppe, et vrai ce qui est opposé ou contradictoire
-au faux; [no. 32] _et celui de la raison suffisante_, en vertu duquel
-nous considérons, qu'aucun fait ne serait se trouver vrai ou existant,
-aucune énonciation véritable, sans qu'il y ait une raison suffisante,
-pourquoi il en soit ainsi et non pas autrement, quoique ces raisons le
-plus souvent ne puissent point nous êtres connues.«
-
-($S. 253, Z. 2.$) Über die geringere Kriminalität der Frauen vergleiche
-z. B. den Artikel des Dr. G. _Morache_, Die Verantwortlichkeit des
-Weibes vor Gericht in der »Wage« vom 14. März 1903, S. 372-376. Es
-heißt dort: »Die Zahl der Frauen übersteigt die der Männer ganz
-erheblich; in Frankreich weniger als anderswo, aber auch hier ist der
-Unterschied ein merklicher; wäre nun die weibliche Kriminalität der
-des Mannes gleich, so müßten die Zahlen, die sie zum Ausdruck bringen,
-ebenfalls ziemlich gleich sein.
-
-Greifen wir nun drei beliebige Zahlen heraus; wenn man will, 1889,
-1890, 1891. Während dieser Zeit sind 2970 Männer wegen schwerer
-Verbrechen (Mord, Kindesmord, Verbrechen gegen die Sittlichkeit) vor
-Gericht gestellt worden, während man 745 Frauen in dem nämlichen
-Zeitraum derselben Verbrechen anklagte. Die Kriminalität des Weibes
-wird also durch eine Zahl ausgedrückt, die ein Viertel der männlichen
-beträgt, oder mit anderen Worten, es werden von vier Verbrechen
-drei von Männern begangen und eines von Frauen. Selbst wenn wir das
-Verbrechen des Kindesmordes beiseite lassen, für das eigentlich nur der
-Mann verantwortlich ist, denn er ist ja der Autor, so findet man, daß
-bei den wegen gemeiner Verbrechen Angeklagten nur 211 Frauen auf 2954
-Männer kommen; das Weib ist also 14mal weniger verbrecherisch als der
-Mann.
-
-An Auslegungen dieser unleugbaren Tatsachen -- denn sie zu bestreiten
-wäre unmöglich -- fehlt es nicht. Man sagt, die Körperkonstitution
-des Weibes eigne sich nicht zur Gewalttat, die die Mehrzahl der
-verbrecherischen Handlungen aufzuweisen haben; sie sei für die
-Verbrechen mit bewaffneter Hand, für den Einbruch nicht geschaffen.
-Man behauptet, wenn sie das Verbrechen auch nicht materiell begeht, so
-suggeriere sie es doch und habe ihren Nutzen davon; moralisch sei sie
-der Urheber und um so schuldiger, weil sie im Dunklen handelt und mit
-der Hand eines anderen schlägt. So kommt man auf das alte Wort zurück:
-Cherchez la femme ... Die italienische Schule hat recht wohl erkannt,
-daß das Weib vom materiellen Standpunkt weniger verbrecherisch ist als
-der Mann, doch sie gibt für diese Tatsache eine interessante Erklärung;
-der Verbrecher stiehlt und mordet, um sich ohne Arbeit das Geld zu
-verschaffen, das Müßiggang und Vergnügen gewährt. Das Weib besitzt, um
-zu demselben Zweck zu gelangen, ein weit einfacheres Mittel. Sie treibt
-Handel mit ihrem Körper, sie verkauft sich. Addiert man die Zahl der
-Verbrecherinnen zu der der käuflichen Frauen, so kommt man zur Zahl der
-männlichen Kriminalität.
-
-Die Theorie scheint befriedigend, ist aber paradox. Außerdem ist sie
-grundfalsch: denn wenn man auch die Zahl der unter Anklage gestellten
-Verbrecherinnen kennt, so kann man doch nicht einmal annähernd die Zahl
-der Frauen abschätzen, die unter irgend einer Maske und unter ganz
-verschiedenen Modalitäten aus ihren Reizen Nutzen ziehen.«
-
-Soweit Morache. Abgesehen von der Oberflächlichkeit der Meinung,
-die das Verbrechen des Gewinnes halber geschehen läßt, wäre noch
-zu bemerken, daß es genug Frauen vom Prostituiertentypus gibt, die
-sich gar nicht des Geldes oder Schmuckes wegen prostituieren, sich
-jedem Kutscher, der ihre Begierde erregt, hingeben, nicht also um
-noch höheren Luxus treiben zu können, Frauen aus den höchsten und
-reichsten Kreisen. -- Vergleiche ferner _Ellis_, Mann und Weib,
-S. 364 ff. und die dort citierte reiche Literatur. _Lombroso-Ferrero_,
-Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, zweiter
-Teil: Kriminologie des Weibes, S. 193 ff. und besonders Paul
-_Näcke_, Verbrechen und Wahnsinn beim Weibe, mit Ausblicken auf die
-Kriminal-Anthropologie überhaupt, Wien und Leipzig 1894, mit sehr
-vollständigem Literaturverzeichnis auf S. 240 bis 255.
-
-($S. 254, Z. 19 f.$) Darum ist die Frau auch nicht _häßlich_, während
-der Verbrecher häßlich ist.
-
-($S. 255, Z. 16.$) Von diesem Gesichtspunkt aus behandeln die
-Krankenpflege des Weibes E. _Leyden_, Weibliche Krankenpflege und
-weibliche Heilkunst, Deutsche Rundschau, XIX, 1879, S. 126-148,
-Franz _König_, Die Schwesternpflege der Kranken, Ein Stück moderner
-Kulturarbeit der Frau, a. a. O. LXXI, 1892, S. 141-146, Julius _Duboc_,
-Fünfzig Jahre Frauenfrage in Deutschland, Geschichte und Kritik,
-Leipzig 1896, S. 18 f. -- Über den _hysterischen_ Charakter mancher
-Krankenpflege (der nach Kapitel XII wohl begreiflich wird) vgl.
-_Freuds_ Bemerkungen in _Breuer_ und _Freuds_ Studien über Hysterie,
-Leipzig und Wien 1895, S. 141.
-
-($S. 259, Z. 8 f.$) _Mach_, Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl.,
-1902, S. 14.
-
-($S. 259, Z. 16.$) Sie ist z. B. abgedruckt bei Karl _Pearson_, The
-Grammar of Science, London 1892, p. 78.
-
-($S. 259, Z. 14 v. u.$) _Kant_: in der »Grundlegung zur Metaphysik der
-Sitten«, S. 60, ed. Kirchmann.
-
-($S. 260, Z. 5 v. u.$) Das Wort »Eigenwert« stammt nicht von mir,
-sondern ist, wie ich glaube, zuerst gebraucht von August _Döring_,
-Philosophische Güterlehre 1888, S. 56, 319 ff.
-
-($S. 262, Z. 4 f.$) _Kant_, Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann:
-
-»Der Mann ist eifersüchtig, _wenn_ er _liebt_; die Frau auch ohne daß
-sie liebt; weil so viele Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen
-wurden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind.«
-
-($S. 262, Z. 8.$) Beweis: es gibt wohl Kameradschaft zu mehren,
-Freundschaft aber nur zu zweien.
-
-($S. 263, Z. 13 v. u.$) Das Phänomen der Galanterie hoffe ich anderswo
-zu analysieren. Auch _Kant_ spricht (Fragmente aus dem Nachlaß, ed.
-Kirchmann, Bd. VIII, S. 307) von der »Beleidigung der Weiber, in der
-Gewohnheit, ihnen zu schmeicheln.«
-
-($S. 264, Z. 14 v. u.$) Vgl. Auguste _Comte_, Cours de Philosophie
-positive, 2^{ième} éd., par E. Littré, Vol. III, Paris 1864, p.
-538 f. Er spricht vom »vain principe fondamental de _l'observation
-intérieure_« und der »profonde absurdité que présente la seule
-supposition, si évidemment contradictoire, de l'homme se regardant
-penser.«
-
-($S. 264, Z. 7 v. u.$) Friedrich _Jodl_, Lehrbuch der Psychologie, 2.
-Aufl., Bd. II, Stuttgart und Berlin 1903, S. 103.
-
-($S. 265, Z. 4.$) _Mill_: in seinem Buche gegen _Hamilton_ (nach
-Pierre _Janet_, L'Automatisme psychologique, 3^{ième} éd., Paris 1899,
-p. 39 f., wo zum Ich-Problem manches in Deutschland weniger Bekannte
-angeführt wird). _Mach_: Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl. 1902,
-S. 3, 18 f. -- Übrigens sagt bereits _Hume_ (Treatise I, 4, 6, p. 454
-der ersten Ausgabe, Vol. I, London 1739): »Memory is to be considered
-as the source of personal identity.«
-
-($S. 266, Z. 2.$) Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde,
-Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902.
-
-($S. 266, Z. 6.$) _Pascal_: Pensées I, 7, 1 »Misère de l'homme«.
-
-($S. 266, Z. 16.$) Über die Kleptomanie der Weiber vgl. Albert _Moll_,
-Das nervöse Weib, Berlin 1898, S. 167 f. Paul _Dubuisson_, Les voleuses
-des grands magasins, Archives d'Anthropologie criminelle, XVI, 1901,
-p. 1-20, 341-370.
-
-($S. 266, Z. 8 v. u.$) Eduard von _Hartmann_, Phänomenologie des
-sittlichen Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik, Berlin
-1879, S. 522 f. macht die zutreffende Bemerkung:
-
-»Fast alle Weiber sind geborne Defraudantinnen aus Passion. Wenige
-nur werden sich entschließen, zu viel erhaltene Ware oder zu viel
-herausbekommenes Geld zurückzuliefern; sie trösten sich damit, der
-Kaufmann habe ja doch genug an ihnen verdient, und es könne ihnen ja
-nicht bewiesen werden, daß sie sich ihrer Unterschlagung bewußt gewesen
-seien.«
-
-($S. 267, Z. 20.$) Über die Buschmänner, _Klemm_, Allgemeine
-Kulturgeschichte der Menschheit, Leipzig 1844, Bd. I, S. 336.
-
-($S. 268, Z. 4 v. u. ff.$) Hier darf ich _Kant_ selbst für meine
-Anschauung von der Seelenlosigkeit des Weibes in Anspruch nehmen. Er
-sagt (Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann): »‚Was die Welt sagt,
-ist _wahr_, und was sie _thut_, gut’ ist ein weiblicher Grundsatz,
-der sich schwer mit einem _Charakter_, in der engen Bedeutung des
-Wortes, vereinigen läßt.« Er fügt allerdings hinzu: »Es gab aber
-doch wackere Weiber, die, in Beziehung auf ihr Hauswesen, einen
-dieser ihrer Bestimmung angemessenen Charakter mit Ruhm behaupteten.«
-Jedenfalls wird niemand mit Ruhm behaupten, daß diese Einschränkung
-den »intelligiblen Charakter« des Weibes retten könne, der nach der
-Kantischen Hauptlehre Zweck an sich selbst ist. -- Wenn übrigens ein
-Kantianer, der nur am Wortlaut des Meisters kleben würde, der ganzen
-Darlegung entgegenhielte, daß nach Kant der intelligible Charakter
-_allen_ vernünftigen Wesen zukomme, so ist zu erwidern, daß das
-Weib eben keine Vernunft im Kantischen Sinne hat. Da das Weib keine
-Beziehung zu den Werten hat, so ist der Schluß auf das Fehlen des
-wertenden Gesetzgebers gerechtfertigt.
-
-($S. 269, Z. 14.$) Der abgrundtiefe Unterschied zwischen dem
-psychischen Leben des Mannes und der Frau wird noch immer, vielleicht
-selbst in diesem Buche, seiner Bedeutung und Tragweite nach
-unterschätzt. Nur selten finden sich hievon Ahnungen, wie bei Heinrich
-_Spitta_, Die Schlaf- und Traumzustände der menschlichen Seele mit
-besonderer Berücksichtigung ihres Verhältnisses zu den psychischen
-Alienationen, 2. Aufl., Tübingen 1882, S. 301: »Ein entscheidender,
-durchgreifender Einfluß auf das gesamte seelische Leben liegt zunächst
-in dem Geschlechtsunterschied begründet; dieser Teilungsstrich, den die
-Natur hiemit durch die ganze Menschenwelt gezogen hat, dokumentiert
-sich auf allen Gebieten des psychischen Lebens. Alles Fühlen, Wollen,
-Begehren, mit einem Worte die ganze Vorstellungsweise, alles Dichten
-und Trachten erhält durch den Unterschied der beiden Geschlechter
-einen eigenartigen Typus, welcher im Verlauf der einzelnen Lebensalter
-sich immer mehr ausprägt und damit gleichsam die Form bildet, unter
-welcher und in welcher ein jeder das Ganze seiner eigenen Geisteswelt
-in der ihm eigentümlichen Weise erfaßt. Der Unterschied im Seelenleben
-zwischen Mann und Weib ist ein ungeheuerer, ein bis in die kleinsten
-Details hinein sich erstreckender ....«
-
-($S. 269, Z. 5 v. u.$) Friedrich Albert _Lange_, Geschichte des
-Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, Buch II, 5.
-Aufl., Leipzig 1896, S. 381.
-
-($S. 273, Z. 1 ff.$) Vgl. hiemit Theodor _Lipps_, Suggestion und
-Hypnose, Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der
-königlichen Akademie der Wissenschaften zu München, 1897/II, S. 520:
-»Psychologisch ist das Ganze jederzeit mehr und in gewissem Sinne
-jederzeit eher als der Teil.« Und besonders Wilhelm _Diltheys_ mehrfach
-erwähnte charakterologische Abhandlungen.
-
-($S. 274, Z. 4 ff.$) Vgl. _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, S. 289,
-ed. Kehrbach.
-
-($S. 274, Z. 17.$) Eine mit meiner Darstellung in gewissen Punkten sich
-berührende, sehr interessante Abhandlung ist die von Oskar _Ewald_, Die
-sogenannte empirische Psychologie und der Transcendentalismus Kants,
-Die Gnosis, Halbmonatsschrift, Wien, 5. März 1903, S. 87-91. Ewalds
-Absicht läuft auf eine psychologische Kategorienlehre hinaus, als auf
-eine Tafel jener Verstandesbegriffe (»Wille, Kraft und psychische
-Aktivität«), die psychologische Erfahrung erst möglich machen sollen.
-Kant habe nur die eine Hälfte der Arbeit, den naturwissenschaftlichen
-Teil, geleistet, den anderen noch zu tun gelassen. Ich kann mich dieser
-Auffassung nicht anschließen, weil es nach ihr zweierlei Erfahrung,
-eine äußere und eine ihr _beigeordnete_ innere, geben müßte, und weil
-der Zusammenhang des psychischen Lebens ein unmittelbar erlebter ist,
-und aus seiner Beobachtung Erfahrungssätze von höherer als komparativer
-Allgemeinheit geschöpft werden können (vgl. S. 220). Aber mit diesen
-Einwendungen möchte ich das von _Ewald_ angeregte Problem keineswegs
-erledigt haben. Es ist dieses Problem, weit genug verfolgt, vielleicht
-das tiefste philosophische Problem überhaupt, oder identisch mit
-diesem; denn das Verhältnis von Begriff und Anschauung, von Freiheit
-und Notwendigkeit spielt hier herein. Und schließlich hängt diese
-ganze Frage aufs innigste mit dem Postulate der Unabhängigkeit der
-Erkenntnistheorie von der Psychologie zusammen. Ich kann hierauf nicht
-näher eingehen, und möchte auf jenen bedeutungsvollen, bloß an etwas
-okkultem Orte publizierten Gedanken hier nur hingewiesen haben.
-
-($S. 275, Z. 3.$) E. _Mach_, Die Analyse der Empfindungen und das
-Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902,
-S. 60 f.
-
-($S. 275, Z. 6 v. u. ff.$) Die französischen Verse aus Edmond
-_Rostand_, Cyrano de Bergerac, Acte I, Scène IV (Paris 1898, p. 43).
-
-($S. 276, Z. 4 ff.$) Die hier bekämpften Anschauungen sind die von
-_Mach_, Die Mechanik, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 478 ff.
-
-($S. 276, Z. 8 v. u.$) Wilhelm _Windelband_, Geschichte und
-Naturwissenschaft, Rektoratsrede, Straßburg 1894.
-
-($S. 277, Z. 5.$) v. _Schrenck-Notzing_, Über Spaltung der
-Persönlichkeit (sogenanntes Doppel-Ich), Wien 1896, erwähnt auf S. 6
-nach _Proust_ einen Fall (den einzigen mir aus der Literatur bekannt
-gewordenen) eines männlichen Hysterikers mit »condition prime« und
-»condition seconde«. Es sind gewiß noch einige Fälle mehr beobachtet
-worden; aber jedenfalls verschwinden sie an Zahl vor der Menge der
-Frauen mit derartigem psychischen Zustandswechsel. Daß es Männer mit
-»mehrfachem Ich« gibt, beweist nichts gegen die Thesen des Textes; denn
-der Mann kann eben auch jene eine Möglichkeit von den unzähligen in ihm
-verwirklichen, er kann auch Weib werden (vgl. S. 241, 359, 398 f.).
-
-($S. 277, Z. 19.$) So sagt Heinrich _Heine_ in einem sehr schlechten
-Gedichte (Letzte Gedichte, zum »Lazarus« 12):
-
- Die Gestalt der wahren Sphinx
- Weicht nicht ab von der des Weibes.
- Faselei ist jener Zusatz
- Des betatzten Löwenleibes.
-
- Todesdunkel ist das Rätsel
- Dieser wahren Sphinx. Es hatte
- Kein so schweres zu erraten
- Frau Jokastens Sohn und Gatte.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 10.
-
-
-($S. 283, Z. 8-10$) Nur 34% der eigentlichen Prostituierten bringen
-Kinder zur Welt (nach C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als
-Verbrecherin und Prostituierte, übersetzt von H. Kurella, Hamburg 1894,
-S. 540).
-
-($S. 283, Z. 16 v. u. f.$) Die hier abgewiesene Meinung ist vor allem
-eine bekannte Lehre sozialdemokratischer Theoretiker, insbesondere
-August _Bebels_ (Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und
-Zukunft, 9. Aufl., Stuttgart 1891, S. 140 ff.): »Die Prostitution
-eine nothwendige soziale Institution der bürgerlichen Welt.« »So wird
-die Prostitution zu einer nothwendigen sozialen Institution für die
-bürgerliche Gesellschaft, ganz wie Polizei, stehendes Heer, Kirche,
-Unternehmerschaft u. s. w.«
-
-($S. 284, Z. 18 f.$) Vgl. über diese der Prostitution gezollten
-Ehrungen Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde, Eine
-Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902, S. 198 f.
-Auch _Lombroso-Ferrero_, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte,
-Hamburg 1894, S. 228 ff.; über die Phönicier, S. 230.
-
-($S. 285, Z. 10.$) Der hier berichtigte Gedanke _Schopenhauers_ ist
-ausgesprochen in der »Welt als Wille und Vorstellung«, Bd. II, S. 630,
-Grisebach.
-
-($S. 285, Z. 20.$) Johannes _Müller_, Handbuch der Physiologie des
-Menschen für Vorlesungen, II. Bd., 2. Abt. Coblenz 1838, S. 574 f.:
-»Beim Versehen ..... soll etwas Positives gebildet werden, und die
-Form des Gebildes soll der Form in der Vorstellung entsprechen.
-Diese Wirkung ist schon deswegen unwahrscheinlich, weil sie sich von
-einem Organismus auf den anderen erstrecken soll; die Verbindung von
-Mutter und Kind ist aber nichts anderes als eine möglichst innige
-Juxtaposition zweier an und für sich ganz selbständiger Wesen, welche
-sich mit ihren Oberflächen anziehen und wovon das eine die Nahrung und
-Wärme abgibt, die sich das andere aneignet. [Dies eben, die Ansicht
-von der bloßen Juxtaposition, ist falsch. Vgl. im Texte S. 296.] Aber
-abgesehen davon läßt sich diese alte und höchst populäre Superstition
-vom Versehen durch viele andere Gründe entkräften. Ich habe
-Gelegenheit, die meisten Monstra zu sehen, welche in der preußischen
-Monarchie geboren werden. Gleichwohl kann ich behaupten, daß mir
-trotz dieser großen Gelegenheit in der Regel nichts Neues in dieser
-Weise vorkommt, und daß sich hiebei nur gewisse Formen wiederholen,
-welche den großen Reihen der Hemmungsbildungen, Spaltbildungen,
-Defekte, Verschmelzungen seitlicher Teile mit Defekt der mittleren
-u. s. w. angehören ..... Bedenkt man ferner, daß sich jede Schwangere
-während der Zeit ihrer Schwangerschaft gewiß oft erschreckt, und daß
-sehr viele sich gewiß wenigstens einmal, wenn nicht mehrere Male
-versehen, ohne daß dies irgend eine Folge hat, so wird es, falls eine
-Monstrosität irgendwo geboren wird, gewiß nicht an Gelegenheit fehlen,
-diese auf eine dem populären Glauben entsprechende Weise zu erklären.
-Die vernünftige Lehre vom Versehen reduziert sich daher darauf, daß
-jeder heftige leidenschaftliche Zustand der Mutter auf die organische
-Wechselwirkung zwischen Mutter und Kind einen ebenso, plötzlichen
-Einfluß haben, und demzufolge auch eine Hemmung der Bildungen oder ein
-Stehenbleiben der Formationen auf gewissen Stufen der Metamorphose
-herbeiführen kann, ohne daß jedoch die Vorstellung der Mutter auf die
-Stelle, wo sich dergleichen Retentionen erzeugen, Einfluß haben könne
-u. s. w.«
-
-Th. _Bischoff_, Artikel: »Entwicklungsgeschichte mit besonderer
-Berücksichtigung der Mißbildungen« in Rudolf Wagners Handwörterbuch
-der Physiologie, Bd. I, Braunschweig 1842, S. 885 bis 889. Zunächst
-S. 886: »_Meckel_ hat mit Recht zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß
-in der Frage nach dem Versehen, wie sie gewöhnlich aufgestellt wird,
-meistens zwei wesentlich verschiedene eingeschlossen sind, nämlich
-erstens die: können Affekte der Mutter auf die Entwicklung des neuen
-Organismus einen Einfluß haben? Und zweitens die: können Affekte der
-Mutter, die durch einen bestimmten Gegenstand veranlaßt werden, die
-Bildung des neuen Organismus dergestalt verändern, daß derselbe jenem
-Gegenstande gleich oder ähnlich wird? Wenn nun gleich die Erfahrung oft
-zeigt, daß sich der Fötus sehr selbständig, sowohl von den körperlichen
-als psychischen Zuständen der Mutter entwickeln kann, und demnach
-durchaus keine notwendige Beziehung zwischen beiden sich vorfindet,
-so haben doch anderseits tausende von Fällen die Abhängigkeit der
-Entwicklung der Frucht von den körperlichen und psychischen Zuständen
-der Mutter so entschieden nachgewiesen, daß die erste Frage nur
-ganz unbedingt bejahend beantwortet werden kann ..... Es ist in
-vielen Fällen wirklich wahr gewesen und ereignet sich noch, daß ein
-heftiger Schrecken oder Gemütsbewegung der Mutter eine Mißbildung
-veranlaßt hat, ohne daß indessen die Form derselben dem Gegenstande
-jenes Schreckens entspräche. Wir sehen aber, wie sich hieraus unter
-Beihilfe der Phantasie, die Ähnlichkeiten schafft, wo keine sind, viele
-Angaben erklären lassen. Allein auch noch für diese Ähnlichkeiten
-sind wir imstande, nähere Erklärungen und Aufschlüsse zu geben .....«
-»So ist es erklärlich, wie Furcht und Schrecken, deprimierende und
-schwächende Einflüsse Störungen und Hemmungen in der Ausbildung der
-Frucht hervorbringen können, welche zufällig und einzelne Male selbst
-eine gewisse Ähnlichkeit mit den Objekten des Affektes haben können.«
-Er macht im weiteren achterlei Gründe namhaft, »welche man gegen die
-Erklärung der Entstehung gewisser Mißbildungen durch Affekte der
-Mutter, veranlaßt durch, diesen Mißbildungen ähnliche, Gegenstände
-aufwerfen muß«, bekannte Argumente, die ich hier nicht alle wiederholen
-kann, und kommt zu dem Schlusse: »Nehmen wir zu diesem allen noch
-hinzu, daß wir die meisten Mißbildungen aus den Entwicklungsgesetzen
-und anderen naturwissenschaftlich zu analysierenden Ursachen erklären
-können, _so wird wohl jedermann zugestehen müssen, daß das Versehen
-zum wenigsten nur als eine sehr seltene und beschränkte Ursache der
-Mißbildungen angenommen werden kann_.« S. 885: »Schon _Hippokrates_
-verteidigte eine Prinzessin, welche in den Verdacht des Ehebruches
-gekommen war, weil sie ein schwarzes Kind gebar, dadurch, daß zu den
-Füßen ihres Bettes das Bild eines Negers gehangen habe ..... Später
-scheint es, daß vorzüglich der unglückliche und verderbliche Wahn, die
-Mißbildungen seien Wirkungen des göttlichen Zornes oder dämonischer
-und sodomitischer Abstammung, den Glauben an das Versehen vorzüglich
-bestärkt haben. Die unglücklichen Mütter solcher Mißbildungen waren
-natürlich gerne bereit, den auf sie fallenden schrecklichen Verdacht
-und die ihm so oft folgenden grausamen Strafen dadurch von sich
-abzuwenden, daß sie die Annahme des Versehens so sehr als möglich
-unterstützten. So wurde sie denn die allgemein verbreitetste, und der
-Phantasie wurde es nicht schwer, für die Formen der Mißbildungen äußere
-Objekte als Ursachen aufzufinden.«
-
-Charles _Darwin_: Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande
-der Domestikation, übersetzt von J. Viktor Carus, II. Bd., 2. Aufl.
-Stuttgart 1873, S. 301 (Kapitel 22).
-
-Ablehnendes Verhalten der Züchtungstheoretiker: Hermann _Settegast_,
-Die Tierzucht, 4. Aufl., I. Bd.; Die Züchtungslehre, Breslau 1878,
-S. 100 bis 102, 219 bis 222. S. 219: »Der Glaube an die Möglichkeit
-des Versehens ist uralt. Schon die Bibel erzählt uns (1. Buch Mose,
-Kap. 30, Vers 37 bis 39), daß der Erzvater Jakob es verstand, ein
-‚Versehen’ der Mutterschafe künstlich hervorzurufen und auf diese Weise
-scheckige Lämmer zu erzeugen. Er tat nämlich Holzstäbe, die durch
-stellenweises Abschälen der Rinde ein scheckiges Aussehen gewonnen
-hatten, in Tränkrinnen. Es mag dahingestellt bleiben, ob Jakob der
-Meinung war, daß das Versehen an diesen bunten Holzstäbchen während des
-Bespringens der Mutterschafe, das an den Tränktrögen bewerkstelligt
-worden zu sein scheint, vor sich gehen werde, oder daß die _schon
-tragenden_ Mutterschafe im Anblick der auffallenden Gegenstände, die
-ihnen beim Trinken vor die Augen gerückt wurden, und den bunten Stäben
-entsprechend scheckige Lämmer bringen müßten. Seinen gewinnsüchtigen
-Zweck hat aber Jakob erreicht und dadurch den Grund zu seiner
-Wohlhabenheit gelegt. Bis auf den heutigen Tag finden Schilderungen
-ähnlicher Art Gläubige.« In einer Anmerkung hiezu: »Äußert sich doch
-noch im Jahre 1874 Dr. J. in einer der gelesensten und geachtetsten
-Zeitungen Deutschlands unter anderem wie folgt: ‚Es ist eine
-eigentümliche Erfahrung, welche der Züchter macht, daß durch die
-Imagination des Muttertieres, zumal wenn es tragend ist, sich die Farbe
-der es umgebenden Gegenstände und besonders die Farbe der Tiere von
-seiner nächsten Umgebung auf die Nachkommenschaft häufig überträgt. So
-ist es sehr oft beobachtet worden, daß der wiederholte und reichliche
-Verbrauch von Kalkanstrich den Ställen und Verschlägen, worin sich
-eine Rinderzuchtherde befindet, erheblich das Verhältnis der weißen
-oder weißscheckigen Kälber vermehrt, die geboren werden.’ Solche und
-ähnliche Erzählungen legen Zeugnis von der Leichtfertigkeit ab, womit
-kritiklos und aus Sucht, dem Leser Pikanterien zu bieten, unbegründete
-Behauptungen mit dem Gewande sogenannter Erfahrungen umkleidet werden.«
-»..... Der Umstände und Tatsachen, welche gegen die Möglichkeit des
-Versehens sprechen, gibt es so viele, daß es uns fast wie ein Rest von
-Aberglauben vorkommen will, wenn man an dieser haltlosen Theorie,
-durch die auffallende Formen erklärt werden sollen, ferner festhält.«
-
-Endlich sei als ein Gynäkologe angeführt Max _Runge_, Lehrbuch der
-Geburtshilfe, 6. Aufl., Berlin 1901, S. 82 f.: »Die Frage, ob starke
-psychische Eindrücke, welche eine Schwangere treffen, Einfluß auf die
-Entstehung körperlicher Verbildungen oder geistiger Defekte der Frucht
-haben können, spielt bei vielen Laien eine große Rolle (Versehen der
-Schwangeren). Von der neueren wissenschaftlichen Medizin ist bis auf
-die jüngste Zeit die Frage abgelehnt worden, und insbesondere die
-Möglichkeit eines Kausalzusammenhanges zwischen psychischem Eindruck
-und einer vorliegenden Mißbildung des Kindes auf das bestimmteste
-geleugnet worden. In neuester Zeit hat man die genannte Frage aber doch
-einer Diskussion wert erachtet. Mag die Frage also wissenschaftlich
-noch diskutabel sein, für die Praxis gilt auch heute noch der Rat, bei
-Schwangeren und ihrer Umgebung den Glauben an das sogenannte Versehen
-ernstlich zu bekämpfen.«
-
-_Runge_ spielt hier an auf die Abhandlungen von J. _Preuß_,
-Vom Versehen der Schwangeren, Berliner Klinik, Heft 51 (1892),
-_Ballantyne_, Edinburgh Medical Journal, Vol. XXXVI, 1891 und
-die Arbeit Gerhards von _Welsenburg_, Das Versehen der Frauen
-in Vergangenheit und Gegenwart und die Anschauungen der Ärzte,
-Naturforscher und Philosophen darüber, Leipzig 1899. v. Welsenburgs
-ausführliche Zusammenstellung läßt am Schlusse die Frage unentschieden.
-
-Über das Versehen und die sicher übertriebene Sucht, alle Mißbildungen
-hierauf als einzige Ursache zurückzuführen vgl. noch _Ploß_, Das Weib
-in der Natur- und Völkerkunde, 7. Aufl., 1902, Bd. I, S. 809 bis
-811. Benjamin _Bablot_, Dissertation sur le pouvoir de l'imagination
-des femmes enceintes. E. v. _Feuchtersleben_, Die Frage über das
-Versehen der Schwangeren, zergliedert in den Verhandlungen der k. k.
-Gesellschaft der Ärzte zu Wien, 1842, S. 430 f., und andere,
-worüber bei von Welsenburg nachgelesen werden kann. Dieser führt auch
-zahlreiche Fürsprecher des Versehens an (so _Budge_, _Schönlein_,
-_Carus_, _Bechstein_, Prosper _Lucas_, G. H. _Bergmann_, A. von
-_Solbrig_, Theodor _Roth_, Karl _Hennig_ [die zwei letzteren in
-Virchows Archiv 1883, 1886], _Bichat_ u. a.). Ich möchte nur
-noch erwähnen, was ein so hervorragender, klarer und nüchterner
-Naturforscher wie Karl Ernst von _Baer_ zu dieser Frage bemerkt
-hat (bei dem ebenfalls zu den Anhängern des Versehens zählenden
-ausgezeichneten Karl Friedrich _Burdach_, in dessen Physiologie als
-Erfahrungswissenschaft, 2. Aufl. Bd. II, Leipzig 1837, S. 127):
-
-»Eine schwangere Frau wurde durch eine in der Ferne sichtbare Flamme
-sehr erschreckt und beunruhigt, weil sie dieselbe in der Gegend ihrer
-Heimat erblickte. Der Erfolg lehrte, daß sie sich nicht geirrt hatte;
-da der Ort aber sieben Meilen entfernt war, so dauerte es lange, bis
-man sich hierüber Gewißheit verschaffte, und diese lange Ungewißheit
-mag besonders auf die Frau eingewirkt haben, so daß sie lange nachher
-versicherte, stets die Flamme vor Augen zu haben. Zwei oder drei
-Monate nach dem Brande wurde sie von einer Tochter entbunden, welche
-einen roten Fleck auf der Stirn hatte, der nach oben spitz zulief
-in Form einer auflodernden Flamme; er wurde erst im siebenten Jahre
-unkenntlich. _Ich erzähle diesen Fall, weil ich ihn zu genau kenne,
-da er meine eigene Schwester betrifft_, und weil die Klage über die
-Flamme vor den Augen _während der Schwangerschaft_ geführt, und nicht,
-wie gewöhnlich, nach der Entbindung die Ursache der Abweichung in der
-Vergangenheit aufgesucht wurde.«
-
-($S. 286, Z. 9 ff.$) Henrik _Ibsen_, Die Frau vom Meer, Zweiter
-Aufzug, Siebenter Auftritt. -- _Goethe_, Die Wahlverwandtschaften,
-Zweiter Teil, Dreizehntes Kapitel. -- v. _Welsenburg_ weist auch auf
-_Immermanns_, infolge eines bösen Traumes seiner Mutter mit einem
-hirschfängerartigen Male unter dem Herzen gebornen Jäger aus dem
-»Münchhausen« hin (Buch II, Kap. 7, S. 168-175, ed. Hempel).
-
-Es ist von Interesse, zu hören, wie zwei Männer der Wissenschaft über
-die bekannte Begebenheit aus den »Wahlverwandtschaften« sich äußern.
-H. _Settegast_, Die Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre,
-Breslau 1878, spricht S. 101 f. zuerst über die fragliche Beeinflussung
-des Embryo durch Eindrücke der Mutter während der Gestation, und fährt
-dann fort: »Es wird erzählt, es sei einst ein weißköpfiges Fohlen
-geboren worden infolge des Umstandes, daß während des Beschälaktes
-im Gesichtskreise der Zeugenden sich ein Knabe befand, der sich den
-Kopf mit einem weißen Tuche verhüllt hatte. Ein scheckiges Fohlen ward
-geboren, nachdem die zur Beschälstation geführte rossige Stute den
-Weg wiederholt in Gesellschaft eines scheckigen Pferdes zurückgelegt
-hatte. In einem anderen Falle soll das Scheckenkleid des Fohlens
-durch das plötzliche Erscheinen eines scheckigen Jagdhundes während
-des Beschälaktes veranlaßt worden sein ... Wollte man einwenden,
-daß es zweifelhaft sei, ob das, was _der Mensch_ für eine genug
-auffällige Erscheinung halte, die Einbildungskraft des zeugenden
-Tieres zu beschäftigen, auch von dem Tiere so angesehen werde, so
-könnten aus der Erfahrung zahlreiche Fälle beigebracht werden, in
-denen nachweisbar während der Begattung die Einbildungskraft eines der
-Zeugenden mit einem sinnlichen Gegenstande beschäftigt sein mußte. So
-gehört es z. B. in der Tierzucht zu den nicht ungewöhnlichen Mitteln,
-ein männliches Tier zur Begattung mit einem von ihm nicht begehrten
-dadurch zu vermögen, daß man eine seiner Favoritinnen in die Nähe der
-Verschmähten bringt. Nun wird der Sprung nicht versagt, die durch die
-Neigung des männlichen Individuums Begünstigte wird schnell zurück-,
-und die Verschmähte zur Kopulation untergeschoben. _Noch niemals
-hat man beobachtet, daß das Kind des so Betrogenen dem Gegenstande
-seiner Neigung, mit dem seine Phantasie während des Begattungsaktes
-beschäftigt sein mußte, gleiche, und daß sich ein Prozeß vollziehe, den
-Goethe in seinen Wahlverwandtschaften mit dichterischer Meisterschaft
-geschildert hat. In das von ihm beherrschte Gebiet der Phantasie und
-Dichtung wird man die Ansicht von dem Einfluß seelischer Eindrücke auf
-das Zeugungsprodukt zu verweisen haben._«
-
-Viel bescheidener absprechend sagt Rudolf _Wagner_, Nachtrag
-zu Rud. Leuckarts Artikel »Zeugung« in Wagners Handwörterbuch
-der Physiologie, Bd. IV, Braunschweig 1853, S. 1013: »Infolge
-heftigen Schreckens kann Abortus entstehen. Anhaltender Gram kann
-ein Gesamtleiden der Mutter zur Folge haben, welches Zerrüttung
-ihrer Konstitution, schlechte Ernährung, Krankheiten des Fötus
-veranlassen kann. Aber ein spezifischer Einfluß durch Eindrücke
-äußerer Gegenstände auf die Schwangeren darf nicht zugegeben werden,
-und niemals kann die Entstehung von Mißbildungen, von Muttermälern
-etc. damit in Zusammenhang gebracht werden. _Wer im Sinne von
-Goethes Wahlverwandtschaften -- wo diese Ansicht mit der für den
-Menschenkenner eigentümlichen Tiefe durchgeführt ist -- einen Einfluß
-innerer Gedankenbildung im Momente des Beischlafes auf die physische
-und psychische Bildung der Frucht annehmen will, der wird vom
-physiologischen Standpunkte weder zu widerlegen sein, noch wird ihm
-seine Ansicht bestätigt werden können._ Bis zu solcher Tiefe ist die
-Physiologie noch nicht vorgeschritten, und es steht zu bezweifeln,
-daß sie je dahin gelangen werde. _Wenn ich mein subjektives Urteil
-aussprechen soll, so muß ich jedoch gestehen, daß ich einen solchen
-Einfluß der bloßen Vorstellung im Momente des Zeugungsaktes viel eher
-zu bezweifeln als anzunehmen geneigt bin._«
-
-Schließlich sei noch erwähnt, daß auch _Kant_ das Versehen bestritten
-hat, in der Abhandlung: Über die Bestimmung des Begriffs einer
-Menschenrasse (Berliner Monatsschrift, November 1785, Bd. VIII,
-S. 131-132, ed. Kirchmann): »Es ist klar, daß, wenn der Zauberkraft
-der Einbildung oder der Künstelei der Menschen an tierischen Körpern
-ein Vermögen zugestanden würde, die Zeugungskraft selbst abzuändern,
-das uranfängliche Modell der Natur umzuformen oder durch Zusätze zu
-verunstalten, die gleichwohl nachher beharrlich in den folgenden
-Zeugungen aufbehalten würden, man gar nicht mehr wissen würde, von
-welchem Originale die Natur ausgegangen sei, oder wie weit es mit
-der Abänderung desselben gehen könne, und, da der Menschen Einbildung
-keine Grenzen erkennt, in welche Fratzengestalt die Gattungen und
-Arten zuletzt noch verwildern dürften. Dieser Erwägung gemäß nehme ich
-es mir zum Grundsatze, gar keinen in das Zeugungsgeschäft der Natur
-pfuschenden Einfluß der Einbildungskraft gelten zu lassen und kein
-Vermögen der Menschen, durch äußere Künstelei Abänderungen in dem
-alten Original der Gattungen oder Arten zu bewirken, solche in die
-Zeugungskraft zu bringen und erblich zu machen. Denn lasse ich auch nur
-einen Fall dieser Art zu, so ist es, als ob ich auch nur eine einzige
-Gespenstergeschichte oder Zauberei einräumte u. s. w.«
-
-($S. 287, Z. 14 v. u.$) Daß den Prostituierten alle mütterlichen
-Gefühle abgehen, darüber vgl. _Lombroso-Ferrero_, S. 539 f. der
-deutschen Ausgabe (Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg
-1894).
-
-($S. 290, Z. 14.$) Die Argumente, welche als moralische Begründungen
-der Ehe angeführt werden, sind bare Sophisterei. Sogar vom Standpunkte
-der Kantischen Ethik -- und es gibt keine andere Ethik -- hat man
-sie auf folgende Weise aufrechtzuhalten gesucht, wie Theodor G. v.
-_Hippel_ (Über die Ehe, 3. Aufl., Berlin 1792, S. 150): »Nie ist der
-Mensch _Mittel_, allemal ist er _Zweck_: nie Instrument, sondern
-Spielmann; nie kann er genossen werden, sondern er ist Genießer!
-In der Ehe verbinden sich zwei Personen, einander gegenseitig zu
-genießen: das Weib will eine Sache für den Mann seyn, und auch der
-Ehemann macht sich dagegen in bester Form Rechtens verbindlich, sich
-dahin zu geben. Da beide sich zu Instrumenten herabsetzen, auf denen
-wechselweise gespielt wird, so geht Null mit Null auf: und dieser
-einzige Menschengenußkontrakt ist erlaubt, nöthig, göttlich weise.«
-Ja _Kant_ selbst führt eine gleiche arithmetische Operation in seinen
-»Metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre« aus (§ 25, S. 88 f.,
-ed. Kirchmann): »Der natürliche Gebrauch, den ein Geschlecht von den
-Geschlechtsorganen des anderen macht, ist ein _Genuß_, zu dem sich ein
-Teil dem anderen hingibt. In diesem Akt macht sich der Mensch selbst
-zur Sache, welches dem Rechte der Menschheit an seiner eigenen Person
-widerstreitet. Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses möglich,
-daß, indem die eine Person von der anderen _gleich als Sache_ erworben
-wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe, denn so gewinnt sie
-wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit wieder her. Es ist
-aber der Erwerb eines Gliedmaßes am Menschen zugleich Erwerbung der
-ganzen Person -- weil diese eine absolute Einheit ist -- folglich ist
-die Hingebung und Annehmung eines Geschlechtes zum Genuß des anderen
-nicht allein unter der Bedingung der Ehe zulässig, sondern auch
-_allein_ unter derselben möglich.«
-
-Diese Rechtfertigung berührt sehr eigentümlich. Es hebt sich moralisch
-nicht auf, wenn zwei Menschen einander gleich viel stehlen. Zu erklären
-ist diese Äußerung wohl nur aus der geringen Rolle, welche die Frauen
-in Kantens psychischem Leben spielten, und der geringen Heftigkeit der
-erotischen Neigungen, die er zu bekämpfen hatte.
-
-($S. 291, Z. 14 f.$) Vgl. Joseph _Hyrtl_, Topographische Anatomie, 5.
-Aufl., 1865, S. 559 f.: »Der Zusammendrückung der Ausführungsgänge der
-einzelnen Drüsenlappen wird durch das Hartwerden der Warze vorgebeugt,
-welche sich umsomehr steift, je größer der mechanische Reiz ist,
-welchen die kindlichen Kiefer auf die Warze ausüben. Die zahlreichen
-Tastwärzchen an der Oberfläche der Papille werden die Erfüllung der
-Mutterpflicht mit einem wohltuenden Kitzel lohnen, der jedoch zu
-wenig wollüstig ist, um jede Mutter für die Leistung der heiligsten
-Pflicht zu gewinnen.« [Wohl aber jede Mutter nach dem im Texte
-entwickelten Begriffe einer eigentlichen Mutterschaft im Gegensatze
-zur Dirnenhaftigkeit.] -- Über die Erection der Warze selbst vgl.
-L. _Landois_, Lehrbuch der Physiologie des Menschen, 9. Aufl., Wien und
-Leipzig 1896, S. 441: »Bei der Entleerung der Milch wirkt nicht allein
-rein mechanisch das _Saugen_, sondern es kommt eine _aktive Tätigkeit
-der Brustdrüse_ hinzu. Diese besteht zunächst in der Erection der
-Warze, wobei die glatten Muskeln derselben zur Entleerung der Milch
-auf die Sinus der Gänge drücken, so daß dieselbe sogar im Strahle
-hervorspritzen kann.« -- Über die Uteruskontraktionen Max _Runge_,
-Lehrbuch der Geburtshilfe, 4. Aufl., Berlin 1898, S. 180: »Der Reiz der
-Warzen durch das Saugen löst Uteruskontraktionen aus.«
-
-($S. 292, Z. 1 v. u.$) Man vergleiche hiemit die folgenden
-Betrachtungen J. J. _Bachofens_, die vielleicht tief genannt zu werden
-verdienen (Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, S. 165 f.): »Der Mann
-erscheint als das bewegende Prinzip. Mit der Einwirkung der männlichen
-Kraft auf den weiblichen Stoff beginnt die Bewegung des Lebens, der
-Kreislauf des ὁρατὸς κόσμος. War zuvor alles in Ruhe, so hebt jetzt mit
-der ersten männlichen Tat jener ewige Fluß der Dinge an, der durch die
-erste κίνησις hervorgerufen wird, und, nach Heraklits bekanntem Bilde,
-in keinem Augenblicke völlig derselbe ist. Durch Peleus' Tat wird aus
-Thetis' unsterblichem Mutterschoße das Geschlecht der Sterblichen
-geboren. Der Mann bringt den Tod in die Welt. Während die Mutter für
-sich der Unsterblichkeit genießt, geht nun, durch den Phallus erweckt,
-aus ihrem Leibe ein Geschlecht hervor, das gleich einem Strome immer
-dem Tode entgegeneilt, gleich Meleagers Feuerbrand stets sich selbst
-verzehrt.« Auch S. 34 f. ist von Bachofen manches Schöne über die im
-»demetrisch-tellurischen Prinzipe« gelegene Art der Unsterblichkeit
-gesagt.
-
-($S. 293, Z. 4 f.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und Vorstellung,
-Bd. II, Buch 4, Kapitel 41.
-
-($S. 294, Z. 18.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und Vorstellung,
-Bd. II, Buch 4, Kapitel 44: »Der Endzweck aller Liebeshändel, sie mögen
-auf dem Soccus oder dem Kothurn gespielt werden, ist ... wichtiger als
-alle anderen Zwecke im Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes,
-womit jeder ihn verfolgt, völlig wert. Das nämlich, was dadurch
-entschieden wird, ist nichts Geringeres als die _Zusammensetzung der
-nächsten Generation_ u. s. w.«
-
-($S. 295, Z. 26.$) Z. B. sagt der freilich auch sonst überaus flache
-und unoriginelle Eduard von _Hartmann_, der jetzt von manchen, wie es
-scheint, bloß weil er kein Universitätsprofessor ist, schon für einen
-großen Denker gehalten wird, in seiner »Phänomenologie des sittlichen
-Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik« (Berlin 1879),
-S. 268 f.: »Man denke ... an ein vom naivsten aber rücksichtslosesten
-und schamlosesten Egoismus beseeltes Weib, das von dem Tage an, wo
-es Mutter wird, mit der ganzen Naivität des weiblichen Gefühls ihr
-Selbst auf die Personen ihrer Kinder mit ausdehnt, kein Opfer für das
-Wohl dieser scheut, aber auch die so erweiterte Mutterselbstsucht
-ebenso rücksichtslos und schamlos nach außen übt wie vorher ihren
-Egoismus, ja noch ungenierter, weil sie in ihren Mutterpflichten
-eine ethische Rechtfertigung ihres Verhaltens zu besitzen glaubt ...
-Ist auch eine solche einseitige Liebe, die rücksichtslos zu allem
-außerhalb dieses Liebesverhältnisses Liegenden sich verhält, eine
-sittlich unvollkommene, so ist sie doch im Prinzip ein unermeßlicher
-Fortschritt über den starren Eigennutz und die kahle Eigenliebe
-hinaus, und zeigt den grundsätzlichen Bruch mit der Beschränkung des
-Willens auf das alleinige Wohl der Individualität. Man kann sagen,
-daß in einer solchen Mutter, bei aller Einseitigkeit ihrer Moralität,
-doch unendlich viel mehr ethische _Tiefe_ verwirklicht ist als bei
-dem Virtuosen der Klugheitsmoral, dem willenlosen Sklaven kirchlicher
-Moralformeln und dem Künstler der ästhetischen Moral zusammengenommen,
-da jene die _Wurzel alles Bösen_ wenigstens in _einem_ Punkte radikal
-und _von Grund aus zerstört hat_, während von diesen die beiden ersten
-sich durch außerhalb der Sache liegende Rücksichten, der letztere doch
-nur durch oberflächliche und äußerliche Seiten der Sache bestimmen
-läßt. Darum wird solche Liebe sittliche Achtung und in ihren höheren
-Graden selbst Ehrfurcht und Bewunderung erwecken, selbst da, wo ihre
-Einseitigkeit zu unsittlichem Verhalten nach anderen Richtungen
-führt.« Alle diese Irrtümer entstehen aus dem trotz _Kant_ überall
-verbreiteten, aber ganz unhaltbaren Glauben an eine triebhafte, naive,
-unbewußte und auf diese Art vollkommene Sittlichkeit. Man wird es ewig
-zu wiederholen haben, daß Moralität und Bewußtheit, Unbewußtheit und
-Immoralität einerlei sind. (So spricht von »unbewußter Sittlichkeit«
-Hartmann a. a. O., S. 311; es muß hiegegen anerkannt werden, daß er an
-anderen Stellen einsichtiger über die Frauen urteilt; z. B. S. 526:
-»Der Mangel an Rechtlichkeit und Gerechtigkeit macht das weibliche
-Geschlecht als Ganzes zu einem moralischen Parasiten des männlichen.«)
-
-($S. 297, Z. 1.$) Johann _Fischart_, Das Philosophisch Ehezuchtbüchlin.
--- Jean _Richepins_ bekannte Ballade »La Glu« nach dem Bretonischen (in
-»La Chanson des Gueux«). Auch H. _Heine_ hätte mehrerer Gedichte wegen
-hier angeführt werden dürfen.
-
-($S. 297, Z. 10.$) J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung
-über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und
-rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 10: »Auf den tiefsten, düstersten
-Stufen des menschlichen Daseins bildet die Liebe, welche die Mutter
-mit den Geburten ihres Leibes verbindet, den Lichtpunkt des Lebens,
-die einzige Erhellung der moralischen Finsternis, die einzige Wonne
-inmitten des tiefen Elends.« »Dasjenige Verhältnis, an welchem die
-Menschheit zuerst zur Gesittung emporwächst, das der Entwicklung
-jeder Tugend, der Ausbildung jeder edleren Seite des Daseins zum
-Ausgangspunkte dient, ist der Zauber des Muttertums, der inmitten
-eines gewalterfüllten Lebens als das göttliche Prinzip der Liebe, der
-Einigung, des Friedens wirksam wird.« Bachofen ist ein viel tieferer
-und weiter blickender Mann, von einer universelleren, echteren
-philosophischen Bildung als irgend ein Soziolog seit Hegel; und doch
-übersieht er hier etwas so Naheliegendes wie den völligen Mangel an
-Unterschieden zwischen der Mutterliebe bei den Tieren (Henne, Katze)
-und beim Menschen.
-
-Robert _Hamerling_, sonst mehr Rhetor als wahrer Künstler, macht über
-die Mutterliebe eine gute Bemerkung, die, ohne daß er dies zu wollen
-scheint, klar zeigt, wie von Sittlichkeit hier gar nicht gesprochen
-werden kann (Ahasver in Rom, II. Gesang, Werke, Volksausgabe, Bd. I,
-S. 59):
-
- »Die Mutterliebe, sieh, das ist der Pflichtteil
- Von Liebesglück, den jeder Kreatur
- Auswirft die kargende Natur -- der Rest
- Ist Schein und Trug. _Wahrhaftig, mich ergötzt es,
- Daß es ein Wesen gibt, für das es ewig
- Naturnotwendigkeit ist, mich zu lieben._«
-
-($S. 299, Z. 9. v. u.$) An Annäherungen an jenes größere Hetärentum
-(Aspasia, Kleopatra) hat es in der Renaissance nicht gefehlt. Vgl.
-_Burckhardt_, Die Kultur der Renaissance in Italien, 4. Aufl., bes. von
-L. Geiger, Bd. I, S. 127.
-
-($S. 302, Z. 15 v. u.$) Die Erzählung über Napoleon nach _Emerson_,
-Repräsentanten des Menschengeschlechtes, übersetzt von Oskar Dähnert,
-Leipzig, Universalbibliothek, S. 199.
-
-($S. 306, Z. 18.$) Dieser Auffassung der Mutterschaft kommt am nächsten
-die des _Aischylos_ (Eumeniden, V. 658 f.):
-
- »Οὐκ ἔστι μήτηρ ἡ κεκλημένου τέκνου
- τοκεύς, τροφὸς δὲ κύματος νεοσπόρου.
- τίκτει δ'ὁ θρώσκων, ἡ δ'ἁπερ ξένω ξένη
- ἔσωσεν ἔρνος, οίσι μὴ βλάφη θεός.«
-
-($S. 307, Z. 16 v. u.$) Die Illusion der Vaterschaft hat der mächtigen
-Tragödie August _Strindbergs_ »Der Vater« den Namen gegeben. (Man vgl.
-in dieser außerordentlichen Dichtung [übersetzt von E. Brausewetter,
-Universalbibliothek] als speziell auf diesen Punkt sich beziehend
-S. 34.)
-
-($S. 307, Z. 14 v. u. ff.$) _Bachofen_, Das Mutterrecht, S. 9: »...
-der Name matrimonium selbst ruht auf der Grundidee des Mutterrechtes.
-Man sagte matrimonium, nicht patrimonium, wie man zunächst auch nur
-von einer materfamilias sprach. Paterfamilias ist ohne Zweifel ein
-späteres Wort. Plautus hat materfamilias öfters, Paterfamilias nicht
-ein einziges Mal ... Nach dem Mutterrecht gibt es wohl einen Pater,
-aber keinen Paterfamilias. _Familia ist ein rein physischer Begriff_,
-und darum zunächst nur der Mutter geltend. Die Übertragung auf den
-Vater ist ein improprie dictum, das daher zwar im Recht angenommen,
-aber in den gewöhnlichen, nicht juristischen Sprachgebrauch später
-erst übertragen wurde. Der Vater ist stets eine juristische Fiktion,
-die Mutter dagegen eine physische Tatsache. Paulus ad Edictum in Fr.
-5 D. de in ius vocando (2, 4), ‚mater semper certa est, etiamsi vulgo
-conceperit, pater vero is tantum, quem nuptiae demonstrant’. Tantum
-deutet an, daß hier eine juristische Fiktion an die Stelle der stets
-fehlenden natürlichen Sicherheit treten muß. Das Mutterrecht ist natura
-verum, der Vater bloß iure civili, wie Paulus sich ausdrückt.«
-
-($S. 307, Z. 12 v. u.$) Herbert _Spencer_, Die Unzulänglichkeit der
-natürlichen Zuchtwahl, Biologisches Zentralblatt, XIV, 1894, S. 262 f.
-bemerkt: »Ich bin einem ausgezeichneten Korrespondenten zu großem
-Dank verpflichtet, der meine Aufmerksamkeit auf beglaubigte Tatsachen
-gelenkt hat, die über die Nachkommen von Weißen und Negern in den
-Vereinigten Staaten berichtet werden. Indem er sich auf einen Bericht,
-der ihm mehrere Jahre zuvor gemacht worden war, bezieht, sagt er: ‚Es
-ging darauf hinaus, daß die Kinder weißer Frauen von weißen Vätern
-_mehrere_ Male Spuren von Negerblut zeigten, wenn die Frau früher
-ein Kind von einem Neger gehabt hatte.’ Zu der Zeit, als ich diesen
-Bericht erhielt, besuchte mich ein Amerikaner, und darüber befragt,
-antwortete er, daß in den Vereinigten Staaten diese Meinung allgemein
-anerkannt werde. Um jedoch nicht nach Hörensagen zu urteilen, schrieb
-ich sogleich nach Amerika, Umfrage zu halten ... Prof. _Marsh_, der
-ausgezeichnete Paläontologe aus Yale, New Haven, der auch Beweise
-sammelt, sendet mir einen vorläufigen Bericht, in welchem er sagt:
-‚Ich selbst kenne keinen solchen Fall, aber ich habe viele Aussagen
-gehört, die mir ihre Existenz wahrscheinlich machen. Ein Beispiel in
-Connecticut wurde mir von einem Bekannten so zuverlässig beteuert, daß
-ich allen Grund habe, es für authentisch zu halten.’
-
-Daß Fälle dieser Art nicht häufig im Norden gesehen werden, ist
-natürlich zu erwarten. Das erste der obenerwähnten Beispiele bezieht
-sich auf Vorgänge, die im Süden während der Sklavenzeit beobachtet
-wurden; und selbst damals waren die bezüglichen Bedingungen
-natürlicherweise sehr selten. Dr. W. J. _Youmans_ in New-York hat in
-meinem Interesse mehrere Medizinprofessoren befragt, die, obgleich sie
-nicht selbst solche Beispiele gesehen haben, sagen, daß das behauptete,
-oben beschriebene Resultat ‚allgemein als eine Tatsache anerkannt
-wird’. Aber er sendet mir etwas, das nach meiner Meinung als ein
-autoritatives Zeugnis gelten kann. Es ist ein Citat aus dem klassischen
-Werk von Prof. _Austin Flint_, das hier folgt:
-
-‚Eine eigentümliche und, wie es scheint, unerklärliche Tatsache ist es,
-daß frühere Schwangerschaften einen Einfluß auf die Nachkommenschaft
-haben. Das ist den Tierzüchtern wohl bekannt. Wenn Vollblutstuten oder
-Hündinnen einmal mit Männchen von weniger reinem Blut belegt worden
-waren, so werden bei späteren Befruchtungen die Jungen geneigt sein,
-die Art des ersten Männchens anzunehmen, selbst wenn sie von Männchen
-mit unzweifelhaftem Stammbaum erzeugt wurden. Wie man diesen Einfluß
-der ersten Empfängnis erklären kann, ist unmöglich zu sagen, aber
-die Tatsache ist unbestritten. Der gleiche Einfluß ist beim Menschen
-beobachtet worden. Eine Frau kann vom zweiten Mann Kinder haben,
-die dem ersten ähnlich sind, und diese Beobachtung ist besonders in
-Bezug auf Haar und Augen gemacht worden. Eine weiße Frau, die zuerst
-Kinder von einem Neger hat, kann später Kinder von einem weißen Vater
-gebären, und doch werden diese Kinder unfragliche Eigentümlichkeiten
-der Negerrasse an sich tragen.’« (A Text Book of Human Physiology. By
-_Austin Flint_ MD. LL. D. _Fourth_ edition, New York, D. Appleton &
-Co., 1888, p. 797.)
-
-Dr. _Youmans_ besuchte Prof. _Flint_, der ihm erzählte, daß er ‚den
-Gegenstand näher untersucht habe, als er sein größeres Werk schrieb
-(das obige Citat ist aus einem Auszug), und er fügte hinzu, daß er
-nie gehört habe, daß der Bericht in Frage gestellt sei’. (Vgl. über
-dieselbe Frage _Spencer_, Biolog. Zentralblatt XIII, 1893, S. 743-748.)
-
-($S. 307, Z. 8 v. u.$) Vgl. Charles _Darwin_, Über die direkte oder
-unmittelbare Einwirkung des männlichen Elementes auf die Mutterform
-(Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation,
-11. Kapitel, Bd. I, 2. Aufl., Stuttgart 1873, S. 445 f.): »Eine andere
-merkwürdige Klasse von Tatsachen muß hier noch betrachtet werden, weil
-man angenommen hat, daß sie einige Fälle von Knospenvariation erklären.
-Ich meine die direkte Einwirkung des männlichen Elementes, nicht in
-der gewöhnlichen Weise auf die Ovula, sondern auf gewisse Teile der
-weiblichen Pflanzen, oder wie es der Fall bei Tieren ist, auf die
-späteren Nachkommen des Weibchens von einem zweiten Männchen. Ich will
-vorausschicken, daß bei Pflanzen das Ovarium und die Eihülle offenbar
-Teile des Weibchens sind, und es hätte sich nicht voraussehen lassen,
-daß diese von dem Pollen einer fremden Varietät oder Spezies affiziert
-werden würden, obgleich die Entwicklung des Embryo innerhalb des
-Embryosackes, innerhalb des Ovulums, innerhalb des Ovariums natürlich
-vom männlichen Element abhängt.
-
-Schon im Jahre 1729 wurde beobachtet (Philosophical Transactions,
-Vol. XLIII, 1744/45, p. 525), daß sich weiße und blaue Varietäten
-der Erbsen, wenn sie nahe aneinander gepflanzt werden, gegenseitig
-kreuzten, ohne Zweifel durch die Tätigkeit der Bienen, und im Herbste
-wurden blaue und weiße Erbsen innerhalb derselben Schoten gefunden.
-_Wiegmann_ machte eine genau ähnliche Beobachtung im jetzigen
-Jahrhundert. Dasselbe Resultat erfolgte mehrere Male, wenn eine
-Varietät Erbsen von der einen Färbung künstlich mit einer verschieden
-gefärbten Varietät gebaut wurde. (Mr. _Swayne_ in: Transact. Horticult.
-Soc., Vol. V, p. 234, und _Gärtner_, Bastarderzeugung, 1849, S. 81 und
-499). Diese Angaben veranlaßten _Gärtner_, der äußerst skeptisch über
-diesen Gegenstand war, eine lange Reihe von Experimenten sorgfältig
-anzustellen. Er wählte die konstantesten Varietäten sorgfältig heraus,
-und das Resultat zeigte ganz überzeugend, daß die Farbe der Haut
-der Erbse modifiziert wird, wenn Pollen einer verschieden gefärbten
-Varietät gebraucht wird. Diese Folgerung ist seitdem durch Experimente,
-welche J. M. _Berkeley_ angestellt hat, bestätigt worden (_Gardeners_'
-Chronicle, 1854, p. 404) ...«
-
-(S. 447): »Wenden wir uns nun zur Gattung _Matthiola_. Der Pollen
-der einen Sorte von _Levkoj_ affiziert zuweilen die Farbe der Samen
-einer anderen Sorte, die als Mutterpflanze benutzt wird. Ich führe den
-folgenden Fall um so lieber an, als _Gärtner_ ähnliche Angaben, die
-in Bezug auf den Levkoj von anderen Beobachtern früher gemacht worden
-waren, bezweifelte. Ein sehr bekannter Gartenzüchter, Major _Trevor
-Clark_ (siehe auch einen Aufsatz, welchen dieser Beobachter vor dem
-internationalen Hortikultur- und botanischen Kongreß in London 1866
-gelesen hat), teilt mir mit, daß die Samen des großen rotblütigen,
-_zweijährigen_ Levkoj (M. annua; »Cocardeau« der Franzosen) hellbraun
-sind, und die des purpurnen verzweigten Levkojs »Queen« (M. incana)
-violettschwarz sind. Nun fand er, daß, wenn Blüten des roten Levkojs
-mit Pollen des purpurnen befruchtet wurden, sie ungefähr 50% schwarzen
-Samen ergaben. Er schickte mir vier Schoten von einer rotblühenden
-Pflanze, von denen zwei mit ihren eigenen Pollen befruchtet worden
-waren, und diese enthielten blaßbraune Samen, und zwei, welche mit
-Pollen von der purpurnen Sorte gekreuzt worden waren, und diese
-enthielten Samen, die alle tief mit Schwarz gefärbt waren. Diese
-letzteren Samen ergaben purpurblühende Pflanzen wie ihr Vater, während
-die blaßbraunen Samen normale rotblühende Pflanzen ergaben. Major
-_Clarke_ hat beim Aussäen ähnlicher Samen in einem größeren Maßstabe
-dasselbe Resultat erhalten. Die Beweise für die direkte Einwirkung des
-Pollens einer Spezies auf die Färbung der Samen einer anderen Spezies
-scheinen mir in diesem Falle ganz entscheidend zu sein.«
-
-Darwin legt hier besonderen Nachdruck auf die radikale Veränderung in
-der Mutterpflanze durch den männlichen Pollen. So im englischen Texte
-(2. ed., London 1875, Vol. II, p. 430 f.): »Professor _Hildebrand_
-(Botanische Zeitung, Mai 1868, S. 326) ... has fertilised ... a
-kind [of maize] bearing yellow grains with the precaution that the
-mother-plant was true. A kind bearing yellow grains was fertilised
-with pollen of a kind having brown grains, and two ears produced
-yellow grains, but one side of the spindle was tinted with a reddish
-brown; _so that here we have the important fact of the influence of
-the foreign pollen extending to the axis_.« S. 449 (der deutschen
-Ausgabe): »Mr. _Sabine_ (Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 69) gibt
-an, daß er gesehen hat, wie die Form der nahezu kugeligen Samenkapseln
-von Amaryllis vittata durch die Anwendung des Pollens einer anderen
-Spezies, deren Kapseln höckerige Kanten haben, verändert wurden.«
-
-(S. 459): »Ich habe nun nach der Autorität mehrerer ausgezeichneter
-Beobachter der Pflanzen, welche zu sehr verschiedenen Ordnungen
-gehören, gezeigt, daß der Pollen einer Spezies oder Varietät, wenn er
-auf eine distinkte Form gebracht wird, gelegentlich die Modifikation
-der Samenhüllen und des Fruchtknotens oder der Frucht verursacht,
-was sich in einem Falle bis auf den Kelch und den oberen Teil des
-Fruchtstiels der Mutterpflanze erstreckt. Es geschieht zuweilen, daß
-das ganze Ovarium oder alle Samen auf diese Weise modifiziert werden;
-zuweilen wird nur eine gewisse Anzahl Samen, wie in dem Falle bei der
-Erbse, oder nur ein Teil des Ovariums, wie bei der gestreiften Orange,
-den gefleckten Trauben und dem gefleckten Mais, so affiziert. Man darf
-nicht annehmen, daß irgend eine direkte oder unmittelbare Wirkung der
-Anwendung fremden Pollens unabänderlich folgt: dies ist durchaus nicht
-der Fall; auch weiß man nicht, von welchen Bedingungen das Resultat
-abhängt.«
-
-(S. 451): »Die Beweise für die Wirkung fremden Pollens auf die
-Mutterpflanze sind mit beträchtlichem Detail gegeben worden, weil diese
-Wirkung ... von der höchsten theoretischen Bedeutung ist und weil sie
-an und für sich ein merkwürdiger und scheinbar anormaler Umstand ist.
-Daß sie vom physiologischen Standpunkte aus merkwürdig ist, ist klar;
-denn das männliche Element affiziert nicht bloß, im Einklang mit seiner
-eigentlichen Funktion, den Keim, sondern auch die umgebenden Gewebe der
-Mutterpflanze.« (Hier fährt die englische Ausgabe I^2, p. 430, fort):
-»... $We thus see, that an ovule is not indispensable for the reception
-of the influence of the male element.$«
-
-($S. 307, Z. 5 v. u.$) Ich setze den berühmten Bericht im Original her:
-(Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 1821, Part
-I, p. 20 f.):
-
-_A communication of a singular fact in Natural History. By the Right
-Honourable the Earl of $Morton$_, F. R. S., in a Letter addressed to
-the President.
-
- Read, November 23, 1820.
-
- My Dear Sir,
-
- I yesterday had an opportunity of observing a singular
- fact in Natural History, which you may perhaps deem not
- unworthy of being communicated to the Royal Society.
-
- Some years ago, I was desirous of trying the experiment
- of domesticating the Quagga, and endeavoured to procure
- some individuals of that species. I obtained a male;
- but being disappointed of a female, I tried to breed
- from the male quagga and a young chestnut mare of
- seven-eighths Arabian blood and which had never been
- bred from: the result was the production of a female
- hybrid, now five years old, and bearing, both in her
- form and in her colour, very decided indications of
- her mixed origin. I subsequently parted with the
- seven-eighth Arabia mare to Sir _Gore Ouseley_, who
- has bred from her by a very fine black Arabian horse.
- I yesterday morning examined the produce, namely, a
- two-years old filly, and a year-old colt. They have
- the character of the Arabian breed as decidedly as can
- be expected, where fifteen-sixteenths of the blood
- are Arabian; and they are fine specimens of that
- breed; _but both in their colour, and in the hair of
- their manes, they have a striking resemblance to the
- quagga_. Their colour is bay, marked more or less like
- the quagga in a darker tint. Both are distinguished
- by the dark line along the ridge of the back, the
- dark stripes across the fore-hand, and the dark bars
- across the back-part of the legs. The stripes across
- the fore-hand of the colt are confined to the withers,
- and to the part of the neck next to them; those on the
- filly cover nearly the whole of the neck and the back,
- as far as the flanks. The colour of her coat on the
- neck adjoining to the mane is pale and approaching to
- dun, rendering the stripes there more conspicuous than
- those on the colt. The same pale tint appears in a less
- degree on the rump: and in this circumstance of the dun
- tint also she resembles the quagga -- -- -- -- -- --
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- [p. 22] These
- circumstances may appear singular; but I think you
- will agree with me that they are trifles compared with
- the extraordinary fact of so many striking features,
- which do not belong to the dam, being in two successive
- instances communicated through her to the progeny, not
- only of another sire, who also has them not, but of a
- sire belonging probably to another species; for such we
- have very strong reason for supposing the quagga to be.
-
- I am, my dear Sir
- Your faithful humble servant
- $Morton$.
-
-($S. 308, Z. 1 f.$) Besonders ausführlich H. _Settegast_, Die
-Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre, Breslau 1878, S. 223
-bis 234: Infektion (Superfötation). Er verweist alles in das Gebiet des
-Aberglaubens und der Phantastik. »So kommen wir denn zu dem Schluß,
-daß die vermeintliche Infektion der Mutter auf einer Täuschung beruht,
-und daß es unzulässig ist, durch sie die Fälle erklären zu wollen, in
-welchen das Kind in Farbe und Abzeichen, in Form und Eigenschaften
-der Übereinstimmung mit den Eltern ermangelt. Aus unseren bisherigen
-Untersuchungen über Abweichungen von elterlicher Verwandtschaft ist zu
-ersehen, daß die vereinzelten Fälle, welche die Infektionstheorie zu
-ihren Gunsten auslegt, und die zugleich als verbürgt angesehen werden
-dürfen, auf Rechnung der Neubildung der Natur zu schreiben sind.
-
-Durch unsere Ausführungen glauben wir die Infektionstheorie widerlegt
-zu haben: daß es uns gelungen sein sollte, sie für immer zu bannen,
-dürfen wir kaum hoffen. Die Infektionstheorie ist die Seeschlange der
-Vererbungslehre.«
-
-($S. 308, Z. 3.$) F. C. _Mahnke_, Die Infektionstheorie, Stettin 1864.
-Vgl. zu der Frage auch Rudolf _Wagner_, Nachtrag zu R. Leuckarts
-Artikel »Zeugung«, in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV,
-1853, S. 1011 f. Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II,
-Jena 1898, S. 137 f.
-
-($S. 308, Z. 4.$) August _Weismann_, Das Keimplasma, Eine Theorie
-der Vererbung, Jena 1892, S. 503 f. Die Allmacht der Naturzüchtung,
-Jena 1893, S. 81-84, 87-91. Weismann verhält sich, wie er (seiner
-Überzeugung von der völligen Unbeeinflußbarkeit des Keimplasmas
-gemäß) es wohl muß, ablehnend, und beruft sich hiebei vor allem auf
-die eingehenden Erörterungen _Settegasts_. Ähnlich Hugo _de Vries_,
-Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 206-207.
-
-Dagegen ist _Darwin_ von der »direkten Wirkung des männlichen Elementes
-auf das Weibchen« (nicht bloß auf eine einzige Keimzelle desselben)
-überzeugt, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der
-Domestikation, Kap. 27 (Bd. II^2, S. 414, Stuttgart 1873); wie es wohl
-ein jeder sein muß, der sich die ungeheuere Veränderung, welche in den
-Frauen sofort mit Beginn der Ehe eintritt, und ihre außerordentliche
-Anähnlichung an den Mann während derselben vor Augen hält. Vgl. im
-Texte S. 376, 396.
-
-Darwin sagt a. a. O., S. 414: »Wir sehen hier, daß das männliche
-Element nicht den Teil affiziert und hybridisiert, welchen zu
-affizieren es eigentlich bestimmt ist, nämlich das Eichen, sondern die
-besonders entwickelten Gewebe eines distinkten Individuums.«
-
-Ausführlicher spricht Darwin über die Telegonie im 11. Kapitel dieses
-selben Werkes, wo er aus der Literatur eine große Zahl von Fällen
-anführt, welche für ihr Vorkommen beweisend sind (Bd. I^2, S. 453-455):
-
-»In Bezug auf die Varietäten unserer domestizierten Tiere sind viele
-ähnliche und sicher beglaubigte Tatsachen veröffentlicht worden, andere
-sind mir noch mitgeteilt worden; alle beweisen den Einfluß des ersten
-Männchens auf die später von derselben Mutter mit anderen Männchen
-erzeugten Nachkommen. Es wird hinreichen, noch einen einzigen Fall
-mitzuteilen, der in einem auf den des Lord _Morton_ folgenden Aufsatz
-in den »Philosophical Transactions« enthalten ist: Mr. _Giles_ brachte
-eine Sau von Lord _Westerns_ schwarzer und weißer Essexrasse zu einem
-wilden Eber von einer tiefkastanienbraunen Färbung; die produzierten
-Schweine trugen in ihrer äußeren Erscheinung Merkmale sowohl des Ebers
-als der Sau, bei einigen herrschte aber die braune Färbung des Ebers
-bedeutend vor. Nachdem der Eber schon längere Zeit tot war, ward die
-Sau zu einem Eber ihrer eigenen schwarzen und weißen Rasse getan (einer
-Rasse, von welcher man sehr wohl weiß, daß sie sehr rein züchtet und
-niemals irgend eine braune Färbung zeigt); und doch produzierte die
-Sau nach dieser Verbindung einige junge Schweine, welche deutlich
-dieselbe kastanienbraune Färbung besaßen, wie die aus dem ersten Wurfe.
-_Ähnliche Fälle sind so oft vorgekommen, daß sorgfältige Züchter es
-vermeiden, ein geringeres Männchen zu einem ausgezeichneten Weibchen zu
-lassen wegen der Beeinträchtigung der späteren Nachkommen, welche sich
-hienach erwarten läßt._
-
-Einige Physiologen haben diese merkwürdigen Folgen einer ersten
-Befruchtung aus der innigen Verbindung und der freien Kommunikation
-zwischen den Blutgefäßen des modifizierten Embryo und der Mutter
-zu erklären versucht. Es ist indes eine äußerst unwahrscheinliche
-Hypothese, daß das bloße Blut des einen Individuums die
-Reproduktionsorgane eines anderen Individuums in einer solchen Weise
-affizieren könne, daß die späteren Nachkommen dadurch modifiziert
-würden. Die Analogie mit der direkten Einwirkung fremden Pollens auf
-den Fruchtknoten und die Samenhüllen der Mutterpflanze bietet der
-Annahme eine kräftige Unterstützung, daß das männliche Element, so
-wunderbar diese Wirkung auch ist, direkt auf die Reproduktionsorgane
-des Weibchen wirkt, und nicht erst durch die Intervention des
-gekreuzten Embryo.«
-
-Wilhelm Olbers _Focke_, Die Pflanzen-Mischlinge, Ein Beitrag zur
-Biologie der Gewächse, Berlin 1881, S. 510-518: »Ich schlage ...
-vor, solche Abweichungen von der normalen Gestalt oder Färbung,
-welche in irgendwelchen Teilen einer Pflanze durch die Einwirkung vom
-fremden Blütenstaube hervorgebracht werden, als Xenien zu bezeichnen,
-gleichsam als Gastgeschenke der Pollen spendenden Pflanze an die Pollen
-empfangende.« (S. 511.)
-
-($S. 308, Z. 16 v. u.$) Zum »Versehen« vgl. die Anmerkungen zu S. 285 f.
-
-($S. 308, Z. 8 v. u.$) Wie für das Versehen auf _Goethe_ und auf
-_Ibsen_, so hätte ich, wenn ich nicht erst nach Abschluß dieses
-Kapitels hierauf wäre aufmerksam gemacht worden, auch für die Realität
-der Telegonie auf das Werk eines großen Künstlers mich berufen
-können: ich meine Madeleine _Férat_, den wenig gelesenen, aber wohl
-sehr großartigen Roman des jugendlichen _Zola_. Was Zola über die
-Frauen gedacht hat, muß, nach diesem, wie nach anderen Werken, meinen
-Anschauungen sehr nahe gestanden sein. Vgl. Madeleine Férat, Nouvelle
-édition, Paris, Bibliothèque-Charpentier 1898, S. 173 f., besonders
-S. 181 ff. und 251 f., Stellen, die ich ihrer großen Länge wegen nicht
-hiehersetzen kann.
-
-($S. 310, Z. 17.$) Über die Zuhälter vgl. _Lombroso-Ferrero_, Das
-Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, S. 560 ff.
-der deutschen Ausgabe, über ihre Identität mit den eigentlichen
-Verbrechern, ibid. S. 563-564.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 11.
-
-
-($S. 314, Z. 11 f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd. II,
-Kapitel XXVII. -- Die Erzählung in Betreff des Lord _Byron_ ist nach
-R. von _Hornstein_ wiedergegeben von Eduard _Grisebach_ im Anhange zu
-Schopenhauers sämtlichen Werken, Bd. VI, S. 191 f.
-
-($S. 315, Z. 1 v. u.$) _Kant_, Beobachtungen über das Gefühl des
-Schönen und Erhabenen, Königsberg 1764, III. Abschnitt (Bd. VIII,
-S. 36 der Kirchmannschen Ausgabe): »Diese ganze Bezauberung ist im
-Grunde über den Geschlechtstrieb verbreitet. Die Natur verfolgt ihre
-große Absicht, und alle Feinigkeiten, die sich hinzugesellen, sie
-mögen nun so weit davon abzustehen scheinen, wie sie wollen, sind
-nur Verbrämungen und entlehnen ihren Reiz doch am Ende aus derselben
-Quelle.« -- _Schopenhauer_ in seiner wiederholt citierten »Metaphysik
-der Geschlechtsliebe« (Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap.
-44).
-
-($S. 316, Z. 3 v. u. f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd.
-II, § 369.
-
-($S. 318, Z. 10.$) _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, Transscendentale
-Dialektik, I, 3. System der transcendentalen Ideen (S. 287 ff.,
-Kehrbach).
-
-($S. 318, Z. 15-8 v. u.$) Das Lied ist das des Wolfram aus _Wagners_
-Tannhäuser, 2. Aufzug, 4. Scene.
-
-($S. 324, Z. 19 f.$) _Platon_, Phaedrus, p. 251 A. B.: »ὅταν θεοειδὲς
-πρόσωπον ἴδῃ κάλλος εὖ μεμιμημένον, ἤ τινα σώματος ἰδέαν, πρῶτον μὲν
-ἔφριξε ... εἶτα προσορῶν ὡς θεὸν σέβεται, καὶ εἰ μὴ δεδιείη τὴν τῆς
-σφόδρα μανίας δόξαν, θύοι ἂν ὡς ἀγάλματι καὶ θεῷ τοῖς παιδικοῖς. ἰδόντα
-δὲ αὐτὸν, οἷον ἐκ τῆς φρίκης, μεταβολή τε καὶ ἱδρὼς καὶ θερμότης ἀήθης
-λαμβάνει· δεξάμενος γὰρ τοῦ κάλλους τὴν ἀποῤῥοὴν διὰ τῶν ὀμμάτων,
-ἐθερμάνθη ᾗ ἡ τοῦ πτεροῦ φύσις ἄρδεται, θερμανθέντος δὲ ἐτάκη τὰ περὶ
-τὴν ἔκφυσιν, ἃ πάλαι ὑπὸ σκληρότητος συμμεμυκότα εἶργε μὴ βλαστάνειν,
-ἐπιῤῥυείσης δὲ τῆς τροφῆς ᾤδησέ τε καὶ ὥρμησε φύεσθαι ἀπὸ τῆς ῥίζης
-ὁ τοῦ πτεροῦ καυλὸς ὑπὸ πᾶν τὸ τῆς ψυχῆς εἶδος· πᾶσα γὰρ ἦν τὸ πάλαι
-πτερωτή.«
-
-($S. 325, Z. 16-8 v. u.$) Vgl. _Dante_, Paradiso, Canto VII, v. 64-66:
-»La divina bontà, che da sè sperne ogni livore, ardendo in sè sfavilla
-Si che dispiega le bellezze interne.«
-
-($S. 326, Z. 13.$) _Kant_, Kritik der Urteilskraft. -- _Schelling_,
-System des transcendentalen Idealismus, Sämtliche Werke, I. Abteilung,
-Bd. III. -- _Schiller_, Über die ästhetische Erziehung des Menschen.
-
-($S. 326, Z. 17 v. u.$) _Shaftesbury_: nach W. _Windelband_, Geschichte
-der neueren Philosophie in ihrem Zusammenhange mit der allgemeinen
-Kultur und den besonderen Wissenschaften, 2. Aufl., Leipzig 1899, Bd.
-I, S. 272. -- _Herbart_, Analytische Beleuchtung des Naturrechts und
-der Moral, Göttingen 1836, Sämtliche Werke, ed. Hartenstein, Bd. VIII,
-S. 213 ff.
-
-($S. 330, Z. 19 v. u.$) _Platons_ Gastmahl, 206 E.
-
-($S. 330, Z. 11 f. v. u.$) _Platon_ a. a. O., Kap. 27, S. 209 C-E
-(Übersetzung nach _Schleiermacher_).
-
-($S. 331, Z. 17 v. u.$) _Novalis_: »Es ist wunderbar genug, daß
-nicht längst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit
-die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und ihre
-gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.« (Novalis' Schriften,
-herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel, Zweiter Teil, Wien
-1820, S. 288.)
-
-($S. 331, Z. 15 v. u.$) _Bachofen_, Das Mutterrecht, Stuttgart 1861,
-S. 52: »Das stoffliche, das tellurische Sein umschließt beides, Leben
-und Tod. Alle Personifikationen der chthonischen Erdkraft vereinigen in
-sich diese beiden Seiten, das Entstehen und das Vergehen, die beiden
-Endpunkte, zwischen welchen sich, um mit Plato zu reden, der Kreislauf
-aller Dinge bewegt. So ist Venus, die Herrin der stofflichen Zeugung,
-als Libitina die Göttin des Todes. So steht zu Delphi eine Bildsäule
-mit dem Zunamen Epitymbia, bei welcher man die Abgeschiedenen zu den
-Totenopfern heraufruft (Plut. quaest. rom. 29). So heißt Priapus in
-jener römischen Sepulcralinschrift, die in der Nähe des Campanaschen
-Columbariums gefunden wurde, mortis et vitai locus. So ist auch in
-den Gräbern nichts häufiger als Priapische Darstellungen, Symbole der
-stofflichen Zeugung. Ja es findet sich auch in Südetrurien ein Grab,
-an dessen Eingang, auf dem rechten Türpfosten, ein weibliches sporium
-abgebildet ist.« -- Der Kreislauf von Tod und Leben war auch ein
-Lieblingsthema der Reden _Buddhas_. Ihn hat aber auch der tiefste unter
-den voreleatischen Griechen, _Anaximandros_, gelehrt (bei Simplicius
-in Aristot. Physika 24, 18): »ἐξ ὧν ἡ γένεσίς ἐστι τοῖς οὖσι, καὶ τὴν
-φθορὰν εἰς ταῦτα γίνεσθαι κατὰ χρεών. διδόναι γὰρ αὐτὰ τίσιν καὶ δίκην
-τῆς ἀδικίας κατὰ τὴν τοῦ χρόνου τάξιν.«
-
-($S. 332, Z. 10-11.$) Giordano _Bruno_, Gli eroici furori, Dialogo
-secundo 13 (Opere di G. B. Nolano ed. Adolfo Wagner, Vol. II,
-Leipzig 1830, p. 332): »Tutti gli amori, se sono eroici, e non son
-puri animali, che chiamano naturali e cattivi a la generazione come
-instrumenti de la natura, in certo modo hanno per oggetto la divinità,
-tendono a la divina bellezza, la quale prima si comunica a l'anime e
-risplende in quelle, e da quelle poi, o per dir meglio, per quelle poi
-si comunica a li corpi.«
-
-($S. 332, Z. 8-9 v. u.$) Ed. v. _Hartmann_. Phänomenologie des
-sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 699 spricht es nur der allgemeinen
-Meinung nach: »..... es ist an der Zeit, den heranwachsenden
-Mädchen klar zu machen, daß ihr Beruf, wie er durch ihr Geschlecht
-vorgezeichnet ist, nur in der Stellung als Gattin und Mutter sich
-erfüllen läßt, daß er in nichts anderem besteht, als in dem Gebären und
-Erziehen von Kindern, daß die tüchtigste und am höchsten zu ehrende
-Frau diejenige ist, welche der Menschheit die größte Zahl besterzogener
-Kinder geschenkt hat, und daß alle sogenannte Berufsbildung der Mädchen
-nur einen traurigen Notbehelf für diejenigen bildet, welche das Unglück
-gehabt haben, ihren wahren Beruf zu verfehlen.«
-
-($S. 332, Z. 8 v. u.$) Besonders im Judentum werden zum Teil noch
-heute unfruchtbare Frauen als zwecklos betrachtet (vgl. Kapitel
-XIII, S. 417). Aber auch nach deutschem Recht »durfte der Mann wegen
-Unfruchtbarkeit seiner Frau .... geschieden zu werden verlangen«. Jakob
-_Grimm_, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Ausgabe, Leipzig 1899, S. 626.
-
-($S. 333, Z. 13 f.$) Das französische Citat stammt aus dem Cyklus
-»Sagesse« (Paul _Verlaine_, Choix de Poésies, Edition augmentée d'une
-Préface de François Coppée, Paris 1902, p. 179).
-
-($S. 336, Z. 15.$) Vgl. Liebeslieder moderner Frauen, eine Sammlung von
-Paul _Grabein_, Berlin 1902.
-
-($S. 337, Z. 15.$) Poros und Penia als Eltern des Eros: nach der so
-tiefen Fabel des platonischen Gastmahls (p. 203, B-D). Vgl. S. 340 und
-397.
-
-($S. 338, Z. 8 v. u. ff.$) Zu der Wirkung des männlichen
-Geschlechtsteiles auf das weibliche Geschlecht vgl. eine Erzählung
-_Freuds_ (_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, Leipzig
-und Wien, S. 113); vor allem aber die großartige Scene in _Zolas_
-Roman »Germinal« (Quinzième Partie, Fin, p. 416), wo die Frauen das
-Zeugungsglied des gemordeten und nach dem Tode kastrierten Maigrat
-erblicken.
-
-($S. 339, Z. 6.$) Erst lange, nachdem ich diese Stelle
-niedergeschrieben hatte, wurde ich darauf aufmerksam, daß fascinum, von
-dem fascinare sich herleitet, im Lateinischen (z. B. Horaz, Epod. 8,
-18) nichts anderes als das männliche Glied bedeutet. Die Wirkung des
-männlichen Bartes auf die Frau ist zwar eine bedeutend schwächere und
-nicht gleich allgemeine, aber mit der des Zeugungsgliedes psychologisch
-nicht ohne Verwandtschaft.
-
-($S. 340, Z. 9 f.$) _Plato_, Symposion, 202, D-E: Τί οὖν ἄν εἴη ὁ
-Ἔρως;.... Μεταξὺ θνητοῦ καὶ ἀθανάτου, .... δαίμων μέγας, ὦ Σώκρατες·
-καὶ γὰρ πᾶν τὸ δαιμόνιον μεταξύ ἐστι θεοῦ τε καὶ θνητοῦ. 203 E: οὔτε
-ἀπορεῖ Ἔρως ποτὲ οὔτε πλουτεῖ. σοφίας τε αὖ καὶ ἀμαθίας ἐν μέσῳ ἐστίν.
-
-($S. 340, Z. 14 f.$) Der neueste Darsteller der platonischen
-Gedankenwelt ist ein Anhänger _Mills_: Theodor _Gomperz_, Griechische
-Denker, eine Geschichte der antiken Philosophie, Bd. II, Leipzig 1902,
-S. 201 ff. In manchen Regionen scheint dieser vielfach hochverdiente
-Autor selbst gefühlt zu haben, wie ferne er einem Verständnis der
-inneren Denkmotive des Philosophen ist. Interessanter sind jene Stellen
-des Buches, wo der Verfasser Plato zu begreifen meint und beloben zu
-müssen glaubt. Vor dem Geiste der Modernität, welcher die höchsten
-Synthesen, deren er fähig war, im Lawn-tennis-Spiele vollzogen hat,
-vermögen nur zwei Stellen des »Staates« vollste Gnade zu finden. (»_Wir
-dürfen es Plato hoch anrechnen_, daß er die ‚hinkende’ Einseitigkeit
-des bloßen Sport- und Jagdliebhabers nicht stärker mißbilligt als
-jene, die sich nur um die Pflege des Geistes und gar nicht um jene
-des Körpers kümmert .... Nicht minder bezeichnend ist es, daß er
-auch bei der Auswahl der Herrscher neben den Charaktereigenschaften
-nach Möglichkeit die Wohlgestalt berücksichtigt wissen will .... Hier
-ist der asketische Verfasser des Phaedon wieder ganz und gar Hellene
-geworden.« S. 583.) Dem Dialog über den Staatsmann wird wie als höchste
-Anerkennung diese, daß »ein Hauch von baconischem, modern induktivem
-Geiste ihn gestreift« habe (S. 465). Gleichsam als das Ruhmwürdigste im
-»Phaedon« erscheint die Antizipation der Associationsgesetze (S. 356),
-und allen Ernstes wird als eine »wunderbare Äußerung Platons« eine
-Stelle des Sophisten (247, D E) gepriesen, die als eine Vorwegnahme der
-»modernen Energetik« vielleicht aus purem Wohlwollen gegen den Denker
-mißverstanden wird, der mit John Stuart Mill so gar keine Ähnlichkeit
-hatte (S. 455). Wie es unter solchen Umständen dem Timaeus ergeht,
-das kann man sich leicht ausmalen. Man sollte übrigens -- und diese
-Bemerkung richtet sich nicht bloß gegen eine unzulängliche Darstellung
-Platos -- es durchaus unterlassen, einen Philosophen oder Künstler
-deswegen zu loben, weil die Nur-Wissenschaftler nach tausend Jahren
-einen Gedanken von ihm zu begreifen anfangen. _Goethe_, _Plato_ und
-_Kant_ sind zu größeren Dingen auf der Erde erschienen, als empirische
-Wissenschaft aus ihrer Erfahrung allein je einsehen oder begründen
-könnte.
-
-($S. 340, Z. 13 v. u.$) O. _Friedländer_ bemerkt in seinem Aufsatz
-»Eine für viele« (vgl. zu S. 115, Z. 10 v. u.) S. 180 f. sehr scharf,
-aber wahr: »Nichts kann den Frauen ferner gelegen sein, als der Kampf
-gegen die voreheliche Unkeuschheit des Mannes. Was sie im Gegenteil von
-dem letzteren verlangen, ist die subtilste Kenntnis aller Details des
-Geschlechtslebens und der Entschluß, diese theoretische Superiorität
-auch praktisch zur Geltung zu bringen ... Die Jungfrau vertraut ihre
-unberührten Reize meist lieber den bewährten Händen des ausgekneipten
-Wüstlings an, der lange das Reifeexamen der ars amandi abgelegt hat,
-als den zitternden Fingern des erotischen Analphabeten, der das Abc der
-Liebe kaum zu stammeln vermag.«
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 12.
-
-
-($S. 342, Z. 6.$) Das Motto aus _Kant_ habe ich irgendwo citiert
-gefunden, kann mich aber nicht entsinnen, wo, noch war es mir möglich,
-in Kantens Schriften selbst es zu entdecken. In den »Fragmenten aus
-dem Nachlaß« (Bd. VIII, S. 330, ed. Kirchmann) heißt es: »Wenn man
-bedenkt, daß Mann und Frau ein moralisches Ganze ausmachen, so muß man
-ihnen nicht einerlei Eigenschaften beilegen, sondern der einen solche
-Eigenschaften, die dem anderen fehlen« -- übrigens eine Ansicht, durch
-die leicht die Wahrheit umgekehrt erscheinen könnte: der Mann hat alle
-Eigenschaften der Frau in sich, zumindest als Möglichkeiten; dagegen
-ist die Frau ärmer als der Mann, weil nur ein Teil desselben. (Vgl. den
-Schluß dieses Kapitels.)
-
-($S. 343, Z. 17.$) Paul Julius _Moebius_, Über den physiologischen
-Schwachsinn des Weibes, 5. Aufl., Halle 1903. Über einige Unterschiede
-der Geschlechter, in: Stachyologie, Weitere vermischte Aufsätze,
-Leipzig 1901, S. 125-138.
-
-($S. 350, Z. 13.$) Man übertreibt oft die Stärke des Verlangens
-nach dem Kinde bei der Frau. Ed. v. _Hartmann_ (Phänomenologie des
-sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 693) bemerkt zum Teil mit Recht:
-»Der Instinkt nach dem Besitz von Kindern ist bei _jungen_ Frauen
-und Mädchen keineswegs so allgemein und entschieden ausgeprägt, als
-man gemeinhin annimmt, und als die Mädchen selbst dies erheucheln,
-um dadurch die Männer anzuziehen; erst in reiferen Jahren pflegen
-kinderlose Frauen ihren Zustand als schmerzliche Entbehrung im
-Vergleich zu ihren kinderbesitzenden Altersgenossinnen zu fühlen
-.... Meist geschieht es mehr, um den Mann zufrieden zu stellen, als
-um ihrer selbst willen, wenn junge Frauen sich Kinder wünschen; der
-Mutterinstinkt erwacht erst, wenn der hilfefordernde junge Weltbürger
-_wirklich da ist_.« Man sieht übrigens, wie notwendig sowohl in dieser
-Frage als den ewig wiederholten Behauptungen der Gynäkologen gegenüber
-(für welche das Weib theoretisch immer nur eine Brutanstalt ist) die im
-10. Kapitel durchgeführte Zweiteilung ist.
-
-($S. 353, Z. 2.$)
-
- »Das _Weib_ ist's, das ein _Herz_ sucht, nicht _Genuß_.
- Das Weib ist keusch in seinem tiefsten Wesen,
- Und was die Scham ist, weiß doch nur ein Weib.«
-
-_Hamerling_, Ahasver in Rom, II. Gesang: Werke, Volksausgabe Hamburg,
-Bd. I, p. 58.
-
-($S. 355, Z. 6 f.$) Herbert _Spencer_, Die Prinzipien der Ethik, Bd. I,
-Stuttgart 1894, S. 341 f.
-
-($S. 355, Z. 16 v. u. f.$) _Ellis_, Mann und Weib, S. 288 äußert die
-interessante Vermutung, daß auch die Erscheinung der _Mimicry_ mit der
-_Suggestibilität_ in einem Zusammenhange stehe. Mit der Darstellung im
-Texte würde das vielleicht sich besser reimen als irgend eine andere
-Deutung jenes Phänomenes.
-
-($S. 356, Z. 5 v. u. ff.$) _Wolfram von Eschenbach_, Parzival,
-übersetzt von Karl Pannier (Leipzig, Universalbibliothek), Buch IV,
-Vers 698 ff.
-
-($S. 357, Z. 19 v. u. ff.$) Sehr vereinzelt ist unter den Psychiatern
-eine Stimme, wie die Konrad _Riegers_, Professors in Würzburg: »Was
-ich erstrebe ist die Autonomie der Psychiatrie und Psychologie. Sie
-sollen beide frei sein von einer Anatomie, die sie nichts angeht; von
-einer Chemie, die sie nichts angeht. Eine psychologische Erscheinung
-ist etwas ebenso Originales wie eine chemische und anatomische. Sie hat
-keine Stützen nötig, an die angelehnt werden müßte.« (Die Kastration in
-rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 31.)
-
-($S. 357, Z. 1 v. u. f.$) Pierre _Janet_, L'État mental des
-Hystériques, Paris 1894; L'Automatisme psychologique, Essai de
-Psychologie expérimentale sur les formes inférieures de l'activité
-humaine, 3. éd., Paris 1898; F. _Raymond_ et Pierre _Janet_, Névroses
-et Idées fixes, Paris 1898. -- Oskar _Vogt_: in den zu S. 372, Z. 13
-v. u. citierten Aufsätzen. -- Jos. _Breuer_ und Sigm. _Freud_, Studien
-über Hysterie, Leipzig und Wien 1895.
-
-($S. 358, Z. 9.$) Sigmund _Freud_, Zur Ätiologie der Hysterie, Wiener
-klinische Rundschau, X, S. 379 ff. (1896, Nr. 22-26). Die Sexualität in
-der Ätiologie der Neurosen, ibid. XII, 1898, Nr. 2-7.
-
-($S. 358, Z. 13 v. u.$) »Fremdkörper« nach _Breuer_ und _Freud_.
-Studien über Hysterie, S. 4.
-
-($S. 358, Z. 8 v. u.$) Hier gedenkt man vielleicht der vollendetsten
-Frauengestalt _Zolas_, der _Françoise_ aus dem Romane »La Terre«, und
-ihres Verhaltens gegen den von ihr bis zum Schlusse ganz unbewußt
-begehrten und stets zurückgewiesenen _Buteau_.
-
-($S. 359, Z. 1 ff.$) Unter den hysterischen _Männern_ sind wohl viele
-sexuelle Zwischenformen. Eine Bemerkung _Charcots_ weist darauf hin
-(Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems, insbesondere
-über Hysterie, übersetzt von Sigmund _Freud_, Leipzig und Wien 1886,
-S. 70): »Beim Manne sieht man nicht selten einen Hoden, _besonders wenn
-er Sitz einer Lage- oder Entwicklungsanomalie_ ist, in eine hysterogene
-Zone einbezogen.« Vgl. S. 74 über einen hysterischen Knaben von
-weibischer Erscheinung. Eine Stelle, die ich in demselben Buche gelesen
-zu haben mich bestimmt entsinne, aber später nicht mehr aufzufinden
-vermochte, gibt an, daß der Hode besonders dann eine hysterogene Zone
-bilde, _wenn er im Leistenkanal zurückgeblieben sei_. Beim Weibe aber
-sind die hysterogenen Punkte auch lauter sexuell besonders stark
-hervorgehobene (Der Ilial-, Mammar-, Inguinalpunkt, die »Ovarie«, vgl.
-_Ziehens_ Artikel »Hysterie« in Eulenburgs Realenzyklopädie). Der
-Hode, welcher den Descensus nicht vollzogen hat, ist eine Keimdrüse
-von stark weiblicher Sexualcharakteristik (nach Teil I, Kap. 2); er
-steht einem Ovarium nahe und kann auch dessen Eigenschaften übernehmen,
-also hysterogen werden. -- Ich habe einmal in einer Vorlesung einen
-Psychiater die Unrichtigkeit der Lehre von der Weiblichkeit der
-Hysterie an einem Knaben demonstrieren sehen, dessen Testikel ihrer
-besonderen Kleinheit wegen ihm selbst aufgefallen waren.
-
-Nach _Briquet_ (citiert bei _Charcot_ a. a. O., S. 78) kommen 20
-hysterische Frauen auf einen hysterischen Mann.
-
-Im übrigen hat auch der männlichste Mann, vielleicht gerade er am
-stärksten, die _Möglichkeit_ des Weibes in sich. _Hebbel_, _Ibsen_,
-_Zola_ -- die drei größten Kenner des Weibes im 19. Jahrhundert --
-sind extrem männliche Künstler, der letztere so sehr, daß seine Romane
-_trotz ihrem oft so sexuellen Gehalte_ bei den Frauen auffallend wenig
-in Gunst stehen ... Je mehr Mann einer ist, desto mehr vom Weibe
-hat er in sich _überwunden_, und es ist vielleicht der männlichste
-Mann insofern zugleich der weiblichste. Hiemit ist die Seite 108
-aufgeworfene Frage wohl am richtigsten beantwortet.
-
-($S. 359, Z. 21 v. u. ff.$) Pierre _Janet_ kommt meiner Auffassung
-von der passiven Übernahme der Anschauungsweise des Mannes einmal
-ziemlich nahe. Névroses et Idées fixes I, 475 f.: »... On a vu que
-le travail du directeur pendant les séances ... a été un travail de
-synthèse; il a organisé des résolutions, des croyances, des émotions,
-il a aidé le sujet à rattacher à sa personnalité des images et des
-sensations. Bien plus il a échafaudé tout ce système de pensées autour
-d'un centre spécial qui est le souvenir et l'image de sa personne.
-Le sujet a emporté dans son esprit et dans son cerveau une synthèse
-nouvelle, passablement artificielle et très fragile, sur laquelle
-l'émotion a facilement exercé sa puissance désorganisatrice,« p. 477:
-les phénomènes »consistent toujours dans une affirmation et une volonté
-c'est-à-dire une direction imposée aux gens qui ne peuvent pas vouloir,
-qui ne peuvent pas s'adapter, qui vivent d'une manière insuffisante«.
-
-($S. 359, Z. 12 v. u.$) Abulie: Vgl. die Beschreibung _Janets_ (Un cas
-d'aboulie et d'idées fixes, Névroses et Idées fixes, Vol. I, p. 1 ff.).
-
-($S. 360, Z. 8 f.$) Von der außerordentlichen _Leichtgläubigkeit_ der
-Hysterikerinnen spricht Pierre _Janet_, L'Automatisme Psychologique,
-Essai de psychologie expérimentale sur les formes inférieures de
-l'activité humaine, 3. éd. Paris 1899, p. 207 f. Ferner pag. 210: »Ces
-personnes, en apparence spontanées et entreprenantes, sont de la plus
-étrange docilité quand on sait de quelle manière il faut les diriger.
-De même que l'on peut changer un rêve par quelques mots adressés au
-dormeur, de même on peut modifier les actes et toutes la conduite
-d'un individu faible par un mot, une allusion, un signe léger auquel
-il obéit aveuglément tandis qu'il résisterait avec fureur si on avait
-l'air de lui commander.« _Briquet_, Traité clinique et thérapeutique
-de l'hystérie, Paris 1859, p. 98: »Toutes les hystériques que j'ai
-observées étaient extrêmement _impressionables_. Toutes, dès leur
-enfance, étaient très craintives; elles avaient une peur extrême d'être
-grondées, et quand il leur arrivait de l'être, elles étouffaient,
-sanglotaient, fuyaient au loin ou se trouvaient mal.« (Vgl. im Texte
-weiter unten über die hysterische Konstitution.) Wie hiegegen der
-Eigensinn der Hysterischen alles eher denn einen Einwand bildet, das
-geht hervor aus der glänzenden Bemerkung von _Lipps_ (Suggestion und
-Hypnose, S. 483, Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen
-und der historischen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu
-München, 1897, Bd. II): »..... _blinder Eigensinn ist im Prinzip
-dasselbe wie blinder Gehorsam_ ....., es kann nicht verwundern, wenn
-..... beim suggestibeln ..... Beides angetroffen wird. Der größte
-Grad der Suggestibilität ..... bedingt die Willensautomatie. Hier
-wirkt ausschließlich oder übermächtig der im Befehl eingeschlossene
-Willensantrieb. Ein geringerer Grad der Suggestibilität dagegen kann
-neben der Willensautomatie das blinde Zuwiderhandeln gegen den Befehl
-erzeugen.«
-
-($S. 360, Z. 16-21.$) Auch _Freuds_ »_Deckerinnerungen_«,
-(Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, VI, 1899), gehören
-hieher. Es sind das die Reaktionen des Schein-Ich auf diejenigen
-Ereignisse, auf welche es anders antwortet als die eigentliche Natur.
-
-($S. 360, Z. 13 v. u. f.$) Z. B. Th. _Gomperz_, Griechische Denker,
-Leipzig 1902, II, 353: »Erst unsere Zeit hat ..... der vermeintlichen
-Einfachheit der Seele Tatsachen des »doppelten Bewußtseins« und
-verwandte Vorgänge gegenübergestellt«.
-
-($S. 360, Z. 5 v. u.$) Vgl. auch S. 277, Z. 1 ff. und die Anmerkung
-hiezu.
-
-($S. 361, Z. 14.$) »Anorexie«, Mangel an Streben, hat man das
-zeitweilige Fehlen aller Emotivität, den völligen Indifferentismus
-der Hysterischen genannt: dieser resultiert aus der Unterdrückung
-der weiblichen Triebe, indem eben die einzige Wertung hier aus dem
-Bewußtsein verdrängt ist, deren die Frauen fähig sind und die sonst ihr
-Handeln bestimmt.
-
-($S. 361, Z. 17.$) Über den »Shock nerveux« vgl. Oeuvres complètes de
-J. M. _Charcot_, Leçons sur les maladies du système nerveux, Tome III,
-Paris 1887, p. 453 ff.
-
-($S. 361, Z. 22.$) »Gegenwille«: _Breuer_ und _Freud_, Studien über
-Hysterie, S. 2.
-
-($S. 361, Z. 14 v. u.$) Über die »Abwehr«: _Freud_, Neurologisches
-Zentralblatt, 15. Mai 1894, S. 364.
-
-($S. 361, Z. 4 v. u.$) Das »schlimme Ich«: Ausdruck einer Patientin
-_Breuers_ (Breuer und Freud, Studien über Hysterie, S. 36).
-
-($S. 362, Z. 7.$) Der Ausdruck »_Konversion_«, »konvertieren« ist
-eingeführt worden von _Freud_, Die Abwehr-Neuropsychosen, Versuch einer
-psychologischen Theorie der akquirierten Hysterie, vieler Phobien
-und Zwangsvorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen,
-Neurologisches Zentralblatt, Bd. XIII, 1. Juni 1894, S. 402 ff. Vgl.
-auch _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 73, 105, 127,
-177 ff., 190, 261. Er bedeutet: Umsetzung gewaltsam unterdrückter
-psychischer Erregung in körperliche Dauersymptome.
-
-($S. 362, Z. 11.$) Vgl. P. J. _Moebius_, Über den Begriff der Hysterie,
-Zentralblatt für Nervenheilkunde, Psychiatrie und gerichtliche
-Psychopathologie, XI, 66-71 (1. II. 1888).
-
-($S. 363, Z. 9.$) _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 6.
-
-($S. 363, Z. 11 v. u.$) _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie,
-S. 10, 203.
-
-($S. 364, Z. 3.$) Zur hysterischen Heteronomie vgl. z. B. Pierre
-_Janet_, Névroses et Idées fixes, I, 458: »D....., atteinte de foluè du
-scrupule, me demande si réellement elle est très méchante, si tout ce
-qu'elle fait est mal; je lui certifie qu'il n'en est rien et elle s'en
-va contente.«
-
-($S. 364, Z. 21 v. u.$) O. _Binswanger_, Artikel »Hypnotismus« in
-Eulenburgs Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde, 3. Aufl., Bd.
-XI, S. 242: »Hysterische Individuen geben die reichste Ausbeute an
-hypnotischen Erscheinungen.«
-
-($S. 365, Z. 1 ff.$) Daß das Verhältnis zwischen Hypnotiseur und Medium
-ein sehr sexuelles ist, wird durch die merkwürdigen, besonders von
-Albert _Moll_ (Der Rapport in der Hypnose, Untersuchungen über den
-tierischen Magnetismus, Schriften für psychologische Forschung, Heft
-III-IV, Leipzig 1892) studierten Tatsachen des »Isolier-Rapportes«
-bewiesen. Literatur bei _Janet_, Névroses et Idées fixes, Vol. I,
-Paris 1898, p. 424, vgl. auch p. 425: »Si le sujet n'a été endormi
-qu'un très petit nombre de fois à des intervalles éloignés ... il se
-réveillera de l'hypnose dans un état presque normal et ne conservera
-de son hypnotiseur aucune préoccupation particulière ... Au contraire,
-si, pour un motif quelconque ... les séances de somnambulisme sont
-rapprochées, il est facile de remarquer que l'attitude du sujet
-vis-à-vis de l'hypnotiseur ne tarde pas à se modifier. Deux faits
-sont surtout apparents: le sujet, qui d'abord avait quelque crainte
-ou quelque répugnance pour le somnambulisme, recherche maintenant les
-séances avec un désir passioné; en outre, surtout à un certain moment,
-il parle beaucoup de son hypnotiseur et s'en préoccupe d'une façon
-évidemment excessive.« Also wirkt die Hypnose ganz wie der Koitus auf
-das Weib, es findet um so mehr Geschmack daran, je öfter sie wiederholt
-wird. Vgl. p. 427 f. über die »passion somnambulique«: »Les malades ...
-se souviennent du bien-être que leur a causé le somnambulisme précédent
-et ils n'ont plus qu'une seule pensée, c'est d'être endormis de
-nouveau. Quelques malades voudraient être hypnotisés par n'importe qui,
-mais le plus souvent il n'en est pas ainsi, c'est leur hypnotiseur,
-celui qui les a déjà endormis fréquemment, qu'ils réclament avec une
-impatience croissante.« p. 447 über die Eifersucht der Medien: »...
-beaucoup de magnétiseurs ont bien décrit la souffrance qu'éprouve une
-somnambule quand elle apprend que son directeur endort de la même
-manière une autre personne.« Ferner p. 451: »Si Qe., même seule, laisse
-sa main griffonner sur le papier, elle voit avec étonnement qu'elle
-a sans cesse écrit mon nom ou quelque recommandation que je lui ai
-faite.« »Si je la laisse regarder [une boule de verre] en évitant
-de lui rien suggérer, elle ne tarde pas à voir ma figure dans cette
-boule.« Janet selbst bespricht die Frage, ob die hypnotischen Phänomene
-sexuelle seien, S. 456 f., verneint sie aber aus ganz unstichhältigen
-Gründen, z. B. weil die Hypnotisierte oft vor dem Magnetiseur Angst
-habe, oder ihm mütterliche Gefühle entgegenbringe; aber es ist klar,
-daß die Angst der Frauen vor dem Manne nur die Verschleierung eines
-erwartungsvollen Begehrens, und das mütterliche Verhältnis eben auch
-ein geschlechtliches ist. _Moll_ selbst sagt S. 131: »Eine gewisse
-Verwandtschaft der geschlechtlichen Liebe mit dem suggestiven Rapport
-kann übrigens für einzelne Fälle nicht geleugnet werden.« _Freud_ bei
-_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 44: »So macht sich
-jedesmal schon während der Massage mein Einfluß geltend, sie wird
-ruhiger und klarer und findet auch ohne hypnotisches Befragen die
-Gründe ihrer jedesmaligen Verstimmung u. s. f.« So wie die sexuellen
-Bande, welche eine Frau an einen Mann knüpfen, gelockert werden durch
-jede Schwäche, jede Lüge des letzteren, so vermag auch der Einfluß
-einer Suggestion gebrochen zu werden, sobald der Wille des Suggestors
-sich als gegensätzlich zu dem herausgestellt hat, was speziell von ihm
-erwartet wurde. Einen solchen Fall teilt _Freud_ mit (_Breuer_ und
-_Freud_, Studien über Hysterie, S. 64 f.): »Die Mutter ... gelangte auf
-einem Gedankenwege, dem ich nicht nachgespürt habe, zum Schluß, daß wir
-beide, Dr. N... und ich, Schuld an der Erkrankung des Kindes trügen,
-weil wir ihr das schwere Leiden der Kleinen als leicht dargestellt,
-hob gewissermaßen durch einen Willensakt die Wirkung meiner Behandlung
-auf und verfiel alsbald wieder in dieselben Zustände, von denen ich
-sie befreit hatte.« Das Verhältnis zwischen Medium und Hypnotiseur ist
-eben stets und unabänderlich, zumindest auf der Seite des ersteren, ein
-_sexuelles_ oder einem sexuellen ganz analog.
-
-($S. 365, Z. 9.$) _Breuer_ bei _Breuer_ und _Freud_, Studien über
-Hysterie, S. 6-7.
-
-($S. 365, Z. 2 v. u.$) Umwandlung des hysterischen Anfalls in
-Somnambulismus: Pierre _Janet_, Névroses et Idées fixes, Vol. I, Paris
-1898, p. 160 f.
-
-($S. 366, Z. 9-12.$) Es ist wohl überaus gewagt und sagt mir, als zu
-grob, selbst wenig zu, auch die etwaigen Heilerfolge der Ovariotomie
-hysterischer Erkrankung gegenüber, von denen so häufig berichtet wird,
-im Sinne meiner Theorie zu interpretieren. Dennoch fügen sich die
-zahlreichen bezüglichen Angaben, wenn auf sie nur Verlaß ist, leicht
-in die Gesamtanschauung. Die Geschlechtlichkeit nämlich, welche der
-Imprägnation mit dem gegengeschlechtlichen Willen entgegensteht, wird
-durch jene Operation radikal aufgehoben oder ungemein vermindert (vgl.
-Teil I, Kap. 2), und so entfällt der Anlaß zum Konflikte.
-
-(S. 367, Z. 1 ff.) F. _Raymond_ et Pierre _Janet_, Névroses et Idées
-fixes, Vol. II, Paris 1898, p. 313: »La malade entre à l'hôpital
-... nouvelle émotion en voyant une femme qui tombe par terre: cette
-émotion bouleverse l'équilibre nerveux, lui rend tout à coup la
-parole et transforme l'hémiplégie gauche en paraplégie complète. _Ces
-transformations, ces équivalences sont bien connues dans l'hystérie_;
-ce n'est pas une raison pour que nous ne déclarions pas qu'elles sont
-à notre avis très étonnantes et probablement très instructives sur le
-mécanisme du système nerveux central.«
-
-($S. 367, Z. 2 v. u. f.$) Hiemit stimmen alle Angaben über den
-Charakter der Hysterischen gut überein. Z. B. bemerkt _Sollier_,
-Genèse et Nature de l'Hystérie, Paris 1897, Vol. I, p. 460: »Elles
-[les hystériques] sentent instinctivement qu'elles ont besoin d'être
-dirigées, commandées, et c'est pour cette raison qu'elles s'attachent
-de préférence à ceux qui leur imposent, chez qui elles sentent une
-volonté très-forte.« Er citiert die Äußerung einer seiner Patientinnen:
-»II faut que je sois en sous-ordre; ... je sais bien faire ce qu'on
-me commande, mais je ne serais pas capable de faire les choses toute
-seule, et encore moins de commander à d'autres.«
-
-($S. 368, Z. 10.$) Man könnte vielleicht glauben, daß die _Mutter_
-das hysterische Weib sei: dies war eine Zeitlang meine Anschauung,
-da ich die Mutter für weniger sinnlich hielt und die Hysterie aus
-einem Konflikte zwischen dem bloß nach dem Kinde gehenden Wunsche
-des Einzelwesens und dem Widerstreben gegen das, diesen Zweck zu
-erreichen, erforderliche Mittel, also aus einem im Unbewußten
-erfolgenden Zusammenstoß von Individual- und Gattungswillen in
-einem einzigen Individuum mir zu erklären suchte. Nach _Briquet_
-sind aber Prostituierte sehr häufig hysterisch. Es besteht hierin
-kein Unterschied zwischen Mutter und Dirne. Denn ebenso können
-Hysterikerinnen auch Mütter sein: die _Léonie_, an der Pierre
-_Janet_ so viele Erfahrungen gesammelt hat, betrachtete ihn, der ihr
-Magnetiseur war, als ihren _Sohn_ (Névroses et Idées fixes, Vol. I,
-p. 447). Ich habe seither reichlich Gelegenheit gefunden, selbst
-wahrzunehmen, daß Mütter und Prostituierte unterschiedslos hysterisch
-sind.
-
-($S. 370, Z. 13.$) Paul _Sollier_, Genèse et Nature de l'Hystérie,
-Recherches cliniques et expérimentales de Psycho-Physiologie Paris
-1897, Vol. I, p. 211: »..... L'anésthésie est bien plus fréquente
-chez les hystériques que l'hyperésthésie, et par suite la frigidité
-est l'état le plus habituel ..... Il est aussi une conséquence de
-l'anésthésie des organes sexuels chez l'hystérique qu'il est bon de
-signaler et que j'ai été à même de constater: c'est l'absence de
-sensation des mouvements du foetus pendant la grossesse. Quoique
-ceux-ci soient faciles à démontrer par la palpation, ce phénomène
-peut cependant donner dans certains cas des craintes non justifiées
-sur la santé du foetus; ou pousser certaines femmes à réclamer une
-intervention en niant énergiquement qu'elles sont enceintes.« Zum
-zehnten Kapitel (S. 291) würde das wohl stimmen: die Verleugnung der
-Sexualität muß auch eine Verleugnung des Kindes mit sich führen. Vgl.
-ferner bei _Sollier_ noch Vol. I, pag. 458: »Chez celles-ci [les
-grandes hystériques] il y a de l'anésthésie génitale comme de tous
-les organes, et elles sont ordinairement complètement frigides .....
-Certaines hystériques prennent l'horreur des rapports conjugaux qui
-leur sont ou absolument indifférents quand elles sont anésthésiques, ou
-désagréables quand elles ne le sont pas tout-à-fait.«
-
-($S. 370, Z. 17.$) Oskar _Vogt_, Normalpsychologische Einleitung in
-die Psychopathologie der Hysterie, Zeitschrift für Hypnotismus, Bd.
-VIII, 1899, S. 215: »Ich gebe A. einerseits die Suggestion, daß bei
-jeder Berührung des rechten Armes in ihm die Vorstellung einer roten
-Farbe auftauchen solle, und anderseits mache ich den rechten Arm
-anästhetisch. Berühre ich jetzt den Arm, so empfindet A. nicht die
-Berührung trotz darauf eingestellter Aufmerksamkeit, aber bei jeder
-meiner nicht von A. empfundenen Berührungen tritt doch die Vorstellung
-der roten Farbe in A. auf.«
-
-($S. 372, Z. 3.$) Guy de _Maupassant_, Bel-Ami, Paris, S. 389 f.
-
-($S. 372, Z. 4-8.$) Von einem solchen sehr lehrreichen Fall von
-Imprägnation durch gänzlich von außen gekommene Vorstellungen erzählt
-_Freud_ bei Breuer und Freud, Studien über Hysterie, 1895, S. 242 f.
-Eine Dame phantasiert da in den Symbolen der Theosophen, in deren
-Gesellschaft sie eingetreten ist. Auf Freuds Frage, seit wann sie sich
-Vorwürfe mache und mit sich unzufrieden sei, antwortet sie, _seitdem
-sie Mitglied des Vereines geworden sei und die von ihm herausgegebenen
-Schriften lese_. Suggestibel sind Frauen wie Kinder eben auch durch
-Bücher.
-
-($S. 372, Z. 13.$) Der Ausdruck »Schutzheilige etc.« stammt von
-_Breuer_ (_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 204).
-Einiges Interessante in einem freilich tendenziös antireligiösen
-Schriftchen des Dr. _Rouby_, L'Hystérie de Sainte Thérèse (Bibliothèque
-diabolique), Paris, Alcan, 1902, p. 11 f., 16 f., 20 f., 39 f. _Gilles
-de la Tourette_, Traité clinique et thérapeutique de l'Hystérie
-d'après l'enseignement de la Salpétrière, Paris 1891, Vol. I, p. 223
-bemerkt: »Il n'est pas douteux que sainte Thérèse ..... fût atteinte de
-cardialgie hystérique, ou mieux d'angine de poitrine de même nature,
-complexus qui s'accompagne souvent de troubles hyperésthésiques de
-la région précordiale.« _Hahn_, Les phénomènes hystériques et les
-révélations de Sainte-Thérèse, Revue des Questions Scientifiques, Vol.
-XIV et XV, Bruxelles 1882. Charles _Binet-Sanglé_, Physio-Psychologie
-des Religieuses, Archives d'Anthropologie criminelle, XVII, 1902,
-p. 453-477, 517-545, 607-623.
-
-($S. 372, Z. 13 v. u. f.$) Oskar _Vogt_, Die direkte psychologische
-Experimentalmethode in hypnotischen Bewußtseinszuständen, Zeitschrift
-für Hypnotismus V, 1897, S. 7-30, 180-218. (Vgl. besonders S. 195 ff.:
-»Die Erfahrung lehrt, daß die Exaktheit der Selbstbeobachtung
-noch durch Suggestionen gesteigert werden kann.« S. 199: »Die
-Selbstbeobachtung kann gehoben werden: einmal durch spezialisierte
-Intensitätsverstärkungen oder Hemmungen und dann durch Einengung
-des Wachseins und damit der Aufmerksamkeit auf die am Experiment
-beteiligten Bewußtseinselemente.« S. 218: »Es kann sich im einzelnen
-Menschen hohe Suggestibilität mit der Fähigkeit einer kritischen
-Selbstbeobachtung verbinden« [nämlich im Zustande des vom Hypnotiseur
-erzeugten »partiellen systematischen Wachseins«.]) Zur Methodik der
-ätiologischen Erforschung der Hysterie, ibid. VIII, 1899, S. 65 ff.,
-besonders S. 70. Zur Kritik der hypnogenetischen Erforschung der
-Hysterie, ibid. 342-355. _Freud_ als Vorgänger: _Breuer_ und _Freud_,
-Studien über Hysterie S. 133 ff.
-
-($S. 378, Z. 13.$) Die Bemerkung über _Schopenhauer_ bedarf einer
-Erläuterung. Die Verwechslung von Trieb und Wille ist vielleicht der
-folgenschwerste Fehler des Schopenhauerschen Systemes. So viel sie zur
-Popularisierung seiner Philosophie beigetragen hat, um ebensoviel hat
-sie die Tatsachen unzulässig vereinfacht. Aus ihr erklärt sich, wie
-Schopenhauer, für den das intelligible Wesen des Menschen mit Recht
-Wille ist, dasselbe überall in der belebten Natur und schließlich
-auch in der unbelebten als Bewegung wiederfinden kann. Dadurch aber
-kommt notwendig Konfusion in Schopenhauers System. Er ist im tiefsten
-Grunde _dualistisch_ veranlagt, und hat eine _monistische Metaphysik_;
-er weiß, daß gerade das intelligible Wesen des _Menschen_ Wille ist
-und muß doch durch eine unglückliche Psychologie, welche Willen und
-Intellekt in einer sehr verfehlten Weise sondert, und nur den letzteren
-allein dem Menschen zuteilt, diesen von Tier und Pflanze unterscheiden;
-er ist, was man auch sagen mag, _zuletzt_ Optimist, als _Bejaher_ einer
-anderen Seinsform, über die er nur aller positiven Bestimmungen sich
-enthält, also eines anderen Lebens: und, so paradox dies dem heutigen
-Ohr klinge, nur sein _Monismus_ gibt dem System die pessimistische
-Wertung: indem er den gleichen Willen hier wie dort sieht, ewiges
-und irdisches Leben nicht scheidet, und die einzige Unsterblichkeit
-danach nur die des Gattungswillens sein kann. So offenbart sich die
-Identifikation des höheren mit dem niederen Willensbegriff -- welchen
-letzteren man stets als Trieb bezeichnen sollte -- als das Verhängnis
-seiner ganzen Philosophie. Hätte er die Kantische Moralphilosophie
-verstanden, so hätte er auch eingesehen, was der Unterschied zwischen
-Wille und Trieb ist: _der Wille ist stets frei, und nur der Trieb
-unfrei. $Es gibt gar keine Frage nach der Freiheit, sondern nur
-eine nach der Existenz des Willens.$_ Alle _Phänomene_ sind kausal
-bedingt; einen Willen kann darum die _empirische_ Psychologie, die nur
-psychische _Phänomene_ anerkennt, nicht brauchen und nicht zulassen.
-_Denn aller Wille ist seinem Begriffe nach frei und von absoluter
-Spontaneität._ _Kant_ sagt (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten,
-S. 77, Kirchmann): »Die Idee der Freiheit müssen wir voraussetzen, wenn
-wir uns ein Wesen als vernünftig und mit Bewußtsein seiner Kausalität
-in Ansehung der Handlungen, das ist mit einem Willen begabt uns denken
-wollen, und so finden wir, daß wir aus ebendemselben Grunde jedem
-mit Vernunft und Willen begabten Wesen diese Eigenschaft, sich unter
-der Idee seiner Freiheit zum Handeln zu bestimmen, beilegen müssen.«
-Unfreiheit des Willens gibt es, wie man sieht, auch für Kant gar nicht:
-der Wille kann gar nicht determiniert werden. Der Mensch, der _will_,
-wirklich _will_, will immer _frei_. Der Mensch hat aber freilich
-nicht nur einen Willen, sondern auch Triebe. _Kant_ (ibid. S. 78):
-»Dieses [das moralische] Sollen ist eigentlich ein Wollen, das unter
-der Bedingung für jedes vernünftige Wesen gilt, wenn die Vernunft bei
-ihm ohne Hindernisse praktisch wäre; für Wesen, die, wie wir, noch
-durch Sinnlichkeit, als Triebfedern anderer Art, affiziert werden, bei
-denen es nicht immer geschieht, was die Vernunft für sich allein tun
-würde, heißt jene Notwendigkeit der Handlung nur ein Sollen, und die
-subjektive Notwendigkeit wird von der objektiven unterschieden.«
-
-_$Aller$ Wille ist $Wille zum Wert$, und aller $Trieb$ Trieb nach
-der $Lust$_; es gibt keinen Willen zur Lust und auch keinen _Willen_
-zur _Macht_, sondern nur Gier und zähen Hunger nach der Herrschaft.
-_Platon_ hat dies im »Gorgias« wohl erkannt, er ist aber nicht
-verstanden worden. 466 D E: φημὶ γὰρ, ὦ Πῶλε, ἐγὼ τοὺς ρήτορας καὶ
-τοὺς τυράννους δύνασθαι μὲν ἐν ταῖς πόλεσι σμικρότατον, ὥσπερ νῦν δὴ
-ἔλεγον· _οὐδεν γὰρ ποιεῖν ὦν βούλονται_, ὡς ἔπος εἰπεῖν· ποιεῖν μέντοι
-ὅτι ἂν αὐτοῖς δόξη βέλτιστον εἶναι. Und das »οὐδεὶς ἑκὼν ἁμαρτάνει« des
-_Sokrates_ -- noch oft wird es wohl verloren gehen, immer wieder werden
-all die seichten und verständnislosen Einwände gegen diese gewisseste
-Erkenntnis sich vernehmen lassen und die noch traurigeren Versuche,
-Sokrates wegen dieses Ausspruches gewissermaßen zu _entschuldigen_
-(so z. B. _Gomperz_, Griechische Denker, Eine Geschichte der antiken
-Philosophie, Leipzig 1902, S. 51 ff.) unternommen werden. Um so öfter
-muß er denn wiederholt werden.
-
-Die Idee eines ganz freien Wesens ist die Idee Gottes; die Idee
-eines aus Freiheit und Unfreiheit gemischten Wesens ist die Idee des
-Menschen. _Soweit_ der Mensch _frei ist_, das heißt frei _will_, soweit
-_ist_ er Gott. Und so ist die Kantische Ethik im tiefsten Grunde
-mystisch und sagt nichts anderes als _Fechners_ Glaubenssatz:
-
- »In Gott ruht meine Seele
- Gott wirkt sie in sich aus;
- Sein Wollen ist mein Sollen.«
-
-(Die drei Motive und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 256.)
-
-($S. 378, Z. 2 v. u. f.$) Vgl. A. P. _Sinnett_, Die esoterische Lehre
-oder Geheimbuddhismus, 2. Aufl., Leipzig 1899, S. 153-172.
-
-($S. 381, Z. 17.$) Es ist eines der schönsten Worte _Goethes_ (Maximen
-und Reflexionen, III): »_Die Idee ist ewig und einzig; daß wir auch den
-Plural brauchen, ist nicht wohlgethan._«
-
-($S. 381, Z. 2 v. u.$) Ich finde nur in der kleinen, aber interessanten
-Schrift Karl _Joels_, Die Frauen in der Philosophie, Hamburg 1896
-(Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, Heft 246),
-S. 59, eine entfernt ähnlich lautende Bemerkung: »Das Weib ist
-intellektuell glücklicher, aber unphilosophischer nach dem alten Worte,
-daß die Philosophie aus dem Ringen und Zweifel der Seele geboren wird.
-Schopenhauers Mutter war eine Romanschriftstellerin und seine Schwester
-eine Blumenmalerin.«
-
-($S. 383, Z. 15.$) Vgl. _Taguet_, Du suicide dans l'hystérie, Annales
-Médico-Psychologiques, V. Série, Vol. 17, 1877, p. 346: »L'hystérique
-ment dans la mort comme elle ment dans toutes les circonstances de sa
-vie.«
-
-($S. 384, Z. 6 v. u.$) Lazar B. _Hellenbach_, Die Vorurteile der
-Menschheit, Bd. III: Die Vorurteile des gemeinen Verstandes, Wien 1880,
-S. 99.
-
-($S. 388, Z. 5-11.$) Wie innig Geschlechtlichkeit und Grenzaufhebung
-Hand in Hand gehen, darüber macht _Bachofen_, Das Mutterrecht,
-S. XXIII, eine Andeutung. »Der dionysische Kult .... hat alle Fesseln
-gelöst, alle Unterschiede aufgehoben, und dadurch, daß er den Geist
-der Völker vorzugsweise auf die Materie und die Verschönerung des
-leiblichen Daseins richtete, das Leben selbst wieder zu den Gesetzen
-des Stoffes zurückgeführt. Dieser Fortschritt der Versinnlichung des
-Daseins fällt überall mit der Auflösung der politischen Organisation
-und dem Verfall des staatlichen Lebens zusammen. An der Stelle reicher
-Gliederung macht sich das Gesetz der Demokratie, der ununterschiedenen
-Masse, und jene Freiheit und Gleichheit geltend, welche das
-natürliche Leben vor dem civil-geordneten auszeichnet und das der
-leiblich-stofflichen Seite der menschlichen Natur angehört. Die
-Alten sind sich über diese Verbindung völlig klar, heben sie in den
-entscheidendsten Aussprüchen hervor .... Die dionysische Religion ist
-zu gleicher Zeit die Apotheose des aphroditischen Genusses und die der
-allgemeinen Brüderlichkeit, daher den dienenden Ständen besonders lieb
-und von Tyrannen, den Pisistratiden, Ptolemäern, Caesar im Interesse
-ihrer auf die demokratische Entwicklung gegründeten Herrschaft [vgl.
-Kapitel X, S. 302] besonders begünstigt.« »Ausfluß einer wesentlich
-weiblichen Gesinnung«, so nennt Bachofen a. a. O. diese Erscheinungen;
-doch ist ihm keineswegs eine wirkliche Einsicht in die tieferen Gründe
-des Phänomens gewährt gewesen; neben Aussprüchen wie diesem finden sich
-begeisterte Hymnen auf die keusche Natur des Weibes auch bei ihm.
-
-($S. 389, Z. 6.$) »Klein-Eyolf«, 3. Akt (Henrik _Ibsens_ sämtliche
-Werke, herausgegeben von Brandes, Elias, Schlenther. Berlin, Bd. IX,
-S. 72).
-
-($S. 389, Z. 14.$) Über die schwierige Frage des Verhältnisses des
-Âtman zum Brahman vgl. Paul _Deussen_, Das System des Vedânta etc.,
-Leipzig 1883, S. 50 f.
-
-($S. 391, Z. 1.$) _Milne-Edwards_, Introduction à la Zoologie
-générale, I. partie, Paris 1851, p. 157. Ebenso Rudolf _Leuckart_,
-Artikel »Zeugung« in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV,
-Braunschweig 1853, S. 742 f.: ».... In physiologischer Beziehung
-erscheint diese Verteilung der weiblichen und männlichen Organe als
-eine Arbeitsteilung.«
-
-Wenig Verständnis für das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen
-verraten _Leuckarts_ abweisende Worte (a. a. O.): »Man hört nicht
-selten die Behauptung, daß männliche und weibliche Individuen einer
-Tierform nach Ausstattung und Tätigkeiten nicht bloß unter sich
-verschieden, sondern _entgegengesetzt_ seien. Eine solche Auffassung
-müssen wir jedoch auf das entschiedenste zurückweisen. Die Lehre von
-dem Gegensatze der Geschlechter, die zunächst aus gewissen unklaren
-und mystischen Vorstellungen von der Begattung und Befruchtung
-hervorgegangen ist, stammt aus einer Zeit der naturhistorischen
-Forschung, in der man meinte, mit den Begriffen von Polarität, polarem
-Verhalten u. s. w. das Leben in allen seinen Erscheinungen erklären zu
-können. Männliche und weibliche Produkte, Organe, Individuen sollten
-sich hienach verhalten wie + und -, als ob die Natur mit Geschlecht
-und Geschlechtsstoffen hantierte wie ein Physiker mit Elektrizität und
-Leydener Flaschen!
-
-Eine unbefangene und vorurteilsfreie Naturbetrachtung zeigt uns
-zwischen männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen keinen anderen
-Gegensatz als überhaupt zwischen Organen und Organgruppen, die sich
-in ihren Leistungen gegenseitig unterstützen und ergänzen .... Die
-physiologischen Motive einer solchen Arbeitsteilung sind im allgemeinen
-nicht schwer zu bezeichnen. Es sind im Grunde dieselben, die eine jede
-Arbeitsteilung, auch auf dem Gebiete des praktischen Lebens, in unseren
-Augen rechtfertigen. Es sind die Vorteile, welche damit verbunden sind,
-vor allem Ersparnis an Kraft und Zeit für andere neue Leistungen.
-_In dem Dualismus des Geschlechtes sehen wir nichts anderes als eine
-mechanische Veranstaltung, aus der gewisse Vorteile hervorgehen._«
-
-Diese Auffassung des Geschlechtsunterschiedes ist die am weitesten
-verbreitete. Daneben kommen noch die Anschauungen von K. W. _Brooks_
-(The law of Heredity, a study of the cause of variation and the
-origin of living organisms, Baltimore 1883) und August _Weismann_
-(Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung für die Selektionstheorie,
-Jena 1886) in Betracht, welche die geschlechtliche Fortpflanzung als
-das Mittel ansehen, »dessen sich die Natur bedient, um Variationen
-hervorzubringen« (so Weismann, Aufsätze über Vererbung, Jena 1892,
-S. 390); schließlich noch die Auffassungen von Edouard _van Beneden_
-(Recherches sur la maturation de l'œuf, la fécondation et la division
-cellulaire, Gand 1883, p. 404 f.), Viktor _Hensen_ (Physiologie der
-Zeugung, in Hermanns Handbuch der Physiologie, Bd. VI/_{2}, S. 236 f.),
-_Maupas_ (Le rajeunissement karyogamique chez les Ciliés, Archives
-de Zoologie expérimentale, 2. série, Vol. VII, 1890) und _Bütschli_
-(Über die ersten Entwicklungsvorgänge der Eizelle, Zellteilung und
-Konjugation der Infusorien, Abhandlungen der Senckenbergischen
-naturforsch. Gesellschaft, X, 1876), welche allerdings mehr auf das
-Wesen des _Befruchtungs_prozesses sich beziehen: in welchem diese
-Forscher nämlich die Absicht einer _Verjüngung_ der Individuen
-erblicken. -- Was Wilhelm _Wundt_, System der Philosophie, 2. Aufl.,
-Leipzig 1897, S. 521 ff. über geschlechtliche und ungeschlechtliche
-Zeugung sagt, geht über eine Rezeption der herrschenden
-naturwissenschaftlichen Anschauungen nicht hinaus.
-
-($S. 391, Z. 16.$) Die diesbezügliche Widerlegung der Deszendenzlehre
-bei _Fechner_, Einige Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte
-der Organismen, Leipzig 1873, S. 59 ff.
-
-($S. 392, Z. 16 v. u.$) _Plato_ im _Timaeus_, p. 50 B C: »δέχεται
-τε γὰρ ἀεὶ τὰ πάντα, καὶ μορφὴν οὐδεμίαν ποτὲ οὐδενὶ τῶν εἰσιόντων
-ὁμοιαν εἰληφεν οὐδαμῆ οὐδαμως· _ἐκμαγεὶον_ γὰρ φύσει παντὶ κεῖται,
-κινούμενόν τε καὶ διασχηματιζόμενον ὑπο τῶν εἴσιόντων. φαίνεται δὲ
-δι' ἐκεῖνα ἄλλοτε ἀλλοιον· τὰ δὲ εἰσιόντα καὶ ἐξιόντα τῶν ὄντων ἀεὶ
-μιμήματα, τυπωθέντα ἀπ' αὐτων τρόπον τινὰ δύσφραστον καὶ θαυμαστόν, ὁν
-εἰς αῦθις μέτιμεν. ἐν δ'οὖν τῷ παρόντι χρὴ γένη διανοηθῆναι τριττἀ, τὸ
-μὲν γιγνόμενον, τὸ δὲ ἐν ῷ γίγνεται, τὸ δ'ὁθεν ἀφομοιούμενον φύεται τὸ
-γιγνόμενον.« 52 A B: »τρίτον δὲ αὖ γὲνος τὸ τῆς _χώρας_ ἀεὶ φθορὰν
-οὐ προσδεχόμενον, ἕδραν δὲ παρέχον ὅσα ἔχει γένεσιν πᾶσιν, αὐτὸ δὲ
-μετ' ἀναισθησίας ἁπτὸν λογισμω τινὶ νόθω, μόγις πιστόν, πρὸς ὁ δὴ καὶ
-ὀνειροπολοῦμεν βλέποντες καὶ φαμεν ἀναγκαῖον εἶναί που τὸ ὄν ἁπαν
-ἔν τινι τόπω καὶ κατέχον χώραν τινά, τό δὲ μήτε ἐν γῆ μήτε που κατ'
-οὐρανὸν οὐδὲν εἶναι« u. s. w. Vgl. J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht,
-Stuttgart 1861, S. 164-168.
-
-($S. 392, Z. 11 v. u. f.$) Diese Interpretation der χώρα als des Raumes
-hat am ausführlichsten Hermann _Siebeck_ zu begründen gesucht (Platos
-Lehre von der Materie, Untersuchungen zur Philosophie der Griechen, 2.
-Aufl., Freiburg 1888, S. 49-106).
-
-($S. 393, Z. 5.$) _Plato_, Timaeus, 50 D: »Καὶ δὴ καὶ προσεικάσαι
-πρέπει τὸ μὲν δεχόμενον _μητρί_, τὸ δ'ὅθεν πατρί, τὴν δὲ μεταξὺ τούτων
-φύσιν ἐκγόνῳ.« 49 A: »τίνα οὖν ἔχον δύναμιν κατὰ φύσιν αὐτὸ ὑποληπτέον;
-τοιάνδε μάλιστα, πάσης εἶναι γενέσεως ὑποδοχὴν αὐτό, οἷον _τιθήνην_.«
-Vgl. _Plutarch_ de Is. et Osir. 56 (Moralia 373 E F).
-
-($S. 393, Z. 6.$) _Aristoteles_: vgl. zu S. 240, Z. 19.
-
-($S. 393, Z. 7 v. u.$) _Kant_, Metaphysische Anfangsgründe der
-Naturwissenschaft, Zweites Hauptstück, Erklärung 1-4.
-
-($S. 394, Z. 6 v. o.$) Die Ahnung dieser tieferen Bedeutung des
-Gegensatzes von Mann und Weib ist sehr alt (vgl. S. 13). Die
-_Pythagoreer_ haben nach _Aristoteles_ (Metaphysik, A 5, 986 a 22-26)
-eine »Tafel der Gegensätze« aufgestellt, in welcher sie ».... τὰς ἀρχὰς
-δέκα λέγουσιν εἶναι τὰς κατὰ συστοιχίαν λεγομένας, πέρας καὶ ἄπειρον,
-περιττὸν καὶ ἄρτιον, ἕν καὶ πλῆθος, δεξιὸν καὶ ἀριστερόν, _ἄρρεν καὶ
-θῆλυ_, ἠρεμοῦν καὶ κινούμενον, εὐθὺ καὶ καμπύλον, φῶς καὶ σκότος,
-ὰγαθὸν καὶ κακόν, τετράγωνον καὶ ἑτερόμηκες.«
-
-($S. 399, Z. 15.$) Hier möchte ich nicht unterlassen, _Giordano Brunos_
-Worte anzuführen (De gli eroici furori, im einleitenden Schreiben an
-Sir Philip Sidney, Opere di Giordano Bruno Nolano ed. Adolfo Wagner,
-Vol. II, Leipzig 1830, p. 299 f.):
-
-»È cosa veramente .... da basso, bruto e sporco ingegno d' essersi
-fatto constantemente studioso, et aver affisso un curioso pensiero
-circa o sopra la bellezza d' un corpo feminile. Che spettacolo,
-o dio buono, più vile e ignobile può presentarsi ad un occhio di
-terso sentimento, che un uomo cogitabundo, afflitto, tormentato,
-triste, maninconioso, per divenir or freddo, or caldo, or fervente,
-or tremante, or pallido, or rosso, or in mina di perplesso, or in
-atto di risoluto, un, che spende il miglior intervallo di tempo e
-li più scelti frutti di sua vita corrente destillando l' elixir del
-cervello con mettere in concetto, scritto e sigillar in publici
-monumenti quelle continue torture, que' gravi tormenti, que' razionali
-discorsi, que' faticosi pensieri, e quelli amarissimi studi,
-destinati sotto la tirannide d' una indegna, imbecilla, stolta e
-sozza sporcaria?.......... ............... Ecco vergato in carte,
-rinchiuso in libri, messo avanti gli occhi, e intonato a gli orecchi
-un rumore, un strepito, un fracasso d'insegne, d'imprese, di motti,
-d'epistole, di sonetti, d'epigrammi, di libri, di prolissi scarfazzi,
-di sudori estremi, di vite consumate, con strida, ch'assordiscon gli
-astri, lamenti, che fanno ribombar gli antri infernali, doglie, che
-fanno stupefar l'anime viventi, suspiri da far exinanire e compatir
-gli dei, per quegli occhi, per quelle guance, per quel busto, per
-quel bianco, per quel vermiglio, per quella lingua, per quel labro,
-quel crine, quella veste, quel manto, quel guanto, quella scarpetta,
-quella pianella, quella parsimonia, quel risetto, quel sdegnosetto,
-quella vedova finestra, quell'eclissato sole, quel martello, quel
-schifo, quel puzzo, _quel sepolcro, quel cesso, quel mestruo, quella
-carogna, quella febre quartana_, quella estrema ingiuria e torto di
-natura, che con una superficie, un'ombra, un fantasma, un sogno, un
-circeo incantesimo ordinato al servigio de la generazione, ne inganna
-in specie di bellezza; la quale insieme viene e passa, nasce e muore,
-fiorisce e marcisce: et è bella un pochettino a l'esterno, che nel suo
-intrinseco, vera e stabilmente è contenuto un navilio, una bottega, una
-dogana, un mercato di quante sporcarie, tossichi e veneni abbia possuti
-produrre la nostra madrigna natura: la quale, dopo aver riscosso quel
-seme, di cui la si serva, ne viene sovente a pagar d'un lezzo, d'un
-pentimento, d'una tristizia, d'una fiacchezza, d'un dolor di capo,
-d'una lassitudine, d'altri e d'altri malanni, che sono manifesti a
-tutto il mondo, a fin che amaramente dolga, dove soavemente proriva
-................. Voglio che le donne siano così onorate et amate,
-come denno essere amate et onorate le donne: per tal causa dico, e per
-tanto, per quanto si deve a quel poco, a quel tempo e quella occasione,
-se non hanno altra virtù che naturale, cioè di quella bellezza, di quel
-splendore, di quel servigio, senza il quale denno esser stimate più
-vanamente nate al mondo, che un morboso fungo, qual con pregiudizio di
-miglior piante occupa la terra, e più noiosamente, che qual si voglia
-napello, o vipera, che caccia il capo fuor di quella?...« u. s. w.
-
-($S. 400, Z. 16 v. u.$) Das _Weib_ also ist der _Ausdruck_ des
-Sündenfalles des Menschen, es ist die objektivierte Sexualität des
-Mannes und nichts anderes als diese. Eva war nie im Paradiese. Dagegen
-glaube ich mit dem Mythus der _Genesis_ (I, 2, 22) und mit dem
-_Apostel Paulus_ (1. Timoth. 2, 13, und besonders 1. Korinth. 11, 8:
-οὐ γὰρ ἐστιν ἀνὴρ ἐκ γυναικός, ἀλλὰ γυνὴ ἐξ ἀνδρός) an die Priorität
-des _Mannes_, an die Schöpfung des Weibes durch den Mann, an seine
-_Mittelbarkeit_, durch die seine Seelenlosigkeit ermöglicht ist. Gegen
-diese metaphysische Posteriorität des Weibes, die eine Posteriorität
-dem Seins-Range nach ist und keine bestimmte zeitliche Stelle hat,
-sondern eine in jedem Augenblick vollzogene Schöpfung des Weibes durch
-den noch immer sexuellen Mann, sozusagen ein _fortwährendes Ereignis_
-bedeutet, bildet es keinen Einwand, daß bei wenig differenzierten
-Lebewesen das männliche Geschlecht noch fehlt, und die Funktionen, die
-es auf höherer Stufe ausübt, entbehrlich scheinen. Daß übrigens hierin
-eine schroffe Absage an alle deszendenz-theoretischen Spekulationen
-liegt, soweit diese auf die Philosophie einer Einflußnahme sich
-vermessen, dessen bin ich mir wohl bewußt, vermag aber die
-Verantwortung für diesen Schritt verhältnismäßig leicht zu tragen.
-Philosophie ist nicht Historie, vielmehr ihr striktes Gegenteil:
-denn es gibt keine Philosophie, die nicht die Zeit negierte, keinen
-Philosophen, dem die Zeit eine Realität wäre wie die anderen Dinge.
-
-Dagegen ist es sehr wohl begreiflich, wie die Anschauung von der
-Ewigkeit der Frau und der Vergänglichkeit des Mannes hat entstehen
-können. Das absolut Formenlose scheint ebenso dauerhaft zu sein wie
-die reine geistige Form, diese dem Dutzendmenschen ganz unvollziehbare
-Vorstellung. Und über die Ewigkeit der Mutter ist im 10. Kapitel das
-Nötigste bemerkt. Man vgl. auch _Bachofen_, Das Mutterrecht S. 35:
-»Das Weib ist das Gegebene, der Mann wird. Von Anfang an ist die Erde
-der mütterliche Grundstoff. Aus ihrem Mutterschoße geht alsdann die
-sichtbare Schöpfung hervor, und erst in dieser zeigt sich ein doppeltes
-getrenntes Geschlecht; erst in ihr tritt die männliche Bildung ans
-Tageslicht, Weib und Mann erscheinen also nicht gleichzeitig, sind
-nicht gleich geordnet. Das Weib geht voran, der Mann folgt; das Weib
-ist früher, der Mann steht zu ihr im Sohnesverhältnis; das Weib
-ist das Gegebene, der Mann das aus ihr erst Gewordene. Er gehört
-der sichtbaren, aber stets wechselnden Schöpfung; er kommt nur in
-sterblicher Gestalt zum Dasein. Von Anfang an vorhanden, gegeben,
-unwandelbar ist nur das Weib; geworden, und darum stetem Untergang
-verfallen, der Mann. Auf dem Gebiete des physischen Lebens steht
-also das männliche Prinzip an zweiter Stelle, es ist dem weiblichen
-untergeordnet.« S. 36: »In der Pflanze, die aus dem Boden hervorbricht,
-wird der Erde Muttereigenschaft anschaulich. Noch ist keine Darstellung
-der Männlichkeit vorhanden; diese wird erst später an dem ersten
-männlich gebildeten Kinde erkannt. Der Mann ist also nicht nur später
-als das Weib, sondern dieses erscheint auch als die Offenbarerin des
-großen Mysteriums der Lebenszeugung. Denn aller Beobachtung entzieht
-sich der Akt, der im Dunkel des Erdschoßes das Leben weckt und dessen
-Keim entfaltet; was zuerst sichtbar wird, ist das Ereignis der
-Geburt; an diesem hat aber nur die Mutter teil. Existenz und Bildung
-der männlichen Kraft wird erst durch die Gestaltung des männlichen
-Kindes geoffenbart; durch eine solche Geburt reveliert die Mutter
-den Menschen das, was vor der Geburt unbekannt war, und dessen
-Tätigkeit in Finsternis begraben lag. In unzähligen Darstellungen der
-alten Mythologie erscheint die männliche Kraft als das geoffenbarte
-Mysterium; das Weib dagegen als das von Anfang an Gegebene, als der
-stoffliche Urgrund, als das Materielle, sinnlich Wahrnehmbare, das
-selbst keiner Offenbarung bedarf, vielmehr seinerseits durch die erste
-Geburt Existenz und Gestalt der Männlichkeit zur Gewißheit bringt.«
-
-Das μὴ ὄν nämlich, welches vom Weibe vertreten wird, ist das völlig
-Ungeformte, Strukturlose, das Amorphe, die Materie, die keinen
-letzten Teil mehr hat an der Idee des Lebens, aber ebenso ewig und
-unsterblich zu sein scheint wie reine Form, schuldfreies höheres Leben,
-unverkörperter Geist ewig ist. Das eine, weil nichts an ihm geändert,
-vom Formlosen keine Form zerstört werden kann; das zweite, weil es sich
-nicht inkarniert, weil es nicht endlich, und darum nicht vernichtbar
-wird.
-
-Der Begriff des ewigen Lebens der Religionen ist der Begriff des
-absoluten, metaphysischen Seins (der Aseität) der Philosophien.
-
-($S. 400, Z. 12 v. u.$) _Dante_ Inferno XXXIV, Vers 76 f.
-
-($S. 401, Z. 5 f.$) Es hat Anspruch auf das ernsteste Nachdenken, und
-verdient die tiefste Ehrfurcht des Hörers, und nicht Gelächter (womit
-ihm heute wohl allenthalben geantwortet würde), wenn _Tertullian_
-das Weib so apostrophiert (De habitu muliebri liber, Opera rec.
-J. J. Semler, Halae 1770, Vol. III, p. 35 f.): »Tu es diaboli ianua, tu
-es arboris illius resignatrix, tu es divinae legis prima desertrix, tu
-es, quae eum suasisti, quem diabolus aggredi non valuit. Tu imaginem
-dei, hominem, tam facile elisisti; propter tuum meritum, id est mortem,
-etiam filius dei mori debuit; et adornari tibi in mente est, propter
-pelliceas tuas tunicas?« Diese Worte sind an die _Weiblichkeit_ als
-_Idee_ gerichtet; die empirischen Frauen würden durch die Zumessung
-einer solchen Bedeutung sich stets nur angenehm gekitzelt fühlen; die
-Frauen sind sehr zufrieden mit dem _anti_sexuellen Manne, und ratlos
-nur dem $a$sexuellen gegenüber.
-
-($S. 401, Z. 12.$) Wie sich durch seine Sexualität der Mann dem Weibe
-annähert, geht aus der Tatsache hervor, daß die Erektion dem Willen
-entzogen ist und durch ihn nicht aufgehoben werden kann, gleichwie
-eine Muskelkontraktion vom gesunden Menschen auf Befehl des Willens
-rückgängig gemacht wird. Der Zustand der wollüstigen Erregtheit
-beherrscht das Weib ganz, beim Manne doch nur einen Teil. Aber die
-Wollust dürfte die einzige Empfindung sein, welche im allgemeinen nicht
-durchaus verschieden ist bei den beiden Geschlechtern; die Empfindung
-des Koitus hat für Mann und Frau eine gleiche Qualität. Der Koitus
-wäre sonst unmöglich. Er ist der Akt, der zwei Menschen am stärksten
-einander angleicht. Nichts kann demnach irriger sein als die populäre
-Ansicht, daß Mann und Weib vor allem oder gar ausschließlich in ihrer
-_Sexualität differieren_, wie ihr z. B. _Rousseau_ Ausdruck gibt
-(Emile, Livre V., Anfang): »En tout ce qui ne tient pas au sexe la
-femme est homme.« Gerade die Sexualität ist das _Band_ zwischen Mann
-und Frau und wirkt auch stets _ausgleichend_ zwischen beiden.
-
-($S. 402, Z. 10.$) Auch das spezifische _Mitleid_ des Mannes mit der
-Frau -- ihrer inneren Leere und Unselbständigkeit, Haltlosigkeit und
-Gehaltlosigkeit wegen -- weist, wie alles Mitleid, auf eine Schuld
-zurück.
-
-($S. 402, Z. 9 v. u.$) Es sind hiemit scheinbar drei _verschiedene_
-Erklärungen der Kuppelei (und somit Herleitungen der Weiblichkeit)
-gegeben; aber sie drücken, wie man wohl sieht, alle ein und dasselbe
-aus. Die sich ewig vergrößernde Schuld des höheren Lebens ist die dem
-Menschen ewig unerklärliche, für ihn wahrhaft _letzte_ Tatsache des
-Abfalls jenes Lebens zum niederen Leben; der plötzliche Absturz des
-völlig Schuldlosen in die Schuld. Das niedere Leben aber kulminiert
-in jenem Akte, durch das es neu erzeugt wird; alle Begünstigung
-des niederen Lebens schließt darum notwendig Kuppelei ein. Dieses
-selbe Streben, das irdische Leben Realität gewinnen zu lassen, ist
-dadurch bezeichnet, daß alle Materie sich verführerisch der Formung
-entgegendrängt; oder wie dies _Plato_ tiefsinnig angedeutet hat: durch
-die betrügerische Zudringlichkeit der _Penia_ (der Armut, des Leeren,
-des Nichts) an den trunkenen, träumenden Gott _Poros_ (den Reichen).
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 13.
-
-
-($S. 404, Z. 13 v. u.$) Über den mangelhaften Bartwuchs der Chinesen
-_Darwin_, Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II,
-S. 339. Auch die _Stimme_ des Mannes soll sich bei den verschiedenen
-Menschenrassen nicht gleich sehr von der des Weibes unterscheiden,
-z. B. gerade bei Chinesen und Tataren, »die Stimme des Mannes nicht
-so sehr von der des Weibes abweichen, wie bei anderen Rassen.«
-(_Darwin_, Die Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Leipzig,
-Universalbibliothek, Bd. II, S. 348, nach Sir Duncan _Gibb_, Journal of
-the Anthropological Society, April 1869, p. LVII und LVIII.)
-
-($S. 405, Z. 14 v. u.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen
-des 19. Jahrhunderts, I. Hälfte, 4, Aufl., München 1903, S. 345 ff.
-
-($S. 406, Z. 1 v. u.$) Als hervorragendere »Philosemiten« könnten
-nur der sehr überschätzte G. E. _Lessing_, und Friedr. _Nietzsche_
-in Betracht kommen, der letztere aber wohl bloß infolge eines
-Oppositionsbedürfnisses gegen _Schopenhauer_ und _Wagner_; und
-der erstere hat den eigenen Rang viel klarer erkannt und offener
-eingestanden als die Geschichtsschreiber der deutschen Literatur (vgl.
-Hamburgische Dramaturgie, Stück 101 f.). Der schärfste Antisemit unter
-allen ist wohl _Kant_ gewesen (nach der Anmerkung zum § 44 seiner
-»Anthropologie in pragmatischer Hinsicht«). Vgl. über den »Consensus
-ingeniorum« _Chamberlain_, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, S. 335.
-
-($S. 413, Z. 7 v. u. f.$) _1. Buch Mosis_, Kap. 25, 24-34; 27, 1-45;
-30, 31-43.
-
-($S. 414, Z. 4-9.$) Nach M. _Friedländer_, Der Antichrist in den
-vorchristlichen jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 118 ff. hat
-der Antichrist schon im vorchristlichen Judentum (z. B. dem freilich
-sehr spät entstandenen Buche Deuteronomium) eine Rolle als »Beliar«
-gespielt. Friedländers Auffassung gipfelt, wie ich glaube (von dem
-historischen Materiale muß ich absehen), darin, daß der Antichrist erst
-da sein mußte, damit der Christ komme, ihn zu vernichten (S. 131).
-Damit wird jedoch dem Bösen eine selbständige Existenz _vor_ dem Guten
-und also unabhängig von diesem zugesprochen; das Böse indes ist nur
-»Privation« des Guten (_Augustinus_, _Goethe_). Nur der gute, nicht der
-böse Mensch _fürchtet_ das Böse, dem der Verbrecher selbst _dient_. Das
-Böse ist nur ein Abfall vom Guten, und hat nur einen Sinn in Bezug auf
-dieses; indes das Gute an sich ist und keiner Relation bedarf.
-
-Die wenigen Elemente des vorchristlichen jüdischen Teufelsglaubens
-stammen nach den Resultaten der Forschung aus dem Parsismus. Vgl.
-W. _Bousset_, Die jüdische Apokalyptik, ihre religionsgeschichtliche
-Herkunft und ihre Bedeutung für das neue Testament, Berlin 1903,
-S. 38-51. S. 45: »Der Schluß drängt sich mit zwingender Gewalt auf: die
-jüdische Apokalyptik ist in dem Neuen, was sie in den Hoffnungsglauben
-des Judentums hineinbringt, von Seiten der eranischen Religion bedingt
-und angeregt.« Und S. 48: »Nun läßt sich doch behaupten, daß der
-Dualismus spezifisch unisraelitisch ist. Die Religion der Propheten
-und des alten Testamentes kennt den Teufel nicht. Die Gestalt des
-Satans, wie sie im Erzählungsstück des Hiobbuches, in der Chronik,
-bei Sacharja auftritt, hat mit der späteren des Teufels, wie sie im
-neutestamentlichen Zeitalter herrscht, äußerst wenig, nicht viel mehr
-als den Namen gemeinsam. Und überdies sind sämtliche hier genannten
-Stücke -- auch das Erzählungsstück des Hiobbuches -- recht spät. Der
-Teufelsglaube, die Annahme eines organisierten dämonischen Reiches
-widerspricht direkt dem Geiste der Frömmigkeit der Propheten und
-Psalmen, ihrem starken und starren Monotheismus. Hingegen ist in keiner
-anderen Religion der Dualismus so heimisch und wurzelt so tief wie in
-der eranischen Religion. Auch von hier aus drängt sich der Schluß der
-Abhängigkeit der jüdischen Apokalyptik unmittelbar auf.«
-
-($S. 415, Z. 10.$) So nicht nur die Argumente des Tages, sondern
-selbst _Schopenhauer_ (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132): »[Das
-jüdische Volk] lebt parasitisch auf den anderen Völkern und ihrem
-Boden, ist aber dabei nichtsdestoweniger von lebhaftestem Patriotismus
-für die eigene Nation beseelt, den es an den Tag legt durch das
-festeste Zusammenhalten, wonach Alle für Einen und Einer für Alle
-stehen; so daß dieser Patriotismus ~sine patria~ begeisterter wirkt,
-als irgend ein anderer. Das Vaterland des Juden sind die übrigen Juden:
-daher kämpft er für sie, wie ~pro ara et focis~, und keine Gemeinschaft
-auf Erden hält so fest zusammen wie diese.«
-
-($S. 418, Z. 18.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen des
-neunzehnten Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 143, Anm. 1. --
-Über die jüdische Diaspora der letzten vorchristlichen Jahrhunderte
-vgl. ferner M. _Friedländer_, Der Antichrist in den vorchristlichen
-jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 90 f.
-
-($S. 420, Z. 10.$) Über den Mangel an Unsterblichkeitsglauben im alten
-Testamente hat _Schopenhauer_ das Treffendste und Kräftigste gesagt
-(Parerga und Paralipomena, Bd. I, S. 151 f., ed. Grisebach).
-
-($S. 420, Z. 12.$) _Schopenhauer_, Neue Paralipomena, § 396
-(Handschriftlicher Nachlaß, Bd. IV, herausgegeben von Eduard Grisebach,
-S. 244).
-
-($S. 420, Z. 18 f.$) Gustav Theodor _Fechner_, Die drei Motive
-und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 254-256. Auch in der
-»Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht«, Leipzig 1879, S. 65-68.
-
-($S. 420, Z. 8 v. u.$) _Tertulliani_ Apologeticus adversus gentes pro
-christianis, cap. 17 (Opera, Vol. V, p. 47, rec. Semler, Halae 1773.)
-
-($S. 420, Z. 6 v. u.$) _Chamberlain_ a. a. O., S. 391-400.
-
-($S. 421, Z. 13.$) _Schopenhauer_ hat das Wesen des Jüdischen am
-sichersten herausgefühlt; denn von ihm rührt das Wort her von den »dem
-Nationalcharakter der Juden anhängenden, bekannten Fehlern, worunter
-eine wundersame Abwesenheit alles dessen, was das Wort ~verecundia~
-ausdrückt, der hervorstechendste, wenngleich ein Mangel ist, der in
-der Welt besser weiter hilft, als vielleicht irgend eine positive
-Eigenschaft ....« (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132.)
-
-Diesen Mangel an ~verecundia~ will ich erst weiterhin berühren und
-in einen Zusammenhang mit allem übrigen jüdischen Wesen zu bringen
-versuchen (S. 591).
-
-($S. 422, Z. 14 v. u.$) Aus Versen _Keplers_ citiert nach Johann
-Karl Friedrich _Zöllner_, Über die Natur der Kometen, Beiträge zur
-Geschichte und Theorie der Erkenntnis, 2. Aufl., Leipzig 1872, S. 164.
-
-($S. 423, Z. 1 v. u.$) Gustav Theodor _Fechner_, Ideen zur
-Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Organismen, Leipzig 1873.
-Wilhelm _Preyer_, Naturwissenschaftliche Tatsachen und Probleme,
-1880, II. Vortrag: Die Hypothesen über den Ursprung des Lebens
-(»Kosmozoen-Theorie«).
-
-($S. 425, Z. 4.$) Was _Schopenhauer_ (Über den Willen in der Natur,
-Werke, ed. Grisebach, III, 337) und _Chamberlain_ (Grundlagen des 19.
-Jahrhunderts, 4. Aufl., S. 170 f.) _Spinoza_ hauptsächlich zum Vorwurf
-machen, seine merkwürdigen sittlichen Lehren, das bildet in weit
-geringerem Grade einen Einwand gegen ihn und gegen das Judentum, und am
-wenigsten deutet es auf irgend eine Immoralität in Spinoza selbst hin.
-Spinozas ethische Lehre ist gerade darum so flach geworden, weil er
-recht wenig Verbrecherisches in sich zu überwinden hatte. Aus demselben
-Grunde treffen auch _Aristoteles'_, _Fechners_ oder _Lotzes_ ethische
-Theorien so wenig das eigentliche Problem, obwohl sie, als Arier, von
-vornherein tiefer sind als der Jude.
-
-($S. 425, Z. 13.$) Ich glaube, daß auf einem Mißverständnis, auf einer
-Verwechslung von Wille und Willkür beruht, was _Chamberlain_ sagt
-(a. a. O., S. 243 f.): »Das liberum arbitrium ist entschieden eine
-semitische und in seiner vollen Ausbildung speziell eine jüdische
-Vorstellung.«
-
-($S. 425, Z. 17.$) Wie ganz anders auch _Fechner_, den eine
-oberflächliche Betrachtung in sehr große Nähe zu Spinoza zu rücken
-versucht hat, als welcher jenem an Bedeutung und Tiefe weit nachsteht!
-Vgl. z. B. Zend-Avesta, II^2, 197: »Der Mensch, aus dem der jenseitige
-Geist kommt [beim Tode] ...., bleibt unter _allen_ Einwirkungen, die
-ihm begegnen mögen, ein Individuelles.«
-
-($S. 427, Z. 16 f.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und
-Vorstellung, Zweiter Band, erstes Buch, Kapitel 8: Zur Theorie des
-Lächerlichen. -- _Jean Paul_, Vorschule der Ästhetik, § 26-55.
-
-($S. 429, Z. 2 f.$) Im »fliegenden Holländer«, im »Lohengrin«, im
-»Parsifal« ist das Problem des Judentums offen formuliert; aber
-Siegfried, der »dumme Knab'«, ist nicht minder als Parsifal, der »reine
-Tor«, von _Wagner_ in einem Gegensatze zu allem Jüdischen gedacht
-worden.
-
-($S. 434, Z. 10-12.$) Die Selbstsetzung des Ich bleibt der tiefste
-Gedanke der _Fichte_schen Philosophie. Vgl. Grundlage der gesamten
-Wissenschaftslehre, Sämtliche Werke herausgegeben von J. H. Fichte,
-I/1, Berlin 1845, S. 95 f. (vgl. zu S. 205, Z. 18):
-
-»~a)~ Durch den Satz A = A wird _geurtheilt_. Alles Urtheilen aber
-ist laut des empirischen Bewußtseyns ein Handeln des menschlichen
-Geistes; denn es hat alle Bedingungen der Handlung im empirischen
-Selbstbewußtseyn, welche zum Behuf der Reflexion, als bekannt und
-ausgemacht, vorausgesetzt werden müssen.
-
-~b)~ Diesem Handeln nun liegt etwas auf nichts höheres gegründetes,
-nemlich X = Ich bin, zum Grunde.
-
-~c)~ Demnach ist das _schlechthin gesetzte_ und _auf sich
-selbst gegründete_ -- Grund _eines gewissen_ (durch die ganze
-Wissenschaftslehre wird sich ergeben, _alles_) Handelns des
-menschlichen Geistes, mithin sein reiner Charakter; der reine
-Charakter der Thätigkeit an sich; abgesehen von den besonderen
-empirischen Bedingungen derselben.
-
-Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thätigkeit
-desselben. -- Das Ich _setzt sich selbst_, und es _ist_, vermöge dieses
-bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt, das Ich _ist_, und es
-setzt sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns. -- Es ist zugleich das
-Handelnde und das Produkt der Handlung; das Thätige, und das, was durch
-die Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung und That sind Eins und
-ebendasselbe; und daher ist das: _Ich bin_, Ausdruck einer Thathandlung
-.....
-
-8. Ist das Ich nur, insofern es sich setzt, so ist es auch nur _für_
-das setzende und setzt nur für das seyende. -- _Das Ich ist für das
-Ich_, -- setzt es aber sich selbst, schlechthin so wie es ist, so setzt
-es sich nothwendig und ist nothwendig für das Ich. _Ich bin nur für
-Mich; aber für mich bin ich nothwendig_ (indem ich sage _für Mich_,
-setze ich schon mein Seyn).
-
-9. _Sich selbst setzen_ und _Seyn_ sind, vom Ich gebraucht, völlig
-gleich. Der Satz: Ich bin, weil ich mich selbst gesetzt habe, kann
-demnach auch so ausgedrückt werden: _Ich bin schlechthin, weil ich bin._
-
-Ferner, das sich setzende Ich und das seyende Ich sind völlig gleich,
-Ein und ebendasselbe. Das Ich ist dasjenige, als _was_ es sich
-setzt; und es setzt sich als _dasjenige_, was es ist. Also: _Ich bin
-schlechthin, was ich bin._
-
-10. Der unmittelbare Ausdruck der jetzt entwickelten Thathandlung wäre
-folgende Formel: _Ich bin schlechthin, das ist ich bin schlechthin,
-weil ich bin, und bin schlechthin, was ich bin; beides für das Ich._
-
-Denkt man sich die Erzählung von dieser Thathandlung an die Spitze
-einer Wissenschaftslehre, so müßte sie etwa folgendermaßen ausgedrückt
-werden: _Das Ich setzt ursprünglich sein eigenes Seyn._«
-
-($S. 434, Z. 15 f.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_ a. a. O., S. 397 f.
--- Die Dualität von Religion und Glaube, die Chamberlain S. 405 f.
-behauptet, dürfte kaum haltbar sein.
-
-($S. 435, Z. 6 v. u.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_, Die Grundlagen des
-XIX. Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 244, 401.
-
-($S. 436, Z. 2 v. u.$) Man sieht, wie schwierig es ist, das Judentum
-zu definieren. Dem Juden fehlt die Härte, aber auch die Sanftmut --
-eher ist er zähe und weich; er ist weder roh noch fein, weder grob noch
-höflich. Er ist nicht König, nicht Führer, aber auch nicht Lehnsmann,
-nicht Vasall. Was er nicht kennt, ist Erschütterung; doch es mangelt
-ihm ebensosehr der Gleichmut. Ihm ist nie etwas selbstverständlich,
-aber ebenso fremd ist ihm alles wahre Staunen. Er hat nichts vom
-_Lohengrin_, aber beinahe noch weniger vom _Telramund_ (der mit
-seiner Ehre steht und fällt). Er ist lächerlich als Korpsstudent; und
-gibt doch keinen guten Philister ab. Er ist nie schwerblütig, aber
-auch nie vom Herzen leichtsinnig. Weil er nichts glaubt, flüchtet er
-ins Materielle; nur daher stammt seine Geldgier: er sucht hier eine
-Realität und will durchs »Geschäft« von einem Seienden überzeugt
-werden -- der einzige Wert, den er als tatsächlich anerkennt, wird
-so das »verdiente« Geld. Aber dennoch ist er nicht einmal eigentlich
-Geschäftsmann: denn das »Unreelle«, »Unsolide« im Gebaren des jüdischen
-Händlers ist nur die konkrete Erscheinung des der _inneren Identität_
-baren jüdischen Wesens auch auf diesem Gebiete. _»$Jüdisch$« ist also
-eine $Kategorie$_ und psychologisch nicht weiter zurückzuführen und zu
-bestimmen; metaphysisch mag man es als _Zustand vor dem Sein_ fassen;
-introspektiv kommt man nicht weiter als bis zur inneren Vieldeutigkeit,
-dem Mangel an Überzeugungen, der Unfähigkeit zu irgend welcher Liebe,
-das ist ungeteilten Hingabe, und zum Opfer.
-
-Die Erotik des Juden ist sentimental, sein Humor Satire; jeder
-Satiriker aber ist sentimental, wie jeder Humorist nur ein umgekehrter
-Erotiker. In der Satire und in der Sentimentalität ist jene Duplizität,
-die das Jüdische eigentlich ausmacht (denn die Satire verschweigt
-zu wenig und fälscht darum den Humor); und jenes Lächeln ist beiden
-gemeinsam, welches das jüdische Gesicht kennzeichnet: kein seliges,
-kein schmerzvolles, kein stolzes, kein verzerrtes Lächeln, sondern
-jener unbestimmte Gesichtsausdruck, welcher _Bereitschaft_ verrät, _auf
-alles einzugehen_, und alle Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst
-vermissen läßt; jene Ehrfurcht, die allein alle andere »~verecundia~«
-erst begründet.
-
-($S. 437, Z. 6.$) _Chamberlain_: a. a. O., S. 329 f.
-
-($S. 437, Z. 5 v. u. f.$) Über das »epileptische Genie« vgl. besonders
-_Lombroso_, Der geniale Mensch, Hamburg 1890, an vielen Orten. Über
-Napoleons Epilepsie orientiert Louis _Proal_, Napoléon I. était-il
-épileptique? Archives d'Anthropologie criminelle, 1902, p. 261-266 (mit
-den Zeugnissen von Constant und Talleyrand).
-
-($S. 438, Z. 11.$) _Kant_, Die Religion innerhalb der Grenzen der
-bloßen Vernunft, S. 46-47, ed. Kehrbach. Vgl. S. 49 f.: »Wenn der
-Mensch aber im Grunde seiner Maximen verderbt ist, wie ist es möglich,
-daß er durch eigene Kräfte diese Revolution [einen Übergang zur Maxime
-der Heiligkeit der Gesinnung] zustande bringe und von selbst ein
-guter Mensch werde? Und doch gebietet die Pflicht, es zu sein, sie
-gebietet uns aber nichts, als was uns tunlich ist. Dieses ist nicht
-anders zu vereinigen, als daß die Revolution für die Denkungsart, die
-allmähliche Reform aber für die Sinnesart (welche jener Hindernisse
-entgegenstellt), notwendig und daher auch dem Menschen möglich sein
-muß. Das ist: wenn er den obersten Grund seiner Maximen, wodurch er ein
-böser Mensch war, durch eine einzige unwandelbare Entschließung umkehrt
-(und hiemit einen neuen Menschen anzieht); so ist er sofern dem Prinzip
-und der Denkungsart nach ein fürs Gute empfängliches Subjekt u. s. w.«
---
-
-Das andere Genie erfährt die Gnade noch vor der Geburt; der
-Religionsstifter im Laufe seines Lebens. In ihm stirbt ein älteres
-Wesen am vollständigsten und tritt vor einem gänzlich neuen zurück.
-Je größer ein Mensch werden will, desto mehr ist in ihm, dessen
-Tod er beschließen muß. Ich glaube, daß auch _Sokrates_ hier den
-Religionsstiftern (als der einzige unter allen Griechen[106]) sich
-nähert; vielleicht hat er den entscheidenden Kampf mit dem Bösen an
-jenem Tage gekämpft, da er bei Potidaea vierundzwanzig Stunden allein
-an einem und demselben Orte aufrecht stand.
-
-_Kant_ (Religionsphilosophie; vgl. im Texte S. 209), _Goethe_ (Citat
-auf S. 438), _Jakob Böhme_ (De regeneratione) und Richard _Wagner_
-(Wotan bei Erda, Siegfried, III. Akt) sind ebenfalls diesem Ereignis
-einer buchstäblichen _Neugeburt_ des _ganzen_ Menschen weniger fern
-gewesen als die meisten anderen großen Männer.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 14.
-
-
-($S. 443, Z. 7 v. u.$) »Alle höhere Kultur ist nicht auf das Prinzip
-der _Sexualität_, sondern im Gegenteil auf das Prinzip der _Askese_
-gegründet« das ist (wenn man Askese nicht zu eng, nicht im Sinne einer
-Jesuiten-Schulung faßt) das wahrste Wort aus dem trefflichen Aufsatze
-von O. _Friedländer_ (vgl. zu S. 446, Z. 1 v. u.).
-
-($S. 443, Z. 15-21.$) Auf das Überwiegen des dirnenhaften Elementes
-im heutigen Weibe dürfte die zunehmende Unlust und Unfähigkeit der
-Mütter, ihre Kinder zu stillen, viel eher zurückweisen als auf den seit
-Jahrhunderten unverändert großen Alkoholgenuß (vgl. S. 291, Z. 14 v.
-u. f.)
-
-($S. 444, Z. 15.$) Sogar in die Wissenschaft ist diese Wertung des
-Mannes nach seiner geschlechtlichen Fähigkeit eingedrungen. »Il ne peut
-être douteux que les testicules donnent à l'homme ses plus nobles et
-ses plus utiles qualités.« (_Brown-Séquard_, Archives de Physiologie
-normale et pathologie, 1889, p. 652.)
-
-Es ist sehr verdienstlich von _Rieger_, diesen so populären
-Anschauungen derart kräftig entgegengetreten zu sein, wie er es in
-seinem Buche über »Die Kastration« (Jena 1900) getan hat.
-
-($S. 446, Z. 1 v. u.$) Auf einem anderen Wege und weniger durch
-eine Analyse der Weiblichkeit als der Männlichkeit kommt Oskar
-_Friedländer_ (»Eine für Viele«, eine Studie, Die Gesellschaft,
-Münchener Halbmonatsschrift, 1902, Heft 15/16) zu _demselben_ Ergebnis
-(S. 181 f.): »Die Geschlechter bilden und beeinflussen einander in
-der Richtung nach dem physischen und moralischen Ideale, das sie als
-Maßstab ihrer wechselseitigen Wertschätzung zu Grunde legen, und von
-dessen mehr oder minder vollkommener Erfüllung die Bevorzugung der
-einen vor den anderen bei der Liebeswahl abhängig zu denken ist. Wenn
-echte Weiblichkeit mit dem Attribute der Keuschheit unzertrennlich
-verbunden ist, so ist demnach der Grund dafür nicht in der Natur des
-Weibes, sondern in der moralischen Disposition des Mannes zu suchen.
-Ihm ist die Keuschheit, im weiteren Sinne: die Fähigkeit, die Schranken
-des sinnlichen Einzeldaseins zu übersteigen, der höchste sittliche
-Wert und wird es trotz aller beklagenswerten Aberrationen, an denen
-unser, einem durchaus unberechtigten Optimismus huldigendes Zeitalter
-so reich ist, immer bleiben; darum überträgt er ihn in der Form eines
-moralischen Imperatives auf das andere Geschlecht. Der Frau ist,
-weniger im ethischen als im sexuellen Interesse, alles an der Erfüllung
-dieser Forderung gelegen. Deshalb hält sie so unerbittlich zähe daran
-fest, zähe besonders am Scheine der Keuschheit, an den Regeln der
-Konvenienz.
-
-Die Anwendung auf den entgegengesetzten Fall wird man mir erlassen.
-Es heißt dem Scharfsinn meiner Leser nicht allzuviel zumuten, wenn
-ich ihnen die Entscheidung anheimstelle, wo das Ideal der männlichen
-Unkeuschheit seinen Ursprung genommen haben mag.«
-
-($S. 447, Z. 1.$) Doch ist auch der Wert, der auf Jungfräulichkeit
-gelegt wird, wie bekannt, ein sehr verschiedener bei den verschiedenen
-Menschenrassen. Vgl. Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde,
-Berlin 1902, S. 93.
-
-($S 447, Z. 1 v. u.$) Der Mensch, der sich straft durch
-Fleischeskreuzigung und Abtötung des Leibes, will den Sieg ohne Kampf;
-er räumt den Leib aus dem Wege, weil er zu schwach ist, dessen Triebe
-zu überwinden. Er ist ebenso feig wie der Selbstmörder, der sich
-erschösse, weil er am Siege über sich verzweifelte. Und die Buße ist
-der Reue geradezu entgegengesetzt; denn sie beweist, daß der Mensch
-gar nicht _über_ seiner Missetat steht, sondern noch in ihr befangen
-ist, sonst würde er sich nicht züchtigen; er würde trotz der Zurechnung
-einen Unterschied machen zwischen dem Moment der Tat und dem Moment
-der Reue, wofern Reue da wäre. Denn Bedingung der Reue ist nunmehrige
-Unfähigkeit zur Tat, und diese Unfähigkeit zum Bösen kann kein Mensch
-in sich strafen wollen. Auch _Kant_ hat die Askese durchschaut
-(Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, § 53).
-
-($S. 448, Z. 4 v. u.$) Richard _Wagner_, Parsifal, ein
-Bühnenweihfestspiel. Zweiter Aufzug. (Gesammelte Schriften und
-Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. X, S. 360 f.)
-
-($S. 451, Z. 9 v. u.$) _Schopenhauer_: »Die Mormonen haben Recht.«
-(Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 370 Ende.) _Demosthenes_ 59, 122
-(Κατὰ Νεαίρας): »Tὰς μὲν γὰρ ἑταίρας ἡ δονῆς ἕνεκ' ἔχομεν, τὰς δὲ
-παλλακὰς τῆς καθ' ἡμέραν θεραπείας τοῦ σώματος, τὰς δἐ γυναῖκας τοῦ
-παιδοποιεῖσθαι γνησίως καὶ τῶν ἔνδον φύλακα πιστὴν ἔχειν.«
-
-($S. 451, Z. 8 v. u. f.$) _Goethe_, Zweite Epistel. -- _Molière_, Les
-Femmes Savantes, Acte II, Scène VII. -- Selbst _Kant_ dürfte, wäre er
-nach einer Schrift aus dem Jahre 1764 zu beurteilen, keineswegs von
-diesem Vorwurfe ausgenommen werden. Denn in den »Beobachtungen über das
-Gefühl des Schönen und Erhabenen« (III. Abschnitt, Bd. VIII, S. 32,
-ed. Kirchmann) steht: »[Die Frauenzimmer] tun etwas nur darum, weil es
-ihnen so beliebt, _und die Kunst besteht darin, zu machen, daß ihnen
-nur dasjenige beliebt, was gut ist_. Ich glaube schwerlich, daß das
-schöne Geschlecht der Grundsätze fähig sei, und ich hoffe dadurch nicht
-zu beleidigen, denn diese sind auch äußerst selten beim männlichen.«
-
-($S. 452, Z. 17.$) _Kant_, Die Religion innerhalb der Grenzen der
-bloßen Vernunft, ed. Kehrbach, S. 47.
-
-($S. 452, Z. 6 v. u.$) W. H. _Riehl_, Die Familie, Stuttgart 1861,
-S. 7, sagt: »Man muß ... den tollen Mut der Sozialisten bewundern,
-welche den beiden Geschlechtern trotz aller leiblichen und seelischen
-Ungleichartigkeit doch die gleiche politische und soziale Berufung
-zusprechen und ganz resolut ein Gesetz der Natur entthronen wollen,
-um ein Gesetz der Schule und des Systems an seine Stelle zu setzen.
-Périsse la nature plutôt que les principes!«
-
-Dieser Standpunkt, den Riehl toll nennt, ist der meinige. Ich kann
-nicht einsehen, wie ein anderer gewählt werden könnte, wofern man nicht
-utilitaristisch, sondern ethisch zu denken gewillt ist. Sicherlich wird
-der alte Mißbrauch, der mit den Worten der Natur, des Natürlichen und
-Naturgemäßen getrieben wird, sich erneuern, sobald es diese Forderung
-zu bekämpfen gelten wird. Das Verhältnis des Menschen zur Natur wird
-aber, um es ganz unzweideutig zu sagen, nicht zerstört, _sondern erst
-$geschaffen$ dadurch, daß der Mensch sich über sie $erhebt$_, _mehr_
-wird als ein bloßes Glied, ein bloßer Teil von ihr. Denn Natur ist
-immer das _Ganze_ der sinnlichen Welt, und dieses kann nicht von einem
-seiner Teile aus übersehen werden.
-
-($S. 453, Z. 16 f.$) Je tiefer das Weib steht, desto notwendiger muß es
-emanzipiert werden. Gewöhnlich schließt man umgekehrt.
-
-($S. 453, Z. 22-24.$) Ich meine hier die »Vera«-Literatur, welche im
-Jahre 1902 ziemlich viel Staub aufgewirbelt hat. Das einzige Gute, was
-über die ganze Streitfrage geschrieben worden ist, findet man in dem
-mehrfach citierten Aufsatze von Oskar _Friedländer_, Eine für Viele,
-eine Studie (vgl. besonders zu S. 446, Z. 1 v. u.).
-
-($S. 454, Z. 4 f.$) Friedrich _Nietzsche_, Jenseits von Gut und Böse,
-Aphorismus 238.
-
-($S. 455, Z. 7.$) »_Pythagoras_ erscheint als der Vertreter des
-Frauengeschlechtes, als der Verteidiger seiner Rechte, seiner
-Unverletzlichkeit, seines hohen Berufes in der Familie und im Staate.
-Den Männern stellt er die Unterdrückung des Weibes als Sünde dar.
-Nicht unterworfen, sondern mit voller Gleichberechtigung dem Gatten
-beigeordnet soll das Weib sein.« (J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht,
-Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer
-religiösen und rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 381.)
-
-($S. 456, Z. 11.$) Über die _»Parsifal«-Dichtung_ _Wagners_ ist mir
-eine einzige verständnisvolle Abhandlung bekannt geworden: Zur Symbolik
-in Wagners Parsifal, von Emil _Lucka_, Wiener Rundschau, V, 16,
-S. 313 f. (15. August 1901). Leider ist in diesem sehr vorzüglichen
-Aufsatz das Thema allzu knapp behandelt. Eine Auffassung der Dichtung,
-welche von jenem Autor in vielen Punkten beträchtlich abweicht,
-ausführlich darzulegen, hoffe ich selbst Gelegenheit zu finden.
-
-($S. 457, Z. 6 f.$) _Clemens Alexandrinus_, Stromata, III 6, vol. I,
-p. 532, ed. Potter (Oxford 1715) = p. 1149 ed. Migne (Patrologiae
-Graecae, Tomus VIII, Paris 1857): Τῇ Σαλώμῃ ὁ Κύριος πυνθανομένῃ
-_μέχρι πότε θάνατος ἰσχύσει_ οὐχ ὡς κακοῦ τοῦ βίου ὄντος καὶ τῆς
-κτίσεως πονηρᾶς »_Μέχρις ἄν, εἶπεν, ὑμεῖς αἱ γυναῖκες τίκτετε_« ἀλλ'
-ὡς τὴν ἀκολουθίαν τὴν φυσικὴν διδάσκων· γεννήσει γὰρ πάντως ἕπεται καὶ
-φθορά. -- Ibid. III, 13 (I, 553 Potter, p. 1192 Migne) wird aus dem
-»Evangelium der Ägypter« nach dem Zeugnis des _Cassianus_ (dessen Werk
-Περὶ ἐγκρατείας oder περὶ εὐνουχίας) folgendes Wort Jesu berichtet:
-»Πυνθανομένης τῆς Σαλώμης πότε γνωσθήσεται τὰ περὶ ὧν ἤρετο, ἔφη ὁ
-Κύριος, _Ὅταν τὸ τῆς αἰσχύνης ἔνδυμα πατήσητε, καὶ ὅταν γένηται τὰ
-δύο ἕν, καὶ τὸ ἄρρεν μετὰ τῆς θηλείας οὔτε ἄρρεν οὔτε θῆλυ_.« --
-Schließlich ibid. III, 9 (I, 540 Potter, p. 1165 Migne): »_ἤλθον
-καταλῦσαι τὰ ἔργα τῆς θηλείας_· θηλείας μὲν, τῆς ἐπιθυμίας· ἔργα δέ,
-γέννησιν καὶ φθοράν.«
-
-Es ist dieser Ausspruch so ohne alle Vorgänger im Griechentum, daß wohl
-seine Echtheit angenommen und es ein hohes Glück genannt werden darf,
-daß er nicht verloren ging, wie die herrlichsten Aussprüche Christi
-sicherlich verloren gegangen sind, weil die synoptischen Evangelisten
-sie nicht verstehen und also nicht behalten konnten.
-
-Daß das Begehren nach dem Weibe immer unsittlich ist, liegt übrigens
-bereits im Worte: »_πᾶς ὁ βλέπων γυναῖκα πρὸς τὸ ἐπιθυμῆσαι ἤδη
-ἐμοίχευσεν αὐτὴν τῇ καρδίᾳ αὔτοῦ_« (Evang. Matth. 5, 28).
-
-($S. 457, Z. 15 v. u.$) _Augustinus_, De bono viduitatis, Cap. XXIII
-(Patrologiae Latinae Tom. XL, p. 449 f., ed. Migne, Paris 1845): »Non
-vos ... frangat querela vanorum, qui dicunt: Quomodo subsistet genus
-humanum, si omnes fuerint continentes? Quasi propter aliud retardetur
-hoc saeculum, nisi ut impleatur praedestinatus numerus ille sanctorum,
-quo citius impleto, profecto nec terminus saeculi differetur.« De
-bono conjugali, Cap. X (ibid. p. 381): »Sed novi qui murmurent. Quid
-si, inquiunt, omnes homines velint ab omni concubitu continere:
-unde subsistet genus humanum? Utinam omnes hoc vellent, dumtaxat in
-charitate de corde puro et conscientia bona et fide non ficta (1. Tim,
-1, 5): multo citius Dei civitas compleretur, et acceleraretur terminus
-saeculi.« Ich verdanke diese Nachweise _Schopenhauers_ »Welt als Wille
-und Vorstellung«, Bd. II, Kap. 48.
-
-($S. 457, Z. 2 v. u.$) Hier liegt also das eigentliche Motiv jener
-Furcht, nach welchem Leo _Tolstoi_ (Über die sexuelle Frage, Leipzig
-1901, S. 16 ff., 87 f.) gesucht hat, ohne es zu finden.
-
-($S. 458, Z. 14.$) Man mag es krankhaft nennen, daß der Mann die
-schwangere Frau abstoßend häßlich findet (wenn sie auch manches Mal
-ihn sinnlich erregt), aber es ist dies eben das, was ihn vor dem Tiere
-auszeichnet, und wer es ihm ausreden will, der will ihn der Menschheit
-entkleiden. Das Phänomen liegt tief; es zeigt wieder, wie alle Ästhetik
-nur ein Ausdruck der Ethik ist. -- »Toutes les _hideurs_ de la
-fécondité« sagt einmal Charles _Baudelaire_ (Les fleurs du mal, Paris
-1857, 5. Gedicht, p. 21).
-
-($S. 459, Z. 15.$) Die Idee der Menschheit im Kantischen Sinne ist auch
-von _Platon_ an einer berühmten Stelle der Politeia ausgesprochen (IX,
-589 A B), in der zugleich die Anschauung vom Menschen als dem mit allen
-Möglichkeiten ausgestatteten Wesen liegt: »..... ὁ τὰ δίκαια λέγων
-λυσιτελεῖν φαίη ἂν δεῖν ταῦτα πράττειν καὶ ταῦτα λέγειν, ὅθεν _τοῦ
-ἀνθρώπου ὁ έντὸς ἄνθρωπος_ ἔσται ἐγκρατέστατος .....«
-
-($S. 459, Z. 11-8 v. u.$) Die ganze Entwicklung, welche Herbert
-_Spencer_, Die Prinzipien der Ethik, Stuttgart 1892, Bd. II, S. 181 f.
-beschreibt, die Entwicklung vom »Fidschi-Insulaner, der sein Weib
-töten und aufessen konnte«, von den alten Germanen, bei denen der Mann
-das Weib »wieder verkaufen und sogar töten durfte«, von den alten
-englischen Zeiten, wo die Braut gekauft wurde und ihr eigener Wille
-beim Handel nicht in Frage kam, bis auf den heutigen Tag, da die Frau
-wenigstens von Rechts wegen selbständiges Eigentum besitzen darf --
-diese ganze Entwicklung ist keineswegs durch irgend welche Bewegungen
-von Seiten der Frauen hervorgerufen, sondern allmählich durch
-Vervollkommnung der gesetzlichen Fortschritte vom Manne herbeigeführt
-worden.
-
-Ich möchte hier noch Oskar _Friedländer_ anführen, welcher a. a. O.
-S. 182 f. (Die Gesellschaft, 1902, Heft 15/16) sagt: »Die spärlichen
-moralischen Elemente, die in der Emanzipationsbewegung enthalten sind,
-haben übrigens, und das kennzeichnet am besten die innere Bedeutung
-des ganzen Rummels, ebensowenig als das Keuschheitsideal ihren
-Ursprung im erhitzten Hirne der für die Emanzipation des Fleisches
-besonders begeisterten Vorkämpferinnen genommen. Es waren _Männer_,
-die jene Elemente zur Geltung brachten, um der unwürdigen »Hörigkeit
-der Frau« ein Ende zu bereiten, und die Frauen erschienen erst auf
-dem Kampfplatze, als der Frontangriff zu ihren Gunsten entschieden
-war und sie nicht länger mit Ehren fern bleiben konnten. Es spricht
-wohl deutlich genug, daß gerade in ihren Reihen die erbittertsten
-Gegner der neuen Richtung erstanden. Die scheinbare Bereitwilligkeit,
-den veränderten Verhältnissen Rechnung zu tragen, die aggressive
-Haltung mancher Frauen darf einen nicht über die wahre Sachlage
-hinwegtäuschen. Das Hochschulstudium nimmt in diesen Kreisen keinen
-höheren Rang ein als der Radfahrsport oder das Lawntennisspiel: das
-erforderliche Minimalquantum wissenschaftlicher Bildung zählt heute
-mit zu den sekundären Geschlechtscharakteren. Den ethischen Kern der
-Emanzipationstendenz, die Erhebung auf das moralische Niveau des
-Mannes, haben die Frauen immer als einen lästigen Zwang empfunden,
-dessen sie sich auch sicherlich entledigen werden, wenn es nur mit
-Anstand, ohne die gute Meinung ihrer Anwälte allzu offenkundig zu
-desavouieren, geschehen kann.«
-
-
-
-
-Verbesserungen sinnstörender Fehler.
-
-
- Seite 3, Zeile 3 v. u.: Lies _alle$m$_ statt _alle$s$_.
-
- » 30, » 10: » _thelyide_ statt _thely$o$ide_.
-
- » 36, » 10: » _ge$a$ichten_ statt _ge$e$ichten_.
-
- » 49, » 11: » _zersetz$en$_ statt _zersetz$t$_.
-
- » 62, » 3: » _thelyide_ statt _thely$o$ide_.
-
- » 69, » 9 v. u.: » _eine$r$_ statt _eine$m$_.
-
- » 100, » 7 v. u.: » _welche ja_ statt _welche $sie$ ja_.
-
- » 114, » 11 v. u.: » _Intensi$f$ikationen_ statt
- _Intensi$v$ikationen_.
-
- » 134, » 3: » _haben; $oder denke an$_ statt
- _haben an_.
-
- » 169, » 19: » _da$ß$ er_ statt _da er_.
-
- » 170, » 6-5 v. u.: Streiche: _den Moment zu verewigen
- strebt_.
-
- » 177, » 23: Lies _Schellings_ statt _Schelling$en$s_.
-
- » 180, » 10 v. u.: » _umgehen_ statt _um$zu$gehen_.
-
- » 189, » 4: » _geordnete$n$_ statt _geordnete$m$_.
-
- » 190, » 1 v. u.: » _präsentiert_ statt
- _$re$präsentiert_.
-
- » 194, » 3: » _Möglichkeit$,$ zu erkennen_ statt
- _Möglichkeit zu erkennen_.
-
- » 216, » 10: » _Intensi$f$ikationen_ statt
- _Intensi$v$ikationen_.
-
- » 220, » 11 v. u.: » _$ein erw$ärmter Stab durch_ statt
- _$erw durch$ärmter Stab_.
-
- » 227, » 10 v. u.: » _welche nämlich_ statt _welche $sie$
- nämlich_.
-
- » 274, » 10 v. u.: » _$zu$ verbringen_ statt
- _verbringen_.
-
- » 291, » 7: » _aus $seiner$_ statt _aus $ihrer$_.
-
- » 295, » 18: » _$aber$ auch_ statt _$hieraus$
- auch_.
-
- » 301, » 6: » _größer$e$_ statt _größer_.
-
- » 331, » 3 v. u.: » _de$s$ Liebenden_ statt _de$r$
- Liebenden_.
-
- » 356, » 8: » _steht nicht $wie$ beim_ statt
- _steht nicht beim_.
-
- » 361, » 18: » _$a$sexuelles_ statt _sexuelles_.
-
- » 366, » 12 v. u.: » _fremde$n$_ statt _fremde_.
-
- » 408, » 17: » _Laute$n$_ statt _Laute$m$_,
- _Unvornehme$n$_ statt
- _Unvornehme$m$_.
-
- » 410, » 10 v. u.: » _ihre$n$_ statt _ihre$r$_.
-
- » 425, » 2: » _$es$ ist_ statt _$sie$ ist_.
-
- » 434, » 3: » _de$r$ Augenblick_ statt _de$n$
- Augenblick_.
-
- » 434, » 11: » _sich $die$ Welt_ statt _sich Welt_.
-
- » 448, » 9: » _anst$reb$t_ statt _anst$ell$t_.
-
- » 455, » 15 v. u.: » _Als$o$_ statt _Als_.
-
- » 467, » 14 v. u.: » _Hydatide_ statt _Hydat$r$ide_.
-
- » 476, » 15: » _$Il$ était_ statt _$Je$ était_.
-
-[Illustration: DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.]
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-[1] Auch das Spencersche Weltschema: Differentiation und Integration,
-läßt sich hier leicht anwenden.
-
-[2] Dies gilt von den Begriffen aber nur als von Objekten einer
-psychologischen, nicht einer logischen Betrachtungsweise. Diese sind
-trotz allem modernen Psychologismus (Brentano, Meinong, Höfler) nicht
-ohne beiderseitigen Schaden zusammenzuwerfen.
-
-[3] Natürlich -- zu dieser Anschauung werden wir durch unser Bedürfnis
-nach Kontinuität genötigt -- _irgendwie_ müssen die sexuellen
-Unterschiede, wenn auch anatomisch, morphologisch unsichtbar und
-selbst durch die stärksten Vergrößerungen des Mikroskopes dem Auge
-nicht zu erschließen, schon vor der Zeit der ersten Differenzierung
-formiert, »präformiert« sein. Aber wie, das ist ja die große Krux aller
-Entwicklungsgeschichte.
-
-[4] Nicht die absolute Breite des Beckens als in Centimetern angegebene
-Distanz der Knorren der Oberschenkel oder der Hüftbeindorne, sondern
-die relative Breite der Hüften im Verhältnis zur Schulterbreite ist
-ein ziemlich sicheres und recht allgemein verwendbares körperliches
-Kriterium für den Gehalt an W.
-
-[5] Von den verschiedenen »Fetischismen« ist hiebei natürlich
-abzusehen; ebensowenig kommen für erogene Wirkung die primordialen
-Charaktere in Betracht.
-
-[6] Ebensowenig wie im umgekehrten Falle der Kastration eines
-weiblichen Tieres die Maskularisierung schroff _geleugnet_ werden kann.
-
-[7] Daß solche Grenzen existieren, ergibt ja auch die Existenz
-sexueller Unterschiede _vor_ der Pubertät.
-
-[8] Für spezielle Zwecke der Züchter, deren Absichten meist auf
-Abänderung der natürlichen Tendenzen gehen, muß hievon freilich oft
-abgegangen werden.
-
-[9] Gewöhnlich denkt man, wenn von einer Konstanz im sexuellen
-Geschmack des Mannes oder der Frau gesprochen wird, zunächst an
-die Bevorzugung einer Lieblingsfarbe des Kopfhaares beim anderen
-Geschlechte. Es scheint auch wirklich, wo überhaupt einer bestimmten
-Farbe der Haare der Preis gegeben wird (dies ist nicht bei allen
-Menschen der Fall), die Vorliebe für diese ziemlich tief zu liegen.
-
-[10] Dies zeigt auch klar sein Bildnis. _Mérimée_ nennt George Sand
-»maigre comme un clou«. Bei der ersten Begegnung beider ist »sie«
-offenbar Männchen und »er« ganz Weibchen gewesen: _er_ errötet, als
-_sie_ ihn fixiert und mit _tiefer_ Stimme _ihm_ Komplimente zu machen
-beginnt.
-
-[11] Es hat übrigens viele gänzlich _ungelehrte große_ Künstler gegeben
-(_Burns_, _Wolfram von Eschenbach_), aber keine diesen vergleichbare
-Künstlerin.
-
-[12] Auf den Anblick einer bisexuell funktionierenden Schauspielerin
-mit leichtem Bartanfluge, einer tiefen sonoren Stimme und fast ohne
-Haare auf dem Kopfe habe ich einen bisexuellen Mann ausrufen hören: »Ja
-das ist ein Prachtweib!« »Das Weib« ist eben für jeden ein anderes und
-doch dasselbe, »im Weibe« hat noch jeder Dichter Verschiedenes und doch
-ein Gleiches besungen.
-
-[13] Es bedeutet im folgenden »_der_ Mann« immer M und mit »_der_ Frau«
-ist immer W gemeint, nicht »die Männer« oder »die Frauen«.
-
-[14] Herr Dr. _Hermann Swoboda_ in Wien.
-
-[15] Wobei weder an absolute Heniden beim Weibe noch an absolute
-Klärung beim Manne gedacht werden darf.
-
-[16] _Begabung_ (nicht _Talent_) und _Geschlecht_ sind die beiden
-einzigen Dinge, _die nicht vererbt werden_, sondern _unabhängig_ von
-der »Erbmasse« sind und gleichsam spontan zu entstehen scheinen. Schon
-diese Tatsache läßt erwarten, daß Genialität, beziehungsweise ihr
-Mangel, in einem Zusammenhange mit der Männlichkeit oder Weiblichkeit
-eines Menschen stehen müsse.
-
-[17] Ich gebrauche das Wort Begabung, um dem Worte Genialität so
-oft als tunlich aus dem Wege zu gehen, und bezeichne mit ihm jene
-Veranlagung, deren höchste Steigerung Genialität ist. Begabung und
-Talent werden demnach hier streng auseinandergehalten.
-
-[18] Die aber mit dem _Talente_ nichts zu schaffen haben.
-
-[19] Ausdruck von Herrn Dr. H. _Swoboda_ in Wien.
-
-[20] Sehr wesentlich ist hingegen der geniale _Augenblick_ vom
-nichtgenialen psychologisch geschieden, _auch in einem und demselben
-Menschen_.
-
-[21] Ich wage auch daran zu erinnern, wie häufig reine Wissenschaftler
-erst knapp vor dem Tode mit religiösen und metaphysischen Problemen
-sich beschäftigen: _Newton_, _Gauß_, _Riemann_, Wilh. _Weber_.
-
-[22] Man ist oft erstaunt darüber, wie Menschen von ganz gewöhnlicher,
-ja gemeiner Natur keinerlei Furcht vor dem Tode empfinden. Aber
-es wird so klar: _nicht die Furcht vor dem Tode schafft das
-Unsterblichkeitsbedürfnis, sondern das Unsterblichkeitsbedürfnis
-schafft die Furcht vor dem Tode_.
-
-[23] Im übrigen säume ich nicht, die Manen _Bacos_ für diese
-Zusammenstellung um Verzeihung zu bitten.
-
-[24] Über sie handelt kurz das 13. Kapitel.
-
-[25] Welche der sich immer verstehende Mensch ebensogut kennt wie der
-sich nie verstehende.
-
-[26] Hiemit hoffe ich auch, die Kühnheit dieses gänzlich neuartigen
-Überganges vom Gedächtnis zur Logik gerechtfertigt zu haben.
-
-[27] Dieser Beweis beruht jedoch, wie zu bemerken ist, auf
-der Identifikation eines beliebigen _logischen_ A mit dem
-_erkenntnistheoretischen_ Objekt überhaupt; diese Identifikation
-läßt sich in ihrer Berechtigung selbst nicht noch dartun. Vom _Sein
-überhaupt_, welches aus der Gültigkeit des Identitätsprinzipes streng
-genommen allein gefolgert werden könnte, will ich hier jedoch aus
-methodischen Gründen absehen. -- Übrigens würde, um den Positivismus
-zu widerlegen (worauf es ankam), bereits dieser Beweis eines Seins
-_jenseits_ der Erfahrung, _unabhängig von aller_ Erfahrung, hingereicht
-haben. Daß dieses Sein das Sein des Ichs ist, dafür ist keine rein
-_logische_, sondern eigentlich nur eine _psychologische_ Begründung aus
-der _Erfahrungstatsache_ möglich, daß die logische Norm dem Menschen
-nicht von außen kommt, sondern vom eigenen tiefsten Wesen ihm gegeben
-wird. Nur darum kann das _absolute Sein_ oder das _Sein des Absoluten_,
-wie es im Satze A = A sich manifestiert, mit dem _Sein des Ichs_
-gleichgesetzt werden: das absolute Ich ist das Absolute.
-
-[28] Ruft _Schopenhauer_, ruft _Wagner_.
-
-[29] Vgl. über sich verstehende und sich nicht verstehende Menschen
-S. 188.
-
-[30] Womit aber nicht gesagt ist, daß jedermann, der das Ich anerkennt,
-schon ein Genie sei.
-
-[31] Wie damit zusammenhängt, daß hervorragende Menschen schon sehr
-früh (z. B. im Alter von vier Jahren) _lieben_ können, wird später klar
-werden (S. 323 f.).
-
-[32] Dieser Fall wird später noch einer Untersuchung bedürfen
-(S. 322 ff.).
-
-[33] Wozu also der Darwinismus und die monistischen Systeme, in deren
-Zentrum der »Entwicklungsgedanke« steht, nicht gehören. Die Gattungs-
-und Begattungsherrlichkeit unserer Zeit konnte sich nicht deutlicher
-offenbaren als dadurch, daß man die Descendenzlehre mit dem Worte
-Weltanschauung in Verbindung brachte und dem Pessimismus entgegensetzte.
-
-[34] Darum gibt es _innerhalb_ des Einzelmenschen keinen Begriff
-des _Zufalls_, ja es kann der Gedanke an einen solchen gar nicht
-auftauchen. Daß ein erwärmter Stab durch die Zufuhr thermischer Energie
-sich ausdehnt und nicht infolge eines gleichzeitig am Himmel sichtbaren
-Kometen, nehme ich an vermöge langer Erfahrung und Induktion, aber auch
-nur auf Grund dieser; die _richtige_ Beziehung ist hier nicht _sofort_
-in einem Erlebnis schon gelegen. Wenn ich dagegen über mein eigenes
-Betragen in einer bestimmten Gesellschaft mich ärgere, so _weiß_
-ich, gesetzt auch, es geschehe zum ersten Male, und es schöben sich
-noch so viel andere gleichzeitige psychische Ereignisse dazwischen,
-_unmittelbar_ den _Grund_ meiner Unzufriedenheit, und bin seiner sofort
-vollständig sicher, oder kann es wenigstens, wenn ich mich nicht
-darüber hinwegzutäuschen versuche, schon beim ersten Male werden.
-
-[35] Vgl. auch Prediger _Salomo_ 7, 29: »Unter Tausenden habe ich einen
-Menschen gefunden, aber kein Weib habe ich unter allen gefunden.«
-
-[36] Von der also nicht eine Philosophie _ausgehen_ darf, zu der sie
-nur als zu einer letzten Grenzmarkung gelangen soll.
-
-[37] Der Ausdruck stammt von Dr. Wilh. _Jerusalem_.
-
-[38] Der Verbrecher fühlt sich sogar dann in seiner Weise schuldig,
-wenn er gerade nichts Übles getan hat. Er ist stets von anderen auf
-den Vorwurf des Betruges, des Diebstahls u. s. w. gefaßt, auch wenn
-er die Tat gar nicht begangen hat: weil er sich ihrer fähig weiß. Er
-fühlt sich darum auch stets ertappt, wenn irgend ein anderer Missetäter
-festgenommen wird.
-
-[39] Weil die Frau den zweiten Menschen gar nicht als _besonderes_
-Wesen empfindet, deshalb leidet sie nie unter ihren Nächsten, und nur
-deshalb kann sie stets allen Menschen sich _überlegen_ fühlen.
-
-[40] Der Einwände, welche hiegegen, und der Gründe, welche für die
-Schamhaftigkeit des Weibes immer wieder werden geltend gemacht werden;
-ist diese Untersuchung durchaus gewärtig; auf sie kommt ihr zwölftes
-Kapitel zu sprechen.
-
-[41] Nota bene: Viele sogenannte »schöne Männer« sind halbe Weiber.
-
-[42] Erst hiemit ist auch ganz klar geworden, was jener besondere
-_Wert_ ist, der, _durch Schaffung der Vergangenheit, die Zeit negiert_,
-wie ihn das 5. Kapitel postulierte.
-
-[43] Vgl. _Klingsors_ Worte an _Kundry_ in _Wagners_ _Parsifal_,
-zweiter Aufzug, zu Anfang:
-
-»Herauf! Herauf zu mir! Dein Meister ruft _Dich Namenlose_:
-Ur-Teufelin! Höllenrose! Herodias warst Du, und was noch? Gundryggia
-dort, Kundry hier: Hieher! Hieher denn, Kundry! Zu Deinem Meister,
-herauf!«
-
-
-[44] Es ist nur zu begreiflich, daß man leicht zu einer solchen Annahme
-verführt werden mag. Wer hat nicht z. B. in der Lektüre _dieses_ Buches
-beim Übergang vom ersten zum zweiten Teil das Gefühl, daß es sich in
-beiden um etwas ganz anderes handle! Dort um äußerliche, hier um innere
-Zusammenhänge.
-
-[45] Noch hat niemand von Doppelgängerinnen gehört. Man nennt die
-Frauen das furchtsame Geschlecht, weil man zu wenig scheidet zwischen
-Angst und Furcht. Es gibt eine tiefe Furcht, die nur der Mann kennt.
-
-[46] Im Hinblick auf die Erörterungen des 8. Kapitels über das größere
-Ansehen, welches dem tieferen Blick des bedeutenden Geistes gebührt,
-vor dem jeweiligen Stande der Wissenschaft (S. 222).
-
-[47] Das die größten Dichter erkannt haben. Man denke an die
-Identifikation der _Aase_ und _Solveig_ am Schlusse von _Ibsens_ »Peer
-Gynt« und an die Verknüpfung der _Herzeleide_ mit der _Kundry_ in der
-Verführung des _Wagner_schen _Parsifal_.
-
-[48] »Ewig war ich, ewig in süß sehnender Wonne, doch ewig zu Deinem
-Heil« (_Brünnhilde_ zu _Siegfried_).
-
-[49] Man vergleiche in _Ibsens_ »Peer Gynt«, 2. Akt, das Gespräch
-zwischen dem _Vater_ der _Solveig_ und _Aase_ (einer der
-bestgezeichneten »Mütter« der schönen Literatur) auf der Suche nach
-ihrem Sohn:
-
-_Aase_: ».... Wir finden ihn!« _Der Mann_: »Retten die Seel'!« _Aase_:
-»Und den Leib!«
-
-
-[50] Ich rede natürlich, die ganze Zeit über, nicht bloß vom käuflichen
-Gassenmädchen.
-
-[51] Hiemit dürfte es zusammenhängen, daß die Prostituierte körperlich,
-was manchem seltsam scheinen wird, mehr als die Mutter auf _Reinheit_
-achtet.
-
-[52] Seite 177 f.
-
-[53] Dem Verfasser geht es nicht besser als seinem Leser, wenn diesen
-die obige Analyse der Koketterie nicht sollte befriedigt haben. Was
-sie aufdeckte, lag doch ziemlich an der Oberfläche. Das Rätselhafte
-in der Koketterie scheint mir immer mehr ein eigentümlicher _Akt_ zu
-sein, durch welchen die Frau sich zum _Objekt_ des Mannes macht und
-sich _funktionell_ mit ihm _verknüpft_. Sie ist da ganz dem anderen
-weiblichen Streben vergleichbar, _Gegenstand des Mitleids_ der
-Nebenmenschen zu werden: _in beiden Fällen macht sich das Subjekt zum
-Objekt, zur Empfindung des anderen_ und setzt diesen über sich als
-Richter ein. Die _Koketterie_ ist die spezifische Verschmolzenheit
-der Dirne, wie die zuerst als Schwangerschaft, später als Laktation
-u. s. w. auftretende _Fürsorge_ die Verschmolzenheit der Mutter
-vorstellt.
-
-[54] Auch ist das Motiv des tierischen Männchens keineswegs Eitelkeit
-als Wille zum Wert.
-
-[55] Wer bedenkt, wie fast alle Frauen bei ihrer heutigen großen
-Freiheit sich auf der Gasse bewegen, wie sie durch straffes Anziehen
-ihrer Kleider alle Formen sichtbar werden lassen, wie sie jedes
-Regenwetter zu solchem Zwecke ausnützen, der wird dies nicht
-übertrieben finden.
-
-[56] Nicht wenn er _spielt_ (_Schiller_).
-
-[57] Vgl. S. 216.
-
-[58] Beide berühren sich im Begriffe der _Scheu_ (im lateinischen:
-_vereri_).
-
-[59] Die Wirkung des männlichen Bartes auf die Frau ist in einem
-weiteren Sinne und aus einem tieferen Grunde, als man vielleicht
-glaubt, psychologisch ein vollständiges, und nur in der Intensität
-geschwächtes, _Abbild_ der Wirkung des männlichen Gliedes selbst. Doch
-kann ich dies hier nicht näher ausführen.
-
-[60] Ich verweise vor allem auf den Schluß des 9. Kapitels.
-
-[61] Kapitel 13.
-
-[62] Die _eine_ scheinbare Ausnahme, die es hievon gibt, findet noch in
-diesem Kapitel eine gründliche Erörterung.
-
-[63] Das ruhende, träge, große Ei wird vom beweglichen, flinken,
-kleinen Spermatozoon aufgesucht.
-
-[64] Und nur _dafür_, daß niemand noch ein hysterisch verändertes
-_Gewebe_ gesehen hat.
-
-[65] Aus diesem Grunde sind Frauen aus dem hysterischen Anfall (nach
-_Janet_) so besonders leicht in Somnambulismus überzuführen: sie stehen
-gerade dann bereits unter dem zwingendsten fremden Banne.
-
-[66] Ganz oberflächlich ist die alte Meinung, daß die Hysterika
-_bewußt_ simuliere und lügnerische Geschichtlein erzähle. Die
-Verlogenheit des Weibes liegt ganz im Unbewußten; der eigentlichen
-Lüge, sofern diese einen Gegensatz zur Möglichkeit der Wahrheit bildet,
-ist das Weib gar nicht fähig (S. 194, 369 und 384).
-
-[67] Auch unter den Männern finden sich hiezu Analogien: es gibt
-geborene Diener, es gibt aber auch männliche Megären, z. B. Polizisten.
-Merkwürdigerweise findet der Polizeimann im allgemeinen auch sein
-_sexuelles_ Komplement im Dienstmädchen.
-
-[68] Die absolute Megäre wird ihren Mann nie fragen, was sie tun,
-was sie z. B. kochen soll, die Hysterika ist immer ratlos und
-verlangt nach der Inspiration von außen; dies sei, als ein banalstes
-Erkennungszeichen beider, hier angeführt.
-
-[69] Die Magd, nicht die Megäre, ist auch jene Frau, von der man,
-entgegen dem elften Kapitel, glauben könnte, daß sie der Liebe fähig
-sei. Die Liebe dieser Frau ist aber nur der Vorgang des _geistigen_
-Erfülltwerdens von der Männlichkeit eines bestimmten Mannes, und darum
-nur bei der Hysterika möglich; mit eigentlicher Liebe hat sie nichts
-zu tun, und kann sie nichts zu tun haben. Auch in der Schamhaftigkeit
-des Weibes ist ein solches Besessensein von einem Manne; erst hiedurch
-kommt Abschließung gegen alle anderen Männer zustande.
-
-[70] S. 184.
-
-[71] S. 199.
-
-[72] S. 315 f., 330.
-
-[73] S. 173, 224.
-
-[74] Es ließen sich die Analogien zwischen höherem und niederem Leben
-noch vermehren. Es ist nicht, wie man heute allgemein glaubt, nur
-ein oberflächlicher Fehlschluß, wenn stets und überall der _Atem_ in
-eine besondere Beziehung zur _Seele_ des Menschen gesetzt wurde. Wie
-die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, d. h. im Zusammenhange
-mit dem All lebt, so ist auch der Atem, viel allgemeiner noch als die
-Sinnesorgane, Vermittler eines Konnexes zwischen jedem Organismus und
-dem Weltganzen; und wenn er erlischt, ist das niedere Leben zu Ende. Er
-ist das Prinzip des irdischen, wie die Seele das des ewigen Lebens.
-
-[75] Alle Individualität ist der Gemeinschaft feind: wo sie in
-höchster Sichtbarkeit wirkt, wie im genialen Menschen, zeigt sich dies
-gerade dem Geschlechtlichen gegenüber. Nur _hieraus_ erklärt es sich,
-daß sicherlich alle bedeutenden Menschen, die, welche es verhüllt
-aussprechen können, wie die Künstler, und die, welche so unendlich viel
-verschweigen müssen wie die Philosophen -- weshalb man sie dann für
-trocken und leidenschaftslos hält -- daß also alle genialen Menschen
-ohne Ausnahme, soweit sie eine entwickelte Sexualität besitzen, an
-den stärksten geschlechtlichen Perversionen leiden (entweder am
-»_Sadismus_«, oder, wie zweifelsohne die größeren, am »_Masochismus_«).
-Das allen jenen Neigungen Gemeinsame ist ein instinktives _Ausweichen_
-vor der völligen körperlichen Gemeinschaft, ein _Vorbeiwollen am
-Koitus_. Denn einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Koitus mehr
-sähe als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar in
-ihm das tiefste, heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es
-niemals geben.
-
-[76] Die männliche Freundschaft scheut das Niederreißen von Mauern
-zwischen den Freunden. Freundinnen _verlangen_ Intimitäten _auf Grund_
-ihrer Freundschaft.
-
-[77] In solchen Fällen kommt die hübschere der weniger ansehnlichen
-oder weniger beachteten zweiten mit einem aus Mitleid und Verachtung
-gemischten Gefühl entgegen, welches, nebst dem Interesse an einer Folie
-für die eigenen Vorzüge, allein die längere Aufrechthaltung derartiger
-Beziehungen auch von ihrer Seite begünstigt.
-
-[78] Man darf dies nicht verwechseln mit der Fähigkeit, die ganze Natur
-zu umfassen, wie sie der Mann hat, weil er _nicht nur_ Natur ist. Die
-Frauen stehen _in_ der Natur als ein _Teil_ derselben, und in kausaler
-Wechselbeziehung zu allen anderen Teilen: von Mond und Meer, von Wetter
-und Gewitter, von Elektrizität und Magnetismus sind sie in einem viel
-weiteren Ausmaß _abhängig_ als der Mann.
-
-[79] Vgl. S. 109.
-
-[80] Vgl. S. 128.
-
-[81] Vgl. S. 127, 129.
-
-[82] Vgl. hiezu auch S. 245.
-
-[83] Man vergleiche den Schluß des 10. Kapitels.
-
-[84] Vgl. Kapitel 11, Schluß. So auch, warum höher stehende Frauen
-bisexuell sein, d. h. nicht _ausschließlich_ unter dem Regiment
-des Phallus stehen müssen (Teil I, S. 81-82). Doch scheint in der
-lesbischen Liebe _Hysterie_ eine beträchtliche Rolle zu spielen.
-
-[85] Der Verfasser hat hier zu bemerken, daß er selbst jüdischer
-Abstammung ist.
-
-[86] Ein solcher vom Judentum fast freier Mann, und darum »Philosemit«,
-war _Zola_. Daß hervorragendere Menschen sonst fast stets Antisemiten
-waren (_Tacitus_, _Pascal_, _Voltaire_, _Herder_, _Goethe_, _Kant_,
-_Jean Paul_, _Schopenhauer_, _Grillparzer_, _Wagner_) geht eben darauf
-zurück, daß sie, die so viel mehr in sich haben als die anderen
-Menschen, auch das Judentum besser verstehen als diese (vgl. Kapitel 4).
-
-[87] Vgl. Kapitel 11, S. 327.
-
-[88] Vgl. S. 139 f.
-
-[89] Und russisch. Die Russen aber sind bezeichnend wenig sozial
-veranlagt, und haben unter allen europäischen Völkern das geringste
-Verständnis für den Staat. Hiemit stimmt es nach dem vorigen nur
-überein, daß sie durchwegs Antisemiten sind.
-
-[90] Der Glaube an Jehovah und die Lehre Mosis ist nur ein Glaube
-an diese jüdische Gattung und ihre Lebenskraft; Jehovah ist die
-personifizierte Idee des Juden_tums_.
-
-[91] Hier kam es mir darauf an, den Drang der Juden zur Chemie
-einzuordnen. Der anderen Chemie, der Wissenschaft eines _Berzelius_,
-_Liebig_, _van t'Hoff_ soll hiemit nicht nahegetreten sein.
-
-[92] Ein Genie ist _Spinoza_ nicht gewesen. Es gibt keinen
-gedankenärmeren und keinen phantasieloseren Philosophen unter allen
-_singulären_ Gestalten der Philosophiegeschichte. Und man mißversteht
-den Spinozismus -- durch den Gedanken an _Goethe_ getäuscht --
-_völlig_, wenn man in ihm vielleicht den schamhaften Ausdruck eines
-tiefsten Verhältnisses zur Natur erblickt. Wer das All umfassen will,
-der kann nicht mit Definitionen beginnen. _Spinozas_ Verhältnis zur
-Natur war vielmehr ein ausnehmend loses. Dazu stimmt es, daß er
-auf seinem ganzen Lebenswege nirgends der Kunst begegnet ist (vgl.
-Kapitel 11, S. 325 f.).
-
-[93] Vgl. Kapitel 12, S. 356, 363.
-
-[94] Dem hier entwickelten, _umfassenden_ Begriff der Frömmigkeit
-könnten mannigfache Mißdeutungen leicht begegnen. Darum möchte ich zu
-seiner Erläuterung noch einiges bemerken. Frömmigkeit liegt nicht bloß
-im _Besitz_, sondern auch im Kampfe, um Besitz zu _erringen_: nicht
-bloß der überzeugte _Gottverkünder_ (wie _Händel_, oder wie _Fechner_)
-ist _fromm_, sondern auch der irrende, zweifelnde _Gottsucher_ (wie
-_Lenau_, oder wie _Dürer_). Frömmigkeit braucht nicht in ewiger
-Betrachtung vor dem Weltganzen zu stehen (so wie _Bach_ vor ihm steht);
-sie mag (wie bei _Mozart_) als eine alle _Einzel_dinge _begleitende_
-Religiosität sich offenbaren. Sie ist endlich nicht an das Auftreten
-eines Stifters gebunden: das frömmste Volk der Welt sind die _Griechen_
-gewesen, und darum war ihre Kultur die höchste unter allen bisherigen;
-unter ihnen aber hat es sicher nie einen überragenden Religionsstifter
-gegeben (dessen sie nicht bedurften; vgl. S. 440).
-
-[95] Hiegegen kann die jüdische Unduldsamkeit keinen Einwand bilden.
-Wahre Religion ist _immer_ eifrig, aber _nie_ zelotisch. Intoleranz ist
-vielmehr identisch mit Ungläubigkeit; wie die _Macht_ das täuschendste
-Surrogat der _Freiheit_ ist, so entsteht Intoleranz nur aus dem Mangel
-an _individueller Sicherheit_ des Glaubens.
-
-[96] Hieraus erst ist wirklich die Genielosigkeit des Juden erklärbar
-(vgl. S. 236): nur Glaube ist schöpferisch. Und vielleicht spiegelt die
-geringere geschlechtliche Potenz des Juden _dieselbe_ Tatsache in der
-_niederen_ Sphäre wieder.
-
-[97] Der Mann erst schafft das Weib. Darum besitzen die Jüdinnen
-bekanntermaßen jene Einfachheit der Christinnen nicht, die sich ohne
-weiteres an das sexuelle Komplement hingibt.
-
-[98] Dies darf man aber nicht, wie _Schopenhauer_, und nach ihm
-unter Benützung seiner mangelhaften psychologischen Distinktion,
-H. S. _Chamberlain_, als ein Überwiegen des Willens und ein abnormes
-Zurücktreten des Intellektes deuten. Der Jude ist gar nicht wirklich
-willensstark, und seine innere Unentschiedenheit könnte sogar leicht
-zu einer _irrigen_ Verwechslung mit psychischem »Masochismus«, das ist
-Schwere und Hilflosigkeit im Augenblicke des Entschlusses, Anlaß geben.
-
-[99] Hier gelangt zur Erledigung, was aus den Erörterungen des vierten
-bis achten Kapitels mit Absicht fern gehalten werden mußte.
-
-[100] Man erinnert sich hier vielleicht des S. 139 f. über die
-psychologische Bedeutung der Gegensatzpaare Bemerkten.
-
-[101] Hierin liegt auch der Unterschied und die Grenze zwischen dem
-Antisemitismus des Juden und dem Antisemitismus des Indogermanen
-begründet. Dem jüdischen Antisemiten ist der Jude nur antipathisch; der
-antisemitische Arier hingegen ist, wenn er auch noch so mutig den Kampf
-gegen das Judentum führt, im Grunde seines Herzens doch immer, was der
-Jude nie ist: _Judaeophobe_.
-
-[102] Vgl. Kapitel 12, S. 374 f.
-
-[103] Zum Beispiel der Laura _Marholm_.
-
-[104] Über den Einfluß der Ovarienexstirpation auf
-Strukturveränderungen des Uterus. Archiv für Gynäkologie, 51, 1896,
-286 ff.
-
-[105] Man würde sich einer sehr zweischneidigen Waffe bedienen, wenn
-man diese Worte so auffassen wollte, als hätte Keats wie Hume erklärt,
-keine Seele zu besitzen, da in Wirklichkeit vielmehr die Existenz der
-Seele hierin ausgesprochen ist.
-
-[106] _Nietzsche_ hatte auch wohl recht, als er in ihm keinen echten
-Hellenen erblickte; indes _Plato_ wieder ganz und gar Grieche ist.
-
-
-
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- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | Abfalles -- Abfalls |
- | Alkmaion -- Alkmäon |
- | angeborene -- angeborne |
- | Association -- Assoziation |
- | Augenblickes -- Augenblicks |
- | Descendenzlehre -- Deszendenzlehre |
- | Detumescenz -- Detumeszenz |
- | Eierstockes -- Eierstocks |
- | Erection -- Erektion |
- | Frauen-Emanzipation -- Frauenemanzipation |
- | Gattungs-Ethik -- Gattungsethik |
- | geborenen -- gebornen |
- | Geschlechts-Dimorphismus -- Geschlechtsdimorphismus |
- | Heniden-Theorie -- Henidentheorie |
- | Herren -- Herrn |
- | hiefür -- hierfür |
- | Ich-Begriff -- Ichbegriff |
- | Imperatives -- Imperativs |
- | Inhaltes -- Inhalts |
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- | Judentumes -- Judentums |
- | Kantische -- kantische |
- | L'Instinct Sexuel -- L'instinct sexuel |
- | Lawn-tennis-Spiel -- Lawntennisspiel |
- | Materiales -- Materials |
- | Mutter-Typus -- Muttertypus |
- | Mythos -- Mythus |
- | Nicht-Sein -- Nichtsein |
- | Plato -- Platon |
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- | S. 62 »thelyoide« in »thelyide« geändert. |
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- | Browning« geändert. |
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- | S. 150 »Ubereinstimmung« in »Übereinstimmung« geändert. |
- | S. 169 »da« in »daß« geändert. |
- | S. 177 »Schellingens« in »Schellings« geändert. |
- | S. 189 »sprunghaften« in »sprunghaftem« geändert. |
- | S. 190 »repräsentiert« in »präsentiert« geändert. |
- | S. 194 , eingefügt. |
- | S. 216 »Intensivikationen« in »Intensifikationen« geändert. |
- | S. 220 »erw durchärmter Stab« in »erwärmter Stab durch« geändert |
- | (Fußnote). |
- | S. 237 »caeteris« in »ceteris« geändert. |
- | S. 264 »Phänome« in »Phänomene« geändert. |
- | S. 267 « eingefügt (Fußnote). |
- | S. 272 »innnere« in »innere« geändert. |
- | S. 277 »und und« in »und« geändert. |
- | S. 274 »zu« eingefügt. |
- | S. 291 »ihrer« in »seiner« geändert. |
- | S. 301 »größer« in »größere« geändert. |
- | S. 311 »zusammenhangend« in »zusammenhängend« geändert. |
- | S. 331 »der« in »des« geändert. |
- | S. 333 »unermessliche« in »unermeßliche« geändert. |
- | S. 333 »mir« in »mit« geändert. |
- | S. 333 « eingefügt. |
- | S. 345 »Gebahren« in »Gebaren« geändert. |
- | S. 356 »wie« eingefügt. |
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- | S. 434 »sich Welt« in »sich die Welt« geändert. |
- | S. 440 »Jndogermanen« in »Indogermanen« geändert (Fußnote). |
- | S. 444 »von vorherein« in »von vornherein« geändert. |
- | S. 448 »anstellt« in »anstrebt« geändert. |
- | S. 449 »er geben« in »ergeben« geändert. |
- | S. 449 »veranschlägt« in »veranschlagt« geändert. |
- | S. 450 »Neu-Seeland« in »Neuseeland« geändert. |
- | S. 451 »zu« entfernt. |
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- | S. 475 » eingefügt. |
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- | S. 483 »hen-pheasants« in »Hen-Pheasants« geändert. |
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- | S. 488 »Hypospadaeus« in »Hypospadiaeus« geändert. |
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- | S. 494 « eingefügt. |
- | S. 494 »Phyllanthus« in »phyllanthus« geändert. |
- | S. 501 »Univeral-Bibliothek« in »Universal-Bibliothek« geändert. |
- | S. 502 « eingefügt. |
- | S. 505 »eröternde« in »erörternde« geändert. |
- | S. 505 ) eingefügt. |
- | S. 508 »Womans« in »Woman's« geändert. |
- | S. 512 »Erscheinugen« in »Erscheinungen« geändert. |
- | S. 514 »διδωσι« in »δίδωσιν« geändert. |
- | S. 517 « in » geändert. |
- | S. 517 ) eingefügt. |
- | S. 522 »Stazion« in »Station« geändert. |
- | S. 523 »Fremden« in »Fremdem« geändert. |
- | S. 525 »Mathemathik« in »Mathematik« geändert. |
- | S. 526 »he« in »the« geändert. |
- | S. 534 »Ludwig Sein« in »Ludwig Stein« geändert. |
- | S. 534 »caussa« in »causa« geändert. |
- | S. 534 »καῖ« in »καὶ« geändert. |
- | S. 534 « eingefügt. |
- | S. 536 »mosh« in »most« geändert. |
- | S. 537 »πολλὰ« in »πολλὰς« geändert. |
- | S. 540 »or« in »of« geändert. |
- | S. 545 »Halbmonatschrift« in »Halbmonatsschrift« geändert. |
- | S. 552 , entfernt. |
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- | S. 554 « eingefügt. |
- | S. 556 »Das philosophische Ehzuchtbüchlein« in »Das |
- | Philosophisch Ehezuchtbüchlin« geändert. |
- | S. 559 »Gardeners Chronicle« in »Gardeners' Chronicle« geändert. |
- | S. 561 »chesnut« in »chestnut« geändert. |
- | S. 561 »sexteenths« in »sixteenths« geändert. |
- | S. 562 »whit« in »with« geändert. |
- | S. 562 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert. |
- | S. 564 »emfangende« in »empfangende« geändert. |
- | S. 564 « entfernt. |
- | S. 565 »Ogni« in »ogni« geändert. |
- | S. 567 . in , geändert. |
- | S. 567 »συτε« in »ουτε« geändert. |
- | S. 570 »L'Etat« in »L'État« geändert. |
- | S. 571 »anquel« in »auquel« geändert. |
- | S. 572 »arriva« in »arrivait« geändert. |
- | S. 573 »idées« in »Idées« geändert. |
- | S. 577 « eingefügt. |
- | S. 577 ] eingefügt. |
- | S. 580 »entscheidensten« in »entscheidendsten« geändert. |
- | S. 580 »Ptolemaern« in »Ptolemäern« geändert. |
- | S. 581 »τε« eingefügt. |
- | S. 581 »ειστιοντων« in »εισιοντων« geändert. |
- | S. 581 »ειστιοντα« in »εισιοντα« geändert. |
- | S. 581 »δυστφραστον« in »δυσφραστον« geändert. |
- | S. 581 »εισταυθις« in »εισ αυθις« geändert. |
- | S. 582 »κάμπυλον« in »καμπύλον« geändert. |
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- | S. 583 »esmanire« in »exinanire« geändert. |
- | S. 583 »li dei« in »gli dei« geändert. |
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