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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-05 08:46:20 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Geschlecht und Charakter - Eine prinzipielle Untersuchung - - -Author: Otto Weininger - - - -Release Date: February 14, 2016 [eBook #51221] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT UND CHARAKTER*** - - -E-text prepared by Peter Becker, Jana Srna, Norbert H. Langkau, and the -Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page -images generously made available by Austrian Literature Online -(http://www.literature.at) - - - -Note: Images of the original pages are available through - Austrian Literature Online. See - http://www.literature.at/viewer.alo?objid=12020&page=1&viewmode=fullscreen - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, kursiver Text | - | als ~kursiv~ und Fettschrift als $fett$. | - | | - | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | - +------------------------------------------------------------------+ - - - - -GESCHLECHT UND CHARAKTER - -Eine prinzipielle Untersuchung - -von - -DR. OTTO WEININGER - - - - - - - -Wien und Leipzig -Wilhelm Braumüller -K. u. K. Hof- U. Universitäts-Buchhändler -1903 - - -GESCHLECHT UND CHARAKTER. - - -GESCHLECHT UND CHARAKTER - -Eine prinzipielle Untersuchung - -von - -DR. OTTO WEININGER - - - - - - - -[Illustration] - -Wien und Leipzig. -Wilhelm Braumüller -K. U. K. Hof- und Universitäts-Buchhändler. -1903. - - -VORBEHALTEN. -Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung - -Druck von Friedrich Jasper in Wien. - - - - -VORWORT. - - -Dieses Buch unternimmt es, das Verhältnis der Geschlechter in ein -neues Licht zu rücken. Es sollen nicht möglichst viele einzelne -Charakterzüge aneinandergereiht, nicht die Ergebnisse der bisherigen -wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt, sondern -die Ableitung alles Gegensatzes von Mann und Weib aus _einem_ einzigen -Prinzipe versucht werden. Hiedurch unterscheidet es sich von allen -anderen Büchern dieser Art. Es verweilt nicht bei diesem oder jenem -Idyll, sondern dringt bis zu einem letzten Ziele vor; es häuft nicht -Beobachtung auf Beobachtung, sondern bringt die geistigen Differenzen -der Geschlechter in ein System; es gilt nicht den Frauen, sondern -der Frau. Zwar nimmt es stets das Alltäglichste und Oberflächlichste -zu seinem Ausgangspunkt, aber nur, um alle konkrete Einzelerfahrung -zu _deuten_. Das ist hier nicht »induktive Metaphysik«, sondern -schrittweise psychologische Vertiefung. - -Die Untersuchung ist keine spezielle, sondern eine prinzipielle; sie -verachtet das Laboratorium nicht, wenn ihr auch seine Hülfsmittel -dem tieferen Probleme gegenüber beschränkt erscheinen vor dem -Werke der selbstbeobachtenden Analyse. Auch der Künstler, der ein -weibliches Wesen darstellt, kann Typisches geben, ohne sich vor einer -experimentellen Merkergilde durch Zahl und Serie legitimiert zu haben. -Der Künstler verschmäht nicht die Erfahrung, er betrachtet es im -Gegenteile als seine _Pflicht_, Erfahrung zu gewinnen; aber sie ist ihm -nur der Ausgangspunkt eines Versenkens in sich selbst, das in der Kunst -wie ein Versenken in die Welt erscheint. - -Die Psychologie nun, welche hier der Darstellung dient, ist eine -durchaus philosophische, wenn auch ihre eigentümliche Methode, die -allein durch das eigentümliche Thema sich rechtfertigt, es bleibt, -vom trivialsten Erfahrungsbestande auszugehen. Der Philosoph aber hat -nur eine der Form nach vom Künstler verschiedene Aufgabe. Was diesem -Symbol ist, wird jenem Begriff. Wie Ausdruck und Inhalt, so verhalten -sich Kunst und Philosophie. Der Künstler hat die Welt eingeatmet, um -sie auszuatmen; für den Philosophen ist sie ausgeatmet, und er muß sie -wieder einatmen. - -Indes hat alle Theorie notwendig immer etwas Prätentiöses; und so -kann derselbe Inhalt, der im Kunstwerk wie Natur erscheint, hier, im -philosophischen Systeme, als eng zusammengezogene Behauptung über -ein Allgemeines, als These, die dem Satz vom Grunde untersteht und -den Beweis antritt, viel schroffer, ja beleidigend wirken. Wo die -Darstellung antifeministisch ist -- und das ist sie fast immer -- -dort werden auch die Männer ihr nie gerne und mit voller Überzeugung -zustimmen: ihr sexueller Egoismus läßt sie das Weib immer lieber so -sehen, wie sie es haben wollen, wie sie es lieben wollen. - -Und wie sollte ich nicht erst auf die Antwort gefaßt sein, welche die -Frauen für mein Urteil über ihr Geschlecht haben werden? - -Daß die Untersuchung an ihrem Ende gegen den _Mann_ sich kehrt, und, -freilich in einem tieferen Sinne, als die Frauenrechtlerin ahnt, _ihm_ -die größte Schuld zumißt, das wird ihrem Verfasser wenig fruchten, und -ist von einer Beschaffenheit, die ihn zu allerletzt beim _weiblichen_ -Geschlechte könnte rehabilitieren helfen. - -Zum Schuldproblem aber gelangt die Analyse, weil sie von den vordersten -und nächstliegenden Phänomenen bis zu Punkten aufsteigt, von denen -nicht nur ein Einblick in das Wesen des Weibes und seine Bedeutung im -Weltganzen, sondern auch der Aspekt auf sein Verhältnis zur Menschheit -und zu deren letzten und höchsten Aufgaben sich öffnet, von wo zum -Kulturproblem eine Stellung gewonnen und die Leistung der Weiblichkeit -für das Ganze der ideellen Zwecke eingeschätzt werden kann. Dort also, -wo Kultur- und Menschheitsproblem zusammenfallen, wird nicht mehr bloß -zu erklären, sondern auch zu werten versucht; ja dort fallen Erklärung -und Wertung von selbst zusammen. - -Zu solcher Höhe des Ausblickes gelangt die Untersuchung gleichsam -gezwungen, ohne von Anfang an auf sie loszusteuern. Auf dem -empirisch-psychologischen Boden selber ergibt sich ihr allmählich die -Unzulänglichkeit aller empirisch-psychologischen Philosophie. Ihr -Respekt vor der Erfahrung wird hievon nicht beeinträchtigt, denn stets -wird vor dieser die Ehrfurcht nur erhöht und nicht zerstört, wenn der -Mensch in der Erscheinung -- freilich dem Einzigen, das er erlebt -- -jene Bestandteile bemerkt, die es ihm zur Gewißheit machen, daß es -nicht _bloß_ Erscheinung gibt, wenn er jene Zeichen in ihr wahrnimmt, -die auf ein Höheres, _über_ ihr Gelegenes weisen. Daß ein solcher -Urquell ist, läßt sich feststellen, auch wenn kein Lebender je zu ihm -vordringen wird. Und bis in die Nähe dieses Quells will auch dieses -Buch leiten, und nicht eher rasten. - -Innerhalb des Engpasses, in welchem die gegensätzlichen Meinungen über -die Frau und ihre Frage bis nun immer aufeinander gestoßen sind, hätte -es freilich nie gewagt werden dürfen, solch hohes Ziel anzustreben. -Aber das Problem ist eines, das mit allen tiefsten Rätseln des -Daseins im Zusammenhange steht. Nur unter der sicheren Führung einer -_Weltanschauung_ kann es, praktisch und theoretisch, moralisch oder -metaphysisch aufgelöst werden. - -Es sind nur Keime einer solchen Gesamtauffassung, die in diesem -Buche sichtbar werden, einer Auffassung, die den Weltanschauungen -_Platos_, _Kantens_ und _des Christentums_ am nächsten steht. Aber -die wissenschaftliche, psychologisch-philosophische, logisch-ethische -Grundlegung mußte ich mir zu einem großen Teile selbst schaffen. Vieles -zwar, dessen nähere Ausführung nicht möglich war, gedenke ich demnächst -eingehend zu begründen. Wenn ich dennoch gerade auf diese Partien -des Buches hier ausdrücklich verweise, so ist es, weil mir an der -Beachtung dessen, was über die tiefsten und allgemeinsten Probleme in -ihm ausgesprochen ist, noch mehr liegt, als an dem Beifall, welchen die -besondere Anwendung auf die Frauenfrage allenfalls erwarten könnte. - -Sollte es den philosophischen Leser peinlich berühren, daß die -Behandlung der höchsten und letzten Fragen hier gleichsam _in -den Dienst_ eines Spezialproblemes von nicht übergroßer Dignität -gestellt scheint: so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser -Empfindung. Doch darf ich sagen, daß durchaus das Einzelproblem -des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den Ausgangspunkt als das -Ziel des tieferen Eindringens bildet. So erfloß reicher Gewinn -aus seiner Behandlung auch für das Problem der Genialität, des -Unsterblichkeitsbedürfnisses und des Judentumes. Daß die umfassenden -Auseinandersetzungen schließlich dem Spezialproblem zugute kommen, -weil es in um so mannigfachere Beziehungen tritt, je mehr das Gebiet -sich vergrößert, das ist natürlich. Und wenn sich in diesem weiteren -Zusammenhange herausstellt, wie gering die Hoffnungen sind, welche -Kultur an die Art des Weibes knüpfen kann, wenn die letzten Resultate -eine vollständige Entwertung, ja eine Negation der Weiblichkeit -bedeuten: es wird durch sie nichts vernichtet, was _ist_, nichts -heruntergesetzt, was _an sich_ einen Wert _hat_. Müßte mich doch selbst -ein gewisses Grauen vor der eigenen Tat anwandeln, wäre ich hier -wirklich nur Zerstörer, und bliebe nichts auf dem Plan! Die Bejahungen -des Buches sind vielleicht weniger kräftig instrumentiert worden: wer -hören kann, wird sie wohl aus allem zu vernehmen wissen. - -Die Arbeit zerfällt in zwei Teile: einen ersten, -biologisch-psychologischen, und einen zweiten, -psychologisch-philosophischen. Vielleicht wird mancher dafürhalten, daß -ich aus dem Ganzen besser zwei Bücher hätte machen sollen, ein rein -naturwissenschaftliches und ein rein introspektives. Allein ich mußte -von der Biologie mich befreien, um ganz Psychologe sein zu können. Der -zweite Teil behandelt gewisse seelische Probleme recht anders, als sie -jeder Naturforscher heute wohl behandeln würde, und ich bin mir bewußt, -daß ich hiedurch auch die Aufnahme des ersten Teiles bei einem großen -Teile des Publikums gefährde; gleichwohl erhebt dieser erste Teil in -seiner Gänze den Anspruch auf eine Beachtung und Beurteilung seitens -der Naturwissenschaft, was der zweite, mehr der inneren Erfahrung -zugekehrte, nur an wenigen Stellen vermag. Weil dieser zweite Teil aus -einer nichtpositivistischen Weltanschauung hervorgegangen ist, werden -von manchen beide für unwissenschaftlich gehalten werden (obwohl der -Positivismus dortselbst eine strenge Widerlegung erfährt). Hiemit -muß ich mich einstweilen abfinden, in der Überzeugung, der Biologie -gegeben zu haben, was ihr gebührt, und einer nichtbiologischen, -nichtphysiologischen Psychologie das Recht gewahrt zu haben, welches -ihr für alle Zeiten bleiben wird. - -Vielleicht wird man der Untersuchung an gewissen Punkten vorwerfen, daß -sie nicht genug der _Beweise_ bringe; allein eben dies däucht mich ihre -geringste Schwäche. Denn was könnte in diesem Gegenstande »Beweisen« -wohl heißen? Es ist nicht Mathematik und nicht Erkenntnistheorie (die -letztere nur an zwei Stellen), was hier abgehandelt wird; es sind -erfahrungswissenschaftliche Dinge, und da kann höchstens der Finger -gelegt werden auf das, was _ist_; was man sonst hier _beweisen_ nennt, -ist ein bloßes Zusammenstimmen der neuen Erfahrungen mit den alten; -und da bleibt es sich gleich, ob das neue Phänomen vom Menschen -experimentell erzeugt wird oder schon aus der Schöpferhand der Natur -fertig vorliegt. Der letzteren Beweise aber bringt diese Schrift eine -große Zahl. - -Das Buch ist endlich, soweit ich das zu beurteilen vermag, (in seinem -Hauptteile) nicht ein solches, das man nach einmaliger flüchtiger -Lektüre verstehen und in sich aufnehmen könnte; zur Orientierung des -Lesers und zum eigenen Schutze will ich selber diesen Umstand hier -anmerken. - -Je weniger ich in beiden Teilen (vornehmlich im zweiten) Altes, längst -Bekanntes wiederholt habe, desto mehr mußte ich dort, wo ich mit -früher Ausgesprochenem und allgemeiner Anerkanntem in Übereinstimmung -mich fand, auf alle Koinzidenzen hinweisen. Diesem Zwecke dienen die -Literaturnachweise des Anhanges. Ich habe mich bemüht, die Citate -in genauer und für Fachmänner wie für Laien brauchbarer Gestalt -wiederzugeben. Dieser größeren Ausführlichkeit wegen, und um die -Lektüre des Textes nicht ein fortwährendes Stolpern werden zu lassen, -sind sie an den Schluß des Buches verwiesen. - -Dem Herrn Universitätsprofessor Dr. Laurenz _Müllner_ statte ich -geziemenden Dank ab für die wirksame Förderung, welche er mir hat -zuteil werden lassen; Herrn Professor Dr. Friedrich _Jodl_ für das -freundliche Interesse, welches er meinen Arbeiten von Anbeginn -entgegenbrachte. Ganz besonders fühle ich mich auch den Freunden -verpflichtet, welche mich bei der Korrektur des Buches unterstützten. - - - - -INHALTSVERZEICHNIS. - - - Seite - - Vorwort V-XI - - Inhaltsverzeichnis XIII-XXII - - - Erster (vorbereitender) Teil: $Die sexuelle - Mannigfaltigkeit$ 1-93 - - Einleitung 3-6 - - Über Begriffsentwicklung im allgemeinen und - im besonderen. Mann und Weib. Widersprüche. - Fließende Übergänge. Anatomie und Begabung. - Keine Sicherheit im Morphologischen? - - I. Kapitel: »Männer und Weiber« 7-13 - - Embryonale Undifferenziertheit. Rudimente beim - Erwachsenen. Grade des »Gonochorismus«. Prinzip - der Zwischenformen. M und W. Belege. Notwendigkeit - der Typisierung. Resumé. Älteste - Ahnungen. - - II. Kapitel: Arrhenoplasma und Thelyplasma 14-30 - - Sitz des Geschlechtes. _Steenstrups_ Ansicht - befürwortet. Sexualcharaktere. Innere Sekretion. - Idioplasma -- Arrhenoplasma -- Thelyplasma. Schwankungen. - Beweise aus erfolgloser Kastration. Transplantation - und Transfusion. Organotherapie. Individuelle - Unterschiede zwischen den einzelnen Zellen. - Ursache der sexuellen Zwischenformen. Gehirn. - Knabenüberschuß der Geburten. Geschlechtsbestimmung. - Vergleichende Pathologie. - - III. Kapitel: Gesetze der sexuellen Anziehung 31-52 - - Sexueller »Geschmack«. Wahrscheinlichkeit eines - Gesetzmäßigen. Erste Formel. Erste Deutung. Beweise. - Heterostylie. Interpretation derselben. Tierreich. - Weitere Gesetze. Zweite Formel. Chemotaxis? Analogien - und Differenzen. »Wahlverwandtschaften.« Ehebruch und - Ehe. Folgen für die Nachkommenschaft. - - IV. Kapitel: Homosexualität und Päderastie 53-62 - - Homosexuelle als sexuelle Zwischenformen. Angeboren - oder erworben, gesund oder krankhaft? Spezialfall - des Gesetzes. Alle Menschen mit der Anlage zur - Homosexualität. Freundschaft und Sexualität. Tiere. - Vorschlag einer Therapie. Homosexualität, Strafgesetz - und Ethik. Distinktion zwischen Homosexualität und - Päderastie. - - V. Kapitel: Anwendung auf die Charakterologie 63-78 - - Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen als ein - kardinaler Grundsatz der Individualpsychologie. - Simultaneität oder Periodizität? Methode der - psychologischen Untersuchung. Beispiele. - Individualisierende Erziehung. Gleichmacherei. - Morphologisch-charakterologischer Parallelismus. Die - Physiognomik und das Prinzip der Psychophysik. Methodik - der Varietätenlehre. Eine neue Fragestellung. Deduktive - Morphologie. Korrelation und Funktionsbegriff. - Aussichten. - - VI. Kapitel: Die emanzipierten Frauen 79-93 - - Frauenfrage. Emanzipationsbedürfnis und Männlichkeit. - Emanzipation und Homosexualität. Sexueller Geschmack - der emanzipierten Frauen. Physiognomisches über - sie. Die übrigbleibenden Berühmtheiten. W und die - Emanzipation. Praktische Regel. Männlichkeit alles - Genies. Die Frauenbewegung in der Geschichte. - Periodizität. Biologie und Geschichtsauffassung. - Aussichten der Frauenbewegung. Ihr Grundirrtum. - - - Zweiter oder Hauptteil: $Die sexuellen Typen$ 95-461 - - I. Kapitel: Mann und Weib 97-105 - - Bisexualität und Unisexualität. Man ist Mann _oder_ - Weib. Das Problematische in diesem Sein und die - Hauptschwierigkeit der Charakterologie. Das Experiment, - die Empfindungsanalyse und die Psychologie. _Dilthey._ - Begriff des empirischen Charakters. Ziel und Nicht-Ziel - der Psychologie. Charakter und Individualität. Problem - der Charakterologie und Problem der Geschlechter. - - II. Kapitel: Männliche und weibliche Sexualität 106-116 - - Problem einer weiblichen Psychologie. Der - Mann als Psychologe des Weibes. Unterschiede im - »Geschlechtstrieb«. Im »Kontrektations-« und - »Detumeszenztrieb«. Intensität und Aktivität. Sexuelle - Irritabilität der Frau. Größere Breite des Sexuallebens - bei W. Geschlechtliche Unterschiede im - Empfinden der Geschlechtlichkeit. Örtliche und zeitliche - Abhebung der männlichen Sexualität. Unterschiede - im Bewußtseinsgrade der Sexualität. - - III. Kapitel: Männliches und weibliches Bewußtsein 117-130 - - Empfindung und Gefühl. Ihr Verhältnis. _Avenarius'_ - Einteilung in »Elemente« und »Charaktere«. Auf einem - frühesten Stadium noch nicht durchführbar. Verkehrtes - Verhältnis zwischen Distinktheit und Charakterisierung. - Prozeß der Klärung. Ahnungen. Grade des Verstehens. - Vergessen. Bahnung und Artikulation. Die Henide als - das einfachste psychische Datum. Geschlechtlicher - Unterschied in der Artikulation der Inhalte. - Sensibilität. Urteilssicherheit. Das entwickelte - Bewußtsein als männlicher Geschlechtscharakter. - - IV. Kapitel: Begabung und Genialität 131-144 - - Genie und Talent. Genial und geistreich. Methode. - Verständnis für mehr Menschen. Was es heißt: einen - Menschen verstehen? Größere Kompliziertheit des - Genies. Perioden im psychischen Leben. Keine - Herabwürdigung der bedeutenden Menschen. Verstehen - und Bemerken. Innerer Zusammenhang von Licht und - Wachsein. Endgültige Feststellung der Bedingungen des - Verstehens. Allgemeinere Bewußtheit des Genies. Größte - Entfernung vom Henidenstadium; danach höherer Grad von - Männlichkeit. Nur Universalgenies. W ungenial und ohne - Heldenverehrung. Begabung und Geschlecht. - - V. Kapitel: Begabung und Gedächtnis 145-181 - - Artikulation und Reproduzierbarkeit. Gedächtnis an - Erlebnisse als Kennzeichen der Begabung. Erinnerung - und Apperzeption. Anwendungen und Folgerungen. - Fähigkeit des Vergleichens und Beziehens. Gründe für - die Männlichkeit der Musik. Zeichnung und Farbe, - Grade der Genialität; das Verhältnis des Genius zum - ungenialen Menschen. Selbstbiographie. Fixe Ideen. - Erinnerung an das Selbstgeschaffene. _Kontinuierliches - und diskontinuierliches Gedächtnis._ Einheit des - biographischen Selbstbewußtseins nur bei M. Charakter - der weiblichen Erinnerungen. Kontinuität und Pietät. - Vergangenheit und Schicksal. _Vergangenheit und - Zukunft._ _Unsterblichkeitsbedürfnis._ Bisherige - psychologische Erklärungsversuche. Wahre Wurzel. Innere - Entwicklung des Menschen bis zum Tode. Ontogenetische - Psychologie oder theoretische Biographie. _Die Frau - ohne jedes Unsterblichkeitsbedürfnis._ -- Fortschritt - zu tieferer Analyse des Zusammenhanges mit dem - Gedächtnis. _Gedächtnis und Zeit._ Postulierung des - Zeitlosen. _Der Wert als das Zeitlose._ Erstes Gesetz - der Werttheorie. Nachweise. Individuation und Dauer - als konstitutiv für den Wert. _Wille zum Wert._ - Das Unsterblichkeitsbedürfnis als _Spezialfall_. - Unsterblichkeitsbedürfnis des Genies, zusammenfallend - mit seiner Zeitlosigkeit durch sein universales - Gedächtnis und die ewige Dauer seiner Werke. Das Genie - und die Geschichte. Das Genie und die Nation. Das - Genie und die Sprache. Die »Männer der Tat« und die - »Männer der Wissenschaft« ohne Anrecht auf den Titel - des Genius; anders Philosoph (Religionsstifter) und - Künstler. - - VI. Kapitel: Gedächtnis, Logik, Ethik 182-196 - - Psychologie und Psychologismus. Würde des - Gedächtnisses. Theorien des Gedächtnisses. Übungs- - und Associationslehren. Verwechslung mit dem - Wiedererkennen. Gedächtnis nur dem Menschen - eigen. Moralische Bedeutung. Lüge und Zurechnung. - Übergang zur Logik. Gedächtnis und Identitätsprinzip. - Gedächtnis und Satz vom Grunde. Die - Frau alogisch und amoralisch. Intellektuelles und - sittliches Gewissen: intelligibles Ich. - - VII. Kapitel: Logik, Ethik und das Ich 197-211 - - Die Kritiker des Ich-Begriffes: _Hume_, _Lichtenberg_, - _Mach_. Das _Mach_sche Ich und die Biologie. - Individuation und Individualität, Logik und Ethik als - Zeugen für die Existenz des Ich. -- Erstens die Logik: - die Sätze der Identität und des Widerspruches. Die - Frage ihres Nutzens und ihrer Bedeutung. Die logischen - Axiome als identisch mit der begrifflichen Funktion. - Definition des logischen Begriffes als Norm der Essenz. - Die logischen Axiome als eben diese Norm der _Essenz_, - welche _Existenz_ einer Funktion ist. Diese Existenz - als das absolute Sein oder das Sein des absoluten Ich. - _Kant_ und _Fichte_. Logizität als Norm. Denkfreiheit - neben Willensfreiheit. -- Zweitens die Ethik. - Zurechnung. Das Verhältnis der Ethik zur Logik. Die - Verschiedenheit der Subjektsbeweise aus der Logik und - der Ethik. Eine Unterlassung _Kant_ens. Ihre sachlichen - und ihre persönlichen Gründe. Zur Psychologie der - Kantischen Ethik. _Kant_ und _Nietzsche_. - - VIII. Kapitel: Ich-Problem und Genialität 212-238 - - Die Charakterologie und der Glaube an das Ich. Das - Ich-Ereignis: _Jean Paul_, _Novalis_, _Schelling_. - Ich-Ereignis und Weltanschauung. Selbstbewußtsein - und Anmaßung. Die Ansicht des Genies höher zu - werten als die der anderen Menschen. Endgültige - Feststellungen über den Begriff des Genies. Die - geniale Persönlichkeit als der vollbewußte Mikrokosmus. - Natürlich-synthetische und sinnerfüllende Tätigkeit des - Genies. Bedeutung und Symbolik. Definition des Genies - im Verhältnis zum gewöhnlichen Menschen. Universalität - als Freiheit. Sittlichkeit oder Unsittlichkeit des - Genies? Pflichten gegen sich und gegen andere. Was - Pflicht gegen andere ist. Kritik der Sympathiemoral und - der sozialen Ethik. Verständnis des Nebenmenschen als - einzige Forderung der Sittlichkeit wie der Erkenntnis. - Ich und Du. Individualismus und Universalismus. - Sittlichkeit nur unter Monaden. Der genialste Mensch - als der sittlichste Mensch. Warum der Mensch ζῷον - πολιτικόν ist. Bewußtsein und Moralität. Der »große - Verbrecher.« Genialität als Pflicht und Gehorsam. Genie - und Verbrechen. Genie und Irrsinn. Der Mensch als - Schöpfer seiner selbst. - - IX. Kapitel: Männliche und weibliche Psychologie 239-279 - - Seelenlosigkeit des Weibes. Geschichte dieser - Erkenntnis. Das Weib gänzlich ungenial. Keine - männlichen Frauen im strengen Sinne. Unbegriffliche - Natur des Weibes, aus dem Mangel des Ich zu erklären. - Korrektur der Henidentheorie. Weibliches Denken. - _Begriff und Objekt._ _Begriff und Urteil._ _Wesen des - Urteils._ Das Weib und die Wahrheit als Richtschnur des - Denkens. _Der Satz vom Grunde und sein Verhältnis zum - Satz der Identität._ _Amoralität, nicht Antimoralität - des Weibes._ _Das Weib und das Einsamkeitsproblem._ - Verschmolzenheit, nicht Gesellschaft. Weibliches - Mitleid und weibliche Schamhaftigkeit. Das Ich der - Frauen. Weibliche Eitelkeit. Mangel an Eigenwert. - Gedächtnis für Huldigungen. Selbstbeobachtung und - Reue. Gerechtigkeit und Neid. Name und Eigentum. - Beeinflußbarkeit. -- Radikale Differenz zwischen - männlichem und weiblichem Geistesleben. Psychologie - ohne und mit Seele. Psychologie eine Wissenschaft? - Freiheit und Gesetzlichkeit. Die Grundbegriffe - der Psychologie transcendenter Natur. _Psyche und - Psychologie._ Die Hilflosigkeit der seelenlosen - Psychologie. Wo »Spaltungen der Persönlichkeit« - allein möglich sind. Psychophysischer Parallelismus - und Wechselwirkung. Problem der Wirkung psychischer - Sexualcharaktere des Mannes auf das Weib. - - X. Kapitel: Mutterschaft und Prostitution 280-313 - - Spezielle weibliche Charakterologie. Mutter und Dirne. - Anlage zur Prostitution angeboren, aber nicht allein - entscheidend. Einfluß des Mannes. Versehen. Verhältnis - beider Typen zum Kinde. Die Frau polygam. Ehe und - Treue. Sitte und Recht. Analogien zwischen Mutterschaft - und Sexualität. Mutter und Gattungszweck. Die »alma« - mater. Die Mutterliebe ethisch indifferent. Die Dirne - außerhalb des Gattungszweckes. Die Prostituierte und - die sozial anerkannte Moral. Die Prostituierte, der - Verbrecher und Eroberer. Nochmals der »Willensmensch« - und sein Verhältnis zum Genie. Hetäre und Imperator. - Motiv der Dirne. Koitus Selbstzweck. Koketterie. Die - Empfindungen des Weibes beim Koitus im Verhältnis zu - seinem sonstigen Leben. Mutterrecht und Vaterschaft. - Versehen und Infektionslehre. Die Dirne als Feindin. - Bejahung und Verneinung. Lebensfreundlichkeit und - Lebensfeindlichkeit. Keine Prostitution bei den Tieren. - Rätsel im Ursprung. - - XI. Kapitel: Erotik und Ästhetik 314-341 - - Weiber und Weiberhaß. Erotik und Sexualität. - Platonische Liebe und Sinnlichkeit. Problem - einer _Idee_ der Liebe. -- Die Schönheit des - Weibes. Ihr Verhältnis zum Sexualtrieb. Liebe und - Schönheit. Der Unterschied der Ästhetik von der - Logik und Ethik als Normwissenschaften. Wesen - der Liebe. Projektionsphänomen. Schönheit und - Sittlichkeit. Schönheit und Vollkommenheit. Natur - und Ethik. _Naturschönheit und Kunstschönheit._ - Naturgesetz und Kunstgesetz. Naturzweckmäßigkeit - und Kunstzweckmäßigkeit. Die Einzelschönheit. Die - Geschlechtsliebe als Schuld. Haß und Liebe als - Erleichterungen des moralischen Strebens. Die - Schöpfung des Teufels. Liebe und Mitleid. Liebe und - Schamhaftigkeit. Liebe und Eifersucht. Liebe und - Erlösungsbedürfnis. Das Weib in der Erotik Mittel zum - Zweck. Problem des Zusammenhanges von Kind und Liebe, - Kind und Sexualität. Grausamkeit nicht nur in der - Lust, sondern noch in der Liebe. Liebe und Mord. Liebe - als Feigheit, Unrecht, Irrtum. Der Madonnenkult. Die - Madonna eine gedankliche Konzeption des Mannes; ohne - Grund in der realen Weiblichkeit. Widerstreben gegen - die Einsicht in das wahre Weib. Die Liebe des Mannes - zum Weibe als Spezialfall. Das Weib nur sexuell, nicht - erotisch. Der Schönheitssinn der Frauen. Schön und - hübsch. Liebe und Verliebtheit. Wodurch der Mann auf - die Frau wirkt. Das Fatum des Weibes. Einordnung der - neuen Erkenntnis unter die früheren. Die Liebe als - bezeichnend für das Wesen der Menschheit. Warum der - Mann das Weib liebt. Möglichkeiten. - - XII. Kapitel: Das Wesen des Weibes und sein - Sinn im Universum 342-402 - - Gleichheit oder Gleichstellung. P. J. _Moebius_. - Sinnlosigkeit oder Bedeutung der Weiblichkeit. - _Kuppelei._ Instinktiver Drang. Der Mann und die - Kuppelei. Welche Phänomene noch weiter Kuppelei sind. - Hochwertung des Koitus. Der eigene Geschlechtstrieb ein - Spezialfall. Mutter -- Dirne. Das Wesen des Weibes nur - in der Kuppelei ausgesprochen. Kuppelei = Weiblichkeit - = universale Sexualität. - - System von Einwänden und Widersprüchen. Notwendigkeit - der Auflösung. Beeinflußbarkeit und Passivität. - Unbewußte Verleugnung der eigenen Natur als Folge. - _Organische Verlogenheit_ des Weibes. _Die Hysterie._ - Psychologisches Schema für den »Mechanismus« der - Hysterie. Definition der letzteren. Zustand der - Hysterischen. _Eigentümliches Wechselspiel: die fremde - Natur als die eigene, die eigene als die fremde._ - Der »Fremdkörper«. Zwang und Lüge. Heteronomie der - Hysterischen. Wille und Kraft zur Wahrheit. Der - hysterische Paroxysmus. Was abgewehrt wird. Die - hysterische Konstitution. _Magd und Megäre._ Die - Megäre als Gegenteil der Hysterika. Die Wahrheitsliebe - der Hysterika als _ihre_ Lüge. Die hysterische - Keuschheit und Abneigung gegen den Geschlechtsakt. - Das hysterische Schuldbewußtsein und die hysterische - Selbstbeobachtung. Die Visionärin und Seherin im Weibe. - Die Hysterie und die Unfreiheit des Weibes. Sein - Schicksal und dessen Hoffnungslosigkeit. - - Notwendigkeit der Zurückführung auf ein letztes - Prinzip. Unterschiede zwischen Mensch und Tier, - zwischen Mann und Frau. Übersichtstafel. Das zweite - oder höhere _Leben_, das metaphysische _Sein_ im - Menschen. Analogien zum niederen Leben. Nur im Manne - ewiges Leben. Das Verhältnis beider Leben und die - Erbsünde. Geburt und Tod. Freiheit und Glück. Das Glück - und der Mann. Das Glück und die Frau. Die Frau und das - Problem des Lebens. _Nichtsein des Weibes._ Hieraus - zunächst die _Möglichkeit_ von Lüge und Kuppelei, - Amoralität und Alogizität erschlossen. Nochmals die - Kuppelei. Gemeinschaft und Sexualität. Männliche und - weibliche Freundschaft. Kuppelei wider Eifersucht. - Kuppelei identisch mit Weiblichkeit. Warum die Frauen - Menschen sind. Wesen des Geschlechtsgegensatzes. - Gegensätze: _Subjekt -- Objekt = Form -- Materie = - Mann -- Weib._ Kontrektation und Tastsinn. Deutung der - Heniden. Non-Entität der Frau; als Folge universelle - Suszeptibilität. Formung und Bildung der Frau durch den - Mann. Trachten nach Existenz. Geschlechtsdualität und - Weltdualismus. Die Bedeutung des Weibes im Universum. - Der Mann als das Etwas, die Frau als das Nichts. Das - psychologische Problem der Furcht vor dem Weibe. Die - Weiblichkeit und der Verbrecher. Das Nichts und das - Nicht. Die Schöpfung des Weibes durch den Verbrecher - im Manne. Das Weib als die bejahte Sexualität des - Mannes. Das Weib als die Schuld des Mannes. Die Liebe. - Deduktion der Weiblichkeit. - - XIII. Kapitel: Das Judentum 403-441 - - Unterschiede unter den Männern. Zurückweisung der - hierauf gegründeten Einwände. Die Zwischenformen - und die Rassenanthropologie. Amphibolie der - Weiblichkeit mit dem Judentum. Das Jüdische als - Idee. Der Antisemitismus. Richard _Wagner_. Keine - Identität mit der Weiblichkeit; Übereinstimmungen - mit dieser: Eigentum, Staat, Gesellschaft, - Adel, _Mangel an Persönlichkeit und Eigenwert_, - _Amoralität ohne Antimoralität_, _Gattungsleben_, - Familie, _Kuppelei_. Einzige Art einer Lösung der - Judenfrage. Gottesbegriff des Juden. Seelenlosigkeit, - kein Unsterblichkeitsbedürfnis. _Judentum in der - Wissenschaft._ Der Jude als Chemiker. Der Jude - genielos. _Spinoza._ Der Jude nicht monadenartig - veranlagt. Der Engländer und der Jude. Die Engländer - in Philosophie, Musik, Architektur. Unterschiede. - Humorlosigkeit des Juden. _Wesen des Humors._ - Humor und Satire. Die Jüdin. Nicht-Sein, völlige - Veränderungsfähigkeit, Mittelbarkeit beim Juden - wie beim Weibe. Größte Übereinstimmung und größte - Differenz. Aktivität und Begrifflichkeit des Juden. - Tiefstes Wesen des Judentums. Glaubenslosigkeit und - innere Haltlosigkeit. Der Jude nicht amystisch, sondern - unfromm. Mangel an Ernst, Begeisterungsfähigkeit - und Eifer. Innerliche Vieldeutigkeit. Keinerlei - Einfalt des Glaubens. Innere Würdelosigkeit. Der - Jude als der Gegenpol des Helden. -- Christentum und - Judentum. Ursprung des Christentums. Problem des - Religionsstifters. Der Religionsstifter als Vollzieher - einer eigenen Reinigung vom Verbrechen und von der - Gottlosigkeit. In ihm allein eine völlige Neugeburt - verwirklicht. Er als der Mensch mit dem tiefsten - Schuldgefühl. Christus als Überwinder des Judentums - _in_ sich. Christentum und Judentum als letzte - Gegensätze. Der Religionsstifter als der größte Mensch. - Überwindung alles Judentumes, eine Notwendigkeit für - jeden Religionsstifter. -- Das Judentum und die heutige - Zeit. Judentum, Weiblichkeit; Kultur und Menschheit. - - XIV. Kapitel: Das Weib und die Menschheit 442-461 - - Die Idee der Menschheit und die Frau als Kupplerin. - Der Goethe-Kult. Verweiblichung der Männer. Virginität - und Keuschheit. Männlicher Ursprung dieser Ideale. Das - Unverständnis der Frau für die Erotik. Ihr Verständnis - der Sexualität. Der Koitus und die Liebe. Die Frau als - Gegnerin der Emanzipation. Askese unsittlich. Der - Geschlechtsverkehr als Mißachtung des Nebenmenschen. - Problem des Juden = Problem des Weibes = Problem der - Sklaverei. Was sittliches Verhalten gegen die Frau - ist. Der Mann als Gegner der Frauenemanzipation. - Ethische Postulate. Zwei Möglichkeiten. Die Frauenfrage - als die Menschheitsfrage. Untergang des Weibes. -- - Enthaltsamkeit und Aussterben des Menschengeschlechtes. - Furcht vor der Einsamkeit. Die eigentlichen Gründe der - Unsittlichkeit des Geschlechtsverkehres. Die irdische - Vaterschaft. Forderung der Aufnahme der Frauen unter - die Menschheitsidee. Die Mutter und die Erziehung des - Menschengeschlechtes. Letzte Fragen. - - Anhang: $Zusätze und Nachweise$ 463-597 - - - - -ERSTER (VORBEREITENDER) TEIL. - -DIE SEXUELLE MANNIGFALTIGKEIT. - - - - -Einleitung. - - -Alles Denken beginnt mit _Begriffen von mittlerer Allgemeinheit_ -und entwickelt sich von ihnen aus nach zwei Richtungen hin: nach -Begriffen von immer höherer Allgemeinheit, welche ein immer mehr -Dingen Gemeinsames erfassen und hiedurch ein immer weiteres Gebiet -der Wirklichkeit umspannen; und nach dem Kreuzungspunkte aller -Begriffslinien hin, dem konkreten Einzelkomplex, dem Individuum, -welchem wir denkend immer nur durch unendlich viele einschränkende -Bestimmungen beizukommen vermögen, das wir definieren durch Hinzufügung -unendlich vieler spezifischer differenzierter Momente zu einem höchsten -Allgemeinbegriff »Ding« oder »etwas«. Daß es eine Tierklasse der Fische -gibt, die von den Säugetieren, den Vögeln, den Würmern unterschieden -ist, war lange bekannt, bevor man einerseits unter den Fischen selbst -wieder Knorpel- und Knochenfische schied, anderseits sie mit den Vögeln -und Säugetieren durch den Begriff des Wirbeltieres zusammenzufassen -sich veranlaßt sah, und die Würmer dem hiedurch geeinten größeren -Komplexe gegenüberstellte. - -Mit dem Kampf ums Dasein der Wesen untereinander hat man diese -Selbstbehauptung des Geistes gegenüber einer durch zahllose -Ähnlichkeiten und Unterschiede verwirrenden Wirklichkeit verglichen.[1] -Wir _erwehren_ uns der Welt durch unsere Begriffe.[2] Nur langsam -bringen wir sie in deren Fassung, allmählich, wie man einen -Tobsüchtigen zuerst über den ganzen Körper fesselt, notdürftig, um ihn -wenigstens nur auf beschränkterem Orte gefährlich sein zu lassen; erst -dann, wenn wir in der Hauptsache gesichert sind, kommen die einzelnen -Gliedmaßen an die Reihe und wir ergänzen die Fesselung. - -_Es gibt zwei Begriffe, sie gehören zu den ältesten der Menschheit, -mit denen diese ihr geistiges Leben seit Anbeginn zur Not gefristet -hat._ Freilich hat man oft und oft kleine Korrekturen angebracht, sie -wieder und wieder in die Reparaturwerkstätte geschickt, notdürftig -geflickt, wo die Reform an Haupt und Gliedern not tat; weggenommen -und angestückelt, Einschränkungen in besonderen Fällen gemacht und -dann wieder Erweiterungen getroffen, wie wenn jüngere Bedürfnisse -sich nur nach und nach gegen ein altes, enges Wahlgesetz durchsetzen, -indem dieses einen Riemen nach dem anderen aufschnallen muß: aber im -ganzen und großen glauben wir doch noch mit ihnen in der alten Weise -auszukommen, mit diesen Begriffen, die ich hier meine, den Begriffen -_Mann und Weib_. - -Zwar sprechen wir von mageren, schmalen, flachen, muskelkräftigen, -energischen, genialen »Weibern«, von »Weibern« mit kurzem Haar -und tiefer Stimme, von bartlosen, geschwätzigen »Männern«. Wir -erkennen sogar an, daß es »unweibliche Weiber«, »Mannweiber« gibt -und »unmännliche«, »weibliche« »Männer«. Bloß auf eine Eigenschaft -achtend, nach welcher bei der Geburt die Geschlechtszugehörigkeit jedes -Menschen bestimmt wird, wagen wir es also sogar, Begriffen Bestimmungen -beizufügen, durch welche sie verneint werden. Ein solcher Zustand ist -logisch unhaltbar. - -Wer hat nicht im Freundeskreis oder im Salon, in wissenschaftlicher -oder in öffentlicher Versammlung die heftigsten Diskussionen über -»Männer und Frauen«, über die »Befreiung des Weibes« angehört -und mitgemacht? Gespräche und Debatten, in denen mit trostloser -Regelmäßigkeit »die Männer« und »die Weiber« einander gegenübergestellt -wurden, als wie weiße und rote Kugeln, von denen die gleichfarbigen -keine Unterschiede mehr untereinander aufweisen! Nie wurde eine -individuelle Behandlung der Streitpunkte versucht; und da jeder -nur individuelle Erfahrungen hatte, war naturgemäß eine Einigung -ausgeschlossen, wie überall dort, wo verschiedene Dinge mit dem -gleichen Worte bezeichnet werden, Sprache und Begriffe sich -nicht decken. Sollten wirklich alle »Weiber« und alle »Männer« -streng voneinander geschieden sein und doch auf jeder Seite alle -untereinander, Weiber einerseits, Männer anderseits sich in einer Reihe -von Punkten vollständig gleichen? Wie ja bei allen Verhandlungen über -Geschlechtsunterschiede, meist natürlich unbewußt, vorausgesetzt wird. -Nirgends in der Natur ist sonst eine so klaffende Unstetigkeit; wir -finden stetige Übergänge von Metallen zu Nichtmetallen, von chemischen -Verbindungen zu Mischungen; zwischen Tieren und Pflanzen, zwischen -Phanerogamen und Kryptogamen, zwischen Säugetieren und Vögeln gibt es -Vermittlungen. Zunächst nur aus allgemeinstem praktischen Bedürfnis -nach Übersicht teilen wir ab, halten gewaltsam Grenzen fest, hören -Arien heraus aus der unendlichen Melodie alles Natürlichen. Aber -»Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage« gilt von den alten Begriffen des -Denkens wie von den ererbten Gesetzen des Verkehrs. Wir werden es nach -den angeführten Analogien auch hier von vornherein für unwahrscheinlich -halten dürfen, daß in der Natur ein _Schnitt_ geführt sei zwischen -allen Masculinis einerseits und allen Femininis anderseits, und ein -lebendes Wesen in dieser Hinsicht einfach so beschreibbar, daß es -diesseits oder jenseits einer solchen Kluft sich aufhalte. Nicht einmal -die Grammatik ist so streng. - -Man hat in dem Streite um die Frauenfrage vielfach _den Anatomen_ als -Schiedsrichter angerufen, um durch ihn die kontroverse Abgrenzung -der _unabänderlichen_, weil _angebornen_, gegen die _erworbenen_ -Eigenschaften der männlichen und weiblichen Sinnesart vornehmen zu -lassen. (Sonderbar genug war es, von seinen Befunden die Entscheidung -abhängig zu machen in der Frage der natürlichen Begabung von Mann und -Weib: als ob, wenn _wirklich_ alle andere Erfahrung hier keinerlei -Unterschied hätte feststellen können, zwölf Deka Hirn plus auf der -einen Seite ein solches Resultat zu widerlegen vermöchten.) Aber die -besonnenen Anatomen geben, um ausnahmslose Kriterien gefragt, in jedem -Falle, handle es sich nun um das Gehirn oder sonst um irgend ein Organ -des Körpers, zur Antwort: _durchgehende_ sexuelle Unterschiede zwischen -_allen_ Männern einerseits und _allen_ Frauen anderseits sind nicht -nachweisbar. Wohl sei auch das Handskelett der Mehrzahl der Männer ein -anderes als das der Mehrzahl der Frauen, doch sei mit Sicherheit weder -aus den skelettierten noch aus den mit Muskeln, Bändern, Sehnen, Haut, -Blut und Nerven aufbewahrten (isolierten) Bestandteilen das Geschlecht -mit Sicherheit bestimmbar. Ganz das Gleiche gelte vom Thorax, vom -Kreuzbein, vom Schädel. Und wie steht es mit dem Skeletteil, bei -dem, wenn überhaupt irgendwo, strenge geschlechtliche Unterschiede -hervortreten müßten, was ist's mit dem Becken? Das Becken ist doch der -allgemeinen Überzeugung nach im einen Fall dem Geburtsakt angepaßt, im -anderen nicht. Aber nicht einmal beim Becken ist mit Sicherheit ein -Maßstab anzulegen. Es gibt, wie jeder von der Straße her weiß -- und -die Anatomen wissen da auch nicht mehr -- genug »Weiber« mit männlichem -schmalen und genug »Männer« mit weiblichem breiten Becken. Also ist es -nichts mit den Geschlechtsunterschieden? Da wäre es ja fast geraten, -Männer und Weiber überhaupt nicht mehr zu unterscheiden?! - -Wie helfen wir uns aus der Frage? Das Alte ist ungenügend, und wir -können es doch gewiß nicht entbehren. Reichen die überkommenen Begriffe -nicht aus, so werden wir sie nur aufgeben, um zu versuchen, uns neu und -besser zu orientieren. - - - - -I. Kapitel. - -„Männer” und „Weiber”. - - -Mit der allgemeinsten Klassifikation der meisten Lebewesen, ihrer -Kennzeichnung schlechtweg als Männchen oder Weibchen, Mann oder -Weib, kommen wir den Tatsachen gegenüber nicht länger aus. Die -Mangelhaftigkeit dieser Begriffe wird von vielen mehr oder weniger klar -gefühlt. Hier ins Reine zu kommen, ist zunächst das Ziel dieser Arbeit. - -Ich schließe mich anderen Autoren, welche in jüngster Zeit über zu -diesem Thema gehörige Erscheinungen geschrieben haben, an, wenn ich -zum Ausgangspunkt der Betrachtung die von der Entwicklungsgeschichte -(Embryologie) festgestellte Tatsache _der geschlechtlichen -Undifferenziertheit der ersten embryonalen Anlage_ des Menschen, der -Pflanzen und der Tiere wähle. - -Einem menschlichen Embryo beispielsweise kann man, wenn er jünger als -fünf Wochen ist, das Geschlecht nicht ankennen, zu dem er sich später -entwickeln wird. Erst in der fünften Fötalwoche beginnen hier jene -Prozesse, welche gegen Ende des dritten Monates der Schwangerschaft -zur Entwicklung einer ursprünglich beiden Geschlechtern gemeinsamen -Genitalanlage nach einer Seite hin und weiter zur Gestaltung des -ganzen Individuums als eines sexuell _genau definierten_ führen.[3] -Die Einzelheiten dieser Vorgänge sollen hier nicht näher beschrieben -werden. - -Zu jener _bisexuellen Anlage_ eines jeden, auch des höchsten -Organismus, läßt sich sehr gut das _ausnahmslose Beharren_, der Mangel -eines völligen Verschwindens der Charaktere des anderen Geschlechtes -_beim noch so eingeschlechtlich entwickelten_ pflanzlichen, -tierischen und menschlichen Individuum in Beziehung bringen. Die -geschlechtliche Differenzierung ist nämlich nie eine vollständige. -_Alle Eigentümlichkeiten des männlichen Geschlechtes sind irgendwie, -wenn auch noch so schwach entwickelt, auch beim weiblichen Geschlechte -nachzuweisen; und ebenso die Geschlechtscharaktere des Weibes auch beim -Manne sämtlich irgendwie vorhanden, wenn auch noch so zurückgeblieben -in ihrer Ausbildung._ Man sagt, sie seien »rudimentär« vorhanden. -So, um gleich den Menschen, der uns weiterhin fast ausschließlich -interessieren wird, als Beispiel anzuführen, hat auch die weiblichste -Frau einen feinen Flaum von unpigmentierten Wollhaaren, »Lanugo« -genannt, an den Stellen des männlichen Bartes, auch der männlichste -Mann in der Entwicklung stehen gebliebene Drüsenkomplexe unter einer -Brustwarze. Im einzelnen nachgegangen ist man diesen Dingen vor -allem in der Gegend der Geschlechtsorgane und ihrer Ausführwege, im -eigentlichen »Tractus urogenitalis«, und hat bei jedem Geschlechte -alle Anlagen des anderen im rudimentären Zustande in lückenlosem -Parallelismus nachweisen können. - -Diese Feststellungen der Embryologen können, mit anderen -zusammengehalten, in einen systematischen Zusammenhang gebracht -werden. Bezeichnet man nach _Häckel_ die Trennung der Geschlechter -als »_Gonochorismus_«, so wird man zunächst bei verschiedenen Klassen -und Arten verschiedene _Grade_ dieses Gonochorismus zu unterscheiden -haben. Nicht nur die verschiedenen Arten der Pflanzen, sondern auch die -Tierspezies werden sich durch die _größere oder geringere Latenz_ der -Charaktere des zweiten Geschlechtes voneinander abheben. Der extremste -Fall der Geschlechtsdifferenzierung, also stärkster Gonochorismus, -liegt für dieses erweiterte Blickfeld im _Geschlechtsdimorphismus_ -vor, jener Eigentümlichkeit z. B. mancher Asselarten, daß Männchen und -Weibchen innerhalb der nämlichen Spezies sich äußerlich voneinander -nicht weniger, ja oft mehr unterscheiden, als selbst Mitglieder zweier -differenter Familien und Gattungen. Bei Wirbeltieren kommt danach -nie so ausgeprägter Gonochorismus vor, als ihn z. B. Krustaceen oder -Insekten aufweisen können. Es gibt unter ihnen nirgends eine so -vollständige Scheidung von Männchen und Weibchen, wie sie im sexuellen -Dimorphismus vollzogen ist, vielmehr überall unzählige Mischformen -der Geschlechter, selbst sogenannten »abnormen Hermaphroditismus«, ja -bei den Fischen sogar Familien mit ausschließlichem Zwittertum, mit -»normalem Hermaphroditismus«. - -Es ist nun von vornherein anzunehmen, daß es nicht nur extreme Männchen -mit geringsten Resten der Weiblichkeit und auf der anderen Seite -extreme Weibchen mit ganz reduzierter Männlichkeit und in der Mitte -zwischen beiden gedrängt jene Zwitterformen, zwischen jenen drei -Punkten aber nur leere Strecken geben werde. Uns beschäftigt speziell -der Mensch. Doch ist fast alles, was hier über ihn zu sagen ist, mit -größeren oder geringeren Modifikationen auch auf die meisten anderen -Lebewesen mit geschlechtlicher Fortpflanzung anwendbar. - -Vom Menschen aber gilt ohne jeden Zweifel folgendes: - -_Es gibt_ unzählige Abstufungen _zwischen Mann und Weib_, »_sexuelle -Zwischenformen_«. _Wie die Physik von idealen Gasen spricht_, d. h. -solchen, die genau dem _Boyle-Gay-Lussac_schen Gesetze folgen -(in Wirklichkeit gehorcht ihm kein einziges), und von diesem -Gesetze ausgeht, um im konkreten Falle die Abweichungen von ihm zu -konstatieren: _so können wir einen idealen Mann M und ein ideales Weib -W, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, aufstellen als sexuelle -Typen_. Diese Typen _können_ nicht nur, sie _müssen_ konstruiert -werden. _Nicht allein das »Objekt der Kunst«, auch das der Wissenschaft -ist der Typus, die platonische Idee._ Die wissenschaftliche Physik -erforscht das Verhalten des _vollkommen_ starren und des _vollkommen_ -elastischen Körpers, wohl bewußt, daß die Wirklichkeit weder den -einen noch den anderen ihr je zur Bestätigung darbieten wird; die -empirisch gegebenen Vermittlungen zwischen beiden dienen ihr nur als -Ausgangspunkt für diese Aufsuchung der typischen Verhaltungsweisen -und werden bei der Rückkehr aus der Theorie zur Praxis als Mischfälle -behandelt und erschöpfend dargestellt. _Und ebenso gibt es nur alle -möglichen vermittelnden Stufen zwischen dem vollkommenen Manne und dem -vollkommenen Weibe_, Annäherungen an beide, die selbst nie von der -Anschauung erreicht werden. - -Man achte wohl: hier ist nicht bloß von bisexueller _Anlage_ die Rede, -sondern von _dauernder_ Doppelgeschlechtlichkeit. Und auch nicht bloß -von den sexuellen _Mittel_stufen, (körperlichen oder psychischen) -Zwittern, auf die bis heute aus naheliegenden Gründen alle ähnlichen -Betrachtungen beschränkt sind. In dieser Form ist also der Gedanke -durchaus neu. Bis heute bezeichnet man als »sexuelle Zwischenstufen« -nur die sexuellen _Mittel_stufen: als ob dort, mathematisch gesprochen, -eine _Häufungsstelle_ wäre, _$mehr$ wäre als eine kleine Strecke auf -der überall $gleich$ dicht besetzten Verbindungslinie zweier Extreme_! - -Also Mann und Weib sind wie zwei Substanzen, die in verschiedenem -Mischungsverhältnis, ohne daß je der Koeffizient einer Substanz Null -wird, auf die lebenden Individuen verteilt sind. _Es gibt in der -Erfahrung nicht Mann noch Weib_ könnte man sagen, _sondern nur männlich -und weiblich_. Ein Individuum A oder ein Individuum B darf man darum -nicht mehr schlechthin als »Mann« oder »Weib« bezeichnen, sondern ein -jedes ist nach den Bruchteilen zu beschreiben, die es von _beiden_ hat, -etwa: - - { α M { β W - A { α' W B { β' M - -wobei stets - - 0 < α < 1, 0 < β < 1, - 0 < α' < 1, 0 < β' < 1. - -Die genaueren Belege für diese Auffassung -- einiges Allgemeinste -wurde vorbereitend in der Einleitung angedeutet -- sind zahllos. Es -sei erinnert an alle »Männer« mit weiblichem Becken und weiblichen -Brüsten, fehlendem oder spärlichem Bartwuchs, mit ausgesprochener -Taille, überlangem Kopfhaar, an alle »Weiber« mit schmalen Hüften[4] -und flachen Brüsten, mageren Nates und Femurfettpolstern, tiefer rauher -Stimme und einem Schnurrbart (zu dem die Anlage viel öfter ausgiebig -vorhanden ist, als man sie gemeiniglich bemerkt, weil er natürlich nie -belassen wird; vom Barte, der so vielen Frauen nach dem Klimakterium -wächst, ist hier nicht die Rede) etc. etc. Alle diese Dinge, _die sich -bezeichnenderweise fast immer am gleichen Menschen beisammen finden_, -sind jedem Kliniker und praktischen Anatomen aus eigener Anschauung -bekannt, nur noch nirgends zusammengefaßt. - -Den umfassendsten Beweis für die hier verfochtene Anschauung liefert -aber die große Schwankungsbreite der Zahlen für geschlechtliche -Unterschiede, die innerhalb der einzelnen Arbeiten wie zwischen den -verschiedenen anthropologischen und anatomischen Unternehmungen zur -Messung derselben ohne Ausnahme anzutreffen ist, die Tatsache, daß die -Zahlen für das weibliche Geschlecht nie dort anfangen, wo jene für das -männliche aufhören, sondern stets in der Mitte ein Gebiet liegt, in -welchem Männer und Frauen vertreten sind. So sehr diese Unsicherheit -der Theorie von den sexuellen Zwischenstufen zugute kommt, so -aufrichtig muß man sie im Interesse wahrer Wissenschaft bedauern. Die -Anatomen und Anthropologen von Fach haben eben eine wissenschaftliche -Darstellung des sexuellen Typus noch gar nicht angestrebt, sondern -wollten immer nur allgemein in gleichem Ausmaße gültige Merkmale -haben, und hieran wurden sie durch die Überzahl der Ausnahmen immer -verhindert. So erklärt sich die Unbestimmtheit und Weite aller hieher -gehörigen Resultate der Messung. - -Gar sehr hat der Zug zur Statistik, der unser industrielles Zeitalter -vor allen früheren auszeichnet, in dem es -- offenbar der schüchternen -Verwandtschaft mit der Mathematik wegen -- seine Wissenschaftlichkeit -besonders betont glaubt, auch hier den Fortschritt der Erkenntnis -gehemmt. Den _Durchschnitt_ wollte man gewinnen, nicht den _Typus_. -Man begriff gar nicht, daß es im Systeme reiner (nicht angewandter) -Wissenschaft nur auf diesen ankommt. Darum lassen denjenigen, welchem -es um die Typen zu tun ist, die bestehende Morphologie und Physiologie -mit ihren Angaben gänzlich im Stich. Es wären da alle Messungen wie -auch alle übrigen Detailforschungen erst auszuführen. Was existiert, -ist für eine Wissenschaft auch in laxerem (nicht erst in Kantischem) -Sinne völlig unverwendbar. - -Alles kommt auf die Kenntnis von M und W, auf die richtige Feststellung -des idealen Mannes und des idealen Weibes an (ideal im Sinne von -typisch, ohne jede Bewertung). - -Wird es gelungen sein, diese Typen zu erkennen und zu konstruieren, so -wird die Anwendung auf den einzelnen Fall, seine Darstellung durch ein -quantitatives Mischungsverhältnis, ebenso unschwer wie fruchtbar sein. - -Ich resumiere den Inhalt dieses Kapitels: es gibt keine kurzweg -als ein- und bestimmt-geschlechtlich zu bezeichnenden Lebewesen. -Vielmehr zeigt die Wirklichkeit ein Schwanken zwischen zwei Punkten, -auf denen selbst kein empirisches Individuum mehr anzutreffen ist, -_zwischen_ denen _irgendwo_ jedes Individuum sich aufhält. Aufgabe -der Wissenschaft ist es, die Stellung jedes Einzelwesens zwischen -jenen zwei Bauplänen festzustellen; diesen Bauplänen ist keineswegs -eine metaphysische Existenz neben oder über der Erfahrungswelt -zuzuschreiben, sondern ihre Konstruktion ist notwendig aus dem -heuristischen Motive einer möglichst vollkommenen Abbildung der -Wirklichkeit. -- -- - -Die Ahnung dieser Bisexualität alles Lebenden (durch die nie ganz -vollständige sexuelle Differenzierung) ist uralt. Vielleicht ist -sie chinesischen Mythen nicht fremd gewesen; jedenfalls war sie im -Griechentum äußerst lebendig. Hiefür zeugen die Personifikation -des Hermaphroditos als einer mythischen Gestalt; die Erzählung des -Aristophanes im platonischen Gastmahl; ja noch in später Zeit galt -der gnostischen Sekte der Ophiten der Urmensch als mannweiblich, -ἀρσενόθηλυς. - - - - -II. Kapitel. - -Arrhenoplasma und Thelyplasma. - - -Die nächste Erwartung, welche eine Arbeit zu befriedigen hätte, in -deren Plan eine universelle Revision aller einschlägigen Tatsachen -gelegen wäre, würde sich auf eine neue und vollständige Darstellung -der anatomischen und physiologischen Eigenschaften der sexuellen -Typen richten. Da ich aber selbständige Untersuchungen zum Zwecke -einer Lösung dieser umfassenden Aufgabe nicht angestellt habe, und -eine Beantwortung jener Fragen für die _letzten_ Ziele dieses Buches -mir nicht notwendig erscheint, so muß ich auf dieses Unternehmen von -vornherein Verzicht leisten -- ganz abgesehen davon, ob es die Kräfte -eines einzelnen nicht bei weitem übersteigt. Eine Kompilation der -in der Literatur niedergelegten Ergebnisse wäre überflüssig, denn -eine solche ist in vorzüglicher Weise von _Havelock Ellis_ besorgt -worden. Aus den von ihm gesammelten Resultaten die sexuellen Typen -auf dem Wege wahrscheinlicher Schlußfolgerungen zu gewinnen, bliebe -hypothetisch und würde der Wissenschaft nicht eine einzige Neuarbeit -zu ersparen vermögen. Die Erörterungen dieses Kapitels sind darum -mehr formaler und allgemeiner Natur, sie gehen auf die biologischen -Prinzipien, zum Teil wollen sie auch jener notwendigen Arbeit der -Zukunft die Berücksichtigung bestimmter einzelner Punkte ans Herz legen -und so derselben förderlich zu werden versuchen. Der biologische Laie -kann diesen Abschnitt überschlagen, ohne das Verständnis der übrigen -hiedurch sehr zu beeinträchtigen. - -Es wurde die Lehre von den verschiedenen Graden der Männlichkeit und -Weiblichkeit vorderhand rein anatomisch entwickelt. Die Anatomie wird -aber nicht nur nach den Formen fragen, in denen, sondern auch nach den -Orten, an denen sich Männlichkeit und Weiblichkeit ausprägt. Daß die -Sexualität nicht bloß auf die Begattungswerkzeuge und die Keimdrüsen -beschränkt ist, geht schon aus den früher als Beispielen sexueller -Unterschiedenheit erwähnten Körperteilen hervor. Aber wo ist hier die -Grenze zu ziehen, mit anderen Worten, wo steckt das Geschlecht und -wo steckt es nicht? Ist es bloß auf die »primären« und »sekundären« -Sexualcharaktere beschränkt? Oder reicht sein Umfang nicht viel weiter? - -Es scheint nun eine große Anzahl in den letzten Jahrzehnten -aufgefundener Tatsachen zur Wiederaufnahme einer Lehre zu zwingen, -welche in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts aufgestellt -wurde, aber wenig Anhänger fand, da ihre Konsequenzen dem Begründer -der Theorie selbst ebenso wie ihren Bestreitern einer Reihe von -Forschungsergebnissen zu widersprechen schienen, die zwar nicht jenem, -aber diesen als unumstößlich galten. Ich meine unter dieser Anschauung, -welche, mit einer Modifikation, die Erfahrung uns gebieterisch abermals -aufnötigt, die Lehre des Kopenhagener Zoologen Joh. Japetus Sm. -_Steenstrup_, der behauptet hatte, _das Geschlecht stecke überall im -Körper_. - -Ellis hat zahlreiche Untersuchungen über fast alle Gewebe des -Organismus excerpiert, die überall Unterschiede der Sexualität -nachweisen konnten. Ich will erwähnen, daß der typisch männliche und -der typisch weibliche »Teint« sehr voneinander verschieden sind; dies -berechtigt zur Annahme sexueller Differenzen in den Zellen der Cutis -und der Blutgefäße. Aber auch in der Menge des Blutfarbstoffes, in -der Zahl der roten Blutkörperchen im Kubikcentimeter der Flüssigkeit -sind solche gesichert. _Bischoff_ und _Rüdinger_ haben im Gehirne -Abweichungen der Geschlechter voneinander festgestellt, und Justus und -Alice _Gaule_ in der jüngsten Zeit solche auch in vegetativen Organen -(Leber, Lunge, Milz) aufgefunden. Tatsächlich wirkt auch _alles_ am -Weibe, wenn auch gewisse Zonen stärker und andere schwächer, »_erogen_« -auf den Mann, und ebenso _alles_ am Manne sexuell anziehend und -erregend auf das Weib. - -Wir können so zu der vom formal-logischen Standpunkt hypothetischen, -aber durch die Summe der Tatsachen fast zur Gewißheit erhobenen -Anschauung fortschreiten: _jede Zelle des Organismus ist_ (wie wir -vorläufig sagen wollen) _geschlechtlich charakterisiert, oder hat -eine bestimmte sexuelle Betonung_. Unserem Prinzipe der Allgemeinheit -der sexuellen Zwischenformen gemäß werden wir gleich hinzufügen, _daß -diese sexuelle Charakteristik verschieden hohe Grade haben kann_. -Diese sofort zu machende Annahme einer verschieden starken Ausprägung -der sexuellen Charakteristik ließe uns auch den Pseudo- und sogar -den echten Hermaphroditismus (dessen Vorkommen für viele Tiere, -wenn auch nicht mit Sicherheit für den Menschen, seit _Steenstrups_ -Zeit über allen Zweifel erhoben worden ist) unserem Systeme leicht -eingliedern. _Steenstrup_ sagte: »Wenn das Geschlecht eines Tieres -wirklich seinen Sitz allein in den Geschlechtswerkzeugen hätte, so -könnte man sich noch zwei Geschlechter in einem Tiere gesammelt, zwei -solche Geschlechtswerkzeuge an die Seite voneinander gestellt denken. -Aber das Geschlecht ist nicht etwas, welches seinen Sitz in einer -gegebenen Stelle hat, oder welches sich nur durch ein angegebenes -Werkzeug äußert; es wirkt durch das ganze Wesen, und hat sich in jedem -Punkte davon entwickelt. In einem männlichen Geschöpfe ist jeder, -auch der kleinste Teil männlich, mag er dem entsprechenden Teile von -einem weiblichen Geschöpfe noch so ähnlich sein, und in diesem ist -ebenso der allerkleinste Teil nur weiblich. Eine Vereinigung von -beiden Geschlechtswerkzeugen in einem Geschöpfe würde deshalb dieses -erst zweigeschlechtlich machen, wenn die Naturen beider Geschlechter -durch den ganzen Körper herrschen und sich auf jeden einzelnen -Punkt davon geltend machen könnten -- etwas, das sich infolge des -Gegensatzes beider Geschlechter nur als eine gegenseitige Aufhebung -voneinander, als ein Verschwinden alles Geschlechtes in einem solchen -Geschöpfe äußern könnte.« Wenn jedoch, und hiezu scheinen alle -empirischen Tatsachen zu zwingen, _das Prinzip der unzähligen sexuellen -Übergangsstufen zwischen M und W auf alle Zellen des Organismus -ausgedehnt wird_, so entfällt die Schwierigkeit, an der _Steenstrup_ -Anstoß nahm, und das Zwittertum ist keine Naturwidrigkeit mehr. Von der -völligen Männlichkeit an in allen Vermittlungen bis zu deren gänzlichem -Fehlen, welches mit dem Vorhandensein der absoluten Weiblichkeit -zusammenfiele, sind danach _unzählige verschiedene sexuelle -Charakteristiken_ jeder einzelnen Zelle denkbar. Ob diese Graduierung -in einer Skala von Differenzialien wirklich unter dem Bilde _zweier -realer_, jeweils in anderem Verhältnis zusammentretender Substanzen zu -denken ist, oder ein _einheitliches_ Protoplasma in unendlich vielen -Modifikationen (etwa räumlich verschiedenen Anordnungen der Atome in -großen Molekülen) anzunehmen ist, darüber tut man gut, sich jeder -Vermutung zu enthalten. Die erste Annahme wird physiologisch nicht -gut verwendbar sein -- man denke an eine männliche oder weibliche -Körperbewegung und die dann notwendige Duplizität in den bestimmenden -Verhältnissen ihrer realen, physiologisch doch immer einheitlichen -Erscheinungsform; die zweite erinnert zu sehr an wenig geglückte -Spekulationen über die Vererbung. Vielleicht sind beide gleich weit von -der Wahrheit entfernt. - -Worin die Männlichkeit (Maskulität) oder Weiblichkeit (Muliebrität) -einer Zelle eigentlich bestehen mag, welche histologischen, -molekular-physikalischen oder gar chemischen Unterschiede jede Zelle -von W trennen mögen von jeder Zelle von M, darüber ist eine Aussage -auch auf dem Wege der Wahrscheinlichkeit heute empirisch nicht zu -begründen. Ohne also irgend einer späteren Untersuchung vorzugreifen -(die wohl die Unableitbarkeit des spezifisch Biologischen aus -Physik und Chemie zur Genüge eingesehen haben wird), läßt sich die -Annahme _verschieden_ starker sexueller Betonungen auch für alle -_Einzelzellen_, nicht bloß für den _ganzen_ Organismus als ihre Summe, -mit guten Gründen verteidigen. Weibliche Männer haben meist auch eine -insgesamt weiblichere Haut, die Zellen der männlichen Organe haben bei -ihnen schwächere Tendenzen zur Teilung, worauf das geringere Wachstum -makroskopischer Sexualcharaktere unbedingt zurückweist, u. s. w. - -Nach dem verschiedenen Grade der makroskopischen Ausprägung der -sexuellen Charakteristik ist auch die Einteilung der Sexualcharaktere -zu treffen; ihre Anordnung fällt im großen zusammen mit der Stärke -ihrer erogenen Wirkung auf das andere Geschlecht (wenigstens im -Tierreiche). Um nicht von der allgemein angenommenen _John Hunter_schen -Nomenklatur abzuweichen und jede Verwirrung zu vermeiden, nenne -ich _primordiale Sexualcharaktere_ die männliche und die weibliche -Keimdrüse (Testis, Epididymis, Ovarium, Epoophoron); _primäre_ die -inneren Adnexe der Keimdrüsen (Samenstränge, Samenbläschen, Tuba, -Uterus, die ihrer sexuellen Charakteristik nach erfahrungsgemäß von -jener der Keimdrüsen zuweilen weit differieren) _und_ die »äußeren -Geschlechtsteile«, nach welchen allein die Geschlechtsbestimmung des -Menschen bei der Geburt vollzogen und damit in gewisser Weise über -sein Lebensschicksal (wie sich zeigen wird, nicht selten unrichtig) -entschieden wird. Alle Geschlechtscharaktere _nach_ den primären haben -das Gemeinsame, daß sie für die Zwecke der Begattung nicht unmittelbar -mehr erforderlich sind. Als _sekundäre Geschlechtscharaktere_ sind -zunächst am besten scharf zu umgrenzen diejenigen, welche erst _zur -Zeit der Geschlechtsreife_ äußerlich sichtbar auftreten und nach einer -fast zur Gewißheit erhobenen Anschauung ohne eine »innere Sekretion« -bestimmter Stoffe aus den Keimdrüsen in das Blut sich nicht entwickeln -können (Wuchs des männlichen Bartes und des weiblichen Kopfhaares, -Brüsteentwicklung, Stimmwechsel u. s. w.). - -_Praktische_ Gründe mehr als theoretische empfehlen die weitere -Bezeichnung erst auf Grund von Äußerungen oder Handlungen zu -erschließender angeborener Eigenschaften, wie Muskelkraft, -Eigenwilligkeit beim Manne, als _tertiärer Sexualcharaktere_. Durch -relativ zufällige Sitte, Gewöhnung, Beschäftigung hinzugekommen sind -endlich die accessorischen oder _quartären_ Sexualcharaktere, wie -Rauchen und Trinken des Mannes, Handarbeit des Weibes; auch diese -ermangeln nicht, gelegentlich ihre erogene Wirkung auszuüben, und -schon dies deutet darauf hin, daß sie viel öfter, als man vielleicht -glaubt, auf die tertiären zurückzuführen sind und möglicherweise -bisweilen tief noch mit den primordialen zusammenhängen. Mit dieser -Klassifikation der Sexualcharaktere soll nichts für eine _wesentliche_ -Reihenfolge präjudiziert und gar nichts darüber entschieden sein, ob -die geistigen Eigenschaften im Vergleiche zu den körperlichen primär -oder von ihnen bedingt und erst im Laufe einer langen Kausalkette aus -ihnen abzuleiten sind; sondern nur die Stärke der anziehenden Wirkung -auf das andere Geschlecht[5], die zeitliche Reihenfolge, in welcher sie -diesem auffallen und die Rangordnung der Sicherheit, mit der sie von -ihm erschlossen werden, dürfte hiemit für die meisten Fälle getroffen -sein. - -Die »sekundären Geschlechtscharaktere« führten zur Erwähnung der -inneren Sekretion von Keimstoffen in den Kreislauf. Die Wirkungen -dieses Einflusses wie seines durch Kastration künstlich erzeugten -Mangels hat man nämlich vor allem an der Entwicklung oder dem -Ausbleiben der _sekundären_ Geschlechtscharaktere studiert. Die -»innere Sekretion« übt aber zweifellos einen Einfluß auf _alle_ Zellen -des Körpers. Dies beweisen die Veränderungen, welche zur Zeit der -Pubertät im _ganzen_ Organismus und nicht bloß an den durch sekundäre -Geschlechtscharaktere ausgezeichneten Partien erfolgen. Auch kann man -von vornherein die innere Sekretion aller Drüsen nicht gut anders -auffassen, als auf alle Gewebe _gleichmäßig_ sich erstreckend. - -_Die innere Sekretion der Keimdrüsen komplettiert also erst die -Geschlechtlichkeit des Individuums._ Es ist demgemäß in jeder Zelle -eine _originäre sexuelle Charakteristik anzunehmen_, zu der jedoch -die innere Sekretion der Keimdrüsen _in einem gewissen Ausmaße als -ergänzende Komplementärbedingung hinzukommen muß, um ein bestimmt -qualifiziertes, fertiges Masculinum oder Femininum hervorzubringen_. - -Die Keimdrüse ist das Organ, in welchem die sexuelle Charakteristik -des Individuums _am sichtbarsten_ hervortritt, und in dessen -morphologischen Elementareinheiten sie am leichtesten nachweisbar -ist. Ebenso muß man aber annehmen, daß die Gattungs-, Art-, -Familieneigenschaften eines Organismus in den Keimdrüsen am -vollzähligsten vertreten sind. Gleichwie anderseits _Steenstrup_ mit -Recht gelehrt hat, daß das Geschlecht überall im Körper verbreitet -und nicht bloß in spezifischen »Geschlechtsteilen« lokalisiert sei, -so haben _Naegeli_, _de Vries_, _Oscar Hertwig_ u. a. die ungemein -aufklärende Theorie entwickelt und mit wichtigen Argumenten sehr sicher -begründet, daß _jede_ Zelle eines vielzelligen Organismus Träger der -_gesamten $Art$_eigenschaften ist, und diese in den Keimzellen nur in -einer besonderen ausgezeichneten Weise zusammengefaßt erscheinen -- was -vielleicht einmal allen Forschern selbstverständlich vorkommen wird -angesichts der Tatsache, daß jedes Lebewesen durch Furchung und Teilung -aus _einer_ einzigen Zelle entsteht. - -Wie nun die genannten Forscher auf Grund vieler Phänomene, die -seitdem durch zahlreiche Erfahrungen über Regeneration aus beliebigen -Teilen und Feststellungen chemischer Differenzen in den homologen -Geweben verschiedener Spezies vermehrt worden sind, die Existenz des -_Idioplasma_ als der _Gesamtheit_ der spezifischen Arteigenschaften -auch in allen jenen Zellen eines Metazoons anzunehmen berechtigt waren, -die nicht mehr unmittelbar für die Fortpflanzung verwertet werden -- so -können und müssen auch _hier_ die Begriffe eines _Arrhenoplasma_ und -eines _Thelyplasma_ geschaffen werden, _als der zwei Modifikationen, -in denen jedes Idioplasma bei geschlechtlich differenzierten Wesen -auftreten kann_, und zwar nach den hier grundsätzlich vertretenen -Ansichten wieder nur als _Idealfälle_, als Grenzen, _zwischen_ -denen die empirische Realität liegt. Es geht demnach das wirklich -existierende Protoplasma, vom idealen Arrhenoplasma sich immer mehr -entfernend, durch einen (realen oder gedachten) Indifferenzpunkt (= -Hermaphroditismus verus) in ein Protoplasma über, das bereits dem -Thelyplasma näher liegt, um sich diesem bis auf ein Differenziale -zu nähern. Dies ist aus der Summe des Vorausgeschickten nur die -konsequente Folgerung, und ich bitte die neuen Namen zu entschuldigen; -sie sind nicht dazu erfunden, um die Neuheit der Sache zu steigern. - -Der Nachweis, daß _jedes_ einzelne Organ und weiter _jede einzelne -Zelle_ eine Sexualität besitzt, die auf irgend einem Punkte zwischen -Arrhenoplasma und Thelyplasma anzutreffen sein wird, daß also jeder -Elementarteil ursprünglich in bestimmter Weise und bestimmtem Ausmaß -sexuell charakterisiert ist, dieser Nachweis läßt sich auch durch -die Tatsache leicht führen, daß selbst im _gleichen_ Organismus -die verschiedenen Zellen nicht immer die gleiche und sehr oft -nicht eine gleich _starke_ sexuelle Charakteristik besitzen. Es -liegt nämlich durchaus nicht in allen Zellen eines Körpers der -gleiche Gehalt an M oder W, die gleiche Annäherung an Arrhenoplasma -oder Thelyplasma, ja es können Zellen des gleichen Körpers auf -verschiedenen Seiten des Indifferenzpunktes zwischen diesen Polen -sich befinden. Wenn wir, statt Maskulität und Muliebrität immer -auszuschreiben, verschiedene Vorzeichen für beide wählen und, noch -ohne tückische tiefere Hintergedanken, dem Männlichen ein positives, -dem Weiblichen ein negatives Vorzeichen geben, so heißt jener Satz in -anderer Ausdrucksform: in den Zellen des nämlichen Organismus kann -die Sexualität der verschiedenen Zellen nicht nur eine verschiedene -absolute Größe, sondern auch ein verschiedenes Vorzeichen haben. Es -gibt _sonst_ ziemlich wohlcharakterisierte Masculina mit nur ganz -schwachem Bart und ganz schwacher Muskulatur; oder fast typische -Feminina mit schwachen Brüsten. Und anderseits recht weibische Männer -mit starkem Bartwuchs, Weiber, die bei abnorm kurzem Haar und deutlich -sichtbarem Bartwuchs gut entwickelte Brüste und ein geräumiges Becken -aufweisen. Mir sind ferner Menschen bekannt mit weiblichem Ober- -und männlichem Unterschenkel, mit rechter weiblicher und linker -männlicher Hüfte. Überhaupt werden von der lokalen Verschiedenheit der -sexuellen Charakteristik am häufigsten die beiden, auch sonst nur im -idealen Falle symmetrischen Körperhälften rechts und links von der -Medianebene betroffen; hier findet man in dem Grade der Ausprägung der -Sexualcharaktere, z. B. des Bartwuchses, eine Unzahl von Asymmetrien. -Auf eine ungleichmäßige innere Sekretion läßt sich aber dieser Mangel -an Konformität (und eine absolute Konformität gibt es in der sexuellen -Charakteristik nie), wie schon gesagt, kaum schieben; das Blut muß -zwar nicht in gleicher Menge, aber doch in gleicher Mischung zu allen -Organen gelangen, in nichtpathologischen Fällen stets in einer den -Bedingungen der Erhaltung angemessenen Qualität und Quantität. - -Wäre also nicht eine ursprüngliche, vom Anfang der embryonalen -Entwicklung an feststehende, in jeder einzelnen Zelle im allgemeinen -verschiedene sexuelle Charakteristik als die Ursache dieser Variationen -anzunehmen, so müßte ein Individuum einfach durch eine Angabe darüber, -wie gut beispielsweise seine Keimdrüsen dem Typus des Geschlechtes sich -annähern, vollauf sexuell beschrieben werden können, und die Sache läge -viel einfacher, als sie in Wirklichkeit ist. Die Sexualität ist aber -nicht in einem fiktiven Normalmaß gleichsam ausgegossen über das ganze -Individuum, so daß mit der sexuellen Bestimmung _einer_ Zelle auch alle -anderen erledigt wären. Wenn auch _weite_ Abstände in der sexuellen -Charakteristik zwischen verschiedenen Zellen oder Organen _desselben_ -Lebewesens eine Seltenheit bilden werden: als den _allgemeinen_ Fall -muß man die _Spezifität_ derselben für jede einzelne Zelle ansehen; -man wird aber dabei immerhin daran festhalten können, daß sich viel -häufiger Annäherungen an eine vollkommene Einförmigkeit der sexuellen -Charakteristik (durch den ganzen Körper hindurch) finden, als ein -Auseinandertreten zu beträchtlichen graduellen Differenzen zwischen -den einzelnen Organen, geschweige denn zwischen den einzelnen Zellen -vorzukommen scheint. Das Maximum der hier möglichen Schwankungsbreite -müßte erst durch eine Untersuchung im einzelnen festgestellt werden. - -Träte, wie dies die populäre, auf _Aristoteles_ zurückgehende -Ansicht und auch die Anschauung vieler Mediziner und Zoologen ist, -mit der _Kastration_ eines Tieres regelmäßig ein Umschlag nach dem -entgegengesetzten Geschlechte hin ein, wäre z. B. mit der Entmannung -eines Tieres auch schon eo ipso als Folge seine völlige Verweiblichung -gesetzt, so wäre das Bestehen eines von den Keimdrüsen unabhängigen -primordialen Sexualcharakters jeder Zelle wieder in Frage gestellt. -Aber die jüngsten experimentellen Untersuchungen von _Sellheim_ -und _Foges_ haben gezeigt, daß es einen vom weiblichen durchaus -verschiedenen Typus des Kastraten gibt, daß Entmannung nicht ohne -weiters identisch ist mit Verweiblichung. Freilich wird man gut tun, -auch in dieser Richtung zu weitgehende, radikale Folgerungen zu -vermeiden, man darf keinesfalls die Möglichkeit ausschließen, daß -eine zweite, latent gebliebene Keimdrüse des anderen Geschlechtes -nach Beseitigung oder Atrophie einer ersten Keimdrüse sozusagen -die Herrschaft über einen in seiner sexuellen Charakteristik in -gewissem Maße schwankenden Organismus gewinne. Die häufigen, freilich -wohl allgemein etwas zu kühn (als durchgängige Annahme männlicher -Charaktere) interpretierten Fälle, in denen, nach der Involution der -weiblichen Geschlechtsorgane im Klimakterium, an einem weiblichen -Organismus äußere sekundäre Sexualcharaktere des Masculinums sichtbar -werden, wären das bekannteste Beispiel hiefür: der »Bart« der -menschlichen »Großmütter«, alte Ricken, die bisweilen einen kurzen -Stirnzapfen erhalten, die »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen u. s. w. -Aber selbst ganz ohne senile Rückbildungen oder operative äußere -Eingriffe scheinen derartige Verwandlungen vorzukommen. Sichergestellt -als die _normale_ Entwicklung sind sie für einige Vertreter der -Gattungen Cymothoa, Anilocra, Nerocila aus den zur Gruppe der -Cymothoideen gehörigen, auf Fischen schmarotzenden Asseln. Diese -Tiere sind Hermaphroditen eigentümlicher Art: an ihnen sind männliche -und weibliche Keimdrüse dauernd gleichzeitig vorhanden, aber nicht -gleichzeitig funktionsfähig. Es besteht eine Art »Protandrie«: jedes -Individuum fungiert zuerst als Männchen, später als Weibchen. Zur -Zeit ihrer Funktionstüchtigkeit als Männchen besitzen sie durchwegs -männliche Begattungsorgane, die nachher abgeworfen werden, wenn die -weiblichen Ausfuhrwege und Brutlamellen sich entwickelt und geöffnet -haben. Daß es aber auch beim Menschen solche Dinge gibt, scheinen -jene äußerst merkwürdigen Fälle von »Eviratio« und »Effeminatio« -zu beweisen, von welchen die sexuelle Psychopathologie aus dem -erwachsenen Alter reifer Männer erzählt. Man wird also um so weniger -das tatsächliche Vorkommen der Verweiblichung in gänzliche Abrede -stellen dürfen, wenn für diese eine so günstige Bedingung wie die -Exstirpation der männlichen Keimdrüse geschaffen wird.[6] Daß aber -der Zusammenhang kein allgemeiner und notwendiger ist, daß Kastration -ein Individuum durchaus nicht _mit Sicherheit_ zum Angehörigen -des anderen Geschlechtes macht -- dies ist wieder ein Beweis, wie -notwendig die allgemeine Annahme ursprünglich arrhenoplasmatischer und -thelyplasmatischer Zellen für den ganzen Körper ist. - -Das Bestehen der originären sexuellen Charakteristik jeder Zelle -und die Ohnmacht der auf sich allein angewiesenen Keimdrüsensekrete -wird weiter erwiesen durch die gänzliche Erfolglosigkeit von -Transplantationen männlicher Keimdrüsen auf weibliche Tiere. Zur -strikten Beweiskraft dieser letzteren Versuche wäre es freilich -vonnöten, daß die exstirpierten Testikel einem möglichst nahe -verwandten weiblichen Tier, womöglich einer Schwester des kastrierten -Männchens, eingepflanzt würden: das _Idioplasma_ dürfte nicht _auch -noch_ ein zu verschiedenes sein. Es würde nämlich hier wie sonst viel -darauf ankommen, die Bedingungen des Erfolges in möglichst reiner -Isolation wirken zu lassen, um ein möglichst eindeutiges Resultat zu -erhalten. Versuche auf der _Chrobak_schen Klinik in Wien haben gezeigt, -daß zwischen zwei (wahllos ausgemusterten) weiblichen Tieren beliebig -vertauschte Ovarien in der Mehrzahl der Fälle atrophieren und nie -die Verkümmerung der sekundären Charaktere (z. B. der Milchdrüsen) -aufzuhalten vermögen: während bei Entfernung der eigenen Keimdrüse -von ihrem natürlichen Lager und ihrer Implantation an einem davon -verschiedenen Orte im _selben_ Tiere (das somit sein eigenes Gewebe -behält) im Idealfalle die _völlige_ Entwicklung der sekundären -Geschlechtscharaktere _ebenso_ möglich ist, wie wenn gar kein -Eingriff erfolgt. Das Mißlingen der Transplantation auf kastrierte -Geschlechtsgenossen ist vielleicht hauptsächlich in der mangelnden -Familienverwandtschaft begründet: das idioplasmatische Moment müßte in -erster Linie beachtet werden. - -Diese Dinge erinnern sehr an die Erfahrungen bei der _Transfusion_ -heterologen Blutes. Es ist eine praktische Regel der Chirurgen, daß -man verlorenes Blut (bei Gefahr schwerer Störungen) nicht nur durch -das Blut der gleichen Spezies und einer verwandten Familie, sondern -auch durch das Blut eines gleichgeschlechtlichen Wesens ersetzen -muß. Die Parallele mit den Transplantationsversuchen springt in die -Augen. Sollten aber die hier vertretenen Ansichten sich behaupten, so -werden die Chirurgen, soweit sie überhaupt transfundieren und nicht -Kochsalzinfusionen bevorzugen, vielleicht nicht bloß darauf achten -müssen, ob das Ersatzblut einem möglichst stammverwandten Tiere -entnommen ist. Es fragt sich, ob dann die Forderung zu weit ginge, daß -nur das Blut eines Wesens von möglichst gleichem Grade der Maskulität -oder Muliebrität Verwendung finden dürfte. - -Wie diese Verhältnisse bei der Transfusion ein Beweis für die eigene -sexuelle Charakteristik der Blutkörperchen, so liefert, wie erwähnt, -der gänzliche Mißerfolg aller Überpflanzungen männlicher Keimdrüsen -auf Weibchen oder weiblicher Keimdrüsen auf Männchen noch einen -Beweis dafür, daß die innere Sekretion _nur auf ein ihr adäquates -Arrhenoplasma oder Thelyplasma wirksam ist_. - -In Anknüpfung hieran soll schließlich noch des organotherapeutischen -Heilverfahrens mit einem Worte gedacht werden. Es ist nach dem obigen -klar, daß und warum, wenn die Transplantation möglichst geschonter -ganzer Keimdrüsen auf andersgeschlechtliche Individuen keinen Erfolg -hatte, auch ebenso z. B. die Injektion von Ovarialsubstanz in das Blut -eines Masculinums höchstens Schaden anrichten konnte. Aber anderseits -erledigen sich ebenso eine Menge von Einwürfen _gegen_ das _Prinzip_ -der Organotherapie damit, daß Organpräparate von _Nicht_-Artgenossen -naturgemäß nicht immer eine volle Wirkung ausüben können. Durch die -Nichtbeachtung eines biologischen Prinzipes von solcher Wichtigkeit -wie die Idioplasmalehre haben sich die ärztlichen Vertreter der -Organotherapie vielleicht manchen Heilerfolg verscherzt. - -Die Idioplasmalehre, die auch jenen Geweben und Zellen den spezifischen -Artcharakter zuschreibt, welche die reproduktive Fähigkeit verloren -haben, ist allerdings noch nicht allgemein anerkannt. Aber daß -zumindest in den Keimdrüsen die Arteigenschaften versammelt sind, wird -jedermann einsehen müssen, und damit auch zugeben, daß gerade bei -Präparaten aus den Keimdrüsen die möglichst geringe verwandtschaftliche -Entfernung erstes Postulat ist, sofern diese Methode mehr erstrebt, als -ein gutes Tonikum zu liefern. Parallelversuche zwischen Transplantation -von Keimdrüsen und Injektionen ihrer Extrakte, etwa ein Vergleich -zwischen dem Einfluß des ihm selbst oder einem nahe verwandten -Individuum entnommenen und auf einen Hahn irgendwo, z. B. in seinen -Peritonealraum transplantierten Hodens _mit_ dem Einfluß intravenöser -Injektionen von Testikularextrakt in einen anderen kastrierten Hahn, -wobei dieser Extrakt ebenfalls aus den Hoden verwandter Individuen -gewonnen sein müßte -- solche Parallelversuche wären hier vielleicht -mit Nutzen auszuführen. Sie könnten möglicherweise auch noch -lehrreiche Aufschlüsse bringen über die passendste Darstellung und -Menge der Organpräparate und der einzelnen Injektionen. Es wäre auch -_theoretisch_ eine Feststellung darüber erwünscht, ob die inneren -Keimdrüsensekrete mit Stoffen in der Zelle eine chemische Verbindung -eingehen, oder ob ihre Wirkung bloß eine katalytische, von der Menge -eigentlich doch unabhängige ist. Die letztere Annahme kann nach den -bisher vorliegenden Untersuchungen noch nicht ausgeschlossen werden. - -Die Grenzen des Einflusses der inneren Sekretion auf die Gestaltung -des definitiven geschlechtlichen Charakters waren zu ziehen, -um die gemachte Annahme einer originären, _im allgemeinen_ für -jede Zelle graduell verschiedenen, von Anfang an bestimmten -sexuellen Charakteristik gegen Einwände zu sichern.[7] Wenn diese -Charakteristiken auch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle für die -verschiedenen Zellen und Gewebe desselben Individuums nicht sonderlich -dem Grade nach verschieden sein dürften, so gibt es doch eklatante -Ausnahmen, die uns die Möglichkeit großer Amplituden vor Augen rücken. -Auch die einzelnen Eizellen und die einzelnen Spermatozoiden, nicht nur -verschiedener Organismen, auch in den Follikeln und in der Spermamasse -_eines_ Individuums, zur selben Zeit und mehr noch zu verschiedenen -Zeiten, werden Unterschiede in dem Grade ihrer Muliebrität und -Maskulität zeigen, z. B. die Samenfäden verschieden schlank, -verschieden schnell sein. Freilich sind wir über diese Unterschiede bis -jetzt sehr wenig unterrichtet, aber wohl nur, weil niemand bisher diese -Dinge in gleicher Absicht untersucht hat. - -Doch hat man -- und dies ist eben das Interessante -- in den Hoden von -Amphibien neben den normalen Entwicklungsstufen der Spermatogenese -regelrechte und wohlentwickelte _Eier_, nicht ein einziger einmal, -sondern verschiedene Beobachter zu öfteren Malen, gefunden. Diese -Deutung der Befunde wurde zwar bestritten und von einer Seite -nur die Existenz abnorm großer Zellen in den Samenkanälchen als -feststehend zugegeben, aber der Sachverhalt wurde später unzweifelhaft -festgestellt. Allerdings sind Zwitterbildungen gerade bei den -betreffenden Amphibien ungemein häufig; dennoch ist diese eine Tatsache -genug Beweis für die Notwendigkeit, mit der Annahme annähernder -Konformität des Arrhenoplasma oder Thelyplasma in _einem_ Körper -_vorsichtig_ zu sein. Es scheint entlegen und gehört doch ganz in die -gleiche Kategorie von Übereilung, wenn ein menschliches Individuum, -bloß weil es bei der Geburt ein, wenn auch noch so kurzes, etwa gar -epi- oder hypospadisches männliches Glied zeigt, ja selbst noch bei -doppelseitigem Kryptorchismus als »Knabe« bezeichnet und ohne weiters -als solcher angesehen wird, obwohl es in den übrigen Körperpartien, -z. B. cerebral, weit näher dem Thelyplasma als dem Arrhenoplasma steht. -Man wird es da wohl noch einmal zu lernen trachten müssen, selbst -feinere Abstufungen der Geschlechtlichkeit schon bei der Geburt zu -diagnostizieren. - -Als Resultat dieser längeren Induktionen und Deduktionen können wir -nun wohl die Sicherung der originären sexuellen Charakteristik, die a -priori nicht für alle Zellen auch desselben Körpers gleich oder auch -nur ungefähr gleich gesetzt werden darf, betrachten. Jede Zelle, jeder -Zellkomplex, jedes Organ hat einen bestimmten Index, der seine Stellung -zwischen Arrhenoplasma und Thelyplasma anzeigt. Im großen und ganzen -freilich wird _ein_ Index für den _ganzen_ Körper geringen Ansprüchen -an Exaktheit genügen. Wir würden indes verhängnisvolle Irrtümer im -Theoretischen, schwere Sünden im Praktischen auf uns laden, wenn wir -hier mit solcher inkorrekter Beschreibung auch im Einzelfalle ernstlich -alles getan zu haben glaubten. - -_Die verschiedenen Grade der ursprünglichen sexuellen Charakteristik -zusammen mit der_ (bei den einzelnen Individuen wahrscheinlich -qualitativ und quantitativ) _variierenden inneren Sekretion $bedingen$ -das Auftreten der sexuellen Zwischenformen_. - -Arrhenoplasma und Thelyplasma, in ihren unzähligen Abstufungen, sind -die _mikro_skopischen Agentien, die im Vereine mit der »inneren -Sekretion« jene _makro_skopischen Differenzen schaffen, von denen das -vorige Kapitel ausschließlich handelte. - -Unter Voraussetzung der Richtigkeit der bisherigen Darlegungen -ergibt sich die Notwendigkeit einer ganzen Reihe von anatomischen, -physiologischen, histologischen und histochemischen Untersuchungen -über die Unterschiede zwischen den _Typen_ M und W in Bau und -Funktion _aller_ einzelnen Organe, über die Art, wie Arrhenoplasma -und Thelyplasma sich in den verschiedenen Geweben und Organen -besonders differenzieren. Die Durchschnittskenntnisse, die wir bis -jetzt über all das haben, genügen selbst dem modernen Statistiker -kaum mehr. Wissenschaftlich ist ihr Wert ganz gering. Daß z. B. -alle Untersuchungen über sexuelle Unterschiede im Gehirn so wenig -Wertvolles zu Tage fördern konnten, dafür ist auch dies ein Grund, -daß man nicht den _typischen_ Verhältnissen nachgegangen ist, sondern -sich mit dem, was der Taufschein oder der oberflächlichste Aspekt der -Leiche über das Geschlecht sagte, zufrieden gab und so jeden Hans -und jede Grete als vollwertige Repräsentanten der Männlichkeit oder -Weiblichkeit gelten ließ. Man hätte, wenn man schon psychologischer -Daten nicht zu bedürfen glaubte, doch wenigstens, da Harmonie in der -sexuellen Charakteristik der verschiedenen Körperteile häufiger ist als -große Sprünge derselben zwischen den einzelnen Organen, sich einiger -Tatsachen bezüglich der übrigen Körperbeschaffenheit versichern sollen, -die für Männlichkeit und Weiblichkeit in Betracht kommen, wie der -Distanz der großen Trochanteren, der Spinae iliacae ant. sup. etc. etc. - -Dieselbe Fehlerquelle -- das unbedenkliche Passierenlassen sexueller -Zwischenstufen als maßgebender Individuen -- ist übrigens auch bei -anderen Untersuchungen nicht verstopft worden; und diese Sorglosigkeit -kann das Gewinnen haltbarer und beweisbarer Resultate auf lange Zeit -hintanhalten. Schon wer z. B. den Ursachen des _Knabenüberschusses bei -den Geburten_ nachspekuliert, dürfte diese Verhältnisse nicht ganz -außer Acht lassen. Namentlich wird sich aber ihre Nichtberücksichtigung -an jedermann rächen, der das _Problem der geschlechtsbestimmenden -Ursachen_ lösen zu wollen sich unterfängt. Bevor er nicht jedes zur -Welt gekommene Lebewesen, das ihm zum Objekt der Untersuchung wird, -auch auf seine Stellung zwischen M und W geprüft hat, wird man seinen -Hypothesen oder gar seinen Beeinflussungsmethoden zu trauen sich hüten -dürfen. Wenn er nämlich die sexuellen Zwischenstufen einerseits bloß in -der bisherigen äußerlichen Weise unter die männlichen oder unter die -weiblichen Geburten einreiht, so wird er Fälle _für_ sich in Anspruch -nehmen, die bei tieferer Betrachtung _gegen_ ihn zeugen würden, und -andere Fälle als Gegeninstanzen betrachten, die es tatsächlich nicht -sind: ohne den idealen Mann und das ideale Weib entbehrt er eben -eines festen Maßstabes, den er an die Wirklichkeit anlegen könnte, -und tappt im ungewissen, oberflächlichen Schein. _Maupas_ z. B., dem -die experimentelle Geschlechtsbestimmung bei Hydatina senta, einem -Rädertierchen, gelungen ist, hat noch immer 3-5% an abweichenden -Resultaten erzielt. Bei niedrigerer Temperatur wurde die Geburt von -Weibchen erwartet, und doch ergab sich dieser Satz von Männchen; -entsprechend kamen bei hoher Temperatur gegen die Regel etwa ebensoviel -Weibchen heraus. Es ist anzunehmen, daß dies sexuelle Zwischenstufen -waren, sehr arrhenoide Weibchen bei hoher, sehr thelyide Männchen bei -tiefer Temperatur. Wo das Problem viel komplizierter liegt, z. B. -beim Rinde, um vom Menschen zu schweigen, wird der Prozentsatz der -übereinstimmenden Resultate kaum je so groß sein wie hier und deshalb -die richtige Deutung durch von den sexuellen Zwischenstufen herrührende -Störungen viel schwerer beeinträchtigt werden. - -Wie Morphologie, Physiologie und Entwicklungsmechanik, so ist auch -eine vergleichende _Pathologie_ der sexuellen _Typen_ vorderhand ein -Desiderat. Freilich wird man hier wie dort aus der Statistik gewisse -Schlüsse ziehen dürfen. Wenn diese erweist, daß eine Krankheit beim -»weiblichen Geschlechte« sehr erheblich häufiger sich findet als beim -»männlichen«, so wird man hienach im allgemeinen die Annahme wagen -dürfen, sie sei eine dem Thelyplasma eigentümliche, »idiopathische« -Affektion. So dürfte z. B. Myxödem eine Krankheit von W sein; Hydrokele -ist naturgemäß eine Krankheit von M. - -Doch können selbst die am lautesten sprechenden Zahlen der Statistik -hier so lange vor theoretischen Irrtümern nicht mit Sicherheit -bewahren, als nicht von dem Charakter irgend eines Leidens gezeigt ist, -daß es in unauflöslicher, funktioneller Beziehung an die Männlichkeit -oder an die Weiblichkeit geknüpft ist. Die _Theorie_ der betreffenden -Krankheiten wird auch darüber Rechenschaft zu geben haben, _$warum$_ -sie »fast ausschließlich bei einem Geschlechte auftreten«, d. h. (in -der hier begründeten Fassung) warum sie entweder M oder W zugehören. - - - - -III. Kapitel. - -Gesetze der sexuellen Anziehung. - - _Carmen_: - - »L'amour est un oiseau rebelle, - Que nul ne peut apprivoiser: - Et c'est bien en vain qu'on l'appelle, - S'il lui convient de refuser. - Rien n'y fait; menace ou prière: - L'un parle, l'autre se tait; - Et c'est l'autre que je prefère; - Il n'a rien dit, mais il me plaît. - ............. - L'amour est enfant de Bohême - Il n'a jamais connu de loi.« - - $?$ - - -In den alten Begriffen ausgedrückt, besteht bei sämtlichen -geschlechtlich differenzierten Lebewesen eine auf Begattung gerichtete -Anziehung zwischen Männchen und Weibchen, Mann und Weib. Da Mann und -Weib aber nur Typen sind, die in der Realität nirgends rein sich -vertreten finden, so werden wir hievon nicht mehr so sprechen können, -daß die geschlechtliche Anziehung ein Masculinum schlechtweg und ein -Femininum schlechtweg einander zu nähern suche. Über die Tatsachen der -sexuellen Wirkungen muß aber auch die hier vertretene Theorie, wenn -sie vollständig sein soll, Rechenschaft geben können, ja es muß auch -ihr Erscheinungsgebiet sich mit den neuen Mitteln besser darstellen -lassen als mit den bisherigen, wenn jene vor diesen ihren Vorzug -behaupten sollen. Wirklich hat mich die Erkenntnis, daß M und W in -allen _verschiedenen_ Verhältnissen sich auf die Lebewesen _verteilen_, -zur Entdeckung eines ungekannten, bloß von einem Philosophen einmal -geahnten _Naturgesetzes_ geführt, eines _Gesetzes der sexuellen -Anziehung_. Beobachtungen des Menschen ließen es mich gewinnen, und ich -will daher von diesem hier ausgehen. - -Jeder Mensch hat, was das andere Geschlecht anlangt, einen bestimmten, -ihm eigentümlichen »Geschmack«. Wenn wir etwa die Bildnisse der -Frauen vergleichen, die irgend ein berühmter Mann der Geschichte -nachweislich geliebt hat, so finden wir fast immer, daß alle eine -beinahe durchgängige Übereinstimmung aufweisen, die äußerlich am -ehesten hervortreten wird in ihrer _Gestalt_ (im engeren Sinne des -_Wuchses_) oder in ihrem _Gesichte_, aber sich bei näherem Zusehen bis -in die kleinsten Züge -- ad unguem, bis auf die Nägel der Finger -- -erstrecken wird. Ganz ebenso verhält es sich aber auch sonst. Daher die -Erscheinung, daß jedes Mädchen, von welchem eine starke Anziehung auf -den Mann ausgeht, auch sofort die Erinnerung an jene Mädchen wachruft, -die schon früher ähnlich auf ihn gewirkt haben. Jeder hat ferner -zahlreiche Bekannte, deren Geschmack, das andere Geschlecht betreffend, -ihm schon den Ausruf abgenötigt hat: »Wie einem die gefallen kann, -verstehe ich nicht!« Eine Menge Tatsachen, welche den bestimmten -besonderen Geschmack jedes Einzelwesens auch für die Tiere außer allen -Zweifel setzen, hat _Darwin_ gesammelt (in seiner »Abstammung des -Menschen«). Daß Analoga zu dieser Tatsache des bestimmten Geschmackes -aber selbst bei den Pflanzen sich deutlich ausgeprägt finden, wird bald -besprochen werden. - -Die sexuelle Anziehung ist fast ausnahmslos nicht anders als bei der -Gravitation eine gegenseitige; wo diese Regel Ausnahmen zu erleiden -scheint, lassen sich beinahe immer differenziertere Momente nachweisen, -welche es zu verhindern wissen, daß dem _unmittelbaren_ Geschmacke, -der fast stets ein wechselseitiger ist, Folge gegeben werde; oder -ein Begehren erzeugen, wenn dieser unmittelbare erste Eindruck nicht -dagewesen ist. - -Auch der Sprachgebrauch redet vom »Kommen des Richtigen«, vom -»Nichtzueinanderpassen« zweier Leute. Er beweist so eine gewisse -dunkle Ahnung der _Tatsache, daß in jedem Menschen gewisse -Eigenschaften liegen, die es nicht ganz gleichgültig erscheinen lassen, -$welches$ Individuum des anderen Geschlechtes mit ihm eine sexuelle -Vereinigung einzugehen geeignet ist; daß nicht jeder »Mann« für jeden -anderen »Mann«, nicht jedes »Weib« für jedes andere »Weib«, ohne daß es -einen Unterschied macht, eintreten kann_. - -Jedermann weiß ferner aus eigener Erfahrung, daß gewisse Personen des -anderen Geschlechtes auf ihn sogar eine direkt _abstoßende_ Wirkung -ausüben können, andere ihn kalt lassen, noch andere ihn reizen, bis -endlich (vielleicht nicht immer) ein Individuum erscheint, mit dem -vereinigt zu sein in dem Maße sein Verlangen wird, daß die ganze -Welt _daneben_ für ihn eventuell wertlos wird und verschwindet. -Welches Individuum ist das? Welche Eigenschaften muß es besitzen? -Hat wirklich -- und es ist so -- jeder Typus unter den Männern einen -ihm entsprechenden Typus unter den Weibern zum Korrelate, der auf -ihn sexuell wirkt, und umgekehrt, so scheint zumindest hier ein -gewisses Gesetz zu walten. Was ist das für ein Gesetz? Wie lautet -es? »Gegensätze ziehen sich an«, so hörte ich es formulieren, als -ich, bereits im Besitze der eigenen Antwort auf meine Frage, bei -verschiedenen Menschen hartnäckig auf das Aussprechen eines solchen -drang und ihrer Abstraktionskraft durch Beispiele zu Hilfe kam. Auch -dies ist in gewissem Sinne und für einen kleineren Teil der Fälle -zuzugeben. Aber es ist doch zu allgemein, zerfließt unter den Händen, -die Anschauliches erfassen wollen, und läßt keinerlei mathematische -Formulierung zu. - -Diese Schrift nun vermißt sich nicht, _sämtliche_ Gesetze der sexuellen -Anziehung -- es gibt ihrer nämlich mehrere -- aufdecken zu wollen, und -erhebt somit keineswegs den Anspruch, jedem Individuum bereits sichere -Auskunft über dasjenige Individuum des anderen Geschlechtes geben zu -können, das seinem Geschmack am besten entsprechen werde, wie dies eine -vollständige Kenntnis der in Betracht kommenden Gesetze allerdings -ermöglichen würde. Nur ein einziges von diesen Gesetzen soll in diesem -Kapitel besprochen werden, da es in organischem Zusammenhange mit -den übrigen Erörterungen des Buches steht. Einer Anzahl weiterer -Gesetze bin ich auf der Spur, doch war dieses das erste, auf das ich -aufmerksam wurde, und das, was ich darüber zu sagen habe, ist relativ -am fertigsten. Die Unvollkommenheiten im Beweismaterial möge man -in Erwägung der Neuheit und Schwierigkeit der Sache mit Nachsicht -beurteilen. - -Die Tatsachen, aus denen ich dieses Gesetz der sexuellen Affinität -ursprünglich gewonnen, und die große Anzahl jener, die es mir bestätigt -haben, hier anzuführen, ist jedoch glücklicherweise in gewissem -Sinne überflüssig. Ein jeder ist gebeten, es zunächst an sich selbst -zu prüfen, und dann Umschau zu halten im Kreise seiner Bekannten; -besonders empfehle ich eben jene Fälle der Erinnerung und Beachtung, -wo er ihren Geschmack nicht verstanden oder ihnen gar einmal allen -»Geschmack« abgesprochen hat, oder wo ihm dasselbe von ihrer Seite -widerfahren ist. Jenes Mindestmaß von Kenntnis der äußeren Formen des -menschlichen Körpers, welches zu dieser Kontrolle nötig ist, besitzt -jeder Mensch. - -Auch ich bin zu dem Gesetze, das ich nun formulieren will, auf eben dem -Wege gelangt, auf welchen ich hier zunächst habe verweisen müssen. - -Das Gesetz lautet: »_Zur sexuellen Vereinigung trachten immer ein -$ganzer$ Mann (M) und ein $ganzes$ Weib (W) zusammen zu kommen, $wenn -auch auf die zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in -verschiedenem Verhältnisse verteilt.$_« - -Anders ausgedrückt: Wenn m_{μ} das Männliche, w_{μ} das Weibliche -ist in irgend einem von der gewöhnlichen Auffassung einfach als -»Mann« bezeichneten Individuum μ und w_{ω} das Weibliche, m_{ω} das -Männliche dem Grade nach ausdrückt in irgend einer sonst oberflächlich -schlechtweg als »Weib« gekennzeichneten Person ω, so ist bei jeder -_vollkommenen Affinität_, d. h. im Falle der _stärksten_ sexuellen -Attraktion: - - (Ia) m_{μ} + m_{ω} = C(onstans)_{1} = M = dem idealen Manne - -und darum natürlich gleichzeitig auch - - (Ib) w_{μ} + w_{ω} = C_{2} = W = dem idealen Weibe. - -Man mißverstehe diese Formulierung nicht. Es ist _ein_ Fall, _eine -einzige_ sexuelle Relation, für die beide Formeln Geltung haben, von -denen aber die zweite aus der ersten unmittelbar folgt und nichts Neues -zu ihr hinzufügt; denn wir operieren ja unter der Voraussetzung, daß -jedes Individuum so viel Weibliches hat, als ihm Männliches gebricht. -Ist es _ganz_ männlich, so wird es ein _ganz_ weibliches Gegenglied -verlangen; ist es ganz weiblich, ein ganz männliches. Ist in ihm aber -ein bestimmter größerer Bruchteil vom Manne _und_ ein keineswegs -zu vernachlässigender anderer Bruchteil vom Weibe, so wird es zur -Ergänzung ein Individuum fordern, das seinen Bruchteil an Männlichkeit -zum Ganzen, zur Einheit komplettiert; damit wird aber _zugleich_ auch -sein weiblicher Anteil in ebensolcher Weise vervollständigt. Es habe -z. B. ein Individuum - - { ¾ M, - μ { _also_ - { ¼ W. - -Dann wird sein bestes sexuelles Komplement nach diesem Gesetze jenes -Individuum ω sein, welches sexuell folgendermaßen zu definieren ist: - - { ¼ M, - ω { _also_ - { ¾ W. - -Man erkennt bereits in dieser Fassung den Wert größerer Allgemeinheit -vor der gewöhnlichen Anschauung. Daß Mann und Weib, als sexuelle Typen, -einander anziehen, ist hierin eben nur als _Spezialfall_ enthalten, als -jener Fall, in welchem ein imaginäres Individuum - - X { 1 . M - { 0 . W - -sein Komplement in einem ebenso imaginären - - Y { 0 . M - { 1 . W - -findet. - -Niemand wird zögern, die Tatsache des bestimmten sexuellen -Geschmackes zuzugeben; damit ist aber auch die Berechtigung der -Frage nach den _Gesetzen_ dieses Geschmackes anerkannt, nach dem -Funktionalzusammenhang, in welchem die sexuelle Vorliebe mit den -übrigen körperlichen und psychischen Qualitäten eines Wesens steht. -Das Gesetz, welches hier aufgestellt wurde, hat von vornherein nicht -das geringste _Un_wahrscheinliche an sich: es steht ihm weder in der -gewöhnlichen noch in der wissenschaftlich geeichten Erfahrung das -geringste _entgegen_. Aber es ist an und für sich auch gewiß nicht -»selbstverständlich«. Es könnte ja -- _denkbar_ wäre es, da das Gesetz -selbst bis jetzt nicht weiter ableitbar ist -- auch lauten: m_{μ} - -m{ω} = Const., d. h. die _Differenz_ im Gehalte an M eine konstante -Größe sein, nicht die Summe, also der männlichste Mann von _seinem_ -Komplemente, welches dann gerade in der Mitte zwischen M und W läge, -ebensoweit entfernt stehen wie der weiblichste Mann von dem seinen, -das wir in diesem Falle in der extremen Weiblichkeit zu erblicken -hätten. _Denkbar_ wäre das, wie gesagt, doch ist es darum nicht in der -Realität verwirklicht. Folgen wir also, in der Erkenntnis, daß wir ein -empirisches Gesetz vor uns haben, dem wissenschaftlichen Gebote der -Bescheidung, so werden wir vorderhand nicht von einer »Kraft« sprechen, -welche die zwei Individuen wie zwei Hampelmännchen gegeneinander laufen -läßt, sondern in dem Gesetze nur den Ausdruck eines Verhältnisses -erblicken, das in jeder stärksten sexuellen Anziehung in ganz gleicher -Weise zu konstatieren ist; es kann nur eine »Invariante« (_Ostwald_), -eine »Multiponible« (_Avenarius_) aufzeigen, und das ist in diesem -Falle die stets gleich bleibende Summe des Männlichen wie die des -Weiblichen in den beiden einander mit größter Stärke anziehenden -Lebewesen. - -Vom »ästhetischen«, vom »Schönheits«-Moment muß _hier_ ganz abgesehen -werden. Denn wie oft kommt es vor, daß der eine von einer bestimmten -Frau ganz entzückt ist, ganz außer sich über deren »außerordentliche«, -»berückende« Schönheit, und der andere »gern wissen möchte«, was an -der Betreffenden »denn nur gefunden werden könne«, da sie eben nicht -auch _sein_ sexuelles Komplement ist. Ohne hier den Standpunkt irgend -einer normativen Ästhetik einnehmen oder für einen Relativismus der -Wertungen Beispiele sammeln zu wollen, kann man es aussprechen, daß -sicherlich nicht nur vom rein ästhetischen Standpunkte _Indifferentes_, -sondern selbst _Unschönes_ vom verliebten Menschen schön gefunden wird, -wobei unter »rein-ästhetisch« nicht ein Absolut-Schönes, sondern nur -_das Schöne_, d. h. das nach Abzug aller »sexuellen Apperzeptionen« -_ästhetisch Gefallende_ verstanden werden soll. - -Das Gesetz selbst habe ich in mehreren hundert Fällen (um die -niederste Zahl zu nennen) bestätigt gefunden, und alle Ausnahmen -erwiesen sich als scheinbare. Fast ein jedes Liebespaar, dem man auf -der Straße begegnet, liefert eine neue Bestätigung. Die Ausnahmen -waren insoferne lehrreich, als sie die Spur der anderen Gesetze -der Sexualität verstärkten und zu deren Erforschung aufforderten. -Übrigens habe ich auch selbst eine Anzahl von Versuchen in folgender -Weise angestellt, daß ich mit einer Kollektion von Photographien -rein-ästhetisch untadeliger Frauen, deren jede einem bestimmten Gehalte -an W entsprach, eine Enquête veranstaltete, indem ich sie einer Reihe -von Bekannten, »zur Auswahl der Schönsten«, wie ich hinterlistig sagte, -vorlegte. Die Antwort, die ich bekam, war regelmäßig dieselbe, die -ich im voraus erwartete. Von anderen, die bereits wußten, worum es -sich handelte, habe ich mich in der Weise prüfen lassen, daß sie mir -Bilder vorlegten, und ich aus diesen die für sie Schönste herausfinden -mußte. Dies ist mir immer gelungen. Anderen habe ich, ohne daß sie mir -vorher unfreiwillige Stichproben davon geliefert hatten, ihr Ideal -vom anderen Geschlechte zuweilen mit annähernder Vollständigkeit -beschreiben können, jedenfalls oft viel genauer, als sie selbst es -anzugeben vermochten; manchmal wurden sie jedoch auch auf das, was -ihnen _miß_fiel -- was die Menschen im allgemeinen viel eher kennen als -das, was ihnen gefällt -- erst aufmerksam, als ich es ihnen sagte. - -Ich glaube, daß der Leser bei einiger Übung es bald zu der gleichen -Fertigkeit wird bringen können, die einige Bekannte aus einem engeren -wissenschaftlichen Freundeskreis, von den hier vertretenen Ideen -angeregt, bereits erlangt haben. Freilich wäre hiezu eine Erkenntnis -der anderen Gesetze der sexuellen Anziehung sehr erwünscht. Als Proben -auf das Verhältnis wirklicher komplementärer Ergänzung ließen sich -eine Menge spezieller Konstanten namhaft machen. Man könnte z. B. auf -den Gedanken geraten, die Summe der Haarlängen zweier Verliebter sei -immer gleich groß. Doch wird dies schon aus den im zweiten Kapitel -erörterten Gründen nicht immer zutreffen, indem nicht alle Organe eines -und desselben Wesens gleich männlich oder gleich weiblich sind. Überdem -würden solche heuristische Regeln bald sich vermehren und dann schnell -zu der Kategorie der schlechten Witze herabsinken, weshalb ich hier von -ihrer Anführung lieber absehen mag. - -Ich verhehle mir nicht, daß die Art, wie dieses Gesetz hier eingeführt -wurde, etwas Dogmatisches hat, das ihm bei dem Mangel einer exakten -Begründung um so schlechter ansteht. Mir konnte aber auch hier -weniger daran liegen, mit fertigen Ergebnissen hervorzutreten, als -zur Gewinnung solcher anzuregen, nachdem die Mittel, die mir zur -genauen Überprüfung jener Sätze nach naturwissenschaftlicher Methode -zur Verfügung standen, äußerst beschränkte waren. Wenn also auch im -einzelnen vieles hypothetisch bleibt, so hoffe ich doch im folgenden -mit Hinweisen auf merkwürdige Analogien, die bisher keine Beachtung -gefunden haben, die einzelnen Balken des Gebäudes noch durcheinander -stützen zu können: einer »rückwirkenden Verfestigung« vermögen -vielleicht selbst die Prinzipien der analytischen Mechanik nicht zu -entbehren. - -Eine höchst auffällige Bestätigung erfährt das aufgestellte Gesetz -zunächst durch eine Gruppe von Tatsachen aus dem Pflanzenreiche, -die man bisher in völliger Isolation betrachtet hat und denen -demgemäß der Charakter der Seltsamkeit in hohem Grade anzuhaften -schien. Wie jeder Botaniker sofort erraten haben wird, meine ich -die von _Persoon_ entdeckte, von _Darwin_ zuerst beschriebene, -von _Hildebrand_ benannte Erscheinung der _Ungleichgriffeligkeit_ -oder _Heterostylie_. Sie besteht in folgendem: Viele dikotyle (und -eine einzige monokotyle) Pflanzenspezies, z. B. Primulaceen und -Geraniaceen, besonders aber viele Rubiaceen, lauter Pflanzen, auf -deren Blüte sowohl Pollen als Narbe funktionsfähig sind, aber nur -für Produkte fremder Blüten, die also in morphologischer Beziehung -androgyn, in physiologischer Hinsicht jedoch diözisch erscheinen -- -diese alle haben die Eigentümlichkeit, _ihre Narben und Staubbeutel -auf verschiedenen Individuen zu verschiedener Höhe zu entwickeln_. Das -eine Exemplar bildet ausschließlich Blüten mit langem Griffel, daher -hochstehender Narbe und niedrigen Antheren (Staubbeuteln): es ist -nach meiner Auffassung das weiblichere. Das andere Exemplar hingegen -bringt nur Blüten hervor mit tiefstehender Narbe und hochstehenden -Antheren (weil langen Staubfäden): das männlichere. Neben diesen -»dimorphen« Arten gibt es aber auch »trimorphe«, wie Lythrum salicaria, -mit dreierlei Längenverhältnissen der Geschlechtsorgane: außer der -Blütenform mit langgriffeligen und der mit kurzgriffeligen findet -sich hier noch eine mit »mesostylen« Blüten, d. i. mittellangen -Griffeln. Obwohl nur dimorphe und trimorphe Heterostylie den Weg in die -Kompendien gefunden haben, ist auch damit die Mannigfaltigkeit nicht -erschöpft. _Darwin_ deutet an, daß, »wenn kleinere Verschiedenheiten -berücksichtigt werden, _fünf_ verschiedene Sitze von männlichen Organen -zu unterscheiden seien«. Es besteht also auch die hier unleugbar -vorkommende _Dis_kontinuität, die Trennung der verschiedenen Grade von -Maskulität und Muliebrität in verschiedene Stockwerke nicht _allgemein_ -zu Recht, auch in diesem Falle haben wir hie und da _kontinuierlichere -sexuelle Zwischenformen_ vor uns. Anderseits ist auch dieses -diskrete Fächerwerk nicht ohne frappante Analogien im Tierreich, wo -die betreffenden Erscheinungen als ebenso vereinzelt und wunderbar -angesehen wurden, weil man sich der Heterostylie gar nicht _entsann_. -Bei mehreren Insektengattungen, nämlich bei Forficuliden (Ohrwürmern) -und Lamellicornien (und zwar bei Lucanus cervus, dem Hirschkäfer, -bei Dynastes hercules und Xylotrupes gideon) gibt es _einerseits_ -viele Männchen, welche den sekundären Geschlechtscharakter, der sie -von den Weibchen am sichtbarsten scheidet, die Fühlhörner zu sehr -großer Länge entwickeln; die _andere_ Hauptgruppe der Männchen hat nur -relativ wenig entwickelte Hörner. _Bateson_, von dem die ausführlichere -Beschreibung dieser Verhältnisse herrührt, unterscheidet darum unter -ihnen »high males« und »low males«. Zwar sind diese beiden Typen durch -kontinuierliche Übergänge miteinander verbunden, aber die zwischen -ihnen vermittelnden Stufen sind selten, die meisten Exemplare stehen -an der einen oder der anderen Grenze. Leider ist es _Bateson_ nicht -darum zu tun gewesen, die sexuellen Beziehungen dieser beiden Gruppen -zu den Weibchen zu erforschen, da er die Fälle nur als Beispiele -diskontinuierlicher Variation anführt; und so ist nicht bekannt, ob -es zwei Gruppen auch unter den Weibchen der betreffenden Arten gibt, -die eine verschiedene sexuelle Affinität zu den verschiedenen Formen -der Männchen besitzen. Darum lassen sich auch diese Beobachtungen -nur als eine morphologische Parallele zur Heterostylie, nicht als -physiologische Instanzen für das Gesetz der sexuellen Anziehung -verwenden, _für das die Heterostylie in der Tat sich verwerten läßt_. - -Denn in den heterostylen Pflanzen liegt vielleicht eine völlige -Bestätigung der Ansicht von der allgemeinen Gültigkeit jener Formel -innerhalb aller Lebewesen vor. Es ist von _Darwin_ nachgewiesen und -seither von vielen Beobachtern in gleicher Weise konstatiert worden, -daß bei den heterostylen Pflanzen Befruchtung fast nur dann Aussicht -auf guten Erfolg hat, ja oft nur in dem Falle möglich ist, wenn der -_Pollen der makrostylen Blüte_, d. i. derjenige von den niedrigeren -Antheren, auf die _mikrostyle Narbe_ eines anderen Individuums, -welches sodann lange Staubfäden hat, übertragen wird, oder der aus -hochstehenden Staubbeuteln stammende _Pollen einer mikrostylen Blüte_ -auf die makrostyle Narbe einer anderen Pflanze (mit kurzen Filamenten). -So lang also in der einen Blüte der Griffel, d. h. so gut weiblich in -ihr das weibliche Organ entwickelt ist, so lang muß in der anderen, -von der sie mit Erfolg empfangen soll, das männliche, der Staubfaden -sein, und umso kürzer in der letzteren der Griffel, dessen Länge den -Grad der Weiblichkeit mißt. Wo dreierlei Griffellängen vorhanden sind, -da fällt die Befruchtung nach derselben erweiterten Regel am besten -aus, wenn der Pollen auf diejenige Narbe übertragen wird, die auf einer -anderen Blüte in derselben Höhe steht wie der Staubbeutel, aus welchem -der Pollen stammt. Wird dies nicht eingehalten, sondern etwa künstliche -Befruchtung mit nicht-adäquatem Pollen herbeigeführt, so entstehen, -wenn diese Prozedur überhaupt von Erfolg begleitet ist, fast immer -nur kränkliche und kümmerliche, zwerghafte und durchaus unfruchtbare -Sprößlinge, die den Hybriden aus verschiedenen Spezies äußerst ähneln. - -Den Autoren, welche die Heterostylie besprochen haben, merkt man -es insgesamt an, daß sie mit der gewöhnlichen Erklärung dieses -verschiedenartigen Verhaltens bei der Befruchtung nicht zufrieden sind. -Diese besagt nämlich, daß die Insekten beim Blütenbesuch gleich hoch -gestellte Sexualorgane mit der gleichen Körperstelle berühren und so -den merkwürdigen Effekt herbeiführen. _Darwin_ gesteht jedoch selbst, -daß die Bienen alle Arten von Pollen an jeder Körperstelle mit sich -tragen; es bleibt also das _elektive_ Verfahren der weiblichen Organe -bei Bestäubung mit doppelt und dreifach verschiedenen Pollen nach wie -vor aufzuhellen. Auch scheint jene Begründung, so ansprechend und -zauberkräftig sie sich ausnimmt, doch etwas oberflächlich, wenn eben -mit ihr verständlich gemacht werden soll, warum künstlicher Bestäubung -mit inadäquatem Pollen, sogenannter »_illegitimer Befruchtung_«, so -schlechter Erfolg beschieden ist. Jene ausschließliche Berührung mit -»legitimem« Pollen müßte dann die Narben _durch Gewöhnung_ nur für den -Blütenstaub dieser einen Provenienz aufnahmsfähig haben werden lassen; -aber es konnte soeben _Darwin_ selbst als Zeuge dafür einvernommen -werden, daß diese Unberührtheit durch anderen Pollen vollkommen -illusorisch ist, indem die Insekten, welche als Ehevermittler hiebei in -Anspruch genommen werden, tatsächlich viel eher eine _unterschiedslose -Kreuzung_ begünstigen. - -Es scheint also die Hypothese viel plausibler, daß der Grund dieses -eigentümlich auswählenden Verhaltens ein anderer, tieferer, in den -Blüten selbst ursprünglich gelegener ist. Es dürfte sich hier wie -beim Menschen darum handeln, daß die sexuelle Anziehung zwischen jenen -Individuen am größten ist, _deren eines ebensoviel von M besitzt wie -das andere von W_, was ja wieder nur ein anderer Ausdruck der obigen -Formel ist. Die Wahrscheinlichkeit dieser Deutung wird ungemein -erhöht dadurch, daß in der männlicheren, kurzgriffeligen Blüte die -Pollenkörner in den hier höher stehenden Staubbeuteln auch stets -größer, die Narbenpapillen kleiner sind als die homologen Teile in -der langgriffeligen weiblicheren. Man sieht hieraus, daß es sich -kaum um etwas anderes handeln kann als um verschiedene Grade der -Männlichkeit und Weiblichkeit. Und unter dieser Voraussetzung erfährt -hier das aufgestellte Gesetz der sexuellen Affinität eine glänzende -Verifikation, indem eben im Tier- und im Pflanzenreiche -- an späterem -Orte wird hierauf zurückzukommen sein -- Befruchtung _stets dort_ den -besten Erfolg aufweist, _wo die Eltern die größte sexuelle Affinität -zueinander gehabt haben_.[8] - -Daß im _Tierreich_ das Gesetz in voller Geltung besteht, wird -erst bei der Besprechung des »konträren Sexualtriebes« zu großer -Wahrscheinlichkeit erhoben werden können. Einstweilen möchte ich hier -nur darauf aufmerksam machen, wie interessant Untersuchungen darüber -wären, ob nicht auch die größeren, schwerer beweglichen Eizellen die -flinkeren und schlankeren unter den Spermatozoiden stärker anziehen -als die kleineren, dotterreichen und zugleich weniger trägen Eier, und -diese nicht gerade die langsameren, voluminöseren unter den Zoospermien -an sich locken. Vielleicht ergibt sich hier wirklich, wie L. _Weill_ -in einer kleinen Spekulation über die geschlechtsbestimmenden Faktoren -vermutet hat, eine Korrelation zwischen den Bewegungsgrößen oder den -kinetischen Energien der beiden Konjugationszellen. Es ist ja noch -nicht einmal festgestellt -- freilich auch sehr schwierig festzustellen --- ob die beiden Generationszellen, nach Abzug der Reibung und -Strömung im flüssigen Medium, eine Beschleunigung gegeneinander -aufweisen oder sich mit gleichförmiger Geschwindigkeit bewegen würden. -So viel und noch einiges mehr könnte man da fragen. - -Wie schon mehrfach hervorgehoben wurde, ist das bisher besprochene -Gesetz der sexuellen Anziehung beim Menschen (und wohl auch bei den -Tieren) nicht das einzige. Wäre es das, so müßte es ganz unbegreiflich -scheinen, daß es nicht schon längst gefunden wurde. Gerade weil sehr -viele Faktoren mitspielen, weil noch eine, vielleicht beträchtliche, -Anzahl anderer Gesetze erfüllt sein muß[9], darum sind Fälle von -_unaufhaltsamer_ sexueller Anziehung so _selten_. Da die bezüglichen -Forschungen noch nicht abgeschlossen sind, will ich von jenen Gesetzen -hier nicht sprechen und bloß der Illustration halber noch auf einen -weiteren, mathematisch wohl nicht leicht faßbaren der in Betracht -kommenden Faktoren hinweisen. - -Die Erscheinungen, auf die ich anspiele, sind im einzelnen ziemlich -allgemein bekannt. Ganz jung, noch nicht 20 Jahre alt, wird man meist -durch ältere Frauen (von über 35 Jahren) angezogen, während man -mit zunehmendem Alter immer jüngere liebt; ebenso ziehen aber auch -(Gegenseitigkeit!) die ganz jungen Mädchen, der »Backfisch«, ältere -Männer oft jüngeren vor, um später wieder mit ganz jungen Bürschlein -nicht selten die Ehe zu brechen. Das ganze Phänomen dürfte viel tiefer -wurzeln, als es nach der anekdotenhaften Art aussehen möchte, in der -man meist von ihm Notiz nimmt. - -Trotz der notwendigen Beschränkung dieser Arbeit auf das eine Gesetz -wird es im Interesse der Korrektheit liegen, wenn nun eine bessere -mathematische Formulierung, die keine unwahre Einfachheit vortäuscht, -versucht wird. Auch ohne alle mitspielenden Faktoren und in Frage -kommenden anderen Gesetze als selbständige Größen einzuführen, -erreichen wir diese äußerliche Genauigkeit durch Hinzufügung eines -Proportionalitätsfaktors. - -Die erste Formel war mir eine »ökonomische« Zusammenfassung des -_Gleichförmigen_ aller Fälle sexueller Anziehung von _idealer_ Stärke, -soweit das geschlechtliche Verhältnis durch das Gesetz überhaupt -bestimmt wird. Nun wollen wir einen Ausdruck herschreiben für die -_Stärke der sexuellen Affinität_ in jedem denkbaren Falle, einen -Ausdruck übrigens, der, seiner unbestimmten Form wegen, _zugleich die -allgemeinste Beschreibung des Verhältnisses zweier Lebewesen überhaupt, -selbst von verschiedener Art und von gleichem Geschlechte_, abgeben -könnte. - -Wenn - - { α M { β W - X { und Y { - { α' W { β' M - -wobei wieder - - α - 0 < β < 1 - α' - β' - -irgend zwei beliebige Lebewesen sexuell definieren, so ist die Stärke -der Anziehung zwischen beiden - - A = k/(α - β) . f(t) (II) - -worin f(t) irgend eine empirische oder analytische Funktion der -Zeit bedeutet, während welcher es den Individuen möglich ist, -aufeinander zu wirken, der »_Reaktionszeit_«, wie wir sie nennen -könnten; indes k jener Proportionalitätsfaktor ist, in den wir -alle bekannten und unbekannten Gesetze der sexuellen Affinität -hineinstecken, und der außerdem noch von dem Grade der Art-, Rassen- -und Familienverwandtschaft, sowie von Gesundheit und dem Mangel an -Deformationen in beiden Individuen abhängt, schließlich mit ihrer -größeren räumlichen Entfernung voneinander kleiner wird, der also noch -in jedem Falle besonders festzustellen ist. - -Wird in dieser Formel α = β, so wird A = ∞; das ist der extremste -Fall: es ist die sexuelle Anziehung als Elementargewalt, wie sie -mit unheimlicher Meisterschaft in der Novelle »Im Postwagen« von -_Lynkeus_ geschildert ist. Die sexuelle Anziehung ist etwas genau so -Naturgesetzliches wie das Wachstum der Wurzel gegen den Erdmittelpunkt, -die Wanderung der Bakterien zum Sauerstoff am Rande des Objektträgers; -man wird sich an eine solche Auffassung der Sache freilich erst -gewöhnen müssen. Ich komme übrigens gleich auf diesen Punkt zurück. - -Erreicht α - β seinen Maximalwert - - lim (α - β) = Max. = 1, - -so wird lim A = k . f(t). Es ergeben sich also hier als ein bestimmter -_Grenzfall_ alle sympathischen und antipathischen Beziehungen zwischen -Menschen überhaupt (die aber mit den _sozialen_ Beziehungen im engsten -Sinne, als konstituierend für gesellschaftliche Rechtsordnung, -nichts zu tun haben), soweit sie nicht durch _unser_ Gesetz der -sexuellen Affinität geregelt sind. Indem k mit der Stärke der -verwandtschaftlichen Beziehungen im allgemeinen wächst, hat A unter -Volksgenossen z. B. einen größeren Wert als unter Fremdnationalen. -Wie f(t) hier seinen guten Sinn behält, kann man am Verhältnis zweier -zusammenlebender Haustiere von ungleicher Spezies sehr wohl beobachten: -die erste Regung ist oft erbitterte Feindschaft, oft Furcht vor -einander (A bekommt ein _negatives_ Vorzeichen), später tritt oft ein -freundschaftliches Verhältnis an deren Stelle, sie suchen einander auf. - -Setze ich ferner in - - A = (k . f(t))/(α - β) k = 0, - -so wird A = 0, d. h. zwischen zwei lebenden Individuen von allzu -verschiedener Abstammung findet auch keinerlei merkliche Anziehung mehr -statt. - -Da der Sodomieparagraph in den Strafgesetzbüchern nicht für nichts und -wieder nichts enthalten sein dürfte, da sexuelle Akte sogar zwischen -Mensch und Henne schon zur Beobachtung gelangt sind, sieht man, daß -k innerhalb sehr _weiter_ Grenzen größer als Null bleibt. Wir dürfen -also die beiden fraglichen Individuen nicht auf dieselbe Art, ja nicht -einmal auf die gleiche Klasse beschränken. - -Daß alles Zusammentreffen männlicher und weiblicher Organismen nicht -Zufallssache ist, sondern unter der Herrschaft bestimmter Gesetze -steht, ist eine neue Anschauung, und das Befremdliche in ihr -- es -wurde vorhin daran gerührt -- zwingt zu einer Erörterung der tiefen -Frage nach der geheimnisvollen Natur dieser sexuellen Anziehung. - -Bekannte Versuche von Wilhelm _Pfeffer_ haben gezeigt, daß die -Spermatozoiden verschiedener Kryptogamen nicht bloß durch die -weiblichen Archegonien in natura, sondern ebenso durch Stoffe angezogen -werden, die entweder von diesen auch unter gewöhnlichen Verhältnissen -wirklich ausgeschieden werden, oder künstlich hergestellt sind, und -oft sogar durch solche Stoffe, die mit den Samenfäden sonst nie in -Berührung zu treten Gelegenheit hätten, wenn nicht die eigentümliche -Versuchsanlage dies vermittelte, weil sie in der Natur gar nicht -vorkommen. So werden die Spermatozoiden der Farne durch die aus den -Archegonien ausgeschiedene Äpfelsäure, aber auch durch synthetisch -dargestellte Äpfelsäure, ja sogar durch Maleinsäure, die der Laubmoose -durch Rohrzucker angezogen. Das Spermatozoon, das, wir wissen nicht -wie, durch Unterschiede in der Konzentration der Lösung beeinflußt -wird, bewegt sich nach der Richtung der stärkeren Konzentration hin. -_Pfeffer_ hat diese Bewegungen _chemotaktische_ genannt und für jene -ganzen Erscheinungen wie für andere Fälle asexueller Reizbewegungen den -Begriff des _Chemotropismus_ geschaffen. Vieles spräche nun dafür, daß -die Anziehung, welche das Weibchen, beim Tiere vom Männchen durch die -Sinnesorgane aus der Ferne perzipiert, auf das Männchen ausübt (und -vice versa), als eine der chemotaktischen in gewissen Punkten analoge -zu betrachten sei. - -Sehr wahrscheinlich ist ein Chemotropismus die Ursache jener -energischen und hartnäckigen Bewegung, welche die Samenfäden auch -der Säugetiere, _entgegen_ der Richtung der von innen nach außen, -vom Körper gegen den Hals der Gebärmutter zu flimmernden Wimpern der -Uterusschleimhaut, ganze Tage hindurch ohne jede äußere Unterstützung -selbständig verfolgen. Mit unglaublicher, fast rätselhafter Sicherheit -weiß allen mechanischen und sonstigen Hindernissen zum Trotz das -Spermatozoon die Eizelle aufzufinden. Am eigentümlichsten berühren -in dieser Hinsicht die ungeheuren Wanderungen so mancher Fische; die -Lachse wandern viele Monate lang, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, aus -dem Meere gegen die Wogen des Rheins stromaufwärts, um nahe seinem -Ursprung an sicherer, nahrungsreicher Stätte zu laichen. - -Anderseits sei an die hübsche Schilderung erinnert, die P. _Falkenberg_ -von dem Befruchtungsvorgang bei einigen niederen Algen des -mittelländischen Meeres entwirft. Wenn wir von den Linien der Kraft -sprechen, die zwei ungleichnamige Magnetpole gegeneinander bewegt, so -haben wir es hier nicht minder mit einer solchen Naturkraft zu tun, die -mit unwiderstehlicher Gewalt das Spermatozoon gegen das Ei treibt. Der -Unterschied wird hauptsächlich darin liegen, daß die Bewegungen der -_leblosen_ Materie Verschiebungen in den Spannungszuständen _umgebender -Medien_ voraussetzen, während die Kräfte der _lebenden_ Materie in -den Organismen selbst, als wahren _Kraftzentren_, lokalisiert sind. -Nach _Falkenbergs_ Beobachtungen überwanden die Spermatozoiden -bei ihrer Bewegung nach der Eizelle hin selbst die Kraft, die sie -sonst dem einfallenden Lichte entgegengeführt hätte. Stärker als -die _$photo$taktische_ wäre also die _$chemo$taktische Wirkung, -Geschlechtstrieb genannt_. - -Wenn zwei nach unseren Formeln schlecht zusammenpassende Individuen -eine Verbindung eingehen und später das wirkliche Komplement des einen -erscheint, so stellt sich die Neigung, den früheren notdürftigen Behelf -zu verlassen, auf der Stelle mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ein. -_Der Ehebruch ist da_: als Elementarereignis, als Naturphänomen, wie -wenn FeSO_{4} mit 2 KOH zusammengebracht wird und die SO_{4}-Ionen -nun sofort die Fe-Ionen verlassen und zu den K-Ionen übergehen. Wer -moralisch billigen oder verwerfen wollte, wenn in der _Natur_ ein -Ausgleich von Potentialdifferenzen zu erfolgen droht, würde vielen eine -lächerliche Figur zu spielen scheinen. - -Dies ist ja auch der Grundgedanke der _Goethe_schen -»Wahlverwandtschaften«, wie er dort als tändelndes Präludium, voll -ungeahnter Zukunftsbedeutung, im vierten Kapitel des ersten Teiles -von denen entwickelt wird, die seine tiefe schicksalsschwere Wahrheit -nachher an sich selbst erfahren sollen; und diese Darlegung ist -nicht wenig stolz darauf, die erste zu sein, welche jenen Gedanken -wieder aufnimmt. Dennoch will sie, so wenig es Goethe wollte, den -Ehebruch verteidigen, ihn vielmehr nur begreiflich machen. Es gibt -_im Menschen_ Motive, die dem Ehebruch erfolgreich entgegenwirken und -ihn verhindern können. Hierüber wird im zweiten Teile noch zu handeln -sein. Daß auch die niedere Sexualsphäre beim Menschen nicht so streng -in den Kreis der Naturgesetzlichkeit gebannt ist wie die der übrigen -Organismen, dafür ist immerhin schon dies ein Anzeichen, daß der -Mensch in _allen_ Jahreszeiten sexuell ist und bei ihm die Reste einer -besonderen Brunstzeit im Frühjahr viel schwächer sind als selbst bei -den Haustieren. - -Das Gesetz der sexuellen Affinität zeigt weiter, freilich neben -radikalen Unterschieden, noch Analogien zu einem bekannten Gesetze der -theoretischen Chemie. Zu den vom »Massenwirkungsgesetz« geregelten -Vorgängen ist nämlich unsere Regel insofern analog, als z. B. eine -stärkere Säure sich vornehmlich mit der stärkeren Base ebenso verbindet -wie das männlichere mit dem weiblicheren Lebewesen. Doch besteht -hier mehr als ein Novum gegenüber dem toten Chemismus. Der lebendige -Organismus ist vor allem keine homogene und isotrope, in beliebig -viele, qualitativ gleiche Teile spaltbare Substanz: das »principium -individuationis«, die Tatsache, daß alles, was lebt, als Individuum -lebt, _ist identisch mit der Tatsache der Struktur_. Es kann also hier -nicht wie dort ein größerer Teil die eine, ein kleinerer die andere -Verbindung eingehen und ein Nebenprodukt liefern. Der Chemo_tropismus_ -kann ferner auch ein _negativer_ sein. Von einer gewissen Größe der -Differenz α - β an in der Formel II erhalten wir eine negative, d. h. -entgegengesetzt gerichtete Anziehung, das Vorzeichen hat zu wechseln: -_sexuelle Abstoßung liegt vor_. Zwar kann auch beim toten Chemismus -_dieselbe_ Reaktion mit _verschiedener Geschwindigkeit_ erfolgen. Nie -aber kann, nach den neuesten Anschauungen wenigstens, etwa durch einen -Katalysator statt des absoluten Fehlens (in unserem Falle sozusagen -des Gegenteils) einer Reaktion diese selbe Reaktion in längerer oder -kürzerer Zeit bewirkt werden; sehr wohl dagegen eine Verbindung, die -sich von einer gewissen Temperatur an bildet, bei einer höheren sich -wieder zersetzt und umgekehrt. Ist hier die _Richtung_ der Reaktion -eine Funktion der Temperatur, so dort oft eine solche der Zeit. - -In der Bedeutung des Faktors t, der »Reaktionszeit«, liegt nun aber -wohl die letzte Analogie der sexuellen Anziehung zum Chemismus, -wenn man solche Vergleiche zu ziehen nicht von vornherein allzu -schroff ablehnt. Man könnte auch hier an eine Formel für die -_Reaktionsgeschwindigkeit_, die verschiedenen Grade der Schnelligkeit, -mit denen die sexuelle Reaktion zwischen zwei Individuen sich -entwickelt, denken und etwa gar A nach t zu differenzieren versuchen. -Doch soll die Eitelkeit auf das »mathematische Gepränge« (_Kant_) -niemand verleiten, an so komplizierte und schwierige Verhältnisse, an -Funktionen, deren Stetigkeit eben sehr fraglich ist, schon mit einem -Differentialquotienten heranzurücken. Was gemeint ist, leuchtet wohl -auch so ein: sinnliches Verlangen kann zwischen zwei Individuen, die -längere Zeit beisammen, besser noch: _miteinander eingesperrt_ sind, -sich auch entwickeln, wo vorher keines oder gar Abstoßung vorlag, -ähnlich einem chemischen Prozesse, der sehr viel Zeit in Anspruch -nimmt, ehe merklich wird, daß er vor sich geht. Zum Teil hierauf beruht -ja wohl auch der Trost, den man ohne Liebe Heiratenden mitzugeben -pflegt: Das stelle sich »schon später« ein; es komme »_mit der Zeit_«. - -Man sieht: viel Wert ist auf die Analogie mit der Affinität im toten -Chemismus nicht zu legen. Es schien mir aber _aufklärend_, derartige -Betrachtungen anzustellen. Selbst ob die sexuelle Anziehung unter -die Tropismen zu subsumieren ist, bleibt noch unentschieden, und -keineswegs ist, auch wenn es für die _Sexualität feststände_, damit -auch schon _implicite_ etwas über die _Erotik_ ausgemacht. Das Phänomen -der Liebe bedarf noch einer anderen Behandlung, die ihm der zweite -Teil zu geben versuchen soll. Dennoch bestehen zwischen den Formen, in -denen leidenschaftlichste Anziehung selbst unter Menschen auftritt, und -jenen Chemotropismen noch unleugbare Analogien; ich verweise auf die -Schilderung des Verhältnisses zwischen Eduard und Ottilie eben in den -»Wahlverwandtschaften«. - -Mit der Nennung dieses Romanes war bereits einmal ein kurzes Eingehen -auf das Problem der Ehe gegeben, und einige Nutzanwendungen, welche -aus dem Theoretischen dieses Kapitels für die Praxis folgen, sollen -ebenfalls zunächst an das Problem der Ehe geknüpft werden. Das für -die sexuelle Anziehung aufgestellte eine Gesetz, dem die anderen sehr -ähnlich gebaut zu sein scheinen, lehrt nämlich, daß, weil unzählige -sexuelle Zwischenstufen existieren, es auch immer _zwei_ Wesen geben -wird, die _am besten_ zueinander passen. _Insofern_ ist also die Ehe -gerechtfertigt und »freie Liebe«, von diesem biologischen Standpunkte -aus zu verwerfen. Freilich wird die Frage der Monogamie durch andere -Verhältnisse, z. B. durch später zu erwähnende Periodizitäten wie auch -durch die besprochene Veränderung des Geschmackes mit zunehmendem -Alter, wieder bedeutend kompliziert und die Leichtigkeit einer Lösung -vermindert. - -Eine zweite Folgerung ergibt sich, wenn wir uns der Heterostylie -erinnern, insbesondere der Tatsache, daß aus der »illegitimen -Befruchtung« fast lauter entwicklungsunfähige Keime hervorgehen. Dies -legt bereits den Gedanken nahe, daß auch bei den anderen Lebewesen die -stärkste und gesündeste Nachkommenschaft aus Verbindungen hervorgehen -werde, in denen wechselseitige geschlechtliche Anziehung in hohem -Ausmaße besteht. So spricht auch das Volk längst von den »Kindern -der Liebe« in ganz besonderer Weise, und glaubt, daß diese schönere, -bessere, prächtigere Menschen werden. Aus diesem Grunde wird, selbst -wer keinen speziellen Beruf zum Menschenzüchter in sich fühlt, schon -um der Hygiene willen die bloße Geldheirat, die sich von Verstandesehe -noch erheblich unterscheiden kann, mißbilligen. - -Ferner dürfte auf die Tierzucht, wie ich nebenbei bemerken will, -die Beachtung der Gesetze sexueller Anziehung vielleicht einen -ziemlichen Einfluß gewinnen. Man wird zunächst den sekundären -Geschlechtscharakteren, und dem Grade ihrer Ausbildung in den beiden zu -kopulierenden Individuen mehr Aufmerksamkeit als bisher schenken. Die -künstlichen Prozeduren, die man vornimmt, um Weibchen durch männliche -Zuchttiere auch dann belegen zu lassen, wenn diese an jenen wenig -Gefallen gefunden haben, verfehlen gewiß im einzelnen ihren Zweck -keineswegs, sie sind aber im allgemeinen stets von irgend welchen üblen -Folgen begleitet; die ungeheuere Nervosität beispielsweise der durch -Unterschiebung falscher Stuten gezeugten Hengste, die man, trotz jedem -modernen jungen Mann, mit Brom und anderen Medikamenten füttern muß, -geht sicherlich in letzter Linie hierauf zurück, ähnlich wie an der -körperlichen Degeneration des modernen Judentums nicht zum wenigsten -der Umstand beteiligt sein mag, daß bei den Juden viel häufiger als -irgend sonstwo auf der Welt die Ehen der Heiratsvermittler und nicht -die Liebe zustande bringt. - -_Darwin_ hat in seinen auch hierfür grundlegenden Arbeiten durch -sehr ausgedehnte Experimente und Beobachtungen festgestellt, was -seither allgemein bestätigt worden ist: daß sowohl ganz nahe -verwandte Individuen als auch anderseits solche von allzu ungleichem -Artcharakter einander sexuell weniger anziehen als gewisse »unbedeutend -verschiedene«, und daß, wenn es trotzdem dort zur Befruchtung kommt, -der Keim entweder in den Vorstadien der Entwicklung abstirbt oder ein -schwächliches, selbst meist nicht mehr reproduktionsfähiges Produkt -entsteht, wie eben auch bei den heterostylen Pflanzen »_legitime_ -Befruchtung« _mehr_ und _besseren_ Samen liefert als alle anderen -Kombinationen. - -_Es gedeihen also stets am besten diejenigen Keime, deren Eltern die -größte sexuelle Affinität gezeigt haben._ - -Aus dieser Regel, die wohl als allgemein gültig zu betrachten -ist, folgt die Richtigkeit des bereits aus dem Früheren gezogenen -Schlusses: Wenn schon geheiratet wird und Kinder gezeugt werden, dann -sollen diese wenigstens nicht aus der Überwindung einer sexuellen -Abstoßung hervorgegangen sein, die nicht ohne eine Versündigung an -der körperlichen und geistigen Konstitution des Kindes geschehen -könnte. Sicherlich bilden einen großen Teil der unfruchtbaren Ehen die -Ehen ohne Liebe. Die alte Erfahrung, nach der beiderseitige sexuelle -Erregung beim Geschlechtsakte die Aussichten der Konzeption erhöhen -soll, gehört wohl auch teilweise in diese Sphäre und wird aus der von -Anfang an größeren Intensität des Sexualtriebes zwischen zwei einander -wohl ergänzenden Individuen leichter verständlich. - - - - -IV. Kapitel. - -Homosexualität und Päderastie. - - -In dem besprochenen Gesetze der sexuellen Anziehung ist zugleich die --- langgesuchte -- Theorie der konträren Sexualempfindung, d. i. -der sexuellen Hinneigung zum eigenen (nicht oder nicht nur zum -anderen) Geschlechte enthalten. Von einer Distinktion abgesehen, die -später zu treffen sein wird, läßt sich kühnlich behaupten, daß jeder -Konträrsexuelle auch anatomisch die Charaktere des anderen Geschlechtes -aufweist. Einen rein »psychosexuellen Hermaphroditismus« gibt es nicht; -Männer, die sich sexuell von Männern angezogen fühlen, sind auch ihrem -äußeren Habitus nach weibliche Männer, und ebenso zeigen jene Frauen -körperlich männliche Charaktere, die andere Frauen sinnlich begehren. -Diese Anschauung ist vom Standpunkte eines strengen Parallelismus -zwischen Physischem und Psychischem _selbstverständlich_; ihre -Durchführung fordert jedoch Beachtung der im zweiten Kapitel erwähnten -Tatsache, daß nicht alle Teile _desselben_ Organismus die gleiche -Stellung zwischen M und W einnehmen, sondern verschiedene Organe -verschieden männlich oder verschieden stark weiblich sein können. _Es -fehlt also beim sexuell Invertierten nie eine anatomische Annäherung an -das andere Geschlecht._ - -Schon dies würde genügen, um die Meinung derer zu widerlegen, welche -den konträren Sexualtrieb als eine Eigenschaft betrachten, die von -den betreffenden Individuen im Laufe des Lebens erworben wird und -das normale Geschlechtsgefühl überdeckt. An eine solche Erwerbung -durch äußere Anlässe im Laufe des individuellen Lebens glauben -angesehene Forscher, _Schrenck-Notzing_, _Kraepelin_, _Féré_; als -solche Anlässe betrachten sie Abstinenz vom »normalen« Verkehr und -besonders »Verführung«. Was ist es aber dann mit dem ersten Verführer? -Wurde dieser vom Gotte Hermaphroditos unterwiesen? Mir ist diese ganze -Meinung nie anders vorgekommen, als wenn jemand die »normale« sexuelle -Hinneigung des typischen Mannes zur typischen Frau als künstlich -erworben ansehen wollte, und sich zur Behauptung verstiege, diese gehe -stets auf Belehrung älterer Genossen zurück, die _zufällig_ einmal die -Annehmlichkeit des Geschlechtsverkehres entdeckt hätten. So wie der -»Normale« ganz von selbst darauf kommt, »was ein Weib ist«, so stellt -sich wohl auch beim »Konträren« die sexuelle Anziehung, welche Personen -des eigenen Geschlechtes auf ihn ausüben, im Laufe seiner individuellen -Entwicklung durch Vermittlung jener ontogenetischen Prozesse, die über -die Geburt hinaus das ganze Leben hindurch fortdauern, von selbst -ein. Natürlich wird eine _Gelegenheit_ hinzukommen müssen, welche die -Begierde nach der Ausübung homosexueller Akte hervortreten läßt, _aber -diese kann nur aktuell machen_, was in den Individuen in größerem oder -geringerem Grade bereits längst vorhanden ist und nur der Auslösung -harrt. _Daß bei sexueller Abstinenz_ (um den zweiten angeblichen Grund -konträrer Sexualempfindung nicht zu übergehen) _eben noch zu etwas -anderem gegriffen werden kann als zur Masturbation, das ist es, was -die Erwerbungstheoretiker erklären müßten_; aber daß _homosexuelle_ -Akte angestrebt und ausgeführt werden, muß in der Naturanlage bereits -begründet sein. Auch die heterosexuelle Anziehung könnte man ja -»erworben« nennen, wenn man es einer ausdrücklichen Konstatierung -bedürftig fände, daß z. B. der heterosexuelle Mann irgend einmal ein -Weib oder zumindest ein weibliches Bildnis gesehen haben muß, um sich -zu verlieben. Aber wer das konträre Geschlechtsgefühl acquiriert sein -läßt, gleicht gar einem Manne, der hierauf ausschließlich reflektierte -und die ganze Anlage des Individuums, in Bezug auf die allein doch ein -bestimmter Anlaß seine bestimmte Wirkung entfalten kann, ausschaltete, -um ein an sich nebensächliches Ereignis des äußeren Lebens, eine letzte -»Komplementärbedingung« oder »Teilursache« zum alleinigen Faktor des -ganzen Resultates zu machen. - -Ebensowenig als die konträre Sexualempfindung erworben ist, ebensowenig -ist sie von den Eltern oder Großeltern _ererbt_. Dies hat man wohl auch -kaum behauptet -- denn dem widerspräche alle Erfahrung auf den ersten -Blick --, sondern nur eine durchaus neuropathische Konstitution als -ihre Bedingung hinstellen wollen, eine allgemeine hereditäre Belastung, -die sich im Nachkommen eben auch durch Verkehrung der geschlechtlichen -Instinkte äußere. Man rechnete die ganze Erscheinung zum Gebiete der -Psychopathologie, betrachtete sie als ein Symptom der Degeneration, -die von ihr Betroffenen als Kranke. Obwohl diese Auffassung nun viel -weniger Anhänger zählt als noch vor etlichen Jahren, seitdem ihr -früherer Hauptvertreter _v. Krafft-Ebing_ in den späteren Auflagen -seiner »Psychopathia sexualis« sie selbst stillschweigend hat fallen -lassen, so ist doch noch immer die Bemerkung nicht unangebracht, daß -die Menschen mit sexueller Inversion in allem übrigen ganz gesund sein -können und sich, accessorische soziale Momente abgerechnet, nicht -weniger wohl fühlen wie alle anderen gesunden Menschen. Fragt man sie, -ob sie sich überhaupt wünschen, in dieser Beziehung anders zu sein, als -sie sind, so erhält man gar oft eine verneinende Antwort. - -Daß man die Homosexualität gänzlich isolierte und nicht in Verbindung -mit anderen Tatsachen zu bringen suchte, ist schuld an all diesen -verfehlten Erklärungsversuchen. Wer die »sexuellen Inversionen« als -etwas Pathologisches oder als eine scheußlich-monströse geistige -Bildungsanomalie betrachtet (die letztere ist die vom Philister -sanktionierte Anschauungsweise) oder sie gar als ein angewöhntes -Laster, als das Resultat einer fluchwürdigen Verführung auffaßt, der -bedenke doch, _daß unendlich viele Übergänge führen vom männlichsten -Masculinum über den weiblichen Mann und schließlich über den -Konträrsexuellen hinweg zum Hermaphroditismus spurius und genuinus und -von da über die Tribade, weiter über die Virago hinweg zur weiblichen -Virgo. Die Konträrsexuellen_ (»beiderlei Geschlechtes«) _sind im -Sinne der hier vertretenen Anschauung als Individuen zu definieren, -bei denen der Bruch α um 0·5 herum schwankt_, also sich von α' (vgl. -S. 10) nicht weit unterscheidet, die also ungefähr ebensoviel vom -Manne als vom Weibe haben, ja öfters mehr vom Weibe, obwohl sie als -Männer, und vielleicht auch mehr vom Manne, obwohl sie als Weiber -gelten. Entsprechend der nicht immer gleichmäßigen Verteilung der -sexuellen Charakteristik über den ganzen Körper ist es nämlich sicher, -daß häufig genug Individuen bloß auf Grund eines primären männlichen -Geschlechtscharakters, auch wenn der Descensus testiculorum erst später -erfolgt, oder Epi- oder Hypospadie da ist, oder später Azoospermie -sich einstellt, oder auch wenn (beim weiblichen Geschlechte) Atresia -vaginae bemerkt wird, unbedenklich in das eine Geschlecht eingereiht -werden, welches jener Charakter angibt, z. B. eine männliche Erziehung -genießen, zum Militärdienst u. s. w. herangezogen werden, _obwohl -bei ihnen α < 0·5, α' > 0·5_ ist. Das sexuelle Komplement solcher -Individuen wird demgemäß scheinbar auf der diesseitigen Hälfte -sich befinden, auf der nämlichen, auf der sie selbst sich jedoch -nur aufzuhalten _scheinen_, indes sie tatsächlich bereits auf der -jenseitigen stehen. Übrigens -- dies kommt meiner Auffassung zu -Hilfe und wird anderseits erst durch sie erklärt -- es gibt keinen -Invertierten, der _bloß_ konträrsexuell wäre. Alle sind von Anfang -an nur _bisexuell_, d. h. es ist ihnen sowohl der Geschlechtsverkehr -mit Männern als mit Frauen möglich. Es kann aber sein, daß sie -selbst später aktiv ihre einseitige Ausbildung zu einem Geschlechte -begünstigen, einen Einfluß auf sich in der Richtung der Unisexualität -nehmen, und so schließlich die Hetero- oder die Homosexualität in sich -zum Überwiegen bringen oder durch äußere Einwirkungen in einem solchen -Sinne sich beeinflussen lassen; obwohl die Bisexualität hiedurch nie -erlischt, vielmehr immer wieder ihr nur zeitweilig zurückgedrängtes -Dasein zu erkennen gibt. - -Daß ein Zusammenhang der homosexuellen Erscheinungen mit der -bisexuellen Anlage jedes tierischen und pflanzlichen Embryo besteht, -hat man mehrfach, und in jüngster Zeit mit steigender Häufigkeit -eingesehen. Das Neue in _dieser_ Darstellung ist, daß für sie -die Homosexualität nicht einen Rückschlag oder eine unvollendete -Entwicklung, eine mangelhafte Differenzierung des Geschlechtes bedeutet -wie für jene Untersuchungen, daß ihr die Homosexualität überhaupt keine -Anomalie mehr ist, die nur vereinzelt dastünde und als Rest einer -früheren Undifferenziertheit in die sonst völlig vollzogene Sonderung -der Geschlechter hereinragte. _Sie reiht vielmehr die Homosexualität -als die Geschlechtlichkeit der sexuellen Mittelstufen ein in den -kontinuierlichen Zusammenhang der sexuellen Zwischenformen_, die ihr -als einzig real gelten, indes die Extreme ihr nur Idealfälle sind. -Ebenso wie nach ihr alle Wesen auch _heterosexuell_ sind, so sind ihr -darum _alle auch homosexuell_. - -Daß in _jedem_ menschlichen Wesen, entsprechend dem _mehr_ oder -_minder_ rudimentär gewordenen _anderen_ Geschlecht, auch die Anlage -zur Homosexualität, wenn auch noch schwach, vorhanden ist, wird -besonders klar erwiesen durch die Tatsache, daß im Alter _vor_ der -Pubertät, wo noch eine verhältnismäßige Undifferenziertheit herrscht, -wo noch nicht die innere Sekretion der Keimdrüsen vollends über den -Grad der einseitigen sexuellen Ausprägung entschieden hat, jene -schwärmerischen »Jugendfreundschaften« die Regel sind, die nie eines -sinnlichen Charakters ganz entbehren, und zwar sowohl beim männlichen -wie beim weiblichen Geschlecht. - -Wer freilich über jenes Alter _hinaus_ noch sehr von »Freundschaft« -mit dem eigenen Geschlecht übermäßig schwärmt, hat schon einen -starken Einschlag vom anderen in sich; eine noch weit vorgerücktere -Zwischenstufe markieren aber jene, die von Kollegialität zwischen den -»beiden Geschlechtern« begeistert sind, mit dem anderen Geschlecht, -das ja doch nur das ihrige ist, ohne über die eigenen Gefühle wachen -zu müssen, kameradschaftlich verkehren können, von ihm zu Vertrauten -gemacht werden, und ein derartiges »ideales«, »reines« Verhältnis -auch anderen aufdrängen wollen, die es weniger leicht haben, rein zu -bleiben. - -Es gibt auch keine Freundschaft zwischen Männern, die ganz eines -Elementes von Sexualität entbehrte, so wenig damit das Wesen der -Freundschaft bezeichnet, so _peinlich_ sie vielmehr gerade dem Gedanken -an die Freundschaft, so _entgegensetzt_ sie der _Idee_ der Freundschaft -ist. Schon daß keine Freundschaft zwischen Männern werden kann, wenn -die äußere Erscheinung gar keine Sympathie zwischen beiden geweckt -hat, weil sie dann eben einander nie näher treten werden, ist Beweis -genug für die Richtigkeit des Gesagten. Sehr viel »Beliebtheit«, -Protektion, Nepotismus zwischen Männern geht auf solche oft unbewußt -geschlechtliche Verhältnisse zurück. - -Der sexuellen Jugendfreundschaft entspricht vielleicht ein analoges -Phänomen bei älteren Männern: dann nämlich, wenn mit einer -greisenhaften Rückbildung der im Mannesalter einseitig entwickelten -Geschlechtscharaktere die latente Amphisexualität wieder zu Tage -tritt. Daß so viele Männer von 50 Jahren aufwärts wegen verübter -»Unsittlichkeitsdelikte« gerichtlich belangt werden, hat möglicherweise -dies zur Ursache. - -Endlich sind homosexuelle Akte in nicht geringer Zahl auch bei Tieren -beobachtet worden. Die Fälle (nicht alle) hat aus der Literatur in -verdienstvoller Weise F. _Karsch_ zusammengestellt. Leider geben -die Beobachter kaum je etwas über die Grade der »Maskulität« und -»Muliebrität« bei diesen Tieren an. Dennoch kann kein Zweifel sein, -daß wir es hier mit einem Beweise der Gültigkeit unseres Gesetzes auch -für die _Tierwelt_ zu tun haben. Wenn man Stiere längere Zeit in einem -Raume eingesperrt hält, ohne sie zu einer Kuh zuzulassen, so kann -man mit der Zeit konträrsexuelle Akte zwischen ihnen wahrnehmen; die -einen, die weiblicheren, verfallen früher, die anderen später darauf, -manche vielleicht auch nie. (Gerade beim Rinde ist die große Zahl -sexueller Zwischenstufen bereits festgestellt.) Dies beweist, daß eben -die Anlage in ihnen vorhanden ist, sie nur vorher ihr Bedürfnis besser -befriedigen konnten. Die gefangen gehaltenen Stiere benehmen sich -eben nicht anders, als es so oft in den Gefängnissen der Menschen, in -Internaten und Konvikten, hergeht. Daß die Tiere ebenfalls nicht nur -die Onanie (die bei ihnen so wie beim Menschen vorkommt), sondern auch -die Homosexualität kennen, darin erblicke ich, nachdem es auch unter -ihnen sexuelle Zwischenformen gibt, eine der stärksten Bestätigungen -des aufgestellten Gesetzes der sexuellen Anziehung. - -_Das konträre Geschlechtsgefühl wird so für diese Theorie keine -Ausnahme von dem Naturgesetze, sondern nur ein Spezialfall desselben._ -Ein Individuum, das ungefähr zur Hälfte Mann, zur Hälfte Weib ist, -verlangt eben nach dem Gesetze zu seiner Ergänzung ein anderes, -das ebenfalls von beiden Geschlechtern etwa gleiche Anteile hat. -Dies ist der Grund der ja ebenfalls eine Erklärung verlangenden -Erscheinung, daß die »Konträren« fast immer nur _untereinander_ ihre -Art von Sexualität ausüben, und nur höchst selten jemand in ihren -Kreis gerät, der nicht die gleiche Form der Befriedigung sucht wie -sie -- die sexuelle Anziehung ist wechselseitig -- und _sie_ ist -der mächtige Faktor, der es bewirkt, daß die Homosexuellen einander -immer sofort erkennen. So kommt es aber auch, daß die »Normalen« im -allgemeinen von der ungeheueren Verbreitung der Homosexualität keine -Ahnung haben, und, wenn er plötzlich von einem solchen Akte hört, der -ärgste »normalgeschlechtliche« Wüstling zur Verurteilung »solcher -Ungeheuerlichkeiten« ein volles Recht zu besitzen glaubt. Ein Professor -der Psychiatrie an einer deutschen Universität hat noch im Jahre 1900 -ernstlich vorgeschlagen, man möge die Homosexuellen einfach kastrieren. - -Das therapeutische Verfahren, mit welchem man heute die sexuelle -Inversion zu bekämpfen sucht (wo man überhaupt einen solchen Versuch -unternimmt), ist zwar minder radikal als jener Rat, aber es offenbart -auf dem Wege der Praxis die völlige Unzulänglichkeit so mancher -theoretischer Vorstellungen über die Natur der Homosexualität. -Heute behandelt man nämlich -- wie begreiflich, geschieht dies -hauptsächlich von Seite der Erwerbungstheoretiker -- die betreffenden -Menschen hypnotisch: man sucht ihnen die Vorstellung des Weibes -und des »normalen« aktiven Koitus mit demselben auf suggestivem -Wege beizubringen und sie daran zu gewöhnen. Der Erfolg ist -eingestandenermaßen ein minimaler. - -Das ist von unserem Standpunkt aus auch selbstverständlich. Der -Hypnotiseur entwirft dem zu Behandelnden das _typische_ (!!) Bild -des Weibes, das diesem seiner ganzen, angeborenen, gerade seiner -unbewußten, durch Suggestion schwer angreifbaren Natur nach ein -Greuel ist. Denn nicht W ist sein Komplement, und nicht zum ersten -besten Freimädchen, das ihm nur um Geld zu Gefallen ist, darf ihn -der Arzt schicken, um so diese Kur, welche den Abscheu vor dem -»normalen« Koitus im Behandelten im allgemeinen noch vermehrt haben -wird, angemessen zu krönen. Fragen wir unsere Formel nach dem -Komplemente des Konträrsexuellen, so erhalten wir vielmehr gerade -das allermännlichste Weib, die Lesbierin, die Tribade. _Tatsächlich -ist diese auch nahezu das einzige Weib, welches den Konträrsexuellen -anzieht, das einzige, dem er gefällt._ Wenn also eine »Therapie« der -konträren Sexualempfindung unbedingt sein muß und auf ihre Ausarbeitung -nicht verzichtet werden kann, so ergibt diese Theorie den Vorschlag, -den Konträren an die Konträre, den Homosexuellen an die Tribade zu -weisen. Der Sinn dieser Empfehlung kann aber nur der sein, _beiden_ -die Befolgung der (in England, Deutschland, Österreich) noch in Kraft -stehenden Gesetze gegen homosexuelle Akte, die eine Lächerlichkeit -sind und zu deren Abschaffung diese Zeilen ebenfalls beitragen wollen, -möglichst leicht zu machen. Der zweite Teil dieser Arbeit wird es -verständlich werden lassen, _warum_ die aktive Prostituierung eines -Mannes durch einen mit ihm vollzogenen Sexualakt wie die passive -Selbsthingabe des anderen Mannes zu einem solchen so viel intensiver -als eine Schmach empfunden wird, als der sexuelle Verkehr des Mannes -mit der Frau beide zu entwürdigen scheint. _An und für sich besteht -aber ethisch gar keine Differenz zwischen beiden._ Trotz all dem heute -beliebten Geschwätze von dem verschiedenen Rechte für verschiedene -Persönlichkeiten gibt es nur eine, für alles, was Menschenantlitz -trägt, gleiche allgemeine Ethik, so wie es nur eine Logik und nicht -mehrere Logiken gibt. Ganz verwerflich hingegen und auch mit den -Prinzipien des Strafrechtes, das nur das Verbrechen, nicht die Sünde -ahndet, völlig _unvereinbar_ ist es, dem Homosexuellen seine Art des -Geschlechtsverkehres zu verbieten und dem Heterosexuellen die seine zu -gestatten, wenn beide mit der gleichen Vermeidung des »öffentlichen -Ärgernisses« sich abspielen. _Logisch_ wäre einzig und allein (vom -Standpunkte einer reinen Humanität und eines Strafrechtes als nicht -bloß »abschreckenden« sozialpädagogischen Zwecksystems sehe ich in -dieser Betrachtung überhaupt ab), die »Konträren« Befriedigung dort -finden zu lassen, wo sie sie suchen: untereinander. - -Diese ganze Theorie scheint völlig widerspruchslos und in sich -geschlossen zu sein und eine völlig befriedigende Erklärung aller -Phänomene zu ermöglichen. Nun muß aber die Darstellung mit Tatsachen -herausrücken, die jener sicher werden entgegengehalten werden, und -auch wirklich die ganze Subsumtion dieser sexuellen »Perversion« unter -die sexuellen Zwischenformen und das Gesetz ihres Geschlechtsverkehres -umzustoßen scheinen. Es gibt nämlich wirklich und ohne allen Zweifel, -während für die invertierten Frauen die obige Darlegung vielleicht -ausreicht, Männer, die sehr wenig weiblich sind und auf die doch -Personen des eigenen Geschlechtes eine sehr starke Wirkung ausüben, -eine stärkere als auf andere Männer, die vielleicht viel weiblicher -sind als sie, eine Wirkung ferner, die auch vom männlichen Manne auf -sie ausgehen kann, eine Wirkung endlich, die oft stärker sein kann -als der Eindruck, den irgend eine Frau auf jene Männer auszuüben -imstande ist. Albert _Moll_ sagt mit Recht: »Es gibt psychosexuelle -Hermaphroditen, die sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen, -die aber bei jedem Geschlechte nur die typischen Eigenschaften dieses -Geschlechtes lieben, und anderseits gibt es psychosexuelle [?] -Hermaphroditen, die nicht beim einzelnen Geschlechte die typischen -Eigenschaften dieses Geschlechtes lieben, sondern denen diese -Eigenschaften gleichgültig, zum Teile sogar abstoßend sind.« Auf diesen -Unterschied bezieht sich nun die in der Überschrift dieses Kapitels -getroffene _Distinktion zwischen Homosexualität und Päderastie_. Die -Trennung beider läßt sich wohl begründen; als homosexuell ist derjenige -Typus von »Perversen« bezeichnet, welcher sehr thelyide Männer _und_ -sehr arrhenoide Weiber bevorzugt, nach dem besprochenen Gesetze; der -_Päderast hingegen kann sehr männliche Männer, aber ebensowohl sehr -weibliche Frauen lieben_, das letztere, _$soweit$ er $nicht$ Päderast -ist. Dennoch wird die Neigung zum männlichen Geschlechte bei ihm -stärker sein und tiefer gehen als die zum weiblichen._ Die Frage nach -dem Grunde der Päderastie bildet ein Problem für sich und bleibt für -diese Untersuchung gänzlich unerledigt. - - - - -V. Kapitel. - -Anwendung auf die Charakterologie. - - -Vermöge der Tatsache, daß zwischen Physischem und Psychischem eine -wie immer geartete Korrespondenz besteht, ist von vornherein zu -erwarten, daß dem weiten Umfange, in welchem unter morphologischen -und physiologischen Verhältnissen das Prinzip der sexuellen -Zwischenstufen sich nachweisen ließ, psychologisch eine mindestens -ebenso reiche Ausbeute entsprechen werde. Sicherlich gibt es auch -einen psychischen Typus des Weibes und des Mannes (wenigstens -stellen die bisherigen Ergebnisse die Aufsuchung solcher Typen zur -Aufgabe), Typen, die von der Wirklichkeit nie erreicht werden, da -diese von der reichen Folge der sexuellen Zwischenformen im Geistigen -ebenso erfüllt ist wie im Körperlichen. Das Prinzip hat also die -größte Aussicht, sich den _geistigen_ Eigenschaften gegenüber zu -bewähren und das verworrene Dunkel etwas zu lichten, in welches die -psychologischen Unterschiede _zwischen den einzelnen Menschen_ für -die Wissenschaft noch immer gehüllt sind. Denn es ist hiemit ein -Schritt vorwärts gemacht im Sinne einer differenzierten Auffassung -auch des geistigen Habitus jedes Menschen, man wird auch von dem -_Charakter_ einer Person wissenschaftlich nicht mehr sagen, er sei -_männlich_ oder er sei _weiblich schlechthin_, sondern darauf achten -und danach fragen: _wieviel Mann_, _wieviel Weib_ ist in einem -Menschen. Hat _er_ oder hat _sie_ in dem betreffenden Individuum -dies oder jenes getan, gesagt, gedacht? Eine _individualisierende_ -Beschreibung aller Menschen und alles Menschlichen ist hiedurch -erleichtert, und so liegt die neue Methode in der eingangs -dargelegten Entwicklungsrichtung aller Forschung: alle Erkenntnis -hat seit jeher, von Begriffen mittlerer Allgemeinheit ausgehend, -nach zwei divergierenden Richtungen auseinandergestrebt, dem allem -Einzelnen gemeinschaftlichen Allgemeinsten nicht allein entgegen, -sondern ebenso der allereinzelnsten, individuellsten Erscheinung zu. -Darum ist die Hoffnung wohl begründet, welche von dem Prinzip der -sexuellen Zwischenformen die stärkste Förderung für die noch ungelöste -wissenschaftliche Aufgabe einer Charakterologie erwartet, und der -Versuch berechtigt, es methodisch zu dem Range eines _heuristischen -Grundsatzes_ in der »Psychologie der individuellen Differenzen« oder -»differentiellen Psychologie« zu erheben. Und seine Anwendung auf das -Unternehmen einer Charakterologie, dieses bisher fast ausschließlich -von Literaten bepflügten, wissenschaftlich noch recht verwahrlosten -Feldes, ist vielleicht um so freudiger zu begrüßen, als es unmittelbar -aller quantitativen Abstufungen fähig ist, indem man sozusagen -den Prozentgehalt an M und W, den ein Individuum besitzt, auch im -Psychischen aufzusuchen sich nicht wird scheuen dürfen. Daß diese -Aufgabe mit einer _anatomischen_ Beantwortung der Frage nach der -sexuellen Stellung eines Organismus zwischen Mann und Weib noch nicht -gelöst ist, sondern _im allgemeinen_ noch eine besondere Behandlung -erfordert, selbst wenn _im speziellen_ hier viel öfter Kongruenz als -Inkongruenz sich nachweisen ließe, ist bereits mit den Ausführungen -des zweiten Kapitels über die Ungleichmäßigkeiten gegeben, welche -selbst zwischen den einzelnen _körperlichen_ Teilen und Qualitäten -des nämlichen Individuums untereinander betreffs des _Grades_ ihrer -Männlichkeit oder Weiblichkeit bestehen. - -Das Nebeneinander von Männlichem und Weiblichem im gleichen Menschen -ist hiebei nicht als völlige oder annähernde _Simultaneität_ zu -verstehen. Die wichtige neue Hinzufügung, welche an dieser Stelle -notwendig wird, ist nicht nur eine erläuternde Anweisung zur -richtigen psychologischen Verwertung des Prinzipes, sondern auch eine -bedeutungsvolle Ergänzung der früheren Ausführungen. _Es schwankt oder -oszilliert nämlich jeder Mensch zwischen dem Manne und dem Weibe in -ihm hin und her_; wenn auch diese Oszillationen bei dem einen abnorm -groß, bei dem anderen klein bis zur Unmerklichkeit sein können, _sie -sind immer da_ und offenbaren sich, wenn sie von einiger Erheblichkeit -sind, auch durch ein wechselndes körperliches Aussehen der von ihnen -Betroffenen. Diese _Schwankungen der sexuellen Charakteristik_ -zerfallen, den Schwankungen des Erdmagnetismus vergleichbar, in -regelmäßige und unregelmäßige. Die regelmäßigen sind entweder kleine -Oszillationen: z. B. fühlen manche Menschen am Abend männlicher als -am Morgen; oder sie gehören in das Reich der größeren und großen -_Perioden_ des organischen Lebens, auf die man kaum erst aufmerksam -zu werden begonnen hat, und deren Erforschung Licht auf eine noch -gar nicht absehbare Menge von Phänomenen werfen zu sollen scheint. -Die unregelmäßigen Schwankungen werden wahrscheinlich durch äußere -Anlässe, vor allem durch den sexuellen Charakter des Nebenmenschen, -hervorgerufen. Sie bedingen gewiß zum Teile jene merkwürdigen -Phänomene der _Einstellung_, welche in der Psychologie einer _Menge_ -die größte Rolle spielen, wenn sie auch bis jetzt kaum die gebührende -Beachtung gefunden haben. Kurz, die _Bisexualität_ wird sich nicht -in einem einzigen Augenblicke, sondern kann sich psychologisch nur -im _Nacheinander_ offenbaren, ob nun diese Differenz der sexuellen -Charakteristik in der Zeit dem Gesetze einer Periodizität gehorche oder -nicht, ob die Schwingung nach der Seite des einen Geschlechtes hin eine -andere Amplitude habe als die Schwingung nach dem anderen Geschlechte -hin, oder ob der männliche dem weiblichen Schwingungsbauche gleich sei -(was durchaus nicht der Fall zu sein braucht, im Gegenteile nur ein -Fall unter unzähligen gleich möglichen ist). - -Man dürfte also wohl bereits prinzipiell, noch vor der Erprobung durch -den ausgeführten Versuch, zuzugeben geneigt sein, daß das Prinzip der -sexuellen Zwischenformen eine bessere charakterologische Beschreibung -der Individuen ermöglicht, indem es das Mischungsverhältnis zu suchen -auffordert, in dem Männliches und Weibliches in jedem einzelnen -zusammentreten, und die Elongation der Oszillationen zu bestimmen -gebietet, deren ein Individuum nach beiden Seiten hin fähig ist. Wir -geraten aber nun vor eine Frage, bezüglich welcher die Darstellung -sich _hier_ entscheiden muß, indem von ihrer Beantwortung der Gang -der weiteren Untersuchung fast ausschließlich abhängt. Es handelt -sich darum, ob diese zuerst das unendlich reiche Gebiet der sexuellen -Zwischenstufen, _die sexuelle Mannigfaltigkeit im Geistigen_, -durchmessen und an besonders geeigneten Punkten zu möglichst getreuen -Aufnahmen der Verhältnisse zu gelangen suchen soll, oder ob sie damit -zu beginnen hat, _die sexuellen Typen_ festzulegen, die psychologische -Konstruktion des »idealen Mannes« und des »idealen Weibes« vorzunehmen -und zu vollenden, bevor sie die verschiedenen Möglichkeiten ihrer -empirischen Vereinigung in concreto untersucht und prüft, wie weit die -auf deduktivem Wege gewonnenen Bilder sich mit der Wirklichkeit decken. -Der erste Weg entspricht der Entwicklung, welche die Gedanken nach der -allgemeinen Anschauung psychologisch immer nehmen, indem die Ideen -aus der Wirklichkeit, die sexuellen Typen nur aus der allein realen -sexuellen Mannigfaltigkeit geschöpft werden können: er wäre induktiv -und analytisch. Der zweite würde vor dem ersten den Vorzug der formal -logischen Strenge haben: er wäre deduktiv-synthetisch. - -Diesen anderen Weg habe ich aus dem Grunde nicht einschlagen wollen, -weil die Anwendung zweier bereits wohl definierter Typen auf die -konkrete Wirklichkeit jedermann leicht in voller Selbständigkeit -machen kann, indem sie nur die (für jeden Fall ohnedies stets neu -und besonders zu gewinnende) Kenntnis des _Mischungsverhältnisses_ -beider voraussetzt, um schon die Möglichkeit zu gestatten, Theorie -und Praxis zur Deckung zu bringen; sodann weil (gesetzt auch, es -würde die außerhalb der Kompetenz des Verfassers liegende Form -historisch-biographischer Untersuchung gewählt) Gesagtes immerfort zu -wiederholen wäre, und dem Interesse an den Einzelpersonen aller, der -Theorie kein Gewinn mehr aus dieser Verzweigung ins Detail erwüchse. -Der erste, der induktive Weg ist darum nicht gangbar, weil in diesem -Falle die Menge der Wiederholungen auf den Teil entfiele, welcher -die Tafel der Gegensätze der sexuellen Typen entrollen würde, und -zudem das vorhergehende Studium der sexuellen Zwischenstufen und die -es begleitende Präparation der Typen langwierig, zeitraubend und ohne -Nutzen für den Leser wäre. - -Eine andere Erwägung mußte also die Einteilung bestimmen. - -Da die morphologische und physiologische Erforschung der sexuellen -Extreme nicht meine Sache war, wurde nur das Prinzip der -Zwischenformen, dieses aber nach allen Seiten hin, denen es Aufklärung -bringen zu können schien, also auch vom biologischen Standpunkte aus -behandelt. So bekam das Ganze der vorliegenden Arbeit seine Gestalt. -Die eben erwähnte Betrachtung der Zwischenstufen bildet ihren ersten -Teil, während der zweite die rein _psychologische Analyse von M und -W_ in Angriff nehmen und so weit und tief als möglich fortzuführen -trachten wird. Die konkreten Fälle wird sich, in Anwendung der -eventuell daselbst zu gewinnenden Erkenntnisse, ein jeder selbsttätig -immer zusammensetzen und sie mit den dort zu gewinnenden Anschauungen -und Begriffen leicht abbilden können. Dieser zweite Teil wird sich auf -die bekannten und gangbaren Meinungen über die geistigen Unterschiede -zwischen den Geschlechtern nur sehr wenig stützen können. Hier jedoch -will ich, bloß der Vollständigkeit halber und ohne der Sache eine -besondere Wichtigkeit beizumessen, die sexuellen Zwischenstufen des -psychischen Lebens in aller Kürze an einigen Punkten auftreten lassen, -Punkten, die nur ein paar insgemein bekannte Eigentümlichkeiten, welche -hier noch keiner näheren Analyse unterzogen werden sollen, in einigen -Modifikationen sichtbar werden lassen. - -Weibliche Männer haben oft ein ungemein starkes Bedürfnis zu heiraten, -mögen sie (was ich erwähne, um Mißverständnissen vorzubeugen) materiell -noch so glänzend gestellt sein. Sie sind es auch, die, wenn sie können, -fast immer sehr jung in die Ehe treten. Es wird ihnen oft besonders -schmeicheln, eine berühmte Frau, eine Dichterin oder Malerin, die aber -auch eine Sängerin oder Schauspielerin sein kann, zur Gattin zu haben. - -Weibliche Männer sind ihrer Weiblichkeit gemäß auch körperlich eitler -als die anderen unter den Männern. Es gibt auch »Männer«, die auf -die Promenade gehen, um ihr Gesicht, welches, als Weibergesicht, die -Absicht seines Trägers meist hinreichend verrät, bewundert zu fühlen -und dann befriedigt nach Hause zu gehen. Das Urbild des Narciß ist -ein solcher »Mann« gewesen. Dieselben Personen sind natürlich auch, -was Frisur, Kleidung, Schuhwerk, Wäsche anlangt, ungemein sorgfältig, -ihrer momentanen Körperhaltung und ihres Aussehens an jedem bestimmten -Tage, der kleinsten Einzelheiten ihrer Toilette, des vorübergehendsten -Blickes, der von anderer Menschen Augen auf sie fällt, sich fast -ebenso bewußt, wie W es stets ist, ja in Gang und Geberde oft geradezu -kokett. Bei den Viragines hingegen nimmt man oft grobe Vernachlässigung -der Toilette und Mangel an Körperpflege wahr; sie sind mit dem -Ankleiden oft viel schneller fertig als mancher weibliche Mann. Das -ganze »Gecken«- oder »Gigerl«tum geht, ebenso wie zum Teile die -Frauenemanzipation, auf die jetzige Vermehrung dieser Zwittergeschöpfe -zurück; das ist alles mehr als »bloße Mode«. Es fragt sich eben immer, -_warum_ etwas zur Mode werden kann, und es gibt wohl überhaupt weniger -»bloße Mode«, als der oberflächlich _kritisierende_ Zuschauer wähnt. - -Je mehr von W eine Frau hat, desto weniger wird sie den Mann -_verstehen_, umso stärker jedoch wird er _in seiner geschlechtlichen -Eigentümlichkeit_ auf sie _wirken_, um so mehr Eindruck als Mann auf -sie machen. Dies ist nicht nur aus dem bereits erläuterten Gesetze der -sexuellen Anziehung zu verstehen, sondern geht darauf zurück, daß eine -Frau um so eher ihr Gegenteil aufzufassen in der Lage sein wird, je -reiner weiblich sie ist. Umgekehrt wird einer, je mehr von M er hat, -desto weniger W zu _verstehen_ in der Lage sein, desto _eindringlicher_ -jedoch werden die Frauen ihrem ganzen _äußeren_ Wesen nach, in ihrer -Weiblichkeit, sich ihm _darstellen_. Die sogenannten »Frauenkenner«, -d. h. solche, die nichts mehr sind als nur »Frauenkenner«, sind darum -alle zum guten Teile selbst Weiber. Die weiblicheren Männer wissen -denn auch oft die Frauen viel besser zu behandeln als Vollmänner, die -das erst nach langen Erfahrungen und, von ganz bestimmten Ausnahmen -abgesehen, wohl überhaupt nie völlig erlernen. - -An diese paar Illustrationen, welche die Verwendbarkeit des -Prinzipes an Beispielen veranschaulichen sollen, die absichtlich der -_trivialsten_ Sphäre der tertiären Geschlechtscharaktere entnommen -wurden, möchte ich die naheliegenden Anwendungen schließen, die sich -mir aus ihm für die Pädagogik zu ergeben scheinen. _Eine_ Wirkung -nämlich erhoffe ich vor allem von einer allgemeinen Anerkennung des -Gemeinschaftlichen, das diesen und den früheren Tatsachen wie so -vielen anderen noch zu Grunde liegt: _eine mehr individualisierende -Erziehung_. Jeder Schuster, der den Füßen das Maß nimmt, muß das -Individualisieren besser verstehen als die heutigen Erzieher in Schule -und Haus, die nicht zum lebendigen Bewußtsein einer solchen moralischen -Verpflichtung zu bringen sind! Denn bis jetzt erzieht man die sexuellen -Zwischenformen (insbesondere unter den Frauen) im Sinne einer möglichst -extremen Annäherung an ein Mannes- oder Frauenideal von konventioneller -Geltung, man übt eine geistige Orthopädie in der vollsten Bedeutung -einer Tortur. Dadurch schafft man nicht nur sehr viel Abwechslung -aus der Welt, sondern unterdrückt vieles, was keimhaft da ist und -Wurzel fassen könnte, verrenkt anderes zu unnatürlicher Lage, züchtet -Künstlichkeit und Verstellung. - -Die längste Zeit hat unsere Erziehung uniformierend gewirkt auf -alles, was mit einer männlichen, und auf alles, was mit einer -weiblichen Geschlechtsregion zur Welt kommt. Gar bald werden -»Knaben« und »Mädchen« in verschiedene Gewänder gesteckt, lernen -verschiedene Spiele spielen, schon der Elementarunterricht ist gänzlich -getrennt, die »Mädchen« lernen unterschiedslos Handarbeiten etc. -etc. _Die Zwischenstufen kommen da alle zu kurz._ Wie mächtig aber -die Instinkte, die »Determinanten« ihrer Naturanlage, in derartig -mißhandelten Menschen sein können, das zeigt sich oft schon _vor_ -der Pubertät: Buben, die am liebsten mit Puppen spielen, sich von -ihrem Schwesterlein häkeln und stricken lehren lassen, mit Vorliebe -Mädchenkleidung anlegen und sich sehr gerne mit weiblichem Vornamen -rufen hören; Mädchen, die sich unter die Knaben mischen, an deren -wilderen Spielen teilnehmen wollen und oft auch von diesen ganz als -ihresgleichen, »kollegial« behandelt werden. Immer aber kommt eine -durch Erziehung von außen unterdrückte Natur _nach_ der Pubertät zum -Vorschein: männliche Weiber scheren sich die Haare kurz, bevorzugen -frackartige Gewänder, studieren, trinken, rauchen, klettern auf die -Berge, werden passionierte Jägerinnen; weibliche Männer lassen das -Haupthaar lang wachsen, sie tragen Mieder, zeigen viel Verständnis für -die Toilettesorgen der Weiber, mit denen sie vom gleichen Interesse -getragene kameradschaftliche Gespräche zu führen imstande sind; ja -sie schwärmen denn auch oft aufrichtig von freundschaftlichem Verkehr -zwischen den beiden Geschlechtern, weibische Studenten z. B. von -»kollegialem Verhältnis« zu den Studentinnen u. s. w. - -Unter der schraubstockartigen Pressung in eine gleichmachende Erziehung -haben Mädchen und Knaben gleich viel, die letzteren später mehr unter -ihrer Subsumtion unter das gleiche _Gesetz_, die ersteren mehr unter -der Schablonisierung durch die gleiche _Sitte_ zu leiden. Die hier -erhobene Forderung wird darum, fürchte ich, was die Mädchen betrifft, -mehr passivem Widerstand in den _Köpfen_ begegnen als für die Knaben. -Hier gilt es vor allem, sich von der gänzlichen Falschheit der weit -verbreiteten, von Autoritäten des Tages weitergegebenen und immer -wiederholten Meinung von der _Gleichheit aller »Weiber«_ (»es gibt -keine Unterschiede, keine Individuen unter den Weibern; wer eine -kennt, kennt alle«) gründlich zu überzeugen. _Es gibt unter denjenigen -Individuen, die W näher stehen als M_ (den »Frauen«), _zwar bei weitem -nicht so viele Unterschiede und Möglichkeiten wie unter den übrigen_ -- -die größere Variabilität der »Männchen« ist nicht nur für den Menschen, -sondern im Bereiche der ganzen Zoologie eine allgemeine Tatsache, die -insbesondere von _Darwin_ eingehend gewürdigt worden ist -- _aber -noch immer Differenzen genug_. Die psychologische Genese jener so -weit verbreiteten irrigen Meinung ist zum großen Teile die, daß (vgl. -Kapitel III) jeder Mann in seinem Leben nur _eine_ ganz bestimmte -Gruppe von Frauen _intimer_ kennen lernt, die _naturgesetzlich_ alle -untereinander viel Gemeinsames haben. Man hört ja auch von Weibern -öfters, aus der gleichen Ursache und mit noch weniger Grund: »die -Männer sind einer wie der andere«. So erklären sich auch manche, -gelinde gesagt, _gewagte_ Behauptungen vieler Frauenrechtlerinnen über -den Mann und die angeblich unwahre Überlegenheit desselben: daraus -nämlich, _was für_ Männer gerade _sie_ in der Regel näher kennen lernen. - -_In dem verschieden-abgestuften Beisammensein von M und W_, in dem wir -ein _Hauptprinzip aller wissenschaftlichen Charakterologie_ erkannt -haben, sehen wir somit auch eine von der speziellen Pädagogik zu -beherzigende Tatsache vor uns. - -Die Charakterologie verhält sich zu jener Psychologie, welche eine -»Aktualitätstheorie« des Psychischen eigentlich allein gelten lassen -dürfte, wie Anatomie zur Physiologie. Da sie stets ein theoretisches -und praktisches Bedürfnis bleiben wird, ist es notwendig, unabhängig -von ihrer erkenntnistheoretischen Grundlegung und Abgrenzung -gegenüber dem Gegenstande der allgemeinen Psychologie, Psychologie -der individuellen Differenzen treiben zu dürfen. Wer der Theorie vom -psychophysischen Parallelismus huldigt, wird mit den prinzipiellen -Gesichtspunkten der bisherigen Behandlung insoferne einverstanden -sein, als für ihn, ebenso wie ihm Psychologie im engeren Sinne und -Physiologie (des Zentralnervensystems) Parallelwissenschaften sind, -_Charakterologie zur Schwester die Morphologie haben muß_. In der -Tat, von der Verbindung von Anatomie und Charakterologie und der -wechselseitigen Anregung, die sie voneinander empfangen können, ist für -die Zukunft noch Großes zu hoffen. Zugleich würde durch ein solches -Bündnis der _psychologischen Diagnostik_, welche Voraussetzung jeder -_individualisierenden Pädagogik_ ist, ein unschätzbares Hilfsmittel an -die Hand gegeben. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen, und mehr -noch die Methode des _morphologisch-charakterologischen Parallelismus_ -in ihrer _weiteren_ Anwendung gewähren uns nämlich den Ausblick auf -eine Zeit, wo jene Aufgabe, welche die hervorragendsten Geister stets -so mächtig angezogen und immer wieder zurückgeworfen hat, wo die -_Physiognomik_ zu den Ehren einer wissenschaftlichen Disziplin endlich -gelangen könnte. - -Das Problem der Physiognomik ist das Problem einer konstanten Zuordnung -des _ruhenden_ Psychischen zum _ruhenden_ Körperlichen, wie das Problem -der physiologischen Psychologie das einer gesetzmäßigen Zuordnung -des _bewegten_ Psychischen zum _bewegten_ Körperlichen (womit keiner -speziellen _Mechanik_ der Nervenprozesse das Wort geredet ist). Das -eine ist gewissermaßen _statisch_, das andere eher rein _dynamisch_; -prinzipielle Berechtigung aber hat das eine Unternehmen ebensoviel -oder ebensowenig wie das andere. Es ist also methodisch wie sachlich -ein großes Unrecht, die Beschäftigung mit der Physiognomik, ihrer -enormen Schwierigkeiten halber, für etwas so _Unsolides_ zu halten, -wie das heute, mehr unbewußt als bewußt, in den wissenschaftlichen -Kreisen der Fall ist und gelegentlich, z. B. gegenüber den von -_Moebius_ erneuerten Versuchen _Galls_, die Physiognomie des geborenen -Mathematikers aufzufinden, zu Tage tritt. Wenn es möglich ist, nach dem -Äußeren eines Menschen, den man nie gekannt hat, sehr viel Richtiges -über seinen Charakter aus einer unmittelbaren Empfindung heraus, -nicht auf Grund eines Schatzes bewußter oder unbewußter Erfahrungen, -zu sagen -- und es gibt Menschen, die diese Fähigkeit in hohem Maße -besitzen -- so kann es auch kein Ding der Unmöglichkeit sein, zu einem -wissenschaftlichen System dieser Dinge zu gelangen. Es handelt sich nur -um die begriffliche Klärung gewisser starker Gefühle, um die Legung des -Kabels nach dem Sprachzentrum (um mich sehr grob auszudrücken): eine -Aufgabe, die allerdings oft ungemein schwierig ist. - -Im übrigen: es wird noch lange dauern, bis die offizielle Wissenschaft -die Beschäftigung mit der Physiognomik nicht mehr als etwas höchst -_Unmoralisches_ betrachten wird. Man wird auf den psychophysischen -Parallelismus genau so eingeschworen bleiben wie bisher und doch -zu gleicher Zeit die Physiognomiker als Verlorene betrachten, -als Charlatane, wie bis vor kurzem die Forscher auf hypnotischem -Gebiete; trotzdem es keinen Menschen gibt, der nicht unbewußt, keinen -hervorragenden Menschen, der nicht bewußt Physiognomiker wäre. Der -Redensart: »Das sieht man ihm an der Nase an« bedienen sich auch Leute, -die von der Physiognomik als einer Wissenschaft nichts halten, und das -Bild eines bedeutenden Menschen wie das eines Raubmörders interessiert -gar sehr auch alle jene, die gar nie das Wort »Physiognomik« gehört -haben. - -In dieser Zeit der hochflutenden Literatur über das Verhältnis des -Physischen zum Psychischen, da der Ruf: »Hie Wechselwirkung!« von -einer kleinen, aber mutigen und sich mehrenden Schar dem anderen -Ruf einer kompakten Majorität: »Hie psychologischer Parallelismus!« -entgegengesetzt wird, wäre es von Nutzen gewesen, auf diese -Verhältnisse zu reflektieren. Man hätte sich dann freilich die Frage -vorlegen müssen, _ob nicht die Setzung einer wie immer gearteten -Korrespondenz zwischen Physischem und Psychischem eine bisher -übersehene, apriorische, synthetische Funktion unseres Denkens ist_, -was mir wenigstens dadurch sicher verbürgt scheint, daß eben jeder -Mensch die Physiognomik _anerkennt_, insoferne jeder, _unabhängig_ -von der _Erfahrung_, Physiognomik _treibt_. So wenig _Kant_ diese -Tatsache bemerkt hat, so gibt sie doch seiner Auffassung recht, daß -über das Verhältnis des Körperlichen zum Geistigen sich _weiter_ -wissenschaftlich nichts beweisen noch ausmachen läßt. Das Prinzip -einer gesetzmäßigen Relation zwischen Psychischem und Materiellem _muß -daher als Forschungsgrundsatz heuristisch acceptiert werden_, und es -bleibt der Metaphysik und Religion vorbehalten, über die Art dieses -Zusammenhanges, _dessen Tatsächlichkeit a priori für jeden Menschen -feststeht_, noch nähere Bestimmungen zu treffen. - -Ob nun Charakterologie in einer Verbindung mit Morphologie gehalten -werde oder nicht, für sie allein wie für das Resultat des -koordinierten Betriebes beider, für die Physiognomik, dürfte es Geltung -haben, daß die beinahe gänzliche Erfolglosigkeit der bisherigen -Versuche zur Begründung solcher Wissenschaften zwar auch sonst tief -genug in der Natur des schwierigen Unternehmens wurzelt, daß aber -immerhin dem Mangel an einer adäquaten Methode nicht zum geringsten -Teile dieses Mißlingen zugeschrieben werden muß. Dem Vorschlag, den -ich im folgenden an Stelle einer solchen entwickle, verdanke ich die -sichere Leitung durch manches Labyrinth; ich glaube daher nicht zögern -zu sollen, ihn einer allgemeinen Beurteilung zu unterbreiten. - -Die einen unter den Menschen haben die Hunde gern und können die Katzen -nicht ausstehen, die anderen sehen nur gerne dem Spiel der Kätzchen zu, -und der Hund ist ihnen ein widerliches Tier. Man ist in solchen Fällen, -und mit vielem Rechte, stets sehr stolz darauf gewesen, zu fragen: -_Warum_ zieht der eine die Katze vor, der andere den Hund? Warum? Warum? - -Diese Fragestellung scheint jedoch gerade hier nicht sehr fruchtbar. -Ich glaube nicht, daß _Hume_, und besonders _Mach_ recht haben, -wenn sie keinen besonderen Unterschied zwischen _simultaner_ und -_succedaner_ Kausalität machen. Gewisse zweifellose formale Analogien -werden da recht gewaltsam übertrieben, um den schwanken Bau des -Systems zu stützen. Das Verhältnis zweier Erscheinungen, die in -der Zeit regelmäßig aufeinander_folgen_, mit einer regelmäßigen -Funktionalbeziehung verschiedener _gleichzeitiger_ Elemente zu -identifizieren, geht nicht an: Nichts berechtigt in Wirklichkeit, von -Zeit_empfindungen_ zu sprechen, und gar nichts, einen den anderen -Sinnen koordinierten Zeitsinn anzunehmen; und wer wirklich das -Zeitproblem erledigt glaubt, wenn er die Zeit und den Stundenwinkel -der Erde nur eine und dieselbe Tatsache sein läßt, der übersieht -zum wenigsten dies, daß, sogar im Falle als die Erde plötzlich mit -ungleichförmiger Geschwindigkeit um ihre Achse sich zu drehen anfinge, -wir doch nach wie vor die eben apriorische Voraussetzung eines -gleichförmigen Zeitablaufes machen würden. Die Unterscheidung der -Zeit von den materialen Erlebnissen, auf welcher die Trennung der -succedanen von der simultanen Abhängigkeit beruht, und damit die Frage -nach der _Ursache_ von _Veränderungen_, die Frage nach dem _Warum_ sind -wohlberechtigt und fruchtbringend, wo Bedingendes und Bedingtes in -_zeitlicher_ Abfolge _nacheinander_ auftreten. In dem oben als Beispiel -individualpsychologischer Fragestellung angeführten Falle jedoch sollte -man in der empirischen Wissenschaft, welche als solche das regelmäßige -Zusammensein einzelner Züge in einem Komplexe keineswegs durch die -metaphysische Annahme einer _Substanz erklärt_, nicht sowohl nach dem -Warum forschen, sondern zunächst untersuchen: _Wodurch unterscheiden -sich Katzen- und Hundeliebhaber_ noch? - -Die Gewöhnung, stets diese Frage nach den korrespondierenden _anderen_ -Unterschieden zu stellen, wo zwischen Ruhendem _ein_ Unterschied -bemerkt worden ist, wird nicht nur der Charakterologie, wie ich glaube, -von großem Nutzen sein können, sondern auch der reinen Morphologie -und somit naturgemäß die Methode ihrer Verbindung, der Physiognomik, -werden. _Aristoteles_ ist es bereits aufgefallen, daß viele Merkmale -bei den Tieren nie unabhängig voneinander variieren. Später haben, -zuerst bekanntlich _Cuvier_, sodann _Geoffroy_ St. _Hilaire_ und -_Darwin_ diese Erscheinungen der »Korrelation« zum Gegenstande -eingehenden Studiums gemacht. Das Bestehen konstanter Beziehungen kann -hie und da leicht aus einem einheitlichen Zwecke verstanden werden: so -wird man es teleologisch geradezu erwarten, daß, wo der Verdauungskanal -für Fleischnahrung adaptiert ist, auch Kauapparate und Organe für -das Ergreifen von Beute vorhanden sein müssen. Warum aber alle -Wiederkäuer auch Zweihufer und im männlichen Geschlechte Hörnerträger -sind, warum Immunität gegen gewisse Gifte bei manchen Tieren stets -mit einer bestimmten Haarfarbe einhergeht, warum unter den Tauben -die Spielarten mit kurzem Schnabel kleine, die mit langem Schnabel -große Füße haben, oder gar, warum weiße Katzen mit blauen Augen immer -taub sind, solche Regelmäßigkeiten des Nebeneinander sind weder aus -einem einzigen offenbaren Grunde noch auch unter dem Gesichtspunkte -eines einheitlichen Zweckes zu begreifen. Damit ist natürlich nicht -gesagt, daß die Forschung nun prinzipiell in alle Ewigkeit mit der -bloßen Konstatierung eines steten Beisammenseins sich zu begnügen habe. -Das wäre ja so, als würde jemand zum ersten Male wissenschaftlich -vorzugehen behaupten, indem er sich darauf _beschränke, vorzufinden_: -»Wenn ich in einen Automaten ein Geldstück werfe, so kommt eine -Schachtel Zündhölzer heraus«; was darüber gehe, sei Metaphysik und von -Übel, das Kriterium des echten Forschers sei Resignation. Probleme -der Art, woher es komme, daß langes Kopfhaar und zwei normale Ovarien -sich fast ausnahmslos in denselben Menschen vereinigt finden, sind -von der größten Bedeutung; aber sie fallen eben nicht in den Bereich -der _Morphologie_, sondern in den der _Physiologie_. Vielleicht -ist ein _Ziel_ einer _idealen Morphologie_ mit der Anschauung gut -bezeichnet, daß diese _in einem deduktiv-synthetischen Teile_ nicht -jeder einzeln existierenden Art und Spielart nachkriechen solle -in Erdlöcher und nachtauchen auf den Meeresgrund -- das ist die -Wissenschaftlichkeit des Briefmarkensammlers -- sondern aus einer -_vorgegebenen Anzahl_ qualitativ und quantitativ genau bestimmter -Stücke in der Lage sein werde, den _ganzen_ Organismus zu konstruieren, -nicht auf Grund einer Intuition, wie dies ein _Cuvier_ vermochte, -sondern in strengem Beweisverfahren. Ein Organismus nämlich, von dem -man ihr irgend eine Eigenschaft genau bekanntgegeben hätte, müßte für -diese Wissenschaft der Zukunft bereits noch durch eine andere, nun -nicht mehr willkürliche, sondern damit in ebensolcher Genauigkeit -bereits bestimmbare Eigenschaft beschränkt sein. In der Sprache der -Thermodynamik unserer Tage ließe sich das ebensogut durch die Forderung -ausdrücken, daß für eine solche _deduktive_ Morphologie der Organismus -nur eine endliche Zahl von »Freiheitsgraden« besitzen dürfte. Oder man -könnte, eine lehrreiche Ausführung _Machs_ benützend, verlangen, daß -auch die organische Welt, sofern sie wissenschaftlich begreifbar und -darstellbar, eine solche sei, in der zwischen n Variablen eine Zahl -von Gleichungen bestehe, die kleiner sei als n (und zwar gleich n-1, -wenn sie durch ein wissenschaftliches System _eindeutig_ bestimmbar -sein soll; die Gleichungen würden bei geringerer Zahl zu unbestimmten -Gleichungen werden, und bei einer größeren Zahl könnte der durch eine -Gleichung ausgesagten Abhängigkeit von einer zweiten ohne weiters -widersprochen werden). - -Dies ist die logische Bedeutung des Korrelationsprinzipes in der -Biologie: es enthüllt sich als die Anwendung des _Funktionsbegriffes_ -auf das Lebendige, und darum liegt in der Möglichkeit _seiner_ -Ausbreitung und Vertiefung die Hoffnung auf eine theoretische -Morphologie hauptsächlich begründet. Die kausale Forschung ist damit -nicht ausgeschlossen, sondern erst auf ihr eigenstes Gebiet verwiesen. -Im _Idioplasma_ wird sie wohl die Gründe jener Tatsachen aufzufinden -trachten müssen, die dem Korrelationsprinzipe zu Grunde liegen. - -Die Möglichkeit einer _psychologischen_ Anwendung des Prinzipes -der korrelativen Abänderung liegt nun in der »differentiellen -Psychologie«, in der _psychologischen Varietätenlehre_, vor. Und die -eindeutige Zuordnung von anatomischem Habitus und geistigem Charakter -wird zur Aufgabe der _statischen Psychophysik oder Physiognomik_. -Die Forschungsregel aller drei Disziplinen wird aber die Frage -zu sein haben, worin sich zwei Lebewesen, die in einer Beziehung -ein differentes Verhalten gezeigt haben, _noch_ unterscheiden. -Die hier geforderte Art der Fragestellung scheint mir der einzig -denkbare »Methodus inveniendi«, gleichsam die »Ars magna« jener -Wissenschaften, und geeignet, die ganze Technik des Betriebes derselben -zu durchdringen. Man wird nun, um einen charakterologischen Typus zu -ergründen, nicht mehr bloß durch die nur bohrende Frage nach dem Warum, -unter möglichst hermetischer Absperrung, in einem Loche hartes Erdreich -aufzugraben sich mühen, nicht wie jene stereotropischen Würmer _Jacques -Loebs_ an einem Dreikant immer von neuem sich verbluten, nicht durch -Scheuklappen die Aussicht auf das erreichbare Daneben sich versperren, -um geradeaus in der Tiefendimension dem aller nur _empirischen_ -Wissenschaft unerforschlichen Grunde nachzuschnaufen. Wenn jedesmal, -ohne irgend welche Nachlässigkeit oder Rücksicht auf Bequemlichkeit, -beim Sichtbarwerden _einer_ Differenz der Vorsatz gefaßt wird, auf die -_anderen_ Differenzen zu achten, die nach dem Prinzipe unausweichlich -_noch_ da sein müssen; wenn jedesmal den unbekannten Eigenschaften, -welche mit der zur Abhebung gelangten in Funktionalzusammenhang stehen, -»ein Aufpasser im Intellekte bestellt« wird, dann ist die Aussicht, -die neuen Korrelationen zu entdecken, bedeutend vermehrt: ist nur -die Frage gestellt, so wird sich die Antwort, je nach der Ausdauer -und Wachsamkeit des Beobachters und der Gunst des ihm zur Prüfung -beschiedenen Materials, früher oder später einstellen. - -Jedenfalls wird man, im bewußten Gebrauche dieses Prinzipes, nicht -mehr lediglich darauf angewiesen sein zu warten, bis endlich einem -Menschen durch die glückliche Laune einer gedanklichen Konstellation -das konstante Beisammensein zweier Dinge im selben Individuum -_auffällt_, sondern man wird lernen, immer _sofort_ nach dem ebenfalls -vorhandenen _zweiten_ Ding zu _fragen_. Denn wie sehr ist nicht -bisher alle Entdeckung auf den Zufall einer günstigen Konjunktur der -Vorstellungen in dem Geiste eines Menschen beschränkt gewesen! Welch -große Rolle spielt hier nicht die Willkür der Umstände, die zwei -heterogene Gedankengruppen im geeigneten Moment zu jener gegenseitigen -Kreuzung zu führen vermögen, aus der das Kind, die neue Einsicht und -Anschauung, einzig geboren werden kann! Diese Rolle zu vermindern, -scheint die neue Fragestellung und der Wille, sie in jedem Einzelfalle -zu befolgen, außerordentlich befähigt. Bei der Succession der Wirkung -auf die Ursache ist die psychologische Veranlassung zur Frage aus dem -Grunde eher da, weil jede Verletzung der Stabilität und Kontinuität -in einem vorhandenen psychischen Bestande unmittelbar beunruhigend -wirkt, eine »Vitaldifferenz setzt« (_Avenarius_). _Wo gleichzeitige -Abhängigkeit besteht, fällt aber diese Triebkraft weg._ Darum könnte -diese Methode dem Forscher selbst inmitten seiner Tätigkeit die -größten Dienste leisten, ja den Fortschritt der Wissenschaft insgesamt -beschleunigen; die Erkenntnis von der heuristischen Anwendbarkeit des -Korrelationsprinzipes es wäre eine Einsicht, die fortzeugend immer neue -Einsicht könnte gebären helfen. - - - - -VI. Kapitel. - -Die emanzipierten Frauen. - - -Im unmittelbaren Anschluß an die differentiell-psychologische -Verwertung des Prinzipes der sexuellen Zwischenformen muß zum ersten -Male auf jene Frage eingegangen werden, deren theoretischer und -praktischer Lösung dieses Buch recht eigentlich gewidmet ist, soweit -sie nicht theoretisch eine Frage der Ethnologie und Nationalökonomie, -also der Sozialwissenschaft im weitesten Sinne, praktisch eine -Frage der Rechts- und Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist: -auf die _Frauenfrage_. Die Antwort, welche dieses Kapitel auf die -Frauenfrage geben soll, ist indes nicht eine, mit der für das Ganze -der Untersuchung das Problem erledigt wäre. Sie ist vielmehr bloß -eine vorläufige, da sie nicht mehr geben kann, als aus den bisherigen -Prinzipien ableitbar ist. Sie bewegt sich gänzlich in den Niederungen -der Einzelerfahrung, von der sie nicht zu allgemeinen Grundsätzen -von tieferer Bedeutung sich zu erheben trachtet; die praktischen -Anweisungen, die sie gibt, sind keine Maximen eines sittlichen -Verhaltens, das künftige Erfahrung regulieren sollte oder könnte, -sondern nur aus vergangener Erfahrung abstrahierte technische Regeln -zu einem sozialdiätetischen Gebrauche. Der Grund ist, daß hier noch -keineswegs an die Erfassung des männlichen und weiblichen Typus -geschritten wird, die Sache des zweiten Teiles verbleibt. Diese -provisorische Betrachtung soll nur diejenigen charakterologischen -_Ergebnisse des Prinzipes der Zwischenformen bringen, welche für die -Frauenfrage von Bedeutung sind_. - -Wie diese Anwendung ausfallen wird, liegt nach dem Bisherigen ziemlich -offen zu Tage. Sie gipfelt darin, daß _Emanzipationsbedürfnis und -Emanzipationsfähigkeit einer Frau nur in dem Anteile an M begründet -liegt, den sie hat_. Der Begriff der Emanzipation ist aber ein -_vieldeutiger_, und seine Unklarheit zu steigern lag im Interesse -aller jener mit dem Worte oft verfolgten praktischen Absichten, -die theoretische Einsichten zu vertragen nicht vermochten. Unter -der Emanzipiertheit einer Frau verstehe ich weder die Tatsache, -daß in ihrem Hause sie das Regiment führt und der Gatte keinen -Widerspruch mehr wagt, noch den Mut, ohne schützenden Begleiter zur -Nachtzeit unsichere Gegenden zu passieren; weder ein Hinwegsetzen -über konventionelle gesellschaftliche Formen, welche der Frau das -Alleinleben fast verbieten, es nicht dulden, daß sie einem Manne einen -Besuch abstatte, und die Berührung sexueller Themen durch sie selbst -oder durch andere in ihrer Gegenwart verpönen; noch schließlich die -Suche nach einem selbständigen Erwerb, sei als Mittel zu diesem nun -die Handelsschule oder das Universitätsstudium, das Konservatorium -oder die Lehrerinnenbildungsanstalt gewählt. Vielleicht gibt es noch -weitere Dinge, die samt und sonders unter dem großen Schilde der -Emanzipationsbewegung sich bergen, doch soll auf diese vorderhand -nicht eingegangen werden. Die Emanzipation, die ich im Sinne habe, -ist auch nicht der Wunsch nach der äußerlichen Gleich_stellung_ -mit dem Manne, sondern _problematisch_ ist dem hier vorliegenden -Versuche, zur Klarheit in der Frauenfrage zu gelangen, der _Wille_ -eines _Weibes_, dem Manne _innerlich gleich zu werden_, zu seiner -geistigen und moralischen Freiheit, zu seinen Interessen und seiner -Schaffenskraft zu gelangen. Und was nun behauptet wird, ist dies, _daß -W gar kein Bedürfnis und dementsprechend auch keine Fähigkeit zu dieser -Emanzipation hat. Alle wirklich nach Emanzipation strebenden, alle mit -einem gewissen Recht berühmten und geistig irgendwie hervorragenden -Frauen weisen stets zahlreiche männliche Züge auf, und es sind an ihnen -dem schärferen Blicke auch immer anatomisch-männliche Charaktere, -ein körperlich dem Manne angenähertes Aussehen, erkennbar._ Nur den -_vorgerückteren_ sexuellen Zwischenformen, man könnte beinahe schon -sagen jenen sexuellen Mittelstufen, die gerade noch den »Weibern« -beigezählt werden, entstammen jene Frauen der Vergangenheit wie -der Gegenwart, die von männlichen und weiblichen Vorkämpfern der -Emanzipationsbestrebungen zum Beweise für die großen Leistungen von -_Frauen_ immer mit Namen angeführt werden. Gleich die erste der -geschichtlichen Abfolge nach, gleich _Sappho_ ist _konträr_sexuell, -ja von ihr schreibt sich die Bezeichnung eines geschlechtlichen -Verhältnisses zwischen Frauen mit dem Namen der sapphischen oder -lesbischen Liebe her. Hier sehen wir, wie uns die Erörterungen des -dritten und vierten Kapitels zugute kommen für eine Entscheidung in -der Frauenfrage. Das charakterologische Material, welches uns über die -sogenannten »bedeutenden Frauen«, also über die de facto Emanzipierten, -zu Gebote steht, ist zu dürftig, seine Interpretation zu vielem -Widerspruche ausgesetzt, als daß wir uns seiner mit der Hoffnung -bedienen könnten, eine _zufriedenstellende_ Lösung zu geben. Wir -bedurften eines Prinzipes, welches die Stellung eines Menschen zwischen -M und W unzweideutig festzustellen gestattete. Ein solches Prinzip -wurde gefunden in dem Gesetze der sexuellen Anziehung zwischen Mann -und Weib. Seine Anwendung auf das Problem der Homosexualität ergab, -daß die zur Frau sexuell hingezogene Frau eben ein halber Mann ist. -Damit ist aber für den historischen Einzelnachweis der These, daß der -Grad der Emanzipiertheit einer Frau mit dem Grade ihrer Männlichkeit -identisch ist, so ziemlich alles gewonnen, dessen wir bedürfen. Denn -Sappho _leitet_ die Reihe jener Frauen, die auf der Liste weiblicher -Berühmtheiten stehen und die zugleich homo- oder mindestens bisexuell -empfanden, _nur ein_. Man hat Sappho von philologischer Seite sehr -eifrig von dem Verdachte zu reinigen gesucht, daß sie wirkliche, das -bloß Freundschaftliche übersteigende Liebesverhältnisse mit Frauen -unterhalten habe, als ob dieser Vorwurf, wenn er gerechtfertigt wäre, -eine Frau sittlich sehr stark herabwürdigen müßte. Daß dem keineswegs -so ist, daß eine unsinnliche homosexuelle Liebe gerade das Weib mehr -ehrt als das heterosexuelle Verhältnis, das wird aus dem zweiten Teile -noch klar hervorgehen. Hier genüge die Bemerkung, daß die Neigung zu -lesbischer Liebe in einer Frau eben _Ausfluß ihrer Männlichkeit, diese -aber Bedingung ihres Höherstehens ist_. _Katharina II. von Rußland_ und -die Königin _Christine von Schweden_, nach einer Angabe die hochbegabte -taubstummblinde _Laura Bridgman_, sowie sicherlich die _George Sand_ -sind zum Teil bisexuell, zum Teil ausschließlich homosexuell, ebenso -wie alle Frauen und Mädchen von auch nur einigermaßen in Betracht -kommender Begabung, die ich selbst kennen zu lernen Gelegenheit hatte. - -Was nun aber jene große Zahl emanzipierter Weiber betrifft, über die -keine Zeugnisse lesbischen Empfindens vorliegen, so verfügen wir -hier fast immer über andere Indizien, welche beweisen, daß es keine -willkürliche Behauptung und auch kein engherziger, für das männliche -Geschlecht eben _alles_ zu reklamieren gieriger, habsüchtiger Egoismus -ist, wenn ich von der Männlichkeit aller Frauen spreche, die man sonst -mit einigem Rechte für die höhere Befähigung des Weibes anführt. Denn -wie die bisexuellen Frauen entweder mit männlichen Weibern oder mit -weiblichen Männern in geschlechtlichem Verkehre stehen, so werden -auch die heterosexuellen Frauen ihren Gehalt an Männlichkeit noch -immer dadurch offenbaren, daß ihr sexuelles Komplement auf Seite der -Männer nie ein echter Mann sein wird. Die berühmtesten unter den -vielen »Verhältnissen« der _George Sand_ sind das mit _Musset_, dem -weibischesten Lyriker, den die Geschichte kennt, und mit _Chopin_, -den man sogar als den einzigen weiblichen Musiker bezeichnen könnte --- so weibisch ist er.[10] _Vittoria Colonna_ ist weniger berühmt -durch ihre eigene dichterische Produktion geworden als durch die -Verehrung, die _Michel Angelo_ für sie gehegt hat, der sonst nur zu -Männern in erotischem Verhältnis gestanden ist. Die Schriftstellerin -_Daniel Stern_ war die Geliebte desselben _Franz Liszt_, dessen Leben -und Lebenswerk durchaus immer etwas Weibliches an sich hat, dessen -Freundschaft für den auch nicht vollkommen männlichen und jedenfalls -etwas päderastisch veranlagten _Wagner_ fast ebensoviel Homosexualität -in sich schloß, wie die schwärmerische Verehrung, die dem letzteren von -König _Ludwig_ II. von _Bayern_ entgegengebracht wurde. Von Mme. _de -Stael_, deren Schrift über Deutschland vielleicht als das bedeutendste -Buch von Frauenhand angesehen werden muß, ist es wahrscheinlich, daß -sie in sexuellen Beziehungen zu dem homosexuellen Hauslehrer ihrer -Kinder, zu _August Wilhelm Schlegel_, gestanden ist. _Klara Schumanns_ -Gatten würde man bloß dem Gesichte nach zu gewissen Zeiten seines -Lebens eher für ein Weib halten, denn für einen Mann, und auch in -seiner Musik ist viel, wenn auch nicht immer gleich viel, Weiblichkeit. - -Wo alle Angaben über die Menschen fehlen, zu welchen eine sexuelle -Beziehung bestand, oder solche Personen überhaupt nicht genannt -werden, da ist oft reichlich Ersatz in kleinen Mitteilungen, die -über das Äußere berühmter Frauen auf uns gelangt sind: sie zeigen, -wie die Männlichkeit jener Frauen auch physiognomisch in Antlitz und -Gestalt zum Ausdruck kommt und bestätigen auf diese Weise, ebenso wie -die von jenen Frauen erhaltenen Porträts, die Richtigkeit der hier -vertretenen Anschauung. Es ist die Rede von _George Eliots_ breiter, -mächtiger Stirn: »ihre Bewegungen wie ihr Mienenspiel waren scharf -und bestimmt, es fehlte ihnen aber die anmutige weibliche Weichheit«; -von dem »_scharfen_, geistvollen Gesicht _Lavinia Fontanas_, das -uns seltsam anmutet«. Die Züge der _Rachel Ruysch_ »tragen einen -Charakter von fast männlicher Bestimmtheit an sich«. Der Biograph der -originellsten Dichterin, der _Annette von Droste-Hülshoff_, berichtet -von ihrer »elfenhaft schlanken, zarten Gestalt«; und das Gesicht -dieser Künstlerin ist von einem Ausdruck strenger Männlichkeit, der -ganz entfernt an _Dantes_ Züge erinnert. Die Schriftstellerin und -Mathematikerin _Sonja Kowalewska_ hatte, ebenso wie schon Sappho, einen -abnorm geringen Haarwuchs des Kopfes, einen geringeren noch, als die -Dichterinnen und Studentinnen von heutzutage ihn gewöhnlich haben, die -sich regelmäßig, wenn die Frage nach den geistigen Leistungen des -Weibes aufgeworfen wird, zuerst auf sie berufen. Und wer im Gesichte -der hervorragendsten Malerin, der _Rosa Bonheur_, auch nur _einen_ -weiblichen Zug wahrzunehmen behauptete, der wäre durch den Klang des -Namens in die Irre geführt. Sehr männlich von Ansehen ist auch die -berühmte _Helene Petrowna Blavatsky_. Von den noch lebenden produktiven -und emanzipierten Frauen habe ich mit Absicht keine erwähnt, -sondern geschwiegen, obwohl _sie_ mir, wie den Anreiz zu manchen -der ausgesprochenen Gedanken, so auch die allgemeinste Bestätigung -meiner Ansicht geliefert haben, daß das echte Weib, daß W mit der -»Emanzipation des Weibes« nichts zu schaffen hat. Die historische -Nachforschung muß dem Volksmund recht geben, der ihr Resultat -längst vorweggenommen hat: »Je länger das Haar, desto kürzer der -Verstand«. Dieses Wort trifft zu mit der im zweiten Kapitel gemachten -Einschränkung. - -Und was die emanzipierten Frauen anlangt: _Nur der Mann in ihnen ist -es, der sich emanzipieren will._ - -Es hat einen tieferen Grund, als man glaubt, warum die -schriftstellernden Frauen so oft einen Männernamen annehmen: sie -fühlen sich eben beinahe als Mann, und bei Personen wie _George -Sand_ entspricht dies völlig ihrer Neigung zu männlicher Kleidung -und männlicher Beschäftigung. Das Motiv zur Wahl eines männlichen -Pseudonyms muß in dem Gefühle liegen, daß nur ein solches der eigenen -Natur korrespondiert; es kann nicht in dem Wunsche nach größerer -Beachtung und Anerkennung von Seite der Öffentlichkeit wurzeln. Denn -was Frauen produzieren, hat seit jeher, infolge der damit verbundenen -geschlechtlichen Pikanterie, mehr Aufmerksamkeit erregt als, ceteris -paribus, die Schöpfungen von Männern, und ist, wegen der von Anfang -an immer tiefer gestimmten Ansprüche, stets nachsichtiger behandelt, -wenn es gut war, stets unvergleichlich höher gepriesen worden, als was -Männer gleich Gutes geleistet hatten. So ist das besonders heutzutage, -und es gelangen noch fortwährend Frauen durch Produkte zu großem -Ansehen, von denen man kaum Notiz nehmen würde, wenn sie männlichen -Ursprunges wären. Es ist Zeit, hier zu sondern und auszuscheiden. -Man nehme nur zum Vergleiche die männlichen Schöpfungen, welche die -Literatur-, Philosophie-, Wissenschafts- und Kunstgeschichte gelten -lassen und gebrauche diese als Maßstab: und man wird die immerhin -nicht unbeträchtliche Zahl jener Frauen, die als bedeutende Geister -immer wieder angeführt werden, gleich auf den ersten Schlag kläglich -zusammenschrumpfen sehen. In der Tat gehört sehr viel Milde und Laxheit -dazu, um Frauen wie _Angelika Kauffmann_ oder _Mme. Lebrun_, _Fernan -Caballero_ oder _Hroswitha von Gandersheim_, _Mary Somerville_ oder -_George Egerton_, _Elizabeth Barrett Browning_ oder _Sophie Germain_, -_Anna Maria Schurmann_ oder _Sibylla Merian_ auch nur ein Titelchen von -_Bedeutung_ beizulegen. Ich will davon nicht reden, wie sehr auch die -früheren, als Beispiele der Viraginität genannten Frauen im einzelnen -überschätzt werden; ich will auch das Maß des Ruhmes nicht kritisieren, -den die lebenden weiblichen Künstlerinnen geerntet haben. Es genüge die -allgemeine Feststellung, daß keine einzige unter _allen_ Frauen der -Geistesgeschichte auch nur mit männlichen Genien fünften und sechsten -Ranges, wie ihn, um Beispiele anzuführen, etwa _Rückert_ unter den -Dichtern, _van Dyck_ unter den Malern, _Schleiermacher_ unter den -Philosophen einnehmen, in concreto wahrhaft verglichen werden kann. - -Scheiden wir die hysterischen Visionärinnen, wie _die Sibyllen_, -die _Pythien von Delphi_, die _Bourignon_ und die _Klettenberg_, -_Jeanne de la Motte Guyon_, _Johanna Southcott_, _Beate Sturmin_, -oder die _heilige Therese_ vorderhand aus, so bleiben nun noch Fälle -wie die der _Marie Bashkirtseff_. Diese ist (soweit ich es nach der -Erinnerung an ihr Bild zu sagen vermag) allerdings von ausgesprochen -weiblichem Körperbau gewesen, bis auf die Stirn, die mir einen etwas -männlichen Eindruck gemacht hat. Aber wer in der Salle des Étrangers -im Pariser Luxembourg ihre Bilder neben denen des von ihr geliebten -_Bastien-Lepage_ hat hängen sehen, der weiß, daß sie den Stil desselben -nicht anders und nicht minder vollkommen angenommen hat als Ottilie die -Handschrift Eduards in Goethes »Wahlverwandtschaften«. - -Den langen Rest bilden jene zahlreichen Fälle, wo ein allen Mitgliedern -einer Familie eigentümliches _Talent_ zufällig in einem _weiblichen_ -Mitgliede am stärksten hervortritt, ohne daß dieses im geringsten -genial zu sein braucht. Denn nur das Talent wird vererbt, nicht das -Genie. _Margaretha van Eyck_ und _Sabine von Steinbach_ geben hier -nur das Paradigma ab für eine lange Reihe jener Künstlerinnen, von -denen nach Ernst _Guhl_, einem den kunstübenden Frauen außerordentlich -gewogenen Autor, »uns ausdrücklich überliefert wird, daß sie durch -Vater, Mutter oder Bruder zur Kunst angeleitet worden sind, oder daß -sie, mit anderen Worten, den Anlaß zum Künstlerberuf in der eigenen -Familie gefunden haben. Es sind deren zweihundert bis dreihundert, und -wieviele Hunderte mögen noch außerdem durch ganz ähnliche Einflüsse zu -Künstlerinnen geworden sein, ohne daß die Geschichte deren Erwähnung -tun konnte!« Um die Bedeutung dieser Zahlenangaben zu würdigen, muß man -in Betracht ziehen, daß _Guhl_ kurz vorher »von den beiläufig tausend -Namen, die uns von weiblichen Künstlern bekannt sind«, spricht. - -Hiemit sei die historische Revue über die emanzipierten Frauen -zum Abschluß gebracht. Sie hat der Behauptung, daß echtes -Emanzipationsbedürfnis und wahres Emanzipationsvermögen in der Frau -Männlichkeit voraussetzt, _recht_ gegeben. Denn die ungeheuere Überzahl -jener Frauen, die sicherlich nicht im geringsten der Kunst oder dem -Wissen _gelebt_ haben, bei denen diese Beschäftigung vielmehr an die -Stelle der üblichen »Handarbeit« tritt und in dem ungestörten Idyll -ihres Lebens nur einen _Zeitvertreib_ bedeutet -- und alle jene, denen -gedankliche wie künstlerische Tätigkeit nur eine ungeheuer angespannte -_Koketterie_ vor mehr oder weniger bestimmten Personen männlichen -Geschlechtes ist -- diese beiden großen Gruppen durfte und mußte eine -reinliche Betrachtung ausscheiden. Die übrig bleibenden erweisen sich -dem näheren Zusehen insgesamt als sexuelle Zwischenformen. - -Zeigt sich aber das Bedürfnis nach Befreiung und Gleichstellung -mit dem Manne nur bei männlichen Frauen, so ist der Schluß per -inductionem _gerechtfertigt_, daß W _keinerlei Bedürfnis nach der -Emanzipation empfindet_, auch wenn einstweilen diese Folgerung, so -wie es hier ausschließlich geschehen ist, nur aus der geschichtlichen -Einzelbetrachtung und nicht aus einer Untersuchung der psychischen -Eigenschaften von W selbst abgeleitet wird. - -Stellen wir uns demnach auf den hygienischen (nicht ethischen) -Standpunkt einer der natürlichen Anlage angemessensten Praxis, so -würde sich das Urteil über die »Emanzipation des Weibes« so gestalten. -Der _Unsinn_ der Emanzipationsbestrebungen liegt in der _Bewegung_, -in der _Agitation_. Durch diese vor allem verleitet, fangen, wenn -von Motiven der Eitelkeit, des Männerfanges abgesehen wird, bei der -großen imitatorischen Veranlagung der Frauen auch solche zu studieren, -zu schreiben u. s. w. an, die nie ein originäres Verlangen danach -gehabt haben; denn da es eine große Anzahl von Frauen wirklich zu -geben scheint, die aus einem gewissen inneren Bedürfnis heraus eine -Emanzipation suchen, wird von diesen auf jene das Bildungsstreben -_induziert_ und so das Frauenstudium zur _Mode_, und eine lächerliche -Agitation der Frauen unter sich läßt schließlich _alle_ an die -Echtheit dessen glauben, was der guten Hausfrau so oft nur Mittel -zu Demonstrationszwecken gegen den Mann, der Tochter so oft nur -eine ostentative Kundgebung gegen die mütterliche Gewalt ist. Das -praktische Verhalten in der ganzen Frage hätte demnach, ohne daß diese -Regel (schon ihres fließenden Charakters halber) zur Grundlage einer -Gesetzgebung gemacht werden könnte und dürfte, folgendes zu sein: -_Freien Zulaß zu allem, kein Hindernis in den Weg derjenigen, deren -wahre psychische Bedürfnisse sie, stets in Gemäßheit ihrer körperlichen -Beschaffenheit, zu männlicher Beschäftigung treiben_, für die Frauen -mit _männlichen_ Zügen. _Aber weg mit der $Partei$bildung, weg mit der -$unwahren$ Revolutionierung, weg mit der ganzen Frauen$bewegung$_, die -in so vielen widernatürliches und künstliches, im Grunde verlogenes -Streben schafft. - -Und _weg_ auch mit der abgeschmackten Phrase von der »völligen -Gleichheit«! Selbst das männlichste Femininum hat wohl kaum je mehr -als 50 Prozent an M und _diesem $Feingehalte$_ dankt sie ja doch -ihre ganze Bedeutung oder besser all das, was sie eventuell bedeuten -_könnte_. Man darf keineswegs, wie dies nicht wenige intellektuelle -Frauen zu tun scheinen, aus manchen (wie schon bemerkt, ohnedies -nicht typischen) Einzelerfahrungen über den Mann, die sie zu sammeln -Gelegenheit hatten, und aus denen ja nicht die Parität, sondern gar -die Superiorität des weiblichen Geschlechtes hervorginge; allgemeine -Folgerungen ziehen, sondern muß, wie _Darwin_ dies vorschlug, die -Spitzen hier und die Spitzen dort miteinander vergleichen. Aber -»wenn je ein Verzeichnis der bedeutendsten Männer und Frauen auf dem -Gebiete der Dichtkunst, Malerei, Bildhauerei, Musik, Geschichte, -Naturwissenschaft und Philosophie hergestellt und unter jedem -Gegenstand ein halbes Dutzend Namen verzeichnet würden, so könnten -beide Listen nicht den Vergleich miteinander bestehen«. Erwägt man -nun noch, daß die Personen auf der weiblichen Liste, genau besehen, -auch nur wieder für die _Männlichkeit des Genies_ Zeugnis ablegen -würden, so ist zu erwarten, daß die Lust der Frauenrechtlerinnen, die -Zusammenstellung eines solchen Verzeichnisses zu wagen, noch geringer -werden dürfte, als sie bisher es gewesen ist. - -Der übliche Einwurf, der auch jetzt erhoben werden wird, lautet -dahin, daß die Geschichte nichts beweise, da die Bewegung erst Raum -schaffen müsse für eine ungehemmte, volle geistige Entwicklung der -Frau. Dieser Einwand verkennt, daß es emanzipierte Frauen, eine -Frauenfrage, eine Frauenbewegung zu _allen_ Zeiten gegeben hat, wenn -auch in den verschiedenen Epochen mit verschiedener Lebhaftigkeit; -er übertreibt immens die Schwierigkeiten, welche den nach geistiger -Bildung strebenden Frauen von Seite des Mannes irgendwann gemacht -wurden, und auch angeblich gerade jetzt wieder bereitet werden[11]; er -übersieht schließlich wiederum, daß auch heute nicht das wirkliche Weib -die Forderung der Emanzipation erhebt, sondern daß dies durchwegs nur -männlichere Frauen tun, die ihre eigene Natur mißdeuten und die Motive -ihres Handelns nicht einsehen, wenn sie im Namen des Weibes zu sprechen -glauben. - -Wie jede andere Bewegung der Geschichte, so war auch die Frauenbewegung -überzeugt, daß sie erstmalig, neu, noch nie dagewesen war; ihre -Vorkämpferinnen lehrten, daß bislang das Weib in Finsternis -geschmachtet habe und in Fesseln gelegen sei, während es nun erst -sein natürliches Recht zu begreifen und zu beanspruchen beginne. Wie -für jede andere geschichtliche Bewegung, so hat man aber auch für die -Frauenbewegung Analogien weiter und weiter zurückverfolgen können; -nicht nur in _sozialer_ Beziehung gab es im Altertum und im Mittelalter -eine Frauenfrage, sondern auch für die _geistige_ Emanzipation -waren zu längst entschwundenen Zeiten produktive Frauen durch ihre -Leistungen selbst wie männliche und weibliche Apologeten des weiblichen -Geschlechtes durch theoretische Darlegungen tätig. So ist denn jener -Glaube ganz irrig, der dem Kampfe der Frauenrechtlerinnen so viel -Eifer und Frische verliehen hat, daß bis auf die letzten Jahre die -Frauen noch nie Gelegenheit zur ungestörten Entfaltung ihrer geistigen -Entwicklungsmöglichkeiten gehabt hätten. Jakob _Burckhardt_ erzählt -von der Renaissance: »Das Ruhmvollste, was damals von den großen -Italienerinnen gesagt wird, ist, daß sie einen männlichen Geist, ein -männliches Gemüt hätten. Man braucht nur die völlig männliche Haltung -der meisten Weiber in den Heldengedichten, zumal bei Bojardo und -Ariosto, zu beachten, um zu wissen, daß es sich hier um ein bestimmtes -Ideal handelt. Der Titel einer »Virago«, den unser Jahrhundert für ein -sehr zweideutiges Kompliment hält, war damals reiner Ruhm.« Im XVI. -Jahrhundert wurde den Frauen die Bühne freigegeben, es sah die ersten -Schauspielerinnen. »Zu jener Zeit wurde die Frau für fähig gehalten, -gleich den Männern das höchste Maß von Bildung zu erreichen.« Es -ist die Zeit, da ein Panegyrikus nach dem anderen auf das weibliche -Geschlecht erscheint, Thomas _Morus_ seine völlige Gleichstellung mit -dem männlichen verlangt, und _Agrippa von Nettesheim_ die Frauen sogar -hoch über die Männer erhebt. Und jene großen Erfolge des weiblichen -Geschlechtes wurden wieder verloren, die ganze Zeit tauchte unter -in eine Vergessenheit, aus der sie erst das XIX. Jahrhundert wieder -hervorholte. - -Ist es nicht sehr auffallend, daß die Frauenemanzipationsbestrebungen -in der Weltgeschichte in konstanten Intervallen, in gewissen sich -gleich bleibenden zeitlichen Abständen aufzutreten scheinen? - -Im X. Jahrhundert, im XV. und XVI. und jetzt wieder im XIX. und XX. -hat es allem Ermessen nach viel mehr emanzipierte Weiber und eine -stärkere Frauenbewegung gegeben als in den dazwischen liegenden -Zeiten. Es wäre voreilig, hierauf schon eine Hypothese zu gründen, -doch muß man immerhin die Möglichkeit ins Auge fassen, daß hier eine -gewaltige Periodizität vorliegt, vermöge deren in regelmäßigen Phasen -mehr Zwittergeburten, mehr Zwischenformen auf die Welt kommen als in -den Intervallen. Bei Tieren sind solche Perioden in verwandten Dingen -beobachtet worden. - -Es wären das unserer Anschauung gemäß Zeiten von minderem -Gonochorismus; und es würde die Tatsache, daß zu gewissen Zeiten -mehr männliche Weiber geboren werden als sonst, als Pendant auf -der Gegenseite verlangen, daß in der gleichen Zeit auch mehr -weibliche Männer auf die Welt gebracht werden. Und dies sehen wir in -überraschendem Maße ebenfalls zutreffen. Der ganze »sezessionistische -Geschmack«, der den großen, schlanken Frauen mit flachen Brüsten und -schmalen Hüften den Preis der Schönheit zuerkennt, ist vielleicht -hierauf zurückzuführen. Die ungeheuere Vermehrung des Stutzertums -wie der Homosexualität in den letzten Jahren kann ihren Grund nur in -einer größeren Weiblichkeit der jetzigen Ära haben. Und nicht ohne -tiefere Ursache sucht der ästhetische wie der sexuelle Geschmack dieses -Zeitalters Anlehnung bei dem der Präraphaeliten. - -Wenn es im organischen Leben solche Perioden gibt, die den -Oszillationen im Leben des einzelnen gleichen, aber sich über -mehrere Generationen hinweg erstrecken, so eröffnet uns dies eine -weitere Aussicht auf das Verständnis so mancher dunkler Punkte -auch in der menschlichen Geschichte, als es die prätentiösen -»Geschichtsauffassungen«, die sich in der jüngsten Zeit so gehäuft -haben, insbesondere die ökonomisch-materialistische Ansicht, anzubahnen -vermocht haben. Sicherlich ist von einer _biologischen_ Betrachtung -auch der menschlichen _Geschichte_ noch unendlich viel Aufschluß in -der Zukunft zu erwarten. Hier soll nur die Nutzanwendung auf den -vorliegenden Fall gesucht werden. - -Wenn es richtig ist, daß zu gewissen Zeiten mehr, zu anderen weniger -hermaphroditische Menschen geboren werden, so wäre als die _Folge_ -dessen vorauszusehen, daß die Frauenbewegung größtenteils _von selbst -sich wieder verlaufen_ und nach längerer Zeit erst wieder zum Vorschein -kommen würde, um wieder unter- und emporzutauchen in einem Rhythmus -ohne Ende. Es würden eben die Frauen, die sich selbst emanzipieren -_wollten_, bald in größerer, bald in weit geringerer Anzahl _geboren_ -werden. - -Von den ökonomischen Verhältnissen, welche auch die sehr weibliche -Frau des kinderreichen Proletariers in die Fabrik oder zur Bauarbeit -drängen können, ist hier natürlich nicht die Rede. Der Zusammenhang -der industriellen und gewerblichen Entwicklung mit der Frauenfrage ist -viel lockerer, als er, besonders von sozialdemokratischen Theoretikern, -gewöhnlich hingestellt wird, und noch viel weniger besteht ein enger -ursächlicher Konnex zwischen den Bestrebungen, die auf die geistige, -und jenen, die auf die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit gerichtet -sind. In Frankreich z. B. ist es, obwohl es drei der hervorragendsten -Frauen hervorgebracht hat, niemals einer Frauen_bewegung_ recht -eigentlich gelungen, Wurzel zu fassen, und doch sind in keinem Lande -Europas so viele Frauen selbständig geschäftlich tätig als eben dort. -Der Kampf um das materielle Auskommen hat also mit dem Kampfe um einen -geistigen Lebensinhalt, wenn wirklich von Seite einer Gruppe von -Frauen ein solcher geführt wird, nichts zu tun und ist scharf von ihm -zu scheiden. - -Die Prognose, welche dieser letzteren Bewegung, der auf dem geistigen -Gebiete, gestellt wurde, war keine erfreuliche; sie ist wohl noch -trostloser als die Aussicht, die man ihr auf den Weg mitgeben könnte, -wenn mit einigen Autoren eine _fortschreitende_ Entwicklung des -Menschengeschlechtes zu _völliger_ sexueller _Differenzierung_, also -einem ausgesprochenen Geschlechts-Dimorphismus entgegen, anzunehmen -wäre. - -Die letztere Meinung scheint mir aus dem Grunde unhaltbar, weil im -Tierreich durchaus nicht eine mit der höheren systematischen Stellung -_zu_nehmende Geschlechtertrennung sich verfolgen läßt. Gewisse -Gephyreen und Rotatorien, viele Vögel, ja selbst unter den Affen noch -der Mandrill tun einen viel stärkeren Gonochorismus kund, als er beim -Menschen, vom morphologischen Standpunkte aus, sich beobachten läßt. -Während aber diese Vermutung eine Zeit voraussagt, wo wenigstens das -_Bedürfnis_ nach der Emanzipation _für immer_ erloschen sein und es nur -mehr komplette Masculina und komplette Feminina geben würde, verurteilt -die Annahme einer periodischen Wiederkehr der Frauenbewegung das -ganze Streben der Frauenrechtlerinnen in grausamster Weise zu einer -schmerzlichen Ohnmacht, es läßt ihr gesamtes Tun unter dem Aspekte -einer Danaidenarbeit erscheinen, deren Erfolge mit der fortschreitenden -Zeit wieder von selbst in das gleiche Nichts zerrinnen. - -Dieses trübe Los könnte der Emanzipation der Frauen gefallen sein, wenn -diese immer weiter ihre Ziele nur im _Sozialen_, in der historischen -Zukunft der _Gattung_ suchte und ihre Feinde blind unter den Männern -und in den von Männern geschaffenen rechtlichen Institutionen wähnte. -Dann freilich müßte das Korps der Amazonen formiert werden, und es wäre -nie ein Dauerndes gewonnen, wenn jenes geraume Zeit nach seiner Bildung -immer wieder sich auflöste. Insoferne bietet die Renaissance und ihr -spurloses Verschwinden den Frauenrechtlerinnen eine Lehre. Die wahre -Befreiung des Geistes kann nicht von einem noch so großen und noch so -wilden Heere gesucht werden, um sie muß das einzelne Individuum für -sich allein kämpfen. Gegen wen? Gegen das, was im eigenen Gemüte sich -dawiderstemmt. _Der größte, der einzige Feind der Emanzipation der Frau -ist die Frau._ - -Dies zu beweisen, ist Aufgabe des zweiten Teiles. - - - - -ZWEITER ODER HAUPTTEIL. - -DIE SEXUELLEN TYPEN. - - - - -I. Kapitel. - -Mann und Weib. - - »All that a man does is physiognomical of him.« - - _Carlyle._ - - -Freie Bahn für die Erforschung alles wirklichen Geschlechtsgegensatzes -ist durch die Erkenntnis geschaffen, daß Mann und Weib nur als -Typen zu erfassen sind und die verwirrende Wirklichkeit, welche den -bekannten Kontroversen immer neue Nahrung bieten wird, allein durch -ein Mischungsverhältnis aus jenen zwei Typen sich nachbilden läßt. -Die einzig realen sexuellen Zwischenformen hat der erste Teil dieser -Untersuchung behandelt, und zwar, wie nun hervorgehoben werden muß, -nach einem etwas schematisierenden Verfahren. Die Rücksichtnahme -auf die allgemein biologische Geltung der entwickelten Prinzipien -führte das dort mit sich. Jetzt, da, noch viel ausschließlicher als -bisher, _der Mensch_ das Objekt der Betrachtung werden soll und die -psychophysiologischen Zuordnungen der introspektiven Analyse zu weichen -sich anschicken, bedarf der universelle Anspruch des Prinzipes der -sexuellen Zwischenstufen einer gewichtigen Restriktion. - -Bei Pflanzen und Tieren ist das Vorkommen des echten Hermaphroditismus -eine gegen jeden Zweifel erhärtete Tatsache. Aber selbst bei den Tieren -scheint oft das Zwittertum mehr eine Juxtaposition der männlichen und -weiblichen Keimdrüse in einem Individuum als ein Ausgeglichensein -beider Geschlechter in demselben, eher ein Zusammensein beider Extreme -denn einen gänzlich neutralen Zustand in der Mitte zwischen denselben -zu bedeuten. Vom _Menschen_ jedoch läßt sich _psychologisch_ mit -vollster Bestimmtheit behaupten, daß er, zunächst wenigstens in einer -und derselben Zeit, _notwendig $entweder$ Mann $oder$ Weib sein muß_. -Damit steht nicht nur im Einklang, daß fast alles, was sich für ein -Masculinum oder Femininum schlechtweg hält, auch sein Komplement für -»_das_ Weib« oder »_den_ Mann« schlechthin ansieht.[12] Es wird jene -Unisexualität am stärksten erwiesen durch die in ihrer theoretischen -Wichtigkeit _kaum zu überschätzende_ Tatsache, daß auch im Verhältnisse -zweier homosexueller Menschen zueinander immer der eine die körperliche -und psychische Rolle des Mannes übernimmt, im Falle längeren Verkehres -auch seinen männlichen Vornamen behält oder einen solchen annimmt, -während der andere die des Weibes spielt, seinen weiblichen Vornamen -entweder bewahrt oder einen solchen sich gibt oder noch öfter -- dies -ist bezeichnend genug -- ihn vom anderen erhält. - -Also es füllt in den sexuellen Relationen zweier Lesbierinnen oder -zweier Urninge immer die eine Person die männliche, die zweite die -weibliche Funktion aus, und dies ist von größter Bedeutung. Das -Verhältnis Mann-Weib erweist sich hier als _fundamental_ an der -_entscheidenden_ Stelle, als etwas, worüber nicht hinauszukommen ist. - -_Trotz allen sexuellen Zwischenformen $ist$ der Mensch am Ende doch -$eines$ von beiden, $entweder$ Mann $oder$ Weib._ Auch in dieser -ältesten empirischen Dualität steckt (nicht bloß anatomisch und -keineswegs im konkreten Falle in regelmäßiger genauer Übereinstimmung -mit dem morphologischen Befunde) eine tiefe Wahrheit, die sich nicht -ungestraft vernachlässigen läßt. - -Hiemit scheint nun ein Schritt gemacht, der von der größten Tragweite -ist, und allem Ferneren so segensreich wie verhängnisvoll werden -kann. Es ist mit einer solchen Anschauung ein _Sein_ statuiert. -Die _Bedeutung_ dieses _Seins_ zu erforschen ist freilich eben die -Aufgabe, welche der ganzen folgenden Untersuchung anheimfällt. Da -aber mit diesem problematischen _Sein_ an die Hauptschwierigkeit der -Charakterologie unmittelbar gerührt ist, wird es gut sein, ehe daß eine -solche Arbeit in naiver Kühnheit begonnen werde, über dieses heikelste -Problem, an dessen Schwelle aller Wagemut bereits stockt, eine kurze -Orientierung zu versuchen. - -Die Hemmnisse, mit denen jedes charakterologische Unternehmen zu -kämpfen hat, sind allein schon wegen der Kompliziertheit des Stoffes -enorme. Oft und oft ereignet es sich, daß der Weg, den man durch -das Waldesdickicht bereits gefunden zu haben glaubt, sich verliert -im undurchdringlichen Gestrüppe, der Faden nicht mehr herauszulösen -ist aus der unendlichen Verfilzung. Das schlimmste aber ist, daß -betreffs der Methode einer systematischen Darstellung des wirklich -entwundenen Stoffes, anläßlich der prinzipiellen Deutung auch -erfolgreicher Anfänge, sich wieder und wieder die ernstesten Bedenken -erheben und gerade der Typisierung sich entgegentürmen. In dem Falle -des Geschlechtsgegensatzes z. B. erwies sich bis jetzt die Annahme -einer Art Polarität der Extreme und unzähliger Abstufungen zwischen -denselben als die einzig brauchbare. Es scheint so auch in den meisten -übrigen charakterologischen Dingen -- auf einige komme ich selbst -noch zu sprechen -- etwas wie Polarität zu geben (was schon der -Pythagoreer _Alkmaion von Kroton_ geahnt hat); und vielleicht wird auf -diesem Gebiete die _Schelling_sche Naturphilosophie noch ganz andere -Genugtuungen erleben als die Auferstehung, welche ein physikalischer -Chemiker unserer Tage ihr bereitet zu haben vermeint. - -Aber ist die Hoffnung berechtigt, durch die Festlegung des Individuums -auf einem bestimmten Punkte in den Verbindungslinien je zweier -Extreme, ja durch unendliche Häufung dieser Verbindungslinien, -durch ein unendlich viele Dimensionen zählendes Koordinatensystem -das Individuum selbst je zu erschöpfen? Verfallen wir nicht, -nur auf einem konkreteren Gebiet, bereits in die dogmatische -Skepsis der _Mach_-_Hume_schen Ich-Analyse zurück, wenn wir die -vollständige Beschreibung des menschlichen Individuums in Form eines -_Rezeptes_ erwarten? Und führt uns da nicht eine Art _Weismann_scher -Determinanten-Atomistik zu einer Mosaik-Psychognomik, nachdem wir uns -von der »Mosaik-Psychologie« eben erst zu erholen beginnen? - -In neuer Fassung stehen wir hier vor dem alten und, wie sich zeigt, -noch immer lebendig zähen Grundproblem: Gibt es ein einheitliches und -einfaches Sein im Menschen, und wie verhält es sich zu der zweifellos -neben ihm bestehenden Vielheit? Gibt es eine Psyche? Und wie verhält -sich die Psyche zu den psychischen Erscheinungen? Man begreift -nun, warum es noch immer keine Charakterologie gibt: Das Objekt -dieser Wissenschaft, der Charakter, ist seiner Existenz nach selbst -problematisch. Das Problem aller Metaphysik und Erkenntnistheorie, -die höchste Prinzipienfrage der Psychologie, ist auch das Problem -der Charakterologie, das Problem »vor aller Charakterologie, -die als Wissenschaft wird auftreten können«. Wenigstens aller -erkenntniskritisch über ihre Voraussetzungen, Ansprüche und Ziele -unterrichteten und aller über Unterschiede im _Wesen_ der Menschen -Belehrung erstrebenden Charakterologie. - -Diese, sei's drum, unbescheidene Charakterologie will mehr sein als -jene »Psychologie der individuellen Differenzen«, deren erneute -Aufstellung als eines Zieles der psychologischen Wissenschaft durch -L. William _Stern_ darum doch eine sehr verdienstvolle Tat war; sie -will mehr bieten als ein Nationale der motorischen und sensorischen -Reaktionen eines Individuums, und darum soll sie nicht gleich zu dem -Tiefstand der übrigen modernen psychologischen Experimentalforschung -herabsinken, als welche sie ja nur eine sonderbare Kombination von -statistischem Seminar und physikalischem Praktikum vorstellt. So -hofft sie mit der reichen seelischen Wirklichkeit, aus deren völligem -Vergessen das Selbstbewußtsein der Hebel- und Schraubenpsychologie -einzig erklärt werden kann, in einem herzlichen Kontakte zu bleiben -und fürchtet nicht, die Erwartungen des nach Aufklärung über sich -selbst dürstenden Studenten der Psychologie durch Untersuchungen über -das Lernen einsilbiger Worte und den Einfluß kleiner Kaffeedosen auf -das Addieren befriedigen zu müssen. So traurig es als Zeichen der -übrigens allgemein dumpf empfundenen prinzipiellen Unzulänglichkeit der -modernen psychologischen Arbeit ist, so begreiflich ist es doch, wenn -angesehene Gelehrte, die sich unter einer Psychologie mehr vorgestellt -haben als eine Empfindungs- und Assoziationslehre, vor der herrschenden -Öde zu der Überzeugung gelangen, Probleme wie das Heldentum oder -die Selbstaufopferung, den Wahnsinn oder das Verbrechen müsse die -reflektierende Wissenschaft auf ewig der Kunst, als dem einzigen Organe -ihres Verständnisses, überlassen und jede Hoffnung aufgeben, nicht sie -besser zu verstehen als jene (das wäre anmaßend einem _Shakespeare_ -oder _Dostojewskij_ gegenüber), wohl aber, sie ihrerseits auch nur -systematisch zu begreifen. - -Keine Wissenschaft muß, wenn sie unphilosophisch wird, so schnell -verflachen wie die Psychologie. Die Emanzipation von der Philosophie -ist der wahre Grund des Verfalles der Psychologie. Gewiß nicht in ihren -Voraussetzungen, aber in ihren Endabsichten hätte die Psychologie -philosophisch bleiben sollen. Sie wäre dann zunächst zu der Einsicht -gelangt, _daß die Lehre von den Sinnesempfindungen mit der Psychologie -direkt überhaupt nichts zu tun hat_. Die empirischen Psychologien von -heutzutage gehen von den Tast- und Gemeinempfindungen aus, um mit der -»Entwicklung eines sittlichen Charakters« zu endigen. Die Analyse der -Empfindungen gehört aber zur Physiologie der Sinne, jeder Versuch, ihre -Spezialprobleme in eine tiefere Beziehung zu dem übrigen Inhalte der -Psychologie zu bringen, muß mißlingen. - -Es ist das Unglück der wissenschaftlichen Psychologie gewesen, -daß sie von zwei Physikern, von _Fechner_ und von _Helmholtz_, am -nachhaltigsten sich hat beeinflussen lassen und so verkennen konnte, -_daß sich zwar die äußere, aber nicht so auch die innere Welt aus -baren Empfindungen zusammensetzt_. Die zwei feinsinnigsten unter -den empirischen Psychologen der letzten Jahrzehnte, William _James_ -und Richard _Avenarius_, sind denn auch die beiden einzigen, die -wenigstens instinktiv gefühlt haben, daß man die Psychologie nicht -mit dem Hautsinn und Muskelsinn anfangen dürfe, während alle übrige -moderne Psychologie mehr oder minder Empfindungskleister ist. _Hier_ -liegt der von _Dilthey_ nicht scharf genug bezeichnete Grund dafür, -daß die heutige Psychologie zu den Problemen, die man als eminent -psychologische sonst zu bezeichnen gewohnt ist, zur Analyse des Mordes, -der Freundschaft, der Einsamkeit u. s. w., _gar nicht gelangt_, ja --- hier verfängt nicht die alte Berufung auf ihre große Jugend -- zu -ihnen gar nicht gelangen _kann_, da sie in einer ganz anderen Richtung -sich bewegt, als in einer, die sie am Ende doch dahin führen könnte. -Darum hat die Losung des Kampfes um eine _psychologische Psychologie_ -in erster Linie zu sein: _Hinaus mit der Empfindungslehre aus der -Psychologie!_ - -Das Unternehmen einer Charakterologie in dem oben bezeichneten weiteren -und tieferen Sinne involviert vor allem den Begriff des _Charakters_ -selbst, als den Begriff eines konstanten einheitlichen Seins. Wie -die schon im 5. Kapitel des I. Teiles zum Vergleich herangezogene -Morphologie die bei allem physiologischen Wechsel gleich bleibende -_Form_ des Organischen behandelt, so setzt die Charakterologie als -ihren Gegenstand ein Gleichbleibendes im psychischen Leben voraus, das -in jeder seelischen Lebensäußerung in analoger Weise nachweisbar sein -muß, und ist so vor allem jener »Aktualitätstheorie« vom Psychischen -entgegengesetzt, die ein Bleibendes schon darum nicht anerkennen mag, -weil sie auf jener empfindungsatomistischen Grundanschauung beruht. - -Der Charakter ist danach nicht etwas hinter dem Denken und Fühlen des -Individuums Thronendes, _sondern etwas, das sich in $jedem$ Gedanken -und $jedem$ Gefühle desselben offenbart_. »Alles, was ein Mensch tut, -ist physiognomisch für ihn.« Wie _jede_ Zelle die Eigenschaften des -_ganzen_ Individuums in sich birgt, so enthält _jede_ psychische Regung -eines Menschen, nicht bloß einzelne wenige »Charakterzüge«, _sein -ganzes Wesen_, von dem nur im einen Momente diese, im anderen jene -Eigentümlichkeit mehr hervortritt. - -Wie es weiter gar keine isolierte Empfindung gibt, sondern stets ein -Blick_feld_ und ein Empfindungsganzes da ist, als das dem Subjekte -gegenüberstehende Objekt, als die _Welt_ des Ichs, von welcher -nur einmal der eine, ein anderes Mal der andere Gegenstand sich -deutlicher abhebt: _so steckt in jedem Augenblicke des psychischen -Lebens der $ganze$ Mensch_, und es fällt nur in jeder Zeiteinheit -der Accent auf einen anderen Punkt seines Wesens. _Dieses überall in -dem psychischen Zustande jedes Augenblickes nachweisbare $Sein$ ist -das Objekt der Charakterologie._ So würde diese erst die notwendige -Ergänzung der bisherigen empirischen Psychologie bilden, die, in -merkwürdigem Gegensatze zu ihrem Namen einer _$Psycho$logie_, bisher -fast ausschließlich den Wechsel im Empfindungsfelde, die Buntheit -der _Welt_, in Betracht gezogen und den Reichtum des Ich ganz -vernachlässigt hat. Damit könnte sie auf die allgemeine Psychologie als -die Lehre von dem Ganzen, das aus der Kompliziertheit des Subjektes -und der Kompliziertheit des Objektes resultiert (die beide aus diesem -Ganzen nur durch eine eigentümliche Abstraktion isoliert werden -konnten), befruchtend und regenerierend wirken. So manche Streitfragen -der Psychologie -- vielleicht sind es gerade die prinzipiellsten -Fragen -- vermag überhaupt nur eine charakterologische Betrachtung zur -Entscheidung zu bringen, indem sie zeigt, _warum_ der eine diese, der -andere jene Meinung verficht, darlegt, weshalb sie differieren, wenn -sie über das gleiche Thema sprechen: daß sie über denselben Vorgang und -denselben psychischen Prozeß aus keinem anderen Grunde verschiedener -Ansicht sind, als weil dieser bei jedem die individuelle Färbung, -die _Note_ seines Charakters erhalten hat. So ermöglicht gerade die -psychologische _Differenzen_lehre erst die _Einigung_ auf dem Gebiete -der _Allgemein_psychologie. - -Das formale Ich wäre das letzte Problem der dynamischen, das material -erfüllte Ich das letzte Problem der statischen Psychologie. Indessen -wird ja bezweifelt, daß es überhaupt Charakter gibt; oder wenigstens -sollte das vom konsequenten Positivismus im Sinne von _Hume_, _Mach_, -_Avenarius_ geleugnet werden. Es ist danach leicht begreiflich, warum -es noch keine Charakterologie gibt als Lehre vom bestimmten Charakter. - -Die Verquickung der Charakterologie mit der Seelenlehre ist aber ihre -schlimmste Schädigung gewesen. Daß die Charakterologie _historisch_ -mit dem Schicksal des Ichbegriffs verknüpft worden ist, gibt allein -noch kein Recht, sie _sachlich_ an dasselbe zu binden. Und nur wer -dogmatisch sich auf den Standpunkt des absoluten Phänomenalismus stellt -und glaubt, dieser allein enthebe aller Beweislasten, die, schon mit -seiner Betretung, von selbst allen anderen Standpunkten aufgebürdet -seien, der wird das _Sein_, das die Charakterologie behauptet, und das -noch durchaus nicht mit einer metaphysischen _Essenz_ identisch ist, -ohne weiteres abweisen. - -Die Charakterologie hat sich gegen zwei schlimme Feinde zu halten. Der -eine nimmt den Charakter als gegeben und leugnet, daß, ebenso wie die -künstlerische Darstellung, die Wissenschaft sich seiner bemächtigen -könne. Der andere nimmt die Empfindungen als das allein Wirkliche an, -Realität und Empfindung sind ihm eins geworden, die Empfindung ist -ihm der Baustein der Welt wie des Ich, und für diesen gibt es keinen -Charakter. Was soll nun die Charakterologie, die Wissenschaft vom -Charakter? »De individuo nulla scientia«, »Individuum est ineffabile«, -so tönt es ihr von der einen Seite entgegen, die am Individuum -festhält; von der anderen, die auf der Wissenschaftlichkeit allein -besteht und nicht »die Kunst als Organ des Lebensverständnisses« -sich gerettet hat, muß sie es wieder und wieder vernehmen, daß die -Wissenschaft nichts wisse vom Charakter. - -Zwischen solchem Kreuzfeuer hätte die Charakterologie sich zu -behaupten. Wen wandelt da nicht die Furcht an, daß sie das Los ihrer -Schwestern teilen, eine ewig unerfüllte Verheißung bleiben werde wie -die Physiognomik, eine divinatorische Kunst wie die Graphologie? - -Auch diese Frage ist eine, welche die späteren Kapitel zu beantworten -werden suchen müssen. Das Sein, welches die Charakterologie behauptet, -ist seiner einfachen oder mehrfachen Bedeutung nach von ihnen zu -untersuchen. Warum diese Frage ganz allgemein gerade mit der Frage nach -dem psychischen Unterschiede der _Geschlechter_ so innig sich berührt, -das wird freilich erst aus ihren letzten Resultaten hervorgehen. - - - - -II. Kapitel. - -Männliche und weibliche Sexualität. - - »Die Frau verrät ihr Geheimnis nicht.« - - _Kant._ - - »Mulier taceat de muliere.« - - _Nietzsche._ - - -Unter Psychologie überhaupt ist gewöhnlich die Psychologie der -Psychologen zu verstehen, und die Psychologen sind ausschließlich -Männer: noch hat man, seit Menschen Geschichte aufzeichnen, nicht von -einem _weiblichen_ Psychologen gehört. Aus diesem Grunde bildet die -Psychologie des Weibes ein Kapitel, welches der Allgemeinpsychologie -nicht anders angehängt wird als die Psychologie des Kindes. Und da -die Psychologie von Männern in regelmäßiger, aber wohl kaum bewußter -ausschließlicher Berücksichtigung des Mannes geschrieben wird, ist die -Allgemeinpsychologie Psychologie der »Männer« geworden, und wird das -Problem einer Psychologie der Geschlechter immer dann erst aufgeworfen, -wenn der Gedanke an eine Psychologie des Weibes auftaucht. So sagt -_Kant_: »In der Anthropologie ist die weibliche Eigentümlichkeit mehr -als die männliche ein Studium für den Philosophen.« Die Psychologie der -Geschlechter wird sich immer decken mit der Psychologie von W. - -Die Psychologie von W jedoch wird ebenfalls nur von Männern -geschrieben. Man kann also mit Leichtigkeit sich auf den Standpunkt -stellen, daß sie wirklich zu schreiben ein Ding der Unmöglichkeit sei, -da sie Behauptungen über fremde Menschen aufstellen müsse, die keine -Verifikation durch deren eigene Beobachtung ihrer selbst erhalten -haben. Gesetzt, W könnte sich selbst je mit der erforderlichen Schärfe -beschreiben, so ist damit noch nicht ausgemacht, ob sie den Dingen, die -uns hauptsächlich interessieren, _dasselbe_ Interesse entgegenbrächte; -ja, und wenn sie selbst noch so genau sich erkennen könnte und wollte --- setzen wir den Fall -- so fragt sich's noch immer, ob sie je -_über_ sich zu reden zu bringen sein würde. Es wird sich im Laufe der -Untersuchung herausstellen, daß diese drei Unwahrscheinlichkeiten auf -eine gemeinsame Quelle in der Natur des Weibes zurückweisen. - -Diese Untersuchung kann nur in dem Anspruch unternommen werden, daß -jemand, ohne selbst Weib zu sein, über das Weib richtige Aussagen zu -machen imstande sei. Es bleibt also jener erste Einwand einstweilen -bestehen, und da seine Widerlegung erst viel später erfolgen kann, -hilft es nichts, wir müssen uns über ihn hinwegsetzen. Nur so viel -will ich bemerken. Noch hat nie -- ist auch dies nur eine Folge der -Unterdrückung durch den Mann? -- beispielsweise eine schwangere Frau -ihre Empfindungen und Gefühle irgendwie, sei es in einem Gedichte, -sei es in Memoiren, sei es in einer gynäkologischen Abhandlung, zum -Ausdruck gebracht; und Folge einer übergroßen Schamhaftigkeit kann das -nicht sein, denn -- _Schopenhauer_ hat hierauf mit Recht hingewiesen -- -es gibt nichts, was einer schwangeren Frau so fern läge wie die Scham -über ihren Zustand. Außerdem bestünde ja an sich die Möglichkeit, nach -dem Ende der Schwangerschaft aus der Erinnerung über das psychische -Leben zu jener Zeit zu beichten; wenn dennoch das Schamgefühl damals -von Mitteilung zurückgehalten hätte, so entfiele ja nachher dieses -Motiv, und das Interesse, das solchen Eröffnungen von vielen Seiten -entgegengebracht würde, wäre für viele wohl sonst Grund genug, das -Schweigen zu brechen. Aber nichts von alledem! Wie wir sonst nur -Männern wirklich wertvolle Enthüllungen über die psychischen Vorgänge -im Weibe danken, so haben auch hier bloß Männer die Empfindungen der -schwangeren Frau geschildert. Wie vermochten sie das? - -Wenn auch in jüngster Zeit die Aussagen von Dreiviertel- und -Halbweibern über ihr psychisches Leben sich mehren, so erzählen diese -doch mehr von dem Manne als von dem eigentlichen Weibe in ihnen. Wir -bleiben demnach nur auf eines angewiesen: _auf das, was in den Männern -selbst Weibliches ist_. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen -erweist sich hier in gewissem Sinne als die Voraussetzung jedes -wahren Urteils eines Mannes über die Frau. Doch wird sich später die -Notwendigkeit einer Beschränkung und Ergänzung dieser Bedeutung des -Prinzipes ergeben. Denn es ohne weiteres anwenden, müßte dazu führen, -daß der weiblichste Mann das Weib am besten zu beschreiben in der Lage -sei, und konsequent würde daraus weiter folgen, daß das echte Weib -sich selbst am besten durchschauen könne, was ja eben sehr in Zweifel -gezogen wurde. Wir werden also schon hier darauf aufmerksam, daß ein -Mann Weibliches in bestimmtem Maße in sich haben kann, ohne darum in -gleichem Grade schon eine sexuelle Zwischenform darzustellen. Umso -merkwürdiger erscheint es, daß der Mann gültige Feststellungen über -die Natur des Weibes solle machen können; ja, da wir diese Fähigkeit, -bei der außerordentlichen Männlichkeit vieler offenbar ausgezeichneter -Beurteiler der Frauen, selbst M nicht absprechen zu können scheinen, -bleibt das Recht des Mannes, über die Frau[13] mitzusprechen, ein -desto merkwürdigeres Problem, und wir werden uns der Auflösung des -prinzipiellen methodischen Zweifels an diesem Rechte später um so -weniger entziehen können. Einstweilen betrachten wir jedoch, wie -gesagt, den Einwurf als nicht gemacht und schreiten an die Untersuchung -der Sache selbst. _Worin liegt der wesentliche psychologische -Unterschied zwischen Mann und Weib?_ so fragen wir drauf los. - -Man hat in der größeren Intensität des Geschlechtstriebes beim Manne -diesen Urunterschied zwischen den Geschlechtern erblicken wollen, -aus dem sich alle anderen ableiten ließen. Ganz abgesehen, ob die -Behauptung richtig, ob mit dem Worte »Geschlechtstrieb« ein Eindeutiges -und wirklich Meßbares bezeichnet ist, so steht doch die prinzipielle -Berechtigung einer solchen Ableitung wohl noch sehr in Frage. Zwar -dürfte an allen jenen antiken und mittelalterlichen Theorien über den -Einfluß der »unbefriedigten Gebärmutter« beim Weibe und des »semen -retentum« beim Manne ein Wahres sein, und es hat da nicht erst der -heute so beliebten Phrase bedurft, daß »alles« nur »sublimierter -Geschlechtstrieb« sei. Aber auf die Ahnung so vager Zusammenhänge läßt -sich keine systematische Darstellung gründen. Daß mit größerer oder -geringerer Stärke des Geschlechtstriebes andere Qualitäten ihrem Grade -nach bestimmt sind, ist in keiner Weise sicherzustellen versucht worden. - -Indessen die Behauptung, daß die Intensität des Geschlechtstriebes bei -M größer sei als bei W, ist _an sich falsch_. Man hat ja auch wirklich -das Gegenteil ebenso behauptet: es ist _ebenso falsch_. In Wahrheit -bleibt die Stärke des Bedürfnisses nach dem Sexualakt unter Männern -selbst gleich starker Männlichkeit noch immer verschieden, ebenso, -wenigstens dem Anscheine nach, unter Frauen mit dem gleichen Gehalte an -W. Hier spielen gerade unter den Männern ganz andere Einteilungsgründe -mit, die es mir zum Teil gelungen ist aufzufinden und über die -vielleicht eine andere Publikation ausführlich handeln wird. - -Also in der größeren Heftigkeit des Begattungstriebes liegt, -entgegen vielen populären Meinungen, _kein_ Unterschied der -Geschlechter. Dagegen werden wir einen solchen gewahr, wenn wir -jene zwei analytischen Momente, die Albert _Moll_ aus dem Begriffe -des Geschlechtstriebes herausgehoben hat, einzeln auf Mann und Weib -anwenden: den _Detumescenz-_ und den _Kontrektationstrieb_. Der erste -resultiert aus den Unlustgefühlen durch in größerer Menge angesammelte -reife Keimzellen, der zweite ist das Bedürfnis nach körperlicher -Berührung eines zu sexueller Ergänzung in Anspruch genommenen -Individuums. Während nämlich M beides besitzt, Detumescenz- wie -Kontrektationstrieb, ist bei W ein eigentlicher Detumescenztrieb gar -nicht vorhanden. Dies ist schon damit gegeben, daß im Sexualakte nicht -W an M, sondern nur M an W etwas abgibt: W _behält_ die männlichen wie -die weiblichen Sekrete. Im anatomischen Bau kommt dies ebenfalls zum -Ausdruck in der Prominenz der männlichen Genitalien, die dem Körper des -Mannes den Charakter eines Gefäßes so völlig nimmt. Wenigstens kann -man die Männlichkeit des Detumescenztriebes in dieser morphologischen -Tatsache angedeutet finden, ohne daran sofort eine naturphilosophische -Folgerung zu knüpfen. Daß W der Detumescenztrieb fehlt, wird auch -durch die Tatsache bewiesen, daß die meisten Menschen, die über ⅔ -M enthalten, ohne Ausnahme in der Jugend der Onanie auf längere -oder kürzere Zeit verfallen, einem Laster, dem unter den Frauen nur -die mannähnlichsten huldigen. W selbst ist die Masturbation fremd. -Ich weiß, daß ich hiemit eine Behauptung aufstelle, der schroffe -gegenteilige Versicherungen gegenüberstehen. Doch werden sich die -scheinbar widersprechenden Erfahrungen sofort befriedigend erklären. - -Zuvor jedoch harrt noch der Kontrektationstrieb von W der Besprechung. -Dieser spielt beim Weibe die größte, weil eine alleinige Rolle. Aber -auch von ihm läßt sich nicht behaupten, daß er beim einen Geschlechte -größer sei als beim anderen. Im Begriffe des Kontrektationstriebes -liegt ja nicht die Aktivität in der Berührung, sondern nur das -Bedürfnis nach dem körperlichen Kontakte mit dem Nebenmenschen -überhaupt, ohne daß schon etwas darüber ausgesagt wäre, wer der -berührende und wer der berührte Teil ist. Die Konfusion in diesen -Dingen, indem immer _Intensität des Wunsches_ mit dem _Wunsch nach -Aktivität_ zusammengeworfen wird, rührt von der Tatsache her, daß -M in der ganzen Tierwelt W gegenüber, ebenso mikrokosmisch jeder -tierische und pflanzliche Samenfaden der Eizelle gegenüber stets der -_aufsuchende_ und _aggressive_ Teil ist, und der Irrtum nahe liegt, -ein _unternehmendes Verhalten_ behufs Erreichung eines Zweckes und -den _Wunsch_ nach dessen Erreichung aus einander regelmäßig und in -einer konstanten Proportion folgen zu lassen, und auf eine Abwesenheit -des Bedürfnisses zu schließen, wo sich keine deutlichen motorischen -Bestrebungen zeigen, dieses zu befriedigen. So ist man dazu gekommen, -den Kontrektationstrieb für speziell männlich anzusehen und gerade ihn -dem Weibe abzusprechen. Man versteht aber, daß hier noch sehr wohl -_innerhalb_ des Kontrektationstriebes eine Unterscheidung getroffen -werden muß. Es wird sich fernerhin noch ergeben, daß M in sexueller -Beziehung das Bedürfnis hat, _anzugreifen_ (im wörtlichen _und_ im -übertragenen Sinne), W das Bedürfnis, _angegriffen zu werden_, und es -ist klar, daß das weibliche Bedürfnis, bloß weil es nach Passivität -geht, darum kein geringeres zu sein braucht als das männliche nach der -Aktivität. Diese Distinktionen täten den häufigen Debatten not, welche -immer wieder die Frage aufwerfen, bei welchem Geschlechte der Trieb -nach dem anderen wohl größer sein möge. - -Was man bei der Frau als Masturbation bezeichnet hat, entspringt -aus einer anderen Ursache als aus dem Detumescenztriebe. W ist, und -damit kommen wir auf einen wirklichen Unterschied zum ersten Male zu -sprechen, _sexuell viel erregbarer als der Mann_; seine _physiologische -Irritabilität_ (nicht Sensibilität) ist, was die Sexualsphäre anlangt, -eine viel stärkere. Die Tatsache dieser leichten sexuellen Erregbarkeit -kann sich bei der Frau entweder im _Wunsche_ nach der sexuellen -Erregung offenbaren oder in einer eigentümlichen, sehr reizbaren, -ihrer selbst, wie es scheint, keineswegs sicheren und darum unruhigen -und heftigen _Scheu_ vor der Erregung durch Berührung. Der Wunsch -nach der sexuellen Excitation ist insoferne ein wirkliches Zeichen -der leichten Erregbarkeit, als dieser Wunsch nicht etwa einer jener -Wünsche ist, welchen das in der Natur eines Menschen selbst gegründete -_Schicksal_ nie Erfüllung gewähren kann, sondern im Gegenteile die hohe -Leichtigkeit und Willigkeit der Gesamtanlage bedeutet, in den Zustand -der sexuellen Erregtheit überzugehen, der vom Weibe möglichst intensiv -und möglichst perpetuierlich ersehnt wird und nicht, wie beim Manne, -mit der in der Kontrektation erreichten Detumescenz ein natürliches -Ende findet. Was man für Onanie des Weibes ausgegeben hat, sind nicht -wie beim Manne Akte mit der immanierenden Tendenz, den Zustand der -sexuellen Erregtheit aufzuheben; es sind vielmehr lauter Versuche, ihn -herbeizuführen, zu steigern und zu prolongieren. -- Aus der Scheu vor -der sexuellen Erregung, einer Scheu, deren Analyse einer Psychologie -der Frau eine keineswegs leichte, vielleicht sogar die schwierigste -Aufgabe stellt, läßt sich desgleichen mit Sicherheit auf eine große -Schwäche in dieser Beziehung schließen. - -Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet für die Frau nur die -höchste Steigerung ihres Gesamtdaseins. _Dieses ist immer und durchaus -sexuell. W geht im Geschlechtsleben, in der Sphäre der Begattung -und Fortpflanzung, d. i. im Verhältnisse zum Manne und zum Kinde, -vollständig auf_, sie wird von diesen Dingen in ihrer Existenz -vollkommen ausgefüllt, während M _nicht nur_ sexuell ist. Hier liegt -also in Wirklichkeit jener Unterschied, den man in der verschiedenen -_Intensität_ des Sexualtriebes zu finden suchte. Man hüte sich also -vor einer Verwechslung der _Heftigkeit_ des sexuellen Begehrens -und der Stärke der sexuellen Affekte mit der _Breite_, in welcher -geschlechtliche Wünsche und Besorgnisse den männlichen oder weiblichen -Menschen ausfüllen. _Bloß die größere Ausdehnung der Sexualsphäre über -den ganzen Menschen bei W_ bildet einen spezifischen Unterschied von -der schwersten Bedeutung zwischen den geschlechtlichen Extremen. - -Während also W von der Geschlechtlichkeit gänzlich ausgefüllt und -eingenommen ist, kennt M noch ein Dutzend anderer Dinge: Kampf -und Spiel, Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft, -Geschäft und Politik, Religion und Kunst. Ich rede nicht davon, ob -es einmal anders war; das soll uns wenig bekümmern; damit ist es wie -mit der Judenfrage: man sagt, die Juden seien erst das geworden, was -sie sind und einmal ganz anders gewesen. Mag sein: doch das wissen -wir hier nicht. Wer der Entwicklung so viel zutraut, mag immerhin -daran glauben; bewiesen ist von jenen Dingen nichts, gegen die eine -historische Überlieferung steht da immer gleich eine andere. Aber -wie heute die Frauen sind, darauf kommt es an. Und stoßen wir auf -Dinge, die unmöglich von außen in ein Wesen können hineinverpflanzt -worden sein, so werden wir getrost annehmen, daß dieses sich von jeher -gleich geblieben ist. Heute nun zumindest ist eines sicher richtig: W -befaßt sich, eine scheinbare Ausnahme (Kapitel 12) abgerechnet, mit -außergeschlechtlichen Dingen nur für den Mann, den sie liebt, oder um -des Mannes willen, von dem sie geliebt sein möchte. Ein Interesse für -diese Dinge _an sich_ fehlt ihr vollständig. Es kommt vor, daß eine -echte Frau die lateinische Sprache lernt; dann ist es aber nur, um etwa -ihren Sohn, der das Gymnasium besucht, auch hierin noch unterstützen -und überwachen zu können. Lust aber an einer Sache und Talent zu -ihr, das Interesse für sie und die Leichtigkeit ihrer Aneignung sind -einander stets proportional. Wer keine Muskeln hat, hat auch keine -Lust zum Hanteln und Stemmen; nur wer Talent zur Mathematik hat, wird -sich ihrem Studium zuwenden. Also scheint selbst das _Talent_ im -echten Weibe seltener oder weniger intensiv zu sein (obwohl hierauf -wenig ankommt: die Geschlechtlichkeit wäre ja auch im gegenteiligen -Falle zu stark, um andere ernstgemeinte Beschäftigung zuzulassen); und -darum mangelt es wohl auch beim Weibe an den Bedingungen zur Bildung -interessanter Kombinationen, die beim Manne eine Individualität wohl -nicht ausmachen, aber modellieren können. - -Dem entsprechend sind es ausschließlich weiblichere Männer, die in -einem fort hinter den Frauenzimmern her sind und an nichts Interesse -finden als an Liebschaften und an geschlechtlichem Verkehre. Doch -soll hiemit keineswegs das Don Juan-Problem erledigt, oder auch nur -ernstlich berührt sein. - -_W ist nichts als Sexualität, M ist sexuell und noch etwas -darüber._ Dies zeigt sich besonders deutlich in der so gänzlich -verschiedenen Art, wie Mann und Weib ihren Eintritt in die Periode -der Geschlechts_reife_ erleben. Beim Manne ist die Zeit der Pubertät -immer krisenhaft, er fühlt, daß ein Fremdes in sein Dasein tritt, -etwas, das zu seinem bisherigen Denken und Fühlen hinzukommt, ohne -daß er es _gewollt_ hat. Es ist die physiologische Erektion, über -die der Wille keine Gewalt hat; und die erste Erektion wird darum -von jedem Manne rätselhaft und beunruhigend empfunden, sehr viele -Männer erinnern sich ihrer Umstände ihr ganzes Leben lang mit -größter Genauigkeit. Das Weib aber findet sich nicht nur leicht in -die Pubertät, es fühlt sein Dasein von da ab sozusagen potenziert, -seine eigene Wichtigkeit unendlich erhöht. Der Mann hat als Knabe -gar kein Bedürfnis nach der _sexuellen_ Reife; die Frau erwartet -bereits als ganz junges Mädchen von dieser Zeit _alles_. Der Mann -begleitet die Symptome seiner körperlichen Reife mit unangenehmen, -ja feindlichen und unruhigen Gefühlen, die Frau verfolgt in höchster -Gespanntheit, mit der fieberhaftesten, ungeduldigsten Erwartung ihre -somatische Entwicklung während der Pubertät. Dies beweist, daß die -Geschlechtlichkeit des Mannes nicht auf der geraden Linie seiner -Entwicklung liegt, während bei der Frau nur eine ungeheuere Steigerung -ihrer _bisherigen_ Daseinsart eintritt. Es gibt wenig Knaben dieses -Alters, welche den Gedanken, daß sie sich verlieben oder heiraten -würden (heiraten überhaupt, nicht im Hinblick auf ein bestimmtes -Mädchen), nicht höchst lächerlich finden und indigniert zurückweisen; -indes die kleinsten Mädchen bereits auf die Liebe und die Heirat -überhaupt wie auf die Vollendung ihres Daseins erpicht zu sein -scheinen. Darum wertet die Frau bei sich selbst und bei anderen Frauen -nur die Zeit der Geschlechtsreife positiv; zur Kindheit wie zum Alter -hat sie kein rechtes Verhältnis. Der Gedanke an ihre Kindheit ist ihr -später nur ein Gedanke an ihre Dummheit, der Aspekt, unter dem sich ihr -das eigene Alter im voraus darstellt, ist Angst und Abscheu. Aus der -Kindheit werden durch eine positive Bewertung von ihrem Gedächtnis nur -die sexuellen Momente herausgehoben, und auch diese sind im Nachteile -gegenüber den späteren unvergleichlich höheren Intensifikationen ihres -Lebens -- welches eben ein Sexualleben ist. Die Brautnacht endlich, -der Moment der Defloration, ist der wichtigste, ich möchte sagen, der -Halbierungspunkt des ganzen Lebens der Frau. Im Leben des Mannes spielt -der erste Koitus im Verhältnis zu der Bedeutung, die er beim anderen -Geschlechte besitzt, überhaupt keine Rolle. - -Die Frau ist _nur_ sexuell, der Mann ist _auch_ sexuell: sowohl -räumlich wie zeitlich läßt sich diese Differenz noch weiter ausspinnen. -Die Punkte seines Körpers, von denen aus der Mann geschlechtlich erregt -werden kann, sind gering an Zahl und streng lokalisiert. Beim Weibe -ist die Sexualität diffus ausgebreitet über den ganzen Körper, jede -Berührung, an welcher Stelle immer, erregt sie sexuell. Wenn also im -zweiten Kapitel des ersten Teiles die bestimmte sexuelle Charakteristik -des _ganzen_ männlichen wie des _ganzen_ weiblichen Körpers behauptet -wurde, so ist dies nicht so zu verstehen, als bestünde von jedem Punkte -aus die Möglichkeit gleichmäßiger sexueller Reizung beim Manne ebenso -wie beim Weibe. Freilich gibt es auch bei der Frau lokale Unterschiede -in der Erregbarkeit, aber es sind hier nicht wie beim Manne alle -übrigen körperlichen Partien gegen den Genitaltrakt scharf geschieden. - -Die morphologische Abhebung der männlichen Genitalien vom Körper des -Mannes könnte abermals als symbolisch für dieses Verhältnis angesehen -werden. - -Wie die Sexualität des Mannes _örtlich_ gegen Asexuelles in -ihm hervortritt, so findet sich dieselbe Ungleichheit auch in -seinem Verhalten zu verschiedenen _Zeiten_ ausgeprägt. Das Weib -ist _fortwährend_, der Mann nur _intermittierend_ sexuell. Der -Geschlechtstrieb ist beim Weibe immer vorhanden (über jene scheinbaren -Ausnahmen, welche man gegen die Geschlechtlichkeit des Weibes stets ins -Feld führt, wird noch sehr ausführlich zu handeln sein), beim Manne -_ruht_ er immer längere oder kürzere Zeit. Daraus erklärt sich nun auch -der _eruptive_ Charakter des männlichen Geschlechtstriebes, der diesen -so viel auffallender erscheinen läßt als den weiblichen und zu der -Verbreitung des Irrtumes beigetragen hat, daß der Geschlechtstrieb des -Mannes intensiver sei als der des Weibes. Der wahre Unterschied liegt -hier darin, daß für M der Begattungstrieb sozusagen ein pausierendes -Jucken, für W ein unaufhörlicher Kitzel ist. - -Die ausschließliche und kontinuierliche Sexualität des Weibes in -körperlicher und psychischer Hinsicht hat nun aber noch weiterreichende -Folgen. Daß die Sexualität nämlich beim Manne nur einen Appendix und -nicht alles ausmacht, ermöglicht dem Manne auch ihre _psychologische_ -Abhebung von einem Hintergrunde und somit ihr _Bewußtwerden_. So kann -sich der Mann seiner Sexualität gegenüberstellen und sie losgelöst -von anderem in Betracht ziehen. Beim Weibe kann sich die Sexualität -nicht durch eine zeitliche Begrenzung ihrer Ausbrüche noch durch -_ein_ anatomisches Organ, in dem sie äußerlich sichtbar lokalisiert -ist, _ab_heben von einer _nicht_sexuellen Sphäre. Darum _weiß_ der -Mann um seine Sexualität, während die Frau sich ihrer Sexualität -schon darum gar nicht bewußt werden und sie somit in gutem Glauben in -Abrede stellen kann, _weil sie nichts ist als Sexualität, weil sie -die Sexualität selbst ist_, wie in Antizipation späterer Darlegungen -gleich hinzugefügt werden mag. Es fehlt den _Frauen_, weil sie -_nur_ sexuell sind, die zum _Bemerken_ der Sexualität wie zu allem -Bemerken notwendige _Zweiheit_; indessen sich beim stets mehr als -bloß sexuellen _Manne_ die Sexualität nicht nur anatomisch, sondern -auch _psychologisch_ von allem anderen abhebt. Darum besitzt er die -Fähigkeit, zur Sexualität selbständig in ein Verhältnis zu treten; er -kann sie, wenn er sich mit ihr auseinandersetzt, in Schranken weisen -oder ihr eine größere Ausdehnung einräumen, er kann sie negieren oder -bejahen: zum Don Juan wie zum Heiligen sind die Möglichkeiten in ihm -vorhanden, er kann die eine oder die andere von beiden ergreifen. Grob -ausgedrückt: der Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau. - -Es ist hiemit als wahrscheinlich deduziert, daß der Mann seiner -Sexualität sich bewußt werde und ihr selbständig gegenübertrete, -während der Frau die Möglichkeit dazu abzugehen scheint; und zwar -beruft sich diese Begründung auf eine größere Differenziertheit im -Manne, in dem Sexuelles _und_ Asexuelles auseinandergetreten sind. Die -Möglichkeit oder Unmöglichkeit, einen bestimmten einzelnen Gegenstand -zu ergreifen, liegt aber nicht in dem Begriffe, den man mit dem -Worte Bewußtsein gewöhnlich verbindet. Dieser scheint vielmehr zu -inkludieren, daß, _wenn_ ein Wesen Bewußtsein hat, es _jedes_ Objekt zu -dessen Inhalt machen könne. Es erhebt sich also hier die Frage nach der -_Natur des weiblichen Bewußtseins überhaupt_, und die Erörterungen über -dieses Thema werden uns erst auf einem langen Umweg zu jenem hier so -flüchtig gestreiften Punkte wieder zurückführen. - - - - -III. Kapitel. - -Männliches und weibliches Bewußtsein. - - -Bevor auf einen Hauptunterschied des psychischen Lebens der -Geschlechter, soweit dieses die Dinge der Welt zu seinen Inhalten -macht, näher eingegangen werden kann, müssen einige psychologische -Sondierungen vorgenommen und einige Begriffe festgelegt werden. Da die -Anschauungen und Prinzipien der herrschenden Psychologie ohne Rücksicht -auf dieses spezielle Thema sich entwickelt haben, so wäre es ja nur zu -verwundern, wenn ihre Theorien ohne weiteres auf dessen Gebiet sich -anwenden ließen. Zudem gibt es heute noch keine _Psychologie_, sondern -bis jetzt nur _Psychologien_; und der Anschluß an eine bestimmte -Schule, um, nur unter Zugrundelegung ihrer Lehrmeinungen, das ganze -Thema zu behandeln, trüge wohl viel mehr den Charakter der Willkür an -sich als das hier einzuschlagende Verfahren, welches, in möglichstem -Anschluß an bisherige Errungenschaften, doch die Dinge, soweit als -nötig, von neuem in Selbständigkeit ergründen will. - -Die Bestrebungen nach einer vereinheitlichenden Betrachtung des ganzen -Seelenlebens, nach seiner Zurückführung auf einen einzigen Grundprozeß -haben in der empirischen Psychologie vor allem in dem Verhältnis sich -geoffenbart, das von den einzelnen Forschern zwischen _Empfindungen_ -und _Gefühlen_ angenommen wurde. _Herbart_ hat die Gefühle aus den -Vorstellungen abgeleitet, _Horwicz_ hingegen aus den Gefühlen erst -die Empfindungen sich entwickeln lassen. Die führenden modernen -Psychologen haben die Aussichtslosigkeit dieser monistischen Bemühungen -hervorgehoben. Dennoch lag diesen ein Wahres zu Grunde. - -Man muß, um dieses Wahre zu finden, eine Unterscheidung zu treffen -nicht unterlassen, welche, so nahe sie zu liegen scheint, in der -heutigen Psychologie merkwürdigerweise gänzlich vermißt wird. Man muß -das erstmalige Empfinden einer Empfindung, das erste Denken eines -Gedankens, das erste Fühlen eines Gefühles selbst auseinanderhalten von -den späteren Wiederholungen desselben Vorganges, bei welchen schon ein -Wiedererkennen erfolgen kann. Für eine Anzahl von Problemen scheint -diese Distinktion, obgleich sie in der heutigen Psychologie leider -nicht gemacht wird, von bedeutender Wichtigkeit. - -Jeder deutlichen, klaren, plastischen _Empfindung_ läuft ursprünglich, -ebenso jedem scharfen, distinkten Gedanken, bevor er _zum ersten Male_ -in Worte gefaßt wird, ein, freilich oft äußerst _kurzes, Stadium -der Unklarheit voran_. Desgleichen geht jeder noch nicht geläufigen -_Assoziation_ eine mehr oder minder verkürzte Spanne Zeit vorher, -wo bloß ein dunkles Richtungsgefühl nach dem zu Assoziierenden hin, -eine allgemeine Assoziationsahnung, eine Empfindung von Zugehörigkeit -zu etwas anderem vorhanden ist. Verwandte Vorgänge haben besonders -_Leibniz_ sicherlich beschäftigt und gaben, mehr oder weniger gut -beschrieben, Anlaß zu den erwähnten Theorien von Herbart und Horwicz. - -Da man als einfache Grundformen der _Gefühle_ insgemein nur Lust und -Unlust, eventuell noch mit _Wundt_ Lösung und Spannung, Beruhigung -und Erregung ansieht, ist die Einteilung der psychischen Phänomene -in Empfindungen und Gefühle für die Erscheinungen, die in das Gebiet -jener Vorstadien der Klarheit fallen, wie sich bald deutlicher zeigen -wird, zu eng und darum zu ihrer Beschreibung nicht verwendbar. Ich will -daher, um hier scharf zu umgrenzen, die allgemeinste Klassifikation der -psychischen Phänomene benützen, die wohl getroffen werden konnte: es -ist die von _Avenarius_ in »Elemente« und »Charaktere« (der »Charakter« -hat in dieser Bedeutung nichts mit dem _Objekte der Charakterologie_ -gemein). - -_Avenarius_ hat den Gebrauch seiner Theorien weniger durch seine, -bekanntlich vollständig neue, Terminologie erschwert (die sogar viel -Vorzügliches enthält und für gewisse Dinge, die er zuerst bemerkt und -bezeichnet hat, kaum entbehrlich ist); was der Annahme mancher seiner -Ergebnisse am meisten im Wege steht, ist seine unglückliche Sucht, die -Psychologie aus einem gehirnphysiologischen Systeme abzuleiten, _das -er selbst nur aus den psychologischen Tatsachen der inneren Erfahrung_ -(unter äußerlicher Zuziehung der allgemeinsten biologischen Kenntnisse -über das Gleichgewicht zwischen Ernährung und Arbeit) _gewonnen -hatte_. Der psychologische zweite Teil seiner »Kritik der reinen -Erfahrung« war die Basis, auf der sich in ihm selbst die Hypothesen -des physiologischen ersten Teiles aufgebaut hatten; in der Darstellung -kehrte sich das Verhältnis um, und so mutet dieser erste Teil den Leser -an wie eine Reisebeschreibung von Atlantis. Um dieser Schwierigkeiten -willen muß ich den Sinn der Avenariusschen Einteilung, die für meinen -Zweck sich am geeignetsten erwiesen hat, hier kurz darlegen. - -»_Element_« ist für Avenarius das, was in der Schulpsychologie -»Empfindung«, »Empfindungsinhalt« oder »Inhalt« schlechtweg heißt (und -zwar sowohl bei der »Perzeption« als bei der »Reproduktion«), bei -Schopenhauer »Vorstellung«, bei den Engländern sowohl die »impression« -als die »idea«, im gewöhnlichen Leben »Ding, Sache, Gegenstand«: -_gleichviel, ob äußere Erregung eines Sinnesorganes vorhanden ist oder -nicht, was sehr wichtig und neu war_. Dabei ist es, für seine wie für -unsere Zwecke, recht nebensächlich, wo man mit der sogenannten Analyse -Halt macht, ob man den _ganzen_ Baum als »Empfindung« betrachtet oder -nur das einzelne Blatt, den einzelnen Stengel, oder (wobei meistens -stehen geblieben wird) gar nur deren Farbe, Größe, Konsistenz, Geruch, -Temperatur als wirklich »Einfaches« gelten lassen will. Denn man könnte -ja auf diesem Wege noch weiter gehen, sagen, das Grün des Blattes sei -schon Komplex, nämlich Resultante aus seiner Qualität, Intensität, -Helligkeit, Sättigung und Ausdehnung, und brauchte erst diese als -Elemente gelten zu lassen; ähnlich wie es den Atomen oft geht: schon -einmal mußten sie den »Ameren« weichen, jetzt wieder den »Elektronen«. - -Seien also »grün«, »blau«, »kalt«, »warm«, »hart«, »weich«, »süß«, -»sauer« _Elemente_, so ist _Charakter_ nach Avenarius jederlei -»Färbung«, »_Gefühlston_«, mit dem jene auftreten; _und zwar $nicht -nur$_ »angenehm«, »schön«, »wohltuend« und ihre Gegenteile, sondern -auch, was Avenarius zuerst als psychologisch hieher gehörend erkannt -hat, »befremdend«, »zuverlässig«, »unheimlich«, »beständig«, »anders«, -»sicher«, »bekannt«, »tatsächlich«, »zweifelhaft« etc. etc. _Was_ ich -z. B. vermute, glaube, weiß, ist »_Element_«; _daß_ es just _vermutet_ -wird, nicht _geglaubt_, nicht _gewußt_, ist _psychologisch_ (nicht -logisch) ein »_Charakter_«, _in_ welchem das »Element« gesetzt ist. - -Nun gibt es aber ein Stadium im Seelenleben, auf welchem auch diese -umfassendste Einteilung der psychischen Phänomene _noch nicht_ -durchführbar ist, _zu früh kommt_. _Es erscheinen nämlich in ihren -Anfängen alle »Elemente« wie in einem verschwommenen Hintergrunde_, als -eine »rudis indigestaque moles«, _während Charakterisierung (ungefähr -also = Gefühlsbetonung) zu dieser Zeit das Ganze lebhaft umwogt_. -Es gleicht dies dem Prozesse, der vor sich geht, wenn man einem -Umgebungsbestandteil, einem Strauch, einem Holzstoß aus weiter Ferne -sich nähert: den ursprünglichen Eindruck, den man von ihm empfängt, -diesen ersten Augenblick, in dem man noch lange nicht weiß, was -»_es_« eigentlich ist, diesen Moment der ersten stärksten Unklarheit -und Unsicherheit bitte ich zum Verständnis des Folgenden vor allem -festzuhalten. - -_In diesem Augenblicke nun sind »Element« und »Charakter« absolut -ununterscheidbar_ (_untrennbar_ sind sie stets, nach der sicherlich zu -befürwortenden Modifikation, die _Petzoldt_ an _Avenarius'_ Darstellung -vorgenommen hat). In einem dichten Menschengedränge nehme ich z. B. -ein Gesicht wahr, dessen Anblick mir durch die dazwischen wogenden -Massen _sofort_ wieder entzogen wird. Ich habe keine Ahnung, wie dieses -Gesicht aussieht, wäre völlig unfähig, es zu beschreiben oder auch nur -_ein_ Kennzeichen desselben anzugeben; und doch hat es mich in die -lebhafteste Aufregung versetzt, und ich frage in angstvoll-gieriger -Unruhe: wo hab' ich dieses Gesicht nur schon gesehen? - -Erblickt ein Mensch einen Frauenkopf, der auf ihn einen sehr starken -sinnlichen Eindruck macht, für einen »Augenblick«, so vermag er oft -sich selbst gar nicht zu sagen, was er eigentlich gesehen hat, es kann -vorkommen, daß er nicht einmal an die Haarfarbe genau sich zu erinnern -weiß. Bedingung ist immer, daß die Netzhaut dem Objekte, um mich ganz -photographisch auszudrücken, genügend _kurze_ Zeit, _Bruchteile_ einer -Sekunde lang, _exponiert_ war. - -Wenn man sich irgend einem Gegenstande aus weiter Ferne nähert, hat -man stets zuerst nur ganz vage Umrisse von ihm unterschieden; dabei -aber überaus lebhafte Gefühle empfunden, die in dem Maße zurücktreten, -als man eben näher kommt und die Einzelheiten schärfer ausnimmt. (Von -»Erwartungsgefühlen« ist, wie noch ausdrücklich bemerkt werden soll, -hier nicht die Rede.) Man denke an Beispiele, wie an den ersten Anblick -eines aus seinen Nähten gelösten menschlichen Keilbeins; oder an den -mancher Bilder und Gemälde, sowie man einen halben Meter inner- oder -außerhalb der richtigen Distanz Fuß gefaßt hat; ich erinnere mich -speziell an den Eindruck, den mir Passagen mit Zweiunddreißigsteln -aus Beethovenschen Klavierauszügen und eine Abhandlung mit lauter -dreifachen Integralen gemacht haben, ehe ich noch die Noten kannte -und vom Integrieren einen Begriff hatte. Dies eben haben _Avenarius_ -und _Petzoldt_ _übersehen_: daß alles _Hervortreten der Elemente_ -von _einer gewissen Absonderung der Charakterisierung_ (der -Gefühlsbetonung) _begleitet ist_. - -Auch einige von der experimentellen Psychologie festgestellte -Tatsachen kann man zu diesen Ergebnissen der Selbstbeobachtung in -Beziehung bringen. Läßt man im Dunkelzimmer auf ein im Zustande der -Dunkeladaptation befindliches Auge einen momentanen oder äußerst -kurze Zeit währenden _farbigen_ Reiz einwirken, so hat der Beobachter -nur den Eindruck schlechtweg der Erhellung, ohne daß er die nähere -Farbenqualität des Lichtreizes anzugeben vermag; es wird ein »Etwas« -empfunden ohne irgend welche genauere Bestimmtheit, ein »Lichteindruck -überhaupt« ausgesagt; und die präzise Angabe der Farbenqualität ist -selbst noch dann nicht leicht möglich, wenn die Dauer des Reizes -(natürlich nicht über ein gewisses Maß) verlängert wird. - -Ebenso geht aber jeder wissenschaftlichen Entdeckung, jeder technischen -Erfindung, jeder künstlerischen Schöpfung ein verwandtes Stadium der -Dunkelheit voran, einer Dunkelheit wie jener, aus welcher _Zarathustra_ -seine Wiederkunftslehre an das Licht ruft: »Herauf, abgründlicher -Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgengrauen, -verschlafener Wurm: auf, auf! meine Stimme soll dich schon wachkrähen!« --- Der Prozeß in seiner Gänze, von der völligen Wirrnis bis zur -strahlenden Helle, ist in seinem Verlaufe vergleichbar mit der Folge -der Bilder, die man passiv empfängt, wenn von irgend einer plastischen -Gruppe, einem Relief die feuchten Tücher, die es in großer Anzahl -eingehüllt haben, eines nach dem anderen weggenommen werden; bei einer -Denkmalsenthüllung erlebt der Zuschauer ähnliches. Aber auch, wenn ich -mich an etwas erinnere, z. B. an irgend eine einmal gehörte Melodie, -wird dieser Prozeß _wieder_ durchgemacht; freilich oft in äußerst -verkürzter Gestalt und darum schwer zu bemerken. _Jedem_ neuen Gedanken -geht ein solches Stadium des »_Vorgedankens_«, wie ich es nennen -möchte, vorher, wo fließende geometrische Gebilde, visuelle Phantasmen, -Nebelbilder auftauchen und zergehen, »schwankende Gestalten«, -verschleierte Bilder, geheimnisvoll lockende Masken sich zeigen; Anfang -und Ende des ganzen Herganges, den ich in seiner Vollständigkeit kurz -den Prozeß der »_Klärung_« nenne, verhalten sich in gewisser Beziehung -wie die Eindrücke, die ein stark Kurzsichtiger von weit entfernten -Gegenständen erhält mit und ohne die korrigierenden Linsen. - -Und wie im Leben des einzelnen (der vielleicht stirbt, ehe er den -ganzen Prozeß durchlaufen hat), so gehen auch in der Geschichte der -Forschung die »_Ahnungen_« stets den klaren Erkenntnissen voran. -Es ist derselbe Prozeß der Klärung, _auf Generationen verteilt_. -Man denke z. B. an die zahlreichen griechischen und neuzeitlichen -Antizipationen der _Lamarck_schen und _Darwin_schen Theorien, -derentwegen die »Vorläufer« heute bis zum Überdruß belobt werden, an -die vielen Vorgänger von _Robert Mayer_ und _Helmholtz_, an all die -Punkte, wo _Goethe_ und _Lionardo da Vinci_, freilich vielleicht die -vielseitigsten Menschen, den späteren Fortschritt der Wissenschaft -vorweggenommen haben u. s. w., u. s. w. Um solche Vorstadien handelt -es sich regelmäßig, wenn entdeckt wird, dieser oder jener Gedanke -sei gar nicht neu, er stehe ja schon bei dem und dem. -- Auch -bei allen Kunststilen, in der Malerei wie in der Musik, ist ein -ähnlicher Entwicklungsprozeß zu beobachten: vom unsicheren Tasten -und vorsichtigen Balancieren bis zu großen Siegen. -- Ebenso beruht -der gedankliche Fortschritt der Menschheit auch in der Wissenschaft -fast allein auf einer besseren und immer besseren Beschreibung und -Erkenntnis _derselben_ Dinge, es ist der Prozeß der _Klärung, über die -ganze menschliche Geschichte ausgedehnt_. Was wir neues bemerken, es -kommt _daneben_ nicht eigentlich sehr in Betracht. - -Wie viele Grade der Deutlichkeit und Differenziertheit ein -Vorstellungsinhalt durchlaufen kann bis zum völlig distinkten, von -keinerlei Nebel in den Konturen mehr getrübten Gedanken, das kann -man stets beobachten, wenn man einen schwierigen neuen Gegenstand, -z. B. die Theorie der elliptischen Funktionen, durch das Studium -sich anzueignen sucht. Wie viele _Grade des Verstehens_ macht man da -nicht an sich selbst durch (insbesondere in Mathematik und Mechanik), -bis alles vor einem daliegt, in schöner Ordnung, in vollständiger -Disposition, in ungestörter und vollkommener Harmonie der Teile zum -Ganzen, offen dem mühelosen Ergreifen durch die Aufmerksamkeit! Diese -Grade entsprechen den einzelnen Etappen auf dem Wege der Klärung. - -Der Prozeß der Klärung kann auch _retrograd_ verlaufen: von der -völligen Distinktheit bis zur größten Verschwommenheit. Diese -_Umkehrung_ des Klärungsverlaufes ist nichts anderes als der -Prozeß des _Vergessens_, der nur in der Regel über eine längere -Zeit ausgedehnt ist und meist bloß durch Zufall auf dem einen oder -anderen Punkte seines Fortschreitens bemerkt wird. Es verfallen -gleichsam ehedem wohlgebahnte Straßen, für deren Pflege nichts durch -»Reproduktion« geschehen ist; wie aus dem jugendlichen »Vorgedanken« -der in größter Intensität aufblitzende »Gedanke«, so wird aus dem -»Gedanken« der altersschwache »Nachgedanke«: und wie auf einem lange -nicht begangenen Waldweg von rechts und links Gräser, Kräuter, -Stauden hereinzuwuchern beginnen, so verwischt sich Tag für Tag die -deutliche Prägung des Gedankens, der nicht mehr gedacht wird. Hieraus -wird auch eine praktische Regel verständlich, die ein Freund[14] -sehr oft bestätigt gefunden hat: wer irgend etwas _erlernen_ will, -sei es ein Musikstück oder ein Abschnitt aus der Geschichte der -Philosophie, wird im allgemeinen nicht ohne Unterbrechung sich dieser -Aneignungsarbeit widmen können, und jede einzelne Partie des Stoffes -wiederholt durchnehmen müssen. Da fragt es sich nun, wie groß sind am -zweckmäßigsten die Pausen, zwischen dem einen Male und dem nächsten -zu wählen? Es hat sich nun herausgestellt -- und es dürfte allgemein -so sein -- daß mit einer Wiederholung begonnen werden muß, solange -man sich _noch nicht wieder_ für die Arbeit _interessiert_, so lange -man sein Pensum noch halbwegs _zu beherrschen glaubt_. Sowie es -einem nämlich genugsam entschwunden ist, um wieder zu interessieren, -neugierig oder wißbegierig zu machen, sind die Resultate der ersten -Einübung schon zurückgegangen und kann die zweite die erste nicht -gleich verstärken, sondern muß einen guten Teil der Klärungsarbeit von -frischem auf sich nehmen. - -Vielleicht ist im Sinne der Siegmund _Exner_schen Lehre von der -»Bahnung« einer sehr populären Anschauung gemäß, wirklich als der -physiologische Parallelprozeß der Klärung, anzunehmen, daß die -Nervenfasern, eventuell ihre Fibrillen, erst durch (entweder länger -anhaltende oder häufig wiederholte) Affektion für die Reizleitung -_wegsam_ gemacht werden müssen. Ebenso würde natürlich im Falle -des Vergessens das Resultat dieser »Bahnung« rückgängig gemacht, -die durch sie herausgebildeten morphologischen Strukturelemente -im einzelnen Neuron infolge mangelnden Geübtwerdens atrophieren. -Die _Avenarius_sche Theorie den obigen verwandter Erscheinungen -- -_Avenarius_ würde Unterschiede der »Artikulation« oder »Gliederung« in -den Gehirnprozessen (den »unabhängigen Schwankungen des Systems C«) -zur Erklärung dieser Dinge angenommen haben -- überträgt denn doch -wohl zu einfach und wörtlich Eigenschaften der »abhängigen Reihe« -(d. i. des Psychischen) auf die »unabhängige« (physische), als daß -sie speziell der Frage der psychophysischen Zuordnung irgendwie für -förderlich gelten könnte. Dagegen erscheint der Ausdruck »artikuliert«, -»gegliedert« zur Beschreibung des Grades der Distinktheit, mit welchem -die einzelnen psychischen Data gegeben sind, wohl geeignet, und sei -hiemit seine spätere Verwendung für diesen Zweck vorbehalten. - -Der Prozeß der Klärung mußte hier in seinem ganzen Verlauf verfolgt -werden, um Umfang und Inhalt des neuen Begriffes kennen zu lernen; doch -ist für das jetzt Folgende nur das Initialstadium, der Ausgangspunkt -der Klärung, von Wichtigkeit. An den Inhalten, die weiterhin den Prozeß -der Klärung durchmachen, ist, so hieß es, im allerersten Momente, in -dem sie sich präsentieren, auch die _Avenarius_sche Unterscheidung -von »Element« und »Charakter« _noch nicht durchführbar_. Es wird also -derjenige, welcher diese Einteilung für alle Data der _entwickelten_ -Psyche acceptiert, für die Inhalte in jenem Stadium, _wo eine solche -Zweiheit an ihnen noch nicht unterscheidbar ist_, einen eigenen Namen -einzuführen haben. Es sei, ohne alle über den Rahmen dieser Arbeit -hinausgehenden Ansprüche, für psychische Data auf jenem primitivsten -Zustande ihrer Kindheit das Wort »_Henide_« vorgeschlagen (von ἕν, weil -sie noch nicht Empfindung und Gefühl als _zwei_ für die Abstraktion -isolierbare analytische Momente, noch keinerlei Zweiheit erkennen -lassen). - -_Die absolute Henide ist hiebei nur als ein Grenzbegriff zu -betrachten._ Wie oft _wirkliche_ psychische Erlebnisse im _erwachsenen_ -Alter des Menschen einen Grad von Undifferenziertheit erreichen, der -ihnen diesen Namen mit Recht eintrüge, läßt sich so rasch nicht mit -Sicherheit ausmachen; aber die Theorie an sich wird hiedurch nicht -berührt. Eine Henide wird es im allgemeinen genannt werden dürfen, -was, bei verschiedenen Menschen verschieden häufig, im Gespräche zu -passieren pflegt: man hat ein ganz bestimmtes Gefühl, wollte eben -etwas ganz Bestimmtes _sagen_; da bemerkt z. B. der andere etwas, und -»es« ist nun weg, nicht mehr zu erhaschen. Später wird aber durch eine -Assoziation plötzlich etwas reproduziert, von dem man sofort ganz -genau weiß, daß es _dasselbe_ ist, was man früher nicht beim Zipfel -fassen konnte: ein Beweis, daß es _derselbe_ Inhalt war, nur in anderer -_Form_, _auf einem anderen Stadium der Entwicklung_. Die Klärung -erfolgt also nicht nur im Laufe des ganzen individuellen Lebens nach -dieser Richtung hin, sie muß auch für jeden Inhalt wieder von neuem -durchgemacht werden. - -Ich besorge, daß jemand eine nähere Beschreibung dessen verlangen -möchte, was ich mit der Henide eigentlich meine. Wie sehe eine -Henide aus? Das wäre ein völliges Mißverständnis. Es liegt im -Begriffe der Henide, daß sie sich nicht näher beschreiben läßt, als -ein dumpfes Eines; _daß später die Identifikation mit dem völlig -artikulierten Inhalte erfolgt, ist ebenso sicher, wie daß die Henide -dieser artikulierte Inhalt selbst noch nicht ganz ist_, sich von -ihm irgendwie, durch den Grad der Bewußtheit, durch den Mangel an -Reliefierung, durch das Verschmolzensein von Folie und Hauptsache, -durch den Mangel eines »Blickpunktes« im »Blickfelde« unterscheidet. - -Also einzelne Heniden kann man nicht beobachten und nicht beschreiben: -_man kann nur Kenntnis nehmen von ihrem Dagewesensein_. - -Es läßt sich übrigens _prinzipiell_ in Heniden genau so gut denken, -leben wie in Elementen und Charakteren; jede Henide ist ein Individuum -und unterscheidet sich sehr wohl von jeder anderen. Aus später zu -erörternden Gründen ist anzunehmen, daß die Erlebnisse der ersten -Kindheit (und zwar dürfte dies für die ersten 14 Monate ausnahmslos -für das Leben _aller_ Menschen zutreffen) Heniden sind, wenn auch -vielleicht nicht in der absoluten Bedeutung. Doch rücken die -psychischen Geschehnisse der ersten Kindheit wenigstens nie weit aus -der Nähe des Henidenstadiums heraus; für den Erwachsenen indessen -gibt es stets eine Entwicklung vieler Inhalte über jene Stufe empor. -Dagegen ist in der Henide offenbar die Form des Empfindungslebens der -niedersten Bionten, und vielleicht sehr vieler Pflanzen und Tiere zu -sehen. Von der Henide ist _dem Menschen_ die Entwicklung nach einem -vollständig differenzierten, plastischen Empfinden und Denken hin -möglich, wenn auch dieses nur ein nie ganz ihm erreichbares Ideal -darstellt. Während die absolute Henide die Sprache überhaupt noch nicht -gestattet, indem die Gliederung der Rede nur aus der des Gedankens -folgt, gibt es auch auf der höchsten dem Menschen möglichen Stufe des -Intellektes noch Unklares und darum Unaussprechliches. - -Im ganzen also will die Henidentheorie den zwischen Empfindung und -Gefühl um die Würde des höheren Alters geführten Streit schlichten -helfen, und an Stelle der von _Avenarius_ und _Petzoldt_ aus der -Mitte des Klärungsverlaufes herausgegriffenen Notionen »Element« -und »Charakter« eine _entwicklungsgeschichtliche_ Beschreibung des -Sachverhaltes versuchen: auf Grund der fundamentalen Beobachtung, daß -erst mit dem Heraustreten der »Elemente« diese von den »Charakteren« -unterscheidbar werden. Darum ist man zu »Stimmungen« und zu allen -»Sentimentalitäten« nur disponiert, wenn die Dinge sich nicht in -scharfen Konturen darstellen, und ihnen eher ausgesetzt in der Nacht -als am Tage. Wenn die Nacht dem Lichte weicht, wird auch die Denkart -der Menschen eine andere. - -In welcher Beziehung steht nun aber diese Untersuchung zur Psychologie -der Geschlechter? Wie unterscheiden sich -- denn offenbar wurde -zu solchem Zwecke diese längere Grundlegung gewagt -- M und W mit -Rücksicht auf die verschiedenen Stadien der Klärung? - -Darauf ist folgende Antwort zu geben: - -_Der Mann hat die gleichen psychischen Inhalte wie das Weib in -artikulierterer Form; wo sie mehr oder minder in Heniden denkt, dort -denkt er bereits in klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich -ausgesprochene und stets die Absonderung von den Dingen gestattende -Gefühle knüpfen. Bei W sind »Denken« und »Fühlen« eins, ungeschieden, -für M sind sie auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse noch -in Henidenform, wenn bei M längst Klärung eingetreten ist._[15] Darum -ist W sentimental, und kennt das Weib nur die Rührung, nicht die -Erschütterung. - -Der größeren Artikulation der psychischen Data im Manne entspricht -auch die größere Schärfe seines Körperbaues und seiner Gesichtszüge -gegenüber der Weichheit, Rundung, Unentschiedenheit in der echten -weiblichen Gestalt und Physiognomie. Ferner stimmen mit dieser -Anschauung die Ergebnisse der die Geschlechter vergleichenden -Sensibilitätsmessungen überein, die, entgegen der populären Meinung, -bei den _Männern_ eine durchgängig größere Sinnesempfindlichkeit schon -am _Durchschnitt_ ergeben haben und solche Differenzen sicherlich in -noch viel höherem Maße hätten hervortreten lassen, wenn die _Typen_ -in Betracht gezogen worden wären. Die einzige Ausnahme bildet der -Tastsinn: die taktile Empfindlichkeit der Frauen ist feiner als -die der Männer. Das Faktum ist interessant genug, um zur Auslegung -aufzufordern, und eine solche wird auch später versucht werden. Zu -bemerken ist hier noch, daß hingegen die Schmerzsensibilität des -Mannes eine unvergleichlich größere ist als die der Frau, was für -die physiologischen Untersuchungen über den »Schmerzsinn« und seine -Scheidung vom »Hautsinn« von Wichtigkeit ist. - -Schwache Sensibilität wird das Verbleiben der Inhalte in der Nähe des -Henidenstadiums sicherlich begünstigen; geringere Klärung kann aber -nicht als ihre unbedingte Folge dargetan werden, sondern läßt sich -mit ihr nur in einen sehr wahrscheinlichen Zusammenhang bringen. Ein -zuverlässigerer Beweis für die geringere Artikulation des weiblichen -Vorstellens liegt in der größeren _Entschiedenheit im Urteil_ des -Mannes, ohne daß diese _allein_ aus der geringeren Distinktheit des -Denkens beim Weibe sich schon völlig _ableiten_ ließe (vielleicht -weisen beide auf eine gemeinsame tiefere Wurzel zurück). Doch ist -wenigstens dies eine sicher, daß wir, so lange wir dem Henidenstadium -nahe sind, meist nur genau wissen, wie sich eine Sache _nicht_ verhält, -und das wissen wir immer schon lange, bevor wir wissen, _wie_ sie sich -verhält: hierauf, auf einem Besitzen von Inhalten in Henidenform, -beruht wohl auch das, was _Mach_ »instinktive Erfahrung« nennt. Nahe -dem Henidenstadium reden wir noch immer um die Sache herum, korrigieren -uns bei jedem Versuche sie zu bezeichnen und sagen: »Das ist auch noch -nicht das richtige Wort.« Damit ist naturgemäß Unsicherheit im Urteilen -von selbst gegeben. Erst mit vollendeter Klärung wird auch unser -Urteil bestimmt und sicher; _der Urteilsakt selbst setzt eine gewisse -Entfernung vom Henidenstadium voraus_, selbst wenn durch ihn ein -analytisches Urteil, das den geistigen Besitzstand des Menschen nicht -vermehrt, ausgesprochen werden soll. - -Der entscheidende Beweis aber für die Richtigkeit der Anschauung, -welche die Henide W, den differenzierten Inhalt M zuschreibt und -hier einen fundamentalen Gegensatz beider erblickt, liegt darin, -daß, wo immer ein neues Urteil zu fällen und nicht ein schon lange -fertiges einmal mehr in Satzform auszusprechen ist, _daß in solchem -Falle stets W von M die Klärung ihrer dunklen Vorstellungen, $die -Deutung der Heniden erwartet$_. Es wird die in der Rede des Mannes -sichtbar werdende Gliederung seiner Gedanken dort, wo die Frau ohne -helle Bewußtheit vorgestellt hat, _als ein (tertiärer) männlicher -Geschlechtscharakter von ihr geradezu erwartet, gewünscht und -beansprucht, und wirkt auf sie wie ein solcher_. _Hierauf_ bezieht es -sich, wenn so viele Mädchen sagen, sie wünschten nur einen solchen -Mann zu heiraten, oder könnten zumindest nur jenen Mann _lieben_, _der -gescheiter sei als sie_; daß es sie befremden, ja sexuell _abstoßen_ -kann, wenn der Mann dem, was sie sagen, einfach recht gibt und es nicht -gleich besser sagt als sie; kurz und gut, warum eine Frau es eben als -_Kriterium der Männlichkeit_ fühlt, daß der Mann ihr auch geistig -überlegen sei, von dem Manne mächtig angezogen wird, dessen Denken ihr -imponiert, und damit, ohne es zu wissen, das entscheidende Votum gegen -alle Gleichheitstheorien abgibt. - -_M lebt bewußt, W lebt unbewußt._ Zu diesem Schlusse für die Extreme -sind wir nun berechtigt. _W empfängt ihr Bewußtsein von M_: die -Funktion, das Unbewußte bewußt zu machen, ist die sexuelle Funktion -des typischen Mannes gegenüber dem typischen Weibe, das zu ihm im -Verhältnis idealer Ergänzung steht. - -Hiemit ist die Darstellung beim _Problem der Begabung_ angelangt: der -ganze theoretische Streit in der Frauenfrage geht heute fast nur darum, -wer geistig höher veranlagt sei, »die Männer« oder »die Frauen«. Die -populäre Fragestellung erfolgt ohne Typisierung; hier wurden über die -Typen Anschauungen entwickelt, die auf die Beantwortung jener Frage -nicht ohne Einfluß bleiben können. Die Art dieses Zusammenhanges bedarf -jetzt der Erörterung. - - - - -IV. Kapitel. - -Begabung und Genialität. - - -Da über das Wesen der genialen Veranlagung sehr vielerlei an vielen -Orten zu lesen ist, wird es Mißverständnisse verhüten, wenn noch vor -allem Eingehen auf die Sache einige Feststellungen getroffen werden. - -Da handelt es sich zunächst um die Abgrenzung gegen den Begriff des -Talentes. Die populäre Anschauung bringt Genie und Talent fast immer -so in Verbindung, als wäre das erste ein höherer oder höchster Grad -des letzteren, durch stärkste Potenzierung oder Häufung verschiedener -Talente in einem Menschen aus jenem abzuleiten, als gäbe es zumindest -vermittelnde Übergänge zwischen beiden. Diese Ansicht ist vollständig -verkehrt. Wenn es auch vielerlei Grade und verschieden hohe -Steigerungen der Genialität sicherlich gibt, so haben diese Stufen doch -gar nichts zu tun mit dem sogenannten »Talent«. Ein Talent, z. B. das -mathematische Talent, mag jemand von Geburt in außerordentlichem Grade -besitzen; er wird dann die schwierigsten Kapitel dieser Wissenschaft -mit leichter Mühe sich anzueignen imstande sein; aber von Genialität, -was dasselbe ist wie Originalität, Individualität und Bedingung eigener -Produktivität, braucht er darum noch nichts zu besitzen. Umgekehrt gibt -es hochgeniale Menschen, die kein spezielles Talent in besonders hohem -Grade entwickelt haben. Man denke an _Novalis_ oder an _Jean Paul_. -Das Genie ist also keineswegs ein höchster Superlativ des Talentes, es -ist etwas von ihm durch eine ganze Welt Geschiedenes, beide durchaus -heterogener Natur, nicht aneinander zu messen und nicht miteinander -zu vergleichen. Das Talent ist vererbbar, es kann Gemeingut einer -Familie sein (die _Bachs_); das Genie ist nicht übertragbar, es ist -nie generell, sondern stets individuell (_Johann Sebastian_). - -Vielen leicht zu blendenden mittelmäßigen Köpfen, insbesondere aber -den _Frauen_, gilt im allgemeinen geistreich und genial als dasselbe. -Die Frauen haben, wenn auch der äußere Schein für das Gegenteil -sprechen mag, in Wahrheit gar keinen Sinn für das Genie, ihnen gilt -jede Extravaganz der Natur, die einen Mann aus Reih und Glied der -anderen sichtbar hervortreten läßt, zur Befriedigung ihres sexuellen -Ehrgeizes gleich; sie verwechseln den Dramatiker mit dem Schauspieler, -und machen keinen Unterschied zwischen Virtuos und Künstler. So gilt -ihnen denn auch der geistreiche Mensch als der geniale, _Nietzsche_ -als der Typus des Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfällen bloß -jongliert, alles Franzosentum des Geistes, mit wahrer geistiger Höhe -nicht die entfernteste Verwandtschaft. Menschen, die nichts sind als -eben geistreich, sind unfromme Menschen; es sind solche, die, von -den Dingen nicht wirklich erfüllt, an ihnen nie ein aufrichtiges und -tiefes Interesse nehmen, in denen nicht lang und schwer etwas der -Geburt entgegenstrebt. Es ist ihnen nur daran gelegen, daß ihr Gedanke -glitzere und funkle wie eine prächtig zugeschliffene Raute, nicht, daß -er auch etwas beleuchte! Und das kommt daher, weil ihr Sinnen vor allem -die Absicht auf das behält, was die anderen zu eben diesen Gedanken -wohl »sagen« werden -- eine Rücksicht, die durchaus nicht immer -»rücksichtsvoll« ist. Es gibt Männer, die imstande sind, eine Frau, die -sie in keiner Weise anzieht, zu heiraten -- bloß weil sie _den anderen_ -gefällt. Und solche Ehen findet man auch zwischen so manchen Menschen -und ihren Gedanken. Ich denke z. B. an eines lebenden Autors boshafte, -anflegelnde, beleidigende Schreibweise: er glaubt zu brüllen und bellt -doch nur. Leider scheint auch Friedrich _Nietzsche_, in seinen späteren -Schriften (so erhaben er sonst über den Vergleich mit jenem ist), an -seinen Einfällen manchmal vor allem das interessiert zu haben, was -seinem Vermuten nach die Leute recht chokieren mußte. Er _ist_ oft -gerade dort am eitelsten, wo er am rücksichtslosesten _scheint_. Es ist -die Eitelkeit des Spiegels selbst, der von dem Gespiegelten brünstig -Anerkennung erfleht: Sieh, wie gut, wie _rücksichtslos_ ich spiegle! --- In der Jugend, so lange man selbst noch nicht gefestigt ist, -sucht ja wohl ein jeder sich dadurch zu festigen, daß er den anderen -anrempelt; aber leidenschaftlich-aggressiv sind ganz große Männer doch -immer nur aus Not. Nicht sie gleichen dem jungen Fuchs auf der Suche -nach seiner Mensur, nicht sie dem jungen Mädchen, das die neue Toilette -vor allem darum so entzückt, weil ihre »Freundinnen« sich $so$ darüber -ärgern werden. - -Genie! Genialität! Was hat dieses Phänomen nicht bei der Mehrzahl der -Menschen für Unruhe und geistiges Unbehagen, für Haß und Neid, für -Mißgunst und Verkleinerungssucht hervorgerufen, wieviel Unverständnis -und -- wieviel Nachahmungstrieb hat es nicht ans Licht treten lassen! -»Wie er sich räuspert und wie er spuckt ...« - -Leicht trennen wir uns von den Imitationen des Genius, um uns ihm -selbst und seinen echten Verkörperungen zuzuwenden. Aber wahrlich! -Wo hier auch die Betrachtung den Anfang nehmen möge, bei der -unendlichen, ineinanderfließenden Fülle wird immer nur ihre Willkür -den Ausgangspunkt wählen können. Alle Qualitäten, die man als -geniale bezeichnen muß, hängen so innig miteinander zusammen, daß -eine vereinzelte Betrachtung ihrer, die nur allmählich zu höherer -Allgemeinheit aufzusteigen plant, zur denkbar schwierigsten Sache -wird: indem die Darstellung stets zu vorzeitiger Abrundung des Ganzen -verführt zu werden fürchten muß, und sich in der isolierenden Methode -nicht behaupten zu können droht. Alle bisherigen Erörterungen über das -Wesen des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklären -mit lächerlicher Anmaßung das bißchen Wissen auf diesem Gebiete zur -Beantwortung der schwierigsten und tiefsten psychologischen Fragen -für hinreichend. Oder sie steigen von der Höhe eines metaphysischen -Standpunktes _herab_, um die Genialität in ihr System _aufzunehmen_. -Wenn der Weg, der hier eingeschlagen werden soll, nicht zu allen Zielen -_auf einmal_ führt, so liegt dies eben an seiner Natur eines Weges. - -Denken wir daran, um wieviel besser der große Dichter in die Menschen -sich hineinversetzen kann als der Durchschnittsmensch. Man ermesse -die außerordentliche Anzahl der Charaktere, die _Shakespeare_, -die _Euripides_ geschildert haben; oder denke an die ungeheuere -Mannigfaltigkeit der Personen, die in den Romanen _Zolas_ auftreten. -_Heinrich von Kleist_ hat nach der Penthesilea ihr vollendetes -Gegenteil, das Käthchen von Heilbronn geschaffen, _Michel Angelo_ die -Leda und die delphische Sibylle aus seiner Phantasie heraus verkörpert. -Es gibt wohl wenige Menschen, die so wenig darstellende Künstler waren -wie Immanuel _Kant_ und Joseph _Schelling_, und doch sind sie es, die -über die Kunst das Tiefste und Wahrste geschrieben haben. - -Um nun einen Menschen zu erkennen oder darzustellen, muß man ihn -_verstehen_. Um aber einen Menschen zu verstehen, muß man mit ihm -Ähnlichkeit haben, man muß so sein wie er, um seine Handlungen -nachzubilden und würdigen zu können, muß man die psychologischen -Voraussetzungen, die sie in ihm hatten, in sich selbst nachzuerzeugen -vermögen: _einen Menschen verstehen, heißt ihn in sich haben_. Man -muß dem Geist gleichen, den man begreifen will. Darum versteht ein -Gauner nur immer gut den anderen Gauner, ein gänzlich harmloser Mensch -wieder vermag nie jenen, stets nur eine ihm ebenbürtige Gutmütigkeit -zu fassen; ein Poseur erklärt sich die Handlungen des anderen Menschen -fast immer als Posen und vermag einen zweiten Poseur rascher zu -durchschauen als der einfache Mensch, an den der Poseur seinerseits nie -recht zu glauben imstande ist. _Einen Menschen verstehen heißt also: er -selbst sein._ - -Danach müßte aber jeder Mensch sich selbst am besten verstehen, und das -ist gewiß nicht richtig. Kein Mensch kann sich selbst je verstehen, -denn dazu müßte er aus sich selbst herausgehen, dazu müßte das Subjekt -des Erkennens und Wollens Objekt werden können: ganz wie, um das -Universum zu verstehen, ein Standpunkt noch außerhalb des Universums -erforderlich wäre, und einen solchen zu gewinnen, ist nach dem Begriffe -eines Universums nicht möglich. Wer sich selbst verstehen könnte, der -könnte die Welt verstehen. Daß dieser Satz nicht nur vergleichsweise -gilt, sondern ihm eine sehr tiefe Bedeutung innewohnt, wird sich aus -der Darstellung allmählich ergeben. Für den Augenblick ist sicher, daß -man sein tiefstes eigenstes Wesen nicht selbst verstehen kann. Und es -gilt auch wirklich: man wird, wenn man überhaupt verstanden wird, immer -nur von anderen, nie von sich selbst verstanden. Der andere nämlich, -der mit dem ersten eine Ähnlichkeit hat und ihm in anderer Beziehung -doch gar nicht gleich ist, dem kann diese Ähnlichkeit zum Gegenstande -der Betrachtung werden, er kann sich im anderen, oder den anderen in -sich _erkennen_, darstellen, _verstehen_. _Einen Menschen verstehen -heißt also: $auch$ er sein._ - -Der geniale Mensch aber offenbarte sich an jenen Beispielen eben als -der Mensch, welcher ungleich mehr Wesen versteht als der mittelmäßige. -_Goethe_ soll von sich gesagt haben, es gebe kein Laster und kein -Verbrechen, zu dem er nicht die Anlage in sich verspürt, das er nicht -in irgend einem Zeitpunkte seines Lebens vollauf verstanden habe. Der -geniale Mensch ist also komplizierter, zusammengesetzter, reicher; _und -ein Mensch ist um so genialer zu nennen, je mehr Menschen er in sich -vereinigt_, und zwar, wie hinzugefügt werden muß, _je lebendiger_, mit -je größerer _Intensität_ er die anderen Menschen in sich hat. Wenn -das Verständnis des Nebenmenschen nur wie ein schwaches Stümpchen -in ihm brennte, dann wäre er nicht imstande, als großer Dichter in -seinen Helden das Leben einer mächtigen Flamme gleich zu entzünden, -seine Figuren wären ohne Mark und Kraft. Das Ideal gerade von einem -künstlerischen Genius ist es, in allen Menschen zu leben, an alle sich -zu verlieren, in die Vielheit zu _emanieren_; indes der Philosoph alle -anderen _in sich_ wiederfinden, sie zu einer Einheit, die eben immer -nur _seine_ Einheit sein wird, zu _resorbieren_ die Aufgabe hat. - -Diese Proteus-Natur des Genies ist, ebensowenig wie früher die -Bisexualität, als Simultaneität aufzufassen; auch dem größten Genius -ist es nicht gegeben, zu gleicher Zeit, etwa an einem und demselben -Tage, das Wesen aller Menschen zu verstehen. Die umfassendere und -inhaltsvollere Anlage, welche ein Mensch geistig besitzt, kann nur -nach und nach, in allmählicher Entfaltung seines ganzen Wesens sich -offenbaren. Es hat den Anschein, daß auch sie in einem bestimmten -Ablauf gesetzmäßiger _Perioden_ zum Vorschein kommt. Diese Perioden -wiederholen sich aber im Laufe des Lebens nicht in der gleichen Weise, -als wäre jede nur die gewöhnliche Wiederholung der vorhergegangenen, -sondern sozusagen in immer höherer Sphäre; es gibt nicht zwei Momente -des individuellen Lebens, die einander ganz gleichen; und es existiert -zwischen den späteren und den früheren Perioden nur die Ähnlichkeit der -Punkte der höheren mit den homologen der niederen Spiralwindung. Daher -kommt es, daß hervorragende Menschen so oft in ihrer Jugend den Plan zu -einem Werke fassen, nach langer Pause im Mannesalter das Jahre hindurch -nicht vorgenommene Konzept einer Bearbeitung unterziehen und erst im -Greisenalter nach abermaligem Zurückstellen es vollenden: es sind die -verschiedenen Perioden, in die sie abwechselnd treten und die sie stets -mit anderen Gegenständen erfüllen. Diese Perioden existieren bei jedem -Menschen, nur in verschiedener Stärke, mit verschiedener »Amplitüde«. -Da das Genie die meisten Menschen mit der _größten_ Lebendigkeit in -sich hat, _wird die Amplitüde der Perioden um so ausgesprochener sein, -je bedeutender ein Mensch in geistiger Beziehung ist_. Hochstehende -Menschen hören daher meist von Jugend auf von Seiten ihrer Erzieher -den Vorwurf, daß sie fortwährend »von einem Extrem ins andere« fielen. -Als ob sie sich dabei besonders wohl befinden würden! Gerade beim -hervorragenden Menschen nehmen solche Übergänge in der Regel einen -ausgesprochen krisenhaften Charakter an. _Goethe_ hat einmal von der -»wiederholten Pubertät« der Künstler gesprochen. Was er gemeint hat, -hängt innig mit diesem Gegenstande zusammen. Denn gerade die starke -Periodizität des Genies bringt es mit sich, daß bei ihm immer erst auf -sterile Jahre die fruchtbaren und auf sehr produktive Zeiten immer -wieder sehr unfruchtbare folgen -- Zeiten, in denen er von sich nichts -hält, ja von sich _psychologisch_ (nicht logisch) weniger hält _als -von jedem anderen Menschen_: quält ihn doch die Erinnerung an die -Schaffensperiode, und vor allem -- wie _frei_ sieht er sie, die von -solchen Erinnerungen nicht Belästigten, herumgehen! Wie seine Ekstasen -gewaltiger sind als die der anderen, so sind auch seine Depressionen -fürchterlicher. Bei jedem hervorragenden Menschen gibt es solche -Zeiten, kürzere und längere; Zeiten, wo er in völliger Verzweiflung -an sich selbst sein, wo es bei ihm zu Selbstmordgedanken kommen kann, -Zeiten, wo zwar auch eine Menge Dinge ihm auffallen können, und vor -allem eine Menge Dinge sich ansetzen werden für eine spätere Ernte; wo -aber nichts mit dem gewaltigen Tonus der produktiven Periode erscheint, -wo, mit anderen Worten, _der Sturm sich nicht einstellt_; Zeiten, in -denen wohl über solche, die trotzdem fortzuschaffen versuchen, gesagt -wird: »Wie der jetzt herunterkommt!« »Wie der sich völlig ausgegeben -hat!« »Wie der sich selbst kopiert!« etc. etc. - -Auch seine anderen Eigenschaften, nicht bloß ob er überhaupt, -sondern auch der Stoff, in welchem, der Geist, aus welchem heraus er -produziert, sind im genialen Menschen einem Wechsel und einer starken -Periodizität unterworfen. Er ist das eine Mal eher reflektierend und -wissenschaftlich, das andere Mal mehr zu künstlerischer Darstellung -disponiert (_Goethe_); zuerst konzentriert sich sein Interesse auf die -menschliche Kultur und Geschichte, dann wieder auf die Natur (man halte -_Nietzsches_ »Unzeitgemäße Betrachtungen« neben seinen »Zarathustra«); -er ist jetzt mystisch, nachher naiv (solche Beispiele haben in jüngster -Zeit _Björnson_ und _Maurice Maeterlinck_ gegeben). Ja, so groß ist -im hervorragenden Menschen die »Amplitüde« der Perioden, in denen -die verschiedenen Seiten seines Wesens, die vielen Menschen, die in -ihm intensiv leben, aufeinander succedieren, daß diese Periodizität -auch physiognomisch sich deutlich offenbart. Hieraus möchte ich die -auffallende Erscheinung erklären, daß bei begabteren Menschen der -Ausdruck des Antlitzes viel öfter wechselt als bei Unbegabten, ja daß -sie zu verschiedenen Zeiten oft unglaublich verschiedene Gesichter -haben können; man vergleiche nur die von _Goethe_, von _Beethoven_, -von _Kant_, von _Schopenhauer_ aus den verschiedenen Epochen ihres -Lebens erhaltenen Bilder! _Man kann die Zahl der Gesichter, die ein -Mensch hat, geradezu als ein physiognomisches Kriterium seiner Begabung -ansehen._ Menschen, die stets ein und dasselbe Gesicht _völlig_ -unverändert aufweisen, stehen auch intellektuell sehr tief. Hingegen -wird es den Physiognomiker nicht wundern, daß begabtere Menschen, die -auch im Verkehr und Gespräch immer neue Seiten ihres Wesens offenbaren, -über die darum das Nachdenken nicht so bald ein fertiges Urteil -gewinnt, diese Eigenschaft auch durch ihr Aussehen bewahrheiten. - -Man wird vielleicht mit Entrüstung die hier entwickelte _vorläufige_ -Vorstellung vom Genie zurückweisen, weil sie als notwendig postuliere, -daß ein _Shakespeare_ auch die ganze Gemeinheit eines Falstaff, die -ganze Schurkenhaftigkeit eines Jago, die ganze Rohheit eines Caliban in -sich gehabt habe, somit die großen Menschen moralisch erniedrige, indem -sie ihnen das intimste Verständnis auch für alles Verächtliche und -Unbedeutende imputiere. Und es muß zugegeben werden, daß nach dieser -Auffassung die genialen Menschen von den zahlreichsten und heftigsten -Leidenschaften erfüllt und selbst von den widerlichsten Trieben nicht -verschont sind (was übrigens durch ihre Biographien überall bestätigt -wird). - -Aber jener Einwurf ist trotzdem unberechtigt. Dies wird aus der -späteren Vertiefung des Problems noch hervorgehen; einstweilen sei -darauf hingewiesen, daß nur eine oberflächliche Schlußweise ihn als die -notwendige Folgerung aus den bis jetzt dargelegten Prämissen betrachten -kann, die vielmehr allein schon sein Gegenteil mehr als wahrscheinlich -zu machen genügen. _Zola_, der den Impuls zum Lustmord so gut kennt, -hätte trotzdem nie einen Lustmord begangen, und zwar darum, _weil in -ihm selber eben so viel anderes $noch$ ist_. Der wirkliche Lustmörder -ist die Beute seines Antriebes; in seinem Dichter wirkt der ganze -Reichtum seiner vielfältigen Anlage dem Reize entgegen. Er bewirkt, -daß _Zola_ den Lustmörder viel besser als jeder wirkliche Lustmörder -sich selbst _kennen_, daß er aber eben damit ihn _erkennen_ wird, -wenn die Versuchung wirklich an ihn herantreten sollte; und damit -steht er ihr bereits gegenüber, Aug' in Auge, und kann sich ihrer -erwehren. Auf diese Weise wird der verbrecherische Trieb im großen -Menschen _vergeistigt_, zum Künstlermotiv wie bei _Zola_, oder zur -philosophischen Konzeption des »Radikal-Bösen« wie bei _Kant_, darum -führt er ihn nicht zur verbrecherischen _Tat_. - -Aus der Fülle von Möglichkeiten, die in jedem bedeutenden Menschen -vorhanden sind, ergeben sich nun wichtige Konsequenzen, welche zur -Theorie der Heniden, wie sie im vorigen Kapitel entwickelt wurde, -zurückleiten. _Was man in sich hat, $bemerkt$ man eher, als was man -nicht versteht_ (wäre dem anders, so gäb' es keine Möglichkeit, daß -die Menschen miteinander verkehren könnten -- sie wissen meistens gar -nicht, wie _oft sie_ einander mißverstehen); dem Genie, das so viel -mehr _versteht_ als der Dutzendmensch, wird also auch mehr _auffallen_ -als diesem. Der Intrigant wird es leicht bemerken, wenn ein anderer -ihm gleicht; der leidenschaftliche Spieler sofort wahrnehmen, wenn -ein zweiter große Lust zum Spiele verrät, während dies den anderen, -die anders sind, in den meisten Fällen lange entgeht: »der Art ja -versiehst du dich besser«, heißt es in _Wagners_ »Siegfried«. Vom -komplizierteren Menschen aber galt, daß er jeden Menschen besser -verstehen könne als dieser sich selber, vorausgesetzt, daß er dieser -Mensch ist und zugleich noch etwas mehr, _genauer, wenn er diesen -Menschen $und dessen Gegenteil$, alle beide, in sich hat. Die Zweiheit -ist stets die Bedingung des Bemerkens und des Begreifens_; fragen wir -die Psychologie nach der kardinalsten Bedingung des Bewußtwerdens, der -»Abhebung«, so erhalten wir zur Antwort, daß hiefür die notwendige -Voraussetzung der _Kontrast_ sei. Gäbe es nur ein einförmiges Grau, so -hätte niemand ein Bewußtsein, geschweige denn einen Begriff von Farbe; -absolute _Ein_tönigkeit eines Geräusches führt beim Menschen raschen -$Schlaf$ herbei: _Zweiheit (das $Licht$, das die Dinge scheidet und -unterscheidet) ist die Ursache des wachen Bewußtseins._ - -Darum kann niemand sich selbst verstehen, wenn er auch sein ganzes -Leben ununterbrochen über sich nachdächte, und immer nur einen anderen, -dem er zwar ähnlich, aber der er nicht ganz ist, sondern von dessen -Gegenteil er ebensoviel in sich hat wie von ihm selbst. Denn in dieser -Verteilung liegen die Verhältnisse für das Verstehen am günstigsten: -der früher erwähnte Fall _Kleistens_. _Endgültig bedeutet also einen -Menschen verstehen soviel als: ihn $und$ sein Gegenteil in sich haben._ - -Daß sich ganz allgemein stets Gegensatz_paare_ im selben Menschen -zusammenfinden müssen, um ihm das Bewußtwerden auch nur _eines_ -Gliedes von jedem Paare zu gestatten, dafür liefert die Lehre vom -Farbensinn des Auges mehrere physiologische Beweise, von denen ich -nur die bekannte Erscheinung erwähne, daß die Farbenblindheit sich -immer auf _beide_ Komplementärfarben erstreckt; der Rotblinde ist auch -grünblind, und es gibt nur Blaugelbblinde und keinen Menschen, der blau -empfinden könnte, wenn er für gelb unempfänglich wäre. Dieses Gesetz -gilt im Geistigen überall, es ist das Grundgesetz alles Bewußtwerdens. -Zum Beispiel wird, wer immer sehr zum Frohmut, auch zum Umschlag in -Trübsinn eher veranlagt sein als ein stets gleichmäßig Gestimmter; -und wer für jederlei Feinheit und Subtilität so viel Sinn hat wie -_Shakespeare_, auch die ungeschlachteste Derbheit, weil gleichsam als -seine Gefahr, am sichersten empfinden und auffassen. - -Je mehr menschliche Typen und deren Gegensätze ein Mensch in seiner -Person vereinigt, desto weniger wird ihm, da aus dem Verstehen auch das -Bemerken folgt, _entgehen_, was die Menschen treiben und lassen, desto -eher wird er _durchschauen_, was sie fühlen, denken und eigentlich -wollen. _Es gibt keinen genialen Menschen, der nicht ein großer -Menschenkenner wäre_; der bedeutende Mensch blickt einfacheren Menschen -oft im ersten Augenblick bis auf den Grund, und ist nicht selten -imstande, sie sofort völlig zu charakterisieren. - -Nun hat aber unter den meisten Menschen der eine für dies, der andere -für jenes einen nur mehr oder minder einseitig entwickelten Sinn. -Dieser kennt alle Vögel und unterscheidet ihre Stimmen aufs feinste, -jener hat von früh auf einen liebevollen und sicheren Blick für die -Pflanzen; der eine fühlt sich von den übereinandergeschichteten -tellurischen Sedimenten erschüttert (_Goethe_), der andere erschauert -unter der Kälte des nächtigen Fixsternhimmels (_Kant_); manch -einer findet das Gebirge tot und fühlt sich gewaltig nur vom ewig -bewegten Meere angesprochen (_Böcklin_), ein zweiter kann zu dessen -immerwährender Unruhe kein Verhältnis gewinnen und kehrt unter die -erhabene Macht der Berge zurück (_Nietzsche_). So hat jeder Mensch, -auch der einfachste, etwas in der Natur, zu dem es ihn hinzieht, und -für das seine Sinne schärfer werden denn für alles übrige. Wie sollte -nun der genialste Mensch, der, im idealen Falle, diese Menschen alle -in sich hat, mit ihrem Innenleben nicht auch ihre Beziehungen und -Liebesneigungen zur Außenwelt in sich versammeln? So wächst in ihn -die Allgemeinheit nicht nur alles Menschlichen, sondern auch alles -Natürlichen hinein; _er ist der Mensch, der zu den meisten Dingen -im intimsten Rapporte steht_, dem das meiste auffällt, das wenigste -entgeht; der das meiste versteht, und es am tiefsten versteht schon -darum, weil er es mit den vielfältigsten Dingen zu vergleichen und -von den zahlreichsten zu unterscheiden in der Lage ist, am besten zu -messen und am besten zu begrenzen weiß. _Dem genialen Menschen wird -das meiste und all dies am stärksten $bewußt$._ Darum wird zweifellos -auch seine Sensibilität die feinste sein; dies darf man aber nicht, -wie es, in offenbar einseitigem Hinblick auf den Künstler, geschehen -ist, bloß zu Gunsten einer verfeinerten Sinnesempfindung, größerer -Sehschärfe beim Maler (oder beim Dichter), größerer Hörschärfe beim -Komponisten (_Mozart_) auslegen: das Maß der Genialität ist weniger in -der Unterschiedsempfindlichkeit der Sinne, als in der des Geistes zu -suchen; anderseits wird jene Empfindlichkeit oft auch mehr nach innen -gekehrt sein. - -So ist das geniale Bewußtsein am _weitesten_ entfernt vom -Henidenstadium; es hat vielmehr die größte, grellste Klarheit und -Helle. _Genialität offenbart sich hier bereits als eine Art höherer -Männlichkeit; $und darum kann W nicht genial sein$._ Dies ist die -folgerechte Anwendung des im vorigen Kapitel gewonnenen Ergebnisses, -daß M bewußter lebe als W, auf den eigentlichen Ertrag des jetzigen -Kapitels: dieses gipfelt in dem Satze, daß _Genialität identisch -ist mit höherer, weil allgemeinerer Bewußtheit_. Jenes intensivere -Bewußtsein von allem wird aber selbst erst ermöglicht durch die enorme -Zahl von Gegensätzen, die im hervorragenden Menschen beisammen sind. - -_Darum ist zugleich Universalität das Kennzeichen des Genies._ -Es gibt keine Spezialgenies, keine »mathematischen« und keine -»musikalischen Genies«, auch keine »Schachgenies«, _sondern es gibt -$nur$ Universalgenies. Der geniale Mensch läßt sich definieren -als derjenige, der $alles$ weiß, ohne es gelernt zu haben._ Unter -diesem »Alleswissen« sind selbstverständlich nicht die Theorien und -Systematisierungen gemeint, welche die Wissenschaft an den Tatsachen -vorgenommen hat, nicht die Geschichte des spanischen Erbfolgekrieges, -und nicht die Experimente über Diamagnetismus. Aber nicht erst aus dem -Studium der Optik erwächst dem Künstler die Kenntnis der Farben des -Wassers bei trübem und heiterem Himmel, und es bedarf keiner Vertiefung -in eine Charakterologie, um Menschen einheitlich zu gestalten. Denn je -begabter ein Mensch ist, über desto mehr _hat_ er immer _selbständig_ -nachgedacht, zu desto mehr Dingen hat er ein persönliches Verhältnis. - -Die Lehre von den Spezialgenies, die es gestattet, z. B. vom -»Musikgenie« zu reden, das »in allen anderen Beziehungen -unzurechnungsfähig« sei, verwechselt abermals Talent und Genie. Der -Musiker kann, wenn er wahrhaft groß ist, in der Sprache, auf die ihn -die Richtung seines besonderen Talentes weist, genau so universell -sein, genau so die ganze innere und äußere Welt durchmessen wie der -Dichter oder der Philosoph; solch ein Genie war _Beethoven_. Und er -kann in ebenso beschränkter Sphäre sich bewegen wie ein mittelmäßiger -wissenschaftlicher oder künstlerischer Kopf; solch ein Geist war -_Johann Strauß_, den es merkwürdig berührt, ein Genie nennen zu -hören, so schöne Blüten eine lebhafte, aber sehr eng begrenzte -Einbildungskraft in ihm auch getrieben hat. _Es gibt_, um nochmals -darauf zurückzukommen, _vielerlei Talente, aber es gibt nur $eine$ -Genialität_, die ein beliebiges Talent wählen und ergreifen mag, um -in ihm sich zu betätigen. Es gibt etwas, das allen genialen Menschen -als _genialen_ gemeinsam ist, so sehr auch der große Philosoph vom -großen Maler, der große Musiker vom großen Bildhauer, der große -Dichter vom großen Religionsstifter sich sonst unterscheiden mögen. -Das Talent, durch dessen Medium die eigentliche Geistesanlage eines -Menschen sich offenbart, ist viel mehr Nebensache, als man gewöhnlich -glaubt, und wird aus der großen Nähe, aus welcher kunstphilosophische -Betrachtung leider so oft erfolgt, in seiner Wichtigkeit meist weit -überschätzt. Nicht nur die Unterschiede in der Begabung, auch die -Gemütsart und Weltanschauung kehren sich wenig an die Grenzen der -Künste voneinander, diese werden übersprungen, und so ergeben sich dem -vorurteilsloseren Blick oft überraschende Ähnlichkeiten; er wird dann, -statt _innerhalb_ der Musikgeschichte, respektive der Geschichte der -Kunst, der Literatur und Philosophie nach Analogien zu blättern, lieber -ungescheut z. B. _Bach_ mit _Kant_ vergleichen, Karl Maria v. _Weber_ -neben _Eichendorff_ stellen, und _Böcklin_ mit _Homer_ zusammenhalten; -und wenn so die Betrachtung reiche Anregung und große Fruchtbarkeit -gewinnen kann, so wird das auch dem psychologischen Tiefblick -schließlich zugute kommen, an dessen Mangel alle Geschichtsschreibung -von Kunst wie von Philosophie am empfindlichsten krankt. Welche -organischen und psychologischen Bedingungen es übrigens sind, die ein -Genie entweder zum mystischen Visionär oder etwa zum großen Zeichner -werden lassen, das muß als unwesentlich für die Zwecke _dieser_ Schrift -beiseite bleiben. - -_Von jener Genialität aber_, die, bei allen oft sehr tief gehenden -Unterschieden zwischen den einzelnen Genies, eine und dieselbe bleibt -und, nach dem hier aufgestellten Begriffe, überall manifestiert werden -kann, _ist das Weib ausgeschlossen_. Wenn auch die Frage, ob es rein -wissenschaftliche, und ob es bloß handelnde, nicht nur künstlerische -und philosophische Genies geben könne, erst in einem späteren -Abschnitt zur Entscheidung gebracht werden soll: man hat allen Grund, -vorsichtiger zu verfahren mit der Verleihung des Prädikates genial, -als man dies bisher gewesen ist. Es wird sich noch deutlich zeigen: -will man überhaupt vom Wesen der Genialität eine Vorstellung sich -bilden und zu einem Begriffe derselben zu gelangen suchen, so _muß_ -die Frau als ungenial bezeichnet werden; und trotzdem wird niemand der -Darstellung nachsagen dürfen, sie hätte im Hinblick auf das weibliche -Geschlecht irgend einen willkürlichen Begriff erst konstruiert und -ihn nachträglich als das Wesen der Genialität hingestellt, um nur den -Frauen keinen Platz _innerhalb_ derselben gönnen zu müssen. - -Hier kann auf die anfänglichen Betrachtungen des Kapitels -zurückgegriffen werden. Während die Frau der Genialität kein -Verständnis entgegenbringt, außer einem, das sich eventuell an die -Persönlichkeit eines noch lebenden Trägers knüpfte, hat der Mann -jenes tiefe Verhältnis zu dieser Erscheinung an sich, das _Carlyle_ -in seinem noch immer so wenig verstandenen Buche Hero-Worship, -Heldenverehrung, genannt und so schön und hinreißend ausgemalt hat. -In der Heldenverehrung des Mannes kommt abermals zum Ausdruck, daß -_Genialität an die Männlichkeit geknüpft ist, daß sie eine ideale, -potenzierte Männlichkeit vorstellt_[16]; denn das Weib hat kein -originelles, sondern ein ihr vom Manne verliehenes Bewußtsein, sie lebt -unbewußt, der Mann bewußt: am bewußtesten aber der Genius. - - - - -V. Kapitel. - -Begabung und Gedächtnis. - - -Um von der Heniden-Theorie auszugehen, sei folgende Beobachtung -erzählt. Ich notierte gerade, _halb_ mechanisch, die Seitenzahl einer -Stelle aus einer botanischen Abhandlung, die ich später zu exzerpieren -beabsichtigte, als ich etwas in Henidenform dachte. Aber was ich da -dachte, wie ich es dachte, was da an die Tür der Bewußtheit klopfte, -dessen konnte ich mich schon im nächsten Augenblick trotz aller -Anstrengung nicht entsinnen. Aber gerade darum ist dieser Fall -- er -ist typisch -- besonders lehrreich. - -_Je plastischer, je geformter ein Empfindungskomplex ist, desto -eher ist er reproduzierbar._ Deutlichkeit des Bewußtseins ist erste -Bedingung der Erinnerung, der _Intensität_ der Bewußtseinserregung -ist das _Gedächtnis_ an die Erregung proportional. »Das wird mir -unvergeßlich bleiben«, »daran werde ich mein Lebtag denken«, »das kann -mir nie mehr entschwinden« sagt ja der Mensch von Ereignissen, die ihn -heftig aufgeregt haben, von Augenblicken, aus denen er um eine Einsicht -klüger, um eine wichtige Erfahrung reicher geworden ist. Steht also -die Reproduzierbarkeit der Bewußtseinsinhalte im geraden Verhältnis zu -ihrer Gliederung, so ist klar, _daß an die absolute Henide überhaupt -keine Erinnerung möglich sein wird_. - -Da nun die Begabung[17] eines Menschen mit der Artikulation seiner -gesamten Erlebnisse wächst, so wird einer, _je begabter er ist, desto -eher an seine $ganze$ Vergangenheit, an alles, was er je gedacht und -getan, gesehen und gehört, empfunden und gefühlt hat, sich erinnern -können_, mit desto größerer Sicherheit und Lebhaftigkeit wird er -alles aus seinem Leben reproduzieren. _Das universelle Gedächtnis an -alles Erlebte ist darum das sicherste, allgemeinste, am leichtesten -zu ergründende Kennzeichen des Genies._ Es ist zwar eine verbreitete -und besonders unter allen Kaffeehausliteraten beliebte Lehre, daß -_produktive_ Menschen (weil sie _Neues_ schüfen) kein Gedächtnis -hätten: aber offenbar nur, weil darin die einzige Bedingung der -Produktivität liegt, die bei ihnen erfüllt ist. - -Freilich darf man diese große Ausdehnung und Lebendigkeit des -Gedächtnisses beim genialen Menschen, die ich zunächst als eine -Folgerung aus dem Systeme ganz dogmatisch einführe, ohne sie aus -der Erfahrung neu zu begründen, nicht mit dem raschen Vergessen -des gesamten gymnasialen Geschichtsstoffes oder der unregelmäßigen -Verba des Griechischen widerlegen wollen. _Es handelt sich um -das Gedächtnis für das Erlebte, nicht um die Erinnerung an das -Erlernte_; was zu Prüfungszwecken studiert wird, davon wird immer -nur der kleinste Teil behalten, jener Teil, welcher dem speziellen -Talente des Schülers entspricht. So kann ein Zimmermaler ein -besseres Gedächtnis für Farben haben als der größte Philosoph, -der beschränkteste Philologe ein besseres Gedächtnis für die vor -Jahren auswendig gelernten Aoriste als sein Kollege, der vielleicht -ein genialer Dichter ist. Es verrät die ganze Jämmerlichkeit und -Hilflosigkeit der experimentellen Richtung in der Psychologie (noch -mehr aber die Unfähigkeit so vieler Leute, die, mit einem Arsenal von -elektrischen Batterien und Sphygmographiontrommeln im Rücken, gestützt -auf die »Exaktheit« ihrer langweiligen Versuchsreihen, nun in rebus -psychologicis vor allen anderen gehört zu werden beanspruchen), daß -sie das Gedächtnis der Menschen durch Aufgaben, wie das Erlernen von -Buchstaben, mehrzifferigen Zahlen, zusammenhanglosen Worten prüfen -zu können glaubt. An das eigentliche Gedächtnis des Menschen, jenes -Gedächtnis, welches in Betracht kommt, wenn ein Mensch die Summe -seines Lebens zieht, reichen diese Versuche so wenig heran, daß man -sich unwillkürlich zu der Frage gedrängt sieht, ob jene fleißigen -Experimentatoren von der Existenz dieses anderen Gedächtnisses, ja -eines psychischen _Lebens_ überhaupt, etwas wissen. Jene Untersuchungen -stellen die verschiedensten Menschen unter ganz uniformierende -Bedingungen, denen gegenüber nie _Individualität_ sich äußern kann, -sie _abstrahieren_ wie geflissentlich gerade vom Kern des Individuums, -und behandeln es einfach als guten oder schlechten Registrierapparat. -Es liegt ein großer Tiefblick darin, daß im Deutschen »bemerken« und -»merken« aus der nämlichen Wurzel gebildet ist. Nur was _auffällt_, von -selbst, infolge angeborner Beschaffenheit, wird _behalten_. Wessen man -sich erinnert, dafür muß ein ursprüngliches Interesse vorhanden sein, -und wenn etwas vergessen wird, dann war die Anteilnahme an ihm nicht -stark genug. Dem religiösen Menschen werden darum religiöse Lehren, dem -Dichter Verse, dem Zahlenmystiker Zahlen am sichersten und längsten -haften bleiben. - -Und hier kann auf das vorige Kapitel in anderer Weise zurückgegriffen -und die besondere Treue des Gedächtnisses bei hervorragenden Menschen -noch auf einem zweiten Wege _deduziert_ werden. Denn je bedeutender -ein Mensch ist, desto mehr Menschen, desto mehr Interessen sind in ihm -zusammengekommen, desto umfassender also muß sein Gedächtnis werden. -Die Menschen haben im allgemeinen durchaus _gleich_ viel äußere -Gelegenheit zu »perzipieren«, aber die meisten »apperzipieren« von der -unendlichen Menge nur einen unendlich kleinen Teil. Das Ideal von einem -Genie müßte ein Wesen sein, dessen sämtliche »Perzeptionen« ebensoviele -»Apperzeptionen« wären. Ein solches Wesen gibt es nicht. Es ist aber -auch kein Mensch, der nie _ap_perzipiert, sondern immer bloß perzipiert -hätte. Schon darum muß es alle möglichen _Grade_ der Genialität -geben[18]; zumindest ist _kein männliches_ Wesen ganz ungenial. Aber -auch vollkommene Genialität bleibt ein Ideal: _es existiert kein Mensch -ohne alle und kein Mensch mit universaler Apperzeption_ (als welche -man das vollkommene Genie weiter bestimmen könnte). Der Apperzeption -als der Aneignung ist das Gedächtnis als der Besitz, seinem Umfang -wie seiner Festigkeit nach, proportioniert. So führt denn auch eine -ununterbrochene Stufenfolge vom ganz diskontinuierlichen, bloß von -Augenblick zu Augenblick lebenden Menschen, dem kein Erlebnis etwas -_bedeuten_ könnte, weil es auf kein früheres sich würde beziehen -lassen -- einen solchen Menschen gibt es aber nicht -- bis zum -völlig kontinuierlich Lebenden, dem _alles unvergeßlich_ bleibt (so -intensiv wirkt es auf ihn ein und wird von ihm aufgefaßt), _und den -es ebensowenig gibt_: selbst das höchste Genie ist nicht in jedem -Augenblicke seines Lebens »genial«. - -Eine erste Bestätigung dieser Anschauung von dem Zusammenhange zwischen -Gedächtnis und Genialität, wie der Deduktion dieses Zusammenhanges, -die hier versucht wurde, liegt in dem außerordentlichen, die Besitzer -oft selbst verblüffenden _Gedächtnis für scheinbar nebensächliche -Umstände, für Kleinigkeiten_, das begabtere Menschen auszeichnet. Bei -der Universalität ihrer Veranlagung hat nämlich alles eine, ihnen -selbst oft lange unbewußte, _Bedeutung_ für sie; und so bleiben sie -hartnäckig an ihrem Gedächtnisse kleben, prägen sich diesem ganz von -selbst unverlöschbar ein, ohne daß im allgemeinen die geringste Mühe an -die spezielle Erinnerung gewendet oder die Aufmerksamkeit in den Dienst -dieses Gedächtnisses noch besonders gestellt würde. Darum könnte man, -in einem erst später zu erhellenden tieferen Sinne, bereits jetzt den -genialen Menschen als denjenigen bestimmen, der die Redensart nicht -kennt, und weder sich selbst noch anderen gegenüber zu gebrauchen -vermöchte, dies oder jenes Ereignis aus entlegener Zeit sei »gar nicht -mehr wahr«. Es gibt vielmehr für ihn _nichts_, das ihm nicht mehr wahr -wäre, auch wenn, ja vielleicht gerade _weil_ er für alles, was im Laufe -der Zeit anders geworden ist, ein deutlicheres Gefühl hat als alle -anderen Menschen. - -Als das beste Mittel zur objektiven Prüfung der Begabung, der geistigen -Bedeutung eines Menschen läßt sich darum dies empfehlen: man sei -längere Zeit mit ihm nicht beisammen gewesen und fange nun von dem -letzten Zusammensein zu sprechen an, knüpfe das neue Gespräch an die -Gegenstände des letzten. Man wird gleich zu Beginn gewahr werden, wie -lebhaft er dieses aufgenommen, wie nachhaltig es in ihm fortgewirkt -hat, und sehr bald sehen, wie treu er die Einzelheiten bewahrt hat. -Wie vieles unbegabte Menschen aus ihrem Leben vergessen, das kann, wer -Lust hat, zu seiner Überraschung und seinem Entsetzen nachprüfen. Es -kommt vor, daß man mit ihnen vor wenigen Wochen stundenlang beisammen -war: es ist ihnen nun entschwunden. Man kann Menschen finden, mit -denen man vor einigen Jahren acht oder vierzehn Tage lang, zufällig -oder in bestimmten Angelegenheiten, sehr viel zu tun hatte, und die -nach Ablauf dieser Zeit _an nichts mehr_ sich zu erinnern vermögen. -Freilich, wenn man ihnen durch genaue Darstellung alles dessen, worum -es sich handelte, durch Wiederbelebung der Situation in allen ihren -Details, zu Hilfe kommt, so gelingt es immer, falls diese Bemühung -lange genug fortgesetzt wird, zuerst ein schwaches Aufleuchten des -fast völlig Erloschenen und allmählich eine Erinnerung herbeizuführen. -Solche Erfahrungen haben es mir sehr wahrscheinlich gemacht, daß -die theoretisch immer zu machende Annahme, es gebe kein völliges -Vergessen, sich auch empirisch, und zwar nicht bloß durch die Hypnose, -nachweisen lassen dürfte, wenn man nur dem Befragten mit den richtigen -Vorstellungen an die Hand zu gehen weiß. - -_Es kommt also darauf an, daß man einem Menschen aus seinem Leben, -aus dem, was er gesagt oder gehört, gesehen oder gefühlt, getan oder -erlitten hat, möglichst wenig erzählen könne, das er nicht selbst -weiß._ Hiemit ist zum ersten Male ein Kriterium der Begabung gefunden, -welches leichter Überprüfung von seiten anderer zugänglich ist, -_$ohne$ daß schon $schöpferische$ Leistungen des Menschen vorliegen -müssen_. Wie vielfacher Anwendung in der Erziehung es entgegengeht, -mag unerörtert bleiben. Für Eltern und Lehrer dürfte es gleich wichtig -sein. - -Vom Gedächtnisse der Menschen hängt, wie natürlich, auch das Maß -ab, in welchem sie in der Lage sein werden, sowohl Unterschiede als -Ähnlichkeiten zu bemerken. Am meisten wird diese Fähigkeit bei jenen -entwickelt sein, in deren Leben immer die ganze Vergangenheit in die -Gegenwart hineinreicht, bei denen alle Einzelmomente des Lebens zur -Einheit zusammenfließen und aneinander verglichen werden. So kommen -gerade sie am vornehmlichsten in die Gelegenheit, _Gleichnisse_ zu -gebrauchen, _und zwar gerade mit dem Tertium comparationis, auf das es -gerade ankommt_; denn sie werden aus dem Vergangenen immer dasjenige -herausgreifen, was die stärkste Übereinstimmung mit dem Gegenwärtigen -aufweist, indem beide Erlebnisse, das neue und das zum Vergleiche -herangezogene ältere, bei ihnen _artikuliert_ genug dazu sind, um keine -Ähnlichkeit und keinen Unterschied vor ihrem Auge zu verbergen; und -darum eben auch, was längst vorbei ist, gegen den Einfluß der Jahre -hier sich behaupten konnte. Nicht umsonst hat man daher die längste -Zeit in dem Reichtum eines Dichters an schönen und vollkommenen -Gleichnissen und Bildern einen besonderen Vorzug seiner Gattung -erblickt, seine Lieblingsgleichnisse aus dem Homer, aus Shakespeare und -Klopstock immer wieder aufgeschlagen oder bei der Lektüre mit Ungeduld -erwartet. Heute, da Deutschland seit 150 Jahren zum ersten Mal ohne -großen Künstler und ohne großen Denker ist, indes dafür bald niemand -mehr aufzutreiben sein wird, der nicht »geschrieben« hätte, heute -scheint das ganz vorüber; man sucht nach derartigem nicht, man würde -auch nichts finden. Eine Zeit, die in vagen, undeutlich schillernden -Stimmungen ihr Wesen am besten ausgesprochen sieht, deren Philosophie -in mehr als einem Sinne das Unbewußte geworden ist, zeigt zu -offensichtlich, daß nicht ein wahrhaft Großer in ihr lebt; denn Größe -ist Bewußtsein, vor dem der Nebel des Unbewußten schwindet wie vor -den Strahlen der Sonne. Gäbe ein einziger dieser Zeit ein Bewußtsein, -wie gerne würde sie all ihre Stimmungskunst, deren sie sich heute -noch berühmt, dahingeben! -- Erst im vollen Bewußtsein, in welchem -in das Erlebnis der Gegenwart alle Erlebnisse der Vergangenheit in -größter Intensität hineinspielen, findet Phantasie, die Bedingung des -philosophischen wie des künstlerischen Schaffens, eine Stelle. Demgemäß -ist es auch gar nicht wahr, daß die Frauen mehr Phantasie haben als die -Männer. Die Erfahrungen, auf Grund deren man dem Weibe eine lebhaftere -Einbildungskraft hat zusprechen wollen, entstammen sämtlich dem -sexuellen Phantasieleben der Frauen; und die Folgerungen, die allein -mit Recht hieraus gezogen werden könnten, gestatten eine Behandlung in -diesem Zusammenhange noch nicht. - -Die absolute Bedeutungslosigkeit der Frauen in der _Musikgeschichte_ -läßt sich wohl noch auf weit tiefere Gründe zurückführen: doch beweist -sie zunächst den Mangel des Weibes an Phantasie. Denn zur musikalischen -Produktivität gehört unendlich viel mehr Phantasie als selbst das -männlichste Weib besitzt: viel mehr als zu sonstiger künstlerischer -oder wissenschaftlicher Tätigkeit. Nichts Wirkliches in der Natur, -nichts Gegebenes in der sinnlichen Empirie entspricht einem Tonbilde. -Die Musik ist wie ohne Beziehungen zur Erfahrungswelt: es gibt keine -Klänge, keine Accorde, keine Melodien in der Natur, sondern hier hat -erst der Mensch auch die letzten Elemente noch selbständig zu erzeugen. -Jede andere Kunst hat deutlichere Beziehungen zur empirischen Realität -als sie, ja die ihr, was man auch dagegen sagen mag, _verwandte_ -Architektur betätigt sich bis zuletzt an einem Stoffe; obwohl sie -mit der Musik die Eigenschaft teilt, daß sie (vielleicht sogar mehr -noch als diese) von sinnlicher _Nachahmung_ frei ist. Darum ist auch -Baukunst eine durchaus männliche Sache, der weibliche Baumeister eine -fast nur Mitleid weckende Vorstellung. - -Desgleichen rührt die »verdummende« Wirkung der Musik auf schaffende -und ausübende Musiker, von der man öfter sprechen hört (besonders -kommt hier die reine Instrumentalmusik in Betracht), nur davon her, -daß noch der Geruchssinn dem Menschen mehr zur Orientierung in der -Erfahrungswelt dienen kann als der Inhalt eines musikalischen Werkes. -Und eben diese gänzliche Abwesenheit aller Beziehungen zur Welt, die -wir sehen, tasten, riechen können, macht die Musik nicht besonders -geeignet für Äußerungen weiblichen Wesens. Zugleich erklärt diese -Eigenart seiner Kunst, warum der schöpferische Musiker der Phantasie -im allerhöchsten Grade bedarf und warum der Mensch, welchem Melodien -einfallen (ja vielleicht gegen sein Sträuben zuströmen), noch viel -mehr Gegenstand des Staunens seitens der anderen Menschen wird als der -Dichter oder der Bildhauer. Die »weibliche Phantasie« muß wohl eine von -der männlichen gänzlich verschiedene sein, wenn es ihrer ungeachtet -keine Musikerin gibt, welche für die Musikgeschichte auch nur so weit -in Betracht käme, wie etwa _Angelika Kauffmann_ für die Malerei. - -Wo irgend es deutlich auf kraftvolle Formung ankommt, haben die -Frauen nicht die kleinste Leistung aufzuweisen: nicht in der Musik -und nicht in der Architektur, nicht in der Plastik und nicht in der -Philosophie. Wo in vagen und weichen Übergängen des Sentiments noch -ein wenig Wirkung erzielt werden kann, wie in Malerei und Dichtung, -wie in einer gewissen verschwommenen Pseudo-Mystik und Theosophie, -dort haben sie noch am ehesten ein Feld ihrer Betätigung gesucht und -gefunden. -- Der Mangel an Produktivität auf jenen Gebieten hängt also -auch zusammen mit der Undifferenziertheit des psychischen Lebens im -Weibe. Namentlich in der Musik kommt es auf das denkbar artikulierteste -Empfinden an. Es gibt nichts Bestimmteres, nichts Charakteristischeres, -nichts _Eindringlicheres_ als eine _Melodie_, nichts, was unter jeder -Verwischung stärker litte. Deshalb _erinnert_ man sich an Gesungenes um -so viel leichter als an Gesprochenes, an die Arien immer besser als an -die Rezitativen, und kostet der Sprechgesang dem Wagnersänger so viel -Studium. - -Hier mußte darum länger verweilt werden, weil in der Musik nicht wie -anderswo die Ausrede der Frauenrechtler und -Rechtlerinnen gilt: der -Zugang zu ihr sei den Frauen zu kurze Zeit erst freigegeben, als daß -man schon reife Früchte von ihnen fordern dürfe. Sängerinnen und -Virtuosinnen hat es immer, bereits im klassischen Altertum, gegeben. -Und doch ...... - -Auch die schon früher häufige Übung, Frauen malen und zeichnen zu -lassen, hat bereits seit etwa 200 Jahren in erheblichem Maße sich -gesteigert. Man weiß, wie viele Mädchen ohne Not heute zeichnen -und malen lernen. Also auch hier ist lange schon kein engherziger -Ausschluß mehr wahrzunehmen, _äußere_ Möglichkeiten wären reichlich -vorhanden. Wenn trotzdem so wenige Malerinnen für eine Geschichte der -Kunst ernsthaft in Betracht kommen, so dürfte es an den _inneren_ -Bedingungen gebrechen. Die weibliche Malerei und Kupferstecherei kann -eben für die Frauen nur eine Art eleganterer, luxuriöser _Handarbeit_ -bedeuten. Dabei scheint ihnen das sinnliche, körperliche Element der -Farbe eher erreichbar als das geistige, formale der Linie; und dies ist -ohne Zweifel der Grund, daß zwar einige Malerinnen, aber noch keine -Zeichnerin von Ansehen bekannt geworden ist. Die Fähigkeit, einem Chaos -Form geben zu können, ist eben die Fähigkeit des Menschen, dem die -allgemeinste Apperzeption das allgemeinste Gedächtnis verschafft, sie -ist die Eigenschaft des männlichen Genies. - -Ich beklage es, daß ich mit diesem Worte »Genie«, »genial« immerfort -operieren muß, welches, wie erst von einem bestimmten jährlichen -Einkommen ab an den Staat eine gewisse Steuer zu zahlen ist, »die -Genies« als eine bestimmte Kaste streng abgrenzt von jenen, die es gar -nicht sein sollen. Die Bezeichnung »Genie« hat vielleicht gerade ein -Mann erfunden, der sie selbst nur in recht geringem Maße verdiente; den -größeren wird das »Genie-Sein« wohl zu selbstverständlich vorgekommen -sein; sie werden wahrscheinlich lang genug gebraucht haben, um -einzusehen, daß man überhaupt auch nicht »genial« sein könne. Wie -denn _Pascal_ außerordentlich treffend bemerkt: Je origineller ein -Mensch sei, für desto origineller halte er auch die anderen; womit man -_Goethes_ Wort vergleiche: Vielleicht vermag nur der Genius den Genius -ganz zu verstehen. - -Es gibt vielleicht nur sehr wenige Menschen, die gar nie in ihrem Leben -»genial« gewesen sind. Wenn doch, so hat es ihnen vielleicht nur an -der Gelegenheit gemangelt: an der großen Leidenschaft, an dem großen -Schmerz. Sie hätten nur einmal etwas intensiv genug zu erleben brauchen --- allerdings ist die Fähigkeit des Erlebens etwas zunächst subjektiv -Bestimmtes -- und sie wären damit, wenigstens vorübergehend, genial -gewesen. Das Dichten während der ersten Liebe gehört z. B. ganz hieher. -Und wahre Liebe ist völlig Zufallssache. - -Man darf schließlich auch nicht verkennen, daß ganz einfache Menschen -in großer Erregung, im Zorn über irgend eine Niedertracht, Worte -finden, die man ihnen nie zugetraut hätte. Der größte Teil dessen, -was man gemeinhin »_Ausdruck_« nennt, in Kunst wie in prosaischer -Rede, beruht aber (wenn man sich des früher über den Prozeß der -Klärung Bemerkten erinnert) darauf, daß ein Individuum, das begabtere, -Inhalte geklärt, gegliedert aufweist zu einer Zeit, wo das andere, -minder hoch veranlagte, sie noch im Henidenstadium oder in einem sich -nahe daranschließenden besitzt. Der Verlauf der Klärung wird durch -den Ausdruck, welcher einem zweiten Menschen gelungen ist, ungemein -_abgekürzt_, und daher das Lustvolle, auch wenn wir _andere_ einen -»guten Ausdruck« finden sehen. Erleben zwei ungleich Begabte dasselbe, -so wird bei dem Begabteren die Intensität groß genug sein, daß etwa -die »Sprechschwelle«[19] erreicht wird. Im anderen aber wird der -Klärungsprozeß hiedurch nur erleichtert. - -Wäre wirklich, wie die populäre Ansicht glaubt, das Genie vom -nichtgenialen Menschen durch eine dicke Wand getrennt, die keinen -Ton aus einem Reiche in das andere dringen ließe, so müßte jedes -Verständnis der Leistungen des Genies dem nichtgenialen Menschen -_völlig_ verschlossen sein, und dessen Werke könnten auf ihn auch -nicht den leisesten Eindruck hervorbringen. _Alle Kulturhoffnungen -vermögen demnach nur auf die Forderung sich zu gründen, daß dem nicht -so sei._ Und es ist auch nicht so. _Der Unterschied liegt in der -geringeren Intensität des Bewußtseins, er ist ein quantitativer, kein -prinzipieller, qualitativer._[20] - -Umgekehrt aber hat es recht wenig Sinn, jüngeren Leuten die Äußerung -einer Meinung darum zu verweisen und ihr Wort darum geringer zu -werten, weil sie weniger Erfahrung hätten als ältere Personen. Es gibt -Menschen, die wohl tausend Jahre und darüber leben könnten, ohne eine -einzige _Erfahrung_ gemacht zu haben. Nur unter Gleichbegabten hätte -jene Rede einen guten Sinn und eine volle Berechtigung. - -Denn während der geniale Mensch schon als Kind ein intensiveres Leben -führt als alle anderen Kinder, während ihm, je bedeutender er ist, -an eine desto frühere Jugend auch ein Entsinnen möglich ist, ja in -extremen Fällen schon vom dritten Jahre seiner Kindheit angefangen ihm -die vollständige Erinnerung von seinem ganzen Leben stets gegenwärtig -bleibt, datieren die anderen Menschen ihre erste Jugenderinnerung erst -von einem viel späteren Zeitpunkt; ich kenne welche, deren früheste -Reminiszenz überhaupt in ihr achtes Lebensjahr fällt, _die von ihrem -ganzen vorherigen Leben nichts wissen, als was ihnen erzählt wurde_; -und es gibt sicherlich viele, bei denen dieses erste intensive Erlebnis -noch weit später anzusetzen ist. Ich will nicht behaupten und glaube es -auch gar nicht, daß man die Begabungen zweier Menschen ganz ausnahmslos -danach allein bereits gegeneinander abschätzen könne, wenn dieser vom -fünften, jener erst vom zwölften Jahre an sich an alles erinnert, die -früheste Jugenderinnerung des einen in den vierzehnten Monat nach -seiner Geburt fällt, die des zweiten erst in sein drittes Lebensjahr. -Aber im allgemeinen und außerhalb zu enger Grenzen wird man die -angegebene Regel wohl immer zutreffen sehen. - -Vom Zeitpunkt der ersten Jugenderinnerung verfließt gewiß auch beim -hervorragenden Menschen noch immer eine längere oder kürzere Strecke -bis zu jenem Moment, von dem an er an _alles_ sich erinnert, jenem -Tage, von dem an er eben endgültig zum Genie geworden ist. Die -meisten Menschen hingegen haben den größten Teil ihres Lebens einfach -vergessen; ja viele wissen oft nur, _daß kein anderer Mensch für sie -gelebt hat die ganze Zeit hindurch_: aus ihrem ganzen Leben sind ihnen -nur bestimmte Augenblicke, einzelne feste Punkte, markante Stationen -gegenwärtig. Wenn man sie sonst um etwas fragt, so wissen sie nur, -d. h. sie rechnen es sich in der Geschwindigkeit aus, daß in dem und -dem Monat sie so alt waren, diese oder jene Stellung bekleideten, da -oder dort wohnten und so und so viel Einkommen hatten. Hat man vor -Jahren zusammen mit ihnen etwas erlebt, so kann es nun unendliche Mühe -kosten, das Vergangene in ihnen zur Auferstehung zu bringen. Man mag in -solchem Falle einen Menschen mit Sicherheit für unbegabt erklären, man -ist zumindest befugt, ihn nicht für hervorragend zu halten. - -Die Aufforderung zu einer Selbstbiographie brächte die ungeheuere -Mehrzahl der Menschen in die peinlichste Verlegenheit: können doch -schon die wenigsten Rede stehen, wenn man sie fragt, was sie gestern -getan haben. Das Gedächtnis der meisten ist eben ein bloß sprungweises, -gelegentlich assoziatives. Im genialen Menschen _dauert_ ein Eindruck, -den er empfangen hat; ja eigentlich _steht nur er überhaupt unter -Eindrücken_. Damit hängt zusammen, daß wohl alle hervorragenden -Menschen, wenigstens zeitweise, _an fixen Ideen leiden_. Der psychische -Bestand der Menschen mit einem System von eng einander benachbarten -Glocken verglichen, so gilt für den gewöhnlichen Menschen, daß jede -nur klingt, wenn die andere an sie mit ihren Schwingungen stößt, -und nur auf ein paar Augenblicke; für das Genie, daß eine einzige, -angeschlagen, gewaltig ausschwingt, nicht leise tönt, sondern voll, -das ganze System mitbewegt, und nachhallt, oft das ganze Leben lang. -Da diese Art der Bewegung aber oft infolge gänzlich geringfügiger, -ja lächerlicher Anstöße beginnt, und manchesmal gleich intensiv in -unerträglicher Weise wochenlang zäh beharrt, so liegt hierin wirklich -eine Analogie zum Wahnsinn. - -Aus verwandten Gründen ist auch _Dankbarkeit_ so ziemlich die seltenste -Tugend unter den Menschen; sie merken sich wohl manchesmal, wieviel -man ihnen geliehen hat; aber in die Not, in der sie waren, in die -Befreiung, die ihnen wurde, mögen und können sie sich nicht mehr -zurückdenken. Führt Mangel an Gedächtnis sicher zum Undank, so genügt -dennoch selbst ein vorzügliches Gedächtnis allein noch nicht, um einen -Menschen dankbar zu machen. Dazu ist eine spezielle Bedingung mehr -erforderlich, deren Erörterung nicht hieher gehört. - -Aus dem Zusammenhange von Begabung und Gedächtnis, der so oft verkannt -und verleugnet worden ist, weil man ihn nicht dort suchte, wo er zu -finden gewesen wäre: _in der Rückerinnerung an das eigene Leben_, -läßt sich noch eine weitere Tatsache ableiten. Ein Dichter, der seine -Sachen hat schreiben _müssen_, ohne Absicht, ohne Überlegung, ohne erst -zur eigenen Stimmung das Pedal zu treten; ein Musiker, den der Moment -des Komponierens überfallen hat, so daß er wider Willen zu schaffen -genötigt war, sich nicht wehren konnte, selbst wenn er lieber Ruhe und -Schlaf gewünscht hätte: ein solcher wird, was in diesen Stunden geboren -wurde, all das, was nicht auch nur im kleinsten _gemacht_ ist, sein -ganzes Leben lang im Kopfe tragen. Ein Komponist, der keines seiner -Lieder und keinen seiner Sätze, ein Dichter, der keines seiner Gedichte -auswendig kennt -- und zwar ohne sie, wie das _Sixtus Beckmesser_ von -_Hans Sachs_ sich vorstellt, erst »recht gut memoriert« zu haben -- -der hat, des kann man sicher sein, auch nie etwas wahrhaft Bedeutendes -hervorgebracht. - -Bevor nun die Anwendung dieser Aufstellungen auf das Problem der -geistigen Geschlechtsunterschiede versucht werde, ist noch eine -Unterscheidung zu treffen zwischen Gedächtnis und Gedächtnis. Die -einzelnen zeitlichen Momente seines Lebens sind nämlich dem begabten -Menschen in der Erinnerung nicht als diskrete Punkte gegeben, nicht -als durchaus getrennte Situationsbilder, nicht als verschiedene -Individuen von Augenblicken, deren jeder einen bestimmten, von dem -des nächsten, wie die Zahl eins von der Zahl zwei, getrennten Index -aufweist. Die Selbstbeobachtung ergibt vielmehr, daß allem Schlafe, -aller Bewußtseinsenge, allen Erinnerungslücken zum Trotze die einzelnen -Erlebnisse in ganz rätselhafter Weise _zusammengefaßt_ erscheinen; die -Geschehnisse folgen nicht aufeinander wie die Ticklaute einer Uhr, -sondern sie laufen alle in einen einheitlichen Fluß zusammen, in dem -es keine Diskontinuität gibt. Beim ungenialen Menschen sind dieser -Momente, die aus der ursprünglich diskreten Mannigfaltigkeit so zum -geschlossenen Kontinuum sich vereinigen, nur wenige, ihr Lebenslauf -gleicht einem Bächlein, keinem mächtigen Strom, in den, wie beim -Genie, aus weitestem Gebiete _alle_ Wässerlein zusammengeflossen sind, -_aus_ dem, heißt das, vermöge der _universalen Apperzeption_ kein -Erlebnis _ausgeschaltet_, _in_ den vielmehr _alle_ einzelnen Momente -_aufgenommen_, rezipiert sind. Diese _eigentliche_ Kontinuität, die -den Menschen erst ganz dessen vergewissern kann, daß er _lebt_, daß -er da, daß er auf der Welt ist, allumfassend beim Genius, auf wenige -wichtige Momente beschränkt beim Mittelmäßigen, _fehlt $gänzlich$ beim -Weibe_. Dem Weibe bietet sich, wenn es rückschauend, rückfühlend sein -Leben betrachtet, dieses nicht unter dem Aspekt eines unaufhaltsamen, -nirgends unterbrochenen Drängens und Strebens dar, es bleibt vielmehr -immer nur an einzelnen Punkten _hängen_. - -Was für Punkte sind das? Es können nur diejenigen sein, für welche -W ihrer Natur nach ein Interesse hat. Worauf dieses Interesse ihrer -Konstitution ausschließlich geht, wurde im zweiten Kapitel zu erwägen -begonnen; wer sich an dessen Ergebnisse erinnert, den wird die folgende -Tatsache nicht überraschen: - -W verfügt _überhaupt_ nur über _eine_ Klasse von Erinnerungen: es sind -die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden. -An den Geliebten und an den Bewerber; an die Hochzeitsnacht, an jedes -Kind wie an ihre Puppen; an die Blumen, die sie auf jedem Balle -bekommen, Zahl, Größe und Preis der Bouquets; an jedes Ständchen, das -ihr gebracht, an jedes Gedicht, das (wie sie sich einbildet) auf sie -geschrieben wurde, an jeden Ausspruch des Mannes, der ihr imponiert -hat, vor allem aber -- mit einer Genauigkeit, die ebenso verächtlich -ist als sie unheimlich berührt -- _an jedes Kompliment ohne Ausnahme_, -das ihr im Leben gemacht wurde. - -Das ist $alles$, woran das _echte_ Weib aus seinem Leben sich erinnert. - -_Was aber ein Mensch nie vergißt, und was er sich nicht merken -kann, das ermöglicht am besten die Erkenntnis seines Wesens, seines -Charakters._ Es wird später noch genauer als jetzt zu untersuchen sein, -_worauf_ es deutet, daß W gerade _diese_ Erinnerungen hat. Großer -Aufschluß ist gerade von der unglaublichen Treue zu erwarten, mit -welcher die Frauen an alle Huldigungen und Schmeicheleien, an sämtliche -Beweise der Galanterie sich erinnern, die ihnen seit frühester Kindheit -entgegengebracht worden sind. Was man gegen die hiemit vollzogene -Einschränkung des weiblichen Gedächtnisses auf den Bereich der -Sexualität und des Gattungslebens einwenden kann, ist mir natürlich -klar; ich muß darauf gefaßt sein, alle Mädchenschulen und sämtliche -Ausweise aufmarschieren zu sehen. Diese Schwierigkeiten können -indes erst später behoben werden. Hier möchte ich nur dies nochmals -zu bedenken geben, daß es, bei allem Gedächtnis, welches für die -psychologische Erkenntnis der Individualität ernstlich in Frage käme, -um Gedächtnis für Erlerntes nur dort sich handeln könnte, wo Erlerntes -wirklich Erlebtes wäre. - -Daß es dem psychischen Leben der Frauen an Kontinuität (die hier -nur als ein nicht zu übersehendes psychologisches Faktum, sozusagen -im Anhang der Gedächtnislehre, nicht als spiritualistische oder -idealistische These eingeführt wurde) gebricht, dem kann erst weiter -unten eine Beleuchtung, dem Wesen der Kontinuität nur in Stellungnahme -zu dem umstrittensten Probleme aller Philosophie und Psychologie eine -Ergründung werden. Als Beweis für jenen Mangel will ich vorläufig -nichts anführen als die oft bestaunte, von _Lotze_ ausdrücklich -hervorgehobene Tatsache, daß die Frauen sich viel leichter in neue -Verhältnisse fügen und sich ihnen eher anpassen als die Männer, -denen man den Parvenu noch lange anmerkt, wenn kein Mensch mehr -die Bürgerliche von der Adeligen, die in ärmlichen Verhältnissen -Aufgewachsene von der Patrizierstochter auseinanderzukennen vermag. -Doch muß ich auch hierauf später noch ausführlich zurückkommen. - -Übrigens wird man nun begreifen, warum (wenn nicht Eitelkeit, -Tratschsucht oder Nachahmungslust dazu treibt) nur bessere Menschen -Erinnerungen aus ihrem Leben niederschreiben, und wie ich hierin eine -Hauptstütze des Zusammenhanges von Gedächtnis und Begabung erblicke. -Nicht als ob jeder geniale Mensch auch eine Autobiographie abfassen -würde: um zur Selbstbiographie zu schreiten, dazu sind noch gewisse -_spezielle_, sehr tief liegende psychologische Bedingungen nötig. Aber -umgekehrt ist die Abfassung einer _vollständigen_ Selbstbiographie, -wenn sie aus originärem Bedürfnis heraus erfolgt, stets ein Zeichen -eines höheren Menschen. Denn gerade im wirklich _treuen_ Gedächtnis -liegt auch die Wurzel der _Pietät_. Ein bedeutender Mensch, vor das -Ansinnen gestellt, seine Vergangenheit um irgend welcher äußerer -materieller oder innerer hygienischer Vorteile willen preiszugeben, -würde es zurückweisen, auch wenn ihm die größten Schätze der Welt, -ja _das Glück selbst_, fürs Vergessen in Aussicht gestellt würden. -Der Wunsch nach dem Trank aus dem Lethestrom ist ein Zug mittlerer -und minderer Naturen. Und mag ein wahrhaft hervorragender Mensch nach -dem _Goethe_schen Worte gegen eben abgelegte eigene Irrtümer sehr -streng und heftig auch dort sein, wo er _andere_ an ihnen festhalten -sieht, so wird er doch sein vergangenes Tun und Lassen nie belächeln, -über seine frühere Denk- und Lebensweise sich niemals lustig machen. -Die heute so sehr ins Kraut geschossenen »Überwinder« verdienen -rechtens alles andere eher denn diesen Namen: Menschen, die anderen -spöttisch erzählen, was sie einst alles geglaubt, und wie sie all das -»überwunden« hätten, denen war es mit dem Alten nicht Ernst, denen -ist am Neuen ebensowenig gelegen. Ihnen kommt es immer nur auf die -Instrumentation, nie auf die Melodie an; kein Stadium von all den -»überwundenen« war wirklich in ihrem Wesen tief gegründet. Dagegen -beobachte man, mit welch weihevoller Sorgfalt große Männer in ihren -Selbstbiographien selbst den scheinbar geringfügigsten Dingen einen -Wert beilegen: denn für sie ist Gegenwart und Vergangenheit gleich, -für jene keine von beiden wahr. Der hervorragende Mensch fühlt, wie -_alles_, auch das Kleinste, Nebensächlichste, in seinem Leben eine -Wichtigkeit gewonnen, wie es ihm zu seiner Entwicklung mitverholfen -hat, und _daher_ die außerordentliche _Pietät_ seiner Memoiren. Und -eine solche Autobiographie wird sicherlich nicht etwa auf einmal, -einem anderen Einfall vergleichbar, unvermittelt niedergeschrieben, -der Gedanke hiezu entsteht in ihm nicht plötzlich; sie ist für den -großen Menschen, der eine schreibt, sozusagen immer fertig. Gerade weil -das bisherige Leben ihm immer ganz gegenwärtig ist, darum empfindet -er seine neuen Erlebnisse als für ihn bedeutsam, darum hat er und -eigentlich nur er ein _Schicksal_. Und davon rührt es zunächst auch -her, daß gerade die bedeutendsten Menschen immer viel _abergläubischer_ -sein werden als mittelmäßige Köpfe. Man kann also zusammenfassend sagen: - -_Ein Mensch ist um so $bedeutender$, je mehr alle Dinge für ihn -$bedeuten$._ - -Im Laufe der ferneren Untersuchung wird diesem Satze, außer der -Universalität der verständnisvollen Beziehung und der erinnernden -Vergleichung, noch ein tieferer Sinn allmählich unterlegt werden können. - -Wie es in diesen Hinsichten mit dem Weibe steht, ist nicht schwer zu -sagen. Das echte Weib kommt nie zum Bewußtsein eines Schicksals, seines -Schicksals; das Weib ist nicht heroisch, denn es kämpft höchstens für -seinen Besitz, und es ist nicht tragisch, denn sein Los entscheidet -sich mit dem Lose dieses Besitzes. Da das Weib ohne Kontinuität ist, -kann es auch nicht pietätvoll sein; in der Tat ist Pietät eine durchaus -männliche Tugend. Pietätvoll ist man zunächst _gegen sich_, und Pietät -gegen sich Bedingung aller Pietät gegen andere. Aber eine Frau kostet -es recht wenig Überwindung, über ihre Vergangenheit den Stab zu -brechen; wenn das Wort Ironie am Platze wäre, so könnte man sagen, daß -nicht leicht ein Mann sein vergangenes Selbst so ironisch und überlegen -betrachten wird, wie die Frauen dies oftmals -- nicht nur nach der -Hochzeitsnacht -- zu tun pflegen. Es wird sich noch Gelegenheit finden, -darauf hinzuweisen, wie die Frauen eigentlich das Gegenteil von all -dem wollen, dessen Ausdruck die Pietät ist. Was endlich die Pietät -der Witwen anlangt -- doch von diesem Gegenstande will ich lieber -schweigen. Und der Aberglaube der Frauen schließlich ist psychologisch -ein durchaus anderer als der Aberglaube hervorragender Männer. - -Das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, wie es in der Pietät zum -Ausdrucke kommt und auf dem kontinuierlichen Gedächtnis beruht, das -selbst wieder nur durch die Apperzeption ermöglicht ist, läßt sich noch -in weiteren Zusammenhängen zeigen und zugleich tiefer analysieren. -_Damit nämlich, ob ein Mensch überhaupt ein Verhältnis zu seiner -Vergangenheit hat oder nicht, hängt es außerordentlich innig zusammen, -ob er ein Bedürfnis nach Unsterblichkeit fühlen oder ob ihn der Gedanke -des Todes gleichgültig lassen wird._ - -Das Unsterblichkeitsbedürfnis wird zwar heute recht allgemein sehr -schäbig und von oben herab behandelt. Das Problem, das aus ihm -erwächst, macht man sich nicht etwa bloß als ein ontologisches, -sondern auch als ein psychologisches schmachvoll leicht. Der eine -will es, zugleich mit dem Glauben an die Seelenwanderung, damit -erklärt haben, daß in vielen Menschen Situationen, in welche sie -sicherlich zum ersten Male geraten sind, das Gefühl erwecken, als -hätten sie dieselben schon einmal durchlebt. Die andere, heute -allgemein adoptierte Ableitung des Unsterblichkeitsglaubens aus -dem _Seelenkult_, wie sie sich bei _Tylor_, _Spencer_, _Avenarius_ -findet, wäre von jedem anderen Zeitalter als dem der _experimentellen_ -Psychologie a priori zurückgewiesen worden. Es sollte doch, meine -ich, jedem Denkenden völlig unmöglich erscheinen, daß etwas, woran so -vielen Menschen gelegen, wofür so gekämpft und gestritten worden ist, -bloß das letzte Schlußglied eines Syllogismus bilden könnte, dessen -Prämisse etwa die nächtlichen Traumerscheinungen Verstorbener gewesen -wären. Und welche Phänomene zu erklären ist wohl jene felsenfeste -Meinung von ihrem Weiterleben nach dem Tode ersonnen worden, die -_Goethe_, die _Bach_ gehabt haben, auf welches »Pseudoproblem« läßt -sich das Unsterblichkeitsbedürfnis zurückführen, das aus _Beethovens_ -letzten Sonaten und Quartetten zu uns spricht? Der Wunsch nach der -persönlichen Fortdauer muß gewaltigeren Quellen entströmt sein als -jenen rationalistischen Springbrunnen. - -Dieser tiefere Ursprung hängt mit dem Verhältnisse des Menschen zu -seiner Vergangenheit lebhaft zusammen. _Im Sichfühlen und Sichsehen -in der Vergangenheit liegt ein mächtiger Grund des Sichweiterfühlen-, -Sichweitersehenwollens._ Wem seine Vergangenheit wert ist, wer sein -Innenleben, mehr als sein körperliches Leben, hochhält, _der wird -es auch an den Tod nicht hingeben wollen_. Daher tritt primäres, -originelles Unsterblichkeitsbedürfnis bei den größten Genien der -Menschheit, den Menschen mit der reichsten Vergangenheit, am -stärksten, am nachhaltigsten auf. Daß _dieser_ Zusammenhang der -Unsterblichkeitsforderung mit dem Gedächtnis _wirklich_ besteht, -erhellt daraus, was Menschen, die aus Todesgefahr errettet werden, -von sich übereinstimmend aussagen. Sie durchleben nämlich, wenn sie -auch sonst nie viel an ihre Vergangenheit gedacht haben, nun plötzlich -auf einmal mit rasender Geschwindigkeit ihre ganze Lebensgeschichte -nochmals, und erinnern sich innerhalb weniger Sekunden an Dinge, welche -Jahrzehnte lang ihnen nicht ins Bewußtsein zurückgekommen sind. Denn -das Gefühl dessen, was ihnen bevorsteht, bringt -- abermals vermöge -des Kontrastes -- all das ins Bewußtsein, was nun für immer vernichtet -werden soll. - -Wir wissen ja sehr wenig über die geistige Verfassung Sterbender. Es -gehört auch ein mehr als gewöhnlicher Mensch dazu, um zu erkennen, -was in einem Sterbenden vorgeht; anderseits sind Verscheidende -aus den dargelegten Gründen gerade von besseren Menschen meistens -gemieden. Aber es ist wohl gänzlich unrichtig, die in so vielen -Todkranken plötzlich auftretende Religiosität nur auf die bekannte -Erwägung »vielleicht doch, sicher ist sicher« zurückzuführen; und sehr -oberflächlich, anzunehmen, bloß die sonst nie beachtete tradierte -Höllenlehre gewinne nun plötzlich gerade in der Todesstunde so -viel Kraft, daß es dem Menschen unmöglich werde, mit einer Lüge zu -sterben.[21] Denn dies ist das Wichtigste: Warum fühlen Menschen, die -ein durch und durch verlogenes Leben geführt haben, nun plötzlich -den Drang nach der Wahrheit? Und warum macht es auch auf denjenigen, -der nicht an _Strafen_ im Jenseits glaubt, einen so entsetzlichen -Eindruck, wenn er vernimmt, ein Mensch sei _mit_ einer Lüge, _mit_ -einer unbereuten Schlechtigkeit _verschieden_, warum hat beides, sowohl -die Verstocktheit bis zum Schlusse, als auch die Umkehr vor dem Tode, -die Dichter so oft mächtig gereizt? Die Frage nach der »Euthanasie der -Atheisten«, die man im XVIII. Jahrhundert so häufig aufwarf, ist also -keine ganz sinnlose, und nicht bloß ein historisches Kuriosum, als -welches sie von Friedrich Albert _Lange_ behandelt wurde. - -Ich erwähne dies alles nicht allein, um eine Möglichkeit zu erörtern, -welcher kaum der Rang einer Vermutung zukommt. Undenkbar nämlich -scheint es mir, da viel mehr Menschen »genial« sind, als es »Genies« -gibt, nicht zu sein, daß die quantitative Differenz in der Begabung vor -allem in dem Zeitpunkte zum Ausdruck komme, in welchem die Menschen -zum Genie werden. Für eine größere Anzahl fiele dieser Augenblick -mit ihrem natürlichen Tode zusammen. Wurden wir schon früher dahin -geführt, die genialen Menschen nicht etwa, wie die Steuerzahler von -einem bestimmten jährlichen Einkommen ab, als von allen anderen -Menschen durch eine scharfe Grenze getrennt anzusehen, so vereinigen -sich diese neuen Betrachtungen mit jenen alten. Und ebenso wie die -erste Kindheitserinnerung des Menschen nicht mit einem, den früheren -Lauf der Dinge unterbrechenden, _äußeren_ Ereignis verknüpft ist, -sondern plötzlich, unscheinbar, _infolge einer inneren Entwicklung_, -für jeden früher oder später ein Tag kommt, _an welchem das Bewußtsein -so intensiv wird_, daß eine Erinnerung bleibt, und von nun an, je -nach der Begabung, mehr oder weniger zahlreiche Erinnerungen beharren --- _ein Faktum, das allein die ganze moderne Psychologie umstößt_ --- so _bedürfte_ es bei den _verschiedenen Menschen verschieden -vieler Stöße_, um sie zu genialen zu machen, _und nach der Zahl -dieser Bewußtseinsstöße, deren letzter in der Todesstunde erfolgte_, -wären die Menschen ihrer Begabung gemäß zu klassifizieren. Bei -dieser Gelegenheit will ich noch darauf hinweisen, wie falsch -die Lehre der heutigen Psychologie ist (für die das menschliche -Individuum eben nur wie ein besserer Registrierapparat in Betracht -kommt und keinerlei von _innen_ kommende, ontogenetische geistige -Entwicklung besitzt), daß im jugendlichen Alter die größte Anzahl -von Eindrücken behalten werden. Man darf die erlebten Impressionen -nicht mit dem äußerlichen und fremden Gedächtnisstoff verwechseln. -Diesen nimmt das Kind gerade deshalb um so viel leichter auf, weil es -noch so wenig von Gemütseindrücken beschwert ist. Eine Psychologie, -die in so fundamentalen Dingen der Erfahrung zuwiderläuft, hat -allen Anlaß zur Einkehr, zur Umkehr. Was hier versucht wurde, ist -kaum eine Andeutung von jener _ontogenetischen Psychologie_ oder -_theoretischen Biographie_, die über kurz oder lang die heutige -Wissenschaft vom menschlichen Geiste zu verdrängen berufen ist. -- -Jedes Programm enthält implicite eine Überzeugung, jedem Ziele des -Willens gehen bestimmte Vorstellungen realer Verhältnisse voran. Der -Name »theoretische Biographie« soll das Gebiet gegen _Philosophie_ -und _Physiologie_ besser als bisher abstecken, und die biologische -Betrachtungsweise, welche von der letzten Richtung in der Psychologie -(_Darwin_, _Spencer_, _Mach_, _Avenarius_) einseitig hervorgekehrt -und zum Teil arg übertrieben worden ist, doch dahin _erweitern_, daß -eine solche Wissenschaft über den _gesamten_ gesetzmäßigen _geistigen -Lebensverlauf als Ganzes_, von der Geburt bis zum Tode eines Menschen, -Rechenschaft zu geben hätte, wie über Entstehen und Vergehen und -alle einzelnen Lebensphasen irgend einer Pflanze. Und _Biographie_, -nicht Bio_logie_, sollte sie genannt werden, weil ihre Aufgabe in der -Erforschung gleichbleibender Gesetze der _geistigen_ Entwicklung des -_Individuums_ liegt. Bisher kennt alle Geschichtsschreibung jeglicher -Gattung nur Individualitäten, βίοι. Hier aber würde es sich darum -handeln, allgemeine Gesichtspunkte zu gewinnen, Typen festzuhalten. -_Die Psychologie müßte anfangen, $theoretische Biographie$ zu -werden._ Im Rahmen einer solchen Wissenschaft könnte und würde alle -bisherige Psychologie aufgehen, und erst dann nach dem Wunsche Wilhelm -_Wundts_ eine fruchtbare Grundlage für die Geisteswissenschaften -wirklich abgeben. Es wäre verfehlt, an dieser Möglichkeit darum -zu verzweifeln, weil die heutige Psychologie, welche eben jene -ihre eigentliche Aufgabe als ihr Ziel noch gar nicht begriffen -hat, auch völlig außerstande ist, den Geisteswissenschaften das -Geringste zu bieten. Hierin dürfte, trotz der großen Klärung, welche -_Windelbands_ und _Rickerts_ Untersuchungen über das Verhältnis von -Natur- und Geisteswissenschaften mit sich gebracht haben, doch eine -Berechtigung liegen, _neben_ der neuen Einteilung der Wissenschaften -in »Gesetzes-« und »Ereignis«-Wissenschaften, in »nomothetische« und -»idiographische« Disziplinen, die _Mill_sche Zweiteilung von Natur- und -Geisteswissenschaften beizubehalten. -- -- - -Mit der Deduktion des Unsterblichkeitsbedürfnisses, welche dieses -in einen Konnex mit der kontinuierlichen Form des Gedächtnisses und -der Pietät brachte, stimmt es vollständig überein, daß _den Frauen -jegliches Unsterblichkeitsbedürfnis völlig abgeht_. Auch ist hieraus -mit Sicherheit zu entnehmen, wie sehr jene unrecht haben, welche in -dem Postulat der persönlichen Fortexistenz bloß einen Ausfluß der -Todesfurcht und des leiblichen Egoismus sehen, und hiemit eigentlich -der populärsten Meinung über allen Ewigkeitsglauben Ausdruck geben. -Denn die _Angst_ vor dem Sterben findet sich bei Frauen wie bei -Männern, das _Unsterblichkeitsbedürfnis_ ist auf diese beschränkt. - -Die von mir versuchte Erklärung des psychologischen Wunsches nach -Unsterblichkeit ist indessen bislang mehr ein Aufzeigen einer -Verbindung, die zwischen ihm und dem Gedächtnisse besteht, als eine -wahrhaft strenge _Ableitung_ aus einem höheren Grundsatze. Daß hier -eine Verwandtschaft da ist, wird man immer bewahrheitet finden: je -mehr ein Mensch in seiner _Vergangenheit_ lebt -- _nicht_, wie man -bei oberflächlichem Hinsehen glauben könnte, in seiner _Zukunft_ -- -desto intensiver wird sein Unsterblichkeitsverlangen sein. Ebenso -kommt bei den Frauen der Mangel an dem Bedürfnis eines Fortlebens -nach dem Tode mit ihrem Mangel an sonstiger Pietät gegen die eigene -Person überein. Dennoch scheint, wie diese Abwesenheit bei der Frau -noch nach einer tieferen Begründung und Ableitung beider aus _einem_ -allgemeineren Prinzipe verlangt, so auch beim Manne das Beisammensein -von Gedächtnis und Unsterblichkeitsbedürfnis auf eine _gemeinsame_, -noch bloßzulegende Wurzel beider hinzuweisen. Denn was bisher geleistet -wurde, war doch nur der Nachweis, daß und wie sich das Leben in -der eigenen Vergangenheit und ihre Schätzung mit der Hoffnung auf -ein Jenseits im selben Menschen zusammenfinden. Den tieferen Grund -dieses Zusammenhanges zu erforschen, wurde noch gar nicht als Aufgabe -betrachtet. Nun aber ist auch an deren Lösung heranzutreten. - - * * * * * - -Gehen wir von der Formulierung aus, die wir dem universellen Gedächtnis -des bedeutenden Menschen gaben. Ihm sei alles, das längst Entwirklichte -wie das eben erst Entschwundene, _gleich wahr_. Hierin liegt, daß das -einzelne Erlebnis nicht mit dem Zeitmoment, in dem es gesetzt ist, so -wie dieses Zeitatom selbst verschwindet, untergeht, daß es nicht an -den bestimmten Zeitaugenblick _gebunden_ bleibt, sondern ihm -- eben -durch das Gedächtnis -- _entwunden_ wird. _Das Gedächtnis macht die -Erlebnisse zeitlos_, es ist, schon seinem Begriffe nach, _Überwindung -der Zeit_. An Vergangenes kann sich der Mensch nur darum erinnern, weil -das Gedächtnis es vom _Einfluß_ der Zeit _befreit, die Geschehnisse, -die überall sonst in der Natur $Funktionen$ der Zeit sind, hier im -Geiste $über$ die Zeit $hinaus$gehoben hat_. - -Doch hier steigt scheinbar eine Schwierigkeit vor uns auf. Wie kann -das Gedächtnis eine Negation der Zeit in sich schließen, da es doch -anderseits gewiß ist, daß wir von der Zeit nichts wüßten, wenn wir -kein Gedächtnis hätten? Sicherlich wird uns immer und ewig nur -durch Erinnerung an Vergangenes zum Bewußtsein gebracht, _daß_ es -einen Ablauf der Zeit _gibt_. Wie kann also von dem, was so enge -zusammenhängt, das eine das Gegenteil und die Aufhebung des anderen -bedeuten? - -Die Schwierigkeit löst sich leicht. Eben _weil_ ein beliebiges Wesen --- es braucht nicht der Mensch zu sein -- _wenn_ es mit Gedächtnis -ausgestattet ist, _mit seinen Erlebnissen nicht einfach in den -Zeitverlauf eingeschaltet_ ist, darum kann ein solches Wesen dem -Zeitverlauf gegenübertreten, ihn _auffassen_, ihn zum Gegenstande der -Betrachtung machen. Wäre das einzelne Erlebnis dem übrigen Zeitverlauf -anheimgegeben, würde es ihm verfallen und nicht aus ihm gerettet werden -durch das Gedächtnis, müßte es mit der Zeit sich ändern wie eine -abhängige Variable mit ihrer Unabhängigen, stünde der Mensch mitten -im zeitlichen Fluß des Geschehens _darinnen_, so könnte dieser ihm -nicht _auffallen_, nicht _bewußt_ werden -- _Bewußtsein setzt Zweiheit -voraus_ -- er könnte nie das Objekt, der Gedanke, die Vorstellung des -Menschen sein. Man muß _irgendwie_ die Zeit _überwunden_ haben, um über -sie _reflektieren_, man muß irgendwie _außerhalb der Zeit stehen_, um -sie _betrachten_ zu können. Dies gilt nicht nur von jeder besonderen -Zeit -- _in_ der Leidenschaft selbst kann man _über_ die Leidenschaft -nicht nachdenken, man muß erst zeitlich über sie hinausgekommen sein -- -sondern ebenso vom _allgemeinen Begriffe_ der Zeit. _Gäbe es nicht ein -Zeitloses, so gäbe es keine Anschauung der Zeit._ - -Gedenken wir, um dieses Zeitlose zu erkunden, vorläufig dessen, _was_ -durch das Gedächtnis der Zeit wirklich entrückt wird. Als solches hat -sich all das ergeben, was für das Individuum _von Interesse ist oder -eine Bedeutung_ hat, oder, wie kurz gesagt werden soll, _alles, was für -das Individuum einen $Wert$ besitzt_. Man erinnert sich nur an solche -Dinge, die für die Person einen, wenn auch oft lange unbewußten, $Wert$ -gehabt haben: $dieser Wert gibt ihnen die Zeitlosigkeit$. _Man vergißt -alles, was nicht irgendwie, wenn auch oft unbewußt, von der Person -$gewertet$ wurde._ - -Der Wert ist also das Zeitlose; und umgekehrt: ein Ding hat destomehr -Wert, je weniger es Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit -sich ändert. In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur so viel Wert -ein, als es zeitlos ist: $nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet$. -_Dies ist_, wenn auch, wie ich glaube, noch nicht die tiefste und -allgemeinste Definition des Wertes und keine völlige Erschöpfung seines -Wesens, doch _das erste $spezielle$ Gesetz aller Werttheorie_. - -Eine eilende Rundsicht wird genügen, um es überall nachzuweisen. Man -ist immer geneigt, die Überzeugung desjenigen gering zu schätzen, -der erst vor kurzem zu ihr gelangt ist, und wird auf die Äußerungen -eines Menschen überhaupt nicht viel Wert legen, dessen Ansichten -noch im Flusse begriffen sind und sich fortwährend ändern. Eherne -Unwandelbarkeit hingegen wird stets Respekt einflößen, selbst wenn sie -in den unedlen Formen der Rachsucht und des Starrsinns sich offenbart; -ja auch, wenn sie aus leblosen Gegenständen spricht: man denke an das -»aere perennius« der Poeten und an die »Quarante siècles« der Pyramiden -Ägyptens. Der Ruhm oder das gute Angedenken, die ein Mensch hinterläßt, -würden durch die Vorstellung sofort _ent_wertet, daß sie nur kurze -Zeit, und nicht lange, womöglich ewig, währen sollten. Ein Mensch -vermag ferner nie positiv zu werten, daß er sich immerfort ändert; -gesetzt, er täte dies in irgend welcher Beziehung, und es würde ihm -nun gesagt, daß er jedesmal von einer neuen Seite sich zeige, so mag -er freilich dessen sogar froh und stolz auf diese Eigenschaft sein -können, doch ist es natürlich nur die Konstanz, die Regelmäßigkeit -und Sicherheit dieser Andersheiten, deren er sich dann freute. Der -Lebensmüde, für den es keinen Wert mehr gibt, hat eben an _keinem -Bestande_ mehr ein Interesse. Die Furcht vor dem Erlöschen einer -Familie und dem Aussterben ihres Namens gehören ganz hieher. - -Auch jede soziale Wertung, die etwa in Rechtssatzungen und Verträgen -sichtbar wird, tritt, ob auch Gewohnheit, tägliches Leben an ihnen -Verschiebungen vornehmen mögen, von Anbeginn mit dem Anspruch auf -zeitlose Geltung selbst dann auf, wenn ihre Rechtskraft ausdrücklich -(ihrem Wortlaute nach) nur bis zu einem bestimmten Termin erstreckt -wird: denn gerade hiemit erscheint die Zeit als Konstante speziell -_gewählt_, und nicht als Variable angesehen, in Abhängigkeit von -welcher die vereinbarten Verhältnisse stetig oder unstetig sich irgend -ändern könnten. Freilich wird auch hier zum Vorschein kommen, daß ein -Ding um so höher gewertet wird, je länger seine Dauer ist; denn niemand -glaubt, wenn zwischen zwei rechtlichen Kontrahenten ein Pakt auf sehr -kurze Zeit geschlossen wird, daß den beiden viel an dem Vertrage -liege; sie selbst, die ihn geschlossen haben, werden in diesem Falle -nicht anders gestimmt sein, und von Anfang an, trotz allen Akten, sich -vorsehen und einander mißtrauen. - -In dem aufgestellten Gesetze liegt auch die wahre Erklärung dafür, daß -die Menschen _Interessen über ihren Tod hinaus_ haben. Das Bedürfnis -nach dem Wert äußert sich in dem allgemeinen Bestreben, die Dinge von -der Zeit zu emanzipieren, und dieser Drang erstreckt sich selbst auf -Verhältnisse, die »_mit der Zeit_« früher oder später _doch_ sich -ändern, z. B. auf Reichtum und Besitz, auf alles, was man »irdische -Güter« zu heißen pflegt. Hierin liegt das tiefe psychologische Motiv -des _Testamentes_, der Vermachung einer _Erbschaft_. Nicht aus der -Fürsorge für die Angehörigen hat diese Erscheinung ihren Ursprung -genommen. Auch der Mann ohne Familie und ohne Angehörige macht sein -Testament, ja gerade er wird sicher im allgemeinen mit weit größerem -Ernst und tieferer Hingabe zu dieser Handlung schreiten als der -Familienvater, der seine Spuren mit dem eigenen Tode nicht so gänzlich -aus Sein und Denken der anderen ausgelöscht weiß. Der große Politiker -und Herrscher, besonders aber der Despot, der Mann des Staatsstreiches, -dessen Regiment mit seinem Tode endet, sucht diesem Wert zu verleihen, -indem er Zeitloses mit ihm verknüpft: durch ein Gesetzbuch oder eine -Biographie des Julius Cäsar, allerhand große geistige Unternehmungen -und wissenschaftliche Kollektivarbeiten, Museen und Sammlungen, Bauten -aus hartem Fels (Saxa loquuntur), am eigentümlichsten durch Schaffung -oder Regulierung eines Kalenders den Moment zu verewigen strebt. -Aber er sucht auch seiner Macht selbst, schon für seine Lebzeiten, -möglichste Dauer zu verleihen, nicht allein in wechselseitiger -Sicherung durch Verträge, in Herstellung nie wieder zu verwischender -verwandtschaftlicher Beziehungen vermöge diplomatischer Heiraten: -sondern vor allem durch Wegräumung alles dessen, was den ewigen -Bestand seiner Herrschaft bloß durch sein freies Dasein noch je in -Frage stellen könnte. So wird der Politiker zum Eroberer. - -Die psychologischen und philosophischen Untersuchungen zur Werttheorie -haben das Gesetz der Zeitlosigkeit gar nicht beachtet. Allerdings -waren sie zum großen Teile von den Bedürfnissen der Wirtschaftslehre -beeinflußt und suchten selbst auf diese überzugreifen. Doch glaube ich -darum nicht, daß das neuentwickelte Gesetz in der politischen Ökonomie -keine Geltung habe, weil es hier viel öfter als in der Psychologie -durch Komplikationen verundeutlicht wird. Auch wirtschaftlich hat alles -desto mehr Wert, je dauerhafter es ist. Wessen Konservierungsfähigkeit -sehr eingeschränkt ist, so daß es etwa nach einer Viertelstunde zu -Grunde ginge, wenn ich es nicht kaufte, das werde ich überall dort, -wo nicht durch feste Preise der moralische _Wert_ des geschäftlichen -Unternehmens über zeitliche Schwankungen emporgehoben werden soll, -zu später Stunde, etwa vor Einbruch der Nacht, um billigeres Geld -erhalten. Man denke auch an die vielen Anstalten zur Bewahrung vor dem -Zeiteinfluß, zur Erhaltung des Wertes (Lagerhäuser, Depots, Keller, -Réchauds, alle Sammlungen mit Kustoden). Es ist selbst hier ganz -unrichtig, den Wert, wie es von den psychologischen Werttheoretikern -meist geschieht, als dasjenige zu definieren, was geeignet sei, -unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Denn auch die Launen des Menschen -gehören zu seinen (momentanen) Bedürfnissen, und doch gibt es nichts -aller Werthaltung mehr Entgegengesetztes als eben _die Laune_. Die -Laune _kennt_ keinen Wert, sie verlangt nach ihm höchstens, um ihn -im nächsten Augenblicke zu zerbrechen. _So ist das Moment der Dauer -aus dem Wertbegriff nicht zu eliminieren._ Selbst die Erscheinungen, -welche man nur mit Hilfe der _Menger_schen Theorie vom »Grenznutzen« -erklären zu können vermeint hat, ordnen sich meiner Auffassung unter -(ohne daß diese natürlich im geringsten sich anmaßt, an sich etwas -für die Nationalökonomie leisten zu können). Daß Luft und Wasser -keinen Wert haben, liegt nach ihr nämlich daran, _daß nur irgendwie -individualisierte, geformte Dinge_ positiv gewertet werden können: -denn alles Geformte kann formlos gemacht, kann zerstört werden, und -braucht _als solches_ nicht zu _dauern_. Ein Berg, ein Wald, eine -Ebene ist noch zu formen durch Umfassung und Begrenzung, und darum -selbst im wüstesten Zustande noch Wertobjekt. Die Luft der Atmosphäre -und das Wasser auf und über der Erdoberfläche vermöchte niemand in -Grenzen zu fassen, sie sind diffus und uneingeschränkt verbreitet. -Wäre ein zauberkräftiger Mann imstande, die atmosphärische Luft, die -den Erdball umgibt, wie jenen Geist aus dem orientalischen Märchen auf -einen relativ kleinen Raum der Erde zu komprimieren, oder könnte es -jemand gelingen, die Wassermassen derselben in einem großen Reservoir -unter Verhinderung der Verdunstung einzusperren: beide hätten sofort -_Form_ gewonnen, und wären damit auch der Wertung unterworfen. Wert -wird von einer Sache also nur dann prädiziert, wo ein, wenn auch noch -so entfernter, Anlaß zur Besorgnis vorhanden ist, daß sie mit der -Zeit sich ändern könne; _denn der Wert wird nur in Relation zur Zeit -gewonnen, im Gegensatze zu ihr aufgestellt_. Wert und Zeit erfordern -sich also gegenseitig wie zwei korrelative Begriffe. Wie tief eine -solche Auffassung führt, wie gerade sie konstitutiv sogar für eine -_Weltanschauung_ werden kann, dies möchte ich _hier_ nicht weiter -verfolgen. Es genügt für den vorgesetzten Zweck, zu wissen, daß jeder -Anlaß, von Wert zu reden, gerade dort wieder entfällt, wo keine -Gefährdung durch die Zeit mehr möglich ist. Das Chaos kann, auch wenn -es ewig ist, nur negativ gewertet werden. _Form $und$ Zeitlosigkeit_ -oder _Individuation $und$ Dauer_ sind die beiden analytischen Momente, -welche den Wert zunächst schaffen und begründen. - -So ist denn jenes Fundamentalgesetz der Werttheorie durchgängig, auf -individualpsychologischem und sozialpsychologischem Gebiete, zur -Darstellung gebracht. Und nun kann in successiver Wiederaufnahme der -eigentlichen Untersuchungsgegenstände erledigt werden, was noch von -früher her, obwohl besondere Aufgabe dieses Kapitels, rückständig ist. - -Als erste Folgerung darf aus dem Vorhergehenden diese gezogen werden, -daß es ein _Bedürfnis nach Zeitlosigkeit, einen $Willen zum Wert$_, -auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit gibt. Und dieser Wille -zum Wert, der mit dem »_Willen zur Macht_« an Tiefe sich zu messen -keine Scheu tragen möge, geht, wenigstens in der Form des Willens -zur Zeitlosigkeit, dem individuellen Weibe ganz und gar ab. Die -alten Frauen pflegen in den seltensten Fällen Bestimmungen über ihre -Hinterlassenschaft zu treffen, was damit zusammenhängt, daß die Frauen -kein Unsterblichkeitsbedürfnis besitzen. Denn es liegt über dem -Vermächtnis eines Menschen die Weihe eines Höheren, Allgemeineren, und -dies ist auch der Grund, warum es von den anderen Menschen _geachtet_ -wird. - -_Das Unsterblichkeitsbedürfnis selbst ist nur ein besonderer Fall -des allgemeinen Gesetzes, daß nur zeitlose Dinge positiv gewertet -werden._ Hierin liegt sein Zusammenhang mit dem Gedächtnis begründet. -Die Remanenz, welche die Erlebnisse eines Menschen bei ihm haben, -ist der Bedeutung proportional, die sie für ihn gewinnen können. So -paradox es klingt: $der Wert ist es, der die Vergangenheit schafft$. -Nur was positiv gewertet wurde, nur das bleibt im Schutze des -Gedächtnisses vor dem Zahn der Zeit bewahrt; _und so darf auch das -individuelle psychische Leben als Ganzes, soll es positiv bewertet -werden, nicht Funktion der Zeit, es muß über die Zeit erhaben sein -durch eine über den körperlichen Tod hinausgehende ewige Dauer_. -Hiemit sind wir dem innersten Motiv des Unsterblichkeitsbedürfnisses -unvergleichlich näher gerückt. Die völlige Einbuße an Bedeutung, die -das individuell erfüllte, lebensvoll gelebte Leben erleidet, wenn es -mit dem Tode für immer restlos zu Ende sein soll, die _Sinnlosigkeit_ -des _Ganzen_ in solchem Falle, dies spricht mit anderen Worten auch -_Goethe_ zu _Eckermann_ aus (4. Februar 1829), führt zur Forderung nach -Unsterblichkeit. - -Das intensivste Verlangen nach Unsterblichkeit hat das Genie. Und -auch dies fällt zusammen mit allen anderen Tatsachen, die bisher -über seine Natur aufgedeckt wurden. _Das Gedächtnis ist vollständige -Besiegung der Zeit nur dann, wenn es, wie im universellen Menschen, -in der universellen Form auftritt. Der Genius ist somit der eigentlich -zeitlose Mensch_, wenigstens ist dies und nichts anderes sein Ideal -von sich selbst; er ist, wie gerade sein sehnsüchtiges und dringendes -Begehren nach Unsterblichkeit beweist, eben der Mensch mit dem -stärksten Verlangen nach Zeitlosigkeit, _mit dem mächtigsten Willen zum -Werte_.[22] - -Und nun tut sich vor dem geblendeten Auge eine fast noch wunderbarere -Koinzidenz auf. Die Zeitlosigkeit des Genius wird nicht allein im -Verhältnis zu den einzelnen Augenblicken seines Lebens kund, sondern -auch in seiner Beziehung zu dem, was man aus der Zeitrechnung als seine -Generation herausgreift und im engeren Sinne »seine Zeit« nennt. _Zu -dieser hat er nämlich de facto gar keine Beziehungen._ Nicht die Zeit, -die ihn braucht, schafft den Genius, er ist nicht ihr Produkt, nicht -aus ihr zu erklären, und man erweist ihm keine Ehre, ihn mit ihr zu -entschuldigen. _Carlyle_ hat mit Recht darauf hingewiesen, wie vielen -Epochen nur der bedeutende Mensch not tat, wie dringend sie seiner -bedurften, und wie er doch nicht erschienen ist. Das Kommen des Genius -bleibt ein Mysterium, auf dessen Ergründung der Mensch in Ehrfurcht -verzichte. Und wie die _Ursachen_ seines Auftretens nicht in seiner -Zeit gefunden werden können, so bleiben auch, diese Übereinstimmung -ist das zweite Rätsel, _dessen $Folgen$ nicht an eine bestimmte Zeit -geknüpft. Die Taten des Genius leben ewig, an ihnen wird durch die Zeit -nichts geändert._ Durch seine Werke ist dem bedeutenden Menschen eine -Unsterblichkeit auf Erden beschieden, und so ist er in _dreifacher -Weise zeitlos_: seine universale Apperzeption oder ausnahmslose -Wertung aller seiner Erlebnisse enthebt diese in seinem Gedächtnis -der Vernichtung mit dem Augenblick; aus der Zeit, die seinem Werden -vorangeht, ist er nicht emporgewachsen; und nicht der Zeit, in der er -tätig ist, und auch keiner anderen, früher oder später ihr folgenden, -fällt anheim, was er geschaffen hat. - -Hier ist nun der glücklichste Ort, die Besprechung einer Frage -einzufügen, die beantwortet werden muß, obwohl sie, merkwürdig genug, -noch kaum von jemand aufgeworfen scheint. Sie betrifft nichts anderes -als, ob das, was Genie genannt zu werden verdient, auch unter den -Tieren (oder Pflanzen) sich findet. Es besteht nun, außer den bereits -entwickelten Kriterien der Begabung, deren Anwendung auf die Tiere -wohl kaum die Anwesenheit dermaßen ausgezeichneter Individuen unter -ihnen ergeben dürfte, auch sonst genügende Berechtigung zu der, später -noch zu begründenden, Annahme, daß es dort nichts irgendwie Ähnliches -gebe. _Talente_ dürften im Reiche der Tiere vorhanden sein wie unter -den noch-nicht-genialen Menschen. Aber das, was man vor _Moreau -de Tours_, _Lombroso_ und _Max Nordau_ immer als den »göttlichen -Funken« betrachtet hat, das haben wir allen Grund auf die Tiere nicht -auszudehnen. Diese Einschränkung ist nicht Eifersucht, nicht ängstliche -Wahrung eines Privilegs, sondern sie läßt sich mit guten Gründen -verteidigen. - -Denn was wird durch das Erstauftreten des Genies _im Menschen_ nicht -alles erklärt! Der ganze »objektive Geist«, mit anderen Worten, _daß -der Mensch allein unter allen Lebewesen eine $Geschichte$ hat_! - -Die ganze menschliche Geschichte (darunter ist natürlich Geistes- und -nicht z. B. Kriegsgeschichte zu verstehen), läßt sie sich nicht am -ehesten begreifen durch das Auftreten des Genies, der Anregungen, die -von ihm ausgingen, und der Nachahmung dessen, was das Genie tat, durch -mehr _pithekoide_ Wesen? Des Hausbaues, des Ackerbaues, vor allem aber -der _Sprache_! Jedes Wort ist von _einem_ Menschen zuerst geschaffen -worden, von einem Menschen, der über dem Durchschnitt stand, wie dies -auch heute immer noch ausschließlich geschieht (von den Namen für -neue technische Erfindungen muß man hiebei freilich absehen). Wie -sollte es denn auch wohl sonst entstanden sein? Die Urworte _waren_ -»onomatopoetisch«: in sie kam ohne den Willen des Sprechenden, durch -die bloße Heftigkeit der spezifischen Erregung, ein dem Erreger -Ähnliches hinein; und alle anderen Worte sind ursprünglich Tropen, -sozusagen Onomatopoesien zweiter Ordnung, Metaphern, Gleichnisse: -alle Prosa ist einmal Poesie gewesen. _Die meisten Genies sind also -unbekannt geblieben._ Man denke nur an die Sprichwörter, selbst an -die heute trivialsten, wie: »eine Hand wäscht die andere«. Ja, das -hat doch vor vielen Jahren _ein_ geistvoller Mann zum ersten Male -gesagt! Anderseits: wie viele Citate aus klassischen Autoren, aus den -allergelesensten, wie viele _Worte Christi_ kommen uns nicht heute -vollkommen unpersönlich-sprichwörtlich vor, wie oft müssen wir uns -erst darauf besinnen, daß wir in diesem Falle den Urheber kennen! Man -sollte darum nicht von der »Weisheit der Sprache«, von den Vorzügen -und den glücklichen Ausdrücken »des Französischen« reden. Ebensowenig -wie das »Volkslied« ist die Sprache von einer Menge geschaffen -worden. Mit jenen Redensarten sind wir gegen so viele _einzelne_ -undankbar, um ein Volk überreich zu beschenken. Der Genius selbst, -der sprachschöpferisch war, gehört vermöge seiner Universalität nicht -bloß der Nation an, aus der er stammt und in deren Sprache er sein -Wesen ausgedrückt hat. Die Nation orientiert sich an ihren Genien und -bildet nach ihnen ihren Idealbegriff von sich selbst, der darum nicht -der Leitstern der Hervorragenden selber, wohl aber jener aller anderen -sein kann. Aus verwandten Gründen aber wäre auch mehr Vorsicht geboten, -wenn, wie so oft, Psychologie der Sprache und Völkerpsychologie ohne -kritische Voruntersuchung als zusammengehörig behandelt werden. Weil -die Sprache von einzelnen großen Männern geschaffen ist, darum liegt -in ihr wirklich so viel erstaunliche Weisheit verborgen; wenn ein -so inbrünstig tiefer Denker wie _Jakob Böhme_ Etymologie treibt, so -will dies doch etwas mehr sagen, als so mancher Geschichtsschreiber -der Philosophie begreifen zu können scheint. Von _Baco_ bis Fritz -_Mauthner_ sind alle _Flach_köpfe _Sprachkritiker_ gewesen.[23] - -Der Genius ist es hingegen, der die Sprache nicht kritisiert, sondern -hervorgebracht hat und immer neu hervorbringt, wie auch all die anderen -Geisteswerke, die im engeren Sinne den Grundstock der Kultur, den -»objektiven Geist« bilden, soweit dieser wirklich _Geist_ ist. So sehen -wir, _daß der zeitlose Mensch jener ist, der die Geschichte schafft: -Geschichte kann nur von Wesen geschaffen werden, die außerhalb ihrer -Kausalverkettung stehen._ Denn nur sie treten in jenes unauflösliche -Verhältnis zum absolut Zeit_losen_, zum Werte, das ihren Produktionen -einen ewigen Gehalt gibt. Und was aus allem Geschehenen in die Kultur -eingeht, geht in sie ein unter dem Gesichtspunkte des ewigen Wertes. - -Legen wir jenen Maßstab der dreifachen Zeitlosigkeit an den Genius -an, so werden wir am sichersten auch bei der nun nicht mehr allzu -schwierigen Entscheidung geleitet werden, wem das Prädikat des -Genies zuzusprechen ist, und wem es aberkannt werden muß. _Zwischen_ -der populären Meinung, die beispielsweise _Türck_ und _Lombroso_ -vertreten, welche den Begriff des Genies bei jeder über den -Durchschnitt stärker hinausragenden intellektuellen oder werklichen -Leistung anzuwenden bereit ist, und der Exklusivität jener Lehren -_Kant_ens und _Schelling_s, welche einzig im schaffenden Künstler das -Walten des Genius erblicken wollen, liegt, obwohl in der Mitte, doch -zweifelsohne diesmal das Richtige. _Der Titel des Genius ist nur den -großen Künstlern und den großen Philosophen_ (zu denen ich hier auch -die seltensten Genien, die großen _Religionsstifter_ zähle[24]) _zu -vindizieren_. Weder der »große Mann der Tat« noch »der große Mann der -Wissenschaft« haben auf ihn Anspruch. - -Die »_Männer der Tat_«, die berühmten Politiker und Feldherren, mögen -wohl einzelne Züge haben, die an das Genie erinnern (z. B. eine -vorzügliche Menschenkenntnis, ein enormes Personengedächtnis); auf -_ihre_ Psychologie kommt diese Untersuchung noch einmal zu sprechen; -aber mit dem Genius kann sie nur verwechseln, wer schon durch den -äußeren Aspekt von Größe allein völlig zu blenden ist. Das Genie ist in -mehr als einem Sinne ausgezeichnet gerade durch den _Verzicht_ auf alle -Größe _nach außen_, _durch reine innere Größe_. Der wahrhaft bedeutende -Mensch hat den stärksten Sinn für die _Werte_, der Feldherr-Politiker -ein fast ausschließliches Fassungsvermögen für die _Mächte_. Jener -sucht allenfalls die Macht an den Wert, dieser höchstens den Wert an -die Macht zu knüpfen und zu binden (man erinnere sich an das oben von -den Unternehmungen der Imperatoren Gesagte). Der große Feldherr, der -große Politiker, sie steigen aus dem Chaos der _Verhältnisse_ empor wie -der Vogel Phönix, um zu verschwinden wie dieser. Der große Imperator -oder große Demagog ist der einzige Mann, der ganz in der Gegenwart -lebt; er träumt nicht von einer schöneren, besseren Zukunft, er sinnt -keiner entflossenen Vergangenheit nach; er knüpft sein Dasein an den -Moment, und sucht nicht auf eine jener beiden Arten, die dem Menschen -möglich sind, _die Zeit zu überspringen_. Der echte _Genius_ aber macht -sich in seinem Schaffen nicht abhängig von den konkret-zeitlichen -Bedingungen seines Lebens, die für den Feldherr-Politiker stets das -Ding-an-sich bleiben, das, was ihm zuletzt Richtung gibt. So wird der -große Imperator _zu einem Phänomen der Natur_, der große Denker und -Künstler steht außerhalb ihrer, er ist eine Verkörperung des Geistes. -Die Werke des Tatmenschen gehen denn auch meist mit seinem Tode, oft -schon früher, und nie sehr viel später, spurlos zu Grunde, nur die -Chronik der Zeit meldet von dem, was da geformt wurde, nur um wieder -zerstört zu werden. Der Imperator schafft keine Werke, an denen -die zeitlosen, ewigen _Werte_ in ungeheuerer Sichtbarkeit für alle -Jahrtausende zum Ausdruck kommen; denn dies sind die Taten des Genius. -$Dieser$, nicht der andere, $schafft$ die Geschichte, weil er nicht -_in sie_ gebannt ist, sondern _außerhalb ihrer_ steht. _Der bedeutende -Mensch hat eine Geschichte, den Imperator hat die Geschichte._ Der -bedeutende Mensch zeugt die Zeit, der Imperator wird _von_ ihr gezeugt -und -- getötet. - -Ebensowenig wie der große Willensmensch besitzt der große -_Wissenschaftler_, wenn er nicht zugleich großer Philosoph ist, ein -Recht auf den Namen des Genius, heiße er sonst _Newton_ oder _Gauß_, -_Linné_ oder _Darwin_, _Kopernikus_ oder _Galilei_. Die Männer der -Wissenschaft sind nicht universell, denn es gibt Wissenschaft nur vom -Fache, allenfalls von Fächern. Das liegt keineswegs, wie man glaubt, -an der »fortschreitenden Spezialisierung«, die es »unmöglich mache, -alles zu beherrschen«: es gibt unter den Gelehrten auch im XIX. und XX. -Jahrhundert noch manch ebenso staunenerregende Polyhistorie, wie sie -_Aristoteles_, oder wie sie _Leibniz_ besaß; ich erinnere an _Alexander -v. Humboldt_, an _Wilhelm Wundt_. Jener Mangel liegt vielmehr im -Wesen aller Wissenschaft und Wissenschaftler tief begründet. Das 8. -Kapitel erst wird die letzte Differenz, die hier besteht, aufzudecken -versuchen. Indes ist man vielleicht bereits hier zu dem Zugeständnis -geneigt, auch der hervorragendste Mann der Wissenschaft sei keine so -allumfassende Natur wie selbst jene Philosophen es waren, die an der -äußersten Grenze dessen stehen, wo die Bezeichnung genial noch statthat -(ich denke an _Schleiermacher_, _Carlyle_, _Nietzsche_). Welcher bloße -Wissenschaftler fühlte in sich ein unmittelbares Verständnis _aller_ -Menschen, _aller_ Dinge, oder auch nur die Möglichkeit, ein solches -in sich und aus sich selbst heraus je zu verwirklichen? Ja, welchen -anderen Sinn hätte denn die wissenschaftliche Arbeit der Jahrtausende, -als diese unmittelbare Einsicht zu _ersetzen_? Dies ist der Grund, -warum alle Wissenschaftler _notwendig_ immer »Fachmänner« sind. Es -kennt auch nie ein Wissenschaftler, der nicht Philosoph ist, selbst -wenn er noch so Hervorragendes leistete, jenes kontinuierliche, -nichtsvergessende Leben, das den Genius auszeichnet: eben wegen seines -Mangels an Universalität. - -Schließlich sind die Forschungen des Wissenschaftlers immer in den -Stand der Kenntnisse seiner Zeit gebannt, er übernimmt einen Fonds von -Erfahrungen in bestimmter Menge und Gestalt, vermehrt und verändert -ihn um ein Geringes oder Größeres, und gibt ihn weiter. Aber auch von -_seinen_ Leistungen wird vieles weggenommen, vieles muß hinzugefügt -werden, sie dauern als Bücher fort in den Bibliotheken, aber nicht als -ewige, der Korrektur auch nur in _einem_ Punkte entrückte Schöpfungen. -Aus den berühmten Philosophien dagegen spricht wie aus den großen -Kunstwerken ein Unverrückbares, Unverlierbares, eine _Weltanschauung_ -zu uns, an welcher der Fortschritt der Zeiten nichts ändert, die je -nach der Individualität ihres Schöpfers, welche in ihr sichtbar zum -Ausdruck gelangte, _immer_ ihm verwandte Menschen findet, die ihr -anhangen. Es gibt _Platoniker_ und _Aristoteliker_, _Spinozisten_ und -_Berkeleyaner_, _Thomisten_ und Anhänger _Brunos_ noch heute, aber -es gibt keinen _Galileianer_ und keine _Helmholtzianer_, nirgends -_Ptolemäer_, nirgends _Kopernikaner_. Es ist darum ein Unfug und -verdirbt den Sinn des Wortes, wenn man von »Klassikern der exakten -Wissenschaften« oder »Klassikern der Pädagogik« ebenso spricht, wie man -mit gutem Recht von klassischen Philosophen und klassischen Künstlern -redet. - -Der große Philosoph also trägt den Namen des Genius mit Verdienst und -Ehre; und wenn es auch des Philosophen größter Schmerz in Ewigkeit -bleibt, daß er nicht Künstler ist -- denn aus keinem anderen Grunde -wird er Ästhetiker -- so neidet doch nicht minder der Künstler dem -Philosophen die zähe und wehrhafte Kraft des abstrakten systematischen -Denkens -- nicht umsonst werden Prometheus und Faust, Prospero und -Cyprian, der Apostel Paulus und der »Penseroso« ihm Problem. Darum, -däucht mir, sind beide einander gleich zu achten, und hat keiner vor -dem anderen allzuviel voraus. - -Freilich heißt es auch in der Philosophie mit dem Begriffe der -Genialität nicht so verschwenderisch umzugehen, als dies gewöhnlich -zu geschehen pflegt; sonst würde meine Darstellung mit Recht den -Vorwurf der Parteilichkeit gegen die »positive Wissenschaft« auf sich -laden, einer Parteilichkeit, die mir selbstverständlich fern liegt, -da ich einen solchen Angriff ja zunächst als gegen mich selbst und -einen großen Teil dieser Arbeit gekehrt empfinden müßte. _Anaxagoras_, -_Geulincx_, _Baader_, _Emerson_ als geniale Menschen zu bezeichnen, -geht nicht an. Weder unoriginelle Tiefe (_Angelus Silesius_, -_Philo_, _Jacobi_) noch originelle Flachheit (_Comte_, _Feuerbach_, -_Hume_, _Mill_, _Herbart_, _Locke_, _Karneades_) sollte auf die -Anwendung des Begriffes ein Recht erwirken können. Die Geschichte -der Kunst ist heute in gleicher Weise wie die der Philosophie voll -der verkehrtesten Wertungen; ganz anders die Geschichte der ihre -eigenen Ergebnisse fortwährend berichtigenden und nach dem _Umfang_ -dieser _Verbesserungen_ wertenden Wissenschaft. Die Geschichte der -Wissenschaft verzichtet auf die Biographie ihrer wackersten Kämpfer; -ihr Ziel ist ein System überindividueller Erfahrung, aus dem der -einzelne verschwunden ist. In der Hingabe an die Wissenschaft liegt -darum die _größte_ Entsagung: denn durch sie verzichtet der einzelne -Mensch als solcher auf _Ewigkeit_. - - - - -VI. Kapitel. - -Gedächtnis, Logik, Ethik. - - -Die Überschrift, welche ich diesem Kapitel voranstelle, ist sofort und -mit Leichtigkeit einem schweren Mißverständnis ausgesetzt. Es könnte -nach ihr scheinen, als huldige der Autor der Ansicht, die logischen -und ethischen Wertungen seien Objekte ausschließlich der empirischen -Psychologie, psychische Phänomene ganz so wie die Empfindung und das -Gefühl, Logik und Ethik also spezielle Disziplinen, Unterabteilungen -der Psychologie und aus ihr, in ihr zu begründen. - -Ich bekenne gleich und vollständig, daß ich diese Anschauung, den -»Psychologismus«, für gänzlich falsch und verderblich halte; falsch, -weil das Unternehmen nie gelingen kann, wovon wir uns noch überzeugen -werden; verderblich, weil es nicht einmal so sehr die hiedurch kaum -berührte Logik und Ethik als die Psychologie zu Grunde richtet. Der -Ausschluß der Logik und Ethik von der _Begründung_ der Psychologie und -ihr Verweis in einen Appendix der letzteren ist das Korrelat zu dem -Überwuchern der Empfindungslehre, und hat mit dieser zusamt all das auf -dem Gewissen, was sich heute als »empirische Psychologie« präsentiert: -jenen Haufen toter Gebeine, denen kein Feinsinn und kein Fleiß mehr -Leben einhaucht, in denen vor allem die wirkliche _Erfahrung_ nicht -wiederzuerkennen ist. Was also die unglücklichen Versuche betrifft, -Logik und Ethik auf den Stufenbau einer, gleichgültig mit welchem -Mörtel, zusammensetzenden Psychologie, als das zarte, jüngste Kind -des Seelenlebens, zu setzen, so trage ich wenigstens kein Bedenken, -gegen _Brentano_ und seine Schule (_Stumpf_, _Meinong_, _Höfler_, -_Ehrenfels_), gegen Th. _Lipps_ und G. _Heymans_, gegen die ebenfalls -dahin zu zählenden Meinungen von _Mach_ und _Avenarius_, hier mich -prinzipiell jener anderen Richtung anzuschließen, deren Positionen -heute von _Windelband_, _Cohen_, _Natorp_, F. J. _Schmidt_, besonders -aber von _Husserl_ verteidigt werden (der selbst früher Psychologist -war, seither aber zu der festesten Überzeugung von der Unhaltbarkeit -dieses Standpunktes gelangt ist), jener Richtung, welche gegen die -psychologisch-genetische Methode _Humes_ den transcendental-kritischen -Gedanken _Kant_ens geltend macht und hochzuhalten weiß. - -Da aber die vorliegende Arbeit keine ist, welche mit den allgemeinen, -überindividuell gültigen Normen des Handelns und Denkens und den -Bedingungen des Erkennens sich beschäftigte, da sie vielmehr, ihrem -Ausgangspunkt wie ihrem Ziele nach, eben _Unterschiede_ zwischen -Menschen festzustellen trachtet, und nicht für beliebige Wesen (selbst -für »die lieben Engelein« im Himmel) gültig zu sein beansprucht, wie -die Philosophie _Kant_ens ihren Grundgedanken nach, so durfte und -mußte sie bisher psychologisch (nicht psycho_logistisch_) sein, und -wird es weiter bleiben, ohne an den Stellen, wo sich die Notwendigkeit -herausstellen sollte, zu verabsäumen, selbst eine formale Betrachtung -zu wagen, oder wenigstens darauf hinzuweisen, daß da oder dort das -alleinige Recht der logischen, kritischen, transcendentalen Methode -zustehe. - -Der Titel dieses Kapitels rechtfertigt sich anders. Die langwierige, -weil gänzlich neu zu führende Untersuchung des vorigen hat gezeigt, daß -das menschliche Gedächtnis zu Dingen in intimer Beziehung steht, mit -denen man es einer Verwandtschaft bisher nicht für würdig gehalten zu -haben scheint. Zeit, Wert, Genie, Unsterblichkeit -- all dies vermochte -sie mit dem Gedächtnis in einem merkwürdigen Zusammenhange zu zeigen, -dessen Existenz man offenbar noch gar nicht vermutet hat. Dieses fast -völlige Fehlen aller Hinweise muß einen tieferen Grund haben. Er liegt, -so scheint es, in den Unzulänglichkeiten und Schlampereien, welche die -Theorien des Gedächtnisses immer wieder sich haben zu Schulden kommen -lassen. - -Hier lenkt zunächst die schon in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts -von Charles _Bonnet_ begründete, im letzten Drittel des XIX. -Jahrhunderts besonders durch Ewald _Hering_ (und E. _Mach_) in Schwung -gekommene Lehre den Blick auf sich, welche im Gedächtnis des Menschen -nichts weiter sieht als die »allgemeine Funktion der organisierten -Materie«, auf neue Reize, die vorangegangenen Reizen mehr oder -weniger gleichen, anders, leichter und schneller zu reagieren als auf -erstmalige Irritation. Diese Theorie glaubt also die menschlichen -Gedächtnisphänomene durch die sonstige Erfahrung der Übungsfähigkeit -lebender Wesen schon erschöpft, für sie ist das Gedächtnis eine -Anpassungserscheinung nach _Lamarck_schem Muster. Gewiß, es besteht ein -Gemeinsames zwischen dem menschlichen Gedächtnis und jenen Tatsachen, -z. B. gesteigerter Reflexerregbarkeit bei gehäufter Wiederholung der -Erregungen; das identische Element liegt in dem Fortwirken des ersten -Eindruckes über den Moment hinaus, und das 12. Kapitel wird auf den -tiefsten Grund dieser Verwandtschaft noch einmal zurückkommen. Es ist -aber daneben doch ein abgrundtiefer Unterschied zwischen der Stärkung -eines Muskels durch Gewöhnung an wiederholte Kontraktion, zwischen der -Anpassung des Arsenikessers oder des Morphinisten an immer größere -Quantitäten des Giftes hier, und der Erinnerung des Menschen an -seine früheren Erlebnisse dort. Auf der einen Seite ist die Spur des -Alten nur im Neuen verfolgbar, auf der anderen treten früher erlebte -Situationen wieder, ganz als die _alten_, hervor in das Bewußtsein, -so wie sie selbst waren, mit aller Individuation ausgestattet, nicht -zu bloßer Nachwirkung auf den neuen Moment durch ein Residuum nutzbar -gemacht. Die Identifikation beider Phänomene wäre so ungereimt, daß -auf eine weitere Besprechung dieser allgemein-biologischen Ansicht -verzichtet werden kann. - -Mit der physiologischen Hypothese hängt die Associationslehre als -Theorie des Gedächtnisses _historisch_ durch _Hartley_ und _sachlich_ -durch den _Begriff der Gewöhnung_ zusammen. Sie leitet _alles_ -Gedächtnis aus dem mechanischen Spiel der Vorstellungsverknüpfungen -nach ein bis vier Gesetzen ab. Dabei _übersieht sie, daß das -Gedächtnis (das kontinuierliche des Mannes) im Grunde eine -Willenserscheinung ist_. Ich kann mich auf etwas besinnen, wenn ich -es wirklich _will_, entgegen beispielsweise meiner Schlafsucht, wenn -ich nur wahrhaft entschlossen bin, diese zu unterdrücken. _In der -Hypnose, durch welche Erinnerung an alles Vergessene erzielt werden -kann, tritt der Wille des Fremden an die Stelle des allzu schwachen -eigenen_ und liefert so wieder den Beweis, daß es der _Wille_ ist, -_welcher die zweckmäßigen Associationen aufsucht, daß alle Association -durch die tiefere Apperzeption herbeigeführt wird_. Hier mußte einem -späteren Abschnitt vorgegriffen werden, welcher das Verhältnis zwischen -Associations- und Apperzeptionspsychologie klarzustellen und die -Berechtigung beider abzuwägen suchen wird. - -Mit der Associationspsychologie, welche das psychische Leben zuerst -zerspaltet, und wähnt, im Tanze der einander die Hände reichenden -Bruchstücke es dann noch zusammenleimen zu können, hängt wiederum enge -jene dritte Konfusion zusammen, die, ungeachtet des von _Avenarius_ -und besonders von _Höffding_ ungefähr zur gleichen Zeit mit so viel -Recht erhobenen Einspruches, noch immer das _Gedächtnis_ mit dem -_Wiedererkennen_ zusammenwirft. Das Wiedererkennen eines Gegenstandes -braucht durchaus nicht auf der gesonderten Reproduktion des früheren -Eindruckes zu beruhen, wenn auch in einem Teile der Fälle im neuen -Eindrucke die Tendenz zu liegen scheint, auf der Stelle den älteren -wachzurufen. Aber es gibt _daneben_ ein mindestens ebenso häufig -vorkommendes _unmittelbares_ Wiedererkennen, in welchem nicht die -neue Empfindung _von sich selbst wegführt_ und wie mit einem Streben -verknüpft erscheint, sondern wo das Gesehene, Gehörte etc. nur mit -einer spezifischen _Färbung_ (»tinge« würde _James_ sagen) auftritt, -mit jenem »Charakter«, den _Avenarius_ »das Notal«, _Höffding_ -»die Bekanntheitsqualität« nennt. Wer in die Heimat zurückkehrt, -dem scheinen Weg und Steg »bekannt«, auch wenn er nichts mehr zu -benennen und sich gar nicht leicht zurechtzufinden weiß, und keines -besonderen Tages gerade gedenkt, an dem er hier gegangen; eine -Melodie kann mir »bekannt vorkommen«, ohne daß ich weiß, wann und wo -ich sie gehört habe. Der »Charakter« (im _Avenarius_schen Sinne) der -_Bekanntheit_, der _Vertrautheit_ etc. schwebt hier sozusagen über -dem Sinneseindruck selbst, die Analyse weiß nichts von Associationen, -deren »Verschmelzung« mit meiner neuen Empfindung, nach der Behauptung -einer anmaßenden Pseudo-Psychologie, jenes unmittelbare Gefühl erst -_erzeugen_ soll, und sie vermag diese Fälle sehr gut von jenen anderen -zu unterscheiden, wo schon leise und kaum merklich (in Henidenform) das -ältere Erlebnis wirklich associiert wird. - -Auch individualpsychologisch ist diese Distinktion eine -Notwendigkeit. Im hochstehenden Menschen ist das Bewußtsein einer -nicht interrupten Vergangenheit fortwährend so lebendig, daß er, -etwa beim Wiedererblicken eines Bekannten auf der Gasse, sofort die -letzte Begegnung als selbständiges Erlebnis reproduziert, während -im weniger Begabten das einfache Bekanntheitsgefühl, das ihm ein -Wiedererkennen ermöglicht, oft auch dann _allein_ auftritt, wenn er -jenes Zusammensein, sogar in seinen Einzelheiten, noch recht gut sich -zu vergegenwärtigen vermöchte. - -Stellen wir nun noch, zum Abschlusse dessen, die Frage, ob die anderen -Organismen außer dem Menschen ebenfalls jene, von allem Ähnlichen wohl -zu unterscheidende Fähigkeit besitzen, frühere Augenblicke ihres Lebens -wieder _in ihrer Gänze aufleben zu lassen_, so ist diese Frage mit -der größten Wahrscheinlichkeit im verneinenden Sinne zu beantworten. -Die Tiere könnten nicht, wie sie es tun, stundenlang regungslos und -ruhig auf einem Flecke verharren, wenn sie an ihr vergangenes Leben -zurückdächten oder eine Zukunft in Gedanken vorausnähmen. Die Tiere -haben Bekanntheitsqualitäten und Erwartungsgefühle (der die Heimkehr -des Herrn nach zwanzig Jahren begrüßende Hund; die Schweine vor dem -Tore des Metzgers, die zur Belegung geführte rossige Stute), aber -sie besitzen keine Erinnerung und keine Hoffnung. _Sie vermögen -wiederzuerkennen_ (mit Hilfe des »Notals«), _aber sie haben kein -Gedächtnis_. - -Ist so das Gedächtnis als eine besondere, mit niederen Gebieten -psychischen Lebens nicht zu verwechselnde Eigenschaft dargetan, scheint -es zudem ausschließlicher Besitz des Menschen zu sein, so wird es nicht -mehr wundernehmen, daß es mit jenen höheren Dingen, wie dem Wert- und -Zeitbegriff, dem keinem Tiere eignenden Unsterblichkeitsbedürfnisse, -der nur dem Menschen möglichen Genialität, in einem Zusammenhange -steht. Und wenn es einen einheitlichen Begriff vom Menschen gibt, ein -tiefstes _Wesen_ der Menschheit, das in allen besonderen Qualitäten -des Menschen zum Ausdrucke kommt, so wird man es geradezu _erwarten_ -müssen, daß auch die logischen und ethischen Phänomene, die den anderen -Lebewesen allem Anscheine nach ebenso abgehen wie das Gedächtnis, mit -diesem irgendwo sich berühren werden. Diese Beziehung heißt es nun -aufsuchen. - -Es kann zu dem Behufe von der wohlbekannten Tatsache ausgegangen -werden, daß _Lügner_ ein schlechtes Gedächtnis haben. Vom -»pathologischen _Lügner_« steht es fest, daß er nahezu überhaupt »kein -Gedächtnis hat«. Auf den männlichen Lügner komme ich im folgenden -noch einmal zu sprechen; er bildet nicht die Regel unter den Männern. -Faßt man hingegen ins Auge, was früher über das Gedächtnis der Frauen -gesagt wurde, so wird man es neben die angeführte Erscheinung der -mangelnden Erinnerungsgabe verlogener Männer stellen dürfen, wenn so -viele Sprichwörter und Erzählungen, wenn Dichtung und Volksmund vor -der Lügenhaftigkeit des Weibes warnen. Es ist klar: einem jeden Wesen, -dessen Gedächtnis ein so minimales wäre, daß, was es gesagt, getan, -erlitten hat, später nur im dürftigsten Grade von Bewußtheit ihm noch -gegenwärtig bliebe, einem jeden solchen Wesen muß, wenn ihm die Gabe -der Sprache verliehen ist, die Lüge leicht fallen, und dem Impulse -zu ihr wird, wenn es auf die Erreichung praktischer Zwecke ankommt, -von einem so beschaffenen Individuum, dem nicht der wahre Vorgang -mit voller Intensität vorschwebt, schwer widerstanden werden können. -Und noch stärker muß sich diese Versuchung geltend machen, wenn das -Gedächtnis dieses Wesens nicht von jener kontinuierlichen Art ist, die -nur der Mann kennt, sondern wenn das Wesen, wie W, sozusagen nur in -Augenblicken, diskret, diskontinuierlich, zusammenhanglos lebt, in den -zeitlichen Ereignissen _aufgeht_, statt _über_ ihnen zu _stehen_, oder -den Zeitablauf wenigstens zum _Problem_ zu erheben; wenn es nicht, wie -M, alle seine Erlebnisse auf einen einheitlichen _Träger_ derselben -bezieht, sie von _diesem auf sich nehmen läßt_, wenn ein _»Zentrum« -der Apperzeption fehlt_, dem alle Vergangenheit stets in einheitlicher -Weise zugezählt wird, _wenn das Wesen sich nicht_ als _eines und selbes -in allen seinen Lebenslagen fühlt und weiß_. Es kommt zwar wohl auch -bei jedem Manne vor, daß er sich einmal »nicht versteht«, ja bei sehr -vielen Männern ist es, wenn sie an ihre Vergangenheit zurückdenken, -ohne daß dies mit den Phänomenen der psychischen Periodizität in -Verbindung gebracht werden dürfte[25], die Regel, daß sie die -Substitution ihrer gegenwärtigen Persönlichkeit für den Träger jener -älteren Erlebnisse nicht leicht auszuführen vermögen, daß sie nicht -begreifen, wie sie dies oder jenes damals denken oder tun konnten; -_und doch wissen und fühlen sie sehr wohl, daß sie es trotzdem gedacht -und getan haben, und zweifeln nicht im mindesten daran_. Dieses Gefühl -der Identität in allen Lebenslagen fehlt dem echten Weibe völlig, da -sein Gedächtnis, selbst wenn es -- das kommt in einzelnen Fällen vor --- auffallend gut ist, _stets alle Kontinuität vermissen läßt_. Das -Einheitsbewußtsein des Mannes, der sich in seiner Vergangenheit oft -nicht versteht, äußert sich in dem _Bedürfnisse sich zu verstehen_, und -diesem Bedürfnis _immaniert die $Voraussetzung$_, daß er stets _ein -und derselbe_ trotz seines Sichjetztnichtverstehens gewesen ist; die -Frauen verstehen sich, wenn sie an ihr früheres Leben zurückdenken, -_nie, haben aber auch kein Bedürfnis sich zu verstehen_, wie man schon -aus dem geringen Interesse entnehmen kann, das sie den Worten des -Mannes entgegenbringen, der ihnen etwas über sie selbst sagt. _Die Frau -interessiert sich nicht für sich_ -- darum gibt es keine weibliche -Psychologin und keine Psychologie des Weibes von einem Weibe -- und -ganz unfaßbar wäre ihr das krampfhafte, echt männliche Bemühen, die -eigene Vergangenheit als eine _logische_ Folge von _kontinuierlichem_, -lückenlos kausal geordnetem, nicht sprunghaftem Geschehen zu -interpretieren, Anfang, Mitte, Ende des individuellen Lebens zueinander -in Beziehung zu bringen. - -Von hier aus aber ist auch die Brücke zur Logik durch einen -Grenzübergang zu schlagen möglich. Ein Wesen, das, wie W, das absolute -Weib, sich nicht in den aufeinanderfolgenden Zeitpunkten als identisch -wüßte, hätte auch keine Evidenz der Identität seines Denkobjektes -zu verschiedenen Zeiten; da, wenn beide Teile, der Veränderung -unterworfen sind, sozusagen das absolute Koordinatensystem fehlt, auf -das Veränderung bezogen, mit Hilfe dessen Veränderung einzig bemerkt -werden könnte. Ja ein Wesen, dessen Gedächtnis nicht einmal so weit -reichte, um ihm die psychologische Möglichkeit zu gestatten, das Urteil -zu fällen, ein Gegenstand oder ein Ding sei trotz des Zeitablaufes mit -sich selbst identisch geblieben, um es also z. B. zu befähigen, irgend -eine mathematische Größe in einer längeren Rechnung als dieselbe zu -verwenden, einzusetzen und festzuhalten; _ein solches Wesen würde im -extremen Falle auch nicht imstande sein, vermöge seines Gedächtnisses -die unendlich klein gesetzte Zeit zu überwinden, welche (psychologisch) -jedenfalls erforderlich ist, um von A zu sagen, daß es im nächsten -Momente doch noch A sei, um das Urteil der Identität A = A zu fällen, -oder den Satz des Widerspruches auszusprechen, der voraussetzt, daß ein -A nicht sofort dem Denkenden entschwinde; denn sonst könnte es das A -vom non-A, das nicht A ist, und das es wegen der Enge des Bewußtseins -nicht gleichzeitig ins Auge zu fassen vermag, nicht wirklich -unterscheiden_. - -Das ist kein bloßer Scherz des Gedankens, kein neckisches Sophisma -der Mathematik, keine verblüffende Konklusion aus durchgeschmuggelten -Prämissen. Zwar bezieht sich sicherlich -- es muß das, um möglichen -Einwänden zu begegnen, der folgenden Untersuchung vorweggenommen -werden -- das Urteil der Identität immer auf _Begriffe_, nie auf -Empfindungen oder Komplexe von solchen, und die Begriffe sind als -logische Begriffe zeitlos, sie behalten ihre Konstanz, ob ich sie -als psychologisches Subjekt konstant denke oder nicht. Aber der -Mensch denkt den Begriff eben nie rein als logischen Begriff, _weil -er kein rein logisches, sondern auch ein psychologisches_, »von den -Bedingungen der Sinnlichkeit affiziertes« _Wesen ist_, er kann an -seiner Statt immer nur eine, aus seinen individuellen Erfahrungen -durch wechselseitige Auslöschung der Differenzen und Verstärkung des -Gleichartigen hervorgewachsene Allgemeinvorstellung (eine »typische«, -»konnotative«, »repräsentative« Vorstellung) denken, _die aber das -abstrakte Moment der Begrifflichkeit erhalten und wunderbarer Weise in -diesem Sinne verwertet werden kann_. Er muß also auch die Möglichkeit -haben, die Vorstellung, in welcher er den de facto _unanschaulichen_ -Begriff _anschaulich_ denkt, zu bewahren, zu konservieren; -diese Möglichkeit hinwiederum wird ihm nur durch das Gedächtnis -gewährleistet. Fehlte ihm also das Gedächtnis, so wäre für ihn auch -die Möglichkeit dahin, logisch zu denken, jene Möglichkeit, die sich -sozusagen immer nur an einem _psychologischen_ Medium _inkarniert_. - -Also ist der Beweis streng geführt, daß mit dem Gedächtnis auch die -Fähigkeit erlischt, die logischen Funktionen auszuüben. Die Sätze der -Logik werden hiedurch nicht tangiert, nur die Kraft, sie anzuwenden, -ist dargetan als an jene Bedingung gebunden. Der Satz A = A nun hat -_psychologisch_ stets eine Beziehung zur _Zeit_, insoferne er nur -im _Gegensatze_ zur Zeit _ausgesprochen_ werden kann: A_{t_{1}} = -A_{t_{2}}. _Logisch_ wohnt ihm diese Beziehung freilich nicht inne; -wir werden aber noch darüber Aufschluß erhalten, warum er rein logisch -_als $besonderes$ Urteil keinen $speziellen$ Sinn_ hat und dieser -_psychologischen_ Folie so sehr bedarf. Psychologisch ist demnach das -Urteil nur in _Relation zur Zeit_ vollziehbar, als deren eigentliche -_Negation_ es sich darstellt. - -Ich habe aber früher das stetige Gedächtnis als die Überwindung -der Zeit, und eben damit als die psychologische _Bedingung_ der -Zeit_auffassung_ erwiesen. _So präsentiert sich denn die Tatsache des -kontinuierlichen Gedächtnisses als der $psychologische$ Ausdruck des -$logischen$ Satzes der Identität._[26] Dem absoluten Weibe, dem jenes -fehlt, kann auch dieser Satz nicht Axiom seines Denkens sein. $Für das -absolute Weib gibt es kein Principium identitatis (und contradictionis -und exclusi tertii).$ - -Aber nicht nur diese drei Prinzipien; auch das vierte der logischen -Denkgesetze, _der Satz vom Grunde_, der von jedem Urteil eine -Begründung verlangt, die es für alle Denkenden notwendig mache, hängt -mit dem Gedächtnis aufs innigste zusammen. - -Der Satz vom zureichenden Grunde ist der Nerv, das Prinzip des -Syllogismus. Die Prämissen eines Schlusses sind aber psychologisch -immer frühere, der Konklusion zeitlich vorhergehende _Urteile_, die vom -Denkenden ebenso festgehalten werden müssen, wie die _Begriffe_ durch -die Sätze von der Identität und vom Widerspruch gleichsam _geschützt_ -werden. Die Gründe eines Menschen sind immer in seiner Vergangenheit zu -suchen. Darum hängt die Kontinuität, welche das Denken des Menschen als -Maxime gänzlich beherrscht, mit der Kausalität so enge zusammen. Jedes -_psychologische_ In-Kraft-Treten des Satzes vom Grunde setzt demzufolge -kontinuierliches, alle Identitäten wahrendes _Gedächtnis_ voraus. Da W -dieses Gedächtnis so wenig als Kontinuität sonst irgend kennt, _so gibt -es für sie auch kein Principium rationis sufficientis_. - -_Es ist also richtig, daß das Weib keine Logik besitzt._ - -Georg _Simmel_ hat diese alte Erkenntnis als unhaltbar bezeichnet, -weil die Frauen oft mit äußerster, strengster Konsequenz Folgerungen -zu ziehen wüßten. Daß die Frau in einem _konkreten_ Falle, wo es ihr -_zur Erreichung irgend eines Zweckes_ paßt und dringend notwendig -scheint, unerbittlich folgert, ist so wenig ein Beweis dafür, daß sie -ein Verhältnis zum Satz vom Grunde hat, wie es ein Beweis für ein -Verhältnis zum Satz der Identität ist, daß sie so oft hartnäckig -ein und dasselbe behauptet, und immer wieder auf ihr erstes, längst -widerlegtes, Wort zurückkommt. _Die Frage ist, ob jemand die logischen -Axiome als Kriterien der Gültigkeit seines Denkens, als Richter -über das, was er sagt, anerkennt oder nicht, ob er sie zur steten -Richtschnur und Norm seines Urteils macht._ Eine Frau nun sieht nie -ein, _daß man alles auch begründen müsse_; da sie keine Kontinuität -hat, empfindet sie auch kein Bedürfnis nach der logischen Stützung -alles Gedachten: _daher die Leichtgläubigkeit $aller$ Weiber_. Also im -Einzelfall mögen sie konsequent sein, aber dann ist die Logik nicht -Maßstab, sondern Werkzeug, nicht Richter, sondern meistens Henker. -Dagegen wird eine Frau durchaus, wenn sie eine Ansicht äußerte, und der -Mann so dumm wäre, dies überhaupt ernst zu nehmen und einen Beweis von -ihr verlangte, ein solches Ansinnen als unbequem und lästig, als gegen -ihre Natur gerichtet empfinden. _Der Mann fühlt sich vor sich selbst -beschämt, er fühlt sich schuldig, wenn er einen Gedanken, habe er ihn -nun geäußert oder nicht, zu begründen unterlassen hat_, weil er die -Verpflichtung dazu fühlt, die logische Norm einzuhalten, die er ein für -allemal über sich gesetzt hat. Die Frau erbittert die Zumutung, ihr -Denken von der Logik _ausnahmslos_ abhängig zu machen. _Ihr mangelt das -intellektuelle Gewissen._ Man könnte bei ihr von »_logical_ insanity« -sprechen. - -Der häufigste Fehler, den man an der weiblichen Rede entdecken würde, -wollte man sie wirklich auf ihre Logizität prüfen (was jeder Mann -gewöhnlich unterläßt und schon damit seine Verachtung der weiblichen -Logik kundgibt), wäre die quaternio terminorum, jene Verschiebung, die -eben aus der Unfähigkeit des Festhaltens _bestimmter_ Vorstellungen, -aus dem Mangel eines Verhältnisses zum Satze der Identität, hervorgeht. -Die Frau erkennt nicht von selbst, daß sie an diesen Satz sich halten -müsse, er ist ihr nicht oberstes Kriterium ihrer Urteile. Der Mann -fühlt sich zur Logik verpflichtet, die Frau nicht; nur darauf aber -kommt es an, nur jenes Gefühl der Schuldigkeit kann eine Bürgschaft -dafür bieten, daß von einem Menschen immer und ewig logisch zu denken -gestrebt werde. Es ist vielleicht der tiefste Gedanke, welchen -_Descartes_ je geäußert hat, und wohl darum so wenig verstanden und -meist als schreckliche Irrlehre hingestellt: _daß aller Irrtum eine -Schuld ist_. - -Aber Quell alles Irrtums ist im Leben auch immer ein Mangel an -Gedächtnis. So hängen Logik wie Ethik, die sich eben in der -Wahrheitsforderung berühren und im höchsten Werte der Wahrheit -zusammentreffen, wieder beide auch mit dem Gedächtnis zusammen. Und es -dämmert uns auch bereits die Erkenntnis auf, daß _Platon_ so Unrecht -nicht hatte, wenn er die Einsicht mit der Erinnerung in Zusammenhang -brachte. Das Gedächtnis ist zwar kein logischer und ethischer _Akt_, -aber zumindest ein logisches und ethisches _Phänomen_. Ein Mensch -z. B., der eine wahrhaft tiefe Empfindung gehabt hat, empfindet es als -sein Unrecht, wenn er, sei's auch durch äußeren Anlaß genötigt, eine -halbe Stunde darauf schon an etwas ganz anderes denkt. Der Mann kommt -sich gewissenlos und unmoralisch vor, wenn er bemerkt, daß er an irgend -einen Punkt seines Lebens längere Zeit hindurch nicht gedacht hat. -Das Gedächtnis ist ferner schon deshalb moralisch, weil es allein die -_Reue_ ermöglicht. _Alles Vergessen hingegen ist an sich unmoralisch._ -Darum ist _Pietät_ eben auch _sittliche_ Vorschrift: es ist $Pflicht$, -$nichts$ zu vergessen; und nur insofern hat man der Verstorbenen -besonders zu gedenken. Darum auch sucht der Mann, aus logischen und -ethischen Motiven in gleichem Maße, in seine Vergangenheit Logik zu -bringen, alle Punkte in ihr zur Einheit zu ordnen. - -_Wie mit einem Schlage ist hier an den tiefen Zusammenhang von Logik -und Ethik gerührt, den Sokrates und Plato geahnt haben, Kant und Fichte -neu entdecken mußten, auf daß er später wieder vernachlässigt würde und -den Lebenden ganz in Verlust geriete._ - -Ein Wesen, das nicht begreift oder nicht anerkennt, daß A und non-A -einander ausschließen, wird durch nichts mehr gehindert zu lügen; -vielmehr, es gibt für ein solches Wesen gar keinen _Begriff_ der Lüge, -weil ihr Gegenteil, die Wahrheit, als das Maß ihm abgeht; ein solches -Wesen kann, wenn ihm dennoch Sprache verliehen ist, _lügen, ohne es zu -wissen_, ja ohne die Möglichkeit, zu erkennen, daß es lügt, da es des -Kriteriums der Wahrheit entbehrt. »Veritas norma sui et falsi est.« Es -gibt nichts Erschütternderes für einen Mann, als wenn er, einem Weibe -auf eine Lüge gekommen, sie fragt: »Was lügst Du?« und dann gewahren -muß, _wie sie diese Frage gar nicht versteht_ und, ohne zu begreifen, -ihn angafft, oder lächelnd _ihn_ zu beruhigen sucht -- oder gar in -Tränen ausbricht. - -Denn mit dem Gedächtnis allein ist die Sache nicht erledigt. Es ist -auch unter den Männern die Lüge genug verbreitet. Und es kann gelogen -werden trotz der _Erinnerung_ an den tatsächlichen Sachverhalt, an -dessen Stelle zu irgend welchem Zwecke ein anderer gesetzt wird. Ja, -nur von einem solchen Menschen, der, trotz seinem besseren Wissen und -Bewußtsein, den Tatbestand fälscht, kann eigentlich _mit Recht_ gesagt -werden, daß er lüge. Und es muß ein Verhältnis zur Idee der Wahrheit -als des höchsten Wertes der Logik wie der Ethik _da sein_, damit von -einer Unterdrückung dieses Wertes zugunsten fremder Motive die Rede -sein könne. Wo dieses fehlt, kann man nicht von _Irrtum_ und _Lüge_, -sondern höchstens von _Verirrtheit_ und _Verlogenheit_ sprechen; nicht -von _$anti$moralischem_, sondern nur von _$a$moralischem_ Sein. _Das -Weib also ist $a$moralisch._ - -Jenes absolute Unverständnis für den _Wert der Wahrheit an sich_ -muß demnach tiefer liegen. Aus dem kontinuierlichen Gedächtnis -ist, da der Mann ebenfalls, ja eigentlich _nur $er$ lügt_, die -Wahrheits_forderung_, das Wahrheits_bedürfnis_, das eigentliche -ethisch-logische Grundphänomen, nicht _abzuleiten_, sondern es steht -damit nur in engem _Zusammenhange_. - -Das, was einem Menschen, einem Manne ein aufrichtiges Verhältnis -zur Idee der Wahrheit ermöglicht, und was ihn deshalb einzig an der -Lüge zu hindern imstande ist, das kann nur etwas von aller Zeit -Unabhängiges, durchaus Unveränderliches sein, welches die alte Tat im -neuen Augenblick ganz ebenso als wirklich _setzt_ wie im früheren, -weil es _es selbst_ geblieben ist, an der Tatsache, daß _es_ die -Handlung so vollzogen hat, nichts ändern läßt und nicht rütteln will; -es kann nur dasselbe sein, auf das alle diskreten Erlebnisse bezogen -werden, und das so ein kontinuierliches Dasein erst schafft; es ist -eben dasselbe, das zum Gefühl der _Verantwortlichkeit_ für die eigenen -Taten drängt und den Menschen alle Handlungen, die jüngsten wie die -ältesten, _verantworten_ zu können trachten läßt, das zum Phänomen -der _Reue_, zum _Schuldbewußtsein_ führt, das heißt zur _Zurechnung -vergangener Dinge an ein ewig Selbes und darum auch Gegenwärtiges_, zu -einer Zurechnung, die in viel größerer Feinheit und Weite geschieht, -als durch das öffentliche Urteil und die Normen der Gesellschaft je -erreicht werden könnte, einer Zurechnung, die von allem Sozialen -gänzlich unabhängig das Individuum an sich selbst vollzieht; weshalb -alle Moralpsychologie, welche die Moral auf das soziale Zusammenleben -der Menschen begründen und ihren Ursprung auf dieses zurückführen -will, in Grund und Boden falsch und verlogen ist. Die Gesellschaft -kennt den Begriff des _Verbrechens_, aber nicht den der _Sünde_, sie -zwingt zur _Strafe_, ohne _Reue_ erreichen zu wollen; die Lüge wird -vom Strafgesetz nur in ihrer, _öffentlichen Schaden_ zufügenden, -feierlichen Form des Meineides geahndet, und der Irrtum ist noch -nie unter die Vergehungen gegen das geschriebene Gesetz gestellt -worden. Die Sozialethik, die da fürchtet, der Nebenmensch komme bei -jedem ethischen Individualismus zu kurz, und _darum_ von Pflichten -des Individuums gegen die Gesellschaft und gegen die 1500 Millionen -lebender Menschen faselt, _erweitert_ also nicht, wie sie glaubt, -das Gebiet der Moral, sondern _beschränkt_ es in unzulässiger und -verwerflicher Weise. - -Was ist nun jenes über Zeit und Veränderung Erhabene, jenes »Zentrum -der Apperzeption«? - -»Es kann nichts Mindereres sein, als was den Menschen über sich selbst -(als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der -Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann, und die zugleich die -ganze Sinnenwelt ..... unter sich hat. Es ist nichts anderes als die -_Persönlichkeit_.« - -Auf ein von allem empirischen Bewußtsein verschiedenes _»intelligibles« -$Ich$_ hat das erhabenste Buch der Welt, die »Kritik der praktischen -Vernunft«, der diese Worte entnommen sind, die Moral als auf ihren -Gesetzgeber zurückgeführt. - -Hiemit steht die Untersuchung beim Problem des Subjektes, und dieses -bildet ihren nächsten Gegenstand. - - - - -VII. Kapitel. - -Logik, Ethik und das Ich. - - -Bekanntlich hat David _Hume_ den Ich-Begriff einer Kritik unterzogen, -die in ihm nur ein »Bündel« verschiedener, in fortwährendem Flusse und -Bewegung befindlicher »Perzeptionen« entdeckte. So sehr auch _Hume_ das -Ich hiedurch kompromittiert fand, er trägt seine Anschauung relativ -bescheiden vor, und salviert sich dem Wortlaute nach tadellos. Von -einigen Metaphysikern nämlich, erklärt er, müsse man absehen, die sich -eines anderen Ichs zu erfreuen meinten; er selbst sei ganz gewiß, -keines zu haben, und glaube annehmen zu dürfen, daß es auch von den -übrigen Menschen (von jenen paar Käuzen natürlich werde er sich wohl -hüten, zu reden) gelte, daß sie nichts seien als Bündel. So drückt -sich der Weltmann aus. Im nächsten Kapitel wird sich zeigen, wie seine -Ironie auf ihn selbst zurückfällt. Daß sie so berühmt wurde, liegt an -der allgemeinen Überschätzung Humes, an der _Kant_ die Schuld trägt. -Hume war ein ausgezeichneter empirischer Psychologe, aber er ist -keineswegs ein Genie zu nennen, wie das meistens geschieht; es gehört -zwar nicht eben viel dazu, der größte englische Philosoph zu sein, aber -Hume hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten Anspruch. Und wenn -Kant (trotz den »Paralogismen«) den _Spinozismus_ a limine deswegen -zurückgewiesen hat, weil nach diesem die Menschen nicht Substanzen, -sondern bloße Accidenzen sind, und ihn mit jener seiner »ungereimten« -Grundidee schon für erledigt ansah -- so möchte ich wenigstens nicht -dafür einstehen, ob er sein Lob des Engländers nicht beträchtlich -gedämpft hätte, wäre ihm auch der »Treatise« desselben bekannt gewesen -und nicht bloß der spätere »Inquiry«, in welchen, wie man weiß, Hume -seine Kritik des Ichs nicht aufgenommen hat. - -_Lichtenberg_, der nach Hume gegen das Ich zu Felde zog, war schon -kühner als dieser. Er ist der Philosoph der Unpersönlichkeit -und korrigiert nüchtern das _sprachliche_ »Ich denke« durch ein -sachliches »es denkt«; so ist ihm das Ich eigentlich eine Erfindung -der _Grammatiker_. Hierin war ihm übrigens Hume doch insofern -vorangegangen, als auch er am Schlusse seiner Auseinandersetzungen -allen Hader um die Identität der Person für einen bloßen Wortstreit -erklärt hatte. - -In jüngster Zeit hat E. _Mach_ das Weltall als eine zusammenhängende -Masse aufgefaßt und die Ichs als Punkte, in denen die zusammenhängende -Masse stärkere Konsistenz habe. Das einzig Reale seien die -Empfindungen, die im einen Individuum untereinander stark, mit jenen -eines anderen aber, welches man _darum_ vom ersten unterscheide, -schwächer zusammenhingen. Der Inhalt sei die Hauptsache und bleibe -stets auch in anderen erhalten bis auf die wertlosen (!) persönlichen -Erinnerungen. Das Ich sei keine reale, nur eine praktische Einheit, -_unrettbar_, darum könne man auf individuelle Unsterblichkeit (gerne) -verzichten; doch sei es nichts Tadelnswertes, hie und da, besonders zu -Zwecken des _Darwin_schen Kampfes ums Dasein, sich so zu benehmen, als -ob man ein Ich besäße. - -Es ist wunderlich, wie ein Forscher, der nicht nur als Historiker -seiner Spezialwissenschaft und Kritiker ihrer Begriffe so -Ungewöhnliches geleistet hat wie _Mach_, sondern auch in biologischen -Dingen überaus kenntnisreich ist und auf die Lehre von diesen vielfach, -direkt und indirekt, anregend gewirkt hat, gar nicht auf die Tatsache -Rücksicht nimmt, daß alle organischen Wesen zunächst _unteilbar_, also -doch irgendwie Atome, Monaden sind (vgl. Teil I, Kap. 3, S. 48). Das -ist ja doch der erste Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebtem, -daß jenes _immer_ differenziert ist zu ungleichartigen, aufeinander -angewiesenen Teilen, während selbst der geformte Kristall durchaus -gleichgeartet ist. Darum sollte man doch, wenigstens als Eventualität, -die Möglichkeit in Betracht ziehen, ob nicht allein aus der -Individuation, der Tatsache, daß die organischen Wesen im allgemeinen -nicht zusammenhängen wie die siamesischen Zwillinge, auch etwas für -das Psychische sich ergibt, _mehr_ Psychisches zu erwarten ist als das -_Mach_sche Ich, dieser bloße _Wartesaal_ für Empfindungen. - -Es ist zu glauben, daß solch ein psychisches Korrelat schon bei den -Tieren existiert. Alles, was ein Tier fühlt und empfindet, hat wohl bei -jedem Individuum eine verschiedene Note oder Färbung, die nicht nur die -seiner Klasse, Gattung und Art, seiner Rasse und Familie eigentümliche -ist, sondern in jedem einzelnen Wesen sich von der in jedem anderen -unterscheidet. Das Idioplasma ist das physiologische Äquivalent zu -dieser _Spezifität_ aller Empfindungen und Gefühle jedes besonderen -Tieres, und es sind analoge Gründe wie die Gründe der Idioplasmatheorie -(vgl. Teil I, Kap. 2, S. 20 und Teil II, Kap. 1, S. 102 f.), welche -die Vermutung nahe legen, daß es einen _empirischen Charakter_ auch -bei den Tieren gibt. Der Jäger, der mit Hunden, der Züchter, der mit -Pferden, der Wärter, der mit Affen zu tun hat, wird die Singularität -nicht nur, sondern auch die Konstanz im Verhalten jedes einzelnen -Tieres bestätigen. Also jedenfalls ist schon hier ein über das bloße -Rendezvous der »Elemente« Hinausgehendes ungemein _wahrscheinlich_. - -Wenn nun auch dieses psychische Korrelat zum Idioplasma existiert, -wenn sicherlich selbst die Tiere eine Eigenart haben, so hat diese -doch immer noch mit dem intelligiblen Charakter nichts zu tun, den -wir bei keinem lebenden Wesen vorauszusetzen einen Grund haben, -als beim Menschen. Es verhält sich der intelligible Charakter des -Menschen, die _Individualität_, zum empirischen Charakter, der bloßen -_Individuation_, wie das Gedächtnis zum einfachen unmittelbaren -Wiedererkennen. Die Gründe aber, aus denen beim Menschen die Existenz -eines solchen noumenalen, transempirischen Subjektes erschlossen werden -darf, müssen nun in Kürze dargelegt werden. Sie ergeben sich aus der -Logik und der Ethik. - -In der Logik handelt es sich um die wahre Bedeutung des Prinzipes -der Identität (und des Widerspruches; die vielen Kontroversen über -deren Vorrang vor einander und die richtigste Form ihres Ausdruckes -kommen hier wenig in Betracht). _Der Satz A = A ist unmittelbar gewiß -und evident._ Er ist zugleich das Urmaß der Wahrheit für alle anderen -Sätze; wenn ihm irgendwo einer widerspräche, so oft in einem speziellen -Urteil der Prädikatsbegriff von einem Subjekte etwas aussagte, das dem -Begriffe desselben widerspräche, würden wir es für falsch halten; und -als Gesetz unseres Richtspruches würde sich uns, wenn wir nachsinnen, -zuletzt dieser Satz ergeben. Er ist das Prinzip von wahr und falsch; -und wer ihn für eine Tautologie erachtet, die nichts besage und unser -Denken nicht fördere, wie dies so oft geschehen ist, von _Hegel_ -und später von fast allen _Empiristen_ -- es ist dies nicht der -einzige Berührungspunkt zwischen den scheinbar so unversöhnlichen -Gegensätzen -- der hat ganz recht, aber die Natur des Satzes schlecht -verstanden. A = A, das _Prinzip aller_ Wahrheit, kann nicht selbst -eine _spezielle_ Wahrheit sein. Wer den Satz der Identität oder des -Widerspruches inhaltsleer findet, hat es sich selbst zuzuschreiben. -Er glaubte in ihnen besondere Gedanken zu finden, was er hoffte, war -eine Bereicherung seines Fonds an positiven Kenntnissen. Aber jene -Sätze sind nicht selbst Erkenntnisse, besondere Denkakte, sondern das -_Maß, das an alle Denkakte angelegt wird. Dieses kann nicht selbst ein -Denkakt sein, der mit den anderen sich irgend vergleichen ließe. Die -Norm des Denkens kann nicht im Denken selbst gelegen sein._ Der Satz -von der Identität fügt unserem Wissen nichts hinzu, er vermehrt nicht -einen Reichtum, den er vielmehr gänzlich erst _begründet_. _Der Satz -von der Identität ist entweder nichts, oder er ist alles._ - -Worauf bezieht sich der Satz der Identität und der Satz des -Widerspruches? Man meint gewöhnlich: auf Urteile. _Sigwart_ z. B., der -gar den letzteren nur so formuliert: »Die beiden Urteile, A ist B, -und A ist nicht B, können nicht zugleich wahr sein«, behauptet, das -Urteil: »Ein ungelehrter Mensch ist gelehrt« involviere deshalb einen -Widerspruch, »weil das Prädikat gelehrt einem Subjekte zugesprochen -wird, von welchem durch das Urteil, das implicite in seiner Bezeichnung -mit dem Subjektsworte ‚ungelehrter Mensch’ liegt, behauptet war, es -sei nicht gelehrt; es läßt sich also zurückführen auf die zwei Urteile -X ist gelehrt und X ist nicht gelehrt« etc. Der Psychologismus dieser -Beweisführung springt ins Auge. Sie rekurriert auf ein _zeitlich_ der -Bildung des Begriffes von einem ungelehrten Menschen vorhergehendes -Urteil. Der obige Satz aber, A ist nicht non-A, beansprucht Gültigkeit, -ganz einerlei, ob es überhaupt andere Urteile gibt, gegeben hat -oder geben wird. Er bezieht sich auf den _Begriff_ des ungelehrten -Menschen. Diesen Begriff _sichert_ er durch Ausschließung aller ihm -widersprechenden Merkmale. - -_Hierin_ liegt die wahre Funktion der Sätze vom Widerspruch und von der -Identität. _Sie sind konstitutiv für die Begrifflichkeit._ - -Freilich geht diese Funktion bloß auf den logischen Begriff, nicht -auf das, was man den »psychologischen Begriff« genannt hat. Zwar -ist der Begriff _psychologisch_ stets durch eine anschauliche -Allgemeinvorstellung vertreten; dieser Vorstellung immaniert jedoch in -einer gewissen Weise das Moment der Begrifflichkeit. Die psychologisch -den Begriff repräsentierende Allgemeinvorstellung, an der sich das -begriffliche Denken beim Menschen vollzieht, ist nicht dasselbe wie -der Begriff. Sie kann z. B. reicher sein (im Falle ich ein Triangel -denke); oder sie kann auch ärmer sein (im Begriffe des Löwen ist -mehr enthalten, als in meiner Anschauung desselben, während es beim -Dreieck umgekehrt ergeht). Der logische Begriff ist die Richtschnur, -welcher die Aufmerksamkeit folgt, wenn sie aus der einen Begriff beim -Individuum repräsentierenden _Vorstellung_ nur gewisse Momente, _eben -die durch den Begriff angezeigten_, heraushebt er ist das Ziel und -der Wunsch des psychologischen Begriffes, der Polarstern, zu dem die -Aufmerksamkeit emporblickt, wenn sie sein konkretes Surrogat erzeugt: -_er ist das Gesetz ihrer Wahl_. - -Gewiß gibt es kein Denken, das nur rein logisch und nicht psychologisch -vor sich ginge: _denn das wäre ja $das$ Wunder_. Rein logisch denkt -ihrem Begriffe nach die Gottheit, der Mensch muß immer zugleich -psychologisch denken, da er nicht nur Vernunft, sondern auch -Sinnlichkeit besitzt, und sein Denken wohl auf logische, d. h. -zeitlose Ergebnisse abzweckt, aber psychologisch _in_ der Zeit vor -sich geht. Die Logizität ist aber der erhabene Maßstab, der an die -psychologischen Denkakte des Individuums von ihm selbst wie von anderen -angelegt wird. Wenn zwei Menschen über etwas diskutieren, so sprechen -sie vom Begriffe, nicht von den bei jedem verschiedenen individuellen -Vorstellungen, die ihn hier und dort vertreten: _der Begriff ist -so ein Wert, an dem die Individualvorstellung gemessen wird_. Wie -_psychologisch_ die Allgemeinvorstellung entsteht, hat darum mit -der Natur des Begriffes _gar nichts_ zu tun, und ist für diese von -keinerlei Bedeutung. Den Charakter der Logizität, der dem Begriff seine -_Würde_ und seine _Strenge_ verleiht, hat er nicht aus der Erfahrung, -welche stets nur schwankende Gestalten zeigt, und höchstens vage -Gesamtvorstellungen erzeugen könnte. _Absolute Konstanz_ und _absolute -Eindeutigkeit_, die nicht aus der Erfahrung entstammen _können_, sind -das Wesen der _Begrifflichkeit_, jener »verborgenen Kunst in den Tiefen -der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich -jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen legen werden«, wie die -»Kritik der reinen Vernunft« sich ausdrückt. Jene absolute Konstanz und -Eindeutigkeit bezieht sich nicht auf metaphysische Entitäten: die Dinge -sind nicht so weit real, als sie am Begriffe Anteil haben, sondern ihre -Qualitäten sind logisch nur so weit ihre Qualitäten, als sie im Inhalte -des Begriffes liegen. _Der Begriff ist die Norm der Essenz, nicht der -Existenz._ - -Daß ich von einem kreisförmigen Dinge aussagen könne, es sei gekrümmt, -hiezu liegt meine logische Berechtigung im Begriffe des Kreises, -welcher die Krümmung als Merkmal enthält. Den Begriff aber als die -Essenz selbst, als das »Wesen« zu definieren, ist schlecht: »Wesen« ist -hier entweder ein psychologisches Abgehobensein oder ein metaphysisches -Ding. Und den Begriff mit seiner Definition gleichzusetzen, verbietet -die Natur der Definition, die stets nur auf den Inhalt, nicht auf -den Umfang des Begriffes sich bezieht, d. h. nur den _Wortlaut_, -nicht den _Kompetenzkreis_ jener _Norm_ angibt, welche das Wesen der -Begrifflichkeit ausmacht. Der Begriff als Norm, als Norm der Essenz -kann auch nicht selbst Essenz sein; die Norm muß etwas anderes sein, -und da sie nicht Essenz ist, so kann sie -- ein drittes gibt es nicht --- nur _Existenz_ sein, und zwar nicht eine Existenz, die das Sein -von Objekten, sondern eine Existenz, die das _Sein_ einer _Funktion_ -enthüllt. - -Nun ist aber bei jeder gedanklichen Streitfrage zwischen Menschen, -wenn schließlich in letzter Instanz an die Definition appelliert wird, -dann eben nichts anderes die _Norm der Essenz_ als die Sätze A = A -oder A ≠ non-A. Die Begrifflichkeit, _Konstanz_ wie _Eindeutigkeit_, -wird dem Begriffe durch den Satz A = A und durch nichts anderes. Und -zwar verteilen sich die Rollen der logischen Axiome hier derart, daß -durch das principium identitatis die dauernde Unverrückbarkeit und -Insichgeschlossenheit des Begriffes _selbst_ verbürgt wird, indes das -principium contradictionis ihn eindeutig gegen alle _anderen_ möglichen -Begriffe abgrenzt. _Hiemit ist, zum ersten Male, erwiesen, daß die -begriffliche Funktion ausgedrückt werden kann durch die beiden obersten -logischen Axiome, und selbst nichts anderes ist als diese._ Der Satz -A = A (und A ≠ non-A) ermöglicht also erst jedweden Begriff, er ist der -_Nerv_ der begrifflichen Natur oder Begrifflichkeit des Begriffes. - -Wenn ich endlich den Satz selbst, A = A, ausspreche, so ist offenbar -der Sinn dieses Satzes nicht, daß ein _spezielles_ A, das _ist_, ja -nicht einmal, daß _jedes_ besondere A _wirklicher_ Erfahrung oder -_wirklichen_ Denkens sich selbst gleich sei. Das Urteil der Identität -ist _unabhängig_ davon, _ob überhaupt ein A existiert_, d. h. natürlich -wieder keineswegs, daß der Satz nicht von jemand Existierendem müsse -gedacht werden; _aber er ist unabhängig davon $gedacht$, $ob$ etwas, -$ob$ jemand existiert_. Er bedeutet: wenn es ein A gibt (es mag eines -geben oder nicht, _auch_ wenn es vielleicht gar keines gibt), so gilt -jedenfalls A = A. Hiemit ist nun unwiderruflich eine Position gegeben, -ein _Sein_ gesetzt, nämlich das Sein A = A, trotzdem es hypothetisch -bleibt, ob A selbst überhaupt _ist_. Der Satz A = A behauptet also, -daß etwas _existiert_, und diese Existenz ist eben jene gesuchte -Norm der Essenz. Aus der Empirie, aus wenigen oder noch so vielen -_Erlebnissen_ kann er nicht stammen, wie _Mill_ glaubte; denn er ist -eben ganz unabhängig von der Erfahrung, er gilt sicher, ob diese ein A -ihm zeigen werde oder nicht. Er ist von keinem Menschen noch geleugnet -worden und könnte es auch nicht werden, da die Leugnung ihn selbst -wieder voraussetzte, wenn sie _etwas_, ein _Bestimmtes_ leugnen wollte. -_Da nun der Satz ein Sein behauptet, ohne von der Existenz von Objekten -sich abhängig zu machen, oder über solche Existenz etwas auszusagen, -so kann er nur ein von allem Sein wirklicher und möglicher Objekte -verschiedenes Sein, das ist also das $Sein$ dessen ausdrücken, was -seinem Begriffe nach nie Objekt werden kann[27]; er wird durch seine -Evidenz also die Existenz des Subjektes offenbaren; und zwar liegt -dieses im Satz der Identität ausgesprochene Sein nicht im ersten und -nicht im zweiten A, sondern im identischen Gleichheitszeichen A ≡ A. -Dieser Satz also ist identisch mit dem Satze: ich bin._ - -Psychologisch läßt sich diese schwierige Deduktion leichter vermitteln, -wenn auch nicht ersparen. Es ist klar, daß, um A = A sagen, um die -Unveränderlichkeit des Begriffes normierend festsetzen zu können und -sie den stets wechselnden Einzeldingen der Erfahrung gegenüber aufrecht -zu erhalten, ein Unveränderliches bestehen muß, und dies kann nur das -Subjekt sein; wäre ich eingeschaltet in den Kreis der Veränderung, so -könnte ich nicht erkennen, daß ein A sich selbst gleich geblieben ist; -würde ich mich fortwährend ändern und nicht ein Identisches bleiben, -wäre mein Selbst funktionell an die Veränderung geknüpft, so gäbe es -keine Möglichkeit, dieser gegenüberzutreten und sie zu erkennen; es -fehlte das absolute geistige Koordinatensystem, in Beziehung auf das -allein und einzig ein Identisches bestimmt und als solches festgehalten -werden könnte. - -Die Existenz des Subjektes läßt sich nicht _ableiten_, hierin behält -_Kant_ens Kritik der rationalen Psychologie vollkommen recht. Aber es -läßt sich dartun, wo diese Existenz strenge und unzweideutig auch in -der Logik zum Ausdruck gelangt; und man braucht nicht das intelligible -Sein als bloße logische Denk_möglichkeit_ hinzustellen, die uns allein -das moralische Gesetz später völlig zur Gewißheit zu machen geeignet -sei, wie _Kant_ dies tat. _Fichte_ hatte recht, als er in der reinen -Logik ebenfalls die Existenz des Ich verbürgt fand, soweit das Ich mit -dem intelligiblen _Sein_ zusammenfällt. - -Das Prinzip aller Wahrheit sind die logischen Axiome, diese statuieren -ein _Sein_, und nach diesem richtet sich, nach ihm strebt das Erkennen. -Die _Logik_ ist ein Gesetz, dem gehorcht werden soll, und _der Mensch -$ist$ erst dann ganz er selbst, wenn er $ganz$ logisch ist_; ja er -_ist_ nicht, ehe denn er überall und durchaus nur Logik ist. _In der -Erkenntnis findet er sich selbst._ - -Aller Irrtum wird als Schuld empfunden. Daraus ergibt sich, daß der -Mensch nicht irren _mußte_. Er _soll_ die Wahrheit finden; darum _kann_ -er sie finden. Aus der Pflicht zur Erkenntnis folgt ihre Möglichkeit, -folgt die _Freiheit_ des Denkens und die Siegeshoffnung des Erkennens. -In der _Normativität_ der Logik liegt der Beweis, _daß das Denken des -Menschen $frei$ ist_ und sein Ziel erreichen _kann_. - - * * * * * - -Kürzer und anders kann ich mich bezüglich der Ethik fassen, da diese -Untersuchung durchaus auf den Boden der _Kantischen Moralphilosophie_ -sich stellt und auch die letzten logischen Deduktionen und Postulate, -wie man gesehen hat, in einer gewissen Analogie zu jener durchgeführt -wurden. Das tiefste, das intelligible Wesen des Menschen ist eben das, -was der Kausalität nicht untersteht, und wählt in Freiheit das Gute -oder das Böse. Dies wird ganz in der gleichen Weise kundgetan, durch -das Schuldbewußtsein, durch die _Reue_. Niemand hat noch vermocht, -diese Tatsachen anders zu erklären; und niemand läßt es sich einreden, -daß er diese oder jene Tat hat begehen _müssen_. Im Sollen liegt -auch hier der Zeuge für das Können. Der kausalen Bestimmungsgründe, -der niederen Motive, die ihn hinabgezogen haben, kann der Mensch -sich vollkommen bewußt sein, und er wird doch, _ja gerade dann am -gewissesten_, die Zurechnung an sein intelligibles Ich als ein freies, -das anders hätte handeln _können_, vollziehen. - -_Wahrheit, Reinheit, Treue, Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber_: -das ist die einzig denkbare Ethik. Es gibt nur Pflichten gegen sich, -Pflichten des empirischen gegen das intelligible Ich, welche in der -Form jener zwei Imperative auftreten, an denen aller Psychologismus -immer zu Schanden wird: in der Form der logischen und der moralischen -Gesetzlichkeit. Die normativen Disziplinen, die psychische Tatsache -der inneren Forderung, die viel mehr verlangt, als alle bürgerliche -Gesittung je haben will -- das ist es, was kein Empirismus je wird -ausreichend erklären können. Seinen wahren Gegensatz findet er in einer -kritisch-transscendentalen, nicht in einer metaphysisch-transcendenten -_Methode_, da alle Metaphysik nur hypostasierende Psychologie, -Transcendentalphilosophie aber Logik der Wertungen ist. Aller -Empirismus und Skeptizismus, Positivismus und Relativismus, -aller Psychologismus und alle rein immanente Betrachtungsweise -fühlen instinktiv sehr wohl, daß aus Ethik und Logik ihnen die -Hauptschwierigkeit erwächst. Daher die fortwährend erneuten und immer -vergeblichen Versuche einer empirischen und psychologischen Begründung -dieser Disziplinen; und fast wird nur noch ein Versuch vermißt, das -principium contradictionis experimentell zu prüfen und nachzuweisen. - -Logik und Ethik aber sind im Grunde nur eines und dasselbe -- Pflicht -gegen sich selbst. Sie feiern ihre Vereinigung im höchsten Werte der -Wahrheit, dem dort der Irrtum, hier die Lüge gegenübersteht: die -Wahrheit selbst aber ist nur eine. Alle Ethik ist nur nach den Gesetzen -der Logik möglich, alle Logik ist zugleich ethisches Gesetz. _Nicht -nur Tugend, sondern auch Einsicht, nicht nur Heiligkeit, sondern auch -Weisheit ist Pflicht und Aufgabe des Menschen: erst beide zusammen -begründen $Vollkommenheit$._ - -Aber freilich ist aus der Ethik, deren Sätze Heischesätze sind, nicht -wie aus der Logik ein strenger logischer Beweis für _Existenz_ schon -zu führen. Die Ethik ist nicht im selben Sinne logisches wie die Logik -ethisches Gebot. Die Logik rückt dem Ich seine völlige Verwirklichung -als absolutes Sein vor Augen; die Ethik hingegen gebietet erst diese -Verwirklichung. Die Logik wird von der Ethik aufgenommen und zu ihrem -eigentlichen Inhalte, zu ihrer Forderung gemacht. - -An jener berühmten Stelle der »Kritik der praktischen Vernunft«, -da _Kant_ den Menschen als Glied der intelligiblen Welt einführt -(»Pflicht! Du erhabener, großer Name ....«), wird man also mit Recht -fragen, woher denn Kant wisse, daß das moralische Gesetz von der -Persönlichkeit emaniere? Es könne kein anderer, seiner würdiger, -Ursprung gefunden werden, ist das einzige, was Kant hierauf zur Antwort -gibt. Er begründet es nicht weiter, daß der kategorische Imperativ -das vom Noumenon gegebene Gesetz sei, sie gehören ihm offensichtlich -von Anfang an zusammen. Das aber liegt in der Natur der Ethik. Diese -fordert, daß das intelligible Ich von allen Schlacken des empirischen -frei _wirke_, _und so kann durch die Ethik dasselbe Sein erst in -seiner Reinheit gänzlich verwirklicht werden_, welches _die Logik -verheißungsvoll in der Form eines doch irgendwie bereits Gegenwärtigen -uns verkündet_. - -Aber was für _Kant_ die _Monaden-_, die _Seelenlehre_ im _Gemüte_ -bedeutete, wie er an ihr als einzigem Gute von je festhielt, und mit -seiner Theorie vom »intelligiblen Charakter«, den man so oft als -eine neue Entdeckung oder Erfindung, als ein _Auskunftsmittel_ der -Kantischen Philosophie mißversteht, nur das an ihr wissenschaftlich -Haltbare festlegen wollte: dies ist aus jener Unterlassung deutlich zu -entnehmen. - -Es gibt _Pflicht_ nur gegen sich selbst; des muß Kant schon in -frühester Jugend (vielleicht nachdem er einmal den Impuls zur Lüge -verspürt hatte) sicher geworden sein. - -Wenn von der _Herakles-Sage_, von einigen Stellen _Nietzsches_ und -eher noch _Stirners_, aus denen man Kant-Verwandtes herauslesen kann, -abgesehen wird, so hat das Prinzip der Kantischen Ethik bloß _Ibsen_ -(im »Brand« und »Peer Gynt«) beinahe selbständig gefunden. Gelegentlich -sind Äußerungen, wie _Hebbels_ Epigramm »Lüge und Wahrheit«: - - »Was Du teurer bezahlst, die Lüge oder die Wahrheit? - Jene kostet Dein Ich, diese doch höchstens Dein Glück.« - -oder _Suleikas_ weltbekannte Worte aus dem »Westöstlichen Diwan«: - - »Volk und Knecht und Überwinder, - Sie gesteh'n zu jeder Zeit: - Höchstes Glück der Erdenkinder - Sei nur die Persönlichkeit. - - Jedes Leben sei zu führen, - Wenn man sich nicht selbst vermißt; - Alles könne man verlieren, - Wenn man bleibe, was man ist.« - -Sicher ist es wahr, daß die meisten Menschen irgendwie Jehovah -brauchen. Die wenigsten -- es sind die genialen Menschen -- leben gar -nicht _heteronom_. Die anderen rechtfertigen ihr Tun und Lassen, ihr -Denken und Sein mindestens in Gedanken auch immer vor jemand _anderem_, -sei es ein persönlicher Judengott, oder ein geliebter, geachteter, -gefürchteter Mensch. Nur _so_ handeln sie in formeller äußerer -Übereinstimmung mit dem Sittengesetz. - -_Kant_ war, wie dies aus seiner ganzen, sich selbst gesetzten, bis ins -einzelnste unabhängigen Lebensführung hervorleuchtet, so durchdrungen -von seiner Überzeugung, daß der Mensch nur sich selbst verantwortlich -ist, daß er diesen Punkt seiner Lehre als den selbstverständlichsten, -Anfechtungen am wenigsten ausgesetzten, betrachtete. Und doch hat -gerade hier das Schweigen Kantens dazu beigetragen, daß seine Ethik, -_die einzige gerade introspektiv-psychologisch haltbare_, die einzige, -welche die harte und strenge innere Stimme des Einen nicht durch den -Lärm der Vielen undeutlich zu machen sucht, daß diese Ethik tatsächlich -so wenig _verstanden_ worden ist. - -Auch für _Kant_ hat es, darauf läßt eine Stelle in seiner -»Anthropologie« schließen, in seinem irdischen Leben einen Zustand -gegeben, welcher der »Begründung eines Charakters« vorherging. Aber der -Augenblick, in dem es ihm zu furchtbar strahlender Klarheit gelangte: -ich habe nur mir selbst Rechenschaft abzulegen, muß niemand anderem -dienen, kann nicht in Arbeit mich vergessen; ich steh' _allein_, bin -_frei_, bin _mein Herr_: dieser Moment bezeichnet die Geburt der -Kantischen Ethik, des heroischesten Aktes der Weltgeschichte. - -»Zwey Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender -Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken -damit beschäftigt: _Der bestirnte Himmel über mir und das moralische -Gesetz in mir._ Beides darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt -oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und -bloß vermuthen; ich sehe sie _vor_ mir, und verknüpfe sie unmittelbar -mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem Platze -an, den ich in der äußeren Sinnenwelt einnehme, und erweitert die -Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Große mit Welten über -Welten und Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten -ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite -fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und -stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur -dem Verstande spürbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich -mit allen jenen sichtbaren Welten) ich mich, nicht wie dort, in bloß -zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne. -Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam -meine Wichtigkeit, als eines _thierischen Geschöpfs_, das die Materie, -daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punct im Weltall) wieder -zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit (man weiß, nicht wie) mit -Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meinen Wert, -als einer _Intelligenz_, unendlich, durch meine Persönlichkeit, in -welcher das moralische Gesetz mir ein von der Thierheit und selbst -von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens -so viel sich aus der zweckmäßigen Bestimmung meines Daseins durch -dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens -eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, abnehmen läßt.« - -So verstehen wir jetzt, nach diesem Beschlusse, diese »Kritik der -praktischen Vernunft«. Der Mensch ist _allein_ im Weltall, in ewiger, -ungeheuerer _Einsamkeit_. - -Er hat keinen Zweck außer sich, nichts anderes, wofür er lebt -- weit -ist er fortgeflogen über Sklave-sein-wollen, Sklave-sein-können, -Sklave-sein-müssen: tief unter ihm verschwunden alle menschliche -Gesellschaft, versunken die _Sozial_-Ethik; er ist allein, $allein$. - -Aber er ist nun eben erst _einer_ und _alles_; und darum hat er auch -ein _Gesetz_ in sich, darum _ist_ er selbst alles Gesetz, und keine -springende Willkür. Und er verlangt _von sich_, daß er dieses Gesetz -_in_ sich, das Gesetz seines Selbst, befolge, daß er _nur_ Gesetz -sei, ohne Rück-Sicht hinter sich, ohne Vor-Sicht vor sich. Das ist -das Grauenvoll-Große: es hat weiter _keinen Sinn_, daß er der Pflicht -gehorche. Nichts ist ihm, dem Alleinen, _All-Einen_ _über_geordnet. -Doch der unerbittlichen, keine Verhandlung mit sich duldenden, das ist -_kategorischen_ Forderung _in sich_ muß er nachkommen. _Erlösung!_ -ruft er[28], Ruhe, nur schon Ruhe vor dem Feind, Frieden, nicht dies -endlose Ringen -- und _erschrickt_: selbst im Erlöst-sein-wollen war -noch Feigheit, im schmachtenden _Schon!_ noch Desertion, als wäre -er zu klein diesem Kampf. _Wozu!_ fragt er, schreit er hinaus ins -Weltall -- und _errötet_; denn gerade wollte er wieder das _Glück_, -die Anerkennung des Kampfes, den, der ihn belohne, den $anderen$. -_Kant_ens einsamster Mensch lacht nicht und tanzt nicht, er brüllt -nicht und jubelt nicht: er hat es nicht not Lärm zu machen, weil der -Weltraum zu tief schweigt. Nicht die Sinnlosigkeit einer Welt »von -ohngefähr« ist ihm Pflicht, sondern _seine_ Pflicht ist ihm _der -Sinn des Weltalls_. _Ja_ sagen zu $dieser$ Einsamkeit, das ist das -»Dionysische« _Kant_ens; das erst ist Sittlichkeit. - - - - -VIII. Kapitel. - -Ich-Problem und Genialität. - - »Im Anfang war diese Welt - allein der Âtman, in - Gestalt eines Menschen. - Der blickte um sich: da - sah er nichts anderes als - sich selbst. Da rief er - zu Anfang aus: ‚Das bin - ich!’ Daraus entstand - der Name Ich. -- Daher - auch heutzutage, wenn - einer angerufen wird, so - sagt er zuerst: ‚Das bin - ich’ und dann erst nennt - er den anderen Namen, - welchen er trägt.« - - (Bṛihadâraṇyaka-Upanishad.) - - -Viele Prinzipienstreitigkeiten in der Psychologie beruhen auf -den individuellen charakterologischen Differenzen zwischen den -Dissentierenden. Der Charakterologie könnte damit, wie bereits erwähnt, -eine wichtige Rolle zufallen: während der eine dies, der andere jenes -in sich vorzufinden behauptet, hätte sie zu lehren, _warum_ die -Selbstbeobachtung des einen anders ausfällt als die des zweiten; oder -wenigstens zu zeigen, durch was alles die in Rede stehenden Personen -_noch_ sich unterscheiden. In der Tat sehe ich keinen anderen Weg, -gerade in den umstrittensten psychologischen Dingen ins Reine zu -kommen. Die Psychologie ist eine Erfahrungswissenschaft, und darum -geht nicht wie in den überindividuellen Normwissenschaften der Logik -und Ethik das Allgemeine dem Besonderen in ihr vorher, sondern es muß -umgekehrt vom individuellen Einzelmenschen ausgegangen werden. Es gibt -keine empirische Allgemeinpsychologie; und es war ein Fehler, eine -solche ohne _gleichzeitigen_ Betrieb differentieller Psychologie in -Angriff zu nehmen. - -Schuld an dem Jammer ist die Doppelstellung der Psychologie -zwischen Philosophie und Empfindungsanalyse. Von welcher der beiden -die Psychologen kamen, stets traten sie mit dem Anspruch auf -Allgemeingültigkeit der Ergebnisse auf. Aber vielleicht sind nicht -einmal so fundamentale Fragen, wie diese, ob es einen tätigen _Akt_ -der Wahrnehmung, eine _Spontaneität_ des Bewußtseins schon in der -Empfindung gebe oder nicht, ohne charakterologische Unterscheidungen -gänzlich ins Reine zu bringen. - -Einen kleinen Teil solcher Amphibolien durch Charakterologie -aufzulösen ist, in Hinsicht auf die Psychologie der Geschlechter, -eine Hauptaufgabe dieser Arbeit. Die verschiedenen Behandlungen des -Ich-Problems hingegen resultieren nicht sowohl aus den psychologischen -Differenzen der Geschlechter, sondern zunächst, wenn auch nicht -ausschließlich[29], aus den individuellen Unterschieden in der -_Begabung_. - -Gerade die Entscheidung zwischen _Hume_ und _Kant_ ist auch -_charakterologisch_ möglich, insoferne etwa, als ich zwischen zwei -Menschen entscheiden kann, von denen dem einen die Werke des _Makart_ -und _Gounod_, dem anderen die _Rembrandts_ und _Beethovens_ das Höchste -sind. Ich werde solche Menschen nämlich zunächst _unter_scheiden nach -ihrer Begabung. Und so ist es auch in diesem Falle statthaft, ja -notwendig, die Urteile über das Ich, wenn sie von zwei sehr verschieden -hoch veranlagten Menschen ausgehen, nicht ganz gleich zu werten. _Es -gibt keinen wahrhaft bedeutenden Menschen, der nicht von der Existenz -des Ich überzeugt wäre_; ein Mensch, der das Ich leugnet, kann nie ein -bedeutender Mensch sein.[30] - -Diese These wird sich im Laufe des nun Folgenden als eine Behauptung -von zwingender Notwendigkeit herausstellen, und auch für die in ihr -gelegene Höherwertung der Urteile des Genius eine Begründung gesucht -und gefunden werden. - -Es gibt nämlich keinen bedeutenden Menschen und kann keinen geben, für -den nicht im Laufe seines Lebens, im allgemeinen je bedeutender er -ist, desto früher (vgl. Kapitel 5), ein Moment käme, in welchem er die -völlige Sicherheit gewinnt, ein Ich im höheren Sinne zu besitzen.[31] -Man vergleiche folgende Äußerungen dreier sehr verschiedener Menschen -und überaus genialer Naturen. - -_Jean Paul_ erzählt in seiner autobiographischen Skizze »Wahrheit aus -meinem Leben«: - -»Nie vergess' ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in -mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich -Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr -junges Kind unter der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als -auf einmal das innere Gesicht: ich bin ein Ich! wie ein Blitzstrahl -vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb -- da -hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig. -Täuschungen des Erinnerns sind hier schwerlich gedenkbar, da kein -fremdes Erzählen sich in eine bloß im verhangenen Allerheiligsten des -Menschen vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltäglichen -Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen mengen konnte.« - -Und offenbar meint ganz das nämliche Erlebnis _Novalis_, der in seinen -»Fragmenten vermischten Inhalts« bemerkt: - -»Darthun läßt sich dieses Factum nicht, jeder muß es selbst erfahren. -Es ist ein Factum höherer Art, _das nur der höhere Mensch antreffen -wird_; die Menschen aber sollen streben, es in sich zu veranlassen. -Philosophieren ist eine Selbstbesprechung obiger Art, eine eigentliche -Selbstoffenbarung, Erregung des wirklichen Ich durch das idealische -Ich. Philosophieren ist der Grund aller anderen Offenbarungen; der -Entschluß zu philosophieren ist eine Aufforderung an das wirkliche -Ich, daß es sich besinnen, erwachen und Geyst sein solle.« - -_Schelling_ bespricht im achten seiner »Philosophischen Briefe über -Dogmatismus und Kritizismus«, einem wenig bekannten Jugendwerk, -_dasselbe_ Phänomen mit folgenden tiefen und schönen Worten: »Uns -allen ... wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem -Wechsel der Zeit in unser Innerstes, von allem, was von außenher -hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der -Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen. _Diese Anschauung ist -die innerste, eigenste Erfahrung, von welcher alles, alles abhängt, -was wir von einer übersinnlichen Welt wissen und glauben. Diese -Anschauung zuerst überzeugt uns, daß irgend etwas im eigentlichen Sinne -$ist$, während alles übrige nur $erscheint$, worauf wir jenes Wort -übertragen._ Sie unterscheidet sich von jeder sinnlichen Anschauung -dadurch, daß sie nur durch _Freiheit_ hervorgebracht und jedem anderen -fremd und unbekannt ist, dessen Freiheit, von der hervordringenden -Macht der Objekte überwältigt, kaum zur Hervorbringung des Bewußtseins -hinreicht. Doch gibt es auch für diejenigen, die diese Freiheit -der Selbstanschauung nicht besitzen, wenigstens Annäherung zu ihr, -mittelbare Erfahrungen, durch welche sie ihr Dasein ahnen läßt. Es gibt -einen gewissen Tiefsinn, dessen man sich selbst nicht bewußt ist, den -man vergebens sich zu entwickeln strebt. _Jakobi_ hat ihn beschrieben -..... Diese intellektuale Anschauung tritt dann ein, wo wir für uns -selbst aufhören, _Objekt_ zu sein, wo, in sich selbst zurückgezogen, -das anschauende Selbst mit dem angeschauten identisch ist. _In diesem -Moment der Anschauung schwindet für uns Zeit und Dauer dahin: nicht -$wir$ sind in der Zeit, sondern die Zeit -- oder vielmehr nicht sie, -sondern die reine absolute Ewigkeit ist $in uns$._ Nicht wir sind -in der Anschauung der objektiven Welt, sondern sie ist in unserer -Anschauung verloren.« - -Es wird der Immanente, der Positivist, vielleicht nur lächeln über -den betrogenen Betrüger, den Philosophen, der solche Erlebnisse zu -haben vorgibt. Nun, dagegen läßt sich nicht leicht etwas tun. Ist auch -überflüssig. Doch bin ich keineswegs der Meinung, daß jenes »Faktum -hoher Art« sich bei _allen_ genialen Menschen in jener mystischen -Form eines Eins-Werdens von Subjekt und Objekt, eines einheitlichen -Erlebens abspiele, wie _Schelling_ dies beschreibt. Ob es ungeteilte -Erlebnisse gibt, in denen der Dualismus schon _während des Lebens_ -überwunden wird, wie dies von _Plotin_ und den indischen _Mahatmas_ -bezeugt ist, oder ob dies nur höchste Intensifikationen des Erlebens -sind, prinzipiell aber gleichartig mit allem anderen -- dies soll uns -hier nicht beschäftigen, das Zusammenfallen von Subjekt und Objekt, -von Zeit und Ewigkeit, das Schauen Gottes durch den lebenden Menschen -weder als möglich behauptet noch als unmöglich in Abrede gestellt -werden. Erkenntnistheoretisch ist mit einem _Erleben_ des eigenen Ich -nichts anzufangen, und noch niemand hat es je für eine _systematische_ -Philosophie zu verwerten gesucht. Ich will daher jenes Faktum -»höherer Art«, das sich bei einem Menschen so, beim anderen anders -vollzieht, nicht _Erlebnis_ des eigenen Ich nennen, sondern nur als das -_Ich-Ereignis_ bezeichnen. - -Das Ich-Ereignis kennt jeder bedeutende Mensch. Ob er nun in der -Liebe zu einem Weibe erst sein Ich finde und sich seines Selbst -bewußt werde[32] -- denn der bedeutende Mensch liebt intensiver als -der unbedeutende -- oder ob er durch ein Schuldbewußtsein, wieder -vermöge eines Kontrastes, zum Gefühle seines höheren echten Wesens -gelange, dem er in der bereuten Handlung untreu wurde -- denn auch -das Schuldbewußtsein ist im bedeutenden Menschen heftiger und -differenzierter als im unbedeutenden; ob ihn das Ich-Ereignis zum -Eins-Werden mit dem All, zum Schauen aller Dinge in Gott führe, -oder ihm vielmehr den furchtbaren Dualismus zwischen Natur und -Geist im Weltall offenbare, und in ihm das Erlösungsbedürfnis, das -Bedürfnis nach dem _inneren_ Wunder, wachrufe: immer und ewig ist -mit dem Ich-Ereignis zugleich der Kern einer _Weltanschauung_, ganz -von selbst, ohne Zutun des denkenden Menschen, bereits _gegeben_. -Weltanschauung ist nicht die große Synthese, die am jüngsten Tage der -Wissenschaft von irgend einem besonders fleißigen Mann, der durch alle -Fächer der Reihe nach sich hindurchgearbeitet hat, vor dem Schreibtisch -inmitten einer großen Bibliothek vollzogen wird, Weltanschauung -ist etwas Erlebtes, und sie kann _als Ganzes klar und unzweideutig -sein_, wenn auch im einzelnen noch so vieles vorderhand in Dunkelheit -und Widerspruch verharrt. Das Ich-Ereignis aber ist Wurzel aller -Weltanschauung, d. h. aller _Anschauung_ der _Welt_ als _ganzer_, und -zwar für den Künstler nicht minder als für den Philosophen. Und so -radikal sonst die Weltanschauungen voneinander differieren, eines wohnt -ihnen allen, soweit sie den Namen einer Weltanschauung verdienen[33], -gemeinsam inne; es ist eben das, was durchs Ich-Ereignis vermittelt -wird, der Glaube, _den jeder bedeutende Mensch besitzt: die Überzeugung -von der Existenz eines Ich oder einer Seele_, die im Weltall einsam -ist, dem ganzen Weltall gegenübersteht, die ganze _Welt anschaut_. - -Vom Ich-Ereignis an gerechnet wird der bedeutende Mensch im allgemeinen --- Unterbrechungen, vom fürchterlichsten der Gefühle, vom Gefühle des -_Gestorbenseins_, ausgefüllt, mögen wohl häufig vorkommen -- _mit -Seele_ leben. - -Aus diesem Grunde, und nicht allein aus hochgestimmtem Hinblick auf -eben Geschaffenes schreibt es, wie ich an dieser Stelle beifügen -will, sich her, daß bedeutende Menschen immer, in jedem Sinne, auch -das größte Selbstbewußtsein haben werden. Nichts ist so gefehlt, als -von der »Bescheidenheit« großer Männer zu reden, die gar nicht gewußt -hätten, was in ihnen stecke. Es gibt keinen bedeutenden Menschen, -der nicht wüßte, wie sehr er sich von den anderen unterscheidet (mit -Ausnahme der Depressionsperioden, welchen gegenüber sogar der in -besseren Zeiten gefaßte Vorsatz, von nun ab etwas von sich zu halten, -fruchtlos bleiben mag), keinen, der sich nicht für einen bedeutenden -Menschen hielte, sobald er einmal etwas _geschaffen_ hat -- allerdings -auch keinen, dessen Eitelkeit oder Ruhmsucht so gering wäre, daß er -sich nicht noch stets überschätzte. _Schopenhauer_ hat sich für viel -größer gehalten als _Kant_. Wenn _Nietzsche_ seinen Zarathustra für -das tiefste Buch der Welt erklärt, so spielt außerdem wohl noch die -Enttäuschung durch die schweigenden Zeitungsschreiber und das Bedürfnis -diese zu reizen mit -- allerdings auch keine sehr vornehmen Motive. - -Aber eines ist allerdings richtig an der Lehre von der Bescheidenheit -bedeutender Menschen: bedeutende Menschen sind nie anmaßend. Anmaßung -und Selbstbewußtsein sind wohl die zwei entgegengesetztesten Dinge, -die es geben kann, und sollten nicht, wie es meistens geschieht, -eins für das andere gesetzt werden. Ein Mensch hat immer so viel -Arroganz, als ihm Selbstbewußtsein fehlt. Anmaßung ist sicherlich -nur ein Mittel, durch künstliche Erniedrigung des Nebenmenschen das -Selbstbewußtsein gewaltsam zu steigern, ja so erst zum Bewußtsein eines -Selbst zu kommen. Natürlich gilt das von der unbewußten, sozusagen -physiologischen Arroganz; zu beabsichtigter Grobheit verächtlichen -Subjekten gegenüber mag wohl auch ein hochstehender Mensch der eigenen -Würde halber hie und da sich verhalten müssen. - -Die feste, vollkommene, des _Beweises_ für ihre Person nicht eigentlich -bedürftige Überzeugung, daß sie eine Seele besitzen, ist also allen -genialen Menschen gemeinsam. Man sollte die lächerliche Besorgnis -doch endlich ablegen, welche hinter jedem, der von der Seele als -einer hyperempirischen Realität redet, gleich den werbenden Theologen -wittert. Der Glaube an die Seele ist alles eher denn ein Aberglaube, -und kein bloßes Verführungsmittel aller Geistlichkeit. Auch die -Künstler sprechen von ihrer Seele, ohne Philosophie und Theologie -studiert zu haben, selbst die atheistischesten, wie _Shelley_, und -glauben zu wissen, was sie damit meinen. Oder denkt man, daß »Seele« -für sie ein bloßes, leeres, schönes Wort sei, welches sie anderen -nachsprechen, ohne zu fühlen? Daß der große Künstler Bezeichnungen -anwende, ohne über ein Bezeichnetes, in diesem Falle von denkbar -höchster Realität, sich klar zu sein? Der immanente Empirist, der -Nur-Physiolog muß aber all das für nichtssagendes Geschwätz halten, -oder _Lucrez_ für den einzigen großen Dichter. So viel Mißbrauch -sicherlich mit dem Worte getrieben wird: wenn _bedeutende_ Künstler von -ihrer Seele zeugen, so wissen sie wohl, was sie tun. Es gibt für sie -wie für die großen Philosophen ein gewisses _Grenzgefühl_ der höchsten -Wirklichkeit; _Hume_ hat dieses Gefühl sicherlich nicht gekannt. - -Der Wissenschaftler nämlich steht, wie schon hervorgehoben wurde, -und nun bald bewiesen werden soll, _unter_ dem Philosophen und -_unter_ dem Künstler. Diese verdienen das Prädikat des Genies, der -bloße Wissenschaftler niemals. Es heißt jedoch dem Genius vor der -Wissenschaft noch einen weiteren, bisher noch immer unbegründeten -Vorzug einräumen, wenn, wie dies hier geschehen ist, seiner Anschauung -über ein bestimmtes Problem, bloß weil es seine Anschauung ist, mehr -Gewicht beigelegt wird als der Ansicht des Wissenschaftlers. Besteht zu -dieser Bevorzugung ein Recht? Kann der Genius Dinge erkunden, die dem -Mann der Wissenschaft als solchem versagt sind, kann er in eine Tiefe -blicken, welche jener vielleicht nicht einmal bemerkt? - -Genialität schließt, wie sich zeigte, ihrer Idee nach Universalität -ein. Für den ganz und gar genialen Menschen, der eine notwendige -Fiktion ist, gäbe es gar nichts, wozu er nicht ein gleich lebendiges, -unendlich inniges, schicksalsvolles Verhältnis hätte. Genialität war -universale Apperzeption, und hiemit vollkommenes Gedächtnis, absolute -Zeitlosigkeit. Man muß aber, um etwas apperzipieren zu können, ein ihm -Verwandtes bereits in sich haben. Man bemerkt, versteht und ergreift -nur das, womit man irgend eine Ähnlichkeit hat (S. 139 f.). Der -Genius war zuletzt, aller Kompliziertheit wie zum Trotze, der Mensch -mit dem intensivsten, lebendigsten, bewußtesten, kontinuierlichsten, -einheitlichsten Ich. Das Ich jedoch ist das punktuelle Zentrum, die -Einheit der Apperzeption, die »Synthesis« alles Mannigfaltigen. - -Das Ich des Genies muß demnach selbst die universale Apperzeption sein, -der Punkt schon den unendlichen Raum in sich schließen: _der bedeutende -Mensch hat die $ganze$ Welt $in sich, der Genius ist der lebendige -Mikrokosmus$_. Er ist nicht eine sehr zusammengesetzte Mosaik, keine -aus einer, doch immer _endlichen_, _Viel_zahl von Elementen aufgebaute -chemische Verbindung, und nicht das war der Sinn der Darlegungen des -vierten Kapitels über sein innigeres Verwandtsein mit mehr Menschen -und Dingen: _sondern er ist alles_. Wie im Ich und durch das Ich alle -psychischen Erscheinungen zusammenhängen, wie dieser Zusammenhang -unmittelbar erlebt und ins Seelenleben nicht mühsam erst hineingetragen -wird durch eine Wissenschaft (die bei allen äußeren Dingen freilich -hiezu verhalten ist)[34], wie hier das Ganze durchaus vor den Teilen -besteht; so blickt der Genius, in dem das Ich wie das All, als das All -_lebt_, auch in die Natur und ins Getriebe aller Wesen als ein Ganzes, -er _schaut_ hier die _Verbindungen_ und konstruiert nicht einen Bau -aus Bruchstücken. Darum kann ein bedeutender Mensch zunächst schon -bloßer empirischer Psychologe nicht sein, für den es nur Einzelheiten -gibt, die er im Schweiße seines Angesichtes, durch Associationen, -Leitungsbahnen u. s. w. zu verkitten trachtet; ebensowenig aber bloßer -Physiker, dem die Welt aus Atomen und Molekülen _zusammengesetzt_ ist. - -_Aus der Idee des Ganzen heraus, in welcher der Genius fortwährend -lebt, erkennt er den $Sinn$ der Teile. Er $wertet$ darum $alles$_, -alles in sich, alles _außerhalb_ seiner, wertet es nach dieser Idee; -und _nur darum_ ist es für ihn nicht Funktion der Zeit, sondern -repräsentiert ihm stets einen großen und ewigen Gedanken. So ist der -_geniale_ Mensch zugleich der _tiefe_ Mensch, und nur er tief, nur -der Tiefe genial. Darum gilt denn auch wirklich seine Meinung mehr -als die der anderen. Weil er aus dem Ganzen seines das Universum -enthaltenden Ich schafft, während die anderen Menschen nie ganz zum -Bewußtsein dieses ihres wahren Selbst kommen, werden ihm die Dinge -sinnvoll, _bedeuten_ sie ihm alle etwas, sieht er in ihnen stets -_Symbole_. Für ihn ist der Atem mehr als ein Gasaustausch durch -die feinsten Wandungen der Blutkapillaren, das Blau des Himmels -mehr als teilweise polarisiertes, an den Trübungen der Atmosphäre -diffus reflektiertes Sonnenlicht, die Schlangen mehr als fußlose -Reptilien ohne Schultergürtel und Extremitäten. Wenn man selbst alle -wissenschaftlichen Entdeckungen, die je gemacht wurden, zusammentäte -und von einem einzigen Menschen gefunden sein ließe; wenn alles, -was _Archimedes_ und _Lagrange_, _Johannes Müller_ und _Karl Ernst -von Baer_, _Newton_ und _Laplace_, _Konrad Sprengel_ und _Cuvier_, -_Thukydides_ und _Niebuhr_, _Friedrich August Wolf_ und _Franz Bopp_, -was noch so viele andere für die Wissenschaft Hervorragendstes -geleistet haben, _selbst wenn all dies $ein$ einziger Mensch im Laufe -$eines$ kurzen Menschenlebens geleistet hätte, er verdiente darum doch -nicht das Prädikat des Genius_. - -Denn damit ist noch nirgends in Tiefen gedrungen. Der Wissenschaftler -nimmt die Erscheinungen wie sie sinnfällig _sind_, der bedeutende -Mensch oder Genius für das, was sie _bedeuten_. Ihm sind Meer und -Gebirge, Licht und Finsternis, Frühling und Herbst, Cypresse und Palme, -Taube und Schwan _Symbole_, er ahnt nicht nur, er erkennt in ihnen ein -Tieferes. Nicht auf Luftdruckverschiebungen geht der Walkürenritt, und -nicht auf Oxydationsprozesse bezieht sich der Feuerzauber. Und dies -alles ist jenem nur möglich, weil die _äußere_ Welt _in_ ihm reich und -stark zusammenhängt wie die _innere_, ja das Außenleben nur wie ein -Spezialfall seines Innenlebens sich ausnimmt, Welt und Ich in ihm eins -geworden sind, und er nicht Stück für Stück der Erfahrung nach Gesetz -und Regel erst aneinanderheften muß. Auch die größte Polyhistorie -dagegen addiert nur Fächer zu Fächern und bildet noch keine Gesamtheit. -Deshalb also tritt der große Wissenschaftler hinter den großen Künstler -oder Philosophen. - -Der Unendlichkeit des Weltalls entspricht beim Genius eine wahre -Unendlichkeit in der eigenen Brust, er hält Chaos und Kosmos, alle -Besonderheit und alle Totalität, alle Vielheit und alle Einheit -in seinem Innern. Ist mit diesen Bestimmungen auch mehr über die -Genialität als über das Wesen des genialen _Schaffens_ ausgesagt, -bleiben der Zustand der künstlerischen Ekstase, der philosophischen -Konzeption, der religiösen Erleuchtung gleich rätselhaft wie zuvor, -sind also damit gewiß nur die _Bedingungen_, nicht der _Vorgang_ eines -wahrhaft _bedeutenden_ Produzierens klarer geworden, so sei dennoch -hier als endgültige Definition des Genies diese gegeben: - -$Genial ist ein Mensch dann zu nennen, wenn er in bewußtem -Zusammenhange mit dem Weltganzen lebt. Erst das Geniale ist somit das -eigentlich Göttliche im Menschen.$ - -Die große Idee von der Seele des Menschen als dem Mikrokosmus, die -tiefste Schöpfung der Philosophen der Renaissance -- wiewohl ihre -ersten Spuren schon bei _Plato_ und _Aristoteles_ sich finden -- -scheint dem neueren Denken seit _Leibniz_ens Tode ganz abhanden -gekommen. Sie wurde hier bis jetzt als bloß für das Genie gültig, von -jenen Meistern aber vom Menschen überhaupt als das eigentliche Wesen -desselben behauptet. - -Doch ist die Inkongruenz nur scheinbar. Alle Menschen sind genial, und -kein Mensch ist genial. Genialität ist eine _Idee_, welcher dieser -näher kommt, während jener in großer Ferne von ihr bleibt, welcher der -eine rasch sich naht, der andere vielleicht erst am Ende seines Lebens. - -Der Mensch, dem wir bereits den Besitz der Genialität zuschreiben, ist -nur der, welcher bereits angefangen hat zu sehen, und den anderen die -Augen öffnet. Daß sie sodann mit seinem Auge sehen können, beweist, -wie sie nur vor dem Tore standen. Auch der mittelmäßige Mensch kann, -selbst als solcher, _mittelbar_ zu allem in Beziehung treten; seine -Idee des Ganzen ist aber nur ahnungsvoll, es gelingt ihm nicht, sich -mit ihr zu identifizieren. Aber er ist darum nicht ohne Möglichkeit, -diese Identifikation anderen nachzuleben und so ein Gesamtbild zu -gewinnen. Durch Weltanschauung kann er dem Universum, durch Bildung -allem einzelnsten sich verbinden; nichts ist ihm gänzlich fremd, und -an alle Dinge der Welt knüpft auch ihn ein Band der Sympathie. Nicht -so das Tier oder die Pflanze. Sie sind begrenzt, sie kennen nicht -alle, sondern nur ein Element, sie bevölkern nicht die ganze Erde, und -wo sie eine allgemeine Verbreitung gefunden haben, ist es im Dienste -des Menschen, der ihnen eine überall gleichmäßige Funktion angewiesen -hat. Sie mögen eine Beziehung zur Sonne oder zum Monde haben, aber -sicherlich fehlt ihnen »der gestirnte Himmel« und »das moralische -Gesetz«. Dieses aber stammt von der Seele des Menschen her, in der alle -Totalität geborgen ist, _die alles betrachten kann, weil sie selbst -alles $ist$_: der gestirnte Himmel und das moralische Gesetz, auch sie -sind im Grunde eines und dasselbe. Der Universalismus des kategorischen -Imperatives ist der Universalismus des Universums, die Unendlichkeit -des Weltalls nur das Sinnbild der Unendlichkeit des sittlichen Wollens. - -So hat dies, den Mikrokosmus im Menschen, schon _Empedokles_, der -gewaltige Magus von Agrigent, gelehrt: - - Γαιη μεν γαρ γαιαν οπωπαμεν, ὑδατι δ'ὑδωρ, - Αιθερι δ'αιθερα διον, αταρ πυρι πυρ αιδηλον, - Στοργη δε στοργην, νεικος δε τε νεικει λυγρω. - -Und _Plotinus_: Ου γαρ αν πωποτε ειδεν οφθαλμος ἡλιον ἡλιοειδης μη -γεγενημενος, dem es _Goethe_ in den berühmten Versen nachgedichtet hat: - - »Wär' nicht das Auge sonnenhaft, - Die Sonne könnt' es nie erblicken; - Läg' nicht in uns des Gottes eig'ne Kraft, - Wie könnt' uns Göttliches entzücken?« - -_Der Mensch ist das einzige Wesen, er ist $dasjenige$ Wesen in der -Natur, das zu $allen$ Dingen in derselben ein Verhältnis hat._ - -In wem dieses Verhältnis nicht bloß zu einzelnen, vielen oder wenigen, -sondern zu allen Dingen Klarheit und intensivste Bewußtheit erlangt, -wer über alles selbständig gedacht hat, den nennt man ein Genie; in wem -es nur der Möglichkeit nach vorhanden, in wem wohl für alles irgend -ein Interesse wachzurufen ist, aber nur zu wenigem ein lebhafteres von -selbst besteht, den nennt man einfach einen Menschen. _Leibnizens_ -wohl selten recht verstandene Lehre, daß auch die niedere Monade ein -Spiegel der Welt sei, ohne aber sich dieser ihrer Tätigkeit bewußt -zu werden, drückt nur dieselbe Tatsache aus. Der geniale Mensch lebt -im Zustande allgemeiner Bewußtheit, die Bewußtheit des Allgemeinen -ist; auch im gewöhnlichen Menschen ist das Weltganze, aber nicht bis -zu schöpferischem Bewußtsein gebracht. Der eine lebt in bewußtem -tätigen, der andere in unbewußtem virtuellen Zusammenhang mit dem All; -_der geniale Mensch ist der aktuelle, der ungeniale der potentielle -Mikrokosmus_. Erst der geniale Mensch ist ganz Mensch; was als -Mensch-Sein, als Menschheit (im Kantischen Sinne) in jedem Menschen, -δυνάμει, der Möglichkeit nach ist, das lebt im genialen Menschen, -ενεργεια, in voller Entfaltung. - -Der Mensch ist das All und darum nicht, wie ein bloßer Teil desselben, -abhängig vom anderen Teile, nicht an einer bestimmten Stelle -_eingeschaltet_ in die Naturgesetzlichkeit, _sondern selbst der -Inbegriff aller Gesetze, und $eben darum frei$_, wie das Weltganze -als das All selbst nicht noch bedingt, sondern unabhängig ist. Der -bedeutende Mensch nun, der _nichts_ vergißt, weil er _sich_ nicht -vergißt, weil Vergessen funktionelle Beeinflussung durch die Zeit, -daher unfrei und unethisch ist; der nicht von einer geschichtlichen -Bewegung, als ihr Kind, emporgeworfen, nicht von der nächsten wieder -verschlungen wird, weil _alles, alle Vergangenheit und alle Zukunft_, -in der _Ewigkeit_ seines geistigen Blickes bereits sich birgt; dessen -Unsterblichkeitsbewußtsein am stärksten ist, weil ihn auch der Gedanke -an den _Tod_ nicht feige macht; der in das leidenschaftlichste -Verhältnis zu den Symbolen oder Werten tritt, indem er nicht nur alles -in sich, sondern auch alles außer sich einschätzt und damit deutet: -er ist zugleich der _freieste_ und der _weiseste_, $er$ ist der -_sittlichste_ Mensch; und nur _darum_ leidet gerade $er$ am schwersten -unter allem, was auch in ihm noch unbewußt, noch Chaos, noch _Fatum_ -ist. -- - -Wie steht es nun mit der Sittlichkeit großer Menschen den anderen -Menschen gegenüber? Ist dies doch die einzige Form, in welcher, -nach der populären Meinung, die Unsittlichkeit nicht anders als in -Verbindung mit dem Strafgesetzbuch zu denken weiß, Moralität sich -offenbaren kann! Und haben nicht gerade hier die berühmten Männer die -bedenklichsten Charaktereigenschaften verraten? Mußten sie nicht oft -schnöden Undanks, grausamer Härte, schlimmer Verführertücken sich -zeihen lassen? - -Weil Künstler und Denker, je größer sie sind, desto rücksichtsloser -sich selbst die Treue wahren und hiebei die Erwartungen manch eines -täuschen, mit dem sie vorübergehende Gemeinschaft geistiger Interessen -verknüpfte, und die, ihrem höheren Fluge zu folgen später nicht mehr -imstande, den Adler selbst an die Erde binden wollen (_Lavater_ und -_Goethe_) -- darum hat man sie als unmoralisch verschrieen. Das -Schicksal der _Friederike aus Sesenheim_ ist _Goethe_, obwohl ihn das -keineswegs entschuldigt, sicherlich viel näher gegangen als dieser, und -wenn er auch glücklicherweise so unendlich viel _verschwiegen_ hat, -daß die Modernen, die ihn als den leichtlebigen Olympier _ganz_ zu -besitzen glauben, tatsächlich nur jene Flocken von ihm in den Händen -halten, die Faustens unsterbliches Teil umgeben -- man darf gewiß -sein, daß er selbst am genauesten prüfte, wieviel Schuld ihn traf, -und diese in ihrem ganzen Ausmaß bereut hat. Und wenn scheelsüchtige -Nörgler, die _Schopenhauers_ Erlösungslehre und den Sinn des Nirwâna -nie erfaßt haben, es diesem Philosophen zum Vorwurf machen, daß er auf -seinem _Rechte_ auf sein Eigentum, bis zum Äußersten, bestanden hat, so -verdient dies, als ein hündisches Gekläffe, gar keine Antwort. - -Daß der bedeutende Mensch gegen sich selbst am sittlichsten ist, steht -also wohl fest: er wird nicht eine fremde Anschauung sich aufzwingen -lassen und hiedurch sein Ich unterdrücken; er wird die Meinung des -anderen -- das fremde Ich und dessen Ansicht bleiben für ihn etwas -vom Eigenen gänzlich Unterschiedenes -- nicht passiv acceptieren, -und ist er einmal rezeptiv gewesen, so wird ihm der Gedanke hieran -schmerzvoll und fürchterlich sein. Eine bewußte Lüge, die er einmal -getan hat, wird er sein ganzes Leben lang _mitschleppen_, und nicht in -»dionysischer« Weise leichthin _abschütteln_ können. Am stärksten aber -werden geniale Menschen leiden, wenn sie sich selbst erst hinterdrein -auf eine Lüge kommen, um die sie gar nicht wußten, als sie sie anderen -gegenüber sprachen, oder mit der sie sich selbst belogen haben. Die -anderen Menschen, die nicht dieses Bedürfnis nach Wahrheit haben wie -er, bleiben eben darum immer viel tiefer in Lüge und Irrtum verstrickt, -und dies ist der Grund, warum sie die eigentliche Meinung und die -Heftigkeit des Kampfes großer Persönlichkeiten gegen die »_Lebenslüge_« -so wenig verstehen. - -Der hochstehende Mensch, das ist jener, in dem das zeitlose Ich die -Macht gewonnen hat, sucht seinen Wert vor seinem intelligiblen Ich, vor -seinem moralischen und intellektuellen Gewissen zu steigern. Auch seine -Eitelkeit ist zunächst die vor sich selbst: _es entsteht in ihm das -Bedürfnis, sich selbst zu imponieren_ (mit seinem Denken, Handeln und -Schaffen). Diese Eitelkeit ist die eigentliche Eitelkeit des Genies, -das seinen Wert und seinen Lohn in sich selbst hat, und dem es nicht -auf die Meinung anderer von ihm darum ankommt, damit es selbst auf -diesem Umweg von sich eine höhere gewinne. Sie ist jedoch keineswegs -etwas löbliches, und asketisch angelegte Naturen (_Pascal_) werden auch -unter dieser Eitelkeit schwer leiden können, ohne doch je über sie -hinauszukommen. Zur inneren Eitelkeit wird sich Eitelkeit vor anderen -stets gesellen; _aber die beiden liegen miteinander im Kampfe_. - -Wird nun nicht durch diese starke Betonung der Pflicht gegen -sich selbst die Pflichterfüllung den anderen Menschen gegenüber -beeinträchtigt? Stehen die beiden nicht in einem solchen -Wechselverhältnis, daß, wer sich selbst die Treue wahrt, sie notwendig -anderen brechen muß? - -Keineswegs. Wie die Wahrheit nur eine ist, so gibt es auch nur ein -_Bedürfnis_ nach Wahrheit -- _Carlyles_ »Sincerity« -- das man -_sowohl_ sich selbst als auch der Welt gegenüber hat oder nicht hat, -aber nie getrennt, nie eines von beiden, nicht Weltbeobachtung ohne -Selbstbeobachtung, und nicht Selbstbeobachtung ohne Weltbeobachtung: so -gibt es überhaupt nur eine einzige Pflicht, nur einerlei Sittlichkeit. -Man handelt moralisch oder unmoralisch _überhaupt_, und wer sich selbst -gegenüber sittlich ist, der ist es auch den anderen gegenüber. - -Über nichts sind indessen falsche Vorstellungen so verbreitet wie -darüber, was sittliche Pflicht gegen den Nebenmenschen ist, und wodurch -ihr erst genügt wird. - -Wenn ich von jenen theoretischen Systemen der Ethik einstweilen -absehe, welche Förderung der menschlichen Gesellschaft als das -Prinzip betrachten, das allem Handeln zu Grunde zu legen sei, und die -immerhin weniger auf die konkreten Gefühle während der Handlung und -auf das empirische im Impulse, als auf das Walten eines generellen -sittlichen Gesichtspunktes gehen und insofern doch hoch über aller -Sympathiemoral stehen: so bleibt nur die populäre Meinung übrig, welche -die Sittlichkeit eines Menschen größtenteils nach dem Grade seiner -Mitleidigkeit, seiner »Güte« bestimmt. Von philosophischer Seite haben -im Mitgefühle _Hutcheson_, _Hume_ und _Smith_ das Wesen und die Quelle -alles ethischen Verhaltens erblickt; eine außerordentliche Vertiefung -hat dann diese Lehre in _Schopenhauers_ Mitleidsmoral erhalten. -Die _Schopenhauer_sche »Preisschrift über die Grundlage der Moral« -verrät indes gleich in ihrem Motto »Moral predigen ist leicht, Moral -begründen schwer« den Grundfehler aller Sympathieethik: als welche sie -nämlich stets verkennt, daß die Ethik keine sachlich-beschreibende, -sondern eine das Handeln normierende Wissenschaft ist. Wer sich über -die Versuche lustig macht, genau zu erhorchen, was die innere Stimme -im Menschen wirklich spricht, mit Sicherheit zu ergründen, was der -Mensch _soll_, der verzichtet auf jede Ethik, die ihrem Begriffe nach -eben eine Lehre von den Forderungen ist, welche der Mensch an sich -und an alle anderen stellt; und nicht von dem erzählt, was er, diesen -Forderungen Raum gebend oder sie übertönend, tatsächlich vollbringt. -Nicht was geschieht, sondern was geschehen _soll_, ist Objekt der -Moralwissenschaft, alles andere gehört in die Psychologie. - -Alle Versuche, die Ethik in Psychologie aufzulösen, übersehen, daß jede -psychische Regung im Menschen vom Menschen selbst _gewertet_ wird, und -das Maß zur Bewertung irgend welchen Geschehens nicht selbst Geschehnis -sein kann. Dieser Maßstab kann nur eine _Idee_ oder ein _Wert_ sein, -der nie völlig verwirklicht und aus keiner Erfahrung abzuleiten ist, -weil _er_ bestehen bleibt, wenn auch alle Erfahrung ihm zuwiderliefe. -_Sittliches Handeln kann also nur Handeln nach einer Idee sein._ Es -ist hienach nur zwischen solchen Morallehren zu wählen, welche Ideen, -Maximen des Handelns aufstellen, und da kommt immer nur zweierlei in -Betracht: der ethische Sozialismus oder die »Sozialethik«, die von -_Bentham_ und den _Mill_ begründet, und später von eifrigen Importeuren -auch auf den Kontinent und sogar nach Deutschland und Norwegen gebracht -wurde, und der ethische Individualismus, wie ihn _das Christentum_ und -der _deutsche Idealismus_ lehren. - -Der _zweite_ Fehler aller Ethik des Mitgefühls ist eben der, daß sie -Moral begründen, _ableiten_ will, Moral, die ihrem Begriffe nach den -letzten Grund des menschlichen Handelns bilden soll, und darum nicht -selbst noch erklärbar, deduzierbar sein darf, die Zweck an sich selbst -ist und nicht mit irgend etwas außer ihr, wie Mittel und Zweck, in -Verbindung gebracht werden darf. Soferne aber dieser Anspruch der -Sympathiemoral mit dem Prinzipe jeder bloß deskriptiven und danach -notwendig relativistischen Ethik übereinkommt, sind beide Fehler -im Grunde eins, und muß diesem Unterfangen immer entgegengehalten -werden, daß niemand, liefe er auch das ganze Gebiet aller Ursachen und -Wirkungen ab, irgendwo den Gedanken eines höchsten _Zweckes_ in ihm -entdecken würde, der allein für alle moralischen Handlungen wesentlich -ist. Der Zweckgedanke kann nicht aus Grund und Folge erklärt werden, -das Verhältnis von Grund und Folge schließt ihn vielmehr aus. Der -Zweck tritt auf mit dem Anspruch, das Handeln zu schaffen, an ihm wird -der Erfolg und Ausgang aller Tat gemessen, und auch dann noch immer -ungenügend gefunden, wenn selbst alle Faktoren, die sie bestimmten, -wohl bekannt sind und noch so schwer ihr Gewicht im Bewußtsein geltend -machen. Neben dem Reich der Ursachen gibt es ein Reich der Zwecke, und -dieses Reich ist das Reich des Menschen. Vollendete Wissenschaft vom -Sein ist eine Gesamtheit der Ursachen, die bis zur obersten Ursache -aufsteigen will, vollendete Wissenschaft vom Sollen ein Ganzes der -Zwecke, das in einem letzten höchsten Zwecke kulminiert. - -Wer also das Mitleid ethisch positiv wertet, hat etwas, das gar nicht -Handlung war, sondern nur Gefühl, nicht eine Tat, sondern nur ein -Affekt (der seiner Natur nach nicht unter den Zweck-Gesichtspunkt -fällt), moralisch beurteilt. Das Mitleid mag ein ethisches _Phänomen_, -eine Äußerungsweise von etwas Ethischem sein, es ist aber so wenig ein -ethischer _Akt_ wie das Schamgefühl oder der Stolz; _man hat zwischen -ethischem Akt und ethischem Phänomen wohl zu unterscheiden_. Unter -dem ersteren darf nichts verstanden werden als _bewußte Bejahung der -Idee durch die Handlung: ethische Phänomene sind unbeabsichtigte, -unwillkürliche Anzeichen einer andauernden Richtung des Gemütes auf -die Idee._ Nur in den Motivenkampf greift die Idee immer wieder ein -und sucht ihn zu beeinflussen und zu entscheiden; in den empirischen -Mischungen ethischer mit unethischen Gefühlen, des Mitleids mit der -Schadenfreude, des Selbstgefühles mit dem Übermut, liegt noch nichts -von einem _Entschlusse_. _Das Mitleid ist vielleicht der sicherste -Anzeiger der Gesinnung, aber kein Zweck irgend eines Handelns._ Nur -_Wissen_ des Zweckes, _Bewußtsein_ des Wertes gegenüber allem Unwerte -konstituiert die Sittlichkeit; hierin hat _Sokrates_ gegenüber allen -Philosophen, die nach ihm gekommen sind (nur _Plato_ und _Kant_ haben -ihm sich angeschlossen), recht. Ein alogisches Gefühl, wie das Mitleid -immer ist, hat keinen Anspruch auf _Achtung_, sondern erweckt höchstens -_Sympathie_. - -Die Frage ist demnach erst zu beantworten, inwiefern ein Mensch sich -sittlich verhalten könne gegen andere Menschen. - -Nicht durch unerbetene Hilfe, die in die fremde Einsamkeit _dringt_ -und die Grenzen durchbricht, welche der Nebenmensch um sich zieht, -sondern durch die Ehrerbietung, mit der man diese Grenzen _wahrt_; -nicht durch _Mitleid_, nur durch _Achtung_. _Achtung_, dies hat _Kant_ -zuerst ausgesprochen, bringen wir keinem Wesen auf der Welt entgegen -als dem Menschen. Es ist seine ungeheuere Entdeckung, daß kein Mensch -sich selbst, sein intelligibles Ich, die Menschheit (das ist nicht -die menschliche Gesellschaft von 1500 Millionen, sondern die _Idee_ -der _Menschenseele_) in seiner Person oder in der Person des anderen -als Mittel zum Zweck gebrauchen kann. »In der ganzen Schöpfung kann -alles, was man will, und worüber man etwas vermag, auch _bloß als -Mittel_ gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm jedes vernünftige -Geschöpf, ist _Zweck an sich selbst_.« - -Womit aber erweise ich einem Menschen Verachtung, und wie bezeige -ich ihm meine Achtung? Das erste, indem ich ihn _ignoriere_, das -zweite, indem ich mich mit ihm _beschäftige_. Wie benütze ich ihn -als Mittel zum Zweck, und wie ehre ich in ihm etwas, das Selbstzweck -ist? Das eine, indem ich ihn nur als Glied in der Kette der Umstände -betrachte, mit denen meine Handlungen zu rechnen haben, das andere, -indem ich ihn zu _erkennen_ suche. Erst so, indem man sich für ihn, -ohne es ihm gerade zu zeigen, interessiert, an ihn denkt, sein Handeln -zu begreifen, sein Schicksal mitzufühlen, ihn selbst zu _verstehen_ -sucht, erst dadurch, _nur_ dadurch kann man seinen Mitmenschen _ehren_. -Nur wer, durchs eigene Ungemach nicht selbstsüchtig geworden, allen -kleinlichen Hader mit dem Mitmenschen vergessend, den Zorn gegen -ihn unterdrückend, ihn zu _verstehen_ trachtet, der ist wahrhaft -uneigennützig gegen seinen Nächsten; und er handelt sittlich, denn er -_siegt_ gerade dann über den _stärksten_ Feind, der das Verständnis des -Nebenmenschen am längsten erschwert: über die _Eigenliebe_. - -Wie verhält sich nun in dieser Hinsicht der hervorragende Mensch? - -Er, der die meisten Menschen versteht, weil er am universellsten -veranlagt ist, der zum Weltganzen in der innigsten Beziehung lebt, es -am leidenschaftlichsten objektiv zu erkennen trachtet, er wird auch -wie kein zweiter an seinem Nebenmenschen sittlich handeln. In der -Tat, niemand denkt so viel und so intensiv wie er über die anderen -Menschen (ja über viele auch, wenn er sie nur ein einziges Mal flüchtig -erblickt hat), und niemand sucht so lebhaft wie er zur Klarheit über -sie zu kommen, wenn er sie noch nicht mit genügender Deutlichkeit und -Intensität in sich hat. Wie er selbst eine kontinuierlich von seinem -Ich erfüllte Vergangenheit hinter sich hat, so wird er auch darüber -sich Gedanken machen, welches das Schicksal der anderen in der Zeit -gewesen ist, ehe da er sie noch kennen lernte. Er folgt dem stärksten -Zuge des inneren Wesens, wenn er über sie denkt, denn er sucht ja in -ihnen nur über sich zur Klarheit, zur Wahrheit zu gelangen. Hier zeigt -sich eben, daß die Menschen alle Glieder einer intelligiblen Welt -sind, in der es keinen beschränkten Egoismus oder Altruismus gibt. Nur -so ist es zu erklären, daß große Männer, wie zu den Menschen _neben_ -ihnen, so auch zu allen Persönlichkeiten der Geschichte, die zeitlich -_vor_ ihnen gelebt haben, in ein lebendigeres, verständnisvolleres -Verhältnis treten, nur _dies_ der Grund, warum der große Künstler -auch die geschichtliche Individualität so viel besser und intensiver -erfaßt als der bloß wissenschaftliche Historiker. Es gibt keinen großen -Mann, der nicht zu _Napoleon_, zu _Plato_, zu _Mohammed_ in einem -persönlichen Verhältnisse stünde. _So nämlich erweist er auch denen -seine Achtung und wahre Pietät, die vor ihm gelebt haben._ Und wenn so -mancher, der mit Künstlern verkehrt hat, sich peinlich berührt fühlte, -als er sich später in einer ihrer Schöpfungen wiedererkannte; wenn -deshalb so oft über den Dichter die Beschwerde laut wird, daß ihm alles -zum Modell werde, so ist das unangenehme Gefühl in solcher Situation -nur zu begreiflich; aber der Künstler, der mit der Kleinlichkeit der -Menschen nicht rechnet, hat darum kein Verbrechen begangen: er hat, in -seiner Weise der unreflektierten Darstellung und Neuerzeugung der Welt, -den _schöpferischen Akt des Verständnisses vollzogen; und es gibt kein -Verhältnis zwischen Menschen, das reiner wäre als dieses_. - -Damit dürfte denn auch das sehr wahre, schon einmal erwähnte Wort -_Pascals_ an Verständlichkeit gewonnen haben: »A mesure qu'on a plus -d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du -commun ne trouvent pas de différence entre les hommes.« -- Es hängt -mit all dem ferner zusammen, daß ein Mensch, je höher er stehen, desto -größere Anforderungen bezüglich des _Verstehens fremder_ Äußerungen -an sich stellen wird; während der Unbegabte bald etwas zu verstehen -glaubt, oft gar nicht einmal fühlt, daß hier etwas ist, das er nicht -versteht, den _fremden_ Geist kaum empfindet, der aus einem Kunstwerk, -aus einer Philosophie zu ihm spricht; und so höchstens ein Verhältnis -zu den Sachen gewinnt, aber nicht zum Nachdenken über den Schöpfer -selbst sich aufschwingt. Der bedeutende Mensch, der die höchste Stufe -der Bewußtheit erklimmt, identifiziert nicht leicht etwas, das er -liest; mit sich und seiner Meinung, während bei geringerer Helligkeit -des Geistes sehr verschiedene Dinge ineinander verschwimmen und sich -gleich ausnehmen können. - -Der geniale Mensch ist derjenige, dem sein _Ich_ zum Bewußtsein gelangt -ist. Darum kommt ihm auch das Anderssein der anderen am ehesten zur -Abhebung, _darum empfindet er im anderen Menschen auch dann dessen -Ich, wenn dieses noch gar nicht stark genug war, um jenem selbst zum -Bewußtsein zu kommen. Aber nur wer fühlt, daß der andere Mensch $auch -ein Ich, eine Monade, ein eigenes Zentrum der Welt ist$, mit besonderer -Gefühlsweise und Denkart, und besonderer Vergangenheit, der wird $von -selbst davor gefeit$ sein, den Mitmenschen bloß $als Mittel zum Zweck$ -zu benützen_, er wird der _Kant_ischen Ethik gemäß auch im Mitmenschen -die _Persönlichkeit_ (als Teil der _intelligiblen_ Welt) _spüren, ahnen -und darum $ehren$, und nicht bloß an ihm $sich ärgern$. $Psychologische -Grundbedingung alles praktischen Altruismus ist daher theoretischer -Individualismus.$_ - -_Hier liegt also die Brücke_, welche vom moralischen Verhalten sich -selbst gegenüber zum moralischen Verhalten dem anderen gegenüber führt, -jene Vermittlung, deren Mangel in der _Kant_ischen Philosophie von -_Schopenhauer_ mit Unrecht als ein Fehler derselben angesehen, und ihr -wie ein notwendiges, in ihren wesentlichen Prinzipien begründetes -Unvermögen ausgelegt wurde. - -Die Probe darauf ist leicht zu machen. Nur der vertierte Verbrecher -und der Irrsinnige interessieren sich _gar nicht_ auch nur für irgend -einen unter ihren Nebenmenschen, sie leben, als ob sie allein auf der -Welt wären, sie _fühlen_ die _Anwesenheit_ des _Fremden_ gar nicht. Es -gibt also keinen _praktischen Solipsismus_: in wem ein Selbst ist, für -den gibt es auch ein Selbst im Nebenmenschen; und nur wenn ein Mensch -seinen (logischen und ethischen) Wesenskern eingebüßt hat, reagiert er -auch auf den zweiten Menschen nicht mehr so, als ob dieser ein Mensch, -ein Wesen mit durchaus eigener Persönlichkeit wäre. _Ich und Du sind -eben Wechselbegriffe._ - -Am stärksten gelangt der Mensch zum Bewußtsein seiner selbst, wenn er -mit anderen Menschen beisammen ist. Darum ist der Mensch in Gegenwart -anderer Menschen stolzer, als wenn er allein ist, und bleibt es den -Stunden seiner Einsamkeit aufgespart, seinen Übermut zu dämpfen. - -Endlich: wer sich tötet, der tötet gleichzeitig die ganze Welt; und wer -den anderen mordet, begeht eben darum das schwerste Verbrechen, weil er -in ihm sich gemordet hat. So ist denn jener Solipsismus im Praktischen -ein Unding, und sollte lieber _Nihilismus_ genannt werden; wenn kein -Du da ist, dann ist auch sicherlich nie ein Ich vorhanden, es bleibt -hernach überhaupt -- nichts. - -Auf die psychologische _Verfassung_ kommt es an, welche es _unmöglich_ -macht, den anderen Menschen als Mittel zum Zweck zu gebrauchen. Und -da fand sich: _wer seine Persönlichkeit fühlt, der fühlt sie auch -in anderen_. Für ihn ist das Tat-tvam-asi keine schöne Hypothese, -sondern _Wirklichkeit_. _Der höchste Individualismus $ist$ der höchste -Universalismus._ - -Schwer irrt also der Leugner des Subjektes, Ernst _Mach_, wenn er -glaubt, nach dem Verzicht auf das eigene Ich sei erst ein ethisches -Verhalten, »welches Mißachtung des fremden Ich und Überschätzung des -eigenen ausschließt,« zu erwarten. Es hat sich eben gezeigt, wohin -der Mangel eines eigenen Ich im Verhalten zum Nebenmenschen führt. -_Das Ich ist Grundbedingung auch aller sozialen Moral._ Gegen eine -bloße _Verknotungsstelle_ von »Elementen« werde ich mich, _rein -psychologisch_, nie ethisch verhalten können. Als Ideal kann man das -_aussprechen_; es ist aber dem praktischen Verhalten ganz entrückt, -kann ihm nie als Norm dienen, _weil es die psychologische Bedingung -aller Verwirklichung der sittlichen Idee $eliminiert$, während die -moralische Forderung eben psychologisch $da ist$_. - -_Gerade umgekehrt handelt es sich darum, jedem Menschen bewußt zu -machen, daß er ein höheres Selbst, eine Seele besitzt, und daß auch die -anderen Menschen eine Seele besitzen._ (Dazu wird der größte Teil der -Menschheit aber immer einen _Seelenhirten_ benötigen.) Erst hiemit ist -ein ethisches Verhältnis zum Nebenmenschen _da, wirklich da_. - -Dieses Verhältnis aber ist im genialen Menschen in einzigster Weise -verwirklicht. Niemand wird mit den Menschen, und darum an den -Menschen, mit denen er lebt, so _leiden_ wie er. Denn in bestimmtem -Sinne wird sicherlich der Mensch _nur_ »durch Mitleid wissend«. -Ist Mitleid auch nicht selbst klares, abstrakt-begriffliches oder -anschaulich-symbolisches Wissen, so ist es doch der stärkste Impuls, -um zu allem Wissen zu gelangen. Nur durch Leiden _unter_ den Dingen -begreift sie der Genius, nur durch Leiden _mit_ den Menschen versteht -er diese. Und der Genius leidet am meisten, weil er mit allem und in -allem leidet; aber am stärksten leidet er an seinem Mitleiden. - -Wurde in einem früheren Kapitel das Geniale zu erweisen gesucht als -jener Faktor, der den Menschen erst eigentlich über das Tier erhebt, -und zugleich damit die Tatsache in Verbindung gebracht, daß nur der -Mensch eine Geschichte hat (diese erkläre sich aus der allen Menschen -innewohnenden und nur graduell verschiedenen Genialität), so muß -hierauf nun noch einmal zurückgegriffen werden. Genialität fällt -zusammen mit lebendiger Tätigkeit des intelligiblen Subjektes. Und -Geschichte offenbart sich nur im Sozialen, im »objektiven Geiste«, die -Individuen an sich bleiben sich ewig gleich und schreiten nicht vor wie -dieser (sie sind _das Ahistorische_). So sehen wir hier, wie unsere -Fäden zusammenlaufen, um ein überraschendes Resultat zu erzeugen. Ist -nämlich -- hierin glaube ich nicht zu irren -- die zeitlose menschliche -Persönlichkeit auch Bedingung jedes wahrhaft ethischen Verhaltens -auch gegen den Nebenmenschen, _Individualität $Voraussetzung$_ einer -_sozialen_ Gesinnung, so wird damit auch klar, warum das »animal -metaphysicum« und das »ζῷον πολιτικόν«, das geniale Geschöpf und -der Träger einer Geschichte _eines_ sind, ein und dasselbe Wesen, -_$nämlich$ der Mensch_. Und so ist auch die alte Streitfrage erledigt, -was _früher_ da sei, _Individuum_ oder _Gemeinschaft_: $beide nämlich -sind zugleich und miteinander da$. - -Hiemit betrachte ich denn in jeder Beziehung den Nachweis als -geführt, daß Genialität _höhere Sittlichkeit_ überhaupt ist. Der -bedeutende Mensch ist nicht nur der sich selbst treueste, der nichts -von sich vergessende, der, dem Irrtum und Lüge am verhaßtesten, am -unerträglichsten sind; er ist auch der sozialste, der einsamste -zugleich der zweisamste Mensch. _Das Genie ist eine höhere Daseinsform -überhaupt, nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch. Der Genius -offenbart ganz eigentlich $die Idee$ des Menschen. Er kündet, was der -Mensch ist: das $Subjekt$, dessen $Objekt$ das $ganze$ Universum, und -stellt das fest für ewige Zeiten._ - -Man lasse sich nicht irre machen. _Bewußtsein_, und _nur Bewußtsein_, -ist an und für sich moralisch, alles Unbewußte unmoralisch, und alles -Unmoralische unbewußt. Das »unmoralische Genie«, der »große böse -Mensch« ist deshalb ein Fabeltier; von großen Menschen in bestimmten -Augenblicken ihres Lebens als eine Möglichkeit ersonnen, um dann, -sehr gegen den Willen der Schöpfer, für furchtsame und schwächliche -Naturen einen Wauwau abzugeben, mit dem sie sich und andere Kinder -schrecken. Es gibt keinen Verbrecher, der seiner Tat gewachsen wäre, -der da dächte und spräche wie der _Hagen_ der »Götterdämmerung« an -_Siegfrieds_ Leichnam: »Ja denn, ich hab ihn erschlagen, _ich, Hagen_, -schlug ihn zu tot!« _Napoleon_ und _Baco von Verulam_, die man als -Gegeninstanzen anführt, werden intellektuell bei weitem überschätzt -oder falsch gedeutet. Und zu _Nietzsche_ darf man in diesen Dingen -- -wenn er von den Borgias zu reden anfängt -- am wenigsten Vertrauen -hegen. Die Konzeption des Diabolischen, des Antichrist, des Ahriman, -des »Radikal-Bösen in der menschlichen Natur« ist überaus gewaltig. Mit -dem Genie aber hat sie nur insoferne zu schaffen, als sie gerade sein -Gegenteil ist. Sie ist eine Fiktion, geboren in den Stunden, da große -Menschen gegen den Verbrecher in sich den entscheidenden Kampf gekämpft -haben. - -Universelle Apperzeption, Allgemeinbewußtsein, vollkommene -Zeitlosigkeit ist ein Ideal, auch für die »genialen« Menschen; -_Genialität ist ein innerer Imperativ_, nie bei einem Menschen je -gänzlich vollzogene _Tatsache_. Darum wird zu allerletzt ein »genialer« -Mensch, er am allerwenigsten, von sich so einfach zu sagen imstande -sein: »Ich _bin_ ein Genie.« Denn Genialität ist, ihrem Begriffe nach, -nichts als gänzliche Erfüllung der Idee des Menschen, und darum genial -etwas, das jeder Mensch sein _sollte_ und das zu werden _prinzipiell -jedem Menschen möglich sein muß_. Denn Genialität ist höchste -Sittlichkeit, und darum Pflicht eines jeden. Zum Genie wird der Mensch -durch einen höchsten _Willensakt_, _indem er das ganze Weltall in sich -bejaht_. Genialität ist etwas, das die »genialen Menschen« _auf sich -genommen haben_: es ist die größte Aufgabe und der größte Stolz, das -größte Unglück und das größte Hochgefühl, das einem Menschen möglich -ist. So paradox es klingt: genial ist der Mensch, wenn er es sein -_will_. - -Nun wird man freilich sagen: sehr viele Menschen möchten sehr gerne -»Original-Genies« sein, und es hilft ihnen doch aller Wunsch nicht -dazu. Aber wenn diese Menschen, die »es sehr gerne möchten«, eine -lebhaftere Ahnung davon hätten, _was_ das, wonach ihr Wunsch verlangt, -eigentlich _bedeutet_, wenn ihnen aufgegangen wäre, daß Genialität -identisch ist mit _universeller Verantwortlichkeit_ -- und bevor einem -etwas ganz klar ist, kann er es ja nur _wünschen_, nicht _wollen_ -- -so ist wahrscheinlich, daß die weitaus größte Zahl der Menschen, genial -zu werden, _ablehnen_ würde. - -Aus keinem anderen Grunde auch -- Toren glauben dann an die -Nachwirkungen der Venus oder an die spinale Degeneration des -Neurasthenikers -- verfallen so viele geniale Menschen dem _Irrsinn_. -Es sind diejenigen, denen die Last zu schwer wurde, die ganze Welt -gleich dem Atlas auf ihren Schultern zu tragen, und darum immer -kleinere, minder hervorragende, nie die allergrößten, nie die stärksten -Geister. Das Genie, das zum Irrsinnigen wird, _will nicht mehr Genie -sein_; es will statt der Sittlichkeit -- das _Glück_. Denn aller -Wahnsinn entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewußtheit -geknüpften Schmerzes; und darum hat _Sophokles_ am tiefsten das Motiv -angedeutet, warum ein Mensch auch seinen _Irrsinn wollen_ kann; indem -er den Aias, dessen Geist denn auch zuletzt der Nacht verfällt, sagen -läßt: - -ἐν τῷ φρονεῖν γὰρ μηδὲν ἥδιστος βίος. - -Ich beschließe dieses Kapitel mit den tiefen, an die erhabensten -Momente des _Kant_ischen Stiles gemahnenden Worten des _Johann Pico -von Mirandola_, für deren Verständnis ich hier vielleicht einiges -getan habe. Er läßt, in seiner Rede »Über die Würde des Menschen« die -Gottheit zum Menschen also sprechen: - -»Nec certam sedem, nec propriam faciem, nec munus ullum peculiare -tibi dedimus, o Adam: ut quam sedem, quam faciem, quae munera tute -optaveris, ea pro voto, pro tua sententia, habeas et possideas. -Definita ceteris natura intra praescriptas a nobis leges coercetur; tu -nullis angustiis coercitus, pro tuo arbitrio, in cuius manu te posui, -tibi illam praefinies. Medium te mundi posui, ut circumspiceres inde -commodius quicquid est in mundo. Nec te caelestem, neque terrenum, -neque mortalem, neque immortalem fecimus, ut tui ipsius quasi -arbitrarius honorariusque plastes et fictor in quam malueris tute -formam effingas. Poteris in inferiora quae sunt bruta degenerare, -poteris in superiora quae sunt divina, ex tui animi sententia -regenerari. - -O summam Dei Patris liberalitatem, summam et admirandam hominis -felicitatem: cui datum id habere quod optat, id esse quod velit. -Bruta simul atque nascuntur id secum afferunt e bulga matris, quod -possessura sunt. Supremi spiritus aut ab initio aut paulo mox id -fuerunt, quod sunt futuri in perpetuas aeternitates. _Nascenti homini -omniferaria semina et omnigenae vitae germina indidit Pater_; quae -quisque excoluerit, illa adolescent et fructus suos ferent in illo: -si vegetalia, planta fiet, si sensualia, obbrutescet, si rationalia, -caeleste evadet animal, si intellectualia, angelus erit et Dei -_filius_. _Et si nulla creaturarum sorte contentus in unitatis centrum -suae se receperit, unus cum Deo spiritus factus, in solitaria Patris -caligine qui est super omnia constitutus omnibus antestabit._« - - - - -IX. Kapitel. - -Männliche und weibliche Psychologie. - - »De subjecto vetustissimo ....« - - _Galilei._ - - -Es ist an der Zeit, zu der eigentlichen Aufgabe der Untersuchung -zurückzukehren, um zu sehen, wie weit deren Lösung durch die längeren -Einschiebungen gefördert worden ist, die oft ziemlich weit von ihr -abzuführen schienen. - -Die Konsequenzen der entwickelten Grundsätze sind für eine Psychologie -der Geschlechter so radikale, daß, auch wer zu den bisherigen -Ableitungen seine Zustimmung gegeben hat, vor _diesen_ Folgerungen -zurückscheuen dürfte. Es ist noch nicht der Ort, die Gründe dieser -Scheu zu analysieren; aber um die nun aufzustellende These gegen -alle Einwände, die aus ihr fließen werden, zu schützen, soll sie in -diesem Abschnitt noch in ausgiebigster Weise durch zwingende Argumente -vollständig gesichert werden. - -Worum es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, daß das -logische und das ethische Phänomen, beide im Begriffe der Wahrheit zum -höchsten Werte sich zusammenschließend, zur Annahme eines intelligiblen -Ich oder einer Seele, als eines Seienden von höchster, hyperempirischer -Realität, zwingen. _Bei einem Wesen, dem, wie $W$, das logische und -das ethische Phänomen mangeln, entfällt auch der Grund, jene Annahme -zu machen._ Das vollkommen weibliche Wesen kennt weder den logischen -noch den moralischen Imperativ, und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht, -Pflicht gegen sich selbst, ist das Wort, das ihm am fremdesten -klingt. Also ist der Schluß vollkommen berechtigt, daß ihm auch die -übersinnliche Persönlichkeit fehlt. - -$Das absolute Weib hat kein Ich.$ - -Dies ist, in gewisser Beziehung, ein Abschluß der Betrachtung, ein -Letztes, wozu alle Analyse des Weibes führt. Und wenn auch diese -Erkenntnis, so kurz und bündig ausgesprochen, hart und unduldsam, -paradox und von allzu schroffer Neuheit scheint: es ist, in einer -solchen Sache, von vornherein kaum wahrscheinlich, daß der Verfasser -der erste sei, welcher zu dieser Anschauung gelangt ist; wenn er auch -selbständig wieder zu ihr den Weg finden mußte, um das Treffende der -früheren ähnlichen Aussagen zu begreifen. Die _Chinesen_ sprechen seit -ältester Zeit dem Weibe eine eigene Seele ab. Fragt man einen Chinesen -nach der Zahl seiner Kinder, so zählt er nur die Knaben, und hat er -bloß Töchter, so erklärt er, kinderlos zu sein.[35] Aus einem ähnlichen -Grunde hat wohl _Mohammed_ die Frauen vom Paradiese ausgeschlossen, und -die unwürdige Stellung, welche das weibliche Geschlecht in den Ländern -islamitischer Religion einnimmt, hiedurch mitverschuldet. - -Von den Philosophen ist hier vor allem _Aristoteles_ zu nennen. Für -ihn ist das männliche Prinzip bei der Zeugung das formende, aktive, -der Logos, das weibliche vertritt die passive Materie. Erwägt man -nun, wie für _Aristoteles_ Seele mit Form, Entelechie, Urbewegendem -zusammenfällt, so ist klar, wie sehr er sich der hier ausgesprochenen -Ansicht nähert, obwohl seine Anschauung nur dort zutage tritt, wo -er vom Akte der Befruchtung redet; während ihm sonst mit fast allen -Griechen außer _Euripides_ es gemeinsam zu sein scheint, daß er über -die Frauen selbst nicht nachdenkt, und deshalb nirgends ein Standpunkt -in Bezug auf die Eigenschaften des Weibes überhaupt (nicht nur in -Ansehung seiner Rolle beim Begattungsakte) von ihm eingenommen wird. - -Unter den Kirchenvätern scheinen besonders _Tertullian_ und _Origenes_ -sehr niedrig vom Weibe gedacht zu haben; indes _Augustinus_ schon -durch das innige Verhältnis zu seiner Mutter davon hat abgehalten -werden müssen, die Ansichten jener zu teilen. In der _Renaissance_ -ist die Aristotelische Ansicht wieder mehrfach aufgenommen worden, -z. B. von Jean _Wier_ (1518-1588). Damals scheint man diese überhaupt, -gefühlsmäßig und intuitiv, besser verstanden und nicht bloß als -Kuriosum betrachtet zu haben, wie das in der heutigen Wissenschaft -üblich ist, die freilich noch zu anderen Verbeugungen vor der -Aristotelischen Anthropologie sich einmal gewiß wird bequemen müssen. - -In den letzten Jahrzehnten haben dieselbe Erkenntnis Henrik _Ibsen_ -(mit den Gestalten der _Anitra_, _Rita_ und _Irene_) und August -_Strindberg_ (»Gläubiger«) ausgesprochen. Am populärsten aber ist -der Gedanke von der Seelenlosigkeit des Weibes durch das wundervolle -Märchen _Fouqués_ geworden, dessen Stoff dieser Romantiker aus dem, von -ihm eifrig studierten, _Paracelsus_ geschöpft hat, und durch E. T. A. -_Hoffmann_, _Girschner_ und Albert _Lortzing_, welche es in Musik -gesetzt haben. _Undine, die seelenlose Undine, ist die platonische -Idee des Weibes._ Trotz aller Bisexualität kommt ihr die Wirklichkeit -meist sehr nahe. Die verbreitete Rede: »das Weib hat keinen Charakter« -meint im Grunde auch nichts anderes. Persönlichkeit und Individualität, -(intelligibles) Ich und Seele, Wille und (intelligibler) Charakter -- -dies alles bezeichnet ein und dasselbe, das im Bereiche des Menschen -nur M zukommt und W fehlt. - -Da aber die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, und bedeutende -Menschen solche, welche durchaus _mit_ Seele leben, d. h. in denen -die _ganze Welt lebendig_ ist, _so muß W absolut $un$genial veranlagt -sein_. _Der Mann_ hat _alles_ in sich, und mag nur, nach den Worten -_Picos von Mirandola_, dies oder jenes in sich besonders begünstigen. -Er kann zur höchsten Höhe hinaufgelangen und aufs tiefste entarten, er -kann zum Tiere, zur Pflanze, _er kann auch zum Weibe werden, und darum -gibt es weibliche, weibische Männer_. - -$Aber die Frau kann nie zum Manne werden.$ Hier ist also die wichtigste -Einschränkung an den Aufstellungen des ersten Teiles dieser Schrift -vorzunehmen. _Während mir eine große Anzahl von Männern bekannt sind, -die psychisch fast vollständig, und nicht etwa zur Hälfte nur, Weib -sind, habe ich zwar schon sehr viele Frauen gesehen mit männlichen -Zügen, aber noch nie auch nur eine einzige Frau, die nicht doch im -Grunde Weib gewesen wäre_, wenn auch diese Weiblichkeit unter einer -Menge verkleidender Hüllen vor dem Blicke der Person selbst, nicht -nur der anderen, oft genug sich verbarg. Man _ist_ (vgl. Kapitel 1 -des zweiten Teiles) _entweder_ Mann _oder_ Weib, so viel man auch von -beiden Geschlechtern Eigentümlichkeiten haben mag, und dieses _Sein_, -das Problem der Untersuchung von Anfang an, bestimmt sich jetzt nach -dem Verhältnis eines Menschen zur Ethik und zur Logik; aber während es -anatomische Männer gibt, die psychologisch Weiber _sind_, gibt es keine -Personen, die körperlich Weiber und doch psychisch Männer _sind_; wenn -sie auch in noch so vielen äußerlichen Beziehungen einen männlichen -Aspekt gewähren, und einen unweiblichen Eindruck hervorbringen. - -Darum aber läßt sich mit Sicherheit nun folgende _abschließende_ -Antwort auf die Frage nach der Begabung der Geschlechter geben: _es -gibt wohl Weiber mit genialen Zügen, aber es gibt kein weibliches -Genie, hat nie ein solches gegeben und kann nie ein solches geben_. Wer -prinzipiell in solchen Dingen der Laxheit huldigen und den Begriff der -Genialität so auftun und erweitern wollte, daß die Frauen unter ihm -auch nur ein Fleckchen Raumes fänden, der würde diesen Begriff damit -bereits _zerstört_ haben. Wenn überhaupt ein Begriff von Genialität in -Strenge und Einheitlichkeit gewonnen und gewahrt werden soll und kann, -so sind, wie ich glaube, keine anderen Definitionen von ihm möglich -als die hier entwickelten. Wie könnte nach diesen ein seelenloses -Wesen Genie haben? Genialität ist identisch mit _Tiefe_; und man -versuche nur, tief und Weib wie Attribut und Substantiv miteinander -zu verbinden: ein jeder hört den Widerspruch. _Ein weiblicher Genius -ist demnach eine contradictio in adjecto_; denn Genialität war ja nur -gesteigerte, voll entfaltete, höhere, allgemein bewußte Männlichkeit. -Der geniale Mensch hat, wie alles, auch das Weib völlig in sich; aber -das Weib selbst ist nur ein Teil im Weltall, und der Teil kann nicht -das Ganze, Weiblichkeit also nicht Genialität in sich schließen. Die -_Genielosigkeit_ des Weibes folgt unabwendbar daraus, daß das Weib -keine Monade und somit kein Spiegel des Universums ist. - -Zum Nachweise der _Seelenlosigkeit_ des Weibes aber vereinigt sich -der größte Teil alles dessen, was etwa in den vorigen Kapiteln zu -ermitteln sollte gelungen sein. Das dritte Kapitel zunächst hat -gezeigt, daß die Frau in Heniden, der Mann in gegliederten Inhalten -lebt, daß das weibliche Geschlecht ein weniger _bewußtes_ Leben führt -als das männliche. Bewußtsein ist aber _ein_ erkenntnistheoretischer -und zugleich _der_ psychologische Fundamentalbegriff. -Erkenntnistheoretisches Bewußtsein und Besitz eines kontinuierlichen -Ich, transcendentales Subjekt und Seele sind vertauschbare -Wechselbegriffe. Jedes Ich _ist_ nur in der Weise, daß es sich selbst -fühlt, sich seiner in seinen Denkinhalten bewußt wird; alles Sein ist -Bewußtsein. Aber es ist jetzt zu jener Theorie von den Heniden eine -wichtige Erläuterung hinzuzufügen. Die artikulierten Denkinhalte des -Mannes sind nicht einfach die auseinandergefalteten und geformten -weiblichen, sie sind nicht bloß aktuell, was jene potentiell waren; -sondern es steckt in ihnen von allem Anfang an noch ein _qualitativ -anderes_. Die psychischen Inhalte des Mannes sind, selbst schon im -ersten Henidenstadium, das sie stets zu überwinden trachten, bereits -zur _Begrifflichkeit_ angelegt, und vielleicht tendiert selbst _alle -Empfindung_ des Mannes von einem sehr frühen Stadium an _zum Begriffe_. -Das Weib selbst ist durchaus unbegrifflich veranlagt, in seinem -Wahrnehmen wie in seinem Denken. - -Das Prinzip aller Begrifflichkeit sind die logischen Axiome, -und diese fehlen den Frauen; ihnen ist nicht das Prinzip der -Identität Richtschnur, welches allein dem Begriff seine eindeutige -Bestimmtheit verleihen kann, und sie machen sich nicht das principium -contradictionis zur Norm, das einzig ihn, als völlig selbständigen, -gegen alle anderen möglichen und wirklichen Dinge abgrenzt. Dieser -Mangel an begrifflicher Bestimmtheit alles weiblichen Denkens -ermöglicht jene »Sensitivität« der Frauen, die vagen Associationen -ein schrankenloses Recht einräumt, und so häufig ganz fernliegende -Dinge zum Vergleich heranzieht. Auch die Frauen mit dem besten und -am wenigsten begrenzten Gedächtnis kommen über diese Manier der -_Synästhesien_ nie hinaus. Gesetzt z. B., durch irgend ein Wort -fühlten sie sich an eine bestimmte Farbe, durch einen Menschen an -eine bestimmte Speise erinnert -- wie das wirklich bei Frauen oft -genug vorkommt: in solchem Falle geben sie sich mit ihrer subjektiven -Association vollständig _zufrieden_, sie suchen weder zu ergründen, -warum ihnen gerade dieser Vergleich eingefallen, inwiefern er wirklich -durch die tatsächlichen Verhältnisse nahegelegt sei, noch trachten sie -weiter und eifriger über ihren Eindruck von dem Worte, von dem Menschen -ins Klare zu kommen. Diese Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit hängt -mit dem zusammen, was früher als intellektuelle Gewissenlosigkeit des -Weibes bezeichnet wurde, und gleich weiter unten nochmals zur Sprache -kommen und in seinem Konnex mit dem Mangel an Begrifflichkeit erläutert -werden soll. Jenes Schwelgen in rein gefühlsmäßigen Anklängen, -jener Verzicht auf Begrifflichkeit und auf Begreiflichkeit, jenes -_Sichwiegen_ ohne _Streben_ nach irgend einer Tiefe charakterisiert -den schillernden Stil so vieler moderner Schriftsteller und Maler als -einen eminent _weiblichen_. Männliches Denken scheidet sich von allem -weiblichen grundsätzlich durch das Bedürfnis nach sicheren Formen, -und so ist auch jede »Stimmungskunst« immer notwendig eine _formlose_ -»Kunst«. - -Die psychischen Inhalte des Mannes können aus diesen Gründen nie -einfach Heniden des Weibes in bloßer Weiterentwicklung in »expliciter« -Form sein. Das Denken des Weibes ist ein Gleiten und ein Huschen -zwischen den Dingen hindurch, ein Nippen von ihren obersten Flächen, -denen der Mann, der »in der Wesen Tiefe trachtet«, oft gar keine -Beachtung schenkt, es ist ein Kosten und ein Schmecken, ein _Tasten_, -kein _Ergreifen_ des Richtigen. Darum, weil das Denken des Weibes -vornehmlich eine Art _Schmecken_ ist, bleibt auch _Geschmack_, -im _weitesten_ Sinne, die vornehmste weibliche Eigenschaft, das -Höchste, was eine Frau selbständig erreichen, und worin sie es bis -zu einer gewissen Vollendung bringen kann. Geschmack erfordert -eine Beschränkung des Interesses auf Oberflächen, er geht auf den -Zusammenklang des Ganzen, und verweilt nie bei scharf herausgehobenen -Teilen. Wenn eine Frau einen Mann »versteht« -- über Möglichkeit und -Unmöglichkeit solchen Verstehens wird noch zu handeln sein -- so -_schmeckt_ sie sozusagen -- so geschmacklos gerade dieser Ausdruck -sein mag -- _nach_, was er ihr _$vorgedacht$_ hat. Da es auf ihrer -Seite hiebei eben nicht zu scharfer Unterscheidung kommen kann, so ist -klar, daß an ein Verständnis von ihr selbst oft wird geglaubt werden, -wo nur höchst vage Analogien in der Empfindung vorhanden sind. Als -maßgebend für die _In_kongruenzen ist hiebei vor allem anzusehen, daß -die Denkinhalte des Mannes nicht auf derselben Linie, und nicht etwa -nur auf ihr weiter vorgerückt liegen als die des Weibes, sondern daß es -_zwei_ Reihen sind, welche auf die gleichen Objekte sich erstrecken, -eine begriffliche männliche und eine unbegriffliche weibliche, und -eine im Verstehen ausgesagte Identifikation demnach _nicht nur_ -zwischen einem entwickelten, differenzierten, späteren, und einem noch -chaotischen, ungegliederten, früheren Inhalt _derselben_ Reihe erfolgen -kann (wie im Falle des Ausdrucks, S. 154); sondern daß gerade im -Verstehen zwischen Mann und Weib ein _begrifflicher_ Gedanke der einen -Reihe einem _unbegrifflichen_ »Gefühle«, einer »Henide«, in der anderen -gleichgesetzt wird. - -Die unbegriffliche Natur des Weibes ist aber, nicht minder als seine -geringere Bewußtheit, ein Beweis dafür, daß es kein Ich besitzt. Denn -erst der Begriff schafft den bloßen Empfindungskomplex zum _Objekt_ -um, er macht ihn unabhängig davon, ob ich ihn empfinde oder nicht. -Das Dasein des Empfindungskomplexes ist immer vom Willen des Menschen -abhängig: dieser schließt das Auge, er verstopft das Ohr und sieht -und hört schon nicht mehr, er berauscht sich oder sucht den Schlaf, -und vergißt. Erst der _Begriff_ emanzipiert von der ewig subjektiven, -ewig psychologisch-relativen Tatsache des _Empfindens_, er schafft die -_Dinge_. Durch seine begriffliche Funktion stellt sich der Intellekt -selbsttätig ein Objekt _gegenüber_; und umgekehrt kann nur, wo eine -begriffliche Funktion da ist, von Subjekt und Objekt gesprochen werden, -nur dort sind beide voneinander unterscheidbar; in jedem anderen Falle -ist nur ein Haufe ähnlicher und unähnlicher Bilder vorhanden, die -ineinander ohne jede Regel und Ordnung verschwimmen und übergehen. Der -Begriff schafft also die frei in der Luft schwebenden _Impressionen -zu Gegenständen_ um, er zeugt aus der Empfindung ein Objekt, dem das -Subjekt gegenübertritt, einen Feind, an dem es seine Kräfte mißt. -So ist der Begriff konstitutiv für alle Realität; nicht als ob der -Gegenstand selbst nur so weit Realität besäße, als er Anteil hätte -an einer jenseits der Erfahrung in einem τόπος νοητός liegenden Idee -und nur eine unvollkommene Projektion, ein stets mißlungenes Abbild -dieser darstellte: sondern umgekehrt, _insofern sich auf irgend etwas -die begriffliche Funktion unseres Intellektes erstreckt, insofern -und nur insofern wird es zum realen Ding_. Der _Begriff_ ist das -»_transcendentale Objekt_« der _Kant_schen Vernunftkritik, als welches -aber stets nur einem _transcendentalen Subjekte_ korrespondiert. Denn -nur aus dem Subjekte stammt jene rätselhafte objektivierende Funktion, -die jenen _Kant_schen »Gegenstand X«, auf den alle _Erkenntnis_ sich -erst _richtet_, selbst _hervorbringt_, und die ja als identisch mit -den logischen Axiomen erkannt wurde, in welchen wieder nur das Dasein -des Subjektes zum Ausdruck gelangt. Das principium contradictionis -nämlich grenzt den Begriff ab gegen alles, was nicht er selbst ist; das -principium identitatis ermöglicht seine Betrachtung, als ob er allein -auf der Welt wäre. Ich kann nie von einem rohen Empfindungskomplexe -sagen, daß er sich selbst gleich sei; in dem Augenblick, wo ich das -Urteil der Identität auf ihn anwende, ist er bereits begrifflich -geworden. So verleiht erst der Begriff allem Wahrnehmungsgebilde und -allem Gedankengespinst seine _Würde_ und seine _Strenge_: _der Begriff -$befreit$ jeden Inhalt, indem er ihn $bindet$_. Und hier wird abermals -offenbar, wie alle Freiheit Selbstbindung ist, in der Logik wie in der -Ethik. Frei wird der Mensch allein, indem er selbst das Gesetz wird: -nur so entgeht er der Heteronomie, der Bestimmung durch anderes und -durch andere, die unausbleiblich an jede Willkür geknüpft ist. Deshalb -ist auch die begriffliche Funktion eine _Selbstehrung_ des Menschen; -er ehrt _sich_, indem er seinem Objekte die Freiheit gibt und es -verselbständigt, als den allgemeingültigen _Gegenstand der Erkenntnis_, -auf den rekurriert wird, wo immer zwei Männer über eine Sache streiten -mögen. -- Nur die Frau steht nie Dingen _gegenüber_, sie springt mit -ihnen und in ihnen mit sich nach Belieben um: sie kann dem Objekte -keine Freiheit schenken, da sie selbst keine hat. - -Die Verselbständigung der Empfindung im Begriffe ist aber nicht -sowohl eine Loslösung vom _Subjekte_, als eine Loslösung von der -_Subjektivität_. Der Begriff ist vielmehr eben das, worüber _ich_ -denke, schreibe und spreche. Darin liegt der Glaube, daß ich -nichtsdestoweniger noch in einer Beziehung zu ihm stehe, und _dieser_ -Glaube ist das Wesen des $Urteils$. Wenn die immanenten Psychologisten, -_Hume_, _Huxley_, _Mach_, _Avenarius_, sich mit dem _Begriff_ noch -so abzufinden suchten, daß sie ihn mit der Allgemeinvorstellung -identifizierten, und zwischen logischem und psychologischem Begriff -keine Unterscheidung mehr trafen: so ist es hingegen sehr bezeichnend, -daß sie das _Urteil_ einfach ignorieren, ja, tun müssen, als ob es -nicht da wäre. Sie können, von ihrem Standpunkt aus, für _das allem -Empfindungsmonismus Fremde_, das im Urteils_akte_ enthalten ist, -keinerlei Verständnis sich gestatten. Im Urteil liegt Anerkennung -oder Verwerfung, Billigung oder Mißbilligung bestimmter Dinge, und -der Maßstab dieser Billigung -- _die Idee der Wahrheit_ -- kann nicht -selbst in den Wahrnehmungskomplexen gelegen sein, die beurteilt werden. -Für wen es nichts als Empfindungen gibt, für den sind notwendig -alle Empfindungen _gleichwertig_, die Aussichten der einen nicht -größer als die der anderen, Baustein einer realen Welt zu werden. So -vernichtet gerade der _Empirismus_ die Wirklichkeit der _Erfahrung_, -und entpuppt sich der _Positivismus_ trotz des »solid« und »reell« -klingenden Titels seiner Firma als der wahre _Nihilismus_ -- wie -so manches der Ehrbarkeit volle geschäftliche Unternehmen als ein -schwindelhafter Luftbau. Der Gedanke eines _Maßes_ der Erfahrung, der -_Wahrheitsgedanke_, kann nicht schon in der _Erfahrung_ gelegen sein. -_In jedem Urteil aber liegt gerade dieser Anspruch auf Wahrheit_, -es erhebt implicite, auch wenn es mit noch so vielen, subjektiv -einschränkenden, Zusätzen versehen wird, die Forderung seiner -objektiven Gültigkeit eben in der restringierten Form, die ihm sein -Urheber gab. Wer etwas in der Weise eines Urteils ausspricht, wird so -behandelt, als verlangte er die allgemeine Anerkennung für das, was -er sagt; und erklärt er, daß ihm diese Hoffnung fern gelegen sei, so -wird er mit Recht zu hören bekommen, daß er sich eines Mißbrauches der -Urteilsform schuldig gemacht habe. Demnach ist es richtig, daß in der -urteilenden Funktion der Anspruch auf _Erkenntnis_, das heißt _auf die -Wahrheit des Geurteilten_, gelegen sei. - -Dieser Anspruch auf Erkenntnis besagt nicht mehr und nicht weniger, -als daß das Subjekt über das Objekt zu _urteilen_, über es _Richtiges_ -auszusagen _vermöge_. Die Objekte, über die geurteilt wird, sind -_Begriffe_: der Begriff ist der Gegenstand der Erkenntnis. Der Begriff -stellte dem Subjekt ein Objekt _gegenüber_; _durch das Urteil wird -wiederum die Möglichkeit einer Verbindung_ und Verwandtschaft _zwischen -ihnen behauptet_. Denn die Wahrheitsforderung heißt so viel, daß das -Subjekt über das Objekt auch richtig urteilen _könne_; _und so liegt -in der Urteilsfunktion der $Beweis$ eines Zusammenhanges zwischen -dem Ich und dem All_, ja der Möglichkeit ihrer vollen Einheit; diese -Einheit, und nichts anderes, nicht die _Übereinstimmung_, sondern die -_Identität_ von Sein und Denken ist _Wahrheit_; nie eine dem Menschen -als Menschen je erreichbare _Tatsache_[36], immer nur eine ewige -_Forderung_. So ist das Urteilsvermögen, in der Voraussetzung, die ihm -am allgemeinsten zu Grunde liegt, nur der trockene _logische Ausdruck -der Theorie von der Seele des Menschen als des Mikrokosmus_. Und die -viel verhandelte Frage, was vorhergehe, Begriff oder Urteil, wird wohl -dahin entschieden werden müssen, daß keinem von beiden eine Priorität -vor dem anderen zukomme, vielmehr beide einander notwendig bedingen. -Denn alle Erkenntnis geht auf einen Gegenstand, Erkennen aber -vollzieht sich in der Form des Urteilens und sein Gegenstand ist der -Begriff. Die begriffliche Funktion hat Subjekt und Objekt gespalten, -und jenes einsam gemacht: wie alle Liebe, so sucht damit sogleich auch -die Sehnsucht des Erkenntnistriebes das Entzweite wieder zu einen. - -Fehlt einem Wesen, wie dem echten Weibe, die begriffliche, so mangelt -ihm deshalb notgedrungen gleichzeitig die urteilende Tätigkeit. Man -wird diese Behauptung eine lächerliche Paradoxie nennen, weil ja doch -die Frauen genug _sprechen_ (wenigstens hat sich niemand über das -Gegenteil beklagt), und alles Sprechen Ausdruck von Urteilen sei. Aber -eben dieses letztere ist nicht richtig. Der _Lügner_ z. B., den man -gegen die tiefere Bedeutung des Urteilsphänomens gewöhnlich ins Feld -führt, _urteilt gar nicht_ (es gibt eine »innere Urteilsform«[37] -wie eine »innere Sprachform«), indem er eben, lügend, an das, was er -sagt, gar nicht den Maßstab der Wahrheit anlegt; und, wenn er für die -Lüge auch noch so allgemeine Anerkennung erzwingen will, eben seine -eigene Person hievon ausnimmt und damit die objektive Gültigkeit dahin -ist. Wer sich hingegen selbst belügt, fragt vor dem inneren Forum -seine Gedanken nicht nach ihren Rechtsgründen, würde sich aber wohl -hüten, sie vor einem äußeren zu vertreten. Es kann also jemand die -äußere sprachliche Form des Urteils sehr wohl wahren, ohne seiner -inneren Bedingung gerecht geworden zu sein. Diese innere Bedingung ist -aufrichtige Anerkennung der Idee der Wahrheit als obersten Richters -über alle Aussagen, und herzliches Begehren, vor diesem Richter mit -jedem Ausspruche, den man tue, bestehen zu können. Man steht aber zur -Idee der Wahrheit in einem Verhältnis überhaupt und ein für alle Male, -und nur aus einem solchen kann Wahrhaftigkeit sowohl den Menschen, -als den Dingen, als auch sich selbst gegenüber fließen. Darum ist -die eben getroffene Einteilung in Lüge vor sich und Lüge vor anderen -falsch, und wer _subjektiv verlogen_ ist, wie das von der Frau bereits -hervorgehoben wurde und noch sehr ausführlich auseinandergesetzt -werden wird, der kann auch kein Interesse an der _objektiven_ Wahrheit -besitzen. Das Weib hat keinen Eifer für die Wahrheit -- darum ist es -nicht _ernst_ -- darum nimmt es auch keinen Anteil an _Gedanken_. Es -gibt eine Menge weiblicher Schriftstellerinnen, aber _Gedanken_ vermißt -man in allem, was weibliche Künstler je geschaffen haben, und so gering -ist diese Liebe zur (objektiven) Wahrheit, daß sie Gedanken meist nicht -einmal zu _borgen_ der Mühe wert finden. - -Kein Weib hat wirkliches Interesse für die Wissenschaft, sie mag -es sich selbst und noch so vielen braven Männern, aber schlechten -Psychologen, vorlügen. Man kann sicher sein, daß, wo immer eine Frau -irgend etwas nicht _ganz_ Unerhebliches in wissenschaftlichen Dingen -selbständig geleistet hat (Sophie _Germain_, Mary _Somerville_ etc.), -dahinter stets ein Mann sich verbirgt, dem sie auf diese Weise näher zu -kommen trachtete; und viel allgemeiner als für den Mann das »Cherchez -la femme« gilt für die Frauen ein »Cherchez l'homme«. - -Bedeutendere Leistungen hat es aber selbst auf dem Gebiete der -Wissenschaft von weiblicher Seite nie gegeben. Denn die Fähigkeit zur -Wahrheit stammt nur aus dem Willen zur Wahrheit, und ist stets diesem -in ihrer Stärke angemessen. - -Darum ist auch der Wirklichkeitssinn der Frauen, so oft auch das -Gegenteil behauptet worden ist, viel geringer als jener der Männer. -Ihnen ordnet sich die Erkenntnis stets einem fremden Zwecke unter, und -wenn die Absicht auf diesen intensiv genug ist, dann mögen die Frauen -sehr scharf und unbeirrt blicken; was Wahrheit an sich und um ihrer -selbst willen für einen Wert haben solle, wird eine Frau nie und nimmer -einzusehen imstande sein. Wo also Täuschung seinen (oft unbewußten) -Wünschen _entgegenkommt_, dort wird das Weib gänzlich unkritisch, -und verliert jede Kontrolle über die Realität. Daraus erklärt sich -der feste Glaube so mancher Frauen, von sexuellen Attacken bedroht -worden zu sein, daraus die ungemeine Häufigkeit der Halluzinationen -des Tastsinnes beim weiblichen Geschlechte, von deren intensivem -Realitätscharakter der Mann nicht leicht eine Vorstellung sich bilden -mag; denn die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die Phantasie -des Mannes hingegen, als Künstlers oder Philosophen, erst höhere -Wahrheit. - -Der Wahrheitsgedanke aber liegt allem, was den Namen _Urteil_ -verdient, zu Grunde. Urteilen ist die Form alles Erkennens, und Denken -selbst heißt nichts anderes als urteilen. Die Norm des Urteils ist -der Satz vom Grunde, gleichwie die Sätze vom Widerspruch und von -der Identität den Begriff (als die Norm der Essenz) konstituieren. -Daß die Frau den Satz vom Grunde _nicht_ anerkennt, darauf wurde -schon hingewiesen. Alles Denken ist Ordnen des Mannigfaltigen zur -Einheit; im Satz vom Grunde, der die Berechtigung jedes Urteils -von einem logischen Erkenntnisgrunde abhängig macht, liegt der -Gedanke der _Einheitsfunktion_ unseres Denkens _mit Bezug_ auf die -Mannigfaltigkeit, und _trotz_ derselben; indes die drei anderen -logischen Axiome nur ein Ausdruck des _Seins_ der Einheit selbst ohne -Beziehung auf eine Mannigfaltigkeit sind. Beide sind darum nicht -aufeinander zurückzuführen, _vielmehr ist darin, daß sie zweierlei -sind, der formal-logische Ausdruck des Dualismus in der Welt, der -Existenz einer Vielheit neben der Einheit zu erblicken_. Jedenfalls -hatte _Leibniz_ recht, als er beide unterschied, und jede Theorie, die -dem Weibe die Logik abspricht, muß nicht nur vom Satz des Widerspruchs -(und der Identität), der sich auf den Begriff bezieht, sondern -ebenso vom Satz des Grundes, dessen Gewalt das Urteil untersteht, -nachweisen, daß es ihn nicht begreife und ihm sich nicht beuge. In der -intellektuellen Gewissenlosigkeit der Frau liegt dieser Nachweis. Hat -einmal ein Weib einen theoretischen Einfall, so verfolgt es ihn nicht -weiter, es bringt ihn nicht in Beziehung zu anderem, _es denkt nicht -$nach$_. Deshalb kann es am wenigsten einen weiblichen Philosophen -geben; es fehlt die Ausdauer, die Zähigkeit, die Beharrlichkeit des -Denkens und alle Motive zu diesem, und daß eine Frau an _Problemen -litte_, davon kann zu allerletzt die Rede sein. Man schweige nur von -den Weibern, denen nicht zu helfen ist. Der problematische Mann will -erkennen, das problematische Weib will doch nur erkannt werden. - -Ein _psychologischer_ Beweis für die _Männlichkeit der Urteilsfunktion_ -ist dieser, _daß das Urteilen vom Weibe als männlich empfunden wird, -und wie ein (tertiärer) Sexualcharakter anziehend auf es_ wirkt. -Die Frau _verlangt_ vom Manne stets bestimmte Überzeugungen, die sie -übernehme; für den _Zweifler_ im Manne geht ihr jegliches Verständnis, -welcher Art immer, ab. Auch erwartet sie stets, daß der Mann _rede_, -und die Rede des Mannes ist ihr ein Zeichen von Männlichkeit. Den -Frauen ist zwar die Gabe der Sprache, aber nicht so die der Rede -verliehen; eine Frau konversiert (kokettiert) oder schnattert, aber sie -redet nicht. Am gefährlichsten aber ist sie, wenn sie stumm ist: denn -der Mann ist nur allzugeneigt, Stummheit für Schweigen zu nehmen. - -So ist nicht nur von den logischen Normen, sondern auch von den -Funktionen, welche durch diese Grundsätze geregelt werden, von der -begrifflichen und der urteilenden Tätigkeit, bewiesen, daß W ihrer -entbehrt. Da aber die Begrifflichkeit ihrem Wesen nach darin besteht, -einem _Subjekt_ sein Objekt gegenüberzustellen, und im Urteilen die -Urverwandtschaft und tiefste Wesenseinheit des Subjektes mit seinem -Objekte zum Ausdruck kommt, so muß der Frau abermals der Besitz eines -Subjektes aberkannt werden. - -An den Nachweis der Alogizität des absoluten Weibes hat sich der -Nachweis seiner Amoralität im einzelnen zu schließen. Die tiefe -Verlogenheit des Weibes, welche aus dem Mangel eines Verhältnisses -zur Idee der Wahrheit, wie zu den Werten überhaupt, freilich schon -hier sich ergibt, muß noch so eingehend Gegenstand der Besprechung -werden, daß hier zunächst andere Momente sollen hervorgekehrt sein. -Es gilt dabei unausgesetzt einen besonderen Scharfsinn und eine große -Vorsicht; denn es gibt so unendlich viele Imitationen des Ethischen, ja -so täuschende Kopien der Moral, daß die Sittlichkeit der Frauen wohl -von vielen stets höher als die der Männer wird gewertet werden. Ich -habe schon die Notwendigkeit der Distinktion zwischen _a_moralischem -und _anti_moralischem Verhalten betont, und wiederhole, daß nur von -ersterem, welches eben gar keinen Sinn für die Moral, und gar keine -Richtung mit Bezug auf dieselbe involviert, beim echten Weibe die Rede -sein kann. Es ist eine aus der Kriminalstatistik wie aus dem täglichen -Leben wohl bekannte Tatsache, daß von Frauen unvergleichlich weniger -Verbrechen begangen werden als von Männern. Auf diese Tatsache berufen -sich denn auch immer die geschäftigen Apologeten der Sittenreinheit des -Weibes. - -Aber bei der Entscheidung der Frage nach der weiblichen Sittlichkeit -kommt es nicht darauf an, ob jemand objektiv gegen die Idee gesündigt -hat; sondern nur darauf, ob er einen subjektiven Wesenskern hat, -der in ein Verhältnis zur Idee treten konnte, und dessen Wert er in -Frage stellte, als er fehlte. Gewiß wird der Verbrecher mit seinen -verbrecherischen Trieben geboren, aber nichtsdestoweniger fühlt er -selbst, trotz aller Theorien von der »moral insanity«, daß er durch -seine Tat seinen Wert und sein Recht auf das Leben verwirkt hat; -denn es gibt nur feige Verbrecher, und keinen, dessen Stolz und -Selbstbewußtsein durch die böse Tat erhöht und nicht vermindert worden -wäre, keinen, der es übernähme, sie zu rechtfertigen. - -Der männliche Verbrecher hat ebenso von Geburt an ein Verhältnis zur -Idee des Wertes wie jener andere Mann, dem die verbrecherischen Triebe, -die den ersten beherrschen, fast völlig mangeln. Das Weib hingegen -behauptet oft im vollen Rechte zu sein, wenn es die denkbar größte -Gemeinheit begangen hat; während der echte Verbrecher stumpfsinnig auf -alle Vorwürfe _schweigt_, kann eine Frau empört ihrer Verwunderung -und Entrüstung darüber Ausdruck geben, daß man ihr gutes Recht, so -oder so zu handeln, in Zweifel ziehe. Frauen sind überzeugt _von_ -ihrem »Rechte«, ohne je _über_ sich zu Gericht gesessen zu sein. Der -Verbrecher geht zwar auch nie in sich, aber er behauptet auch nie -sein Recht; er geht vielmehr dem Gedanken des Rechtes hastig aus dem -Wege, weil es ihn an seine Schuld erinnern könnte: und hier liegt -auch der Beweis, daß er ein Verhältnis zur Idee _hatte_, und nur an -seine Untreue gegen sein besseres Selbst nicht erinnert werden will. -_Kein Verbrecher hat noch wirklich geglaubt, daß ihm Unrecht geschehen -sei durch die Strafe_[38]; die Frau hingegen ist überzeugt von -der Böswilligkeit ihrer Ankläger; und, wenn _sie nicht will_, kann -ihr niemand beweisen, daß sie Unrecht getan habe. Wenn ihr jemand -zuredet, so kommt es freilich oft vor, daß sie in Tränen ausbricht, -um Verzeihung bittet und »ihr Unrecht einsieht«, ja wirklich glaubt, -dieses Unrecht aufrichtig zu fühlen; aber immer nur, wenn sie dazu die -Lust empfunden hat; denn diese Auflösung im Weinen bereitet ihr stets -ein gewisses wollüstiges Vergnügen. Der Verbrecher ist verstockt, er -läßt sich nicht im Nu umdrehen, wie der scheinbare Trotz einer Frau -in ein ebenso scheinbares Schuldgefühl sich verkehren läßt, wenn der -Ankläger sie entsprechend zu behandeln versteht. Die einsame Pein der -Schuld, die am Bette weinend sitzt und vergehen möchte vor Scham über -den Makel, mit dem sie sich beladen hat, die kennt kein Weib, und eine -scheinbare Ausnahme (die Büßerin, die den Leib kasteiende Betschwester) -wird später ebenfalls zeigen, daß _eine Frau stets nur zu zweien sich -sündhaft fühlt_. - -Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich -behaupte, _daß sie vielmehr böse gar nie sein kann_; sie ist nur -amoralisch, _gemein_. - -Das weibliche Mitleid und die weibliche Schamhaftigkeit sind die -beiden anderen Phänomene, auf welche der Schätzer weiblicher Tugend -insgemein sich beruft. Speziell die weibliche Güte, das weibliche -Mitgefühl haben zu der schönen Sage von der Psyche des Weibes den -meisten Anlaß gegeben, und das letzte Argument alles Glaubens an die -höhere Sittlichkeit der Frau ist die Frau als Krankenpflegerin, als -barmherzige Schwester. Ich erwähne diesen Punkt ungern und hätte ihn -nicht berührt, bin aber durch einen Einwand, der mir mündlich gemacht -wurde und dem voraussichtlich weitere folgen werden, hiezu gezwungen. - -Es ist kurzsichtig, wenn man die Krankenpflege der Frauen für einen -Beweis ihres Mitleids hält, indem vielmehr gerade das Gegenteil -aus ihr folgt. Denn der Mann könnte die Schmerzen des Kranken nie -mitansehen, er müßte unter ihnen so leiden, daß er völlig aufgerieben -würde, und wartende Pflege des Patienten wäre ihm ganz unmöglich. Wer -Krankenschwestern beobachtet, nimmt mit Erstaunen wahr, daß diese -gleichmütig und »sanft« bleiben, selbst unter den furchtbarsten -Krämpfen eines Sterbenden; und so ist es gut; denn der Mann, der -Qualen und Tod nicht mitmachen kann, wäre dem Kranken ein schlechter -Pfleger. Der Mann würde die Qualen lindern, den Tod aufhalten, mit -einem Worte, er würde _helfen_ wollen; wo nicht zu helfen ist, da ist -kein Platz für ihn, da kann allein die Pflege in ihr Recht treten, und -für diese eignet sich nur das Weib. Man ist aber völlig im Unrecht, -wenn man die Tätigkeit der Frauen auf diesem Ressort anders als vom -utilitaristischen Standpunkt schätzen zu können glaubt. - -Dazu tritt noch, daß für die Frau das _Problem_ von Einsamkeit und -Gesellschaft gar nicht existiert. Sie schickt sich gerade deshalb -besonders gut zur Gesellschafterin (Vorleserin, Krankenpflegerin), -weil sie nie aus einer Einsamkeit heraustritt in eine Mehrsamkeit. -_Dem Manne wird Einsamkeit und Mehrsamkeit immer irgendwie Problem, -wenn auch oft nur eine von beiden zur Möglichkeit_. Die Frau verläßt -keine Einsamkeit, um den Kranken zu pflegen, wie sie es tun müßte, -auf daß ihre Tat wirklich sittlich könnte genannt werden; _denn eine -Frau ist $nie$ einsam_, sie kennt nicht die Liebe zur Einsamkeit und -nicht die Furcht vor ihr. _Die Frau lebt stets, auch wenn sie allein -ist, in einem Zustande der $Verschmolzenheit$ mit allen Menschen, die -sie kennt_: ein Beweis, daß sie keine Monade ist, denn alle Monaden -haben _Grenzen_. Die Frauen sind ihrer Natur nach unbegrenzt, aber -nicht unbegrenzt wie der Genius, dessen Grenzen mit denen der Welt -zusammenfallen; sondern sie _trennt_ nie etwas Wirkliches von der Natur -oder von den Menschen.[39] - -Dieses Verschmolzensein ist etwas durchaus _Sexuelles_, und -dementsprechend äußert sich alles weibliche Mitleid in _körperlicher -Annäherung_ an das bemitleidete Wesen, es ist tierische Zärtlichkeit, -es muß streicheln und trösten. Wieder nur ein Beweis für das Fehlen -jenes harten Striches, der stets zwischen Persönlichkeit und -Persönlichkeit gezogen ist! Die Frau ehrt nicht den Schmerz des -Nebenmenschen durch Schweigen, sie glaubt ihn durch Zureden aufheben -zu können: so sehr fühlt sie sich mit ihm verbunden, als natürliches, -nicht als geistiges Wesen. Und wo die Sexualität erloschen ist, dort -fehlt auch jedes Mitleid: im alten Weib ist nie auch nur ein Funken -jener angeblichen Güte mehr, und so liefert das Greisenalter der Frau -den indirekten Beweis, wie all ihr Mitleid nur eine Form sexueller -Verschmolzenheit war, _selbst_ wenn es auf ein gleichgeschlechtliches -Wesen sich bezog. - -Das _verschmolzene_ Leben, eine der wichtigsten und am tiefsten -führenden Tatsachen des weiblichen Daseins, ist auch der Grund der -Rührseligkeit aller Frauen, jener gemeinen Willigkeit und Leichtigkeit -und Schamlosigkeit des Tränenergusses. Nicht umsonst kennt man nur -Klageweiber, und achtet einen in Gesellschaft weinenden Mann nicht sehr -hoch. Wenn jemand weint, so weint die Frau mit, wie sie stets mitlacht, -wenn ein anderer, außer über sie selbst, lacht: und damit ist ein guter -Teil des weiblichen Mitleidens auch bereits erschöpft. - -Nur das Weib jammert so recht andere Menschen _an_, weint sie _an_ -und _verlangt_ ihr Mitleid. Hierin liegt einer der stärksten Beweise -der psychischen Schamlosigkeit des Weibes. Die Frau provoziert das -Mitleid der Fremden, um _mit diesen_ weinen und sich selbst so noch -mehr bedauern zu können, als sie es bereits tat. Ja, es ist nicht -zu viel behauptet, daß das Weib, auch wenn es allein weint, stets -_mit_weine mit anderen, denen es in Gedanken sein Leid klagt, wodurch -es selbst sehr heftig gerührt wird. »Mitleid mit sich selbst« ist eine -eminent weibliche Eigenschaft: die Frau stellt sich zuerst in eine -Reihe mit den anderen, _macht sich zum Objekt des Mitleidens anderer_, -und beginnt nun, tief ergriffen, _mit_ ihnen über sich, »die Arme«, -mitzuweinen. Aus diesem Grunde schämt sich der Mann vielleicht keiner -anderen Regung so sehr, als wenn er sich auf einem Impuls zu diesem -sogenannten »Mitleid mit sich selbst« ertappt, _in dem das Subjekt -tatsächlich Objekt wird_. - -Das weibliche Mitleid, an das selbst _Schopenhauer_ geglaubt hat, ist -ein Schluchzen und Heulen überhaupt, beim geringsten Anlaß, ohne die -schwächste Bemühung, aus Scham die Regung zu unterdrücken; denn wie -alles wahre Leiden, so müßte auch wahres Mitleiden, sofern es eben -wirklich Leiden wäre, schamhaft sein; ja kein Leid kann so schamhaft -sein wie das Mitleid und die Liebe, weil diese beiden am stärksten -die unübersteigbaren _Grenzen_ jeder Individualität zum _Bewußtsein_ -bringen. Von der Liebe und ihrer Schamhaftigkeit kann erst später -gehandelt werden; im _Mitleid_ aber, im echten männlichen Mitleiden, -liegt immer Beschämung, Schuldbewußtsein, weil es mir nicht so schlecht -geht wie diesem, weil ich nicht er, sondern ein von ihm, auch durch -äußerliche Umstände, _getrenntes_ Wesen bin. _Das männliche Mitleid ist -das über sich selbst errötende principium individuationis; darum ist -alles weibliche Mitleid zudringlich, das männliche versteckt sich._ - -Was es mit der Schamhaftigkeit der Frauen für eine Bewandtnis habe, das -ist hierin zum Teil schon ausgesprochen; zum Teil kann es ebenfalls -erst später, mit dem Thema der Hysterie zusammen, abgehandelt werden. -Wie man angesichts des naiven Eifers, mit dem alle Frauen, wo die -gesellschaftliche Konvention es nur gestattet, ihre Decolletage -betreiben, noch an einer angeborenen inneren Schamhaftigkeit als -der Tugend des weiblichen Geschlechtes festhalten könne, ist nicht -einzusehen: man _ist_ entweder schamhaft oder man _ist_ es nicht, -und das ist keine Schamhaftigkeit, die man in gewissen Augenblicken -regelmäßig spazieren schickt. - -Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen (und ein Hinweis -darauf, _woher_ die Forderung der Schamhaftigkeit wohl eigentlich -stammen mag, welcher die Frauen äußerlich oft so peinlich nachkommen) -liegt jedoch darin, daß Frauen untereinander sich immer ungescheut -völlig entblößen, während Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu -bedecken suchen. Wenn Frauen allein sind, werden eifrige Vergleiche -zwischen den körperlichen Reizen der einzelnen angestellt, und oft alle -Anwesenden einer genauen und eingehenden Visitierung unterzogen, die -nicht ohne Lüsternheit erfolgt, weil stets der Wert, den der Mann auf -diesen oder jenen Vorzug legen werde, unbewußt der Hauptgesichtspunkt -bleibt. Der einzelne Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des -zweiten Mannes, während jede Frau auch die andere Frau in Gedanken -stets entkleidet, und eben hiedurch die allgemeine interindividuelle -Schamlosigkeit des Geschlechtes beweist. Dem Manne ist es peinlich und -unangenehm, sich die Sexualität seines Nebenmannes zu vergegenwärtigen; -die Frau sucht sofort in Gedanken die geschlechtlichen Beziehungen -auf, in denen eine zweite Frau stehen mag, sobald sie diese nur -kennen lernt; ja sie wertet die andere immer ausschließlich nach dem -»Verhältnis«. - -Ich komme hierauf noch sehr ausführlich zurück; indessen trifft die -Darstellung nun zum ersten Male mit jenem Punkte wieder zusammen, der -im zweiten Kapitel dieses Teiles besprochen wurde. Wessen man sich -schämt, dessen muß man sich _bewußt_ sein, und wie zur Bewußtheit, -so ist auch zum Schamgefühl stets Differenzierung vonnöten. Die -Frau, die nur sexuell ist, kann _asexuell zu sein scheinen, weil sie -die Sexualität selbst ist_, und hier nicht die Geschlechtlichkeit -körperlich und psychisch, räumlich und zeitlich sich _abhebt_ wie -beim Manne; die Frau, die stets schamlos ist, kann den Eindruck der -Schamhaftigkeit machen, _weil es bei ihr keine Scham zu verletzen -gibt_. Und so ist die Frau auch nie nackt oder stets nackt, wie man es -haben will: nie nackt, weil sie nie zum echten Gefühle einer Nacktheit -wirklich gelangt; stets nackt, weil ihr eben das andere fehlt, das -vorhanden sein müßte, um ihr je zum _Bewußtsein_ zu bringen, daß sie -(objektiv) nackt ist, und so ein innerer Impuls zur Bedeckung werden -könnte. Daß man auch unter Kleidern nackt sein kann, ist freilich -etwas, das blödem Blicke nicht einleuchtet, aber es wäre ein schlimmes -Zeugnis, das ein Psychologe sich ausstellte, wenn er aus der Tatsache -des Gewandes schon auf den geringsten Mangel an Nacktheit schließen -wollte. Und eine Frau ist objektiv stets nackt, selbst unter der -Krinoline und dem Mieder.[40] - -Dies alles hängt damit zusammen, was das Wort Ich für die Frau denn -eigentlich immer bedeutet. Wenn man eine Frau fragt, was sie unter -ihrem Ich verstehe, so vermag sie nichts anderes sich darunter -vorzustellen als ihren Körper. Ihr _Äußeres_, das ist das Ich der -Frauen. _Machs_ »Zeichnung des Ich« in seinen »Antimetaphysischen -Vorbemerkungen« stellt also ganz richtig das Ich des vollkommenen -Weibes dar. Wenn E. _Krause_ sagt, die Selbstanschauung Ich sei -ohne weiteres ausführbar, so ist das nicht so ganz lächerlich, wie -_Mach_ unter der Zustimmung vieler anderer glaubt, denen gerade diese -»scherzhafte Illustration des philosophischen ‚Viel Lärm um nichts’« in -den Büchern _Machs_ am besten gefallen zu haben scheint. - -Das Ich der Frauen begründet auch die spezifische Eitelkeit der Frauen. -Männliche Eitelkeit ist eine Emanation des _Willens zum Wert_, und -ihre _objektive_ Äußerungsform, _Empfindlichkeit_, das Bedürfnis, die -Erreichbarkeit des Wertes von niemand in Frage gestellt zu sehen. -Was dem Manne Wert und Zeitlosigkeit gibt, ist einzig und allein -_Persönlichkeit_. Dieser höchste _Wert_, der nicht ein _Preis_ ist, -weil an seine Stelle, nach den Worten _Kant_ens, nicht »auch etwas -anderes als _Äquivalent_ gesetzt werden« kann, sondern der »über -allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet«, ist die -_Würde_ des Mannes. Die Frauen haben, trotz _Schiller_, keine Würde --- die _Dame_ wurde ja nur erfunden, um diesen Mangel auszufüllen -- -und ihre Eitelkeit wird sich danach richten, was ihnen ihr höchster -Wert ist; das heißt, sie wird auf die Festhaltung, Steigerung und -Anerkennung körperlicher Schönheit gehen. Die Eitelkeit von W -ist somit einerseits ein gewisses, nur ihr eigenes, selbst dem -(männlich) schönsten Manne[41] _fremdes_ Behagen am eigenen Leibe: -eine Freude, die sich, selbst beim häßlichsten Mädchen, sowohl bei der -Selbstbetastung, als bei der Selbstbetrachtung im Spiegel, als auch -bei vielen Organempfindungen einzustellen scheint; aber schon hier -macht sich mit voller Stärke und mit dem erregendsten Vorgefühl der -Gedanke an den Mann geltend, dem diese Reize einst gehören sollen, -und beweist wiederum, wie das Weib zwar allein, aber nie einsam sein -kann. Anderseits also ist die weibliche Eitelkeit Bedürfnis, den Körper -bewundert oder vielmehr _begehrt, vom sexuell erregten Manne begehrt_ -zu fühlen. - -Dieses Bedürfnis ist so stark, daß es wirklich viele Weiber gibt, denen -diese Bewunderung, begehrlich von seiten des Mannes, neiderfüllt von -seiten der Geschlechtsgenossinnen, zum Leben vollkommen genügt; sie -kommen damit aus, andere Bedürfnisse haben sie kaum. - -Die weibliche Eitelkeit ist also stete Rücksicht auf andere, -_die Frauen leben nur im Gedanken an die anderen_. Und auch die -Empfindlichkeit des Weibes bezieht sich auf diesen nämlichen Punkt. -Nie wird eine Frau vergessen, daß ein anderer sie häßlich gefunden -hat; allein nämlich findet ein Weib sich _nie_ häßlich, sondern stets -nur _minderwertig_, und auch das nur, indem es an die Triumphe denkt, -welche andere Frauen bei den Männern über sie davon getragen haben. Es -gibt kein Weib, das sich nicht noch schön und begehrenswert fände, wenn -es sich im Spiegel betrachtet; der Frau wird nie, gleich dem Manne, -eigene Häßlichkeit zur schmerzvollen Realität, sondern sie sucht bis -ans Ende sich und die anderen darüber hinwegzutäuschen. - -Woher kann nun die weibliche Art der Eitelkeit einzig stammen? Sie -fällt zusammen mit dem Mangel des intelligiblen Ich, _des stets und -absolut positiv Bewerteten_, sie erklärt sich aus dem Fehlen eines -_Eigenwertes_. Da sie keinen _Eigenwert_ für sich selbst und vor sich -selbst haben, trachten sie Objekt der Wertung anderer zu werden, durch -Begehrung und Bewunderung von deren Seite, einen Wert für Fremde, vor -Fremden zu gewinnen. Das einzige, was absoluten, unendlichen Wert auf -der Welt hat, ist Seele. »Ihr seid besser denn viele Sperlinge« hat -darum Christus die Menschen wieder gelehrt. Die Frau indessen wertet -sich nicht danach, wie weit sie ihrer Persönlichkeit treu, wie weit -sie frei gewesen ist; jedes Wesen aber, das ein Ich besitzt, kann sich -nur so und nicht anders werten. Wenn also die echte Frau, wie dies -ganz ohne Zweifel wirklich zutrifft, sich selbst immer und ausnahmslos -stets nur so hoch einschätzt, wie den Mann, der sie gewählt hat; wenn -sie nur durch den Gatten oder Geliebten Wert erhält und eben darum -nicht nur sozial und materiell, sondern ihrer tiefsten Wesenheit -nach auf die Ehe gestellt ist: _so kann sie eben keinen Wert an sich -selbst besitzen_, es _fehlt_ ihr _der Eigenwert der menschlichen -Persönlichkeit_. Die Frauen leiten ihren Wert immer von anderen Dingen -ab, von ihrem Geld und Gut, der Zahl und Pracht ihrer Kleider, dem Rang -ihrer Loge im Theater, von ihren Kindern, vor allem aber von ihrem -Bewunderer, von ihrem Manne; und worauf sich eine Frau im Streit mit -der anderen immer zuletzt beruft, und womit sie die andere wirklich am -tiefsten zu treffen und am sichersten zu demütigen weiß, das ist die -soziale Stellung, der Reichtum, das Ansehen und die Titel, aber auch -die Jugendfrische und die vielen Verehrerinnen ihres Mannes; während -es einem Manne, und zwar in erster Linie von ihm selbst, zur höchsten -Schande angerechnet wird, wenn er sich auf irgend ein Fremdes beruft, -und nicht _seinen Wert $an sich$ verteidigt_ gegen alle Angriffe auf -denselben. - -Dafür, daß W keine Seele hat, ist Folgendes ein weiterer Beweis. -Während (ganz nach _Goethes_ bekanntem Rezept) W durch Nichtbeachtung -von seiten des Mannes ungemein gereizt wird, auch auf ihn Eindruck zu -machen -- liegt doch der ganze Sinn und Wert ihres Lebens nur in dieser -Fähigkeit -- wird für M das Weib, das ihn unfreundlich und unhöflich -behandelt, eo ipso schon antipathisch. Nichts macht M so glücklich, -als wenn ihn ein Mädchen liebt; selbst wenn sie ihn nicht von Anbeginn -gefesselt hat, ist dann die Gefahr, Feuer zu fangen, für ihn sehr -groß. Für W ist die Liebe eines Mannes, der ihr nicht gefällt, nur eine -Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder eine Beunruhigung und Aufscheuchung -schlummernder Wünsche. Die Frau erhebt stets gleichmäßig einen Anspruch -auf alle Männer, die es auf der Welt gibt. Ähnliches gilt auch von -freundschaftlicher Zuneigung innerhalb desselben Geschlechtes, in der -ja doch immer etwas Sexualität steckt. - -Das Verhalten der empirisch allein gegebenen Zwischenstufen ist in -solchem Falle nach ihrer Stellung zwischen M und W besonders zu -bestimmen. Also, um auch in diesem Teile ein Beispiel für eine solche -Anwendung zu geben: während _jedes Lächeln_ auf dem Munde eines -Mädchens M leicht entzückt und entflammt, beachten weibliche Männer -wirklich oft nur solche Weiber und Männer, die sich um sie nicht -kümmern, fast ganz wie W einen Bewunderer, dessen sie sicher zu sein -glaubt, der ihren Eigenwert also nicht mehr steigern kann, sofort -stehen läßt. Weshalb ja die Frauen auch nur der Mann anzieht und sie -auch nur dem Manne in der Ehe treu bleiben, der noch bei anderen Frauen -Glück hat als bei ihnen: denn _sie_ können _ihm_ keinen neuen Wert -geben und ihr Urteil dem aller anderen _entgegen_setzen. Beim echten -Manne verhält es sich gerade verkehrt. - -Die Schamlosigkeit wie die Herzlosigkeit des Weibes kommt darin zum -Ausdruck, _daß_ es, und _wie_ es davon sprechen kann, daß es geliebt -wird. Der Mann fühlt sich beschämt, wenn er geliebt wird, weil er -damit beschenkt, passiv, gefesselt, statt Geber, aktiv, frei ist, und -weil er weiß, daß er als Ganzes Liebe nie vollständig verdient; und -über nichts wird er denn so tief schweigen wie hierüber, auch wenn -er zu dem Mädchen selbst nicht in ein intimeres Verhältnis getreten -ist, so daß er fürchten müßte, sie durch hierauf bezügliche Äußerungen -bloßzustellen. Das Weib _rühmt_ sich dessen, daß es geliebt wird, es -prahlt damit vor anderen Frauen, um von diesen beneidet zu werden. -Die Frau empfindet die Neigung eines Menschen zu ihr nicht, wie der -Mann, als eine Schätzung ihres _wirklichen_ Wertes, als ein tieferes -_Verständnis_ für ihr Wesen; sondern sie empfindet diese Neigung als -die _Verleihung_ eines Wertes, den sie sonst nicht hätte, als die Gabe -einer Existenz und einer Essenz, _die ihr hiemit erst_ wird, und mit -welcher sie vor anderen sich legitimiert. - -_Daraus_ erklärt sich auch das unglaubliche, einem früheren Abschnitt -Problem gewordene _Gedächtnis_ der Frauen für _Komplimente_, selbst -wenn ihnen diese in frühester Jugend gemacht wurden. Durch Komplimente -nämlich _erhalten_ sie erst _Wert_, und _darum verlangen_ die Frauen -vom Manne, daß er »_galant_« sei. Die Galanterie ist die billigste Form -der Veräußerung von Wert an die Frau, und so wenig sie den Mann kostet, -so schwer wiegt sie für das Weib, das eine Huldigung _nie_ vergißt, -und bis ins späteste Alter von den fadesten Schmeicheleien zehrt. Man -erinnert sich nur an das, was für den Menschen einen Wert besitzt; -und wenn dem so ist, mag man erwägen, _was_ es besagt, daß die Frauen -gerade für Komplimente das ausgesuchteste Gedächtnis besitzen. Sie sind -etwas, das den Frauen Wert nur darum verleihen kann, weil diese keinen -urwüchsigen Maßstab des Wertes kennen, keinen absoluten Wert in sich -fühlen, der alles verschmäht außer sich selbst. Und so liefert selbst -das Phänomen der Courtoisie, der »Ritterlichkeit«, den Beweis, daß -die Frauen keine Seele besitzen, ja, daß der Mann gerade dann, wenn -er gegen das Weib galant ist, ihm am wenigsten Seele, am wenigsten -_Eigenwert_ zuschreibt, und es am tiefsten _gerade dort mißachtet und -herabwürdigt_, wo es selbst _am höchsten sich gehoben_ fühlt. -- -- - -Wie amoralisch das Weib ist, kann man daraus ersehen, daß ihm sofort -entschwindet, was es Unsittliches getan hat; und daß es vom Manne, wenn -dieser die Erziehung des Weibes sich angelegen sein läßt, immer wieder -daran erinnert werden muß: dann allerdings kann es momentan vermöge -der eigentümlichen Art der weiblichen Verlogenheit wirklich einzusehen -glauben, daß es ein Unrecht begangen habe, und so sich und den Mann -täuschen. Der Mann dagegen hat für nichts ein so tiefes Gedächtnis, wie -für die Punkte, in denen er schuldig geworden ist. Hier offenbart sich -das Gedächtnis wiederum als ein eminent moralisches Phänomen. Vergeben -und Vergessen, nicht Vergeben und Verstehen, sind eines. _Wer sich -der Lüge erinnert, wirft sie sich auch vor._ Daß das Weib sich seine -Gemeinheit nicht verübelt, kommt damit überein, daß es sich ihrer _nie -wirklich bewußt wird_ -- hat es doch kein Verhältnis zur sittlichen -Idee -- und sie _vergißt_. Darum ist es ganz begreiflich, wenn es sie -_leugnet_. Man hält die Frauen, weil bei ihnen das Ethische gar nicht -_problematisch_ wird, törichterweise für _unschuldig_, ja man hält sie -für sittlicher als den Mann: es kommt das aber nur daher, daß sie noch -gar nicht wissen, was unsittlich ist. Denn auch die Unschuld des Kindes -kann kein Verdienst sein, nur die Unschuld des Greises wäre eines -- -und die gibt es nicht. - -Aber auch die Selbstbeobachtung ist ein durchaus Männliches -- auf -eine scheinbare Ausnahme, die hysterische Selbstbeobachtung mancher -Frauen, kann hier noch nicht eingegangen werden -- ebenso wie das -Schuldbewußtsein, die Reue; die Kasteiungen, die Frauen an sich -vornehmen, diese merkwürdigen Imitationen eines echten Schuldgefühles, -werden am gleichen Orte wie die weibliche Form der Selbstbeobachtung -zur Sprache kommen. _Das Subjekt der Selbstbeobachtung nämlich ist -identisch mit dem moralisierenden: es faßt die psychischen Phänomene -nur auf, indem es sie einschätzt._ - -Es ist ganz in der Ordnung und liegt nur auf der Linie des -Positivismus, wenn _Auguste Comte_ die Selbstbeobachtung für in sich -widerspruchsvoll erklärt und sie eine »abgründliche Absurdität« -nennt. Es ist ja klar, folgt aus der Enge des Bewußtseins und bedarf -kaum einer besonderen Hervorhebung, daß nicht zu _gleicher_ Zeit ein -psychisches Geschehnis und noch eine besondere Wahrnehmung desselben -dasein könne: erst an das »primäre« Erinnerungsbild (_Jodl_) knüpft -sich die Beobachtung und Wertung; es ist ein Urteil über eine Art -Nachbild, das vollzogen wird. Aber innerhalb lauter _gleichwertiger -Phänomene_ könnte nie eines zum Objekte gemacht und bejaht oder -verneint werden, wie dies in aller Selbstbeobachtung geschieht. Was -hier alle Inhalte betrachtet, beurteilt und wertet, kann nicht in den -Inhalten selbst, als ein Inhalt unter anderen, gelegen sein. Es ist -das zeitlose Ich, das die Vergangenheit zurechnet wie die Gegenwart, -das jene »Einheit des Selbstbewußtseins«, jenes kontinuierliche -Gedächtnis erst schafft, welches der Frau abgeht. Denn nicht das -Gedächtnis, wie _Mill_, oder die Kontinuität, wie _Mach_ vermutet, -bringen den Glauben an ein Ich hervor, das außer diesen keine Existenz -habe, sondern gerade umgekehrt wird Gedächtnis und Kontinuität, wie -Pietät und Unsterblichkeitsbedürfnis, aus dem Werte des Ich heraus -erzeugt, von dessen Inhalten nichts Funktion der Zeit sein, nichts der -Vernichtung soll anheimgegeben werden dürfen.[42] - -Hätte das Weib Eigenwert und den Willen, einen solchen gegen alle -Anfechtung zu behaupten, hätte es auch nur das _Bedürfnis_ nach -_Selbstachtung_, so könnte es nicht _neidisch_ sein. Wahrscheinlich -sind alle Frauen neidisch; der Neid aber ist eine Eigenschaft, welche -nur dort sein kann, wo jene Voraussetzungen fehlen. Auch der Neid der -Mütter, wenn die Töchter anderer Frauen eher heiraten als ihre eigenen, -ist ein Symptom echter Gemeinheit, und setzt, wie übrigens aller Neid, -einen völligen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl voraus. In der Idee der -_Gerechtigkeit_, welche in der Anwendung der Idee der Wahrheit auf das -Praktische besteht, berühren sich Logik und Ethik ebenso eng wie im -theoretischen Wahrheitswerte selbst. - -Ohne Gerechtigkeit keine Gesellschaft; der Neid hingegen ist _die_ -absolut unsoziale Eigenschaft. Das Weib ist wirklich auch vollkommen -_unsozial_; und wenn früher mit Recht alle Gesellschaftsbildung an den -Besitz einer Individualität geknüpft wurde, so liegt hier die Probe -darauf vor. Für den Staat, für Politik, für gesellige Gemütlichkeit -hat die Frau keinen Sinn, und weibliche Vereine, in welche Männer -keinen Zutritt erhalten, pflegen nach kurzer Zeit sich aufzulösen. -Die Familie endlich ist geradezu _das_ unsoziale, und keineswegs -ein soziales Gebilde; Männer, die heiraten, ziehen sich damit schon -auch aus den Gesellschaften, denen sie bis dahin als Mitglieder und -Teilnehmer angehörten, zurück. Dies hatte ich geschrieben, bevor -die wertvollen ethnologischen Forschungen von _Heinrich Schurtz_ -veröffentlicht wurden, die an der Hand eines reichen Materiales dartun, -daß in den _Männerbünden_ und nicht in der Familie die Anfänge der -Gesellschaftsbildung zu suchen seien. - -_Pascal_ hat wunderbar ausgeführt, wie Gesellschaft vom Menschen nur -gesucht wird, weil dieser die Einsamkeit nicht ertragen, sondern sich -selbst vergessen will: auch hier sieht man die vollkommene Kongruenz -zwischen der früheren Position, durch welche der Frau die Fähigkeit -zur Einsamkeit abgesprochen wurde, und der jetzigen, welche ihre -Ungeselligkeit behauptet. - -Hätte die Frau ein Ich, so hätte sie auch einen Sinn für das Eigentum, -bei sich wie bei anderen. Der Stehltrieb ist aber bei den Frauen viel -entwickelter als bei den Männern: die sogenannten Kleptomanen (Diebe -_ohne Not_) sind beinahe ausschließlich Frauen. Denn das Weib hat wohl -Verständnis für Macht und für Reichtum, aber nicht für das Eigentum. -Auch pflegen die kleptomanen Frauen, wenn sie ihrer Diebstähle -überführt werden, sich damit zu verantworten, daß sie angeben, es sei -ihnen vorgekommen, als hätte ihnen alles gehört. In Leihbibliotheken -sieht man hauptsächlich Frauen aus- und eingehen, und zwar auch solche, -die begütert genug wären, mehrere Büchereien zu kaufen; aber es fehlt -ihnen eine größere Innigkeit des Verhältnisses zu allem, was ihnen -gehört, als zu allem, das sie nur entlehnt haben. Auch hier sieht -man den Zusammenhang zwischen Individualität und Sozialität deutlich -hervorleuchten: wie man selbst Persönlichkeit haben muß, um fremde -Persönlichkeit aufzufassen, so muß der Sinn auf Erwerbung eigenen -Besitzes gerichtet sein, wenn fremde Habe nicht berührt werden soll. - -Inniger noch als das Eigentum ist der _Name_ und ein herzliches -_Verhältnis_ zu ihrem Namen mit jeder _Persönlichkeit_ notwendig -gegeben. Und hier sprechen die Tatsachen so laut, daß man sich wundern -muß, wie wenig diese Sprache im allgemeinen vernommen wird. Die -Frauen sind nämlich durch _gar kein_ Band mit ihrem Namen verknüpft. -_Beweisend_ hiefür ist allein schon, daß sie ihren Namen aufgeben -und den des Mannes annehmen, den sie heiraten, ja diesen Schritt der -Namensänderung an sich nie als bedeutsam empfinden, um den alten Namen -nicht eine Sekunde trauern, sondern leichten Sinnes den des Mannes -annehmen; wie an den Mann nicht ohne tiefen in der Natur des Weibes -gelegenen Grund (bis vor kurzem wenigstens) meist auch das Eigentum -der Frau übergegangen ist. Es ist auch nichts davon zu merken, daß -speziell jene Trennung sie einen Kampf kostete; im Gegenteil, schon -vom Liebhaber und Kurmacher lassen sie sich den Namen geben, der _ihm_ -gefällt. Und selbst wenn sie einem ungeliebten Mann und diesem nur mit -großem Widerstreben in die Ehe folgen, es hat noch nie eine Frau gerade -darüber sich beklagt, daß sie von ihrem Namen habe Abschied nehmen -müssen, es läßt ihn jede und scheidet von ihm, ohne die geringste -Pietät dafür zu verraten, daß _sie_ ehemals so hieß. Im allgemeinen -wird vielmehr die eigene Neubenennung bereits vom Liebenden ebenso -_gefordert_, wie der neue Familienname des Ehegatten ungeduldig, schon -der Neuheit wegen, _erwartet_. Der Name aber ist gedacht als ein Symbol -der Individualität; nur bei den allertiefst stehenden Rassen der Erde, -wie bei den Buschmännern Südafrikas, soll es keine Personennamen geben, -weil das natürliche Unterscheidungsbedürfnis der Menschen voneinander -nicht so weit reicht. Das Weib, das im Grund _namenlos_ ist[43], ist -dies, weil es, seiner Idee nach, keine _Persönlichkeit_ besitzt. - -Damit hängt endlich noch die wichtige Beobachtung zusammen, welche zu -machen man nie verfehlen wird, sobald man einmal aufmerksam geworden -ist. Wenn in einen Raum, in dem ein Weib sich befindet, ein Mann tritt -und sie ihn erblickt, seinen Schritt hört oder seine Anwesenheit auch -nur ahnt, _so wird sie sofort eine ganz andere_. Ihre Miene, ihre -Bewegungen ändern sich mit unglaublicher Plötzlichkeit. Sie »richtet -ihre Frisur«, zieht ihre Röcke zusammen und hebt sie, oder macht sich -an ihrem Kleide zu schaffen, in ihr ganzes Wesen kommt eine halb -schamlose, halb ängstliche Erwartung. Man kann im Einzelfalle oft nur -darüber noch im Zweifel sein, ob sie mehr errötet über ihr schamloses -Lächeln, oder mehr schamlos lächelt über ihr Erröten. - -Seele, Persönlichkeit, Charakter ist aber -- hierin liegt eine -unendlich tiefe, bleibende Einsicht _Schopenhauers_ -- identisch mit -dem freien _Willen_ oder es deckt sich wenigstens der Wille mit dem Ich -insofern, als dieses in Relation zum Absoluten gedacht ist. Und fehlt -den Frauen das Ich, so können sie auch keinen Willen besitzen. Nur wer -keinen eigenen Willen, keinen Charakter in höherem Sinne hat, bleibt, -schon durch die bloße Gegenwart eines zweiten Menschen, so leicht -_beeinflußbar_, wie das Weib es ist, in funktioneller _Abhängigkeit_ -von dieser, statt in freier _Auffassung_ derselben. _Sie_ ist das -beste Medium, $M$ ihr bester Hypnotiseur. Aus diesem Grunde allein ist -unerfindlich, warum die Frauen gerade als Ärztinnen besonders viel -taugen sollen; da doch einsichtigere Mediziner selbst zugeben, daß der -Hauptteil dessen, was sie bis heute -- und so wird es wohl bleiben -- -zu leisten vermögen, in der suggestiven Einwirkung auf den Kranken -besteht. - -Schon in der ganzen Tierreihe ist W stets leichter hypnotisierbar als -M. Und wie die hypnotischen Phänomene doch mit den alltäglichsten in -einer nahen Verwandtschaft stehen, erhellt aus dem Folgenden: Wie -leicht wird nicht (ich habe schon gelegentlich der Frage des weiblichen -Mitleids darauf hingewiesen) W durch Lachen oder Weinen »angesteckt«! -Wie imponiert ihr nicht alles, was in der Zeitung steht, wie leicht -fällt sie nicht dem dümmsten Aberglauben zum Opfer, wie probiert sie -nicht sofort jedes Wundermittel, das ihr eine Nachbarin empfohlen hat! - -Wem ein Charakter fehlt, dem gebricht es auch an Überzeugungen. -Darum ist W leichtgläubig, unkritisch, ganz ohne Verständnis für den -Protestantismus. Dennoch hat man, so sicher ein jeder Christ schon als -Katholik _oder_ als Protestant vor der Taufe _auf die Welt kommt_, -kein Recht, den Katholizismus darum als weiblich anzusehen, weil er den -Frauen noch immer eher zugänglich ist, als der Protestantismus. Hier -wäre ein anderer charakterologischer Einteilungsgrund in Betracht zu -ziehen, dessen Erörterung nicht Sache dieser Schrift sein kann. -- -- - -So ist denn ein ganz umfassender Nachweis geführt, daß W seelenlos -ist, daß es kein Ich und keine Individualität, keine Persönlichkeit -und keine Freiheit, keinen Charakter und keinen Willen hat. _Dieses -Resultat ist aber für alle Psychologie von kaum zu überschätzender -Wichtigkeit._ Es besagt nicht weniger, als _daß die Psychologie von M -und die Psychologie von W getrennt zu behandeln sind. Für W scheint -eine rein empirische Darstellung des psychischen Lebens möglich, für M -muß jede Psychologie nach dem Ich als dem obersten Giebel des Gebäudes -in der Weise tendieren, wie Kant dies als notwendig eingesehen hatte._ - -Die _Hume_sche (und _Mach_sche) Ansicht, nach welcher es nur -»~impressions~« und »~thoughts~« (A B C .... und α β γ ...) gibt, und -die heute allgemein zur Verbannung der Psyche aus der Psychologie -geführt hat, erklärt nicht nur, daß die ganze Welt ausschließlich -unter dem Bilde eines Winkelspiegels, als ein Kaleidoskop zu verstehen -sei; sie macht nicht nur alles zu einem Tanz der »Elemente«, sinnlos, -grundlos; sie vernichtet nicht nur die Möglichkeit, einen festen -Standpunkt für das Denken zu gewinnen, sie zerstört nicht nur den -Wahrheitsbegriff und damit eben die Wirklichkeit, deren Philosophie sie -einzig zu sein beansprucht: sie trägt auch die Hauptschuld an dem Elend -der heutigen Psychologie. - -Diese heutige Psychologie nennt sich mit Stolz die »_Psychologie ohne -Seele_«, nach dem ersten, der dies Wort ausgesprochen hat, nach dem -vielüberschätzten Friedrich Albert _Lange_. Diese Untersuchung glaubt -gezeigt zu haben, daß ohne die Annahme einer Seele den psychischen -Erscheinungen gegenüber kein Auskommen zu finden ist: sowohl an den -Phänomenen von M, dem eine Seele zuerkannt werden muß, als auch an -den Phänomenen von W, die seelenlos ist. Unsere heutige Psychologie -ist eine eminent weibliche Psychologie, und gerade darum ist die -vergleichende Untersuchung der Geschlechter so besonders lehrreich, -nicht zuletzt darum habe ich sie mit dieser Gründlichkeit ausgeführt; -denn hier am ehesten kann offenbar werden, was zur Annahme des -Ich nötigt, und wie die Konfusion von männlichem und weiblichem -Seelenleben (im weitesten und tiefsten Sinne), bei dem Bestreben, eine -Allgemeinpsychologie zu schaffen, als der Faktor angesehen werden darf, -der am weitesten in die Irre geführt hat, wenn er auch (ja gerade -_weil_ er) gar nicht _bewußt_ zur Geltung gebracht worden ist. - -Freilich erhebt sich nun die Frage, _ist von M überhaupt Psychologie -$als Wissenschaft$ möglich? Und hierauf ist vorderhand mit Nein zu -antworten._ Ich muß wohl darauf gefaßt sein, an die Untersuchungen der -Experimentatoren verwiesen zu werden, und auch wer in dem allgemeinen -Experimentalrausch nüchterner geblieben ist, wird vielleicht verwundert -fragen, ob diese denn gar nicht zählten. Aber die experimentelle -Psychologie hat nicht nur keinen einzigen Aufschluß über die tieferen -Gründe des männlichen Seelenlebens gegeben; nicht nur kann niemand -an eine mehr als sporadische Erwähnung, geschweige denn an eine -systematische Verarbeitung dieser ungeheueren Zahl von Versuchsreihen -denken: sondern vor allem ist, wie gezeigt wurde, ihre _Methode_, außen -anzufangen und von da in den Kern hineinzudringen, verfehlt; und darum -hat sie auch nicht _eine_ Aufklärung über den tieferen innerlichen -Zusammenhang der psychischen Phänomene gebracht. Die psychophysische -Maßlehre hat überdies gerade gezeigt, wie das eigentliche Wesen der -psychischen im Gegensatz zu den physischen Phänomenen darin besteht, -daß die Funktionen, durch welche ihr Zusammenhang und ihr Übergehen -ineinander allenfalls darstellbar wäre, auch im besten Falle _unstetig_ -und darum _nicht differenzierbar_ geraten müßten. Mit der Stetigkeit -ist aber auch die prinzipielle Möglichkeit der Erreichbarkeit des -unbedingt mathematischen Ideales aller Wissenschaft dahin. Wem übrigens -klar ist, daß Raum und Zeit nur durch die Psyche geschaffen werden, der -wird nicht von Geometrie und Arithmetik erwarten, daß sie je ihren -Schöpfer erschöpfen könnten. - -Es gibt keine wissenschaftliche Psychologie vom Manne; denn im Wesen -aller Psychologie liegt es, das Unableitbare ableiten zu wollen, ihr -endliches Ziel müßte, deutlicher gesprochen, dieses sein, _jedem -Menschen seine Existenz und Essenz zu beweisen, zu deduzieren_. -Dann wäre aber jeder Mensch, auch seinem tiefsten Wesen nach, Folge -eines Grundes, determiniert und kein Mensch dem anderen mehr, als -einem Mitgliede eines Reiches der Freiheit und des unendlichen -Wertes, Achtung schuldig: _im Augenblick, wo ich völlig deduziert, -völlig subsumiert werden könnte, hätte ich allen $Wert$ verloren_, -und wäre eben _seelenlos_. Mit der _Freiheit_ des _Wollens_ wie des -_Denkens_ (denn diese muß man zu jener hinzufügen) ist die Annahme der -durchgängigen Bestimmtheit unverträglich, mit welcher alle Psychologie -ihr Geschäft beginnt. Wer darum an ein freies Subjekt glaubte, wie -_Kant_ und _Schopenhauer_, der mußte die Möglichkeit der Psychologie -als Wissenschaft leugnen; wer an die Psychologie glaubte, für den -konnte die Freiheit des Subjektes auch nicht eine Denkmöglichkeit mehr -bleiben: so wenig für _Hume_ als für _Herbart_ (die zwei Begründer der -modernen Psychologie). - -Aus diesem Dilemma erklärt sich der traurige Stand der heutigen -Psychologie in allen ihren Prinzipienfragen. Jene Bemühungen, den -_Willen_ aus der Psychologie hinauszuschaffen, jene immer wiederholten -Versuche, ihn aus Empfindung und Gefühl abzuleiten, haben eigentlich -ganz recht darin, daß der Wille kein _empirisches_ Faktum ist. Der -Wille ist in der Erfahrung nirgends aufzutreiben und nachzuweisen, weil -er selbst die Voraussetzung jedes empirisch-psychologischen Datums ist. -Versuche einer, der am Morgen gern lange schläft, sich in dem Momente -zu beobachten, da er den Entschluß faßt, sich vom Bette zu erheben. _Im -Entschlusse liegt_ (wie in der Aufmerksamkeit) _das ganze ungeteilte -Ich_, und darum fehlt die Zweiheit, die notwendig wäre, um den Willen -wahrzunehmen. Ebensowenig wie das Wollen ist das _Denken_ ein Faktum, -das man in den Händen behielte, wenn man wissenschaftliche Psychologie -treibt. Denken ist urteilen, aber was ist das Urteil für die innere -Wahrnehmung? Nichts, es ist ein ganz Fremdes, das zu aller Rezeptivität -hinzukommt, aus den Bausteinen, welche die psychologischen Fasolte und -Fafners herbeigeschleppt haben, nicht abzuleiten: jeder neue Urteilsakt -vernichtet von neuem die mühselige Arbeit der Empfindungsatomisten. -Ebenso ist's mit dem _Begriff_. Kein Mensch denkt Begriffe, und doch -gibt es Begriffe, wie es Urteile gibt. Und am Ende sind auch _Wundts_ -Gegner vollständig im Rechte damit, daß die _Apperzeption_ kein -empirisch-psychologisches Faktum, und kein irgendwann wahrnehmbarer -Akt ist. Freilich ist Wundt tiefer als seine Bekämpfer -- nur die -allerflachsten Gesellen können Assoziationspsychologen sein -- und es -ist auch sicherlich begründet, wenn er die Apperzeption mit dem Willen -und der Aufmerksamkeit zusammenbringt. Aber sie ist so wenig eine -Tatsache der Erfahrung wie eben diese, so wenig wie Urteil und Begriff. -Wenn trotzdem alle diese Dinge, wenn Denken und Wollen da sind, nicht -hinauszubringen, und jeder Bemühung einer Analyse spottend, so handelt -es sich nur um die Wahl, ob man etwas annehmen wolle, das alles -psychische Leben erst möglich mache, oder nicht. - -Darum sollte man dem Unfug ein Ziel setzen, von einer empirischen -Apperzeption zu reden, und einsehen, wie sehr _Kant_ recht hatte, als -er nur eine _transcendentale Apperzeption_ gelten ließ. Will man aber -hinter die Erfahrung nicht zurückgehen, so bleibt nichts übrig als die -unendlich ausgespreizte, armselig öde Empfindungsatomistik mit ihren -Assoziationsgesetzen; oder die Psychologie wird _methodisch_ zu einem -Annex der Physiologie und Biologie, wie bei _Avenarius_, dessen feiner -Bearbeitung eines, übrigens recht begrenzten, Stückes aus dem ganzen -Seelenleben jedoch nur sehr wenige und recht unglückliche Versuche der -Weiterführung gefolgt sind. - -Somit hat sich, ein wirkliches Verständnis des Menschen anzubahnen, -die unphilosophische Seelenkunde als völlig ungeeignet erwiesen, -und keine Vertröstung auf die Zukunft vermag sichere Bürgschaft zu -bieten, daß ihr dies je gelingen könne. Ein je besserer Psychologe -einer ist, desto langweiliger werden ihm diese heutigen Psychologien. -Denn sie steifen sich samt und sonders darauf, die Einheit, die -alles psychische Geschehen erst begründet, bis zum Schluß zu -ignorieren: allwo wir dann regelmäßig noch durch einen letzten -Abschnitt unangenehm überrascht werden, der von der Entwicklung einer -harmonischen Persönlichkeit handelt. Jene _Einheit_, die allein -die wahre _Unendlichkeit_ ist, wollte man aus einer größeren oder -geringeren _Zahl_ von Bestimmungsstücken aufbauen; die »Psychologie -als Erfahrungswissenschaft« sollte die Bedingung aller Erfahrung -_aus_ der Erfahrung gewinnen! Das Unternehmen wird ewig fehlschlagen -und ewig erneuert werden, weil die Geistesrichtung des Positivismus -und Psychologismus so lange bestehen muß, als es mittelmäßige Köpfe -und bequeme, nicht bis zu Ende denkende Naturen gibt. Wer, wie der -Idealismus, die Psyche nicht opfern will, der muß die Psychologie -preisgeben; wer die Psychologie aufrichtet, der tötet die Psyche. Alle -Psychologie will das Ganze aus den Teilen ableiten und als bedingt -hinstellen; alles tiefere Nachdenken erkennt, daß die Teilerscheinungen -hier aus dem Ganzen als letztem Urquell fließen. _So negiert die -Psychologie die Psyche, und die Psyche ihrem Begriff nach jede Lehre -von ihr: die Psyche negiert die Psychologie._ - -Diese Darstellung hat sich für die _Psyche_ und gegen die lächerliche -und jämmerliche _seelenlose Psychologie_ entschieden. Ja, es bleibt ihr -fraglich, ob Psychologie mit Seele je vereinbar, eine Wissenschaft, -die Kausalgesetze und selbstgesetzte Normen des Denkens und Wollens -aufsuchen will, mit der Freiheit des Denkens und Wollens überhaupt -verträglich sei. Auch die Annahme einer besonderen »psychischen -Kausalität«[44] kann vielleicht nichts daran ändern, daß die -Psychologie, indem sie zuletzt ihre eigene Unmöglichkeit dartut, durch -ein solches Ende den glänzendsten Beweis für das jetzt allgemein -verlachte und verlästerte Recht des Freiheitsbegriffes wird erbringen -müssen. - -Hiemit soll aber keineswegs eine neue Ära der rationalen Psychologie -ausgerufen sein. Vielmehr ist die Absicht im Anschluß an _Kant_ die, -daß die transcendentale _Idee_ der Psyche von Anfang an als Führer -beim Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten zu -dienen habe, durchaus nicht hingegen »in Ansehung des Hinabgehens -zum Bedingten«. Nur die Versuche mußten abgelehnt werden, jenes -Unbedingte aus dem Bedingten (am Schlusse eines Buches von 500-1500 -Seiten) hervorspringen zu lassen. Seele ist das regulative Prinzip, -das aller wahrhaft psychologischen, und nicht empfindungsanalytischen, -Einzelforschung vorzuschweben und diese zu leiten hat; weil sonst -jede Darstellung des Seelenlebens, auch wenn sie noch so detailliert, -liebevoll und verständnisinnig geschrieben ist, in ihrer Mitte gähnend -ein großes schwarzes Loch aufweist. - -Es ist unbegreiflich, wie Forscher, die nie einen Versuch gemacht -haben, Phänomene wie Scham und Schuld, Glauben und Hoffnung, Furcht -und Reue, Liebe und Haß, Sehnsucht und Einsamkeit, Eitelkeit -und Empfindlichkeit, Ruhmsucht und Unsterblichkeitsbedürfnis zu -analysieren, den Mut haben, über das Ich kurzerhand abzusprechen, weil -sie es nicht vorfinden wie die Farbe der Orange oder den Geschmack des -Laugenhaften. Oder wie wollen _Mach_ und _Hume_ auch nur die Tatsache -des _Stiles_ erklären, wenn nicht aus der Individualität? Ja, weiter: -die Tiere erschrecken nie, wenn sie sich im Spiegel sehen, aber kein -Mensch vermöchte sein Leben in einem Spiegelzimmer zu verbringen. Oder -ist auch diese Furcht, die Furcht vor dem _Doppelgänger_ (von der -bezeichnenderweise das Weib frei ist[45]) »biologisch«, »darwinistisch« -abzuleiten? Man braucht das Wort Doppelgänger nur zu nennen, um in -den meisten Männern heftiges Herzklopfen hervorzurufen. Hier hört -eben alle rein empirische Psychologie notgedrungen auf, hier ist -_Tiefe_ vonnöten. Denn wie könnte man _diese_ Dinge zurückführen -auf ein früheres Stadium der Wildheit oder Tierheit und des Mangels -an Sicherung durch die Zivilisation, woraus _Mach_ die Furcht der -kleinen Kinder als eine ontogenetische Reminiszenz erklären zu können -glaubt! Ich habe übrigens dies nur als eine Andeutung erwähnt, um die -»Immanenten« und »naiven Realisten« daran zu mahnen, daß es auch in -ihnen Dinge gibt, von denen ..... - -Warum ist kein Mensch angenehm berührt und völlig damit einverstanden, -wenn man ihn als Nietzscheaner, Herbartianer, Wagnerianer u. s. w. -_einreiht_? Wenn man ihn, mit einem Worte, _subsumiert_? Auch Ernst -_Mach_ ist es doch gewiß schon passiert, daß ihn ein oder der andere -liebe Freund subsumiert hat als Positivisten, Idealisten oder irgendwie -sonst. Glaubt er sich richtig beschrieben, wenn jemand sagen wollte, -das Gefühl, das man bei solchen durch andere vorgenommenen Subsumtionen -habe, gehe bloß auf die fast völlige Gewißheit der _Einzigartigkeit_ -des Zusammentreffens der »_Elemente_« in einem Menschen, es sei nur -beleidigte Wahrscheinlichkeitsrechnung? Und doch hat dieses Gefühl, -genau genommen, nichts von einem Nichteinverstandensein, wie sonst -wohl mit irgend einer wissenschaftlichen These. Es ist auch etwas ganz -anderes, und darf damit nicht verwechselt werden, wenn jemand selbst es -sagt, er sei Wagnerianer. Hierin liegt im tiefsten Grunde immer eine -positive Bewertung des Wagnertums, weil man selbst Wagnerianer ist. -Wer aufrichtig ist, wer es sein kann, wird zugeben, daß er mit einer -solchen Aussage _auch_ eine Erhöhung Wagners vornimmt. Vom anderen -Menschen fürchtet man meist, daß er das Gegenteil einer Erhöhung -beabsichtige. Daher die Erscheinung, daß ein Mensch sehr viel von sich -selbst sagen kann, was ihm von anderen zu hören höchst peinlich wäre, -wie _Cyrano von Bergerac_ von den tollsten Sticheleien bekennt: - - »Je me les sers moi-même, avec assez de verve, - Mais je ne permets pas qu'un autre me les serve.« - -Woher rührt also jenes Gefühl, das selbst tiefstehende Menschen haben? -Von einem, wenn auch noch so dunklen Bewußtsein ihres Ich, ihrer -Individualität, die dabei zu kurz kommt. _Dieses Widerstreben ist das -Urbild aller Empörung._ - -Es geht endlich auch nicht recht an, einen _Pascal_, einen _Newton_ -einerseits höchst geniale Denker und anderseits mit einer Menge -beschränkter Vorurteile behaftet sein zu lassen, über die »_wir_« -längst hinaus seien. Stehen wir denn wirklich auf unsere elektrischen -Bahnen und empirischen Psychologien hin schon ohne weiteres um so viel -höher als jene Zeit? Ist _Kultur_, wenn es Kulturwerte gibt, wirklich -nach dem Stande der Wissenschaft, die immer nur einen _sozialen_, nie -einen _individuellen, nicht-demonstrierbaren_ Charakter hat, nach der -Zahl der Volksbibliotheken und Laboratorien zu messen? Ist Kultur denn -etwas außerhalb des Menschen, ist Kultur nicht vor allem _im_ Menschen? - -Und man mag sich noch so erhaben fühlen über einen _Euler_, gewiß -einen der größten Mathematiker aller Zeiten, welcher einmal sagt: was -_er_, im Augenblick, da _er_ einen Brief schreibe, tue, das würde _er_ -genau so tun wie wenn _er_ im Körper eines Rhinozeros steckte. Ich -will die Äußerung _Eulers_ auch nicht schlechthin verteidigen, sie ist -vielleicht charakteristisch für den Mathematiker, ein Maler hätte sie -nie getan. Aber dieses Wort gar nicht zu begreifen, nicht einmal die -Mühe zu seinem Verständnisse sich zu nehmen, sich über sie einfach -lustig zu machen und _Euler_ mit der »Beschränktheit seiner Zeit« zu -entschuldigen, das scheint mir keineswegs gerechtfertigt. - -Also, es ist, wenigstens für den Mann, auch in der Psychologie _ohne_ -den Ich-Begriff nicht dauernd auszukommen; ob _mit_ diesem eine im -_Windelband_schen Sinne nomothetische Psychologie, d. h. psychologische -Gesetze vereinbar sind, scheint sehr fraglich, kann aber an der -Anerkennung jener Notwendigkeit nichts ändern. Vielleicht schlägt die -Psychologie jene Bahn ein, die ihr ein früheres Kapitel vorzeichnen -zu können glaubte, und wird theoretische Biographie. Aber gerade dann -werden ihr die Grenzen aller empirischen Psychologie am ehesten zum -Bewußtsein kommen. - -Daß _im Manne_ für alle Psychologie ein Ineffabile, ein Unauflösliches -bleibt, damit stimmt es wunderbar überein, daß _regelrechte Fälle von -»duplex« oder »multiplex personality«, Verdoppelung oder Vervielfachung -des Ich, $nur bei Frauen$ beobachtet worden sind. Das absolute Weib -ist zerlegbar_: der Mann ist in alle Ewigkeit, auch durch die beste -Charakterologie nicht völlig zerlegbar, geschweige denn durchs -Experiment: in ihm ist ein Wesenskern, der keine Zergliederung mehr -zuläßt. W ist ein Aggregat und daher dissoziierbar, spaltbar. - -Deswegen ist es ungemein komisch und belustigend, moderne Gymnasiasten -(als platonische Idee) von der Seele des Weibes, von Frauenherzen -und ihren Mysterien, von der Psyche des modernen Weibes etc. reden -zu hören. Es scheint auch zu dem Befähigungsnachweis eines gesuchten -Accoucheurs zu gehören, daß er an die Seele des Weibes glaube. -Wenigstens hören es viele Frauen sehr gerne, wenn man von ihrer -Seele spricht, obwohl sie (in Henidenform) wissen, daß das Ganze ein -Schwindel ist. _Das Weib als die Sphinx! Ein ärgerer Unsinn ist kaum -je gesagt worden. Der Mann ist unendlich rätselhafter, unvergleichlich -komplizierter._ Man braucht nur auf die Gasse zu gehen: es gibt kaum -ein Frauengesicht, dessen Ausdruck einem da nicht bald klar würde. Das -Register des Weibes an Gefühlen, an Stimmungen ist so unendlich arm! -Während gar manches männliche Antlitz lange und schwer zu raten gibt. - -Schließlich werden wir hier auch einer Lösung der Frage: Parallelismus -oder Wechselwirkung zwischen Seelischem und Körperlichem? nähergeführt. -Für W trifft der psychophysische Parallelismus, als vollständige -Koordination beider Reihen, zu: mit der senilen Involution der Frau -erlischt auch die Fähigkeit zu geistiger Anspannung, die ja nur im -Gefolge sexueller Zwecke auftritt, und diesen dienstbar gemacht wird. -Der Mann wird nie in dem Sinne völlig alt wie das Weib, und es ist -die geistige Rückbildung hier durchaus nicht notwendig, sondern nur -in einzelnen Fällen mit der körperlichen verknüpft; am allerwenigsten -endlich ist von greisenhafter Schwäche bei jenem Menschen etwas -wahrzunehmen, welcher die Männlichkeit in voller geistiger Entfaltung -zeigt, beim Genie. - -Nicht umsonst sind jene Philosophen, welche die strengsten -Parallelisten waren, _Spinoza_ und _Fechner_, auch die strengsten -Deterministen. Bei M, dem freien, intelligiblen Subjekte, das sich -für Gut oder für Böse _nach seinem Willen_ entscheiden kann, ist der -psychophysische Parallelismus, der eine der mechanischen genau analoge -Kausalverkettung auch für alles Geistige fordern würde, auszuschließen. - -So weit wäre denn die Frage, welcher prinzipielle Standpunkt in der -Behandlung der Psychologie der Geschlechter einzunehmen ist, erledigt. -Es erwächst dieser Ansicht jedoch wieder eine außerordentliche -Schwierigkeit in einer Reihe merkwürdiger Tatsachen, die zwar für die -faktische Seelenlosigkeit von W noch einmal, und zwar in geradezu -entscheidender Weise in Betracht kommen, die aber anderseits von der -Darstellung auch die Erklärung eines sehr eigentümlichen Verhaltens der -Frau fordern, das seltsamerweise noch kaum jemand ernstlich Problem -geworden zu sein scheint. - -Schon längst wurde bemerkt, wie die Klarheit des männlichen Denkens -gegenüber der weiblichen Unbestimmtheit, und später wurde darauf -hingewiesen, wie die Funktion der gesetzten Rede, in welcher feste -logische _Urteile_ zum Ausdruck kommen, auf die Frau wie ein -_Sexualcharakter_ des Mannes wirkt. Was aber W sexuell anreizt, muß -eine Eigenschaft von M sein. Ebenso macht Unbeugsamkeit des männlichen -Charakters auf die Frau sexuellen Eindruck, sie mißachtet den Mann, -der einem anderen nachgibt. Man pflegt in solchen Fällen oft von -sittlichem Einfluß des Weibes auf den Mann zu reden, wo doch sie nur -das sexuelle Komplement in seinen komplementierenden Eigenschaften -voll und ganz sich zu erhalten strebt. Die Frauen verlangen vom Manne -Männlichkeit, und glauben sich zur höchsten Entrüstung und Verachtung -berechtigt, wenn der Mann ihre Erwartungen in diesem Punkt enttäuscht. -So wird eine Frau, auch wenn sie noch so kokett und noch so verlogen -ist, in Erbitterung und Empörung geraten, wenn sie beim Manne Spuren -von Koketterie oder Lügenhaftigkeit wahrnimmt. Sie mag noch so feige -sein: der Mann soll Mut beweisen. Daß dies nur sexueller Egoismus -ist, der sich den ungetrübten Genuß seines Komplementes zu wahren -sucht, wird allzuoft verkannt. Und so ist denn auch aus der Erfahrung -kaum ein zwingenderer Beweis für die Seelenlosigkeit des Weibes -zu führen als daraus, _daß die Frauen vom Manne Seele verlangen_, -und Güte auf sie wirken kann, obwohl sie selbst nicht wirklich gut -sind. Seele ist ein Sexualcharakter, der nicht anders und zu keinem -anderen Zwecke beansprucht wird als große Muskelkraft oder kitzelnde -Schnurrbartspitze. Man mag sich an der Kraßheit des Ausdruckes stoßen, -an der Sache ist nichts zu ändern. -- Die allerstärkste Wirkung endlich -übt auf die Frau der männliche _Wille_. Und sie hat einen merkwürdig -feinen Sinn dafür, ob das »Ich will« des Mannes bloß Anstrengung und -Aufgeblasenheit oder wirkliche Entschlossenheit ist. Im letzteren Falle -ist der Effekt ein ganz ungeheuerer. - -_Wie kann nun aber eine Frau, wenn sie an sich seelenlos ist, Seele -beim Manne perzipieren, wie seine Moralität beurteilen, da sie selbst -amoralisch ist, wie seine Charakterstärke auffassen, ohne als Person -Charakter zu haben, wie seinen Willen spüren, obgleich sie doch eigenen -Willen nicht besitzt?_ - -Hiemit ist das außerordentlich schwierige Problem formuliert, vor dem -die Untersuchung weiterhin noch zu bestehen haben wird. - -Bevor aber seine Lösung versucht werde, müssen die errungenen -Positionen nach allen Seiten hin befestigt und gegen Angriffe geschützt -werden, die in den Augen mancher imstande sein könnten, sie zu -erschüttern. - - - - -X. Kapitel. - -Mutterschaft und Prostitution. - - -Der Haupteinwand, welcher gegen die bisherige Darstellung wird erhoben -werden, bezieht sich auf die Allgemeingültigkeit des Gesagten für -_alle_ Frauen. Bei einigen, bei vielen möge das zutreffen; aber es gebe -doch auch andere ... - -Es lag ursprünglich nicht in meiner Absicht, auf spezielle Formen -der Weiblichkeit einzugehen. Die Frauen lassen sich nach mehreren -Gesichtspunkten einteilen, und gewiß muß man sich hüten, das, was von -einem extremen Typus gilt, der zwar überall nachweisbar ist, aber -oft durch das Vorwalten gerade des entgegengesetzten Typus bis zur -Unmerklichkeit zurückgedrängt wird, von der Allgemeinheit der Frauen -in gleicher Weise zu behaupten. Es sind _mehrere_ Einteilungen der -Frauen möglich, und es gibt _verschiedene_ Frauencharaktere; wenn -auch das Wort Charakter hier nur im empirischen Verstande angewendet -werden darf. Alle Charaktereigenschaften des Mannes finden merkwürdige, -zu Amphibolien oft genug Anlaß bietende Analoga beim Weibe (einen -interessanten Vergleich dieser Art zieht später dieses Kapitel); -doch ist beim Manne der Charakter stets _auch_ in die Sphäre des -Intelligiblen getaucht, und dort mächtig verankert; hieraus wird -denn die früher (S. 104) gerügte Vermischung der Seelenlehre mit der -Charakterologie, und die Gemeinsamkeit im Schicksale beider, wieder -eher begreiflich. Die charakterologischen Unterschiede unter den -Frauen senden ihre Wurzeln nie so tief in den Urboden hinab, daß sie -in die Entwicklung einer Individualität einzugehen vermöchten; und es -gibt vielleicht gar keine weibliche Eigenschaft, die nicht im Laufe -des Lebens, unter dem Einfluß des männlichen Willens, in der Frau -modifiziert, zurückgedrängt, ja vernichtet werden könnte. - -Was es unter ganz _gleich männlichen_ oder ganz _gleich weiblichen_ -Individuen _noch_ für Unterschiede geben möge, diese Frage hatte -ich bisher mit Bedacht aus dem Spiele gelassen. Keineswegs, weil -mit der Zurückführung psychologischer Differenzen auf das Prinzip -der sexuellen Zwischenformen mehr gewonnen gewesen war als _ein_ -Leitfaden unter tausenden auf diesem verschlungensten aller Gebiete: -sondern aus dem einfachen Grunde, weil jede Kreuzung mit einem anderen -Prinzipe, jede Erweiterung der linearen Betrachtungen ins Flächenhafte, -störend gewirkt hätte bei diesem ersten Versuche einer gründlichen -charakterologischen Orientierung, der weiter kommen wollte als bis zur -Ermittelung von Temperamenten oder Sinnestypen. - -Die spezielle weibliche Charakterologie soll einer besonderen -Darstellung vorbehalten bleiben; aber schon diese Schrift ist nicht -ohne Hinblick auf individuelle Differenzen unter den Frauen abgefaßt, -und ich glaube so den Fehler falscher Verallgemeinerung vermieden, und -bisher nur solches behauptet zu haben, was unterschiedslos von allen -gleich weiblichen Frauen in gleicher Weise und gleicher Stärke gilt. -Nur auf W ganz allgemein ist es bisher angekommen. Da man aber meinen -Darlegungen vornehmlich _einen_ Typus unter den Frauen entgegenhalten -wird, ergibt sich die Notwendigkeit, bereits hier _ein_ Gegensatzpaar -aus der Fülle herauszugreifen. - -Allem Schlechten und Garstigen, das ich den Frauen nachgesagt habe, -wird das Weib als Mutter gegenübergestellt werden. Dieses erfordert -also eine Besprechung. Seine Ergründung kann aber niemand in Angriff -nehmen, ohne zugleich den Gegenpol der Mutter, welcher die für das Weib -diametral konträre Möglichkeit verwirklicht zeigt, heranzuziehen; weil -nur hiedurch der Muttertypus eine deutliche Abgrenzung erfährt, nur -so die Eigenschaften der Mutter von allem Fremden scharf sich abheben -können. - -_Jener der Mutter polar entgegengesetzte Typus ist die Dirne._ Die -Notwendigkeit gerade dieser Gegenüberstellung läßt sich ebensowenig -_deduzieren_, wie daß Mann und Weib einander entgegengesetzt sind; -wie man dies nur _sieht_ und nicht beweist, so muß man auch jenes -_erschaut_ haben, oder es in der Wirklichkeit wiederzufinden trachten, -um sich zu überzeugen, ob diese dem Schema sich bequem einordnet. Auf -jene Restriktionen, die vorzunehmen sind, komme ich noch zu sprechen; -einstweilen seien die Frauen betrachtet als stets von zwei Typen, -einmal mehr vom einen, ein andermal mehr vom anderen etwas in sich -tragend: _diese Typen sind die Mutter und die Dirne_. - -Man würde diese Dichotomie mißverstehen, wenn man sie von einer -populären Entgegensetzung nicht unterschiede. Man hat oft gesagt, -das Weib sei sowohl _Mutter_ als _Geliebte_. Den Sinn und Nutzen -dieser Distinktion kann ich nicht recht einsehen. Soll mit der -Qualität der Geliebten das Stadium bezeichnet werden, welches der -Mutterschaft notwendig vorhergeht? Dann kann es keinerlei dauernde -charakterologische Eigentümlichkeit bezeichnen. Und was sagt denn der -Begriff »Geliebte« über die Frau selbst aus, als daß sie geliebt wird? -Fügt er ihr wirklich eine wesentliche, oder nicht vielmehr eine ganz -äußerliche Bestimmung zu? Geliebt werden mag sowohl die Mutter als -die Dirne. Höchstens könnte man mit der »Geliebten« eine Gruppe von -Frauen haben umschreiben wollen, die ungefähr in der Mitte zwischen -den hier bezeichneten Polen sich aufhielte, eine Zwischenform von -Mutter und Dirne; oder man hält es einer ausdrücklichen Feststellung -für bedürftig, daß eine Mutter zum Vater ihrer Kinder in einem anderen -Verhältnis stehe als zu ihren Kindern selbst, und Geliebte eben sei, -insoferne sie sich lieben läßt, d. h. dem Liebenden sich hingibt. Aber -damit ist nichts gewonnen, weil dies beide, Mutter wie Prostituierte, -gegebenenfalls in formal gleicher Weise tun können. Der Begriff der -Geliebten sagt gar nichts über die Qualitäten des Wesens aus, das -geliebt wird; wie natürlich, denn er soll nur das erste zeitliche -Stadium im Leben _einer_ und _derselben_ Frau andeuten, an welches sich -später als zweites die Mutterschaft schließt. Da also der Zustand der -Geliebten doch nur ein accidentielles Merkmal ihrer Person ist, wird -jene Gegenüberstellung ganz unlogisch, indem die Mutterschaft auch -etwas Innerliches ist und nicht bloß die Tatsache anzeigt, daß eine -Frau geboren hat. Worin dieses tiefere Wesen der Mutterschaft besteht, -wird eben Aufgabe der jetzigen Untersuchung. - -Daß Mutterschaft und Prostitution einander polar entgegengesetzt -sind, ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit allein schon aus der -größeren Kinderzahl der guten Hausmütter, indes die Kokotte immer -nur wenige Kinder hat, und die Gassendirne in der Mehrzahl der Fälle -überhaupt steril ist. Es ist wohl zu beachten, daß nicht das käufliche -Mädchen allein dem Dirnentypus angehört, sondern sehr viele unter den -sogenannten anständigen Mädchen und verheirateten Frauen, ja selbst -solche, die gar nie die Ehe brechen, nicht, weil die Gelegenheit nicht -günstig genug ist, sondern weil sie selbst es nicht bis dahin kommen -lassen. Man stoße sich also nicht an der Verwendung des Begriffes der -Dirne, der ja erst noch zu analysieren ist, in einem viel weiteren -Umfange als einem, der bloß auf feile Weiber sich erstreckt. Überdies -könnte der Dirnentypus auch dann zum Ausdruck kommen, wenn bloß ein -Mann und ein Weib auf der Welt wären, denn er äußert sich bereits in -dem spezifisch verschiedenen Verhalten zum einzelnen Manne. - -Schon die Tatsache der geringeren Fruchtbarkeit enthöbe mich der -Pflicht einer Auseinandersetzung mit der allgemeinen Ansicht, welche -ein, notwendigerweise tief im Wesen eines Menschen gegründetes -Phänomen, wie die Prostitution, ableiten will aus sozialen Mißständen, -aus der Erwerbslosigkeit vieler Frauen, und daraufhin spezielle -Anklagen gegen die heutige Gesellschaft erhebt, deren männliche -Machthaber in ihrem ökonomischen Egoismus den unverheirateten Frauen -die Möglichkeit eines rechtschaffenen Lebens so erschwerten; oder auf -das Junggesellentum rekurriert, das ebenfalls angeblich nur materielle -Gründe habe, und zu seiner notwendigen Ergänzung nach der Prostitution -verlange. Oder soll doch angeführt werden: daß die Prostitution nicht -bloß bei ärmlichen Gassendirnen zu suchen ist; daß wohlhabende Mädchen -zuweilen sich aller Vorteile ihres Rufes begeben, und ein offenes -Flanieren auf der Straße versteckten Liebschaften vorziehen -- denn -zur _richtigen_ Prostitution _gehört_ die _Gasse_ --; daß viele -Stellen in Geschäftsläden, in der Buchhaltung, im Post-, Telegraphen- -und Telephondienste, wo immer eine rein schablonenmäßige Tätigkeit -beansprucht wird, mit Vorliebe an Frauen vergeben werden, weil W viel -weniger differenziert und eben darum bedürfnisloser ist als M, der -Kapitalismus aber lange vor der Wissenschaft das weggehabt hat, daß -man die Frauen ihrer niedrigeren Lebenshaltung wegen auch schlechter -bezahlen dürfe. Übrigens findet selbst die junge Dirne, weil sie -teueren Mietzins zu zahlen, eine nicht gewöhnliche Kleidung zu tragen -und den Souteneur auszuhalten hat, meist nur sehr schwer ihr Auskommen. -Wie tief der Hang zu ihrem Leben in ihnen wurzelt, das bezeugt die -häufige Erscheinung, daß Prostituierte, wenn sie geehelicht werden, -wieder zu ihrem früheren Gewerbe zurückkehren. Die Prostituierten -sind ferner vermöge unbekannter, aber offenbar in einer angeborenen -Konstitution liegender Ursachen gegen manche Infektionen oft _immun_, -denen »rechtschaffene Frauen« meist unterliegen. Schließlich hat die -Prostitution _immer_ bestanden und ist mit den Errungenschaften der -kapitalistischen Ära keineswegs relativ gewachsen, ja, sie gehörte -sogar zu den _religiösen_ Institutionen gewisser Völker des Altertums, -z. B. der Phönizier. - -Die Prostitution kann also keineswegs als etwas betrachtet werden, -wohin erst der Mann die Frau gedrängt hat. Oft genug wird sicherlich -ein Mann die Schuld tragen, wenn ein Mädchen ihren Dienst verlassen -mußte und sich brotlos fand. Daß aber in solchem Falle zu etwas -gegriffen werden kann, wie es die Prostitution ist, muß in der Natur -des menschlichen Weibes selbst liegen. Was nicht ist, kann auch nicht -werden. Dem echten Manne, den materiell noch öfter ein widriges -Schicksal trifft, und welcher Armut intensiver empfindet als das Weib, -ist gleichwohl die Prostitution fremd, und männliche Prostituierte -(unter Kellnern, Friseurgehilfen etc.) sind immer vorgerückte sexuelle -Zwischenformen. Demnach ist die Eignung und der Hang zum Dirnentum -ebenso wie die Anlage zur Mutterschaft in einem Weibe organisch, von -der Geburt an vorhanden. - -Damit soll aber nicht gesagt sein, jedes Weib, das zur Dirne wird, sei -mit ausschließlich innerer Notwendigkeit dazu geworden. Es stecken -vielleicht in den meisten Frauen _beide_ Möglichkeiten, sowohl die -Mutter als die Dirne; nur die Jungfrau -- man entschuldige; ich weiß, -es ist rücksichtslos gegen die _Männer_ -- nur die Jungfrau, die gibt -es nicht. Worauf es in solchen Schwebefällen ankommt, das kann nur der -Mann sein, der ein Weib zur Mutter zu machen auf jeden Fall durch seine -Person imstande ist; nicht erst durch den Koitus, sondern durch ein -einmaliges _Anblicken_. _Schopenhauer_ bemerkt, der Mensch müsse sein -Dasein streng genommen von dem Augenblick datieren, da sein Vater und -seine Mutter sich ineinander verliebt hätten. Das ist nicht richtig. -Die Geburt eines Menschen müßte, im idealen Falle, in den Augenblick -verlegt werden, wo _eine Frau $ihn$_, den Vater ihres Kindes, _zum -ersten Male erblickt oder auch nur seine Stimme hört_. Die biologische -und medizinische Wissenschaft, die Züchtungslehre und die Gynäkologie -verhalten sich freilich, seit über sechzig Jahren, unter dem Einflusse -von _Johannes Müller_, Th. _Bischoff_ und Ch. _Darwin_, der Frage des -»Versehens« oder »Verschauens« gegenüber beinahe durchaus ablehnend. -Es wird im weiteren eine Theorie des Versehens zu entwickeln versucht -werden; hier möchte ich nur soviel bemerken, daß die Sache denn doch -vielleicht nicht so steht, daß es kein Versehen geben dürfe, weil -es mit der Ansicht sich nicht vertrage, daß bloß Samenzelle und Ei -das neue Individuum bilden helfen; sondern es gibt ein Versehen, -und die Wissenschaft soll trachten, es zu erklären, statt es als -schlechterdings unmöglich in Abrede zu stellen, und zu tun, als ob -sie in erfahrungswissenschaftlichen Dingen je über so viel Erfahrung -verfügen könnte, um eine solche Behauptung aufstellen zu dürfen. In -einer apriorischen Disziplin, wie der Mathematik, darf ich es ganz -ausgeschlossen nennen, daß auf dem Planeten Jupiter 2 × 2 = 5 sei; die -Biologie kennt nur Sätze von »komparativer Allgemeinheit« (_Kant_). -Wenn ich hier _für_ das Versehen eintreten und in seiner Leugnung -eine Beschränktheit erblicken muß, will ich doch keineswegs behauptet -haben, daß alle sogenannten Mißbildungen, oder auch nur ein sehr -großer Teil derselben in ihm ihren Grund haben. Es kommt vorläufig nur -auf die Möglichkeit einer Beeinflussung der Nachkommenschaft ohne den -Koitus mit der Mutter an. Und da möchte ich zu sagen wagen[46]: so -wie sicherlich, wenn _Schopenhauer_ und _Goethe_ in der Farbenlehre -_einer_ Meinung sind, sie schon darum _a priori_ gegen alle Physiker -der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft recht haben dürften, -ebenso wird etwas, das für _Ibsen_ (»Frau vom Meer«) und _Goethe_ -(»Wahlverwandtschaften«) _Wahrheit_ ist, noch nicht _falsch_ durch das -Gutachten sämtlicher medizinischer Fakultäten der Welt. - -Der Mann übrigens, von dem eine so starke Wirkung auf die Frau erwartet -werden könnte, daß ihr Kind auch dann ihm ähnlich würde, wenn es nicht -aus seinem Samen sich entwickelt hat, dieser Mann müßte die Frau -sexuell in äußerst vollkommener Weise ergänzen. Wenn demnach solche -Fälle nur sehr _selten_ sind, so liegt dies an der Unwahrscheinlichkeit -eines Zusammentreffens so vollständiger Komplemente, und darf keinen -Einwand gegen die _prinzipielle Möglichkeit_ solcher Tatsachen bilden, -wie sie _Goethe_ und _Ibsen_ dargestellt haben. - -_Ob_ aber eine Frau jenen Mann trifft, der sie durch seine bloße -Gegenwart zur Mutter seines Kindes macht, das ist Zufallssache. -_Insofern_ ist für _viele_ Mütter und Prostituierte wohl die -_Denkbarkeit_ zuzugeben, daß sich ihre Lose umgekehrt hätten gestalten -können. Aber anderseits gibt es nicht nur zahllose Beispiele, in -welchen auch ohne diesen Mann die Frau im Mutter-Typus verbleibt, -sondern es kommen ebenso zweifellos Fälle vor, wo dieser eine Mann -_auftritt_, und doch auch _sein_ Erscheinen die schließliche, -endgültige Wendung zur Prostitution nicht zu hindern vermag. - -Es bleibt demnach nichts übrig, als _zwei_ angeborene, entgegengesetzte -Veranlagungen anzunehmen, die sich auf die verschiedenen Frauen in -verschiedenem Verhältnis verteilen: die absolute Mutter und die -absolute Dirne. _Zwischen_ beiden liegt die Wirklichkeit: es gibt -sicherlich kein Weib ohne alle Dirneninstinkte (viele werden das -leugnen und fragen, woran denn das Dirnenhafte in vielen Frauen -erkennbar sei, die nichts weniger als Kokotten zu sein scheinen; ich -verweise diesbezüglich einstweilen nur auf den Grad der Bereitschaft -und Willigkeit, sich von irgendwelchem Fremden unzüchtig berühren und -diesen an sich anstreifen zu lassen; legt man diesen Maßstab an, so -wird man finden, daß es keine absolute Mutter gibt). Ebensowenig aber -existiert ein Weib, das aller mütterlichen Regungen bar wäre; obgleich -ich gestehen muß, außerordentliche Annäherungen an die absolute Dirne -viel öfter gefunden zu haben als solche Grade von Mütterlichkeit, -hinter denen alles Dirnenhafte zurücktritt. - -Das Wesen der Mutterschaft besteht, wie schon die erste und -oberflächlichste Analyse des Begriffes ergibt, darin, daß die -Erreichung des _Kindes_ der Hauptzweck des Lebens der _Mutter_ ist, -indessen bei der absoluten _Dirne_ dieser Zweck für die Begattung -gänzlich in Wegfall gekommen scheint. Eine eingehendere Untersuchung -wird also vor allem _zwei_ Dinge in Betracht ziehen und sehen müssen, -wie sich Dirne und Mutter zu beiden verhalten: die Beziehung einer -jeden zum Kinde, und ihre Beziehung zum Koitus. - -Zunächst scheiden sich beide, Mutter und Dirne, durch der ersteren -Verhältnis zum Kinde. Der absoluten Dirne liegt nur am Manne, der -absoluten Mutter kann nur am Kinde gelegen sein. Prüfstein ist am -sichersten das Verhältnis zur Tochter: nur wenn sie diese gar nie -beneidet wegen größerer Jugend oder Schönheit, ihr nie die Bewunderung -im geringsten mißgönnt, die sie bei den Männern findet, _sondern sich -vollständig mit ihr identifiziert_ und des Verehrers ihrer Tochter sich -so freut, als wäre er ihr eigener Anbeter, nur dann ist sie Mutter zu -nennen. - -Die absolute Mutter, der es allein auf das Kind ankommt, wird Mutter -durch jeden Mann. Man wird finden, daß Frauen, die in ihrer Kindheit -eifriger als die anderen mit Puppen spielten, bereits als Mädchen -Kinder sehr liebten und gerne warteten, dem Manne gegenüber wenig -wählerisch sind, sondern bereitwillig den ersten besten Gatten nehmen, -der sie halbwegs zu versorgen imstande und ihren Eltern und Verwandten -genehm ist. Wenn ein solches Mädchen aber, gleichgültig durch wen, -Mutter geworden ist, so bekümmert es sich, im Idealfalle, um keinen -anderen Mann mehr. Der absoluten Dirne hingegen sind, schon als Kind, -Kinder ein Greuel; später benützt sie das Kind höchstens als Mittel, um -durch Vortäuschung eines, auf Rührung des Mannes berechneten, Idylles -zwischen Mutter und Kind, diesen an sich zu locken. Sie ist das Weib, -das _allen_ Männern zu gefallen das Bedürfnis hat, und da es keine -absolute Mutter gibt, wird man in jeder Frau mindestens noch die _Spur_ -dieser allgemeinen Gefallsucht entdecken können, welche nie auch nur -auf einen Mann der Welt verzichtet. - -Hier nimmt man übrigens eine _formale Ähnlichkeit_ zwischen der -absoluten Mutter und der absoluten Kokotte wahr. _Beide_ sind -eigentlich in Bezug auf die _Individualität_ des sexuellen Komplementes -_anspruchslos_. Die eine nimmt jeden beliebigen Mann, der ihr zum -Kinde dienlich ist, und bedarf keines weiteren Mannes, sobald sie das -Kind hat: _nur aus diesem Grunde ist sie »monogam« zu nennen_. Die -andere gibt sich jedem beliebigen Mann, der ihr zum erotischen Genusse -verhilft: dieser ist für sie Selbstzweck. Hier berühren sich also die -beiden Extreme, wir mögen somit hoffen, einen Durchblick auf das Wesen -des Weibes _überhaupt_ von da aus gewinnen zu können. - -In der Tat muß ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt -habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, daß das _Weib_ monogam -und der _Mann_ polygam sei. _Das Umgekehrte_ ist der Fall. Man darf -sich nicht dadurch beirren lassen, daß die Frauen oft lange den Mann -abwarten und, wenn möglich, wählen, der ihnen am meisten Wert zu -schenken in der Lage ist -- den Herrlichsten, Berühmtesten, den »Ersten -unter Allen«. Dieses Bedürfnis scheidet das Weib vom Tiere, welches -Wert überhaupt nicht, weder vor sich selbst, durch sich selbst (wie -der Mann), noch durch einen anderen, vor einem anderen (wie das Weib) -zu gewinnen trachtet. Aber nur von Dummköpfen konnte es im rühmenden -Sinne hervorgehoben werden, da es doch am sichersten zeigt, wie die -Frau alles _Eigenwertes_ entbehrt. Dieses Bedürfnis nun verlangt -allerdings nach Befriedigung; es liegt aber in ihm durchaus nicht der -sittliche _Gedanke_ der Monogamie. Der Mann ist in der Lage, Wert zu -spenden, Wert zu übertragen an die Frau, er _kann schenken_, er _will_ -auch schenken; nie kann er seinen Wert, wie das Weib, als Beschenkter -finden. Die Frau sucht also zwar sich möglichst viel Wert zu -verschaffen, indem sie ihre Erwählung durch jenen einen Mann betreibt, -der ihr den _meisten_ Wert geben kann; der Ehe aber liegen, beim Manne, -ganz andere Motive zu Grunde. Sie ist jedenfalls ursprünglich als die -Vollendung der idealen Liebe, als eine Erfüllung gedacht, auch wenn -es sehr fraglich ist, ob sie so viel je wirklich leisten kann. Sie -ist ferner durchdrungen von dem ganz und gar männlichen Gedanken der -_Treue_ (die Kontinuität, ein intelligibles _Ich_ voraussetzt). Man -wird zwar oft das Weib treuer nennen hören als den Mann; die Treue des -Mannes ist nämlich für ihn ein _Zwang_, den er sich, allerdings im -_freien_ Willen und mit vollem _Bewußtsein_, auferlegt hat. Er wird an -diese Selbstbindung oft sich nicht kehren, aber dies stets als sein -Unrecht betrachten oder irgendwie fühlen. Wenn er die Ehe bricht, so -hat er sein intelligibles Wesen nicht zum Worte kommen lassen. Für die -Frau ist der Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke -der Sittlichkeit gar nicht, sondern nur die Motive der Sicherheit und -des Rufes mitsprechen. Es gibt kein Weib, das in Gedanken ihrem Manne -nie untreu geworden wäre, _ohne_ daß es aber darum dies auch schon -sich vorwürfe. Denn das Weib geht die Ehe zitternd und voll unbewußter -Begier ein und bricht sie, da es kein der Zeitlichkeit entrücktes -Ich hat, so erwartungsvoll, so gedankenlos, wie es sie geschlossen -hat. Jenes Motiv, das einem _Vertrage_ Treue wahren heißt, kann nur -beim Manne sich finden; für die bindende Kraft eines gegebenen Wortes -fehlt der Frau das Verständnis. Was man als Beispiele weiblicher Treue -anführt, beweist hiegegen wenig. Sie ist entweder die lange Nachwirkung -eines intensiven Verhältnisses sexueller Folgsamkeit (_Penelope_) -oder dieses Hörigkeitsverhältnis selbst, hündisch, nachlaufend, voll -instinktiver zäher Anhänglichkeit, vergleichbar der körperlichen -Nähe als Bedingung alles weiblichen Mitleidens (_Das Käthchen von -Heilbronn_). - -Die Ein-Ehe hat also der Mann geschaffen. Sie hat ihren Ursprung im -Gedanken der männlichen Individualität, die im Wandel der Zeiten -unverändert fortdauert; und demnach zu ihrer vollen Ergänzung stets -nur eines und desselben Wesens bedürfen kann. Insoweit liegt in dem -Plane der _Ein-Ehe_ unleugbar etwas Höheres und findet die Aufnahme -derselben unter die Sakramente der katholischen Kirche eine gewisse -Rechtfertigung. Dennoch soll hiemit in der Frage »Ehe oder freie Liebe« -nicht Partei ergriffen sein. Auf dem Boden irgendwelcher Abweichungen -vom strengsten Sittengesetz -- und eine solche Abweichung liegt in -jeder empirischen Ehe -- sind _völlig_ befriedigende Problemlösungen -nie mehr möglich: _zugleich_ mit der Ehe ist der Ehe_bruch_ auf die -Welt gekommen. - -_Trotzdem_ kann die Ehe nur vom Manne eingesetzt sein. Es gibt kein -Rechtsinstitut weiblichen Ursprungs, alles _Recht_ rührt vom Manne, und -nur viele _Sitte_ vom Weibe her (schon darum wäre es ganz verfehlt, -das Recht aus der Sitte, oder umgekehrt die Sitte aus dem Recht -hervorgehen zu lassen. Beide sind ganz heterogene Dinge). _Ordnung_ in -wirre sexuelle Verhältnisse zu bringen, dazu kann, wie nach Ordnung, -nach _Regel_, nach Gesetz überhaupt (im praktischen wie theoretischen) -nur der Mann -- donna è mobile -- das Bedürfnis und die Kraft besessen -haben. Und es scheint ja wirklich für viele Völker eine Zeit gegeben -zu haben, da die Frauen auf die soziale Gestaltung großen Einfluß -nehmen durften; aber damals gab es nichts weniger als Ehe: die Zeit des -_Matriarchats_ ist die Zeit der _Vielmännerei_. -- - -Das ungleiche Verhältnis der Mutter und der Dirne zum Kinde ist -reich an weiteren Aufschlüssen. Ein Weib, das vorwiegend Dirne ist, -wird auch in ihrem Sohne zunächst dessen Mannheit wahrnehmen und -stets in einem sexuellen Verhältnis zu ihm stehen. Da aber kein Weib -ganz mütterlich ist, läßt es sich nicht verkennen, daß ein letzter -Rest sexueller Wirkung von jedem Sohne auf seine Mutter ausgeht. -Darum bezeichnete ich früher das Verhältnis zur Tochter als den -zuverlässigsten Maßstab der Mutterliebe. Sicherlich steht anderseits -auch jeder Sohn zu seiner Mutter in einer, wenn auch vor den Blicken -beider noch so verschleierten, sexuellen Beziehung. In der ersten -Zeit der Pubertät kommt dies bei den meisten Männern, bei manchen -selbst noch später hin und wieder, aus seiner Zurückdrängung im wachen -Bewußtsein, durch sexuelle Phantasien während des Schlafes, deren -Objekt die Mutter bildet, zum Vorschein (»Ödipus-Traum«). Daß aber -auch im eigentlichsten Verhältnis der echten Mutter zum Kinde noch ein -tiefes, sexuelles Verschmolzenheitselement steckt, darauf scheinen -die Wollustgefühle hinzudeuten, welche die Frau bei der Laktation so -unzweifelhaft empfindet, wie die anatomische Tatsache feststeht, daß -sich unter der weiblichen Brustwarze erektiles Gewebe befindet und von -den Physiologen ermittelt ist, daß durch Reizung von diesem Punkte aus -Zusammenziehungen der Gebärmuttermuskulatur ausgelöst werden können. -Sowohl die Passivität, welche für das Weib aus dem aktiven Saugen des -Kindes resultiert, als auch der Zustand inniger, körperlicher Berührung -während der Spende der Muttermilch stellen eine sehr vollkommene -Analogie zum Verhalten des Weibes im Koitus her; sie lassen es -begreiflich erscheinen, daß die monatlichen Blutungen auch während der -Laktation pausieren, und geben der unklaren, aber tiefen Eifersucht des -Mannes schon auf den Säugling ein gewisses Recht. Das Nähren des Kindes -ist aber eine durchaus mütterliche Beschäftigung; je mehr eine Frau -Dirne ist, desto weniger wird sie ihr Kind selbst stillen wollen, desto -schlechter wird sie es können. Es läßt sich also nicht leugnen, daß das -Verhältnis Mutter--Kind an sich bereits ein dem Verhältnis Weib--Mann -verwandtes ist. - -Die Mütterlichkeit ist ferner gleich allgemein wie die Sexualität und -den verschiedenen Wesen gegenüber so abgestuft wie diese. Wenn eine -Frau mütterlich ist, muß ihre Mütterlichkeit nicht nur dem leiblichen -Kinde gegenüber sich offenbaren, sondern auch schon vorher und jedem -Menschen gegenüber zum Ausdruck kommen; wenngleich das Interesse für -das eigene Kind später alles andere absorbiert und die Mutter im -Falle eines Konfliktes durchaus engherzig, blind und ungerecht macht. -Am interessantesten ist hier das Verhältnis des mütterlichen Mädchens -zum Geliebten. Mütterliche Frauen nämlich sind schon als Mädchen dem -Manne gegenüber, den sie lieben, selbst für jenen Mann, der später -Vater ihres Kindes wird, Mütter; _er $ist$ selbst schon in gewissem -Sinne ihr Kind_. In diesem Mutter und liebender Frau Gemeinsamen[47] -offenbart sich uns das tiefste Wesen _dieses_ Weibestypus: es ist -der fortlaufende Wurzelstock der Gattung, den die Mütter bilden, -das nie endende, mit dem Boden verwachsene Rhizom, von dem sich der -einzelne _Mann_ als Individuum _ab_hebt und dem gegenüber er seiner -Vergänglichkeit inne wird. Dieser Gedanke ist es, mehr oder weniger -bewußt, welcher den Mann selbst das mütterliche Einzelwesen, auch schon -als Mädchen, in einer gewissen Ewigkeit erblicken läßt[48], der das -schwangere Weib zu einer großen Idee macht (_Zola_). Die ungeheuere -_Sicherheit_ der Gattung, aber freilich sonst nichts, liegt in dem -_Schweigen_ dieser Geschöpfe, vor dem sich der Mann für Augenblicke -sogar klein fühlen kann. Ein gewisser Friede, eine große Ruhe mag -in solchen Minuten über ihn kommen, ein Schweigen aller höheren -und tieferen Sehnsucht, und er mag so für Momente wirklich wähnen, -den tiefsten Zusammenhang mit der Welt durch das Weib gefunden zu -haben. Wird er doch beim geliebten Weib dann ebenfalls zum _Kinde_ -(_Siegfried_ bei _Brünnhilde_, dritter Akt); zum Kinde, das die Mutter -lächelnd betrachtet, für das sie unendlich viel _weiß_, dem sie Pflege -angedeihen läßt, das sie zähmt und im Zaum hält. Aber nur auf Sekunden -(Siegfried reißt sich von Brünnhilde). Denn was den Mann ausmacht, -ist ja nur, was ihn von der Gattung loslöst, indem es ihn über sie -erhebt. Darum ist die Vaterschaft durchaus nicht die Befriedigung -seines tiefsten Gemütsbedürfnisses, darum ist ihm der Gedanke, in der -Gattung auf-, in ihr unterzugehen, entsetzlich; und das fürchterlichste -Kapitel, in dem trostärmsten unter den großen Büchern der menschlichen -Literatur, in der »Welt als Wille und Vorstellung«, das »Über den Tod -und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich«, -wo diese Unendlichkeit des Gattungswillens als die einzig wirkliche -Unsterblichkeit hingestellt ist. - -Die Sicherheit der Gattung ist es, welche die Mutter mutig und -unerschrocken macht im Gegensatz zur stets feigen und furchtsamen -Prostituierten. Es ist nicht der Mut der Individualität, der moralische -Mut, der aus der Werthaltung der Wahrheit und der Unbeugsamkeit -des innerlich Freien folgt, sondern der Lebenswille der Gattung, -welche durch die Einzelperson der Mutter das Kind und selbst den -Mann schützt. Wie vom Begriffspaare Mut und Feigheit, so ist auch -vom Gegensatz Hoffnung -- Furcht die Hoffnung der Mutter, die Furcht -der Dirne zugefallen. Die absolute Mutter ist sozusagen stets und in -jeder Beziehung »in der Hoffnung«; da sie in der Gattung unsterblich -ist, kennt sie auch keine Furcht vor dem Tode, vor dem die Dirne -eine entsetzliche Angst hat, ohne im geringsten ein individuelles -Unsterblichkeitsbedürfnis zu hegen -- ein Beweis mehr, wie falsch es -ist, das Begehren nach persönlicher Fortdauer bloß auf die Furcht vor -dem körperlichen Tode und das Wissen um diesen zurückzuführen. - -Die Mutter fühlt sich dem Manne stets überlegen, sie weiß sich -als seinen Anker; indes sie selbst in der geschlossenen Kette der -Generationen wohl gesichert, gleichsam den Hafen vorstellt, aus dem -jedes Schiff neu ausläuft, steuert der Mann weit draußen allein auf -hoher See. Die Mutter ist, im höchsten Alter noch, immer bereit, das -Kind zu empfangen und zu bergen; bereits in der Konzeption des Kindes -lag psychisch, wie sich zeigen wird, für die Mutter dieses Moment, -in der Schwangerschaft tritt das andere des Schutzes und der Nahrung -ganz deutlich zu Tage. Dieses Überlegenheitsverhältnis kommt auch -vor dem Geliebten zum Vorschein: die Mutter hat Verständnis für das -Naive und Kindliche, für die _Einfalt_ im Manne, die Hetäre für seine -Feinheiten und sein Raffinement. Die Mutter hat das Bedürfnis, ihr -Kind zu lehren, ihm alles zu geben, sei dieses Kind auch der Geliebte; -die Hetäre brennt darauf, daß ihr der Mann _imponiere_, sie will ihm -selbst erst alles _verdanken_. Die Mutter als Vertreterin des Genus, -das sich in jedem seiner Angehörigen auswirkt, ist freundlich gegen -alle Mitglieder der Gattung (_selbst jede Tochter ist in diesem Sinne -noch die Mutter ihres Vaters_); erst wenn die Interessen der engeren -Kinder auf dem Spiele stehen, wird sie, aber dann auch in einem -außerordentlichen Grade, exklusiv; die Dirne ist nie so liebreich und -nie so engherzig, wie die Mutter es sein kann. - -_Die Mutter steht ganz unter dem Gattungszweck; die Prostituierte steht -außerhalb desselben._ Ja die Gattung hat eigentlich nur diesen einen -Anwalt, diese eine Priesterin, die Mutter; der Wille des Genus kommt -nur in ihr rein zum Ausdruck, während bereits die Erscheinung der Dirne -den Beweis dafür liefert, daß _Schopenhauers_ Lehre, es handle sich in -aller Sexualität nur um die Zusammensetzung der künftigen Generation, -unmöglich allgemein zutreffen kann. Daß es der Mutter nur auf das Leben -ihrer Gattung ankommt, wird auch daraus ersichtlich, daß mütterliche -Frauen es sind, die gegen Tiere am meisten Härte beweisen. Man muß -beobachtet haben, mit welcher unerschütterlichen Ruhe, wie durchdrungen -von der Verdienstlichkeit ihres Amtes die gute Hausfrau und Mutter ein -Huhn nach dem anderen schlachtet. Denn die Kehrseite der Mutterschaft -ist die Stiefmutterschaft; jede Mutter ihrer Kinder ist Stiefmutter -aller anderen Geschöpfe. - -Noch auffallender als diese Bestätigung fällt für den Zusammenhang -der Mutter mit der Erhaltung der Gattung ihr eigentümlich inniges -Verhältnis zu allem ins Gewicht, was zur _Nahrung_ dient. Sie kann es -nicht ertragen, daß irgend etwas, das hätte gegessen werden können, sei -es auch ein noch so geringfügiger Rest, zu Grunde gehe. Ganz anders die -Dirne, die nach Willkür, ohne rechten Grund jetzt große Quantitäten -an Vorräten zum Essen und Trinken beschafft, um sie dann haufenweise -»stehen« zu lassen. Die Mutter ist überhaupt geizig und kleinlich, -die Prostituierte verschwenderisch, launisch. Denn die _Erhaltung der -Gattung_ ist der Zweck, für den die Mutter lebt; so sorgt sie sich -eifrig darum, daß die von ihr Bemutterten sich satt essen, und durch -nichts ist sie so zu erfreuen, wie durch einen gesegneten Appetit. -Damit hängt ihr Verhältnis zum Brode, zu allem, was Wirtschaft heißt, -zusammen. _Ceres_ ist eine gute Mutter: eine Tatsache, die in ihrem -griechischen Namen _Demeter_ deutlich zum Ausdruck kommt. So pflegt die -Mutter die Physis, nicht aber die Psyche des Kindes[49]. Das Verhältnis -zwischen Mutter und Kind bleibt von seiten der Mutter immer ein -körperliches: vom Küssen und Herzen des Kleinen bis zu der umgebenden -und einwickelnden Sorge für den Erwachsenen. Auch das aller Vernunft -bare Entzücken über jedwede Lebensäußerung des kleinen Säuglings -ist nicht anders zu verstehen, als aus dieser einzigen Aufgabe der -Erhaltung und Hut des irdischen Daseins. - -Damit ergibt sich hieraus auch, warum die Mutterliebe nicht wahrhaft -sittlich hochgeschätzt werden kann. Es frage sich jeder aufrichtig, ob -er glaubt, daß ihn seine Mutter nicht ebenso lieben würde, wenn er ganz -anders wäre als er ist, ob ihre Neigung geringer würde, wenn er nicht -er, sondern ein ganz anderer Mensch wäre! _Hier_ liegt der springende -Punkt, und hier sollen die Rede stehen, welche von der moralischen -Hochachtung des Weibes um der Mutterliebe willen nicht lassen wollen. -Die Individualität des Kindes ist der Mutterliebe ganz gleichgültig, -ihr genügt die bloße Tatsache der Kindschaft: _und dies ist eben das -Unsittliche an ihr_. In jeder Liebe von Mann zu Weib, auch in jeder -Liebe innerhalb des gleichen Geschlechtes, kommt es sonst immer auf -ein bestimmtes Wesen mit ganz besonderen körperlichen und psychischen -Eigenschaften an; nur die Mutterliebe erstreckt sich wahllos auf alles, -was die Mutter je in ihrem Schoße getragen hat. Es ist ein grausames -Geständnis, das man sich macht, grausam gegen Mutter und Kind, daß -gerade hierin sich offenbart, wie vollkommen unethisch die Mutterliebe -eigentlich ist, jene Liebe, die ganz gleich fortwährt, ob der Sohn ein -Heiliger oder ein Verbrecher, ein König oder ein Bettler werde, ein -Engel bleibe oder zum Scheusal entarte. Nicht minder gemein freilich -ist der Anspruch, den so oft die Kinder auf die Liebe ihrer Mutter -zu haben glauben, bloß weil sie deren Kinder sind (besonders gilt -dies von den Töchtern; indessen sind auch die Söhne in diesem Punkte -meist fahrlässig). Die Mutterliebe ist darum unmoralisch, weil sie -kein Verhältnis zum fremden _Ich_ ist, sondern ein _Verwachsensein_ -von Anfang an darstellt; sie ist, wie alle Unsittlichkeit gegen -andere, eine _Grenzüberschreitung_. Es gibt ein ethisches Verhältnis -nur _von Individualität zu Individualität_. Die Mutterliebe schaltet -die Individualität _aus_, indem sie _wahllos_ und _zudringlich_ ist. -_Das Verhältnis der Mutter zum Kinde ist in alle Ewigkeit ein System -von reflexartigen Verbindungen zwischen diesem und jener._ Schreit -oder weint das Kleine, während die Mutter im Nebenzimmer sitzt, -plötzlich auf, so wird die Mutter wie gestochen emporfahren und zu ihm -hineineilen (eine gute Gelegenheit, um sofort zu erkennen, was eine -Frau mehr ist, Mutter oder Dirne); und auch später teilt sich jeder -Wunsch, jede Klage des Erwachsenen der Mutter augenblicklich mit, sie -werden auf sie gleichsam fortgeleitet, pflanzen sich auf sie über, und -werden unbesehen, unaufgehalten die ihren. _Eine nie unterbrochene -Leitung zwischen der Mutter und allem, was je durch eine Nabelschnur -mit ihr verbunden war_: das ist das Wesen der Mutterschaft, und -ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe nicht -einstimmen, sondern muß gerade das an ihr verwerflich finden, was an -ihr so oft gepriesen wird: ihre Wahllosigkeit. Ich glaube übrigens, daß -von vielen hervorragenderen Denkern und Künstlern dies wohl erkannt -und nur verschwiegen worden ist; die früher so verbreitete große -Überschätzung _Rafaels_ ist gewichen, und sonst stehen die Sänger der -Mutterliebe eben doch nicht höher als _Fischart_ oder als _Richepin_. -Die Mutterliebe ist instinktiv und triebhaft: auch die Tiere kennen sie -nicht weniger als die Menschen. Damit allein wäre aber schon bewiesen, -daß diese Art der Liebe keine echte Liebe, daß dieser Altruismus -keine wahre Sittlichkeit sein kann; denn alle Moral stammt von jenem -intelligiblen Charakter, dessen die gänzlich unfreien tierischen -Geschöpfe entraten. Dem ethischen Imperative kann nur von einem -vernünftigen Wesen gehorcht werden; es gibt keine triebhafte sondern -nur bewußte Sittlichkeit. - -Ihre Stellung außerhalb des Gattungszweckes, der Umstand, daß sie -nicht bloß als Aufenthaltsort und Behälter, gleichsam nur zum ewigen -Durchpassieren für neue Wesen dient und sich nicht darin verzehrt, -diesen Nahrung zu geben, stellt die Hetäre in gewisser Beziehung -_über_ die Mutter; soweit dort von ethisch höherem Standort überhaupt -die Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber handelt. Die Mutter, -die ganz in Pflege und Kleidung von Mann und Kind, in Besorgung oder -Aufsicht von Küche und Haus, Garten und Feld aufgeht, steht fast -immer intellektuell sehr tief. Die geistig höchstentwickelten Frauen, -alles, was dem Manne irgendwie _Muse_ wird, gehört in die Kategorie -der Prostituierten: zu diesem, dem _Aspasien-Typus_, sind die Frauen -der Romantik zu rechnen, vor allem die hervorragendste unter ihnen, -_Karoline Michaelis-Böhmer-Forster-Schlegel-Schelling_. - -Es hängt damit zusammen, daß nur solche Männer sexuell von der Mutter -sich angezogen fühlen, die kein Bedürfnis nach geistiger Produktivität -haben. Wessen Vaterschaft sich auf leibliche Kinder beschränkt, von dem -ist es ja auch zu erwarten, daß er die fruchtbare Frau, die Mutter, -erwählen wird vor der anderen. _Bedeutende Menschen haben stets nur -Prostituierte geliebt_[50]; ihre Wahl fällt auf das sterile Weib, -wie sie selbst, wenn überhaupt eine Nachkommenschaft, so stets eine -lebensunfähige, bald aussterbende hervorbringen -- was vielleicht -einen tiefen ethischen Grund hat. Die irdische Vaterschaft nämlich -ist ebenso geringwertig wie die Mutterschaft; sie ist unsittlich, wie -sich später zeigen wird (Kapitel 14); und sie ist unlogisch, denn sie -stellt in jeder Beziehung eine Illusion vor: wie weit er Vater seines -Kindes ist, dessen ist kein Mensch je gewiß. Und auch ihre Dauer ist -doch immer kurz und vergänglich: jedes Geschlecht und jede Rasse der -Menschheit ist schließlich zu Grunde gegangen und erloschen. - -Die so verbreitete, so ausschließliche und geradezu ehrfürchtige -Wertschätzung der mütterlichen Frau, die man dann gerne noch für den -alleinigen und einzig echten Typus des Weibes auszugeben pflegt, ist -nach alledem völlig unberechtigt; obwohl von fast allen Männern zähe -an ihr festgehalten, ja gewöhnlich noch behauptet wird, daß jede -Frau erst als Mutter ihre Vollendung finde. Ich gestehe, daß mir -die Prostituierte nicht als Person, sondern als Phänomen weit mehr -imponiert. - -Die allgemeine Höherstellung der Mutter hat verschiedene Gründe. -Vor allem scheint sie, da ihr am Manne an sich nichts oder nur so -viel liegt, als er Kind ist, eher geeignet, dem Virginitätsideal -zu entsprechen, das, wie sich zeigen wird, stets erst der Mann aus -einem gewissen Bedürfnis an die Frau heranbringt; welcher Keuschheit -ursprünglich fremd ist, der nach Kindern begehrenden Mutter ganz ebenso -wie der männersüchtigen Dirne. - -Jenen Schein großer Sittlichkeit vergilt ihr der Mann durch die, -an und für sich ganz unbegründete, moralische und soziale Erhebung -über die Prostituierte. Diese ist das Weib, das sich den Wertungen -des Mannes und dem von ihm bei der Frau gesuchten Keuschheitsideale -nie gefügt, sondern stets, in verborgenem Sträuben als Weltdame, in -passivem leisen Widerstande als Halbweltlerin, in offener Demonstration -als Gassendirne, _widersetzt_ hat. _Hieraus allein_ erklärt sich die -Sonderposition, die Stellung außer aller sozialen Achtung, ja nahezu -außer Recht und Gesetz, welche die Prostituierte heute fast überall -einnimmt. Die Mutter hatte es leicht, sich dem sittlichen Willen des -Mannes zu unterwerfen, da es ihr nur auf das Kind, auf das Leben der -Gattung ankam. - -Ganz anders die Dirne. Sie lebt wenigstens ihr eigenes Leben ganz -und gar[51], wenn sie auch dafür -- im extremen Falle -- mit dem -Ausschluß aus der Gesellschaft bestraft wird. Sie ist zwar nicht mutig -wie die Mutter, vielmehr feige durch und durch, aber sie besitzt -auch das stete Korrelat der Feigheit, die Frechheit, und so hat sie -wenigstens die Unverschämtheit ihrer Schamlosigkeit. Von Natur zur -Vielmännerei veranlagt, und immer mehr Männer anziehend als bloß den -einen Gründer einer Familie, ihren Trieben Lauf lassend und sie wie im -Trotze befriedigend, fühlt sie sich als Herrscherin, und die tiefste -Selbstverständlichkeit ist ihr, daß sie Macht habe. Die Mutter ist -leicht zu kränken oder zu empören, die Prostituierte kann niemand -verletzen, niemand beleidigen; denn die Mutter hat als Hüterin des -Genus, der Familie eine gewisse _Ehre_, die Prostituierte hat auf alle -soziale Ehre verzichtet, und das ist ihr Stolz, darum wirft sie den -Nacken zurück. Den Gedanken aber, daß sie keine Macht habe, vermöchte -sie nicht zu fassen. (»La maîtresse«.) Sie erwartet es und kann es gar -nicht anders glauben, als daß alle Menschen sich mit ihr befassen, nur -an sie denken, _für sie leben_. Und tatsächlich ist sie es auch -- -sie, das Weib als Dame -- welche die meiste Macht unter den Menschen -besitzt, den größten, ja den alleinigen Einfluß ausübt in allem -Menschenleben, das nicht durch männliche Verbände (vom Turnverein bis -zum Staat) geregelt ist. - -Sie bildet hier das Analogon zum großen Eroberer auf politischem -Gebiet. Wie dieser, wie _Alexander_ und _Napoleon_, wird die ganz -große, ganz bezaubernde Dirne vielleicht nur alle tausend Jahre einmal -geboren, aber dann feiert sie auch, wie dieser, ihren Siegeszug durch -die ganze Welt. - -Jeder solche Mann steht immer in einer gewissen Verwandtschaft zur -Prostituierten (jeder Politiker ist irgendwie _Volkstribun_, und -im Tribunat steckt ein Element der Prostitution); wie er ist die -Prostituierte, im Gefühle ihrer Macht, vor dem Manne nie im geringsten -verlegen, während es jeder Mann gerade ihr und ihm gegenüber immer -ist. Wie der große Tribun glaubt sie jeden Menschen, mit dem sie -spricht, zu _beglücken_ -- man beobachte ein solches Weib, wenn es -einen Polizeimann um eine Auskunft bittet, wenn es in ein Geschäft -tritt; gleichgültig ob Männer oder Frauen darin angestellt sind, -gleichgültig, wie klein der Einkauf ist, den sie macht: immer glaubt -sie Gaben _auszuteilen_ nach allen Seiten hin. Man wird in jedem -geborenen Politiker dieselben Elemente entdecken. Und die Menschen, -alle Menschen haben _beiden_ gegenüber -- man denke, sogar der -selbstbewußte _Goethe_ in seinem Verhalten zu _Napoleon_ in Erfurt -- -tatsächlich und unwiderstehlich das Gefühl, _beschenkt_ worden zu sein -(_Pandora-Mythus_; _Geburt der Venus_: die aus dem Meer aufsteigt und -bereits darbietend um sich blickt). - -Hiemit bin ich, wie ich im fünften Kapitel[52] versprochen habe, -nochmals zu den »Männern der Tat« auf einen Augenblick zurückgekehrt. -Selbst ein so tiefer Mensch wie _Carlyle_ hat sie hochgewertet, ja »the -hero as king« zuletzt, zuhöchst unter allen Heroen gesetzt. Es wurde -schon an jener Stelle gezeigt, warum dies nicht zutreffen kann. Ich -darf jetzt weiter darauf hinweisen, wie alle großen Politiker Lüge und -Betrug zu brauchen nicht scheuen, auch die größten nicht, _Caesar_, -_Cromwell_, _Napoleon_, _Bismarck_; wie _Alexander der Große_ sogar zum -Mörder wurde und sich seine Schuld von einem Sophisten nachträglich -bereitwillig ausreden ließ. Verlogenheit aber ist unvereinbar mit -Genialität; _Napoleon_ hat auf St. Helena von Lüge gesättigte, von -Sentimentalität triefende Memoiren geschrieben, und sein letztes Wort -war noch die altruistische Pose, daß er stets nur Frankreich geliebt -habe. _Napoleon_, die größte Erscheinung unter allen, zeigt auch -am deutlichsten, daß die »großen Willensmenschen«, Verbrecher, und -demnach keine Genies sind. Ihn kann man nicht anders verstehen als -aus der _ungeheuren Intensität, mit der er sich selbst floh_: nur -so ist alle Eroberung, im Großen, wie im Kleinen, zu erklären. Über -sich selbst mochte Napoleon nie nachdenken, nicht eine Stunde durfte -er ohne große äußere Dinge bleiben, die ihn ganz ausfüllen sollten: -darum mußte er die Welt erobern. Da er große Anlagen hatte, größere -als jeder Imperator vor ihm, brauchte er mehr, um alle Gegenstimmen in -sich zum Schweigen zu bringen. Übertäubung seines besseren Selbst, das -war das gewaltige Motiv seines Ehrgeizes. Der höhere, der bedeutende -Mensch mag zwar das gemeine Bedürfnis nach Bewunderung oder nach dem -Ruhme teilen, aber nicht den Ehrgeiz als das Bestreben, alle Dinge in -der Welt mit sich als empirischer Person zu verknüpfen, sie von sich -abhängig zu machen, um auf den eigenen Namen alle Dinge der Welt zu -einer unendlichen Pyramide zu _häufen_. Der große Mensch hat _Grenzen_, -denn _er_ ist die Monade der Monaden, und -- dies ist eben jene letzte -Tatsache -- gleichzeitig der bewußte Mikrokosmus, _pantogen_, er hat -die ganze Welt in sich, er sieht, im vollständigsten Falle, bei der -ersten Erfahrung, die er macht, klar ihre Zusammenhänge im All, und er -bedarf darum zwar der _Erlebnisse_, aber keiner _Induktion_; der große -Tribun und die große Hetäre sind _die_ absolut _grenzenlosen_ Menschen, -welche die ganze Welt zur Dekoration und Erhöhung ihres _empirischen_ -Ich gebrauchen. Darum sind beide jeder Liebe, Neigung und Freundschaft -unfähig, lieblos, liebeleer. - -Man denke an das tiefe Märchen von dem König, der die Sterne erobern -wollte! Es enthüllt strahlend und grell die Idee des Imperators. Der -wahre Genius gibt sich selbst seine Ehre, und am allerwenigsten setzt -er sich in jenes Wechselverhältnis gegenseitiger Abhängigkeit zum -Pöbel, wie dies jeder Tribun tut. Denn im großen Politiker steckt nicht -nur ein Spekulant und Milliardär, sondern auch ein Bänkelsänger; er ist -nicht nur großer Schachspieler, sondern auch großer Schauspieler; er -ist nicht nur ein Despot, sondern auch ein Gunstbuhler; er prostituiert -nicht nur, er ist auch eine große Prostituierte. Es gibt keinen -Politiker, keinen Feldherrn, der nicht »hinabstiege«. Seine Hinabstiege -sind ja berühmt, sie sind seine Sexualakte! _Auch zum richtigen Tribun -gehört die Gasse._ Das Ergänzungsverhältnis zum Pöbel ist geradezu -konstitutiv für den Politiker. Er kann überhaupt nur Pöbel brauchen; -mit den anderen, den Individualitäten, räumt er auf, wenn er unklug -ist, oder heuchelt sie zu schätzen, um sie unschädlich zu machen, wenn -er so gerieben ist wie _Napoleon_. Seine Abhängigkeit vom Pöbel hat -dieser denn auch am feinsten gespürt. Ein Politiker kann durchaus nicht -alles Beliebige unternehmen, auch wenn er ein Napoleon ist, und selbst -wenn er, was er aber als Napoleon nicht wird, _Ideale_ realisieren -wollte: er würde gar bald von dem Pöbel, seinem wahren Herren, eines -Besseren belehrt werden. Alle »Willensersparnis« hat nur für den -_formalen_ Akt der _Initiative_ Geltung; _frei_ ist das Wollen des -Machtgierigen nicht. - -Auf diese Gegenseitigkeit, diese Relation zu den Massen fühlt -sich jeder Imperator hingewiesen, _darum_ sind alle ausnahmslos -ganz instinktiv _für_ die Constituante, für die Volks- oder -Heeresversammlung, für das allgemeinste Wahlrecht (_Bismarck_ 1866). -Nicht Marc Aurel und Diokletian, sondern Kleon, Antonius, Mirabeau, das -sind die Gestalten, in denen der echte Politiker erscheint. Ambitio -heißt eigentlich Herumgehen. Das tut der Tribun wie die Prostituierte. -Napoleon hat in Paris nach _Emerson_ »inkognito in den Straßen auf die -Hurras und Lobsprüche des Pöbels gelauscht«. Von _Wallenstein_ heißt es -bei _Schiller_ ganz ähnlich. - -Von jeher hat das Phänomen des großen Mannes der Tat, als ein ganz -Einzigartiges, vor allem die Künstler (aber auch philosophische -Schriftsteller) mächtig angezogen. Die überraschende Konformität, -welche hier entrollt wurde, wird es vielleicht erleichtern, der -Erscheinung begrifflich, durch die Analyse, näher zu kommen. _Antonius_ -(_Caesar_) und _Kleopatra_ -- die beiden sind einander gar nicht -unähnlich. Den meisten Menschen wird die Parallele wohl zuerst -ganz fiktiv erscheinen, und doch däucht mich das Bestehen einer -engen Analogie über allen Zweifel erhaben, so heterogen beide den -ersten Anblick berühren mögen. Wie der »große Mann der Tat« auf ein -_Innenleben verzichtet_, um sich gänzlich in der Welt, hier paßt das -Wort, _auszuleben_, und zugrundezugehen wie alles _Aus_gelebte, statt -zu bestehen wie alles _Ein_gelebte, wie er seinen ganzen _Wert_ mit -kolossaler Wucht hinter sich wirft und sich ihn _weghält_, so schmeißt -die große Prostituierte der Gesellschaft den Wert ins Antlitz, den sie -als Mutter von ihr beziehen könnte, nicht freilich um in sich zu gehen -und ein beschauliches Leben zu führen, sondern um ihrem sinnlichen -Triebe nun erst vollen Lauf zu lassen. Beide, die große Prostituierte -und der große Tribun, sind wie Brandfackeln, die entzündet weithin -leuchten, Leichen über Leichen auf ihrem Wege lassen und untergehen, -wie Meteore, für menschliche Weisheit sinnlos, zwecklos, ohne ein -Bleibendes zu hinterlassen, ohne alle Ewigkeit -- indessen die Mutter -und der Genius in der Stille die Zukunft wirken. Beide, Dirne und -Tribun, werden darum als »Gottesgeißeln«, als antimoralische Phänomene -empfunden. - -Hiegegen erscheint es neuerdings gerechtfertigt, daß seinerzeit vom -Begriffe des genialen Menschen der »große Willensmensch« ausgeschlossen -wurde. Das Genie, und zwar nicht etwa bloß das philosophische, sondern -auch das künstlerische, ist immer ausgezeichnet durch das Vorwalten der -begrifflichen oder darstellenden _Erkenntnis_ über alles _Praktische_. - -Das Motiv, welches die Dirne treibt, bedarf indessen noch einer -Untersuchung. Das Wesen der Mutter war relativ leicht zu erkennen: -sie ist in eminenter Weise das Werkzeug zur Erhaltung der Gattung. -Viel rätselhafter und schwieriger ist die Erklärung der Prostitution. -Für jeden, der über diese lange nachgedacht hat, sind sicherlich -Augenblicke gekommen, wo er an ihrer Aufhellung völlig verzweifelt -hat. Worauf es hier aber gewiß vor allem ankommt, ist das verschiedene -Verhältnis beider, der Mutter und der Dirne, zum Koitus. Die Gefahr ist -hoffentlich gering, daß jemand die Beschäftigung hiemit, wie überhaupt -mit dem Thema der Prostitution, für des Philosophen unwürdig erachten -könnte. Es ist der Geist der Behandlung, der vielen Gegenständen -Würde erteilen muß. Auch die Künstler, welche die Dirne zum Vorwurf -gewählt haben -- mir sind _Zolas_ »Confession de Claude«, _Hortense_, -_Renée_ und _Nana_, _Tolstois_ »Auferstehung«, _Ibsens_ _Hedda Gabler_ -und _Rita_, schließlich die _Sonja_ eines der größten Geister, des -_Dostojewskij_ bekannt geworden -- wollten nie wirklich singuläre -Fälle, sondern stets Allgemeines darstellen. Vom Allgemeinen aber muß -auch eine Theorie möglich sein. - -Für die Mutter ist der Koitus Mittel zum Zweck; die Dirne nimmt -insofern eine Sonderstellung zu ihm ein, _als ihr der Koitus -Selbstzweck wird_. Daß im Naturganzen dem Koitus noch eine andere -Rolle zugefallen ist außer der Fortpflanzung, hierauf sehen wir uns -allerdings auch dadurch hingewiesen, daß bei vielen Lebewesen die -letztere ohne den Koitus erreicht wird (_Parthenogenesis_). Aber -andererseits sehen wir bei den Tieren noch überall die _Begattung_ dem -Ziele der Hervorbringung einer Nachkommenschaft dienen, und nirgends -ist uns der Gedanke nahegelegt, daß die Kopulation _ausschließlich_ der -Lust wegen gesucht werde, indem sie vielmehr nur zu gewissen Zeiten, -den Brunstperioden, vor sich geht; so daß man die Lust geradezu als das -Mittel betrachtet hat, welches die Natur anwende, um _ihren_ Zweck der -Erhaltung der Gattung zu erreichen. - -Wenn der Koitus der Dirne Selbstzweck ist, so heißt dies nicht, daß -für die Mutter der Koitus nichts bedeute. Es gibt zwar eine Kategorie -»sexuell-anästhetischer« Frauen, die man als »frigid« bezeichnet, -obwohl solche Fälle viel seltener glaubwürdig sind, als man denkt, -indem sicherlich an der ganzen Kälte oft nur der Mann die Schuld trägt, -der durch seine Person nicht vermochte, das Gegenteil herbeizuführen; -die übrigen Fälle aber sind nicht dem Muttertypus zuzurechnen. -Frigidität kann sowohl bei der Mutter als bei der Dirne auftreten; sie -wird später unter den hysterischen Phänomenen eine Erklärung finden. -Ebensowenig darf man die Prostituierte für sexuell unempfindlich -halten, weil die Straßendirnen (d. i. jenes Kontingent, das im ganzen -und großen nur von der bäuerischen Bevölkerung, den Dienstmädchen -u. s. w. zur Prostitution gestellt wird) hier oft hochgespannte -Erwartungen durch Mangel an Lebendigkeit enttäuscht haben mögen. Weil -das käufliche Mädchen auch die Liebesbezeugungen solcher sich gefallen -lassen muß, die ihm sexuell nichts bieten, darf man es nicht etwa -als zu seinem Wesen gehörig betrachten, beim Koitus überhaupt kalt -zu bleiben. Dieser Schein entsteht nur, weil gerade sie die höchsten -Ansprüche an das sinnliche Vergnügen stellt; und für alle Entbehrungen, -die sie in dieser Hinsicht sonst erduldet, wird sie die Gemeinschaft -mit dem Zuhälter aufs ausgiebigste entschädigen müssen. - -Daß für die Dirne der Koitus Selbstzweck ist, wird auch hieraus -ersichtlich, daß sie, und nur sie allein, _kokett_ ist. Die Koketterie -ist nie ohne Beziehung zum Koitus. Ihr Wesen besteht darin, daß sie die -Eroberung der Frau dem Manne als geschehen vorspiegelt, um ihn _durch -den Kontrast_ mit der Realität, welche diese Erfüllung noch keineswegs -zeigt, zur Verwirklichung der Eroberung anzuspornen. So ist sie eine -Herausforderung des Mannes, dem sie eine und dieselbe Aufgabe in ewig -wechselnder Form zeigt und ihm _gleichzeitig_ zu verstehen gibt, daß -er nicht für fähig gehalten werde, diese Aufgabe je zu lösen. Hiebei -leistet das Spiel der Koketterie an sich für die Frau dies, daß es -ihren Zweck, den Koitus, bereits während seines Verlaufes in gewissem -Sinne erfüllt: denn durch das Begehren des Mannes, das sie hervorruft, -fühlt die Dirne schon ein den Sensationen des Koitiert-Werdens -Analoges und verschafft sich so den Reiz der Wollust zu jeder Zeit -und von jedem Manne. Ob sie hierin bis zum äußersten Ende gehen oder -sich zurückziehen werde, wenn die Bewegung einen zu beschleunigten -Fortgang nimmt, hängt wohl nur davon ab, ob die Form des wirklichen -Koitus, den sie zur Zeit ausübt, d. h. ob ihr gegenwärtiger Mann sie -schon so befriedigt, daß sie von dem anderen nicht _mehr_ erwartet. -Und daß gerade die Straßendirne im allgemeinen nicht kokett ist, kommt -vielleicht nur davon her, daß sie die Empfindungen, welche das Ziel -der Koketterie sind, im stärksten Ausmaß und in der massivsten Form -ohnedies unausgesetzt kostet und daher auf die feineren prickelnden -Variationen leicht verzichten kann. Die Koketterie ist also ein Mittel, -den aktiven sexuellen Angriff von Seite des Mannes herbeizuführen, -die Intensität dieses Angriffes nach Belieben zu steigern oder -abzuschwächen und seine Richtung, dem Angreifer selbst unmerkbar, -dorthin zu dirigieren, wo ihn die Frau haben will; ein Mittel, entweder -bloß Blicke und Worte hervorzurufen, durch welche sie sich angenehm -kitzelnd betastet fühlt, oder es bis zur »Vergewaltigung« kommen zu -lassen.[53] - -_Die Sensationen des Koitus sind prinzipiell keine anderen Empfindungen -als wie sie das Weib sonst kennt, sie zeigen dieselben nur in -höchster Intensifikation; das $ganze$ Sein des Weibes offenbart sich -im Koitus, aufs höchste $potenziert$._ Darum kommen hier auch die -Unterschiede zwischen Mutter und Dirne am stärksten zur Geltung. Die -Mutter empfindet den Koitus nicht _weniger_, sondern _anders_ als die -Prostituierte. Das Verhalten der Mutter ist mehr annehmend, hinnehmend, -die Dirne fühlt, schlürft bis aufs äußerste den Genuß. Die Mutter -empfindet das Sperma des Mannes gleichsam als _Depositum_: bereits im -Gefühle des Koitus findet sich bei ihr das Moment des Aufnehmens und -Bewahrens; denn sie ist die Hüterin des Lebens. Die Dirne hingegen -will nicht wie die Mutter das Dasein überhaupt erhöht und gesteigert -fühlen, wenn sie vom Koitus sich erhebt; _sie will vielmehr im Koitus -als Realität verschwinden, zermalmt, zernichtet, zu nichts, bewußtlos -werden vor Wollust_. Für die Mutter ist der Koitus der _Anfang $einer -Reihe$_; die Dirne will in ihm ihr _Ende_, sie will _vergehen_ in ihm. -Der Schrei der Mutter ist darum ein kurzer, mit schnellem Schluß; der -der Prostituierten ist langgezogen, denn alles Leben, das sie hat, will -sie in diesen Moment _konzentriert, zusammengedrängt_ wissen. Weil -dies nie gelingen kann, darum wird die Prostituierte in ihrem ganzen -Leben _nie_ befriedigt, von allen Männern der Welt nicht. - -Hierin liegt also ein fundamentaler Unterschied im Wesen beider. -Unterschiedslos aber fühlt sich jede Frau, da das Weib nur und durchaus -sexuell ist, da diese Sexualität über den ganzen Körper sich erstreckt -und an einigen Punkten, physikalisch gesprochen, bloß _dichter_ ist als -an anderen, fortwährend und am ganzen Leibe, überall und immer, von -was es auch sei, ausnahmslos _koitiert_. Das, was man gewöhnlich als -Koitus bezeichnet, ist nur ein _Spezialfall_ von höchster Intensität. -Die Dirne will _von allem koitiert werden_ -- darum kokettiert sie -auch, wenn sie _allein_ ist, _und selbst vor leblosen Gegenständen_, -vor jedem Bach, vor jedem Baum -- die Mutter wird von allen Dingen, -fortwährend und am ganzen Leibe, _geschwängert_. _Dies ist die -Erklärung des Versehens._ Alles, was auf eine Mutter je Eindruck -gemacht hat, wirkt fort, je nach der Stärke des Eindruckes -- der zur -Konzeption führende Koitus ist nur das intensivste dieser Erlebnisse -und überwiegt an Einfluß alle anderen -- _all das wird Vater ihres -Kindes_, es wird _Anfang einer Entwicklung_, deren Resultat sich später -am Kinde zeigt. - -Darum also ist die Vaterschaft eine armselige Täuschung; denn sie muß -stets mit unendlich vielen Dingen und Menschen geteilt werden, und -das _natürliche, physische_ Recht das _Mutterrecht_. Weiße Frauen, -die einst von einem Neger ein Kind gehabt haben, gebären später oft -einem weißen Manne Nachkommen, die noch unverkennbare Merkmale der -Negerrasse an sich tragen. Blüten, die mit einer Pollenart bestäubt -werden, ergeben oft nach vielen späteren andersartigen Bestäubungen -Früchte, welche noch an die Spezies erinnern, mit deren Pollen sie -ehedem affiziert wurden. Und die Stute des _Lord Morton_ ist ja berühmt -geworden, die, nachdem sie einmal einem Quagga einen Bastard geboren -hatte, noch lange hernach einem arabischen Hengst zwei Füllen warf, -welche deutliche Merkmale des Quaggas an sich trugen. - -Man hat an diesen Fällen viel gedeutelt; man hat erklärt, sie müßten -viel häufiger vorkommen, wenn der Vorgang überhaupt möglich wäre. Aber -damit sich diese »_Infektion_«, wie man ihn nennt (_Weismann_ hat -den ausgezeichneten Namen _Telegonie_, d. i. _Zeugung in die Ferne_, -vorgeschlagen, _Focke_ von Gastgeschenken, _Xenien_ gesprochen), -damit sich Fernzeugung deutlich offenbaren könne, ist eine Erfüllung -sämtlicher Gesetze der Sexualanziehung, eine außergewöhnlich hohe -geschlechtliche Affinität zwischen dem ersten Vater und der Mutter -erforderlich. Die Wahrscheinlichkeit ist von vornherein gering, -daß ein Paar sich finde, in welchem jene Affinität derart mächtig -ist, daß sie die mangelnde Rassenverwandtschaft überwindet; und -doch besteht nur, wenn Rassenverschiedenheit vorhanden ist, eine -Aussicht auf augenfällige, allgemein überzeugende Divergenzen; -indessen bei sehr naher Familienverwandtschaft die Möglichkeit fehlt, -unzweideutige Abweichungen vom Vatertypus an jenem Kinde, das noch -unter dem Einflusse der früheren Zeugung stehen soll, mit Sicherheit -festzustellen. Übrigens ist, daß man so heftig gegen die Keiminfektion -sich gewehrt hat, nur daraus zu erklären, daß man die Erscheinungen -nicht in ein System zu bringen wußte. - -Nicht besser als der Infektionslehre ist es dem Versehen ergangen. -Hätte man begriffen, daß auch die Fernzeugung ein Versehen ist, nur -eben ein Spezialfall des letzteren von höchster Intensität, hätte man -eingesehen, daß der Urogenitaltrakt nicht der einzige, sondern nur der -wirksamste Weg ist, auf dem eine Frau koitiert werden kann, daß die -Frau durch einen _Blick_, durch ein _Wort_ sich bereits _besessen_ -fühlen kann, es wäre der Widerspruch gegen das Versehen wie gegen -die Telegonie so laut nicht geworden. Ein Wesen, das überall und -von allen Dingen _koitiert_ wird, kann auch überall und von allen -Dingen _befruchtet_ werden: _die Mutter ist empfänglich überhaupt. In -ihr gewinnt alles Leben_, denn alles macht auf sie physiologischen -Eindruck und geht in ihr Kind als dessen Bildner ein. Hierin ist sie -wirklich, in ihrer niederen körperlichen Sphäre, nochmals dem Genius -vergleichbar. - -Anders die Dirne. Wie sie selbst im Koitus zunichte werden will, so -ist ihr Wirken auch sonst durchaus auf Zerstörung angelegt. Während -die Mutter alles, was dem irdischen Leben und guten Fortkommen des -Menschen förderlich ist, begünstigt, alles Ausschweifende aber von -ihm fernhält, während sie den Fleiß des Sohnes aneifert und die -Arbeitsamkeit des Gatten spornt, sucht die Hetäre die ganze Kraft -und Zeit des Mannes _für sich_ in Anspruch zu nehmen. Aber nicht -nur sie selbst ist gleichsam von Anbeginn dazu bestimmt, den Mann -zu mißbrauchen: auch in jedem Mann verlangt etwas nach dieser Frau, -das an Seite der schlichteren, stets geschäftigen, geschmacklos -gekleideten, aller geistigen Elégance baren Mutter keine Befriedigung -findet. Etwas in ihm _sucht_ den Genuß, und beim _Freudenmädchen_ -vergißt er sich am leichtesten. Denn die Dirne vertritt das Prinzip des -leichten Sinnes, sie sorgt nicht vor wie die Mutter, sie und nicht die -Mutter ist die gute Tänzerin, nur sie verlangt nach Unterhaltung und -großer Gesellschaft, nach dem Spaziergang und dem Vergnügungslokal, -nach dem Seebad und dem Kurort, nach Theater und Konzert, nach immer -neuen Toiletten und Edelsteinen; nach Geld, um es mit vollen Händen -hinauszustreuen, nach Luxus statt nach Komfort, nach Lärm statt nach -Ruhe; nicht nach dem Lehnstuhl inmitten von Enkeln und Enkelinnen, -sondern nach dem Triumphzug auf dem Siegeswagen des schönen Körpers -durch die Welt. - -Die Prostituierte erscheint denn auch dem Manne unmittelbar als die -Verführerin: in den Gefühlen, die sie in ihm weckt; nur sie, das -unkeusche Weib par excellence, als »Zauberin«. Sie ist der weibliche -»Don Juan«, sie ist jenes Wesen in der Frau, das die Ars amatoria -kennt, lehrt und hütet. - -Hiemit hängen aber noch interessantere und tiefer führende Dinge -zusammen. Die Mutter wünscht vom Manne Anständigkeit, nicht um der -Idee willen, _sondern weil sie die Bejaherin des Erdenlebens ist_. Wie -sie selbst arbeitet und nicht faul ist gleich der Dirne, wie sie stets -von Geschäften mit Bezug auf die Zukunft erfüllt scheint, so hat sie -auch beim Manne Sinn für Tätigkeit und sucht ihn nicht von dieser zum -Vergnügen hin abzuziehen. Die Dirne hingegen kitzelt am stärksten der -Gedanke eines rücksichtslosen, gaunerischen, der Arbeit abgewandten -Mannes. Ein Mensch, der einmal eingesperrt war, ist der Mutter ein -Gegenstand des Abscheus, der Dirne eine Attraktion. Es gibt Frauen, -die mit ihrem Sohne wirklich unzufrieden sind, wenn er in der Schule -nicht gut tut, und solche, die an ihm, wenn sie auch das Gegenteil -heucheln, dann um so größeres Wohlgefallen finden. Das »_Solide_« reizt -die Mutter, das »_Unsolide_« die Dirne. Jene verabscheut, diese liebt -den kräftig trinkenden Mann. Und so ließe sich noch vieles andere, in -der gleichen Richtung gelegene anführen. Nur ein Einzelfall dieser -allgemeinen, hoch in die wohlhabendsten Klassen hinauf reichenden -Verschiedenheit ist es, daß die Gassendirne zu jenen Menschen sich am -meisten hingezogen fühlt, die offene Verbrecher sind: der _Zuhälter_ -ist immer gewalttätig, kriminell veranlagt, oft Räuber oder Betrüger, -wenn nicht Mörder zugleich. - -Dies legt nun, so wenig das Weib selbst _anti_moralisch genannt werden -darf -- es ist immer nur amoralisch -- den Gedanken nahe, daß die -Prostitution in irgend einer tiefen _Beziehung_ zum _Anti_moralischen -stehe, während alle Mutterschaft nie einen solchen Hinweis enthält. -Nicht als ob die Prostituierte selbst das weibliche Äquivalent des -männlichen Verbrechers bildete; obwohl sie so arbeitsscheu ist wie -dieser, darf aus den in den vorigen Kapiteln erörterten Gründen -die Existenz eines verbrecherischen Weibes nicht zugegeben werden: -die Frauen stehen nicht so hoch. Aber _in einer Relation_ zum -Antimoralischen, zum Bösen wird die Prostituierte unleugbar vom Manne -empfunden, selbst wenn dieser nicht in ein sexuelles Verhältnis zu ihr -getreten ist; so daß man nicht sagen kann, nur die Abwehr irgend eines -eigenen Wollustgedankens habe diese projizierende Form angenommen. Der -Mann erlebt die Prostitution von vornherein als ein Dunkles, Nächtiges, -Schauervolles, Unheimliches, ihr Eindruck lastet schwerer, qualvoller -auf seiner Brust als der, welchen die Mutter auf ihn hervorbringt. -Die merkwürdige Analogie der großen Hetäre zum großen Verbrecher, -d. i. eben zum Eroberer; die intime Beziehung der kleinen Dirne zum -moralischen Ausbunde der Menschheit, dem Zuhältertum; jenes Gefühl, -das sie im Manne wachruft, endlich die Absichten, die sie in betreff -seiner hat -- all das vereinigt sich dazu, jene Ansicht zu bekräftigen. -_Wie die Mutter ein lebensfreundliches, so ist die Prostituierte ein -lebensfeindliches Prinzip._ Aber wie die Bejahung der Mutter nicht -auf die Seele, sondern auf den Leib geht, so erstreckt sich auch die -Verneinung der Dirne nicht diabolisch auf die Idee, sondern nur auf -Empirisches. Sie will vernichtet werden und vernichten, sie schadet -und zerstört. _Physisches Leben und physischer Tod, beide im Koitus so -geheimnisvoll tief zusammenhängend_ (vgl. das nächste Kapitel), _sie -verteilen sich auf das Weib als Mutter und als Prostituierte_. - -Eine entscheidendere Antwort als diese kann auf die Frage nach -der Bedeutung von Mutterschaft und Prostitution einstweilen kaum -gegeben werden. Es ist ja ein völlig dunkles, von keinem Wanderer -noch betretenes Gebiet, auf dem ich mich hier befinde; der Mythus -in seiner religiösen Phantasie mag es zu erleuchten sich erkühnen, -dem Philosophen sind metaphysische Übergriffe allzufrüh nicht -anzuraten. Dennoch bedarf noch einiges einer besseren Hervorhebung. -Die antimoralische Bedeutung des Phänomens der Prostitution stimmt -damit überein, daß sie ausschließlich auf den Menschen beschränkt -ist. Bei den Tieren ist das Weibchen durchaus der Fortpflanzung -untertan, es gibt dort keine sterile Weiblichkeit. Ja man könnte sogar -daran denken, daß sich bei den Tieren die Männchen prostituieren, -wenn man an den Rad schlagenden Pfau denkt, an das Leuchten des -Glühwurms, die Lockrufe der Singvögel, den balzenden Auerhahn. Aber -diese Schaustellungen sekundärer Geschlechtscharaktere sind bloße -_exhibitionistische_ Akte des Männchens; wie es auch unter den Menschen -vorkommt, daß läufige Männer ihre Genitalien vor Frauen entblößen -als Aufforderung zum Koitus. Nur insofern sind diese tierischen Akte -vorsichtig zu interpretieren, als man sich hüten muß, zu glauben, die -psychische Wirkung, welche durch sie auf das Weibchen hervorgebracht -wird, werde von dem Männchen im voraus in Betracht und Rechnung -gezogen. Es handelt sich viel mehr um einen triebhaften _Ausdruck_ -des _eigenen_ sexuellen Verlangens als um ein Mittel, dasselbe beim -Weibe zu steigern, es ist ein Hintreten vor die Frau _mit_ und _in_ -der sexuellen Erregung; während bei exhibitionierenden _Menschen_ -wohl stets die Vorstellung der Erregung des anderen Geschlechtes -mitspielt[54]. - -Die Prostitution ist demnach etwas beim Menschen allein Auftretendes; -Tiere und Pflanzen sind ja nur gänzlich amoralisch, nicht irgendwie -dem Antimoralischen verwandt, und kennen darum nur die Mutterschaft. -_Hier liegt also eines der tiefsten Geheimnisse aus Wesen und -Ursprüngen des $Menschen$ verborgen._ Und nun ist insofern an dem -früheren eine Korrektur anzubringen, als mir wenigstens, je länger -ich über sie nachdenke, desto mehr die Prostitution eine _Möglichkeit -für $alle$ Frauen zu sein scheint, ebenso wie die, ja bloß physische, -Mutterschaft_. Sie ist vielleicht etwas, wovon _jedes_ menschliche Weib -durchsetzt, etwas, womit hier die tierische Mutter tingiert ist[55], -ja am Ende eben das, was im menschlichen Weibe jenen Eigenschaften -entspricht, um die der menschliche Mann mehr ist als das tierische -Männchen. Zu der bloßen Mutterschaft des Tieres ist hier, mit dem -Antimoralischen im Manne zu gleicher Zeit und nicht ohne merkwürdige -Beziehungen zu diesem, ein Faktor hinzugekommen, der das menschliche -Weib vom tierischen gänzlich und von Grund aus unterscheidet. Welche -Bedeutung das Weib gerade als _Dirne_ für den Mann in _besonderem_ -Maße gewinnen konnte, davon soll erst gegen den Schluß der gesamten -Untersuchung die Rede werden; der Ursprung, die letzte Ursache der -Prostitution, bleibt gleichwohl vielleicht für immer ein tiefes Rätsel -und in völliges Dunkel gehüllt. - -Es lag mir bei dieser etwas breiten, aber durchaus nicht -erschöpfenden, durchaus nicht alle Phänomene auch nur streifenden -Betrachtung alles andere näher, als etwa ein Prostituierten-Ideal -aufzustellen, wie es manche begabte Schriftsteller der jüngsten Zeit -kaum verhüllt entwickelt zu haben scheinen. Aber dem anderen, dem -scheinbar unsinnlichen Mädchen _mußte_ ich den Nimbus rauben, mit dem -es jeder Mann so gerne umgeben möchte, durch die Erkenntnis, daß gerade -dieses Geschöpf das mütterlichste ist, und die Virginität ihm, seinem -Begriffe nach, ebenso fremd wie der Dirne. Und selbst die Mutterliebe -konnte vor einer eindringenderen Analyse nicht als ein sittliches -Verdienst sich behaupten. Die Idee der unbefleckten Empfängnis endlich, -der reinen Jungfrau Goethes, Dantes, enthält die Wahrheit, daß die -absolute Mutter den Koitus nie als Selbstzweck, um der Lust willen, -herbeiwünschen würde. Sie darum heiligen konnte nur eine Illusion. -Dagegen ist es wohl begreiflich, daß sowohl der Mutterschaft als der -Prostitution, beiden als Symbolen tiefer und mächtiger Geheimnisse, -religiöse Verehrung gezollt wurde. - -Ist damit die Unhaltbarkeit jener Ansicht dargetan, welche einen -besonderen Frauentypus doch noch verteidigen und für die Sittlichkeit -des Weibes in Anspruch nehmen zu können glaubt, so soll jetzt die -Erforschung der Motive in Angriff genommen werden, welche den Mann die -Frau immer und ewig werden verklären lassen. - - - - -XI. Kapitel. - -Erotik und Ästhetik. - - -Die Argumente, mit welchen die Hochwertung der Frau immer wieder zu -begründen versucht wird, sind nun, bis auf wenige, noch nachzuholende -Dinge, einer Prüfung unterzogen, und vom Standpunkte der kritischen -Philosophie, auf welchen die Untersuchung, nicht ohne diese Wahl zu -begründen, sich gestellt hat, auch widerlegt. Freilich ist wenig Grund -zur Hoffnung, daß man sich in einer Diskussion auf diesen harten Boden -begeben werde. Das Schicksal _Schopenhauers_ gibt zu denken, dessen -niedrige Meinung »Über die Weiber« noch immer darauf zurückgeführt zu -werden pflegt, daß ein venetianisches Mädchen, mit dem er ging, sich -in den vorübergaloppierenden, körperlich schöneren _Byron_ vergaffte: -als ob die schlechteste Meinung von den Frauen der bekäme, der am -wenigsten, und nicht vielmehr jener, der am meisten Glück bei ihnen -gehabt hat. Die Methode, statt Gründe mit Gründen zu widerlegen, jemand -einfach als Misogynen zu bezeichnen, hat in der Tat viel für sich. Der -Haß ist nie über sein Objekt hinaus, und so bringt die Bezeichnung -eines Menschen als eines Hassers dessen, worüber er aburteilt, -ihn stets mit Leichtigkeit in den Verdacht der Unaufrichtigkeit, -Unreinheit, Unsicherheit, die durch das Pathos der Abwehr zu ersetzen -suche, was ihr an innerer Berechtigung gebricht. So verfehlt diese -Art der Antwort nie ihren _Zweck_, von allem Eingehen auf die Frage -zu entheben. Sie ist die geschickteste und treffsicherste Waffe jener -ungeheuren Mehrzahl unter den Männern, die sich über das Weib _nie -klar werden $will$_. Es ist nun allerdings eine Unsitte, in einer -theoretischen Kontroverse auf die psychologischen Motive des Gegners -zu rekurrieren und diesen Rekurs statt der Beweise zu brauchen. Ich -will auch niemand theoretisch darüber belehren, daß in einem sachlichen -Streite die Gegner beide unter die überpersönliche Idee der Wahrheit -sich zu stellen haben und ein Ergebnis unabhängig davon sollen zu -erreichen suchen, ob und wie sie beide als konkrete Einzelpersonen -existieren. Wenn aber von der einen Seite das logische Schlußverfahren -folgerichtig bis zu einem gewissen Abschluß gebracht wurde, ohne daß -die andere auf den Beweisprozeß an sich eingeht, sondern nur gegen die -Konklusionen heftig sich sträubt: dann darf in gewissen Fällen der -erste wohl sich erlauben, den zweiten für die Unanständigkeit seines, -zum Eingehen auf strenge Deduktion nicht zu bewegenden Benehmens zu -strafen, indem er ihm die Motive seiner Halsstarrigkeit recht vor die -Augen rückt. Denn wären dem anderen diese Gründe bewußt, so würde er -sie auch sachlich abwägen gegen die Wirklichkeit, die seinen Wünschen -so widerstreitet. Nur weil sie ihm unbewußt waren, darum konnte er, -sich selbst gegenüber, nicht zu einer objektiven Stellung gelangen. -Deshalb soll jetzt, nach den strengen logischen und sachlichen -Ableitungen, der Spieß umgekehrt, und einmal der Frauenverteidiger -darauf untersucht werden, aus welchem Gefühle das Pathos seiner -Parteinahme stammt, inwiefern es seine Wurzeln in lauterer, und wie -weit es sie in fragwürdiger Gesinnung hat. - -Alle Einwände, welche dem Verächter der Weiblichkeit gemacht werden, -gehen gefühlsmäßig samt und sonders aus dem _erotischen_ Verhältnisse -hervor, in welchem der Mann zu der Frau steht. Dieses Verhältnis ist -von dem nur _sexuellen_, mit welchem bei den Tieren die Beziehungen -der Geschlechter erschöpft sind, und das auch unter den Menschen dem -Umfang nach die weitaus größere Rolle spielt, _ein prinzipiell durchaus -Verschiedenes_. Es ist vollkommen verfehlt, daß Sexualität und Erotik, -Geschlechtstrieb und Liebe, im Grunde nur ein und dasselbe seien, -die zweite eine Verbrämung, Verfeinerung, Umnebelung, »Sublimation« -des ersten; obwohl hierauf wohl alle Mediziner schwören, ja selbst -Geister wie _Kant_ und _Schopenhauer_ nichts anderes geglaubt haben. -Ehe ich auf die Begründung dieser schroffen Trennung eingehe, will -ich, was diese beiden Männer betrifft, folgendes zu bemerken nicht -unterlassen. _Kantens_ Meinung kann aus dem Grunde nicht maßgebend -sein, weil er sowohl die Liebe als den Geschlechtstrieb nur in so -geringem Maße gekannt haben muß, wie überhaupt nie ein Mensch außer -ihm. Er war so wenig erotisch, daß er nicht einmal das Bedürfnis hatte -zu _reisen_. Er steht also zu hoch und zu rein da, um in dieser Frage -als Autorität mitzusprechen: die einzige Geliebte, an der _er_ sich -gerächt hat, war die Metaphysik. Und was _Schopenhauer_ anlangt, so hat -dieser eben wenig Verständnis für höhere Erotik, sondern nur eines für -sinnliche Sexualität besessen. Dies läßt sich auf folgendem Wege ohne -Schwierigkeit ableiten. _Schopenhauers_ Gesicht zeigt wenig Güte und -viel Grausamkeit (unter der er allerdings am fürchterlichsten selbst -gelitten haben muß: man stellt keine Mitleidsethik auf, wenn man selbst -sehr mitleidig ist. Die mitleidigsten Menschen sind die, welche sich -ihr Mitleiden am meisten verübeln: _Kant_ und _Nietzsche_). Aber _nur_ -zum _Mitleiden_ stark veranlagte Menschen sind, worauf schon hier -hingewiesen werden darf, einer heftigen _Erotik_ fähig; solche, die -»an nichts keinen Anteil nehmen«, sind der Liebe unfähig. Es müssen -dies nicht satanische Naturen sein, im Gegenteil, sie können sittlich -sehr hoch stehen, ohne doch recht zu bemerken, was ihr Nebenmensch -gerade denkt oder was in ihm vorgeht; und ohne ein Verständnis für ein -übersexuelles Verhältnis zum Weibe zu besitzen. So ist es auch bei -_Schopenhauer_. Er war ein extrem unter dem Geschlechtstriebe leidender -Mensch, er hat aber nie geliebt; wäre doch sonst auch die Einseitigkeit -seiner berühmten »Metaphysik der Geschlechtsliebe« unerklärlich, deren -wichtigste Lehre es ist, daß der unbewußte Endzweck auch aller _Liebe_ -nichts weiter sei als »die Zusammensetzung der nächsten Generation«. - -Diese Ansicht ist, wie ich zeigen zu können glaube, _falsch_. Zwar eine -Liebe, die ganz frei von Sinnlichkeit ist, gibt es _in der Erfahrung_ -nicht. Der Mensch, mag er noch so hoch stehen, ist eben immer _auch_ -Sinnenwesen. Worauf es ankommt und was unwiderstehlich die gegnerische -Ansicht zu Boden schlägt, ist, daß jede Liebe selbst, an und für sich --- nicht erst durchs Hinzutreten asketischer Grundsätze -- _feindlich_ -gegen alle jene Elemente des Verhältnisses sich stellt, die zum Koitus -drängen, _ja sie als ihre eigene Negation selbst empfindet_. Liebe und -Begehren sind zwei so verschiedene, einander so völlig ausschließende, -ja entgegengesetzte Zustände, daß, in den Momenten, wo ein Mensch -wirklich _liebt_, ihm der Gedanke der körperlichen Vereinigung mit dem -geliebten Wesen ein völlig undenkbarer ist. Daß es keine Hoffnung gibt, -die von Furcht ganz frei wäre, ändert nichts daran, daß Hoffnung und -Furcht einander gerade entgegengesetzt sind. Nicht anders verhält es -sich zwischen dem Geschlechtstrieb und der Liebe. Je erotischer ein -Mensch ist, desto weniger wird er von seiner Sexualität belästigt, und -umgekehrt. Wenn es keine Anbetung gibt, die von Begierde gänzlich frei -wäre, so darf man darum beide Dinge nicht identifizieren, die höchstens -_entgegengesetzte_ Phasen sein mögen, in welche ein reicherer Mensch -successive eintreten kann. Der lügt oder hat nie gewußt, was Liebe ist, -der behauptet, eine Frau noch zu lieben, die er begehrt: so verschieden -sind Liebe und Geschlechtstrieb. Darum wird es auch fast immer als eine -Heuchelei empfunden, wenn einer von Liebe in der Ehe spricht. - -Dem stumpfen Blicke, der dem gegenüber noch immer, wie aus -grundsätzlichem Cynismus, an der Identität beider festhält, sei -folgendes zu schauen gegeben: die sexuelle Anziehung wächst mit der -körperlichen Nähe, die Liebe ist am stärksten in der Abwesenheit der -geliebten Person, sie bedarf der Trennung, einer gewissen Distanz, -um am Leben zu bleiben. Ja, was alle Reisen in ferne Länder nicht -erreichen konnten, daß wahre Liebe sterbe, wo aller Zeitverlauf dem -_Vergessen_ nichts fruchtete, da kann eine zufällige, unbeabsichtigte -körperliche Berührung mit der Geliebten den Geschlechtstrieb wachrufen -und es vermögen, die Liebe auf der Stelle zu töten. Und für den höher -differenzierten, den bedeutenden Menschen haben das Mädchen, das er -begehrt, und das Mädchen, das er nur lieben, aber nie begehren könnte, -sicherlich immer eine ganz verschiedene Gestalt, einen verschiedenen -Gang, eine verschiedene Charakteranlage: _es sind zwei gänzlich -verschiedene Wesen_. - -Es gibt also »platonische« Liebe, wenn auch die Professoren der -Psychiatrie nichts davon halten. Ich möchte sogar sagen: _es gibt -nur »platonische« $Liebe$_. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, -gehört in das Reich der Säue. Es gibt nur eine Liebe: es ist die Liebe -zur Beatrice, die Anbetung der Madonna. Für den Koitus ist ja die -babylonische Hure da. - -_Kantens_ Aufzählung der transcendentalen Ideen bedürfte, sollte dies -haltbar bleiben, einer Erweiterung. Auch die reine hohe, begehrungslose -Liebe, die Liebe _Platons_ und _Brunos_, wäre eine _transcendentale -Idee_, deren Bedeutung als _Idee_ dadurch nicht berührt würde, daß -keine Erfahrung jemals sie völlig verwirklicht aufwiese. - -Es ist das Problem des »_Tannhäuser_«. Hie Tannhäuser, hie Wolfram; hie -Venus, hie Maria. Die Tatsache, daß ein Liebespaar, das sich wirklich -auf ewig gefunden hat -- Tristan und Isolde -- in den Tod geht statt -ins Brautbett, ist ein ebenso absoluter Beweis eines Höheren, sei's -drum, Metaphysischen _im_ Menschen, wie das Märtyrertum eines _Giordano -Bruno_. - - »Dir, hohe Liebe, töne - Begeistert mein Gesang, - Die mir in Engelschöne - Tief in die Seele drang! - Du nahst als Gottgesandte: - Ich folg' aus holder Fern', -- - So führst du in die Lande, - Wo ewig strahlt dein Stern.« - - * * * * * - -Wer ist der Gegenstand solcher Liebe? Dasselbe Weib, das hier -geschildert wurde, das Weib ohne alle Qualitäten, die einem Wesen -Wert verleihen können, das Weib ohne den Willen nach einem eigenen -Werte? Wohl kaum: es ist das überschöne, das engelreine Weib, das mit -dieser Liebe geliebt wird. Woher jenem Weibe seine Schönheit und seine -Keuschheit kommt, das ist nun die Frage. - -Es ist häufig darüber gestritten worden, ob wirklich das weibliche -Geschlecht das schönere sei, und noch mehr wurde seine Bezeichnung als -_das schöne_ schlechthin angefochten. Es wird sich empfehlen, zunächst -im einzelnen zu fragen, von wem und inwiefern das Weib schön gefunden -wird. - -Bekannt ist, daß das Weib nicht in seiner Nacktheit am schönsten ist. -Allerdings, in der Reproduktion durch das Kunstwerk, als Statue oder -als Bild, mag das unbekleidete Weib schön sein. Aber das lebende nackte -Weib kann schon aus dem Grunde von niemand schön gefunden werden, weil -der Geschlechtstrieb jene bedürfnislose Betrachtung unmöglich macht, -welche für alles Schönfinden unumgängliche Voraussetzung bleibt. Aber -auch abgesehen hievon erzeugt das völlig nackte lebendige Weib den -Eindruck von etwas Unfertigem, noch nach etwas _außer_ sich Strebenden, -und dieser ist mit der Schönheit unverträglich. Das nackte Weib ist -im einzelnen schöner denn als Ganzes; als solches nämlich erweckt es -unvermeidlich das Gefühl, daß es etwas suche, und bereitet darum dem -Beschauer eher Unlust als Lust. Am stärksten tritt dieses Moment des -Insichzwecklosen, des einen Zweck _außer sich_ habenden, am aufrecht -_stehenden_ nackten Weibe hervor; durch die liegende Position wird es -naturgemäß gemildert. Die künstlerische Darstellung des nackten Weibes -hat dies wohl empfunden; und wenn das nackte Weib aufrecht stehend oder -schwebend gebildet ward, so zeigte sie das Weib nie allein, sondern -stets mit Rücksicht auf eine Umgebung, vor welcher es dann seine Blöße -mit der Hand zu bedecken suchen konnte. - -Aber das Weib ist auch im einzelnen nicht durchaus schön, selbst wenn -es möglichst vollkommen und ganz untadelig den körperlichen Typus -seines Geschlechtes repräsentiert. Was hier theoretisch am meisten in -Betracht kommt, ist das weibliche Genitale. Wenn die Meinung Recht -hätte, daß alle Liebe des Mannes zum Weibe nur zum Hirn gestiegener -Detumescenztrieb ist, wenn _Schopenhauers_ Behauptung haltbar wäre: -»Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige -Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb -umnebelte männliche Intellekt: _in diesem Triebe nämlich steckt seine -ganze Schönheit_« -- -- so müßte das weibliche Genitale am heftigsten -geliebt sein und vom ganzen Körper des Weibes am schönsten gefunden -werden. Aber, von einigen widerlichen Lärmmachern der letzten Jahre -zu schweigen, welche durch die Aufdringlichkeit ihrer Reklame für -die Schönheit des weiblichen Genitales sowohl beweisen, daß erst -eine Agitation nötig ist, um hieran glauben zu machen, als auch die -Unaufrichtigkeit jener Reden erkennen lassen, von deren Inhalt sie -überzeugt zu sein vorgeben: von diesen abgesehen läßt sich behaupten, -daß kein Mann speziell das weibliche _Genitale_ schön, vielmehr ein -jeder es _häßlich_ findet; es mögen gemeine Naturen durch diesen -Körperteil des Weibes besonders zu sinnlicher Begierde gereizt werden, -jedoch gerade solche werden ihn vielleicht sehr _angenehm_, nie aber -_schön_ finden. Die Schönheit des Weibes kann also kein bloßer Effekt -des Sexualtriebes sein; sie ist ihm vielmehr geradezu entgegengesetzt. -Männer, die ganz unter der Gewalt des Geschlechtsbedürfnisses stehen, -haben für Schönheit am Weibe gar keinen Sinn; Beweis hiefür ist, daß -sie ganz wahllos jede Frau begehren, die sie erblicken, bloß nach den -vagen Formen ihrer Körperlichkeit. - -Der Grund für die angeführten Phänomene, die Häßlichkeit des weiblichen -Genitales und die Unschönheit seines lebenden Körpers als _ganzen_, -kann nirgend anders gefunden werden als darin, daß sie das Schamgefühl -im Manne verletzen. Die kanonische Flachköpfigkeit unserer Tage hat -es auch möglich werden lassen, daß das Schamgefühl aus der Tatsache -der Kleidung abgeleitet und hinter dem Widerstreben gegen weibliche -Nacktheit nur Unnatur und versteckte Unzüchtigkeit vermutet wurde. -Aber ein Mann, der unzüchtig geworden ist, wehrt sich gar nicht mehr -gegen die Nacktheit, weil sie ihm als solche nicht mehr auffällt. Er -begehrt bloß, er liebt nicht mehr. Alle wahre Liebe ist schamhaft, -ebenso wie alles wahre Mitleid. Es gibt nur eine Schamlosigkeit: die -Liebeserklärung, von deren Aufrichtigkeit ein Mensch im selben Momente -überzeugt wäre, in dem er sie machte. Diese würde das objektive -Maximum an Schamlosigkeit repräsentieren, welches denkbar ist; es wäre -etwa so, wie wenn jemand sagen würde: ich bin sehnsüchtig. Jenes wäre -die _Idee_ der schamlosen Handlung, dies die Idee der schamlosen Rede. -Beide sind nie verwirklicht, weil alle Wahrheit schamhaft ist. Es gibt -keine Liebeserklärung, die nicht eine Lüge wäre; und wie dumm die -Frauen doch eigentlich sind, kann man daraus ersehen, wie oft sie an -Liebesbeteuerungen glauben. - -_In der Liebe des Mannes, die stets schamhaft ist, liegt nach alldem -der Maßstab für das, was am Weibe schön, und das, was an ihm häßlich -gefunden wird._ Es ist hier _nicht_ wie in der _Logik_: das Wahre -der Maßstab des Denkens, der Wahrheitswert sein Schöpfer; _nicht_ -wie in der _Ethik_: das Gute das Kriterium für das Sollen, der Wert -des Guten ausgestattet mit dem _Anspruch_, den Willen zum Guten zu -lenken; _sondern hier, in der Ästhetik, wird die Schönheit erst -von der Liebe geschaffen_; es besteht keinerlei innerer Normzwang, -das zu lieben, was schön ist, und das Schöne tritt nicht an den -Menschen mit dem Anspruch heran, geliebt zu werden. (Nur _darum_ gibt -es keinen überindividuellen, allein »richtigen« Geschmack.) _Alle -Schönheit ist vielmehr selbst erst eine Projektion, eine Emanation des -Liebesbedürfnisses_; und so ist auch die Schönheit des Weibes nicht ein -von der Liebe Verschiedenes, nicht ein Gegenstand, auf den sie sich -richtet, sondern _die Schönheit des Weibes $ist$ die Liebe des Mannes_, -beide sind nicht _zweierlei_, sondern _eine und dieselbe Tatsache_. -Wie Häßlichkeit von Hassen, so kommt Schönheit von Lieben. Und auch -darin, daß Schönheit so wenig wie Liebe mit dem sinnlichen Trieb zu -tun hat, daß jene wie diese ihm fremd ist, drückt sich nur diese selbe -Tatsache aus. Die Schönheit ist ein Unberührbares, Unantastbares, -mit anderem Unvermengbares; nur aus völliger Weite kann sie wie nahe -geschaut werden, und vor jeder Annäherung entfernt sie sich. Der -Geschlechtstrieb, der die Vereinigung mit dem Weibe sucht, vernichtet -dessen Schönheit; das betastete, das besessene Weib wird von niemand -mehr der Schönheit wegen angebetet. - -Dies leitet nun auch über zur Beantwortung der _zweiten_ Frage: Was ist -die Unschuld, was die Moralität des Weibes? - -Von einigen Tatsachen, welche den Beginn jeder Liebe begleiten, wird -hier am besten ausgegangen. Reinheit des Leibes ist, wie schon einmal -angedeutet, beim Manne im allgemeinen ein Zeichen von Sittlichkeit und -Aufrichtigkeit; wenigstens sind körperlich schmutzige Menschen kaum je -von sehr lauterer Gesinnung. Nun kann man beobachten, wie Menschen, die -sonst durchaus nicht sehr auf die Reinlichkeit ihres Leibes achten, -in den Zeiten, da sie zu größerer Anständigkeit des Charakters sich -aufraffen, auch stets häufiger und ausgiebiger sich waschen. Ebenso -werden nun auch Menschen, die nie sauber gewesen sind, für die Dauer -einer Liebe plötzlich aus innerem Triebe reinlichkeitsbedürftig, und -diese kurze Spanne Zeit ist oft die einzige ihres Lebens, wo sie unter -ihrem Hemde nicht unflätig aussehen. Schreiten wir zum Geistigen -vor, so sehen wir, wie bei vielen Menschen Liebe mit Selbstanklagen, -Kasteiungs- und Sühnungsversuchen beginnt. Eine moralische Einkehr -fängt an, von der Geliebten scheint auch eine innere Läuterung -auszugehen, auch wenn der Liebende nie mit ihr gesprochen, ja sie -nur wenige Male aus der Ferne gesehen hat. _Dieser_ Prozeß kann also -unmöglich in dem geliebten Wesen selbst seinen Grund haben: die -Geliebte ist nur zu oft ein Backfisch, nur zu oft eine Kuh, nur zu -oft eine lüsterne Kokette, und niemand nimmt für gewöhnlich an ihr -überirdische Eigenschaften wahr als eben derjenige, der sie liebt. Ist -es also zu glauben, daß diese konkrete Person geliebt werde in der -Liebe, oder dient sie nicht vielmehr einer unvergleichlich größeren -Bewegung nur als _Ausgangspunkt_? - -In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst. Nicht seine -Subjektivität, nicht das, was er, als ein von aller Schwäche und -Gemeinheit, von aller Schwere und Kleinlichkeit behaftetes Wesen -wirklich vorstellt; sondern das, was er ganz sein will und ganz -sein soll, sein eigenstes, tiefstes, intelligibles Wesen, frei von -allen Fetzen der Notwendigkeit, von allen Klumpen der Erdenheit. In -seiner zeitlich-räumlichen Wirksamkeit ist dieses Wesen vermengt mit -den Schlacken sinnlicher Beschränktheit, es ist nicht als reines, -strahlendes Urbild vorhanden; wie tief er auch in sich gehen mag, -er findet sich getrübt und befleckt, und sieht nirgends das, was er -sucht, in weißer, makelloser Reinheit. Und doch bedarf er nichts so -dringend, ersehnt er nichts so heiß als ganz und gar _er selbst_ und -nichts anderes zu sein. Das eine aber, wonach er strebt, das Ziel, -erblickt er nicht in hellem Glanze und unverrückter Festigkeit auf dem -Grunde des eigenen Wesens, _und darum muß er es draußen denken_, um -so ihm leichter nacheifern zu können. _Er projiziert sein Ideal eines -absolut wertvollen Wesens_ auf ein anderes menschliches Wesen, und -das und nichts anderes bedeutet es, wenn er dieses Wesen _liebt_. Nur -wer selbst schuldig geworden ist, und seine Schuld fühlt, ist dieses -Aktes fähig: darum kann das Kind noch nicht lieben. Nur weil die Liebe -das höchste, stets unerreichte Ziel aller Sehnsucht so darstellt, als -wäre es irgendwo in der Erfahrung verwirklicht und nicht bloß in der -Idee vorhanden; nur indem sie es im Nebenmenschen lokalisiert, und -so gleichzeitig eben der Tatsache Ausdruck gibt, daß im Liebenden -selbst das Ideal der Erfüllung noch so ferne ist: nur darum kann mit -der Liebe zugleich das _Streben_ nach Läuterung neu erwachen, ein -Hinwollen zu einem Ziele, das von höchster geistiger Natur ist und -somit keine körperliche Verunreinigung durch _räumliche_ Annäherung an -die Geliebte duldet; darum ist Liebe die höchste und stärkste Äußerung -des Willens zum Werte, darum kommt in ihr wie in nichts auf der Welt -das eigentliche Wesen des _Menschen_ zum Vorschein, das zwischen Geist -und Körper, zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit gebannt ist, an -der Gottheit wie am Tiere Anteil hat. _Der Mensch ist in jeder Weise -erst dann ganz er selbst, wenn er liebt._[56] So erklärt sich's, -daß viele Menschen erst als Liebende an das eigene Ich und an das -fremde Du zu glauben beginnen, die, wie sich längst zeigte, nicht nur -grammatikalische, sondern auch ethische Wechselbegriffe sind; so ist -die große Rolle verständlich, welche in jedem Liebesverhältnis die -_Namen_ der beiden Menschen spielen. So wird deutlich, warum viele -Menschen zuerst in der Liebe von ihrer eigenen Existenz Kenntnis -erhalten, und nicht früher von der Überzeugung durchdrungen werden, daß -sie eine Seele besitzen.[57] So, daß der Liebende zwar die Geliebte um -keinen Preis durch seine Nähe verunreinigen möchte, aber sie doch aus -der Ferne oft zu sehen trachtet, um sich ihrer -- seiner -- Existenz -zu vergewissern. So, daß gar mancher unerweichliche Empirist, nun, -da er liebt, zum schwärmerischen Mystiker wird, wofür der Vater des -Positivismus, Auguste _Comte_, selbst das Beispiel gegeben hat, durch -die Umwälzung seines ganzen Denkens, als er _Clotilde de Vaux_ kennen -lernte. Nicht nur für den Künstler, für den Menschen überhaupt gibt es -psychologisch ein Amo ergo sum. - -So ist die Liebe ein _Projektionsphänomen_ gleich dem Haß, kein -_Äquationsphänomen_ gleich der Freundschaft. Voraussetzung dieser ist -gleiche Geltung beider Individuen; Liebe ist stets ein _Setzen der -Ungleichheit, der Ungleichwertigkeit_. Alles, was man selbst sein -möchte und nie ganz sein kann, auf ein Individuum häufen, es zum Träger -aller Werte machen, das heißt lieben. Sinnbildlich für diese höchste -Vollendung ist die Schönheit. Darum wundert, ja entsetzt es so oft den -Liebenden, wenn er sich überzeugt, daß im schönen Weibe nicht auch -Sittlichkeit wohne, und er beschuldigt die Natur des Betruges, weil -in einem »so schönen Körper« »so viel Verworfenheit« sein könne; er -bedenkt nicht, daß er das Weib nur deshalb noch schön findet, weil -er es noch liebt: denn sonst würde ihn auch die Inkongruenz zwischen -Innerem und Äußerem nicht mehr schmerzen. Die gewöhnliche _Gassendirne_ -scheint deshalb _nie_ schön, weil es hier von vornherein unmöglich -ist, eine Projektion von Wert zu vollziehen; sie kann nur des ganz -gemeinen Menschen Geschmack befriedigen, sie ist die Geliebte des -unsittlichsten Mannes, des Zuhälters. Hier liegt eine dem Moralischen -_entgegengesetzte Beziehung offensichtlich_ zutage; das Weib im -allgemeinen ist aber nur indifferent gegen alles Ethische, es ist -amoralisch, und kann darum, anders als der antimoralische Verbrecher, -den instinktiv niemand liebt, oder der Teufel, den jedermann sich -häßlich vorstellt, für den Akt der Wertübertragung eine Grundlage -abgeben; da es weder gut tut noch sündigt, _sträubt_ sich nichts in -ihm und an ihm gegen diese Kollokation des Ideals in seine Person. Die -Schönheit des Weibes ist nur sichtbar gewordene Sittlichkeit, _aber -diese Sittlichkeit ist selbst die des Mannes_, die er, in höchster -Steigerung und Vollendung, auf das Weib transponiert hat. - -Weil alle Schönheit immer nur einen abermals erneuten -_Verkörperungsversuch des höchsten Wertes_ darstellt, darum ist vor -allem Schönen ein Gefühl des Gefundenhabens, dem gegenüber jede -Begierde, jedes selbstische Interesse schweigt. Alle Formen, die der -Mensch schön findet, sind vermöge seiner ästhetischen Funktion, die -Sittliches und Gedankliches in Sinnlichkeit umsetzt, ebensoviele -Versuche von seiner Seite, das Höchste sichtbar zu realisieren. -_Schönheit ist das Symbol des Vollkommenen in der Erscheinung._ -Darum ist Schönheit unverletzlich, darum ist sie statisch und nicht -dynamisch, darum hebt jede _Änderung_ im Verhalten zu ihr sie schon -auf und vernichtet ihren Begriff. Die Liebe zum eigenen Werte, die -Sehnsucht nach Vollkommenheit zeugt in der Materie die Schönheit. -So wird die Schönheit der Natur geboren, die der Verbrecher nimmer -wahrnimmt, weil eben _die Ethik erst die Natur schafft_. So erklärt -sich's, daß die Natur immer und überall, in der größten und kleinsten -ihrer Bildungen, den Eindruck des Vollendeten hervorruft. So ist auch -das Naturgesetz nur ein sinnliches Symbol des Sittengesetzes, wie die -Naturschönheit der sinnenfällig gewordene Adel der Seele; so die Logik -die verwirklichte Ethik. Wie die Liebe ein neues Weib für den Mann -schafft statt des realen Weibes, so schafft die Kunst, die Erotik des -Alls, aus dem Chaos die Formenfülle im Universum; und wie es keine -Naturschönheit gibt ohne Form, ohne Naturgesetz, so auch keine Kunst -ohne Form, keine Kunstschönheit, die nicht ihren Regeln gehorcht. Denn -die Naturschönheit zeigt die Kunstschönheit nicht anders verwirklicht -als das Naturgesetz das Sittengesetz, als die Naturzweckmäßigkeit jene -Harmonie, deren Urbild über dem Geiste des Menschen thront. Ja, die -Natur, die der Künstler seine ewige Lehrmeisterin nennt, _sie ist -nur die von ihm selbst geschaffene Norm seines Schaffens_, nicht in -begrifflicher Konzentration, sondern in anschaulicher Unendlichkeit. -So sind, um eines als Beispiel zu nennen, die Sätze der Mathematik -die _verwirklichte_ Musik (und nicht umgekehrt), Mathematik selbst -die _konforme Abbildung_ der Musik aus dem Reiche der Freiheit auf -das Reich der Notwendigkeit, und darum das _Sollen_ aller Musiker ein -mathematisches. _Die Kunst schafft also die Natur, und nicht die Natur -die Kunst._ - -Von diesen Andeutungen, welche, wenigstens teilweise, eine Ausführung -und Weiterbildung der tiefen Gedanken _Kant_ens und _Schellings_ (und -des von ihnen beeinflußten _Schiller_) über die Kunst sind, kehre ich -zum Thema zurück. Als Resultat für dessen Zwecke steht nun fest, daß -der Glaube an die Sittlichkeit des Weibes, die »_Introjektion_« der -_Seele_ des _Mannes_ in das _Weib_, und die schöne äußere Erscheinung -des Weibes _eine und dieselbe Tatsache_ sind, die letztere nur der -sinnenfällige Ausdruck des ersteren. Begreiflich, aber eine Umkehrung -des wahren Verhältnisses ist es also, wenn man von einer »schönen -Seele« im moralischen Sinne spricht, oder nach _Shaftesbury_ und -_Herbart_ die Ethik der Ästhetik unterordnet: man mag mit _Sokrates_ -und _Antisthenes_ τὸ καλόν und τἀγαθόν für identisch halten, aber man -darf nicht vergessen, daß Schönheit nur ein körperliches Bild ist, -in dem die Sittlichkeit sich selbst verwirklicht vorstellt, daß alle -Ästhetik doch ein _Geschöpf_ der Ethik bleibt. Jeder _einzelne_ und -zeitlich _begrenzte_ dieser Inkarnationsversuche ist seiner Natur nach -illusorisch, denn er täuscht die erreichte Vollkommenheit nur vor. -Darum ist alle Einzelschönheit vergänglich, und muß auch die Liebe zum -Weibe es sich gefallen lassen, durch das alte Weib widerlegt zu werden. -Die Idee der Schönheit ist die Idee der Natur, sie ist unvergänglich, -wenn auch alles Einzelschöne, alles Natürliche vergeht. Nur eine -Illusion kann im Begrenzten und Konkreten, nur eine Irrung im geliebten -Weibe die Vollkommenheit selbst erblicken. Die Liebe zur Schönheit soll -sich nicht verlieren an das Weib, um den geschlechtlichen Trieb nach -ihm zu überbauen. Wenn alle Liebe zu Personen auf jener Verwechslung -beruht, so _kann_ es keine andere denn unglückliche Liebe geben. Aber -alle Liebe _klammert_ sich an diesen Irrtum; sie ist der heroischeste -Versuch, dort Werte zu behaupten, wo es keine Werte gibt. Die Liebe zum -unendlichen Wert, das ist zum Absoluten oder zu Gott, sei es auch in -Form der Liebe zur unendlichen sinnenfälligen Schönheit des Naturganzen -(Pantheismus), könnte allein die transcendentale Idee der Liebe heißen, -wenn es eine solche gibt; die Liebe zu allem Einzelding, und auch zum -Weibe, ist schon ein Abfall von der Idee, eine _Schuld_. - -_Warum_ der Mensch diese Schuld auf sich lädt, ist im Früheren schon -enthalten. So wie aller _Haß_ nur üble Eigenschaften, die man selbst -besitzt, auf den Nebenmenschen projiziert, um sie dort in einer desto -abschreckenderen Vereinigung zu zeigen; wie der Teufel nur erfunden -wurde, um die bösen Triebe _im_ Menschen _außer_ ihm darzustellen, und -ihm den Stolz und die Kraft des Kämpfers zu leihen: so hat auch die -Liebe nur den Zweck, dem Menschen den Kampf um das Gute zu erleichtern, -das er als Gedanken _in_ sich allein zu ergreifen noch zu kraftlos -ist. Beides, Haß und Liebe, ist darum eine Feigheit. Im Hasse spiegelt -man sich vor, daß man von jemand anderem bedroht sei, um sich selbst -hiedurch bereits als die angegriffene Reinheit zu fingieren, statt es -sich zu gestehen, daß man das Böse aus sich selbst auszujäten habe, -und daß es nirgend anders als im eigenen Herzen niste. Man konstruiert -_den_ Bösen, um sich die Genugtuung zu bereiten, ihm ein Tintenfaß an -den Kopf geworfen zu haben. Nur darum ist der Teufelsglaube unsittlich: -weil er eine unstatthafte Erleichterung des Kampfes darstellt und -eine Abwälzung der Schuld. Durch die Liebe versetzt man, wie im Haß -die Idee des eigenen Unwertes, die Idee des eigenen _Wertes_ in ein -Wesen, das zu ihrer Aufnahme geeignet scheint: der Satan wird häßlich, -die Geliebte schön. So entbrennt man in beiden Fällen, durch eine -Gegenüberstellung, durch die Verteilung von Gut und Böse auf _zwei_ -Personen, _leichter_ für die moralischen Werte. Ist aber alle Liebe zu -Einzelwesen statt zur Idee eine sittliche Schwäche, so muß dies auch -in den Gefühlen des Liebenden zum Vorschein kommen. Niemand begeht -ein Verbrechen, ohne daß ihm dies durch ein Schuldgefühl angezeigt -würde. Nicht ohne Grund ist die Liebe das schamhafteste Gefühl: sie hat -Ursache sich zu schämen, weit mehr noch als das Mitleid. Der Mensch, -den ich bemitleide, bekommt von mir etwas, im Akte des Mitleidens -selbst gebe ich ihm aus meinem eingebildeten oder wesentlichen -Reichtum; die Hilfe ist so nur ein Sichtbarwerden dessen, was bereits -im Mitleiden lag. Der Mensch, den ich liebe, von dem will _ich_ etwas, -ich will zum mindesten, daß er mich nicht durch unschöne Geberden -oder gemeine Züge in meiner Liebe zu ihm störe. Denn durch die Liebe -will ich mich irgendwo gefunden haben, statt weiter zu suchen und zu -streben, ich will aus der Hand eines Nebenmenschen nichts weniger, -nichts anderes empfangen, als mich selbst, ich will von _ihm_ -- _mich_! - -Das Mitleid ist schamhaft, weil es den anderen tiefer gestellt zeigt -als mich, weil es _ihn_ erniedrigt. Die Liebe ist schamhaft, weil ich -_mich_ durch sie tiefer stelle als den anderen; in ihr wird aller Stolz -des Individuums am weitesten vergessen, und das ist ihre Schwäche, -darum schämt sie sich. So ist das Mitleid der Liebe verwandt, und -hieraus erklärt sich, daß nur, wer das Mitleid kennt, auch die Liebe -kennt. Und doch schließen sich beide aus: man kann nie lieben, wen man -bemitleidet, und nie bemitleiden, wen man liebt. Denn im Mitleid bin -ich selbst der feste Pol, in der Liebe ist es der andere; die Richtung -beider Affekte, ihr Vorzeichen ist das Entgegengesetzte. Im Mitleid bin -ich Geber, in der Liebe Bettler. Die Liebe ist die schamhafteste von -allen Bitten, _weil sie um das Meiste, um das Höchste bettelt_. Darum -schlägt sie in den jähesten, rachsüchtigsten Stolz so rasch über, wenn -ihr durch den anderen unvorsichtig oder rücksichtslos zum Bewußtsein -gebracht wird, um was sie eigentlich gefleht hat. - -Alle Erotik ist voll von Schuldbewußtsein. In der Eifersucht tritt -zutage, auf welch unsicheren Grund die Liebe gebaut ist. Eifersucht ist -die Kehrseite jeder Liebe, und offenbart deren ganze Unsittlichkeit. -Durch Eifersucht wird über den freien Willen des Nebenmenschen eine -Gewalt angemaßt. So begreiflich sie gerade der hier entwickelten -Theorie ist, indem durch Liebe _das reine Selbst_ des Liebenden in der -Geliebten lokalisiert wird, und auf sein Selbst der Mensch, durch einen -erklärlichen Fehlschluß, einen Anspruch leicht stets und an jedem Orte -zu haben glaubt: so verrät sie doch, schon weil sie voll Furcht ist, -und Furcht wie das verwandte Schamgefühl[58] sich stets auf eine in der -_Vergangenheit_ verübte Schuld bezieht, daß man durch die Liebe etwas -erlangen wollte, was man auf diesem Wege nicht verlangen durfte. - -Die Schuld, mit welcher in der Liebe der Mensch sich belastet, ist der -Wunsch, von jenem Schuldbewußtsein, das ich früher die Voraussetzung -und Bedingung aller Liebe nannte, _frei zu werden_. Statt alle -begangene Schuld auf sich zu nehmen und ihre Sühnung durch das weitere -Leben zu erreichen, ist die Liebe ein Versuch, von der eigenen Schuld -loszukommen und an sie zu vergessen, ein Versuch, glücklich zu werden. -Statt die Idee der Vollkommenheit selbsttätig zu verwirklichen, will -die Liebe die Idee schon als verwirklicht zeigen, sie spiegelt das -Wunder als geschehen vor, im anderen Menschen zwar -- darum ist sie -die feinste List -- aber es ist doch nur die eigene Befreiung vom -Übel, die man so _ohne Kampf_ zu erreichen hofft. _Hieraus_ erklärt -sich der tiefe Zusammenhang aller Liebe mit dem Erlösungsbedürfnis -(_Dante_, _Goethe_, _Wagner_, _Ibsen_). Alle Liebe ist _selbst_ nur -Erlösungsbedürfnis, und alles Erlösungsbedürfnis noch unsittlich -(Kapitel 7, Schluß). Die Liebe überspringt die Zeit und setzt sich -über die Kausalität hinweg, ohne eigenes Zutun will sie Reinheit -plötzlich und unvermittelt gewinnen. Darum ist sie, als ein Wunder von -außen statt von innen, in sich unmöglich, und kann ihren Zweck nie -erfüllen, am wenigsten bei jenen Menschen, welche allein eigentlich in -ganz unermeßlicher Weise ihrer fähig wären. Sie ist der gefährlichste -Selbstbetrug, gerade weil sie den Kampf um das Gute am stärksten -zu fördern scheint. Mittelmäßige Menschen mögen durch sie erst ihre -Veredlung erfahren; wer ein subtileres Gewissen hat, wird sich hüten, -ihrer Täuschung zu erliegen. - -Der Liebende sucht im geliebten Wesen seine eigene Seele. Insofern -ist die Liebe _frei_, und nicht jenen Gesetzen der bloß sexuellen -Anziehung unterworfen, von denen der erste Teil gehandelt hat. Denn -das psychische Leben der Frau gewinnt einen Einfluß, es begünstigt die -Liebe, wo es der Idealisierung sich ausnehmend leicht fügt, auch bei -geringeren körperlichen Vorzügen und mangelhafter sexueller Ergänzung, -und vernichtet ihre Möglichkeit, wenn es gegen jene »Einlegung« zu -sichtbar absticht. Dennoch ist, trotz aller Gegensätzlichkeit zwischen -Sexualität und Erotik, eine Analogie zwischen ihnen unverkennbar. Die -Sexualität benützt das Weib als Mittel, um zur Lust und zum leiblichen -Kinde zu gelangen; die Erotik als Mittel, um zum Werte und -- zum -geistigen Kinde, zur Produktion zu kommen. Es ist ein unendlich tiefes, -wenn auch, wie es scheint, wenig verstandenes Wort der platonischen -_Diotima_, daß die Liebe nicht dem Schönen, sondern der Erzeugung und -Ausgeburt im Schönen gelte, der Unsterblichkeit im Geistigen, wie der -niedere Geschlechtstrieb dem Fortleben in der Gattung. Im Kinde sucht -jeder Vater, der leibliche wie der geistige, nur sich selbst zu finden: -die konkrete Verwirklichung der Idee seiner selbst, wie sie das Wesen -der Liebe ausmacht, ist eben das _Kind_. Darum sucht der Künstler so -oft das Weib, um das Kunstwerk schaffen zu können. »Und jeder sollte -lieber solche Kinder haben wollen, wenn er auf _Homer_ und _Hesiod_ -und die anderen trefflichen Dichter sieht, nicht ohne Neid, was für -Geburten sie zurücklassen, die ihnen unsterblichen Ruhm und Angedenken -sichern, indem sie selbst unsterblich sind .... Geehrt ist bei euch -auch _Solon_, weil er Gesetze gezeugt, und viele andere anderwärts -unter Hellenen und Barbaren, die viele und schöne Werke dargestellt -haben und vielfältig Tugendhaftes gezeugt: denen auch schon viele -Heiligtümer errichtet wurden um solcher Kinder willen, menschlicher -Kinder wegen aber noch keinem.« - -Es ist nicht eine bloß formale Analogie, nicht Überschätzung einer -etwa nur zufälligen sprachlichen Übereinstimmung, wenn von geistiger -Fruchtbarkeit, geistiger Produktion, oder, wie in diesen Worten -_Platons_, von geistigen Kindern in tieferem Sinne zu reden versucht -wird. Wie die leibliche Sexualität der Versuch eines organischen Wesens -ist, die eigene Form dauernd zu begründen, so ist auch jede Liebe im -Grunde nur das Streben, seelische Form, Individualität, endgültig zu -realisieren. _Hier liegt die Brücke_, welche allen _Willen zur eigenen -Verewigung_ (wie man das Gemeinsame der Sexualität und der Erotik -nennen könnte) _mit dem Kinde verbindet_. Geschlechtstrieb und Liebe -sind beide Versuche zur Realisierung seiner selbst, der erste sucht das -_Individuum_ durch ein körperliches Abbild, die zweite _Individualität_ -durch ihr geistiges Ebenbild zu verewigen. Nur der geniale Mensch aber -kennt die ganz und gar unsinnliche Liebe, und nur er sucht zeitlose -Kinder zu zeugen, in denen sein tiefstes geistiges Wesen zum Ausdruck -kommt. - -Die Parallele kann noch weiter verfolgt werden. Daß aller -Geschlechtstrieb der Grausamkeit verwandt ist, hat man nach _Novalis_ -oft wiederholt. Die »Association« hat einen tiefen Grund. Alles, was -vom Weibe _geboren_ ist, muß auch _sterben_. Zeugung, Geburt und Tod -stehen in einer unauflöslichen Beziehung; vor einem unzeitigen Tode -erwacht in jedem Wesen auf das heftigste der Geschlechtstrieb als -das Bedürfnis, sich noch fortzupflanzen. Und so ist auch der Koitus, -nicht nur psychologisch als Akt, sondern auch vom ethischen und -naturphilosophischen Gesichtspunkte dem Morde verwandt: er verneint das -Weib, aber auch den Mann; er raubt im Idealfall beiden das Bewußtsein, -um dem Kinde das Leben zu geben. Einer ethischen Weltanschauung wird -es begreiflich sein, daß, was so entstanden ist, auch wieder vergehen -muß. Aber auch die höchste Erotik, nicht nur die niederste Sexualität, -benützt das Weib nicht als Zweck an sich selbst, sondern stets nur -als Mittel zum Zweck, um das Ich des Liebenden rein darzustellen: die -Werke eines Künstlers sind immer nur sein auf verschiedenen Etappen -festgehaltenes Ich, das er meist in diesem oder in jenem Weibe, und -sei es selbst ein Weib seiner Einbildungskraft, zuvor lokalisiert hat. - -Die reale Psychologie des geliebten Weibes wird aber hiebei immer -_ausgeschaltet_: im Augenblicke, wo der Mann ein Weib _liebt_, kann -er es nicht _durchschauen_. In der Liebe tritt man zum Weibe nicht -in jenes Verhältnis des _Verstehens_, welches das einzig sittliche -Verhältnis zwischen Menschen ist. Man kann keinen Menschen lieben, -den man ganz erkennt, weil man dann doch auch die Unvollkommenheiten -sehen müßte, die ihm als Menschen notwendig anhaften, _Liebe aber nur -auf Vollkommenes geht_. Liebe zu einem Weibe ist daher nur möglich, -wenn sich diese Liebe um die wirklichen Eigenschaften, die eigenen -Wünsche und Interessen der Geliebten, soweit sie der Lokalisation -höherer Werte in ihrer Person zuwiderlaufen, nicht bekümmert, sondern -in schrankenloser Willkür an die Stelle der psychischen Realität des -geliebten Wesens _eine ganz andere Realität setzt_. Der Versuch, sich -im Weibe selbst zu finden, statt im Weibe eben nur -- das Weib zu -sehen, setzt notwendig eine Vernachlässigung der empirischen Person -voraus. Dieser Versuch ist also voll _Grausamkeit_ gegen das Weib; -und hier liegt die Wurzel des Egoismus aller Liebe, wie auch der -Eifersucht, welche das Weib gänzlich nur noch als unselbständiges -Besitztum betrachtet, und auf sein inneres Leben gar keine Rücksicht -mehr nimmt. - -Hier vollendet sich die Parallele zwischen der Grausamkeit der -Erotik und der Grausamkeit der Sexualität. Liebe ist Mord. Der -Geschlechtstrieb negiert auch das körperliche, die Erotik das -psychische Weib. Die ganz gemeine Sexualität sieht im Weibe einen -Apparat zum Onanieren oder eine Kindergebärerin; man kann gegen das -Weib nicht niedriger sein, als wenn man ihm seine Unfruchtbarkeit -vorhält, und ein erbärmlicheres Zeugnis kann einem Gesetzbuch nicht -ausgestellt werden, als wenn es die Sterilität eines Weibes als legalen -Grund der Ehescheidung anführt. Die höhere Erotik aber verlangt von -der Frau schonungslos, daß sie das männliche Adorationsbedürfnis -befriedige, und sich möglichst anstandslos lieben lasse, damit der -Liebende in ihr sein Ideal von sich verwirklicht sehen, und ein -geistiges Kind mit ihr zeugen könne. So ist die Liebe nicht nur -antilogisch, denn sie setzt sich über die objektive Wahrheit des -Weibes und seine wirkliche Beschaffenheit hinweg, sie will nicht nur -die Denkillusion, und verlangt nicht nur ungestüm nach dem Betruge der -Vernunft: sondern sie ist auch antiethisch gegen das Weib, dem sie die -Verstellung und den Schein, die vollkommene Kongruenz mit einem ihr -fremden Wunsche gebieterisch aufnötigen möchte. - -Denn die Erotik braucht die Frau nur, um den Kampf zu ebnen und -abzukürzen, sie will von ihr immer bloß, _daß sie den Ast abgebe, an -dem $er$ sich $leichter$ zur Erlösung emporschwinge_. So gesteht es ja -_Paul Verlaine_: - - »Marie Immaculée, amour essentiel, - Logique de la foi cordiale et vivace, - _En vous aimant qu'est-il de bon que je ne fasse_, - En vous aimant du seul amour, Porte du Ciel?« - -Und fast noch deutlicher lehrt es _Goethe_ im »Faust«: - - »Dir, der Unberührbaren, - Ist es nicht benommen, - Daß die leicht Verführbaren - Traulich zu Dir kommen. - - In die Schwachheit hingerafft, - Sind sie schwer zu retten; - _Wer zerreißt aus eigner Kraft - Der Gelüste Ketten?_« - -Ferne ist es mir, die heroische Größe zu verkennen, welche in dieser -höchsten Erotik, im _Madonnenkulte_, liegt. Wie könnte ich vor der -Außerordentlichkeit des Phänomens meine Augen verschließen, das den -Namen _Dante_ führt! Es liegt eine so unermeßliche Abtretung von -Wert an das Weib in dem Leben dieses größten Madonnenverehrers, daß -selbst der dionysische Trotz, mit dem diese Schenkung aller weiblichen -Wirklichkeit entgegen vollzogen wird, den Eindruck vollster Erhabenheit -hervorzurufen kaum verfehlt. Es liegt scheinbar eine solche Abnegation -seiner selbst in dieser Verkörperung des Zieles aller Sehnsucht in -_einer_ irdisch-begrenzten Person, in einem Mädchen noch dazu, das -der Künstler _einmal_, als Neunjähriger, zu Gesicht bekommen, das -vielleicht später eine Xanthippe oder eine Fettgans geworden ist; es -liegt darin ein derartiger Akt der Projektion aller, das zeitlich -Eingeengte des Individuums übersteigenden Werte auf ein an sich -gänzlich wertloses Weib, daß man nicht leicht es über sich bringt, die -wahre Natur des Vorganges zu enthüllen, und gegen ihn zu sprechen. -_Aber es bedeutet jede, auch die sublimste Erotik, noch immer eine -dreifache Unsittlichkeit_: einen unduldsamen Egoismus gegen die -wirkliche Frau der Erfahrung, _die nur als Mittel zum Zweck der eigenen -Hinanziehung benützt_, der darum kein selbständiges Leben verstattet -wird; mehr noch: eine Felonie gegen sich selbst, ein Davonlaufen -vor sich selbst, eine Flüchtung des Wertes in fremdes Land, ein -Erlöst-_Sein_-Wollen, und darum eine Feigheit, eine Schwäche, eine -Würdelosigkeit, ja gerade einen absoluten Unheroismus; drittens endlich -eine Scheu vor der Wahrheit, die man nicht brauchen kann, weil sie der -Absicht der Liebe widerstrebt, die man nicht zu ertragen vermag, weil -man dadurch um die Möglichkeit einer bequemen Erlösung käme. - -Diese letzte Unsittlichkeit ist eben diejenige, welche jede Aufklärung -über das Weib _verhindert_, weil sie sie _meidet_ und so die -Anerkennung der Wertlosigkeit des Weibes an sich wohl stets vereiteln -wird. Die Madonna ist eine Schöpfung des Mannes, nichts entspricht -ihr in der Wirklichkeit. Der Madonnenkult kann nicht moralisch sein, -weil er die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, weil mit ihm -der Liebende sich _belügt_. Der Madonnenkult, von dem ich spreche, -der Madonnenkult des großen Künstlers, ist in jeder Beziehung eine -_völlige_ Umschaffung des Weibes, die sich nur vollziehen kann, wenn -von der empirischen Realität der Frauen gänzlich abgesehen wird; die -Einlegung wird bloß dem schönen Körper nach ausgeführt, und sie kann -nichts für ihren Zweck verwenden, was dem schroff entgegenstünde, wofür -diese Schönheit Symbol werden soll. - -Der Zweck dieser Neuschöpfung des Weibes oder das Bedürfnis, aus -welchem die Liebe entspringt, ist nun ausführlich genug analysiert -worden. Es ist zugleich der Hauptgrund, warum man vor allen Wahrheiten, -die für das Weib nachteilig klingen, immer wieder die Ohren sich -zuhält. Lieber schwört man auf die weibliche »Schamhaftigkeit«, -entzückt sich am weiblichen »Mitleid«, interpretiert das Senken des -Blickes beim Backfisch als ein eminent sittliches Phänomen, als daß man -_mit_ dieser Lüge die Möglichkeit preisgäbe, das Weib als Mittel zum -Zweck der eigenen höheren Wallungen zu benützen, als daß man darauf -verzichtete, diesen Weg für die eigene Erlösung sich offen zu lassen. - -Hierin liegt also die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach -den Motiven, aus welchen an dem Glauben an die weibliche Tugend so -zähe festgehalten wird. Man will davon nicht lassen, es zum Gefäß -der Idee der eigenen Vollkommenheit zu machen, diese in der Frau als -realisiert sich vorzustellen, um mit dem zum Träger des höchsten Wertes -gemachten Weibe leichter sein geistiges Kind und besseres Selbst zu -realisieren. Der Zustand des Liebenden hat nicht umsonst so viel -Ähnlichkeit mit dem des Schaffenden; die ganz besonders große Güte -gegen alles, was lebt, die Verlorenheit für alle kleinen konkreten -Werte sind beiden gemeinsam, als Zustände, die den liebenden gleich -dem produktiven Menschen auszeichnen, und sie dem Philister, für den -gerade die materiellen Nichtigkeiten die einzige Realität bilden, stets -unbegreiflich und lächerlich erscheinen läßt. - -Denn jeder große Erotiker ist ein Genie und alles Genie im Grunde -erotisch, auch wenn seine Liebe zum _Wert_, das ist zur _Ewigkeit_, -zum _Weltganzen_, nicht in dem Körper eines Weibes Platz findet. _Das -Verhältnis des Ichs zur Welt, das Verhältnis von Subjekt zu Objekt -ist nämlich selbst gewissermaßen eine Wiederholung des Verhältnisses -von Mann zu Weib in höherer und weiterer Sphäre, oder vielmehr dieses -ein Spezialfall von jenem._ Wie der Empfindungskomplex zum Objekt -umgeschaffen wird, aber nur vom Subjekte und aus diesem heraus, so -wird das Weib der Erfahrung aufgehoben durch das Weib der Erotik. -Wie der Erkenntnistrieb die sehnsüchtige Liebe zu den Dingen ist, in -denen der Mensch immer und ewig nur sich selbst findet, so wird auch -der Gegenstand der Liebe im engeren Sinne vom Liebenden selbst erst -geschaffen, und er entdeckt in ihm stets nur sein eigenes tiefstes -Wesen. So ist die Liebe dem Liebenden eine Parabel: im Brennpunkte -steht allerdings sie; aber konjugiert ist die Unendlichkeit -- --. - -Es fragt sich nun noch, _wer_ diese Liebe kennt, ob _nur_ der _Mann_ -übersexuell, oder ob auch das _Weib_ der höheren Liebe fähig ist. -Suchen wir hierauf, ganz unabhängig und unbeeinflußt von den bisherigen -Ergebnissen, eine Antwort aus der Erfahrung neu zu gewinnen. Diese -zeigt ganz unzweideutig, daß W, eine _scheinbare_ Ausnahme abgerechnet, -nie mehr als bloß _sexuell_ ist. Die Frauen wollen entweder mehr den -Koitus oder mehr das Kind (jedenfalls aber wollen sie geheiratet -werden). Die »Liebeslyrik« der modernen Frauen ist nicht nur vollkommen -anerotisch, sondern ganz extrem sinnlich; und so kurz die Zeit ist, -seit welcher die Frauen mit solchen Erzeugnissen sich hervorwagen, sie -haben in dieser Beziehung Kühneres geleistet, als alle Männer je vorher -es gewagt haben, und ihre Produkte sind wohl geeignet, die leckersten -Erwartungen, die selbst an »Junggesellen-Lektüre« geknüpft werden -können, zu befriedigen. Hier ist nirgends von einer keuschen und reinen -Neigung die Rede, welche das geliebte Wesen durch die eigene Nähe zu -verunreinigen fürchtet. Es handelt sich nur um den tobendsten Orgiasmus -und die wildeste Wollust, und so wäre diese Literatur recht eigentlich -danach angetan, die Augen über die durchaus nur sexuelle und nicht -erotische Natur des Weibes zu öffnen. - -Liebe allein erzeugt Schönheit. Haben die Frauen zur Schönheit ein -Verhältnis? Es ist keine bloße Redensart, wenn man von den Frauen oft -hört: »Ach, wozu braucht denn ein Mann schön zu sein?« Es ist keine -bloße Schmeichelei: für den Mann und nicht allein darauf berechnet, -ihn an seiner Eitelkeit zu fangen, wenn eine Frau ihn um Rat fragt, -welche Farben ihr zu einem Kleide am besten passen; sie versteht diese -selbst nicht so zu wählen, daß sie _ästhetisch_ wirken könnten. Über -eine Anordnung, die Geschmack statt Schönheitssinn verrät, kommt eine -Frau ohne männliche Hilfe selbst in ihrer Toilette nicht hinaus. Wäre -in der Frau an sich irgend welche Schönheit, trüge sie auch nur einen -Maßstab der Schönheit ursprünglich im tieferen Innern, so würde sie -nicht vom Manne immerfort es sich versichern lassen wollen, daß sie -schön _sei_. - -Und so finden die Frauen auch den Mann nicht eigentlich _schön_, und -je mehr sie mit dem Worte herumwerfen, desto mehr verraten sie, wie -fern ihnen jedes Verhältnis zur Idee der Schönheit ist. Es ist der -sicherste Maßstab der Schamhaftigkeit eines Menschen, wie oft er das -Wort »schön«, diese Liebeserklärung an die Natur, in den Mund nimmt. -Wären die _Frauen_ sehnsüchtig nach Schönheit, so dürften sie ihren -Namen seltener nennen. Sie haben aber kein Bedürfnis nach Schönheit und -können keines haben, weil nur die sozial anerkannte äußere Erscheinung -in solchem Sinne auf sie wirkt. Schön aber ist nicht, was gefällt; -so oft diese Definition auch aufgestellt wird, so falsch ist sie, -so gerade läuft sie dem Sinn des Wortes zuwider. _Hübsch_ ist, was -gefällt; _schön_ ist, was _der Einzelne liebt_. Hübschsein ist immer -allgemein, Schönheit stets individuell. Darum ist alles wahrhafte -Schön-Finden schamhaft, denn es ist aus der Sehnsucht geboren, und die -Sehnsucht aus der Unvollkommenheit und Bedürftigkeit des Einsamen. -_Eros_ ist der Sohn des _Poros_ und der _Penia_, der Sprößling aus -der Verbindung von Reichtum und Armut. Um etwas schön zu finden, -dazu gehört, als zur Objektivität einer Liebe, Individualität, nicht -nur Individuation; bloßes Hübsch-Sein ist gesellschaftliche Münze. -Das Schöne wird _geliebt_, ins Hübsche pflegen die Leute _sich zu -verlieben_. Liebe ist stets hinauswollend, transcendent, weil sie -der Ungenügsamkeit des an die Subjektivität gefesselten Subjektes -entstammt. Wer bei den Frauen _solches_ Mißvergnügen vorzufinden -meint, ist ein schlechter Deuter und Unterscheider. W ist höchstens -_verliebt_, M _liebt_; und dumm und unwahr ist jene Behauptung -lamentierender Frauen, das Weib sei wahrer Liebe fähiger als der Mann: -im Gegenteil, es ist ihrer _unfähig_. Nicht jenem Bilde von der Parabel -wie die Liebe, sondern dem eines in sich selbst zurücklaufenden -Kreises gleicht alle _Verliebtheit_, und insonderheit die des Weibes. - -Wo der Mann auf die Frau individuell wirkt, ist es nicht durch -seine Schönheit. Für Schönheit hat, auch wenn sie im Manne sich -offenbart, nur der Mann einen Sinn: fällt es nicht auf, wie auch -von männlicher, nicht nur von weiblicher Schönheit aller Begriff -vom Manne ist geschaffen worden? Oder soll auch dies Folge der -»Unterdrückung« sein? Der einzige Begriff, der, wenn er auch von -Frauen darum nicht herstammen kann, weil diese nie auch nur einen -einzigen Begriff geschaffen haben, dennoch ihnen, in gewissem Sinne, -seine materiale Erfüllung und die Lebhaftigkeit der ihn begleitenden -Associationen verdankt, ist der Begriff das »feschen Kerls«, wie er -in Wien und Süddeutschland, des »forschen Mannes«, wie er in Berlin -und Norddeutschland heißt. Was durch diese Bezeichnung angedeutet -wird, ist die starke und entwickelte Sexualität des Mannes; denn die -Frau empfindet zuletzt doch immer als ihren Feind alles, was den Mann -abzieht von der Sexualität und der Fortpflanzung, seine Bücher und -seine Politik, seine Wissenschaft und seine Kunst. - -Nur das Sexuelle, nie das Asexuelle, Transsexuelle im Manne wirkt als -solches auf die Frau, und nicht Schönheit, sondern volles sexuelles -Begehren verlangt sie von ihm. _Es ist nie das Apollinische im Manne, -das auf sie Eindruck macht, aber darum auch nicht das Dionysische, -sondern stets nur, im weitesten Umfang, das Faunische in ihm_; nie der -Mann, sondern immer nur »le mâle«, (das Männchen); es ist vor allem -- -darüber kann ein Buch über das wirkliche Weib nicht schweigen -- seine -Sexualität im engsten Sinne, _es ist der Phallus_.[59] - -Man hat es entweder nicht sehen oder nicht sagen wollen, man hat sich -aber auch kaum noch eine ganz richtige Vorstellung davon gebildet, -was das Zeugungsglied des Mannes für das Weib, als Frau wie schon -als Jungfrau, bedeutet, wie es das ganze Leben der Frau zu oberst -beherrscht. Ich meine nicht, daß die Frau den Geschlechtsteil des -Mannes schön oder auch nur hübsch findet. Sie empfindet ihn vielmehr -ähnlich wie der Mensch das Medusenhaupt, der Vogel die Schlange; er -übt auf sie eine hypnotisierende, bannende, faszinierende Wirkung. -Sie empfindet ihn als das Gewisse, das Etwas, wofür sie gar keinen -Namen hat: _er ist ihr Schicksal_, er ist das, wovon es für sie kein -Entrinnen gibt. Nur darum scheut sie sich so davor, den Mann nackt zu -sehen, und gibt ihm nie ein Bedürfnis darnach zu erkennen: weil sie -fühlt, daß sie in demselben Augenblicke verloren wäre. _Der Phallus ist -das, was die Frau absolut und endgültig $unfrei$ macht._ - -Es ist also gerade jener Teil, welcher den Körper des Mannes recht -eigentlich verunziert, welcher allein den nackten Mann häßlich macht --- weswegen er auch von den Bildhauern so oft mit einem Akanthus- oder -Feigenblatte verdeckt ward --, _derselbe_, der die Frauen am tiefsten -aufregt und am heftigsten erregt, und zwar gerade dann, wenn er wohl -das Unangenehmste überhaupt vorstellt, im erigierten Zustande. Und -hierin liegt der letzte und entscheidendste Beweis dafür, daß die -Frauen von der Liebe nicht die Schönheit wollen, sondern -- etwas -anderes. - -Die neue Erfahrung, um welche die Untersuchung damit endgültig -bereichert ist, wäre aus dem Bisherigen vorherzusagen gewesen. Da -Logik und Ethik ausschließlich beim Manne sich geltend machen, so -war von vornherein wahrscheinlich, daß die Frauen mit der Ästhetik -nicht auf besserem Fuße stehen würden, als mit ihren normierenden -Schwesterwissenschaften. Die Verwandtschaft zwischen der Ästhetik und -der Logik kommt in aller Systematik und Architektonik der Philosophien, -ebenso aber in der Forderung strenger Logik für das Kunstwerk, in -höchster Vereinigung in dem Bau der Mathematik und in der musikalischen -Komposition zum Vorschein. Wie schwer es so vielen wird, Ästhetik -und Ethik auseinanderzuhalten, ist schon erwähnt worden. Auch die -ästhetische Funktion, nicht nur die ethische und logische, ist nach -_Kant_ eine solche, die vom Subjekte in Freiheit ausgeübt wird. _Das -Weib aber besitzt keinen freien Willen_, und so kann ihm auch nicht die -Fähigkeit verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren. - -Damit ist aber auch gesagt, daß die Frau nicht lieben könne. Als -Bedingung der Liebe muß Individualität, und zwar nicht rein und -ungetrübt, jedoch mit dem Willen zur eigenen Befreiung von Staub -und Schmutz, vorhanden sein. Denn ein Mittelding zwischen Haben und -Nichthaben ist Eros; kein Gott, sondern ein Dämon; er allein entspricht -der Stellung des Menschen zwischen Sterblichem und Unsterblichem: -so hat es der größte Denker erkannt, der _göttliche Platon_, wie -_Plotin_ ihn nennt (der einzige Mensch, der ihn wirklich, _innerlich -$verstanden$_ hat; indes viele seiner heutigen Kommentatoren und -Geschichtsschreiber von seiner Lehre nicht viel mehr begreifen als die -Ohrwürmer von den Sternschnuppen). Die Liebe ist also in Wirklichkeit -_keine_ »transscendentale Idee«; denn sie entspricht allein der Idee -eines Wesens, das nicht rein transcendental-apriorisch, sondern auch -sinnlich-empirisch ist: _der Idee der Menschheit_. - -Das Weib hingegen, das ganz und gar keine Seele hat, sehnt sich auch -nicht, diese geläutert von allem ihr anhaftenden Fremden irgendwo, -irgendwann endlich ganz zu finden. Es gibt kein Ideal der Frauen vom -Manne, das an die Madonna erinnern würde, nicht der reine, keusche, -sittliche Mann wird von der Frau gewollt, sondern -- ein anderer. - -So ist denn bewiesen, daß die Frau nicht die Tugend des Mannes -_wünschen kann_. Hätte sie in sich ein Unterpfand der Idee der -Vollkommenheit, wäre sie irgendwie Ebenbild Gottes, so müßte sie auch -den Mann, wie dieser das Weib, heilig, göttlich wollen. Daß ihr dies -ganz ferne liegt, ist wiederum nur ein Zeichen für ihren völligen -Mangel an Willen zum eigenen Werte, den sie nicht, wie so gerne -der Mann, irgendwo außer sich verkörpert denkt, um leichter zu ihm -emporstreben zu können. - -Ein unauflösbares Rätsel bleibt nur dies, warum gerade die Frau -mit dieser vergötternden Liebe geliebt wird, und, mit Ausnahme der -Knabenliebe, in welcher indes der Geliebte ebenfalls zum Weibe wird, -nicht irgend ein anderes Wesen. Ist die Hypothese nicht allzu kühn, die -sich hierüber entwickeln läßt? - -Vielleicht hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen -metaphysischen _außerzeitlichen_ Akt das Göttliche, die Seele für sich -allein behalten -- aus welchem Motive dies geschehen sein könnte, -vermögen wir freilich noch nicht abzusehen. Dieses sein Unrecht gegen -die Frau _büßt_ er nun in den Leiden der Liebe, _in und mit welcher er -der Frau die ihr geraubte Seele wieder zurückzugeben sucht_, ihr eine -Seele schenken will, weil er sich des Raubes wegen vor ihr schuldig -fühlt. Denn gerade dem _geliebten_ Weibe, ja, eigentlich nur ihm -gegenüber drückt ihn ein rätselhaftes Schuldbewußtsein am stärksten. -Die Aussichtslosigkeit eines solchen Rückgabeversuches, durch den er -seine Schuld zu sühnen würde trachten wollen, könnte wohl erklären, -warum es _glückliche Liebe_ nicht gibt. So wäre dieser Mythos kein -übler Vorwurf für ein dramatisches Mysterium. Aber die Grenzen einer -wissenschaftlichen, auch einer wissenschaftlich-philosophischen -Betrachtung sind mit ihm weit überflogen. - -Was die Frau _nicht_ will, wurde im obigen klargestellt; aber was sie -zu tiefst will, und daß dieses ihr innerstes Wollen dem Wollen des -Mannes gerade entgegengerichtet ist, soll jetzt gezeigt werden. - - - - -XII. Kapitel. - -Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum. - - »Erst Mann und Weib - zusammen machen den - Menschen aus.« - - _Kant._ - - -Immer tiefer ist die Analyse in der Schätzung des Weibes bis jetzt -heruntergegangen, immer mehr Hohes und Edles, Großes und Schönes mußte -sie ihm absprechen. Wenn sie nun in diesem Kapitel noch einen, den -entscheidenden, äußersten Schritt in derselben Richtung zu tun sich -anschickt, so möchte ich, zur Verhütung eines Mißverständnisses, schon -hier bemerken, worauf ich noch zurückkomme: daß mir wahrhaftig nichts -ferner liegt, als dem asiatischen Standpunkt in der Behandlung des -Weibes das Wort zu reden. Wer den vorausgehenden Darlegungen über das -Unrecht aufmerksamer gefolgt ist, das alle Sexualität, ja noch die -Erotik an der Frau begeht, dem wird bereits zum Bewußtsein gekommen -sein, daß dieses Buch kein Plaidoyer für den Harem ist, und daß es sich -hütet, die Härte des Urteils zu entwerten durch die Forderung einer so -problematischen Strafe. - -Aber die _rechtliche_ Gleich_stellung_ von Mann und Weib kann man sehr -wohl verlangen, ohne darum an die _moralische_ und _intellektuelle_ -Gleich_heit_ zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher -Zeit jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht -verdammt, und braucht doch der ungeheuerste, kosmische Gegensatz und -Wesensunterschied hier nicht verkannt zu werden. $Der tiefststehende -Mann steht noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe$; und -doch hat niemand das Recht, selbst das tiefststehende Weib irgendwie -zu schmälern oder zu unterdrücken. Durch die völlige _Berechtigung_ des -Anspruches auf Gleichheit vor jedem Gesetze wird kein gründlicherer -Menschenkenner in der Überzeugung sich beirren lassen, daß zwischen -den Geschlechtern die denkbar polarste Gegensätzlichkeit besteht. Was -für seichte Psychologen (um von dem menschenkundigen Tiefblick der -sozialistischen Theoretiker zu schweigen) die Materialisten, Empiristen -und Positivisten sind, kann man abermals hieraus entnehmen, daß gerade -aus ihren Kreisen vorzugsweise die Männer gekommen sind und auch jetzt -noch aus ihnen sich rekrutieren, welche für die ursprünglich _angeborne -psychologische Gleichheit_ zwischen Mann und Weib eintreten. - -Aber auch vor der Verwechslung meines Standpunktes in der Beurteilung -des Weibes mit den hausbackenen, und nur als tapfere Reaktion gegen -die Massenströmung erfreulichen Ansichten von P. J. _Moebius_ bin ich -hoffentlich gefeit. Das Weib ist nicht »physiologisch schwachsinnig«; -und ich kann auch die Auffassung nicht teilen, welche in Frauen mit -hervorragenderen Leistungen Entartungserscheinungen erblickt. Von einem -_moralischen_ Aussichtspunkte kann man diese Frauen, da sie stets -männlicher sind als die anderen, nur freudig begrüßen, und müßte bei -ihnen eher das Gegenteil einer Entartung, nämlich einen Fortschritt -und eine Überwindung, zugeben; in _biologischer_ Hinsicht sind sie -ebensowenig oder ebensosehr ein Degenerationsphänomen als der weibliche -Mann ein solches darstellt (wenn man ihn nicht ethisch wertet). Die -sexuellen Zwischenformen sind aber in der ganzen Reihe der Organismen -durchaus die normale und nicht eine pathologische Erscheinung, und ihr -Auftreten also noch kein Beweis körperlicher Décadence. - -Das Weib ist weder tiefsinnig noch hochsinnig, weder scharfsinnig noch -geradsinnig, es ist vielmehr von alledem das gerade Gegenteil; es -ist, so weit wir bisher sehen, überhaupt nicht »sinnig«: es ist als -Ganzes _Un_-sinn, _un_-sinnig. Aber das ist noch nicht _schwach_sinnig, -nach dem Begriffe, den man in deutscher Sprache damit verbindet: dem -Begriffe des Mangels an der einfachsten praktischen Orientierung im -gewöhnlichen Leben. Gerade Schlauheit, _Berechnung_, »_Gescheitheit_« -besitzt W viel regelmäßiger und konstanter als M, sobald es auf die -Erreichung naheliegender egoistischer Zwecke ankommt. Ein Weib ist nie -so dumm, wie es der Mann zuweilen sein kann. - -Hat nun das Weib gar keine Bedeutung? Verfolgt es wirklich keinen -allgemeineren Zweck? Hat es nicht doch eine Bestimmung, und liegt ihm -nicht, trotz all seiner Unsinnigkeit und Nichtigkeit, eine bestimmte -Absicht im Weltganzen zu Grunde? _Dient es einer Mission, oder ist sein -Dasein ein Zufall und eine Lächerlichkeit?_ - -Um hinter diesen Sinn zu kommen, muß von einem Phänomen ausgegangen -werden, das, so alt und so bekannt es ist, noch nirgends und niemals -einer Beachtung oder gar Würdigung wert befunden wurde. _Es ist kein -anderes als das Phänomen der $Kuppelei$, welches den eigentlichen, den -tiefsten Einblick in die Natur des Weibes gestattet._ - -Seine Analyse ergibt zunächst das Moment der _Herbeiführung_ und -_Begünstigung_ des Sichfindens zweier Menschen, die eine sexuelle -Vereinigung, sei es in Form der Heirat oder nicht, einzugehen in der -Lage sind. Dieses Bestreben, zwischen zwei Menschen etwas zustande zu -bringen, _hat jede Frau ausnahmslos schon in frühester Kindheit_: ganz -kleine Mädchen leisten bereits, und zwar selbst dem Liebhaber ihrer -älteren Schwestern, Mittlerdienste. Und wenn der Trieb zu kuppeln auch -erst dann deutlicher zum Vorschein kommen kann, wenn das weibliche -Einzelindividuum sich selbst untergebracht hat, d. h. nach seiner -eigenen Versorgung durch die Heirat: so ist er doch die ganze Zeit -über zwischen der Pubertät und der Hochzeit ebenso vorhanden; nur -wirken ihm der _Neid_ auf die Konkurrentinnen, und die _Angst_ vor den -größeren Chancen derselben im Kampf um den Mann so lang entgegen, bis -die Frau selbst ihren Gemahl sich glücklich erobert, oder ihr Geld, -die Beziehungen, in welche er nun zu ihrer Familie tritt u. s. w., ihn -gekirrt und geködert haben. Dies ist der einzige Grund, aus welchem -die Frauen erst in der Ehe mit vollem Eifer daran gehen, die Töchter -und Söhne ihrer Bekannten unter die Haube zu bringen. Und wie sehr -nun erst das alte Weib kuppelt, bei dem die Sorge für die eigene -sexuelle Befriedigung gänzlich in Wegfall gekommen ist, das ist so -allgemein bekannt, daß man, sehr mit Unrecht, das alte Weib _allein_ -zur eigentlichen Kupplerin gestempelt hat. - -Nicht nur Frauen, auch Männer werden sehr gerne in den Ehestand zu -bringen gesucht, auch von ihren eigenen Müttern, ja gerade von diesen -mit besonderer Lebhaftigkeit und Zähigkeit. Ganz ohne Rücksicht auf -die individuelle Eigenart des Sohnes ist es der Wunsch und die Sucht -jeder Mutter, ihren Sohn verheiratet zu sehen: ein Bedürfnis, in dem -man geblendet genug war, etwas Höheres, wieder jene Mutterliebe zu -erblicken, von welcher das vorige Kapitel nur eine so geringe Meinung -gewinnen konnte. Es ist möglich, daß viele Mütter, sei der Sohn auch -gar nicht für die Ehe geschaffen, von vornherein überzeugt sind, ihm -durch sie erst zum bleibenden Glück zu verhelfen; aber sicher fehlt -sehr vielen selbst dieser Glaube, und jedenfalls spielt allerwärts -und immer als _stärkstes_ Motiv der Kuppel_trieb_, die gefühlsmäßige -Abneigung gegen das Junggesellentum des Mannes, mit. - -Man sieht bereits hier, daß die Frauen _einem rein instinktiven Drange, -der in sie gelegt ist, folgen_, auch wenn sie _ihre Töchter_ zu -verheiraten suchen. Nicht aus logischen, und nur zum kleinsten Teile -aus materiellen Erwägungen entspringen die unendlichen Bemühungen, -welche die Mütter zu diesem Zwecke unternehmen, sie geschehen nicht -aus Entgegenkommen gegen geäußerte oder unausgesprochene Wünsche -der Tochter (denen sie in der speziellen Wahl des Mannes sogar oft -zuwiderlaufen); und es kann, da die Kuppelei ganz allgemein auf alle -Menschen sich erstreckt und nie auf die eigene Tochter sich beschränkt, -hier am wenigsten von einer »altruistischen«, »moralischen« Handlung -der _mütterlichen_ Liebe die Rede sein; obwohl sicherlich die meisten -Frauen, wenn jemand ihr kupplerisches Gebaren ihnen vorhielte, zur -Antwort geben würden: es sei ihre Pflicht, beizeiten an die Zukunft -ihres teueren Kindes zu denken. - -_Eine Mutter verheiratet ihre eigene Tochter nicht anders, als sie -jedem anderen Mädchen zum Manne gern verhilft_, wenn nur jene Aufgabe -innerhalb der Familie zuvor gelöst ist: _es ist ganz dasselbe, Kuppelei -hier wie dort, die Verkuppelung der eigenen Tochter unterscheidet sich -psychologisch in nichts von der Verkuppelung der fremden_. - -Wie schon öfter das Verhalten des einen Geschlechtes zu gewissen Zügen -des anderen als ein brauchbares Kriterium dafür verwendet werden -konnte, welche Eigentümlichkeiten des Charakters ausschließlich auf -eines beschränkt sind und welche auch dem anderen zukommen[60], so -kann, während bisher stets das Weib Zeuge sein mußte, daß gewisse, -ihm von vielen so gerne zugesprochene Eigenschaften ausschließlich -dem Manne angehören, hier einmal durch sein Verhalten der Mann -dokumentieren, wie die Kuppelei echt weiblich und ausschließlich -weiblich ist: die Ausnahmen betreffen entweder _sehr_ weibliche Männer -oder einen Fall, der noch ausführlich wird besprochen werden[61]. -Jeder wahre Mann nämlich wendet sich vom heiratsvermittelnden Treiben -der Frauen, selbst wenn es sich um seine eigene Tochter handelt, und -er diese gerne versorgt sehen möchte, mit Widerwillen und Verachtung -ab und überläßt die Kuppelsorgen überhaupt dem Weibe als sein Fach. -Zugleich sieht man hier am klarsten, wie auf den _Mann_ gar nicht die -_wahren psychischen_ Sexualcharaktere des Weibes attraktiv wirken, wie -sie ihn vielmehr abstoßen, wo sie ihm bewußt werden: indes die rein -männlichen Eigenschaften _an sich_, und wie sie wirklich sind, das -_Weib_ anzuziehen _genügen_, muß der Mann das Weib erst umformen, ehe -er es lieben kann. - -Die Kuppelei reicht aber bedeutend tiefer und durchdringt das Wesen -des Weibes in viel weiterer Ausdehnung, als jemand nach diesen -Beispielen, die nur den Umfang des Sprachgebrauches erschöpfen, -glauben könnte. Ich will zunächst darauf hinweisen, wie die Frauen -im Theater sitzen: stets mit der Erwartung, _ob_ die zwei, _wie_ die -zwei Liebesleute »sich kriegen« werden. _Auch dies ist nichts anderes -als Kuppelei_, und um kein Haar von ihr psychologisch verschieden: -_es ist das Herbeiwünschen des Zusammenkommens von Mann und Weib, wo -auch immer_. Aber das geht noch weiter: _auch die Lektüre sinnlicher -oder obscöner Dichtungen oder Romane, die ungeheuere Spannung auf -den Moment des Koitus, mit welcher die Frauen lesen, ist nichts, gar -nichts als Verkuppelung der beiden Personen des Buches_, tonische -Excitation durch den Gedanken der Kopulation und positive Wertung -der sexuellen Vereinigung. Man halte das nicht für eine logische und -formale Analogisierung, man versuche nachzufühlen, wie für die Frau -psychologisch beides _dasselbe $ist$_. Die Erregung der Mutter am -Hochzeitstage der Tochter ist keine andere als die der Leserin von -_Prévost_, oder von _Sudermanns_ »Katzensteg«. Es kommt zwar auch -vor, daß Männer solche Romane zu Detumeszenzzwecken gerne lesen, -aber das ist etwas prinzipiell von der weiblichen Art der Lektüre -_Verschiedenes_, es geht auf die lebhaftere Imagination des Sexualaktes -und verfolgt nicht krampfhaft von Anbeginn jede Verringerung der -Entfernung zwischen den beiden Menschen, um die es sich gerade handelt, -und wächst nicht, wie bei der Frau, kontinuierlich, in Proportion mit -einer sehr hohen Potenz vom reziproken Werte des Abstandes der Personen -voneinander. Die atemlose Begünstigung jeder Verringerung der Distanz -von dem Ziele, die deprimierte Enttäuschung bei jeder Vereitelung der -sexuellen Befriedigung ist durchaus weiblich und unmännlich; aber sie -tritt in der Frau ganz unterschiedslos bei jeder Bewegung auf, die -ihrer Richtung nach zum Geschlechtsakte führen kann, betreffe sie nun -Personen des Lebens oder der Phantasie. - -Hat man denn nie darüber nachgedacht, $warum$ die Frauen so gerne, so -»selbstlos« andere Frauen mit Männern zusammenbringen? Das Vergnügen, -welches ihnen hiedurch bereitet wird, _beruht auf einer eigentümlichen -Erregung durch den Gedanken auch des fremden Koitus_. - -Aber die volle Breite der Kuppelei ist auch mit der Ausdehnung auf den -Hauptgesichtspunkt aller weiblichen Lektüre noch nicht ausgemessen. -Wo an Sommerabenden in dunklen Gärten, auf den Bänken oder an den -Mauern Liebespaare eine Zuflucht suchen, dort wird eine Frau, die -vorübergeht, stets _neugierig_, sie _sieht hin_, indes der Mann, -der jenen Weg zu gehen gezwungen ist, sich unwillig abwendet, weil -er die Schamhaftigkeit verletzt fühlt. Desgleichen wenden sich die -Frauen fast nach jedem Liebespaare, dem sie auf der Gasse begegnen, -_um_ und verfolgen es mit ihren Blicken. Dieses _Hin_schauen, dieses -_Sichumdrehen_ ist nicht minder Kuppelei als das bisher unter den -Begriff Subsumierte. Was man ungern sieht und nicht wünscht, von dem -wendet man sich weg, und sperrt nicht die Augen nach ihm auf; die -Frauen sehen darum ein Liebespaar so gern, und überraschen es deshalb -am liebsten bei Küssen und weitergehenden Liebesbezeigungen, _weil sie -den Koitus $überhaupt$ (nicht nur für sich) wollen_. _Man beachtet -nur_, wie schon längst gezeigt wurde, _was irgendwie positiv gewertet -wird_. Die Frau, die zwei Liebende miteinander sieht, wartet stets auf -das, was kommen werde, d. h. sie erwartet es, nimmt es voraus, hofft -es, wünscht es. Ich habe eine längst verheiratete Hausfrau gekannt, die -ihr Dienstmädchen, das den Liebhaber eingelassen hatte, zuerst lang -in großer Anteilnahme vor der Tür behorchte, ehe sie hineinging, um -ihm seine Stellung zu kündigen. Die Frau hatte also den ganzen Vorgang -_innerlich bejaht_, um dann das Mädchen, in passiver Befolgung der ihr -überkommenen Schicklichkeitsbegriffe, wenn nicht gar nur aus unbewußter -Mißgunst, hinauszuwerfen. Ich glaube freilich, daß auch das letztere -Motiv häufig mitspielt, und zur Verdammung der Betroffenen der Neid, -der ihr jene Stunden doch nicht allein gönnt, seinen Teil beisteuert. - -Der Gedanke des Koitus wird von der Frau stets und in jeder Form, -in der er sich vollziehen mag, (selbst wenn ihn Tiere ausführen), -lebhaft ergriffen, und nie zurückgewiesen[62]; sie verneint ihn nicht, -empfindet keinen Ekel vor dem Ekelhaften des Vorganges, sucht nicht -sofort lieber an etwas anderes zu denken: sondern die Vorstellung -ergreift völlig von ihr Besitz und beschäftigt sie unausgesetzt -weiter, bis sie von anderen Vorstellungen ebenso sexuellen Charakters -abgelöst wird. Hiemit ist ein großer Teil des vielen so rätselhaft -scheinenden psychischen Lebens der Frauen sicherlich beschrieben. _Das -Bedürfnis, selbst koitiert zu werden, ist zwar das heftigste Bedürfnis -der Frau, aber es ist nur ein $Spezialfall$ ihres tiefsten, $ihres -einzigen vitalen Interesses, das nach dem Koitus überhaupt geht$; des -Wunsches, daß möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann immer, -koitiert werde._ - -_Dieses_ allgemeinere Bedürfnis richtet sich entweder mehr auf den Akt -selbst, oder mehr auf das Kind; im ersten Falle ist die Frau Dirne und -Kupplerin um der bloßen Vorstellung vom Akte willen; im zweiten ist sie -Mutter, aber nicht nur mit dem Wunsche selbst Mutter zu werden; sondern -an _jeder_ Ehe, die sie kennt oder zustande bringt, ist, je mehr sie -der absoluten Mutter sich nähert, desto ausschließlicher ihr Interesse -auf die Hervorbringung des Kindes gerichtet: die echte Mutter ist auch -die echte Großmutter (selbst wenn sie Jungfrau geblieben ist; man -vergleiche Johann _Tesmans_ unübertreffliche »_Tante Jule_« in _Ibsens_ -»_Hedda Gabler_«). Jede ganze _Mutter_ wirkt für die Gattung insgesamt, -sie ist Mutter der ganzen Menschheit: _jede_ Schwangerschaft wird von -ihr begrüßt. Die _Dirne_ will die anderen Weiber nicht schwanger, -sondern bloß _prostituiert_ sehen wie sich selbst. - -Wie sogar die Sexualität der Frauen ihrer Kuppelei noch _unter_geordnet -ist, und eigentlich nur als ein besonderer Fall der ersteren aufgefaßt -werden darf, das geht sehr deutlich aus ihrem Verhältnis zu den -verheirateten Männern hervor. Nichts ist den Frauen, da sie sämtlich -Kupplerinnen sind, so wie der ledige Stand des Mannes zuwider, und -darum suchen alle ihn zu verheiraten; _ist_ er aber schon Ehemann, so -verliert er für sie auch dann sehr viel an Interesse, wenn er früher -ihnen selbst ganz ausnehmend gefallen hat. _Auch_ wenn sie selber -bereits verheiratet sind, also nicht mehr jeder Mann zunächst unter -dem Gesichtspunkte der _eigenen_ Versorgung in Betracht kommt, und -nun, wie man denken sollte, der Ehemann darum nicht mehr geringere -Beachtung finden müßte als der andere, Ledige, selbst dann, als -ungetreue Ehefrauen, kokettieren die Weiber kaum mit dem Gatten einer -anderen; außer wenn sie über diese einen Triumph feiern wollen, -dadurch, daß sie ihn ihr abspenstig machen. Hiedurch erst ist ganz -bestätigt, daß es den Frauen nur auf die Verkuppelung ankommt; mit -_Verheirateten_ wird _darum_ so selten der Ehebruch begangen, _weil -diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt, bereits genügen_. Die -Kuppelei ist die allgemeinste Eigenschaft des menschlichen Weibes: der -Wille zur Schwiegermutter -- ich meine den Willen, Schwiegermutter -zu werden -- ist noch viel durchgängiger vorhanden als der Wille zur -Mutterschaft, dessen Intensität und Umfang man gewöhnlich über Gebühr -hoch veranschlagt. - -Man wird den Nachdruck, der hier gerade auf die _Kuppelei_ des Weibes -gelegt wird, vielleicht doch noch nicht ganz verstehen, die Bedeutung, -die ihr zugemessen werde, übertrieben, das Pathos der Argumentation -unmotiviert finden. Man begreife aber, worum es sich handelt. Die -Kuppelei ist dasjenige Phänomen, welches das Wesen des Weibes am -weitesten aufschließt, und man muß nicht, wie dies immer geschieht, -sie nur zur Kenntnis nehmen und gleich zu etwas anderem übergehen, -sondern sie zu analysieren und zu ergründen trachten. Gewiß ist es -eine den meisten Menschen geläufige Tatsache, daß »jedes Weib gern -ein bißchen kuppelt«. _Aber daß gerade hierin und nirgendwo anders -die Wesenheit des Weibes liegt, darauf kommt es an._ Es läßt sich --- nach reiflicher Betrachtung der verschiedensten Frauentypen und -Berücksichtigung noch weiterer spezieller Einteilungen, außer der hier -bereits durchgeführten, bin ich zu diesem Schlusse gekommen -- _absolut -nichts anderes als positive allgemein-weibliche Eigenschaft prädizieren -als die Kuppelei, das ist die Tätigkeit im Dienste der Idee des Koitus -$überhaupt$_. Jede Begriffsbestimmung der Weiblichkeit, welche deren -Wesen bloß im Wunsche, selbst koitiert zu werden, suchte, die im echten -Weibe nichts für echt hielte, als das Bedürfnis vergewaltigt zu werden, -wäre zu _eng_; jede Definition, die da sagen würde, der Inhalt des -Weibes sei das Kind oder sei der Mann oder sei beides, bereits zu -_weit_. Das allgemeinste und eigentlichste Wesen der Frau ist mit der -_Kuppelei_, d. h. $mit der Mission im Dienste der Idee körperlicher -Gemeinschaft$, _vollständig_ und _erschöpfend_ bezeichnet. _Jedes Weib -kuppelt_; und diese Eigenschaft des Weibes, _$Gesandte, Mandatarin des -Koitusgedankens$ zu sein_, ist auch die _einzige_, welche in _allen_ -Lebensaltern da ist _und selbst das Klimakterium überdauert_: das alte -Weib verkuppelt weiter, nicht mehr sich, sondern die anderen. Wenn man -das alte Weib mit Vorliebe als _die_ Kupplerin sich vorgestellt hat, so -wurde ein Grund hiefür schon angeführt. Der Beruf der greisen Kupplerin -ist nicht etwas, das _hinzu_kommt, sondern eben dies, was jetzt allein -_heraustritt_ und _übrig bleibt_ aus den früheren Komplikationen durch -das eigene Bedürfnis: das reine Wirken im Dienste der unreinen Idee. - -Es sei gestattet, hier kurz zu rekapitulieren, was die Untersuchung -nach und nach an positiven Resultaten über die Sexualität des Weibes -zutage gefördert hat. Es erwies sich zuerst als ausschließlich, und -nicht nur in Pausen, sondern kontinuierlich sexuell interessiert; es -war körperlich und psychisch in seinem ganzen _Wesen_ nichts als eben -die Sexualität selbst. Es wurde dabei überrascht, daß es sich überall, -am ganzen Körper und ohne Unterlaß, von allen Dingen ausnahmslos -_koitiert_ fühlt. Und wie der ganze _Körper_ des Weibes eine Dépendance -seines _Geschlechtsteiles_ war, so offenbart sich nun die zentrale -Stellung _der Koitus-Idee_ in seinem _Denken_. _Der Koitus ist das -einzige, allerwärts und immer, von der Frau ausschließlich $positiv$ -Bewertete; die Frau ist die Trägerin des Gemeinschaftsgedankens -überhaupt._ Die weibliche Höchstwertung des Koitus ist nicht auf -ein Individuum, auch nicht auf das wertende Individuum, beschränkt, -sie bezieht sich auf Wesen _überhaupt_, sie ist nicht individuell, -sondern _inter_individuell, _über_individuell, sie ist sozusagen -- -man sehe mir die Entweihung des Wortes einstweilen nach -- _$die -transcendentale$ Funktion des Weibes_. _Denn wenn Weiblichkeit -Kuppelei ist, so ist Weiblichkeit $universelle Sexualität$. Der Koitus -ist der höchste Wert der Frau, ihn sucht sie immer und überall zu -verwirklichen. $Ihre eigene Sexualität bildet von diesem unbegrenzten -Wollen nur einen begrenzten Teil.$_ -- - -Der männlichen Höchststellung der Schuldlosigkeit und Reinheit aber, -deren Erscheinung jene höhere Virginität wäre, welche der Mann -aus erotischem Bedürfnis von der Frau wünscht und fordert, diesem -nur _männlichen_ Ideale der Keuschheit ist jenes Streben der Frau -nach Realisierung der Gemeinschaft so polar entgegengesetzt, daß -es unbedingt als ihre eigentliche Natur sogar durch den dichtesten -Weihrauch der erotischen Illusion hindurch vom Mann hätte erkannt -werden müssen, wenn nicht _noch_ ein Faktor durch sein Dazwischentreten -diese Klärung regelmäßig verhindert hätte. Diesen Umstand, der -sich immer wieder einschiebt, um der Einsicht des Mannes in das -allgemeine und eigentliche Wesen der Weiblichkeit entgegenzuwirken, -dieses komplizierteste Problem des Weibes, seine abgründlich tiefe -_Verlogenheit_, gilt es nun aufzuhellen. So schwierig und so gewagt das -Unternehmen ist, es muß schließlich zu jener letzten Wurzel führen, -_aus der wir sowohl die Kuppelei_ (im weitesten Sinne, in dem die -eigene Geschlechtlichkeit nur ihr hervorstechendster Spezialfall ist) -_als auch diese Verlogenheit_, welche die Begierde nach dem Sexualakt -immerfort -- vor den Blicken des Weibes selbst! -- _verhüllt_, _beide_ -unter dem Lichte _eines_ letzten Prinzipes klar werden emporsprießen -sehen. - - * * * * * - -Alles nämlich, was vielleicht schon wie ein sicherer Gewinn erschienen -ist, findet sich nun nochmals in Frage gestellt. Den Frauen wurde keine -Selbstbeobachtung eingeräumt: es gibt aber sicherlich Weiber, die sehr -scharf vieles beobachten, was in ihnen vorgeht. Die Wahrheitsliebe -wurde ihnen abgesprochen; und doch kennt man Frauen, die es auf das -peinlichste vermeiden, eine Unwahrheit zu sagen. Das Schuldbewußtsein -sei ihnen fremd, wurde behauptet, obwohl Frauen existieren, die sich -selbst wegen geringfügiger Dinge die heftigsten Vorwürfe zu machen -pflegen, obwohl man von Büßerinnen und ihren Körper kasteienden -Weibern sichere Nachricht hat. Das Schamgefühl wurde nur dem Manne -belassen: aber muß nicht das Wort von der weiblichen Schamhaftigkeit, -von jener Scham, die nach _Hamerling_ sogar _nur_ das Weib kennt, -in der Erfahrung irgend eine Grundlage haben, die es ermöglichte, -ja begünstigte, daß die Dinge so gedeutet würden? Und weiter: -Religiosität könnte dem Weibe fehlen trotz allen »religieuses«? Strenge -Sittenreinheit bei ihm ausgeschlossen sein, aller tugendhaften Frauen -ungeachtet, von denen Lied und Geschichte melden? Bloß sexuell sollte -das Weib sein, die Sexualität allein bei ihm Anwert finden, wo es doch -mannigfach bekannt ist, daß Frauen wegen der geringsten Anspielung -auf sexuelle Dinge empört sein können, sich, statt zu kuppeln, oft -erbittert und angeekelt wegwenden von jedem Orte der Unzucht, ja nicht -selten den Koitus auch für ihre Person verabscheuen und ihm viel -gleichgültiger gegenüberstehen als irgend ein Mann? - -Es ist wohl offenbar, daß es sich in all diesen Antinomien um eine -und dieselbe Frage handelt, von deren Beantwortung die letzte und -endgültige Entscheidung über das Weib abhängt. Es ist klar, daß, wenn -auch nur _ein einziges_ sehr weibliches Wesen _innerlich asexuell_ -wäre, oder in einem wahrhaften Verhältnis zur Idee sittlichen -Eigenwertes stünde, $alles$, was hier von den Frauen gesagt wurde, -seine Allgemeingültigkeit als psychisches Charakteristikum ihres -Geschlechtes sofort unrettbar verlieren müßte, und somit die _ganze_ -Position des Buches mit einem Schlage vollkommen hinfällig würde. _Jene -scheinbar widersprechenden Erscheinungen müssen befriedigend erklärt, -und es muß von ihnen gezeigt werden, daß, was ihnen wirklich zu Grunde -liegt und so leicht zu Äquivokationen verführt, $derselben$ weiblichen -Natur entspricht, die bisher überall nachgewiesen werden konnte._ - -Man muß zunächst an die ungeheuere _Beeinflußbarkeit_, besser, nur -schlechter zu sprechen, _Beeindruckbarkeit_ der Frauen sich erinnern, -um zum Verständnis jener trügerischen Widersprüche zu gelangen. Diese -außerordentliche Zugänglichkeit für Fremdes und die leichte Annahme der -Ansichten anderer ist in diesem Buche bis jetzt noch nicht genügend -gewürdigt worden. Ganz allgemein schmiegt sich W an M vollständig an, -wie ein Etui an die Kleinodien in ihm, _seine_ Anschauungen werden -die _ihren_, seine Lieblingsneigungen teilen sich ihr mit wie seine -ganz individuellen Antipathien, jedes Wort von ihm ist für sie ein -_Ereignis_, und zwar um so stärker, je mehr er sexuell auf sie wirkt. -Diesen Einfluß des Mannes empfindet die Frau nicht als eine Ablenkung -von der Linie ihrer eigenen Entwicklung, sie erwehrt sich seiner -nicht als einer fremdartigen Störung, sie sucht sich nicht von ihm zu -befreien als von einem Eingriff in ihr inneres Leben, _sie schämt sich -nicht, rezeptiv zu sein_: im Gegenteil, sie fühlt sich nur _glücklich_, -wenn sie es sein kann, _verlangt_ vom Manne, daß er sie, auch geistig, -zu rezipieren _zwinge_. Sie schließt sich immer nur gerne an, _und -ihr Warten auf den Mann ist nur das Warten auf den Augenblick, wo sie -$vollkommen passiv$ sein könne_. - -Aber nicht nur vom »richtigen« Manne (wenn schon von ihm am liebsten), -auch von Vater und Mutter, Onkeln und Tanten, Brüdern und Schwestern, -nahen Verwandten und fernen Bekannten _übernehmen_ die Frauen, was -sie glauben und denken, und sind es froh, wenn in ihnen eine Meinung -_geschaffen_ wird. Noch die erwachsenen und verheirateten Frauen, nicht -nur die unreifen Kinder, ahmen einander in allem und jedem, _als ob -das natürlich wäre_, nach, von einer geschmackvolleren Toilette oder -Frisur, einer Aufsehen erregenden Körperhaltung angefangen bis auf -die Geschäfte, in denen sie einkaufen, und die Rezepte, nach welchen -sie kochen. Auch dieses gegenseitige Kopieren geschieht _ohne_ das -Gefühl, sich hiedurch etwas zu _vergeben_, wie es wohl sein müßte, -besäßen sie eine Individualität, die nur rein ihrem eigenen Gesetze zu -folgen strebt. So setzt sich der theoretische Bestand des weiblichen -Denkens und Handelns der Hauptsache nach aus Überkommenem und wahllos -Übernommenem zusammen, das von den Frauen um so eifriger ergriffen und -um so dogmatischer festgehalten wird, als ein Weib eine Überzeugung -nie selbsttätig aus objektiver Anschauung der Dinge gewinnt, und also -auch nie nach geändertem Aspekte frei aufgibt, nie selbst noch über -seinen Gedanken steht, vielmehr immer nur will, daß ihm eine Meinung -beigebracht werde, die es dann zähe festhalten könne. Darum sind die -Frauen am unduldsamsten, wo ein Verstoß gegen sanktionierte Sitten und -Gebräuche sich ereignet, mögen diese Institutionen welchen Inhaltes -immer sein. Einen angesichts der Frauenbewegung besonders ergötzlichen -Fall dieser Art will ich nach Herbert _Spencer_ mitteilen. Wie bei -vielen Indianerstämmen Nord- und Südamerikas, so gehen auch bei den -_Dakotas_ die Männer bloß der Jagd und dem Kriege nach und haben alle -niedrigen und mühevollen Beschäftigungen auf ihre Weiber gewälzt. Von -der Natürlichkeit und Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens sind die Frauen, -statt irgend sich unterdrückt zu fühlen, allmählich so durchdrungen -worden, daß ein Dakota-Weib dem anderen keinen größeren Schimpf antun -und keine ärgere Kränkung bereiten kann, als diese: »Schändliche Frau -.... ich habe Deinen Mann Holz in seine Wohnung tragen sehen zum -Feueranzünden. Wo war seine Frau, daß er genötigt war, sich selbst zum -Weibe zu machen?« - -Diese außerordentliche Bestimmbarkeit des Weibes durch außer ihm -Liegendes ist im Grunde wesensgleich mit seiner Suggestibilität, die -weit größer und ausnahmsloser ist als die des Mannes: beides kommt -damit überein, daß das Weib im Sexualakte und seinen Vorstadien nur -die passive, nie die aktive Rolle zu spielen wünscht.[63] _Es ist -die $allgemeine$ Passivität der weiblichen Natur, welche die Frauen -am Ende auch die männlichen Wertungen, zu welchen sie gar kein -ursprüngliches Verhältnis haben, acceptieren und übernehmen läßt._ -Diese _Imprägnierbarkeit_ durch die männlichen Anschauungen, diese -_Durchdringung_ des eigenen Gedankenlebens der Frau mit dem fremden -Element, diese _verlogene_ Anerkennung der Sittlichkeit, die man gar -nicht Heuchelei nennen kann, weil nichts _Anti_moralisches durch sie -verdeckt werden soll, diese Aufnahme und Anwendung eines an und für -sich ihr ganz _hetero_nomen Gebotes wird, soweit die Frau selbst nicht -wertet, im allgemeinen leicht und glatt von statten gehen _und den -täuschendsten Schein höherer Sittlichkeit leicht hervorbringen_. -Komplikationen können sich erst einstellen, wenn es zur Kollision -kommt mit der _einzigen eingeborenen_, echten und allgemein-weiblichen -Wertung, der _Höchstwertung des Koitus_. - -Die Bejahung der Gemeinschaft als des höchsten Wertes ist bei der Frau -eine ganz unbewußte. Denn dieser Bejahung steht nicht wie beim Manne -ihre Verneinung als die andere Möglichkeit gegenüber, es fehlt hier -die Zweiheit, die zum Bemerken führen könnte. Kein Weib weiß, oder -hat noch gewußt, oder auch nur wissen können, was es tut, wenn es -kuppelt. _Die Weiblichkeit selbst ist ja identisch mit der Kuppelei_, -und ein Weib müßte aus sich heraustreten können, um zu bemerken, zu -verstehen, daß es kuppelt. So bleibt das tiefste Wollen des Weibes, -das, was sein Dasein eigentlich bedeutet, von ihm stets unerkannt. -Nichts hindert also, daß die männliche negative Wertung der Sexualität -die positive weibliche vollständig im Bewußtsein des Weibes überdecke. -_Die Rezeptivität des Weibes geht so weit, daß es das, was es ist -- -das $einzige$, was es wirklich positiv $ist$! -- daß es selbst dies -verleugnen kann._ - -Aber die Lüge, die es begeht, wenn es sich das männliche -gesellschaftliche Urteil über die Sexualität, über Schamlosigkeit, ja -über die Lüge selbst, _einverleiben_ läßt und den männlichen Maßstab -aller Handlungen zu dem seinigen macht, diese Lüge ist eine solche, -die ihm nie bewußt wird, _es erhält eine zweite Natur, ohne auch nur -zu ahnen, daß es seine echte nicht ist_, es nimmt sich ernst, glaubt -etwas zu sein und zu glauben, ist überzeugt von der Aufrichtigkeit und -Ursprünglichkeit seines moralischen Gebarens und Urteilens: _so tief -sitzt die Lüge, $die organische$_, ich möchte, wenn es gestattet wäre, -am liebsten sagen: _$die ontologische$ Verlogenheit des Weibes_. - -_Wolfram von Eschenbach_ erzählt von seinem Helden: - - »... So keusch und rein - Ruht' er bei seiner Königin, - Daß kein Genügen fänd' darin - So manches Weib beim lieben Mann. - Daß doch so manche in Gedanken - Zur Üppigkeit will überschwanken, - Die sonst sich spröde zeigen kann! - Vor Fremden züchtig sie erscheinen, - _Doch ist des Herzens tiefstes Meinen - Das Widerspiel vom äußern Schein_.« - -Was das tiefste Meinen des weiblichen Herzens ist, das hat _Wolfram_ -klar genug angedeutet. Aber er sagt nicht alles. Nicht nur die Fremden, -_auch sich selbst_ belügen die Frauen in diesem Punkte. Man kann aber -seine Natur, sei es auch die physische, nicht unterdrücken ohne Folgen. -Die hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur -des Weibes ist die _Hysterie_. - -Von allen Neurosen und Psychosen stellen die _hysterischen_ -Erscheinungen dem Psychologen beinahe die reizvollste Aufgabe; eine -weit schwierigere und darum verlockendere als eine verhältnismäßig -leicht nachzulebende _Melancholie_, oder eine simple _Paranoia_. - -Zwar haben gegen psychologische Analysen fast alle Psychiater ein -nicht zu beseitigendes Mißtrauen; jede Erklärung durch pathologisch -veränderte Gewebe oder durch Intoxikationen auf nutritivem Wege ist -ihnen a limine glaubhaft, nur dem Psychischen mögen sie keine primäre -Wirksamkeit zuerkennen. Da aber nie noch ein Beweis dafür erbracht -worden ist, daß dem Psychischen eher als dem Physischen die sekundäre -Rolle zufallen müsse -- alle Hinweise auf die »Erhaltung der Energie« -sind von den berufensten Physikern selbst desavouiert worden -- so -kann man billig über dieses Vorurteil hinweggehen. Auf die Bloßlegung -des »psychischen Mechanismus« der Hysterie kann unendlich viel, ja -- -nichts spricht dagegen[64] -- möglicherweise _alles_ ankommen. Daß -höchstwahrscheinlich dieser Weg der richtige ist, darauf weist auch -hin, daß die wenigen bisherigen wahren Aufschlüsse über die Hysterie -nicht anders gewonnen wurden: ich meine die mit den Namen _Pierre -Janet_ und _Oskar Vogt_, und besonders J. _Breuer_ und S. _Freud_ -verknüpften Forschungen. Jede weitere Aufklärung über die Hysterie ist -in der Richtung zu suchen, welche diese Männer eingeschlagen haben: in -der Richtung auf die Rekonstruktion des _psychologischen_ Prozesses, -welcher zur Krankheit geführt hat. - -Schematisch hat man sich, wie ich glaube, die Entstehung derselben, -unter Annahme eines _sexuellen_ »traumatischen« Erlebnisses als des -häufigsten (nach _Freud alleinigen_) Anlasses zur Erkrankung, so -vorzustellen: eine Frau, die irgend eine sexuelle Wahrnehmung oder -Vorstellung gehabt, diese durch ursprüngliche oder Rückbeziehung -auf sich selbst _verstanden_ hat, und diese nun, vermöge der -ihr aufgedrungenen und von ihr gänzlich übernommenen, _in sie -über_gegangenen und ihr _waches Bewußtsein_ allein beherrschenden -männlichen Wertung _als ganze zurückweist, über sie empört, unglücklich -ist -- und sie gleichzeitig vermöge ihrer Beschaffenheit als Weib -positiv wertet, bejaht, wünscht in ihrem tiefsten Unbewußten_; in -der dann dieser Konflikt weiter schwärt, gärt und zu Zeiten in einem -Anfall aufbraust: eine solche Frau gewährt das mehr oder minder typisch -gewordene Krankheitsbild der Hysterie. So erklärt sich die Empfindung -des von der Person, wie sie _glaubt_, verabscheuten, tatsächlich aber -doch von etwas in ihr, von der ursprünglichen Natur, _gewollten_ -Sexualaktes als eines »_Fremdkörpers im Bewußtsein_«. _Die kolossale -Intensität des durch jeden Versuch zu seiner Unterdrückung nur -gesteigerten Wunsches, die um so heftigere, beleidigtere Zurückweisung -des Gedankens_ -- dies ist das Wechselspiel, das sich in der Hysterika -vollzieht. Denn die _chronische_ Verlogenheit des Weibes wird _akut_, -wenn sie auf den _Hauptpunkt_ sich erstreckt, wenn die Frau sich -auch die ethisch-negative Bewertung der Sexualität vom Manne noch -hat einverleiben lassen. Und daß die Hysterischen die _stärkste -Suggestibilität_ dem Manne gegenüber offenbaren, ist ja bekannt. -$Hysterie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des -Weibes.$ Ich leugne nicht, daß es auch, wenngleich _relativ_ nur recht -_selten_, hysterische _Männer_ gibt: denn _eine_ unter den unendlich -vielen Möglichkeiten, die psychisch im Manne liegen, ist es, zum -Weibe und damit, gegebenenfalls, auch _hysterisch_ zu werden. Es gibt -freilich auch verlogene _Männer_; aber da verläuft die Krisis anders -(wie auch ihre Verlogenheit stets eine andere, nie eine so völlig -_hoffnungslose_ ist): sie führt zur, obschon oft nur vorübergehenden, -_Läuterung_. - -Diese Einsicht in die organische Verlogenheit des Weibes, in seine -Unfähigkeit zur Wahrheit über sich selbst, die allein ermöglicht, daß -es in einer Weise denke, die ihm gar nicht entspricht, scheint mir -eine im Prinzip befriedigende Auflösung jener Schwierigkeiten, welche -die Ätiologie der Hysterie darbietet. Wäre die Tugend des Weibes echt, -so könnte es durch sie nicht leiden; es büßt nur die _Lüge_ gegen die -eigene, in Wirklichkeit ungeschwächte Konstitution. Im einzelnen bedarf -nun noch manches der Erläuterung und der Belege. - -Die Hysterie zeigt, daß die Verlogenheit, so tief sie hinabreicht, doch -nicht so fest sitzt, um _alles_ zu verdrängen. Das Weib hat ein ganzes -System von ihm fremden Vorstellungen und Wertungen durch Erziehung -oder Verkehr sich zu eigen gemacht, oder vielmehr: ihnen gehorsam alle -Einflußnahme auf sich gestattet; und es bedarf eines ganz gewaltigen -Anstoßes, um diesen großen, fest in sie eingewachsenen psychischen -Komplex aus dem Sattel zu heben, und so das Weib in jenen Zustand -intellektueller Hilflosigkeit, jener »Abulie« zu versetzen, welche für -die Hysterie so kennzeichnend ist. Ein außerordentlicher _Schreck_ etwa -vermag den künstlichen Bau umzuwerfen und die Frau nun zum Schauplatz -des Kampfes einer ihr unbewußten, verdrängten _Natur_ mit einem zwar -bewußten, aber ihr unnatürlichen _Geiste_ zu machen. Das Hin- und -Hergeworfenwerden zwischen beiden, welches nun anhebt, erklärt die -außergewöhnliche psychische Diskontinuität während des hysterischen -Leidens, das fortwährende Wechseln verschiedener Stimmungen, von denen -keine durch einen, ihnen allen noch übergeordneten Bewußtseinskern -ergriffen und festgehalten, beobachtet und beschrieben, erkannt -und bekämpft werden kann. Auch hängt hiemit das überleichte -Zusammenschrecken der Hysterischen zusammen. Doch läßt sich vermuten, -daß viele Anlässe, auch wenn sie dem geschlechtlichen Gebiete -_objektiv_ noch so fern liegen, von ihnen sexuell mögen apperzipiert -werden; wer aber vermöchte dann zu sagen, _womit_ das schreckhafte -äußere Erlebnis von scheinbar ganz _a_sexueller Natur _in ihnen_ sich -wieder verknüpft hat? - -Höchst wunderbar ist immer das Zusammensein so vieler Widersprüche in -den Hysterischen erschienen. Sie sind einerseits von eminent kritischem -Verstande und großer Urteilssicherheit, sträuben sich gegen die Hypnose -u. s. w., u. s. w., anderseits durch die geringfügigsten Anlässe am -stärksten excitierbar, und die tiefsten Grade hypnotischen Schlafes bei -ihnen erreichbar. Sie sind, von da gesehen, abnorm keusch, von dort aus -betrachtet, enorm sinnlich. - -All das ist hienach nicht schwer mehr zu erklären. Die gründliche -Rechtschaffenheit, die peinliche Wahrheitsliebe, das strenge Meiden -alles Sexuellen, das besonnene Urteil und die Willensstärke -- _all -dies ist nur ein Teil jener Pseudopersönlichkeit_, welche die Frau -_in ihrer Passivität vor sich und aller Welt zu spielen übernommen -hat_. Alles, was ihrer _ursprünglichen_ Beschaffenheit angehört und in -deren Sinn liegt, bildet jene »abgespaltene Person«, jene »unbewußte -Psyche«, die _gleichzeitig_ in Obscönitäten sich ergehen kann und -der suggestiven Beeinflussung so zugänglich ist. Man hat in den als -»duplex« und »multiplex personality«, als »double conscience«, als -»Doppel-Ich« benannten Tatsachen eines der stärksten Argumente gegen -die Annahme der _einen_ Seele erblicken wollen. In Wirklichkeit -sind gerade diese Phänomene der bedeutsamste Fingerzeig dafür, -_daß_ und _wo_ man von einer Seele reden darf. _Die »Spaltungen der -Persönlichkeit« sind eben nur dort möglich, wo von Anfang an keine -Persönlichkeit da ist, wie beim Weibe._ _All_ jene berühmten Fälle, -die _Janet_ in seinem Buche »L'Automatisme psychologique« beschrieben -hat, _beziehen sich auf Frauen_, kein einziger auf einen Mann. Nur die -Frau, die, ohne Seele, ohne ein intelligibles Ich, nicht Kraft hat, -alles in ihr Enthaltene bewußt zu machen, das Licht der Wahrheit über -ihrem Innern zu entzünden, kann durch die völlig passive _Durchflößung_ -mit einem fremden Bewußtsein, wie durch die im Sinne ihrer eigenen -Natur gelegenen Regungen so übertölpelt werden, wie es Voraussetzung -der von _Janet_ beschriebenen hysterischen Zustände ist, nur bei ihr -kann es zu derartig dichten Verkleidungen, zum Auftreten der _Hoffnung_ -auf den Koitus als _Angst vor_ dem Akte, zur _inneren Maskierung -vor sich selbst_ und Einspinnung des wirklichen Wollens wie in eine -undurchdringliche Kokonhülle kommen. Die Hysterie selbst ist der -Bankerott des aufgeprägten oberflächlichen Schein-Ich; deshalb macht -sie das Weib zeitweilig innerlich beinahe zur »tabula rasa«: indem auch -jeder eigene Trieb wie aus ihr hinweggeräumt scheint (»Anorexie«); -bis dann jene Versuche der wirklichen Weiblichkeit folgen, gegen -ihre verlogene Verleugnung sich nun endlich durchzusetzen. Wenn -jener »nervöse Choc«, jenes »psychische Trauma« je wirklich ein -asexuelles Schrecknis ist, so hat eben dieses die innere Schwäche -und Unhaltbarkeit des angenommenen Ich dargetan, es verscheucht, -davongejagt und so die Gelegenheit für den Ausbruch der echten Natur -geschaffen. - -Das _Heraufkommen dieser_ ist jener »Gegenwille« _Freuds_, der wie ein -fremder empfunden und durch die Zuflucht bei dem alten, nun aber morsch -und brüchig gewordenen Schein-Ich abgewehrt wird. Denn der »Gegenwille« -wird zurückzudrängen versucht: früher hat jener äußere _Zwang_, den -die Hysterika wie eine _Pflicht_ empfand, die eigene Natur unter die -Bewußtseinsschwelle verwiesen, sie verdammt und in Fesseln gelegt; -nun sucht sie nochmals vor den befreiten, emporwollenden Gewalten in -jenes System von Grundsätzen sich zu flüchten und mit seiner Hilfe die -ungewohnten Anfechtungen abzuschütteln und niederzuschlagen; aber jenes -hat zumindest seine Alleinherrschaft nun eingebüßt. - -_Der »Fremdkörper im Bewußtsein«, das »schlimme Ich« ist in -Wirklichkeit ihre eigenste weibliche Natur, während, was $sie$ für ihr -wahres Ich hält, gerade die Person ist, die sie durch das Einströmen -alles $Fremden$ wurde._ Der »Fremdkörper« ist die _Sexualität_, die -sie nicht _anerkennt_, deren Zugehörigkeit zu sich sie nicht zugibt; -die sie aber doch nicht mehr zu _bannen_ vermag wie ehedem, da ihre -Triebe vor der einwandernden Sittlichkeit sich geräuschlos und wie für -immer zurückzogen. Zwar mögen sich auch jetzt noch die mit äußerster -Anspannung unterdrückten Sexualvorstellungen »_konvertieren_« in alle -möglichen Zustände und so jenen proteusartigen Charakter des Leidens -hervorbringen, jenes Überspringen von Glied zu Glied, jene alles -nachahmende und niemals konstante Gestalt, welche die Definition der -Hysterie nach ihrem Symptomenbilde stets so sehr erschwert hat; aber in -keiner »Konversion« von allen geht nunmehr der Trieb auf, er verlangt -nach oben, in keiner Verwandlung findet er mehr seine _Erschöpfung_. - -Das _Unvermögen der Frauen zur Wahrheit_ -- für mich, der ich auf dem -Boden des Kantischen Indeterminismus stehe, folgt es aus ihrem Mangel -an einem _freien Willen zur Wahrheit_ -- bedingt ihre _Verlogenheit_. -Wer mit Frauen Umgang hatte, der weiß, wie oft sie, _unter dem -momentanen Zwang auf eine Frage zu antworten_, ganz beliebig falsche -Gründe für das, was sie gesagt oder getan haben, aus dem Stegreif -angeben. Nun ist es richtig, daß gerade die Hysterischen peinlichst -(aber nie ohne eine gewisse, demonstrative, Absichtlichkeit vor -Fremden) jeder Unwahrheit aus dem Wege gehen: _aber gerade hierin -liegt, so paradox es klingt, ihre Verlogenheit_. Denn sie wissen -nicht, daß ihnen die ganze Wahrheitsforderung von außen gekommen -und allmählich eingepflanzt worden ist. Sie haben das Postulat der -Sittlichkeit knechtisch acceptiert und geben darum, dem braven -Sklaven gleich, bei jeder Gelegenheit zu erkennen, wie getreu sie es -befolgen. Es ist immer auffällig, wenn man über jemand oft hervorheben -hört, was für ein ausnehmend anständiger Mensch er sei: er hat dann -sicherlich dafür gesorgt, daß man es wisse, und man kann wetten, daß er -insgeheim ein Spitzbube ist. Es kann das Vertrauen zu der Echtheit der -Moralität der Hysterischen nicht fördern, wenn die Ärzte (natürlich in -gutem Glauben) so oft betonen, wie hoch ihre Patienten in sittlicher -Beziehung stünden. - -Ich wiederhole: die Hysterischen simulieren nicht bewußt; nur unter dem -Einfluß der Suggestion kann ihnen klar werden, _daß_ sie tatsächlich -simuliert haben, und nur so sind alle »Geständnisse« der Verstellung zu -erklären. _$Sonst$ aber glauben sie an ihre eigene Aufrichtigkeit und -Moralität_: Auch die Beschwerden, von denen sie gepeinigt werden, sind -keine eingebildeten; vielmehr liegt darin, _daß_ sie diese wirklich -fühlen, und daß die Symptome erst mit der _Breuer_schen »Katharsis« -verschwinden, welche ihnen die wahren Ursachen der Krankheit in -der Hypnose successive _zum Bewußtsein_ bringt, der _Beweis_ des -_Organischen_ ihrer Verlogenheit. - -Auch die Selbstanklagen, welche die Hysterischen so laut zu erheben -pflegen, sind nichts als unbewußte Gleisnerei. Ein Schuldgefühl -kann nicht echt sein, das sich auf kleinste wie auf größte Dinge -_gleichmäßig_ erstreckt; hätten die hysterischen Selbstquäler das Maß -der Sittlichkeit in sich und aus sich selbst, so würden sie nicht so -wahllos in ihren Selbstanklagen sein und nicht die geringfügigste -Unterlassung schon _gleich_ schwer sich anrechnen wie den größten Fehl. - -Das entscheidende Zeichen für die unbewußte _Verlogenheit_ ihrer -Selbstvorwürfe ist die Art, in der sie anderen zu sagen pflegen, wie -schlecht sie seien, was für Sünden sie begangen hätten, und jene -fragen, ob sie selbst (die Hysterischen) nicht ganz und gar verworfene -Geschöpfe seien. Wessen Gewissensbisse ihn wirklich zu Boden drücken, -der kann nicht so reden. Es ist eine _Täuschung_, der besonders -_Breuer_ und _Freud_ zum Opfer gefallen sind, wenn sie gerade die -Hysteriker als eminent sittliche Menschen hinstellen. Denn diese haben -nur ein ihnen ursprünglich Fremdes, die Moral, vollständiger von außen -in sich übergehen lassen als die anderen. Diesem Kodex unterstehen sie -nun sklavisch, sie prüfen nichts mehr selbsttätig, wägen im einzelnen -nichts mehr ab. Das kann sehr leicht den Eindruck des sittenstrengsten -Rigorismus hervorrufen, und ist doch so unsittlich als möglich, denn es -ist das Höchste, was an _Heteronomie_ überhaupt geleistet werden kann. -Dem sittlichen Ziele einer _sozialen_ Ethik, für welche die Lüge kaum -ein Vergehen sein kann, wenn sie der Gesellschaft oder der Entwicklung -der Gattung nützt, diesem idealen Menschen einer solchen _hetero_nomen -Moral kommen die Hysterischen vielleicht näher als irgend ein anderes -Wesen. _Das hysterische Frauenzimmer ist die Probiermamsell der -Erfolgs- und der Sozialethik_: sowohl genetisch, denn die sittlichen -Vorschriften sind ihr wirklich von außen gekommen; als auch praktisch, -denn sie wird am leichtesten altruistisch zu handeln scheinen: für sie -sind die Pflichten gegen andere nicht ein Sonderfall der Pflicht gegen -sich selbst. - -Je getreuer die Hysterischen an die Wahrheit sich zu halten glauben, -desto tiefer sitzt ihre Verlogenheit. Ihre völlige Unfähigkeit zur -eigenen Wahrheit, zur Wahrheit über sich -- die Hysterischen denken nie -über sich nach und wollen nur, daß der andere über sie nachdenke, sie -wollen ihn _interessieren_ -- geht daraus hervor, daß die Hysterischen -die besten Medien für alle Hypnose abgeben. Wer aber sich hypnotisieren -läßt, der begeht die unsittlichste Handlung, die denkbar ist. Er begibt -sich in die vollendetste Sklaverei: er verzichtet auf seinen Willen, -auf sein Bewußtsein, über ihn gewinnt der andere Gewalt und erzeugt in -ihm das Bewußtsein, das ihm hervorzubringen gutdünkt. So liefert die -Hypnose den Beweis, wie alle _Möglichkeit_ der Wahrheit vom _Wollen_ -der Wahrheit, d. h. aber vom Wollen seiner selbst, abhängt: wem in -der Hypnose etwas aufgetragen wird, der führt es im Wachen aus, und -ersinnt, um seine Gründe gefragt, auf der Stelle ein beliebiges Motiv -dafür; ja, nicht nur vor anderen, auch vor sich selbst rechtfertigt -er mit einer ganz aus der Luft gegriffenen Erklärung, weshalb er nun -so handle. Man hat hier sozusagen eine experimentelle Bestätigung der -Kantischen Ethik. Wäre der Hypnotisierte bloß ohne Erinnerung, so müßte -er darüber erschrecken, daß er nicht _wisse_, warum er etwas tue. Aber -er erfindet sich ohne weiteres ein neues Motiv, das mit dem wahren -Grunde, aus dem er die Handlung ausführt, gar nichts zu tun hat. Er hat -eben auf sein Wollen verzichtet, und damit keine Fähigkeit zur Wahrheit -mehr. - -_Alle Frauen nun sind zu hypnotisieren und wollen gerne hypnotisiert -werden_; am leichtesten, am stärksten die Hysterischen. Selbst das -Gedächtnis für bestimmte Dinge aus ihrem Leben kann man -- denn das -Ich, der Wille, _schafft_ das Gedächtnis -- bei Frauen durch die -einfache Suggestion, daß sie von ihnen nichts mehr wüßten, auslöschen, -vernichten. - -Jenes _Breuer_sche »Abreagieren« der psychischen Konflikte durch -den hypnotisierten Kranken liefert den zwingenden Beweis, daß sein -Schuldbewußtsein kein ursprüngliches war. Wer sich einmal aufrichtig -schuldig gefühlt hat, ist von diesem Gefühle nie so völlig zu befreien, -wie es die Hysterischen sind, unter dem bloßen Einfluß des fremden -Wortes. - -Aber selbst diese Scheinzurechnung, welche die Frauen von hysterischer -Konstitution an sich vollziehen, wird hinfällig im Augenblicke, wo -die Natur, das sexuelle Begehren, sich durchzusetzen droht gegen die -scheinbare Bändigung. Im hysterischen Paroxysmus geht nichts anderes im -Weibe vor, als daß es sich, ohne es mehr sich selbst, wie früher, ganz -zu glauben, fort und fort versichert: das will _ich_ ja gar nicht, das -will _man_, das will jemand _Fremder_ _von mir_, aber _ich_ will es -_nicht_. Jede Regung anderer wird nun zu jenem Ansinnen in Beziehung -gebracht, das an sie, wie sie glaubt, von außen gestellt wurde, aber -in Wahrheit ihrer eigenen Natur entstammt und deren tiefsten Wünschen -vollauf entspricht; nur darum sind die Hysterischen im Anfall so -leicht durch das Geringste aufzubringen. Es handelt sich da immer um -die letzte verlogene Abwehr der in ungeheuerer Stärke frei werdenden -Konstitution; die »~Attitudes passionnelles~« der Hysterischen sind -nichts als diese demonstrative Abweisung des Sexualaktes, die darum so -laut sein muß, weil sie eben doch unecht ist, und so viel lärmender -als früher, weil nun die Gefahr größer ist.[65] Daß so oft sexuelle -Erlebnisse aus der Zeit vor der Pubertät in der akuten Hysterie die -größte Rolle spielen, ist danach leicht zu verstehen. Auf das Kind -war der Einfluß der fremden moralischen Anschauungen verhältnismäßig -leicht auszuüben, ohne einen erheblichen Widerstand in den noch fast -gänzlich schlummernden sexuellen Wünschen überwinden zu müssen. Nun -aber greift die bloß zurückgedrängte, nicht überwundene Natur das -alte, schon damals von ihr, nur ohne die Kraft es bis zum wachen -Bewußtsein emporzuheben und gegen dieses durchzusetzen, _positiv_ -gewertete Erlebnis _auf_, und stellt es nun erst gänzlich verführerisch -dar. Jetzt ist das wahre Bedürfnis nicht mehr so leicht vom wachen -Bewußtsein fernzuhalten wie ehedem, und so ergibt sich die Krise. Daß -der hysterische Anfall selbst so viele verschiedene Formen zeigen und -sich fortwährend in ein neues Symptomenbild transmutieren kann, liegt -vielleicht nur daran, daß der Ursprung des Leidens nicht _erkannt_, -daß die Tatsache, ein sexuelles Begehren sei da, vom Individuum nicht -_zugegeben_, nicht als von _ihm_ ausgegangen _ins Auge gefaßt_, sondern -einem zweiten Ich zugerechnet wird. - -Dies aber ist auch der Grundfehler aller ärztlichen Beobachter der -Hysterie, daß sie sich von den Hysterischen hierin immer ebenso haben -belügen lassen, wie diese sich allerdings auch selber aufsitzen[66]: -_nicht das abwehrende Ich, sondern das abgewehrte ist die eigene, -wahre und ursprüngliche Natur der Hysterischen_, so eifrig diese -auch sich selbst und anderen vormachen, daß es ein Fremdes sei. Wäre -das abwehrende Ich wirklich ihr eigenes, so könnten sie der Regung, -als einer ihnen fremden, _gegenübertreten_, sie _bewußt werten_ und -klar entschieden _abweisen_, sie gedanklich _festlegen_ und _wieder -erkennen_. So aber findet eine Maskierung statt, weil das abwehrende -Ich nur geborgt ist, und darum der Mut fehlt, dem eigenen Wunsche ins -Auge zu schauen, von dem man eben doch dumpf irgendwie fühlt, daß er -der echtgeborene, der allein mächtige ist. Darum kann jenes Begehren -auch nicht identisch bleiben, wo es an einem identischen Subjekte -fehlt; und da es unterdrückt werden soll, springt es sozusagen über -von einem Körperteil auf den anderen. Denn die Lüge ist vielgestaltig, -sie nimmt immer neue Formen an. Man wird diesen Erklärungsversuch -vielleicht mythologisch finden; aber wenigstens scheint sicher, daß es -immer nur ein und dasselbe ist, was jetzt als Kontraktur, dann wieder -plötzlich als Hemianästhesie, und nun gar als Lähmung erscheint. Dieses -eine ist das, was die Hysterika nicht als zu sich gehörig anerkennen -will, und unter dessen Gewalt sie _eben damit_ gerät: denn würde sie -es sich zurechnen und es beurteilen, wie sie alle geringfügigsten -Dinge sonst sich zugerechnet hat, so würde sie zugleich irgendwie -außerhalb und oberhalb ihres Erlebnisses stehen. Gerade das Rasen und -Wüten der Hysterikerinnen gegen etwas, _das sie als fremdes Wollen -empfinden, obwohl es ihr eigenstes ist_, zeigt, daß sie tatsächlich -ganz so sklavisch unter der Herrschaft der Sexualität stehen wie -die nichthysterischen Frauen, genau so von ihrem Schicksal besessen -sind und nichts haben, was über demselben steht: kein zeitloses, -intelligibles, _freies_ Ich. - -Man wird nun mit Recht noch die Frage aufwerfen, warum nicht alle -Frauen hysterisch, da doch alle verlogen seien. Es ist dies keine -andere Frage als die nach der hysterischen Konstitution. Wenn die hier -entwickelte Theorie das Richtige getroffen hat, so muß sie auch hierauf -eine Antwort geben können, die mit der Wirklichkeit übereinstimmt. -Die hysterische Frau ist nach ihr diejenige, welche in passiver -Gefügigkeit den Komplex der männlichen und gesellschaftlichen Wertungen -einfach acceptiert hat, statt ihrer sinnlichen Natur möglichsten Lauf -lassen zu wollen. _Die nicht folgsame Frau wird also das Gegenteil -der Hysterika sein._ Ich will hiebei nicht lange verweilen, weil es -eigentlich in die spezielle weibliche Charakterologie gehört. Das -hysterische Weib wird hysterisch als eine Folge seiner Knechtsamkeit, -es ist identisch mit dem geistigen Typus der _Magd_; ihr Gegenteil, die -absolut unhysterische Frau (welche, als eine Idee, es in der Erfahrung -nicht gibt), wäre die absolute _Megäre_. Denn auch dies ist ein -Einteilungsgrund aller Frauen. Die Magd dient, die Megäre herrscht.[67] -Zum Dienstmädchen kann und muß man geboren sein, und eignet sich sehr -wohl manche Frau, die reich genug ist, um nie den Stand derselben -ergreifen zu müssen. Und Magd und Megäre stehen immer in einem gewissen -Ergänzungsverhältnis.[68] - -Die Folgerung aus der Theorie wird nun von der Erfahrung vollauf -bestätigt. Die Xanthippe ist jene Frau, welche in der Tat am wenigsten -Ähnlichkeit mit der Hysterika hat. Sie läßt ihre Wut (die wohl auch -nur auf mangelhafte sexuelle Befriedigung zurückgeht) an anderen, die -hysterische Sklavin an sich selbst aus. Die Megäre »haßt« die anderen, -die Magd »haßt« »sich«. Alles, was die Megäre drückt, bekommt der -Nebenmensch zu spüren; sie weint ebenso leicht wie die Magd, aber -sie weint stets andere an. Die Sklavin schluchzt auch allein, ohne -_freilich je einsam zu sein_ -- Einsamkeit wäre ja mit Sittlichkeit -identisch und Bedingung jeder wahren Zweisamkeit und Mehrsamkeit; die -Megäre verträgt das Alleinsein nicht, sie muß ihren Zorn an jemand -außer sich auslassen, indes die Hysterische sich selbst verfolgt. Die -Megäre lügt offen und frech, aber ohne es zu wissen, weil sie von Natur -_immer_ im Rechte zu sein glaubt; so beschimpft sie noch den anderen, -der ihr widerspricht. Die Magd hält sich gehorsam an die ihr von Natur -ebenso fremde Wahrheitsforderung; die _Verlogenheit_ dieser fügsamen -Ergebung kommt in ihrer Hysterie zum Vorschein: dann nämlich, wenn -der Konflikt mit ihren eigenen sexuellen Wünschen da ist. Um dieser -Rezeption und allgemeinen Empfänglichkeit willen mußte die Hysterie -und das hysterische Frauenzimmer so eingehend besprochen werden: -dieser Typus, nicht die Megäre, ist es, der mir zuletzt noch hätte -entgegengehalten werden können.[69] - -Verlogenheit, organische Verlogenheit, charakterisiert aber beide und -somit sämtliche Frauen. Es ist ganz unrichtig, wenn man sagt, daß die -Weiber _lügen_. Das würde voraussetzen, daß sie auch manchesmal die -Wahrheit sagen. Als ob _Aufrichtigkeit_, pro foro interno et externo, -nicht gerade die Tugend wäre, deren die Frauen _absolut unfähig_ sind, -die ihnen _völlig unmöglich_ ist! Es handelt sich darum, daß man -einsehe, _wie eine Frau in ihrem ganzen Leben $nie$ wahr $ist$, selbst, -ja $gerade$ dann nicht, wenn sie, wie die Hysterische, sich sklavisch -an die für sie $hetero$nome Wahrheitsforderung hält und so $äußerlich$ -doch die Wahrheit $sagt$_. - -Ein Weib kann beliebig lachen, weinen, erröten, ja es kann schlecht -aussehen auf Verlangen: die Megäre, wann sie, irgend einem Zweck -zuliebe, es will; die Magd, wann der äußere Zwang es verlangt, der sie, -ohne daß sie es weiß, beherrscht. Zu solcher Verlogenheit fehlen dem -Manne offenbar auch die organischen, physiologischen Bedingungen. - -_Ist so die $Wahrheitsliebe$ dieses Frauentypus $nur als die ihm -eigentümliche Form der Verlogenheit$ entlarvt_, so ist von den -anderen Eigenschaften, die an ihm gerühmt werden, von Anfang an zu -erwarten, daß es nicht besser mit ihnen werde bestellt sein. Seine -Schamhaftigkeit, seine Selbstbeobachtung, seine Religiosität werden -rühmend hervorgehoben. Die weibliche Schamhaftigkeit ist aber nichts -anderes als Prüderie, d. h. eine demonstrative Verleugnung und Abwehr -der _eigenen_ Unkeuschheit. Wo irgend bei einem Weibe das wahrgenommen -wird, was man als Schamhaftigkeit deutet, dort ist auch schon, im genau -entsprechenden Maße, Hysterie vorhanden. Die ganz unhysterische, die -gänzlich unbeeinflußbare Frau, d. i. die absolute Megäre, wird nicht -erröten, auch wenn ihr der Mann etwas noch so Berechtigtes vorwirft; -ein Anfang von Hysterie ist da, wenn das Weib unter dem unmittelbaren -Eindruck des männlichen Tadels errötet; vollkommen hysterisch aber ist -es erst, sobald es auch dann errötet, wenn es allein, und wenn kein -fremder Mensch anwesend ist: denn dann erst ist es vom anderen, von der -männlichen Wertung, _$vollständig$ imprägniert_. - -Frauen, die dem nahe kommen, was man sexuelle Anästhesie oder -Frigidität genannt hat, sind, wie ich, in Übereinstimmung mit Paul -_Solliers_ Befunden, hervorheben kann, stets Hysterikerinnen. Die -sexuelle Anästhesie ist eben nur _eine_ von den vielen hysterischen, -d. h. unwahren, verlogenen Anästhesien. Es ist ja, besonders durch die -Experimente von Oskar _Vogt_, bekannt, daß solche Anästhesien keinen -wirklichen Mangel der Empfindung bedeuten, sondern nur einen Zwang, -der gewisse Empfindungen vom Bewußtsein fernhält und ausschließt. -Wenn man den anästhetisch gemachten Arm einer Hypnotisierten beliebig -oft sticht und dem Medium aufgegeben hat, jene Zahl zu nennen, die -ihm gleichzeitig einfalle, so nennt es die Zahl der Stiche, die es -in seinem (dem »somnambulen«) Zustande, offenbar nur unter der Kraft -eines bestimmten Bannes, nicht perzipieren durfte. So ist auch die -sexuelle Frigidität auf ein _Kommando_ entstanden: durch die zwingende -Kraft der Imprägnation mit einer asexuellen, aus der Umgebung auf -das empfängliche Weib übergegangenen Lebensanschauung; aber wie -alle Anästhesie durch ein genügend starkes _Kommando_ auch wieder -_aufzuheben_. - -Ebenso wie mit der eigenen körperlichen Unempfindlichkeit gegen den -Geschlechtsakt verhält es sich mit dem Abscheu gegen Geschlechtlichkeit -überhaupt. Ein solcher Abscheu, eine intensive Abneigung gegen alles -Sexuelle, wird von manchen Frauen wirklich empfunden, und man könnte -glauben, hier liege eine Instanz gegen die Allgemeingültigkeit -der Kuppelei und gegen ihre Gleichsetzung mit der Weiblichkeit -vor. Frauen, welche es krank machen kann, wenn sie ein Paar im -Geschlechtsverkehre überraschen, sind aber stets Hysterikerinnen. So -tritt hier vielmehr überzeugend die Richtigkeit der Theorie hervor, -welche die Kuppelei als das Wesen der Frau hinstellte und die eigene -Sexualität derselben nur als einen besonderen Fall unterordnete: eine -Frau kann nicht nur hysterisch werden durch ein sexuelles Attentat, -das auf sie ausgeübt wurde, und gegen das sie _äußerlich_ sich wehrte, -ohne es _innerlich_ zu verneinen, sondern ebenso durch den Anblick -irgend eines koitierenden Paares, indem sie dessen Koitus noch negativ -zu werten glaubt, wo schon die eingeborene Bejahung desselben mächtig -durchbricht durch alles Angenommene und Künstliche, durch die ganze -ihr aufgedrückte und einverleibte Denkweise, in deren Sinn sie sonst -empfindet. Denn sie fühlt auch mit jeder sexuellen Vereinigung anderer -nur sich selbst koitiert. - -Ein Ähnliches gilt von dem bereits kritisierten hysterischen -»Schuldbewußtsein«. Die absolute Megäre fühlt sich überhaupt _nie_ -schuldig, die leicht hysterische Frau nur in Gegenwart des Mannes, die -ganz hysterische vor jenem Mann, der definitiv in sie übergegangen -ist. Man komme nicht mit den Kasteiungen der Betschwestern und -Büßerinnen, um das Schuldgefühl der Frauen zu beweisen. Gerade die -extremen Formen, welche hier die Selbstzüchtigung annimmt, machen sie -verdächtig. Die Kasteiung beweist wohl in den meisten Fällen nur, daß -ein Mensch nicht _über_ seiner Tat steht, daß er sie nicht schon durch -das Schuldbewußtsein auf sich genommen hat; sie scheint viel eher ein -Versuch zu sein, die Reue, die man doch nicht ganz innerlich empfindet, -von außen sich aufzudrängen und ihr so die Stärke zu geben, die sie an -sich nicht hat. - -Damit hängt auch der vom einen dem anderen immer wieder nachgesprochene -Irrtum zusammen, daß die Frauen religiös veranlagt seien. Die weibliche -Mystik ist, wo sie über simplen Aberglauben hinausgeht, _entweder_ eine -sanft verhüllte Sexualität, wie bei den zahlreichen Spiritistinnen -und Theosophinnen -- diese Identifikation des Geliebten mit der -Gottheit ist von Dichtern mehrfach behandelt worden, besonders von -_Maupassant_, in dessen bestem Romane _Christus_ für die Frau des -Bankiers _Walter_ die Züge des »_Bel-Ami_« annimmt, und nach ihm von -Gerhart _Hauptmann_ in »_Hanneles Himmelfahrt_« --, _oder_ es ist -der andere Fall verwirklicht, daß auch die Religiosität vom Manne -passiv und unbewußt übernommen und um so krampfhafter festzuhalten -gesucht wird, je stärker ihr die eigenen natürlichen Bedürfnisse -widersprechen. Bald wird der Geliebte zum Heiland; bald (wie man -weiß, bei so vielen Nonnen) der Heiland zum Geliebten. Alle großen -Visionärinnen, welche die Geschichte nennt (vgl. Teil I, S. 85), sind -hysterisch gewesen; die berühmteste unter ihnen, die _heilige Therese_, -hat man nicht mit Unrecht »die Schutzheilige der Hysterie« genannt. -Wäre übrigens die Religiosität der Frauen echt, und käme sie bei ihnen -aus einem Inneren, so hätten sie religiös schöpferisch sein können, -ja, irgendwie sein müssen: sie sind es aber nie, nicht im mindesten, -gewesen. Man wird verstehen, was ich meine, wenn ich den eigentlichen -Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Credo so ausspreche: -die Religiosität des Mannes ist höchster Glaube _an sich selbst_, die -Religiosität des Weibes höchster Glaube _an den anderen_. - -So bleibt nur noch die Selbstbeobachtung, die bei den Hysterikern -oft als außerordentlich entwickelt bezeichnet wird. Daß es aber -bloß der Mann ist, der in das Weib so weit eingedrungen ist, daß er -selbst _in_ ihr noch beobachtet, wird aus der Art und Weise klar, wie -_Vogt_, in weiterer und exakterer Anwendung eines zuerst von _Freud_ -eingeschlagenen Verfahrens, die Selbstbeobachtung _in der Hypnose_ -erzwang. Der fremde männliche Wille _schafft_ durch seinen Einfluß -_in der hypnotisierten Frau einen Selbstbeobachter_, vermöge der -Erzeugung eines Zustandes »systematisch eingeengten Wachseins«. Aber -auch außerhalb der Suggestion, im gesunden Leben der Hysterischen, -ist es nur der Mann, mit dem sie imprägniert sind, welcher in ihnen -beobachtet. So ist auch alle Menschenkenntnis der Frauen durchaus -Imprägnation mit dem richtig beurteilten Manne. Im Paroxysmus schwindet -jene künstliche Selbstbeobachtung vor der zum Durchbruch drängenden -Natur dahin. - -Ganz so verhält es sich auch mit dem _Hellsehen_ hysterischer -Medien, das ohne Zweifel vorkommt und mit dem »okkulten« Spiritismus -ebensowenig zu tun hat wie die hypnotischen Phänomene. Wie die -Patientinnen _Vogts_ unter dem energischen Willen des Suggestors sich -selbst vorzüglich zu beobachten vermochten, so wird die Hellseherin -unter dem Einflusse der drohenden Stimme eines Mannes, der sie zu allem -zu zwingen vermag, auch zu telepathischen Leistungen fähig und liest -aus weiter Ferne gehorsam mit verbundenen Augen die Schriftstücke -in den Händen fremder Menschen, was ich in München unzweideutig -wahrzunehmen selbst Gelegenheit hatte. Denn im Weibe stehen nicht, wie -im Manne, dem Willen zum Guten und Wahren sehr starke Leidenschaften -unausrottbar _entgegen_. Der männliche Wille hat über das Weib mehr -Gewalt als über den Mann: er kann im Weibe etwas realisieren, dem im -eigenen Hause zu viel Dinge sich _widersetzen_. In _ihm_ wirkt ein -Antimoralisches und ein Antilogisches _wider_ die Klärung, er will nie -ganz allein die Erkenntnis, sondern immer noch anderes. _Über die Frau -aber kann der männliche Wille so vollständig alle Gewalt gewinnen, daß -er sie sogar hellsichtig macht_, und alle Schranken der Sinnlichkeit -für _sie_ fortfallen. - -Darum ist das Weib eher telepathisch als der Mann, darum leistet es -als _Seherin_ mehr als dieser, freilich nur, wenn es Medium, d. h. zum -Objekt geworden ist, an welchem der _männliche_ Wille am leichtesten -und vollkommensten sich verwirklicht. Auch die _Wala_ kann _wissend_ -werden: aber erst, wenn sie von _Wotan_ _bezwungen_ ist. Sie kommt ihm -hierin entgegen; denn ihre einzige Leidenschaft ist es eben, daß sie -gezwungen werden will. - -Das Thema der Hysterie ist hiemit, soweit es für den Zweck dieser -Untersuchung berührt werden mußte, auch erschöpft. _Jene Frauen, -die als Beweise der weiblichen Sittlichkeit angeführt werden, sind -stets Hysterikerinnen_, und gerade in der Befolgung der Sittlichkeit, -in dem Gebaren nach dem Moralgesetze, als ob dieses Gesetz das -Gesetz ihrer Persönlichkeit wäre, und nicht vielmehr, ohne sie zu -fragen, von ihnen kurzerhand _Besitz_ ergriffen hätte, liegt die -Verlogenheit und Unwahrheit dieser Sittlichkeit. Die hysterische -Konstitution ist eine lächerliche Mimicry der männlichen Seele, eine -Parodie auf die Willensfreiheit, die das Weib vor sich posiert in -dem nämlichen Augenblicke, wo es dem männlichen Einfluß am stärksten -unterliegt. Nichtsdestoweniger sind die höchststehenden Frauen -eben Hysterikerinnen, wenn auch die Zurückdrängung der triebhaften -Sexualität, die sie über die anderen Frauen erhebt, keine solche ist, -die aus _eigener_ Kraft und in mutigem Kampfe mit einem zum _Stehen_ -gezwungenen Gegner erfolgt wäre. An den hysterischen Frauen aber -_rächt_ sich wenigstens die eigene Verlogenheit, und insoferne kann man -sie als ein wenn auch noch so _verfälschtes Surrogat_ jener _Tragik_ -gelten lassen, zu der es sonst dem Weibe an jeglicher Fähigkeit -gebricht. - -Das Weib ist _unfrei_: es wird schließlich immer bezwungen durch das -Bedürfnis, vom Manne, in eigener Person wie in der aller anderen, -_vergewaltigt_ zu werden; es steht unter dem Banne des Phallus und -verfällt unrettbar seinem Verhängnis, auch wenn es nicht selbst zur -völligen Geschlechtsgemeinschaft gelangt. Das höchste, wozu ein -Weib es bringen mag, ist ein dumpfes Gefühl dieser Unfreiheit, ein -düsteres Ahnen eines Verhängnisses _über_ sich -- es kann dies offenbar -nur der letzte Schimmer des _freien_ intelligiblen Subjektes sein, -der kümmerliche Rest von angeborener Männlichkeit, der ihr, _durch -den Kontrast_, eine, wenn auch noch so schwache, _Empfindung_ der -_Notwendigkeit_ gestattet: es gibt kein absolutes Weib. Aber ein klares -_Bewußtsein_ ihres Schicksales und des Zwanges, unter dem sie steht, -ist der Frau _unmöglich_: _nur der Freie $erkennt$ ein Fatum_, weil -er nicht in die Notwendigkeit _einbegriffen_ ist, sondern, wenigstens -mit einem Teile seines Selbst, einem Zuschauer und einem Kämpfer, -außerhalb seines Schicksals und über diesem steht. Die Frau hält sich -gerade darum meist für _un_gebunden, weil sie _ganz_ gebunden, und -leidet nicht an der Leidenschaft, weil sie selbst nichts _ist_ als -Leidenschaft. _Nur der Mann_ konnte von der »dira necessitas« in sich -sprechen, nur er die Konzeption einer Moira und einer Nemesis fassen, -nur er Parzen und Nornen schaffen: weil er nicht nur empirisches, -_bedingtes_, sondern auch intelligibles, _freies_ Subjekt ist. - -Aber, wie schon gesagt: selbst wenn eine Frau ihre eigene -Determiniertheit zu ahnen beginnt, ein klares _Bewußtsein_ derselben, -eine Auffassung und ein Verständnis ist dies nicht zu nennen; denn dazu -wäre der _Wille_ zu einem Selbst erfordert. Vielmehr bleibt es bei -einem schweren dunklen Gefühl, das zu einem verzweifelten Aufbäumen -führt, aber nicht zu einem entschlossenen, in sich die Möglichkeit -des Sieges bergenden Kampfe. Ihre Sexualität, die sie stets knechten -wird, zu überwinden, sind die Frauen unvermögend. Die Hysterie war -eine solche ohnmächtige Abwehrbewegung gegen die Geschlechtlichkeit. -Wäre der Kampf gegen die eigene Begier redlich und echt, wäre deren -Niederlage _aufrichtig gewollt_, so wäre sie ihr zu bereiten dem -Weibe auch _möglich_. Die Hysterie aber ist selbst das, was von den -Hysterikerinnen angestrebt wird; sie _suchen_ nicht wirklich zu -_genesen_. _Die Verlogenheit dieser Demonstration gegen die Sklaverei -bedingt ihre Hoffnungslosigkeit._ Die vornehmsten Exemplare des -Geschlechtes mögen fühlen, daß Knechtschaft ihnen nur eben darum ein -Muß ist, weil sie sie wünschen -- man denke an _Hebbels_ _Judith_ und -_Wagners_ _Kundry_ -- aber auch dies gibt ihnen keine Kraft, sich in -Wahrheit gegen den Zwang zur Wehre zu setzen: im letzten Augenblicke -küssen sie dennoch den Mann, der sie notzüchtigt, und suchen den zu -ihrem Herrn zu machen, der sie zu vergewaltigen zögert. _Das Weib -steht wie unter einem Fluche._ Es kann ihn für Augenblicke pressend -auf sich lasten fühlen, aber es entrinnt ihm _nie_, weil ihm die Wucht -zu süß dünkt. Sein Schreien und Toben ist im Grunde _unecht_. Es will -seinem Fluche gerade dann am süchtigsten erliegen, wenn es ihn am -entsetztesten zu meiden sich geberdet. - - * * * * * - -Von der langen Reihe jener früheren Aufstellungen, welche den Mangel -des Weibes an irgend welchem angeborenen, unveräußerlichen Verhältnis -zu den _Werten_ behaupteten, ist keine einzige zurückzuziehen oder auch -nur einzuschränken gewesen. Selbst durch all das, was den Menschen -insgemein weibliche Liebe, weibliche Frömmigkeit, weibliche Scham -und weibliche Tugend heißt, sind sie nicht umgestoßen worden; sie -haben sich vor dem stärksten Ansturm, vor dem Heere der hysterischen -Imitationen aller männlichen Vorzüge, behaupten können. Nicht allein -durch die Kraft des, mit dem Weibe selbst der Fernzeugung fähigen -männlichen Spermas -- auf welches die unglaubliche geistige Veränderung -aller Frauen in der Ehe sicherlich zunächst zurückgeht -- sondern auch -vom männlichen _Bewußtsein_, und sogar vom _sozialen Geiste_ wird das -Weib, jenes empfängliche Weib, das hier allein in Betracht kommt, _von -frühester Jugend auf_ erfüllt, imprägniert und umgebildet. So erklärt -es sich, daß alle jene Eigenschaften des männlichen Geschlechtes, die -dem weiblichen an sich nicht zukommen, nichtsdestoweniger von diesem -in so sklavischer Nachahmung zur Erscheinung gebracht werden können; -wonach die vielen Irrtümer über die höhere Sittlichkeit des Weibes -leichter begreiflich werden. - -Aber noch ist diese erstaunliche Rezeptivität der Frau ein isoliertes -Faktum der Erfahrung und von der Darstellung nicht in jenen -Zusammenhang mit den übrigen positiven und negativen Eigenschaften -des Weibes gebracht, welchen das theoretische Bedürfnis wünschenswert -erscheinen läßt. Was hat die Bildsamkeit des Weibes mit seiner -Kuppelei, was seine Sexualität mit seiner Verlogenheit zu tun? _Warum -ist all dies gerade in dieser Vereinigung $im Weibe$ beisammen?_ - -Und noch ist erst zu begründen, _woher_ es komme, daß die Frau alles in -sich aufnehmen kann. Wie ist jene Verlogenheit möglich, die das Weib -selber wähnen läßt, das zu glauben, was es nur von anderen vernommen, -das zu haben, was es nur von ihnen bekommen, das zu sein, was es nur -durch sie geworden ist? - -Um hierauf eine Antwort zu geben, muß nochmals, zum letzten Male, -vom geraden Wege abgebogen werden. Man erinnert sich vielleicht noch, -wie das _tierische Wiedererkennen_, das psychische Äquivalent der -allgemein-organischen Übungsfähigkeit, vom _menschlichen Gedächtnis_ -als ein gänzlich Verschiedenes und doch Ähnliches abgetrennt wurde: -indem beide eine gleichsam ewige Nachwirkung des zeitlich begrenzten -einmaligen Eindruckes bedeuten, das Gedächtnis aber, zum Unterschiede -vom unmittelbaren passiven Wiedererkennen, sein Wesen in der -aktiven Reproduktion des Vergangenen findet.[70] Später wurde bloße -Individuation als die Eigenschaft alles Organischen wohl unterschieden -von Individualität, welche nur der Mensch besitzt.[71] Und schließlich -machte sich die Notwendigkeit einer genauen Distinktion zwischen -Geschlechtstrieb und Liebe fühlbar, von denen ebenfalls nur der erste -den nichtmenschlichen Lebewesen zugesprochen werden konnte.[72] Dennoch -waren beide verwandt, in ihren Gemeinheiten wie in ihren Erhabenheiten -(als Bestrebungen zur eigenen Verewigung). - -Auch der Wille zum Wert wurde öfter als charakteristisch für den -Menschen hingestellt, indes die Tiere nur ein Streben nach Lust kennen -und der Wertbegriff ihnen fremd ist.[73] Zwischen _Lust_ und _Wert -besteht_ eine _Analogie, und doch sind beide grundverschieden_: die -Lust _wird_ begehrt, der Wert _soll_ begehrt werden; beide werden -noch immer ganz widerrechtlich verwechselt, und so in Psychologie -und Ethik die größte Konfusion dauernd festgehalten. Aber dieses -Durcheinanderfließen hat nicht nur zwischen dem Wert- und dem -Lustbegriff stattgefunden; es ist den Unterscheidungen zwischen -Persönlichkeit und Person, zwischen Wiedererkennen und Gedächtnis, -zwischen Geschlechtstrieb und Liebe nicht besser ergangen: alle -diese Gegensätze werden fortwährend zusammengeworfen, und was noch -bezeichnender ist, fast stets von denselben Menschen, mit denselben -theoretischen Anschauungen und wie in einer gewissen Absichtlichkeit, -um den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu verwischen. - -Auch weitere, bisher kaum berührte Distinktionen werden hier meist -vernachlässigt. Tierisch ist die _Enge des Bewußtseins_, rein -menschlich ist die _aktive Aufmerksamkeit_: beide haben, das sieht -jeder klar, ein Gemeinsames, und doch auch ein Verschiedenes. Nicht -anders steht es mit der so vielen geläufigen Zusammenwerfung von -_Trieb_ und _Wille_. Der Trieb ist allen Lebewesen gemeinschaftlich, -im Menschen kommt noch der Wille hinzu, der frei ist und kein -psychologisches Faktum bildet, weil er allem speziellen psychologischen -Erleben zu Grunde liegt. Daß Trieb und Wille fast immer als -identisch betrachtet werden, hieran trägt übrigens nicht bloß -der Einfluß _Darwins_ die Schuld; sondern es kommt von ihr fast -ebensoviel auf Rechnung des unklaren, einerseits ganz allgemein -_natur_philosophischen, anderseits eminent _ethischen_ Willensbegriffes -von Arthur _Schopenhauer_. - -Ich stelle zusammen: - - _$Auch$_ _$Nur$_ - - tierisch, beziehungsweise organisch dem Menschen, respektive - überhaupt dem menschlichen _Manne_ - sind: eigen: - - Individuation Individualität - Wiedererkennen Gedächtnis - Lust Wert - Geschlechtstrieb Liebe - Enge des Bewußtseins Aufmerksamkeit - Trieb Wille - -Man sieht, wie sich über _jede_ Eigenschaft _alles_ Lebendigen im -_Menschen_ noch eine _andere_, in gewisser Beziehung _verwandte und -doch höhere_ legt. Die uralte tendenziöse Identifikation der beiden -Reihen und, auf der anderen Seite, das Bedürfnis, sie immer wieder -auseinanderzuhalten, weisen auf ein Gemeinsames hin, das die Glieder -jeder Reihe miteinander verbindet und scheidet von allen Gliedern -der zweiten. Es nimmt sich zunächst aus, als ob hier im Menschen -ein _Überbau_ von höheren Eigenschaften über korrelative niedere -Erscheinungen aufgeführt wäre. Man könnte an eine Lehre des _indischen -Geheimbuddhismus_ sich erinnert fühlen, an seine Theorie von der -_»Menschheitswelle«_. Es ist nämlich gleichsam, als wäre jeder bloß -tierischen Eigenschaft im Menschen eine verwandte und doch einer -höheren Sphäre angehörige Qualität _superponiert_, wie eine Schwingung -einer anderen sich addiert: jene niederen Eigenschaften fehlen dem -Menschen keineswegs, allein es ist zu ihnen in ihm etwas hinzugekommen. -Was ist dieses neu Dazugetretene? Worin unterscheidet es sich vom -anderen und worin gleicht es ihm? Denn die Tafel zeigt unverkennbar, -daß jedes Glied der linken Reihe mit jedem, auf gleicher Höhe -stehenden, Gliede der rechten eine Ähnlichkeit hat, und doch wieder -anderseits _alle_ Glieder _jeder_ Reihe eng zueinander gehören. Woher -diese merkwürdige Übereinstimmung bei gleichzeitiger ganz abgrundtiefer -Verschiedenheit? - -Die linksstehenden Dinge sind fundamentale Eigenschaften alles -animalischen respektive pflanzlichen _Lebens_. Alles solche Leben ist -Leben von Individuen, nicht von ungegliederten Massen, es äußert sich -als Trieb, um Bedürfnisse zu befriedigen, insonderheit als Sexualtrieb, -um sich fortzupflanzen. Individualität, Gedächtnis, Wille, Liebe können -somit als Eigenschaften eines _zweiten_ Lebens gelten, das mit dem -organischen Leben eine gewisse Verwandtschaft haben und doch von ihm -toto coelo verschieden sein wird. - -_Es ist keine andere als die Idee des ewigen, höheren, $neuen$ Lebens -der Religionen und speziell des Christentums, deren tiefe Berechtigung -uns hier entgegentritt._ Neben dem organischen hat der Mensch noch teil -an einem anderen Leben, der ζωή αιώνιος des neuen Bundes. Wie jenes -Leben von irdischer Speise sich nährt, so bedarf dieses der geistigen -Atzung (Symbol des _Abendmahles_). Wie jenes eine Geburt und einen Tod, -so kennt auch dieses eine Begründung -- die _sittliche Wiedergeburt_ -des Menschen, die »_Regeneration_« -- und einen Untergang: den -_endgültigen_ Verfall in Irrsinn oder Verbrechen. Wie jenes bestimmt -wird durch kausale Naturgesetze von außen, so bindet sich dieses -durch normierende Imperative von innen. Jenes ist von begrenzter Art -_zweckmäßig_; dieses, in unendlicher unbegrenzter Herrlichkeit, ist -_vollkommen_.[74] - -Die Eigenschaften, welche die linke Reihe aufzählt, sind allem -niedrigen Leben gemeinsam; die Merkmale aus der rechten Kolumne sind -die korrespondierenden Zeichen des ewigen Lebens, Künder eines höheren -Seins, an welchem der Mensch, und nur er allein, noch überdies Anteil -hat. Die ewige Verwechslung und die stets erneute Auseinanderhaltung -beider Reihen, des höheren und des niederen Lebens, bildet das -Hauptthema aller Historie des menschlichen Geistes: _dies_ ist _das -Motiv der Weltgeschichte_. - -Man mag in diesem zweiten Leben etwas erblicken, das sich im Menschen -zu den, früher vorhandenen, anderen Eigenschaften hinzuentwickelt -habe; hier soll über diese Frage nicht entschieden werden. Doch wird -wohl eine tiefere Auffassung jenes sinnliche und sinnenfällige, -hinfällige Leben nicht als den Erzeuger des höheren, geistigen, -ewigen, sondern umgekehrt, im Sinne des vorigen Kapitels, das erstere -als eine Projektion des letzteren auf die Sinnlichkeit, als seine -Abbildung im Reiche der Notwendigkeit, als sein _Heruntersteigen_, -seine _Erniedrigung_ zu diesem, als seinen _Sündenfall_ ansehen müssen. -Denn nur der _letzte Abglanz_ der höheren Idee von einem ewigen Leben -ist es, der auf die Fliege fällt, die mich belästigt, und mich hindern -kann, sie zu töten. - -_Das absolute Weib jedoch_, dem Individualität und Wille mangeln, -das keinen Teil hat am Werte und an der Liebe, ist, so können wir -jetzt sagen, _von jenem höheren, transcendenten, metaphysischen Sein -ausgeschlossen_. Die intelligible hyperempirische Existenz des _Mannes_ -ist erhaben über Stoff, Raum und Zeit; in _ihm_ ist Sterbliches -genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat die Möglichkeit, zwischen -beiden zu wählen; zwischen jenem Leben, das mit dem irdischen Tode -vergeht, und jenem, für welches dieser erst eine Herstellung in -gänzlicher Reine bedeutet. Nach diesem vollkommen zeitlosen Sein, nach -dem absoluten Werte, geht aller tiefste Wille im Manne: er ist eins -mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Und daß die Frau kein Verlangen -nach persönlicher Fortdauer hat, wird so endlich _ganz_ klar: in ihr -ist nichts von jenem ewigen Leben, das der Mann durchsetzen will und -durchsetzen soll gegen sein ärmliches Abbild in der Sinnlichkeit. -Irgend eine Beziehung zur Idee des höchsten Wertes, zur Idee des -Absoluten, zur Idee jener _völligen Freiheit_, die er noch nicht -besitzt, weil er immer _auch determiniert_ ist, die er aber erlangen -kann, weil der Geist Gewalt hat über die Natur: eine solche Beziehung -zur Idee überhaupt, oder zur Gottheit, hat jeder Mann: indem zwar durch -sein Leben auf Erden eine Trennung und Loslösung vom Absoluten erfolgt -ist, aber die Seele sich aus dieser Verunreinigung, als der _Erbsünde_, -wieder hinaussehnt. - -Wie die Liebe seiner Eltern keine reine zur Idee war, sondern mehr oder -weniger eine sinnliche Verkörperung suchte, so will auch der Sohn, der -eben das ist, worauf diese Liebe hinauslief, so lang er lebt, nicht -bloß das ewige, sondern auch das zeitliche Leben: wir erschrecken -vor dem Gedanken des Todes, wehren uns gegen ihn, klammern uns an -das irdische Dasein und beweisen dadurch, daß wir geboren zu werden -_wünschten_, als wir geboren wurden, indem wir _noch immer_ in diese -Welt geboren zu werden verlangen. Ein Mensch, der vor dem irdischen -Tode gar keine Furcht mehr hätte, würde in eben diesem Augenblicke -sterben; denn er hätte nur mehr den reinen Willen zum ewigen Leben, und -dieses soll und kann der Mensch selbständig in sich verwirklichen: es -_schafft sich_, wie _alles_ Leben selbst sich schafft. - -Weil aber jeder Mann in einem Verhältnis zur Idee des höchsten Wertes -steht, ohne dieser Idee ganz teilhaft zu sein, darum gibt es keinen -Mann, der _glücklich_ wäre. _Glücklich sind nur die Frauen._ Kein Mann -fühlt sich glücklich, denn ein jeder hat eine Beziehung zur Freiheit, -und ist doch auf Erden immer noch irgendwie unfrei. Glücklich kann -sich nur ein gänzlich passives Wesen fühlen, wie das echte Weib, oder -ein gänzlich aktives, wie die Gottheit. Glück wäre das Gefühl der -Vollkommenheit, dieses Gefühl kann ein Mann nie haben; wohl aber gibt -es Frauen, die sich vollkommen dünken. Der Mann hat immer Probleme -hinter sich und Aufgaben vor sich: alle Probleme wurzeln in der -Vergangenheit; das Land der Aufgaben ist die Zukunft. Für das Weib ist -denn auch die Zeit gar nicht _gerichtet_, sie hat ihr keinen _Sinn_: -es gibt keine Frau, die sich die Frage nach dem _Zwecke_ ihres Lebens -stellte; _doch die Einsinnigkeit der Zeit ist nur der Ausdruck dafür, -daß dieses Leben einen Sinn gewinnen soll und kann_. - -_Glück_ für den Mann: das könnte nur ganze, reine _Aktivität_ sein, -völlige Freiheit, nie ein geringer, aber auch nicht der höchste Grad -von Unfreiheit: denn seine Schuld häuft sich, je weiter er von der Idee -der Freiheit sich entfernt. Das irdische Leben _ist_ ihm ein _Leiden_ -und _muß_ es sein, schon weil in der Empfindung der Mensch eben doch -_passiv_ ist; weil ein Affiziertwerden stattfindet, weil es Materie -und nicht nur Formung der Erfahrung gibt. Es ist kein Mensch, welcher -der Wahrnehmung nicht bedürfte, selbst der geniale Mensch wäre nichts -ohne sie, auch wenn er, mächtiger und schneller als alle anderen, -alsbald mit dem ganzen Gehalte seines Ich sie erfüllt und durchdringt, -und nicht einer vollständigen Induktion bedarf, um die Idee eines -Dinges zu erkennen. Die _Rezeptivität_ ist durch keinen _Fichte_schen -Gewaltstreich aus der Welt zu schaffen: in der Sinnesempfindung ist -der Mensch _passiv_, und seine Spontaneität, seine Freiheit gelangt -erst im _Urteil_ zur Geltung und in jener Form eines universalen -_Gedächtnisses_, das alle Erlebnisse dem _Willen_ des Individuums -zu reproduzieren vermag. Annäherungen an die höchste Spontaneität, -scheinbar schon Verwirklichungen gänzlicher Freiheit, sind dem Manne -die Liebe und das geistige Schaffen. Darum gewähren am ehesten _sie_ -ihm eine Ahnung dessen, _was_ das _Glück_ ist, und lassen ihn seine -Nähe, auf Augenblicke freilich nur, zitternd über sich verspüren. - -Der Frau hingegen, die nie tief unglücklich sein kann, ist _darum_ -Glück eigentlich ein leeres Wort: auch der Begriff des Glückes ist vom -Manne, vom _unglücklichen_ Manne geschaffen worden, obwohl er in ihm -nie eine adäquate Realisation findet. Die Frauen scheuen sich nie, ihr -Unglück anderen zu zeigen: weil es eben kein echtes Unglück ist, weil -hinter ihm keine Schuld steht, am wenigsten die Schuld des Erdenlebens -als der Erbsünde. - -Der letzte, der absolute Beweis der völligen Nichtigkeit des weiblichen -Lebens, seines völligen Mangels an höherem _Sein_, wird uns aus der -Art, wie Frauen den Selbstmord vollziehen. Ihr Selbstmord erfolgt -nämlich wohl immer mit dem Gedanken an die anderen Menschen, was -diese sich denken, wie diese sie bedauern, wie sie sich grämen oder --- sich ärgern werden. Das ist nicht so zu verstehen, als ob die Frau -nicht von ihrem, nach ihrer Ansicht _stets un_verdienten Unglück fest -durchdrungen wäre im Augenblicke, da sie sich tötet: im Gegenteil, vor -dem Selbstmord bemitleidet sie sich am allerheftigsten, nach jenem -Schema des Mitleidens mit sich selbst, das nur ein Mitweinen mit den -anderen über das Objekt des Mitgefühls des anderen, ein völliges -Aufhören Subjekt zu sein, ist. Wie könnte auch eine Frau ihr Unglück -_als zu sich gehörig_ ansehen, da sie doch unfähig ist, ein Schicksal -zu haben? Das Fürchterliche und für die _Leerheit und Nullität der -Frauen_ Entscheidende ist vielmehr dies, daß sie nicht einmal _vor dem -Tode_ zum _Probleme_ des Lebens, _ihres_ Lebens gelangen: weil in ihnen -nicht ein höheres Leben der Persönlichkeit realisiert werden wollte. - -_Die Frage also, welche im Eingang dieses zweiten Teiles als sein -Hauptproblem formuliert wurde, die Frage nach der Bedeutung des -Mann-Seins und Weib-Seins, kann jetzt beantwortet werden. Die Frauen -haben keine Existenz und keine Essenz_, sie _$sind$_ nicht, sie sind -_$nichts$_. _Man $ist$ Mann oder man $ist$ Weib, je nachdem ob man wer -$ist$ oder nicht._ - -Das Weib hat keinen Teil an der ontologischen Realität; darum hat es -kein Verhältnis zum Ding an sich, das für jede tiefere Auffassung -identisch ist mit dem Absoluten, der Idee oder Gott. Der Mann, in -seiner Aktualität, dem Genie, glaubt an das Ding an sich: ihm ist es -entweder das Absolute als sein höchster Begriff von wesenhaftem Werte: -dann ist er Philosoph. Oder es ist das wundergleiche Märchenland seiner -Träume, das Reich der absoluten Schönheit: dann ist er Künstler. -_Beides aber bedeutet dasselbe._ - -Das Weib hat kein Verhältnis zur Idee, es bejaht sie weder, noch -verneint es sie: es ist weder moralisch noch antimoralisch, es hat, -mathematisch gesprochen, _kein Vorzeichen_, es ist richtungslos, weder -gut noch böse, weder Engel noch Teufel, es ist _amoralisch_ wie es -_alogisch_ ist. Alles Sein aber ist moralisches und logisches Sein. -_Die Frau also $ist$ nicht._ - -Das Weib ist verlogen. Das Tier hat zwar ebensowenig metaphysische -Realität wie die echte Frau; aber es spricht nicht, und folglich lügt -es nicht. Um die Wahrheit reden zu können, muß man etwas _sein_; -denn die Wahrheit geht auf ein _Sein_, und zum Sein kann nur der ein -_Verhältnis_ haben, der selbst etwas _ist_. Der Mann will die ganze -Wahrheit das heißt, er will _nur $sein$_. Auch der Erkenntnistrieb ist -zuletzt _identisch_ mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Wer dagegen über -einen Tatbestand etwas aussagt, ohne wirklich mutig ein Sein behaupten -zu wollen; wem die äußere Urteilsform gegeben ist ohne die innere; -wer, wie die Frau, nicht wahrhaft _ist_: der _muß_ notwendig _immer_ -lügen. _Darum lügt die Frau stets, auch wenn sie objektiv die Wahrheit -spricht._ - -Das Weib kuppelt. Die Lebenseinheiten des niederen Lebens sind -Individuen, Organismen; die Lebenseinheiten des höheren Lebens -sind Individualitäten, Monaden, »Meta-Organismen«, wie ein nicht -wegzuwerfender Terminus bei _Hellenbach_ lautet. Jede Monade aber -unterscheidet sich von jeder anderen, und ist von ihr so getrennt, -wie zwei Dinge nur sein können. Die Monaden haben keine Fenster; -statt dessen haben sie die ganze Welt _in_ sich. Der Mann als die -Monade, als potentielle oder aktuelle, das ist geniale Individualität, -will auch _überall sonst_ Unterschied und Trennung, Individuation, -Auseinandertreten: der naive Monismus ist ausschließlich weiblich. -Jede Monade bildet für sich eine abgeschlossene Einheit, ein Ganzes; -aber auch das fremde Ich ist ihr eine solche vollendete Totalität, -in die sie nicht übergreift. Der Mann $_hat_ Grenzen$, und _bejaht, -will_ Grenzen; die Frau, die keine Einsamkeit kennt, ist auch nicht -imstande, die Einsamkeit des Nebenmenschen als solche zu bemerken -und aufzufassen, zu achten oder zu ehren, und sie unangetastet -anzuerkennen: für sie gibt es, weil keine Einsamkeit, auch keine -Mehrsamkeit, sondern nur ein ungeschiedenes Verschmolzensein. Weil -in der Frau kein Ich ist, darum ist für sie auch kein Du, _darum -gehören, nach ihrer Auffassung, Ich und Du $zusammen$ als $Paar$, als -ununterschiedenes Eines: darum kann die Frau zusammenbringen, darum -kann sie kuppeln_. Die Tendenz ihrer Liebe ist die Tendenz ihres -Mitleidens: die Gemeinschaft, die Verschmolzenheit.[75] - -Für die Frau gibt es nirgends _Grenzen_ ihres Ich, die durchbrochen -werden könnten, und die sie zu hüten hätte. Hierauf beruht zunächst der -Hauptunterschied zwischen männlicher und weiblicher _Freundschaft_. -Alle _männliche_ Freundschaft ist ein Versuch zusammenzugehen unter -dem Zeichen einer und derselben _Idee_, welcher die Freunde, jeder -für sich, gesondert und doch vereint, nachstreben; die _weibliche_ -»Freundschaft« ist ein Zusammen_stecken_, und zwar, was besonders -hervorzuheben ist, unter dem Gedanken der _Kuppelei_. Denn auf -dieser beruht die einzig mögliche Art eines intimeren und nicht -hinterhältigen Verkehres zwischen Frauen: soweit diese überhaupt nicht -bloß des Klatsches oder materieller Interessen halber gerade weibliche -Gesellschaft aufsuchen.[76] Wenn nämlich von zwei Mädchen oder Frauen -die eine für sehr viel schöner gilt als die andere, dann findet die -häßliche _eine gewisse sexuelle Befriedigung_ in der Bewunderung, -welche der Schöneren gezollt wird. Bedingung jeder Freundschaft -zwischen Frauen ist also zu oberst, daß ein Rivalisieren zwischen ihnen -ausgeschlossen sei: es gibt keine Frau, die sich nicht körperlich mit -jeder anderen Frau sofort vergliche, welche sie kennen lernt. Lediglich -in jenen Fällen großer _Un_gleichheit und _aussichtsloser_ Konkurrenz -kann die Häßliche für die Schönere schwärmen, weil diese für sie, ohne -daß es beiden im geringsten bewußt würde, das nächste Mittel ist, -_selbst sexuell befriedigt zu werden_: es ist nicht anders, sie fühlt -sich gleichsam _$in$ jener_ koitiert.[77] Das völlig _unpersönliche_ -Leben der Frauen, wie auch der überindividuelle Sinn ihrer Sexualität, -die Kuppelei als der Grundzug ihres Wesens, leuchtet hieraus deutlich -hervor. Sie verkuppeln sich _wie_ die anderen, sich _in_ den anderen. -_Das Mindeste, was auch das häßlichste Weib verlangt, und woran es -schon ein gewisses Genügen findet, ist, daß überhaupt irgend eine ihres -Geschlechtes bewundert, begehrt werde._ - -Mit diesem völlig verschmolzenen Leben des Weibes hängt es zusammen, -daß die Frauen _nie wirklich Eifersucht_ fühlen. So gemein Eifersucht -und Rachedurst sind, es steckt in beiden ein Großes, dessen die -Frauen, wie aller Größe, im Guten oder im Bösen, _un_fähig sind. In -der Eifersucht, liegt ein verzweifelter Anspruch auf ein vorgebliches -Recht, und der Rechtsbegriff ist den Frauen transcendent. Aber der -hauptsächlichste Grund, daß die Frau auf einen einzelnen Mann nie ganz -eifersüchtig sein kann, ist ein anderer. Wenn der Mann, auch einer, in -den sie rasend verliebt wäre, im Zimmer neben dem ihren eine andere -Frau umarmte und besäße, so würde sie der Gedanke hieran sexuell -selbst so erregen, daß für die Eifersucht kein Platz bliebe. Dem Manne -würde eine solche Scene, wenn er um sie wüßte, höchst widerlich und -abstoßend sein, und ihm den Aufenthalt in der Nähe verekeln; das Weib -bejaht innerlich beinahe fieberhaft den ganzen Hergang; oder es wird -hysterisch, wenn es sich nicht eingestehen will, daß es zu tiefst auch -diese Vereinigung nur _gewünscht_ hat. - -Ferner gewinnt über den Mann der Gedanke an den fremden Koitus nie -völlig Gewalt, er steht außer und über einem solchen Erlebnis, das für -ihn eigentlich gar keines ist; die Frau aber verfolgt den Prozeß kaum -selbst_tätig_, sie ist in _fieberhafter Erregung_ und wie _festgebannt_ -durch den Gedanken, was hart neben ihr sich vollzieht. - -Oft mag auch das Interesse des _Mannes_ an seinem Mitmenschen, der ihm -ein Rätsel ist, bis auf dessen sexuelles Leben sich erstrecken; aber -jene _Neugier_, welche den Nebenmenschen gewissermaßen zur Sexualität -_zwingt_, ist nur den Weibern eigentümlich, von ihnen jedoch ganz -allgemein betätigt, in gleicher Weise Frauen wie Männern gegenüber. -Eine Frau interessieren an jedem Menschen zunächst und vor allem seine -_Liebschaften_, und er ist ihr intellektuell nur so lange dunkel und -reizvoll, als sie über diesen Punkt nicht im Klaren ist. - -Aus alledem geht nochmals klar hervor, daß Weiblichkeit und Kuppelei -identisch sind: eine rein _immanente_ Betrachtung des Gegenstandes -würde denn auch mit dieser Feststellung ihr Ende erreicht haben müssen. -Meine Absicht ging aber weiter; und ich glaube nun bereits angedeutet -zu haben, wie das Weib als Position, als Kupplerin, zusammenhängt mit -dem Weibe als Negation, das eines höheren Lebens als Monade gänzlich -entbehrt. Das Weib verwirklicht eine einzige Idee, die ihm selbst eben -darum nie zum Bewußtsein kommen kann, jene Idee, welche der Idee der -Seele am äußersten entgegengesetzt ist. Ob sie nun als Mutter nach -dem Ehebett verlangt oder als Dirne das Bacchanal bevorzugt, ob sie -zu zweien Familie begründen will oder nach den Massenverschlingungen -des Venusberges hinstrebt, sie handelt stets _nach der Idee der -Gemeinschaft_, jener Idee, welche die _Grenzen_ der Individuen, durch -_Vermischung_, am weitesten aufhebt. - -So ermöglicht hier eines das andere: Emissärin des Koitus kann nur -ein Wesen ohne Individualität, ohne Grenzen sein. Nicht ohne Grund -ist in der Beweisführung so weit ausgeholt worden, wie es sicherlich -noch nie in einer Behandlung dieses Gegenstandes, noch auch sonst je -einer charakterologischen Arbeit geschehen ist. Das Thema ist darum -so ergiebig, weil hier der Zusammenhang alles höheren Lebens auf der -einen und alles niederen Lebens auf der anderen Seite sich offenbaren -muß. Jede Psychologie und jede Philosophie findet hier einen Prüfstein, -vorzüglicher als die meisten anderen, auf daß sie an ihm sich erprobe. -Nur darum bleibt das Problem Mann-Weib in aller Charakterologie das -interessanteste Kapitel, nur darum habe ich es zum Objekte einer so -umfassenden, weit ausgreifenden Untersuchung gewählt. - -Man wird an dem Punkte, zu welchem die Darlegung nun gelangt ist, -sicherlich offen fragen, was man bisher vielleicht nur als Bedenken -bei sich erwogen hat: ob denn dieser Anschauung die Frauen überhaupt -noch Menschen seien? Ob sie nach der Theorie des Verfassers nicht -eigentlich unter die Tiere oder die Pflanzen gerechnet werden müßten? -Denn sie entbehrten, nach seiner Auffassung, einer höheren als der -sinnlichen Existenz nicht minder denn jene, sie hätten so wenig teil am -ewigen Leben wie die übrigen Organismen, denen persönliche Fortdauer -kein Bedürfnis und keine Möglichkeit ist. Eine metaphysische Realität -sei beiden gleich wenig beschieden, sie _seien_ alle nicht, das Weib -nicht, noch auch das Tier, noch die Pflanze -- alle nur Erscheinung, -nirgends etwas vom Ding an sich. Der Mensch ist, nach der Ansicht, die -sein Wesen am tiefsten erfaßt hat, ein Spiegel des Universums, er ist -der Mikrokosmus; die Frau aber ist absolut ungenial, sie lebt nicht im -tiefen Zusammenhange mit dem All. - -In _Ibsens_ »Klein Eyolf« spricht das Weib an einer schönen Stelle zum -Manne: - -_Rita_: Wir sind doch schließlich nur Menschen. - -_Allmers_: Auch mit Himmel und Meer sind wir ein wenig verwandt, Rita. - -_Rita_: _Du vielleicht. Ich nicht._ - -Ganz bündig liegt hierin die Einsicht des Dichters, daß die Frau zur -Idee der Unendlichkeit, zur Gottheit, kein Verhältnis hat: weil ihr -die Seele fehlt. Zum _Brahman_ dringt man, nach den Indern, nur durch -das _Âtman_ vor. Das Weib ist nicht Mikrokosmus, es ist nicht nach dem -Ebenbilde der Gottheit entstanden. Ist es also noch Mensch? Oder ist es -Tier? Oder Pflanze? - -Den Anatomen müssen diese Fragen wohl recht lächerlich bedünken, und -er wird einen Standort von vornherein für verfehlt halten, auf dessen -Boden solche Problemstellungen erwachsen können. Ihm ist das Weib -homo sapiens und von allen übrigen Spezies wohl unterschieden, dem -menschlichen Manne nicht anders zugeordnet als das Weibchen in jeder -Art und Gattung sonst seinem Männchen. Und der Philosoph darf gewiß -nicht sagen: Was gehen mich die Anatomen an! Mag er auch von dieser -Seite noch so wenig Verständnis erhoffen für das, was ihn bewegt: er -spricht hier über anthropologische Dinge, und, wenn er die Wahrheit -findet, darf auch die morphologische Tatsache um ihr Recht nicht -verkürzt worden sein. - -In der Tat! Zwar stehen die Frauen sicherlich in ihrem Unbewußten der -Natur näher als der Mann. Die Blumen sind ihre Schwestern, und daß sie -von den Tieren minder weit entfernt sind als der Mann, dafür zeugt, daß -sie zur Sodomie sicherlich mehr Neigung haben als er (Pasiphae- und -Leda-Mythus. Auch das Verhältnis zum Schoßhündchen ist wahrscheinlich -ein noch weit sinnlicheres, als man gewöhnlich es sich ausmalt).[78] -Aber die Frauen sind Menschen. Selbst W, die wir ohne jede Spur des -intelligiblen Ich denken, ist doch immerhin das Komplement zu M. Und -sicherlich ist die Tatsache der besonderen _sexuellen_ und _erotischen_ -Ergänzung des menschlichen Mannes durch das _menschliche_ Weib wenn -auch nicht jene sittliche Erscheinung, von welcher die Fürsprecher -der Ehe schwatzen, so doch von ungeheuerer Bedeutung für das Problem -der Frau. Die Tiere sind ferner bloß Individuen, die Frauen Personen -(wenn auch nicht Persönlichkeiten). Die äußere Urteilsform, wenn auch -nicht die innere, die Sprache, obgleich nicht die Rede, ein gewisses -Gedächtnis, obschon keine kontinuierliche Einheit des Selbstbewußtseins -ist ihnen verliehen. Für alles im Manne besitzen sie eigentümliche -_Surrogate_, die noch fortwährend jene Verwechslungen begünstigen, -denen die Schätzer der Weiblichkeit so gerne unterliegen. - -Es ist keine andere Frage als die nach dem _letzten Wesen des -Geschlechtsgegensatzes_, die hiemit neu aufgeworfen erscheint. Die -Rolle, welche das männliche und das weibliche Prinzip im Tier- und im -Pflanzenreiche spielen, bleibt hier _außer_ Betracht; es handelt sich -einzig um den Menschen. Daß solche Prinzipien der Männlichkeit und -Weiblichkeit nicht als metaphysische Ideen, sondern als theoretische -Begriffe angenommen werden müssen, darauf lief die ganze Untersuchung -gleich zu Anfang hinaus. Welche gewaltigen Unterschiede zwischen Mann -und Weib, weit über die bloße physiologisch-sexuelle Differenz hinaus, -ohne Frage zumindest beim _Menschen_ bestehen, das hat der ganze -weitere Verlauf der Betrachtung gezeigt. Jene Anschauung also, welche -in der Tatsache des Dualismus der Geschlechter nichts weiter erblickt -als eine Vorrichtung zur Distribution verschiedener Funktionen auf -verschiedene Wesen im Sinne einer Teilung der physiologischen Arbeit --- eine Auffassung, die, wie ich glaube, dem Zoologen _Milne-Edwards_ -ihre besondere Verbreitung zu danken hat -- erscheint hienach völlig -unannehmbar; über ihre ans Lächerliche streifende Oberflächlichkeit und -intellektuelle Genügsamkeit ist weiter kein Wort zu verlieren. Zwar ist -der _Darwinismus_ der Popularisierung dieser Ansicht besonders günstig -gewesen, und man hat sogar ziemlich allgemein an ein Hervorgehen der -geschlechtlich differenzierten Organismen aus einem früheren Stadium -sexueller Ungeschiedenheit gedacht: durch einen Sieg der einer solchen -Funktionsentlastung teilhaft gewordenen Wesen über die primitiveren, -überbürdeten, ungeschlechtlichen oder doppelgeschlechtlichen Arten. -Daß aber eine solche »Entstehung des Geschlechtes« infolge der -»Vorzüge der Arbeitsteilung«, der »Erleichterung im Kampfe ums Dasein« -eine, ganz _unvollziehbare Vorstellung ist_, hat, lange vor den -modernen Totenkäfern _Darwins_, Gustav Theodor _Fechner_ in einer -unwiderleglichen Argumentation dargetan. - -Isoliert ist der Sinn von Mann und Weib nicht zu erforschen; sie -können in ihrer Bedeutung nur aneinander erkannt und gegeneinander -bestimmt werden. _In ihrem Verhältnis zueinander_ muß der Schlüssel -für das Wesen _beider_ zu finden sein. Bei dem Versuche, die Natur -der Erotik zu ergründen, ist bereits kurz auf ihn angespielt worden. -_Es ist das Verhältnis von Mann und Weib kein anderes als das von -$Subjekt$ und $Objekt$. $Das Weib sucht seine Vollendung als Objekt.$_ -Es ist die _Sache_ des Mannes, oder die _Sache_ des Kindes, und will, -trotz aller Bemäntelung, nicht anders genommen werden denn wie eine -_Sache_. Niemand mißversteht so sehr, was eine Frau wirklich will, -als wer sich für das interessiert, was in ihr vorgeht, und für ihre -Gefühle und Hoffnungen, für ihre Erlebnisse und innere Eigenart eine -Teilnahme in sich aufkommen läßt. Die Frau _will nicht_ als _Subjekt_ -behandelt werden, sie will stets und in alle Wege -- das ist eben -ihr Frau-Sein -- lediglich _passiv_ bleiben, _einen Willen auf sich -gerichtet fühlen_, sie will nicht gescheut noch geschont, _sie will -nicht $geachtet$ sein_. Ihr Bedürfnis ist vielmehr, nur als Körper -begehrt, und nur als fremdes Eigentum besessen zu werden. _Wie die -bloße Empfindung erst Realität gewinnt, indem sie begrifflich, d. h. -$Gegenstand$ wird, so gelangt das Weib zu seinem Dasein und zu einem -Gefühle desselben erst, indem es vom Manne oder vom Kinde, als dem -Subjekte, zu dessen $Objekt$ erhoben wird, und so eine Existenz -geschenkt erhält._ - -_Was erkenntnistheoretisch der Gegensatz des Subjekts zum Objekt, das -sagt ontologisch die Gegenüberstellung von $Form$ und $Materie$._ Sie -ist nur die Übersetzung jener Unterscheidung aus dem Transcendentalen -ins Transcendente, aus dem Erfahrungskritischen ins Metaphysische. -Die Materie, das absolut _Un_individualisierte, das, was _jede_ Form -annehmen kann, selbst aber keine bestimmten und dauernden Eigenschaften -hat, ist das, was so wenig _Essenz_ besitzt, wie der bloßen Empfindung, -der Materie der Erfahrung, an sich schon _Existenz_ zukommt. Während -also der Gegensatz von Subjekt und Objekt ein solcher der Existenz ist -(_indem die Empfindung erst als ein dem Subjekte gegenübergestellter -Gegenstand Realität gewinnt_), bedeutet der Gegensatz von Form und -Materie einen Unterschied der Essenz (_die Materie ist ohne Formung -absolut qualitätenlos_). Darum konnte _Platon_ die Stofflichkeit, -die bildsame Masse, das an sich formlose ἄπειρον, den knetbaren Teig -des ἐκμαγεῖον, das, worein die Form eingeht, ihren Ort, ihre χώρα, -das ἐν ᾧ, jenes ewig _Zweite_, _Andere_, das θάτερον, auch $als das -Nichtseiende$, als das µὴ ὄν bezeichnen. Der zieht den tiefsten Denker -auf das Niveau der vordersten Oberflächlichkeit, der ihn, wie dies -häufig geschieht, meinen läßt, sein Nichtseiendes sei der _Raum_. Gewiß -wird kein bedeutender Philosoph dem Raum eine metaphysische Existenz -zuschreiben, aber ebensowenig kann er ihn für _das_ Nichtseiende an -sich halten. Es charakterisiert gerade den ahnungslosen, frechen -Schwätzer, daß der leere Raum für ihn »Luft«, »Nichts« ist; erst dem -vertieften Nachdenken gewinnt er an Realität, und wird ihm Problem. -Das Nichtseiende _Platons_ ist gerade das, was dem _Philister_ als das -denkbar _Realste_, als die Summation der Existenzwerte erscheint, _es -ist nichts anderes als die Materie_. - -Ist es also eine zu klaffende Diskontinuität, wenn ich im Anschluß -an _Plato_, der selbst sein jede Form Annehmendes vergleichsweise -als die _Mutter_ und _Amme_ alles Werdens bezeichnet, auf den Spuren -des _Aristoteles_, dessen Naturphilosophie _im Zeugungsakte_ dem -weiblichen Prinzip die _stoffliche_, dem männlichen die _formende_ -Rolle zuerteilt hat -- ist es Willkür, wenn ich, in Übereinstimmung mit -dieser Anschauung und Erweiterung derselben, _die Bedeutung des Weibes -für den Menschen nun überhaupt in der Vertretung der Materie erblicke_? -Der Mann, als Mikrokosmus, ist beides, zusammengesetzt aus höherem und -niederem Leben, aus metaphysisch Existentem und Wesenlosem, aus Form -und Materie: das _Weib_ ist _nichts_, _es ist $nur$ Materie_. - -Erst _diese_ Erkenntnis bildet den Schlußstein des Gebäudes, von -ihr aus wird alles deutlich, was noch unklar war, und rundet sich -zum geschlossenen Zusammenhange. Das geschlechtliche Streben des -Weibes geht nach _Berührung_, es ist nur _Kontrektations-_ und nicht -Detumeszenztrieb.[79] Dem entspricht, daß sein feinster Sinn, und -zugleich der einzige, bei ihm weiter als beim Manne entwickelte Sinn -das _Tastgefühl_ ist.[80] Auge und Ohr führen beide ins Unbegrenzte -und lassen eine Unendlichkeit ahnen; der Tastsinn erfordert engste -körperliche Nähe zur eigenen Betätigung; man vermengt sich mit dem, was -man angreift: er ist der eminent schmutzige Sinn, und wie geschaffen -für ein auf körperliche Gemeinschaft angelegtes Wesen. Was durch ihn -vermittelt wird, ist die Widerstandsempfindung, die Wahrnehmung des -Palpablen; und eben von der _Materie_ läßt sich, wie _Kant_ gezeigt -hat, nichts anderes aussagen, als daß sie eine derartige Raumerfüllung -ist, die allem, was in sie einzudringen strebt, einen gewissen -_Widerstand_ entgegensetzt. Die Erfahrung des »Hindernisses« hat, wie -den psychologischen (nicht den erkenntnistheoretischen) _Ding_begriff, -so auch den übergroßen Realitätscharakter geschaffen, welchen die -Data des Tastsinnes für die meisten Menschen immer besitzen, als die -solideren, »primären« Qualitäten der Erfahrungswelt. Aber nichts -anderes als der ihm stets anhaftende letzte Rest von Weiblichkeit -ist es, der bewirkt, daß für den Mann die Materie den Charakter der -eigentlichen Realität gefühlsmäßig nie vollständig _verliert_. Gäbe -es einen absoluten Mann, so wäre ihm die Materie auch _psychologisch_ -(nicht nur logisch) kein irgendwie Seiendes mehr. - -Der Mann ist Form, das Weib Materie. Ist das richtig, so muß es auch -in dem Verhältnis ihrer psychischen Einzelerlebnisse zueinander einen -Ausdruck finden. Die längst festgestellte Gliederung der Inhalte des -männlichen Seelenlebens gegenüber dem unartikulierten und chaotischen -Vorstellen des Weibes verkündet nichts anderes als diesen nämlichen -Gegensatz von Form und Materie. Die Materie will geformt werden: _darum -verlangt_ das Weib vom Manne die _Klärung_ seiner verworrenen Gedanken, -die _Deutung der Heniden_.[81] - -Die Frauen sind die Materie, die jede Form annimmt. Jene -Untersuchungen, welche für die Mädchen eine bessere Erinnerung speziell -an den Lehrstoff ergeben haben, als für die Knaben, können nur so -erklärt werden: aus der Inanität und Nullität der Frauen, die mit allem -Beliebigen _imprägniert_ werden können, indes der Mann nur behält, was -ihn wirklich interessiert, und alles übrige _vergißt_ (vgl. Teil II, -S. 147, 168). Aber vor allem geht das, was die _Schmiegsamkeit_ des -Weibes genannt wurde, seine außerordentliche _Beeinflußbarkeit_ durch -das fremde Urteil, seine _Suggestibilität_, seine völlige _Umschaffung_ -durch den Mann auf dieses Bloß-Materie-Sein, diesen _Mangel_ jeder -_ursprünglichen Form_ zurück. _Das Weib $ist$ nichts, und darum, $nur$ -darum $kann es alles werden$; während der Mann stets nur werden kann, -was er $ist$._ Aus einer Frau kann man machen, _was man will_; dem -Manne höchstens zu dem verhelfen, was _er_ will. Darum hat, in der -wahren Bedeutung des Wortes, eigentlich nur _Frauen_, nicht Männer, -zu _erziehen_ einen _Sinn_. Am Manne wird durch alle Erziehung -nie irgend ein Wesentliches geändert; im Weibe kann sogar seine -eigenste Natur, die Hochwertung der Sexualität, durch äußeren Einfluß -völlig zurückgedrängt werden. Das Weib mag alles scheinen und alles -verleugnen, aber es _ist_ nie irgend etwas in Wahrheit. - -Man wird freilich, selbst wenn man mit den bisherigen Ableitungen -sollte einverstanden sein, ihnen zum Vorwurf machen, daß sie keine -Auskunft darüber gäben, $was$ denn der _Mann_ eigentlich _sei_. Läßt -sich von ihm, wie vom Weibe _Kuppelei_ und _Wesenlosigkeit_, irgend -etwas als allgemeine Eigenschaft prädizieren? Gibt es überhaupt einen -_Begriff_ des Mannes, wie es einen Begriff des Weibes gibt, und läßt -sich dieser Begriff ähnlich definieren? - -Hierauf ist zu antworten, daß die Männlichkeit eben in der _Tatsache_ -der Individualität, der wesenhaften Monade liegt und sich mit ihr -deckt. Jede Monade aber ist von jeder anderen um ein _Unendliches_ -verschieden, und darum keine subsumierbar unter einen umfassenderen -Begriff, der mehreren Monaden Gemeinsames enthielte. Der _Mann_ -ist der _Mikrokosmus_, in ihm sind _alle_ Möglichkeiten überhaupt -enthalten. Man hüte sich dies zu verwechseln mit der _universellen -$Suszeptibilität$_ der Frau, die alles wird, _ohne irgend etwas zu -sein_, indes der Mann alles _ist_ und davon mehr oder weniger, je nach -seiner Begabung, auch _wird_. Der Mann hat auch das Weib, er hat auch -Materie in sich, und kann diesen Teil seines Wesens sich entwickeln -lassen, d. h. verkommen und entarten; oder er kann ihn erkennen und -bekämpfen -- _darum_ kann _er_, und _nur $er$_, über die Frau zur -Wahrheit gelangen (Teil II, S. 106-108). _Das Weib aber hat keine -Möglichkeit einer Entwicklung, außer durch den Mann._ - -Ganz deutlich wird die Bedeutung von Mann und Weib immer erst in -der Betrachtung ihrer gegenseitigen _sexuellen_ und _erotischen -Relationen_. Das tiefste Begehren der Frau ist, vom Manne _geformt_ -und _dadurch erst geschaffen_ zu werden. Die Frau wünscht, daß der -Mann ihr Meinungen beibringe, _ganz andere_, als sie bisher gehabt -hat, sie will durch ihn umgestoßen sehen, was sie bisher für richtig -hielt (Gegenteil der Pietät, S. 161), sie will als Ganzes _widerlegt -sein_, und erst _neugebildet_ werden durch ihn. Der Wille des Mannes -_schafft_ erst die Frau, er _gebietet_ über sie, und _verändert -sie von Grund auf_ (Hypnose). Hier ist auch endlich Klärung über -das Verhältnis des Psychischen zum Physischen bei Mann und Weib zu -finden. Für den Mann wurde früher die Wechselwirkung, und zwar nur im -Sinne einer einseitigen Schöpfung des Leibes durch die transcendente -Psyche, als die Projektion derselben auf die Erscheinungswelt, für -das Weib hingegen der Parallelismus eines bloß Empirisch-Psychischen -und Empirisch-Physischen angenommen. Jetzt ist klar, daß auch beim -Weibe eine Wechselwirkung Geltung hat. Aber während beim _Manne_, -nach _Schopenhauers_ wahrster Lehre, daß der Mensch sein eigenes Werk -sei, der _eigene_ Wille sich den Körper _schafft_ und _umschafft_, -wird das _Weib_ durch den _fremden_ Willen körperlich _beeinflußt_ -und _umgebildet_ (Suggestion, Versehen). Der Mann formt also nicht -nur sich, sondern auch, ja leichter noch, das Weib. Jene Mythen der -Genesis und anderer Kosmogonien, welche das Weib vom Manne geschaffen -sein lassen, haben eine tiefere Wahrheit verkündet als die biologischen -Deszendenzlehren, die an ein Hervorgehen des Männlichen aus dem -Weiblichen glauben. - -Auch jene im 9. Kapitel (S. 279) offen gelassene Frage, wie das Weib, -ohne selbst Seele und Willen zu besitzen, doch in der Lage sein könne, -herauszufinden, in welchem Maße der Mann mit ihnen ausgestattet ist, -auch diese schwierigste Frage mag jetzt zu beantworten versucht werden. -Man muß sich nur darüber klar geworden sein, daß, was die Frau bemerkt, -und wofür sie ein Organ hat, nicht die _besondere_ Natur eines Mannes -ist, sondern nur die _allgemeine Tatsache_ und etwa noch der _Grad_ -seiner _Männlich$keit$_. Es ist ganz falsch, _Heuchelei, oder aus der -späteren Imprägnation mit dem männlichen Wesen zu Unrecht erschlossen_, -daß die Frau ein ursprüngliches _Verständnis_ für die _Individualität_ -des Mannes habe.[82] Der Verliebte, der durch das unbewußte Simulieren -eines tieferen Begreifens von Seite des Weibes so leicht zu foppen -ist, mag an ein Verständnis seiner selbst durch ein Mädchen glauben; -wer weniger genügsam ist, wird es sich nicht verhehlen können, daß -die Frauen nur für das _Daß_, nicht für das _Was_ der Seele, nur -für die _formale allgemeine Tatsache_, nicht für die _Besonderheit_ -der Persönlichkeit einen Sinn besitzen. Denn um _spezielle_ Form -perzipieren und apperzipieren zu können, müßte die Materie an sich -nicht _formlos_ sein; das Verhältnis der Frau zum Mann ist aber kein -anderes als das der Materie zur Form, und ihr Verständnis für ihn -nichts als Bereitwilligkeit, möglichst kräftig geformt zu werden, der -Instinkt des Existenzlosen für Existenz. Also dieses »Verständnis« -ist kein theoretisches, es ist kein Anteilnehmen, sondern ein -Anteilhabenwollen; es ist zudringlich und egoistisch. Die Frau hat kein -Verhältnis zum _Manne_ und keinen Sinn für den Mann, sondern nur einen -für _Männlichkeit_; und wenn sie für sexuell anspruchsvoller gehalten -werden darf als er, so ist diese Anspruchsfülle nichts anderes als das -intensive Begehren nach ausgiebigster und stärkster Formung: _es ist -das Warten auf das größtmögliche Quantum von Existenz_. - -Und nichts anderes ist schließlich auch die _Kuppelei_. Die Sexualität -der Frauen ist _über_individuell, weil sie nicht abgegrenzte, geformte, -individualisierte Wesenheiten im höheren Sinne darstellen. Der höchste -Augenblick im Leben des Weibes, der, in dem sein _Ur_sein, die _Urlust_ -sich offenbart, ist jener Moment, wo der männliche Same in es fließt. -Da umarmt es den Mann stürmisch und preßt ihn an sich: es ist die -höchste Lust der Passivität, stärker noch als das Glücksgefühl der -Hypnotisierten, die Materie, welche eben geformt wird und die Form -nicht loslassen, sie ewig an sich binden will. Dieses unendliche -Trachten der Armut, dem Reichtum sich zu gesellen, das gänzlich -formlose und darum überindividuelle Streben des _Un_gegliederten, die -Form zur Berührung mit sich zu bringen, sie dauernd festzuhalten und -so Existenz zu gewinnen, liegt der Kuppelei im Tiefsten zu Grunde. Daß -das Weib nicht Monade ist und keine Grenzen hat, dadurch ist Kuppelei -nur _ermöglicht_; zur _Wirklichkeit_ wird sie, weil es die Idee des -_Nichts_, der _Materie_ repräsentiert, die unaufhörlich und in jeder -Weise die Form zur Vermengung mit sich zu verführen trachtet. Kuppelei -ist das ewige Drängen des Nichts zum Etwas. - -So hat sich allmählich die Dualität von Mann und Weib zum Dualismus -überhaupt entwickelt, zum Dualismus des höheren und des niederen -Lebens, des Subjekts und Objekts, der Form und der Materie, des Etwas -und des Nichts. Alles metaphysische, alles transcendentale Sein ist -logisches und moralisches Sein: _das Weib ist alogisch und amoralisch_. -Es enthält aber auch keine Abkehr vom Logischen und Moralischen, es ist -nicht _anti_logisch, es ist nicht _anti_moralisch. Es ist nicht das -_Nicht_, sondern das _Nichts_, es ist _weder Ja_, _noch_ ist es _Nein_. -Der _Mann_ birgt in sich die Möglichkeit zum absoluten Etwas _und_ zum -absoluten Nichts, und darum hat all sein Handeln eine _Richtung_ nach -dem einen oder dem anderen: das Weib _sündigt_ nicht, _denn es ist -selbst $die$ Sünde, als $Möglichkeit$ im Manne_. - -_Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten $Etwas$, das -Weib, auch das Weib im Manne, ist das Symbol des $Nichts$: das ist die -Bedeutung des Weibes im Universum, und so ergänzen und bedingen sich -Mann und Weib._ Als des Mannes _Gegensatz_ hat das Weib einen Sinn und -eine Funktion im Weltganzen; und wie der menschliche Mann über das -tierische Männchen, so reicht das menschliche Weib über das Weibchen -der Zoologie hinaus.[83] _Kein begrenztes Sein, kein begrenztes -Nichtsein_ (wie im Tierreich) liegen im _Menschen_ im Kampfe: _was -hier sich gegenübersteht, ist unbegrenztes Sein_ und _unbegrenztes -Nichtsein_. _Darum_ machen erst Mann und Weib _zusammen_ den Menschen -aus. - -Der _Sinn_ des Weibes ist es also, _Nicht-Sinn_ zu sein. Es -repräsentiert das _Nichts_, den Gegenpol der Gottheit, die _andere -Möglichkeit_ im Menschen. Darum gilt mit Recht nichts für gleich -verächtlich, als der Weib gewordene Mann, und wird ein solcher -Mann geringer geachtet als selbst der stumpfsinnigste und roheste -Verbrecher. Und so erklärt sich auch jene tiefste _Furcht_ im Manne: -die _Furcht vor dem Weibe_, das ist die _Furcht vor der Sinnlosigkeit_: -das ist die Furcht _vor dem lockenden Abgrund des Nichts_. - -Das _alte Weib_ offenbart erst ganz und gar, was das Weib -in Wirklichkeit ist. Die Schönheit der Frau wird, auch rein -erfahrungsgemäß, nur _geschaffen_ durch die _Liebe_ des Mannes: die -Frau wird schöner, wenn ein Mann sie liebt, _weil sie passiv dem Willen -entspricht, der in seiner Liebe liegt_; so mystisch dies klinge, es ist -nur eine alltägliche Beobachtung. Das alte Weib zeigt, wie das Weib -nie schön _war_: _wäre_ das Weib, so wäre die Hexe nicht. Aber das -Weib _ist_ nichts, ein hohles Gefäß, eine Zeitlang überschminkt und -übertüncht. - -Alle Qualitäten der Frau hängen an ihrem Nicht-Sein, an ihrer -_Wesenlosigkeit_: weil sie kein wahres, unwandelbares, sondern nur ein -irdisches Leben hat, darum begünstigt sie als Kupplerin die Zeugung in -_diesem_, darum ist sie durch den Mann, der sinnlich auf sie wirkt, vom -Grund auf umzuschaffen und empfänglich überhaupt. So vereinigen sich -die drei fundamentalen Eigenschaften des Weibes, welche dieses Kapitel -aufgedeckt hat, und schließen sich zusammen in seinem Nicht-Sein. - -Aus dem Begriff des Nicht-Seins ergeben sich Veränderlichkeit -und Verlogenheit, als die zwei _negativen_ Bestimmungen, durch -_unmittelbare_ Deduktion. Bloß Kuppelei, als die einzige _Position_ im -Weibe, folgt aus ihm nicht gleich rasch durch einfache Analyse. - -Und das ist wohl begreiflich. Denn das _Dasein_ des Weibes ist selbst -_identisch_ mit der Kuppelei, mit Bejahung aller Sexualität überhaupt. -_Kuppelei ist nichts anderes als universale Sexualität_; daß das Weib -ist, heißt nichts anderes, als daß in der Welt ein radikaler Hang zu -allgemeiner Sexualität besteht. _Die Kuppelei noch weiter $kausal$ -zurückführen bedeutet so viel als das $Dasein des Weibes erklären$._ - -Wenn hiezu von der Tafel des zwiefachen Lebens (S. 378) ausgegangen -wird, so ist die _Richtung vom höchsten Leben weg zum irdischen hin_, -das _Ergreifen des Nicht-Seienden statt des Seienden_, der _Wille zum -Nichts_, das _Nicht_, das _An-Sich-Böse_. _Anti_moralisch ist die -_Bejahung_ des _Nichts_: das Bedürfnis, _Form in Formloses, in Materie -zu verwandeln_, das Bedürfnis zu _zerstören_. - -_Das Nicht aber ist dem Nichts verwandt. Und darum besteht ein -so tiefer Zusammenhang zwischen allem Verbrecherischen und allem -Weiblichen._ Das _Anti_moralische berührt sich eben mit dem -$A$moralischen, von dem es in dieser Untersuchung zuerst ausdrücklich -_getrennt_ wurde, im gemeinsamen Begriffe des _Un_moralischen, und -die gewöhnliche unterschiedslose Verwechslung beider erfährt nun -dennoch eine gewisse Rechtfertigung. Denn das Nichts ist _allein_ -eben -- _nichts_, es _ist_ nicht, es hat weder Existenz noch Essenz. -Es ist stets nur das _Mittel_ des Nicht, das, was _durch_ das _Nein_ -dem _Etwas gegenübergestellt_ wird. _Erst indem der Mann seine eigene -Sexualität bejaht, indem er das Absolute verneint, sich vom ewigen -Leben ab-, dem niederen zukehrt, erhält das Weib Existenz. $Nur indem -das Etwas zum Nichts kommt, kann das Nichts zum Etwas kommen.$_ - -Der _bejahte Phallus_ ist das _Anti_moralische. Darum wird er als das -Häßlichste empfunden; darum wurde er stets in einer Beziehung zum Satan -gedacht: den Mittelpunkt der _Dante_schen _Hölle_ (das Zentrum des -Erdinneren) bildet der _Geschlechtsteil Lucifers_. - -$So erklärt sich denn die absolute Gewalt der männlichen -Geschlechtlichkeit über das Weib$.[84] _Nur indem der Mann $sexuell$ -wird, erhält das Weib Existenz und Bedeutung: sein Dasein ist an -den Phallus geknüpft, und $darum$ dieser sein höchster Herr $und$ -unumschränkter Gebieter._ Der Geschlecht gewordene Mann ist das Fatum -des Weibes; der Don Juan der einzige Mensch, vor dem es bis zum Grunde -erzittert. - -$Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille -des Mannes$: das _Nichts_ ist nur ein Werkzeug in der Hand des _Nicht_. -Die Kirchenväter drückten dasselbe pathetischer aus, als sie das Weib -das Instrument des Teufels nannten. Denn _an sich_ ist die Materie -_nichts_, _erst die Form muß ihr Existenz geben wollen_. Der Sündenfall -der Form ist eben jene Verunreinigung, die sie auf sich lädt, indem es -sie treibt, an der Materie sich zu betätigen. _Als der Mann $sexuell$ -ward, da $schuf$ er das $Weib$._ - -_Daß das Weib da ist, heißt also nichts anderes, als daß vom Manne die -Geschlechtlichkeit bejaht wurde. Das Weib ist nur das $Resultat$ dieser -Bejahung, es ist die Sexualität selber_ (S. 116). - -Das Weib ist in seiner Existenz _abhängig_ vom Manne: indem der Mann -zum Manne, als Gegenteil des Weibes, indem er geschlechtlich wird, -_setzt_ er das Weib und ruft es ins Dasein. Deshalb muß dem Weibe alles -daran gelegen sein, den Mann _sexuell zu erhalten_: denn es hat so viel -Existenz als der Mann Geschlechtlichkeit. _Deshalb_ muß der Mann, so -will sie es, _ganz zum Phallus werden_, $deshalb kuppelt die Frau$. -Sie ist unfähig, ein Wesen anders denn als Mittel zum Zweck, zu diesem -Zweck des Koitus zu gebrauchen: denn mit ihr ist selbst $kein anderer -Zweck$ verfolgt, als der, $den Mann schuldig werden zu lassen$. Und sie -wäre _tot_ in dem Augenblick, da der Mann _seine_ Sexualität überwunden -hätte. - -Der Mann hat das Weib geschaffen und schafft es immer neu, so lange -er noch sexuell ist. Wie er der Frau das _Bewußtsein_ gab (Teil II, -Kapitel 3, Ende), so gibt er ihr das _Sein_. Indem er auf den Koitus -nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. $Das Weib ist die Schuld des -Mannes.$ - -Diese Schuld gut zu machen, dazu soll ihm die Liebe dienen. Hiedurch -hellt sich auf, was der Schluß des vorigen Kapitels nur wie einen -dunklen Mythos einführte. Was der Mann durch die Schöpfung des Weibes, -das ist durch die Bejahung des Koitus verbrochen hat und noch -fortwährend verbricht, _das bittet er dem Weibe ab als Erotiker_. -Denn von wannen sonst käme die nie und nimmer sich genug tuende -_Generosität_ aller Liebe? Woher, daß die Liebe gerade dem Weibe, und -nicht einem anderen Wesen, Seele zu schenken beflissen ist? Durchaus -ist das Weib nur der Gegenstand, den sich der Trieb des Mannes erzeugt -hat als das eigene Ziel, es ist die Objektivation der männlichen -Sexualität, _die verkörperte Geschlechtlichkeit, seine Fleisch -gewordene Schuld_. Die _Liebe_ soll die Schuld über_decken_, statt sie -zu über_winden_; sie _$er$hebt_ das Weib, statt es _$auf$zuheben_. Das -Etwas schließt das Nichts in seine Arme, und glaubt so die Welt von der -Negation zu befreien, und alle Widersprüche zu versöhnen: da doch das -Nichts nur verschwinden könnte, wenn das Etwas sich ihm fern hielte. -Die Liebe des Mannes ist sein kühnster, äußerster Versuch, das Weib -als Weib sich zu retten, statt es als solches zu verneinen. Nur daher -stammt ihr Schuldbewußtsein: durch sie soll Schuld selbst _weggeräumt_, -statt _gesühnt_ werden. - -$Denn das Weib ist nur die Schuld und nur durch die Schuld des Mannes; -und wenn Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle Schuld -von selbst sich zu vermehren trachtet.$ Was die Frau, ohne je anders -zu können, durch ihr bloßes Dasein, durch ihr ganzes Wesen, ewig -unbewußt auswirkt, das ist nur _ein Hang im $Manne$_, sein zweiter, -unausrottbarer, sein _niederer Hang_: sie ist, gleich der Walküre, -eines _fremden_ Willens »blind wählende Kür«. Die Materie scheint ein -nicht minder unergründliches Rätsel als die Form, das Weib gleich -unendlich wie der Mann, das Nichts so ewig wie das Sein; aber diese -Ewigkeit ist nur die Ewigkeit der Schuld. - - - - -XIII. Kapitel. - -Das Judentum. - - -Es könnte nicht wundern, wenn es manchem scheinen wollte, bei dem -Ganzen der bisherigen Untersuchung seien »die Männer« allzugut -davongekommen, und in ihrer Gesamtheit auf ein übertrieben hohes -Postament gestellt. Man wird zwar vielleicht auf billige Argumente -verzichten, ihren Resultaten nicht entgegenhalten, wie überrascht -dieser Philister oder jener Spitzbube wäre, zu vernehmen, daß _er_ -die ganze Welt in sich habe; und doch die Behandlung des männlichen -Geschlechtes nicht bloß allzuglimpflich finden, sondern geradezu eine -tendenziöse Vernachlässigung aller widerlichen und kleinen Seiten der -Männlichkeit zu Gunsten ihrer höchsten Spitzen der Darstellung als -einen Fehler anrechnen. - -Die Beschuldigung wäre ungerechtfertigt. Es kommt mir nicht in den -Sinn, die Männer zu idealisieren, um die Frauen leichter in der -Schätzung herabdrücken zu können. So viel Beschränktheit und so viel -Gemeinheit unter den empirischen Vertretern der Männlichkeit oft -gedeiht, es handelt sich um die besseren _Möglichkeiten_, die in -jedem Manne sind, und als vernachlässigte von ihm schmerzlich-hell -oder dumpf-gehässig empfunden werden; Möglichkeiten, die als solche -bei der Frau weder in Wirklichkeit, noch in gedanklicher Erwägung -irgend in Rechnung gelangen. Und es konnte mir hier auch gar nicht -auf Unterscheidungen _unter_ den Männern wesentlich ankommen, so -wenig ich mich vor deren Wichtigkeit verschließe. Es handelte sich -darum, festzustellen, was das Weib _nicht_ ist, und da fehlte ihm -denn freilich unendlich viel, was selbst im mittelmäßigsten und -plebejischesten Manne nie _ganz_ vermißt wird. Das, was es _ist_, die -positiven Eigenschaften des Weibes (soferne da von einem Sein, von -Positionen wohl gesprochen werden kann) wird man stets auch bei vielen -Männern wiederfinden. Es gibt, wie schon öfter hervorgehoben wurde, -_Männer_, die _zu Weibern geworden_, oder _Weiber geblieben_ sind; aber -es gibt keine Frau, die über gewisse umschriebene, nicht sonderlich -hoch zu ziehende, moralische und intellektuelle Grenzen hinauskäme. Und -darum will ich es hier nochmals aussprechen: _das höchststehende Weib -steht noch unendlich tief unter dem tiefststehenden Manne_. - -Jene Einwendungen aber könnten weiter gehen, und einen Punkt berühren, -dessen Außerachtlassung der Theorie allerdings zum Vorwurf müßte -gemacht werden. Es gibt nämlich Völkerschaften und Rassen, bei deren -Männern, obwohl sie keineswegs als sexuelle Zwischenformen können -gedeutet werden, man doch so wenig und so selten eine Annäherung an -die Idee der Männlichkeit findet, wie sie aus der hier entworfenen -Zeichnung derselben hervortritt, daß die Prinzipien, ja, die ganzen -Fundamente, auf welchen diese Arbeit ruht, hiedurch stark könnten -erschüttert scheinen. Was ist z. B. von den _Chinesen_ zu halten, mit -ihrer weiblichen Bedürfnislosigkeit und ihrem Mangel an jeglichem -Streben? Man möchte _hier_ allerdings noch an eine größere Weiblichkeit -des ganzen Volkes zu glauben sich versucht fühlen. Wenigstens kann es -keine bloße Laune einer ganzen Nation sein, daß die Chinesen einen Zopf -zu tragen pflegen, und es ist ja auch ihr Bartwuchs nur ein äußerst -spärlicher. Aber wie verhält es sich dann mit den _Negern_? Es hat -unter den Negern vielleicht kaum je ein Genie gegeben, und moralisch -stehen sie beinahe allgemein so tief, daß man in Amerika bekanntlich -anfängt zu fürchten, mit ihrer Emanzipation einen unbesonnenen Streich -verübt zu haben. - -Wenn also auch das Prinzip der sexuellen Zwischenformen vielleicht -Aussicht hätte, für eine Rassenanthropologie bedeutsam zu werden (indem -über einige Völker ein größeres Quantum von Weiblichkeit insgesamt -ausgestreut schiene), so muß doch zugegeben werden, daß die bisherigen -Deduktionen zuvörderst auf den _arischen Mann_ und das _arische Weib_ -sich beziehen. Wie weit in den anderen großen Stämmen der Menschheit -mit den für ihre Gipfel geltenden Verhältnissen Übereinstimmung -herrscht, und was jene hauptsächlich davon zurückhält und so lange -hindert, an diese näher heranzukommen, das bedürfte erst der Erhellung -durch die eingehendste und lohnendste psychologische Vertiefung in die -Rassencharaktere. - -Das _Judentum_, das ich zum Gegenstande einer Besprechung zunächst -darum gewählt habe, weil es, wie sich zeigen wird, der härteste und -am meisten zu fürchtende Gegner der hier entwickelten und besonders -der noch zu entwickelnden Anschauungen, wie überhaupt des ganzen -Standpunktes ist, von dem aus jene möglich sind -- das Judentum scheint -anthropologisch mit allen beiden erwähnten Rassen, mit den Negern -wie mit den Mongolen, eine gewisse Verwandtschaft zu besitzen. Auf -den Neger weisen die so gern sich ringelnden Haare, auf Beimischung -von Mongolenblut die ganz chinesisch oder malaiisch geformten -Gesichtsschädel, die man so oft unter den Juden antrifft, und denen -regelmäßig eine gelblichere Hautfärbung entspricht. - -Dies ist nicht mehr als das Ergebnis einer alltäglichen Erfahrung, -und anders wollen diese Bemerkungen nicht verstanden sein; die -_anthropologische_ Frage nach der Entstehung des Judentums ist eine -ungemein schwierige, und auch ein so interessanter Lösungsversuch -wie der in den berühmten »Grundlagen des XIX. Jahrhunderts« von -H. S. _Chamberlain_ unternommene hat in jüngster Zeit sehr viel -Widerspruch gefunden. Sie zu behandeln besitze ich nicht das nötige -Wissen; was hier in Kürze, aber bis zu möglichster Tiefe analysiert -werden soll, ist nur die psychische Eigenheit des Jüdischen. Diese -Aufgabe ist eine Obliegenheit der psychologischen Beobachtung und -Zergliederung; sie ist lösbar, frei von allen Hypothesen über nun -nicht mehr kontrollierbare historische Vorgänge; und nur bedarf dieses -Unternehmen einer um so größeren Objektivität, als die Stellung zum -Judentum heute beinahe die wichtigste und hervorstechendste Rubrik des -Nationales ist, welches ein jeder vor der Öffentlichkeit ausfüllt, -ja allgemach der gebräuchlichste Einteilungsgrund der zivilisierten -Menschen geworden scheint. Und es läßt sich nicht behaupten, daß der -Wert, welcher auf eine offene Erklärung in dieser Frage allgemein -gelegt wird, ihrem Ernst und ihrer Bedeutung nicht angemessen sei, und -ihre Wichtigkeit übertreibe. Daß man auf sie überall stößt, ob man nun -von kulturellen oder materiellen, von religiösen oder politischen, von -künstlerischen oder wissenschaftlichen, biologischen oder historischen, -charakterologischen oder philosophischen Dingen herkommt, das muß -einen tiefen, tiefsten Grund im Wesen des Judentumes selbst haben. Ihn -aufzusuchen, wird keine Mühe zu groß scheinen dürfen: denn der Gewinn -muß sie in jedem Falle unendlich belohnen.[85] - -Zuvor jedoch will ich genau angeben, in welchem Sinne ich vom -Judentum rede. Es handelt sich mir _nicht_ um eine _Rasse_ und nicht -um ein _Volk_, noch weniger freilich um ein gesetzlich anerkanntes -Bekenntnis. _Man darf das Judentum nur für eine Geistesrichtung, -für eine psychische Konstitution halten, welche für $alle$ Menschen -eine $Möglichkeit$ bildet, und im historischen Judentum bloß die -grandioseste $Verwirklichung$ gefunden hat._ - -Daß dem so ist, wird durch nichts anderes bewiesen, als durch den -_Antisemitismus_. - -Die echtesten, arischesten, ihres Ariertums gewissesten Arier sind -keine Antisemiten, sie können, so unangenehm sicherlich auch sie von -auffallend jüdischen Zügen sich berührt fühlen, doch den _feindseligen_ -Antisemitismus im allgemeinen gar nicht _begreifen_; und sie sind es -auch, die von den Verteidigern des Judentums gerne als »Philosemiten« -bezeichnet, und deren verwunderte und mißbilligende Äußerungen über -den Judenhaß angeführt werden, wo das Judentum herabgesetzt oder -angegriffen wird.[86] Im _aggressiven_ Antisemiten wird man hingegen -immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften wahrnehmen; ja sogar in -seiner Physiognomie kann das zuweilen sich ausprägen, mag auch sein -Blut rein von allen semitischen Beimengungen sein. - -Es könnte dies auch unmöglich anders sich verhalten. _Wie man im -anderen nur $liebt$, was man gerne ganz sein möchte und doch nie ganz -ist, so $haßt$ man im anderen nur, was man nimmer sein will, und doch -immer zum Teile noch ist._ - -Man haßt nicht etwas, womit man keinerlei Ähnlichkeit hat. Nur macht -uns oft erst der andere Mensch darauf aufmerksam, was für unschöne und -gemeine Züge wir in uns haben. - -So erklärt es sich, daß die allerschärfsten Antisemiten _unter den -Juden_ zu finden sind. Denn bloß die ganz jüdischen Juden, desgleichen -die völlig arischen Arier, sind gar nicht antisemitisch gestimmt; unter -den übrigen betätigen die gemeineren Naturen ihren Antisemitismus nur -den anderen gegenüber, und richten diese, ohne je mit sich selber in -dieser Sache vor Gericht gegangen zu sein; und nur wenige fangen mit -ihrem Antisemitismus bei sich selbst an. - -Doch dies eine bleibt darum nicht minder gewiß: wer immer das jüdische -Wesen haßt, der haßt es zunächst _in_ sich: daß er es im anderen -verfolgt, ist nur sein Versuch, vom Jüdischen auf diese Weise sich -zu sondern; er trachtet sich von ihm zu scheiden dadurch, daß er es -gänzlich im Nebenmenschen lokalisiert, und so für den Augenblick von -ihm frei zu sein wähnen kann. Der Haß ist ein Projektionsphänomen wie -die Liebe: der Mensch haßt nur, durch wen er sich _un_angenehm an sich -selbst erinnert fühlt.[87] - -Der Antisemitismus _des Juden_ liefert demnach den Beweis, daß niemand, -der ihn kennt, den Juden als ein Liebenswertes empfindet -- auch der -Jude nicht; der Antisemitismus _des Ariers_ ergibt eine nicht minder -bedeutungsvolle Einsicht: daß man das Juden_tum_ nicht verwechseln darf -mit _den Juden_. Es gibt Arier, die jüdischer sind als mancher Jude, -und es gibt wirklich Juden, die arischer sind als gewisse Arier. Ich -will von jenen Nicht-Semiten, welche viel Judentum in sich hatten, -die kleineren (wie den bekannten _Friedrich Nicolai_ des XVIII. -Jahrhunderts) und mittelgroßen (hier dürfte _Friedrich Schiller_ -kaum außer acht bleiben) nicht aufzählen, und nicht auf ihr Judentum -analysieren. Aber auch _Richard Wagner_ -- der tiefste Antisemit -- -ist von einem Beisatz von Judentum, selbst in seiner Kunst, nicht -freizusprechen, so gewiß er neben _Michel Angelo_ der größte Künstler -aller Zeiten ist, so wahrscheinlich er geradezu den Künstler überhaupt -in der Menschheit repräsentiert; und so zweifellos sein _Siegfried_ -das _Unjüdischeste_ ist, was erdacht werden konnte. Aber niemand ist -umsonst Antisemit. Wie _Wagners_ Abneigung gegen die große Oper und das -Theater zurückgeht auf den starken Zug, den er selbst zu ihnen empfand, -einen Zug, der noch im »Lohengrin« deutlich erkennbar bleibt: so ist -auch seine Musik, in ihren motivischen Einzelgedanken die gewaltigste -der Welt, nicht gänzlich freizusprechen von etwas Aufdringlichem, -Lautem, Unvornehmem; womit die Bemühungen _Wagners_ um die äußere -Instrumentation seiner Werke im Zusammenhang stehen. Es läßt sich -auch nicht verkennen, daß _Wagners_ Musik sowohl auf den jüdischen -Antisemiten, welcher vom Judentum nie gänzlich loskommen kann, als -auf den antisemitischen Indogermanen, der ihm zu verfallen fürchtet, -den stärksten Eindruck hervorbringt. Von der Parsifal-Musik, die dem -völlig echten Juden in Ewigkeit fast ebenso unzugänglich bleibt wie die -Parsifal-Dichtung, vom »Pilgerchor« und der Romfahrt im »Tannhäuser«, -und sicher noch von manchem anderen ist hiebei _gänzlich_ abzusehen; -aber es ist z. B. sein Jugendwerk, der »Rienzi«, in seinem thematischen -Materiale wie in der Ausführung, noch vom Judentum vielleicht nicht -gänzlich frei. Auch könnte zweifellos, wer _nur_ ein Deutscher wäre, -das Wesen des Deutschtums nie so klar sich zum Bewußtsein bringen, als -_Wagner_ in den »Meistersingern von Nürnberg« dies vermocht hat.[88] -Man denke endlich an jene Seite in _Wagner_, die zu _Feuerbach_, statt -zu _Schopenhauer_, sich hingezogen fühlte. - -Hier ist keine kleinpsychologische Heruntersetzung des großen Mannes -geplant. Ihm war das Judentum die große Hilfe, um zur klaren Erkenntnis -und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum Siegfried und -zum Parsifal sich durchzuringen, und dem Germanentum den höchsten -Ausdruck zu geben, den es wohl in der Geschichte gefunden hat. Noch -ein Größerer als _Wagner_ mußte erst das Judentum in sich überwinden, -ehe er die eigene Mission fand; und es ist, vorläufig gesprochen, -_vielleicht die welthistorische Bedeutung und das ungeheuere Verdienst -des Judentums kein anderes, als den Arier immerfort zum Bewußtsein -seines Selbst zu bringen, ihn $an sich$ zu mahnen_. Dies ist es, was -der Arier dem Juden zu _danken_ hat; durch ihn weiß er, wovor er sich -hüte: _vor dem Judentum als Möglichkeit in ihm selber_. - -Dieses Beispiel wird hinlänglich verdeutlicht haben, was nach meinem -Ermessen unter dem Judentum zu verstehen ist. Keine Nation und keine -Rasse, keine Konfession und kein Schrifttum. Wenn ich fürder vom Juden -spreche, so meine ich nie den einzelnen und nie eine Gesamtheit, -_sondern den Menschen überhaupt, sofern er Anteil hat an der -platonischen Idee des Judentums_. Und nur die Bedeutung dieser Idee -gilt es mir zu ergründen. - -Daß aber diese Untersuchung gerade in einer Psychologie der -Geschlechter geführt werden muß, ist unerläßlich aus Gründen einer -Abgrenzung. Es bereitet jedem, der über beide, über das Weib und über -den Juden, nachgedacht hat, eine eigentümliche Überraschung, wenn er -wahrnimmt, in welchem Maße gerade das Judentum durchtränkt scheint -von jener Weiblichkeit, deren Wesen einstweilen nur im Gegensatze -zu _allem_ Männlichen _ohne Unterschied_ zu erforschen getrachtet -wurde. Er könnte hier überaus leicht geneigt sein, dem Juden einen -größeren Anteil an der Weiblichkeit zuzuschreiben, als dem Arier, ja -am Ende eine platonische μέθεξις auch des männlichsten Juden am Weibe -anzunehmen sich bewogen fühlen. - -Diese Meinung wäre irrig. Da indes eine Anzahl der wichtigsten Punkte, -solcher Punkte, in denen das tiefste Wesen der Weiblichkeit zum -Ausdruck zu kommen schien, beim Juden sich in einer merkwürdigen -Weise ebenfalls und wie zum zweiten Male finden, ist es unerläßlich, -Übereinstimmung und Abweichung hier genau festzustellen. - -Die Konformität will dem ersten Blicke überall sich darbieten, worauf -er sich auch richte; ja die Analogien sehen aus, als wären sie -außergewöhnlich weit verfolgbar: so daß man Bestätigungen früherer -Ergebnisse wie auch manch interessanten neuen Beitrag zum Hauptthema -anzutreffen gewärtig sein darf. Und es scheint ganz beliebig, womit man -hiebei den Anfang macht. - -So ist es, um gleich eine Analogie zum Weibe anzuführen, höchst -merkwürdig, wie sehr die Juden die beweglichen Güter bevorzugen --- auch heutzutage, da ihnen der Erwerb anderer frei steht -- -und wie sie eigentlich, trotz allem Erwerbssinn, kein Bedürfnis -nach dem _Eigentume_, am wenigsten in seiner festesten Form, dem -Grundbesitze, haben. Das Eigen_tum_ steht in einem unauflöslichen -Zusammenhang mit der Eigen_art_, mit der Individualität. Hiemit -hängt also zusammen, daß die Juden dem Kommunismus so scharenweise -sich zuwenden. Den _Kommunismus_ als Tendenz zur _Gemeinschaft_ -sollte man stets unterscheiden vom _Sozialismus_ als Bestrebung zu -gesellschaftlicher _Kooperation_ und zur Anerkennung der Menschheit -in jedem Gliede derselben. Der Sozialismus ist arisch (_Owen_, -_Carlyle_, _Ruskin_, _Fichte_), der Kommunismus jüdisch[89] (_Marx_). -Die moderne Sozialdemokratie hat sich in ihrem Gedankenkreise -darum vom christlichen, präraphaelitischen Sozialismus so weit -entfernt, weil die Juden in ihr eine so große Rolle spielen. Trotz -ihren vergesellschaftenden Neigungen hat die marxistische Form der -Arbeiterbewegung (im Gegensatze zu _Rodbertus_) gar kein Verhältnis -zur Idee des _Staates_, und dies ist sicherlich nur auf das völlige -Unverständnis des Juden für den Staatsgedanken zurückzuführen. Dieser -ist zu wenig ein Greifbares, die Abstraktion, die in ihm liegt, -allen konkreten Zwecken zu weit entrückt, als daß der Jude sich mit -ihm inniger befreunden könnte. Der Staat ist das Ganze aller Zwecke, -die nur durch eine Verbindung vernünftiger Wesen als vernünftiger -verwirklicht werden können. _Diese kantische Vernunft aber, der Geist -ist es, woran es dem Juden wie dem Weibe vor allem zu gebrechen -scheint._ - -Aus jenem Grunde ist aller Zionismus so aussichtslos, obwohl er die -edelsten Regungen unter den Juden gesammelt hat: denn der Zionismus -ist die Negation des Judentums, in welchem, _seiner Idee nach_, die -Ausbreitung über die ganze Erde liegt. Der Begriff des Bürgers ist dem -Juden vollständig _transcendent_; darum hat es nie im eigentlichen -Sinne des Wortes einen jüdischen _Staat_ gegeben, und kann nie -einen solchen geben. In der Staatsidee liegt eine Position, die -Hypostasierung der interindividuellen Zwecke, der Entschluß, einer -selbst gegebenen Rechtsordnung, deren _Symbol_ (und nichts anderes) -das Staatsoberhaupt ist, aus freier Wahl beizutreten. Darum ist das -Gegenteil des Staates die Anarchie, mit der gerade der Kommunismus auch -heute noch, eben durch sein Unverständnis für den Staat, verschwistert -ist; so sehr auch hievon die meisten anderen Elemente in der -sozialistischen Bewegung abstechen. Wenn der Staatsgedanke in keiner -historischen Form auch nur annähernd verwirklicht ist, so liegt doch -in jedem geschichtlichen Versuche zur Staatenbildung etwas, vielleicht -nur jenes Minimum von ihm, das ein Gebilde über eine bloße Association -zu Geschäfts- und Machtzwecken erhebt. Die historische Untersuchung, -wie ein bestimmter Staat entstanden sei, sagt nichts über die _Idee_, -die in ihm liegt, _soweit_ er eben Staat und nicht Kaserne ist. Um -jene zu erfassen, wird man sich bequemen müssen, der vielgeschmähten -_Rousseau_schen Vertragstheorie wieder mehr Gerechtigkeit widerfahren -zu lassen. Nur das Zusammentreten ethischer Persönlichkeiten zu -gemeinsamen Aufgaben kommt im Staate, sofern er Staat ist, zum Ausdruck. - -Daß der Jude nicht erst seit gestern, sondern mehr oder weniger von -jeher staatfremd ist, deutet bereits daraufhin, _daß dem Juden wie -dem Weibe die Persönlichkeit fehlt; was sich allmählich in der -Tat herausstellen wird_. Denn nur aus dem Mangel des intelligiblen -Ich kann, wie alle weibliche, so auch die jüdische Unsoziabilität -abzuleiten sein. Die Juden stecken gerne beieinander wie die Weiber, -aber sie _verkehren_ nicht miteinander als selbständige, voneinander -geschiedene Wesen, unter dem Zeichen einer überindividuellen Idee. - -So wenig wie es in der Wirklichkeit eine »Würde der _Frauen_« gibt, -so unmöglich ist die Vorstellung eines _jüdischen_ »gentleman«. Dem -echten Juden gebricht es an jener inneren Vornehmheit, welche Würde -des eigenen und Achtung des fremden Ich zur Folge hat. _Es gibt keinen -jüdischen Adel_; und dies ist um so bemerkenswerter, als doch bei den -Juden jahrtausendelange Inzucht besteht. - -So erklärt sich denn auch weiter, was man jüdische Arroganz nennt: -aus dem Mangel an _Bewußtsein_ eines Selbst und dem gewaltsamen -Bedürfnis nach Steigerung des Wertes der Person durch Erniedrigung -des Nebenmenschen; _denn der echte Jude hat kein Ich und darum auch -keinen Eigenwert_. Daher, trotz seiner Inkommensurabilität mit -allem Aristokratischen, seine weibische Titelsucht, die nur auf -einer Linie steht mit seiner Protzerei, deren Objekte die Loge im -Theater oder die modernen Gemälde in seinem Salon, seine christliche -Bekanntschaft oder sein Wissen sein können. Aber zugleich ist die -jüdische Verständnislosigkeit für alles Aristokratische erst hierin -eigentlich begründet. Der Arier hat ein Bedürfnis zu wissen, wer -_seine_ Ahnen waren; er achtet sie und interessiert sich für sie, -_weil sie seine Ahnen waren_; und er schätzt sie, weil er die eigene -Vergangenheit immer höher hält als der schnell sich verwandelnde -Jude, der pietätlos ist, weil er dem Leben keinen Wert spenden kann. -Ihm fehlt jener Ahnenstolz vollständig, den selbst der ärmste, -plebejischeste Arier noch in einem gewissen Grade besitzt; er ehrt -nicht, wie dieser, seine Vorfahren, weil sie _seine_ Vorfahren sind, -er ehrt nicht in ihnen _sich selbst_. Der Einwand ginge fehl, der sich -auf den außerordentlichen Umfang und die Kraft der jüdischen Tradition -beriefe. Die Geschichte seines Volkes ist hier dem Nachfahren, auch -demjenigen, welchem sie viel zu bedeuten scheint, nicht die Summe des -Einstmaligen, Gewesenen, sondern stets nur der Quell, aus dem er neue -Hoffnungsträume saugt: die _Vergangenheit_ des Juden ist nicht wirklich -seine Vergangenheit, sie ist immer nur seine _Zukunft_. -- -- - -Man hat die Mängel des Judentums oft genug, nicht allein -jüdischerseits, auf die brutale Unterdrückung und Knechtung -zurückführen wollen, welche die Juden im ganzen Mittelalter bis ins -XIX. Jahrhundert erfahren hätten. Den Sklavensinn habe im Juden -erst der Arier gezüchtet; und es gibt nicht wenige Christen, welche -den Juden in dieser Weise ernstlich als ihre Schuld empfinden. Doch -diese Gesinnung geht zu weit im Selbstvorwurf: es ist unzulässig, -von Veränderungen zu sprechen, welche durch Einflüsse von _außen_ im -Laufe der Generationen _im_ Menschen bewirkt worden seien, _ohne_ daß -in diesem selber der äußeren Gelegenheit etwas entgegengekommen sei -und ihr willig die Hand gereicht habe. Noch ist nicht bewiesen, daß -es eine Vererbung _erworbener_ Eigenschaften gibt, und sicherer als -bei den anderen Lebewesen bleibt, trotz aller Scheinanpassungen, beim -_Menschen_ der Charakter des einzelnen wie der Rasse konstant. Nur die -seichteste Oberflächlichkeit kann glauben, daß der Mensch durch seine -Umgebung gebildet werde, ja es ist beschämend, an die Bekämpfung einer -solchen, jeder freien Einsicht den Atem raubenden Anschauung auch nur -eine Zeile wenden zu sollen. Wenn sich der Mensch ändert, so kann es -nur von innen nach außen geschehen; oder es ist, wie beim Weibe, nie -ein Wirkliches da, also das Nichts-Sein das ewig Gleichbleibende. Wie -kann man übrigens an eine historische Erzeugung des Juden denken, da -doch bereits das alte Testament sichtlich zustimmend davon spricht, wie -_Jakob_, der Patriarch, seinen sterbenden Vater _Isaak_ belogen, seinen -Bruder _Esau_ und seinen Schwieger _Laban_ übervorteilt hat? - -_Mit Recht_ aber wird von den Verteidigern der Juden geltend gemacht, -daß diese, auch dem Prozentsatze nach, seltener schwere Verbrechen -begehen als die Arier. Der Jude ist nicht eigentlich _anti_moralisch. -Aber es müßte wohl hinzugefügt werden, daß er auch nicht den höchsten -ethischen Typus vorstellt. Er ist vielmehr relativ _a_moralisch, -nie sehr gut, noch je sehr böse, im Grunde keines von beiden, und -eher _gemein_. _Daher fehlt dem Judentum, wie die Konzeption der -Engel, auch der Begriff des Teufels_, die Personifikation des Guten -nicht minder als die des Bösen. Durch den Hinweis auf das Buch Hiob, -die Belialgestalt und den Eden-Mythus wird diese Behauptung nicht -entkräftet. Zwar liegen jene modernen quellenkritischen Streitfragen, -die Echtes und Entlehntes hier zu scheiden bemüht sind, auf einem -Wege, den zu betreten ich mich nicht berufen fühle; was ich aber wohl -weiß, ist dies, daß im psychischen Leben des heutigen Juden, sei er -nun »aufgeklärt« oder sei er »orthodox«, weder ein teuflisches noch -irgend ein engelhaftes Prinzip, weder Himmel noch Hölle auch nur die -geringste religiöse Rolle spielen. -- Wenn also der Jude nie die -höchste sittliche Höhe erreicht, so wird doch auch sicherlich Mord -und Gewalttat von ihm viel seltener verübt als vom Arier; und hieraus -wird eben das Fehlen jeder Furcht vor einem diabolischen Prinzipe erst -völlig verständlich. - -Kaum minder oft als die Fürsprecher der _Juden_ berufen sich die -Anwälte der _Frauen_ auf deren geringere Kriminalität als auf den -Beweis ihrer vollendeteren Sittlichkeit. Die Homologie zwischen beiden -scheint immer vollständiger zu werden. Es gibt keinen weiblichen -Teufel, so wenig es einen weiblichen Engel gibt: nur die Liebe, jene -trotzige Verneinung der Wirklichkeit, kann den Mann im Weibe ein -himmlisches Wesen erblicken lassen, nur blinder Haß es für verderbt und -schurkenhaft erklären. _Was dem Weibe wie dem Juden vielmehr durchaus -abgeht, das ist $Größe$_, Größe in irgend welcher Hinsicht, überragende -Sieger im Moralischen, großzügige Diener des Antimoralischen. Im -arischen Manne sind das gute und das böse Prinzip der _kantischen_ -Religionsphilosophie _beide beisammen und doch am weitesten -auseinandergetreten_, um ihn streiten sein guter und sein böser Dämon. -Im Juden sind, fast wie im Weibe, Gut und Böse noch nicht voneinander -differenziert; es gibt zwar keinen jüdischen Mörder, doch es gibt auch -keinen jüdischen Heiligen. Und so wird es wohl richtig sein, daß die -wenigen Elemente des Teufelsglaubens in der jüdischen Überlieferung aus -dem Parsismus und aus Babylon stammen. - -Die Juden leben sonach nicht als freie, selbstherrliche, zwischen -Tugend und Laster wählende Individualitäten wie die Arier. Diese -stellt sich ein jeder ganz unwillkürlich vor _wie eine Schar einzelner -Männer_, jene wie ein, über eine weite Fläche ausgebreitetes, -zusammenhängendes Plasmodium. Der Antisemitismus hat daraus oft -fälschlich ein hartnäckiges bewußtes Zusammenhalten gemacht, und -von der »jüdischen Solidarität« gesprochen. Das ist eine leicht -begreifliche Verwechslung verschiedener Dinge. Wenn gegen irgend -einen Unbekannten, welcher dem Judentum angehört, eine Beschuldigung -erhoben wird, und nun alle Juden innerlich für den Betreffenden sich -einsetzen, seine Unschuld wünschen, hoffen, und zu erweisen suchen: -_so glaube man nur ja nicht, daß der betreffende Mensch als einzelner -Jude sie irgendwie interessiere, sein individuelles Schicksal, weil -es das eines Juden ist, mehr Mitleid bei ihnen erwecke als das -eines ungerecht verfolgten Ariers_. Dies ist keineswegs der Fall. -_Nur das gefährdete Juden$tum$, die Befürchtung, es könnte auf die -Gesamtheit der Judenschaft, besser: auf das Jüdische überhaupt, auf -die $Idee$ des Juden$tums$ ein schädlicher Schatten fallen, führt zu -jenen Erscheinungen unwillkürlicher Parteinahme._ Es ist ganz so, -wie wenn die Weiber jede einzelne Angehörige ihres Geschlechtes mit -Wonne heruntersetzen hören, und selbst erniedrigen helfen, falls nur -auf das Weib kein schlechtes Licht hiedurch geworfen werde: wenn nur -kein Mann sich hiedurch abschrecken läßt, _überhaupt_ nach Frauen zu -verlangen, wofern nur niemand an der »Liebe« irre, sondern weiter -geheiratet wird, und nicht die alten Junggesellen sich vermehren. Nur -die _Gattung_ wird verteidigt, nur das _Geschlecht_, beziehungsweise -die _Rasse_ geschützt, nicht das _Individuum_; dieses kommt nur -insoferne in Betracht, als es Angehöriger der Gruppe ist. _Der echte -Jude wie das echte Weib, sie leben beide nur in der Gattung, nicht als -Individualitäten._[90] - -Hieraus erklärt es sich, daß die _Familie_ (als biologischer, nicht -als rechtlicher Komplex) bei keinem Volk der Welt eine so große Rolle -spielt, wie bei den Juden; nächstdem bei den mit ihnen, wie sich zeigen -wird, entfernt verwandten Engländern. Die Familie in diesem Sinne -ist eben weiblichen, mütterlichen Ursprungs, und hat mit dem Staate, -mit der Gesellschaftsbildung nichts zu tun. Die Zusammengehörigkeit -der Familienmitglieder, nur als eine Folge des gemeinsamen -Dunstkreises, ist am engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen -Manne, dem begabteren stets mehr als dem mittelmäßigen, aber auch -dem gewöhnlichsten noch, ist dies eigen, daß er sich mit seinem -_Vater_ nie völlig verträgt: weil ein jeder einen, wenn auch noch -so leisen, unbewußten oder bewußt gewordenen _Zorn_ auf denjenigen -Menschen empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben genötigt -und ihm den Namen gegeben hat, der ihm bei der Geburt gutdünkte; von -dem er zumindest hierin _abhängig_ gewesen ist, und der, auch nach -jeder tieferen metaphysischen Anschauung, doch immer als in einem -_Zusammenhange_ damit stehend betrachtet werden muß, daß der Sohn -selbst in das Erdenleben wollte. Nur unter Juden kommt es vor, daß der -Sohn ganz tief in der Familie _darinnensteckt_, und mit dem Vater in -gemeiner Gemeinschaft sich wohl fühlt; fast nur unter Christen, daß -Vater und Sohn wie Freund und Freund miteinander verkehren. Ja sogar -die Töchter der Arier stehen noch immer eher außerhalb der Familie als -die Jüdinnen, und öfter als diese ergreifen sie einen Beruf, der sie -von Verwandten und Eltern entfernt und unabhängig macht. - -Auch ist hier die Probe auf die Ausführungen des vorigen Kapitels zu -machen, welche das unindividuelle, vom anderen Menschen nicht durch -die Grenzen des Einsamen geschiedene Leben als eine unerläßliche -Voraussetzung der Kuppelei ansahen (S. 385). Männer, die kuppeln, -haben immer Judentum in sich; _und damit ist der Punkt der $stärksten$ -Übereinstimmung zwischen Weiblichkeit und Judentum erreicht_. Der Jude -ist stets lüsterner, geiler, wenn auch merkwürdigerweise, vielleicht -im Zusammenhange mit seiner nicht eigentlich _anti_moralischen Natur, -sexuell weniger potent als der arische Mann. Nur Juden sind echte -Heiratsvermittler, und nirgends erfreut sich Ehevermittlung durch -Männer einer so ausgedehnten Verbreitung wie unter den Juden. Freilich -ist eine Tätigkeit nach dieser Richtung hier dringender als sonst -vonnöten; denn es gibt, wessen schon einmal gedacht wurde (Teil I, -S. 51), kein Volk der Welt, in dem so wenig aus Liebe geheiratet würde -wie unter ihnen: ein Beweis, mehr für die Seelenlosigkeit des absoluten -Juden. - -Daß die Kuppelei eine organische Veranlagung im Juden ist, wird auch -durch das Unverständnis des Juden für alle Askese nahe gelegt; aber -erhärtet dadurch, daß die jüdischen Rabbinen es lieben, besonders -eingehend über das Fortpflanzungsgeschäft zu spekulieren, und eine -mündliche Tradition im Zusammenhange mit der Kinderzeugung pflegen; wie -dies von den Obersten eines Volkes, dessen sittliche Hauptaufgabe, nach -seiner Überlieferung wenigstens, es sein muß, »sich zu mehren«, kaum -anders erwartet werden kann. - -Kuppelei ist schließlich Grenzverwischung: _und der Jude ist der -Grenzverwischer κατ' εξοχήν_. Er ist der Gegenpol des Aristokraten; -das Prinzip alles Aristokratismus ist strengste _Wahrung_ aller -_Grenzen_ zwischen den Menschen. Der Jude ist geborener Kommunist, -und immer will er die Gemeinschaft. Die Formlosigkeit des Juden im -Verkehr, sein Mangel an gesellschaftlichem Takte gehen hierauf zurück. -Alle Umgangsformen sind nur die feinen Mittel, um die Grenzen der -persönlichen Monaden zu betonen und zu schützen; der Jude aber ist -nicht Monadologe. - -Ich betone nochmals, obwohl es selbstverständlich sein sollte: trotz -der abträglichen Wertung des echten Juden kann nichts mir weniger in -den Sinn kommen, als durch diese oder die noch folgenden Bemerkungen -einer theoretischen oder gar einer praktischen Judenverfolgung in die -Hände arbeiten zu wollen. Ich spreche über das Judentum als platonische -Idee -- _es gibt einen absoluten Juden so wenig als es einen absoluten -Christen gibt_ -- ich spreche nicht von den einzelnen Juden, von -denen ich so vielen nur höchst ungern wehe getan haben wollte, und -deren manchem bitteres Unrecht geschehen würde, wenn das Gesagte auf -ihn sollte angewendet werden. Losungen wie »Kauft nur bei Christen« -sind _jüdisch_, denn sie betrachten und werten das Individuum nur als -Gattungsangehörigen; ähnlich wie der jüdische Begriff des »Goy« jeden -Christen einfach als solchen bezeichnet und auch schon subsumiert. - -Nicht also der Boykott, und nicht etwa die Austreibung der Juden oder -ihre Fernhaltung von Amt und Würde ist hier befürwortet. Durch solche -Mittel ist die Judenfrage nicht lösbar, denn sie liegen nicht auf -dem Wege der Sittlichkeit. Aber auch der »Zionismus« ist ihr nicht -gewachsen. Er will die Juden sammeln, die, wie H. S. _Chamberlain_ -nachweist, längst vor der Zerstörung des jerusalemitischen Tempels zum -Teile die Diaspora als ihr natürliches Leben, das Leben des über die -ganze Erde fortkriechenden, die Individuation ewig hintertreibenden -Wurzelstockes gewählt hatten, er will etwas _Un_jüdisches. _Die Juden -müßten erst das Judentum überwunden haben, ehe sie für den Zionismus -reif würden._ - -_Zu diesem Behuf aber wäre vor allem geboten, daß die Juden sich -selbst verstehen, daß sie sich kennen lernen und gegen sich kämpfen, -$innerlich$ das Judentum $in sich$ besiegen $wollten$._ Bis heute -aber kennen sich die Juden nur so weit, daß sie Witze über sich -machen und verständnisvoll goutieren -- nicht weiter. _Unbewußt_ nur -achtet jeder Jude den Arier höher als sich selbst. Erst die feste und -unerschütterliche Entschlossenheit, die höchste Selbstachtung sich zu -ermöglichen, könnte den Juden vom Judentume befreien. Dieser Entschluß -ist aber nur vom Individuum, nicht von einer Gruppe, und sei sie noch -so stark, noch so ehrenhaft, zu fassen und auszuführen. Darum kann die -Judenfrage nur _individuell_ gelöst werden, _jeder einzelne Jude muß -sie für seine Person zu beantworten suchen_. - -Es gibt keine andere Lösung der Frage und kann keine andere geben; dem -Zionismus wird sie nie gelingen. - -Der Jude freilich, der überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden -wäre, besäße dann allerdings auch das volle Recht, vom Arier als -einzelner genommen, und nicht nach einer Rassenangehörigkeit mehr -beurteilt zu werden, über die ihn sein moralisches Streben längst -hinausgehoben hätte. Er mag unbesorgt sein: seinem gegründeten Anspruch -wird niemand sich widersetzen wollen. Der höher stehende Arier hat -immer das Bedürfnis den Juden zu achten, sein Antisemitismus ist ihm -keine Freude und kein Zeitvertreib. Darum liebt er es nicht, wenn -der Jude über den Juden Bekenntnisse ablegt; und wer es dennoch tut, -kann, von seiner Seite fast noch weniger als von der stets so überaus -empfindlichen Judenschaft, irgend Dank sich erhoffen. Zu allerletzt -wünscht gerade der Arier, daß der Jude dem Antisemitismus durch die -Taufe recht gebe. Aber auch diese Gefahr der äußersten Verkennung -seines ehrlichsten Strebens darf den Juden, der die _innerliche_ -Befreiung will, nicht bekümmern. Er wird darauf verzichten müssen, das -Unmögliche zu leisten, sich als _Jude_ zu schätzen, wie es der Arier -von ihm haben will, und danach trachten, sich als _Mensch_ ehren zu -dürfen. Er wird die seelische Taufe des Geistes zu erreichen verlangen, -welcher die äußerliche des Körpers symbolisch nur immer dann folgen mag. - -Die dem Juden so wichtige und so nötige Erkenntnis dessen, _was das -Jüdische und das Judentum eigentlich $ist$_, wäre die Lösung eines der -schwierigsten Probleme; das Judentum ist ein viel tieferes Rätsel, als -wohl mancher Antisemiten-Katechismus glaubt, und im letzten Grunde wird -es einer gewissen Dunkelheit wohl nie weit entzogen werden. Auch die -Parallele mit dem Weibe wird uns nun bald verlassen; einstweilen vermag -sie noch weiterzuhelfen. - -Im Christen liegen Stolz und Demut, im Juden Hochmut und Kriecherei -miteinander im Kampf; in jenem Selbstbewußtsein und Zerknirschung, in -diesem Arroganz und Devotion. Mit dem völligen Mangel des Juden an -Demut hängt sein Unverständnis für die Idee der Gnade zusammen. Aus -seiner knechtischen Veranlagung entspringt seine heteronome Ethik, -der Dekalog, das unmoralischeste Gesetzbuch der Welt, welches für die -gehorsame Befolgung eines mächtigen _fremden_ Willens das Wohlergehen -auf _Erden_ in Aussicht stellt und die Eroberung der Welt verheißt. Das -Verhältnis zum Jehovah, dem _abstrakten_ Götzen, vor dem er die Angst -des _Sklaven_ hat, dessen Namen er nicht einmal _auszusprechen_ wagt, -charakterisiert den Juden analog dem Weibe als einer fremden Herrschaft -über sich bedürftig. _Schopenhauer_ definiert einmal: »Das Wort Gott -bedeutet einen Menschen, der die Welt gemacht hat.« Für den Gott der -Juden trifft dies allerdings zu. Von dem Göttlichen _im_ Menschen, -dem »Gott, der mir im Busen wohnt,« weiß der echte Jude nichts; dem, -was _Christus_ und _Plato_, _Eckhard_ und _Paulus_, _Goethe_ und -_Kant_, was von den _vedischen Priestern_ bis auf _Fechners_ herrliche -Schlußverse aus den »Drei Motiven und Gründen des Glaubens« jeder -Arier unter dem Göttlichen gemeint hat, dem Worte »Ich werde bei euch -sein alle Tage bis an der Welt Ende«: all dem steht er verständnislos -gegenüber. Denn was im Menschen von Gott ist, das ist des Menschen -Seele; _der absolute Jude aber ist seelenlos_. - -_So kann es denn gar nicht anders sein, als daß dem alten Testamente -der Unsterblichkeitsglaube fehlt. Wer keine Seele hat, wie sollte -der nach ihrer Unsterblichkeit ein Bedürfnis haben?_ Ebenso -wie den Frauen fehlt den Juden, und zwar ganz allgemein, das -_Unsterblichkeitsbedürfnis_: »Anima naturaliter christiana« -- so sagt -_Tertullian_. - -Aus dem nämlichen Grunde aber gibt es unter den Juden -- -H. S. _Chamberlain_ hat das richtig erkannt -- auch keine eigentliche -Mystik, außer einer wüsten Superstitio und Interpretationsmagie, »die -Kabbâla« genannt. Der jüdische Monotheismus hat mit echtem Glauben -an Gott nichts, gar nichts zu tun, er ist vielmehr seine Negation, -der »Afterdienst« des wahren Dienstes unter dem guten Prinzipe, -die Homonymität des Judengottes und des Christengottes die ärgste -Verhöhnung des letzteren. Hier ist keine Religion aus reiner Vernunft; -eher ein Altweiberglaube aus schmutziger Angst. - -Warum wird aber aus dem orthodoxen Jehovah-Knecht so rasch und leicht -ein Materialist, ein »Freigeist«? Warum ist das _Lessing_sche Wort -vom »Aufkläricht«, trotz der Einrede des wohl nicht ohne guten Grund -antisemitischen _Dühring_, wie auf das Judentum gemünzt? Hier ist -der _Sklavensinn_ gewichen und hat seiner steten Kehrseite, der -_Frechheit_, Platz gemacht: beide sind wechselnde Phasen eines und -desselben Wollens im nämlichen Menschen. Die _Arroganz den Dingen -gegenüber_, die nicht als Symbole eines Tieferen empfunden oder auch -nur dunkel geahnt werden, der Mangel an »verecundia« auch vor dem -Naturgeschehen, das führt zur jüdischen, materialistischen Form der -Wissenschaft, wie sie leider heute eine gewisse Herrschaft erlangt -hat, und intolerant gegen alle Philosophie geworden ist. Wenn man, -wie es notwendig und allein richtig ist, das Judentum als eine _Idee_ -betrachtet, an der auch der Arier mehr oder weniger _Anteil_ haben -kann, dann wird wenig dagegen einzuwenden sein, wenn man an die Stelle -der »_Geschichte des Materialismus_« lieber ein »_Wesen des Judentums_« -gesetzt wissen will. »Das Judentum in der Musik« hat _Wagner_ -besprochen; vom _Judentum in der Wissenschaft_ ist hier noch einiges zu -sagen. - -Judentum im weitesten Sinne ist jene Richtung in der Wissenschaft, -welcher diese vor allem _Mittel zum Zweck_ ist, alles Transcendente -auszuschließen. Der Arier empfindet das Bestreben, _alles_ begreifen -und ableiten zu wollen, als eine Entwertung der Welt, denn er -fühlt, daß gerade das Unerforschliche es ist, das dem Dasein seinen -Wert verleiht. Der Jude hat keine Scheu vor Geheimnissen, weil er -nirgends welche ahnt. Sein Bestreben ist es, die Welt möglichst -platt und gewöhnlich zu sehen, nicht um durch Klarheit dem ewig -Dunklen sein ewiges Recht erst zu sichern, sondern um eine öde -Selbstverständlichkeit des Alls zu erzeugen und die Dinge aus dem -Wege zu räumen, welche einer freien Bewegung seiner Ellbogen auch -im Geistigen entgegenstehen. Die _anti_philosophische (nicht die -aphilosophische) Wissenschaft ist im Grunde jüdisch. - -Auch sind die Juden stets, eben weil ihre Gottesverehrung -mit wahrer Religion gar keine Verwandtschaft hat, der -mechanistisch-materialistischen Anschauung der Welt am wenigsten abhold -gewesen; wie _sie_ am eifrigsten den _Darwinismus_ und die lächerliche -Theorie von der Affenabstammung des Menschen aufgriffen, so wurden sie -beinahe schöpferisch als Begründer jener _ökonomischen_ Auffassung -der menschlichen Geschichte, welche den Geist aus der Entwicklung -des Menschengeschlechtes am vollständigsten streicht. Früher die -enragiertesten Anhänger _Büchners_, sind sie jetzt die begeistertsten -Vorkämpfer _Ostwalds_. - -Es ist auch kein Zufall, daß die _Chemie_ heutzutage in so weitem -Umfang in den Händen der Juden sich befindet, wie einst in den Händen -der stammesverwandten Araber. Das Aufgehen in der Materie, das -Bedürfnis, alles in ihr aufgehen zu lassen, setzt den Mangel eines -intelligiblen Ich voraus, ist also wesentlich jüdisch. - -»_O curas Chymicorum! o quantum in pulvere inane!_« - -Dieser Hexameter ist freilich von dem _deutschesten_ Forscher aller -Zeiten: der ihn gedichtet hat, heißt Johannes _Kepler_.[91] - -Es hängt mit dem Einflusse jüdischen Geistes auch sicherlich zusammen, -daß die Medizin, welcher die Juden so scharenweise sich zuwenden, -ihre heutige Entwicklung genommen hat. Stets, von den Wilden bis zur -heutigen Naturheilbewegung, von der sich die Juden bezeichnenderweise -gänzlich ferngehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religiöses, -war der Medizinmann der Priester. Die bloß _chemische_ Richtung in der -Heilkunde -- das ist das Judentum. Sicherlich aber wird niemals das -Organische aus dem Unorganischen, sondern höchstens dieses aus jenem -zu erklären sein. Es ist kein Zweifel, daß _Fechner_ und _Preyer_ -recht haben, die das Tote aus dem Lebenden, und nicht umgekehrt, -entstanden sein lassen. Was wir täglich im _individuellen_ Leben vor -sich gehen sehen: daß Organisches zu Anorganischem wird (schon durch -die Verknöcherung und Verkalkung im Alter, die senile Arteriosklerose -und Atheromatose, wird der Tod vorbereitet); indes noch niemand, -aus Totem Lebendes hat erstehen sehen -- das sollte, im Sinne des -»biogenetischen« Parallelismus zwischen Ontogenie und Phylogenie, auch -auf die _Gesamtheit_ der anorganischen Materie angewendet werden. Hat -die Lehre von der Urzeugung von _Swammerdam_ bis _Pasteur_ so viele -Posten nacheinander aufgeben müssen, so wird sie auch ihren letzten -Halt, den sie im monistischen Bedürfnis so vieler zu haben scheint, -fahren lassen, wenn dieses anders und besser wird befriedigt werden -können. Die Gleichungen für das tote Geschehen werden sich vielleicht -einmal durch Einsetzung bestimmter Zeitwerte als _Grenz_fälle der -Gleichungen des lebendigen Geschehens ergeben, nie umgekehrt das -Lebende durch das Tote darstellbar sein. Die _Homunculus-Bestrebungen_ -sind _Faust_ fremd, _Goethe_ hat sie nicht ohne Grund für _Wagner_, den -Famulus, reserviert. Mit der Chemie ist wahrhaftig nur den Exkrementen -des Lebendigen beizukommen; ist doch das Tote selbst nur ein Exkret -des Lebens. Die chemische Anschauungsweise setzt den Organismus auf -eine Stufe mit seinen Auswürfen und Abscheidungen. Wie anders sollten -Erscheinungen zu erklären sein gleich dem Glauben eines Menschen, durch -Ernährung mit mehr oder weniger Zucker das Geschlecht des werdenden -Kindes beeinflussen zu können? Das _unkeusche Anpacken_ jener Dinge, -die der Arier im Grunde seiner Seele immer als _Schickung_ empfindet, -ist erst durch den Juden in die Naturwissenschaft gekommen. Die Zeit -jener tiefreligiösen Forscher, für die ihr Objekt stets an einer -übersinnlichen Dignität einen, wenn auch noch so geringen, Anteil -hatte, für die es Geheimnisse gab, die vom Staunen kaum je sich -erholten über das, was sie zu entdecken sich _begnadet_ fühlten, die -Zeit eines _Kopernikus_ und _Galilei_, eines _Kepler_ und _Euler_, -_Newton_ und _Linné_, _Lamarck_ und _Faraday_, Konrad _Sprengel_ und -_Cuvier_ scheint vorüber. Die heutigen Freigeister, die, weil sie vom -Geiste frei sind, an keine immanente Offenbarung eines Höheren im -Naturganzen mehr zu glauben vermögen, sind, vielleicht eben darum, -auch in ihrem besonderen wissenschaftlichen Fache nicht imstande, jene -Männer wirklich zu ersetzen und zu erreichen. - -Aus diesem _Mangel an Tiefe_ wird auch klar, weshalb die Juden keine -ganz großen Männer hervorbringen können, _weshalb dem Judentum_, wie -dem Weibe, _die höchste Genialität versagt ist_. Der hervorragendste -Jude der letzten neunzehnhundert Jahre, an dessen rein semitischer -Abkunft zu zweifeln kein Grund vorliegt, und der sicherlich viel mehr -Bedeutung besitzt als der, fast jeder _Größe_ entbehrende, Dichter -_Heine_ oder der originelle, aber keineswegs tiefe Maler _Israels_, ist -der Philosoph _Spinoza_. Die allgemein übliche ungeheure Überschätzung -auch des letzteren geht weniger auf Vertiefung in seine Werke und ein -Studium derselben, als auf den zufälligen Umstand zurück, daß er der -einzige Denker ist, den _Goethe_ eingehender gelesen hat. - -Für _Spinoza_ selbst gab es eigentlich keine _Probleme_: darin zeigt er -sich als echter Jude; sonst hätte er nicht jene »mathematische Methode« -wählen können, die wie darauf berechnet ist, alles _selbstverständlich_ -erscheinen zu lassen. Spinozas System war sein Schutzbau, in den er -sich darum zurückzog, weil niemand so sehr wie er gemieden hat über -sich nachzudenken; darum konnte es für denjenigen Menschen, der wohl -am meisten, und schmerzvoller als alle anderen, über sich nachgedacht -hat, darum konnte es für _Goethe_ eine Beruhigung und Erholung werden. -Denn der wahrhaft bedeutende Mensch denkt, über was immer er denke, -im Grunde doch immer nur über sich selbst nach. Und so gewiß _Hegel_ -im Unrecht war, die logische Opposition wie eine reale Repugnanz zu -behandeln, so gewiß geht doch auch das trockenste _logische Problem_ -beim _tieferen_ Denker _psychologisch_ auf einen mächtigen _inneren -Konflikt_ zurück. Spinozas System, in seinem voraussetzungslosen -Monismus und Optimismus, in seiner vollkommenen Harmonie, die -Goethe so hygienisch empfand, ist unleugbar keine Philosophie eines -Gewaltigen: sie ist die Absperrung eines die Idylle suchenden, -und ihrer doch nicht wirklich fähigen, weil gänzlich humorlosen -Unglücklichen. - -Die Echtheit seines Judentums erweist Spinoza mehrfach, und läßt -deutlich die Grenzen sichtbar werden, welche rein jüdischem Geiste -immer gezogen sind: ich meine hier weniger sein Unverständnis für den -Staatsgedanken und seine Anhängerschaft an den _Hobbes_schen »Krieg -aller gegen alle« als angeblichen Urzustand der Menschheit. Was den -relativen Tiefstand seiner philosophischen Anschauungen bezeugt, -ist vielmehr sein völliges Unverständnis für die _Willensfreiheit_ --- der Jude ist stets Sklave und also Determinist -- und am meisten -dies, daß für ihn, als _echten Juden_, die Individuen nur Accidenzen, -nicht Substanzen, nur nicht-wirkliche Modi einer allein wirklichen, -aller Individuation fremden unendlichen Substanz sind. Der Jude ist -nicht Monadolog. Darum gibt es keinen tieferen Gegensatz als den -zwischen _Spinoza_ und seinem weit bedeutenderen und universelleren -Zeitgenossen _Leibniz_, dem Vertreter der _Monaden_-Lehre, und deren -noch weit größerem Schöpfer _Bruno_, dessen Ähnlichkeit mit Spinoza -eine oberflächliche Anschauung in einer ans Groteske streifenden Weise -übertrieben hat.[92] - -Wie das »Radikal-Gute« und das »Radikal-Böse«, so fehlt aber dem Juden -(_und dem Weibe_) _mit dem Genie_ auch das _Radikal-Dumme_ in der -menschlichen, männlichen Natur. Die spezifische Art der Intelligenz, -die dem Juden wie dem Weibe nachgerühmt wird, ist freilich einerseits -nur _größere Wachsamkeit ihres größeren Egoismus_; anderseits beruht -sie auf der unendlichen Anpassungsfähigkeit beider an alle beliebigen -äußeren Zwecke ohne Unterschied: _weil sie keinen urwüchsigen Maßstab -des Wertes, kein Reich der Zwecke in der eigenen Brust tragen_. Dafür -haben sie ungetrübtere natürliche Instinkte, welche dem arischen Manne -nicht in gleicher Weise zurückkehren, um ihm weiterzuhelfen, wenn ihn -das Übersinnliche in seiner Intelligenz verlassen hat. - -Hier ist auch der Ort, der seit Richard _Wagner_ oft hervorgehobenen -Ähnlichkeit des Engländers mit dem Juden zu gedenken. Denn sicherlich -haben unter allen Germanen sie am ehesten eine gewisse Verwandtschaft -mit den Semiten. Ihre Orthodoxie, ihre streng wörtliche Auslegung der -Sabbatruhe weist darauf hin. Es ist in der Religiosität der Engländer -nicht selten Scheinheiligkeit, in ihrer Askese nicht wenig Prüderie -gelegen. Auch sind sie, wie die Frauen, weder durch Musik noch durch -Religion je produktiv gewesen: es mag irreligiöse Dichter geben -- -_sehr_ große Künstler können es nicht sein -- aber es gibt keinen -irreligiösen Musiker. Und es hängt hiemit auch zusammen, warum die -Engländer keinen bedeutenden Architekten, und nie einen hervorragenden -Philosophen hervorgebracht haben. _Berkeley_ ist wie _Swift_ und -_Sterne_ ein _Ire_, _Erigena_, _Carlyle_ und _Hamilton_, ebenso wie -_Burns_, sind _Schotten_. _Shakespeare_ und _Shelley_, die zwei größten -Engländer, bezeichnen noch lange nicht die Gipfel der Menschheit, sie -reichen auch nicht entfernt hinan an _Dante_, oder an _Aischylos_. -Und wenn wir nun die englischen »Philosophen« betrachten, so sehen -wir, wie von ihnen seit dem Mittelalter stets die Reaktion gegen alle -Tiefe ausgegangen ist: von _Wilhelm von Occam_ und _Duns Scotus_ -angefangen, über _Roger Baco_ und seinen _Namensvetter den Kanzler_, -den Spinoza so geistesverwandten _Hobbes_ und den seichten _Locke_, -bis zu _Hartley_, _Priestley_, _Bentham_, den beiden _Mill_, _Lewes_, -_Huxley_, _Spencer_. Damit sind aber aus der Geschichte der englischen -Philosophie die wichtigsten Namen auch schon aufgezählt; denn Adam -_Smith_ und David _Hume_ waren Schotten. _Vergessen wir niemals, -daß uns aus England die seelenlose Psychologie gekommen ist!_ Der -Engländer hat dem Deutschen als tüchtiger Empiriker, als Realpolitiker -im Praktischen wie im Theoretischen imponiert, aber damit ist seine -Wichtigkeit für die Philosophie auch erschöpft. Es hat noch nie einen -tieferen Denker gegeben, der beim Empirismus stehen geblieben ist; und -noch nie einen Engländer, der über ihn selbständig hinausgekommen wäre. - -Dennoch darf man den Engländer nicht mit dem Juden verwechseln. Im -Engländer ist viel mehr Transcendentes als im Juden, nur ist sein Sinn -mehr vom Transcendenten aufs Empirische, als vom Empirischen aufs -Transcendente gerichtet. Sonst wäre er nicht so _humorvoll_, wie er es -ist, indes dem Juden der Humor fehlt, indem dieser vielmehr selbst, -nach der Sexualität, das ergiebigste Objekt alles Witzes ist. - -Ich weiß wohl, ein wie schwieriges Problem das Lachen und der Humor -ist; so schwierig wie alles, was nur menschlich und nicht auch tierisch -ist, so schwierig, daß _Schopenhauer_ gar nichts Rechtes, und selbst -_Jean Paul_ nichts ganz Befriedigendes über den Gegenstand zu sagen -weiß. Im Humor liegt zunächst vielerlei: für manche Menschen scheint -er eine feinere Form des Mitleids mit anderen oder mit sich selbst zu -bedeuten; aber damit ist nichts ausgesprochen, was gerade für den Humor -ausschließlich charakteristisch wäre. In ihm mag bewußtes »Pathos der -Distanz« zum Ausdruck kommen -- beim gänzlich unpathetischen Menschen; -aber auch hiemit ist nichts gerade für ihn Entscheidendes gewonnen. - -Das Wesentlichste im Humor scheint mir eine _übermäßige Betonung -des Empirischen_, um dessen _Unwichtigkeit_ eben hiedurch klarer -darzustellen. Lächerlich ist im Grunde alles, was verwirklicht ist; und -hierauf gründet sich der Humor, so ist er das Widerspiel der Erotik. -Will diese aus dem Begrenzten ins Unbegrenzte, so läßt der Humor auf -das Begrenzte sich nieder, schiebt es allein in den Vordergrund der -Bühne, und stellt es bloß, indem er es von allen Seiten betrachtet. -Nur der Humorist hat den Sinn für das Kleine und den Zug zum Kleinen; -sein Reich ist weder Meer noch Gebirge, sein Gebiet ist das Flachland. -Darum sucht er mit Vorliebe das Idyll auf und vertieft sich in jedes -_Einzelding_: aber immer nur, um sein _Mißverhältnis_ zum _Ding an -sich_ zu enthüllen. _Er blamiert die Immanenz, indem er sie von der -Transcendenz gänzlich loslöst_, ja nicht einmal den Namen der letzteren -mehr nennt. Der Witz sucht den Widerspruch innerhalb der Erscheinung -auf, der Humor tut ihr den größeren Tort an, sie wie ein in sich -geschlossenes Ganzes hinzustellen; _beide zeigen, was alles möglich -ist_; und kompromittieren hiedurch am gründlichsten die Erfahrungswelt. -Die Tragik hingegen tut dar, was in alle Ewigkeit _unmöglich_ ist, und -so verneinen Komik und Tragik, jede auf ihre Weise, die Empirie, obwohl -sie eine das Gegenteil der anderen zu sein scheinen. - -Der Jude, der nicht vom Übersinnlichen kommt wie der Humorist, und -nicht zum Übersinnlichen will wie der Erotiker, hat kein Interesse, -das Gegebene geringer zu werten: darum wird ihm das Leben nie zum -Gaukelspiel, nie zum Tollhaus. Weil der Humor _höhere_ Werte kennt, -als alle konkreten Dinge, und sie nur listig _verschweigt_, ist er -seinem Wesen nach _tolerant_; die Satire, sein Gegenteil, ist ihrem -Wesen nach _intolerant_ und entspricht darum besser der eigentlichen -Natur des Juden wie der des Weibes. Juden und Weiber sind humorlos, -aber spottlustig. In Rom hat es sogar eine Verfasserin von Satiren, -_Sulpicia_ mit Namen, gegeben. Weil die Satire unduldsam ist, macht -sie den Menschen in der Gesellschaft am leichtesten unmöglich. Der -Humorist, der es zu verhindern weiß, daß die Kleinigkeiten und -Kleinlichkeiten der Welt ihn und die anderen Menschen ernstlich -zu bekümmern anfangen, ist der am liebsten gesehene Gast in jeder -Gesellschaft. Denn der Humor räumt wie die Liebe Berge aus dem Wege; -er ist eine Verhaltungsweise, die ein soziales Leben, d. h. eine -Gemeinsamkeit unter einer _höheren_ Idee, sehr begünstigt. Der Jude ist -denn auch nicht, der Engländer in hohem Maße sozial veranlagt. - -Der Vergleich des Juden mit dem Engländer versagt also noch viel früher -als sein Vergleich mit dem Weibe. Der Grund, aus welchem dennoch -hier wie dort Ausführlichkeit geboten schien, liegt in der Hitze des -Kampfes, welcher um Wert und Wesen des Judentums seit längster Zeit -geführt wird. Auch darf ich hier wohl auf _Wagner_ mich berufen, den -das Problem des Judentums am intensivsten, von Anfang bis zuletzt, -beschäftigt hat, und der nicht nur im Engländer einen Juden hat wieder -entdecken wollen: auch über seiner _Kundry_, der tiefsten Frauengestalt -der Kunst, schwebt unverkennbar der Schatten des _Ahasverus_. - -Noch mehr scheint es im Sinne der Parallele mit dem Weibe gelegen, -und noch stärker verleitet zu ihrer voreiligen Annahme, daß -- nicht -bloß für die Augen des Juden -- keine Frau der Welt die _Idee_ des -Weibes so völlig repräsentiert wie die Jüdin. Selbst vom Arier wird -sie ähnlich empfunden: man denke an _Grillparzers_ »Jüdin von Toledo«. -Dieser Schein wird darum so leicht erregt, weil die Arierin vom Arier -auch das Metaphysische als einen Sexualcharakter fordert, und von -seinen religiösen Überzeugungen ebenso zu durchdringen ist, wie von -seinen anderen Qualitäten (vgl. Kapitel 9 gegen Ende und Kapitel 12). -In Wirklichkeit gibt es freilich dennoch nur Christen und nicht -Christinnen. Die Jüdin aber kann, sowohl als kinderreiche Hausmutter -wie als wollüstige Odaliske, die Weiblichkeit in ihren beiden Polen, -als Kypris und als Kybele, darum vollständiger zu repräsentieren -scheinen, weil der Mann, der sie sexuell ergänzt und geistig -imprägniert, der Mann, der sie für sich geschaffen hat, selber so wenig -Transcendentes in sich birgt. - -Die Kongruenz zwischen Judentum und Weiblichkeit _scheint_ eine völlige -zu werden, sobald auf die unendliche Veränderungsfähigkeit des Juden -zu reflektieren begonnen wird. Das große Talent der Juden für den -Journalismus, die »Beweglichkeit« des jüdischen Geistes, der Mangel -an einer wurzelhaften und ursprünglichen _Gesinnung_ -- lassen sie -nicht von den Juden wie von den Frauen es gelten: _sie $sind$ nichts, -und können eben darum alles $werden$_? Der Jude ist Individuum, aber -nicht Individualität; dem niederen Leben ganz zugewandt, hat er kein -Bedürfnis nach der persönlichen Fortexistenz: es fehlt ihm das wahre, -unveränderliche, das metaphysische Sein, er hat keinen Teil am höheren, -_ewigen Leben_. - -Und doch gehen gerade hier Judentum und Weiblichkeit in entscheidender -Weise _auseinander_; _das Nicht-Sein und Alles-Werden-Können ist im -Juden ein anderes als in der Frau_. Die Frau ist die Materie, die -_passiv_ jede Form annimmt. Im Juden liegt zunächst unleugbar eine -gewisse _Aggressivität_: nicht durch den großen Eindruck, den andere -auf ihn hervorbringen, wird er rezeptiv, er ist nicht suggestibler -als der Arier; sondern er paßt sich den verschiedenen Umständen und -Erfordernissen, jeder Umgebung und jeder Rasse selbsttätig an; wie -der Parasit, der in jedem Wirte ein anderer wird, und so völlig ein -verschiedenes Aussehen gewinnt, daß man ein neues Tier vor sich -zu haben glaubt, während er doch immer derselbe geblieben ist. Er -assimiliert sich allem und assimiliert es so sich; und er wird hiebei -nicht vom anderen unterworfen, sondern unterwirft sich so ihn. - -Das Weib ist ferner _gar nicht_, der Jude _eminent begrifflich_ -veranlagt, womit auch seine Neigung für die Jurisprudenz zusammenhängt, -welcher die Frau nie Geschmack abgewinnen wird; und auch in dieser -begrifflichen Natur des Juden kommt seine _Aktivität_ zum Ausdruck, -eine Aktivität freilich von ganz eigentümlicher Art, keine Aktivität -der selbstschöpferischen Freiheit des höheren Lebens. - -Der Jude ist ewig wie das Weib, ewig nicht als Persönlichkeit, sondern -als Gattung. _Er ist nicht unmittelbar wie der arische Mann, aber seine -Mittelbarkeit ist trotzdem eine andere als die des Weibes._ - -Am tiefsten wird die Erkenntnis des eigentlich-jüdischen Wesens -erschlossen durch die _Irreligiosität_ des Juden. Es ist hier nicht der -Ort für eine Untersuchung des Religionsbegriffes, und es sei denn unter -Religion, ohne eine Begründung, die notgedrungen langatmig werden und -vom Thema weit abführen müßte, zunächst die _Bejahung alles ewigen, aus -den Daten des niederen nie abzuleitenden, nie zu erweisenden höheren -Lebens $im$ Menschen $durch$ den Menschen_ verstanden. _Der Jude ist -der $ungläubige$_ Mensch. _Glaube_ ist jene Handlung des Menschen, -durch welche er in Verhältnis zu einem _Sein_ tritt. Der _religiöse -Glaube_ richtet sich nur speziell auf das _$absolute$ Sein_. _Und der -Jude $ist$ nichts, im tiefsten Grunde darum, weil er nichts $glaubt$._ - -Glaube aber ist alles. Mag ein Mensch an Gott glauben oder nicht, es -kommt nicht alles darauf an: wenn er nur wenigstens an seinen Atheismus -glaubt. Das aber ist es eben; der Jude glaubt gar nichts, er glaubt -nicht an seinen Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel. Er ist nie -ganz durchdrungen von seinem Jubel, aber ebensowenig fähig, völlig von -seinem Unglück erfüllt zu werden. Er nimmt sich nie ernst, und darum -nimmt er auch keinen anderen Menschen, keine andere Sache wahrhaft -ernst. - -_Hiemit ist die wesentliche Differenz zwischen dem Juden und dem -Weibe endlich bezeichnet._ Ihre Ähnlichkeit beruht zu allertiefst -darauf, daß er, so wenig wie sie, _an sich selbst_ glaubt. Aber _sie_ -glaubt an den _anderen_, an den Mann, an das Kind, an »die Liebe«; -sie hat einen Schwerpunkt, nur liegt er außerhalb ihrer. _Der Jude -aber glaubt nichts, weder in sich noch außer sich_; auch im Fremden -hat er keinen Halt, auch in ihm schlägt er keine Wurzeln gleich dem -Weibe. Und nur gleichsam symbolisch erscheint sein Mangel an irgend -welcher Bodenständigkeit in seinem so tiefen Unverständnis für allen -Grundbesitz und seiner Vorliebe für das mobile Kapital. - -Die Frau glaubt an den Mann, an den Mann außer sich oder an den Mann -in sich, an den Mann, von dem sie geistig imprägniert worden ist, -und kann auf diese Weise sogar sich selbst ernst nehmen.[93] Der -Jude hält nie etwas wirklich für echt und unumstößlich, für heilig -und unverletzbar. Darum ist er überall frivol, und alles bewitzelnd; -er glaubt keinem Christen sein Christentum, geschweige denn einem -Juden die Ehrlichkeit seiner Taufe. Aber er ist auch nicht wirklich -realistisch und keineswegs ein echter Empiriker. Hier ist an den -früheren Aufstellungen, die, zum Teile, an H. S. _Chamberlain_ sich -anschlossen, die wichtigste Einschränkung vorzunehmen. Der Jude ist -nicht eigentlich immanent wie der englische Erfahrungsphilosoph; denn -der Positivismus des bloßen Empiristen glaubt an einen Abschluß alles -menschenmöglichen Wissens im Bereiche der Sinnfälligkeit, er hofft auf -die Vollendung des Systemes exakter Wissenschaft. Der Jude aber glaubt -auch an das Wissen nicht; und doch er ist darum keineswegs Skeptiker, -denn ebensowenig ist er vom Skeptizismus überzeugt. Dagegen waltet noch -über einem gänzlich ametaphysischen Systeme wie dem des _Avenarius_ -eine weihevolle Sorgfalt, ja selbst über die relativistischen -Anschauungen von Ernst _Mach_ ist eine vertrauensvolle _Frömmigkeit_ -ausgebreitet. Der Empirismus mag nicht tief sein; jüdisch ist er darum -nicht zu nennen. - -_Der Jude ist der unfromme Mensch im weitesten Sinne._ Frömmigkeit -aber ist der Grund von allem, und die Basis, auf der alles andere -erst sich erhebt. Man hält den Juden schon für prosaisch, weil er -nicht schwungvoll ist, und nach keinem Urquell des Seins sich sehnt; -mit Unrecht. Alle echte innere Kultur, und was immer ein Mensch für -Wahrheit halte, daß es für ihn Kultur, daß es für ihn Wahrheit, daß es -für ihn Werte gibt, das ruht auf dem Grunde des Glaubens, es bedarf der -Frömmigkeit. Und Frömmigkeit ist nicht etwas, das bloß in der Mystik -und in der Religion sich offenbart; auch aller Wissenschaft und aller -Skepsis, allem, womit der Mensch es _innerlich ernst meint_, liegt -_sie_ am tiefsten zu Grunde. Daß sie auf verschiedene Weise sich äußern -mag, ist sicher: Begeisterung und Sachlichkeit, hoher Enthusiasmus und -tiefer Ernst, das sind die zwei vornehmsten Arten, in welchen sie zum -Vorschein gelangt. Der Jude ist nie schwärmerisch, aber er ist auch -nicht eigentlich nüchtern; er ist nicht ekstatisch, aber er ist auch -nicht trocken. Fehlt ihm der niedere wie der geistige Rausch, ist er -so wenig Alkoholiker, als höherer Verzückung fähig, so ist er darum -noch nicht kühl, und noch in weiter Ferne von der Ruhe überzeugender -Argumentation: seine Wärme schwitzt, und seine Kälte dampft. Seine -Beschränkung wird immer Magerkeit, seine Fülle immer Schwulst. Kommt -er, wenn er zur schrankenlosen Begeisterung des Gefühles den Aufflug -wagt, nie weit über das Pathetische hinaus, so unterläßt er, auch wenn -er in den engsten Fesseln des Gedankens sich zu bewegen unternimmt, -doch nicht, geräuschvoll mit seinen Ketten zu rasseln. Und drängt es -ihn auch kaum zum Kuß der ganzen Welt, er bleibt gegen sie darum nicht -minder zudringlich. - -Alle Sonderung und alle Umschlingung, alle Strenge und alle Liebe, -alle Sachlichkeit und alles Hymnische, jede wahre, unverlogene Regung -im Menschenherzen, sei sie ernst oder freudig, ruht zuletzt auf der -Frömmigkeit. Der Glaube muß nicht, wie im Genius, im religiösesten -Menschen, auf eine metaphysische Entität sich beziehen -- Religion -ist Setzung seiner selbst und der Welt mit sich selbst -- er mag auch -auf ein empirisches Sein sich erstrecken, und hierin gleichsam völlig -aufzugehen scheinen: es ist doch nur ein und derselbe Glaube an ein -Sein, an einen Wert, eine Wahrheit, an ein Absolutes, an einen Gott. -Religion ist Schöpfung des Alls; und alles, was im Menschen _ist_, ist -nur durch _Religion_. Der Jude ist demnach nicht der religiöse Mensch, -wofür man ihn so oft ausgegeben hat; sondern der irreligiöse Mensch -κατ' εξοχήν.[94] - -Soll ich dies nun noch begründen? Soll ich lange ausführen, wie der -Jude ohne Eifer im Glauben ist, und darum die jüdische Konfession -die einzige, die um keinen Proselyten wirbt, der zum Judentum -Übergetretene dessen Bekennern selbst das größte Rätsel und die größte -Verlegenheit?[95] Soll ich über das Wesen des jüdischen Gebetes hier -mich verbreiten und seine Formelhaftigkeit, seinen Mangel an jener -Inbrunst, die nur der Augenblick geben kann, betonen? Soll ich endlich -wiederholen, was die jüdische Religion ist: keine Lehre vom Sinn und -Zweck des Lebens, sondern eine historische Tradition, zusammenzufassen -in dem einen Übergang durchs rote Meer, gipfelnd also in dem Danke des -flüchtenden Feigen an den mächtigen Erretter? Es wäre wohl auch sonst -klar: der Jude ist der irreligiöse Mensch, und von jedem Glauben am -allerweitesten entfernt. Er setzt nicht sich selbst und mit sich die -Welt, worin das Wesentliche in der Religion besteht. Aller Glaube ist -heroisch: der Jude aber kennt weder den Mut noch das Fürchten, als das -Gefühl des bedrohten Glaubens; er ist weder sonnenhaft noch dämonisch. - -Nicht also, wie _Chamberlain_ glaubt, Mystik, sondern _Frömmigkeit_ -ist das, was dem Juden zu allerletzt mangelt. Wäre er nur ehrlicher -Materialist, wäre er nur bornierter Entwicklungsanbeter! Aber er ist -nicht Kritiker, sondern nur Kritikaster, er ist nicht Skeptiker nach -dem Bilde des _Cartesius_, nicht Zweifler, um aus dem größten Mißtrauen -zur größten Sicherheit zu gelangen; sondern absoluter Ironiker wie -- -hier kann ich eben nur einen Juden nennen -- wie Heinrich _Heine_. Er -ist gar nicht echter Revolutionär (denn woher käme ihm die Kraft und -der innere Elan der Empörung?), und unterscheidet sich eben hiedurch -vom _Franzosen_: er ist nur zersetzend, und gar nie wirklich zerstörend. - -Und was ist er nun selbst, der Jude, wenn er nichts von alledem ist, -was sonst ein Mensch sein kann? Was geht in ihm wahrhaft vor, wenn er -ohne irgend welches Letzte ist, ohne einen Grund, auf den das Senkblei -des Psychologen am Ende doch hart und vernehmlich stieße? - -Des Juden psychische Inhalte sind sämtlich mit einer gewissen Zweiheit -oder Mehrheit behaftet; _über diese Ambiguität, diese Duplizität, -ja Multiplizität kommt er nie hinaus_. Er hat immer _noch_ eine -Möglichkeit, noch _viele_ Möglichkeiten, wo der Arier, ohne ärmer im -Blicke zu sein, unbedingt sich entscheidet und wählt. Diese innere -Vieldeutigkeit, diesen Mangel an unmittelbarer innerer _Realität_ -irgend eines psychischen Geschehens, die Armut an jenem An- und -Fürsich-Sein, aus welchem allein höchste Schöpferkraft fließen kann, -glaube ich als die Definition dessen betrachten zu müssen, was ich -das Jüdische als Idee genannt habe.[96] _Es ist wie ein Zustand $vor$ -dem $Sein$_, ein ewiges Irren draußen vor dem Tore der Realität. Mit -nichts kann der Jude sich wahrhaft identifizieren, für keine Sache sein -Leben ganz und gar einsetzen.[97] Nicht der Eiferer, sondern der Eifer -fehlt dem Juden: weil ihm alles Ungeteilte, alles Ganze fremd ist. Es -ist die _Einfalt_ des _Glaubens_, die ihm abgeht, und weil er diese -_Einfalt_ nicht hat, und keine wie immer geartete letzte _Position_ -bedeutet, darum scheint er gescheiter als der Arier, und entwindet -sich _elastisch_ jeder Unterdrückung.[98] _Innerliche Vieldeutigkeit_, -ich möchte es wiederholen, _ist das absolut Jüdische, Einfalt das -absolut Unjüdische_. Die Frage des Juden ist die Frage, die Elsa an -Lohengrin richtet: die Unfähigkeit, irgend einer Verkündigung, sei es -auch der inneren Offenbarung, die Unmöglichkeit, _irgend_ einem _Sein_ -schlechthin zu _glauben_. - -Man wird vielleicht einwenden, jenes zwiespältige Sein finde sich nur -bei den zivilisierten Juden, in welchen die alte Orthodoxie neben -der modernen Gesittung noch fortwirke. Aber das wäre weit gefehlt. -Seine Bildung läßt das Wesen des Juden nur darum stets noch klarer -zum Vorschein kommen, weil es so an Dingen sich betätigt, die mit -tieferem Ernste erwogen sein wollen, als materielle Geldgeschäfte. Der -Beweis, daß der Jude an sich nicht eindeutig ist, läßt sich erbringen: -der Jude _singt_ nicht. Nicht aus Schamhaftigkeit, sondern weil er -sich seinen Gesang nicht _glaubt_. So wenig die Vieldeutigkeit des -Juden mit eigentlicher, realer Differenziertheit oder Genialität, so -wenig hat seine eigentümliche Scheu vor dem Gesang, oder auch nur vor -dem lauten hellen Worte, mit echter Zurückhaltung etwas zu tun. Alle -Scham ist stolz; jene Abneigung des Juden ist aber ein Zeichen seiner -_inneren Würdelosigkeit_: denn das unmittelbare Sein versteht er nicht, -und er würde sich schon lächerlich finden und kompromittiert fühlen, -wenn er nur sänge. Schamhaftigkeit umfaßt alle Inhalte, die mit dem -Ich des Menschen, durch eine innige Kontinuität fester verknüpft sind; -die fragliche Gêne des Juden aber erstreckt sich auch auf Dinge, die -ihm keineswegs heilig sein können, die er also nicht zu profanieren -fürchten müßte, wenn er öffentlich die Stimme würde erheben sollen. -Und abermals trifft dies mit der Unfrömmigkeit des Juden zusammen: -denn alle Musik ist absolut, und besteht wie losgelöst von aller -Unterlage; nur darum hat sie unter allen Künsten die engste Beziehung -zur Religion, und ist der einfache Gesang, der eine einzelne Melodie -mit ganzer Seele erfüllt, unjüdisch wie jene. - -Ich glaube nun gerade deutlich genug gewesen zu sein, um nicht darüber -schlecht verstanden zu werden, was ich mit dem eigentlichen Wesen des -Judentums meine. _Ibsens_ König _Håkon_ in den »Kronprätendenten«, -sein Dr. _Stockmann_ im »Volksfeind« mögen es, wenn es dessen bedürfen -sollte, noch klarer machen, was dem echten Juden in alle Ewigkeit -unzugänglich ist: _das unmittelbare Sein_, _das Gottesgnadentum_, _der -Eichbaum_, _die Trompete_, _das Siegfriedmotiv_, _die Schöpfung seiner -selbst_, _das Wort: $ich bin$_. Der Jude ist wahrhaftig das »Stiefkind -Gottes auf Erden«; und es gibt denn auch keinen (männlichen) Juden, der -nicht, wenn auch noch so dumpf, an seinem Judentum, das ist im tiefsten -Grunde, an seinem Unglauben, $litte$. - -Judentum und Christentum, jenes das zerrissenste, der inneren Identität -barste, dieses das glaubenskräftigste, gottvertrauendste Sein, sie -bilden so den weitesten, unermeßlichsten Gegensatz. Christentum ist -höchstes Heldentum; der Jude aber ist nie einheitlich und ganz. Darum -eben ist der Jude feige, und der Heros sein äußerster Gegenpol. - -H. S. _Chamberlain_ hat von dem furchtbaren, unheimlichen Unverständnis -des echten Juden für die Gestalt und die Lehre Christi, für den Krieger -wie für den Dulder in ihm, für sein Leben wie für sein Sterben, viel -Wahres und Treffendes gesagt. Aber es wäre irrig, zu glauben, der Jude -_hasse_ Christum; der Jude ist nicht der Antichrist, _er hat zu Jesus -nur eigentlich gar keine Beziehung_; es gibt streng genommen nur Arier --- Verbrecher -- die Christum _hassen_. Der Jude fühlt sich durch -ihn nur, als ein seinem Witze nicht recht Angreifbares, weil seinem -Verständnis Entrücktes, _gestört_ und unangenehm _geärgert_. - -Dennoch ist die Sage vom Neuen Testament als reifster Blüte und -höchster Vollendung des Alten, und die künstliche Vermittelung, welche -das letztere den messianischen Verheißungen des ersteren angepaßt hat, -den Juden sehr zustatten gekommen; sie ist ihr stärkster äußerer Schutz -gewesen. Daß nun trotz dieses polaren Verhältnisses gerade aus dem -Judentum das Christentum hervorgegangen ist, bildet eines der tiefsten -psychologischen Rätsel: es ist kein anderes Problem als die Psychologie -des Religionsstifters, um die es sich hier handelt.[99] - -Wodurch unterscheidet sich der geniale Religionsstifter von allem -übrigen Genie? Welche innere Notwendigkeit treibt ihn, Religion zu -stiften? - -_Es kann keine andere sein, als daß er selbst nicht immer an den Gott -geglaubt hat, den er verkündet._ Die Überlieferung erzählt von _Buddha_ -wie von _Christus_, welchen Versuchungen sie ausgesetzt waren, viel -stärkeren als alle anderen Menschen. Zwei weitere, _Mohammed_ und -_Luther_, sind _epileptisch_ gewesen. Die _Epilepsie_ aber ist _die -Krankheit des Verbrechers_: _Cäsar_, _Narses_, _Napoleon_, die »großen« -Verbrecher, haben sämtlich an der Fallsucht gelitten, und _Flaubert_ -und _Dostojewskij_, welche zu ihr wenigstens tendierten, hatten beide -außerordentlich viel vom Verbrecher in sich, ohne natürlich Verbrecher -zu _sein_. - -_Der Religionsstifter ist jener Mensch, der ganz gottlos gelebt -und dennoch zum höchsten Glauben sich durchgerungen hat._ »Wie es -möglich sei, daß ein natürlicherweise böser Mensch sich selbst zum -guten Menschen mache, das übersteigt alle unsere Begriffe; denn -wie kann ein böser Baum gute Früchte bringen?« so fragt _Kant_ in -seiner Religionsphilosophie, und _bejaht dennoch prinzipiell_ diese -Möglichkeit: »Denn, ungeachtet jenes Abfalles erschallt doch das -Gebot: wir _sollen_ bessere Menschen werden, unvermindert in unserer -Seele; folglich müssen wir es auch _können_ ..« Jene unbegreifliche -Möglichkeit der vollständigen _Wiedergeburt_ eines Menschen, der -alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch gelebt -hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen -_verwirklicht_, welche die großen Religionen der Menschheit begründet -haben. Hiedurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: in diesem -überwiegt von Geburt an die Anlage zum Guten. - -Alle Genialität ist nur höchste Freiheit vom Naturgesetz. - - »Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, - Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.« - -_Wenn dies so sich verhält, dann ist der Religionsstifter der genialste -Mensch._ Denn er hat _am meisten_ überwunden. Er ist der Mensch, dem -das gelungen ist, was die tiefsten Denker der Menschheit nur zaghaft, -nur um ihre ethische Weltanschauung, um die _Freiheit_ der _Wahl_ nicht -preisgeben zu müssen, als möglich hingestellt haben: _die völlige -Neugeburt des Menschen_, seine »Regeneration«, die gänzliche Umkehr des -Willens. Die anderen großen Geister haben zwar auch den Kampf mit dem -Bösen zu führen, aber bei ihnen neigt die Wagschale von vornherein -entschieden zum Guten. Nicht so beim Religionsgründer. In ihm ist so -viel Böses, so viel Machtwille, so viel irdische Leidenschaft, daß er -40 Tage in der Wüste, ununterbrochen, ohne Nahrung, ohne Schlaf, mit -dem Feind in sich kämpft. Erst dann hat er gesiegt: nicht zum Tode -ist er eingegangen, sondern das höchste Leben hat er in sich befreit. -Wäre das anders, so fehlte jeder Impuls zur Glaubensstiftung. Der -Religionsgründer will und muß nichts anderes den Menschen bringen, als -was ihm, dem belastetsten von allen, gelungen ist: den Bund mit der -Gottheit zu schließen. Er weiß, daß er der schuldbeladenste Mensch ist; -und er sühnt die _größte_ Schuldsumme durch den Tod am Kreuze. - -Im Judentum waren zwei Möglichkeiten. Vor _Christi_ Geburt lagen sie -noch beisammen, und es war noch nicht gewählt worden. Es war eine -Diaspora da, und zugleich wenigstens eine Art Staat: Negation und -Position, beide waren nebeneinander vorhanden. _Christus ist der -Mensch, der die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet, -und so die stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum -Entgegengesetzteste, schafft._ Aus dem Zustand _vor_ dem Sein _trennen_ -sich Sein und Nicht-Sein. _Jetzt_ sind die Lose gefallen: das alte -Israel scheidet sich in Juden und in Christen, der _Jude_, wie wir -ihn kennen, wie ich ihn beschrieben habe, entsteht $zugleich$ mit dem -_Christen_. Die Diaspora wird nun vollständig, und aus dem Judentum -verschwindet die Möglichkeit zur Größe: Menschen wie _Jesaias_, jenen -gewaltigsten Mann des alten Israel, hat das _Judentum_ seither nicht -wieder hervorbringen können. _Christentum und Judentum bedingen sich -welthistorisch wie Position und Negation._ In Israel waren die höchsten -Möglichkeiten, die je einem Volke beschieden waren: die Möglichkeit -Christi. _Die andere Möglichkeit ist der Jude._ - -Ich hoffe nicht mißverstanden zu werden: ich will dem Judentum nicht -eine Beziehung zum Christentum andichten, die ihm fremd ist. _Das -Christentum ist die absolute Negation des Judentums; aber es hat zu -diesem dasselbe Verhältnis, welches alle Dinge mit ihren Gegenteilen, -jede Position mit der Negation verbindet, welche durch sie überwunden -ist._[100] Noch mehr als Frömmigkeit und Judentum, sind Christentum und -Judentum nur _aneinander_, und durch ihre wechselseitige Ausschließung, -zu definieren. _Das Judentum ist der Abgrund, über dem das Christentum -aufgerichtet ist, und darum der Jude die stärkste Furcht und die -tiefste Abneigung des Ariers._[101] - -Ich vermag nicht mit _Chamberlain_ zu glauben, daß die Geburt des -Heilands in Palästina ein bloßer Zufall könne gewesen sein. _Christus -war ein Jude, aber nur, um das Judentum in sich am vollständigsten zu -überwinden_; denn wer über den mächtigsten _Zweifel_ gesiegt hat, der -ist der _gläubigste_, wer über die ödeste _Negation_ sich erhoben hat, -der _positivste_ Bejaher. _Christus ist der größte Mensch, weil er am -größten Gegner sich gemessen hat._ Vielleicht ist er der einzige Jude -und wird es bleiben, dem dieser Sieg über das Judentum gelungen: der -erste Jude wäre der letzte, der ganz und gar _Christ_ geworden ist; -vielleicht aber liegt auch heute noch im Judentum die Möglichkeit, -den Christ hervorzubringen, vielleicht sogar _muß_ auch der nächste -Religionsstifter abermals erst durch das _Judentum_ hindurchgehen. -Wenn also im Juden vielleicht noch immer die höchsten _Möglichkeiten_, -so liegen doch in ihm die geringsten _Wirklichkeiten_; er ist wohl -der _zum Meisten veranlagte_, und doch zugleich der _innerlich des -Wenigsten mächtige_ Mensch. - - * * * * * - -Unsere heutige Zeit läßt das Judentum auf der höchsten Höhe erblicken, -die es seit den Tagen des _Herodes_ erklommen hat. _Jüdisch_ ist der -_Geist der Modernität_, von wo man ihn betrachte. Die Sexualität wird -bejaht, und die heutige Gattungsethik singt zum Koitus den Hymenaios. -Der unglückliche _Nietzsche_ ist wahrhaftig nicht verantwortlich -für die große Vereinigung von natürlicher Zuchtwahl und natürlicher -Unzuchtwahl, deren schmählicher Apostel sich Wilhelm _Bölsche_ nennt. -_Er_ hat Verständnis gehabt für die Askese, und nur unter der eigenen -zu sehr gelitten, um nicht ihr Gegenteil oft wünschenswerter zu finden. -Aber Weiber und Juden kuppeln, ihr Ziel ist es: den Menschen schuldig -werden lassen. - -Unsere Zeit, die nicht nur die jüdischeste, sondern auch die -weibischeste aller Zeiten ist; die Zeit, für welche die Kunst nur ein -Schweißtuch ihrer Stimmungen abgibt, die den künstlerischen Drang aus -den Spielen der Tiere abgeleitet hat; die Zeit des leichtgläubigsten -Anarchismus, die Zeit ohne Sinn für Staat und Recht, die Zeit der -Gattungs-Ethik, die Zeit der seichtesten unter allen denkbaren -Geschichtsauffassungen (des historischen Materialismus), die Zeit -des Kapitalismus und des Marxismus, die Zeit, der Geschichte, Leben, -Wissenschaft, alles nur mehr Ökonomie und Technik ist; die Zeit, -die das Genie für eine Form des Irrsinns erklärt hat, die aber auch -keinen einzigen großen Künstler, keinen einzigen großen Philosophen -mehr besitzt, die Zeit der geringsten Originalität und der größten -Originalitätshascherei; die Zeit, die an die Stelle des Ideals der -Jungfräulichkeit den Kultus der Demi-Vierge gesetzt hat: _diese Zeit -hat auch den Ruhm, die erste zu sein, welche den Koitus bejaht und -angebetet hat_. - -Aber dem neuen Judentum entgegen drängt ein neues Christentum zum -Lichte; die Menschheit harrt des neuen Religionsstifters, und der -Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre eins. Zwischen Judentum und -Christentum, zwischen Geschäft und Kultur, zwischen Weib und Mann, -zwischen Gattung und Persönlichkeit, zwischen Unwert und Wert, zwischen -irdischem und höherem Leben, zwischen dem Nichts und der Gottheit hat -abermals die Menschheit die Wahl. Das sind die beiden Pole: es gibt -kein drittes Reich. - - - - -XIV. Kapitel. - -Das Weib und die Menschheit. - - -Nun erst ist es möglich, gereinigt und gewaffnet nochmals vor die -Frage der Emanzipation des Weibes zu treten. Gereinigt, weil nun nicht -mehr die tausend fliegenden Mücken jener Zweideutigkeiten, welche den -Gegenstand umspielen, den Blick trüben; gewaffnet, weil im Besitze -fester theoretischer Begriffe und sicherer ethischer Anschauungen. Fern -ab von dem Tummelplatze der gewöhnlichen Kontroversen und selbst weit -über das Problem der ungleichen Begabung hinaus ist die Untersuchung -an Punkte gelangt, welche die Rolle des Weibes im Weltganzen und -den Sinn seiner Mission für den Menschen ahnen ließen. Darum sollen -auch hier Fragen von allzu besonderem Charakter in die Erörterung -nicht einbezogen werden; diese ist nicht optimistisch genug, auf die -Führung politischer Geschäfte von ihren Resultaten einen Einfluß zu -erhoffen. Darum verzichtet sie auf die Ausarbeitung sozialhygienischer -Vorschläge, und behandelt das Problem vom Standpunkte jener Idee der -Menschheit, die über der Philosophie von _Immanuel Kant_ schwebt. - -Die Gefahr ist groß, welche dieser Idee von der Weiblichkeit droht. -Den Frauen ist in hohem Grade die Kunst verliehen den Schein zu -erregen, als wären sie eigentlich asexuell und ihre Sexualität nur eine -Konzession an den Mann. Denn fiele dieser Schein weg, wo bliebe dann -die Konkurrenz mehrerer, vieler um eine? Sie haben aber, unterstützt -von Männern, die es ihnen glaubten, heute dem anderen Geschlechte -beinahe dies einzureden vermocht, daß des Mannes wichtigstes, -eigentlichstes Bedürfnis die Sexualität sei, daß er erst vom Weibe -Befriedigung seiner wahrsten und tiefsten Wünsche erhoffen dürfe, -daß Keuschheit für ihn ein Unnatürliches und Unmögliches bilde. Wie -oft können junge Männer, die in ernster Arbeit Genugtuung finden, von -Frauen, denen sie nicht allzuhäßlich vorkommen, und, als Liebhaber oder -Schwiegersöhne, nicht allzuwenig zu versprechen scheinen, es vernehmen, -daß sie nicht so übermäßig studieren, vielmehr »ihr Leben genießen« -sollten. In diesen freundlichen Mahnungen liegt, natürlich gänzlich -unbewußt, ein Gefühl des Weibes, seine einzig auf den Begattungsakt -gerichtete Sendung zu verfehlen, _nichts mehr zu sein_, mit seinem -ganzen Geschlechte alle Bedeutung zu verlieren, sowie der Mann um -andere als um sexuelle Dinge sich zu bekümmern anfängt. - -Ob sich die Frauen hierin je ändern werden, ist fraglich. Man darf -auch nicht glauben, daß sie je anders gewesen sind. Heute mag das -sinnliche Element stärker hervortreten als früher, denn unendlich -viel in der »Bewegung« ist nur ein Hinüberwollen von der Mutterschaft -zur Prostitution; sie ist als Ganzes mehr Dirnen-Emanzipation als -Frauen-Emanzipation, und sicherlich ihren wirklichen Resultaten nach -vor allem: ein mutigeres Hervortreten des kokottenhaften Elementes im -Weibe. Was _neu_ scheint, das ist das Verhalten der _Männer_. Mit unter -dem Einfluß des Judentums sind sie heute nahe daran, der weiblichen -Wertung ihrer selbst sich zu fügen, ja selber sie sich anzueignen. Die -männliche Keuschheit wird verlacht, gar nicht mehr _verstanden_, das -Weib vom Manne nicht mehr als Sünde, als _Schicksal_ empfunden, die -eigene Begierde weckt im Manne keine Scham mehr. - -Man sieht jetzt, _woher_ die Forderung des Sich-Auslebens, der -Kaffeehausbegriff des Dionysischen, der Kult _Goethes_, soweit Goethe -_Ovid_ ist, woher diese ganze moderne _Koitus-Kultur_ eigentlich -stammt. Denn es ist so weit, daß kaum je einer noch den Mut findet, -zur Keuschheit sich zu bekennen, und fast jeder lieber so tut, als -wäre er ein Wüstling. Geschlechtliche Ausschweifungen bilden den -beliebtesten Gegenstand der _Renommage_, ja die Sexualität wird so -hoch gewertet, daß der Renommist schon Mühe hat, Glauben zu finden; -die Keuschheit hingegen steht in so geringem Ansehen, daß gerade der -wahrhaft Keusche oft hinter dem Scheine des Roué sich verbirgt. Es ist -sicher wahr, daß der Schamhafte auch seiner Scham sich _schämt_; aber -jene andere, heutige Scham ist nicht die Scham der Erotik, sondern die -Scham des Weibes, weil es noch keinen Mann gefunden, noch keinen Wert -vom anderen Geschlechte empfangen hat. Darum ist einer dem anderen zu -zeigen beflissen, mit welcher _Treue_ und pflichtgemäßer _Wonne_ er die -sexuellen Funktionen ausübt. So bestimmt heute das Weib, das seiner -Natur nach am Manne nur die sexuelle Seite schätzen kann, was männlich -ist: aus seinen Händen nehmen die Männer den Maßstab ihrer Männlichkeit -entgegen. So ist die Zahl der Beischläfe, das »Verhältnis«, das -»Mädel«, in der Tat die _Legitimation eines Masculinums vor dem -anderen_ geworden. Doch nein: denn dann gibt es keine Männer mehr. - -Dagegen ist alle Hochschätzung der _Virginität ursprünglich_ vom -Manne ausgegangen, und geht, wo es Männer gibt, noch immer von da -aus: sie ist die Projektion des dem Manne _immanenten_ Ideales -fleckenloser Reinheit auf den Gegenstand seiner Liebe. Man lasse sich -nur hierin nicht beirren, weder durch die Angst und den Schrecken -vor der Berührung, die sich so gern möglichst bald in Zutraulichkeit -transformieren, noch durch die hysterische Unterdrückung der sexuellen -Wünsche; nicht durch den _äußeren Zwang_, dem Anspruch des Mannes -auf physische Reinheit zu entsprechen, weil sonst der Käufer sich -nicht einstellen würde; aber auch nicht durch jenes Bedürfnis Wert zu -_empfangen_, aus welchem die Frau oft so lange auf jenen Mann wartet, -der ihr am meisten Wert schenken kann (was man gemeinhin völlig -verkehrt als hohe _Selbst_schätzung solcher Mädchen interpretiert). -Will man wissen, wie die _Frauen_ über die Jungfernschaft denken, so -kann dies freilich von vornherein kaum zweifelhaft sein, nach der -Erkenntnis, daß das Hauptziel der Frauen die Herbeiführung des _Koitus -überhaupt_ ist, als durch welchen sie erst Existenz gewinnen; denn -daß die Frau den Koitus will und nichts anderes, auch wenn sie, für -ihre Person, noch so uninteressiert an der Wollust _scheinen_ mag, das -konnte aus der Allgemeinheit der Kuppelei _bewiesen_ werden. - -Man muß, um sich davon neu zu überzeugen, betrachten, mit welchen Augen -die Frau Jungfernschaft bei den anderen Angehörigen ihres Geschlechtes -ansieht. - -Und da nimmt man wahr: der Zustand der Nicht-Verheirateten wird von den -Frauen selbst sehr tief gestellt. Ja es ist eigentlich _der_ weibliche -Zustand, den das Weib _negativ_ bewertet. Die Frauen schätzen jede -Frau überhaupt erst, wenn sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen -häßlichen, schwachen, armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen -Mann »unglücklich« verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet, -will sagen, hat Wert, hat Existenz empfangen. Und wenn eine auch nur -kurze Zeit die Herrlichkeiten eines Maitressenlebens gekostet, ja -wenn sie Straßendirne geworden ist, sie steht höher in der weiblichen -Schätzung als das alte Fräulein, das einsam in seiner Kammer näht -und flickt, ohne je einem Manne, in gesetzlicher oder ungesetzlicher -Verbindung, für lange oder für einen rasch vergangenen Taumel, angehört -zu haben. - -So aber wird auch das ganz junge Mädchen, wenn es durch körperliche -Vorzüge sich auszeichnet, vom Weibe nie um seiner Schönheit willen -positiv gewertet -- der Frau _fehlt_ das Organ des Schön-Findens, weil -sie keinen Wert zu projizieren hat -- sondern nur, weil es leichtere -Aussicht hat, einen Mann an sich zu fesseln. _Je schöner eine Jungfrau -ist, eine desto zuverlässigere $Promesse$ ist sie den anderen Frauen, -desto wertvoller ist sie dem Weibe als Kupplerin, seiner Bestimmung als -Hüterin der Gemeinschaft $nach$; nur dieser $unbewußte$ Gedanke ist es, -der eine Frau an einem schönen Mädchen Freude finden läßt._ Wie dies -erst dann rein zum Vorschein kommen kann, wenn das wertende weibliche -Einzelindividuum bereits selbst Existenz empfangen hat (weil sonst der -Neid auf die Konkurrentin, und das Gefühl, die eigenen Chancen im Kampf -um den Wert durch sie vermindert zu sehen, jene Regungen überstimmen -muß), das wurde bereits besprochen. Zuerst müssen sie wohl sich selbst -verkuppeln -- kuppeln kommt von copulare, ein Paar fertig bringen -- -früher können es die anderen auch kaum verlangen. - -Die leider so allgemein gewordene Geringschätzung der »alten Jungfer« -ist demnach durchaus vom _Weibe_ ausgegangen. Von einem bejahrten -Fräulein wird man Männer oft mit Respekt reden hören; aber jede Frau -und jedes Mädchen, gleichgültig ob verheiratet oder nicht, hat für die -Betreffende nur die extremste Geringschätzung, mag dies auch in manchen -Fällen ihnen selbst gar nicht bewußt werden. Eine verheiratete Dame, -die für geistreich und mannigfach talentiert gelten konnte, und ihres -Äußeren wegen so viele Bewunderer zählte, daß Neid in diesem Falle ganz -außer Frage steht, hörte ich einmal über ihre unschöne und ältliche -italienische Lehrerin sich lustig machen, weil diese wiederholt betont -habe: Io sono ancora una vergine (sie sei noch eine Jungfrau). - -Freilich ist, vorausgesetzt daß die Äußerung richtig reproduziert -war, zuzugeben, daß die Ältere eine Tugend wohl nur aus der Not -gemacht hatte, und jedenfalls selbst sehr froh gewesen wäre, ihre -Jungfernschaft auf irgend eine Weise los zu werden, ohne dadurch in der -Gesellschaft an Ansehen einbüßen zu müssen. - -Denn dies ist das Wichtigste: die Frauen verachten und höhnen nicht -nur die Jungfernschaft anderer Frauen, sondern sie schätzen auch die -eigene Jungfernschaft als _Zustand_ äußerst _gering_ (und nur als eine -sehr gesuchte _Ware_ von höchstem Anwert bei den _Männern hoch_). Darum -blicken sie zu jeder Verheirateten wie zu einem höheren Wesen empor. -Wie sehr es dem Weibe im tiefsten Grunde speziell auf den Sexualakt -ankommt, das kann man gerade an der wahren Verehrung sehen, welche erst -ganz vor kurzem verheiratete Frauen bei den jungen Mädchen genießen: -ist doch der Sinn ihres Daseins diesen eben enthüllt, sie selbst auf -dessen Zenit geführt worden. Dagegen betrachtet jedes junge Mädchen -jedes andere als ein unvollkommenes Wesen, das seine Bestimmung ebenso, -wie sie selbst, erst noch erreichen will. - -Hiemit erachte ich als dargetan, wie vollkommen die aus der Kuppelei -gezogene Folgerung, das Virginitäts-Ideal müsse männlichen, und könne -nicht weiblichen Ursprunges sein, mit der Erfahrung sich deckt. Der -Mann verlangt Keuschheit von sich und von anderen, am meisten von -dem Wesen, das er liebt; das Weib will unkeusch sein können, und es -will Sinnlichkeit auch vom Manne, nicht Tugend. Für »Musterknaben« -hat die Frau kein Verständnis. Dagegen ist bekannt, daß sie stets -dem in die Arme fliegt, welchem der Ruf des Don Juan meilenweit -vorauseilt. Die Frau will den Mann sexuell, weil sie nur durch seine -Sexualität Existenz gewinnt. Nicht einmal für die Erotik des Mannes, -als ein _Distanz_phänomen, sondern nur für diejenige Seite an ihm, die -unaufhaltsam das Objekt ihres Begehrens ergreift und sich aneignet, -haben die Frauen einen Sinn, und es wirken Männer auf sie nicht, bei -denen Brutalitäts-Instinkte gar nicht oder wenig entwickelt sind. -Selbst die höhere platonische Liebe des Mannes ist ihnen im Grunde -nicht willkommen; sie schmeichelt ihnen und sie streichelt sie, _aber -sie $sagt$ ihnen nichts_. Und wenn das Gebet auf den Knien vor ihr zu -lange währen wollte, würde _Beatrice_ so ungeduldig wie _Messalina_. - -_Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in der Liebe die höchste -Erhebung des Weibes. Daß das Weib den Koitus verlangt, und nicht die -Liebe, bedeutet, daß es heruntergesetzt, und nicht erhöht werden will._ -$Die letzte Gegnerin der Frauen-Emanzipation ist die Frau.$ - -Nicht weil der Koitus lustvoll, nicht weil er das Urbild aller -Wonne des niederen Lebens ist, nicht darum ist er unsittlich. Die -Askese, welche die Lust für das Unsittliche an sich erklärt, ist -selbst unsittlich; denn sie sucht den Maßstab des Unrechtes in einer -_Begleit_erscheinung und äußeren Folge der Handlung, _nicht_ in der -Gesinnung: sie ist _heteronom_. Der Mensch darf die Lust anstreben, er -mag sein Leben auf der Erde leichter und froher zu gestalten suchen: -nur darf er dem nie ein sittliches Gebot opfern. In der Askese aber -will der Mensch die Moralität _erpressen_ durch Selbstzerfleischung, -_er will sie als Folge eines Grundes_, die eigene Sittlichkeit als -Resultat und Belohnung dafür, daß er sich so viel versagt hat. Die -Askese ist demnach als prinzipieller Standpunkt wie als psychologische -Disposition _verwerflich_; denn sie _bindet_ die Tugend an etwas -anderes als dessen _Erfolg_, _macht sie zur Wirkung einer Ursache_, und -strebt sie nicht an sich, als unmittelbaren Selbstzweck, an. Die Askese -ist eine gefährliche Verführerin: ihrer Täuschung fallen so viele so -leicht zum Opfer, weil die Lust der _häufigste Beweggrund_ ist, aus -welchem der Pfad des Gesetzes verlassen wird, und der Irrtum nahe genug -liegt, der auf dem rechten Pfad sicherer zu bleiben glaubt, wenn er an -ihrer Statt den Schmerz anstrebt. An sich aber ist Lust weder sittlich -noch unsittlich. _Nur wenn der Wille zur Lust den Willen zum Wert -besiegt_, dann ist der Mensch gefallen. - -Der Koitus ist _darum_ unmoralisch, weil es keinen Mann gibt, der das -Weib in solchem Augenblicke nicht als Mittel zum Zweck gebrauchte, den -Wert der Menschheit, in seiner wie in ihrer Person, in diesem Momente -nicht der Lust hintansetzte. Im Koitus vergißt der Mann sich selbst ob -der Lust, und er vergißt das Weib; dieses hat für ihn keine psychische, -sondern nur eine körperliche Existenz mehr. Er will von ihr entweder -ein Kind oder die Befriedigung der eigenen Wollust: in beiden Fällen -benützt er sie nicht als Zweck an sich selbst, sondern um einer fremden -Absicht willen. Nur aus diesem, und aus keinem anderen Grunde, ist der -Koitus unmoralisch. - -Gewiß ist die Frau die Missionärin der Idee des Koitus, und gebraucht -sich selbst, wie alles andere in der Welt, immer nur als Mittel zu -diesem Zweck; sie will den Mann als Mittel zur Lust oder zum Kinde; -sie will _selbst_ vom Manne als Mittel zum Zweck benützt sein, wie -eine Sache, wie ein Objekt, wie sein Eigentum behandelt, nach seinem -Gutdünken von ihm verändert und geformt werden. Aber nicht nur soll -niemand von einem anderen als Mittel zum Zweck sich gebrauchen lassen; -man darf auch den Standpunkt des Mannes der Frau gegenüber nicht -danach bestimmen wollen, daß diese den Koitus wirklich wünscht, und -von ihm, wenn sie's auch weder sich noch ihm je ganz gesteht, _nie -etwas anderes erfleht_. _Kundry_ appelliert freilich an _Parsifals_ -Mitleid für ihr Sehnen: aber gerade da offenbart sich die ganze -Schwäche der Mitleidsmoral, die zwingen würde, einen jeden Wunsch -des Nebenmenschen zu erfüllen, sei er noch so unberechtigt. Die -konsequente Sympathiemoral und die konsequente Sozialethik sind beide -gleich absurd, denn sie machen das _Sollen vom Wollen abhängig_ (ob -vom eigenen oder vom fremden oder vom gesellschaftlichen, bleibt sich -gleich), _statt das Wollen vom Sollen_; sie wählen zum Maßstab der -Sittlichkeit konkretes Menschenschicksal, konkretes Menschenglück, -konkreten Menschenaugenblick, _anstatt der Idee_. - -Die Frage ist: wie soll der Mann das Weib behandeln? _Wie es selbst -behandelt werden will, oder wie es die sittliche Idee verlangt?_ Wenn -er es zu behandeln hat, wie es behandelt werden will, dann muß er -es koitieren, denn es will koitiert werden, schlagen, denn es will -geschlagen werden, hypnotisieren, denn es will hypnotisiert werden, -ihm durch die Galanterie zeigen, wie gering er seinen Wert an sich -veranschlagt; denn es will Komplimente, es will nicht an sich geachtet -werden. Will er dagegen dem Weibe so entgegentreten, wie es die -sittliche Idee verlangt, so muß er in ihm den _Menschen_ zu sehen, und -es zu achten suchen. Zwar ist W _eine Funktion von M_, eine Funktion, -die er setzen, die er aufheben kann, und die Frauen wollen nicht mehr -sein als eben dies, nichts anderes als nur dies: die Witwen in Indien -sollen sich gerne und überzeugt verbrennen lassen, ja zu diesem Tode -geradezu sich drängen; doch darum bleibt diese Sitte nicht minder die -fürchterlichste Barbarei. - -Es ist mit der Emanzipation der Frauen wie mit der Emanzipation der -Juden und der Neger. Sicherlich liegt dafür, daß diese Völker als -Sklaven behandelt und immer niedrig eingeschätzt wurden, an ihrer -knechtischen Veranlagung die Hauptschuld; sie haben kein so starkes -Bedürfnis nach Freiheit wie die Indogermanen. Und wenn auch heute in -Amerika für die Weißen die Notwendigkeit sich ergeben hat, von den -Negern sich völlig abzusondern, weil diese von ihrer Freiheit einen -schlimmen und nichtswürdigen Gebrauch machen: so war doch im Kriege der -Nordstaaten gegen die Föderierten, welcher den Schwarzen die Freiheit -gab, das Recht durchaus auf Seite der ersteren. _Trotzdem die Anlage -der Menschheit_ im Juden, noch mehr im Neger, _und noch weit mehr im -Weibe_, mit einer größeren Anzahl amoralischer Triebe belastet ist; _ob -sie auch hier mit mehr Hindernissen zu kämpfen hat_ als im arischen -Manne, noch ihren letzten Rest, sei er selbst noch so gering, muß der -Mensch achten, _noch hier die Idee der Menschheit_ (das heißt nicht: -der menschlichen Gesellschaft, sondern das _Mensch-Sein_, die _Seele -als Teil einer intelligiblen Welt_) _ehren_. Auch über den gesunkensten -Verbrecher darf niemand sich eine Gewalt anmaßen als das Gesetz; kein -Mensch hat das Recht ihn zu lynchen. - -Das _Problem des Weibes_ und _das Problem des Juden_ ist ganz identisch -mit dem _Problem der Sklaverei_, und muß ebenso aufgelöst werden, wie -dieses. Niemand darf unterdrückt werden, wenn er sich gleich nur in der -Unterdrückung wohlfühle. Dem Haustier, das ich benütze, nehme ich keine -Freiheit, denn es hatte keine, bevor ich es mir dienstbar machte; aber -in der Frau ist noch ein ohnmächtiges Gefühl des Nicht-Anderskönnens, -als eine letzte, wenn auch noch so kümmerliche Spur der intelligiblen -Freiheit: wohl deshalb, weil es kein absolutes Weib gibt. Die Frauen -sind _Menschen_ und müssen _als solche_ behandelt werden, auch wenn sie -selbst das _nie_ wollen würden. _Frau und Mann haben gleiche Rechte._ - -Man erschrecke nicht und wende nicht ein, daß hiemit den Frauen -auch gleich die Teilnahme an der politischen Herrschaft eingeräumt -werden müßte. Vom _Utilitäts_standpunkte ist von dieser Konzession -gewiß einstweilen, und vielleicht stets, abzuraten; in _Neuseeland_, -wo man das ethische Prinzip so hochhielt, den Frauen das Wahlrecht -zu geben, hat man damit die schlimmsten Erfahrungen gesammelt. Wie -man Kindern, Schwachsinnigen, Verbrechern mit Recht keinen Einfluß -auf die Leitung des Gemeinwesens gestatten würde, selbst wenn diese -plötzlich die numerische Parität oder Majorität erlangten, so _darf_ -vorderhand die Frau von einer Sache ferngehalten werden, von der so -lebhaft zu befürchten steht, daß sie durch den weiblichen Einfluß nur -könnte geschädigt werden. Wie die Resultate der Wissenschaft davon -unabhängig sind, ob alle Menschen ihnen zustimmen oder nicht, so kann -auch Recht und Unrecht der Frau ganz genau ermittelt werden, ohne daß -die Frauen selbst mitbeschließen, und sie brauchen nicht zu besorgen, -übervorteilt zu werden, wenn bei dieser Feststellung eben Recht- und -nicht Machtgesichtspunkte die Entscheidung bestimmen. - -_Das Recht aber ist nur eines und das gleiche für Mann und Frau._ -Niemand darf der Frau irgend etwas als »unweiblich« verwehren und -verbieten wollen; und ein ganz niederträchtiges Urteil ist es, das -einen Mann freispricht, der seine ehebrecherische Frau erschlagen -hat, als wäre diese rechtlich seine _Sache_. Man hat die Frau als -Einzelwesen und nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen, -nicht nach einem aus der Empirie oder aus den Liebesbedürfnissen des -Mannes hergeleiteten Maßstabe zu beurteilen: auch wenn sie selber nie -jener Höhe der Beurteilung sich sollte würdig zeigen. - -Darum ist dieses Buch die größte Ehre, welche den Frauen je erwiesen -worden ist. Auch gegen das Weib ist nur _ein_ sittliches Verhalten dem -Manne möglich; nicht die Sexualität, nicht die Liebe -- denn beide -benützen es als Mittel zu _fremden_ Zwecken: _sondern einzig der -Versuch, es zu verstehen_. Die meisten Menschen geben theoretisch vor, -_$das$ Weib_ zu achten, um praktisch _$die$ Weiber_ desto gründlicher -zu verachten: hier wurde dieses Verhältnis umgekehrt. _Das Weib_ konnte -nicht hochgewertet werden: aber _die Weiber_ sind von aller Achtung -nicht von vornherein und ein für alle Male auszuschließen. - -Leider haben sehr berühmte und bedeutende Männer in dieser Frage -eigentlich _recht gemein_ gedacht. Ich erinnere an _Schopenhauers_ und -an _Demosthenes'_ Stellung zur Frauenemanzipation. Und _Goethes_: - - »Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reifet im stillen - Häuslicher Tugend entgegen, _den klugen Mann zu beglücken_. - Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewißlich - ein Kochbuch,« - -steht nicht höher als _Molières_: - - »........... Une femme en sait toujours assez, - Quand la capacité de son esprit se hausse - A connaître un pourpoint d'avec un haut-de-chausse.« - -_Die Abneigung gegen das männliche Weib hat der Mann in sich zu -überwinden_; denn sie ist nichts als gemeiner Egoismus. Wenn das Weib -männlich werden sollte, indem es logisch und ethisch würde, so wird -es sich nicht mehr so gut zum _passiven Substrate_ einer _Projektion_ -eignen; aber das ist kein genügender Grund, die Frau, wie dies heute -geschieht, nur für den Mann und für das Kind erziehen zu lassen, mit -einer Norm, die ihr etwas verbietet, weil es _männlich_ sei. - -Denn wenn auch für das _absolute_ Weib keine Möglichkeit der -Sittlichkeit besteht, mit dem Erschauen dieser _Idee_ des Weibes -ist noch nicht gegeben, daß der Mann das _empirische_ Weib dieser -vollständig und rettungslos solle _verfallen_ lassen; noch weniger, daß -er dazu beitrage, daß es dieser Idee immer gemäßer werde. Im lebenden -menschlichen Weibe ist, der Theorie nach, immer noch »ein Keim des -Guten«, nach _Kant_scher Terminologie, als vorhanden anzunehmen; es -ist jener Rest eines freien Wesens, der dem Weibe das dumpfe Gefühl -seines Schicksals ermöglicht.[102] Daß auf diesen Keim ein Mehr könne -gepfropft werden, davon darf _theoretisch_ die Unmöglichkeit _nie -gänzlich behauptet_ werden, wenn es auch _praktisch_ sicher noch nie -gelungen _ist_, wenn es selbst in aller Zukunft nie gelingen _sollte_. - -Unter der sittlichen Idee steht die ganze Welt, selbst die Tiere werden -als _Phänomene_ gewertet, der Elefant sittlich höher geschätzt als -die Schlange, wenn auch z. B. die Tötung eines anderen Tieres ihnen -nicht als Personen _zugerechnet_. Dem _Weibe_ aber _wird_ von uns -_zugerechnet_; und hierin liegt die _Forderung, daß es anders werde. -Und wenn alle Weiblichkeit Unsittlichkeit ist, so muß das Weib aufhören -Weib zu sein, und Mann werden._ - -Freilich muß gerade hier die Gefahr der äußerlichen Anähnlichung, -die das Weib stets am intensivsten in die Weiblichkeit zurückwirft, -am vorsichtigsten gemieden werden. Die Aussichten des Unternehmens, -die Frauen wahrhaft zu emanzipieren, ihnen die Freiheit zu geben, -die nicht _Willkür_, sondern _Wille_ wäre, sind äußerst gering. Wenn -man nach den Tatsachen urteilt, so scheint den Frauen nur zweierlei -möglich zu sein: die verlogene Acceptierung des vom Manne Geschaffenen, -indem sie selbst glauben, das zu wollen, was ihrer ganzen, _noch -ungeschwächten_ Natur _widerspricht_, die unbewußt verlogene Entrüstung -über die Unsittlichkeit, _als ob sie sittlich wären_, über die -Sinnlichkeit, _als ob_ sie die _un_sinnliche Liebe wollten; oder das -offene Zugeständnis[103], der Inhalt des Weibes sei der Mann und das -Kind, ohne das geringste Bewußtsein davon, _was_ sie damit zugeben, -welche Schamlosigkeit, welche Niederlage in dieser Erklärung liegt. -_Unbewußte Heuchelei oder cynische Identifikation mit dem Naturtrieb_: -ein anderes scheint dem Weibe nicht gegeben. - -Aber _nicht Bejahung_ und _nicht Verleugnung_, sondern _Verneinung, -Überwindung_ der Weiblichkeit, ist das, worauf es ankommt. Würde z. B. -eine Frau _wirklich_ die Keuschheit des Mannes _wollen_, so hätte sie -freilich hiemit das Weib überwunden; denn ihr wäre der Koitus nicht -mehr höchster Wert und seine Herbeiführung nicht mehr letztes Ziel. -Aber dies ist's eben: an die Echtheit solcher Forderungen vermag man -nicht zu glauben, wenn sie auch hie und da wirklich erhoben werden. -Denn ein Weib, das die Keuschheit des Mannes verlangt, ist, abgesehen -von seiner Hysterie, so dumm und so jeder Wahrheit unfähig, daß es -nicht einmal mehr dunkel fühlt, daß es sich selbst damit verneint, sich -absolut und ohne Rettung wertlos, existenzlos macht. Man weiß hier kaum -mehr, wem man den Vorzug geben soll; der grenzenlosen Verlogenheit, -welche selbst das ihr fremdeste, das _asketische_ Ideal auf den -Schild zu heben fähig ist; oder der ungenierten Bewunderung für den -berüchtigten Wüstling und der einfachen Hingabe an denselben. - -Da jedoch alles wirkliche Wollen der Frau _in beiden Fällen_ in -gleicher Weise darauf gerichtet bleibt, den Mann schuldig werden -zu lassen, so liegt _hierin_ das Hauptproblem der Frauenfrage: und -insoweit fällt sie zusammen mit der Menschheitsfrage. - -Friedrich _Nietzsche_ sagt an einer Stelle seiner Schriften: »Sich im -Grundproblem ‚Mann und Weib’ zu vergreifen, hier den abgründlichsten -Antagonismus und die Notwendigkeit einer ewig-feindseligen Spannung -zu leugnen, hier vielleicht von gleichen Rechten, gleicher Erziehung, -gleichen Ansprüchen und Verpflichtungen zu träumen: das ist ein -_typisches_ Zeichen von Flachköpfigkeit, und ein Denker, der an dieser -gefährlichsten Stelle sich flach erwiesen hat -- flach im Instinkte! -- -darf überhaupt als verdächtig, mehr noch, als verraten, als aufgedeckt -gelten: wahrscheinlich wird er für alle Grundfragen des Lebens, -auch des zukünftigen Lebens, zu ‚kurz’ sein und in _keine_ Tiefe -hinunterkönnen. Ein Mann hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste -wie in seinen Begierden, auch jene Tiefe des Wohlwollens, welche der -Strenge und der Härte fähig ist und leicht mit ihnen verwechselt wird, -kann über das Weib immer nur _orientalisch_ denken: -- er muß das Weib -als Besitz, als verschließbares Eigentum, als etwas zur Dienstbarkeit -Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes fassen, -- er muß sich hier -auf die ungeheuere Vernunft Asiens, auf Asiens Instinkt-Überlegenheit -stellen, wie dies ehemals die Griechen getan haben, diese besten Erben -und Schüler Asiens, -- welche, wie bekannt, von Homer bis zu den Zeiten -des Perikles, mit _zunehmender_ Kultur und Umfänglichkeit an Kraft, -Schritt für Schritt auch _strenger_ gegen das Weib, kurz orientalischer -geworden sind. _Wie_ notwendig, _wie_ logisch, _wie_ selbst menschlich -wünschbar dies war: möge man darüber bei sich nachdenken!« - -Der Individualist denkt hier durchaus sozialethisch: seine Kasten- und -Gruppen-, seine Abschließungstheorie sprengt, wie so oft, die Autonomie -seiner Morallehre. Denn er will _im Dienste der Gesellschaft, der -störungslosen Ruhe der Männer_, die Frau unter ein Machtverhältnis -stellen, in dem sie allerdings kaum noch den Laut eines Wunsches nach -Emanzipation von sich geben, und nicht einmal jene verlogene und -unechte Freiheitsforderung mehr erheben wird, welche die heutigen -Frauenrechtlerinnen aufgestellt haben: _die gar nicht ahnen, wo die -Unfreiheit des Weibes eigentlich liegt, und was ihre Gründe sind_. Aber -nicht, um _Nietzsche_ einer Inkonsequenz zu überführen, habe ich ihn -citiert; sondern um seinen Worten gegenüber zu zeigen, wie das Problem -der Menschheit nicht lösbar ist ohne eine Lösung des Problems der Frau. -Denn wem die Forderung überflüssig hoch gespannt scheint, daß der Mann -die Frau um der Idee, um des Noumenon willen zu achten, und nicht als -Mittel zu einem außer ihr gelegenen Zweck zu benützen, daß er ihr darum -die gleichen Rechte, ebenso aber die gleichen Pflichten (der sittlichen -und geistigen Selbstbildung) zuzuerkennen habe wie sich selbst: der -möge bedenken, _daß der Mann das ethische Problem für seine Person -nicht lösen kann, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer -wieder negiert_, indem er sie als Genußmittel benützt. _Der Koitus ist -in allem Asiatismus die Bezahlung, welche der Mann der Frau für ihre -Unterdrückung zu leisten hat._ Und so sehr es die Frau charakterisieren -mag, _daß sie um diesen Preis sicherlich stets auch dem ärgsten -Sklavenjoch sich gerne fügt_, der Mann _darf_ auf den Handel nicht -eingehen, weil auch _er_ sittlich dabei zu kurz kommt. - -Also selbst _technisch_ ist das Menschheitsproblem nicht lösbar für den -Mann _allein_; er muß die Frau _mitnehmen_, auch wenn er nur _sich_ -erlösen wollte, er muß sie zum _Verzicht_ auf ihre unsittliche Absicht -auf ihn zu bewegen suchen. Die Frau muß dem Koitus _innerlich_ und -_wahrhaft_, aus _freien Stücken_ entsagen. Das bedeutet nun allerdings: -das Weib muß _als solches untergehen_, und es ist keine Möglichkeit -für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden, eh dies nicht -geschehen ist. Darum sind _Pythagoras_, _Platon_, _das Christentum_ (im -Gegensatze zum _Judentum_), _Tertullian_, _Swift_, _Wagner_, _Ibsen_ -für die Befreiung, für Erlösung des Weibes eingetreten, _nicht für die -Emanzipation des Weibes vom Manne, sondern für die Emanzipation des -Weibes vom Weibe_. Und in solcher Gemeinschaft den Bannfluch Nietzsches -zu tragen ist ein Leichtes. - -Aus eigener Kraft aber kann das Weib schwer zu solchem Ziele gelangen. -Der Funke, der in ihr so schwach ist, müßte am Feuer des Mannes immer -wieder sich entzünden können: das _Beispiel_ müßte gegeben werden. -Bevor das Weib nicht aufhört, für den Mann als Weib zu existieren, -kann es selbst nicht aufhören, Weib zu sein: _Kundry_ kann nur von -_Parsifal_, vom sündelosen, unbefleckten Manne aus _Klingsors_ Banne -wirklich befreit werden. So deckt sich diese psychologische mit der -philosophischen Deduktion, wie sie hier mit _Wagners_ »Parsifal«, -der tiefsten Dichtung der Weltliteratur, in völliger Übereinstimmung -sich weiß. Erst die Sexualität des Mannes gibt dem Weibe Existenz als -Weib. Alle Materie hat nur so viel Existenz, als die Schuldsumme im -Universum beträgt: auch das Weib wird nur so lange leben, bis der Mann -seine Schuld gänzlich getilgt, bis er die _eigene_ Sexualität wirklich -überwunden hat. - -Nur so erledigt sich der ewige Einspruch gegen alle antifeministischen -Tendenzen: das Weib sei nun einmal da, so wie es sei, nicht zu ändern, -und darum müsse man mit ihm sich abzufinden suchen; der Kampf nütze -nichts, weil er nichts beseitigen könne. Es ist aber gezeigt, daß die -Frau nicht _ist_, und in dem Augenblicke _stirbt_, da der Mann gänzlich -nur _sein_ will. Das, wogegen der Kampf geführt wird, ist keine Sache -von ewig unveränderlicher Existenz und Essenz: es ist etwas, das -aufgehoben werden _kann_, und aufgehoben werden _soll_. - -Nur so, nicht anders, ist die Frauenfrage zu lösen, für den, der -sie _verstanden_ hat. Man wird die Lösung unmöglich, ihren Geist -überspannt, ihren Anspruch übertrieben, ihre Forderung unduldsam -finden. Und allerdings: von der Frauenfrage, über welche die Frauen -_sprechen_, ist hier längst die Rede nicht mehr; es handelt sich um -jene, von der die Frauen _schweigen_, ewig schweigen _müssen_; um _die -Unfreiheit_, die in der _Geschlechtlichkeit_ liegt. _Diese_ Frauenfrage -ist so alt wie das Geschlecht, und nicht jünger als die Menschheit. Und -die Antwort auf sie: der Mann muß vom Geschlechte sich erlösen, und -_so_, nur _so_ erlöst er die Frau. _Allein_ seine _Keuschheit_, nicht, -wie _sie_ wähnt, seine Unkeuschheit, ist ihre Rettung. Freilich geht -sie, als _Weib_, so unter: aber nur, um aus der Asche neu, verjüngt, -als der _reine $Mensch$_, sich emporzuheben. - -Darum wird die Frauenfrage bestehen, so lang es zwei Geschlechter gibt, -und nicht eher verstummen denn die Menschheitsfrage. In diesem Sinne -hat _Christus_, nach dem Zeugnis des Kirchenvaters _Klemens_, zur -_Salome_ gesprochen, ohne die optimistische Beschönigung, die _Paulus_, -die _Luther_ für das Geschlecht späterhin fanden: so lang werde der Tod -währen, als die Weiber gebären, und nicht eher die Wahrheit geschaut -werden, als bis aus zweien eins, aus Mann und Weib ein drittes Selbes, -_weder_ Mann _noch_ Weib, werde geworden sein. - - * * * * * - -_Hiemit erst, aus dem höchsten Gesichtspunkte des Frauen- als des -Menschheitsproblems, ist die Forderung der Enthaltsamkeit für beide -Geschlechter gänzlich begründet._ Sie aus den gesundheitsschädlichen -Folgen des Verkehres abzuleiten, ist flach, und mag von den Advokaten -des Körpers ewig bestritten werden; sie auf die Unsittlichkeit der Lust -zu gründen, falsch; denn so wird ein heteronomes Motiv in die Ethik -eingeführt. Schon _Augustinus_ aber hat, wenn er die Keuschheit für -alle Menschen verlangte, den Einwand vernehmen müssen, daß in solchem -Falle die Menschheit von der Erde binnen kurzem verschwunden wäre. In -dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher der schrecklichste Gedanke der -zu sein scheint, daß die _Gattung_ aussterben könne, liegt nicht allein -äußerster Unglaube an die _individuelle_ Unsterblichkeit und ein ewiges -Leben der sittlichen Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt -irreligiös: man beweist mit ihr zugleich seinen Kleinmut, seine -Unfähigkeit, außer der _Herde_ zu leben. Wer so denkt, kann sich die -Erde nicht vorstellen ohne das Gekribbel und Gewimmel der Menschen auf -ihr, ihm wird angst und bange _nicht so sehr vor dem Tode, als vor der -Einsamkeit_. Hätte die an sich unsterbliche moralische Persönlichkeit -genug Kraft in ihm, so besäße er Mut, dieser Konsequenz ins Auge zu -sehen; er würde den leiblichen Tod nicht fürchten, und nicht für den -mangelnden Glauben an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der -Gewißheit eines Weiterbestehens der Gattung suchen. Die Verneinung der -Sexualität tötet bloß den körperlichen Menschen und ihn nur, um dem -geistigen erst das volle Dasein zu geben. - -Darum kann es auch nicht sittliche Pflicht sein, für die Fortdauer -der Gattung zu sorgen, wie man dies so oft behaupten hört. Es ist -diese Ausrede von einer außerordentlich _unverfrorenen Verlogenheit_; -diese liegt so offen zu Tage, daß ich fürchte, mich durch die Frage -lächerlich zu machen, ob schon je ein Mensch den Koitus mit dem -Gedanken vollzogen hat, er müsse der großen Gefahr vorbeugen, daß die -Menschheit zu Grunde gehe. _Alle Fécondité ist nur ekelhaft_; und kein -Mensch fühlt, wenn er sich aufrichtig befragt, es als seine Pflicht, -für die dauernde Existenz der menschlichen Gattung zu sorgen. Was man -aber nicht als seine Pflicht fühlt, das $ist$ nicht Pflicht. - -Im Gegenteil: es ist unmoralisch, ein menschliches Wesen zur Wirkung -einer Ursache zu machen, es als Bedingtes hervorzubringen, wie das -mit der Elternschaft gegeben ist; und der Mensch ist im tiefsten -Grunde nur deshalb unfrei und determiniert neben seiner Freiheit und -Spontaneität, weil er auf diese unsittliche Weise entstanden ist. Die -moralische Weihe also, die man dem Koitus (der ihrer freilich dringend -bedarf) bisweilen zu geben versucht hat, indem man einen idealen Koitus -fingierte, bei dem nur die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes in -Betracht gezogen werde -- diese liebevolle Verbrämung erweist sich -nicht als ein genügender Schutz: denn das angeblich ihn verstattende -und heiligende Motiv ist nicht nur kein Gebot und nirgends im Menschen -als ein Imperativ zu finden, sondern vielmehr selbst ein sittlich -verwerflicher Beweggrund; weil man einen Menschen nicht um seine -Einwilligung fragt, dessen Vater oder Mutter man wird. Für den anderen -Koitus aber, bei dem die Möglichkeit einer Fortpflanzung künstlich -verhindert wird, kommt selbst jene, auf so schwachen Füßen stehende -Rechtfertigung in Wegfall. - -Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee der Menschheit; -nicht weil Askese Pflicht ist, sondern vor allem, weil das Weib in ihm -Objekt, Sache werden will, und der Mann ihm hier wirklich den Gefallen -tut, es nur als Ding, nicht als lebenden Menschen, mit inneren, -psychischen Vorgängen anzusehen. Darum verachtet auch der Mann das Weib -augenblicklich, sobald er es besessen hat, und das Weib _fühlt_, daß es -nun verachtet wird, auch wenn es vor zwei Minuten sich noch vergöttert -wußte. - -Respektieren kann der Mensch im Menschen nur die _Idee_, die Idee der -Menschheit; in der Verachtung des Weibes (und seiner selbst), die sich -nach dem Koitus einstellt, liegt der sicherste Anzeiger, daß gegen -die Idee hier gefehlt wurde. Und wer nicht verstehen kann, was mit -dieser _Kant_ischen $Idee$ der Menschheit gemeint ist, der mag es sich -wenigstens zum Bewußtsein bringen, daß es _seine_ Schwestern, _seine_ -Mutter, _seine_ weiblichen Verwandten sind, um die es sich handelt: _um -unser selbst willen_ sollte das Weib als Mensch behandelt, _geachtet_ -werden, und nicht _erniedrigt_, wie es durch alle Sexualität geschieht. - -Zu $ehren$ aber könnte der Mann das Weib erst dann _mit Recht_ -beginnen, wenn es _selbst_ aufhörte, _Objekt_ und _Materie_ für den -Mann _sein zu $wollen$_; wenn ihm wirklich an einer Emanzipation läge, -die mehr wäre als eine Emanzipation der Dirne. Noch ist nie offen -gesagt worden, wo die Hörigkeit der Frau einzig zu suchen ist: in der -souveränen, angebeteten Gewalt, die der Phallus des Mannes über sie -besitzt. Darum haben die Frauen-Emanzipation aufrichtig stets nur -_Männer_ gewollt, nicht sehr sexuelle, nicht sehr liebesbedürftige, -nicht sehr tiefblickende, aber edle und für das Recht begeisterte -Männer, darüber kann kein Zweifel sein. Ich will die erotischen -Motive des Mannes nicht beschönigen, und seine Antipathie gegen das -»emanzipierte Weib« nicht geringer darstellen, als sie ist: es ist -leichter, sich hinanziehen zu lassen, wie _Goethe_, als einsam zu -steigen und immerfort zu steigen, wie _Kant_. Aber vieles, was dem -Mann als _Feindschaft_ gegen die Emanzipation ausgelegt wird, ist in -Wahrheit nur Mißtrauen und Zweifel an ihrer Möglichkeit. Der Mann -will das Weib nicht als Sklavin, er sucht oft genug zunächst eine -Gefährtin, die ihn verstehe. - -Nicht die Erziehung, die das Weib heute empfängt, ist die angemessene -Vorbereitung, um der Frau den Entschluß nahezulegen und zu erleichtern, -jene ihre wahre Unfreiheit zu besiegen. Alles letzte Mittel -_mütterlicher Pädagogik_ ist es, der Tochter, die zu diesem oder jenem -sich nicht bequemt, als Strafe aufzudrohen, _sie werde keinen Mann -bekommen_. Die Erziehung, welche den Frauen zuteil wird, ist auf nichts -angelegt als auf ihre _Verkuppelung_, in deren glücklichem Gelingen -sie ihre Krönung findet. Am Manne ist durch solche Einflüsse wenig zu -ändern; aber das Weib wird durch sie in seiner Weiblichkeit, in seiner -Unselbständigkeit und Unfreiheit, noch _bestärkt_. - -_Die Erziehung des Weibes muß dem Weibe, $die Erziehung der ganzen -Menschheit der Mutter entzogen werden$._ - -Dies wäre die erste Voraussetzung, die erfüllt sein müßte, um die Frau -in den Dienst der Menschheitsidee zu stellen, der niemand, so wie -_sie_, seit Anbeginn entgegengewirkt hat. - - * * * * * - -Eine Frau, die wirklich entsagt hätte, die in sich selbst die Ruhe -suchen würde, eine solche Frau wäre kein Weib mehr. Sie hätte -aufgehört, Weib zu sein, sie hätte zur äußeren endlich die innere Taufe -empfangen. - -Kann das werden? - -Es gibt kein absolutes Weib, und doch ist uns die Bejahung dieser Frage -wie eine Bejahung des Wunders. - -Glücklicher wird das Weib nicht werden durch solche Emanzipation: die -Seligkeit kann sie ihm nicht versprechen, und zu Gott ist der Weg noch -lang. Kein Wesen zwischen Freiheit und Unfreiheit kennt das Glück. Wird -aber das Weib sich entschließen können, die Sklaverei aufzugeben, um -_unglücklich_ zu werden? - -Nicht die Frau heilig zu machen, nicht darum kann es so bald sich -handeln. Nur darum: kann das Weib zum Probleme seines Daseins, -zum Begriffe der _Schuld_ redlich gelangen? Wird es die Freiheit -wenigstens _wollen_? Allein auf die Durchsetzung des Ideales, auf das -Erblicken des Leitsternes kommt es an. Bloß darauf: kann im Weibe der -kategorische Imperativ lebendig werden? Wird sich das Weib unter die -sittliche Idee, unter die _Idee der Menschheit_ stellen? - -Denn einzig _das_ wäre _Frauen-Emanzipation_. - - - - -ANHANG - -ZUSÄTZE UND NACHWEISE. - - - - -Zur Einleitung des ersten Teiles. - - -($S. 3, Z. 2 f.$) Der Ausdruck »Begriffe mittlerer Allgemeinheit« -stammt von John Stuart _Mill_. -- Über die beschriebene Entwicklung -eines begrifflichen Systems von Gedanken vgl. E. _Mach_, Die Analyse -der Empfindungen etc., 3. Aufl., Jena 1902, S. 242 f. - -($S. 5, Z. 12 f.$) Vgl. Ludwig _Boltzmann_, Über den zweiten Hauptsatz -der mechanischen Wärmetheorie, Almanach der k. k. Akademie der -Wissenschaften zu Wien, 36. Jahrgang, S. 255: »Wie in die Augen -springend ist der Unterschied zwischen Tier und Pflanze, trotzdem gehen -die einfachen Formen kontinuierlich ineinander über, so daß gewisse -gerade an der Grenze stehen, ebensogut Tiere wie Pflanzen darstellend. -Die einzelnen Spezies in der Naturgeschichte sind meist aufs schärfste -getrennt, hier und da aber finden wieder kontinuierliche Übergänge -statt.« Über das Verhältnis von chemischer Verbindung und Mischung -vgl. F. _Wald_, Kritische Studie über die wichtigsten chemischen -Grundbegriffe, Annalen der Naturphilosophie, I, 1902, S. 181 ff. - -($S. 6, Z. 12 f.$) Z. B. kommt die sehr ausführliche Untersuchung -von Paul _Bartels_, Über Geschlechtsunterschiede am Schädel, Berlin -1897, zu dem Schlusse (S. 94): »Einen durchgreifenden Unterschied des -männlichen vom weiblichen Schädel kennen wir bis jetzt noch nicht ..... -Alle etwa anzuerkennenden Unterschiede erweisen sich als Charaktere des -männlichen beziehungsweise weiblichen Durchschnittes und zeigen eine -größere oder geringere Anzahl von Ausnahmen.« (S. 100): »Eine sichere -Diagnose des Geschlechtes ist zur Zeit nicht möglich, und wird, fürchte -ich, nie möglich sein.« - -($S. 6, Z. 15.$) Konrad _Rieger_, Die Kastration in rechtlicher, -sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 35: »Jeder, der schon -viele nackte Menschen gesehen hat, weiß doch aus Erfahrung: einerseits, -daß es viele Frauen gibt, deren Becken »männlich« ist; und anderseits, -daß es viele Männer gibt, deren Becken »weiblich« ist ..... Bekanntlich -ist deshalb die Geschlechtsdiagnose eines Skelettes durchaus nicht -immer möglich.« - - - - -Zu Teil I, Kapitel 1. - - -($S. 7, Z. 13.$) Vor Heinrich _Rathke_ (Beobachtungen und Betrachtungen -über die Entwicklung der Geschlechtswerkzeuge bei den Wirbeltieren, -Halle 1825. Neueste Schriften der naturforschenden Gesellschaft in -Danzig, Bd. I, Heft 4) herrschte dogmatisch die _Tiedemann_sche -Anschauung, daß ursprünglich alle Embryonen weiblich seien, und -der Hode durch eine Weiterentwicklung des Eierstockes entstanden. -(Vgl. Richard _Semon_, Die indifferente Anlage der Keimdrüsen beim -Hühnchen und ihre Differenzierung zum Hoden, Habilitationsschrift, -Jena 1887, S. 1 f.) Rathke (S. 121 f.) bekämpfte mit vielen Gründen -die Auffassung, daß das männliche Geschlecht ein höher entwickeltes -weibliches sei, und kam als erster zu dem Schlusse: »Alle .... in -diesem Werke mitgeteilten Beobachtungen bezeugen, daß aller sinnlicher -Unterschied, der sich auf das verschiedene Geschlecht bezieht, zwischen -den männlichen und weiblichen Gebilden in frühester Lebenszeit -durchaus wegfällt. Wenigstens ist dies der Fall bei den inneren -Geschlechtsteilen, denn von den äußeren kann ich fast nur allein aus -fremder, nicht aber aus eigener Erfahrung urteilen. Diese fremden -Erfahrungen aber scheinen ebenfalls auf eine Gleichheit jener äußeren -Gebilde hinzudeuten. Es läßt sich demnach behaupten, daß wenigstens bei -den Wirbeltieren die Geschlechter ursprünglich, so weit die sinnliche -Wahrnehmung reicht, einander gleich sind.« Diese Ansicht wurde weiter -geprüft, bestätigt und schließlich zur Geltung gebracht durch die -Arbeiten von _Johannes Müller_ (Bildungsgeschichte der Genitalien, -Düsseldorf 1830), _Valentin_ (Über die Entwicklung der Follikel in -den Eierstöcken der Säugetiere, Müllers Archiv, 1838, S. 103 f.), -R. _Remak_ (Untersuchungen über die Entwicklung der Wirbeltiere) und -Wilhelm _Waldeyer_ (Eierstock und Ei, 1870). - -($S. 7, Z. 15.$) Für die Pflanzen ist dieser Nachweis erst in jüngster -Zeit in K. _Goebels_ Abhandlung »Über Homologien in der Entwicklung -männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane« (Flora oder allgemeine -botanische Zeitung, Bd. XC, 1902, S. 279-305) erfolgt. Goebel zeigt, -wie auch bei der Pflanze männliche und weibliche Organe sich aus einer -ursprünglichen Grundform entwickeln, indem im weiblichen Organ jene -Zellen steril werden, die im männlichen zur Spermatozoidbildung führen, -und umgekehrt. - -($S. 7, Z. 16 ff.$) Die Zeitangaben beziehen sich auf die _äußeren_ -Geschlechtsteile. Sie werden von den Beobachtern nicht in -Übereinstimmung gemacht, vgl. W. _Nagel_, Über die Entwicklung des -Urogenitalsystems des Menschen, Archiv für mikroskopische Anatomie, -Bd. XXXIV, 1889, S. 269-384 (besonders S. 375 f.), Die im Texte -gegebenen Daten im allgemeinen nach Oscar _Hertwig_, Lehrbuch der -Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Tiere, 7. Aufl., S. 427, -441. Ganz kontrovers ist der Zeitpunkt der Differenzierung der inneren -Keimdrüsenanlagen, ja selbst die Frage noch strittig, ob deren Anlage -zuerst hermaphroditisch oder gleich sexuell bestimmt sei. Vgl. die -auch hierüber am ausführlichsten orientierende Abhandlung Nagels -(S. 299 ff.). - -($S. 8, Z. 21 f.$) Ich gebe hier nach Oscar _Hertwig_ (Lehrbuch der -Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Wirbeltiere, 7. Aufl., Jena -1902, S. 444 f.) die vollständige »Tabellarische Übersicht I. über die -vergleichbaren Teile der äußeren und der inneren Geschlechtsorgane des -männlichen und des weiblichen Geschlechtes, und II. über ihre Ableitung -von der ursprünglich indifferenten Anlage des Urogenitalsystems bei den -Säugetieren«. - - _Männliche _Gemeinschaftliche _Weibliche - Geschlechtsteile._ Ausgangsform._ Geschlechtsteile._ - - Samenampullen und Keimepithel Eifollikel, Graafsche - Samenkanälchen Bläschen. - - Urniere - - ~a~) Nebenhoden, ~a~) Vorderer Teil mit ~a~) Epoophoron mit - Epididymis mit Rete den Marksträngen des - testis und Tubuli Geschlechtssträngen Eierstocks. - recti (Geschlechtsteil) - - ~b~) Paradidymis ~b~) Hinterer Teil ~b~) Paroophoron. - (eigentlicher - Urnierenteil) - - Samenleiter mit Urnierengang Gärtnersche Kanäle - Samenbläschen einiger Säugetiere. - - Niere und Ureter Niere und Ureter Niere und Ureter. - - Hydatide des } Müllerscher Gang { Eileiter und Fimbrien - Nebenhodens } { - Sinus prostaticus } { Gebärmutter und - (Uterus masculinus) } { Scheide. - - Gubernaculum Leistenband der Rundes Mutterband - Hunteri Urniere und Ligamentum - ovarii. - - Männliche Harnröhre Sinus urogenitalis Vorhof der Scheide. - (Pars prostatica und - membranacea) - - Männliches Glied Geschlechtshöcker Klitoris. - - Pars cavernosa Geschlechtsfalten Kleine Schamlippen. - urethrae - - Hodensack Geschlechtswülste Große Schamlippen. - -($S. 8, Z. 9 v. u.$) Ernst _Häckel_, Generelle Morphologie der -Organismen, Band II: Allgemeine Entwicklungsgeschichte der Organismen -etc., Berlin 1866, S. 60 f.: »Jedes Individuum (irgend einer Ordnung) -als _Zwitter_ (_Hermaphroditus_) vereinigt in sich beiderlei -Geschlechtsstoffe, Ovum und Sperma. Der Gegensatz hiezu ist die -Trennung der Genitalien, die Verteilung der beiderlei Geschlechtsstoffe -auf zwei Individuen (gleichviel welcher Ordnung), welche wir als -_Geschlechtstrennung oder Gonochorismus_ bezeichnen. Jedes Individuum -irgend einer Ordnung als _Nichtzwitter_ (Gonochoristus) besitzt -nur einen von beiden Geschlechtsstoffen, Ovum _oder_ Sperma.« In -einer Anmerkung hiezu gibt er die Etymologie: »γονη, ἡ Genitale, -Geschlechtsteil: χωριστός, getrennt. Wir führen dieses neue Wort hier -ein, weil es bisher seltsamerweise gänzlich an einer _allgemeinen_ -Bezeichnung der Geschlechtstrennung mangelte, während man für die -Zwitterbildung deren mehrere besaß (Hermaphroditismus, Androgynie).« - -($S. 9, Z. 9.$) Am wenigsten dimorph sind die Geschlechter wohl bei den -Stachelhäutern (Echinodermen). Ferner finden sich nach _Weismann_, Das -Keimplasma, Jena 1892, S. 466 f., auch bei Volvox, unter den Schwämmen -und den Medusenpolypen Organismen, bei welchen männliche und weibliche -Individuen lediglich durch die Art der Geschlechtszellen selbst sich -unterscheiden, also ohne alle weiteren Sexualcharaktere. - -($S. 9, Z. 11.$) Normaler Hermaphroditismus unter den Fischen: beim -Seebarsch (Serranus scriba), der Goldbrasse (Chrysophrys aurata) -und der Myxine glutinosa (einem auf anderen Fischen schmarotzenden -Cyklostoma). Vgl. C. _Claus_, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg -1897, S. 745, und _Richard Hertwig_, Lehrbuch der Zoologie, 5. Aufl., -Jena 1900, S. 99. - -($S. 9, Z. 13 v. u.$) Aus Gründen der Vererbungslehre wird von _Darwin_ -und besonders von _Weismann_ die Bisexualität der geschlechtlich -differenzierten Lebewesen geradezu als eine Notwendigkeit postuliert. -Darwin, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der -Domestikation, 2. Aufl., Stuttgart 1873, Bd. II, S. 59 f.: »Wir -sehen daher, daß in vielen, wahrscheinlich in allen Fällen die -sekundären Charaktere jedes Geschlechtes schlafend oder latent in dem -entgegengesetzten Geschlechte ruhen, bereit, sich unter eigentümlichen -Umständen zu entwickeln. Wir können auf diese Weise verstehen, woher es -z. B. möglich ist, daß eine gut melkende Kuh ihre guten Eigenschaften -durch ihre männlichen Nachkommen auf spätere Generationen überliefert, -indem wir zuversichtlich annehmen, daß diese Eigenschaften in den -Männchen jeder Generation, wenn auch in einem latenten Zustande, -vorhanden sind. Dasselbe gilt für den Kampfhahn, welcher seine -Vorzüglichkeiten in Betreff des Mutes und der Lebendigkeit durch seine -weibliche auf seine männliche Nachkommenschaft überliefern kann; und -beim Menschen ist es bekannt, daß Krankheiten, wie z. B. Hydrokele, -welche notwendig auf das männliche Geschlecht beschränkt sind, durch -die Tochter auf den Enkel überliefert werden können. Derartige Fälle, -wie die vorstehenden, bieten .... die möglichst einfachen Beispiele von -Rückschlag dar, und sie sind unter der Annahme verständlich, daß bei -dem Großvater und Enkel eines und desselben Geschlechtes gemeinsame -Charaktere, wenn auch latent, in dem zwischenliegenden Erzeuger -des entgegengesetzten Geschlechtes vorhanden sind.« Weismann, Das -Keimplasma, eine Theorie der Vererbung, Jena 1892, S. 467 f.: »Vom -Menschen her wissen wir, daß sämtliche sekundären Geschlechtscharaktere -nicht nur von den Individuen des entsprechenden Geschlechtes vererbt -werden, sondern auch von denen des anderen. Die schöne Sopranstimme -der Mutter kann sich durch den Sohn hindurch auf die Enkelin vererben, -ebenso der schwarze Bart des Vaters durch die Tochter auf den Enkel. -Auch bei den Tieren müssen in jedem geschlechtlich differenzierten Bion -beiderlei Geschlechtscharaktere vorhanden sein, die einen manifest, die -anderen latent. Der Nachweis ist hier nur in gewissen Fällen zu führen, -weil wir die individuellen Unterschiede dieser Charaktere nur selten so -genau bemerken, allein er ist selbst für ziemlich einfach organisierte -Arten zu führen, und _die latente Anwesenheit der entgegengesetzten -Geschlechtscharaktere in jedem geschlechtlich differenzierten Bion_ -muß deshalb als allgemeine Einrichtung aufgefaßt werden. Bei der Biene -besitzen die aus unbefruchteten Eiern sich entwickelnden Männchen -die sekundären Geschlechtscharaktere des Großvaters, und bei den -Wasserflöhen, bei welchen mehrere rein weibliche Generationen aus -einander hervorgehen, bringt die letzte derselben Männchen hervor mit -den sekundären Geschlechtscharakteren der Art, welche somit in latentem -Zustande in einer großen Reihe von weiblichen Generationen vorhanden -sein mußten.« Man vergleiche hiemit auch _Moll_, Untersuchungen über -die Libido sexualis, Berlin 1898, Bd. I, S. 444. - -($S. 9, Z. 4 v. u.$) Als das »Objekt der Kunst« wird »die platonische -Idee« bekanntlich betrachtet im dritten Buche der »Welt als Wille und -Vorstellung« von _Schopenhauer_. - -($S. 10, Z. 18.$) Seit 1899 erscheint alljährlich unter Redaktion von -Dr. Magnus _Hirschfeld_ ein »_Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen_«. -Dieses Unternehmen wäre noch verdienstvoller, als es ist, wenn es nicht -nur die Homosexuellen und die Zwittergeburten, das sind die sexuellen -_Mittel_stufen, in den Kreis seiner Betrachtung zöge. Vgl. übrigens -Kap. IV und die Nachweise zu demselben. - -($S. 11, Z. 3 ff.$) Auch für die Pflanzen. Vgl. August _Schulz_, -Beiträge zur Kenntnis der Bestäubungseinrichtungen und -Geschlechtsverteilung bei den Pflanzen, II. Teil, Kassel 1890, an -vielen Orten, z. B. S. 185. Ferner erzählt _Darwin_, Die verschiedenen -Blütenformen bei Pflanzen der nämlichen Art, Werke IX/3, Stuttgart -1877, S. 10, von der gemeinen Esche (Fraxinus excelsior): »..... ich -untersuchte .... 15 Bäume, welche auf dem Felde wuchsen, und von -diesen produzierten 8 allein männliche Blüten und im Frühjahr und im -Herbste nicht ein einziges Samenkorn; 4 produzierten nur weibliche -Blüten, welche außerordentlich zahlreichen Samen ansetzten; drei waren -Zwitter, welche, als sie in Blüte waren, ein von den anderen Bäumen -verschiedenes Aussehen hatten: zwei von ihnen produzierten nahezu so -viel Samen wie die weiblichen Bäume, während der dritte nicht einen -hervorbrachte, so daß er der Funktion nach männlich war. _Die Trennung -der Geschlechter ist indessen bei der Esche nicht vollständig, denn -die weiblichen Blüten enthalten Staubgefäße, welche in einer frühen -Periode abfallen, und ihre Antheren, welche sich niemals öffnen -oder dehiszieren, enthalten meistens eine breiige Substanz anstatt -des Pollens. An einigen weiblichen Blüten fand ich jedoch einige -wenige Antheren, welche allem Anscheine nach gesunde Pollenkörner -enthielten. An den männlichen Bäumen enthalten die meisten Blüten -Pistille_, dieselben fallen aber gleichfalls in einer frühen Periode -ab; und die Eichen, welche schließlich abortieren, sind sehr klein -verglichen mit denen in weiblichen Blüten von demselben Alter.« Man -vergleiche übrigens die im III. Kapitel besprochene Heterostylie. -- -Was die Tiere betrifft, und besonders den Menschen, so ließen sich -ganze Bogen mit Belegen aus hierauf bezüglichen Publikationen füllen. -Ich verweise aber lieber zunächst auf Albert _Moll_, Untersuchungen -über die Libido sexualis, I, S. 334 ff. (z, B. seine Beweise für -das Vorkommen sezernierender Milchdrüsen bei Männern). -- Konrad -_Rieger_, Die Kastration in rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht, -Jena 1900, S. 21, Anmerkung 2: »Manche weibliche Ziegen haben sehr -starke Hörner, die sich nur wenig von denen eines Ziegen_bockes_ -unterscheiden; andere weibliche Ziegen sind völlig hornlos, und -schließlich gibt es auch Ziegen_böcke_ (_und zwar unkastrierte_) ohne -Hörner.« S. 26: »Sieht man eine größere Anzahl von Rindviehbildern -durch, so ergibt sich sofort, daß sehr bedeutende Unterschiede bestehen -in Bezug auf die Hörner bei den Stieren selbst.« S. 30: »Ich habe -selbst zufällig neulich ein weibliches Schaf von einer importierten -Rasse gesehen, das die schönsten Widderhörner hatte.« Vgl. ferner M., -Über Rehböcke mit abnormer Geweihbildung und deren eigentümliches -Verhalten, Deutsche Jäger-Zeitung, XXXII, 363. Edw. R. _Alston_, On -Female Deer with antlers, Proceed. Zoolog. Society, London 1879, -p. 296 f. -- Von _lokalen_ Häufungen der Zwischenstufen bei Käfern und -Schmetterlingen berichtet William _Bateson_, Materials for the study -of variation treated with especial regard of discontinuity in the -origin of species, London 1894, p. 254: »In all other localities the -male Phalanger maculatus alone is spotten with white, the female being -without spots, but in Waigiu the females are spotted like the males. -This curious fact was first noticed by Jentink.« (F. A. _Jentink_, -Notes, Leyd. Mus., VII, 1885, p. 90.) Und in einer Anmerkung hiezu: -»Compare the converse case of Hepialus humuli (the Ghost Moth), of -which, in all other localities, the male are clear and the females are -light yellow-brown with spots, but in the Shetland Islands the males -are very like the females, _though in varying degrees_. See Jenner -Weir, Entomologist, 1880, p. 251 Pl.« -- _Darwin_, Das Variieren der -Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, II, 259: »Die vielen -wohlbeglaubigten Fälle verschiedener männlicher Säugetiere, welche -Milch geben, zeigen, daß ihre rudimentären Milchdrüsen diese Fähigkeit -in einem latenten Zustande behalten.« Dazu _Moll_, Untersuchungen, I, -481: »Von der typischen Beschaffenheit der männlichen Brust finden -wir bis zur völligen Ausbildung der weiblichen Brustdrüsen beim Manne -zahlreiche Übergänge.« -- _Von der großen Veränderlichkeit sekundärer -Geschlechtscharaktere_ handelt _Darwin_ im 5. Kapitel der »Entstehung -der Arten« (S. 207 ff. der Übersetzung von Haek, Universalbibliothek), -von »_Abstufungen sekundärer geschlechtlicher Charaktere_« im -14. Kapitel der »Abstammung des Menschen u. s. w.« (Bd. II, S. 143 ff. -der gleichen Ausgabe). -- Über sexuelle Zwischenformen bei den -Cerviden noch Adolf _Rörig_, Welche Beziehungen bestehen zwischen -den Reproduktionsorganen der Cerviden und der Geweihbildung, Archiv -für Entwicklungsmechanik der Organismen VIII, 1899, 382-447 (mit -weiterer Literatur); bei den Vögeln: A. _Tichomiroff_, Androgynie -bei den Vögeln, Anatomischer Anzeiger, 15. März 1888 (III, 221-228); -bei Vögeln und anderen Tieren: Alexander _Brandt_, Anatomisches und -Allgemeines über die sogenannte Hahnenfedrigkeit und über anderweitige -Geschlechtscharaktere bei Vögeln, Zeitschrift für wissenschaftliche -Zoologie, 48, 1889, S. 101-190. - -($S. 11, Z. 6.$) Über das virile Weiberbecken vgl. W. _Waldeyer_, Das -Becken, Topographisch-anatomisch mit besonderer Berücksichtigung der -Chirurgie und Gynäkologie dargestellt (in: G. _Joessel_, Lehrbuch der -topographisch-chirurgischen Anatomie, Teil II, Bonn 1899) S. 393 f.: -»Wir finden auch Weiberbecken vom Habitus der Männerbecken. Die Knochen -sind massiver, die Darmbeine stehen steil, der Schambogen ist eng, die -Beckenhöhle hat eine Trichterform. Meist haben die betreffenden Frauen -auch in ihrem übrigen Körperhabitus etwas ..... Männliches (Viragines). -Doch braucht dies nicht immer der Fall zu sein.« - -($S. 11, Z. 8.$) Über _bärtige Weiber_ vgl. Max _Bartels_, Über -abnorme Behaarung beim Menschen, Zeitschrift für Ethnologie VIII -(1876), 110-129 (mit Literaturnachweisen), XI (1879), 145-194, XIII -(1881), 213-233. Wilhelm _Stricker_, Über die sogenannten Haarmenschen -(Hypertrichosis universalis) und insbesondere die bärtigen Frauen, -Bericht über die Senckenbergische naturforschende Gesellschaft, -Frankfurt 1877, S. 97 f. Louis A. _Duhring_, Case of bearded women, -Archives of Dermatology III (1877), p. 193-200. Harris _Liston_, -Cases of bearded women, British medical Journal vom 2. Juni 1894. -Albert _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1898, -I, p. 337 (mit Literatur). Cesare _Taruffi_, Hermaphrodismus und -Zeugungsunfähigkeit, Eine systematische Darstellung der Mißbildungen -der menschlichen Geschlechtsorgane, übersetzt von R. Teuscher, Berlin -1903, S. 164-173: Über Hypertrichosis beim Weibe, mit vielen weiteren -Literaturangaben. Alexander _Brandt_, Über den Bart der Mannweiber -(Viragines), Biologisches Zentralblatt 17, 1897, S. 226-239. Les Femmes -à barbe, Revue scientifique VII, 618-622. Gustav _Behrend_, Artikel -_Hypertrichosis_ in Eulenburgs Realenzyklopädie, Bd. XI^3, S. 194. -Alexander _Ecker_, Über abnorme Behaarung beim Menschen, insbesondere -über die sogenannten Haarmenschen, Braunschweig 1878, mit weiterer -Literatur S. 21. - -($S. 11, Z. 17 ff.$) Man vergleiche z. B. die in der Schrift von -Livius _Fürst_, Die Maß- und Neigungsverhältnisse des weiblichen -Beckens nach Profildurchschnitten gefrorener Leichen, Leipzig 1875, -S. 16 und S. 24 ff. enthaltenen Tafeln mit den Maßzahlen, die von -den verschiedenen Beobachtern von _Luschka_, _Henle_, _Rüdinger_, -_Hoffmann_, _Pirogoff_, _Braune_, _Le Gendre_ und _Fürst_ selbst als -Dimensionen des Beckens der Geschlechter angegeben werden. -- Ferner -W. _Krause_, Spezielle und makroskopische Anatomie (II. Bd. der 3. -Aufl. des Handbuches der menschlichen Anatomie von C. F. Th. Krause), -Hannover 1879, S. 122 ff., mit Tabellen für die Maximal- und -Minimalproportionen sowohl beim Manne als bei der Frau. - -($S. 13, Z. 7 f.$) Die Angabe über die Ophiten nach _Überweg-Heinze_, -Grundriß der Geschichte der Philosophie, Teil II, Die mittlere oder die -patristische und scholastische Zeit, 8. Aufl., Berlin 1898, S. 40. - - - - -Zu Teil I, Kapitel 2. - - -($S. 14, Z. 16 v. u.$) Havelock _Ellis_, Man and Woman, A Study of -human secondary sexual characters, London 1894, deutsch: Mann und -Weib, Anthropologische und psychologische Untersuchung der sekundären -Geschlechtsunterschiede, übersetzt von Dr. Hans Kurella (Bibliothek -für Sozialwissenschaft, Bd. III) Leipzig 1895. In Betracht kommt hier -auch das einseitigere, aber originellere und durch glückliche Belege -aus der belletristischen Literatur psychologisch bereicherte Werk -von C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als Verbrecherin und -Prostituierte, Anthropologische Studien, gegründet auf eine Darstellung -der Biologie und Psychologie des normalen Weibes, übersetzt von -Kurella, Hamburg 1894. - -($S. 15, Z. 22.$) Joh. Japetus Sm. _Steenstrup_, Untersuchungen über -das Vorkommen des Hermaphroditismus in der Natur, aus dem Dänischen -übersetzt von C. F. Hornschuch, Greifswald 1846, S. 9 ff. -- Man -vergleiche über Steenstrups Anschauungen die absprechenden Urteile von -Rud. _Leuckart_, Artikel »Zeugung« in Rud. Wagners Handwörterbuch der -Physiologie, Bd. IV, 1853, S. 743 f., und C. _Claus_, Lehrbuch der -Zoologie, S. 117^6. - -($S. 15, Z. 23.$) _Ellis_, Mann und Weib, besonders S. 203 ff. - -($S. 15 Z. 10 v. u.$) Über die Geschlechtsunterschiede in der -Zusammensetzung des Blutes, Ellis, S. 204 f. -- Olof _Hammarsten_, -Lehrbuch der physiologischen Chemie, 4. Aufl., Wiesbaden 1899, S. 137. -»Beim Menschen kommen gewöhnlich in je 1 ~cm~^3 beim Manne 5 Millionen -und beim Weibe 4 à 4·5 Millionen (roter Blutkörperchen) vor.« -- Ernst -_Ziegler_, Lehrbuch der allgemeinen und speziellen pathologischen -Anatomie, Bd. II: Spezielle pathologische Anatomie, 9. Aufl., Jena -1898, S. 3: »In 100 ~cm~^3 Blut sind .... bei Männern 14·5 ~g~, bei -Frauen 13·2 ~g~ Hämoglobin enthalten.« Vgl. bes. _Lombroso-Ferrero_, -S. 22 f. und die dort citierte Literatur. - -($S. 15, Z. 8 v. u.$) v. _Bischoff_, Das Hirngewicht des Menschen, Bonn -1880. -- _Rüdinger_, Vorläufige Mitteilungen über die Unterschiede der -Großhirnwindungen nach dem Geschlecht beim Fötus und Neugeborenen. -Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns. I, 1877, -S. 286-307. -- Auch _Passet_, Über einige Unterschiede des Großhirns -nach dem Geschlecht, Archiv für Anthropologie, Bd. XIV, 1883, -S. 89-141, und Emil _Huschke_, Schädel, Hirn und Seele des Menschen und -der Tiere nach Alter, Geschlecht und Rasse, Jena 1854, S. 152 f., haben -die Existenz solcher Unterschiede versichert und mit genauen Daten -belegt. - -($S. 15, Z. 6 v. u.$) Alice _Gaule_, Die geschlechtlichen Unterschiede -in der Leber des Frosches, Archiv für die gesamte Physiologie, -herausgegeben von Pflüger, Bd. LXXXIV, 1901, Heft 1/2, S. 1-5. - -($S. 15, Z. 3 v. u.$) Wo der Ausdruck »erogen« (»Zones érogènes« -als Name für diejenigen Körperteile, die sexuell besonders anziehend -auf das andere Geschlecht wirken) zum ersten Male vorkommt, war -mir zu ermitteln nicht möglich. Der verstorbene Professor Freiherr -_v. Krafft-Ebing_, von dem ich einmal Belehrung hierüber erbat, -vermutete, bei _Gilles de la Tourette_. Doch ist in dessen großem Werke -über die Hysterie nichts hierauf Bezügliches enthalten. - -($S. 16, Z. 15.$) Die Anführung aus _Steenstrup_ a. a. O., S. 9 bis 10. - -($S. 18, Z. 6.$) John _Hunter_, Observations on certain parts of -the animal oeconomy, London 1786, berichtet in einem zuerst in den -Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Vol. -LXX/2, 1. Juni 1780, pag. 527-535, veröffentlichten »Account of an -extraordinary pheasant« von der »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen und -vergleicht diese mit der Bärtigkeit der Großmütter. S. 63 (528) wird -die berühmte Unterscheidung eingeführt: »It is well known that there -are many orders of animals which have the two parts designed for the -purpose of generation different in the same species, by which they -are distinguished into male and female: but this is not the only -mark of distinction in many genera of animals, of the greatest part -the male being distinguished from the female by various marks. _The -differences which are found in the parts of generation themselves, I -shall call the first or principle, and all others depending upon these -I shall call secondary._« Wenn im Texte (Z. 20 ff.) der Bereich der -sekundären Charaktere strenger denn gewöhnlich als die Gesamtheit der -erst in der Mannbarkeit äußerlich sichtbar hervortretenden Charaktere -umschrieben wird, so ist damit auf _Hunters_ _ursprüngliche_ Bestimmung -zurückgegriffen, S. 68: »We see the sexes which at an early period had -little to distinguish them from each other, acquiring about the time -of puberty secondary properties, which clearly characterise the male -and female. The male at this time recedes from the female, and assumes -the secondary characters of his sex.« Vgl. _Darwin_, Das Variieren etc. -I^2, S. 199. Entstehung der Arten (übersetzt von Haek), S. 201. - -($S. 18, Z. 8.$) Dafür, daß von den primären noch »primordiale« -Sexualcharaktere abgeschieden werden müssen, sind die vielen Fälle -beweisend, in denen die äußeren Geschlechtsteile etwa weiblich, die -Geschlechtsdrüsen selbst immer noch männlich sind, Vgl. z. B. Andrew -_Clark_, A case of spurious hermaphroditism (hypospadia and undescended -testis in a subject who has been brought up as female and married -for sixteen years), Middlesex Hospital, The Lancet, 12. März 1898, -p. 718 f. -- L. _Siebourg_, Ein Fall von Pseudo-Hermaphroditismus -masculinus completus, Deutsche medizinische Wochenschrift, 9. Juni -1898, S. 367-368. - -($S. 18, Z. 23 f.$) Die Lehre von der »inneren Sekretion« im -allgemeinen stammt nicht, wie man jetzt überall angegeben findet, von -_Brown-Séquard_, der sie nur auf die Keimdrüse als erster angewendet -hat, sondern von Claude _Bernard_, nachdem schon bei C. _Legallois_ -im Jahre 1801 eine dunkle Ahnung der Sache zu finden ist, worüber man -Näheres aus der Année biologique, Vol. I, p. 315 f. erfährt. Vgl. -Bernard, Nouvelle fonction du foie considéré comme organe producteur -de matière sucrée chez l'homme et les animaux, Paris, Baillière, 1853, -p. 58 und 71 f. Ferner Leçons de physiologie expérimentale, Vol. I, -Paris 1855, aus der folgende Stellen wörtlich angeführt seien: »On -s'est fait pendant longtemps une très-fausse idée de ce qu'est un -organe sécréteur. On pensait que toute sécrétion devait être versée -sur une surface interne ou externe, et que tout organe sécrétoire -devait nécessairement être pourvu d'un conduit excréteur destiné à -porter au dehors les produits de la sécrétion. L'histoire du foie -établit maintenant d'une manière très-nette qu'il y a des sécrétions -internes, c'est à dire des sécrétions dont le produit, au lieu d'être -déversé à l'extérieur, est transmis directement dans le sang« (p. 96). --- »Il doit être maintenant bien établi qu'il y a dans le foie deux -fonctions de la nature de sécrétions. L'une, sécrétion externe, -produit la bile qui s'écoule au dehors; l'autre, sécrétion interne, -forme le sucre qui entre immédiatement dans le sang de la circulation -générale« (p. 107). -- Ferner (Rapport sur les progrès et la marche -de la physiologie générale en France, Paris 1867, p. 73): »La cellule -sécrétoire crée et élabore en elle-même le produit de sécrétion qu'elle -verse soit au dehors sur les surfaces muqueuses, soit directement -dans la masse du sang. J'ai appelé _sécrétions externes_ celles -qui s'écoulent en dehors, et _sécrétions internes_ celles qui sont -versées dans le milieu organique intérieur.« (p. 79:) »Les sécrétions -internes sont beaucoup moint connues que les sécrétions externes. -Elles ont été plus ou moins vaguement soupçonnées, mais elles ne sont -point encore généralement admises. Cependant, selon moi, elles ne -sauraient être douteuses, et je pense que le sang, ou autrement dit -le milieu intérieur organique, doit être regardé comme un produit des -glandes vasculaires internes.« (p. 84:) »Le foie glycogénique forme -une grosse glande sanguine, c'est-à-dire une glande qui n'a pas de -conduit excréteur extérieur. Il donne naissance aux produits sucrés -du sang, peut-être aussi à d'autres produits albuminoïdes. Mais il -existe beaucoup d'autres glandes sanguines, telle que la rate, le corps -thyroïde, les capsules surrénales, les glandes lymphatiques, dont les -fonctions sont encore aujourd'hui indéterminées; cependant on regarde -généralement ces organes comme concourant à la régénération du plasma -et du sang, ainsi qu'à la formation des globules blancs et des globules -rouges qui nagent dans ce liquide.« Danach ist die sehr allgemeine -Angabe, _Brown-Séquard_ sei der Begründer der Lehre von den Funktionen -der Drüsen ohne Ausführungsgänge, wie sie sich z. B. in _Bunges_ -»Physiologischer Chemie« (Lehrbuch der Physiologie des Menschen, -Leipzig 1901, Bd. II, S. 545), bei _Chrobak_ und _Rosthorn_ (Die -Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I. Teil, Wien 1896/1900, -S. 388), bei Ernst _Ziegler_ (Lehrbuch der allgemeinen und speziellen -pathologischen Anatomie, I^9, 1898, S. 80), Oscar _Hertwig_ (Die Zelle -und die Gewebe, Bd. II, 1898, S. 167) oder H. _Boruttau_ (Kurzes -Lehrbuch der Physiologie, Leipzig und Wien, 1898, S. 138) findet, zu -korrigieren. - -_Brown-Séquard_ selbst (Effets physiologiques d'un liquide extrait -des glandes sexuelles et surtout des testicules, Comptes Rendus -hebdomadaires des Séances de l'Académie des Sciences, Paris, 30. Mai -1892, p. 1237 f.) sagt: »Déjà en 1869, dans un cours à la Faculté -de Médecine de Paris, j'avais émis l'idée que les glandes ont des -sécrétions internes et fournissent au sang des principes utiles sinon -essentiels.« Die Priorität gebührt demnach ohne Zweifel Bernard; -nur die Anwendung auf die Keimdrüsen ist Brown-Séquards alleiniges -Verdienst: »Je croyais, dès alors, que la faiblesse chez les vieillards -dépend non seulement de l'état sénile des organes, mais aussi de ce -que les glandes sexuelles ne donnent plus au sang des principes qui, à -l'âge adulte, contribuent largement à maintenir la vigueur propre à cet -âge. Il était donc tout naturel de songer à trouver un moyen de donner -au sang de vieillards affaiblis les principes que les glandes sexuelles -ne lui fournissent plus. C'est ce qui m'a conduit à proposer l'emploi -d'injections sous-cutanées d'un liquide extrait de ces glandes.« Die -erste Veröffentlichung Brown-Séquards über dieses Thema ist die in den -»Comptes rendus hebdomadaires des séances et mémoires de la Société de -Biologie«, Tome 41, 1889, p. 415-419 enthaltene (datiert vom 1. Juni -1889). - -Als Gegner der Lehre von der inneren Sekretion, speziell der -Keimdrüsen, sind zu nennen: Konrad _Rieger_ in seiner Schrift über die -Kastration (Jena 1900, S. 71; ihn erinnert sie an die Theorien der -mittelalterlichen Mönche über die Folgen des »semen retentum«) und -A. W. _Johnston_, Internal Secretion of the Ovary, 25. Annual Meeting -of the American Gynaecological Society, vgl. British Gyn. Journal, -Part 62, August 1900, S. 63. Unentschieden lassen die Frage, ob die -Erscheinungen nach Kastration und Involution der Keimdrüsen, nach der -Pubertät und in der Gravidität, soweit sie von den Genitalien ihren -Ursprung nehmen, auf nervösem Wege oder durch das Blut vermittelt -werden, _Ziegler_, Patholog. Anatomie, I^9, S. 80, und O. _Hertwig_, -Zelle und Gewebe, II, 162. Dieser sagt: »Wenn auf der einen Seite der -Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Geschlechtsdrüsen und der -sekundären Sexualcharaktere nicht in Abrede gestellt werden kann, so -fehlt uns auf der anderen Seite doch das tiefere Verständnis dafür. -Wird die Korrelation zwischen den Organen, welche funktionell direkt -nichts miteinander zu tun haben, durch das Nervensystem vermittelt, -oder sind es vielleicht besondere Substanzen, welche vom Hoden oder -Eierstock abgesondert werden, in den Blutstrom geraten und so die -weit abgelegenen Körperteile zu korrelativem Wachstum veranlassen? Zu -einem Entscheid der aufgeworfenen Alternative fehlt es noch an jeder -experimentellen Unterlage.« - -Der letzte Satz war wohl schon zu der Zeit, da Hertwig ihn schrieb -(1898), nicht mehr ganz richtig. Fr. _Goltz_ und A. _Freusberg_ -hatten 1874 (»Über den Einfluß des Nervensystems auf die Vorgänge -während der Schwangerschaft und des Gebäraktes«, Pflügers Archiv -für die gesamte Physiologie, IX, 552-565) von folgendem berichtet -(S. 557): »Eine Hündin mit vollständiger Trennung des Rückenmarkes -in der Höhe des ersten Lendenwirbels ist brünstig geworden, hat -empfangen und ein lebensfähiges Junges ohne Kunsthilfe geboren. Bei -und nach diesen Vorgängen hat das Tier alle die damit verbundenen -Naturtriebe (Instinkte) entfaltet ebenso wie ein unversehrtes Geschöpf« -(d. h. die Milchdrüsen füllten sich und das Junge wurde mit größter -Zärtlichkeit behandelt. Man vgl. auch _Brücke_, Vorlesungen über -Physiologie II^3, Wien 1884, S. 126 f.). Goltz selbst kam schon damals -zu folgendem Schlusse (S. 559): »Es scheint mir ... äußerst fraglich, -ob überhaupt der Zusammenhang zwischen Gebärmutter und Milchdrüsen -durch Beteiligung des Nervensystems zu denken ist. Mir sagt auch in -diesem Falle der Gedanke mehr zu, daß das Blut diesen Zusammenhang -vermittelt.« Er erinnert daselbst auch an die Ausfallserscheinungen -nach der Kastration. In ihrer berühmter gewordenen Arbeit »Der Hund mit -verkürztem Rückenmark« (Pflügers Archiv; 63, 362-400) sind Fr. _Goltz_ -und J. R. _Ewald_ 22 Jahre nach jener Untersuchung nochmals auf das -Thema zurückgekommen (vgl. in jener Abhandlung S. 385 f.). - -Der hauptsächlichste Beweis, daß _keine_ nervöse Vermittlung vorliegt, -ist, wie ich meine, darin zu erblicken, daß einseitige Kastration, -also Exstirpation bloß eines Ovars oder Testikels, an der Entwicklung -der sekundären Geschlechtscharaktere nicht das Geringste ändert. Den -Einfluß jeder Keimdrüse hätte man aber, wenn ein solcher auf nervösem -Wege sich vollzieht, als stets auf eine Hemisphäre des Körpers -_stärker_ sich erstreckend vorzustellen, ja eine halbseitige Kastration -wäre, zunächst wenigstens, nur für _eine_ Körperhälfte als entscheidend -anzunehmen. Mit Ausnahme einer einzigen Angabe aber, der _Rieger_, Die -Kastration, S. 24, mit Recht als Jägerlatein mißtraut (es ist die in -_Brehms_ Säugetieren, Leipzig und Wien, 1891, III^3, 430: »Einseitig -verschnittene Hirsche setzen bloß an der unversehrten Seite noch auf«), -hat nirgends etwas ähnliches verlautet: halbseitig verschnittene -Tiere sind wie gar nicht verschnittene. So schon _Berthold_, -Nachrichten von der Universität und Gesellschaft der Wissenschaften -zu Göttingen, 1849, Nr. 1, S. 1-6. Vgl. z. B. _Chrobak-Rosthorn_, -Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I/2, S. 371 f.: -»_Sokoloff_[104] operierte an Hunden, verfolgte die Veränderungen -sowohl bei einseitiger als auch bei doppelseitiger Kastration. _Bei -ersterer trat die Brunst wie normal ein_, bei letzterer blieb sie -regelmäßig weg. _Einseitige Kastration bei jungen Tieren läßt das -Wachstum beider Gebärmutterhälften fortdauern._ Schon 1½ Monate nach -zweiseitiger Kastration war eine ausgesprochene Atrophie der zirkulären -Muskelschichte aufgetreten.« - -Diesen Beweis halte ich darum für stringenter selbst als die -Transplantationsversuche (auf Grund deren J. _Halban_, Über den Einfluß -der Ovarien auf die Entwicklung des Genitales, Monatsschrift für -Geburtshilfe und Gynäkologie, XII, 1900, 496-506, besonders S. 505, -A. _Foges_, Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren, -Pflügers Archiv, XCIII, 1902, 39 ff., Emil _Knauer_, Die -Ovarientransplantation, experimentelle Studie, Archiv für Gynäkologie, -LX, 1900, besonders S. 352-359, mit so viel Recht für die innere -Sekretion sich entscheiden), weil diesen gegenüber als letzter noch -immer der Einwand möglich wäre, daß vermittelnde nervöse Bahnen in das -transplantierte Gewebe zugleich mit dessen Vaskularisierung eingezogen -seien. - -($S. 18, Z. 10 v. u. ff.$) Einen _anderen_ Begriff _von tertiären -Sexualcharakteren_ hat Havelock _Ellis_ aufgestellt, Mann und Weib, -S. 24: ».... So haben wir z. B. die verhältnismäßig größere Flachheit -des Schädels, die größere Aktivität und Ausdehnung der Schilddrüse und -die geringere Durchschnittsmenge der roten Blutkörperchen beim Weibe. -Diese Differenzen hängen wahrscheinlich indirekt mit primären und -sekundären sexuellen Charakteren zusammen. Vom zoologischen Standpunkt -aus sind sie kaum von Interesse, dagegen vom anthropologischen und -gelegentlich auch vom pathologischen und sozialen Standpunkt aus -höchst bemerkenswert. In dieselbe Gruppe mit den sekundären sexuellen -Charakteren lassen sie sich keinesfalls einreihen, und wir tun wohl am -besten, sie zu einer neuen Gruppe zusammenzufassen und als ‚tertiäre -sexuelle Charaktere’ zu bezeichnen.« Ellis bemerkt selbst, daß »sich -wegen der Tendenz dieser Merkmale, ineinander überzugehen, diese -Teilung schwer durchführen läßt«. Aber nicht nur der theoretische, auch -der praktische Wert dieser Gliederung scheint mir geringer als der Wert -der im Texte vorgeschlagenen Einteilung, nach welcher als primordiale -Geschlechtscharaktere die allgemein-biologischen, als primäre die -im engeren Sinne anatomischen, als sekundäre die im engeren Sinne -physiognomischen, als tertiäre die psychologischen und als quartäre die -sozialen Unterschiede der Geschlechter bezeichnet werden. - -($S. 19, Z. 15 ff.$) Die Annahme dünkt mich sehr wahrscheinlich, daß -_gleichzeitig_ mit _jeder äußeren_ eine _innere Sekretion_ vor sich -geht, also auch die letztere keine kontinuierliche, sondern eine -intermittierende Funktion sei. Denn der Bartwuchs z. B. ist nicht -gleichmäßig, sondern er erfolgt schubweise, stoßweise. Als Erklärung -hiefür scheint eine interrupte innere Sekretion am nächsten zu liegen. - -($S. 19, Z. 7 v. u.$) Der Ausdruck »Komplementärbedingung« nach Richard -_Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 29. - -($S. 20, Z. 10-28.$) Über das Idioplasma vgl. C. v. _Naegeli_, -Mechanisch-Physiologische Theorie der Abstammungslehre, 1884. Der -Begriff wird dort, in einer von seiner Entwicklung im Texte etwas -abweichenden Weise, eingeführt auf S. 23. Es heißt dann weiter: »Jede -wahrnehmbare Eigenschaft ist als Anlage im Idioplasma vorhanden, -es gibt daher so viele Arten von Idioplasma, als es Kombinationen -von Eigenschaften gibt. Jedes Individuum ist aus einem etwas anders -gearteten Idioplasma hervorgegangen, und in dem nämlichen Individuum -verdankt jedes Organ und jeder Organteil seine Entstehung einer -eigentümlichen Modifikation oder eher einem eigentümlichen Zustande des -Idioplasmas. Das Idioplasma, welches wenigstens in einer bestimmten -Entwicklungsperiode durch alle Teile des Organismus verteilt ist, -hat also an jedem Punkte etwas andere Eigenschaften, indem es -beispielsweise bald einen Ast, bald eine Blüte, eine Wurzel, ein -grünes Blatt, ein Blumenblatt, ein Staubgefäß, eine Fruchtanlage, -ein Haar, einen Stachel bildet.« Am wichtigsten ist für das hier in -Betracht kommende die Stelle S. 32 f.: »Jede beliebige Zelle muß -davon [vom Idioplasma] eine gewisse Menge enthalten, weil dadurch die -ererbte Tätigkeit bedingt wird.« Ferner S. 531: »Jede Ontogenie ... -beginnt mit einem winzigen Keim, in welchem eine kleine Menge von -Idioplasma enthalten ist. Dieses Idioplasma zerfällt, indem es sich -fortwährend in entsprechendem Maße vermehrt, bei den Zellteilungen, -durch welche der Organismus wächst, in ebenso viele Partien, die -den einzelnen Zellen zukommen, ....... Jede Zelle des Organismus -ist idioplasmatisch befähigt, zum Keim für ein neues Individuum zu -werden. Ob diese Befähigung sich verwirklichen könne, hängt von der -Beschaffenheit des Ernährungsplasmas ab. Das Vermögen hiezu kommt -bei niederen Pflanzen jeder einzelnen Zelle zu; bei den höheren -Pflanzen haben es manche Zellen verloren; im Tierreiche besitzen es -im allgemeinen nur die zu ungeschlechtlichen oder geschlechtlichen -Keimen normal bestimmten Zellen.« -- Hugo de _Vries_: in seinem Buche: -Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 55-60, 75 ff., 92 ff., -101 ff., und besonders S. 120. Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die -Gewebe, Grundzüge der allgemeinen Anatomie und Physiologie. (Diesem -Buche verdanke ich in biologischer Hinsicht ganz allgemein neben -_Darwins_ »Variieren« die reichste Belehrung.) Hertwig begründet -die Theorie im ersten Bande (Jena 1893), S. 277 ff.: »Wenn man das -Moospflänzchen Funaria hygrometrica zu einem feinen Brei zerhackt, -so läßt sich auf feuchter Erde aus jedem kleinsten Fragment wieder -ein ganzes Moospflänzchen züchten. Die Süßwasserhydra läßt sich -in kleine Stückchen zerschneiden, von denen sich jedes wieder zu -einer ganzen Hydra mit allen ihren Eigenschaften umbildet. Bei einem -Baum können sich an den verschiedensten Stellen durch Wucherung -vegetativer Zellen Knospen bilden, die zu einem Sproß auswachsen, -der, vom Ganzen abgetrennt und in Erde verpflanzt, sich bewurzelt und -zu einem vollständigen Baum wird. Bei Cölenteraten, manchen Würmern -und Tunikaten ist die ungeschlechtliche Vermehrung auf vegetativem -Wege eine ähnliche, da fast an jeder Stelle des Körpers eine Knospe -entstehen und zu einem neuen Individuum werden kann ....... Ein -abgeschnittener und ins Wasser gestellter Weidenzweig entwickelt -wurzelbildende Zellen an seinem unteren Ende, und so wird hier von -Zellen, die im Plane des ursprünglichen Ganzen eine sehr abweichende -Funktion zu erfüllen hatten, eine den neuen Bedingungen entsprechende -Aufgabe übernommen, ein Beweis, daß die Anlage dazu in ihnen gegeben -war. Und so können sich umgekehrt auch aus abgeschnittenen Wurzeln -Laubsprosse bilden, die dann zu ihrer Zeit selbst männliche und -weibliche Geschlechtsprodukte hervorbringen. In diesem Falle stammen -also direkt aus Zellbestandteilen einer Wurzel Geschlechtszellen ab, -die als solche wieder zur Reproduktion des Ganzen dienen ...... Die -Botaniker hängen zum größten Teile der Lehre an, die kürzlich de -Vries gegen Weismann verteidigt und in den Satz zusammengefaßt hat, -daß _alle oder doch weitaus die meisten_ Zellen des _Pflanzenkörpers -die sämtlichen erblichen Eigenschaften der Art im latenten Zustand -enthalten. Dasselbe läßt sich auf Grund von Tatsachen von niedrigen -tierischen Organismen sagen._ Für höhere Tiere kann man den Beweis -allerdings nicht führen; deswegen ist man aber nicht zu der Folgerung -gezwungen, daß die Zellen der höheren und niederen Organismen insoferne -verschieden wären, als die letzteren alle Eigenschaften der Art im -latenten Zustand, also die Gesamtheit der Erbmasse, die ersteren -dagegen nur noch Teile von ihr enthielten.« -- Als der heftigste -Gegner der Idioplasmalehre ist August _Weismann_ aufgetreten in seiner -Schrift: Die Kontinuität des Keimplasmas als Grundlage einer Theorie -der Vererbung, 1885 (Aufsätze über Vererbung und verwandte biologische -Fragen, Jena 1892, S. 215 ff.). Weismanns Hauptargument (S. 237): -»Ehe nicht erwiesen wird, daß ‚somatisches’ Idioplasma überhaupt -rückverwandelt werden kann in Keimidioplasma, haben wir kein Recht, -aus einer von ihnen [den somatischen Zellen] Keimzellen entstehen zu -lassen«, dürfte vor den genauen Untersuchungen von Friedlich _Miescher_ -(Die histochemischen und physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig -1897, Bd. II, S. 116 ff.) über die Entwicklung der Keimdrüsen der -Lachse auf Kosten ihres großen Seitenrumpfmuskels nicht mehr haltbar -sein. Vgl. übrigens die vernichtende Kritik, welche an den überaus -künstlichen Theorien Weismanns von _Kassowitz_, Allgemeine Biologie, -Bd. II, Wien 1900, geübt worden ist, auf die Weismann, wohl ihres -überscharfen Tones halber, nicht geantwortet hat. - -Für die Idioplasmalehre zeugen vollends Untersuchungen wie die von -Paul _Jensen_, Über individuelle physiologische Unterschiede zwischen -Zellen der gleichen Art (Pflügers Archiv, LXII, 1896, 172-200). Es -heißt da z. B. (S. 191): »Wenn ein Foraminifer durch abgetrennte eigene -Pseudopodien niemals, dagegen stets durch abgeschnittene Pseudopodien -eines anderen Individuums kontrektatorisch erregt wird, so muß das -Protoplasma des ersteren sich von dem der letzteren in bestimmter -Weise unterscheiden, oder allgemein ausgedrückt: das Protoplasma -verschiedener Individuen muß physiologisch verschieden sein. Welcher -Art aber ist diese Verschiedenheit und welcher Art der Reiz, der -ihr entspringt? Wir werden nicht umhin können, Unterschiede in der -chemischen Zusammensetzung der Protoplasmen verschiedener Individuen -anzunehmen.« -- Über die Regenerationsfähigkeit (auch niederer _Tiere_) -vgl. Hermann _Vöchting_, Über die Regeneration der Marchantieen, -Jahrbücher für wissenschaftliche Botanik, 1885, Bd. XVI, S. 367 bis -414. Über Organbildung im Pflanzenreich, Physiologische Untersuchungen -über Wachstumsursachen und Lebenseinheiten, Teil I, Bonn 1878, -S. 236-240, besonders S. 251-253. -- Jacques _Loeb_, Untersuchungen zur -physiologischen Morphologie der Tiere, II. Organbildung und Wachstum, -Würzburg 1892, S. 34 ff. (über Regeneration bei Ciona intestinalis). - -($S. 21, Z. 6 ff.$) Wenn jede Zelle, also auch jede Nervenzelle, -männlich oder weiblich (in bestimmtem Grade) ist, so entfällt auch -der letzte Anlaß zur Annahme eines »psychosexuellen Zentrums« für -den Geschlechtstrieb im Gehirn, wie es besonders _Krafft-Ebing_ -(Psychopathia sexualis, 11. Aufl., S. 248, Anm. 1) und seine Schüler, -ferner (nach ihm) _Taruffi_, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit, -übersetzt von R. Teuscher, Berlin 1903, S. 190, ungeachtet der in der -Anmerkung zu S. 18, Z. 15 v. u. citierten Experimente von _Goltz_, -postuliert haben. - -($S. 21, Z. 2 v. u.$) Wilhelm _Caspari_, Einiges über Hermaphroditen -bei Schmetterlingen, Jahrbücher des nassauischen Vereines für -Naturkunde, 48. Jahrgang, S. 171-173 (Referat von P. _Marchal_, Année -biologique, I. 288), berichtet, wie zuweilen die eine seitliche Hälfte -eines Schmetterlings vollständig männlich und die andere vollständig -weiblich ist. Bei Saturnia pavonia, einem Pfauenauge, ist der -Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Färbung sehr groß und -daher, bei Hermaphroditen in dieser Art der Kontrast zwischen rechter -und linker Körperhälfte höchst auffallend. -- Richard _Hertwig_, -Lehrbuch der Zoologie^5, 1900, S. 99 über diesen »Hermaphroditismus -lateralis« und jene hermaphroditischen Formen bei Schmetterlingen wie -Ocneria dispar (einem Spinner), dessen männliche Hälfte die besondere -Gestalt der männlichen Fühler, Augen und Flügel trägt, und sich durch -sie wesentlich von der weiblichen Hälfte unterscheidet. - -($S. 22, Z. 4 v. u. ff.$) _Aristoteles_ sagt (Histor. Anim. 5, 14, -545, ~a~ 21:) εἰς τὸ θήλυ γαρ μεταβάλλει τα ἐκτεμνόμενα. (9, 50, -632, ~a~ 4) μεταβάλλει δὲ καὶ ἡ φωνὴ ἐπὶ τῶν ἐκτεμνομένων ἁπαντων -εἰς τὸ θήλυ. Die falschen Angaben über regelmäßige Verweiblichung -des entmannten Tieres rühren in der neuesten Zeit hauptsächlich -von William _Yarrell_ her (On the influence of the sexual organ in -modifying external character, Journal of the Proceedings of the -Linnean Society, Zool. Vol. I, 1857, p. 81), und sind ihm (mit oder -ohne Berufung auf ihn) oft nachgesprochen worden, z. B. von _Darwin_, -Das Variieren etc., II^2, 59: »Der Kapaun fängt an, sich auf Eier zu -setzen und brütet Hühnchen aus;« von _Weismann_, Keimplasma, S. 469 f.: -»Bei ausgebildeten Individuen des einen Geschlechtes können unter -besonderen Umständen die sekundären Sexualcharaktere des anderen -Geschlechtes zur nachträglichen Ausbildung gelangen. Dahin gehören -vor allem die _Folgen der Kastration_ bei beiden Geschlechtern.« -Ebenso von _Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin -1899, S. 170, Anm. 1. _Gegen_ diese Theorien hat sich namentlich -_Rieger_ gewendet (Die Kastration, S. 33 f.), ferner Hugo _Sellheim_ -(Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren, Beiträge zur -Geburtshilfe und Gynäkologie, herausgegeben von A. Hegar, Bd. I, 1898, -S. 229-255): »In keiner Weise konnten wir [bei den Kapaunen] einen -Umschlag, eine Entwicklung von Mutterliebe konstatieren, die sich in -einer Fürsorge für die beigegebenen Küchlein ausgesprochen hätte« -(S. 234). »Von einer aktiven Annäherung an das weibliche Tier, wie sie -von mancher Seite bei den durch die Entfernung der Hoden bedingten -Veränderungen angenommen wird, ist bei dem Kastratenkehlkopf nichts zu -merken« (S. 241). Schließlich hat Arthur _Foges_ (Zur Lehre von den -sekundären Geschlechtscharakteren, Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902, -S. 39-58) Sellheims Befunde bestätigt und die ältere Ansicht nochmals -zurückgewiesen (S. 53). Die letzten Autoren gehen aber wohl zu weit, -indem sie die Verweiblichung für ausgeschlossen zu halten scheinen; sie -ist zwar keine notwendige Folge der Kastration, da sie jedoch gänzlich -_ohne_ dieselbe eintreten kann (vgl. S. 24, Z. 1-8 und die Anmerkung -zu dieser Stelle), so wird durch Kastration ihre Möglichkeit in vielen -Fällen wohl noch erleichtert werden. - -($S. 23, Z. 16 f.$) Über die Annahme männlicher Charaktere durch die -Frauen, respektive Weibchen, nach dem Aufhören der Geschlechtsreife, -respektive der Menopause, vgl. vor allem die ausführliche Abhandlung -von Alexander Brandt, Anatomisches und Allgemeines über die sogenannte -Hahnenfedrigkeit und über anderweitige Geschlechtsanomalien bei -Vögeln, Zeitschr. f. wiss. Zool., 48, 1889, S. 101-190. -- Die erste -Angabe über Hahnenfedrigkeit bei _Aristoteles_, Histor. Animal. 9, -49, 631 b, 7 ff. -- Im XIX. Jahrhundert handeln von ihr vornehmlich -William _Yarrell_, On the change in the plumage of some Hen-Pheasants, -Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 10. Mai -1827 (Part. II, p. 268-275); _Darwin_, Das Variieren II^2, S. 58; -Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898, S. 162. --- Hieher gehört vielleicht der interessante Fall von Hypertrichosis, -den _Chrobak_ und _Rosthorn_, Die Erkrankungen der weiblichen -Geschlechtsorgane, Teil I, S. 388, nach Virchow erzählen, »in welchem -es sich um eine junge Frau handelte, die während der Menstruation an -akutem Magen- und Darmkatarrh erkrankte, später amenorrhoisch wurde, -und bei welcher sich während der Dauer des Ausbleibens der Regel der -ganze Körper mit schwarzen wachsenden Haaren bedeckte.« - -($S. 23, Z. 22 f.$) Ricken: nach _Brehms_ Tierleben, 3. Aufl. von -Pechuel-Loesche, Säugetiere, Bd. III, 1891, S. 495: »Auch sehr alte -Ricken erhalten bisweilen einen kurzen Stirnzapfen und setzen schwache -Gehörne auf ... Von einem derartigen Geweih teilt mir _Block_ mit, -daß es aus zwei gegen 5 ~cm~ langen Stangen bestand und selbst einen -alten Weidmann täuschen konnte, welcher die Ricke als Bock ansprach und -erlegte.« - -($S. 23, Z. 13 v. u. ff.$) Vgl. Paul _Mayer_, Carcinologische -Mitteilungen, Mitteilungen a. d. zool. Station zu Neapel, I, 1879, -VI: Über den Hermaphroditismus bei einigen Isopoden, S. 165 bis 179. -Von Vertretern der Gattungen Cymothoa, Anilocra und Nerocila ist -durch Mayer sichergestellt, daß dieselben Individuen in ihrer Jugend -als Männchen fungieren, bei denen nach einer späteren Häutung die -ursprünglich zwar vorhandenen, aber nicht funktionsfähigen Eierstöcke -die männlichen Keimdrüsen zurückdrängen, so daß die Tiere nun die Rolle -von Weibchen ausfüllen. -- Der Ausdruck »Protandrie« (nach dem Muster -der Botanik vgl. _Nolls_ Physiologie in Strasburgers Lehrbuch der -Botanik, 3. Aufl., 1898, S. 250) wird auch von Mayer, S. 177, für diese -Erscheinung gebraucht. Vgl. Cesare _Lombroso_ und Guglielmo _Ferrero_, -Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, übersetzt von Hans -Kurella, Hamburg, 1894, S. 3. Übrigens hat L. _Cuénot_ bei gewissen -Seesternen ganz die gleiche Erscheinung nachweisen können: Notes sur -les Echinodermes, III: »L'hermaphrodisme _protandrique_ d'Asterina -gibbosa Penn. et ses variations suivant les localités« (Zoologischer -Anzeiger, XXI/_{1}, 1898, S. 273-279). Er kommt zu dem Ergebnis -(S. 275): »L'hermaphrodisme protandrique est donc ici indiscutable: -les Asterina sont fonctionnellement mâles ... puis, elles deviennent -exclusivement femelles pour le reste de leur existence.« - -($S. 24, Z. 1 ff.$) Über Fälle von sexueller Umwandlung wird auch -sonst sporadisch berichtet. Z. B. von L. _Janson_, Über scheinbare -Geschlechtsmetamorphose bei Hühnern, Mitteilungen d. deutsch. -Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Heft 60, S. 478 -bis 480. -- _Kob_, De mutatione sexus, Berlin 1823. -- Anekdotenhafte -Fälle sind bei _Taruffi_, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit, -Berlin 1903, S. 296, 307 f., 364 f., aus einer Literatur von sehr -ungleicher Zuverlässigkeit gesammelt. -- »Man hat eine zehn Jahre -alte Ente gekannt, welche sowohl das vollständige Winter- als -Sommergefieder des Enterichs annahm.« _Darwin_, Das Variieren etc., -II^2, S. 58. Vgl. _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis, -I, S. 444. -- R. v. _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis mit -besonderer Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, eine -klinisch-forensische Studie, 8. Aufl., Stuttgart 1893, erwähnt -S. 198 f. verschiedene höchst merkwürdige Fälle von Männern, die im -Laufe ihres Lebens eine vollständige Umwandlung zum Weibe erfahren -haben; besonders kommt in Betracht jene Autobiographie eines Arztes -(S. 203 ff.) als Beispiel einer Umwandlung, die, wie Krafft-Ebing -S. 215 selbst zugeben muß, durchaus ohne paranoischen Wahn ist, obwohl -er auch jenen Fall S. 203 unter der Überschrift »Metamorphosis sexualis -paranoica« einführt. - -($S. 24, Z. 11 v. u.$) Die hier erwähnten Versuche sind die von Emil -_Knauer_ (Die Ovarientransplantation, Experimentelle Studie, Archiv -für Gynäkologie, Bd. LX, 1900, S. 322-376) ausgeführten. Nur in zwei -von dreizehn Fällen mißlang die Transplantation nicht (ibid., S. 371). -»Mit Rücksicht auf diese beiden letzten, positiven Erfolge glaube ich -behaupten zu können, _daß die Überpflanzung der Eierstöcke von einem -auf ein zweites Tier ebenfalls möglich sei_.« (S. 372.) _Foges_, der -unter Kenntnis von Knauers Erfolgen denselben Versuch wiederholte, -ist die Vertauschung nie gelungen (Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902, -S. 93.), ebensowenig wie Knauers von ihm selbst, S. 373 f., citierten -Vorgängern. Als Grund ist wohl (neben Wechseln in der Vollkommenheit -der technischen Ausführung) der im Text vermutete zu betrachten. -- -Über den guten Erfolg der Transplantation innerhalb des Tieres vgl. -Knauer S. 339 ff. - -($S. 25, Z. 8 ff.$) Über die heute ihrer Gefahren wegen freilich fast -außer Gebrauch gekommene Bluttransfusion, vgl. L. _Landois_, Artikel -»Transfusion« in Eulenburgs Realenzyklopädie der Heilkunde, 2. Aufl., -Bd. XX, 1890, welche für, und Ernst v. _Bergmann_, Die Schicksale der -Transfusion im letzten Dezennium, Berlin 1883, sowie A. _Landerer_, -Über Transfusion und Infusion, Virchows Archiv für pathologische -Anatomie und Physiologie und klinische Medizin, Bd. CV, 1886, -S. 351-372, die beide gegen die Transfusion sich einsetzen. - -($S. 25, Z. 10 v. u. ff.$) Über die »Organsafttherapie« unterrichtet -am ausführlichsten der, ihrem Prinzipe freilich äußerst gewogene, -gleichlautende Artikel von Georg _Buschan_ in Eulenburgs -Realenzyklopädie, 3. Aufl., Bd. XVIII (1898), S. 22-82. - -($S. 26, Z. 6 v. u.$) Nach _Foges_, Zur Lehre von den sekundären -Geschlechtscharakteren, Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902 (S. 57), wäre -freilich die _Quantität_ der ins Blut sezernierten Keimdrüsenstoffe von -der größten Bedeutung; denn daß die vollständige Erhaltung des normalen -Sexualcharakters durch Hodentransplantation bei seinen Versuchstieren -nicht gelang, führt er darauf zurück, daß eine im Verhältnis zur Größe -des normalen Hodens nur ganz kleine Menge Hodengewebes zur Anheilung -kam. - -($S. 25, Z. 4 v. u. ff.$) Nach _Buschan_ (a. a. O., S. 32) tun eine -Reihe von Versuchen, die von _Ferré_ und _Bechasi_ (Note préliminaire -sur l'étude de l'action du suc ovarien sur le cobaye, Gazette -hebdomadaire, XLIV, 1897, Nr. 50) in dem physiologischen Laboratorium -der Universität Rom angestellt worden sind, deutlich dar, »daß die -Wirkung dieser [der Organ-]Präparate auf das männliche Geschlecht eine -ganz andere als auf das weibliche ist. Spritzten diese Beobachter von -einem Ovarialextrakt ... 5 ~cm~^3 einem _weiblichen_ Meerschweinchen -ein, dann trat weder eine lokale noch eine allgemeine Reaktion auf, -nur das Körpergewicht erfuhr eine Zunahme; wurde die gleiche Menge -einem _männlichen_ Tiere injiziert, dann stellten sich ebenfalls -keine lokalen noch Allgemeinerscheinungen, wohl aber Abmagerung ein. -Bei Injektion von 10 ~cm~^3 war beim _weiblichen_ Tier die lokale -Reaktion nur ganz gering, Allgemeinreaktion war nicht vorhanden und -die Gewichtszunahme eine bedeutende; beim _männlichen_ Tier dagegen -die lokale Reizung schon ganz beträchtlich, ferner stellte sich eine -vorübergehende Temperatursteigerung ein, und die Gewichtsabnahme war -noch stärker ausgeprägt. Wenn endlich 15 ~cm~^3 injiziert wurden, -dann blieb die lokale Reaktion beim _Weibchen_ eine nur schwache, -beim Männchen hingegen nahm sie eine noch bedeutendere Höhe an; bei -ersterem trat gleichfalls eine Temperatursteigerung um einige Dezigrade -während des Injektionstages, bei letzterem hingegen eine sehr deutliche -Hypothermie mit nervösem Zittern und intensiver Depression ein; -_außerdem erfuhr das männliche Meerschweinchen eine sehr beträchtliche -Abnahme seines Gewichtes und starb schließlich innerhalb vier bis sechs -Tagen_.« - -($S. 27, Z. 6 ff.$) Es dürfte dies für verschiedene Organismen -verschieden sein. Z. B. bemerken gegenüber anderslautenden Aussagen von -_Born_ und _Pflüger_ die _Hertwigs_ auf S. 43 ihrer »Experimentellen -Untersuchungen über die Bedingungen der Bastardbefruchtung« -(_Oscar_ und _Richard Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie und -Physiologie der Zelle, 4. Heft, Jena 1885): »Selbst bei den stärksten -Vergrößerungen ist es uns nicht möglich gewesen, zwischen den reifen -Samenfäden eines Sphaerechinus oder Strongylocentrotus oder einer -Arbacia Unterschiede in Form und Größe zu entdecken.« Dagegen setzt -L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation zwischen den beiden -Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik der Organismen, Bd. -XI, 1901, S. 222-224, die Existenz individueller Unterschiede auch -zwischen den Spermatozoiden und Eizellen derselben Tiere voraus. -- -Daß übrigens die Dimensionen der Eier sicherlich schwanken, ist aus -den Maßzahlen zu ersehen, die Karl _Schulin_, Zur Morphologie des -Ovariums, Archiv für mikroskopische Anatomie, Bd. XIX, 1881, S. 472 f. -und W. _Nagel_, Das menschliche Ei, ibid., Bd. XXXI, 1888, S. 397, 399 -angeben. - -($S. 27, Z. 12 ff.$) Über die Geschwindigkeit der Spermatozoiden vgl. -_Chrobak-Rosthorn_ I/2, S. 441. - -($S. 27, Z. 16 ff.$) _Purser_, The British Medical Journal, 1885, -p. 1159 (vgl. _Moll_, Untersuchungen, I, S. 252) und besonders Franz -_Friedmann_, Rudimentäre Eier im Hoden von Rana viridis, Archiv -für mikroskopische Anatomie und Entwicklungsgeschichte, Bd. LII, -1898, S. 248-261 (mit vielen Literaturangaben, S. 261). Friedmanns -Fall ist dadurch besonders interessant, daß sich in _beiden_ Hoden -(im einen fünf, im anderen zehn) wohl entwickelte _Eier_ mit einem -Durchmesser von 225-500 μ fanden, die sämtlich _innerhalb der -Samen_kanälchen selbst, und nicht erst zwischen den Hodenschläuchen -lagen. Auch _Pflüger_, Über die das Geschlecht bestimmenden Ursachen -und die Geschlechtsverhältnisse der Frösche, Archiv für die gesamte -Physiologie, Bd. XXIX, 1882, S. 13-40, berichtet über die großen -Graafschen Follikel, die er gegen seine Erwartung in den Hoden brauner -Grasfrösche gefunden habe (S. 33). Seine Abhandlung spricht geradezu -von Übergangsformen von Hode zu Eierstock. -- Weitere Literaturangaben -bei Frank J. _Cole_, A Case of Hermaphroditism in Rana temporaria, -Anatomischer Anzeiger, 21. September 1895, S. 104-112. G. _Loisel_, -Grenouille femelle présentant les caractères sexuels secondaires du -mâle, Comptes rendus hebdomadaires des Séances et Mémoires de la -Société de Biologie, LIII, 1901, p. 204-206. _La Valette St. George_, -Zwitterbildung beim kleinen Wassermolch, Archiv für mikroskopische -Anatomie, Bd. XLV (1895), S. 1-14. - -($S. 28, Z. 12 v. u.$) Einen freilich nicht weit geführten Anfang zu -einer Theorie der sexuellen Zwischenformen hat der bekannte Gynäkologe -A. _Hegar_ schon im Jahre 1877 gemacht (Über die Exstirpation -normaler und nicht zu umfänglicher Tumoren degenerierter Eierstöcke, -Zentralblatt für Gynäkologie, 10. November 1877, S. 297-307, S. 305 -heißt es): »Der Satz ‚propter solum ovarium mulier est quod est’ ist -entschieden zu scharf gefaßt, wenn man denselben in dem Sinne auffaßt, -daß von dem Eierstock ausschließlich der Anstoß zur Herstellung des -eigentümlichen weiblichen Körpertypus und der speziellen weiblichen -Geschlechtscharaktere gegeben werde. Schon _Geoffroy St. Hilaire_ -lehrte die Unabhängigkeit in der Entwicklung der einzelnen Abschnitte -des Geschlechtsapparates, und _Klebs_ hat in neuerer Zeit diese Lehre -durch die Verhältnisse beim Hermaphroditismus motiviert. Jedenfalls ist -es jedoch notwendig, auch selbst wenn man den Eierstock als wichtigstes -Movens annimmt, noch weiter zurückzugehen und nach einem Moment zu -suchen, welches bedingt, daß in dem einen Fall eine männliche, in -dem anderen eine weibliche Keimdrüse zustande kommt. [Hier wurde als -solches das Arrheno-, respektive Thelyplasma des ganzen Organismus -angesehen]..... Wir können hier für unsere Betrachtungen kurzweg -von _einem_ geschlechtsbedingenden Moment sprechen. Nehmen wir nun -an, daß ursprünglich in jedem Individuum zwei geschlechtsbedingende -Momente vorhanden sind, von denen das eine zum Manne, das andere zum -Weibe führt, und nehmen wir ferner an, daß diese Momente nicht bloß -die spezifische Keimdrüse, sondern gleichzeitig auch die anderen -Geschlechtscharaktere herzustellen suchen, so erscheint uns eine -genügende Erklärung für alle .... Tatsachen vorhanden zu sein. Die eine -Bewegungsrichtung überwiegt für gewöhnlich so, daß nur ein spezifischer -Typus geschaffen, während der andere verdrängt wird. Es kann dieses -Übergewicht so bedeutend sein, daß, selbst bei Defekt oder rudimentärer -Ausbildung der ihm zukommenden spezifischen Keimdrüse, doch die -übrigen entsprechenden Geschlechtscharaktere hergestellt werden. -[Disharmonie in der sexuellen Charakteristik der verschiedenen Teile -_eines_ Organismus.] In welcher Art jene Verdrängung stattfindet, ist -freilich nicht leicht zu sagen. Wahrscheinlich spielen hier teilweise -sehr einfache mechanische Vorgänge mit. [??] Das Bildungsmaterial wird -aufgebraucht oder es bleibt einfach kein Platz, kein Raum mehr für die -Entwicklung des andersartigen Organes. Einen analogen Vorgang finden -wir ja bei Vögeln, bei denen der linke Eierstock durch sein kräftigeres -Wachstum den rechten zur Atrophie bringt, gleichsam totdrückt ....... -Bei der zufälligen Schwäche der Bewegungsrichtung können leicht -zufällige, selbst leichte Widerstände bedeutend einwirken. Es wird -dann das andere geschlechtsbedingende Moment zur Geltung kommen, -und wir sehen so ein Individuum entstehen, welches einen anderen -Geschlechtstypus hat als denjenigen, welcher ihm seiner Keimdrüse -nach zukommt. Meist sind freilich Gemische männlicher und weiblicher -Eigenschaften in den mannigfachsten Kombinationen vorhanden bis zu -jenen feinen Nuancen herab, bei denen wir von einem weibischen Manne -und einem Mannweibe sprechen.« - -($S. 30, Z. 2 f.$) _Maupas_, Sur le déterminisme de la sexualité -chez l'Hydatina senta, Comptes Rendus hebdomadaires des Séances de -l'Académie des Sciences, 14. September 1891, p. 388 f.: »Au début de -l'ovogénèse, l'œuf est encore neutre et, en agissant convenablement, on -peut à ce moment lui faire prendre à volonté l'un ou l'autre caractère -sexuel. L'agent modificateur est la température. L'abaisse-t-on, les -jeunes œufs qui vont se former revêtent l'état de pondeuses d'œufs -femelles; l'élève-t-on, au contraire, c'est l'état de pondeuses d'œufs -mâles qui se développe.« - -($S. 30, Z. 8 f.$) Vgl. M. _Nußbaum_, Die Entstehung des Geschlechts -bei Hydatina senta, Archiv für mikroskopische Anatomie und -Entwicklungsgeschichte, Bd. XLIX (1897), 227-308, der S. 235 sagt: -»Schon aus den von _Plate_ angegebenen Maßen für männliche und -weibliche Sommereier der Hydatina senta ergibt sich mit Notwendigkeit, -daß man das Geschlecht nicht in allen Fällen aus der Größe der Eier -vorhersagen kann. Man nehme an, daß sich aus den größten Eiern stets -Weibchen und aus den kleinsten Männchen entwickeln. Zwischen diesen -weit abstehenden Grenzen gibt es aber stufenweise Übergänge, von denen -man nicht sagen kann, was aus ihnen werden wird ..... Ein und dasselbe -Weibchen legt Eier der verschiedensten Größe.« - -($S. 30, Z. 9 f.$) Die Ausdrücke »arrhenoid« und »thelyid« nach der -citierten Abhandlung _Brandts_ (Zeitschrift für wissenschaftliche -Zoologie, Bd. XLVIII, S. 102). - - - - -Zu Teil I, Kapitel 3. - - -($S. 31, Z. 3 ff.$) _Carmen_, Opéra-Comique tiré de la nouvelle de -Prosper Mérimée par Henry _Meilhac_ & Ludovic _Halévy_, Paris, Acte I, -Scène V, p. 13. - -($S. 32, Z. 1.$) Der Philosoph ist _Arthur Schopenhauer_ in -seiner »Metaphysik der Geschlechtsliebe«. (Die Welt als Wille und -Vorstellung, ed. Frauenstädt, Bd. II, Kapitel 44, S. 623 f.): »Alle -Geschlechtlichkeit ist Einseitigkeit. Diese Einseitigkeit ist in einem -Individuo entschiedener ausgesprochen und in höherem Grade vorhanden -als im anderen: daher kann sie in jedem Individuo besser durch Eines -als das Andere vom anderen Geschlecht ergänzt und neutralisiert werden, -indem es einer der seinigen individuell entgegengesetzten Einseitigkeit -bedarf, zur Ergänzung des Typus der Menschheit im neu zu erzeugenden -Individuo, als auf dessen Beschaffenheit immer alles hinausläuft. -Die Physiologen wissen, daß Mannheit und Weiblichkeit unzählige -Grade zulassen, durch welche jene bis zum widerlichen Gynander und -Hypospadiaeus sinkt, diese bis zur anmutigen Androgyne steigt: von -beiden Seiten aus kann der vollkommene Hermaphroditismus erreicht -werden, auf welchem Individuen stehen, welche, die gerade Mitte -zwischen beiden Geschlechtern haltend, keinem beizuzählen, folglich zur -Fortpflanzung untauglich sind. Zur in Rede stehenden Neutralisation -zweier Individualitäten durch einander ist demzufolge erfordert, daß -der bestimmte Grad _seiner_ Mannheit dem bestimmten Grade _ihrer_ -Weiblichkeit genau entspreche; damit beide Einseitigkeiten einander -gerade aufheben. Demnach wird der männlichste Mann das weiblichste Weib -suchen und vice versa, und ebenso jedes Individuum das ihm im Grade -der Geschlechtlichkeit entsprechende. Inwiefern nun hierin zwischen -zweien das erforderliche Verhältnis statt habe, wird instinktmäßig von -ihnen gefühlt, und liegt, nebst den anderen _relativen_ Rücksichten, -den höheren Graden der Verliebtheit zum Grunde.« Dieser Passus zeigt -eine weit vollere Einsicht als die einzige noch zu erwähnende Stelle, -wo ich ähnliches entdecken konnte; diese findet sich bei Albert _Moll_, -Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897, Bd. I, S. 193. Da -heißt es: »Wir können überhaupt sagen, daß wir zwischen dem typischen -weiblichen Geschlechtstrieb, der auf vollständig erwachsene männliche -Personen gerichtet ist, und dem typischen männlichen Geschlechtstrieb, -der auf vollständig entwickelte weibliche Personen gerichtet ist, alle -möglichen Übergänge finden.« - -Beide Stellen waren mir unbekannt, als ich (Anfang 1901) dieses Gesetz -als erster gefunden zu haben glaubte, so eng sich meine Darstellung -speziell mit der Schopenhauers _sachlich_, ja manchmal _wörtlich_ -berührt. - -($S. 32, Z. 5 ff.$) Der Ausspruch Blaise _Pascals_ (Pensées I, 10, 24): -»Il y a un modèle d'agrément et de beauté, qui consiste en un certain -rapport entre notre nature faible ou forte, telle qu'elle est, et la -chose qui nous plaît. Tout ce qui est formé sur ce modèle nous agrée: -maison, chanson, discours, vers, prose, femme, oiseaux, rivières, -arbres, chambres, habits,« mag hier Platz finden, obwohl seine weite -Berechtigung erst allmählich im Laufe des Folgenden (vgl. Teil I, -Kap. 5 und Teil II, Kap. 1) ganz klar werden kann. - -($S. 32, Z. 14 v. u.$) Charles _Darwin_, Die Abstammung des Menschen -und die Zuchtwahl in geschlechtlicher Beziehung, übersetzt von David -Haek (Universalbibliothek), Bd. II, Kap. 14, S. 120-132, Kap. 17, -S. 285-290; die Fälle sprechen keineswegs allein von einer »Wahl« -seitens des Weibchens, sondern ebensosehr von Bevorzugung und -Verschmähung der Weibchen durch die Männchen. Vgl. auch: Das Variieren -der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, übersetzt von -J. V. Carus, Kap. 18 (Stuttgart 1873, II^2, 186): »Es ist durchaus -nicht selten, gewisse männliche und weibliche Tiere zu finden, welche -sich nicht zusammen fortpflanzen, trotzdem man von beiden weiß, daß -sie mit anderen Männchen und Weibchen vollkommen fruchtbar sind ..... -Die Ursache liegt, wie es scheint, in einer eingeborenen sexuellen -Unverträglichkeit des Paares, welches gepaart werden soll. Mehrere -Beispiele dieser Art sind mir mitgeteilt worden ..... In diesen Fällen -pflanzten sich Weibchen, welche sich entweder früher oder später als -fruchtbar erwiesen, mit gewissen Männchen nicht fort, mit denen man -ganz besonders wünschte sie zu paaren« u. s. w. - -($S. 32, Z. 8-10 v. u.$) »Fast ausnahmslos ....« »_Beinahe_ immer ....« -wegen _Oscar_ und _Richard Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie -und Physiologie der Zelle, Heft 4: Experimentelle Untersuchungen über -die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 33: »_In der -Kreuzbefruchtung zweier Arten besteht sehr häufig keine Reziprozität._ -Alle möglichen Abstufungen finden sich hier. Während Eier von Echinus -microtuberculatus sich durch Samen von Strongylocentrotus lividus fast -ohne Ausnahme befruchten lassen, wird bei Kreuzung in entgegengesetzter -Richtung nur in wenigen Fällen eine Entwicklung hervorgerufen. Die -Befruchtung von Strongylocentrotus lividus durch Samen von Arbacia -pustulosa bleibt erfolglos, dagegen entwickeln sich von Arbacia -pustulosa immerhin einige Eier, wenn ihnen Samen von Strongylocentrotus -lividus hinzugefügt wird. Und so ähnlich noch in anderen Fällen. Es -ist zur Zeit gar nicht möglich, gesetzmäßige Beziehungen zwischen -Bastardierungen in entgegengesetzter Richtung nachzuweisen.« - -($S. 34, Z. 2 v. u.$) Den Ausdruck »geschlechtliche _Affinität_«, in -Analogie mit der chemischen Verwandtschaft, haben O. und R. _Hertwig_ -zuerst eingeführt (Experimentelle Untersuchungen über die Bedingungen -der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 44), und der erstere in seinem -Buche »Die Zelle und die Gewebe«, Bd. I, S. 240 f., enger, als dies -hier geschehen ist, auf die Wechselwirkungen zwischen Einzelzellen -beschränkt. - -($S. 35, Z. 12 v. u.$) Mit den von _Darwin_ (A Monograph on the -Sub-Class Cirripedia: The Lepadidae or Pedunculated Cirripedes, London -1851, p. 55, S. 182, 213 ff., 281 f., 291 ff.; The Balanidae or sessile -Cirripedes, The Verrucidae etc., London 1854, p. 29) bei Rankenfüßern -entdeckten »_komplementären Männchen_«, welche mit Hermaphroditen -sich paaren, hat die hier vorgetragene Anschauung von einer sexuellen -Ergänzung trotz dem Ausdruck »Komplement« nichts zu schaffen. - -($S. 36, Z. 10 v. u.$) Wilhelm _Ostwald_, Die Überwindung -des wissenschaftlichen Materialismus (Vortrag auf der -Naturforscherversammlung zu Lübeck), Leipzig 1895, S. 11 und 27. -- -Richard _Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung, Leipzig 1888-1890, an -vielen Orten, z. B. Bd. II, S. 299. - -($S. 38, Z. 10 v. u.$) P. _Volkmann_, Einführung in das Studium der -theoretischen Physik, insbesondere in das der analytischen Mechanik mit -einer Einleitung in die Theorie der physikalischen Erkenntnis, Leipzig -1900, S. 4: »Die Physik ist .... ein Begriffssystem mit rückwirkender -Verfestigung.« - -($S. 38, Z. 4 v. u.$) »_Persoon_ gab in Usteris Annalen 1794, -11. Stück, S. 10, die erste Beschreibung der langgriffeligen und -kurzgriffeligen Formen von Primula« sagt Hugo v. _Mohl_, Einige -Beobachtungen über dimorphe Blüten, Botanische Zeitung, 23. Oktober -1863, S. 326. - -($S. 38, Z. 3 v. u.$) Charles _Darwin_, The different forms of flowers -on plants of the same species, London 1877, 2. ed., 1884, p. 1-277. -(Deutsch: Die verschiedenen Blütenformen bei Pflanzen der nämlichen -Art, Werke übersetzt von J. V. Carus, IX/3, Stuttgart 1877, S. 1-240.) -In seinen ersten, den Gegenstand betreffenden Publikationen aus dem -Jahre 1862 und den folgenden hatte Darwin bloß der mehrdeutigen -Ausdrücke Dimorphismus und Trimorphismus sich bedient. Hiefür hat -den Namen Heterostylie Friedrich _Hildebrand_ zuerst vorgeschlagen -in seiner Abhandlung »Über den Trimorphismus in der Gattung Oxalis« -(S. 369) in den »Monatsberichten der kgl. preußischen Akademie der -Wissenschaften zu Berlin«, 1866, S. 352-374. Vgl. auch dessen größere -Werke: Die Geschlechtsverteilung bei den Pflanzen und das Gesetz der -vermiedenen und unvorteilhaften Selbstbefruchtung, Leipzig 1867, und -Die Lebensverhältnisse der Oxalisarten, Jena 1884, S. 127 f. - -($S. 38, Z. 2 v. u.$) Über die Heterostylie vgl. außer _Darwins_ -schönem Buch, dem Hauptwerk über den Gegenstand und der reichen, -darin auf Schritt und Tritt citierten Literatur: Oskar _Kirchner_ -und H. _Potonié_, Die Geheimnisse der Blumen, eine populäre -Jubiläumsschrift zum Andenken an Christian Konrad Sprengel, Berlin -1893, S. 21 f.; Julius _Sachs_, Vorlesungen über Pflanzenphysiologie, -2. Aufl., Leipzig 1887, S. 850; _Noll_ in _Strasburgers_ Lehrbuch der -Botanik für Hochschulen, 3. Auflage, Jena 1898, S. 250 f.; Julius -_Wiesner_, Elemente der wissenschaftlichen Botanik, Bd. III: Biologie -der Pflanzen, Wien 1902, S. 152-154. Anton _Kerner v. Marilaun_, Das -Pflanzenleben, Bd. II, Wien 1891, S. 300 ff., 389 ff.; _Darwin_ selbst -noch in der »Entstehung der Arten«, Kap. 9 (S. 399 f., übersetzt von -Haek), und »Das Variieren etc.«, Kap. 19 (II^2, S. 207 ff.). - -($S. 39, Z. 1.$) Die einzigen Monokotyledonen, die heterostyle -Blüten besitzen, sind die von Fritz _Müller_ (Jenaische Zeitschrift -für Naturwissenschaft VI, 1871, S. 74 f.) in Brasilien entdeckten -Pontederien. - -($S. 39, Z. 11.$) Auch Darwin nähert sich ein- oder zweimal dieser -Auffassung, um sie sofort wieder aus den Augen zu verlieren, weil bei -ihm stets der Gedanke an eine fortschreitende Tendenz der Pflanzen, -diözisch zu werden, an die Stelle des allgemeingültigen Prinzipes der -sexuellen Zwischenformen sich schiebt (vgl. p. 257 der englischen -Ausgabe). Doch sagt er an einer Stelle (p. 296) über Rhamnus -lanceolatus: »The short-styled form is said by Asa Gray to be the more -fruitful of the two, as might have been expected from its appearing to -produce less pollen, and from the grains being of smaller size; _it is -therefore the more highly feminine of the two_. The long styled form -produces a greater number of flowers .... they yield some fruit, but as -just stated are less fruitful than the other form, _so that this form -appears to be the more masculine of the two_.« - -($S. 39, Z. 21 f.$) Es heißt im englischen Texte auf S. 137 (in der -deutschen Übersetzung S. 118^1) von Lythrum salicaria wörtlich: »If -smaller differences are considered, there are five distinct sets of -males.« - -($S. 40, Z. 2.$) William _Bateson_, Materials for the study of -variation treated with especial regard to discontinuity in the origin -of species, London 1894, p. 38 f. Er sagt von Xylotrupes geradezu: -»The form is dimorphic, and has two male normals.« Die Stelle ist zu -ausgedehnt, als daß ich sie ganz hiehersetzen könnte. - -($S. 41, Z. 17.$) _Darwin_, p. 148: »It must not however be supposed -that the bees do not get more or less dusted all over with the several -kinds of pollen.« - -($S. 42, Z. 5-10.$) _Darwin_ spricht p. 186 von dieser Erscheinung als -von »the usual rule of the grains from the longer stamens, the tubes -of which have to penetrate the longer pistils, being larger than those -from the stamens of less length.« Vgl. auch p. 38, 140 und besonders -286 ff. -- F. _Hildebrand_, Experimente über den Dimorphismus von Linum -perenne und Primula sinensis, Botanische Zeitung, 1. Jänner 1864, -S. 2: »Meine Beobachtungen .... zeigten, daß .... die Pollenkörner der -kurzgriffeligen Form bedeutend größer sind als die der langgriffeligen.« - -($S. 42, Z. 9 v. u.$) L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation -der beiden Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik der -Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222-224. - -($S. 42, Z. 1 ff.$) _Hildebrand_, Monatsberichte der königlich -preußischen Akademie der Wissenschaften, 1866, S. 370, spricht sich, -gegen _Lindley_ und _Zuccarini_, dahin aus, daß die kurzgriffeligen -Blüten deshalb nicht männlich, die langgriffeligen deshalb nicht -weiblich sein könnten, weil in der kurzgriffeligen Form die Narbe -keineswegs verkümmert, in der langgriffeligen der Pollen keineswegs -schlecht und wirkungslos sei. Aber es ist durchaus charakteristisch für -die Pflanzen, daß bei ihnen in viel weiterem Umfange _Juxtapositionen_ -möglich sind als bei den Tieren. - -($S. 42, Z. 9 v. u.$) L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation -zwischen den beiden Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik -der Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222-224. - -($S. 44, Z. 6 v. u.$) Der Faktor t spielt hier, nicht nur unter -den Menschen, oder den anderen Organismen, sondern selbst noch im -Verkehre der Keimzellen eine wichtige und überaus merkwürdige Rolle. -So schildern O. und R. _Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie -und Physiologie der Zelle, 4. Heft, Experimentelle Untersuchungen -über die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 37, ihre -Beobachtungen an Echinodermen: »Wir haben nun gefunden, daß Eier, -welche gleich nach ihrer Entleerung aus dem strotzend gefüllten -Eierstock bastardiert wurden, das fremde Spermatozoon _zurückwiesen_, -es aber nach 10, 20 oder 30 Stunden bei der zweiten oder dritten -oder vierten Nachbefruchtung in sich aufnahmen und dann sich normal -weiter entwickelten.« S. 38: »Je später [nach der Entleerung aus den -Ovarien] die Befruchtung geschah, sei es nach 50 der 10 oder 20 oder -30 Stunden, um so mehr wuchs der Perzentsatz der bastardierten Eier, -bis schließlich ein Bastardierungsoptimum erreicht wurde. Als solches -bezeichnen wir das Stadium, in welchem sich fast das gesamte Eiquantum, -mit Ausnahme einer geringen Zahl, in normaler Weise entwickelt.« - -($S. 45, Z. 6.$) »Phantasien eines Realisten« von _Lynkeus_, Dresden -und Leipzig, 1900, II. Teil, S. 155-162. - -($S. 45, Z. 21 f.$) »... im allgemeinen ...«; k wird _nicht immer_ -einfach in Proportion mit der systematischen Nähe größer. Sieh O. und -R. _Hertwig_ a. a. O., S. 32 f.: »Das Gelingen oder Nichtgelingen -der Bastardierung hängt nicht ausschließlich von dem Grade der -systematischen Verwandtschaft der gekreuzten Arten ab. Wir können -beobachten, daß Arten, die in äußeren Merkmalen sich kaum voneinander -unterscheiden, sich nicht kreuzen lassen, während es zwischen relativ -entfernt stehenden, verschiedenen Familien und Ordnungen angehörenden -Arten möglich ist. Die Amphibien liefern uns hier besonders treffende -Beispiele. Rana arvalis und Rana fusca stimmen in ihrem Aussehen fast -vollständig überein, trotzdem lassen sich die Eier der letzteren nicht -befruchten, während in einzelnen Fällen Befruchtung mit Samen von Bufo -communis und sogar von Triton möglich war. Dieselbe Erscheinung ließ -sich, wenn auch weniger deutlich, bei den Echinodermen konstatieren. -Immerhin muß aber im Auge behalten werden, daß die systematische -Verwandtschaft für die Möglichkeit der Bastardierung ein wichtiger -Faktor ist. Denn zwischen Tieren, die so weit auseinanderstehen, wie -Amphibien und Säugetiere, Seeigel und Seesterne, ist noch niemals eine -Kreuzbefruchtung erzielt worden.« Vgl. hiemit Julius _Sachs_, Lehrbuch -der Pflanzenphysiologie, 2. Aufl., Leipzig 1887, S. 838: »Die sexuelle -Affinität geht mit der äußeren Ähnlichkeit der Pflanzen nicht immer -parallel; so ist es z. B. noch nicht gelungen, Bastarde von Apfel- und -Birnbaum, von Anagallis arvensis und caerulea, von Primula officinalis -und elatior, von Nigella damascena und sativa und anderen systematisch -sehr ähnlichen Spezies derselben Gattung zu erzielen, während in -anderen Fällen sehr unähnliche Formen sich vereinigen, so z. B. -Aegilops ovata mit Triticum vulgare, Lychnis diurna mit Lychnis flos -cuculi, Cereus speciosissimus und Phyllocactus phyllanthus, Pfirsich -und Mandel. In noch auffallenderer Weise wird die Verschiedenheit der -sexuellen Affinität und systematischen Verwandtschaft dadurch bewiesen, -daß zuweilen die Varietäten derselben Spezies unter sich ganz oder -teilweise unfruchtbar sind, z. B. Silene inflata var. alpina mit var. -angustifolia, var. latifolia mit var. litoralis u. a.« Vgl. auch Oscar -_Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. I, S. 249. - -($S. 46, Z. 11 f.$) Wilhelm _Pfeffer_, Lokomotorische -Richtungsbewegungen durch chemische Reize, Untersuchungen aus dem -botanischen Institut zu Tübingen, Bd. I, 1885, S. 363-482. - -($S. 46, Z. 23.$) Über die Wirkung der Maleinsäure (»welche, soweit -bekannt, im Pflanzenreiche nicht vorkommt«), _Pfeffer_ a. a. O., S. 412. - -($S. 46, Z. 27.$) Der Terminus wird bei _Pfeffer_ eingeführt a. a. O., -S. 474, Anm. 2. - -($S. 46, Z. 3 v. u.$) Hiefür spricht vor allem der Bericht -L. _Seeligmanns_, Weitere Mitteilungen zur Behandlung der Sterilitas -matrimonii, Vortrag in der gynäkologischen Gesellschaft zu Hamburg, -Zentralblatt für Gynäkologie, 18. April 1896, S. 429: »Eine Anordnung -des mikroskopischen Präparates in der Weise, daß auf der einen Seite -des Deckglases normales Cervicalsekret an und etwas unter das Deckglas -gebracht wurde, ergab das Resultat, daß auf der einen Seite des -Vaginalsekretes nach einiger Zeit nur ganz wenige Spermatozoen, die -sich nicht mehr bewegten, vorhanden waren, während auf der anderen -Seite des Cervicalsekretes sich die Samentierchen dicht gedrängt -in lebhafter Bewegung befanden. Hier könne offenbar von einer -chemotaktischen Wirkung des Cervicalsekretes auf die Samenzellen -gesprochen werden.« - -($S. 46, Z. 1 v. u. ff.$) M. _Hofmeier_, Zur Kenntnis der normalen -Uterusschleimhaut, Zentralblatt für Gynäkologie, Bd. XVII, 1893, -S. 764-766. »Nach den positiven Beobachtungen kann ein Zweifel nicht -mehr bestehen, daß tatsächlich _der Wimperstrom im Uterus von oben nach -unten zu geht_.« - -($S. 47, Z. 8 f.$) Über die Wanderungen der Lachse, ihr Fasten und ihre -Abmagerung vgl. vor allem Friedrich _Miescher_, Die histochemischen und -physiologischen Arbeiten von F. M., gesammelt und herausgegeben von -seinen Freunden, Bd. II, Leipzig 1897, S. 116-191, 192-218, 304-324, -325-327, 359-414, 415-420. - -($S. 47, Z. 13 ff.$) P. _Falkenberg_, Die Befruchtung und der -Generationswechsel von Cutleria, Mitteilungen aus der zoologischen -Station zu Neapel, Bd. I, 1879, S. 420-447. Es heißt dort, -S. 425 f.: »Vollständig negative Resultate ergab der Versuch einer -Wechselbefruchtung zwischen den nahe verwandten Cutleria-Spezies -C. adspersa und C. multifida, die -- abgesehen von der Verschiedenheit -ihrer Standorte -- sich äußerlich nur durch geringe habituelle -Differenzen unterscheiden. Empfängnisfähigen, zur Ruhe gekommenen -Eiern der einen Spezies wurden lebhaft schwärmende Spermatozoidien der -anderen Art zugesetzt. In solchen Fällen sah man die Spermatozoidien -unter dem Mikroskop zahllos umherirren und endlich absterben, ohne an -den Eiern der verwandten Algen-Spezies den Befruchtungsakt vollzogen -zu haben. Freilich blieben einzelne Spermatozoidien, welche zufällig -auf die ruhenden Eier stießen, momentan an diesen hängen, aber nur um -sich ebenso schnell wieder von ihnen loszureißen. Ganz anders wurde -das Bild unter dem Mikroskop, sobald man auf derartigen Präparaten -den Spermatozoidien auch nur ein einziges befruchtungsfähiges Ei -der gleichen Spezies hinzusetzte. Wenige Augenblicke genügten, um -sämtliche Spermatozoidien von allen Seiten her um dieses eine Ei zu -versammeln, selbst wenn dasselbe mehrere Zentimeter von der Hauptmasse -der Spermatozoidien entfernt lag. Es entsprach nunmehr das Bild ganz -den von _Thuret_ (Recherches sur la fécondation des Fucacées, Ann. -des Sc. natur., Sér. 4, Tome II, p 203, pl. 12, Fig. 4) für Fucus -gegebenen Abbildungen, und ebenso wurde auch das an sich längst -bewegungslos gewordene Ei nunmehr durch vereinte Kräfte der zahlreichen -Spermatozoidien hin- und hergedreht ... Aus diesen Versuchen geht -einmal hervor, daß die Anziehungskraft zwischen den Eiern von Cutleria -und den Spermatozoidien sich auf verhältnismäßig bedeutende Distanzen -geltend macht, daß auf der anderen Seite diese Anziehungskraft nur -zwischen den Geschlechtszellen der gleichen Spezies existiert. -Außerdem zeigen die mitgeteilten Erscheinungen, daß die Bewegungen der -Spermatozoidien von Cutleria .... unter dem Einfluß der Anziehungskraft -der Eier energisch genug sind, um jene Kraft, welche sie sonst -dem einfallenden Lichte entgegenführt, zu überwinden und sie dazu -befähigten, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Mag die Kraft, -welche die Vereinigung der männlichen und weiblichen Geschlechtszellen -von Cutleria anstrebt und die Bewegungsrichtung der männlichen -Schwärmer reguliert, in der männlichen oder in der weiblichen Zelle -oder in beiden ihren Sitz haben -- so viel ist sicher, daß die Kraft, -welche bei Cutleria die Spermatozoidien den Eiern zuführt, ihren Sitz -in dem Organismus selbst haben muß und unabhängig vom Zufall und von -Strömungen wirkt, welche etwa im Wasser stattfinden können.« - -($S. 48, Z. 12.$) Vgl. Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren -seines Lebens von Johann Peter _Eckermann_ (30. März 1824). - -($S. 48, Z. 21.$) Die Analogien zwischen Mensch und Haustier betreffs -des Nichtgebundenseins des sexuellen Verkehrs an bestimmte Zeitpunkte -werden oft übertrieben; vgl. hierüber _Chrobak-Rosthorn_, Die -Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900, Teil I/2, -S. 379 f. - -($S. 50, Z. 10.$) Ich meine die außerordentlich wahre Stelle: »Nach -wie vor übten sie eine unbeschreibliche, fast magische Anziehungskraft -gegeneinander aus. Sie wohnten unter einem Dache; aber selbst ohne -gerade aneinander zu denken, mit anderen Dingen beschäftigt, von der -Gesellschaft hin- und hergezogen, näherten sie sich einander. Fanden -sie sich in einem Saale, so dauerte es nicht lange und sie standen, -sie saßen nebeneinander. Nur die nächste Nähe konnte sie beruhigen, -aber auch völlig beruhigen, und diese Nähe war genug; _nicht eines -Blickes, nicht eines Wortes, keiner Geberde, keiner Berührung bedurfte -es, nur des reinen Zusammenseins. Dann waren es nicht zwei Menschen, -es war nur ein Mensch im bewußtlosen vollkommenen Behagen_, mit sich -selbst zufrieden und mit der Welt. _Ja, hätte man Eins von Beiden am -letzten Ende der Wohnung festgehalten, das Andere hätte sich nach -und nach von selbst ohne Vorsatz zu ihm hinbewegt._« (_Goethe_, Die -Wahlverwandtschaften, II. Teil, 17. Kapitel.) - -($S. 50, Z. 4 v. u. ff.$) Hiemit vergleiche man die folgenden -Aussprüche der Dichter. - -_Theognis_ spricht zu dem Knaben Kyrnos (V. 183 f.): - - »κριοὺς μὲν καὶ ὄνους διζήμεθα, Κύρνε, καὶ ἵππους - εὐγενέας, καί τις βούλεται ἐξ ἀγαθῶν - βήσεσθαι∙ γῆμαι δὲ κακὴν κακοῦ οὐ μελεδαίνει - ἐσθλὸς ἀνήρ, ἤν οἱ χρήματα πολλὰ διδῷ, - οὐδὲ γυνὴ κακοῦ ἀνδρὸς ἀναίνεται εἶναι ἄκοιτις - πλουσίου, ἀλλ᾿ ἀφνεὸν βούλεται ἀντ᾿ ἀγαθοῦ. - χρήματα γὰρ τιμῶσι∙ καὶ ἐκ κακοῦ ἐσθλὸς ἔγημεν, - καὶ κακὸς ἐξ ἀγαθοῦ∙ πλοῦτος ἔμειξε γένος.« u. s. w. - -_Shakespeare_ legt dem Bastarden Edmund die bekannten Verse in den Mund -(König Lear, 1. Aufzug, 2. Scene): - - »......... Warum - Mit unecht uns brandmarken? Bastard? Unecht? - Uns, die im heißen Diebstahl der Natur - Mehr Stoff empfah'n und kräft'gern Feuergeist, - Als in verdumpftem, trägem, schalem Bett - Verwandt wird auf ein ganzes Heer von Tröpfen, - Halb zwischen Schlaf gezeugt und Wachen?...« - -($S. 51, Z. 15 v. u. ff.$) _Darwin_: Das Variieren der Tiere und -Pflanzen, Bd. II, Kap. 17-19 (z. B. S. 170 der 2. Aufl., Stuttgart -1873); besonders aber: Die Wirkungen der Kreuz- und Selbstbefruchtung -im Pflanzenreich, Stuttgart 1877 (Werke Bd. X), S. 24: »Der -bedeutungsvollste Schluß, zu dem ich gelangt bin, ist der, daß der -bloße Akt der Kreuzung an und für sich nicht gut tut. Das Gute hängt -davon ab, daß die Individuen, welche gekreuzt werden, unbedeutend in -ihrer Konstitution voneinander verschieden sind, und zwar infolge -davon, daß ihre Vorfahren mehrere Generationen hindurch unbedeutend -verschiedenen Bedingungen, oder dem, was wir in unserer Unwissenheit -‚spontane Abänderung’ nennen, ausgesetzt sind.« - - - - -Zu Teil I, Kapitel 4. - - -($S. 53, Z. 1 ff.$) Von der Literatur will ich nur die wenigen -wichtigsten Bücher nennen, in denen man alle weiteren Angaben findet: -Richard v. _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis, mit besonderer -Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, 9. Aufl., Stuttgart -1894. Albert _Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin -1899. Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, Berlin 1897/98. -Havelock _Ellis_ und J. A. _Symonds_, Das konträre Geschlechtsgefühl, -Leipzig 1896. - -($S. 55, Z. 2 f.$) »Komplementärbedingung« nach _Avenarius_, Kritik der -reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 29; »Teilursache« nach Alois -_Höfler_, Logik unter Mitwirkung von Dr. Alexius _Meinong_, Wien 1890, -S. 63. - -($S. 54, Z. 2.$) v. _Schrenck-Notzing_, Die Suggestionstherapie bei -krankhaften Erscheinungen des Geschlechtslebens, mit besonderer -Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, Stuttgart 1892 (z. B. -S. 193: »Der Anteil der occasionellen Momente ist vielfach in der -Ätiologie des Gewohnheitstriebes zu perversen sexuellen Entäußerungen -ein größerer als derjenige erblicher Belastung.«) Ein Beitrag zur -Ätiologie der konträren Sexualempfindung, Wien 1895, S. 1 ff. -Kriminalpsychologische und psycho-pathologische Studien. Leipzig 1902, -S. 2 f., S. 17 f. -- Emil _Kraepelin_, Psychiatrie, 4. Aufl., Leipzig -1893, S. 689 f. -- Ch. _Féré_, La descendance d'un inverti, Revue -générale de clinique et de thérapeutique, 1896, citiert nach _Moll_, -Untersuchungen, Bd. I, S. 651, Anm. 3. In seinem Buche, L'Instinct -Sexuel, Evolution et Dissolution, Paris 1899, p. 266 f., legt Féré -jedoch das Schwergewicht auf die kongenitale Veranlagung. - -($S. 56, Z. 19 f.$) Daß in der Mitte zwischen M und W stehende Personen -sich untereinander sexuell anziehen, wird auch sehr wahrscheinlich -aus den Beobachtungen von Fr. _Neugebauer_ (Fifty false marriages -between Individuals of the same gender with some divorces for »Erreur -de Sexe«), Referat im British Gynaecological Journal, 15, 1899, -S. 315, vgl. 16, 1900, S. 104 des »Summary of Gynaecology, including -Obstetrics«. - -($S. 56, Z. 13 v. u.$) Vgl. Emil _Kraepelin_, Psychiatrie, 4. Aufl., -Leipzig 1893, S. 690: »Verhältnismäßig selten sind jene Personen, bei -welchen _niemals_ eine Spur von heterosexuellen Regungen vorhanden -gewesen ist.« - -($S. 56, Z. 3 v. u. f.$) Der Amerikaner Jas. G. _Kiernan_ soll -zuerst den Grund der Homosexualität in der geschlechtlichen -Undifferenziertheit des Embryo gesucht haben (American Lancet, 1884 -und im Medical Standard [Nov.-Dec. 1888]), nach ihm Frank _Lydston_ -(Philadelphia Medical and Surgical Recorder, September 1888, Addresses -and Essays, 1892, p. 46 und 246), beide in Abhandlungen, die mir nicht -zugänglich geworden sind. Die gleiche Theorie bringt ein _Patient -von Krafft-Ebing_ vor, in dessen Psychopathia sexualis, 8. Aufl., -Stuttgart 1893, S. 227. Dieser selbst hat sie acceptiert in einer -Abhandlung »Zur Erklärung der konträren Sexualempfindung«, Jahrbücher -für Psychiatrie und Nervenheilkunde, Bd. XIII, Heft 2, ferner haben -sich ihr angeschlossen Albert _Moll_, Untersuchungen über die Libido -sexualis, Bd. I, S. 327 ff., Magnus _Hirschfeld_, Die objektive -Diagnose der Homosexualität, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, -Bd. I (1899), S. 4 ff., Havelock _Ellis_, Studies in the Psychology of -Sex, Vol. I, Sexual Inversion, 1900, p. 132 f., Norbert _Grabowski_, -Die mannweibliche Natur des Menschen, Leipzig 1896 etc. - -($S. 58, Z. 11.$) Die Anerkennung einer das Tierreich beherrschenden -Gesetzlichkeit in der sexuellen Anziehung ist folgenschwer insoferne, -als sie die Hypothese einer »sexuellen Zuchtwahl« fast völlig unmöglich -macht. - -($S. 58, Z. 16 v. u.$) Homosexualität bei Tieren: vgl. Ch. _Féré_, -Les perversions sexuelles chez les animaux in L'instinct sexuel, -Paris 1899, p. 59-87. F. _Karsch_, Päderastie und Tribadie bei den -Tieren, auf Grund der Literatur zusammengestellt, Jahrbuch für -sexuelle Zwischenstufen, Bd. II (1900), S. 126-154. Albert _Moll_, -Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, 1898, S. 368 ff. - -($S. 59, Z. 6.$) Es beruht also auf einer Täuschung, wenn so -viele glauben (wie schon _Platon_, Gesetze, VIII, 836c), die -»gleichgeschlechtliche Liebe« sei ein bloß dem _Menschen_ -eigentümliches, »widernatürliches« Laster. Doch dürfte für die -Päderastie Plato da Recht behalten; indes Homosexualität nicht auf den -Menschen beschränkt ist. - -($S. 59, Z. 10 v. u. ff.$) Vgl. _Krafft-Ebing_ bei Alfred _Fuchs_, Die -Therapie der anomalen Vita sexualis, Stuttgart 1899, S. 4. - -($S. 61, Z. 7.$) Der einzige wahrhaft große Mann, der die -Homosexualität strenge verurteilt zu haben scheint, ist der _Apostel -Paulus_ (Römer, I, 26-27); aber er hat selbst bekannt, wenig sexuell -veranlagt gewesen zu sein, woraus allein auch der etwas naive -Optimismus begreiflich wird, mit dem er von der Ehe spricht. - -($S. 61, Z. 10 v. u.$) _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis, -Bd. I, Berlin 1898, S. 484. - -($S. 62, Z. 3 v. u.$) Männer wie _Michel-Angelo_ oder _Winckelmann_, -jener sicherlich einer der männlichsten Künstler, sind also nach -dieser Nomenklatur nicht als Homosexuelle, sondern als Päderasten zu -bezeichnen. - - - - -Zu Teil I, Kapitel 5. - - -($S. 63, Z. 15 f.$) Wenn Theodor _Gomperz_, Griechische Denker, -Leipzig 1896, Bd. I, S. 149, mit der Interpretation recht hätte, -welche er einigen in lateinischer Übersetzung erhaltenen Versen des -_Parmenides_ gibt (vgl. _Parmenides' Lehrgedicht_, griechisch und -deutsch von Hermann _Diels_, Berlin 1897, Fragment 18, und Diels' -Bemerkungen hiezu, S. 113 ff.), so hätte ich den großen Denker hier -als meinen Vorgänger zu nennen. Gomperz sagt: »In .... dieser Theorie -tritt auch die den pythagoreisch und somit mathematisch Gebildeten -kennzeichnende Tendenz hervor, ... qualitative Verschiedenheiten aus -quantitativen Unterschieden abzuleiten. Das Größenverhältnis nämlich, -in welchem der von ihm (ebenso wie schon von Alkmäon) vorausgesetzte -weibliche Bildungsstoff zu dem männlichen steht, wurde zur Erklärung -der Charaktereigentümlichkeiten und insbesondere der Art der -Geschlechtsneigung des Erzeugten verwendet. Und dieselbe Richtung -offenbart sich in dem Bestreben, die individuelle Verschiedenheit -der Individuen gleichwie ihrer jedesmaligen Geisteszustände auf den -größeren oder geringeren Anteil zurückzuführen, den ihr Körper an den -beiden Grundstoffen hat.« Wenn Gomperz kein anderes Fragment meinen -sollte als das oben bezeichnete, so gäbe diese Auslegung dem Parmenides -etwas, das Gomperz gebührt. Vgl. auch _Zeller_, Die Philosophie der -Griechen, I/1, 5. Aufl., Leipzig 1892, S. 578 f., Anm. 4. - -($S. 64, Z. 12.$) Hier ist angespielt auf die programmatische Schrift -von L. William _Stern_, Psychologie der individuellen Differenzen -(Ideen zu einer »differentiellen Psychologie«), Schriften der -Gesellschaft für psychologische Forschung, Heft 12, Leipzig 1900. - -($S. 65, Z. 11 f.$) Über die Periodizität im menschlichen, und zwar -auch im männlichen Leben, sowie in allen biologischen Dingen findet -sich das Interessanteste und Anregendste in einem Buche, dessen auch -sonst ungeschickt gewählter Titel über diesen Inhalt nichts vermuten -läßt, bei Wilhelm _Fließ_, Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen -Geschlechtsorganen in ihrer biologischen Bedeutung dargestellt, Leipzig -und Wien 1897, einer ungemein originellen Schrift, der eine historische -Berühmtheit gerade dann sicher sein dürfte, wenn die Forschung einmal -weit über sie hinausgelangen sollte. Einstweilen sind die höchst -merkwürdigen Dinge, die Fließ entdeckt hat, noch bezeichnend wenig -beachtet worden (vgl Fließ, S. 117 ff., 174, 237). - -($S. 70, Z. 9 v. u. f.$) Über diese angebliche »Monotonie« der -Frauen sind Äußerungen verschiedener Autoren zu finden in dem -großen Sammelwerk von C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als -Verbrecherin und Prostituierte, Anthropologische Studien, gegründet -auf eine Darstellung der Biologie und Psychologie des normalen Weibes, -übersetzt von H. _Kurella_, Hamburg 1894, S. 172 f. - -($S. 70, Z. 3 v. u. f.$) Größere Variabilität der Männchen: _Darwin_, -Die Abstammung des Menschen etc., übersetzt von Haek, Kap. 8, -S. 334 ff.; Kap. 14, S. 132 ff., besonders 136; Kap. 19, S. 338 ff. -- -C. B. _Davenport_ und C. _Bullard_, Studies in Morphogenesis, VI: A -Contribution to the quantitative Study of correlated variation and the -comparative Variability of the Sexes, Proceedings of the Amer. Phil. -Soc. 32, 85-97. Referat Année Biologique, 1895, p. 273 f. - -($S. 71, Z. 19 v. u. f.$) Die »Aktualitätstheorie« des Psychischen -ist die Theorie Wilhelm _Wundts_ (Grundriß der Psychologie, 4. Aufl., -Leipzig 1901, S. 387); sie lehnt alles substantielle und zeitlose -Sein in der Psychologie ab und erblickt hierin ihren wesentlichen -Unterschied gegenüber der Naturwissenschaft, welche über den Begriff -der Materie nie hinauskommen könne (vgl. auch _Wundts_ Logik, Bd. II, -Methodenlehre, 2. Aufl., Leipzig 1895). - -($S. 72, Z. 9 ff.$) Die im folgenden dargetane prinzipielle -Berechtigung der Physiognomik, die trotz _Lichtenbergs_ übler -Prophezeiung nicht »im eigenen Fett erstickt«, vielmehr an der -Auszehrung gestorben ist, liegt eigentlich bereits in den Worten des -_Aristoteles_ enthalten (περὶ Ψυχής A 3, 407 b, 13 f.): »Εκεινο δὲ -ἄτοπον συμβαίνει καὶ τούτῳ τῷ λόγῳ καὶ τοῖς πλείστοις τῶν περὶ ψυχῆς· -συνάπτουσι γὰρ καὶ τιθέασιν εἰς σῶμα τὴν ψυχήν, οὐθὲν προσδιορίσαντες -διὰ τίν' αἰτίαν καὶ πῶς ἔχοντος τοῦ σώματος. καίτοι δόξειεν ἂν τοῦτ' -ἀναγκαῖον εἶναι· διὰ γὰρ τὴν κοινωνίαν τὸ μὲν ποιεῖ τὸ δὲ πάσχει καὶ -τὸ μὲν κινεῖται τὸ δὲ κινεῖ, τούτων δ' οὐδὲν ὑπαρχει πρὸς ἄλληλα τοῖς -τυχοῦσιν. Ὁἱ δὲ μόνον ἐπιχειροῦσι λέγειν ποῖόν τι ἡ ψυχή, περὶ δὲ τοῦ -δεξομένου σώματος οὐθὲν ἔτι προσδιορίζουσιν, ὥσπερ ἐνδεχόμενον κατὰ -τοὺς Πυθαγορικοὺς μύθους _τὴν τυχοῦσαν ψυχὴν εἰς τὸ τυχὸν ἐνδύεσθαι -σῶμα_· δοκεῖ γὰρ ἕκαστον ἴδιον ἔχειν εἶδος καὶ μορφήν. Παραπλήσιον δὲ -λέγουσιν ὥσπερ εἴ τις φαίη τὴν τεκτονικὴν εἰς αὐλοὺς ἐνδύεσθαι· δεῖ γὰρ -τὴν μὲν τέχνην χρῆσθαι τοῖς ὀργάνοις, τὴν δὲ ψυχὴν τῷ σώματι.« - -($S. 72, Z. 22.$) P. J. _Moebius_, Über die Anlage zur Mathematik, -Leipzig 1900. - -($S. 74, Z. 19 v. u.$) _Hume_ schweigt über den Unterschied, _Mach_ -leugnet ihn (vgl. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch -entwickelt, 2. Aufl. Leipzig 1900, S. 432 ff.). - -($S. 74, Z. 8 v. u. f.$) Die hier zurückgewiesene Ansicht über das -Zeitproblem ist die von Ernst _Mach_, Die Mechanik in ihrer Entwicklung -historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 233. -Unendlich flach ist, was J. B. _Stallo_ zu dieser Frage bemerkt, The -Concepts and Theories of modern physics, 3. ed., London 1890, p. 204. - -($S. 75, Z. 19.$) Über _Aristoteles_ als Begründer der -Korrelationslehre vgl. Jürgen Bona _Meyer_, Aristoteles' Tierkunde, -Berlin 1855, S. 468. - -($S. 75, Z. 17 v. u. ff.$) Über die merkwürdige Korrelation bei Katzen -sowie über »Correlated Variability« überhaupt vgl. _Darwin_, Das -Variieren der Tiere und Pflanzen, Stuttgart 1873, Kap. 25 (Bd. II^2, -S. 375). Vgl. Entstehung der Arten, S. 36 f., 194 f. der Haekschen -Übersetzung (Universal-Bibliothek). - -($S. 76, Z. 7 v. u.$) Ernst _Mach_, Die Mechanik u. s. w., 4. Aufl., -S. 235. - -($S. 77, Z. 14 f.$) Hier berührt sich die Darstellung mit Wilhelm -_Dilthey_, Beiträge zum Studium der Individualität, Sitzungsberichte -der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1896 -(S. 295-335), S. 303: »In einem ... Typus sind mehrere Merkmale, Teile -oder Funktionen regelmäßig miteinander verbunden. Diese Züge, deren -Verbindung den Typus ausmacht, stehen in einer solchen gegenseitigen -Relation zueinander, daß die Anwesenheit des einen Zuges auf die des -anderen schließen läßt, die Variationen im einen auf die im anderen. -Und zwar nimmt diese typische Verbindung von Merkmalen im Universum -in einer aufsteigenden Reihe von Lebensformen zu und erreicht im -organischen und dann im psychischen Leben ihren Höhepunkt. Dieses -Prinzip des Typus kann als das zweite, welches die Individuen -beherrscht, angesehen werden. Dieses Gesetz ermöglichte es dem großen -_Cuvier_, aus versteinerten Resten eines tierischen Körpers diesen zu -rekonstruieren, und dasselbe Gesetz in der geistig-geschichtlichen Welt -hat Fr. A. _Wolf_ und _Niebuhr_ ihre Schlüsse ermöglicht.« - -($S. 77, Z. 8 v. u.$) Gemeint sind die künstlich des -Oberschlundganglions beraubten Nereiden. »Hat man mehrere so operierte -Würmer in einem Gefäß zusammen, so ... geraten sie in eine Ecke und -suchen hier durch die Wand zu rennen. Die Würmer blieben viele Stunden -so und gingen schließlich infolge ihres unsinnigen Bestrebens, vorwärts -zu kommen, zu Grunde.« Jacques _Loeb_, Einleitung in die vergleichende -Gehirnphysiologie und vergleichende Psychologie mit besonderer -Berücksichtigung der wirbellosen Tiere, Leipzig 1899, S. 63 (wo nach -S. S. _Maxwell_, Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie, 67, -1897, eine Zeichnung von diesem Vorgange gegeben ist). - -($S. 78, Z. 4 v. o.$) Der Ausdruck »Aufpasser« u. s. w. bei -_Schopenhauer_, Parerga II, § 350 bis. - -($S. 78, Z. 1 v. u.$) Konrad _Rieger_ sagt (Die Kastration, Jena -1900, Vorwort, S. XXV): »Auch ich teile vollkommen mit _Gall_, -_Comte_, _Moebius_ die Überzeugung: daß es der größte Fortschritt -wäre, sowohl in der reinen Wissenschaft als in praktisch sozialer und -politischer Hinsicht, wenn eine Methode gefunden würde, mittels deren -es möglich wäre, Moral, Intelligenz, Charakter, Wille eines Menschen -[physiognomisch] exakt zu bestimmen.« Ich kann mich dieser Auffassung -nicht anschließen und halte sie für ein wenig übertrieben; doch ich -führe sie an, weil sie immerhin die Wichtigkeit der Sache ins Licht -setzen hilft. - - - - -Zu Teil I, Kapitel 6. - - -($S. 79, Z. 6.$) Am nächsten kommt der in diesem Kapitel entwickelten -Auffassung der Frauenfrage _Arduin_, Die Frauenfrage und die sexuellen -Zwischenstufen, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. II, 1900, -S. 211-223. Jedoch bin ich von diesem Autor gänzlich unabhängig. - -($S. 81, Z. 6 v. u.$) Vgl. _Welcker_, Sappho von einem herrschenden -Vorurteil befreit, Göttingen 1816, wieder abgedruckt in seinen »Kleinen -Schriften«, II. Teil, Bonn 1845, S. 80-144. Auch Q. _Horatius_ Flaccus, -erklärt von Hermann _Schütz_, III. Teil, Episteln (Berlin 1883), -Kommentar zu Epistel I, 19, 28, und dazu _Welcker_, Kleine Schriften, -Bd. V, S. 239 f. - -($S. 82, Z. 4 v. u.$) _Mérimée_: nach Adele _Gerhardt_ und Helene -_Simon_, Mutterschaft und geistige Arbeit, eine psychologische und -soziologische Studie auf Grundlage einer internationalen Erhebung mit -Berücksichtigung der geschichtlichen Entwicklung, Berlin 1901, S. 162. -Die Erzählung über George _Sand_ und _Chopin_ ebenda S. 166. Dieser -fleißigen Arbeit verdanke ich auch sonst eine Anzahl von Belegen und -den Hinweis auf einige Quellen. - -($S. 82, Z. 6.$) Die Angabe über Laura _Bridgman_ rührt von Albert -_Moll_ her, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897/98, -Bd. I, S. 144. Die Stellen bei Wilhelm _Jerusalem_, Laura Bridgman, -Erziehung einer Taubstumm-Blinden, eine psychologische Studie, Wien -1890, S. 60, sprechen freilich eher für das Gegenteil. Über die -George _Sand_: Moll ibid., S. 698 f., Anm. 4; über _Katharina_ II.: -_Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 516; -über _Christine_: Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_, Mutterschaft -und geistige Arbeit, Berlin 1901, S. 209 (»jedenfalls eine durch -sexuell-pathologische Erscheinungen gefährdete Persönlichkeit«). - -($S. 83, Z. 6.$) Man vergleiche »Briefe Ludwigs II. von Bayern an -Richard Wagner«, veröffentlicht in der Wage, Wiener Wochenschrift, -1. Jänner bis 5. Februar 1899. - -($S. 83, Z. 15 v. u. ff.$) Über George _Eliot_: _Gerhardt_ und _Simon_ -a. a. O., S. 155. Über Lavinia _Fontana_ ibid., S. 98. Über die -_Droste-Hülshoff_, S. 137. Über die Rachel _Ruysch_: Ernst _Guhl_, Die -Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 122. - -($S. 84, Z. 3 f.$) Über Rosa _Bonheur_ vgl. _Gerhardt-Simon_, -S. 107 f. Dort ist nach dem Biographen der Malerin René _Peyrol_ (Rosa -Bonheur, Her Life and Work, London) citiert: »The masculine vigour -of her character, as also her hair, which she was in the habit of -wearing short, contributed to perfect her disguise.« Wenn R. B. in -Männerkleidern ging, schöpfte niemand den geringsten Verdacht. - -($S. 84, Z. 4 v. u.$) Da Frauen weniger produzieren als Männer, haben -ihre Werke von vornherein einen Seltenheitswert und gelten eher als -Kuriosität. Vgl. _Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, S. 260 f.: -»Es genügte, daß ein Werk von weiblicher Hand herrührte, um schon um -deswillen gepriesen zu werden.« - -($S. 86, Z. 4 f.$) Vgl. P. J. _Moebius_, Über die Vererbung -künstlerischer Talente, in der »Umschau«, IV, Nr. 38, S. 742-745 (15. -September 1900). Jürgen Bona _Meyer_, Zeitschrift für Völkerpsychologie -und Sprachwissenschaft, 1880, S. 295-298. Karl _Joel_, Die Frauen in -der Philosophie. Sammlung gemeinverständlicher Vorträge, herausgegeben -von Virchow und Holtzendorff, Heft 246, Hamburg 1896, S. 32 und 63. - -($S. 86, Z. 8 f.$) _Guhl_ a. a. O., S. 8. - -($S. 86, Z. 15.$) Ich hätte hier noch als sehr männlich Dorothea -_Mendelssohn_ erwähnen sollen; über sie wie über ihren so weiblichen -Gatten Friedrich _Schlegel_ vgl. Joh. _Schubert_, Frauengestalten -aus der Zeit der deutschen Romantik, Hamburg 1898 (Sammlung -gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, herausgegeben von -Virchow, Heft 285), S. 8 f. Auch die hochbegabte homosexuelle Gräfin -_Sarolta_ V. aus _Krafft-Ebings_ Psychopathia sexualis (8. Aufl., 1893, -S. 311-317) wäre anzuführen gewesen. - -($S. 86, Z. 18.$) _Guhl_ a. a. O., S. 5. - -($S. 86, Z. 3 v. u.$) Wer eifriger sammelt, als ich dies getan habe, -mit größeren Kenntnissen in der Literatur-, Kunst-, Wissenschafts- und -politischen Geschichte, und reichlichere Quellen besser aufzufinden -weiß, als ich dies hier vermochte, der wird gewiß zu diesem Punkte noch -viele merkwürdige Bestätigungen entdecken. - -($S. 88, Z. 9 f.$) Die Stelle über die berühmten Frauen, _Darwin_, -Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II, S. 344 f. - -($S. 88, Z. 2 v. u.$) Mit dieser Angabe über _Burns_, die ich -_Carlyle_, On Heroes etc., London, Chapman & Hall, p. 175 entnommen -habe, steht im Widerspruch, was das »Memoir of Robert Burns«, welches -der Ausgabe der Poetical Works, London, Warne, 1896, vorgedruckt ist, -p. 16 f. über dessen Bildungsgang erzählt. - -($S. 89, Z. 14 v. u.$) Das Citat aus _Burckhardt_, Die Kultur der -Renaissance in Italien, 4. Aufl., besorgt von Ludwig Geiger, Leipzig -1885, Bd. II, S. 125. - -($S. 89, Z. 6 v. u.$) _Gerhardt_ und _Simon_ a. a. O., S. 46 f. - -($S. 90, Z. 8 ff.$) Hier bin ich durch Ottokar _Lorenz_ angeregt. -Dieser sagt (Lehrbuch der gesamten wissenschaftlichen Genealogie, -Stammbaum und Ahnentafel in ihrer geschichtlichen, soziologischen -und naturwissenschaftlichen Bedeutung, Berlin 1898, S. 54 f.): »Die -Erscheinungen, die man heute mit dem Namen der Frauenemanzipation -nicht eben sehr treffend bezeichnet, vermöchte wohl kein Kenner -vergangener Kulturzustände als eine in allen einzelnen Teilen neue -Sache zu betrachten. Namentlich ist der Antrieb der Frauen, sich -der gelehrten Bildung ihrer Zeit zu bemächtigen, im XVI. und im -X. Jahrhundert ganz ebenso groß gewesen wie im XIX. Auch der heutige -soziale Gedanke, den Frauen eine auf sich gestellte Wirksamkeit zu -sichern, hat im kirchlichen und Klosterleben vergangener Zeiten seine -vollen Analogien. Wenn man nun die Ursachen dieser im Wechsel der -Zeiten sich ganz regelmäßig wiederholenden Erscheinungen erforscht, so -ist doch unzweifelhaft, daß mindestens einen mächtigen Anteil daran -jene Antriebe, jene Bewegungen haben müssen, die in den persönlichen -Eigenschaften eben der nach der sogenannten Emanzipation in ihren -verschiedenen Formen und Zeiten strebenden Frauen selbst begründet -waren. Indem also die Frauenfrage im Wechsel der Zeiten bald mehr, -bald weniger hervortritt, beweist sie für die aufeinanderfolgenden -Geschlechter eine gewisse Wiederkehr frauenhafter Eigenschaften, die in -gewissen Epochen unzweifelhaft weit mehr von männischer Art sind als in -anderen, wo in denselben Zügen etwas geradezu Häßliches erblickt worden -ist.« - -($S. 90, Z. 22.$) _Darwin_, Das Variieren etc., II^2, 58: »Es ist -bekannt, daß eine große Anzahl weiblicher Vögel ...., wenn sie alt oder -krank sind, .... zum Teil die sekundären männlichen Charaktere ihrer -Spezies annehmen. In Bezug auf die Fasanenhennen hat man beobachtet, -daß dies während gewisser Jahre viel häufiger eintritt als während -anderer.« Darwin beruft sich hiefür auf William _Yarrell_, On the -change in the plumage of some Hen-Pheasants, Philosophical Transactions -of the Royal Society of London, 1827 (p. 270). - -($S. 91, Z. 13 v. u.$) Werner _Sombart_ (Die Frauenfrage, in der -Wiener Wochenschrift »Die Zeit«, 1. März 1902, S. 134) spricht über -die Ansicht, daß die Maschinenarbeit an der Frauenarbeit die Schuld -trage, weil sie Muskelkraft entbehrlich gemacht habe, und sagt: »Gewiß -gilt das für zahlreiche Gewerbe, z. B. für die wichtige Weberei. Aber -schon nicht für die Spinnerei, die vor Erfindung der mechanischen -Spinnstühle viel ausschließlicher Frauenarbeit war als heute. Hier -hat die Maschinentechnik die Möglichkeit gerade der Männerarbeit erst -geschaffen, wie denn bekanntlich in den mechanischen Spinnereien -zahlreiche männliche Spinner beschäftigt sind. _Es gilt aber auch für -die meisten anderen Gewerbe mit starker Arbeit nicht; man denke an -Putzmacherei, Stickerei, Strickerei, Tabakindustrie und andere, in -denen die Maschinen die Frauen eher verdrängt als sie herangezogen -haben._ Es gilt auch für das Hauptgebiet moderner Frauenarbeit, für -die Konfektionsindustrie, nicht. Denn die Handnäherei ist doch der -Frau nicht weniger zugänglich als die Maschinennäherei. Was vielmehr -entscheidend für die Entwicklung der Frauenarbeit gewesen ist, -was auf der Seite der Produktionsvorgänge die Differenzierung der -ursprünglich-komplexen (und darum immer gelernten) Arbeitsverrichtung -bedingte, war aber gar nicht einmal in erster Linie dieser -Vorgang in der Produktionssphäre, sondern sind vielmehr bestimmte -Gestaltungen der Bevölkerungsverhältnisse gewesen: die Entstehung von -weiblicher Überschußbevölkerung auf dem Lande und in den Städten, -die auf tieferliegende, hier nicht näher zu erörternde Ursachen -zurückzuführen ist. Beliebt man ein Schlagwort, so kann man sagen: -die moderne Frauenarbeit in der Industrie (und den übrigen nicht zur -Landwirtschaft gehörigen Sphären des Wirtschaftslebens), verdankt ihre -Entstehung nicht unmittelbar den Veränderungen in der Technik, sondern -Umgestaltungen der Siedelungsverhältnisse.« - -($S. 92, Z. 7 f.$) _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis, S. 220: »Die -Tendenz der Natur auf heutiger Entwicklungsstufe ist die Hervorbringung -von monosexualen Individuen.« - -($S. 92, Z. 15.$) Über die Gephyreen _Weismann_, Keimplasma, S. 477 f.: -»Es gibt in verschiedenen Gruppen des Tierreichs _Arten, deren Männchen -sich beinahe in allen Charakteren von den Weibchen unterscheiden_. -Schon bei vielen Rädertieren sind die Männchen winzig klein gegenüber -den Weibchen, haben eine in allen Teilen verschiedene Körpergestalt und -entbehren des gesamten Nahrungskanals; und bei Bonellia viridis, einem -Meereswurm aus der Gruppe der Gephyreen, weicht das Männchen so sehr -vom Weibchen ab, daß man versucht sein könnte, es einer ganz anderen -Klasse von Würmern, den Strudelwürmern, zuzuteilen. Zugleich ist hier -der Unterschied in der Körpergröße zwischen beiden Geschlechtern -noch weit bedeutender; das Männchen hat eine Länge von 1-2 ~mm~, -das Weibchen von 150 ~mm~, und das erstere schmarotzt im Innern des -letzteren« etc. Vgl. _Claus_, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg -1897, S. 403. Auch manche Asseln (Bopyriden) sind sexuell weiter -differenziert als der Mensch, vgl. Claus a. a. O., S. 482. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 1. - - -($S. 97, Z. 3.$) Thomas _Carlyle_, On Heroes, Hero-Worship and the -Heroic in History, London, Chapman & Hall, p. 99. - -($S. 97, Z. 7 v. u. f.$) Vgl. Franz L. _Neugebauer_, 37 Fälle von -Verdoppelungen der äußeren Geschlechtsteile, Monatsschrift für -Geburtshilfe und Gynäkologie, VII, 1898, S. 550-564, 645-659, -besonders S. 554 f., wo ein Fall von »Juxtapositio organorum sexualium -externorum utriusque sexus« beschrieben ist. Von dem bloß auf -Entwicklungshemmungen beruhenden Scheinzwittertum sehe ich hier ab. - -($S. 99, Z. 12 v. u.$) _Aristoteles_, Metaphysik, A 5, 986a, 31: -Αλκμαίων ὁ Κροτωνιάτης φησι εἶναι δύο τὰ πολλά τῶν ανθρωπίνων. - -($S. 99, Z. 10 v. u.$) Vgl. _Schelling_, Von der Weltseele, Werke, -Stuttgart und Augsburg, 1857, Abt. I, Bd. II, S. 489: »So ist wohl das -Gesetz der Polarität ein allgemeines Weltgesetz.« - -($S. 101, Z. 4 ff.$) Gemeint sind hier die mit großem Recht sehr -bekannt gewordenen hervorragenden Aufsätze von Wilhelm _Dilthey_, Ideen -über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Sitzungsberichte -der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften, 1894, S. 1309-1407. -Beiträge zum Studium der Individualität, ibid. 1896, S. 295-335. Im -ersten Aufsatz heißt es z. B. (S. 1322): »In den Werken der Dichter, -in den Reflexionen über das Leben, wie große Schriftsteller sie -ausgesprochen haben, ist ein Verständnis des Menschen enthalten, -hinter welchem alle, erklärende Psychologie weit zurückbleibt.« Im -zweiten Aufsatz (S. 299, Anm.): »Ich erwarte eine .... überzeugende -Zergliederung .... auch der heroischen Willenshandlung, welche sich zu -opfern und das sinnliche Dasein wegzuwerfen vermag.« - -($S. 104, Z. 16 v. u.$) Vgl. Heinrich _Rickert_, Die Grenzen der -naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Freiburg im Breisgau -1902, S. 545: »Die atomisierende Individual-Psychologie sieht alle -_Individuen_ als gleich an und _muß es als allgemeinste Theorie vom -Seelenleben tun_, die individualistische _Geschichtsschreibung_ richtet -ihr Interesse auf individuelle Differenzen.« - -($S. 104, Z. 11 v. u.$) Man vergleiche die Kontroversen zwischen -G. v. _Below_ und Karl _Lamprecht_ über die historische Methode und das -Verhältnis der soziologischen Geschichtsschreibung zur Individualität -aus den Jahren 1898 und 1899. - -($S. 104, Z. 7 v. u.$) »Kein wissenschaftlicher Kopf kann je -erschöpfen, kein Fortschritt der Wissenschaft kann erreichen, was der -Künstler über den Inhalt des Lebens zu sagen hat. Die Kunst ist das -Organ des Lebensverständnisses.« _Dilthey_, Beiträge zum Studium der -Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, p. 306. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 2. - - -($S. 106, Z. 3 f.$) Die Motti aus _Kant_, Anthropologie in -pragmatischer Hinsicht, Zweiter Teil B. (S. 229 ed. Kirchmann); -_Nietzsche_, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 232. - -($S. 106, Z. 19.$) _Kant_ a. a. O. (S. 228). - -($S. 107, Z. 22.$) »... die beachtenswerte Erscheinung, daß, während -jedes Weib, wenn beim Generationsakte überrascht, vor Scham vergehen -möchte, sie hingegen ihre Schwangerschaft, ohne eine Spur von -Scham, ja mit einer Art Stolz, zur Schau trägt; da doch überall ein -unfehlbar sicheres Zeichen als gleichbedeutend mit der bezeichneten -Sache selbst genommen wird, daher denn auch jedes andere Zeichen des -vollzogenen Koitus das Weib im höchsten Grade beschämt; nur allein die -Schwangerschaft nicht.« _Schopenhauer_, Parerga, II, § 166. - -($S. 107, Z. 9.$) Ich glaube es rechtfertigen zu können, daß ich -zwei Psychologinnen, die mir durch Arbeiten bekannt waren, im Texte -übergangen habe; denn die eine ist eine amerikanische Experimentatorin, -die andere die russische Verfasserin einer schlechten Geschichte des -Apperzeptionsbegriffes. - -($S. 107, Z. 5 v. u.$) Das Beste über das schwangere Weib und das, was -in ihm vorgeht, ist in einem leider bis jetzt ungedruckten Gedichte -eines noch unbekannten _männlichen_ Dichters gesagt, dessen Wiedergabe -an dieser Stelle mir gestattet wurde; wofür ich hier um so mehr -meinen Dank sage, als ich selbst auf das psychologische Problem der -Schwangerschaft auch im zehnten Kapitel nicht näher eingegangen bin. - - »Geheimnisvolle Kräfte schlingen - Um mich ein nie gekanntes Walten. - Ich hör' ein liebend zartes Klingen, - Und alles will sich neu entfalten. - - Mir ist, als ob Natur sich neige - In Ehrfurcht, wo ich leise gehe, - _Als ob der Baum dem Baum mich zeige_, - Daß er mich staunend schreiten sehe. - - Ich fühle mich so hoch erhoben, - Ein jedes Wesen ist mir nah, - Mir hat sich die Natur verwoben, - Seit mir so hohes Glück geschah. - - Es schläft in mir, was nie noch lebte, - Ein Wunder, das ein Traum gebar: - Natur so ahnungsvoll erbebte, - Weil hier ein neues Wesen war.« - -($S. 108, Z. 8 v. u. f.$) So unter anderen Guglielmo _Ferrero_, Woman's -Sphere in Art, New Review, November 1893 (citiert nach Havelock -_Ellis_). - -($S. 108, Z. 5 v. u. f.$) Die Forscher scheinen eher der Meinung -von der geringeren Intensität des »Geschlechtstriebes« beim Weibe -zu huldigen (z. B. _Hegar_, Der Geschlechtstrieb, 1894, S. 6), die -praktischen »Frauenkenner« sind fast alle in großer Entschiedenheit der -entgegengesetzten Ansicht. - -($S. 109, Z. 4 v. u.$) Daß beim Weibe die Wollust nicht wie beim Manne -durch irgend eine Ejakulation vermittelt sein kann, führt _Moll_ -aus (Untersuchungen, I, S. 8 ff.). Vgl. auch _Chrobak-Rosthorn_, -Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900 (aus -Nothnagels Spezieller Pathologie und Therapie), Bd. I, S. 423 f.: -»Wir müssen mit _Moll_ einen Detumeszenz- (Entleerungs-), vielleicht -richtiger Depletionstrieb, und einen Kontrektations- (Berührungs-)trieb -... annehmen. Viel schwieriger steht die Frage dem Weibe gegenüber, -bei welchem wir ... insofern keine Analogie mit dem Vorgang beim -Manne finden können, als eine _Ejakulation_ von _Keimzellen_ nicht -stattfindet ... Es kommt allerdings auch bei Frauen unter der -Kohabitation häufig ein Flüssigkeitserguß aus den Bartholinschen Drüsen -unter Bewegungen der Musculi ischio-et bulbo-cavernosi zustande, es -findet auch eine Abschwellung der ebenfalls durch Muskelbewegungen -strotzend gefüllten und dadurch vielleicht ein Unlustgefühl erzeugenden -Gefäße (an den Schwellkörpern der Klitoris) statt, doch betrifft diese -Entleerung einesteils nicht die keimbereitenden Organe, anderseits -scheint sich diese sogenannte Ejakulation oft genug nicht einzustellen, -_ohne daß hiedurch das Gefühl der sexuellen Befriedigung verhindert_ -würde.« - -($S. 109, Z. 10.$) Die _Moll_sche Unterscheidung in dessen Büchern: Die -konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 2. Untersuchungen -über die Libido sexualis, 1897, Bd. I, S. 10. - -($S. 112, Z. 7.$) Daraus, daß W selbst durchaus und überall Sexualität -ist, wird leicht erklärlich, daß man beim Weibchen in der ganzen -Zoologie gar nicht eigentlich von »sekundären Geschlechtscharakteren« -im selben Sinne reden kann wie beim Manne. Weibchen »bieten selten -merkwürdige sexuelle Charaktere« (_Darwin_, Entstehung der Arten, -S. 201, ed. Haek). - -($S. 115, Z. 15 v. u. f.$) Auch unter den Tieren bildet bei den -Männchen die Brunstzeit einen viel stärkeren Gegensatz zu ihrem -sonstigen Leben als bei den Weibchen. Man vergleiche, um ein Beispiel -statt vieler anzuführen, wie Friedrich _Miescher_ den Rheinlachs -vor und während der Laichzeit schildert (Die histochemischen und -physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig 1897, Bd. II, S. 123): -»Wenn man etwa im Dezember einen männlichen Salm, sogenannten -Wintersalm sieht, mit klarem, bläulich schimmerndem Schuppenkleid, -der schönen Rundung des Leibes, mit der kurzen Schnauze ... ohne jede -Spur von Hakenbildung ... und man daneben den bekannten Hakenlachs -erblickt, mit einer Nase von doppelter Länge, einer überhaupt ganz -veränderten Physiognomie des Vorderkopfes, mit der tigerartig rot und -schwarz gefleckten, von Epithelwucherung trüben, dicken Hautschwarte, -dem abgeplatteten Körper und den dünnen schlotternden Bauchwänden, -so hat man immer wieder Mühe, sich zu überreden, daß dies Exemplare -einer und derselben Spezies seien. Etwas geringer ist der Gegensatz -beim weiblichen Exemplar. Die Länge und Form der Schnauze ist nicht -wesentlich verschieden; die roten Flecken an Kopf und Leib, beim -Winterlachs gänzlich fehlend, sind beim weiblichen Laichlachs schwächer -entwickelt als beim Männchen; die Haut ist getrübt und wie unrein, doch -nicht so stark verdickt.« - -($S. 115, Z. 10 v. u.$) Ein sehr hervorragender, aber merkwürdig wenig -beachteter Aufsatz von Oskar _Friedländer_ (»Eine für Viele«, eine -psychologische Studie, »Die Gesellschaft«, Münchener Halbmonatsschrift, -XVIII. Jahrgang, 1902, Heft 15/16, S. 166) nähert sich in diesem -Punkte meiner Auffassung so weit, daß ich ihn hier, wie noch mehrfach, -citieren muß: »Sicherlich, der Geschlechtstrieb tritt beim Manne -heftiger und ungestümer auf als beim Weibe. Es liegt dies wohl weniger -an dem verschiedenen Grade der Intensität als daran, daß im männlichen -Geiste die heterogensten Elemente aus allen psychischen Gebieten -zusammenkommen, die um die Vorherrschaft kämpfen und die sexuellen -Instinkte zu verdrängen suchen, und diese durch die Kontrastwirkung -desto stärker empfunden werden, während ihre gleichmäßige Verteilung -über _die ganze Seele_ des Weibes ... sie nicht mit besonderer Schärfe -zur Abhebung kommen läßt.« - - - - -Zu Teil II, Kapitel 3. - - -($S. 117, Z. 6 v. u.$) »Begierde und Gefühl sind nur Arten, wie unsere -Vorstellungen sich im Bewußtsein befinden.« Joh. Friedr. _Herbart_, -Psychologie als Wissenschaft, neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik -und Mathematik, II. (analytischer) Teil, § 104 (Werke VI, S. 60, ed. -Kehrbach, Langensalza 1887). - -($S. 117, Z. 5 v. u.$) A. _Horwicz_, Psychologische Analysen auf -physiologischer Grundlage, Ein Versuch zur Neubegründung der -Seelenlehre, II/1, Die Analyse des Denkens, Halle 1875, S. 177 f.: -»Das Gefühl ist unserer Auffassung gemäß das früheste, elementarste -Gebilde des Seelenlebens, es ist der früheste und einzige Inhalt -des Bewußtseins, die Triebfeder der ganzen seelischen Entwicklung. -Wie verhält sich nun hiezu das Denken?... Das Denken ist eine -Folgeerscheinung des Gefühls, wie es auch die Bewegung ist, es ist die -ureigenste Dialektik der Triebe ... der stärker geübte, von anderen -unterschiedene Trieb gibt durchdachte, geordnete, aus einer Anzahl von -geläufigen Bewegungen ausgewählte Bewegungen, das ist durchdachtes -Denken.« II/2, Die Analyse der qualitativen Gefühle, Magdeburg 1878, -S. 59: »Es [das Gefühl] ist die allgemeinste elementarste Form des -Bewußtseins, in dieser allereinfachsten Gestalt [bei Tieren und -Pflanzen] freilich nur ein ganz schwaches, dunkles Bewußtsein, mehr -ein brütendes Ahnen als ein Erkennen und Wissen. Aber es bedarf, um -deutliches und klares Bewußtsein zu werden, keiner weiteren fraglichen -Zutaten, sondern nur der Vervielfachung und intensiven Gradsteigerung.« -Vgl. Wilhelm _Wundt_, Über das Verhältnis der Gefühle zu den -Vorstellungen, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, -III, 1879, S. 129-151, und Horwicz' Antwort: »Über das Verhältnis -der Gefühle zu den Vorstellungen und die Frage nach dem psychischen -Grundprozesse«, a. a. O., S. 308-341. - -($S. 118, Z. 18.$) Über solche »Feelings of tendency« vgl. William -_James_, The Principles of Psychology, New-York 1890, Vol. I, p. 254. - -($S. 118, Z. 18 v. u.$) Vgl. besonders _Leibnitii_ Meditationes de -cognitione, veritate et ideis Acta eruditorum, Lips., November 1684, -p. 537 f. (p. 79 f. ed. Erdmann). - -($S. 118, Z. 14 v. u.$) Wilhelm _Wundt_, Grundzüge der physiologischen -Psychologie, 5. Aufl., Leipzig 1902, Bd. II, S. 286 ff. - -($S. 118, Z. 6 v. u.$) Richard _Avenarius_, Kritik der reinen -Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 16. Der menschliche Weltbegriff, -Leipzig 1891, S. 1 f. Vgl. Joseph _Petzoldt_, Einführung in die -Philosophie der reinen Erfahrung, Bd. I, Die Bestimmtheit der Seele, -Leipzig 1900, S. 112 ff. - -($S. 118, Z. 5 v. u.$) Über die verschiedenen Bedeutungen des Wortes -»Charakter« (welches auch in dieser Schrift in dreifach verschiedener -Anwendung, doch unter Vermeidung aller Äquivokationen gebraucht -werden mußte) vgl. Rudolf _Eucken_, Die Grundbegriffe der Gegenwart, -historisch und kritisch entwickelt, 1893, S. 273 ff. - -($S. 119, Z. 14.$) Die _Avenarius_sche Zusammenstellung von -Wahrnehmungs- und Gedächtnisbild hat unter den späteren Psychologen -bloß Oswald _Külpe_ acceptiert, welcher in seinem »Grundriß der -Psychologie, auf experimenteller Grundlage dargestellt« (Leipzig 1893), -S. 174 ff., in terminologisch freilich durchaus nicht einwandfreier -Weise die Lehre vom Gedächtnis als die Lehre von den »zentral erregten -Empfindungen« abhandelt. - -($S. 120, Z. 8 v. u.$) _Petzoldt_ a. a. O., S. 138 ff. - -($S. 121, Z. 7 v. u. f.$) Vgl. A. _Kunkel_, Über die Abhängigkeit der -Farbenempfindung von der Zeit, Archiv für die gesamte Physiologie der -Menschen und der Tiere, IX, 1874, S. 215. Hiezu weiter _Fechner_, -Elemente der Psychophysik, 1. Aufl., Leipzig 1860, Bd. I, S. 249 f.; -Oswald _Külpe_, Grundriß der Psychologie, S. 131, 210; Hermann -_Ebbinghaus_, Grundzüge der Psychologie, Leipzig 1902, S. 230. - -($S. 122, Z. 4 v. u.$) Johann Gottlieb _Fichte_, Über den Begriff der -Wissenschaftslehre (Werke I/1, Berlin 1845, S. 73) »Der menschliche -Geist macht mancherlei Versuche: er kommt durch blindes Herumtappen -zur Dämmerung, und geht erst aus dieser zum hellen Tag über. Er wird -anfangs durch dunkle Gefühle ... geleitet ...«. _Schopenhauer_, -Parerga, I, § 14 (Werke IV, S. 159 f., ed. Grisebach): »Im allgemeinen -... ist über diesen Punkt zu sagen, daß von jeder großen Wahrheit -sich, ehe sie gefunden wird, ein Vorgefühl kundgibt, eine Ahndung, -ein undeutliches Bild, wie im Nebel, und ein vergebliches Haschen, -sie zu ergreifen; weil eben die Fortschritte der Zeit sie vorbereitet -haben. Demgemäß präludieren dann vereinzelte Aussprüche. Allein, -nur wer eine Wahrheit aus ihren Gründen erkannt und in ihren Folgen -durchdacht, ihren ganzen Inhalt entwickelt, den Umfang ihres Bereiches -übersehen und sie sonach mit vollem Bewußtsein ihres Wertes und ihrer -Wichtigkeit, deutlich und zusammenhängend, dargelegt hat, der ist ihr -Urheber. Daß sie hingegen, in alter und neuer Zeit, irgend einmal mit -halbem Bewußtsein und fast wie ein Reden im Schlaf ausgesprochen worden -und demnach sich daselbst finden läßt, wenn man hinterher danach sucht, -bedeutet, wenn sie auch totidem verbis dasteht, nicht viel mehr, als -wäre es totidem litteris; gleichwie der Finder einer Sache nur der ist, -welcher sie, ihren Wert erkennend, aufhob und bewahrte; nicht aber der, -welcher sie zufällig einmal in die Hand nahm und wieder fallen ließ; -oder wie Kolumbus der Entdecker Amerikas ist, nicht aber der erste -Schiffbrüchige, den die Wellen dort einmal abwarfen. Dies eben ist -der Sinn des Donatischen pereant qui ante nos nostra dixerunt.« Noch -treffender sagt _Kant_: »Dergleichen allgemeine und dennoch bestimmte -Prinzipien lernt man nicht leicht von anderen, denen sie nur dunkel -vorgeschwebt haben. Man muß durch eigenes Nachdenken zuvor selbst -darauf gekommen sein, danach findet man sie auch anderwärts, wo man -sie gewiß nicht zuerst würde angetroffen haben, weil die Verfasser -selbst nicht einmal wußten, daß ihren Bemerkungen eine solche Idee -zum Grunde liege. _Die so niemals selbst denken, besitzen dennoch -die Scharfsichtigkeit, alles, nachdem es ihnen gezeigt worden, in -demjenigen, was sonst schon gesagt worden, aufzufinden, wo es doch -vorher niemand entdecken konnte._« (Prolegomena zu jeder künftigen -Metaphysik, § 3, gegen Ende.) - -($S. 122, Z. 8 f.$) Das Citat aus _Nietzsche_, Also sprach Zarathustra, -III. Buch, Kap.: Der Genesende. - -($S. 124, Z. 11 v. u.$) S. _Exner_, Entwurf zu einer physiologischen -Erklärung der psychischen Erscheinungen, I. Teil, Leipzig und Wien -1894, S. 76 ff. Vgl. H. _Höffding_, Vierteljahrschr. f. wiss. Philos. -13, 1889, S. 431. - -($S. 125, Z. 3 v. o.$) _Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung, -Bd. I, Leipzig 1888, S. 77; Bd. II, Leipzig 1890, S. 57. Übrigens -schlägt den gleichen Ausdruck in ähnlichem Falle Wilhelm _Dilthey_ vor, -Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Berliner -Sitzungsberichte, 1894, S. 1387. - -($S. 126, Z. 14.$) Wahrscheinlicher jedoch als die _Exner_sche -Theorie dünkt mich jetzt folgende Vermutung. Der Parallelismus -zwischen Phylo- und Ontogenese, das »biogenetische Grundgesetz« -wird gewöhnlich konstatiert, ohne daß man weiter darüber nachdenkt, -_warum_ die Entwicklung des Individuums immer die Geschichte der -Gattung wiederhole; so eilig hat man es eben, die Tatsache für die -Deszendenzlehre und besonders für ihre ungeteilte Anwendung auf den -Menschen auszubeuten. Vielleicht liegt aber in der Entwicklung von -der Henide zum differenzierten Inhalt ein Parallelprozeß zu jener -Erscheinung vor, der ihre bisherige Isoliertheit und Rätselhaftigkeit -aufheben könnte. - -($S. 128, Z. 13 f.$) Über die falsche populäre Annahme einer -allgemeinen größeren Sinnesempfindlichkeit beim Weibe, eine Annahme, -die Sensibilität mit Emotivität und Irritabilität verwechselt, vgl. -Havelock _Ellis_, Mann und Weib, S. 153 f. - -($S. 129, Z. 9 v. o.$) Vgl. Ernst _Mach_, Die Mechanik in ihrer -Entwicklung, historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, -S. 1 f., 28 f. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch -entwickelt, 2. Aufl., Leipzig 1900, S. 151. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 4. - - -($S. 131, Z. 1 f.$) Die Bestimmungen, zu welchen dieses Kapitel über -das Wesen der Genialität gelangt, sind ganz provisorisch und können -erst nach der Lektüre des achten Kapitels verstanden werden, das sie -wieder aufnimmt, aber in einem weit größeren Ganzen zeigt und darum -erst eigentlich begründet. - -($S. 134, Z. 12 v. u.$) Über das _Verstehen_ der Menschen und -menschlicher Äußerungen ist in der wissenschaftlich-psychologischen -Literatur bezeichnend wenig zu finden. Nur Wilhelm _Dilthey_ bemerkt -(Beiträge zum Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte, -1896, S. 309 ff.): »Wir können zunächst das Verstehen eines fremden -Zustandes als einen Analogieschluß auffassen, der von einem _äußeren -physischen_ Vorgang vermittels seiner _Ähnlichkeit_ mit _solchen_ -Vorgängen, die wir mit bestimmten _inneren_ Zuständen verbunden -finden, auf einen diesen _ähnlichen inneren_ Zustand hingeht ..... Die -Glieder des Nachbildungsvorganges sind gar nicht bloß durch logische -Operationen, etwa durch einen Analogieschluß, miteinander verbunden. -Nachbilden ist eben ein Nacherleben. Ein rätselhafter Tatbestand! -Wir können dies etwa, wie ein Urphänomen, darauf zurückführen, daß -wir fremde Zustände in einem gewissen Grade wie die eigenen fühlen, -uns mitfreuen und mittrauern können, zunächst je nach dem Grade -der Sympathie, Liebe oder Verwandtschaft mit anderen Personen. Die -Verwandtschaft dieser Tatsache mit dem nachbildenden Verstehen ergibt -sich aus mehreren Umständen. Auch das Verstehen ist von dem Maße der -Sympathie abhängig, und ganz unsympathische Menschen verstehen wir -überhaupt nicht mehr. Ferner offenbart sich die Verwandtschaft des -Mitgefühls mit dem nachbildenden Verstehen sehr deutlich, wenn wir -vor der Bühne sitzen!« ..... »Gemäß diesen Verhältnissen hat auch die -_wissenschaftliche Auslegung oder Interpretation_ als das kunstmäßig -nachbildende Verstehen immer etwas Genialisches, das heißt, sie -erlangt erst durch innere Verwandtschaft und Sympathie einen hohen -Grad von Vollendung. So wurden die Werke der Alten erst im Zeitalter -der Renaissance ganz wiederverstanden, als ähnliche Verhältnisse eine -Verwandtschaft der Menschen zur Folge hatten ..... Es gibt keinen -wissenschaftlichen Prozeß, welcher dieses lebendige Nachbilden als -untergeordnetes Moment hinter sich zu lassen vermöchte. Hier ist der -mütterliche Boden, aus dem auch die abstraktesten Operationen der -Geisteswissenschaften immer wieder ihre Kraft ziehen müssen. _Nie -kann hier Verstehen in rationales Begreifen aufgehoben werden. Es ist -umsonst, aus Umständen aller Art den Helden oder den Genius begreiflich -machen zu wollen. Der eigenste Zugang zu ihm ist der subjektive._« -..... (S. 314 f.): »Die älteren Maler strebten, die bleibenden Züge -der Physiognomie in einem idealen Moment, der für dieselben am meisten -prägnant und bezeichnend ist, zu sammeln. Möchte nun eine neue Schule -den momentanen Eindruck festhalten, um so den Eindruck des Lebens zu -steigern: so gibt sie die Personen an die Zufälligkeit des Momentes -hin. Und auch in diesem findet ja eine Auffassung des Inbegriffs von -Eindrücken eines gegebenen Momentes unter der Einwirkung des erworbenen -seelischen Zusammenhanges statt; eben in dieser Apperzeption entspringt -die Verbindung der Züge von einem gefühlten Eindruckspunkt aus, welche -Auslassungen und Betonungen bedingt: so entsteht ein Momentbild -ebenso der Apperzeptionsweise des Malers als des Gegenstandes, -und jede Bemühung zu sehen ohne zu apperzipieren, so gleichsam das -sinnliche Bild in Farben auf einer Platte aufzulösen, muß mißlingen. -Was noch tiefer führt, der Eindruckspunkt ist schließlich durch das -Verhältnis irgend einer Lebendigkeit zu der meinigen bedingt, ich -finde mich in meinem Lebenszusammenhang von etwas Wirkendem in einer -Natur innerlich berührt; ich verstehe von diesem Lebenspunkt aus die -dorthin konvergierenden Züge. So entsteht ein Typus. Ein Individuum -war das Original: ein Typus ist jedes echte Porträt, geschweige denn -in einem Figurengemälde. Auch die Poesie kann nicht abschreiben, -was vor sich geht u. s. w.« Sonst ist nur die sehr interessante und -originelle Arbeit von Hermann _Swoboda_, Verstehen und Begreifen, -Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XXVII, 1903, -Heft 2, zu nennen. _Swoboda_ hält wie Dilthey die Gleichheit respektive -Verwandtschaft für das _einzige_ Erfordernis des Verständnisses; hierin -weiche ich von beiden ab. - -($S. 139, Z. 17.$) Richard _Wagner_, Gesammelte Schriften und -Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. VI, S. 128. - -($S. 142, Z. 7 v. o.$) Es gibt nur Universalgenies: »ὃν γὰρ ἀπέστειλεν -ὁ θεός, τὰ ῥήματα του θεου λαλει· οὐ γὰρ ἐκ μέτρου δίδωσιν τὸ πνεῦμα.« -(_Evang. Joh._ 3, 34.) - -($S. 142, Z. 16 v. u.$) Die hier gerügte Verwechslung kommt besonders -deutlich zum Vorschein bei Franz _Brentano_, Das Genie, ein Vortrag, -Leipzig 1892, S. 11: »Jedes Genie hat sein eigentümliches Gebiet; nicht -bloß gibt es kein Universalgenie im vollen Sinne des Wortes, sondern -meist hat die Genialität auch in der einzelnen Kunstgattung engere -Grenzen. So war z. B. Pindar ein genialer Lyriker und nichts weiter.« -Wäre diese populäre Ansicht haltbar, so müßte man den Dichter und Maler -Rossetti über den »bloßen« Dichter Dante stellen, Novalis höher halten -als Kant und Lionardo da Vinci für den größten Menschen ansehen. - -($S. 143, Z. 10 v. u.$) Hiemit stimmt _Schopenhauers_ Überzeugung -überein (Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 31, S. 447, ed. -Frauenstädt): »Weiber können bedeutendes Talent, aber kein Genie haben.« - -($S. 144, Z. 11 v. o.$) Über das Verhältnis der anderen Menschen zum -Helden Thomas _Carlyle_, On Heroes, Hero-Worship and the Heroic in -History, London, Chapman and Hall, p. 10 ff. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 5. - - -($S. 145, Z. 5 v. u.$) Anderthalb Jahre nach Niederschrift dieser -Partien fand ich in _Schopenhauers_ Nachlaß (Neue Paralipomena, -§ 143) eine Stelle, die einzige mir in der gesamten Literatur bekannt -gewordene, in der eine Ahnung des Zusammenhanges zwischen Genialität -und Gedächtnis sich äußert. Sie lautet: »Ob nicht alles Genie seine -Wurzel hat in der Vollkommenheit und Lebhaftigkeit der Rückerinnerung -des eigenen Lebenslaufes? Denn nur vermöge dieser, die eigentlich unser -Leben zu einem großen Ganzen verbindet, erlangen wir ein umfassenderes -und tieferes Verständnis desselben, als die übrigen haben.« - -($S. 146, Z. 5 f.$) David _Hume_ fragt einmal (A Treatise of Human -Nature, 1. Ausgabe, London 1738, Vol. I, p. 455): »Who can tell me, for -instance, what were his thoughts and actions on the first of January -1715, the 11. of March 1719 and the 3. of August 1733?« Das vollkommene -Genie müßte dies von allen Tagen seines Lebens mit Sicherheit wissen. - -($S. 150, Z. 4 ff.$) Vgl. _Goethe_, Dichtung und Wahrheit, III. Teil -XIV. Buch (Bd. XXIV, S. 141 der Hesseschen Ausgabe): »Ein Gefühl aber, -das bei mir gewaltig überhand nahm und sich nicht wundersam genug -äußern konnte, war die Empfindung der Vergangenheit und Gegenwart in -eins: eine Anschauung, die etwas Gespenstermäßiges in die Gegenwart -brachte. Sie ist in vielen meiner größeren und kleineren Arbeiten -ausgedrückt und wirkt im Gedicht immer wohltätig, ob sie gleich im -Augenblicke, wo sie sich unmittelbar am Leben und im Leben selbst -ausdrückte, jedermann seltsam, unerklärlich, vielleicht unerfreulich -scheinen mußte.« - -($S. 152, Z. 5 v. u. f.$) »Der Erfolg der Sängerinnen hatte im -Laufe des XVII. Jahrhunderts der Frau jede Gelegenheit auch der -theoretisch-musikalischen Ausbildung eröffnet. Unzulängliche Vorbildung -kann also in der Komposition als Grund für die minderwertige weibliche -Leistung nicht gelten.« So Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_, -Mutterschaft und geistige Arbeit, S. 74; ich citiere diese Stelle auch, -um _Mills_ geistreichen Syllogismus anzuführen: »Man unterrichtet -die Frauen in der Musik, aber nicht damit sie komponieren, sondern -nur damit sie ausüben können, und _folglich_ sind in der Musik die -Männer den Frauen als Komponisten überlegen.« (Die Hörigkeit der Frau, -übersetzt von Jenny Hirsch, Berlin 1869, S. 126.) - -($S. 152, Z. 2 v. u. f.$) Die Angabe über die Malerinnen etc. nach -_Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 150. - -($S. 153, Z. 10 v. u.$) »A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve -qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas -de différence entre les hommes.« (_Pascal_, Pensées, I, 10, 1.) - -($S. 154, Z. 5 v. u.$) Hiemit stimmt überein, was _Helvetius_ (nach -J. B. _Meyer_, Genie und Talent, Eine prinzipielle Betrachtung, -Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. XI, 1880, S. 298) und -_Schopenhauer_ (Parerga und Paralipomena II, § 53) über den nur -dem Grade nach bestehenden Unterschied zwischen dem Genie und den -Normalköpfen lehren. Vgl. auch _Jean Paul_, Vorschule der Ästhetik, -§ 8: »Wie könnte denn ein Genie nur einen Monat, geschweige -Jahrtausende lang von der ungleichartigen Menge erduldet oder gar -erhoben werden ohne irgend eine ausgemachte Familienähnlichkeit mit -ihr?« - -($S. 155, Z. 9 ff.$) Man vergleiche die Autobiographie der bedeutenden -Menschen mit denen minder hervorragender Männer. Jene reichen stets -weiter zurück (_Goethe_, _Hebbel_, _Grillparzer_, Richard _Wagner_, -_Jean Paul_ u. s. w.). _Rousseau_, Confessions, Nouvelle édition, Paris -1875, p. 4: »J'ignore ce que je fis jusqu'à cinq ou six ans. Je ne -sais comment j'appris à lire; je ne me souviens que de mes premières -lectures et de leur effet sur moi: _c'est le temps d'où je date sans -interruption la conscience de moi-même_.« -- Natürlich ist nicht jeder -Biograph seines eigenen Lebens ein großer Genius (J. St. _Mill_, -_Darwin_, Benvenuto _Cellini_). - -($S. 157, Z. 19 v. u.$) Richard _Wagner_, »Die Meistersinger von -Nürnberg,« III. Akt (Gesammelte Schriften und Dichtungen, Bd. VII, -Leipzig 1898, S. 246). - -($S. 157, Z. 12 v. u.$) So bemerkt bereits _Aristoteles_ (während -_Platon_ bis auf Timaeus 37 D ff. die Zeit im engeren Sinne nicht -Problem geworden zu sein scheint), Physika VI, 9, 239 b, 8: Οὐ γὰρ -σύγκειται ὁ χρόνος ἐκ τῶν νῦν ἀδιαιρέτων. - -($S. 158, Z. 1 v. u.$) Wie wenig tief im Wesen der Frau das -Gedächtnis gegründet ist, geht daraus hervor, daß man in einer Frau -das Erinnerungsvermögen für bestimmte Dinge töten kann, indem man -ihr in der Hypnose verbietet, je wieder derselben zu gedenken. Einen -solchen Fall entnehme ich einer Erzählung _Freuds_ in seinen mit -_Breuer_ gemeinsam herausgegebenen »Studien über Hysterie«, Leipzig -und Wien 1895 (S. 49): »Ich unterbreche sie hier .... und nehme ihr -die Möglichkeit, alle diese traurigen Dinge wieder zu sehen, indem -ich nicht nur die plastische Erinnerung verlösche, sondern die ganze -Reminiszenz aus ihrem Gedächtnisse löse, als ob sie nie darin gewesen -wäre.« Und in einer Anmerkung zu dieser Stelle fügt _Freud_ hinzu: »Ich -bin diesmal in meiner Energie wohl zu weit gegangen. Noch 1½ Jahre -später, als ich Frau Emmy in relativ hohem Wohlbefinden wiedersah, -klagte sie mir, _es sei merkwürdig, daß sie sich an gewisse, sehr -wichtige Momente ihres Lebens nur höchst ungenau erinnern könne_. Sie -sah darin einen Beweis für die Abnahme ihres Gedächtnisses, während -ich mich hüten mußte, ihr die Erklärung für diese spezielle Amnesie zu -geben« (um einen Rückfall in die Krankheit zu verhindern). - -($S. 159, Z. 9 v. u.$) _Lotze_: im »Mikrokosmus«, 1. Aufl., 1858, -Bd. II, S. 369. - -($S. 162, Z. 17 f.$) Diese Ableitung aus dem Schein der Bekanntheit -neuer Situationen bei _Rhys Davids_, Der Buddhismus, Leipzig, -Universalbibliothek, S. 107. - -($S. 162, Z. 23.$) Edward B. _Tylor_, Die Anfänge der Kultur, -Untersuchungen über die Entwicklung der Mythologie, Philosophie, -Religion, Kunst und Sitte, übersetzt von J. W. Spengel und Fr. Poske, -Leipzig 1873, Bd. II, S. 1: Es »kann ... nicht nachdrücklich genug -hervorgehoben werden, daß die Lehre von einem zukünftigen Leben, wie -wir sie selbst bei den niedrigsten Rassen vorfinden, eine durchaus -notwendige Folge des rohen Animismus ist.« -- Herbert _Spencer_, Die -Prinzipien der Soziologie, Bd. I, Stuttg. 1877, § 100 (S. 225). Richard -_Avenarius_, Der menschliche Weltbegriff, Leipzig 1891, S. 35 ff. - -($S. 163, Z. 11 f.$) Über dieses plötzliche Auftauchen aller -Erinnerungen vor dem Tode oder in Todesgefahr und Todesnähe vgl. -_Fechner_, Zend-Avesta, 2. Aufl., Bd. II, S. 203 ff. - -($S. 164, Z. 8 f.$) Über die »Euthanasie der Atheisten« vergleiche man, -was F. A. _Lange_ erzählt (Geschichte des Materialismus, 5. Aufl., -1896, Bd. I, S. 358). - -($S. 166, Z. 5 v. u. f.$) Aus den angeführten Gründen sind mir die -indischen Lehren vom Leben nach dem Tode, die griechische Anschauung -vom Lethe-Trunk und die Verkündung von _Wagners_ Tristan: »... -im weiten Reich der Welten-Nacht. Nur ein Wissen dort uns eigen: -göttlich ew'ges _Ur-Vergessen_«, ungleich weniger verständlich -als die Anschauung Gustav Theodor _Fechners_, dem das zukünftige -Leben ein volles und ganzes Erinnerungsleben ist (Zend-Avesta oder -über die Dinge des Himmels und des Jenseits vom Standpunkte der -Naturbetrachtung, 2. Aufl., besorgt von Kurd Laßwitz, Hamburg und -Leipzig 1901, Bd. II, S. 190 ff.), z. B. S. 196: »Ein volles Erinnern -an das alte Leben wird beginnen, wenn das ganze alte Leben hinten -liegt, und alles Erinnern innerhalb des alten Lebens selber ist bloß -ein kleiner Vorbegriff davon.«. Die Annahme ist _unethisch_, welche -die Erinnerungen aus dem Erdenleben mit dem Tode völlig ausgelöscht -sein läßt: sie entwertet Wertvolles; da Wertloses ohnehin vergessen -wird. Und dann: in der Erinnerung ist der Mensch bereits aktiv, das -Gedächtnis ist eine Willenserscheinung; von einem Leben in voller -Aktivität ist zu denken, daß es alle Elemente der Aktivität in sich -aufgenommen habe, es ist ewig, weil es zeitlos ist und also Vergangenes -und Zukünftiges nebeneinander sieht. Sehr schön sagt Fechner (ibid. -S. 197 f.): »So denke dir also, daß nach dem letzten Augenschluß, der -gänzlichen Abtötung aller diesseitigen Anschauung und Sinnesempfindung -überhaupt, die der höhere Geist bisher durch dich gewonnen, nicht -bloß die Erinnerungen an den letzten Tag erwachen, sondern teils -die Erinnerungen, teils die Fähigkeit zu Erinnerungen an dein ganzes -Leben, lebendiger, zusammenhängender, umfassender, heller, klarer, -überschaulicher, als je Erinnerungen erwachten, da du immer noch halb -in Sinnesbanden gefangen lagst; denn so sehr dein eigener Leib das -Mittel war, diesseitige Sinnesanschauungen zu schöpfen und irdisch -zu verarbeiten, so sehr war er das Mittel, dich an dies Geschäft zu -binden. Nun ist aus das Schöpfen, Sammeln, Umbilden im Sinne des -Diesseits; der heimgetragene Eimer öffnet sich, du gewinnst, und in -dir tut's der höhere Geist, auf einmal allen Reichtum, den du nach und -nach hineingetan. Ein geistiger Zusammenhang und Abklang alles dessen, -was du je getan, gesehen, gedacht, errungen in deinem ganzen irdischen -Leben, wird nun in dir wach und helle; wohl dir, wenn du dich dessen -freuen kannst. Mit solchem Lichtwerden deines ganzen Geistesbaues -wirst du geboren ins neue Leben, um mit hellerem Bewußtsein fortan zu -arbeiten an dem höheren Geistesleben ...« - -»Manche sind, die glauben wohl an ein künftig Leben, nur gerade, daß -die Erinnerung des jetzigen hinüberreichen werde, wollen sie nicht -glauben. Der Mensch werde neu gemacht und finde sich ein anderer im -neuen Leben, der wisse nichts mehr von dem früheren Menschen. Sie -brechen damit selbst die Brücke ab, die zwischen Diesseits und Jenseits -überleitet und werfen eine dunkle Wolke zwischen. Statt daß nach uns -der Mensch mit dem Tode sich ganz und vollständig wieder gewinnen soll, -ja so vollständig, als er sich niemals im Leben hatte, lassen sie ihn -sich ganz verlieren; der Hauch, der aus dem Wasser steigt, statt den -künftigen Zustand des ganzen Wassers vorzubedeuten, verschwindet ihnen -mit dem Wasser zugleich. Nun soll es plötzlich als neues Wasser in -einer neuen Welt da sein. Allein wie ward es so? Wie kam's dahin? Die -Antwort bleiben sie uns schuldig. So bleibt man auch gar leicht den -Glauben daran schuldig. - -Was ist der Grund von solcher Ansicht? Weil keine Erinnerungen aus -einem früheren Leben ins jetzige hinüberreichen, sei auch nicht zu -erwarten, daß solche aus dem jetzigen ins folgende hinüberreichen. Aber -hören wir doch auf, Gleiches aus Ungleichem zu folgern. Das Leben vor -der Geburt hatte noch keine Erinnerungen, ja kein Erinnerungsvermögen -in sich, wie sollten Erinnerungen davon in das jetzige Leben reichen; -das jetzige hat Erinnerungen und ein Erinnerungsvermögen in sich -entwickelt, wie sollten Erinnerungen nicht in das künftige Leben -reichen, ja sich nicht steigern, wenn wir doch im künftigen Leben eine -Steigerung dessen zu erwarten haben, was sich im Übergange vom vorigen -zum jetzigen Leben gesteigert hat. Wohl wird der Tod als zweite Geburt -in ein neues Leben zu fassen sein; ... aber kann darum alles gleich -sein zwischen Geburt und Tod? Nichts ist doch sonst ganz gleich -zwischen zwei Dingen. Der Tod ist eine _zweite_ Geburt, indes die -Geburt eine _erste_. Und soll uns die zweite zurückwerfen auf den Punkt -der ersten, nicht vielmehr von neuem Anlauf auf uns weiter führen? Und -muß der Abschnitt zwischen zwei Leben notwendig ein Schnitt sein? Kann -er nicht auch darin bestehen, daß das Enge sich plötzlich ausdehnt in -das Weite?« (S. 199 f.). - -($S. 169, Z. 4.$) In den werttheoretischen Büchern von _Döring_, -_Meinong_, _Ehrenfels_, _Kreibig_ habe ich vergebens nach irgend -einer Bestimmung des Verhältnisses von Wert und Zeit gesucht. Was -bei Alexius v. _Meinong_, Psychologisch-ethische Untersuchungen -zur Werttheorie, Graz 1894, S. 46 und 58 ff., bei Josef Clemens -_Kreibig_, Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie, -Wien 1902, S. 53 ff., zu finden ist, steht in keiner Beziehung zu -dem hier in Betracht kommenden prinzipiellen Zwecke. Gerade was -Kreibig ausführt, S. 54: »Das stets gleichbleibende lang andauernde -Tönen einer Dampfpfeife oder eines Nebelhornes, das Einerlei eines -gleichförmig grauen Himmels, das endlose Plappern eines witzelnden -Gesellschafters wirkt auf die Dauer unlusterregend, auch wenn diese -Inhalte ursprünglich angenehm empfunden wurden. Goethe sagt treffend, -nichts sei schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen (!) -Tagen. Auf allen höheren Gebieten finden wir ähnliche Tatbestände; -der immer süße Mendelssohn, der leiernde Hexameter Vossens, das Lob -der Speichellecker wird schließlich peinvoll. Der Sozialist Fourier -beweist Beobachtungsgabe, indem er in seinem Phalansterium der -»Schmetterlingsleidenschaft« der Menschen durch entsprechenden Wechsel -der pflichtmäßigen Beschäftigung jedes einzelnen Rechnung trägt. Daß -anderseits eine zu rasche Abfolge differenter Inhalte ermüdend und -damit negativ wertbeeinflussend wirkt, braucht nicht ausführlich belegt -zu werden« -- gerade diese Auseinandersetzung zeigt, wie heillos die -_Brentano_sche Schule »Wertgefühl« und Lust konfundiert hat. Die Lust -mag durch Dauer geschwächt werden, ein Wertvolles kann durch sie nie an -Wert verlieren. - -Nur an zwei Orten finde ich Meinungen, die an die Darlegungen -des Textes erinnern könnten. Harald _Höffding_ stellt in seiner -»Religionsphilosophie« (übersetzt von F. Bendixen, Leipzig 1901, -S. 105, 193 ff.) eine These von der »Erhaltung des Wertes« auf, -durch welche man sich entfernt an den Satz von der Zeitlosigkeit des -Wertes gemahnt fühlen könnte. Viel näher und deutlicher erkennbar ist -meine Übereinstimmung mit Rudolf _Eucken_, Der Wahrheitsgehalt der -Religion, Leipzig 1901, S. 219 f.: »... Wohl heißt es, daß der Mensch -der bloßen Zeit angehört, aber er tut das nur für eine gewisse Fläche -seines Daseins; alles geistige Leben ist eine Erhebung über die Zeit, -eine Überwindung der Zeit. Was immer an geistigen Inhalten entfaltet -wird, das trägt in sich den Anspruch, ohne alle Beziehung zur Zeit -und unberührt von ihrem Wandel, d. h. also in einer ewigen Ordnung -der Dinge zu gelten; nicht nur die Wissenschaft gibt ihre Wahrheit -»unter der Form der Ewigkeit«, was immer wertvoll und wesenhaft sein -will, das verschmäht ein Dahinschwimmen mit dem Flusse der Zeit, eine -Unterwerfung unter den Wandel ihrer Mode und Laune, das will umgekehrt -von sich aus die Zeiten messen und ihren Wert bestimmen. - -Dieses Verlangen nach Ewigkeit begnügt sich nicht damit, eine -Zuflucht aus den Wirren der Zeit zu suchen, es nimmt auf dem eigenen -Boden der Zeit den Kampf mit ihr auf; dieser Zusammenstoß von Zeit -und Ewigkeit ist es vornehmlich, woraus Geschichte im menschlichen -Sinne entsteht und besteht. In der Zeit selbst erwächst ein Streben -über alles Zeitliche hinaus zu etwas Unwandelbarem: so fixiert -das Kulturleben von den Leistungen der Vergangenheit gewisse als -klassisch und möchte sie nicht nur dauernd im Bewußtsein erhalten, -sondern in ihnen ein untrügliches Maß des Strebens finden ... nicht -dadurch entsteht Geschichte im menschlichen und geistigen Sinne, daß -Erscheinungen einander folgen und sich anhäufen, sondern dadurch, daß -diese Folge irgend gedacht und erlebt wird. Nun aber wäre nicht einmal -ein Überschauen und die Vereinigung der Mannigfaltigkeit in einen -Gesamtanblick möglich ohne ein Heraustreten des Beobachters aus dem -rastlosen Strom der Zeit. Und die Betrachtung allein vermag keineswegs -eine historische Gestaltung der Kultur hervorzubringen, diese kommt nur -zustande, indem in der Geschichte Wesentliches und Nebensächliches, -Bleibendes und Vergängliches auseinandertritt; sie ist nicht möglich -ohne ein energisches Sondern und Sichten der chaotischen Fülle, die uns -zuströmt. Der echte Bestand, der allein für die eigene Lebensführung -Wert hat, ist aus der Erscheinung immer erst herauszuarbeiten. Wer -anders aber sollte jenes Sondern und Sichten vollziehen als ein der -Zeit überlegener, nach inneren Notwendigkeiten messender Lebensprozeß -und wie anders sollte er es tun, als indem er das echt Befundene aus -allem Wandel der Zeit heraushebt und ihr gegenüber festlegt?...« -S. 221 f.: »... ein anderes ist es, die anthropomorphe Unsterblichkeit -abzulehnen, ein anderes, dem Geisteswesen des Menschen alle Teilnahme -an der Ewigkeit zu versagen. Denn dies heißt nicht sowohl Aussichten -in die Zukunft abschneiden als alles Geistesleben der bloßen Zeit -überantworten, damit aber es herabdrücken, zerstreuen, innerlich -vernichten. Auch das zeitliche Leben wird zu bloßem Schatten und -Schein, wenn ihm kein Streben zur Ewigkeit innewohnt; müßte doch bei -voller Gebundenheit an die Zeit alles menschliche Erlebnis, alle -menschliche Wirklichkeit nach dem Aufleuchten des bloßen Augenblicks -sofort in den Abgrund des Nichts zurücksinken.« - -Wollte ich noch weiteres anführen, so könnte ich nur auf den schönen -Traum verweisen, den Knut _Hamsun_ in seinem Roman »Neue Erde« -(übersetzt von M. v. Borch, München 1894, S. 169 ff.) schildert, oder -müßte schon hier auf die ewigen Ideen _Platons_ zurückgreifen, die -unberührt von der Zeit an einem Orte »jenseits des Himmels« thronen. -Die _Ideen_ Platons in ihrer späteren restringierten Fassung sind die -_Werte_ der modernen, von _Kant_ begründeten Philosophie. Aber in der -rein psychologischen Auseinandersetzung dieses Kapitels kommt das noch -nicht in Betracht. - -($S. 174, Z. 19 f.$) _Carlyle_, On Heroes etc., p. 11 f. »He was the -‚creature of the Time’, they say; the Time called him forth, the Time -did everything, he nothing .... The Time call forth? Alas, we have -known Times _call_ loudly enough for their great man; but not find him -when they called! He was not there; Providence has not sent him; the -Time, _calling_ its loudest, had to go down to confusion and wreck -because he would not come when called. - -For if we will think of it, no time need have gone to ruin, could it -have _found_ a man great enough, a man wise and good enough: wisdom -to discern truly what the Time wanted, valour to lead it on the right -road thither; these are the salvation of any Time. But I liken common -languid Times, with their unbelief, distress, perplexity, with their -languid doubting characters and embarrassed circumstances, impotently -crumbling-down into ever worse distress towards final ruin; -- all this -I liken to dry dead fuel, waiting for the lightning but of Heaven that -shall kindle it. The great man, with his free force direct out of God's -own hand, is the lightning. His word is the wise healing word which all -can believe in. All blazes round him now, when he has once struck on -it, into fire like his own. The dry mouldering sticks are thought to -have called him forth. They did want him greatly; but as to calling him -forth --! -- Those are critics of small vision, I think, who cry: ‚See, -is it not the stick that made the fire?’ _No sadder proof can be given -by a man of his own littleness than disbelief in great men._« - -($S. 176, Z. 4 v. u.$) _Baco_ als Sprachkritiker: Novum Organum I, 43. -Fritz _Mauthner_, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. I, Sprache -und Psychologie, Stuttgart 1901. - -($S. 177, Z. 19 v. u.$) Hermann _Türck_, Der geniale Mensch, 5. Aufl., -Berlin 1901, S. 275 f. -- Cesare _Lombroso_, Der geniale Mensch, -übersetzt von M. O. Fränkel, Hamburg 1890, passim. -- Zur Erheiterung -sei hier noch Francis _Galton_ (Hereditary Genius, Inquiry into its -Laws and Consequences, London 1892, p. 9, vgl. Preface p. XII) folgende -Auffassung entnommen: »When I speak of an eminent man, I mean one who -has achieved a position that is attained by only 250 persons in each -million of men, or by one person in each 4000.« - -($S. 177, Z. 15 v. u.$) _Kant_ über das Genie: Kritik der Urteilskraft, -§ 46-50. Vgl. Otto _Schlapp_, Kants Lehre vom Genie, Göttingen 1902, -besonders S. 305 ff. _Schelling_, System des transscendentalen -Idealismus, Werke I/3, S. 622-624, S. 623 heißt es: »Nur das, was -die Kunst hervorbringt, ist allein und nur durch Genie möglich.« -- -Gegen Kantens Ausschluß der Philosophen von der Genialität wenden -sich _Jean Paul_, Das Kampanertal oder über die Unsterblichkeit der -Seele, 503. Station und Johann Gottlieb _Fichte_, Über den Begriff -der Wissenschaftslehre, 1794, § 7. (Sämtliche Werke herausgegeben von -J. H. Fichte, Bd. I/1, S. 73, Anmerkung.) - - - - -Zu Teil II, Kapitel 6. - - -($S. 182, Z. 1 v. u.$) _Für_ den Psychologismus: Karl _Stumpf_, -Psychologie und Erkenntnistheorie, Abhandlungen der philos.-philol. kl. -königlich bayerischen Akad. der Wissensch., Bd. 19, 1892, S. 465-516. -Alois _Höfler_, Logik, Wien 1890, S. 17: »Da die Psychologie -_sämtliche_ psychischen Erscheinungen, die Logik nur die Erscheinungen -des _Denkens_, und zwar die des _richtigen_ Denkens zum unmittelbaren -Gegenstande hat, so bildet die theoretische Bearbeitung des letzteren -nur einen _speziellen Teil_ der _Psychologie_.« Theodor _Lipps_, -Grundzüge der Logik, Hamburg 1893, S. 1 f., S. 149. - -_Gegen_ den Psychologismus: Edmund _Husserl_, Logische Untersuchungen, -I. Teil, Halle 1900. Hermann _Cohen_, Kants Theorie der Erfahrung, -2. Aufl., Berlin 1885, S. 69 f., 81 f., und Logik der reinen -Erkenntnis, Berlin 1902 (System der Philosophie, I. Teil), S. 509 f. -Wilhelm _Windelband_, Kritische oder genetische Methode (Präludien, -1. Aufl., 1884, S. 247 ff.). Ferdinand Jakob _Schmidt_, Grundzüge -der konstitutiven Erfahrungsphilosophie als Theorie des immanenten -Erfahrungsmonismus, Berlin 1901, S. 16 f., 59 f., 69 f. Emil -_Lucka_, Erkenntnistheorie, Logik und Psychologie, in der Wiener -Halbmonatsschrift »Die Gnosis« vom 25. März 1903. - -($S. 183, Z. 18.$) Wenn _Kant_ bei der Aufstellung seines -Sittengesetzes für »alle möglichen vernünftigen Wesen« an einen -besonderen Träger außer dem Menschen gedacht hat und nicht bloß -das streng formale Prinzip reinhalten wollte von dem Zufälligen -der empirischen Menschheit, so dürften ihm eher jene Bewohner -anderer Gestirne vorgeschwebt haben, von welchen der dritte Teil -der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels« handelte, -als das, was _Schopenhauer_ ihm unterschiebt (Preisschrift über -die Grundlage der Moral, § 6): »Man kann sich des Verdachtes nicht -erwehren, daß _Kant_ dabei ein wenig an die lieben Engelein gedacht, -oder doch auf deren Beistand in der Überzeugung des Lesers gezählt -habe.« Für die Engel gälte nämlich die Kantische Ethik gar nicht, da -bei ihnen Sollen und Sein zusammenfiele. - -($S. 183, Z. 5 v. u.$) Auch der Aufsatz von A. _Meinong_, -Zur erkenntnistheoretischen Würdigung des Gedächtnisses, -Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, X, 1886, -S. 7-33, liegt gänzlich abseits von den hier behandelten Problemen. - -($S. 184, Z. 2 f.$) Charles _Bonnet_, Essai analytique sur les facultés -de l'âme, Copenhague 1760, p. 61: »La souplesse ou la mobilité des -fibres augmente par le retour des mêmes ébranlements. Le sentiment -attaché à cette augmentation de souplesse ou de mobilité constitue la -réminiscence.« (Citiert nach Harald _Höffding_) Vgl. übrigens noch Max -_Offner_, Die Psychologie Charles Bonnets, Eine Studie zur Geschichte -der Psychologie, Schriften der Gesellschaft für psychologische -Forschung, Heft 5, Leipzig 1893, S. 34 ff. -- Ewald _Hering_, Über das -Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie, -Vortrag, 2. Ausgabe, Wien 1876. -- Vgl. E. _Mach_, Die Analyse der -Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, -3. Aufl., Jena 1902, S. 177 ff. - -($S. 185, Z. 6 ff.$) Über Erinnerung unter dem Einflusse der Suggestion -vgl. Friedrich _Jodl_, Lehrbuch der Psychologie, 2. Aufl., Stuttgart -und Berlin 1903, Bd. II, S. 159: »Als eine Zwischenstufe zwischen -dem, was .... als passives und aktives Moment der repräsentativen -Aufmerksamkeit unterschieden wird, kann man den Fall ansehen, wo in die -Leitung des Reproduktionsprozesses und die Fixierung der Aufmerksamkeit -nicht der eigene Wille des Subjektes, sondern ein fremder Wille -eingreift, um mit jenem bestimmte Zwecke zu erreichen oder bestimmte -Bewußtseinsphänomene hervorzurufen .... Hier geschieht durch Einwirkung -von außen, was bei der willkürlichen Reproduktion aus dem Willen des -Subjektes heraus erfolgt.« - -($S. 185, Z. 19 v. u.$) Richard _Avenarius_, Kritik der reinen -Erfahrung, Bd. II, Leipzig 1890, S. 32, 42 ff. -- H. _Höffding_, -Über Wiedererkennen, Association und psychische Aktivität, -Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889, -S. 420 f. und XIV, 1890, S. 27 ff. Psychologie in Umrissen, übersetzt -von Bendixen, 2. Aufl., 1893, S. 163 f., Philosophische Studien, VIII, -S. 86 f. - -Im ersten Aufsatze sagt Höffding (S. 426 f.): »Was in solchen -Bewußtseinszuständen .... gegeben ist, das ist die unmittelbare -Auffassung des Unterschiedes zwischen Bekanntem und Vertrautem und -etwas Neuem und Fremdem. Dieser Unterschied ist so einfach und -klar, daß er sich ebensowenig näher beschreiben läßt, als z. B. -der Unterschied zwischen Lust und Unlust, oder der Unterschied -zwischen Gelb und Blau. Wir stehen hier einem unmittelbaren -Qualitätsunterschiede gegenüber. Die eigentümliche Qualität, mit -welcher das Bekannte im Gegensatz zum Neuen im Bewußtsein auftritt, -werde ich im folgenden die _Bekanntheitsqualität_ nennen.« [Es] »ist -noch hervorzuheben, daß die Selbstbeobachtung in den angeführten -Fällen _nicht die geringste Spur von anderen Vorstellungen zeigt, die -durch die erkannte Erscheinung erweckt würden_, und von denen man -annehmen könnte, sie spielten eine Rolle beim Wiedererkennen selbst. -Insofern also jemand annehmen wollte, alles Wiedererkennen setze -derartige Vorstellungen voraus, so liegt ihm die Beweispflicht ob; und -läßt sich das unmittelbare Wiedererkennen, sowie es in den angeführten -Fällen auftritt, ohne eine solche Annahme erklären, so wird diese -Erklärung die einzige wissenschaftliche sein.« - -Gegen diese Lehre _Höffdings_ haben sich mit durchaus unzureichenden -Gründen Wilhelm _Wundt_, Grundzüge der physiologischen Psychologie, 4. -Aufl., Leipzig 1893, Bd. II, S. 442, Anmerkung 1, und William _James_, -The Principles of Psychology, 1890, Vol. I, p. 674, Anmerkung 1 -ausgesprochen. Höffding selbst bemerkt klar genug S. 431: »Diese -Reproduktion braucht nicht dahin zu führen, daß das, was reproduziert -wird, als selbständiges Glied im Bewußtsein auftrete. Und in den -vorliegenden Fällen geschieht dies auch nicht. Deren Eigentümlichkeit -bestand unter anderem gerade in ihrem nicht zusammengesetzten -Charakter. Außer dem erkannten Zug oder den erkannten Zügen findet -sich im Bewußtsein nicht das Mindeste, was mit dem Wiedererkennen -zu schaffen hat. Das Wort »~Les Plans~« klingt bekannt, und diese -Bekanntheitsqualität ist die _ganze Erscheinung_ ....« Es ist dagegen -unzutreffend, wenn _Wundt_ behauptet (a. a. O. II^4, 445): »Es geht -_immer_ der simultane deutlich in einen successiven Associationsvorgang -über, in welchem der zuerst vorhandene Eindruck, die dann hinzutretende -Mittelvorstellung und endlich das Wiedererkennungsgefühl als die -Glieder der Associationsreihe auftreten.« - -($S. 186, Z. 1 v. u.$) Nur dieselbe Verwechslung des Wiedererkennens -mit dem Gedächtnis liegt den Beispielen zu Grunde, auf Grund deren -G. John _Romanes_, Die geistige Entwicklung im Tierreich, Leipzig 1885, -S. 127 f. den Tieren ein Gedächtnis zuschreibt. - -($S. 190, Z. 12.$) Der Ausdruck connotativ (mitbezeichnend) stammt -von John Stuart _Mill_, System der deduktiven und induktiven Logik, -übersetzt von Gomperz, I^2, Leipzig 1884, S. 30 f. -- Den Ausdruck -»typische Vorstellung« gebraucht Harald _Höffding_, der Terminus -»Repräsentativ-Vorstellung« ist der englischen und französischen -Psychologie geläufig. - -($S. 191, Z. 13 v u.$) Wunderbar gibt _Fouqué_ dem _Alogischen_ im -Weibe zusammen mit seinem völligen Mangel an Kontinuität Ausdruck in -der »Undine« (fünftes Kapitel): »Einen Teil des Tages über strich er -mit einer alten Armbrust, die er in einem Winkel der Hütte gefunden -und sich ausgebessert hatte, umher, nach den vorüberfliegenden Vögeln -lauernd und, was er von ihnen treffen konnte, als guten Braten in die -Hütte liefernd. Brachte er nun seine Beute zurück, so unterließ Undine -fast niemals, ihn auszuschelten, daß er den lieben, lustigen Tierchen -oben im blauen Luftmeer so feindlich ihr fröhliches Leben stehle; ja -sie weinte oftmals bitterlich bei dem Anblick des toten Geflügels. Kam -er aber dann ein andermal wieder heim und hatte nichts geschossen, -so schalt sie ihn nicht minder ernstlich darüber aus, daß man nun um -seines Ungeschickes und seiner Nachlässigkeit willen mit Fischen und -Krebsen vorlieb nehmen müsse.« - -($S. 191, Z. 10 v. u.$) G. _Simmel_, Zur Psychologie der Frauen, -Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, XX, 1890, -S. 6-46: »Hier ist der Ort, der vielkritisierten Logik der Frauen -zu gedenken. Zunächst ist die Meinung, die ihnen dieselbe ganz oder -fast ganz absprechen will, einfach abzuweisen; das ist eine von den -trivialen Paradoxen, der gegenüber man sicher behaupten kann, daß -jeder, der nur irgend eingehender mit Frauen zu tun hatte, oft genug -von der Schärfe und Unbarmherzigkeit ihrer Folgerungen überrascht -worden ist.« (S. 9 f.) - -($S. 195, Z. 5 v. u.$) _Kant_, Kritik der praktischen Vernunft, S. 105 -(Universalbibliothek). - -($S. 196, Z. 8 v. u. f.$) Die Stelle über Spinoza bei _Kant_ ist -ungemein charakteristisch (vgl. Kap. 13); man findet sie in der Kritik -der praktischen Vernunft, S. 123, ed. Kehrbach. -- Was Kant an Hume -mit Recht sympathisch ansprechen durfte, war die Sonderstellung, -welche dieser klügste Empirist immerhin der Mathematik einräumte. Das -große Lob Humes aus dem Munde Kantens, welchem Hume sein hohes Ansehen -bei den nachkantischen Philosophen und Historikern der Philosophie -vornehmlich dankt, ist wohl so zu erklären, daß Kant selbst schon, -bevor er Hume kennen gelernt hatte, die Notwendigkeit der Ersetzung des -metaphysischen durch den transcendentalen Standpunkt unklar gefühlt -hatte. Den Angriff Humes empfand er als solchen, den er selbst längst -hätte führen sollen, und machte sich den eigenen Mangel an Rüstigkeit -in der Abrechnung mit allem Unbewiesenen in der Spekulation heftig -zum Vorwurf. So kam es, daß er Humes Skeptizismus dem Dogmatismus -gegenüber, den er in den eigenen Gliedern noch immer spürte, -hochstellen konnte, und an der Flachheit dieses Empirismus, bei dem -er natürlich nicht bleiben konnte, relativ wenig Anstoß nahm. -- Wie -unglaublich seicht Hume übrigens auch als Geschichtsschreiber in seinen -Urteilen über historische Bewegungen und historische Persönlichkeiten -ist, darüber vergleiche man das Büchlein von Julius _Goldstein_, Die -empiristische Geschichtsauffassung David Humes mit Berücksichtigung -moderner methodischer und erkenntnistheoretischer Probleme, eine -philosophische Studie, Leipzig 1903, z. B. die dort S. 19 f. aus -Humes »History of England« citierten Äußerungen über die Religion -und religiöse Menschen, besonders über Luther. Jene Stellen verraten -Borniertheit. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 7. - - -($S. 197, Z. 3 ff.$) David _Hume_, A Treatise of Human Nature, being an -Attempt to introduce the experimental Method of Reasoning into Moral -Subjects, Book I. Of the Understanding, Part IV. Of the sceptical and -other systems of philosophy, Sect. VI. Of personal identity, Vol. I, -p. 438 f. (der ersten englischen Ausgabe, London 1739): - -»For my part, when I enter most intimately into what I call myself, I -always stumble on some particular perception or other, of heat or cold, -light or shade, love or hatred, pain or pleasure. I never can catch -myself at any time without a perception, and never can observe anything -but the perception. When my perceptions are remov'd for any time, as -by sound sleep; so long am I insensible of _myself_, and may truly be -said not to exist. And were all my perceptions remov'd by death, and -cou'd I neither think, nor feel, nor see, nor love, nor hate after -the dissolution of my body, I thou'd be entirely annihilated, nor do -I conceive what is farther requisite to make me a perfect non-entity. -If any one, upon serious and unprejudiced reflection thinks he has a -different notion (439) of _himself_, I must confess I can reason no -longer with him. All I can allow him is, that he may be in the right as -well as I, and that we are essentially different in this particular. He -may, perhaps, perceive something simple and continu'd, which he calls -_himself_; tho' I am certain there is no such principle in me. - -But setting aside some metaphysicians of this kind, I may venture to -affirm of the rest of mankind that they are nothing but a bundle or -collection of different perceptions, which succeed each other with an -inconceivable rapidity, and are in a perpetual flux and movement.« - -($S. 198, Z. 3 f.$) Georg Christoph _Lichtenberg_, Ausgewählte -Schriften, herausgegeben von Eugen Reichel, Leipzig, -Universalbibliothek, S. 74 f.: »Wir werden uns gewisser Vorstellungen -bewußt, die nicht von uns abhängen; andere, glauben wir wenigstens, -hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die -Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. _Es denkt_, -sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen ~cogito~, ist -schon zu viel, sobald man es durch Ich denke übersetzt. Das _Ich_ -anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.« - -($S. 198, Z. 8 f.$) _Hume_ a. a. O., S. 455 f.: »All the nice and -subtile questions concerning personal identity can never possibly -be decided, and are to be regarded rather as grammatical than as -philosophical difficulties ... All the disputes concerning the identity -of connected objects are merely verbal.« - -($S. 198, Z. 12 f.$) E. _Mach_, Die Analyse der Empfindungen und -das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902, -S. 2 ff, 6 f., 10 f., 18 ff., 29 f. - -($S. 199, Z. 12 f.$) Das _Idioplasma_ ist also wohl das von Alois -_Höfler_, Psychologie, Wien und Prag 1897, S. 382, vermißte -physiologische Äquivalent des _empirischen_ Ich. - -($S. 200, Z. 5 v. u.$) Die beiden Stellen aus _Sigwart_ in dessen -Logik, I^2, Freiburg 1889, S. 182, 190. - -($S. 200, Z. 13.$) _Hegel_, Enzyklopädie der philosophischen -Wissenschaften im Grundrisse, § 115 (Werke, vollständige Ausgabe, Bd. -VI, S. 230 f., Berlin 1840): »Dieser Satz, statt ein wahres Denkgesetz -zu sein, ist nichts als das Gesetz des _abstrakten Verstandes_. Die -_Form des Satzes_ widerspricht ihm schon selbst, da ein Satz auch -einen Unterschied zwischen Subjekt und Prädikat verspricht, dieser -aber das nicht leistet, was seine Form fordert ... Wenn man behauptet, -dieser Satz könne nicht bewiesen werden, aber _jedes_ Bewußtsein -verfahre danach, und stimmt ihm nach der Erfahrung sogleich zu, wie -es ihn vernehme, so ist dieser angeblichen Erfahrung der Schule die -allgemeine Erfahrung entgegenzusetzen, daß kein Bewußtseyn nach diesem -Gesetze denkt, noch Vorstellungen hat u. s. f., noch spricht, daß keine -Existenz, welcher Art sie sey, nach demselben existiert. Das Sprechen -nach diesem seynsollenden Gesetze der Wahrheit (ein Planet ist -- ein -Planet, der Magnetismus ist -- der Magnetismus, der Geist ist -- ein -Geist) gilt mit vollem Recht für albern; dies ist wohl allgemeine -Erfahrung.« - -($S. 200, Z. 18 f.$) Vgl. hiezu Hermann _Cohen_, System der -Philosophie, I. Teil, Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902, S. 79: -»Man sagt, diese Identität bedeute nichts als Tautologie. Das Wort, -durch welches der Vorwurf bezeichnet wird, verrät die Unterschlagung -des Prinzipes. Freilich bedeutet die Identität Tautologie: nämlich -dadurch, daß durch Dasselbe (ταὐτό) das Denken zum Logos wird. Und so -erklärt es sich, daß vorzugsweise, _ja ausschließlich die Identität als -Denkgesetz stabiliert wurde._« - -($S. 201, Z. 16 f.$) Mit Heinrich _Gomperz_, Zur Psychologie der -logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien 1897, S. 21 f., ist meine -Darstellung an diesem Punkte vollkommen einer Ansicht. Er sagt: ».... -die wissenschaftlichen Begriffe bilden überall keinen Gegenstand -der Psychologie, d. h. der psychologischen Erfahrung ...... Wir -gelangen zu solchen Begriffen durch eine eigene Methode, nämlich -durch Synthese, wie wir zu den Naturgesetzen durch die Methode der -Induktion vorschreiten, und verwerten diese Begriffe durch Analyse wie -jene Gesetze durch Deduktion. Und deshalb gibt es eine Psychologie -des wissenschaftlichen Säugetierbegriffes ebensowenig wie eine -Psychologie des wissenschaftlichen Gravitationsgesetzes. Daß wir diese -Gesetzmäßigkeiten durch eigene Worte -- Säugetier und Gravitation -- -bezeichnen, kann hieran nichts ändern. Denn diese Worte bezeichnen -lediglich äußere, wenn auch ideelle Dinge. Diese sind Gegenstände, -nicht Elemente oder überhaupt Bestandteile des Denkens.« - -($S. 202, Z. 19.$) Die Stelle aus _Kant_: Kritik der reinen Vernunft, -S. 145, Kehrbach. -- Zur Lösung des von Kant bezeichneten Rätsels -glaube ich hier und auf S. 244-251 ein Weniges beigetragen zu haben. - -($S. 202, Z. 11 v. u.$) Was ich unter _Essenz_ meine, deckt sich also -ziemlich mit dem aristotelischen τὸ τί ἦν εἶναι. Der Begriff ist auch -für _Aristoteles_ an einer Stelle λόγος τί ἦν εἶναι λέγων (Eth. Nicom. -II, 6, 1107 a 6). - -($S. 203, Z. 7 v. u.$). Vgl. _Schelling_, System des transcendentalen -Idealismus, Werke I/3, S. 362: »In dem Urteil A = A wird ganz von dem -Inhalte des Subjektes A abstrahiert. Ob A _Realität_ hat oder nicht, -ist für dieses Wissen ganz gleichgültig.« »Der Satz ist evident und -gewiß, ganz abgesehen davon, ob A etwas wirklich Existierendes oder -bloß Eingebildetes oder selbst unmöglich ist.« - -($S. 204, Z. 3 v. o.$) John Stuart _Mill_, System der deduktiven -und induktiven Logik, Eine Darlegung der Grundsätze der Beweislehre -und der Methoden wissenschaftlicher Forschung, Buch II, Kapitel 7, -§ 5, 2. Aufl., übersetzt von Theodor Gomperz, Leipzig 1884, Bd. -I (Gesammelte Werke, Bd. II), S. 326: »Ich erkenne im principium -contradictionis, wie in anderen Axiomen eine unserer frühesten -und naheliegendsten Verallgemeinerungen aus der Erfahrung. Ihre -ursprüngliche Grundlage finde ich darin, daß Glaube und Unglaube zwei -verschiedene Geisteszustände sind, die einander ausschließen. Dies -erkennen wir aus der einfachsten Beobachtung unseres eigenen Geistes. -Und richten wir unsere Beobachtung nach außen, so finden wir auch hier, -daß Licht und Dunkel, Schall und Stille, Bewegung und Ruhe, Gleichheit -und Ungleichheit, Vorangehen und Nachfolgen, Aufeinanderfolge und -Gleichzeitigkeit, kurz jedes positive Phänomen und seine Verneinung -unterschiedene Phänomene sind, im Verhältnis eines zugespitzten -Gegensatzes, und die eine immer dort abwesend, wo die andere anwesend -ist. Ich betrachte das fragliche Axiom als eine Verallgemeinerung aus -all diesen Tatsachen.« - -Von der Flachheit dieser Auseinandersetzung will ich schweigen; denn -daß John St. Mill unter den berühmten Flachköpfen des XIX. Jahrhunderts -der flachste ist, das kann wie eine identische Gleichung ausgesprochen -werden. Aber man vermag auch nicht leicht falscher und leichtsinniger -zu argumentieren, als es hier von Mill geschehen ist. Für diesen -Mann ist Kant vergebens auf der Welt erschienen; er hat sich nicht -einmal dies klar gemacht, daß dem Satze A = A nie eine Erfahrung -widersprechen kann, und daß wir dies mit absoluter Sicherheit von -Rechts wegen behaupten dürfen, während alle Induktion nie imstande ist, -Sätze von solchem Gewißheitsgrade zu liefern. -- Außerdem verwechselt -Mill hier den konträren mit dem kontradiktorischen Gegensatz. -- Die -vielen verständnislosen Beschimpfungen des Identitätsprinzipes seien -übergangen. - -($S. 205, Z. 18.$) Johann Gottlieb _Fichte_, Grundlage der gesamten -Wissenschaftslehre, Leipzig 1794, S. 5 ff. (sämtliche Werke -herausgegeben von J. H. Fichte, Erste Abteilung, Bd. I, Berlin 1845, -S. 92 ff.): - -»1. Den Satz _A ist A_ (soviel als A = A, denn das ist die Bedeutung -der logischen Copula) gibt jeder zu; und zwar ohne sich im geringsten -darüber zu bedenken: man erkennt ihn für völlig gewiß und ausgemacht an. - -Wenn aber jemand einen Beweis desselben fordern sollte, so würde man -sich auf einen solchen Beweis gar nicht einlassen, sondern behaupten, -jener Satz sey schlechthin, d. i. _ohne allen weiteren Grund_, gewiß: -und indem man dieses, ohne Zweifel mit allgemeiner Beistimmung, thut, -schreibt man sich das Vermögen zu, _etwas schlechthin zu setzen_. - -2. Man setzt durch die Behauptung, daß obiger Satz an sich gewiß sey, - -_nicht_, daß A _sey_. Der Satz: _A ist A_ ist gar nicht gleichbedeutend -dem: _A ist_, oder: _es ist ein A_. (_Seyn_, ohne Prädikat gesetzt, -drückt etwas ganz anderes aus, als seyn mit einem Prädikate .......) -Man nehme an, A bedeute einen in zwei gerade Linien eingeschlossenen -Raum, so bleibt jener Satz immer richtig; obgleich der Satz: _A ist_, -offenbar falsch wäre. Sondern - -man setzt: _wenn_ A sey, _so_ sey A. Mithin ist davon, _ob_ überhaupt -A sey oder nicht, gar nicht die Frage. Es ist nicht die Frage vom -_Gehalte_ des Satzes, sondern bloß von seiner _Form_; nicht von dem, -_wovon_ man etwas weiß, sondern von dem, _was_ man weiß, von irgend -einem Gegenstande, welcher es auch seyn möge. - -Mithin wird durch die Behauptung, daß der obige Satz schlechthin gewiß -sey, _das_ festgesetzt, daß zwischen jenem _Wenn_ und diesem _So_ -ein nothwendiger Zusammenhang sey; und der _nothwendige Zusammenhang -zwischen beiden_ ist es, der schlechthin und _ohne allen Grund_ gesetzt -wird. Ich nenne diesen notwendigen Zusammenhang vorläufig = X. - -3. In Rücksicht auf A selbst aber, _ob_ es sey oder nicht, ist dadurch -noch nichts gesetzt. Es entsteht also die Frage: unter welcher -Bedingung _ist_ denn A? - -~a~) X wenigstens ist _im_ Ich und _durch_ das Ich gesetzt -- denn -das Ich ist es, welches im obigen Satze urtheilt, und zwar nach X -als einem Gesetze urtheilt, welches mithin dem Ich gegeben, und da es -schlechthin und ohne allen weiteren Grund aufgestellt wird, dem Ich -durch das Ich selbst gegeben seyn muß. - -~b~) _Ob_ und _wie_ A überhaupt gesetzt sey, wissen wir nicht; aber -da X einen Zusammenhang zwischen einem unbekannten Setzen des A, und -einem unter der Bedingung jenes Setzens absoluten Setzen desselben -A bezeichnen soll, so ist, _wenigstens insofern jener_ Zusammenhang -gesetzt wird, A $in$ dem Ich und _durch_ das Ich gesetzt, so wie X; -X ist nur in Beziehung auf ein A möglich; nun ist X im Ich wirklich -gesetzt; mithin muß auch A im Ich gesetzt sein, insofern X darauf -bezogen wird. - -~c~) X bezieht sich auf dasjenige A, welches im obigen Satze die -logische Stelle einnimmt, ebenso wie auf dasjenige, welches für das des -Prädikats steht; denn beide werden durch X vereinigt. Beide also sind, -insofern sie gesetzt sind, im Ich gesetzt; und der obige Satz läßt sich -demnach auch so ausdrücken: Wenn A _im_ Ich gesetzt ist, so _ist es -gesetzt_; oder -- so _ist_ es. - -4. Es wird demnach durch das X vermittelst X gesetzt: _A sey für das -urteilende Ich schlechthin und lediglich kraft seines Gesetztseyns im -Ich überhaupt_; das heißt: es wird gesetzt, daß im Ich -- es sey nun -insbesondere setzend oder urtheilend oder was es auch sey -- etwas -sey, das sich stets gleich, stets Ein und ebendasselbe sey; und das -schlechthin gesetzte Ich läßt sich auch so ausdrücken: _Ich = Ich_; Ich -bin Ich. - -5. Durch diese Operation sind wir schon unvermerkt zu dem Satze: _Ich -bin_ (zwar nicht als Ausdruck einer _Thathandlung_, aber doch einer -_Thatsache_) angekommen. Denn - -X ist schlechthin gesetzt; das ist Thatsache des empirischen -Bewußtseyns. Nun ist X gleich dem Satze: Ich bin Ich; mithin ist auch -dieser schlechthin gesetzt. - -Aber der Satz: Ich bin Ich, hat eine ganz andere Bedeutung als der Satz -A = A. -- Nämlich der letztere hat nur unter einer gewissen Bedingung -einen Gehalt. Wenn A gesetzt ist, so ist es freilich _als_ A, mit -dem Prädicate A gesetzt. Es ist aber durch jenen Satz noch gar nicht -ausgemacht, _ob_ es überhaupt gesetzt, mithin, ob es mit irgend einem -Prädicate gesetzt sey. Der Satz: Ich bin Ich, aber gilt unbedingt und -schlechthin, denn er ist gleich dem Satze X: er gilt nicht nur der -Form, er gilt auch seinem Gehalte nach. In ihm ist das Ich, nicht unter -Bedingung, sondern schlechthin, mit dem Prädicate der Gleichheit mit -sich selbst gesetzt; es ist also gesetzt; und der Satz läßt sich auch -ausdrücken: _Ich bin._« - -Dieser Fichtesche Beweis ist verfehlt; denn er findet, obwohl er es -anfänglich in Abrede stellt, im Satze selbst das Sein desselben A, -von dem A = A behauptet wird, schon enthalten. Der Beweis, den ich -selbst im Texte versucht habe, ist auch ungenügend und beruht auf -einer unzulässigen Äquivokation, die in der Anmerkung S. 204 berichtigt -ist. Meine Anschauungen hierüber haben sich während der Drucklegung -des Buches geändert. Ich glaube jetzt, daß es aussichtslos ist, mit -_Fichte_ und _Schelling_ aus dem Satze das Ich herauszulesen; was aber -sehr wohl in ihm zum Ausdruck kommt, ist das _Sein_, das absolute, -hyperempirische, gar nicht im geringsten mehr zufällige, sondern das an -sich seiende _Sein_. Der Beweis gestaltet sich dann kurz so: es _ist_ -etwas (nämlich das Gleichheitszeichen, das X _Fichtes_), gleichgültig, -ob sonst etwas ist oder nicht. Es besteht und gilt mindestens das Sein -A = A, unabhängig von jedem besonderen A, und ob ein solches A selbst -nun sei oder nicht. Und insofern die Frau diesen Satz nicht anerkannt, -insofern _ist_ sie nicht. Auch in dieser Form bleibt der Satz von der -größten Tragweite für das zwölfte Kapitel, wo die Seelenlosigkeit der -Frau in einen weiteren Zusammenhang aufgenommen wird (S. 378 ff.). - -($S. 206, Z. 15.$) Über die Reue vgl. _Kant_, Kritik der praktischen -Vernunft, S. 218 ff. (ed. Kehrbach). - -($S. 207, Z. 18.$) Kritik der praktischen Vernunft, S. 105, Kehrbach. - -($S. 208, Z. 10.$) _Ibsens_ _Brand_ antwortet den Fragenden (fünfter -Aufzug): - - »_Wie lang das Streiten währen wird?_ - Es währt bis an des Lebens Ende, - Bis alle Opfer ihr gebracht, - Bis ihr vom Pakt euch frei gemacht, - Bis ihr es wollt, wollt unbeirrt; - Bis jeder Zweifel schwindet, nichts - Euch trennt vom: alles oder nichts. - _Und eure Opfer?_ -- Alle Götzen, - Die euch den ew'gen Gott ersetzen; - Die blanken gold'nen Sklavenketten, - Samt eurer schlaffen Trägheit Betten. -- - _Der Siegespreis?_ -- Des Willens Einheit, - Des Glaubens Schwung, der Seelen Reinheit; - Die Freudigkeit, die euch durchschauert, - Die alles opfert, überdauert; - Um eure Stirn die Dornenkrone: - Seht, das erhaltet ihr zum Lohne.« - -($S. 208, Z. 12 f.$) Friedrich _Hebbels_ sämtliche Werke, herausgegeben -von Hermann _Krumm_, Bd. I, S. 214. - -($S. 209, Z. 7 f.$) _Kant_, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, -§ 87 (S. 216, ed. Kirchmann): »Der Mensch, der sich eines Charakters -in seiner Denkungsart bewußt ist, hat ihn nicht von der Natur, sondern -muß ihn jederzeit _erworben_ haben. Man kann auch annehmen, daß -die Gründung desselben gleich einer Art Wiedergeburt, eine gewisse -Feierlichkeit der Angelobung, die er sich selbst tut, sie und den -Zeitpunkt, da diese Umwandlung in ihm vorging, gleich einer neuen -Epoche ihm unvergeßlich mache.« - -($S. 209, Z. 16 ff.$) _Kant_, Kritik der praktischen Vernunft, -S. 193 f., Kehrbach. - -($S. 210, Z. 20 ff.$) Vgl. _Kant_, Grundlegung zur Metaphysik der -Sitten, dritter Abschnitt, wo die so einfachen und doch so tiefen -Worte stehen (S. 75, ed. Kirchmann): »Die Naturnotwendigkeit war eine -Heteronomie der wirkenden Ursachen; denn jede Wirkung war nur nach dem -Gesetze möglich, daß etwas anderes die wirkende Ursache zur Kausalität -bestimmte; was kann denn wohl die Freiheit des Willens sonst sein -als Autonomie, d. i. die Eigenschaft des Willens, sich selbst ein -Gesetz zu sein? Der Satz aber: der Wille ist in allen Handlungen sich -selbst ein Gesetz, bezeichnet nur das Prinzip, nach keiner anderen -Maxime zu handeln, als die sich selbst auch als ein allgemeines Gesetz -zum Gegenstande haben kann. Dies ist aber gerade die Formel des -kategorischen Imperativs und das Prinzip der Sittlichkeit; also ist ein -freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei.« - - - - -Zu Teil II, Kapitel 8. - - -($S. 212, Z. 3 ff.$) Die Stelle aus der »Großen Wald-Upanishad« (1, -4, 1) nach Paul _Deussens_ Übersetzung (Sechzig Upanishads des Veda, -Leipzig 1897, S. 392 f.). - -($S. 214, Z. 10 ff.$) Die folgenden Citate aus _Jean Pauls_ Werken, -Hempelsche Ausgabe, XLVIII. Teil, S. 328. -- _Novalis_ Schriften, von -Schlegel und Tieck, II. Teil, Wien 1820, S. 143 f. -- _Schellings_ -Werke, I/1, S. 318 f. - -($S. 220, Z. 13 v. u. ff.$) Durch diese Bemerkung hoffe ich zur -Verdeutlichung dessen beizutragen, was Wilhelm _Dilthey_, ohne -recht verstanden worden zu sein, als den Grundunterschied zwischen -psychischem und physischem Geschehen aufgedeckt hat (z. B. Beiträge zum -Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, S. 296): -»Darin, daß der Zusammenhang im Seelenleben primär gegeben ist, besteht -der Grundunterschied der psychologischen Erkenntnis vom Naturerkennen, -und da liegt also auch die erste und fundamentale Eigentümlichkeit der -Geisteswissenschaften. Da im Gebiete der äußeren Erscheinungen nur -Neben- und Nacheinander in die Erfahrung fällt, könnte der Gedanke -von Zusammenhang nicht entstehen, wäre er nicht in der eigenen -zusammenhängenden Einheitlichkeit gegeben.« - -($S. 222, Z. 18.$) Der bewußte Zusammenhang mit dem All, die Bewußtheit -des Mikrokosmus, die den genialen Menschen konstituiert, reicht -vielleicht auch zur Erklärung der Tatsache aus, daß wenn nicht alle, -so doch gewiß die meisten Genies telepathische Erlebnisse und Visionen -kennen und erfahren. _Die geniale Individualität hat etwas vom -Hellseher._ Im Text wollte ich diese Dinge hier nicht berühren, weil -heute, wer die Telepathie für möglich hält, einem Obskuranten gleich -geachtet wird. Auch die Offenbarungen Sterbender reihen sich diesem -Zusammenhange wohl ein: der Sterbende gewinnt eine tiefere Vereinigung -mit dem All, als es dem Lebenden möglich war, und kann deshalb den -Fernstehenden in der Todesstunde erscheinen, auf ihr Denken und Träumen -einen Einfluß gewinnen. - -($S. 222, Z. 19 v. u. ff.$) Der Gedanke des Mikrokosmus liegt natürlich -auch der Schöpfungsgeschichte der Genesis zu Grunde, als welche den -Menschen das Ebenbild Gottes sein läßt. - -Naturgemäß findet sich dieselbe Konzeption auch bei den _Indern_. -Bṛihadâraṇyaka-Upanishad 4, 4, 5 (_Deussen_, Sechzig Upanishaden des -Veda, Leipzig 1897, S. 476): »Wahrlich, dieses Selbst ist das Brahman, -bestehend aus Erkenntnis, aus Leben, aus Auge, aus Ohr, bestehend aus -Erde, aus Wasser, aus Wind, aus Äther; bestehend aus Feuer und nicht -aus Feuer, aus Lust und nicht aus Lust, aus Zorn und nicht aus Zorn, -aus Gerechtigkeit und nicht aus Gerechtigkeit, _bestehend aus allem_.« -Chândogya-Upanishad 3, 14, 2 f. (a. a. O., S. 109): »Geist ist sein -[des Menschen] Stoff, Leben sein Leib, Licht seine Gestalt; sein -Ratschluß ist Wahrheit, _sein Selbst die Unendlichkeit_. Allwirkend -ist er, allwünschend, allriechend, allschmeckend, das All umfassend, -schweigend, unbekümmert; -- - -dieser ist meine Seele im inneren Herzen, kleiner als ein Reiskorn oder -Gerstenkorn oder Senfkorn oder Hirsekorn oder eines Hirsekornes Kern; -- - -dieser ist meine Seele im inneren Herzen, größer als die Erde, größer -als der Luftraum, größer als der Himmel, größer als diese Welten. - -Der Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, das -All Umfassende, Schweigende, Unbekümmerte, dieser ist meine Seele im -inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu ihm werde ich, von hier -abscheidend, eingehen. -- Wem dieses ward, fürwahr, der zweifelt nicht!« - -_Plato_ lehrt zuerst im Menon (81 c): »ἁτε οὖν ἡ ψυχὴ ἀθάνατός τε οὖσα -καὶ πολλάκις γεγονυῖα καὶ ἑωρακυῖα καὶ τὰ ἐνθάδε _καὶ πάντα χρήματα_, -οὐκ ἔστιν ὅ τι οὐ μεμάθηκεν ... ἁτε γὰρ _τῆς φύσεως ἁπάσης συγγενοῦς -οὔσης καὶ μεμαθηκυίας τῆς ψυχῆς ἅπαντα_ οὐδὲν κωλύει ... πάντα ... -ἀνευρεῖν.« Anklänge finden sich auch im Philebos (29 a ff.), z. B.: -»Τρέφεται καὶ γιγνεται καὶ ἄρχεται τό τοῦ παντὸς πὑρ ὑπὸ τοῦ παρ' ἡμων -πυρός, ή τούναντίον ύπ' έκείνου τό τ' ἐμόν καὶ τό σόν καὶ τό τών άλλων -ζώων ἅπαντ ἴσχει ταῦτα.« Deutlicher _Aristoteles_, De anima III, -8, 431 b 21: »ἡ ψυχὴ τὰ ὄντα πώς ἐστι πάντα.« Vgl. Ludwig _Stein_, -Die Psychologie der Stoa, Bd. I: Metaphysisch-anthropologischer -Teil (Berliner Studien für klassische Philologie und Archäologie, -Bd. III, 1. Heft, Berlin 1886), S. 206: »Bei Aristoteles hat man es -bereits mit einem deutlichen Hinweis auf den Mikrokosmus zu tun. Ja -man wird nicht fehl gehen, wenn man selbst diesen Terminus auf den -Stagiriten zurückführt« (Aristot. Physika, VIII^2, 252 b 24: »εἰ -δ'ἐν ζώω τοΰτο δυνατὸν γενέσθαι, τί κωλύει τὸ αὐτὸ συμβῆναι καὶ κατὰ -τὸ πᾶν; εἰ γὰρ ἐν _μικρῷ κόσμῳ_ γίνεται, καὶ ἐν _μεγάλῳ_ ...), wenn -auch der Begriff älter sein mag.« S. 214: »In der Stoa tritt uns zum -ersten Male ein klar ausgesprochener, scharf gezeichneter und kühn -ausgebauter Mikrokosmos entgegen.« Weiteres über die Geschichte des -Mikrokosmusgedankens (z. B. bei _Philo_) bei Stein a. a. O. Auch -bei _Augustinus_ findet er sich nach _Überweg-Heinze_, Grundriß der -Geschichte der Philosophie, II^8, 128. _Pico de Mirandolas_ Anschauung -ist von mir ausführlich wiedergegeben S. 237 f. Vgl. auch Rudolf -_Eisler_, Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke, Berlin -1901 sub verbo und Rudolf _Eucken_, Die Grundbegriffe der Gegenwart, -historisch und kritisch entwickelt. 2. Aufl., Leipzig 1893, S. 188 f. - -($S. 223, Z. 14 v. u. ff.$) _Empedokles_ bei Aristoteles Metaphysik, -1000 b, 6. -- _Plotinus_ Enneades I, 6, 9. -- Übrigens steht auch bei -_Plato_ Rep. 508 b: »ἀλλ' [ὄμμα] ἡλιοειδέστατόν γε, οἶμαι, τῶν περὶ τὰς -αἰσθήσεως ὀργάνων.« - -($S. 223, Z. 17.$) In _Kantens_ Ethik wird wohl nichts so wenig -verstanden wie die Forderung, nach einer allgemeinsten Maxime zu -handeln. Man glaubt noch immer, hierin etwas Soziales erblicken zu -müssen, die _Büchner_sche Ethik (»Was Du nicht willst, daß man Dir tu« -u. s. w.), eine Anleitung für ein Strafgesetzbuch. Die Allgemeinheit -des kategorischen Imperatives drückt nur die Metaphysik transcendental -aus, welche nach _Cicero_ (De natura deorum II, 14, 37) der große -Stoiker _Chrysippos_ gelehrt hat: »... Cetera omnia aliorum causa esse -generata, ut eos fruges atque fructus quos terra gignat, animantium -causa, animantes autem hominum, ut equum vehendi causa, arandi bovem, -venandi et custodiendi canem. Ipse autem homo ortus est ad mundum -contemplandum _et imitandum_ ...« - -($S. 224, Z. 13 v. u.$) Vielleicht sind die drei Probleme, an denen am -schnellsten offenbar wird, wie weit die Tiefe eines Menschen reicht, -das Problem der Religion, das Problem der Kunst und das Problem der -Freiheit -- alle drei im Grunde doch das eine Problem des Seins. -Die Form aber, in welcher dieses eine Problem von den wenigsten -verstanden wird, ist das Problem der Freiheit. Den niedrigsten Menschen -ist der »Indeterminismus«, den mittelmäßigen der »Determinismus« -selbstverständlich; daß hier der Dualismus am intensivsten sich -offenbart, wie selten wird das begriffen! - -Die tiefsten Denker der Menschheit haben sicherlich alle -indeterministisch gedacht. _Goethe_, Dichtung und Wahrheit, IV. Teil, -16. Buch (Bd. XXIV, S. 177, ed. Hesse): »Wo sich in den Thieren -etwas Vernunftähnliches hervorthut, so können wir uns von unserer -Verwunderung nicht erholen, denn ob sie uns gleich so nahe stehen, -so scheinen sie doch durch eine unendliche Kluft von uns getrennt -und in das Reich der Nothwendigkeit verwiesen.« Durch dieselbe Kluft -aber scheidet sich Goethe von der »modernen Weltanschauung« und der -»Entwicklungslehre«. - -So auch _Dante_, Paradiso, Canto V, V. 19-24: - - »Lo maggior don, che Dio per sua larghezza - Fesse creando, ed alla sua bontate - Più conformato, e quel ch'ei più apprezza - Fu della volontà la libertate, - Di che le creature intelligenti - E tutte e sole fûro e son dotate.« - -So läßt schon _Platon_, die _Schelling-Schopenhauer_sche Lehre von der -Willensfreiheit antizipierend (wie es überhaupt keinen philosophischen -Gedanken gibt, der sich bei ihm nicht fände) in seinem »Staat« (X, -617, D E) die Parze Lachesis sagen: »Ψυχαὶ ἐφήμεροι ... οὐχ ὑμᾶς -δαίμων λήξεται, ἀλλ' ὑμεῖς δαιμονα αἱρήσεσθε ... αιτια ἑλομενου · θεὸς -ἀναίτιος.« Und so alle Größten, _Kant_, _Augustinus_, Richard _Wagner_ -(»Siegfried«, III. Akt: Wotan und Erda). - -($S. 226, Z. 2 v. u.$) _Carlyle_: On Heroes etc., an mehreren Orten, -besonders S. 116 (ed. Chapman and Hall, London). Ganze und lautere -Wahrheit ist, was er sagt: »_The merit of originality is not novelty; -it is sincerity._« - -($S. 232. Z. 1 f.$) Pensées de Blaise _Pascal_, Paris 1841, S. 184 -(Partie I, Article X, 1). - -($S. 234, Z. 10 v. u.$) Ich vermöchte für das, was ich über das -eigenartige Verhalten begabterer Menschen in Gesellschaft anderer -bemerkt habe, kein besseres Zeugnis anzuführen als das hochinteressante -Bekenntnis des auf dem Kontinent verhältnismäßig wenig gewürdigten -englischen Dichters John _Keats_. Obwohl es mit besonderer Rücksicht -auf den Dichter ausgesprochen ist, gilt es mit einigen leicht -wahrzunehmenden Modifikationen vom Künstler, ja vom Genius überhaupt. -Keats schreibt an seinen Freund Richard _Woodhouse_ am 27. Oktober 1818 -(The poetical works and other writings of John Keats, edited by Harry -Buxton Forman, Vol. III, London 1883, p. 233 f.): »As to the poetical -character itself (I mean that sort, of which, if I am anything, I am a -member; that sort distinguished from the Wordsworthian or egotistical -sublime, which is a thing per se, and stands alone), it is not itself --- it has no self -- it is everything and nothing -- it has no -character -- it enjoys light and shade -- it lives in gusto, be it foul -or fair, high or low, rich or poor, mean or elevated -- it has as much -delight in conceiving a Jago or an Imogen. What shocks the virtuous -philosopher delights the cameleon poet. It does no harm from its relish -of the dark side of things, any more than from its taste for the -bright one, because they both end in speculation. _A poet is the most -unpoetical of anything in existence_, because he has no identity: he is -continually in for, and filling, some other body. The sun, the moon, -the sea and men and women, who are creatures of impulse, are poetical -and have about them an unchangeable attribute; the poet has none. He -is certainly the most unpoetical of all God's creatures. If then, he -has no self[105], and if I am a poet, where is the wonder that I should -say I would write no more? Might I not that very instant have been -cogitating on the character of Saturn and Ops? It is a wretched thing -to confess, but it is a very fact, that not one word I ever utter can -be taken for granted as an opinion growing out of my identical nature. -How can it, when I have no nature? When I am in a room with people, -if I ever am free from speculating on creations of my brain, then not -myself goes home to myself, _but the identity of everyone in the room -begins to press upon me, so that I am in a very little time annihilated --- not only among men; it would be the same in a nursery of children_ -...« - -($S. 233, Z. 4 v. u. f.$) _Mach_, Die Analyse der Empfindungen -u. s. w., 3. Aufl. 1902, S. 19. - -($S. 235, Z. 2 v. u.$) Gesammelte Schriften und Dichtungen von Richard -_Wagner_, Leipzig 1898, Bd. VI, S. 249. - -($S. 236, Z. 1 ff.$) So sagt J. B. _Meyer_, Genie und Talent, Eine -psychologische Betrachtung, Zeitschrift für Völkerpsychologie und -Sprachwissenschaft, 1880, XI, S. 289: »Cesare Borgia, Ludwig XI. von -Frankreich, Richard III. waren geniale Bösewichter, und in der Reihe -der Schwindler findet sich manches Genie« -- und gibt damit durchaus -der populären Meinung Ausdruck. - -($S. 237, Z. 20 v. u.$) _Sophokles_ Aias Vers 553. - -($S. 237, Z. 14 v. u. ff.$) _Joannis Pici Mirandulae Concordiaeque -Comitis_ ... Opera quae extant omnia Basileae Per Sebastianum -Henricepetri, 1601, Vol. I, p. 207-219: »De hominis dignitate oratio.« -Die citierte Stelle p. 208. -- Mirandola lebte nur von 1463-1494. -- -»Supremi spiritus« sind die Engel und die Teufel, die (»paulo mox«) -gefallenen Engel. -- Als denjenigen Menschen, der mit dem Lose keines -Einzelgeschöpfes sich begnügt, hat man eben den Genius anzusehen; wenn -das Genie das Göttliche im Menschen ist, so wird der Mensch, der ganz -Genius wird, Gott gleich. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 9. - - -($S. 240, Z. 10 f.$) Theodor _Waitz_, Anthropologie der Naturvölker, -Erster Teil. Leipzig 1859, S. 380: »Haben ältere christliche -Autoritäten an der Ehe nur die sinnliche Seite gesehen und ernstlich -bezweifelt, ob auch die Weiber eine Seele besitzen, so können wir uns -nicht darüber wundern, daß ihnen von Chinesen, Indern, Muhammedanern -eine solche geradezu abgesprochen wird. Wird der Chinese nach seinen -Kindern gefragt, so zählt er nur die Knaben als solche; hat er nur -Mädchen, so sagt er, er habe keine Kinder (_Duhaut-Cilly_, Voyage -autour du monde, 1834, II, 369).« - -($S. 240, Z. 19.$) _Aristoteles_: De gener. animalium I, 2, 716 a 4: -τῆς γενέσεως ἀρχὰς ἄν τις οὐχ ἥκιστα θείη τὸ θῆλυ καὶ τὸ ἄρρεν, τὸ μὲν -ἄρρεν ὡς τῆς κινήσεως καὶ τῆς γενέσεως ἔχον τὴν ἀρχήν, τὸ δὲ θῆλυ ὡς -ὕλης. I 20, 729 a 9: τὸ μὲν ἄρρεν παρέχεται τό τε εἶδος καὶ τὴν ἀρχὴν -τῆς κινήσεως, τὸ δὲ θῆλυ τὸ σῶμα καὶ τὴν ὕλην. 729 a 29: τὸ ἄρρεν ἐστὶν -ὡς κινοῦν, τὸ δὲ θῆλυ, ᾗ θῆλυ, ὡς παθητικόν. II, 1, 732 a 3: βέλτιον -γὰρ καὶ θειότερον ἡ ἀρχὴ τῆς κινήσεως, ᾗ ἄρρεν ὑπάρχει τοῖς γινομένοις. -ὕλη δὲ τὸ θῆλυ.. II, 4, 738 b 25: ἀεὶ δὲ παρέχει τὸ μὲν θῆλυ τῆν ὕλην, -τὸ δὲ ἄρρεν τὸ δημιουργοῦν. ἔστι τὸ μὲν σῶμα ὲκ τοῦ θήλεος, ἡ δὲ ψυχὴ -ἐκ τοῦ ἄρρενος. Vgl. noch I, 21, 729 b 1 und 730 a 25. II, 3, 737, a -29. 740 b 12-25. Metaphysik, V, 28, 1024 a 34. IX, 1057 a 31 f. I, -6, 988 a 2 f. erläutert er nach demselben Prinzipe, warum der Mann -mehr Kinder zeugen könne als die Frau: ὁἱ μὲν γὰρ ἐκ τῆς ὕλης πολλὰ -ποιοῦσιν, τὸ δ' εἶδος ἅπαξ γεννᾷ μόνον, φαίνεται δ' ἐκ μιᾶς ὕλης μία -τράπεζα, ὁ δὲ τὸ εἶδος ἐπιφέρων εἷς ὢν πολλὰς ποιεῖ. ὁμοίως δ' ἔχει -καὶ τὸ ἄρρεν πρὸς τὸ θῆλυ· τὸ μὲν γὰρ ὑπὸ μιᾶς πληροῦται ὀχείας, τὸ δ' -ἄρρεν πολλὰ πληροῖ· καίτοι ταῦτα μιμήματα τῶν ἀρχῶν ἐκείνων ἐστίν. - -Vergleiche über diese Lehre des Aristoteles: J. B. _Meyer_, Aristoteles -Tierkunde, Berlin 1855, S. 454 f.; Hermann _Siebeck_, Aristoteles, -Stuttgart 1899 (Frommanns Klassiker der Philosophie, Bd. VIII), S. 69; -Eduard _Zeller_, Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen -Entwicklung, II/2. Leipzig 1879, 3. Aufl., S. 325 und 525 f.; -_Überweg-Heinze_, Grundriß der Geschichte der Philosophie, I^9, Berlin -1903, S. 259; J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung der -Gynaikokratie der alten Welt, Stuttgart 1861, S. 164-168. -- Speziell -über die aristotelische Zeugungstheorie, ihr Verhältnis zu den früheren -und den modernen Ansichten handelt Wilhelm _His_, Die Theorien der -geschlechtlichen Zeugung, Archiv für Anthropologie, Bd. IV, 1870, -S. 202 bis 208. - -($S. 241, Z. 3 f.$) Jean _Wier_, Opera omnia, Amstelodami 1660, Liber -IV, Caput 24. Aus der späteren Literatur wüßte ich nur noch _Oken_ zu -nennen (Lehrbuch der Naturphilosophie, 3. Aufl., Zürich 1843, S. 387, -Nr. 2958): »In der Paarung sind die männlichen Theile das Sinnesorgan, -das weibliche nur der empfangende Mund. Eigentlich sind beide -Sinnesorgane, aber jene das handelnde, diese das leidende« (ibid. Nr. -2962). »Wenn auch männlicher Same wirklich zur Frucht miterstarrt, so -ist es doch nicht seine Masse, die in der Frucht zur Betrachtung kommt, -sondern nur seine polarisierende Kraft.« - -Die Absicht der Auseinandersetzungen des Textes geht nicht auf eine -naturphilosophische Theorie der Zeugung, wie die von Aristoteles und -Oken. Aber die Spekulation dieser Männer ging gedanklich ohne Zweifel -von den geistigen Unterschieden der Geschlechter aus, und dehnte diese -auch auf das Verhältnis der beiden Keime in der Befruchtung aus; -deshalb darf ich sie hier wohl anführen. - -($S. 241, Z. 13 f.$) Vgl. Ausgewählte Werke von Friedrich Baron _de la -Motte-Fouqué_, Ausgabe letzter Hand, Bd. XII, Halle 1841, S. 136 ff. - -($S. 243, Z. 12 f.$) Kantianer, die von dem Philosophen nur den -Buchstaben fassen, werden das sicherlich in Abrede stellen; und es -würde ihnen die Kantische Terminologie hiezu eine gewisse Handhabe -bieten, nach welcher das transcendentale Subjekt das Subjekt des -_Verstandes_, und der intelligible Charakter das Subjekt der -_Vernunft_, die letztere aber, als das praktische Vermögen im -Menschen, dem ersteren, als einem bloß theoretischen, übergeordnet -ist. Doch kann ich mich auf Stellen berufen, wie in der Vorrede zur -»Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (S. 8, ed. Kirchmann): »Teils -erfordere ich zur Kritik einer reinen praktischen Vernunft, daß, wenn -sie vollendet sein soll, _ihre Einheit mit der spekulativen in einem -gemeinschaftlichen Prinzip_ zugleich müsse dargestellt werden können, -_weil es doch am Ende nur eine und dieselbe Vernunft sein kann_, die -bloß in der Anwendung unterschieden sein muß.« Ähnlich in der »Kritik -der praktischen Vernunft«, S. 110, 118, 145 (ed. Kehrbach). Übrigens -war es eben diese »Einheit des ganzen reinen Vernunftvermögens (des -theoretischen sowohl als praktischen)«, welche _Kant_ens geplantes und -nicht zustande gekommenes Hauptwerk »Der Transcendentalphilosophie -höchster Standpunkt im System der Ideen: Gott, die Welt und der Mensch, -oder System der reinen Philosophie in ihrem Zusammenhange« (vgl. Hans -_Vaihinger_, Archiv für Geschichte der Philosophie, IV, S. 734 f.) -darzustellen bestimmt war. - -An diesem Orte möchte ich noch folgendes bemerken: - -In der großen Literatur, welche sich mit dem Verhältnisse _Goethes_ zu -_Kant_ beschäftigt, finde ich merkwürdigerweise die allerkantischeste -Stelle im ganzen Goethe nicht erwähnt. Sie ist allerdings geschrieben, -bevor Goethe noch irgend etwas von Kant gelesen hat, und ist auch -weniger für sein Verhältnis zu dem konkreten Menschen Kant und zu -dessen Büchern, als für Goethes Beziehung zur Kantischen Gedankenwelt -charakteristisch. Sie findet sich in den noch in Frankfurt abgefaßten -»Physiognomischen Fragmenten« (Erster Versuch, Drittes Fragment: Bd. -XIV, S. 242 der Hesseschen Ausgabe) und lautet: »Die gütige Vorsehung -hat jedem einen gewissen Trieb gegeben, so oder anders zu handeln, -der denn auch einem jeden durch die Welt hilft. Eben dieser innere -Trieb kombiniert auch mehr oder weniger die Erfahrungen, die der -Mensch macht, ohne daß er sich dessen selbst bewußt ist.« Hierin ist -deutlich die Identität des intelligiblen Wesens ausgesprochen, von dem -einerseits die synthetische Einheit der Apperzeption ausgeht, und das -anderseits das _frei_ wollende Noumenon ist. - -($S. 245, Z. 5 v. u. f.$) Eine der einfachsten und klarsten -Auseinandersetzungen über diesen Sachverhalt rührt von Franz -_Staudinger_ her, Identität und Apriori, Vierteljahrsschrift für -wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889, S. 66 f.: »..... nicht bloß -die heutige Wahrnehmung von der Sonne ist eine andere als die gestrige, -die heutige Sonne selbst ist nicht mehr die, welche gestern leuchtete. -Dennoch aber sage ich: die gestrige Sonne ist mit der heutigen eins. -Das heißt aber nichts anderes, als daß ich einen fortlaufenden -Zusammenhang des Gegenstandes selbst, auf den meine zeitlich durchaus -getrennten Vorstellungen gehen, voraussetzen muß. Es ist eine objektive -Existenz des Gegenstandes selber gedacht, die ganz unabhängig von der -Zerstücktheit unseres Wahrnehmens bestehen soll. Diese Feststellung -der Dauer des Gegenstandes selbst ist das wesentliche Moment, welches -unsere Substanzvorstellung konstituiert. Das Rätsel, welches hierin -liegt, daß wir von ganz getrennten Vorstellungen, die doch jedesmal, -streng genommen, nur gegenwärtige Gegenstände bezeichnen, zu der -Vorstellung des Zusammenhanges eines einzigen dauernden Gegenstandes -übergehen, wird, obwohl es von _Kant_ klar erkannt worden ist, noch -allzuwenig der Aufmerksamkeit gewürdigt. Ob es Kant gelöst hat, und wie -es zu lösen sein mag, ist freilich eine Frage, welche den Ursprungsort -der Erkenntniselemente betrifft ..... Wir müssen uns hier mit der -Tatsache begnügen, daß wir gezwungen sind, solche Vorstellungen, die -wir Wahrnehmungen nennen, auf einheitliche, mindestens von der ersten -Wahrnehmung bis zur jetzigen dauernde Gegenstände zu beziehen.« - -Auch diese Schwierigkeit scheint vor der im Texte dargelegten -Auffassung zu verschwinden oder wenigstens ihre Identität mit einer -anderen, allerdings nicht minder großen, zu erweisen. A = A, das -Prinzip der Begrifflichkeit und Gegenständlichkeit, ist psychologisch -eine Negation der Zeit (wenn auch im rein logischen _Sinne_ des Satzes -diese Beziehung auf die Zeit nicht liegt) und vermittelt insofern die -Kontinuität des Objektes. Soweit aber in ihm das Sein des Subjektes -zum Ausdrucke kommt, _setzt_ er die gleiche Kontinuität für das innere -Leben, trotz der Vereinzelung der psychischen Erlebnisse, trotz -der Bewußtseinsenge. Es ist also nur _ein_ Rätsel, die Frage nach -der Kontinuität des Objektes dieselbe wie nach der Kontinuität des -Subjektes. - -($S. 246, Z. 18 v. u.$) _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl., -Von der Synthesis der Rekognition im Begriffe (S. 119, Kehrbach). - -($S. 247, Z. 15.$) Vgl. besonders _Huxley_, Hume (English Men of -Letters, edited by John Morley, No. 5, London 1881), p. 94 f.: - -»When several complex impressions which are more or less different from -one another -- let us say that out of ten impressions in each, six -are the same in all, and four are different from all the rest -- are -successively presented to the mind, it is easy to see what must be the -nature of the result. The repetition of the six similar impressions -will strengthen the six corresponding elements of the complex idea, -which will therefore acquire greater vividness: while the four -differing impressions of each will not only acquire no greater strength -than they had at first, but, in accordance with the law of association, -they will all tend to appear at once, and will thus neutralise one -another. - -This mental operation may be rendered comprehensible by considering -what takes place in the formation of compound photographs -- when the -images of the faces of six sitters, for example, are each received -on the same photographic plate, for a sixth of the time requisite -to take one portrait. The final result is that all those points in -which the six faces agree are brought out strongly, while all those -in which they differ are left vague; and thus what may be termed a -_generic_ portrait of the six, in contradistinction to a _specific_ -portrait of any one, is produced.« -- Eine ähnliche Anschauung von der -Entstehung des Begriffes durch Übereinanderlagerung, wobei Verstärkung -des Gleichartigen, Auslöschen des Ungleichartigen stattfindet, kennt -auch schon _Herbart_ (Psychologie als Wissenschaft, II, § 122), der -freilich den Unterschied zwischen logischem und psychologischem -Begriff ausgezeichnet verstanden und klargelegt hat (a. a. O., § -119). -- _Avenarius_: Kritik der reinen Erfahrung, Bd. II, Leipzig -1890, S. 298 ff. -- _Mach_, Die ökonomische Natur der physikalischen -Forschung, Populär-wissenschaftliche Vorlesungen, Leipzig 1896, -S. 217 ff. Tiefer gräbt _Mach_ in den »Prinzipien der Wärmelehre, -historisch-kritisch entwickelt«, 2. Aufl., Leipzig 1900, S. 415 f., -419 f. - -($S. 248, Z. 7 v. u.$) Das Urteil existiert; als Voraussetzung dessen, -daß es existiert, immaniert ihm die Annahme eines Zusammenhanges -zwischen dem Menschen und dem All, erkenntniskritisch ausgedrückt, -einer Beziehung des _Denkens_ zum _Sein_. Diesen Zusammenhang, diese -Beziehung zu ergründen ist das Hauptproblem aller theoretischen -Philosophie, wie es das Hauptproblem aller praktischen Philosophie ist, -das Verhältnis des _Sollens_ zum Sein festzustellen. Insofern also das -Urteil _ist_, ist der Mensch der Mikrokosmus. - -($S. 249, Z. 15.$) Der Ausdruck »_innere Urteilsform_« bei -Wilhelm _Jerusalem_, Die Urteilsfunktion, eine psychologische und -erkenntniskritische Untersuchung, Wien und Leipzig, 1895, S. 80. - -($S. 251, Z. 19.$) _Leibniz_: Monadologie No. 31 (Opera philosophica, -ed. Erdmann, p. 707): »Nos raisonnements sont fondés sur deux grands -principes, _celui de la contradiction_, en vertu duquel nous jugeons -faux ce qui en enveloppe, et vrai ce qui est opposé ou contradictoire -au faux; [no. 32] _et celui de la raison suffisante_, en vertu duquel -nous considérons, qu'aucun fait ne serait se trouver vrai ou existant, -aucune énonciation véritable, sans qu'il y ait une raison suffisante, -pourquoi il en soit ainsi et non pas autrement, quoique ces raisons le -plus souvent ne puissent point nous êtres connues.« - -($S. 253, Z. 2.$) Über die geringere Kriminalität der Frauen vergleiche -z. B. den Artikel des Dr. G. _Morache_, Die Verantwortlichkeit des -Weibes vor Gericht in der »Wage« vom 14. März 1903, S. 372-376. Es -heißt dort: »Die Zahl der Frauen übersteigt die der Männer ganz -erheblich; in Frankreich weniger als anderswo, aber auch hier ist der -Unterschied ein merklicher; wäre nun die weibliche Kriminalität der -des Mannes gleich, so müßten die Zahlen, die sie zum Ausdruck bringen, -ebenfalls ziemlich gleich sein. - -Greifen wir nun drei beliebige Zahlen heraus; wenn man will, 1889, -1890, 1891. Während dieser Zeit sind 2970 Männer wegen schwerer -Verbrechen (Mord, Kindesmord, Verbrechen gegen die Sittlichkeit) vor -Gericht gestellt worden, während man 745 Frauen in dem nämlichen -Zeitraum derselben Verbrechen anklagte. Die Kriminalität des Weibes -wird also durch eine Zahl ausgedrückt, die ein Viertel der männlichen -beträgt, oder mit anderen Worten, es werden von vier Verbrechen -drei von Männern begangen und eines von Frauen. Selbst wenn wir das -Verbrechen des Kindesmordes beiseite lassen, für das eigentlich nur der -Mann verantwortlich ist, denn er ist ja der Autor, so findet man, daß -bei den wegen gemeiner Verbrechen Angeklagten nur 211 Frauen auf 2954 -Männer kommen; das Weib ist also 14mal weniger verbrecherisch als der -Mann. - -An Auslegungen dieser unleugbaren Tatsachen -- denn sie zu bestreiten -wäre unmöglich -- fehlt es nicht. Man sagt, die Körperkonstitution -des Weibes eigne sich nicht zur Gewalttat, die die Mehrzahl der -verbrecherischen Handlungen aufzuweisen haben; sie sei für die -Verbrechen mit bewaffneter Hand, für den Einbruch nicht geschaffen. -Man behauptet, wenn sie das Verbrechen auch nicht materiell begeht, so -suggeriere sie es doch und habe ihren Nutzen davon; moralisch sei sie -der Urheber und um so schuldiger, weil sie im Dunklen handelt und mit -der Hand eines anderen schlägt. So kommt man auf das alte Wort zurück: -Cherchez la femme ... Die italienische Schule hat recht wohl erkannt, -daß das Weib vom materiellen Standpunkt weniger verbrecherisch ist als -der Mann, doch sie gibt für diese Tatsache eine interessante Erklärung; -der Verbrecher stiehlt und mordet, um sich ohne Arbeit das Geld zu -verschaffen, das Müßiggang und Vergnügen gewährt. Das Weib besitzt, um -zu demselben Zweck zu gelangen, ein weit einfacheres Mittel. Sie treibt -Handel mit ihrem Körper, sie verkauft sich. Addiert man die Zahl der -Verbrecherinnen zu der der käuflichen Frauen, so kommt man zur Zahl der -männlichen Kriminalität. - -Die Theorie scheint befriedigend, ist aber paradox. Außerdem ist sie -grundfalsch: denn wenn man auch die Zahl der unter Anklage gestellten -Verbrecherinnen kennt, so kann man doch nicht einmal annähernd die Zahl -der Frauen abschätzen, die unter irgend einer Maske und unter ganz -verschiedenen Modalitäten aus ihren Reizen Nutzen ziehen.« - -Soweit Morache. Abgesehen von der Oberflächlichkeit der Meinung, -die das Verbrechen des Gewinnes halber geschehen läßt, wäre noch -zu bemerken, daß es genug Frauen vom Prostituiertentypus gibt, die -sich gar nicht des Geldes oder Schmuckes wegen prostituieren, sich -jedem Kutscher, der ihre Begierde erregt, hingeben, nicht also um -noch höheren Luxus treiben zu können, Frauen aus den höchsten und -reichsten Kreisen. -- Vergleiche ferner _Ellis_, Mann und Weib, -S. 364 ff. und die dort citierte reiche Literatur. _Lombroso-Ferrero_, -Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, zweiter -Teil: Kriminologie des Weibes, S. 193 ff. und besonders Paul -_Näcke_, Verbrechen und Wahnsinn beim Weibe, mit Ausblicken auf die -Kriminal-Anthropologie überhaupt, Wien und Leipzig 1894, mit sehr -vollständigem Literaturverzeichnis auf S. 240 bis 255. - -($S. 254, Z. 19 f.$) Darum ist die Frau auch nicht _häßlich_, während -der Verbrecher häßlich ist. - -($S. 255, Z. 16.$) Von diesem Gesichtspunkt aus behandeln die -Krankenpflege des Weibes E. _Leyden_, Weibliche Krankenpflege und -weibliche Heilkunst, Deutsche Rundschau, XIX, 1879, S. 126-148, -Franz _König_, Die Schwesternpflege der Kranken, Ein Stück moderner -Kulturarbeit der Frau, a. a. O. LXXI, 1892, S. 141-146, Julius _Duboc_, -Fünfzig Jahre Frauenfrage in Deutschland, Geschichte und Kritik, -Leipzig 1896, S. 18 f. -- Über den _hysterischen_ Charakter mancher -Krankenpflege (der nach Kapitel XII wohl begreiflich wird) vgl. -_Freuds_ Bemerkungen in _Breuer_ und _Freuds_ Studien über Hysterie, -Leipzig und Wien 1895, S. 141. - -($S. 259, Z. 8 f.$) _Mach_, Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl., -1902, S. 14. - -($S. 259, Z. 16.$) Sie ist z. B. abgedruckt bei Karl _Pearson_, The -Grammar of Science, London 1892, p. 78. - -($S. 259, Z. 14 v. u.$) _Kant_: in der »Grundlegung zur Metaphysik der -Sitten«, S. 60, ed. Kirchmann. - -($S. 260, Z. 5 v. u.$) Das Wort »Eigenwert« stammt nicht von mir, -sondern ist, wie ich glaube, zuerst gebraucht von August _Döring_, -Philosophische Güterlehre 1888, S. 56, 319 ff. - -($S. 262, Z. 4 f.$) _Kant_, Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann: - -»Der Mann ist eifersüchtig, _wenn_ er _liebt_; die Frau auch ohne daß -sie liebt; weil so viele Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen -wurden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind.« - -($S. 262, Z. 8.$) Beweis: es gibt wohl Kameradschaft zu mehren, -Freundschaft aber nur zu zweien. - -($S. 263, Z. 13 v. u.$) Das Phänomen der Galanterie hoffe ich anderswo -zu analysieren. Auch _Kant_ spricht (Fragmente aus dem Nachlaß, ed. -Kirchmann, Bd. VIII, S. 307) von der »Beleidigung der Weiber, in der -Gewohnheit, ihnen zu schmeicheln.« - -($S. 264, Z. 14 v. u.$) Vgl. Auguste _Comte_, Cours de Philosophie -positive, 2^{ième} éd., par E. Littré, Vol. III, Paris 1864, p. -538 f. Er spricht vom »vain principe fondamental de _l'observation -intérieure_« und der »profonde absurdité que présente la seule -supposition, si évidemment contradictoire, de l'homme se regardant -penser.« - -($S. 264, Z. 7 v. u.$) Friedrich _Jodl_, Lehrbuch der Psychologie, 2. -Aufl., Bd. II, Stuttgart und Berlin 1903, S. 103. - -($S. 265, Z. 4.$) _Mill_: in seinem Buche gegen _Hamilton_ (nach -Pierre _Janet_, L'Automatisme psychologique, 3^{ième} éd., Paris 1899, -p. 39 f., wo zum Ich-Problem manches in Deutschland weniger Bekannte -angeführt wird). _Mach_: Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl. 1902, -S. 3, 18 f. -- Übrigens sagt bereits _Hume_ (Treatise I, 4, 6, p. 454 -der ersten Ausgabe, Vol. I, London 1739): »Memory is to be considered -as the source of personal identity.« - -($S. 266, Z. 2.$) Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde, -Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902. - -($S. 266, Z. 6.$) _Pascal_: Pensées I, 7, 1 »Misère de l'homme«. - -($S. 266, Z. 16.$) Über die Kleptomanie der Weiber vgl. Albert _Moll_, -Das nervöse Weib, Berlin 1898, S. 167 f. Paul _Dubuisson_, Les voleuses -des grands magasins, Archives d'Anthropologie criminelle, XVI, 1901, -p. 1-20, 341-370. - -($S. 266, Z. 8 v. u.$) Eduard von _Hartmann_, Phänomenologie des -sittlichen Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik, Berlin -1879, S. 522 f. macht die zutreffende Bemerkung: - -»Fast alle Weiber sind geborne Defraudantinnen aus Passion. Wenige -nur werden sich entschließen, zu viel erhaltene Ware oder zu viel -herausbekommenes Geld zurückzuliefern; sie trösten sich damit, der -Kaufmann habe ja doch genug an ihnen verdient, und es könne ihnen ja -nicht bewiesen werden, daß sie sich ihrer Unterschlagung bewußt gewesen -seien.« - -($S. 267, Z. 20.$) Über die Buschmänner, _Klemm_, Allgemeine -Kulturgeschichte der Menschheit, Leipzig 1844, Bd. I, S. 336. - -($S. 268, Z. 4 v. u. ff.$) Hier darf ich _Kant_ selbst für meine -Anschauung von der Seelenlosigkeit des Weibes in Anspruch nehmen. Er -sagt (Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann): »‚Was die Welt sagt, -ist _wahr_, und was sie _thut_, gut’ ist ein weiblicher Grundsatz, -der sich schwer mit einem _Charakter_, in der engen Bedeutung des -Wortes, vereinigen läßt.« Er fügt allerdings hinzu: »Es gab aber -doch wackere Weiber, die, in Beziehung auf ihr Hauswesen, einen -dieser ihrer Bestimmung angemessenen Charakter mit Ruhm behaupteten.« -Jedenfalls wird niemand mit Ruhm behaupten, daß diese Einschränkung -den »intelligiblen Charakter« des Weibes retten könne, der nach der -Kantischen Hauptlehre Zweck an sich selbst ist. -- Wenn übrigens ein -Kantianer, der nur am Wortlaut des Meisters kleben würde, der ganzen -Darlegung entgegenhielte, daß nach Kant der intelligible Charakter -_allen_ vernünftigen Wesen zukomme, so ist zu erwidern, daß das -Weib eben keine Vernunft im Kantischen Sinne hat. Da das Weib keine -Beziehung zu den Werten hat, so ist der Schluß auf das Fehlen des -wertenden Gesetzgebers gerechtfertigt. - -($S. 269, Z. 14.$) Der abgrundtiefe Unterschied zwischen dem -psychischen Leben des Mannes und der Frau wird noch immer, vielleicht -selbst in diesem Buche, seiner Bedeutung und Tragweite nach -unterschätzt. Nur selten finden sich hievon Ahnungen, wie bei Heinrich -_Spitta_, Die Schlaf- und Traumzustände der menschlichen Seele mit -besonderer Berücksichtigung ihres Verhältnisses zu den psychischen -Alienationen, 2. Aufl., Tübingen 1882, S. 301: »Ein entscheidender, -durchgreifender Einfluß auf das gesamte seelische Leben liegt zunächst -in dem Geschlechtsunterschied begründet; dieser Teilungsstrich, den die -Natur hiemit durch die ganze Menschenwelt gezogen hat, dokumentiert -sich auf allen Gebieten des psychischen Lebens. Alles Fühlen, Wollen, -Begehren, mit einem Worte die ganze Vorstellungsweise, alles Dichten -und Trachten erhält durch den Unterschied der beiden Geschlechter -einen eigenartigen Typus, welcher im Verlauf der einzelnen Lebensalter -sich immer mehr ausprägt und damit gleichsam die Form bildet, unter -welcher und in welcher ein jeder das Ganze seiner eigenen Geisteswelt -in der ihm eigentümlichen Weise erfaßt. Der Unterschied im Seelenleben -zwischen Mann und Weib ist ein ungeheuerer, ein bis in die kleinsten -Details hinein sich erstreckender ....« - -($S. 269, Z. 5 v. u.$) Friedrich Albert _Lange_, Geschichte des -Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, Buch II, 5. -Aufl., Leipzig 1896, S. 381. - -($S. 273, Z. 1 ff.$) Vgl. hiemit Theodor _Lipps_, Suggestion und -Hypnose, Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der -königlichen Akademie der Wissenschaften zu München, 1897/II, S. 520: -»Psychologisch ist das Ganze jederzeit mehr und in gewissem Sinne -jederzeit eher als der Teil.« Und besonders Wilhelm _Diltheys_ mehrfach -erwähnte charakterologische Abhandlungen. - -($S. 274, Z. 4 ff.$) Vgl. _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, S. 289, -ed. Kehrbach. - -($S. 274, Z. 17.$) Eine mit meiner Darstellung in gewissen Punkten sich -berührende, sehr interessante Abhandlung ist die von Oskar _Ewald_, Die -sogenannte empirische Psychologie und der Transcendentalismus Kants, -Die Gnosis, Halbmonatsschrift, Wien, 5. März 1903, S. 87-91. Ewalds -Absicht läuft auf eine psychologische Kategorienlehre hinaus, als auf -eine Tafel jener Verstandesbegriffe (»Wille, Kraft und psychische -Aktivität«), die psychologische Erfahrung erst möglich machen sollen. -Kant habe nur die eine Hälfte der Arbeit, den naturwissenschaftlichen -Teil, geleistet, den anderen noch zu tun gelassen. Ich kann mich dieser -Auffassung nicht anschließen, weil es nach ihr zweierlei Erfahrung, -eine äußere und eine ihr _beigeordnete_ innere, geben müßte, und weil -der Zusammenhang des psychischen Lebens ein unmittelbar erlebter ist, -und aus seiner Beobachtung Erfahrungssätze von höherer als komparativer -Allgemeinheit geschöpft werden können (vgl. S. 220). Aber mit diesen -Einwendungen möchte ich das von _Ewald_ angeregte Problem keineswegs -erledigt haben. Es ist dieses Problem, weit genug verfolgt, vielleicht -das tiefste philosophische Problem überhaupt, oder identisch mit -diesem; denn das Verhältnis von Begriff und Anschauung, von Freiheit -und Notwendigkeit spielt hier herein. Und schließlich hängt diese -ganze Frage aufs innigste mit dem Postulate der Unabhängigkeit der -Erkenntnistheorie von der Psychologie zusammen. Ich kann hierauf nicht -näher eingehen, und möchte auf jenen bedeutungsvollen, bloß an etwas -okkultem Orte publizierten Gedanken hier nur hingewiesen haben. - -($S. 275, Z. 3.$) E. _Mach_, Die Analyse der Empfindungen und das -Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902, -S. 60 f. - -($S. 275, Z. 6 v. u. ff.$) Die französischen Verse aus Edmond -_Rostand_, Cyrano de Bergerac, Acte I, Scène IV (Paris 1898, p. 43). - -($S. 276, Z. 4 ff.$) Die hier bekämpften Anschauungen sind die von -_Mach_, Die Mechanik, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 478 ff. - -($S. 276, Z. 8 v. u.$) Wilhelm _Windelband_, Geschichte und -Naturwissenschaft, Rektoratsrede, Straßburg 1894. - -($S. 277, Z. 5.$) v. _Schrenck-Notzing_, Über Spaltung der -Persönlichkeit (sogenanntes Doppel-Ich), Wien 1896, erwähnt auf S. 6 -nach _Proust_ einen Fall (den einzigen mir aus der Literatur bekannt -gewordenen) eines männlichen Hysterikers mit »condition prime« und -»condition seconde«. Es sind gewiß noch einige Fälle mehr beobachtet -worden; aber jedenfalls verschwinden sie an Zahl vor der Menge der -Frauen mit derartigem psychischen Zustandswechsel. Daß es Männer mit -»mehrfachem Ich« gibt, beweist nichts gegen die Thesen des Textes; denn -der Mann kann eben auch jene eine Möglichkeit von den unzähligen in ihm -verwirklichen, er kann auch Weib werden (vgl. S. 241, 359, 398 f.). - -($S. 277, Z. 19.$) So sagt Heinrich _Heine_ in einem sehr schlechten -Gedichte (Letzte Gedichte, zum »Lazarus« 12): - - Die Gestalt der wahren Sphinx - Weicht nicht ab von der des Weibes. - Faselei ist jener Zusatz - Des betatzten Löwenleibes. - - Todesdunkel ist das Rätsel - Dieser wahren Sphinx. Es hatte - Kein so schweres zu erraten - Frau Jokastens Sohn und Gatte. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 10. - - -($S. 283, Z. 8-10$) Nur 34% der eigentlichen Prostituierten bringen -Kinder zur Welt (nach C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als -Verbrecherin und Prostituierte, übersetzt von H. Kurella, Hamburg 1894, -S. 540). - -($S. 283, Z. 16 v. u. f.$) Die hier abgewiesene Meinung ist vor allem -eine bekannte Lehre sozialdemokratischer Theoretiker, insbesondere -August _Bebels_ (Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und -Zukunft, 9. Aufl., Stuttgart 1891, S. 140 ff.): »Die Prostitution -eine nothwendige soziale Institution der bürgerlichen Welt.« »So wird -die Prostitution zu einer nothwendigen sozialen Institution für die -bürgerliche Gesellschaft, ganz wie Polizei, stehendes Heer, Kirche, -Unternehmerschaft u. s. w.« - -($S. 284, Z. 18 f.$) Vgl. über diese der Prostitution gezollten -Ehrungen Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde, Eine -Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902, S. 198 f. -Auch _Lombroso-Ferrero_, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, -Hamburg 1894, S. 228 ff.; über die Phönicier, S. 230. - -($S. 285, Z. 10.$) Der hier berichtigte Gedanke _Schopenhauers_ ist -ausgesprochen in der »Welt als Wille und Vorstellung«, Bd. II, S. 630, -Grisebach. - -($S. 285, Z. 20.$) Johannes _Müller_, Handbuch der Physiologie des -Menschen für Vorlesungen, II. Bd., 2. Abt. Coblenz 1838, S. 574 f.: -»Beim Versehen ..... soll etwas Positives gebildet werden, und die -Form des Gebildes soll der Form in der Vorstellung entsprechen. -Diese Wirkung ist schon deswegen unwahrscheinlich, weil sie sich von -einem Organismus auf den anderen erstrecken soll; die Verbindung von -Mutter und Kind ist aber nichts anderes als eine möglichst innige -Juxtaposition zweier an und für sich ganz selbständiger Wesen, welche -sich mit ihren Oberflächen anziehen und wovon das eine die Nahrung und -Wärme abgibt, die sich das andere aneignet. [Dies eben, die Ansicht -von der bloßen Juxtaposition, ist falsch. Vgl. im Texte S. 296.] Aber -abgesehen davon läßt sich diese alte und höchst populäre Superstition -vom Versehen durch viele andere Gründe entkräften. Ich habe -Gelegenheit, die meisten Monstra zu sehen, welche in der preußischen -Monarchie geboren werden. Gleichwohl kann ich behaupten, daß mir -trotz dieser großen Gelegenheit in der Regel nichts Neues in dieser -Weise vorkommt, und daß sich hiebei nur gewisse Formen wiederholen, -welche den großen Reihen der Hemmungsbildungen, Spaltbildungen, -Defekte, Verschmelzungen seitlicher Teile mit Defekt der mittleren -u. s. w. angehören ..... Bedenkt man ferner, daß sich jede Schwangere -während der Zeit ihrer Schwangerschaft gewiß oft erschreckt, und daß -sehr viele sich gewiß wenigstens einmal, wenn nicht mehrere Male -versehen, ohne daß dies irgend eine Folge hat, so wird es, falls eine -Monstrosität irgendwo geboren wird, gewiß nicht an Gelegenheit fehlen, -diese auf eine dem populären Glauben entsprechende Weise zu erklären. -Die vernünftige Lehre vom Versehen reduziert sich daher darauf, daß -jeder heftige leidenschaftliche Zustand der Mutter auf die organische -Wechselwirkung zwischen Mutter und Kind einen ebenso, plötzlichen -Einfluß haben, und demzufolge auch eine Hemmung der Bildungen oder ein -Stehenbleiben der Formationen auf gewissen Stufen der Metamorphose -herbeiführen kann, ohne daß jedoch die Vorstellung der Mutter auf die -Stelle, wo sich dergleichen Retentionen erzeugen, Einfluß haben könne -u. s. w.« - -Th. _Bischoff_, Artikel: »Entwicklungsgeschichte mit besonderer -Berücksichtigung der Mißbildungen« in Rudolf Wagners Handwörterbuch -der Physiologie, Bd. I, Braunschweig 1842, S. 885 bis 889. Zunächst -S. 886: »_Meckel_ hat mit Recht zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß -in der Frage nach dem Versehen, wie sie gewöhnlich aufgestellt wird, -meistens zwei wesentlich verschiedene eingeschlossen sind, nämlich -erstens die: können Affekte der Mutter auf die Entwicklung des neuen -Organismus einen Einfluß haben? Und zweitens die: können Affekte der -Mutter, die durch einen bestimmten Gegenstand veranlaßt werden, die -Bildung des neuen Organismus dergestalt verändern, daß derselbe jenem -Gegenstande gleich oder ähnlich wird? Wenn nun gleich die Erfahrung oft -zeigt, daß sich der Fötus sehr selbständig, sowohl von den körperlichen -als psychischen Zuständen der Mutter entwickeln kann, und demnach -durchaus keine notwendige Beziehung zwischen beiden sich vorfindet, -so haben doch anderseits tausende von Fällen die Abhängigkeit der -Entwicklung der Frucht von den körperlichen und psychischen Zuständen -der Mutter so entschieden nachgewiesen, daß die erste Frage nur -ganz unbedingt bejahend beantwortet werden kann ..... Es ist in -vielen Fällen wirklich wahr gewesen und ereignet sich noch, daß ein -heftiger Schrecken oder Gemütsbewegung der Mutter eine Mißbildung -veranlaßt hat, ohne daß indessen die Form derselben dem Gegenstande -jenes Schreckens entspräche. Wir sehen aber, wie sich hieraus unter -Beihilfe der Phantasie, die Ähnlichkeiten schafft, wo keine sind, viele -Angaben erklären lassen. Allein auch noch für diese Ähnlichkeiten -sind wir imstande, nähere Erklärungen und Aufschlüsse zu geben .....« -»So ist es erklärlich, wie Furcht und Schrecken, deprimierende und -schwächende Einflüsse Störungen und Hemmungen in der Ausbildung der -Frucht hervorbringen können, welche zufällig und einzelne Male selbst -eine gewisse Ähnlichkeit mit den Objekten des Affektes haben können.« -Er macht im weiteren achterlei Gründe namhaft, »welche man gegen die -Erklärung der Entstehung gewisser Mißbildungen durch Affekte der -Mutter, veranlaßt durch, diesen Mißbildungen ähnliche, Gegenstände -aufwerfen muß«, bekannte Argumente, die ich hier nicht alle wiederholen -kann, und kommt zu dem Schlusse: »Nehmen wir zu diesem allen noch -hinzu, daß wir die meisten Mißbildungen aus den Entwicklungsgesetzen -und anderen naturwissenschaftlich zu analysierenden Ursachen erklären -können, _so wird wohl jedermann zugestehen müssen, daß das Versehen -zum wenigsten nur als eine sehr seltene und beschränkte Ursache der -Mißbildungen angenommen werden kann_.« S. 885: »Schon _Hippokrates_ -verteidigte eine Prinzessin, welche in den Verdacht des Ehebruches -gekommen war, weil sie ein schwarzes Kind gebar, dadurch, daß zu den -Füßen ihres Bettes das Bild eines Negers gehangen habe ..... Später -scheint es, daß vorzüglich der unglückliche und verderbliche Wahn, die -Mißbildungen seien Wirkungen des göttlichen Zornes oder dämonischer -und sodomitischer Abstammung, den Glauben an das Versehen vorzüglich -bestärkt haben. Die unglücklichen Mütter solcher Mißbildungen waren -natürlich gerne bereit, den auf sie fallenden schrecklichen Verdacht -und die ihm so oft folgenden grausamen Strafen dadurch von sich -abzuwenden, daß sie die Annahme des Versehens so sehr als möglich -unterstützten. So wurde sie denn die allgemein verbreitetste, und der -Phantasie wurde es nicht schwer, für die Formen der Mißbildungen äußere -Objekte als Ursachen aufzufinden.« - -Charles _Darwin_: Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande -der Domestikation, übersetzt von J. Viktor Carus, II. Bd., 2. Aufl. -Stuttgart 1873, S. 301 (Kapitel 22). - -Ablehnendes Verhalten der Züchtungstheoretiker: Hermann _Settegast_, -Die Tierzucht, 4. Aufl., I. Bd.; Die Züchtungslehre, Breslau 1878, -S. 100 bis 102, 219 bis 222. S. 219: »Der Glaube an die Möglichkeit -des Versehens ist uralt. Schon die Bibel erzählt uns (1. Buch Mose, -Kap. 30, Vers 37 bis 39), daß der Erzvater Jakob es verstand, ein -‚Versehen’ der Mutterschafe künstlich hervorzurufen und auf diese Weise -scheckige Lämmer zu erzeugen. Er tat nämlich Holzstäbe, die durch -stellenweises Abschälen der Rinde ein scheckiges Aussehen gewonnen -hatten, in Tränkrinnen. Es mag dahingestellt bleiben, ob Jakob der -Meinung war, daß das Versehen an diesen bunten Holzstäbchen während des -Bespringens der Mutterschafe, das an den Tränktrögen bewerkstelligt -worden zu sein scheint, vor sich gehen werde, oder daß die _schon -tragenden_ Mutterschafe im Anblick der auffallenden Gegenstände, die -ihnen beim Trinken vor die Augen gerückt wurden, und den bunten Stäben -entsprechend scheckige Lämmer bringen müßten. Seinen gewinnsüchtigen -Zweck hat aber Jakob erreicht und dadurch den Grund zu seiner -Wohlhabenheit gelegt. Bis auf den heutigen Tag finden Schilderungen -ähnlicher Art Gläubige.« In einer Anmerkung hiezu: »Äußert sich doch -noch im Jahre 1874 Dr. J. in einer der gelesensten und geachtetsten -Zeitungen Deutschlands unter anderem wie folgt: ‚Es ist eine -eigentümliche Erfahrung, welche der Züchter macht, daß durch die -Imagination des Muttertieres, zumal wenn es tragend ist, sich die Farbe -der es umgebenden Gegenstände und besonders die Farbe der Tiere von -seiner nächsten Umgebung auf die Nachkommenschaft häufig überträgt. So -ist es sehr oft beobachtet worden, daß der wiederholte und reichliche -Verbrauch von Kalkanstrich den Ställen und Verschlägen, worin sich -eine Rinderzuchtherde befindet, erheblich das Verhältnis der weißen -oder weißscheckigen Kälber vermehrt, die geboren werden.’ Solche und -ähnliche Erzählungen legen Zeugnis von der Leichtfertigkeit ab, womit -kritiklos und aus Sucht, dem Leser Pikanterien zu bieten, unbegründete -Behauptungen mit dem Gewande sogenannter Erfahrungen umkleidet werden.« -»..... Der Umstände und Tatsachen, welche gegen die Möglichkeit des -Versehens sprechen, gibt es so viele, daß es uns fast wie ein Rest von -Aberglauben vorkommen will, wenn man an dieser haltlosen Theorie, -durch die auffallende Formen erklärt werden sollen, ferner festhält.« - -Endlich sei als ein Gynäkologe angeführt Max _Runge_, Lehrbuch der -Geburtshilfe, 6. Aufl., Berlin 1901, S. 82 f.: »Die Frage, ob starke -psychische Eindrücke, welche eine Schwangere treffen, Einfluß auf die -Entstehung körperlicher Verbildungen oder geistiger Defekte der Frucht -haben können, spielt bei vielen Laien eine große Rolle (Versehen der -Schwangeren). Von der neueren wissenschaftlichen Medizin ist bis auf -die jüngste Zeit die Frage abgelehnt worden, und insbesondere die -Möglichkeit eines Kausalzusammenhanges zwischen psychischem Eindruck -und einer vorliegenden Mißbildung des Kindes auf das bestimmteste -geleugnet worden. In neuester Zeit hat man die genannte Frage aber doch -einer Diskussion wert erachtet. Mag die Frage also wissenschaftlich -noch diskutabel sein, für die Praxis gilt auch heute noch der Rat, bei -Schwangeren und ihrer Umgebung den Glauben an das sogenannte Versehen -ernstlich zu bekämpfen.« - -_Runge_ spielt hier an auf die Abhandlungen von J. _Preuß_, -Vom Versehen der Schwangeren, Berliner Klinik, Heft 51 (1892), -_Ballantyne_, Edinburgh Medical Journal, Vol. XXXVI, 1891 und -die Arbeit Gerhards von _Welsenburg_, Das Versehen der Frauen -in Vergangenheit und Gegenwart und die Anschauungen der Ärzte, -Naturforscher und Philosophen darüber, Leipzig 1899. v. Welsenburgs -ausführliche Zusammenstellung läßt am Schlusse die Frage unentschieden. - -Über das Versehen und die sicher übertriebene Sucht, alle Mißbildungen -hierauf als einzige Ursache zurückzuführen vgl. noch _Ploß_, Das Weib -in der Natur- und Völkerkunde, 7. Aufl., 1902, Bd. I, S. 809 bis -811. Benjamin _Bablot_, Dissertation sur le pouvoir de l'imagination -des femmes enceintes. E. v. _Feuchtersleben_, Die Frage über das -Versehen der Schwangeren, zergliedert in den Verhandlungen der k. k. -Gesellschaft der Ärzte zu Wien, 1842, S. 430 f., und andere, -worüber bei von Welsenburg nachgelesen werden kann. Dieser führt auch -zahlreiche Fürsprecher des Versehens an (so _Budge_, _Schönlein_, -_Carus_, _Bechstein_, Prosper _Lucas_, G. H. _Bergmann_, A. von -_Solbrig_, Theodor _Roth_, Karl _Hennig_ [die zwei letzteren in -Virchows Archiv 1883, 1886], _Bichat_ u. a.). Ich möchte nur -noch erwähnen, was ein so hervorragender, klarer und nüchterner -Naturforscher wie Karl Ernst von _Baer_ zu dieser Frage bemerkt -hat (bei dem ebenfalls zu den Anhängern des Versehens zählenden -ausgezeichneten Karl Friedrich _Burdach_, in dessen Physiologie als -Erfahrungswissenschaft, 2. Aufl. Bd. II, Leipzig 1837, S. 127): - -»Eine schwangere Frau wurde durch eine in der Ferne sichtbare Flamme -sehr erschreckt und beunruhigt, weil sie dieselbe in der Gegend ihrer -Heimat erblickte. Der Erfolg lehrte, daß sie sich nicht geirrt hatte; -da der Ort aber sieben Meilen entfernt war, so dauerte es lange, bis -man sich hierüber Gewißheit verschaffte, und diese lange Ungewißheit -mag besonders auf die Frau eingewirkt haben, so daß sie lange nachher -versicherte, stets die Flamme vor Augen zu haben. Zwei oder drei -Monate nach dem Brande wurde sie von einer Tochter entbunden, welche -einen roten Fleck auf der Stirn hatte, der nach oben spitz zulief -in Form einer auflodernden Flamme; er wurde erst im siebenten Jahre -unkenntlich. _Ich erzähle diesen Fall, weil ich ihn zu genau kenne, -da er meine eigene Schwester betrifft_, und weil die Klage über die -Flamme vor den Augen _während der Schwangerschaft_ geführt, und nicht, -wie gewöhnlich, nach der Entbindung die Ursache der Abweichung in der -Vergangenheit aufgesucht wurde.« - -($S. 286, Z. 9 ff.$) Henrik _Ibsen_, Die Frau vom Meer, Zweiter -Aufzug, Siebenter Auftritt. -- _Goethe_, Die Wahlverwandtschaften, -Zweiter Teil, Dreizehntes Kapitel. -- v. _Welsenburg_ weist auch auf -_Immermanns_, infolge eines bösen Traumes seiner Mutter mit einem -hirschfängerartigen Male unter dem Herzen gebornen Jäger aus dem -»Münchhausen« hin (Buch II, Kap. 7, S. 168-175, ed. Hempel). - -Es ist von Interesse, zu hören, wie zwei Männer der Wissenschaft über -die bekannte Begebenheit aus den »Wahlverwandtschaften« sich äußern. -H. _Settegast_, Die Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre, -Breslau 1878, spricht S. 101 f. zuerst über die fragliche Beeinflussung -des Embryo durch Eindrücke der Mutter während der Gestation, und fährt -dann fort: »Es wird erzählt, es sei einst ein weißköpfiges Fohlen -geboren worden infolge des Umstandes, daß während des Beschälaktes -im Gesichtskreise der Zeugenden sich ein Knabe befand, der sich den -Kopf mit einem weißen Tuche verhüllt hatte. Ein scheckiges Fohlen ward -geboren, nachdem die zur Beschälstation geführte rossige Stute den -Weg wiederholt in Gesellschaft eines scheckigen Pferdes zurückgelegt -hatte. In einem anderen Falle soll das Scheckenkleid des Fohlens -durch das plötzliche Erscheinen eines scheckigen Jagdhundes während -des Beschälaktes veranlaßt worden sein ... Wollte man einwenden, -daß es zweifelhaft sei, ob das, was _der Mensch_ für eine genug -auffällige Erscheinung halte, die Einbildungskraft des zeugenden -Tieres zu beschäftigen, auch von dem Tiere so angesehen werde, so -könnten aus der Erfahrung zahlreiche Fälle beigebracht werden, in -denen nachweisbar während der Begattung die Einbildungskraft eines der -Zeugenden mit einem sinnlichen Gegenstande beschäftigt sein mußte. So -gehört es z. B. in der Tierzucht zu den nicht ungewöhnlichen Mitteln, -ein männliches Tier zur Begattung mit einem von ihm nicht begehrten -dadurch zu vermögen, daß man eine seiner Favoritinnen in die Nähe der -Verschmähten bringt. Nun wird der Sprung nicht versagt, die durch die -Neigung des männlichen Individuums Begünstigte wird schnell zurück-, -und die Verschmähte zur Kopulation untergeschoben. _Noch niemals -hat man beobachtet, daß das Kind des so Betrogenen dem Gegenstande -seiner Neigung, mit dem seine Phantasie während des Begattungsaktes -beschäftigt sein mußte, gleiche, und daß sich ein Prozeß vollziehe, den -Goethe in seinen Wahlverwandtschaften mit dichterischer Meisterschaft -geschildert hat. In das von ihm beherrschte Gebiet der Phantasie und -Dichtung wird man die Ansicht von dem Einfluß seelischer Eindrücke auf -das Zeugungsprodukt zu verweisen haben._« - -Viel bescheidener absprechend sagt Rudolf _Wagner_, Nachtrag -zu Rud. Leuckarts Artikel »Zeugung« in Wagners Handwörterbuch -der Physiologie, Bd. IV, Braunschweig 1853, S. 1013: »Infolge -heftigen Schreckens kann Abortus entstehen. Anhaltender Gram kann -ein Gesamtleiden der Mutter zur Folge haben, welches Zerrüttung -ihrer Konstitution, schlechte Ernährung, Krankheiten des Fötus -veranlassen kann. Aber ein spezifischer Einfluß durch Eindrücke -äußerer Gegenstände auf die Schwangeren darf nicht zugegeben werden, -und niemals kann die Entstehung von Mißbildungen, von Muttermälern -etc. damit in Zusammenhang gebracht werden. _Wer im Sinne von -Goethes Wahlverwandtschaften -- wo diese Ansicht mit der für den -Menschenkenner eigentümlichen Tiefe durchgeführt ist -- einen Einfluß -innerer Gedankenbildung im Momente des Beischlafes auf die physische -und psychische Bildung der Frucht annehmen will, der wird vom -physiologischen Standpunkte weder zu widerlegen sein, noch wird ihm -seine Ansicht bestätigt werden können._ Bis zu solcher Tiefe ist die -Physiologie noch nicht vorgeschritten, und es steht zu bezweifeln, -daß sie je dahin gelangen werde. _Wenn ich mein subjektives Urteil -aussprechen soll, so muß ich jedoch gestehen, daß ich einen solchen -Einfluß der bloßen Vorstellung im Momente des Zeugungsaktes viel eher -zu bezweifeln als anzunehmen geneigt bin._« - -Schließlich sei noch erwähnt, daß auch _Kant_ das Versehen bestritten -hat, in der Abhandlung: Über die Bestimmung des Begriffs einer -Menschenrasse (Berliner Monatsschrift, November 1785, Bd. VIII, -S. 131-132, ed. Kirchmann): »Es ist klar, daß, wenn der Zauberkraft -der Einbildung oder der Künstelei der Menschen an tierischen Körpern -ein Vermögen zugestanden würde, die Zeugungskraft selbst abzuändern, -das uranfängliche Modell der Natur umzuformen oder durch Zusätze zu -verunstalten, die gleichwohl nachher beharrlich in den folgenden -Zeugungen aufbehalten würden, man gar nicht mehr wissen würde, von -welchem Originale die Natur ausgegangen sei, oder wie weit es mit -der Abänderung desselben gehen könne, und, da der Menschen Einbildung -keine Grenzen erkennt, in welche Fratzengestalt die Gattungen und -Arten zuletzt noch verwildern dürften. Dieser Erwägung gemäß nehme ich -es mir zum Grundsatze, gar keinen in das Zeugungsgeschäft der Natur -pfuschenden Einfluß der Einbildungskraft gelten zu lassen und kein -Vermögen der Menschen, durch äußere Künstelei Abänderungen in dem -alten Original der Gattungen oder Arten zu bewirken, solche in die -Zeugungskraft zu bringen und erblich zu machen. Denn lasse ich auch nur -einen Fall dieser Art zu, so ist es, als ob ich auch nur eine einzige -Gespenstergeschichte oder Zauberei einräumte u. s. w.« - -($S. 287, Z. 14 v. u.$) Daß den Prostituierten alle mütterlichen -Gefühle abgehen, darüber vgl. _Lombroso-Ferrero_, S. 539 f. der -deutschen Ausgabe (Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg -1894). - -($S. 290, Z. 14.$) Die Argumente, welche als moralische Begründungen -der Ehe angeführt werden, sind bare Sophisterei. Sogar vom Standpunkte -der Kantischen Ethik -- und es gibt keine andere Ethik -- hat man -sie auf folgende Weise aufrechtzuhalten gesucht, wie Theodor G. v. -_Hippel_ (Über die Ehe, 3. Aufl., Berlin 1792, S. 150): »Nie ist der -Mensch _Mittel_, allemal ist er _Zweck_: nie Instrument, sondern -Spielmann; nie kann er genossen werden, sondern er ist Genießer! -In der Ehe verbinden sich zwei Personen, einander gegenseitig zu -genießen: das Weib will eine Sache für den Mann seyn, und auch der -Ehemann macht sich dagegen in bester Form Rechtens verbindlich, sich -dahin zu geben. Da beide sich zu Instrumenten herabsetzen, auf denen -wechselweise gespielt wird, so geht Null mit Null auf: und dieser -einzige Menschengenußkontrakt ist erlaubt, nöthig, göttlich weise.« -Ja _Kant_ selbst führt eine gleiche arithmetische Operation in seinen -»Metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre« aus (§ 25, S. 88 f., -ed. Kirchmann): »Der natürliche Gebrauch, den ein Geschlecht von den -Geschlechtsorganen des anderen macht, ist ein _Genuß_, zu dem sich ein -Teil dem anderen hingibt. In diesem Akt macht sich der Mensch selbst -zur Sache, welches dem Rechte der Menschheit an seiner eigenen Person -widerstreitet. Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses möglich, -daß, indem die eine Person von der anderen _gleich als Sache_ erworben -wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe, denn so gewinnt sie -wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit wieder her. Es ist -aber der Erwerb eines Gliedmaßes am Menschen zugleich Erwerbung der -ganzen Person -- weil diese eine absolute Einheit ist -- folglich ist -die Hingebung und Annehmung eines Geschlechtes zum Genuß des anderen -nicht allein unter der Bedingung der Ehe zulässig, sondern auch -_allein_ unter derselben möglich.« - -Diese Rechtfertigung berührt sehr eigentümlich. Es hebt sich moralisch -nicht auf, wenn zwei Menschen einander gleich viel stehlen. Zu erklären -ist diese Äußerung wohl nur aus der geringen Rolle, welche die Frauen -in Kantens psychischem Leben spielten, und der geringen Heftigkeit der -erotischen Neigungen, die er zu bekämpfen hatte. - -($S. 291, Z. 14 f.$) Vgl. Joseph _Hyrtl_, Topographische Anatomie, 5. -Aufl., 1865, S. 559 f.: »Der Zusammendrückung der Ausführungsgänge der -einzelnen Drüsenlappen wird durch das Hartwerden der Warze vorgebeugt, -welche sich umsomehr steift, je größer der mechanische Reiz ist, -welchen die kindlichen Kiefer auf die Warze ausüben. Die zahlreichen -Tastwärzchen an der Oberfläche der Papille werden die Erfüllung der -Mutterpflicht mit einem wohltuenden Kitzel lohnen, der jedoch zu -wenig wollüstig ist, um jede Mutter für die Leistung der heiligsten -Pflicht zu gewinnen.« [Wohl aber jede Mutter nach dem im Texte -entwickelten Begriffe einer eigentlichen Mutterschaft im Gegensatze -zur Dirnenhaftigkeit.] -- Über die Erection der Warze selbst vgl. -L. _Landois_, Lehrbuch der Physiologie des Menschen, 9. Aufl., Wien und -Leipzig 1896, S. 441: »Bei der Entleerung der Milch wirkt nicht allein -rein mechanisch das _Saugen_, sondern es kommt eine _aktive Tätigkeit -der Brustdrüse_ hinzu. Diese besteht zunächst in der Erection der -Warze, wobei die glatten Muskeln derselben zur Entleerung der Milch -auf die Sinus der Gänge drücken, so daß dieselbe sogar im Strahle -hervorspritzen kann.« -- Über die Uteruskontraktionen Max _Runge_, -Lehrbuch der Geburtshilfe, 4. Aufl., Berlin 1898, S. 180: »Der Reiz der -Warzen durch das Saugen löst Uteruskontraktionen aus.« - -($S. 292, Z. 1 v. u.$) Man vergleiche hiemit die folgenden -Betrachtungen J. J. _Bachofens_, die vielleicht tief genannt zu werden -verdienen (Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, S. 165 f.): »Der Mann -erscheint als das bewegende Prinzip. Mit der Einwirkung der männlichen -Kraft auf den weiblichen Stoff beginnt die Bewegung des Lebens, der -Kreislauf des ὁρατὸς κόσμος. War zuvor alles in Ruhe, so hebt jetzt mit -der ersten männlichen Tat jener ewige Fluß der Dinge an, der durch die -erste κίνησις hervorgerufen wird, und, nach Heraklits bekanntem Bilde, -in keinem Augenblicke völlig derselbe ist. Durch Peleus' Tat wird aus -Thetis' unsterblichem Mutterschoße das Geschlecht der Sterblichen -geboren. Der Mann bringt den Tod in die Welt. Während die Mutter für -sich der Unsterblichkeit genießt, geht nun, durch den Phallus erweckt, -aus ihrem Leibe ein Geschlecht hervor, das gleich einem Strome immer -dem Tode entgegeneilt, gleich Meleagers Feuerbrand stets sich selbst -verzehrt.« Auch S. 34 f. ist von Bachofen manches Schöne über die im -»demetrisch-tellurischen Prinzipe« gelegene Art der Unsterblichkeit -gesagt. - -($S. 293, Z. 4 f.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und Vorstellung, -Bd. II, Buch 4, Kapitel 41. - -($S. 294, Z. 18.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und Vorstellung, -Bd. II, Buch 4, Kapitel 44: »Der Endzweck aller Liebeshändel, sie mögen -auf dem Soccus oder dem Kothurn gespielt werden, ist ... wichtiger als -alle anderen Zwecke im Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes, -womit jeder ihn verfolgt, völlig wert. Das nämlich, was dadurch -entschieden wird, ist nichts Geringeres als die _Zusammensetzung der -nächsten Generation_ u. s. w.« - -($S. 295, Z. 26.$) Z. B. sagt der freilich auch sonst überaus flache -und unoriginelle Eduard von _Hartmann_, der jetzt von manchen, wie es -scheint, bloß weil er kein Universitätsprofessor ist, schon für einen -großen Denker gehalten wird, in seiner »Phänomenologie des sittlichen -Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik« (Berlin 1879), -S. 268 f.: »Man denke ... an ein vom naivsten aber rücksichtslosesten -und schamlosesten Egoismus beseeltes Weib, das von dem Tage an, wo -es Mutter wird, mit der ganzen Naivität des weiblichen Gefühls ihr -Selbst auf die Personen ihrer Kinder mit ausdehnt, kein Opfer für das -Wohl dieser scheut, aber auch die so erweiterte Mutterselbstsucht -ebenso rücksichtslos und schamlos nach außen übt wie vorher ihren -Egoismus, ja noch ungenierter, weil sie in ihren Mutterpflichten -eine ethische Rechtfertigung ihres Verhaltens zu besitzen glaubt ... -Ist auch eine solche einseitige Liebe, die rücksichtslos zu allem -außerhalb dieses Liebesverhältnisses Liegenden sich verhält, eine -sittlich unvollkommene, so ist sie doch im Prinzip ein unermeßlicher -Fortschritt über den starren Eigennutz und die kahle Eigenliebe -hinaus, und zeigt den grundsätzlichen Bruch mit der Beschränkung des -Willens auf das alleinige Wohl der Individualität. Man kann sagen, -daß in einer solchen Mutter, bei aller Einseitigkeit ihrer Moralität, -doch unendlich viel mehr ethische _Tiefe_ verwirklicht ist als bei -dem Virtuosen der Klugheitsmoral, dem willenlosen Sklaven kirchlicher -Moralformeln und dem Künstler der ästhetischen Moral zusammengenommen, -da jene die _Wurzel alles Bösen_ wenigstens in _einem_ Punkte radikal -und _von Grund aus zerstört hat_, während von diesen die beiden ersten -sich durch außerhalb der Sache liegende Rücksichten, der letztere doch -nur durch oberflächliche und äußerliche Seiten der Sache bestimmen -läßt. Darum wird solche Liebe sittliche Achtung und in ihren höheren -Graden selbst Ehrfurcht und Bewunderung erwecken, selbst da, wo ihre -Einseitigkeit zu unsittlichem Verhalten nach anderen Richtungen -führt.« Alle diese Irrtümer entstehen aus dem trotz _Kant_ überall -verbreiteten, aber ganz unhaltbaren Glauben an eine triebhafte, naive, -unbewußte und auf diese Art vollkommene Sittlichkeit. Man wird es ewig -zu wiederholen haben, daß Moralität und Bewußtheit, Unbewußtheit und -Immoralität einerlei sind. (So spricht von »unbewußter Sittlichkeit« -Hartmann a. a. O., S. 311; es muß hiegegen anerkannt werden, daß er an -anderen Stellen einsichtiger über die Frauen urteilt; z. B. S. 526: -»Der Mangel an Rechtlichkeit und Gerechtigkeit macht das weibliche -Geschlecht als Ganzes zu einem moralischen Parasiten des männlichen.«) - -($S. 297, Z. 1.$) Johann _Fischart_, Das Philosophisch Ehezuchtbüchlin. --- Jean _Richepins_ bekannte Ballade »La Glu« nach dem Bretonischen (in -»La Chanson des Gueux«). Auch H. _Heine_ hätte mehrerer Gedichte wegen -hier angeführt werden dürfen. - -($S. 297, Z. 10.$) J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung -über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und -rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 10: »Auf den tiefsten, düstersten -Stufen des menschlichen Daseins bildet die Liebe, welche die Mutter -mit den Geburten ihres Leibes verbindet, den Lichtpunkt des Lebens, -die einzige Erhellung der moralischen Finsternis, die einzige Wonne -inmitten des tiefen Elends.« »Dasjenige Verhältnis, an welchem die -Menschheit zuerst zur Gesittung emporwächst, das der Entwicklung -jeder Tugend, der Ausbildung jeder edleren Seite des Daseins zum -Ausgangspunkte dient, ist der Zauber des Muttertums, der inmitten -eines gewalterfüllten Lebens als das göttliche Prinzip der Liebe, der -Einigung, des Friedens wirksam wird.« Bachofen ist ein viel tieferer -und weiter blickender Mann, von einer universelleren, echteren -philosophischen Bildung als irgend ein Soziolog seit Hegel; und doch -übersieht er hier etwas so Naheliegendes wie den völligen Mangel an -Unterschieden zwischen der Mutterliebe bei den Tieren (Henne, Katze) -und beim Menschen. - -Robert _Hamerling_, sonst mehr Rhetor als wahrer Künstler, macht über -die Mutterliebe eine gute Bemerkung, die, ohne daß er dies zu wollen -scheint, klar zeigt, wie von Sittlichkeit hier gar nicht gesprochen -werden kann (Ahasver in Rom, II. Gesang, Werke, Volksausgabe, Bd. I, -S. 59): - - »Die Mutterliebe, sieh, das ist der Pflichtteil - Von Liebesglück, den jeder Kreatur - Auswirft die kargende Natur -- der Rest - Ist Schein und Trug. _Wahrhaftig, mich ergötzt es, - Daß es ein Wesen gibt, für das es ewig - Naturnotwendigkeit ist, mich zu lieben._« - -($S. 299, Z. 9. v. u.$) An Annäherungen an jenes größere Hetärentum -(Aspasia, Kleopatra) hat es in der Renaissance nicht gefehlt. Vgl. -_Burckhardt_, Die Kultur der Renaissance in Italien, 4. Aufl., bes. von -L. Geiger, Bd. I, S. 127. - -($S. 302, Z. 15 v. u.$) Die Erzählung über Napoleon nach _Emerson_, -Repräsentanten des Menschengeschlechtes, übersetzt von Oskar Dähnert, -Leipzig, Universalbibliothek, S. 199. - -($S. 306, Z. 18.$) Dieser Auffassung der Mutterschaft kommt am nächsten -die des _Aischylos_ (Eumeniden, V. 658 f.): - - »Οὐκ ἔστι μήτηρ ἡ κεκλημένου τέκνου - τοκεύς, τροφὸς δὲ κύματος νεοσπόρου. - τίκτει δ'ὁ θρώσκων, ἡ δ'ἁπερ ξένω ξένη - ἔσωσεν ἔρνος, οίσι μὴ βλάφη θεός.« - -($S. 307, Z. 16 v. u.$) Die Illusion der Vaterschaft hat der mächtigen -Tragödie August _Strindbergs_ »Der Vater« den Namen gegeben. (Man vgl. -in dieser außerordentlichen Dichtung [übersetzt von E. Brausewetter, -Universalbibliothek] als speziell auf diesen Punkt sich beziehend -S. 34.) - -($S. 307, Z. 14 v. u. ff.$) _Bachofen_, Das Mutterrecht, S. 9: »... -der Name matrimonium selbst ruht auf der Grundidee des Mutterrechtes. -Man sagte matrimonium, nicht patrimonium, wie man zunächst auch nur -von einer materfamilias sprach. Paterfamilias ist ohne Zweifel ein -späteres Wort. Plautus hat materfamilias öfters, Paterfamilias nicht -ein einziges Mal ... Nach dem Mutterrecht gibt es wohl einen Pater, -aber keinen Paterfamilias. _Familia ist ein rein physischer Begriff_, -und darum zunächst nur der Mutter geltend. Die Übertragung auf den -Vater ist ein improprie dictum, das daher zwar im Recht angenommen, -aber in den gewöhnlichen, nicht juristischen Sprachgebrauch später -erst übertragen wurde. Der Vater ist stets eine juristische Fiktion, -die Mutter dagegen eine physische Tatsache. Paulus ad Edictum in Fr. -5 D. de in ius vocando (2, 4), ‚mater semper certa est, etiamsi vulgo -conceperit, pater vero is tantum, quem nuptiae demonstrant’. Tantum -deutet an, daß hier eine juristische Fiktion an die Stelle der stets -fehlenden natürlichen Sicherheit treten muß. Das Mutterrecht ist natura -verum, der Vater bloß iure civili, wie Paulus sich ausdrückt.« - -($S. 307, Z. 12 v. u.$) Herbert _Spencer_, Die Unzulänglichkeit der -natürlichen Zuchtwahl, Biologisches Zentralblatt, XIV, 1894, S. 262 f. -bemerkt: »Ich bin einem ausgezeichneten Korrespondenten zu großem -Dank verpflichtet, der meine Aufmerksamkeit auf beglaubigte Tatsachen -gelenkt hat, die über die Nachkommen von Weißen und Negern in den -Vereinigten Staaten berichtet werden. Indem er sich auf einen Bericht, -der ihm mehrere Jahre zuvor gemacht worden war, bezieht, sagt er: ‚Es -ging darauf hinaus, daß die Kinder weißer Frauen von weißen Vätern -_mehrere_ Male Spuren von Negerblut zeigten, wenn die Frau früher -ein Kind von einem Neger gehabt hatte.’ Zu der Zeit, als ich diesen -Bericht erhielt, besuchte mich ein Amerikaner, und darüber befragt, -antwortete er, daß in den Vereinigten Staaten diese Meinung allgemein -anerkannt werde. Um jedoch nicht nach Hörensagen zu urteilen, schrieb -ich sogleich nach Amerika, Umfrage zu halten ... Prof. _Marsh_, der -ausgezeichnete Paläontologe aus Yale, New Haven, der auch Beweise -sammelt, sendet mir einen vorläufigen Bericht, in welchem er sagt: -‚Ich selbst kenne keinen solchen Fall, aber ich habe viele Aussagen -gehört, die mir ihre Existenz wahrscheinlich machen. Ein Beispiel in -Connecticut wurde mir von einem Bekannten so zuverlässig beteuert, daß -ich allen Grund habe, es für authentisch zu halten.’ - -Daß Fälle dieser Art nicht häufig im Norden gesehen werden, ist -natürlich zu erwarten. Das erste der obenerwähnten Beispiele bezieht -sich auf Vorgänge, die im Süden während der Sklavenzeit beobachtet -wurden; und selbst damals waren die bezüglichen Bedingungen -natürlicherweise sehr selten. Dr. W. J. _Youmans_ in New-York hat in -meinem Interesse mehrere Medizinprofessoren befragt, die, obgleich sie -nicht selbst solche Beispiele gesehen haben, sagen, daß das behauptete, -oben beschriebene Resultat ‚allgemein als eine Tatsache anerkannt -wird’. Aber er sendet mir etwas, das nach meiner Meinung als ein -autoritatives Zeugnis gelten kann. Es ist ein Citat aus dem klassischen -Werk von Prof. _Austin Flint_, das hier folgt: - -‚Eine eigentümliche und, wie es scheint, unerklärliche Tatsache ist es, -daß frühere Schwangerschaften einen Einfluß auf die Nachkommenschaft -haben. Das ist den Tierzüchtern wohl bekannt. Wenn Vollblutstuten oder -Hündinnen einmal mit Männchen von weniger reinem Blut belegt worden -waren, so werden bei späteren Befruchtungen die Jungen geneigt sein, -die Art des ersten Männchens anzunehmen, selbst wenn sie von Männchen -mit unzweifelhaftem Stammbaum erzeugt wurden. Wie man diesen Einfluß -der ersten Empfängnis erklären kann, ist unmöglich zu sagen, aber -die Tatsache ist unbestritten. Der gleiche Einfluß ist beim Menschen -beobachtet worden. Eine Frau kann vom zweiten Mann Kinder haben, -die dem ersten ähnlich sind, und diese Beobachtung ist besonders in -Bezug auf Haar und Augen gemacht worden. Eine weiße Frau, die zuerst -Kinder von einem Neger hat, kann später Kinder von einem weißen Vater -gebären, und doch werden diese Kinder unfragliche Eigentümlichkeiten -der Negerrasse an sich tragen.’« (A Text Book of Human Physiology. By -_Austin Flint_ MD. LL. D. _Fourth_ edition, New York, D. Appleton & -Co., 1888, p. 797.) - -Dr. _Youmans_ besuchte Prof. _Flint_, der ihm erzählte, daß er ‚den -Gegenstand näher untersucht habe, als er sein größeres Werk schrieb -(das obige Citat ist aus einem Auszug), und er fügte hinzu, daß er -nie gehört habe, daß der Bericht in Frage gestellt sei’. (Vgl. über -dieselbe Frage _Spencer_, Biolog. Zentralblatt XIII, 1893, S. 743-748.) - -($S. 307, Z. 8 v. u.$) Vgl. Charles _Darwin_, Über die direkte oder -unmittelbare Einwirkung des männlichen Elementes auf die Mutterform -(Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, -11. Kapitel, Bd. I, 2. Aufl., Stuttgart 1873, S. 445 f.): »Eine andere -merkwürdige Klasse von Tatsachen muß hier noch betrachtet werden, weil -man angenommen hat, daß sie einige Fälle von Knospenvariation erklären. -Ich meine die direkte Einwirkung des männlichen Elementes, nicht in -der gewöhnlichen Weise auf die Ovula, sondern auf gewisse Teile der -weiblichen Pflanzen, oder wie es der Fall bei Tieren ist, auf die -späteren Nachkommen des Weibchens von einem zweiten Männchen. Ich will -vorausschicken, daß bei Pflanzen das Ovarium und die Eihülle offenbar -Teile des Weibchens sind, und es hätte sich nicht voraussehen lassen, -daß diese von dem Pollen einer fremden Varietät oder Spezies affiziert -werden würden, obgleich die Entwicklung des Embryo innerhalb des -Embryosackes, innerhalb des Ovulums, innerhalb des Ovariums natürlich -vom männlichen Element abhängt. - -Schon im Jahre 1729 wurde beobachtet (Philosophical Transactions, -Vol. XLIII, 1744/45, p. 525), daß sich weiße und blaue Varietäten -der Erbsen, wenn sie nahe aneinander gepflanzt werden, gegenseitig -kreuzten, ohne Zweifel durch die Tätigkeit der Bienen, und im Herbste -wurden blaue und weiße Erbsen innerhalb derselben Schoten gefunden. -_Wiegmann_ machte eine genau ähnliche Beobachtung im jetzigen -Jahrhundert. Dasselbe Resultat erfolgte mehrere Male, wenn eine -Varietät Erbsen von der einen Färbung künstlich mit einer verschieden -gefärbten Varietät gebaut wurde. (Mr. _Swayne_ in: Transact. Horticult. -Soc., Vol. V, p. 234, und _Gärtner_, Bastarderzeugung, 1849, S. 81 und -499). Diese Angaben veranlaßten _Gärtner_, der äußerst skeptisch über -diesen Gegenstand war, eine lange Reihe von Experimenten sorgfältig -anzustellen. Er wählte die konstantesten Varietäten sorgfältig heraus, -und das Resultat zeigte ganz überzeugend, daß die Farbe der Haut -der Erbse modifiziert wird, wenn Pollen einer verschieden gefärbten -Varietät gebraucht wird. Diese Folgerung ist seitdem durch Experimente, -welche J. M. _Berkeley_ angestellt hat, bestätigt worden (_Gardeners_' -Chronicle, 1854, p. 404) ...« - -(S. 447): »Wenden wir uns nun zur Gattung _Matthiola_. Der Pollen -der einen Sorte von _Levkoj_ affiziert zuweilen die Farbe der Samen -einer anderen Sorte, die als Mutterpflanze benutzt wird. Ich führe den -folgenden Fall um so lieber an, als _Gärtner_ ähnliche Angaben, die -in Bezug auf den Levkoj von anderen Beobachtern früher gemacht worden -waren, bezweifelte. Ein sehr bekannter Gartenzüchter, Major _Trevor -Clark_ (siehe auch einen Aufsatz, welchen dieser Beobachter vor dem -internationalen Hortikultur- und botanischen Kongreß in London 1866 -gelesen hat), teilt mir mit, daß die Samen des großen rotblütigen, -_zweijährigen_ Levkoj (M. annua; »Cocardeau« der Franzosen) hellbraun -sind, und die des purpurnen verzweigten Levkojs »Queen« (M. incana) -violettschwarz sind. Nun fand er, daß, wenn Blüten des roten Levkojs -mit Pollen des purpurnen befruchtet wurden, sie ungefähr 50% schwarzen -Samen ergaben. Er schickte mir vier Schoten von einer rotblühenden -Pflanze, von denen zwei mit ihren eigenen Pollen befruchtet worden -waren, und diese enthielten blaßbraune Samen, und zwei, welche mit -Pollen von der purpurnen Sorte gekreuzt worden waren, und diese -enthielten Samen, die alle tief mit Schwarz gefärbt waren. Diese -letzteren Samen ergaben purpurblühende Pflanzen wie ihr Vater, während -die blaßbraunen Samen normale rotblühende Pflanzen ergaben. Major -_Clarke_ hat beim Aussäen ähnlicher Samen in einem größeren Maßstabe -dasselbe Resultat erhalten. Die Beweise für die direkte Einwirkung des -Pollens einer Spezies auf die Färbung der Samen einer anderen Spezies -scheinen mir in diesem Falle ganz entscheidend zu sein.« - -Darwin legt hier besonderen Nachdruck auf die radikale Veränderung in -der Mutterpflanze durch den männlichen Pollen. So im englischen Texte -(2. ed., London 1875, Vol. II, p. 430 f.): »Professor _Hildebrand_ -(Botanische Zeitung, Mai 1868, S. 326) ... has fertilised ... a -kind [of maize] bearing yellow grains with the precaution that the -mother-plant was true. A kind bearing yellow grains was fertilised -with pollen of a kind having brown grains, and two ears produced -yellow grains, but one side of the spindle was tinted with a reddish -brown; _so that here we have the important fact of the influence of -the foreign pollen extending to the axis_.« S. 449 (der deutschen -Ausgabe): »Mr. _Sabine_ (Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 69) gibt -an, daß er gesehen hat, wie die Form der nahezu kugeligen Samenkapseln -von Amaryllis vittata durch die Anwendung des Pollens einer anderen -Spezies, deren Kapseln höckerige Kanten haben, verändert wurden.« - -(S. 459): »Ich habe nun nach der Autorität mehrerer ausgezeichneter -Beobachter der Pflanzen, welche zu sehr verschiedenen Ordnungen -gehören, gezeigt, daß der Pollen einer Spezies oder Varietät, wenn er -auf eine distinkte Form gebracht wird, gelegentlich die Modifikation -der Samenhüllen und des Fruchtknotens oder der Frucht verursacht, -was sich in einem Falle bis auf den Kelch und den oberen Teil des -Fruchtstiels der Mutterpflanze erstreckt. Es geschieht zuweilen, daß -das ganze Ovarium oder alle Samen auf diese Weise modifiziert werden; -zuweilen wird nur eine gewisse Anzahl Samen, wie in dem Falle bei der -Erbse, oder nur ein Teil des Ovariums, wie bei der gestreiften Orange, -den gefleckten Trauben und dem gefleckten Mais, so affiziert. Man darf -nicht annehmen, daß irgend eine direkte oder unmittelbare Wirkung der -Anwendung fremden Pollens unabänderlich folgt: dies ist durchaus nicht -der Fall; auch weiß man nicht, von welchen Bedingungen das Resultat -abhängt.« - -(S. 451): »Die Beweise für die Wirkung fremden Pollens auf die -Mutterpflanze sind mit beträchtlichem Detail gegeben worden, weil diese -Wirkung ... von der höchsten theoretischen Bedeutung ist und weil sie -an und für sich ein merkwürdiger und scheinbar anormaler Umstand ist. -Daß sie vom physiologischen Standpunkte aus merkwürdig ist, ist klar; -denn das männliche Element affiziert nicht bloß, im Einklang mit seiner -eigentlichen Funktion, den Keim, sondern auch die umgebenden Gewebe der -Mutterpflanze.« (Hier fährt die englische Ausgabe I^2, p. 430, fort): -»... $We thus see, that an ovule is not indispensable for the reception -of the influence of the male element.$« - -($S. 307, Z. 5 v. u.$) Ich setze den berühmten Bericht im Original her: -(Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 1821, Part -I, p. 20 f.): - -_A communication of a singular fact in Natural History. By the Right -Honourable the Earl of $Morton$_, F. R. S., in a Letter addressed to -the President. - - Read, November 23, 1820. - - My Dear Sir, - - I yesterday had an opportunity of observing a singular - fact in Natural History, which you may perhaps deem not - unworthy of being communicated to the Royal Society. - - Some years ago, I was desirous of trying the experiment - of domesticating the Quagga, and endeavoured to procure - some individuals of that species. I obtained a male; - but being disappointed of a female, I tried to breed - from the male quagga and a young chestnut mare of - seven-eighths Arabian blood and which had never been - bred from: the result was the production of a female - hybrid, now five years old, and bearing, both in her - form and in her colour, very decided indications of - her mixed origin. I subsequently parted with the - seven-eighth Arabia mare to Sir _Gore Ouseley_, who - has bred from her by a very fine black Arabian horse. - I yesterday morning examined the produce, namely, a - two-years old filly, and a year-old colt. They have - the character of the Arabian breed as decidedly as can - be expected, where fifteen-sixteenths of the blood - are Arabian; and they are fine specimens of that - breed; _but both in their colour, and in the hair of - their manes, they have a striking resemblance to the - quagga_. Their colour is bay, marked more or less like - the quagga in a darker tint. Both are distinguished - by the dark line along the ridge of the back, the - dark stripes across the fore-hand, and the dark bars - across the back-part of the legs. The stripes across - the fore-hand of the colt are confined to the withers, - and to the part of the neck next to them; those on the - filly cover nearly the whole of the neck and the back, - as far as the flanks. The colour of her coat on the - neck adjoining to the mane is pale and approaching to - dun, rendering the stripes there more conspicuous than - those on the colt. The same pale tint appears in a less - degree on the rump: and in this circumstance of the dun - tint also she resembles the quagga -- -- -- -- -- -- - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- [p. 22] These - circumstances may appear singular; but I think you - will agree with me that they are trifles compared with - the extraordinary fact of so many striking features, - which do not belong to the dam, being in two successive - instances communicated through her to the progeny, not - only of another sire, who also has them not, but of a - sire belonging probably to another species; for such we - have very strong reason for supposing the quagga to be. - - I am, my dear Sir - Your faithful humble servant - $Morton$. - -($S. 308, Z. 1 f.$) Besonders ausführlich H. _Settegast_, Die -Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre, Breslau 1878, S. 223 -bis 234: Infektion (Superfötation). Er verweist alles in das Gebiet des -Aberglaubens und der Phantastik. »So kommen wir denn zu dem Schluß, -daß die vermeintliche Infektion der Mutter auf einer Täuschung beruht, -und daß es unzulässig ist, durch sie die Fälle erklären zu wollen, in -welchen das Kind in Farbe und Abzeichen, in Form und Eigenschaften -der Übereinstimmung mit den Eltern ermangelt. Aus unseren bisherigen -Untersuchungen über Abweichungen von elterlicher Verwandtschaft ist zu -ersehen, daß die vereinzelten Fälle, welche die Infektionstheorie zu -ihren Gunsten auslegt, und die zugleich als verbürgt angesehen werden -dürfen, auf Rechnung der Neubildung der Natur zu schreiben sind. - -Durch unsere Ausführungen glauben wir die Infektionstheorie widerlegt -zu haben: daß es uns gelungen sein sollte, sie für immer zu bannen, -dürfen wir kaum hoffen. Die Infektionstheorie ist die Seeschlange der -Vererbungslehre.« - -($S. 308, Z. 3.$) F. C. _Mahnke_, Die Infektionstheorie, Stettin 1864. -Vgl. zu der Frage auch Rudolf _Wagner_, Nachtrag zu R. Leuckarts -Artikel »Zeugung«, in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV, -1853, S. 1011 f. Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II, -Jena 1898, S. 137 f. - -($S. 308, Z. 4.$) August _Weismann_, Das Keimplasma, Eine Theorie -der Vererbung, Jena 1892, S. 503 f. Die Allmacht der Naturzüchtung, -Jena 1893, S. 81-84, 87-91. Weismann verhält sich, wie er (seiner -Überzeugung von der völligen Unbeeinflußbarkeit des Keimplasmas -gemäß) es wohl muß, ablehnend, und beruft sich hiebei vor allem auf -die eingehenden Erörterungen _Settegasts_. Ähnlich Hugo _de Vries_, -Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 206-207. - -Dagegen ist _Darwin_ von der »direkten Wirkung des männlichen Elementes -auf das Weibchen« (nicht bloß auf eine einzige Keimzelle desselben) -überzeugt, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der -Domestikation, Kap. 27 (Bd. II^2, S. 414, Stuttgart 1873); wie es wohl -ein jeder sein muß, der sich die ungeheuere Veränderung, welche in den -Frauen sofort mit Beginn der Ehe eintritt, und ihre außerordentliche -Anähnlichung an den Mann während derselben vor Augen hält. Vgl. im -Texte S. 376, 396. - -Darwin sagt a. a. O., S. 414: »Wir sehen hier, daß das männliche -Element nicht den Teil affiziert und hybridisiert, welchen zu -affizieren es eigentlich bestimmt ist, nämlich das Eichen, sondern die -besonders entwickelten Gewebe eines distinkten Individuums.« - -Ausführlicher spricht Darwin über die Telegonie im 11. Kapitel dieses -selben Werkes, wo er aus der Literatur eine große Zahl von Fällen -anführt, welche für ihr Vorkommen beweisend sind (Bd. I^2, S. 453-455): - -»In Bezug auf die Varietäten unserer domestizierten Tiere sind viele -ähnliche und sicher beglaubigte Tatsachen veröffentlicht worden, andere -sind mir noch mitgeteilt worden; alle beweisen den Einfluß des ersten -Männchens auf die später von derselben Mutter mit anderen Männchen -erzeugten Nachkommen. Es wird hinreichen, noch einen einzigen Fall -mitzuteilen, der in einem auf den des Lord _Morton_ folgenden Aufsatz -in den »Philosophical Transactions« enthalten ist: Mr. _Giles_ brachte -eine Sau von Lord _Westerns_ schwarzer und weißer Essexrasse zu einem -wilden Eber von einer tiefkastanienbraunen Färbung; die produzierten -Schweine trugen in ihrer äußeren Erscheinung Merkmale sowohl des Ebers -als der Sau, bei einigen herrschte aber die braune Färbung des Ebers -bedeutend vor. Nachdem der Eber schon längere Zeit tot war, ward die -Sau zu einem Eber ihrer eigenen schwarzen und weißen Rasse getan (einer -Rasse, von welcher man sehr wohl weiß, daß sie sehr rein züchtet und -niemals irgend eine braune Färbung zeigt); und doch produzierte die -Sau nach dieser Verbindung einige junge Schweine, welche deutlich -dieselbe kastanienbraune Färbung besaßen, wie die aus dem ersten Wurfe. -_Ähnliche Fälle sind so oft vorgekommen, daß sorgfältige Züchter es -vermeiden, ein geringeres Männchen zu einem ausgezeichneten Weibchen zu -lassen wegen der Beeinträchtigung der späteren Nachkommen, welche sich -hienach erwarten läßt._ - -Einige Physiologen haben diese merkwürdigen Folgen einer ersten -Befruchtung aus der innigen Verbindung und der freien Kommunikation -zwischen den Blutgefäßen des modifizierten Embryo und der Mutter -zu erklären versucht. Es ist indes eine äußerst unwahrscheinliche -Hypothese, daß das bloße Blut des einen Individuums die -Reproduktionsorgane eines anderen Individuums in einer solchen Weise -affizieren könne, daß die späteren Nachkommen dadurch modifiziert -würden. Die Analogie mit der direkten Einwirkung fremden Pollens auf -den Fruchtknoten und die Samenhüllen der Mutterpflanze bietet der -Annahme eine kräftige Unterstützung, daß das männliche Element, so -wunderbar diese Wirkung auch ist, direkt auf die Reproduktionsorgane -des Weibchen wirkt, und nicht erst durch die Intervention des -gekreuzten Embryo.« - -Wilhelm Olbers _Focke_, Die Pflanzen-Mischlinge, Ein Beitrag zur -Biologie der Gewächse, Berlin 1881, S. 510-518: »Ich schlage ... -vor, solche Abweichungen von der normalen Gestalt oder Färbung, -welche in irgendwelchen Teilen einer Pflanze durch die Einwirkung vom -fremden Blütenstaube hervorgebracht werden, als Xenien zu bezeichnen, -gleichsam als Gastgeschenke der Pollen spendenden Pflanze an die Pollen -empfangende.« (S. 511.) - -($S. 308, Z. 16 v. u.$) Zum »Versehen« vgl. die Anmerkungen zu S. 285 f. - -($S. 308, Z. 8 v. u.$) Wie für das Versehen auf _Goethe_ und auf -_Ibsen_, so hätte ich, wenn ich nicht erst nach Abschluß dieses -Kapitels hierauf wäre aufmerksam gemacht worden, auch für die Realität -der Telegonie auf das Werk eines großen Künstlers mich berufen -können: ich meine Madeleine _Férat_, den wenig gelesenen, aber wohl -sehr großartigen Roman des jugendlichen _Zola_. Was Zola über die -Frauen gedacht hat, muß, nach diesem, wie nach anderen Werken, meinen -Anschauungen sehr nahe gestanden sein. Vgl. Madeleine Férat, Nouvelle -édition, Paris, Bibliothèque-Charpentier 1898, S. 173 f., besonders -S. 181 ff. und 251 f., Stellen, die ich ihrer großen Länge wegen nicht -hiehersetzen kann. - -($S. 310, Z. 17.$) Über die Zuhälter vgl. _Lombroso-Ferrero_, Das -Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, S. 560 ff. -der deutschen Ausgabe, über ihre Identität mit den eigentlichen -Verbrechern, ibid. S. 563-564. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 11. - - -($S. 314, Z. 11 f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd. II, -Kapitel XXVII. -- Die Erzählung in Betreff des Lord _Byron_ ist nach -R. von _Hornstein_ wiedergegeben von Eduard _Grisebach_ im Anhange zu -Schopenhauers sämtlichen Werken, Bd. VI, S. 191 f. - -($S. 315, Z. 1 v. u.$) _Kant_, Beobachtungen über das Gefühl des -Schönen und Erhabenen, Königsberg 1764, III. Abschnitt (Bd. VIII, -S. 36 der Kirchmannschen Ausgabe): »Diese ganze Bezauberung ist im -Grunde über den Geschlechtstrieb verbreitet. Die Natur verfolgt ihre -große Absicht, und alle Feinigkeiten, die sich hinzugesellen, sie -mögen nun so weit davon abzustehen scheinen, wie sie wollen, sind -nur Verbrämungen und entlehnen ihren Reiz doch am Ende aus derselben -Quelle.« -- _Schopenhauer_ in seiner wiederholt citierten »Metaphysik -der Geschlechtsliebe« (Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. -44). - -($S. 316, Z. 3 v. u. f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd. -II, § 369. - -($S. 318, Z. 10.$) _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, Transscendentale -Dialektik, I, 3. System der transcendentalen Ideen (S. 287 ff., -Kehrbach). - -($S. 318, Z. 15-8 v. u.$) Das Lied ist das des Wolfram aus _Wagners_ -Tannhäuser, 2. Aufzug, 4. Scene. - -($S. 324, Z. 19 f.$) _Platon_, Phaedrus, p. 251 A. B.: »ὅταν θεοειδὲς -πρόσωπον ἴδῃ κάλλος εὖ μεμιμημένον, ἤ τινα σώματος ἰδέαν, πρῶτον μὲν -ἔφριξε ... εἶτα προσορῶν ὡς θεὸν σέβεται, καὶ εἰ μὴ δεδιείη τὴν τῆς -σφόδρα μανίας δόξαν, θύοι ἂν ὡς ἀγάλματι καὶ θεῷ τοῖς παιδικοῖς. ἰδόντα -δὲ αὐτὸν, οἷον ἐκ τῆς φρίκης, μεταβολή τε καὶ ἱδρὼς καὶ θερμότης ἀήθης -λαμβάνει· δεξάμενος γὰρ τοῦ κάλλους τὴν ἀποῤῥοὴν διὰ τῶν ὀμμάτων, -ἐθερμάνθη ᾗ ἡ τοῦ πτεροῦ φύσις ἄρδεται, θερμανθέντος δὲ ἐτάκη τὰ περὶ -τὴν ἔκφυσιν, ἃ πάλαι ὑπὸ σκληρότητος συμμεμυκότα εἶργε μὴ βλαστάνειν, -ἐπιῤῥυείσης δὲ τῆς τροφῆς ᾤδησέ τε καὶ ὥρμησε φύεσθαι ἀπὸ τῆς ῥίζης -ὁ τοῦ πτεροῦ καυλὸς ὑπὸ πᾶν τὸ τῆς ψυχῆς εἶδος· πᾶσα γὰρ ἦν τὸ πάλαι -πτερωτή.« - -($S. 325, Z. 16-8 v. u.$) Vgl. _Dante_, Paradiso, Canto VII, v. 64-66: -»La divina bontà, che da sè sperne ogni livore, ardendo in sè sfavilla -Si che dispiega le bellezze interne.« - -($S. 326, Z. 13.$) _Kant_, Kritik der Urteilskraft. -- _Schelling_, -System des transcendentalen Idealismus, Sämtliche Werke, I. Abteilung, -Bd. III. -- _Schiller_, Über die ästhetische Erziehung des Menschen. - -($S. 326, Z. 17 v. u.$) _Shaftesbury_: nach W. _Windelband_, Geschichte -der neueren Philosophie in ihrem Zusammenhange mit der allgemeinen -Kultur und den besonderen Wissenschaften, 2. Aufl., Leipzig 1899, Bd. -I, S. 272. -- _Herbart_, Analytische Beleuchtung des Naturrechts und -der Moral, Göttingen 1836, Sämtliche Werke, ed. Hartenstein, Bd. VIII, -S. 213 ff. - -($S. 330, Z. 19 v. u.$) _Platons_ Gastmahl, 206 E. - -($S. 330, Z. 11 f. v. u.$) _Platon_ a. a. O., Kap. 27, S. 209 C-E -(Übersetzung nach _Schleiermacher_). - -($S. 331, Z. 17 v. u.$) _Novalis_: »Es ist wunderbar genug, daß -nicht längst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit -die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und ihre -gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.« (Novalis' Schriften, -herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel, Zweiter Teil, Wien -1820, S. 288.) - -($S. 331, Z. 15 v. u.$) _Bachofen_, Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, -S. 52: »Das stoffliche, das tellurische Sein umschließt beides, Leben -und Tod. Alle Personifikationen der chthonischen Erdkraft vereinigen in -sich diese beiden Seiten, das Entstehen und das Vergehen, die beiden -Endpunkte, zwischen welchen sich, um mit Plato zu reden, der Kreislauf -aller Dinge bewegt. So ist Venus, die Herrin der stofflichen Zeugung, -als Libitina die Göttin des Todes. So steht zu Delphi eine Bildsäule -mit dem Zunamen Epitymbia, bei welcher man die Abgeschiedenen zu den -Totenopfern heraufruft (Plut. quaest. rom. 29). So heißt Priapus in -jener römischen Sepulcralinschrift, die in der Nähe des Campanaschen -Columbariums gefunden wurde, mortis et vitai locus. So ist auch in -den Gräbern nichts häufiger als Priapische Darstellungen, Symbole der -stofflichen Zeugung. Ja es findet sich auch in Südetrurien ein Grab, -an dessen Eingang, auf dem rechten Türpfosten, ein weibliches sporium -abgebildet ist.« -- Der Kreislauf von Tod und Leben war auch ein -Lieblingsthema der Reden _Buddhas_. Ihn hat aber auch der tiefste unter -den voreleatischen Griechen, _Anaximandros_, gelehrt (bei Simplicius -in Aristot. Physika 24, 18): »ἐξ ὧν ἡ γένεσίς ἐστι τοῖς οὖσι, καὶ τὴν -φθορὰν εἰς ταῦτα γίνεσθαι κατὰ χρεών. διδόναι γὰρ αὐτὰ τίσιν καὶ δίκην -τῆς ἀδικίας κατὰ τὴν τοῦ χρόνου τάξιν.« - -($S. 332, Z. 10-11.$) Giordano _Bruno_, Gli eroici furori, Dialogo -secundo 13 (Opere di G. B. Nolano ed. Adolfo Wagner, Vol. II, -Leipzig 1830, p. 332): »Tutti gli amori, se sono eroici, e non son -puri animali, che chiamano naturali e cattivi a la generazione come -instrumenti de la natura, in certo modo hanno per oggetto la divinità, -tendono a la divina bellezza, la quale prima si comunica a l'anime e -risplende in quelle, e da quelle poi, o per dir meglio, per quelle poi -si comunica a li corpi.« - -($S. 332, Z. 8-9 v. u.$) Ed. v. _Hartmann_. Phänomenologie des -sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 699 spricht es nur der allgemeinen -Meinung nach: »..... es ist an der Zeit, den heranwachsenden -Mädchen klar zu machen, daß ihr Beruf, wie er durch ihr Geschlecht -vorgezeichnet ist, nur in der Stellung als Gattin und Mutter sich -erfüllen läßt, daß er in nichts anderem besteht, als in dem Gebären und -Erziehen von Kindern, daß die tüchtigste und am höchsten zu ehrende -Frau diejenige ist, welche der Menschheit die größte Zahl besterzogener -Kinder geschenkt hat, und daß alle sogenannte Berufsbildung der Mädchen -nur einen traurigen Notbehelf für diejenigen bildet, welche das Unglück -gehabt haben, ihren wahren Beruf zu verfehlen.« - -($S. 332, Z. 8 v. u.$) Besonders im Judentum werden zum Teil noch -heute unfruchtbare Frauen als zwecklos betrachtet (vgl. Kapitel -XIII, S. 417). Aber auch nach deutschem Recht »durfte der Mann wegen -Unfruchtbarkeit seiner Frau .... geschieden zu werden verlangen«. Jakob -_Grimm_, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Ausgabe, Leipzig 1899, S. 626. - -($S. 333, Z. 13 f.$) Das französische Citat stammt aus dem Cyklus -»Sagesse« (Paul _Verlaine_, Choix de Poésies, Edition augmentée d'une -Préface de François Coppée, Paris 1902, p. 179). - -($S. 336, Z. 15.$) Vgl. Liebeslieder moderner Frauen, eine Sammlung von -Paul _Grabein_, Berlin 1902. - -($S. 337, Z. 15.$) Poros und Penia als Eltern des Eros: nach der so -tiefen Fabel des platonischen Gastmahls (p. 203, B-D). Vgl. S. 340 und -397. - -($S. 338, Z. 8 v. u. ff.$) Zu der Wirkung des männlichen -Geschlechtsteiles auf das weibliche Geschlecht vgl. eine Erzählung -_Freuds_ (_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, Leipzig -und Wien, S. 113); vor allem aber die großartige Scene in _Zolas_ -Roman »Germinal« (Quinzième Partie, Fin, p. 416), wo die Frauen das -Zeugungsglied des gemordeten und nach dem Tode kastrierten Maigrat -erblicken. - -($S. 339, Z. 6.$) Erst lange, nachdem ich diese Stelle -niedergeschrieben hatte, wurde ich darauf aufmerksam, daß fascinum, von -dem fascinare sich herleitet, im Lateinischen (z. B. Horaz, Epod. 8, -18) nichts anderes als das männliche Glied bedeutet. Die Wirkung des -männlichen Bartes auf die Frau ist zwar eine bedeutend schwächere und -nicht gleich allgemeine, aber mit der des Zeugungsgliedes psychologisch -nicht ohne Verwandtschaft. - -($S. 340, Z. 9 f.$) _Plato_, Symposion, 202, D-E: Τί οὖν ἄν εἴη ὁ -Ἔρως;.... Μεταξὺ θνητοῦ καὶ ἀθανάτου, .... δαίμων μέγας, ὦ Σώκρατες· -καὶ γὰρ πᾶν τὸ δαιμόνιον μεταξύ ἐστι θεοῦ τε καὶ θνητοῦ. 203 E: οὔτε -ἀπορεῖ Ἔρως ποτὲ οὔτε πλουτεῖ. σοφίας τε αὖ καὶ ἀμαθίας ἐν μέσῳ ἐστίν. - -($S. 340, Z. 14 f.$) Der neueste Darsteller der platonischen -Gedankenwelt ist ein Anhänger _Mills_: Theodor _Gomperz_, Griechische -Denker, eine Geschichte der antiken Philosophie, Bd. II, Leipzig 1902, -S. 201 ff. In manchen Regionen scheint dieser vielfach hochverdiente -Autor selbst gefühlt zu haben, wie ferne er einem Verständnis der -inneren Denkmotive des Philosophen ist. Interessanter sind jene Stellen -des Buches, wo der Verfasser Plato zu begreifen meint und beloben zu -müssen glaubt. Vor dem Geiste der Modernität, welcher die höchsten -Synthesen, deren er fähig war, im Lawn-tennis-Spiele vollzogen hat, -vermögen nur zwei Stellen des »Staates« vollste Gnade zu finden. (»_Wir -dürfen es Plato hoch anrechnen_, daß er die ‚hinkende’ Einseitigkeit -des bloßen Sport- und Jagdliebhabers nicht stärker mißbilligt als -jene, die sich nur um die Pflege des Geistes und gar nicht um jene -des Körpers kümmert .... Nicht minder bezeichnend ist es, daß er -auch bei der Auswahl der Herrscher neben den Charaktereigenschaften -nach Möglichkeit die Wohlgestalt berücksichtigt wissen will .... Hier -ist der asketische Verfasser des Phaedon wieder ganz und gar Hellene -geworden.« S. 583.) Dem Dialog über den Staatsmann wird wie als höchste -Anerkennung diese, daß »ein Hauch von baconischem, modern induktivem -Geiste ihn gestreift« habe (S. 465). Gleichsam als das Ruhmwürdigste im -»Phaedon« erscheint die Antizipation der Associationsgesetze (S. 356), -und allen Ernstes wird als eine »wunderbare Äußerung Platons« eine -Stelle des Sophisten (247, D E) gepriesen, die als eine Vorwegnahme der -»modernen Energetik« vielleicht aus purem Wohlwollen gegen den Denker -mißverstanden wird, der mit John Stuart Mill so gar keine Ähnlichkeit -hatte (S. 455). Wie es unter solchen Umständen dem Timaeus ergeht, -das kann man sich leicht ausmalen. Man sollte übrigens -- und diese -Bemerkung richtet sich nicht bloß gegen eine unzulängliche Darstellung -Platos -- es durchaus unterlassen, einen Philosophen oder Künstler -deswegen zu loben, weil die Nur-Wissenschaftler nach tausend Jahren -einen Gedanken von ihm zu begreifen anfangen. _Goethe_, _Plato_ und -_Kant_ sind zu größeren Dingen auf der Erde erschienen, als empirische -Wissenschaft aus ihrer Erfahrung allein je einsehen oder begründen -könnte. - -($S. 340, Z. 13 v. u.$) O. _Friedländer_ bemerkt in seinem Aufsatz -»Eine für viele« (vgl. zu S. 115, Z. 10 v. u.) S. 180 f. sehr scharf, -aber wahr: »Nichts kann den Frauen ferner gelegen sein, als der Kampf -gegen die voreheliche Unkeuschheit des Mannes. Was sie im Gegenteil von -dem letzteren verlangen, ist die subtilste Kenntnis aller Details des -Geschlechtslebens und der Entschluß, diese theoretische Superiorität -auch praktisch zur Geltung zu bringen ... Die Jungfrau vertraut ihre -unberührten Reize meist lieber den bewährten Händen des ausgekneipten -Wüstlings an, der lange das Reifeexamen der ars amandi abgelegt hat, -als den zitternden Fingern des erotischen Analphabeten, der das Abc der -Liebe kaum zu stammeln vermag.« - - - - -Zu Teil II, Kapitel 12. - - -($S. 342, Z. 6.$) Das Motto aus _Kant_ habe ich irgendwo citiert -gefunden, kann mich aber nicht entsinnen, wo, noch war es mir möglich, -in Kantens Schriften selbst es zu entdecken. In den »Fragmenten aus -dem Nachlaß« (Bd. VIII, S. 330, ed. Kirchmann) heißt es: »Wenn man -bedenkt, daß Mann und Frau ein moralisches Ganze ausmachen, so muß man -ihnen nicht einerlei Eigenschaften beilegen, sondern der einen solche -Eigenschaften, die dem anderen fehlen« -- übrigens eine Ansicht, durch -die leicht die Wahrheit umgekehrt erscheinen könnte: der Mann hat alle -Eigenschaften der Frau in sich, zumindest als Möglichkeiten; dagegen -ist die Frau ärmer als der Mann, weil nur ein Teil desselben. (Vgl. den -Schluß dieses Kapitels.) - -($S. 343, Z. 17.$) Paul Julius _Moebius_, Über den physiologischen -Schwachsinn des Weibes, 5. Aufl., Halle 1903. Über einige Unterschiede -der Geschlechter, in: Stachyologie, Weitere vermischte Aufsätze, -Leipzig 1901, S. 125-138. - -($S. 350, Z. 13.$) Man übertreibt oft die Stärke des Verlangens -nach dem Kinde bei der Frau. Ed. v. _Hartmann_ (Phänomenologie des -sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 693) bemerkt zum Teil mit Recht: -»Der Instinkt nach dem Besitz von Kindern ist bei _jungen_ Frauen -und Mädchen keineswegs so allgemein und entschieden ausgeprägt, als -man gemeinhin annimmt, und als die Mädchen selbst dies erheucheln, -um dadurch die Männer anzuziehen; erst in reiferen Jahren pflegen -kinderlose Frauen ihren Zustand als schmerzliche Entbehrung im -Vergleich zu ihren kinderbesitzenden Altersgenossinnen zu fühlen -.... Meist geschieht es mehr, um den Mann zufrieden zu stellen, als -um ihrer selbst willen, wenn junge Frauen sich Kinder wünschen; der -Mutterinstinkt erwacht erst, wenn der hilfefordernde junge Weltbürger -_wirklich da ist_.« Man sieht übrigens, wie notwendig sowohl in dieser -Frage als den ewig wiederholten Behauptungen der Gynäkologen gegenüber -(für welche das Weib theoretisch immer nur eine Brutanstalt ist) die im -10. Kapitel durchgeführte Zweiteilung ist. - -($S. 353, Z. 2.$) - - »Das _Weib_ ist's, das ein _Herz_ sucht, nicht _Genuß_. - Das Weib ist keusch in seinem tiefsten Wesen, - Und was die Scham ist, weiß doch nur ein Weib.« - -_Hamerling_, Ahasver in Rom, II. Gesang: Werke, Volksausgabe Hamburg, -Bd. I, p. 58. - -($S. 355, Z. 6 f.$) Herbert _Spencer_, Die Prinzipien der Ethik, Bd. I, -Stuttgart 1894, S. 341 f. - -($S. 355, Z. 16 v. u. f.$) _Ellis_, Mann und Weib, S. 288 äußert die -interessante Vermutung, daß auch die Erscheinung der _Mimicry_ mit der -_Suggestibilität_ in einem Zusammenhange stehe. Mit der Darstellung im -Texte würde das vielleicht sich besser reimen als irgend eine andere -Deutung jenes Phänomenes. - -($S. 356, Z. 5 v. u. ff.$) _Wolfram von Eschenbach_, Parzival, -übersetzt von Karl Pannier (Leipzig, Universalbibliothek), Buch IV, -Vers 698 ff. - -($S. 357, Z. 19 v. u. ff.$) Sehr vereinzelt ist unter den Psychiatern -eine Stimme, wie die Konrad _Riegers_, Professors in Würzburg: »Was -ich erstrebe ist die Autonomie der Psychiatrie und Psychologie. Sie -sollen beide frei sein von einer Anatomie, die sie nichts angeht; von -einer Chemie, die sie nichts angeht. Eine psychologische Erscheinung -ist etwas ebenso Originales wie eine chemische und anatomische. Sie hat -keine Stützen nötig, an die angelehnt werden müßte.« (Die Kastration in -rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 31.) - -($S. 357, Z. 1 v. u. f.$) Pierre _Janet_, L'État mental des -Hystériques, Paris 1894; L'Automatisme psychologique, Essai de -Psychologie expérimentale sur les formes inférieures de l'activité -humaine, 3. éd., Paris 1898; F. _Raymond_ et Pierre _Janet_, Névroses -et Idées fixes, Paris 1898. -- Oskar _Vogt_: in den zu S. 372, Z. 13 -v. u. citierten Aufsätzen. -- Jos. _Breuer_ und Sigm. _Freud_, Studien -über Hysterie, Leipzig und Wien 1895. - -($S. 358, Z. 9.$) Sigmund _Freud_, Zur Ätiologie der Hysterie, Wiener -klinische Rundschau, X, S. 379 ff. (1896, Nr. 22-26). Die Sexualität in -der Ätiologie der Neurosen, ibid. XII, 1898, Nr. 2-7. - -($S. 358, Z. 13 v. u.$) »Fremdkörper« nach _Breuer_ und _Freud_. -Studien über Hysterie, S. 4. - -($S. 358, Z. 8 v. u.$) Hier gedenkt man vielleicht der vollendetsten -Frauengestalt _Zolas_, der _Françoise_ aus dem Romane »La Terre«, und -ihres Verhaltens gegen den von ihr bis zum Schlusse ganz unbewußt -begehrten und stets zurückgewiesenen _Buteau_. - -($S. 359, Z. 1 ff.$) Unter den hysterischen _Männern_ sind wohl viele -sexuelle Zwischenformen. Eine Bemerkung _Charcots_ weist darauf hin -(Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems, insbesondere -über Hysterie, übersetzt von Sigmund _Freud_, Leipzig und Wien 1886, -S. 70): »Beim Manne sieht man nicht selten einen Hoden, _besonders wenn -er Sitz einer Lage- oder Entwicklungsanomalie_ ist, in eine hysterogene -Zone einbezogen.« Vgl. S. 74 über einen hysterischen Knaben von -weibischer Erscheinung. Eine Stelle, die ich in demselben Buche gelesen -zu haben mich bestimmt entsinne, aber später nicht mehr aufzufinden -vermochte, gibt an, daß der Hode besonders dann eine hysterogene Zone -bilde, _wenn er im Leistenkanal zurückgeblieben sei_. Beim Weibe aber -sind die hysterogenen Punkte auch lauter sexuell besonders stark -hervorgehobene (Der Ilial-, Mammar-, Inguinalpunkt, die »Ovarie«, vgl. -_Ziehens_ Artikel »Hysterie« in Eulenburgs Realenzyklopädie). Der -Hode, welcher den Descensus nicht vollzogen hat, ist eine Keimdrüse -von stark weiblicher Sexualcharakteristik (nach Teil I, Kap. 2); er -steht einem Ovarium nahe und kann auch dessen Eigenschaften übernehmen, -also hysterogen werden. -- Ich habe einmal in einer Vorlesung einen -Psychiater die Unrichtigkeit der Lehre von der Weiblichkeit der -Hysterie an einem Knaben demonstrieren sehen, dessen Testikel ihrer -besonderen Kleinheit wegen ihm selbst aufgefallen waren. - -Nach _Briquet_ (citiert bei _Charcot_ a. a. O., S. 78) kommen 20 -hysterische Frauen auf einen hysterischen Mann. - -Im übrigen hat auch der männlichste Mann, vielleicht gerade er am -stärksten, die _Möglichkeit_ des Weibes in sich. _Hebbel_, _Ibsen_, -_Zola_ -- die drei größten Kenner des Weibes im 19. Jahrhundert -- -sind extrem männliche Künstler, der letztere so sehr, daß seine Romane -_trotz ihrem oft so sexuellen Gehalte_ bei den Frauen auffallend wenig -in Gunst stehen ... Je mehr Mann einer ist, desto mehr vom Weibe -hat er in sich _überwunden_, und es ist vielleicht der männlichste -Mann insofern zugleich der weiblichste. Hiemit ist die Seite 108 -aufgeworfene Frage wohl am richtigsten beantwortet. - -($S. 359, Z. 21 v. u. ff.$) Pierre _Janet_ kommt meiner Auffassung -von der passiven Übernahme der Anschauungsweise des Mannes einmal -ziemlich nahe. Névroses et Idées fixes I, 475 f.: »... On a vu que -le travail du directeur pendant les séances ... a été un travail de -synthèse; il a organisé des résolutions, des croyances, des émotions, -il a aidé le sujet à rattacher à sa personnalité des images et des -sensations. Bien plus il a échafaudé tout ce système de pensées autour -d'un centre spécial qui est le souvenir et l'image de sa personne. -Le sujet a emporté dans son esprit et dans son cerveau une synthèse -nouvelle, passablement artificielle et très fragile, sur laquelle -l'émotion a facilement exercé sa puissance désorganisatrice,« p. 477: -les phénomènes »consistent toujours dans une affirmation et une volonté -c'est-à-dire une direction imposée aux gens qui ne peuvent pas vouloir, -qui ne peuvent pas s'adapter, qui vivent d'une manière insuffisante«. - -($S. 359, Z. 12 v. u.$) Abulie: Vgl. die Beschreibung _Janets_ (Un cas -d'aboulie et d'idées fixes, Névroses et Idées fixes, Vol. I, p. 1 ff.). - -($S. 360, Z. 8 f.$) Von der außerordentlichen _Leichtgläubigkeit_ der -Hysterikerinnen spricht Pierre _Janet_, L'Automatisme Psychologique, -Essai de psychologie expérimentale sur les formes inférieures de -l'activité humaine, 3. éd. Paris 1899, p. 207 f. Ferner pag. 210: »Ces -personnes, en apparence spontanées et entreprenantes, sont de la plus -étrange docilité quand on sait de quelle manière il faut les diriger. -De même que l'on peut changer un rêve par quelques mots adressés au -dormeur, de même on peut modifier les actes et toutes la conduite -d'un individu faible par un mot, une allusion, un signe léger auquel -il obéit aveuglément tandis qu'il résisterait avec fureur si on avait -l'air de lui commander.« _Briquet_, Traité clinique et thérapeutique -de l'hystérie, Paris 1859, p. 98: »Toutes les hystériques que j'ai -observées étaient extrêmement _impressionables_. Toutes, dès leur -enfance, étaient très craintives; elles avaient une peur extrême d'être -grondées, et quand il leur arrivait de l'être, elles étouffaient, -sanglotaient, fuyaient au loin ou se trouvaient mal.« (Vgl. im Texte -weiter unten über die hysterische Konstitution.) Wie hiegegen der -Eigensinn der Hysterischen alles eher denn einen Einwand bildet, das -geht hervor aus der glänzenden Bemerkung von _Lipps_ (Suggestion und -Hypnose, S. 483, Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen -und der historischen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu -München, 1897, Bd. II): »..... _blinder Eigensinn ist im Prinzip -dasselbe wie blinder Gehorsam_ ....., es kann nicht verwundern, wenn -..... beim suggestibeln ..... Beides angetroffen wird. Der größte -Grad der Suggestibilität ..... bedingt die Willensautomatie. Hier -wirkt ausschließlich oder übermächtig der im Befehl eingeschlossene -Willensantrieb. Ein geringerer Grad der Suggestibilität dagegen kann -neben der Willensautomatie das blinde Zuwiderhandeln gegen den Befehl -erzeugen.« - -($S. 360, Z. 16-21.$) Auch _Freuds_ »_Deckerinnerungen_«, -(Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, VI, 1899), gehören -hieher. Es sind das die Reaktionen des Schein-Ich auf diejenigen -Ereignisse, auf welche es anders antwortet als die eigentliche Natur. - -($S. 360, Z. 13 v. u. f.$) Z. B. Th. _Gomperz_, Griechische Denker, -Leipzig 1902, II, 353: »Erst unsere Zeit hat ..... der vermeintlichen -Einfachheit der Seele Tatsachen des »doppelten Bewußtseins« und -verwandte Vorgänge gegenübergestellt«. - -($S. 360, Z. 5 v. u.$) Vgl. auch S. 277, Z. 1 ff. und die Anmerkung -hiezu. - -($S. 361, Z. 14.$) »Anorexie«, Mangel an Streben, hat man das -zeitweilige Fehlen aller Emotivität, den völligen Indifferentismus -der Hysterischen genannt: dieser resultiert aus der Unterdrückung -der weiblichen Triebe, indem eben die einzige Wertung hier aus dem -Bewußtsein verdrängt ist, deren die Frauen fähig sind und die sonst ihr -Handeln bestimmt. - -($S. 361, Z. 17.$) Über den »Shock nerveux« vgl. Oeuvres complètes de -J. M. _Charcot_, Leçons sur les maladies du système nerveux, Tome III, -Paris 1887, p. 453 ff. - -($S. 361, Z. 22.$) »Gegenwille«: _Breuer_ und _Freud_, Studien über -Hysterie, S. 2. - -($S. 361, Z. 14 v. u.$) Über die »Abwehr«: _Freud_, Neurologisches -Zentralblatt, 15. Mai 1894, S. 364. - -($S. 361, Z. 4 v. u.$) Das »schlimme Ich«: Ausdruck einer Patientin -_Breuers_ (Breuer und Freud, Studien über Hysterie, S. 36). - -($S. 362, Z. 7.$) Der Ausdruck »_Konversion_«, »konvertieren« ist -eingeführt worden von _Freud_, Die Abwehr-Neuropsychosen, Versuch einer -psychologischen Theorie der akquirierten Hysterie, vieler Phobien -und Zwangsvorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen, -Neurologisches Zentralblatt, Bd. XIII, 1. Juni 1894, S. 402 ff. Vgl. -auch _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 73, 105, 127, -177 ff., 190, 261. Er bedeutet: Umsetzung gewaltsam unterdrückter -psychischer Erregung in körperliche Dauersymptome. - -($S. 362, Z. 11.$) Vgl. P. J. _Moebius_, Über den Begriff der Hysterie, -Zentralblatt für Nervenheilkunde, Psychiatrie und gerichtliche -Psychopathologie, XI, 66-71 (1. II. 1888). - -($S. 363, Z. 9.$) _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 6. - -($S. 363, Z. 11 v. u.$) _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, -S. 10, 203. - -($S. 364, Z. 3.$) Zur hysterischen Heteronomie vgl. z. B. Pierre -_Janet_, Névroses et Idées fixes, I, 458: »D....., atteinte de foluè du -scrupule, me demande si réellement elle est très méchante, si tout ce -qu'elle fait est mal; je lui certifie qu'il n'en est rien et elle s'en -va contente.« - -($S. 364, Z. 21 v. u.$) O. _Binswanger_, Artikel »Hypnotismus« in -Eulenburgs Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde, 3. Aufl., Bd. -XI, S. 242: »Hysterische Individuen geben die reichste Ausbeute an -hypnotischen Erscheinungen.« - -($S. 365, Z. 1 ff.$) Daß das Verhältnis zwischen Hypnotiseur und Medium -ein sehr sexuelles ist, wird durch die merkwürdigen, besonders von -Albert _Moll_ (Der Rapport in der Hypnose, Untersuchungen über den -tierischen Magnetismus, Schriften für psychologische Forschung, Heft -III-IV, Leipzig 1892) studierten Tatsachen des »Isolier-Rapportes« -bewiesen. Literatur bei _Janet_, Névroses et Idées fixes, Vol. I, -Paris 1898, p. 424, vgl. auch p. 425: »Si le sujet n'a été endormi -qu'un très petit nombre de fois à des intervalles éloignés ... il se -réveillera de l'hypnose dans un état presque normal et ne conservera -de son hypnotiseur aucune préoccupation particulière ... Au contraire, -si, pour un motif quelconque ... les séances de somnambulisme sont -rapprochées, il est facile de remarquer que l'attitude du sujet -vis-à-vis de l'hypnotiseur ne tarde pas à se modifier. Deux faits -sont surtout apparents: le sujet, qui d'abord avait quelque crainte -ou quelque répugnance pour le somnambulisme, recherche maintenant les -séances avec un désir passioné; en outre, surtout à un certain moment, -il parle beaucoup de son hypnotiseur et s'en préoccupe d'une façon -évidemment excessive.« Also wirkt die Hypnose ganz wie der Koitus auf -das Weib, es findet um so mehr Geschmack daran, je öfter sie wiederholt -wird. Vgl. p. 427 f. über die »passion somnambulique«: »Les malades ... -se souviennent du bien-être que leur a causé le somnambulisme précédent -et ils n'ont plus qu'une seule pensée, c'est d'être endormis de -nouveau. Quelques malades voudraient être hypnotisés par n'importe qui, -mais le plus souvent il n'en est pas ainsi, c'est leur hypnotiseur, -celui qui les a déjà endormis fréquemment, qu'ils réclament avec une -impatience croissante.« p. 447 über die Eifersucht der Medien: »... -beaucoup de magnétiseurs ont bien décrit la souffrance qu'éprouve une -somnambule quand elle apprend que son directeur endort de la même -manière une autre personne.« Ferner p. 451: »Si Qe., même seule, laisse -sa main griffonner sur le papier, elle voit avec étonnement qu'elle -a sans cesse écrit mon nom ou quelque recommandation que je lui ai -faite.« »Si je la laisse regarder [une boule de verre] en évitant -de lui rien suggérer, elle ne tarde pas à voir ma figure dans cette -boule.« Janet selbst bespricht die Frage, ob die hypnotischen Phänomene -sexuelle seien, S. 456 f., verneint sie aber aus ganz unstichhältigen -Gründen, z. B. weil die Hypnotisierte oft vor dem Magnetiseur Angst -habe, oder ihm mütterliche Gefühle entgegenbringe; aber es ist klar, -daß die Angst der Frauen vor dem Manne nur die Verschleierung eines -erwartungsvollen Begehrens, und das mütterliche Verhältnis eben auch -ein geschlechtliches ist. _Moll_ selbst sagt S. 131: »Eine gewisse -Verwandtschaft der geschlechtlichen Liebe mit dem suggestiven Rapport -kann übrigens für einzelne Fälle nicht geleugnet werden.« _Freud_ bei -_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 44: »So macht sich -jedesmal schon während der Massage mein Einfluß geltend, sie wird -ruhiger und klarer und findet auch ohne hypnotisches Befragen die -Gründe ihrer jedesmaligen Verstimmung u. s. f.« So wie die sexuellen -Bande, welche eine Frau an einen Mann knüpfen, gelockert werden durch -jede Schwäche, jede Lüge des letzteren, so vermag auch der Einfluß -einer Suggestion gebrochen zu werden, sobald der Wille des Suggestors -sich als gegensätzlich zu dem herausgestellt hat, was speziell von ihm -erwartet wurde. Einen solchen Fall teilt _Freud_ mit (_Breuer_ und -_Freud_, Studien über Hysterie, S. 64 f.): »Die Mutter ... gelangte auf -einem Gedankenwege, dem ich nicht nachgespürt habe, zum Schluß, daß wir -beide, Dr. N... und ich, Schuld an der Erkrankung des Kindes trügen, -weil wir ihr das schwere Leiden der Kleinen als leicht dargestellt, -hob gewissermaßen durch einen Willensakt die Wirkung meiner Behandlung -auf und verfiel alsbald wieder in dieselben Zustände, von denen ich -sie befreit hatte.« Das Verhältnis zwischen Medium und Hypnotiseur ist -eben stets und unabänderlich, zumindest auf der Seite des ersteren, ein -_sexuelles_ oder einem sexuellen ganz analog. - -($S. 365, Z. 9.$) _Breuer_ bei _Breuer_ und _Freud_, Studien über -Hysterie, S. 6-7. - -($S. 365, Z. 2 v. u.$) Umwandlung des hysterischen Anfalls in -Somnambulismus: Pierre _Janet_, Névroses et Idées fixes, Vol. I, Paris -1898, p. 160 f. - -($S. 366, Z. 9-12.$) Es ist wohl überaus gewagt und sagt mir, als zu -grob, selbst wenig zu, auch die etwaigen Heilerfolge der Ovariotomie -hysterischer Erkrankung gegenüber, von denen so häufig berichtet wird, -im Sinne meiner Theorie zu interpretieren. Dennoch fügen sich die -zahlreichen bezüglichen Angaben, wenn auf sie nur Verlaß ist, leicht -in die Gesamtanschauung. Die Geschlechtlichkeit nämlich, welche der -Imprägnation mit dem gegengeschlechtlichen Willen entgegensteht, wird -durch jene Operation radikal aufgehoben oder ungemein vermindert (vgl. -Teil I, Kap. 2), und so entfällt der Anlaß zum Konflikte. - -(S. 367, Z. 1 ff.) F. _Raymond_ et Pierre _Janet_, Névroses et Idées -fixes, Vol. II, Paris 1898, p. 313: »La malade entre à l'hôpital -... nouvelle émotion en voyant une femme qui tombe par terre: cette -émotion bouleverse l'équilibre nerveux, lui rend tout à coup la -parole et transforme l'hémiplégie gauche en paraplégie complète. _Ces -transformations, ces équivalences sont bien connues dans l'hystérie_; -ce n'est pas une raison pour que nous ne déclarions pas qu'elles sont -à notre avis très étonnantes et probablement très instructives sur le -mécanisme du système nerveux central.« - -($S. 367, Z. 2 v. u. f.$) Hiemit stimmen alle Angaben über den -Charakter der Hysterischen gut überein. Z. B. bemerkt _Sollier_, -Genèse et Nature de l'Hystérie, Paris 1897, Vol. I, p. 460: »Elles -[les hystériques] sentent instinctivement qu'elles ont besoin d'être -dirigées, commandées, et c'est pour cette raison qu'elles s'attachent -de préférence à ceux qui leur imposent, chez qui elles sentent une -volonté très-forte.« Er citiert die Äußerung einer seiner Patientinnen: -»II faut que je sois en sous-ordre; ... je sais bien faire ce qu'on -me commande, mais je ne serais pas capable de faire les choses toute -seule, et encore moins de commander à d'autres.« - -($S. 368, Z. 10.$) Man könnte vielleicht glauben, daß die _Mutter_ -das hysterische Weib sei: dies war eine Zeitlang meine Anschauung, -da ich die Mutter für weniger sinnlich hielt und die Hysterie aus -einem Konflikte zwischen dem bloß nach dem Kinde gehenden Wunsche -des Einzelwesens und dem Widerstreben gegen das, diesen Zweck zu -erreichen, erforderliche Mittel, also aus einem im Unbewußten -erfolgenden Zusammenstoß von Individual- und Gattungswillen in -einem einzigen Individuum mir zu erklären suchte. Nach _Briquet_ -sind aber Prostituierte sehr häufig hysterisch. Es besteht hierin -kein Unterschied zwischen Mutter und Dirne. Denn ebenso können -Hysterikerinnen auch Mütter sein: die _Léonie_, an der Pierre -_Janet_ so viele Erfahrungen gesammelt hat, betrachtete ihn, der ihr -Magnetiseur war, als ihren _Sohn_ (Névroses et Idées fixes, Vol. I, -p. 447). Ich habe seither reichlich Gelegenheit gefunden, selbst -wahrzunehmen, daß Mütter und Prostituierte unterschiedslos hysterisch -sind. - -($S. 370, Z. 13.$) Paul _Sollier_, Genèse et Nature de l'Hystérie, -Recherches cliniques et expérimentales de Psycho-Physiologie Paris -1897, Vol. I, p. 211: »..... L'anésthésie est bien plus fréquente -chez les hystériques que l'hyperésthésie, et par suite la frigidité -est l'état le plus habituel ..... Il est aussi une conséquence de -l'anésthésie des organes sexuels chez l'hystérique qu'il est bon de -signaler et que j'ai été à même de constater: c'est l'absence de -sensation des mouvements du foetus pendant la grossesse. Quoique -ceux-ci soient faciles à démontrer par la palpation, ce phénomène -peut cependant donner dans certains cas des craintes non justifiées -sur la santé du foetus; ou pousser certaines femmes à réclamer une -intervention en niant énergiquement qu'elles sont enceintes.« Zum -zehnten Kapitel (S. 291) würde das wohl stimmen: die Verleugnung der -Sexualität muß auch eine Verleugnung des Kindes mit sich führen. Vgl. -ferner bei _Sollier_ noch Vol. I, pag. 458: »Chez celles-ci [les -grandes hystériques] il y a de l'anésthésie génitale comme de tous -les organes, et elles sont ordinairement complètement frigides ..... -Certaines hystériques prennent l'horreur des rapports conjugaux qui -leur sont ou absolument indifférents quand elles sont anésthésiques, ou -désagréables quand elles ne le sont pas tout-à-fait.« - -($S. 370, Z. 17.$) Oskar _Vogt_, Normalpsychologische Einleitung in -die Psychopathologie der Hysterie, Zeitschrift für Hypnotismus, Bd. -VIII, 1899, S. 215: »Ich gebe A. einerseits die Suggestion, daß bei -jeder Berührung des rechten Armes in ihm die Vorstellung einer roten -Farbe auftauchen solle, und anderseits mache ich den rechten Arm -anästhetisch. Berühre ich jetzt den Arm, so empfindet A. nicht die -Berührung trotz darauf eingestellter Aufmerksamkeit, aber bei jeder -meiner nicht von A. empfundenen Berührungen tritt doch die Vorstellung -der roten Farbe in A. auf.« - -($S. 372, Z. 3.$) Guy de _Maupassant_, Bel-Ami, Paris, S. 389 f. - -($S. 372, Z. 4-8.$) Von einem solchen sehr lehrreichen Fall von -Imprägnation durch gänzlich von außen gekommene Vorstellungen erzählt -_Freud_ bei Breuer und Freud, Studien über Hysterie, 1895, S. 242 f. -Eine Dame phantasiert da in den Symbolen der Theosophen, in deren -Gesellschaft sie eingetreten ist. Auf Freuds Frage, seit wann sie sich -Vorwürfe mache und mit sich unzufrieden sei, antwortet sie, _seitdem -sie Mitglied des Vereines geworden sei und die von ihm herausgegebenen -Schriften lese_. Suggestibel sind Frauen wie Kinder eben auch durch -Bücher. - -($S. 372, Z. 13.$) Der Ausdruck »Schutzheilige etc.« stammt von -_Breuer_ (_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 204). -Einiges Interessante in einem freilich tendenziös antireligiösen -Schriftchen des Dr. _Rouby_, L'Hystérie de Sainte Thérèse (Bibliothèque -diabolique), Paris, Alcan, 1902, p. 11 f., 16 f., 20 f., 39 f. _Gilles -de la Tourette_, Traité clinique et thérapeutique de l'Hystérie -d'après l'enseignement de la Salpétrière, Paris 1891, Vol. I, p. 223 -bemerkt: »Il n'est pas douteux que sainte Thérèse ..... fût atteinte de -cardialgie hystérique, ou mieux d'angine de poitrine de même nature, -complexus qui s'accompagne souvent de troubles hyperésthésiques de -la région précordiale.« _Hahn_, Les phénomènes hystériques et les -révélations de Sainte-Thérèse, Revue des Questions Scientifiques, Vol. -XIV et XV, Bruxelles 1882. Charles _Binet-Sanglé_, Physio-Psychologie -des Religieuses, Archives d'Anthropologie criminelle, XVII, 1902, -p. 453-477, 517-545, 607-623. - -($S. 372, Z. 13 v. u. f.$) Oskar _Vogt_, Die direkte psychologische -Experimentalmethode in hypnotischen Bewußtseinszuständen, Zeitschrift -für Hypnotismus V, 1897, S. 7-30, 180-218. (Vgl. besonders S. 195 ff.: -»Die Erfahrung lehrt, daß die Exaktheit der Selbstbeobachtung -noch durch Suggestionen gesteigert werden kann.« S. 199: »Die -Selbstbeobachtung kann gehoben werden: einmal durch spezialisierte -Intensitätsverstärkungen oder Hemmungen und dann durch Einengung -des Wachseins und damit der Aufmerksamkeit auf die am Experiment -beteiligten Bewußtseinselemente.« S. 218: »Es kann sich im einzelnen -Menschen hohe Suggestibilität mit der Fähigkeit einer kritischen -Selbstbeobachtung verbinden« [nämlich im Zustande des vom Hypnotiseur -erzeugten »partiellen systematischen Wachseins«.]) Zur Methodik der -ätiologischen Erforschung der Hysterie, ibid. VIII, 1899, S. 65 ff., -besonders S. 70. Zur Kritik der hypnogenetischen Erforschung der -Hysterie, ibid. 342-355. _Freud_ als Vorgänger: _Breuer_ und _Freud_, -Studien über Hysterie S. 133 ff. - -($S. 378, Z. 13.$) Die Bemerkung über _Schopenhauer_ bedarf einer -Erläuterung. Die Verwechslung von Trieb und Wille ist vielleicht der -folgenschwerste Fehler des Schopenhauerschen Systemes. So viel sie zur -Popularisierung seiner Philosophie beigetragen hat, um ebensoviel hat -sie die Tatsachen unzulässig vereinfacht. Aus ihr erklärt sich, wie -Schopenhauer, für den das intelligible Wesen des Menschen mit Recht -Wille ist, dasselbe überall in der belebten Natur und schließlich -auch in der unbelebten als Bewegung wiederfinden kann. Dadurch aber -kommt notwendig Konfusion in Schopenhauers System. Er ist im tiefsten -Grunde _dualistisch_ veranlagt, und hat eine _monistische Metaphysik_; -er weiß, daß gerade das intelligible Wesen des _Menschen_ Wille ist -und muß doch durch eine unglückliche Psychologie, welche Willen und -Intellekt in einer sehr verfehlten Weise sondert, und nur den letzteren -allein dem Menschen zuteilt, diesen von Tier und Pflanze unterscheiden; -er ist, was man auch sagen mag, _zuletzt_ Optimist, als _Bejaher_ einer -anderen Seinsform, über die er nur aller positiven Bestimmungen sich -enthält, also eines anderen Lebens: und, so paradox dies dem heutigen -Ohr klinge, nur sein _Monismus_ gibt dem System die pessimistische -Wertung: indem er den gleichen Willen hier wie dort sieht, ewiges -und irdisches Leben nicht scheidet, und die einzige Unsterblichkeit -danach nur die des Gattungswillens sein kann. So offenbart sich die -Identifikation des höheren mit dem niederen Willensbegriff -- welchen -letzteren man stets als Trieb bezeichnen sollte -- als das Verhängnis -seiner ganzen Philosophie. Hätte er die Kantische Moralphilosophie -verstanden, so hätte er auch eingesehen, was der Unterschied zwischen -Wille und Trieb ist: _der Wille ist stets frei, und nur der Trieb -unfrei. $Es gibt gar keine Frage nach der Freiheit, sondern nur -eine nach der Existenz des Willens.$_ Alle _Phänomene_ sind kausal -bedingt; einen Willen kann darum die _empirische_ Psychologie, die nur -psychische _Phänomene_ anerkennt, nicht brauchen und nicht zulassen. -_Denn aller Wille ist seinem Begriffe nach frei und von absoluter -Spontaneität._ _Kant_ sagt (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, -S. 77, Kirchmann): »Die Idee der Freiheit müssen wir voraussetzen, wenn -wir uns ein Wesen als vernünftig und mit Bewußtsein seiner Kausalität -in Ansehung der Handlungen, das ist mit einem Willen begabt uns denken -wollen, und so finden wir, daß wir aus ebendemselben Grunde jedem -mit Vernunft und Willen begabten Wesen diese Eigenschaft, sich unter -der Idee seiner Freiheit zum Handeln zu bestimmen, beilegen müssen.« -Unfreiheit des Willens gibt es, wie man sieht, auch für Kant gar nicht: -der Wille kann gar nicht determiniert werden. Der Mensch, der _will_, -wirklich _will_, will immer _frei_. Der Mensch hat aber freilich -nicht nur einen Willen, sondern auch Triebe. _Kant_ (ibid. S. 78): -»Dieses [das moralische] Sollen ist eigentlich ein Wollen, das unter -der Bedingung für jedes vernünftige Wesen gilt, wenn die Vernunft bei -ihm ohne Hindernisse praktisch wäre; für Wesen, die, wie wir, noch -durch Sinnlichkeit, als Triebfedern anderer Art, affiziert werden, bei -denen es nicht immer geschieht, was die Vernunft für sich allein tun -würde, heißt jene Notwendigkeit der Handlung nur ein Sollen, und die -subjektive Notwendigkeit wird von der objektiven unterschieden.« - -_$Aller$ Wille ist $Wille zum Wert$, und aller $Trieb$ Trieb nach -der $Lust$_; es gibt keinen Willen zur Lust und auch keinen _Willen_ -zur _Macht_, sondern nur Gier und zähen Hunger nach der Herrschaft. -_Platon_ hat dies im »Gorgias« wohl erkannt, er ist aber nicht -verstanden worden. 466 D E: φημὶ γὰρ, ὦ Πῶλε, ἐγὼ τοὺς ρήτορας καὶ -τοὺς τυράννους δύνασθαι μὲν ἐν ταῖς πόλεσι σμικρότατον, ὥσπερ νῦν δὴ -ἔλεγον· _οὐδεν γὰρ ποιεῖν ὦν βούλονται_, ὡς ἔπος εἰπεῖν· ποιεῖν μέντοι -ὅτι ἂν αὐτοῖς δόξη βέλτιστον εἶναι. Und das »οὐδεὶς ἑκὼν ἁμαρτάνει« des -_Sokrates_ -- noch oft wird es wohl verloren gehen, immer wieder werden -all die seichten und verständnislosen Einwände gegen diese gewisseste -Erkenntnis sich vernehmen lassen und die noch traurigeren Versuche, -Sokrates wegen dieses Ausspruches gewissermaßen zu _entschuldigen_ -(so z. B. _Gomperz_, Griechische Denker, Eine Geschichte der antiken -Philosophie, Leipzig 1902, S. 51 ff.) unternommen werden. Um so öfter -muß er denn wiederholt werden. - -Die Idee eines ganz freien Wesens ist die Idee Gottes; die Idee -eines aus Freiheit und Unfreiheit gemischten Wesens ist die Idee des -Menschen. _Soweit_ der Mensch _frei ist_, das heißt frei _will_, soweit -_ist_ er Gott. Und so ist die Kantische Ethik im tiefsten Grunde -mystisch und sagt nichts anderes als _Fechners_ Glaubenssatz: - - »In Gott ruht meine Seele - Gott wirkt sie in sich aus; - Sein Wollen ist mein Sollen.« - -(Die drei Motive und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 256.) - -($S. 378, Z. 2 v. u. f.$) Vgl. A. P. _Sinnett_, Die esoterische Lehre -oder Geheimbuddhismus, 2. Aufl., Leipzig 1899, S. 153-172. - -($S. 381, Z. 17.$) Es ist eines der schönsten Worte _Goethes_ (Maximen -und Reflexionen, III): »_Die Idee ist ewig und einzig; daß wir auch den -Plural brauchen, ist nicht wohlgethan._« - -($S. 381, Z. 2 v. u.$) Ich finde nur in der kleinen, aber interessanten -Schrift Karl _Joels_, Die Frauen in der Philosophie, Hamburg 1896 -(Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, Heft 246), -S. 59, eine entfernt ähnlich lautende Bemerkung: »Das Weib ist -intellektuell glücklicher, aber unphilosophischer nach dem alten Worte, -daß die Philosophie aus dem Ringen und Zweifel der Seele geboren wird. -Schopenhauers Mutter war eine Romanschriftstellerin und seine Schwester -eine Blumenmalerin.« - -($S. 383, Z. 15.$) Vgl. _Taguet_, Du suicide dans l'hystérie, Annales -Médico-Psychologiques, V. Série, Vol. 17, 1877, p. 346: »L'hystérique -ment dans la mort comme elle ment dans toutes les circonstances de sa -vie.« - -($S. 384, Z. 6 v. u.$) Lazar B. _Hellenbach_, Die Vorurteile der -Menschheit, Bd. III: Die Vorurteile des gemeinen Verstandes, Wien 1880, -S. 99. - -($S. 388, Z. 5-11.$) Wie innig Geschlechtlichkeit und Grenzaufhebung -Hand in Hand gehen, darüber macht _Bachofen_, Das Mutterrecht, -S. XXIII, eine Andeutung. »Der dionysische Kult .... hat alle Fesseln -gelöst, alle Unterschiede aufgehoben, und dadurch, daß er den Geist -der Völker vorzugsweise auf die Materie und die Verschönerung des -leiblichen Daseins richtete, das Leben selbst wieder zu den Gesetzen -des Stoffes zurückgeführt. Dieser Fortschritt der Versinnlichung des -Daseins fällt überall mit der Auflösung der politischen Organisation -und dem Verfall des staatlichen Lebens zusammen. An der Stelle reicher -Gliederung macht sich das Gesetz der Demokratie, der ununterschiedenen -Masse, und jene Freiheit und Gleichheit geltend, welche das -natürliche Leben vor dem civil-geordneten auszeichnet und das der -leiblich-stofflichen Seite der menschlichen Natur angehört. Die -Alten sind sich über diese Verbindung völlig klar, heben sie in den -entscheidendsten Aussprüchen hervor .... Die dionysische Religion ist -zu gleicher Zeit die Apotheose des aphroditischen Genusses und die der -allgemeinen Brüderlichkeit, daher den dienenden Ständen besonders lieb -und von Tyrannen, den Pisistratiden, Ptolemäern, Caesar im Interesse -ihrer auf die demokratische Entwicklung gegründeten Herrschaft [vgl. -Kapitel X, S. 302] besonders begünstigt.« »Ausfluß einer wesentlich -weiblichen Gesinnung«, so nennt Bachofen a. a. O. diese Erscheinungen; -doch ist ihm keineswegs eine wirkliche Einsicht in die tieferen Gründe -des Phänomens gewährt gewesen; neben Aussprüchen wie diesem finden sich -begeisterte Hymnen auf die keusche Natur des Weibes auch bei ihm. - -($S. 389, Z. 6.$) »Klein-Eyolf«, 3. Akt (Henrik _Ibsens_ sämtliche -Werke, herausgegeben von Brandes, Elias, Schlenther. Berlin, Bd. IX, -S. 72). - -($S. 389, Z. 14.$) Über die schwierige Frage des Verhältnisses des -Âtman zum Brahman vgl. Paul _Deussen_, Das System des Vedânta etc., -Leipzig 1883, S. 50 f. - -($S. 391, Z. 1.$) _Milne-Edwards_, Introduction à la Zoologie -générale, I. partie, Paris 1851, p. 157. Ebenso Rudolf _Leuckart_, -Artikel »Zeugung« in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV, -Braunschweig 1853, S. 742 f.: ».... In physiologischer Beziehung -erscheint diese Verteilung der weiblichen und männlichen Organe als -eine Arbeitsteilung.« - -Wenig Verständnis für das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen -verraten _Leuckarts_ abweisende Worte (a. a. O.): »Man hört nicht -selten die Behauptung, daß männliche und weibliche Individuen einer -Tierform nach Ausstattung und Tätigkeiten nicht bloß unter sich -verschieden, sondern _entgegengesetzt_ seien. Eine solche Auffassung -müssen wir jedoch auf das entschiedenste zurückweisen. Die Lehre von -dem Gegensatze der Geschlechter, die zunächst aus gewissen unklaren -und mystischen Vorstellungen von der Begattung und Befruchtung -hervorgegangen ist, stammt aus einer Zeit der naturhistorischen -Forschung, in der man meinte, mit den Begriffen von Polarität, polarem -Verhalten u. s. w. das Leben in allen seinen Erscheinungen erklären zu -können. Männliche und weibliche Produkte, Organe, Individuen sollten -sich hienach verhalten wie + und -, als ob die Natur mit Geschlecht -und Geschlechtsstoffen hantierte wie ein Physiker mit Elektrizität und -Leydener Flaschen! - -Eine unbefangene und vorurteilsfreie Naturbetrachtung zeigt uns -zwischen männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen keinen anderen -Gegensatz als überhaupt zwischen Organen und Organgruppen, die sich -in ihren Leistungen gegenseitig unterstützen und ergänzen .... Die -physiologischen Motive einer solchen Arbeitsteilung sind im allgemeinen -nicht schwer zu bezeichnen. Es sind im Grunde dieselben, die eine jede -Arbeitsteilung, auch auf dem Gebiete des praktischen Lebens, in unseren -Augen rechtfertigen. Es sind die Vorteile, welche damit verbunden sind, -vor allem Ersparnis an Kraft und Zeit für andere neue Leistungen. -_In dem Dualismus des Geschlechtes sehen wir nichts anderes als eine -mechanische Veranstaltung, aus der gewisse Vorteile hervorgehen._« - -Diese Auffassung des Geschlechtsunterschiedes ist die am weitesten -verbreitete. Daneben kommen noch die Anschauungen von K. W. _Brooks_ -(The law of Heredity, a study of the cause of variation and the -origin of living organisms, Baltimore 1883) und August _Weismann_ -(Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung für die Selektionstheorie, -Jena 1886) in Betracht, welche die geschlechtliche Fortpflanzung als -das Mittel ansehen, »dessen sich die Natur bedient, um Variationen -hervorzubringen« (so Weismann, Aufsätze über Vererbung, Jena 1892, -S. 390); schließlich noch die Auffassungen von Edouard _van Beneden_ -(Recherches sur la maturation de l'œuf, la fécondation et la division -cellulaire, Gand 1883, p. 404 f.), Viktor _Hensen_ (Physiologie der -Zeugung, in Hermanns Handbuch der Physiologie, Bd. VI/_{2}, S. 236 f.), -_Maupas_ (Le rajeunissement karyogamique chez les Ciliés, Archives -de Zoologie expérimentale, 2. série, Vol. VII, 1890) und _Bütschli_ -(Über die ersten Entwicklungsvorgänge der Eizelle, Zellteilung und -Konjugation der Infusorien, Abhandlungen der Senckenbergischen -naturforsch. Gesellschaft, X, 1876), welche allerdings mehr auf das -Wesen des _Befruchtungs_prozesses sich beziehen: in welchem diese -Forscher nämlich die Absicht einer _Verjüngung_ der Individuen -erblicken. -- Was Wilhelm _Wundt_, System der Philosophie, 2. Aufl., -Leipzig 1897, S. 521 ff. über geschlechtliche und ungeschlechtliche -Zeugung sagt, geht über eine Rezeption der herrschenden -naturwissenschaftlichen Anschauungen nicht hinaus. - -($S. 391, Z. 16.$) Die diesbezügliche Widerlegung der Deszendenzlehre -bei _Fechner_, Einige Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte -der Organismen, Leipzig 1873, S. 59 ff. - -($S. 392, Z. 16 v. u.$) _Plato_ im _Timaeus_, p. 50 B C: »δέχεται -τε γὰρ ἀεὶ τὰ πάντα, καὶ μορφὴν οὐδεμίαν ποτὲ οὐδενὶ τῶν εἰσιόντων -ὁμοιαν εἰληφεν οὐδαμῆ οὐδαμως· _ἐκμαγεὶον_ γὰρ φύσει παντὶ κεῖται, -κινούμενόν τε καὶ διασχηματιζόμενον ὑπο τῶν εἴσιόντων. φαίνεται δὲ -δι' ἐκεῖνα ἄλλοτε ἀλλοιον· τὰ δὲ εἰσιόντα καὶ ἐξιόντα τῶν ὄντων ἀεὶ -μιμήματα, τυπωθέντα ἀπ' αὐτων τρόπον τινὰ δύσφραστον καὶ θαυμαστόν, ὁν -εἰς αῦθις μέτιμεν. ἐν δ'οὖν τῷ παρόντι χρὴ γένη διανοηθῆναι τριττἀ, τὸ -μὲν γιγνόμενον, τὸ δὲ ἐν ῷ γίγνεται, τὸ δ'ὁθεν ἀφομοιούμενον φύεται τὸ -γιγνόμενον.« 52 A B: »τρίτον δὲ αὖ γὲνος τὸ τῆς _χώρας_ ἀεὶ φθορὰν -οὐ προσδεχόμενον, ἕδραν δὲ παρέχον ὅσα ἔχει γένεσιν πᾶσιν, αὐτὸ δὲ -μετ' ἀναισθησίας ἁπτὸν λογισμω τινὶ νόθω, μόγις πιστόν, πρὸς ὁ δὴ καὶ -ὀνειροπολοῦμεν βλέποντες καὶ φαμεν ἀναγκαῖον εἶναί που τὸ ὄν ἁπαν -ἔν τινι τόπω καὶ κατέχον χώραν τινά, τό δὲ μήτε ἐν γῆ μήτε που κατ' -οὐρανὸν οὐδὲν εἶναι« u. s. w. Vgl. J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, -Stuttgart 1861, S. 164-168. - -($S. 392, Z. 11 v. u. f.$) Diese Interpretation der χώρα als des Raumes -hat am ausführlichsten Hermann _Siebeck_ zu begründen gesucht (Platos -Lehre von der Materie, Untersuchungen zur Philosophie der Griechen, 2. -Aufl., Freiburg 1888, S. 49-106). - -($S. 393, Z. 5.$) _Plato_, Timaeus, 50 D: »Καὶ δὴ καὶ προσεικάσαι -πρέπει τὸ μὲν δεχόμενον _μητρί_, τὸ δ'ὅθεν πατρί, τὴν δὲ μεταξὺ τούτων -φύσιν ἐκγόνῳ.« 49 A: »τίνα οὖν ἔχον δύναμιν κατὰ φύσιν αὐτὸ ὑποληπτέον; -τοιάνδε μάλιστα, πάσης εἶναι γενέσεως ὑποδοχὴν αὐτό, οἷον _τιθήνην_.« -Vgl. _Plutarch_ de Is. et Osir. 56 (Moralia 373 E F). - -($S. 393, Z. 6.$) _Aristoteles_: vgl. zu S. 240, Z. 19. - -($S. 393, Z. 7 v. u.$) _Kant_, Metaphysische Anfangsgründe der -Naturwissenschaft, Zweites Hauptstück, Erklärung 1-4. - -($S. 394, Z. 6 v. o.$) Die Ahnung dieser tieferen Bedeutung des -Gegensatzes von Mann und Weib ist sehr alt (vgl. S. 13). Die -_Pythagoreer_ haben nach _Aristoteles_ (Metaphysik, A 5, 986 a 22-26) -eine »Tafel der Gegensätze« aufgestellt, in welcher sie ».... τὰς ἀρχὰς -δέκα λέγουσιν εἶναι τὰς κατὰ συστοιχίαν λεγομένας, πέρας καὶ ἄπειρον, -περιττὸν καὶ ἄρτιον, ἕν καὶ πλῆθος, δεξιὸν καὶ ἀριστερόν, _ἄρρεν καὶ -θῆλυ_, ἠρεμοῦν καὶ κινούμενον, εὐθὺ καὶ καμπύλον, φῶς καὶ σκότος, -ὰγαθὸν καὶ κακόν, τετράγωνον καὶ ἑτερόμηκες.« - -($S. 399, Z. 15.$) Hier möchte ich nicht unterlassen, _Giordano Brunos_ -Worte anzuführen (De gli eroici furori, im einleitenden Schreiben an -Sir Philip Sidney, Opere di Giordano Bruno Nolano ed. Adolfo Wagner, -Vol. II, Leipzig 1830, p. 299 f.): - -»È cosa veramente .... da basso, bruto e sporco ingegno d' essersi -fatto constantemente studioso, et aver affisso un curioso pensiero -circa o sopra la bellezza d' un corpo feminile. Che spettacolo, -o dio buono, più vile e ignobile può presentarsi ad un occhio di -terso sentimento, che un uomo cogitabundo, afflitto, tormentato, -triste, maninconioso, per divenir or freddo, or caldo, or fervente, -or tremante, or pallido, or rosso, or in mina di perplesso, or in -atto di risoluto, un, che spende il miglior intervallo di tempo e -li più scelti frutti di sua vita corrente destillando l' elixir del -cervello con mettere in concetto, scritto e sigillar in publici -monumenti quelle continue torture, que' gravi tormenti, que' razionali -discorsi, que' faticosi pensieri, e quelli amarissimi studi, -destinati sotto la tirannide d' una indegna, imbecilla, stolta e -sozza sporcaria?.......... ............... Ecco vergato in carte, -rinchiuso in libri, messo avanti gli occhi, e intonato a gli orecchi -un rumore, un strepito, un fracasso d'insegne, d'imprese, di motti, -d'epistole, di sonetti, d'epigrammi, di libri, di prolissi scarfazzi, -di sudori estremi, di vite consumate, con strida, ch'assordiscon gli -astri, lamenti, che fanno ribombar gli antri infernali, doglie, che -fanno stupefar l'anime viventi, suspiri da far exinanire e compatir -gli dei, per quegli occhi, per quelle guance, per quel busto, per -quel bianco, per quel vermiglio, per quella lingua, per quel labro, -quel crine, quella veste, quel manto, quel guanto, quella scarpetta, -quella pianella, quella parsimonia, quel risetto, quel sdegnosetto, -quella vedova finestra, quell'eclissato sole, quel martello, quel -schifo, quel puzzo, _quel sepolcro, quel cesso, quel mestruo, quella -carogna, quella febre quartana_, quella estrema ingiuria e torto di -natura, che con una superficie, un'ombra, un fantasma, un sogno, un -circeo incantesimo ordinato al servigio de la generazione, ne inganna -in specie di bellezza; la quale insieme viene e passa, nasce e muore, -fiorisce e marcisce: et è bella un pochettino a l'esterno, che nel suo -intrinseco, vera e stabilmente è contenuto un navilio, una bottega, una -dogana, un mercato di quante sporcarie, tossichi e veneni abbia possuti -produrre la nostra madrigna natura: la quale, dopo aver riscosso quel -seme, di cui la si serva, ne viene sovente a pagar d'un lezzo, d'un -pentimento, d'una tristizia, d'una fiacchezza, d'un dolor di capo, -d'una lassitudine, d'altri e d'altri malanni, che sono manifesti a -tutto il mondo, a fin che amaramente dolga, dove soavemente proriva -................. Voglio che le donne siano così onorate et amate, -come denno essere amate et onorate le donne: per tal causa dico, e per -tanto, per quanto si deve a quel poco, a quel tempo e quella occasione, -se non hanno altra virtù che naturale, cioè di quella bellezza, di quel -splendore, di quel servigio, senza il quale denno esser stimate più -vanamente nate al mondo, che un morboso fungo, qual con pregiudizio di -miglior piante occupa la terra, e più noiosamente, che qual si voglia -napello, o vipera, che caccia il capo fuor di quella?...« u. s. w. - -($S. 400, Z. 16 v. u.$) Das _Weib_ also ist der _Ausdruck_ des -Sündenfalles des Menschen, es ist die objektivierte Sexualität des -Mannes und nichts anderes als diese. Eva war nie im Paradiese. Dagegen -glaube ich mit dem Mythus der _Genesis_ (I, 2, 22) und mit dem -_Apostel Paulus_ (1. Timoth. 2, 13, und besonders 1. Korinth. 11, 8: -οὐ γὰρ ἐστιν ἀνὴρ ἐκ γυναικός, ἀλλὰ γυνὴ ἐξ ἀνδρός) an die Priorität -des _Mannes_, an die Schöpfung des Weibes durch den Mann, an seine -_Mittelbarkeit_, durch die seine Seelenlosigkeit ermöglicht ist. Gegen -diese metaphysische Posteriorität des Weibes, die eine Posteriorität -dem Seins-Range nach ist und keine bestimmte zeitliche Stelle hat, -sondern eine in jedem Augenblick vollzogene Schöpfung des Weibes durch -den noch immer sexuellen Mann, sozusagen ein _fortwährendes Ereignis_ -bedeutet, bildet es keinen Einwand, daß bei wenig differenzierten -Lebewesen das männliche Geschlecht noch fehlt, und die Funktionen, die -es auf höherer Stufe ausübt, entbehrlich scheinen. Daß übrigens hierin -eine schroffe Absage an alle deszendenz-theoretischen Spekulationen -liegt, soweit diese auf die Philosophie einer Einflußnahme sich -vermessen, dessen bin ich mir wohl bewußt, vermag aber die -Verantwortung für diesen Schritt verhältnismäßig leicht zu tragen. -Philosophie ist nicht Historie, vielmehr ihr striktes Gegenteil: -denn es gibt keine Philosophie, die nicht die Zeit negierte, keinen -Philosophen, dem die Zeit eine Realität wäre wie die anderen Dinge. - -Dagegen ist es sehr wohl begreiflich, wie die Anschauung von der -Ewigkeit der Frau und der Vergänglichkeit des Mannes hat entstehen -können. Das absolut Formenlose scheint ebenso dauerhaft zu sein wie -die reine geistige Form, diese dem Dutzendmenschen ganz unvollziehbare -Vorstellung. Und über die Ewigkeit der Mutter ist im 10. Kapitel das -Nötigste bemerkt. Man vgl. auch _Bachofen_, Das Mutterrecht S. 35: -»Das Weib ist das Gegebene, der Mann wird. Von Anfang an ist die Erde -der mütterliche Grundstoff. Aus ihrem Mutterschoße geht alsdann die -sichtbare Schöpfung hervor, und erst in dieser zeigt sich ein doppeltes -getrenntes Geschlecht; erst in ihr tritt die männliche Bildung ans -Tageslicht, Weib und Mann erscheinen also nicht gleichzeitig, sind -nicht gleich geordnet. Das Weib geht voran, der Mann folgt; das Weib -ist früher, der Mann steht zu ihr im Sohnesverhältnis; das Weib -ist das Gegebene, der Mann das aus ihr erst Gewordene. Er gehört -der sichtbaren, aber stets wechselnden Schöpfung; er kommt nur in -sterblicher Gestalt zum Dasein. Von Anfang an vorhanden, gegeben, -unwandelbar ist nur das Weib; geworden, und darum stetem Untergang -verfallen, der Mann. Auf dem Gebiete des physischen Lebens steht -also das männliche Prinzip an zweiter Stelle, es ist dem weiblichen -untergeordnet.« S. 36: »In der Pflanze, die aus dem Boden hervorbricht, -wird der Erde Muttereigenschaft anschaulich. Noch ist keine Darstellung -der Männlichkeit vorhanden; diese wird erst später an dem ersten -männlich gebildeten Kinde erkannt. Der Mann ist also nicht nur später -als das Weib, sondern dieses erscheint auch als die Offenbarerin des -großen Mysteriums der Lebenszeugung. Denn aller Beobachtung entzieht -sich der Akt, der im Dunkel des Erdschoßes das Leben weckt und dessen -Keim entfaltet; was zuerst sichtbar wird, ist das Ereignis der -Geburt; an diesem hat aber nur die Mutter teil. Existenz und Bildung -der männlichen Kraft wird erst durch die Gestaltung des männlichen -Kindes geoffenbart; durch eine solche Geburt reveliert die Mutter -den Menschen das, was vor der Geburt unbekannt war, und dessen -Tätigkeit in Finsternis begraben lag. In unzähligen Darstellungen der -alten Mythologie erscheint die männliche Kraft als das geoffenbarte -Mysterium; das Weib dagegen als das von Anfang an Gegebene, als der -stoffliche Urgrund, als das Materielle, sinnlich Wahrnehmbare, das -selbst keiner Offenbarung bedarf, vielmehr seinerseits durch die erste -Geburt Existenz und Gestalt der Männlichkeit zur Gewißheit bringt.« - -Das μὴ ὄν nämlich, welches vom Weibe vertreten wird, ist das völlig -Ungeformte, Strukturlose, das Amorphe, die Materie, die keinen -letzten Teil mehr hat an der Idee des Lebens, aber ebenso ewig und -unsterblich zu sein scheint wie reine Form, schuldfreies höheres Leben, -unverkörperter Geist ewig ist. Das eine, weil nichts an ihm geändert, -vom Formlosen keine Form zerstört werden kann; das zweite, weil es sich -nicht inkarniert, weil es nicht endlich, und darum nicht vernichtbar -wird. - -Der Begriff des ewigen Lebens der Religionen ist der Begriff des -absoluten, metaphysischen Seins (der Aseität) der Philosophien. - -($S. 400, Z. 12 v. u.$) _Dante_ Inferno XXXIV, Vers 76 f. - -($S. 401, Z. 5 f.$) Es hat Anspruch auf das ernsteste Nachdenken, und -verdient die tiefste Ehrfurcht des Hörers, und nicht Gelächter (womit -ihm heute wohl allenthalben geantwortet würde), wenn _Tertullian_ -das Weib so apostrophiert (De habitu muliebri liber, Opera rec. -J. J. Semler, Halae 1770, Vol. III, p. 35 f.): »Tu es diaboli ianua, tu -es arboris illius resignatrix, tu es divinae legis prima desertrix, tu -es, quae eum suasisti, quem diabolus aggredi non valuit. Tu imaginem -dei, hominem, tam facile elisisti; propter tuum meritum, id est mortem, -etiam filius dei mori debuit; et adornari tibi in mente est, propter -pelliceas tuas tunicas?« Diese Worte sind an die _Weiblichkeit_ als -_Idee_ gerichtet; die empirischen Frauen würden durch die Zumessung -einer solchen Bedeutung sich stets nur angenehm gekitzelt fühlen; die -Frauen sind sehr zufrieden mit dem _anti_sexuellen Manne, und ratlos -nur dem $a$sexuellen gegenüber. - -($S. 401, Z. 12.$) Wie sich durch seine Sexualität der Mann dem Weibe -annähert, geht aus der Tatsache hervor, daß die Erektion dem Willen -entzogen ist und durch ihn nicht aufgehoben werden kann, gleichwie -eine Muskelkontraktion vom gesunden Menschen auf Befehl des Willens -rückgängig gemacht wird. Der Zustand der wollüstigen Erregtheit -beherrscht das Weib ganz, beim Manne doch nur einen Teil. Aber die -Wollust dürfte die einzige Empfindung sein, welche im allgemeinen nicht -durchaus verschieden ist bei den beiden Geschlechtern; die Empfindung -des Koitus hat für Mann und Frau eine gleiche Qualität. Der Koitus -wäre sonst unmöglich. Er ist der Akt, der zwei Menschen am stärksten -einander angleicht. Nichts kann demnach irriger sein als die populäre -Ansicht, daß Mann und Weib vor allem oder gar ausschließlich in ihrer -_Sexualität differieren_, wie ihr z. B. _Rousseau_ Ausdruck gibt -(Emile, Livre V., Anfang): »En tout ce qui ne tient pas au sexe la -femme est homme.« Gerade die Sexualität ist das _Band_ zwischen Mann -und Frau und wirkt auch stets _ausgleichend_ zwischen beiden. - -($S. 402, Z. 10.$) Auch das spezifische _Mitleid_ des Mannes mit der -Frau -- ihrer inneren Leere und Unselbständigkeit, Haltlosigkeit und -Gehaltlosigkeit wegen -- weist, wie alles Mitleid, auf eine Schuld -zurück. - -($S. 402, Z. 9 v. u.$) Es sind hiemit scheinbar drei _verschiedene_ -Erklärungen der Kuppelei (und somit Herleitungen der Weiblichkeit) -gegeben; aber sie drücken, wie man wohl sieht, alle ein und dasselbe -aus. Die sich ewig vergrößernde Schuld des höheren Lebens ist die dem -Menschen ewig unerklärliche, für ihn wahrhaft _letzte_ Tatsache des -Abfalls jenes Lebens zum niederen Leben; der plötzliche Absturz des -völlig Schuldlosen in die Schuld. Das niedere Leben aber kulminiert -in jenem Akte, durch das es neu erzeugt wird; alle Begünstigung -des niederen Lebens schließt darum notwendig Kuppelei ein. Dieses -selbe Streben, das irdische Leben Realität gewinnen zu lassen, ist -dadurch bezeichnet, daß alle Materie sich verführerisch der Formung -entgegendrängt; oder wie dies _Plato_ tiefsinnig angedeutet hat: durch -die betrügerische Zudringlichkeit der _Penia_ (der Armut, des Leeren, -des Nichts) an den trunkenen, träumenden Gott _Poros_ (den Reichen). - - - - -Zu Teil II, Kapitel 13. - - -($S. 404, Z. 13 v. u.$) Über den mangelhaften Bartwuchs der Chinesen -_Darwin_, Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II, -S. 339. Auch die _Stimme_ des Mannes soll sich bei den verschiedenen -Menschenrassen nicht gleich sehr von der des Weibes unterscheiden, -z. B. gerade bei Chinesen und Tataren, »die Stimme des Mannes nicht -so sehr von der des Weibes abweichen, wie bei anderen Rassen.« -(_Darwin_, Die Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Leipzig, -Universalbibliothek, Bd. II, S. 348, nach Sir Duncan _Gibb_, Journal of -the Anthropological Society, April 1869, p. LVII und LVIII.) - -($S. 405, Z. 14 v. u.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen -des 19. Jahrhunderts, I. Hälfte, 4, Aufl., München 1903, S. 345 ff. - -($S. 406, Z. 1 v. u.$) Als hervorragendere »Philosemiten« könnten -nur der sehr überschätzte G. E. _Lessing_, und Friedr. _Nietzsche_ -in Betracht kommen, der letztere aber wohl bloß infolge eines -Oppositionsbedürfnisses gegen _Schopenhauer_ und _Wagner_; und -der erstere hat den eigenen Rang viel klarer erkannt und offener -eingestanden als die Geschichtsschreiber der deutschen Literatur (vgl. -Hamburgische Dramaturgie, Stück 101 f.). Der schärfste Antisemit unter -allen ist wohl _Kant_ gewesen (nach der Anmerkung zum § 44 seiner -»Anthropologie in pragmatischer Hinsicht«). Vgl. über den »Consensus -ingeniorum« _Chamberlain_, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, S. 335. - -($S. 413, Z. 7 v. u. f.$) _1. Buch Mosis_, Kap. 25, 24-34; 27, 1-45; -30, 31-43. - -($S. 414, Z. 4-9.$) Nach M. _Friedländer_, Der Antichrist in den -vorchristlichen jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 118 ff. hat -der Antichrist schon im vorchristlichen Judentum (z. B. dem freilich -sehr spät entstandenen Buche Deuteronomium) eine Rolle als »Beliar« -gespielt. Friedländers Auffassung gipfelt, wie ich glaube (von dem -historischen Materiale muß ich absehen), darin, daß der Antichrist erst -da sein mußte, damit der Christ komme, ihn zu vernichten (S. 131). -Damit wird jedoch dem Bösen eine selbständige Existenz _vor_ dem Guten -und also unabhängig von diesem zugesprochen; das Böse indes ist nur -»Privation« des Guten (_Augustinus_, _Goethe_). Nur der gute, nicht der -böse Mensch _fürchtet_ das Böse, dem der Verbrecher selbst _dient_. Das -Böse ist nur ein Abfall vom Guten, und hat nur einen Sinn in Bezug auf -dieses; indes das Gute an sich ist und keiner Relation bedarf. - -Die wenigen Elemente des vorchristlichen jüdischen Teufelsglaubens -stammen nach den Resultaten der Forschung aus dem Parsismus. Vgl. -W. _Bousset_, Die jüdische Apokalyptik, ihre religionsgeschichtliche -Herkunft und ihre Bedeutung für das neue Testament, Berlin 1903, -S. 38-51. S. 45: »Der Schluß drängt sich mit zwingender Gewalt auf: die -jüdische Apokalyptik ist in dem Neuen, was sie in den Hoffnungsglauben -des Judentums hineinbringt, von Seiten der eranischen Religion bedingt -und angeregt.« Und S. 48: »Nun läßt sich doch behaupten, daß der -Dualismus spezifisch unisraelitisch ist. Die Religion der Propheten -und des alten Testamentes kennt den Teufel nicht. Die Gestalt des -Satans, wie sie im Erzählungsstück des Hiobbuches, in der Chronik, -bei Sacharja auftritt, hat mit der späteren des Teufels, wie sie im -neutestamentlichen Zeitalter herrscht, äußerst wenig, nicht viel mehr -als den Namen gemeinsam. Und überdies sind sämtliche hier genannten -Stücke -- auch das Erzählungsstück des Hiobbuches -- recht spät. Der -Teufelsglaube, die Annahme eines organisierten dämonischen Reiches -widerspricht direkt dem Geiste der Frömmigkeit der Propheten und -Psalmen, ihrem starken und starren Monotheismus. Hingegen ist in keiner -anderen Religion der Dualismus so heimisch und wurzelt so tief wie in -der eranischen Religion. Auch von hier aus drängt sich der Schluß der -Abhängigkeit der jüdischen Apokalyptik unmittelbar auf.« - -($S. 415, Z. 10.$) So nicht nur die Argumente des Tages, sondern -selbst _Schopenhauer_ (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132): »[Das -jüdische Volk] lebt parasitisch auf den anderen Völkern und ihrem -Boden, ist aber dabei nichtsdestoweniger von lebhaftestem Patriotismus -für die eigene Nation beseelt, den es an den Tag legt durch das -festeste Zusammenhalten, wonach Alle für Einen und Einer für Alle -stehen; so daß dieser Patriotismus ~sine patria~ begeisterter wirkt, -als irgend ein anderer. Das Vaterland des Juden sind die übrigen Juden: -daher kämpft er für sie, wie ~pro ara et focis~, und keine Gemeinschaft -auf Erden hält so fest zusammen wie diese.« - -($S. 418, Z. 18.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen des -neunzehnten Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 143, Anm. 1. -- -Über die jüdische Diaspora der letzten vorchristlichen Jahrhunderte -vgl. ferner M. _Friedländer_, Der Antichrist in den vorchristlichen -jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 90 f. - -($S. 420, Z. 10.$) Über den Mangel an Unsterblichkeitsglauben im alten -Testamente hat _Schopenhauer_ das Treffendste und Kräftigste gesagt -(Parerga und Paralipomena, Bd. I, S. 151 f., ed. Grisebach). - -($S. 420, Z. 12.$) _Schopenhauer_, Neue Paralipomena, § 396 -(Handschriftlicher Nachlaß, Bd. IV, herausgegeben von Eduard Grisebach, -S. 244). - -($S. 420, Z. 18 f.$) Gustav Theodor _Fechner_, Die drei Motive -und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 254-256. Auch in der -»Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht«, Leipzig 1879, S. 65-68. - -($S. 420, Z. 8 v. u.$) _Tertulliani_ Apologeticus adversus gentes pro -christianis, cap. 17 (Opera, Vol. V, p. 47, rec. Semler, Halae 1773.) - -($S. 420, Z. 6 v. u.$) _Chamberlain_ a. a. O., S. 391-400. - -($S. 421, Z. 13.$) _Schopenhauer_ hat das Wesen des Jüdischen am -sichersten herausgefühlt; denn von ihm rührt das Wort her von den »dem -Nationalcharakter der Juden anhängenden, bekannten Fehlern, worunter -eine wundersame Abwesenheit alles dessen, was das Wort ~verecundia~ -ausdrückt, der hervorstechendste, wenngleich ein Mangel ist, der in -der Welt besser weiter hilft, als vielleicht irgend eine positive -Eigenschaft ....« (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132.) - -Diesen Mangel an ~verecundia~ will ich erst weiterhin berühren und -in einen Zusammenhang mit allem übrigen jüdischen Wesen zu bringen -versuchen (S. 591). - -($S. 422, Z. 14 v. u.$) Aus Versen _Keplers_ citiert nach Johann -Karl Friedrich _Zöllner_, Über die Natur der Kometen, Beiträge zur -Geschichte und Theorie der Erkenntnis, 2. Aufl., Leipzig 1872, S. 164. - -($S. 423, Z. 1 v. u.$) Gustav Theodor _Fechner_, Ideen zur -Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Organismen, Leipzig 1873. -Wilhelm _Preyer_, Naturwissenschaftliche Tatsachen und Probleme, -1880, II. Vortrag: Die Hypothesen über den Ursprung des Lebens -(»Kosmozoen-Theorie«). - -($S. 425, Z. 4.$) Was _Schopenhauer_ (Über den Willen in der Natur, -Werke, ed. Grisebach, III, 337) und _Chamberlain_ (Grundlagen des 19. -Jahrhunderts, 4. Aufl., S. 170 f.) _Spinoza_ hauptsächlich zum Vorwurf -machen, seine merkwürdigen sittlichen Lehren, das bildet in weit -geringerem Grade einen Einwand gegen ihn und gegen das Judentum, und am -wenigsten deutet es auf irgend eine Immoralität in Spinoza selbst hin. -Spinozas ethische Lehre ist gerade darum so flach geworden, weil er -recht wenig Verbrecherisches in sich zu überwinden hatte. Aus demselben -Grunde treffen auch _Aristoteles'_, _Fechners_ oder _Lotzes_ ethische -Theorien so wenig das eigentliche Problem, obwohl sie, als Arier, von -vornherein tiefer sind als der Jude. - -($S. 425, Z. 13.$) Ich glaube, daß auf einem Mißverständnis, auf einer -Verwechslung von Wille und Willkür beruht, was _Chamberlain_ sagt -(a. a. O., S. 243 f.): »Das liberum arbitrium ist entschieden eine -semitische und in seiner vollen Ausbildung speziell eine jüdische -Vorstellung.« - -($S. 425, Z. 17.$) Wie ganz anders auch _Fechner_, den eine -oberflächliche Betrachtung in sehr große Nähe zu Spinoza zu rücken -versucht hat, als welcher jenem an Bedeutung und Tiefe weit nachsteht! -Vgl. z. B. Zend-Avesta, II^2, 197: »Der Mensch, aus dem der jenseitige -Geist kommt [beim Tode] ...., bleibt unter _allen_ Einwirkungen, die -ihm begegnen mögen, ein Individuelles.« - -($S. 427, Z. 16 f.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und -Vorstellung, Zweiter Band, erstes Buch, Kapitel 8: Zur Theorie des -Lächerlichen. -- _Jean Paul_, Vorschule der Ästhetik, § 26-55. - -($S. 429, Z. 2 f.$) Im »fliegenden Holländer«, im »Lohengrin«, im -»Parsifal« ist das Problem des Judentums offen formuliert; aber -Siegfried, der »dumme Knab'«, ist nicht minder als Parsifal, der »reine -Tor«, von _Wagner_ in einem Gegensatze zu allem Jüdischen gedacht -worden. - -($S. 434, Z. 10-12.$) Die Selbstsetzung des Ich bleibt der tiefste -Gedanke der _Fichte_schen Philosophie. Vgl. Grundlage der gesamten -Wissenschaftslehre, Sämtliche Werke herausgegeben von J. H. Fichte, -I/1, Berlin 1845, S. 95 f. (vgl. zu S. 205, Z. 18): - -»~a)~ Durch den Satz A = A wird _geurtheilt_. Alles Urtheilen aber -ist laut des empirischen Bewußtseyns ein Handeln des menschlichen -Geistes; denn es hat alle Bedingungen der Handlung im empirischen -Selbstbewußtseyn, welche zum Behuf der Reflexion, als bekannt und -ausgemacht, vorausgesetzt werden müssen. - -~b)~ Diesem Handeln nun liegt etwas auf nichts höheres gegründetes, -nemlich X = Ich bin, zum Grunde. - -~c)~ Demnach ist das _schlechthin gesetzte_ und _auf sich -selbst gegründete_ -- Grund _eines gewissen_ (durch die ganze -Wissenschaftslehre wird sich ergeben, _alles_) Handelns des -menschlichen Geistes, mithin sein reiner Charakter; der reine -Charakter der Thätigkeit an sich; abgesehen von den besonderen -empirischen Bedingungen derselben. - -Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thätigkeit -desselben. -- Das Ich _setzt sich selbst_, und es _ist_, vermöge dieses -bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt, das Ich _ist_, und es -setzt sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns. -- Es ist zugleich das -Handelnde und das Produkt der Handlung; das Thätige, und das, was durch -die Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung und That sind Eins und -ebendasselbe; und daher ist das: _Ich bin_, Ausdruck einer Thathandlung -..... - -8. Ist das Ich nur, insofern es sich setzt, so ist es auch nur _für_ -das setzende und setzt nur für das seyende. -- _Das Ich ist für das -Ich_, -- setzt es aber sich selbst, schlechthin so wie es ist, so setzt -es sich nothwendig und ist nothwendig für das Ich. _Ich bin nur für -Mich; aber für mich bin ich nothwendig_ (indem ich sage _für Mich_, -setze ich schon mein Seyn). - -9. _Sich selbst setzen_ und _Seyn_ sind, vom Ich gebraucht, völlig -gleich. Der Satz: Ich bin, weil ich mich selbst gesetzt habe, kann -demnach auch so ausgedrückt werden: _Ich bin schlechthin, weil ich bin._ - -Ferner, das sich setzende Ich und das seyende Ich sind völlig gleich, -Ein und ebendasselbe. Das Ich ist dasjenige, als _was_ es sich -setzt; und es setzt sich als _dasjenige_, was es ist. Also: _Ich bin -schlechthin, was ich bin._ - -10. Der unmittelbare Ausdruck der jetzt entwickelten Thathandlung wäre -folgende Formel: _Ich bin schlechthin, das ist ich bin schlechthin, -weil ich bin, und bin schlechthin, was ich bin; beides für das Ich._ - -Denkt man sich die Erzählung von dieser Thathandlung an die Spitze -einer Wissenschaftslehre, so müßte sie etwa folgendermaßen ausgedrückt -werden: _Das Ich setzt ursprünglich sein eigenes Seyn._« - -($S. 434, Z. 15 f.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_ a. a. O., S. 397 f. --- Die Dualität von Religion und Glaube, die Chamberlain S. 405 f. -behauptet, dürfte kaum haltbar sein. - -($S. 435, Z. 6 v. u.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_, Die Grundlagen des -XIX. Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 244, 401. - -($S. 436, Z. 2 v. u.$) Man sieht, wie schwierig es ist, das Judentum -zu definieren. Dem Juden fehlt die Härte, aber auch die Sanftmut -- -eher ist er zähe und weich; er ist weder roh noch fein, weder grob noch -höflich. Er ist nicht König, nicht Führer, aber auch nicht Lehnsmann, -nicht Vasall. Was er nicht kennt, ist Erschütterung; doch es mangelt -ihm ebensosehr der Gleichmut. Ihm ist nie etwas selbstverständlich, -aber ebenso fremd ist ihm alles wahre Staunen. Er hat nichts vom -_Lohengrin_, aber beinahe noch weniger vom _Telramund_ (der mit -seiner Ehre steht und fällt). Er ist lächerlich als Korpsstudent; und -gibt doch keinen guten Philister ab. Er ist nie schwerblütig, aber -auch nie vom Herzen leichtsinnig. Weil er nichts glaubt, flüchtet er -ins Materielle; nur daher stammt seine Geldgier: er sucht hier eine -Realität und will durchs »Geschäft« von einem Seienden überzeugt -werden -- der einzige Wert, den er als tatsächlich anerkennt, wird -so das »verdiente« Geld. Aber dennoch ist er nicht einmal eigentlich -Geschäftsmann: denn das »Unreelle«, »Unsolide« im Gebaren des jüdischen -Händlers ist nur die konkrete Erscheinung des der _inneren Identität_ -baren jüdischen Wesens auch auf diesem Gebiete. _»$Jüdisch$« ist also -eine $Kategorie$_ und psychologisch nicht weiter zurückzuführen und zu -bestimmen; metaphysisch mag man es als _Zustand vor dem Sein_ fassen; -introspektiv kommt man nicht weiter als bis zur inneren Vieldeutigkeit, -dem Mangel an Überzeugungen, der Unfähigkeit zu irgend welcher Liebe, -das ist ungeteilten Hingabe, und zum Opfer. - -Die Erotik des Juden ist sentimental, sein Humor Satire; jeder -Satiriker aber ist sentimental, wie jeder Humorist nur ein umgekehrter -Erotiker. In der Satire und in der Sentimentalität ist jene Duplizität, -die das Jüdische eigentlich ausmacht (denn die Satire verschweigt -zu wenig und fälscht darum den Humor); und jenes Lächeln ist beiden -gemeinsam, welches das jüdische Gesicht kennzeichnet: kein seliges, -kein schmerzvolles, kein stolzes, kein verzerrtes Lächeln, sondern -jener unbestimmte Gesichtsausdruck, welcher _Bereitschaft_ verrät, _auf -alles einzugehen_, und alle Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst -vermissen läßt; jene Ehrfurcht, die allein alle andere »~verecundia~« -erst begründet. - -($S. 437, Z. 6.$) _Chamberlain_: a. a. O., S. 329 f. - -($S. 437, Z. 5 v. u. f.$) Über das »epileptische Genie« vgl. besonders -_Lombroso_, Der geniale Mensch, Hamburg 1890, an vielen Orten. Über -Napoleons Epilepsie orientiert Louis _Proal_, Napoléon I. était-il -épileptique? Archives d'Anthropologie criminelle, 1902, p. 261-266 (mit -den Zeugnissen von Constant und Talleyrand). - -($S. 438, Z. 11.$) _Kant_, Die Religion innerhalb der Grenzen der -bloßen Vernunft, S. 46-47, ed. Kehrbach. Vgl. S. 49 f.: »Wenn der -Mensch aber im Grunde seiner Maximen verderbt ist, wie ist es möglich, -daß er durch eigene Kräfte diese Revolution [einen Übergang zur Maxime -der Heiligkeit der Gesinnung] zustande bringe und von selbst ein -guter Mensch werde? Und doch gebietet die Pflicht, es zu sein, sie -gebietet uns aber nichts, als was uns tunlich ist. Dieses ist nicht -anders zu vereinigen, als daß die Revolution für die Denkungsart, die -allmähliche Reform aber für die Sinnesart (welche jener Hindernisse -entgegenstellt), notwendig und daher auch dem Menschen möglich sein -muß. Das ist: wenn er den obersten Grund seiner Maximen, wodurch er ein -böser Mensch war, durch eine einzige unwandelbare Entschließung umkehrt -(und hiemit einen neuen Menschen anzieht); so ist er sofern dem Prinzip -und der Denkungsart nach ein fürs Gute empfängliches Subjekt u. s. w.« --- - -Das andere Genie erfährt die Gnade noch vor der Geburt; der -Religionsstifter im Laufe seines Lebens. In ihm stirbt ein älteres -Wesen am vollständigsten und tritt vor einem gänzlich neuen zurück. -Je größer ein Mensch werden will, desto mehr ist in ihm, dessen -Tod er beschließen muß. Ich glaube, daß auch _Sokrates_ hier den -Religionsstiftern (als der einzige unter allen Griechen[106]) sich -nähert; vielleicht hat er den entscheidenden Kampf mit dem Bösen an -jenem Tage gekämpft, da er bei Potidaea vierundzwanzig Stunden allein -an einem und demselben Orte aufrecht stand. - -_Kant_ (Religionsphilosophie; vgl. im Texte S. 209), _Goethe_ (Citat -auf S. 438), _Jakob Böhme_ (De regeneratione) und Richard _Wagner_ -(Wotan bei Erda, Siegfried, III. Akt) sind ebenfalls diesem Ereignis -einer buchstäblichen _Neugeburt_ des _ganzen_ Menschen weniger fern -gewesen als die meisten anderen großen Männer. - - - - -Zu Teil II, Kapitel 14. - - -($S. 443, Z. 7 v. u.$) »Alle höhere Kultur ist nicht auf das Prinzip -der _Sexualität_, sondern im Gegenteil auf das Prinzip der _Askese_ -gegründet« das ist (wenn man Askese nicht zu eng, nicht im Sinne einer -Jesuiten-Schulung faßt) das wahrste Wort aus dem trefflichen Aufsatze -von O. _Friedländer_ (vgl. zu S. 446, Z. 1 v. u.). - -($S. 443, Z. 15-21.$) Auf das Überwiegen des dirnenhaften Elementes -im heutigen Weibe dürfte die zunehmende Unlust und Unfähigkeit der -Mütter, ihre Kinder zu stillen, viel eher zurückweisen als auf den seit -Jahrhunderten unverändert großen Alkoholgenuß (vgl. S. 291, Z. 14 v. -u. f.) - -($S. 444, Z. 15.$) Sogar in die Wissenschaft ist diese Wertung des -Mannes nach seiner geschlechtlichen Fähigkeit eingedrungen. »Il ne peut -être douteux que les testicules donnent à l'homme ses plus nobles et -ses plus utiles qualités.« (_Brown-Séquard_, Archives de Physiologie -normale et pathologie, 1889, p. 652.) - -Es ist sehr verdienstlich von _Rieger_, diesen so populären -Anschauungen derart kräftig entgegengetreten zu sein, wie er es in -seinem Buche über »Die Kastration« (Jena 1900) getan hat. - -($S. 446, Z. 1 v. u.$) Auf einem anderen Wege und weniger durch -eine Analyse der Weiblichkeit als der Männlichkeit kommt Oskar -_Friedländer_ (»Eine für Viele«, eine Studie, Die Gesellschaft, -Münchener Halbmonatsschrift, 1902, Heft 15/16) zu _demselben_ Ergebnis -(S. 181 f.): »Die Geschlechter bilden und beeinflussen einander in -der Richtung nach dem physischen und moralischen Ideale, das sie als -Maßstab ihrer wechselseitigen Wertschätzung zu Grunde legen, und von -dessen mehr oder minder vollkommener Erfüllung die Bevorzugung der -einen vor den anderen bei der Liebeswahl abhängig zu denken ist. Wenn -echte Weiblichkeit mit dem Attribute der Keuschheit unzertrennlich -verbunden ist, so ist demnach der Grund dafür nicht in der Natur des -Weibes, sondern in der moralischen Disposition des Mannes zu suchen. -Ihm ist die Keuschheit, im weiteren Sinne: die Fähigkeit, die Schranken -des sinnlichen Einzeldaseins zu übersteigen, der höchste sittliche -Wert und wird es trotz aller beklagenswerten Aberrationen, an denen -unser, einem durchaus unberechtigten Optimismus huldigendes Zeitalter -so reich ist, immer bleiben; darum überträgt er ihn in der Form eines -moralischen Imperatives auf das andere Geschlecht. Der Frau ist, -weniger im ethischen als im sexuellen Interesse, alles an der Erfüllung -dieser Forderung gelegen. Deshalb hält sie so unerbittlich zähe daran -fest, zähe besonders am Scheine der Keuschheit, an den Regeln der -Konvenienz. - -Die Anwendung auf den entgegengesetzten Fall wird man mir erlassen. -Es heißt dem Scharfsinn meiner Leser nicht allzuviel zumuten, wenn -ich ihnen die Entscheidung anheimstelle, wo das Ideal der männlichen -Unkeuschheit seinen Ursprung genommen haben mag.« - -($S. 447, Z. 1.$) Doch ist auch der Wert, der auf Jungfräulichkeit -gelegt wird, wie bekannt, ein sehr verschiedener bei den verschiedenen -Menschenrassen. Vgl. Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde, -Berlin 1902, S. 93. - -($S 447, Z. 1 v. u.$) Der Mensch, der sich straft durch -Fleischeskreuzigung und Abtötung des Leibes, will den Sieg ohne Kampf; -er räumt den Leib aus dem Wege, weil er zu schwach ist, dessen Triebe -zu überwinden. Er ist ebenso feig wie der Selbstmörder, der sich -erschösse, weil er am Siege über sich verzweifelte. Und die Buße ist -der Reue geradezu entgegengesetzt; denn sie beweist, daß der Mensch -gar nicht _über_ seiner Missetat steht, sondern noch in ihr befangen -ist, sonst würde er sich nicht züchtigen; er würde trotz der Zurechnung -einen Unterschied machen zwischen dem Moment der Tat und dem Moment -der Reue, wofern Reue da wäre. Denn Bedingung der Reue ist nunmehrige -Unfähigkeit zur Tat, und diese Unfähigkeit zum Bösen kann kein Mensch -in sich strafen wollen. Auch _Kant_ hat die Askese durchschaut -(Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, § 53). - -($S. 448, Z. 4 v. u.$) Richard _Wagner_, Parsifal, ein -Bühnenweihfestspiel. Zweiter Aufzug. (Gesammelte Schriften und -Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. X, S. 360 f.) - -($S. 451, Z. 9 v. u.$) _Schopenhauer_: »Die Mormonen haben Recht.« -(Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 370 Ende.) _Demosthenes_ 59, 122 -(Κατὰ Νεαίρας): »Tὰς μὲν γὰρ ἑταίρας ἡ δονῆς ἕνεκ' ἔχομεν, τὰς δὲ -παλλακὰς τῆς καθ' ἡμέραν θεραπείας τοῦ σώματος, τὰς δἐ γυναῖκας τοῦ -παιδοποιεῖσθαι γνησίως καὶ τῶν ἔνδον φύλακα πιστὴν ἔχειν.« - -($S. 451, Z. 8 v. u. f.$) _Goethe_, Zweite Epistel. -- _Molière_, Les -Femmes Savantes, Acte II, Scène VII. -- Selbst _Kant_ dürfte, wäre er -nach einer Schrift aus dem Jahre 1764 zu beurteilen, keineswegs von -diesem Vorwurfe ausgenommen werden. Denn in den »Beobachtungen über das -Gefühl des Schönen und Erhabenen« (III. Abschnitt, Bd. VIII, S. 32, -ed. Kirchmann) steht: »[Die Frauenzimmer] tun etwas nur darum, weil es -ihnen so beliebt, _und die Kunst besteht darin, zu machen, daß ihnen -nur dasjenige beliebt, was gut ist_. Ich glaube schwerlich, daß das -schöne Geschlecht der Grundsätze fähig sei, und ich hoffe dadurch nicht -zu beleidigen, denn diese sind auch äußerst selten beim männlichen.« - -($S. 452, Z. 17.$) _Kant_, Die Religion innerhalb der Grenzen der -bloßen Vernunft, ed. Kehrbach, S. 47. - -($S. 452, Z. 6 v. u.$) W. H. _Riehl_, Die Familie, Stuttgart 1861, -S. 7, sagt: »Man muß ... den tollen Mut der Sozialisten bewundern, -welche den beiden Geschlechtern trotz aller leiblichen und seelischen -Ungleichartigkeit doch die gleiche politische und soziale Berufung -zusprechen und ganz resolut ein Gesetz der Natur entthronen wollen, -um ein Gesetz der Schule und des Systems an seine Stelle zu setzen. -Périsse la nature plutôt que les principes!« - -Dieser Standpunkt, den Riehl toll nennt, ist der meinige. Ich kann -nicht einsehen, wie ein anderer gewählt werden könnte, wofern man nicht -utilitaristisch, sondern ethisch zu denken gewillt ist. Sicherlich wird -der alte Mißbrauch, der mit den Worten der Natur, des Natürlichen und -Naturgemäßen getrieben wird, sich erneuern, sobald es diese Forderung -zu bekämpfen gelten wird. Das Verhältnis des Menschen zur Natur wird -aber, um es ganz unzweideutig zu sagen, nicht zerstört, _sondern erst -$geschaffen$ dadurch, daß der Mensch sich über sie $erhebt$_, _mehr_ -wird als ein bloßes Glied, ein bloßer Teil von ihr. Denn Natur ist -immer das _Ganze_ der sinnlichen Welt, und dieses kann nicht von einem -seiner Teile aus übersehen werden. - -($S. 453, Z. 16 f.$) Je tiefer das Weib steht, desto notwendiger muß es -emanzipiert werden. Gewöhnlich schließt man umgekehrt. - -($S. 453, Z. 22-24.$) Ich meine hier die »Vera«-Literatur, welche im -Jahre 1902 ziemlich viel Staub aufgewirbelt hat. Das einzige Gute, was -über die ganze Streitfrage geschrieben worden ist, findet man in dem -mehrfach citierten Aufsatze von Oskar _Friedländer_, Eine für Viele, -eine Studie (vgl. besonders zu S. 446, Z. 1 v. u.). - -($S. 454, Z. 4 f.$) Friedrich _Nietzsche_, Jenseits von Gut und Böse, -Aphorismus 238. - -($S. 455, Z. 7.$) »_Pythagoras_ erscheint als der Vertreter des -Frauengeschlechtes, als der Verteidiger seiner Rechte, seiner -Unverletzlichkeit, seines hohen Berufes in der Familie und im Staate. -Den Männern stellt er die Unterdrückung des Weibes als Sünde dar. -Nicht unterworfen, sondern mit voller Gleichberechtigung dem Gatten -beigeordnet soll das Weib sein.« (J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, -Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer -religiösen und rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 381.) - -($S. 456, Z. 11.$) Über die _»Parsifal«-Dichtung_ _Wagners_ ist mir -eine einzige verständnisvolle Abhandlung bekannt geworden: Zur Symbolik -in Wagners Parsifal, von Emil _Lucka_, Wiener Rundschau, V, 16, -S. 313 f. (15. August 1901). Leider ist in diesem sehr vorzüglichen -Aufsatz das Thema allzu knapp behandelt. Eine Auffassung der Dichtung, -welche von jenem Autor in vielen Punkten beträchtlich abweicht, -ausführlich darzulegen, hoffe ich selbst Gelegenheit zu finden. - -($S. 457, Z. 6 f.$) _Clemens Alexandrinus_, Stromata, III 6, vol. I, -p. 532, ed. Potter (Oxford 1715) = p. 1149 ed. Migne (Patrologiae -Graecae, Tomus VIII, Paris 1857): Τῇ Σαλώμῃ ὁ Κύριος πυνθανομένῃ -_μέχρι πότε θάνατος ἰσχύσει_ οὐχ ὡς κακοῦ τοῦ βίου ὄντος καὶ τῆς -κτίσεως πονηρᾶς »_Μέχρις ἄν, εἶπεν, ὑμεῖς αἱ γυναῖκες τίκτετε_« ἀλλ' -ὡς τὴν ἀκολουθίαν τὴν φυσικὴν διδάσκων· γεννήσει γὰρ πάντως ἕπεται καὶ -φθορά. -- Ibid. III, 13 (I, 553 Potter, p. 1192 Migne) wird aus dem -»Evangelium der Ägypter« nach dem Zeugnis des _Cassianus_ (dessen Werk -Περὶ ἐγκρατείας oder περὶ εὐνουχίας) folgendes Wort Jesu berichtet: -»Πυνθανομένης τῆς Σαλώμης πότε γνωσθήσεται τὰ περὶ ὧν ἤρετο, ἔφη ὁ -Κύριος, _Ὅταν τὸ τῆς αἰσχύνης ἔνδυμα πατήσητε, καὶ ὅταν γένηται τὰ -δύο ἕν, καὶ τὸ ἄρρεν μετὰ τῆς θηλείας οὔτε ἄρρεν οὔτε θῆλυ_.« -- -Schließlich ibid. III, 9 (I, 540 Potter, p. 1165 Migne): »_ἤλθον -καταλῦσαι τὰ ἔργα τῆς θηλείας_· θηλείας μὲν, τῆς ἐπιθυμίας· ἔργα δέ, -γέννησιν καὶ φθοράν.« - -Es ist dieser Ausspruch so ohne alle Vorgänger im Griechentum, daß wohl -seine Echtheit angenommen und es ein hohes Glück genannt werden darf, -daß er nicht verloren ging, wie die herrlichsten Aussprüche Christi -sicherlich verloren gegangen sind, weil die synoptischen Evangelisten -sie nicht verstehen und also nicht behalten konnten. - -Daß das Begehren nach dem Weibe immer unsittlich ist, liegt übrigens -bereits im Worte: »_πᾶς ὁ βλέπων γυναῖκα πρὸς τὸ ἐπιθυμῆσαι ἤδη -ἐμοίχευσεν αὐτὴν τῇ καρδίᾳ αὔτοῦ_« (Evang. Matth. 5, 28). - -($S. 457, Z. 15 v. u.$) _Augustinus_, De bono viduitatis, Cap. XXIII -(Patrologiae Latinae Tom. XL, p. 449 f., ed. Migne, Paris 1845): »Non -vos ... frangat querela vanorum, qui dicunt: Quomodo subsistet genus -humanum, si omnes fuerint continentes? Quasi propter aliud retardetur -hoc saeculum, nisi ut impleatur praedestinatus numerus ille sanctorum, -quo citius impleto, profecto nec terminus saeculi differetur.« De -bono conjugali, Cap. X (ibid. p. 381): »Sed novi qui murmurent. Quid -si, inquiunt, omnes homines velint ab omni concubitu continere: -unde subsistet genus humanum? Utinam omnes hoc vellent, dumtaxat in -charitate de corde puro et conscientia bona et fide non ficta (1. Tim, -1, 5): multo citius Dei civitas compleretur, et acceleraretur terminus -saeculi.« Ich verdanke diese Nachweise _Schopenhauers_ »Welt als Wille -und Vorstellung«, Bd. II, Kap. 48. - -($S. 457, Z. 2 v. u.$) Hier liegt also das eigentliche Motiv jener -Furcht, nach welchem Leo _Tolstoi_ (Über die sexuelle Frage, Leipzig -1901, S. 16 ff., 87 f.) gesucht hat, ohne es zu finden. - -($S. 458, Z. 14.$) Man mag es krankhaft nennen, daß der Mann die -schwangere Frau abstoßend häßlich findet (wenn sie auch manches Mal -ihn sinnlich erregt), aber es ist dies eben das, was ihn vor dem Tiere -auszeichnet, und wer es ihm ausreden will, der will ihn der Menschheit -entkleiden. Das Phänomen liegt tief; es zeigt wieder, wie alle Ästhetik -nur ein Ausdruck der Ethik ist. -- »Toutes les _hideurs_ de la -fécondité« sagt einmal Charles _Baudelaire_ (Les fleurs du mal, Paris -1857, 5. Gedicht, p. 21). - -($S. 459, Z. 15.$) Die Idee der Menschheit im Kantischen Sinne ist auch -von _Platon_ an einer berühmten Stelle der Politeia ausgesprochen (IX, -589 A B), in der zugleich die Anschauung vom Menschen als dem mit allen -Möglichkeiten ausgestatteten Wesen liegt: »..... ὁ τὰ δίκαια λέγων -λυσιτελεῖν φαίη ἂν δεῖν ταῦτα πράττειν καὶ ταῦτα λέγειν, ὅθεν _τοῦ -ἀνθρώπου ὁ έντὸς ἄνθρωπος_ ἔσται ἐγκρατέστατος .....« - -($S. 459, Z. 11-8 v. u.$) Die ganze Entwicklung, welche Herbert -_Spencer_, Die Prinzipien der Ethik, Stuttgart 1892, Bd. II, S. 181 f. -beschreibt, die Entwicklung vom »Fidschi-Insulaner, der sein Weib -töten und aufessen konnte«, von den alten Germanen, bei denen der Mann -das Weib »wieder verkaufen und sogar töten durfte«, von den alten -englischen Zeiten, wo die Braut gekauft wurde und ihr eigener Wille -beim Handel nicht in Frage kam, bis auf den heutigen Tag, da die Frau -wenigstens von Rechts wegen selbständiges Eigentum besitzen darf -- -diese ganze Entwicklung ist keineswegs durch irgend welche Bewegungen -von Seiten der Frauen hervorgerufen, sondern allmählich durch -Vervollkommnung der gesetzlichen Fortschritte vom Manne herbeigeführt -worden. - -Ich möchte hier noch Oskar _Friedländer_ anführen, welcher a. a. O. -S. 182 f. (Die Gesellschaft, 1902, Heft 15/16) sagt: »Die spärlichen -moralischen Elemente, die in der Emanzipationsbewegung enthalten sind, -haben übrigens, und das kennzeichnet am besten die innere Bedeutung -des ganzen Rummels, ebensowenig als das Keuschheitsideal ihren -Ursprung im erhitzten Hirne der für die Emanzipation des Fleisches -besonders begeisterten Vorkämpferinnen genommen. Es waren _Männer_, -die jene Elemente zur Geltung brachten, um der unwürdigen »Hörigkeit -der Frau« ein Ende zu bereiten, und die Frauen erschienen erst auf -dem Kampfplatze, als der Frontangriff zu ihren Gunsten entschieden -war und sie nicht länger mit Ehren fern bleiben konnten. Es spricht -wohl deutlich genug, daß gerade in ihren Reihen die erbittertsten -Gegner der neuen Richtung erstanden. Die scheinbare Bereitwilligkeit, -den veränderten Verhältnissen Rechnung zu tragen, die aggressive -Haltung mancher Frauen darf einen nicht über die wahre Sachlage -hinwegtäuschen. Das Hochschulstudium nimmt in diesen Kreisen keinen -höheren Rang ein als der Radfahrsport oder das Lawntennisspiel: das -erforderliche Minimalquantum wissenschaftlicher Bildung zählt heute -mit zu den sekundären Geschlechtscharakteren. Den ethischen Kern der -Emanzipationstendenz, die Erhebung auf das moralische Niveau des -Mannes, haben die Frauen immer als einen lästigen Zwang empfunden, -dessen sie sich auch sicherlich entledigen werden, wenn es nur mit -Anstand, ohne die gute Meinung ihrer Anwälte allzu offenkundig zu -desavouieren, geschehen kann.« - - - - -Verbesserungen sinnstörender Fehler. - - - Seite 3, Zeile 3 v. u.: Lies _alle$m$_ statt _alle$s$_. - - » 30, » 10: » _thelyide_ statt _thely$o$ide_. - - » 36, » 10: » _ge$a$ichten_ statt _ge$e$ichten_. - - » 49, » 11: » _zersetz$en$_ statt _zersetz$t$_. - - » 62, » 3: » _thelyide_ statt _thely$o$ide_. - - » 69, » 9 v. u.: » _eine$r$_ statt _eine$m$_. - - » 100, » 7 v. u.: » _welche ja_ statt _welche $sie$ ja_. - - » 114, » 11 v. u.: » _Intensi$f$ikationen_ statt - _Intensi$v$ikationen_. - - » 134, » 3: » _haben; $oder denke an$_ statt - _haben an_. - - » 169, » 19: » _da$ß$ er_ statt _da er_. - - » 170, » 6-5 v. u.: Streiche: _den Moment zu verewigen - strebt_. - - » 177, » 23: Lies _Schellings_ statt _Schelling$en$s_. - - » 180, » 10 v. u.: » _umgehen_ statt _um$zu$gehen_. - - » 189, » 4: » _geordnete$n$_ statt _geordnete$m$_. - - » 190, » 1 v. u.: » _präsentiert_ statt - _$re$präsentiert_. - - » 194, » 3: » _Möglichkeit$,$ zu erkennen_ statt - _Möglichkeit zu erkennen_. - - » 216, » 10: » _Intensi$f$ikationen_ statt - _Intensi$v$ikationen_. - - » 220, » 11 v. u.: » _$ein erw$ärmter Stab durch_ statt - _$erw durch$ärmter Stab_. - - » 227, » 10 v. u.: » _welche nämlich_ statt _welche $sie$ - nämlich_. - - » 274, » 10 v. u.: » _$zu$ verbringen_ statt - _verbringen_. - - » 291, » 7: » _aus $seiner$_ statt _aus $ihrer$_. - - » 295, » 18: » _$aber$ auch_ statt _$hieraus$ - auch_. - - » 301, » 6: » _größer$e$_ statt _größer_. - - » 331, » 3 v. u.: » _de$s$ Liebenden_ statt _de$r$ - Liebenden_. - - » 356, » 8: » _steht nicht $wie$ beim_ statt - _steht nicht beim_. - - » 361, » 18: » _$a$sexuelles_ statt _sexuelles_. - - » 366, » 12 v. u.: » _fremde$n$_ statt _fremde_. - - » 408, » 17: » _Laute$n$_ statt _Laute$m$_, - _Unvornehme$n$_ statt - _Unvornehme$m$_. - - » 410, » 10 v. u.: » _ihre$n$_ statt _ihre$r$_. - - » 425, » 2: » _$es$ ist_ statt _$sie$ ist_. - - » 434, » 3: » _de$r$ Augenblick_ statt _de$n$ - Augenblick_. - - » 434, » 11: » _sich $die$ Welt_ statt _sich Welt_. - - » 448, » 9: » _anst$reb$t_ statt _anst$ell$t_. - - » 455, » 15 v. u.: » _Als$o$_ statt _Als_. - - » 467, » 14 v. u.: » _Hydatide_ statt _Hydat$r$ide_. - - » 476, » 15: » _$Il$ était_ statt _$Je$ était_. - -[Illustration: DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.] - - - - -Fußnoten - -[1] Auch das Spencersche Weltschema: Differentiation und Integration, -läßt sich hier leicht anwenden. - -[2] Dies gilt von den Begriffen aber nur als von Objekten einer -psychologischen, nicht einer logischen Betrachtungsweise. Diese sind -trotz allem modernen Psychologismus (Brentano, Meinong, Höfler) nicht -ohne beiderseitigen Schaden zusammenzuwerfen. - -[3] Natürlich -- zu dieser Anschauung werden wir durch unser Bedürfnis -nach Kontinuität genötigt -- _irgendwie_ müssen die sexuellen -Unterschiede, wenn auch anatomisch, morphologisch unsichtbar und -selbst durch die stärksten Vergrößerungen des Mikroskopes dem Auge -nicht zu erschließen, schon vor der Zeit der ersten Differenzierung -formiert, »präformiert« sein. Aber wie, das ist ja die große Krux aller -Entwicklungsgeschichte. - -[4] Nicht die absolute Breite des Beckens als in Centimetern angegebene -Distanz der Knorren der Oberschenkel oder der Hüftbeindorne, sondern -die relative Breite der Hüften im Verhältnis zur Schulterbreite ist -ein ziemlich sicheres und recht allgemein verwendbares körperliches -Kriterium für den Gehalt an W. - -[5] Von den verschiedenen »Fetischismen« ist hiebei natürlich -abzusehen; ebensowenig kommen für erogene Wirkung die primordialen -Charaktere in Betracht. - -[6] Ebensowenig wie im umgekehrten Falle der Kastration eines -weiblichen Tieres die Maskularisierung schroff _geleugnet_ werden kann. - -[7] Daß solche Grenzen existieren, ergibt ja auch die Existenz -sexueller Unterschiede _vor_ der Pubertät. - -[8] Für spezielle Zwecke der Züchter, deren Absichten meist auf -Abänderung der natürlichen Tendenzen gehen, muß hievon freilich oft -abgegangen werden. - -[9] Gewöhnlich denkt man, wenn von einer Konstanz im sexuellen -Geschmack des Mannes oder der Frau gesprochen wird, zunächst an -die Bevorzugung einer Lieblingsfarbe des Kopfhaares beim anderen -Geschlechte. Es scheint auch wirklich, wo überhaupt einer bestimmten -Farbe der Haare der Preis gegeben wird (dies ist nicht bei allen -Menschen der Fall), die Vorliebe für diese ziemlich tief zu liegen. - -[10] Dies zeigt auch klar sein Bildnis. _Mérimée_ nennt George Sand -»maigre comme un clou«. Bei der ersten Begegnung beider ist »sie« -offenbar Männchen und »er« ganz Weibchen gewesen: _er_ errötet, als -_sie_ ihn fixiert und mit _tiefer_ Stimme _ihm_ Komplimente zu machen -beginnt. - -[11] Es hat übrigens viele gänzlich _ungelehrte große_ Künstler gegeben -(_Burns_, _Wolfram von Eschenbach_), aber keine diesen vergleichbare -Künstlerin. - -[12] Auf den Anblick einer bisexuell funktionierenden Schauspielerin -mit leichtem Bartanfluge, einer tiefen sonoren Stimme und fast ohne -Haare auf dem Kopfe habe ich einen bisexuellen Mann ausrufen hören: »Ja -das ist ein Prachtweib!« »Das Weib« ist eben für jeden ein anderes und -doch dasselbe, »im Weibe« hat noch jeder Dichter Verschiedenes und doch -ein Gleiches besungen. - -[13] Es bedeutet im folgenden »_der_ Mann« immer M und mit »_der_ Frau« -ist immer W gemeint, nicht »die Männer« oder »die Frauen«. - -[14] Herr Dr. _Hermann Swoboda_ in Wien. - -[15] Wobei weder an absolute Heniden beim Weibe noch an absolute -Klärung beim Manne gedacht werden darf. - -[16] _Begabung_ (nicht _Talent_) und _Geschlecht_ sind die beiden -einzigen Dinge, _die nicht vererbt werden_, sondern _unabhängig_ von -der »Erbmasse« sind und gleichsam spontan zu entstehen scheinen. Schon -diese Tatsache läßt erwarten, daß Genialität, beziehungsweise ihr -Mangel, in einem Zusammenhange mit der Männlichkeit oder Weiblichkeit -eines Menschen stehen müsse. - -[17] Ich gebrauche das Wort Begabung, um dem Worte Genialität so -oft als tunlich aus dem Wege zu gehen, und bezeichne mit ihm jene -Veranlagung, deren höchste Steigerung Genialität ist. Begabung und -Talent werden demnach hier streng auseinandergehalten. - -[18] Die aber mit dem _Talente_ nichts zu schaffen haben. - -[19] Ausdruck von Herrn Dr. H. _Swoboda_ in Wien. - -[20] Sehr wesentlich ist hingegen der geniale _Augenblick_ vom -nichtgenialen psychologisch geschieden, _auch in einem und demselben -Menschen_. - -[21] Ich wage auch daran zu erinnern, wie häufig reine Wissenschaftler -erst knapp vor dem Tode mit religiösen und metaphysischen Problemen -sich beschäftigen: _Newton_, _Gauß_, _Riemann_, Wilh. _Weber_. - -[22] Man ist oft erstaunt darüber, wie Menschen von ganz gewöhnlicher, -ja gemeiner Natur keinerlei Furcht vor dem Tode empfinden. Aber -es wird so klar: _nicht die Furcht vor dem Tode schafft das -Unsterblichkeitsbedürfnis, sondern das Unsterblichkeitsbedürfnis -schafft die Furcht vor dem Tode_. - -[23] Im übrigen säume ich nicht, die Manen _Bacos_ für diese -Zusammenstellung um Verzeihung zu bitten. - -[24] Über sie handelt kurz das 13. Kapitel. - -[25] Welche der sich immer verstehende Mensch ebensogut kennt wie der -sich nie verstehende. - -[26] Hiemit hoffe ich auch, die Kühnheit dieses gänzlich neuartigen -Überganges vom Gedächtnis zur Logik gerechtfertigt zu haben. - -[27] Dieser Beweis beruht jedoch, wie zu bemerken ist, auf -der Identifikation eines beliebigen _logischen_ A mit dem -_erkenntnistheoretischen_ Objekt überhaupt; diese Identifikation -läßt sich in ihrer Berechtigung selbst nicht noch dartun. Vom _Sein -überhaupt_, welches aus der Gültigkeit des Identitätsprinzipes streng -genommen allein gefolgert werden könnte, will ich hier jedoch aus -methodischen Gründen absehen. -- Übrigens würde, um den Positivismus -zu widerlegen (worauf es ankam), bereits dieser Beweis eines Seins -_jenseits_ der Erfahrung, _unabhängig von aller_ Erfahrung, hingereicht -haben. Daß dieses Sein das Sein des Ichs ist, dafür ist keine rein -_logische_, sondern eigentlich nur eine _psychologische_ Begründung aus -der _Erfahrungstatsache_ möglich, daß die logische Norm dem Menschen -nicht von außen kommt, sondern vom eigenen tiefsten Wesen ihm gegeben -wird. Nur darum kann das _absolute Sein_ oder das _Sein des Absoluten_, -wie es im Satze A = A sich manifestiert, mit dem _Sein des Ichs_ -gleichgesetzt werden: das absolute Ich ist das Absolute. - -[28] Ruft _Schopenhauer_, ruft _Wagner_. - -[29] Vgl. über sich verstehende und sich nicht verstehende Menschen -S. 188. - -[30] Womit aber nicht gesagt ist, daß jedermann, der das Ich anerkennt, -schon ein Genie sei. - -[31] Wie damit zusammenhängt, daß hervorragende Menschen schon sehr -früh (z. B. im Alter von vier Jahren) _lieben_ können, wird später klar -werden (S. 323 f.). - -[32] Dieser Fall wird später noch einer Untersuchung bedürfen -(S. 322 ff.). - -[33] Wozu also der Darwinismus und die monistischen Systeme, in deren -Zentrum der »Entwicklungsgedanke« steht, nicht gehören. Die Gattungs- -und Begattungsherrlichkeit unserer Zeit konnte sich nicht deutlicher -offenbaren als dadurch, daß man die Descendenzlehre mit dem Worte -Weltanschauung in Verbindung brachte und dem Pessimismus entgegensetzte. - -[34] Darum gibt es _innerhalb_ des Einzelmenschen keinen Begriff -des _Zufalls_, ja es kann der Gedanke an einen solchen gar nicht -auftauchen. Daß ein erwärmter Stab durch die Zufuhr thermischer Energie -sich ausdehnt und nicht infolge eines gleichzeitig am Himmel sichtbaren -Kometen, nehme ich an vermöge langer Erfahrung und Induktion, aber auch -nur auf Grund dieser; die _richtige_ Beziehung ist hier nicht _sofort_ -in einem Erlebnis schon gelegen. Wenn ich dagegen über mein eigenes -Betragen in einer bestimmten Gesellschaft mich ärgere, so _weiß_ -ich, gesetzt auch, es geschehe zum ersten Male, und es schöben sich -noch so viel andere gleichzeitige psychische Ereignisse dazwischen, -_unmittelbar_ den _Grund_ meiner Unzufriedenheit, und bin seiner sofort -vollständig sicher, oder kann es wenigstens, wenn ich mich nicht -darüber hinwegzutäuschen versuche, schon beim ersten Male werden. - -[35] Vgl. auch Prediger _Salomo_ 7, 29: »Unter Tausenden habe ich einen -Menschen gefunden, aber kein Weib habe ich unter allen gefunden.« - -[36] Von der also nicht eine Philosophie _ausgehen_ darf, zu der sie -nur als zu einer letzten Grenzmarkung gelangen soll. - -[37] Der Ausdruck stammt von Dr. Wilh. _Jerusalem_. - -[38] Der Verbrecher fühlt sich sogar dann in seiner Weise schuldig, -wenn er gerade nichts Übles getan hat. Er ist stets von anderen auf -den Vorwurf des Betruges, des Diebstahls u. s. w. gefaßt, auch wenn -er die Tat gar nicht begangen hat: weil er sich ihrer fähig weiß. Er -fühlt sich darum auch stets ertappt, wenn irgend ein anderer Missetäter -festgenommen wird. - -[39] Weil die Frau den zweiten Menschen gar nicht als _besonderes_ -Wesen empfindet, deshalb leidet sie nie unter ihren Nächsten, und nur -deshalb kann sie stets allen Menschen sich _überlegen_ fühlen. - -[40] Der Einwände, welche hiegegen, und der Gründe, welche für die -Schamhaftigkeit des Weibes immer wieder werden geltend gemacht werden; -ist diese Untersuchung durchaus gewärtig; auf sie kommt ihr zwölftes -Kapitel zu sprechen. - -[41] Nota bene: Viele sogenannte »schöne Männer« sind halbe Weiber. - -[42] Erst hiemit ist auch ganz klar geworden, was jener besondere -_Wert_ ist, der, _durch Schaffung der Vergangenheit, die Zeit negiert_, -wie ihn das 5. Kapitel postulierte. - -[43] Vgl. _Klingsors_ Worte an _Kundry_ in _Wagners_ _Parsifal_, -zweiter Aufzug, zu Anfang: - -»Herauf! Herauf zu mir! Dein Meister ruft _Dich Namenlose_: -Ur-Teufelin! Höllenrose! Herodias warst Du, und was noch? Gundryggia -dort, Kundry hier: Hieher! Hieher denn, Kundry! Zu Deinem Meister, -herauf!« - - -[44] Es ist nur zu begreiflich, daß man leicht zu einer solchen Annahme -verführt werden mag. Wer hat nicht z. B. in der Lektüre _dieses_ Buches -beim Übergang vom ersten zum zweiten Teil das Gefühl, daß es sich in -beiden um etwas ganz anderes handle! Dort um äußerliche, hier um innere -Zusammenhänge. - -[45] Noch hat niemand von Doppelgängerinnen gehört. Man nennt die -Frauen das furchtsame Geschlecht, weil man zu wenig scheidet zwischen -Angst und Furcht. Es gibt eine tiefe Furcht, die nur der Mann kennt. - -[46] Im Hinblick auf die Erörterungen des 8. Kapitels über das größere -Ansehen, welches dem tieferen Blick des bedeutenden Geistes gebührt, -vor dem jeweiligen Stande der Wissenschaft (S. 222). - -[47] Das die größten Dichter erkannt haben. Man denke an die -Identifikation der _Aase_ und _Solveig_ am Schlusse von _Ibsens_ »Peer -Gynt« und an die Verknüpfung der _Herzeleide_ mit der _Kundry_ in der -Verführung des _Wagner_schen _Parsifal_. - -[48] »Ewig war ich, ewig in süß sehnender Wonne, doch ewig zu Deinem -Heil« (_Brünnhilde_ zu _Siegfried_). - -[49] Man vergleiche in _Ibsens_ »Peer Gynt«, 2. Akt, das Gespräch -zwischen dem _Vater_ der _Solveig_ und _Aase_ (einer der -bestgezeichneten »Mütter« der schönen Literatur) auf der Suche nach -ihrem Sohn: - -_Aase_: ».... Wir finden ihn!« _Der Mann_: »Retten die Seel'!« _Aase_: -»Und den Leib!« - - -[50] Ich rede natürlich, die ganze Zeit über, nicht bloß vom käuflichen -Gassenmädchen. - -[51] Hiemit dürfte es zusammenhängen, daß die Prostituierte körperlich, -was manchem seltsam scheinen wird, mehr als die Mutter auf _Reinheit_ -achtet. - -[52] Seite 177 f. - -[53] Dem Verfasser geht es nicht besser als seinem Leser, wenn diesen -die obige Analyse der Koketterie nicht sollte befriedigt haben. Was -sie aufdeckte, lag doch ziemlich an der Oberfläche. Das Rätselhafte -in der Koketterie scheint mir immer mehr ein eigentümlicher _Akt_ zu -sein, durch welchen die Frau sich zum _Objekt_ des Mannes macht und -sich _funktionell_ mit ihm _verknüpft_. Sie ist da ganz dem anderen -weiblichen Streben vergleichbar, _Gegenstand des Mitleids_ der -Nebenmenschen zu werden: _in beiden Fällen macht sich das Subjekt zum -Objekt, zur Empfindung des anderen_ und setzt diesen über sich als -Richter ein. Die _Koketterie_ ist die spezifische Verschmolzenheit -der Dirne, wie die zuerst als Schwangerschaft, später als Laktation -u. s. w. auftretende _Fürsorge_ die Verschmolzenheit der Mutter -vorstellt. - -[54] Auch ist das Motiv des tierischen Männchens keineswegs Eitelkeit -als Wille zum Wert. - -[55] Wer bedenkt, wie fast alle Frauen bei ihrer heutigen großen -Freiheit sich auf der Gasse bewegen, wie sie durch straffes Anziehen -ihrer Kleider alle Formen sichtbar werden lassen, wie sie jedes -Regenwetter zu solchem Zwecke ausnützen, der wird dies nicht -übertrieben finden. - -[56] Nicht wenn er _spielt_ (_Schiller_). - -[57] Vgl. S. 216. - -[58] Beide berühren sich im Begriffe der _Scheu_ (im lateinischen: -_vereri_). - -[59] Die Wirkung des männlichen Bartes auf die Frau ist in einem -weiteren Sinne und aus einem tieferen Grunde, als man vielleicht -glaubt, psychologisch ein vollständiges, und nur in der Intensität -geschwächtes, _Abbild_ der Wirkung des männlichen Gliedes selbst. Doch -kann ich dies hier nicht näher ausführen. - -[60] Ich verweise vor allem auf den Schluß des 9. Kapitels. - -[61] Kapitel 13. - -[62] Die _eine_ scheinbare Ausnahme, die es hievon gibt, findet noch in -diesem Kapitel eine gründliche Erörterung. - -[63] Das ruhende, träge, große Ei wird vom beweglichen, flinken, -kleinen Spermatozoon aufgesucht. - -[64] Und nur _dafür_, daß niemand noch ein hysterisch verändertes -_Gewebe_ gesehen hat. - -[65] Aus diesem Grunde sind Frauen aus dem hysterischen Anfall (nach -_Janet_) so besonders leicht in Somnambulismus überzuführen: sie stehen -gerade dann bereits unter dem zwingendsten fremden Banne. - -[66] Ganz oberflächlich ist die alte Meinung, daß die Hysterika -_bewußt_ simuliere und lügnerische Geschichtlein erzähle. Die -Verlogenheit des Weibes liegt ganz im Unbewußten; der eigentlichen -Lüge, sofern diese einen Gegensatz zur Möglichkeit der Wahrheit bildet, -ist das Weib gar nicht fähig (S. 194, 369 und 384). - -[67] Auch unter den Männern finden sich hiezu Analogien: es gibt -geborene Diener, es gibt aber auch männliche Megären, z. B. Polizisten. -Merkwürdigerweise findet der Polizeimann im allgemeinen auch sein -_sexuelles_ Komplement im Dienstmädchen. - -[68] Die absolute Megäre wird ihren Mann nie fragen, was sie tun, -was sie z. B. kochen soll, die Hysterika ist immer ratlos und -verlangt nach der Inspiration von außen; dies sei, als ein banalstes -Erkennungszeichen beider, hier angeführt. - -[69] Die Magd, nicht die Megäre, ist auch jene Frau, von der man, -entgegen dem elften Kapitel, glauben könnte, daß sie der Liebe fähig -sei. Die Liebe dieser Frau ist aber nur der Vorgang des _geistigen_ -Erfülltwerdens von der Männlichkeit eines bestimmten Mannes, und darum -nur bei der Hysterika möglich; mit eigentlicher Liebe hat sie nichts -zu tun, und kann sie nichts zu tun haben. Auch in der Schamhaftigkeit -des Weibes ist ein solches Besessensein von einem Manne; erst hiedurch -kommt Abschließung gegen alle anderen Männer zustande. - -[70] S. 184. - -[71] S. 199. - -[72] S. 315 f., 330. - -[73] S. 173, 224. - -[74] Es ließen sich die Analogien zwischen höherem und niederem Leben -noch vermehren. Es ist nicht, wie man heute allgemein glaubt, nur -ein oberflächlicher Fehlschluß, wenn stets und überall der _Atem_ in -eine besondere Beziehung zur _Seele_ des Menschen gesetzt wurde. Wie -die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, d. h. im Zusammenhange -mit dem All lebt, so ist auch der Atem, viel allgemeiner noch als die -Sinnesorgane, Vermittler eines Konnexes zwischen jedem Organismus und -dem Weltganzen; und wenn er erlischt, ist das niedere Leben zu Ende. Er -ist das Prinzip des irdischen, wie die Seele das des ewigen Lebens. - -[75] Alle Individualität ist der Gemeinschaft feind: wo sie in -höchster Sichtbarkeit wirkt, wie im genialen Menschen, zeigt sich dies -gerade dem Geschlechtlichen gegenüber. Nur _hieraus_ erklärt es sich, -daß sicherlich alle bedeutenden Menschen, die, welche es verhüllt -aussprechen können, wie die Künstler, und die, welche so unendlich viel -verschweigen müssen wie die Philosophen -- weshalb man sie dann für -trocken und leidenschaftslos hält -- daß also alle genialen Menschen -ohne Ausnahme, soweit sie eine entwickelte Sexualität besitzen, an -den stärksten geschlechtlichen Perversionen leiden (entweder am -»_Sadismus_«, oder, wie zweifelsohne die größeren, am »_Masochismus_«). -Das allen jenen Neigungen Gemeinsame ist ein instinktives _Ausweichen_ -vor der völligen körperlichen Gemeinschaft, ein _Vorbeiwollen am -Koitus_. Denn einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Koitus mehr -sähe als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar in -ihm das tiefste, heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es -niemals geben. - -[76] Die männliche Freundschaft scheut das Niederreißen von Mauern -zwischen den Freunden. Freundinnen _verlangen_ Intimitäten _auf Grund_ -ihrer Freundschaft. - -[77] In solchen Fällen kommt die hübschere der weniger ansehnlichen -oder weniger beachteten zweiten mit einem aus Mitleid und Verachtung -gemischten Gefühl entgegen, welches, nebst dem Interesse an einer Folie -für die eigenen Vorzüge, allein die längere Aufrechthaltung derartiger -Beziehungen auch von ihrer Seite begünstigt. - -[78] Man darf dies nicht verwechseln mit der Fähigkeit, die ganze Natur -zu umfassen, wie sie der Mann hat, weil er _nicht nur_ Natur ist. Die -Frauen stehen _in_ der Natur als ein _Teil_ derselben, und in kausaler -Wechselbeziehung zu allen anderen Teilen: von Mond und Meer, von Wetter -und Gewitter, von Elektrizität und Magnetismus sind sie in einem viel -weiteren Ausmaß _abhängig_ als der Mann. - -[79] Vgl. S. 109. - -[80] Vgl. S. 128. - -[81] Vgl. S. 127, 129. - -[82] Vgl. hiezu auch S. 245. - -[83] Man vergleiche den Schluß des 10. Kapitels. - -[84] Vgl. Kapitel 11, Schluß. So auch, warum höher stehende Frauen -bisexuell sein, d. h. nicht _ausschließlich_ unter dem Regiment -des Phallus stehen müssen (Teil I, S. 81-82). Doch scheint in der -lesbischen Liebe _Hysterie_ eine beträchtliche Rolle zu spielen. - -[85] Der Verfasser hat hier zu bemerken, daß er selbst jüdischer -Abstammung ist. - -[86] Ein solcher vom Judentum fast freier Mann, und darum »Philosemit«, -war _Zola_. Daß hervorragendere Menschen sonst fast stets Antisemiten -waren (_Tacitus_, _Pascal_, _Voltaire_, _Herder_, _Goethe_, _Kant_, -_Jean Paul_, _Schopenhauer_, _Grillparzer_, _Wagner_) geht eben darauf -zurück, daß sie, die so viel mehr in sich haben als die anderen -Menschen, auch das Judentum besser verstehen als diese (vgl. Kapitel 4). - -[87] Vgl. Kapitel 11, S. 327. - -[88] Vgl. S. 139 f. - -[89] Und russisch. Die Russen aber sind bezeichnend wenig sozial -veranlagt, und haben unter allen europäischen Völkern das geringste -Verständnis für den Staat. Hiemit stimmt es nach dem vorigen nur -überein, daß sie durchwegs Antisemiten sind. - -[90] Der Glaube an Jehovah und die Lehre Mosis ist nur ein Glaube -an diese jüdische Gattung und ihre Lebenskraft; Jehovah ist die -personifizierte Idee des Juden_tums_. - -[91] Hier kam es mir darauf an, den Drang der Juden zur Chemie -einzuordnen. Der anderen Chemie, der Wissenschaft eines _Berzelius_, -_Liebig_, _van t'Hoff_ soll hiemit nicht nahegetreten sein. - -[92] Ein Genie ist _Spinoza_ nicht gewesen. Es gibt keinen -gedankenärmeren und keinen phantasieloseren Philosophen unter allen -_singulären_ Gestalten der Philosophiegeschichte. Und man mißversteht -den Spinozismus -- durch den Gedanken an _Goethe_ getäuscht -- -_völlig_, wenn man in ihm vielleicht den schamhaften Ausdruck eines -tiefsten Verhältnisses zur Natur erblickt. Wer das All umfassen will, -der kann nicht mit Definitionen beginnen. _Spinozas_ Verhältnis zur -Natur war vielmehr ein ausnehmend loses. Dazu stimmt es, daß er -auf seinem ganzen Lebenswege nirgends der Kunst begegnet ist (vgl. -Kapitel 11, S. 325 f.). - -[93] Vgl. Kapitel 12, S. 356, 363. - -[94] Dem hier entwickelten, _umfassenden_ Begriff der Frömmigkeit -könnten mannigfache Mißdeutungen leicht begegnen. Darum möchte ich zu -seiner Erläuterung noch einiges bemerken. Frömmigkeit liegt nicht bloß -im _Besitz_, sondern auch im Kampfe, um Besitz zu _erringen_: nicht -bloß der überzeugte _Gottverkünder_ (wie _Händel_, oder wie _Fechner_) -ist _fromm_, sondern auch der irrende, zweifelnde _Gottsucher_ (wie -_Lenau_, oder wie _Dürer_). Frömmigkeit braucht nicht in ewiger -Betrachtung vor dem Weltganzen zu stehen (so wie _Bach_ vor ihm steht); -sie mag (wie bei _Mozart_) als eine alle _Einzel_dinge _begleitende_ -Religiosität sich offenbaren. Sie ist endlich nicht an das Auftreten -eines Stifters gebunden: das frömmste Volk der Welt sind die _Griechen_ -gewesen, und darum war ihre Kultur die höchste unter allen bisherigen; -unter ihnen aber hat es sicher nie einen überragenden Religionsstifter -gegeben (dessen sie nicht bedurften; vgl. S. 440). - -[95] Hiegegen kann die jüdische Unduldsamkeit keinen Einwand bilden. -Wahre Religion ist _immer_ eifrig, aber _nie_ zelotisch. Intoleranz ist -vielmehr identisch mit Ungläubigkeit; wie die _Macht_ das täuschendste -Surrogat der _Freiheit_ ist, so entsteht Intoleranz nur aus dem Mangel -an _individueller Sicherheit_ des Glaubens. - -[96] Hieraus erst ist wirklich die Genielosigkeit des Juden erklärbar -(vgl. S. 236): nur Glaube ist schöpferisch. Und vielleicht spiegelt die -geringere geschlechtliche Potenz des Juden _dieselbe_ Tatsache in der -_niederen_ Sphäre wieder. - -[97] Der Mann erst schafft das Weib. Darum besitzen die Jüdinnen -bekanntermaßen jene Einfachheit der Christinnen nicht, die sich ohne -weiteres an das sexuelle Komplement hingibt. - -[98] Dies darf man aber nicht, wie _Schopenhauer_, und nach ihm -unter Benützung seiner mangelhaften psychologischen Distinktion, -H. S. _Chamberlain_, als ein Überwiegen des Willens und ein abnormes -Zurücktreten des Intellektes deuten. Der Jude ist gar nicht wirklich -willensstark, und seine innere Unentschiedenheit könnte sogar leicht -zu einer _irrigen_ Verwechslung mit psychischem »Masochismus«, das ist -Schwere und Hilflosigkeit im Augenblicke des Entschlusses, Anlaß geben. - -[99] Hier gelangt zur Erledigung, was aus den Erörterungen des vierten -bis achten Kapitels mit Absicht fern gehalten werden mußte. - -[100] Man erinnert sich hier vielleicht des S. 139 f. über die -psychologische Bedeutung der Gegensatzpaare Bemerkten. - -[101] Hierin liegt auch der Unterschied und die Grenze zwischen dem -Antisemitismus des Juden und dem Antisemitismus des Indogermanen -begründet. Dem jüdischen Antisemiten ist der Jude nur antipathisch; der -antisemitische Arier hingegen ist, wenn er auch noch so mutig den Kampf -gegen das Judentum führt, im Grunde seines Herzens doch immer, was der -Jude nie ist: _Judaeophobe_. - -[102] Vgl. Kapitel 12, S. 374 f. - -[103] Zum Beispiel der Laura _Marholm_. - -[104] Über den Einfluß der Ovarienexstirpation auf -Strukturveränderungen des Uterus. Archiv für Gynäkologie, 51, 1896, -286 ff. - -[105] Man würde sich einer sehr zweischneidigen Waffe bedienen, wenn -man diese Worte so auffassen wollte, als hätte Keats wie Hume erklärt, -keine Seele zu besitzen, da in Wirklichkeit vielmehr die Existenz der -Seele hierin ausgesprochen ist. - -[106] _Nietzsche_ hatte auch wohl recht, als er in ihm keinen echten -Hellenen erblickte; indes _Plato_ wieder ganz und gar Grieche ist. - - - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | - | gebräuchlich waren, wie: | - | | - | Abfalles -- Abfalls | - | Alkmaion -- Alkmäon | - | angeborene -- angeborne | - | Association -- Assoziation | - | Augenblickes -- Augenblicks | - | Descendenzlehre -- Deszendenzlehre | - | Detumescenz -- Detumeszenz | - | Eierstockes -- Eierstocks | - | Erection -- Erektion | - | Frauen-Emanzipation -- Frauenemanzipation | - | Gattungs-Ethik -- Gattungsethik | - | geborenen -- gebornen | - | Geschlechts-Dimorphismus -- Geschlechtsdimorphismus | - | Heniden-Theorie -- Henidentheorie | - | Herren -- Herrn | - | hiefür -- hierfür | - | Ich-Begriff -- Ichbegriff | - | Imperatives -- Imperativs | - | Inhaltes -- Inhalts | - | Irrtumes -- Irrtums | - | Judentumes -- Judentums | - | Kantische -- kantische | - | L'Instinct Sexuel -- L'instinct sexuel | - | Lawn-tennis-Spiel -- Lawntennisspiel | - | Materiales -- Materials | - | Mutter-Typus -- Muttertypus | - | Mythos -- Mythus | - | Nicht-Sein -- Nichtsein | - | Plato -- Platon | - | Schicksales -- Schicksals | - | Schön-Finden -- Schönfinden | - | stammesverwandten -- stammverwandten | - | Subjektes -- Subjekts | - | Systemes -- Systems | - | transcendental -- transscendental | - | ungeheuere -- ungeheure | - | Ursprunges -- Ursprungs | - | Urteil -- Urtheil | - | Verkehres -- Verkehrs | - | Vermittelung -- Vermittlung | - | Virginitäts-Ideal -- Virginitätsideal | - | weiteres -- weiters | - | Widerspruches -- Widerspruchs | - | | - | Fehlende Satzzeichen wurden ohne Erwähnung ergänzt. | - | Die folgenden Korrekturen wurden vorgenommen. Sie beinhalten | - | Teile der auf Seite 598 f. aufgeführten »Verbesserungen | - | sinnstörender Fehler«. | - | | - | S. XVIII »Erkenntis« in »Erkenntnis« geändert. | - | S. 3 »alles« in »allem« geändert (Fußnote). | - | S. 20 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert. | - | S. 22 »Spezifizität« in »Spezifität« geändert. | - | S. 30 »thelyoide« in »thelyide« geändert. | - | S. 34 « eingefügt. | - | S. 37 »Apperceptionen«« in »Apperzeptionen«« geändert. | - | S. 40 »bestimmer« in »bestimmter« geändert. | - | S. 45 »andern« in »anderen« geändert. | - | S. 48 »vertheidigen« in »verteidigen« geändert. | - | S. 54 »Kräpelin« in »Kraepelin« geändert. | - | S. 62 »thelyoide« in »thelyide« geändert. | - | S. 69 »einem« in »einer« geändert. | - | S. 85 »de la Mothe Guyon« in »de la Motte Guyon« geändert. | - | S. 85 »Elisabeth Barrett-Browning« in »Elizabeth Barrett | - | Browning« geändert. | - | S. 85 »Angelika Kaufmann« in »Angelika Kauffmann« geändert. | - | S. 85 »Etrangers« in »Étrangers« geändert. | - | S. 85 »vorherhand« in »vorderhand« geändert. | - | S. 114 »Intensivikationen« in »Intensifikationen« geändert. | - | S. 121 » in « geändert. | - | S. 126 »verschedenen« in »verschiedenen« geändert. | - | S. 134 »; oder denke« eingefügt. | - | S. 144 »Hero-worship« in »Hero-Worship« geändert. | - | S. 150 »schillerndern« in »schillernden« geändert. | - | S. 150 »Ubereinstimmung« in »Übereinstimmung« geändert. | - | S. 169 »da« in »daß« geändert. | - | S. 177 »Schellingens« in »Schellings« geändert. | - | S. 189 »sprunghaften« in »sprunghaftem« geändert. | - | S. 190 »repräsentiert« in »präsentiert« geändert. | - | S. 194 , eingefügt. | - | S. 216 »Intensivikationen« in »Intensifikationen« geändert. | - | S. 220 »erw durchärmter Stab« in »erwärmter Stab durch« geändert | - | (Fußnote). | - | S. 237 »caeteris« in »ceteris« geändert. | - | S. 264 »Phänome« in »Phänomene« geändert. | - | S. 267 « eingefügt (Fußnote). | - | S. 272 »innnere« in »innere« geändert. | - | S. 277 »und und« in »und« geändert. | - | S. 274 »zu« eingefügt. | - | S. 291 »ihrer« in »seiner« geändert. | - | S. 301 »größer« in »größere« geändert. | - | S. 311 »zusammenhangend« in »zusammenhängend« geändert. | - | S. 331 »der« in »des« geändert. | - | S. 333 »unermessliche« in »unermeßliche« geändert. | - | S. 333 »mir« in »mit« geändert. | - | S. 333 « eingefügt. | - | S. 345 »Gebahren« in »Gebaren« geändert. | - | S. 356 »wie« eingefügt. | - | S. 361 »sexuelles« in »asexuelles« geändert. | - | S. 366 »fremde« in »fremden« geändert. | - | S. 384 , entfernt. | - | S. 405 »kontrolierbare« in »kontrollierbare« geändert. | - | S. 405 »malaisch« in »malaiisch« geändert. | - | S. 425 »sie« in »es« geändert. | - | S. 428 »Ganze« in »Ganzes« geändert. | - | S. 434 »den Augenblick« in »der Augenblick« geändert. | - | S. 434 »sich Welt« in »sich die Welt« geändert. | - | S. 440 »Jndogermanen« in »Indogermanen« geändert (Fußnote). | - | S. 444 »von vorherein« in »von vornherein« geändert. | - | S. 448 »anstellt« in »anstrebt« geändert. | - | S. 449 »er geben« in »ergeben« geändert. | - | S. 449 »veranschlägt« in »veranschlagt« geändert. | - | S. 450 »Neu-Seeland« in »Neuseeland« geändert. | - | S. 451 »zu« entfernt. | - | S. 455 »Als« in »Also« geändert. | - | S. 456 »Anwort« in »Antwort« geändert. | - | S. 466 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert. | - | S. 467 »Hydatride« in »Hydatide« geändert. | - | S. 473 « eingefügt. | - | S. 474 »S. 397-368« in »S. 367-368« geändert. | - | S. 475 » eingefügt. | - | S. 476 »Je était« in »Il était« geändert. | - | S. 483 »hen-pheasants« in »Hen-Pheasants« geändert. | - | S. 486 »Literaturausgaben« in »Literaturangaben« geändert. | - | S. 488 »Hypospadaeus« in »Hypospadiaeus« geändert. | - | S. 491 »dioecisch« in »diözisch« geändert. | - | S. 494 « eingefügt. | - | S. 494 »Phyllanthus« in »phyllanthus« geändert. | - | S. 501 »Univeral-Bibliothek« in »Universal-Bibliothek« geändert. | - | S. 502 « eingefügt. | - | S. 505 »eröternde« in »erörternde« geändert. | - | S. 505 ) eingefügt. | - | S. 508 »Womans« in »Woman's« geändert. | - | S. 512 »Erscheinugen« in »Erscheinungen« geändert. | - | S. 514 »διδωσι« in »δίδωσιν« geändert. | - | S. 517 « in » geändert. | - | S. 517 ) eingefügt. | - | S. 522 »Stazion« in »Station« geändert. | - | S. 523 »Fremden« in »Fremdem« geändert. | - | S. 525 »Mathemathik« in »Mathematik« geändert. | - | S. 526 »he« in »the« geändert. | - | S. 534 »Ludwig Sein« in »Ludwig Stein« geändert. | - | S. 534 »caussa« in »causa« geändert. | - | S. 534 »καῖ« in »καὶ« geändert. | - | S. 534 « eingefügt. | - | S. 536 »mosh« in »most« geändert. | - | S. 537 »πολλὰ« in »πολλὰς« geändert. | - | S. 540 »or« in »of« geändert. | - | S. 545 »Halbmonatschrift« in »Halbmonatsschrift« geändert. | - | S. 552 , entfernt. | - | S. 554 »Peleus Tat« in »Peleus' Tat« geändert. | - | S. 554 « eingefügt. | - | S. 556 »Das philosophische Ehzuchtbüchlein« in »Das | - | Philosophisch Ehezuchtbüchlin« geändert. | - | S. 559 »Gardeners Chronicle« in »Gardeners' Chronicle« geändert. | - | S. 561 »chesnut« in »chestnut« geändert. | - | S. 561 »sexteenths« in »sixteenths« geändert. | - | S. 562 »whit« in »with« geändert. | - | S. 562 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert. | - | S. 564 »emfangende« in »empfangende« geändert. | - | S. 564 « entfernt. | - | S. 565 »Ogni« in »ogni« geändert. | - | S. 567 . in , geändert. | - | S. 567 »συτε« in »ουτε« geändert. | - | S. 570 »L'Etat« in »L'État« geändert. | - | S. 571 »anquel« in »auquel« geändert. | - | S. 572 »arriva« in »arrivait« geändert. | - | S. 573 »idées« in »Idées« geändert. | - | S. 577 « eingefügt. | - | S. 577 ] eingefügt. | - | S. 580 »entscheidensten« in »entscheidendsten« geändert. | - | S. 580 »Ptolemaern« in »Ptolemäern« geändert. | - | S. 581 »τε« eingefügt. | - | S. 581 »ειστιοντων« in »εισιοντων« geändert. | - | S. 581 »ειστιοντα« in »εισιοντα« geändert. | - | S. 581 »δυστφραστον« in »δυσφραστον« geändert. | - | S. 581 »εισταυθις« in »εισ αυθις« geändert. | - | S. 582 »κάμπυλον« in »καμπύλον« geändert. | - | S. 582 »studj« in »studi« geändert. | - | S. 583 »esmanire« in »exinanire« geändert. | - | S. 583 »li dei« in »gli dei« geändert. | - | S. 590 »Tätigkeit« in »Thätigkeit« geändert. | - | S. 595 « entfernt. | - | | - +------------------------------------------------------------------+ - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT UND CHARAKTER*** - - -******* This file should be named 51221-0.txt or 51221-0.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/1/2/2/51221 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it -under the terms of the Project Gutenberg License included with this -eBook or online at <a -href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not -located in the United States, you'll have to check the laws of the -country where you are located before using this ebook.</p> -<p>Title: Geschlecht und Charakter</p> -<p> Eine prinzipielle Untersuchung</p> -<p>Author: Otto Weininger</p> -<p>Release Date: February 14, 2016 [eBook #51221]</p> -<p>Language: German</p> -<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> -<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT UND CHARAKTER***</p> -<p> </p> -<h4 class="center">E-text prepared by<br /> - Peter Becker, Jana Srna, Norbert H. Langkau,<br /> - and the Online Distributed Proofreading Team<br /> - (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br /> - from page images generously made available by<br /> - Austrian Literature Online<br /> - (<a href="http://www.literature.at">http://www.literature.at</a>)</h4> -<p> </p> -<table border="0" style="background-color: #ccccff;margin: 0 auto;" cellpadding="10"> - <tr> - <td valign="top"> - Note: - </td> - <td> - Images of the original pages are available through - Austrian Literature Online. See - <a href="http://www.literature.at/viewer.alo?objid=12020&page=1&viewmode=fullscreen"> - http://www.literature.at/viewer.alo?objid=12020&page=1&viewmode=fullscreen</a> - </td> - </tr> -</table> -<p> </p> -<hr class="full" /> -<p> </p> -<p> </p> -<p> </p> - -<p class="center big20 p2">GESCHLECHT <small>UND</small> CHARAKTER</p> - -<p class="center">EINE PRINZIPIELLE UNTERSUCHUNG<br /> -<small>VON</small></p> -<p class="center big14"><span class="smcap">Dr.</span> OTTO WEININGER</p> - -<p class="center p12"><big>WIEN</big> UND <big>LEIPZIG</big></p> -<p class="center big14">WILHELM BRAUMLLER</p> -<p class="center"><small>K. u. K. HOF- U. UNIVERSITTS-BUCHHNDLER</small></p> -<p class="center">1903</p> - - - - - -<p class="center big14 pagebreak p6 b6">GESCHLECHT UND CHARAKTER.</p> - - - - -<h1 class="pagebreak">GESCHLECHT<br /> -<small><small><small><small>UND</small></small></small></small><br /> -CHARAKTER</h1> - -<p class="center">EINE PRINZIPIELLE UNTERSUCHUNG</p> - -<p class="center"><span class="smcap"><small>Von</small></span></p> - -<p class="center b6"><big><span class="smcap">Dr.</span> OTTO WEININGER.</big></p> - -<div class="figcenter" style="width: 100px;"> -<img src="images/logo.png" width="100" height="120" alt="" /> -</div> - -<p class="center p2">WIEN UND LEIPZIG.<br /> -<span class="gesperrt">WILHELM BRAUMLLER</span><br /> -<small>K. U. K. HOF- UND UNIVERSITTS-BUCHHNDLER.</small><br /> -1903. -</p> - - - -<p class="center p12 pagebreak"> -ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS RECHT DER BERSETZUNG<br /> -VORBEHALTEN.</p> -<p class="center p12"> -<small>DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.</small> -</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[S. v]</a></span><a name="VORWORT" id="VORWORT">VORWORT.</a></h2> - - -<p>Dieses Buch unternimmt es, das Verhltnis der -Geschlechter in ein neues Licht zu rcken. Es sollen -nicht mglichst viele einzelne Charakterzge aneinandergereiht, -nicht die Ergebnisse der bisherigen wissenschaftlichen -Messungen und Experimente zusammengestellt, -sondern die Ableitung alles Gegensatzes von -Mann und Weib aus <em class="gesperrt">einem</em> einzigen Prinzipe versucht -werden. Hiedurch unterscheidet es sich von allen anderen -Bchern dieser Art. Es verweilt nicht bei diesem -oder jenem Idyll, sondern dringt bis zu einem letzten -Ziele vor; es huft nicht Beobachtung auf Beobachtung, -sondern bringt die geistigen Differenzen der Geschlechter -in ein System; es gilt nicht den Frauen, sondern der -Frau. Zwar nimmt es stets das Alltglichste und Oberflchlichste -zu seinem Ausgangspunkt, aber nur, um alle -konkrete Einzelerfahrung zu <em class="gesperrt">deuten</em>. Das ist hier nicht -induktive Metaphysik, sondern schrittweise psychologische -Vertiefung.</p> - -<p>Die Untersuchung ist keine spezielle, sondern -eine prinzipielle; sie verachtet das Laboratorium nicht, -wenn ihr auch seine Hlfsmittel dem tieferen Probleme -gegenber beschrnkt erscheinen vor dem Werke der<span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[S. vi]</a></span> -selbstbeobachtenden Analyse. Auch der Knstler, der -ein weibliches Wesen darstellt, kann Typisches geben, -ohne sich vor einer experimentellen Merkergilde durch -Zahl und Serie legitimiert zu haben. Der Knstler verschmht -nicht die Erfahrung, er betrachtet es im Gegenteile -als seine <em class="gesperrt">Pflicht</em>, Erfahrung zu gewinnen; aber sie -ist ihm nur der Ausgangspunkt eines Versenkens in sich -selbst, das in der Kunst wie ein Versenken in die -Welt erscheint.</p> - -<p>Die Psychologie nun, welche hier der Darstellung -dient, ist eine durchaus philosophische, wenn auch ihre -eigentmliche Methode, die allein durch das eigentmliche -Thema sich rechtfertigt, es bleibt, vom trivialsten -Erfahrungsbestande auszugehen. Der Philosoph aber hat -nur eine der Form nach vom Knstler verschiedene Aufgabe. -Was diesem Symbol ist, wird jenem Begriff. Wie -Ausdruck und Inhalt, so verhalten sich Kunst und Philosophie. -Der Knstler hat die Welt eingeatmet, um -sie auszuatmen; fr den Philosophen ist sie ausgeatmet, -und er mu sie wieder einatmen.</p> - -<p>Indes hat alle Theorie notwendig immer etwas Prtentises; -und so kann derselbe Inhalt, der im Kunstwerk -wie Natur erscheint, hier, im philosophischen Systeme, -als eng zusammengezogene Behauptung ber ein Allgemeines, -als These, die dem Satz vom Grunde untersteht -und den Beweis antritt, viel schroffer, ja beleidigend -wirken. Wo die Darstellung antifeministisch ist — und -das ist sie fast immer — dort werden auch die Mnner -ihr nie gerne und mit voller berzeugung zustimmen: -ihr sexueller Egoismus lt sie das Weib immer lieber -so sehen, wie sie es haben wollen, wie sie es lieben -wollen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. vii]</a></span> - -Und wie sollte ich nicht erst auf die Antwort -gefat sein, welche die Frauen fr mein Urteil ber -ihr Geschlecht haben werden?</p> - -<p>Da die Untersuchung an ihrem Ende gegen den -<em class="gesperrt">Mann</em> sich kehrt, und, freilich in einem tieferen Sinne, -als die Frauenrechtlerin ahnt, <em class="gesperrt">ihm</em> die grte Schuld -zumit, das wird ihrem Verfasser wenig fruchten, und -ist von einer Beschaffenheit, die ihn zu allerletzt beim -<em class="gesperrt">weiblichen</em> Geschlechte knnte rehabilitieren helfen.</p> - -<p>Zum Schuldproblem aber gelangt die Analyse, -weil sie von den vordersten und nchstliegenden -Phnomenen bis zu Punkten aufsteigt, von denen -nicht nur ein Einblick in das Wesen des Weibes und -seine Bedeutung im Weltganzen, sondern auch der -Aspekt auf sein Verhltnis zur Menschheit und zu deren -letzten und hchsten Aufgaben sich ffnet, von wo zum -Kulturproblem eine Stellung gewonnen und die Leistung -der Weiblichkeit fr das Ganze der ideellen Zwecke eingeschtzt -werden kann. Dort also, wo Kultur- und -Menschheitsproblem zusammenfallen, wird nicht mehr blo -zu erklren, sondern auch zu werten versucht; ja dort -fallen Erklrung und Wertung von selbst zusammen.</p> - -<p>Zu solcher Hhe des Ausblickes gelangt die Untersuchung -gleichsam gezwungen, ohne von Anfang an -auf sie loszusteuern. Auf dem empirisch-psychologischen -Boden selber ergibt sich ihr allmhlich die Unzulnglichkeit -aller empirisch-psychologischen Philosophie. Ihr -Respekt vor der Erfahrung wird hievon nicht beeintrchtigt, -denn stets wird vor dieser die Ehrfurcht nur -erhht und nicht zerstrt, wenn der Mensch in der -Erscheinung — freilich dem Einzigen, das er erlebt — jene -Bestandteile bemerkt, die es ihm zur Gewiheit<span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[S. viii]</a></span> -machen, da es nicht <em class="gesperrt">blo</em> Erscheinung gibt, wenn er -jene Zeichen in ihr wahrnimmt, die auf ein Hheres, -<em class="gesperrt">ber</em> ihr Gelegenes weisen. Da ein solcher Urquell -ist, lt sich feststellen, auch wenn kein Lebender je -zu ihm vordringen wird. Und bis in die Nhe dieses -Quells will auch dieses Buch leiten, und nicht eher -rasten.</p> - -<p>Innerhalb des Engpasses, in welchem die gegenstzlichen -Meinungen ber die Frau und ihre Frage bis nun -immer aufeinander gestoen sind, htte es freilich nie -gewagt werden drfen, solch hohes Ziel anzustreben. -Aber das Problem ist eines, das mit allen tiefsten Rtseln -des Daseins im Zusammenhange steht. Nur unter -der sicheren Fhrung einer <em class="gesperrt">Weltanschauung</em> kann -es, praktisch und theoretisch, moralisch oder metaphysisch -aufgelst werden.</p> - -<p>Es sind nur Keime einer solchen Gesamtauffassung, -die in diesem Buche sichtbar werden, einer Auffassung, -die den Weltanschauungen <em class="gesperrt">Platos</em>, <em class="gesperrt">Kantens</em> und <em class="gesperrt">des -Christentums</em> am nchsten steht. Aber die wissenschaftliche, -psychologisch-philosophische, logisch-ethische -Grundlegung mute ich mir zu einem groen Teile selbst -schaffen. Vieles zwar, dessen nhere Ausfhrung nicht mglich -war, gedenke ich demnchst eingehend zu begrnden. -Wenn ich dennoch gerade auf diese Partien des Buches -hier ausdrcklich verweise, so ist es, weil mir an der -Beachtung dessen, was ber die tiefsten und allgemeinsten -Probleme in ihm ausgesprochen ist, noch mehr -liegt, als an dem Beifall, welchen die besondere Anwendung -auf die Frauenfrage allenfalls erwarten knnte.</p> - -<p>Sollte es den philosophischen Leser peinlich berhren, -da die Behandlung der hchsten und letzten<span class="pagenum"><a name="Seite_ix" id="Seite_ix">[S. ix]</a></span> -Fragen hier gleichsam <em class="gesperrt">in den Dienst</em> eines Spezialproblemes -von nicht bergroer Dignitt gestellt scheint: -so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser Empfindung. -Doch darf ich sagen, da durchaus das Einzelproblem -des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den Ausgangspunkt -als das Ziel des tieferen Eindringens bildet. -So erflo reicher Gewinn aus seiner Behandlung auch -fr das Problem der Genialitt, des Unsterblichkeitsbedrfnisses -und des Judentumes. Da die umfassenden -Auseinandersetzungen schlielich dem Spezialproblem -zugute kommen, weil es in um so mannigfachere Beziehungen -tritt, je mehr das Gebiet sich vergrert, -das ist natrlich. Und wenn sich in diesem weiteren -Zusammenhange herausstellt, wie gering die Hoffnungen -sind, welche Kultur an die Art des Weibes -knpfen kann, wenn die letzten Resultate eine vollstndige -Entwertung, ja eine Negation der Weiblichkeit -bedeuten: es wird durch sie nichts vernichtet, was -<em class="gesperrt">ist</em>, nichts heruntergesetzt, was <em class="gesperrt">an sich</em> einen Wert -<em class="gesperrt">hat</em>. Mte mich doch selbst ein gewisses Grauen vor -der eigenen Tat anwandeln, wre ich hier wirklich nur -Zerstrer, und bliebe nichts auf dem Plan! Die Bejahungen -des Buches sind vielleicht weniger krftig -instrumentiert worden: wer hren kann, wird sie wohl -aus allem zu vernehmen wissen.</p> - -<p>Die Arbeit zerfllt in zwei Teile: einen ersten, -biologisch-psychologischen, und einen zweiten, psychologisch-philosophischen. -Vielleicht wird mancher dafrhalten, -da ich aus dem Ganzen besser zwei Bcher -htte machen sollen, ein rein naturwissenschaftliches -und ein rein introspektives. Allein ich mute von der -Biologie mich befreien, um ganz Psychologe sein zu<span class="pagenum"><a name="Seite_x" id="Seite_x">[S. x]</a></span> -knnen. Der zweite Teil behandelt gewisse seelische -Probleme recht anders, als sie jeder Naturforscher heute -wohl behandeln wrde, und ich bin mir bewut, da -ich hiedurch auch die Aufnahme des ersten Teiles -bei einem groen Teile des Publikums gefhrde; -gleichwohl erhebt dieser erste Teil in seiner Gnze -den Anspruch auf eine Beachtung und Beurteilung -seitens der Naturwissenschaft, was der zweite, mehr -der inneren Erfahrung zugekehrte, nur an wenigen Stellen -vermag. Weil dieser zweite Teil aus einer nichtpositivistischen -Weltanschauung hervorgegangen ist, werden -von manchen beide fr unwissenschaftlich gehalten werden -(obwohl der Positivismus dortselbst eine strenge Widerlegung -erfhrt). Hiemit mu ich mich einstweilen abfinden, -in der berzeugung, der Biologie gegeben zu -haben, was ihr gebhrt, und einer nichtbiologischen, -nichtphysiologischen Psychologie das Recht gewahrt -zu haben, welches ihr fr alle Zeiten bleiben wird.</p> - -<p>Vielleicht wird man der Untersuchung an gewissen -Punkten vorwerfen, da sie nicht genug der <em class="gesperrt">Beweise</em> bringe; -allein eben dies ducht mich ihre geringste Schwche. -Denn was knnte in diesem Gegenstande Beweisen -wohl heien? Es ist nicht Mathematik und nicht Erkenntnistheorie -(die letztere nur an zwei Stellen), was -hier abgehandelt wird; es sind erfahrungswissenschaftliche -Dinge, und da kann hchstens der Finger gelegt -werden auf das, was <em class="gesperrt">ist</em>; was man sonst hier <em class="gesperrt">beweisen</em> -nennt, ist ein bloes Zusammenstimmen der -neuen Erfahrungen mit den alten; und da bleibt es -sich gleich, ob das neue Phnomen vom Menschen -experimentell erzeugt wird oder schon aus der Schpferhand -der Natur fertig vorliegt. Der letzteren Beweise -aber bringt diese Schrift eine groe Zahl.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_xi" id="Seite_xi">[S. xi]</a></span> - -Das Buch ist endlich, soweit ich das zu beurteilen -vermag, (in seinem Hauptteile) nicht ein solches, das -man nach einmaliger flchtiger Lektre verstehen und -in sich aufnehmen knnte; zur Orientierung des Lesers -und zum eigenen Schutze will ich selber diesen Umstand -hier anmerken.</p> - -<p>Je weniger ich in beiden Teilen (vornehmlich im -zweiten) Altes, lngst Bekanntes wiederholt habe, desto -mehr mute ich dort, wo ich mit frher Ausgesprochenem -und allgemeiner Anerkanntem in bereinstimmung mich -fand, auf alle Koinzidenzen hinweisen. Diesem Zwecke -dienen die Literaturnachweise des Anhanges. Ich habe -mich bemht, die Citate in genauer und fr Fachmnner -wie fr Laien brauchbarer Gestalt wiederzugeben. Dieser -greren Ausfhrlichkeit wegen, und um die Lektre -des Textes nicht ein fortwhrendes Stolpern werden -zu lassen, sind sie an den Schlu des Buches verwiesen.</p> - -<p>Dem Herrn Universittsprofessor Dr. Laurenz -<em class="gesperrt">Mllner</em> statte ich geziemenden Dank ab fr die wirksame -Frderung, welche er mir hat zuteil werden lassen; -Herrn Professor Dr. Friedrich <em class="gesperrt">Jodl</em> fr das freundliche -Interesse, welches er meinen Arbeiten von Anbeginn -entgegenbrachte. Ganz besonders fhle ich mich auch -den Freunden verpflichtet, welche mich bei der Korrektur -des Buches untersttzten.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_xiii" id="Seite_xiii">[S. xiii]</a></span><a name="Inhaltsverzeichnis" id="Inhaltsverzeichnis">INHALTSVERZEICHNIS.</a></h2> - - - - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Inhaltsverzeichnis"> -<tr><td align="left" colspan="2"></td><td align="center"><small>Seite</small></td></tr> -<tr><td align="left" colspan="2">Vorwort</td><td align="right">V–XI</td></tr> -<tr><td align="left" colspan="2">Inhaltsverzeichnis</td><td align="right">XIII–XXII</td></tr> -<tr><td align="left" colspan="2">Erster (vorbereitender) Teil: <b>Die sexuelle Mannigfaltigkeit</b></td><td align="right"><a href="#Seite_1">1</a>–93</td></tr> -<tr><td align="left" colspan="2">Einleitung</td><td align="right"><a href="#Seite_3">3</a>–6</td></tr> -<tr><td /> -<td class="tdj">ber Begriffsentwicklung im allgemeinen und im besonderen. Mann und Weib. Widersprche. Flieende bergnge. Anatomie und Begabung. Keine Sicherheit im Morphologischen?</td></tr> -<tr><td align="left" colspan="2">I. Kapitel: Mnner und Weiber</td><td align="right"><a href="#Seite_7">7</a>–13</td></tr> -<tr><td> </td> -<td class="tdj">Embryonale Undifferenziertheit. Rudimente beim Erwachsenen. Grade des Gonochorismus. Prinzip der Zwischenformen. M und W. Belege. Notwendigkeit der Typisierung. Resum. lteste Ahnungen.</td> -<td> </td></tr> -<tr><td align="left" colspan="2">II. Kapitel: Arrhenoplasma und Thelyplasma</td><td align="right"><a href="#Seite_14">14</a>–30</td></tr> -<tr><td /><td class="tdj">Sitz des Geschlechtes. <em class="gesperrt">Steenstrups</em> Ansicht befrwortet. Sexualcharaktere. Innere Sekretion. Idioplasma — Arrhenoplasma — Thelyplasma. Schwankungen. Beweise aus erfolgloser Kastration. Transplantation und Transfusion. Organotherapie. Individuelle Unterschiede zwischen den einzelnen Zellen. Ursache der sexuellen Zwischenformen. Gehirn. Knabenberschu der Geburten. Geschlechtsbestimmung. Vergleichende Pathologie.</td></tr> -<tr><td align="left" colspan="2"><span class="pagenum"><a name="Seite_xiv" id="Seite_xiv">[S. xiv]</a></span>III. Kapitel: Gesetze der sexuellen Anziehung</td><td align="right"><a href="#Seite_31">31</a>–52</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Sexueller Geschmack. Wahrscheinlichkeit -eines Gesetzmigen. Erste Formel. Erste Deutung. -Beweise. Heterostylie. Interpretation derselben. Tierreich. -Weitere Gesetze. Zweite Formel. Chemotaxis? -Analogien und Differenzen. Wahlverwandtschaften. -Ehebruch und Ehe. Folgen fr die Nachkommenschaft. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2">IV. Kapitel: Homosexualitt und Pderastie</td><td align="right"><a href="#Seite_53">53</a>–62</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Homosexuelle als sexuelle Zwischenformen. -Angeboren oder erworben, gesund oder krankhaft? -Spezialfall des Gesetzes. Alle Menschen mit der -Anlage zur Homosexualitt. Freundschaft und -Sexualitt. Tiere. Vorschlag einer Therapie. Homosexualitt, -Strafgesetz und Ethik. Distinktion zwischen -Homosexualitt und Pderastie. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -V. Kapitel: Anwendung auf die Charakterologie</td><td align="right"><a href="#Seite_63">63</a>–78 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen -als ein kardinaler Grundsatz der Individualpsychologie. -Simultaneitt oder Periodizitt? Methode der -psychologischen Untersuchung. Beispiele. Individualisierende -Erziehung. Gleichmacherei. Morphologisch-charakterologischer -Parallelismus. Die Physiognomik -und das Prinzip der Psychophysik. Methodik der -Variettenlehre. Eine neue Fragestellung. Deduktive -Morphologie. Korrelation und Funktionsbegriff. -Aussichten. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -VI. Kapitel: Die emanzipierten Frauen</td><td align="right"><a href="#Seite_79">79</a>–93 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Frauenfrage. Emanzipationsbedrfnis und Mnnlichkeit. -Emanzipation und Homosexualitt. Sexueller -Geschmack der emanzipierten Frauen. Physiognomisches -ber sie. Die brigbleibenden Berhmtheiten. -W und die Emanzipation. Praktische Regel. -Mnnlichkeit alles Genies. Die Frauenbewegung in -der Geschichte. Periodizitt. Biologie und Geschichtsauffassung. -Aussichten der Frauenbewegung. Ihr -Grundirrtum. -</td></tr> - - -<tr><td align="left" colspan="2"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_xv" id="Seite_xv">[S. xv]</a></span>Zweiter oder Hauptteil: <b>Die sexuellen Typen</b></td><td align="right"><a href="#Seite_95">95</a>–461 -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -I. Kapitel: Mann und Weib</td><td align="right"><a href="#Seite_97">97</a>–105 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Bisexualitt und Unisexualitt. Man ist -Mann <em class="gesperrt">oder</em> Weib. Das Problematische in diesem -Sein und die Hauptschwierigkeit der Charakterologie. -Das Experiment, die Empfindungsanalyse und die -Psychologie. <em class="gesperrt">Dilthey.</em> Begriff des empirischen -Charakters. Ziel und Nicht-Ziel der Psychologie. -Charakter und Individualitt. Problem der Charakterologie -und Problem der Geschlechter. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -II. Kapitel: Mnnliche und weibliche Sexualitt</td><td align="right"><a href="#Seite_106">106</a>–116 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Problem einer weiblichen Psychologie. Der -Mann als Psychologe des Weibes. Unterschiede im -Geschlechtstrieb. Im Kontrektations- und -Detumeszenztrieb. Intensitt und Aktivitt. Sexuelle -Irritabilitt der Frau. Grere Breite des Sexuallebens -bei W. Geschlechtliche Unterschiede im -Empfinden der Geschlechtlichkeit. rtliche und zeitliche -Abhebung der mnnlichen Sexualitt. Unterschiede -im Bewutseinsgrade der Sexualitt. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -III. Kapitel: Mnnliches und weibliches Bewutsein</td><td align="right"><a href="#Seite_117">117</a>–130 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Empfindung und Gefhl. Ihr Verhltnis. -<em class="gesperrt">Avenarius'</em> Einteilung in Elemente und Charaktere. -Auf einem frhesten Stadium noch -nicht durchfhrbar. Verkehrtes Verhltnis zwischen -Distinktheit und Charakterisierung. Proze der -Klrung. Ahnungen. Grade des Verstehens. Vergessen. -Bahnung und Artikulation. Die Henide als -das einfachste psychische Datum. Geschlechtlicher -Unterschied in der Artikulation der Inhalte. Sensibilitt. -Urteilssicherheit. Das entwickelte Bewutsein -als mnnlicher Geschlechtscharakter. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -IV. Kapitel: Begabung und Genialitt</td><td align="right"><a href="#Seite_131">131</a>–144 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Genie und Talent. Genial und geistreich. -Methode. Verstndnis fr mehr Menschen. Was es -<span class="pagenum"><a name="Seite_xvi" id="Seite_xvi">[S. xvi]</a></span>heit: einen Menschen verstehen? Grere Kompliziertheit -des Genies. Perioden im psychischen -Leben. Keine Herabwrdigung der bedeutenden -Menschen. Verstehen und Bemerken. Innerer Zusammenhang -von Licht und Wachsein. Endgltige -Feststellung der Bedingungen des Verstehens. Allgemeinere -Bewutheit des Genies. Grte Entfernung -vom Henidenstadium; danach hherer -Grad von Mnnlichkeit. Nur Universalgenies. W -ungenial und ohne Heldenverehrung. Begabung und -Geschlecht. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -V. Kapitel: Begabung und Gedchtnis</td><td align="right"><a href="#Seite_145">145</a>–181 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Artikulation und Reproduzierbarkeit. Gedchtnis -an Erlebnisse als Kennzeichen der Begabung. -Erinnerung und Apperzeption. Anwendungen und -Folgerungen. Fhigkeit des Vergleichens und Beziehens. -Grnde fr die Mnnlichkeit der Musik. -Zeichnung und Farbe, Grade der Genialitt; das -Verhltnis des Genius zum ungenialen Menschen. -Selbstbiographie. Fixe Ideen. Erinnerung an das -Selbstgeschaffene. <em class="gesperrt">Kontinuierliches und diskontinuierliches -Gedchtnis.</em> Einheit des biographischen -Selbstbewutseins nur bei M. Charakter -der weiblichen Erinnerungen. Kontinuitt und Piett. -Vergangenheit und Schicksal. <em class="gesperrt">Vergangenheit -und Zukunft.</em> <em class="gesperrt">Unsterblichkeitsbedrfnis.</em> Bisherige -psychologische Erklrungsversuche. Wahre -Wurzel. Innere Entwicklung des Menschen bis zum -Tode. Ontogenetische Psychologie oder theoretische -Biographie. <em class="gesperrt">Die Frau ohne jedes Unsterblichkeitsbedrfnis.</em> -— Fortschritt zu tieferer Analyse -des Zusammenhanges mit dem Gedchtnis. <em class="gesperrt">Gedchtnis -und Zeit.</em> Postulierung des Zeitlosen. -<em class="gesperrt">Der Wert als das Zeitlose.</em> Erstes Gesetz der -Werttheorie. Nachweise. Individuation und Dauer -als konstitutiv fr den Wert. <em class="gesperrt">Wille zum Wert.</em> Das -Unsterblichkeitsbedrfnis als <em class="gesperrt">Spezialfall</em>. Unsterblichkeitsbedrfnis -des Genies, zusammenfallend mit -seiner Zeitlosigkeit durch sein universales Gedchtnis -und die ewige Dauer seiner Werke. Das Genie und -die Geschichte. Das Genie und die Nation. Das -Genie und die Sprache. Die Mnner der Tat -<span class="pagenum"><a name="Seite_xvii" id="Seite_xvii">[S. xvii]</a></span>und die Mnner der Wissenschaft ohne Anrecht -auf den Titel des Genius; anders Philosoph -(Religionsstifter) und Knstler. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -VI. Kapitel: Gedchtnis, Logik, Ethik</td><td align="right"><a href="#Seite_182">182</a>–196 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Psychologie und Psychologismus. Wrde des -Gedchtnisses. Theorien des Gedchtnisses. bungs- -und Associationslehren. Verwechslung mit dem -Wiedererkennen. Gedchtnis nur dem Menschen -eigen. Moralische Bedeutung. Lge und Zurechnung. -bergang zur Logik. Gedchtnis und Identittsprinzip. -Gedchtnis und Satz vom Grunde. Die -Frau alogisch und amoralisch. Intellektuelles und -sittliches Gewissen: intelligibles Ich. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -VII. Kapitel: Logik, Ethik und das Ich</td><td align="right"><a href="#Seite_197">197</a>–211 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Die Kritiker des Ich-Begriffes: <em class="gesperrt">Hume</em>, <em class="gesperrt">Lichtenberg</em>, -<em class="gesperrt">Mach</em>. Das <em class="gesperrt">Mach</em>sche Ich und die Biologie. -Individuation und Individualitt, Logik und Ethik -als Zeugen fr die Existenz des Ich. — Erstens die -Logik: die Stze der Identitt und des Widerspruches. -Die Frage ihres Nutzens und ihrer Bedeutung. Die logischen -Axiome als identisch mit der begrifflichen -Funktion. Definition des logischen Begriffes als -Norm der Essenz. Die logischen Axiome als eben -diese Norm der <em class="gesperrt">Essenz</em>, welche <em class="gesperrt">Existenz</em> einer -Funktion ist. Diese Existenz als das absolute Sein -oder das Sein des absoluten Ich. <em class="gesperrt">Kant</em> und -<em class="gesperrt">Fichte</em>. Logizitt als Norm. Denkfreiheit neben -Willensfreiheit. — Zweitens die Ethik. Zurechnung. -Das Verhltnis der Ethik zur Logik. Die Verschiedenheit -der Subjektsbeweise aus der Logik und -der Ethik. Eine Unterlassung <em class="gesperrt">Kant</em>ens. Ihre sachlichen -und ihre persnlichen Grnde. Zur Psychologie -der Kantischen Ethik. <em class="gesperrt">Kant</em> und <em class="gesperrt">Nietzsche</em>. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -VIII. Kapitel: Ich-Problem und Genialitt</td><td align="right"><a href="#Seite_212">212</a>–238 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Die Charakterologie und der Glaube an das -Ich. Das Ich-Ereignis: <em class="gesperrt">Jean Paul</em>, <em class="gesperrt">Novalis</em>, <em class="gesperrt">Schelling</em>. -Ich-Ereignis und Weltanschauung. Selbstbewutsein -und Anmaung. Die Ansicht des Genies -hher zu werten als die der anderen Menschen. -<span class="pagenum"><a name="Seite_xviii" id="Seite_xviii">[S. xviii]</a></span>Endgltige Feststellungen ber den Begriff des Genies. -Die geniale Persnlichkeit als der vollbewute Mikrokosmus. -Natrlich-synthetische und sinnerfllende -Ttigkeit des Genies. Bedeutung und Symbolik. Definition -des Genies im Verhltnis zum gewhnlichen -Menschen. Universalitt als Freiheit. Sittlichkeit -oder Unsittlichkeit des Genies? Pflichten gegen sich -und gegen andere. Was Pflicht gegen andere ist. -Kritik der Sympathiemoral und der sozialen Ethik. -Verstndnis des Nebenmenschen als einzige Forderung -der Sittlichkeit wie der Erkenntnis". Ich -und Du. Individualismus und Universalismus. Sittlichkeit -nur unter Monaden. Der genialste Mensch -als der sittlichste Mensch. Warum der Mensch -ζῷον πολιτικόν ist. Bewutsein und Moralitt. Der -groe Verbrecher. Genialitt als Pflicht und Gehorsam. -Genie und Verbrechen. Genie und Irrsinn. -Der Mensch als Schpfer seiner selbst. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -IX. Kapitel: Mnnliche und weibliche Psychologie</td><td align="right"><a href="#Seite_239">239</a>–279 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Seelenlosigkeit des Weibes. Geschichte dieser -Erkenntnis. Das Weib gnzlich ungenial. Keine -mnnlichen Frauen im strengen Sinne. Unbegriffliche -Natur des Weibes, aus dem Mangel des Ich zu -erklren. Korrektur der Henidentheorie. Weibliches -Denken. <em class="gesperrt">Begriff und Objekt.</em> <em class="gesperrt">Begriff und Urteil.</em> -<em class="gesperrt">Wesen des Urteils.</em> Das Weib und die -Wahrheit als Richtschnur des Denkens. <em class="gesperrt">Der Satz -vom Grunde und sein Verhltnis zum Satz -der Identitt.</em> <em class="gesperrt">Amoralitt, nicht Antimoralitt -des Weibes.</em> <em class="gesperrt">Das Weib und das Einsamkeitsproblem.</em> -Verschmolzenheit, nicht Gesellschaft. -Weibliches Mitleid und weibliche Schamhaftigkeit. -Das Ich der Frauen. Weibliche Eitelkeit. -Mangel an Eigenwert. Gedchtnis fr Huldigungen. -Selbstbeobachtung und Reue. Gerechtigkeit und Neid. -Name und Eigentum. Beeinflubarkeit. — Radikale -Differenz zwischen mnnlichem und weiblichem Geistesleben. -Psychologie ohne und mit Seele. Psychologie -eine Wissenschaft? Freiheit und Gesetzlichkeit. -Die Grundbegriffe der Psychologie transcendenter -Natur. <em class="gesperrt">Psyche und Psychologie.</em> Die Hilflosigkeit -der seelenlosen Psychologie. Wo Spaltungen -<span class="pagenum"><a name="Seite_xix" id="Seite_xix">[S. xix]</a></span>der Persnlichkeit allein mglich sind. Psychophysischer -Parallelismus und Wechselwirkung. Problem -der Wirkung psychischer Sexualcharaktere des -Mannes auf das Weib. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -X. Kapitel: Mutterschaft und Prostitution</td><td align="right"><a href="#Seite_280">280</a>–313 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Spezielle weibliche Charakterologie. Mutter und -Dirne. Anlage zur Prostitution angeboren, aber nicht -allein entscheidend. Einflu des Mannes. Versehen. -Verhltnis beider Typen zum Kinde. Die Frau polygam. -Ehe und Treue. Sitte und Recht. Analogien -zwischen Mutterschaft und Sexualitt. Mutter und -Gattungszweck. Die alma mater. Die Mutterliebe -ethisch indifferent. Die Dirne auerhalb des -Gattungszweckes. Die Prostituierte und die sozial -anerkannte Moral. Die Prostituierte, der Verbrecher -und Eroberer. Nochmals der Willensmensch -und sein Verhltnis zum Genie. Hetre -und Imperator. Motiv der Dirne. Koitus Selbstzweck. -Koketterie. Die Empfindungen des Weibes -beim Koitus im Verhltnis zu seinem sonstigen -Leben. Mutterrecht und Vaterschaft. Versehen und -Infektionslehre. Die Dirne als Feindin. Bejahung -und Verneinung. Lebensfreundlichkeit und Lebensfeindlichkeit. -Keine Prostitution bei den Tieren. -Rtsel im Ursprung. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -XI. Kapitel: Erotik und sthetik </td><td align="right"><a href="#Seite_314">314</a>–341 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Weiber und Weiberha. Erotik und Sexualitt. -Platonische Liebe und Sinnlichkeit. Problem einer -<em class="gesperrt">Idee</em> der Liebe. — Die Schnheit des Weibes. Ihr -Verhltnis zum Sexualtrieb. Liebe und Schnheit. -Der Unterschied der sthetik von der Logik und Ethik -als Normwissenschaften. Wesen der Liebe. Projektionsphnomen. -Schnheit und Sittlichkeit. Schnheit -und Vollkommenheit. Natur und Ethik. <em class="gesperrt">Naturschnheit -und Kunstschnheit.</em> Naturgesetz -und Kunstgesetz. Naturzweckmigkeit und Kunstzweckmigkeit. -Die Einzelschnheit. Die Geschlechtsliebe -als Schuld. Ha und Liebe als Erleichterungen -des moralischen Strebens. Die Schpfung des Teufels. -Liebe und Mitleid. Liebe und Schamhaftigkeit. Liebe -und Eifersucht. Liebe und Erlsungsbedrfnis. Das -<span class="pagenum"><a name="Seite_xx" id="Seite_xx">[S. xx]</a></span>Weib in der Erotik Mittel zum Zweck. Problem des -Zusammenhanges von Kind und Liebe, Kind und Sexualitt. -Grausamkeit nicht nur in der Lust, sondern -noch in der Liebe. Liebe und Mord. Liebe als Feigheit, -Unrecht, Irrtum. Der Madonnenkult. Die -Madonna eine gedankliche Konzeption des Mannes; -ohne Grund in der realen Weiblichkeit. Widerstreben -gegen die Einsicht in das wahre Weib. -Die Liebe des Mannes zum Weibe als Spezialfall. -Das Weib nur sexuell, nicht erotisch. Der Schnheitssinn -der Frauen. Schn und hbsch. Liebe und -Verliebtheit. Wodurch der Mann auf die Frau wirkt. -Das Fatum des Weibes. Einordnung der neuen -Erkenntnis unter die frheren. Die Liebe als bezeichnend -fr das Wesen der Menschheit. Warum -der Mann das Weib liebt. Mglichkeiten. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -XII. Kapitel: Das Wesen des Weibes und sein -Sinn im Universum</td><td align="right"><a href="#Seite_342">342</a>–402 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Gleichheit oder Gleichstellung. P. J. <em class="gesperrt">Moebius</em>. -Sinnlosigkeit oder Bedeutung der Weiblichkeit. -<em class="gesperrt">Kuppelei.</em> Instinktiver Drang. Der Mann und -die Kuppelei. Welche Phnomene noch weiter -Kuppelei sind. Hochwertung des Koitus. Der eigene -Geschlechtstrieb ein Spezialfall. Mutter — Dirne. -Das Wesen des Weibes nur in der Kuppelei ausgesprochen. -Kuppelei = Weiblichkeit = universale -Sexualitt. - -System von Einwnden und Widersprchen. -Notwendigkeit der Auflsung. Beeinflubarkeit und -Passivitt. Unbewute Verleugnung der eigenen -Natur als Folge. <em class="gesperrt">Organische Verlogenheit</em> -des Weibes. <em class="gesperrt">Die Hysterie.</em> Psychologisches Schema -fr den Mechanismus der Hysterie. Definition der -letzteren. Zustand der Hysterischen. <em class="gesperrt">Eigentmliches -Wechselspiel: die fremde Natur als -die eigene, die eigene als die fremde.</em> Der -Fremdkrper. Zwang und Lge. Heteronomie der -Hysterischen. Wille und Kraft zur Wahrheit. Der -hysterische Paroxysmus. Was abgewehrt wird. Die -hysterische Konstitution. <em class="gesperrt">Magd und Megre.</em> Die -Megre als Gegenteil der Hysterika. Die Wahrheitsliebe -der Hysterika als <em class="gesperrt">ihre</em> Lge. Die hysterische -<span class="pagenum"><a name="Seite_xxi" id="Seite_xxi">[S. xxi]</a></span>Keuschheit und Abneigung gegen den Geschlechtsakt. -Das hysterische Schuldbewutsein und die -hysterische Selbstbeobachtung. Die Visionrin und -Seherin im Weibe. Die Hysterie und die Unfreiheit -des Weibes. Sein Schicksal und dessen Hoffnungslosigkeit. - -Notwendigkeit der Zurckfhrung auf ein -letztes Prinzip. Unterschiede zwischen Mensch und -Tier, zwischen Mann und Frau. bersichtstafel. -Das zweite oder hhere <em class="gesperrt">Leben</em>, das metaphysische -<em class="gesperrt">Sein</em> im Menschen. Analogien zum niederen Leben. -Nur im Manne ewiges Leben. Das Verhltnis -beider Leben und die Erbsnde. Geburt und Tod. -Freiheit und Glck. Das Glck und der Mann. -Das Glck und die Frau. Die Frau und das Problem -des Lebens. <em class="gesperrt">Nichtsein des Weibes.</em> Hieraus zunchst -die <em class="gesperrt">Mglichkeit</em> von Lge und Kuppelei, -Amoralitt und Alogizitt erschlossen. Nochmals die -Kuppelei. Gemeinschaft und Sexualitt. Mnnliche -und weibliche Freundschaft. Kuppelei wider Eifersucht. -Kuppelei identisch mit Weiblichkeit. Warum -die Frauen Menschen sind. Wesen des Geschlechtsgegensatzes. -Gegenstze: <em class="gesperrt">Subjekt — Objekt -= Form — Materie = Mann — Weib.</em> -Kontrektation und Tastsinn. Deutung der Heniden. -Non-Entitt der Frau; als Folge universelle Suszeptibilitt. -Formung und Bildung der Frau durch den -Mann. Trachten nach Existenz. Geschlechtsdualitt -und Weltdualismus. Die Bedeutung des Weibes im -Universum. Der Mann als das Etwas, die Frau als -das Nichts. Das psychologische Problem der Furcht -vor dem Weibe. Die Weiblichkeit und der Verbrecher. -Das Nichts und das Nicht. Die Schpfung -des Weibes durch den Verbrecher im Manne. Das -Weib als die bejahte Sexualitt des Mannes. Das -Weib als die Schuld des Mannes. Die Liebe. Deduktion -der Weiblichkeit. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -XIII. Kapitel: Das Judentum</td><td align="right"><a href="#Seite_403">403</a>–441 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Unterschiede unter den Mnnern. Zurckweisung -der hierauf gegrndeten Einwnde. Die -Zwischenformen und die Rassenanthropologie. Amphibolie -der Weiblichkeit mit dem Judentum. Das -<span class="pagenum"><a name="Seite_xxii" id="Seite_xxii">[S. xxii]</a></span>Jdische als Idee. Der Antisemitismus. Richard -<em class="gesperrt">Wagner</em>. Keine Identitt mit der Weiblichkeit; -bereinstimmungen mit dieser: Eigentum, Staat, -Gesellschaft, Adel, <em class="gesperrt">Mangel an Persnlichkeit -und Eigenwert</em>, <em class="gesperrt">Amoralitt ohne Antimoralitt</em>, -<em class="gesperrt">Gattungsleben</em>, Familie, <em class="gesperrt">Kuppelei</em>. Einzige -Art einer Lsung der Judenfrage. Gottesbegriff des -Juden. Seelenlosigkeit, kein Unsterblichkeitsbedrfnis. -<em class="gesperrt">Judentum in der Wissenschaft.</em> Der Jude als -Chemiker. Der Jude genielos. <em class="gesperrt">Spinoza.</em> Der Jude -nicht monadenartig veranlagt. Der Englnder -und der Jude. Die Englnder in Philosophie, Musik, -Architektur. Unterschiede. Humorlosigkeit des Juden. -<em class="gesperrt">Wesen des Humors.</em> Humor und Satire. Die -Jdin. Nicht-Sein, vllige Vernderungsfhigkeit, -Mittelbarkeit beim Juden wie beim Weibe. Grte -bereinstimmung und grte Differenz. Aktivitt -und Begrifflichkeit des Juden. Tiefstes Wesen des -Judentums. Glaubenslosigkeit und innere Haltlosigkeit. -Der Jude nicht amystisch, sondern unfromm. -Mangel an Ernst, Begeisterungsfhigkeit -und Eifer. Innerliche Vieldeutigkeit. Keinerlei Einfalt -des Glaubens. Innere Wrdelosigkeit. Der Jude -als der Gegenpol des Helden. — Christentum und -Judentum. Ursprung des Christentums. Problem des -Religionsstifters. Der Religionsstifter als Vollzieher -einer eigenen Reinigung vom Verbrechen und von -der Gottlosigkeit. In ihm allein eine vllige Neugeburt -verwirklicht. Er als der Mensch mit dem tiefsten -Schuldgefhl. Christus als berwinder des Judentums -<em class="gesperrt">in</em> sich. Christentum und Judentum als letzte Gegenstze. -Der Religionsstifter als der grte Mensch. -berwindung alles Judentumes, eine Notwendigkeit -fr jeden Religionsstifter. — Das Judentum und die -heutige Zeit. Judentum, Weiblichkeit; Kultur und -Menschheit. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -XIV. Kapitel: Das Weib und die Menschheit</td><td align="right"><a href="#Seite_442">442</a>–461 -</td></tr> - -<tr><td /><td class="tdj"> -Die Idee der Menschheit und die Frau als -Kupplerin. Der Goethe-Kult. Verweiblichung der -Mnner. Virginitt und Keuschheit. Mnnlicher -Ursprung dieser Ideale. Das Unverstndnis der Frau -fr die Erotik. Ihr Verstndnis der Sexualitt. Der -<span class="pagenum"><a name="Seite_xxiii" id="Seite_xxiii">[S. xxiii]</a></span>Koitus und die Liebe. Die Frau als Gegnerin der -Emanzipation. Askese unsittlich. Der Geschlechtsverkehr -als Miachtung des Nebenmenschen. Problem -des Juden = Problem des Weibes = Problem der -Sklaverei. Was sittliches Verhalten gegen die -Frau ist. Der Mann als Gegner der Frauenemanzipation. -Ethische Postulate. Zwei Mglichkeiten. -Die Frauenfrage als die Menschheitsfrage. -Untergang des Weibes. — Enthaltsamkeit und Aussterben -des Menschengeschlechtes. Furcht vor der -Einsamkeit. Die eigentlichen Grnde der Unsittlichkeit -des Geschlechtsverkehres. Die irdische Vaterschaft. -Forderung der Aufnahme der Frauen unter die -Menschheitsidee. Die Mutter und die Erziehung -des Menschengeschlechtes. Letzte Fragen. -</td></tr> - -<tr><td align="left" colspan="2"> -Anhang: <b>Zustze und Nachweise</b></td><td align="right"><a href="#Seite_463">463</a>–597 -</td></tr> -</table></div> - - - - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span> -<small><small><a name="ERSTER_VORBEREITENDER_TEIL" id="ERSTER_VORBEREITENDER_TEIL">ERSTER (VORBEREITENDER) TEIL.</a><br /><br /> -DIE<br /><br /></small></small> -SEXUELLE MANNIGFALTIGKEIT.</h2> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span><a name="Einleitung" id="Einleitung">Einleitung.</a></h2> - - -<p>Alles Denken beginnt mit <em class="gesperrt">Begriffen von mittlerer -Allgemeinheit</em> und entwickelt sich von ihnen aus nach zwei -Richtungen hin: nach Begriffen von immer hherer Allgemeinheit, -welche ein immer mehr Dingen Gemeinsames erfassen -und hiedurch ein immer weiteres Gebiet der Wirklichkeit -umspannen; und nach dem Kreuzungspunkte aller Begriffslinien -hin, dem konkreten Einzelkomplex, dem Individuum, -welchem wir denkend immer nur durch unendlich viele einschrnkende -Bestimmungen beizukommen vermgen, das wir -definieren durch Hinzufgung unendlich vieler spezifischer -differenzierter Momente zu einem hchsten Allgemeinbegriff -Ding oder etwas. Da es eine Tierklasse der Fische gibt, -die von den Sugetieren, den Vgeln, den Wrmern unterschieden -ist, war lange bekannt, bevor man einerseits unter -den Fischen selbst wieder Knorpel- und Knochenfische schied, -anderseits sie mit den Vgeln und Sugetieren durch den -Begriff des Wirbeltieres zusammenzufassen sich veranlat -sah, und die Wrmer dem hiedurch geeinten greren Komplexe -gegenberstellte.</p> - -<p>Mit dem Kampf ums Dasein der Wesen untereinander -hat man diese Selbstbehauptung des Geistes gegenber einer -durch zahllose hnlichkeiten und Unterschiede verwirrenden -Wirklichkeit verglichen.<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Wir <em class="gesperrt">erwehren</em> uns der Welt -durch unsere Begriffe.<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> Nur langsam bringen wir sie in<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> -deren Fassung, allmhlich, wie man einen Tobschtigen zuerst -ber den ganzen Krper fesselt, notdrftig, um ihn -wenigstens nur auf beschrnkterem Orte gefhrlich sein zu -lassen; erst dann, wenn wir in der Hauptsache gesichert -sind, kommen die einzelnen Gliedmaen an die Reihe und -wir ergnzen die Fesselung.</p> - -<p><em class="gesperrt">Es gibt zwei Begriffe, sie gehren zu den ltesten -der Menschheit, mit denen diese ihr geistiges Leben -seit Anbeginn zur Not gefristet hat.</em> Freilich hat man oft -und oft kleine Korrekturen angebracht, sie wieder und wieder -in die Reparaturwerksttte geschickt, notdrftig geflickt, wo die -Reform an Haupt und Gliedern not tat; weggenommen und -angestckelt, Einschrnkungen in besonderen Fllen gemacht -und dann wieder Erweiterungen getroffen, wie wenn jngere -Bedrfnisse sich nur nach und nach gegen ein altes, enges -Wahlgesetz durchsetzen, indem dieses einen Riemen nach -dem anderen aufschnallen mu: aber im ganzen und groen -glauben wir doch noch mit ihnen in der alten Weise auszukommen, -mit diesen Begriffen, die ich hier meine, den -Begriffen <em class="gesperrt">Mann und Weib</em>.</p> - -<p>Zwar sprechen wir von mageren, schmalen, flachen, -muskelkrftigen, energischen, genialen Weibern, von Weibern -mit kurzem Haar und tiefer Stimme, von bartlosen, -geschwtzigen Mnnern. Wir erkennen sogar an, da es -unweibliche Weiber, Mannweiber gibt und unmnnliche, -weibliche Mnner. Blo auf eine Eigenschaft achtend, -nach welcher bei der Geburt die Geschlechtszugehrigkeit -jedes Menschen bestimmt wird, wagen wir es also sogar, -Begriffen Bestimmungen beizufgen, durch welche sie verneint -werden. Ein solcher Zustand ist logisch unhaltbar.</p> - -<p>Wer hat nicht im Freundeskreis oder im Salon, in -wissenschaftlicher oder in ffentlicher Versammlung die -heftigsten Diskussionen ber Mnner und Frauen, ber die -Befreiung des Weibes angehrt und mitgemacht? Gesprche -und Debatten, in denen mit trostloser Regelmigkeit die -Mnner und die Weiber einander gegenbergestellt wurden, -als wie weie und rote Kugeln, von denen die gleichfarbigen -keine Unterschiede mehr untereinander aufweisen! Nie wurde<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> -eine individuelle Behandlung der Streitpunkte versucht; und -da jeder nur individuelle Erfahrungen hatte, war naturgem -eine Einigung ausgeschlossen, wie berall dort, wo verschiedene -Dinge mit dem gleichen Worte bezeichnet werden, -Sprache und Begriffe sich nicht decken. Sollten wirklich alle -Weiber und alle Mnner streng voneinander geschieden -sein und doch auf jeder Seite alle untereinander, Weiber -einerseits, Mnner anderseits sich in einer Reihe von Punkten -vollstndig gleichen? Wie ja bei allen Verhandlungen ber -Geschlechtsunterschiede, meist natrlich unbewut, vorausgesetzt -wird. Nirgends in der Natur ist sonst eine so klaffende -Unstetigkeit; wir finden stetige bergnge von Metallen zu -Nichtmetallen, von chemischen Verbindungen zu Mischungen; -zwischen Tieren und Pflanzen, zwischen Phanerogamen und -Kryptogamen, zwischen Sugetieren und Vgeln gibt es -Vermittlungen. Zunchst nur aus allgemeinstem praktischen -Bedrfnis nach bersicht teilen wir ab, halten gewaltsam -Grenzen fest, hren Arien heraus aus der unendlichen -Melodie alles Natrlichen. Aber Vernunft wird Unsinn, -Wohltat Plage gilt von den alten Begriffen des Denkens -wie von den ererbten Gesetzen des Verkehrs. Wir werden -es nach den angefhrten Analogien auch hier von vornherein -fr unwahrscheinlich halten drfen, da in der Natur ein -<em class="gesperrt">Schnitt</em> gefhrt sei zwischen allen Masculinis einerseits und -allen Femininis anderseits, und ein lebendes Wesen in -dieser Hinsicht einfach so beschreibbar, da es diesseits -oder jenseits einer solchen Kluft sich aufhalte. Nicht einmal -die Grammatik ist so streng.</p> - -<p>Man hat in dem Streite um die Frauenfrage vielfach -<em class="gesperrt">den Anatomen</em> als Schiedsrichter angerufen, um durch ihn -die kontroverse Abgrenzung der <em class="gesperrt">unabnderlichen</em>, weil <em class="gesperrt">angebornen</em>, -gegen die <em class="gesperrt">erworbenen</em> Eigenschaften der mnnlichen -und weiblichen Sinnesart vornehmen zu lassen. (Sonderbar -genug war es, von seinen Befunden die Entscheidung -abhngig zu machen in der Frage der natrlichen Begabung -von Mann und Weib: als ob, wenn <em class="gesperrt">wirklich</em> alle andere -Erfahrung hier keinerlei Unterschied htte feststellen knnen, -zwlf Deka Hirn plus auf der einen Seite ein solches Resultat<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> -zu widerlegen vermchten.) Aber die besonnenen Anatomen -geben, um ausnahmslose Kriterien gefragt, in jedem Falle, handle -es sich nun um das Gehirn oder sonst um irgend ein Organ -des Krpers, zur Antwort: <em class="gesperrt">durchgehende</em> sexuelle Unterschiede -zwischen <em class="gesperrt">allen</em> Mnnern einerseits und <em class="gesperrt">allen</em> Frauen -anderseits sind nicht nachweisbar. Wohl sei auch das Handskelett -der Mehrzahl der Mnner ein anderes als das der -Mehrzahl der Frauen, doch sei mit Sicherheit weder aus den -skelettierten noch aus den mit Muskeln, Bndern, Sehnen, -Haut, Blut und Nerven aufbewahrten (isolierten) Bestandteilen -das Geschlecht mit Sicherheit bestimmbar. Ganz das Gleiche -gelte vom Thorax, vom Kreuzbein, vom Schdel. Und wie -steht es mit dem Skeletteil, bei dem, wenn berhaupt -irgendwo, strenge geschlechtliche Unterschiede hervortreten -mten, was ist's mit dem Becken? Das Becken ist doch der -allgemeinen berzeugung nach im einen Fall dem Geburtsakt -angepat, im anderen nicht. Aber nicht einmal beim Becken -ist mit Sicherheit ein Mastab anzulegen. Es gibt, wie jeder -von der Strae her wei — und die Anatomen wissen da -auch nicht mehr — genug Weiber mit mnnlichem schmalen -und genug Mnner mit weiblichem breiten Becken. Also -ist es nichts mit den Geschlechtsunterschieden? Da wre es -ja fast geraten, Mnner und Weiber berhaupt nicht mehr -zu unterscheiden?!</p> - -<p>Wie helfen wir uns aus der Frage? Das Alte ist ungengend, -und wir knnen es doch gewi nicht entbehren. -Reichen die berkommenen Begriffe nicht aus, so werden -wir sie nur aufgeben, um zu versuchen, uns neu und besser -zu orientieren.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span><small><a name="V_I_Kapitel" id="V_I_Kapitel">I. Kapitel.</a></small><br /> - -„Mnner“ und „Weiber“.</h2> - - -<p>Mit der allgemeinsten Klassifikation der meisten Lebewesen, -ihrer Kennzeichnung schlechtweg als Mnnchen oder -Weibchen, Mann oder Weib, kommen wir den Tatsachen -gegenber nicht lnger aus. Die Mangelhaftigkeit dieser Begriffe -wird von vielen mehr oder weniger klar gefhlt. Hier -ins Reine zu kommen, ist zunchst das Ziel dieser Arbeit.</p> - -<p>Ich schliee mich anderen Autoren, welche in jngster -Zeit ber zu diesem Thema gehrige Erscheinungen geschrieben -haben, an, wenn ich zum Ausgangspunkt der Betrachtung -die von der Entwicklungsgeschichte (Embryologie) -festgestellte Tatsache <em class="gesperrt">der geschlechtlichen Undifferenziertheit -der ersten embryonalen Anlage</em> des Menschen, -der Pflanzen und der Tiere whle.</p> - -<p>Einem menschlichen Embryo beispielsweise kann man, -wenn er jnger als fnf Wochen ist, das Geschlecht nicht -ankennen, zu dem er sich spter entwickeln wird. Erst in -der fnften Ftalwoche beginnen hier jene Prozesse, welche -gegen Ende des dritten Monates der Schwangerschaft zur -Entwicklung einer ursprnglich beiden Geschlechtern gemeinsamen -Genitalanlage nach einer Seite hin und weiter zur -Gestaltung des ganzen Individuums als eines sexuell <em class="gesperrt">genau -definierten</em> fhren.<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> Die Einzelheiten dieser Vorgnge -sollen hier nicht nher beschrieben werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> -Zu jener <em class="gesperrt">bisexuellen Anlage</em> eines jeden, auch des -hchsten Organismus, lt sich sehr gut das <em class="gesperrt">ausnahmslose -Beharren</em>, der Mangel eines vlligen Verschwindens -der Charaktere des anderen Geschlechtes <em class="gesperrt">beim noch so -eingeschlechtlich entwickelten</em> pflanzlichen, tierischen -und menschlichen Individuum in Beziehung bringen. Die geschlechtliche -Differenzierung ist nmlich nie eine vollstndige. -<em class="gesperrt">Alle Eigentmlichkeiten des mnnlichen Geschlechtes -sind irgendwie, wenn auch noch so schwach entwickelt, -auch beim weiblichen Geschlechte nachzuweisen; -und ebenso die Geschlechtscharaktere des -Weibes auch beim Manne smtlich irgendwie vorhanden, -wenn auch noch so zurckgeblieben in ihrer -Ausbildung.</em> Man sagt, sie seien rudimentr vorhanden. -So, um gleich den Menschen, der uns weiterhin fast ausschlielich -interessieren wird, als Beispiel anzufhren, hat -auch die weiblichste Frau einen feinen Flaum von unpigmentierten -Wollhaaren, Lanugo genannt, an den Stellen des -mnnlichen Bartes, auch der mnnlichste Mann in der Entwicklung -stehen gebliebene Drsenkomplexe unter einer -Brustwarze. Im einzelnen nachgegangen ist man diesen -Dingen vor allem in der Gegend der Geschlechtsorgane und -ihrer Ausfhrwege, im eigentlichen Tractus urogenitalis, -und hat bei jedem Geschlechte alle Anlagen des anderen im -rudimentren Zustande in lckenlosem Parallelismus nachweisen -knnen.</p> - -<p>Diese Feststellungen der Embryologen knnen, mit -anderen zusammengehalten, in einen systematischen Zusammenhang -gebracht werden. Bezeichnet man nach <em class="gesperrt">Hckel</em> -die Trennung der Geschlechter als <em class="gesperrt">Gonochorismus</em>, so wird -man zunchst bei verschiedenen Klassen und Arten verschiedene -<em class="gesperrt">Grade</em> dieses Gonochorismus zu unterscheiden haben. -Nicht nur die verschiedenen Arten der Pflanzen, sondern -auch die Tierspezies werden sich durch die <em class="gesperrt">grere oder -geringere Latenz</em> der Charaktere des zweiten Geschlechtes -voneinander abheben. Der extremste Fall der Geschlechtsdifferenzierung, -also strkster Gonochorismus, liegt fr dieses -erweiterte Blickfeld im <em class="gesperrt">Geschlechtsdimorphismus</em> vor,<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> -jener Eigentmlichkeit z. B. mancher Asselarten, da Mnnchen -und Weibchen innerhalb der nmlichen Spezies sich -uerlich voneinander nicht weniger, ja oft mehr unterscheiden, -als selbst Mitglieder zweier differenter Familien und -Gattungen. Bei Wirbeltieren kommt danach nie so ausgeprgter -Gonochorismus vor, als ihn z. B. Krustaceen oder Insekten -aufweisen knnen. Es gibt unter ihnen nirgends eine -so vollstndige Scheidung von Mnnchen und Weibchen, wie -sie im sexuellen Dimorphismus vollzogen ist, vielmehr berall -unzhlige Mischformen der Geschlechter, selbst sogenannten -abnormen Hermaphroditismus, ja bei den Fischen sogar -Familien mit ausschlielichem Zwittertum, mit normalem -Hermaphroditismus.</p> - -<p>Es ist nun von vornherein anzunehmen, da es nicht nur -extreme Mnnchen mit geringsten Resten der Weiblichkeit -und auf der anderen Seite extreme Weibchen mit ganz reduzierter -Mnnlichkeit und in der Mitte zwischen beiden gedrngt -jene Zwitterformen, zwischen jenen drei Punkten aber nur leere -Strecken geben werde. Uns beschftigt speziell der Mensch. -Doch ist fast alles, was hier ber ihn zu sagen ist, mit -greren oder geringeren Modifikationen auch auf die meisten -anderen Lebewesen mit geschlechtlicher Fortpflanzung anwendbar.</p> - -<p>Vom Menschen aber gilt ohne jeden Zweifel folgendes:</p> - -<p><em class="gesperrt">Es gibt</em> unzhlige Abstufungen <em class="gesperrt">zwischen Mann und -Weib</em>, <em class="gesperrt">sexuelle Zwischenformen</em>. <em class="gesperrt">Wie die Physik -von idealen Gasen spricht</em>, d. h. solchen, die genau -dem <em class="gesperrt">Boyle-Gay-Lussac</em>schen Gesetze folgen (in Wirklichkeit -gehorcht ihm kein einziges), und von diesem Gesetze -ausgeht, um im konkreten Falle die Abweichungen von ihm -zu konstatieren: <em class="gesperrt">so knnen wir einen idealen Mann M -und ein ideales Weib W, die es in der Wirklichkeit -nicht gibt, aufstellen als sexuelle Typen</em>. Diese Typen -<em class="gesperrt">knnen</em> nicht nur, sie <em class="gesperrt">mssen</em> konstruiert werden. <em class="gesperrt">Nicht -allein das Objekt der Kunst, auch das der Wissenschaft -ist der Typus, die platonische Idee.</em> Die wissenschaftliche -Physik erforscht das Verhalten des <em class="gesperrt">vollkommen</em> -starren und des <em class="gesperrt">vollkommen</em> elastischen Krpers, wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> -bewut, da die Wirklichkeit weder den einen noch den -anderen ihr je zur Besttigung darbieten wird; die empirisch -gegebenen Vermittlungen zwischen beiden dienen ihr nur -als Ausgangspunkt fr diese Aufsuchung der typischen Verhaltungsweisen -und werden bei der Rckkehr aus der Theorie -zur Praxis als Mischflle behandelt und erschpfend dargestellt. -<em class="gesperrt">Und ebenso gibt es nur alle mglichen vermittelnden -Stufen zwischen dem vollkommenen -Manne und dem vollkommenen Weibe</em>, Annherungen -an beide, die selbst nie von der Anschauung erreicht -werden.</p> - -<p>Man achte wohl: hier ist nicht blo von bisexueller -<em class="gesperrt">Anlage</em> die Rede, sondern von <em class="gesperrt">dauernder</em> Doppelgeschlechtlichkeit. -Und auch nicht blo von den sexuellen <em class="gesperrt">Mittel</em>stufen, -(krperlichen oder psychischen) Zwittern, auf die bis -heute aus naheliegenden Grnden alle hnlichen Betrachtungen -beschrnkt sind. In dieser Form ist also der Gedanke -durchaus neu. Bis heute bezeichnet man als sexuelle Zwischenstufen -nur die sexuellen <em class="gesperrt">Mittel</em>stufen: als ob dort, mathematisch -gesprochen, eine <em class="gesperrt">Hufungsstelle</em> wre, <em class="gesperrt"><b>mehr</b> -wre als eine kleine Strecke auf der berall -<b>gleich</b> dicht besetzten Verbindungslinie zweier Extreme</em>!</p> - -<p>Also Mann und Weib sind wie zwei Substanzen, die in -verschiedenem Mischungsverhltnis, ohne da je der Koeffizient -einer Substanz Null wird, auf die lebenden Individuen -verteilt sind. <em class="gesperrt">Es gibt in der Erfahrung nicht Mann noch -Weib</em> knnte man sagen, <em class="gesperrt">sondern nur mnnlich und -weiblich</em>. Ein Individuum A oder ein Individuum B darf -man darum nicht mehr schlechthin als Mann oder Weib -bezeichnen, sondern ein jedes ist nach den Bruchteilen zu beschreiben, -die es von <em class="gesperrt">beiden</em> hat, etwa:</p> - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Anteile Mann und Weib"> -<tr><td align="left" rowspan="2">A</td><td align="left" rowspan="2"><big>{</big></td> - <td align="left">α<span class="hidden">'</span> M</td> - <td align="left" rowspan="2"> B</td><td align="left" rowspan="2"><big>{</big></td><td align="left">β<span class="hidden">'</span> W</td></tr> -<tr><td align="left">α' W</td> <td align="left">β' M</td></tr> -</table></div> - -<p class="noindent">wobei stets</p> - -<p class="center"> -0 < α<span class="hidden">'</span> < 1, 0 < β<span class="hidden">'</span> < 1,<br /> -0 < α' < 1, 0 < β' < 1.<br /> -</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> - -Die genaueren Belege fr diese Auffassung — einiges -Allgemeinste wurde vorbereitend in der Einleitung angedeutet -— sind zahllos. Es sei erinnert an alle Mnner mit -weiblichem Becken und weiblichen Brsten, fehlendem oder -sprlichem Bartwuchs, mit ausgesprochener Taille, berlangem -Kopfhaar, an alle Weiber mit schmalen Hften<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> und flachen -Brsten, mageren Nates und Femurfettpolstern, tiefer rauher -Stimme und einem Schnurrbart (zu dem die Anlage viel fter -ausgiebig vorhanden ist, als man sie gemeiniglich bemerkt, -weil er natrlich nie belassen wird; vom Barte, der so vielen -Frauen nach dem Klimakterium wchst, ist hier nicht die -Rede) etc. etc. Alle diese Dinge, <em class="gesperrt">die sich bezeichnenderweise -fast immer am gleichen Menschen beisammen -finden</em>, sind jedem Kliniker und praktischen Anatomen aus -eigener Anschauung bekannt, nur noch nirgends zusammengefat.</p> - -<p>Den umfassendsten Beweis fr die hier verfochtene -Anschauung liefert aber die groe Schwankungsbreite der -Zahlen fr geschlechtliche Unterschiede, die innerhalb der einzelnen -Arbeiten wie zwischen den verschiedenen anthropologischen -und anatomischen Unternehmungen zur Messung derselben -ohne Ausnahme anzutreffen ist, die Tatsache, da die -Zahlen fr das weibliche Geschlecht nie dort anfangen, wo jene -fr das mnnliche aufhren, sondern stets in der Mitte ein Gebiet -liegt, in welchem Mnner und Frauen vertreten sind. So sehr -diese Unsicherheit der Theorie von den sexuellen Zwischenstufen -zugute kommt, so aufrichtig mu man sie im Interesse -wahrer Wissenschaft bedauern. Die Anatomen und Anthropologen -von Fach haben eben eine wissenschaftliche Darstellung -des sexuellen Typus noch gar nicht angestrebt, sondern -wollten immer nur allgemein in gleichem Ausmae gltige -Merkmale haben, und hieran wurden sie durch die berzahl<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> -der Ausnahmen immer verhindert. So erklrt sich die Unbestimmtheit -und Weite aller hieher gehrigen Resultate der -Messung.</p> - -<p>Gar sehr hat der Zug zur Statistik, der unser industrielles -Zeitalter vor allen frheren auszeichnet, in dem es -— offenbar der schchternen Verwandtschaft mit der Mathematik -wegen — seine Wissenschaftlichkeit besonders betont -glaubt, auch hier den Fortschritt der Erkenntnis gehemmt. -Den <em class="gesperrt">Durchschnitt</em> wollte man gewinnen, nicht den -<em class="gesperrt">Typus</em>. Man begriff gar nicht, da es im Systeme reiner (nicht -angewandter) Wissenschaft nur auf diesen ankommt. Darum -lassen denjenigen, welchem es um die Typen zu tun ist, die -bestehende Morphologie und Physiologie mit ihren Angaben -gnzlich im Stich. Es wren da alle Messungen wie auch -alle brigen Detailforschungen erst auszufhren. Was existiert, -ist fr eine Wissenschaft auch in laxerem (nicht erst in -Kantischem) Sinne vllig unverwendbar.</p> - -<p>Alles kommt auf die Kenntnis von M und W, auf die -richtige Feststellung des idealen Mannes und des idealen -Weibes an (ideal im Sinne von typisch, ohne jede Bewertung).</p> - -<p>Wird es gelungen sein, diese Typen zu erkennen und -zu konstruieren, so wird die Anwendung auf den einzelnen -Fall, seine Darstellung durch ein quantitatives Mischungsverhltnis, -ebenso unschwer wie fruchtbar sein.</p> - -<p>Ich resumiere den Inhalt dieses Kapitels: es gibt keine -kurzweg als ein- und bestimmt-geschlechtlich zu bezeichnenden -Lebewesen. Vielmehr zeigt die Wirklichkeit ein Schwanken -zwischen zwei Punkten, auf denen selbst kein empirisches -Individuum mehr anzutreffen ist, <em class="gesperrt">zwischen</em> denen <em class="gesperrt">irgendwo</em> -jedes Individuum sich aufhlt. Aufgabe der Wissenschaft ist -es, die Stellung jedes Einzelwesens zwischen jenen zwei Bauplnen -festzustellen; diesen Bauplnen ist keineswegs eine -metaphysische Existenz neben oder ber der Erfahrungswelt -zuzuschreiben, sondern ihre Konstruktion ist notwendig aus -dem heuristischen Motive einer mglichst vollkommenen Abbildung -der Wirklichkeit. — —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> - -Die Ahnung dieser Bisexualitt alles Lebenden (durch -die nie ganz vollstndige sexuelle Differenzierung) ist uralt. -Vielleicht ist sie chinesischen Mythen nicht fremd gewesen; -jedenfalls war sie im Griechentum uerst lebendig. Hiefr -zeugen die Personifikation des Hermaphroditos als einer -mythischen Gestalt; die Erzhlung des Aristophanes im -platonischen Gastmahl; ja noch in spter Zeit galt der -gnostischen Sekte der Ophiten der Urmensch als mannweiblich, -ἀρσενόθηλυς.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><small><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span><a name="V_II_Kapitel" id="V_II_Kapitel">II. Kapitel.</a></small><br /> - -Arrhenoplasma und Thelyplasma.</h2> - - -<p>Die nchste Erwartung, welche eine Arbeit zu befriedigen -htte, in deren Plan eine universelle Revision aller -einschlgigen Tatsachen gelegen wre, wrde sich auf eine -neue und vollstndige Darstellung der anatomischen und physiologischen -Eigenschaften der sexuellen Typen richten. Da -ich aber selbstndige Untersuchungen zum Zwecke einer -Lsung dieser umfassenden Aufgabe nicht angestellt habe, -und eine Beantwortung jener Fragen fr die <em class="gesperrt">letzten</em> Ziele -dieses Buches mir nicht notwendig erscheint, so mu ich auf dieses -Unternehmen von vornherein Verzicht leisten — ganz abgesehen -davon, ob es die Krfte eines einzelnen nicht bei -weitem bersteigt. Eine Kompilation der in der Literatur -niedergelegten Ergebnisse wre berflssig, denn eine solche -ist in vorzglicher Weise von <em class="gesperrt">Havelock Ellis</em> besorgt worden. -Aus den von ihm gesammelten Resultaten die sexuellen Typen -auf dem Wege wahrscheinlicher Schlufolgerungen zu gewinnen, -bliebe hypothetisch und wrde der Wissenschaft nicht -eine einzige Neuarbeit zu ersparen vermgen. Die Errterungen -dieses Kapitels sind darum mehr formaler und -allgemeiner Natur, sie gehen auf die biologischen Prinzipien, -zum Teil wollen sie auch jener notwendigen Arbeit der Zukunft -die Bercksichtigung bestimmter einzelner Punkte ans -Herz legen und so derselben frderlich zu werden versuchen. -Der biologische Laie kann diesen Abschnitt berschlagen, -ohne das Verstndnis der brigen hiedurch sehr zu beeintrchtigen.</p> - -<p>Es wurde die Lehre von den verschiedenen Graden der -Mnnlichkeit und Weiblichkeit vorderhand rein anatomisch -entwickelt. Die Anatomie wird aber nicht nur nach den<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> -Formen fragen, in denen, sondern auch nach den Orten, an -denen sich Mnnlichkeit und Weiblichkeit ausprgt. Da die -Sexualitt nicht blo auf die Begattungswerkzeuge und die -Keimdrsen beschrnkt ist, geht schon aus den frher als -Beispielen sexueller Unterschiedenheit erwhnten Krperteilen -hervor. Aber wo ist hier die Grenze zu ziehen, mit anderen -Worten, wo steckt das Geschlecht und wo steckt es nicht? -Ist es blo auf die primren und sekundren Sexualcharaktere -beschrnkt? Oder reicht sein Umfang nicht viel -weiter?</p> - -<p>Es scheint nun eine groe Anzahl in den letzten Jahrzehnten -aufgefundener Tatsachen zur Wiederaufnahme einer -Lehre zu zwingen, welche in den vierziger Jahren des -XIX. Jahrhunderts aufgestellt wurde, aber wenig Anhnger -fand, da ihre Konsequenzen dem Begrnder der Theorie selbst -ebenso wie ihren Bestreitern einer Reihe von Forschungsergebnissen -zu widersprechen schienen, die zwar nicht jenem, -aber diesen als unumstlich galten. Ich meine unter dieser Anschauung, -welche, mit einer Modifikation, die Erfahrung uns -gebieterisch abermals aufntigt, die Lehre des Kopenhagener -Zoologen Joh. Japetus Sm. <em class="gesperrt">Steenstrup</em>, der behauptet hatte, -<em class="gesperrt">das Geschlecht stecke berall im Krper</em>.</p> - -<p>Ellis hat zahlreiche Untersuchungen ber fast alle Gewebe -des Organismus excerpiert, die berall Unterschiede der -Sexualitt nachweisen konnten. Ich will erwhnen, da der -typisch mnnliche und der typisch weibliche Teint sehr -voneinander verschieden sind; dies berechtigt zur Annahme -sexueller Differenzen in den Zellen der Cutis und der Blutgefe. -Aber auch in der Menge des Blutfarbstoffes, in der -Zahl der roten Blutkrperchen im Kubikcentimeter der Flssigkeit -sind solche gesichert. <em class="gesperrt">Bischoff</em> und <em class="gesperrt">Rdinger</em> -haben im Gehirne Abweichungen der Geschlechter voneinander -festgestellt, und Justus und Alice <em class="gesperrt">Gaule</em> in der jngsten -Zeit solche auch in vegetativen Organen (Leber, Lunge, Milz) -aufgefunden. Tatschlich wirkt auch <em class="gesperrt">alles</em> am Weibe, wenn -auch gewisse Zonen strker und andere schwcher, <em class="gesperrt">erogen</em> -auf den Mann, und ebenso <em class="gesperrt">alles</em> am Manne sexuell anziehend -und erregend auf das Weib.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> - -Wir knnen so zu der vom formal-logischen Standpunkt -hypothetischen, aber durch die Summe der Tatsachen fast zur -Gewiheit erhobenen Anschauung fortschreiten: <em class="gesperrt">jede Zelle -des Organismus ist</em> (wie wir vorlufig sagen wollen) <em class="gesperrt">geschlechtlich -charakterisiert, oder hat eine bestimmte -sexuelle Betonung</em>. Unserem Prinzipe der Allgemeinheit -der sexuellen Zwischenformen gem werden wir gleich hinzufgen, -<em class="gesperrt">da diese sexuelle Charakteristik verschieden -hohe Grade haben kann</em>. Diese sofort zu machende Annahme -einer verschieden starken Ausprgung der sexuellen -Charakteristik liee uns auch den Pseudo- und sogar den -echten Hermaphroditismus (dessen Vorkommen fr viele Tiere, -wenn auch nicht mit Sicherheit fr den Menschen, seit <em class="gesperrt">Steenstrups</em> -Zeit ber allen Zweifel erhoben worden ist) unserem -Systeme leicht eingliedern. <em class="gesperrt">Steenstrup</em> sagte: Wenn das -Geschlecht eines Tieres wirklich seinen Sitz allein in den -Geschlechtswerkzeugen htte, so knnte man sich noch zwei -Geschlechter in einem Tiere gesammelt, zwei solche Geschlechtswerkzeuge -an die Seite voneinander gestellt denken. -Aber das Geschlecht ist nicht etwas, welches seinen Sitz in einer -gegebenen Stelle hat, oder welches sich nur durch ein angegebenes -Werkzeug uert; es wirkt durch das ganze Wesen, -und hat sich in jedem Punkte davon entwickelt. In einem -mnnlichen Geschpfe ist jeder, auch der kleinste Teil mnnlich, -mag er dem entsprechenden Teile von einem weiblichen -Geschpfe noch so hnlich sein, und in diesem ist ebenso der -allerkleinste Teil nur weiblich. Eine Vereinigung von beiden -Geschlechtswerkzeugen in einem Geschpfe wrde deshalb -dieses erst zweigeschlechtlich machen, wenn die Naturen -beider Geschlechter durch den ganzen Krper herrschen und -sich auf jeden einzelnen Punkt davon geltend machen knnten -— etwas, das sich infolge des Gegensatzes beider Geschlechter -nur als eine gegenseitige Aufhebung voneinander, als ein -Verschwinden alles Geschlechtes in einem solchen Geschpfe -uern knnte. Wenn jedoch, und hiezu scheinen alle empirischen -Tatsachen zu zwingen, <em class="gesperrt">das Prinzip der unzhligen -sexuellen bergangsstufen zwischen M und -W auf alle Zellen des Organismus ausgedehnt wird</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> -so entfllt die Schwierigkeit, an der <em class="gesperrt">Steenstrup</em> Ansto -nahm, und das Zwittertum ist keine Naturwidrigkeit mehr. -Von der vlligen Mnnlichkeit an in allen Vermittlungen bis -zu deren gnzlichem Fehlen, welches mit dem Vorhandensein -der absoluten Weiblichkeit zusammenfiele, sind danach <em class="gesperrt">unzhlige -verschiedene sexuelle Charakteristiken</em> jeder -einzelnen Zelle denkbar. Ob diese Graduierung in einer -Skala von Differenzialien wirklich unter dem Bilde <em class="gesperrt">zweier -realer</em>, jeweils in anderem Verhltnis zusammentretender -Substanzen zu denken ist, oder ein <em class="gesperrt">einheitliches</em> Protoplasma -in unendlich vielen Modifikationen (etwa rumlich verschiedenen -Anordnungen der Atome in groen Moleklen) anzunehmen -ist, darber tut man gut, sich jeder Vermutung zu -enthalten. Die erste Annahme wird physiologisch nicht gut verwendbar -sein — man denke an eine mnnliche oder weibliche -Krperbewegung und die dann notwendige Duplizitt in den -bestimmenden Verhltnissen ihrer realen, physiologisch doch -immer einheitlichen Erscheinungsform; die zweite erinnert -zu sehr an wenig geglckte Spekulationen ber die Vererbung. -Vielleicht sind beide gleich weit von der Wahrheit -entfernt.</p> - -<p>Worin die Mnnlichkeit (Maskulitt) oder Weiblichkeit -(Muliebritt) einer Zelle eigentlich bestehen mag, welche histologischen, -molekular-physikalischen oder gar chemischen Unterschiede -jede Zelle von W trennen mgen von jeder Zelle -von M, darber ist eine Aussage auch auf dem Wege der -Wahrscheinlichkeit heute empirisch nicht zu begrnden. Ohne -also irgend einer spteren Untersuchung vorzugreifen (die -wohl die Unableitbarkeit des spezifisch Biologischen aus -Physik und Chemie zur Genge eingesehen haben wird), lt -sich die Annahme <em class="gesperrt">verschieden</em> starker sexueller Betonungen -auch fr alle <em class="gesperrt">Einzelzellen</em>, nicht blo fr den <em class="gesperrt">ganzen</em> -Organismus als ihre Summe, mit guten Grnden verteidigen. -Weibliche Mnner haben meist auch eine insgesamt weiblichere -Haut, die Zellen der mnnlichen Organe haben bei -ihnen schwchere Tendenzen zur Teilung, worauf das geringere -Wachstum makroskopischer Sexualcharaktere unbedingt zurckweist, -<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>u. s. w.</p> - -<p>Nach dem verschiedenen Grade der makroskopischen -Ausprgung der sexuellen Charakteristik ist auch die Einteilung -der Sexualcharaktere zu treffen; ihre Anordnung fllt -im groen zusammen mit der Strke ihrer erogenen Wirkung -auf das andere Geschlecht (wenigstens im Tierreiche). Um nicht -von der allgemein angenommenen <em class="gesperrt">John Hunter</em>schen -Nomenklatur abzuweichen und jede Verwirrung zu vermeiden, -nenne ich <em class="gesperrt">primordiale Sexualcharaktere</em> die mnnliche -und die weibliche Keimdrse (Testis, Epididymis, Ovarium, -Epoophoron); <em class="gesperrt">primre</em> die inneren Adnexe der Keimdrsen -(Samenstrnge, Samenblschen, Tuba, Uterus, die ihrer -sexuellen Charakteristik nach erfahrungsgem von jener der -Keimdrsen zuweilen weit differieren) <em class="gesperrt">und</em> die ueren -Geschlechtsteile, nach welchen allein die Geschlechtsbestimmung -des Menschen bei der Geburt vollzogen und -damit in gewisser Weise ber sein Lebensschicksal (wie sich -zeigen wird, nicht selten unrichtig) entschieden wird. Alle -Geschlechtscharaktere <em class="gesperrt">nach</em> den primren haben das Gemeinsame, -da sie fr die Zwecke der Begattung nicht unmittelbar -mehr erforderlich sind. Als <em class="gesperrt">sekundre Geschlechtscharaktere</em> -sind zunchst am besten scharf zu umgrenzen -diejenigen, welche erst <em class="gesperrt">zur Zeit der Geschlechtsreife</em> -uerlich sichtbar auftreten und nach einer fast zur -Gewiheit erhobenen Anschauung ohne eine innere Sekretion -bestimmter Stoffe aus den Keimdrsen in das Blut -sich nicht entwickeln knnen (Wuchs des mnnlichen Bartes -und des weiblichen Kopfhaares, Brsteentwicklung, Stimmwechsel -u. s. w.).</p> - -<p><em class="gesperrt">Praktische</em> Grnde mehr als theoretische empfehlen -die weitere Bezeichnung erst auf Grund von uerungen oder -Handlungen zu erschlieender angeborener Eigenschaften, wie -Muskelkraft, Eigenwilligkeit beim Manne, als <em class="gesperrt">tertirer -Sexualcharaktere</em>. Durch relativ zufllige Sitte, Gewhnung, -Beschftigung hinzugekommen sind endlich die accessorischen -oder <em class="gesperrt">quartren</em> Sexualcharaktere, wie Rauchen und Trinken -des Mannes, Handarbeit des Weibes; auch diese ermangeln -nicht, gelegentlich ihre erogene Wirkung auszuben, und -schon dies deutet darauf hin, da sie viel fter, als man<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> -vielleicht glaubt, auf die tertiren zurckzufhren sind und -mglicherweise bisweilen tief noch mit den primordialen zusammenhngen. -Mit dieser Klassifikation der Sexualcharaktere -soll nichts fr eine <em class="gesperrt">wesentliche</em> Reihenfolge prjudiziert und -gar nichts darber entschieden sein, ob die geistigen Eigenschaften -im Vergleiche zu den krperlichen primr oder von -ihnen bedingt und erst im Laufe einer langen Kausalkette -aus ihnen abzuleiten sind; sondern nur die Strke der anziehenden -Wirkung auf das andere Geschlecht<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>, die zeitliche -Reihenfolge, in welcher sie diesem auffallen und die Rangordnung -der Sicherheit, mit der sie von ihm erschlossen -werden, drfte hiemit fr die meisten Flle getroffen sein.</p> - -<p>Die sekundren Geschlechtscharaktere fhrten zur Erwhnung -der inneren Sekretion von Keimstoffen in den -Kreislauf. Die Wirkungen dieses Einflusses wie seines durch -Kastration knstlich erzeugten Mangels hat man nmlich vor -allem an der Entwicklung oder dem Ausbleiben der <em class="gesperrt">sekundren</em> -Geschlechtscharaktere studiert. Die innere Sekretion -bt aber zweifellos einen Einflu auf <em class="gesperrt">alle</em> Zellen des Krpers. -Dies beweisen die Vernderungen, welche zur Zeit der -Pubertt im <em class="gesperrt">ganzen</em> Organismus und nicht blo an den -durch sekundre Geschlechtscharaktere ausgezeichneten Partien -erfolgen. Auch kann man von vornherein die innere Sekretion -aller Drsen nicht gut anders auffassen, als auf alle Gewebe -<em class="gesperrt">gleichmig</em> sich erstreckend.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die innere Sekretion der Keimdrsen komplettiert -also erst die Geschlechtlichkeit des Individuums.</em> -Es ist demgem in jeder Zelle eine <em class="gesperrt">originre -sexuelle Charakteristik anzunehmen</em>, zu der jedoch die -innere Sekretion der Keimdrsen <em class="gesperrt">in einem gewissen Ausmae -als ergnzende Komplementrbedingung hinzukommen -mu, um ein bestimmt qualifiziertes, -fertiges Masculinum oder Femininum hervorzubringen</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> -Die Keimdrse ist das Organ, in welchem die sexuelle -Charakteristik des Individuums <em class="gesperrt">am sichtbarsten</em> hervortritt, -und in dessen morphologischen Elementareinheiten sie am -leichtesten nachweisbar ist. Ebenso mu man aber annehmen, -da die Gattungs-, Art-, Familieneigenschaften eines Organismus -in den Keimdrsen am vollzhligsten vertreten sind. -Gleichwie anderseits <em class="gesperrt">Steenstrup</em> mit Recht gelehrt hat, -da das Geschlecht berall im Krper verbreitet und nicht -blo in spezifischen Geschlechtsteilen lokalisiert sei, so -haben <em class="gesperrt">Naegeli</em>, <em class="gesperrt">de Vries</em>, <em class="gesperrt">Oscar Hertwig</em> u. a. die ungemein -aufklrende Theorie entwickelt und mit wichtigen Argumenten -sehr sicher begrndet, da <em class="gesperrt">jede</em> Zelle eines vielzelligen -Organismus Trger der <em class="gesperrt">gesamten <b>Art</b></em>eigenschaften -ist, und diese in den Keimzellen nur in einer besonderen -ausgezeichneten Weise zusammengefat erscheinen — was -vielleicht einmal allen Forschern selbstverstndlich vorkommen -wird angesichts der Tatsache, da jedes Lebewesen -durch Furchung und Teilung aus <em class="gesperrt">einer</em> einzigen Zelle -entsteht.</p> - -<p>Wie nun die genannten Forscher auf Grund vieler Phnomene, -die seitdem durch zahlreiche Erfahrungen ber -Regeneration aus beliebigen Teilen und Feststellungen -chemischer Differenzen in den homologen Geweben verschiedener -Spezies vermehrt worden sind, die Existenz des -<em class="gesperrt">Idioplasma</em> als der <em class="gesperrt">Gesamtheit</em> der spezifischen Arteigenschaften -auch in allen jenen Zellen eines Metazoons anzunehmen -berechtigt waren, die nicht mehr unmittelbar fr -die Fortpflanzung verwertet werden — so knnen und -mssen auch <em class="gesperrt">hier</em> die Begriffe eines <em class="gesperrt">Arrhenoplasma</em> und -eines <em class="gesperrt">Thelyplasma</em> geschaffen werden, <em class="gesperrt">als der zwei -Modifikationen, in denen jedes Idioplasma bei -geschlechtlich differenzierten Wesen auftreten -kann</em>, und zwar nach den hier grundstzlich vertretenen Ansichten -wieder nur als <em class="gesperrt">Idealflle</em>, als Grenzen, <em class="gesperrt">zwischen</em> -denen die empirische Realitt liegt. Es geht demnach das wirklich -existierende Protoplasma, vom idealen Arrhenoplasma sich -immer mehr entfernend, durch einen (realen oder gedachten) Indifferenzpunkt -(= Hermaphroditismus verus) in ein Protoplasma<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> -ber, das bereits dem Thelyplasma nher liegt, um sich diesem -bis auf ein Differenziale zu nhern. Dies ist aus der Summe -des Vorausgeschickten nur die konsequente Folgerung, und -ich bitte die neuen Namen zu entschuldigen; sie sind nicht -dazu erfunden, um die Neuheit der Sache zu steigern.</p> - -<p>Der Nachweis, da <em class="gesperrt">jedes</em> einzelne Organ und weiter -<em class="gesperrt">jede einzelne Zelle</em> eine Sexualitt besitzt, die auf irgend -einem Punkte zwischen Arrhenoplasma und Thelyplasma -anzutreffen sein wird, da also jeder Elementarteil ursprnglich -in bestimmter Weise und bestimmtem Ausma sexuell -charakterisiert ist, dieser Nachweis lt sich auch durch die -Tatsache leicht fhren, da selbst im <em class="gesperrt">gleichen</em> Organismus die -verschiedenen Zellen nicht immer die gleiche und sehr oft nicht -eine gleich <em class="gesperrt">starke</em> sexuelle Charakteristik besitzen. Es liegt -nmlich durchaus nicht in allen Zellen eines Krpers der -gleiche Gehalt an M oder W, die gleiche Annherung an -Arrhenoplasma oder Thelyplasma, ja es knnen Zellen des -gleichen Krpers auf verschiedenen Seiten des Indifferenzpunktes -zwischen diesen Polen sich befinden. Wenn wir, -statt Maskulitt und Muliebritt immer auszuschreiben, verschiedene -Vorzeichen fr beide whlen und, noch ohne -tckische tiefere Hintergedanken, dem Mnnlichen ein positives, -dem Weiblichen ein negatives Vorzeichen geben, so -heit jener Satz in anderer Ausdrucksform: in den Zellen -des nmlichen Organismus kann die Sexualitt der verschiedenen -Zellen nicht nur eine verschiedene absolute Gre, -sondern auch ein verschiedenes Vorzeichen haben. Es gibt -<em class="gesperrt">sonst</em> ziemlich wohlcharakterisierte Masculina mit nur ganz -schwachem Bart und ganz schwacher Muskulatur; oder fast -typische Feminina mit schwachen Brsten. Und anderseits -recht weibische Mnner mit starkem Bartwuchs, Weiber, die -bei abnorm kurzem Haar und deutlich sichtbarem Bartwuchs gut -entwickelte Brste und ein gerumiges Becken aufweisen. -Mir sind ferner Menschen bekannt mit weiblichem Ober- und -mnnlichem Unterschenkel, mit rechter weiblicher und linker -mnnlicher Hfte. berhaupt werden von der lokalen Verschiedenheit -der sexuellen Charakteristik am hufigsten die -beiden, auch sonst nur im idealen Falle symmetrischen<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> -Krperhlften rechts und links von der Medianebene betroffen; -hier findet man in dem Grade der Ausprgung der Sexualcharaktere, -z. B. des Bartwuchses, eine Unzahl von Asymmetrien. Auf -eine ungleichmige innere Sekretion lt sich aber dieser -Mangel an Konformitt (und eine absolute Konformitt gibt -es in der sexuellen Charakteristik nie), wie schon gesagt, -kaum schieben; das Blut mu zwar nicht in gleicher Menge, -aber doch in gleicher Mischung zu allen Organen gelangen, -in nichtpathologischen Fllen stets in einer den Bedingungen -der Erhaltung angemessenen Qualitt und Quantitt.</p> - -<p>Wre also nicht eine ursprngliche, vom Anfang der -embryonalen Entwicklung an feststehende, in jeder einzelnen -Zelle im allgemeinen verschiedene sexuelle Charakteristik als -die Ursache dieser Variationen anzunehmen, so mte ein -Individuum einfach durch eine Angabe darber, wie gut -beispielsweise seine Keimdrsen dem Typus des Geschlechtes -sich annhern, vollauf sexuell beschrieben werden knnen, -und die Sache lge viel einfacher, als sie in Wirklichkeit ist. -Die Sexualitt ist aber nicht in einem fiktiven Normalma -gleichsam ausgegossen ber das ganze Individuum, so da -mit der sexuellen Bestimmung <em class="gesperrt">einer</em> Zelle auch alle anderen -erledigt wren. Wenn auch <em class="gesperrt">weite</em> Abstnde in der sexuellen -Charakteristik zwischen verschiedenen Zellen oder Organen -<em class="gesperrt">desselben</em> Lebewesens eine Seltenheit bilden werden: als den -<em class="gesperrt">allgemeinen</em> Fall mu man die <em class="gesperrt">Spezifitt</em> derselben fr -jede einzelne Zelle ansehen; man wird aber dabei immerhin -daran festhalten knnen, da sich viel hufiger Annherungen -an eine vollkommene Einfrmigkeit der sexuellen Charakteristik -(durch den ganzen Krper hindurch) finden, als ein -Auseinandertreten zu betrchtlichen graduellen Differenzen -zwischen den einzelnen Organen, geschweige denn zwischen -den einzelnen Zellen vorzukommen scheint. Das Maximum -der hier mglichen Schwankungsbreite mte erst durch eine -Untersuchung im einzelnen festgestellt werden.</p> - -<p>Trte, wie dies die populre, auf <em class="gesperrt">Aristoteles</em> zurckgehende -Ansicht und auch die Anschauung vieler Mediziner -und Zoologen ist, mit der <em class="gesperrt">Kastration</em> eines Tieres regelmig -ein Umschlag nach dem entgegengesetzten Geschlechte<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> -hin ein, wre z. B. mit der Entmannung eines Tieres auch -schon eo ipso als Folge seine vllige Verweiblichung gesetzt, -so wre das Bestehen eines von den Keimdrsen unabhngigen -primordialen Sexualcharakters jeder Zelle wieder in Frage -gestellt. Aber die jngsten experimentellen Untersuchungen -von <em class="gesperrt">Sellheim</em> und <em class="gesperrt">Foges</em> haben gezeigt, da es einen vom -weiblichen durchaus verschiedenen Typus des Kastraten gibt, -da Entmannung nicht ohne weiters identisch ist mit Verweiblichung. -Freilich wird man gut tun, auch in dieser -Richtung zu weitgehende, radikale Folgerungen zu vermeiden, -man darf keinesfalls die Mglichkeit ausschlieen, da eine -zweite, latent gebliebene Keimdrse des anderen Geschlechtes -nach Beseitigung oder Atrophie einer ersten Keimdrse -sozusagen die Herrschaft ber einen in seiner sexuellen -Charakteristik in gewissem Mae schwankenden Organismus -gewinne. Die hufigen, freilich wohl allgemein etwas zu -khn (als durchgngige Annahme mnnlicher Charaktere) -interpretierten Flle, in denen, nach der Involution der weiblichen -Geschlechtsorgane im Klimakterium, an einem weiblichen -Organismus uere sekundre Sexualcharaktere des -Masculinums sichtbar werden, wren das bekannteste Beispiel -hiefr: der Bart der menschlichen Gromtter, alte -Ricken, die bisweilen einen kurzen Stirnzapfen erhalten, die -Hahnenfedrigkeit alter Hennen u. s. w. Aber selbst ganz -ohne senile Rckbildungen oder operative uere Eingriffe -scheinen derartige Verwandlungen vorzukommen. Sichergestellt -als die <em class="gesperrt">normale</em> Entwicklung sind sie fr einige Vertreter -der Gattungen Cymothoa, Anilocra, Nerocila aus den -zur Gruppe der Cymothoideen gehrigen, auf Fischen -schmarotzenden Asseln. Diese Tiere sind Hermaphroditen -eigentmlicher Art: an ihnen sind mnnliche und weibliche -Keimdrse dauernd gleichzeitig vorhanden, aber nicht gleichzeitig -funktionsfhig. Es besteht eine Art Protandrie: -jedes Individuum fungiert zuerst als Mnnchen, spter als -Weibchen. Zur Zeit ihrer Funktionstchtigkeit als Mnnchen -besitzen sie durchwegs mnnliche Begattungsorgane, die -nachher abgeworfen werden, wenn die weiblichen Ausfuhrwege -und Brutlamellen sich entwickelt und geffnet haben.<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> -Da es aber auch beim Menschen solche Dinge gibt, scheinen -jene uerst merkwrdigen Flle von Eviratio und Effeminatio -zu beweisen, von welchen die sexuelle Psychopathologie -aus dem erwachsenen Alter reifer Mnner erzhlt. Man wird -also um so weniger das tatschliche Vorkommen der Verweiblichung -in gnzliche Abrede stellen drfen, wenn fr -diese eine so gnstige Bedingung wie die Exstirpation der -mnnlichen Keimdrse geschaffen wird.<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> Da aber der -Zusammenhang kein allgemeiner und notwendiger ist, da -Kastration ein Individuum durchaus nicht <em class="gesperrt">mit Sicherheit</em> -zum Angehrigen des anderen Geschlechtes macht — dies ist -wieder ein Beweis, wie notwendig die allgemeine Annahme -ursprnglich arrhenoplasmatischer und thelyplasmatischer Zellen -fr den ganzen Krper ist.</p> - -<p>Das Bestehen der originren sexuellen Charakteristik -jeder Zelle und die Ohnmacht der auf sich allein angewiesenen -Keimdrsensekrete wird weiter erwiesen durch die gnzliche -Erfolglosigkeit von Transplantationen mnnlicher Keimdrsen -auf weibliche Tiere. Zur strikten Beweiskraft dieser letzteren -Versuche wre es freilich vonnten, da die exstirpierten -Testikel einem mglichst nahe verwandten weiblichen Tier, -womglich einer Schwester des kastrierten Mnnchens, eingepflanzt -wrden: das <em class="gesperrt">Idioplasma</em> drfte nicht <em class="gesperrt">auch noch</em> -ein zu verschiedenes sein. Es wrde nmlich hier wie sonst -viel darauf ankommen, die Bedingungen des Erfolges in -mglichst reiner Isolation wirken zu lassen, um ein mglichst -eindeutiges Resultat zu erhalten. Versuche auf der <em class="gesperrt">Chrobak</em>schen -Klinik in Wien haben gezeigt, da zwischen -zwei (wahllos ausgemusterten) weiblichen Tieren beliebig -vertauschte Ovarien in der Mehrzahl der Flle atrophieren -und nie die Verkmmerung der sekundren Charaktere -(z. B. der Milchdrsen) aufzuhalten vermgen: whrend bei -Entfernung der eigenen Keimdrse von ihrem natrlichen -Lager und ihrer Implantation an einem davon verschiedenen -Orte im <em class="gesperrt">selben</em> Tiere (das somit sein eigenes Gewebe behlt)<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> -im Idealfalle die <em class="gesperrt">vllige</em> Entwicklung der sekundren Geschlechtscharaktere -<em class="gesperrt">ebenso</em> mglich ist, wie wenn gar kein -Eingriff erfolgt. Das Milingen der Transplantation auf kastrierte -Geschlechtsgenossen ist vielleicht hauptschlich in der mangelnden -Familienverwandtschaft begrndet: das idioplasmatische -Moment mte in erster Linie beachtet werden.</p> - -<p>Diese Dinge erinnern sehr an die Erfahrungen bei der -<em class="gesperrt">Transfusion</em> heterologen Blutes. Es ist eine praktische -Regel der Chirurgen, da man verlorenes Blut (bei Gefahr -schwerer Strungen) nicht nur durch das Blut der gleichen -Spezies und einer verwandten Familie, sondern auch durch -das Blut eines gleichgeschlechtlichen Wesens ersetzen mu. -Die Parallele mit den Transplantationsversuchen springt in -die Augen. Sollten aber die hier vertretenen Ansichten sich -behaupten, so werden die Chirurgen, soweit sie berhaupt transfundieren -und nicht Kochsalzinfusionen bevorzugen, vielleicht -nicht blo darauf achten mssen, ob das Ersatzblut einem -mglichst stammverwandten Tiere entnommen ist. Es fragt sich, -ob dann die Forderung zu weit ginge, da nur das Blut eines -Wesens von mglichst gleichem Grade der Maskulitt oder -Muliebritt Verwendung finden drfte.</p> - -<p>Wie diese Verhltnisse bei der Transfusion ein Beweis -fr die eigene sexuelle Charakteristik der Blutkrperchen, so -liefert, wie erwhnt, der gnzliche Mierfolg aller berpflanzungen -mnnlicher Keimdrsen auf Weibchen oder weiblicher -Keimdrsen auf Mnnchen noch einen Beweis dafr, -da die innere Sekretion <em class="gesperrt">nur auf ein ihr adquates -Arrhenoplasma oder Thelyplasma wirksam ist</em>.</p> - -<p>In Anknpfung hieran soll schlielich noch des organotherapeutischen -Heilverfahrens mit einem Worte gedacht -werden. Es ist nach dem obigen klar, da und warum, wenn -die Transplantation mglichst geschonter ganzer Keimdrsen -auf andersgeschlechtliche Individuen keinen Erfolg hatte, auch -ebenso z. B. die Injektion von Ovarialsubstanz in das Blut -eines Masculinums hchstens Schaden anrichten konnte. Aber -anderseits erledigen sich ebenso eine Menge von Einwrfen -<em class="gesperrt">gegen</em> das <em class="gesperrt">Prinzip</em> der Organotherapie damit, da Organprparate -von <em class="gesperrt">Nicht</em>-Artgenossen naturgem nicht immer<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> -eine volle Wirkung ausben knnen. Durch die Nichtbeachtung -eines biologischen Prinzipes von solcher Wichtigkeit -wie die Idioplasmalehre haben sich die rztlichen Vertreter -der Organotherapie vielleicht manchen Heilerfolg -verscherzt.</p> - -<p>Die Idioplasmalehre, die auch jenen Geweben und -Zellen den spezifischen Artcharakter zuschreibt, welche die -reproduktive Fhigkeit verloren haben, ist allerdings noch nicht -allgemein anerkannt. Aber da zumindest in den Keimdrsen -die Arteigenschaften versammelt sind, wird jedermann einsehen -mssen, und damit auch zugeben, da gerade bei Prparaten -aus den Keimdrsen die mglichst geringe verwandtschaftliche -Entfernung erstes Postulat ist, sofern diese Methode -mehr erstrebt, als ein gutes Tonikum zu liefern. Parallelversuche -zwischen Transplantation von Keimdrsen und Injektionen -ihrer Extrakte, etwa ein Vergleich zwischen dem -Einflu des ihm selbst oder einem nahe verwandten Individuum -entnommenen und auf einen Hahn irgendwo, z. B. in seinen -Peritonealraum transplantierten Hodens <em class="gesperrt">mit</em> dem Einflu intravenser -Injektionen von Testikularextrakt in einen anderen -kastrierten Hahn, wobei dieser Extrakt ebenfalls aus den -Hoden verwandter Individuen gewonnen sein mte — solche -Parallelversuche wren hier vielleicht mit Nutzen auszufhren. -Sie knnten mglicherweise auch noch lehrreiche Aufschlsse -bringen ber die passendste Darstellung und Menge der -Organprparate und der einzelnen Injektionen. Es wre auch -<em class="gesperrt">theoretisch</em> eine Feststellung darber erwnscht, ob die -inneren Keimdrsensekrete mit Stoffen in der Zelle eine -chemische Verbindung eingehen, oder ob ihre Wirkung blo -eine katalytische, von der Menge eigentlich doch unabhngige -ist. Die letztere Annahme kann nach den bisher -vorliegenden Untersuchungen noch nicht ausgeschlossen -werden.</p> - -<p>Die Grenzen des Einflusses der inneren Sekretion auf -die Gestaltung des definitiven geschlechtlichen Charakters -waren zu ziehen, um die gemachte Annahme einer originren, -<em class="gesperrt">im allgemeinen</em> fr jede Zelle graduell verschiedenen, von -Anfang an bestimmten sexuellen Charakteristik gegen Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span>wnde -zu sichern.<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> Wenn diese Charakteristiken auch in -der berwiegenden Mehrzahl der Flle fr die verschiedenen -Zellen und Gewebe desselben Individuums nicht sonderlich -dem Grade nach verschieden sein drften, so gibt es doch -eklatante Ausnahmen, die uns die Mglichkeit groer Amplituden -vor Augen rcken. Auch die einzelnen Eizellen und -die einzelnen Spermatozoiden, nicht nur verschiedener Organismen, -auch in den Follikeln und in der Spermamasse -<em class="gesperrt">eines</em> Individuums, zur selben Zeit und mehr noch zu verschiedenen -Zeiten, werden Unterschiede in dem Grade ihrer -Muliebritt und Maskulitt zeigen, z. B. die Samenfden verschieden -schlank, verschieden schnell sein. Freilich sind wir -ber diese Unterschiede bis jetzt sehr wenig unterrichtet, -aber wohl nur, weil niemand bisher diese Dinge in gleicher -Absicht untersucht hat.</p> - -<p>Doch hat man — und dies ist eben das Interessante -— in den Hoden von Amphibien neben den -normalen Entwicklungsstufen der Spermatogenese regelrechte -und wohlentwickelte <em class="gesperrt">Eier</em>, nicht ein einziger einmal, sondern -verschiedene Beobachter zu fteren Malen, gefunden. Diese -Deutung der Befunde wurde zwar bestritten und von einer -Seite nur die Existenz abnorm groer Zellen in den Samenkanlchen -als feststehend zugegeben, aber der Sachverhalt -wurde spter unzweifelhaft festgestellt. Allerdings sind -Zwitterbildungen gerade bei den betreffenden Amphibien -ungemein hufig; dennoch ist diese eine Tatsache genug Beweis -fr die Notwendigkeit, mit der Annahme annhernder -Konformitt des Arrhenoplasma oder Thelyplasma in <em class="gesperrt">einem</em> -Krper <em class="gesperrt">vorsichtig</em> zu sein. Es scheint entlegen und gehrt -doch ganz in die gleiche Kategorie von bereilung, wenn ein -menschliches Individuum, blo weil es bei der Geburt ein, -wenn auch noch so kurzes, etwa gar epi- oder hypospadisches -mnnliches Glied zeigt, ja selbst noch bei doppelseitigem -Kryptorchismus als Knabe bezeichnet und ohne -weiters als solcher angesehen wird, obwohl es in den brigen<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> -Krperpartien, z. B. cerebral, weit nher dem Thelyplasma -als dem Arrhenoplasma steht. Man wird es da wohl noch -einmal zu lernen trachten mssen, selbst feinere Abstufungen -der Geschlechtlichkeit schon bei der Geburt zu diagnostizieren.</p> - -<p>Als Resultat dieser lngeren Induktionen und Deduktionen -knnen wir nun wohl die Sicherung der originren -sexuellen Charakteristik, die a priori nicht fr alle Zellen -auch desselben Krpers gleich oder auch nur ungefhr gleich -gesetzt werden darf, betrachten. Jede Zelle, jeder Zellkomplex, -jedes Organ hat einen bestimmten Index, der seine Stellung -zwischen Arrhenoplasma und Thelyplasma anzeigt. Im -groen und ganzen freilich wird <em class="gesperrt">ein</em> Index fr den <em class="gesperrt">ganzen</em> -Krper geringen Ansprchen an Exaktheit gengen. Wir -wrden indes verhngnisvolle Irrtmer im Theoretischen, -schwere Snden im Praktischen auf uns laden, wenn wir -hier mit solcher inkorrekter Beschreibung auch im Einzelfalle -ernstlich alles getan zu haben glaubten.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die verschiedenen Grade der ursprnglichen -sexuellen Charakteristik zusammen mit der</em> (bei den -einzelnen Individuen wahrscheinlich qualitativ und quantitativ) -<em class="gesperrt">variierenden inneren Sekretion <b>bedingen</b> das Auftreten -der sexuellen Zwischenformen</em>.</p> - -<p>Arrhenoplasma und Thelyplasma, in ihren unzhligen -Abstufungen, sind die <em class="gesperrt">mikro</em>skopischen Agentien, die im -Vereine mit der inneren Sekretion jene <em class="gesperrt">makro</em>skopischen -Differenzen schaffen, von denen das vorige Kapitel ausschlielich -handelte.</p> - -<p>Unter Voraussetzung der Richtigkeit der bisherigen -Darlegungen ergibt sich die Notwendigkeit einer ganzen Reihe -von anatomischen, physiologischen, histologischen und histochemischen -Untersuchungen ber die Unterschiede zwischen -den <em class="gesperrt">Typen</em> M und W in Bau und Funktion <em class="gesperrt">aller</em> einzelnen -Organe, ber die Art, wie Arrhenoplasma und Thelyplasma -sich in den verschiedenen Geweben und Organen besonders -differenzieren. Die Durchschnittskenntnisse, die wir bis jetzt -ber all das haben, gengen selbst dem modernen Statistiker -kaum mehr. Wissenschaftlich ist ihr Wert ganz gering. Da -z. B. alle Untersuchungen ber sexuelle Unterschiede im Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span>hirn -so wenig Wertvolles zu Tage frdern konnten, dafr ist -auch dies ein Grund, da man nicht den <em class="gesperrt">typischen</em> Verhltnissen -nachgegangen ist, sondern sich mit dem, was der -Taufschein oder der oberflchlichste Aspekt der Leiche ber -das Geschlecht sagte, zufrieden gab und so jeden Hans und -jede Grete als vollwertige Reprsentanten der Mnnlichkeit -oder Weiblichkeit gelten lie. Man htte, wenn man schon -psychologischer Daten nicht zu bedrfen glaubte, doch -wenigstens, da Harmonie in der sexuellen Charakteristik der -verschiedenen Krperteile hufiger ist als groe Sprnge derselben -zwischen den einzelnen Organen, sich einiger Tatsachen -bezglich der brigen Krperbeschaffenheit versichern sollen, -die fr Mnnlichkeit und Weiblichkeit in Betracht kommen, -wie der Distanz der groen Trochanteren, der Spinae iliacae -ant. sup. etc. etc.</p> - -<p>Dieselbe Fehlerquelle — das unbedenkliche Passierenlassen -sexueller Zwischenstufen als magebender Individuen -— ist brigens auch bei anderen Untersuchungen nicht verstopft -worden; und diese Sorglosigkeit kann das Gewinnen -haltbarer und beweisbarer Resultate auf lange Zeit hintanhalten. -Schon wer z. B. den Ursachen des <em class="gesperrt">Knabenberschusses -bei den Geburten</em> nachspekuliert, drfte diese -Verhltnisse nicht ganz auer Acht lassen. Namentlich -wird sich aber ihre Nichtbercksichtigung an jedermann -rchen, der das <em class="gesperrt">Problem der geschlechtsbestimmenden -Ursachen</em> lsen zu wollen sich unterfngt. Bevor er -nicht jedes zur Welt gekommene Lebewesen, das ihm -zum Objekt der Untersuchung wird, auch auf seine Stellung -zwischen M und W geprft hat, wird man seinen Hypothesen -oder gar seinen Beeinflussungsmethoden zu trauen -sich hten drfen. Wenn er nmlich die sexuellen -Zwischenstufen einerseits blo in der bisherigen uerlichen -Weise unter die mnnlichen oder unter die weiblichen Geburten -einreiht, so wird er Flle <em class="gesperrt">fr</em> sich in Anspruch nehmen, -die bei tieferer Betrachtung <em class="gesperrt">gegen</em> ihn zeugen wrden, und -andere Flle als Gegeninstanzen betrachten, die es tatschlich -nicht sind: ohne den idealen Mann und das ideale Weib entbehrt -er eben eines festen Mastabes, den er an die Wirk<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span>lichkeit -anlegen knnte, und tappt im ungewissen, oberflchlichen -Schein. <em class="gesperrt">Maupas</em> z. B., dem die experimentelle Geschlechtsbestimmung -bei Hydatina senta, einem Rdertierchen, -gelungen ist, hat noch immer 3–5% an abweichenden Resultaten -erzielt. Bei niedrigerer Temperatur wurde die Geburt -von Weibchen erwartet, und doch ergab sich dieser Satz von -Mnnchen; entsprechend kamen bei hoher Temperatur gegen -die Regel etwa ebensoviel Weibchen heraus. Es ist anzunehmen, -da dies sexuelle Zwischenstufen waren, sehr arrhenoide -Weibchen bei hoher, sehr thelyide Mnnchen bei -tiefer Temperatur. Wo das Problem viel komplizierter liegt, -z. B. beim Rinde, um vom Menschen zu schweigen, wird der -Prozentsatz der bereinstimmenden Resultate kaum je so gro -sein wie hier und deshalb die richtige Deutung durch von -den sexuellen Zwischenstufen herrhrende Strungen viel -schwerer beeintrchtigt werden.</p> - -<p>Wie Morphologie, Physiologie und Entwicklungsmechanik, -so ist auch eine vergleichende <em class="gesperrt">Pathologie</em> der sexuellen -<em class="gesperrt">Typen</em> vorderhand ein Desiderat. Freilich wird man hier wie -dort aus der Statistik gewisse Schlsse ziehen drfen. Wenn -diese erweist, da eine Krankheit beim weiblichen Geschlechte -sehr erheblich hufiger sich findet als beim mnnlichen, -so wird man hienach im allgemeinen die Annahme -wagen drfen, sie sei eine dem Thelyplasma eigentmliche, -idiopathische Affektion. So drfte z. B. Myxdem eine -Krankheit von W sein; Hydrokele ist naturgem eine Krankheit -von M.</p> - -<p>Doch knnen selbst die am lautesten sprechenden Zahlen -der Statistik hier so lange vor theoretischen Irrtmern nicht -mit Sicherheit bewahren, als nicht von dem Charakter irgend -eines Leidens gezeigt ist, da es in unauflslicher, funktioneller -Beziehung an die Mnnlichkeit oder an die Weiblichkeit -geknpft ist. Die <em class="gesperrt">Theorie</em> der betreffenden Krankheiten -wird auch darber Rechenschaft zu geben haben, <em class="gesperrt"><b>warum</b></em> sie -fast ausschlielich bei einem Geschlechte auftreten, d. h. (in -der hier begrndeten Fassung) warum sie entweder M oder -W zugehren.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span><small><a name="V_III_Kapitel" id="V_III_Kapitel">III. Kapitel.</a></small><br /> - -Gesetze der sexuellen Anziehung.</h2> - - -<p class="rightside"> -<em class="gesperrt">Carmen</em>:<br /> - -L'amour est un oiseau rebelle,<br /> -Que nul ne peut apprivoiser:<br /> -Et c'est bien en vain qu'on l'appelle,<br /> -S'il lui convient de refuser.<br /> -Rien n'y fait; menace ou prire:<br /> -L'un parle, l'autre se tait;<br /> -Et c'est l'autre que je prefre;<br /> -Il n'a rien dit, mais il me plat.<br /> -.............<br /> -L'amour est enfant de Bohme<br /> -Il n'a jamais connu de loi.<br /> -</p> -<p class="right"><b>?</b> -</p> - - -<p>In den alten Begriffen ausgedrckt, besteht bei smtlichen -geschlechtlich differenzierten Lebewesen eine auf Begattung -gerichtete Anziehung zwischen Mnnchen und Weibchen, -Mann und Weib. Da Mann und Weib aber nur Typen -sind, die in der Realitt nirgends rein sich vertreten finden, -so werden wir hievon nicht mehr so sprechen knnen, da die -geschlechtliche Anziehung ein Masculinum schlechtweg und -ein Femininum schlechtweg einander zu nhern suche. ber -die Tatsachen der sexuellen Wirkungen mu aber auch die -hier vertretene Theorie, wenn sie vollstndig sein soll, Rechenschaft -geben knnen, ja es mu auch ihr Erscheinungsgebiet -sich mit den neuen Mitteln besser darstellen lassen als mit -den bisherigen, wenn jene vor diesen ihren Vorzug behaupten -sollen. Wirklich hat mich die Erkenntnis, da M -und W in allen <em class="gesperrt">verschiedenen</em> Verhltnissen sich auf die -Lebewesen <em class="gesperrt">verteilen</em>, zur Entdeckung eines ungekannten, blo<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> -von einem Philosophen einmal geahnten <em class="gesperrt">Naturgesetzes</em> -gefhrt, eines <em class="gesperrt">Gesetzes der sexuellen Anziehung</em>. -Beobachtungen des Menschen lieen es mich gewinnen, und -ich will daher von diesem hier ausgehen.</p> - -<p>Jeder Mensch hat, was das andere Geschlecht anlangt, -einen bestimmten, ihm eigentmlichen Geschmack. Wenn -wir etwa die Bildnisse der Frauen vergleichen, die irgend -ein berhmter Mann der Geschichte nachweislich geliebt hat, -so finden wir fast immer, da alle eine beinahe durchgngige -bereinstimmung aufweisen, die uerlich am ehesten hervortreten -wird in ihrer <em class="gesperrt">Gestalt</em> (im engeren Sinne des -<em class="gesperrt">Wuchses</em>) oder in ihrem <em class="gesperrt">Gesichte</em>, aber sich bei nherem -Zusehen bis in die kleinsten Zge — ad unguem, bis auf die -Ngel der Finger — erstrecken wird. Ganz ebenso verhlt -es sich aber auch sonst. Daher die Erscheinung, da jedes -Mdchen, von welchem eine starke Anziehung auf den Mann -ausgeht, auch sofort die Erinnerung an jene Mdchen wachruft, -die schon frher hnlich auf ihn gewirkt haben. Jeder -hat ferner zahlreiche Bekannte, deren Geschmack, das andere -Geschlecht betreffend, ihm schon den Ausruf abgentigt hat: -Wie einem die gefallen kann, verstehe ich nicht! Eine -Menge Tatsachen, welche den bestimmten besonderen Geschmack -jedes Einzelwesens auch fr die Tiere auer allen -Zweifel setzen, hat <em class="gesperrt">Darwin</em> gesammelt (in seiner Abstammung -des Menschen). Da Analoga zu dieser Tatsache -des bestimmten Geschmackes aber selbst bei den Pflanzen -sich deutlich ausgeprgt finden, wird bald besprochen -werden.</p> - -<p>Die sexuelle Anziehung ist fast ausnahmslos nicht anders -als bei der Gravitation eine gegenseitige; wo diese Regel -Ausnahmen zu erleiden scheint, lassen sich beinahe immer -differenziertere Momente nachweisen, welche es zu verhindern -wissen, da dem <em class="gesperrt">unmittelbaren</em> Geschmacke, der fast stets ein -wechselseitiger ist, Folge gegeben werde; oder ein Begehren -erzeugen, wenn dieser unmittelbare erste Eindruck nicht -dagewesen ist.</p> - -<p>Auch der Sprachgebrauch redet vom Kommen des -Richtigen, vom Nichtzueinanderpassen zweier Leute. Er<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> -beweist so eine gewisse dunkle Ahnung der <em class="gesperrt">Tatsache, da -in jedem Menschen gewisse Eigenschaften liegen, -die es nicht ganz gleichgltig erscheinen lassen, -<b>welches</b> Individuum des anderen Geschlechtes mit -ihm eine sexuelle Vereinigung einzugehen geeignet -ist; da nicht jeder Mann fr jeden anderen Mann, -nicht jedes Weib fr jedes andere Weib, ohne -da es einen Unterschied macht, eintreten kann</em>.</p> - -<p>Jedermann wei ferner aus eigener Erfahrung, da gewisse -Personen des anderen Geschlechtes auf ihn sogar eine -direkt <em class="gesperrt">abstoende</em> Wirkung ausben knnen, andere ihn kalt -lassen, noch andere ihn reizen, bis endlich (vielleicht nicht -immer) ein Individuum erscheint, mit dem vereinigt zu sein -in dem Mae sein Verlangen wird, da die ganze Welt <em class="gesperrt">daneben</em> -fr ihn eventuell wertlos wird und verschwindet. -Welches Individuum ist das? Welche Eigenschaften mu es -besitzen? Hat wirklich — und es ist so — jeder Typus unter -den Mnnern einen ihm entsprechenden Typus unter den -Weibern zum Korrelate, der auf ihn sexuell wirkt, und umgekehrt, -so scheint zumindest hier ein gewisses Gesetz zu -walten. Was ist das fr ein Gesetz? Wie lautet es? Gegenstze -ziehen sich an, so hrte ich es formulieren, als ich, -bereits im Besitze der eigenen Antwort auf meine Frage, bei -verschiedenen Menschen hartnckig auf das Aussprechen eines -solchen drang und ihrer Abstraktionskraft durch Beispiele -zu Hilfe kam. Auch dies ist in gewissem Sinne und fr einen -kleineren Teil der Flle zuzugeben. Aber es ist doch zu allgemein, -zerfliet unter den Hnden, die Anschauliches erfassen -wollen, und lt keinerlei mathematische Formulierung zu.</p> - -<p>Diese Schrift nun vermit sich nicht, <em class="gesperrt">smtliche</em> Gesetze -der sexuellen Anziehung — es gibt ihrer nmlich -mehrere — aufdecken zu wollen, und erhebt somit keineswegs -den Anspruch, jedem Individuum bereits sichere Auskunft -ber dasjenige Individuum des anderen Geschlechtes geben -zu knnen, das seinem Geschmack am besten entsprechen -werde, wie dies eine vollstndige Kenntnis der in Betracht -kommenden Gesetze allerdings ermglichen wrde. Nur ein -einziges von diesen Gesetzen soll in diesem Kapitel be<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>sprochen -werden, da es in organischem Zusammenhange mit -den brigen Errterungen des Buches steht. Einer Anzahl -weiterer Gesetze bin ich auf der Spur, doch war dieses das -erste, auf das ich aufmerksam wurde, und das, was ich darber -zu sagen habe, ist relativ am fertigsten. Die Unvollkommenheiten -im Beweismaterial mge man in Erwgung -der Neuheit und Schwierigkeit der Sache mit Nachsicht beurteilen.</p> - -<p>Die Tatsachen, aus denen ich dieses Gesetz der sexuellen -Affinitt ursprnglich gewonnen, und die groe Anzahl jener, -die es mir besttigt haben, hier anzufhren, ist jedoch -glcklicherweise in gewissem Sinne berflssig. Ein jeder ist -gebeten, es zunchst an sich selbst zu prfen, und dann -Umschau zu halten im Kreise seiner Bekannten; besonders -empfehle ich eben jene Flle der Erinnerung und Beachtung, -wo er ihren Geschmack nicht verstanden oder ihnen gar -einmal allen Geschmack abgesprochen hat, oder wo ihm -dasselbe von ihrer Seite widerfahren ist. Jenes Mindestma -von Kenntnis der ueren Formen des menschlichen Krpers, -welches zu dieser Kontrolle ntig ist, besitzt jeder -Mensch.</p> - -<p>Auch ich bin zu dem Gesetze, das ich nun formulieren -will, auf eben dem Wege gelangt, auf welchen ich hier zunchst -habe verweisen mssen.</p> - -<p>Das Gesetz lautet: <em class="gesperrt">Zur sexuellen Vereinigung -trachten immer ein <b>ganzer</b> Mann (M) und ein <b>ganzes</b> -Weib (W) zusammen zu kommen, <b>wenn auch auf die -zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in -verschiedenem Verhltnisse verteilt.</b></em></p> - -<p>Anders ausgedrckt: Wenn m<sub>μ</sub> das Mnnliche, w<sub>μ</sub> das -Weibliche ist in irgend einem von der gewhnlichen Auffassung -einfach als Mann bezeichneten Individuum μ und -w<sub>ω</sub> das Weibliche, m<sub>ω</sub> das Mnnliche dem Grade nach ausdrckt -in irgend einer sonst oberflchlich schlechtweg als -Weib gekennzeichneten Person ω, so ist bei jeder <em class="gesperrt">vollkommenen -Affinitt</em>, d. h. im Falle der <em class="gesperrt">strksten</em> sexuellen -Attraktion:</p> - -<p class="noindent"><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> - - -(Ia) m<sub>μ</sub> + m<sub>ω</sub> = C(onstans)<sub>1</sub> = M = dem idealen Manne<br /> -</p> - -<p class="noindent">und darum natrlich gleichzeitig auch</p> - -<p class="noindent"> -(Ib) w<sub>μ</sub> + w<sub>ω</sub> = C<sub>2</sub> = W = dem idealen Weibe.<br /> -</p> - -<p>Man miverstehe diese Formulierung nicht. Es ist <em class="gesperrt">ein</em> -Fall, <em class="gesperrt">eine einzige</em> sexuelle Relation, fr die beide Formeln -Geltung haben, von denen aber die zweite aus der ersten -unmittelbar folgt und nichts Neues zu ihr hinzufgt; denn wir -operieren ja unter der Voraussetzung, da jedes Individuum -so viel Weibliches hat, als ihm Mnnliches gebricht. Ist es -<em class="gesperrt">ganz</em> mnnlich, so wird es ein <em class="gesperrt">ganz</em> weibliches Gegenglied -verlangen; ist es ganz weiblich, ein ganz mnnliches. Ist in -ihm aber ein bestimmter grerer Bruchteil vom Manne <em class="gesperrt">und</em> -ein keineswegs zu vernachlssigender anderer Bruchteil vom -Weibe, so wird es zur Ergnzung ein Individuum fordern, -das seinen Bruchteil an Mnnlichkeit zum Ganzen, zur Einheit -komplettiert; damit wird aber <em class="gesperrt">zugleich</em> auch sein weiblicher -Anteil in ebensolcher Weise vervollstndigt. Es habe -z. B. ein Individuum</p> - - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Weiblichee Anteil eines Individuums"> -<tr><td align="center" rowspan="3">μ </td><td align="center" rowspan="3"><big><big>{ </big></big></td><td align="center"> M,</td></tr> -<tr><td align="center"><span class="gesperrt">also</span></td></tr> -<tr><td align="center"> W.</td></tr> -</table></div> - -<p class="noindent">Dann wird sein bestes sexuelles Komplement nach diesem -Gesetze jenes Individuum ω sein, welches sexuell folgendermaen -zu definieren ist:</p> - - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Sexuelles Komplement des Individuums"> -<tr><td align="center" rowspan="3">ω </td><td align="center" rowspan="3"><big><big>{ </big></big></td><td align="center"> M,</td></tr> -<tr><td align="center"><span class="gesperrt">also</span></td></tr> -<tr><td align="center"> W.</td></tr> -</table></div> - -<p>Man erkennt bereits in dieser Fassung den Wert -grerer Allgemeinheit vor der gewhnlichen Anschauung. -Da Mann und Weib, als sexuelle Typen, einander anziehen, -ist hierin eben nur als <em class="gesperrt">Spezialfall</em> enthalten, als jener Fall, -in welchem ein imaginres Individuum -X <big>{</big> <span class="fraction"><span>1 . M</span><span>0 . W</span></span> - -sein Komplement -in einem ebenso imaginren - -Y <big>{</big> <span class="fraction"><span>0 . M</span><span>1 . W</span></span> -findet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> - -Niemand wird zgern, die Tatsache des bestimmten -sexuellen Geschmackes zuzugeben; damit ist aber auch die -Berechtigung der Frage nach den <em class="gesperrt">Gesetzen</em> dieses Geschmackes -anerkannt, nach dem Funktionalzusammenhang, -in welchem die sexuelle Vorliebe mit den brigen krperlichen -und psychischen Qualitten eines Wesens steht. Das -Gesetz, welches hier aufgestellt wurde, hat von vornherein -nicht das geringste <em class="gesperrt">Un</em>wahrscheinliche an sich: es steht ihm -weder in der gewhnlichen noch in der wissenschaftlich -geeichten Erfahrung das geringste <em class="gesperrt">entgegen</em>. Aber es ist -an und fr sich auch gewi nicht selbstverstndlich. Es -knnte ja — <em class="gesperrt">denkbar</em> wre es, da das Gesetz selbst bis -jetzt nicht weiter ableitbar ist — auch lauten: m<sub>μ</sub> - m{ω} = Const., -d. h. die <em class="gesperrt">Differenz</em> im Gehalte an M eine konstante Gre -sein, nicht die Summe, also der mnnlichste Mann von -<em class="gesperrt">seinem</em> Komplemente, welches dann gerade in der Mitte -zwischen M und W lge, ebensoweit entfernt stehen wie der -weiblichste Mann von dem seinen, das wir in diesem Falle -in der extremen Weiblichkeit zu erblicken htten. <em class="gesperrt">Denkbar</em> -wre das, wie gesagt, doch ist es darum nicht in der Realitt -verwirklicht. Folgen wir also, in der Erkenntnis, da wir ein -empirisches Gesetz vor uns haben, dem wissenschaftlichen -Gebote der Bescheidung, so werden wir vorderhand nicht von -einer Kraft sprechen, welche die zwei Individuen wie zwei -Hampelmnnchen gegeneinander laufen lt, sondern in dem -Gesetze nur den Ausdruck eines Verhltnisses erblicken, das -in jeder strksten sexuellen Anziehung in ganz gleicher -Weise zu konstatieren ist; es kann nur eine Invariante -(<em class="gesperrt">Ostwald</em>), eine Multiponible (<em class="gesperrt">Avenarius</em>) aufzeigen, und -das ist in diesem Falle die stets gleich bleibende Summe des -Mnnlichen wie die des Weiblichen in den beiden einander -mit grter Strke anziehenden Lebewesen.</p> - -<p>Vom sthetischen, vom Schnheits-Moment mu -<em class="gesperrt">hier</em> ganz abgesehen werden. Denn wie oft kommt es -vor, da der eine von einer bestimmten Frau ganz entzckt -ist, ganz auer sich ber deren auerordentliche, berckende -Schnheit, und der andere gern wissen mchte, -was an der Betreffenden denn nur gefunden werden knne,<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> -da sie eben nicht auch <em class="gesperrt">sein</em> sexuelles Komplement ist. Ohne -hier den Standpunkt irgend einer normativen sthetik einnehmen -oder fr einen Relativismus der Wertungen Beispiele -sammeln zu wollen, kann man es aussprechen, da sicherlich -nicht nur vom rein sthetischen Standpunkte <em class="gesperrt">Indifferentes</em>, -sondern selbst <em class="gesperrt">Unschnes</em> vom verliebten Menschen schn -gefunden wird, wobei unter rein-sthetisch nicht ein Absolut-Schnes, -sondern nur <em class="gesperrt">das Schne</em>, d. h. das nach Abzug -aller sexuellen Apperzeptionen <em class="gesperrt">sthetisch Gefallende</em> verstanden -werden soll.</p> - -<p>Das Gesetz selbst habe ich in mehreren hundert Fllen -(um die niederste Zahl zu nennen) besttigt gefunden, und -alle Ausnahmen erwiesen sich als scheinbare. Fast ein jedes -Liebespaar, dem man auf der Strae begegnet, liefert eine -neue Besttigung. Die Ausnahmen waren insoferne lehrreich, -als sie die Spur der anderen Gesetze der Sexualitt verstrkten -und zu deren Erforschung aufforderten. brigens -habe ich auch selbst eine Anzahl von Versuchen in folgender -Weise angestellt, da ich mit einer Kollektion von Photographien -rein-sthetisch untadeliger Frauen, deren jede einem -bestimmten Gehalte an W entsprach, eine Enqute veranstaltete, -indem ich sie einer Reihe von Bekannten, zur Auswahl -der Schnsten, wie ich hinterlistig sagte, vorlegte. Die -Antwort, die ich bekam, war regelmig dieselbe, die ich im -voraus erwartete. Von anderen, die bereits wuten, worum es -sich handelte, habe ich mich in der Weise prfen lassen, da -sie mir Bilder vorlegten, und ich aus diesen die fr sie -Schnste herausfinden mute. Dies ist mir immer gelungen. -Anderen habe ich, ohne da sie mir vorher unfreiwillige -Stichproben davon geliefert hatten, ihr Ideal vom anderen -Geschlechte zuweilen mit annhernder Vollstndigkeit beschreiben -knnen, jedenfalls oft viel genauer, als sie selbst -es anzugeben vermochten; manchmal wurden sie jedoch auch -auf das, was ihnen <em class="gesperrt">mi</em>fiel — was die Menschen im allgemeinen -viel eher kennen als das, was ihnen gefllt — erst -aufmerksam, als ich es ihnen sagte.</p> - -<p>Ich glaube, da der Leser bei einiger bung es bald -zu der gleichen Fertigkeit wird bringen knnen, die einige<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> -Bekannte aus einem engeren wissenschaftlichen Freundeskreis, -von den hier vertretenen Ideen angeregt, bereits erlangt -haben. Freilich wre hiezu eine Erkenntnis der anderen -Gesetze der sexuellen Anziehung sehr erwnscht. Als Proben -auf das Verhltnis wirklicher komplementrer Ergnzung -lieen sich eine Menge spezieller Konstanten namhaft machen. -Man knnte z. B. auf den Gedanken geraten, die Summe der -Haarlngen zweier Verliebter sei immer gleich gro. Doch -wird dies schon aus den im zweiten Kapitel errterten -Grnden nicht immer zutreffen, indem nicht alle Organe eines -und desselben Wesens gleich mnnlich oder gleich weiblich -sind. berdem wrden solche heuristische Regeln bald sich -vermehren und dann schnell zu der Kategorie der schlechten -Witze herabsinken, weshalb ich hier von ihrer Anfhrung -lieber absehen mag.</p> - -<p>Ich verhehle mir nicht, da die Art, wie dieses Gesetz -hier eingefhrt wurde, etwas Dogmatisches hat, das ihm bei -dem Mangel einer exakten Begrndung um so schlechter ansteht. -Mir konnte aber auch hier weniger daran liegen, mit -fertigen Ergebnissen hervorzutreten, als zur Gewinnung solcher -anzuregen, nachdem die Mittel, die mir zur genauen berprfung -jener Stze nach naturwissenschaftlicher Methode zur -Verfgung standen, uerst beschrnkte waren. Wenn also -auch im einzelnen vieles hypothetisch bleibt, so hoffe ich -doch im folgenden mit Hinweisen auf merkwrdige Analogien, -die bisher keine Beachtung gefunden haben, die einzelnen -Balken des Gebudes noch durcheinander sttzen zu knnen: -einer rckwirkenden Verfestigung vermgen vielleicht selbst -die Prinzipien der analytischen Mechanik nicht zu entbehren.</p> - -<p>Eine hchst auffllige Besttigung erfhrt das aufgestellte -Gesetz zunchst durch eine Gruppe von Tatsachen aus dem -Pflanzenreiche, die man bisher in vlliger Isolation betrachtet -hat und denen demgem der Charakter der Seltsamkeit in -hohem Grade anzuhaften schien. Wie jeder Botaniker sofort -erraten haben wird, meine ich die von <em class="gesperrt">Persoon</em> entdeckte, -von <em class="gesperrt">Darwin</em> zuerst beschriebene, von <em class="gesperrt">Hildebrand</em> benannte -Erscheinung der <em class="gesperrt">Ungleichgriffeligkeit</em> oder <em class="gesperrt">Heterostylie</em>. -Sie besteht in folgendem: Viele dikotyle (und eine einzige<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> -monokotyle) Pflanzenspezies, z. B. Primulaceen und Geraniaceen, -besonders aber viele Rubiaceen, lauter Pflanzen, auf -deren Blte sowohl Pollen als Narbe funktionsfhig sind, aber -nur fr Produkte fremder Blten, die also in morphologischer -Beziehung androgyn, in physiologischer Hinsicht jedoch -dizisch erscheinen — diese alle haben die Eigentmlichkeit, -<em class="gesperrt">ihre Narben und Staubbeutel auf verschiedenen -Individuen zu verschiedener Hhe zu entwickeln</em>. -Das eine Exemplar bildet ausschlielich Blten mit langem -Griffel, daher hochstehender Narbe und niedrigen Antheren -(Staubbeuteln): es ist nach meiner Auffassung das weiblichere. -Das andere Exemplar hingegen bringt nur Blten hervor mit -tiefstehender Narbe und hochstehenden Antheren (weil langen -Staubfden): das mnnlichere. Neben diesen dimorphen Arten -gibt es aber auch trimorphe, wie Lythrum salicaria, mit dreierlei -Lngenverhltnissen der Geschlechtsorgane: auer der -Bltenform mit langgriffeligen und der mit kurzgriffeligen -findet sich hier noch eine mit mesostylen Blten, d. i. mittellangen -Griffeln. Obwohl nur dimorphe und trimorphe Heterostylie -den Weg in die Kompendien gefunden haben, ist auch -damit die Mannigfaltigkeit nicht erschpft. <em class="gesperrt">Darwin</em> deutet -an, da, wenn kleinere Verschiedenheiten bercksichtigt -werden, <em class="gesperrt">fnf</em> verschiedene Sitze von mnnlichen Organen zu -unterscheiden seien. Es besteht also auch die hier unleugbar -vorkommende <em class="gesperrt">Dis</em>kontinuitt, die Trennung der verschiedenen -Grade von Maskulitt und Muliebritt in verschiedene Stockwerke -nicht <em class="gesperrt">allgemein</em> zu Recht, auch in diesem Falle haben -wir hie und da <em class="gesperrt">kontinuierlichere sexuelle Zwischenformen</em> -vor uns. Anderseits ist auch dieses diskrete Fcherwerk -nicht ohne frappante Analogien im Tierreich, wo die -betreffenden Erscheinungen als ebenso vereinzelt und wunderbar -angesehen wurden, weil man sich der Heterostylie gar -nicht <em class="gesperrt">entsann</em>. Bei mehreren Insektengattungen, nmlich bei -Forficuliden (Ohrwrmern) und Lamellicornien (und zwar -bei Lucanus cervus, dem Hirschkfer, bei Dynastes hercules -und Xylotrupes gideon) gibt es <em class="gesperrt">einerseits</em> viele Mnnchen, -welche den sekundren Geschlechtscharakter, der sie von den -Weibchen am sichtbarsten scheidet, die Fhlhrner zu sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> -groer Lnge entwickeln; die <em class="gesperrt">andere</em> Hauptgruppe der -Mnnchen hat nur relativ wenig entwickelte Hrner. <em class="gesperrt">Bateson</em>, -von dem die ausfhrlichere Beschreibung dieser Verhltnisse -herrhrt, unterscheidet darum unter ihnen high males und -low males. Zwar sind diese beiden Typen durch kontinuierliche -bergnge miteinander verbunden, aber die zwischen -ihnen vermittelnden Stufen sind selten, die meisten Exemplare -stehen an der einen oder der anderen Grenze. Leider ist -es <em class="gesperrt">Bateson</em> nicht darum zu tun gewesen, die sexuellen Beziehungen -dieser beiden Gruppen zu den Weibchen zu erforschen, -da er die Flle nur als Beispiele diskontinuierlicher -Variation anfhrt; und so ist nicht bekannt, ob es zwei -Gruppen auch unter den Weibchen der betreffenden Arten -gibt, die eine verschiedene sexuelle Affinitt zu den verschiedenen -Formen der Mnnchen besitzen. Darum lassen sich -auch diese Beobachtungen nur als eine morphologische -Parallele zur Heterostylie, nicht als physiologische Instanzen -fr das Gesetz der sexuellen Anziehung verwenden, <em class="gesperrt">fr das -die Heterostylie in der Tat sich verwerten lt</em>.</p> - -<p>Denn in den heterostylen Pflanzen liegt vielleicht -eine vllige Besttigung der Ansicht von der allgemeinen -Gltigkeit jener Formel innerhalb aller Lebewesen vor. Es -ist von <em class="gesperrt">Darwin</em> nachgewiesen und seither von vielen Beobachtern -in gleicher Weise konstatiert worden, da bei den -heterostylen Pflanzen Befruchtung fast nur dann Aussicht -auf guten Erfolg hat, ja oft nur in dem Falle mglich ist, -wenn der <em class="gesperrt">Pollen der makrostylen Blte</em>, d. i. derjenige -von den niedrigeren Antheren, auf die <em class="gesperrt">mikrostyle Narbe</em> -eines anderen Individuums, welches sodann lange Staubfden -hat, bertragen wird, oder der aus hochstehenden Staubbeuteln -stammende <em class="gesperrt">Pollen einer mikrostylen Blte</em> auf die -makrostyle Narbe einer anderen Pflanze (mit kurzen Filamenten). -So lang also in der einen Blte der Griffel, d. h. so -gut weiblich in ihr das weibliche Organ entwickelt ist, so lang -mu in der anderen, von der sie mit Erfolg empfangen soll, -das mnnliche, der Staubfaden sein, und umso krzer in der -letzteren der Griffel, dessen Lnge den Grad der Weiblichkeit -mit. Wo dreierlei Griffellngen vorhanden sind, da fllt die<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> -Befruchtung nach derselben erweiterten Regel am besten aus, -wenn der Pollen auf diejenige Narbe bertragen wird, die auf -einer anderen Blte in derselben Hhe steht wie der Staubbeutel, -aus welchem der Pollen stammt. Wird dies nicht -eingehalten, sondern etwa knstliche Befruchtung mit nicht-adquatem -Pollen herbeigefhrt, so entstehen, wenn diese -Prozedur berhaupt von Erfolg begleitet ist, fast immer nur -krnkliche und kmmerliche, zwerghafte und durchaus unfruchtbare -Sprlinge, die den Hybriden aus verschiedenen -Spezies uerst hneln.</p> - -<p>Den Autoren, welche die Heterostylie besprochen haben, -merkt man es insgesamt an, da sie mit der gewhnlichen -Erklrung dieses verschiedenartigen Verhaltens bei der Befruchtung -nicht zufrieden sind. Diese besagt nmlich, da -die Insekten beim Bltenbesuch gleich hoch gestellte Sexualorgane -mit der gleichen Krperstelle berhren und so den -merkwrdigen Effekt herbeifhren. <em class="gesperrt">Darwin</em> gesteht jedoch -selbst, da die Bienen alle Arten von Pollen an jeder Krperstelle -mit sich tragen; es bleibt also das <em class="gesperrt">elektive</em> Verfahren -der weiblichen Organe bei Bestubung mit doppelt und dreifach -verschiedenen Pollen nach wie vor aufzuhellen. Auch -scheint jene Begrndung, so ansprechend und zauberkrftig -sie sich ausnimmt, doch etwas oberflchlich, wenn eben mit -ihr verstndlich gemacht werden soll, warum knstlicher -Bestubung mit inadquatem Pollen, sogenannter <em class="gesperrt">illegitimer -Befruchtung</em>, so schlechter Erfolg beschieden ist. Jene -ausschlieliche Berhrung mit legitimem Pollen mte dann -die Narben <em class="gesperrt">durch Gewhnung</em> nur fr den Bltenstaub -dieser einen Provenienz aufnahmsfhig haben werden lassen; -aber es konnte soeben <em class="gesperrt">Darwin</em> selbst als Zeuge dafr einvernommen -werden, da diese Unberhrtheit durch anderen -Pollen vollkommen illusorisch ist, indem die Insekten, welche -als Ehevermittler hiebei in Anspruch genommen werden, -tatschlich viel eher eine <em class="gesperrt">unterschiedslose Kreuzung</em> -begnstigen.</p> - -<p>Es scheint also die Hypothese viel plausibler, da der -Grund dieses eigentmlich auswhlenden Verhaltens ein -anderer, tieferer, in den Blten selbst ursprnglich gelegener<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> -ist. Es drfte sich hier wie beim Menschen darum handeln, -da die sexuelle Anziehung zwischen jenen Individuen am -grten ist, <em class="gesperrt">deren eines ebensoviel von M besitzt wie -das andere von W</em>, was ja wieder nur ein anderer Ausdruck -der obigen Formel ist. Die Wahrscheinlichkeit dieser -Deutung wird ungemein erhht dadurch, da in der mnnlicheren, -kurzgriffeligen Blte die Pollenkrner in den hier -hher stehenden Staubbeuteln auch stets grer, die Narbenpapillen -kleiner sind als die homologen Teile in der langgriffeligen -weiblicheren. Man sieht hieraus, da es sich -kaum um etwas anderes handeln kann als um verschiedene -Grade der Mnnlichkeit und Weiblichkeit. Und unter -dieser Voraussetzung erfhrt hier das aufgestellte Gesetz der -sexuellen Affinitt eine glnzende Verifikation, indem eben -im Tier- und im Pflanzenreiche — an spterem Orte wird -hierauf zurckzukommen sein — Befruchtung <em class="gesperrt">stets dort</em> den -besten Erfolg aufweist, <em class="gesperrt">wo die Eltern die grte sexuelle -Affinitt zueinander gehabt haben</em>.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></p> - -<p>Da im <em class="gesperrt">Tierreich</em> das Gesetz in voller Geltung besteht, -wird erst bei der Besprechung des kontrren Sexualtriebes -zu groer Wahrscheinlichkeit erhoben werden knnen. Einstweilen -mchte ich hier nur darauf aufmerksam machen, wie -interessant Untersuchungen darber wren, ob nicht auch die -greren, schwerer beweglichen Eizellen die flinkeren und -schlankeren unter den Spermatozoiden strker anziehen als -die kleineren, dotterreichen und zugleich weniger trgen Eier, -und diese nicht gerade die langsameren, voluminseren unter -den Zoospermien an sich locken. Vielleicht ergibt sich hier -wirklich, wie L. <em class="gesperrt">Weill</em> in einer kleinen Spekulation ber die -geschlechtsbestimmenden Faktoren vermutet hat, eine Korrelation -zwischen den Bewegungsgren oder den kinetischen -Energien der beiden Konjugationszellen. Es ist ja noch nicht -einmal festgestellt — freilich auch sehr schwierig festzustellen -— ob die beiden Generationszellen, nach Abzug der<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> -Reibung und Strmung im flssigen Medium, eine Beschleunigung -gegeneinander aufweisen oder sich mit gleichfrmiger -Geschwindigkeit bewegen wrden. So viel und noch einiges -mehr knnte man da fragen.</p> - -<p>Wie schon mehrfach hervorgehoben wurde, ist das bisher -besprochene Gesetz der sexuellen Anziehung beim Menschen -(und wohl auch bei den Tieren) nicht das einzige. Wre -es das, so mte es ganz unbegreiflich scheinen, da es -nicht schon lngst gefunden wurde. Gerade weil sehr viele -Faktoren mitspielen, weil noch eine, vielleicht betrchtliche, -Anzahl anderer Gesetze erfllt sein mu<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a>, darum sind Flle -von <em class="gesperrt">unaufhaltsamer</em> sexueller Anziehung so <em class="gesperrt">selten</em>. Da -die bezglichen Forschungen noch nicht abgeschlossen sind, -will ich von jenen Gesetzen hier nicht sprechen und blo -der Illustration halber noch auf einen weiteren, mathematisch -wohl nicht leicht fabaren der in Betracht kommenden -Faktoren hinweisen.</p> - -<p>Die Erscheinungen, auf die ich anspiele, sind im einzelnen -ziemlich allgemein bekannt. Ganz jung, noch nicht -20 Jahre alt, wird man meist durch ltere Frauen (von ber -35 Jahren) angezogen, whrend man mit zunehmendem Alter -immer jngere liebt; ebenso ziehen aber auch (Gegenseitigkeit!) -die ganz jungen Mdchen, der Backfisch, ltere -Mnner oft jngeren vor, um spter wieder mit ganz jungen -Brschlein nicht selten die Ehe zu brechen. Das ganze -Phnomen drfte viel tiefer wurzeln, als es nach der anekdotenhaften -Art aussehen mchte, in der man meist von ihm Notiz -nimmt.</p> - -<p>Trotz der notwendigen Beschrnkung dieser Arbeit auf -das eine Gesetz wird es im Interesse der Korrektheit liegen, -wenn nun eine bessere mathematische Formulierung, die keine -unwahre Einfachheit vortuscht, versucht wird. Auch ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> -alle mitspielenden Faktoren und in Frage kommenden anderen -Gesetze als selbstndige Gren einzufhren, erreichen wir -diese uerliche Genauigkeit durch Hinzufgung eines Proportionalittsfaktors.</p> - -<p>Die erste Formel war mir eine konomische Zusammenfassung -des <em class="gesperrt">Gleichfrmigen</em> aller Flle sexueller Anziehung -von <em class="gesperrt">idealer</em> Strke, soweit das geschlechtliche Verhltnis -durch das Gesetz berhaupt bestimmt wird. Nun wollen wir -einen Ausdruck herschreiben fr die <em class="gesperrt">Strke der sexuellen -Affinitt</em> in jedem denkbaren Falle, einen Ausdruck brigens, -der, seiner unbestimmten Form wegen, <em class="gesperrt">zugleich die allgemeinste -Beschreibung des Verhltnisses zweier Lebewesen -berhaupt, selbst von verschiedener Art und -von gleichem Geschlechte</em>, abgeben knnte.</p> - -<p>Wenn</p> - - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="1" cellspacing="0" summary="Formel"> -<tr><td align="center" rowspan="2">X</td><td align="center" rowspan="2"><big><big>{</big></big></td><td align="center">α M</td><td align="center" rowspan="2"> und Y</td><td align="center" rowspan="2"><big><big>{</big></big></td><td align="center">β W</td></tr> -<tr><td align="center">α' W</td><td align="center">β' M</td></tr> -</table></div> - -<p class="noindent">wobei wieder</p> - - - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Parametergrenzen"> -<tr><td align="center" rowspan="4">0</td><td align="center" rowspan="4"><big><</big></td><td align="center">α</td><td align="center" rowspan="4"><big><</big></td><td align="center" rowspan="4">1</td></tr> -<tr><td align="center">β</td></tr> -<tr><td align="center">α'</td></tr> -<tr><td align="center">β'</td></tr> -</table></div> - -<p class="noindent">irgend zwei beliebige Lebewesen sexuell definieren, so ist die -Strke der Anziehung zwischen beiden</p> - -<p class="center"> -A = <span class="fraction"><span class="nenner">k</span><span>α - β</span></span> . f(t) (II)<br /> -</p> - -<p class="noindent">worin f(t) irgend eine empirische oder analytische Funktion -der Zeit bedeutet, whrend welcher es den Individuen mglich -ist, aufeinander zu wirken, der <em class="gesperrt">Reaktionszeit</em>, wie wir -sie nennen knnten; indes k jener Proportionalittsfaktor -ist, in den wir alle bekannten und unbekannten Gesetze der -sexuellen Affinitt hineinstecken, und der auerdem noch von -dem Grade der Art-, Rassen- und Familienverwandtschaft, -sowie von Gesundheit und dem Mangel an Deformationen -in beiden Individuen abhngt, schlielich mit ihrer greren<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> -rumlichen Entfernung voneinander kleiner wird, der also -noch in jedem Falle besonders festzustellen ist.</p> - -<p>Wird in dieser Formel α = β, so wird A = ∞; das ist -der extremste Fall: es ist die sexuelle Anziehung als Elementargewalt, -wie sie mit unheimlicher Meisterschaft in der -Novelle Im Postwagen von <em class="gesperrt">Lynkeus</em> geschildert ist. Die -sexuelle Anziehung ist etwas genau so Naturgesetzliches wie -das Wachstum der Wurzel gegen den Erdmittelpunkt, die -Wanderung der Bakterien zum Sauerstoff am Rande des -Objekttrgers; man wird sich an eine solche Auffassung der -Sache freilich erst gewhnen mssen. Ich komme brigens -gleich auf diesen Punkt zurck.</p> - -<p>Erreicht α - β seinen Maximalwert</p> - -<p class="center"> -lim (α - β) = Max. = 1, -</p> - -<p class="noindent">so wird lim A = k . f(t). Es ergeben sich also hier als ein -bestimmter <em class="gesperrt">Grenzfall</em> alle sympathischen und antipathischen -Beziehungen zwischen Menschen berhaupt (die aber mit den -<em class="gesperrt">sozialen</em> Beziehungen im engsten Sinne, als konstituierend -fr gesellschaftliche Rechtsordnung, nichts zu tun haben), soweit -sie nicht durch <em class="gesperrt">unser</em> Gesetz der sexuellen Affinitt -geregelt sind. Indem k mit der Strke der verwandtschaftlichen -Beziehungen im allgemeinen wchst, hat A unter -Volksgenossen z. B. einen greren Wert als unter Fremdnationalen. -Wie f(t) hier seinen guten Sinn behlt, kann man -am Verhltnis zweier zusammenlebender Haustiere von ungleicher -Spezies sehr wohl beobachten: die erste Regung ist -oft erbitterte Feindschaft, oft Furcht vor einander (A bekommt -ein <em class="gesperrt">negatives</em> Vorzeichen), spter tritt oft ein freundschaftliches -Verhltnis an deren Stelle, sie suchen einander auf.</p> - -<p>Setze ich ferner in - -A = <span class="fraction"><span class="nenner">k . f(t)</span><span>α - β</span></span> k = 0, - -so wird -A = 0, d. h. zwischen zwei lebenden Individuen von allzu verschiedener -Abstammung findet auch keinerlei merkliche Anziehung -mehr statt.</p> - -<p>Da der Sodomieparagraph in den Strafgesetzbchern -nicht fr nichts und wieder nichts enthalten sein drfte, da -sexuelle Akte sogar zwischen Mensch und Henne schon zur<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> -Beobachtung gelangt sind, sieht man, da k innerhalb sehr -<em class="gesperrt">weiter</em> Grenzen grer als Null bleibt. Wir drfen also die -beiden fraglichen Individuen nicht auf dieselbe Art, ja nicht -einmal auf die gleiche Klasse beschrnken.</p> - -<p>Da alles Zusammentreffen mnnlicher und weiblicher -Organismen nicht Zufallssache ist, sondern unter der Herrschaft -bestimmter Gesetze steht, ist eine neue Anschauung, und das -Befremdliche in ihr — es wurde vorhin daran gerhrt — -zwingt zu einer Errterung der tiefen Frage nach der geheimnisvollen -Natur dieser sexuellen Anziehung.</p> - -<p>Bekannte Versuche von Wilhelm <em class="gesperrt">Pfeffer</em> haben gezeigt, -da die Spermatozoiden verschiedener Kryptogamen nicht -blo durch die weiblichen Archegonien in natura, sondern -ebenso durch Stoffe angezogen werden, die entweder von -diesen auch unter gewhnlichen Verhltnissen wirklich ausgeschieden -werden, oder knstlich hergestellt sind, und oft -sogar durch solche Stoffe, die mit den Samenfden sonst nie -in Berhrung zu treten Gelegenheit htten, wenn nicht die -eigentmliche Versuchsanlage dies vermittelte, weil sie in -der Natur gar nicht vorkommen. So werden die Spermatozoiden -der Farne durch die aus den Archegonien ausgeschiedene -pfelsure, aber auch durch synthetisch dargestellte -pfelsure, ja sogar durch Maleinsure, die der Laubmoose -durch Rohrzucker angezogen. Das Spermatozoon, das, wir -wissen nicht wie, durch Unterschiede in der Konzentration -der Lsung beeinflut wird, bewegt sich nach der Richtung -der strkeren Konzentration hin. <em class="gesperrt">Pfeffer</em> hat diese Bewegungen -<em class="gesperrt">chemotaktische</em> genannt und fr jene ganzen Erscheinungen -wie fr andere Flle asexueller Reizbewegungen -den Begriff des <em class="gesperrt">Chemotropismus</em> geschaffen. Vieles sprche -nun dafr, da die Anziehung, welche das Weibchen, beim Tiere -vom Mnnchen durch die Sinnesorgane aus der Ferne perzipiert, -auf das Mnnchen ausbt (und vice versa), als eine -der chemotaktischen in gewissen Punkten analoge zu betrachten -sei.</p> - -<p>Sehr wahrscheinlich ist ein Chemotropismus die Ursache -jener energischen und hartnckigen Bewegung, welche -die Samenfden auch der Sugetiere, <em class="gesperrt">entgegen</em> der Richtung<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> -der von innen nach auen, vom Krper gegen den Hals der -Gebrmutter zu flimmernden Wimpern der Uterusschleimhaut, -ganze Tage hindurch ohne jede uere Untersttzung selbstndig -verfolgen. Mit unglaublicher, fast rtselhafter Sicherheit -wei allen mechanischen und sonstigen Hindernissen zum -Trotz das Spermatozoon die Eizelle aufzufinden. Am eigentmlichsten -berhren in dieser Hinsicht die ungeheuren -Wanderungen so mancher Fische; die Lachse wandern -viele Monate lang, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, aus -dem Meere gegen die Wogen des Rheins stromaufwrts, -um nahe seinem Ursprung an sicherer, nahrungsreicher Sttte -zu laichen.</p> - -<p>Anderseits sei an die hbsche Schilderung erinnert, die -P. <em class="gesperrt">Falkenberg</em> von dem Befruchtungsvorgang bei einigen -niederen Algen des mittellndischen Meeres entwirft. Wenn -wir von den Linien der Kraft sprechen, die zwei ungleichnamige -Magnetpole gegeneinander bewegt, so haben wir es -hier nicht minder mit einer solchen Naturkraft zu tun, die -mit unwiderstehlicher Gewalt das Spermatozoon gegen das -Ei treibt. Der Unterschied wird hauptschlich darin liegen, -da die Bewegungen der <em class="gesperrt">leblosen</em> Materie Verschiebungen -in den Spannungszustnden <em class="gesperrt">umgebender Medien</em> voraussetzen, -whrend die Krfte der <em class="gesperrt">lebenden</em> Materie in den Organismen -selbst, als wahren <em class="gesperrt">Kraftzentren</em>, lokalisiert sind. -Nach <em class="gesperrt">Falkenbergs</em> Beobachtungen berwanden die Spermatozoiden -bei ihrer Bewegung nach der Eizelle hin selbst die -Kraft, die sie sonst dem einfallenden Lichte entgegengefhrt -htte. Strker als die <em class="gesperrt"><b>photo</b>taktische</em> wre also die <em class="gesperrt"><b>chemo</b>taktische -Wirkung, Geschlechtstrieb genannt</em>.</p> - -<p>Wenn zwei nach unseren Formeln schlecht zusammenpassende -Individuen eine Verbindung eingehen und spter das -wirkliche Komplement des einen erscheint, so stellt sich die -Neigung, den frheren notdrftigen Behelf zu verlassen, auf -der Stelle mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ein. <em class="gesperrt">Der Ehebruch -ist da</em>: als Elementarereignis, als Naturphnomen, wie -wenn FeSO<sub>4</sub> mit 2 KOH zusammengebracht wird und die -SO<sub>4</sub>-Ionen nun sofort die Fe-Ionen verlassen und zu den -K-Ionen bergehen. Wer moralisch billigen oder verwerfen<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> -wollte, wenn in der <em class="gesperrt">Natur</em> ein Ausgleich von Potentialdifferenzen -zu erfolgen droht, wrde vielen eine lcherliche -Figur zu spielen scheinen.</p> - -<p>Dies ist ja auch der Grundgedanke der <em class="gesperrt">Goethe</em>schen -Wahlverwandtschaften, wie er dort als tndelndes Prludium, -voll ungeahnter Zukunftsbedeutung, im vierten Kapitel -des ersten Teiles von denen entwickelt wird, die seine tiefe -schicksalsschwere Wahrheit nachher an sich selbst erfahren -sollen; und diese Darlegung ist nicht wenig stolz darauf, die -erste zu sein, welche jenen Gedanken wieder aufnimmt. -Dennoch will sie, so wenig es Goethe wollte, den Ehebruch -verteidigen, ihn vielmehr nur begreiflich machen. Es gibt -<em class="gesperrt">im Menschen</em> Motive, die dem Ehebruch erfolgreich entgegenwirken -und ihn verhindern knnen. Hierber wird im -zweiten Teile noch zu handeln sein. Da auch die niedere -Sexualsphre beim Menschen nicht so streng in den Kreis der -Naturgesetzlichkeit gebannt ist wie die der brigen Organismen, -dafr ist immerhin schon dies ein Anzeichen, da der -Mensch in <em class="gesperrt">allen</em> Jahreszeiten sexuell ist und bei ihm die -Reste einer besonderen Brunstzeit im Frhjahr viel schwcher -sind als selbst bei den Haustieren.</p> - -<p>Das Gesetz der sexuellen Affinitt zeigt weiter, freilich -neben radikalen Unterschieden, noch Analogien zu einem bekannten -Gesetze der theoretischen Chemie. Zu den vom -Massenwirkungsgesetz geregelten Vorgngen ist nmlich -unsere Regel insofern analog, als z. B. eine strkere Sure -sich vornehmlich mit der strkeren Base ebenso verbindet -wie das mnnlichere mit dem weiblicheren Lebewesen. Doch -besteht hier mehr als ein Novum gegenber dem toten Chemismus. -Der lebendige Organismus ist vor allem keine homogene -und isotrope, in beliebig viele, qualitativ gleiche Teile -spaltbare Substanz: das principium individuationis, die Tatsache, -da alles, was lebt, als Individuum lebt, <em class="gesperrt">ist identisch -mit der Tatsache der Struktur</em>. Es kann also hier nicht -wie dort ein grerer Teil die eine, ein kleinerer die andere -Verbindung eingehen und ein Nebenprodukt liefern. Der -Chemo<em class="gesperrt">tropismus</em> kann ferner auch ein <em class="gesperrt">negativer</em> sein. -Von einer gewissen Gre der Differenz α - β an in der Formel II<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> -erhalten wir eine negative, d. h. entgegengesetzt gerichtete -Anziehung, das Vorzeichen hat zu wechseln: <em class="gesperrt">sexuelle Abstoung -liegt vor</em>. Zwar kann auch beim toten Chemismus -<em class="gesperrt">dieselbe</em> Reaktion mit <em class="gesperrt">verschiedener Geschwindigkeit</em> -erfolgen. Nie aber kann, nach den neuesten Anschauungen -wenigstens, etwa durch einen Katalysator statt des absoluten -Fehlens (in unserem Falle sozusagen des Gegenteils) einer -Reaktion diese selbe Reaktion in lngerer oder krzerer Zeit -bewirkt werden; sehr wohl dagegen eine Verbindung, die sich -von einer gewissen Temperatur an bildet, bei einer hheren -sich wieder zersetzt und umgekehrt. Ist hier die <em class="gesperrt">Richtung</em> -der Reaktion eine Funktion der Temperatur, so dort oft eine -solche der Zeit.</p> - -<p>In der Bedeutung des Faktors t, der Reaktionszeit, liegt -nun aber wohl die letzte Analogie der sexuellen Anziehung zum -Chemismus, wenn man solche Vergleiche zu ziehen nicht von -vornherein allzu schroff ablehnt. Man knnte auch hier an -eine Formel fr die <em class="gesperrt">Reaktionsgeschwindigkeit</em>, die verschiedenen -Grade der Schnelligkeit, mit denen die sexuelle -Reaktion zwischen zwei Individuen sich entwickelt, denken -und etwa gar A nach t zu differenzieren versuchen. Doch -soll die Eitelkeit auf das mathematische Geprnge (<em class="gesperrt">Kant</em>) -niemand verleiten, an so komplizierte und schwierige Verhltnisse, -an Funktionen, deren Stetigkeit eben sehr fraglich -ist, schon mit einem Differentialquotienten heranzurcken. -Was gemeint ist, leuchtet wohl auch so ein: sinnliches Verlangen -kann zwischen zwei Individuen, die lngere Zeit beisammen, -besser noch: <em class="gesperrt">miteinander eingesperrt</em> sind, sich -auch entwickeln, wo vorher keines oder gar Abstoung vorlag, -hnlich einem chemischen Prozesse, der sehr viel Zeit -in Anspruch nimmt, ehe merklich wird, da er vor sich geht. -Zum Teil hierauf beruht ja wohl auch der Trost, den man -ohne Liebe Heiratenden mitzugeben pflegt: Das stelle sich -schon spter ein; es komme <em class="gesperrt">mit der Zeit</em>.</p> - -<p>Man sieht: viel Wert ist auf die Analogie mit der Affinitt -im toten Chemismus nicht zu legen. Es schien mir -aber <em class="gesperrt">aufklrend</em>, derartige Betrachtungen anzustellen. Selbst -ob die sexuelle Anziehung unter die Tropismen zu subsu<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>mieren -ist, bleibt noch unentschieden, und keineswegs ist, -auch wenn es fr die <em class="gesperrt">Sexualitt feststnde</em>, damit auch -schon <em class="gesperrt">implicite</em> etwas ber die <em class="gesperrt">Erotik</em> ausgemacht. Das -Phnomen der Liebe bedarf noch einer anderen Behandlung, -die ihm der zweite Teil zu geben versuchen soll. Dennoch -bestehen zwischen den Formen, in denen leidenschaftlichste -Anziehung selbst unter Menschen auftritt, und jenen Chemotropismen -noch unleugbare Analogien; ich verweise auf die -Schilderung des Verhltnisses zwischen Eduard und Ottilie -eben in den Wahlverwandtschaften.</p> - -<p>Mit der Nennung dieses Romanes war bereits einmal -ein kurzes Eingehen auf das Problem der Ehe gegeben, und -einige Nutzanwendungen, welche aus dem Theoretischen -dieses Kapitels fr die Praxis folgen, sollen ebenfalls zunchst -an das Problem der Ehe geknpft werden. Das fr -die sexuelle Anziehung aufgestellte eine Gesetz, dem die -anderen sehr hnlich gebaut zu sein scheinen, lehrt nmlich, -da, weil unzhlige sexuelle Zwischenstufen existieren, es auch -immer <em class="gesperrt">zwei</em> Wesen geben wird, die <em class="gesperrt">am besten</em> zueinander -passen. <em class="gesperrt">Insofern</em> ist also die Ehe gerechtfertigt und -freie Liebe, von diesem biologischen Standpunkte aus zu -verwerfen. Freilich wird die Frage der Monogamie durch -andere Verhltnisse, z. B. durch spter zu erwhnende -Periodizitten wie auch durch die besprochene Vernderung -des Geschmackes mit zunehmendem Alter, wieder -bedeutend kompliziert und die Leichtigkeit einer Lsung vermindert.</p> - -<p>Eine zweite Folgerung ergibt sich, wenn wir uns der -Heterostylie erinnern, insbesondere der Tatsache, da aus der -illegitimen Befruchtung fast lauter entwicklungsunfhige -Keime hervorgehen. Dies legt bereits den Gedanken nahe, da -auch bei den anderen Lebewesen die strkste und gesndeste -Nachkommenschaft aus Verbindungen hervorgehen werde, in -denen wechselseitige geschlechtliche Anziehung in hohem Ausmae -besteht. So spricht auch das Volk lngst von den Kindern -der Liebe in ganz besonderer Weise, und glaubt, da diese -schnere, bessere, prchtigere Menschen werden. Aus diesem -Grunde wird, selbst wer keinen speziellen Beruf zum<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> -Menschenzchter in sich fhlt, schon um der Hygiene willen -die bloe Geldheirat, die sich von Verstandesehe noch erheblich -unterscheiden kann, mibilligen.</p> - -<p>Ferner drfte auf die Tierzucht, wie ich nebenbei bemerken -will, die Beachtung der Gesetze sexueller Anziehung -vielleicht einen ziemlichen Einflu gewinnen. Man wird zunchst -den sekundren Geschlechtscharakteren, und dem Grade ihrer -Ausbildung in den beiden zu kopulierenden Individuen mehr -Aufmerksamkeit als bisher schenken. Die knstlichen Prozeduren, -die man vornimmt, um Weibchen durch mnnliche -Zuchttiere auch dann belegen zu lassen, wenn diese an jenen -wenig Gefallen gefunden haben, verfehlen gewi im einzelnen -ihren Zweck keineswegs, sie sind aber im allgemeinen stets -von irgend welchen blen Folgen begleitet; die ungeheuere -Nervositt beispielsweise der durch Unterschiebung falscher -Stuten gezeugten Hengste, die man, trotz jedem modernen -jungen Mann, mit Brom und anderen Medikamenten fttern -mu, geht sicherlich in letzter Linie hierauf zurck, hnlich -wie an der krperlichen Degeneration des modernen Judentums -nicht zum wenigsten der Umstand beteiligt sein mag, -da bei den Juden viel hufiger als irgend sonstwo auf der -Welt die Ehen der Heiratsvermittler und nicht die Liebe zustande -bringt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Darwin</em> hat in seinen auch hierfr grundlegenden -Arbeiten durch sehr ausgedehnte Experimente und Beobachtungen -festgestellt, was seither allgemein besttigt worden -ist: da sowohl ganz nahe verwandte Individuen als auch -anderseits solche von allzu ungleichem Artcharakter einander -sexuell weniger anziehen als gewisse unbedeutend verschiedene, -und da, wenn es trotzdem dort zur Befruchtung -kommt, der Keim entweder in den Vorstadien der Entwicklung -abstirbt oder ein schwchliches, selbst meist nicht mehr -reproduktionsfhiges Produkt entsteht, wie eben auch bei -den heterostylen Pflanzen <em class="gesperrt">legitime</em> Befruchtung <em class="gesperrt">mehr</em> und -<em class="gesperrt">besseren</em> Samen liefert als alle anderen Kombinationen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Es gedeihen also stets am besten diejenigen -Keime, deren Eltern die grte sexuelle Affinitt -gezeigt haben.</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> - -Aus dieser Regel, die wohl als allgemein gltig zu -betrachten ist, folgt die Richtigkeit des bereits aus dem -Frheren gezogenen Schlusses: Wenn schon geheiratet wird -und Kinder gezeugt werden, dann sollen diese wenigstens -nicht aus der berwindung einer sexuellen Abstoung hervorgegangen -sein, die nicht ohne eine Versndigung an der -krperlichen und geistigen Konstitution des Kindes geschehen -knnte. Sicherlich bilden einen groen Teil der -unfruchtbaren Ehen die Ehen ohne Liebe. Die alte Erfahrung, -nach der beiderseitige sexuelle Erregung beim Geschlechtsakte -die Aussichten der Konzeption erhhen soll, gehrt wohl -auch teilweise in diese Sphre und wird aus der von Anfang -an greren Intensitt des Sexualtriebes zwischen zwei einander -wohl ergnzenden Individuen leichter verstndlich.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span><a name="V_IV_Kapitel" id="V_IV_Kapitel"><small>IV. Kapitel.</small><br /></a> - -Homosexualitt und Pderastie.</h2> - - -<p>In dem besprochenen Gesetze der sexuellen Anziehung -ist zugleich die — langgesuchte — Theorie der kontrren -Sexualempfindung, d. i. der sexuellen Hinneigung zum eigenen -(nicht oder nicht nur zum anderen) Geschlechte enthalten. -Von einer Distinktion abgesehen, die spter zu treffen sein -wird, lt sich khnlich behaupten, da jeder Kontrrsexuelle -auch anatomisch die Charaktere des anderen Geschlechtes -aufweist. Einen rein psychosexuellen Hermaphroditismus -gibt es nicht; Mnner, die sich sexuell von Mnnern angezogen -fhlen, sind auch ihrem ueren Habitus nach weibliche -Mnner, und ebenso zeigen jene Frauen krperlich -mnnliche Charaktere, die andere Frauen sinnlich begehren. -Diese Anschauung ist vom Standpunkte eines strengen -Parallelismus zwischen Physischem und Psychischem <em class="gesperrt">selbstverstndlich</em>; -ihre Durchfhrung fordert jedoch Beachtung -der im zweiten Kapitel erwhnten Tatsache, da nicht alle -Teile <em class="gesperrt">desselben</em> Organismus die gleiche Stellung zwischen -M und W einnehmen, sondern verschiedene Organe verschieden -mnnlich oder verschieden stark weiblich sein -knnen. <em class="gesperrt">Es fehlt also beim sexuell Invertierten nie -eine anatomische Annherung an das andere Geschlecht.</em></p> - -<p>Schon dies wrde gengen, um die Meinung derer zu -widerlegen, welche den kontrren Sexualtrieb als eine Eigenschaft -betrachten, die von den betreffenden Individuen im -Laufe des Lebens erworben wird und das normale Geschlechtsgefhl -berdeckt. An eine solche Erwerbung durch uere<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> -Anlsse im Laufe des individuellen Lebens glauben angesehene -Forscher, <em class="gesperrt">Schrenck-Notzing</em>, <em class="gesperrt">Kraepelin</em>, <em class="gesperrt">Fr</em>; als solche -Anlsse betrachten sie Abstinenz vom normalen Verkehr -und besonders Verfhrung. Was ist es aber dann mit dem -ersten Verfhrer? Wurde dieser vom Gotte Hermaphroditos -unterwiesen? Mir ist diese ganze Meinung nie anders vorgekommen, -als wenn jemand die normale sexuelle Hinneigung -des typischen Mannes zur typischen Frau als knstlich -erworben ansehen wollte, und sich zur Behauptung verstiege, -diese gehe stets auf Belehrung lterer Genossen zurck, -die <em class="gesperrt">zufllig</em> einmal die Annehmlichkeit des Geschlechtsverkehres -entdeckt htten. So wie der Normale ganz von -selbst darauf kommt, was ein Weib ist, so stellt sich wohl -auch beim Kontrren die sexuelle Anziehung, welche Personen -des eigenen Geschlechtes auf ihn ausben, im Laufe -seiner individuellen Entwicklung durch Vermittlung jener -ontogenetischen Prozesse, die ber die Geburt hinaus das -ganze Leben hindurch fortdauern, von selbst ein. Natrlich -wird eine <em class="gesperrt">Gelegenheit</em> hinzukommen mssen, welche die -Begierde nach der Ausbung homosexueller Akte hervortreten -lt, <em class="gesperrt">aber diese kann nur aktuell machen</em>, was in -den Individuen in grerem oder geringerem Grade bereits -lngst vorhanden ist und nur der Auslsung harrt. <em class="gesperrt">Da bei -sexueller Abstinenz</em> (um den zweiten angeblichen Grund -kontrrer Sexualempfindung nicht zu bergehen) <em class="gesperrt">eben noch -zu etwas anderem gegriffen werden kann als zur -Masturbation, das ist es, was die Erwerbungstheoretiker -erklren mten</em>; aber da <em class="gesperrt">homosexuelle</em> -Akte angestrebt und ausgefhrt werden, mu in der Naturanlage -bereits begrndet sein. Auch die heterosexuelle Anziehung -knnte man ja erworben nennen, wenn man es einer ausdrcklichen -Konstatierung bedrftig fnde, da z. B. der -heterosexuelle Mann irgend einmal ein Weib oder zumindest -ein weibliches Bildnis gesehen haben mu, um sich zu verlieben. -Aber wer das kontrre Geschlechtsgefhl acquiriert -sein lt, gleicht gar einem Manne, der hierauf ausschlielich -reflektierte und die ganze Anlage des Individuums, in Bezug -auf die allein doch ein bestimmter Anla seine bestimmte Wir<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>kung -entfalten kann, ausschaltete, um ein an sich nebenschliches -Ereignis des ueren Lebens, eine letzte Komplementrbedingung -oder Teilursache zum alleinigen Faktor des ganzen -Resultates zu machen.</p> - -<p>Ebensowenig als die kontrre Sexualempfindung erworben -ist, ebensowenig ist sie von den Eltern oder Groeltern <em class="gesperrt">ererbt</em>. -Dies hat man wohl auch kaum behauptet — denn dem -widersprche alle Erfahrung auf den ersten Blick —, sondern -nur eine durchaus neuropathische Konstitution als ihre Bedingung -hinstellen wollen, eine allgemeine hereditre Belastung, -die sich im Nachkommen eben auch durch Verkehrung -der geschlechtlichen Instinkte uere. Man rechnete die ganze -Erscheinung zum Gebiete der Psychopathologie, betrachtete -sie als ein Symptom der Degeneration, die von ihr Betroffenen -als Kranke. Obwohl diese Auffassung nun viel weniger Anhnger -zhlt als noch vor etlichen Jahren, seitdem ihr frherer -Hauptvertreter <em class="gesperrt">v. Krafft-Ebing</em> in den spteren Auflagen -seiner Psychopathia sexualis sie selbst stillschweigend hat -fallen lassen, so ist doch noch immer die Bemerkung nicht -unangebracht, da die Menschen mit sexueller Inversion in -allem brigen ganz gesund sein knnen und sich, accessorische -soziale Momente abgerechnet, nicht weniger wohl fhlen wie -alle anderen gesunden Menschen. Fragt man sie, ob sie sich -berhaupt wnschen, in dieser Beziehung anders zu sein, als sie -sind, so erhlt man gar oft eine verneinende Antwort.</p> - -<p>Da man die Homosexualitt gnzlich isolierte und nicht -in Verbindung mit anderen Tatsachen zu bringen suchte, ist -schuld an all diesen verfehlten Erklrungsversuchen. Wer -die sexuellen Inversionen als etwas Pathologisches oder -als eine scheulich-monstrse geistige Bildungsanomalie betrachtet -(die letztere ist die vom Philister sanktionierte Anschauungsweise) -oder sie gar als ein angewhntes Laster, als -das Resultat einer fluchwrdigen Verfhrung auffat, der bedenke -doch, <em class="gesperrt">da unendlich viele bergnge fhren -vom mnnlichsten Masculinum ber den weiblichen -Mann und schlielich ber den Kontrrsexuellen hinweg -zum Hermaphroditismus spurius und genuinus -und von da ber die Tribade, weiter ber die Virago<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> -hinweg zur weiblichen Virgo. Die Kontrrsexuellen</em> -(beiderlei Geschlechtes) <em class="gesperrt">sind im Sinne der hier vertretenen -Anschauung als Individuen zu definieren, -bei denen der Bruch α um 05 herum schwankt</em>, also -sich von α' (vgl. <a href="#Seite_10">S. 10</a>) nicht weit unterscheidet, die also ungefhr -ebensoviel vom Manne als vom Weibe haben, ja fters -mehr vom Weibe, obwohl sie als Mnner, und vielleicht auch -mehr vom Manne, obwohl sie als Weiber gelten. Entsprechend -der nicht immer gleichmigen Verteilung der sexuellen Charakteristik -ber den ganzen Krper ist es nmlich sicher, da hufig -genug Individuen blo auf Grund eines primren mnnlichen -Geschlechtscharakters, auch wenn der Descensus testiculorum -erst spter erfolgt, oder Epi- oder Hypospadie da ist, oder -spter Azoospermie sich einstellt, oder auch wenn (beim -weiblichen Geschlechte) Atresia vaginae bemerkt wird, unbedenklich -in das eine Geschlecht eingereiht werden, welches -jener Charakter angibt, z. B. eine mnnliche Erziehung genieen, -zum Militrdienst u. s. w. herangezogen werden, <em class="gesperrt">obwohl -bei ihnen α < 05, α' > 05</em> ist. Das sexuelle Komplement -solcher Individuen wird demgem scheinbar auf der -diesseitigen Hlfte sich befinden, auf der nmlichen, auf der sie -selbst sich jedoch nur aufzuhalten <em class="gesperrt">scheinen</em>, indes sie tatschlich -bereits auf der jenseitigen stehen. brigens — dies kommt meiner -Auffassung zu Hilfe und wird anderseits erst durch sie erklrt -— es gibt keinen Invertierten, der <em class="gesperrt">blo</em> kontrrsexuell wre. -Alle sind von Anfang an nur <em class="gesperrt">bisexuell</em>, d. h. es ist ihnen -sowohl der Geschlechtsverkehr mit Mnnern als mit Frauen -mglich. Es kann aber sein, da sie selbst spter aktiv ihre -einseitige Ausbildung zu einem Geschlechte begnstigen, einen -Einflu auf sich in der Richtung der Unisexualitt nehmen, -und so schlielich die Hetero- oder die Homosexualitt in -sich zum berwiegen bringen oder durch uere Einwirkungen -in einem solchen Sinne sich beeinflussen lassen; obwohl die -Bisexualitt hiedurch nie erlischt, vielmehr immer wieder ihr -nur zeitweilig zurckgedrngtes Dasein zu erkennen gibt.</p> - -<p>Da ein Zusammenhang der homosexuellen Erscheinungen -mit der bisexuellen Anlage jedes tierischen und pflanzlichen -Embryo besteht, hat man mehrfach, und in jngster Zeit mit<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> -steigender Hufigkeit eingesehen. Das Neue in <em class="gesperrt">dieser</em> Darstellung -ist, da fr sie die Homosexualitt nicht einen -Rckschlag oder eine unvollendete Entwicklung, eine mangelhafte -Differenzierung des Geschlechtes bedeutet wie fr jene -Untersuchungen, da ihr die Homosexualitt berhaupt keine -Anomalie mehr ist, die nur vereinzelt dastnde und als Rest -einer frheren Undifferenziertheit in die sonst vllig vollzogene -Sonderung der Geschlechter hereinragte. <em class="gesperrt">Sie reiht -vielmehr die Homosexualitt als die Geschlechtlichkeit -der sexuellen Mittelstufen ein in den kontinuierlichen -Zusammenhang der sexuellen Zwischenformen</em>, -die ihr als einzig real gelten, indes die Extreme ihr -nur Idealflle sind. Ebenso wie nach ihr alle Wesen auch -<em class="gesperrt">heterosexuell</em> sind, so sind ihr darum <em class="gesperrt">alle auch homosexuell</em>.</p> - -<p>Da in <em class="gesperrt">jedem</em> menschlichen Wesen, entsprechend dem -<em class="gesperrt">mehr</em> oder <em class="gesperrt">minder</em> rudimentr gewordenen <em class="gesperrt">anderen</em> Geschlecht, -auch die Anlage zur Homosexualitt, wenn auch noch -schwach, vorhanden ist, wird besonders klar erwiesen durch -die Tatsache, da im Alter <em class="gesperrt">vor</em> der Pubertt, wo noch eine -verhltnismige Undifferenziertheit herrscht, wo noch nicht -die innere Sekretion der Keimdrsen vollends ber den Grad -der einseitigen sexuellen Ausprgung entschieden hat, jene -schwrmerischen Jugendfreundschaften die Regel sind, -die nie eines sinnlichen Charakters ganz entbehren, und -zwar sowohl beim mnnlichen wie beim weiblichen Geschlecht.</p> - -<p>Wer freilich ber jenes Alter <em class="gesperrt">hinaus</em> noch sehr von -Freundschaft mit dem eigenen Geschlecht bermig schwrmt, -hat schon einen starken Einschlag vom anderen in sich; eine -noch weit vorgercktere Zwischenstufe markieren aber jene, -die von Kollegialitt zwischen den beiden Geschlechtern -begeistert sind, mit dem anderen Geschlecht, das ja doch -nur das ihrige ist, ohne ber die eigenen Gefhle wachen zu -mssen, kameradschaftlich verkehren knnen, von ihm zu -Vertrauten gemacht werden, und ein derartiges ideales, reines -Verhltnis auch anderen aufdrngen wollen, die es weniger -leicht haben, rein zu bleiben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> - -Es gibt auch keine Freundschaft zwischen Mnnern, die -ganz eines Elementes von Sexualitt entbehrte, so wenig -damit das Wesen der Freundschaft bezeichnet, so <em class="gesperrt">peinlich</em> -sie vielmehr gerade dem Gedanken an die Freundschaft, so -<em class="gesperrt">entgegensetzt</em> sie der <em class="gesperrt">Idee</em> der Freundschaft ist. Schon -da keine Freundschaft zwischen Mnnern werden kann, wenn -die uere Erscheinung gar keine Sympathie zwischen beiden -geweckt hat, weil sie dann eben einander nie nher treten -werden, ist Beweis genug fr die Richtigkeit des Gesagten. -Sehr viel Beliebtheit, Protektion, Nepotismus zwischen -Mnnern geht auf solche oft unbewut geschlechtliche Verhltnisse -zurck.</p> - -<p>Der sexuellen Jugendfreundschaft entspricht vielleicht ein -analoges Phnomen bei lteren Mnnern: dann nmlich, wenn -mit einer greisenhaften Rckbildung der im Mannesalter einseitig -entwickelten Geschlechtscharaktere die latente Amphisexualitt -wieder zu Tage tritt. Da so viele Mnner von -50 Jahren aufwrts wegen verbter Unsittlichkeitsdelikte -gerichtlich belangt werden, hat mglicherweise dies zur -Ursache.</p> - -<p>Endlich sind homosexuelle Akte in nicht geringer Zahl -auch bei Tieren beobachtet worden. Die Flle (nicht alle) -hat aus der Literatur in verdienstvoller Weise F. <em class="gesperrt">Karsch</em> -zusammengestellt. Leider geben die Beobachter kaum je etwas -ber die Grade der Maskulitt und Muliebritt bei diesen -Tieren an. Dennoch kann kein Zweifel sein, da wir es hier -mit einem Beweise der Gltigkeit unseres Gesetzes auch -fr die <em class="gesperrt">Tierwelt</em> zu tun haben. Wenn man Stiere lngere -Zeit in einem Raume eingesperrt hlt, ohne sie zu einer Kuh zuzulassen, -so kann man mit der Zeit kontrrsexuelle Akte zwischen -ihnen wahrnehmen; die einen, die weiblicheren, verfallen frher, -die anderen spter darauf, manche vielleicht auch nie. (Gerade -beim Rinde ist die groe Zahl sexueller Zwischenstufen bereits -festgestellt.) Dies beweist, da eben die Anlage in ihnen -vorhanden ist, sie nur vorher ihr Bedrfnis besser befriedigen -konnten. Die gefangen gehaltenen Stiere benehmen sich -eben nicht anders, als es so oft in den Gefngnissen -der Menschen, in Internaten und Konvikten, hergeht.<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> -Da die Tiere ebenfalls nicht nur die Onanie (die bei ihnen -so wie beim Menschen vorkommt), sondern auch die Homosexualitt -kennen, darin erblicke ich, nachdem es auch -unter ihnen sexuelle Zwischenformen gibt, eine der strksten -Besttigungen des aufgestellten Gesetzes der sexuellen -Anziehung.</p> - -<p><em class="gesperrt">Das kontrre Geschlechtsgefhl wird so fr -diese Theorie keine Ausnahme von dem Naturgesetze, -sondern nur ein Spezialfall desselben.</em> Ein -Individuum, das ungefhr zur Hlfte Mann, zur Hlfte Weib -ist, verlangt eben nach dem Gesetze zu seiner Ergnzung ein -anderes, das ebenfalls von beiden Geschlechtern etwa gleiche -Anteile hat. Dies ist der Grund der ja ebenfalls eine Erklrung -verlangenden Erscheinung, da die Kontrren -fast immer nur <em class="gesperrt">untereinander</em> ihre Art von Sexualitt ausben, -und nur hchst selten jemand in ihren Kreis gert, der -nicht die gleiche Form der Befriedigung sucht wie sie — die -sexuelle Anziehung ist wechselseitig — und <em class="gesperrt">sie</em> ist der mchtige -Faktor, der es bewirkt, da die Homosexuellen einander -immer sofort erkennen. So kommt es aber auch, da die -Normalen im allgemeinen von der ungeheueren Verbreitung -der Homosexualitt keine Ahnung haben, und, wenn er -pltzlich von einem solchen Akte hrt, der rgste normalgeschlechtliche -Wstling zur Verurteilung solcher Ungeheuerlichkeiten -ein volles Recht zu besitzen glaubt. Ein -Professor der Psychiatrie an einer deutschen Universitt hat -noch im Jahre 1900 ernstlich vorgeschlagen, man mge die -Homosexuellen einfach kastrieren.</p> - -<p>Das therapeutische Verfahren, mit welchem man heute -die sexuelle Inversion zu bekmpfen sucht (wo man berhaupt -einen solchen Versuch unternimmt), ist zwar minder radikal als -jener Rat, aber es offenbart auf dem Wege der Praxis die -vllige Unzulnglichkeit so mancher theoretischer Vorstellungen -ber die Natur der Homosexualitt. Heute behandelt -man nmlich — wie begreiflich, geschieht dies hauptschlich -von Seite der Erwerbungstheoretiker — die betreffenden -Menschen hypnotisch: man sucht ihnen die Vorstellung des -Weibes und des normalen aktiven Koitus mit demselben<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> -auf suggestivem Wege beizubringen und sie daran zu -gewhnen. Der Erfolg ist eingestandenermaen ein minimaler.</p> - -<p>Das ist von unserem Standpunkt aus auch selbstverstndlich. -Der Hypnotiseur entwirft dem zu Behandelnden -das <em class="gesperrt">typische</em> (!!) Bild des Weibes, das diesem seiner ganzen, -angeborenen, gerade seiner unbewuten, durch Suggestion -schwer angreifbaren Natur nach ein Greuel ist. Denn nicht -W ist sein Komplement, und nicht zum ersten besten Freimdchen, -das ihm nur um Geld zu Gefallen ist, darf ihn der -Arzt schicken, um so diese Kur, welche den Abscheu vor -dem normalen Koitus im Behandelten im allgemeinen noch -vermehrt haben wird, angemessen zu krnen. Fragen wir -unsere Formel nach dem Komplemente des Kontrrsexuellen, -so erhalten wir vielmehr gerade das allermnnlichste Weib, -die Lesbierin, die Tribade. <em class="gesperrt">Tatschlich ist diese auch -nahezu das einzige Weib, welches den Kontrrsexuellen -anzieht, das einzige, dem er gefllt.</em> Wenn -also eine Therapie der kontrren Sexualempfindung unbedingt -sein mu und auf ihre Ausarbeitung nicht verzichtet -werden kann, so ergibt diese Theorie den Vorschlag, -den Kontrren an die Kontrre, den Homosexuellen an die -Tribade zu weisen. Der Sinn dieser Empfehlung kann aber nur -der sein, <em class="gesperrt">beiden</em> die Befolgung der (in England, Deutschland, -sterreich) noch in Kraft stehenden Gesetze gegen homosexuelle -Akte, die eine Lcherlichkeit sind und zu deren Abschaffung diese -Zeilen ebenfalls beitragen wollen, mglichst leicht zu machen. -Der zweite Teil dieser Arbeit wird es verstndlich werden lassen, -<em class="gesperrt">warum</em> die aktive Prostituierung eines Mannes durch einen -mit ihm vollzogenen Sexualakt wie die passive Selbsthingabe -des anderen Mannes zu einem solchen so viel intensiver als eine -Schmach empfunden wird, als der sexuelle Verkehr des -Mannes mit der Frau beide zu entwrdigen scheint. <em class="gesperrt">An und -fr sich besteht aber ethisch gar keine Differenz -zwischen beiden.</em> Trotz all dem heute beliebten Geschwtze -von dem verschiedenen Rechte fr verschiedene Persnlichkeiten -gibt es nur eine, fr alles, was Menschenantlitz trgt, -gleiche allgemeine Ethik, so wie es nur eine Logik und nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> -mehrere Logiken gibt. Ganz verwerflich hingegen und auch -mit den Prinzipien des Strafrechtes, das nur das Verbrechen, -nicht die Snde ahndet, vllig <em class="gesperrt">unvereinbar</em> ist es, dem -Homosexuellen seine Art des Geschlechtsverkehres zu verbieten -und dem Heterosexuellen die seine zu gestatten, wenn -beide mit der gleichen Vermeidung des ffentlichen rgernisses -sich abspielen. <em class="gesperrt">Logisch</em> wre einzig und allein (vom -Standpunkte einer reinen Humanitt und eines Strafrechtes -als nicht blo abschreckenden sozialpdagogischen Zwecksystems -sehe ich in dieser Betrachtung berhaupt ab), die -Kontrren Befriedigung dort finden zu lassen, wo sie sie -suchen: untereinander.</p> - -<p>Diese ganze Theorie scheint vllig widerspruchslos und -in sich geschlossen zu sein und eine vllig befriedigende -Erklrung aller Phnomene zu ermglichen. Nun mu aber -die Darstellung mit Tatsachen herausrcken, die jener sicher -werden entgegengehalten werden, und auch wirklich die -ganze Subsumtion dieser sexuellen Perversion unter die -sexuellen Zwischenformen und das Gesetz ihres Geschlechtsverkehres -umzustoen scheinen. Es gibt nmlich wirklich und -ohne allen Zweifel, whrend fr die invertierten Frauen die -obige Darlegung vielleicht ausreicht, Mnner, die sehr wenig -weiblich sind und auf die doch Personen des eigenen Geschlechtes -eine sehr starke Wirkung ausben, eine strkere -als auf andere Mnner, die vielleicht viel weiblicher sind als -sie, eine Wirkung ferner, die auch vom mnnlichen Manne -auf sie ausgehen kann, eine Wirkung endlich, die oft strker sein -kann als der Eindruck, den irgend eine Frau auf jene Mnner -auszuben imstande ist. Albert <em class="gesperrt">Moll</em> sagt mit Recht: Es -gibt psychosexuelle Hermaphroditen, die sich zu beiden Geschlechtern -hingezogen fhlen, die aber bei jedem Geschlechte -nur die typischen Eigenschaften dieses Geschlechtes lieben, -und anderseits gibt es psychosexuelle [?] Hermaphroditen, -die nicht beim einzelnen Geschlechte die typischen Eigenschaften -dieses Geschlechtes lieben, sondern denen diese -Eigenschaften gleichgltig, zum Teile sogar abstoend sind. -Auf diesen Unterschied bezieht sich nun die in der berschrift -dieses Kapitels getroffene <em class="gesperrt">Distinktion zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> -Homosexualitt und Pderastie</em>. Die Trennung beider -lt sich wohl begrnden; als homosexuell ist derjenige -Typus von Perversen bezeichnet, welcher sehr thelyide -Mnner <em class="gesperrt">und</em> sehr arrhenoide Weiber bevorzugt, nach dem -besprochenen Gesetze; der <em class="gesperrt">Pderast hingegen kann sehr -mnnliche Mnner, aber ebensowohl sehr weibliche -Frauen lieben</em>, das letztere, <em class="gesperrt"><b>soweit</b> er <b>nicht</b> Pderast ist. -Dennoch wird die Neigung zum mnnlichen Geschlechte -bei ihm strker sein und tiefer gehen als -die zum weiblichen.</em> Die Frage nach dem Grunde der -Pderastie bildet ein Problem fr sich und bleibt fr diese -Untersuchung gnzlich unerledigt.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span><a name="V_V_Kapitel" id="V_V_Kapitel"><small>V. Kapitel.</small></a><br /> - -Anwendung auf die Charakterologie.</h2> - - -<p>Vermge der Tatsache, da zwischen Physischem und -Psychischem eine wie immer geartete Korrespondenz besteht, -ist von vornherein zu erwarten, da dem weiten Umfange, -in welchem unter morphologischen und physiologischen Verhltnissen -das Prinzip der sexuellen Zwischenstufen sich -nachweisen lie, psychologisch eine mindestens ebenso reiche -Ausbeute entsprechen werde. Sicherlich gibt es auch einen -psychischen Typus des Weibes und des Mannes (wenigstens -stellen die bisherigen Ergebnisse die Aufsuchung solcher -Typen zur Aufgabe), Typen, die von der Wirklichkeit nie -erreicht werden, da diese von der reichen Folge der sexuellen -Zwischenformen im Geistigen ebenso erfllt ist wie im -Krperlichen. Das Prinzip hat also die grte Aussicht, sich -den <em class="gesperrt">geistigen</em> Eigenschaften gegenber zu bewhren und -das verworrene Dunkel etwas zu lichten, in welches die psychologischen -Unterschiede <em class="gesperrt">zwischen den einzelnen Menschen</em> -fr die Wissenschaft noch immer gehllt sind. Denn es ist -hiemit ein Schritt vorwrts gemacht im Sinne einer differenzierten -Auffassung auch des geistigen Habitus jedes Menschen, -man wird auch von dem <em class="gesperrt">Charakter</em> einer Person wissenschaftlich -nicht mehr sagen, er sei <em class="gesperrt">mnnlich</em> oder er sei -<em class="gesperrt">weiblich schlechthin</em>, sondern darauf achten und danach -fragen: <em class="gesperrt">wieviel Mann</em>, <em class="gesperrt">wieviel Weib</em> ist in einem Menschen. -Hat <em class="gesperrt">er</em> oder hat <em class="gesperrt">sie</em> in dem betreffenden Individuum dies -oder jenes getan, gesagt, gedacht? Eine <em class="gesperrt">individualisierende</em> -Beschreibung aller Menschen und alles Menschlichen ist -hiedurch erleichtert, und so liegt die neue Methode in der<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> -eingangs dargelegten Entwicklungsrichtung aller Forschung: -alle Erkenntnis hat seit jeher, von Begriffen mittlerer Allgemeinheit -ausgehend, nach zwei divergierenden Richtungen -auseinandergestrebt, dem allem Einzelnen gemeinschaftlichen -Allgemeinsten nicht allein entgegen, sondern ebenso der -allereinzelnsten, individuellsten Erscheinung zu. Darum ist die -Hoffnung wohl begrndet, welche von dem Prinzip der -sexuellen Zwischenformen die strkste Frderung fr die -noch ungelste wissenschaftliche Aufgabe einer Charakterologie -erwartet, und der Versuch berechtigt, es methodisch -zu dem Range eines <em class="gesperrt">heuristischen Grundsatzes</em> in der -Psychologie der individuellen Differenzen oder differentiellen -Psychologie zu erheben. Und seine Anwendung auf -das Unternehmen einer Charakterologie, dieses bisher fast -ausschlielich von Literaten bepflgten, wissenschaftlich noch -recht verwahrlosten Feldes, ist vielleicht um so freudiger zu begren, -als es unmittelbar aller quantitativen Abstufungen -fhig ist, indem man sozusagen den Prozentgehalt an -M und W, den ein Individuum besitzt, auch im Psychischen -aufzusuchen sich nicht wird scheuen drfen. Da diese Aufgabe -mit einer <em class="gesperrt">anatomischen</em> Beantwortung der Frage nach -der sexuellen Stellung eines Organismus zwischen Mann und -Weib noch nicht gelst ist, sondern <em class="gesperrt">im allgemeinen</em> noch -eine besondere Behandlung erfordert, selbst wenn <em class="gesperrt">im speziellen</em> -hier viel fter Kongruenz als Inkongruenz sich nachweisen -liee, ist bereits mit den Ausfhrungen des zweiten -Kapitels ber die Ungleichmigkeiten gegeben, welche selbst -zwischen den einzelnen <em class="gesperrt">krperlichen</em> Teilen und Qualitten -des nmlichen Individuums untereinander betreffs des <em class="gesperrt">Grades</em> -ihrer Mnnlichkeit oder Weiblichkeit bestehen.</p> - -<p>Das Nebeneinander von Mnnlichem und Weiblichem -im gleichen Menschen ist hiebei nicht als vllige oder -annhernde <em class="gesperrt">Simultaneitt</em> zu verstehen. Die wichtige -neue Hinzufgung, welche an dieser Stelle notwendig wird, -ist nicht nur eine erluternde Anweisung zur richtigen -psychologischen Verwertung des Prinzipes, sondern auch -eine bedeutungsvolle Ergnzung der frheren Ausfhrungen. -<em class="gesperrt">Es schwankt oder oszilliert nmlich jeder Mensch<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> -zwischen dem Manne und dem Weibe in ihm hin und -her</em>; wenn auch diese Oszillationen bei dem einen abnorm -gro, bei dem anderen klein bis zur Unmerklichkeit sein -knnen, <em class="gesperrt">sie sind immer da</em> und offenbaren sich, wenn sie -von einiger Erheblichkeit sind, auch durch ein wechselndes -krperliches Aussehen der von ihnen Betroffenen. Diese -<em class="gesperrt">Schwankungen der sexuellen Charakteristik</em> zerfallen, -den Schwankungen des Erdmagnetismus vergleichbar, in -regelmige und unregelmige. Die regelmigen sind entweder -kleine Oszillationen: z. B. fhlen manche Menschen -am Abend mnnlicher als am Morgen; oder sie gehren in -das Reich der greren und groen <em class="gesperrt">Perioden</em> des organischen -Lebens, auf die man kaum erst aufmerksam zu werden -begonnen hat, und deren Erforschung Licht auf eine noch -gar nicht absehbare Menge von Phnomenen werfen zu -sollen scheint. Die unregelmigen Schwankungen werden -wahrscheinlich durch uere Anlsse, vor allem durch den -sexuellen Charakter des Nebenmenschen, hervorgerufen. Sie bedingen -gewi zum Teile jene merkwrdigen Phnomene der -<em class="gesperrt">Einstellung</em>, welche in der Psychologie einer <em class="gesperrt">Menge</em> die -grte Rolle spielen, wenn sie auch bis jetzt kaum die gebhrende -Beachtung gefunden haben. Kurz, die <em class="gesperrt">Bisexualitt</em> -wird sich nicht in einem einzigen Augenblicke, sondern kann -sich psychologisch nur im <em class="gesperrt">Nacheinander</em> offenbaren, ob -nun diese Differenz der sexuellen Charakteristik in der Zeit -dem Gesetze einer Periodizitt gehorche oder nicht, ob die -Schwingung nach der Seite des einen Geschlechtes hin eine -andere Amplitude habe als die Schwingung nach dem anderen -Geschlechte hin, oder ob der mnnliche dem weiblichen -Schwingungsbauche gleich sei (was durchaus nicht der -Fall zu sein braucht, im Gegenteile nur ein Fall unter unzhligen -gleich mglichen ist).</p> - -<p>Man drfte also wohl bereits prinzipiell, noch vor der Erprobung -durch den ausgefhrten Versuch, zuzugeben geneigt -sein, da das Prinzip der sexuellen Zwischenformen eine -bessere charakterologische Beschreibung der Individuen ermglicht, -indem es das Mischungsverhltnis zu suchen auffordert, -in dem Mnnliches und Weibliches in jedem einzelnen<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> -zusammentreten, und die Elongation der Oszillationen zu bestimmen -gebietet, deren ein Individuum nach beiden Seiten -hin fhig ist. Wir geraten aber nun vor eine Frage, bezglich -welcher die Darstellung sich <em class="gesperrt">hier</em> entscheiden mu, -indem von ihrer Beantwortung der Gang der weiteren -Untersuchung fast ausschlielich abhngt. Es handelt sich -darum, ob diese zuerst das unendlich reiche Gebiet der -sexuellen Zwischenstufen, <em class="gesperrt">die sexuelle Mannigfaltigkeit im -Geistigen</em>, durchmessen und an besonders geeigneten Punkten -zu mglichst getreuen Aufnahmen der Verhltnisse zu gelangen -suchen soll, oder ob sie damit zu beginnen hat, <em class="gesperrt">die -sexuellen Typen</em> festzulegen, die psychologische Konstruktion -des idealen Mannes und des idealen Weibes vorzunehmen -und zu vollenden, bevor sie die verschiedenen Mglichkeiten -ihrer empirischen Vereinigung in concreto untersucht -und prft, wie weit die auf deduktivem Wege gewonnenen -Bilder sich mit der Wirklichkeit decken. Der erste Weg -entspricht der Entwicklung, welche die Gedanken nach der -allgemeinen Anschauung psychologisch immer nehmen, indem -die Ideen aus der Wirklichkeit, die sexuellen Typen nur aus der -allein realen sexuellen Mannigfaltigkeit geschpft werden -knnen: er wre induktiv und analytisch. Der zweite wrde -vor dem ersten den Vorzug der formal logischen Strenge -haben: er wre deduktiv-synthetisch.</p> - -<p>Diesen anderen Weg habe ich aus dem Grunde nicht -einschlagen wollen, weil die Anwendung zweier bereits wohl -definierter Typen auf die konkrete Wirklichkeit jedermann -leicht in voller Selbstndigkeit machen kann, indem sie nur die -(fr jeden Fall ohnedies stets neu und besonders zu gewinnende) -Kenntnis des <em class="gesperrt">Mischungsverhltnisses</em> beider voraussetzt, -um schon die Mglichkeit zu gestatten, Theorie und Praxis zur -Deckung zu bringen; sodann weil (gesetzt auch, es wrde die -auerhalb der Kompetenz des Verfassers liegende Form historisch-biographischer -Untersuchung gewhlt) Gesagtes immerfort -zu wiederholen wre, und dem Interesse an den Einzelpersonen -aller, der Theorie kein Gewinn mehr aus dieser -Verzweigung ins Detail erwchse. Der erste, der induktive -Weg ist darum nicht gangbar, weil in diesem Falle die<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> -Menge der Wiederholungen auf den Teil entfiele, welcher -die Tafel der Gegenstze der sexuellen Typen entrollen -wrde, und zudem das vorhergehende Studium der sexuellen -Zwischenstufen und die es begleitende Prparation der -Typen langwierig, zeitraubend und ohne Nutzen fr den -Leser wre.</p> - -<p>Eine andere Erwgung mute also die Einteilung bestimmen.</p> - -<p>Da die morphologische und physiologische Erforschung -der sexuellen Extreme nicht meine Sache war, wurde nur das -Prinzip der Zwischenformen, dieses aber nach allen Seiten -hin, denen es Aufklrung bringen zu knnen schien, also -auch vom biologischen Standpunkte aus behandelt. So bekam -das Ganze der vorliegenden Arbeit seine Gestalt. Die -eben erwhnte Betrachtung der Zwischenstufen bildet ihren -ersten Teil, whrend der zweite die rein <em class="gesperrt">psychologische -Analyse von M und W</em> in Angriff nehmen und so weit und -tief als mglich fortzufhren trachten wird. Die konkreten -Flle wird sich, in Anwendung der eventuell daselbst zu gewinnenden -Erkenntnisse, ein jeder selbstttig immer zusammensetzen -und sie mit den dort zu gewinnenden Anschauungen und -Begriffen leicht abbilden knnen. Dieser zweite Teil wird sich -auf die bekannten und gangbaren Meinungen ber die -geistigen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nur sehr -wenig sttzen knnen. Hier jedoch will ich, blo der Vollstndigkeit -halber und ohne der Sache eine besondere Wichtigkeit -beizumessen, die sexuellen Zwischenstufen des psychischen -Lebens in aller Krze an einigen Punkten auftreten -lassen, Punkten, die nur ein paar insgemein bekannte -Eigentmlichkeiten, welche hier noch keiner nheren Analyse -unterzogen werden sollen, in einigen Modifikationen sichtbar -werden lassen.</p> - -<p>Weibliche Mnner haben oft ein ungemein starkes Bedrfnis -zu heiraten, mgen sie (was ich erwhne, um Miverstndnissen -vorzubeugen) materiell noch so glnzend gestellt -sein. Sie sind es auch, die, wenn sie knnen, fast -immer sehr jung in die Ehe treten. Es wird ihnen oft be<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>sonders -schmeicheln, eine berhmte Frau, eine Dichterin -oder Malerin, die aber auch eine Sngerin oder Schauspielerin -sein kann, zur Gattin zu haben.</p> - -<p>Weibliche Mnner sind ihrer Weiblichkeit gem auch -krperlich eitler als die anderen unter den Mnnern. Es gibt -auch Mnner, die auf die Promenade gehen, um ihr Gesicht, -welches, als Weibergesicht, die Absicht seines Trgers -meist hinreichend verrt, bewundert zu fhlen und dann befriedigt -nach Hause zu gehen. Das Urbild des Narci ist ein -solcher Mann gewesen. Dieselben Personen sind natrlich -auch, was Frisur, Kleidung, Schuhwerk, Wsche anlangt, -ungemein sorgfltig, ihrer momentanen Krperhaltung und -ihres Aussehens an jedem bestimmten Tage, der kleinsten -Einzelheiten ihrer Toilette, des vorbergehendsten Blickes, -der von anderer Menschen Augen auf sie fllt, sich fast ebenso -bewut, wie W es stets ist, ja in Gang und Geberde oft geradezu -kokett. Bei den Viragines hingegen nimmt man oft -grobe Vernachlssigung der Toilette und Mangel an Krperpflege -wahr; sie sind mit dem Ankleiden oft viel schneller -fertig als mancher weibliche Mann. Das ganze Gecken- -oder Gigerltum geht, ebenso wie zum Teile die Frauenemanzipation, -auf die jetzige Vermehrung dieser Zwittergeschpfe -zurck; das ist alles mehr als bloe Mode. Es -fragt sich eben immer, <em class="gesperrt">warum</em> etwas zur Mode werden -kann, und es gibt wohl berhaupt weniger bloe Mode, -als der oberflchlich <em class="gesperrt">kritisierende</em> Zuschauer whnt.</p> - -<p>Je mehr von W eine Frau hat, desto weniger wird sie -den Mann <em class="gesperrt">verstehen</em>, umso strker jedoch wird er <em class="gesperrt">in seiner -geschlechtlichen Eigentmlichkeit</em> auf sie <em class="gesperrt">wirken</em>, um so -mehr Eindruck als Mann auf sie machen. Dies ist nicht nur aus -dem bereits erluterten Gesetze der sexuellen Anziehung zu verstehen, -sondern geht darauf zurck, da eine Frau um so eher -ihr Gegenteil aufzufassen in der Lage sein wird, je reiner -weiblich sie ist. Umgekehrt wird einer, je mehr von M er -hat, desto weniger W zu <em class="gesperrt">verstehen</em> in der Lage sein, desto -<em class="gesperrt">eindringlicher</em> jedoch werden die Frauen ihrem ganzen -<em class="gesperrt">ueren</em> Wesen nach, in ihrer Weiblichkeit, sich ihm -<em class="gesperrt">darstellen</em>. Die sogenannten Frauenkenner, d. h. solche,<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> -die nichts mehr sind als nur Frauenkenner, sind darum alle -zum guten Teile selbst Weiber. Die weiblicheren Mnner -wissen denn auch oft die Frauen viel besser zu behandeln als -Vollmnner, die das erst nach langen Erfahrungen und, von -ganz bestimmten Ausnahmen abgesehen, wohl berhaupt nie -vllig erlernen.</p> - -<p>An diese paar Illustrationen, welche die Verwendbarkeit -des Prinzipes an Beispielen veranschaulichen sollen, die -absichtlich der <em class="gesperrt">trivialsten</em> Sphre der tertiren Geschlechtscharaktere -entnommen wurden, mchte ich die naheliegenden -Anwendungen schlieen, die sich mir aus ihm fr die Pdagogik -zu ergeben scheinen. <em class="gesperrt">Eine</em> Wirkung nmlich erhoffe -ich vor allem von einer allgemeinen Anerkennung des Gemeinschaftlichen, -das diesen und den frheren Tatsachen wie so -vielen anderen noch zu Grunde liegt: <em class="gesperrt">eine mehr individualisierende -Erziehung</em>. Jeder Schuster, der den Fen das -Ma nimmt, mu das Individualisieren besser verstehen als -die heutigen Erzieher in Schule und Haus, die nicht zum -lebendigen Bewutsein einer solchen moralischen Verpflichtung -zu bringen sind! Denn bis jetzt erzieht man die sexuellen -Zwischenformen (insbesondere unter den Frauen) im Sinne einer -mglichst extremen Annherung an ein Mannes- oder Frauenideal -von konventioneller Geltung, man bt eine geistige -Orthopdie in der vollsten Bedeutung einer Tortur. Dadurch -schafft man nicht nur sehr viel Abwechslung aus der Welt, -sondern unterdrckt vieles, was keimhaft da ist und Wurzel -fassen knnte, verrenkt anderes zu unnatrlicher Lage, zchtet -Knstlichkeit und Verstellung.</p> - -<p>Die lngste Zeit hat unsere Erziehung uniformierend -gewirkt auf alles, was mit einer mnnlichen, und auf alles, -was mit einer weiblichen Geschlechtsregion zur Welt kommt. -Gar bald werden Knaben und Mdchen in verschiedene -Gewnder gesteckt, lernen verschiedene Spiele spielen, schon -der Elementarunterricht ist gnzlich getrennt, die Mdchen -lernen unterschiedslos Handarbeiten etc. etc. <em class="gesperrt">Die Zwischenstufen -kommen da alle zu kurz.</em> Wie mchtig aber die -Instinkte, die Determinanten ihrer Naturanlage, in derartig -mihandelten Menschen sein knnen, das zeigt sich oft schon<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> -<em class="gesperrt">vor</em> der Pubertt: Buben, die am liebsten mit Puppen spielen, -sich von ihrem Schwesterlein hkeln und stricken lehren -lassen, mit Vorliebe Mdchenkleidung anlegen und sich sehr -gerne mit weiblichem Vornamen rufen hren; Mdchen, die -sich unter die Knaben mischen, an deren wilderen Spielen -teilnehmen wollen und oft auch von diesen ganz als ihresgleichen, -kollegial behandelt werden. Immer aber kommt -eine durch Erziehung von auen unterdrckte Natur <em class="gesperrt">nach</em> -der Pubertt zum Vorschein: mnnliche Weiber scheren sich -die Haare kurz, bevorzugen frackartige Gewnder, studieren, -trinken, rauchen, klettern auf die Berge, werden passionierte -Jgerinnen; weibliche Mnner lassen das Haupthaar lang -wachsen, sie tragen Mieder, zeigen viel Verstndnis fr die -Toilettesorgen der Weiber, mit denen sie vom gleichen -Interesse getragene kameradschaftliche Gesprche zu fhren -imstande sind; ja sie schwrmen denn auch oft aufrichtig -von freundschaftlichem Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern, -weibische Studenten z. B. von kollegialem Verhltnis -zu den Studentinnen u. s. w.</p> - -<p>Unter der schraubstockartigen Pressung in eine -gleichmachende Erziehung haben Mdchen und Knaben -gleich viel, die letzteren spter mehr unter ihrer Subsumtion -unter das gleiche <em class="gesperrt">Gesetz</em>, die ersteren mehr unter der -Schablonisierung durch die gleiche <em class="gesperrt">Sitte</em> zu leiden. Die hier -erhobene Forderung wird darum, frchte ich, was die -Mdchen betrifft, mehr passivem Widerstand in den <em class="gesperrt">Kpfen</em> -begegnen als fr die Knaben. Hier gilt es vor allem, sich -von der gnzlichen Falschheit der weit verbreiteten, von -Autoritten des Tages weitergegebenen und immer wiederholten -Meinung von der <em class="gesperrt">Gleichheit aller Weiber</em> (es -gibt keine Unterschiede, keine Individuen unter den Weibern; -wer eine kennt, kennt alle) grndlich zu berzeugen. <em class="gesperrt">Es -gibt unter denjenigen Individuen, die W nher stehen -als M</em> (den Frauen), <em class="gesperrt">zwar bei weitem nicht so viele -Unterschiede und Mglichkeiten wie unter den -brigen</em> — die grere Variabilitt der Mnnchen ist -nicht nur fr den Menschen, sondern im Bereiche der ganzen -Zoologie eine allgemeine Tatsache, die insbesondere von<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> -<em class="gesperrt">Darwin</em> eingehend gewrdigt worden ist — <em class="gesperrt">aber noch -immer Differenzen genug</em>. Die psychologische Genese -jener so weit verbreiteten irrigen Meinung ist zum groen Teile -die, da (vgl. Kapitel III) jeder Mann in seinem Leben nur -<em class="gesperrt">eine</em> ganz bestimmte Gruppe von Frauen <em class="gesperrt">intimer</em> kennen -lernt, die <em class="gesperrt">naturgesetzlich</em> alle untereinander viel Gemeinsames -haben. Man hrt ja auch von Weibern fters, aus -der gleichen Ursache und mit noch weniger Grund: die -Mnner sind einer wie der andere. So erklren sich auch -manche, gelinde gesagt, <em class="gesperrt">gewagte</em> Behauptungen vieler -Frauenrechtlerinnen ber den Mann und die angeblich unwahre -berlegenheit desselben: daraus nmlich, <em class="gesperrt">was fr</em> -Mnner gerade <em class="gesperrt">sie</em> in der Regel nher kennen lernen.</p> - -<p><em class="gesperrt">In dem verschieden-abgestuften Beisammensein -von M und W</em>, in dem wir ein <em class="gesperrt">Hauptprinzip aller -wissenschaftlichen Charakterologie</em> erkannt haben, -sehen wir somit auch eine von der speziellen Pdagogik zu -beherzigende Tatsache vor uns.</p> - -<p>Die Charakterologie verhlt sich zu jener Psychologie, -welche eine Aktualittstheorie des Psychischen eigentlich -allein gelten lassen drfte, wie Anatomie zur Physiologie. Da -sie stets ein theoretisches und praktisches Bedrfnis bleiben -wird, ist es notwendig, unabhngig von ihrer erkenntnistheoretischen -Grundlegung und Abgrenzung gegenber dem -Gegenstande der allgemeinen Psychologie, Psychologie der -individuellen Differenzen treiben zu drfen. Wer der Theorie -vom psychophysischen Parallelismus huldigt, wird mit den -prinzipiellen Gesichtspunkten der bisherigen Behandlung insoferne -einverstanden sein, als fr ihn, ebenso wie ihm Psychologie -im engeren Sinne und Physiologie (des Zentralnervensystems) -Parallelwissenschaften sind, <em class="gesperrt">Charakterologie zur -Schwester die Morphologie haben mu</em>. In der Tat, von -der Verbindung von Anatomie und Charakterologie und der -wechselseitigen Anregung, die sie voneinander empfangen -knnen, ist fr die Zukunft noch Groes zu hoffen. Zugleich -wrde durch ein solches Bndnis der <em class="gesperrt">psychologischen -Diagnostik</em>, welche Voraussetzung jeder <em class="gesperrt">individualisierenden -Pdagogik</em> ist, ein unschtzbares Hilfsmittel an die<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> -Hand gegeben. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen, und -mehr noch die Methode des <em class="gesperrt">morphologisch-charakterologischen -Parallelismus</em> in ihrer <em class="gesperrt">weiteren</em> Anwendung -gewhren uns nmlich den Ausblick auf eine Zeit, wo jene -Aufgabe, welche die hervorragendsten Geister stets so mchtig -angezogen und immer wieder zurckgeworfen hat, wo die -<em class="gesperrt">Physiognomik</em> zu den Ehren einer wissenschaftlichen Disziplin -endlich gelangen knnte.</p> - -<p>Das Problem der Physiognomik ist das Problem einer konstanten -Zuordnung des <em class="gesperrt">ruhenden</em> Psychischen zum <em class="gesperrt">ruhenden</em> -Krperlichen, wie das Problem der physiologischen Psychologie -das einer gesetzmigen Zuordnung des <em class="gesperrt">bewegten</em> Psychischen -zum <em class="gesperrt">bewegten</em> Krperlichen (womit keiner speziellen -<em class="gesperrt">Mechanik</em> der Nervenprozesse das Wort geredet ist). Das -eine ist gewissermaen <em class="gesperrt">statisch</em>, das andere eher rein <em class="gesperrt">dynamisch</em>; -prinzipielle Berechtigung aber hat das eine Unternehmen -ebensoviel oder ebensowenig wie das andere. Es ist also methodisch -wie sachlich ein groes Unrecht, die Beschftigung mit -der Physiognomik, ihrer enormen Schwierigkeiten halber, fr -etwas so <em class="gesperrt">Unsolides</em> zu halten, wie das heute, mehr unbewut -als bewut, in den wissenschaftlichen Kreisen der Fall -ist und gelegentlich, z. B. gegenber den von <em class="gesperrt">Moebius</em> erneuerten -Versuchen <em class="gesperrt">Galls</em>, die Physiognomie des geborenen -Mathematikers aufzufinden, zu Tage tritt. Wenn es mglich -ist, nach dem ueren eines Menschen, den man nie gekannt -hat, sehr viel Richtiges ber seinen Charakter aus einer unmittelbaren -Empfindung heraus, nicht auf Grund eines Schatzes -bewuter oder unbewuter Erfahrungen, zu sagen — und es -gibt Menschen, die diese Fhigkeit in hohem Mae besitzen -— so kann es auch kein Ding der Unmglichkeit sein, zu -einem wissenschaftlichen System dieser Dinge zu gelangen. -Es handelt sich nur um die begriffliche Klrung gewisser -starker Gefhle, um die Legung des Kabels nach dem Sprachzentrum -(um mich sehr grob auszudrcken): eine Aufgabe, die -allerdings oft ungemein schwierig ist.</p> - -<p>Im brigen: es wird noch lange dauern, bis die offizielle -Wissenschaft die Beschftigung mit der Physiognomik nicht -mehr als etwas hchst <em class="gesperrt">Unmoralisches</em> betrachten wird. Man<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> -wird auf den psychophysischen Parallelismus genau so eingeschworen -bleiben wie bisher und doch zu gleicher Zeit die -Physiognomiker als Verlorene betrachten, als Charlatane, wie -bis vor kurzem die Forscher auf hypnotischem Gebiete; trotzdem -es keinen Menschen gibt, der nicht unbewut, keinen -hervorragenden Menschen, der nicht bewut Physiognomiker -wre. Der Redensart: Das sieht man ihm an der Nase an -bedienen sich auch Leute, die von der Physiognomik als -einer Wissenschaft nichts halten, und das Bild eines bedeutenden -Menschen wie das eines Raubmrders interessiert gar -sehr auch alle jene, die gar nie das Wort Physiognomik -gehrt haben.</p> - -<p>In dieser Zeit der hochflutenden Literatur ber das Verhltnis -des Physischen zum Psychischen, da der Ruf: Hie -Wechselwirkung! von einer kleinen, aber mutigen und sich -mehrenden Schar dem anderen Ruf einer kompakten Majoritt: -Hie psychologischer Parallelismus! entgegengesetzt wird, -wre es von Nutzen gewesen, auf diese Verhltnisse zu reflektieren. -Man htte sich dann freilich die Frage vorlegen mssen, -<em class="gesperrt">ob nicht die Setzung einer wie immer gearteten Korrespondenz -zwischen Physischem und Psychischem eine -bisher bersehene, apriorische, synthetische Funktion -unseres Denkens ist</em>, was mir wenigstens dadurch -sicher verbrgt scheint, da eben jeder Mensch die Physiognomik -<em class="gesperrt">anerkennt</em>, insoferne jeder, <em class="gesperrt">unabhngig</em> von der -<em class="gesperrt">Erfahrung</em>, Physiognomik <em class="gesperrt">treibt</em>. So wenig <em class="gesperrt">Kant</em> diese -Tatsache bemerkt hat, so gibt sie doch seiner Auffassung -recht, da ber das Verhltnis des Krperlichen zum Geistigen -sich <em class="gesperrt">weiter</em> wissenschaftlich nichts beweisen noch ausmachen -lt. Das Prinzip einer gesetzmigen Relation zwischen -Psychischem und Materiellem <em class="gesperrt">mu daher als Forschungsgrundsatz -heuristisch acceptiert werden</em>, und es -bleibt der Metaphysik und Religion vorbehalten, ber die Art -dieses Zusammenhanges, <em class="gesperrt">dessen Tatschlichkeit a priori -fr jeden Menschen feststeht</em>, noch nhere Bestimmungen -zu treffen.</p> - -<p>Ob nun Charakterologie in einer Verbindung mit Morphologie -gehalten werde oder nicht, fr sie allein wie fr das<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> -Resultat des koordinierten Betriebes beider, fr die Physiognomik, -drfte es Geltung haben, da die beinahe gnzliche -Erfolglosigkeit der bisherigen Versuche zur Begrndung -solcher Wissenschaften zwar auch sonst tief genug in der Natur -des schwierigen Unternehmens wurzelt, da aber immerhin dem -Mangel an einer adquaten Methode nicht zum geringsten Teile -dieses Milingen zugeschrieben werden mu. Dem Vorschlag, -den ich im folgenden an Stelle einer solchen entwickle, verdanke -ich die sichere Leitung durch manches Labyrinth; ich -glaube daher nicht zgern zu sollen, ihn einer allgemeinen -Beurteilung zu unterbreiten.</p> - -<p>Die einen unter den Menschen haben die Hunde gern -und knnen die Katzen nicht ausstehen, die anderen sehen nur -gerne dem Spiel der Ktzchen zu, und der Hund ist ihnen ein -widerliches Tier. Man ist in solchen Fllen, und mit vielem -Rechte, stets sehr stolz darauf gewesen, zu fragen: <em class="gesperrt">Warum</em> -zieht der eine die Katze vor, der andere den Hund? Warum? -Warum?</p> - -<p>Diese Fragestellung scheint jedoch gerade hier nicht -sehr fruchtbar. Ich glaube nicht, da <em class="gesperrt">Hume</em>, und besonders -<em class="gesperrt">Mach</em> recht haben, wenn sie keinen besonderen Unterschied -zwischen <em class="gesperrt">simultaner</em> und <em class="gesperrt">succedaner</em> Kausalitt machen. -Gewisse zweifellose formale Analogien werden da recht gewaltsam -bertrieben, um den schwanken Bau des Systems zu -sttzen. Das Verhltnis zweier Erscheinungen, die in der Zeit -regelmig aufeinander<em class="gesperrt">folgen</em>, mit einer regelmigen -Funktionalbeziehung verschiedener <em class="gesperrt">gleichzeitiger</em> Elemente -zu identifizieren, geht nicht an: Nichts berechtigt in Wirklichkeit, -von Zeit<em class="gesperrt">empfindungen</em> zu sprechen, und gar nichts, -einen den anderen Sinnen koordinierten Zeitsinn anzunehmen; -und wer wirklich das Zeitproblem erledigt glaubt, wenn er -die Zeit und den Stundenwinkel der Erde nur eine und dieselbe -Tatsache sein lt, der bersieht zum wenigsten dies, da, sogar -im Falle als die Erde pltzlich mit ungleichfrmiger Geschwindigkeit -um ihre Achse sich zu drehen anfinge, wir doch nach -wie vor die eben apriorische Voraussetzung eines gleichfrmigen -Zeitablaufes machen wrden. Die Unterscheidung der Zeit von -den materialen Erlebnissen, auf welcher die Trennung der<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> -succedanen von der simultanen Abhngigkeit beruht, und -damit die Frage nach der <em class="gesperrt">Ursache</em> von <em class="gesperrt">Vernderungen</em>, -die Frage nach dem <em class="gesperrt">Warum</em> sind wohlberechtigt und fruchtbringend, -wo Bedingendes und Bedingtes in <em class="gesperrt">zeitlicher</em> Abfolge -<em class="gesperrt">nacheinander</em> auftreten. In dem oben als Beispiel individualpsychologischer -Fragestellung angefhrten Falle jedoch sollte -man in der empirischen Wissenschaft, welche als solche das -regelmige Zusammensein einzelner Zge in einem Komplexe -keineswegs durch die metaphysische Annahme einer <em class="gesperrt">Substanz -erklrt</em>, nicht sowohl nach dem Warum forschen, sondern zunchst -untersuchen: <em class="gesperrt">Wodurch unterscheiden sich -Katzen- und Hundeliebhaber</em> noch?</p> - -<p>Die Gewhnung, stets diese Frage nach den korrespondierenden -<em class="gesperrt">anderen</em> Unterschieden zu stellen, wo zwischen -Ruhendem <em class="gesperrt">ein</em> Unterschied bemerkt worden ist, wird nicht -nur der Charakterologie, wie ich glaube, von groem Nutzen -sein knnen, sondern auch der reinen Morphologie und somit -naturgem die Methode ihrer Verbindung, der Physiognomik, -werden. <em class="gesperrt">Aristoteles</em> ist es bereits aufgefallen, da viele -Merkmale bei den Tieren nie unabhngig voneinander variieren. -Spter haben, zuerst bekanntlich <em class="gesperrt">Cuvier</em>, sodann <em class="gesperrt">Geoffroy</em> -St. <em class="gesperrt">Hilaire</em> und <em class="gesperrt">Darwin</em> diese Erscheinungen der Korrelation -zum Gegenstande eingehenden Studiums gemacht. Das -Bestehen konstanter Beziehungen kann hie und da leicht aus -einem einheitlichen Zwecke verstanden werden: so wird man -es teleologisch geradezu erwarten, da, wo der Verdauungskanal -fr Fleischnahrung adaptiert ist, auch Kauapparate -und Organe fr das Ergreifen von Beute vorhanden sein -mssen. Warum aber alle Wiederkuer auch Zweihufer und -im mnnlichen Geschlechte Hrnertrger sind, warum Immunitt -gegen gewisse Gifte bei manchen Tieren stets mit -einer bestimmten Haarfarbe einhergeht, warum unter den -Tauben die Spielarten mit kurzem Schnabel kleine, die mit -langem Schnabel groe Fe haben, oder gar, warum weie -Katzen mit blauen Augen immer taub sind, solche Regelmigkeiten -des Nebeneinander sind weder aus einem einzigen -offenbaren Grunde noch auch unter dem Gesichtspunkte -eines einheitlichen Zweckes zu begreifen. Damit ist natrlich<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> -nicht gesagt, da die Forschung nun prinzipiell in alle Ewigkeit -mit der bloen Konstatierung eines steten Beisammenseins -sich zu begngen habe. Das wre ja so, als wrde jemand -zum ersten Male wissenschaftlich vorzugehen behaupten, -indem er sich darauf <em class="gesperrt">beschrnke, vorzufinden</em>: Wenn ich in -einen Automaten ein Geldstck werfe, so kommt eine Schachtel -Zndhlzer heraus; was darber gehe, sei Metaphysik und -von bel, das Kriterium des echten Forschers sei Resignation. -Probleme der Art, woher es komme, da langes Kopfhaar -und zwei normale Ovarien sich fast ausnahmslos in denselben -Menschen vereinigt finden, sind von der grten Bedeutung; -aber sie fallen eben nicht in den Bereich der <em class="gesperrt">Morphologie</em>, -sondern in den der <em class="gesperrt">Physiologie</em>. Vielleicht ist ein <em class="gesperrt">Ziel</em> einer -<em class="gesperrt">idealen Morphologie</em> mit der Anschauung gut bezeichnet, -da diese <em class="gesperrt">in einem deduktiv-synthetischen Teile</em> nicht -jeder einzeln existierenden Art und Spielart nachkriechen -solle in Erdlcher und nachtauchen auf den Meeresgrund — -das ist die Wissenschaftlichkeit des Briefmarkensammlers — -sondern aus einer <em class="gesperrt">vorgegebenen Anzahl</em> qualitativ und -quantitativ genau bestimmter Stcke in der Lage sein werde, -den <em class="gesperrt">ganzen</em> Organismus zu konstruieren, nicht auf Grund einer -Intuition, wie dies ein <em class="gesperrt">Cuvier</em> vermochte, sondern in strengem -Beweisverfahren. Ein Organismus nmlich, von dem man ihr -irgend eine Eigenschaft genau bekanntgegeben htte, mte -fr diese Wissenschaft der Zukunft bereits noch durch eine -andere, nun nicht mehr willkrliche, sondern damit in ebensolcher -Genauigkeit bereits bestimmbare Eigenschaft beschrnkt -sein. In der Sprache der Thermodynamik unserer Tage -liee sich das ebensogut durch die Forderung ausdrcken, -da fr eine solche <em class="gesperrt">deduktive</em> Morphologie der Organismus -nur eine endliche Zahl von Freiheitsgraden besitzen drfte. -Oder man knnte, eine lehrreiche Ausfhrung <em class="gesperrt">Machs</em> bentzend, -verlangen, da auch die organische Welt, sofern sie -wissenschaftlich begreifbar und darstellbar, eine solche sei, -in der zwischen n Variablen eine Zahl von Gleichungen bestehe, -die kleiner sei als n (und zwar gleich n-1, wenn sie durch -ein wissenschaftliches System <em class="gesperrt">eindeutig</em> bestimmbar sein -soll; die Gleichungen wrden bei geringerer Zahl zu unbe<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>stimmten -Gleichungen werden, und bei einer greren Zahl -knnte der durch eine Gleichung ausgesagten Abhngigkeit -von einer zweiten ohne weiters widersprochen werden).</p> - -<p>Dies ist die logische Bedeutung des Korrelationsprinzipes -in der Biologie: es enthllt sich als die Anwendung -des <em class="gesperrt">Funktionsbegriffes</em> auf das Lebendige, und darum -liegt in der Mglichkeit <em class="gesperrt">seiner</em> Ausbreitung und Vertiefung -die Hoffnung auf eine theoretische Morphologie hauptschlich -begrndet. Die kausale Forschung ist damit nicht ausgeschlossen, -sondern erst auf ihr eigenstes Gebiet verwiesen. -Im <em class="gesperrt">Idioplasma</em> wird sie wohl die Grnde jener Tatsachen -aufzufinden trachten mssen, die dem Korrelationsprinzipe -zu Grunde liegen.</p> - -<p>Die Mglichkeit einer <em class="gesperrt">psychologischen</em> Anwendung -des Prinzipes der korrelativen Abnderung liegt nun in der -differentiellen Psychologie, in der <em class="gesperrt">psychologischen -Variettenlehre</em>, vor. Und die eindeutige Zuordnung von anatomischem -Habitus und geistigem Charakter wird zur Aufgabe -der <em class="gesperrt">statischen Psychophysik oder Physiognomik</em>. Die -Forschungsregel aller drei Disziplinen wird aber die Frage -zu sein haben, worin sich zwei Lebewesen, die in einer Beziehung -ein differentes Verhalten gezeigt haben, <em class="gesperrt">noch</em> unterscheiden. -Die hier geforderte Art der Fragestellung scheint mir -der einzig denkbare Methodus inveniendi, gleichsam die Ars -magna jener Wissenschaften, und geeignet, die ganze Technik -des Betriebes derselben zu durchdringen. Man wird nun, um -einen charakterologischen Typus zu ergrnden, nicht mehr blo -durch die nur bohrende Frage nach dem Warum, unter mglichst -hermetischer Absperrung, in einem Loche hartes Erdreich -aufzugraben sich mhen, nicht wie jene stereotropischen -Wrmer <em class="gesperrt">Jacques Loebs</em> an einem Dreikant immer von -neuem sich verbluten, nicht durch Scheuklappen die Aussicht -auf das erreichbare Daneben sich versperren, um geradeaus -in der Tiefendimension dem aller nur <em class="gesperrt">empirischen</em> Wissenschaft -unerforschlichen Grunde nachzuschnaufen. Wenn jedesmal, -ohne irgend welche Nachlssigkeit oder Rcksicht auf -Bequemlichkeit, beim Sichtbarwerden <em class="gesperrt">einer</em> Differenz der Vorsatz -gefat wird, auf die <em class="gesperrt">anderen</em> Differenzen zu achten, die<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> -nach dem Prinzipe unausweichlich <em class="gesperrt">noch</em> da sein mssen; wenn -jedesmal den unbekannten Eigenschaften, welche mit der zur -Abhebung gelangten in Funktionalzusammenhang stehen, ein -Aufpasser im Intellekte bestellt wird, dann ist die Aussicht, -die neuen Korrelationen zu entdecken, bedeutend vermehrt: -ist nur die Frage gestellt, so wird sich die Antwort, je nach -der Ausdauer und Wachsamkeit des Beobachters und der -Gunst des ihm zur Prfung beschiedenen Materials, frher oder -spter einstellen.</p> - -<p>Jedenfalls wird man, im bewuten Gebrauche dieses -Prinzipes, nicht mehr lediglich darauf angewiesen sein zu -warten, bis endlich einem Menschen durch die glckliche Laune -einer gedanklichen Konstellation das konstante Beisammensein -zweier Dinge im selben Individuum <em class="gesperrt">auffllt</em>, sondern -man wird lernen, immer <em class="gesperrt">sofort</em> nach dem ebenfalls vorhandenen -<em class="gesperrt">zweiten</em> Ding zu <em class="gesperrt">fragen</em>. Denn wie sehr ist nicht bisher -alle Entdeckung auf den Zufall einer gnstigen Konjunktur -der Vorstellungen in dem Geiste eines Menschen beschrnkt -gewesen! Welch groe Rolle spielt hier nicht die Willkr der -Umstnde, die zwei heterogene Gedankengruppen im geeigneten -Moment zu jener gegenseitigen Kreuzung zu fhren -vermgen, aus der das Kind, die neue Einsicht und Anschauung, -einzig geboren werden kann! Diese Rolle zu vermindern, -scheint die neue Fragestellung und der Wille, sie in jedem -Einzelfalle zu befolgen, auerordentlich befhigt. Bei der -Succession der Wirkung auf die Ursache ist die psychologische -Veranlassung zur Frage aus dem Grunde eher da, -weil jede Verletzung der Stabilitt und Kontinuitt in -einem vorhandenen psychischen Bestande unmittelbar beunruhigend -wirkt, eine Vitaldifferenz setzt (<em class="gesperrt">Avenarius</em>). <em class="gesperrt">Wo -gleichzeitige Abhngigkeit besteht, fllt aber diese -Triebkraft weg.</em> Darum knnte diese Methode dem Forscher -selbst inmitten seiner Ttigkeit die grten Dienste leisten, -ja den Fortschritt der Wissenschaft insgesamt beschleunigen; -die Erkenntnis von der heuristischen Anwendbarkeit des -Korrelationsprinzipes es wre eine Einsicht, die fortzeugend -immer neue Einsicht knnte gebren helfen.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span><a name="V_VI_Kapitel" id="V_VI_Kapitel"><small>VI. Kapitel.</small></a><br /> - -Die emanzipierten Frauen.</h2> - - -<p>Im unmittelbaren Anschlu an die differentiell-psychologische -Verwertung des Prinzipes der sexuellen Zwischenformen -mu zum ersten Male auf jene Frage eingegangen -werden, deren theoretischer und praktischer Lsung dieses -Buch recht eigentlich gewidmet ist, soweit sie nicht theoretisch -eine Frage der Ethnologie und Nationalkonomie, also der -Sozialwissenschaft im weitesten Sinne, praktisch eine Frage -der Rechts- und Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist: -auf die <em class="gesperrt">Frauenfrage</em>. Die Antwort, welche dieses Kapitel -auf die Frauenfrage geben soll, ist indes nicht eine, mit der -fr das Ganze der Untersuchung das Problem erledigt wre. -Sie ist vielmehr blo eine vorlufige, da sie nicht mehr geben -kann, als aus den bisherigen Prinzipien ableitbar ist. Sie -bewegt sich gnzlich in den Niederungen der Einzelerfahrung, -von der sie nicht zu allgemeinen Grundstzen von tieferer -Bedeutung sich zu erheben trachtet; die praktischen Anweisungen, -die sie gibt, sind keine Maximen eines sittlichen -Verhaltens, das knftige Erfahrung regulieren sollte oder -knnte, sondern nur aus vergangener Erfahrung abstrahierte -technische Regeln zu einem sozialditetischen Gebrauche. Der -Grund ist, da hier noch keineswegs an die Erfassung des -mnnlichen und weiblichen Typus geschritten wird, die Sache -des zweiten Teiles verbleibt. Diese provisorische Betrachtung -soll nur diejenigen charakterologischen <em class="gesperrt">Ergebnisse des -Prinzipes der Zwischenformen bringen, welche fr die -Frauenfrage von Bedeutung sind</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> - -Wie diese Anwendung ausfallen wird, liegt nach dem -Bisherigen ziemlich offen zu Tage. Sie gipfelt darin, da -<em class="gesperrt">Emanzipationsbedrfnis und Emanzipationsfhigkeit -einer Frau nur in dem Anteile an M begrndet liegt, -den sie hat</em>. Der Begriff der Emanzipation ist aber ein -<em class="gesperrt">vieldeutiger</em>, und seine Unklarheit zu steigern lag im -Interesse aller jener mit dem Worte oft verfolgten praktischen -Absichten, die theoretische Einsichten zu vertragen nicht vermochten. -Unter der Emanzipiertheit einer Frau verstehe ich -weder die Tatsache, da in ihrem Hause sie das Regiment -fhrt und der Gatte keinen Widerspruch mehr wagt, noch -den Mut, ohne schtzenden Begleiter zur Nachtzeit unsichere -Gegenden zu passieren; weder ein Hinwegsetzen ber konventionelle -gesellschaftliche Formen, welche der Frau das -Alleinleben fast verbieten, es nicht dulden, da sie einem -Manne einen Besuch abstatte, und die Berhrung sexueller -Themen durch sie selbst oder durch andere in ihrer Gegenwart -verpnen; noch schlielich die Suche nach einem selbstndigen -Erwerb, sei als Mittel zu diesem nun die Handelsschule -oder das Universittsstudium, das Konservatorium oder -die Lehrerinnenbildungsanstalt gewhlt. Vielleicht gibt es -noch weitere Dinge, die samt und sonders unter dem groen -Schilde der Emanzipationsbewegung sich bergen, doch soll -auf diese vorderhand nicht eingegangen werden. Die Emanzipation, -die ich im Sinne habe, ist auch nicht der Wunsch -nach der uerlichen Gleich<em class="gesperrt">stellung</em> mit dem Manne, sondern -<em class="gesperrt">problematisch</em> ist dem hier vorliegenden Versuche, zur -Klarheit in der Frauenfrage zu gelangen, der <em class="gesperrt">Wille</em> eines -<em class="gesperrt">Weibes</em>, dem Manne <em class="gesperrt">innerlich gleich zu werden</em>, zu -seiner geistigen und moralischen Freiheit, zu seinen Interessen -und seiner Schaffenskraft zu gelangen. Und was nun -behauptet wird, ist dies, <em class="gesperrt">da W gar kein Bedrfnis und -dementsprechend auch keine Fhigkeit zu dieser -Emanzipation hat. Alle wirklich nach Emanzipation -strebenden, alle mit einem gewissen Recht berhmten -und geistig irgendwie hervorragenden Frauen weisen -stets zahlreiche mnnliche Zge auf, und es sind an -ihnen dem schrferen Blicke auch immer anatomisch<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>-mnnliche -Charaktere, ein krperlich dem Manne angenhertes -Aussehen, erkennbar.</em> Nur den <em class="gesperrt">vorgerckteren</em> -sexuellen Zwischenformen, man knnte beinahe schon -sagen jenen sexuellen Mittelstufen, die gerade noch den -Weibern beigezhlt werden, entstammen jene Frauen der -Vergangenheit wie der Gegenwart, die von mnnlichen und -weiblichen Vorkmpfern der Emanzipationsbestrebungen zum -Beweise fr die groen Leistungen von <em class="gesperrt">Frauen</em> immer mit -Namen angefhrt werden. Gleich die erste der geschichtlichen -Abfolge nach, gleich <em class="gesperrt">Sappho</em> ist <em class="gesperrt">kontrr</em>sexuell, ja von ihr -schreibt sich die Bezeichnung eines geschlechtlichen Verhltnisses -zwischen Frauen mit dem Namen der sapphischen oder -lesbischen Liebe her. Hier sehen wir, wie uns die Errterungen -des dritten und vierten Kapitels zugute kommen fr eine Entscheidung -in der Frauenfrage. Das charakterologische Material, -welches uns ber die sogenannten bedeutenden Frauen, also -ber die de facto Emanzipierten, zu Gebote steht, ist zu -drftig, seine Interpretation zu vielem Widerspruche ausgesetzt, -als da wir uns seiner mit der Hoffnung bedienen -knnten, eine <em class="gesperrt">zufriedenstellende</em> Lsung zu geben. Wir -bedurften eines Prinzipes, welches die Stellung eines Menschen -zwischen M und W unzweideutig festzustellen gestattete. -Ein solches Prinzip wurde gefunden in dem Gesetze der -sexuellen Anziehung zwischen Mann und Weib. Seine Anwendung -auf das Problem der Homosexualitt ergab, da die -zur Frau sexuell hingezogene Frau eben ein halber Mann ist. -Damit ist aber fr den historischen Einzelnachweis der These, -da der Grad der Emanzipiertheit einer Frau mit dem Grade -ihrer Mnnlichkeit identisch ist, so ziemlich alles gewonnen, -dessen wir bedrfen. Denn Sappho <em class="gesperrt">leitet</em> die Reihe jener -Frauen, die auf der Liste weiblicher Berhmtheiten stehen -und die zugleich homo- oder mindestens bisexuell empfanden, -<em class="gesperrt">nur ein</em>. Man hat Sappho von philologischer Seite sehr eifrig -von dem Verdachte zu reinigen gesucht, da sie wirkliche, -das blo Freundschaftliche bersteigende Liebesverhltnisse -mit Frauen unterhalten habe, als ob dieser Vorwurf, wenn -er gerechtfertigt wre, eine Frau sittlich sehr stark herabwrdigen -mte. Da dem keineswegs so ist, da eine unsinn<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>liche -homosexuelle Liebe gerade das Weib mehr ehrt als das -heterosexuelle Verhltnis, das wird aus dem zweiten Teile -noch klar hervorgehen. Hier genge die Bemerkung, da die -Neigung zu lesbischer Liebe in einer Frau eben <em class="gesperrt">Ausflu -ihrer Mnnlichkeit, diese aber Bedingung ihres -Hherstehens ist</em>. <em class="gesperrt">Katharina II. von Ruland</em> und die -Knigin <em class="gesperrt">Christine von Schweden</em>, nach einer Angabe die -hochbegabte taubstummblinde <em class="gesperrt">Laura Bridgman</em>, sowie -sicherlich die <em class="gesperrt">George Sand</em> sind zum Teil bisexuell, zum -Teil ausschlielich homosexuell, ebenso wie alle Frauen und -Mdchen von auch nur einigermaen in Betracht kommender -Begabung, die ich selbst kennen zu lernen Gelegenheit hatte.</p> - -<p>Was nun aber jene groe Zahl emanzipierter Weiber betrifft, -ber die keine Zeugnisse lesbischen Empfindens vorliegen, -so verfgen wir hier fast immer ber andere Indizien, -welche beweisen, da es keine willkrliche Behauptung und -auch kein engherziger, fr das mnnliche Geschlecht eben <em class="gesperrt">alles</em> -zu reklamieren gieriger, habschtiger Egoismus ist, wenn ich -von der Mnnlichkeit aller Frauen spreche, die man sonst mit -einigem Rechte fr die hhere Befhigung des Weibes anfhrt. -Denn wie die bisexuellen Frauen entweder mit mnnlichen -Weibern oder mit weiblichen Mnnern in geschlechtlichem -Verkehre stehen, so werden auch die heterosexuellen Frauen -ihren Gehalt an Mnnlichkeit noch immer dadurch offenbaren, -da ihr sexuelles Komplement auf Seite der Mnner nie ein -echter Mann sein wird. Die berhmtesten unter den vielen Verhltnissen -der <em class="gesperrt">George Sand</em> sind das mit <em class="gesperrt">Musset</em>, dem weibischesten -Lyriker, den die Geschichte kennt, und mit <em class="gesperrt">Chopin</em>, -den man sogar als den einzigen weiblichen Musiker bezeichnen -knnte — so weibisch ist er.<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> <em class="gesperrt">Vittoria Colonna</em> ist weniger -berhmt durch ihre eigene dichterische Produktion geworden -als durch die Verehrung, die <em class="gesperrt">Michel Angelo</em> fr sie gehegt hat, -der sonst nur zu Mnnern in erotischem Verhltnis gestanden -ist. Die Schriftstellerin <em class="gesperrt">Daniel Stern</em> war die Geliebte des<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>selben -<em class="gesperrt">Franz Liszt</em>, dessen Leben und Lebenswerk durchaus -immer etwas Weibliches an sich hat, dessen Freundschaft fr -den auch nicht vollkommen mnnlichen und jedenfalls etwas -pderastisch veranlagten <em class="gesperrt">Wagner</em> fast ebensoviel Homosexualitt -in sich schlo, wie die schwrmerische Verehrung, die -dem letzteren von Knig <em class="gesperrt">Ludwig</em> II. von <em class="gesperrt">Bayern</em> entgegengebracht -wurde. Von Mme. <em class="gesperrt">de Stael</em>, deren Schrift ber -Deutschland vielleicht als das bedeutendste Buch von Frauenhand -angesehen werden mu, ist es wahrscheinlich, da sie in -sexuellen Beziehungen zu dem homosexuellen Hauslehrer ihrer -Kinder, zu <em class="gesperrt">August Wilhelm Schlegel</em>, gestanden ist. <em class="gesperrt">Klara -Schumanns</em> Gatten wrde man blo dem Gesichte nach zu -gewissen Zeiten seines Lebens eher fr ein Weib halten, denn -fr einen Mann, und auch in seiner Musik ist viel, wenn auch -nicht immer gleich viel, Weiblichkeit.</p> - -<p>Wo alle Angaben ber die Menschen fehlen, zu welchen -eine sexuelle Beziehung bestand, oder solche Personen berhaupt -nicht genannt werden, da ist oft reichlich Ersatz in kleinen -Mitteilungen, die ber das uere berhmter Frauen auf uns -gelangt sind: sie zeigen, wie die Mnnlichkeit jener Frauen auch -physiognomisch in Antlitz und Gestalt zum Ausdruck kommt -und besttigen auf diese Weise, ebenso wie die von jenen -Frauen erhaltenen Portrts, die Richtigkeit der hier vertretenen -Anschauung. Es ist die Rede von <em class="gesperrt">George Eliots</em> breiter, -mchtiger Stirn: ihre Bewegungen wie ihr Mienenspiel -waren scharf und bestimmt, es fehlte ihnen aber die anmutige -weibliche Weichheit; von dem <em class="gesperrt">scharfen</em>, geistvollen Gesicht -<em class="gesperrt">Lavinia Fontanas</em>, das uns seltsam anmutet. Die Zge -der <em class="gesperrt">Rachel Ruysch</em> tragen einen Charakter von fast -mnnlicher Bestimmtheit an sich. Der Biograph der originellsten -Dichterin, der <em class="gesperrt">Annette von Droste-Hlshoff</em>, -berichtet von ihrer elfenhaft schlanken, zarten Gestalt; und -das Gesicht dieser Knstlerin ist von einem Ausdruck strenger -Mnnlichkeit, der ganz entfernt an <em class="gesperrt">Dantes</em> Zge erinnert. Die -Schriftstellerin und Mathematikerin <em class="gesperrt">Sonja Kowalewska</em> hatte, -ebenso wie schon Sappho, einen abnorm geringen Haarwuchs des -Kopfes, einen geringeren noch, als die Dichterinnen und Studentinnen -von heutzutage ihn gewhnlich haben, die sich regel<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>mig, -wenn die Frage nach den geistigen Leistungen des -Weibes aufgeworfen wird, zuerst auf sie berufen. Und wer -im Gesichte der hervorragendsten Malerin, der <em class="gesperrt">Rosa Bonheur</em>, -auch nur <em class="gesperrt">einen</em> weiblichen Zug wahrzunehmen behauptete, -der wre durch den Klang des Namens in die Irre -gefhrt. Sehr mnnlich von Ansehen ist auch die berhmte -<em class="gesperrt">Helene Petrowna Blavatsky</em>. Von den noch lebenden -produktiven und emanzipierten Frauen habe ich mit Absicht -keine erwhnt, sondern geschwiegen, obwohl <em class="gesperrt">sie</em> mir, wie -den Anreiz zu manchen der ausgesprochenen Gedanken, so -auch die allgemeinste Besttigung meiner Ansicht geliefert -haben, da das echte Weib, da W mit der Emanzipation -des Weibes nichts zu schaffen hat. Die historische -Nachforschung mu dem Volksmund recht geben, der ihr -Resultat lngst vorweggenommen hat: Je lnger das Haar, -desto krzer der Verstand. Dieses Wort trifft zu mit der im -zweiten Kapitel gemachten Einschrnkung.</p> - -<p>Und was die emanzipierten Frauen anlangt: <em class="gesperrt">Nur der -Mann in ihnen ist es, der sich emanzipieren will.</em></p> - -<p>Es hat einen tieferen Grund, als man glaubt, warum die -schriftstellernden Frauen so oft einen Mnnernamen annehmen: -sie fhlen sich eben beinahe als Mann, und bei Personen wie -<em class="gesperrt">George Sand</em> entspricht dies vllig ihrer Neigung zu mnnlicher -Kleidung und mnnlicher Beschftigung. Das Motiv -zur Wahl eines mnnlichen Pseudonyms mu in dem Gefhle -liegen, da nur ein solches der eigenen Natur korrespondiert; -es kann nicht in dem Wunsche nach grerer Beachtung -und Anerkennung von Seite der ffentlichkeit wurzeln. Denn -was Frauen produzieren, hat seit jeher, infolge der damit verbundenen -geschlechtlichen Pikanterie, mehr Aufmerksamkeit -erregt als, ceteris paribus, die Schpfungen von Mnnern, und ist, -wegen der von Anfang an immer tiefer gestimmten Ansprche, -stets nachsichtiger behandelt, wenn es gut war, stets unvergleichlich -hher gepriesen worden, als was Mnner gleich Gutes geleistet -hatten. So ist das besonders heutzutage, und es gelangen -noch fortwhrend Frauen durch Produkte zu groem Ansehen, -von denen man kaum Notiz nehmen wrde, wenn sie mnnlichen -Ursprunges wren. Es ist Zeit, hier zu sondern und<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> -auszuscheiden. Man nehme nur zum Vergleiche die mnnlichen -Schpfungen, welche die Literatur-, Philosophie-, Wissenschafts- -und Kunstgeschichte gelten lassen und gebrauche -diese als Mastab: und man wird die immerhin nicht unbetrchtliche -Zahl jener Frauen, die als bedeutende Geister -immer wieder angefhrt werden, gleich auf den ersten Schlag -klglich zusammenschrumpfen sehen. In der Tat gehrt sehr -viel Milde und Laxheit dazu, um Frauen wie <em class="gesperrt">Angelika -Kauffmann</em> oder <em class="gesperrt">Mme. Lebrun</em>, <em class="gesperrt">Fernan Caballero</em> oder -<em class="gesperrt">Hroswitha von Gandersheim</em>, <em class="gesperrt">Mary Somerville</em> oder -<em class="gesperrt">George Egerton</em>, <em class="gesperrt">Elizabeth Barrett Browning</em> oder -<em class="gesperrt">Sophie Germain</em>, <em class="gesperrt">Anna Maria Schurmann</em> oder <em class="gesperrt">Sibylla -Merian</em> auch nur ein Titelchen von <em class="gesperrt">Bedeutung</em> beizulegen. -Ich will davon nicht reden, wie sehr auch die frheren, als -Beispiele der Viraginitt genannten Frauen im einzelnen -berschtzt werden; ich will auch das Ma des Ruhmes nicht -kritisieren, den die lebenden weiblichen Knstlerinnen geerntet -haben. Es genge die allgemeine Feststellung, da keine -einzige unter <em class="gesperrt">allen</em> Frauen der Geistesgeschichte auch nur -mit mnnlichen Genien fnften und sechsten Ranges, wie ihn, -um Beispiele anzufhren, etwa <em class="gesperrt">Rckert</em> unter den Dichtern, -<em class="gesperrt">van Dyck</em> unter den Malern, <em class="gesperrt">Schleiermacher</em> unter den -Philosophen einnehmen, in concreto wahrhaft verglichen -werden kann.</p> - -<p>Scheiden wir die hysterischen Visionrinnen, wie <em class="gesperrt">die -Sibyllen</em>, die <em class="gesperrt">Pythien von Delphi</em>, die <em class="gesperrt">Bourignon</em> und die -<em class="gesperrt">Klettenberg</em>, <em class="gesperrt">Jeanne de la Motte Guyon</em>, <em class="gesperrt">Johanna -Southcott</em>, <em class="gesperrt">Beate Sturmin</em>, oder die <em class="gesperrt">heilige Therese</em> -vorderhand aus, so bleiben nun noch Flle wie die der <em class="gesperrt">Marie -Bashkirtseff</em>. Diese ist (soweit ich es nach der Erinnerung -an ihr Bild zu sagen vermag) allerdings von ausgesprochen -weiblichem Krperbau gewesen, bis auf die Stirn, die mir -einen etwas mnnlichen Eindruck gemacht hat. Aber wer in -der Salle des trangers im Pariser Luxembourg ihre Bilder -neben denen des von ihr geliebten <em class="gesperrt">Bastien-Lepage</em> hat -hngen sehen, der wei, da sie den Stil desselben nicht -anders und nicht minder vollkommen angenommen hat als Ottilie -die Handschrift Eduards in Goethes Wahlverwandtschaften.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> - -Den langen Rest bilden jene zahlreichen Flle, wo ein -allen Mitgliedern einer Familie eigentmliches <em class="gesperrt">Talent</em> zufllig -in einem <em class="gesperrt">weiblichen</em> Mitgliede am strksten hervortritt, ohne -da dieses im geringsten genial zu sein braucht. Denn nur -das Talent wird vererbt, nicht das Genie. <em class="gesperrt">Margaretha van -Eyck</em> und <em class="gesperrt">Sabine von Steinbach</em> geben hier nur das -Paradigma ab fr eine lange Reihe jener Knstlerinnen, von -denen nach Ernst <em class="gesperrt">Guhl</em>, einem den kunstbenden Frauen -auerordentlich gewogenen Autor, uns ausdrcklich berliefert -wird, da sie durch Vater, Mutter oder Bruder zur -Kunst angeleitet worden sind, oder da sie, mit anderen -Worten, den Anla zum Knstlerberuf in der eigenen Familie -gefunden haben. Es sind deren zweihundert bis dreihundert, -und wieviele Hunderte mgen noch auerdem durch ganz -hnliche Einflsse zu Knstlerinnen geworden sein, ohne da -die Geschichte deren Erwhnung tun konnte! Um die Bedeutung -dieser Zahlenangaben zu wrdigen, mu man in -Betracht ziehen, da <em class="gesperrt">Guhl</em> kurz vorher von den beilufig -tausend Namen, die uns von weiblichen Knstlern bekannt -sind, spricht.</p> - -<p>Hiemit sei die historische Revue ber die emanzipierten -Frauen zum Abschlu gebracht. Sie hat der Behauptung, -da echtes Emanzipationsbedrfnis und wahres Emanzipationsvermgen -in der Frau Mnnlichkeit voraussetzt, <em class="gesperrt">recht</em> gegeben. -Denn die ungeheuere berzahl jener Frauen, die -sicherlich nicht im geringsten der Kunst oder dem Wissen -<em class="gesperrt">gelebt</em> haben, bei denen diese Beschftigung vielmehr an -die Stelle der blichen Handarbeit tritt und in dem ungestrten -Idyll ihres Lebens nur einen <em class="gesperrt">Zeitvertreib</em> bedeutet — -und alle jene, denen gedankliche wie knstlerische Ttigkeit nur -eine ungeheuer angespannte <em class="gesperrt">Koketterie</em> vor mehr oder -weniger bestimmten Personen mnnlichen Geschlechtes ist — -diese beiden groen Gruppen durfte und mute eine reinliche -Betrachtung ausscheiden. Die brig bleibenden erweisen sich -dem nheren Zusehen insgesamt als sexuelle Zwischenformen.</p> - -<p>Zeigt sich aber das Bedrfnis nach Befreiung und Gleichstellung -mit dem Manne nur bei mnnlichen Frauen, so ist<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> -der Schlu per inductionem <em class="gesperrt">gerechtfertigt</em>, da W <em class="gesperrt">keinerlei -Bedrfnis nach der Emanzipation empfindet</em>, auch -wenn einstweilen diese Folgerung, so wie es hier ausschlielich -geschehen ist, nur aus der geschichtlichen Einzelbetrachtung -und nicht aus einer Untersuchung der psychischen -Eigenschaften von W selbst abgeleitet wird.</p> - -<p>Stellen wir uns demnach auf den hygienischen (nicht -ethischen) Standpunkt einer der natrlichen Anlage angemessensten -Praxis, so wrde sich das Urteil ber die -Emanzipation des Weibes so gestalten. Der <em class="gesperrt">Unsinn</em> der -Emanzipationsbestrebungen liegt in der <em class="gesperrt">Bewegung</em>, in der -<em class="gesperrt">Agitation</em>. Durch diese vor allem verleitet, fangen, wenn von -Motiven der Eitelkeit, des Mnnerfanges abgesehen wird, bei -der groen imitatorischen Veranlagung der Frauen auch solche -zu studieren, zu schreiben u. s. w. an, die nie ein originres -Verlangen danach gehabt haben; denn da es eine groe -Anzahl von Frauen wirklich zu geben scheint, die aus -einem gewissen inneren Bedrfnis heraus eine Emanzipation -suchen, wird von diesen auf jene das Bildungsstreben <em class="gesperrt">induziert</em> -und so das Frauenstudium zur <em class="gesperrt">Mode</em>, und eine lcherliche -Agitation der Frauen unter sich lt schlielich <em class="gesperrt">alle</em> an -die Echtheit dessen glauben, was der guten Hausfrau so oft -nur Mittel zu Demonstrationszwecken gegen den Mann, der -Tochter so oft nur eine ostentative Kundgebung gegen die -mtterliche Gewalt ist. Das praktische Verhalten in der -ganzen Frage htte demnach, ohne da diese Regel (schon -ihres flieenden Charakters halber) zur Grundlage einer Gesetzgebung -gemacht werden knnte und drfte, folgendes zu sein: -<em class="gesperrt">Freien Zula zu allem, kein Hindernis in den Weg -derjenigen, deren wahre psychische Bedrfnisse sie, -stets in Gemheit ihrer krperlichen Beschaffenheit, -zu mnnlicher Beschftigung treiben</em>, fr die Frauen -mit <em class="gesperrt">mnnlichen</em> Zgen. <em class="gesperrt">Aber weg mit der <b>Partei</b>bildung, -weg mit der <b>unwahren</b> Revolutionierung, weg mit der -ganzen Frauen<b>bewegung</b></em>, die in so vielen widernatrliches -und knstliches, im Grunde verlogenes Streben schafft.</p> - -<p>Und <em class="gesperrt">weg</em> auch mit der abgeschmackten Phrase von der -vlligen Gleichheit! Selbst das mnnlichste Femininum hat<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> -wohl kaum je mehr als 50 Prozent an M und <em class="gesperrt">diesem <b>Feingehalte</b></em> -dankt sie ja doch ihre ganze Bedeutung oder besser all -das, was sie eventuell bedeuten <em class="gesperrt">knnte</em>. Man darf keineswegs, -wie dies nicht wenige intellektuelle Frauen zu tun scheinen, -aus manchen (wie schon bemerkt, ohnedies nicht typischen) -Einzelerfahrungen ber den Mann, die sie zu sammeln Gelegenheit -hatten, und aus denen ja nicht die Paritt, sondern gar -die Superioritt des weiblichen Geschlechtes hervorginge; -allgemeine Folgerungen ziehen, sondern mu, wie <em class="gesperrt">Darwin</em> -dies vorschlug, die Spitzen hier und die Spitzen dort miteinander -vergleichen. Aber wenn je ein Verzeichnis der -bedeutendsten Mnner und Frauen auf dem Gebiete der -Dichtkunst, Malerei, Bildhauerei, Musik, Geschichte, Naturwissenschaft -und Philosophie hergestellt und unter jedem -Gegenstand ein halbes Dutzend Namen verzeichnet wrden, -so knnten beide Listen nicht den Vergleich miteinander -bestehen. Erwgt man nun noch, da die Personen auf der -weiblichen Liste, genau besehen, auch nur wieder fr die -<em class="gesperrt">Mnnlichkeit des Genies</em> Zeugnis ablegen wrden, so ist -zu erwarten, da die Lust der Frauenrechtlerinnen, die Zusammenstellung -eines solchen Verzeichnisses zu wagen, noch -geringer werden drfte, als sie bisher es gewesen ist.</p> - -<p>Der bliche Einwurf, der auch jetzt erhoben werden -wird, lautet dahin, da die Geschichte nichts beweise, da die -Bewegung erst Raum schaffen msse fr eine ungehemmte, -volle geistige Entwicklung der Frau. Dieser Einwand verkennt, -da es emanzipierte Frauen, eine Frauenfrage, eine -Frauenbewegung zu <em class="gesperrt">allen</em> Zeiten gegeben hat, wenn auch in -den verschiedenen Epochen mit verschiedener Lebhaftigkeit; -er bertreibt immens die Schwierigkeiten, welche den nach -geistiger Bildung strebenden Frauen von Seite des Mannes -irgendwann gemacht wurden, und auch angeblich gerade jetzt -wieder bereitet werden<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>; er bersieht schlielich wiederum, -da auch heute nicht das wirkliche Weib die Forderung der<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> -Emanzipation erhebt, sondern da dies durchwegs nur mnnlichere -Frauen tun, die ihre eigene Natur mideuten und die -Motive ihres Handelns nicht einsehen, wenn sie im Namen -des Weibes zu sprechen glauben.</p> - -<p>Wie jede andere Bewegung der Geschichte, so -war auch die Frauenbewegung berzeugt, da sie erstmalig, -neu, noch nie dagewesen war; ihre Vorkmpferinnen -lehrten, da bislang das Weib in Finsternis geschmachtet -habe und in Fesseln gelegen sei, whrend -es nun erst sein natrliches Recht zu begreifen und zu -beanspruchen beginne. Wie fr jede andere geschichtliche -Bewegung, so hat man aber auch fr die Frauenbewegung -Analogien weiter und weiter zurckverfolgen knnen; -nicht nur in <em class="gesperrt">sozialer</em> Beziehung gab es im Altertum -und im Mittelalter eine Frauenfrage, sondern auch fr die -<em class="gesperrt">geistige</em> Emanzipation waren zu lngst entschwundenen -Zeiten produktive Frauen durch ihre Leistungen selbst wie -mnnliche und weibliche Apologeten des weiblichen Geschlechtes -durch theoretische Darlegungen ttig. So ist -denn jener Glaube ganz irrig, der dem Kampfe der -Frauenrechtlerinnen so viel Eifer und Frische verliehen -hat, da bis auf die letzten Jahre die Frauen noch nie -Gelegenheit zur ungestrten Entfaltung ihrer geistigen Entwicklungsmglichkeiten -gehabt htten. Jakob <em class="gesperrt">Burckhardt</em> -erzhlt von der Renaissance: Das Ruhmvollste, was damals -von den groen Italienerinnen gesagt wird, ist, -da sie einen mnnlichen Geist, ein mnnliches Gemt -htten. Man braucht nur die vllig mnnliche Haltung der -meisten Weiber in den Heldengedichten, zumal bei Bojardo -und Ariosto, zu beachten, um zu wissen, da es sich -hier um ein bestimmtes Ideal handelt. Der Titel einer -Virago, den unser Jahrhundert fr ein sehr zweideutiges -Kompliment hlt, war damals reiner Ruhm. Im -XVI. Jahrhundert wurde den Frauen die Bhne freigegeben, -es sah die ersten Schauspielerinnen. Zu jener Zeit wurde -die Frau fr fhig gehalten, gleich den Mnnern das hchste -Ma von Bildung zu erreichen. Es ist die Zeit, da ein -Panegyrikus nach dem anderen auf das weibliche Geschlecht<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> -erscheint, Thomas <em class="gesperrt">Morus</em> seine vllige Gleichstellung mit -dem mnnlichen verlangt, und <em class="gesperrt">Agrippa von Nettesheim</em> -die Frauen sogar hoch ber die Mnner erhebt. Und jene -groen Erfolge des weiblichen Geschlechtes wurden wieder -verloren, die ganze Zeit tauchte unter in eine Vergessenheit, -aus der sie erst das XIX. Jahrhundert wieder hervorholte.</p> - -<p>Ist es nicht sehr auffallend, da die Frauenemanzipationsbestrebungen -in der Weltgeschichte in konstanten Intervallen, -in gewissen sich gleich bleibenden zeitlichen Abstnden aufzutreten -scheinen?</p> - -<p>Im X. Jahrhundert, im XV. und XVI. und jetzt -wieder im XIX. und XX. hat es allem Ermessen nach viel -mehr emanzipierte Weiber und eine strkere Frauenbewegung -gegeben als in den dazwischen liegenden Zeiten. Es wre -voreilig, hierauf schon eine Hypothese zu grnden, doch mu -man immerhin die Mglichkeit ins Auge fassen, da hier -eine gewaltige Periodizitt vorliegt, vermge deren in regelmigen -Phasen mehr Zwittergeburten, mehr Zwischenformen -auf die Welt kommen als in den Intervallen. Bei Tieren -sind solche Perioden in verwandten Dingen beobachtet -worden.</p> - -<p>Es wren das unserer Anschauung gem Zeiten -von minderem Gonochorismus; und es wrde die Tatsache, da -zu gewissen Zeiten mehr mnnliche Weiber geboren werden -als sonst, als Pendant auf der Gegenseite verlangen, da in -der gleichen Zeit auch mehr weibliche Mnner auf die Welt -gebracht werden. Und dies sehen wir in berraschendem -Mae ebenfalls zutreffen. Der ganze sezessionistische Geschmack, -der den groen, schlanken Frauen mit flachen -Brsten und schmalen Hften den Preis der Schnheit zuerkennt, -ist vielleicht hierauf zurckzufhren. Die ungeheuere -Vermehrung des Stutzertums wie der Homosexualitt in den -letzten Jahren kann ihren Grund nur in einer greren -Weiblichkeit der jetzigen ra haben. Und nicht ohne -tiefere Ursache sucht der sthetische wie der sexuelle -Geschmack dieses Zeitalters Anlehnung bei dem der Prraphaeliten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> - -Wenn es im organischen Leben solche Perioden gibt, -die den Oszillationen im Leben des einzelnen gleichen, aber -sich ber mehrere Generationen hinweg erstrecken, so erffnet -uns dies eine weitere Aussicht auf das Verstndnis so -mancher dunkler Punkte auch in der menschlichen Geschichte, -als es die prtentisen Geschichtsauffassungen, die sich in -der jngsten Zeit so gehuft haben, insbesondere die konomisch-materialistische -Ansicht, anzubahnen vermocht -haben. Sicherlich ist von einer <em class="gesperrt">biologischen</em> Betrachtung -auch der menschlichen <em class="gesperrt">Geschichte</em> noch unendlich -viel Aufschlu in der Zukunft zu erwarten. Hier soll nur -die Nutzanwendung auf den vorliegenden Fall gesucht -werden.</p> - -<p>Wenn es richtig ist, da zu gewissen Zeiten mehr, zu -anderen weniger hermaphroditische Menschen geboren werden, -so wre als die <em class="gesperrt">Folge</em> dessen vorauszusehen, da die Frauenbewegung -grtenteils <em class="gesperrt">von selbst sich wieder verlaufen</em> -und nach lngerer Zeit erst wieder zum Vorschein kommen -wrde, um wieder unter- und emporzutauchen in einem Rhythmus -ohne Ende. Es wrden eben die Frauen, die sich selbst -emanzipieren <em class="gesperrt">wollten</em>, bald in grerer, bald in weit geringerer -Anzahl <em class="gesperrt">geboren</em> werden.</p> - -<p>Von den konomischen Verhltnissen, welche auch die -sehr weibliche Frau des kinderreichen Proletariers in die -Fabrik oder zur Bauarbeit drngen knnen, ist hier natrlich -nicht die Rede. Der Zusammenhang der industriellen und -gewerblichen Entwicklung mit der Frauenfrage ist viel -lockerer, als er, besonders von sozialdemokratischen Theoretikern, -gewhnlich hingestellt wird, und noch viel weniger -besteht ein enger urschlicher Konnex zwischen den Bestrebungen, -die auf die geistige, und jenen, die auf die wirtschaftliche -Konkurrenzfhigkeit gerichtet sind. In Frankreich -z. B. ist es, obwohl es drei der hervorragendsten Frauen -hervorgebracht hat, niemals einer Frauen<em class="gesperrt">bewegung</em> recht -eigentlich gelungen, Wurzel zu fassen, und doch sind in -keinem Lande Europas so viele Frauen selbstndig geschftlich -ttig als eben dort. Der Kampf um das materielle Auskommen -hat also mit dem Kampfe um einen geistigen Lebensinhalt,<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> -wenn wirklich von Seite einer Gruppe von Frauen -ein solcher gefhrt wird, nichts zu tun und ist scharf von ihm -zu scheiden.</p> - -<p>Die Prognose, welche dieser letzteren Bewegung, der auf -dem geistigen Gebiete, gestellt wurde, war keine erfreuliche; -sie ist wohl noch trostloser als die Aussicht, die man ihr auf -den Weg mitgeben knnte, wenn mit einigen Autoren eine -<em class="gesperrt">fortschreitende</em> Entwicklung des Menschengeschlechtes -zu <em class="gesperrt">vlliger</em> sexueller <em class="gesperrt">Differenzierung</em>, also einem ausgesprochenen -Geschlechts-Dimorphismus entgegen, anzunehmen -wre.</p> - -<p>Die letztere Meinung scheint mir aus dem Grunde unhaltbar, -weil im Tierreich durchaus nicht eine mit der hheren -systematischen Stellung <em class="gesperrt">zu</em>nehmende Geschlechtertrennung -sich verfolgen lt. Gewisse Gephyreen und Rotatorien, -viele Vgel, ja selbst unter den Affen noch der Mandrill -tun einen viel strkeren Gonochorismus kund, als er beim -Menschen, vom morphologischen Standpunkte aus, sich -beobachten lt. Whrend aber diese Vermutung eine Zeit -voraussagt, wo wenigstens das <em class="gesperrt">Bedrfnis</em> nach der -Emanzipation <em class="gesperrt">fr immer</em> erloschen sein und es nur mehr -komplette Masculina und komplette Feminina geben wrde, -verurteilt die Annahme einer periodischen Wiederkehr der -Frauenbewegung das ganze Streben der Frauenrechtlerinnen -in grausamster Weise zu einer schmerzlichen Ohnmacht, -es lt ihr gesamtes Tun unter dem Aspekte einer Danaidenarbeit -erscheinen, deren Erfolge mit der fortschreitenden -Zeit wieder von selbst in das gleiche Nichts zerrinnen.</p> - -<p>Dieses trbe Los knnte der Emanzipation der Frauen -gefallen sein, wenn diese immer weiter ihre Ziele nur im -<em class="gesperrt">Sozialen</em>, in der historischen Zukunft der <em class="gesperrt">Gattung</em> suchte -und ihre Feinde blind unter den Mnnern und in den von -Mnnern geschaffenen rechtlichen Institutionen whnte. Dann -freilich mte das Korps der Amazonen formiert werden, -und es wre nie ein Dauerndes gewonnen, wenn jenes geraume -Zeit nach seiner Bildung immer wieder sich auflste. -Insoferne bietet die Renaissance und ihr spurloses Verschwinden<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> -den Frauenrechtlerinnen eine Lehre. Die wahre -Befreiung des Geistes kann nicht von einem noch so groen -und noch so wilden Heere gesucht werden, um sie mu das -einzelne Individuum fr sich allein kmpfen. Gegen wen? -Gegen das, was im eigenen Gemte sich dawiderstemmt. -<em class="gesperrt">Der grte, der einzige Feind der Emanzipation der -Frau ist die Frau.</em></p> - -<p>Dies zu beweisen, ist Aufgabe des zweiten Teiles.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> </p> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span><a name="ZWEITER_ODER_HAUPTTEIL" id="ZWEITER_ODER_HAUPTTEIL"><small>ZWEITER ODER HAUPTTEIL.</small></a><br /> - -DIE SEXUELLEN TYPEN.</h2> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> </p> - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span><a name="I_Kapitel" id="I_Kapitel"><small>I. Kapitel.</small></a><br /> - -Mann und Weib.</h2> - -<p class="right"> -All that a man does is physiognomical of him.<br /> -<em class="gesperrt">Carlyle.</em><br /> -<br /> -</p> - - -<p>Freie Bahn fr die Erforschung alles wirklichen -Geschlechtsgegensatzes ist durch die Erkenntnis geschaffen, -da Mann und Weib nur als Typen zu erfassen sind und die -verwirrende Wirklichkeit, welche den bekannten Kontroversen -immer neue Nahrung bieten wird, allein durch ein Mischungsverhltnis -aus jenen zwei Typen sich nachbilden lt. -Die einzig realen sexuellen Zwischenformen hat der erste -Teil dieser Untersuchung behandelt, und zwar, wie nun -hervorgehoben werden mu, nach einem etwas schematisierenden -Verfahren. Die Rcksichtnahme auf die allgemein biologische -Geltung der entwickelten Prinzipien fhrte das dort -mit sich. Jetzt, da, noch viel ausschlielicher als bisher, <em class="gesperrt">der -Mensch</em> das Objekt der Betrachtung werden soll und die -psychophysiologischen Zuordnungen der introspektiven Analyse -zu weichen sich anschicken, bedarf der universelle Anspruch -des Prinzipes der sexuellen Zwischenstufen einer gewichtigen -Restriktion.</p> - -<p>Bei Pflanzen und Tieren ist das Vorkommen des echten -Hermaphroditismus eine gegen jeden Zweifel erhrtete Tatsache. -Aber selbst bei den Tieren scheint oft das Zwittertum -mehr eine Juxtaposition der mnnlichen und weiblichen -Keimdrse in einem Individuum als ein Ausgeglichensein -beider Geschlechter in demselben, eher ein Zusammensein -beider Extreme denn einen gnzlich neutralen Zustand in der -Mitte zwischen denselben zu bedeuten. Vom <em class="gesperrt">Menschen</em> jedoch -lt sich <em class="gesperrt">psychologisch</em> mit vollster Bestimmtheit behaupten,<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> -da er, zunchst wenigstens in einer und derselben -Zeit, <em class="gesperrt">notwendig <b>entweder</b> Mann <b>oder</b> Weib sein mu</em>. -Damit steht nicht nur im Einklang, da fast alles, was sich -fr ein Masculinum oder Femininum schlechtweg hlt, auch -sein Komplement fr <em class="gesperrt">das</em> Weib oder <em class="gesperrt">den</em> Mann schlechthin -ansieht.<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> Es wird jene Unisexualitt am strksten erwiesen -durch die in ihrer theoretischen Wichtigkeit <em class="gesperrt">kaum -zu berschtzende</em> Tatsache, da auch im Verhltnisse -zweier homosexueller Menschen zueinander immer der eine -die krperliche und psychische Rolle des Mannes bernimmt, -im Falle lngeren Verkehres auch seinen mnnlichen Vornamen -behlt oder einen solchen annimmt, whrend der -andere die des Weibes spielt, seinen weiblichen Vornamen -entweder bewahrt oder einen solchen sich gibt oder noch -fter — dies ist bezeichnend genug — ihn vom anderen -erhlt.</p> - -<p>Also es fllt in den sexuellen Relationen zweier Lesbierinnen -oder zweier Urninge immer die eine Person die -mnnliche, die zweite die weibliche Funktion aus, und dies -ist von grter Bedeutung. Das Verhltnis Mann-Weib erweist -sich hier als <em class="gesperrt">fundamental</em> an der <em class="gesperrt">entscheidenden</em> Stelle, -als etwas, worber nicht hinauszukommen ist.</p> - -<p><em class="gesperrt">Trotz allen sexuellen Zwischenformen <b>ist</b> der -Mensch am Ende doch <b>eines</b> von beiden, <b>entweder</b> -Mann <b>oder</b> Weib.</em> Auch in dieser ltesten empirischen -Dualitt steckt (nicht blo anatomisch und keineswegs im -konkreten Falle in regelmiger genauer bereinstimmung -mit dem morphologischen Befunde) eine tiefe Wahrheit, die -sich nicht ungestraft vernachlssigen lt.</p> - -<p>Hiemit scheint nun ein Schritt gemacht, der von der -grten Tragweite ist, und allem Ferneren so segensreich wie -verhngnisvoll werden kann. Es ist mit einer solchen Anschauung<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> -ein <em class="gesperrt">Sein</em> statuiert. Die <em class="gesperrt">Bedeutung</em> dieses <em class="gesperrt">Seins</em> -zu erforschen ist freilich eben die Aufgabe, welche der -ganzen folgenden Untersuchung anheimfllt. Da aber mit -diesem problematischen <em class="gesperrt">Sein</em> an die Hauptschwierigkeit der -Charakterologie unmittelbar gerhrt ist, wird es gut sein, -ehe da eine solche Arbeit in naiver Khnheit begonnen -werde, ber dieses heikelste Problem, an dessen Schwelle -aller Wagemut bereits stockt, eine kurze Orientierung zu versuchen.</p> - -<p>Die Hemmnisse, mit denen jedes charakterologische -Unternehmen zu kmpfen hat, sind allein schon wegen der -Kompliziertheit des Stoffes enorme. Oft und oft ereignet es -sich, da der Weg, den man durch das Waldesdickicht bereits -gefunden zu haben glaubt, sich verliert im undurchdringlichen -Gestrppe, der Faden nicht mehr herauszulsen ist aus der -unendlichen Verfilzung. Das schlimmste aber ist, da betreffs -der Methode einer systematischen Darstellung des wirklich -entwundenen Stoffes, anllich der prinzipiellen Deutung -auch erfolgreicher Anfnge, sich wieder und wieder die -ernstesten Bedenken erheben und gerade der Typisierung -sich entgegentrmen. In dem Falle des Geschlechtsgegensatzes -z. B. erwies sich bis jetzt die Annahme einer -Art Polaritt der Extreme und unzhliger Abstufungen -zwischen denselben als die einzig brauchbare. Es scheint so -auch in den meisten brigen charakterologischen Dingen — -auf einige komme ich selbst noch zu sprechen — etwas wie -Polaritt zu geben (was schon der Pythagoreer <em class="gesperrt">Alkmaion -von Kroton</em> geahnt hat); und vielleicht wird auf diesem -Gebiete die <em class="gesperrt">Schelling</em>sche Naturphilosophie noch ganz -andere Genugtuungen erleben als die Auferstehung, welche -ein physikalischer Chemiker unserer Tage ihr bereitet zu -haben vermeint.</p> - -<p>Aber ist die Hoffnung berechtigt, durch die Festlegung -des Individuums auf einem bestimmten Punkte in den Verbindungslinien -je zweier Extreme, ja durch unendliche -Hufung dieser Verbindungslinien, durch ein unendlich -viele Dimensionen zhlendes Koordinatensystem das Individuum -selbst je zu erschpfen? Verfallen wir nicht, nur auf einem<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> -konkreteren Gebiet, bereits in die dogmatische Skepsis der -<em class="gesperrt">Mach</em>-<em class="gesperrt">Hume</em>schen Ich-Analyse zurck, wenn wir die vollstndige -Beschreibung des menschlichen Individuums in Form -eines <em class="gesperrt">Rezeptes</em> erwarten? Und fhrt uns da nicht eine Art -<em class="gesperrt">Weismann</em>scher Determinanten-Atomistik zu einer Mosaik-Psychognomik, -nachdem wir uns von der Mosaik-Psychologie -eben erst zu erholen beginnen?</p> - -<p>In neuer Fassung stehen wir hier vor dem alten und, -wie sich zeigt, noch immer lebendig zhen Grundproblem: -Gibt es ein einheitliches und einfaches Sein im Menschen, und -wie verhlt es sich zu der zweifellos neben ihm bestehenden -Vielheit? Gibt es eine Psyche? Und wie verhlt sich die -Psyche zu den psychischen Erscheinungen? Man begreift nun, -warum es noch immer keine Charakterologie gibt: Das Objekt -dieser Wissenschaft, der Charakter, ist seiner Existenz -nach selbst problematisch. Das Problem aller Metaphysik und -Erkenntnistheorie, die hchste Prinzipienfrage der Psychologie, -ist auch das Problem der Charakterologie, das Problem vor -aller Charakterologie, die als Wissenschaft wird auftreten -knnen. Wenigstens aller erkenntniskritisch ber ihre Voraussetzungen, -Ansprche und Ziele unterrichteten und aller -ber Unterschiede im <em class="gesperrt">Wesen</em> der Menschen Belehrung erstrebenden -Charakterologie.</p> - -<p>Diese, sei's drum, unbescheidene Charakterologie will -mehr sein als jene Psychologie der individuellen Differenzen, -deren erneute Aufstellung als eines Zieles der -psychologischen Wissenschaft durch L. William <em class="gesperrt">Stern</em> -darum doch eine sehr verdienstvolle Tat war; sie will mehr -bieten als ein Nationale der motorischen und sensorischen -Reaktionen eines Individuums, und darum soll sie nicht gleich -zu dem Tiefstand der brigen modernen psychologischen Experimentalforschung -herabsinken, als welche sie ja nur eine -sonderbare Kombination von statistischem Seminar und physikalischem -Praktikum vorstellt. So hofft sie mit der reichen -seelischen Wirklichkeit, aus deren vlligem Vergessen das -Selbstbewutsein der Hebel- und Schraubenpsychologie -einzig erklrt werden kann, in einem herzlichen Kontakte -zu bleiben und frchtet nicht, die Erwartungen des<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> -nach Aufklrung ber sich selbst drstenden Studenten -der Psychologie durch Untersuchungen ber das Lernen -einsilbiger Worte und den Einflu kleiner Kaffeedosen -auf das Addieren befriedigen zu mssen. So traurig es -als Zeichen der brigens allgemein dumpf empfundenen -prinzipiellen Unzulnglichkeit der modernen psychologischen -Arbeit ist, so begreiflich ist es doch, wenn angesehene -Gelehrte, die sich unter einer Psychologie mehr vorgestellt -haben als eine Empfindungs- und Assoziationslehre, -vor der herrschenden de zu der berzeugung gelangen, -Probleme wie das Heldentum oder die Selbstaufopferung, den -Wahnsinn oder das Verbrechen msse die reflektierende -Wissenschaft auf ewig der Kunst, als dem einzigen Organe -ihres Verstndnisses, berlassen und jede Hoffnung aufgeben, -nicht sie besser zu verstehen als jene (das wre -anmaend einem <em class="gesperrt">Shakespeare</em> oder <em class="gesperrt">Dostojewskij</em> gegenber), -wohl aber, sie ihrerseits auch nur systematisch zu begreifen.</p> - -<p>Keine Wissenschaft mu, wenn sie unphilosophisch wird, -so schnell verflachen wie die Psychologie. Die Emanzipation -von der Philosophie ist der wahre Grund des Verfalles der -Psychologie. Gewi nicht in ihren Voraussetzungen, aber in -ihren Endabsichten htte die Psychologie philosophisch bleiben -sollen. Sie wre dann zunchst zu der Einsicht gelangt, <em class="gesperrt">da -die Lehre von den Sinnesempfindungen mit der -Psychologie direkt berhaupt nichts zu tun hat</em>. Die -empirischen Psychologien von heutzutage gehen von den -Tast- und Gemeinempfindungen aus, um mit der Entwicklung -eines sittlichen Charakters zu endigen. Die Analyse der -Empfindungen gehrt aber zur Physiologie der Sinne, jeder -Versuch, ihre Spezialprobleme in eine tiefere Beziehung zu -dem brigen Inhalte der Psychologie zu bringen, mu milingen.</p> - -<p>Es ist das Unglck der wissenschaftlichen Psychologie -gewesen, da sie von zwei Physikern, von <em class="gesperrt">Fechner</em> und -von <em class="gesperrt">Helmholtz</em>, am nachhaltigsten sich hat beeinflussen -lassen und so verkennen konnte, <em class="gesperrt">da sich zwar die -uere, aber nicht so auch die innere Welt aus<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> -baren Empfindungen zusammensetzt</em>. Die zwei feinsinnigsten -unter den empirischen Psychologen der letzten -Jahrzehnte, William <em class="gesperrt">James</em> und Richard <em class="gesperrt">Avenarius</em>, sind -denn auch die beiden einzigen, die wenigstens instinktiv gefhlt -haben, da man die Psychologie nicht mit dem Hautsinn und -Muskelsinn anfangen drfe, whrend alle brige moderne -Psychologie mehr oder minder Empfindungskleister ist. <em class="gesperrt">Hier</em> -liegt der von <em class="gesperrt">Dilthey</em> nicht scharf genug bezeichnete Grund -dafr, da die heutige Psychologie zu den Problemen, die man -als eminent psychologische sonst zu bezeichnen gewohnt ist, -zur Analyse des Mordes, der Freundschaft, der Einsamkeit -u. s. w., <em class="gesperrt">gar nicht gelangt</em>, ja — hier verfngt nicht die -alte Berufung auf ihre groe Jugend — zu ihnen gar nicht -gelangen <em class="gesperrt">kann</em>, da sie in einer ganz anderen Richtung sich -bewegt, als in einer, die sie am Ende doch dahin fhren -knnte. Darum hat die Losung des Kampfes um eine <em class="gesperrt">psychologische -Psychologie</em> in erster Linie zu sein: -<em class="gesperrt">Hinaus mit der Empfindungslehre aus der Psychologie!</em></p> - -<p>Das Unternehmen einer Charakterologie in dem oben -bezeichneten weiteren und tieferen Sinne involviert vor allem -den Begriff des <em class="gesperrt">Charakters</em> selbst, als den Begriff eines -konstanten einheitlichen Seins. Wie die schon im 5. Kapitel -des I. Teiles zum Vergleich herangezogene Morphologie die -bei allem physiologischen Wechsel gleich bleibende <em class="gesperrt">Form</em> -des Organischen behandelt, so setzt die Charakterologie als -ihren Gegenstand ein Gleichbleibendes im psychischen Leben -voraus, das in jeder seelischen Lebensuerung in analoger -Weise nachweisbar sein mu, und ist so vor allem jener -Aktualittstheorie vom Psychischen entgegengesetzt, die -ein Bleibendes schon darum nicht anerkennen mag, weil -sie auf jener empfindungsatomistischen Grundanschauung -beruht.</p> - -<p>Der Charakter ist danach nicht etwas hinter dem Denken -und Fhlen des Individuums Thronendes, <em class="gesperrt">sondern etwas, -das sich in <b>jedem</b> Gedanken und <b>jedem</b> Gefhle desselben -offenbart</em>. Alles, was ein Mensch tut, ist physiognomisch -fr ihn. Wie <em class="gesperrt">jede</em> Zelle die Eigenschaften des<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> -<em class="gesperrt">ganzen</em> Individuums in sich birgt, so enthlt <em class="gesperrt">jede</em> psychische -Regung eines Menschen, nicht blo einzelne wenige Charakterzge, -<em class="gesperrt">sein ganzes Wesen</em>, von dem nur im einen -Momente diese, im anderen jene Eigentmlichkeit mehr hervortritt.</p> - -<p>Wie es weiter gar keine isolierte Empfindung gibt, -sondern stets ein Blick<em class="gesperrt">feld</em> und ein Empfindungsganzes da ist, -als das dem Subjekte gegenberstehende Objekt, als die -<em class="gesperrt">Welt</em> des Ichs, von welcher nur einmal der eine, ein anderes -Mal der andere Gegenstand sich deutlicher abhebt: <em class="gesperrt">so steckt -in jedem Augenblicke des psychischen Lebens -der <b>ganze</b> Mensch</em>, und es fllt nur in jeder Zeiteinheit der -Accent auf einen anderen Punkt seines Wesens. <em class="gesperrt">Dieses -berall in dem psychischen Zustande jedes Augenblickes -nachweisbare <b>Sein</b> ist das Objekt der Charakterologie.</em> -So wrde diese erst die notwendige Ergnzung -der bisherigen empirischen Psychologie bilden, die, in -merkwrdigem Gegensatze zu ihrem Namen einer <em class="gesperrt"><b>Psycho</b>logie</em>, -bisher fast ausschlielich den Wechsel im Empfindungsfelde, -die Buntheit der <em class="gesperrt">Welt</em>, in Betracht gezogen und -den Reichtum des Ich ganz vernachlssigt hat. Damit knnte -sie auf die allgemeine Psychologie als die Lehre von dem -Ganzen, das aus der Kompliziertheit des Subjektes und der -Kompliziertheit des Objektes resultiert (die beide aus diesem -Ganzen nur durch eine eigentmliche Abstraktion isoliert -werden konnten), befruchtend und regenerierend wirken. So -manche Streitfragen der Psychologie — vielleicht sind es -gerade die prinzipiellsten Fragen — vermag berhaupt nur -eine charakterologische Betrachtung zur Entscheidung zu -bringen, indem sie zeigt, <em class="gesperrt">warum</em> der eine diese, der andere -jene Meinung verficht, darlegt, weshalb sie differieren, wenn sie -ber das gleiche Thema sprechen: da sie ber denselben Vorgang -und denselben psychischen Proze aus keinem anderen -Grunde verschiedener Ansicht sind, als weil dieser bei jedem -die individuelle Frbung, die <em class="gesperrt">Note</em> seines Charakters erhalten -hat. So ermglicht gerade die psychologische <em class="gesperrt">Differenzen</em>lehre -erst die <em class="gesperrt">Einigung</em> auf dem Gebiete der <em class="gesperrt">Allgemein</em>psychologie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> - -Das formale Ich wre das letzte Problem der dynamischen, -das material erfllte Ich das letzte Problem der statischen -Psychologie. Indessen wird ja bezweifelt, da es berhaupt -Charakter gibt; oder wenigstens sollte das vom konsequenten -Positivismus im Sinne von <em class="gesperrt">Hume</em>, <em class="gesperrt">Mach</em>, <em class="gesperrt">Avenarius</em> geleugnet -werden. Es ist danach leicht begreiflich, warum es noch -keine Charakterologie gibt als Lehre vom bestimmten Charakter.</p> - -<p>Die Verquickung der Charakterologie mit der Seelenlehre ist -aber ihre schlimmste Schdigung gewesen. Da die Charakterologie -<em class="gesperrt">historisch</em> mit dem Schicksal des Ichbegriffs verknpft -worden ist, gibt allein noch kein Recht, sie <em class="gesperrt">sachlich</em> an dasselbe -zu binden. Und nur wer dogmatisch sich auf den Standpunkt -des absoluten Phnomenalismus stellt und glaubt, dieser allein -enthebe aller Beweislasten, die, schon mit seiner Betretung, -von selbst allen anderen Standpunkten aufgebrdet seien, der -wird das <em class="gesperrt">Sein</em>, das die Charakterologie behauptet, und das -noch durchaus nicht mit einer metaphysischen <em class="gesperrt">Essenz</em> identisch -ist, ohne weiteres abweisen.</p> - -<p>Die Charakterologie hat sich gegen zwei schlimme -Feinde zu halten. Der eine nimmt den Charakter als -gegeben und leugnet, da, ebenso wie die knstlerische -Darstellung, die Wissenschaft sich seiner bemchtigen knne. -Der andere nimmt die Empfindungen als das allein Wirkliche -an, Realitt und Empfindung sind ihm eins geworden, -die Empfindung ist ihm der Baustein der Welt wie des Ich, -und fr diesen gibt es keinen Charakter. Was soll nun die -Charakterologie, die Wissenschaft vom Charakter? De individuo -nulla scientia, Individuum est ineffabile, so tnt es -ihr von der einen Seite entgegen, die am Individuum festhlt; -von der anderen, die auf der Wissenschaftlichkeit allein -besteht und nicht die Kunst als Organ des Lebensverstndnisses -sich gerettet hat, mu sie es wieder und wieder -vernehmen, da die Wissenschaft nichts wisse vom Charakter.</p> - -<p>Zwischen solchem Kreuzfeuer htte die Charakterologie -sich zu behaupten. Wen wandelt da nicht die Furcht an, -da sie das Los ihrer Schwestern teilen, eine ewig unerfllte<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> -Verheiung bleiben werde wie die Physiognomik, eine divinatorische -Kunst wie die Graphologie?</p> - -<p>Auch diese Frage ist eine, welche die spteren Kapitel -zu beantworten werden suchen mssen. Das Sein, welches -die Charakterologie behauptet, ist seiner einfachen oder mehrfachen -Bedeutung nach von ihnen zu untersuchen. Warum -diese Frage ganz allgemein gerade mit der Frage nach dem -psychischen Unterschiede der <em class="gesperrt">Geschlechter</em> so innig sich -berhrt, das wird freilich erst aus ihren letzten Resultaten -hervorgehen.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span><a name="II_Kapitel" id="II_Kapitel"><small>II. Kapitel.</small></a><br /> - -Mnnliche und weibliche Sexualitt.</h2> - -<p class="right"> -Die Frau verrt ihr Geheimnis nicht.<br /> -<em class="gesperrt">Kant.</em><br /> -<br /> -</p> - -<p class="right"> -Mulier taceat de muliere.<br /> -<em class="gesperrt">Nietzsche.</em><br /> -<br /> -</p> - - -<p>Unter Psychologie berhaupt ist gewhnlich die Psychologie -der Psychologen zu verstehen, und die Psychologen sind -ausschlielich Mnner: noch hat man, seit Menschen Geschichte -aufzeichnen, nicht von einem <em class="gesperrt">weiblichen</em> Psychologen gehrt. -Aus diesem Grunde bildet die Psychologie des Weibes ein -Kapitel, welches der Allgemeinpsychologie nicht anders angehngt -wird als die Psychologie des Kindes. Und da die Psychologie -von Mnnern in regelmiger, aber wohl kaum bewuter -ausschlielicher Bercksichtigung des Mannes geschrieben wird, -ist die Allgemeinpsychologie Psychologie der Mnner geworden, -und wird das Problem einer Psychologie der Geschlechter -immer dann erst aufgeworfen, wenn der Gedanke -an eine Psychologie des Weibes auftaucht. So sagt <em class="gesperrt">Kant</em>: -In der Anthropologie ist die weibliche Eigentmlichkeit mehr -als die mnnliche ein Studium fr den Philosophen. Die Psychologie -der Geschlechter wird sich immer decken mit der -Psychologie von W.</p> - -<p>Die Psychologie von W jedoch wird ebenfalls nur von -Mnnern geschrieben. Man kann also mit Leichtigkeit sich -auf den Standpunkt stellen, da sie wirklich zu schreiben -ein Ding der Unmglichkeit sei, da sie Behauptungen ber -fremde Menschen aufstellen msse, die keine Verifikation -durch deren eigene Beobachtung ihrer selbst erhalten haben. -Gesetzt, W knnte sich selbst je mit der erforderlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> -Schrfe beschreiben, so ist damit noch nicht ausgemacht, ob -sie den Dingen, die uns hauptschlich interessieren, <em class="gesperrt">dasselbe</em> -Interesse entgegenbrchte; ja, und wenn sie selbst noch so -genau sich erkennen knnte und wollte — setzen wir den -Fall — so fragt sich's noch immer, ob sie je <em class="gesperrt">ber</em> sich zu -reden zu bringen sein wrde. Es wird sich im Laufe der -Untersuchung herausstellen, da diese drei Unwahrscheinlichkeiten -auf eine gemeinsame Quelle in der Natur des Weibes -zurckweisen.</p> - -<p>Diese Untersuchung kann nur in dem Anspruch unternommen -werden, da jemand, ohne selbst Weib zu sein, -ber das Weib richtige Aussagen zu machen imstande sei. -Es bleibt also jener erste Einwand einstweilen bestehen, und -da seine Widerlegung erst viel spter erfolgen kann, hilft es -nichts, wir mssen uns ber ihn hinwegsetzen. Nur so viel -will ich bemerken. Noch hat nie — ist auch dies nur eine -Folge der Unterdrckung durch den Mann? — beispielsweise -eine schwangere Frau ihre Empfindungen und Gefhle -irgendwie, sei es in einem Gedichte, sei es in Memoiren, sei -es in einer gynkologischen Abhandlung, zum Ausdruck gebracht; -und Folge einer bergroen Schamhaftigkeit kann -das nicht sein, denn — <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> hat hierauf mit Recht -hingewiesen — es gibt nichts, was einer schwangeren Frau -so fern lge wie die Scham ber ihren Zustand. Auerdem -bestnde ja an sich die Mglichkeit, nach dem Ende der -Schwangerschaft aus der Erinnerung ber das psychische -Leben zu jener Zeit zu beichten; wenn dennoch das Schamgefhl -damals von Mitteilung zurckgehalten htte, so entfiele -ja nachher dieses Motiv, und das Interesse, das solchen -Erffnungen von vielen Seiten entgegengebracht wrde, wre -fr viele wohl sonst Grund genug, das Schweigen zu brechen. -Aber nichts von alledem! Wie wir sonst nur Mnnern -wirklich wertvolle Enthllungen ber die psychischen Vorgnge -im Weibe danken, so haben auch hier blo Mnner -die Empfindungen der schwangeren Frau geschildert. Wie -vermochten sie das?</p> - -<p>Wenn auch in jngster Zeit die Aussagen von Dreiviertel- -und Halbweibern ber ihr psychisches Leben sich<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> -mehren, so erzhlen diese doch mehr von dem Manne als von -dem eigentlichen Weibe in ihnen. Wir bleiben demnach nur -auf eines angewiesen: <em class="gesperrt">auf das, was in den Mnnern selbst -Weibliches ist</em>. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen -erweist sich hier in gewissem Sinne als die Voraussetzung -jedes wahren Urteils eines Mannes ber die Frau. Doch wird -sich spter die Notwendigkeit einer Beschrnkung und Ergnzung -dieser Bedeutung des Prinzipes ergeben. Denn es -ohne weiteres anwenden, mte dazu fhren, da der weiblichste -Mann das Weib am besten zu beschreiben in der -Lage sei, und konsequent wrde daraus weiter folgen, da -das echte Weib sich selbst am besten durchschauen knne, -was ja eben sehr in Zweifel gezogen wurde. Wir werden -also schon hier darauf aufmerksam, da ein Mann Weibliches -in bestimmtem Mae in sich haben kann, ohne darum -in gleichem Grade schon eine sexuelle Zwischenform darzustellen. -Umso merkwrdiger erscheint es, da der Mann -gltige Feststellungen ber die Natur des Weibes solle -machen knnen; ja, da wir diese Fhigkeit, bei der auerordentlichen -Mnnlichkeit vieler offenbar ausgezeichneter Beurteiler -der Frauen, selbst M nicht absprechen zu knnen -scheinen, bleibt das Recht des Mannes, ber die Frau<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> mitzusprechen, -ein desto merkwrdigeres Problem, und wir -werden uns der Auflsung des prinzipiellen methodischen -Zweifels an diesem Rechte spter um so weniger entziehen -knnen. Einstweilen betrachten wir jedoch, wie gesagt, den -Einwurf als nicht gemacht und schreiten an die Untersuchung -der Sache selbst. <em class="gesperrt">Worin liegt der wesentliche -psychologische Unterschied zwischen Mann -und Weib?</em> so fragen wir drauf los.</p> - -<p>Man hat in der greren Intensitt des Geschlechtstriebes -beim Manne diesen Urunterschied zwischen den Geschlechtern -erblicken wollen, aus dem sich alle anderen ableiten -lieen. Ganz abgesehen, ob die Behauptung richtig, ob -mit dem Worte Geschlechtstrieb ein Eindeutiges und wirklich -Mebares bezeichnet ist, so steht doch die prinzipielle<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> -Berechtigung einer solchen Ableitung wohl noch sehr in -Frage. Zwar drfte an allen jenen antiken und mittelalterlichen -Theorien ber den Einflu der unbefriedigten Gebrmutter -beim Weibe und des semen retentum beim Manne -ein Wahres sein, und es hat da nicht erst der heute so -beliebten Phrase bedurft, da alles nur sublimierter Geschlechtstrieb -sei. Aber auf die Ahnung so vager Zusammenhnge -lt sich keine systematische Darstellung grnden. Da -mit grerer oder geringerer Strke des Geschlechtstriebes -andere Qualitten ihrem Grade nach bestimmt sind, ist in -keiner Weise sicherzustellen versucht worden.</p> - -<p>Indessen die Behauptung, da die Intensitt des Geschlechtstriebes -bei M grer sei als bei W, ist <em class="gesperrt">an sich falsch</em>. -Man hat ja auch wirklich das Gegenteil ebenso behauptet: -es ist <em class="gesperrt">ebenso falsch</em>. In Wahrheit bleibt die Strke des -Bedrfnisses nach dem Sexualakt unter Mnnern selbst gleich -starker Mnnlichkeit noch immer verschieden, ebenso, -wenigstens dem Anscheine nach, unter Frauen mit dem -gleichen Gehalte an W. Hier spielen gerade unter den Mnnern -ganz andere Einteilungsgrnde mit, die es mir zum Teil gelungen -ist aufzufinden und ber die vielleicht eine andere -Publikation ausfhrlich handeln wird.</p> - -<p>Also in der greren Heftigkeit des Begattungstriebes -liegt, entgegen vielen populren Meinungen, <em class="gesperrt">kein</em> Unterschied -der Geschlechter. Dagegen werden wir einen solchen gewahr, -wenn wir jene zwei analytischen Momente, die Albert <em class="gesperrt">Moll</em> -aus dem Begriffe des Geschlechtstriebes herausgehoben hat, -einzeln auf Mann und Weib anwenden: den <em class="gesperrt">Detumescenz-</em> und -den <em class="gesperrt">Kontrektationstrieb</em>. Der erste resultiert aus den -Unlustgefhlen durch in grerer Menge angesammelte reife -Keimzellen, der zweite ist das Bedrfnis nach krperlicher -Berhrung eines zu sexueller Ergnzung in Anspruch genommenen -Individuums. Whrend nmlich M beides besitzt, -Detumescenz- wie Kontrektationstrieb, ist bei W ein eigentlicher -Detumescenztrieb gar nicht vorhanden. Dies ist schon -damit gegeben, da im Sexualakte nicht W an M, sondern -nur M an W etwas abgibt: W <em class="gesperrt">behlt</em> die mnnlichen wie -die weiblichen Sekrete. Im anatomischen Bau kommt dies<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> -ebenfalls zum Ausdruck in der Prominenz der mnnlichen -Genitalien, die dem Krper des Mannes den Charakter eines -Gefes so vllig nimmt. Wenigstens kann man die Mnnlichkeit -des Detumescenztriebes in dieser morphologischen -Tatsache angedeutet finden, ohne daran sofort eine naturphilosophische -Folgerung zu knpfen. Da W der Detumescenztrieb -fehlt, wird auch durch die Tatsache bewiesen, da -die meisten Menschen, die ber ⅔ M enthalten, ohne Ausnahme -in der Jugend der Onanie auf lngere oder krzere -Zeit verfallen, einem Laster, dem unter den Frauen nur die -mannhnlichsten huldigen. W selbst ist die Masturbation -fremd. Ich wei, da ich hiemit eine Behauptung aufstelle, -der schroffe gegenteilige Versicherungen gegenberstehen. -Doch werden sich die scheinbar widersprechenden Erfahrungen -sofort befriedigend erklren.</p> - -<p>Zuvor jedoch harrt noch der Kontrektationstrieb von W -der Besprechung. Dieser spielt beim Weibe die grte, weil -eine alleinige Rolle. Aber auch von ihm lt sich nicht behaupten, -da er beim einen Geschlechte grer sei als beim -anderen. Im Begriffe des Kontrektationstriebes liegt ja nicht -die Aktivitt in der Berhrung, sondern nur das Bedrfnis -nach dem krperlichen Kontakte mit dem Nebenmenschen -berhaupt, ohne da schon etwas darber ausgesagt wre, -wer der berhrende und wer der berhrte Teil ist. Die Konfusion -in diesen Dingen, indem immer <em class="gesperrt">Intensitt des -Wunsches</em> mit dem <em class="gesperrt">Wunsch nach Aktivitt</em> zusammengeworfen -wird, rhrt von der Tatsache her, da M in der -ganzen Tierwelt W gegenber, ebenso mikrokosmisch jeder -tierische und pflanzliche Samenfaden der Eizelle gegenber -stets der <em class="gesperrt">aufsuchende</em> und <em class="gesperrt">aggressive</em> Teil ist, und der -Irrtum nahe liegt, ein <em class="gesperrt">unternehmendes Verhalten</em> behufs -Erreichung eines Zweckes und den <em class="gesperrt">Wunsch</em> nach dessen -Erreichung aus einander regelmig und in einer konstanten -Proportion folgen zu lassen, und auf eine Abwesenheit des -Bedrfnisses zu schlieen, wo sich keine deutlichen motorischen -Bestrebungen zeigen, dieses zu befriedigen. So ist man dazu gekommen, -den Kontrektationstrieb fr speziell mnnlich anzusehen -und gerade ihn dem Weibe abzusprechen. Man versteht<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> -aber, da hier noch sehr wohl <em class="gesperrt">innerhalb</em> des Kontrektationstriebes -eine Unterscheidung getroffen werden mu. Es wird sich -fernerhin noch ergeben, da M in sexueller Beziehung das Bedrfnis -hat, <em class="gesperrt">anzugreifen</em> (im wrtlichen <em class="gesperrt">und</em> im bertragenen -Sinne), W das Bedrfnis, <em class="gesperrt">angegriffen zu werden</em>, und es ist -klar, da das weibliche Bedrfnis, blo weil es nach Passivitt -geht, darum kein geringeres zu sein braucht als das -mnnliche nach der Aktivitt. Diese Distinktionen tten den -hufigen Debatten not, welche immer wieder die Frage aufwerfen, -bei welchem Geschlechte der Trieb nach dem anderen -wohl grer sein mge.</p> - -<p>Was man bei der Frau als Masturbation bezeichnet hat, -entspringt aus einer anderen Ursache als aus dem Detumescenztriebe. -W ist, und damit kommen wir auf einen wirklichen -Unterschied zum ersten Male zu sprechen, <em class="gesperrt">sexuell -viel erregbarer als der Mann</em>; seine <em class="gesperrt">physiologische -Irritabilitt</em> (nicht Sensibilitt) ist, was die Sexualsphre -anlangt, eine viel strkere. Die Tatsache dieser leichten -sexuellen Erregbarkeit kann sich bei der Frau entweder im -<em class="gesperrt">Wunsche</em> nach der sexuellen Erregung offenbaren oder in -einer eigentmlichen, sehr reizbaren, ihrer selbst, wie es -scheint, keineswegs sicheren und darum unruhigen und heftigen -<em class="gesperrt">Scheu</em> vor der Erregung durch Berhrung. Der -Wunsch nach der sexuellen Excitation ist insoferne ein wirkliches -Zeichen der leichten Erregbarkeit, als dieser Wunsch -nicht etwa einer jener Wnsche ist, welchen das in der -Natur eines Menschen selbst gegrndete <em class="gesperrt">Schicksal</em> nie Erfllung -gewhren kann, sondern im Gegenteile die hohe -Leichtigkeit und Willigkeit der Gesamtanlage bedeutet, in -den Zustand der sexuellen Erregtheit berzugehen, der vom -Weibe mglichst intensiv und mglichst perpetuierlich ersehnt -wird und nicht, wie beim Manne, mit der in der Kontrektation -erreichten Detumescenz ein natrliches Ende findet. -Was man fr Onanie des Weibes ausgegeben hat, sind -nicht wie beim Manne Akte mit der immanierenden Tendenz, -den Zustand der sexuellen Erregtheit aufzuheben; es sind -vielmehr lauter Versuche, ihn herbeizufhren, zu steigern -und zu prolongieren. — Aus der Scheu vor der sexuellen Erregung,<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> -einer Scheu, deren Analyse einer Psychologie der Frau -eine keineswegs leichte, vielleicht sogar die schwierigste -Aufgabe stellt, lt sich desgleichen mit Sicherheit auf eine -groe Schwche in dieser Beziehung schlieen.</p> - -<p>Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet fr die -Frau nur die hchste Steigerung ihres Gesamtdaseins. -<em class="gesperrt">Dieses ist immer und durchaus sexuell. W geht im -Geschlechtsleben, in der Sphre der Begattung und -Fortpflanzung, d. i. im Verhltnisse zum Manne und -zum Kinde, vollstndig auf</em>, sie wird von diesen Dingen in -ihrer Existenz vollkommen ausgefllt, whrend M <em class="gesperrt">nicht nur</em> -sexuell ist. Hier liegt also in Wirklichkeit jener Unterschied, -den man in der verschiedenen <em class="gesperrt">Intensitt</em> des Sexualtriebes -zu finden suchte. Man hte sich also vor einer Verwechslung -der <em class="gesperrt">Heftigkeit</em> des sexuellen Begehrens und der Strke der -sexuellen Affekte mit der <em class="gesperrt">Breite</em>, in welcher geschlechtliche -Wnsche und Besorgnisse den mnnlichen oder weiblichen -Menschen ausfllen. <em class="gesperrt">Blo die grere Ausdehnung der -Sexualsphre ber den ganzen Menschen bei W</em> bildet -einen spezifischen Unterschied von der schwersten Bedeutung -zwischen den geschlechtlichen Extremen.</p> - -<p>Whrend also W von der Geschlechtlichkeit gnzlich -ausgefllt und eingenommen ist, kennt M noch ein Dutzend -anderer Dinge: Kampf und Spiel, Geselligkeit und Gelage, -Diskussion und Wissenschaft, Geschft und Politik, Religion -und Kunst. Ich rede nicht davon, ob es einmal anders war; -das soll uns wenig bekmmern; damit ist es wie mit der Judenfrage: -man sagt, die Juden seien erst das geworden, was sie -sind und einmal ganz anders gewesen. Mag sein: doch das -wissen wir hier nicht. Wer der Entwicklung so viel zutraut, -mag immerhin daran glauben; bewiesen ist von jenen Dingen -nichts, gegen die eine historische berlieferung steht da -immer gleich eine andere. Aber wie heute die Frauen sind, -darauf kommt es an. Und stoen wir auf Dinge, die unmglich -von auen in ein Wesen knnen hineinverpflanzt worden -sein, so werden wir getrost annehmen, da dieses sich von jeher -gleich geblieben ist. Heute nun zumindest ist eines sicher richtig: -W befat sich, eine scheinbare Ausnahme (Kapitel 12) abgerechnet,<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> -mit auergeschlechtlichen Dingen nur fr den Mann, -den sie liebt, oder um des Mannes willen, von dem sie geliebt -sein mchte. Ein Interesse fr diese Dinge <em class="gesperrt">an sich</em> fehlt -ihr vollstndig. Es kommt vor, da eine echte Frau die -lateinische Sprache lernt; dann ist es aber nur, um etwa -ihren Sohn, der das Gymnasium besucht, auch hierin noch -untersttzen und berwachen zu knnen. Lust aber an einer -Sache und Talent zu ihr, das Interesse fr sie und die -Leichtigkeit ihrer Aneignung sind einander stets proportional. -Wer keine Muskeln hat, hat auch keine Lust zum Hanteln -und Stemmen; nur wer Talent zur Mathematik hat, wird sich -ihrem Studium zuwenden. Also scheint selbst das <em class="gesperrt">Talent</em> im -echten Weibe seltener oder weniger intensiv zu sein (obwohl -hierauf wenig ankommt: die Geschlechtlichkeit wre ja auch -im gegenteiligen Falle zu stark, um andere ernstgemeinte -Beschftigung zuzulassen); und darum mangelt es wohl auch -beim Weibe an den Bedingungen zur Bildung interessanter -Kombinationen, die beim Manne eine Individualitt wohl -nicht ausmachen, aber modellieren knnen.</p> - -<p>Dem entsprechend sind es ausschlielich weiblichere -Mnner, die in einem fort hinter den Frauenzimmern her -sind und an nichts Interesse finden als an Liebschaften und -an geschlechtlichem Verkehre. Doch soll hiemit keineswegs -das Don Juan-Problem erledigt, oder auch nur ernstlich berhrt -sein.</p> - -<p><em class="gesperrt">W ist nichts als Sexualitt, M ist sexuell und -noch etwas darber.</em> Dies zeigt sich besonders deutlich in -der so gnzlich verschiedenen Art, wie Mann und Weib ihren -Eintritt in die Periode der Geschlechts<em class="gesperrt">reife</em> erleben. Beim -Manne ist die Zeit der Pubertt immer krisenhaft, er fhlt, -da ein Fremdes in sein Dasein tritt, etwas, das zu seinem -bisherigen Denken und Fhlen hinzukommt, ohne da er es -<em class="gesperrt">gewollt</em> hat. Es ist die physiologische Erektion, ber die -der Wille keine Gewalt hat; und die erste Erektion wird -darum von jedem Manne rtselhaft und beunruhigend empfunden, -sehr viele Mnner erinnern sich ihrer Umstnde -ihr ganzes Leben lang mit grter Genauigkeit. Das Weib -aber findet sich nicht nur leicht in die Pubertt, es fhlt sein<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> -Dasein von da ab sozusagen potenziert, seine eigene Wichtigkeit -unendlich erhht. Der Mann hat als Knabe gar kein -Bedrfnis nach der <em class="gesperrt">sexuellen</em> Reife; die Frau erwartet -bereits als ganz junges Mdchen von dieser Zeit <em class="gesperrt">alles</em>. Der -Mann begleitet die Symptome seiner krperlichen Reife mit -unangenehmen, ja feindlichen und unruhigen Gefhlen, die -Frau verfolgt in hchster Gespanntheit, mit der fieberhaftesten, -ungeduldigsten Erwartung ihre somatische Entwicklung -whrend der Pubertt. Dies beweist, da die Geschlechtlichkeit -des Mannes nicht auf der geraden Linie seiner Entwicklung -liegt, whrend bei der Frau nur eine ungeheuere -Steigerung ihrer <em class="gesperrt">bisherigen</em> Daseinsart eintritt. Es gibt wenig -Knaben dieses Alters, welche den Gedanken, da sie sich -verlieben oder heiraten wrden (heiraten berhaupt, nicht im -Hinblick auf ein bestimmtes Mdchen), nicht hchst lcherlich -finden und indigniert zurckweisen; indes die kleinsten -Mdchen bereits auf die Liebe und die Heirat berhaupt wie -auf die Vollendung ihres Daseins erpicht zu sein scheinen. -Darum wertet die Frau bei sich selbst und bei anderen -Frauen nur die Zeit der Geschlechtsreife positiv; zur Kindheit -wie zum Alter hat sie kein rechtes Verhltnis. Der Gedanke -an ihre Kindheit ist ihr spter nur ein Gedanke an -ihre Dummheit, der Aspekt, unter dem sich ihr das eigene -Alter im voraus darstellt, ist Angst und Abscheu. Aus der -Kindheit werden durch eine positive Bewertung von ihrem -Gedchtnis nur die sexuellen Momente herausgehoben, und -auch diese sind im Nachteile gegenber den spteren unvergleichlich -hheren Intensifikationen ihres Lebens — welches -eben ein Sexualleben ist. Die Brautnacht endlich, der -Moment der Defloration, ist der wichtigste, ich mchte sagen, -der Halbierungspunkt des ganzen Lebens der Frau. Im -Leben des Mannes spielt der erste Koitus im Verhltnis zu -der Bedeutung, die er beim anderen Geschlechte besitzt, -berhaupt keine Rolle.</p> - -<p>Die Frau ist <em class="gesperrt">nur</em> sexuell, der Mann ist <em class="gesperrt">auch</em> sexuell: -sowohl rumlich wie zeitlich lt sich diese Differenz noch -weiter ausspinnen. Die Punkte seines Krpers, von denen -aus der Mann geschlechtlich erregt werden kann, sind<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> -gering an Zahl und streng lokalisiert. Beim Weibe ist die -Sexualitt diffus ausgebreitet ber den ganzen Krper, jede -Berhrung, an welcher Stelle immer, erregt sie sexuell. Wenn -also im zweiten Kapitel des ersten Teiles die bestimmte -sexuelle Charakteristik des <em class="gesperrt">ganzen</em> mnnlichen wie des -<em class="gesperrt">ganzen</em> weiblichen Krpers behauptet wurde, so ist dies -nicht so zu verstehen, als bestnde von jedem Punkte aus die -Mglichkeit gleichmiger sexueller Reizung beim Manne -ebenso wie beim Weibe. Freilich gibt es auch bei der Frau -lokale Unterschiede in der Erregbarkeit, aber es sind hier -nicht wie beim Manne alle brigen krperlichen Partien gegen -den Genitaltrakt scharf geschieden.</p> - -<p>Die morphologische Abhebung der mnnlichen Genitalien -vom Krper des Mannes knnte abermals als symbolisch fr -dieses Verhltnis angesehen werden.</p> - -<p>Wie die Sexualitt des Mannes <em class="gesperrt">rtlich</em> gegen Asexuelles -in ihm hervortritt, so findet sich dieselbe Ungleichheit -auch in seinem Verhalten zu verschiedenen <em class="gesperrt">Zeiten</em> ausgeprgt. -Das Weib ist <em class="gesperrt">fortwhrend</em>, der Mann nur <em class="gesperrt">intermittierend</em> -sexuell. Der Geschlechtstrieb ist beim Weibe -immer vorhanden (ber jene scheinbaren Ausnahmen, welche -man gegen die Geschlechtlichkeit des Weibes stets ins Feld -fhrt, wird noch sehr ausfhrlich zu handeln sein), beim Manne -<em class="gesperrt">ruht</em> er immer lngere oder krzere Zeit. Daraus erklrt -sich nun auch der <em class="gesperrt">eruptive</em> Charakter des mnnlichen -Geschlechtstriebes, der diesen so viel auffallender erscheinen -lt als den weiblichen und zu der Verbreitung des Irrtumes -beigetragen hat, da der Geschlechtstrieb des Mannes -intensiver sei als der des Weibes. Der wahre Unterschied -liegt hier darin, da fr M der Begattungstrieb sozusagen -ein pausierendes Jucken, fr W ein unaufhrlicher Kitzel ist.</p> - -<p>Die ausschlieliche und kontinuierliche Sexualitt des -Weibes in krperlicher und psychischer Hinsicht hat nun -aber noch weiterreichende Folgen. Da die Sexualitt nmlich -beim Manne nur einen Appendix und nicht alles ausmacht, -ermglicht dem Manne auch ihre <em class="gesperrt">psychologische</em> Abhebung -von einem Hintergrunde und somit ihr <em class="gesperrt">Bewutwerden</em>. -So kann sich der Mann seiner Sexualitt gegenberstellen<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> -und sie losgelst von anderem in Betracht ziehen. Beim -Weibe kann sich die Sexualitt nicht durch eine zeitliche -Begrenzung ihrer Ausbrche noch durch <em class="gesperrt">ein</em> anatomisches -Organ, in dem sie uerlich sichtbar lokalisiert ist, -<em class="gesperrt">ab</em>heben von einer <em class="gesperrt">nicht</em>sexuellen Sphre. Darum <em class="gesperrt">wei</em> -der Mann um seine Sexualitt, whrend die Frau sich ihrer -Sexualitt schon darum gar nicht bewut werden und sie -somit in gutem Glauben in Abrede stellen kann, <em class="gesperrt">weil sie -nichts ist als Sexualitt, weil sie die Sexualitt selbst -ist</em>, wie in Antizipation spterer Darlegungen gleich hinzugefgt -werden mag. Es fehlt den <em class="gesperrt">Frauen</em>, weil sie <em class="gesperrt">nur</em> -sexuell sind, die zum <em class="gesperrt">Bemerken</em> der Sexualitt wie zu allem -Bemerken notwendige <em class="gesperrt">Zweiheit</em>; indessen sich beim stets mehr -als blo sexuellen <em class="gesperrt">Manne</em> die Sexualitt nicht nur anatomisch, -sondern auch <em class="gesperrt">psychologisch</em> von allem anderen abhebt. Darum -besitzt er die Fhigkeit, zur Sexualitt selbstndig in ein Verhltnis -zu treten; er kann sie, wenn er sich mit ihr auseinandersetzt, -in Schranken weisen oder ihr eine grere Ausdehnung -einrumen, er kann sie negieren oder bejahen: zum Don Juan -wie zum Heiligen sind die Mglichkeiten in ihm vorhanden, -er kann die eine oder die andere von beiden ergreifen. Grob -ausgedrckt: der Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau.</p> - -<p>Es ist hiemit als wahrscheinlich deduziert, da der Mann -seiner Sexualitt sich bewut werde und ihr selbstndig -gegenbertrete, whrend der Frau die Mglichkeit dazu abzugehen -scheint; und zwar beruft sich diese Begrndung auf -eine grere Differenziertheit im Manne, in dem Sexuelles -<em class="gesperrt">und</em> Asexuelles auseinandergetreten sind. Die Mglichkeit -oder Unmglichkeit, einen bestimmten einzelnen Gegenstand -zu ergreifen, liegt aber nicht in dem Begriffe, den man mit -dem Worte Bewutsein gewhnlich verbindet. Dieser scheint -vielmehr zu inkludieren, da, <em class="gesperrt">wenn</em> ein Wesen Bewutsein hat, -es <em class="gesperrt">jedes</em> Objekt zu dessen Inhalt machen knne. Es erhebt sich -also hier die Frage nach der <em class="gesperrt">Natur des weiblichen Bewutseins -berhaupt</em>, und die Errterungen ber dieses -Thema werden uns erst auf einem langen Umweg zu jenem -hier so flchtig gestreiften Punkte wieder zurckfhren.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span><a name="III_Kapitel" id="III_Kapitel"><small>III. Kapitel.</small></a><br /> - -Mnnliches und weibliches Bewutsein.</h2> - - -<p>Bevor auf einen Hauptunterschied des psychischen Lebens -der Geschlechter, soweit dieses die Dinge der Welt zu seinen -Inhalten macht, nher eingegangen werden kann, mssen einige -psychologische Sondierungen vorgenommen und einige Begriffe -festgelegt werden. Da die Anschauungen und Prinzipien -der herrschenden Psychologie ohne Rcksicht auf dieses -spezielle Thema sich entwickelt haben, so wre es ja nur zu -verwundern, wenn ihre Theorien ohne weiteres auf dessen Gebiet -sich anwenden lieen. Zudem gibt es heute noch keine -<em class="gesperrt">Psychologie</em>, sondern bis jetzt nur <em class="gesperrt">Psychologien</em>; und der -Anschlu an eine bestimmte Schule, um, nur unter Zugrundelegung -ihrer Lehrmeinungen, das ganze Thema zu behandeln, -trge wohl viel mehr den Charakter der Willkr an sich als -das hier einzuschlagende Verfahren, welches, in mglichstem -Anschlu an bisherige Errungenschaften, doch die Dinge, soweit -als ntig, von neuem in Selbstndigkeit ergrnden will.</p> - -<p>Die Bestrebungen nach einer vereinheitlichenden Betrachtung -des ganzen Seelenlebens, nach seiner Zurckfhrung -auf einen einzigen Grundproze haben in der empirischen -Psychologie vor allem in dem Verhltnis sich geoffenbart, das -von den einzelnen Forschern zwischen <em class="gesperrt">Empfindungen</em> und -<em class="gesperrt">Gefhlen</em> angenommen wurde. <em class="gesperrt">Herbart</em> hat die Gefhle -aus den Vorstellungen abgeleitet, <em class="gesperrt">Horwicz</em> hingegen aus den -Gefhlen erst die Empfindungen sich entwickeln lassen. Die -fhrenden modernen Psychologen haben die Aussichtslosigkeit -dieser monistischen Bemhungen hervorgehoben. Dennoch lag -diesen ein Wahres zu Grunde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> - -Man mu, um dieses Wahre zu finden, eine Unterscheidung -zu treffen nicht unterlassen, welche, so nahe sie zu liegen -scheint, in der heutigen Psychologie merkwrdigerweise gnzlich -vermit wird. Man mu das erstmalige Empfinden einer -Empfindung, das erste Denken eines Gedankens, das erste -Fhlen eines Gefhles selbst auseinanderhalten von den -spteren Wiederholungen desselben Vorganges, bei welchen -schon ein Wiedererkennen erfolgen kann. Fr eine Anzahl von -Problemen scheint diese Distinktion, obgleich sie in der heutigen -Psychologie leider nicht gemacht wird, von bedeutender -Wichtigkeit.</p> - -<p>Jeder deutlichen, klaren, plastischen <em class="gesperrt">Empfindung</em> luft -ursprnglich, ebenso jedem scharfen, distinkten Gedanken, -bevor er <em class="gesperrt">zum ersten Male</em> in Worte gefat wird, ein, freilich -oft uerst <em class="gesperrt">kurzes, Stadium der Unklarheit voran</em>. Desgleichen -geht jeder noch nicht gelufigen <em class="gesperrt">Assoziation</em> eine -mehr oder minder verkrzte Spanne Zeit vorher, wo blo ein -dunkles Richtungsgefhl nach dem zu Assoziierenden hin, -eine allgemeine Assoziationsahnung, eine Empfindung von Zugehrigkeit -zu etwas anderem vorhanden ist. Verwandte Vorgnge -haben besonders <em class="gesperrt">Leibniz</em> sicherlich beschftigt und -gaben, mehr oder weniger gut beschrieben, Anla zu den -erwhnten Theorien von Herbart und Horwicz.</p> - -<p>Da man als einfache Grundformen der <em class="gesperrt">Gefhle</em> insgemein -nur Lust und Unlust, eventuell noch mit <em class="gesperrt">Wundt</em> Lsung -und Spannung, Beruhigung und Erregung ansieht, ist die -Einteilung der psychischen Phnomene in Empfindungen und -Gefhle fr die Erscheinungen, die in das Gebiet jener Vorstadien -der Klarheit fallen, wie sich bald deutlicher zeigen -wird, zu eng und darum zu ihrer Beschreibung nicht verwendbar. -Ich will daher, um hier scharf zu umgrenzen, die allgemeinste -Klassifikation der psychischen Phnomene bentzen, -die wohl getroffen werden konnte: es ist die von <em class="gesperrt">Avenarius</em> -in Elemente und Charaktere (der Charakter hat in -dieser Bedeutung nichts mit dem <em class="gesperrt">Objekte der Charakterologie</em> -gemein).</p> - -<p><em class="gesperrt">Avenarius</em> hat den Gebrauch seiner Theorien weniger -durch seine, bekanntlich vollstndig neue, Terminologie<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> -erschwert (die sogar viel Vorzgliches enthlt und fr gewisse -Dinge, die er zuerst bemerkt und bezeichnet hat, kaum entbehrlich -ist); was der Annahme mancher seiner Ergebnisse -am meisten im Wege steht, ist seine unglckliche Sucht, -die Psychologie aus einem gehirnphysiologischen Systeme -abzuleiten, <em class="gesperrt">das er selbst nur aus den psychologischen -Tatsachen der inneren Erfahrung</em> (unter uerlicher -Zuziehung der allgemeinsten biologischen Kenntnisse ber das -Gleichgewicht zwischen Ernhrung und Arbeit) <em class="gesperrt">gewonnen -hatte</em>. Der psychologische zweite Teil seiner Kritik der reinen -Erfahrung war die Basis, auf der sich in ihm selbst die Hypothesen -des physiologischen ersten Teiles aufgebaut hatten; in -der Darstellung kehrte sich das Verhltnis um, und so mutet -dieser erste Teil den Leser an wie eine Reisebeschreibung von -Atlantis. Um dieser Schwierigkeiten willen mu ich den Sinn -der Avenariusschen Einteilung, die fr meinen Zweck sich -am geeignetsten erwiesen hat, hier kurz darlegen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Element</em> ist fr Avenarius das, was in der Schulpsychologie -Empfindung, Empfindungsinhalt oder Inhalt -schlechtweg heit (und zwar sowohl bei der Perzeption als -bei der Reproduktion), bei Schopenhauer Vorstellung, -bei den Englndern sowohl die impression als die idea, -im gewhnlichen Leben Ding, Sache, Gegenstand: <em class="gesperrt">gleichviel, -ob uere Erregung eines Sinnesorganes vorhanden -ist oder nicht, was sehr wichtig und neu war</em>. -Dabei ist es, fr seine wie fr unsere Zwecke, recht nebenschlich, -wo man mit der sogenannten Analyse Halt macht, -ob man den <em class="gesperrt">ganzen</em> Baum als Empfindung betrachtet oder -nur das einzelne Blatt, den einzelnen Stengel, oder (wobei -meistens stehen geblieben wird) gar nur deren Farbe, Gre, -Konsistenz, Geruch, Temperatur als wirklich Einfaches -gelten lassen will. Denn man knnte ja auf diesem Wege -noch weiter gehen, sagen, das Grn des Blattes sei schon -Komplex, nmlich Resultante aus seiner Qualitt, Intensitt, -Helligkeit, Sttigung und Ausdehnung, und brauchte erst diese -als Elemente gelten zu lassen; hnlich wie es den Atomen oft -geht: schon einmal muten sie den Ameren weichen, jetzt -wieder den Elektronen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> - -Seien also grn, blau, kalt, warm, hart, -weich, s߫, sauer <em class="gesperrt">Elemente</em>, so ist <em class="gesperrt">Charakter</em> nach -Avenarius jederlei Frbung, <em class="gesperrt">Gefhlston</em>, mit dem jene -auftreten; <em class="gesperrt">und zwar <b>nicht nur</b></em> angenehm, schn, wohltuend -und ihre Gegenteile, sondern auch, was Avenarius -zuerst als psychologisch hieher gehrend erkannt hat, befremdend, -zuverlssig, unheimlich, bestndig, anders, -sicher, bekannt, tatschlich, zweifelhaft etc. etc. <em class="gesperrt">Was</em> -ich z. B. vermute, glaube, wei, ist <em class="gesperrt">Element</em>; <em class="gesperrt">da</em> es just -<em class="gesperrt">vermutet</em> wird, nicht <em class="gesperrt">geglaubt</em>, nicht <em class="gesperrt">gewut</em>, ist <em class="gesperrt">psychologisch</em> -(nicht logisch) ein <em class="gesperrt">Charakter</em>, <em class="gesperrt">in</em> welchem das -Element gesetzt ist.</p> - -<p>Nun gibt es aber ein Stadium im Seelenleben, auf welchem -auch diese umfassendste Einteilung der psychischen Phnomene -<em class="gesperrt">noch nicht</em> durchfhrbar ist, <em class="gesperrt">zu frh kommt</em>. <em class="gesperrt">Es erscheinen -nmlich in ihren Anfngen alle Elemente wie in -einem verschwommenen Hintergrunde</em>, als eine rudis -indigestaque moles, <em class="gesperrt">whrend Charakterisierung (ungefhr -also = Gefhlsbetonung) zu dieser Zeit -das Ganze lebhaft umwogt</em>. Es gleicht dies dem Prozesse, -der vor sich geht, wenn man einem Umgebungsbestandteil, -einem Strauch, einem Holzsto aus weiter Ferne -sich nhert: den ursprnglichen Eindruck, den man von ihm -empfngt, diesen ersten Augenblick, in dem man noch lange -nicht wei, was <em class="gesperrt">es</em> eigentlich ist, diesen Moment der ersten -strksten Unklarheit und Unsicherheit bitte ich zum Verstndnis -des Folgenden vor allem festzuhalten.</p> - -<p><em class="gesperrt">In diesem Augenblicke nun sind Element -und Charakter absolut ununterscheidbar</em> (<em class="gesperrt">untrennbar</em> -sind sie stets, nach der sicherlich zu befrwortenden -Modifikation, die <em class="gesperrt">Petzoldt</em> an <em class="gesperrt">Avenarius'</em> Darstellung vorgenommen -hat). In einem dichten Menschengedrnge nehme -ich z. B. ein Gesicht wahr, dessen Anblick mir durch die -dazwischen wogenden Massen <em class="gesperrt">sofort</em> wieder entzogen wird. -Ich habe keine Ahnung, wie dieses Gesicht aussieht, wre -vllig unfhig, es zu beschreiben oder auch nur <em class="gesperrt">ein</em> Kennzeichen -desselben anzugeben; und doch hat es mich in -die lebhafteste Aufregung versetzt, und ich frage in angstvoll-gieriger<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> -Unruhe: wo hab' ich dieses Gesicht nur schon -gesehen?</p> - -<p>Erblickt ein Mensch einen Frauenkopf, der auf ihn einen -sehr starken sinnlichen Eindruck macht, fr einen Augenblick, -so vermag er oft sich selbst gar nicht zu sagen, was -er eigentlich gesehen hat, es kann vorkommen, da er nicht -einmal an die Haarfarbe genau sich zu erinnern wei. Bedingung -ist immer, da die Netzhaut dem Objekte, um mich -ganz photographisch auszudrcken, gengend <em class="gesperrt">kurze</em> Zeit, -<em class="gesperrt">Bruchteile</em> einer Sekunde lang, <em class="gesperrt">exponiert</em> war.</p> - -<p>Wenn man sich irgend einem Gegenstande aus weiter -Ferne nhert, hat man stets zuerst nur ganz vage Umrisse von -ihm unterschieden; dabei aber beraus lebhafte Gefhle empfunden, -die in dem Mae zurcktreten, als man eben -nher kommt und die Einzelheiten schrfer ausnimmt. (Von -Erwartungsgefhlen ist, wie noch ausdrcklich bemerkt -werden soll, hier nicht die Rede.) Man denke an Beispiele, wie -an den ersten Anblick eines aus seinen Nhten gelsten -menschlichen Keilbeins; oder an den mancher Bilder und -Gemlde, sowie man einen halben Meter inner- oder auerhalb -der richtigen Distanz Fu gefat hat; ich erinnere mich -speziell an den Eindruck, den mir Passagen mit Zweiunddreiigsteln -aus Beethovenschen Klavierauszgen und eine -Abhandlung mit lauter dreifachen Integralen gemacht haben, -ehe ich noch die Noten kannte und vom Integrieren einen -Begriff hatte. Dies eben haben <em class="gesperrt">Avenarius</em> und <em class="gesperrt">Petzoldt</em> -<em class="gesperrt">bersehen</em>: da alles <em class="gesperrt">Hervortreten der Elemente</em> von -<em class="gesperrt">einer gewissen Absonderung der Charakterisierung</em> -(der Gefhlsbetonung) <em class="gesperrt">begleitet ist</em>.</p> - -<p>Auch einige von der experimentellen Psychologie festgestellte -Tatsachen kann man zu diesen Ergebnissen der -Selbstbeobachtung in Beziehung bringen. Lt man im Dunkelzimmer -auf ein im Zustande der Dunkeladaptation befindliches -Auge einen momentanen oder uerst kurze Zeit whrenden -<em class="gesperrt">farbigen</em> Reiz einwirken, so hat der Beobachter nur den -Eindruck schlechtweg der Erhellung, ohne da er die nhere -Farbenqualitt des Lichtreizes anzugeben vermag; es wird -ein Etwas empfunden ohne irgend welche genauere Bestimmtheit,<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> -ein Lichteindruck berhaupt ausgesagt; und die -przise Angabe der Farbenqualitt ist selbst noch dann nicht -leicht mglich, wenn die Dauer des Reizes (natrlich nicht -ber ein gewisses Ma) verlngert wird.</p> - -<p>Ebenso geht aber jeder wissenschaftlichen Entdeckung, -jeder technischen Erfindung, jeder knstlerischen -Schpfung ein verwandtes Stadium der Dunkelheit voran, -einer Dunkelheit wie jener, aus welcher <em class="gesperrt">Zarathustra</em> seine -Wiederkunftslehre an das Licht ruft: Herauf, abgrndlicher -Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgengrauen, -verschlafener Wurm: auf, auf! meine Stimme soll -dich schon wachkrhen! — Der Proze in seiner Gnze, -von der vlligen Wirrnis bis zur strahlenden Helle, ist in -seinem Verlaufe vergleichbar mit der Folge der Bilder, die man -passiv empfngt, wenn von irgend einer plastischen Gruppe, -einem Relief die feuchten Tcher, die es in groer Anzahl -eingehllt haben, eines nach dem anderen weggenommen werden; -bei einer Denkmalsenthllung erlebt der Zuschauer hnliches. -Aber auch, wenn ich mich an etwas erinnere, z. B. an irgend -eine einmal gehrte Melodie, wird dieser Proze <em class="gesperrt">wieder</em> durchgemacht; -freilich oft in uerst verkrzter Gestalt und darum -schwer zu bemerken. <em class="gesperrt">Jedem</em> neuen Gedanken geht ein solches -Stadium des <em class="gesperrt">Vorgedankens</em>, wie ich es nennen mchte, -vorher, wo flieende geometrische Gebilde, visuelle Phantasmen, -Nebelbilder auftauchen und zergehen, schwankende Gestalten, -verschleierte Bilder, geheimnisvoll lockende Masken sich -zeigen; Anfang und Ende des ganzen Herganges, den ich -in seiner Vollstndigkeit kurz den Proze der <em class="gesperrt">Klrung</em> -nenne, verhalten sich in gewisser Beziehung wie die Eindrcke, -die ein stark Kurzsichtiger von weit entfernten Gegenstnden -erhlt mit und ohne die korrigierenden Linsen.</p> - -<p>Und wie im Leben des einzelnen (der vielleicht stirbt, -ehe er den ganzen Proze durchlaufen hat), so gehen auch -in der Geschichte der Forschung die <em class="gesperrt">Ahnungen</em> stets den -klaren Erkenntnissen voran. Es ist derselbe Proze der -Klrung, <em class="gesperrt">auf Generationen verteilt</em>. Man denke z. B. an -die zahlreichen griechischen und neuzeitlichen Antizipationen -der <em class="gesperrt">Lamarck</em>schen und <em class="gesperrt">Darwin</em>schen Theorien, derentwegen<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> -die Vorlufer heute bis zum berdru belobt werden, an die -vielen Vorgnger von <em class="gesperrt">Robert Mayer</em> und <em class="gesperrt">Helmholtz</em>, an all -die Punkte, wo <em class="gesperrt">Goethe</em> und <em class="gesperrt">Lionardo da Vinci</em>, freilich vielleicht -die vielseitigsten Menschen, den spteren Fortschritt der -Wissenschaft vorweggenommen haben u. s. w., u. s. w. Um -solche Vorstadien handelt es sich regelmig, wenn entdeckt -wird, dieser oder jener Gedanke sei gar nicht neu, er stehe ja -schon bei dem und dem. — Auch bei allen Kunststilen, in der -Malerei wie in der Musik, ist ein hnlicher Entwicklungsproze -zu beobachten: vom unsicheren Tasten und vorsichtigen Balancieren -bis zu groen Siegen. — Ebenso beruht der gedankliche -Fortschritt der Menschheit auch in der Wissenschaft fast -allein auf einer besseren und immer besseren Beschreibung -und Erkenntnis <em class="gesperrt">derselben</em> Dinge, es ist der Proze der -<em class="gesperrt">Klrung, ber die ganze menschliche Geschichte ausgedehnt</em>. -Was wir neues bemerken, es kommt <em class="gesperrt">daneben</em> nicht -eigentlich sehr in Betracht.</p> - -<p>Wie viele Grade der Deutlichkeit und Differenziertheit -ein Vorstellungsinhalt durchlaufen kann bis zum vllig -distinkten, von keinerlei Nebel in den Konturen mehr -getrbten Gedanken, das kann man stets beobachten, wenn -man einen schwierigen neuen Gegenstand, z. B. die Theorie -der elliptischen Funktionen, durch das Studium sich anzueignen -sucht. Wie viele <em class="gesperrt">Grade des Verstehens</em> macht -man da nicht an sich selbst durch (insbesondere in Mathematik -und Mechanik), bis alles vor einem daliegt, in schner -Ordnung, in vollstndiger Disposition, in ungestrter und vollkommener -Harmonie der Teile zum Ganzen, offen dem -mhelosen Ergreifen durch die Aufmerksamkeit! Diese Grade -entsprechen den einzelnen Etappen auf dem Wege der -Klrung.</p> - -<p>Der Proze der Klrung kann auch <em class="gesperrt">retrograd</em> verlaufen: -von der vlligen Distinktheit bis zur grten Verschwommenheit. -Diese <em class="gesperrt">Umkehrung</em> des Klrungsverlaufes -ist nichts anderes als der Proze des <em class="gesperrt">Vergessens</em>, der nur -in der Regel ber eine lngere Zeit ausgedehnt ist und meist -blo durch Zufall auf dem einen oder anderen Punkte seines -Fortschreitens bemerkt wird. Es verfallen gleichsam ehedem<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> -wohlgebahnte Straen, fr deren Pflege nichts durch Reproduktion -geschehen ist; wie aus dem jugendlichen Vorgedanken -der in grter Intensitt aufblitzende Gedanke, so -wird aus dem Gedanken der altersschwache Nachgedanke: -und wie auf einem lange nicht begangenen Waldweg von -rechts und links Grser, Kruter, Stauden hereinzuwuchern beginnen, -so verwischt sich Tag fr Tag die deutliche -Prgung des Gedankens, der nicht mehr gedacht wird. Hieraus -wird auch eine praktische Regel verstndlich, die ein Freund<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> -sehr oft besttigt gefunden hat: wer irgend etwas <em class="gesperrt">erlernen</em> -will, sei es ein Musikstck oder ein Abschnitt aus der Geschichte -der Philosophie, wird im allgemeinen nicht ohne -Unterbrechung sich dieser Aneignungsarbeit widmen knnen, -und jede einzelne Partie des Stoffes wiederholt durchnehmen -mssen. Da fragt es sich nun, wie gro sind am zweckmigsten -die Pausen, zwischen dem einen Male und dem nchsten zu -whlen? Es hat sich nun herausgestellt — und es drfte allgemein -so sein — da mit einer Wiederholung begonnen -werden mu, solange man sich <em class="gesperrt">noch nicht wieder</em> fr die -Arbeit <em class="gesperrt">interessiert</em>, so lange man sein Pensum noch halbwegs -<em class="gesperrt">zu beherrschen glaubt</em>. Sowie es einem nmlich -genugsam entschwunden ist, um wieder zu interessieren, -neugierig oder wibegierig zu machen, sind die Resultate -der ersten Einbung schon zurckgegangen und kann die -zweite die erste nicht gleich verstrken, sondern mu einen -guten Teil der Klrungsarbeit von frischem auf sich nehmen.</p> - -<p>Vielleicht ist im Sinne der Siegmund <em class="gesperrt">Exner</em>schen Lehre -von der Bahnung einer sehr populren Anschauung gem, -wirklich als der physiologische Parallelproze der Klrung, -anzunehmen, da die Nervenfasern, eventuell ihre Fibrillen, erst -durch (entweder lnger anhaltende oder hufig wiederholte) -Affektion fr die Reizleitung <em class="gesperrt">wegsam</em> gemacht werden -mssen. Ebenso wrde natrlich im Falle des Vergessens -das Resultat dieser Bahnung rckgngig gemacht, die -durch sie herausgebildeten morphologischen Strukturelemente -im einzelnen Neuron infolge mangelnden Gebtwerdens atrophieren.<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> -Die <em class="gesperrt">Avenarius</em>sche Theorie den obigen verwandter -Erscheinungen — <em class="gesperrt">Avenarius</em> wrde Unterschiede der -Artikulation oder Gliederung in den Gehirnprozessen -(den unabhngigen Schwankungen des Systems C) zur Erklrung -dieser Dinge angenommen haben — bertrgt denn -doch wohl zu einfach und wrtlich Eigenschaften der abhngigen -Reihe (d. i. des Psychischen) auf die unabhngige -(physische), als da sie speziell der Frage der -psychophysischen Zuordnung irgendwie fr frderlich gelten -knnte. Dagegen erscheint der Ausdruck artikuliert, gegliedert -zur Beschreibung des Grades der Distinktheit, mit -welchem die einzelnen psychischen Data gegeben sind, wohl -geeignet, und sei hiemit seine sptere Verwendung fr diesen -Zweck vorbehalten.</p> - -<p>Der Proze der Klrung mute hier in seinem ganzen -Verlauf verfolgt werden, um Umfang und Inhalt des neuen Begriffes -kennen zu lernen; doch ist fr das jetzt Folgende nur -das Initialstadium, der Ausgangspunkt der Klrung, von -Wichtigkeit. An den Inhalten, die weiterhin den Proze der -Klrung durchmachen, ist, so hie es, im allerersten Momente, -in dem sie sich prsentieren, auch die <em class="gesperrt">Avenarius</em>sche -Unterscheidung von Element und Charakter <em class="gesperrt">noch nicht -durchfhrbar</em>. Es wird also derjenige, welcher diese Einteilung -fr alle Data der <em class="gesperrt">entwickelten</em> Psyche acceptiert, fr -die Inhalte in jenem Stadium, <em class="gesperrt">wo eine solche Zweiheit -an ihnen noch nicht unterscheidbar ist</em>, einen eigenen -Namen einzufhren haben. Es sei, ohne alle ber den Rahmen -dieser Arbeit hinausgehenden Ansprche, fr psychische Data -auf jenem primitivsten Zustande ihrer Kindheit das Wort -<em class="gesperrt">Henide</em> vorgeschlagen (von ἕν, weil sie noch nicht Empfindung -und Gefhl als <em class="gesperrt">zwei</em> fr die Abstraktion isolierbare -analytische Momente, noch keinerlei Zweiheit erkennen lassen).</p> - -<p><em class="gesperrt">Die absolute Henide ist hiebei nur als ein Grenzbegriff -zu betrachten.</em> Wie oft <em class="gesperrt">wirkliche</em> psychische Erlebnisse -im <em class="gesperrt">erwachsenen</em> Alter des Menschen einen Grad von -Undifferenziertheit erreichen, der ihnen diesen Namen mit -Recht eintrge, lt sich so rasch nicht mit Sicherheit ausmachen; -aber die Theorie an sich wird hiedurch nicht berhrt.<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> -Eine Henide wird es im allgemeinen genannt werden drfen, was, -bei verschiedenen Menschen verschieden hufig, im Gesprche -zu passieren pflegt: man hat ein ganz bestimmtes Gefhl, wollte -eben etwas ganz Bestimmtes <em class="gesperrt">sagen</em>; da bemerkt z. B. der -andere etwas, und es ist nun weg, nicht mehr zu erhaschen. -Spter wird aber durch eine Assoziation pltzlich -etwas reproduziert, von dem man sofort ganz genau wei, -da es <em class="gesperrt">dasselbe</em> ist, was man frher nicht beim Zipfel -fassen konnte: ein Beweis, da es <em class="gesperrt">derselbe</em> Inhalt war, nur -in anderer <em class="gesperrt">Form</em>, <em class="gesperrt">auf einem anderen Stadium der Entwicklung</em>. -Die Klrung erfolgt also nicht nur im Laufe des -ganzen individuellen Lebens nach dieser Richtung hin, sie -mu auch fr jeden Inhalt wieder von neuem durchgemacht -werden.</p> - -<p>Ich besorge, da jemand eine nhere Beschreibung -dessen verlangen mchte, was ich mit der Henide eigentlich -meine. Wie sehe eine Henide aus? Das wre ein vlliges -Miverstndnis. Es liegt im Begriffe der Henide, da sie sich -nicht nher beschreiben lt, als ein dumpfes Eines; <em class="gesperrt">da -spter die Identifikation mit dem vllig artikulierten -Inhalte erfolgt, ist ebenso sicher, wie da -die Henide dieser artikulierte Inhalt selbst noch -nicht ganz ist</em>, sich von ihm irgendwie, durch den Grad -der Bewutheit, durch den Mangel an Reliefierung, durch -das Verschmolzensein von Folie und Hauptsache, durch den -Mangel eines Blickpunktes im Blickfelde unterscheidet.</p> - -<p>Also einzelne Heniden kann man nicht beobachten und -nicht beschreiben: <em class="gesperrt">man kann nur Kenntnis nehmen -von ihrem Dagewesensein</em>.</p> - -<p>Es lt sich brigens <em class="gesperrt">prinzipiell</em> in Heniden genau so -gut denken, leben wie in Elementen und Charakteren; jede -Henide ist ein Individuum und unterscheidet sich sehr wohl -von jeder anderen. Aus spter zu errternden Grnden ist -anzunehmen, da die Erlebnisse der ersten Kindheit (und -zwar drfte dies fr die ersten 14 Monate ausnahmslos fr -das Leben <em class="gesperrt">aller</em> Menschen zutreffen) Heniden sind, wenn -auch vielleicht nicht in der absoluten Bedeutung. Doch rcken -die psychischen Geschehnisse der ersten Kindheit wenigstens<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> -nie weit aus der Nhe des Henidenstadiums heraus; fr den -Erwachsenen indessen gibt es stets eine Entwicklung vieler -Inhalte ber jene Stufe empor. Dagegen ist in der Henide -offenbar die Form des Empfindungslebens der niedersten -Bionten, und vielleicht sehr vieler Pflanzen und Tiere zu -sehen. Von der Henide ist <em class="gesperrt">dem Menschen</em> die Entwicklung -nach einem vollstndig differenzierten, plastischen Empfinden -und Denken hin mglich, wenn auch dieses nur ein nie ganz -ihm erreichbares Ideal darstellt. Whrend die absolute -Henide die Sprache berhaupt noch nicht gestattet, indem -die Gliederung der Rede nur aus der des Gedankens folgt, -gibt es auch auf der hchsten dem Menschen mglichen -Stufe des Intellektes noch Unklares und darum Unaussprechliches.</p> - -<p>Im ganzen also will die Henidentheorie den zwischen -Empfindung und Gefhl um die Wrde des hheren Alters -gefhrten Streit schlichten helfen, und an Stelle der von -<em class="gesperrt">Avenarius</em> und <em class="gesperrt">Petzoldt</em> aus der Mitte des Klrungsverlaufes -herausgegriffenen Notionen Element und Charakter -eine <em class="gesperrt">entwicklungsgeschichtliche</em> Beschreibung -des Sachverhaltes versuchen: auf Grund der fundamentalen -Beobachtung, da erst mit dem Heraustreten der Elemente -diese von den Charakteren unterscheidbar werden. Darum -ist man zu Stimmungen und zu allen Sentimentalitten -nur disponiert, wenn die Dinge sich nicht in scharfen Konturen -darstellen, und ihnen eher ausgesetzt in der Nacht -als am Tage. Wenn die Nacht dem Lichte weicht, wird -auch die Denkart der Menschen eine andere.</p> - -<p>In welcher Beziehung steht nun aber diese Untersuchung -zur Psychologie der Geschlechter? Wie unterscheiden sich -— denn offenbar wurde zu solchem Zwecke diese lngere -Grundlegung gewagt — M und W mit Rcksicht auf die -verschiedenen Stadien der Klrung?</p> - -<p>Darauf ist folgende Antwort zu geben:</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Mann hat die gleichen psychischen Inhalte -wie das Weib in artikulierterer Form; wo -sie mehr oder minder in Heniden denkt, dort -denkt er bereits in klaren, distinkten Vorstellungen,<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> -an die sich ausgesprochene und stets die Absonderung -von den Dingen gestattende Gefhle -knpfen. Bei W sind Denken und Fhlen eins, -ungeschieden, fr M sind sie auseinanderzuhalten. -W hat also viele Erlebnisse noch in Henidenform, -wenn bei M lngst Klrung eingetreten ist.</em><a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> -Darum ist W sentimental, und kennt das Weib nur die -Rhrung, nicht die Erschtterung.</p> - -<p>Der greren Artikulation der psychischen Data im -Manne entspricht auch die grere Schrfe seines Krperbaues -und seiner Gesichtszge gegenber der Weichheit, -Rundung, Unentschiedenheit in der echten weiblichen Gestalt -und Physiognomie. Ferner stimmen mit dieser Anschauung -die Ergebnisse der die Geschlechter vergleichenden Sensibilittsmessungen -berein, die, entgegen der populren -Meinung, bei den <em class="gesperrt">Mnnern</em> eine durchgngig grere -Sinnesempfindlichkeit schon am <em class="gesperrt">Durchschnitt</em> ergeben haben -und solche Differenzen sicherlich in noch viel hherem Mae -htten hervortreten lassen, wenn die <em class="gesperrt">Typen</em> in Betracht gezogen -worden wren. Die einzige Ausnahme bildet der Tastsinn: die -taktile Empfindlichkeit der Frauen ist feiner als die der Mnner. -Das Faktum ist interessant genug, um zur Auslegung aufzufordern, -und eine solche wird auch spter versucht werden. -Zu bemerken ist hier noch, da hingegen die Schmerzsensibilitt -des Mannes eine unvergleichlich grere ist als -die der Frau, was fr die physiologischen Untersuchungen -ber den Schmerzsinn und seine Scheidung vom Hautsinn -von Wichtigkeit ist.</p> - -<p>Schwache Sensibilitt wird das Verbleiben der Inhalte in -der Nhe des Henidenstadiums sicherlich begnstigen; geringere -Klrung kann aber nicht als ihre unbedingte Folge dargetan -werden, sondern lt sich mit ihr nur in einen sehr -wahrscheinlichen Zusammenhang bringen. Ein zuverlssigerer -Beweis fr die geringere Artikulation des weiblichen Vorstellens -liegt in der greren <em class="gesperrt">Entschiedenheit im Urteil</em><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> -des Mannes, ohne da diese <em class="gesperrt">allein</em> aus der geringeren Distinktheit -des Denkens beim Weibe sich schon vllig <em class="gesperrt">ableiten</em> -liee (vielleicht weisen beide auf eine gemeinsame tiefere -Wurzel zurck). Doch ist wenigstens dies eine sicher, da -wir, so lange wir dem Henidenstadium nahe sind, meist nur -genau wissen, wie sich eine Sache <em class="gesperrt">nicht</em> verhlt, und das -wissen wir immer schon lange, bevor wir wissen, <em class="gesperrt">wie</em> sie -sich verhlt: hierauf, auf einem Besitzen von Inhalten in -Henidenform, beruht wohl auch das, was <em class="gesperrt">Mach</em> instinktive -Erfahrung nennt. Nahe dem Henidenstadium reden wir -noch immer um die Sache herum, korrigieren uns bei -jedem Versuche sie zu bezeichnen und sagen: Das ist -auch noch nicht das richtige Wort. Damit ist naturgem -Unsicherheit im Urteilen von selbst gegeben. Erst mit vollendeter -Klrung wird auch unser Urteil bestimmt und sicher; -<em class="gesperrt">der Urteilsakt selbst setzt eine gewisse Entfernung -vom Henidenstadium voraus</em>, selbst wenn durch ihn ein -analytisches Urteil, das den geistigen Besitzstand des Menschen -nicht vermehrt, ausgesprochen werden soll.</p> - -<p>Der entscheidende Beweis aber fr die Richtigkeit der -Anschauung, welche die Henide W, den differenzierten Inhalt M -zuschreibt und hier einen fundamentalen Gegensatz beider -erblickt, liegt darin, da, wo immer ein neues Urteil zu fllen -und nicht ein schon lange fertiges einmal mehr in Satzform -auszusprechen ist, <em class="gesperrt">da in solchem Falle stets W von M die -Klrung ihrer dunklen Vorstellungen, <b>die Deutung der -Heniden erwartet</b></em>. Es wird die in der Rede des Mannes -sichtbar werdende Gliederung seiner Gedanken dort, wo die -Frau ohne helle Bewutheit vorgestellt hat, <em class="gesperrt">als ein (tertirer) -mnnlicher Geschlechtscharakter von ihr geradezu -erwartet, gewnscht und beansprucht, und wirkt auf -sie wie ein solcher</em>. <em class="gesperrt">Hierauf</em> bezieht es sich, wenn -so viele Mdchen sagen, sie wnschten nur einen solchen -Mann zu heiraten, oder knnten zumindest nur jenen Mann -<em class="gesperrt">lieben</em>, <em class="gesperrt">der gescheiter sei als sie</em>; da es sie befremden, -ja sexuell <em class="gesperrt">abstoen</em> kann, wenn der Mann dem, was sie -sagen, einfach recht gibt und es nicht gleich besser sagt -als sie; kurz und gut, warum eine Frau es eben als <em class="gesperrt">Kriterium<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> -der Mnnlichkeit</em> fhlt, da der Mann ihr auch -geistig berlegen sei, von dem Manne mchtig angezogen -wird, dessen Denken ihr imponiert, und damit, ohne es zu -wissen, das entscheidende Votum gegen alle Gleichheitstheorien -abgibt.</p> - -<p><em class="gesperrt">M lebt bewut, W lebt unbewut.</em> Zu diesem Schlusse -fr die Extreme sind wir nun berechtigt. <em class="gesperrt">W empfngt ihr -Bewutsein von M</em>: die Funktion, das Unbewute bewut -zu machen, ist die sexuelle Funktion des typischen Mannes -gegenber dem typischen Weibe, das zu ihm im Verhltnis -idealer Ergnzung steht.</p> - -<p>Hiemit ist die Darstellung beim <em class="gesperrt">Problem der Begabung</em> -angelangt: der ganze theoretische Streit in der -Frauenfrage geht heute fast nur darum, wer geistig hher -veranlagt sei, die Mnner oder die Frauen. Die populre -Fragestellung erfolgt ohne Typisierung; hier wurden ber -die Typen Anschauungen entwickelt, die auf die Beantwortung -jener Frage nicht ohne Einflu bleiben knnen. Die -Art dieses Zusammenhanges bedarf jetzt der Errterung.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span><a name="IV_Kapitel" id="IV_Kapitel"><small>IV. Kapitel.</small></a><br /> - -Begabung und Genialitt.</h2> - - -<p>Da ber das Wesen der genialen Veranlagung sehr -vielerlei an vielen Orten zu lesen ist, wird es Miverstndnisse -verhten, wenn noch vor allem Eingehen auf die Sache -einige Feststellungen getroffen werden.</p> - -<p>Da handelt es sich zunchst um die Abgrenzung gegen -den Begriff des Talentes. Die populre Anschauung bringt -Genie und Talent fast immer so in Verbindung, als wre das erste -ein hherer oder hchster Grad des letzteren, durch strkste -Potenzierung oder Hufung verschiedener Talente in einem -Menschen aus jenem abzuleiten, als gbe es zumindest vermittelnde -bergnge zwischen beiden. Diese Ansicht ist -vollstndig verkehrt. Wenn es auch vielerlei Grade und -verschieden hohe Steigerungen der Genialitt sicherlich gibt, -so haben diese Stufen doch gar nichts zu tun mit dem sogenannten -Talent. Ein Talent, z. B. das mathematische -Talent, mag jemand von Geburt in auerordentlichem Grade -besitzen; er wird dann die schwierigsten Kapitel dieser Wissenschaft -mit leichter Mhe sich anzueignen imstande sein; -aber von Genialitt, was dasselbe ist wie Originalitt, Individualitt -und Bedingung eigener Produktivitt, braucht -er darum noch nichts zu besitzen. Umgekehrt gibt es hochgeniale -Menschen, die kein spezielles Talent in besonders -hohem Grade entwickelt haben. Man denke an <em class="gesperrt">Novalis</em> oder -an <em class="gesperrt">Jean Paul</em>. Das Genie ist also keineswegs ein hchster -Superlativ des Talentes, es ist etwas von ihm durch eine ganze -Welt Geschiedenes, beide durchaus heterogener Natur, nicht -aneinander zu messen und nicht miteinander zu vergleichen. -Das Talent ist vererbbar, es kann Gemeingut einer Familie<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> -sein (die <em class="gesperrt">Bachs</em>); das Genie ist nicht bertragbar, es ist nie -generell, sondern stets individuell (<em class="gesperrt">Johann Sebastian</em>).</p> - -<p>Vielen leicht zu blendenden mittelmigen Kpfen, insbesondere -aber den <em class="gesperrt">Frauen</em>, gilt im allgemeinen geistreich -und genial als dasselbe. Die Frauen haben, wenn auch der -uere Schein fr das Gegenteil sprechen mag, in Wahrheit -gar keinen Sinn fr das Genie, ihnen gilt jede Extravaganz -der Natur, die einen Mann aus Reih und Glied der anderen -sichtbar hervortreten lt, zur Befriedigung ihres sexuellen -Ehrgeizes gleich; sie verwechseln den Dramatiker mit dem -Schauspieler, und machen keinen Unterschied zwischen -Virtuos und Knstler. So gilt ihnen denn auch der geistreiche -Mensch als der geniale, <em class="gesperrt">Nietzsche</em> als der Typus des -Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfllen blo jongliert, -alles Franzosentum des Geistes, mit wahrer geistiger Hhe nicht -die entfernteste Verwandtschaft. Menschen, die nichts sind als -eben geistreich, sind unfromme Menschen; es sind solche, die, von -den Dingen nicht wirklich erfllt, an ihnen nie ein aufrichtiges -und tiefes Interesse nehmen, in denen nicht lang und schwer etwas -der Geburt entgegenstrebt. Es ist ihnen nur daran gelegen, -da ihr Gedanke glitzere und funkle wie eine prchtig zugeschliffene -Raute, nicht, da er auch etwas beleuchte! Und das kommt -daher, weil ihr Sinnen vor allem die Absicht auf das behlt, -was die anderen zu eben diesen Gedanken wohl sagen -werden — eine Rcksicht, die durchaus nicht immer rcksichtsvoll -ist. Es gibt Mnner, die imstande sind, eine Frau, -die sie in keiner Weise anzieht, zu heiraten — blo weil sie -<em class="gesperrt">den anderen</em> gefllt. Und solche Ehen findet man auch -zwischen so manchen Menschen und ihren Gedanken. Ich denke -z. B. an eines lebenden Autors boshafte, anflegelnde, beleidigende -Schreibweise: er glaubt zu brllen und bellt doch nur. Leider -scheint auch Friedrich <em class="gesperrt">Nietzsche</em>, in seinen spteren Schriften -(so erhaben er sonst ber den Vergleich mit jenem ist), an seinen -Einfllen manchmal vor allem das interessiert zu haben, was -seinem Vermuten nach die Leute recht chokieren mute. Er -<em class="gesperrt">ist</em> oft gerade dort am eitelsten, wo er am rcksichtslosesten -<em class="gesperrt">scheint</em>. Es ist die Eitelkeit des Spiegels selbst, der von -dem Gespiegelten brnstig Anerkennung erfleht: Sieh, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> -gut, wie <em class="gesperrt">rcksichtslos</em> ich spiegle! — In der Jugend, so -lange man selbst noch nicht gefestigt ist, sucht ja wohl ein -jeder sich dadurch zu festigen, da er den anderen anrempelt; -aber leidenschaftlich-aggressiv sind ganz groe -Mnner doch immer nur aus Not. Nicht sie gleichen dem jungen -Fuchs auf der Suche nach seiner Mensur, nicht sie dem jungen -Mdchen, das die neue Toilette vor allem darum so entzckt, -weil ihre Freundinnen sich <b>so</b> darber rgern werden.</p> - -<p>Genie! Genialitt! Was hat dieses Phnomen nicht bei -der Mehrzahl der Menschen fr Unruhe und geistiges Unbehagen, -fr Ha und Neid, fr Migunst und Verkleinerungssucht -hervorgerufen, wieviel Unverstndnis und — wieviel -Nachahmungstrieb hat es nicht ans Licht treten lassen! Wie -er sich ruspert und wie er spuckt ...</p> - -<p>Leicht trennen wir uns von den Imitationen des Genius, -um uns ihm selbst und seinen echten Verkrperungen zuzuwenden. -Aber wahrlich! Wo hier auch die Betrachtung den -Anfang nehmen mge, bei der unendlichen, ineinanderflieenden -Flle wird immer nur ihre Willkr den Ausgangspunkt -whlen knnen. Alle Qualitten, die man als geniale -bezeichnen mu, hngen so innig miteinander zusammen, da -eine vereinzelte Betrachtung ihrer, die nur allmhlich zu -hherer Allgemeinheit aufzusteigen plant, zur denkbar -schwierigsten Sache wird: indem die Darstellung stets zu -vorzeitiger Abrundung des Ganzen verfhrt zu werden frchten -mu, und sich in der isolierenden Methode nicht behaupten zu -knnen droht. Alle bisherigen Errterungen ber das Wesen -des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklren -mit lcherlicher Anmaung das bichen Wissen auf -diesem Gebiete zur Beantwortung der schwierigsten und -tiefsten psychologischen Fragen fr hinreichend. Oder sie -steigen von der Hhe eines metaphysischen Standpunktes -<em class="gesperrt">herab</em>, um die Genialitt in ihr System <em class="gesperrt">aufzunehmen</em>. Wenn -der Weg, der hier eingeschlagen werden soll, nicht zu allen -Zielen <em class="gesperrt">auf einmal</em> fhrt, so liegt dies eben an seiner Natur -eines Weges.</p> - -<p>Denken wir daran, um wieviel besser der groe Dichter -in die Menschen sich hineinversetzen kann als der Durchschnittsmensch.<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> -Man ermesse die auerordentliche Anzahl -der Charaktere, die <em class="gesperrt">Shakespeare</em>, die <em class="gesperrt">Euripides</em> geschildert -haben; oder denke an die ungeheuere Mannigfaltigkeit der Personen, die -in den Romanen <em class="gesperrt">Zolas</em> auftreten. <em class="gesperrt">Heinrich von Kleist</em> -hat nach der Penthesilea ihr vollendetes Gegenteil, das -Kthchen von Heilbronn geschaffen, <em class="gesperrt">Michel Angelo</em> die -Leda und die delphische Sibylle aus seiner Phantasie heraus -verkrpert. Es gibt wohl wenige Menschen, die so wenig -darstellende Knstler waren wie Immanuel <em class="gesperrt">Kant</em> und Joseph -<em class="gesperrt">Schelling</em>, und doch sind sie es, die ber die Kunst das -Tiefste und Wahrste geschrieben haben.</p> - -<p>Um nun einen Menschen zu erkennen oder darzustellen, -mu man ihn <em class="gesperrt">verstehen</em>. Um aber einen Menschen zu verstehen, -mu man mit ihm hnlichkeit haben, man mu so -sein wie er, um seine Handlungen nachzubilden und wrdigen -zu knnen, mu man die psychologischen Voraussetzungen, -die sie in ihm hatten, in sich selbst nachzuerzeugen -vermgen: <em class="gesperrt">einen Menschen verstehen, heit ihn in sich -haben</em>. Man mu dem Geist gleichen, den man begreifen -will. Darum versteht ein Gauner nur immer gut den anderen -Gauner, ein gnzlich harmloser Mensch wieder vermag nie -jenen, stets nur eine ihm ebenbrtige Gutmtigkeit zu fassen; -ein Poseur erklrt sich die Handlungen des anderen Menschen -fast immer als Posen und vermag einen zweiten Poseur -rascher zu durchschauen als der einfache Mensch, an den -der Poseur seinerseits nie recht zu glauben imstande ist. -<em class="gesperrt">Einen Menschen verstehen heit also: er selbst sein.</em></p> - -<p>Danach mte aber jeder Mensch sich selbst am besten -verstehen, und das ist gewi nicht richtig. Kein Mensch -kann sich selbst je verstehen, denn dazu mte er aus sich selbst -herausgehen, dazu mte das Subjekt des Erkennens und -Wollens Objekt werden knnen: ganz wie, um das Universum -zu verstehen, ein Standpunkt noch auerhalb des Universums erforderlich -wre, und einen solchen zu gewinnen, ist nach dem -Begriffe eines Universums nicht mglich. Wer sich selbst -verstehen knnte, der knnte die Welt verstehen. Da dieser -Satz nicht nur vergleichsweise gilt, sondern ihm eine sehr tiefe -Bedeutung innewohnt, wird sich aus der Darstellung allmhlich<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> -ergeben. Fr den Augenblick ist sicher, da man sein tiefstes -eigenstes Wesen nicht selbst verstehen kann. Und es gilt auch -wirklich: man wird, wenn man berhaupt verstanden wird, -immer nur von anderen, nie von sich selbst verstanden. Der -andere nmlich, der mit dem ersten eine hnlichkeit hat und -ihm in anderer Beziehung doch gar nicht gleich ist, dem -kann diese hnlichkeit zum Gegenstande der Betrachtung -werden, er kann sich im anderen, oder den anderen in sich -<em class="gesperrt">erkennen</em>, darstellen, <em class="gesperrt">verstehen</em>. <em class="gesperrt">Einen Menschen -verstehen heit also: <b>auch</b> er sein.</em></p> - -<p>Der geniale Mensch aber offenbarte sich an jenen Beispielen -eben als der Mensch, welcher ungleich mehr Wesen -versteht als der mittelmige. <em class="gesperrt">Goethe</em> soll von sich gesagt -haben, es gebe kein Laster und kein Verbrechen, zu dem -er nicht die Anlage in sich versprt, das er nicht in -irgend einem Zeitpunkte seines Lebens vollauf verstanden -habe. Der geniale Mensch ist also komplizierter, zusammengesetzter, -reicher; <em class="gesperrt">und ein Mensch ist um so genialer -zu nennen, je mehr Menschen er in sich vereinigt</em>, -und zwar, wie hinzugefgt werden mu, <em class="gesperrt">je lebendiger</em>, mit -je grerer <em class="gesperrt">Intensitt</em> er die anderen Menschen in sich hat. -Wenn das Verstndnis des Nebenmenschen nur wie ein -schwaches Stmpchen in ihm brennte, dann wre er nicht imstande, -als groer Dichter in seinen Helden das Leben einer -mchtigen Flamme gleich zu entznden, seine Figuren wren -ohne Mark und Kraft. Das Ideal gerade von einem knstlerischen -Genius ist es, in allen Menschen zu leben, an alle -sich zu verlieren, in die Vielheit zu <em class="gesperrt">emanieren</em>; indes der -Philosoph alle anderen <em class="gesperrt">in sich</em> wiederfinden, sie zu einer -Einheit, die eben immer nur <em class="gesperrt">seine</em> Einheit sein wird, zu -<em class="gesperrt">resorbieren</em> die Aufgabe hat.</p> - -<p>Diese Proteus-Natur des Genies ist, ebensowenig wie -frher die Bisexualitt, als Simultaneitt aufzufassen; auch -dem grten Genius ist es nicht gegeben, zu gleicher Zeit, -etwa an einem und demselben Tage, das Wesen aller -Menschen zu verstehen. Die umfassendere und inhaltsvollere -Anlage, welche ein Mensch geistig besitzt, kann nur nach -und nach, in allmhlicher Entfaltung seines ganzen Wesens<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> -sich offenbaren. Es hat den Anschein, da auch sie in einem -bestimmten Ablauf gesetzmiger <em class="gesperrt">Perioden</em> zum Vorschein -kommt. Diese Perioden wiederholen sich aber im Laufe des -Lebens nicht in der gleichen Weise, als wre jede nur die -gewhnliche Wiederholung der vorhergegangenen, sondern -sozusagen in immer hherer Sphre; es gibt nicht zwei Momente -des individuellen Lebens, die einander ganz gleichen; und es -existiert zwischen den spteren und den frheren Perioden nur -die hnlichkeit der Punkte der hheren mit den homologen der -niederen Spiralwindung. Daher kommt es, da hervorragende -Menschen so oft in ihrer Jugend den Plan zu einem Werke -fassen, nach langer Pause im Mannesalter das Jahre hindurch -nicht vorgenommene Konzept einer Bearbeitung unterziehen -und erst im Greisenalter nach abermaligem Zurckstellen es -vollenden: es sind die verschiedenen Perioden, in die sie abwechselnd -treten und die sie stets mit anderen Gegenstnden -erfllen. Diese Perioden existieren bei jedem Menschen, nur in -verschiedener Strke, mit verschiedener Amplitde. Da das -Genie die meisten Menschen mit der <em class="gesperrt">grten</em> Lebendigkeit in -sich hat, <em class="gesperrt">wird die Amplitde der Perioden um so ausgesprochener -sein, je bedeutender ein Mensch in geistiger -Beziehung ist</em>. Hochstehende Menschen hren daher -meist von Jugend auf von Seiten ihrer Erzieher den Vorwurf, da -sie fortwhrend von einem Extrem ins andere fielen. Als ob sie -sich dabei besonders wohl befinden wrden! Gerade beim hervorragenden -Menschen nehmen solche bergnge in der Regel -einen ausgesprochen krisenhaften Charakter an. <em class="gesperrt">Goethe</em> hat -einmal von der wiederholten Pubertt der Knstler gesprochen. -Was er gemeint hat, hngt innig mit diesem Gegenstande -zusammen. Denn gerade die starke Periodizitt des -Genies bringt es mit sich, da bei ihm immer erst auf sterile -Jahre die fruchtbaren und auf sehr produktive Zeiten immer -wieder sehr unfruchtbare folgen — Zeiten, in denen er von sich -nichts hlt, ja von sich <em class="gesperrt">psychologisch</em> (nicht logisch) weniger -hlt <em class="gesperrt">als von jedem anderen Menschen</em>: qult ihn doch -die Erinnerung an die Schaffensperiode, und vor allem — wie -<em class="gesperrt">frei</em> sieht er sie, die von solchen Erinnerungen nicht Belstigten, -herumgehen! Wie seine Ekstasen gewaltiger sind<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> -als die der anderen, so sind auch seine Depressionen frchterlicher. -Bei jedem hervorragenden Menschen gibt es solche -Zeiten, krzere und lngere; Zeiten, wo er in vlliger Verzweiflung -an sich selbst sein, wo es bei ihm zu Selbstmordgedanken -kommen kann, Zeiten, wo zwar auch eine Menge -Dinge ihm auffallen knnen, und vor allem eine Menge Dinge -sich ansetzen werden fr eine sptere Ernte; wo aber nichts mit -dem gewaltigen Tonus der produktiven Periode erscheint, -wo, mit anderen Worten, <em class="gesperrt">der Sturm sich nicht einstellt</em>; -Zeiten, in denen wohl ber solche, die trotzdem -fortzuschaffen versuchen, gesagt wird: Wie der jetzt herunterkommt! -Wie der sich vllig ausgegeben hat! Wie der -sich selbst kopiert! etc. etc.</p> - -<p>Auch seine anderen Eigenschaften, nicht blo ob er -berhaupt, sondern auch der Stoff, in welchem, der Geist, aus -welchem heraus er produziert, sind im genialen Menschen einem -Wechsel und einer starken Periodizitt unterworfen. Er ist -das eine Mal eher reflektierend und wissenschaftlich, das andere -Mal mehr zu knstlerischer Darstellung disponiert (<em class="gesperrt">Goethe</em>); -zuerst konzentriert sich sein Interesse auf die menschliche Kultur -und Geschichte, dann wieder auf die Natur (man halte <em class="gesperrt">Nietzsches</em> -Unzeitgeme Betrachtungen neben seinen Zarathustra); -er ist jetzt mystisch, nachher naiv (solche Beispiele haben -in jngster Zeit <em class="gesperrt">Bjrnson</em> und <em class="gesperrt">Maurice Maeterlinck</em> gegeben). -Ja, so gro ist im hervorragenden Menschen die -Amplitde der Perioden, in denen die verschiedenen Seiten -seines Wesens, die vielen Menschen, die in ihm intensiv -leben, aufeinander succedieren, da diese Periodizitt auch -physiognomisch sich deutlich offenbart. Hieraus mchte ich -die auffallende Erscheinung erklren, da bei begabteren -Menschen der Ausdruck des Antlitzes viel fter wechselt als -bei Unbegabten, ja da sie zu verschiedenen Zeiten oft unglaublich -verschiedene Gesichter haben knnen; man vergleiche -nur die von <em class="gesperrt">Goethe</em>, von <em class="gesperrt">Beethoven</em>, von <em class="gesperrt">Kant</em>, -von <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> aus den verschiedenen Epochen ihres -Lebens erhaltenen Bilder! <em class="gesperrt">Man kann die Zahl der Gesichter, -die ein Mensch hat, geradezu als ein physiognomisches -Kriterium seiner Begabung ansehen.</em><span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> -Menschen, die stets ein und dasselbe Gesicht <em class="gesperrt">vllig</em> unverndert -aufweisen, stehen auch intellektuell sehr tief. Hingegen -wird es den Physiognomiker nicht wundern, da begabtere -Menschen, die auch im Verkehr und Gesprch immer -neue Seiten ihres Wesens offenbaren, ber die darum das Nachdenken -nicht so bald ein fertiges Urteil gewinnt, diese Eigenschaft -auch durch ihr Aussehen bewahrheiten.</p> - -<p>Man wird vielleicht mit Entrstung die hier entwickelte -<em class="gesperrt">vorlufige</em> Vorstellung vom Genie zurckweisen, weil sie als -notwendig postuliere, da ein <em class="gesperrt">Shakespeare</em> auch die -ganze Gemeinheit eines Falstaff, die ganze Schurkenhaftigkeit -eines Jago, die ganze Rohheit eines Caliban in sich gehabt -habe, somit die groen Menschen moralisch erniedrige, indem -sie ihnen das intimste Verstndnis auch fr alles Verchtliche -und Unbedeutende imputiere. Und es mu zugegeben werden, -da nach dieser Auffassung die genialen Menschen von den -zahlreichsten und heftigsten Leidenschaften erfllt und selbst -von den widerlichsten Trieben nicht verschont sind (was -brigens durch ihre Biographien berall besttigt wird).</p> - -<p>Aber jener Einwurf ist trotzdem unberechtigt. Dies wird -aus der spteren Vertiefung des Problems noch hervorgehen; -einstweilen sei darauf hingewiesen, da nur eine oberflchliche -Schluweise ihn als die notwendige Folgerung aus den -bis jetzt dargelegten Prmissen betrachten kann, die vielmehr -allein schon sein Gegenteil mehr als wahrscheinlich zu machen -gengen. <em class="gesperrt">Zola</em>, der den Impuls zum Lustmord so gut kennt, -htte trotzdem nie einen Lustmord begangen, und zwar darum, -<em class="gesperrt">weil in ihm selber eben so viel anderes <b>noch</b> ist</em>. Der -wirkliche Lustmrder ist die Beute seines Antriebes; in seinem -Dichter wirkt der ganze Reichtum seiner vielfltigen Anlage -dem Reize entgegen. Er bewirkt, da <em class="gesperrt">Zola</em> den Lustmrder -viel besser als jeder wirkliche Lustmrder sich selbst <em class="gesperrt">kennen</em>, -da er aber eben damit ihn <em class="gesperrt">erkennen</em> wird, wenn die Versuchung -wirklich an ihn herantreten sollte; und damit steht er -ihr bereits gegenber, Aug' in Auge, und kann sich ihrer -erwehren. Auf diese Weise wird der verbrecherische Trieb -im groen Menschen <em class="gesperrt">vergeistigt</em>, zum Knstlermotiv wie -bei <em class="gesperrt">Zola</em>, oder zur philosophischen Konzeption des Radikal-Bsen<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> -wie bei <em class="gesperrt">Kant</em>, darum fhrt er ihn nicht zur verbrecherischen -<em class="gesperrt">Tat</em>.</p> - -<p>Aus der Flle von Mglichkeiten, die in jedem bedeutenden -Menschen vorhanden sind, ergeben sich nun wichtige -Konsequenzen, welche zur Theorie der Heniden, wie sie im -vorigen Kapitel entwickelt wurde, zurckleiten. <em class="gesperrt">Was man -in sich hat, <b>bemerkt</b> man eher, als was man nicht versteht</em> -(wre dem anders, so gb' es keine Mglichkeit, da die -Menschen miteinander verkehren knnten — sie wissen meistens -gar nicht, wie <em class="gesperrt">oft sie</em> einander miverstehen); dem Genie, -das so viel mehr <em class="gesperrt">versteht</em> als der Dutzendmensch, wird also -auch mehr <em class="gesperrt">auffallen</em> als diesem. Der Intrigant wird es -leicht bemerken, wenn ein anderer ihm gleicht; der leidenschaftliche -Spieler sofort wahrnehmen, wenn ein zweiter -groe Lust zum Spiele verrt, whrend dies den anderen, die -anders sind, in den meisten Fllen lange entgeht: der Art -ja versiehst du dich besser, heit es in <em class="gesperrt">Wagners</em> Siegfried. -Vom komplizierteren Menschen aber galt, da er -jeden Menschen besser verstehen knne als dieser sich selber, -vorausgesetzt, da er dieser Mensch ist und zugleich noch -etwas mehr, <em class="gesperrt">genauer, wenn er diesen Menschen <b>und -dessen Gegenteil</b>, alle beide, in sich hat. Die Zweiheit -ist stets die Bedingung des Bemerkens und des Begreifens</em>; -fragen wir die Psychologie nach der kardinalsten -Bedingung des Bewutwerdens, der Abhebung, so erhalten -wir zur Antwort, da hiefr die notwendige Voraussetzung -der <em class="gesperrt">Kontrast</em> sei. Gbe es nur ein einfrmiges Grau, so -htte niemand ein Bewutsein, geschweige denn einen Begriff -von Farbe; absolute <em class="gesperrt">Ein</em>tnigkeit eines Gerusches fhrt beim -Menschen raschen <b>Schlaf</b> herbei: <em class="gesperrt">Zweiheit (das <b>Licht</b>, das -die Dinge scheidet und unterscheidet) ist die Ursache -des wachen Bewutseins.</em></p> - -<p>Darum kann niemand sich selbst verstehen, wenn er auch -sein ganzes Leben ununterbrochen ber sich nachdchte, und -immer nur einen anderen, dem er zwar hnlich, aber der er -nicht ganz ist, sondern von dessen Gegenteil er ebensoviel in -sich hat wie von ihm selbst. Denn in dieser Verteilung liegen -die Verhltnisse fr das Verstehen am gnstigsten: der frher<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> -erwhnte Fall <em class="gesperrt">Kleistens</em>. <em class="gesperrt">Endgltig bedeutet also einen -Menschen verstehen soviel als: ihn <b>und</b> sein Gegenteil -in sich haben.</em></p> - -<p>Da sich ganz allgemein stets Gegensatz<em class="gesperrt">paare</em> im selben -Menschen zusammenfinden mssen, um ihm das Bewutwerden -auch nur <em class="gesperrt">eines</em> Gliedes von jedem Paare zu gestatten, dafr -liefert die Lehre vom Farbensinn des Auges mehrere physiologische -Beweise, von denen ich nur die bekannte Erscheinung -erwhne, da die Farbenblindheit sich immer auf <em class="gesperrt">beide</em> -Komplementrfarben erstreckt; der Rotblinde ist auch grnblind, -und es gibt nur Blaugelbblinde und keinen Menschen, -der blau empfinden knnte, wenn er fr gelb unempfnglich -wre. Dieses Gesetz gilt im Geistigen berall, es ist das -Grundgesetz alles Bewutwerdens. Zum Beispiel wird, wer -immer sehr zum Frohmut, auch zum Umschlag in Trbsinn -eher veranlagt sein als ein stets gleichmig Gestimmter; -und wer fr jederlei Feinheit und Subtilitt so viel Sinn hat wie -<em class="gesperrt">Shakespeare</em>, auch die ungeschlachteste Derbheit, weil gleichsam -als seine Gefahr, am sichersten empfinden und auffassen.</p> - -<p>Je mehr menschliche Typen und deren Gegenstze ein -Mensch in seiner Person vereinigt, desto weniger wird ihm, -da aus dem Verstehen auch das Bemerken folgt, <em class="gesperrt">entgehen</em>, -was die Menschen treiben und lassen, desto eher wird er -<em class="gesperrt">durchschauen</em>, was sie fhlen, denken und eigentlich wollen. -<em class="gesperrt">Es gibt keinen genialen Menschen, der nicht ein -groer Menschenkenner wre</em>; der bedeutende Mensch blickt -einfacheren Menschen oft im ersten Augenblick bis auf den -Grund, und ist nicht selten imstande, sie sofort vllig zu -charakterisieren.</p> - -<p>Nun hat aber unter den meisten Menschen der eine -fr dies, der andere fr jenes einen nur mehr oder -minder einseitig entwickelten Sinn. Dieser kennt alle -Vgel und unterscheidet ihre Stimmen aufs feinste, jener hat -von frh auf einen liebevollen und sicheren Blick fr die -Pflanzen; der eine fhlt sich von den bereinandergeschichteten -tellurischen Sedimenten erschttert (<em class="gesperrt">Goethe</em>), der andere erschauert -unter der Klte des nchtigen Fixsternhimmels (<em class="gesperrt">Kant</em>); -manch einer findet das Gebirge tot und fhlt sich gewaltig<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> -nur vom ewig bewegten Meere angesprochen (<em class="gesperrt">Bcklin</em>), ein -zweiter kann zu dessen immerwhrender Unruhe kein Verhltnis -gewinnen und kehrt unter die erhabene Macht der Berge zurck -(<em class="gesperrt">Nietzsche</em>). So hat jeder Mensch, auch der einfachste, -etwas in der Natur, zu dem es ihn hinzieht, und fr das seine -Sinne schrfer werden denn fr alles brige. Wie sollte nun -der genialste Mensch, der, im idealen Falle, diese Menschen -alle in sich hat, mit ihrem Innenleben nicht auch ihre Beziehungen -und Liebesneigungen zur Auenwelt in sich -versammeln? So wchst in ihn die Allgemeinheit nicht nur -alles Menschlichen, sondern auch alles Natrlichen hinein; -<em class="gesperrt">er ist der Mensch, der zu den meisten Dingen im -intimsten Rapporte steht</em>, dem das meiste auffllt, das -wenigste entgeht; der das meiste versteht, und es am tiefsten -versteht schon darum, weil er es mit den vielfltigsten Dingen -zu vergleichen und von den zahlreichsten zu unterscheiden -in der Lage ist, am besten zu messen und am besten zu -begrenzen wei. <em class="gesperrt">Dem genialen Menschen wird das -meiste und all dies am strksten <b>bewut</b>.</em> Darum wird -zweifellos auch seine Sensibilitt die feinste sein; dies darf -man aber nicht, wie es, in offenbar einseitigem Hinblick auf -den Knstler, geschehen ist, blo zu Gunsten einer verfeinerten -Sinnesempfindung, grerer Sehschrfe beim Maler -(oder beim Dichter), grerer Hrschrfe beim Komponisten -(<em class="gesperrt">Mozart</em>) auslegen: das Ma der Genialitt ist weniger in -der Unterschiedsempfindlichkeit der Sinne, als in der des -Geistes zu suchen; anderseits wird jene Empfindlichkeit oft -auch mehr nach innen gekehrt sein.</p> - -<p>So ist das geniale Bewutsein am <em class="gesperrt">weitesten</em> entfernt -vom Henidenstadium; es hat vielmehr die grte, grellste -Klarheit und Helle. <em class="gesperrt">Genialitt offenbart sich hier -bereits als eine Art hherer Mnnlichkeit; <b>und darum -kann W nicht genial sein</b>.</em> Dies ist die folgerechte Anwendung -des im vorigen Kapitel gewonnenen Ergebnisses, -da M bewuter lebe als W, auf den eigentlichen Ertrag -des jetzigen Kapitels: dieses gipfelt in dem Satze, da -<em class="gesperrt">Genialitt identisch ist mit hherer, weil allgemeinerer -Bewutheit</em>. Jenes intensivere Bewutsein von<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> -allem wird aber selbst erst ermglicht durch die enorme Zahl -von Gegenstzen, die im hervorragenden Menschen beisammen -sind.</p> - -<p><em class="gesperrt">Darum ist zugleich Universalitt das Kennzeichen -des Genies.</em> Es gibt keine Spezialgenies, keine -mathematischen und keine musikalischen Genies, auch -keine Schachgenies, <em class="gesperrt">sondern es gibt <b>nur</b> Universalgenies. -Der geniale Mensch lt sich definieren -als derjenige, der <b>alles</b> wei, ohne es gelernt zu -haben.</em> Unter diesem Alleswissen sind selbstverstndlich -nicht die Theorien und Systematisierungen gemeint, welche -die Wissenschaft an den Tatsachen vorgenommen hat, nicht -die Geschichte des spanischen Erbfolgekrieges, und nicht die -Experimente ber Diamagnetismus. Aber nicht erst aus dem -Studium der Optik erwchst dem Knstler die Kenntnis der -Farben des Wassers bei trbem und heiterem Himmel, und -es bedarf keiner Vertiefung in eine Charakterologie, um -Menschen einheitlich zu gestalten. Denn je begabter ein Mensch -ist, ber desto mehr <em class="gesperrt">hat</em> er immer <em class="gesperrt">selbstndig</em> nachgedacht, -zu desto mehr Dingen hat er ein persnliches Verhltnis.</p> - -<p>Die Lehre von den Spezialgenies, die es gestattet, z. B. -vom Musikgenie zu reden, das in allen anderen Beziehungen -unzurechnungsfhig sei, verwechselt abermals Talent und -Genie. Der Musiker kann, wenn er wahrhaft gro ist, in der -Sprache, auf die ihn die Richtung seines besonderen Talentes -weist, genau so universell sein, genau so die ganze innere -und uere Welt durchmessen wie der Dichter oder der -Philosoph; solch ein Genie war <em class="gesperrt">Beethoven</em>. Und er kann -in ebenso beschrnkter Sphre sich bewegen wie ein mittelmiger -wissenschaftlicher oder knstlerischer Kopf; solch ein -Geist war <em class="gesperrt">Johann Strau</em>, den es merkwrdig berhrt, ein Genie -nennen zu hren, so schne Blten eine lebhafte, aber sehr eng -begrenzte Einbildungskraft in ihm auch getrieben hat. <em class="gesperrt">Es gibt</em>, -um nochmals darauf zurckzukommen, <em class="gesperrt">vielerlei Talente, -aber es gibt nur <b>eine</b> Genialitt</em>, die ein beliebiges Talent -whlen und ergreifen mag, um in ihm sich zu bettigen. Es gibt -etwas, das allen genialen Menschen als <em class="gesperrt">genialen</em> gemeinsam -ist, so sehr auch der groe Philosoph vom groen Maler, der<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> -groe Musiker vom groen Bildhauer, der groe Dichter vom -groen Religionsstifter sich sonst unterscheiden mgen. Das -Talent, durch dessen Medium die eigentliche Geistesanlage eines -Menschen sich offenbart, ist viel mehr Nebensache, als man -gewhnlich glaubt, und wird aus der groen Nhe, aus welcher -kunstphilosophische Betrachtung leider so oft erfolgt, in seiner -Wichtigkeit meist weit berschtzt. Nicht nur die Unterschiede -in der Begabung, auch die Gemtsart und Weltanschauung -kehren sich wenig an die Grenzen der Knste voneinander, -diese werden bersprungen, und so ergeben sich dem vorurteilsloseren -Blick oft berraschende hnlichkeiten; er wird dann, -statt <em class="gesperrt">innerhalb</em> der Musikgeschichte, respektive der Geschichte -der Kunst, der Literatur und Philosophie nach Analogien zu blttern, -lieber ungescheut z. B. <em class="gesperrt">Bach</em> mit <em class="gesperrt">Kant</em> vergleichen, Karl -Maria v. <em class="gesperrt">Weber</em> neben <em class="gesperrt">Eichendorff</em> stellen, und <em class="gesperrt">Bcklin</em> mit -<em class="gesperrt">Homer</em> zusammenhalten; und wenn so die Betrachtung reiche -Anregung und groe Fruchtbarkeit gewinnen kann, so wird das -auch dem psychologischen Tiefblick schlielich zugute kommen, -an dessen Mangel alle Geschichtsschreibung von Kunst wie -von Philosophie am empfindlichsten krankt. Welche organischen -und psychologischen Bedingungen es brigens sind, -die ein Genie entweder zum mystischen Visionr oder etwa -zum groen Zeichner werden lassen, das mu als unwesentlich -fr die Zwecke <em class="gesperrt">dieser</em> Schrift beiseite bleiben.</p> - -<p><em class="gesperrt">Von jener Genialitt aber</em>, die, bei allen oft sehr tief -gehenden Unterschieden zwischen den einzelnen Genies, eine -und dieselbe bleibt und, nach dem hier aufgestellten Begriffe, -berall manifestiert werden kann, <em class="gesperrt">ist das Weib ausgeschlossen</em>. -Wenn auch die Frage, ob es rein wissenschaftliche, -und ob es blo handelnde, nicht nur knstlerische und -philosophische Genies geben knne, erst in einem spteren -Abschnitt zur Entscheidung gebracht werden soll: man hat -allen Grund, vorsichtiger zu verfahren mit der Verleihung des -Prdikates genial, als man dies bisher gewesen ist. Es wird -sich noch deutlich zeigen: will man berhaupt vom Wesen der -Genialitt eine Vorstellung sich bilden und zu einem Begriffe -derselben zu gelangen suchen, so <em class="gesperrt">mu</em> die Frau als ungenial -bezeichnet werden; und trotzdem wird niemand der Darstellung<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> -nachsagen drfen, sie htte im Hinblick auf das -weibliche Geschlecht irgend einen willkrlichen Begriff erst -konstruiert und ihn nachtrglich als das Wesen der Genialitt -hingestellt, um nur den Frauen keinen Platz <em class="gesperrt">innerhalb</em> -derselben gnnen zu mssen.</p> - -<p>Hier kann auf die anfnglichen Betrachtungen des -Kapitels zurckgegriffen werden. Whrend die Frau der Genialitt -kein Verstndnis entgegenbringt, auer einem, das sich -eventuell an die Persnlichkeit eines noch lebenden Trgers -knpfte, hat der Mann jenes tiefe Verhltnis zu dieser Erscheinung -an sich, das <em class="gesperrt">Carlyle</em> in seinem noch immer so wenig -verstandenen Buche Hero-Worship, Heldenverehrung, genannt -und so schn und hinreiend ausgemalt hat. In der Heldenverehrung -des Mannes kommt abermals zum Ausdruck, da -<em class="gesperrt">Genialitt an die Mnnlichkeit geknpft ist, da sie -eine ideale, potenzierte Mnnlichkeit vorstellt</em><a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>; denn -das Weib hat kein originelles, sondern ein ihr vom Manne -verliehenes Bewutsein, sie lebt unbewut, der Mann bewut: -am bewutesten aber der Genius.</p> -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span><a name="V_Kapitel" id="V_Kapitel"><small>V. Kapitel.</small></a><br /> - -Begabung und Gedchtnis.</h2> - - -<p>Um von der Heniden-Theorie auszugehen, sei folgende -Beobachtung erzhlt. Ich notierte gerade, <em class="gesperrt">halb</em> mechanisch, -die Seitenzahl einer Stelle aus einer botanischen Abhandlung, -die ich spter zu exzerpieren beabsichtigte, als ich etwas in -Henidenform dachte. Aber was ich da dachte, wie ich es dachte, -was da an die Tr der Bewutheit klopfte, dessen konnte -ich mich schon im nchsten Augenblick trotz aller Anstrengung -nicht entsinnen. Aber gerade darum ist dieser Fall — -er ist typisch — besonders lehrreich.</p> - -<p><em class="gesperrt">Je plastischer, je geformter ein Empfindungskomplex -ist, desto eher ist er reproduzierbar.</em> Deutlichkeit -des Bewutseins ist erste Bedingung der Erinnerung, -der <em class="gesperrt">Intensitt</em> der Bewutseinserregung ist das <em class="gesperrt">Gedchtnis</em> -an die Erregung proportional. Das wird mir unvergelich -bleiben, daran werde ich mein Lebtag denken, das kann -mir nie mehr entschwinden sagt ja der Mensch von Ereignissen, -die ihn heftig aufgeregt haben, von Augenblicken, aus -denen er um eine Einsicht klger, um eine wichtige Erfahrung -reicher geworden ist. Steht also die Reproduzierbarkeit -der Bewutseinsinhalte im geraden Verhltnis zu ihrer -Gliederung, so ist klar, <em class="gesperrt">da an die absolute Henide berhaupt -keine Erinnerung mglich sein wird</em>.</p> - -<p>Da nun die Begabung<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> eines Menschen mit der Artikulation -seiner gesamten Erlebnisse wchst, so wird einer, -<em class="gesperrt">je begabter er ist, desto eher an seine <b>ganze</b> Vergangenheit,<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> -an alles, was er je gedacht und getan, -gesehen und gehrt, empfunden und gefhlt hat, -sich erinnern knnen</em>, mit desto grerer Sicherheit und -Lebhaftigkeit wird er alles aus seinem Leben reproduzieren. -<em class="gesperrt">Das universelle Gedchtnis an alles Erlebte ist -darum das sicherste, allgemeinste, am leichtesten zu -ergrndende Kennzeichen des Genies.</em> Es ist zwar -eine verbreitete und besonders unter allen Kaffeehausliteraten -beliebte Lehre, da <em class="gesperrt">produktive</em> Menschen (weil sie <em class="gesperrt">Neues</em> -schfen) kein Gedchtnis htten: aber offenbar nur, weil -darin die einzige Bedingung der Produktivitt liegt, die bei -ihnen erfllt ist.</p> - -<p>Freilich darf man diese groe Ausdehnung und Lebendigkeit -des Gedchtnisses beim genialen Menschen, die ich -zunchst als eine Folgerung aus dem Systeme ganz dogmatisch -einfhre, ohne sie aus der Erfahrung neu zu begrnden, nicht -mit dem raschen Vergessen des gesamten gymnasialen Geschichtsstoffes -oder der unregelmigen Verba des Griechischen -widerlegen wollen. <em class="gesperrt">Es handelt sich um das Gedchtnis -fr das Erlebte, nicht um die Erinnerung an das -Erlernte</em>; was zu Prfungszwecken studiert wird, davon -wird immer nur der kleinste Teil behalten, jener Teil, welcher -dem speziellen Talente des Schlers entspricht. So kann ein -Zimmermaler ein besseres Gedchtnis fr Farben haben als -der grte Philosoph, der beschrnkteste Philologe ein -besseres Gedchtnis fr die vor Jahren auswendig gelernten -Aoriste als sein Kollege, der vielleicht ein genialer Dichter ist. -Es verrt die ganze Jmmerlichkeit und Hilflosigkeit der -experimentellen Richtung in der Psychologie (noch mehr -aber die Unfhigkeit so vieler Leute, die, mit einem Arsenal -von elektrischen Batterien und Sphygmographiontrommeln im -Rcken, gesttzt auf die Exaktheit ihrer langweiligen -Versuchsreihen, nun in rebus psychologicis vor allen anderen -gehrt zu werden beanspruchen), da sie das Gedchtnis der -Menschen durch Aufgaben, wie das Erlernen von Buchstaben, -mehrzifferigen Zahlen, zusammenhanglosen Worten prfen zu -knnen glaubt. An das eigentliche Gedchtnis des Menschen, -jenes Gedchtnis, welches in Betracht kommt, wenn ein Mensch<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> -die Summe seines Lebens zieht, reichen diese Versuche so -wenig heran, da man sich unwillkrlich zu der Frage gedrngt -sieht, ob jene fleiigen Experimentatoren von der Existenz -dieses anderen Gedchtnisses, ja eines psychischen <em class="gesperrt">Lebens</em> -berhaupt, etwas wissen. Jene Untersuchungen stellen die verschiedensten -Menschen unter ganz uniformierende Bedingungen, -denen gegenber nie <em class="gesperrt">Individualitt</em> sich uern kann, sie -<em class="gesperrt">abstrahieren</em> wie geflissentlich gerade vom Kern des Individuums, -und behandeln es einfach als guten oder schlechten -Registrierapparat. Es liegt ein groer Tiefblick darin, da -im Deutschen bemerken und merken aus der nmlichen -Wurzel gebildet ist. Nur was <em class="gesperrt">auffllt</em>, von selbst, infolge angeborner -Beschaffenheit, wird <em class="gesperrt">behalten</em>. Wessen man sich -erinnert, dafr mu ein ursprngliches Interesse vorhanden sein, -und wenn etwas vergessen wird, dann war die Anteilnahme -an ihm nicht stark genug. Dem religisen Menschen werden -darum religise Lehren, dem Dichter Verse, dem Zahlenmystiker -Zahlen am sichersten und lngsten haften bleiben.</p> - -<p>Und hier kann auf das vorige Kapitel in anderer Weise -zurckgegriffen und die besondere Treue des Gedchtnisses bei -hervorragenden Menschen noch auf einem zweiten Wege <em class="gesperrt">deduziert</em> -werden. Denn je bedeutender ein Mensch ist, desto -mehr Menschen, desto mehr Interessen sind in ihm zusammengekommen, -desto umfassender also mu sein Gedchtnis -werden. Die Menschen haben im allgemeinen durchaus <em class="gesperrt">gleich</em> -viel uere Gelegenheit zu perzipieren, aber die meisten -apperzipieren von der unendlichen Menge nur einen unendlich -kleinen Teil. Das Ideal von einem Genie mte ein -Wesen sein, dessen smtliche Perzeptionen ebensoviele -Apperzeptionen wren. Ein solches Wesen gibt es nicht. Es -ist aber auch kein Mensch, der nie <em class="gesperrt">ap</em>perzipiert, sondern immer -blo perzipiert htte. Schon darum mu es alle mglichen -<em class="gesperrt">Grade</em> der Genialitt geben<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a>; zumindest ist <em class="gesperrt">kein mnnliches</em> -Wesen ganz ungenial. Aber auch vollkommene Genialitt -bleibt ein Ideal: <em class="gesperrt">es existiert kein Mensch ohne alle -und kein Mensch mit universaler Apperzeption</em> (als<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> -welche man das vollkommene Genie weiter bestimmen -knnte). Der Apperzeption als der Aneignung ist das Gedchtnis -als der Besitz, seinem Umfang wie seiner Festigkeit nach, -proportioniert. So fhrt denn auch eine ununterbrochene -Stufenfolge vom ganz diskontinuierlichen, blo von Augenblick -zu Augenblick lebenden Menschen, dem kein Erlebnis -etwas <em class="gesperrt">bedeuten</em> knnte, weil es auf kein frheres sich -wrde beziehen lassen — einen solchen Menschen gibt es -aber nicht — bis zum vllig kontinuierlich Lebenden, dem -<em class="gesperrt">alles unvergelich</em> bleibt (so intensiv wirkt es auf ihn ein -und wird von ihm aufgefat), <em class="gesperrt">und den es ebensowenig -gibt</em>: selbst das hchste Genie ist nicht in jedem Augenblicke -seines Lebens genial.</p> - -<p>Eine erste Besttigung dieser Anschauung von dem -Zusammenhange zwischen Gedchtnis und Genialitt, wie -der Deduktion dieses Zusammenhanges, die hier versucht -wurde, liegt in dem auerordentlichen, die Besitzer oft selbst -verblffenden <em class="gesperrt">Gedchtnis fr scheinbar nebenschliche -Umstnde, fr Kleinigkeiten</em>, das begabtere -Menschen auszeichnet. Bei der Universalitt ihrer Veranlagung -hat nmlich alles eine, ihnen selbst oft lange unbewute, -<em class="gesperrt">Bedeutung</em> fr sie; und so bleiben sie hartnckig an -ihrem Gedchtnisse kleben, prgen sich diesem ganz von -selbst unverlschbar ein, ohne da im allgemeinen die geringste -Mhe an die spezielle Erinnerung gewendet oder die -Aufmerksamkeit in den Dienst dieses Gedchtnisses noch besonders -gestellt wrde. Darum knnte man, in einem erst -spter zu erhellenden tieferen Sinne, bereits jetzt den -genialen Menschen als denjenigen bestimmen, der die Redensart -nicht kennt, und weder sich selbst noch anderen gegenber -zu gebrauchen vermchte, dies oder jenes Ereignis aus -entlegener Zeit sei gar nicht mehr wahr. Es gibt vielmehr -fr ihn <em class="gesperrt">nichts</em>, das ihm nicht mehr wahr wre, auch wenn, ja -vielleicht gerade <em class="gesperrt">weil</em> er fr alles, was im Laufe der Zeit -anders geworden ist, ein deutlicheres Gefhl hat als alle -anderen Menschen.</p> - -<p>Als das beste Mittel zur objektiven Prfung der Begabung, -der geistigen Bedeutung eines Menschen lt sich<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> -darum dies empfehlen: man sei lngere Zeit mit ihm nicht -beisammen gewesen und fange nun von dem letzten Zusammensein -zu sprechen an, knpfe das neue Gesprch an -die Gegenstnde des letzten. Man wird gleich zu Beginn gewahr -werden, wie lebhaft er dieses aufgenommen, wie nachhaltig -es in ihm fortgewirkt hat, und sehr bald sehen, wie -treu er die Einzelheiten bewahrt hat. Wie vieles unbegabte -Menschen aus ihrem Leben vergessen, das kann, wer Lust -hat, zu seiner berraschung und seinem Entsetzen nachprfen. -Es kommt vor, da man mit ihnen vor wenigen -Wochen stundenlang beisammen war: es ist ihnen nun entschwunden. -Man kann Menschen finden, mit denen man vor -einigen Jahren acht oder vierzehn Tage lang, zufllig oder -in bestimmten Angelegenheiten, sehr viel zu tun hatte, und die -nach Ablauf dieser Zeit <em class="gesperrt">an nichts mehr</em> sich zu erinnern -vermgen. Freilich, wenn man ihnen durch genaue Darstellung -alles dessen, worum es sich handelte, durch Wiederbelebung -der Situation in allen ihren Details, zu Hilfe kommt, so -gelingt es immer, falls diese Bemhung lange genug fortgesetzt -wird, zuerst ein schwaches Aufleuchten des fast -vllig Erloschenen und allmhlich eine Erinnerung herbeizufhren. -Solche Erfahrungen haben es mir sehr wahrscheinlich -gemacht, da die theoretisch immer zu machende Annahme, -es gebe kein vlliges Vergessen, sich auch empirisch, -und zwar nicht blo durch die Hypnose, nachweisen lassen -drfte, wenn man nur dem Befragten mit den richtigen -Vorstellungen an die Hand zu gehen wei.</p> - -<p><em class="gesperrt">Es kommt also darauf an, da man einem Menschen -aus seinem Leben, aus dem, was er gesagt oder -gehrt, gesehen oder gefhlt, getan oder erlitten hat, -mglichst wenig erzhlen knne, das er nicht selbst -wei.</em> Hiemit ist zum ersten Male ein Kriterium der Begabung -gefunden, welches leichter berprfung von seiten anderer -zugnglich ist, <em class="gesperrt"><b>ohne</b> da schon <b>schpferische</b> Leistungen -des Menschen vorliegen mssen</em>. Wie vielfacher Anwendung -in der Erziehung es entgegengeht, mag unerrtert -bleiben. Fr Eltern und Lehrer drfte es gleich -wichtig sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> - -Vom Gedchtnisse der Menschen hngt, wie natrlich, -auch das Ma ab, in welchem sie in der Lage sein werden, -sowohl Unterschiede als hnlichkeiten zu bemerken. Am -meisten wird diese Fhigkeit bei jenen entwickelt sein, in deren -Leben immer die ganze Vergangenheit in die Gegenwart -hineinreicht, bei denen alle Einzelmomente des Lebens zur -Einheit zusammenflieen und aneinander verglichen werden. -So kommen gerade sie am vornehmlichsten in die Gelegenheit, -<em class="gesperrt">Gleichnisse</em> zu gebrauchen, <em class="gesperrt">und zwar gerade mit dem -Tertium comparationis, auf das es gerade ankommt</em>; -denn sie werden aus dem Vergangenen immer dasjenige herausgreifen, -was die strkste bereinstimmung mit dem Gegenwrtigen -aufweist, indem beide Erlebnisse, das neue und das -zum Vergleiche herangezogene ltere, bei ihnen <em class="gesperrt">artikuliert</em> -genug dazu sind, um keine hnlichkeit und keinen Unterschied -vor ihrem Auge zu verbergen; und darum eben auch, was -lngst vorbei ist, gegen den Einflu der Jahre hier sich behaupten -konnte. Nicht umsonst hat man daher die lngste Zeit in -dem Reichtum eines Dichters an schnen und vollkommenen -Gleichnissen und Bildern einen besonderen Vorzug seiner -Gattung erblickt, seine Lieblingsgleichnisse aus dem Homer, -aus Shakespeare und Klopstock immer wieder aufgeschlagen -oder bei der Lektre mit Ungeduld erwartet. Heute, da Deutschland -seit 150 Jahren zum ersten Mal ohne groen Knstler und -ohne groen Denker ist, indes dafr bald niemand mehr aufzutreiben -sein wird, der nicht geschrieben htte, heute scheint -das ganz vorber; man sucht nach derartigem nicht, man wrde -auch nichts finden. Eine Zeit, die in vagen, undeutlich schillernden -Stimmungen ihr Wesen am besten ausgesprochen -sieht, deren Philosophie in mehr als einem Sinne das Unbewute -geworden ist, zeigt zu offensichtlich, da nicht ein -wahrhaft Groer in ihr lebt; denn Gre ist Bewutsein, vor -dem der Nebel des Unbewuten schwindet wie vor den -Strahlen der Sonne. Gbe ein einziger dieser Zeit ein Bewutsein, -wie gerne wrde sie all ihre Stimmungskunst, deren -sie sich heute noch berhmt, dahingeben! — Erst im -vollen Bewutsein, in welchem in das Erlebnis der Gegenwart -alle Erlebnisse der Vergangenheit in grter Intensitt hineinspielen,<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> -findet Phantasie, die Bedingung des philosophischen -wie des knstlerischen Schaffens, eine Stelle. Demgem -ist es auch gar nicht wahr, da die Frauen mehr Phantasie -haben als die Mnner. Die Erfahrungen, auf Grund deren -man dem Weibe eine lebhaftere Einbildungskraft hat zusprechen -wollen, entstammen smtlich dem sexuellen Phantasieleben -der Frauen; und die Folgerungen, die allein mit Recht -hieraus gezogen werden knnten, gestatten eine Behandlung -in diesem Zusammenhange noch nicht.</p> - -<p>Die absolute Bedeutungslosigkeit der Frauen in der -<em class="gesperrt">Musikgeschichte</em> lt sich wohl noch auf weit tiefere Grnde -zurckfhren: doch beweist sie zunchst den Mangel des -Weibes an Phantasie. Denn zur musikalischen Produktivitt -gehrt unendlich viel mehr Phantasie als selbst das mnnlichste -Weib besitzt: viel mehr als zu sonstiger knstlerischer -oder wissenschaftlicher Ttigkeit. Nichts Wirkliches in der -Natur, nichts Gegebenes in der sinnlichen Empirie entspricht -einem Tonbilde. Die Musik ist wie ohne Beziehungen zur Erfahrungswelt: -es gibt keine Klnge, keine Accorde, keine -Melodien in der Natur, sondern hier hat erst der Mensch -auch die letzten Elemente noch selbstndig zu erzeugen. -Jede andere Kunst hat deutlichere Beziehungen zur empirischen -Realitt als sie, ja die ihr, was man auch dagegen sagen -mag, <em class="gesperrt">verwandte</em> Architektur bettigt sich bis zuletzt an -einem Stoffe; obwohl sie mit der Musik die Eigenschaft teilt, -da sie (vielleicht sogar mehr noch als diese) von sinnlicher -<em class="gesperrt">Nachahmung</em> frei ist. Darum ist auch Baukunst eine -durchaus mnnliche Sache, der weibliche Baumeister eine -fast nur Mitleid weckende Vorstellung.</p> - -<p>Desgleichen rhrt die verdummende Wirkung der -Musik auf schaffende und ausbende Musiker, von der man -fter sprechen hrt (besonders kommt hier die reine Instrumentalmusik -in Betracht), nur davon her, da noch der Geruchssinn -dem Menschen mehr zur Orientierung in der Erfahrungswelt -dienen kann als der Inhalt eines musikalischen Werkes. Und -eben diese gnzliche Abwesenheit aller Beziehungen zur Welt, -die wir sehen, tasten, riechen knnen, macht die Musik nicht -besonders geeignet fr uerungen weiblichen Wesens. Zugleich<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> -erklrt diese Eigenart seiner Kunst, warum der schpferische -Musiker der Phantasie im allerhchsten Grade bedarf -und warum der Mensch, welchem Melodien einfallen (ja -vielleicht gegen sein Struben zustrmen), noch viel mehr Gegenstand -des Staunens seitens der anderen Menschen wird als -der Dichter oder der Bildhauer. Die weibliche Phantasie -mu wohl eine von der mnnlichen gnzlich verschiedene -sein, wenn es ihrer ungeachtet keine Musikerin gibt, welche fr -die Musikgeschichte auch nur so weit in Betracht kme, -wie etwa <em class="gesperrt">Angelika Kauffmann</em> fr die Malerei.</p> - -<p>Wo irgend es deutlich auf kraftvolle Formung ankommt, -haben die Frauen nicht die kleinste Leistung aufzuweisen: -nicht in der Musik und nicht in der Architektur, nicht -in der Plastik und nicht in der Philosophie. Wo in vagen -und weichen bergngen des Sentiments noch ein wenig -Wirkung erzielt werden kann, wie in Malerei und Dichtung, -wie in einer gewissen verschwommenen Pseudo-Mystik und -Theosophie, dort haben sie noch am ehesten ein Feld ihrer -Bettigung gesucht und gefunden. — Der Mangel an Produktivitt -auf jenen Gebieten hngt also auch zusammen mit der -Undifferenziertheit des psychischen Lebens im Weibe. Namentlich -in der Musik kommt es auf das denkbar artikulierteste -Empfinden an. Es gibt nichts Bestimmteres, nichts Charakteristischeres, -nichts <em class="gesperrt">Eindringlicheres</em> als eine <em class="gesperrt">Melodie</em>, -nichts, was unter jeder Verwischung strker litte. Deshalb -<em class="gesperrt">erinnert</em> man sich an Gesungenes um so viel leichter als an -Gesprochenes, an die Arien immer besser als an die Rezitativen, -und kostet der Sprechgesang dem Wagnersnger so -viel Studium.</p> - -<p>Hier mute darum lnger verweilt werden, weil in -der Musik nicht wie anderswo die Ausrede der Frauenrechtler -und -Rechtlerinnen gilt: der Zugang zu ihr sei den -Frauen zu kurze Zeit erst freigegeben, als da man schon -reife Frchte von ihnen fordern drfe. Sngerinnen und Virtuosinnen -hat es immer, bereits im klassischen Altertum, gegeben. -Und doch ......</p> - -<p>Auch die schon frher hufige bung, Frauen malen und -zeichnen zu lassen, hat bereits seit etwa 200 Jahren in erheblichem<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> -Mae sich gesteigert. Man wei, wie viele Mdchen -ohne Not heute zeichnen und malen lernen. Also auch hier ist -lange schon kein engherziger Ausschlu mehr wahrzunehmen, -<em class="gesperrt">uere</em> Mglichkeiten wren reichlich vorhanden. Wenn trotzdem -so wenige Malerinnen fr eine Geschichte der Kunst -ernsthaft in Betracht kommen, so drfte es an den <em class="gesperrt">inneren</em> -Bedingungen gebrechen. Die weibliche Malerei und Kupferstecherei -kann eben fr die Frauen nur eine Art eleganterer, -luxuriser <em class="gesperrt">Handarbeit</em> bedeuten. Dabei scheint ihnen das -sinnliche, krperliche Element der Farbe eher erreichbar als -das geistige, formale der Linie; und dies ist ohne Zweifel -der Grund, da zwar einige Malerinnen, aber noch keine -Zeichnerin von Ansehen bekannt geworden ist. Die Fhigkeit, -einem Chaos Form geben zu knnen, ist eben die -Fhigkeit des Menschen, dem die allgemeinste Apperzeption -das allgemeinste Gedchtnis verschafft, sie ist die Eigenschaft -des mnnlichen Genies.</p> - -<p>Ich beklage es, da ich mit diesem Worte Genie, -genial immerfort operieren mu, welches, wie erst von -einem bestimmten jhrlichen Einkommen ab an den Staat -eine gewisse Steuer zu zahlen ist, die Genies als eine bestimmte -Kaste streng abgrenzt von jenen, die es gar nicht -sein sollen. Die Bezeichnung Genie hat vielleicht gerade ein -Mann erfunden, der sie selbst nur in recht geringem Mae -verdiente; den greren wird das Genie-Sein wohl zu -selbstverstndlich vorgekommen sein; sie werden wahrscheinlich -lang genug gebraucht haben, um einzusehen, da -man berhaupt auch nicht genial sein knne. Wie denn -<em class="gesperrt">Pascal</em> auerordentlich treffend bemerkt: Je origineller -ein Mensch sei, fr desto origineller halte er auch die anderen; -womit man <em class="gesperrt">Goethes</em> Wort vergleiche: Vielleicht vermag -nur der Genius den Genius ganz zu verstehen.</p> - -<p>Es gibt vielleicht nur sehr wenige Menschen, die gar -nie in ihrem Leben genial gewesen sind. Wenn doch, -so hat es ihnen vielleicht nur an der Gelegenheit gemangelt: -an der groen Leidenschaft, an dem groen Schmerz. Sie -htten nur einmal etwas intensiv genug zu erleben brauchen — -allerdings ist die Fhigkeit des Erlebens etwas zunchst subjektiv<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> -Bestimmtes — und sie wren damit, wenigstens vorbergehend, -genial gewesen. Das Dichten whrend der -ersten Liebe gehrt z. B. ganz hieher. Und wahre Liebe ist -vllig Zufallssache.</p> - -<p>Man darf schlielich auch nicht verkennen, da ganz -einfache Menschen in groer Erregung, im Zorn ber irgend -eine Niedertracht, Worte finden, die man ihnen nie zugetraut -htte. Der grte Teil dessen, was man gemeinhin <em class="gesperrt">Ausdruck</em> -nennt, in Kunst wie in prosaischer Rede, beruht aber (wenn -man sich des frher ber den Proze der Klrung Bemerkten -erinnert) darauf, da ein Individuum, das begabtere, Inhalte -geklrt, gegliedert aufweist zu einer Zeit, wo das andere, -minder hoch veranlagte, sie noch im Henidenstadium oder in -einem sich nahe daranschlieenden besitzt. Der Verlauf der -Klrung wird durch den Ausdruck, welcher einem zweiten -Menschen gelungen ist, ungemein <em class="gesperrt">abgekrzt</em>, und daher das -Lustvolle, auch wenn wir <em class="gesperrt">andere</em> einen guten Ausdruck -finden sehen. Erleben zwei ungleich Begabte dasselbe, so -wird bei dem Begabteren die Intensitt gro genug sein, da -etwa die Sprechschwelle<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> erreicht wird. Im anderen aber -wird der Klrungsproze hiedurch nur erleichtert.</p> - -<p>Wre wirklich, wie die populre Ansicht glaubt, das -Genie vom nichtgenialen Menschen durch eine dicke Wand -getrennt, die keinen Ton aus einem Reiche in das andere -dringen liee, so mte jedes Verstndnis der Leistungen -des Genies dem nichtgenialen Menschen <em class="gesperrt">vllig</em> verschlossen -sein, und dessen Werke knnten auf ihn auch nicht den -leisesten Eindruck hervorbringen. <em class="gesperrt">Alle Kulturhoffnungen -vermgen demnach nur auf die Forderung sich zu -grnden, da dem nicht so sei.</em> Und es ist auch nicht -so. <em class="gesperrt">Der Unterschied liegt in der geringeren Intensitt -des Bewutseins, er ist ein quantitativer, kein -prinzipieller, qualitativer.</em><a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> - -Umgekehrt aber hat es recht wenig Sinn, jngeren -Leuten die uerung einer Meinung darum zu verweisen -und ihr Wort darum geringer zu werten, weil sie weniger -Erfahrung htten als ltere Personen. Es gibt Menschen, die -wohl tausend Jahre und darber leben knnten, ohne eine -einzige <em class="gesperrt">Erfahrung</em> gemacht zu haben. Nur unter Gleichbegabten -htte jene Rede einen guten Sinn und eine volle -Berechtigung.</p> - -<p>Denn whrend der geniale Mensch schon als Kind ein -intensiveres Leben fhrt als alle anderen Kinder, whrend ihm, -je bedeutender er ist, an eine desto frhere Jugend auch -ein Entsinnen mglich ist, ja in extremen Fllen schon vom -dritten Jahre seiner Kindheit angefangen ihm die vollstndige -Erinnerung von seinem ganzen Leben stets gegenwrtig bleibt, -datieren die anderen Menschen ihre erste Jugenderinnerung -erst von einem viel spteren Zeitpunkt; ich kenne welche, -deren frheste Reminiszenz berhaupt in ihr achtes Lebensjahr -fllt, <em class="gesperrt">die von ihrem ganzen vorherigen Leben nichts -wissen, als was ihnen erzhlt wurde</em>; und es gibt sicherlich -viele, bei denen dieses erste intensive Erlebnis noch weit -spter anzusetzen ist. Ich will nicht behaupten und glaube -es auch gar nicht, da man die Begabungen zweier Menschen -ganz ausnahmslos danach allein bereits gegeneinander -abschtzen knne, wenn dieser vom fnften, jener erst vom -zwlften Jahre an sich an alles erinnert, die frheste Jugenderinnerung -des einen in den vierzehnten Monat nach seiner -Geburt fllt, die des zweiten erst in sein drittes Lebensjahr. -Aber im allgemeinen und auerhalb zu enger Grenzen wird -man die angegebene Regel wohl immer zutreffen sehen.</p> - -<p>Vom Zeitpunkt der ersten Jugenderinnerung verfliet gewi -auch beim hervorragenden Menschen noch immer eine -lngere oder krzere Strecke bis zu jenem Moment, von dem an -er an <em class="gesperrt">alles</em> sich erinnert, jenem Tage, von dem an er eben -endgltig zum Genie geworden ist. Die meisten Menschen -hingegen haben den grten Teil ihres Lebens einfach vergessen; -ja viele wissen oft nur, <em class="gesperrt">da kein anderer Mensch -fr sie gelebt hat die ganze Zeit hindurch</em>: aus ihrem -ganzen Leben sind ihnen nur bestimmte Augenblicke, einzelne<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> -feste Punkte, markante Stationen gegenwrtig. Wenn man sie -sonst um etwas fragt, so wissen sie nur, d. h. sie rechnen es -sich in der Geschwindigkeit aus, da in dem und dem Monat -sie so alt waren, diese oder jene Stellung bekleideten, da -oder dort wohnten und so und so viel Einkommen hatten. -Hat man vor Jahren zusammen mit ihnen etwas erlebt, so -kann es nun unendliche Mhe kosten, das Vergangene in -ihnen zur Auferstehung zu bringen. Man mag in solchem -Falle einen Menschen mit Sicherheit fr unbegabt erklren, -man ist zumindest befugt, ihn nicht fr hervorragend zu -halten.</p> - -<p>Die Aufforderung zu einer Selbstbiographie brchte die -ungeheuere Mehrzahl der Menschen in die peinlichste Verlegenheit: -knnen doch schon die wenigsten Rede stehen, wenn -man sie fragt, was sie gestern getan haben. Das Gedchtnis -der meisten ist eben ein blo sprungweises, gelegentlich assoziatives. -Im genialen Menschen <em class="gesperrt">dauert</em> ein Eindruck, den -er empfangen hat; ja eigentlich <em class="gesperrt">steht nur er berhaupt -unter Eindrcken</em>. Damit hngt zusammen, da wohl alle -hervorragenden Menschen, wenigstens zeitweise, <em class="gesperrt">an fixen -Ideen leiden</em>. Der psychische Bestand der Menschen mit -einem System von eng einander benachbarten Glocken verglichen, -so gilt fr den gewhnlichen Menschen, da jede -nur klingt, wenn die andere an sie mit ihren Schwingungen -stt, und nur auf ein paar Augenblicke; fr das Genie, da -eine einzige, angeschlagen, gewaltig ausschwingt, nicht leise -tnt, sondern voll, das ganze System mitbewegt, und nachhallt, -oft das ganze Leben lang. Da diese Art der Bewegung -aber oft infolge gnzlich geringfgiger, ja lcherlicher -Anste beginnt, und manchesmal gleich intensiv in unertrglicher -Weise wochenlang zh beharrt, so liegt hierin wirklich -eine Analogie zum Wahnsinn.</p> - -<p>Aus verwandten Grnden ist auch <em class="gesperrt">Dankbarkeit</em> so ziemlich -die seltenste Tugend unter den Menschen; sie merken -sich wohl manchesmal, wieviel man ihnen geliehen hat; -aber in die Not, in der sie waren, in die Befreiung, die ihnen -wurde, mgen und knnen sie sich nicht mehr zurckdenken. -Fhrt Mangel an Gedchtnis sicher zum Undank, so gengt<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> -dennoch selbst ein vorzgliches Gedchtnis allein noch nicht, -um einen Menschen dankbar zu machen. Dazu ist eine spezielle -Bedingung mehr erforderlich, deren Errterung nicht -hieher gehrt.</p> - -<p>Aus dem Zusammenhange von Begabung und Gedchtnis, -der so oft verkannt und verleugnet worden ist, weil man ihn -nicht dort suchte, wo er zu finden gewesen wre: <em class="gesperrt">in der -Rckerinnerung an das eigene Leben</em>, lt sich noch -eine weitere Tatsache ableiten. Ein Dichter, der seine Sachen -hat schreiben <em class="gesperrt">mssen</em>, ohne Absicht, ohne berlegung, ohne -erst zur eigenen Stimmung das Pedal zu treten; ein Musiker, den -der Moment des Komponierens berfallen hat, so da er -wider Willen zu schaffen gentigt war, sich nicht wehren -konnte, selbst wenn er lieber Ruhe und Schlaf gewnscht -htte: ein solcher wird, was in diesen Stunden geboren -wurde, all das, was nicht auch nur im kleinsten <em class="gesperrt">gemacht</em> -ist, sein ganzes Leben lang im Kopfe tragen. Ein Komponist, -der keines seiner Lieder und keinen seiner Stze, ein Dichter, -der keines seiner Gedichte auswendig kennt — und zwar ohne -sie, wie das <em class="gesperrt">Sixtus Beckmesser</em> von <em class="gesperrt">Hans Sachs</em> sich vorstellt, -erst recht gut memoriert zu haben — der hat, des -kann man sicher sein, auch nie etwas wahrhaft Bedeutendes -hervorgebracht.</p> - -<p>Bevor nun die Anwendung dieser Aufstellungen auf -das Problem der geistigen Geschlechtsunterschiede versucht -werde, ist noch eine Unterscheidung zu treffen zwischen Gedchtnis -und Gedchtnis. Die einzelnen zeitlichen Momente -seines Lebens sind nmlich dem begabten Menschen in der -Erinnerung nicht als diskrete Punkte gegeben, nicht als -durchaus getrennte Situationsbilder, nicht als verschiedene -Individuen von Augenblicken, deren jeder einen bestimmten, -von dem des nchsten, wie die Zahl eins von der Zahl zwei, -getrennten Index aufweist. Die Selbstbeobachtung ergibt vielmehr, -da allem Schlafe, aller Bewutseinsenge, allen Erinnerungslcken -zum Trotze die einzelnen Erlebnisse in ganz -rtselhafter Weise <em class="gesperrt">zusammengefat</em> erscheinen; die Geschehnisse -folgen nicht aufeinander wie die Ticklaute einer -Uhr, sondern sie laufen alle in einen einheitlichen Flu<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> -zusammen, in dem es keine Diskontinuitt gibt. Beim ungenialen -Menschen sind dieser Momente, die aus der ursprnglich -diskreten Mannigfaltigkeit so zum geschlossenen -Kontinuum sich vereinigen, nur wenige, ihr Lebenslauf -gleicht einem Bchlein, keinem mchtigen Strom, in den, -wie beim Genie, aus weitestem Gebiete <em class="gesperrt">alle</em> Wsserlein -zusammengeflossen sind, <em class="gesperrt">aus</em> dem, heit das, vermge der -<em class="gesperrt">universalen Apperzeption</em> kein Erlebnis <em class="gesperrt">ausgeschaltet</em>, -<em class="gesperrt">in</em> den vielmehr <em class="gesperrt">alle</em> einzelnen Momente <em class="gesperrt">aufgenommen</em>, -rezipiert sind. Diese <em class="gesperrt">eigentliche</em> Kontinuitt, die den -Menschen erst ganz dessen vergewissern kann, da er <em class="gesperrt">lebt</em>, -da er da, da er auf der Welt ist, allumfassend beim Genius, -auf wenige wichtige Momente beschrnkt beim Mittelmigen, -<em class="gesperrt">fehlt <b>gnzlich</b> beim Weibe</em>. Dem Weibe bietet sich, wenn -es rckschauend, rckfhlend sein Leben betrachtet, dieses -nicht unter dem Aspekt eines unaufhaltsamen, nirgends -unterbrochenen Drngens und Strebens dar, es bleibt vielmehr -immer nur an einzelnen Punkten <em class="gesperrt">hngen</em>.</p> - -<p>Was fr Punkte sind das? Es knnen nur diejenigen -sein, fr welche W ihrer Natur nach ein Interesse hat. Worauf -dieses Interesse ihrer Konstitution ausschlielich geht, wurde -im zweiten Kapitel zu erwgen begonnen; wer sich an dessen -Ergebnisse erinnert, den wird die folgende Tatsache nicht -berraschen:</p> - -<p>W verfgt <em class="gesperrt">berhaupt</em> nur ber <em class="gesperrt">eine</em> Klasse von Erinnerungen: -es sind die mit dem Geschlechtstrieb und der -Fortpflanzung zusammenhngenden. An den Geliebten und -an den Bewerber; an die Hochzeitsnacht, an jedes Kind wie an -ihre Puppen; an die Blumen, die sie auf jedem Balle bekommen, -Zahl, Gre und Preis der Bouquets; an jedes -Stndchen, das ihr gebracht, an jedes Gedicht, das (wie sie -sich einbildet) auf sie geschrieben wurde, an jeden Ausspruch -des Mannes, der ihr imponiert hat, vor allem aber — -mit einer Genauigkeit, die ebenso verchtlich ist als sie -unheimlich berhrt — <em class="gesperrt">an jedes Kompliment ohne Ausnahme</em>, -das ihr im Leben gemacht wurde.</p> - -<p>Das ist <b>alles</b>, woran das <em class="gesperrt">echte</em> Weib aus seinem Leben -sich erinnert.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> - -<em class="gesperrt">Was aber ein Mensch nie vergit, und was er -sich nicht merken kann, das ermglicht am besten -die Erkenntnis seines Wesens, seines Charakters.</em> -Es wird spter noch genauer als jetzt zu untersuchen sein, -<em class="gesperrt">worauf</em> es deutet, da W gerade <em class="gesperrt">diese</em> Erinnerungen hat. -Groer Aufschlu ist gerade von der unglaublichen Treue zu -erwarten, mit welcher die Frauen an alle Huldigungen und -Schmeicheleien, an smtliche Beweise der Galanterie sich -erinnern, die ihnen seit frhester Kindheit entgegengebracht -worden sind. Was man gegen die hiemit vollzogene Einschrnkung -des weiblichen Gedchtnisses auf den Bereich -der Sexualitt und des Gattungslebens einwenden kann, -ist mir natrlich klar; ich mu darauf gefat sein, alle -Mdchenschulen und smtliche Ausweise aufmarschieren -zu sehen. Diese Schwierigkeiten knnen indes erst spter -behoben werden. Hier mchte ich nur dies nochmals zu bedenken -geben, da es, bei allem Gedchtnis, welches fr die -psychologische Erkenntnis der Individualitt ernstlich in Frage -kme, um Gedchtnis fr Erlerntes nur dort sich handeln -knnte, wo Erlerntes wirklich Erlebtes wre.</p> - -<p>Da es dem psychischen Leben der Frauen an Kontinuitt -(die hier nur als ein nicht zu bersehendes psychologisches -Faktum, sozusagen im Anhang der Gedchtnislehre, -nicht als spiritualistische oder idealistische These eingefhrt -wurde) gebricht, dem kann erst weiter unten eine Beleuchtung, -dem Wesen der Kontinuitt nur in Stellungnahme zu -dem umstrittensten Probleme aller Philosophie und Psychologie -eine Ergrndung werden. Als Beweis fr jenen Mangel will -ich vorlufig nichts anfhren als die oft bestaunte, von -<em class="gesperrt">Lotze</em> ausdrcklich hervorgehobene Tatsache, da die Frauen -sich viel leichter in neue Verhltnisse fgen und sich ihnen eher -anpassen als die Mnner, denen man den Parvenu noch lange -anmerkt, wenn kein Mensch mehr die Brgerliche von der -Adeligen, die in rmlichen Verhltnissen Aufgewachsene von -der Patrizierstochter auseinanderzukennen vermag. Doch mu -ich auch hierauf spter noch ausfhrlich zurckkommen.</p> - -<p>brigens wird man nun begreifen, warum (wenn nicht -Eitelkeit, Tratschsucht oder Nachahmungslust dazu treibt)<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> -nur bessere Menschen Erinnerungen aus ihrem Leben niederschreiben, -und wie ich hierin eine Hauptsttze des Zusammenhanges -von Gedchtnis und Begabung erblicke. Nicht als ob -jeder geniale Mensch auch eine Autobiographie abfassen -wrde: um zur Selbstbiographie zu schreiten, dazu sind noch -gewisse <em class="gesperrt">spezielle</em>, sehr tief liegende psychologische Bedingungen -ntig. Aber umgekehrt ist die Abfassung einer -<em class="gesperrt">vollstndigen</em> Selbstbiographie, wenn sie aus originrem -Bedrfnis heraus erfolgt, stets ein Zeichen eines hheren -Menschen. Denn gerade im wirklich <em class="gesperrt">treuen</em> Gedchtnis liegt -auch die Wurzel der <em class="gesperrt">Piett</em>. Ein bedeutender Mensch, vor -das Ansinnen gestellt, seine Vergangenheit um irgend welcher -uerer materieller oder innerer hygienischer Vorteile willen -preiszugeben, wrde es zurckweisen, auch wenn ihm die -grten Schtze der Welt, ja <em class="gesperrt">das Glck selbst</em>, frs Vergessen -in Aussicht gestellt wrden. Der Wunsch nach dem -Trank aus dem Lethestrom ist ein Zug mittlerer und minderer -Naturen. Und mag ein wahrhaft hervorragender Mensch -nach dem <em class="gesperrt">Goethe</em>schen Worte gegen eben abgelegte eigene -Irrtmer sehr streng und heftig auch dort sein, wo er <em class="gesperrt">andere</em> -an ihnen festhalten sieht, so wird er doch sein vergangenes -Tun und Lassen nie belcheln, ber seine frhere Denk- und -Lebensweise sich niemals lustig machen. Die heute so sehr -ins Kraut geschossenen berwinder verdienen rechtens -alles andere eher denn diesen Namen: Menschen, die anderen -spttisch erzhlen, was sie einst alles geglaubt, und wie sie all -das berwunden htten, denen war es mit dem Alten nicht -Ernst, denen ist am Neuen ebensowenig gelegen. Ihnen -kommt es immer nur auf die Instrumentation, nie auf die Melodie -an; kein Stadium von all den berwundenen war -wirklich in ihrem Wesen tief gegrndet. Dagegen beobachte -man, mit welch weihevoller Sorgfalt groe Mnner in ihren -Selbstbiographien selbst den scheinbar geringfgigsten Dingen -einen Wert beilegen: denn fr sie ist Gegenwart und Vergangenheit -gleich, fr jene keine von beiden wahr. Der -hervorragende Mensch fhlt, wie <em class="gesperrt">alles</em>, auch das Kleinste, -Nebenschlichste, in seinem Leben eine Wichtigkeit gewonnen, -wie es ihm zu seiner Entwicklung mitverholfen hat, und <em class="gesperrt">daher</em><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> -die auerordentliche <em class="gesperrt">Piett</em> seiner Memoiren. Und eine -solche Autobiographie wird sicherlich nicht etwa auf einmal, -einem anderen Einfall vergleichbar, unvermittelt niedergeschrieben, -der Gedanke hiezu entsteht in ihm nicht pltzlich; -sie ist fr den groen Menschen, der eine schreibt, sozusagen -immer fertig. Gerade weil das bisherige Leben ihm -immer ganz gegenwrtig ist, darum empfindet er seine neuen -Erlebnisse als fr ihn bedeutsam, darum hat er und eigentlich -nur er ein <em class="gesperrt">Schicksal</em>. Und davon rhrt es zunchst -auch her, da gerade die bedeutendsten Menschen immer viel -<em class="gesperrt">aberglubischer</em> sein werden als mittelmige Kpfe. Man -kann also zusammenfassend sagen:</p> - -<p><em class="gesperrt">Ein Mensch ist um so <b>bedeutender</b>, je mehr alle -Dinge fr ihn <b>bedeuten</b>.</em></p> - -<p>Im Laufe der ferneren Untersuchung wird diesem Satze, -auer der Universalitt der verstndnisvollen Beziehung und -der erinnernden Vergleichung, noch ein tieferer Sinn allmhlich -unterlegt werden knnen.</p> - -<p>Wie es in diesen Hinsichten mit dem Weibe steht, ist -nicht schwer zu sagen. Das echte Weib kommt nie zum Bewutsein -eines Schicksals, seines Schicksals; das Weib ist -nicht heroisch, denn es kmpft hchstens fr seinen Besitz, -und es ist nicht tragisch, denn sein Los entscheidet sich mit -dem Lose dieses Besitzes. Da das Weib ohne Kontinuitt ist, -kann es auch nicht piettvoll sein; in der Tat ist Piett eine -durchaus mnnliche Tugend. Piettvoll ist man zunchst <em class="gesperrt">gegen -sich</em>, und Piett gegen sich Bedingung aller Piett gegen andere. -Aber eine Frau kostet es recht wenig berwindung, ber ihre -Vergangenheit den Stab zu brechen; wenn das Wort Ironie -am Platze wre, so knnte man sagen, da nicht leicht ein -Mann sein vergangenes Selbst so ironisch und berlegen betrachten -wird, wie die Frauen dies oftmals — nicht nur nach der -Hochzeitsnacht — zu tun pflegen. Es wird sich noch Gelegenheit -finden, darauf hinzuweisen, wie die Frauen eigentlich -das Gegenteil von all dem wollen, dessen Ausdruck die -Piett ist. Was endlich die Piett der Witwen anlangt — -doch von diesem Gegenstande will ich lieber schweigen. -Und der Aberglaube der Frauen schlielich ist psychologisch<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> -ein durchaus anderer als der Aberglaube hervorragender -Mnner.</p> - -<p>Das Verhltnis zur eigenen Vergangenheit, wie es in der Piett -zum Ausdrucke kommt und auf dem kontinuierlichen Gedchtnis -beruht, das selbst wieder nur durch die Apperzeption -ermglicht ist, lt sich noch in weiteren Zusammenhngen -zeigen und zugleich tiefer analysieren. <em class="gesperrt">Damit nmlich, -ob ein Mensch berhaupt ein Verhltnis zu seiner -Vergangenheit hat oder nicht, hngt es auerordentlich -innig zusammen, ob er ein Bedrfnis nach Unsterblichkeit -fhlen oder ob ihn der Gedanke des -Todes gleichgltig lassen wird.</em></p> - -<p>Das Unsterblichkeitsbedrfnis wird zwar heute recht allgemein -sehr schbig und von oben herab behandelt. Das -Problem, das aus ihm erwchst, macht man sich nicht etwa -blo als ein ontologisches, sondern auch als ein psychologisches -schmachvoll leicht. Der eine will es, zugleich mit dem Glauben -an die Seelenwanderung, damit erklrt haben, da in vielen -Menschen Situationen, in welche sie sicherlich zum ersten Male -geraten sind, das Gefhl erwecken, als htten sie dieselben -schon einmal durchlebt. Die andere, heute allgemein adoptierte -Ableitung des Unsterblichkeitsglaubens aus dem <em class="gesperrt">Seelenkult</em>, -wie sie sich bei <em class="gesperrt">Tylor</em>, <em class="gesperrt">Spencer</em>, <em class="gesperrt">Avenarius</em> findet, wre -von jedem anderen Zeitalter als dem der <em class="gesperrt">experimentellen</em> -Psychologie a priori zurckgewiesen worden. Es sollte doch, -meine ich, jedem Denkenden vllig unmglich erscheinen, -da etwas, woran so vielen Menschen gelegen, wofr so gekmpft -und gestritten worden ist, blo das letzte Schluglied -eines Syllogismus bilden knnte, dessen Prmisse etwa die -nchtlichen Traumerscheinungen Verstorbener gewesen wren. -Und welche Phnomene zu erklren ist wohl jene felsenfeste -Meinung von ihrem Weiterleben nach dem Tode ersonnen -worden, die <em class="gesperrt">Goethe</em>, die <em class="gesperrt">Bach</em> gehabt haben, auf welches -Pseudoproblem lt sich das Unsterblichkeitsbedrfnis -zurckfhren, das aus <em class="gesperrt">Beethovens</em> letzten Sonaten und -Quartetten zu uns spricht? Der Wunsch nach der persnlichen -Fortdauer mu gewaltigeren Quellen entstrmt sein als jenen -rationalistischen Springbrunnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> - -Dieser tiefere Ursprung hngt mit dem Verhltnisse des -Menschen zu seiner Vergangenheit lebhaft zusammen. <em class="gesperrt">Im Sichfhlen -und Sichsehen in der Vergangenheit liegt -ein mchtiger Grund des Sichweiterfhlen-, Sichweitersehenwollens.</em> -Wem seine Vergangenheit wert ist, wer -sein Innenleben, mehr als sein krperliches Leben, hochhlt, -<em class="gesperrt">der wird es auch an den Tod nicht hingeben wollen</em>. -Daher tritt primres, originelles Unsterblichkeitsbedrfnis bei -den grten Genien der Menschheit, den Menschen mit der -reichsten Vergangenheit, am strksten, am nachhaltigsten auf. -Da <em class="gesperrt">dieser</em> Zusammenhang der Unsterblichkeitsforderung mit -dem Gedchtnis <em class="gesperrt">wirklich</em> besteht, erhellt daraus, was -Menschen, die aus Todesgefahr errettet werden, von sich bereinstimmend -aussagen. Sie durchleben nmlich, wenn sie auch -sonst nie viel an ihre Vergangenheit gedacht haben, nun pltzlich -auf einmal mit rasender Geschwindigkeit ihre ganze -Lebensgeschichte nochmals, und erinnern sich innerhalb weniger -Sekunden an Dinge, welche Jahrzehnte lang ihnen nicht ins -Bewutsein zurckgekommen sind. Denn das Gefhl dessen, -was ihnen bevorsteht, bringt — abermals vermge des Kontrastes -— all das ins Bewutsein, was nun fr immer vernichtet -werden soll.</p> - -<p>Wir wissen ja sehr wenig ber die geistige Verfassung -Sterbender. Es gehrt auch ein mehr als gewhnlicher Mensch -dazu, um zu erkennen, was in einem Sterbenden vorgeht; anderseits -sind Verscheidende aus den dargelegten Grnden gerade -von besseren Menschen meistens gemieden. Aber es ist wohl -gnzlich unrichtig, die in so vielen Todkranken pltzlich auftretende -Religiositt nur auf die bekannte Erwgung vielleicht -doch, sicher ist sicher zurckzufhren; und sehr oberflchlich, -anzunehmen, blo die sonst nie beachtete tradierte -Hllenlehre gewinne nun pltzlich gerade in der Todesstunde -so viel Kraft, da es dem Menschen unmglich werde, mit -einer Lge zu sterben.<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> Denn dies ist das Wichtigste: Warum -fhlen Menschen, die ein durch und durch verlogenes Leben<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> -gefhrt haben, nun pltzlich den Drang nach der Wahrheit? -Und warum macht es auch auf denjenigen, der nicht an -<em class="gesperrt">Strafen</em> im Jenseits glaubt, einen so entsetzlichen Eindruck, -wenn er vernimmt, ein Mensch sei <em class="gesperrt">mit</em> einer Lge, <em class="gesperrt">mit</em> -einer unbereuten Schlechtigkeit <em class="gesperrt">verschieden</em>, warum hat -beides, sowohl die Verstocktheit bis zum Schlusse, als auch die -Umkehr vor dem Tode, die Dichter so oft mchtig gereizt? -Die Frage nach der Euthanasie der Atheisten, die man im -XVIII. Jahrhundert so hufig aufwarf, ist also keine ganz sinnlose, -und nicht blo ein historisches Kuriosum, als welches -sie von Friedrich Albert <em class="gesperrt">Lange</em> behandelt wurde.</p> - -<p>Ich erwhne dies alles nicht allein, um eine Mglichkeit -zu errtern, welcher kaum der Rang einer Vermutung -zukommt. Undenkbar nmlich scheint es mir, da viel mehr -Menschen genial sind, als es Genies gibt, nicht zu sein, -da die quantitative Differenz in der Begabung vor allem -in dem Zeitpunkte zum Ausdruck komme, in welchem die -Menschen zum Genie werden. Fr eine grere Anzahl fiele -dieser Augenblick mit ihrem natrlichen Tode zusammen. -Wurden wir schon frher dahin gefhrt, die genialen Menschen -nicht etwa, wie die Steuerzahler von einem bestimmten jhrlichen -Einkommen ab, als von allen anderen Menschen durch -eine scharfe Grenze getrennt anzusehen, so vereinigen sich -diese neuen Betrachtungen mit jenen alten. Und ebenso wie die -erste Kindheitserinnerung des Menschen nicht mit einem, den -frheren Lauf der Dinge unterbrechenden, <em class="gesperrt">ueren</em> Ereignis -verknpft ist, sondern pltzlich, unscheinbar, <em class="gesperrt">infolge einer -inneren Entwicklung</em>, fr jeden frher oder spter ein Tag -kommt, <em class="gesperrt">an welchem das Bewutsein so intensiv wird</em>, -da eine Erinnerung bleibt, und von nun an, je nach -der Begabung, mehr oder weniger zahlreiche Erinnerungen -beharren — <em class="gesperrt">ein Faktum, das allein die ganze moderne -Psychologie umstt</em> — so <em class="gesperrt">bedrfte</em> es bei den <em class="gesperrt">verschiedenen -Menschen verschieden vieler Ste</em>, um -sie zu genialen zu machen, <em class="gesperrt">und nach der Zahl dieser -Bewutseinsste, deren letzter in der Todesstunde -erfolgte</em>, wren die Menschen ihrer Begabung gem zu -klassifizieren. Bei dieser Gelegenheit will ich noch darauf hinweisen,<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> -wie falsch die Lehre der heutigen Psychologie ist -(fr die das menschliche Individuum eben nur wie ein besserer -Registrierapparat in Betracht kommt und keinerlei von <em class="gesperrt">innen</em> -kommende, ontogenetische geistige Entwicklung besitzt), da -im jugendlichen Alter die grte Anzahl von Eindrcken -behalten werden. Man darf die erlebten Impressionen nicht -mit dem uerlichen und fremden Gedchtnisstoff verwechseln. -Diesen nimmt das Kind gerade deshalb um so viel leichter -auf, weil es noch so wenig von Gemtseindrcken beschwert -ist. Eine Psychologie, die in so fundamentalen Dingen der -Erfahrung zuwiderluft, hat allen Anla zur Einkehr, zur Umkehr. -Was hier versucht wurde, ist kaum eine Andeutung -von jener <em class="gesperrt">ontogenetischen Psychologie</em> oder <em class="gesperrt">theoretischen -Biographie</em>, die ber kurz oder lang die heutige -Wissenschaft vom menschlichen Geiste zu verdrngen berufen -ist. — Jedes Programm enthlt implicite eine berzeugung, -jedem Ziele des Willens gehen bestimmte Vorstellungen realer -Verhltnisse voran. Der Name theoretische Biographie soll -das Gebiet gegen <em class="gesperrt">Philosophie</em> und <em class="gesperrt">Physiologie</em> besser als -bisher abstecken, und die biologische Betrachtungsweise, welche -von der letzten Richtung in der Psychologie (<em class="gesperrt">Darwin</em>, -<em class="gesperrt">Spencer</em>, <em class="gesperrt">Mach</em>, <em class="gesperrt">Avenarius</em>) einseitig hervorgekehrt und zum -Teil arg bertrieben worden ist, doch dahin <em class="gesperrt">erweitern</em>, da -eine solche Wissenschaft ber den <em class="gesperrt">gesamten</em> gesetzmigen -<em class="gesperrt">geistigen Lebensverlauf als Ganzes</em>, von der Geburt bis -zum Tode eines Menschen, Rechenschaft zu geben htte, wie -ber Entstehen und Vergehen und alle einzelnen Lebensphasen -irgend einer Pflanze. Und <em class="gesperrt">Biographie</em>, nicht Bio<em class="gesperrt">logie</em>, -sollte sie genannt werden, weil ihre Aufgabe in der -Erforschung gleichbleibender Gesetze der <em class="gesperrt">geistigen</em> Entwicklung -des <em class="gesperrt">Individuums</em> liegt. Bisher kennt alle Geschichtsschreibung -jeglicher Gattung nur Individualitten, βίοι. Hier -aber wrde es sich darum handeln, allgemeine Gesichtspunkte -zu gewinnen, Typen festzuhalten. <em class="gesperrt">Die Psychologie mte -anfangen, <b>theoretische Biographie</b> zu werden.</em> Im Rahmen -einer solchen Wissenschaft knnte und wrde alle bisherige -Psychologie aufgehen, und erst dann nach dem Wunsche -Wilhelm <em class="gesperrt">Wundts</em> eine fruchtbare Grundlage fr die Geisteswissenschaften<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span> -wirklich abgeben. Es wre verfehlt, an dieser -Mglichkeit darum zu verzweifeln, weil die heutige Psychologie, -welche eben jene ihre eigentliche Aufgabe als ihr Ziel -noch gar nicht begriffen hat, auch vllig auerstande ist, -den Geisteswissenschaften das Geringste zu bieten. Hierin -drfte, trotz der groen Klrung, welche <em class="gesperrt">Windelbands</em> -und <em class="gesperrt">Rickerts</em> Untersuchungen ber das Verhltnis von -Natur- und Geisteswissenschaften mit sich gebracht haben, -doch eine Berechtigung liegen, <em class="gesperrt">neben</em> der neuen Einteilung -der Wissenschaften in Gesetzes- und Ereignis-Wissenschaften, -in nomothetische und idiographische Disziplinen, -die <em class="gesperrt">Mill</em>sche Zweiteilung von Natur- und Geisteswissenschaften -beizubehalten. — —</p> - -<p>Mit der Deduktion des Unsterblichkeitsbedrfnisses, -welche dieses in einen Konnex mit der kontinuierlichen Form -des Gedchtnisses und der Piett brachte, stimmt es vollstndig -berein, da <em class="gesperrt">den Frauen jegliches Unsterblichkeitsbedrfnis -vllig abgeht</em>. Auch ist hieraus -mit Sicherheit zu entnehmen, wie sehr jene unrecht haben, -welche in dem Postulat der persnlichen Fortexistenz blo -einen Ausflu der Todesfurcht und des leiblichen Egoismus -sehen, und hiemit eigentlich der populrsten Meinung ber -allen Ewigkeitsglauben Ausdruck geben. Denn die <em class="gesperrt">Angst</em> -vor dem Sterben findet sich bei Frauen wie bei Mnnern, -das <em class="gesperrt">Unsterblichkeitsbedrfnis</em> ist auf diese beschrnkt.</p> - -<p>Die von mir versuchte Erklrung des psychologischen -Wunsches nach Unsterblichkeit ist indessen bislang mehr ein -Aufzeigen einer Verbindung, die zwischen ihm und dem Gedchtnisse -besteht, als eine wahrhaft strenge <em class="gesperrt">Ableitung</em> aus -einem hheren Grundsatze. Da hier eine Verwandtschaft -da ist, wird man immer bewahrheitet finden: je mehr ein -Mensch in seiner <em class="gesperrt">Vergangenheit</em> lebt — <em class="gesperrt">nicht</em>, wie man bei -oberflchlichem Hinsehen glauben knnte, in seiner <em class="gesperrt">Zukunft</em> -— desto intensiver wird sein Unsterblichkeitsverlangen sein. -Ebenso kommt bei den Frauen der Mangel an dem Bedrfnis -eines Fortlebens nach dem Tode mit ihrem Mangel an -sonstiger Piett gegen die eigene Person berein. Dennoch -scheint, wie diese Abwesenheit bei der Frau noch nach<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> -einer tieferen Begrndung und Ableitung beider aus <em class="gesperrt">einem</em> -allgemeineren Prinzipe verlangt, so auch beim Manne -das Beisammensein von Gedchtnis und Unsterblichkeitsbedrfnis -auf eine <em class="gesperrt">gemeinsame</em>, noch blozulegende Wurzel -beider hinzuweisen. Denn was bisher geleistet wurde, war -doch nur der Nachweis, da und wie sich das Leben in der -eigenen Vergangenheit und ihre Schtzung mit der Hoffnung -auf ein Jenseits im selben Menschen zusammenfinden. Den -tieferen Grund dieses Zusammenhanges zu erforschen, wurde -noch gar nicht als Aufgabe betrachtet. Nun aber ist auch an -deren Lsung heranzutreten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gehen wir von der Formulierung aus, die wir dem universellen -Gedchtnis des bedeutenden Menschen gaben. Ihm -sei alles, das lngst Entwirklichte wie das eben erst Entschwundene, -<em class="gesperrt">gleich wahr</em>. Hierin liegt, da das einzelne -Erlebnis nicht mit dem Zeitmoment, in dem es gesetzt ist, -so wie dieses Zeitatom selbst verschwindet, untergeht, da -es nicht an den bestimmten Zeitaugenblick <em class="gesperrt">gebunden</em> bleibt, -sondern ihm — eben durch das Gedchtnis — <em class="gesperrt">entwunden</em> -wird. <em class="gesperrt">Das Gedchtnis macht die Erlebnisse zeitlos</em>, es -ist, schon seinem Begriffe nach, <em class="gesperrt">berwindung der Zeit</em>. -An Vergangenes kann sich der Mensch nur darum erinnern, -weil das Gedchtnis es vom <em class="gesperrt">Einflu</em> der Zeit <em class="gesperrt">befreit, die -Geschehnisse, die berall sonst in der Natur <b>Funktionen</b> -der Zeit sind, hier im Geiste <b>ber</b> die Zeit -<b>hinaus</b>gehoben hat</em>.</p> - -<p>Doch hier steigt scheinbar eine Schwierigkeit vor uns auf. -Wie kann das Gedchtnis eine Negation der Zeit in sich -schlieen, da es doch anderseits gewi ist, da wir von der -Zeit nichts wten, wenn wir kein Gedchtnis htten? Sicherlich -wird uns immer und ewig nur durch Erinnerung an Vergangenes -zum Bewutsein gebracht, <em class="gesperrt">da</em> es einen Ablauf der -Zeit <em class="gesperrt">gibt</em>. Wie kann also von dem, was so enge zusammenhngt, -das eine das Gegenteil und die Aufhebung des -anderen bedeuten?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> - -Die Schwierigkeit lst sich leicht. Eben <em class="gesperrt">weil</em> ein beliebiges -Wesen — es braucht nicht der Mensch zu sein — -<em class="gesperrt">wenn</em> es mit Gedchtnis ausgestattet ist, <em class="gesperrt">mit seinen Erlebnissen -nicht einfach in den Zeitverlauf eingeschaltet</em> -ist, darum kann ein solches Wesen dem Zeitverlauf gegenbertreten, -ihn <em class="gesperrt">auffassen</em>, ihn zum Gegenstande der Betrachtung -machen. Wre das einzelne Erlebnis dem brigen Zeitverlauf -anheimgegeben, wrde es ihm verfallen und nicht aus -ihm gerettet werden durch das Gedchtnis, mte es mit der -Zeit sich ndern wie eine abhngige Variable mit ihrer Unabhngigen, -stnde der Mensch mitten im zeitlichen Flu des -Geschehens <em class="gesperrt">darinnen</em>, so knnte dieser ihm nicht <em class="gesperrt">auffallen</em>, -nicht <em class="gesperrt">bewut</em> werden — <em class="gesperrt">Bewutsein setzt Zweiheit voraus</em> -— er knnte nie das Objekt, der Gedanke, die Vorstellung -des Menschen sein. Man mu <em class="gesperrt">irgendwie</em> die Zeit -<em class="gesperrt">berwunden</em> haben, um ber sie <em class="gesperrt">reflektieren</em>, man mu -irgendwie <em class="gesperrt">auerhalb der Zeit stehen</em>, um sie <em class="gesperrt">betrachten</em> -zu knnen. Dies gilt nicht nur von jeder besonderen Zeit — -<em class="gesperrt">in</em> der Leidenschaft selbst kann man <em class="gesperrt">ber</em> die Leidenschaft -nicht nachdenken, man mu erst zeitlich ber sie hinausgekommen -sein — sondern ebenso vom <em class="gesperrt">allgemeinen Begriffe</em> -der Zeit. <em class="gesperrt">Gbe es nicht ein Zeitloses, so gbe es -keine Anschauung der Zeit.</em></p> - -<p>Gedenken wir, um dieses Zeitlose zu erkunden, vorlufig -dessen, <em class="gesperrt">was</em> durch das Gedchtnis der Zeit wirklich entrckt -wird. Als solches hat sich all das ergeben, was fr das Individuum -<em class="gesperrt">von Interesse ist oder eine Bedeutung</em> hat, oder, -wie kurz gesagt werden soll, <em class="gesperrt">alles, was fr das Individuum -einen <b>Wert</b> besitzt</em>. Man erinnert sich nur an solche Dinge, -die fr die Person einen, wenn auch oft lange unbewuten, -<b>Wert</b> gehabt haben: <b>dieser Wert gibt ihnen die Zeitlosigkeit</b>. -<em class="gesperrt">Man vergit alles, was nicht irgendwie, wenn auch -oft unbewut, von der Person <b>gewertet</b> wurde.</em></p> - -<p>Der Wert ist also das Zeitlose; und umgekehrt: ein Ding -hat destomehr Wert, je weniger es Funktion der Zeit ist, je -weniger es mit der Zeit sich ndert. In alles auf der Welt -strahlt sozusagen nur so viel Wert ein, als es zeitlos ist: <b>nur -zeitlose Dinge werden positiv gewertet</b>. <em class="gesperrt">Dies ist</em>, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> -auch, wie ich glaube, noch nicht die tiefste und allgemeinste -Definition des Wertes und keine vllige Erschpfung seines -Wesens, doch <em class="gesperrt">das erste <b>spezielle</b> Gesetz aller Werttheorie</em>.</p> - -<p>Eine eilende Rundsicht wird gengen, um es berall nachzuweisen. -Man ist immer geneigt, die berzeugung desjenigen -gering zu schtzen, der erst vor kurzem zu ihr gelangt ist, -und wird auf die uerungen eines Menschen berhaupt nicht -viel Wert legen, dessen Ansichten noch im Flusse begriffen -sind und sich fortwhrend ndern. Eherne Unwandelbarkeit -hingegen wird stets Respekt einflen, selbst wenn sie in den -unedlen Formen der Rachsucht und des Starrsinns sich offenbart; -ja auch, wenn sie aus leblosen Gegenstnden spricht: -man denke an das aere perennius der Poeten und an die -Quarante sicles der Pyramiden gyptens. Der Ruhm oder -das gute Angedenken, die ein Mensch hinterlt, wrden -durch die Vorstellung sofort <em class="gesperrt">ent</em>wertet, da sie nur kurze Zeit, -und nicht lange, womglich ewig, whren sollten. Ein Mensch -vermag ferner nie positiv zu werten, da er sich immerfort -ndert; gesetzt, er tte dies in irgend welcher Beziehung, und -es wrde ihm nun gesagt, da er jedesmal von einer neuen -Seite sich zeige, so mag er freilich dessen sogar froh und stolz -auf diese Eigenschaft sein knnen, doch ist es natrlich nur -die Konstanz, die Regelmigkeit und Sicherheit dieser -Andersheiten, deren er sich dann freute. Der Lebensmde, -fr den es keinen Wert mehr gibt, hat eben an <em class="gesperrt">keinem -Bestande</em> mehr ein Interesse. Die Furcht vor dem Erlschen -einer Familie und dem Aussterben ihres Namens gehren -ganz hieher.</p> - -<p>Auch jede soziale Wertung, die etwa in Rechtssatzungen -und Vertrgen sichtbar wird, tritt, ob auch Gewohnheit, tgliches -Leben an ihnen Verschiebungen vornehmen mgen, -von Anbeginn mit dem Anspruch auf zeitlose Geltung selbst -dann auf, wenn ihre Rechtskraft ausdrcklich (ihrem Wortlaute -nach) nur bis zu einem bestimmten Termin erstreckt -wird: denn gerade hiemit erscheint die Zeit als Konstante -speziell <em class="gesperrt">gewhlt</em>, und nicht als Variable angesehen, in Abhngigkeit -von welcher die vereinbarten Verhltnisse stetig oder<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> -unstetig sich irgend ndern knnten. Freilich wird auch hier -zum Vorschein kommen, da ein Ding um so hher gewertet -wird, je lnger seine Dauer ist; denn niemand glaubt, wenn -zwischen zwei rechtlichen Kontrahenten ein Pakt auf sehr -kurze Zeit geschlossen wird, da den beiden viel an dem -Vertrage liege; sie selbst, die ihn geschlossen haben, werden -in diesem Falle nicht anders gestimmt sein, und von Anfang -an, trotz allen Akten, sich vorsehen und einander mitrauen.</p> - -<p>In dem aufgestellten Gesetze liegt auch die wahre Erklrung -dafr, da die Menschen <em class="gesperrt">Interessen ber ihren Tod -hinaus</em> haben. Das Bedrfnis nach dem Wert uert sich -in dem allgemeinen Bestreben, die Dinge von der Zeit zu -emanzipieren, und dieser Drang erstreckt sich selbst auf -Verhltnisse, die <em class="gesperrt">mit der Zeit</em> frher oder spter <em class="gesperrt">doch</em> -sich ndern, z. B. auf Reichtum und Besitz, auf alles, was -man irdische Gter zu heien pflegt. Hierin liegt das tiefe -psychologische Motiv des <em class="gesperrt">Testamentes</em>, der Vermachung -einer <em class="gesperrt">Erbschaft</em>. Nicht aus der Frsorge fr die Angehrigen -hat diese Erscheinung ihren Ursprung genommen. Auch der -Mann ohne Familie und ohne Angehrige macht sein Testament, -ja gerade er wird sicher im allgemeinen mit weit -grerem Ernst und tieferer Hingabe zu dieser Handlung -schreiten als der Familienvater, der seine Spuren mit dem -eigenen Tode nicht so gnzlich aus Sein und Denken der -anderen ausgelscht wei. Der groe Politiker und Herrscher, -besonders aber der Despot, der Mann des Staatsstreiches, -dessen Regiment mit seinem Tode endet, sucht diesem Wert -zu verleihen, indem er Zeitloses mit ihm verknpft: durch -ein Gesetzbuch oder eine Biographie des Julius Csar, allerhand -groe geistige Unternehmungen und wissenschaftliche -Kollektivarbeiten, Museen und Sammlungen, Bauten aus hartem -Fels (Saxa loquuntur), am eigentmlichsten durch Schaffung -oder Regulierung eines Kalenders den Moment zu verewigen -strebt. Aber er sucht auch seiner Macht selbst, schon fr seine -Lebzeiten, mglichste Dauer zu verleihen, nicht allein in -wechselseitiger Sicherung durch Vertrge, in Herstellung nie -wieder zu verwischender verwandtschaftlicher Beziehungen vermge -diplomatischer Heiraten: sondern vor allem durch Wegrumung<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> -alles dessen, was den ewigen Bestand seiner Herrschaft -blo durch sein freies Dasein noch je in Frage stellen -knnte. So wird der Politiker zum Eroberer.</p> - -<p>Die psychologischen und philosophischen Untersuchungen -zur Werttheorie haben das Gesetz der Zeitlosigkeit gar nicht -beachtet. Allerdings waren sie zum groen Teile von den -Bedrfnissen der Wirtschaftslehre beeinflut und suchten -selbst auf diese berzugreifen. Doch glaube ich darum nicht, -da das neuentwickelte Gesetz in der politischen konomie -keine Geltung habe, weil es hier viel fter als in der Psychologie -durch Komplikationen verundeutlicht wird. Auch wirtschaftlich -hat alles desto mehr Wert, je dauerhafter es ist. -Wessen Konservierungsfhigkeit sehr eingeschrnkt ist, so -da es etwa nach einer Viertelstunde zu Grunde ginge, wenn -ich es nicht kaufte, das werde ich berall dort, wo nicht -durch feste Preise der moralische <em class="gesperrt">Wert</em> des geschftlichen -Unternehmens ber zeitliche Schwankungen emporgehoben -werden soll, zu spter Stunde, etwa vor Einbruch der Nacht, -um billigeres Geld erhalten. Man denke auch an die vielen -Anstalten zur Bewahrung vor dem Zeiteinflu, zur Erhaltung -des Wertes (Lagerhuser, Depots, Keller, Rchauds, alle -Sammlungen mit Kustoden). Es ist selbst hier ganz unrichtig, -den Wert, wie es von den psychologischen Werttheoretikern -meist geschieht, als dasjenige zu definieren, was geeignet sei, -unsere Bedrfnisse zu befriedigen. Denn auch die Launen -des Menschen gehren zu seinen (momentanen) Bedrfnissen, -und doch gibt es nichts aller Werthaltung mehr Entgegengesetztes -als eben <em class="gesperrt">die Laune</em>. Die Laune <em class="gesperrt">kennt</em> keinen -Wert, sie verlangt nach ihm hchstens, um ihn im nchsten -Augenblicke zu zerbrechen. <em class="gesperrt">So ist das Moment der Dauer -aus dem Wertbegriff nicht zu eliminieren.</em> Selbst die -Erscheinungen, welche man nur mit Hilfe der <em class="gesperrt">Menger</em>schen -Theorie vom Grenznutzen erklren zu knnen vermeint hat, -ordnen sich meiner Auffassung unter (ohne da diese natrlich -im geringsten sich anmat, an sich etwas fr die Nationalkonomie -leisten zu knnen). Da Luft und Wasser keinen -Wert haben, liegt nach ihr nmlich daran, <em class="gesperrt">da nur irgendwie -individualisierte, geformte Dinge</em> positiv gewertet werden<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> -knnen: denn alles Geformte kann formlos gemacht, kann -zerstrt werden, und braucht <em class="gesperrt">als solches</em> nicht zu <em class="gesperrt">dauern</em>. -Ein Berg, ein Wald, eine Ebene ist noch zu formen durch -Umfassung und Begrenzung, und darum selbst im wstesten -Zustande noch Wertobjekt. Die Luft der Atmosphre und -das Wasser auf und ber der Erdoberflche vermchte niemand -in Grenzen zu fassen, sie sind diffus und uneingeschrnkt verbreitet. -Wre ein zauberkrftiger Mann imstande, die atmosphrische -Luft, die den Erdball umgibt, wie jenen Geist aus -dem orientalischen Mrchen auf einen relativ kleinen Raum -der Erde zu komprimieren, oder knnte es jemand gelingen, -die Wassermassen derselben in einem groen Reservoir -unter Verhinderung der Verdunstung einzusperren: -beide htten sofort <em class="gesperrt">Form</em> gewonnen, und wren damit auch -der Wertung unterworfen. Wert wird von einer Sache also -nur dann prdiziert, wo ein, wenn auch noch so entfernter, -Anla zur Besorgnis vorhanden ist, da sie mit der Zeit sich -ndern knne; <em class="gesperrt">denn der Wert wird nur in Relation -zur Zeit gewonnen, im Gegensatze zu ihr aufgestellt</em>. -Wert und Zeit erfordern sich also gegenseitig wie zwei korrelative -Begriffe. Wie tief eine solche Auffassung fhrt, wie -gerade sie konstitutiv sogar fr eine <em class="gesperrt">Weltanschauung</em> -werden kann, dies mchte ich <em class="gesperrt">hier</em> nicht weiter verfolgen. -Es gengt fr den vorgesetzten Zweck, zu wissen, da jeder -Anla, von Wert zu reden, gerade dort wieder entfllt, wo -keine Gefhrdung durch die Zeit mehr mglich ist. Das Chaos -kann, auch wenn es ewig ist, nur negativ gewertet werden. -<em class="gesperrt">Form <b>und</b> Zeitlosigkeit</em> oder <em class="gesperrt">Individuation <b>und</b> Dauer</em> -sind die beiden analytischen Momente, welche den Wert zunchst -schaffen und begrnden.</p> - -<p>So ist denn jenes Fundamentalgesetz der Werttheorie -durchgngig, auf individualpsychologischem und sozialpsychologischem -Gebiete, zur Darstellung gebracht. Und nun kann -in successiver Wiederaufnahme der eigentlichen Untersuchungsgegenstnde -erledigt werden, was noch von frher her, obwohl -besondere Aufgabe dieses Kapitels, rckstndig ist.</p> - -<p>Als erste Folgerung darf aus dem Vorhergehenden -diese gezogen werden, da es ein <em class="gesperrt">Bedrfnis nach Zeitlosigkeit,<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> -einen <b>Willen zum Wert</b></em>, auf allen Gebieten -menschlicher Ttigkeit gibt. Und dieser Wille zum Wert, -der mit dem <em class="gesperrt">Willen zur Macht</em> an Tiefe sich zu messen -keine Scheu tragen mge, geht, wenigstens in der Form des -Willens zur Zeitlosigkeit, dem individuellen Weibe ganz und -gar ab. Die alten Frauen pflegen in den seltensten Fllen -Bestimmungen ber ihre Hinterlassenschaft zu treffen, was -damit zusammenhngt, da die Frauen kein Unsterblichkeitsbedrfnis -besitzen. Denn es liegt ber dem Vermchtnis -eines Menschen die Weihe eines Hheren, Allgemeineren, -und dies ist auch der Grund, warum es von den -anderen Menschen <em class="gesperrt">geachtet</em> wird.</p> - -<p><em class="gesperrt">Das Unsterblichkeitsbedrfnis selbst ist nur ein -besonderer Fall des allgemeinen Gesetzes, da nur -zeitlose Dinge positiv gewertet werden.</em> Hierin liegt -sein Zusammenhang mit dem Gedchtnis begrndet. Die -Remanenz, welche die Erlebnisse eines Menschen bei ihm -haben, ist der Bedeutung proportional, die sie fr ihn gewinnen -knnen. So paradox es klingt: <b>der Wert ist es, -der die Vergangenheit schafft</b>. Nur was positiv gewertet -wurde, nur das bleibt im Schutze des Gedchtnisses -vor dem Zahn der Zeit bewahrt; <em class="gesperrt">und so darf -auch das individuelle psychische Leben als Ganzes, -soll es positiv bewertet werden, nicht Funktion -der Zeit, es mu ber die Zeit erhaben sein durch -eine ber den krperlichen Tod hinausgehende -ewige Dauer</em>. Hiemit sind wir dem innersten Motiv des -Unsterblichkeitsbedrfnisses unvergleichlich nher gerckt. -Die vllige Einbue an Bedeutung, die das individuell erfllte, -lebensvoll gelebte Leben erleidet, wenn es mit dem -Tode fr immer restlos zu Ende sein soll, die <em class="gesperrt">Sinnlosigkeit</em> -des <em class="gesperrt">Ganzen</em> in solchem Falle, dies spricht mit anderen -Worten auch <em class="gesperrt">Goethe</em> zu <em class="gesperrt">Eckermann</em> aus (4. Februar 1829), -fhrt zur Forderung nach Unsterblichkeit.</p> - -<p>Das intensivste Verlangen nach Unsterblichkeit hat das -Genie. Und auch dies fllt zusammen mit allen anderen Tatsachen, -die bisher ber seine Natur aufgedeckt wurden. -<em class="gesperrt">Das Gedchtnis ist vollstndige Besiegung der Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> -nur dann, wenn es, wie im universellen Menschen, in -der universellen Form auftritt. Der Genius ist somit -der eigentlich zeitlose Mensch</em>, wenigstens ist dies und -nichts anderes sein Ideal von sich selbst; er ist, wie gerade -sein sehnschtiges und dringendes Begehren nach Unsterblichkeit -beweist, eben der Mensch mit dem strksten Verlangen -nach Zeitlosigkeit, <em class="gesperrt">mit dem mchtigsten Willen -zum Werte</em>.<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a></p> - -<p>Und nun tut sich vor dem geblendeten Auge eine fast -noch wunderbarere Koinzidenz auf. Die Zeitlosigkeit des Genius -wird nicht allein im Verhltnis zu den einzelnen Augenblicken -seines Lebens kund, sondern auch in seiner Beziehung -zu dem, was man aus der Zeitrechnung als seine Generation -herausgreift und im engeren Sinne seine Zeit nennt. <em class="gesperrt">Zu -dieser hat er nmlich de facto gar keine Beziehungen.</em> -Nicht die Zeit, die ihn braucht, schafft den Genius, -er ist nicht ihr Produkt, nicht aus ihr zu erklren, und man -erweist ihm keine Ehre, ihn mit ihr zu entschuldigen. -<em class="gesperrt">Carlyle</em> hat mit Recht darauf hingewiesen, wie vielen -Epochen nur der bedeutende Mensch not tat, wie dringend -sie seiner bedurften, und wie er doch nicht erschienen ist. -Das Kommen des Genius bleibt ein Mysterium, auf dessen -Ergrndung der Mensch in Ehrfurcht verzichte. Und wie die -<em class="gesperrt">Ursachen</em> seines Auftretens nicht in seiner Zeit gefunden -werden knnen, so bleiben auch, diese bereinstimmung ist -das zweite Rtsel, <em class="gesperrt">dessen <b>Folgen</b> nicht an eine bestimmte -Zeit geknpft. Die Taten des Genius leben ewig, an -ihnen wird durch die Zeit nichts gendert.</em> Durch -seine Werke ist dem bedeutenden Menschen eine Unsterblichkeit -auf Erden beschieden, und so ist er in <em class="gesperrt">dreifacher -Weise zeitlos</em>: seine universale Apperzeption oder -ausnahmslose Wertung aller seiner Erlebnisse enthebt diese -in seinem Gedchtnis der Vernichtung mit dem Augenblick;<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> -aus der Zeit, die seinem Werden vorangeht, ist er nicht -emporgewachsen; und nicht der Zeit, in der er ttig ist, und -auch keiner anderen, frher oder spter ihr folgenden, fllt -anheim, was er geschaffen hat.</p> - -<p>Hier ist nun der glcklichste Ort, die Besprechung -einer Frage einzufgen, die beantwortet werden mu, obwohl sie, -merkwrdig genug, noch kaum von jemand aufgeworfen scheint. -Sie betrifft nichts anderes als, ob das, was Genie genannt zu -werden verdient, auch unter den Tieren (oder Pflanzen) sich -findet. Es besteht nun, auer den bereits entwickelten Kriterien -der Begabung, deren Anwendung auf die Tiere wohl -kaum die Anwesenheit dermaen ausgezeichneter Individuen -unter ihnen ergeben drfte, auch sonst gengende Berechtigung -zu der, spter noch zu begrndenden, Annahme, da es dort nichts -irgendwie hnliches gebe. <em class="gesperrt">Talente</em> drften im Reiche der Tiere -vorhanden sein wie unter den noch-nicht-genialen Menschen. -Aber das, was man vor <em class="gesperrt">Moreau de Tours</em>, <em class="gesperrt">Lombroso</em> -und <em class="gesperrt">Max Nordau</em> immer als den gttlichen Funken betrachtet -hat, das haben wir allen Grund auf die Tiere nicht -auszudehnen. Diese Einschrnkung ist nicht Eifersucht, nicht -ngstliche Wahrung eines Privilegs, sondern sie lt sich mit -guten Grnden verteidigen.</p> - -<p>Denn was wird durch das Erstauftreten des Genies <em class="gesperrt">im -Menschen</em> nicht alles erklrt! Der ganze objektive Geist, -mit anderen Worten, <em class="gesperrt">da der Mensch allein unter allen -Lebewesen eine <b>Geschichte</b> hat</em>!</p> - -<p>Die ganze menschliche Geschichte (darunter ist natrlich -Geistes- und nicht z. B. Kriegsgeschichte zu verstehen), lt -sie sich nicht am ehesten begreifen durch das Auftreten des -Genies, der Anregungen, die von ihm ausgingen, und der -Nachahmung dessen, was das Genie tat, durch mehr <em class="gesperrt">pithekoide</em> -Wesen? Des Hausbaues, des Ackerbaues, vor allem -aber der <em class="gesperrt">Sprache</em>! Jedes Wort ist von <em class="gesperrt">einem</em> Menschen -zuerst geschaffen worden, von einem Menschen, der ber dem -Durchschnitt stand, wie dies auch heute immer noch ausschlielich -geschieht (von den Namen fr neue technische Erfindungen -mu man hiebei freilich absehen). Wie sollte es denn -auch wohl sonst entstanden sein? Die Urworte <em class="gesperrt">waren</em> onomatopoetisch:<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> -in sie kam ohne den Willen des Sprechenden, -durch die bloe Heftigkeit der spezifischen Erregung, ein -dem Erreger hnliches hinein; und alle anderen Worte sind -ursprnglich Tropen, sozusagen Onomatopoesien zweiter Ordnung, -Metaphern, Gleichnisse: alle Prosa ist einmal Poesie -gewesen. <em class="gesperrt">Die meisten Genies sind also unbekannt -geblieben.</em> Man denke nur an die Sprichwrter, selbst an -die heute trivialsten, wie: eine Hand wscht die andere. -Ja, das hat doch vor vielen Jahren <em class="gesperrt">ein</em> geistvoller Mann zum -ersten Male gesagt! Anderseits: wie viele Citate aus klassischen -Autoren, aus den allergelesensten, wie viele <em class="gesperrt">Worte Christi</em> -kommen uns nicht heute vollkommen unpersnlich-sprichwrtlich -vor, wie oft mssen wir uns erst darauf besinnen, da -wir in diesem Falle den Urheber kennen! Man sollte darum -nicht von der Weisheit der Sprache, von den Vorzgen -und den glcklichen Ausdrcken des Franzsischen reden. -Ebensowenig wie das Volkslied ist die Sprache von einer -Menge geschaffen worden. Mit jenen Redensarten sind wir -gegen so viele <em class="gesperrt">einzelne</em> undankbar, um ein Volk berreich zu -beschenken. Der Genius selbst, der sprachschpferisch war, -gehrt vermge seiner Universalitt nicht blo der Nation an, -aus der er stammt und in deren Sprache er sein Wesen ausgedrckt -hat. Die Nation orientiert sich an ihren Genien und -bildet nach ihnen ihren Idealbegriff von sich selbst, der -darum nicht der Leitstern der Hervorragenden selber, wohl -aber jener aller anderen sein kann. Aus verwandten Grnden -aber wre auch mehr Vorsicht geboten, wenn, wie so oft, -Psychologie der Sprache und Vlkerpsychologie ohne kritische -Voruntersuchung als zusammengehrig behandelt werden. Weil -die Sprache von einzelnen groen Mnnern geschaffen ist, -darum liegt in ihr wirklich so viel erstaunliche Weisheit verborgen; -wenn ein so inbrnstig tiefer Denker wie <em class="gesperrt">Jakob -Bhme</em> Etymologie treibt, so will dies doch etwas mehr -sagen, als so mancher Geschichtsschreiber der Philosophie -begreifen zu knnen scheint. Von <em class="gesperrt">Baco</em> bis Fritz <em class="gesperrt">Mauthner</em> -sind alle <em class="gesperrt">Flach</em>kpfe <em class="gesperrt">Sprachkritiker</em> gewesen.<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> -Der Genius ist es hingegen, der die Sprache nicht -kritisiert, sondern hervorgebracht hat und immer neu hervorbringt, -wie auch all die anderen Geisteswerke, die im engeren -Sinne den Grundstock der Kultur, den objektiven Geist bilden, -soweit dieser wirklich <em class="gesperrt">Geist</em> ist. So sehen wir, <em class="gesperrt">da der zeitlose -Mensch jener ist, der die Geschichte schafft: -Geschichte kann nur von Wesen geschaffen werden, -die auerhalb ihrer Kausalverkettung stehen.</em> -Denn nur sie treten in jenes unauflsliche Verhltnis zum -absolut Zeit<em class="gesperrt">losen</em>, zum Werte, das ihren Produktionen einen -ewigen Gehalt gibt. Und was aus allem Geschehenen in -die Kultur eingeht, geht in sie ein unter dem Gesichtspunkte -des ewigen Wertes.</p> - -<p>Legen wir jenen Mastab der dreifachen Zeitlosigkeit an -den Genius an, so werden wir am sichersten auch bei der -nun nicht mehr allzu schwierigen Entscheidung geleitet -werden, wem das Prdikat des Genies zuzusprechen ist, und -wem es aberkannt werden mu. <em class="gesperrt">Zwischen</em> der populren -Meinung, die beispielsweise <em class="gesperrt">Trck</em> und <em class="gesperrt">Lombroso</em> vertreten, -welche den Begriff des Genies bei jeder ber den -Durchschnitt strker hinausragenden intellektuellen oder werklichen -Leistung anzuwenden bereit ist, und der Exklusivitt -jener Lehren <em class="gesperrt">Kant</em>ens und <em class="gesperrt">Schelling</em>s, welche einzig im -schaffenden Knstler das Walten des Genius erblicken wollen, -liegt, obwohl in der Mitte, doch zweifelsohne diesmal das -Richtige. <em class="gesperrt">Der Titel des Genius ist nur den groen Knstlern -und den groen Philosophen</em> (zu denen ich hier auch die -seltensten Genien, die groen <em class="gesperrt">Religionsstifter</em> zhle<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>) <em class="gesperrt">zu -vindizieren</em>. Weder der groe Mann der Tat noch der -groe Mann der Wissenschaft haben auf ihn Anspruch.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Mnner der Tat</em>, die berhmten Politiker und -Feldherren, mgen wohl einzelne Zge haben, die an das -Genie erinnern (z. B. eine vorzgliche Menschenkenntnis, ein -enormes Personengedchtnis); auf <em class="gesperrt">ihre</em> Psychologie kommt -diese Untersuchung noch einmal zu sprechen; aber mit dem -Genius kann sie nur verwechseln, wer schon durch den<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> -ueren Aspekt von Gre allein vllig zu blenden ist. -Das Genie ist in mehr als einem Sinne ausgezeichnet gerade -durch den <em class="gesperrt">Verzicht</em> auf alle Gre <em class="gesperrt">nach auen</em>, <em class="gesperrt">durch -reine innere Gre</em>. Der wahrhaft bedeutende Mensch -hat den strksten Sinn fr die <em class="gesperrt">Werte</em>, der Feldherr-Politiker -ein fast ausschlieliches Fassungsvermgen fr die <em class="gesperrt">Mchte</em>. -Jener sucht allenfalls die Macht an den Wert, dieser hchstens -den Wert an die Macht zu knpfen und zu binden (man erinnere -sich an das oben von den Unternehmungen der Imperatoren -Gesagte). Der groe Feldherr, der groe Politiker, -sie steigen aus dem Chaos der <em class="gesperrt">Verhltnisse</em> empor wie -der Vogel Phnix, um zu verschwinden wie dieser. Der groe -Imperator oder groe Demagog ist der einzige Mann, der ganz -in der Gegenwart lebt; er trumt nicht von einer schneren, -besseren Zukunft, er sinnt keiner entflossenen Vergangenheit -nach; er knpft sein Dasein an den Moment, und sucht nicht -auf eine jener beiden Arten, die dem Menschen mglich sind, -<em class="gesperrt">die Zeit zu berspringen</em>. Der echte <em class="gesperrt">Genius</em> aber macht -sich in seinem Schaffen nicht abhngig von den konkret-zeitlichen -Bedingungen seines Lebens, die fr den Feldherr-Politiker -stets das Ding-an-sich bleiben, das, was ihm zuletzt -Richtung gibt. So wird der groe Imperator <em class="gesperrt">zu einem -Phnomen der Natur</em>, der groe Denker und Knstler -steht auerhalb ihrer, er ist eine Verkrperung des Geistes. -Die Werke des Tatmenschen gehen denn auch meist mit -seinem Tode, oft schon frher, und nie sehr viel spter, spurlos -zu Grunde, nur die Chronik der Zeit meldet von dem, -was da geformt wurde, nur um wieder zerstrt zu werden. -Der Imperator schafft keine Werke, an denen die zeitlosen, -ewigen <em class="gesperrt">Werte</em> in ungeheuerer Sichtbarkeit fr alle Jahrtausende -zum Ausdruck kommen; denn dies sind die Taten des Genius. -<b>Dieser</b>, nicht der andere, <b>schafft</b> die Geschichte, weil er nicht -<em class="gesperrt">in sie</em> gebannt ist, sondern <em class="gesperrt">auerhalb ihrer</em> steht. <em class="gesperrt">Der bedeutende -Mensch hat eine Geschichte, den Imperator -hat die Geschichte.</em> Der bedeutende Mensch zeugt die Zeit, -der Imperator wird <em class="gesperrt">von</em> ihr gezeugt und — gettet.</p> - -<p>Ebensowenig wie der groe Willensmensch besitzt der groe -<em class="gesperrt">Wissenschaftler</em>, wenn er nicht zugleich groer Philosoph<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> -ist, ein Recht auf den Namen des Genius, heie er sonst -<em class="gesperrt">Newton</em> oder <em class="gesperrt">Gau</em>, <em class="gesperrt">Linn</em> oder <em class="gesperrt">Darwin</em>, <em class="gesperrt">Kopernikus</em> -oder <em class="gesperrt">Galilei</em>. Die Mnner der Wissenschaft sind nicht universell, -denn es gibt Wissenschaft nur vom Fache, allenfalls -von Fchern. Das liegt keineswegs, wie man glaubt, an -der fortschreitenden Spezialisierung, die es unmglich mache, -alles zu beherrschen: es gibt unter den Gelehrten auch im -XIX. und XX. Jahrhundert noch manch ebenso staunenerregende -Polyhistorie, wie sie <em class="gesperrt">Aristoteles</em>, oder wie sie -<em class="gesperrt">Leibniz</em> besa; ich erinnere an <em class="gesperrt">Alexander v. Humboldt</em>, -an <em class="gesperrt">Wilhelm Wundt</em>. Jener Mangel liegt vielmehr im Wesen -aller Wissenschaft und Wissenschaftler tief begrndet. Das -8. Kapitel erst wird die letzte Differenz, die hier besteht, -aufzudecken versuchen. Indes ist man vielleicht bereits hier -zu dem Zugestndnis geneigt, auch der hervorragendste -Mann der Wissenschaft sei keine so allumfassende Natur wie -selbst jene Philosophen es waren, die an der uersten Grenze -dessen stehen, wo die Bezeichnung genial noch statthat (ich -denke an <em class="gesperrt">Schleiermacher</em>, <em class="gesperrt">Carlyle</em>, <em class="gesperrt">Nietzsche</em>). Welcher -bloe Wissenschaftler fhlte in sich ein unmittelbares Verstndnis -<em class="gesperrt">aller</em> Menschen, <em class="gesperrt">aller</em> Dinge, oder auch nur die -Mglichkeit, ein solches in sich und aus sich selbst heraus -je zu verwirklichen? Ja, welchen anderen Sinn htte denn -die wissenschaftliche Arbeit der Jahrtausende, als diese unmittelbare -Einsicht zu <em class="gesperrt">ersetzen</em>? Dies ist der Grund, warum -alle Wissenschaftler <em class="gesperrt">notwendig</em> immer Fachmnner sind. -Es kennt auch nie ein Wissenschaftler, der nicht Philosoph -ist, selbst wenn er noch so Hervorragendes leistete, jenes -kontinuierliche, nichtsvergessende Leben, das den Genius -auszeichnet: eben wegen seines Mangels an Universalitt.</p> - -<p>Schlielich sind die Forschungen des Wissenschaftlers -immer in den Stand der Kenntnisse seiner Zeit gebannt, -er bernimmt einen Fonds von Erfahrungen in bestimmter -Menge und Gestalt, vermehrt und verndert ihn um ein -Geringes oder Greres, und gibt ihn weiter. Aber auch von -<em class="gesperrt">seinen</em> Leistungen wird vieles weggenommen, vieles mu -hinzugefgt werden, sie dauern als Bcher fort in den Bibliotheken, -aber nicht als ewige, der Korrektur auch nur in<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> -<em class="gesperrt">einem</em> Punkte entrckte Schpfungen. Aus den berhmten -Philosophien dagegen spricht wie aus den groen Kunstwerken -ein Unverrckbares, Unverlierbares, eine <em class="gesperrt">Weltanschauung</em> -zu uns, an welcher der Fortschritt der Zeiten -nichts ndert, die je nach der Individualitt ihres Schpfers, -welche in ihr sichtbar zum Ausdruck gelangte, <em class="gesperrt">immer</em> ihm -verwandte Menschen findet, die ihr anhangen. Es gibt <em class="gesperrt">Platoniker</em> -und <em class="gesperrt">Aristoteliker</em>, <em class="gesperrt">Spinozisten</em> und <em class="gesperrt">Berkeleyaner</em>, -<em class="gesperrt">Thomisten</em> und Anhnger <em class="gesperrt">Brunos</em> noch heute, -aber es gibt keinen <em class="gesperrt">Galileianer</em> und keine <em class="gesperrt">Helmholtzianer</em>, -nirgends <em class="gesperrt">Ptolemer</em>, nirgends <em class="gesperrt">Kopernikaner</em>. -Es ist darum ein Unfug und verdirbt den Sinn des Wortes, -wenn man von Klassikern der exakten Wissenschaften -oder Klassikern der Pdagogik ebenso spricht, wie man -mit gutem Recht von klassischen Philosophen und klassischen -Knstlern redet.</p> - -<p>Der groe Philosoph also trgt den Namen des Genius -mit Verdienst und Ehre; und wenn es auch des Philosophen -grter Schmerz in Ewigkeit bleibt, da er nicht Knstler -ist — denn aus keinem anderen Grunde wird er sthetiker — so -neidet doch nicht minder der Knstler dem Philosophen -die zhe und wehrhafte Kraft des abstrakten systematischen -Denkens — nicht umsonst werden Prometheus und -Faust, Prospero und Cyprian, der Apostel Paulus und der -Penseroso ihm Problem. Darum, ducht mir, sind beide -einander gleich zu achten, und hat keiner vor dem anderen -allzuviel voraus.</p> - -<p>Freilich heit es auch in der Philosophie mit dem Begriffe -der Genialitt nicht so verschwenderisch umzugehen, als -dies gewhnlich zu geschehen pflegt; sonst wrde meine Darstellung -mit Recht den Vorwurf der Parteilichkeit gegen die -positive Wissenschaft auf sich laden, einer Parteilichkeit, -die mir selbstverstndlich fern liegt, da ich einen solchen -Angriff ja zunchst als gegen mich selbst und einen groen -Teil dieser Arbeit gekehrt empfinden mte. <em class="gesperrt">Anaxagoras</em>, -<em class="gesperrt">Geulincx</em>, <em class="gesperrt">Baader</em>, <em class="gesperrt">Emerson</em> als geniale Menschen zu -bezeichnen, geht nicht an. Weder unoriginelle Tiefe -(<em class="gesperrt">Angelus Silesius</em>, <em class="gesperrt">Philo</em>, <em class="gesperrt">Jacobi</em>) noch originelle Flachheit<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> -(<em class="gesperrt">Comte</em>, <em class="gesperrt">Feuerbach</em>, <em class="gesperrt">Hume</em>, <em class="gesperrt">Mill</em>, <em class="gesperrt">Herbart</em>, <em class="gesperrt">Locke</em>, -<em class="gesperrt">Karneades</em>) sollte auf die Anwendung des Begriffes ein -Recht erwirken knnen. Die Geschichte der Kunst ist heute -in gleicher Weise wie die der Philosophie voll der verkehrtesten -Wertungen; ganz anders die Geschichte der ihre -eigenen Ergebnisse fortwhrend berichtigenden und nach dem -<em class="gesperrt">Umfang</em> dieser <em class="gesperrt">Verbesserungen</em> wertenden Wissenschaft. -Die Geschichte der Wissenschaft verzichtet auf die Biographie -ihrer wackersten Kmpfer; ihr Ziel ist ein System berindividueller -Erfahrung, aus dem der einzelne verschwunden -ist. In der Hingabe an die Wissenschaft liegt darum die -<em class="gesperrt">grte</em> Entsagung: denn durch sie verzichtet der einzelne -Mensch als solcher auf <em class="gesperrt">Ewigkeit</em>.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span><a name="VI_Kapitel" id="VI_Kapitel"><small>VI. Kapitel.</small></a><br /> - -Gedchtnis, Logik, Ethik.</h2> - - -<p>Die berschrift, welche ich diesem Kapitel voranstelle, ist -sofort und mit Leichtigkeit einem schweren Miverstndnis -ausgesetzt. Es knnte nach ihr scheinen, als huldige der -Autor der Ansicht, die logischen und ethischen Wertungen -seien Objekte ausschlielich der empirischen Psychologie, -psychische Phnomene ganz so wie die Empfindung und das -Gefhl, Logik und Ethik also spezielle Disziplinen, Unterabteilungen -der Psychologie und aus ihr, in ihr zu begrnden.</p> - -<p>Ich bekenne gleich und vollstndig, da ich diese Anschauung, -den Psychologismus, fr gnzlich falsch und -verderblich halte; falsch, weil das Unternehmen nie gelingen -kann, wovon wir uns noch berzeugen werden; verderblich, -weil es nicht einmal so sehr die hiedurch kaum berhrte -Logik und Ethik als die Psychologie zu Grunde richtet. Der -Ausschlu der Logik und Ethik von der <em class="gesperrt">Begrndung</em> der -Psychologie und ihr Verweis in einen Appendix der letzteren -ist das Korrelat zu dem berwuchern der Empfindungslehre, -und hat mit dieser zusamt all das auf dem Gewissen, was -sich heute als empirische Psychologie prsentiert: jenen -Haufen toter Gebeine, denen kein Feinsinn und kein Flei -mehr Leben einhaucht, in denen vor allem die wirkliche <em class="gesperrt">Erfahrung</em> -nicht wiederzuerkennen ist. Was also die unglcklichen -Versuche betrifft, Logik und Ethik auf den Stufenbau -einer, gleichgltig mit welchem Mrtel, zusammensetzenden -Psychologie, als das zarte, jngste Kind des Seelenlebens, zu -setzen, so trage ich wenigstens kein Bedenken, gegen -<em class="gesperrt">Brentano</em> und seine Schule (<em class="gesperrt">Stumpf</em>, <em class="gesperrt">Meinong</em>, <em class="gesperrt">Hfler</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> -<em class="gesperrt">Ehrenfels</em>), gegen Th. <em class="gesperrt">Lipps</em> und G. <em class="gesperrt">Heymans</em>, gegen die -ebenfalls dahin zu zhlenden Meinungen von <em class="gesperrt">Mach</em> und <em class="gesperrt">Avenarius</em>, -hier mich prinzipiell jener anderen Richtung anzuschlieen, -deren Positionen heute von <em class="gesperrt">Windelband</em>, <em class="gesperrt">Cohen</em>, -<em class="gesperrt">Natorp</em>, F. J. <em class="gesperrt">Schmidt</em>, besonders aber von <em class="gesperrt">Husserl</em> verteidigt -werden (der selbst frher Psychologist war, seither aber -zu der festesten berzeugung von der Unhaltbarkeit dieses -Standpunktes gelangt ist), jener Richtung, welche gegen die -psychologisch-genetische Methode <em class="gesperrt">Humes</em> den transcendental-kritischen -Gedanken <em class="gesperrt">Kant</em>ens geltend macht und hochzuhalten -wei.</p> - -<p>Da aber die vorliegende Arbeit keine ist, welche mit -den allgemeinen, berindividuell gltigen Normen des Handelns -und Denkens und den Bedingungen des Erkennens -sich beschftigte, da sie vielmehr, ihrem Ausgangspunkt wie -ihrem Ziele nach, eben <em class="gesperrt">Unterschiede</em> zwischen Menschen -festzustellen trachtet, und nicht fr beliebige Wesen (selbst fr -die lieben Engelein im Himmel) gltig zu sein beansprucht, -wie die Philosophie <em class="gesperrt">Kant</em>ens ihren Grundgedanken nach, -so durfte und mute sie bisher psychologisch (nicht psycho<em class="gesperrt">logistisch</em>) -sein, und wird es weiter bleiben, ohne an den -Stellen, wo sich die Notwendigkeit herausstellen sollte, zu verabsumen, -selbst eine formale Betrachtung zu wagen, oder wenigstens -darauf hinzuweisen, da da oder dort das alleinige Recht -der logischen, kritischen, transcendentalen Methode zustehe.</p> - -<p>Der Titel dieses Kapitels rechtfertigt sich anders. Die -langwierige, weil gnzlich neu zu fhrende Untersuchung des -vorigen hat gezeigt, da das menschliche Gedchtnis zu -Dingen in intimer Beziehung steht, mit denen man es einer -Verwandtschaft bisher nicht fr wrdig gehalten zu haben -scheint. Zeit, Wert, Genie, Unsterblichkeit — all dies vermochte -sie mit dem Gedchtnis in einem merkwrdigen Zusammenhange -zu zeigen, dessen Existenz man offenbar noch -gar nicht vermutet hat. Dieses fast vllige Fehlen aller Hinweise -mu einen tieferen Grund haben. Er liegt, so scheint -es, in den Unzulnglichkeiten und Schlampereien, welche die -Theorien des Gedchtnisses immer wieder sich haben zu -Schulden kommen lassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> - -Hier lenkt zunchst die schon in der Mitte des -XVIII. Jahrhunderts von Charles <em class="gesperrt">Bonnet</em> begrndete, im -letzten Drittel des XIX. Jahrhunderts besonders durch -Ewald <em class="gesperrt">Hering</em> (und E. <em class="gesperrt">Mach</em>) in Schwung gekommene -Lehre den Blick auf sich, welche im Gedchtnis des Menschen -nichts weiter sieht als die allgemeine Funktion der organisierten -Materie, auf neue Reize, die vorangegangenen -Reizen mehr oder weniger gleichen, anders, leichter und -schneller zu reagieren als auf erstmalige Irritation. Diese -Theorie glaubt also die menschlichen Gedchtnisphnomene -durch die sonstige Erfahrung der bungsfhigkeit lebender -Wesen schon erschpft, fr sie ist das Gedchtnis eine -Anpassungserscheinung nach <em class="gesperrt">Lamarck</em>schem Muster. Gewi, -es besteht ein Gemeinsames zwischen dem menschlichen -Gedchtnis und jenen Tatsachen, z. B. gesteigerter Reflexerregbarkeit -bei gehufter Wiederholung der Erregungen; das -identische Element liegt in dem Fortwirken des ersten Eindruckes -ber den Moment hinaus, und das 12. Kapitel wird -auf den tiefsten Grund dieser Verwandtschaft noch einmal -zurckkommen. Es ist aber daneben doch ein abgrundtiefer -Unterschied zwischen der Strkung eines Muskels durch Gewhnung -an wiederholte Kontraktion, zwischen der Anpassung -des Arsenikessers oder des Morphinisten an immer grere Quantitten -des Giftes hier, und der Erinnerung des Menschen an -seine frheren Erlebnisse dort. Auf der einen Seite ist die -Spur des Alten nur im Neuen verfolgbar, auf der anderen -treten frher erlebte Situationen wieder, ganz als die <em class="gesperrt">alten</em>, -hervor in das Bewutsein, so wie sie selbst waren, mit aller -Individuation ausgestattet, nicht zu bloer Nachwirkung auf -den neuen Moment durch ein Residuum nutzbar gemacht. Die -Identifikation beider Phnomene wre so ungereimt, da auf eine -weitere Besprechung dieser allgemein-biologischen Ansicht -verzichtet werden kann.</p> - -<p>Mit der physiologischen Hypothese hngt die Associationslehre -als Theorie des Gedchtnisses <em class="gesperrt">historisch</em> durch -<em class="gesperrt">Hartley</em> und <em class="gesperrt">sachlich</em> durch den <em class="gesperrt">Begriff der Gewhnung</em> -zusammen. Sie leitet <em class="gesperrt">alles</em> Gedchtnis aus dem mechanischen -Spiel der Vorstellungsverknpfungen nach ein bis vier<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> -Gesetzen ab. Dabei <em class="gesperrt">bersieht sie, da das Gedchtnis (das -kontinuierliche des Mannes) im Grunde eine Willenserscheinung -ist</em>. Ich kann mich auf etwas besinnen, wenn -ich es wirklich <em class="gesperrt">will</em>, entgegen beispielsweise meiner Schlafsucht, -wenn ich nur wahrhaft entschlossen bin, diese zu -unterdrcken. <em class="gesperrt">In der Hypnose, durch welche Erinnerung -an alles Vergessene erzielt werden kann, tritt der -Wille des Fremden an die Stelle des allzu schwachen -eigenen</em> und liefert so wieder den Beweis, da es der <em class="gesperrt">Wille</em> -ist, <em class="gesperrt">welcher die zweckmigen Associationen aufsucht, -da alle Association durch die tiefere Apperzeption -herbeigefhrt wird</em>. Hier mute einem spteren Abschnitt -vorgegriffen werden, welcher das Verhltnis zwischen Associations- -und Apperzeptionspsychologie klarzustellen und -die Berechtigung beider abzuwgen suchen wird.</p> - -<p>Mit der Associationspsychologie, welche das psychische -Leben zuerst zerspaltet, und whnt, im Tanze der einander -die Hnde reichenden Bruchstcke es dann noch zusammenleimen -zu knnen, hngt wiederum enge jene dritte Konfusion -zusammen, die, ungeachtet des von <em class="gesperrt">Avenarius</em> und besonders -von <em class="gesperrt">Hffding</em> ungefhr zur gleichen Zeit mit so viel Recht -erhobenen Einspruches, noch immer das <em class="gesperrt">Gedchtnis</em> mit -dem <em class="gesperrt">Wiedererkennen</em> zusammenwirft. Das Wiedererkennen -eines Gegenstandes braucht durchaus nicht auf der gesonderten -Reproduktion des frheren Eindruckes zu beruhen, -wenn auch in einem Teile der Flle im neuen Eindrucke die -Tendenz zu liegen scheint, auf der Stelle den lteren wachzurufen. -Aber es gibt <em class="gesperrt">daneben</em> ein mindestens ebenso hufig -vorkommendes <em class="gesperrt">unmittelbares</em> Wiedererkennen, in welchem -nicht die neue Empfindung <em class="gesperrt">von sich selbst wegfhrt</em> -und wie mit einem Streben verknpft erscheint, sondern wo -das Gesehene, Gehrte etc. nur mit einer spezifischen -<em class="gesperrt">Frbung</em> (tinge wrde <em class="gesperrt">James</em> sagen) auftritt, mit jenem -Charakter, den <em class="gesperrt">Avenarius</em> das Notal, <em class="gesperrt">Hffding</em> die -Bekanntheitsqualitt nennt. Wer in die Heimat zurckkehrt, -dem scheinen Weg und Steg bekannt, auch wenn er nichts -mehr zu benennen und sich gar nicht leicht zurechtzufinden -wei, und keines besonderen Tages gerade gedenkt, an dem<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> -er hier gegangen; eine Melodie kann mir bekannt vorkommen, -ohne da ich wei, wann und wo ich sie gehrt -habe. Der Charakter (im <em class="gesperrt">Avenarius</em>schen Sinne) der -<em class="gesperrt">Bekanntheit</em>, der <em class="gesperrt">Vertrautheit</em> etc. schwebt hier sozusagen -ber dem Sinneseindruck selbst, die Analyse wei -nichts von Associationen, deren Verschmelzung mit meiner -neuen Empfindung, nach der Behauptung einer anmaenden -Pseudo-Psychologie, jenes unmittelbare Gefhl erst <em class="gesperrt">erzeugen</em> -soll, und sie vermag diese Flle sehr gut von -jenen anderen zu unterscheiden, wo schon leise und kaum -merklich (in Henidenform) das ltere Erlebnis wirklich associiert -wird.</p> - -<p>Auch individualpsychologisch ist diese Distinktion eine -Notwendigkeit. Im hochstehenden Menschen ist das Bewutsein -einer nicht interrupten Vergangenheit fortwhrend so -lebendig, da er, etwa beim Wiedererblicken eines Bekannten -auf der Gasse, sofort die letzte Begegnung -als selbstndiges Erlebnis reproduziert, whrend im weniger -Begabten das einfache Bekanntheitsgefhl, das ihm ein -Wiedererkennen ermglicht, oft auch dann <em class="gesperrt">allein</em> auftritt, -wenn er jenes Zusammensein, sogar in seinen Einzelheiten, -noch recht gut sich zu vergegenwrtigen vermchte.</p> - -<p>Stellen wir nun noch, zum Abschlusse dessen, die Frage, -ob die anderen Organismen auer dem Menschen ebenfalls -jene, von allem hnlichen wohl zu unterscheidende Fhigkeit -besitzen, frhere Augenblicke ihres Lebens wieder <em class="gesperrt">in ihrer -Gnze aufleben zu lassen</em>, so ist diese Frage mit der -grten Wahrscheinlichkeit im verneinenden Sinne zu beantworten. -Die Tiere knnten nicht, wie sie es tun, stundenlang -regungslos und ruhig auf einem Flecke verharren, wenn sie an -ihr vergangenes Leben zurckdchten oder eine Zukunft in Gedanken -vorausnhmen. Die Tiere haben Bekanntheitsqualitten -und Erwartungsgefhle (der die Heimkehr des Herrn nach -zwanzig Jahren begrende Hund; die Schweine vor dem -Tore des Metzgers, die zur Belegung gefhrte rossige Stute), -aber sie besitzen keine Erinnerung und keine Hoffnung. <em class="gesperrt">Sie -vermgen wiederzuerkennen</em> (mit Hilfe des Notals), -<em class="gesperrt">aber sie haben kein Gedchtnis</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> - -Ist so das Gedchtnis als eine besondere, mit niederen -Gebieten psychischen Lebens nicht zu verwechselnde Eigenschaft -dargetan, scheint es zudem ausschlielicher Besitz des -Menschen zu sein, so wird es nicht mehr wundernehmen, -da es mit jenen hheren Dingen, wie dem Wert- und Zeitbegriff, -dem keinem Tiere eignenden Unsterblichkeitsbedrfnisse, -der nur dem Menschen mglichen Genialitt, in -einem Zusammenhange steht. Und wenn es einen einheitlichen -Begriff vom Menschen gibt, ein tiefstes <em class="gesperrt">Wesen</em> der Menschheit, -das in allen besonderen Qualitten des Menschen zum -Ausdrucke kommt, so wird man es geradezu <em class="gesperrt">erwarten</em> -mssen, da auch die logischen und ethischen Phnomene, -die den anderen Lebewesen allem Anscheine nach ebenso -abgehen wie das Gedchtnis, mit diesem irgendwo sich berhren -werden. Diese Beziehung heit es nun aufsuchen.</p> - -<p>Es kann zu dem Behufe von der wohlbekannten Tatsache -ausgegangen werden, da <em class="gesperrt">Lgner</em> ein schlechtes Gedchtnis -haben. Vom pathologischen <em class="gesperrt">Lgner</em> steht es fest, da er -nahezu berhaupt kein Gedchtnis hat. Auf den mnnlichen -Lgner komme ich im folgenden noch einmal zu sprechen; -er bildet nicht die Regel unter den Mnnern. Fat man -hingegen ins Auge, was frher ber das Gedchtnis der Frauen -gesagt wurde, so wird man es neben die angefhrte Erscheinung -der mangelnden Erinnerungsgabe verlogener Mnner -stellen drfen, wenn so viele Sprichwrter und Erzhlungen, -wenn Dichtung und Volksmund vor der Lgenhaftigkeit des -Weibes warnen. Es ist klar: einem jeden Wesen, dessen Gedchtnis -ein so minimales wre, da, was es gesagt, getan, -erlitten hat, spter nur im drftigsten Grade von Bewutheit -ihm noch gegenwrtig bliebe, einem jeden solchen Wesen -mu, wenn ihm die Gabe der Sprache verliehen ist, die Lge -leicht fallen, und dem Impulse zu ihr wird, wenn es auf die -Erreichung praktischer Zwecke ankommt, von einem so beschaffenen -Individuum, dem nicht der wahre Vorgang mit -voller Intensitt vorschwebt, schwer widerstanden werden -knnen. Und noch strker mu sich diese Versuchung geltend -machen, wenn das Gedchtnis dieses Wesens nicht von jener -kontinuierlichen Art ist, die nur der Mann kennt, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> -wenn das Wesen, wie W, sozusagen nur in Augenblicken, -diskret, diskontinuierlich, zusammenhanglos lebt, in den zeitlichen -Ereignissen <em class="gesperrt">aufgeht</em>, statt <em class="gesperrt">ber</em> ihnen zu <em class="gesperrt">stehen</em>, -oder den Zeitablauf wenigstens zum <em class="gesperrt">Problem</em> zu erheben; -wenn es nicht, wie M, alle seine Erlebnisse auf einen einheitlichen -<em class="gesperrt">Trger</em> derselben bezieht, sie von <em class="gesperrt">diesem auf sich -nehmen lt</em>, wenn ein <em class="gesperrt">Zentrum der Apperzeption -fehlt</em>, dem alle Vergangenheit stets in einheitlicher Weise -zugezhlt wird, <em class="gesperrt">wenn das Wesen sich nicht</em> als <em class="gesperrt">eines -und selbes in allen seinen Lebenslagen fhlt und -wei</em>. Es kommt zwar wohl auch bei jedem Manne vor, da -er sich einmal nicht versteht, ja bei sehr vielen Mnnern ist -es, wenn sie an ihre Vergangenheit zurckdenken, ohne da -dies mit den Phnomenen der psychischen Periodizitt in -Verbindung gebracht werden drfte<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>, die Regel, da sie die -Substitution ihrer gegenwrtigen Persnlichkeit fr den Trger -jener lteren Erlebnisse nicht leicht auszufhren vermgen, -da sie nicht begreifen, wie sie dies oder jenes damals denken -oder tun konnten; <em class="gesperrt">und doch wissen und fhlen sie sehr -wohl, da sie es trotzdem gedacht und getan haben, -und zweifeln nicht im mindesten daran</em>. Dieses Gefhl -der Identitt in allen Lebenslagen fehlt dem echten Weibe -vllig, da sein Gedchtnis, selbst wenn es — das kommt -in einzelnen Fllen vor — auffallend gut ist, <em class="gesperrt">stets alle -Kontinuitt vermissen lt</em>. Das Einheitsbewutsein des -Mannes, der sich in seiner Vergangenheit oft nicht versteht, -uert sich in dem <em class="gesperrt">Bedrfnisse sich zu verstehen</em>, und -diesem Bedrfnis <em class="gesperrt">immaniert die <b>Voraussetzung</b></em>, da er stets -<em class="gesperrt">ein und derselbe</em> trotz seines Sichjetztnichtverstehens gewesen -ist; die Frauen verstehen sich, wenn sie an ihr -frheres Leben zurckdenken, <em class="gesperrt">nie, haben aber auch kein -Bedrfnis sich zu verstehen</em>, wie man schon aus dem -geringen Interesse entnehmen kann, das sie den Worten des -Mannes entgegenbringen, der ihnen etwas ber sie selbst sagt. -<em class="gesperrt">Die Frau interessiert sich nicht fr sich</em> — darum gibt -es keine weibliche Psychologin und keine Psychologie des<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> -Weibes von einem Weibe — und ganz unfabar wre ihr -das krampfhafte, echt mnnliche Bemhen, die eigene Vergangenheit -als eine <em class="gesperrt">logische</em> Folge von <em class="gesperrt">kontinuierlichem</em>, -lckenlos kausal geordnetem, nicht sprunghaftem Geschehen zu -interpretieren, Anfang, Mitte, Ende des individuellen Lebens -zueinander in Beziehung zu bringen.</p> - -<p>Von hier aus aber ist auch die Brcke zur Logik durch -einen Grenzbergang zu schlagen mglich. Ein Wesen, das, -wie W, das absolute Weib, sich nicht in den aufeinanderfolgenden -Zeitpunkten als identisch wte, htte auch keine -Evidenz der Identitt seines Denkobjektes zu verschiedenen -Zeiten; da, wenn beide Teile, der Vernderung unterworfen -sind, sozusagen das absolute Koordinatensystem fehlt, auf das -Vernderung bezogen, mit Hilfe dessen Vernderung einzig -bemerkt werden knnte. Ja ein Wesen, dessen Gedchtnis nicht -einmal so weit reichte, um ihm die psychologische Mglichkeit -zu gestatten, das Urteil zu fllen, ein Gegenstand oder ein -Ding sei trotz des Zeitablaufes mit sich selbst identisch geblieben, -um es also z. B. zu befhigen, irgend eine mathematische -Gre in einer lngeren Rechnung als dieselbe zu verwenden, -einzusetzen und festzuhalten; <em class="gesperrt">ein solches Wesen wrde im -extremen Falle auch nicht imstande sein, vermge -seines Gedchtnisses die unendlich klein gesetzte Zeit -zu berwinden, welche (psychologisch) jedenfalls -erforderlich ist, um von A zu sagen, da es im -nchsten Momente doch noch A sei, um das Urteil -der Identitt A = A zu fllen, oder den Satz des -Widerspruches auszusprechen, der voraussetzt, da -ein A nicht sofort dem Denkenden entschwinde; -denn sonst knnte es das A vom non-A, das nicht A ist, -und das es wegen der Enge des Bewutseins nicht -gleichzeitig ins Auge zu fassen vermag, nicht wirklich -unterscheiden</em>.</p> - -<p>Das ist kein bloer Scherz des Gedankens, kein -neckisches Sophisma der Mathematik, keine verblffende -Konklusion aus durchgeschmuggelten Prmissen. Zwar bezieht -sich sicherlich — es mu das, um mglichen Einwnden zu -begegnen, der folgenden Untersuchung vorweggenommen<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> -werden — das Urteil der Identitt immer auf <em class="gesperrt">Begriffe</em>, nie -auf Empfindungen oder Komplexe von solchen, und die Begriffe -sind als logische Begriffe zeitlos, sie behalten ihre Konstanz, -ob ich sie als psychologisches Subjekt konstant denke -oder nicht. Aber der Mensch denkt den Begriff eben nie rein -als logischen Begriff, <em class="gesperrt">weil er kein rein logisches, sondern -auch ein psychologisches</em>, von den Bedingungen der Sinnlichkeit -affiziertes <em class="gesperrt">Wesen ist</em>, er kann an seiner Statt -immer nur eine, aus seinen individuellen Erfahrungen durch -wechselseitige Auslschung der Differenzen und Verstrkung -des Gleichartigen hervorgewachsene Allgemeinvorstellung -(eine typische, konnotative, reprsentative Vorstellung) -denken, <em class="gesperrt">die aber das abstrakte Moment der Begrifflichkeit -erhalten und wunderbarer Weise in diesem Sinne -verwertet werden kann</em>. Er mu also auch die Mglichkeit -haben, die Vorstellung, in welcher er den de facto <em class="gesperrt">unanschaulichen</em> -Begriff <em class="gesperrt">anschaulich</em> denkt, zu bewahren, -zu konservieren; diese Mglichkeit hinwiederum wird ihm nur -durch das Gedchtnis gewhrleistet. Fehlte ihm also das -Gedchtnis, so wre fr ihn auch die Mglichkeit dahin, -logisch zu denken, jene Mglichkeit, die sich sozusagen immer -nur an einem <em class="gesperrt">psychologischen</em> Medium <em class="gesperrt">inkarniert</em>.</p> - -<p>Also ist der Beweis streng gefhrt, da mit dem Gedchtnis -auch die Fhigkeit erlischt, die logischen Funktionen -auszuben. Die Stze der Logik werden hiedurch nicht -tangiert, nur die Kraft, sie anzuwenden, ist dargetan als an jene -Bedingung gebunden. Der Satz A = A nun hat <em class="gesperrt">psychologisch</em> -stets eine Beziehung zur <em class="gesperrt">Zeit</em>, insoferne er nur im <em class="gesperrt">Gegensatze</em> -zur Zeit <em class="gesperrt">ausgesprochen</em> werden kann: A<sub>t_{1</sub>} = A<sub>t_{2</sub>}. -<em class="gesperrt">Logisch</em> wohnt ihm diese Beziehung freilich nicht inne; -wir werden aber noch darber Aufschlu erhalten, warum er -rein logisch <em class="gesperrt">als <b>besonderes</b> Urteil keinen <b>speziellen</b> Sinn</em> -hat und dieser <em class="gesperrt">psychologischen</em> Folie so sehr bedarf. -Psychologisch ist demnach das Urteil nur in <em class="gesperrt">Relation zur Zeit</em> -vollziehbar, als deren eigentliche <em class="gesperrt">Negation</em> es sich darstellt.</p> - -<p>Ich habe aber frher das stetige Gedchtnis als die berwindung -der Zeit, und eben damit als die psychologische <em class="gesperrt">Bedingung</em> -der Zeit<em class="gesperrt">auffassung</em> erwiesen. <em class="gesperrt">So prsentiert<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> -sich denn die Tatsache des kontinuierlichen Gedchtnisses -als der <b>psychologische</b> Ausdruck des <b>logischen</b> -Satzes der Identitt.</em><a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> Dem absoluten Weibe, dem jenes -fehlt, kann auch dieser Satz nicht Axiom seines Denkens sein. -<b>Fr das absolute Weib gibt es kein Principium identitatis -(und contradictionis und exclusi tertii).</b></p> - -<p>Aber nicht nur diese drei Prinzipien; auch das vierte -der logischen Denkgesetze, <em class="gesperrt">der Satz vom Grunde</em>, der von -jedem Urteil eine Begrndung verlangt, die es fr alle -Denkenden notwendig mache, hngt mit dem Gedchtnis -aufs innigste zusammen.</p> - -<p>Der Satz vom zureichenden Grunde ist der Nerv, das -Prinzip des Syllogismus. Die Prmissen eines Schlusses sind -aber psychologisch immer frhere, der Konklusion zeitlich vorhergehende -<em class="gesperrt">Urteile</em>, die vom Denkenden ebenso festgehalten -werden mssen, wie die <em class="gesperrt">Begriffe</em> durch die Stze von der -Identitt und vom Widerspruch gleichsam <em class="gesperrt">geschtzt</em> werden. -Die Grnde eines Menschen sind immer in seiner Vergangenheit -zu suchen. Darum hngt die Kontinuitt, welche das -Denken des Menschen als Maxime gnzlich beherrscht, mit -der Kausalitt so enge zusammen. Jedes <em class="gesperrt">psychologische</em> In-Kraft-Treten -des Satzes vom Grunde setzt demzufolge kontinuierliches, -alle Identitten wahrendes <em class="gesperrt">Gedchtnis</em> voraus. -Da W dieses Gedchtnis so wenig als Kontinuitt sonst irgend -kennt, <em class="gesperrt">so gibt es fr sie auch kein Principium rationis -sufficientis</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Es ist also richtig, da das Weib keine Logik -besitzt.</em></p> - -<p>Georg <em class="gesperrt">Simmel</em> hat diese alte Erkenntnis als unhaltbar -bezeichnet, weil die Frauen oft mit uerster, strengster Konsequenz -Folgerungen zu ziehen wten. Da die Frau in -einem <em class="gesperrt">konkreten</em> Falle, wo es ihr <em class="gesperrt">zur Erreichung irgend -eines Zweckes</em> pat und dringend notwendig scheint, unerbittlich -folgert, ist so wenig ein Beweis dafr, da sie ein Verhltnis -zum Satz vom Grunde hat, wie es ein Beweis fr ein -Verhltnis zum Satz der Identitt ist, da sie so oft hartnckig<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> -ein und dasselbe behauptet, und immer wieder auf ihr erstes, -lngst widerlegtes, Wort zurckkommt. <em class="gesperrt">Die Frage ist, -ob jemand die logischen Axiome als Kriterien der -Gltigkeit seines Denkens, als Richter ber das, was -er sagt, anerkennt oder nicht, ob er sie zur steten -Richtschnur und Norm seines Urteils macht.</em> Eine Frau -nun sieht nie ein, <em class="gesperrt">da man alles auch begrnden msse</em>; -da sie keine Kontinuitt hat, empfindet sie auch kein Bedrfnis -nach der logischen Sttzung alles Gedachten: <em class="gesperrt">daher -die Leichtglubigkeit <b>aller</b> Weiber</em>. Also im Einzelfall -mgen sie konsequent sein, aber dann ist die Logik nicht -Mastab, sondern Werkzeug, nicht Richter, sondern meistens -Henker. Dagegen wird eine Frau durchaus, wenn sie eine Ansicht -uerte, und der Mann so dumm wre, dies berhaupt ernst zu -nehmen und einen Beweis von ihr verlangte, ein solches Ansinnen -als unbequem und lstig, als gegen ihre Natur gerichtet -empfinden. <em class="gesperrt">Der Mann fhlt sich vor sich selbst beschmt, -er fhlt sich schuldig, wenn er einen Gedanken, -habe er ihn nun geuert oder nicht, zu begrnden -unterlassen hat</em>, weil er die Verpflichtung dazu fhlt, die -logische Norm einzuhalten, die er ein fr allemal ber sich -gesetzt hat. Die Frau erbittert die Zumutung, ihr Denken -von der Logik <em class="gesperrt">ausnahmslos</em> abhngig zu machen. <em class="gesperrt">Ihr -mangelt das intellektuelle Gewissen.</em> Man knnte bei ihr -von <em class="gesperrt">logical</em> insanity sprechen.</p> - -<p>Der hufigste Fehler, den man an der weiblichen Rede -entdecken wrde, wollte man sie wirklich auf ihre Logizitt -prfen (was jeder Mann gewhnlich unterlt und schon damit -seine Verachtung der weiblichen Logik kundgibt), wre -die quaternio terminorum, jene Verschiebung, die eben aus -der Unfhigkeit des Festhaltens <em class="gesperrt">bestimmter</em> Vorstellungen, -aus dem Mangel eines Verhltnisses zum Satze der Identitt, -hervorgeht. Die Frau erkennt nicht von selbst, da sie an -diesen Satz sich halten msse, er ist ihr nicht oberstes Kriterium -ihrer Urteile. Der Mann fhlt sich zur Logik verpflichtet, -die Frau nicht; nur darauf aber kommt es an, nur jenes -Gefhl der Schuldigkeit kann eine Brgschaft dafr bieten, -da von einem Menschen immer und ewig logisch zu denken<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> -gestrebt werde. Es ist vielleicht der tiefste Gedanke, welchen -<em class="gesperrt">Descartes</em> je geuert hat, und wohl darum so wenig verstanden -und meist als schreckliche Irrlehre hingestellt: <em class="gesperrt">da -aller Irrtum eine Schuld ist</em>.</p> - -<p>Aber Quell alles Irrtums ist im Leben auch immer ein -Mangel an Gedchtnis. So hngen Logik wie Ethik, die sich -eben in der Wahrheitsforderung berhren und im hchsten -Werte der Wahrheit zusammentreffen, wieder beide auch mit -dem Gedchtnis zusammen. Und es dmmert uns auch bereits -die Erkenntnis auf, da <em class="gesperrt">Platon</em> so Unrecht nicht hatte, wenn er -die Einsicht mit der Erinnerung in Zusammenhang brachte. -Das Gedchtnis ist zwar kein logischer und ethischer <em class="gesperrt">Akt</em>, -aber zumindest ein logisches und ethisches <em class="gesperrt">Phnomen</em>. -Ein Mensch z. B., der eine wahrhaft tiefe Empfindung gehabt -hat, empfindet es als sein Unrecht, wenn er, sei's auch -durch ueren Anla gentigt, eine halbe Stunde darauf -schon an etwas ganz anderes denkt. Der Mann kommt sich -gewissenlos und unmoralisch vor, wenn er bemerkt, da er an -irgend einen Punkt seines Lebens lngere Zeit hindurch -nicht gedacht hat. Das Gedchtnis ist ferner schon deshalb -moralisch, weil es allein die <em class="gesperrt">Reue</em> ermglicht. <em class="gesperrt">Alles -Vergessen hingegen ist an sich unmoralisch.</em> Darum -ist <em class="gesperrt">Piett</em> eben auch <em class="gesperrt">sittliche</em> Vorschrift: es ist <b>Pflicht</b>, -<b>nichts</b> zu vergessen; und nur insofern hat man der Verstorbenen -besonders zu gedenken. Darum auch sucht der -Mann, aus logischen und ethischen Motiven in gleichem Mae, -in seine Vergangenheit Logik zu bringen, alle Punkte in ihr -zur Einheit zu ordnen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wie mit einem Schlage ist hier an den -tiefen Zusammenhang von Logik und Ethik gerhrt, -den Sokrates und Plato geahnt haben, -Kant und Fichte neu entdecken muten, auf da er -spter wieder vernachlssigt wrde und den Lebenden -ganz in Verlust geriete.</em></p> - -<p>Ein Wesen, das nicht begreift oder nicht anerkennt, -da A und non-A einander ausschlieen, wird durch nichts -mehr gehindert zu lgen; vielmehr, es gibt fr ein solches -Wesen gar keinen <em class="gesperrt">Begriff</em> der Lge, weil ihr Gegenteil,<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> -die Wahrheit, als das Ma ihm abgeht; ein solches Wesen -kann, wenn ihm dennoch Sprache verliehen ist, <em class="gesperrt">lgen, ohne -es zu wissen</em>, ja ohne die Mglichkeit, zu erkennen, da es -lgt, da es des Kriteriums der Wahrheit entbehrt. Veritas -norma sui et falsi est. Es gibt nichts Erschtternderes fr -einen Mann, als wenn er, einem Weibe auf eine Lge gekommen, -sie fragt: Was lgst Du? und dann gewahren -mu, <em class="gesperrt">wie sie diese Frage gar nicht versteht</em> und, ohne -zu begreifen, ihn angafft, oder lchelnd <em class="gesperrt">ihn</em> zu beruhigen -sucht — oder gar in Trnen ausbricht.</p> - -<p>Denn mit dem Gedchtnis allein ist die Sache nicht -erledigt. Es ist auch unter den Mnnern die Lge genug -verbreitet. Und es kann gelogen werden trotz der <em class="gesperrt">Erinnerung</em> -an den tatschlichen Sachverhalt, an dessen Stelle zu irgend -welchem Zwecke ein anderer gesetzt wird. Ja, nur von einem -solchen Menschen, der, trotz seinem besseren Wissen und -Bewutsein, den Tatbestand flscht, kann eigentlich <em class="gesperrt">mit -Recht</em> gesagt werden, da er lge. Und es mu ein Verhltnis -zur Idee der Wahrheit als des hchsten Wertes der -Logik wie der Ethik <em class="gesperrt">da sein</em>, damit von einer Unterdrckung -dieses Wertes zugunsten fremder Motive die Rede sein -knne. Wo dieses fehlt, kann man nicht von <em class="gesperrt">Irrtum</em> und -<em class="gesperrt">Lge</em>, sondern hchstens von <em class="gesperrt">Verirrtheit</em> und <em class="gesperrt">Verlogenheit</em> -sprechen; nicht von <em class="gesperrt"><b>anti</b>moralischem</em>, sondern nur -von <em class="gesperrt"><b>a</b>moralischem</em> Sein. <em class="gesperrt">Das Weib also ist <b>a</b>moralisch.</em></p> - -<p>Jenes absolute Unverstndnis fr den <em class="gesperrt">Wert der -Wahrheit an sich</em> mu demnach tiefer liegen. Aus dem -kontinuierlichen Gedchtnis ist, da der Mann ebenfalls, ja -eigentlich <em class="gesperrt">nur <b>er</b> lgt</em>, die Wahrheits<em class="gesperrt">forderung</em>, das Wahrheits<em class="gesperrt">bedrfnis</em>, -das eigentliche ethisch-logische Grundphnomen, -nicht <em class="gesperrt">abzuleiten</em>, sondern es steht damit nur in -engem <em class="gesperrt">Zusammenhange</em>.</p> - -<p>Das, was einem Menschen, einem Manne ein aufrichtiges -Verhltnis zur Idee der Wahrheit ermglicht, und was -ihn deshalb einzig an der Lge zu hindern imstande ist, das -kann nur etwas von aller Zeit Unabhngiges, durchaus Unvernderliches -sein, welches die alte Tat im neuen Augenblick -ganz ebenso als wirklich <em class="gesperrt">setzt</em> wie im frheren, weil<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> -es <em class="gesperrt">es selbst</em> geblieben ist, an der Tatsache, da <em class="gesperrt">es</em> die -Handlung so vollzogen hat, nichts ndern lt und nicht -rtteln will; es kann nur dasselbe sein, auf das alle diskreten -Erlebnisse bezogen werden, und das so ein kontinuierliches -Dasein erst schafft; es ist eben dasselbe, das zum Gefhl der -<em class="gesperrt">Verantwortlichkeit</em> fr die eigenen Taten drngt und den -Menschen alle Handlungen, die jngsten wie die ltesten, -<em class="gesperrt">verantworten</em> zu knnen trachten lt, das zum Phnomen -der <em class="gesperrt">Reue</em>, zum <em class="gesperrt">Schuldbewutsein</em> fhrt, das heit zur -<em class="gesperrt">Zurechnung vergangener Dinge an ein ewig Selbes -und darum auch Gegenwrtiges</em>, zu einer Zurechnung, die -in viel grerer Feinheit und Weite geschieht, als durch -das ffentliche Urteil und die Normen der Gesellschaft je -erreicht werden knnte, einer Zurechnung, die von allem -Sozialen gnzlich unabhngig das Individuum an sich selbst -vollzieht; weshalb alle Moralpsychologie, welche die Moral -auf das soziale Zusammenleben der Menschen begrnden und -ihren Ursprung auf dieses zurckfhren will, in Grund und -Boden falsch und verlogen ist. Die Gesellschaft kennt den -Begriff des <em class="gesperrt">Verbrechens</em>, aber nicht den der <em class="gesperrt">Snde</em>, sie -zwingt zur <em class="gesperrt">Strafe</em>, ohne <em class="gesperrt">Reue</em> erreichen zu wollen; die Lge -wird vom Strafgesetz nur in ihrer, <em class="gesperrt">ffentlichen Schaden</em> -zufgenden, feierlichen Form des Meineides geahndet, und -der Irrtum ist noch nie unter die Vergehungen gegen das -geschriebene Gesetz gestellt worden. Die Sozialethik, die da -frchtet, der Nebenmensch komme bei jedem ethischen Individualismus -zu kurz, und <em class="gesperrt">darum</em> von Pflichten des Individuums -gegen die Gesellschaft und gegen die 1500 Millionen -lebender Menschen faselt, <em class="gesperrt">erweitert</em> also nicht, wie sie -glaubt, das Gebiet der Moral, sondern <em class="gesperrt">beschrnkt</em> es in -unzulssiger und verwerflicher Weise.</p> - -<p>Was ist nun jenes ber Zeit und Vernderung Erhabene, -jenes Zentrum der Apperzeption?</p> - -<p>Es kann nichts Mindereres sein, als was den Menschen -ber sich selbst (als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn -an eine Ordnung der Dinge knpft, die nur der Verstand denken -kann, und die zugleich die ganze Sinnenwelt ..... unter sich -hat. Es ist nichts anderes als die <em class="gesperrt">Persnlichkeit</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> - -Auf ein von allem empirischen Bewutsein verschiedenes -<em class="gesperrt">intelligibles <b>Ich</b></em> hat das erhabenste Buch der Welt, die -Kritik der praktischen Vernunft, der diese Worte entnommen -sind, die Moral als auf ihren Gesetzgeber zurckgefhrt.</p> - -<p>Hiemit steht die Untersuchung beim Problem des Subjektes, -und dieses bildet ihren nchsten Gegenstand.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span><a name="VII_Kapitel" id="VII_Kapitel"><small>VII. Kapitel.</small></a><br /> - -Logik, Ethik und das Ich.</h2> - - -<p>Bekanntlich hat David <em class="gesperrt">Hume</em> den Ich-Begriff einer -Kritik unterzogen, die in ihm nur ein Bndel verschiedener, -in fortwhrendem Flusse und Bewegung befindlicher -Perzeptionen entdeckte. So sehr auch <em class="gesperrt">Hume</em> das Ich hiedurch -kompromittiert fand, er trgt seine Anschauung relativ -bescheiden vor, und salviert sich dem Wortlaute nach tadellos. -Von einigen Metaphysikern nmlich, erklrt er, msse -man absehen, die sich eines anderen Ichs zu erfreuen meinten; -er selbst sei ganz gewi, keines zu haben, und glaube annehmen -zu drfen, da es auch von den brigen Menschen (von -jenen paar Kuzen natrlich werde er sich wohl hten, zu -reden) gelte, da sie nichts seien als Bndel. So drckt -sich der Weltmann aus. Im nchsten Kapitel wird sich -zeigen, wie seine Ironie auf ihn selbst zurckfllt. Da sie -so berhmt wurde, liegt an der allgemeinen berschtzung -Humes, an der <em class="gesperrt">Kant</em> die Schuld trgt. Hume war ein ausgezeichneter -empirischer Psychologe, aber er ist keineswegs ein -Genie zu nennen, wie das meistens geschieht; es gehrt -zwar nicht eben viel dazu, der grte englische Philosoph zu -sein, aber Hume hat auch auf diese Bezeichnung nicht den -ersten Anspruch. Und wenn Kant (trotz den Paralogismen) -den <em class="gesperrt">Spinozismus</em> a limine deswegen zurckgewiesen hat, weil -nach diesem die Menschen nicht Substanzen, sondern bloe -Accidenzen sind, und ihn mit jener seiner ungereimten -Grundidee schon fr erledigt ansah — so mchte ich wenigstens -nicht dafr einstehen, ob er sein Lob des Englnders -nicht betrchtlich gedmpft htte, wre ihm auch der -Treatise desselben bekannt gewesen und nicht blo der<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> -sptere Inquiry, in welchen, wie man wei, Hume seine -Kritik des Ichs nicht aufgenommen hat.</p> - -<p><em class="gesperrt">Lichtenberg</em>, der nach Hume gegen das Ich zu -Felde zog, war schon khner als dieser. Er ist der Philosoph -der Unpersnlichkeit und korrigiert nchtern das <em class="gesperrt">sprachliche</em> -Ich denke durch ein sachliches es denkt; so ist -ihm das Ich eigentlich eine Erfindung der <em class="gesperrt">Grammatiker</em>. -Hierin war ihm brigens Hume doch insofern vorangegangen, -als auch er am Schlusse seiner Auseinandersetzungen allen -Hader um die Identitt der Person fr einen bloen Wortstreit -erklrt hatte.</p> - -<p>In jngster Zeit hat E. <em class="gesperrt">Mach</em> das Weltall als eine zusammenhngende -Masse aufgefat und die Ichs als Punkte, -in denen die zusammenhngende Masse strkere Konsistenz -habe. Das einzig Reale seien die Empfindungen, die im einen -Individuum untereinander stark, mit jenen eines anderen aber, -welches man <em class="gesperrt">darum</em> vom ersten unterscheide, schwcher -zusammenhingen. Der Inhalt sei die Hauptsache und bleibe -stets auch in anderen erhalten bis auf die wertlosen (!) -persnlichen Erinnerungen. Das Ich sei keine reale, nur eine -praktische Einheit, <em class="gesperrt">unrettbar</em>, darum knne man auf individuelle -Unsterblichkeit (gerne) verzichten; doch sei es nichts -Tadelnswertes, hie und da, besonders zu Zwecken des <em class="gesperrt">Darwin</em>schen -Kampfes ums Dasein, sich so zu benehmen, als ob man -ein Ich bese.</p> - -<p>Es ist wunderlich, wie ein Forscher, der nicht nur als -Historiker seiner Spezialwissenschaft und Kritiker ihrer Begriffe -so Ungewhnliches geleistet hat wie <em class="gesperrt">Mach</em>, sondern auch in -biologischen Dingen beraus kenntnisreich ist und auf die -Lehre von diesen vielfach, direkt und indirekt, anregend gewirkt -hat, gar nicht auf die Tatsache Rcksicht nimmt, da -alle organischen Wesen zunchst <em class="gesperrt">unteilbar</em>, also doch irgendwie -Atome, Monaden sind (vgl. Teil I, Kap. 3, <a href="#Seite_48">S. 48</a>). Das ist ja -doch der erste Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebtem, -da jenes <em class="gesperrt">immer</em> differenziert ist zu ungleichartigen, -aufeinander angewiesenen Teilen, whrend selbst der geformte -Kristall durchaus gleichgeartet ist. Darum sollte man doch, -wenigstens als Eventualitt, die Mglichkeit in Betracht<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> -ziehen, ob nicht allein aus der Individuation, der Tatsache, -da die organischen Wesen im allgemeinen nicht zusammenhngen -wie die siamesischen Zwillinge, auch etwas fr das -Psychische sich ergibt, <em class="gesperrt">mehr</em> Psychisches zu erwarten ist als -das <em class="gesperrt">Mach</em>sche Ich, dieser bloe <em class="gesperrt">Wartesaal</em> fr Empfindungen.</p> - -<p>Es ist zu glauben, da solch ein psychisches Korrelat -schon bei den Tieren existiert. Alles, was ein Tier fhlt und empfindet, -hat wohl bei jedem Individuum eine verschiedene -Note oder Frbung, die nicht nur die seiner Klasse, Gattung -und Art, seiner Rasse und Familie eigentmliche ist, sondern in -jedem einzelnen Wesen sich von der in jedem anderen unterscheidet. -Das Idioplasma ist das physiologische quivalent zu -dieser <em class="gesperrt">Spezifitt</em> aller Empfindungen und Gefhle jedes besonderen -Tieres, und es sind analoge Grnde wie die Grnde -der Idioplasmatheorie (vgl. Teil I, Kap. 2, <a href="#Seite_20">S. 20</a> und Teil II, -Kap. 1, <a href="#Seite_102">S. 102</a> f.), welche die Vermutung nahe legen, da es einen -<em class="gesperrt">empirischen Charakter</em> auch bei den Tieren gibt. Der -Jger, der mit Hunden, der Zchter, der mit Pferden, der -Wrter, der mit Affen zu tun hat, wird die Singularitt -nicht nur, sondern auch die Konstanz im Verhalten jedes -einzelnen Tieres besttigen. Also jedenfalls ist schon hier ein -ber das bloe Rendezvous der Elemente Hinausgehendes -ungemein <em class="gesperrt">wahrscheinlich</em>.</p> - -<p>Wenn nun auch dieses psychische Korrelat zum Idioplasma -existiert, wenn sicherlich selbst die Tiere eine Eigenart -haben, so hat diese doch immer noch mit dem -intelligiblen Charakter nichts zu tun, den wir bei keinem -lebenden Wesen vorauszusetzen einen Grund haben, als beim -Menschen. Es verhlt sich der intelligible Charakter des -Menschen, die <em class="gesperrt">Individualitt</em>, zum empirischen Charakter, -der bloen <em class="gesperrt">Individuation</em>, wie das Gedchtnis zum einfachen -unmittelbaren Wiedererkennen. Die Grnde aber, -aus denen beim Menschen die Existenz eines solchen noumenalen, -transempirischen Subjektes erschlossen werden darf, -mssen nun in Krze dargelegt werden. Sie ergeben sich -aus der Logik und der Ethik.</p> - -<p>In der Logik handelt es sich um die wahre Bedeutung -des Prinzipes der Identitt (und des Widerspruches; die vielen<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> -Kontroversen ber deren Vorrang vor einander und die -richtigste Form ihres Ausdruckes kommen hier wenig in Betracht). -<em class="gesperrt">Der Satz A = A ist unmittelbar gewi und evident.</em> -Er ist zugleich das Urma der Wahrheit fr alle anderen -Stze; wenn ihm irgendwo einer widersprche, so oft in -einem speziellen Urteil der Prdikatsbegriff von einem Subjekte -etwas aussagte, das dem Begriffe desselben widersprche, -wrden wir es fr falsch halten; und als Gesetz -unseres Richtspruches wrde sich uns, wenn wir nachsinnen, -zuletzt dieser Satz ergeben. Er ist das Prinzip von wahr und -falsch; und wer ihn fr eine Tautologie erachtet, die nichts -besage und unser Denken nicht frdere, wie dies so oft -geschehen ist, von <em class="gesperrt">Hegel</em> und spter von fast allen <em class="gesperrt">Empiristen</em> -— es ist dies nicht der einzige Berhrungspunkt zwischen -den scheinbar so unvershnlichen Gegenstzen — der hat -ganz recht, aber die Natur des Satzes schlecht verstanden. -A = A, das <em class="gesperrt">Prinzip aller</em> Wahrheit, kann nicht selbst eine -<em class="gesperrt">spezielle</em> Wahrheit sein. Wer den Satz der Identitt oder -des Widerspruches inhaltsleer findet, hat es sich selbst zuzuschreiben. -Er glaubte in ihnen besondere Gedanken zu finden, -was er hoffte, war eine Bereicherung seines Fonds an positiven -Kenntnissen. Aber jene Stze sind nicht selbst Erkenntnisse, -besondere Denkakte, sondern das <em class="gesperrt">Ma, das an alle Denkakte -angelegt wird. Dieses kann nicht selbst ein -Denkakt sein, der mit den anderen sich irgend vergleichen -liee. Die Norm des Denkens kann nicht im -Denken selbst gelegen sein.</em> Der Satz von der Identitt -fgt unserem Wissen nichts hinzu, er vermehrt nicht einen -Reichtum, den er vielmehr gnzlich erst <em class="gesperrt">begrndet</em>. <em class="gesperrt">Der -Satz von der Identitt ist entweder nichts, oder er -ist alles.</em></p> - -<p>Worauf bezieht sich der Satz der Identitt und der Satz -des Widerspruches? Man meint gewhnlich: auf Urteile. -<em class="gesperrt">Sigwart</em> z. B., der gar den letzteren nur so formuliert: -Die beiden Urteile, A ist B, und A ist nicht B, knnen -nicht zugleich wahr sein, behauptet, das Urteil: Ein ungelehrter -Mensch ist gelehrt involviere deshalb einen Widerspruch, -weil das Prdikat gelehrt einem Subjekte zugesprochen<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> -wird, von welchem durch das Urteil, das implicite in seiner -Bezeichnung mit dem Subjektsworte ‚ungelehrter Mensch’ liegt, -behauptet war, es sei nicht gelehrt; es lt sich also zurckfhren -auf die zwei Urteile X ist gelehrt und X ist nicht gelehrt -etc. Der Psychologismus dieser Beweisfhrung springt -ins Auge. Sie rekurriert auf ein <em class="gesperrt">zeitlich</em> der Bildung des -Begriffes von einem ungelehrten Menschen vorhergehendes -Urteil. Der obige Satz aber, A ist nicht non-A, beansprucht -Gltigkeit, ganz einerlei, ob es berhaupt andere Urteile gibt, -gegeben hat oder geben wird. Er bezieht sich auf den -<em class="gesperrt">Begriff</em> des ungelehrten Menschen. Diesen Begriff <em class="gesperrt">sichert</em> -er durch Ausschlieung aller ihm widersprechenden Merkmale.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hierin</em> liegt die wahre Funktion der Stze vom Widerspruch -und von der Identitt. <em class="gesperrt">Sie sind konstitutiv fr -die Begrifflichkeit.</em></p> - -<p>Freilich geht diese Funktion blo auf den logischen -Begriff, nicht auf das, was man den psychologischen Begriff -genannt hat. Zwar ist der Begriff <em class="gesperrt">psychologisch</em> stets durch -eine anschauliche Allgemeinvorstellung vertreten; dieser Vorstellung -immaniert jedoch in einer gewissen Weise das Moment -der Begrifflichkeit. Die psychologisch den Begriff reprsentierende -Allgemeinvorstellung, an der sich das begriffliche -Denken beim Menschen vollzieht, ist nicht dasselbe wie der -Begriff. Sie kann z. B. reicher sein (im Falle ich ein Triangel -denke); oder sie kann auch rmer sein (im Begriffe des Lwen -ist mehr enthalten, als in meiner Anschauung desselben, whrend -es beim Dreieck umgekehrt ergeht). Der logische Begriff ist -die Richtschnur, welcher die Aufmerksamkeit folgt, wenn -sie aus der einen Begriff beim Individuum reprsentierenden -<em class="gesperrt">Vorstellung</em> nur gewisse Momente, <em class="gesperrt">eben die durch den -Begriff angezeigten</em>, heraushebt er ist das Ziel und der -Wunsch des psychologischen Begriffes, der Polarstern, zu -dem die Aufmerksamkeit emporblickt, wenn sie sein konkretes -Surrogat erzeugt: <em class="gesperrt">er ist das Gesetz ihrer Wahl</em>.</p> - -<p>Gewi gibt es kein Denken, das nur rein logisch und -nicht psychologisch vor sich ginge: <em class="gesperrt">denn das wre ja <b>das</b> -Wunder</em>. Rein logisch denkt ihrem Begriffe nach die Gottheit, -der Mensch mu immer zugleich psychologisch denken,<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> -da er nicht nur Vernunft, sondern auch Sinnlichkeit besitzt, -und sein Denken wohl auf logische, d. h. zeitlose Ergebnisse -abzweckt, aber psychologisch <em class="gesperrt">in</em> der Zeit vor sich geht. Die -Logizitt ist aber der erhabene Mastab, der an die psychologischen -Denkakte des Individuums von ihm selbst wie von anderen -angelegt wird. Wenn zwei Menschen ber etwas diskutieren, -so sprechen sie vom Begriffe, nicht von den bei jedem verschiedenen -individuellen Vorstellungen, die ihn hier und dort -vertreten: <em class="gesperrt">der Begriff ist so ein Wert, an dem die Individualvorstellung -gemessen wird</em>. Wie <em class="gesperrt">psychologisch</em> -die Allgemeinvorstellung entsteht, hat darum mit -der Natur des Begriffes <em class="gesperrt">gar nichts</em> zu tun, und ist fr diese -von keinerlei Bedeutung. Den Charakter der Logizitt, der -dem Begriff seine <em class="gesperrt">Wrde</em> und seine <em class="gesperrt">Strenge</em> verleiht, hat -er nicht aus der Erfahrung, welche stets nur schwankende Gestalten -zeigt, und hchstens vage Gesamtvorstellungen erzeugen -knnte. <em class="gesperrt">Absolute Konstanz</em> und <em class="gesperrt">absolute Eindeutigkeit</em>, -die nicht aus der Erfahrung entstammen <em class="gesperrt">knnen</em>, sind das -Wesen der <em class="gesperrt">Begrifflichkeit</em>, jener verborgenen Kunst in den -Tiefen der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der -Natur schwerlich jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen -legen werden, wie die Kritik der reinen Vernunft sich -ausdrckt. Jene absolute Konstanz und Eindeutigkeit bezieht -sich nicht auf metaphysische Entitten: die Dinge sind nicht -so weit real, als sie am Begriffe Anteil haben, sondern ihre -Qualitten sind logisch nur so weit ihre Qualitten, als sie im -Inhalte des Begriffes liegen. <em class="gesperrt">Der Begriff ist die Norm -der Essenz, nicht der Existenz.</em></p> - -<p>Da ich von einem kreisfrmigen Dinge aussagen knne, -es sei gekrmmt, hiezu liegt meine logische Berechtigung -im Begriffe des Kreises, welcher die Krmmung als Merkmal -enthlt. Den Begriff aber als die Essenz selbst, als das Wesen -zu definieren, ist schlecht: Wesen ist hier entweder ein psychologisches -Abgehobensein oder ein metaphysisches Ding. Und -den Begriff mit seiner Definition gleichzusetzen, verbietet -die Natur der Definition, die stets nur auf den Inhalt, nicht -auf den Umfang des Begriffes sich bezieht, d. h. nur den -<em class="gesperrt">Wortlaut</em>, nicht den <em class="gesperrt">Kompetenzkreis</em> jener <em class="gesperrt">Norm</em> angibt,<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> -welche das Wesen der Begrifflichkeit ausmacht. Der Begriff -als Norm, als Norm der Essenz kann auch nicht selbst Essenz -sein; die Norm mu etwas anderes sein, und da sie nicht Essenz -ist, so kann sie — ein drittes gibt es nicht — nur <em class="gesperrt">Existenz</em> -sein, und zwar nicht eine Existenz, die das Sein von Objekten, -sondern eine Existenz, die das <em class="gesperrt">Sein</em> einer <em class="gesperrt">Funktion</em> enthllt.</p> - -<p>Nun ist aber bei jeder gedanklichen Streitfrage zwischen -Menschen, wenn schlielich in letzter Instanz an die Definition -appelliert wird, dann eben nichts anderes die <em class="gesperrt">Norm der -Essenz</em> als die Stze A = A oder A ≠ non-A. Die Begrifflichkeit, -<em class="gesperrt">Konstanz</em> wie <em class="gesperrt">Eindeutigkeit</em>, wird dem Begriffe -durch den Satz A = A und durch nichts anderes. Und zwar verteilen -sich die Rollen der logischen Axiome hier derart, da -durch das principium identitatis die dauernde Unverrckbarkeit -und Insichgeschlossenheit des Begriffes <em class="gesperrt">selbst</em> verbrgt -wird, indes das principium contradictionis ihn eindeutig -gegen alle <em class="gesperrt">anderen</em> mglichen Begriffe abgrenzt. <em class="gesperrt">Hiemit ist, -zum ersten Male, erwiesen, da die begriffliche Funktion -ausgedrckt werden kann durch die beiden -obersten logischen Axiome, und selbst nichts anderes -ist als diese.</em> Der Satz A = A (und A ≠ non-A) ermglicht -also erst jedweden Begriff, er ist der <em class="gesperrt">Nerv</em> der begrifflichen -Natur oder Begrifflichkeit des Begriffes.</p> - -<p>Wenn ich endlich den Satz selbst, A = A, ausspreche, -so ist offenbar der Sinn dieses Satzes nicht, da ein <em class="gesperrt">spezielles</em> -A, das <em class="gesperrt">ist</em>, ja nicht einmal, da <em class="gesperrt">jedes</em> besondere A -<em class="gesperrt">wirklicher</em> Erfahrung oder <em class="gesperrt">wirklichen</em> Denkens sich selbst -gleich sei. Das Urteil der Identitt ist <em class="gesperrt">unabhngig</em> davon, -<em class="gesperrt">ob berhaupt ein A existiert</em>, d. h. natrlich wieder -keineswegs, da der Satz nicht von jemand Existierendem -msse gedacht werden; <em class="gesperrt">aber er ist unabhngig davon -<b>gedacht</b>, <b>ob</b> etwas, <b>ob</b> jemand existiert</em>. Er bedeutet: wenn -es ein A gibt (es mag eines geben oder nicht, <em class="gesperrt">auch</em> wenn -es vielleicht gar keines gibt), so gilt jedenfalls A = A. -Hiemit ist nun unwiderruflich eine Position gegeben, ein <em class="gesperrt">Sein</em> -gesetzt, nmlich das Sein A = A, trotzdem es hypothetisch -bleibt, ob A selbst berhaupt <em class="gesperrt">ist</em>. Der Satz A = A behauptet -also, da etwas <em class="gesperrt">existiert</em>, und diese Existenz ist eben jene<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> -gesuchte Norm der Essenz. Aus der Empirie, aus wenigen -oder noch so vielen <em class="gesperrt">Erlebnissen</em> kann er nicht stammen, -wie <em class="gesperrt">Mill</em> glaubte; denn er ist eben ganz unabhngig von -der Erfahrung, er gilt sicher, ob diese ein A ihm zeigen -werde oder nicht. Er ist von keinem Menschen noch geleugnet -worden und knnte es auch nicht werden, da die Leugnung -ihn selbst wieder voraussetzte, wenn sie <em class="gesperrt">etwas</em>, ein <em class="gesperrt">Bestimmtes</em> -leugnen wollte. <em class="gesperrt">Da nun der Satz ein Sein behauptet, -ohne von der Existenz von Objekten sich -abhngig zu machen, oder ber solche Existenz etwas -auszusagen, so kann er nur ein von allem Sein wirklicher -und mglicher Objekte verschiedenes Sein, das -ist also das <b>Sein</b> dessen ausdrcken, was seinem Begriffe -nach nie Objekt werden kann<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a>; er wird durch -seine Evidenz also die Existenz des Subjektes offenbaren; -und zwar liegt dieses im Satz der Identitt -ausgesprochene Sein nicht im ersten und nicht im -zweiten A, sondern im identischen Gleichheitszeichen -A ≡ A. Dieser Satz also ist identisch mit dem Satze: -ich bin.</em></p> - -<p>Psychologisch lt sich diese schwierige Deduktion -leichter vermitteln, wenn auch nicht ersparen. Es ist klar, -da, um A = A sagen, um die Unvernderlichkeit des Begriffes -normierend festsetzen zu knnen und sie den stets wechselnden -Einzeldingen der Erfahrung gegenber aufrecht zu erhalten,<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> -ein Unvernderliches bestehen mu, und dies kann nur -das Subjekt sein; wre ich eingeschaltet in den Kreis der Vernderung, -so knnte ich nicht erkennen, da ein A sich selbst -gleich geblieben ist; wrde ich mich fortwhrend ndern und -nicht ein Identisches bleiben, wre mein Selbst funktionell -an die Vernderung geknpft, so gbe es keine Mglichkeit, -dieser gegenberzutreten und sie zu erkennen; es fehlte das -absolute geistige Koordinatensystem, in Beziehung auf das -allein und einzig ein Identisches bestimmt und als solches -festgehalten werden knnte.</p> - -<p>Die Existenz des Subjektes lt sich nicht <em class="gesperrt">ableiten</em>, -hierin behlt <em class="gesperrt">Kant</em>ens Kritik der rationalen Psychologie vollkommen -recht. Aber es lt sich dartun, wo diese Existenz -strenge und unzweideutig auch in der Logik zum Ausdruck -gelangt; und man braucht nicht das intelligible Sein als bloe -logische Denk<em class="gesperrt">mglichkeit</em> hinzustellen, die uns allein das -moralische Gesetz spter vllig zur Gewiheit zu machen -geeignet sei, wie <em class="gesperrt">Kant</em> dies tat. <em class="gesperrt">Fichte</em> hatte recht, als -er in der reinen Logik ebenfalls die Existenz des Ich verbrgt -fand, soweit das Ich mit dem intelligiblen <em class="gesperrt">Sein</em> zusammenfllt.</p> - -<p>Das Prinzip aller Wahrheit sind die logischen Axiome, -diese statuieren ein <em class="gesperrt">Sein</em>, und nach diesem richtet sich, nach -ihm strebt das Erkennen. Die <em class="gesperrt">Logik</em> ist ein Gesetz, dem -gehorcht werden soll, und <em class="gesperrt">der Mensch <b>ist</b> erst dann ganz -er selbst, wenn er <b>ganz</b> logisch ist</em>; ja er <em class="gesperrt">ist</em> nicht, ehe -denn er berall und durchaus nur Logik ist. <em class="gesperrt">In der Erkenntnis -findet er sich selbst.</em></p> - -<p>Aller Irrtum wird als Schuld empfunden. Daraus ergibt -sich, da der Mensch nicht irren <em class="gesperrt">mute</em>. Er <em class="gesperrt">soll</em> die Wahrheit -finden; darum <em class="gesperrt">kann</em> er sie finden. Aus der Pflicht zur Erkenntnis -folgt ihre Mglichkeit, folgt die <em class="gesperrt">Freiheit</em> des Denkens -und die Siegeshoffnung des Erkennens. In der <em class="gesperrt">Normativitt</em> -der Logik liegt der Beweis, <em class="gesperrt">da das Denken des Menschen -<b>frei</b> ist</em> und sein Ziel erreichen <em class="gesperrt">kann</em>.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Krzer und anders kann ich mich bezglich der Ethik -fassen, da diese Untersuchung durchaus auf den Boden der<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> -<em class="gesperrt">Kantischen Moralphilosophie</em> sich stellt und auch die letzten -logischen Deduktionen und Postulate, wie man gesehen hat, -in einer gewissen Analogie zu jener durchgefhrt wurden. -Das tiefste, das intelligible Wesen des Menschen ist eben das, -was der Kausalitt nicht untersteht, und whlt in Freiheit das -Gute oder das Bse. Dies wird ganz in der gleichen Weise -kundgetan, durch das Schuldbewutsein, durch die <em class="gesperrt">Reue</em>. -Niemand hat noch vermocht, diese Tatsachen anders zu erklren; -und niemand lt es sich einreden, da er diese oder -jene Tat hat begehen <em class="gesperrt">mssen</em>. Im Sollen liegt auch hier der -Zeuge fr das Knnen. Der kausalen Bestimmungsgrnde, der -niederen Motive, die ihn hinabgezogen haben, kann der Mensch -sich vollkommen bewut sein, und er wird doch, <em class="gesperrt">ja gerade -dann am gewissesten</em>, die Zurechnung an sein intelligibles -Ich als ein freies, das anders htte handeln <em class="gesperrt">knnen</em>, vollziehen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wahrheit, Reinheit, Treue, Aufrichtigkeit sich -selbst gegenber</em>: das ist die einzig denkbare Ethik. Es -gibt nur Pflichten gegen sich, Pflichten des empirischen gegen -das intelligible Ich, welche in der Form jener zwei Imperative -auftreten, an denen aller Psychologismus immer zu -Schanden wird: in der Form der logischen und der moralischen -Gesetzlichkeit. Die normativen Disziplinen, die -psychische Tatsache der inneren Forderung, die viel mehr -verlangt, als alle brgerliche Gesittung je haben will — das ist -es, was kein Empirismus je wird ausreichend erklren knnen. -Seinen wahren Gegensatz findet er in einer kritisch-transscendentalen, -nicht in einer metaphysisch-transcendenten -<em class="gesperrt">Methode</em>, da alle Metaphysik nur hypostasierende Psychologie, -Transcendentalphilosophie aber Logik der Wertungen -ist. Aller Empirismus und Skeptizismus, Positivismus und -Relativismus, aller Psychologismus und alle rein immanente -Betrachtungsweise fhlen instinktiv sehr wohl, da aus Ethik -und Logik ihnen die Hauptschwierigkeit erwchst. Daher die -fortwhrend erneuten und immer vergeblichen Versuche einer -empirischen und psychologischen Begrndung dieser Disziplinen; -und fast wird nur noch ein Versuch vermit, das -principium contradictionis experimentell zu prfen und nachzuweisen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> - -Logik und Ethik aber sind im Grunde nur eines und dasselbe -— Pflicht gegen sich selbst. Sie feiern ihre Vereinigung -im hchsten Werte der Wahrheit, dem dort der Irrtum, hier -die Lge gegenbersteht: die Wahrheit selbst aber ist nur -eine. Alle Ethik ist nur nach den Gesetzen der Logik mglich, -alle Logik ist zugleich ethisches Gesetz. <em class="gesperrt">Nicht nur Tugend, -sondern auch Einsicht, nicht nur Heiligkeit, sondern -auch Weisheit ist Pflicht und Aufgabe des Menschen: -erst beide zusammen begrnden <b>Vollkommenheit</b>.</em></p> - -<p>Aber freilich ist aus der Ethik, deren Stze Heischestze -sind, nicht wie aus der Logik ein strenger logischer -Beweis fr <em class="gesperrt">Existenz</em> schon zu fhren. Die Ethik ist nicht im -selben Sinne logisches wie die Logik ethisches Gebot. Die -Logik rckt dem Ich seine vllige Verwirklichung als absolutes -Sein vor Augen; die Ethik hingegen gebietet erst diese Verwirklichung. -Die Logik wird von der Ethik aufgenommen und -zu ihrem eigentlichen Inhalte, zu ihrer Forderung gemacht.</p> - -<p>An jener berhmten Stelle der Kritik der praktischen -Vernunft, da <em class="gesperrt">Kant</em> den Menschen als Glied der intelligiblen -Welt einfhrt (Pflicht! Du erhabener, groer Name ....), -wird man also mit Recht fragen, woher denn Kant wisse, -da das moralische Gesetz von der Persnlichkeit emaniere? -Es knne kein anderer, seiner wrdiger, Ursprung gefunden -werden, ist das einzige, was Kant hierauf zur Antwort gibt. -Er begrndet es nicht weiter, da der kategorische Imperativ -das vom Noumenon gegebene Gesetz sei, sie gehren ihm -offensichtlich von Anfang an zusammen. Das aber liegt in der -Natur der Ethik. Diese fordert, da das intelligible Ich von -allen Schlacken des empirischen frei <em class="gesperrt">wirke</em>, <em class="gesperrt">und so kann -durch die Ethik dasselbe Sein erst in seiner Reinheit -gnzlich verwirklicht werden</em>, welches <em class="gesperrt">die Logik verheiungsvoll -in der Form eines doch irgendwie bereits -Gegenwrtigen uns verkndet</em>.</p> - -<p>Aber was fr <em class="gesperrt">Kant</em> die <em class="gesperrt">Monaden-</em>, die <em class="gesperrt">Seelenlehre</em> -im <em class="gesperrt">Gemte</em> bedeutete, wie er an ihr als einzigem Gute von -je festhielt, und mit seiner Theorie vom intelligiblen -Charakter, den man so oft als eine neue Entdeckung oder -Erfindung, als ein <em class="gesperrt">Auskunftsmittel</em> der Kantischen Philosophie<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> -miversteht, nur das an ihr wissenschaftlich Haltbare -festlegen wollte: dies ist aus jener Unterlassung deutlich zu -entnehmen.</p> - -<p>Es gibt <em class="gesperrt">Pflicht</em> nur gegen sich selbst; des mu Kant -schon in frhester Jugend (vielleicht nachdem er einmal den -Impuls zur Lge versprt hatte) sicher geworden sein.</p> - -<p>Wenn von der <em class="gesperrt">Herakles-Sage</em>, von einigen Stellen -<em class="gesperrt">Nietzsches</em> und eher noch <em class="gesperrt">Stirners</em>, aus denen man Kant-Verwandtes -herauslesen kann, abgesehen wird, so hat das -Prinzip der Kantischen Ethik blo <em class="gesperrt">Ibsen</em> (im Brand und -Peer Gynt) beinahe selbstndig gefunden. Gelegentlich sind -uerungen, wie <em class="gesperrt">Hebbels</em> Epigramm Lge und Wahrheit:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Was Du teurer bezahlst, die Lge oder die Wahrheit?<br /></span> -<span class="i0">Jene kostet Dein Ich, diese doch hchstens Dein Glck.<br /></span> -</div></div> - -<p class="noindent">oder <em class="gesperrt">Suleikas</em> weltbekannte Worte aus dem Weststlichen -Diwan:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Volk und Knecht und berwinder,<br /></span> -<span class="i0">Sie gesteh'n zu jeder Zeit:<br /></span> -<span class="i0">Hchstes Glck der Erdenkinder<br /></span> -<span class="i0">Sei nur die Persnlichkeit.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Jedes Leben sei zu fhren,<br /></span> -<span class="i0">Wenn man sich nicht selbst vermit;<br /></span> -<span class="i0">Alles knne man verlieren,<br /></span> -<span class="i0">Wenn man bleibe, was man ist.<br /></span> -</div></div> - -<p>Sicher ist es wahr, da die meisten Menschen irgendwie -Jehovah brauchen. Die wenigsten — es sind die genialen -Menschen — leben gar nicht <em class="gesperrt">heteronom</em>. Die anderen rechtfertigen -ihr Tun und Lassen, ihr Denken und Sein mindestens -in Gedanken auch immer vor jemand <em class="gesperrt">anderem</em>, sei es ein -persnlicher Judengott, oder ein geliebter, geachteter, gefrchteter -Mensch. Nur <em class="gesperrt">so</em> handeln sie in formeller uerer -bereinstimmung mit dem Sittengesetz.</p> - -<p><em class="gesperrt">Kant</em> war, wie dies aus seiner ganzen, sich selbst gesetzten, -bis ins einzelnste unabhngigen Lebensfhrung hervorleuchtet, -so durchdrungen von seiner berzeugung, da der -Mensch nur sich selbst verantwortlich ist, da er diesen Punkt -seiner Lehre als den selbstverstndlichsten, Anfechtungen am -wenigsten ausgesetzten, betrachtete. Und doch hat gerade<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> -hier das Schweigen Kantens dazu beigetragen, da seine Ethik, -<em class="gesperrt">die einzige gerade introspektiv-psychologisch haltbare</em>, -die einzige, welche die harte und strenge innere Stimme -des Einen nicht durch den Lrm der Vielen undeutlich zu -machen sucht, da diese Ethik tatschlich so wenig <em class="gesperrt">verstanden</em> -worden ist.</p> - -<p>Auch fr <em class="gesperrt">Kant</em> hat es, darauf lt eine Stelle in -seiner Anthropologie schlieen, in seinem irdischen Leben -einen Zustand gegeben, welcher der Begrndung eines -Charakters vorherging. Aber der Augenblick, in dem es -ihm zu furchtbar strahlender Klarheit gelangte: ich habe -nur mir selbst Rechenschaft abzulegen, mu niemand anderem -dienen, kann nicht in Arbeit mich vergessen; ich steh' -<em class="gesperrt">allein</em>, bin <em class="gesperrt">frei</em>, bin <em class="gesperrt">mein Herr</em>: dieser Moment bezeichnet -die Geburt der Kantischen Ethik, des heroischesten Aktes -der Weltgeschichte.</p> - -<p>Zwey Dinge erfllen das Gemth mit immer neuer und -zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je fter und anhaltender -sich das Nachdenken damit beschftigt: <em class="gesperrt">Der bestirnte -Himmel ber mir und das moralische Gesetz -in mir.</em> Beides darf ich nicht als in Dunkelheiten verhllt -oder im berschwenglichen, auer meinem Gesichtskreise, -suchen und blo vermuthen; ich sehe sie <em class="gesperrt">vor</em> mir, und verknpfe -sie unmittelbar mit dem Bewutsein meiner Existenz. -Das erste fngt von dem Platze an, den ich in der ueren -Sinnenwelt einnehme, und erweitert die Verknpfung, darin -ich stehe, ins unabsehlich Groe mit Welten ber Welten -und Systemen von Systemen, berdem noch in grenzenlose -Zeiten ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. -Das zweite fngt von meinem unsichtbaren Selbst, -meiner Persnlichkeit, an, und stellt mich in einer Welt dar, -die wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande sprbar -ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich mit -allen jenen sichtbaren Welten) ich mich, nicht wie dort, in -blo zuflliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknpfung -erkenne. Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge -vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit, als eines -<em class="gesperrt">thierischen Geschpfs</em>, das die Materie, daraus es ward,<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> -dem Planeten (einem bloen Punct im Weltall) wieder zurckgeben -mu, nachdem es eine kurze Zeit (man wei, nicht wie) -mit Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen -meinen Wert, als einer <em class="gesperrt">Intelligenz</em>, unendlich, durch -meine Persnlichkeit, in welcher das moralische Gesetz mir -ein von der Thierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt -unabhngiges Leben offenbart, wenigstens so viel sich aus der -zweckmigen Bestimmung meines Daseins durch dieses -Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses -Lebens eingeschrnkt ist, sondern ins Unendliche geht, -abnehmen lt.</p> - -<p>So verstehen wir jetzt, nach diesem Beschlusse, diese -Kritik der praktischen Vernunft. Der Mensch ist <em class="gesperrt">allein</em> -im Weltall, in ewiger, ungeheuerer <em class="gesperrt">Einsamkeit</em>.</p> - -<p>Er hat keinen Zweck auer sich, nichts anderes, wofr -er lebt — weit ist er fortgeflogen ber Sklave-sein-wollen, -Sklave-sein-knnen, Sklave-sein-mssen: tief unter ihm verschwunden -alle menschliche Gesellschaft, versunken die <em class="gesperrt">Sozial</em>-Ethik; -er ist allein, <b>allein</b>.</p> - -<p>Aber er ist nun eben erst <em class="gesperrt">einer</em> und <em class="gesperrt">alles</em>; und darum -hat er auch ein <em class="gesperrt">Gesetz</em> in sich, darum <em class="gesperrt">ist</em> er selbst alles -Gesetz, und keine springende Willkr. Und er verlangt <em class="gesperrt">von -sich</em>, da er dieses Gesetz <em class="gesperrt">in</em> sich, das Gesetz seines Selbst, -befolge, da er <em class="gesperrt">nur</em> Gesetz sei, ohne Rck-Sicht hinter sich, -ohne Vor-Sicht vor sich. Das ist das Grauenvoll-Groe: es -hat weiter <em class="gesperrt">keinen Sinn</em>, da er der Pflicht gehorche. Nichts -ist ihm, dem Alleinen, <em class="gesperrt">All-Einen</em> <em class="gesperrt">ber</em>geordnet. Doch der -unerbittlichen, keine Verhandlung mit sich duldenden, das ist -<em class="gesperrt">kategorischen</em> Forderung <em class="gesperrt">in sich</em> mu er nachkommen. -<em class="gesperrt">Erlsung!</em> ruft er<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>, Ruhe, nur schon Ruhe vor dem Feind, -Frieden, nicht dies endlose Ringen — und <em class="gesperrt">erschrickt</em>: selbst -im Erlst-sein-wollen war noch Feigheit, im schmachtenden -<em class="gesperrt">Schon!</em> noch Desertion, als wre er zu klein diesem Kampf. -<em class="gesperrt">Wozu!</em> fragt er, schreit er hinaus ins Weltall — und <em class="gesperrt">errtet</em>; -denn gerade wollte er wieder das <em class="gesperrt">Glck</em>, die Anerkennung -des Kampfes, den, der ihn belohne, den <b>anderen</b>.<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> -<em class="gesperrt">Kant</em>ens einsamster Mensch lacht nicht und tanzt nicht, er -brllt nicht und jubelt nicht: er hat es nicht not Lrm zu -machen, weil der Weltraum zu tief schweigt. Nicht die -Sinnlosigkeit einer Welt von ohngefhr ist ihm Pflicht, -sondern <em class="gesperrt">seine</em> Pflicht ist ihm <em class="gesperrt">der Sinn des Weltalls</em>. -<em class="gesperrt">Ja</em> sagen zu <b>dieser</b> Einsamkeit, das ist das Dionysische -<em class="gesperrt">Kant</em>ens; das erst ist Sittlichkeit.</p> -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span><a name="VIII_Kapitel" id="VIII_Kapitel"><small>VIII. Kapitel.</small></a><br /> - -Ich-Problem und Genialitt.</h2> - - -<p class="rightside"> -Im Anfang war diese Welt -allein der tman, in Gestalt eines -Menschen. Der blickte um sich: -da sah er nichts anderes als sich -selbst. Da rief er zu Anfang aus: -‚Das bin ich!’ Daraus entstand der -Name Ich. — Daher auch heutzutage, -wenn einer angerufen wird, so sagt -er zuerst: ‚Das bin ich’ und dann -erst nennt er den anderen Namen, -welchen er trgt. -</p> - -<p class="right"> -(Bṛihadraṇyaka-Upanishad.) -</p> - - -<p>Viele Prinzipienstreitigkeiten in der Psychologie beruhen -auf den individuellen charakterologischen Differenzen zwischen -den Dissentierenden. Der Charakterologie knnte damit, wie -bereits erwhnt, eine wichtige Rolle zufallen: whrend der eine -dies, der andere jenes in sich vorzufinden behauptet, htte sie zu -lehren, <em class="gesperrt">warum</em> die Selbstbeobachtung des einen anders ausfllt -als die des zweiten; oder wenigstens zu zeigen, durch was alles -die in Rede stehenden Personen <em class="gesperrt">noch</em> sich unterscheiden. In -der Tat sehe ich keinen anderen Weg, gerade in den umstrittensten -psychologischen Dingen ins Reine zu kommen. -Die Psychologie ist eine Erfahrungswissenschaft, und darum -geht nicht wie in den berindividuellen Normwissenschaften der -Logik und Ethik das Allgemeine dem Besonderen in ihr vorher, -sondern es mu umgekehrt vom individuellen Einzelmenschen -ausgegangen werden. Es gibt keine empirische Allgemeinpsychologie; -und es war ein Fehler, eine solche ohne <em class="gesperrt">gleichzeitigen</em><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> -Betrieb differentieller Psychologie in Angriff zu -nehmen.</p> - -<p>Schuld an dem Jammer ist die Doppelstellung der Psychologie -zwischen Philosophie und Empfindungsanalyse. Von -welcher der beiden die Psychologen kamen, stets traten sie -mit dem Anspruch auf Allgemeingltigkeit der Ergebnisse auf. -Aber vielleicht sind nicht einmal so fundamentale Fragen, -wie diese, ob es einen ttigen <em class="gesperrt">Akt</em> der Wahrnehmung, eine -<em class="gesperrt">Spontaneitt</em> des Bewutseins schon in der Empfindung -gebe oder nicht, ohne charakterologische Unterscheidungen -gnzlich ins Reine zu bringen.</p> - -<p>Einen kleinen Teil solcher Amphibolien durch Charakterologie -aufzulsen ist, in Hinsicht auf die Psychologie -der Geschlechter, eine Hauptaufgabe dieser Arbeit. Die verschiedenen -Behandlungen des Ich-Problems hingegen resultieren -nicht sowohl aus den psychologischen Differenzen der -Geschlechter, sondern zunchst, wenn auch nicht ausschlielich<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>, -aus den individuellen Unterschieden in der <em class="gesperrt">Begabung</em>.</p> - -<p>Gerade die Entscheidung zwischen <em class="gesperrt">Hume</em> und <em class="gesperrt">Kant</em> ist -auch <em class="gesperrt">charakterologisch</em> mglich, insoferne etwa, als ich -zwischen zwei Menschen entscheiden kann, von denen dem einen -die Werke des <em class="gesperrt">Makart</em> und <em class="gesperrt">Gounod</em>, dem anderen die <em class="gesperrt">Rembrandts</em> -und <em class="gesperrt">Beethovens</em> das Hchste sind. Ich werde solche -Menschen nmlich zunchst <em class="gesperrt">unter</em>scheiden nach ihrer Begabung. -Und so ist es auch in diesem Falle statthaft, ja notwendig, -die Urteile ber das Ich, wenn sie von zwei sehr verschieden -hoch veranlagten Menschen ausgehen, nicht ganz gleich zu -werten. <em class="gesperrt">Es gibt keinen wahrhaft bedeutenden Menschen, -der nicht von der Existenz des Ich berzeugt wre</em>; -ein Mensch, der das Ich leugnet, kann nie ein bedeutender -Mensch sein.<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a></p> - -<p>Diese These wird sich im Laufe des nun Folgenden -als eine Behauptung von zwingender Notwendigkeit herausstellen, -und auch fr die in ihr gelegene Hherwertung<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> -der Urteile des Genius eine Begrndung gesucht und gefunden -werden.</p> - -<p>Es gibt nmlich keinen bedeutenden Menschen und -kann keinen geben, fr den nicht im Laufe seines Lebens, -im allgemeinen je bedeutender er ist, desto frher (vgl. -Kapitel 5), ein Moment kme, in welchem er die vllige Sicherheit -gewinnt, ein Ich im hheren Sinne zu besitzen.<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> Man -vergleiche folgende uerungen dreier sehr verschiedener -Menschen und beraus genialer Naturen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Jean Paul</em> erzhlt in seiner autobiographischen Skizze -Wahrheit aus meinem Leben:</p> - -<p>Nie vergess' ich die noch keinem Menschen erzhlte -Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewutseins -stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben wei. -An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind -unter der Haustre und sah links nach der Holzlege, als auf -einmal das innere Gesicht: ich bin ein Ich! wie ein Blitzstrahl -vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend -stehen blieb — da hatte mein Ich zum ersten Male sich -selber gesehen und auf ewig. Tuschungen des Erinnerns -sind hier schwerlich gedenkbar, da kein fremdes Erzhlen -sich in eine blo im verhangenen Allerheiligsten des Menschen -vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltglichen -Nebenumstnden das Bleiben gegeben, mit Zustzen mengen -konnte.</p> - -<p>Und offenbar meint ganz das nmliche Erlebnis <em class="gesperrt">Novalis</em>, -der in seinen Fragmenten vermischten Inhalts bemerkt:</p> - -<p>Darthun lt sich dieses Factum nicht, jeder mu es -selbst erfahren. Es ist ein Factum hherer Art, <em class="gesperrt">das nur -der hhere Mensch antreffen wird</em>; die Menschen aber -sollen streben, es in sich zu veranlassen. Philosophieren ist -eine Selbstbesprechung obiger Art, eine eigentliche Selbstoffenbarung, -Erregung des wirklichen Ich durch das idealische -Ich. Philosophieren ist der Grund aller anderen Offenbarungen; -der Entschlu zu philosophieren ist eine Aufforderung an das<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> -wirkliche Ich, da es sich besinnen, erwachen und Geyst -sein solle.</p> - -<p><em class="gesperrt">Schelling</em> bespricht im achten seiner Philosophischen -Briefe ber Dogmatismus und Kritizismus, einem wenig -bekannten Jugendwerk, <em class="gesperrt">dasselbe</em> Phnomen mit folgenden -tiefen und schnen Worten: Uns allen ... wohnt ein geheimes, -wunderbares Vermgen bei, uns aus dem Wechsel -der Zeit in unser Innerstes, von allem, was von auenher -hinzukam, entkleidetes Selbst zurckzuziehen und da unter der -Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen. <em class="gesperrt">Diese -Anschauung ist die innerste, eigenste Erfahrung, von -welcher alles, alles abhngt, was wir von einer bersinnlichen -Welt wissen und glauben. Diese Anschauung -zuerst berzeugt uns, da irgend etwas im eigentlichen -Sinne <b>ist</b>, whrend alles brige nur <b>erscheint</b>, worauf wir -jenes Wort bertragen.</em> Sie unterscheidet sich von jeder -sinnlichen Anschauung dadurch, da sie nur durch <em class="gesperrt">Freiheit</em> -hervorgebracht und jedem anderen fremd und unbekannt ist, -dessen Freiheit, von der hervordringenden Macht der Objekte -berwltigt, kaum zur Hervorbringung des Bewutseins hinreicht. -Doch gibt es auch fr diejenigen, die diese Freiheit der -Selbstanschauung nicht besitzen, wenigstens Annherung zu ihr, -mittelbare Erfahrungen, durch welche sie ihr Dasein ahnen -lt. Es gibt einen gewissen Tiefsinn, dessen man sich selbst -nicht bewut ist, den man vergebens sich zu entwickeln -strebt. <em class="gesperrt">Jakobi</em> hat ihn beschrieben ..... Diese intellektuale -Anschauung tritt dann ein, wo wir fr uns selbst aufhren, -<em class="gesperrt">Objekt</em> zu sein, wo, in sich selbst zurckgezogen, das anschauende -Selbst mit dem angeschauten identisch ist. <em class="gesperrt">In -diesem Moment der Anschauung schwindet fr uns -Zeit und Dauer dahin: nicht <b>wir</b> sind in der Zeit, sondern -die Zeit — oder vielmehr nicht sie, sondern die -reine absolute Ewigkeit ist <b>in uns</b>.</em> Nicht wir sind in der -Anschauung der objektiven Welt, sondern sie ist in unserer -Anschauung verloren.</p> - -<p>Es wird der Immanente, der Positivist, vielleicht nur -lcheln ber den betrogenen Betrger, den Philosophen, der<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> -solche Erlebnisse zu haben vorgibt. Nun, dagegen lt sich -nicht leicht etwas tun. Ist auch berflssig. Doch bin ich -keineswegs der Meinung, da jenes Faktum hoher Art -sich bei <em class="gesperrt">allen</em> genialen Menschen in jener mystischen Form -eines Eins-Werdens von Subjekt und Objekt, eines einheitlichen -Erlebens abspiele, wie <em class="gesperrt">Schelling</em> dies beschreibt. Ob -es ungeteilte Erlebnisse gibt, in denen der Dualismus schon -<em class="gesperrt">whrend des Lebens</em> berwunden wird, wie dies von <em class="gesperrt">Plotin</em> -und den indischen <em class="gesperrt">Mahatmas</em> bezeugt ist, oder ob dies nur -hchste Intensifikationen des Erlebens sind, prinzipiell aber -gleichartig mit allem anderen — dies soll uns hier nicht -beschftigen, das Zusammenfallen von Subjekt und Objekt, -von Zeit und Ewigkeit, das Schauen Gottes durch den lebenden -Menschen weder als mglich behauptet noch als unmglich -in Abrede gestellt werden. Erkenntnistheoretisch ist mit -einem <em class="gesperrt">Erleben</em> des eigenen Ich nichts anzufangen, und noch -niemand hat es je fr eine <em class="gesperrt">systematische</em> Philosophie zu verwerten -gesucht. Ich will daher jenes Faktum hherer Art, -das sich bei einem Menschen so, beim anderen anders vollzieht, -nicht <em class="gesperrt">Erlebnis</em> des eigenen Ich nennen, sondern nur -als das <em class="gesperrt">Ich-Ereignis</em> bezeichnen.</p> - -<p>Das Ich-Ereignis kennt jeder bedeutende Mensch. Ob -er nun in der Liebe zu einem Weibe erst sein Ich finde und -sich seines Selbst bewut werde<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> — denn der bedeutende -Mensch liebt intensiver als der unbedeutende — oder ob er -durch ein Schuldbewutsein, wieder vermge eines Kontrastes, -zum Gefhle seines hheren echten Wesens gelange, dem er -in der bereuten Handlung untreu wurde — denn auch das -Schuldbewutsein ist im bedeutenden Menschen heftiger und -differenzierter als im unbedeutenden; ob ihn das Ich-Ereignis -zum Eins-Werden mit dem All, zum Schauen aller Dinge in -Gott fhre, oder ihm vielmehr den furchtbaren Dualismus -zwischen Natur und Geist im Weltall offenbare, und in ihm -das Erlsungsbedrfnis, das Bedrfnis nach dem <em class="gesperrt">inneren</em> -Wunder, wachrufe: immer und ewig ist mit dem Ich-Ereignis -zugleich der Kern einer <em class="gesperrt">Weltanschauung</em>, ganz von selbst,<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> -ohne Zutun des denkenden Menschen, bereits <em class="gesperrt">gegeben</em>. -Weltanschauung ist nicht die groe Synthese, die am jngsten -Tage der Wissenschaft von irgend einem besonders fleiigen -Mann, der durch alle Fcher der Reihe nach sich hindurchgearbeitet -hat, vor dem Schreibtisch inmitten einer groen -Bibliothek vollzogen wird, Weltanschauung ist etwas Erlebtes, -und sie kann <em class="gesperrt">als Ganzes klar und unzweideutig sein</em>, -wenn auch im einzelnen noch so vieles vorderhand in Dunkelheit -und Widerspruch verharrt. Das Ich-Ereignis aber ist Wurzel -aller Weltanschauung, d. h. aller <em class="gesperrt">Anschauung</em> der <em class="gesperrt">Welt</em> -als <em class="gesperrt">ganzer</em>, und zwar fr den Knstler nicht minder als -fr den Philosophen. Und so radikal sonst die Weltanschauungen -voneinander differieren, eines wohnt ihnen allen, soweit sie den -Namen einer Weltanschauung verdienen<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a>, gemeinsam inne; -es ist eben das, was durchs Ich-Ereignis vermittelt wird, der -Glaube, <em class="gesperrt">den jeder bedeutende Mensch besitzt: die -berzeugung von der Existenz eines Ich oder einer -Seele</em>, die im Weltall einsam ist, dem ganzen Weltall gegenbersteht, -die ganze <em class="gesperrt">Welt anschaut</em>.</p> - -<p>Vom Ich-Ereignis an gerechnet wird der bedeutende -Mensch im allgemeinen — Unterbrechungen, vom frchterlichsten -der Gefhle, vom Gefhle des <em class="gesperrt">Gestorbenseins</em>, ausgefllt, -mgen wohl hufig vorkommen — <em class="gesperrt">mit Seele</em> leben.</p> - -<p>Aus diesem Grunde, und nicht allein aus hochgestimmtem -Hinblick auf eben Geschaffenes schreibt es, wie ich an dieser -Stelle beifgen will, sich her, da bedeutende Menschen immer, -in jedem Sinne, auch das grte Selbstbewutsein haben werden. -Nichts ist so gefehlt, als von der Bescheidenheit groer -Mnner zu reden, die gar nicht gewut htten, was in ihnen -stecke. Es gibt keinen bedeutenden Menschen, der nicht -wte, wie sehr er sich von den anderen unterscheidet (mit -Ausnahme der Depressionsperioden, welchen gegenber sogar<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> -der in besseren Zeiten gefate Vorsatz, von nun ab etwas -von sich zu halten, fruchtlos bleiben mag), keinen, der sich -nicht fr einen bedeutenden Menschen hielte, sobald er einmal -etwas <em class="gesperrt">geschaffen</em> hat — allerdings auch keinen, dessen -Eitelkeit oder Ruhmsucht so gering wre, da er sich -nicht noch stets berschtzte. <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> hat sich fr -viel grer gehalten als <em class="gesperrt">Kant</em>. Wenn <em class="gesperrt">Nietzsche</em> seinen -Zarathustra fr das tiefste Buch der Welt erklrt, so spielt -auerdem wohl noch die Enttuschung durch die schweigenden -Zeitungsschreiber und das Bedrfnis diese zu reizen mit — -allerdings auch keine sehr vornehmen Motive.</p> - -<p>Aber eines ist allerdings richtig an der Lehre von der -Bescheidenheit bedeutender Menschen: bedeutende Menschen -sind nie anmaend. Anmaung und Selbstbewutsein sind -wohl die zwei entgegengesetztesten Dinge, die es geben -kann, und sollten nicht, wie es meistens geschieht, eins fr -das andere gesetzt werden. Ein Mensch hat immer so viel -Arroganz, als ihm Selbstbewutsein fehlt. Anmaung ist sicherlich -nur ein Mittel, durch knstliche Erniedrigung des Nebenmenschen -das Selbstbewutsein gewaltsam zu steigern, ja so -erst zum Bewutsein eines Selbst zu kommen. Natrlich gilt -das von der unbewuten, sozusagen physiologischen Arroganz; -zu beabsichtigter Grobheit verchtlichen Subjekten gegenber -mag wohl auch ein hochstehender Mensch der eigenen Wrde -halber hie und da sich verhalten mssen.</p> - -<p>Die feste, vollkommene, des <em class="gesperrt">Beweises</em> fr ihre Person -nicht eigentlich bedrftige berzeugung, da sie eine Seele -besitzen, ist also allen genialen Menschen gemeinsam. Man -sollte die lcherliche Besorgnis doch endlich ablegen, welche -hinter jedem, der von der Seele als einer hyperempirischen -Realitt redet, gleich den werbenden Theologen wittert. -Der Glaube an die Seele ist alles eher denn ein Aberglaube, -und kein bloes Verfhrungsmittel aller Geistlichkeit. -Auch die Knstler sprechen von ihrer Seele, ohne -Philosophie und Theologie studiert zu haben, selbst die -atheistischesten, wie <em class="gesperrt">Shelley</em>, und glauben zu wissen, was sie -damit meinen. Oder denkt man, da Seele fr sie ein bloes, -leeres, schnes Wort sei, welches sie anderen nachsprechen, ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> -zu fhlen? Da der groe Knstler Bezeichnungen anwende, -ohne ber ein Bezeichnetes, in diesem Falle von denkbar -hchster Realitt, sich klar zu sein? Der immanente Empirist, -der Nur-Physiolog mu aber all das fr nichtssagendes Geschwtz -halten, oder <em class="gesperrt">Lucrez</em> fr den einzigen groen Dichter. -So viel Mibrauch sicherlich mit dem Worte getrieben wird: -wenn <em class="gesperrt">bedeutende</em> Knstler von ihrer Seele zeugen, so wissen -sie wohl, was sie tun. Es gibt fr sie wie fr die groen -Philosophen ein gewisses <em class="gesperrt">Grenzgefhl</em> der hchsten Wirklichkeit; -<em class="gesperrt">Hume</em> hat dieses Gefhl sicherlich nicht gekannt.</p> - -<p>Der Wissenschaftler nmlich steht, wie schon hervorgehoben -wurde, und nun bald bewiesen werden soll, <em class="gesperrt">unter</em> -dem Philosophen und <em class="gesperrt">unter</em> dem Knstler. Diese verdienen -das Prdikat des Genies, der bloe Wissenschaftler niemals. -Es heit jedoch dem Genius vor der Wissenschaft noch -einen weiteren, bisher noch immer unbegrndeten Vorzug einrumen, -wenn, wie dies hier geschehen ist, seiner Anschauung -ber ein bestimmtes Problem, blo weil es seine Anschauung -ist, mehr Gewicht beigelegt wird als der Ansicht des Wissenschaftlers. -Besteht zu dieser Bevorzugung ein Recht? Kann -der Genius Dinge erkunden, die dem Mann der Wissenschaft -als solchem versagt sind, kann er in eine Tiefe blicken, welche -jener vielleicht nicht einmal bemerkt?</p> - -<p>Genialitt schliet, wie sich zeigte, ihrer Idee nach Universalitt -ein. Fr den ganz und gar genialen Menschen, der -eine notwendige Fiktion ist, gbe es gar nichts, wozu er nicht -ein gleich lebendiges, unendlich inniges, schicksalsvolles Verhltnis -htte. Genialitt war universale Apperzeption, und hiemit -vollkommenes Gedchtnis, absolute Zeitlosigkeit. Man mu -aber, um etwas apperzipieren zu knnen, ein ihm Verwandtes -bereits in sich haben. Man bemerkt, versteht und ergreift -nur das, womit man irgend eine hnlichkeit hat (<a href="#Seite_139">S. 139</a> f.). -Der Genius war zuletzt, aller Kompliziertheit wie zum Trotze, -der Mensch mit dem intensivsten, lebendigsten, bewutesten, -kontinuierlichsten, einheitlichsten Ich. Das Ich jedoch ist das -punktuelle Zentrum, die Einheit der Apperzeption, die Synthesis -alles Mannigfaltigen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> - -Das Ich des Genies mu demnach selbst die universale -Apperzeption sein, der Punkt schon den unendlichen Raum -in sich schlieen: <em class="gesperrt">der bedeutende Mensch hat die <b>ganze</b> -Welt <b>in sich, der Genius ist der lebendige Mikrokosmus</b></em>. -Er ist nicht eine sehr zusammengesetzte Mosaik, keine aus -einer, doch immer <em class="gesperrt">endlichen</em>, <em class="gesperrt">Viel</em>zahl von Elementen -aufgebaute chemische Verbindung, und nicht das war der Sinn -der Darlegungen des vierten Kapitels ber sein innigeres -Verwandtsein mit mehr Menschen und Dingen: <em class="gesperrt">sondern er -ist alles</em>. Wie im Ich und durch das Ich alle psychischen -Erscheinungen zusammenhngen, wie dieser Zusammenhang -unmittelbar erlebt und ins Seelenleben nicht mhsam erst -hineingetragen wird durch eine Wissenschaft (die bei allen -ueren Dingen freilich hiezu verhalten ist)<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a>, wie hier das -Ganze durchaus vor den Teilen besteht; so blickt der Genius, -in dem das Ich wie das All, als das All <em class="gesperrt">lebt</em>, auch in die -Natur und ins Getriebe aller Wesen als ein Ganzes, er <em class="gesperrt">schaut</em> -hier die <em class="gesperrt">Verbindungen</em> und konstruiert nicht einen Bau aus -Bruchstcken. Darum kann ein bedeutender Mensch zunchst -schon bloer empirischer Psychologe nicht sein, fr den es nur -Einzelheiten gibt, die er im Schweie seines Angesichtes, -durch Associationen, Leitungsbahnen u. s. w. zu verkitten -trachtet; ebensowenig aber bloer Physiker, dem die Welt aus -Atomen und Moleklen <em class="gesperrt">zusammengesetzt</em> ist.</p> - -<p><em class="gesperrt">Aus der Idee des Ganzen heraus, in welcher der -Genius fortwhrend lebt, erkennt er den <b>Sinn</b> der -Teile. Er <b>wertet</b> darum <b>alles</b></em>, alles in sich, alles <em class="gesperrt">auerhalb</em><span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> -seiner, wertet es nach dieser Idee; und <em class="gesperrt">nur darum</em> ist es -fr ihn nicht Funktion der Zeit, sondern reprsentiert ihm -stets einen groen und ewigen Gedanken. So ist der <em class="gesperrt">geniale</em> -Mensch zugleich der <em class="gesperrt">tiefe</em> Mensch, und nur er tief, nur der -Tiefe genial. Darum gilt denn auch wirklich seine Meinung mehr -als die der anderen. Weil er aus dem Ganzen seines das Universum -enthaltenden Ich schafft, whrend die anderen Menschen -nie ganz zum Bewutsein dieses ihres wahren Selbst kommen, -werden ihm die Dinge sinnvoll, <em class="gesperrt">bedeuten</em> sie ihm alle etwas, -sieht er in ihnen stets <em class="gesperrt">Symbole</em>. Fr ihn ist der Atem mehr -als ein Gasaustausch durch die feinsten Wandungen der Blutkapillaren, -das Blau des Himmels mehr als teilweise polarisiertes, -an den Trbungen der Atmosphre diffus reflektiertes -Sonnenlicht, die Schlangen mehr als fulose Reptilien ohne -Schultergrtel und Extremitten. Wenn man selbst alle wissenschaftlichen -Entdeckungen, die je gemacht wurden, zusammentte -und von einem einzigen Menschen gefunden sein liee; wenn -alles, was <em class="gesperrt">Archimedes</em> und <em class="gesperrt">Lagrange</em>, <em class="gesperrt">Johannes Mller</em> -und <em class="gesperrt">Karl Ernst von Baer</em>, <em class="gesperrt">Newton</em> und <em class="gesperrt">Laplace</em>, <em class="gesperrt">Konrad -Sprengel</em> und <em class="gesperrt">Cuvier</em>, <em class="gesperrt">Thukydides</em> und <em class="gesperrt">Niebuhr</em>, <em class="gesperrt">Friedrich -August Wolf</em> und <em class="gesperrt">Franz Bopp</em>, was noch so viele -andere fr die Wissenschaft Hervorragendstes geleistet haben, -<em class="gesperrt">selbst wenn all dies <b>ein</b> einziger Mensch im Laufe -<b>eines</b> kurzen Menschenlebens geleistet htte, er verdiente -darum doch nicht das Prdikat des Genius</em>.</p> - -<p>Denn damit ist noch nirgends in Tiefen gedrungen. Der -Wissenschaftler nimmt die Erscheinungen wie sie sinnfllig <em class="gesperrt">sind</em>, -der bedeutende Mensch oder Genius fr das, was sie <em class="gesperrt">bedeuten</em>. -Ihm sind Meer und Gebirge, Licht und Finsternis, Frhling -und Herbst, Cypresse und Palme, Taube und Schwan <em class="gesperrt">Symbole</em>, -er ahnt nicht nur, er erkennt in ihnen ein Tieferes. -Nicht auf Luftdruckverschiebungen geht der Walkrenritt, -und nicht auf Oxydationsprozesse bezieht sich der Feuerzauber. -Und dies alles ist jenem nur mglich, weil die <em class="gesperrt">uere</em> -Welt <em class="gesperrt">in</em> ihm reich und stark zusammenhngt wie die <em class="gesperrt">innere</em>, -ja das Auenleben nur wie ein Spezialfall seines Innenlebens -sich ausnimmt, Welt und Ich in ihm eins geworden sind, -und er nicht Stck fr Stck der Erfahrung nach Gesetz und<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> -Regel erst aneinanderheften mu. Auch die grte Polyhistorie -dagegen addiert nur Fcher zu Fchern und bildet noch -keine Gesamtheit. Deshalb also tritt der groe Wissenschaftler -hinter den groen Knstler oder Philosophen.</p> - -<p>Der Unendlichkeit des Weltalls entspricht beim Genius -eine wahre Unendlichkeit in der eigenen Brust, er hlt Chaos -und Kosmos, alle Besonderheit und alle Totalitt, alle Vielheit -und alle Einheit in seinem Innern. Ist mit diesen Bestimmungen -auch mehr ber die Genialitt als ber das Wesen des genialen -<em class="gesperrt">Schaffens</em> ausgesagt, bleiben der Zustand der knstlerischen -Ekstase, der philosophischen Konzeption, der religisen Erleuchtung -gleich rtselhaft wie zuvor, sind also damit gewi -nur die <em class="gesperrt">Bedingungen</em>, nicht der <em class="gesperrt">Vorgang</em> eines wahrhaft -<em class="gesperrt">bedeutenden</em> Produzierens klarer geworden, so sei dennoch -hier als endgltige Definition des Genies diese gegeben:</p> - -<p><b>Genial ist ein Mensch dann zu nennen, wenn er in -bewutem Zusammenhange mit dem Weltganzen lebt. Erst -das Geniale ist somit das eigentlich Gttliche im Menschen.</b></p> - -<p>Die groe Idee von der Seele des Menschen als dem -Mikrokosmus, die tiefste Schpfung der Philosophen der Renaissance -— wiewohl ihre ersten Spuren schon bei <em class="gesperrt">Plato</em> -und <em class="gesperrt">Aristoteles</em> sich finden — scheint dem neueren Denken -seit <em class="gesperrt">Leibniz</em>ens Tode ganz abhanden gekommen. Sie -wurde hier bis jetzt als blo fr das Genie gltig, von jenen -Meistern aber vom Menschen berhaupt als das eigentliche -Wesen desselben behauptet.</p> - -<p>Doch ist die Inkongruenz nur scheinbar. Alle Menschen -sind genial, und kein Mensch ist genial. Genialitt ist eine -<em class="gesperrt">Idee</em>, welcher dieser nher kommt, whrend jener in groer -Ferne von ihr bleibt, welcher der eine rasch sich naht, der -andere vielleicht erst am Ende seines Lebens.</p> - -<p>Der Mensch, dem wir bereits den Besitz der Genialitt -zuschreiben, ist nur der, welcher bereits angefangen hat zu -sehen, und den anderen die Augen ffnet. Da sie sodann -mit seinem Auge sehen knnen, beweist, wie sie nur vor dem -Tore standen. Auch der mittelmige Mensch kann, selbst -als solcher, <em class="gesperrt">mittelbar</em> zu allem in Beziehung treten; seine<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> -Idee des Ganzen ist aber nur ahnungsvoll, es gelingt ihm -nicht, sich mit ihr zu identifizieren. Aber er ist darum -nicht ohne Mglichkeit, diese Identifikation anderen nachzuleben -und so ein Gesamtbild zu gewinnen. Durch Weltanschauung -kann er dem Universum, durch Bildung allem -einzelnsten sich verbinden; nichts ist ihm gnzlich fremd, -und an alle Dinge der Welt knpft auch ihn ein Band der -Sympathie. Nicht so das Tier oder die Pflanze. Sie sind begrenzt, -sie kennen nicht alle, sondern nur ein Element, sie -bevlkern nicht die ganze Erde, und wo sie eine allgemeine -Verbreitung gefunden haben, ist es im Dienste des Menschen, -der ihnen eine berall gleichmige Funktion angewiesen hat. -Sie mgen eine Beziehung zur Sonne oder zum Monde haben, -aber sicherlich fehlt ihnen der gestirnte Himmel und das -moralische Gesetz. Dieses aber stammt von der Seele des -Menschen her, in der alle Totalitt geborgen ist, <em class="gesperrt">die alles -betrachten kann, weil sie selbst alles <b>ist</b></em>: der gestirnte -Himmel und das moralische Gesetz, auch sie sind im Grunde -eines und dasselbe. Der Universalismus des kategorischen -Imperatives ist der Universalismus des Universums, die Unendlichkeit -des Weltalls nur das Sinnbild der Unendlichkeit -des sittlichen Wollens.</p> - -<p>So hat dies, den Mikrokosmus im Menschen, schon -<em class="gesperrt">Empedokles</em>, der gewaltige Magus von Agrigent, gelehrt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Γαιη μεν γαρ γαιαν οπωπαμεν, ὑδατι δ'ὑδωρ,<br /></span> -<span class="i0">Αιθερι δ'αιθερα διον, αταρ πυρι πυρ αιδηλον,<br /></span> -<span class="i0">Στοργη δε στοργην, νεικος δε τε νεικει λυγρω.<br /></span> -</div></div> - -<p>Und <em class="gesperrt">Plotinus</em>: Ου γαρ αν πωποτε ειδεν οφθαλμος ἡλιον -ἡλιοειδης μη γεγενημενος, dem es <em class="gesperrt">Goethe</em> in den berhmten -Versen nachgedichtet hat:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wr' nicht das Auge sonnenhaft,<br /></span> -<span class="i0">Die Sonne knnt' es nie erblicken;<br /></span> -<span class="i0">Lg' nicht in uns des Gottes eig'ne Kraft,<br /></span> -<span class="i0">Wie knnt' uns Gttliches entzcken?<br /></span> -</div></div> - -<p><em class="gesperrt">Der Mensch ist das einzige Wesen, er ist <b>dasjenige</b> -Wesen in der Natur, das zu <b>allen</b> Dingen in -derselben ein Verhltnis hat.</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> - -In wem dieses Verhltnis nicht blo zu einzelnen, vielen -oder wenigen, sondern zu allen Dingen Klarheit und intensivste -Bewutheit erlangt, wer ber alles selbstndig gedacht -hat, den nennt man ein Genie; in wem es nur der Mglichkeit -nach vorhanden, in wem wohl fr alles irgend ein Interesse -wachzurufen ist, aber nur zu wenigem ein lebhafteres von -selbst besteht, den nennt man einfach einen Menschen. <em class="gesperrt">Leibnizens</em> -wohl selten recht verstandene Lehre, da auch die -niedere Monade ein Spiegel der Welt sei, ohne aber sich -dieser ihrer Ttigkeit bewut zu werden, drckt nur dieselbe -Tatsache aus. Der geniale Mensch lebt im Zustande allgemeiner -Bewutheit, die Bewutheit des Allgemeinen ist; -auch im gewhnlichen Menschen ist das Weltganze, aber nicht -bis zu schpferischem Bewutsein gebracht. Der eine lebt in -bewutem ttigen, der andere in unbewutem virtuellen Zusammenhang -mit dem All; <em class="gesperrt">der geniale Mensch ist der -aktuelle, der ungeniale der potentielle Mikrokosmus</em>. -Erst der geniale Mensch ist ganz Mensch; was als Mensch-Sein, -als Menschheit (im Kantischen Sinne) in jedem Menschen, -δυνάμει, der Mglichkeit nach ist, das lebt im genialen Menschen, -ενεργεια, in voller Entfaltung.</p> - -<p>Der Mensch ist das All und darum nicht, wie ein bloer -Teil desselben, abhngig vom anderen Teile, nicht an einer -bestimmten Stelle <em class="gesperrt">eingeschaltet</em> in die Naturgesetzlichkeit, -<em class="gesperrt">sondern selbst der Inbegriff aller Gesetze, und <b>eben -darum frei</b></em>, wie das Weltganze als das All selbst nicht noch -bedingt, sondern unabhngig ist. Der bedeutende Mensch nun, -der <em class="gesperrt">nichts</em> vergit, weil er <em class="gesperrt">sich</em> nicht vergit, weil Vergessen -funktionelle Beeinflussung durch die Zeit, daher unfrei und -unethisch ist; der nicht von einer geschichtlichen Bewegung, -als ihr Kind, emporgeworfen, nicht von der nchsten wieder -verschlungen wird, weil <em class="gesperrt">alles, alle Vergangenheit und -alle Zukunft</em>, in der <em class="gesperrt">Ewigkeit</em> seines geistigen Blickes bereits -sich birgt; dessen Unsterblichkeitsbewutsein am strksten -ist, weil ihn auch der Gedanke an den <em class="gesperrt">Tod</em> nicht feige macht; -der in das leidenschaftlichste Verhltnis zu den Symbolen oder -Werten tritt, indem er nicht nur alles in sich, sondern auch -alles auer sich einschtzt und damit deutet: er ist zugleich<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> -der <em class="gesperrt">freieste</em> und der <em class="gesperrt">weiseste</em>, <b>er</b> ist der <em class="gesperrt">sittlichste</em> Mensch; -und nur <em class="gesperrt">darum</em> leidet gerade <b>er</b> am schwersten unter allem, -was auch in ihm noch unbewut, noch Chaos, noch <em class="gesperrt">Fatum</em> ist. —</p> - -<p>Wie steht es nun mit der Sittlichkeit groer Menschen -den anderen Menschen gegenber? Ist dies doch die einzige -Form, in welcher, nach der populren Meinung, die -Unsittlichkeit nicht anders als in Verbindung mit dem -Strafgesetzbuch zu denken wei, Moralitt sich offenbaren -kann! Und haben nicht gerade hier die berhmten Mnner -die bedenklichsten Charaktereigenschaften verraten? Muten -sie nicht oft schnden Undanks, grausamer Hrte, schlimmer -Verfhrertcken sich zeihen lassen?</p> - -<p>Weil Knstler und Denker, je grer sie sind, desto -rcksichtsloser sich selbst die Treue wahren und hiebei die -Erwartungen manch eines tuschen, mit dem sie vorbergehende -Gemeinschaft geistiger Interessen verknpfte, und die, ihrem -hheren Fluge zu folgen spter nicht mehr imstande, den -Adler selbst an die Erde binden wollen (<em class="gesperrt">Lavater</em> und <em class="gesperrt">Goethe</em>) -— darum hat man sie als unmoralisch verschrieen. Das Schicksal -der <em class="gesperrt">Friederike aus Sesenheim</em> ist <em class="gesperrt">Goethe</em>, obwohl ihn -das keineswegs entschuldigt, sicherlich viel nher gegangen als -dieser, und wenn er auch glcklicherweise so unendlich viel -<em class="gesperrt">verschwiegen</em> hat, da die Modernen, die ihn als den leichtlebigen -Olympier <em class="gesperrt">ganz</em> zu besitzen glauben, tatschlich nur jene -Flocken von ihm in den Hnden halten, die Faustens unsterbliches -Teil umgeben — man darf gewi sein, da er selbst am -genauesten prfte, wieviel Schuld ihn traf, und diese in ihrem -ganzen Ausma bereut hat. Und wenn scheelschtige Nrgler, -die <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Erlsungslehre und den Sinn des Nirwna -nie erfat haben, es diesem Philosophen zum Vorwurf -machen, da er auf seinem <em class="gesperrt">Rechte</em> auf sein Eigentum, bis -zum uersten, bestanden hat, so verdient dies, als ein hndisches -Geklffe, gar keine Antwort.</p> - -<p>Da der bedeutende Mensch gegen sich selbst am sittlichsten -ist, steht also wohl fest: er wird nicht eine fremde -Anschauung sich aufzwingen lassen und hiedurch sein Ich unterdrcken; -er wird die Meinung des anderen — das fremde Ich und -dessen Ansicht bleiben fr ihn etwas vom Eigenen gnzlich<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> -Unterschiedenes — nicht passiv acceptieren, und ist er einmal -rezeptiv gewesen, so wird ihm der Gedanke hieran schmerzvoll -und frchterlich sein. Eine bewute Lge, die er einmal -getan hat, wird er sein ganzes Leben lang <em class="gesperrt">mitschleppen</em>, -und nicht in dionysischer Weise leichthin <em class="gesperrt">abschtteln</em> -knnen. Am strksten aber werden geniale Menschen leiden, -wenn sie sich selbst erst hinterdrein auf eine Lge kommen, -um die sie gar nicht wuten, als sie sie anderen gegenber -sprachen, oder mit der sie sich selbst belogen haben. Die -anderen Menschen, die nicht dieses Bedrfnis nach Wahrheit -haben wie er, bleiben eben darum immer viel tiefer in Lge und -Irrtum verstrickt, und dies ist der Grund, warum sie die eigentliche -Meinung und die Heftigkeit des Kampfes groer Persnlichkeiten -gegen die <em class="gesperrt">Lebenslge</em> so wenig verstehen.</p> - -<p>Der hochstehende Mensch, das ist jener, in dem das -zeitlose Ich die Macht gewonnen hat, sucht seinen Wert vor -seinem intelligiblen Ich, vor seinem moralischen und intellektuellen -Gewissen zu steigern. Auch seine Eitelkeit ist zunchst -die vor sich selbst: <em class="gesperrt">es entsteht in ihm das Bedrfnis, -sich selbst zu imponieren</em> (mit seinem Denken, -Handeln und Schaffen). Diese Eitelkeit ist die eigentliche -Eitelkeit des Genies, das seinen Wert und seinen Lohn in sich -selbst hat, und dem es nicht auf die Meinung anderer von -ihm darum ankommt, damit es selbst auf diesem Umweg von -sich eine hhere gewinne. Sie ist jedoch keineswegs etwas -lbliches, und asketisch angelegte Naturen (<em class="gesperrt">Pascal</em>) werden -auch unter dieser Eitelkeit schwer leiden knnen, ohne doch je -ber sie hinauszukommen. Zur inneren Eitelkeit wird sich -Eitelkeit vor anderen stets gesellen; <em class="gesperrt">aber die beiden liegen -miteinander im Kampfe</em>.</p> - -<p>Wird nun nicht durch diese starke Betonung der Pflicht -gegen sich selbst die Pflichterfllung den anderen Menschen -gegenber beeintrchtigt? Stehen die beiden nicht in einem -solchen Wechselverhltnis, da, wer sich selbst die Treue -wahrt, sie notwendig anderen brechen mu?</p> - -<p>Keineswegs. Wie die Wahrheit nur eine ist, so gibt es auch -nur ein <em class="gesperrt">Bedrfnis</em> nach Wahrheit — <em class="gesperrt">Carlyles</em> Sincerity -— das man <em class="gesperrt">sowohl</em> sich selbst als auch der Welt gegenber<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> -hat oder nicht hat, aber nie getrennt, nie eines von beiden, nicht -Weltbeobachtung ohne Selbstbeobachtung, und nicht Selbstbeobachtung -ohne Weltbeobachtung: so gibt es berhaupt nur -eine einzige Pflicht, nur einerlei Sittlichkeit. Man handelt -moralisch oder unmoralisch <em class="gesperrt">berhaupt</em>, und wer sich -selbst gegenber sittlich ist, der ist es auch den anderen -gegenber.</p> - -<p>ber nichts sind indessen falsche Vorstellungen so verbreitet -wie darber, was sittliche Pflicht gegen den Nebenmenschen -ist, und wodurch ihr erst gengt wird.</p> - -<p>Wenn ich von jenen theoretischen Systemen der Ethik -einstweilen absehe, welche Frderung der menschlichen Gesellschaft -als das Prinzip betrachten, das allem Handeln zu -Grunde zu legen sei, und die immerhin weniger auf die -konkreten Gefhle whrend der Handlung und auf das -empirische im Impulse, als auf das Walten eines generellen -sittlichen Gesichtspunktes gehen und insofern doch -hoch ber aller Sympathiemoral stehen: so bleibt nur -die populre Meinung brig, welche die Sittlichkeit eines -Menschen grtenteils nach dem Grade seiner Mitleidigkeit, -seiner Gte bestimmt. Von philosophischer Seite haben im -Mitgefhle <em class="gesperrt">Hutcheson</em>, <em class="gesperrt">Hume</em> und <em class="gesperrt">Smith</em> das Wesen und -die Quelle alles ethischen Verhaltens erblickt; eine auerordentliche -Vertiefung hat dann diese Lehre in <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> -Mitleidsmoral erhalten. Die <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>sche -Preisschrift ber die Grundlage der Moral verrt indes -gleich in ihrem Motto Moral predigen ist leicht, Moral begrnden -schwer den Grundfehler aller Sympathieethik: als -welche sie nmlich stets verkennt, da die Ethik keine sachlich-beschreibende, -sondern eine das Handeln normierende -Wissenschaft ist. Wer sich ber die Versuche lustig macht, -genau zu erhorchen, was die innere Stimme im Menschen -wirklich spricht, mit Sicherheit zu ergrnden, was der -Mensch <em class="gesperrt">soll</em>, der verzichtet auf jede Ethik, die ihrem Begriffe -nach eben eine Lehre von den Forderungen ist, welche -der Mensch an sich und an alle anderen stellt; und nicht von dem -erzhlt, was er, diesen Forderungen Raum gebend oder sie bertnend, -tatschlich vollbringt. Nicht was geschieht, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> -was geschehen <em class="gesperrt">soll</em>, ist Objekt der Moralwissenschaft, alles -andere gehrt in die Psychologie.</p> - -<p>Alle Versuche, die Ethik in Psychologie aufzulsen, -bersehen, da jede psychische Regung im Menschen vom -Menschen selbst <em class="gesperrt">gewertet</em> wird, und das Ma zur Bewertung -irgend welchen Geschehens nicht selbst Geschehnis -sein kann. Dieser Mastab kann nur eine <em class="gesperrt">Idee</em> oder ein -<em class="gesperrt">Wert</em> sein, der nie vllig verwirklicht und aus keiner Erfahrung -abzuleiten ist, weil <em class="gesperrt">er</em> bestehen bleibt, wenn auch -alle Erfahrung ihm zuwiderliefe. <em class="gesperrt">Sittliches Handeln -kann also nur Handeln nach einer Idee sein.</em> -Es ist hienach nur zwischen solchen Morallehren zu whlen, -welche Ideen, Maximen des Handelns aufstellen, und da -kommt immer nur zweierlei in Betracht: der ethische Sozialismus -oder die Sozialethik, die von <em class="gesperrt">Bentham</em> und den <em class="gesperrt">Mill</em> -begrndet, und spter von eifrigen Importeuren auch auf den -Kontinent und sogar nach Deutschland und Norwegen gebracht -wurde, und der ethische Individualismus, wie ihn <em class="gesperrt">das -Christentum</em> und der <em class="gesperrt">deutsche Idealismus</em> lehren.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">zweite</em> Fehler aller Ethik des Mitgefhls ist eben -der, da sie Moral begrnden, <em class="gesperrt">ableiten</em> will, Moral, die -ihrem Begriffe nach den letzten Grund des menschlichen -Handelns bilden soll, und darum nicht selbst noch erklrbar, -deduzierbar sein darf, die Zweck an sich selbst ist und nicht -mit irgend etwas auer ihr, wie Mittel und Zweck, in Verbindung -gebracht werden darf. Soferne aber dieser Anspruch -der Sympathiemoral mit dem Prinzipe jeder blo deskriptiven -und danach notwendig relativistischen Ethik bereinkommt, -sind beide Fehler im Grunde eins, und mu diesem -Unterfangen immer entgegengehalten werden, da niemand, -liefe er auch das ganze Gebiet aller Ursachen und Wirkungen -ab, irgendwo den Gedanken eines hchsten <em class="gesperrt">Zweckes</em> in ihm -entdecken wrde, der allein fr alle moralischen Handlungen -wesentlich ist. Der Zweckgedanke kann nicht aus Grund und -Folge erklrt werden, das Verhltnis von Grund und Folge -schliet ihn vielmehr aus. Der Zweck tritt auf mit dem Anspruch, -das Handeln zu schaffen, an ihm wird der Erfolg -und Ausgang aller Tat gemessen, und auch dann noch immer<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> -ungengend gefunden, wenn selbst alle Faktoren, die sie -bestimmten, wohl bekannt sind und noch so schwer ihr Gewicht -im Bewutsein geltend machen. Neben dem Reich der Ursachen -gibt es ein Reich der Zwecke, und dieses Reich ist das -Reich des Menschen. Vollendete Wissenschaft vom Sein ist -eine Gesamtheit der Ursachen, die bis zur obersten Ursache -aufsteigen will, vollendete Wissenschaft vom Sollen ein Ganzes -der Zwecke, das in einem letzten hchsten Zwecke kulminiert.</p> - -<p>Wer also das Mitleid ethisch positiv wertet, hat etwas, -das gar nicht Handlung war, sondern nur Gefhl, nicht eine -Tat, sondern nur ein Affekt (der seiner Natur nach nicht -unter den Zweck-Gesichtspunkt fllt), moralisch beurteilt. Das -Mitleid mag ein ethisches <em class="gesperrt">Phnomen</em>, eine uerungsweise -von etwas Ethischem sein, es ist aber so wenig ein ethischer -<em class="gesperrt">Akt</em> wie das Schamgefhl oder der Stolz; <em class="gesperrt">man hat -zwischen ethischem Akt und ethischem Phnomen -wohl zu unterscheiden</em>. Unter dem ersteren darf nichts -verstanden werden als <em class="gesperrt">bewute Bejahung der Idee durch -die Handlung: ethische Phnomene sind unbeabsichtigte, -unwillkrliche Anzeichen einer andauernden -Richtung des Gemtes auf die Idee.</em> Nur in den Motivenkampf -greift die Idee immer wieder ein und sucht ihn zu beeinflussen -und zu entscheiden; in den empirischen Mischungen -ethischer mit unethischen Gefhlen, des Mitleids mit der -Schadenfreude, des Selbstgefhles mit dem bermut, liegt -noch nichts von einem <em class="gesperrt">Entschlusse</em>. <em class="gesperrt">Das Mitleid ist vielleicht -der sicherste Anzeiger der Gesinnung, aber -kein Zweck irgend eines Handelns.</em> Nur <em class="gesperrt">Wissen</em> des -Zweckes, <em class="gesperrt">Bewutsein</em> des Wertes gegenber allem Unwerte -konstituiert die Sittlichkeit; hierin hat <em class="gesperrt">Sokrates</em> gegenber -allen Philosophen, die nach ihm gekommen sind (nur -<em class="gesperrt">Plato</em> und <em class="gesperrt">Kant</em> haben ihm sich angeschlossen), recht. Ein -alogisches Gefhl, wie das Mitleid immer ist, hat keinen Anspruch -auf <em class="gesperrt">Achtung</em>, sondern erweckt hchstens <em class="gesperrt">Sympathie</em>.</p> - -<p>Die Frage ist demnach erst zu beantworten, inwiefern -ein Mensch sich sittlich verhalten knne gegen andere Menschen.</p> - -<p>Nicht durch unerbetene Hilfe, die in die fremde Einsamkeit -<em class="gesperrt">dringt</em> und die Grenzen durchbricht, welche der<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> -Nebenmensch um sich zieht, sondern durch die Ehrerbietung, -mit der man diese Grenzen <em class="gesperrt">wahrt</em>; nicht durch <em class="gesperrt">Mitleid</em>, -nur durch <em class="gesperrt">Achtung</em>. <em class="gesperrt">Achtung</em>, dies hat <em class="gesperrt">Kant</em> zuerst ausgesprochen, -bringen wir keinem Wesen auf der Welt entgegen -als dem Menschen. Es ist seine ungeheuere Entdeckung, -da kein Mensch sich selbst, sein intelligibles Ich, die Menschheit -(das ist nicht die menschliche Gesellschaft von 1500 Millionen, -sondern die <em class="gesperrt">Idee</em> der <em class="gesperrt">Menschenseele</em>) in seiner -Person oder in der Person des anderen als Mittel zum Zweck -gebrauchen kann. In der ganzen Schpfung kann alles, was -man will, und worber man etwas vermag, auch <em class="gesperrt">blo als -Mittel</em> gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm -jedes vernnftige Geschpf, ist <em class="gesperrt">Zweck an sich selbst</em>.</p> - -<p>Womit aber erweise ich einem Menschen Verachtung, und -wie bezeige ich ihm meine Achtung? Das erste, indem ich ihn -<em class="gesperrt">ignoriere</em>, das zweite, indem ich mich mit ihm <em class="gesperrt">beschftige</em>. -Wie bentze ich ihn als Mittel zum Zweck, und wie ehre ich -in ihm etwas, das Selbstzweck ist? Das eine, indem ich ihn -nur als Glied in der Kette der Umstnde betrachte, mit -denen meine Handlungen zu rechnen haben, das andere, -indem ich ihn zu <em class="gesperrt">erkennen</em> suche. Erst so, indem man sich -fr ihn, ohne es ihm gerade zu zeigen, interessiert, an ihn denkt, -sein Handeln zu begreifen, sein Schicksal mitzufhlen, ihn -selbst zu <em class="gesperrt">verstehen</em> sucht, erst dadurch, <em class="gesperrt">nur</em> dadurch kann -man seinen Mitmenschen <em class="gesperrt">ehren</em>. Nur wer, durchs eigene Ungemach -nicht selbstschtig geworden, allen kleinlichen Hader -mit dem Mitmenschen vergessend, den Zorn gegen ihn -unterdrckend, ihn zu <em class="gesperrt">verstehen</em> trachtet, der ist wahrhaft uneigenntzig -gegen seinen Nchsten; und er handelt sittlich, -denn er <em class="gesperrt">siegt</em> gerade dann ber den <em class="gesperrt">strksten</em> Feind, der -das Verstndnis des Nebenmenschen am lngsten erschwert: -ber die <em class="gesperrt">Eigenliebe</em>.</p> - -<p>Wie verhlt sich nun in dieser Hinsicht der hervorragende -Mensch?</p> - -<p>Er, der die meisten Menschen versteht, weil er am universellsten -veranlagt ist, der zum Weltganzen in der innigsten -Beziehung lebt, es am leidenschaftlichsten objektiv zu erkennen -trachtet, er wird auch wie kein zweiter an seinem<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> -Nebenmenschen sittlich handeln. In der Tat, niemand denkt -so viel und so intensiv wie er ber die anderen Menschen -(ja ber viele auch, wenn er sie nur ein einziges Mal -flchtig erblickt hat), und niemand sucht so lebhaft wie er -zur Klarheit ber sie zu kommen, wenn er sie noch nicht -mit gengender Deutlichkeit und Intensitt in sich hat. Wie -er selbst eine kontinuierlich von seinem Ich erfllte Vergangenheit -hinter sich hat, so wird er auch darber sich -Gedanken machen, welches das Schicksal der anderen in der -Zeit gewesen ist, ehe da er sie noch kennen lernte. Er folgt -dem strksten Zuge des inneren Wesens, wenn er ber sie -denkt, denn er sucht ja in ihnen nur ber sich zur Klarheit, -zur Wahrheit zu gelangen. Hier zeigt sich eben, da -die Menschen alle Glieder einer intelligiblen Welt sind, in -der es keinen beschrnkten Egoismus oder Altruismus gibt. -Nur so ist es zu erklren, da groe Mnner, wie zu den -Menschen <em class="gesperrt">neben</em> ihnen, so auch zu allen Persnlichkeiten der -Geschichte, die zeitlich <em class="gesperrt">vor</em> ihnen gelebt haben, in ein lebendigeres, -verstndnisvolleres Verhltnis treten, nur <em class="gesperrt">dies</em> der -Grund, warum der groe Knstler auch die geschichtliche -Individualitt so viel besser und intensiver erfat als der blo -wissenschaftliche Historiker. Es gibt keinen groen Mann, -der nicht zu <em class="gesperrt">Napoleon</em>, zu <em class="gesperrt">Plato</em>, zu <em class="gesperrt">Mohammed</em> in einem -persnlichen Verhltnisse stnde. <em class="gesperrt">So nmlich erweist er -auch denen seine Achtung und wahre Piett, die vor -ihm gelebt haben.</em> Und wenn so mancher, der mit Knstlern -verkehrt hat, sich peinlich berhrt fhlte, als er sich -spter in einer ihrer Schpfungen wiedererkannte; wenn deshalb -so oft ber den Dichter die Beschwerde laut wird, da -ihm alles zum Modell werde, so ist das unangenehme Gefhl -in solcher Situation nur zu begreiflich; aber der Knstler, -der mit der Kleinlichkeit der Menschen nicht rechnet, hat -darum kein Verbrechen begangen: er hat, in seiner Weise der -unreflektierten Darstellung und Neuerzeugung der Welt, den -<em class="gesperrt">schpferischen Akt des Verstndnisses vollzogen; -und es gibt kein Verhltnis zwischen Menschen, das -reiner wre als dieses</em>.</p> - -<p>Damit drfte denn auch das sehr wahre, schon einmal<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> -erwhnte Wort <em class="gesperrt">Pascals</em> an Verstndlichkeit gewonnen haben: -A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus -d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de -diffrence entre les hommes. — Es hngt mit all dem ferner -zusammen, da ein Mensch, je hher er stehen, desto grere -Anforderungen bezglich des <em class="gesperrt">Verstehens fremder</em> uerungen -an sich stellen wird; whrend der Unbegabte bald etwas -zu verstehen glaubt, oft gar nicht einmal fhlt, da hier etwas -ist, das er nicht versteht, den <em class="gesperrt">fremden</em> Geist kaum -empfindet, der aus einem Kunstwerk, aus einer Philosophie -zu ihm spricht; und so hchstens ein Verhltnis zu den Sachen -gewinnt, aber nicht zum Nachdenken ber den Schpfer -selbst sich aufschwingt. Der bedeutende Mensch, der die -hchste Stufe der Bewutheit erklimmt, identifiziert nicht -leicht etwas, das er liest; mit sich und seiner Meinung, whrend -bei geringerer Helligkeit des Geistes sehr verschiedene Dinge -ineinander verschwimmen und sich gleich ausnehmen knnen.</p> - -<p>Der geniale Mensch ist derjenige, dem sein <em class="gesperrt">Ich</em> zum -Bewutsein gelangt ist. Darum kommt ihm auch das Anderssein -der anderen am ehesten zur Abhebung, <em class="gesperrt">darum empfindet -er im anderen Menschen auch dann dessen Ich, wenn -dieses noch gar nicht stark genug war, um jenem selbst -zum Bewutsein zu kommen. Aber nur wer fhlt, da -der andere Mensch <b>auch ein Ich, eine Monade, ein eigenes -Zentrum der Welt ist</b>, mit besonderer Gefhlsweise -und Denkart, und besonderer Vergangenheit, der wird -<b>von selbst davor gefeit</b> sein, den Mitmenschen blo <b>als -Mittel zum Zweck</b> zu bentzen</em>, er wird der <em class="gesperrt">Kant</em>ischen -Ethik gem auch im Mitmenschen die <em class="gesperrt">Persnlichkeit</em> (als -Teil der <em class="gesperrt">intelligiblen</em> Welt) <em class="gesperrt">spren, ahnen und darum -<b>ehren</b>, und nicht blo an ihm <b>sich rgern</b>. <b>Psychologische -Grundbedingung alles praktischen Altruismus ist -daher theoretischer Individualismus.</b></em></p> - -<p><em class="gesperrt">Hier liegt also die Brcke</em>, welche vom moralischen -Verhalten sich selbst gegenber zum moralischen Verhalten -dem anderen gegenber fhrt, jene Vermittlung, deren Mangel -in der <em class="gesperrt">Kant</em>ischen Philosophie von <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> mit -Unrecht als ein Fehler derselben angesehen, und ihr wie ein<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span> -notwendiges, in ihren wesentlichen Prinzipien begrndetes -Unvermgen ausgelegt wurde.</p> - -<p>Die Probe darauf ist leicht zu machen. Nur der vertierte -Verbrecher und der Irrsinnige interessieren sich <em class="gesperrt">gar nicht</em> -auch nur fr irgend einen unter ihren Nebenmenschen, sie -leben, als ob sie allein auf der Welt wren, sie <em class="gesperrt">fhlen</em> die -<em class="gesperrt">Anwesenheit</em> des <em class="gesperrt">Fremden</em> gar nicht. Es gibt also keinen -<em class="gesperrt">praktischen Solipsismus</em>: in wem ein Selbst ist, fr den -gibt es auch ein Selbst im Nebenmenschen; und nur wenn -ein Mensch seinen (logischen und ethischen) Wesenskern eingebt -hat, reagiert er auch auf den zweiten Menschen nicht -mehr so, als ob dieser ein Mensch, ein Wesen mit durchaus -eigener Persnlichkeit wre. <em class="gesperrt">Ich und Du sind eben Wechselbegriffe.</em></p> - -<p>Am strksten gelangt der Mensch zum Bewutsein seiner -selbst, wenn er mit anderen Menschen beisammen ist. Darum -ist der Mensch in Gegenwart anderer Menschen stolzer, als -wenn er allein ist, und bleibt es den Stunden seiner Einsamkeit -aufgespart, seinen bermut zu dmpfen.</p> - -<p>Endlich: wer sich ttet, der ttet gleichzeitig die ganze -Welt; und wer den anderen mordet, begeht eben darum das -schwerste Verbrechen, weil er in ihm sich gemordet hat. -So ist denn jener Solipsismus im Praktischen ein Unding, -und sollte lieber <em class="gesperrt">Nihilismus</em> genannt werden; wenn -kein Du da ist, dann ist auch sicherlich nie ein Ich vorhanden, -es bleibt hernach berhaupt — nichts.</p> - -<p>Auf die psychologische <em class="gesperrt">Verfassung</em> kommt es an, -welche es <em class="gesperrt">unmglich</em> macht, den anderen Menschen als -Mittel zum Zweck zu gebrauchen. Und da fand sich: <em class="gesperrt">wer -seine Persnlichkeit fhlt, der fhlt sie auch in -anderen</em>. Fr ihn ist das Tat-tvam-asi keine schne Hypothese, -sondern <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em>. <em class="gesperrt">Der hchste Individualismus -<b>ist</b> der hchste Universalismus.</em></p> - -<p>Schwer irrt also der Leugner des Subjektes, Ernst -<em class="gesperrt">Mach</em>, wenn er glaubt, nach dem Verzicht auf das eigene -Ich sei erst ein ethisches Verhalten, welches Miachtung -des fremden Ich und berschtzung des eigenen ausschliet, -zu erwarten. Es hat sich eben gezeigt, wohin<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> -der Mangel eines eigenen Ich im Verhalten zum Nebenmenschen -fhrt. <em class="gesperrt">Das Ich ist Grundbedingung auch -aller sozialen Moral.</em> Gegen eine bloe <em class="gesperrt">Verknotungsstelle</em> -von Elementen werde ich mich, <em class="gesperrt">rein psychologisch</em>, -nie ethisch verhalten knnen. Als Ideal kann man -das <em class="gesperrt">aussprechen</em>; es ist aber dem praktischen Verhalten -ganz entrckt, kann ihm nie als Norm dienen, <em class="gesperrt">weil es die -psychologische Bedingung aller Verwirklichung der -sittlichen Idee <b>eliminiert</b>, whrend die moralische -Forderung eben psychologisch <b>da ist</b></em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Gerade umgekehrt handelt es sich darum, jedem -Menschen bewut zu machen, da er ein hheres -Selbst, eine Seele besitzt, und da auch die anderen -Menschen eine Seele besitzen.</em> (Dazu wird der grte -Teil der Menschheit aber immer einen <em class="gesperrt">Seelenhirten</em> bentigen.) -Erst hiemit ist ein ethisches Verhltnis zum Nebenmenschen -<em class="gesperrt">da, wirklich da</em>.</p> - -<p>Dieses Verhltnis aber ist im genialen Menschen in -einzigster Weise verwirklicht. Niemand wird mit den Menschen, -und darum an den Menschen, mit denen er lebt, so <em class="gesperrt">leiden</em> -wie er. Denn in bestimmtem Sinne wird sicherlich der -Mensch <em class="gesperrt">nur</em> durch Mitleid wissend. Ist Mitleid auch nicht -selbst klares, abstrakt-begriffliches oder anschaulich-symbolisches -Wissen, so ist es doch der strkste Impuls, um zu -allem Wissen zu gelangen. Nur durch Leiden <em class="gesperrt">unter</em> den -Dingen begreift sie der Genius, nur durch Leiden <em class="gesperrt">mit</em> den -Menschen versteht er diese. Und der Genius leidet am -meisten, weil er mit allem und in allem leidet; aber am -strksten leidet er an seinem Mitleiden.</p> - -<p>Wurde in einem frheren Kapitel das Geniale zu erweisen -gesucht als jener Faktor, der den Menschen erst -eigentlich ber das Tier erhebt, und zugleich damit die Tatsache -in Verbindung gebracht, da nur der Mensch eine -Geschichte hat (diese erklre sich aus der allen Menschen innewohnenden -und nur graduell verschiedenen Genialitt), so -mu hierauf nun noch einmal zurckgegriffen werden. Genialitt -fllt zusammen mit lebendiger Ttigkeit des intelligiblen -Subjektes. Und Geschichte offenbart sich nur im Sozialen,<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> -im objektiven Geiste, die Individuen an sich bleiben sich -ewig gleich und schreiten nicht vor wie dieser (sie sind <em class="gesperrt">das -Ahistorische</em>). So sehen wir hier, wie unsere Fden zusammenlaufen, -um ein berraschendes Resultat zu erzeugen. -Ist nmlich — hierin glaube ich nicht zu irren — die zeitlose -menschliche Persnlichkeit auch Bedingung jedes wahrhaft -ethischen Verhaltens auch gegen den Nebenmenschen, <em class="gesperrt">Individualitt -<b>Voraussetzung</b></em> einer <em class="gesperrt">sozialen</em> Gesinnung, so -wird damit auch klar, warum das animal metaphysicum -und das ζῷον πολιτικόν, das geniale Geschpf und der Trger -einer Geschichte <em class="gesperrt">eines</em> sind, ein und dasselbe Wesen, <em class="gesperrt"><b>nmlich</b> -der Mensch</em>. Und so ist auch die alte Streitfrage erledigt, -was <em class="gesperrt">frher</em> da sei, <em class="gesperrt">Individuum</em> oder <em class="gesperrt">Gemeinschaft</em>: <b>beide -nmlich sind zugleich und miteinander da</b>.</p> - -<p>Hiemit betrachte ich denn in jeder Beziehung den -Nachweis als gefhrt, da Genialitt <em class="gesperrt">hhere Sittlichkeit</em> -berhaupt ist. Der bedeutende Mensch ist nicht nur der -sich selbst treueste, der nichts von sich vergessende, der, dem -Irrtum und Lge am verhatesten, am unertrglichsten sind; -er ist auch der sozialste, der einsamste zugleich der zweisamste -Mensch. <em class="gesperrt">Das Genie ist eine hhere Daseinsform -berhaupt, nicht nur intellektuell, sondern auch -moralisch. Der Genius offenbart ganz eigentlich <b>die -Idee</b> des Menschen. Er kndet, was der Mensch ist: das -<b>Subjekt</b>, dessen <b>Objekt</b> das <b>ganze</b> Universum, und stellt -das fest fr ewige Zeiten.</em></p> - -<p>Man lasse sich nicht irre machen. <em class="gesperrt">Bewutsein</em>, und -<em class="gesperrt">nur Bewutsein</em>, ist an und fr sich moralisch, alles Unbewute -unmoralisch, und alles Unmoralische unbewut. Das -unmoralische Genie, der groe bse Mensch ist deshalb -ein Fabeltier; von groen Menschen in bestimmten Augenblicken -ihres Lebens als eine Mglichkeit ersonnen, um -dann, sehr gegen den Willen der Schpfer, fr furchtsame -und schwchliche Naturen einen Wauwau abzugeben, mit -dem sie sich und andere Kinder schrecken. Es gibt keinen -Verbrecher, der seiner Tat gewachsen wre, der da dchte -und sprche wie der <em class="gesperrt">Hagen</em> der Gtterdmmerung an -<em class="gesperrt">Siegfrieds</em> Leichnam: Ja denn, ich hab ihn erschlagen,<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span> -<em class="gesperrt">ich, Hagen</em>, schlug ihn zu tot! <em class="gesperrt">Napoleon</em> und <em class="gesperrt">Baco von -Verulam</em>, die man als Gegeninstanzen anfhrt, werden -intellektuell bei weitem berschtzt oder falsch gedeutet. Und -zu <em class="gesperrt">Nietzsche</em> darf man in diesen Dingen — wenn er von -den Borgias zu reden anfngt — am wenigsten Vertrauen -hegen. Die Konzeption des Diabolischen, des Antichrist, -des Ahriman, des Radikal-Bsen in der menschlichen Natur -ist beraus gewaltig. Mit dem Genie aber hat sie nur insoferne -zu schaffen, als sie gerade sein Gegenteil ist. Sie ist -eine Fiktion, geboren in den Stunden, da groe Menschen -gegen den Verbrecher in sich den entscheidenden Kampf -gekmpft haben.</p> - -<p>Universelle Apperzeption, Allgemeinbewutsein, vollkommene -Zeitlosigkeit ist ein Ideal, auch fr die genialen -Menschen; <em class="gesperrt">Genialitt ist ein innerer Imperativ</em>, nie -bei einem Menschen je gnzlich vollzogene <em class="gesperrt">Tatsache</em>. Darum -wird zu allerletzt ein genialer Mensch, er am allerwenigsten, -von sich so einfach zu sagen imstande sein: Ich <em class="gesperrt">bin</em> ein -Genie. Denn Genialitt ist, ihrem Begriffe nach, nichts als -gnzliche Erfllung der Idee des Menschen, und darum -genial etwas, das jeder Mensch sein <em class="gesperrt">sollte</em> und das zu -werden <em class="gesperrt">prinzipiell jedem Menschen mglich sein -mu</em>. Denn Genialitt ist hchste Sittlichkeit, und darum -Pflicht eines jeden. Zum Genie wird der Mensch durch -einen hchsten <em class="gesperrt">Willensakt</em>, <em class="gesperrt">indem er das ganze -Weltall in sich bejaht</em>. Genialitt ist etwas, das die -genialen Menschen <em class="gesperrt">auf sich genommen haben</em>: es ist -die grte Aufgabe und der grte Stolz, das grte Unglck -und das grte Hochgefhl, das einem Menschen -mglich ist. So paradox es klingt: genial ist der Mensch, wenn -er es sein <em class="gesperrt">will</em>.</p> - -<p>Nun wird man freilich sagen: sehr viele Menschen mchten -sehr gerne Original-Genies sein, und es hilft ihnen doch aller -Wunsch nicht dazu. Aber wenn diese Menschen, die es sehr -gerne mchten, eine lebhaftere Ahnung davon htten, <em class="gesperrt">was</em> -das, wonach ihr Wunsch verlangt, eigentlich <em class="gesperrt">bedeutet</em>, wenn -ihnen aufgegangen wre, da Genialitt identisch ist mit <em class="gesperrt">universeller -Verantwortlichkeit</em> — und bevor einem etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> -ganz klar ist, kann er es ja nur <em class="gesperrt">wnschen</em>, nicht <em class="gesperrt">wollen</em> -— so ist wahrscheinlich, da die weitaus grte Zahl der -Menschen, genial zu werden, <em class="gesperrt">ablehnen</em> wrde.</p> - -<p>Aus keinem anderen Grunde auch — Toren glauben -dann an die Nachwirkungen der Venus oder an die spinale -Degeneration des Neurasthenikers — verfallen so viele geniale -Menschen dem <em class="gesperrt">Irrsinn</em>. Es sind diejenigen, denen die Last -zu schwer wurde, die ganze Welt gleich dem Atlas auf -ihren Schultern zu tragen, und darum immer kleinere, minder -hervorragende, nie die allergrten, nie die strksten Geister. -Das Genie, das zum Irrsinnigen wird, <em class="gesperrt">will nicht mehr -Genie sein</em>; es will statt der Sittlichkeit — das <em class="gesperrt">Glck</em>. -Denn aller Wahnsinn entsteht nur aus der Unertrglichkeit -des an alle Bewutheit geknpften Schmerzes; und darum hat -<em class="gesperrt">Sophokles</em> am tiefsten das Motiv angedeutet, warum ein -Mensch auch seinen <em class="gesperrt">Irrsinn wollen</em> kann; indem er den -Aias, dessen Geist denn auch zuletzt der Nacht verfllt, -sagen lt:</p> - -<p>ἐν τῷ φρονεῖν γὰρ μηδὲν ἥδιστος βίος.</p> - -<p>Ich beschliee dieses Kapitel mit den tiefen, an die erhabensten -Momente des <em class="gesperrt">Kant</em>ischen Stiles gemahnenden Worten -des <em class="gesperrt">Johann Pico von Mirandola</em>, fr deren Verstndnis ich -hier vielleicht einiges getan habe. Er lt, in seiner Rede ber -die Wrde des Menschen die Gottheit zum Menschen also -sprechen:</p> - -<p>Nec certam sedem, nec propriam faciem, nec munus -ullum peculiare tibi dedimus, o Adam: ut quam sedem, quam -faciem, quae munera tute optaveris, ea pro voto, pro tua -sententia, habeas et possideas. Definita ceteris natura intra -praescriptas a nobis leges coercetur; tu nullis angustiis -coercitus, pro tuo arbitrio, in cuius manu te posui, tibi -illam praefinies. Medium te mundi posui, ut circumspiceres -inde commodius quicquid est in mundo. Nec te caelestem, -neque terrenum, neque mortalem, neque immortalem fecimus, -ut tui ipsius quasi arbitrarius honorariusque plastes et fictor -in quam malueris tute formam effingas. Poteris in inferiora quae -sunt bruta degenerare, poteris in superiora quae sunt divina, -ex tui animi sententia regenerari.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> - -O summam Dei Patris liberalitatem, summam et admirandam -hominis felicitatem: cui datum id habere quod -optat, id esse quod velit. Bruta simul atque nascuntur id -secum afferunt e bulga matris, quod possessura sunt. Supremi -spiritus aut ab initio aut paulo mox id fuerunt, quod sunt -futuri in perpetuas aeternitates. <em class="gesperrt">Nascenti homini omniferaria -semina et omnigenae vitae germina indidit Pater</em>; quae -quisque excoluerit, illa adolescent et fructus suos ferent in illo: -si vegetalia, planta fiet, si sensualia, obbrutescet, si rationalia, -caeleste evadet animal, si intellectualia, angelus erit et Dei -<em class="gesperrt">filius</em>. <em class="gesperrt">Et si nulla creaturarum sorte contentus in unitatis -centrum suae se receperit, unus cum Deo spiritus -factus, in solitaria Patris caligine qui est super -omnia constitutus omnibus antestabit.</em></p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span><a name="IX_Kapitel" id="IX_Kapitel"><small>IX. Kapitel.</small></a><br /> - -Mnnliche und weibliche Psychologie.</h2> - -<p class="right"> -De subjecto vetustissimo ....<br /> -<em class="gesperrt">Galilei.</em><br /> -<br /> -</p> - - -<p>Es ist an der Zeit, zu der eigentlichen Aufgabe der -Untersuchung zurckzukehren, um zu sehen, wie weit deren -Lsung durch die lngeren Einschiebungen gefrdert worden -ist, die oft ziemlich weit von ihr abzufhren schienen.</p> - -<p>Die Konsequenzen der entwickelten Grundstze sind fr -eine Psychologie der Geschlechter so radikale, da, auch wer -zu den bisherigen Ableitungen seine Zustimmung gegeben -hat, vor <em class="gesperrt">diesen</em> Folgerungen zurckscheuen drfte. Es ist -noch nicht der Ort, die Grnde dieser Scheu zu analysieren; -aber um die nun aufzustellende These gegen alle Einwnde, -die aus ihr flieen werden, zu schtzen, soll sie in diesem -Abschnitt noch in ausgiebigster Weise durch zwingende -Argumente vollstndig gesichert werden.</p> - -<p>Worum es sich handelt, ist in Krze dies. Es wurde -gefunden, da das logische und das ethische Phnomen, beide -im Begriffe der Wahrheit zum hchsten Werte sich zusammenschlieend, -zur Annahme eines intelligiblen Ich oder -einer Seele, als eines Seienden von hchster, hyperempirischer -Realitt, zwingen. <em class="gesperrt">Bei einem Wesen, dem, wie <b>W</b>, das -logische und das ethische Phnomen mangeln, entfllt -auch der Grund, jene Annahme zu machen.</em> Das vollkommen -weibliche Wesen kennt weder den logischen noch -den moralischen Imperativ, und das Wort Gesetz, das Wort -Pflicht, Pflicht gegen sich selbst, ist das Wort, das ihm -am fremdesten klingt. Also ist der Schlu vollkommen berechtigt, -da ihm auch die bersinnliche Persnlichkeit fehlt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span> - -<b>Das absolute Weib hat kein Ich.</b></p> - -<p>Dies ist, in gewisser Beziehung, ein Abschlu der Betrachtung, -ein Letztes, wozu alle Analyse des Weibes fhrt. -Und wenn auch diese Erkenntnis, so kurz und bndig ausgesprochen, -hart und unduldsam, paradox und von allzu -schroffer Neuheit scheint: es ist, in einer solchen Sache, von -vornherein kaum wahrscheinlich, da der Verfasser der erste -sei, welcher zu dieser Anschauung gelangt ist; wenn er auch -selbstndig wieder zu ihr den Weg finden mute, um das -Treffende der frheren hnlichen Aussagen zu begreifen. Die -<em class="gesperrt">Chinesen</em> sprechen seit ltester Zeit dem Weibe eine eigene -Seele ab. Fragt man einen Chinesen nach der Zahl seiner -Kinder, so zhlt er nur die Knaben, und hat er blo Tchter, -so erklrt er, kinderlos zu sein.<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> Aus einem hnlichen Grunde -hat wohl <em class="gesperrt">Mohammed</em> die Frauen vom Paradiese ausgeschlossen, -und die unwrdige Stellung, welche das weibliche Geschlecht -in den Lndern islamitischer Religion einnimmt, hiedurch -mitverschuldet.</p> - -<p>Von den Philosophen ist hier vor allem <em class="gesperrt">Aristoteles</em> -zu nennen. Fr ihn ist das mnnliche Prinzip bei der Zeugung -das formende, aktive, der Logos, das weibliche vertritt -die passive Materie. Erwgt man nun, wie fr <em class="gesperrt">Aristoteles</em> -Seele mit Form, Entelechie, Urbewegendem zusammenfllt, -so ist klar, wie sehr er sich der hier ausgesprochenen -Ansicht nhert, obwohl seine Anschauung nur dort zutage -tritt, wo er vom Akte der Befruchtung redet; whrend ihm -sonst mit fast allen Griechen auer <em class="gesperrt">Euripides</em> es gemeinsam -zu sein scheint, da er ber die Frauen selbst nicht nachdenkt, -und deshalb nirgends ein Standpunkt in Bezug auf -die Eigenschaften des Weibes berhaupt (nicht nur in Ansehung -seiner Rolle beim Begattungsakte) von ihm eingenommen -wird.</p> - -<p>Unter den Kirchenvtern scheinen besonders <em class="gesperrt">Tertullian</em> -und <em class="gesperrt">Origenes</em> sehr niedrig vom Weibe gedacht zu haben; -indes <em class="gesperrt">Augustinus</em> schon durch das innige Verhltnis -zu seiner Mutter davon hat abgehalten werden mssen, die<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> -Ansichten jener zu teilen. In der <em class="gesperrt">Renaissance</em> ist die Aristotelische -Ansicht wieder mehrfach aufgenommen worden, -z. B. von Jean <em class="gesperrt">Wier</em> (1518–1588). Damals scheint man diese -berhaupt, gefhlsmig und intuitiv, besser verstanden und -nicht blo als Kuriosum betrachtet zu haben, wie das in der -heutigen Wissenschaft blich ist, die freilich noch zu anderen -Verbeugungen vor der Aristotelischen Anthropologie sich einmal -gewi wird bequemen mssen.</p> - -<p>In den letzten Jahrzehnten haben dieselbe Erkenntnis -Henrik <em class="gesperrt">Ibsen</em> (mit den Gestalten der <em class="gesperrt">Anitra</em>, <em class="gesperrt">Rita</em> und -<em class="gesperrt">Irene</em>) und August <em class="gesperrt">Strindberg</em> (Glubiger) ausgesprochen. -Am populrsten aber ist der Gedanke von der Seelenlosigkeit -des Weibes durch das wundervolle Mrchen <em class="gesperrt">Fouqus</em> geworden, -dessen Stoff dieser Romantiker aus dem, von ihm -eifrig studierten, <em class="gesperrt">Paracelsus</em> geschpft hat, und durch E. T. A. -<em class="gesperrt">Hoffmann</em>, <em class="gesperrt">Girschner</em> und Albert <em class="gesperrt">Lortzing</em>, welche es in -Musik gesetzt haben. <em class="gesperrt">Undine, die seelenlose Undine, ist -die platonische Idee des Weibes.</em> Trotz aller Bisexualitt -kommt ihr die Wirklichkeit meist sehr nahe. Die verbreitete -Rede: das Weib hat keinen Charakter meint im Grunde -auch nichts anderes. Persnlichkeit und Individualitt, (intelligibles) -Ich und Seele, Wille und (intelligibler) Charakter — -dies alles bezeichnet ein und dasselbe, das im Bereiche des -Menschen nur M zukommt und W fehlt.</p> - -<p>Da aber die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, -und bedeutende Menschen solche, welche durchaus <em class="gesperrt">mit</em> Seele -leben, d. h. in denen die <em class="gesperrt">ganze Welt lebendig</em> ist, <em class="gesperrt">so -mu W absolut <b>un</b>genial veranlagt sein</em>. <em class="gesperrt">Der Mann</em> -hat <em class="gesperrt">alles</em> in sich, und mag nur, nach den Worten <em class="gesperrt">Picos von -Mirandola</em>, dies oder jenes in sich besonders begnstigen. -Er kann zur hchsten Hhe hinaufgelangen und aufs tiefste -entarten, er kann zum Tiere, zur Pflanze, <em class="gesperrt">er kann auch -zum Weibe werden, und darum gibt es weibliche, -weibische Mnner</em>.</p> - -<p><b>Aber die Frau kann nie zum Manne werden.</b> Hier ist -also die wichtigste Einschrnkung an den Aufstellungen des -ersten Teiles dieser Schrift vorzunehmen. <em class="gesperrt">Whrend mir -eine groe Anzahl von Mnnern bekannt sind, die<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> -psychisch fast vollstndig, und nicht etwa zur Hlfte -nur, Weib sind, habe ich zwar schon sehr viele Frauen -gesehen mit mnnlichen Zgen, aber noch nie auch -nur eine einzige Frau, die nicht doch im Grunde Weib -gewesen wre</em>, wenn auch diese Weiblichkeit unter einer -Menge verkleidender Hllen vor dem Blicke der Person selbst, -nicht nur der anderen, oft genug sich verbarg. Man <em class="gesperrt">ist</em> (vgl. -Kapitel 1 des zweiten Teiles) <em class="gesperrt">entweder</em> Mann <em class="gesperrt">oder</em> Weib, so -viel man auch von beiden Geschlechtern Eigentmlichkeiten -haben mag, und dieses <em class="gesperrt">Sein</em>, das Problem der Untersuchung -von Anfang an, bestimmt sich jetzt nach dem Verhltnis -eines Menschen zur Ethik und zur Logik; aber whrend es -anatomische Mnner gibt, die psychologisch Weiber <em class="gesperrt">sind</em>, -gibt es keine Personen, die krperlich Weiber und doch -psychisch Mnner <em class="gesperrt">sind</em>; wenn sie auch in noch so vielen -uerlichen Beziehungen einen mnnlichen Aspekt gewhren, -und einen unweiblichen Eindruck hervorbringen.</p> - -<p>Darum aber lt sich mit Sicherheit nun folgende <em class="gesperrt">abschlieende</em> -Antwort auf die Frage nach der Begabung der -Geschlechter geben: <em class="gesperrt">es gibt wohl Weiber mit genialen -Zgen, aber es gibt kein weibliches Genie, hat nie ein -solches gegeben und kann nie ein solches geben</em>. Wer -prinzipiell in solchen Dingen der Laxheit huldigen und den -Begriff der Genialitt so auftun und erweitern wollte, da die -Frauen unter ihm auch nur ein Fleckchen Raumes fnden, -der wrde diesen Begriff damit bereits <em class="gesperrt">zerstrt</em> haben. -Wenn berhaupt ein Begriff von Genialitt in Strenge und -Einheitlichkeit gewonnen und gewahrt werden soll und kann, -so sind, wie ich glaube, keine anderen Definitionen von ihm -mglich als die hier entwickelten. Wie knnte nach diesen -ein seelenloses Wesen Genie haben? Genialitt ist identisch -mit <em class="gesperrt">Tiefe</em>; und man versuche nur, tief und Weib wie Attribut -und Substantiv miteinander zu verbinden: ein jeder hrt den -Widerspruch. <em class="gesperrt">Ein weiblicher Genius ist demnach eine -contradictio in adjecto</em>; denn Genialitt war ja nur gesteigerte, -voll entfaltete, hhere, allgemein bewute Mnnlichkeit. -Der geniale Mensch hat, wie alles, auch das Weib -vllig in sich; aber das Weib selbst ist nur ein Teil im Weltall,<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span> -und der Teil kann nicht das Ganze, Weiblichkeit also nicht -Genialitt in sich schlieen. Die <em class="gesperrt">Genielosigkeit</em> des Weibes -folgt unabwendbar daraus, da das Weib keine Monade und -somit kein Spiegel des Universums ist.</p> - -<p>Zum Nachweise der <em class="gesperrt">Seelenlosigkeit</em> des Weibes aber -vereinigt sich der grte Teil alles dessen, was etwa in den -vorigen Kapiteln zu ermitteln sollte gelungen sein. Das dritte -Kapitel zunchst hat gezeigt, da die Frau in Heniden, der -Mann in gegliederten Inhalten lebt, da das weibliche Geschlecht -ein weniger <em class="gesperrt">bewutes</em> Leben fhrt als das mnnliche. -Bewutsein ist aber <em class="gesperrt">ein</em> erkenntnistheoretischer und zugleich -<em class="gesperrt">der</em> psychologische Fundamentalbegriff. Erkenntnistheoretisches -Bewutsein und Besitz eines kontinuierlichen Ich, transcendentales -Subjekt und Seele sind vertauschbare Wechselbegriffe. -Jedes Ich <em class="gesperrt">ist</em> nur in der Weise, da es sich selbst fhlt, sich -seiner in seinen Denkinhalten bewut wird; alles Sein ist -Bewutsein. Aber es ist jetzt zu jener Theorie von den -Heniden eine wichtige Erluterung hinzuzufgen. Die artikulierten -Denkinhalte des Mannes sind nicht einfach die auseinandergefalteten -und geformten weiblichen, sie sind nicht -blo aktuell, was jene potentiell waren; sondern es steckt in -ihnen von allem Anfang an noch ein <em class="gesperrt">qualitativ anderes</em>. -Die psychischen Inhalte des Mannes sind, selbst schon im -ersten Henidenstadium, das sie stets zu berwinden trachten, -bereits zur <em class="gesperrt">Begrifflichkeit</em> angelegt, und vielleicht tendiert -selbst <em class="gesperrt">alle Empfindung</em> des Mannes von einem sehr frhen -Stadium an <em class="gesperrt">zum Begriffe</em>. Das Weib selbst ist durchaus -unbegrifflich veranlagt, in seinem Wahrnehmen wie in seinem -Denken.</p> - -<p>Das Prinzip aller Begrifflichkeit sind die logischen -Axiome, und diese fehlen den Frauen; ihnen ist nicht das -Prinzip der Identitt Richtschnur, welches allein dem Begriff -seine eindeutige Bestimmtheit verleihen kann, und sie machen -sich nicht das principium contradictionis zur Norm, das einzig -ihn, als vllig selbstndigen, gegen alle anderen mglichen -und wirklichen Dinge abgrenzt. Dieser Mangel an begrifflicher -Bestimmtheit alles weiblichen Denkens ermglicht -jene Sensitivitt der Frauen, die vagen Associationen ein<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> -schrankenloses Recht einrumt, und so hufig ganz fernliegende -Dinge zum Vergleich heranzieht. Auch die Frauen mit dem -besten und am wenigsten begrenzten Gedchtnis kommen -ber diese Manier der <em class="gesperrt">Synsthesien</em> nie hinaus. Gesetzt -z. B., durch irgend ein Wort fhlten sie sich an eine bestimmte -Farbe, durch einen Menschen an eine bestimmte -Speise erinnert — wie das wirklich bei Frauen oft genug -vorkommt: in solchem Falle geben sie sich mit ihrer subjektiven -Association vollstndig <em class="gesperrt">zufrieden</em>, sie suchen weder -zu ergrnden, warum ihnen gerade dieser Vergleich eingefallen, -inwiefern er wirklich durch die tatschlichen Verhltnisse -nahegelegt sei, noch trachten sie weiter und eifriger -ber ihren Eindruck von dem Worte, von dem Menschen ins -Klare zu kommen. Diese Gengsamkeit und Selbstzufriedenheit -hngt mit dem zusammen, was frher als intellektuelle Gewissenlosigkeit -des Weibes bezeichnet wurde, und gleich weiter -unten nochmals zur Sprache kommen und in seinem Konnex -mit dem Mangel an Begrifflichkeit erlutert werden soll. Jenes -Schwelgen in rein gefhlsmigen Anklngen, jener Verzicht -auf Begrifflichkeit und auf Begreiflichkeit, jenes <em class="gesperrt">Sichwiegen</em> -ohne <em class="gesperrt">Streben</em> nach irgend einer Tiefe charakterisiert den -schillernden Stil so vieler moderner Schriftsteller und Maler -als einen eminent <em class="gesperrt">weiblichen</em>. Mnnliches Denken scheidet -sich von allem weiblichen grundstzlich durch das Bedrfnis -nach sicheren Formen, und so ist auch jede Stimmungskunst -immer notwendig eine <em class="gesperrt">formlose</em> Kunst.</p> - -<p>Die psychischen Inhalte des Mannes knnen aus diesen -Grnden nie einfach Heniden des Weibes in bloer Weiterentwicklung -in expliciter Form sein. Das Denken des Weibes -ist ein Gleiten und ein Huschen zwischen den Dingen hindurch, -ein Nippen von ihren obersten Flchen, denen der -Mann, der in der Wesen Tiefe trachtet, oft gar keine Beachtung -schenkt, es ist ein Kosten und ein Schmecken, ein -<em class="gesperrt">Tasten</em>, kein <em class="gesperrt">Ergreifen</em> des Richtigen. Darum, weil das -Denken des Weibes vornehmlich eine Art <em class="gesperrt">Schmecken</em> ist, bleibt -auch <em class="gesperrt">Geschmack</em>, im <em class="gesperrt">weitesten</em> Sinne, die vornehmste weibliche -Eigenschaft, das Hchste, was eine Frau selbstndig -erreichen, und worin sie es bis zu einer gewissen Vollendung<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span> -bringen kann. Geschmack erfordert eine Beschrnkung des -Interesses auf Oberflchen, er geht auf den Zusammenklang -des Ganzen, und verweilt nie bei scharf herausgehobenen -Teilen. Wenn eine Frau einen Mann versteht — ber -Mglichkeit und Unmglichkeit solchen Verstehens wird noch -zu handeln sein — so <em class="gesperrt">schmeckt</em> sie sozusagen — so geschmacklos -gerade dieser Ausdruck sein mag — <em class="gesperrt">nach</em>, was -er ihr <em class="gesperrt"><b>vorgedacht</b></em> hat. Da es auf ihrer Seite hiebei eben -nicht zu scharfer Unterscheidung kommen kann, so ist klar, -da an ein Verstndnis von ihr selbst oft wird geglaubt werden, -wo nur hchst vage Analogien in der Empfindung vorhanden -sind. Als magebend fr die <em class="gesperrt">In</em>kongruenzen ist hiebei vor -allem anzusehen, da die Denkinhalte des Mannes nicht auf -derselben Linie, und nicht etwa nur auf ihr weiter vorgerckt -liegen als die des Weibes, sondern da es <em class="gesperrt">zwei</em> Reihen sind, -welche auf die gleichen Objekte sich erstrecken, eine begriffliche -mnnliche und eine unbegriffliche weibliche, und eine im -Verstehen ausgesagte Identifikation demnach <em class="gesperrt">nicht nur</em> -zwischen einem entwickelten, differenzierten, spteren, und -einem noch chaotischen, ungegliederten, frheren Inhalt <em class="gesperrt">derselben</em> -Reihe erfolgen kann (wie im Falle des Ausdrucks, -<a href="#Seite_154">S. 154</a>); sondern da gerade im Verstehen zwischen Mann -und Weib ein <em class="gesperrt">begrifflicher</em> Gedanke der einen Reihe einem -<em class="gesperrt">unbegrifflichen</em> Gefhle, einer Henide, in der anderen -gleichgesetzt wird.</p> - -<p>Die unbegriffliche Natur des Weibes ist aber, nicht -minder als seine geringere Bewutheit, ein Beweis dafr, -da es kein Ich besitzt. Denn erst der Begriff schafft den -bloen Empfindungskomplex zum <em class="gesperrt">Objekt</em> um, er macht ihn -unabhngig davon, ob ich ihn empfinde oder nicht. Das -Dasein des Empfindungskomplexes ist immer vom Willen des -Menschen abhngig: dieser schliet das Auge, er verstopft -das Ohr und sieht und hrt schon nicht mehr, er berauscht -sich oder sucht den Schlaf, und vergit. Erst der <em class="gesperrt">Begriff</em> -emanzipiert von der ewig subjektiven, ewig psychologisch-relativen -Tatsache des <em class="gesperrt">Empfindens</em>, er schafft die <em class="gesperrt">Dinge</em>. -Durch seine begriffliche Funktion stellt sich der Intellekt selbstttig -ein Objekt <em class="gesperrt">gegenber</em>; und umgekehrt kann nur, wo eine<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span> -begriffliche Funktion da ist, von Subjekt und Objekt gesprochen -werden, nur dort sind beide voneinander unterscheidbar; -in jedem anderen Falle ist nur ein Haufe hnlicher und unhnlicher -Bilder vorhanden, die ineinander ohne jede Regel und -Ordnung verschwimmen und bergehen. Der Begriff schafft also -die frei in der Luft schwebenden <em class="gesperrt">Impressionen zu Gegenstnden</em> -um, er zeugt aus der Empfindung ein Objekt, dem -das Subjekt gegenbertritt, einen Feind, an dem es seine -Krfte mit. So ist der Begriff konstitutiv fr alle Realitt; -nicht als ob der Gegenstand selbst nur so weit Realitt -bese, als er Anteil htte an einer jenseits der Erfahrung -in einem τόπος νοητός liegenden Idee und nur eine unvollkommene -Projektion, ein stets milungenes Abbild dieser darstellte: -sondern umgekehrt, <em class="gesperrt">insofern sich auf irgend etwas die -begriffliche Funktion unseres Intellektes erstreckt, -insofern und nur insofern wird es zum realen Ding</em>. Der -<em class="gesperrt">Begriff</em> ist das <em class="gesperrt">transcendentale Objekt</em> der <em class="gesperrt">Kant</em>schen -Vernunftkritik, als welches aber stets nur einem <em class="gesperrt">transcendentalen -Subjekte</em> korrespondiert. Denn nur aus dem Subjekte -stammt jene rtselhafte objektivierende Funktion, die jenen -<em class="gesperrt">Kant</em>schen Gegenstand X, auf den alle <em class="gesperrt">Erkenntnis</em> sich erst -<em class="gesperrt">richtet</em>, selbst <em class="gesperrt">hervorbringt</em>, und die ja als identisch mit den -logischen Axiomen erkannt wurde, in welchen wieder nur das -Dasein des Subjektes zum Ausdruck gelangt. Das principium -contradictionis nmlich grenzt den Begriff ab gegen alles, was -nicht er selbst ist; das principium identitatis ermglicht seine -Betrachtung, als ob er allein auf der Welt wre. Ich kann nie -von einem rohen Empfindungskomplexe sagen, da er sich -selbst gleich sei; in dem Augenblick, wo ich das Urteil der -Identitt auf ihn anwende, ist er bereits begrifflich geworden. -So verleiht erst der Begriff allem Wahrnehmungsgebilde und -allem Gedankengespinst seine <em class="gesperrt">Wrde</em> und seine <em class="gesperrt">Strenge</em>: -<em class="gesperrt">der Begriff <b>befreit</b> jeden Inhalt, indem er ihn <b>bindet</b></em>. Und -hier wird abermals offenbar, wie alle Freiheit Selbstbindung -ist, in der Logik wie in der Ethik. Frei wird der Mensch -allein, indem er selbst das Gesetz wird: nur so entgeht er der -Heteronomie, der Bestimmung durch anderes und durch andere, -die unausbleiblich an jede Willkr geknpft ist. Deshalb ist auch<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> -die begriffliche Funktion eine <em class="gesperrt">Selbstehrung</em> des Menschen; er -ehrt <em class="gesperrt">sich</em>, indem er seinem Objekte die Freiheit gibt und es -verselbstndigt, als den allgemeingltigen <em class="gesperrt">Gegenstand der -Erkenntnis</em>, auf den rekurriert wird, wo immer zwei Mnner -ber eine Sache streiten mgen. — Nur die Frau steht nie -Dingen <em class="gesperrt">gegenber</em>, sie springt mit ihnen und in ihnen mit -sich nach Belieben um: sie kann dem Objekte keine Freiheit -schenken, da sie selbst keine hat.</p> - -<p>Die Verselbstndigung der Empfindung im Begriffe ist -aber nicht sowohl eine Loslsung vom <em class="gesperrt">Subjekte</em>, als eine Loslsung -von der <em class="gesperrt">Subjektivitt</em>. Der Begriff ist vielmehr eben -das, worber <em class="gesperrt">ich</em> denke, schreibe und spreche. Darin liegt der -Glaube, da ich nichtsdestoweniger noch in einer Beziehung -zu ihm stehe, und <em class="gesperrt">dieser</em> Glaube ist das Wesen des <b>Urteils</b>. -Wenn die immanenten Psychologisten, <em class="gesperrt">Hume</em>, <em class="gesperrt">Huxley</em>, -<em class="gesperrt">Mach</em>, <em class="gesperrt">Avenarius</em>, sich mit dem <em class="gesperrt">Begriff</em> noch so abzufinden -suchten, da sie ihn mit der Allgemeinvorstellung identifizierten, -und zwischen logischem und psychologischem Begriff keine -Unterscheidung mehr trafen: so ist es hingegen sehr bezeichnend, -da sie das <em class="gesperrt">Urteil</em> einfach ignorieren, ja, tun mssen, -als ob es nicht da wre. Sie knnen, von ihrem Standpunkt aus, -fr <em class="gesperrt">das allem Empfindungsmonismus Fremde</em>, das im -Urteils<em class="gesperrt">akte</em> enthalten ist, keinerlei Verstndnis sich gestatten. -Im Urteil liegt Anerkennung oder Verwerfung, Billigung oder -Mibilligung bestimmter Dinge, und der Mastab dieser Billigung -— <em class="gesperrt">die Idee der Wahrheit</em> — kann nicht selbst in den -Wahrnehmungskomplexen gelegen sein, die beurteilt werden. -Fr wen es nichts als Empfindungen gibt, fr den sind notwendig -alle Empfindungen <em class="gesperrt">gleichwertig</em>, die Aussichten der -einen nicht grer als die der anderen, Baustein einer realen -Welt zu werden. So vernichtet gerade der <em class="gesperrt">Empirismus</em> die -Wirklichkeit der <em class="gesperrt">Erfahrung</em>, und entpuppt sich der <em class="gesperrt">Positivismus</em> -trotz des solid und reell klingenden Titels -seiner Firma als der wahre <em class="gesperrt">Nihilismus</em> — wie so manches -der Ehrbarkeit volle geschftliche Unternehmen als ein -schwindelhafter Luftbau. Der Gedanke eines <em class="gesperrt">Maes</em> der -Erfahrung, der <em class="gesperrt">Wahrheitsgedanke</em>, kann nicht schon in -der <em class="gesperrt">Erfahrung</em> gelegen sein. <em class="gesperrt">In jedem Urteil aber liegt<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> -gerade dieser Anspruch auf Wahrheit</em>, es erhebt implicite, -auch wenn es mit noch so vielen, subjektiv einschrnkenden, -Zustzen versehen wird, die Forderung seiner objektiven -Gltigkeit eben in der restringierten Form, die ihm sein Urheber -gab. Wer etwas in der Weise eines Urteils ausspricht, -wird so behandelt, als verlangte er die allgemeine Anerkennung -fr das, was er sagt; und erklrt er, da ihm diese Hoffnung -fern gelegen sei, so wird er mit Recht zu hren bekommen, -da er sich eines Mibrauches der Urteilsform -schuldig gemacht habe. Demnach ist es richtig, da in der -urteilenden Funktion der Anspruch auf <em class="gesperrt">Erkenntnis</em>, das heit -<em class="gesperrt">auf die Wahrheit des Geurteilten</em>, gelegen sei.</p> - -<p>Dieser Anspruch auf Erkenntnis besagt nicht mehr und -nicht weniger, als da das Subjekt ber das Objekt zu <em class="gesperrt">urteilen</em>, -ber es <em class="gesperrt">Richtiges</em> auszusagen <em class="gesperrt">vermge</em>. Die Objekte, -ber die geurteilt wird, sind <em class="gesperrt">Begriffe</em>: der Begriff ist der -Gegenstand der Erkenntnis. Der Begriff stellte dem Subjekt -ein Objekt <em class="gesperrt">gegenber</em>; <em class="gesperrt">durch das Urteil wird wiederum -die Mglichkeit einer Verbindung</em> und Verwandtschaft -<em class="gesperrt">zwischen ihnen behauptet</em>. Denn die Wahrheitsforderung -heit so viel, da das Subjekt ber das Objekt auch richtig -urteilen <em class="gesperrt">knne</em>; <em class="gesperrt">und so liegt in der Urteilsfunktion der -<b>Beweis</b> eines Zusammenhanges zwischen dem Ich und -dem All</em>, ja der Mglichkeit ihrer vollen Einheit; diese Einheit, -und nichts anderes, nicht die <em class="gesperrt">bereinstimmung</em>, sondern -die <em class="gesperrt">Identitt</em> von Sein und Denken ist <em class="gesperrt">Wahrheit</em>; nie eine -dem Menschen als Menschen je erreichbare <em class="gesperrt">Tatsache</em><a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a>, -immer nur eine ewige <em class="gesperrt">Forderung</em>. So ist das Urteilsvermgen, -in der Voraussetzung, die ihm am allgemeinsten -zu Grunde liegt, nur der trockene <em class="gesperrt">logische Ausdruck -der Theorie von der Seele des Menschen als des -Mikrokosmus</em>. Und die viel verhandelte Frage, was vorhergehe, -Begriff oder Urteil, wird wohl dahin entschieden werden -mssen, da keinem von beiden eine Prioritt vor dem anderen -zukomme, vielmehr beide einander notwendig bedingen. Denn -alle Erkenntnis geht auf einen Gegenstand, Erkennen aber<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> -vollzieht sich in der Form des Urteilens und sein Gegenstand -ist der Begriff. Die begriffliche Funktion hat Subjekt und -Objekt gespalten, und jenes einsam gemacht: wie alle Liebe, -so sucht damit sogleich auch die Sehnsucht des Erkenntnistriebes -das Entzweite wieder zu einen.</p> - -<p>Fehlt einem Wesen, wie dem echten Weibe, die begriffliche, -so mangelt ihm deshalb notgedrungen gleichzeitig die -urteilende Ttigkeit. Man wird diese Behauptung eine -lcherliche Paradoxie nennen, weil ja doch die Frauen genug -<em class="gesperrt">sprechen</em> (wenigstens hat sich niemand ber das Gegenteil -beklagt), und alles Sprechen Ausdruck von Urteilen sei. Aber -eben dieses letztere ist nicht richtig. Der <em class="gesperrt">Lgner</em> z. B., den -man gegen die tiefere Bedeutung des Urteilsphnomens gewhnlich -ins Feld fhrt, <em class="gesperrt">urteilt gar nicht</em> (es gibt eine -innere Urteilsform<a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> wie eine innere Sprachform), indem -er eben, lgend, an das, was er sagt, gar nicht den Mastab der -Wahrheit anlegt; und, wenn er fr die Lge auch noch so -allgemeine Anerkennung erzwingen will, eben seine eigene -Person hievon ausnimmt und damit die objektive Gltigkeit -dahin ist. Wer sich hingegen selbst belgt, fragt vor dem -inneren Forum seine Gedanken nicht nach ihren Rechtsgrnden, -wrde sich aber wohl hten, sie vor einem ueren -zu vertreten. Es kann also jemand die uere sprachliche -Form des Urteils sehr wohl wahren, ohne seiner inneren Bedingung -gerecht geworden zu sein. Diese innere Bedingung ist -aufrichtige Anerkennung der Idee der Wahrheit als obersten -Richters ber alle Aussagen, und herzliches Begehren, vor -diesem Richter mit jedem Ausspruche, den man tue, bestehen -zu knnen. Man steht aber zur Idee der Wahrheit in einem -Verhltnis berhaupt und ein fr alle Male, und nur aus einem -solchen kann Wahrhaftigkeit sowohl den Menschen, als den -Dingen, als auch sich selbst gegenber flieen. Darum ist die -eben getroffene Einteilung in Lge vor sich und Lge vor -anderen falsch, und wer <em class="gesperrt">subjektiv verlogen</em> ist, wie das von -der Frau bereits hervorgehoben wurde und noch sehr ausfhrlich -auseinandergesetzt werden wird, der kann auch kein -Interesse an der <em class="gesperrt">objektiven</em> Wahrheit besitzen. Das Weib hat<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> -keinen Eifer fr die Wahrheit — darum ist es nicht <em class="gesperrt">ernst</em> -— darum nimmt es auch keinen Anteil an <em class="gesperrt">Gedanken</em>. Es -gibt eine Menge weiblicher Schriftstellerinnen, aber <em class="gesperrt">Gedanken</em> -vermit man in allem, was weibliche Knstler je geschaffen -haben, und so gering ist diese Liebe zur (objektiven) Wahrheit, -da sie Gedanken meist nicht einmal zu <em class="gesperrt">borgen</em> der -Mhe wert finden.</p> - -<p>Kein Weib hat wirkliches Interesse fr die Wissenschaft, -sie mag es sich selbst und noch so vielen braven Mnnern, -aber schlechten Psychologen, vorlgen. Man kann sicher sein, -da, wo immer eine Frau irgend etwas nicht <em class="gesperrt">ganz</em> Unerhebliches -in wissenschaftlichen Dingen selbstndig geleistet hat -(Sophie <em class="gesperrt">Germain</em>, Mary <em class="gesperrt">Somerville</em> etc.), dahinter stets ein -Mann sich verbirgt, dem sie auf diese Weise nher zu kommen -trachtete; und viel allgemeiner als fr den Mann das Cherchez -la femme gilt fr die Frauen ein Cherchez l'homme.</p> - -<p>Bedeutendere Leistungen hat es aber selbst auf dem -Gebiete der Wissenschaft von weiblicher Seite nie gegeben. -Denn die Fhigkeit zur Wahrheit stammt nur aus dem Willen -zur Wahrheit, und ist stets diesem in ihrer Strke angemessen.</p> - -<p>Darum ist auch der Wirklichkeitssinn der Frauen, so -oft auch das Gegenteil behauptet worden ist, viel geringer als -jener der Mnner. Ihnen ordnet sich die Erkenntnis stets einem -fremden Zwecke unter, und wenn die Absicht auf diesen intensiv -genug ist, dann mgen die Frauen sehr scharf und -unbeirrt blicken; was Wahrheit an sich und um ihrer selbst -willen fr einen Wert haben solle, wird eine Frau nie und -nimmer einzusehen imstande sein. Wo also Tuschung -seinen (oft unbewuten) Wnschen <em class="gesperrt">entgegenkommt</em>, dort wird -das Weib gnzlich unkritisch, und verliert jede Kontrolle ber -die Realitt. Daraus erklrt sich der feste Glaube so mancher -Frauen, von sexuellen Attacken bedroht worden zu sein, daraus -die ungemeine Hufigkeit der Halluzinationen des Tastsinnes -beim weiblichen Geschlechte, von deren intensivem -Realittscharakter der Mann nicht leicht eine Vorstellung -sich bilden mag; denn die Phantasie des Weibes ist Irrtum -und Lge, die Phantasie des Mannes hingegen, als Knstlers -oder Philosophen, erst hhere Wahrheit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> - -Der Wahrheitsgedanke aber liegt allem, was den Namen -<em class="gesperrt">Urteil</em> verdient, zu Grunde. Urteilen ist die Form alles Erkennens, -und Denken selbst heit nichts anderes als urteilen. -Die Norm des Urteils ist der Satz vom Grunde, gleichwie die -Stze vom Widerspruch und von der Identitt den Begriff -(als die Norm der Essenz) konstituieren. Da die Frau den -Satz vom Grunde <em class="gesperrt">nicht</em> anerkennt, darauf wurde schon hingewiesen. -Alles Denken ist Ordnen des Mannigfaltigen zur -Einheit; im Satz vom Grunde, der die Berechtigung jedes Urteils -von einem logischen Erkenntnisgrunde abhngig macht, -liegt der Gedanke der <em class="gesperrt">Einheitsfunktion</em> unseres Denkens -<em class="gesperrt">mit Bezug</em> auf die Mannigfaltigkeit, und <em class="gesperrt">trotz</em> derselben; -indes die drei anderen logischen Axiome nur ein Ausdruck -des <em class="gesperrt">Seins</em> der Einheit selbst ohne Beziehung auf eine Mannigfaltigkeit -sind. Beide sind darum nicht aufeinander zurckzufhren, -<em class="gesperrt">vielmehr ist darin, da sie zweierlei sind, -der formal-logische Ausdruck des Dualismus in der -Welt, der Existenz einer Vielheit neben der Einheit -zu erblicken</em>. Jedenfalls hatte <em class="gesperrt">Leibniz</em> recht, als er beide -unterschied, und jede Theorie, die dem Weibe die Logik -abspricht, mu nicht nur vom Satz des Widerspruchs -(und der Identitt), der sich auf den Begriff bezieht, sondern -ebenso vom Satz des Grundes, dessen Gewalt das Urteil untersteht, -nachweisen, da es ihn nicht begreife und ihm sich -nicht beuge. In der intellektuellen Gewissenlosigkeit der Frau -liegt dieser Nachweis. Hat einmal ein Weib einen theoretischen -Einfall, so verfolgt es ihn nicht weiter, es bringt ihn -nicht in Beziehung zu anderem, <em class="gesperrt">es denkt nicht <b>nach</b></em>. Deshalb -kann es am wenigsten einen weiblichen Philosophen geben; -es fehlt die Ausdauer, die Zhigkeit, die Beharrlichkeit des -Denkens und alle Motive zu diesem, und da eine Frau an -<em class="gesperrt">Problemen litte</em>, davon kann zu allerletzt die Rede sein. Man -schweige nur von den Weibern, denen nicht zu helfen ist. -Der problematische Mann will erkennen, das problematische -Weib will doch nur erkannt werden.</p> - -<p>Ein <em class="gesperrt">psychologischer</em> Beweis fr die <em class="gesperrt">Mnnlichkeit -der Urteilsfunktion</em> ist dieser, <em class="gesperrt">da das Urteilen -vom Weibe als mnnlich empfunden wird, und wie<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> -ein (tertirer) Sexualcharakter anziehend auf es</em> -wirkt. Die Frau <em class="gesperrt">verlangt</em> vom Manne stets bestimmte -berzeugungen, die sie bernehme; fr den <em class="gesperrt">Zweifler</em> -im Manne geht ihr jegliches Verstndnis, welcher Art immer, -ab. Auch erwartet sie stets, da der Mann <em class="gesperrt">rede</em>, und die -Rede des Mannes ist ihr ein Zeichen von Mnnlichkeit. Den -Frauen ist zwar die Gabe der Sprache, aber nicht so die -der Rede verliehen; eine Frau konversiert (kokettiert) oder -schnattert, aber sie redet nicht. Am gefhrlichsten aber ist -sie, wenn sie stumm ist: denn der Mann ist nur allzugeneigt, -Stummheit fr Schweigen zu nehmen.</p> - -<p>So ist nicht nur von den logischen Normen, sondern -auch von den Funktionen, welche durch diese Grundstze -geregelt werden, von der begrifflichen und der urteilenden -Ttigkeit, bewiesen, da W ihrer entbehrt. Da aber die Begrifflichkeit -ihrem Wesen nach darin besteht, einem <em class="gesperrt">Subjekt</em> -sein Objekt gegenberzustellen, und im Urteilen die Urverwandtschaft -und tiefste Wesenseinheit des Subjektes mit -seinem Objekte zum Ausdruck kommt, so mu der Frau -abermals der Besitz eines Subjektes aberkannt werden.</p> - -<p>An den Nachweis der Alogizitt des absoluten Weibes -hat sich der Nachweis seiner Amoralitt im einzelnen zu -schlieen. Die tiefe Verlogenheit des Weibes, welche aus -dem Mangel eines Verhltnisses zur Idee der Wahrheit, wie -zu den Werten berhaupt, freilich schon hier sich ergibt, -mu noch so eingehend Gegenstand der Besprechung werden, -da hier zunchst andere Momente sollen hervorgekehrt sein. -Es gilt dabei unausgesetzt einen besonderen Scharfsinn und -eine groe Vorsicht; denn es gibt so unendlich viele -Imitationen des Ethischen, ja so tuschende Kopien der Moral, -da die Sittlichkeit der Frauen wohl von vielen stets hher -als die der Mnner wird gewertet werden. Ich habe schon die -Notwendigkeit der Distinktion zwischen <em class="gesperrt">a</em>moralischem und -<em class="gesperrt">anti</em>moralischem Verhalten betont, und wiederhole, da nur -von ersterem, welches eben gar keinen Sinn fr die Moral, -und gar keine Richtung mit Bezug auf dieselbe involviert, -beim echten Weibe die Rede sein kann. Es ist eine aus der -Kriminalstatistik wie aus dem tglichen Leben wohl bekannte<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> -Tatsache, da von Frauen unvergleichlich weniger Verbrechen -begangen werden als von Mnnern. Auf diese Tatsache berufen -sich denn auch immer die geschftigen Apologeten der -Sittenreinheit des Weibes.</p> - -<p>Aber bei der Entscheidung der Frage nach der weiblichen -Sittlichkeit kommt es nicht darauf an, ob jemand -objektiv gegen die Idee gesndigt hat; sondern nur darauf, -ob er einen subjektiven Wesenskern hat, der in ein Verhltnis -zur Idee treten konnte, und dessen Wert er in Frage stellte, -als er fehlte. Gewi wird der Verbrecher mit seinen verbrecherischen -Trieben geboren, aber nichtsdestoweniger fhlt -er selbst, trotz aller Theorien von der moral insanity, da -er durch seine Tat seinen Wert und sein Recht auf das Leben -verwirkt hat; denn es gibt nur feige Verbrecher, und keinen, -dessen Stolz und Selbstbewutsein durch die bse Tat erhht -und nicht vermindert worden wre, keinen, der es bernhme, -sie zu rechtfertigen.</p> - -<p>Der mnnliche Verbrecher hat ebenso von Geburt an -ein Verhltnis zur Idee des Wertes wie jener andere Mann, -dem die verbrecherischen Triebe, die den ersten beherrschen, -fast vllig mangeln. Das Weib hingegen behauptet oft im -vollen Rechte zu sein, wenn es die denkbar grte Gemeinheit -begangen hat; whrend der echte Verbrecher stumpfsinnig -auf alle Vorwrfe <em class="gesperrt">schweigt</em>, kann eine Frau emprt -ihrer Verwunderung und Entrstung darber Ausdruck geben, -da man ihr gutes Recht, so oder so zu handeln, in Zweifel -ziehe. Frauen sind berzeugt <em class="gesperrt">von</em> ihrem Rechte, ohne je -<em class="gesperrt">ber</em> sich zu Gericht gesessen zu sein. Der Verbrecher geht -zwar auch nie in sich, aber er behauptet auch nie sein Recht; -er geht vielmehr dem Gedanken des Rechtes hastig aus -dem Wege, weil es ihn an seine Schuld erinnern knnte: -und hier liegt auch der Beweis, da er ein Verhltnis zur -Idee <em class="gesperrt">hatte</em>, und nur an seine Untreue gegen sein besseres -Selbst nicht erinnert werden will. <em class="gesperrt">Kein Verbrecher hat -noch wirklich geglaubt, da ihm Unrecht geschehen -sei durch die Strafe</em><a name="FNAnker_38_38" id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a>; die Frau hingegen ist berzeugt<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> -von der Bswilligkeit ihrer Anklger; und, wenn <em class="gesperrt">sie nicht -will</em>, kann ihr niemand beweisen, da sie Unrecht getan -habe. Wenn ihr jemand zuredet, so kommt es freilich oft vor, -da sie in Trnen ausbricht, um Verzeihung bittet und ihr -Unrecht einsieht, ja wirklich glaubt, dieses Unrecht aufrichtig -zu fhlen; aber immer nur, wenn sie dazu die Lust empfunden -hat; denn diese Auflsung im Weinen bereitet ihr stets -ein gewisses wollstiges Vergngen. Der Verbrecher ist -verstockt, er lt sich nicht im Nu umdrehen, wie der scheinbare -Trotz einer Frau in ein ebenso scheinbares Schuldgefhl -sich verkehren lt, wenn der Anklger sie entsprechend -zu behandeln versteht. Die einsame Pein der -Schuld, die am Bette weinend sitzt und vergehen mchte -vor Scham ber den Makel, mit dem sie sich beladen hat, -die kennt kein Weib, und eine scheinbare Ausnahme (die -Berin, die den Leib kasteiende Betschwester) wird spter -ebenfalls zeigen, da <em class="gesperrt">eine Frau stets nur zu zweien sich -sndhaft fhlt</em>.</p> - -<p>Ich behaupte also nicht, da die Frau bse, antimoralisch -ist; ich behaupte, <em class="gesperrt">da sie vielmehr bse gar nie sein -kann</em>; sie ist nur amoralisch, <em class="gesperrt">gemein</em>.</p> - -<p>Das weibliche Mitleid und die weibliche Schamhaftigkeit -sind die beiden anderen Phnomene, auf welche der -Schtzer weiblicher Tugend insgemein sich beruft. Speziell die -weibliche Gte, das weibliche Mitgefhl haben zu der schnen -Sage von der Psyche des Weibes den meisten Anla gegeben, -und das letzte Argument alles Glaubens an die hhere -Sittlichkeit der Frau ist die Frau als Krankenpflegerin, als -barmherzige Schwester. Ich erwhne diesen Punkt ungern -und htte ihn nicht berhrt, bin aber durch einen Einwand, -der mir mndlich gemacht wurde und dem voraussichtlich -weitere folgen werden, hiezu gezwungen.</p> - -<p>Es ist kurzsichtig, wenn man die Krankenpflege der -Frauen fr einen Beweis ihres Mitleids hlt, indem vielmehr<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> -gerade das Gegenteil aus ihr folgt. Denn der Mann knnte -die Schmerzen des Kranken nie mitansehen, er mte unter -ihnen so leiden, da er vllig aufgerieben wrde, und wartende -Pflege des Patienten wre ihm ganz unmglich. Wer Krankenschwestern -beobachtet, nimmt mit Erstaunen wahr, da diese -gleichmtig und sanft bleiben, selbst unter den furchtbarsten -Krmpfen eines Sterbenden; und so ist es gut; denn -der Mann, der Qualen und Tod nicht mitmachen kann, wre -dem Kranken ein schlechter Pfleger. Der Mann wrde die -Qualen lindern, den Tod aufhalten, mit einem Worte, er -wrde <em class="gesperrt">helfen</em> wollen; wo nicht zu helfen ist, da ist kein -Platz fr ihn, da kann allein die Pflege in ihr Recht treten, -und fr diese eignet sich nur das Weib. Man ist aber vllig -im Unrecht, wenn man die Ttigkeit der Frauen auf diesem -Ressort anders als vom utilitaristischen Standpunkt schtzen -zu knnen glaubt.</p> - -<p>Dazu tritt noch, da fr die Frau das <em class="gesperrt">Problem</em> von -Einsamkeit und Gesellschaft gar nicht existiert. Sie schickt sich -gerade deshalb besonders gut zur Gesellschafterin (Vorleserin, -Krankenpflegerin), weil sie nie aus einer Einsamkeit heraustritt -in eine Mehrsamkeit. <em class="gesperrt">Dem Manne wird Einsamkeit -und Mehrsamkeit immer irgendwie Problem, wenn -auch oft nur eine von beiden zur Mglichkeit</em>. Die -Frau verlt keine Einsamkeit, um den Kranken zu pflegen, -wie sie es tun mte, auf da ihre Tat wirklich sittlich knnte -genannt werden; <em class="gesperrt">denn eine Frau ist <b>nie</b> einsam</em>, sie kennt -nicht die Liebe zur Einsamkeit und nicht die Furcht vor ihr. -<em class="gesperrt">Die Frau lebt stets, auch wenn sie allein ist, in einem -Zustande der <b>Verschmolzenheit</b> mit allen Menschen, -die sie kennt</em>: ein Beweis, da sie keine Monade ist, denn -alle Monaden haben <em class="gesperrt">Grenzen</em>. Die Frauen sind ihrer Natur -nach unbegrenzt, aber nicht unbegrenzt wie der Genius, -dessen Grenzen mit denen der Welt zusammenfallen; sondern -sie <em class="gesperrt">trennt</em> nie etwas Wirkliches von der Natur oder von -den Menschen.<a name="FNAnker_39_39" id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> -Dieses Verschmolzensein ist etwas durchaus <em class="gesperrt">Sexuelles</em>, -und dementsprechend uert sich alles weibliche Mitleid in -<em class="gesperrt">krperlicher Annherung</em> an das bemitleidete Wesen, -es ist tierische Zrtlichkeit, es mu streicheln und trsten. -Wieder nur ein Beweis fr das Fehlen jenes harten Striches, -der stets zwischen Persnlichkeit und Persnlichkeit gezogen -ist! Die Frau ehrt nicht den Schmerz des Nebenmenschen -durch Schweigen, sie glaubt ihn durch Zureden -aufheben zu knnen: so sehr fhlt sie sich mit ihm verbunden, -als natrliches, nicht als geistiges Wesen. Und wo -die Sexualitt erloschen ist, dort fehlt auch jedes Mitleid: im -alten Weib ist nie auch nur ein Funken jener angeblichen -Gte mehr, und so liefert das Greisenalter der Frau den indirekten -Beweis, wie all ihr Mitleid nur eine Form sexueller -Verschmolzenheit war, <em class="gesperrt">selbst</em> wenn es auf ein gleichgeschlechtliches -Wesen sich bezog.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">verschmolzene</em> Leben, eine der wichtigsten -und am tiefsten fhrenden Tatsachen des weiblichen Daseins, -ist auch der Grund der Rhrseligkeit aller Frauen, jener -gemeinen Willigkeit und Leichtigkeit und Schamlosigkeit des -Trnenergusses. Nicht umsonst kennt man nur Klageweiber, -und achtet einen in Gesellschaft weinenden Mann nicht sehr -hoch. Wenn jemand weint, so weint die Frau mit, wie sie -stets mitlacht, wenn ein anderer, auer ber sie selbst, lacht: -und damit ist ein guter Teil des weiblichen Mitleidens auch -bereits erschpft.</p> - -<p>Nur das Weib jammert so recht andere Menschen <em class="gesperrt">an</em>, -weint sie <em class="gesperrt">an</em> und <em class="gesperrt">verlangt</em> ihr Mitleid. Hierin liegt einer der -strksten Beweise der psychischen Schamlosigkeit des Weibes. -Die Frau provoziert das Mitleid der Fremden, um <em class="gesperrt">mit -diesen</em> weinen und sich selbst so noch mehr bedauern zu -knnen, als sie es bereits tat. Ja, es ist nicht zu viel behauptet, -da das Weib, auch wenn es allein weint, stets <em class="gesperrt">mit</em>weine mit -anderen, denen es in Gedanken sein Leid klagt, wodurch es -selbst sehr heftig gerhrt wird. Mitleid mit sich selbst ist -eine eminent weibliche Eigenschaft: die Frau stellt sich zuerst -in eine Reihe mit den anderen, <em class="gesperrt">macht sich zum Objekt -des Mitleidens anderer</em>, und beginnt nun, tief ergriffen,<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> -<em class="gesperrt">mit</em> ihnen ber sich, die Arme, mitzuweinen. Aus -diesem Grunde schmt sich der Mann vielleicht keiner anderen -Regung so sehr, als wenn er sich auf einem Impuls zu -diesem sogenannten Mitleid mit sich selbst ertappt, <em class="gesperrt">in dem -das Subjekt tatschlich Objekt wird</em>.</p> - -<p>Das weibliche Mitleid, an das selbst <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> -geglaubt hat, ist ein Schluchzen und Heulen berhaupt, beim -geringsten Anla, ohne die schwchste Bemhung, aus Scham -die Regung zu unterdrcken; denn wie alles wahre Leiden, -so mte auch wahres Mitleiden, sofern es eben wirklich -Leiden wre, schamhaft sein; ja kein Leid kann so schamhaft -sein wie das Mitleid und die Liebe, weil diese beiden am -strksten die unbersteigbaren <em class="gesperrt">Grenzen</em> jeder Individualitt -zum <em class="gesperrt">Bewutsein</em> bringen. Von der Liebe und ihrer Schamhaftigkeit -kann erst spter gehandelt werden; im <em class="gesperrt">Mitleid</em> -aber, im echten mnnlichen Mitleiden, liegt immer Beschmung, -Schuldbewutsein, weil es mir nicht so schlecht geht wie -diesem, weil ich nicht er, sondern ein von ihm, auch durch -uerliche Umstnde, <em class="gesperrt">getrenntes</em> Wesen bin. <em class="gesperrt">Das mnnliche -Mitleid ist das ber sich selbst errtende principium -individuationis; darum ist alles weibliche Mitleid -zudringlich, das mnnliche versteckt sich.</em></p> - -<p>Was es mit der Schamhaftigkeit der Frauen fr eine -Bewandtnis habe, das ist hierin zum Teil schon ausgesprochen; -zum Teil kann es ebenfalls erst spter, mit dem -Thema der Hysterie zusammen, abgehandelt werden. Wie -man angesichts des naiven Eifers, mit dem alle Frauen, wo -die gesellschaftliche Konvention es nur gestattet, ihre Decolletage -betreiben, noch an einer angeborenen inneren Schamhaftigkeit -als der Tugend des weiblichen Geschlechtes festhalten -knne, ist nicht einzusehen: man <em class="gesperrt">ist</em> entweder schamhaft -oder man <em class="gesperrt">ist</em> es nicht, und das ist keine Schamhaftigkeit, -die man in gewissen Augenblicken regelmig spazieren -schickt.</p> - -<p>Der absolute Beweis fr die Schamlosigkeit der Frauen -(und ein Hinweis darauf, <em class="gesperrt">woher</em> die Forderung der Schamhaftigkeit -wohl eigentlich stammen mag, welcher die Frauen -uerlich oft so peinlich nachkommen) liegt jedoch darin, da<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> -Frauen untereinander sich immer ungescheut vllig entblen, -whrend Mnner voreinander stets ihre Nacktheit zu bedecken -suchen. Wenn Frauen allein sind, werden eifrige Vergleiche -zwischen den krperlichen Reizen der einzelnen angestellt, und -oft alle Anwesenden einer genauen und eingehenden Visitierung -unterzogen, die nicht ohne Lsternheit erfolgt, weil stets -der Wert, den der Mann auf diesen oder jenen Vorzug legen -werde, unbewut der Hauptgesichtspunkt bleibt. Der einzelne -Mann hat kein Interesse fr die Nacktheit des zweiten Mannes, -whrend jede Frau auch die andere Frau in Gedanken stets -entkleidet, und eben hiedurch die allgemeine interindividuelle -Schamlosigkeit des Geschlechtes beweist. Dem Manne ist es -peinlich und unangenehm, sich die Sexualitt seines Nebenmannes -zu vergegenwrtigen; die Frau sucht sofort in Gedanken -die geschlechtlichen Beziehungen auf, in denen eine zweite -Frau stehen mag, sobald sie diese nur kennen lernt; ja sie -wertet die andere immer ausschlielich nach dem Verhltnis.</p> - -<p>Ich komme hierauf noch sehr ausfhrlich zurck; indessen -trifft die Darstellung nun zum ersten Male mit jenem -Punkte wieder zusammen, der im zweiten Kapitel dieses -Teiles besprochen wurde. Wessen man sich schmt, dessen -mu man sich <em class="gesperrt">bewut</em> sein, und wie zur Bewutheit, so ist -auch zum Schamgefhl stets Differenzierung vonnten. Die -Frau, die nur sexuell ist, kann <em class="gesperrt">asexuell zu sein scheinen, -weil sie die Sexualitt selbst ist</em>, und hier nicht die Geschlechtlichkeit -krperlich und psychisch, rumlich und zeitlich -sich <em class="gesperrt">abhebt</em> wie beim Manne; die Frau, die stets schamlos -ist, kann den Eindruck der Schamhaftigkeit machen, <em class="gesperrt">weil -es bei ihr keine Scham zu verletzen gibt</em>. Und so ist -die Frau auch nie nackt oder stets nackt, wie man es haben -will: nie nackt, weil sie nie zum echten Gefhle einer -Nacktheit wirklich gelangt; stets nackt, weil ihr eben das -andere fehlt, das vorhanden sein mte, um ihr je zum <em class="gesperrt">Bewutsein</em> -zu bringen, da sie (objektiv) nackt ist, und so -ein innerer Impuls zur Bedeckung werden knnte. Da man -auch unter Kleidern nackt sein kann, ist freilich etwas, das -bldem Blicke nicht einleuchtet, aber es wre ein schlimmes -Zeugnis, das ein Psychologe sich ausstellte, wenn er aus<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> -der Tatsache des Gewandes schon auf den geringsten Mangel -an Nacktheit schlieen wollte. Und eine Frau ist objektiv -stets nackt, selbst unter der Krinoline und dem Mieder.<a name="FNAnker_40_40" id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a></p> - -<p>Dies alles hngt damit zusammen, was das Wort Ich -fr die Frau denn eigentlich immer bedeutet. Wenn man -eine Frau fragt, was sie unter ihrem Ich verstehe, so vermag -sie nichts anderes sich darunter vorzustellen als ihren Krper. -Ihr <em class="gesperrt">ueres</em>, das ist das Ich der Frauen. <em class="gesperrt">Machs</em> Zeichnung -des Ich in seinen Antimetaphysischen Vorbemerkungen -stellt also ganz richtig das Ich des vollkommenen Weibes -dar. Wenn E. <em class="gesperrt">Krause</em> sagt, die Selbstanschauung Ich sei -ohne weiteres ausfhrbar, so ist das nicht so ganz lcherlich, -wie <em class="gesperrt">Mach</em> unter der Zustimmung vieler anderer glaubt, denen -gerade diese scherzhafte Illustration des philosophischen -‚Viel Lrm um nichts’ in den Bchern <em class="gesperrt">Machs</em> am besten -gefallen zu haben scheint.</p> - -<p>Das Ich der Frauen begrndet auch die spezifische -Eitelkeit der Frauen. Mnnliche Eitelkeit ist eine Emanation -des <em class="gesperrt">Willens zum Wert</em>, und ihre <em class="gesperrt">objektive</em> uerungsform, -<em class="gesperrt">Empfindlichkeit</em>, das Bedrfnis, die Erreichbarkeit -des Wertes von niemand in Frage gestellt zu sehen. Was -dem Manne Wert und Zeitlosigkeit gibt, ist einzig und -allein <em class="gesperrt">Persnlichkeit</em>. Dieser hchste <em class="gesperrt">Wert</em>, der nicht -ein <em class="gesperrt">Preis</em> ist, weil an seine Stelle, nach den Worten <em class="gesperrt">Kant</em>ens, -nicht auch etwas anderes als <em class="gesperrt">quivalent</em> gesetzt werden -kann, sondern der ber allen Preis erhaben ist, mithin kein -quivalent verstattet, ist die <em class="gesperrt">Wrde</em> des Mannes. Die Frauen -haben, trotz <em class="gesperrt">Schiller</em>, keine Wrde — die <em class="gesperrt">Dame</em> wurde ja -nur erfunden, um diesen Mangel auszufllen — und ihre -Eitelkeit wird sich danach richten, was ihnen ihr hchster -Wert ist; das heit, sie wird auf die Festhaltung, Steigerung -und Anerkennung krperlicher Schnheit gehen. Die -Eitelkeit von W ist somit einerseits ein gewisses, nur ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> -eigenes, selbst dem (mnnlich) schnsten Manne<a name="FNAnker_41_41" id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> <em class="gesperrt">fremdes</em> -Behagen am eigenen Leibe: eine Freude, die sich, selbst beim -hlichsten Mdchen, sowohl bei der Selbstbetastung, als bei -der Selbstbetrachtung im Spiegel, als auch bei vielen Organempfindungen -einzustellen scheint; aber schon hier macht sich -mit voller Strke und mit dem erregendsten Vorgefhl der -Gedanke an den Mann geltend, dem diese Reize einst gehren -sollen, und beweist wiederum, wie das Weib zwar -allein, aber nie einsam sein kann. Anderseits also ist die -weibliche Eitelkeit Bedrfnis, den Krper bewundert oder -vielmehr <em class="gesperrt">begehrt, vom sexuell erregten Manne begehrt</em> -zu fhlen.</p> - -<p>Dieses Bedrfnis ist so stark, da es wirklich viele -Weiber gibt, denen diese Bewunderung, begehrlich von seiten -des Mannes, neiderfllt von seiten der Geschlechtsgenossinnen, -zum Leben vollkommen gengt; sie kommen damit aus, andere -Bedrfnisse haben sie kaum.</p> - -<p>Die weibliche Eitelkeit ist also stete Rcksicht auf andere, -<em class="gesperrt">die Frauen leben nur im Gedanken an die anderen</em>. -Und auch die Empfindlichkeit des Weibes bezieht sich auf diesen -nmlichen Punkt. Nie wird eine Frau vergessen, da ein anderer -sie hlich gefunden hat; allein nmlich findet ein Weib -sich <em class="gesperrt">nie</em> hlich, sondern stets nur <em class="gesperrt">minderwertig</em>, und auch -das nur, indem es an die Triumphe denkt, welche andere -Frauen bei den Mnnern ber sie davon getragen haben. Es -gibt kein Weib, das sich nicht noch schn und begehrenswert -fnde, wenn es sich im Spiegel betrachtet; der Frau wird nie, -gleich dem Manne, eigene Hlichkeit zur schmerzvollen -Realitt, sondern sie sucht bis ans Ende sich und die anderen -darber hinwegzutuschen.</p> - -<p>Woher kann nun die weibliche Art der Eitelkeit einzig -stammen? Sie fllt zusammen mit dem Mangel des intelligiblen -Ich, <em class="gesperrt">des stets und absolut positiv Bewerteten</em>, -sie erklrt sich aus dem Fehlen eines <em class="gesperrt">Eigenwertes</em>. Da -sie keinen <em class="gesperrt">Eigenwert</em> fr sich selbst und vor sich selbst -haben, trachten sie Objekt der Wertung anderer zu werden, -durch Begehrung und Bewunderung von deren Seite, einen<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> -Wert fr Fremde, vor Fremden zu gewinnen. Das einzige, was -absoluten, unendlichen Wert auf der Welt hat, ist Seele. Ihr -seid besser denn viele Sperlinge hat darum Christus die -Menschen wieder gelehrt. Die Frau indessen wertet sich -nicht danach, wie weit sie ihrer Persnlichkeit treu, wie weit -sie frei gewesen ist; jedes Wesen aber, das ein Ich besitzt, -kann sich nur so und nicht anders werten. Wenn also die -echte Frau, wie dies ganz ohne Zweifel wirklich zutrifft, -sich selbst immer und ausnahmslos stets nur so -hoch einschtzt, wie den Mann, der sie gewhlt hat; wenn -sie nur durch den Gatten oder Geliebten Wert erhlt und -eben darum nicht nur sozial und materiell, sondern ihrer -tiefsten Wesenheit nach auf die Ehe gestellt ist: <em class="gesperrt">so kann -sie eben keinen Wert an sich selbst besitzen</em>, es -<em class="gesperrt">fehlt</em> ihr <em class="gesperrt">der Eigenwert der menschlichen Persnlichkeit</em>. -Die Frauen leiten ihren Wert immer von anderen -Dingen ab, von ihrem Geld und Gut, der Zahl und Pracht -ihrer Kleider, dem Rang ihrer Loge im Theater, von ihren -Kindern, vor allem aber von ihrem Bewunderer, von ihrem -Manne; und worauf sich eine Frau im Streit mit der anderen -immer zuletzt beruft, und womit sie die andere wirklich am -tiefsten zu treffen und am sichersten zu demtigen wei, -das ist die soziale Stellung, der Reichtum, das Ansehen und -die Titel, aber auch die Jugendfrische und die vielen Verehrerinnen -ihres Mannes; whrend es einem Manne, und -zwar in erster Linie von ihm selbst, zur hchsten Schande -angerechnet wird, wenn er sich auf irgend ein Fremdes beruft, -und nicht <em class="gesperrt">seinen Wert <b>an sich</b> verteidigt</em> gegen alle -Angriffe auf denselben.</p> - -<p>Dafr, da W keine Seele hat, ist Folgendes ein weiterer -Beweis. Whrend (ganz nach <em class="gesperrt">Goethes</em> bekanntem -Rezept) W durch Nichtbeachtung von seiten des Mannes ungemein -gereizt wird, auch auf ihn Eindruck zu machen — -liegt doch der ganze Sinn und Wert ihres Lebens nur in -dieser Fhigkeit — wird fr M das Weib, das ihn unfreundlich -und unhflich behandelt, eo ipso schon antipathisch. Nichts -macht M so glcklich, als wenn ihn ein Mdchen liebt; selbst -wenn sie ihn nicht von Anbeginn gefesselt hat, ist dann<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> -die Gefahr, Feuer zu fangen, fr ihn sehr gro. Fr W ist -die Liebe eines Mannes, der ihr nicht gefllt, nur eine -Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder eine Beunruhigung und -Aufscheuchung schlummernder Wnsche. Die Frau erhebt stets -gleichmig einen Anspruch auf alle Mnner, die es auf der -Welt gibt. hnliches gilt auch von freundschaftlicher Zuneigung -innerhalb desselben Geschlechtes, in der ja doch -immer etwas Sexualitt steckt.</p> - -<p>Das Verhalten der empirisch allein gegebenen Zwischenstufen -ist in solchem Falle nach ihrer Stellung zwischen M -und W besonders zu bestimmen. Also, um auch in diesem Teile -ein Beispiel fr eine solche Anwendung zu geben: whrend -<em class="gesperrt">jedes Lcheln</em> auf dem Munde eines Mdchens M leicht -entzckt und entflammt, beachten weibliche Mnner wirklich -oft nur solche Weiber und Mnner, die sich um sie nicht -kmmern, fast ganz wie W einen Bewunderer, dessen sie -sicher zu sein glaubt, der ihren Eigenwert also nicht mehr -steigern kann, sofort stehen lt. Weshalb ja die Frauen auch -nur der Mann anzieht und sie auch nur dem Manne in der -Ehe treu bleiben, der noch bei anderen Frauen Glck hat -als bei ihnen: denn <em class="gesperrt">sie</em> knnen <em class="gesperrt">ihm</em> keinen neuen Wert -geben und ihr Urteil dem aller anderen <em class="gesperrt">entgegen</em>setzen. Beim -echten Manne verhlt es sich gerade verkehrt.</p> - -<p>Die Schamlosigkeit wie die Herzlosigkeit des Weibes -kommt darin zum Ausdruck, <em class="gesperrt">da</em> es, und <em class="gesperrt">wie</em> es davon sprechen -kann, da es geliebt wird. Der Mann fhlt sich beschmt, -wenn er geliebt wird, weil er damit beschenkt, passiv, gefesselt, -statt Geber, aktiv, frei ist, und weil er wei, da er als -Ganzes Liebe nie vollstndig verdient; und ber nichts wird -er denn so tief schweigen wie hierber, auch wenn er zu dem -Mdchen selbst nicht in ein intimeres Verhltnis getreten ist, -so da er frchten mte, sie durch hierauf bezgliche uerungen -blozustellen. Das Weib <em class="gesperrt">rhmt</em> sich dessen, da es -geliebt wird, es prahlt damit vor anderen Frauen, um von -diesen beneidet zu werden. Die Frau empfindet die Neigung -eines Menschen zu ihr nicht, wie der Mann, als eine Schtzung -ihres <em class="gesperrt">wirklichen</em> Wertes, als ein tieferes <em class="gesperrt">Verstndnis</em> fr -ihr Wesen; sondern sie empfindet diese Neigung als die <em class="gesperrt">Verleihung</em><span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span> -eines Wertes, den sie sonst nicht htte, als die -Gabe einer Existenz und einer Essenz, <em class="gesperrt">die ihr hiemit erst</em> -wird, und mit welcher sie vor anderen sich legitimiert.</p> - -<p><em class="gesperrt">Daraus</em> erklrt sich auch das unglaubliche, einem frheren -Abschnitt Problem gewordene <em class="gesperrt">Gedchtnis</em> der Frauen fr -<em class="gesperrt">Komplimente</em>, selbst wenn ihnen diese in frhester Jugend -gemacht wurden. Durch Komplimente nmlich <em class="gesperrt">erhalten</em> sie -erst <em class="gesperrt">Wert</em>, und <em class="gesperrt">darum verlangen</em> die Frauen vom Manne, -da er <em class="gesperrt">galant</em> sei. Die Galanterie ist die billigste Form -der Veruerung von Wert an die Frau, und so wenig -sie den Mann kostet, so schwer wiegt sie fr das Weib, das -eine Huldigung <em class="gesperrt">nie</em> vergit, und bis ins spteste Alter von -den fadesten Schmeicheleien zehrt. Man erinnert sich nur an -das, was fr den Menschen einen Wert besitzt; und wenn -dem so ist, mag man erwgen, <em class="gesperrt">was</em> es besagt, da die -Frauen gerade fr Komplimente das ausgesuchteste Gedchtnis -besitzen. Sie sind etwas, das den Frauen Wert nur -darum verleihen kann, weil diese keinen urwchsigen Mastab -des Wertes kennen, keinen absoluten Wert in sich fhlen, -der alles verschmht auer sich selbst. Und so liefert selbst -das Phnomen der Courtoisie, der Ritterlichkeit, den Beweis, -da die Frauen keine Seele besitzen, ja, da der Mann -gerade dann, wenn er gegen das Weib galant ist, ihm am -wenigsten Seele, am wenigsten <em class="gesperrt">Eigenwert</em> zuschreibt, und es -am tiefsten <em class="gesperrt">gerade dort miachtet und herabwrdigt</em>, -wo es selbst <em class="gesperrt">am hchsten sich gehoben</em> fhlt. — —</p> - -<p>Wie amoralisch das Weib ist, kann man daraus -ersehen, da ihm sofort entschwindet, was es Unsittliches -getan hat; und da es vom Manne, wenn dieser die Erziehung -des Weibes sich angelegen sein lt, immer wieder daran -erinnert werden mu: dann allerdings kann es momentan vermge -der eigentmlichen Art der weiblichen Verlogenheit -wirklich einzusehen glauben, da es ein Unrecht begangen -habe, und so sich und den Mann tuschen. Der Mann dagegen -hat fr nichts ein so tiefes Gedchtnis, wie fr die Punkte, -in denen er schuldig geworden ist. Hier offenbart sich das -Gedchtnis wiederum als ein eminent moralisches Phnomen. -Vergeben und Vergessen, nicht Vergeben und Verstehen, sind<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> -eines. <em class="gesperrt">Wer sich der Lge erinnert, wirft sie sich auch -vor.</em> Da das Weib sich seine Gemeinheit nicht verbelt, -kommt damit berein, da es sich ihrer <em class="gesperrt">nie wirklich bewut -wird</em> — hat es doch kein Verhltnis zur sittlichen Idee — -und sie <em class="gesperrt">vergit</em>. Darum ist es ganz begreiflich, wenn es sie -<em class="gesperrt">leugnet</em>. Man hlt die Frauen, weil bei ihnen das Ethische -gar nicht <em class="gesperrt">problematisch</em> wird, trichterweise fr <em class="gesperrt">unschuldig</em>, -ja man hlt sie fr sittlicher als den Mann: es -kommt das aber nur daher, da sie noch gar nicht wissen, -was unsittlich ist. Denn auch die Unschuld des Kindes kann -kein Verdienst sein, nur die Unschuld des Greises wre -eines — und die gibt es nicht.</p> - -<p>Aber auch die Selbstbeobachtung ist ein durchaus Mnnliches -— auf eine scheinbare Ausnahme, die hysterische Selbstbeobachtung -mancher Frauen, kann hier noch nicht eingegangen -werden — ebenso wie das Schuldbewutsein, die Reue; -die Kasteiungen, die Frauen an sich vornehmen, diese merkwrdigen -Imitationen eines echten Schuldgefhles, werden am -gleichen Orte wie die weibliche Form der Selbstbeobachtung -zur Sprache kommen. <em class="gesperrt">Das Subjekt der Selbstbeobachtung -nmlich ist identisch mit dem moralisierenden: -es fat die psychischen Phnomene nur auf, indem -es sie einschtzt.</em></p> - -<p>Es ist ganz in der Ordnung und liegt nur auf der Linie -des Positivismus, wenn <em class="gesperrt">Auguste Comte</em> die Selbstbeobachtung -fr in sich widerspruchsvoll erklrt und sie eine -abgrndliche Absurditt nennt. Es ist ja klar, folgt -aus der Enge des Bewutseins und bedarf kaum einer besonderen -Hervorhebung, da nicht zu <em class="gesperrt">gleicher</em> Zeit ein -psychisches Geschehnis und noch eine besondere Wahrnehmung -desselben dasein knne: erst an das primre Erinnerungsbild -(<em class="gesperrt">Jodl</em>) knpft sich die Beobachtung und Wertung; es ist -ein Urteil ber eine Art Nachbild, das vollzogen wird. Aber -innerhalb lauter <em class="gesperrt">gleichwertiger Phnomene</em> knnte nie -eines zum Objekte gemacht und bejaht oder verneint werden, -wie dies in aller Selbstbeobachtung geschieht. Was hier alle -Inhalte betrachtet, beurteilt und wertet, kann nicht in den -Inhalten selbst, als ein Inhalt unter anderen, gelegen sein.<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span> -Es ist das zeitlose Ich, das die Vergangenheit zurechnet -wie die Gegenwart, das jene Einheit des Selbstbewutseins, -jenes kontinuierliche Gedchtnis erst schafft, welches der -Frau abgeht. Denn nicht das Gedchtnis, wie <em class="gesperrt">Mill</em>, oder die -Kontinuitt, wie <em class="gesperrt">Mach</em> vermutet, bringen den Glauben an -ein Ich hervor, das auer diesen keine Existenz habe, sondern -gerade umgekehrt wird Gedchtnis und Kontinuitt, wie Piett -und Unsterblichkeitsbedrfnis, aus dem Werte des Ich heraus -erzeugt, von dessen Inhalten nichts Funktion der Zeit sein, -nichts der Vernichtung soll anheimgegeben werden drfen.<a name="FNAnker_42_42" id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a></p> - -<p>Htte das Weib Eigenwert und den Willen, einen solchen -gegen alle Anfechtung zu behaupten, htte es auch nur das -<em class="gesperrt">Bedrfnis</em> nach <em class="gesperrt">Selbstachtung</em>, so knnte es nicht <em class="gesperrt">neidisch</em> -sein. Wahrscheinlich sind alle Frauen neidisch; der Neid aber -ist eine Eigenschaft, welche nur dort sein kann, wo jene Voraussetzungen -fehlen. Auch der Neid der Mtter, wenn die -Tchter anderer Frauen eher heiraten als ihre eigenen, ist -ein Symptom echter Gemeinheit, und setzt, wie brigens aller -Neid, einen vlligen Mangel an Gerechtigkeitsgefhl voraus. -In der Idee der <em class="gesperrt">Gerechtigkeit</em>, welche in der Anwendung -der Idee der Wahrheit auf das Praktische besteht, berhren -sich Logik und Ethik ebenso eng wie im theoretischen -Wahrheitswerte selbst.</p> - -<p>Ohne Gerechtigkeit keine Gesellschaft; der Neid hingegen -ist <em class="gesperrt">die</em> absolut unsoziale Eigenschaft. Das Weib ist -wirklich auch vollkommen <em class="gesperrt">unsozial</em>; und wenn frher mit Recht -alle Gesellschaftsbildung an den Besitz einer Individualitt -geknpft wurde, so liegt hier die Probe darauf vor. Fr den -Staat, fr Politik, fr gesellige Gemtlichkeit hat die Frau -keinen Sinn, und weibliche Vereine, in welche Mnner keinen -Zutritt erhalten, pflegen nach kurzer Zeit sich aufzulsen. Die -Familie endlich ist geradezu <em class="gesperrt">das</em> unsoziale, und keineswegs -ein soziales Gebilde; Mnner, die heiraten, ziehen sich damit -schon auch aus den Gesellschaften, denen sie bis dahin als -Mitglieder und Teilnehmer angehrten, zurck. Dies hatte ich<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> -geschrieben, bevor die wertvollen ethnologischen Forschungen -von <em class="gesperrt">Heinrich Schurtz</em> verffentlicht wurden, die an der -Hand eines reichen Materiales dartun, da in den <em class="gesperrt">Mnnerbnden</em> -und nicht in der Familie die Anfnge der Gesellschaftsbildung -zu suchen seien.</p> - -<p><em class="gesperrt">Pascal</em> hat wunderbar ausgefhrt, wie Gesellschaft vom -Menschen nur gesucht wird, weil dieser die Einsamkeit nicht -ertragen, sondern sich selbst vergessen will: auch hier sieht -man die vollkommene Kongruenz zwischen der frheren -Position, durch welche der Frau die Fhigkeit zur Einsamkeit -abgesprochen wurde, und der jetzigen, welche ihre Ungeselligkeit -behauptet.</p> - -<p>Htte die Frau ein Ich, so htte sie auch einen Sinn -fr das Eigentum, bei sich wie bei anderen. Der Stehltrieb -ist aber bei den Frauen viel entwickelter als bei den -Mnnern: die sogenannten Kleptomanen (Diebe <em class="gesperrt">ohne Not</em>) -sind beinahe ausschlielich Frauen. Denn das Weib hat wohl -Verstndnis fr Macht und fr Reichtum, aber nicht fr das -Eigentum. Auch pflegen die kleptomanen Frauen, wenn sie -ihrer Diebsthle berfhrt werden, sich damit zu verantworten, -da sie angeben, es sei ihnen vorgekommen, als htte ihnen -alles gehrt. In Leihbibliotheken sieht man hauptschlich Frauen -aus- und eingehen, und zwar auch solche, die begtert genug -wren, mehrere Bchereien zu kaufen; aber es fehlt ihnen -eine grere Innigkeit des Verhltnisses zu allem, was ihnen -gehrt, als zu allem, das sie nur entlehnt haben. Auch hier -sieht man den Zusammenhang zwischen Individualitt und -Sozialitt deutlich hervorleuchten: wie man selbst Persnlichkeit -haben mu, um fremde Persnlichkeit aufzufassen, so mu -der Sinn auf Erwerbung eigenen Besitzes gerichtet sein, wenn -fremde Habe nicht berhrt werden soll.</p> - -<p>Inniger noch als das Eigentum ist der <em class="gesperrt">Name</em> und ein -herzliches <em class="gesperrt">Verhltnis</em> zu ihrem Namen mit jeder <em class="gesperrt">Persnlichkeit</em> -notwendig gegeben. Und hier sprechen die Tatsachen -so laut, da man sich wundern mu, wie wenig diese -Sprache im allgemeinen vernommen wird. Die Frauen sind -nmlich durch <em class="gesperrt">gar kein</em> Band mit ihrem Namen verknpft. -<em class="gesperrt">Beweisend</em> hiefr ist allein schon, da sie ihren Namen aufgeben<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span> -und den des Mannes annehmen, den sie heiraten, ja diesen -Schritt der Namensnderung an sich nie als bedeutsam empfinden, -um den alten Namen nicht eine Sekunde trauern, sondern leichten -Sinnes den des Mannes annehmen; wie an den Mann nicht -ohne tiefen in der Natur des Weibes gelegenen Grund (bis vor -kurzem wenigstens) meist auch das Eigentum der Frau bergegangen -ist. Es ist auch nichts davon zu merken, da speziell -jene Trennung sie einen Kampf kostete; im Gegenteil, schon -vom Liebhaber und Kurmacher lassen sie sich den Namen -geben, der <em class="gesperrt">ihm</em> gefllt. Und selbst wenn sie einem ungeliebten -Mann und diesem nur mit groem Widerstreben in die Ehe -folgen, es hat noch nie eine Frau gerade darber sich beklagt, -da sie von ihrem Namen habe Abschied nehmen -mssen, es lt ihn jede und scheidet von ihm, ohne die geringste -Piett dafr zu verraten, da <em class="gesperrt">sie</em> ehemals so hie. -Im allgemeinen wird vielmehr die eigene Neubenennung -bereits vom Liebenden ebenso <em class="gesperrt">gefordert</em>, wie der neue -Familienname des Ehegatten ungeduldig, schon der Neuheit -wegen, <em class="gesperrt">erwartet</em>. Der Name aber ist gedacht als ein Symbol -der Individualitt; nur bei den allertiefst stehenden Rassen -der Erde, wie bei den Buschmnnern Sdafrikas, soll es -keine Personennamen geben, weil das natrliche Unterscheidungsbedrfnis -der Menschen voneinander nicht so weit -reicht. Das Weib, das im Grund <em class="gesperrt">namenlos</em> ist<a name="FNAnker_43_43" id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>, ist dies, -weil es, seiner Idee nach, keine <em class="gesperrt">Persnlichkeit</em> besitzt.</p> - -<p>Damit hngt endlich noch die wichtige Beobachtung zusammen, -welche zu machen man nie verfehlen wird, sobald man -einmal aufmerksam geworden ist. Wenn in einen Raum, in -dem ein Weib sich befindet, ein Mann tritt und sie ihn erblickt, -seinen Schritt hrt oder seine Anwesenheit auch nur<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span> -ahnt, <em class="gesperrt">so wird sie sofort eine ganz andere</em>. Ihre Miene, -ihre Bewegungen ndern sich mit unglaublicher Pltzlichkeit. -Sie richtet ihre Frisur, zieht ihre Rcke zusammen und -hebt sie, oder macht sich an ihrem Kleide zu schaffen, in -ihr ganzes Wesen kommt eine halb schamlose, halb ngstliche -Erwartung. Man kann im Einzelfalle oft nur darber -noch im Zweifel sein, ob sie mehr errtet ber ihr schamloses -Lcheln, oder mehr schamlos lchelt ber ihr Errten.</p> - -<p>Seele, Persnlichkeit, Charakter ist aber — hierin liegt -eine unendlich tiefe, bleibende Einsicht <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> — -identisch mit dem freien <em class="gesperrt">Willen</em> oder es deckt sich wenigstens -der Wille mit dem Ich insofern, als dieses in Relation zum -Absoluten gedacht ist. Und fehlt den Frauen das Ich, so -knnen sie auch keinen Willen besitzen. Nur wer keinen -eigenen Willen, keinen Charakter in hherem Sinne hat, bleibt, -schon durch die bloe Gegenwart eines zweiten Menschen, -so leicht <em class="gesperrt">beeinflubar</em>, wie das Weib es ist, in funktioneller -<em class="gesperrt">Abhngigkeit</em> von dieser, statt in freier <em class="gesperrt">Auffassung</em> derselben. -<em class="gesperrt">Sie</em> ist das beste Medium, <b>M</b> ihr bester Hypnotiseur. Aus -diesem Grunde allein ist unerfindlich, warum die Frauen gerade -als rztinnen besonders viel taugen sollen; da doch einsichtigere -Mediziner selbst zugeben, da der Hauptteil dessen, was -sie bis heute — und so wird es wohl bleiben — zu leisten vermgen, -in der suggestiven Einwirkung auf den Kranken besteht.</p> - -<p>Schon in der ganzen Tierreihe ist W stets leichter -hypnotisierbar als M. Und wie die hypnotischen Phnomene -doch mit den alltglichsten in einer nahen Verwandtschaft -stehen, erhellt aus dem Folgenden: Wie leicht wird nicht -(ich habe schon gelegentlich der Frage des weiblichen Mitleids -darauf hingewiesen) W durch Lachen oder Weinen angesteckt! -Wie imponiert ihr nicht alles, was in der Zeitung -steht, wie leicht fllt sie nicht dem dmmsten Aberglauben -zum Opfer, wie probiert sie nicht sofort jedes Wundermittel, -das ihr eine Nachbarin empfohlen hat!</p> - -<p>Wem ein Charakter fehlt, dem gebricht es auch an -berzeugungen. Darum ist W leichtglubig, unkritisch, ganz -ohne Verstndnis fr den Protestantismus. Dennoch hat man, -so sicher ein jeder Christ schon als Katholik <em class="gesperrt">oder</em><span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> -als Protestant vor der Taufe <em class="gesperrt">auf die Welt kommt</em>, -kein Recht, den Katholizismus darum als weiblich anzusehen, -weil er den Frauen noch immer eher zugnglich ist, -als der Protestantismus. Hier wre ein anderer charakterologischer -Einteilungsgrund in Betracht zu ziehen, dessen Errterung -nicht Sache dieser Schrift sein kann. — —</p> - -<p>So ist denn ein ganz umfassender Nachweis gefhrt, -da W seelenlos ist, da es kein Ich und keine Individualitt, -keine Persnlichkeit und keine Freiheit, keinen Charakter -und keinen Willen hat. <em class="gesperrt">Dieses Resultat ist aber fr -alle Psychologie von kaum zu berschtzender -Wichtigkeit.</em> Es besagt nicht weniger, als <em class="gesperrt">da die Psychologie -von M und die Psychologie von W getrennt -zu behandeln sind. Fr W scheint eine rein empirische -Darstellung des psychischen Lebens mglich, -fr M mu jede Psychologie nach dem Ich als dem -obersten Giebel des Gebudes in der Weise tendieren, -wie Kant dies als notwendig eingesehen hatte.</em></p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Hume</em>sche (und <em class="gesperrt">Mach</em>sche) Ansicht, nach welcher -es nur <i>impressions</i> und <i>thoughts</i> (A B C .... und -α β γ ...) gibt, und die heute allgemein zur Verbannung der -Psyche aus der Psychologie gefhrt hat, erklrt nicht nur, da -die ganze Welt ausschlielich unter dem Bilde eines Winkelspiegels, -als ein Kaleidoskop zu verstehen sei; sie macht nicht -nur alles zu einem Tanz der Elemente, sinnlos, grundlos; -sie vernichtet nicht nur die Mglichkeit, einen festen Standpunkt -fr das Denken zu gewinnen, sie zerstrt nicht nur -den Wahrheitsbegriff und damit eben die Wirklichkeit, deren -Philosophie sie einzig zu sein beansprucht: sie trgt auch -die Hauptschuld an dem Elend der heutigen Psychologie.</p> - -<p>Diese heutige Psychologie nennt sich mit Stolz die -<em class="gesperrt">Psychologie ohne Seele</em>, nach dem ersten, der dies -Wort ausgesprochen hat, nach dem vielberschtzten Friedrich -Albert <em class="gesperrt">Lange</em>. Diese Untersuchung glaubt gezeigt zu haben, da -ohne die Annahme einer Seele den psychischen Erscheinungen -gegenber kein Auskommen zu finden ist: sowohl an den -Phnomenen von M, dem eine Seele zuerkannt werden mu, -als auch an den Phnomenen von W, die seelenlos ist. Unsere<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span> -heutige Psychologie ist eine eminent weibliche Psychologie, -und gerade darum ist die vergleichende Untersuchung der -Geschlechter so besonders lehrreich, nicht zuletzt darum habe -ich sie mit dieser Grndlichkeit ausgefhrt; denn hier am -ehesten kann offenbar werden, was zur Annahme des Ich -ntigt, und wie die Konfusion von mnnlichem und weiblichem -Seelenleben (im weitesten und tiefsten Sinne), bei dem Bestreben, -eine Allgemeinpsychologie zu schaffen, als der -Faktor angesehen werden darf, der am weitesten in die Irre -gefhrt hat, wenn er auch (ja gerade <em class="gesperrt">weil</em> er) gar nicht <em class="gesperrt">bewut</em> -zur Geltung gebracht worden ist.</p> - -<p>Freilich erhebt sich nun die Frage, <em class="gesperrt">ist von M berhaupt -Psychologie <b>als Wissenschaft</b> mglich? Und -hierauf ist vorderhand mit Nein zu antworten.</em> Ich mu -wohl darauf gefat sein, an die Untersuchungen der Experimentatoren -verwiesen zu werden, und auch wer in dem allgemeinen -Experimentalrausch nchterner geblieben ist, wird -vielleicht verwundert fragen, ob diese denn gar nicht zhlten. -Aber die experimentelle Psychologie hat nicht nur keinen -einzigen Aufschlu ber die tieferen Grnde des mnnlichen -Seelenlebens gegeben; nicht nur kann niemand an eine mehr -als sporadische Erwhnung, geschweige denn an eine systematische -Verarbeitung dieser ungeheueren Zahl von Versuchsreihen -denken: sondern vor allem ist, wie gezeigt wurde, ihre -<em class="gesperrt">Methode</em>, auen anzufangen und von da in den Kern hineinzudringen, -verfehlt; und darum hat sie auch nicht <em class="gesperrt">eine</em> Aufklrung -ber den tieferen innerlichen Zusammenhang der psychischen -Phnomene gebracht. Die psychophysische Malehre -hat berdies gerade gezeigt, wie das eigentliche Wesen der -psychischen im Gegensatz zu den physischen Phnomenen -darin besteht, da die Funktionen, durch welche ihr Zusammenhang -und ihr bergehen ineinander allenfalls darstellbar -wre, auch im besten Falle <em class="gesperrt">unstetig</em> und darum -<em class="gesperrt">nicht differenzierbar</em> geraten mten. Mit der Stetigkeit -ist aber auch die prinzipielle Mglichkeit der Erreichbarkeit -des unbedingt mathematischen Ideales aller Wissenschaft dahin. -Wem brigens klar ist, da Raum und Zeit nur durch die Psyche -geschaffen werden, der wird nicht von Geometrie und Arithmetik<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> -erwarten, da sie je ihren Schpfer erschpfen -knnten.</p> - -<p>Es gibt keine wissenschaftliche Psychologie vom Manne; -denn im Wesen aller Psychologie liegt es, das Unableitbare -ableiten zu wollen, ihr endliches Ziel mte, deutlicher gesprochen, -dieses sein, <em class="gesperrt">jedem Menschen seine Existenz -und Essenz zu beweisen, zu deduzieren</em>. Dann wre -aber jeder Mensch, auch seinem tiefsten Wesen nach, Folge -eines Grundes, determiniert und kein Mensch dem anderen -mehr, als einem Mitgliede eines Reiches der Freiheit und des -unendlichen Wertes, Achtung schuldig: <em class="gesperrt">im Augenblick, -wo ich vllig deduziert, vllig subsumiert werden -knnte, htte ich allen <b>Wert</b> verloren</em>, und wre eben -<em class="gesperrt">seelenlos</em>. Mit der <em class="gesperrt">Freiheit</em> des <em class="gesperrt">Wollens</em> wie des <em class="gesperrt">Denkens</em> -(denn diese mu man zu jener hinzufgen) ist die Annahme -der durchgngigen Bestimmtheit unvertrglich, mit welcher -alle Psychologie ihr Geschft beginnt. Wer darum an ein -freies Subjekt glaubte, wie <em class="gesperrt">Kant</em> und <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, der -mute die Mglichkeit der Psychologie als Wissenschaft -leugnen; wer an die Psychologie glaubte, fr den konnte -die Freiheit des Subjektes auch nicht eine Denkmglichkeit -mehr bleiben: so wenig fr <em class="gesperrt">Hume</em> als fr <em class="gesperrt">Herbart</em> (die -zwei Begrnder der modernen Psychologie).</p> - -<p>Aus diesem Dilemma erklrt sich der traurige Stand -der heutigen Psychologie in allen ihren Prinzipienfragen. -Jene Bemhungen, den <em class="gesperrt">Willen</em> aus der Psychologie hinauszuschaffen, -jene immer wiederholten Versuche, ihn aus -Empfindung und Gefhl abzuleiten, haben eigentlich ganz -recht darin, da der Wille kein <em class="gesperrt">empirisches</em> Faktum ist. -Der Wille ist in der Erfahrung nirgends aufzutreiben und -nachzuweisen, weil er selbst die Voraussetzung jedes empirisch-psychologischen -Datums ist. Versuche einer, der am -Morgen gern lange schlft, sich in dem Momente zu beobachten, -da er den Entschlu fat, sich vom Bette zu erheben. -<em class="gesperrt">Im Entschlusse liegt</em> (wie in der Aufmerksamkeit) <em class="gesperrt">das -ganze ungeteilte Ich</em>, und darum fehlt die Zweiheit, die -notwendig wre, um den Willen wahrzunehmen. Ebensowenig -wie das Wollen ist das <em class="gesperrt">Denken</em> ein Faktum, das man in<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span> -den Hnden behielte, wenn man wissenschaftliche Psychologie -treibt. Denken ist urteilen, aber was ist das Urteil fr die innere -Wahrnehmung? Nichts, es ist ein ganz Fremdes, das zu aller -Rezeptivitt hinzukommt, aus den Bausteinen, welche die -psychologischen Fasolte und Fafners herbeigeschleppt haben, -nicht abzuleiten: jeder neue Urteilsakt vernichtet von neuem -die mhselige Arbeit der Empfindungsatomisten. Ebenso ist's -mit dem <em class="gesperrt">Begriff</em>. Kein Mensch denkt Begriffe, und doch gibt -es Begriffe, wie es Urteile gibt. Und am Ende sind auch -<em class="gesperrt">Wundts</em> Gegner vollstndig im Rechte damit, da die -<em class="gesperrt">Apperzeption</em> kein empirisch-psychologisches Faktum, und -kein irgendwann wahrnehmbarer Akt ist. Freilich ist Wundt -tiefer als seine Bekmpfer — nur die allerflachsten Gesellen -knnen Assoziationspsychologen sein — und es ist auch -sicherlich begrndet, wenn er die Apperzeption mit dem -Willen und der Aufmerksamkeit zusammenbringt. Aber sie -ist so wenig eine Tatsache der Erfahrung wie eben diese, -so wenig wie Urteil und Begriff. Wenn trotzdem alle diese -Dinge, wenn Denken und Wollen da sind, nicht hinauszubringen, -und jeder Bemhung einer Analyse spottend, so -handelt es sich nur um die Wahl, ob man etwas annehmen -wolle, das alles psychische Leben erst mglich mache, oder nicht.</p> - -<p>Darum sollte man dem Unfug ein Ziel setzen, von einer -empirischen Apperzeption zu reden, und einsehen, wie sehr -<em class="gesperrt">Kant</em> recht hatte, als er nur eine <em class="gesperrt">transcendentale Apperzeption</em> -gelten lie. Will man aber hinter die Erfahrung nicht -zurckgehen, so bleibt nichts brig als die unendlich ausgespreizte, -armselig de Empfindungsatomistik mit ihren Assoziationsgesetzen; -oder die Psychologie wird <em class="gesperrt">methodisch</em> zu einem -Annex der Physiologie und Biologie, wie bei <em class="gesperrt">Avenarius</em>, -dessen feiner Bearbeitung eines, brigens recht begrenzten, -Stckes aus dem ganzen Seelenleben jedoch nur sehr wenige -und recht unglckliche Versuche der Weiterfhrung gefolgt sind.</p> - -<p>Somit hat sich, ein wirkliches Verstndnis des Menschen -anzubahnen, die unphilosophische Seelenkunde als vllig ungeeignet -erwiesen, und keine Vertrstung auf die Zukunft vermag -sichere Brgschaft zu bieten, da ihr dies je gelingen knne. -Ein je besserer Psychologe einer ist, desto langweiliger werden<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> -ihm diese heutigen Psychologien. Denn sie steifen sich samt -und sonders darauf, die Einheit, die alles psychische Geschehen -erst begrndet, bis zum Schlu zu ignorieren: allwo -wir dann regelmig noch durch einen letzten Abschnitt unangenehm -berrascht werden, der von der Entwicklung einer -harmonischen Persnlichkeit handelt. Jene <em class="gesperrt">Einheit</em>, die allein -die wahre <em class="gesperrt">Unendlichkeit</em> ist, wollte man aus einer -greren oder geringeren <em class="gesperrt">Zahl</em> von Bestimmungsstcken -aufbauen; die Psychologie als Erfahrungswissenschaft sollte -die Bedingung aller Erfahrung <em class="gesperrt">aus</em> der Erfahrung gewinnen! -Das Unternehmen wird ewig fehlschlagen und ewig -erneuert werden, weil die Geistesrichtung des Positivismus -und Psychologismus so lange bestehen mu, als es mittelmige -Kpfe und bequeme, nicht bis zu Ende denkende -Naturen gibt. Wer, wie der Idealismus, die Psyche nicht -opfern will, der mu die Psychologie preisgeben; wer die -Psychologie aufrichtet, der ttet die Psyche. Alle Psychologie -will das Ganze aus den Teilen ableiten und als bedingt -hinstellen; alles tiefere Nachdenken erkennt, da die Teilerscheinungen -hier aus dem Ganzen als letztem Urquell -flieen. <em class="gesperrt">So negiert die Psychologie die Psyche, und -die Psyche ihrem Begriff nach jede Lehre von ihr: -die Psyche negiert die Psychologie.</em></p> - -<p>Diese Darstellung hat sich fr die <em class="gesperrt">Psyche</em> und gegen -die lcherliche und jmmerliche <em class="gesperrt">seelenlose Psychologie</em> -entschieden. Ja, es bleibt ihr fraglich, ob Psychologie mit -Seele je vereinbar, eine Wissenschaft, die Kausalgesetze und -selbstgesetzte Normen des Denkens und Wollens aufsuchen -will, mit der Freiheit des Denkens und Wollens berhaupt -vertrglich sei. Auch die Annahme einer besonderen psychischen -Kausalitt<a name="FNAnker_44_44" id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a> kann vielleicht nichts daran ndern, da die -Psychologie, indem sie zuletzt ihre eigene Unmglichkeit -dartut, durch ein solches Ende den glnzendsten Beweis fr<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> -das jetzt allgemein verlachte und verlsterte Recht des Freiheitsbegriffes -wird erbringen mssen.</p> - -<p>Hiemit soll aber keineswegs eine neue ra der rationalen -Psychologie ausgerufen sein. Vielmehr ist die Absicht -im Anschlu an <em class="gesperrt">Kant</em> die, da die transcendentale <em class="gesperrt">Idee</em> -der Psyche von Anfang an als Fhrer beim Aufsteigen in der -Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten zu dienen -habe, durchaus nicht hingegen in Ansehung des Hinabgehens -zum Bedingten. Nur die Versuche muten abgelehnt -werden, jenes Unbedingte aus dem Bedingten (am Schlusse -eines Buches von 500–1500 Seiten) hervorspringen zu lassen. -Seele ist das regulative Prinzip, das aller wahrhaft psychologischen, -und nicht empfindungsanalytischen, Einzelforschung -vorzuschweben und diese zu leiten hat; weil sonst jede Darstellung -des Seelenlebens, auch wenn sie noch so detailliert, -liebevoll und verstndnisinnig geschrieben ist, in ihrer Mitte -ghnend ein groes schwarzes Loch aufweist.</p> - -<p>Es ist unbegreiflich, wie Forscher, die nie einen Versuch -gemacht haben, Phnomene wie Scham und Schuld, -Glauben und Hoffnung, Furcht und Reue, Liebe und Ha, -Sehnsucht und Einsamkeit, Eitelkeit und Empfindlichkeit, -Ruhmsucht und Unsterblichkeitsbedrfnis zu analysieren, -den Mut haben, ber das Ich kurzerhand abzusprechen, weil -sie es nicht vorfinden wie die Farbe der Orange oder den -Geschmack des Laugenhaften. Oder wie wollen <em class="gesperrt">Mach</em> und -<em class="gesperrt">Hume</em> auch nur die Tatsache des <em class="gesperrt">Stiles</em> erklren, wenn nicht -aus der Individualitt? Ja, weiter: die Tiere erschrecken nie, -wenn sie sich im Spiegel sehen, aber kein Mensch vermchte -sein Leben in einem Spiegelzimmer zu verbringen. Oder ist auch -diese Furcht, die Furcht vor dem <em class="gesperrt">Doppelgnger</em> (von der -bezeichnenderweise das Weib frei ist<a name="FNAnker_45_45" id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a>) biologisch, darwinistisch -abzuleiten? Man braucht das Wort Doppelgnger -nur zu nennen, um in den meisten Mnnern heftiges Herzklopfen -hervorzurufen. Hier hrt eben alle rein empirische -Psychologie notgedrungen auf, hier ist <em class="gesperrt">Tiefe</em> vonnten. Denn<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span> -wie knnte man <em class="gesperrt">diese</em> Dinge zurckfhren auf ein frheres -Stadium der Wildheit oder Tierheit und des Mangels an Sicherung -durch die Zivilisation, woraus <em class="gesperrt">Mach</em> die Furcht der -kleinen Kinder als eine ontogenetische Reminiszenz erklren -zu knnen glaubt! Ich habe brigens dies nur als eine -Andeutung erwhnt, um die Immanenten und naiven Realisten -daran zu mahnen, da es auch in ihnen Dinge gibt, von -denen .....</p> - -<p>Warum ist kein Mensch angenehm berhrt und vllig -damit einverstanden, wenn man ihn als Nietzscheaner, Herbartianer, -Wagnerianer u. s. w. <em class="gesperrt">einreiht</em>? Wenn man ihn, mit -einem Worte, <em class="gesperrt">subsumiert</em>? Auch Ernst <em class="gesperrt">Mach</em> ist es doch -gewi schon passiert, da ihn ein oder der andere liebe -Freund subsumiert hat als Positivisten, Idealisten oder -irgendwie sonst. Glaubt er sich richtig beschrieben, wenn -jemand sagen wollte, das Gefhl, das man bei solchen durch -andere vorgenommenen Subsumtionen habe, gehe blo auf die -fast vllige Gewiheit der <em class="gesperrt">Einzigartigkeit</em> des Zusammentreffens -der <em class="gesperrt">Elemente</em> in einem Menschen, es sei nur beleidigte -Wahrscheinlichkeitsrechnung? Und doch hat dieses Gefhl, -genau genommen, nichts von einem Nichteinverstandensein, -wie sonst wohl mit irgend einer wissenschaftlichen These. -Es ist auch etwas ganz anderes, und darf damit nicht -verwechselt werden, wenn jemand selbst es sagt, er sei -Wagnerianer. Hierin liegt im tiefsten Grunde immer eine -positive Bewertung des Wagnertums, weil man selbst -Wagnerianer ist. Wer aufrichtig ist, wer es sein kann, wird -zugeben, da er mit einer solchen Aussage <em class="gesperrt">auch</em> eine -Erhhung Wagners vornimmt. Vom anderen Menschen frchtet -man meist, da er das Gegenteil einer Erhhung beabsichtige. -Daher die Erscheinung, da ein Mensch sehr viel von sich -selbst sagen kann, was ihm von anderen zu hren hchst -peinlich wre, wie <em class="gesperrt">Cyrano von Bergerac</em> von den tollsten -Sticheleien bekennt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Je me les sers moi-mme, avec assez de verve,<br /></span> -<span class="i0">Mais je ne permets pas qu'un autre me les serve.<br /></span> -</div></div> - -<p>Woher rhrt also jenes Gefhl, das selbst tiefstehende -Menschen haben? Von einem, wenn auch noch so dunklen<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span> -Bewutsein ihres Ich, ihrer Individualitt, die dabei zu kurz -kommt. <em class="gesperrt">Dieses Widerstreben ist das Urbild aller Emprung.</em></p> - -<p>Es geht endlich auch nicht recht an, einen <em class="gesperrt">Pascal</em>, einen -<em class="gesperrt">Newton</em> einerseits hchst geniale Denker und anderseits mit -einer Menge beschrnkter Vorurteile behaftet sein zu lassen, -ber die <em class="gesperrt">wir</em> lngst hinaus seien. Stehen wir denn wirklich -auf unsere elektrischen Bahnen und empirischen Psychologien -hin schon ohne weiteres um so viel hher als jene Zeit? Ist -<em class="gesperrt">Kultur</em>, wenn es Kulturwerte gibt, wirklich nach dem -Stande der Wissenschaft, die immer nur einen <em class="gesperrt">sozialen</em>, nie -einen <em class="gesperrt">individuellen, nicht-demonstrierbaren</em> Charakter -hat, nach der Zahl der Volksbibliotheken und Laboratorien -zu messen? Ist Kultur denn etwas auerhalb des Menschen, -ist Kultur nicht vor allem <em class="gesperrt">im</em> Menschen?</p> - -<p>Und man mag sich noch so erhaben fhlen ber einen -<em class="gesperrt">Euler</em>, gewi einen der grten Mathematiker aller Zeiten, -welcher einmal sagt: was <em class="gesperrt">er</em>, im Augenblick, da <em class="gesperrt">er</em> einen Brief -schreibe, tue, das wrde <em class="gesperrt">er</em> genau so tun wie wenn <em class="gesperrt">er</em> im -Krper eines Rhinozeros steckte. Ich will die uerung -<em class="gesperrt">Eulers</em> auch nicht schlechthin verteidigen, sie ist vielleicht -charakteristisch fr den Mathematiker, ein Maler htte sie -nie getan. Aber dieses Wort gar nicht zu begreifen, nicht -einmal die Mhe zu seinem Verstndnisse sich zu nehmen, -sich ber sie einfach lustig zu machen und <em class="gesperrt">Euler</em> mit der -Beschrnktheit seiner Zeit zu entschuldigen, das scheint -mir keineswegs gerechtfertigt.</p> - -<p>Also, es ist, wenigstens fr den Mann, auch in der Psychologie -<em class="gesperrt">ohne</em> den Ich-Begriff nicht dauernd auszukommen; -ob <em class="gesperrt">mit</em> diesem eine im <em class="gesperrt">Windelband</em>schen Sinne nomothetische -Psychologie, d. h. psychologische Gesetze vereinbar -sind, scheint sehr fraglich, kann aber an der Anerkennung -jener Notwendigkeit nichts ndern. Vielleicht schlgt die -Psychologie jene Bahn ein, die ihr ein frheres Kapitel vorzeichnen -zu knnen glaubte, und wird theoretische Biographie. -Aber gerade dann werden ihr die Grenzen aller empirischen -Psychologie am ehesten zum Bewutsein kommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> - -Da <em class="gesperrt">im Manne</em> fr alle Psychologie ein Ineffabile, -ein Unauflsliches bleibt, damit stimmt es wunderbar berein, -da <em class="gesperrt">regelrechte Flle von duplex oder multiplex -personality, Verdoppelung oder Vervielfachung des -Ich, <b>nur bei Frauen</b> beobachtet worden sind. Das absolute -Weib ist zerlegbar</em>: der Mann ist in alle Ewigkeit, -auch durch die beste Charakterologie nicht vllig zerlegbar, -geschweige denn durchs Experiment: in ihm ist ein -Wesenskern, der keine Zergliederung mehr zult. W ist ein -Aggregat und daher dissoziierbar, spaltbar.</p> - -<p>Deswegen ist es ungemein komisch und belustigend, -moderne Gymnasiasten (als platonische Idee) von der Seele -des Weibes, von Frauenherzen und ihren Mysterien, von der -Psyche des modernen Weibes etc. reden zu hren. Es scheint -auch zu dem Befhigungsnachweis eines gesuchten Accoucheurs -zu gehren, da er an die Seele des Weibes glaube. Wenigstens -hren es viele Frauen sehr gerne, wenn man von ihrer -Seele spricht, obwohl sie (in Henidenform) wissen, da das -Ganze ein Schwindel ist. <em class="gesperrt">Das Weib als die Sphinx! Ein -rgerer Unsinn ist kaum je gesagt worden. Der Mann -ist unendlich rtselhafter, unvergleichlich komplizierter.</em> -Man braucht nur auf die Gasse zu gehen: es gibt -kaum ein Frauengesicht, dessen Ausdruck einem da nicht bald -klar wrde. Das Register des Weibes an Gefhlen, an -Stimmungen ist so unendlich arm! Whrend gar manches -mnnliche Antlitz lange und schwer zu raten gibt.</p> - -<p>Schlielich werden wir hier auch einer Lsung der Frage: -Parallelismus oder Wechselwirkung zwischen Seelischem und -Krperlichem? nhergefhrt. Fr W trifft der psychophysische -Parallelismus, als vollstndige Koordination beider -Reihen, zu: mit der senilen Involution der Frau erlischt auch -die Fhigkeit zu geistiger Anspannung, die ja nur im Gefolge -sexueller Zwecke auftritt, und diesen dienstbar gemacht wird. -Der Mann wird nie in dem Sinne vllig alt wie das Weib, und es -ist die geistige Rckbildung hier durchaus nicht notwendig, -sondern nur in einzelnen Fllen mit der krperlichen verknpft; -am allerwenigsten endlich ist von greisenhafter -Schwche bei jenem Menschen etwas wahrzunehmen, welcher<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> -die Mnnlichkeit in voller geistiger Entfaltung zeigt, beim -Genie.</p> - -<p>Nicht umsonst sind jene Philosophen, welche die strengsten -Parallelisten waren, <em class="gesperrt">Spinoza</em> und <em class="gesperrt">Fechner</em>, auch die -strengsten Deterministen. Bei M, dem freien, intelligiblen Subjekte, -das sich fr Gut oder fr Bse <em class="gesperrt">nach seinem Willen</em> -entscheiden kann, ist der psychophysische Parallelismus, der -eine der mechanischen genau analoge Kausalverkettung auch -fr alles Geistige fordern wrde, auszuschlieen.</p> - -<p>So weit wre denn die Frage, welcher prinzipielle -Standpunkt in der Behandlung der Psychologie der Geschlechter -einzunehmen ist, erledigt. Es erwchst dieser -Ansicht jedoch wieder eine auerordentliche Schwierigkeit in -einer Reihe merkwrdiger Tatsachen, die zwar fr die -faktische Seelenlosigkeit von W noch einmal, und zwar in -geradezu entscheidender Weise in Betracht kommen, die aber -anderseits von der Darstellung auch die Erklrung eines -sehr eigentmlichen Verhaltens der Frau fordern, das seltsamerweise -noch kaum jemand ernstlich Problem geworden -zu sein scheint.</p> - -<p>Schon lngst wurde bemerkt, wie die Klarheit des -mnnlichen Denkens gegenber der weiblichen Unbestimmtheit, -und spter wurde darauf hingewiesen, wie die Funktion -der gesetzten Rede, in welcher feste logische <em class="gesperrt">Urteile</em> zum -Ausdruck kommen, auf die Frau wie ein <em class="gesperrt">Sexualcharakter</em> -des Mannes wirkt. Was aber W sexuell anreizt, mu eine -Eigenschaft von M sein. Ebenso macht Unbeugsamkeit des -mnnlichen Charakters auf die Frau sexuellen Eindruck, sie -miachtet den Mann, der einem anderen nachgibt. Man pflegt -in solchen Fllen oft von sittlichem Einflu des Weibes auf -den Mann zu reden, wo doch sie nur das sexuelle Komplement -in seinen komplementierenden Eigenschaften voll und ganz -sich zu erhalten strebt. Die Frauen verlangen vom Manne -Mnnlichkeit, und glauben sich zur hchsten Entrstung und -Verachtung berechtigt, wenn der Mann ihre Erwartungen in -diesem Punkt enttuscht. So wird eine Frau, auch wenn sie -noch so kokett und noch so verlogen ist, in Erbitterung und -Emprung geraten, wenn sie beim Manne Spuren von<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> -Koketterie oder Lgenhaftigkeit wahrnimmt. Sie mag noch -so feige sein: der Mann soll Mut beweisen. Da dies nur -sexueller Egoismus ist, der sich den ungetrbten Genu -seines Komplementes zu wahren sucht, wird allzuoft verkannt. -Und so ist denn auch aus der Erfahrung kaum ein -zwingenderer Beweis fr die Seelenlosigkeit des Weibes zu -fhren als daraus, <em class="gesperrt">da die Frauen vom Manne Seele verlangen</em>, -und Gte auf sie wirken kann, obwohl sie selbst nicht -wirklich gut sind. Seele ist ein Sexualcharakter, der nicht -anders und zu keinem anderen Zwecke beansprucht wird als -groe Muskelkraft oder kitzelnde Schnurrbartspitze. Man mag -sich an der Kraheit des Ausdruckes stoen, an der Sache -ist nichts zu ndern. — Die allerstrkste Wirkung endlich -bt auf die Frau der mnnliche <em class="gesperrt">Wille</em>. Und sie hat einen -merkwrdig feinen Sinn dafr, ob das Ich will des Mannes -blo Anstrengung und Aufgeblasenheit oder wirkliche Entschlossenheit -ist. Im letzteren Falle ist der Effekt ein ganz -ungeheuerer.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wie kann nun aber eine Frau, wenn sie an sich -seelenlos ist, Seele beim Manne perzipieren, wie seine -Moralitt beurteilen, da sie selbst amoralisch ist, wie -seine Charakterstrke auffassen, ohne als Person -Charakter zu haben, wie seinen Willen spren, obgleich -sie doch eigenen Willen nicht besitzt?</em></p> - -<p>Hiemit ist das auerordentlich schwierige Problem formuliert, -vor dem die Untersuchung weiterhin noch zu bestehen -haben wird.</p> - -<p>Bevor aber seine Lsung versucht werde, mssen die -errungenen Positionen nach allen Seiten hin befestigt und -gegen Angriffe geschtzt werden, die in den Augen mancher -imstande sein knnten, sie zu erschttern.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span><a name="X_Kapitel" id="X_Kapitel"><small>X. Kapitel.</small></a><br /> - -Mutterschaft und Prostitution.</h2> - - -<p>Der Haupteinwand, welcher gegen die bisherige Darstellung -wird erhoben werden, bezieht sich auf die Allgemeingltigkeit -des Gesagten fr <em class="gesperrt">alle</em> Frauen. Bei einigen, bei -vielen mge das zutreffen; aber es gebe doch auch andere ...</p> - -<p>Es lag ursprnglich nicht in meiner Absicht, auf spezielle -Formen der Weiblichkeit einzugehen. Die Frauen lassen sich -nach mehreren Gesichtspunkten einteilen, und gewi mu man -sich hten, das, was von einem extremen Typus gilt, der -zwar berall nachweisbar ist, aber oft durch das Vorwalten -gerade des entgegengesetzten Typus bis zur Unmerklichkeit -zurckgedrngt wird, von der Allgemeinheit der Frauen in -gleicher Weise zu behaupten. Es sind <em class="gesperrt">mehrere</em> Einteilungen -der Frauen mglich, und es gibt <em class="gesperrt">verschiedene</em> Frauencharaktere; -wenn auch das Wort Charakter hier nur im empirischen -Verstande angewendet werden darf. Alle Charaktereigenschaften -des Mannes finden merkwrdige, zu Amphibolien -oft genug Anla bietende Analoga beim Weibe (einen interessanten -Vergleich dieser Art zieht spter dieses Kapitel); -doch ist beim Manne der Charakter stets <em class="gesperrt">auch</em> in die Sphre -des Intelligiblen getaucht, und dort mchtig verankert; hieraus -wird denn die frher (<a href="#Seite_104">S. 104</a>) gergte Vermischung der -Seelenlehre mit der Charakterologie, und die Gemeinsamkeit -im Schicksale beider, wieder eher begreiflich. Die charakterologischen -Unterschiede unter den Frauen senden ihre Wurzeln -nie so tief in den Urboden hinab, da sie in die Entwicklung -einer Individualitt einzugehen vermchten; und es gibt vielleicht -gar keine weibliche Eigenschaft, die nicht im Laufe -des Lebens, unter dem Einflu des mnnlichen Willens, in<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span> -der Frau modifiziert, zurckgedrngt, ja vernichtet werden -knnte.</p> - -<p>Was es unter ganz <em class="gesperrt">gleich mnnlichen</em> oder ganz -<em class="gesperrt">gleich weiblichen</em> Individuen <em class="gesperrt">noch</em> fr Unterschiede geben -mge, diese Frage hatte ich bisher mit Bedacht aus dem -Spiele gelassen. Keineswegs, weil mit der Zurckfhrung -psychologischer Differenzen auf das Prinzip der sexuellen -Zwischenformen mehr gewonnen gewesen war als <em class="gesperrt">ein</em> Leitfaden -unter tausenden auf diesem verschlungensten aller Gebiete: -sondern aus dem einfachen Grunde, weil jede Kreuzung mit -einem anderen Prinzipe, jede Erweiterung der linearen Betrachtungen -ins Flchenhafte, strend gewirkt htte bei diesem -ersten Versuche einer grndlichen charakterologischen Orientierung, -der weiter kommen wollte als bis zur Ermittelung von -Temperamenten oder Sinnestypen.</p> - -<p>Die spezielle weibliche Charakterologie soll einer besonderen -Darstellung vorbehalten bleiben; aber schon diese -Schrift ist nicht ohne Hinblick auf individuelle Differenzen -unter den Frauen abgefat, und ich glaube so den Fehler -falscher Verallgemeinerung vermieden, und bisher nur solches -behauptet zu haben, was unterschiedslos von allen gleich -weiblichen Frauen in gleicher Weise und gleicher Strke -gilt. Nur auf W ganz allgemein ist es bisher angekommen. -Da man aber meinen Darlegungen vornehmlich <em class="gesperrt">einen</em> Typus -unter den Frauen entgegenhalten wird, ergibt sich die Notwendigkeit, -bereits hier <em class="gesperrt">ein</em> Gegensatzpaar aus der Flle -herauszugreifen.</p> - -<p>Allem Schlechten und Garstigen, das ich den Frauen -nachgesagt habe, wird das Weib als Mutter gegenbergestellt -werden. Dieses erfordert also eine Besprechung. Seine Ergrndung -kann aber niemand in Angriff nehmen, ohne zugleich -den Gegenpol der Mutter, welcher die fr das Weib -diametral kontrre Mglichkeit verwirklicht zeigt, heranzuziehen; -weil nur hiedurch der Muttertypus eine deutliche -Abgrenzung erfhrt, nur so die Eigenschaften der Mutter -von allem Fremden scharf sich abheben knnen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Jener der Mutter polar entgegengesetzte Typus -ist die Dirne.</em> Die Notwendigkeit gerade dieser Gegenberstellung<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> -lt sich ebensowenig <em class="gesperrt">deduzieren</em>, wie da Mann -und Weib einander entgegengesetzt sind; wie man dies nur -<em class="gesperrt">sieht</em> und nicht beweist, so mu man auch jenes <em class="gesperrt">erschaut</em> -haben, oder es in der Wirklichkeit wiederzufinden trachten, -um sich zu berzeugen, ob diese dem Schema sich bequem einordnet. -Auf jene Restriktionen, die vorzunehmen sind, komme -ich noch zu sprechen; einstweilen seien die Frauen betrachtet -als stets von zwei Typen, einmal mehr vom einen, ein andermal -mehr vom anderen etwas in sich tragend: <em class="gesperrt">diese Typen -sind die Mutter und die Dirne</em>.</p> - -<p>Man wrde diese Dichotomie miverstehen, wenn man sie -von einer populren Entgegensetzung nicht unterschiede. Man -hat oft gesagt, das Weib sei sowohl <em class="gesperrt">Mutter</em> als <em class="gesperrt">Geliebte</em>. Den -Sinn und Nutzen dieser Distinktion kann ich nicht recht einsehen. -Soll mit der Qualitt der Geliebten das Stadium bezeichnet -werden, welches der Mutterschaft notwendig vorhergeht? -Dann kann es keinerlei dauernde charakterologische -Eigentmlichkeit bezeichnen. Und was sagt denn der Begriff -Geliebte ber die Frau selbst aus, als da sie geliebt wird? -Fgt er ihr wirklich eine wesentliche, oder nicht vielmehr -eine ganz uerliche Bestimmung zu? Geliebt werden mag -sowohl die Mutter als die Dirne. Hchstens knnte man mit der -Geliebten eine Gruppe von Frauen haben umschreiben wollen, -die ungefhr in der Mitte zwischen den hier bezeichneten -Polen sich aufhielte, eine Zwischenform von Mutter und -Dirne; oder man hlt es einer ausdrcklichen Feststellung -fr bedrftig, da eine Mutter zum Vater ihrer Kinder in -einem anderen Verhltnis stehe als zu ihren Kindern selbst, -und Geliebte eben sei, insoferne sie sich lieben lt, d. h. dem -Liebenden sich hingibt. Aber damit ist nichts gewonnen, weil -dies beide, Mutter wie Prostituierte, gegebenenfalls in formal -gleicher Weise tun knnen. Der Begriff der Geliebten sagt -gar nichts ber die Qualitten des Wesens aus, das geliebt -wird; wie natrlich, denn er soll nur das erste zeitliche -Stadium im Leben <em class="gesperrt">einer</em> und <em class="gesperrt">derselben</em> Frau andeuten, -an welches sich spter als zweites die Mutterschaft schliet. -Da also der Zustand der Geliebten doch nur ein accidentielles -Merkmal ihrer Person ist, wird jene Gegenberstellung ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span> -unlogisch, indem die Mutterschaft auch etwas Innerliches ist -und nicht blo die Tatsache anzeigt, da eine Frau geboren -hat. Worin dieses tiefere Wesen der Mutterschaft besteht, -wird eben Aufgabe der jetzigen Untersuchung.</p> - -<p>Da Mutterschaft und Prostitution einander polar entgegengesetzt -sind, ergibt sich mit groer Wahrscheinlichkeit -allein schon aus der greren Kinderzahl der guten Hausmtter, -indes die Kokotte immer nur wenige Kinder hat, und -die Gassendirne in der Mehrzahl der Flle berhaupt steril -ist. Es ist wohl zu beachten, da nicht das kufliche Mdchen -allein dem Dirnentypus angehrt, sondern sehr viele unter -den sogenannten anstndigen Mdchen und verheirateten -Frauen, ja selbst solche, die gar nie die Ehe brechen, nicht, -weil die Gelegenheit nicht gnstig genug ist, sondern weil -sie selbst es nicht bis dahin kommen lassen. Man stoe sich -also nicht an der Verwendung des Begriffes der Dirne, der ja -erst noch zu analysieren ist, in einem viel weiteren Umfange -als einem, der blo auf feile Weiber sich erstreckt. berdies -knnte der Dirnentypus auch dann zum Ausdruck kommen, -wenn blo ein Mann und ein Weib auf der Welt wren, -denn er uert sich bereits in dem spezifisch verschiedenen -Verhalten zum einzelnen Manne.</p> - -<p>Schon die Tatsache der geringeren Fruchtbarkeit enthbe -mich der Pflicht einer Auseinandersetzung mit der allgemeinen -Ansicht, welche ein, notwendigerweise tief im Wesen eines -Menschen gegrndetes Phnomen, wie die Prostitution, ableiten -will aus sozialen Mistnden, aus der Erwerbslosigkeit -vieler Frauen, und daraufhin spezielle Anklagen gegen die -heutige Gesellschaft erhebt, deren mnnliche Machthaber in -ihrem konomischen Egoismus den unverheirateten Frauen -die Mglichkeit eines rechtschaffenen Lebens so erschwerten; -oder auf das Junggesellentum rekurriert, das ebenfalls angeblich -nur materielle Grnde habe, und zu seiner notwendigen -Ergnzung nach der Prostitution verlange. Oder soll doch angefhrt -werden: da die Prostitution nicht blo bei rmlichen -Gassendirnen zu suchen ist; da wohlhabende Mdchen zuweilen -sich aller Vorteile ihres Rufes begeben, und ein offenes -Flanieren auf der Strae versteckten Liebschaften vorziehen —<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span> -denn zur <em class="gesperrt">richtigen</em> Prostitution <em class="gesperrt">gehrt</em> die <em class="gesperrt">Gasse</em> —; da -viele Stellen in Geschftslden, in der Buchhaltung, im Post-, -Telegraphen- und Telephondienste, wo immer eine rein -schablonenmige Ttigkeit beansprucht wird, mit Vorliebe -an Frauen vergeben werden, weil W viel weniger differenziert -und eben darum bedrfnisloser ist als M, der Kapitalismus -aber lange vor der Wissenschaft das weggehabt hat, da man -die Frauen ihrer niedrigeren Lebenshaltung wegen auch -schlechter bezahlen drfe. brigens findet selbst die junge -Dirne, weil sie teueren Mietzins zu zahlen, eine nicht gewhnliche -Kleidung zu tragen und den Souteneur auszuhalten hat, -meist nur sehr schwer ihr Auskommen. Wie tief der Hang -zu ihrem Leben in ihnen wurzelt, das bezeugt die hufige -Erscheinung, da Prostituierte, wenn sie geehelicht werden, -wieder zu ihrem frheren Gewerbe zurckkehren. Die Prostituierten -sind ferner vermge unbekannter, aber offenbar in -einer angeborenen Konstitution liegender Ursachen gegen -manche Infektionen oft <em class="gesperrt">immun</em>, denen rechtschaffene Frauen -meist unterliegen. Schlielich hat die Prostitution <em class="gesperrt">immer</em> bestanden -und ist mit den Errungenschaften der kapitalistischen -ra keineswegs relativ gewachsen, ja, sie gehrte sogar zu -den <em class="gesperrt">religisen</em> Institutionen gewisser Vlker des Altertums, -z. B. der Phnizier.</p> - -<p>Die Prostitution kann also keineswegs als etwas betrachtet -werden, wohin erst der Mann die Frau gedrngt hat. -Oft genug wird sicherlich ein Mann die Schuld tragen, wenn -ein Mdchen ihren Dienst verlassen mute und sich brotlos -fand. Da aber in solchem Falle zu etwas gegriffen werden -kann, wie es die Prostitution ist, mu in der Natur des menschlichen -Weibes selbst liegen. Was nicht ist, kann auch nicht -werden. Dem echten Manne, den materiell noch fter ein -widriges Schicksal trifft, und welcher Armut intensiver empfindet -als das Weib, ist gleichwohl die Prostitution fremd, und -mnnliche Prostituierte (unter Kellnern, Friseurgehilfen etc.) -sind immer vorgerckte sexuelle Zwischenformen. Demnach -ist die Eignung und der Hang zum Dirnentum ebenso wie -die Anlage zur Mutterschaft in einem Weibe organisch, von -der Geburt an vorhanden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span> - -Damit soll aber nicht gesagt sein, jedes Weib, das zur -Dirne wird, sei mit ausschlielich innerer Notwendigkeit dazu -geworden. Es stecken vielleicht in den meisten Frauen <em class="gesperrt">beide</em> -Mglichkeiten, sowohl die Mutter als die Dirne; nur die -Jungfrau — man entschuldige; ich wei, es ist rcksichtslos -gegen die <em class="gesperrt">Mnner</em> — nur die Jungfrau, die gibt es nicht. -Worauf es in solchen Schwebefllen ankommt, das kann nur -der Mann sein, der ein Weib zur Mutter zu machen auf jeden -Fall durch seine Person imstande ist; nicht erst durch den -Koitus, sondern durch ein einmaliges <em class="gesperrt">Anblicken</em>. <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> -bemerkt, der Mensch msse sein Dasein streng -genommen von dem Augenblick datieren, da sein Vater und -seine Mutter sich ineinander verliebt htten. Das ist nicht -richtig. Die Geburt eines Menschen mte, im idealen Falle, -in den Augenblick verlegt werden, wo <em class="gesperrt">eine Frau <b>ihn</b></em>, den -Vater ihres Kindes, <em class="gesperrt">zum ersten Male erblickt oder auch -nur seine Stimme hrt</em>. Die biologische und medizinische -Wissenschaft, die Zchtungslehre und die Gynkologie verhalten -sich freilich, seit ber sechzig Jahren, unter dem Einflusse -von <em class="gesperrt">Johannes Mller</em>, Th. <em class="gesperrt">Bischoff</em> und Ch. <em class="gesperrt">Darwin</em>, -der Frage des Versehens oder Verschauens gegenber -beinahe durchaus ablehnend. Es wird im weiteren eine -Theorie des Versehens zu entwickeln versucht werden; hier -mchte ich nur soviel bemerken, da die Sache denn doch -vielleicht nicht so steht, da es kein Versehen geben drfe, -weil es mit der Ansicht sich nicht vertrage, da blo Samenzelle -und Ei das neue Individuum bilden helfen; sondern es -gibt ein Versehen, und die Wissenschaft soll trachten, es zu -erklren, statt es als schlechterdings unmglich in Abrede -zu stellen, und zu tun, als ob sie in erfahrungswissenschaftlichen -Dingen je ber so viel Erfahrung verfgen knnte, um -eine solche Behauptung aufstellen zu drfen. In einer apriorischen -Disziplin, wie der Mathematik, darf ich es ganz ausgeschlossen -nennen, da auf dem Planeten Jupiter 2 2 = 5 -sei; die Biologie kennt nur Stze von komparativer Allgemeinheit -(<em class="gesperrt">Kant</em>). Wenn ich hier <em class="gesperrt">fr</em> das Versehen eintreten -und in seiner Leugnung eine Beschrnktheit erblicken mu, -will ich doch keineswegs behauptet haben, da alle sogenannten<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span> -Mibildungen, oder auch nur ein sehr groer Teil -derselben in ihm ihren Grund haben. Es kommt vorlufig -nur auf die Mglichkeit einer Beeinflussung der Nachkommenschaft -ohne den Koitus mit der Mutter an. Und da mchte -ich zu sagen wagen<a name="FNAnker_46_46" id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a>: so wie sicherlich, wenn <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> -und <em class="gesperrt">Goethe</em> in der Farbenlehre <em class="gesperrt">einer</em> Meinung -sind, sie schon darum <em class="gesperrt">a priori</em> gegen alle Physiker der -Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft recht haben drften, -ebenso wird etwas, das fr <em class="gesperrt">Ibsen</em> (Frau vom Meer) und -<em class="gesperrt">Goethe</em> (Wahlverwandtschaften) <em class="gesperrt">Wahrheit</em> ist, noch -nicht <em class="gesperrt">falsch</em> durch das Gutachten smtlicher medizinischer -Fakultten der Welt.</p> - -<p>Der Mann brigens, von dem eine so starke Wirkung -auf die Frau erwartet werden knnte, da ihr Kind auch dann -ihm hnlich wrde, wenn es nicht aus seinem Samen sich entwickelt -hat, dieser Mann mte die Frau sexuell in uerst -vollkommener Weise ergnzen. Wenn demnach solche Flle -nur sehr <em class="gesperrt">selten</em> sind, so liegt dies an der Unwahrscheinlichkeit -eines Zusammentreffens so vollstndiger Komplemente, -und darf keinen Einwand gegen die <em class="gesperrt">prinzipielle Mglichkeit</em> -solcher Tatsachen bilden, wie sie <em class="gesperrt">Goethe</em> und <em class="gesperrt">Ibsen</em> -dargestellt haben.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ob</em> aber eine Frau jenen Mann trifft, der sie durch seine -bloe Gegenwart zur Mutter seines Kindes macht, das ist -Zufallssache. <em class="gesperrt">Insofern</em> ist fr <em class="gesperrt">viele</em> Mtter und Prostituierte -wohl die <em class="gesperrt">Denkbarkeit</em> zuzugeben, da sich ihre Lose umgekehrt -htten gestalten knnen. Aber anderseits gibt -es nicht nur zahllose Beispiele, in welchen auch ohne diesen -Mann die Frau im Mutter-Typus verbleibt, sondern es -kommen ebenso zweifellos Flle vor, wo dieser eine Mann -<em class="gesperrt">auftritt</em>, und doch auch <em class="gesperrt">sein</em> Erscheinen die schlieliche, -endgltige Wendung zur Prostitution nicht zu hindern vermag.</p> - -<p>Es bleibt demnach nichts brig, als <em class="gesperrt">zwei</em> angeborene, -entgegengesetzte Veranlagungen anzunehmen, die sich auf -die verschiedenen Frauen in verschiedenem Verhltnis verteilen:<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span> -die absolute Mutter und die absolute Dirne. <em class="gesperrt">Zwischen</em> -beiden liegt die Wirklichkeit: es gibt sicherlich kein Weib -ohne alle Dirneninstinkte (viele werden das leugnen und -fragen, woran denn das Dirnenhafte in vielen Frauen erkennbar -sei, die nichts weniger als Kokotten zu sein scheinen; -ich verweise diesbezglich einstweilen nur auf den Grad der -Bereitschaft und Willigkeit, sich von irgendwelchem Fremden -unzchtig berhren und diesen an sich anstreifen zu lassen; -legt man diesen Mastab an, so wird man finden, da es keine -absolute Mutter gibt). Ebensowenig aber existiert ein Weib, -das aller mtterlichen Regungen bar wre; obgleich ich gestehen -mu, auerordentliche Annherungen an die absolute -Dirne viel fter gefunden zu haben als solche Grade von -Mtterlichkeit, hinter denen alles Dirnenhafte zurcktritt.</p> - -<p>Das Wesen der Mutterschaft besteht, wie schon die -erste und oberflchlichste Analyse des Begriffes ergibt, darin, -da die Erreichung des <em class="gesperrt">Kindes</em> der Hauptzweck des Lebens -der <em class="gesperrt">Mutter</em> ist, indessen bei der absoluten <em class="gesperrt">Dirne</em> dieser -Zweck fr die Begattung gnzlich in Wegfall gekommen -scheint. Eine eingehendere Untersuchung wird also vor allem -<em class="gesperrt">zwei</em> Dinge in Betracht ziehen und sehen mssen, wie sich -Dirne und Mutter zu beiden verhalten: die Beziehung einer -jeden zum Kinde, und ihre Beziehung zum Koitus.</p> - -<p>Zunchst scheiden sich beide, Mutter und Dirne, durch -der ersteren Verhltnis zum Kinde. Der absoluten Dirne liegt nur -am Manne, der absoluten Mutter kann nur am Kinde gelegen -sein. Prfstein ist am sichersten das Verhltnis zur Tochter: -nur wenn sie diese gar nie beneidet wegen grerer Jugend -oder Schnheit, ihr nie die Bewunderung im geringsten mignnt, -die sie bei den Mnnern findet, <em class="gesperrt">sondern sich vollstndig -mit ihr identifiziert</em> und des Verehrers ihrer -Tochter sich so freut, als wre er ihr eigener Anbeter, nur -dann ist sie Mutter zu nennen.</p> - -<p>Die absolute Mutter, der es allein auf das Kind ankommt, -wird Mutter durch jeden Mann. Man wird finden, da Frauen, -die in ihrer Kindheit eifriger als die anderen mit Puppen -spielten, bereits als Mdchen Kinder sehr liebten und gerne -warteten, dem Manne gegenber wenig whlerisch sind, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span> -bereitwillig den ersten besten Gatten nehmen, der sie halbwegs -zu versorgen imstande und ihren Eltern und Verwandten -genehm ist. Wenn ein solches Mdchen aber, gleichgltig durch -wen, Mutter geworden ist, so bekmmert es sich, im Idealfalle, -um keinen anderen Mann mehr. Der absoluten Dirne -hingegen sind, schon als Kind, Kinder ein Greuel; spter bentzt -sie das Kind hchstens als Mittel, um durch Vortuschung -eines, auf Rhrung des Mannes berechneten, Idylles zwischen -Mutter und Kind, diesen an sich zu locken. Sie ist das Weib, -das <em class="gesperrt">allen</em> Mnnern zu gefallen das Bedrfnis hat, und da es -keine absolute Mutter gibt, wird man in jeder Frau mindestens -noch die <em class="gesperrt">Spur</em> dieser allgemeinen Gefallsucht entdecken -knnen, welche nie auch nur auf einen Mann der Welt verzichtet.</p> - -<p>Hier nimmt man brigens eine <em class="gesperrt">formale hnlichkeit</em> -zwischen der absoluten Mutter und der absoluten Kokotte -wahr. <em class="gesperrt">Beide</em> sind eigentlich in Bezug auf die <em class="gesperrt">Individualitt</em> -des sexuellen Komplementes <em class="gesperrt">anspruchslos</em>. Die eine -nimmt jeden beliebigen Mann, der ihr zum Kinde dienlich -ist, und bedarf keines weiteren Mannes, sobald sie das Kind -hat: <em class="gesperrt">nur aus diesem Grunde ist sie monogam zu -nennen</em>. Die andere gibt sich jedem beliebigen Mann, der ihr -zum erotischen Genusse verhilft: dieser ist fr sie Selbstzweck. -Hier berhren sich also die beiden Extreme, wir mgen somit -hoffen, einen Durchblick auf das Wesen des Weibes <em class="gesperrt">berhaupt</em> -von da aus gewinnen zu knnen.</p> - -<p>In der Tat mu ich die allgemeine Ansicht, welche ich -lange geteilt habe, vllig verfehlt nennen, die Ansicht, da das -<em class="gesperrt">Weib</em> monogam und der <em class="gesperrt">Mann</em> polygam sei. <em class="gesperrt">Das Umgekehrte</em> -ist der Fall. Man darf sich nicht dadurch beirren -lassen, da die Frauen oft lange den Mann abwarten und, -wenn mglich, whlen, der ihnen am meisten Wert zu schenken -in der Lage ist — den Herrlichsten, Berhmtesten, den Ersten -unter Allen. Dieses Bedrfnis scheidet das Weib vom Tiere, -welches Wert berhaupt nicht, weder vor sich selbst, durch -sich selbst (wie der Mann), noch durch einen anderen, vor einem -anderen (wie das Weib) zu gewinnen trachtet. Aber nur von -Dummkpfen konnte es im rhmenden Sinne hervorgehoben<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> -werden, da es doch am sichersten zeigt, wie die Frau alles <em class="gesperrt">Eigenwertes</em> -entbehrt. Dieses Bedrfnis nun verlangt allerdings nach -Befriedigung; es liegt aber in ihm durchaus nicht der sittliche -<em class="gesperrt">Gedanke</em> der Monogamie. Der Mann ist in der Lage, Wert zu -spenden, Wert zu bertragen an die Frau, er <em class="gesperrt">kann schenken</em>, -er <em class="gesperrt">will</em> auch schenken; nie kann er seinen Wert, wie das -Weib, als Beschenkter finden. Die Frau sucht also zwar sich -mglichst viel Wert zu verschaffen, indem sie ihre Erwhlung -durch jenen einen Mann betreibt, der ihr den <em class="gesperrt">meisten</em> Wert -geben kann; der Ehe aber liegen, beim Manne, ganz andere -Motive zu Grunde. Sie ist jedenfalls ursprnglich als die Vollendung -der idealen Liebe, als eine Erfllung gedacht, auch -wenn es sehr fraglich ist, ob sie so viel je wirklich leisten -kann. Sie ist ferner durchdrungen von dem ganz und gar -mnnlichen Gedanken der <em class="gesperrt">Treue</em> (die Kontinuitt, ein intelligibles -<em class="gesperrt">Ich</em> voraussetzt). Man wird zwar oft das Weib -treuer nennen hren als den Mann; die Treue des Mannes -ist nmlich fr ihn ein <em class="gesperrt">Zwang</em>, den er sich, allerdings im -<em class="gesperrt">freien</em> Willen und mit vollem <em class="gesperrt">Bewutsein</em>, auferlegt hat. -Er wird an diese Selbstbindung oft sich nicht kehren, aber -dies stets als sein Unrecht betrachten oder irgendwie fhlen. -Wenn er die Ehe bricht, so hat er sein intelligibles Wesen -nicht zum Worte kommen lassen. Fr die Frau ist der -Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke der -Sittlichkeit gar nicht, sondern nur die Motive der Sicherheit -und des Rufes mitsprechen. Es gibt kein Weib, das in -Gedanken ihrem Manne nie untreu geworden wre, <em class="gesperrt">ohne</em> da -es aber darum dies auch schon sich vorwrfe. Denn das Weib -geht die Ehe zitternd und voll unbewuter Begier ein und -bricht sie, da es kein der Zeitlichkeit entrcktes Ich hat, -so erwartungsvoll, so gedankenlos, wie es sie geschlossen -hat. Jenes Motiv, das einem <em class="gesperrt">Vertrage</em> Treue wahren heit, -kann nur beim Manne sich finden; fr die bindende Kraft -eines gegebenen Wortes fehlt der Frau das Verstndnis. Was -man als Beispiele weiblicher Treue anfhrt, beweist hiegegen -wenig. Sie ist entweder die lange Nachwirkung eines intensiven -Verhltnisses sexueller Folgsamkeit (<em class="gesperrt">Penelope</em>) oder -dieses Hrigkeitsverhltnis selbst, hndisch, nachlaufend, voll<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span> -instinktiver zher Anhnglichkeit, vergleichbar der krperlichen -Nhe als Bedingung alles weiblichen Mitleidens (<em class="gesperrt">Das Kthchen -von Heilbronn</em>).</p> - -<p>Die Ein-Ehe hat also der Mann geschaffen. Sie hat ihren -Ursprung im Gedanken der mnnlichen Individualitt, die -im Wandel der Zeiten unverndert fortdauert; und demnach -zu ihrer vollen Ergnzung stets nur eines und desselben -Wesens bedrfen kann. Insoweit liegt in dem Plane der <em class="gesperrt">Ein-Ehe</em> -unleugbar etwas Hheres und findet die Aufnahme -derselben unter die Sakramente der katholischen Kirche eine -gewisse Rechtfertigung. Dennoch soll hiemit in der Frage -Ehe oder freie Liebe nicht Partei ergriffen sein. Auf dem -Boden irgendwelcher Abweichungen vom strengsten Sittengesetz -— und eine solche Abweichung liegt in jeder empirischen -Ehe — sind <em class="gesperrt">vllig</em> befriedigende Problemlsungen -nie mehr mglich: <em class="gesperrt">zugleich</em> mit der Ehe ist der Ehe<em class="gesperrt">bruch</em> -auf die Welt gekommen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Trotzdem</em> kann die Ehe nur vom Manne eingesetzt -sein. Es gibt kein Rechtsinstitut weiblichen Ursprungs, alles -<em class="gesperrt">Recht</em> rhrt vom Manne, und nur viele <em class="gesperrt">Sitte</em> vom Weibe -her (schon darum wre es ganz verfehlt, das Recht aus der -Sitte, oder umgekehrt die Sitte aus dem Recht hervorgehen -zu lassen. Beide sind ganz heterogene Dinge). <em class="gesperrt">Ordnung</em> in -wirre sexuelle Verhltnisse zu bringen, dazu kann, wie nach -Ordnung, nach <em class="gesperrt">Regel</em>, nach Gesetz berhaupt (im praktischen -wie theoretischen) nur der Mann — donna mobile — das -Bedrfnis und die Kraft besessen haben. Und es scheint ja -wirklich fr viele Vlker eine Zeit gegeben zu haben, da die -Frauen auf die soziale Gestaltung groen Einflu nehmen -durften; aber damals gab es nichts weniger als Ehe: die Zeit -des <em class="gesperrt">Matriarchats</em> ist die Zeit der <em class="gesperrt">Vielmnnerei</em>. —</p> - -<p>Das ungleiche Verhltnis der Mutter und der Dirne zum -Kinde ist reich an weiteren Aufschlssen. Ein Weib, das vorwiegend -Dirne ist, wird auch in ihrem Sohne zunchst dessen -Mannheit wahrnehmen und stets in einem sexuellen Verhltnis -zu ihm stehen. Da aber kein Weib ganz mtterlich ist, lt es -sich nicht verkennen, da ein letzter Rest sexueller Wirkung -von jedem Sohne auf seine Mutter ausgeht. Darum bezeichnete<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> -ich frher das Verhltnis zur Tochter als den zuverlssigsten -Mastab der Mutterliebe. Sicherlich steht anderseits auch -jeder Sohn zu seiner Mutter in einer, wenn auch vor den -Blicken beider noch so verschleierten, sexuellen Beziehung. -In der ersten Zeit der Pubertt kommt dies bei den meisten -Mnnern, bei manchen selbst noch spter hin und wieder, -aus seiner Zurckdrngung im wachen Bewutsein, durch sexuelle -Phantasien whrend des Schlafes, deren Objekt die Mutter bildet, -zum Vorschein (dipus-Traum). Da aber auch im eigentlichsten -Verhltnis der echten Mutter zum Kinde noch ein -tiefes, sexuelles Verschmolzenheitselement steckt, darauf -scheinen die Wollustgefhle hinzudeuten, welche die Frau bei -der Laktation so unzweifelhaft empfindet, wie die anatomische -Tatsache feststeht, da sich unter der weiblichen Brustwarze -erektiles Gewebe befindet und von den Physiologen ermittelt -ist, da durch Reizung von diesem Punkte aus Zusammenziehungen -der Gebrmuttermuskulatur ausgelst werden knnen. -Sowohl die Passivitt, welche fr das Weib aus dem aktiven -Saugen des Kindes resultiert, als auch der Zustand inniger, -krperlicher Berhrung whrend der Spende der Muttermilch -stellen eine sehr vollkommene Analogie zum Verhalten des -Weibes im Koitus her; sie lassen es begreiflich erscheinen, -da die monatlichen Blutungen auch whrend der Laktation -pausieren, und geben der unklaren, aber tiefen Eifersucht des -Mannes schon auf den Sugling ein gewisses Recht. Das -Nhren des Kindes ist aber eine durchaus mtterliche Beschftigung; -je mehr eine Frau Dirne ist, desto weniger wird -sie ihr Kind selbst stillen wollen, desto schlechter wird sie -es knnen. Es lt sich also nicht leugnen, da das Verhltnis -Mutter—Kind an sich bereits ein dem Verhltnis -Weib—Mann verwandtes ist.</p> - -<p>Die Mtterlichkeit ist ferner gleich allgemein wie die -Sexualitt und den verschiedenen Wesen gegenber so abgestuft -wie diese. Wenn eine Frau mtterlich ist, mu ihre -Mtterlichkeit nicht nur dem leiblichen Kinde gegenber sich -offenbaren, sondern auch schon vorher und jedem Menschen -gegenber zum Ausdruck kommen; wenngleich das Interesse -fr das eigene Kind spter alles andere absorbiert und<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> -die Mutter im Falle eines Konfliktes durchaus engherzig, -blind und ungerecht macht. Am interessantesten ist hier das -Verhltnis des mtterlichen Mdchens zum Geliebten. Mtterliche -Frauen nmlich sind schon als Mdchen dem Manne -gegenber, den sie lieben, selbst fr jenen Mann, der -spter Vater ihres Kindes wird, Mtter; <em class="gesperrt">er <b>ist</b> selbst schon -in gewissem Sinne ihr Kind</em>. In diesem Mutter und -liebender Frau Gemeinsamen<a name="FNAnker_47_47" id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a> offenbart sich uns das tiefste -Wesen <em class="gesperrt">dieses</em> Weibestypus: es ist der fortlaufende Wurzelstock -der Gattung, den die Mtter bilden, das nie endende, -mit dem Boden verwachsene Rhizom, von dem sich der einzelne -<em class="gesperrt">Mann</em> als Individuum <em class="gesperrt">ab</em>hebt und dem gegenber er -seiner Vergnglichkeit inne wird. Dieser Gedanke ist es, mehr -oder weniger bewut, welcher den Mann selbst das mtterliche -Einzelwesen, auch schon als Mdchen, in einer gewissen -Ewigkeit erblicken lt<a name="FNAnker_48_48" id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a>, der das schwangere Weib zu einer -groen Idee macht (<em class="gesperrt">Zola</em>). Die ungeheuere <em class="gesperrt">Sicherheit</em> der -Gattung, aber freilich sonst nichts, liegt in dem <em class="gesperrt">Schweigen</em> -dieser Geschpfe, vor dem sich der Mann fr Augenblicke -sogar klein fhlen kann. Ein gewisser Friede, eine groe -Ruhe mag in solchen Minuten ber ihn kommen, ein Schweigen -aller hheren und tieferen Sehnsucht, und er mag so fr -Momente wirklich whnen, den tiefsten Zusammenhang mit der -Welt durch das Weib gefunden zu haben. Wird er doch -beim geliebten Weib dann ebenfalls zum <em class="gesperrt">Kinde</em> (<em class="gesperrt">Siegfried</em> -bei <em class="gesperrt">Brnnhilde</em>, dritter Akt); zum Kinde, das die -Mutter lchelnd betrachtet, fr das sie unendlich viel <em class="gesperrt">wei</em>, -dem sie Pflege angedeihen lt, das sie zhmt und im Zaum -hlt. Aber nur auf Sekunden (Siegfried reit sich von Brnnhilde). -Denn was den Mann ausmacht, ist ja nur, was ihn -von der Gattung loslst, indem es ihn ber sie erhebt. -Darum ist die Vaterschaft durchaus nicht die Befriedigung<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> -seines tiefsten Gemtsbedrfnisses, darum ist ihm der Gedanke, -in der Gattung auf-, in ihr unterzugehen, entsetzlich; -und das frchterlichste Kapitel, in dem trostrmsten unter -den groen Bchern der menschlichen Literatur, in der Welt -als Wille und Vorstellung, das ber den Tod und sein -Verhltnis zur Unzerstrbarkeit unseres Wesens an sich, -wo diese Unendlichkeit des Gattungswillens als die einzig -wirkliche Unsterblichkeit hingestellt ist.</p> - -<p>Die Sicherheit der Gattung ist es, welche die Mutter -mutig und unerschrocken macht im Gegensatz zur stets feigen -und furchtsamen Prostituierten. Es ist nicht der Mut der -Individualitt, der moralische Mut, der aus der Werthaltung der -Wahrheit und der Unbeugsamkeit des innerlich Freien folgt, -sondern der Lebenswille der Gattung, welche durch die Einzelperson -der Mutter das Kind und selbst den Mann schtzt. -Wie vom Begriffspaare Mut und Feigheit, so ist auch vom Gegensatz -Hoffnung — Furcht die Hoffnung der Mutter, die Furcht -der Dirne zugefallen. Die absolute Mutter ist sozusagen stets und -in jeder Beziehung in der Hoffnung; da sie in der Gattung -unsterblich ist, kennt sie auch keine Furcht vor dem Tode, -vor dem die Dirne eine entsetzliche Angst hat, ohne im geringsten -ein individuelles Unsterblichkeitsbedrfnis zu hegen — -ein Beweis mehr, wie falsch es ist, das Begehren nach persnlicher -Fortdauer blo auf die Furcht vor dem krperlichen -Tode und das Wissen um diesen zurckzufhren.</p> - -<p>Die Mutter fhlt sich dem Manne stets berlegen, sie -wei sich als seinen Anker; indes sie selbst in der geschlossenen -Kette der Generationen wohl gesichert, gleichsam den -Hafen vorstellt, aus dem jedes Schiff neu ausluft, steuert der -Mann weit drauen allein auf hoher See. Die Mutter ist, im -hchsten Alter noch, immer bereit, das Kind zu empfangen -und zu bergen; bereits in der Konzeption des Kindes lag -psychisch, wie sich zeigen wird, fr die Mutter dieses Moment, -in der Schwangerschaft tritt das andere des Schutzes und -der Nahrung ganz deutlich zu Tage. Dieses berlegenheitsverhltnis -kommt auch vor dem Geliebten zum Vorschein: die -Mutter hat Verstndnis fr das Naive und Kindliche, fr die -<em class="gesperrt">Einfalt</em> im Manne, die Hetre fr seine Feinheiten und<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span> -sein Raffinement. Die Mutter hat das Bedrfnis, ihr Kind -zu lehren, ihm alles zu geben, sei dieses Kind auch der Geliebte; -die Hetre brennt darauf, da ihr der Mann <em class="gesperrt">imponiere</em>, -sie will ihm selbst erst alles <em class="gesperrt">verdanken</em>. Die Mutter -als Vertreterin des Genus, das sich in jedem seiner Angehrigen -auswirkt, ist freundlich gegen alle Mitglieder der -Gattung (<em class="gesperrt">selbst jede Tochter ist in diesem Sinne noch -die Mutter ihres Vaters</em>); erst wenn die Interessen der -engeren Kinder auf dem Spiele stehen, wird sie, aber dann -auch in einem auerordentlichen Grade, exklusiv; die Dirne -ist nie so liebreich und nie so engherzig, wie die Mutter es -sein kann.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die Mutter steht ganz unter dem Gattungszweck; -die Prostituierte steht auerhalb desselben.</em> Ja die -Gattung hat eigentlich nur diesen einen Anwalt, diese eine -Priesterin, die Mutter; der Wille des Genus kommt nur in -ihr rein zum Ausdruck, whrend bereits die Erscheinung der -Dirne den Beweis dafr liefert, da <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Lehre, -es handle sich in aller Sexualitt nur um die Zusammensetzung -der knftigen Generation, unmglich allgemein zutreffen -kann. Da es der Mutter nur auf das Leben ihrer -Gattung ankommt, wird auch daraus ersichtlich, da mtterliche -Frauen es sind, die gegen Tiere am meisten Hrte -beweisen. Man mu beobachtet haben, mit welcher unerschtterlichen -Ruhe, wie durchdrungen von der Verdienstlichkeit -ihres Amtes die gute Hausfrau und Mutter ein Huhn -nach dem anderen schlachtet. Denn die Kehrseite der Mutterschaft -ist die Stiefmutterschaft; jede Mutter ihrer Kinder ist -Stiefmutter aller anderen Geschpfe.</p> - -<p>Noch auffallender als diese Besttigung fllt fr den -Zusammenhang der Mutter mit der Erhaltung der Gattung -ihr eigentmlich inniges Verhltnis zu allem ins Gewicht, was -zur <em class="gesperrt">Nahrung</em> dient. Sie kann es nicht ertragen, da irgend -etwas, das htte gegessen werden knnen, sei es auch ein -noch so geringfgiger Rest, zu Grunde gehe. Ganz anders -die Dirne, die nach Willkr, ohne rechten Grund jetzt groe -Quantitten an Vorrten zum Essen und Trinken beschafft, -um sie dann haufenweise stehen zu lassen. Die Mutter ist<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span> -berhaupt geizig und kleinlich, die Prostituierte verschwenderisch, -launisch. Denn die <em class="gesperrt">Erhaltung der Gattung</em> ist -der Zweck, fr den die Mutter lebt; so sorgt sie sich eifrig -darum, da die von ihr Bemutterten sich satt essen, und durch -nichts ist sie so zu erfreuen, wie durch einen gesegneten -Appetit. Damit hngt ihr Verhltnis zum Brode, zu allem, was -Wirtschaft heit, zusammen. <em class="gesperrt">Ceres</em> ist eine gute Mutter: -eine Tatsache, die in ihrem griechischen Namen <em class="gesperrt">Demeter</em> -deutlich zum Ausdruck kommt. So pflegt die Mutter die -Physis, nicht aber die Psyche des Kindes<a name="FNAnker_49_49" id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a>. Das Verhltnis -zwischen Mutter und Kind bleibt von seiten der Mutter -immer ein krperliches: vom Kssen und Herzen des -Kleinen bis zu der umgebenden und einwickelnden Sorge fr -den Erwachsenen. Auch das aller Vernunft bare Entzcken -ber jedwede Lebensuerung des kleinen Suglings ist nicht -anders zu verstehen, als aus dieser einzigen Aufgabe der -Erhaltung und Hut des irdischen Daseins.</p> - -<p>Damit ergibt sich hieraus auch, warum die Mutterliebe -nicht wahrhaft sittlich hochgeschtzt werden kann. Es -frage sich jeder aufrichtig, ob er glaubt, da ihn seine Mutter -nicht ebenso lieben wrde, wenn er ganz anders wre als er -ist, ob ihre Neigung geringer wrde, wenn er nicht er, sondern -ein ganz anderer Mensch wre! <em class="gesperrt">Hier</em> liegt der springende -Punkt, und hier sollen die Rede stehen, welche von -der moralischen Hochachtung des Weibes um der Mutterliebe -willen nicht lassen wollen. Die Individualitt des Kindes ist -der Mutterliebe ganz gleichgltig, ihr gengt die bloe Tatsache -der Kindschaft: <em class="gesperrt">und dies ist eben das Unsittliche -an ihr</em>. In jeder Liebe von Mann zu Weib, auch in jeder Liebe -innerhalb des gleichen Geschlechtes, kommt es sonst immer -auf ein bestimmtes Wesen mit ganz besonderen krperlichen -und psychischen Eigenschaften an; nur die Mutterliebe -erstreckt sich wahllos auf alles, was die Mutter je in ihrem Schoe<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span> -getragen hat. Es ist ein grausames Gestndnis, das man sich -macht, grausam gegen Mutter und Kind, da gerade hierin -sich offenbart, wie vollkommen unethisch die Mutterliebe -eigentlich ist, jene Liebe, die ganz gleich fortwhrt, ob der -Sohn ein Heiliger oder ein Verbrecher, ein Knig oder ein -Bettler werde, ein Engel bleibe oder zum Scheusal entarte. -Nicht minder gemein freilich ist der Anspruch, den so oft -die Kinder auf die Liebe ihrer Mutter zu haben glauben, -blo weil sie deren Kinder sind (besonders gilt dies von den -Tchtern; indessen sind auch die Shne in diesem Punkte meist -fahrlssig). Die Mutterliebe ist darum unmoralisch, weil sie -kein Verhltnis zum fremden <em class="gesperrt">Ich</em> ist, sondern ein <em class="gesperrt">Verwachsensein</em> -von Anfang an darstellt; sie ist, wie alle -Unsittlichkeit gegen andere, eine <em class="gesperrt">Grenzberschreitung</em>. -Es gibt ein ethisches Verhltnis nur <em class="gesperrt">von Individualitt -zu Individualitt</em>. Die Mutterliebe schaltet die Individualitt -<em class="gesperrt">aus</em>, indem sie <em class="gesperrt">wahllos</em> und <em class="gesperrt">zudringlich</em> ist. <em class="gesperrt">Das Verhltnis -der Mutter zum Kinde ist in alle Ewigkeit ein -System von reflexartigen Verbindungen zwischen -diesem und jener.</em> Schreit oder weint das Kleine, whrend -die Mutter im Nebenzimmer sitzt, pltzlich auf, so wird -die Mutter wie gestochen emporfahren und zu ihm hineineilen -(eine gute Gelegenheit, um sofort zu erkennen, was eine Frau -mehr ist, Mutter oder Dirne); und auch spter teilt sich jeder -Wunsch, jede Klage des Erwachsenen der Mutter augenblicklich -mit, sie werden auf sie gleichsam fortgeleitet, pflanzen sich auf -sie ber, und werden unbesehen, unaufgehalten die ihren. -<em class="gesperrt">Eine nie unterbrochene Leitung zwischen der Mutter -und allem, was je durch eine Nabelschnur mit ihr -verbunden war</em>: das ist das Wesen der Mutterschaft, und -ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe -nicht einstimmen, sondern mu gerade das an ihr verwerflich -finden, was an ihr so oft gepriesen wird: ihre -Wahllosigkeit. Ich glaube brigens, da von vielen hervorragenderen -Denkern und Knstlern dies wohl erkannt und -nur verschwiegen worden ist; die frher so verbreitete -groe berschtzung <em class="gesperrt">Rafaels</em> ist gewichen, und sonst stehen -die Snger der Mutterliebe eben doch nicht hher als<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span> -<em class="gesperrt">Fischart</em> oder als <em class="gesperrt">Richepin</em>. Die Mutterliebe ist instinktiv -und triebhaft: auch die Tiere kennen sie nicht weniger -als die Menschen. Damit allein wre aber schon bewiesen, -da diese Art der Liebe keine echte Liebe, da dieser -Altruismus keine wahre Sittlichkeit sein kann; denn alle -Moral stammt von jenem intelligiblen Charakter, dessen die -gnzlich unfreien tierischen Geschpfe entraten. Dem -ethischen Imperative kann nur von einem vernnftigen Wesen -gehorcht werden; es gibt keine triebhafte sondern nur bewute -Sittlichkeit.</p> - -<p>Ihre Stellung auerhalb des Gattungszweckes, der Umstand, -da sie nicht blo als Aufenthaltsort und Behlter, gleichsam -nur zum ewigen Durchpassieren fr neue Wesen dient -und sich nicht darin verzehrt, diesen Nahrung zu geben, -stellt die Hetre in gewisser Beziehung <em class="gesperrt">ber</em> die Mutter; -soweit dort von ethisch hherem Standort berhaupt die -Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber handelt. Die -Mutter, die ganz in Pflege und Kleidung von Mann und -Kind, in Besorgung oder Aufsicht von Kche und Haus, -Garten und Feld aufgeht, steht fast immer intellektuell sehr -tief. Die geistig hchstentwickelten Frauen, alles, was dem -Manne irgendwie <em class="gesperrt">Muse</em> wird, gehrt in die Kategorie der -Prostituierten: zu diesem, dem <em class="gesperrt">Aspasien-Typus</em>, sind die -Frauen der Romantik zu rechnen, vor allem die hervorragendste -unter ihnen, <em class="gesperrt">Karoline Michaelis-Bhmer-Forster-Schlegel-Schelling</em>.</p> - -<p>Es hngt damit zusammen, da nur solche Mnner sexuell -von der Mutter sich angezogen fhlen, die kein Bedrfnis -nach geistiger Produktivitt haben. Wessen Vaterschaft sich -auf leibliche Kinder beschrnkt, von dem ist es ja auch zu -erwarten, da er die fruchtbare Frau, die Mutter, erwhlen -wird vor der anderen. <em class="gesperrt">Bedeutende Menschen haben -stets nur Prostituierte geliebt</em><a name="FNAnker_50_50" id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a>; ihre Wahl fllt auf das -sterile Weib, wie sie selbst, wenn berhaupt eine Nachkommenschaft, -so stets eine lebensunfhige, bald aussterbende hervorbringen<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> -— was vielleicht einen tiefen ethischen Grund hat. Die -irdische Vaterschaft nmlich ist ebenso geringwertig wie die -Mutterschaft; sie ist unsittlich, wie sich spter zeigen wird -(Kapitel 14); und sie ist unlogisch, denn sie stellt in jeder -Beziehung eine Illusion vor: wie weit er Vater seines Kindes -ist, dessen ist kein Mensch je gewi. Und auch ihre Dauer -ist doch immer kurz und vergnglich: jedes Geschlecht und -jede Rasse der Menschheit ist schlielich zu Grunde gegangen -und erloschen.</p> - -<p>Die so verbreitete, so ausschlieliche und geradezu -ehrfrchtige Wertschtzung der mtterlichen Frau, die man -dann gerne noch fr den alleinigen und einzig echten Typus -des Weibes auszugeben pflegt, ist nach alledem vllig unberechtigt; -obwohl von fast allen Mnnern zhe an ihr festgehalten, -ja gewhnlich noch behauptet wird, da jede Frau -erst als Mutter ihre Vollendung finde. Ich gestehe, da mir -die Prostituierte nicht als Person, sondern als Phnomen -weit mehr imponiert.</p> - -<p>Die allgemeine Hherstellung der Mutter hat verschiedene -Grnde. Vor allem scheint sie, da ihr am Manne an -sich nichts oder nur so viel liegt, als er Kind ist, eher -geeignet, dem Virginittsideal zu entsprechen, das, wie sich -zeigen wird, stets erst der Mann aus einem gewissen Bedrfnis -an die Frau heranbringt; welcher Keuschheit ursprnglich -fremd ist, der nach Kindern begehrenden Mutter -ganz ebenso wie der mnnerschtigen Dirne.</p> - -<p>Jenen Schein groer Sittlichkeit vergilt ihr der Mann -durch die, an und fr sich ganz unbegrndete, moralische -und soziale Erhebung ber die Prostituierte. Diese ist das -Weib, das sich den Wertungen des Mannes und dem von -ihm bei der Frau gesuchten Keuschheitsideale nie gefgt, -sondern stets, in verborgenem Struben als Weltdame, in -passivem leisen Widerstande als Halbweltlerin, in offener -Demonstration als Gassendirne, <em class="gesperrt">widersetzt</em> hat. <em class="gesperrt">Hieraus -allein</em> erklrt sich die Sonderposition, die Stellung auer -aller sozialen Achtung, ja nahezu auer Recht und Gesetz, -welche die Prostituierte heute fast berall einnimmt. Die -Mutter hatte es leicht, sich dem sittlichen Willen des Mannes<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span> -zu unterwerfen, da es ihr nur auf das Kind, auf das Leben -der Gattung ankam.</p> - -<p>Ganz anders die Dirne. Sie lebt wenigstens ihr eigenes -Leben ganz und gar<a name="FNAnker_51_51" id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a>, wenn sie auch dafr — im extremen -Falle — mit dem Ausschlu aus der Gesellschaft bestraft -wird. Sie ist zwar nicht mutig wie die Mutter, vielmehr feige -durch und durch, aber sie besitzt auch das stete Korrelat der -Feigheit, die Frechheit, und so hat sie wenigstens die Unverschmtheit -ihrer Schamlosigkeit. Von Natur zur Vielmnnerei -veranlagt, und immer mehr Mnner anziehend als -blo den einen Grnder einer Familie, ihren Trieben Lauf -lassend und sie wie im Trotze befriedigend, fhlt sie sich -als Herrscherin, und die tiefste Selbstverstndlichkeit ist ihr, -da sie Macht habe. Die Mutter ist leicht zu krnken oder -zu empren, die Prostituierte kann niemand verletzen, niemand -beleidigen; denn die Mutter hat als Hterin des Genus, der -Familie eine gewisse <em class="gesperrt">Ehre</em>, die Prostituierte hat auf alle -soziale Ehre verzichtet, und das ist ihr Stolz, darum wirft sie -den Nacken zurck. Den Gedanken aber, da sie keine -Macht habe, vermchte sie nicht zu fassen. (La matresse.) -Sie erwartet es und kann es gar nicht anders glauben, als -da alle Menschen sich mit ihr befassen, nur an sie denken, -<em class="gesperrt">fr sie leben</em>. Und tatschlich ist sie es auch — sie, das -Weib als Dame — welche die meiste Macht unter den -Menschen besitzt, den grten, ja den alleinigen Einflu ausbt -in allem Menschenleben, das nicht durch mnnliche -Verbnde (vom Turnverein bis zum Staat) geregelt ist.</p> - -<p>Sie bildet hier das Analogon zum groen Eroberer auf -politischem Gebiet. Wie dieser, wie <em class="gesperrt">Alexander</em> und <em class="gesperrt">Napoleon</em>, -wird die ganz groe, ganz bezaubernde Dirne -vielleicht nur alle tausend Jahre einmal geboren, aber dann -feiert sie auch, wie dieser, ihren Siegeszug durch die ganze -Welt.</p> - -<p>Jeder solche Mann steht immer in einer gewissen Verwandtschaft -zur Prostituierten (jeder Politiker ist irgendwie<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span> -<em class="gesperrt">Volkstribun</em>, und im Tribunat steckt ein Element der Prostitution); -wie er ist die Prostituierte, im Gefhle ihrer -Macht, vor dem Manne nie im geringsten verlegen, whrend -es jeder Mann gerade ihr und ihm gegenber immer ist. -Wie der groe Tribun glaubt sie jeden Menschen, mit dem -sie spricht, zu <em class="gesperrt">beglcken</em> — man beobachte ein solches -Weib, wenn es einen Polizeimann um eine Auskunft bittet, -wenn es in ein Geschft tritt; gleichgltig ob Mnner -oder Frauen darin angestellt sind, gleichgltig, wie klein der -Einkauf ist, den sie macht: immer glaubt sie Gaben <em class="gesperrt">auszuteilen</em> -nach allen Seiten hin. Man wird in jedem geborenen -Politiker dieselben Elemente entdecken. Und die Menschen, -alle Menschen haben <em class="gesperrt">beiden</em> gegenber — man denke, -sogar der selbstbewute <em class="gesperrt">Goethe</em> in seinem Verhalten zu -<em class="gesperrt">Napoleon</em> in Erfurt — tatschlich und unwiderstehlich das -Gefhl, <em class="gesperrt">beschenkt</em> worden zu sein (<em class="gesperrt">Pandora-Mythus</em>; -<em class="gesperrt">Geburt der Venus</em>: die aus dem Meer aufsteigt und bereits -darbietend um sich blickt).</p> - -<p>Hiemit bin ich, wie ich im fnften Kapitel<a name="FNAnker_52_52" id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> versprochen -habe, nochmals zu den Mnnern der Tat auf einen Augenblick -zurckgekehrt. Selbst ein so tiefer Mensch wie <em class="gesperrt">Carlyle</em> -hat sie hochgewertet, ja the hero as king zuletzt, zuhchst -unter allen Heroen gesetzt. Es wurde schon an jener -Stelle gezeigt, warum dies nicht zutreffen kann. Ich darf jetzt -weiter darauf hinweisen, wie alle groen Politiker Lge und -Betrug zu brauchen nicht scheuen, auch die grten nicht, -<em class="gesperrt">Caesar</em>, <em class="gesperrt">Cromwell</em>, <em class="gesperrt">Napoleon</em>, <em class="gesperrt">Bismarck</em>; wie <em class="gesperrt">Alexander -der Groe</em> sogar zum Mrder wurde und sich seine Schuld -von einem Sophisten nachtrglich bereitwillig ausreden lie. -Verlogenheit aber ist unvereinbar mit Genialitt; <em class="gesperrt">Napoleon</em> -hat auf St. Helena von Lge gesttigte, von Sentimentalitt -triefende Memoiren geschrieben, und sein letztes Wort war -noch die altruistische Pose, da er stets nur Frankreich -geliebt habe. <em class="gesperrt">Napoleon</em>, die grte Erscheinung unter allen, -zeigt auch am deutlichsten, da die groen Willensmenschen, -Verbrecher, und demnach keine Genies sind. Ihn kann man nicht -anders verstehen als aus der <em class="gesperrt">ungeheuren Intensitt, mit<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span> -der er sich selbst floh</em>: nur so ist alle Eroberung, im -Groen, wie im Kleinen, zu erklren. ber sich selbst -mochte Napoleon nie nachdenken, nicht eine Stunde durfte -er ohne groe uere Dinge bleiben, die ihn ganz ausfllen -sollten: darum mute er die Welt erobern. Da er groe Anlagen -hatte, grere als jeder Imperator vor ihm, brauchte er -mehr, um alle Gegenstimmen in sich zum Schweigen zu -bringen. bertubung seines besseren Selbst, das war das -gewaltige Motiv seines Ehrgeizes. Der hhere, der bedeutende -Mensch mag zwar das gemeine Bedrfnis nach Bewunderung -oder nach dem Ruhme teilen, aber nicht den Ehrgeiz als das -Bestreben, alle Dinge in der Welt mit sich als empirischer -Person zu verknpfen, sie von sich abhngig zu machen, um -auf den eigenen Namen alle Dinge der Welt zu einer unendlichen -Pyramide zu <em class="gesperrt">hufen</em>. Der groe Mensch hat <em class="gesperrt">Grenzen</em>, -denn <em class="gesperrt">er</em> ist die Monade der Monaden, und — dies ist eben -jene letzte Tatsache — gleichzeitig der bewute Mikrokosmus, -<em class="gesperrt">pantogen</em>, er hat die ganze Welt in sich, er -sieht, im vollstndigsten Falle, bei der ersten Erfahrung, die -er macht, klar ihre Zusammenhnge im All, und er bedarf -darum zwar der <em class="gesperrt">Erlebnisse</em>, aber keiner <em class="gesperrt">Induktion</em>; der -groe Tribun und die groe Hetre sind <em class="gesperrt">die</em> absolut -<em class="gesperrt">grenzenlosen</em> Menschen, welche die ganze Welt zur Dekoration -und Erhhung ihres <em class="gesperrt">empirischen</em> Ich gebrauchen. -Darum sind beide jeder Liebe, Neigung und Freundschaft -unfhig, lieblos, liebeleer.</p> - -<p>Man denke an das tiefe Mrchen von dem Knig, der -die Sterne erobern wollte! Es enthllt strahlend und grell -die Idee des Imperators. Der wahre Genius gibt sich selbst -seine Ehre, und am allerwenigsten setzt er sich in jenes -Wechselverhltnis gegenseitiger Abhngigkeit zum Pbel, -wie dies jeder Tribun tut. Denn im groen Politiker steckt -nicht nur ein Spekulant und Milliardr, sondern auch ein -Bnkelsnger; er ist nicht nur groer Schachspieler, sondern -auch groer Schauspieler; er ist nicht nur ein Despot, sondern -auch ein Gunstbuhler; er prostituiert nicht nur, er ist auch -eine groe Prostituierte. Es gibt keinen Politiker, keinen -Feldherrn, der nicht hinabstiege. Seine Hinabstiege sind<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> -ja berhmt, sie sind seine Sexualakte! <em class="gesperrt">Auch zum richtigen -Tribun gehrt die Gasse.</em> Das Ergnzungsverhltnis zum -Pbel ist geradezu konstitutiv fr den Politiker. Er kann -berhaupt nur Pbel brauchen; mit den anderen, den Individualitten, -rumt er auf, wenn er unklug ist, oder heuchelt -sie zu schtzen, um sie unschdlich zu machen, wenn er so -gerieben ist wie <em class="gesperrt">Napoleon</em>. Seine Abhngigkeit vom Pbel -hat dieser denn auch am feinsten gesprt. Ein Politiker -kann durchaus nicht alles Beliebige unternehmen, auch wenn -er ein Napoleon ist, und selbst wenn er, was er aber als -Napoleon nicht wird, <em class="gesperrt">Ideale</em> realisieren wollte: er wrde -gar bald von dem Pbel, seinem wahren Herren, eines -Besseren belehrt werden. Alle Willensersparnis hat nur -fr den <em class="gesperrt">formalen</em> Akt der <em class="gesperrt">Initiative</em> Geltung; <em class="gesperrt">frei</em> ist das -Wollen des Machtgierigen nicht.</p> - -<p>Auf diese Gegenseitigkeit, diese Relation zu den Massen -fhlt sich jeder Imperator hingewiesen, <em class="gesperrt">darum</em> sind alle ausnahmslos -ganz instinktiv <em class="gesperrt">fr</em> die Constituante, fr die Volks- -oder Heeresversammlung, fr das allgemeinste Wahlrecht -(<em class="gesperrt">Bismarck</em> 1866). Nicht Marc Aurel und Diokletian, sondern -Kleon, Antonius, Mirabeau, das sind die Gestalten, in denen der -echte Politiker erscheint. Ambitio heit eigentlich Herumgehen. -Das tut der Tribun wie die Prostituierte. Napoleon -hat in Paris nach <em class="gesperrt">Emerson</em> inkognito in den Straen auf -die Hurras und Lobsprche des Pbels gelauscht. Von -<em class="gesperrt">Wallenstein</em> heit es bei <em class="gesperrt">Schiller</em> ganz hnlich.</p> - -<p>Von jeher hat das Phnomen des groen Mannes der -Tat, als ein ganz Einzigartiges, vor allem die Knstler (aber -auch philosophische Schriftsteller) mchtig angezogen. Die -berraschende Konformitt, welche hier entrollt wurde, wird -es vielleicht erleichtern, der Erscheinung begrifflich, durch -die Analyse, nher zu kommen. <em class="gesperrt">Antonius</em> (<em class="gesperrt">Caesar</em>) und -<em class="gesperrt">Kleopatra</em> — die beiden sind einander gar nicht unhnlich. -Den meisten Menschen wird die Parallele wohl zuerst ganz -fiktiv erscheinen, und doch ducht mich das Bestehen einer -engen Analogie ber allen Zweifel erhaben, so heterogen -beide den ersten Anblick berhren mgen. Wie der groe -Mann der Tat auf ein <em class="gesperrt">Innenleben verzichtet</em>, um sich<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span> -gnzlich in der Welt, hier pat das Wort, <em class="gesperrt">auszuleben</em>, und -zugrundezugehen wie alles <em class="gesperrt">Aus</em>gelebte, statt zu bestehen -wie alles <em class="gesperrt">Ein</em>gelebte, wie er seinen ganzen <em class="gesperrt">Wert</em> mit -kolossaler Wucht hinter sich wirft und sich ihn <em class="gesperrt">weghlt</em>, -so schmeit die groe Prostituierte der Gesellschaft den Wert -ins Antlitz, den sie als Mutter von ihr beziehen knnte, -nicht freilich um in sich zu gehen und ein beschauliches Leben -zu fhren, sondern um ihrem sinnlichen Triebe nun erst vollen -Lauf zu lassen. Beide, die groe Prostituierte und der groe -Tribun, sind wie Brandfackeln, die entzndet weithin leuchten, -Leichen ber Leichen auf ihrem Wege lassen und untergehen, -wie Meteore, fr menschliche Weisheit sinnlos, zwecklos, ohne -ein Bleibendes zu hinterlassen, ohne alle Ewigkeit — indessen -die Mutter und der Genius in der Stille die Zukunft wirken. -Beide, Dirne und Tribun, werden darum als Gottesgeieln, -als antimoralische Phnomene empfunden.</p> - -<p>Hiegegen erscheint es neuerdings gerechtfertigt, da -seinerzeit vom Begriffe des genialen Menschen der groe -Willensmensch ausgeschlossen wurde. Das Genie, und zwar -nicht etwa blo das philosophische, sondern auch das -knstlerische, ist immer ausgezeichnet durch das Vorwalten -der begrifflichen oder darstellenden <em class="gesperrt">Erkenntnis</em> ber alles -<em class="gesperrt">Praktische</em>.</p> - -<p>Das Motiv, welches die Dirne treibt, bedarf indessen noch -einer Untersuchung. Das Wesen der Mutter war relativ -leicht zu erkennen: sie ist in eminenter Weise das Werkzeug -zur Erhaltung der Gattung. Viel rtselhafter und schwieriger -ist die Erklrung der Prostitution. Fr jeden, der ber diese -lange nachgedacht hat, sind sicherlich Augenblicke gekommen, -wo er an ihrer Aufhellung vllig verzweifelt hat. Worauf es -hier aber gewi vor allem ankommt, ist das verschiedene -Verhltnis beider, der Mutter und der Dirne, zum Koitus. -Die Gefahr ist hoffentlich gering, da jemand die Beschftigung -hiemit, wie berhaupt mit dem Thema der Prostitution, -fr des Philosophen unwrdig erachten knnte. Es -ist der Geist der Behandlung, der vielen Gegenstnden -Wrde erteilen mu. Auch die Knstler, welche die Dirne -zum Vorwurf gewhlt haben — mir sind <em class="gesperrt">Zolas</em> Confession<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span> -de Claude, <em class="gesperrt">Hortense</em>, <em class="gesperrt">Rene</em> und <em class="gesperrt">Nana</em>, <em class="gesperrt">Tolstois</em> Auferstehung, -<em class="gesperrt">Ibsens</em> <em class="gesperrt">Hedda Gabler</em> und <em class="gesperrt">Rita</em>, schlielich -die <em class="gesperrt">Sonja</em> eines der grten Geister, des <em class="gesperrt">Dostojewskij</em> bekannt -geworden — wollten nie wirklich singulre Flle, -sondern stets Allgemeines darstellen. Vom Allgemeinen aber -mu auch eine Theorie mglich sein.</p> - -<p>Fr die Mutter ist der Koitus Mittel zum Zweck; die -Dirne nimmt insofern eine Sonderstellung zu ihm ein, <em class="gesperrt">als -ihr der Koitus Selbstzweck wird</em>. Da im Naturganzen -dem Koitus noch eine andere Rolle zugefallen ist auer der -Fortpflanzung, hierauf sehen wir uns allerdings auch dadurch -hingewiesen, da bei vielen Lebewesen die letztere ohne den -Koitus erreicht wird (<em class="gesperrt">Parthenogenesis</em>). Aber andererseits -sehen wir bei den Tieren noch berall die <em class="gesperrt">Begattung</em> -dem Ziele der Hervorbringung einer Nachkommenschaft -dienen, und nirgends ist uns der Gedanke nahegelegt, da die -Kopulation <em class="gesperrt">ausschlielich</em> der Lust wegen gesucht werde, -indem sie vielmehr nur zu gewissen Zeiten, den Brunstperioden, -vor sich geht; so da man die Lust geradezu als das -Mittel betrachtet hat, welches die Natur anwende, um <em class="gesperrt">ihren</em> -Zweck der Erhaltung der Gattung zu erreichen.</p> - -<p>Wenn der Koitus der Dirne Selbstzweck ist, so heit -dies nicht, da fr die Mutter der Koitus nichts bedeute. Es -gibt zwar eine Kategorie sexuell-ansthetischer Frauen, die -man als frigid bezeichnet, obwohl solche Flle viel seltener -glaubwrdig sind, als man denkt, indem sicherlich an der -ganzen Klte oft nur der Mann die Schuld trgt, der durch -seine Person nicht vermochte, das Gegenteil herbeizufhren; -die brigen Flle aber sind nicht dem Muttertypus zuzurechnen. -Frigiditt kann sowohl bei der Mutter als bei der -Dirne auftreten; sie wird spter unter den hysterischen -Phnomenen eine Erklrung finden. Ebensowenig darf man die -Prostituierte fr sexuell unempfindlich halten, weil die Straendirnen -(d. i. jenes Kontingent, das im ganzen und groen nur von -der buerischen Bevlkerung, den Dienstmdchen u. s. w. zur -Prostitution gestellt wird) hier oft hochgespannte Erwartungen -durch Mangel an Lebendigkeit enttuscht haben mgen. Weil -das kufliche Mdchen auch die Liebesbezeugungen solcher sich<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span> -gefallen lassen mu, die ihm sexuell nichts bieten, darf man -es nicht etwa als zu seinem Wesen gehrig betrachten, beim -Koitus berhaupt kalt zu bleiben. Dieser Schein entsteht nur, -weil gerade sie die hchsten Ansprche an das sinnliche -Vergngen stellt; und fr alle Entbehrungen, die sie in dieser -Hinsicht sonst erduldet, wird sie die Gemeinschaft mit dem -Zuhlter aufs ausgiebigste entschdigen mssen.</p> - -<p>Da fr die Dirne der Koitus Selbstzweck ist, wird auch -hieraus ersichtlich, da sie, und nur sie allein, <em class="gesperrt">kokett</em> ist. -Die Koketterie ist nie ohne Beziehung zum Koitus. Ihr Wesen -besteht darin, da sie die Eroberung der Frau dem Manne -als geschehen vorspiegelt, um ihn <em class="gesperrt">durch den Kontrast</em> mit -der Realitt, welche diese Erfllung noch keineswegs zeigt, -zur Verwirklichung der Eroberung anzuspornen. So ist sie -eine Herausforderung des Mannes, dem sie eine und dieselbe -Aufgabe in ewig wechselnder Form zeigt und ihm <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> -zu verstehen gibt, da er nicht fr fhig gehalten -werde, diese Aufgabe je zu lsen. Hiebei leistet das Spiel der -Koketterie an sich fr die Frau dies, da es ihren Zweck, -den Koitus, bereits whrend seines Verlaufes in gewissem Sinne -erfllt: denn durch das Begehren des Mannes, das sie hervorruft, -fhlt die Dirne schon ein den Sensationen des -Koitiert-Werdens Analoges und verschafft sich so den Reiz -der Wollust zu jeder Zeit und von jedem Manne. Ob sie -hierin bis zum uersten Ende gehen oder sich zurckziehen -werde, wenn die Bewegung einen zu beschleunigten Fortgang -nimmt, hngt wohl nur davon ab, ob die Form des -wirklichen Koitus, den sie zur Zeit ausbt, d. h. ob ihr -gegenwrtiger Mann sie schon so befriedigt, da sie von dem -anderen nicht <em class="gesperrt">mehr</em> erwartet. Und da gerade die Straendirne -im allgemeinen nicht kokett ist, kommt vielleicht nur -davon her, da sie die Empfindungen, welche das Ziel der -Koketterie sind, im strksten Ausma und in der massivsten -Form ohnedies unausgesetzt kostet und daher auf die feineren -prickelnden Variationen leicht verzichten kann. Die Koketterie -ist also ein Mittel, den aktiven sexuellen Angriff von Seite -des Mannes herbeizufhren, die Intensitt dieses Angriffes -nach Belieben zu steigern oder abzuschwchen und seine<span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span> -Richtung, dem Angreifer selbst unmerkbar, dorthin zu dirigieren, -wo ihn die Frau haben will; ein Mittel, entweder blo -Blicke und Worte hervorzurufen, durch welche sie sich angenehm -kitzelnd betastet fhlt, oder es bis zur Vergewaltigung -kommen zu lassen.<a name="FNAnker_53_53" id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a></p> - -<p><em class="gesperrt">Die Sensationen des Koitus sind prinzipiell -keine anderen Empfindungen als wie sie das Weib -sonst kennt, sie zeigen dieselben nur in hchster Intensifikation; -das <b>ganze</b> Sein des Weibes offenbart -sich im Koitus, aufs hchste <b>potenziert</b>.</em> Darum kommen -hier auch die Unterschiede zwischen Mutter und Dirne am -strksten zur Geltung. Die Mutter empfindet den Koitus nicht -<em class="gesperrt">weniger</em>, sondern <em class="gesperrt">anders</em> als die Prostituierte. Das Verhalten -der Mutter ist mehr annehmend, hinnehmend, die Dirne fhlt, -schlrft bis aufs uerste den Genu. Die Mutter empfindet das -Sperma des Mannes gleichsam als <em class="gesperrt">Depositum</em>: bereits im Gefhle -des Koitus findet sich bei ihr das Moment des Aufnehmens -und Bewahrens; denn sie ist die Hterin des -Lebens. Die Dirne hingegen will nicht wie die Mutter das -Dasein berhaupt erhht und gesteigert fhlen, wenn sie vom -Koitus sich erhebt; <em class="gesperrt">sie will vielmehr im Koitus als Realitt -verschwinden, zermalmt, zernichtet, zu nichts, bewutlos -werden vor Wollust</em>. Fr die Mutter ist der -Koitus der <em class="gesperrt">Anfang <b>einer Reihe</b></em>; die Dirne will in ihm ihr -<em class="gesperrt">Ende</em>, sie will <em class="gesperrt">vergehen</em> in ihm. Der Schrei der Mutter ist -darum ein kurzer, mit schnellem Schlu; der der Prostituierten -ist langgezogen, denn alles Leben, das sie hat, will sie in -diesen Moment <em class="gesperrt">konzentriert, zusammengedrngt</em> wissen.<span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span> -Weil dies nie gelingen kann, darum wird die Prostituierte in -ihrem ganzen Leben <em class="gesperrt">nie</em> befriedigt, von allen Mnnern der -Welt nicht.</p> - -<p>Hierin liegt also ein fundamentaler Unterschied im Wesen -beider. Unterschiedslos aber fhlt sich jede Frau, da das Weib -nur und durchaus sexuell ist, da diese Sexualitt ber den ganzen -Krper sich erstreckt und an einigen Punkten, physikalisch -gesprochen, blo <em class="gesperrt">dichter</em> ist als an anderen, fortwhrend -und am ganzen Leibe, berall und immer, von was es auch -sei, ausnahmslos <em class="gesperrt">koitiert</em>. Das, was man gewhnlich als -Koitus bezeichnet, ist nur ein <em class="gesperrt">Spezialfall</em> von hchster -Intensitt. Die Dirne will <em class="gesperrt">von allem koitiert werden</em> — -darum kokettiert sie auch, wenn sie <em class="gesperrt">allein</em> ist, <em class="gesperrt">und selbst -vor leblosen Gegenstnden</em>, vor jedem Bach, vor jedem -Baum — die Mutter wird von allen Dingen, fortwhrend und -am ganzen Leibe, <em class="gesperrt">geschwngert</em>. <em class="gesperrt">Dies ist die Erklrung -des Versehens.</em> Alles, was auf eine Mutter je Eindruck -gemacht hat, wirkt fort, je nach der Strke des Eindruckes -— der zur Konzeption fhrende Koitus ist nur das intensivste -dieser Erlebnisse und berwiegt an Einflu alle -anderen — <em class="gesperrt">all das wird Vater ihres Kindes</em>, es wird <em class="gesperrt">Anfang -einer Entwicklung</em>, deren Resultat sich spter am -Kinde zeigt.</p> - -<p>Darum also ist die Vaterschaft eine armselige Tuschung; -denn sie mu stets mit unendlich vielen Dingen und -Menschen geteilt werden, und das <em class="gesperrt">natrliche, physische</em> -Recht das <em class="gesperrt">Mutterrecht</em>. Weie Frauen, die einst von einem -Neger ein Kind gehabt haben, gebren spter oft einem -weien Manne Nachkommen, die noch unverkennbare Merkmale -der Negerrasse an sich tragen. Blten, die mit einer -Pollenart bestubt werden, ergeben oft nach vielen spteren -andersartigen Bestubungen Frchte, welche noch an die -Spezies erinnern, mit deren Pollen sie ehedem affiziert wurden. -Und die Stute des <em class="gesperrt">Lord Morton</em> ist ja berhmt geworden, -die, nachdem sie einmal einem Quagga einen Bastard geboren -hatte, noch lange hernach einem arabischen Hengst zwei -Fllen warf, welche deutliche Merkmale des Quaggas an sich -trugen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span> - -Man hat an diesen Fllen viel gedeutelt; man hat erklrt, -sie mten viel hufiger vorkommen, wenn der Vorgang berhaupt -mglich wre. Aber damit sich diese <em class="gesperrt">Infektion</em>, wie -man ihn nennt (<em class="gesperrt">Weismann</em> hat den ausgezeichneten Namen -<em class="gesperrt">Telegonie</em>, d. i. <em class="gesperrt">Zeugung in die Ferne</em>, vorgeschlagen, -<em class="gesperrt">Focke</em> von Gastgeschenken, <em class="gesperrt">Xenien</em> gesprochen), damit sich -Fernzeugung deutlich offenbaren knne, ist eine Erfllung -smtlicher Gesetze der Sexualanziehung, eine auergewhnlich -hohe geschlechtliche Affinitt zwischen dem ersten Vater -und der Mutter erforderlich. Die Wahrscheinlichkeit ist von -vornherein gering, da ein Paar sich finde, in welchem jene -Affinitt derart mchtig ist, da sie die mangelnde Rassenverwandtschaft -berwindet; und doch besteht nur, wenn -Rassenverschiedenheit vorhanden ist, eine Aussicht auf augenfllige, -allgemein berzeugende Divergenzen; indessen bei -sehr naher Familienverwandtschaft die Mglichkeit fehlt, unzweideutige -Abweichungen vom Vatertypus an jenem Kinde, -das noch unter dem Einflusse der frheren Zeugung stehen -soll, mit Sicherheit festzustellen. brigens ist, da man so -heftig gegen die Keiminfektion sich gewehrt hat, nur daraus -zu erklren, da man die Erscheinungen nicht in ein System -zu bringen wute.</p> - -<p>Nicht besser als der Infektionslehre ist es dem Versehen -ergangen. Htte man begriffen, da auch die Fernzeugung -ein Versehen ist, nur eben ein Spezialfall des letzteren von -hchster Intensitt, htte man eingesehen, da der Urogenitaltrakt -nicht der einzige, sondern nur der wirksamste -Weg ist, auf dem eine Frau koitiert werden kann, da die -Frau durch einen <em class="gesperrt">Blick</em>, durch ein <em class="gesperrt">Wort</em> sich bereits -<em class="gesperrt">besessen</em> fhlen kann, es wre der Widerspruch gegen das -Versehen wie gegen die Telegonie so laut nicht geworden. -Ein Wesen, das berall und von allen Dingen <em class="gesperrt">koitiert</em> wird, -kann auch berall und von allen Dingen <em class="gesperrt">befruchtet</em> werden: -<em class="gesperrt">die Mutter ist empfnglich berhaupt. In ihr gewinnt -alles Leben</em>, denn alles macht auf sie physiologischen Eindruck -und geht in ihr Kind als dessen Bildner ein. Hierin -ist sie wirklich, in ihrer niederen krperlichen Sphre, nochmals -dem Genius vergleichbar.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span> - -Anders die Dirne. Wie sie selbst im Koitus zunichte -werden will, so ist ihr Wirken auch sonst durchaus auf -Zerstrung angelegt. Whrend die Mutter alles, was dem -irdischen Leben und guten Fortkommen des Menschen frderlich -ist, begnstigt, alles Ausschweifende aber von ihm fernhlt, -whrend sie den Flei des Sohnes aneifert und die Arbeitsamkeit -des Gatten spornt, sucht die Hetre die ganze Kraft -und Zeit des Mannes <em class="gesperrt">fr sich</em> in Anspruch zu nehmen. Aber -nicht nur sie selbst ist gleichsam von Anbeginn dazu bestimmt, -den Mann zu mibrauchen: auch in jedem Mann verlangt -etwas nach dieser Frau, das an Seite der schlichteren, stets -geschftigen, geschmacklos gekleideten, aller geistigen Elgance -baren Mutter keine Befriedigung findet. Etwas in ihm -<em class="gesperrt">sucht</em> den Genu, und beim <em class="gesperrt">Freudenmdchen</em> vergit er sich -am leichtesten. Denn die Dirne vertritt das Prinzip des leichten -Sinnes, sie sorgt nicht vor wie die Mutter, sie und nicht die -Mutter ist die gute Tnzerin, nur sie verlangt nach Unterhaltung -und groer Gesellschaft, nach dem Spaziergang und dem Vergngungslokal, -nach dem Seebad und dem Kurort, nach -Theater und Konzert, nach immer neuen Toiletten und -Edelsteinen; nach Geld, um es mit vollen Hnden hinauszustreuen, -nach Luxus statt nach Komfort, nach Lrm statt -nach Ruhe; nicht nach dem Lehnstuhl inmitten von Enkeln -und Enkelinnen, sondern nach dem Triumphzug auf dem -Siegeswagen des schnen Krpers durch die Welt.</p> - -<p>Die Prostituierte erscheint denn auch dem Manne unmittelbar -als die Verfhrerin: in den Gefhlen, die sie in ihm weckt; -nur sie, das unkeusche Weib par excellence, als Zauberin. -Sie ist der weibliche Don Juan, sie ist jenes Wesen in der -Frau, das die Ars amatoria kennt, lehrt und htet.</p> - -<p>Hiemit hngen aber noch interessantere und tiefer -fhrende Dinge zusammen. Die Mutter wnscht vom Manne -Anstndigkeit, nicht um der Idee willen, <em class="gesperrt">sondern weil sie -die Bejaherin des Erdenlebens ist</em>. Wie sie selbst arbeitet -und nicht faul ist gleich der Dirne, wie sie stets von Geschften -mit Bezug auf die Zukunft erfllt scheint, so hat sie -auch beim Manne Sinn fr Ttigkeit und sucht ihn nicht von -dieser zum Vergngen hin abzuziehen. Die Dirne hingegen<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span> -kitzelt am strksten der Gedanke eines rcksichtslosen, -gaunerischen, der Arbeit abgewandten Mannes. Ein Mensch, -der einmal eingesperrt war, ist der Mutter ein Gegenstand des -Abscheus, der Dirne eine Attraktion. Es gibt Frauen, die -mit ihrem Sohne wirklich unzufrieden sind, wenn er in der -Schule nicht gut tut, und solche, die an ihm, wenn sie auch -das Gegenteil heucheln, dann um so greres Wohlgefallen -finden. Das <em class="gesperrt">Solide</em> reizt die Mutter, das <em class="gesperrt">Unsolide</em> die -Dirne. Jene verabscheut, diese liebt den krftig trinkenden -Mann. Und so liee sich noch vieles andere, in der gleichen -Richtung gelegene anfhren. Nur ein Einzelfall dieser allgemeinen, -hoch in die wohlhabendsten Klassen hinauf reichenden -Verschiedenheit ist es, da die Gassendirne zu jenen -Menschen sich am meisten hingezogen fhlt, die offene Verbrecher -sind: der <em class="gesperrt">Zuhlter</em> ist immer gewaltttig, kriminell -veranlagt, oft Ruber oder Betrger, wenn nicht Mrder -zugleich.</p> - -<p>Dies legt nun, so wenig das Weib selbst <em class="gesperrt">anti</em>moralisch -genannt werden darf — es ist immer nur amoralisch — den -Gedanken nahe, da die Prostitution in irgend einer tiefen -<em class="gesperrt">Beziehung</em> zum <em class="gesperrt">Anti</em>moralischen stehe, whrend alle -Mutterschaft nie einen solchen Hinweis enthlt. Nicht als ob -die Prostituierte selbst das weibliche quivalent des mnnlichen -Verbrechers bildete; obwohl sie so arbeitsscheu ist wie -dieser, darf aus den in den vorigen Kapiteln errterten Grnden -die Existenz eines verbrecherischen Weibes nicht zugegeben -werden: die Frauen stehen nicht so hoch. Aber <em class="gesperrt">in einer -Relation</em> zum Antimoralischen, zum Bsen wird die Prostituierte -unleugbar vom Manne empfunden, selbst wenn dieser -nicht in ein sexuelles Verhltnis zu ihr getreten ist; so da man -nicht sagen kann, nur die Abwehr irgend eines eigenen -Wollustgedankens habe diese projizierende Form angenommen. -Der Mann erlebt die Prostitution von vornherein -als ein Dunkles, Nchtiges, Schauervolles, Unheimliches, ihr -Eindruck lastet schwerer, qualvoller auf seiner Brust als der, -welchen die Mutter auf ihn hervorbringt. Die merkwrdige -Analogie der groen Hetre zum groen Verbrecher, d. i. eben -zum Eroberer; die intime Beziehung der kleinen Dirne zum<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span> -moralischen Ausbunde der Menschheit, dem Zuhltertum; jenes -Gefhl, das sie im Manne wachruft, endlich die Absichten, die -sie in betreff seiner hat — all das vereinigt sich dazu, jene -Ansicht zu bekrftigen. <em class="gesperrt">Wie die Mutter ein lebensfreundliches, -so ist die Prostituierte ein lebensfeindliches -Prinzip.</em> Aber wie die Bejahung der Mutter nicht auf die -Seele, sondern auf den Leib geht, so erstreckt sich auch die -Verneinung der Dirne nicht diabolisch auf die Idee, sondern -nur auf Empirisches. Sie will vernichtet werden und vernichten, -sie schadet und zerstrt. <em class="gesperrt">Physisches Leben und -physischer Tod, beide im Koitus so geheimnisvoll -tief zusammenhngend</em> (vgl. das nchste Kapitel), <em class="gesperrt">sie verteilen -sich auf das Weib als Mutter und als Prostituierte</em>.</p> - -<p>Eine entscheidendere Antwort als diese kann auf die -Frage nach der Bedeutung von Mutterschaft und Prostitution -einstweilen kaum gegeben werden. Es ist ja ein vllig -dunkles, von keinem Wanderer noch betretenes Gebiet, auf -dem ich mich hier befinde; der Mythus in seiner religisen -Phantasie mag es zu erleuchten sich erkhnen, dem Philosophen -sind metaphysische bergriffe allzufrh nicht anzuraten. -Dennoch bedarf noch einiges einer besseren Hervorhebung. -Die antimoralische Bedeutung des Phnomens der -Prostitution stimmt damit berein, da sie ausschlielich auf -den Menschen beschrnkt ist. Bei den Tieren ist das Weibchen -durchaus der Fortpflanzung untertan, es gibt dort keine -sterile Weiblichkeit. Ja man knnte sogar daran denken, da -sich bei den Tieren die Mnnchen prostituieren, wenn man -an den Rad schlagenden Pfau denkt, an das Leuchten des -Glhwurms, die Lockrufe der Singvgel, den balzenden Auerhahn. -Aber diese Schaustellungen sekundrer Geschlechtscharaktere -sind bloe <em class="gesperrt">exhibitionistische</em> Akte des Mnnchens; -wie es auch unter den Menschen vorkommt, da lufige -Mnner ihre Genitalien vor Frauen entblen als Aufforderung -zum Koitus. Nur insofern sind diese tierischen Akte -vorsichtig zu interpretieren, als man sich hten mu, zu -glauben, die psychische Wirkung, welche durch sie auf das -Weibchen hervorgebracht wird, werde von dem Mnnchen im<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span> -voraus in Betracht und Rechnung gezogen. Es handelt sich -viel mehr um einen triebhaften <em class="gesperrt">Ausdruck</em> des <em class="gesperrt">eigenen</em> -sexuellen Verlangens als um ein Mittel, dasselbe beim Weibe -zu steigern, es ist ein Hintreten vor die Frau <em class="gesperrt">mit</em> und <em class="gesperrt">in</em> -der sexuellen Erregung; whrend bei exhibitionierenden -<em class="gesperrt">Menschen</em> wohl stets die Vorstellung der Erregung des -anderen Geschlechtes mitspielt<a name="FNAnker_54_54" id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a>.</p> - -<p>Die Prostitution ist demnach etwas beim Menschen allein -Auftretendes; Tiere und Pflanzen sind ja nur gnzlich -amoralisch, nicht irgendwie dem Antimoralischen verwandt, -und kennen darum nur die Mutterschaft. <em class="gesperrt">Hier liegt also -eines der tiefsten Geheimnisse aus Wesen und Ursprngen -des <b>Menschen</b> verborgen.</em> Und nun ist insofern -an dem frheren eine Korrektur anzubringen, als mir wenigstens, -je lnger ich ber sie nachdenke, desto mehr die -Prostitution eine <em class="gesperrt">Mglichkeit fr <b>alle</b> Frauen zu sein -scheint, ebenso wie die, ja blo physische, Mutterschaft</em>. -Sie ist vielleicht etwas, wovon <em class="gesperrt">jedes</em> menschliche -Weib durchsetzt, etwas, womit hier die tierische Mutter tingiert -ist<a name="FNAnker_55_55" id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a>, ja am Ende eben das, was im menschlichen Weibe -jenen Eigenschaften entspricht, um die der menschliche Mann -mehr ist als das tierische Mnnchen. Zu der bloen Mutterschaft -des Tieres ist hier, mit dem Antimoralischen im Manne -zu gleicher Zeit und nicht ohne merkwrdige Beziehungen -zu diesem, ein Faktor hinzugekommen, der das menschliche -Weib vom tierischen gnzlich und von Grund aus unterscheidet. -Welche Bedeutung das Weib gerade als <em class="gesperrt">Dirne</em> fr -den Mann in <em class="gesperrt">besonderem</em> Mae gewinnen konnte, davon -soll erst gegen den Schlu der gesamten Untersuchung die -Rede werden; der Ursprung, die letzte Ursache der Prostitution, -bleibt gleichwohl vielleicht fr immer ein tiefes Rtsel und -in vlliges Dunkel gehllt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span> - -Es lag mir bei dieser etwas breiten, aber durchaus nicht -erschpfenden, durchaus nicht alle Phnomene auch nur -streifenden Betrachtung alles andere nher, als etwa ein -Prostituierten-Ideal aufzustellen, wie es manche begabte -Schriftsteller der jngsten Zeit kaum verhllt entwickelt zu -haben scheinen. Aber dem anderen, dem scheinbar unsinnlichen -Mdchen <em class="gesperrt">mute</em> ich den Nimbus rauben, mit -dem es jeder Mann so gerne umgeben mchte, durch die Erkenntnis, -da gerade dieses Geschpf das mtterlichste ist, -und die Virginitt ihm, seinem Begriffe nach, ebenso fremd -wie der Dirne. Und selbst die Mutterliebe konnte vor einer -eindringenderen Analyse nicht als ein sittliches Verdienst -sich behaupten. Die Idee der unbefleckten Empfngnis endlich, -der reinen Jungfrau Goethes, Dantes, enthlt die Wahrheit, -da die absolute Mutter den Koitus nie als Selbstzweck, um -der Lust willen, herbeiwnschen wrde. Sie darum heiligen -konnte nur eine Illusion. Dagegen ist es wohl begreiflich, -da sowohl der Mutterschaft als der Prostitution, beiden als -Symbolen tiefer und mchtiger Geheimnisse, religise Verehrung -gezollt wurde.</p> - -<p>Ist damit die Unhaltbarkeit jener Ansicht dargetan, -welche einen besonderen Frauentypus doch noch verteidigen -und fr die Sittlichkeit des Weibes in Anspruch nehmen zu -knnen glaubt, so soll jetzt die Erforschung der Motive in Angriff -genommen werden, welche den Mann die Frau immer -und ewig werden verklren lassen.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span><a name="XI_Kapitel" id="XI_Kapitel"><small>XI. Kapitel.</small></a><br /> - -Erotik und sthetik.</h2> - - -<p>Die Argumente, mit welchen die Hochwertung der Frau -immer wieder zu begrnden versucht wird, sind nun, bis auf -wenige, noch nachzuholende Dinge, einer Prfung unterzogen, -und vom Standpunkte der kritischen Philosophie, auf welchen -die Untersuchung, nicht ohne diese Wahl zu begrnden, sich -gestellt hat, auch widerlegt. Freilich ist wenig Grund zur -Hoffnung, da man sich in einer Diskussion auf diesen harten -Boden begeben werde. Das Schicksal <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> gibt -zu denken, dessen niedrige Meinung ber die Weiber noch -immer darauf zurckgefhrt zu werden pflegt, da ein -venetianisches Mdchen, mit dem er ging, sich in den vorbergaloppierenden, -krperlich schneren <em class="gesperrt">Byron</em> vergaffte: -als ob die schlechteste Meinung von den Frauen der bekme, -der am wenigsten, und nicht vielmehr jener, der am meisten -Glck bei ihnen gehabt hat. Die Methode, statt Grnde mit -Grnden zu widerlegen, jemand einfach als Misogynen zu -bezeichnen, hat in der Tat viel fr sich. Der Ha ist nie ber -sein Objekt hinaus, und so bringt die Bezeichnung eines -Menschen als eines Hassers dessen, worber er aburteilt, ihn -stets mit Leichtigkeit in den Verdacht der Unaufrichtigkeit, -Unreinheit, Unsicherheit, die durch das Pathos der Abwehr -zu ersetzen suche, was ihr an innerer Berechtigung gebricht. -So verfehlt diese Art der Antwort nie ihren <em class="gesperrt">Zweck</em>, -von allem Eingehen auf die Frage zu entheben. Sie ist die -geschickteste und treffsicherste Waffe jener ungeheuren Mehrzahl -unter den Mnnern, die sich ber das Weib <em class="gesperrt">nie klar -werden <b>will</b></em>. Es ist nun allerdings eine Unsitte, in einer -theoretischen Kontroverse auf die psychologischen Motive<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span> -des Gegners zu rekurrieren und diesen Rekurs statt der Beweise -zu brauchen. Ich will auch niemand theoretisch darber -belehren, da in einem sachlichen Streite die Gegner beide -unter die berpersnliche Idee der Wahrheit sich zu stellen -haben und ein Ergebnis unabhngig davon sollen zu erreichen -suchen, ob und wie sie beide als konkrete Einzelpersonen -existieren. Wenn aber von der einen Seite das logische -Schluverfahren folgerichtig bis zu einem gewissen Abschlu -gebracht wurde, ohne da die andere auf den Beweisproze -an sich eingeht, sondern nur gegen die Konklusionen heftig -sich strubt: dann darf in gewissen Fllen der erste wohl -sich erlauben, den zweiten fr die Unanstndigkeit seines, -zum Eingehen auf strenge Deduktion nicht zu bewegenden -Benehmens zu strafen, indem er ihm die Motive seiner Halsstarrigkeit -recht vor die Augen rckt. Denn wren dem -anderen diese Grnde bewut, so wrde er sie auch sachlich -abwgen gegen die Wirklichkeit, die seinen Wnschen so -widerstreitet. Nur weil sie ihm unbewut waren, darum -konnte er, sich selbst gegenber, nicht zu einer objektiven -Stellung gelangen. Deshalb soll jetzt, nach den strengen -logischen und sachlichen Ableitungen, der Spie umgekehrt, -und einmal der Frauenverteidiger darauf untersucht werden, -aus welchem Gefhle das Pathos seiner Parteinahme stammt, -inwiefern es seine Wurzeln in lauterer, und wie weit es sie -in fragwrdiger Gesinnung hat.</p> - -<p>Alle Einwnde, welche dem Verchter der Weiblichkeit -gemacht werden, gehen gefhlsmig samt und sonders aus -dem <em class="gesperrt">erotischen</em> Verhltnisse hervor, in welchem der Mann -zu der Frau steht. Dieses Verhltnis ist von dem nur <em class="gesperrt">sexuellen</em>, -mit welchem bei den Tieren die Beziehungen der Geschlechter -erschpft sind, und das auch unter den Menschen dem Umfang -nach die weitaus grere Rolle spielt, <em class="gesperrt">ein prinzipiell -durchaus Verschiedenes</em>. Es ist vollkommen verfehlt, da -Sexualitt und Erotik, Geschlechtstrieb und Liebe, im Grunde -nur ein und dasselbe seien, die zweite eine Verbrmung, Verfeinerung, -Umnebelung, Sublimation des ersten; obwohl -hierauf wohl alle Mediziner schwren, ja selbst Geister wie -<em class="gesperrt">Kant</em> und <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> nichts anderes geglaubt haben.<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span> -Ehe ich auf die Begrndung dieser schroffen Trennung eingehe, -will ich, was diese beiden Mnner betrifft, folgendes -zu bemerken nicht unterlassen. <em class="gesperrt">Kantens</em> Meinung kann aus -dem Grunde nicht magebend sein, weil er sowohl die Liebe als -den Geschlechtstrieb nur in so geringem Mae gekannt haben -mu, wie berhaupt nie ein Mensch auer ihm. Er war so -wenig erotisch, da er nicht einmal das Bedrfnis hatte zu -<em class="gesperrt">reisen</em>. Er steht also zu hoch und zu rein da, um in dieser -Frage als Autoritt mitzusprechen: die einzige Geliebte, an -der <em class="gesperrt">er</em> sich gercht hat, war die Metaphysik. Und was -<em class="gesperrt">Schopenhauer</em> anlangt, so hat dieser eben wenig Verstndnis -fr hhere Erotik, sondern nur eines fr sinnliche Sexualitt -besessen. Dies lt sich auf folgendem Wege ohne Schwierigkeit -ableiten. <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Gesicht zeigt wenig Gte -und viel Grausamkeit (unter der er allerdings am frchterlichsten -selbst gelitten haben mu: man stellt keine Mitleidsethik -auf, wenn man selbst sehr mitleidig ist. Die mitleidigsten -Menschen sind die, welche sich ihr Mitleiden am meisten verbeln: -<em class="gesperrt">Kant</em> und <em class="gesperrt">Nietzsche</em>). Aber <em class="gesperrt">nur</em> zum <em class="gesperrt">Mitleiden</em> -stark veranlagte Menschen sind, worauf schon hier hingewiesen -werden darf, einer heftigen <em class="gesperrt">Erotik</em> fhig; solche, -die an nichts keinen Anteil nehmen, sind der Liebe -unfhig. Es mssen dies nicht satanische Naturen sein, -im Gegenteil, sie knnen sittlich sehr hoch stehen, ohne doch -recht zu bemerken, was ihr Nebenmensch gerade denkt oder -was in ihm vorgeht; und ohne ein Verstndnis fr ein bersexuelles -Verhltnis zum Weibe zu besitzen. So ist es auch bei -<em class="gesperrt">Schopenhauer</em>. Er war ein extrem unter dem Geschlechtstriebe -leidender Mensch, er hat aber nie geliebt; wre doch -sonst auch die Einseitigkeit seiner berhmten Metaphysik der -Geschlechtsliebe unerklrlich, deren wichtigste Lehre es ist, -da der unbewute Endzweck auch aller <em class="gesperrt">Liebe</em> nichts weiter -sei als die Zusammensetzung der nchsten Generation.</p> - -<p>Diese Ansicht ist, wie ich zeigen zu knnen glaube, -<em class="gesperrt">falsch</em>. Zwar eine Liebe, die ganz frei von Sinnlichkeit ist, -gibt es <em class="gesperrt">in der Erfahrung</em> nicht. Der Mensch, mag er noch -so hoch stehen, ist eben immer <em class="gesperrt">auch</em> Sinnenwesen. Worauf -es ankommt und was unwiderstehlich die gegnerische Ansicht<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> -zu Boden schlgt, ist, da jede Liebe selbst, an und fr sich — -nicht erst durchs Hinzutreten asketischer Grundstze — -<em class="gesperrt">feindlich</em> gegen alle jene Elemente des Verhltnisses sich -stellt, die zum Koitus drngen, <em class="gesperrt">ja sie als ihre eigene -Negation selbst empfindet</em>. Liebe und Begehren sind zwei -so verschiedene, einander so vllig ausschlieende, ja entgegengesetzte -Zustnde, da, in den Momenten, wo ein Mensch -wirklich <em class="gesperrt">liebt</em>, ihm der Gedanke der krperlichen Vereinigung -mit dem geliebten Wesen ein vllig undenkbarer -ist. Da es keine Hoffnung gibt, die von Furcht ganz frei -wre, ndert nichts daran, da Hoffnung und Furcht einander -gerade entgegengesetzt sind. Nicht anders verhlt es sich -zwischen dem Geschlechtstrieb und der Liebe. Je erotischer -ein Mensch ist, desto weniger wird er von seiner Sexualitt -belstigt, und umgekehrt. Wenn es keine Anbetung gibt, die -von Begierde gnzlich frei wre, so darf man darum beide -Dinge nicht identifizieren, die hchstens <em class="gesperrt">entgegengesetzte</em> -Phasen sein mgen, in welche ein reicherer Mensch successive -eintreten kann. Der lgt oder hat nie gewut, was Liebe ist, -der behauptet, eine Frau noch zu lieben, die er begehrt: so -verschieden sind Liebe und Geschlechtstrieb. Darum wird es -auch fast immer als eine Heuchelei empfunden, wenn einer -von Liebe in der Ehe spricht.</p> - -<p>Dem stumpfen Blicke, der dem gegenber noch immer, -wie aus grundstzlichem Cynismus, an der Identitt beider -festhlt, sei folgendes zu schauen gegeben: die sexuelle Anziehung -wchst mit der krperlichen Nhe, die Liebe ist am -strksten in der Abwesenheit der geliebten Person, sie bedarf -der Trennung, einer gewissen Distanz, um am Leben zu -bleiben. Ja, was alle Reisen in ferne Lnder nicht erreichen -konnten, da wahre Liebe sterbe, wo aller Zeitverlauf dem -<em class="gesperrt">Vergessen</em> nichts fruchtete, da kann eine zufllige, unbeabsichtigte -krperliche Berhrung mit der Geliebten den -Geschlechtstrieb wachrufen und es vermgen, die Liebe auf -der Stelle zu tten. Und fr den hher differenzierten, den -bedeutenden Menschen haben das Mdchen, das er begehrt, -und das Mdchen, das er nur lieben, aber nie begehren -knnte, sicherlich immer eine ganz verschiedene Gestalt,<span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span> -einen verschiedenen Gang, eine verschiedene Charakteranlage: -<em class="gesperrt">es sind zwei gnzlich verschiedene Wesen</em>.</p> - -<p>Es gibt also platonische Liebe, wenn auch die Professoren -der Psychiatrie nichts davon halten. Ich mchte -sogar sagen: <em class="gesperrt">es gibt nur platonische <b>Liebe</b></em>. Denn was -sonst noch Liebe genannt wird, gehrt in das Reich der -Sue. Es gibt nur eine Liebe: es ist die Liebe zur Beatrice, -die Anbetung der Madonna. Fr den Koitus ist ja die -babylonische Hure da.</p> - -<p><em class="gesperrt">Kantens</em> Aufzhlung der transcendentalen Ideen bedrfte, -sollte dies haltbar bleiben, einer Erweiterung. Auch die reine -hohe, begehrungslose Liebe, die Liebe <em class="gesperrt">Platons</em> und <em class="gesperrt">Brunos</em>, -wre eine <em class="gesperrt">transcendentale Idee</em>, deren Bedeutung als <em class="gesperrt">Idee</em> -dadurch nicht berhrt wrde, da keine Erfahrung jemals sie -vllig verwirklicht aufwiese.</p> - -<p>Es ist das Problem des <em class="gesperrt">Tannhuser</em>. Hie Tannhuser, -hie Wolfram; hie Venus, hie Maria. Die Tatsache, da ein -Liebespaar, das sich wirklich auf ewig gefunden hat — Tristan -und Isolde — in den Tod geht statt ins Brautbett, ist ein -ebenso absoluter Beweis eines Hheren, sei's drum, Metaphysischen -<em class="gesperrt">im</em> Menschen, wie das Mrtyrertum eines <em class="gesperrt">Giordano -Bruno</em>.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Dir, hohe Liebe, tne<br /></span> -<span class="i0">Begeistert mein Gesang,<br /></span> -<span class="i0">Die mir in Engelschne<br /></span> -<span class="i0">Tief in die Seele drang!<br /></span> -<span class="i0">Du nahst als Gottgesandte:<br /></span> -<span class="i0">Ich folg' aus holder Fern', —<br /></span> -<span class="i0">So fhrst du in die Lande,<br /></span> -<span class="i0">Wo ewig strahlt dein Stern.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wer ist der Gegenstand solcher Liebe? Dasselbe Weib, -das hier geschildert wurde, das Weib ohne alle Qualitten, -die einem Wesen Wert verleihen knnen, das Weib ohne -den Willen nach einem eigenen Werte? Wohl kaum: es ist -das berschne, das engelreine Weib, das mit dieser Liebe -geliebt wird. Woher jenem Weibe seine Schnheit und seine -Keuschheit kommt, das ist nun die Frage.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span> - -Es ist hufig darber gestritten worden, ob wirklich -das weibliche Geschlecht das schnere sei, und noch mehr -wurde seine Bezeichnung als <em class="gesperrt">das schne</em> schlechthin angefochten. -Es wird sich empfehlen, zunchst im einzelnen zu -fragen, von wem und inwiefern das Weib schn gefunden -wird.</p> - -<p>Bekannt ist, da das Weib nicht in seiner Nacktheit -am schnsten ist. Allerdings, in der Reproduktion durch -das Kunstwerk, als Statue oder als Bild, mag das unbekleidete -Weib schn sein. Aber das lebende nackte Weib kann schon -aus dem Grunde von niemand schn gefunden werden, weil -der Geschlechtstrieb jene bedrfnislose Betrachtung unmglich -macht, welche fr alles Schnfinden unumgngliche -Voraussetzung bleibt. Aber auch abgesehen hievon erzeugt das -vllig nackte lebendige Weib den Eindruck von etwas Unfertigem, -noch nach etwas <em class="gesperrt">auer</em> sich Strebenden, und dieser -ist mit der Schnheit unvertrglich. Das nackte Weib ist im -einzelnen schner denn als Ganzes; als solches nmlich erweckt -es unvermeidlich das Gefhl, da es etwas suche, und -bereitet darum dem Beschauer eher Unlust als Lust. Am -strksten tritt dieses Moment des Insichzwecklosen, des -einen Zweck <em class="gesperrt">auer sich</em> habenden, am aufrecht <em class="gesperrt">stehenden</em> -nackten Weibe hervor; durch die liegende Position wird es -naturgem gemildert. Die knstlerische Darstellung des -nackten Weibes hat dies wohl empfunden; und wenn das -nackte Weib aufrecht stehend oder schwebend gebildet -ward, so zeigte sie das Weib nie allein, sondern stets mit -Rcksicht auf eine Umgebung, vor welcher es dann seine -Ble mit der Hand zu bedecken suchen konnte.</p> - -<p>Aber das Weib ist auch im einzelnen nicht durchaus -schn, selbst wenn es mglichst vollkommen und ganz untadelig -den krperlichen Typus seines Geschlechtes reprsentiert. -Was hier theoretisch am meisten in Betracht -kommt, ist das weibliche Genitale. Wenn die Meinung Recht -htte, da alle Liebe des Mannes zum Weibe nur zum Hirn -gestiegener Detumescenztrieb ist, wenn <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Behauptung -haltbar wre: Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, -breithftige und kurzbeinige Geschlecht das schne<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span> -nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte mnnliche -Intellekt: <em class="gesperrt">in diesem Triebe nmlich steckt seine -ganze Schnheit</em> — — so mte das weibliche Genitale am -heftigsten geliebt sein und vom ganzen Krper des Weibes -am schnsten gefunden werden. Aber, von einigen widerlichen -Lrmmachern der letzten Jahre zu schweigen, welche -durch die Aufdringlichkeit ihrer Reklame fr die Schnheit -des weiblichen Genitales sowohl beweisen, da erst -eine Agitation ntig ist, um hieran glauben zu machen, als -auch die Unaufrichtigkeit jener Reden erkennen lassen, von -deren Inhalt sie berzeugt zu sein vorgeben: von diesen abgesehen -lt sich behaupten, da kein Mann speziell das -weibliche <em class="gesperrt">Genitale</em> schn, vielmehr ein jeder es <em class="gesperrt">hlich</em> -findet; es mgen gemeine Naturen durch diesen Krperteil -des Weibes besonders zu sinnlicher Begierde gereizt werden, -jedoch gerade solche werden ihn vielleicht sehr <em class="gesperrt">angenehm</em>, -nie aber <em class="gesperrt">schn</em> finden. Die Schnheit des Weibes kann also -kein bloer Effekt des Sexualtriebes sein; sie ist ihm vielmehr -geradezu entgegengesetzt. Mnner, die ganz unter der -Gewalt des Geschlechtsbedrfnisses stehen, haben fr Schnheit -am Weibe gar keinen Sinn; Beweis hiefr ist, da sie -ganz wahllos jede Frau begehren, die sie erblicken, blo nach -den vagen Formen ihrer Krperlichkeit.</p> - -<p>Der Grund fr die angefhrten Phnomene, die Hlichkeit -des weiblichen Genitales und die Unschnheit seines -lebenden Krpers als <em class="gesperrt">ganzen</em>, kann nirgend anders gefunden -werden als darin, da sie das Schamgefhl im Manne -verletzen. Die kanonische Flachkpfigkeit unserer Tage hat -es auch mglich werden lassen, da das Schamgefhl aus -der Tatsache der Kleidung abgeleitet und hinter dem Widerstreben -gegen weibliche Nacktheit nur Unnatur und versteckte -Unzchtigkeit vermutet wurde. Aber ein Mann, der -unzchtig geworden ist, wehrt sich gar nicht mehr gegen die -Nacktheit, weil sie ihm als solche nicht mehr auffllt. Er -begehrt blo, er liebt nicht mehr. Alle wahre Liebe ist -schamhaft, ebenso wie alles wahre Mitleid. Es gibt nur -eine Schamlosigkeit: die Liebeserklrung, von deren Aufrichtigkeit -ein Mensch im selben Momente berzeugt wre, in<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span> -dem er sie machte. Diese wrde das objektive Maximum an -Schamlosigkeit reprsentieren, welches denkbar ist; es wre -etwa so, wie wenn jemand sagen wrde: ich bin sehnschtig. -Jenes wre die <em class="gesperrt">Idee</em> der schamlosen Handlung, dies die Idee -der schamlosen Rede. Beide sind nie verwirklicht, weil alle -Wahrheit schamhaft ist. Es gibt keine Liebeserklrung, die -nicht eine Lge wre; und wie dumm die Frauen doch -eigentlich sind, kann man daraus ersehen, wie oft sie an -Liebesbeteuerungen glauben.</p> - -<p><em class="gesperrt">In der Liebe des Mannes, die stets schamhaft -ist, liegt nach alldem der Mastab fr das, was am -Weibe schn, und das, was an ihm hlich gefunden -wird.</em> Es ist hier <em class="gesperrt">nicht</em> wie in der <em class="gesperrt">Logik</em>: das Wahre der -Mastab des Denkens, der Wahrheitswert sein Schpfer; <em class="gesperrt">nicht</em> -wie in der <em class="gesperrt">Ethik</em>: das Gute das Kriterium fr das Sollen, -der Wert des Guten ausgestattet mit dem <em class="gesperrt">Anspruch</em>, den -Willen zum Guten zu lenken; <em class="gesperrt">sondern hier, in der sthetik, -wird die Schnheit erst von der Liebe geschaffen</em>; -es besteht keinerlei innerer Normzwang, das zu lieben, was -schn ist, und das Schne tritt nicht an den Menschen mit -dem Anspruch heran, geliebt zu werden. (Nur <em class="gesperrt">darum</em> gibt -es keinen berindividuellen, allein richtigen Geschmack.) -<em class="gesperrt">Alle Schnheit ist vielmehr selbst erst eine Projektion, -eine Emanation des Liebesbedrfnisses</em>; und so -ist auch die Schnheit des Weibes nicht ein von der Liebe -Verschiedenes, nicht ein Gegenstand, auf den sie sich richtet, -sondern <em class="gesperrt">die Schnheit des Weibes <b>ist</b> die Liebe des -Mannes</em>, beide sind nicht <em class="gesperrt">zweierlei</em>, sondern <em class="gesperrt">eine und -dieselbe Tatsache</em>. Wie Hlichkeit von Hassen, so kommt -Schnheit von Lieben. Und auch darin, da Schnheit so -wenig wie Liebe mit dem sinnlichen Trieb zu tun hat, da -jene wie diese ihm fremd ist, drckt sich nur diese selbe Tatsache -aus. Die Schnheit ist ein Unberhrbares, Unantastbares, -mit anderem Unvermengbares; nur aus vlliger Weite kann sie -wie nahe geschaut werden, und vor jeder Annherung entfernt -sie sich. Der Geschlechtstrieb, der die Vereinigung mit dem Weibe -sucht, vernichtet dessen Schnheit; das betastete, das besessene -Weib wird von niemand mehr der Schnheit wegen angebetet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span> - -Dies leitet nun auch ber zur Beantwortung der <em class="gesperrt">zweiten</em> -Frage: Was ist die Unschuld, was die Moralitt des Weibes?</p> - -<p>Von einigen Tatsachen, welche den Beginn jeder Liebe -begleiten, wird hier am besten ausgegangen. Reinheit des -Leibes ist, wie schon einmal angedeutet, beim Manne im allgemeinen -ein Zeichen von Sittlichkeit und Aufrichtigkeit; -wenigstens sind krperlich schmutzige Menschen kaum je von -sehr lauterer Gesinnung. Nun kann man beobachten, wie -Menschen, die sonst durchaus nicht sehr auf die Reinlichkeit -ihres Leibes achten, in den Zeiten, da sie zu grerer Anstndigkeit -des Charakters sich aufraffen, auch stets hufiger -und ausgiebiger sich waschen. Ebenso werden nun auch -Menschen, die nie sauber gewesen sind, fr die Dauer einer -Liebe pltzlich aus innerem Triebe reinlichkeitsbedrftig, und -diese kurze Spanne Zeit ist oft die einzige ihres Lebens, wo -sie unter ihrem Hemde nicht unfltig aussehen. Schreiten -wir zum Geistigen vor, so sehen wir, wie bei vielen Menschen -Liebe mit Selbstanklagen, Kasteiungs- und Shnungsversuchen -beginnt. Eine moralische Einkehr fngt an, von der -Geliebten scheint auch eine innere Luterung auszugehen, -auch wenn der Liebende nie mit ihr gesprochen, ja sie nur -wenige Male aus der Ferne gesehen hat. <em class="gesperrt">Dieser</em> Proze kann -also unmglich in dem geliebten Wesen selbst seinen Grund -haben: die Geliebte ist nur zu oft ein Backfisch, nur zu oft -eine Kuh, nur zu oft eine lsterne Kokette, und niemand -nimmt fr gewhnlich an ihr berirdische Eigenschaften wahr -als eben derjenige, der sie liebt. Ist es also zu glauben, da -diese konkrete Person geliebt werde in der Liebe, oder dient -sie nicht vielmehr einer unvergleichlich greren Bewegung -nur als <em class="gesperrt">Ausgangspunkt</em>?</p> - -<p>In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst. Nicht seine -Subjektivitt, nicht das, was er, als ein von aller Schwche -und Gemeinheit, von aller Schwere und Kleinlichkeit behaftetes -Wesen wirklich vorstellt; sondern das, was er ganz -sein will und ganz sein soll, sein eigenstes, tiefstes, intelligibles -Wesen, frei von allen Fetzen der Notwendigkeit, von allen -Klumpen der Erdenheit. In seiner zeitlich-rumlichen Wirksamkeit -ist dieses Wesen vermengt mit den Schlacken sinnlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span> -Beschrnktheit, es ist nicht als reines, strahlendes Urbild -vorhanden; wie tief er auch in sich gehen mag, er findet -sich getrbt und befleckt, und sieht nirgends das, was er sucht, -in weier, makelloser Reinheit. Und doch bedarf er nichts -so dringend, ersehnt er nichts so hei als ganz und gar <em class="gesperrt">er -selbst</em> und nichts anderes zu sein. Das eine aber, wonach er -strebt, das Ziel, erblickt er nicht in hellem Glanze und unverrckter -Festigkeit auf dem Grunde des eigenen Wesens, <em class="gesperrt">und -darum mu er es drauen denken</em>, um so ihm leichter nacheifern -zu knnen. <em class="gesperrt">Er projiziert sein Ideal eines absolut -wertvollen Wesens</em> auf ein anderes menschliches Wesen, -und das und nichts anderes bedeutet es, wenn er dieses Wesen -<em class="gesperrt">liebt</em>. Nur wer selbst schuldig geworden ist, und seine Schuld -fhlt, ist dieses Aktes fhig: darum kann das Kind noch nicht -lieben. Nur weil die Liebe das hchste, stets unerreichte Ziel -aller Sehnsucht so darstellt, als wre es irgendwo in der Erfahrung -verwirklicht und nicht blo in der Idee vorhanden; -nur indem sie es im Nebenmenschen lokalisiert, und so gleichzeitig -eben der Tatsache Ausdruck gibt, da im Liebenden -selbst das Ideal der Erfllung noch so ferne ist: nur darum -kann mit der Liebe zugleich das <em class="gesperrt">Streben</em> nach Luterung -neu erwachen, ein Hinwollen zu einem Ziele, das von -hchster geistiger Natur ist und somit keine krperliche -Verunreinigung durch <em class="gesperrt">rumliche</em> Annherung an die Geliebte -duldet; darum ist Liebe die hchste und strkste uerung -des Willens zum Werte, darum kommt in ihr wie in -nichts auf der Welt das eigentliche Wesen des <em class="gesperrt">Menschen</em> zum -Vorschein, das zwischen Geist und Krper, zwischen Sinnlichkeit -und Sittlichkeit gebannt ist, an der Gottheit wie -am Tiere Anteil hat. <em class="gesperrt">Der Mensch ist in jeder Weise -erst dann ganz er selbst, wenn er liebt.</em><a name="FNAnker_56_56" id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> So erklrt -sich's, da viele Menschen erst als Liebende an das eigene -Ich und an das fremde Du zu glauben beginnen, die, wie -sich lngst zeigte, nicht nur grammatikalische, sondern auch -ethische Wechselbegriffe sind; so ist die groe Rolle verstndlich, -welche in jedem Liebesverhltnis die <em class="gesperrt">Namen</em> der -beiden Menschen spielen. So wird deutlich, warum viele<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span> -Menschen zuerst in der Liebe von ihrer eigenen Existenz Kenntnis -erhalten, und nicht frher von der berzeugung durchdrungen -werden, da sie eine Seele besitzen.<a name="FNAnker_57_57" id="FNAnker_57_57"></a><a href="#Fussnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> So, da der Liebende -zwar die Geliebte um keinen Preis durch seine Nhe verunreinigen -mchte, aber sie doch aus der Ferne oft zu sehen -trachtet, um sich ihrer — seiner — Existenz zu vergewissern. So, -da gar mancher unerweichliche Empirist, nun, da er liebt, -zum schwrmerischen Mystiker wird, wofr der Vater des -Positivismus, Auguste <em class="gesperrt">Comte</em>, selbst das Beispiel gegeben hat, -durch die Umwlzung seines ganzen Denkens, als er <em class="gesperrt">Clotilde -de Vaux</em> kennen lernte. Nicht nur fr den Knstler, fr den -Menschen berhaupt gibt es psychologisch ein Amo ergo sum.</p> - -<p>So ist die Liebe ein <em class="gesperrt">Projektionsphnomen</em> gleich -dem Ha, kein <em class="gesperrt">quationsphnomen</em> gleich der Freundschaft. -Voraussetzung dieser ist gleiche Geltung beider Individuen; -Liebe ist stets ein <em class="gesperrt">Setzen der Ungleichheit, der Ungleichwertigkeit</em>. -Alles, was man selbst sein mchte und -nie ganz sein kann, auf ein Individuum hufen, es zum Trger -aller Werte machen, das heit lieben. Sinnbildlich fr diese -hchste Vollendung ist die Schnheit. Darum wundert, ja entsetzt -es so oft den Liebenden, wenn er sich berzeugt, da -im schnen Weibe nicht auch Sittlichkeit wohne, und er -beschuldigt die Natur des Betruges, weil in einem so -schnen Krper so viel Verworfenheit sein knne; er -bedenkt nicht, da er das Weib nur deshalb noch schn -findet, weil er es noch liebt: denn sonst wrde ihn auch -die Inkongruenz zwischen Innerem und uerem nicht mehr -schmerzen. Die gewhnliche <em class="gesperrt">Gassendirne</em> scheint deshalb <em class="gesperrt">nie</em> -schn, weil es hier von vornherein unmglich ist, eine Projektion -von Wert zu vollziehen; sie kann nur des ganz -gemeinen Menschen Geschmack befriedigen, sie ist die Geliebte -des unsittlichsten Mannes, des Zuhlters. Hier liegt -eine dem Moralischen <em class="gesperrt">entgegengesetzte Beziehung offensichtlich</em> -zutage; das Weib im allgemeinen ist aber nur indifferent -gegen alles Ethische, es ist amoralisch, und kann -darum, anders als der antimoralische Verbrecher, den instinktiv -niemand liebt, oder der Teufel, den jedermann sich hlich vorstellt,<span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span> -fr den Akt der Wertbertragung eine Grundlage abgeben; -da es weder gut tut noch sndigt, <em class="gesperrt">strubt</em> sich nichts -in ihm und an ihm gegen diese Kollokation des Ideals in -seine Person. Die Schnheit des Weibes ist nur sichtbar gewordene -Sittlichkeit, <em class="gesperrt">aber diese Sittlichkeit ist selbst -die des Mannes</em>, die er, in hchster Steigerung und Vollendung, -auf das Weib transponiert hat.</p> - -<p>Weil alle Schnheit immer nur einen abermals erneuten -<em class="gesperrt">Verkrperungsversuch des hchsten Wertes</em> darstellt, -darum ist vor allem Schnen ein Gefhl des Gefundenhabens, -dem gegenber jede Begierde, jedes selbstische Interesse -schweigt. Alle Formen, die der Mensch schn findet, sind -vermge seiner sthetischen Funktion, die Sittliches und Gedankliches -in Sinnlichkeit umsetzt, ebensoviele Versuche von -seiner Seite, das Hchste sichtbar zu realisieren. <em class="gesperrt">Schnheit -ist das Symbol des Vollkommenen in der Erscheinung.</em> -Darum ist Schnheit unverletzlich, darum ist sie statisch und -nicht dynamisch, darum hebt jede <em class="gesperrt">nderung</em> im Verhalten -zu ihr sie schon auf und vernichtet ihren Begriff. Die Liebe -zum eigenen Werte, die Sehnsucht nach Vollkommenheit zeugt -in der Materie die Schnheit. So wird die Schnheit der -Natur geboren, die der Verbrecher nimmer wahrnimmt, weil -eben <em class="gesperrt">die Ethik erst die Natur schafft</em>. So erklrt sich's, -da die Natur immer und berall, in der grten und -kleinsten ihrer Bildungen, den Eindruck des Vollendeten -hervorruft. So ist auch das Naturgesetz nur ein sinnliches -Symbol des Sittengesetzes, wie die Naturschnheit der sinnenfllig -gewordene Adel der Seele; so die Logik die verwirklichte -Ethik. Wie die Liebe ein neues Weib fr den Mann -schafft statt des realen Weibes, so schafft die Kunst, die Erotik -des Alls, aus dem Chaos die Formenflle im Universum; und -wie es keine Naturschnheit gibt ohne Form, ohne Naturgesetz, -so auch keine Kunst ohne Form, keine Kunstschnheit, -die nicht ihren Regeln gehorcht. Denn die Naturschnheit -zeigt die Kunstschnheit nicht anders verwirklicht -als das Naturgesetz das Sittengesetz, als die Naturzweckmigkeit -jene Harmonie, deren Urbild ber dem Geiste des -Menschen thront. Ja, die Natur, die der Knstler seine ewige<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span> -Lehrmeisterin nennt, <em class="gesperrt">sie ist nur die von ihm selbst geschaffene -Norm seines Schaffens</em>, nicht in begrifflicher -Konzentration, sondern in anschaulicher Unendlichkeit. So -sind, um eines als Beispiel zu nennen, die Stze der Mathematik -die <em class="gesperrt">verwirklichte</em> Musik (und nicht umgekehrt), -Mathematik selbst die <em class="gesperrt">konforme Abbildung</em> der Musik -aus dem Reiche der Freiheit auf das Reich der Notwendigkeit, -und darum das <em class="gesperrt">Sollen</em> aller Musiker ein mathematisches. -<em class="gesperrt">Die Kunst schafft also die Natur, und nicht die Natur -die Kunst.</em></p> - -<p>Von diesen Andeutungen, welche, wenigstens teilweise, -eine Ausfhrung und Weiterbildung der tiefen Gedanken -<em class="gesperrt">Kant</em>ens und <em class="gesperrt">Schellings</em> (und des von ihnen beeinfluten -<em class="gesperrt">Schiller</em>) ber die Kunst sind, kehre ich zum Thema zurck. -Als Resultat fr dessen Zwecke steht nun fest, da der Glaube -an die Sittlichkeit des Weibes, die <em class="gesperrt">Introjektion</em> der -<em class="gesperrt">Seele</em> des <em class="gesperrt">Mannes</em> in das <em class="gesperrt">Weib</em>, und die schne uere -Erscheinung des Weibes <em class="gesperrt">eine und dieselbe Tatsache</em> sind, -die letztere nur der sinnenfllige Ausdruck des ersteren. Begreiflich, -aber eine Umkehrung des wahren Verhltnisses ist -es also, wenn man von einer schnen Seele im moralischen -Sinne spricht, oder nach <em class="gesperrt">Shaftesbury</em> und <em class="gesperrt">Herbart</em> die -Ethik der sthetik unterordnet: man mag mit <em class="gesperrt">Sokrates</em> und -<em class="gesperrt">Antisthenes</em> τὸ καλόν und τἀγαθόν fr identisch halten, aber -man darf nicht vergessen, da Schnheit nur ein krperliches -Bild ist, in dem die Sittlichkeit sich selbst verwirklicht vorstellt, -da alle sthetik doch ein <em class="gesperrt">Geschpf</em> der Ethik bleibt. -Jeder <em class="gesperrt">einzelne</em> und zeitlich <em class="gesperrt">begrenzte</em> dieser Inkarnationsversuche -ist seiner Natur nach illusorisch, denn er tuscht die -erreichte Vollkommenheit nur vor. Darum ist alle Einzelschnheit -vergnglich, und mu auch die Liebe zum Weibe es sich -gefallen lassen, durch das alte Weib widerlegt zu werden. Die -Idee der Schnheit ist die Idee der Natur, sie ist unvergnglich, -wenn auch alles Einzelschne, alles Natrliche vergeht. -Nur eine Illusion kann im Begrenzten und Konkreten, nur eine -Irrung im geliebten Weibe die Vollkommenheit selbst erblicken. -Die Liebe zur Schnheit soll sich nicht verlieren an -das Weib, um den geschlechtlichen Trieb nach ihm zu berbauen.<span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span> -Wenn alle Liebe zu Personen auf jener Verwechslung -beruht, so <em class="gesperrt">kann</em> es keine andere denn unglckliche Liebe -geben. Aber alle Liebe <em class="gesperrt">klammert</em> sich an diesen Irrtum; -sie ist der heroischeste Versuch, dort Werte zu behaupten, -wo es keine Werte gibt. Die Liebe zum unendlichen Wert, -das ist zum Absoluten oder zu Gott, sei es auch in Form -der Liebe zur unendlichen sinnenflligen Schnheit des Naturganzen -(Pantheismus), knnte allein die transcendentale Idee -der Liebe heien, wenn es eine solche gibt; die Liebe zu allem -Einzelding, und auch zum Weibe, ist schon ein Abfall von der -Idee, eine <em class="gesperrt">Schuld</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Warum</em> der Mensch diese Schuld auf sich ldt, ist im -Frheren schon enthalten. So wie aller <em class="gesperrt">Ha</em> nur ble Eigenschaften, -die man selbst besitzt, auf den Nebenmenschen projiziert, -um sie dort in einer desto abschreckenderen Vereinigung -zu zeigen; wie der Teufel nur erfunden wurde, um -die bsen Triebe <em class="gesperrt">im</em> Menschen <em class="gesperrt">auer</em> ihm darzustellen, -und ihm den Stolz und die Kraft des Kmpfers zu leihen: -so hat auch die Liebe nur den Zweck, dem Menschen den -Kampf um das Gute zu erleichtern, das er als Gedanken <em class="gesperrt">in</em> -sich allein zu ergreifen noch zu kraftlos ist. Beides, Ha und -Liebe, ist darum eine Feigheit. Im Hasse spiegelt man sich -vor, da man von jemand anderem bedroht sei, um sich -selbst hiedurch bereits als die angegriffene Reinheit zu fingieren, -statt es sich zu gestehen, da man das Bse aus sich -selbst auszujten habe, und da es nirgend anders als im -eigenen Herzen niste. Man konstruiert <em class="gesperrt">den</em> Bsen, um sich -die Genugtuung zu bereiten, ihm ein Tintenfa an den Kopf -geworfen zu haben. Nur darum ist der Teufelsglaube unsittlich: -weil er eine unstatthafte Erleichterung des Kampfes -darstellt und eine Abwlzung der Schuld. Durch die Liebe -versetzt man, wie im Ha die Idee des eigenen Unwertes, die -Idee des eigenen <em class="gesperrt">Wertes</em> in ein Wesen, das zu ihrer Aufnahme -geeignet scheint: der Satan wird hlich, die Geliebte -schn. So entbrennt man in beiden Fllen, durch eine Gegenberstellung, -durch die Verteilung von Gut und Bse auf -<em class="gesperrt">zwei</em> Personen, <em class="gesperrt">leichter</em> fr die moralischen Werte. Ist -aber alle Liebe zu Einzelwesen statt zur Idee eine sittliche<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> -Schwche, so mu dies auch in den Gefhlen des Liebenden -zum Vorschein kommen. Niemand begeht ein Verbrechen, -ohne da ihm dies durch ein Schuldgefhl angezeigt -wrde. Nicht ohne Grund ist die Liebe das schamhafteste -Gefhl: sie hat Ursache sich zu schmen, weit mehr noch -als das Mitleid. Der Mensch, den ich bemitleide, bekommt -von mir etwas, im Akte des Mitleidens selbst gebe ich ihm -aus meinem eingebildeten oder wesentlichen Reichtum; die -Hilfe ist so nur ein Sichtbarwerden dessen, was bereits im -Mitleiden lag. Der Mensch, den ich liebe, von dem will <em class="gesperrt">ich</em> -etwas, ich will zum mindesten, da er mich nicht durch unschne -Geberden oder gemeine Zge in meiner Liebe zu ihm -stre. Denn durch die Liebe will ich mich irgendwo gefunden -haben, statt weiter zu suchen und zu streben, ich -will aus der Hand eines Nebenmenschen nichts weniger, -nichts anderes empfangen, als mich selbst, ich will von <em class="gesperrt">ihm</em> -— <em class="gesperrt">mich</em>!</p> - -<p>Das Mitleid ist schamhaft, weil es den anderen tiefer -gestellt zeigt als mich, weil es <em class="gesperrt">ihn</em> erniedrigt. Die Liebe ist -schamhaft, weil ich <em class="gesperrt">mich</em> durch sie tiefer stelle als den -anderen; in ihr wird aller Stolz des Individuums am weitesten -vergessen, und das ist ihre Schwche, darum schmt sie -sich. So ist das Mitleid der Liebe verwandt, und hieraus -erklrt sich, da nur, wer das Mitleid kennt, auch die Liebe -kennt. Und doch schlieen sich beide aus: man kann nie -lieben, wen man bemitleidet, und nie bemitleiden, wen man -liebt. Denn im Mitleid bin ich selbst der feste Pol, in der -Liebe ist es der andere; die Richtung beider Affekte, ihr Vorzeichen -ist das Entgegengesetzte. Im Mitleid bin ich Geber, in -der Liebe Bettler. Die Liebe ist die schamhafteste von allen -Bitten, <em class="gesperrt">weil sie um das Meiste, um das Hchste -bettelt</em>. Darum schlgt sie in den jhesten, rachschtigsten -Stolz so rasch ber, wenn ihr durch den anderen unvorsichtig -oder rcksichtslos zum Bewutsein gebracht wird, um -was sie eigentlich gefleht hat.</p> - -<p>Alle Erotik ist voll von Schuldbewutsein. In der Eifersucht -tritt zutage, auf welch unsicheren Grund die Liebe gebaut -ist. Eifersucht ist die Kehrseite jeder Liebe, und offenbart<span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span> -deren ganze Unsittlichkeit. Durch Eifersucht wird ber den -freien Willen des Nebenmenschen eine Gewalt angemat. -So begreiflich sie gerade der hier entwickelten Theorie ist, indem -durch Liebe <em class="gesperrt">das reine Selbst</em> des Liebenden in der -Geliebten lokalisiert wird, und auf sein Selbst der Mensch, -durch einen erklrlichen Fehlschlu, einen Anspruch leicht -stets und an jedem Orte zu haben glaubt: so verrt sie doch, -schon weil sie voll Furcht ist, und Furcht wie das verwandte -Schamgefhl<a name="FNAnker_58_58" id="FNAnker_58_58"></a><a href="#Fussnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a> sich stets auf eine in der <em class="gesperrt">Vergangenheit</em> -verbte Schuld bezieht, da man durch die Liebe etwas -erlangen wollte, was man auf diesem Wege nicht verlangen durfte.</p> - -<p>Die Schuld, mit welcher in der Liebe der Mensch sich belastet, -ist der Wunsch, von jenem Schuldbewutsein, das ich -frher die Voraussetzung und Bedingung aller Liebe nannte, -<em class="gesperrt">frei zu werden</em>. Statt alle begangene Schuld auf sich zu -nehmen und ihre Shnung durch das weitere Leben zu erreichen, -ist die Liebe ein Versuch, von der eigenen Schuld -loszukommen und an sie zu vergessen, ein Versuch, glcklich -zu werden. Statt die Idee der Vollkommenheit selbstttig zu -verwirklichen, will die Liebe die Idee schon als verwirklicht -zeigen, sie spiegelt das Wunder als geschehen vor, im -anderen Menschen zwar — darum ist sie die feinste List — -aber es ist doch nur die eigene Befreiung vom bel, die man -so <em class="gesperrt">ohne Kampf</em> zu erreichen hofft. <em class="gesperrt">Hieraus</em> erklrt sich -der tiefe Zusammenhang aller Liebe mit dem Erlsungsbedrfnis -(<em class="gesperrt">Dante</em>, <em class="gesperrt">Goethe</em>, <em class="gesperrt">Wagner</em>, <em class="gesperrt">Ibsen</em>). Alle Liebe -ist <em class="gesperrt">selbst</em> nur Erlsungsbedrfnis, und alles Erlsungsbedrfnis -noch unsittlich (Kapitel 7, Schlu). Die Liebe berspringt -die Zeit und setzt sich ber die Kausalitt hinweg, -ohne eigenes Zutun will sie Reinheit pltzlich und unvermittelt -gewinnen. Darum ist sie, als ein Wunder von auen -statt von innen, in sich unmglich, und kann ihren Zweck -nie erfllen, am wenigsten bei jenen Menschen, welche allein -eigentlich in ganz unermelicher Weise ihrer fhig wren. -Sie ist der gefhrlichste Selbstbetrug, gerade weil sie den<span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span> -Kampf um das Gute am strksten zu frdern scheint. Mittelmige -Menschen mgen durch sie erst ihre Veredlung -erfahren; wer ein subtileres Gewissen hat, wird sich hten, -ihrer Tuschung zu erliegen.</p> - -<p>Der Liebende sucht im geliebten Wesen seine eigene -Seele. Insofern ist die Liebe <em class="gesperrt">frei</em>, und nicht jenen Gesetzen -der blo sexuellen Anziehung unterworfen, von denen der -erste Teil gehandelt hat. Denn das psychische Leben der -Frau gewinnt einen Einflu, es begnstigt die Liebe, wo es -der Idealisierung sich ausnehmend leicht fgt, auch bei geringeren -krperlichen Vorzgen und mangelhafter sexueller -Ergnzung, und vernichtet ihre Mglichkeit, wenn es gegen -jene Einlegung zu sichtbar absticht. Dennoch ist, trotz -aller Gegenstzlichkeit zwischen Sexualitt und Erotik, eine -Analogie zwischen ihnen unverkennbar. Die Sexualitt bentzt -das Weib als Mittel, um zur Lust und zum leiblichen -Kinde zu gelangen; die Erotik als Mittel, um zum Werte -und — zum geistigen Kinde, zur Produktion zu kommen. -Es ist ein unendlich tiefes, wenn auch, wie es scheint, wenig -verstandenes Wort der platonischen <em class="gesperrt">Diotima</em>, da die Liebe -nicht dem Schnen, sondern der Erzeugung und Ausgeburt -im Schnen gelte, der Unsterblichkeit im Geistigen, wie der -niedere Geschlechtstrieb dem Fortleben in der Gattung. Im -Kinde sucht jeder Vater, der leibliche wie der geistige, nur -sich selbst zu finden: die konkrete Verwirklichung der Idee -seiner selbst, wie sie das Wesen der Liebe ausmacht, ist -eben das <em class="gesperrt">Kind</em>. Darum sucht der Knstler so oft das Weib, um -das Kunstwerk schaffen zu knnen. Und jeder sollte lieber -solche Kinder haben wollen, wenn er auf <em class="gesperrt">Homer</em> und <em class="gesperrt">Hesiod</em> -und die anderen trefflichen Dichter sieht, nicht ohne Neid, was -fr Geburten sie zurcklassen, die ihnen unsterblichen Ruhm -und Angedenken sichern, indem sie selbst unsterblich sind .... -Geehrt ist bei euch auch <em class="gesperrt">Solon</em>, weil er Gesetze gezeugt, -und viele andere anderwrts unter Hellenen und Barbaren, -die viele und schne Werke dargestellt haben und vielfltig -Tugendhaftes gezeugt: denen auch schon viele Heiligtmer -errichtet wurden um solcher Kinder willen, menschlicher -Kinder wegen aber noch keinem.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span> - -Es ist nicht eine blo formale Analogie, nicht berschtzung -einer etwa nur zuflligen sprachlichen bereinstimmung, -wenn von geistiger Fruchtbarkeit, geistiger Produktion, -oder, wie in diesen Worten <em class="gesperrt">Platons</em>, von geistigen -Kindern in tieferem Sinne zu reden versucht wird. Wie die -leibliche Sexualitt der Versuch eines organischen Wesens -ist, die eigene Form dauernd zu begrnden, so ist auch jede -Liebe im Grunde nur das Streben, seelische Form, Individualitt, -endgltig zu realisieren. <em class="gesperrt">Hier liegt die Brcke</em>, welche -allen <em class="gesperrt">Willen zur eigenen Verewigung</em> (wie man das Gemeinsame -der Sexualitt und der Erotik nennen knnte) <em class="gesperrt">mit -dem Kinde verbindet</em>. Geschlechtstrieb und Liebe sind -beide Versuche zur Realisierung seiner selbst, der erste -sucht das <em class="gesperrt">Individuum</em> durch ein krperliches Abbild, die -zweite <em class="gesperrt">Individualitt</em> durch ihr geistiges Ebenbild zu verewigen. -Nur der geniale Mensch aber kennt die ganz und -gar unsinnliche Liebe, und nur er sucht zeitlose Kinder zu -zeugen, in denen sein tiefstes geistiges Wesen zum Ausdruck -kommt.</p> - -<p>Die Parallele kann noch weiter verfolgt werden. Da -aller Geschlechtstrieb der Grausamkeit verwandt ist, hat -man nach <em class="gesperrt">Novalis</em> oft wiederholt. Die Association hat einen -tiefen Grund. Alles, was vom Weibe <em class="gesperrt">geboren</em> ist, mu auch -<em class="gesperrt">sterben</em>. Zeugung, Geburt und Tod stehen in einer unauflslichen -Beziehung; vor einem unzeitigen Tode erwacht in -jedem Wesen auf das heftigste der Geschlechtstrieb als das -Bedrfnis, sich noch fortzupflanzen. Und so ist auch der Koitus, -nicht nur psychologisch als Akt, sondern auch vom ethischen -und naturphilosophischen Gesichtspunkte dem Morde verwandt: -er verneint das Weib, aber auch den Mann; er raubt -im Idealfall beiden das Bewutsein, um dem Kinde das Leben -zu geben. Einer ethischen Weltanschauung wird es begreiflich -sein, da, was so entstanden ist, auch wieder vergehen mu. -Aber auch die hchste Erotik, nicht nur die niederste Sexualitt, -bentzt das Weib nicht als Zweck an sich selbst, sondern stets -nur als Mittel zum Zweck, um das Ich des Liebenden rein -darzustellen: die Werke eines Knstlers sind immer nur sein -auf verschiedenen Etappen festgehaltenes Ich, das er meist<span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span> -in diesem oder in jenem Weibe, und sei es selbst ein Weib -seiner Einbildungskraft, zuvor lokalisiert hat.</p> - -<p>Die reale Psychologie des geliebten Weibes wird aber -hiebei immer <em class="gesperrt">ausgeschaltet</em>: im Augenblicke, wo der Mann -ein Weib <em class="gesperrt">liebt</em>, kann er es nicht <em class="gesperrt">durchschauen</em>. In der Liebe -tritt man zum Weibe nicht in jenes Verhltnis des <em class="gesperrt">Verstehens</em>, -welches das einzig sittliche Verhltnis zwischen Menschen ist. -Man kann keinen Menschen lieben, den man ganz erkennt, -weil man dann doch auch die Unvollkommenheiten sehen -mte, die ihm als Menschen notwendig anhaften, <em class="gesperrt">Liebe -aber nur auf Vollkommenes geht</em>. Liebe zu einem Weibe -ist daher nur mglich, wenn sich diese Liebe um die wirklichen -Eigenschaften, die eigenen Wnsche und Interessen der Geliebten, -soweit sie der Lokalisation hherer Werte in ihrer Person -zuwiderlaufen, nicht bekmmert, sondern in schrankenloser -Willkr an die Stelle der psychischen Realitt des geliebten -Wesens <em class="gesperrt">eine ganz andere Realitt setzt</em>. Der Versuch, -sich im Weibe selbst zu finden, statt im Weibe eben nur -— das Weib zu sehen, setzt notwendig eine Vernachlssigung -der empirischen Person voraus. Dieser Versuch ist also -voll <em class="gesperrt">Grausamkeit</em> gegen das Weib; und hier liegt die Wurzel -des Egoismus aller Liebe, wie auch der Eifersucht, welche das -Weib gnzlich nur noch als unselbstndiges Besitztum betrachtet, -und auf sein inneres Leben gar keine Rcksicht -mehr nimmt.</p> - -<p>Hier vollendet sich die Parallele zwischen der Grausamkeit -der Erotik und der Grausamkeit der Sexualitt. Liebe -ist Mord. Der Geschlechtstrieb negiert auch das krperliche, die -Erotik das psychische Weib. Die ganz gemeine Sexualitt sieht -im Weibe einen Apparat zum Onanieren oder eine Kindergebrerin; -man kann gegen das Weib nicht niedriger sein, -als wenn man ihm seine Unfruchtbarkeit vorhlt, und ein -erbrmlicheres Zeugnis kann einem Gesetzbuch nicht ausgestellt -werden, als wenn es die Sterilitt eines Weibes als -legalen Grund der Ehescheidung anfhrt. Die hhere Erotik -aber verlangt von der Frau schonungslos, da sie das mnnliche -Adorationsbedrfnis befriedige, und sich mglichst anstandslos -lieben lasse, damit der Liebende in ihr sein Ideal von<span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span> -sich verwirklicht sehen, und ein geistiges Kind mit ihr zeugen -knne. So ist die Liebe nicht nur antilogisch, denn sie setzt -sich ber die objektive Wahrheit des Weibes und seine -wirkliche Beschaffenheit hinweg, sie will nicht nur die -Denkillusion, und verlangt nicht nur ungestm nach dem Betruge -der Vernunft: sondern sie ist auch antiethisch gegen das -Weib, dem sie die Verstellung und den Schein, die vollkommene -Kongruenz mit einem ihr fremden Wunsche gebieterisch -aufntigen mchte.</p> - -<p>Denn die Erotik braucht die Frau nur, um den Kampf -zu ebnen und abzukrzen, sie will von ihr immer blo, <em class="gesperrt">da -sie den Ast abgebe, an dem <b>er</b> sich <b>leichter</b> zur Erlsung -emporschwinge</em>. So gesteht es ja <em class="gesperrt">Paul Verlaine</em>:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Marie Immacule, amour essentiel,<br /></span> -<span class="i0">Logique de la foi cordiale et vivace,<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">En vous aimant qu'est-il de bon que je ne fasse</em>,<br /></span> -<span class="i0">En vous aimant du seul amour, Porte du Ciel?<br /></span> -</div></div> - -<p>Und fast noch deutlicher lehrt es <em class="gesperrt">Goethe</em> im Faust:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Dir, der Unberhrbaren,<br /></span> -<span class="i0">Ist es nicht benommen,<br /></span> -<span class="i0">Da die leicht Verfhrbaren<br /></span> -<span class="i0">Traulich zu Dir kommen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">In die Schwachheit hingerafft,<br /></span> -<span class="i0">Sind sie schwer zu retten;<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Wer zerreit aus eigner Kraft</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Der Gelste Ketten</em>?</span> -</div></div> - -<p>Ferne ist es mir, die heroische Gre zu verkennen, -welche in dieser hchsten Erotik, im <em class="gesperrt">Madonnenkulte</em>, liegt. -Wie knnte ich vor der Auerordentlichkeit des Phnomens -meine Augen verschlieen, das den Namen <em class="gesperrt">Dante</em> fhrt! Es -liegt eine so unermeliche Abtretung von Wert an das Weib in -dem Leben dieses grten Madonnenverehrers, da selbst der -dionysische Trotz, mit dem diese Schenkung aller weiblichen -Wirklichkeit entgegen vollzogen wird, den Eindruck vollster -Erhabenheit hervorzurufen kaum verfehlt. Es liegt scheinbar -eine solche Abnegation seiner selbst in dieser Verkrperung<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span> -des Zieles aller Sehnsucht in <em class="gesperrt">einer</em> irdisch-begrenzten Person, -in einem Mdchen noch dazu, das der Knstler <em class="gesperrt">einmal</em>, als -Neunjhriger, zu Gesicht bekommen, das vielleicht spter eine -Xanthippe oder eine Fettgans geworden ist; es liegt darin ein -derartiger Akt der Projektion aller, das zeitlich Eingeengte des -Individuums bersteigenden Werte auf ein an sich gnzlich -wertloses Weib, da man nicht leicht es ber sich bringt, die -wahre Natur des Vorganges zu enthllen, und gegen ihn zu -sprechen. <em class="gesperrt">Aber es bedeutet jede, auch die sublimste -Erotik, noch immer eine dreifache Unsittlichkeit</em>: einen -unduldsamen Egoismus gegen die wirkliche Frau der Erfahrung, -<em class="gesperrt">die nur als Mittel zum Zweck der eigenen Hinanziehung -bentzt</em>, der darum kein selbstndiges Leben -verstattet wird; mehr noch: eine Felonie gegen sich selbst, -ein Davonlaufen vor sich selbst, eine Flchtung des Wertes -in fremdes Land, ein Erlst-<em class="gesperrt">Sein</em>-Wollen, und darum eine Feigheit, -eine Schwche, eine Wrdelosigkeit, ja gerade einen absoluten -Unheroismus; drittens endlich eine Scheu vor der Wahrheit, -die man nicht brauchen kann, weil sie der Absicht der -Liebe widerstrebt, die man nicht zu ertragen vermag, weil man -dadurch um die Mglichkeit einer bequemen Erlsung kme.</p> - -<p>Diese letzte Unsittlichkeit ist eben diejenige, welche -jede Aufklrung ber das Weib <em class="gesperrt">verhindert</em>, weil sie sie -<em class="gesperrt">meidet</em> und so die Anerkennung der Wertlosigkeit des Weibes -an sich wohl stets vereiteln wird. Die Madonna ist eine Schpfung -des Mannes, nichts entspricht ihr in der Wirklichkeit. Der Madonnenkult -kann nicht moralisch sein, weil er die Augen vor -der Wirklichkeit verschliet, weil mit ihm der Liebende sich -<em class="gesperrt">belgt</em>. Der Madonnenkult, von dem ich spreche, der Madonnenkult -des groen Knstlers, ist in jeder Beziehung eine -<em class="gesperrt">vllige</em> Umschaffung des Weibes, die sich nur vollziehen -kann, wenn von der empirischen Realitt der Frauen gnzlich -abgesehen wird; die Einlegung wird blo dem schnen -Krper nach ausgefhrt, und sie kann nichts fr ihren Zweck -verwenden, was dem schroff entgegenstnde, wofr diese -Schnheit Symbol werden soll.</p> - -<p>Der Zweck dieser Neuschpfung des Weibes oder das -Bedrfnis, aus welchem die Liebe entspringt, ist nun ausfhrlich<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span> -genug analysiert worden. Es ist zugleich der Hauptgrund, -warum man vor allen Wahrheiten, die fr das -Weib nachteilig klingen, immer wieder die Ohren sich zuhlt. -Lieber schwrt man auf die weibliche Schamhaftigkeit, entzckt -sich am weiblichen Mitleid, interpretiert das Senken -des Blickes beim Backfisch als ein eminent sittliches Phnomen, -als da man <em class="gesperrt">mit</em> dieser Lge die Mglichkeit preisgbe, das -Weib als Mittel zum Zweck der eigenen hheren Wallungen -zu bentzen, als da man darauf verzichtete, diesen Weg fr -die eigene Erlsung sich offen zu lassen.</p> - -<p>Hierin liegt also die Antwort auf die eingangs gestellte -Frage nach den Motiven, aus welchen an dem Glauben an -die weibliche Tugend so zhe festgehalten wird. Man will davon -nicht lassen, es zum Gef der Idee der eigenen Vollkommenheit -zu machen, diese in der Frau als realisiert sich vorzustellen, -um mit dem zum Trger des hchsten Wertes gemachten -Weibe leichter sein geistiges Kind und besseres Selbst zu -realisieren. Der Zustand des Liebenden hat nicht umsonst so -viel hnlichkeit mit dem des Schaffenden; die ganz besonders -groe Gte gegen alles, was lebt, die Verlorenheit fr alle -kleinen konkreten Werte sind beiden gemeinsam, als Zustnde, -die den liebenden gleich dem produktiven Menschen -auszeichnen, und sie dem Philister, fr den gerade die -materiellen Nichtigkeiten die einzige Realitt bilden, stets -unbegreiflich und lcherlich erscheinen lt.</p> - -<p>Denn jeder groe Erotiker ist ein Genie und alles Genie -im Grunde erotisch, auch wenn seine Liebe zum <em class="gesperrt">Wert</em>, -das ist zur <em class="gesperrt">Ewigkeit</em>, zum <em class="gesperrt">Weltganzen</em>, nicht in dem -Krper eines Weibes Platz findet. <em class="gesperrt">Das Verhltnis des -Ichs zur Welt, das Verhltnis von Subjekt zu -Objekt ist nmlich selbst gewissermaen eine Wiederholung -des Verhltnisses von Mann zu Weib in -hherer und weiterer Sphre, oder vielmehr dieses -ein Spezialfall von jenem.</em> Wie der Empfindungskomplex -zum Objekt umgeschaffen wird, aber nur vom Subjekte und -aus diesem heraus, so wird das Weib der Erfahrung aufgehoben -durch das Weib der Erotik. Wie der Erkenntnistrieb -die sehnschtige Liebe zu den Dingen ist, in denen der<span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span> -Mensch immer und ewig nur sich selbst findet, so wird auch -der Gegenstand der Liebe im engeren Sinne vom Liebenden -selbst erst geschaffen, und er entdeckt in ihm stets nur sein -eigenes tiefstes Wesen. So ist die Liebe dem Liebenden eine -Parabel: im Brennpunkte steht allerdings sie; aber konjugiert -ist die Unendlichkeit — —.</p> - -<p>Es fragt sich nun noch, <em class="gesperrt">wer</em> diese Liebe kennt, ob <em class="gesperrt">nur</em> -der <em class="gesperrt">Mann</em> bersexuell, oder ob auch das <em class="gesperrt">Weib</em> der hheren -Liebe fhig ist. Suchen wir hierauf, ganz unabhngig und unbeeinflut -von den bisherigen Ergebnissen, eine Antwort aus -der Erfahrung neu zu gewinnen. Diese zeigt ganz unzweideutig, -da W, eine <em class="gesperrt">scheinbare</em> Ausnahme abgerechnet, nie mehr -als blo <em class="gesperrt">sexuell</em> ist. Die Frauen wollen entweder mehr den -Koitus oder mehr das Kind (jedenfalls aber wollen sie -geheiratet werden). Die Liebeslyrik der modernen Frauen -ist nicht nur vollkommen anerotisch, sondern ganz extrem -sinnlich; und so kurz die Zeit ist, seit welcher die Frauen -mit solchen Erzeugnissen sich hervorwagen, sie haben in dieser -Beziehung Khneres geleistet, als alle Mnner je vorher es -gewagt haben, und ihre Produkte sind wohl geeignet, die -leckersten Erwartungen, die selbst an Junggesellen-Lektre -geknpft werden knnen, zu befriedigen. Hier ist nirgends -von einer keuschen und reinen Neigung die Rede, welche -das geliebte Wesen durch die eigene Nhe zu verunreinigen -frchtet. Es handelt sich nur um den tobendsten Orgiasmus -und die wildeste Wollust, und so wre diese Literatur recht -eigentlich danach angetan, die Augen ber die durchaus nur -sexuelle und nicht erotische Natur des Weibes zu ffnen.</p> - -<p>Liebe allein erzeugt Schnheit. Haben die Frauen zur -Schnheit ein Verhltnis? Es ist keine bloe Redensart, -wenn man von den Frauen oft hrt: Ach, wozu braucht -denn ein Mann schn zu sein? Es ist keine bloe Schmeichelei: -fr den Mann und nicht allein darauf berechnet, ihn an seiner -Eitelkeit zu fangen, wenn eine Frau ihn um Rat fragt, -welche Farben ihr zu einem Kleide am besten passen; sie versteht -diese selbst nicht so zu whlen, da sie <em class="gesperrt">sthetisch</em> -wirken knnten. ber eine Anordnung, die Geschmack statt -Schnheitssinn verrt, kommt eine Frau ohne mnnliche Hilfe<span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span> -selbst in ihrer Toilette nicht hinaus. Wre in der Frau an -sich irgend welche Schnheit, trge sie auch nur einen Mastab -der Schnheit ursprnglich im tieferen Innern, so wrde -sie nicht vom Manne immerfort es sich versichern lassen -wollen, da sie schn <em class="gesperrt">sei</em>.</p> - -<p>Und so finden die Frauen auch den Mann nicht eigentlich -<em class="gesperrt">schn</em>, und je mehr sie mit dem Worte herumwerfen, -desto mehr verraten sie, wie fern ihnen jedes Verhltnis -zur Idee der Schnheit ist. Es ist der sicherste Mastab -der Schamhaftigkeit eines Menschen, wie oft er das Wort -schn, diese Liebeserklrung an die Natur, in den Mund -nimmt. Wren die <em class="gesperrt">Frauen</em> sehnschtig nach Schnheit, -so drften sie ihren Namen seltener nennen. Sie haben -aber kein Bedrfnis nach Schnheit und knnen keines -haben, weil nur die sozial anerkannte uere Erscheinung -in solchem Sinne auf sie wirkt. Schn aber ist nicht, was -gefllt; so oft diese Definition auch aufgestellt wird, so -falsch ist sie, so gerade luft sie dem Sinn des Wortes -zuwider. <em class="gesperrt">Hbsch</em> ist, was gefllt; <em class="gesperrt">schn</em> ist, was <em class="gesperrt">der -Einzelne liebt</em>. Hbschsein ist immer allgemein, Schnheit -stets individuell. Darum ist alles wahrhafte Schn-Finden -schamhaft, denn es ist aus der Sehnsucht geboren, -und die Sehnsucht aus der Unvollkommenheit und Bedrftigkeit -des Einsamen. <em class="gesperrt">Eros</em> ist der Sohn des <em class="gesperrt">Poros</em> und der -<em class="gesperrt">Penia</em>, der Sprling aus der Verbindung von Reichtum -und Armut. Um etwas schn zu finden, dazu gehrt, als zur -Objektivitt einer Liebe, Individualitt, nicht nur Individuation; -bloes Hbsch-Sein ist gesellschaftliche Mnze. Das -Schne wird <em class="gesperrt">geliebt</em>, ins Hbsche pflegen die Leute <em class="gesperrt">sich -zu verlieben</em>. Liebe ist stets hinauswollend, transcendent, -weil sie der Ungengsamkeit des an die Subjektivitt gefesselten -Subjektes entstammt. Wer bei den Frauen <em class="gesperrt">solches</em> -Mivergngen vorzufinden meint, ist ein schlechter Deuter -und Unterscheider. W ist hchstens <em class="gesperrt">verliebt</em>, M <em class="gesperrt">liebt</em>; und -dumm und unwahr ist jene Behauptung lamentierender Frauen, -das Weib sei wahrer Liebe fhiger als der Mann: im Gegenteil, -es ist ihrer <em class="gesperrt">unfhig</em>. Nicht jenem Bilde von der Parabel -wie die Liebe, sondern dem eines in sich selbst zurcklaufenden<span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span> -Kreises gleicht alle <em class="gesperrt">Verliebtheit</em>, und insonderheit -die des Weibes.</p> - -<p>Wo der Mann auf die Frau individuell wirkt, ist es nicht -durch seine Schnheit. Fr Schnheit hat, auch wenn sie im -Manne sich offenbart, nur der Mann einen Sinn: fllt es nicht -auf, wie auch von mnnlicher, nicht nur von weiblicher -Schnheit aller Begriff vom Manne ist geschaffen worden? -Oder soll auch dies Folge der Unterdrckung sein? Der -einzige Begriff, der, wenn er auch von Frauen darum nicht -herstammen kann, weil diese nie auch nur einen einzigen Begriff -geschaffen haben, dennoch ihnen, in gewissem Sinne, -seine materiale Erfllung und die Lebhaftigkeit der ihn -begleitenden Associationen verdankt, ist der Begriff das -feschen Kerls, wie er in Wien und Sddeutschland, des -forschen Mannes, wie er in Berlin und Norddeutschland -heit. Was durch diese Bezeichnung angedeutet wird, ist die -starke und entwickelte Sexualitt des Mannes; denn die Frau -empfindet zuletzt doch immer als ihren Feind alles, was den -Mann abzieht von der Sexualitt und der Fortpflanzung, seine -Bcher und seine Politik, seine Wissenschaft und seine Kunst.</p> - -<p>Nur das Sexuelle, nie das Asexuelle, Transsexuelle im -Manne wirkt als solches auf die Frau, und nicht Schnheit, -sondern volles sexuelles Begehren verlangt sie von ihm. <em class="gesperrt">Es -ist nie das Apollinische im Manne, das auf sie Eindruck -macht, aber darum auch nicht das Dionysische, -sondern stets nur, im weitesten Umfang, das Faunische -in ihm</em>; nie der Mann, sondern immer nur le mle, -(das Mnnchen); es ist vor allem — darber kann ein Buch -ber das wirkliche Weib nicht schweigen — seine Sexualitt -im engsten Sinne, <em class="gesperrt">es ist der Phallus</em>.<a name="FNAnker_59_59" id="FNAnker_59_59"></a><a href="#Fussnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a></p> - -<p>Man hat es entweder nicht sehen oder nicht sagen -wollen, man hat sich aber auch kaum noch eine ganz richtige -Vorstellung davon gebildet, was das Zeugungsglied des Mannes<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span> -fr das Weib, als Frau wie schon als Jungfrau, bedeutet, wie -es das ganze Leben der Frau zu oberst beherrscht. Ich meine -nicht, da die Frau den Geschlechtsteil des Mannes schn oder -auch nur hbsch findet. Sie empfindet ihn vielmehr hnlich -wie der Mensch das Medusenhaupt, der Vogel die Schlange; -er bt auf sie eine hypnotisierende, bannende, faszinierende -Wirkung. Sie empfindet ihn als das Gewisse, das Etwas, -wofr sie gar keinen Namen hat: <em class="gesperrt">er ist ihr Schicksal</em>, -er ist das, wovon es fr sie kein Entrinnen gibt. Nur darum -scheut sie sich so davor, den Mann nackt zu sehen, und -gibt ihm nie ein Bedrfnis darnach zu erkennen: weil sie -fhlt, da sie in demselben Augenblicke verloren wre. <em class="gesperrt">Der -Phallus ist das, was die Frau absolut und endgltig -<b>unfrei</b> macht.</em></p> - -<p>Es ist also gerade jener Teil, welcher den Krper des -Mannes recht eigentlich verunziert, welcher allein den nackten -Mann hlich macht — weswegen er auch von den Bildhauern -so oft mit einem Akanthus- oder Feigenblatte verdeckt -ward —, <em class="gesperrt">derselbe</em>, der die Frauen am tiefsten aufregt und -am heftigsten erregt, und zwar gerade dann, wenn er wohl -das Unangenehmste berhaupt vorstellt, im erigierten Zustande. -Und hierin liegt der letzte und entscheidendste Beweis dafr, -da die Frauen von der Liebe nicht die Schnheit wollen, -sondern — etwas anderes.</p> - -<p>Die neue Erfahrung, um welche die Untersuchung damit -endgltig bereichert ist, wre aus dem Bisherigen vorherzusagen -gewesen. Da Logik und Ethik ausschlielich beim -Manne sich geltend machen, so war von vornherein wahrscheinlich, -da die Frauen mit der sthetik nicht auf besserem -Fue stehen wrden, als mit ihren normierenden Schwesterwissenschaften. -Die Verwandtschaft zwischen der sthetik -und der Logik kommt in aller Systematik und Architektonik -der Philosophien, ebenso aber in der Forderung strenger -Logik fr das Kunstwerk, in hchster Vereinigung in dem -Bau der Mathematik und in der musikalischen Komposition -zum Vorschein. Wie schwer es so vielen wird, sthetik -und Ethik auseinanderzuhalten, ist schon erwhnt worden. -Auch die sthetische Funktion, nicht nur die ethische und<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span> -logische, ist nach <em class="gesperrt">Kant</em> eine solche, die vom Subjekte in -Freiheit ausgebt wird. <em class="gesperrt">Das Weib aber besitzt keinen -freien Willen</em>, und so kann ihm auch nicht die Fhigkeit -verliehen sein, Schnheit in den Raum zu projizieren.</p> - -<p>Damit ist aber auch gesagt, da die Frau nicht lieben -knne. Als Bedingung der Liebe mu Individualitt, und -zwar nicht rein und ungetrbt, jedoch mit dem Willen zur -eigenen Befreiung von Staub und Schmutz, vorhanden sein. -Denn ein Mittelding zwischen Haben und Nichthaben ist -Eros; kein Gott, sondern ein Dmon; er allein entspricht der -Stellung des Menschen zwischen Sterblichem und Unsterblichem: -so hat es der grte Denker erkannt, der <em class="gesperrt">gttliche -Platon</em>, wie <em class="gesperrt">Plotin</em> ihn nennt (der einzige Mensch, der ihn -wirklich, <em class="gesperrt">innerlich <b>verstanden</b></em> hat; indes viele seiner heutigen -Kommentatoren und Geschichtsschreiber von seiner Lehre -nicht viel mehr begreifen als die Ohrwrmer von den Sternschnuppen). -Die Liebe ist also in Wirklichkeit <em class="gesperrt">keine</em> transscendentale -Idee; denn sie entspricht allein der Idee eines -Wesens, das nicht rein transcendental-apriorisch, sondern auch -sinnlich-empirisch ist: <em class="gesperrt">der Idee der Menschheit</em>.</p> - -<p>Das Weib hingegen, das ganz und gar keine Seele hat, -sehnt sich auch nicht, diese gelutert von allem ihr anhaftenden -Fremden irgendwo, irgendwann endlich ganz zu finden. Es -gibt kein Ideal der Frauen vom Manne, das an die Madonna -erinnern wrde, nicht der reine, keusche, sittliche Mann wird -von der Frau gewollt, sondern — ein anderer.</p> - -<p>So ist denn bewiesen, da die Frau nicht die Tugend -des Mannes <em class="gesperrt">wnschen kann</em>. Htte sie in sich ein Unterpfand -der Idee der Vollkommenheit, wre sie irgendwie -Ebenbild Gottes, so mte sie auch den Mann, wie dieser -das Weib, heilig, gttlich wollen. Da ihr dies ganz ferne -liegt, ist wiederum nur ein Zeichen fr ihren vlligen Mangel -an Willen zum eigenen Werte, den sie nicht, wie so gerne -der Mann, irgendwo auer sich verkrpert denkt, um leichter -zu ihm emporstreben zu knnen.</p> - -<p>Ein unauflsbares Rtsel bleibt nur dies, warum gerade -die Frau mit dieser vergtternden Liebe geliebt wird, und, -mit Ausnahme der Knabenliebe, in welcher indes der Geliebte<span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span> -ebenfalls zum Weibe wird, nicht irgend ein anderes Wesen. -Ist die Hypothese nicht allzu khn, die sich hierber entwickeln -lt?</p> - -<p>Vielleicht hat der Mann bei der Menschwerdung durch -einen metaphysischen <em class="gesperrt">auerzeitlichen</em> Akt das Gttliche, -die Seele fr sich allein behalten — aus welchem Motive dies -geschehen sein knnte, vermgen wir freilich noch nicht abzusehen. -Dieses sein Unrecht gegen die Frau <em class="gesperrt">bt</em> er nun in -den Leiden der Liebe, <em class="gesperrt">in und mit welcher er der Frau die -ihr geraubte Seele wieder zurckzugeben sucht</em>, ihr -eine Seele schenken will, weil er sich des Raubes wegen vor -ihr schuldig fhlt. Denn gerade dem <em class="gesperrt">geliebten</em> Weibe, -ja, eigentlich nur ihm gegenber drckt ihn ein rtselhaftes -Schuldbewutsein am strksten. Die Aussichtslosigkeit -eines solchen Rckgabeversuches, durch den er seine Schuld -zu shnen wrde trachten wollen, knnte wohl erklren, -warum es <em class="gesperrt">glckliche Liebe</em> nicht gibt. So wre dieser -Mythos kein bler Vorwurf fr ein dramatisches Mysterium. -Aber die Grenzen einer wissenschaftlichen, auch einer wissenschaftlich-philosophischen -Betrachtung sind mit ihm weit berflogen.</p> - -<p>Was die Frau <em class="gesperrt">nicht</em> will, wurde im obigen klargestellt; -aber was sie zu tiefst will, und da dieses ihr innerstes Wollen -dem Wollen des Mannes gerade entgegengerichtet ist, soll -jetzt gezeigt werden.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span><a name="XII_Kapitel" id="XII_Kapitel"><small>XII. Kapitel.</small></a><br /> - -Das Wesen des Weibes und sein Sinn im -Universum.</h2> - - -<p class="right">Erst Mann und Weib zusammen -machen den Menschen aus.<br /> -<em class="gesperrt">Kant.</em><br /> -</p> - - -<p>Immer tiefer ist die Analyse in der Schtzung des -Weibes bis jetzt heruntergegangen, immer mehr Hohes und -Edles, Groes und Schnes mute sie ihm absprechen. Wenn -sie nun in diesem Kapitel noch einen, den entscheidenden, -uersten Schritt in derselben Richtung zu tun sich anschickt, -so mchte ich, zur Verhtung eines Miverstndnisses, schon -hier bemerken, worauf ich noch zurckkomme: da mir wahrhaftig -nichts ferner liegt, als dem asiatischen Standpunkt in der -Behandlung des Weibes das Wort zu reden. Wer den vorausgehenden -Darlegungen ber das Unrecht aufmerksamer gefolgt -ist, das alle Sexualitt, ja noch die Erotik an der Frau begeht, -dem wird bereits zum Bewutsein gekommen sein, da dieses -Buch kein Plaidoyer fr den Harem ist, und da es sich -htet, die Hrte des Urteils zu entwerten durch die Forderung -einer so problematischen Strafe.</p> - -<p>Aber die <em class="gesperrt">rechtliche</em> Gleich<em class="gesperrt">stellung</em> von Mann und -Weib kann man sehr wohl verlangen, ohne darum an die -<em class="gesperrt">moralische</em> und <em class="gesperrt">intellektuelle</em> Gleich<em class="gesperrt">heit</em> zu glauben. Vielmehr -kann ohne Widerspruch zu gleicher Zeit jede Barbarei des -mnnlichen wider das weibliche Geschlecht verdammt, und -braucht doch der ungeheuerste, kosmische Gegensatz und -Wesensunterschied hier nicht verkannt zu werden. <b>Der tiefststehende -Mann steht noch unendlich hoch ber dem hchststehenden -Weibe</b>; und doch hat niemand das Recht, selbst das<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span> -tiefststehende Weib irgendwie zu schmlern oder zu unterdrcken. -Durch die vllige <em class="gesperrt">Berechtigung</em> des Anspruches -auf Gleichheit vor jedem Gesetze wird kein grndlicherer -Menschenkenner in der berzeugung sich beirren lassen, da -zwischen den Geschlechtern die denkbar polarste Gegenstzlichkeit -besteht. Was fr seichte Psychologen (um von dem -menschenkundigen Tiefblick der sozialistischen Theoretiker zu -schweigen) die Materialisten, Empiristen und Positivisten -sind, kann man abermals hieraus entnehmen, da gerade aus -ihren Kreisen vorzugsweise die Mnner gekommen sind und -auch jetzt noch aus ihnen sich rekrutieren, welche fr die -ursprnglich <em class="gesperrt">angeborne psychologische Gleichheit</em> -zwischen Mann und Weib eintreten.</p> - -<p>Aber auch vor der Verwechslung meines Standpunktes -in der Beurteilung des Weibes mit den hausbackenen, und -nur als tapfere Reaktion gegen die Massenstrmung erfreulichen -Ansichten von P. J. <em class="gesperrt">Moebius</em> bin ich hoffentlich -gefeit. Das Weib ist nicht physiologisch schwachsinnig; -und ich kann auch die Auffassung nicht teilen, welche in -Frauen mit hervorragenderen Leistungen Entartungserscheinungen -erblickt. Von einem <em class="gesperrt">moralischen</em> Aussichtspunkte -kann man diese Frauen, da sie stets mnnlicher sind als die -anderen, nur freudig begren, und mte bei ihnen eher das -Gegenteil einer Entartung, nmlich einen Fortschritt und eine -berwindung, zugeben; in <em class="gesperrt">biologischer</em> Hinsicht sind sie -ebensowenig oder ebensosehr ein Degenerationsphnomen als -der weibliche Mann ein solches darstellt (wenn man ihn nicht -ethisch wertet). Die sexuellen Zwischenformen sind aber in -der ganzen Reihe der Organismen durchaus die normale und -nicht eine pathologische Erscheinung, und ihr Auftreten also -noch kein Beweis krperlicher Dcadence.</p> - -<p>Das Weib ist weder tiefsinnig noch hochsinnig, weder -scharfsinnig noch geradsinnig, es ist vielmehr von alledem -das gerade Gegenteil; es ist, so weit wir bisher sehen, berhaupt -nicht sinnig: es ist als Ganzes <em class="gesperrt">Un</em>-sinn, <em class="gesperrt">un</em>-sinnig. -Aber das ist noch nicht <em class="gesperrt">schwach</em>sinnig, nach dem Begriffe, -den man in deutscher Sprache damit verbindet: dem Begriffe -des Mangels an der einfachsten praktischen Orientierung im<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span> -gewhnlichen Leben. Gerade Schlauheit, <em class="gesperrt">Berechnung</em>, <em class="gesperrt">Gescheitheit</em> -besitzt W viel regelmiger und konstanter als -M, sobald es auf die Erreichung naheliegender egoistischer -Zwecke ankommt. Ein Weib ist nie so dumm, wie es der Mann -zuweilen sein kann.</p> - -<p>Hat nun das Weib gar keine Bedeutung? Verfolgt es -wirklich keinen allgemeineren Zweck? Hat es nicht doch -eine Bestimmung, und liegt ihm nicht, trotz all seiner Unsinnigkeit -und Nichtigkeit, eine bestimmte Absicht im Weltganzen -zu Grunde? <em class="gesperrt">Dient es einer Mission, oder ist sein -Dasein ein Zufall und eine Lcherlichkeit?</em></p> - -<p>Um hinter diesen Sinn zu kommen, mu von einem -Phnomen ausgegangen werden, das, so alt und so bekannt -es ist, noch nirgends und niemals einer Beachtung oder gar -Wrdigung wert befunden wurde. <em class="gesperrt">Es ist kein anderes -als das Phnomen der <b>Kuppelei</b>, welches den eigentlichen, -den tiefsten Einblick in die Natur des Weibes -gestattet.</em></p> - -<p>Seine Analyse ergibt zunchst das Moment der <em class="gesperrt">Herbeifhrung</em> -und <em class="gesperrt">Begnstigung</em> des Sichfindens zweier Menschen, -die eine sexuelle Vereinigung, sei es in Form der Heirat -oder nicht, einzugehen in der Lage sind. Dieses Bestreben, -zwischen zwei Menschen etwas zustande zu bringen, <em class="gesperrt">hat -jede Frau ausnahmslos schon in frhester Kindheit</em>: -ganz kleine Mdchen leisten bereits, und zwar selbst dem Liebhaber -ihrer lteren Schwestern, Mittlerdienste. Und wenn der -Trieb zu kuppeln auch erst dann deutlicher zum Vorschein -kommen kann, wenn das weibliche Einzelindividuum sich selbst -untergebracht hat, d. h. nach seiner eigenen Versorgung durch -die Heirat: so ist er doch die ganze Zeit ber zwischen der -Pubertt und der Hochzeit ebenso vorhanden; nur wirken ihm -der <em class="gesperrt">Neid</em> auf die Konkurrentinnen, und die <em class="gesperrt">Angst</em> vor den -greren Chancen derselben im Kampf um den Mann so -lang entgegen, bis die Frau selbst ihren Gemahl sich glcklich -erobert, oder ihr Geld, die Beziehungen, in welche er -nun zu ihrer Familie tritt u. s. w., ihn gekirrt und gekdert -haben. Dies ist der einzige Grund, aus welchem die Frauen erst -in der Ehe mit vollem Eifer daran gehen, die Tchter und<span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span> -Shne ihrer Bekannten unter die Haube zu bringen. Und wie -sehr nun erst das alte Weib kuppelt, bei dem die Sorge fr die -eigene sexuelle Befriedigung gnzlich in Wegfall gekommen ist, -das ist so allgemein bekannt, da man, sehr mit Unrecht, das -alte Weib <em class="gesperrt">allein</em> zur eigentlichen Kupplerin gestempelt hat.</p> - -<p>Nicht nur Frauen, auch Mnner werden sehr gerne in -den Ehestand zu bringen gesucht, auch von ihren eigenen -Mttern, ja gerade von diesen mit besonderer Lebhaftigkeit -und Zhigkeit. Ganz ohne Rcksicht auf die individuelle Eigenart -des Sohnes ist es der Wunsch und die Sucht jeder Mutter, -ihren Sohn verheiratet zu sehen: ein Bedrfnis, in dem man -geblendet genug war, etwas Hheres, wieder jene Mutterliebe -zu erblicken, von welcher das vorige Kapitel nur eine so geringe -Meinung gewinnen konnte. Es ist mglich, da viele Mtter, sei -der Sohn auch gar nicht fr die Ehe geschaffen, von vornherein -berzeugt sind, ihm durch sie erst zum bleibenden -Glck zu verhelfen; aber sicher fehlt sehr vielen selbst dieser -Glaube, und jedenfalls spielt allerwrts und immer als -<em class="gesperrt">strkstes</em> Motiv der Kuppel<em class="gesperrt">trieb</em>, die gefhlsmige Abneigung -gegen das Junggesellentum des Mannes, mit.</p> - -<p>Man sieht bereits hier, da die Frauen <em class="gesperrt">einem rein -instinktiven Drange, der in sie gelegt ist, folgen</em>, auch -wenn sie <em class="gesperrt">ihre Tchter</em> zu verheiraten suchen. Nicht aus logischen, -und nur zum kleinsten Teile aus materiellen Erwgungen -entspringen die unendlichen Bemhungen, welche die -Mtter zu diesem Zwecke unternehmen, sie geschehen nicht -aus Entgegenkommen gegen geuerte oder unausgesprochene -Wnsche der Tochter (denen sie in der speziellen Wahl des -Mannes sogar oft zuwiderlaufen); und es kann, da die Kuppelei -ganz allgemein auf alle Menschen sich erstreckt und nie auf -die eigene Tochter sich beschrnkt, hier am wenigsten von -einer altruistischen, moralischen Handlung der <em class="gesperrt">mtterlichen</em> -Liebe die Rede sein; obwohl sicherlich die meisten -Frauen, wenn jemand ihr kupplerisches Gebaren ihnen vorhielte, -zur Antwort geben wrden: es sei ihre Pflicht, beizeiten -an die Zukunft ihres teueren Kindes zu denken.</p> - -<p><em class="gesperrt">Eine Mutter verheiratet ihre eigene Tochter -nicht anders, als sie jedem anderen Mdchen zum<span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span> -Manne gern verhilft</em>, wenn nur jene Aufgabe innerhalb -der Familie zuvor gelst ist: <em class="gesperrt">es ist ganz dasselbe, -Kuppelei hier wie dort, die Verkuppelung der eigenen -Tochter unterscheidet sich psychologisch in nichts -von der Verkuppelung der fremden</em>.</p> - -<p>Wie schon fter das Verhalten des einen Geschlechtes -zu gewissen Zgen des anderen als ein brauchbares Kriterium -dafr verwendet werden konnte, welche Eigentmlichkeiten -des Charakters ausschlielich auf eines beschrnkt sind und -welche auch dem anderen zukommen<a name="FNAnker_60_60" id="FNAnker_60_60"></a><a href="#Fussnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a>, so kann, whrend -bisher stets das Weib Zeuge sein mute, da gewisse, ihm -von vielen so gerne zugesprochene Eigenschaften ausschlielich -dem Manne angehren, hier einmal durch sein Verhalten -der Mann dokumentieren, wie die Kuppelei echt weiblich und -ausschlielich weiblich ist: die Ausnahmen betreffen entweder -<em class="gesperrt">sehr</em> weibliche Mnner oder einen Fall, der noch ausfhrlich -wird besprochen werden<a name="FNAnker_61_61" id="FNAnker_61_61"></a><a href="#Fussnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a>. Jeder wahre Mann nmlich wendet -sich vom heiratsvermittelnden Treiben der Frauen, selbst -wenn es sich um seine eigene Tochter handelt, und er diese -gerne versorgt sehen mchte, mit Widerwillen und Verachtung -ab und berlt die Kuppelsorgen berhaupt dem Weibe als -sein Fach. Zugleich sieht man hier am klarsten, wie auf den -<em class="gesperrt">Mann</em> gar nicht die <em class="gesperrt">wahren psychischen</em> Sexualcharaktere -des Weibes attraktiv wirken, wie sie ihn vielmehr abstoen, -wo sie ihm bewut werden: indes die rein mnnlichen Eigenschaften -<em class="gesperrt">an sich</em>, und wie sie wirklich sind, das <em class="gesperrt">Weib</em> anzuziehen -<em class="gesperrt">gengen</em>, mu der Mann das Weib erst umformen, ehe -er es lieben kann.</p> - -<p>Die Kuppelei reicht aber bedeutend tiefer und durchdringt -das Wesen des Weibes in viel weiterer Ausdehnung, -als jemand nach diesen Beispielen, die nur den Umfang des -Sprachgebrauches erschpfen, glauben knnte. Ich will -zunchst darauf hinweisen, wie die Frauen im Theater -sitzen: stets mit der Erwartung, <em class="gesperrt">ob</em> die zwei, <em class="gesperrt">wie</em> die -zwei Liebesleute sich kriegen werden. <em class="gesperrt">Auch dies ist -nichts anderes als Kuppelei</em>, und um kein Haar<span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span> -von ihr psychologisch verschieden: <em class="gesperrt">es ist das Herbeiwnschen -des Zusammenkommens von Mann und -Weib, wo auch immer</em>. Aber das geht noch weiter: -<em class="gesperrt">auch die Lektre sinnlicher oder obscner Dichtungen -oder Romane, die ungeheuere Spannung auf den -Moment des Koitus, mit welcher die Frauen lesen, -ist nichts, gar nichts als Verkuppelung der beiden -Personen des Buches</em>, tonische Excitation durch den Gedanken -der Kopulation und positive Wertung der sexuellen -Vereinigung. Man halte das nicht fr eine logische -und formale Analogisierung, man versuche nachzufhlen, wie -fr die Frau psychologisch beides <em class="gesperrt">dasselbe <b>ist</b></em>. Die Erregung -der Mutter am Hochzeitstage der Tochter ist keine andere -als die der Leserin von <em class="gesperrt">Prvost</em>, oder von <em class="gesperrt">Sudermanns</em> -Katzensteg. Es kommt zwar auch vor, da Mnner solche -Romane zu Detumeszenzzwecken gerne lesen, aber das ist -etwas prinzipiell von der weiblichen Art der Lektre <em class="gesperrt">Verschiedenes</em>, -es geht auf die lebhaftere Imagination des -Sexualaktes und verfolgt nicht krampfhaft von Anbeginn -jede Verringerung der Entfernung zwischen den beiden -Menschen, um die es sich gerade handelt, und wchst nicht, wie -bei der Frau, kontinuierlich, in Proportion mit einer sehr hohen -Potenz vom reziproken Werte des Abstandes der Personen voneinander. -Die atemlose Begnstigung jeder Verringerung -der Distanz von dem Ziele, die deprimierte Enttuschung bei -jeder Vereitelung der sexuellen Befriedigung ist durchaus weiblich -und unmnnlich; aber sie tritt in der Frau ganz unterschiedslos -bei jeder Bewegung auf, die ihrer Richtung nach -zum Geschlechtsakte fhren kann, betreffe sie nun Personen -des Lebens oder der Phantasie.</p> - -<p>Hat man denn nie darber nachgedacht, <b>warum</b> die -Frauen so gerne, so selbstlos andere Frauen mit Mnnern -zusammenbringen? Das Vergngen, welches ihnen hiedurch -bereitet wird, <em class="gesperrt">beruht auf einer eigentmlichen Erregung -durch den Gedanken auch des fremden Koitus</em>.</p> - -<p>Aber die volle Breite der Kuppelei ist auch mit der -Ausdehnung auf den Hauptgesichtspunkt aller weiblichen Lektre -noch nicht ausgemessen. Wo an Sommerabenden in dunklen<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span> -Grten, auf den Bnken oder an den Mauern Liebespaare -eine Zuflucht suchen, dort wird eine Frau, die vorbergeht, -stets <em class="gesperrt">neugierig</em>, sie <em class="gesperrt">sieht hin</em>, indes der Mann, der jenen -Weg zu gehen gezwungen ist, sich unwillig abwendet, weil -er die Schamhaftigkeit verletzt fhlt. Desgleichen wenden -sich die Frauen fast nach jedem Liebespaare, dem sie auf der -Gasse begegnen, <em class="gesperrt">um</em> und verfolgen es mit ihren Blicken. -Dieses <em class="gesperrt">Hin</em>schauen, dieses <em class="gesperrt">Sichumdrehen</em> ist nicht minder -Kuppelei als das bisher unter den Begriff Subsumierte. Was -man ungern sieht und nicht wnscht, von dem wendet man -sich weg, und sperrt nicht die Augen nach ihm auf; die -Frauen sehen darum ein Liebespaar so gern, und berraschen -es deshalb am liebsten bei Kssen und weitergehenden -Liebesbezeigungen, <em class="gesperrt">weil sie den Koitus <b>berhaupt</b> (nicht -nur fr sich) wollen</em>. <em class="gesperrt">Man beachtet nur</em>, wie schon lngst -gezeigt wurde, <em class="gesperrt">was irgendwie positiv gewertet wird</em>. -Die Frau, die zwei Liebende miteinander sieht, wartet stets -auf das, was kommen werde, d. h. sie erwartet es, nimmt -es voraus, hofft es, wnscht es. Ich habe eine lngst verheiratete -Hausfrau gekannt, die ihr Dienstmdchen, das den -Liebhaber eingelassen hatte, zuerst lang in groer Anteilnahme -vor der Tr behorchte, ehe sie hineinging, um ihm -seine Stellung zu kndigen. Die Frau hatte also den ganzen -Vorgang <em class="gesperrt">innerlich bejaht</em>, um dann das Mdchen, in -passiver Befolgung der ihr berkommenen Schicklichkeitsbegriffe, -wenn nicht gar nur aus unbewuter Migunst, -hinauszuwerfen. Ich glaube freilich, da auch das letztere -Motiv hufig mitspielt, und zur Verdammung der Betroffenen -der Neid, der ihr jene Stunden doch nicht allein gnnt, seinen -Teil beisteuert.</p> - -<p>Der Gedanke des Koitus wird von der Frau stets und -in jeder Form, in der er sich vollziehen mag, (selbst wenn -ihn Tiere ausfhren), lebhaft ergriffen, und nie zurckgewiesen<a name="FNAnker_62_62" id="FNAnker_62_62"></a><a href="#Fussnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a>; -sie verneint ihn nicht, empfindet keinen Ekel vor dem Ekelhaften -des Vorganges, sucht nicht sofort lieber an etwas anderes -zu denken: sondern die Vorstellung ergreift vllig von ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span> -Besitz und beschftigt sie unausgesetzt weiter, bis sie von -anderen Vorstellungen ebenso sexuellen Charakters abgelst -wird. Hiemit ist ein groer Teil des vielen so rtselhaft -scheinenden psychischen Lebens der Frauen sicherlich beschrieben. -<em class="gesperrt">Das Bedrfnis, selbst koitiert zu werden, -ist zwar das heftigste Bedrfnis der Frau, aber es ist -nur ein <b>Spezialfall</b> ihres tiefsten, <b>ihres einzigen vitalen -Interesses, das nach dem Koitus berhaupt geht</b>; des -Wunsches, da mglichst viel, von wem immer, wo -immer, wann immer, koitiert werde.</em></p> - -<p><em class="gesperrt">Dieses</em> allgemeinere Bedrfnis richtet sich entweder mehr -auf den Akt selbst, oder mehr auf das Kind; im ersten Falle -ist die Frau Dirne und Kupplerin um der bloen Vorstellung -vom Akte willen; im zweiten ist sie Mutter, aber nicht nur -mit dem Wunsche selbst Mutter zu werden; sondern an <em class="gesperrt">jeder</em> -Ehe, die sie kennt oder zustande bringt, ist, je mehr sie der -absoluten Mutter sich nhert, desto ausschlielicher ihr -Interesse auf die Hervorbringung des Kindes gerichtet: die -echte Mutter ist auch die echte Gromutter (selbst wenn sie -Jungfrau geblieben ist; man vergleiche Johann <em class="gesperrt">Tesmans</em> -unbertreffliche <em class="gesperrt">Tante Jule</em> in <em class="gesperrt">Ibsens</em> <em class="gesperrt">Hedda Gabler</em>). -Jede ganze <em class="gesperrt">Mutter</em> wirkt fr die Gattung insgesamt, sie ist -Mutter der ganzen Menschheit: <em class="gesperrt">jede</em> Schwangerschaft wird -von ihr begrt. Die <em class="gesperrt">Dirne</em> will die anderen Weiber nicht -schwanger, sondern blo <em class="gesperrt">prostituiert</em> sehen wie sich selbst.</p> - -<p>Wie sogar die Sexualitt der Frauen ihrer Kuppelei -noch <em class="gesperrt">unter</em>geordnet ist, und eigentlich nur als ein besonderer -Fall der ersteren aufgefat werden darf, das geht sehr deutlich -aus ihrem Verhltnis zu den verheirateten Mnnern hervor. -Nichts ist den Frauen, da sie smtlich Kupplerinnen sind, so wie -der ledige Stand des Mannes zuwider, und darum suchen alle -ihn zu verheiraten; <em class="gesperrt">ist</em> er aber schon Ehemann, so verliert -er fr sie auch dann sehr viel an Interesse, wenn er frher -ihnen selbst ganz ausnehmend gefallen hat. <em class="gesperrt">Auch</em> wenn sie -selber bereits verheiratet sind, also nicht mehr jeder Mann -zunchst unter dem Gesichtspunkte der <em class="gesperrt">eigenen</em> Versorgung -in Betracht kommt, und nun, wie man denken sollte, der -Ehemann darum nicht mehr geringere Beachtung finden<span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span> -mte als der andere, Ledige, selbst dann, als ungetreue Ehefrauen, -kokettieren die Weiber kaum mit dem Gatten einer -anderen; auer wenn sie ber diese einen Triumph feiern wollen, -dadurch, da sie ihn ihr abspenstig machen. Hiedurch erst ist -ganz besttigt, da es den Frauen nur auf die Verkuppelung ankommt; -mit <em class="gesperrt">Verheirateten</em> wird <em class="gesperrt">darum</em> so selten der Ehebruch -begangen, <em class="gesperrt">weil diese der Idee, welche in der -Kuppelei liegt, bereits gengen</em>. Die Kuppelei ist die allgemeinste -Eigenschaft des menschlichen Weibes: der Wille zur -Schwiegermutter — ich meine den Willen, Schwiegermutter -zu werden — ist noch viel durchgngiger vorhanden als der -Wille zur Mutterschaft, dessen Intensitt und Umfang man -gewhnlich ber Gebhr hoch veranschlagt.</p> - -<p>Man wird den Nachdruck, der hier gerade auf die -<em class="gesperrt">Kuppelei</em> des Weibes gelegt wird, vielleicht doch noch -nicht ganz verstehen, die Bedeutung, die ihr zugemessen -werde, bertrieben, das Pathos der Argumentation unmotiviert -finden. Man begreife aber, worum es sich handelt. Die Kuppelei -ist dasjenige Phnomen, welches das Wesen des Weibes -am weitesten aufschliet, und man mu nicht, wie dies immer -geschieht, sie nur zur Kenntnis nehmen und gleich zu etwas -anderem bergehen, sondern sie zu analysieren und zu ergrnden -trachten. Gewi ist es eine den meisten Menschen -gelufige Tatsache, da jedes Weib gern ein bichen -kuppelt. <em class="gesperrt">Aber da gerade hierin und nirgendwo -anders die Wesenheit des Weibes liegt, darauf kommt -es an.</em> Es lt sich — nach reiflicher Betrachtung der verschiedensten -Frauentypen und Bercksichtigung noch weiterer -spezieller Einteilungen, auer der hier bereits durchgefhrten, -bin ich zu diesem Schlusse gekommen — <em class="gesperrt">absolut nichts -anderes als positive allgemein-weibliche Eigenschaft -prdizieren als die Kuppelei, das ist die Ttigkeit im -Dienste der Idee des Koitus <b>berhaupt</b></em>. Jede Begriffsbestimmung -der Weiblichkeit, welche deren Wesen blo im -Wunsche, selbst koitiert zu werden, suchte, die im echten -Weibe nichts fr echt hielte, als das Bedrfnis vergewaltigt -zu werden, wre zu <em class="gesperrt">eng</em>; jede Definition, die da sagen wrde, -der Inhalt des Weibes sei das Kind oder sei der Mann oder<span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span> -sei beides, bereits zu <em class="gesperrt">weit</em>. Das allgemeinste und eigentlichste -Wesen der Frau ist mit der <em class="gesperrt">Kuppelei</em>, d. h. <b>mit der -Mission im Dienste der Idee krperlicher Gemeinschaft</b>, -<em class="gesperrt">vollstndig</em> und <em class="gesperrt">erschpfend</em> bezeichnet. <em class="gesperrt">Jedes Weib -kuppelt</em>; und diese Eigenschaft des Weibes, <em class="gesperrt"><b>Gesandte, -Mandatarin des Koitusgedankens</b> zu sein</em>, ist auch die <em class="gesperrt">einzige</em>, -welche in <em class="gesperrt">allen</em> Lebensaltern da ist <em class="gesperrt">und selbst das -Klimakterium berdauert</em>: das alte Weib verkuppelt weiter, -nicht mehr sich, sondern die anderen. Wenn man das alte -Weib mit Vorliebe als <em class="gesperrt">die</em> Kupplerin sich vorgestellt hat, so -wurde ein Grund hiefr schon angefhrt. Der Beruf der -greisen Kupplerin ist nicht etwas, das <em class="gesperrt">hinzu</em>kommt, sondern -eben dies, was jetzt allein <em class="gesperrt">heraustritt</em> und <em class="gesperrt">brig bleibt</em> aus -den frheren Komplikationen durch das eigene Bedrfnis: -das reine Wirken im Dienste der unreinen Idee.</p> - -<p>Es sei gestattet, hier kurz zu rekapitulieren, was die -Untersuchung nach und nach an positiven Resultaten ber -die Sexualitt des Weibes zutage gefrdert hat. Es erwies -sich zuerst als ausschlielich, und nicht nur in Pausen, sondern -kontinuierlich sexuell interessiert; es war krperlich und -psychisch in seinem ganzen <em class="gesperrt">Wesen</em> nichts als eben die Sexualitt -selbst. Es wurde dabei berrascht, da es sich berall, -am ganzen Krper und ohne Unterla, von allen Dingen ausnahmslos -<em class="gesperrt">koitiert</em> fhlt. Und wie der ganze <em class="gesperrt">Krper</em> des -Weibes eine Dpendance seines <em class="gesperrt">Geschlechtsteiles</em> war, so -offenbart sich nun die zentrale Stellung <em class="gesperrt">der Koitus-Idee</em> in -seinem <em class="gesperrt">Denken</em>. <em class="gesperrt">Der Koitus ist das einzige, allerwrts und -immer, von der Frau ausschlielich <b>positiv</b> Bewertete; -die Frau ist die Trgerin des Gemeinschaftsgedankens -berhaupt.</em> Die weibliche Hchstwertung des Koitus ist nicht -auf ein Individuum, auch nicht auf das wertende Individuum, -beschrnkt, sie bezieht sich auf Wesen <em class="gesperrt">berhaupt</em>, sie ist -nicht individuell, sondern <em class="gesperrt">inter</em>individuell, <em class="gesperrt">ber</em>individuell, -sie ist sozusagen — man sehe mir die Entweihung des Wortes -einstweilen nach — <em class="gesperrt"><b>die transcendentale</b> Funktion des -Weibes</em>. <em class="gesperrt">Denn wenn Weiblichkeit Kuppelei ist, so ist -Weiblichkeit <b>universelle Sexualitt</b>. Der Koitus ist der -hchste Wert der Frau, ihn sucht sie immer und berall<span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span> -zu verwirklichen. <b>Ihre eigene Sexualitt bildet von -diesem unbegrenzten Wollen nur einen begrenzten Teil.</b></em> —</p> - -<p>Der mnnlichen Hchststellung der Schuldlosigkeit und -Reinheit aber, deren Erscheinung jene hhere Virginitt wre, -welche der Mann aus erotischem Bedrfnis von der Frau wnscht -und fordert, diesem nur <em class="gesperrt">mnnlichen</em> Ideale der Keuschheit -ist jenes Streben der Frau nach Realisierung der Gemeinschaft -so polar entgegengesetzt, da es unbedingt als ihre -eigentliche Natur sogar durch den dichtesten Weihrauch der -erotischen Illusion hindurch vom Mann htte erkannt werden -mssen, wenn nicht <em class="gesperrt">noch</em> ein Faktor durch sein Dazwischentreten -diese Klrung regelmig verhindert htte. Diesen Umstand, -der sich immer wieder einschiebt, um der Einsicht des Mannes -in das allgemeine und eigentliche Wesen der Weiblichkeit entgegenzuwirken, -dieses komplizierteste Problem des Weibes, seine -abgrndlich tiefe <em class="gesperrt">Verlogenheit</em>, gilt es nun aufzuhellen. So -schwierig und so gewagt das Unternehmen ist, es mu schlielich -zu jener letzten Wurzel fhren, <em class="gesperrt">aus der wir sowohl -die Kuppelei</em> (im weitesten Sinne, in dem die eigene Geschlechtlichkeit -nur ihr hervorstechendster Spezialfall ist) <em class="gesperrt">als -auch diese Verlogenheit</em>, welche die Begierde nach dem -Sexualakt immerfort — vor den Blicken des Weibes selbst! — -<em class="gesperrt">verhllt</em>, <em class="gesperrt">beide</em> unter dem Lichte <em class="gesperrt">eines</em> letzten Prinzipes klar -werden emporsprieen sehen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Alles nmlich, was vielleicht schon wie ein sicherer Gewinn -erschienen ist, findet sich nun nochmals in Frage gestellt. -Den Frauen wurde keine Selbstbeobachtung eingerumt: -es gibt aber sicherlich Weiber, die sehr scharf vieles beobachten, -was in ihnen vorgeht. Die Wahrheitsliebe wurde -ihnen abgesprochen; und doch kennt man Frauen, die es auf -das peinlichste vermeiden, eine Unwahrheit zu sagen. Das -Schuldbewutsein sei ihnen fremd, wurde behauptet, obwohl -Frauen existieren, die sich selbst wegen geringfgiger Dinge -die heftigsten Vorwrfe zu machen pflegen, obwohl man von -Berinnen und ihren Krper kasteienden Weibern sichere -Nachricht hat. Das Schamgefhl wurde nur dem Manne belassen:<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span> -aber mu nicht das Wort von der weiblichen Schamhaftigkeit, -von jener Scham, die nach <em class="gesperrt">Hamerling</em> sogar <em class="gesperrt">nur</em> -das Weib kennt, in der Erfahrung irgend eine Grundlage -haben, die es ermglichte, ja begnstigte, da die Dinge so gedeutet -wrden? Und weiter: Religiositt knnte dem Weibe -fehlen trotz allen religieuses? Strenge Sittenreinheit bei -ihm ausgeschlossen sein, aller tugendhaften Frauen ungeachtet, -von denen Lied und Geschichte melden? Blo sexuell sollte das -Weib sein, die Sexualitt allein bei ihm Anwert finden, wo es -doch mannigfach bekannt ist, da Frauen wegen der geringsten -Anspielung auf sexuelle Dinge emprt sein knnen, -sich, statt zu kuppeln, oft erbittert und angeekelt wegwenden -von jedem Orte der Unzucht, ja nicht selten den Koitus -auch fr ihre Person verabscheuen und ihm viel gleichgltiger -gegenberstehen als irgend ein Mann?</p> - -<p>Es ist wohl offenbar, da es sich in all diesen Antinomien -um eine und dieselbe Frage handelt, von deren Beantwortung -die letzte und endgltige Entscheidung ber das -Weib abhngt. Es ist klar, da, wenn auch nur <em class="gesperrt">ein einziges</em> -sehr weibliches Wesen <em class="gesperrt">innerlich asexuell</em> wre, oder -in einem wahrhaften Verhltnis zur Idee sittlichen Eigenwertes -stnde, <b>alles</b>, was hier von den Frauen gesagt wurde, -seine Allgemeingltigkeit als psychisches Charakteristikum ihres -Geschlechtes sofort unrettbar verlieren mte, und somit die -<em class="gesperrt">ganze</em> Position des Buches mit einem Schlage vollkommen hinfllig -wrde. <em class="gesperrt">Jene scheinbar widersprechenden Erscheinungen -mssen befriedigend erklrt, und es mu von -ihnen gezeigt werden, da, was ihnen wirklich zu -Grunde liegt und so leicht zu quivokationen verfhrt, -<b>derselben</b> weiblichen Natur entspricht, die bisher -berall nachgewiesen werden konnte.</em></p> - -<p>Man mu zunchst an die ungeheuere <em class="gesperrt">Beeinflubarkeit</em>, -besser, nur schlechter zu sprechen, <em class="gesperrt">Beeindruckbarkeit</em> -der Frauen sich erinnern, um zum Verstndnis jener -trgerischen Widersprche zu gelangen. Diese auerordentliche -Zugnglichkeit fr Fremdes und die leichte Annahme -der Ansichten anderer ist in diesem Buche bis jetzt noch -nicht gengend gewrdigt worden. Ganz allgemein schmiegt<span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span> -sich W an M vollstndig an, wie ein Etui an die Kleinodien -in ihm, <em class="gesperrt">seine</em> Anschauungen werden die <em class="gesperrt">ihren</em>, seine -Lieblingsneigungen teilen sich ihr mit wie seine ganz individuellen -Antipathien, jedes Wort von ihm ist fr sie ein -<em class="gesperrt">Ereignis</em>, und zwar um so strker, je mehr er sexuell auf -sie wirkt. Diesen Einflu des Mannes empfindet die Frau -nicht als eine Ablenkung von der Linie ihrer eigenen Entwicklung, -sie erwehrt sich seiner nicht als einer fremdartigen -Strung, sie sucht sich nicht von ihm zu befreien als von -einem Eingriff in ihr inneres Leben, <em class="gesperrt">sie schmt sich nicht, -rezeptiv zu sein</em>: im Gegenteil, sie fhlt sich nur <em class="gesperrt">glcklich</em>, -wenn sie es sein kann, <em class="gesperrt">verlangt</em> vom Manne, da er -sie, auch geistig, zu rezipieren <em class="gesperrt">zwinge</em>. Sie schliet sich -immer nur gerne an, <em class="gesperrt">und ihr Warten auf den Mann ist -nur das Warten auf den Augenblick, wo sie <b>vollkommen -passiv</b> sein knne</em>.</p> - -<p>Aber nicht nur vom richtigen Manne (wenn schon -von ihm am liebsten), auch von Vater und Mutter, Onkeln und -Tanten, Brdern und Schwestern, nahen Verwandten und -fernen Bekannten <em class="gesperrt">bernehmen</em> die Frauen, was sie glauben -und denken, und sind es froh, wenn in ihnen eine Meinung -<em class="gesperrt">geschaffen</em> wird. Noch die erwachsenen und verheirateten -Frauen, nicht nur die unreifen Kinder, ahmen einander in allem -und jedem, <em class="gesperrt">als ob das natrlich wre</em>, nach, von einer geschmackvolleren -Toilette oder Frisur, einer Aufsehen erregenden -Krperhaltung angefangen bis auf die Geschfte, in denen sie einkaufen, -und die Rezepte, nach welchen sie kochen. Auch dieses -gegenseitige Kopieren geschieht <em class="gesperrt">ohne</em> das Gefhl, sich hiedurch -etwas zu <em class="gesperrt">vergeben</em>, wie es wohl sein mte, besen sie eine -Individualitt, die nur rein ihrem eigenen Gesetze zu folgen -strebt. So setzt sich der theoretische Bestand des weiblichen -Denkens und Handelns der Hauptsache nach aus berkommenem -und wahllos bernommenem zusammen, das von -den Frauen um so eifriger ergriffen und um so dogmatischer -festgehalten wird, als ein Weib eine berzeugung nie selbstttig -aus objektiver Anschauung der Dinge gewinnt, und also -auch nie nach gendertem Aspekte frei aufgibt, nie selbst -noch ber seinen Gedanken steht, vielmehr immer nur will,<span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span> -da ihm eine Meinung beigebracht werde, die es dann zhe -festhalten knne. Darum sind die Frauen am unduldsamsten, -wo ein Versto gegen sanktionierte Sitten und Gebruche -sich ereignet, mgen diese Institutionen welchen Inhaltes -immer sein. Einen angesichts der Frauenbewegung besonders -ergtzlichen Fall dieser Art will ich nach Herbert <em class="gesperrt">Spencer</em> -mitteilen. Wie bei vielen Indianerstmmen Nord- und Sdamerikas, -so gehen auch bei den <em class="gesperrt">Dakotas</em> die Mnner blo -der Jagd und dem Kriege nach und haben alle niedrigen und -mhevollen Beschftigungen auf ihre Weiber gewlzt. Von -der Natrlichkeit und Rechtmigkeit dieses Vorgehens sind -die Frauen, statt irgend sich unterdrckt zu fhlen, allmhlich -so durchdrungen worden, da ein Dakota-Weib dem -anderen keinen greren Schimpf antun und keine rgere -Krnkung bereiten kann, als diese: Schndliche Frau .... -ich habe Deinen Mann Holz in seine Wohnung tragen sehen -zum Feueranznden. Wo war seine Frau, da er gentigt -war, sich selbst zum Weibe zu machen?</p> - -<p>Diese auerordentliche Bestimmbarkeit des Weibes durch -auer ihm Liegendes ist im Grunde wesensgleich mit seiner -Suggestibilitt, die weit grer und ausnahmsloser ist als die -des Mannes: beides kommt damit berein, da das Weib -im Sexualakte und seinen Vorstadien nur die passive, nie -die aktive Rolle zu spielen wnscht.<a name="FNAnker_63_63" id="FNAnker_63_63"></a><a href="#Fussnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> <em class="gesperrt">Es ist die <b>allgemeine</b> -Passivitt der weiblichen Natur, welche die Frauen am -Ende auch die mnnlichen Wertungen, zu welchen sie -gar kein ursprngliches Verhltnis haben, acceptieren -und bernehmen lt.</em> Diese <em class="gesperrt">Imprgnierbarkeit</em> durch -die mnnlichen Anschauungen, diese <em class="gesperrt">Durchdringung</em> des -eigenen Gedankenlebens der Frau mit dem fremden Element, -diese <em class="gesperrt">verlogene</em> Anerkennung der Sittlichkeit, die man gar -nicht Heuchelei nennen kann, weil nichts <em class="gesperrt">Anti</em>moralisches durch -sie verdeckt werden soll, diese Aufnahme und Anwendung -eines an und fr sich ihr ganz <em class="gesperrt">hetero</em>nomen Gebotes wird, -soweit die Frau selbst nicht wertet, im allgemeinen leicht und -glatt von statten gehen <em class="gesperrt">und den tuschendsten Schein<span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span> -hherer Sittlichkeit leicht hervorbringen</em>. Komplikationen -knnen sich erst einstellen, wenn es zur Kollision -kommt mit der <em class="gesperrt">einzigen eingeborenen</em>, echten und allgemein-weiblichen -Wertung, der <em class="gesperrt">Hchstwertung des -Koitus</em>.</p> - -<p>Die Bejahung der Gemeinschaft als des hchsten -Wertes ist bei der Frau eine ganz unbewute. Denn dieser -Bejahung steht nicht wie beim Manne ihre Verneinung als die -andere Mglichkeit gegenber, es fehlt hier die Zweiheit, die -zum Bemerken fhren knnte. Kein Weib wei, oder hat noch -gewut, oder auch nur wissen knnen, was es tut, wenn es -kuppelt. <em class="gesperrt">Die Weiblichkeit selbst ist ja identisch mit -der Kuppelei</em>, und ein Weib mte aus sich heraustreten -knnen, um zu bemerken, zu verstehen, da es kuppelt. So -bleibt das tiefste Wollen des Weibes, das, was sein Dasein -eigentlich bedeutet, von ihm stets unerkannt. Nichts hindert -also, da die mnnliche negative Wertung der Sexualitt die -positive weibliche vollstndig im Bewutsein des Weibes -berdecke. <em class="gesperrt">Die Rezeptivitt des Weibes geht so weit, -da es das, was es ist — das <b>einzige</b>, was es wirklich -positiv <b>ist</b>! — da es selbst dies verleugnen kann.</em></p> - -<p>Aber die Lge, die es begeht, wenn es sich das -mnnliche gesellschaftliche Urteil ber die Sexualitt, ber -Schamlosigkeit, ja ber die Lge selbst, <em class="gesperrt">einverleiben</em> -lt und den mnnlichen Mastab aller Handlungen zu -dem seinigen macht, diese Lge ist eine solche, die ihm nie -bewut wird, <em class="gesperrt">es erhlt eine zweite Natur, ohne auch nur -zu ahnen, da es seine echte nicht ist</em>, es nimmt sich ernst, -glaubt etwas zu sein und zu glauben, ist berzeugt von der -Aufrichtigkeit und Ursprnglichkeit seines moralischen Gebarens -und Urteilens: <em class="gesperrt">so tief sitzt die Lge, <b>die organische</b></em>, -ich mchte, wenn es gestattet wre, am liebsten -sagen: <em class="gesperrt"><b>die ontologische</b> Verlogenheit des Weibes</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wolfram von Eschenbach</em> erzhlt von seinem -Helden:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">... So keusch und rein<br /></span> -<span class="i0">Ruht' er bei seiner Knigin,<br /></span> -<span class="i0">Da kein Gengen fnd' darin<br /></span><span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span> -<span class="i0">So manches Weib beim lieben Mann.<br /></span> -<span class="i0">Da doch so manche in Gedanken<br /></span> -<span class="i0">Zur ppigkeit will berschwanken,<br /></span> -<span class="i0">Die sonst sich sprde zeigen kann!<br /></span> -<span class="i0">Vor Fremden zchtig sie erscheinen,<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Doch ist des Herzens tiefstes Meinen</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Das Widerspiel vom uern Schein</em>.</span> -</div></div> - -<p>Was das tiefste Meinen des weiblichen Herzens ist, das -hat <em class="gesperrt">Wolfram</em> klar genug angedeutet. Aber er sagt nicht -alles. Nicht nur die Fremden, <em class="gesperrt">auch sich selbst</em> belgen die -Frauen in diesem Punkte. Man kann aber seine Natur, sei -es auch die physische, nicht unterdrcken ohne Folgen. Die -hygienische Zchtigung fr die Verleugnung der eigentlichen -Natur des Weibes ist die <em class="gesperrt">Hysterie</em>.</p> - -<p>Von allen Neurosen und Psychosen stellen die <em class="gesperrt">hysterischen</em> -Erscheinungen dem Psychologen beinahe die reizvollste -Aufgabe; eine weit schwierigere und darum verlockendere -als eine verhltnismig leicht nachzulebende <em class="gesperrt">Melancholie</em>, -oder eine simple <em class="gesperrt">Paranoia</em>.</p> - -<p>Zwar haben gegen psychologische Analysen fast alle -Psychiater ein nicht zu beseitigendes Mitrauen; jede Erklrung -durch pathologisch vernderte Gewebe oder durch -Intoxikationen auf nutritivem Wege ist ihnen a limine glaubhaft, -nur dem Psychischen mgen sie keine primre Wirksamkeit -zuerkennen. Da aber nie noch ein Beweis dafr erbracht -worden ist, da dem Psychischen eher als dem Physischen -die sekundre Rolle zufallen msse — alle Hinweise -auf die Erhaltung der Energie sind von den berufensten -Physikern selbst desavouiert worden — so kann man billig -ber dieses Vorurteil hinweggehen. Auf die Blolegung des -psychischen Mechanismus der Hysterie kann unendlich viel, -ja — nichts spricht dagegen<a name="FNAnker_64_64" id="FNAnker_64_64"></a><a href="#Fussnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a> — mglicherweise <em class="gesperrt">alles</em> ankommen. -Da hchstwahrscheinlich dieser Weg der richtige -ist, darauf weist auch hin, da die wenigen bisherigen wahren -Aufschlsse ber die Hysterie nicht anders gewonnen wurden: -ich meine die mit den Namen <em class="gesperrt">Pierre Janet</em> und <em class="gesperrt">Oskar<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span> -Vogt</em>, und besonders J. <em class="gesperrt">Breuer</em> und S. <em class="gesperrt">Freud</em> verknpften -Forschungen. Jede weitere Aufklrung ber die Hysterie -ist in der Richtung zu suchen, welche diese Mnner eingeschlagen -haben: in der Richtung auf die Rekonstruktion -des <em class="gesperrt">psychologischen</em> Prozesses, welcher zur Krankheit gefhrt -hat.</p> - -<p>Schematisch hat man sich, wie ich glaube, die Entstehung -derselben, unter Annahme eines <em class="gesperrt">sexuellen</em> traumatischen -Erlebnisses als des hufigsten (nach <em class="gesperrt">Freud alleinigen</em>) Anlasses -zur Erkrankung, so vorzustellen: eine Frau, die irgend -eine sexuelle Wahrnehmung oder Vorstellung gehabt, diese -durch ursprngliche oder Rckbeziehung auf sich selbst <em class="gesperrt">verstanden</em> -hat, und diese nun, vermge der ihr aufgedrungenen -und von ihr gnzlich bernommenen, <em class="gesperrt">in sie ber</em>gegangenen -und ihr <em class="gesperrt">waches Bewutsein</em> allein beherrschenden mnnlichen -Wertung <em class="gesperrt">als ganze zurckweist, ber sie emprt, unglcklich -ist — und sie gleichzeitig vermge ihrer -Beschaffenheit als Weib positiv wertet, bejaht, -wnscht in ihrem tiefsten Unbewuten</em>; in der dann -dieser Konflikt weiter schwrt, grt und zu Zeiten in -einem Anfall aufbraust: eine solche Frau gewhrt das mehr -oder minder typisch gewordene Krankheitsbild der Hysterie. -So erklrt sich die Empfindung des von der Person, wie sie -<em class="gesperrt">glaubt</em>, verabscheuten, tatschlich aber doch von etwas in -ihr, von der ursprnglichen Natur, <em class="gesperrt">gewollten</em> Sexualaktes -als eines <em class="gesperrt">Fremdkrpers im Bewutsein</em>. <em class="gesperrt">Die kolossale -Intensitt des durch jeden Versuch zu seiner Unterdrckung -nur gesteigerten Wunsches, die um so -heftigere, beleidigtere Zurckweisung des Gedankens</em> -— dies ist das Wechselspiel, das sich in der Hysterika -vollzieht. Denn die <em class="gesperrt">chronische</em> Verlogenheit des Weibes -wird <em class="gesperrt">akut</em>, wenn sie auf den <em class="gesperrt">Hauptpunkt</em> sich erstreckt, -wenn die Frau sich auch die ethisch-negative Bewertung der -Sexualitt vom Manne noch hat einverleiben lassen. Und -da die Hysterischen die <em class="gesperrt">strkste Suggestibilitt</em> dem -Manne gegenber offenbaren, ist ja bekannt. <b>Hysterie ist die -organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes.</b> -Ich leugne nicht, da es auch, wenngleich <em class="gesperrt">relativ</em> nur recht<span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span> -<em class="gesperrt">selten</em>, hysterische <em class="gesperrt">Mnner</em> gibt: denn <em class="gesperrt">eine</em> unter den unendlich -vielen Mglichkeiten, die psychisch im Manne liegen, -ist es, zum Weibe und damit, gegebenenfalls, auch <em class="gesperrt">hysterisch</em> -zu werden. Es gibt freilich auch verlogene <em class="gesperrt">Mnner</em>; aber -da verluft die Krisis anders (wie auch ihre Verlogenheit -stets eine andere, nie eine so vllig <em class="gesperrt">hoffnungslose</em> ist): sie -fhrt zur, obschon oft nur vorbergehenden, <em class="gesperrt">Luterung</em>.</p> - -<p>Diese Einsicht in die organische Verlogenheit des -Weibes, in seine Unfhigkeit zur Wahrheit ber sich selbst, -die allein ermglicht, da es in einer Weise denke, die -ihm gar nicht entspricht, scheint mir eine im Prinzip befriedigende -Auflsung jener Schwierigkeiten, welche die tiologie -der Hysterie darbietet. Wre die Tugend des Weibes echt, so -knnte es durch sie nicht leiden; es bt nur die <em class="gesperrt">Lge</em> gegen -die eigene, in Wirklichkeit ungeschwchte Konstitution. Im -einzelnen bedarf nun noch manches der Erluterung und -der Belege.</p> - -<p>Die Hysterie zeigt, da die Verlogenheit, so tief sie -hinabreicht, doch nicht so fest sitzt, um <em class="gesperrt">alles</em> zu verdrngen. -Das Weib hat ein ganzes System von ihm fremden Vorstellungen -und Wertungen durch Erziehung oder Verkehr -sich zu eigen gemacht, oder vielmehr: ihnen gehorsam alle -Einflunahme auf sich gestattet; und es bedarf eines ganz -gewaltigen Anstoes, um diesen groen, fest in sie eingewachsenen -psychischen Komplex aus dem Sattel zu heben, und so -das Weib in jenen Zustand intellektueller Hilflosigkeit, jener -Abulie zu versetzen, welche fr die Hysterie so kennzeichnend -ist. Ein auerordentlicher <em class="gesperrt">Schreck</em> etwa vermag den knstlichen -Bau umzuwerfen und die Frau nun zum Schauplatz des -Kampfes einer ihr unbewuten, verdrngten <em class="gesperrt">Natur</em> mit einem -zwar bewuten, aber ihr unnatrlichen <em class="gesperrt">Geiste</em> zu machen. -Das Hin- und Hergeworfenwerden zwischen beiden, welches -nun anhebt, erklrt die auergewhnliche psychische Diskontinuitt -whrend des hysterischen Leidens, das fortwhrende -Wechseln verschiedener Stimmungen, von denen keine durch -einen, ihnen allen noch bergeordneten Bewutseinskern ergriffen -und festgehalten, beobachtet und beschrieben, erkannt -und bekmpft werden kann. Auch hngt hiemit das berleichte<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span> -Zusammenschrecken der Hysterischen zusammen. Doch lt -sich vermuten, da viele Anlsse, auch wenn sie dem geschlechtlichen -Gebiete <em class="gesperrt">objektiv</em> noch so fern liegen, von -ihnen sexuell mgen apperzipiert werden; wer aber vermchte -dann zu sagen, <em class="gesperrt">womit</em> das schreckhafte uere Erlebnis von -scheinbar ganz <em class="gesperrt">a</em>sexueller Natur <em class="gesperrt">in ihnen</em> sich wieder verknpft -hat?</p> - -<p>Hchst wunderbar ist immer das Zusammensein so vieler -Widersprche in den Hysterischen erschienen. Sie sind einerseits -von eminent kritischem Verstande und groer Urteilssicherheit, -struben sich gegen die Hypnose u. s. w., u. s. w., -anderseits durch die geringfgigsten Anlsse am strksten -excitierbar, und die tiefsten Grade hypnotischen Schlafes bei -ihnen erreichbar. Sie sind, von da gesehen, abnorm keusch, -von dort aus betrachtet, enorm sinnlich.</p> - -<p>All das ist hienach nicht schwer mehr zu erklren. Die -grndliche Rechtschaffenheit, die peinliche Wahrheitsliebe, das -strenge Meiden alles Sexuellen, das besonnene Urteil und die -Willensstrke — <em class="gesperrt">all dies ist nur ein Teil jener Pseudopersnlichkeit</em>, -welche die Frau <em class="gesperrt">in ihrer Passivitt vor -sich und aller Welt zu spielen bernommen hat</em>. Alles, -was ihrer <em class="gesperrt">ursprnglichen</em> Beschaffenheit angehrt und in -deren Sinn liegt, bildet jene abgespaltene Person, jene unbewute -Psyche, die <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> in Obscnitten sich ergehen -kann und der suggestiven Beeinflussung so zugnglich -ist. Man hat in den als duplex und multiplex personality, -als double conscience, als Doppel-Ich benannten Tatsachen -eines der strksten Argumente gegen die Annahme der <em class="gesperrt">einen</em> -Seele erblicken wollen. In Wirklichkeit sind gerade diese -Phnomene der bedeutsamste Fingerzeig dafr, <em class="gesperrt">da</em> und <em class="gesperrt">wo</em> -man von einer Seele reden darf. <em class="gesperrt">Die Spaltungen der -Persnlichkeit sind eben nur dort mglich, wo von -Anfang an keine Persnlichkeit da ist, wie beim -Weibe.</em> <em class="gesperrt">All</em> jene berhmten Flle, die <em class="gesperrt">Janet</em> in seinem -Buche L'Automatisme psychologique beschrieben hat, <em class="gesperrt">beziehen -sich auf Frauen</em>, kein einziger auf einen Mann. -Nur die Frau, die, ohne Seele, ohne ein intelligibles Ich, -nicht Kraft hat, alles in ihr Enthaltene bewut zu machen,<span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span> -das Licht der Wahrheit ber ihrem Innern zu entznden, -kann durch die vllig passive <em class="gesperrt">Durchflung</em> mit einem -fremden Bewutsein, wie durch die im Sinne ihrer eigenen -Natur gelegenen Regungen so bertlpelt werden, wie es -Voraussetzung der von <em class="gesperrt">Janet</em> beschriebenen hysterischen Zustnde -ist, nur bei ihr kann es zu derartig dichten Verkleidungen, -zum Auftreten der <em class="gesperrt">Hoffnung</em> auf den Koitus als -<em class="gesperrt">Angst vor</em> dem Akte, zur <em class="gesperrt">inneren Maskierung vor sich -selbst</em> und Einspinnung des wirklichen Wollens wie in eine -undurchdringliche Kokonhlle kommen. Die Hysterie selbst -ist der Bankerott des aufgeprgten oberflchlichen Schein-Ich; -deshalb macht sie das Weib zeitweilig innerlich beinahe zur -tabula rasa: indem auch jeder eigene Trieb wie aus ihr -hinweggerumt scheint (Anorexie); bis dann jene Versuche -der wirklichen Weiblichkeit folgen, gegen ihre verlogene -Verleugnung sich nun endlich durchzusetzen. Wenn jener -nervse Choc, jenes psychische Trauma je wirklich ein -asexuelles Schrecknis ist, so hat eben dieses die innere -Schwche und Unhaltbarkeit des angenommenen Ich dargetan, -es verscheucht, davongejagt und so die Gelegenheit -fr den Ausbruch der echten Natur geschaffen.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Heraufkommen dieser</em> ist jener Gegenwille -<em class="gesperrt">Freuds</em>, der wie ein fremder empfunden und durch die Zuflucht -bei dem alten, nun aber morsch und brchig gewordenen -Schein-Ich abgewehrt wird. Denn der Gegenwille wird zurckzudrngen -versucht: frher hat jener uere <em class="gesperrt">Zwang</em>, den -die Hysterika wie eine <em class="gesperrt">Pflicht</em> empfand, die eigene Natur -unter die Bewutseinsschwelle verwiesen, sie verdammt -und in Fesseln gelegt; nun sucht sie nochmals vor den befreiten, -emporwollenden Gewalten in jenes System von Grundstzen -sich zu flchten und mit seiner Hilfe die ungewohnten -Anfechtungen abzuschtteln und niederzuschlagen; aber jenes -hat zumindest seine Alleinherrschaft nun eingebt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Fremdkrper im Bewutsein, das -schlimme Ich ist in Wirklichkeit ihre eigenste -weibliche Natur, whrend, was <b>sie</b> fr ihr wahres Ich -hlt, gerade die Person ist, die sie durch das Einstrmen -alles <b>Fremden</b> wurde.</em> Der Fremdkrper ist<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span> -die <em class="gesperrt">Sexualitt</em>, die sie nicht <em class="gesperrt">anerkennt</em>, deren Zugehrigkeit -zu sich sie nicht zugibt; die sie aber doch nicht -mehr zu <em class="gesperrt">bannen</em> vermag wie ehedem, da ihre Triebe vor -der einwandernden Sittlichkeit sich geruschlos und wie fr -immer zurckzogen. Zwar mgen sich auch jetzt noch die -mit uerster Anspannung unterdrckten Sexualvorstellungen -<em class="gesperrt">konvertieren</em> in alle mglichen Zustnde und so jenen -proteusartigen Charakter des Leidens hervorbringen, jenes -berspringen von Glied zu Glied, jene alles nachahmende -und niemals konstante Gestalt, welche die Definition der -Hysterie nach ihrem Symptomenbilde stets so sehr erschwert -hat; aber in keiner Konversion von allen geht nunmehr -der Trieb auf, er verlangt nach oben, in keiner Verwandlung -findet er mehr seine <em class="gesperrt">Erschpfung</em>.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Unvermgen der Frauen zur Wahrheit</em> — -fr mich, der ich auf dem Boden des Kantischen Indeterminismus -stehe, folgt es aus ihrem Mangel an einem <em class="gesperrt">freien -Willen zur Wahrheit</em> — bedingt ihre <em class="gesperrt">Verlogenheit</em>. Wer -mit Frauen Umgang hatte, der wei, wie oft sie, <em class="gesperrt">unter dem -momentanen Zwang auf eine Frage zu antworten</em>, -ganz beliebig falsche Grnde fr das, was sie gesagt oder -getan haben, aus dem Stegreif angeben. Nun ist es richtig, -da gerade die Hysterischen peinlichst (aber nie ohne eine -gewisse, demonstrative, Absichtlichkeit vor Fremden) jeder Unwahrheit -aus dem Wege gehen: <em class="gesperrt">aber gerade hierin liegt, -so paradox es klingt, ihre Verlogenheit</em>. Denn sie -wissen nicht, da ihnen die ganze Wahrheitsforderung von -auen gekommen und allmhlich eingepflanzt worden ist. Sie -haben das Postulat der Sittlichkeit knechtisch acceptiert und -geben darum, dem braven Sklaven gleich, bei jeder Gelegenheit -zu erkennen, wie getreu sie es befolgen. Es ist immer -auffllig, wenn man ber jemand oft hervorheben hrt, was -fr ein ausnehmend anstndiger Mensch er sei: er hat dann -sicherlich dafr gesorgt, da man es wisse, und man kann -wetten, da er insgeheim ein Spitzbube ist. Es kann das Vertrauen -zu der Echtheit der Moralitt der Hysterischen nicht frdern, -wenn die rzte (natrlich in gutem Glauben) so oft betonen, -wie hoch ihre Patienten in sittlicher Beziehung stnden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span> - -Ich wiederhole: die Hysterischen simulieren nicht bewut; -nur unter dem Einflu der Suggestion kann ihnen -klar werden, <em class="gesperrt">da</em> sie tatschlich simuliert haben, und nur -so sind alle Gestndnisse der Verstellung zu erklren. -<em class="gesperrt"><b>Sonst</b> aber glauben sie an ihre eigene Aufrichtigkeit -und Moralitt</em>: Auch die Beschwerden, von denen sie -gepeinigt werden, sind keine eingebildeten; vielmehr liegt -darin, <em class="gesperrt">da</em> sie diese wirklich fhlen, und da die Symptome -erst mit der <em class="gesperrt">Breuer</em>schen Katharsis verschwinden, welche -ihnen die wahren Ursachen der Krankheit in der Hypnose -successive <em class="gesperrt">zum Bewutsein</em> bringt, der <em class="gesperrt">Beweis</em> des <em class="gesperrt">Organischen</em> -ihrer Verlogenheit.</p> - -<p>Auch die Selbstanklagen, welche die Hysterischen -so laut zu erheben pflegen, sind nichts als unbewute -Gleisnerei. Ein Schuldgefhl kann nicht echt sein, das sich -auf kleinste wie auf grte Dinge <em class="gesperrt">gleichmig</em> erstreckt; -htten die hysterischen Selbstquler das Ma der Sittlichkeit -in sich und aus sich selbst, so wrden sie nicht so wahllos -in ihren Selbstanklagen sein und nicht die geringfgigste -Unterlassung schon <em class="gesperrt">gleich</em> schwer sich anrechnen wie den -grten Fehl.</p> - -<p>Das entscheidende Zeichen fr die unbewute <em class="gesperrt">Verlogenheit</em> -ihrer Selbstvorwrfe ist die Art, in der sie anderen -zu sagen pflegen, wie schlecht sie seien, was fr Snden sie -begangen htten, und jene fragen, ob sie selbst (die Hysterischen) -nicht ganz und gar verworfene Geschpfe seien. Wessen Gewissensbisse -ihn wirklich zu Boden drcken, der kann nicht so -reden. Es ist eine <em class="gesperrt">Tuschung</em>, der besonders <em class="gesperrt">Breuer</em> und -<em class="gesperrt">Freud</em> zum Opfer gefallen sind, wenn sie gerade die Hysteriker -als eminent sittliche Menschen hinstellen. Denn diese haben nur -ein ihnen ursprnglich Fremdes, die Moral, vollstndiger von -auen in sich bergehen lassen als die anderen. Diesem -Kodex unterstehen sie nun sklavisch, sie prfen nichts mehr -selbstttig, wgen im einzelnen nichts mehr ab. Das kann -sehr leicht den Eindruck des sittenstrengsten Rigorismus -hervorrufen, und ist doch so unsittlich als mglich, denn es -ist das Hchste, was an <em class="gesperrt">Heteronomie</em> berhaupt geleistet -werden kann. Dem sittlichen Ziele einer <em class="gesperrt">sozialen</em> Ethik,<span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span> -fr welche die Lge kaum ein Vergehen sein kann, wenn sie -der Gesellschaft oder der Entwicklung der Gattung ntzt, diesem -idealen Menschen einer solchen <em class="gesperrt">hetero</em>nomen Moral kommen die -Hysterischen vielleicht nher als irgend ein anderes Wesen. -<em class="gesperrt">Das hysterische Frauenzimmer ist die Probiermamsell -der Erfolgs- und der Sozialethik</em>: sowohl genetisch, denn -die sittlichen Vorschriften sind ihr wirklich von auen gekommen; -als auch praktisch, denn sie wird am leichtesten -altruistisch zu handeln scheinen: fr sie sind die Pflichten -gegen andere nicht ein Sonderfall der Pflicht gegen sich -selbst.</p> - -<p>Je getreuer die Hysterischen an die Wahrheit sich zu -halten glauben, desto tiefer sitzt ihre Verlogenheit. Ihre -vllige Unfhigkeit zur eigenen Wahrheit, zur Wahrheit ber -sich — die Hysterischen denken nie ber sich nach und -wollen nur, da der andere ber sie nachdenke, sie -wollen ihn <em class="gesperrt">interessieren</em> — geht daraus hervor, da die -Hysterischen die besten Medien fr alle Hypnose abgeben. -Wer aber sich hypnotisieren lt, der begeht die unsittlichste -Handlung, die denkbar ist. Er begibt sich in die vollendetste -Sklaverei: er verzichtet auf seinen Willen, auf sein Bewutsein, -ber ihn gewinnt der andere Gewalt und erzeugt in -ihm das Bewutsein, das ihm hervorzubringen gutdnkt. So -liefert die Hypnose den Beweis, wie alle <em class="gesperrt">Mglichkeit</em> der -Wahrheit vom <em class="gesperrt">Wollen</em> der Wahrheit, d. h. aber vom -Wollen seiner selbst, abhngt: wem in der Hypnose etwas -aufgetragen wird, der fhrt es im Wachen aus, und ersinnt, -um seine Grnde gefragt, auf der Stelle ein beliebiges Motiv -dafr; ja, nicht nur vor anderen, auch vor sich selbst rechtfertigt -er mit einer ganz aus der Luft gegriffenen Erklrung, -weshalb er nun so handle. Man hat hier sozusagen eine experimentelle -Besttigung der Kantischen Ethik. Wre der -Hypnotisierte blo ohne Erinnerung, so mte er darber erschrecken, -da er nicht <em class="gesperrt">wisse</em>, warum er etwas tue. Aber er -erfindet sich ohne weiteres ein neues Motiv, das mit dem -wahren Grunde, aus dem er die Handlung ausfhrt, gar nichts -zu tun hat. Er hat eben auf sein Wollen verzichtet, und -damit keine Fhigkeit zur Wahrheit mehr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span> - -<em class="gesperrt">Alle Frauen nun sind zu hypnotisieren und -wollen gerne hypnotisiert werden</em>; am leichtesten, am -strksten die Hysterischen. Selbst das Gedchtnis fr bestimmte -Dinge aus ihrem Leben kann man — denn das Ich, -der Wille, <em class="gesperrt">schafft</em> das Gedchtnis — bei Frauen durch die -einfache Suggestion, da sie von ihnen nichts mehr -wten, auslschen, vernichten.</p> - -<p>Jenes <em class="gesperrt">Breuer</em>sche Abreagieren der psychischen Konflikte -durch den hypnotisierten Kranken liefert den zwingenden -Beweis, da sein Schuldbewutsein kein ursprngliches -war. Wer sich einmal aufrichtig schuldig gefhlt hat, ist von -diesem Gefhle nie so vllig zu befreien, wie es die Hysterischen -sind, unter dem bloen Einflu des fremden Wortes.</p> - -<p>Aber selbst diese Scheinzurechnung, welche die Frauen -von hysterischer Konstitution an sich vollziehen, wird -hinfllig im Augenblicke, wo die Natur, das sexuelle -Begehren, sich durchzusetzen droht gegen die scheinbare -Bndigung. Im hysterischen Paroxysmus geht nichts anderes -im Weibe vor, als da es sich, ohne es mehr sich selbst, wie -frher, ganz zu glauben, fort und fort versichert: das will -<em class="gesperrt">ich</em> ja gar nicht, das will <em class="gesperrt">man</em>, das will jemand <em class="gesperrt">Fremder</em> -<em class="gesperrt">von mir</em>, aber <em class="gesperrt">ich</em> will es <em class="gesperrt">nicht</em>. Jede Regung anderer wird -nun zu jenem Ansinnen in Beziehung gebracht, das an sie, -wie sie glaubt, von auen gestellt wurde, aber in Wahrheit -ihrer eigenen Natur entstammt und deren tiefsten Wnschen -vollauf entspricht; nur darum sind die Hysterischen im -Anfall so leicht durch das Geringste aufzubringen. Es -handelt sich da immer um die letzte verlogene Abwehr der -in ungeheuerer Strke frei werdenden Konstitution; die -<i>Attitudes passionnelles</i> der Hysterischen sind nichts als -diese demonstrative Abweisung des Sexualaktes, die darum -so laut sein mu, weil sie eben doch unecht ist, und so viel -lrmender als frher, weil nun die Gefahr grer ist.<a name="FNAnker_65_65" id="FNAnker_65_65"></a><a href="#Fussnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a> Da -so oft sexuelle Erlebnisse aus der Zeit vor der Pubertt in -der akuten Hysterie die grte Rolle spielen, ist danach<span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span> -leicht zu verstehen. Auf das Kind war der Einflu der -fremden moralischen Anschauungen verhltnismig leicht -auszuben, ohne einen erheblichen Widerstand in den noch -fast gnzlich schlummernden sexuellen Wnschen berwinden -zu mssen. Nun aber greift die blo zurckgedrngte, nicht -berwundene Natur das alte, schon damals von ihr, nur -ohne die Kraft es bis zum wachen Bewutsein emporzuheben -und gegen dieses durchzusetzen, <em class="gesperrt">positiv</em> gewertete Erlebnis -<em class="gesperrt">auf</em>, und stellt es nun erst gnzlich verfhrerisch dar. Jetzt -ist das wahre Bedrfnis nicht mehr so leicht vom wachen -Bewutsein fernzuhalten wie ehedem, und so ergibt sich die -Krise. Da der hysterische Anfall selbst so viele verschiedene -Formen zeigen und sich fortwhrend in ein neues -Symptomenbild transmutieren kann, liegt vielleicht nur daran, -da der Ursprung des Leidens nicht <em class="gesperrt">erkannt</em>, da die Tatsache, -ein sexuelles Begehren sei da, vom Individuum nicht -<em class="gesperrt">zugegeben</em>, nicht als von <em class="gesperrt">ihm</em> ausgegangen <em class="gesperrt">ins Auge gefat</em>, -sondern einem zweiten Ich zugerechnet wird.</p> - -<p>Dies aber ist auch der Grundfehler aller rztlichen -Beobachter der Hysterie, da sie sich von den Hysterischen -hierin immer ebenso haben belgen lassen, wie diese sich -allerdings auch selber aufsitzen<a name="FNAnker_66_66" id="FNAnker_66_66"></a><a href="#Fussnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a>: <em class="gesperrt">nicht das abwehrende -Ich, sondern das abgewehrte ist die eigene, wahre -und ursprngliche Natur der Hysterischen</em>, so eifrig -diese auch sich selbst und anderen vormachen, da es ein -Fremdes sei. Wre das abwehrende Ich wirklich ihr eigenes, -so knnten sie der Regung, als einer ihnen fremden, <em class="gesperrt">gegenbertreten</em>, -sie <em class="gesperrt">bewut werten</em> und klar entschieden <em class="gesperrt">abweisen</em>, -sie gedanklich <em class="gesperrt">festlegen</em> und <em class="gesperrt">wieder erkennen</em>. So -aber findet eine Maskierung statt, weil das abwehrende Ich nur -geborgt ist, und darum der Mut fehlt, dem eigenen Wunsche -ins Auge zu schauen, von dem man eben doch dumpf irgendwie -fhlt, da er der echtgeborene, der allein mchtige ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span> -Darum kann jenes Begehren auch nicht identisch bleiben, -wo es an einem identischen Subjekte fehlt; und da es -unterdrckt werden soll, springt es sozusagen ber von -einem Krperteil auf den anderen. Denn die Lge ist vielgestaltig, -sie nimmt immer neue Formen an. Man wird -diesen Erklrungsversuch vielleicht mythologisch finden; aber -wenigstens scheint sicher, da es immer nur ein und dasselbe -ist, was jetzt als Kontraktur, dann wieder pltzlich als Hemiansthesie, -und nun gar als Lhmung erscheint. Dieses eine -ist das, was die Hysterika nicht als zu sich gehrig anerkennen -will, und unter dessen Gewalt sie <em class="gesperrt">eben damit</em> gert: denn -wrde sie es sich zurechnen und es beurteilen, wie sie alle -geringfgigsten Dinge sonst sich zugerechnet hat, so wrde -sie zugleich irgendwie auerhalb und oberhalb ihres Erlebnisses -stehen. Gerade das Rasen und Wten der Hysterikerinnen -gegen etwas, <em class="gesperrt">das sie als fremdes Wollen empfinden, -obwohl es ihr eigenstes ist</em>, zeigt, da sie tatschlich -ganz so sklavisch unter der Herrschaft der Sexualitt stehen -wie die nichthysterischen Frauen, genau so von ihrem Schicksal -besessen sind und nichts haben, was ber demselben -steht: kein zeitloses, intelligibles, <em class="gesperrt">freies</em> Ich.</p> - -<p>Man wird nun mit Recht noch die Frage aufwerfen, -warum nicht alle Frauen hysterisch, da doch alle verlogen -seien. Es ist dies keine andere Frage als die nach der -hysterischen Konstitution. Wenn die hier entwickelte Theorie -das Richtige getroffen hat, so mu sie auch hierauf eine -Antwort geben knnen, die mit der Wirklichkeit bereinstimmt. -Die hysterische Frau ist nach ihr diejenige, -welche in passiver Gefgigkeit den Komplex der mnnlichen -und gesellschaftlichen Wertungen einfach acceptiert -hat, statt ihrer sinnlichen Natur mglichsten Lauf lassen zu -wollen. <em class="gesperrt">Die nicht folgsame Frau wird also das Gegenteil -der Hysterika sein.</em> Ich will hiebei nicht lange verweilen, -weil es eigentlich in die spezielle weibliche Charakterologie -gehrt. Das hysterische Weib wird hysterisch als eine -Folge seiner Knechtsamkeit, es ist identisch mit dem -geistigen Typus der <em class="gesperrt">Magd</em>; ihr Gegenteil, die absolut unhysterische -Frau (welche, als eine Idee, es in der Erfahrung<span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span> -nicht gibt), wre die absolute <em class="gesperrt">Megre</em>. Denn auch dies ist -ein Einteilungsgrund aller Frauen. Die Magd dient, die Megre -herrscht.<a name="FNAnker_67_67" id="FNAnker_67_67"></a><a href="#Fussnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a> Zum Dienstmdchen kann und mu man geboren -sein, und eignet sich sehr wohl manche Frau, die reich genug -ist, um nie den Stand derselben ergreifen zu mssen. Und Magd -und Megre stehen immer in einem gewissen Ergnzungsverhltnis.<a name="FNAnker_68_68" id="FNAnker_68_68"></a><a href="#Fussnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a></p> - -<p>Die Folgerung aus der Theorie wird nun von der Erfahrung -vollauf besttigt. Die Xanthippe ist jene Frau, welche -in der Tat am wenigsten hnlichkeit mit der Hysterika hat. -Sie lt ihre Wut (die wohl auch nur auf mangelhafte -sexuelle Befriedigung zurckgeht) an anderen, die hysterische -Sklavin an sich selbst aus. Die Megre hat die anderen, -die Magd hat sich. Alles, was die Megre drckt, bekommt -der Nebenmensch zu spren; sie weint ebenso leicht -wie die Magd, aber sie weint stets andere an. Die Sklavin -schluchzt auch allein, ohne <em class="gesperrt">freilich je einsam zu sein</em> — -Einsamkeit wre ja mit Sittlichkeit identisch und Bedingung -jeder wahren Zweisamkeit und Mehrsamkeit; die Megre -vertrgt das Alleinsein nicht, sie mu ihren Zorn an jemand -auer sich auslassen, indes die Hysterische sich selbst -verfolgt. Die Megre lgt offen und frech, aber ohne es zu -wissen, weil sie von Natur <em class="gesperrt">immer</em> im Rechte zu sein glaubt; -so beschimpft sie noch den anderen, der ihr widerspricht. -Die Magd hlt sich gehorsam an die ihr von Natur ebenso -fremde Wahrheitsforderung; die <em class="gesperrt">Verlogenheit</em> dieser fgsamen -Ergebung kommt in ihrer Hysterie zum Vorschein: -dann nmlich, wenn der Konflikt mit ihren eigenen sexuellen -Wnschen da ist. Um dieser Rezeption und allgemeinen Empfnglichkeit -willen mute die Hysterie und das hysterische -Frauenzimmer so eingehend besprochen werden: dieser Typus,<span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span> -nicht die Megre, ist es, der mir zuletzt noch htte entgegengehalten -werden knnen.<a name="FNAnker_69_69" id="FNAnker_69_69"></a><a href="#Fussnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a></p> - -<p>Verlogenheit, organische Verlogenheit, charakterisiert -aber beide und somit smtliche Frauen. Es ist ganz unrichtig, -wenn man sagt, da die Weiber <em class="gesperrt">lgen</em>. Das wrde -voraussetzen, da sie auch manchesmal die Wahrheit sagen. -Als ob <em class="gesperrt">Aufrichtigkeit</em>, pro foro interno et externo, nicht -gerade die Tugend wre, deren die Frauen <em class="gesperrt">absolut unfhig</em> -sind, die ihnen <em class="gesperrt">vllig unmglich</em> ist! Es handelt -sich darum, da man einsehe, <em class="gesperrt">wie eine Frau in ihrem -ganzen Leben <b>nie</b> wahr <b>ist</b>, selbst, ja <b>gerade</b> dann nicht, -wenn sie, wie die Hysterische, sich sklavisch an die -fr sie <b>hetero</b>nome Wahrheitsforderung hlt und so -<b>uerlich</b> doch die Wahrheit <b>sagt</b></em>.</p> - -<p>Ein Weib kann beliebig lachen, weinen, errten, ja es -kann schlecht aussehen auf Verlangen: die Megre, wann sie, -irgend einem Zweck zuliebe, es will; die Magd, wann der -uere Zwang es verlangt, der sie, ohne da sie es wei, -beherrscht. Zu solcher Verlogenheit fehlen dem Manne offenbar -auch die organischen, physiologischen Bedingungen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ist so die <b>Wahrheitsliebe</b> dieses Frauentypus -<b>nur als die ihm eigentmliche Form der Verlogenheit</b> -entlarvt</em>, so ist von den anderen Eigenschaften, die an ihm -gerhmt werden, von Anfang an zu erwarten, da es nicht -besser mit ihnen werde bestellt sein. Seine Schamhaftigkeit, -seine Selbstbeobachtung, seine Religiositt werden rhmend -hervorgehoben. Die weibliche Schamhaftigkeit ist aber nichts -anderes als Prderie, d. h. eine demonstrative Verleugnung -und Abwehr der <em class="gesperrt">eigenen</em> Unkeuschheit. Wo irgend bei -einem Weibe das wahrgenommen wird, was man als Schamhaftigkeit -deutet, dort ist auch schon, im genau entsprechenden<span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span> -Mae, Hysterie vorhanden. Die ganz unhysterische, die -gnzlich unbeeinflubare Frau, d. i. die absolute Megre, wird -nicht errten, auch wenn ihr der Mann etwas noch so -Berechtigtes vorwirft; ein Anfang von Hysterie ist da, wenn -das Weib unter dem unmittelbaren Eindruck des mnnlichen -Tadels errtet; vollkommen hysterisch aber ist es erst, sobald -es auch dann errtet, wenn es allein, und wenn kein -fremder Mensch anwesend ist: denn dann erst ist es vom -anderen, von der mnnlichen Wertung, <em class="gesperrt"><b>vollstndig</b> imprgniert</em>.</p> - -<p>Frauen, die dem nahe kommen, was man sexuelle -Ansthesie oder Frigiditt genannt hat, sind, wie ich, -in bereinstimmung mit Paul <em class="gesperrt">Solliers</em> Befunden, hervorheben -kann, stets Hysterikerinnen. Die sexuelle Ansthesie -ist eben nur <em class="gesperrt">eine</em> von den vielen hysterischen, d. h. unwahren, -verlogenen Ansthesien. Es ist ja, besonders durch -die Experimente von Oskar <em class="gesperrt">Vogt</em>, bekannt, da solche -Ansthesien keinen wirklichen Mangel der Empfindung bedeuten, -sondern nur einen Zwang, der gewisse Empfindungen -vom Bewutsein fernhlt und ausschliet. Wenn man den -ansthetisch gemachten Arm einer Hypnotisierten beliebig -oft sticht und dem Medium aufgegeben hat, jene Zahl zu -nennen, die ihm gleichzeitig einfalle, so nennt es die Zahl -der Stiche, die es in seinem (dem somnambulen) Zustande, -offenbar nur unter der Kraft eines bestimmten Bannes, nicht -perzipieren durfte. So ist auch die sexuelle Frigiditt auf ein -<em class="gesperrt">Kommando</em> entstanden: durch die zwingende Kraft der Imprgnation -mit einer asexuellen, aus der Umgebung auf das -empfngliche Weib bergegangenen Lebensanschauung; aber -wie alle Ansthesie durch ein gengend starkes <em class="gesperrt">Kommando</em> -auch wieder <em class="gesperrt">aufzuheben</em>.</p> - -<p>Ebenso wie mit der eigenen krperlichen Unempfindlichkeit -gegen den Geschlechtsakt verhlt es sich mit dem -Abscheu gegen Geschlechtlichkeit berhaupt. Ein solcher Abscheu, -eine intensive Abneigung gegen alles Sexuelle, wird -von manchen Frauen wirklich empfunden, und man knnte -glauben, hier liege eine Instanz gegen die Allgemeingltigkeit -der Kuppelei und gegen ihre Gleichsetzung mit der Weiblichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span> -vor. Frauen, welche es krank machen kann, wenn -sie ein Paar im Geschlechtsverkehre berraschen, sind aber -stets Hysterikerinnen. So tritt hier vielmehr berzeugend die -Richtigkeit der Theorie hervor, welche die Kuppelei als das -Wesen der Frau hinstellte und die eigene Sexualitt derselben -nur als einen besonderen Fall unterordnete: eine Frau kann -nicht nur hysterisch werden durch ein sexuelles Attentat, das -auf sie ausgebt wurde, und gegen das sie <em class="gesperrt">uerlich</em> sich -wehrte, ohne es <em class="gesperrt">innerlich</em> zu verneinen, sondern ebenso -durch den Anblick irgend eines koitierenden Paares, indem -sie dessen Koitus noch negativ zu werten glaubt, wo schon -die eingeborene Bejahung desselben mchtig durchbricht durch -alles Angenommene und Knstliche, durch die ganze ihr aufgedrckte -und einverleibte Denkweise, in deren Sinn sie -sonst empfindet. Denn sie fhlt auch mit jeder sexuellen -Vereinigung anderer nur sich selbst koitiert.</p> - -<p>Ein hnliches gilt von dem bereits kritisierten hysterischen -Schuldbewutsein. Die absolute Megre fhlt sich -berhaupt <em class="gesperrt">nie</em> schuldig, die leicht hysterische Frau nur in -Gegenwart des Mannes, die ganz hysterische vor jenem Mann, -der definitiv in sie bergegangen ist. Man komme nicht mit -den Kasteiungen der Betschwestern und Berinnen, um das -Schuldgefhl der Frauen zu beweisen. Gerade die extremen -Formen, welche hier die Selbstzchtigung annimmt, machen -sie verdchtig. Die Kasteiung beweist wohl in den meisten -Fllen nur, da ein Mensch nicht <em class="gesperrt">ber</em> seiner Tat steht, -da er sie nicht schon durch das Schuldbewutsein auf sich -genommen hat; sie scheint viel eher ein Versuch zu sein, die -Reue, die man doch nicht ganz innerlich empfindet, von auen -sich aufzudrngen und ihr so die Strke zu geben, die sie an -sich nicht hat.</p> - -<p>Damit hngt auch der vom einen dem anderen immer -wieder nachgesprochene Irrtum zusammen, da die Frauen -religis veranlagt seien. Die weibliche Mystik ist, wo sie ber -simplen Aberglauben hinausgeht, <em class="gesperrt">entweder</em> eine sanft verhllte -Sexualitt, wie bei den zahlreichen Spiritistinnen und -Theosophinnen — diese Identifikation des Geliebten mit der -Gottheit ist von Dichtern mehrfach behandelt worden, besonders<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span> -von <em class="gesperrt">Maupassant</em>, in dessen bestem Romane -<em class="gesperrt">Christus</em> fr die Frau des Bankiers <em class="gesperrt">Walter</em> die Zge des -<em class="gesperrt">Bel-Ami</em> annimmt, und nach ihm von Gerhart <em class="gesperrt">Hauptmann</em> -in <em class="gesperrt">Hanneles Himmelfahrt</em> —, <em class="gesperrt">oder</em> es ist der -andere Fall verwirklicht, da auch die Religiositt vom Manne -passiv und unbewut bernommen und um so krampfhafter festzuhalten -gesucht wird, je strker ihr die eigenen natrlichen -Bedrfnisse widersprechen. Bald wird der Geliebte zum Heiland; -bald (wie man wei, bei so vielen Nonnen) der Heiland zum -Geliebten. Alle groen Visionrinnen, welche die Geschichte -nennt (vgl. Teil I, <a href="#Seite_85">S. 85</a>), sind hysterisch gewesen; die berhmteste -unter ihnen, die <em class="gesperrt">heilige Therese</em>, hat man nicht -mit Unrecht die Schutzheilige der Hysterie genannt. Wre -brigens die Religiositt der Frauen echt, und kme sie bei -ihnen aus einem Inneren, so htten sie religis schpferisch -sein knnen, ja, irgendwie sein mssen: sie sind es aber nie, -nicht im mindesten, gewesen. Man wird verstehen, was ich -meine, wenn ich den eigentlichen Unterschied zwischen mnnlichem -und weiblichem Credo so ausspreche: die Religiositt -des Mannes ist hchster Glaube <em class="gesperrt">an sich selbst</em>, die Religiositt -des Weibes hchster Glaube <em class="gesperrt">an den anderen</em>.</p> - -<p>So bleibt nur noch die Selbstbeobachtung, die bei den -Hysterikern oft als auerordentlich entwickelt bezeichnet wird. -Da es aber blo der Mann ist, der in das Weib so weit eingedrungen -ist, da er selbst <em class="gesperrt">in</em> ihr noch beobachtet, wird aus -der Art und Weise klar, wie <em class="gesperrt">Vogt</em>, in weiterer und exakterer -Anwendung eines zuerst von <em class="gesperrt">Freud</em> eingeschlagenen Verfahrens, -die Selbstbeobachtung <em class="gesperrt">in der Hypnose</em> erzwang. -Der fremde mnnliche Wille <em class="gesperrt">schafft</em> durch seinen Einflu -<em class="gesperrt">in der hypnotisierten Frau einen Selbstbeobachter</em>, -vermge der Erzeugung eines Zustandes systematisch eingeengten -Wachseins. Aber auch auerhalb der Suggestion, -im gesunden Leben der Hysterischen, ist es nur der Mann, -mit dem sie imprgniert sind, welcher in ihnen beobachtet. -So ist auch alle Menschenkenntnis der Frauen durchaus Imprgnation -mit dem richtig beurteilten Manne. Im Paroxysmus -schwindet jene knstliche Selbstbeobachtung vor der zum -Durchbruch drngenden Natur dahin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span> - -Ganz so verhlt es sich auch mit dem <em class="gesperrt">Hellsehen</em> -hysterischer Medien, das ohne Zweifel vorkommt und mit -dem okkulten Spiritismus ebensowenig zu tun hat wie die -hypnotischen Phnomene. Wie die Patientinnen <em class="gesperrt">Vogts</em> unter -dem energischen Willen des Suggestors sich selbst vorzglich -zu beobachten vermochten, so wird die Hellseherin unter dem -Einflusse der drohenden Stimme eines Mannes, der sie zu -allem zu zwingen vermag, auch zu telepathischen Leistungen -fhig und liest aus weiter Ferne gehorsam mit verbundenen -Augen die Schriftstcke in den Hnden fremder Menschen, -was ich in Mnchen unzweideutig wahrzunehmen selbst Gelegenheit -hatte. Denn im Weibe stehen nicht, wie im Manne, -dem Willen zum Guten und Wahren sehr starke Leidenschaften -unausrottbar <em class="gesperrt">entgegen</em>. Der mnnliche Wille hat -ber das Weib mehr Gewalt als ber den Mann: er kann -im Weibe etwas realisieren, dem im eigenen Hause zu viel -Dinge sich <em class="gesperrt">widersetzen</em>. In <em class="gesperrt">ihm</em> wirkt ein Antimoralisches -und ein Antilogisches <em class="gesperrt">wider</em> die Klrung, er will nie ganz -allein die Erkenntnis, sondern immer noch anderes. <em class="gesperrt">ber -die Frau aber kann der mnnliche Wille so vollstndig -alle Gewalt gewinnen, da er sie sogar hellsichtig -macht</em>, und alle Schranken der Sinnlichkeit fr <em class="gesperrt">sie</em> -fortfallen.</p> - -<p>Darum ist das Weib eher telepathisch als der Mann, -darum leistet es als <em class="gesperrt">Seherin</em> mehr als dieser, freilich nur, -wenn es Medium, d. h. zum Objekt geworden ist, an welchem -der <em class="gesperrt">mnnliche</em> Wille am leichtesten und vollkommensten -sich verwirklicht. Auch die <em class="gesperrt">Wala</em> kann <em class="gesperrt">wissend</em> werden: -aber erst, wenn sie von <em class="gesperrt">Wotan</em> <em class="gesperrt">bezwungen</em> ist. Sie kommt -ihm hierin entgegen; denn ihre einzige Leidenschaft ist es -eben, da sie gezwungen werden will.</p> - -<p>Das Thema der Hysterie ist hiemit, soweit es fr den -Zweck dieser Untersuchung berhrt werden mute, auch erschpft. -<em class="gesperrt">Jene Frauen, die als Beweise der weiblichen -Sittlichkeit angefhrt werden, sind stets Hysterikerinnen</em>, -und gerade in der Befolgung der Sittlichkeit, in -dem Gebaren nach dem Moralgesetze, als ob dieses Gesetz -das Gesetz ihrer Persnlichkeit wre, und nicht vielmehr,<span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span> -ohne sie zu fragen, von ihnen kurzerhand <em class="gesperrt">Besitz</em> ergriffen -htte, liegt die Verlogenheit und Unwahrheit dieser Sittlichkeit. -Die hysterische Konstitution ist eine lcherliche Mimicry -der mnnlichen Seele, eine Parodie auf die Willensfreiheit, -die das Weib vor sich posiert in dem nmlichen Augenblicke, -wo es dem mnnlichen Einflu am strksten unterliegt. -Nichtsdestoweniger sind die hchststehenden Frauen eben -Hysterikerinnen, wenn auch die Zurckdrngung der triebhaften -Sexualitt, die sie ber die anderen Frauen erhebt, keine -solche ist, die aus <em class="gesperrt">eigener</em> Kraft und in mutigem Kampfe -mit einem zum <em class="gesperrt">Stehen</em> gezwungenen Gegner erfolgt wre. -An den hysterischen Frauen aber <em class="gesperrt">rcht</em> sich wenigstens die -eigene Verlogenheit, und insoferne kann man sie als ein -wenn auch noch so <em class="gesperrt">verflschtes Surrogat</em> jener <em class="gesperrt">Tragik</em> -gelten lassen, zu der es sonst dem Weibe an jeglicher Fhigkeit -gebricht.</p> - -<p>Das Weib ist <em class="gesperrt">unfrei</em>: es wird schlielich immer bezwungen -durch das Bedrfnis, vom Manne, in eigener Person -wie in der aller anderen, <em class="gesperrt">vergewaltigt</em> zu werden; es steht -unter dem Banne des Phallus und verfllt unrettbar seinem -Verhngnis, auch wenn es nicht selbst zur vlligen Geschlechtsgemeinschaft -gelangt. Das hchste, wozu ein Weib es bringen -mag, ist ein dumpfes Gefhl dieser Unfreiheit, ein dsteres -Ahnen eines Verhngnisses <em class="gesperrt">ber</em> sich — es kann dies offenbar -nur der letzte Schimmer des <em class="gesperrt">freien</em> intelligiblen Subjektes -sein, der kmmerliche Rest von angeborener Mnnlichkeit, -der ihr, <em class="gesperrt">durch den Kontrast</em>, eine, wenn auch noch -so schwache, <em class="gesperrt">Empfindung</em> der <em class="gesperrt">Notwendigkeit</em> gestattet: -es gibt kein absolutes Weib. Aber ein klares <em class="gesperrt">Bewutsein</em> -ihres Schicksales und des Zwanges, unter dem sie steht, ist -der Frau <em class="gesperrt">unmglich</em>: <em class="gesperrt">nur der Freie <b>erkennt</b> ein Fatum</em>, -weil er nicht in die Notwendigkeit <em class="gesperrt">einbegriffen</em> ist, sondern, -wenigstens mit einem Teile seines Selbst, einem Zuschauer -und einem Kmpfer, auerhalb seines Schicksals und ber -diesem steht. Die Frau hlt sich gerade darum meist fr -<em class="gesperrt">un</em>gebunden, weil sie <em class="gesperrt">ganz</em> gebunden, und leidet nicht an -der Leidenschaft, weil sie selbst nichts <em class="gesperrt">ist</em> als Leidenschaft. -<em class="gesperrt">Nur der Mann</em> konnte von der dira necessitas in sich<span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span> -sprechen, nur er die Konzeption einer Moira und einer -Nemesis fassen, nur er Parzen und Nornen schaffen: weil er -nicht nur empirisches, <em class="gesperrt">bedingtes</em>, sondern auch intelligibles, -<em class="gesperrt">freies</em> Subjekt ist.</p> - -<p>Aber, wie schon gesagt: selbst wenn eine Frau ihre -eigene Determiniertheit zu ahnen beginnt, ein klares <em class="gesperrt">Bewutsein</em> -derselben, eine Auffassung und ein Verstndnis -ist dies nicht zu nennen; denn dazu wre der <em class="gesperrt">Wille</em> zu -einem Selbst erfordert. Vielmehr bleibt es bei einem schweren -dunklen Gefhl, das zu einem verzweifelten Aufbumen -fhrt, aber nicht zu einem entschlossenen, in sich die Mglichkeit -des Sieges bergenden Kampfe. Ihre Sexualitt, die -sie stets knechten wird, zu berwinden, sind die Frauen unvermgend. -Die Hysterie war eine solche ohnmchtige Abwehrbewegung -gegen die Geschlechtlichkeit. Wre der -Kampf gegen die eigene Begier redlich und echt, wre deren -Niederlage <em class="gesperrt">aufrichtig gewollt</em>, so wre sie ihr zu bereiten -dem Weibe auch <em class="gesperrt">mglich</em>. Die Hysterie aber ist -selbst das, was von den Hysterikerinnen angestrebt wird; -sie <em class="gesperrt">suchen</em> nicht wirklich zu <em class="gesperrt">genesen</em>. <em class="gesperrt">Die Verlogenheit -dieser Demonstration gegen die Sklaverei -bedingt ihre Hoffnungslosigkeit.</em> Die vornehmsten -Exemplare des Geschlechtes mgen fhlen, da Knechtschaft -ihnen nur eben darum ein Mu ist, weil sie sie -wnschen — man denke an <em class="gesperrt">Hebbels</em> <em class="gesperrt">Judith</em> und <em class="gesperrt">Wagners</em> -<em class="gesperrt">Kundry</em> — aber auch dies gibt ihnen keine Kraft, sich in -Wahrheit gegen den Zwang zur Wehre zu setzen: im letzten -Augenblicke kssen sie dennoch den Mann, der sie notzchtigt, -und suchen den zu ihrem Herrn zu machen, der -sie zu vergewaltigen zgert. <em class="gesperrt">Das Weib steht wie unter -einem Fluche.</em> Es kann ihn fr Augenblicke pressend auf -sich lasten fhlen, aber es entrinnt ihm <em class="gesperrt">nie</em>, weil ihm die -Wucht zu s dnkt. Sein Schreien und Toben ist im Grunde -<em class="gesperrt">unecht</em>. Es will seinem Fluche gerade dann am schtigsten -erliegen, wenn es ihn am entsetztesten zu meiden sich geberdet.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span> - -Von der langen Reihe jener frheren Aufstellungen, -welche den Mangel des Weibes an irgend welchem angeborenen, -unveruerlichen Verhltnis zu den <em class="gesperrt">Werten</em> behaupteten, -ist keine einzige zurckzuziehen oder auch nur einzuschrnken -gewesen. Selbst durch all das, was den Menschen insgemein -weibliche Liebe, weibliche Frmmigkeit, weibliche Scham und -weibliche Tugend heit, sind sie nicht umgestoen worden; -sie haben sich vor dem strksten Ansturm, vor dem Heere der -hysterischen Imitationen aller mnnlichen Vorzge, behaupten -knnen. Nicht allein durch die Kraft des, mit dem Weibe -selbst der Fernzeugung fhigen mnnlichen Spermas — auf -welches die unglaubliche geistige Vernderung aller Frauen -in der Ehe sicherlich zunchst zurckgeht — sondern auch -vom mnnlichen <em class="gesperrt">Bewutsein</em>, und sogar vom <em class="gesperrt">sozialen -Geiste</em> wird das Weib, jenes empfngliche Weib, das hier -allein in Betracht kommt, <em class="gesperrt">von frhester Jugend auf</em> erfllt, -imprgniert und umgebildet. So erklrt es sich, da alle -jene Eigenschaften des mnnlichen Geschlechtes, die dem -weiblichen an sich nicht zukommen, nichtsdestoweniger von -diesem in so sklavischer Nachahmung zur Erscheinung gebracht -werden knnen; wonach die vielen Irrtmer ber die -hhere Sittlichkeit des Weibes leichter begreiflich werden.</p> - -<p>Aber noch ist diese erstaunliche Rezeptivitt der Frau -ein isoliertes Faktum der Erfahrung und von der Darstellung -nicht in jenen Zusammenhang mit den brigen positiven -und negativen Eigenschaften des Weibes gebracht, welchen -das theoretische Bedrfnis wnschenswert erscheinen lt. -Was hat die Bildsamkeit des Weibes mit seiner Kuppelei, -was seine Sexualitt mit seiner Verlogenheit zu tun? <em class="gesperrt">Warum -ist all dies gerade in dieser Vereinigung <b>im Weibe</b> -beisammen?</em></p> - -<p>Und noch ist erst zu begrnden, <em class="gesperrt">woher</em> es komme, da -die Frau alles in sich aufnehmen kann. Wie ist jene Verlogenheit -mglich, die das Weib selber whnen lt, das zu glauben, -was es nur von anderen vernommen, das zu haben, was es -nur von ihnen bekommen, das zu sein, was es nur durch -sie geworden ist?</p> - -<p>Um hierauf eine Antwort zu geben, mu nochmals, zum<span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span> -letzten Male, vom geraden Wege abgebogen werden. Man -erinnert sich vielleicht noch, wie das <em class="gesperrt">tierische Wiedererkennen</em>, -das psychische quivalent der allgemein-organischen -bungsfhigkeit, vom <em class="gesperrt">menschlichen Gedchtnis</em> als ein -gnzlich Verschiedenes und doch hnliches abgetrennt wurde: -indem beide eine gleichsam ewige Nachwirkung des zeitlich -begrenzten einmaligen Eindruckes bedeuten, das Gedchtnis -aber, zum Unterschiede vom unmittelbaren passiven Wiedererkennen, -sein Wesen in der aktiven Reproduktion des Vergangenen -findet.<a name="FNAnker_70_70" id="FNAnker_70_70"></a><a href="#Fussnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> Spter wurde bloe Individuation als die -Eigenschaft alles Organischen wohl unterschieden von Individualitt, -welche nur der Mensch besitzt.<a name="FNAnker_71_71" id="FNAnker_71_71"></a><a href="#Fussnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a> Und schlielich -machte sich die Notwendigkeit einer genauen Distinktion -zwischen Geschlechtstrieb und Liebe fhlbar, von denen -ebenfalls nur der erste den nichtmenschlichen Lebewesen zugesprochen -werden konnte.<a name="FNAnker_72_72" id="FNAnker_72_72"></a><a href="#Fussnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a> Dennoch waren beide verwandt, -in ihren Gemeinheiten wie in ihren Erhabenheiten (als Bestrebungen -zur eigenen Verewigung).</p> - -<p>Auch der Wille zum Wert wurde fter als charakteristisch -fr den Menschen hingestellt, indes die Tiere nur ein Streben -nach Lust kennen und der Wertbegriff ihnen fremd ist.<a name="FNAnker_73_73" id="FNAnker_73_73"></a><a href="#Fussnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a> -Zwischen <em class="gesperrt">Lust</em> und <em class="gesperrt">Wert besteht</em> eine <em class="gesperrt">Analogie, und -doch sind beide grundverschieden</em>: die Lust <em class="gesperrt">wird</em> begehrt, -der Wert <em class="gesperrt">soll</em> begehrt werden; beide werden noch -immer ganz widerrechtlich verwechselt, und so in Psychologie -und Ethik die grte Konfusion dauernd festgehalten. Aber -dieses Durcheinanderflieen hat nicht nur zwischen dem Wert- -und dem Lustbegriff stattgefunden; es ist den Unterscheidungen -zwischen Persnlichkeit und Person, zwischen Wiedererkennen -und Gedchtnis, zwischen Geschlechtstrieb und Liebe -nicht besser ergangen: alle diese Gegenstze werden fortwhrend -zusammengeworfen, und was noch bezeichnender ist, -fast stets von denselben Menschen, mit denselben theoretischen -Anschauungen und wie in einer gewissen Absichtlichkeit, um -den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu verwischen.</p> - -<p>Auch weitere, bisher kaum berhrte Distinktionen -werden hier meist vernachlssigt. Tierisch ist die <em class="gesperrt">Enge des<span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span> -Bewutseins</em>, rein menschlich ist die <em class="gesperrt">aktive Aufmerksamkeit</em>: -beide haben, das sieht jeder klar, ein Gemeinsames, -und doch auch ein Verschiedenes. Nicht anders steht es mit -der so vielen gelufigen Zusammenwerfung von <em class="gesperrt">Trieb</em> und -<em class="gesperrt">Wille</em>. Der Trieb ist allen Lebewesen gemeinschaftlich, im -Menschen kommt noch der Wille hinzu, der frei ist und kein -psychologisches Faktum bildet, weil er allem speziellen psychologischen -Erleben zu Grunde liegt. Da Trieb und Wille fast -immer als identisch betrachtet werden, hieran trgt brigens -nicht blo der Einflu <em class="gesperrt">Darwins</em> die Schuld; sondern es -kommt von ihr fast ebensoviel auf Rechnung des unklaren, -einerseits ganz allgemein <em class="gesperrt">natur</em>philosophischen, anderseits -eminent <em class="gesperrt">ethischen</em> Willensbegriffes von Arthur <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>.</p> - -<p>Ich stelle zusammen:</p> - - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Gegenberstellung von Eigenschaften"> -<tr><td align="center"><em class="gesperrt"><b>Auch</b></em></td><td align="center"><em class="gesperrt"><b>Nur</b></em></td></tr> -<tr><td align="center">tierisch, beziehungsweise organisch berhaupt sind:</td><td align="center">dem Menschen, respektive dem menschlichen <em class="gesperrt">Manne</em> eigen:</td></tr> -<tr><td align="center">Individuation</td><td align="center">Individualitt</td></tr> -<tr><td align="center">Wiedererkennen</td><td align="center">Gedchtnis</td></tr> -<tr><td align="center">Lust</td><td align="center">Wert</td></tr> -<tr><td align="center">Geschlechtstrieb</td><td align="center">Liebe</td></tr> -<tr><td align="center">Enge des Bewutseins</td><td align="center">Aufmerksamkeit</td></tr> -<tr><td align="center">Trieb</td><td align="center">Wille</td></tr> -</table></div> - -<p>Man sieht, wie sich ber <em class="gesperrt">jede</em> Eigenschaft <em class="gesperrt">alles</em> -Lebendigen im <em class="gesperrt">Menschen</em> noch eine <em class="gesperrt">andere</em>, in gewisser -Beziehung <em class="gesperrt">verwandte und doch hhere</em> legt. Die uralte -tendenzise Identifikation der beiden Reihen und, auf der -anderen Seite, das Bedrfnis, sie immer wieder auseinanderzuhalten, -weisen auf ein Gemeinsames hin, das die Glieder jeder -Reihe miteinander verbindet und scheidet von allen Gliedern -der zweiten. Es nimmt sich zunchst aus, als ob hier im Menschen -ein <em class="gesperrt">berbau</em> von hheren Eigenschaften ber korrelative -niedere Erscheinungen aufgefhrt wre. Man knnte an eine -Lehre des <em class="gesperrt">indischen Geheimbuddhismus</em> sich erinnert<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span> -fhlen, an seine Theorie von der <em class="gesperrt">Menschheitswelle</em>. -Es ist nmlich gleichsam, als wre jeder blo tierischen Eigenschaft -im Menschen eine verwandte und doch einer hheren -Sphre angehrige Qualitt <em class="gesperrt">superponiert</em>, wie eine Schwingung -einer anderen sich addiert: jene niederen Eigenschaften -fehlen dem Menschen keineswegs, allein es ist zu ihnen in ihm -etwas hinzugekommen. Was ist dieses neu Dazugetretene? -Worin unterscheidet es sich vom anderen und worin gleicht -es ihm? Denn die Tafel zeigt unverkennbar, da jedes Glied -der linken Reihe mit jedem, auf gleicher Hhe stehenden, Gliede -der rechten eine hnlichkeit hat, und doch wieder anderseits -<em class="gesperrt">alle</em> Glieder <em class="gesperrt">jeder</em> Reihe eng zueinander gehren. -Woher diese merkwrdige bereinstimmung bei gleichzeitiger -ganz abgrundtiefer Verschiedenheit?</p> - -<p>Die linksstehenden Dinge sind fundamentale Eigenschaften -alles animalischen respektive pflanzlichen <em class="gesperrt">Lebens</em>. -Alles solche Leben ist Leben von Individuen, nicht von ungegliederten -Massen, es uert sich als Trieb, um Bedrfnisse -zu befriedigen, insonderheit als Sexualtrieb, um sich fortzupflanzen. -Individualitt, Gedchtnis, Wille, Liebe knnen -somit als Eigenschaften eines <em class="gesperrt">zweiten</em> Lebens gelten, das -mit dem organischen Leben eine gewisse Verwandtschaft -haben und doch von ihm toto coelo verschieden sein wird.</p> - -<p><em class="gesperrt">Es ist keine andere als die Idee des ewigen, -hheren, <b>neuen</b> Lebens der Religionen und speziell -des Christentums, deren tiefe Berechtigung uns hier -entgegentritt.</em> Neben dem organischen hat der Mensch -noch teil an einem anderen Leben, der ζωή αιώνιος des -neuen Bundes. Wie jenes Leben von irdischer Speise sich -nhrt, so bedarf dieses der geistigen Atzung (Symbol des -<em class="gesperrt">Abendmahles</em>). Wie jenes eine Geburt und einen Tod, so -kennt auch dieses eine Begrndung — die <em class="gesperrt">sittliche Wiedergeburt</em> -des Menschen, die <em class="gesperrt">Regeneration</em> — und einen -Untergang: den <em class="gesperrt">endgltigen</em> Verfall in Irrsinn oder Verbrechen. -Wie jenes bestimmt wird durch kausale Naturgesetze -von auen, so bindet sich dieses durch normierende -Imperative von innen. Jenes ist von begrenzter Art <em class="gesperrt">zweckmig</em>;<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span> -dieses, in unendlicher unbegrenzter Herrlichkeit, ist -<em class="gesperrt">vollkommen</em>.<a name="FNAnker_74_74" id="FNAnker_74_74"></a><a href="#Fussnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a></p> - -<p>Die Eigenschaften, welche die linke Reihe aufzhlt, sind -allem niedrigen Leben gemeinsam; die Merkmale aus der -rechten Kolumne sind die korrespondierenden Zeichen des -ewigen Lebens, Knder eines hheren Seins, an welchem der -Mensch, und nur er allein, noch berdies Anteil hat. Die -ewige Verwechslung und die stets erneute Auseinanderhaltung -beider Reihen, des hheren und des niederen Lebens, bildet -das Hauptthema aller Historie des menschlichen Geistes: -<em class="gesperrt">dies</em> ist <em class="gesperrt">das Motiv der Weltgeschichte</em>.</p> - -<p>Man mag in diesem zweiten Leben etwas erblicken, -das sich im Menschen zu den, frher vorhandenen, anderen -Eigenschaften hinzuentwickelt habe; hier soll ber diese -Frage nicht entschieden werden. Doch wird wohl eine tiefere -Auffassung jenes sinnliche und sinnenfllige, hinfllige Leben -nicht als den Erzeuger des hheren, geistigen, ewigen, sondern -umgekehrt, im Sinne des vorigen Kapitels, das erstere als -eine Projektion des letzteren auf die Sinnlichkeit, als seine -Abbildung im Reiche der Notwendigkeit, als sein <em class="gesperrt">Heruntersteigen</em>, -seine <em class="gesperrt">Erniedrigung</em> zu diesem, als seinen <em class="gesperrt">Sndenfall</em> -ansehen mssen. Denn nur der <em class="gesperrt">letzte Abglanz</em> der -hheren Idee von einem ewigen Leben ist es, der auf die -Fliege fllt, die mich belstigt, und mich hindern kann, sie -zu tten.</p> - -<p><em class="gesperrt">Das absolute Weib jedoch</em>, dem Individualitt und -Wille mangeln, das keinen Teil hat am Werte und an der -Liebe, ist, so knnen wir jetzt sagen, <em class="gesperrt">von jenem hheren, -transcendenten, metaphysischen Sein ausgeschlossen</em>. -Die intelligible hyperempirische Existenz des <em class="gesperrt">Mannes</em> ist<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span> -erhaben ber Stoff, Raum und Zeit; in <em class="gesperrt">ihm</em> ist Sterbliches -genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat die Mglichkeit, -zwischen beiden zu whlen; zwischen jenem Leben, das mit -dem irdischen Tode vergeht, und jenem, fr welches dieser -erst eine Herstellung in gnzlicher Reine bedeutet. Nach -diesem vollkommen zeitlosen Sein, nach dem absoluten Werte, -geht aller tiefste Wille im Manne: er ist eins mit dem Unsterblichkeitsbedrfnis. -Und da die Frau kein Verlangen nach -persnlicher Fortdauer hat, wird so endlich <em class="gesperrt">ganz</em> klar: in -ihr ist nichts von jenem ewigen Leben, das der Mann durchsetzen -will und durchsetzen soll gegen sein rmliches Abbild -in der Sinnlichkeit. Irgend eine Beziehung zur Idee des -hchsten Wertes, zur Idee des Absoluten, zur Idee jener -<em class="gesperrt">vlligen Freiheit</em>, die er noch nicht besitzt, weil er immer -<em class="gesperrt">auch determiniert</em> ist, die er aber erlangen kann, weil -der Geist Gewalt hat ber die Natur: eine solche Beziehung -zur Idee berhaupt, oder zur Gottheit, hat jeder Mann: indem -zwar durch sein Leben auf Erden eine Trennung und Loslsung -vom Absoluten erfolgt ist, aber die Seele sich aus -dieser Verunreinigung, als der <em class="gesperrt">Erbsnde</em>, wieder hinaussehnt.</p> - -<p>Wie die Liebe seiner Eltern keine reine zur Idee war, -sondern mehr oder weniger eine sinnliche Verkrperung suchte, -so will auch der Sohn, der eben das ist, worauf diese Liebe -hinauslief, so lang er lebt, nicht blo das ewige, sondern auch -das zeitliche Leben: wir erschrecken vor dem Gedanken des -Todes, wehren uns gegen ihn, klammern uns an das irdische -Dasein und beweisen dadurch, da wir geboren zu werden -<em class="gesperrt">wnschten</em>, als wir geboren wurden, indem wir <em class="gesperrt">noch immer</em> in -diese Welt geboren zu werden verlangen. Ein Mensch, der vor -dem irdischen Tode gar keine Furcht mehr htte, wrde in -eben diesem Augenblicke sterben; denn er htte nur mehr -den reinen Willen zum ewigen Leben, und dieses soll und -kann der Mensch selbstndig in sich verwirklichen: es <em class="gesperrt">schafft -sich</em>, wie <em class="gesperrt">alles</em> Leben selbst sich schafft.</p> - -<p>Weil aber jeder Mann in einem Verhltnis zur Idee des -hchsten Wertes steht, ohne dieser Idee ganz teilhaft zu -sein, darum gibt es keinen Mann, der <em class="gesperrt">glcklich</em> wre. -<em class="gesperrt">Glcklich sind nur die Frauen.</em> Kein Mann fhlt sich<span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span> -glcklich, denn ein jeder hat eine Beziehung zur Freiheit, -und ist doch auf Erden immer noch irgendwie unfrei. Glcklich -kann sich nur ein gnzlich passives Wesen fhlen, wie das -echte Weib, oder ein gnzlich aktives, wie die Gottheit. -Glck wre das Gefhl der Vollkommenheit, dieses Gefhl -kann ein Mann nie haben; wohl aber gibt es Frauen, die -sich vollkommen dnken. Der Mann hat immer Probleme -hinter sich und Aufgaben vor sich: alle Probleme wurzeln in -der Vergangenheit; das Land der Aufgaben ist die Zukunft. -Fr das Weib ist denn auch die Zeit gar nicht <em class="gesperrt">gerichtet</em>, -sie hat ihr keinen <em class="gesperrt">Sinn</em>: es gibt keine Frau, die sich die -Frage nach dem <em class="gesperrt">Zwecke</em> ihres Lebens stellte; <em class="gesperrt">doch die -Einsinnigkeit der Zeit ist nur der Ausdruck dafr, -da dieses Leben einen Sinn gewinnen soll und kann</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Glck</em> fr den Mann: das knnte nur ganze, reine <em class="gesperrt">Aktivitt</em> -sein, vllige Freiheit, nie ein geringer, aber auch nicht -der hchste Grad von Unfreiheit: denn seine Schuld huft -sich, je weiter er von der Idee der Freiheit sich entfernt. -Das irdische Leben <em class="gesperrt">ist</em> ihm ein <em class="gesperrt">Leiden</em> und <em class="gesperrt">mu</em> es sein, -schon weil in der Empfindung der Mensch eben doch <em class="gesperrt">passiv</em> ist; -weil ein Affiziertwerden stattfindet, weil es Materie und nicht -nur Formung der Erfahrung gibt. Es ist kein Mensch, welcher -der Wahrnehmung nicht bedrfte, selbst der geniale Mensch -wre nichts ohne sie, auch wenn er, mchtiger und schneller -als alle anderen, alsbald mit dem ganzen Gehalte seines Ich -sie erfllt und durchdringt, und nicht einer vollstndigen Induktion -bedarf, um die Idee eines Dinges zu erkennen. Die -<em class="gesperrt">Rezeptivitt</em> ist durch keinen <em class="gesperrt">Fichte</em>schen Gewaltstreich -aus der Welt zu schaffen: in der Sinnesempfindung ist der -Mensch <em class="gesperrt">passiv</em>, und seine Spontaneitt, seine Freiheit gelangt -erst im <em class="gesperrt">Urteil</em> zur Geltung und in jener Form eines universalen -<em class="gesperrt">Gedchtnisses</em>, das alle Erlebnisse dem <em class="gesperrt">Willen</em> des -Individuums zu reproduzieren vermag. Annherungen an die -hchste Spontaneitt, scheinbar schon Verwirklichungen -gnzlicher Freiheit, sind dem Manne die Liebe und das -geistige Schaffen. Darum gewhren am ehesten <em class="gesperrt">sie</em> ihm eine -Ahnung dessen, <em class="gesperrt">was</em> das <em class="gesperrt">Glck</em> ist, und lassen ihn seine -Nhe, auf Augenblicke freilich nur, zitternd ber sich verspren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span> - -Der Frau hingegen, die nie tief unglcklich sein kann, -ist <em class="gesperrt">darum</em> Glck eigentlich ein leeres Wort: auch der Begriff -des Glckes ist vom Manne, vom <em class="gesperrt">unglcklichen</em> Manne -geschaffen worden, obwohl er in ihm nie eine adquate Realisation -findet. Die Frauen scheuen sich nie, ihr Unglck -anderen zu zeigen: weil es eben kein echtes Unglck ist, -weil hinter ihm keine Schuld steht, am wenigsten die Schuld -des Erdenlebens als der Erbsnde.</p> - -<p>Der letzte, der absolute Beweis der vlligen Nichtigkeit -des weiblichen Lebens, seines vlligen Mangels an hherem -<em class="gesperrt">Sein</em>, wird uns aus der Art, wie Frauen den Selbstmord -vollziehen. Ihr Selbstmord erfolgt nmlich wohl immer -mit dem Gedanken an die anderen Menschen, was diese -sich denken, wie diese sie bedauern, wie sie sich grmen -oder — sich rgern werden. Das ist nicht so zu verstehen, -als ob die Frau nicht von ihrem, nach ihrer Ansicht <em class="gesperrt">stets -un</em>verdienten Unglck fest durchdrungen wre im Augenblicke, -da sie sich ttet: im Gegenteil, vor dem Selbstmord -bemitleidet sie sich am allerheftigsten, nach jenem Schema -des Mitleidens mit sich selbst, das nur ein Mitweinen mit -den anderen ber das Objekt des Mitgefhls des anderen, -ein vlliges Aufhren Subjekt zu sein, ist. Wie knnte auch -eine Frau ihr Unglck <em class="gesperrt">als zu sich gehrig</em> ansehen, da -sie doch unfhig ist, ein Schicksal zu haben? Das Frchterliche -und fr die <em class="gesperrt">Leerheit und Nullitt der Frauen</em> Entscheidende -ist vielmehr dies, da sie nicht einmal <em class="gesperrt">vor dem -Tode</em> zum <em class="gesperrt">Probleme</em> des Lebens, <em class="gesperrt">ihres</em> Lebens gelangen: -weil in ihnen nicht ein hheres Leben der Persnlichkeit -realisiert werden wollte.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die Frage also, welche im Eingang dieses zweiten -Teiles als sein Hauptproblem formuliert wurde, die -Frage nach der Bedeutung des Mann-Seins und -Weib-Seins, kann jetzt beantwortet werden. Die -Frauen haben keine Existenz und keine Essenz</em>, -sie <em class="gesperrt"><b>sind</b></em> nicht, sie sind <em class="gesperrt"><b>nichts</b></em>. <em class="gesperrt">Man <b>ist</b> Mann oder -man <b>ist</b> Weib, je nachdem ob man wer <b>ist</b> oder nicht.</em></p> - -<p>Das Weib hat keinen Teil an der ontologischen Realitt; -darum hat es kein Verhltnis zum Ding an sich, das<span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span> -fr jede tiefere Auffassung identisch ist mit dem Absoluten, -der Idee oder Gott. Der Mann, in seiner Aktualitt, dem -Genie, glaubt an das Ding an sich: ihm ist es entweder das -Absolute als sein hchster Begriff von wesenhaftem Werte: -dann ist er Philosoph. Oder es ist das wundergleiche -Mrchenland seiner Trume, das Reich der absoluten Schnheit: -dann ist er Knstler. <em class="gesperrt">Beides aber bedeutet dasselbe.</em></p> - -<p>Das Weib hat kein Verhltnis zur Idee, es bejaht sie -weder, noch verneint es sie: es ist weder moralisch noch -antimoralisch, es hat, mathematisch gesprochen, <em class="gesperrt">kein Vorzeichen</em>, -es ist richtungslos, weder gut noch bse, weder -Engel noch Teufel, es ist <em class="gesperrt">amoralisch</em> wie es <em class="gesperrt">alogisch</em> ist. -Alles Sein aber ist moralisches und logisches Sein. <em class="gesperrt">Die -Frau also <b>ist</b> nicht.</em></p> - -<p>Das Weib ist verlogen. Das Tier hat zwar ebensowenig -metaphysische Realitt wie die echte Frau; aber es spricht -nicht, und folglich lgt es nicht. Um die Wahrheit reden zu -knnen, mu man etwas <em class="gesperrt">sein</em>; denn die Wahrheit geht auf -ein <em class="gesperrt">Sein</em>, und zum Sein kann nur der ein <em class="gesperrt">Verhltnis</em> haben, -der selbst etwas <em class="gesperrt">ist</em>. Der Mann will die ganze Wahrheit -das heit, er will <em class="gesperrt">nur <b>sein</b></em>. Auch der Erkenntnistrieb ist zuletzt -<em class="gesperrt">identisch</em> mit dem Unsterblichkeitsbedrfnis. Wer dagegen -ber einen Tatbestand etwas aussagt, ohne wirklich -mutig ein Sein behaupten zu wollen; wem die uere Urteilsform -gegeben ist ohne die innere; wer, wie die Frau, nicht -wahrhaft <em class="gesperrt">ist</em>: der <em class="gesperrt">mu</em> notwendig <em class="gesperrt">immer</em> lgen. <em class="gesperrt">Darum lgt -die Frau stets, auch wenn sie objektiv die Wahrheit -spricht.</em></p> - -<p>Das Weib kuppelt. Die Lebenseinheiten des niederen -Lebens sind Individuen, Organismen; die Lebenseinheiten -des hheren Lebens sind Individualitten, Monaden, Meta-Organismen, -wie ein nicht wegzuwerfender Terminus bei -<em class="gesperrt">Hellenbach</em> lautet. Jede Monade aber unterscheidet sich -von jeder anderen, und ist von ihr so getrennt, wie zwei -Dinge nur sein knnen. Die Monaden haben keine Fenster; -statt dessen haben sie die ganze Welt <em class="gesperrt">in</em> sich. Der Mann -als die Monade, als potentielle oder aktuelle, das ist geniale -Individualitt, will auch <em class="gesperrt">berall sonst</em> Unterschied und<span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span> -Trennung, Individuation, Auseinandertreten: der naive Monismus -ist ausschlielich weiblich. Jede Monade bildet fr sich -eine abgeschlossene Einheit, ein Ganzes; aber auch das -fremde Ich ist ihr eine solche vollendete Totalitt, in die sie -nicht bergreift. Der Mann <b><em class="gesperrt">hat</em> Grenzen</b>, und <em class="gesperrt">bejaht, will</em> -Grenzen; die Frau, die keine Einsamkeit kennt, ist auch -nicht imstande, die Einsamkeit des Nebenmenschen als -solche zu bemerken und aufzufassen, zu achten oder zu ehren, -und sie unangetastet anzuerkennen: fr sie gibt es, weil -keine Einsamkeit, auch keine Mehrsamkeit, sondern nur ein -ungeschiedenes Verschmolzensein. Weil in der Frau kein Ich -ist, darum ist fr sie auch kein Du, <em class="gesperrt">darum gehren, nach -ihrer Auffassung, Ich und Du <b>zusammen</b> als <b>Paar</b>, als -ununterschiedenes Eines: darum kann die Frau zusammenbringen, -darum kann sie kuppeln</em>. Die Tendenz -ihrer Liebe ist die Tendenz ihres Mitleidens: die Gemeinschaft, -die Verschmolzenheit.<a name="FNAnker_75_75" id="FNAnker_75_75"></a><a href="#Fussnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a></p> - -<p>Fr die Frau gibt es nirgends <em class="gesperrt">Grenzen</em> ihres Ich, die -durchbrochen werden knnten, und die sie zu hten htte. -Hierauf beruht zunchst der Hauptunterschied zwischen mnnlicher -und weiblicher <em class="gesperrt">Freundschaft</em>. Alle <em class="gesperrt">mnnliche</em> -Freundschaft ist ein Versuch zusammenzugehen unter dem -Zeichen einer und derselben <em class="gesperrt">Idee</em>, welcher die Freunde, jeder -fr sich, gesondert und doch vereint, nachstreben; die <em class="gesperrt">weibliche</em> -Freundschaft ist ein Zusammen<em class="gesperrt">stecken</em>, und zwar,<span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span> -was besonders hervorzuheben ist, unter dem Gedanken der -<em class="gesperrt">Kuppelei</em>. Denn auf dieser beruht die einzig mgliche Art -eines intimeren und nicht hinterhltigen Verkehres zwischen -Frauen: soweit diese berhaupt nicht blo des Klatsches -oder materieller Interessen halber gerade weibliche Gesellschaft -aufsuchen.<a name="FNAnker_76_76" id="FNAnker_76_76"></a><a href="#Fussnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> Wenn nmlich von zwei Mdchen oder -Frauen die eine fr sehr viel schner gilt als die andere, dann -findet die hliche <em class="gesperrt">eine gewisse sexuelle Befriedigung</em> -in der Bewunderung, welche der Schneren gezollt wird. -Bedingung jeder Freundschaft zwischen Frauen ist also zu -oberst, da ein Rivalisieren zwischen ihnen ausgeschlossen -sei: es gibt keine Frau, die sich nicht krperlich mit jeder -anderen Frau sofort vergliche, welche sie kennen lernt. Lediglich -in jenen Fllen groer <em class="gesperrt">Un</em>gleichheit und <em class="gesperrt">aussichtsloser</em> -Konkurrenz kann die Hliche fr die Schnere -schwrmen, weil diese fr sie, ohne da es beiden im geringsten -bewut wrde, das nchste Mittel ist, <em class="gesperrt">selbst sexuell -befriedigt zu werden</em>: es ist nicht anders, sie fhlt sich -gleichsam <em class="gesperrt"><b>in</b> jener</em> koitiert.<a name="FNAnker_77_77" id="FNAnker_77_77"></a><a href="#Fussnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> Das vllig <em class="gesperrt">unpersnliche</em> -Leben der Frauen, wie auch der berindividuelle Sinn ihrer -Sexualitt, die Kuppelei als der Grundzug ihres Wesens, -leuchtet hieraus deutlich hervor. Sie verkuppeln sich <em class="gesperrt">wie</em> die -anderen, sich <em class="gesperrt">in</em> den anderen. <em class="gesperrt">Das Mindeste, was auch -das hlichste Weib verlangt, und woran es schon -ein gewisses Gengen findet, ist, da berhaupt -irgend eine ihres Geschlechtes bewundert, begehrt -werde.</em></p> - -<p>Mit diesem vllig verschmolzenen Leben des Weibes -hngt es zusammen, da die Frauen <em class="gesperrt">nie wirklich Eifersucht</em> -fhlen. So gemein Eifersucht und Rachedurst sind, -es steckt in beiden ein Groes, dessen die Frauen, wie aller<span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span> -Gre, im Guten oder im Bsen, <em class="gesperrt">un</em>fhig sind. In der Eifersucht, -liegt ein verzweifelter Anspruch auf ein vorgebliches -Recht, und der Rechtsbegriff ist den Frauen transcendent. -Aber der hauptschlichste Grund, da die Frau auf einen -einzelnen Mann nie ganz eiferschtig sein kann, ist ein anderer. -Wenn der Mann, auch einer, in den sie rasend verliebt -wre, im Zimmer neben dem ihren eine andere Frau umarmte -und bese, so wrde sie der Gedanke hieran sexuell -selbst so erregen, da fr die Eifersucht kein Platz bliebe. -Dem Manne wrde eine solche Scene, wenn er um sie wte, -hchst widerlich und abstoend sein, und ihm den Aufenthalt -in der Nhe verekeln; das Weib bejaht innerlich beinahe -fieberhaft den ganzen Hergang; oder es wird hysterisch, wenn -es sich nicht eingestehen will, da es zu tiefst auch diese -Vereinigung nur <em class="gesperrt">gewnscht</em> hat.</p> - -<p>Ferner gewinnt ber den Mann der Gedanke an -den fremden Koitus nie vllig Gewalt, er steht auer und -ber einem solchen Erlebnis, das fr ihn eigentlich gar -keines ist; die Frau aber verfolgt den Proze kaum selbst<em class="gesperrt">ttig</em>, -sie ist in <em class="gesperrt">fieberhafter Erregung</em> und wie <em class="gesperrt">festgebannt</em> -durch den Gedanken, was hart neben ihr sich -vollzieht.</p> - -<p>Oft mag auch das Interesse des <em class="gesperrt">Mannes</em> an seinem -Mitmenschen, der ihm ein Rtsel ist, bis auf dessen sexuelles -Leben sich erstrecken; aber jene <em class="gesperrt">Neugier</em>, welche den -Nebenmenschen gewissermaen zur Sexualitt <em class="gesperrt">zwingt</em>, ist nur -den Weibern eigentmlich, von ihnen jedoch ganz allgemein -bettigt, in gleicher Weise Frauen wie Mnnern gegenber. -Eine Frau interessieren an jedem Menschen zunchst und vor -allem seine <em class="gesperrt">Liebschaften</em>, und er ist ihr intellektuell nur so -lange dunkel und reizvoll, als sie ber diesen Punkt nicht -im Klaren ist.</p> - -<p>Aus alledem geht nochmals klar hervor, da Weiblichkeit -und Kuppelei identisch sind: eine rein <em class="gesperrt">immanente</em> -Betrachtung des Gegenstandes wrde denn auch mit dieser -Feststellung ihr Ende erreicht haben mssen. Meine Absicht -ging aber weiter; und ich glaube nun bereits angedeutet zu -haben, wie das Weib als Position, als Kupplerin, zusammenhngt<span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span> -mit dem Weibe als Negation, das eines hheren Lebens -als Monade gnzlich entbehrt. Das Weib verwirklicht eine -einzige Idee, die ihm selbst eben darum nie zum Bewutsein -kommen kann, jene Idee, welche der Idee der Seele am -uersten entgegengesetzt ist. Ob sie nun als Mutter nach -dem Ehebett verlangt oder als Dirne das Bacchanal bevorzugt, -ob sie zu zweien Familie begrnden will oder nach den -Massenverschlingungen des Venusberges hinstrebt, sie handelt -stets <em class="gesperrt">nach der Idee der Gemeinschaft</em>, jener Idee, welche -die <em class="gesperrt">Grenzen</em> der Individuen, durch <em class="gesperrt">Vermischung</em>, am -weitesten aufhebt.</p> - -<p>So ermglicht hier eines das andere: Emissrin des -Koitus kann nur ein Wesen ohne Individualitt, ohne Grenzen -sein. Nicht ohne Grund ist in der Beweisfhrung so weit ausgeholt -worden, wie es sicherlich noch nie in einer Behandlung -dieses Gegenstandes, noch auch sonst je einer charakterologischen -Arbeit geschehen ist. Das Thema ist darum so ergiebig, -weil hier der Zusammenhang alles hheren Lebens auf -der einen und alles niederen Lebens auf der anderen Seite -sich offenbaren mu. Jede Psychologie und jede Philosophie -findet hier einen Prfstein, vorzglicher als die meisten anderen, -auf da sie an ihm sich erprobe. Nur darum bleibt das -Problem Mann-Weib in aller Charakterologie das interessanteste -Kapitel, nur darum habe ich es zum Objekte einer -so umfassenden, weit ausgreifenden Untersuchung gewhlt.</p> - -<p>Man wird an dem Punkte, zu welchem die Darlegung -nun gelangt ist, sicherlich offen fragen, was man -bisher vielleicht nur als Bedenken bei sich erwogen hat: ob -denn dieser Anschauung die Frauen berhaupt noch Menschen -seien? Ob sie nach der Theorie des Verfassers nicht eigentlich -unter die Tiere oder die Pflanzen gerechnet werden -mten? Denn sie entbehrten, nach seiner Auffassung, einer -hheren als der sinnlichen Existenz nicht minder denn jene, -sie htten so wenig teil am ewigen Leben wie die brigen -Organismen, denen persnliche Fortdauer kein Bedrfnis und -keine Mglichkeit ist. Eine metaphysische Realitt sei beiden -gleich wenig beschieden, sie <em class="gesperrt">seien</em> alle nicht, das Weib -nicht, noch auch das Tier, noch die Pflanze — alle nur Erscheinung,<span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span> -nirgends etwas vom Ding an sich. Der Mensch -ist, nach der Ansicht, die sein Wesen am tiefsten erfat hat, -ein Spiegel des Universums, er ist der Mikrokosmus; die -Frau aber ist absolut ungenial, sie lebt nicht im tiefen Zusammenhange -mit dem All.</p> - -<p>In <em class="gesperrt">Ibsens</em> Klein Eyolf spricht das Weib an einer -schnen Stelle zum Manne:</p> - -<p><em class="gesperrt">Rita</em>: Wir sind doch schlielich nur Menschen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Allmers</em>: Auch mit Himmel und Meer sind wir ein wenig -verwandt, Rita.</p> - -<p><em class="gesperrt">Rita</em>: <em class="gesperrt">Du vielleicht. Ich nicht.</em></p> - -<p>Ganz bndig liegt hierin die Einsicht des Dichters, da -die Frau zur Idee der Unendlichkeit, zur Gottheit, kein -Verhltnis hat: weil ihr die Seele fehlt. Zum <em class="gesperrt">Brahman</em> -dringt man, nach den Indern, nur durch das <em class="gesperrt">tman</em> vor. -Das Weib ist nicht Mikrokosmus, es ist nicht nach dem -Ebenbilde der Gottheit entstanden. Ist es also noch Mensch? -Oder ist es Tier? Oder Pflanze?</p> - -<p>Den Anatomen mssen diese Fragen wohl recht lcherlich -bednken, und er wird einen Standort von vornherein fr -verfehlt halten, auf dessen Boden solche Problemstellungen -erwachsen knnen. Ihm ist das Weib homo sapiens und -von allen brigen Spezies wohl unterschieden, dem menschlichen -Manne nicht anders zugeordnet als das Weibchen in -jeder Art und Gattung sonst seinem Mnnchen. Und der -Philosoph darf gewi nicht sagen: Was gehen mich die -Anatomen an! Mag er auch von dieser Seite noch so wenig -Verstndnis erhoffen fr das, was ihn bewegt: er spricht hier -ber anthropologische Dinge, und, wenn er die Wahrheit -findet, darf auch die morphologische Tatsache um ihr Recht -nicht verkrzt worden sein.</p> - -<p>In der Tat! Zwar stehen die Frauen sicherlich in ihrem -Unbewuten der Natur nher als der Mann. Die Blumen -sind ihre Schwestern, und da sie von den Tieren minder -weit entfernt sind als der Mann, dafr zeugt, da sie zur -Sodomie sicherlich mehr Neigung haben als er (Pasiphae- -und Leda-Mythus. Auch das Verhltnis zum Schohndchen -ist wahrscheinlich ein noch weit sinnlicheres, als man gewhnlich<span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span> -es sich ausmalt).<a name="FNAnker_78_78" id="FNAnker_78_78"></a><a href="#Fussnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a> Aber die Frauen sind Menschen. -Selbst W, die wir ohne jede Spur des intelligiblen Ich denken, -ist doch immerhin das Komplement zu M. Und sicherlich ist -die Tatsache der besonderen <em class="gesperrt">sexuellen</em> und <em class="gesperrt">erotischen</em> Ergnzung -des menschlichen Mannes durch das <em class="gesperrt">menschliche</em> -Weib wenn auch nicht jene sittliche Erscheinung, von welcher -die Frsprecher der Ehe schwatzen, so doch von ungeheuerer -Bedeutung fr das Problem der Frau. Die Tiere sind -ferner blo Individuen, die Frauen Personen (wenn auch nicht -Persnlichkeiten). Die uere Urteilsform, wenn auch nicht -die innere, die Sprache, obgleich nicht die Rede, ein gewisses -Gedchtnis, obschon keine kontinuierliche Einheit des -Selbstbewutseins ist ihnen verliehen. Fr alles im Manne -besitzen sie eigentmliche <em class="gesperrt">Surrogate</em>, die noch fortwhrend -jene Verwechslungen begnstigen, denen die Schtzer der -Weiblichkeit so gerne unterliegen.</p> - -<p>Es ist keine andere Frage als die nach dem <em class="gesperrt">letzten -Wesen des Geschlechtsgegensatzes</em>, die hiemit neu aufgeworfen -erscheint. Die Rolle, welche das mnnliche und -das weibliche Prinzip im Tier- und im Pflanzenreiche spielen, -bleibt hier <em class="gesperrt">auer</em> Betracht; es handelt sich einzig um den -Menschen. Da solche Prinzipien der Mnnlichkeit und -Weiblichkeit nicht als metaphysische Ideen, sondern als -theoretische Begriffe angenommen werden mssen, darauf lief -die ganze Untersuchung gleich zu Anfang hinaus. Welche -gewaltigen Unterschiede zwischen Mann und Weib, weit ber die -bloe physiologisch-sexuelle Differenz hinaus, ohne Frage zumindest -beim <em class="gesperrt">Menschen</em> bestehen, das hat der ganze weitere -Verlauf der Betrachtung gezeigt. Jene Anschauung also, welche -in der Tatsache des Dualismus der Geschlechter nichts weiter -erblickt als eine Vorrichtung zur Distribution verschiedener -Funktionen auf verschiedene Wesen im Sinne einer Teilung -der physiologischen Arbeit — eine Auffassung, die, wie ich<span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span> -glaube, dem Zoologen <em class="gesperrt">Milne-Edwards</em> ihre besondere Verbreitung -zu danken hat — erscheint hienach vllig unannehmbar; -ber ihre ans Lcherliche streifende Oberflchlichkeit -und intellektuelle Gengsamkeit ist weiter kein Wort zu -verlieren. Zwar ist der <em class="gesperrt">Darwinismus</em> der Popularisierung dieser -Ansicht besonders gnstig gewesen, und man hat sogar -ziemlich allgemein an ein Hervorgehen der geschlechtlich -differenzierten Organismen aus einem frheren Stadium -sexueller Ungeschiedenheit gedacht: durch einen Sieg der einer -solchen Funktionsentlastung teilhaft gewordenen Wesen ber -die primitiveren, berbrdeten, ungeschlechtlichen oder doppelgeschlechtlichen -Arten. Da aber eine solche Entstehung -des Geschlechtes infolge der Vorzge der Arbeitsteilung, -der Erleichterung im Kampfe ums Dasein eine, ganz <em class="gesperrt">unvollziehbare -Vorstellung ist</em>, hat, lange vor den modernen -Totenkfern <em class="gesperrt">Darwins</em>, Gustav Theodor <em class="gesperrt">Fechner</em> in -einer unwiderleglichen Argumentation dargetan.</p> - -<p>Isoliert ist der Sinn von Mann und Weib nicht zu erforschen; -sie knnen in ihrer Bedeutung nur aneinander erkannt und -gegeneinander bestimmt werden. <em class="gesperrt">In ihrem Verhltnis zueinander</em> -mu der Schlssel fr das Wesen <em class="gesperrt">beider</em> zu finden -sein. Bei dem Versuche, die Natur der Erotik zu ergrnden, -ist bereits kurz auf ihn angespielt worden. <em class="gesperrt">Es ist das Verhltnis -von Mann und Weib kein anderes als das -von <b>Subjekt</b> und <b>Objekt</b>. <b>Das Weib sucht seine Vollendung -als Objekt.</b></em> Es ist die <em class="gesperrt">Sache</em> des Mannes, oder -die <em class="gesperrt">Sache</em> des Kindes, und will, trotz aller Bemntelung, -nicht anders genommen werden denn wie eine <em class="gesperrt">Sache</em>. -Niemand miversteht so sehr, was eine Frau wirklich will, -als wer sich fr das interessiert, was in ihr vorgeht, und -fr ihre Gefhle und Hoffnungen, fr ihre Erlebnisse und -innere Eigenart eine Teilnahme in sich aufkommen lt. Die -Frau <em class="gesperrt">will nicht</em> als <em class="gesperrt">Subjekt</em> behandelt werden, sie will -stets und in alle Wege — das ist eben ihr Frau-Sein — -lediglich <em class="gesperrt">passiv</em> bleiben, <em class="gesperrt">einen Willen auf sich gerichtet -fhlen</em>, sie will nicht gescheut noch geschont, <em class="gesperrt">sie will -nicht <b>geachtet</b> sein</em>. Ihr Bedrfnis ist vielmehr, nur -als Krper begehrt, und nur als fremdes Eigentum besessen<span class="pagenum"><a name="Seite_392" id="Seite_392">[S. 392]</a></span> -zu werden. <em class="gesperrt">Wie die bloe Empfindung erst -Realitt gewinnt, indem sie begrifflich, d. h. <b>Gegenstand</b> -wird, so gelangt das Weib zu seinem Dasein -und zu einem Gefhle desselben erst, indem es vom -Manne oder vom Kinde, als dem Subjekte, zu dessen -<b>Objekt</b> erhoben wird, und so eine Existenz geschenkt -erhlt.</em></p> - -<p><em class="gesperrt">Was erkenntnistheoretisch der Gegensatz des -Subjekts zum Objekt, das sagt ontologisch die -Gegenberstellung von <b>Form</b> und <b>Materie</b>.</em> Sie ist nur -die bersetzung jener Unterscheidung aus dem Transcendentalen -ins Transcendente, aus dem Erfahrungskritischen -ins Metaphysische. Die Materie, das absolut <em class="gesperrt">Un</em>individualisierte, -das, was <em class="gesperrt">jede</em> Form annehmen kann, selbst aber keine -bestimmten und dauernden Eigenschaften hat, ist das, was -so wenig <em class="gesperrt">Essenz</em> besitzt, wie der bloen Empfindung, der -Materie der Erfahrung, an sich schon <em class="gesperrt">Existenz</em> zukommt. -Whrend also der Gegensatz von Subjekt und Objekt ein -solcher der Existenz ist (<em class="gesperrt">indem die Empfindung erst als -ein dem Subjekte gegenbergestellter Gegenstand -Realitt gewinnt</em>), bedeutet der Gegensatz von Form und -Materie einen Unterschied der Essenz (<em class="gesperrt">die Materie ist ohne -Formung absolut qualittenlos</em>). Darum konnte <em class="gesperrt">Platon</em> -die Stofflichkeit, die bildsame Masse, das an sich formlose -ἄπειρον, den knetbaren Teig des ἐκμαγεῖον, das, worein die -Form eingeht, ihren Ort, ihre χώρα, das ἐν ᾧ, jenes ewig -<em class="gesperrt">Zweite</em>, <em class="gesperrt">Andere</em>, das θάτερον, auch <b>als das Nichtseiende</b>, als -das ὴ ὄν bezeichnen. Der zieht den tiefsten Denker auf das -Niveau der vordersten Oberflchlichkeit, der ihn, wie dies -hufig geschieht, meinen lt, sein Nichtseiendes sei der -<em class="gesperrt">Raum</em>. Gewi wird kein bedeutender Philosoph dem Raum -eine metaphysische Existenz zuschreiben, aber ebensowenig -kann er ihn fr <em class="gesperrt">das</em> Nichtseiende an sich halten. Es -charakterisiert gerade den ahnungslosen, frechen Schwtzer, -da der leere Raum fr ihn Luft, Nichts ist; erst -dem vertieften Nachdenken gewinnt er an Realitt, und wird -ihm Problem. Das Nichtseiende <em class="gesperrt">Platons</em> ist gerade das, -was dem <em class="gesperrt">Philister</em> als das denkbar <em class="gesperrt">Realste</em>, als die Summation<span class="pagenum"><a name="Seite_393" id="Seite_393">[S. 393]</a></span> -der Existenzwerte erscheint, <em class="gesperrt">es ist nichts anderes -als die Materie</em>.</p> - -<p>Ist es also eine zu klaffende Diskontinuitt, wenn ich im -Anschlu an <em class="gesperrt">Plato</em>, der selbst sein jede Form Annehmendes -vergleichsweise als die <em class="gesperrt">Mutter</em> und <em class="gesperrt">Amme</em> alles Werdens -bezeichnet, auf den Spuren des <em class="gesperrt">Aristoteles</em>, dessen Naturphilosophie -<em class="gesperrt">im Zeugungsakte</em> dem weiblichen Prinzip die -<em class="gesperrt">stoffliche</em>, dem mnnlichen die <em class="gesperrt">formende</em> Rolle zuerteilt -hat — ist es Willkr, wenn ich, in bereinstimmung mit -dieser Anschauung und Erweiterung derselben, <em class="gesperrt">die Bedeutung -des Weibes fr den Menschen nun berhaupt in -der Vertretung der Materie erblicke</em>? Der Mann, als -Mikrokosmus, ist beides, zusammengesetzt aus hherem und -niederem Leben, aus metaphysisch Existentem und Wesenlosem, -aus Form und Materie: das <em class="gesperrt">Weib</em> ist <em class="gesperrt">nichts</em>, <em class="gesperrt">es ist -<b>nur</b> Materie</em>.</p> - -<p>Erst <em class="gesperrt">diese</em> Erkenntnis bildet den Schlustein des Gebudes, -von ihr aus wird alles deutlich, was noch unklar -war, und rundet sich zum geschlossenen Zusammenhange. -Das geschlechtliche Streben des Weibes geht nach <em class="gesperrt">Berhrung</em>, -es ist nur <em class="gesperrt">Kontrektations-</em> und nicht Detumeszenztrieb.<a name="FNAnker_79_79" id="FNAnker_79_79"></a><a href="#Fussnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a> -Dem entspricht, da sein feinster Sinn, und zugleich -der einzige, bei ihm weiter als beim Manne entwickelte Sinn -das <em class="gesperrt">Tastgefhl</em> ist.<a name="FNAnker_80_80" id="FNAnker_80_80"></a><a href="#Fussnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a> Auge und Ohr fhren beide ins Unbegrenzte -und lassen eine Unendlichkeit ahnen; der Tastsinn -erfordert engste krperliche Nhe zur eigenen Bettigung; -man vermengt sich mit dem, was man angreift: er ist der -eminent schmutzige Sinn, und wie geschaffen fr ein auf -krperliche Gemeinschaft angelegtes Wesen. Was durch ihn -vermittelt wird, ist die Widerstandsempfindung, die Wahrnehmung -des Palpablen; und eben von der <em class="gesperrt">Materie</em> lt -sich, wie <em class="gesperrt">Kant</em> gezeigt hat, nichts anderes aussagen, als -da sie eine derartige Raumerfllung ist, die allem, was in -sie einzudringen strebt, einen gewissen <em class="gesperrt">Widerstand</em> entgegensetzt. -Die Erfahrung des Hindernisses hat, wie den -psychologischen (nicht den erkenntnistheoretischen) <em class="gesperrt">Ding</em>begriff,<span class="pagenum"><a name="Seite_394" id="Seite_394">[S. 394]</a></span> -so auch den bergroen Realittscharakter geschaffen, -welchen die Data des Tastsinnes fr die meisten Menschen -immer besitzen, als die solideren, primren Qualitten der -Erfahrungswelt. Aber nichts anderes als der ihm stets anhaftende -letzte Rest von Weiblichkeit ist es, der bewirkt, da -fr den Mann die Materie den Charakter der eigentlichen Realitt -gefhlsmig nie vollstndig <em class="gesperrt">verliert</em>. Gbe es einen absoluten -Mann, so wre ihm die Materie auch <em class="gesperrt">psychologisch</em> (nicht -nur logisch) kein irgendwie Seiendes mehr.</p> - -<p>Der Mann ist Form, das Weib Materie. Ist das richtig, -so mu es auch in dem Verhltnis ihrer psychischen Einzelerlebnisse -zueinander einen Ausdruck finden. Die lngst festgestellte -Gliederung der Inhalte des mnnlichen Seelenlebens -gegenber dem unartikulierten und chaotischen Vorstellen -des Weibes verkndet nichts anderes als diesen nmlichen -Gegensatz von Form und Materie. Die Materie will geformt -werden: <em class="gesperrt">darum verlangt</em> das Weib vom Manne die <em class="gesperrt">Klrung</em> -seiner verworrenen Gedanken, die <em class="gesperrt">Deutung der Heniden</em>.<a name="FNAnker_81_81" id="FNAnker_81_81"></a><a href="#Fussnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a></p> - -<p>Die Frauen sind die Materie, die jede Form annimmt. -Jene Untersuchungen, welche fr die Mdchen eine bessere -Erinnerung speziell an den Lehrstoff ergeben haben, als fr -die Knaben, knnen nur so erklrt werden: aus der Inanitt -und Nullitt der Frauen, die mit allem Beliebigen <em class="gesperrt">imprgniert</em> -werden knnen, indes der Mann nur behlt, was ihn wirklich -interessiert, und alles brige <em class="gesperrt">vergit</em> (vgl. Teil II, <a href="#Seite_147">S. 147</a>, -168). Aber vor allem geht das, was die <em class="gesperrt">Schmiegsamkeit</em> des -Weibes genannt wurde, seine auerordentliche <em class="gesperrt">Beeinflubarkeit</em> -durch das fremde Urteil, seine <em class="gesperrt">Suggestibilitt</em>, -seine vllige <em class="gesperrt">Umschaffung</em> durch den Mann auf dieses -Blo-Materie-Sein, diesen <em class="gesperrt">Mangel</em> jeder <em class="gesperrt">ursprnglichen -Form</em> zurck. <em class="gesperrt">Das Weib <b>ist</b> nichts, und darum, <b>nur</b> -darum <b>kann es alles werden</b>; whrend der Mann -stets nur werden kann, was er <b>ist</b>.</em> Aus einer Frau kann -man machen, <em class="gesperrt">was man will</em>; dem Manne hchstens zu dem -verhelfen, was <em class="gesperrt">er</em> will. Darum hat, in der wahren Bedeutung -des Wortes, eigentlich nur <em class="gesperrt">Frauen</em>, nicht Mnner, zu <em class="gesperrt">erziehen</em><span class="pagenum"><a name="Seite_395" id="Seite_395">[S. 395]</a></span> -einen <em class="gesperrt">Sinn</em>. Am Manne wird durch alle Erziehung -nie irgend ein Wesentliches gendert; im Weibe kann sogar -seine eigenste Natur, die Hochwertung der Sexualitt, durch -ueren Einflu vllig zurckgedrngt werden. Das Weib -mag alles scheinen und alles verleugnen, aber es <em class="gesperrt">ist</em> nie -irgend etwas in Wahrheit.</p> - -<p>Man wird freilich, selbst wenn man mit den bisherigen -Ableitungen sollte einverstanden sein, ihnen zum Vorwurf -machen, da sie keine Auskunft darber gben, <b>was</b> denn -der <em class="gesperrt">Mann</em> eigentlich <em class="gesperrt">sei</em>. Lt sich von ihm, wie vom Weibe -<em class="gesperrt">Kuppelei</em> und <em class="gesperrt">Wesenlosigkeit</em>, irgend etwas als allgemeine -Eigenschaft prdizieren? Gibt es berhaupt einen <em class="gesperrt">Begriff</em> -des Mannes, wie es einen Begriff des Weibes gibt, und lt -sich dieser Begriff hnlich definieren?</p> - -<p>Hierauf ist zu antworten, da die Mnnlichkeit eben in -der <em class="gesperrt">Tatsache</em> der Individualitt, der wesenhaften Monade -liegt und sich mit ihr deckt. Jede Monade aber ist von jeder -anderen um ein <em class="gesperrt">Unendliches</em> verschieden, und darum keine -subsumierbar unter einen umfassenderen Begriff, der mehreren -Monaden Gemeinsames enthielte. Der <em class="gesperrt">Mann</em> ist der <em class="gesperrt">Mikrokosmus</em>, -in ihm sind <em class="gesperrt">alle</em> Mglichkeiten berhaupt enthalten. -Man hte sich dies zu verwechseln mit der <em class="gesperrt">universellen -<b>Suszeptibilitt</b></em> der Frau, die alles wird, <em class="gesperrt">ohne irgend -etwas zu sein</em>, indes der Mann alles <em class="gesperrt">ist</em> und davon mehr -oder weniger, je nach seiner Begabung, auch <em class="gesperrt">wird</em>. Der -Mann hat auch das Weib, er hat auch Materie in sich, und -kann diesen Teil seines Wesens sich entwickeln lassen, d. h. -verkommen und entarten; oder er kann ihn erkennen und -bekmpfen — <em class="gesperrt">darum</em> kann <em class="gesperrt">er</em>, und <em class="gesperrt">nur <b>er</b></em>, ber die Frau -zur Wahrheit gelangen (Teil II, <a href="#Seite_106">S. 106</a>–108). <em class="gesperrt">Das Weib -aber hat keine Mglichkeit einer Entwicklung, auer -durch den Mann.</em></p> - -<p>Ganz deutlich wird die Bedeutung von Mann und -Weib immer erst in der Betrachtung ihrer gegenseitigen -<em class="gesperrt">sexuellen</em> und <em class="gesperrt">erotischen Relationen</em>. Das tiefste Begehren -der Frau ist, vom Manne <em class="gesperrt">geformt</em> und <em class="gesperrt">dadurch erst -geschaffen</em> zu werden. Die Frau wnscht, da der Mann ihr -Meinungen beibringe, <em class="gesperrt">ganz andere</em>, als sie bisher gehabt<span class="pagenum"><a name="Seite_396" id="Seite_396">[S. 396]</a></span> -hat, sie will durch ihn umgestoen sehen, was sie bisher fr -richtig hielt (Gegenteil der Piett, <a href="#Seite_161">S. 161</a>), sie will als Ganzes -<em class="gesperrt">widerlegt sein</em>, und erst <em class="gesperrt">neugebildet</em> werden durch ihn. -Der Wille des Mannes <em class="gesperrt">schafft</em> erst die Frau, er <em class="gesperrt">gebietet</em> -ber sie, und <em class="gesperrt">verndert sie von Grund auf</em> (Hypnose). -Hier ist auch endlich Klrung ber das Verhltnis des -Psychischen zum Physischen bei Mann und Weib zu finden. -Fr den Mann wurde frher die Wechselwirkung, und zwar -nur im Sinne einer einseitigen Schpfung des Leibes durch -die transcendente Psyche, als die Projektion derselben auf -die Erscheinungswelt, fr das Weib hingegen der Parallelismus -eines blo Empirisch-Psychischen und Empirisch-Physischen -angenommen. Jetzt ist klar, da auch beim Weibe -eine Wechselwirkung Geltung hat. Aber whrend beim -<em class="gesperrt">Manne</em>, nach <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> wahrster Lehre, da der -Mensch sein eigenes Werk sei, der <em class="gesperrt">eigene</em> Wille sich den -Krper <em class="gesperrt">schafft</em> und <em class="gesperrt">umschafft</em>, wird das <em class="gesperrt">Weib</em> durch den -<em class="gesperrt">fremden</em> Willen krperlich <em class="gesperrt">beeinflut</em> und <em class="gesperrt">umgebildet</em> -(Suggestion, Versehen). Der Mann formt also nicht nur sich, -sondern auch, ja leichter noch, das Weib. Jene Mythen der -Genesis und anderer Kosmogonien, welche das Weib vom -Manne geschaffen sein lassen, haben eine tiefere Wahrheit -verkndet als die biologischen Deszendenzlehren, die an ein -Hervorgehen des Mnnlichen aus dem Weiblichen glauben.</p> - -<p>Auch jene im 9. Kapitel (<a href="#Seite_279">S. 279</a>) offen gelassene Frage, -wie das Weib, ohne selbst Seele und Willen zu besitzen, doch in -der Lage sein knne, herauszufinden, in welchem Mae der -Mann mit ihnen ausgestattet ist, auch diese schwierigste -Frage mag jetzt zu beantworten versucht werden. Man mu -sich nur darber klar geworden sein, da, was die Frau bemerkt, -und wofr sie ein Organ hat, nicht die <em class="gesperrt">besondere</em> -Natur eines Mannes ist, sondern nur die <em class="gesperrt">allgemeine Tatsache</em> -und etwa noch der <em class="gesperrt">Grad</em> seiner <em class="gesperrt">Mnnlich<b>keit</b></em>. Es ist -ganz falsch, <em class="gesperrt">Heuchelei, oder aus der spteren Imprgnation -mit dem mnnlichen Wesen zu Unrecht erschlossen</em>, -da die Frau ein ursprngliches <em class="gesperrt">Verstndnis</em> -fr die <em class="gesperrt">Individualitt</em> des Mannes habe.<a name="FNAnker_82_82" id="FNAnker_82_82"></a><a href="#Fussnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> Der Verliebte, der<span class="pagenum"><a name="Seite_397" id="Seite_397">[S. 397]</a></span> -durch das unbewute Simulieren eines tieferen Begreifens -von Seite des Weibes so leicht zu foppen ist, mag an ein -Verstndnis seiner selbst durch ein Mdchen glauben; wer -weniger gengsam ist, wird es sich nicht verhehlen knnen, da -die Frauen nur fr das <em class="gesperrt">Da</em>, nicht fr das <em class="gesperrt">Was</em> der Seele, nur -fr die <em class="gesperrt">formale allgemeine Tatsache</em>, nicht fr die <em class="gesperrt">Besonderheit</em> -der Persnlichkeit einen Sinn besitzen. Denn um -<em class="gesperrt">spezielle</em> Form perzipieren und apperzipieren zu knnen, -mte die Materie an sich nicht <em class="gesperrt">formlos</em> sein; das Verhltnis -der Frau zum Mann ist aber kein anderes als das der -Materie zur Form, und ihr Verstndnis fr ihn nichts als -Bereitwilligkeit, mglichst krftig geformt zu werden, der -Instinkt des Existenzlosen fr Existenz. Also dieses Verstndnis -ist kein theoretisches, es ist kein Anteilnehmen, -sondern ein Anteilhabenwollen; es ist zudringlich und egoistisch. -Die Frau hat kein Verhltnis zum <em class="gesperrt">Manne</em> und -keinen Sinn fr den Mann, sondern nur einen fr <em class="gesperrt">Mnnlichkeit</em>; -und wenn sie fr sexuell anspruchsvoller gehalten -werden darf als er, so ist diese Anspruchsflle nichts anderes -als das intensive Begehren nach ausgiebigster und strkster -Formung: <em class="gesperrt">es ist das Warten auf das grtmgliche -Quantum von Existenz</em>.</p> - -<p>Und nichts anderes ist schlielich auch die <em class="gesperrt">Kuppelei</em>. -Die Sexualitt der Frauen ist <em class="gesperrt">ber</em>individuell, weil sie nicht -abgegrenzte, geformte, individualisierte Wesenheiten im -hheren Sinne darstellen. Der hchste Augenblick im Leben -des Weibes, der, in dem sein <em class="gesperrt">Ur</em>sein, die <em class="gesperrt">Urlust</em> sich offenbart, -ist jener Moment, wo der mnnliche Same in es fliet. -Da umarmt es den Mann strmisch und pret ihn an sich: -es ist die hchste Lust der Passivitt, strker noch als das -Glcksgefhl der Hypnotisierten, die Materie, welche eben -geformt wird und die Form nicht loslassen, sie ewig an sich -binden will. Dieses unendliche Trachten der Armut, dem -Reichtum sich zu gesellen, das gnzlich formlose und darum -berindividuelle Streben des <em class="gesperrt">Un</em>gegliederten, die Form zur -Berhrung mit sich zu bringen, sie dauernd festzuhalten und -so Existenz zu gewinnen, liegt der Kuppelei im Tiefsten zu -Grunde. Da das Weib nicht Monade ist und keine Grenzen<span class="pagenum"><a name="Seite_398" id="Seite_398">[S. 398]</a></span> -hat, dadurch ist Kuppelei nur <em class="gesperrt">ermglicht</em>; zur <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em> -wird sie, weil es die Idee des <em class="gesperrt">Nichts</em>, der <em class="gesperrt">Materie</em> -reprsentiert, die unaufhrlich und in jeder Weise die Form -zur Vermengung mit sich zu verfhren trachtet. Kuppelei ist -das ewige Drngen des Nichts zum Etwas.</p> - -<p>So hat sich allmhlich die Dualitt von Mann und Weib -zum Dualismus berhaupt entwickelt, zum Dualismus des -hheren und des niederen Lebens, des Subjekts und Objekts, -der Form und der Materie, des Etwas und des Nichts. Alles -metaphysische, alles transcendentale Sein ist logisches und -moralisches Sein: <em class="gesperrt">das Weib ist alogisch und amoralisch</em>. -Es enthlt aber auch keine Abkehr vom Logischen -und Moralischen, es ist nicht <em class="gesperrt">anti</em>logisch, es ist nicht <em class="gesperrt">anti</em>moralisch. -Es ist nicht das <em class="gesperrt">Nicht</em>, sondern das <em class="gesperrt">Nichts</em>, es -ist <em class="gesperrt">weder Ja</em>, <em class="gesperrt">noch</em> ist es <em class="gesperrt">Nein</em>. Der <em class="gesperrt">Mann</em> birgt in sich die -Mglichkeit zum absoluten Etwas <em class="gesperrt">und</em> zum absoluten Nichts, -und darum hat all sein Handeln eine <em class="gesperrt">Richtung</em> nach dem -einen oder dem anderen: das Weib <em class="gesperrt">sndigt</em> nicht, <em class="gesperrt">denn -es ist selbst <b>die</b> Snde, als <b>Mglichkeit</b> im Manne</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten -<b>Etwas</b>, das Weib, auch das Weib im Manne, ist das -Symbol des <b>Nichts</b>: das ist die Bedeutung des Weibes -im Universum, und so ergnzen und bedingen sich Mann -und Weib.</em> Als des Mannes <em class="gesperrt">Gegensatz</em> hat das Weib einen -Sinn und eine Funktion im Weltganzen; und wie der menschliche -Mann ber das tierische Mnnchen, so reicht das menschliche -Weib ber das Weibchen der Zoologie hinaus.<a name="FNAnker_83_83" id="FNAnker_83_83"></a><a href="#Fussnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a> -<em class="gesperrt">Kein begrenztes Sein, kein begrenztes Nichtsein</em> (wie -im Tierreich) liegen im <em class="gesperrt">Menschen</em> im Kampfe: <em class="gesperrt">was hier -sich gegenbersteht, ist unbegrenztes Sein</em> und <em class="gesperrt">unbegrenztes -Nichtsein</em>. <em class="gesperrt">Darum</em> machen erst Mann und Weib -<em class="gesperrt">zusammen</em> den Menschen aus.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Sinn</em> des Weibes ist es also, <em class="gesperrt">Nicht-Sinn</em> zu sein. -Es reprsentiert das <em class="gesperrt">Nichts</em>, den Gegenpol der Gottheit, die -<em class="gesperrt">andere Mglichkeit</em> im Menschen. Darum gilt mit Recht -nichts fr gleich verchtlich, als der Weib gewordene Mann, -und wird ein solcher Mann geringer geachtet als selbst der<span class="pagenum"><a name="Seite_399" id="Seite_399">[S. 399]</a></span> -stumpfsinnigste und roheste Verbrecher. Und so erklrt -sich auch jene tiefste <em class="gesperrt">Furcht</em> im Manne: die <em class="gesperrt">Furcht vor -dem Weibe</em>, das ist die <em class="gesperrt">Furcht vor der Sinnlosigkeit</em>: -das ist die Furcht <em class="gesperrt">vor dem lockenden Abgrund des -Nichts</em>.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">alte Weib</em> offenbart erst ganz und gar, was das -Weib in Wirklichkeit ist. Die Schnheit der Frau wird, auch -rein erfahrungsgem, nur <em class="gesperrt">geschaffen</em> durch die <em class="gesperrt">Liebe</em> des -Mannes: die Frau wird schner, wenn ein Mann sie liebt, <em class="gesperrt">weil -sie passiv dem Willen entspricht, der in seiner Liebe -liegt</em>; so mystisch dies klinge, es ist nur eine alltgliche Beobachtung. -Das alte Weib zeigt, wie das Weib nie schn <em class="gesperrt">war</em>: -<em class="gesperrt">wre</em> das Weib, so wre die Hexe nicht. Aber das Weib -<em class="gesperrt">ist</em> nichts, ein hohles Gef, eine Zeitlang berschminkt und -bertncht.</p> - -<p>Alle Qualitten der Frau hngen an ihrem Nicht-Sein, an -ihrer <em class="gesperrt">Wesenlosigkeit</em>: weil sie kein wahres, unwandelbares, -sondern nur ein irdisches Leben hat, darum begnstigt sie als -Kupplerin die Zeugung in <em class="gesperrt">diesem</em>, darum ist sie durch den -Mann, der sinnlich auf sie wirkt, vom Grund auf umzuschaffen -und empfnglich berhaupt. So vereinigen sich die drei fundamentalen -Eigenschaften des Weibes, welche dieses Kapitel -aufgedeckt hat, und schlieen sich zusammen in seinem -Nicht-Sein.</p> - -<p>Aus dem Begriff des Nicht-Seins ergeben sich Vernderlichkeit -und Verlogenheit, als die zwei <em class="gesperrt">negativen</em> Bestimmungen, -durch <em class="gesperrt">unmittelbare</em> Deduktion. Blo Kuppelei, -als die einzige <em class="gesperrt">Position</em> im Weibe, folgt aus ihm nicht gleich -rasch durch einfache Analyse.</p> - -<p>Und das ist wohl begreiflich. Denn das <em class="gesperrt">Dasein</em> des -Weibes ist selbst <em class="gesperrt">identisch</em> mit der Kuppelei, mit Bejahung -aller Sexualitt berhaupt. <em class="gesperrt">Kuppelei ist nichts anderes als -universale Sexualitt</em>; da das Weib ist, heit nichts -anderes, als da in der Welt ein radikaler Hang zu allgemeiner -Sexualitt besteht. <em class="gesperrt">Die Kuppelei noch weiter <b>kausal</b> -zurckfhren bedeutet so viel als das <b>Dasein des -Weibes erklren</b>.</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_400" id="Seite_400">[S. 400]</a></span> - -Wenn hiezu von der Tafel des zwiefachen Lebens (<a href="#Seite_378">S. 378</a>) -ausgegangen wird, so ist die <em class="gesperrt">Richtung vom hchsten -Leben weg zum irdischen hin</em>, das <em class="gesperrt">Ergreifen des Nicht-Seienden -statt des Seienden</em>, der <em class="gesperrt">Wille zum Nichts</em>, -das <em class="gesperrt">Nicht</em>, das <em class="gesperrt">An-Sich-Bse</em>. <em class="gesperrt">Anti</em>moralisch ist die <em class="gesperrt">Bejahung</em> -des <em class="gesperrt">Nichts</em>: das Bedrfnis, <em class="gesperrt">Form in Formloses, -in Materie zu verwandeln</em>, das Bedrfnis zu <em class="gesperrt">zerstren</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Das Nicht aber ist dem Nichts verwandt. Und -darum besteht ein so tiefer Zusammenhang zwischen -allem Verbrecherischen und allem Weiblichen.</em> -Das <em class="gesperrt">Anti</em>moralische berhrt sich eben mit dem -<b>A</b>moralischen, von dem es in dieser Untersuchung zuerst ausdrcklich -<em class="gesperrt">getrennt</em> wurde, im gemeinsamen Begriffe des -<em class="gesperrt">Un</em>moralischen, und die gewhnliche unterschiedslose Verwechslung -beider erfhrt nun dennoch eine gewisse Rechtfertigung. -Denn das Nichts ist <em class="gesperrt">allein</em> eben — <em class="gesperrt">nichts</em>, es <em class="gesperrt">ist</em> -nicht, es hat weder Existenz noch Essenz. Es ist stets nur -das <em class="gesperrt">Mittel</em> des Nicht, das, was <em class="gesperrt">durch</em> das <em class="gesperrt">Nein</em> dem <em class="gesperrt">Etwas -gegenbergestellt</em> wird. <em class="gesperrt">Erst indem der Mann seine -eigene Sexualitt bejaht, indem er das Absolute verneint, -sich vom ewigen Leben ab-, dem niederen zukehrt, -erhlt das Weib Existenz. <b>Nur indem das Etwas -zum Nichts kommt, kann das Nichts zum Etwas kommen.</b></em></p> - -<p>Der <em class="gesperrt">bejahte Phallus</em> ist das <em class="gesperrt">Anti</em>moralische. Darum -wird er als das Hlichste empfunden; darum wurde er stets -in einer Beziehung zum Satan gedacht: den Mittelpunkt der -<em class="gesperrt">Dante</em>schen <em class="gesperrt">Hlle</em> (das Zentrum des Erdinneren) bildet der -<em class="gesperrt">Geschlechtsteil Lucifers</em>.</p> - -<p><b>So erklrt sich denn die absolute Gewalt der mnnlichen -Geschlechtlichkeit ber das Weib</b>.<a name="FNAnker_84_84" id="FNAnker_84_84"></a><a href="#Fussnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> <em class="gesperrt">Nur indem der -Mann <b>sexuell</b> wird, erhlt das Weib Existenz und Bedeutung: -sein Dasein ist an den Phallus geknpft, -und <b>darum</b> dieser sein hchster Herr <b>und</b> unumschrnkter -Gebieter.</em> Der Geschlecht gewordene Mann ist<span class="pagenum"><a name="Seite_401" id="Seite_401">[S. 401]</a></span> -das Fatum des Weibes; der Don Juan der einzige Mensch, -vor dem es bis zum Grunde erzittert.</p> - -<p><b>Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, -ist der bse Wille des Mannes</b>: das <em class="gesperrt">Nichts</em> ist nur ein -Werkzeug in der Hand des <em class="gesperrt">Nicht</em>. Die Kirchenvter drckten -dasselbe pathetischer aus, als sie das Weib das Instrument -des Teufels nannten. Denn <em class="gesperrt">an sich</em> ist die Materie <em class="gesperrt">nichts</em>, -<em class="gesperrt">erst die Form mu ihr Existenz geben wollen</em>. Der -Sndenfall der Form ist eben jene Verunreinigung, die sie -auf sich ldt, indem es sie treibt, an der Materie sich zu bettigen. -<em class="gesperrt">Als der Mann <b>sexuell</b> ward, da <b>schuf</b> er das -<b>Weib</b>.</em></p> - -<p><em class="gesperrt">Da das Weib da ist, heit also nichts anderes, -als da vom Manne die Geschlechtlichkeit bejaht -wurde. Das Weib ist nur das <b>Resultat</b> dieser Bejahung, -es ist die Sexualitt selber</em> (<a href="#Seite_116">S. 116</a>).</p> - -<p>Das Weib ist in seiner Existenz <em class="gesperrt">abhngig</em> vom Manne: -indem der Mann zum Manne, als Gegenteil des Weibes, indem er -geschlechtlich wird, <em class="gesperrt">setzt</em> er das Weib und ruft es ins Dasein. -Deshalb mu dem Weibe alles daran gelegen sein, den Mann -<em class="gesperrt">sexuell zu erhalten</em>: denn es hat so viel Existenz als der -Mann Geschlechtlichkeit. <em class="gesperrt">Deshalb</em> mu der Mann, so will sie -es, <em class="gesperrt">ganz zum Phallus werden</em>, <b>deshalb kuppelt die Frau</b>. Sie -ist unfhig, ein Wesen anders denn als Mittel zum Zweck, -zu diesem Zweck des Koitus zu gebrauchen: denn mit ihr ist -selbst <b>kein anderer Zweck</b> verfolgt, als der, <b>den Mann -schuldig werden zu lassen</b>. Und sie wre <em class="gesperrt">tot</em> in dem -Augenblick, da der Mann <em class="gesperrt">seine</em> Sexualitt berwunden -htte.</p> - -<p>Der Mann hat das Weib geschaffen und schafft es -immer neu, so lange er noch sexuell ist. Wie er der Frau das -<em class="gesperrt">Bewutsein</em> gab (Teil II, Kapitel 3, Ende), so gibt er ihr -das <em class="gesperrt">Sein</em>. Indem er auf den Koitus nicht verzichtet, ruft er -das Weib hervor. <b>Das Weib ist die Schuld des Mannes.</b></p> - -<p>Diese Schuld gut zu machen, dazu soll ihm die Liebe -dienen. Hiedurch hellt sich auf, was der Schlu des vorigen -Kapitels nur wie einen dunklen Mythos einfhrte. Was der -Mann durch die Schpfung des Weibes, das ist durch die<span class="pagenum"><a name="Seite_402" id="Seite_402">[S. 402]</a></span> -Bejahung des Koitus verbrochen hat und noch fortwhrend -verbricht, <em class="gesperrt">das bittet er dem Weibe ab als Erotiker</em>. -Denn von wannen sonst kme die nie und nimmer sich -genug tuende <em class="gesperrt">Generositt</em> aller Liebe? Woher, da die -Liebe gerade dem Weibe, und nicht einem anderen Wesen, -Seele zu schenken beflissen ist? Durchaus ist das Weib -nur der Gegenstand, den sich der Trieb des Mannes erzeugt -hat als das eigene Ziel, es ist die Objektivation -der mnnlichen Sexualitt, <em class="gesperrt">die verkrperte Geschlechtlichkeit, -seine Fleisch gewordene Schuld</em>. Die <em class="gesperrt">Liebe</em> -soll die Schuld ber<em class="gesperrt">decken</em>, statt sie zu ber<em class="gesperrt">winden</em>; -sie <em class="gesperrt"><b>er</b>hebt</em> das Weib, statt es <em class="gesperrt"><b>auf</b>zuheben</em>. Das Etwas -schliet das Nichts in seine Arme, und glaubt so die Welt von -der Negation zu befreien, und alle Widersprche zu vershnen: -da doch das Nichts nur verschwinden knnte, wenn das Etwas -sich ihm fern hielte. Die Liebe des Mannes ist sein khnster, -uerster Versuch, das Weib als Weib sich zu retten, statt -es als solches zu verneinen. Nur daher stammt ihr Schuldbewutsein: -durch sie soll Schuld selbst <em class="gesperrt">weggerumt</em>, statt -<em class="gesperrt">geshnt</em> werden.</p> - -<p><b>Denn das Weib ist nur die Schuld und nur durch die -Schuld des Mannes; und wenn Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, -so nur, weil alle Schuld von selbst sich zu vermehren -trachtet.</b> Was die Frau, ohne je anders zu knnen, -durch ihr bloes Dasein, durch ihr ganzes Wesen, ewig unbewut -auswirkt, das ist nur <em class="gesperrt">ein Hang im <b>Manne</b></em>, sein -zweiter, unausrottbarer, sein <em class="gesperrt">niederer Hang</em>: sie ist, gleich -der Walkre, eines <em class="gesperrt">fremden</em> Willens blind whlende Kr. -Die Materie scheint ein nicht minder unergrndliches Rtsel -als die Form, das Weib gleich unendlich wie der Mann, das -Nichts so ewig wie das Sein; aber diese Ewigkeit ist nur die -Ewigkeit der Schuld.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_403" id="Seite_403">[S. 403]</a></span><a name="XIII_Kapitel" id="XIII_Kapitel"><small>XIII. Kapitel.</small></a><br /> - -Das Judentum.</h2> - - -<p>Es knnte nicht wundern, wenn es manchem scheinen -wollte, bei dem Ganzen der bisherigen Untersuchung seien -die Mnner allzugut davongekommen, und in ihrer Gesamtheit -auf ein bertrieben hohes Postament gestellt. Man wird zwar -vielleicht auf billige Argumente verzichten, ihren Resultaten -nicht entgegenhalten, wie berrascht dieser Philister oder -jener Spitzbube wre, zu vernehmen, da <em class="gesperrt">er</em> die ganze Welt -in sich habe; und doch die Behandlung des mnnlichen Geschlechtes -nicht blo allzuglimpflich finden, sondern geradezu -eine tendenzise Vernachlssigung aller widerlichen und kleinen -Seiten der Mnnlichkeit zu Gunsten ihrer hchsten Spitzen -der Darstellung als einen Fehler anrechnen.</p> - -<p>Die Beschuldigung wre ungerechtfertigt. Es kommt mir -nicht in den Sinn, die Mnner zu idealisieren, um die Frauen -leichter in der Schtzung herabdrcken zu knnen. So viel -Beschrnktheit und so viel Gemeinheit unter den empirischen -Vertretern der Mnnlichkeit oft gedeiht, es handelt sich um -die besseren <em class="gesperrt">Mglichkeiten</em>, die in jedem Manne sind, und -als vernachlssigte von ihm schmerzlich-hell oder dumpf-gehssig -empfunden werden; Mglichkeiten, die als solche -bei der Frau weder in Wirklichkeit, noch in gedanklicher -Erwgung irgend in Rechnung gelangen. Und es konnte -mir hier auch gar nicht auf Unterscheidungen <em class="gesperrt">unter</em> -den Mnnern wesentlich ankommen, so wenig ich mich -vor deren Wichtigkeit verschliee. Es handelte sich darum, -festzustellen, was das Weib <em class="gesperrt">nicht</em> ist, und da fehlte ihm -denn freilich unendlich viel, was selbst im mittelmigsten -und plebejischesten Manne nie <em class="gesperrt">ganz</em> vermit wird. Das, was<span class="pagenum"><a name="Seite_404" id="Seite_404">[S. 404]</a></span> -es <em class="gesperrt">ist</em>, die positiven Eigenschaften des Weibes (soferne da -von einem Sein, von Positionen wohl gesprochen werden kann) -wird man stets auch bei vielen Mnnern wiederfinden. Es gibt, -wie schon fter hervorgehoben wurde, <em class="gesperrt">Mnner</em>, die <em class="gesperrt">zu -Weibern geworden</em>, oder <em class="gesperrt">Weiber geblieben</em> sind; aber -es gibt keine Frau, die ber gewisse umschriebene, nicht -sonderlich hoch zu ziehende, moralische und intellektuelle -Grenzen hinauskme. Und darum will ich es hier nochmals -aussprechen: <em class="gesperrt">das hchststehende Weib steht noch unendlich -tief unter dem tiefststehenden Manne</em>.</p> - -<p>Jene Einwendungen aber knnten weiter gehen, und einen -Punkt berhren, dessen Auerachtlassung der Theorie allerdings -zum Vorwurf mte gemacht werden. Es gibt nmlich -Vlkerschaften und Rassen, bei deren Mnnern, obwohl sie -keineswegs als sexuelle Zwischenformen knnen gedeutet werden, -man doch so wenig und so selten eine Annherung an -die Idee der Mnnlichkeit findet, wie sie aus der hier entworfenen -Zeichnung derselben hervortritt, da die Prinzipien, -ja, die ganzen Fundamente, auf welchen diese Arbeit ruht, -hiedurch stark knnten erschttert scheinen. Was ist z. B. von -den <em class="gesperrt">Chinesen</em> zu halten, mit ihrer weiblichen Bedrfnislosigkeit -und ihrem Mangel an jeglichem Streben? Man -mchte <em class="gesperrt">hier</em> allerdings noch an eine grere Weiblichkeit -des ganzen Volkes zu glauben sich versucht fhlen. Wenigstens -kann es keine bloe Laune einer ganzen Nation sein, da die -Chinesen einen Zopf zu tragen pflegen, und es ist ja auch ihr -Bartwuchs nur ein uerst sprlicher. Aber wie verhlt es sich -dann mit den <em class="gesperrt">Negern</em>? Es hat unter den Negern vielleicht -kaum je ein Genie gegeben, und moralisch stehen sie beinahe -allgemein so tief, da man in Amerika bekanntlich anfngt -zu frchten, mit ihrer Emanzipation einen unbesonnenen Streich -verbt zu haben.</p> - -<p>Wenn also auch das Prinzip der sexuellen Zwischenformen -vielleicht Aussicht htte, fr eine Rassenanthropologie -bedeutsam zu werden (indem ber einige Vlker ein greres -Quantum von Weiblichkeit insgesamt ausgestreut schiene), so -mu doch zugegeben werden, da die bisherigen Deduktionen -zuvrderst auf den <em class="gesperrt">arischen Mann</em> und das <em class="gesperrt">arische Weib</em><span class="pagenum"><a name="Seite_405" id="Seite_405">[S. 405]</a></span> -sich beziehen. Wie weit in den anderen groen Stmmen der -Menschheit mit den fr ihre Gipfel geltenden Verhltnissen -bereinstimmung herrscht, und was jene hauptschlich davon -zurckhlt und so lange hindert, an diese nher heranzukommen, -das bedrfte erst der Erhellung durch die eingehendste und -lohnendste psychologische Vertiefung in die Rassencharaktere.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Judentum</em>, das ich zum Gegenstande einer Besprechung -zunchst darum gewhlt habe, weil es, wie sich -zeigen wird, der hrteste und am meisten zu frchtende Gegner -der hier entwickelten und besonders der noch zu entwickelnden -Anschauungen, wie berhaupt des ganzen Standpunktes ist, -von dem aus jene mglich sind — das Judentum scheint -anthropologisch mit allen beiden erwhnten Rassen, mit den -Negern wie mit den Mongolen, eine gewisse Verwandtschaft -zu besitzen. Auf den Neger weisen die so gern sich ringelnden -Haare, auf Beimischung von Mongolenblut die ganz chinesisch -oder malaiisch geformten Gesichtsschdel, die man so oft -unter den Juden antrifft, und denen regelmig eine gelblichere -Hautfrbung entspricht.</p> - -<p>Dies ist nicht mehr als das Ergebnis einer alltglichen -Erfahrung, und anders wollen diese Bemerkungen nicht verstanden -sein; die <em class="gesperrt">anthropologische</em> Frage nach der Entstehung -des Judentums ist eine ungemein schwierige, und auch -ein so interessanter Lsungsversuch wie der in den berhmten -Grundlagen des XIX. Jahrhunderts von H. S. <em class="gesperrt">Chamberlain</em> -unternommene hat in jngster Zeit sehr viel Widerspruch -gefunden. Sie zu behandeln besitze ich nicht das -ntige Wissen; was hier in Krze, aber bis zu mglichster -Tiefe analysiert werden soll, ist nur die psychische Eigenheit -des Jdischen. Diese Aufgabe ist eine Obliegenheit -der psychologischen Beobachtung und Zergliederung; sie ist -lsbar, frei von allen Hypothesen ber nun nicht mehr kontrollierbare -historische Vorgnge; und nur bedarf dieses -Unternehmen einer um so greren Objektivitt, als die Stellung -zum Judentum heute beinahe die wichtigste und hervorstechendste -Rubrik des Nationales ist, welches ein jeder vor -der ffentlichkeit ausfllt, ja allgemach der gebruchlichste -Einteilungsgrund der zivilisierten Menschen geworden scheint.<span class="pagenum"><a name="Seite_406" id="Seite_406">[S. 406]</a></span> -Und es lt sich nicht behaupten, da der Wert, welcher auf -eine offene Erklrung in dieser Frage allgemein gelegt wird, -ihrem Ernst und ihrer Bedeutung nicht angemessen sei, und -ihre Wichtigkeit bertreibe. Da man auf sie berall stt, -ob man nun von kulturellen oder materiellen, von religisen -oder politischen, von knstlerischen oder wissenschaftlichen, -biologischen oder historischen, charakterologischen oder philosophischen -Dingen herkommt, das mu einen tiefen, tiefsten -Grund im Wesen des Judentumes selbst haben. Ihn aufzusuchen, -wird keine Mhe zu gro scheinen drfen: denn der Gewinn -mu sie in jedem Falle unendlich belohnen.<a name="FNAnker_85_85" id="FNAnker_85_85"></a><a href="#Fussnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a></p> - -<p>Zuvor jedoch will ich genau angeben, in welchem Sinne -ich vom Judentum rede. Es handelt sich mir <em class="gesperrt">nicht</em> um eine -<em class="gesperrt">Rasse</em> und nicht um ein <em class="gesperrt">Volk</em>, noch weniger freilich um ein -gesetzlich anerkanntes Bekenntnis. <em class="gesperrt">Man darf das Judentum -nur fr eine Geistesrichtung, fr eine psychische -Konstitution halten, welche fr <b>alle</b> Menschen eine -<b>Mglichkeit</b> bildet, und im historischen Judentum blo -die grandioseste <b>Verwirklichung</b> gefunden hat.</em></p> - -<p>Da dem so ist, wird durch nichts anderes bewiesen, als -durch den <em class="gesperrt">Antisemitismus</em>.</p> - -<p>Die echtesten, arischesten, ihres Ariertums gewissesten -Arier sind keine Antisemiten, sie knnen, so unangenehm -sicherlich auch sie von auffallend jdischen Zgen sich berhrt -fhlen, doch den <em class="gesperrt">feindseligen</em> Antisemitismus im allgemeinen -gar nicht <em class="gesperrt">begreifen</em>; und sie sind es auch, die von -den Verteidigern des Judentums gerne als Philosemiten bezeichnet, -und deren verwunderte und mibilligende uerungen -ber den Judenha angefhrt werden, wo das Judentum -herabgesetzt oder angegriffen wird.<a name="FNAnker_86_86" id="FNAnker_86_86"></a><a href="#Fussnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a> Im <em class="gesperrt">aggressiven</em> Antisemiten -wird man hingegen immer selbst gewisse jdische<span class="pagenum"><a name="Seite_407" id="Seite_407">[S. 407]</a></span> -Eigenschaften wahrnehmen; ja sogar in seiner Physiognomie -kann das zuweilen sich ausprgen, mag auch sein Blut rein -von allen semitischen Beimengungen sein.</p> - -<p>Es knnte dies auch unmglich anders sich verhalten. -<em class="gesperrt">Wie man im anderen nur <b>liebt</b>, was man gerne ganz -sein mchte und doch nie ganz ist, so <b>hat</b> man im -anderen nur, was man nimmer sein will, und doch -immer zum Teile noch ist.</em></p> - -<p>Man hat nicht etwas, womit man keinerlei hnlichkeit -hat. Nur macht uns oft erst der andere Mensch darauf aufmerksam, -was fr unschne und gemeine Zge wir in uns -haben.</p> - -<p>So erklrt es sich, da die allerschrfsten Antisemiten -<em class="gesperrt">unter den Juden</em> zu finden sind. Denn blo die ganz jdischen -Juden, desgleichen die vllig arischen Arier, sind gar nicht -antisemitisch gestimmt; unter den brigen bettigen die gemeineren -Naturen ihren Antisemitismus nur den anderen -gegenber, und richten diese, ohne je mit sich selber in dieser -Sache vor Gericht gegangen zu sein; und nur wenige fangen -mit ihrem Antisemitismus bei sich selbst an.</p> - -<p>Doch dies eine bleibt darum nicht minder gewi: wer -immer das jdische Wesen hat, der hat es zunchst <em class="gesperrt">in</em> sich: -da er es im anderen verfolgt, ist nur sein Versuch, vom -Jdischen auf diese Weise sich zu sondern; er trachtet sich -von ihm zu scheiden dadurch, da er es gnzlich im Nebenmenschen -lokalisiert, und so fr den Augenblick von ihm -frei zu sein whnen kann. Der Ha ist ein Projektionsphnomen -wie die Liebe: der Mensch hat nur, durch wen -er sich <em class="gesperrt">un</em>angenehm an sich selbst erinnert fhlt.<a name="FNAnker_87_87" id="FNAnker_87_87"></a><a href="#Fussnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a></p> - -<p>Der Antisemitismus <em class="gesperrt">des Juden</em> liefert demnach den Beweis, -da niemand, der ihn kennt, den Juden als ein Liebenswertes -empfindet — auch der Jude nicht; der Antisemitismus -<em class="gesperrt">des Ariers</em> ergibt eine nicht minder bedeutungsvolle Einsicht: -da man das Juden<em class="gesperrt">tum</em> nicht verwechseln darf mit <em class="gesperrt">den Juden</em>. -Es gibt Arier, die jdischer sind als mancher Jude, und es -gibt wirklich Juden, die arischer sind als gewisse Arier. Ich -will von jenen Nicht-Semiten, welche viel Judentum in sich<span class="pagenum"><a name="Seite_408" id="Seite_408">[S. 408]</a></span> -hatten, die kleineren (wie den bekannten <em class="gesperrt">Friedrich Nicolai</em> -des XVIII. Jahrhunderts) und mittelgroen (hier drfte -<em class="gesperrt">Friedrich Schiller</em> kaum auer acht bleiben) nicht aufzhlen, -und nicht auf ihr Judentum analysieren. Aber auch -<em class="gesperrt">Richard Wagner</em> — der tiefste Antisemit — ist von einem -Beisatz von Judentum, selbst in seiner Kunst, nicht freizusprechen, -so gewi er neben <em class="gesperrt">Michel Angelo</em> der grte -Knstler aller Zeiten ist, so wahrscheinlich er geradezu den -Knstler berhaupt in der Menschheit reprsentiert; und so -zweifellos sein <em class="gesperrt">Siegfried</em> das <em class="gesperrt">Unjdischeste</em> ist, was erdacht -werden konnte. Aber niemand ist umsonst Antisemit. -Wie <em class="gesperrt">Wagners</em> Abneigung gegen die groe Oper und das -Theater zurckgeht auf den starken Zug, den er selbst zu -ihnen empfand, einen Zug, der noch im Lohengrin deutlich -erkennbar bleibt: so ist auch seine Musik, in ihren motivischen -Einzelgedanken die gewaltigste der Welt, nicht gnzlich freizusprechen -von etwas Aufdringlichem, Lautem, Unvornehmem; -womit die Bemhungen <em class="gesperrt">Wagners</em> um die uere Instrumentation -seiner Werke im Zusammenhang stehen. Es lt -sich auch nicht verkennen, da <em class="gesperrt">Wagners</em> Musik sowohl -auf den jdischen Antisemiten, welcher vom Judentum nie -gnzlich loskommen kann, als auf den antisemitischen Indogermanen, -der ihm zu verfallen frchtet, den strksten Eindruck -hervorbringt. Von der Parsifal-Musik, die dem vllig echten -Juden in Ewigkeit fast ebenso unzugnglich bleibt wie die -Parsifal-Dichtung, vom Pilgerchor und der Romfahrt im -Tannhuser, und sicher noch von manchem anderen ist hiebei -<em class="gesperrt">gnzlich</em> abzusehen; aber es ist z. B. sein Jugendwerk, -der Rienzi, in seinem thematischen Materiale wie in der -Ausfhrung, noch vom Judentum vielleicht nicht gnzlich -frei. Auch knnte zweifellos, wer <em class="gesperrt">nur</em> ein Deutscher wre, -das Wesen des Deutschtums nie so klar sich zum Bewutsein -bringen, als <em class="gesperrt">Wagner</em> in den Meistersingern von Nrnberg -dies vermocht hat.<a name="FNAnker_88_88" id="FNAnker_88_88"></a><a href="#Fussnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a> Man denke endlich an jene Seite in -<em class="gesperrt">Wagner</em>, die zu <em class="gesperrt">Feuerbach</em>, statt zu <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, -sich hingezogen fhlte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_409" id="Seite_409">[S. 409]</a></span> -Hier ist keine kleinpsychologische Heruntersetzung des -groen Mannes geplant. Ihm war das Judentum die groe -Hilfe, um zur klaren Erkenntnis und Bejahung des anderen -Poles in sich zu gelangen, zum Siegfried und zum Parsifal -sich durchzuringen, und dem Germanentum den hchsten -Ausdruck zu geben, den es wohl in der Geschichte gefunden -hat. Noch ein Grerer als <em class="gesperrt">Wagner</em> mute erst das Judentum -in sich berwinden, ehe er die eigene Mission fand; und es -ist, vorlufig gesprochen, <em class="gesperrt">vielleicht die welthistorische -Bedeutung und das ungeheuere Verdienst des Judentums -kein anderes, als den Arier immerfort zum Bewutsein -seines Selbst zu bringen, ihn <b>an sich</b> zu -mahnen</em>. Dies ist es, was der Arier dem Juden zu <em class="gesperrt">danken</em> -hat; durch ihn wei er, wovor er sich hte: <em class="gesperrt">vor dem Judentum -als Mglichkeit in ihm selber</em>.</p> - -<p>Dieses Beispiel wird hinlnglich verdeutlicht haben, was -nach meinem Ermessen unter dem Judentum zu verstehen ist. -Keine Nation und keine Rasse, keine Konfession und kein -Schrifttum. Wenn ich frder vom Juden spreche, so meine -ich nie den einzelnen und nie eine Gesamtheit, <em class="gesperrt">sondern den -Menschen berhaupt, sofern er Anteil hat an der -platonischen Idee des Judentums</em>. Und nur die Bedeutung -dieser Idee gilt es mir zu ergrnden.</p> - -<p>Da aber diese Untersuchung gerade in einer Psychologie -der Geschlechter gefhrt werden mu, ist unerllich -aus Grnden einer Abgrenzung. Es bereitet jedem, der ber -beide, ber das Weib und ber den Juden, nachgedacht hat, -eine eigentmliche berraschung, wenn er wahrnimmt, in -welchem Mae gerade das Judentum durchtrnkt scheint -von jener Weiblichkeit, deren Wesen einstweilen nur im -Gegensatze zu <em class="gesperrt">allem</em> Mnnlichen <em class="gesperrt">ohne Unterschied</em> zu erforschen -getrachtet wurde. Er knnte hier beraus leicht geneigt -sein, dem Juden einen greren Anteil an der Weiblichkeit -zuzuschreiben, als dem Arier, ja am Ende eine platonische -μέθεξις auch des mnnlichsten Juden am Weibe anzunehmen -sich bewogen fhlen.</p> - -<p>Diese Meinung wre irrig. Da indes eine Anzahl der -wichtigsten Punkte, solcher Punkte, in denen das tiefste<span class="pagenum"><a name="Seite_410" id="Seite_410">[S. 410]</a></span> -Wesen der Weiblichkeit zum Ausdruck zu kommen schien, -beim Juden sich in einer merkwrdigen Weise ebenfalls und -wie zum zweiten Male finden, ist es unerllich, bereinstimmung -und Abweichung hier genau festzustellen.</p> - -<p>Die Konformitt will dem ersten Blicke berall sich darbieten, -worauf er sich auch richte; ja die Analogien sehen -aus, als wren sie auergewhnlich weit verfolgbar: so da -man Besttigungen frherer Ergebnisse wie auch manch -interessanten neuen Beitrag zum Hauptthema anzutreffen gewrtig -sein darf. Und es scheint ganz beliebig, womit man -hiebei den Anfang macht.</p> - -<p>So ist es, um gleich eine Analogie zum Weibe anzufhren, -hchst merkwrdig, wie sehr die Juden die beweglichen -Gter bevorzugen — auch heutzutage, da ihnen der Erwerb -anderer frei steht — und wie sie eigentlich, trotz allem -Erwerbssinn, kein Bedrfnis nach dem <em class="gesperrt">Eigentume</em>, am wenigsten -in seiner festesten Form, dem Grundbesitze, haben. Das -Eigen<em class="gesperrt">tum</em> steht in einem unauflslichen Zusammenhang mit -der Eigen<em class="gesperrt">art</em>, mit der Individualitt. Hiemit hngt also zusammen, -da die Juden dem Kommunismus so scharenweise -sich zuwenden. Den <em class="gesperrt">Kommunismus</em> als Tendenz zur <em class="gesperrt">Gemeinschaft</em> -sollte man stets unterscheiden vom <em class="gesperrt">Sozialismus</em> als -Bestrebung zu gesellschaftlicher <em class="gesperrt">Kooperation</em> und zur Anerkennung -der Menschheit in jedem Gliede derselben. Der -Sozialismus ist arisch (<em class="gesperrt">Owen</em>, <em class="gesperrt">Carlyle</em>, <em class="gesperrt">Ruskin</em>, <em class="gesperrt">Fichte</em>), -der Kommunismus jdisch<a name="FNAnker_89_89" id="FNAnker_89_89"></a><a href="#Fussnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a> (<em class="gesperrt">Marx</em>). Die moderne Sozialdemokratie -hat sich in ihrem Gedankenkreise darum vom -christlichen, prraphaelitischen Sozialismus so weit entfernt, -weil die Juden in ihr eine so groe Rolle spielen. Trotz ihren -vergesellschaftenden Neigungen hat die marxistische Form -der Arbeiterbewegung (im Gegensatze zu <em class="gesperrt">Rodbertus</em>) gar kein -Verhltnis zur Idee des <em class="gesperrt">Staates</em>, und dies ist sicherlich nur -auf das vllige Unverstndnis des Juden fr den Staatsgedanken -zurckzufhren. Dieser ist zu wenig ein Greifbares,<span class="pagenum"><a name="Seite_411" id="Seite_411">[S. 411]</a></span> -die Abstraktion, die in ihm liegt, allen konkreten Zwecken -zu weit entrckt, als da der Jude sich mit ihm inniger befreunden -knnte. Der Staat ist das Ganze aller Zwecke, die nur -durch eine Verbindung vernnftiger Wesen als vernnftiger -verwirklicht werden knnen. <em class="gesperrt">Diese kantische Vernunft -aber, der Geist ist es, woran es dem Juden wie dem -Weibe vor allem zu gebrechen scheint.</em></p> - -<p>Aus jenem Grunde ist aller Zionismus so aussichtslos, -obwohl er die edelsten Regungen unter den Juden gesammelt -hat: denn der Zionismus ist die Negation des Judentums, in -welchem, <em class="gesperrt">seiner Idee nach</em>, die Ausbreitung ber die ganze -Erde liegt. Der Begriff des Brgers ist dem Juden vollstndig -<em class="gesperrt">transcendent</em>; darum hat es nie im eigentlichen Sinne des Wortes -einen jdischen <em class="gesperrt">Staat</em> gegeben, und kann nie einen solchen -geben. In der Staatsidee liegt eine Position, die Hypostasierung -der interindividuellen Zwecke, der Entschlu, einer selbst -gegebenen Rechtsordnung, deren <em class="gesperrt">Symbol</em> (und nichts anderes) -das Staatsoberhaupt ist, aus freier Wahl beizutreten. Darum -ist das Gegenteil des Staates die Anarchie, mit der gerade -der Kommunismus auch heute noch, eben durch sein Unverstndnis -fr den Staat, verschwistert ist; so sehr auch hievon -die meisten anderen Elemente in der sozialistischen Bewegung -abstechen. Wenn der Staatsgedanke in keiner historischen Form -auch nur annhernd verwirklicht ist, so liegt doch in jedem geschichtlichen -Versuche zur Staatenbildung etwas, vielleicht nur -jenes Minimum von ihm, das ein Gebilde ber eine bloe Association -zu Geschfts- und Machtzwecken erhebt. Die historische -Untersuchung, wie ein bestimmter Staat entstanden sei, sagt -nichts ber die <em class="gesperrt">Idee</em>, die in ihm liegt, <em class="gesperrt">soweit</em> er eben Staat -und nicht Kaserne ist. Um jene zu erfassen, wird man sich -bequemen mssen, der vielgeschmhten <em class="gesperrt">Rousseau</em>schen Vertragstheorie -wieder mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. -Nur das Zusammentreten ethischer Persnlichkeiten zu gemeinsamen -Aufgaben kommt im Staate, sofern er Staat ist, zum -Ausdruck.</p> - -<p>Da der Jude nicht erst seit gestern, sondern mehr oder -weniger von jeher staatfremd ist, deutet bereits daraufhin, <em class="gesperrt">da -dem Juden wie dem Weibe die Persnlichkeit fehlt;<span class="pagenum"><a name="Seite_412" id="Seite_412">[S. 412]</a></span> -was sich allmhlich in der Tat herausstellen wird</em>. -Denn nur aus dem Mangel des intelligiblen Ich kann, wie alle -weibliche, so auch die jdische Unsoziabilitt abzuleiten sein. -Die Juden stecken gerne beieinander wie die Weiber, aber sie -<em class="gesperrt">verkehren</em> nicht miteinander als selbstndige, voneinander -geschiedene Wesen, unter dem Zeichen einer berindividuellen -Idee.</p> - -<p>So wenig wie es in der Wirklichkeit eine Wrde der -<em class="gesperrt">Frauen</em> gibt, so unmglich ist die Vorstellung eines -<em class="gesperrt">jdischen</em> gentleman. Dem echten Juden gebricht es an -jener inneren Vornehmheit, welche Wrde des eigenen und -Achtung des fremden Ich zur Folge hat. <em class="gesperrt">Es gibt keinen -jdischen Adel</em>; und dies ist um so bemerkenswerter, als doch -bei den Juden jahrtausendelange Inzucht besteht.</p> - -<p>So erklrt sich denn auch weiter, was man jdische -Arroganz nennt: aus dem Mangel an <em class="gesperrt">Bewutsein</em> eines Selbst -und dem gewaltsamen Bedrfnis nach Steigerung des Wertes -der Person durch Erniedrigung des Nebenmenschen; <em class="gesperrt">denn -der echte Jude hat kein Ich und darum auch keinen -Eigenwert</em>. Daher, trotz seiner Inkommensurabilitt mit allem -Aristokratischen, seine weibische Titelsucht, die nur auf einer -Linie steht mit seiner Protzerei, deren Objekte die Loge im -Theater oder die modernen Gemlde in seinem Salon, seine -christliche Bekanntschaft oder sein Wissen sein knnen. Aber -zugleich ist die jdische Verstndnislosigkeit fr alles Aristokratische -erst hierin eigentlich begrndet. Der Arier hat ein -Bedrfnis zu wissen, wer <em class="gesperrt">seine</em> Ahnen waren; er achtet sie und -interessiert sich fr sie, <em class="gesperrt">weil sie seine Ahnen waren</em>; und -er schtzt sie, weil er die eigene Vergangenheit immer -hher hlt als der schnell sich verwandelnde Jude, der piettlos -ist, weil er dem Leben keinen Wert spenden kann. Ihm fehlt -jener Ahnenstolz vollstndig, den selbst der rmste, plebejischeste -Arier noch in einem gewissen Grade besitzt; er -ehrt nicht, wie dieser, seine Vorfahren, weil sie <em class="gesperrt">seine</em> Vorfahren -sind, er ehrt nicht in ihnen <em class="gesperrt">sich selbst</em>. Der Einwand -ginge fehl, der sich auf den auerordentlichen Umfang und -die Kraft der jdischen Tradition beriefe. Die Geschichte seines -Volkes ist hier dem Nachfahren, auch demjenigen, welchem<span class="pagenum"><a name="Seite_413" id="Seite_413">[S. 413]</a></span> -sie viel zu bedeuten scheint, nicht die Summe des Einstmaligen, -Gewesenen, sondern stets nur der Quell, aus dem er neue -Hoffnungstrume saugt: die <em class="gesperrt">Vergangenheit</em> des Juden ist -nicht wirklich seine Vergangenheit, sie ist immer nur seine -<em class="gesperrt">Zukunft</em>. — —</p> - -<p>Man hat die Mngel des Judentums oft genug, nicht -allein jdischerseits, auf die brutale Unterdrckung und Knechtung -zurckfhren wollen, welche die Juden im ganzen Mittelalter -bis ins XIX. Jahrhundert erfahren htten. Den Sklavensinn -habe im Juden erst der Arier gezchtet; und es gibt -nicht wenige Christen, welche den Juden in dieser Weise -ernstlich als ihre Schuld empfinden. Doch diese Gesinnung -geht zu weit im Selbstvorwurf: es ist unzulssig, von -Vernderungen zu sprechen, welche durch Einflsse von -<em class="gesperrt">auen</em> im Laufe der Generationen <em class="gesperrt">im</em> Menschen bewirkt -worden seien, <em class="gesperrt">ohne</em> da in diesem selber der ueren Gelegenheit -etwas entgegengekommen sei und ihr willig die -Hand gereicht habe. Noch ist nicht bewiesen, da es eine -Vererbung <em class="gesperrt">erworbener</em> Eigenschaften gibt, und sicherer als -bei den anderen Lebewesen bleibt, trotz aller Scheinanpassungen, -beim <em class="gesperrt">Menschen</em> der Charakter des einzelnen -wie der Rasse konstant. Nur die seichteste Oberflchlichkeit -kann glauben, da der Mensch durch seine Umgebung gebildet -werde, ja es ist beschmend, an die Bekmpfung einer -solchen, jeder freien Einsicht den Atem raubenden Anschauung -auch nur eine Zeile wenden zu sollen. Wenn sich der -Mensch ndert, so kann es nur von innen nach auen geschehen; -oder es ist, wie beim Weibe, nie ein Wirkliches -da, also das Nichts-Sein das ewig Gleichbleibende. Wie -kann man brigens an eine historische Erzeugung des Juden -denken, da doch bereits das alte Testament sichtlich zustimmend -davon spricht, wie <em class="gesperrt">Jakob</em>, der Patriarch, seinen -sterbenden Vater <em class="gesperrt">Isaak</em> belogen, seinen Bruder <em class="gesperrt">Esau</em> und -seinen Schwieger <em class="gesperrt">Laban</em> bervorteilt hat?</p> - -<p><em class="gesperrt">Mit Recht</em> aber wird von den Verteidigern der Juden -geltend gemacht, da diese, auch dem Prozentsatze nach, -seltener schwere Verbrechen begehen als die Arier. Der -Jude ist nicht eigentlich <em class="gesperrt">anti</em>moralisch. Aber es mte wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_414" id="Seite_414">[S. 414]</a></span> -hinzugefgt werden, da er auch nicht den hchsten ethischen -Typus vorstellt. Er ist vielmehr relativ <em class="gesperrt">a</em>moralisch, nie sehr -gut, noch je sehr bse, im Grunde keines von beiden, und -eher <em class="gesperrt">gemein</em>. <em class="gesperrt">Daher fehlt dem Judentum, wie die -Konzeption der Engel, auch der Begriff des Teufels</em>, -die Personifikation des Guten nicht minder als die des -Bsen. Durch den Hinweis auf das Buch Hiob, die Belialgestalt -und den Eden-Mythus wird diese Behauptung nicht -entkrftet. Zwar liegen jene modernen quellenkritischen -Streitfragen, die Echtes und Entlehntes hier zu scheiden bemht -sind, auf einem Wege, den zu betreten ich mich nicht -berufen fhle; was ich aber wohl wei, ist dies, da im -psychischen Leben des heutigen Juden, sei er nun aufgeklrt -oder sei er orthodox, weder ein teuflisches noch -irgend ein engelhaftes Prinzip, weder Himmel noch Hlle -auch nur die geringste religise Rolle spielen. — Wenn -also der Jude nie die hchste sittliche Hhe erreicht, so wird -doch auch sicherlich Mord und Gewalttat von ihm viel -seltener verbt als vom Arier; und hieraus wird eben das -Fehlen jeder Furcht vor einem diabolischen Prinzipe erst -vllig verstndlich.</p> - -<p>Kaum minder oft als die Frsprecher der <em class="gesperrt">Juden</em> berufen -sich die Anwlte der <em class="gesperrt">Frauen</em> auf deren geringere -Kriminalitt als auf den Beweis ihrer vollendeteren Sittlichkeit. -Die Homologie zwischen beiden scheint immer vollstndiger -zu werden. Es gibt keinen weiblichen Teufel, so -wenig es einen weiblichen Engel gibt: nur die Liebe, jene -trotzige Verneinung der Wirklichkeit, kann den Mann im -Weibe ein himmlisches Wesen erblicken lassen, nur blinder -Ha es fr verderbt und schurkenhaft erklren. <em class="gesperrt">Was dem -Weibe wie dem Juden vielmehr durchaus abgeht, -das ist <b>Gre</b></em>, Gre in irgend welcher Hinsicht, berragende -Sieger im Moralischen, grozgige Diener des -Antimoralischen. Im arischen Manne sind das gute und -das bse Prinzip der <em class="gesperrt">kantischen</em> Religionsphilosophie -<em class="gesperrt">beide beisammen und doch am weitesten auseinandergetreten</em>, -um ihn streiten sein guter und sein bser -Dmon. Im Juden sind, fast wie im Weibe, Gut und Bse<span class="pagenum"><a name="Seite_415" id="Seite_415">[S. 415]</a></span> -noch nicht voneinander differenziert; es gibt zwar keinen -jdischen Mrder, doch es gibt auch keinen jdischen Heiligen. -Und so wird es wohl richtig sein, da die wenigen -Elemente des Teufelsglaubens in der jdischen berlieferung -aus dem Parsismus und aus Babylon stammen.</p> - -<p>Die Juden leben sonach nicht als freie, selbstherrliche, -zwischen Tugend und Laster whlende Individualitten wie -die Arier. Diese stellt sich ein jeder ganz unwillkrlich vor -<em class="gesperrt">wie eine Schar einzelner Mnner</em>, jene wie ein, ber eine -weite Flche ausgebreitetes, zusammenhngendes Plasmodium. -Der Antisemitismus hat daraus oft flschlich ein hartnckiges -bewutes Zusammenhalten gemacht, und von der jdischen -Solidaritt gesprochen. Das ist eine leicht begreifliche Verwechslung -verschiedener Dinge. Wenn gegen irgend einen -Unbekannten, welcher dem Judentum angehrt, eine Beschuldigung -erhoben wird, und nun alle Juden innerlich fr den -Betreffenden sich einsetzen, seine Unschuld wnschen, hoffen, -und zu erweisen suchen: <em class="gesperrt">so glaube man nur ja nicht, -da der betreffende Mensch als einzelner Jude sie -irgendwie interessiere, sein individuelles Schicksal, -weil es das eines Juden ist, mehr Mitleid bei ihnen -erwecke als das eines ungerecht verfolgten Ariers</em>. -Dies ist keineswegs der Fall. <em class="gesperrt">Nur das gefhrdete Juden<b>tum</b>, -die Befrchtung, es knnte auf die Gesamtheit -der Judenschaft, besser: auf das Jdische berhaupt, auf -die <b>Idee</b> des Juden<b>tums</b> ein schdlicher Schatten -fallen, fhrt zu jenen Erscheinungen unwillkrlicher -Parteinahme.</em> Es ist ganz so, wie wenn die Weiber jede -einzelne Angehrige ihres Geschlechtes mit Wonne heruntersetzen -hren, und selbst erniedrigen helfen, falls nur auf -das Weib kein schlechtes Licht hiedurch geworfen werde: -wenn nur kein Mann sich hiedurch abschrecken lt, <em class="gesperrt">berhaupt</em> -nach Frauen zu verlangen, wofern nur niemand an -der Liebe irre, sondern weiter geheiratet wird, und nicht -die alten Junggesellen sich vermehren. Nur die <em class="gesperrt">Gattung</em> -wird verteidigt, nur das <em class="gesperrt">Geschlecht</em>, beziehungsweise die -<em class="gesperrt">Rasse</em> geschtzt, nicht das <em class="gesperrt">Individuum</em>; dieses kommt nur -insoferne in Betracht, als es Angehriger der Gruppe ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_416" id="Seite_416">[S. 416]</a></span> -<em class="gesperrt">Der echte Jude wie das echte Weib, sie leben beide -nur in der Gattung, nicht als Individualitten.</em><a name="FNAnker_90_90" id="FNAnker_90_90"></a><a href="#Fussnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a></p> - -<p>Hieraus erklrt es sich, da die <em class="gesperrt">Familie</em> (als biologischer, -nicht als rechtlicher Komplex) bei keinem Volk der -Welt eine so groe Rolle spielt, wie bei den Juden; nchstdem -bei den mit ihnen, wie sich zeigen wird, entfernt verwandten -Englndern. Die Familie in diesem Sinne ist eben -weiblichen, mtterlichen Ursprungs, und hat mit dem Staate, -mit der Gesellschaftsbildung nichts zu tun. Die Zusammengehrigkeit -der Familienmitglieder, nur als eine Folge des -gemeinsamen Dunstkreises, ist am engsten bei den Juden. -Jedem indogermanischen Manne, dem begabteren stets mehr -als dem mittelmigen, aber auch dem gewhnlichsten noch, -ist dies eigen, da er sich mit seinem <em class="gesperrt">Vater</em> nie vllig vertrgt: -weil ein jeder einen, wenn auch noch so leisen, unbewuten -oder bewut gewordenen <em class="gesperrt">Zorn</em> auf denjenigen Menschen -empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben -gentigt und ihm den Namen gegeben hat, der ihm bei der -Geburt gutdnkte; von dem er zumindest hierin <em class="gesperrt">abhngig</em> -gewesen ist, und der, auch nach jeder tieferen metaphysischen -Anschauung, doch immer als in einem <em class="gesperrt">Zusammenhange</em> -damit stehend betrachtet werden mu, da der Sohn selbst -in das Erdenleben wollte. Nur unter Juden kommt es vor, -da der Sohn ganz tief in der Familie <em class="gesperrt">darinnensteckt</em>, -und mit dem Vater in gemeiner Gemeinschaft sich wohl fhlt; -fast nur unter Christen, da Vater und Sohn wie Freund und -Freund miteinander verkehren. Ja sogar die Tchter der -Arier stehen noch immer eher auerhalb der Familie als die -Jdinnen, und fter als diese ergreifen sie einen Beruf, der -sie von Verwandten und Eltern entfernt und unabhngig -macht.</p> - -<p>Auch ist hier die Probe auf die Ausfhrungen des -vorigen Kapitels zu machen, welche das unindividuelle, vom -anderen Menschen nicht durch die Grenzen des Einsamen -geschiedene Leben als eine unerlliche Voraussetzung der<span class="pagenum"><a name="Seite_417" id="Seite_417">[S. 417]</a></span> -Kuppelei ansahen (<a href="#Seite_385">S. 385</a>). Mnner, die kuppeln, haben immer -Judentum in sich; <em class="gesperrt">und damit ist der Punkt der <b>strksten</b> -bereinstimmung zwischen Weiblichkeit und Judentum -erreicht</em>. Der Jude ist stets lsterner, geiler, wenn auch -merkwrdigerweise, vielleicht im Zusammenhange mit seiner -nicht eigentlich <em class="gesperrt">anti</em>moralischen Natur, sexuell weniger potent -als der arische Mann. Nur Juden sind echte Heiratsvermittler, -und nirgends erfreut sich Ehevermittlung durch Mnner einer -so ausgedehnten Verbreitung wie unter den Juden. Freilich ist -eine Ttigkeit nach dieser Richtung hier dringender als sonst -vonnten; denn es gibt, wessen schon einmal gedacht wurde -(Teil I, <a href="#Seite_51">S. 51</a>), kein Volk der Welt, in dem so wenig aus -Liebe geheiratet wrde wie unter ihnen: ein Beweis, mehr -fr die Seelenlosigkeit des absoluten Juden.</p> - -<p>Da die Kuppelei eine organische Veranlagung im Juden -ist, wird auch durch das Unverstndnis des Juden fr alle -Askese nahe gelegt; aber erhrtet dadurch, da die jdischen -Rabbinen es lieben, besonders eingehend ber das Fortpflanzungsgeschft -zu spekulieren, und eine mndliche Tradition -im Zusammenhange mit der Kinderzeugung pflegen; -wie dies von den Obersten eines Volkes, dessen sittliche -Hauptaufgabe, nach seiner berlieferung wenigstens, es -sein mu, sich zu mehren, kaum anders erwartet werden -kann.</p> - -<p>Kuppelei ist schlielich Grenzverwischung: <em class="gesperrt">und der -Jude ist der Grenzverwischer κατ' εξοχήν</em>. Er ist der -Gegenpol des Aristokraten; das Prinzip alles Aristokratismus -ist strengste <em class="gesperrt">Wahrung</em> aller <em class="gesperrt">Grenzen</em> zwischen den Menschen. -Der Jude ist geborener Kommunist, und immer will er die -Gemeinschaft. Die Formlosigkeit des Juden im Verkehr, sein -Mangel an gesellschaftlichem Takte gehen hierauf zurck. Alle -Umgangsformen sind nur die feinen Mittel, um die Grenzen -der persnlichen Monaden zu betonen und zu schtzen; der -Jude aber ist nicht Monadologe.</p> - -<p>Ich betone nochmals, obwohl es selbstverstndlich sein -sollte: trotz der abtrglichen Wertung des echten Juden kann -nichts mir weniger in den Sinn kommen, als durch diese oder -die noch folgenden Bemerkungen einer theoretischen oder<span class="pagenum"><a name="Seite_418" id="Seite_418">[S. 418]</a></span> -gar einer praktischen Judenverfolgung in die Hnde arbeiten -zu wollen. Ich spreche ber das Judentum als platonische -Idee — <em class="gesperrt">es gibt einen absoluten Juden so wenig als -es einen absoluten Christen gibt</em> — ich spreche nicht -von den einzelnen Juden, von denen ich so vielen nur hchst -ungern wehe getan haben wollte, und deren manchem -bitteres Unrecht geschehen wrde, wenn das Gesagte auf ihn -sollte angewendet werden. Losungen wie Kauft nur bei -Christen sind <em class="gesperrt">jdisch</em>, denn sie betrachten und werten das -Individuum nur als Gattungsangehrigen; hnlich wie der -jdische Begriff des Goy jeden Christen einfach als solchen -bezeichnet und auch schon subsumiert.</p> - -<p>Nicht also der Boykott, und nicht etwa die Austreibung -der Juden oder ihre Fernhaltung von Amt und Wrde ist -hier befrwortet. Durch solche Mittel ist die Judenfrage -nicht lsbar, denn sie liegen nicht auf dem Wege der Sittlichkeit. -Aber auch der Zionismus ist ihr nicht gewachsen. -Er will die Juden sammeln, die, wie H. S. <em class="gesperrt">Chamberlain</em> nachweist, -lngst vor der Zerstrung des jerusalemitischen Tempels -zum Teile die Diaspora als ihr natrliches Leben, das Leben -des ber die ganze Erde fortkriechenden, die Individuation -ewig hintertreibenden Wurzelstockes gewhlt hatten, er will -etwas <em class="gesperrt">Un</em>jdisches. <em class="gesperrt">Die Juden mten erst das Judentum -berwunden haben, ehe sie fr den Zionismus -reif wrden.</em></p> - -<p><em class="gesperrt">Zu diesem Behuf aber wre vor allem geboten, -da die Juden sich selbst verstehen, da sie sich -kennen lernen und gegen sich kmpfen, <b>innerlich</b> das -Judentum <b>in sich</b> besiegen <b>wollten</b>.</em> Bis heute aber kennen -sich die Juden nur so weit, da sie Witze ber sich machen -und verstndnisvoll goutieren — nicht weiter. <em class="gesperrt">Unbewut</em> nur -achtet jeder Jude den Arier hher als sich selbst. Erst die -feste und unerschtterliche Entschlossenheit, die hchste -Selbstachtung sich zu ermglichen, knnte den Juden vom -Judentume befreien. Dieser Entschlu ist aber nur vom Individuum, -nicht von einer Gruppe, und sei sie noch so stark, -noch so ehrenhaft, zu fassen und auszufhren. Darum kann -die Judenfrage nur <em class="gesperrt">individuell</em> gelst werden, <em class="gesperrt">jeder einzelne<span class="pagenum"><a name="Seite_419" id="Seite_419">[S. 419]</a></span> -Jude mu sie fr seine Person zu beantworten -suchen</em>.</p> - -<p>Es gibt keine andere Lsung der Frage und kann keine -andere geben; dem Zionismus wird sie nie gelingen.</p> - -<p>Der Jude freilich, der berwunden htte, der Jude, der -Christ geworden wre, bese dann allerdings auch das volle -Recht, vom Arier als einzelner genommen, und nicht nach -einer Rassenangehrigkeit mehr beurteilt zu werden, ber die -ihn sein moralisches Streben lngst hinausgehoben htte. Er -mag unbesorgt sein: seinem gegrndeten Anspruch wird -niemand sich widersetzen wollen. Der hher stehende Arier -hat immer das Bedrfnis den Juden zu achten, sein Antisemitismus -ist ihm keine Freude und kein Zeitvertreib. Darum -liebt er es nicht, wenn der Jude ber den Juden Bekenntnisse -ablegt; und wer es dennoch tut, kann, von seiner Seite fast -noch weniger als von der stets so beraus empfindlichen -Judenschaft, irgend Dank sich erhoffen. Zu allerletzt wnscht -gerade der Arier, da der Jude dem Antisemitismus durch -die Taufe recht gebe. Aber auch diese Gefahr der uersten -Verkennung seines ehrlichsten Strebens darf den Juden, der -die <em class="gesperrt">innerliche</em> Befreiung will, nicht bekmmern. Er wird -darauf verzichten mssen, das Unmgliche zu leisten, sich als -<em class="gesperrt">Jude</em> zu schtzen, wie es der Arier von ihm haben will, und -danach trachten, sich als <em class="gesperrt">Mensch</em> ehren zu drfen. Er wird -die seelische Taufe des Geistes zu erreichen verlangen, welcher -die uerliche des Krpers symbolisch nur immer dann -folgen mag.</p> - -<p>Die dem Juden so wichtige und so ntige Erkenntnis -dessen, <em class="gesperrt">was das Jdische und das Judentum eigentlich -<b>ist</b></em>, wre die Lsung eines der schwierigsten Probleme; das -Judentum ist ein viel tieferes Rtsel, als wohl mancher -Antisemiten-Katechismus glaubt, und im letzten Grunde wird -es einer gewissen Dunkelheit wohl nie weit entzogen werden. -Auch die Parallele mit dem Weibe wird uns nun bald verlassen; -einstweilen vermag sie noch weiterzuhelfen.</p> - -<p>Im Christen liegen Stolz und Demut, im Juden Hochmut -und Kriecherei miteinander im Kampf; in jenem Selbstbewutsein -und Zerknirschung, in diesem Arroganz und Devotion.<span class="pagenum"><a name="Seite_420" id="Seite_420">[S. 420]</a></span> -Mit dem vlligen Mangel des Juden an Demut hngt -sein Unverstndnis fr die Idee der Gnade zusammen. Aus -seiner knechtischen Veranlagung entspringt seine heteronome -Ethik, der Dekalog, das unmoralischeste Gesetzbuch -der Welt, welches fr die gehorsame Befolgung eines mchtigen -<em class="gesperrt">fremden</em> Willens das Wohlergehen auf <em class="gesperrt">Erden</em> in Aussicht -stellt und die Eroberung der Welt verheit. Das Verhltnis -zum Jehovah, dem <em class="gesperrt">abstrakten</em> Gtzen, vor dem er -die Angst des <em class="gesperrt">Sklaven</em> hat, dessen Namen er nicht einmal -<em class="gesperrt">auszusprechen</em> wagt, charakterisiert den Juden analog dem -Weibe als einer fremden Herrschaft ber sich bedrftig. -<em class="gesperrt">Schopenhauer</em> definiert einmal: Das Wort Gott bedeutet -einen Menschen, der die Welt gemacht hat. Fr den Gott -der Juden trifft dies allerdings zu. Von dem Gttlichen <em class="gesperrt">im</em> -Menschen, dem Gott, der mir im Busen wohnt, wei der -echte Jude nichts; dem, was <em class="gesperrt">Christus</em> und <em class="gesperrt">Plato</em>, <em class="gesperrt">Eckhard</em> -und <em class="gesperrt">Paulus</em>, <em class="gesperrt">Goethe</em> und <em class="gesperrt">Kant</em>, was von den <em class="gesperrt">vedischen -Priestern</em> bis auf <em class="gesperrt">Fechners</em> herrliche Schluverse aus den -Drei Motiven und Grnden des Glaubens jeder Arier unter -dem Gttlichen gemeint hat, dem Worte Ich werde bei euch -sein alle Tage bis an der Welt Ende: all dem steht er verstndnislos -gegenber. Denn was im Menschen von Gott ist, -das ist des Menschen Seele; <em class="gesperrt">der absolute Jude aber ist -seelenlos</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">So kann es denn gar nicht anders sein, als da -dem alten Testamente der Unsterblichkeitsglaube -fehlt. Wer keine Seele hat, wie sollte der nach ihrer -Unsterblichkeit ein Bedrfnis haben?</em> Ebenso wie den -Frauen fehlt den Juden, und zwar ganz allgemein, das <em class="gesperrt">Unsterblichkeitsbedrfnis</em>: -Anima naturaliter christiana — -so sagt <em class="gesperrt">Tertullian</em>.</p> - -<p>Aus dem nmlichen Grunde aber gibt es unter den -Juden — H. S. <em class="gesperrt">Chamberlain</em> hat das richtig erkannt — -auch keine eigentliche Mystik, auer einer wsten Superstitio -und Interpretationsmagie, die Kabbla genannt. Der jdische -Monotheismus hat mit echtem Glauben an Gott nichts, gar -nichts zu tun, er ist vielmehr seine Negation, der Afterdienst -des wahren Dienstes unter dem guten Prinzipe, die<span class="pagenum"><a name="Seite_421" id="Seite_421">[S. 421]</a></span> -Homonymitt des Judengottes und des Christengottes die -rgste Verhhnung des letzteren. Hier ist keine Religion aus -reiner Vernunft; eher ein Altweiberglaube aus schmutziger -Angst.</p> - -<p>Warum wird aber aus dem orthodoxen Jehovah-Knecht -so rasch und leicht ein Materialist, ein Freigeist? Warum -ist das <em class="gesperrt">Lessing</em>sche Wort vom Aufklricht, trotz der -Einrede des wohl nicht ohne guten Grund antisemitischen -<em class="gesperrt">Dhring</em>, wie auf das Judentum gemnzt? Hier ist der -<em class="gesperrt">Sklavensinn</em> gewichen und hat seiner steten Kehrseite, der -<em class="gesperrt">Frechheit</em>, Platz gemacht: beide sind wechselnde Phasen -eines und desselben Wollens im nmlichen Menschen. Die -<em class="gesperrt">Arroganz den Dingen gegenber</em>, die nicht als Symbole -eines Tieferen empfunden oder auch nur dunkel geahnt -werden, der Mangel an verecundia auch vor dem Naturgeschehen, -das fhrt zur jdischen, materialistischen Form -der Wissenschaft, wie sie leider heute eine gewisse Herrschaft -erlangt hat, und intolerant gegen alle Philosophie geworden -ist. Wenn man, wie es notwendig und allein richtig -ist, das Judentum als eine <em class="gesperrt">Idee</em> betrachtet, an der auch der -Arier mehr oder weniger <em class="gesperrt">Anteil</em> haben kann, dann wird wenig -dagegen einzuwenden sein, wenn man an die Stelle der -<em class="gesperrt">Geschichte des Materialismus</em> lieber ein <em class="gesperrt">Wesen des -Judentums</em> gesetzt wissen will. Das Judentum in der -Musik hat <em class="gesperrt">Wagner</em> besprochen; vom <em class="gesperrt">Judentum in der -Wissenschaft</em> ist hier noch einiges zu sagen.</p> - -<p>Judentum im weitesten Sinne ist jene Richtung in der -Wissenschaft, welcher diese vor allem <em class="gesperrt">Mittel zum Zweck</em> -ist, alles Transcendente auszuschlieen. Der Arier empfindet -das Bestreben, <em class="gesperrt">alles</em> begreifen und ableiten zu wollen, als -eine Entwertung der Welt, denn er fhlt, da gerade das -Unerforschliche es ist, das dem Dasein seinen Wert verleiht. -Der Jude hat keine Scheu vor Geheimnissen, weil er nirgends -welche ahnt. Sein Bestreben ist es, die Welt mglichst platt -und gewhnlich zu sehen, nicht um durch Klarheit dem ewig -Dunklen sein ewiges Recht erst zu sichern, sondern um eine -de Selbstverstndlichkeit des Alls zu erzeugen und die Dinge -aus dem Wege zu rumen, welche einer freien Bewegung<span class="pagenum"><a name="Seite_422" id="Seite_422">[S. 422]</a></span> -seiner Ellbogen auch im Geistigen entgegenstehen. Die -<em class="gesperrt">anti</em>philosophische (nicht die aphilosophische) Wissenschaft -ist im Grunde jdisch.</p> - -<p>Auch sind die Juden stets, eben weil ihre Gottesverehrung -mit wahrer Religion gar keine Verwandtschaft -hat, der mechanistisch-materialistischen Anschauung der Welt am -wenigsten abhold gewesen; wie <em class="gesperrt">sie</em> am eifrigsten den <em class="gesperrt">Darwinismus</em> -und die lcherliche Theorie von der Affenabstammung -des Menschen aufgriffen, so wurden sie beinahe schpferisch als -Begrnder jener <em class="gesperrt">konomischen</em> Auffassung der menschlichen -Geschichte, welche den Geist aus der Entwicklung des Menschengeschlechtes -am vollstndigsten streicht. Frher die enragiertesten -Anhnger <em class="gesperrt">Bchners</em>, sind sie jetzt die begeistertsten -Vorkmpfer <em class="gesperrt">Ostwalds</em>.</p> - -<p>Es ist auch kein Zufall, da die <em class="gesperrt">Chemie</em> heutzutage in -so weitem Umfang in den Hnden der Juden sich befindet, -wie einst in den Hnden der stammesverwandten Araber. -Das Aufgehen in der Materie, das Bedrfnis, alles in ihr -aufgehen zu lassen, setzt den Mangel eines intelligiblen Ich -voraus, ist also wesentlich jdisch.</p> - -<p><em class="gesperrt">O curas Chymicorum! o quantum in pulvere -inane!</em></p> - -<p>Dieser Hexameter ist freilich von dem <em class="gesperrt">deutschesten</em> -Forscher aller Zeiten: der ihn gedichtet hat, heit Johannes -<em class="gesperrt">Kepler</em>.<a name="FNAnker_91_91" id="FNAnker_91_91"></a><a href="#Fussnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a></p> - -<p>Es hngt mit dem Einflusse jdischen Geistes auch -sicherlich zusammen, da die Medizin, welcher die Juden so -scharenweise sich zuwenden, ihre heutige Entwicklung genommen -hat. Stets, von den Wilden bis zur heutigen Naturheilbewegung, -von der sich die Juden bezeichnenderweise -gnzlich ferngehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religises, -war der Medizinmann der Priester. Die blo <em class="gesperrt">chemische</em> -Richtung in der Heilkunde — das ist das Judentum. -Sicherlich aber wird niemals das Organische aus dem Unorganischen, -sondern hchstens dieses aus jenem zu erklren<span class="pagenum"><a name="Seite_423" id="Seite_423">[S. 423]</a></span> -sein. Es ist kein Zweifel, da <em class="gesperrt">Fechner</em> und <em class="gesperrt">Preyer</em> recht -haben, die das Tote aus dem Lebenden, und nicht umgekehrt, -entstanden sein lassen. Was wir tglich im <em class="gesperrt">individuellen</em> -Leben vor sich gehen sehen: da Organisches zu Anorganischem -wird (schon durch die Verkncherung und Verkalkung -im Alter, die senile Arteriosklerose und Atheromatose, -wird der Tod vorbereitet); indes noch niemand, aus -Totem Lebendes hat erstehen sehen — das sollte, im Sinne des -biogenetischen Parallelismus zwischen Ontogenie und Phylogenie, -auch auf die <em class="gesperrt">Gesamtheit</em> der anorganischen Materie -angewendet werden. Hat die Lehre von der Urzeugung von -<em class="gesperrt">Swammerdam</em> bis <em class="gesperrt">Pasteur</em> so viele Posten nacheinander -aufgeben mssen, so wird sie auch ihren letzten Halt, den sie -im monistischen Bedrfnis so vieler zu haben scheint, -fahren lassen, wenn dieses anders und besser wird befriedigt -werden knnen. Die Gleichungen fr das tote Geschehen -werden sich vielleicht einmal durch Einsetzung bestimmter -Zeitwerte als <em class="gesperrt">Grenz</em>flle der Gleichungen des lebendigen -Geschehens ergeben, nie umgekehrt das Lebende durch das -Tote darstellbar sein. Die <em class="gesperrt">Homunculus-Bestrebungen</em> sind -<em class="gesperrt">Faust</em> fremd, <em class="gesperrt">Goethe</em> hat sie nicht ohne Grund fr <em class="gesperrt">Wagner</em>, -den Famulus, reserviert. Mit der Chemie ist wahrhaftig nur -den Exkrementen des Lebendigen beizukommen; ist doch das -Tote selbst nur ein Exkret des Lebens. Die chemische Anschauungsweise -setzt den Organismus auf eine Stufe mit seinen -Auswrfen und Abscheidungen. Wie anders sollten Erscheinungen -zu erklren sein gleich dem Glauben eines Menschen, -durch Ernhrung mit mehr oder weniger Zucker das Geschlecht -des werdenden Kindes beeinflussen zu knnen? Das <em class="gesperrt">unkeusche -Anpacken</em> jener Dinge, die der Arier im Grunde seiner -Seele immer als <em class="gesperrt">Schickung</em> empfindet, ist erst durch den -Juden in die Naturwissenschaft gekommen. Die Zeit jener -tiefreligisen Forscher, fr die ihr Objekt stets an einer -bersinnlichen Dignitt einen, wenn auch noch so geringen, -Anteil hatte, fr die es Geheimnisse gab, die vom Staunen -kaum je sich erholten ber das, was sie zu entdecken -sich <em class="gesperrt">begnadet</em> fhlten, die Zeit eines <em class="gesperrt">Kopernikus</em> und -<em class="gesperrt">Galilei</em>, eines <em class="gesperrt">Kepler</em> und <em class="gesperrt">Euler</em>, <em class="gesperrt">Newton</em> und<span class="pagenum"><a name="Seite_424" id="Seite_424">[S. 424]</a></span> -<em class="gesperrt">Linn</em>, <em class="gesperrt">Lamarck</em> und <em class="gesperrt">Faraday</em>, Konrad <em class="gesperrt">Sprengel</em> -und <em class="gesperrt">Cuvier</em> scheint vorber. Die heutigen Freigeister, die, -weil sie vom Geiste frei sind, an keine immanente Offenbarung -eines Hheren im Naturganzen mehr zu glauben vermgen, -sind, vielleicht eben darum, auch in ihrem besonderen -wissenschaftlichen Fache nicht imstande, jene Mnner wirklich -zu ersetzen und zu erreichen.</p> - -<p>Aus diesem <em class="gesperrt">Mangel an Tiefe</em> wird auch klar, weshalb -die Juden keine ganz groen Mnner hervorbringen knnen, -<em class="gesperrt">weshalb dem Judentum</em>, wie dem Weibe, <em class="gesperrt">die hchste -Genialitt versagt ist</em>. Der hervorragendste Jude der letzten -neunzehnhundert Jahre, an dessen rein semitischer Abkunft -zu zweifeln kein Grund vorliegt, und der sicherlich viel mehr -Bedeutung besitzt als der, fast jeder <em class="gesperrt">Gre</em> entbehrende, Dichter -<em class="gesperrt">Heine</em> oder der originelle, aber keineswegs tiefe Maler <em class="gesperrt">Israels</em>, -ist der Philosoph <em class="gesperrt">Spinoza</em>. Die allgemein bliche ungeheure -berschtzung auch des letzteren geht weniger auf Vertiefung -in seine Werke und ein Studium derselben, als auf -den zuflligen Umstand zurck, da er der einzige Denker ist, -den <em class="gesperrt">Goethe</em> eingehender gelesen hat.</p> - -<p>Fr <em class="gesperrt">Spinoza</em> selbst gab es eigentlich keine <em class="gesperrt">Probleme</em>: -darin zeigt er sich als echter Jude; sonst htte -er nicht jene mathematische Methode whlen knnen, -die wie darauf berechnet ist, alles <em class="gesperrt">selbstverstndlich</em> erscheinen -zu lassen. Spinozas System war sein Schutzbau, in -den er sich darum zurckzog, weil niemand so sehr wie er gemieden -hat ber sich nachzudenken; darum konnte es fr -denjenigen Menschen, der wohl am meisten, und schmerzvoller -als alle anderen, ber sich nachgedacht hat, darum konnte -es fr <em class="gesperrt">Goethe</em> eine Beruhigung und Erholung werden. Denn -der wahrhaft bedeutende Mensch denkt, ber was immer er -denke, im Grunde doch immer nur ber sich selbst nach. -Und so gewi <em class="gesperrt">Hegel</em> im Unrecht war, die logische Opposition -wie eine reale Repugnanz zu behandeln, so gewi -geht doch auch das trockenste <em class="gesperrt">logische Problem</em> beim -<em class="gesperrt">tieferen</em> Denker <em class="gesperrt">psychologisch</em> auf einen mchtigen <em class="gesperrt">inneren -Konflikt</em> zurck. Spinozas System, in seinem voraussetzungslosen -Monismus und Optimismus, in seiner vollkommenen<span class="pagenum"><a name="Seite_425" id="Seite_425">[S. 425]</a></span> -Harmonie, die Goethe so hygienisch empfand, ist unleugbar -keine Philosophie eines Gewaltigen: sie ist die Absperrung -eines die Idylle suchenden, und ihrer doch nicht wirklich -fhigen, weil gnzlich humorlosen Unglcklichen.</p> - -<p>Die Echtheit seines Judentums erweist Spinoza mehrfach, -und lt deutlich die Grenzen sichtbar werden, welche -rein jdischem Geiste immer gezogen sind: ich meine hier -weniger sein Unverstndnis fr den Staatsgedanken und seine -Anhngerschaft an den <em class="gesperrt">Hobbes</em>schen Krieg aller gegen -alle als angeblichen Urzustand der Menschheit. Was den -relativen Tiefstand seiner philosophischen Anschauungen -bezeugt, ist vielmehr sein vlliges Unverstndnis fr die -<em class="gesperrt">Willensfreiheit</em> — der Jude ist stets Sklave und also -Determinist — und am meisten dies, da fr ihn, als <em class="gesperrt">echten -Juden</em>, die Individuen nur Accidenzen, nicht Substanzen, nur -nicht-wirkliche Modi einer allein wirklichen, aller Individuation -fremden unendlichen Substanz sind. Der Jude ist nicht Monadolog. -Darum gibt es keinen tieferen Gegensatz als den -zwischen <em class="gesperrt">Spinoza</em> und seinem weit bedeutenderen und universelleren -Zeitgenossen <em class="gesperrt">Leibniz</em>, dem Vertreter der <em class="gesperrt">Monaden</em>-Lehre, -und deren noch weit grerem Schpfer <em class="gesperrt">Bruno</em>, dessen -hnlichkeit mit Spinoza eine oberflchliche Anschauung in -einer ans Groteske streifenden Weise bertrieben hat.<a name="FNAnker_92_92" id="FNAnker_92_92"></a><a href="#Fussnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a></p> - -<p>Wie das Radikal-Gute und das Radikal-Bse, so -fehlt aber dem Juden (<em class="gesperrt">und dem Weibe</em>) <em class="gesperrt">mit dem Genie</em> -auch das <em class="gesperrt">Radikal-Dumme</em> in der menschlichen, mnnlichen -Natur. Die spezifische Art der Intelligenz, die dem Juden -wie dem Weibe nachgerhmt wird, ist freilich einerseits nur -<em class="gesperrt">grere Wachsamkeit ihres greren Egoismus</em>; anderseits -beruht sie auf der unendlichen Anpassungsfhigkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_426" id="Seite_426">[S. 426]</a></span> -beider an alle beliebigen ueren Zwecke ohne Unterschied: -<em class="gesperrt">weil sie keinen urwchsigen Mastab des Wertes, -kein Reich der Zwecke in der eigenen Brust tragen</em>. -Dafr haben sie ungetrbtere natrliche Instinkte, welche dem -arischen Manne nicht in gleicher Weise zurckkehren, um -ihm weiterzuhelfen, wenn ihn das bersinnliche in seiner -Intelligenz verlassen hat.</p> - -<p>Hier ist auch der Ort, der seit Richard <em class="gesperrt">Wagner</em> oft -hervorgehobenen hnlichkeit des Englnders mit dem Juden -zu gedenken. Denn sicherlich haben unter allen Germanen -sie am ehesten eine gewisse Verwandtschaft mit den Semiten. -Ihre Orthodoxie, ihre streng wrtliche Auslegung der Sabbatruhe -weist darauf hin. Es ist in der Religiositt der Englnder -nicht selten Scheinheiligkeit, in ihrer Askese nicht -wenig Prderie gelegen. Auch sind sie, wie die Frauen, -weder durch Musik noch durch Religion je produktiv gewesen: -es mag irreligise Dichter geben — <em class="gesperrt">sehr</em> groe Knstler -knnen es nicht sein — aber es gibt keinen irreligisen Musiker. -Und es hngt hiemit auch zusammen, warum die Englnder -keinen bedeutenden Architekten, und nie einen hervorragenden -Philosophen hervorgebracht haben. <em class="gesperrt">Berkeley</em> ist wie <em class="gesperrt">Swift</em> -und <em class="gesperrt">Sterne</em> ein <em class="gesperrt">Ire</em>, <em class="gesperrt">Erigena</em>, <em class="gesperrt">Carlyle</em> und <em class="gesperrt">Hamilton</em>, -ebenso wie <em class="gesperrt">Burns</em>, sind <em class="gesperrt">Schotten</em>. <em class="gesperrt">Shakespeare</em> und <em class="gesperrt">Shelley</em>, -die zwei grten Englnder, bezeichnen noch lange nicht die -Gipfel der Menschheit, sie reichen auch nicht entfernt hinan an -<em class="gesperrt">Dante</em>, oder an <em class="gesperrt">Aischylos</em>. Und wenn wir nun die englischen -Philosophen betrachten, so sehen wir, wie von ihnen seit -dem Mittelalter stets die Reaktion gegen alle Tiefe ausgegangen -ist: von <em class="gesperrt">Wilhelm von Occam</em> und <em class="gesperrt">Duns Scotus</em> -angefangen, ber <em class="gesperrt">Roger Baco</em> und seinen <em class="gesperrt">Namensvetter -den Kanzler</em>, den Spinoza so geistesverwandten <em class="gesperrt">Hobbes</em> -und den seichten <em class="gesperrt">Locke</em>, bis zu <em class="gesperrt">Hartley</em>, <em class="gesperrt">Priestley</em>, -<em class="gesperrt">Bentham</em>, den beiden <em class="gesperrt">Mill</em>, <em class="gesperrt">Lewes</em>, <em class="gesperrt">Huxley</em>, <em class="gesperrt">Spencer</em>. -Damit sind aber aus der Geschichte der englischen Philosophie -die wichtigsten Namen auch schon aufgezhlt; -denn Adam <em class="gesperrt">Smith</em> und David <em class="gesperrt">Hume</em> waren Schotten. <em class="gesperrt">Vergessen -wir niemals, da uns aus England die seelenlose -Psychologie gekommen ist!</em> Der Englnder hat dem<span class="pagenum"><a name="Seite_427" id="Seite_427">[S. 427]</a></span> -Deutschen als tchtiger Empiriker, als Realpolitiker im -Praktischen wie im Theoretischen imponiert, aber damit ist -seine Wichtigkeit fr die Philosophie auch erschpft. Es hat -noch nie einen tieferen Denker gegeben, der beim Empirismus -stehen geblieben ist; und noch nie einen Englnder, der ber -ihn selbstndig hinausgekommen wre.</p> - -<p>Dennoch darf man den Englnder nicht mit dem Juden -verwechseln. Im Englnder ist viel mehr Transcendentes als -im Juden, nur ist sein Sinn mehr vom Transcendenten aufs -Empirische, als vom Empirischen aufs Transcendente gerichtet. -Sonst wre er nicht so <em class="gesperrt">humorvoll</em>, wie er es ist, indes -dem Juden der Humor fehlt, indem dieser vielmehr selbst, -nach der Sexualitt, das ergiebigste Objekt alles Witzes ist.</p> - -<p>Ich wei wohl, ein wie schwieriges Problem das Lachen -und der Humor ist; so schwierig wie alles, was nur menschlich -und nicht auch tierisch ist, so schwierig, da <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> gar -nichts Rechtes, und selbst <em class="gesperrt">Jean Paul</em> nichts ganz Befriedigendes -ber den Gegenstand zu sagen wei. Im Humor liegt zunchst vielerlei: -fr manche Menschen scheint er eine feinere Form -des Mitleids mit anderen oder mit sich selbst zu bedeuten; aber -damit ist nichts ausgesprochen, was gerade fr den Humor -ausschlielich charakteristisch wre. In ihm mag bewutes -Pathos der Distanz zum Ausdruck kommen — beim gnzlich -unpathetischen Menschen; aber auch hiemit ist nichts -gerade fr ihn Entscheidendes gewonnen.</p> - -<p>Das Wesentlichste im Humor scheint mir eine <em class="gesperrt">bermige -Betonung des Empirischen</em>, um dessen <em class="gesperrt">Unwichtigkeit</em> -eben hiedurch klarer darzustellen. Lcherlich -ist im Grunde alles, was verwirklicht ist; und hierauf -grndet sich der Humor, so ist er das Widerspiel der Erotik. -Will diese aus dem Begrenzten ins Unbegrenzte, so lt der -Humor auf das Begrenzte sich nieder, schiebt es allein in -den Vordergrund der Bhne, und stellt es blo, indem er es von -allen Seiten betrachtet. Nur der Humorist hat den Sinn fr das -Kleine und den Zug zum Kleinen; sein Reich ist weder -Meer noch Gebirge, sein Gebiet ist das Flachland. Darum -sucht er mit Vorliebe das Idyll auf und vertieft sich in jedes -<em class="gesperrt">Einzelding</em>: aber immer nur, um sein <em class="gesperrt">Miverhltnis</em><span class="pagenum"><a name="Seite_428" id="Seite_428">[S. 428]</a></span> -zum <em class="gesperrt">Ding an sich</em> zu enthllen. <em class="gesperrt">Er blamiert die Immanenz, -indem er sie von der Transcendenz gnzlich -loslst</em>, ja nicht einmal den Namen der letzteren mehr nennt. -Der Witz sucht den Widerspruch innerhalb der Erscheinung -auf, der Humor tut ihr den greren Tort an, sie wie ein -in sich geschlossenes Ganzes hinzustellen; <em class="gesperrt">beide zeigen, -was alles mglich ist</em>; und kompromittieren hiedurch -am grndlichsten die Erfahrungswelt. Die Tragik hingegen -tut dar, was in alle Ewigkeit <em class="gesperrt">unmglich</em> ist, und so verneinen -Komik und Tragik, jede auf ihre Weise, die Empirie, -obwohl sie eine das Gegenteil der anderen zu sein scheinen.</p> - -<p>Der Jude, der nicht vom bersinnlichen kommt wie der -Humorist, und nicht zum bersinnlichen will wie der Erotiker, -hat kein Interesse, das Gegebene geringer zu werten: darum -wird ihm das Leben nie zum Gaukelspiel, nie zum Tollhaus. -Weil der Humor <em class="gesperrt">hhere</em> Werte kennt, als alle konkreten -Dinge, und sie nur listig <em class="gesperrt">verschweigt</em>, ist er seinem Wesen -nach <em class="gesperrt">tolerant</em>; die Satire, sein Gegenteil, ist ihrem Wesen -nach <em class="gesperrt">intolerant</em> und entspricht darum besser der eigentlichen -Natur des Juden wie der des Weibes. Juden und Weiber sind -humorlos, aber spottlustig. In Rom hat es sogar eine Verfasserin -von Satiren, <em class="gesperrt">Sulpicia</em> mit Namen, gegeben. Weil -die Satire unduldsam ist, macht sie den Menschen in der -Gesellschaft am leichtesten unmglich. Der Humorist, der es -zu verhindern wei, da die Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten -der Welt ihn und die anderen Menschen ernstlich zu bekmmern -anfangen, ist der am liebsten gesehene Gast in -jeder Gesellschaft. Denn der Humor rumt wie die Liebe -Berge aus dem Wege; er ist eine Verhaltungsweise, die ein -soziales Leben, d. h. eine Gemeinsamkeit unter einer <em class="gesperrt">hheren</em> -Idee, sehr begnstigt. Der Jude ist denn auch nicht, der -Englnder in hohem Mae sozial veranlagt.</p> - -<p>Der Vergleich des Juden mit dem Englnder versagt -also noch viel frher als sein Vergleich mit dem Weibe. Der -Grund, aus welchem dennoch hier wie dort Ausfhrlichkeit -geboten schien, liegt in der Hitze des Kampfes, welcher um -Wert und Wesen des Judentums seit lngster Zeit gefhrt -wird. Auch darf ich hier wohl auf <em class="gesperrt">Wagner</em> mich berufen,<span class="pagenum"><a name="Seite_429" id="Seite_429">[S. 429]</a></span> -den das Problem des Judentums am intensivsten, von Anfang -bis zuletzt, beschftigt hat, und der nicht nur im Englnder -einen Juden hat wieder entdecken wollen: auch ber seiner -<em class="gesperrt">Kundry</em>, der tiefsten Frauengestalt der Kunst, schwebt unverkennbar -der Schatten des <em class="gesperrt">Ahasverus</em>.</p> - -<p>Noch mehr scheint es im Sinne der Parallele mit dem Weibe -gelegen, und noch strker verleitet zu ihrer voreiligen Annahme, -da — nicht blo fr die Augen des Juden — keine Frau der -Welt die <em class="gesperrt">Idee</em> des Weibes so vllig reprsentiert wie die -Jdin. Selbst vom Arier wird sie hnlich empfunden: man -denke an <em class="gesperrt">Grillparzers</em> Jdin von Toledo. Dieser Schein -wird darum so leicht erregt, weil die Arierin vom Arier auch -das Metaphysische als einen Sexualcharakter fordert, und von -seinen religisen berzeugungen ebenso zu durchdringen ist, -wie von seinen anderen Qualitten (vgl. Kapitel 9 gegen -Ende und Kapitel 12). In Wirklichkeit gibt es freilich -dennoch nur Christen und nicht Christinnen. Die Jdin aber -kann, sowohl als kinderreiche Hausmutter wie als wollstige -Odaliske, die Weiblichkeit in ihren beiden Polen, als Kypris -und als Kybele, darum vollstndiger zu reprsentieren scheinen, -weil der Mann, der sie sexuell ergnzt und geistig imprgniert, -der Mann, der sie fr sich geschaffen hat, selber so -wenig Transcendentes in sich birgt.</p> - -<p>Die Kongruenz zwischen Judentum und Weiblichkeit -<em class="gesperrt">scheint</em> eine vllige zu werden, sobald auf die unendliche -Vernderungsfhigkeit des Juden zu reflektieren begonnen -wird. Das groe Talent der Juden fr den Journalismus, die -Beweglichkeit des jdischen Geistes, der Mangel an einer -wurzelhaften und ursprnglichen <em class="gesperrt">Gesinnung</em> — lassen sie -nicht von den Juden wie von den Frauen es gelten: <em class="gesperrt">sie -<b>sind</b> nichts, und knnen eben darum alles <b>werden</b></em>? Der -Jude ist Individuum, aber nicht Individualitt; dem niederen -Leben ganz zugewandt, hat er kein Bedrfnis nach der -persnlichen Fortexistenz: es fehlt ihm das wahre, unvernderliche, -das metaphysische Sein, er hat keinen Teil am -hheren, <em class="gesperrt">ewigen Leben</em>.</p> - -<p>Und doch gehen gerade hier Judentum und Weiblichkeit -in entscheidender Weise <em class="gesperrt">auseinander</em>; <em class="gesperrt">das Nicht-Sein<span class="pagenum"><a name="Seite_430" id="Seite_430">[S. 430]</a></span> -und Alles-Werden-Knnen ist im Juden ein anderes -als in der Frau</em>. Die Frau ist die Materie, die <em class="gesperrt">passiv</em> jede -Form annimmt. Im Juden liegt zunchst unleugbar eine gewisse -<em class="gesperrt">Aggressivitt</em>: nicht durch den groen Eindruck, den andere -auf ihn hervorbringen, wird er rezeptiv, er ist nicht suggestibler -als der Arier; sondern er pat sich den verschiedenen -Umstnden und Erfordernissen, jeder Umgebung und jeder Rasse -selbstttig an; wie der Parasit, der in jedem Wirte ein anderer -wird, und so vllig ein verschiedenes Aussehen gewinnt, da -man ein neues Tier vor sich zu haben glaubt, whrend er -doch immer derselbe geblieben ist. Er assimiliert sich allem -und assimiliert es so sich; und er wird hiebei nicht vom -anderen unterworfen, sondern unterwirft sich so ihn.</p> - -<p>Das Weib ist ferner <em class="gesperrt">gar nicht</em>, der Jude <em class="gesperrt">eminent begrifflich</em> -veranlagt, womit auch seine Neigung fr die Jurisprudenz -zusammenhngt, welcher die Frau nie Geschmack -abgewinnen wird; und auch in dieser begrifflichen Natur des -Juden kommt seine <em class="gesperrt">Aktivitt</em> zum Ausdruck, eine Aktivitt -freilich von ganz eigentmlicher Art, keine Aktivitt der -selbstschpferischen Freiheit des hheren Lebens.</p> - -<p>Der Jude ist ewig wie das Weib, ewig nicht als Persnlichkeit, -sondern als Gattung. <em class="gesperrt">Er ist nicht unmittelbar -wie der arische Mann, aber seine Mittelbarkeit ist -trotzdem eine andere als die des Weibes.</em></p> - -<p>Am tiefsten wird die Erkenntnis des eigentlich-jdischen -Wesens erschlossen durch die <em class="gesperrt">Irreligiositt</em> des Juden. -Es ist hier nicht der Ort fr eine Untersuchung des Religionsbegriffes, -und es sei denn unter Religion, ohne eine Begrndung, -die notgedrungen langatmig werden und vom -Thema weit abfhren mte, zunchst die <em class="gesperrt">Bejahung alles -ewigen, aus den Daten des niederen nie abzuleitenden, -nie zu erweisenden hheren Lebens <b>im</b> Menschen -<b>durch</b> den Menschen</em> verstanden. <em class="gesperrt">Der Jude ist der <b>unglubige</b></em> -Mensch. <em class="gesperrt">Glaube</em> ist jene Handlung des Menschen, -durch welche er in Verhltnis zu einem <em class="gesperrt">Sein</em> tritt. Der <em class="gesperrt">religise -Glaube</em> richtet sich nur speziell auf das <em class="gesperrt"><b>absolute</b> Sein</em>. -<em class="gesperrt">Und der Jude <b>ist</b> nichts, im tiefsten Grunde darum, -weil er nichts <b>glaubt</b>.</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_431" id="Seite_431">[S. 431]</a></span> - -Glaube aber ist alles. Mag ein Mensch an Gott glauben -oder nicht, es kommt nicht alles darauf an: wenn er nur -wenigstens an seinen Atheismus glaubt. Das aber ist es -eben; der Jude glaubt gar nichts, er glaubt nicht an seinen -Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel. Er ist nie ganz -durchdrungen von seinem Jubel, aber ebensowenig fhig, -vllig von seinem Unglck erfllt zu werden. Er nimmt sich -nie ernst, und darum nimmt er auch keinen anderen Menschen, -keine andere Sache wahrhaft ernst.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hiemit ist die wesentliche Differenz zwischen -dem Juden und dem Weibe endlich bezeichnet.</em> Ihre -hnlichkeit beruht zu allertiefst darauf, da er, so wenig wie -sie, <em class="gesperrt">an sich selbst</em> glaubt. Aber <em class="gesperrt">sie</em> glaubt an den <em class="gesperrt">anderen</em>, -an den Mann, an das Kind, an die Liebe; sie hat einen -Schwerpunkt, nur liegt er auerhalb ihrer. <em class="gesperrt">Der Jude aber -glaubt nichts, weder in sich noch auer sich</em>; auch im -Fremden hat er keinen Halt, auch in ihm schlgt er keine -Wurzeln gleich dem Weibe. Und nur gleichsam symbolisch -erscheint sein Mangel an irgend welcher Bodenstndigkeit -in seinem so tiefen Unverstndnis fr allen Grundbesitz und -seiner Vorliebe fr das mobile Kapital.</p> - -<p>Die Frau glaubt an den Mann, an den Mann auer sich -oder an den Mann in sich, an den Mann, von dem sie geistig -imprgniert worden ist, und kann auf diese Weise sogar -sich selbst ernst nehmen.<a name="FNAnker_93_93" id="FNAnker_93_93"></a><a href="#Fussnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a> Der Jude hlt nie etwas wirklich -fr echt und unumstlich, fr heilig und unverletzbar. Darum -ist er berall frivol, und alles bewitzelnd; er glaubt -keinem Christen sein Christentum, geschweige denn einem -Juden die Ehrlichkeit seiner Taufe. Aber er ist auch nicht -wirklich realistisch und keineswegs ein echter Empiriker. -Hier ist an den frheren Aufstellungen, die, zum Teile, an -H. S. <em class="gesperrt">Chamberlain</em> sich anschlossen, die wichtigste Einschrnkung -vorzunehmen. Der Jude ist nicht eigentlich -immanent wie der englische Erfahrungsphilosoph; denn -der Positivismus des bloen Empiristen glaubt an einen Abschlu -alles menschenmglichen Wissens im Bereiche der -Sinnflligkeit, er hofft auf die Vollendung des Systemes<span class="pagenum"><a name="Seite_432" id="Seite_432">[S. 432]</a></span> -exakter Wissenschaft. Der Jude aber glaubt auch an das -Wissen nicht; und doch er ist darum keineswegs Skeptiker, -denn ebensowenig ist er vom Skeptizismus berzeugt. Dagegen -waltet noch ber einem gnzlich ametaphysischen Systeme -wie dem des <em class="gesperrt">Avenarius</em> eine weihevolle Sorgfalt, ja selbst -ber die relativistischen Anschauungen von Ernst <em class="gesperrt">Mach</em> ist -eine vertrauensvolle <em class="gesperrt">Frmmigkeit</em> ausgebreitet. Der Empirismus -mag nicht tief sein; jdisch ist er darum nicht zu -nennen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Jude ist der unfromme Mensch im weitesten -Sinne.</em> Frmmigkeit aber ist der Grund von allem, und die -Basis, auf der alles andere erst sich erhebt. Man hlt den Juden -schon fr prosaisch, weil er nicht schwungvoll ist, und nach -keinem Urquell des Seins sich sehnt; mit Unrecht. Alle -echte innere Kultur, und was immer ein Mensch fr Wahrheit -halte, da es fr ihn Kultur, da es fr ihn Wahrheit, -da es fr ihn Werte gibt, das ruht auf dem Grunde des -Glaubens, es bedarf der Frmmigkeit. Und Frmmigkeit ist -nicht etwas, das blo in der Mystik und in der Religion -sich offenbart; auch aller Wissenschaft und aller Skepsis, allem, -womit der Mensch es <em class="gesperrt">innerlich ernst meint</em>, liegt <em class="gesperrt">sie</em> am -tiefsten zu Grunde. Da sie auf verschiedene Weise sich -uern mag, ist sicher: Begeisterung und Sachlichkeit, hoher -Enthusiasmus und tiefer Ernst, das sind die zwei vornehmsten -Arten, in welchen sie zum Vorschein gelangt. Der Jude ist -nie schwrmerisch, aber er ist auch nicht eigentlich nchtern; -er ist nicht ekstatisch, aber er ist auch nicht trocken. Fehlt -ihm der niedere wie der geistige Rausch, ist er so wenig -Alkoholiker, als hherer Verzckung fhig, so ist er darum -noch nicht khl, und noch in weiter Ferne von der Ruhe -berzeugender Argumentation: seine Wrme schwitzt, und -seine Klte dampft. Seine Beschrnkung wird immer Magerkeit, -seine Flle immer Schwulst. Kommt er, wenn er zur -schrankenlosen Begeisterung des Gefhles den Aufflug wagt, -nie weit ber das Pathetische hinaus, so unterlt er, -auch wenn er in den engsten Fesseln des Gedankens -sich zu bewegen unternimmt, doch nicht, geruschvoll mit -seinen Ketten zu rasseln. Und drngt es ihn auch kaum<span class="pagenum"><a name="Seite_433" id="Seite_433">[S. 433]</a></span> -zum Ku der ganzen Welt, er bleibt gegen sie darum nicht -minder zudringlich.</p> - -<p>Alle Sonderung und alle Umschlingung, alle Strenge -und alle Liebe, alle Sachlichkeit und alles Hymnische, jede -wahre, unverlogene Regung im Menschenherzen, sei sie ernst -oder freudig, ruht zuletzt auf der Frmmigkeit. Der Glaube -mu nicht, wie im Genius, im religisesten Menschen, auf eine -metaphysische Entitt sich beziehen — Religion ist Setzung -seiner selbst und der Welt mit sich selbst — er mag auch -auf ein empirisches Sein sich erstrecken, und hierin gleichsam -vllig aufzugehen scheinen: es ist doch nur ein und derselbe -Glaube an ein Sein, an einen Wert, eine Wahrheit, an -ein Absolutes, an einen Gott. Religion ist Schpfung des -Alls; und alles, was im Menschen <em class="gesperrt">ist</em>, ist nur durch <em class="gesperrt">Religion</em>. -Der Jude ist demnach nicht der religise Mensch, -wofr man ihn so oft ausgegeben hat; sondern der irreligise -Mensch κατ' εξοχήν.<a name="FNAnker_94_94" id="FNAnker_94_94"></a><a href="#Fussnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a></p> - -<p>Soll ich dies nun noch begrnden? Soll ich lange ausfhren, -wie der Jude ohne Eifer im Glauben ist, und darum -die jdische Konfession die einzige, die um keinen Proselyten -wirbt, der zum Judentum bergetretene dessen Bekennern -selbst das grte Rtsel und die grte Verlegenheit?<a name="FNAnker_95_95" id="FNAnker_95_95"></a><a href="#Fussnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a> Soll<span class="pagenum"><a name="Seite_434" id="Seite_434">[S. 434]</a></span> -ich ber das Wesen des jdischen Gebetes hier mich verbreiten -und seine Formelhaftigkeit, seinen Mangel an jener -Inbrunst, die nur der Augenblick geben kann, betonen? Soll -ich endlich wiederholen, was die jdische Religion ist: keine -Lehre vom Sinn und Zweck des Lebens, sondern eine historische -Tradition, zusammenzufassen in dem einen bergang -durchs rote Meer, gipfelnd also in dem Danke des flchtenden -Feigen an den mchtigen Erretter? Es wre wohl auch -sonst klar: der Jude ist der irreligise Mensch, und von -jedem Glauben am allerweitesten entfernt. Er setzt nicht sich -selbst und mit sich die Welt, worin das Wesentliche in der Religion -besteht. Aller Glaube ist heroisch: der Jude aber kennt -weder den Mut noch das Frchten, als das Gefhl des bedrohten -Glaubens; er ist weder sonnenhaft noch dmonisch.</p> - -<p>Nicht also, wie <em class="gesperrt">Chamberlain</em> glaubt, Mystik, sondern -<em class="gesperrt">Frmmigkeit</em> ist das, was dem Juden zu allerletzt mangelt. -Wre er nur ehrlicher Materialist, wre er nur bornierter -Entwicklungsanbeter! Aber er ist nicht Kritiker, sondern nur -Kritikaster, er ist nicht Skeptiker nach dem Bilde des -<em class="gesperrt">Cartesius</em>, nicht Zweifler, um aus dem grten Mitrauen -zur grten Sicherheit zu gelangen; sondern absoluter Ironiker -wie — hier kann ich eben nur einen Juden nennen — wie -Heinrich <em class="gesperrt">Heine</em>. Er ist gar nicht echter Revolutionr (denn -woher kme ihm die Kraft und der innere Elan der Emprung?), -und unterscheidet sich eben hiedurch vom <em class="gesperrt">Franzosen</em>: -er ist nur zersetzend, und gar nie wirklich zerstrend.</p> - -<p>Und was ist er nun selbst, der Jude, wenn er nichts von -alledem ist, was sonst ein Mensch sein kann? Was geht in -ihm wahrhaft vor, wenn er ohne irgend welches Letzte ist, -ohne einen Grund, auf den das Senkblei des Psychologen -am Ende doch hart und vernehmlich stiee?</p> - -<p>Des Juden psychische Inhalte sind smtlich mit einer -gewissen Zweiheit oder Mehrheit behaftet; <em class="gesperrt">ber diese Ambiguitt, -diese Duplizitt, ja Multiplizitt kommt -er nie hinaus</em>. Er hat immer <em class="gesperrt">noch</em> eine Mglichkeit, noch -<em class="gesperrt">viele</em> Mglichkeiten, wo der Arier, ohne rmer im Blicke zu -sein, unbedingt sich entscheidet und whlt. Diese innere Vieldeutigkeit, -diesen Mangel an unmittelbarer innerer <em class="gesperrt">Realitt</em><span class="pagenum"><a name="Seite_435" id="Seite_435">[S. 435]</a></span> -irgend eines psychischen Geschehens, die Armut an jenem -An- und Frsich-Sein, aus welchem allein hchste Schpferkraft -flieen kann, glaube ich als die Definition dessen betrachten -zu mssen, was ich das Jdische als Idee genannt -habe.<a name="FNAnker_96_96" id="FNAnker_96_96"></a><a href="#Fussnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a> <em class="gesperrt">Es ist wie ein Zustand <b>vor</b> dem <b>Sein</b></em>, ein ewiges -Irren drauen vor dem Tore der Realitt. Mit nichts kann -der Jude sich wahrhaft identifizieren, fr keine Sache sein -Leben ganz und gar einsetzen.<a name="FNAnker_97_97" id="FNAnker_97_97"></a><a href="#Fussnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> Nicht der Eiferer, sondern -der Eifer fehlt dem Juden: weil ihm alles Ungeteilte, alles -Ganze fremd ist. Es ist die <em class="gesperrt">Einfalt</em> des <em class="gesperrt">Glaubens</em>, die ihm -abgeht, und weil er diese <em class="gesperrt">Einfalt</em> nicht hat, und keine wie -immer geartete letzte <em class="gesperrt">Position</em> bedeutet, darum scheint er -gescheiter als der Arier, und entwindet sich <em class="gesperrt">elastisch</em> jeder -Unterdrckung.<a name="FNAnker_98_98" id="FNAnker_98_98"></a><a href="#Fussnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> <em class="gesperrt">Innerliche Vieldeutigkeit</em>, ich mchte -es wiederholen, <em class="gesperrt">ist das absolut Jdische, Einfalt das -absolut Unjdische</em>. Die Frage des Juden ist die -Frage, die Elsa an Lohengrin richtet: die Unfhigkeit, -irgend einer Verkndigung, sei es auch der inneren Offenbarung, -die Unmglichkeit, <em class="gesperrt">irgend</em> einem <em class="gesperrt">Sein</em> schlechthin -zu <em class="gesperrt">glauben</em>.</p> - -<p>Man wird vielleicht einwenden, jenes zwiespltige Sein -finde sich nur bei den zivilisierten Juden, in welchen die alte -Orthodoxie neben der modernen Gesittung noch fortwirke. -Aber das wre weit gefehlt. Seine Bildung lt das Wesen -des Juden nur darum stets noch klarer zum Vorschein<span class="pagenum"><a name="Seite_436" id="Seite_436">[S. 436]</a></span> -kommen, weil es so an Dingen sich bettigt, die mit -tieferem Ernste erwogen sein wollen, als materielle Geldgeschfte. -Der Beweis, da der Jude an sich nicht eindeutig -ist, lt sich erbringen: der Jude <em class="gesperrt">singt</em> nicht. Nicht aus -Schamhaftigkeit, sondern weil er sich seinen Gesang nicht -<em class="gesperrt">glaubt</em>. So wenig die Vieldeutigkeit des Juden mit eigentlicher, -realer Differenziertheit oder Genialitt, so wenig hat -seine eigentmliche Scheu vor dem Gesang, oder auch nur -vor dem lauten hellen Worte, mit echter Zurckhaltung etwas -zu tun. Alle Scham ist stolz; jene Abneigung des Juden -ist aber ein Zeichen seiner <em class="gesperrt">inneren Wrdelosigkeit</em>: denn -das unmittelbare Sein versteht er nicht, und er wrde sich -schon lcherlich finden und kompromittiert fhlen, wenn er -nur snge. Schamhaftigkeit umfat alle Inhalte, die mit -dem Ich des Menschen, durch eine innige Kontinuitt -fester verknpft sind; die fragliche Gne des Juden aber -erstreckt sich auch auf Dinge, die ihm keineswegs heilig sein -knnen, die er also nicht zu profanieren frchten mte, -wenn er ffentlich die Stimme wrde erheben sollen. Und -abermals trifft dies mit der Unfrmmigkeit des Juden zusammen: -denn alle Musik ist absolut, und besteht wie losgelst -von aller Unterlage; nur darum hat sie unter -allen Knsten die engste Beziehung zur Religion, und ist -der einfache Gesang, der eine einzelne Melodie mit ganzer -Seele erfllt, unjdisch wie jene.</p> - -<p>Ich glaube nun gerade deutlich genug gewesen zu sein, um -nicht darber schlecht verstanden zu werden, was ich mit dem -eigentlichen Wesen des Judentums meine. <em class="gesperrt">Ibsens</em> Knig -<em class="gesperrt">Hkon</em> in den Kronprtendenten, sein Dr. <em class="gesperrt">Stockmann</em> -im Volksfeind mgen es, wenn es dessen bedrfen sollte, -noch klarer machen, was dem echten Juden in alle Ewigkeit -unzugnglich ist: <em class="gesperrt">das unmittelbare Sein</em>, <em class="gesperrt">das Gottesgnadentum</em>, -<em class="gesperrt">der Eichbaum</em>, <em class="gesperrt">die Trompete</em>, <em class="gesperrt">das Siegfriedmotiv</em>, -<em class="gesperrt">die Schpfung seiner selbst</em>, <em class="gesperrt">das Wort: <b>ich -bin</b></em>. Der Jude ist wahrhaftig das Stiefkind Gottes auf Erden; -und es gibt denn auch keinen (mnnlichen) Juden, der nicht, -wenn auch noch so dumpf, an seinem Judentum, das ist im -tiefsten Grunde, an seinem Unglauben, <b>litte</b>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_437" id="Seite_437">[S. 437]</a></span> - -Judentum und Christentum, jenes das zerrissenste, der -inneren Identitt barste, dieses das glaubenskrftigste, gottvertrauendste -Sein, sie bilden so den weitesten, unermelichsten -Gegensatz. Christentum ist hchstes Heldentum; der Jude aber -ist nie einheitlich und ganz. Darum eben ist der Jude feige, -und der Heros sein uerster Gegenpol.</p> - -<p>H. S. <em class="gesperrt">Chamberlain</em> hat von dem furchtbaren, unheimlichen -Unverstndnis des echten Juden fr die Gestalt und -die Lehre Christi, fr den Krieger wie fr den Dulder in -ihm, fr sein Leben wie fr sein Sterben, viel Wahres und -Treffendes gesagt. Aber es wre irrig, zu glauben, der -Jude <em class="gesperrt">hasse</em> Christum; der Jude ist nicht der Antichrist, <em class="gesperrt">er -hat zu Jesus nur eigentlich gar keine Beziehung</em>; es -gibt streng genommen nur Arier — Verbrecher — die -Christum <em class="gesperrt">hassen</em>. Der Jude fhlt sich durch ihn nur, als ein -seinem Witze nicht recht Angreifbares, weil seinem Verstndnis -Entrcktes, <em class="gesperrt">gestrt</em> und unangenehm <em class="gesperrt">gergert</em>.</p> - -<p>Dennoch ist die Sage vom Neuen Testament als reifster -Blte und hchster Vollendung des Alten, und die knstliche -Vermittelung, welche das letztere den messianischen Verheiungen -des ersteren angepat hat, den Juden sehr zustatten -gekommen; sie ist ihr strkster uerer Schutz gewesen. Da -nun trotz dieses polaren Verhltnisses gerade aus dem Judentum -das Christentum hervorgegangen ist, bildet eines der -tiefsten psychologischen Rtsel: es ist kein anderes Problem als -die Psychologie des Religionsstifters, um die es sich hier -handelt.<a name="FNAnker_99_99" id="FNAnker_99_99"></a><a href="#Fussnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a></p> - -<p>Wodurch unterscheidet sich der geniale Religionsstifter -von allem brigen Genie? Welche innere Notwendigkeit treibt -ihn, Religion zu stiften?</p> - -<p><em class="gesperrt">Es kann keine andere sein, als da er selbst -nicht immer an den Gott geglaubt hat, den er verkndet.</em> -Die berlieferung erzhlt von <em class="gesperrt">Buddha</em> wie von -<em class="gesperrt">Christus</em>, welchen Versuchungen sie ausgesetzt waren, viel -strkeren als alle anderen Menschen. Zwei weitere, <em class="gesperrt">Mohammed</em> -und <em class="gesperrt">Luther</em>, sind <em class="gesperrt">epileptisch</em> gewesen. Die <em class="gesperrt">Epilepsie</em><span class="pagenum"><a name="Seite_438" id="Seite_438">[S. 438]</a></span> -aber ist <em class="gesperrt">die Krankheit des Verbrechers</em>: <em class="gesperrt">Csar</em>, <em class="gesperrt">Narses</em>, -<em class="gesperrt">Napoleon</em>, die groen Verbrecher, haben smtlich an der -Fallsucht gelitten, und <em class="gesperrt">Flaubert</em> und <em class="gesperrt">Dostojewskij</em>, welche -zu ihr wenigstens tendierten, hatten beide auerordentlich -viel vom Verbrecher in sich, ohne natrlich Verbrecher -zu <em class="gesperrt">sein</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Religionsstifter ist jener Mensch, der ganz -gottlos gelebt und dennoch zum hchsten Glauben sich -durchgerungen hat.</em> Wie es mglich sei, da ein natrlicherweise -bser Mensch sich selbst zum guten Menschen mache, das -bersteigt alle unsere Begriffe; denn wie kann ein bser -Baum gute Frchte bringen? so fragt <em class="gesperrt">Kant</em> in seiner Religionsphilosophie, -und <em class="gesperrt">bejaht dennoch prinzipiell</em> diese Mglichkeit: -Denn, ungeachtet jenes Abfalles erschallt doch das -Gebot: wir <em class="gesperrt">sollen</em> bessere Menschen werden, unvermindert -in unserer Seele; folglich mssen wir es auch <em class="gesperrt">knnen</em> .. -Jene unbegreifliche Mglichkeit der vollstndigen <em class="gesperrt">Wiedergeburt</em> -eines Menschen, der alle Jahre und Tage seines -frheren Lebens als bser Mensch gelebt hat, dieses hohe -Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen <em class="gesperrt">verwirklicht</em>, -welche die groen Religionen der Menschheit begrndet -haben. Hiedurch scheiden sie sich vom eigentlichen -Genie: in diesem berwiegt von Geburt an die Anlage zum -Guten.</p> - -<p>Alle Genialitt ist nur hchste Freiheit vom Naturgesetz.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,<br /></span> -<span class="i0">Befreit der Mensch sich, der sich berwindet.<br /></span> -</div></div> - -<p><em class="gesperrt">Wenn dies so sich verhlt, dann ist der Religionsstifter -der genialste Mensch.</em> Denn er hat <em class="gesperrt">am meisten</em> -berwunden. Er ist der Mensch, dem das gelungen ist, was -die tiefsten Denker der Menschheit nur zaghaft, nur um -ihre ethische Weltanschauung, um die <em class="gesperrt">Freiheit</em> der <em class="gesperrt">Wahl</em> -nicht preisgeben zu mssen, als mglich hingestellt haben: -<em class="gesperrt">die vllige Neugeburt des Menschen</em>, seine Regeneration, -die gnzliche Umkehr des Willens. Die anderen groen -Geister haben zwar auch den Kampf mit dem Bsen zu -fhren, aber bei ihnen neigt die Wagschale von vornherein<span class="pagenum"><a name="Seite_439" id="Seite_439">[S. 439]</a></span> -entschieden zum Guten. Nicht so beim Religionsgrnder. -In ihm ist so viel Bses, so viel Machtwille, so viel -irdische Leidenschaft, da er 40 Tage in der Wste, ununterbrochen, -ohne Nahrung, ohne Schlaf, mit dem Feind in sich -kmpft. Erst dann hat er gesiegt: nicht zum Tode ist er eingegangen, -sondern das hchste Leben hat er in sich befreit. -Wre das anders, so fehlte jeder Impuls zur Glaubensstiftung. -Der Religionsgrnder will und mu nichts anderes den -Menschen bringen, als was ihm, dem belastetsten von allen, -gelungen ist: den Bund mit der Gottheit zu schlieen. Er -wei, da er der schuldbeladenste Mensch ist; und er shnt -die <em class="gesperrt">grte</em> Schuldsumme durch den Tod am Kreuze.</p> - -<p>Im Judentum waren zwei Mglichkeiten. Vor <em class="gesperrt">Christi</em> -Geburt lagen sie noch beisammen, und es war noch nicht -gewhlt worden. Es war eine Diaspora da, und zugleich -wenigstens eine Art Staat: Negation und Position, beide -waren nebeneinander vorhanden. <em class="gesperrt">Christus ist der Mensch, -der die strkste Negation, das Judentum, in sich -berwindet, und so die strkste Position, das Christentum, -als das dem Judentum Entgegengesetzteste, -schafft.</em> Aus dem Zustand <em class="gesperrt">vor</em> dem Sein <em class="gesperrt">trennen</em> sich -Sein und Nicht-Sein. <em class="gesperrt">Jetzt</em> sind die Lose gefallen: das alte -Israel scheidet sich in Juden und in Christen, der <em class="gesperrt">Jude</em>, wie -wir ihn kennen, wie ich ihn beschrieben habe, entsteht <b>zugleich</b> -mit dem <em class="gesperrt">Christen</em>. Die Diaspora wird nun vollstndig, -und aus dem Judentum verschwindet die Mglichkeit zur -Gre: Menschen wie <em class="gesperrt">Jesaias</em>, jenen gewaltigsten Mann des -alten Israel, hat das <em class="gesperrt">Judentum</em> seither nicht wieder hervorbringen -knnen. <em class="gesperrt">Christentum und Judentum bedingen -sich welthistorisch wie Position und Negation.</em> In -Israel waren die hchsten Mglichkeiten, die je einem Volke -beschieden waren: die Mglichkeit Christi. <em class="gesperrt">Die andere -Mglichkeit ist der Jude.</em></p> - -<p>Ich hoffe nicht miverstanden zu werden: ich will dem -Judentum nicht eine Beziehung zum Christentum andichten, -die ihm fremd ist. <em class="gesperrt">Das Christentum ist die absolute -Negation des Judentums; aber es hat zu diesem dasselbe -Verhltnis, welches alle Dinge mit ihren Gegenteilen,<span class="pagenum"><a name="Seite_440" id="Seite_440">[S. 440]</a></span> -jede Position mit der Negation verbindet, -welche durch sie berwunden ist.</em><a name="FNAnker_100_100" id="FNAnker_100_100"></a><a href="#Fussnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a> Noch mehr als -Frmmigkeit und Judentum, sind Christentum und Judentum -nur <em class="gesperrt">aneinander</em>, und durch ihre wechselseitige Ausschlieung, -zu definieren. <em class="gesperrt">Das Judentum ist der Abgrund, ber dem -das Christentum aufgerichtet ist, und darum der Jude -die strkste Furcht und die tiefste Abneigung des -Ariers.</em><a name="FNAnker_101_101" id="FNAnker_101_101"></a><a href="#Fussnote_101_101" class="fnanchor">[101]</a></p> - -<p>Ich vermag nicht mit <em class="gesperrt">Chamberlain</em> zu glauben, da -die Geburt des Heilands in Palstina ein bloer Zufall knne -gewesen sein. <em class="gesperrt">Christus war ein Jude, aber nur, um das -Judentum in sich am vollstndigsten zu berwinden</em>; -denn wer ber den mchtigsten <em class="gesperrt">Zweifel</em> gesiegt hat, der -ist der <em class="gesperrt">glubigste</em>, wer ber die deste <em class="gesperrt">Negation</em> sich -erhoben hat, der <em class="gesperrt">positivste</em> Bejaher. <em class="gesperrt">Christus ist der grte -Mensch, weil er am grten Gegner sich gemessen -hat.</em> Vielleicht ist er der einzige Jude und wird es bleiben, -dem dieser Sieg ber das Judentum gelungen: der erste Jude -wre der letzte, der ganz und gar <em class="gesperrt">Christ</em> geworden ist; -vielleicht aber liegt auch heute noch im Judentum die Mglichkeit, -den Christ hervorzubringen, vielleicht sogar <em class="gesperrt">mu</em> auch -der nchste Religionsstifter abermals erst durch das <em class="gesperrt">Judentum</em> -hindurchgehen. Wenn also im Juden vielleicht noch -immer die hchsten <em class="gesperrt">Mglichkeiten</em>, so liegen doch in ihm die -geringsten <em class="gesperrt">Wirklichkeiten</em>; er ist wohl der <em class="gesperrt">zum Meisten -veranlagte</em>, und doch zugleich der <em class="gesperrt">innerlich des Wenigsten -mchtige</em> Mensch.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unsere heutige Zeit lt das Judentum auf der hchsten -Hhe erblicken, die es seit den Tagen des <em class="gesperrt">Herodes</em> erklommen<span class="pagenum"><a name="Seite_441" id="Seite_441">[S. 441]</a></span> -hat. <em class="gesperrt">Jdisch</em> ist der <em class="gesperrt">Geist der Modernitt</em>, -von wo man ihn betrachte. Die Sexualitt wird bejaht, und -die heutige Gattungsethik singt zum Koitus den Hymenaios. -Der unglckliche <em class="gesperrt">Nietzsche</em> ist wahrhaftig nicht verantwortlich -fr die groe Vereinigung von natrlicher Zuchtwahl -und natrlicher Unzuchtwahl, deren schmhlicher Apostel sich -Wilhelm <em class="gesperrt">Blsche</em> nennt. <em class="gesperrt">Er</em> hat Verstndnis gehabt fr die -Askese, und nur unter der eigenen zu sehr gelitten, um nicht -ihr Gegenteil oft wnschenswerter zu finden. Aber Weiber -und Juden kuppeln, ihr Ziel ist es: den Menschen schuldig -werden lassen.</p> - -<p>Unsere Zeit, die nicht nur die jdischeste, sondern auch -die weibischeste aller Zeiten ist; die Zeit, fr welche die Kunst -nur ein Schweituch ihrer Stimmungen abgibt, die den knstlerischen -Drang aus den Spielen der Tiere abgeleitet hat; die Zeit des -leichtglubigsten Anarchismus, die Zeit ohne Sinn fr Staat und -Recht, die Zeit der Gattungs-Ethik, die Zeit der seichtesten -unter allen denkbaren Geschichtsauffassungen (des historischen -Materialismus), die Zeit des Kapitalismus und des Marxismus, -die Zeit, der Geschichte, Leben, Wissenschaft, alles nur mehr -konomie und Technik ist; die Zeit, die das Genie fr eine -Form des Irrsinns erklrt hat, die aber auch keinen einzigen -groen Knstler, keinen einzigen groen Philosophen mehr -besitzt, die Zeit der geringsten Originalitt und der grten -Originalittshascherei; die Zeit, die an die Stelle des Ideals -der Jungfrulichkeit den Kultus der Demi-Vierge gesetzt hat: -<em class="gesperrt">diese Zeit hat auch den Ruhm, die erste zu sein, -welche den Koitus bejaht und angebetet hat</em>.</p> - -<p>Aber dem neuen Judentum entgegen drngt ein neues -Christentum zum Lichte; die Menschheit harrt des neuen -Religionsstifters, und der Kampf drngt zur Entscheidung wie -im Jahre eins. Zwischen Judentum und Christentum, zwischen -Geschft und Kultur, zwischen Weib und Mann, zwischen -Gattung und Persnlichkeit, zwischen Unwert und Wert, -zwischen irdischem und hherem Leben, zwischen dem Nichts -und der Gottheit hat abermals die Menschheit die Wahl. Das -sind die beiden Pole: es gibt kein drittes Reich.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_442" id="Seite_442">[S. 442]</a></span><a name="XIV_Kapitel" id="XIV_Kapitel"><small>XIV. Kapitel.</small></a><br /> - -Das Weib und die Menschheit.</h2> - - -<p>Nun erst ist es mglich, gereinigt und gewaffnet nochmals -vor die Frage der Emanzipation des Weibes zu treten. -Gereinigt, weil nun nicht mehr die tausend fliegenden Mcken -jener Zweideutigkeiten, welche den Gegenstand umspielen, -den Blick trben; gewaffnet, weil im Besitze fester theoretischer -Begriffe und sicherer ethischer Anschauungen. Fern -ab von dem Tummelplatze der gewhnlichen Kontroversen -und selbst weit ber das Problem der ungleichen Begabung -hinaus ist die Untersuchung an Punkte gelangt, welche die -Rolle des Weibes im Weltganzen und den Sinn seiner Mission -fr den Menschen ahnen lieen. Darum sollen auch hier -Fragen von allzu besonderem Charakter in die Errterung -nicht einbezogen werden; diese ist nicht optimistisch genug, -auf die Fhrung politischer Geschfte von ihren Resultaten -einen Einflu zu erhoffen. Darum verzichtet sie auf die Ausarbeitung -sozialhygienischer Vorschlge, und behandelt das -Problem vom Standpunkte jener Idee der Menschheit, die ber -der Philosophie von <em class="gesperrt">Immanuel Kant</em> schwebt.</p> - -<p>Die Gefahr ist gro, welche dieser Idee von der Weiblichkeit -droht. Den Frauen ist in hohem Grade die Kunst -verliehen den Schein zu erregen, als wren sie eigentlich -asexuell und ihre Sexualitt nur eine Konzession an den -Mann. Denn fiele dieser Schein weg, wo bliebe dann die -Konkurrenz mehrerer, vieler um eine? Sie haben aber, untersttzt -von Mnnern, die es ihnen glaubten, heute dem anderen -Geschlechte beinahe dies einzureden vermocht, da des -Mannes wichtigstes, eigentlichstes Bedrfnis die Sexualitt sei, -da er erst vom Weibe Befriedigung seiner wahrsten und<span class="pagenum"><a name="Seite_443" id="Seite_443">[S. 443]</a></span> -tiefsten Wnsche erhoffen drfe, da Keuschheit fr ihn ein -Unnatrliches und Unmgliches bilde. Wie oft knnen junge -Mnner, die in ernster Arbeit Genugtuung finden, von Frauen, -denen sie nicht allzuhlich vorkommen, und, als Liebhaber oder -Schwiegershne, nicht allzuwenig zu versprechen scheinen, es -vernehmen, da sie nicht so bermig studieren, vielmehr -ihr Leben genieen sollten. In diesen freundlichen Mahnungen -liegt, natrlich gnzlich unbewut, ein Gefhl des -Weibes, seine einzig auf den Begattungsakt gerichtete Sendung -zu verfehlen, <em class="gesperrt">nichts mehr zu sein</em>, mit seinem ganzen -Geschlechte alle Bedeutung zu verlieren, sowie der Mann um -andere als um sexuelle Dinge sich zu bekmmern anfngt.</p> - -<p>Ob sich die Frauen hierin je ndern werden, ist fraglich. -Man darf auch nicht glauben, da sie je anders gewesen -sind. Heute mag das sinnliche Element strker hervortreten -als frher, denn unendlich viel in der Bewegung -ist nur ein Hinberwollen von der Mutterschaft zur Prostitution; -sie ist als Ganzes mehr Dirnen-Emanzipation als -Frauen-Emanzipation, und sicherlich ihren wirklichen Resultaten -nach vor allem: ein mutigeres Hervortreten des kokottenhaften -Elementes im Weibe. Was <em class="gesperrt">neu</em> scheint, das ist -das Verhalten der <em class="gesperrt">Mnner</em>. Mit unter dem Einflu des Judentums -sind sie heute nahe daran, der weiblichen Wertung -ihrer selbst sich zu fgen, ja selber sie sich anzueignen. Die -mnnliche Keuschheit wird verlacht, gar nicht mehr <em class="gesperrt">verstanden</em>, -das Weib vom Manne nicht mehr als Snde, als -<em class="gesperrt">Schicksal</em> empfunden, die eigene Begierde weckt im Manne -keine Scham mehr.</p> - -<p>Man sieht jetzt, <em class="gesperrt">woher</em> die Forderung des Sich-Auslebens, -der Kaffeehausbegriff des Dionysischen, der Kult -<em class="gesperrt">Goethes</em>, soweit Goethe <em class="gesperrt">Ovid</em> ist, woher diese ganze moderne -<em class="gesperrt">Koitus-Kultur</em> eigentlich stammt. Denn es ist so weit, da kaum -je einer noch den Mut findet, zur Keuschheit sich zu bekennen, -und fast jeder lieber so tut, als wre er ein Wstling. -Geschlechtliche Ausschweifungen bilden den beliebtesten -Gegenstand der <em class="gesperrt">Renommage</em>, ja die Sexualitt wird so -hoch gewertet, da der Renommist schon Mhe hat, Glauben -zu finden; die Keuschheit hingegen steht in so geringem Ansehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_444" id="Seite_444">[S. 444]</a></span> -da gerade der wahrhaft Keusche oft hinter dem Scheine -des Rou sich verbirgt. Es ist sicher wahr, da der Schamhafte -auch seiner Scham sich <em class="gesperrt">schmt</em>; aber jene andere, heutige -Scham ist nicht die Scham der Erotik, sondern die Scham des -Weibes, weil es noch keinen Mann gefunden, noch keinen Wert -vom anderen Geschlechte empfangen hat. Darum ist einer dem -anderen zu zeigen beflissen, mit welcher <em class="gesperrt">Treue</em> und pflichtgemer -<em class="gesperrt">Wonne</em> er die sexuellen Funktionen ausbt. So bestimmt -heute das Weib, das seiner Natur nach am Manne -nur die sexuelle Seite schtzen kann, was mnnlich ist: -aus seinen Hnden nehmen die Mnner den Mastab ihrer -Mnnlichkeit entgegen. So ist die Zahl der Beischlfe, das -Verhltnis, das Mdel, in der Tat die <em class="gesperrt">Legitimation -eines Masculinums vor dem anderen</em> geworden. Doch -nein: denn dann gibt es keine Mnner mehr.</p> - -<p>Dagegen ist alle Hochschtzung der <em class="gesperrt">Virginitt ursprnglich</em> -vom Manne ausgegangen, und geht, wo es -Mnner gibt, noch immer von da aus: sie ist die Projektion -des dem Manne <em class="gesperrt">immanenten</em> Ideales fleckenloser Reinheit -auf den Gegenstand seiner Liebe. Man lasse sich nur hierin nicht -beirren, weder durch die Angst und den Schrecken vor der -Berhrung, die sich so gern mglichst bald in Zutraulichkeit -transformieren, noch durch die hysterische Unterdrckung der -sexuellen Wnsche; nicht durch den <em class="gesperrt">ueren Zwang</em>, dem -Anspruch des Mannes auf physische Reinheit zu entsprechen, -weil sonst der Kufer sich nicht einstellen wrde; aber auch -nicht durch jenes Bedrfnis Wert zu <em class="gesperrt">empfangen</em>, aus welchem -die Frau oft so lange auf jenen Mann wartet, der ihr am meisten -Wert schenken kann (was man gemeinhin vllig verkehrt als -hohe <em class="gesperrt">Selbst</em>schtzung solcher Mdchen interpretiert). Will man -wissen, wie die <em class="gesperrt">Frauen</em> ber die Jungfernschaft denken, so -kann dies freilich von vornherein kaum zweifelhaft sein, nach -der Erkenntnis, da das Hauptziel der Frauen die Herbeifhrung -des <em class="gesperrt">Koitus berhaupt</em> ist, als durch welchen sie erst Existenz -gewinnen; denn da die Frau den Koitus will und nichts -anderes, auch wenn sie, fr ihre Person, noch so uninteressiert -an der Wollust <em class="gesperrt">scheinen</em> mag, das konnte aus der Allgemeinheit -der Kuppelei <em class="gesperrt">bewiesen</em> werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_445" id="Seite_445">[S. 445]</a></span> - -Man mu, um sich davon neu zu berzeugen, betrachten, -mit welchen Augen die Frau Jungfernschaft bei den anderen -Angehrigen ihres Geschlechtes ansieht.</p> - -<p>Und da nimmt man wahr: der Zustand der Nicht-Verheirateten -wird von den Frauen selbst sehr tief gestellt. Ja -es ist eigentlich <em class="gesperrt">der</em> weibliche Zustand, den das Weib <em class="gesperrt">negativ</em> -bewertet. Die Frauen schtzen jede Frau berhaupt erst, wenn -sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen hlichen, schwachen, -armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen Mann unglcklich -verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet, -will sagen, hat Wert, hat Existenz empfangen. Und wenn -eine auch nur kurze Zeit die Herrlichkeiten eines Maitressenlebens -gekostet, ja wenn sie Straendirne geworden ist, sie -steht hher in der weiblichen Schtzung als das alte Frulein, -das einsam in seiner Kammer nht und flickt, ohne je einem -Manne, in gesetzlicher oder ungesetzlicher Verbindung, fr -lange oder fr einen rasch vergangenen Taumel, angehrt -zu haben.</p> - -<p>So aber wird auch das ganz junge Mdchen, wenn -es durch krperliche Vorzge sich auszeichnet, vom Weibe -nie um seiner Schnheit willen positiv gewertet — der Frau -<em class="gesperrt">fehlt</em> das Organ des Schn-Findens, weil sie keinen Wert zu -projizieren hat — sondern nur, weil es leichtere Aussicht -hat, einen Mann an sich zu fesseln. <em class="gesperrt">Je schner eine Jungfrau -ist, eine desto zuverlssigere <b>Promesse</b> ist sie den -anderen Frauen, desto wertvoller ist sie dem Weibe -als Kupplerin, seiner Bestimmung als Hterin der -Gemeinschaft <b>nach</b>; nur dieser <b>unbewute</b> Gedanke ist -es, der eine Frau an einem schnen Mdchen Freude -finden lt.</em> Wie dies erst dann rein zum Vorschein kommen -kann, wenn das wertende weibliche Einzelindividuum bereits -selbst Existenz empfangen hat (weil sonst der Neid auf die -Konkurrentin, und das Gefhl, die eigenen Chancen im Kampf -um den Wert durch sie vermindert zu sehen, jene Regungen -berstimmen mu), das wurde bereits besprochen. Zuerst -mssen sie wohl sich selbst verkuppeln — kuppeln kommt -von copulare, ein Paar fertig bringen — frher knnen es -die anderen auch kaum verlangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_446" id="Seite_446">[S. 446]</a></span> - -Die leider so allgemein gewordene Geringschtzung der -alten Jungfer ist demnach durchaus vom <em class="gesperrt">Weibe</em> ausgegangen. -Von einem bejahrten Frulein wird man Mnner oft -mit Respekt reden hren; aber jede Frau und jedes Mdchen, -gleichgltig ob verheiratet oder nicht, hat fr die Betreffende -nur die extremste Geringschtzung, mag dies auch -in manchen Fllen ihnen selbst gar nicht bewut werden. -Eine verheiratete Dame, die fr geistreich und mannigfach -talentiert gelten konnte, und ihres ueren wegen so viele -Bewunderer zhlte, da Neid in diesem Falle ganz auer -Frage steht, hrte ich einmal ber ihre unschne und ltliche -italienische Lehrerin sich lustig machen, weil diese -wiederholt betont habe: Io sono ancora una vergine (sie sei -noch eine Jungfrau).</p> - -<p>Freilich ist, vorausgesetzt da die uerung richtig -reproduziert war, zuzugeben, da die ltere eine Tugend -wohl nur aus der Not gemacht hatte, und jedenfalls selbst -sehr froh gewesen wre, ihre Jungfernschaft auf irgend eine -Weise los zu werden, ohne dadurch in der Gesellschaft an -Ansehen einben zu mssen.</p> - -<p>Denn dies ist das Wichtigste: die Frauen verachten und -hhnen nicht nur die Jungfernschaft anderer Frauen, sondern -sie schtzen auch die eigene Jungfernschaft als <em class="gesperrt">Zustand</em> uerst -<em class="gesperrt">gering</em> (und nur als eine sehr gesuchte <em class="gesperrt">Ware</em> von hchstem -Anwert bei den <em class="gesperrt">Mnnern hoch</em>). Darum blicken sie zu jeder -Verheirateten wie zu einem hheren Wesen empor. Wie sehr -es dem Weibe im tiefsten Grunde speziell auf den Sexualakt -ankommt, das kann man gerade an der wahren Verehrung -sehen, welche erst ganz vor kurzem verheiratete Frauen -bei den jungen Mdchen genieen: ist doch der Sinn ihres -Daseins diesen eben enthllt, sie selbst auf dessen Zenit gefhrt -worden. Dagegen betrachtet jedes junge Mdchen jedes -andere als ein unvollkommenes Wesen, das seine Bestimmung -ebenso, wie sie selbst, erst noch erreichen will.</p> - -<p>Hiemit erachte ich als dargetan, wie vollkommen die -aus der Kuppelei gezogene Folgerung, das Virginitts-Ideal -msse mnnlichen, und knne nicht weiblichen Ursprunges -sein, mit der Erfahrung sich deckt. Der Mann verlangt Keuschheit<span class="pagenum"><a name="Seite_447" id="Seite_447">[S. 447]</a></span> -von sich und von anderen, am meisten von dem Wesen, -das er liebt; das Weib will unkeusch sein knnen, und -es will Sinnlichkeit auch vom Manne, nicht Tugend. Fr -Musterknaben hat die Frau kein Verstndnis. Dagegen ist -bekannt, da sie stets dem in die Arme fliegt, welchem -der Ruf des Don Juan meilenweit vorauseilt. Die Frau -will den Mann sexuell, weil sie nur durch seine Sexualitt -Existenz gewinnt. Nicht einmal fr die Erotik des -Mannes, als ein <em class="gesperrt">Distanz</em>phnomen, sondern nur fr diejenige -Seite an ihm, die unaufhaltsam das Objekt ihres Begehrens -ergreift und sich aneignet, haben die Frauen einen -Sinn, und es wirken Mnner auf sie nicht, bei denen -Brutalitts-Instinkte gar nicht oder wenig entwickelt sind. -Selbst die hhere platonische Liebe des Mannes ist ihnen -im Grunde nicht willkommen; sie schmeichelt ihnen und -sie streichelt sie, <em class="gesperrt">aber sie <b>sagt</b> ihnen nichts</em>. Und wenn -das Gebet auf den Knien vor ihr zu lange whren wollte, -wrde <em class="gesperrt">Beatrice</em> so ungeduldig wie <em class="gesperrt">Messalina</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in -der Liebe die hchste Erhebung des Weibes. Da das -Weib den Koitus verlangt, und nicht die Liebe, bedeutet, -da es heruntergesetzt, und nicht erhht werden -will.</em> <b>Die letzte Gegnerin der Frauen-Emanzipation ist -die Frau.</b></p> - -<p>Nicht weil der Koitus lustvoll, nicht weil er das Urbild -aller Wonne des niederen Lebens ist, nicht darum ist er unsittlich. -Die Askese, welche die Lust fr das Unsittliche an sich erklrt, -ist selbst unsittlich; denn sie sucht den Mastab des Unrechtes -in einer <em class="gesperrt">Begleit</em>erscheinung und ueren Folge der Handlung, -<em class="gesperrt">nicht</em> in der Gesinnung: sie ist <em class="gesperrt">heteronom</em>. Der Mensch -darf die Lust anstreben, er mag sein Leben auf der Erde -leichter und froher zu gestalten suchen: nur darf er dem -nie ein sittliches Gebot opfern. In der Askese aber will der -Mensch die Moralitt <em class="gesperrt">erpressen</em> durch Selbstzerfleischung, -<em class="gesperrt">er will sie als Folge eines Grundes</em>, die eigene Sittlichkeit -als Resultat und Belohnung dafr, da er sich so viel -versagt hat. Die Askese ist demnach als prinzipieller Standpunkt -wie als psychologische Disposition <em class="gesperrt">verwerflich</em>; denn<span class="pagenum"><a name="Seite_448" id="Seite_448">[S. 448]</a></span> -sie <em class="gesperrt">bindet</em> die Tugend an etwas anderes als dessen <em class="gesperrt">Erfolg</em>, -<em class="gesperrt">macht sie zur Wirkung einer Ursache</em>, und strebt sie -nicht an sich, als unmittelbaren Selbstzweck, an. Die Askese -ist eine gefhrliche Verfhrerin: ihrer Tuschung fallen so -viele so leicht zum Opfer, weil die Lust der <em class="gesperrt">hufigste Beweggrund</em> -ist, aus welchem der Pfad des Gesetzes verlassen wird, -und der Irrtum nahe genug liegt, der auf dem rechten Pfad -sicherer zu bleiben glaubt, wenn er an ihrer Statt den Schmerz -anstrebt. An sich aber ist Lust weder sittlich noch unsittlich. -<em class="gesperrt">Nur wenn der Wille zur Lust den Willen zum -Wert besiegt</em>, dann ist der Mensch gefallen.</p> - -<p>Der Koitus ist <em class="gesperrt">darum</em> unmoralisch, weil es keinen Mann -gibt, der das Weib in solchem Augenblicke nicht als Mittel -zum Zweck gebrauchte, den Wert der Menschheit, in seiner -wie in ihrer Person, in diesem Momente nicht der Lust hintansetzte. -Im Koitus vergit der Mann sich selbst ob der Lust, -und er vergit das Weib; dieses hat fr ihn keine psychische, -sondern nur eine krperliche Existenz mehr. Er will von ihr -entweder ein Kind oder die Befriedigung der eigenen Wollust: -in beiden Fllen bentzt er sie nicht als Zweck an sich selbst, -sondern um einer fremden Absicht willen. Nur aus diesem, -und aus keinem anderen Grunde, ist der Koitus unmoralisch.</p> - -<p>Gewi ist die Frau die Missionrin der Idee des Koitus, -und gebraucht sich selbst, wie alles andere in der Welt, immer -nur als Mittel zu diesem Zweck; sie will den Mann als Mittel -zur Lust oder zum Kinde; sie will <em class="gesperrt">selbst</em> vom Manne als -Mittel zum Zweck bentzt sein, wie eine Sache, wie ein Objekt, -wie sein Eigentum behandelt, nach seinem Gutdnken von -ihm verndert und geformt werden. Aber nicht nur soll niemand -von einem anderen als Mittel zum Zweck sich gebrauchen -lassen; man darf auch den Standpunkt des Mannes der Frau -gegenber nicht danach bestimmen wollen, da diese den -Koitus wirklich wnscht, und von ihm, wenn sie's auch weder -sich noch ihm je ganz gesteht, <em class="gesperrt">nie etwas anderes erfleht</em>. -<em class="gesperrt">Kundry</em> appelliert freilich an <em class="gesperrt">Parsifals</em> Mitleid fr ihr -Sehnen: aber gerade da offenbart sich die ganze Schwche -der Mitleidsmoral, die zwingen wrde, einen jeden Wunsch -des Nebenmenschen zu erfllen, sei er noch so unberechtigt.<span class="pagenum"><a name="Seite_449" id="Seite_449">[S. 449]</a></span> -Die konsequente Sympathiemoral und die konsequente -Sozialethik sind beide gleich absurd, denn sie machen das -<em class="gesperrt">Sollen vom Wollen abhngig</em> (ob vom eigenen oder vom -fremden oder vom gesellschaftlichen, bleibt sich gleich), <em class="gesperrt">statt -das Wollen vom Sollen</em>; sie whlen zum Mastab der Sittlichkeit -konkretes Menschenschicksal, konkretes Menschenglck, -konkreten Menschenaugenblick, <em class="gesperrt">anstatt der Idee</em>.</p> - -<p>Die Frage ist: wie soll der Mann das Weib behandeln? -<em class="gesperrt">Wie es selbst behandelt werden will, oder wie es -die sittliche Idee verlangt?</em> Wenn er es zu behandeln -hat, wie es behandelt werden will, dann mu er es koitieren, -denn es will koitiert werden, schlagen, denn es will geschlagen -werden, hypnotisieren, denn es will hypnotisiert -werden, ihm durch die Galanterie zeigen, wie gering er -seinen Wert an sich veranschlagt; denn es will Komplimente, -es will nicht an sich geachtet werden. Will er dagegen -dem Weibe so entgegentreten, wie es die sittliche Idee verlangt, -so mu er in ihm den <em class="gesperrt">Menschen</em> zu sehen, und es -zu achten suchen. Zwar ist W <em class="gesperrt">eine Funktion von M</em>, eine -Funktion, die er setzen, die er aufheben kann, und die -Frauen wollen nicht mehr sein als eben dies, nichts anderes -als nur dies: die Witwen in Indien sollen sich gerne und -berzeugt verbrennen lassen, ja zu diesem Tode geradezu sich -drngen; doch darum bleibt diese Sitte nicht minder die -frchterlichste Barbarei.</p> - -<p>Es ist mit der Emanzipation der Frauen wie mit der -Emanzipation der Juden und der Neger. Sicherlich liegt dafr, -da diese Vlker als Sklaven behandelt und immer niedrig -eingeschtzt wurden, an ihrer knechtischen Veranlagung -die Hauptschuld; sie haben kein so starkes Bedrfnis -nach Freiheit wie die Indogermanen. Und wenn auch heute -in Amerika fr die Weien die Notwendigkeit sich -ergeben hat, von den Negern sich vllig abzusondern, weil -diese von ihrer Freiheit einen schlimmen und nichtswrdigen -Gebrauch machen: so war doch im Kriege der Nordstaaten -gegen die Fderierten, welcher den Schwarzen die -Freiheit gab, das Recht durchaus auf Seite der ersteren. -<em class="gesperrt">Trotzdem die Anlage der Menschheit</em> im Juden, noch mehr<span class="pagenum"><a name="Seite_450" id="Seite_450">[S. 450]</a></span> -im Neger, <em class="gesperrt">und noch weit mehr im Weibe</em>, mit einer greren -Anzahl amoralischer Triebe belastet ist; <em class="gesperrt">ob sie auch hier -mit mehr Hindernissen zu kmpfen hat</em> als im arischen -Manne, noch ihren letzten Rest, sei er selbst noch so gering, -mu der Mensch achten, <em class="gesperrt">noch hier die Idee der Menschheit</em> -(das heit nicht: der menschlichen Gesellschaft, sondern -das <em class="gesperrt">Mensch-Sein</em>, die <em class="gesperrt">Seele als Teil einer intelligiblen -Welt</em>) <em class="gesperrt">ehren</em>. Auch ber den gesunkensten Verbrecher darf -niemand sich eine Gewalt anmaen als das Gesetz; kein -Mensch hat das Recht ihn zu lynchen.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Problem des Weibes</em> und <em class="gesperrt">das Problem des -Juden</em> ist ganz identisch mit dem <em class="gesperrt">Problem der Sklaverei</em>, -und mu ebenso aufgelst werden, wie dieses. Niemand darf -unterdrckt werden, wenn er sich gleich nur in der Unterdrckung -wohlfhle. Dem Haustier, das ich bentze, nehme -ich keine Freiheit, denn es hatte keine, bevor ich es mir -dienstbar machte; aber in der Frau ist noch ein ohnmchtiges -Gefhl des Nicht-Andersknnens, als eine letzte, wenn auch -noch so kmmerliche Spur der intelligiblen Freiheit: wohl -deshalb, weil es kein absolutes Weib gibt. Die Frauen sind -<em class="gesperrt">Menschen</em> und mssen <em class="gesperrt">als solche</em> behandelt werden, auch -wenn sie selbst das <em class="gesperrt">nie</em> wollen wrden. <em class="gesperrt">Frau und Mann -haben gleiche Rechte.</em></p> - -<p>Man erschrecke nicht und wende nicht ein, da hiemit den -Frauen auch gleich die Teilnahme an der politischen Herrschaft -eingerumt werden mte. Vom <em class="gesperrt">Utilitts</em>standpunkte ist von -dieser Konzession gewi einstweilen, und vielleicht stets, abzuraten; -in <em class="gesperrt">Neuseeland</em>, wo man das ethische Prinzip so hochhielt, -den Frauen das Wahlrecht zu geben, hat man damit -die schlimmsten Erfahrungen gesammelt. Wie man Kindern, -Schwachsinnigen, Verbrechern mit Recht keinen Einflu auf -die Leitung des Gemeinwesens gestatten wrde, selbst wenn -diese pltzlich die numerische Paritt oder Majoritt erlangten, -so <em class="gesperrt">darf</em> vorderhand die Frau von einer Sache ferngehalten -werden, von der so lebhaft zu befrchten steht, da sie durch -den weiblichen Einflu nur knnte geschdigt werden. Wie -die Resultate der Wissenschaft davon unabhngig sind, ob alle -Menschen ihnen zustimmen oder nicht, so kann auch Recht<span class="pagenum"><a name="Seite_451" id="Seite_451">[S. 451]</a></span> -und Unrecht der Frau ganz genau ermittelt werden, ohne -da die Frauen selbst mitbeschlieen, und sie brauchen nicht -zu besorgen, bervorteilt zu werden, wenn bei dieser Feststellung -eben Recht- und nicht Machtgesichtspunkte die Entscheidung -bestimmen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Das Recht aber ist nur eines und das gleiche fr -Mann und Frau.</em> Niemand darf der Frau irgend etwas als -unweiblich verwehren und verbieten wollen; und ein -ganz niedertrchtiges Urteil ist es, das einen Mann freispricht, -der seine ehebrecherische Frau erschlagen hat, als wre diese -rechtlich seine <em class="gesperrt">Sache</em>. Man hat die Frau als Einzelwesen und -nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen, nicht -nach einem aus der Empirie oder aus den Liebesbedrfnissen -des Mannes hergeleiteten Mastabe zu beurteilen: auch wenn -sie selber nie jener Hhe der Beurteilung sich sollte wrdig -zeigen.</p> - -<p>Darum ist dieses Buch die grte Ehre, welche den -Frauen je erwiesen worden ist. Auch gegen das Weib ist -nur <em class="gesperrt">ein</em> sittliches Verhalten dem Manne mglich; nicht -die Sexualitt, nicht die Liebe — denn beide bentzen es als -Mittel zu <em class="gesperrt">fremden</em> Zwecken: <em class="gesperrt">sondern einzig der Versuch, -es zu verstehen</em>. Die meisten Menschen geben theoretisch -vor, <em class="gesperrt"><b>das</b> Weib</em> zu achten, um praktisch <em class="gesperrt"><b>die</b> Weiber</em> desto -grndlicher zu verachten: hier wurde dieses Verhltnis umgekehrt. -<em class="gesperrt">Das Weib</em> konnte nicht hochgewertet werden: aber -<em class="gesperrt">die Weiber</em> sind von aller Achtung nicht von vornherein und -ein fr alle Male auszuschlieen.</p> - -<p>Leider haben sehr berhmte und bedeutende Mnner -in dieser Frage eigentlich <em class="gesperrt">recht gemein</em> gedacht. Ich erinnere -an <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> und an <em class="gesperrt">Demosthenes'</em> Stellung -zur Frauenemanzipation. Und <em class="gesperrt">Goethes</em>:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Immer ist so das Mdchen beschftigt und reifet im stillen<br /></span> -<span class="i0">Huslicher Tugend entgegen, <em class="gesperrt">den klugen Mann zu beglcken</em>.<br /></span> -<span class="i0">Wnscht sie dann endlich zu lesen, so whlt sie gewilich ein Kochbuch,<br /></span> -</div></div> - -<p class="noindent">steht nicht hher als <em class="gesperrt">Molires</em>:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">........... Une femme en sait toujours assez,<br /></span> -<span class="i0">Quand la capacit de son esprit se hausse<br /></span> -<span class="i0">A connatre un pourpoint d'avec un haut-de-chausse.<br /></span> -</div></div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_452" id="Seite_452">[S. 452]</a></span> -<em class="gesperrt">Die Abneigung gegen das mnnliche Weib hat -der Mann in sich zu berwinden</em>; denn sie ist nichts als -gemeiner Egoismus. Wenn das Weib mnnlich werden sollte, -indem es logisch und ethisch wrde, so wird es sich nicht -mehr so gut zum <em class="gesperrt">passiven Substrate</em> einer <em class="gesperrt">Projektion</em> -eignen; aber das ist kein gengender Grund, die Frau, wie -dies heute geschieht, nur fr den Mann und fr das Kind -erziehen zu lassen, mit einer Norm, die ihr etwas verbietet, -weil es <em class="gesperrt">mnnlich</em> sei.</p> - -<p>Denn wenn auch fr das <em class="gesperrt">absolute</em> Weib keine Mglichkeit -der Sittlichkeit besteht, mit dem Erschauen dieser -<em class="gesperrt">Idee</em> des Weibes ist noch nicht gegeben, da der Mann das -<em class="gesperrt">empirische</em> Weib dieser vollstndig und rettungslos solle -<em class="gesperrt">verfallen</em> lassen; noch weniger, da er dazu beitrage, da -es dieser Idee immer gemer werde. Im lebenden menschlichen -Weibe ist, der Theorie nach, immer noch ein Keim des Guten, -nach <em class="gesperrt">Kant</em>scher Terminologie, als vorhanden anzunehmen; -es ist jener Rest eines freien Wesens, der dem Weibe das -dumpfe Gefhl seines Schicksals ermglicht.<a name="FNAnker_102_102" id="FNAnker_102_102"></a><a href="#Fussnote_102_102" class="fnanchor">[102]</a> Da auf diesen -Keim ein Mehr knne gepfropft werden, davon darf <em class="gesperrt">theoretisch</em> -die Unmglichkeit <em class="gesperrt">nie gnzlich behauptet</em> werden, -wenn es auch <em class="gesperrt">praktisch</em> sicher noch nie gelungen <em class="gesperrt">ist</em>, wenn -es selbst in aller Zukunft nie gelingen <em class="gesperrt">sollte</em>.</p> - -<p>Unter der sittlichen Idee steht die ganze Welt, selbst -die Tiere werden als <em class="gesperrt">Phnomene</em> gewertet, der Elefant -sittlich hher geschtzt als die Schlange, wenn auch z. B. -die Ttung eines anderen Tieres ihnen nicht als Personen -<em class="gesperrt">zugerechnet</em>. Dem <em class="gesperrt">Weibe</em> aber <em class="gesperrt">wird</em> von uns <em class="gesperrt">zugerechnet</em>; -und hierin liegt die <em class="gesperrt">Forderung, da es anders -werde. Und wenn alle Weiblichkeit Unsittlichkeit -ist, so mu das Weib aufhren Weib zu sein, und -Mann werden.</em></p> - -<p>Freilich mu gerade hier die Gefahr der uerlichen -Anhnlichung, die das Weib stets am intensivsten in die Weiblichkeit -zurckwirft, am vorsichtigsten gemieden werden. Die -Aussichten des Unternehmens, die Frauen wahrhaft zu emanzipieren,<span class="pagenum"><a name="Seite_453" id="Seite_453">[S. 453]</a></span> -ihnen die Freiheit zu geben, die nicht <em class="gesperrt">Willkr</em>, -sondern <em class="gesperrt">Wille</em> wre, sind uerst gering. Wenn man nach -den Tatsachen urteilt, so scheint den Frauen nur zweierlei -mglich zu sein: die verlogene Acceptierung des vom Manne -Geschaffenen, indem sie selbst glauben, das zu wollen, was -ihrer ganzen, <em class="gesperrt">noch ungeschwchten</em> Natur <em class="gesperrt">widerspricht</em>, -die unbewut verlogene Entrstung ber die Unsittlichkeit, -<em class="gesperrt">als ob sie sittlich wren</em>, ber die Sinnlichkeit, <em class="gesperrt">als ob</em> -sie die <em class="gesperrt">un</em>sinnliche Liebe wollten; oder das offene Zugestndnis<a name="FNAnker_103_103" id="FNAnker_103_103"></a><a href="#Fussnote_103_103" class="fnanchor">[103]</a>, -der Inhalt des Weibes sei der Mann und das -Kind, ohne das geringste Bewutsein davon, <em class="gesperrt">was</em> sie damit -zugeben, welche Schamlosigkeit, welche Niederlage in dieser -Erklrung liegt. <em class="gesperrt">Unbewute Heuchelei oder cynische -Identifikation mit dem Naturtrieb</em>: ein anderes scheint -dem Weibe nicht gegeben.</p> - -<p>Aber <em class="gesperrt">nicht Bejahung</em> und <em class="gesperrt">nicht Verleugnung</em>, -sondern <em class="gesperrt">Verneinung, berwindung</em> der Weiblichkeit, ist -das, worauf es ankommt. Wrde z. B. eine Frau <em class="gesperrt">wirklich</em> die -Keuschheit des Mannes <em class="gesperrt">wollen</em>, so htte sie freilich hiemit -das Weib berwunden; denn ihr wre der Koitus nicht mehr -hchster Wert und seine Herbeifhrung nicht mehr letztes -Ziel. Aber dies ist's eben: an die Echtheit solcher Forderungen -vermag man nicht zu glauben, wenn sie auch hie -und da wirklich erhoben werden. Denn ein Weib, das die -Keuschheit des Mannes verlangt, ist, abgesehen von seiner -Hysterie, so dumm und so jeder Wahrheit unfhig, da es -nicht einmal mehr dunkel fhlt, da es sich selbst damit -verneint, sich absolut und ohne Rettung wertlos, existenzlos -macht. Man wei hier kaum mehr, wem man den Vorzug -geben soll; der grenzenlosen Verlogenheit, welche selbst das -ihr fremdeste, das <em class="gesperrt">asketische</em> Ideal auf den Schild zu heben -fhig ist; oder der ungenierten Bewunderung fr den berchtigten -Wstling und der einfachen Hingabe an denselben.</p> - -<p>Da jedoch alles wirkliche Wollen der Frau <em class="gesperrt">in beiden -Fllen</em> in gleicher Weise darauf gerichtet bleibt, den Mann<span class="pagenum"><a name="Seite_454" id="Seite_454">[S. 454]</a></span> -schuldig werden zu lassen, so liegt <em class="gesperrt">hierin</em> das Hauptproblem -der Frauenfrage: und insoweit fllt sie zusammen mit der -Menschheitsfrage.</p> - -<p>Friedrich <em class="gesperrt">Nietzsche</em> sagt an einer Stelle seiner Schriften: -Sich im Grundproblem ‚Mann und Weib’ zu vergreifen, hier -den abgrndlichsten Antagonismus und die Notwendigkeit -einer ewig-feindseligen Spannung zu leugnen, hier vielleicht -von gleichen Rechten, gleicher Erziehung, gleichen Ansprchen -und Verpflichtungen zu trumen: das ist ein -<em class="gesperrt">typisches</em> Zeichen von Flachkpfigkeit, und ein Denker, der -an dieser gefhrlichsten Stelle sich flach erwiesen hat — flach -im Instinkte! — darf berhaupt als verdchtig, mehr noch, -als verraten, als aufgedeckt gelten: wahrscheinlich wird er -fr alle Grundfragen des Lebens, auch des zuknftigen Lebens, -zu ‚kurz’ sein und in <em class="gesperrt">keine</em> Tiefe hinunterknnen. Ein Mann -hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste wie in seinen Begierden, -auch jene Tiefe des Wohlwollens, welche der Strenge -und der Hrte fhig ist und leicht mit ihnen verwechselt wird, -kann ber das Weib immer nur <em class="gesperrt">orientalisch</em> denken: — er -mu das Weib als Besitz, als verschliebares Eigentum, als -etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes -fassen, — er mu sich hier auf die ungeheuere Vernunft -Asiens, auf Asiens Instinkt-berlegenheit stellen, wie -dies ehemals die Griechen getan haben, diese besten Erben -und Schler Asiens, — welche, wie bekannt, von Homer bis -zu den Zeiten des Perikles, mit <em class="gesperrt">zunehmender</em> Kultur und -Umfnglichkeit an Kraft, Schritt fr Schritt auch <em class="gesperrt">strenger</em> -gegen das Weib, kurz orientalischer geworden sind. <em class="gesperrt">Wie</em> -notwendig, <em class="gesperrt">wie</em> logisch, <em class="gesperrt">wie</em> selbst menschlich wnschbar -dies war: mge man darber bei sich nachdenken!</p> - -<p>Der Individualist denkt hier durchaus sozialethisch: seine -Kasten- und Gruppen-, seine Abschlieungstheorie sprengt, -wie so oft, die Autonomie seiner Morallehre. Denn er -will <em class="gesperrt">im Dienste der Gesellschaft, der strungslosen -Ruhe der Mnner</em>, die Frau unter ein Machtverhltnis -stellen, in dem sie allerdings kaum noch den Laut eines -Wunsches nach Emanzipation von sich geben, und nicht einmal -jene verlogene und unechte Freiheitsforderung mehr erheben<span class="pagenum"><a name="Seite_455" id="Seite_455">[S. 455]</a></span> -wird, welche die heutigen Frauenrechtlerinnen aufgestellt -haben: <em class="gesperrt">die gar nicht ahnen, wo die Unfreiheit -des Weibes eigentlich liegt, und was ihre Grnde -sind</em>. Aber nicht, um <em class="gesperrt">Nietzsche</em> einer Inkonsequenz zu -berfhren, habe ich ihn citiert; sondern um seinen Worten -gegenber zu zeigen, wie das Problem der Menschheit nicht -lsbar ist ohne eine Lsung des Problems der Frau. Denn -wem die Forderung berflssig hoch gespannt scheint, da -der Mann die Frau um der Idee, um des Noumenon willen -zu achten, und nicht als Mittel zu einem auer ihr gelegenen -Zweck zu bentzen, da er ihr darum die gleichen Rechte, -ebenso aber die gleichen Pflichten (der sittlichen und geistigen -Selbstbildung) zuzuerkennen habe wie sich selbst: der mge -bedenken, <em class="gesperrt">da der Mann das ethische Problem fr -seine Person nicht lsen kann, wenn er in der Frau -die Idee der Menschheit immer wieder negiert</em>, indem -er sie als Genumittel bentzt. <em class="gesperrt">Der Koitus ist in allem -Asiatismus die Bezahlung, welche der Mann der -Frau fr ihre Unterdrckung zu leisten hat.</em> Und so -sehr es die Frau charakterisieren mag, <em class="gesperrt">da sie um diesen -Preis sicherlich stets auch dem rgsten Sklavenjoch -sich gerne fgt</em>, der Mann <em class="gesperrt">darf</em> auf den Handel nicht eingehen, -weil auch <em class="gesperrt">er</em> sittlich dabei zu kurz kommt.</p> - -<p>Also selbst <em class="gesperrt">technisch</em> ist das Menschheitsproblem nicht -lsbar fr den Mann <em class="gesperrt">allein</em>; er mu die Frau <em class="gesperrt">mitnehmen</em>, -auch wenn er nur <em class="gesperrt">sich</em> erlsen wollte, er mu sie zum <em class="gesperrt">Verzicht</em> -auf ihre unsittliche Absicht auf ihn zu bewegen suchen. -Die Frau mu dem Koitus <em class="gesperrt">innerlich</em> und <em class="gesperrt">wahrhaft</em>, aus -<em class="gesperrt">freien Stcken</em> entsagen. Das bedeutet nun allerdings: -das Weib mu <em class="gesperrt">als solches untergehen</em>, und es ist keine -Mglichkeit fr eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf -Erden, eh dies nicht geschehen ist. Darum sind <em class="gesperrt">Pythagoras</em>, -<em class="gesperrt">Platon</em>, <em class="gesperrt">das Christentum</em> (im Gegensatze zum <em class="gesperrt">Judentum</em>), -<em class="gesperrt">Tertullian</em>, <em class="gesperrt">Swift</em>, <em class="gesperrt">Wagner</em>, <em class="gesperrt">Ibsen</em> fr die Befreiung, fr -Erlsung des Weibes eingetreten, <em class="gesperrt">nicht fr die Emanzipation -des Weibes vom Manne, sondern fr die Emanzipation -des Weibes vom Weibe</em>. Und in solcher Gemeinschaft -den Bannfluch Nietzsches zu tragen ist ein Leichtes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_456" id="Seite_456">[S. 456]</a></span> - -Aus eigener Kraft aber kann das Weib schwer zu solchem -Ziele gelangen. Der Funke, der in ihr so schwach ist, -mte am Feuer des Mannes immer wieder sich entznden -knnen: das <em class="gesperrt">Beispiel</em> mte gegeben werden. Bevor das -Weib nicht aufhrt, fr den Mann als Weib zu existieren, -kann es selbst nicht aufhren, Weib zu sein: <em class="gesperrt">Kundry</em> kann -nur von <em class="gesperrt">Parsifal</em>, vom sndelosen, unbefleckten Manne aus -<em class="gesperrt">Klingsors</em> Banne wirklich befreit werden. So deckt sich -diese psychologische mit der philosophischen Deduktion, wie -sie hier mit <em class="gesperrt">Wagners</em> Parsifal, der tiefsten Dichtung -der Weltliteratur, in vlliger bereinstimmung sich wei. -Erst die Sexualitt des Mannes gibt dem Weibe Existenz als -Weib. Alle Materie hat nur so viel Existenz, als die Schuldsumme -im Universum betrgt: auch das Weib wird nur so -lange leben, bis der Mann seine Schuld gnzlich getilgt, bis -er die <em class="gesperrt">eigene</em> Sexualitt wirklich berwunden hat.</p> - -<p>Nur so erledigt sich der ewige Einspruch gegen alle -antifeministischen Tendenzen: das Weib sei nun einmal da, -so wie es sei, nicht zu ndern, und darum msse man mit -ihm sich abzufinden suchen; der Kampf ntze nichts, weil er -nichts beseitigen knne. Es ist aber gezeigt, da die Frau -nicht <em class="gesperrt">ist</em>, und in dem Augenblicke <em class="gesperrt">stirbt</em>, da der Mann gnzlich -nur <em class="gesperrt">sein</em> will. Das, wogegen der Kampf gefhrt wird, -ist keine Sache von ewig unvernderlicher Existenz und -Essenz: es ist etwas, das aufgehoben werden <em class="gesperrt">kann</em>, und -aufgehoben werden <em class="gesperrt">soll</em>.</p> - -<p>Nur so, nicht anders, ist die Frauenfrage zu lsen, fr -den, der sie <em class="gesperrt">verstanden</em> hat. Man wird die Lsung unmglich, -ihren Geist berspannt, ihren Anspruch bertrieben, ihre -Forderung unduldsam finden. Und allerdings: von der Frauenfrage, -ber welche die Frauen <em class="gesperrt">sprechen</em>, ist hier lngst die -Rede nicht mehr; es handelt sich um jene, von der die -Frauen <em class="gesperrt">schweigen</em>, ewig schweigen <em class="gesperrt">mssen</em>; um <em class="gesperrt">die Unfreiheit</em>, -die in der <em class="gesperrt">Geschlechtlichkeit</em> liegt. <em class="gesperrt">Diese</em> Frauenfrage -ist so alt wie das Geschlecht, und nicht jnger als -die Menschheit. Und die Antwort auf sie: der Mann mu -vom Geschlechte sich erlsen, und <em class="gesperrt">so</em>, nur <em class="gesperrt">so</em> erlst er -die Frau. <em class="gesperrt">Allein</em> seine <em class="gesperrt">Keuschheit</em>, nicht, wie <em class="gesperrt">sie</em> whnt,<span class="pagenum"><a name="Seite_457" id="Seite_457">[S. 457]</a></span> -seine Unkeuschheit, ist ihre Rettung. Freilich geht sie, als -<em class="gesperrt">Weib</em>, so unter: aber nur, um aus der Asche neu, verjngt, -als der <em class="gesperrt">reine <b>Mensch</b></em>, sich emporzuheben.</p> - -<p>Darum wird die Frauenfrage bestehen, so lang es zwei -Geschlechter gibt, und nicht eher verstummen denn die -Menschheitsfrage. In diesem Sinne hat <em class="gesperrt">Christus</em>, nach dem -Zeugnis des Kirchenvaters <em class="gesperrt">Klemens</em>, zur <em class="gesperrt">Salome</em> gesprochen, -ohne die optimistische Beschnigung, die <em class="gesperrt">Paulus</em>, die <em class="gesperrt">Luther</em> -fr das Geschlecht spterhin fanden: so lang werde der Tod -whren, als die Weiber gebren, und nicht eher die Wahrheit -geschaut werden, als bis aus zweien eins, aus Mann und Weib -ein drittes Selbes, <em class="gesperrt">weder</em> Mann <em class="gesperrt">noch</em> Weib, werde geworden -sein.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><em class="gesperrt">Hiemit erst, aus dem hchsten Gesichtspunkte des -Frauen- als des Menschheitsproblems, ist die Forderung -der Enthaltsamkeit fr beide Geschlechter gnzlich -begrndet.</em> Sie aus den gesundheitsschdlichen Folgen -des Verkehres abzuleiten, ist flach, und mag von den Advokaten -des Krpers ewig bestritten werden; sie auf die -Unsittlichkeit der Lust zu grnden, falsch; denn so wird -ein heteronomes Motiv in die Ethik eingefhrt. Schon -<em class="gesperrt">Augustinus</em> aber hat, wenn er die Keuschheit fr alle -Menschen verlangte, den Einwand vernehmen mssen, da in -solchem Falle die Menschheit von der Erde binnen kurzem -verschwunden wre. In dieser merkwrdigen Befrchtung, -welcher der schrecklichste Gedanke der zu sein scheint, da -die <em class="gesperrt">Gattung</em> aussterben knne, liegt nicht allein uerster -Unglaube an die <em class="gesperrt">individuelle</em> Unsterblichkeit und ein ewiges -Leben der sittlichen Individualitt, sie ist nicht nur verzweifelt -irreligis: man beweist mit ihr zugleich seinen Kleinmut, -seine Unfhigkeit, auer der <em class="gesperrt">Herde</em> zu leben. Wer -so denkt, kann sich die Erde nicht vorstellen ohne das Gekribbel -und Gewimmel der Menschen auf ihr, ihm wird angst -und bange <em class="gesperrt">nicht so sehr vor dem Tode, als vor der Einsamkeit</em>. -Htte die an sich unsterbliche moralische Persnlichkeit -genug Kraft in ihm, so bese er Mut, dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_458" id="Seite_458">[S. 458]</a></span> -Konsequenz ins Auge zu sehen; er wrde den leiblichen Tod -nicht frchten, und nicht fr den mangelnden Glauben an -das ewige Leben das jmmerliche Surrogat in der Gewiheit -eines Weiterbestehens der Gattung suchen. Die Verneinung -der Sexualitt ttet blo den krperlichen Menschen und ihn -nur, um dem geistigen erst das volle Dasein zu geben.</p> - -<p>Darum kann es auch nicht sittliche Pflicht sein, fr die -Fortdauer der Gattung zu sorgen, wie man dies so oft behaupten -hrt. Es ist diese Ausrede von einer auerordentlich -<em class="gesperrt">unverfrorenen Verlogenheit</em>; diese liegt so offen zu Tage, -da ich frchte, mich durch die Frage lcherlich zu machen, -ob schon je ein Mensch den Koitus mit dem Gedanken vollzogen -hat, er msse der groen Gefahr vorbeugen, da die -Menschheit zu Grunde gehe. <em class="gesperrt">Alle Fcondit ist nur ekelhaft</em>; -und kein Mensch fhlt, wenn er sich aufrichtig befragt, -es als seine Pflicht, fr die dauernde Existenz der menschlichen -Gattung zu sorgen. Was man aber nicht als seine -Pflicht fhlt, das <b>ist</b> nicht Pflicht.</p> - -<p>Im Gegenteil: es ist unmoralisch, ein menschliches Wesen -zur Wirkung einer Ursache zu machen, es als Bedingtes hervorzubringen, -wie das mit der Elternschaft gegeben ist; und -der Mensch ist im tiefsten Grunde nur deshalb unfrei und determiniert -neben seiner Freiheit und Spontaneitt, weil er auf -diese unsittliche Weise entstanden ist. Die moralische Weihe -also, die man dem Koitus (der ihrer freilich dringend bedarf) -bisweilen zu geben versucht hat, indem man einen idealen -Koitus fingierte, bei dem nur die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes -in Betracht gezogen werde — diese liebevolle -Verbrmung erweist sich nicht als ein gengender Schutz: -denn das angeblich ihn verstattende und heiligende Motiv -ist nicht nur kein Gebot und nirgends im Menschen als ein -Imperativ zu finden, sondern vielmehr selbst ein sittlich verwerflicher -Beweggrund; weil man einen Menschen nicht um -seine Einwilligung fragt, dessen Vater oder Mutter man wird. -Fr den anderen Koitus aber, bei dem die Mglichkeit -einer Fortpflanzung knstlich verhindert wird, kommt selbst -jene, auf so schwachen Fen stehende Rechtfertigung in -Wegfall.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_459" id="Seite_459">[S. 459]</a></span> - -Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee -der Menschheit; nicht weil Askese Pflicht ist, sondern vor -allem, weil das Weib in ihm Objekt, Sache werden will, -und der Mann ihm hier wirklich den Gefallen tut, es nur -als Ding, nicht als lebenden Menschen, mit inneren, psychischen -Vorgngen anzusehen. Darum verachtet auch der Mann -das Weib augenblicklich, sobald er es besessen hat, und das -Weib <em class="gesperrt">fhlt</em>, da es nun verachtet wird, auch wenn es vor -zwei Minuten sich noch vergttert wute.</p> - -<p>Respektieren kann der Mensch im Menschen nur die <em class="gesperrt">Idee</em>, -die Idee der Menschheit; in der Verachtung des Weibes (und -seiner selbst), die sich nach dem Koitus einstellt, liegt der -sicherste Anzeiger, da gegen die Idee hier gefehlt -wurde. Und wer nicht verstehen kann, was mit dieser -<em class="gesperrt">Kant</em>ischen <b>Idee</b> der Menschheit gemeint ist, der mag es sich -wenigstens zum Bewutsein bringen, da es <em class="gesperrt">seine</em> Schwestern, -<em class="gesperrt">seine</em> Mutter, <em class="gesperrt">seine</em> weiblichen Verwandten sind, um die es -sich handelt: <em class="gesperrt">um unser selbst willen</em> sollte das Weib als -Mensch behandelt, <em class="gesperrt">geachtet</em> werden, und nicht <em class="gesperrt">erniedrigt</em>, -wie es durch alle Sexualitt geschieht.</p> - -<p>Zu <b>ehren</b> aber knnte der Mann das Weib erst dann -<em class="gesperrt">mit Recht</em> beginnen, wenn es <em class="gesperrt">selbst</em> aufhrte, <em class="gesperrt">Objekt</em> -und <em class="gesperrt">Materie</em> fr den Mann <em class="gesperrt">sein zu <b>wollen</b></em>; wenn ihm wirklich -an einer Emanzipation lge, die mehr wre als eine Emanzipation -der Dirne. Noch ist nie offen gesagt worden, wo -die Hrigkeit der Frau einzig zu suchen ist: in der souvernen, -angebeteten Gewalt, die der Phallus des Mannes ber sie -besitzt. Darum haben die Frauen-Emanzipation aufrichtig stets -nur <em class="gesperrt">Mnner</em> gewollt, nicht sehr sexuelle, nicht sehr liebesbedrftige, -nicht sehr tiefblickende, aber edle und fr das Recht -begeisterte Mnner, darber kann kein Zweifel sein. Ich will die -erotischen Motive des Mannes nicht beschnigen, und seine -Antipathie gegen das emanzipierte Weib nicht geringer darstellen, -als sie ist: es ist leichter, sich hinanziehen zu lassen, wie -<em class="gesperrt">Goethe</em>, als einsam zu steigen und immerfort zu steigen, wie -<em class="gesperrt">Kant</em>. Aber vieles, was dem Mann als <em class="gesperrt">Feindschaft</em> gegen -die Emanzipation ausgelegt wird, ist in Wahrheit nur Mitrauen -und Zweifel an ihrer Mglichkeit. Der Mann will das Weib<span class="pagenum"><a name="Seite_460" id="Seite_460">[S. 460]</a></span> -nicht als Sklavin, er sucht oft genug zunchst eine Gefhrtin, -die ihn verstehe.</p> - -<p>Nicht die Erziehung, die das Weib heute empfngt, ist -die angemessene Vorbereitung, um der Frau den Entschlu nahezulegen -und zu erleichtern, jene ihre wahre Unfreiheit zu besiegen. -Alles letzte Mittel <em class="gesperrt">mtterlicher Pdagogik</em> ist es, der -Tochter, die zu diesem oder jenem sich nicht bequemt, -als Strafe aufzudrohen, <em class="gesperrt">sie werde keinen Mann bekommen</em>. -Die Erziehung, welche den Frauen zuteil wird, ist -auf nichts angelegt als auf ihre <em class="gesperrt">Verkuppelung</em>, in deren -glcklichem Gelingen sie ihre Krnung findet. Am Manne -ist durch solche Einflsse wenig zu ndern; aber das Weib -wird durch sie in seiner Weiblichkeit, in seiner Unselbstndigkeit -und Unfreiheit, noch <em class="gesperrt">bestrkt</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die Erziehung des Weibes mu dem Weibe, <b>die -Erziehung der ganzen Menschheit der Mutter entzogen -werden</b>.</em></p> - -<p>Dies wre die erste Voraussetzung, die erfllt sein mte, -um die Frau in den Dienst der Menschheitsidee zu stellen, -der niemand, so wie <em class="gesperrt">sie</em>, seit Anbeginn entgegengewirkt hat.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Eine Frau, die wirklich entsagt htte, die in sich selbst -die Ruhe suchen wrde, eine solche Frau wre kein Weib -mehr. Sie htte aufgehrt, Weib zu sein, sie htte zur ueren -endlich die innere Taufe empfangen.</p> - -<p>Kann das werden?</p> - -<p>Es gibt kein absolutes Weib, und doch ist uns die Bejahung -dieser Frage wie eine Bejahung des Wunders.</p> - -<p>Glcklicher wird das Weib nicht werden durch solche -Emanzipation: die Seligkeit kann sie ihm nicht versprechen, -und zu Gott ist der Weg noch lang. Kein Wesen zwischen -Freiheit und Unfreiheit kennt das Glck. Wird aber das -Weib sich entschlieen knnen, die Sklaverei aufzugeben, um -<em class="gesperrt">unglcklich</em> zu werden?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_461" id="Seite_461">[S. 461]</a></span> - -Nicht die Frau heilig zu machen, nicht darum kann es -so bald sich handeln. Nur darum: kann das Weib zum -Probleme seines Daseins, zum Begriffe der <em class="gesperrt">Schuld</em> redlich -gelangen? Wird es die Freiheit wenigstens <em class="gesperrt">wollen</em>? Allein -auf die Durchsetzung des Ideales, auf das Erblicken des Leitsternes -kommt es an. Blo darauf: kann im Weibe der kategorische -Imperativ lebendig werden? Wird sich das Weib -unter die sittliche Idee, unter die <em class="gesperrt">Idee der Menschheit</em> -stellen?</p> - -<p>Denn einzig <em class="gesperrt">das</em> wre <em class="gesperrt">Frauen-Emanzipation</em>.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_462" id="Seite_462">[S. 462]</a></span> </p> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_463" id="Seite_463">[S. 463]</a></span><a name="ANHANG" id="ANHANG"><small>ANHANG</small></a><br /> - -ZUSTZE UND NACHWEISE.</h2> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_464" id="Seite_464">[S. 464]</a></span> </p> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_465" id="Seite_465">[S. 465]</a></span><a name="Zur_Einleitung_des_ersten_Teiles" id="Zur_Einleitung_des_ersten_Teiles">Zur Einleitung des ersten Teiles.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_3">S. 3</a>, Z. 2 f.</b>) Der Ausdruck Begriffe mittlerer Allgemeinheit -stammt von John Stuart <em class="gesperrt">Mill</em>. — ber die beschriebene Entwicklung -eines begrifflichen Systems von Gedanken vgl. E. <em class="gesperrt">Mach</em>, -Die Analyse der Empfindungen etc., 3. Aufl., Jena 1902, S. 242 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_5">S. 5</a>, Z. 12 f.</b>) Vgl. Ludwig <em class="gesperrt">Boltzmann</em>, ber den zweiten -Hauptsatz der mechanischen Wrmetheorie, Almanach der k. k. Akademie -der Wissenschaften zu Wien, 36. Jahrgang, S. 255: Wie -in die Augen springend ist der Unterschied zwischen Tier und -Pflanze, trotzdem gehen die einfachen Formen kontinuierlich ineinander -ber, so da gewisse gerade an der Grenze stehen, ebensogut -Tiere wie Pflanzen darstellend. Die einzelnen Spezies in der -Naturgeschichte sind meist aufs schrfste getrennt, hier und da -aber finden wieder kontinuierliche bergnge statt. ber das Verhltnis -von chemischer Verbindung und Mischung vgl. F. <em class="gesperrt">Wald</em>, -Kritische Studie ber die wichtigsten chemischen Grundbegriffe, -Annalen der Naturphilosophie, I, 1902, S. 181 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_6">S. 6</a>, Z. 12 f.</b>) Z. B. kommt die sehr ausfhrliche Untersuchung -von Paul <em class="gesperrt">Bartels</em>, ber Geschlechtsunterschiede am -Schdel, Berlin 1897, zu dem Schlusse (S. 94): Einen durchgreifenden -Unterschied des mnnlichen vom weiblichen Schdel -kennen wir bis jetzt noch nicht ..... Alle etwa anzuerkennenden -Unterschiede erweisen sich als Charaktere des mnnlichen beziehungsweise -weiblichen Durchschnittes und zeigen eine grere -oder geringere Anzahl von Ausnahmen. (S. 100): Eine sichere -Diagnose des Geschlechtes ist zur Zeit nicht mglich, und wird, -frchte ich, nie mglich sein.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_6">S. 6</a>, Z. 15.</b>) Konrad <em class="gesperrt">Rieger</em>, Die Kastration in rechtlicher, -sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 35: Jeder, der schon -viele nackte Menschen gesehen hat, wei doch aus Erfahrung: -einerseits, da es viele Frauen gibt, deren Becken mnnlich ist; -und anderseits, da es viele Mnner gibt, deren Becken weiblich -ist ..... Bekanntlich ist deshalb die Geschlechtsdiagnose eines -Skelettes durchaus nicht immer mglich.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_466" id="Seite_466">[S. 466]</a></span><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_1" id="Zu_Teil_I_Kapitel_1">Zu Teil I, Kapitel 1.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_7">S. 7</a>, Z. 13.</b>) Vor Heinrich <em class="gesperrt">Rathke</em> (Beobachtungen und -Betrachtungen ber die Entwicklung der Geschlechtswerkzeuge bei -den Wirbeltieren, Halle 1825. Neueste Schriften der naturforschenden -Gesellschaft in Danzig, Bd. I, Heft 4) herrschte dogmatisch die -<em class="gesperrt">Tiedemann</em>sche Anschauung, da ursprnglich alle Embryonen -weiblich seien, und der Hode durch eine Weiterentwicklung des -Eierstockes entstanden. (Vgl. Richard <em class="gesperrt">Semon</em>, Die indifferente Anlage -der Keimdrsen beim Hhnchen und ihre Differenzierung zum -Hoden, Habilitationsschrift, Jena 1887, S. 1 f.) Rathke (S. 121 f.) -bekmpfte mit vielen Grnden die Auffassung, da das mnnliche -Geschlecht ein hher entwickeltes weibliches sei, und kam als erster -zu dem Schlusse: Alle .... in diesem Werke mitgeteilten Beobachtungen -bezeugen, da aller sinnlicher Unterschied, der sich auf -das verschiedene Geschlecht bezieht, zwischen den mnnlichen und -weiblichen Gebilden in frhester Lebenszeit durchaus wegfllt. -Wenigstens ist dies der Fall bei den inneren Geschlechtsteilen, denn -von den ueren kann ich fast nur allein aus fremder, nicht aber -aus eigener Erfahrung urteilen. Diese fremden Erfahrungen aber -scheinen ebenfalls auf eine Gleichheit jener ueren Gebilde hinzudeuten. -Es lt sich demnach behaupten, da wenigstens bei den -Wirbeltieren die Geschlechter ursprnglich, so weit die sinnliche -Wahrnehmung reicht, einander gleich sind. Diese Ansicht wurde -weiter geprft, besttigt und schlielich zur Geltung gebracht durch -die Arbeiten von <em class="gesperrt">Johannes Mller</em> (Bildungsgeschichte der Genitalien, -Dsseldorf 1830), <em class="gesperrt">Valentin</em> (ber die Entwicklung der -Follikel in den Eierstcken der Sugetiere, Mllers Archiv, 1838, -S. 103 f.), R. <em class="gesperrt">Remak</em> (Untersuchungen ber die Entwicklung der -Wirbeltiere) und Wilhelm <em class="gesperrt">Waldeyer</em> (Eierstock und Ei, 1870).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_7">S. 7</a>, Z. 15.</b>) Fr die Pflanzen ist dieser Nachweis erst in -jngster Zeit in K. <em class="gesperrt">Goebels</em> Abhandlung ber Homologien in -der Entwicklung mnnlicher und weiblicher Geschlechtsorgane -(Flora oder allgemeine botanische Zeitung, Bd. XC, 1902, S. 279–305) -erfolgt. Goebel zeigt, wie auch bei der Pflanze mnnliche und -weibliche Organe sich aus einer ursprnglichen Grundform entwickeln, -indem im weiblichen Organ jene Zellen steril werden, die -im mnnlichen zur Spermatozoidbildung fhren, und umgekehrt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_7">S. 7</a>, Z. 16 ff.</b>) Die Zeitangaben beziehen sich auf die -<em class="gesperrt">ueren</em> Geschlechtsteile. Sie werden von den Beobachtern nicht -in bereinstimmung gemacht, vgl. W. <em class="gesperrt">Nagel</em>, ber die Entwicklung -des Urogenitalsystems des Menschen, Archiv fr mikroskopische -Anatomie, Bd. XXXIV, 1889, S. 269–384 (besonders S. 375 f.), -Die im Texte gegebenen Daten im allgemeinen nach Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em>, -Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte des Menschen und der<span class="pagenum"><a name="Seite_467" id="Seite_467">[S. 467]</a></span> -Tiere, 7. Aufl., S. 427, 441. Ganz kontrovers ist der Zeitpunkt der -Differenzierung der inneren Keimdrsenanlagen, ja selbst die Frage -noch strittig, ob deren Anlage zuerst hermaphroditisch oder gleich -sexuell bestimmt sei. Vgl. die auch hierber am ausfhrlichsten -orientierende Abhandlung Nagels (S. 299 ff.).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_8">S. 8</a>, Z. 21 f.</b>) Ich gebe hier nach Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em> (Lehrbuch -der Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Wirbeltiere, -7. Aufl., Jena 1902, S. 444 f.) die vollstndige Tabellarische bersicht -I. ber die vergleichbaren Teile der ueren und der inneren -Geschlechtsorgane des mnnlichen und des weiblichen Geschlechtes, -und II. ber ihre Ableitung von der ursprnglich indifferenten Anlage -des Urogenitalsystems bei den Sugetieren.</p> - - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Vergleichbare Teile der Geschlechtsorgane"> -<tr><td align="center"><em class="gesperrt">Mnnliche Geschlechtsteile.</em></td><td align="center"><em class="gesperrt">Gemeinschaftliche Ausgangsform.</em></td><td align="center"><em class="gesperrt">Weibliche Geschlechtsteile.</em></td></tr> -<tr><td align="center">Samenampullen und Samenkanlchen</td><td align="center">Keimepithel</td><td align="center">Eifollikel, Graafsche Blschen.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="center">Urniere</td></tr> -<tr><td align="center"><i>a</i>) Nebenhoden, Epididymis mit Rete testis und Tubuli recti</td><td align="center"><i>a</i>) Vorderer Teil mit den Geschlechtsstrngen (Geschlechtsteil)</td><td align="center"><i>a</i>) Epoophoron mit Markstrngen des Eierstocks.</td></tr> -<tr><td align="center"><i>b</i>) Paradidymis</td><td align="center"><i>b</i>) Hinterer Teil (eigentlicher Urnierenteil)</td><td align="center"><i>b</i>) Paroophoron.</td></tr> -<tr><td align="center">Samenleiter mit Samenblschen</td><td align="center">Urnierengang</td><td align="center">Grtnersche Kanle einiger Sugetiere.</td></tr> -<tr><td align="center">Niere und Ureter</td><td align="center">Niere und Ureter</td><td align="center">Niere und Ureter.</td></tr> -<tr><td align="center">Hydatide des Nebenhodens</td><td align="center" rowspan="2">Mllerscher Gang</td><td align="center">Eileiter und Fimbrien</td></tr> -<tr><td align="center">Sinus prostaticus (Uterus masculinus)</td><td align="center">Gebrmutter und Scheide.</td></tr> -<tr><td align="center">Gubernaculum Hunteri</td><td align="center">Leistenband der Urniere</td><td align="center">Rundes Mutterband und Ligamentum ovarii.</td></tr> -<tr><td align="center">Mnnliche Harnrhre (Pars prostatica und membranacea)</td><td align="center">Sinus urogenitalis</td><td align="center">Vorhof der Scheide.</td></tr> -<tr><td align="center">Mnnliches Glied</td><td align="center">Geschlechtshcker</td><td align="center">Klitoris.</td></tr> -<tr><td align="center">Pars cavernosa urethrae</td><td align="center">Geschlechtsfalten</td><td align="center">Kleine Schamlippen.</td></tr> -<tr><td align="center">Hodensack</td><td align="center">Geschlechtswlste</td><td align="center">Groe Schamlippen.</td></tr> -</table></div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_468" id="Seite_468">[S. 468]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_8">S. 8</a>, Z. 9 v. u.</b>) Ernst <em class="gesperrt">Hckel</em>, Generelle Morphologie der -Organismen, Band II: Allgemeine Entwicklungsgeschichte der Organismen -etc., Berlin 1866, S. 60 f.: Jedes Individuum (irgend einer -Ordnung) als <em class="gesperrt">Zwitter</em> (<em class="gesperrt">Hermaphroditus</em>) vereinigt in sich beiderlei -Geschlechtsstoffe, Ovum und Sperma. Der Gegensatz hiezu ist die -Trennung der Genitalien, die Verteilung der beiderlei Geschlechtsstoffe -auf zwei Individuen (gleichviel welcher Ordnung), welche wir -als <em class="gesperrt">Geschlechtstrennung oder Gonochorismus</em> bezeichnen. -Jedes Individuum irgend einer Ordnung als <em class="gesperrt">Nichtzwitter</em> (Gonochoristus) -besitzt nur einen von beiden Geschlechtsstoffen, Ovum -<em class="gesperrt">oder</em> Sperma. In einer Anmerkung hiezu gibt er die Etymologie: -γονη, ἡ Genitale, Geschlechtsteil: χωριστός, getrennt. Wir fhren -dieses neue Wort hier ein, weil es bisher seltsamerweise gnzlich an -einer <em class="gesperrt">allgemeinen</em> Bezeichnung der Geschlechtstrennung mangelte, -whrend man fr die Zwitterbildung deren mehrere besa (Hermaphroditismus, -Androgynie).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_9">S. 9</a>, Z. 9.</b>) Am wenigsten dimorph sind die Geschlechter wohl -bei den Stachelhutern (Echinodermen). Ferner finden sich nach -<em class="gesperrt">Weismann</em>, Das Keimplasma, Jena 1892, S. 466 f., auch bei Volvox, -unter den Schwmmen und den Medusenpolypen Organismen, bei -welchen mnnliche und weibliche Individuen lediglich durch die Art -der Geschlechtszellen selbst sich unterscheiden, also ohne alle weiteren -Sexualcharaktere.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_9">S. 9</a>, Z. 11.</b>) Normaler Hermaphroditismus unter den Fischen: -beim Seebarsch (Serranus scriba), der Goldbrasse (Chrysophrys aurata) -und der Myxine glutinosa (einem auf anderen Fischen schmarotzenden -Cyklostoma). Vgl. C. <em class="gesperrt">Claus</em>, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg -1897, S. 745, und <em class="gesperrt">Richard Hertwig</em>, Lehrbuch der Zoologie, -5. Aufl., Jena 1900, S. 99.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_9">S. 9</a>, Z. 13 v. u.</b>) Aus Grnden der Vererbungslehre wird -von <em class="gesperrt">Darwin</em> und besonders von <em class="gesperrt">Weismann</em> die Bisexualitt der -geschlechtlich differenzierten Lebewesen geradezu als eine Notwendigkeit -postuliert. Darwin, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im -Zustande der Domestikation, 2. Aufl., Stuttgart 1873, Bd. II, S. 59 f.: -Wir sehen daher, da in vielen, wahrscheinlich in allen Fllen die -sekundren Charaktere jedes Geschlechtes schlafend oder latent in -dem entgegengesetzten Geschlechte ruhen, bereit, sich unter eigentmlichen -Umstnden zu entwickeln. Wir knnen auf diese Weise -verstehen, woher es z. B. mglich ist, da eine gut melkende Kuh -ihre guten Eigenschaften durch ihre mnnlichen Nachkommen auf -sptere Generationen berliefert, indem wir zuversichtlich annehmen, -da diese Eigenschaften in den Mnnchen jeder Generation, wenn -auch in einem latenten Zustande, vorhanden sind. Dasselbe gilt fr -den Kampfhahn, welcher seine Vorzglichkeiten in Betreff des Mutes -und der Lebendigkeit durch seine weibliche auf seine mnnliche<span class="pagenum"><a name="Seite_469" id="Seite_469">[S. 469]</a></span> -Nachkommenschaft berliefern kann; und beim Menschen ist es bekannt, -da Krankheiten, wie z. B. Hydrokele, welche notwendig auf -das mnnliche Geschlecht beschrnkt sind, durch die Tochter auf -den Enkel berliefert werden knnen. Derartige Flle, wie die vorstehenden, -bieten .... die mglichst einfachen Beispiele von Rckschlag -dar, und sie sind unter der Annahme verstndlich, da bei dem -Grovater und Enkel eines und desselben Geschlechtes gemeinsame -Charaktere, wenn auch latent, in dem zwischenliegenden Erzeuger -des entgegengesetzten Geschlechtes vorhanden sind. Weismann, Das -Keimplasma, eine Theorie der Vererbung, Jena 1892, S. 467 f.: -Vom Menschen her wissen wir, da smtliche sekundren Geschlechtscharaktere -nicht nur von den Individuen des entsprechenden Geschlechtes -vererbt werden, sondern auch von denen des anderen. Die -schne Sopranstimme der Mutter kann sich durch den Sohn hindurch -auf die Enkelin vererben, ebenso der schwarze Bart des Vaters -durch die Tochter auf den Enkel. Auch bei den Tieren mssen in -jedem geschlechtlich differenzierten Bion beiderlei Geschlechtscharaktere -vorhanden sein, die einen manifest, die anderen latent. Der Nachweis -ist hier nur in gewissen Fllen zu fhren, weil wir die individuellen -Unterschiede dieser Charaktere nur selten so genau bemerken, allein -er ist selbst fr ziemlich einfach organisierte Arten zu fhren, und -<em class="gesperrt">die latente Anwesenheit der entgegengesetzten Geschlechtscharaktere -in jedem geschlechtlich differenzierten Bion</em> -mu deshalb als allgemeine Einrichtung aufgefat werden. Bei der -Biene besitzen die aus unbefruchteten Eiern sich entwickelnden -Mnnchen die sekundren Geschlechtscharaktere des Grovaters, und -bei den Wasserflhen, bei welchen mehrere rein weibliche Generationen -aus einander hervorgehen, bringt die letzte derselben Mnnchen -hervor mit den sekundren Geschlechtscharakteren der Art, welche -somit in latentem Zustande in einer groen Reihe von weiblichen -Generationen vorhanden sein muten. Man vergleiche hiemit auch -<em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die Libido sexualis, Berlin 1898, Bd. I, -S. 444.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_9">S. 9</a>, Z. 4 v. u.</b>) Als das Objekt der Kunst wird die platonische -Idee bekanntlich betrachtet im dritten Buche der Welt -als Wille und Vorstellung von <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_10">S. 10</a>, Z. 18.</b>) Seit 1899 erscheint alljhrlich unter Redaktion -von Dr. Magnus <em class="gesperrt">Hirschfeld</em> ein <em class="gesperrt">Jahrbuch fr sexuelle -Zwischenstufen</em>. Dieses Unternehmen wre noch verdienstvoller, -als es ist, wenn es nicht nur die Homosexuellen und die Zwittergeburten, -das sind die sexuellen <em class="gesperrt">Mittel</em>stufen, in den Kreis seiner -Betrachtung zge. Vgl. brigens Kap. IV und die Nachweise zu -demselben.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_11">S. 11</a>, Z. 3 ff.</b>) Auch fr die Pflanzen. Vgl. August <em class="gesperrt">Schulz</em>, -Beitrge zur Kenntnis der Bestubungseinrichtungen und Geschlechtsverteilung<span class="pagenum"><a name="Seite_470" id="Seite_470">[S. 470]</a></span> -bei den Pflanzen, II. Teil, Kassel 1890, an vielen Orten, -z. B. S. 185. Ferner erzhlt <em class="gesperrt">Darwin</em>, Die verschiedenen Bltenformen -bei Pflanzen der nmlichen Art, Werke IX/3, Stuttgart 1877, -S. 10, von der gemeinen Esche (Fraxinus excelsior): ..... ich -untersuchte .... 15 Bume, welche auf dem Felde wuchsen, und -von diesen produzierten 8 allein mnnliche Blten und im Frhjahr -und im Herbste nicht ein einziges Samenkorn; 4 produzierten nur -weibliche Blten, welche auerordentlich zahlreichen Samen ansetzten; -drei waren Zwitter, welche, als sie in Blte waren, ein von -den anderen Bumen verschiedenes Aussehen hatten: zwei von -ihnen produzierten nahezu so viel Samen wie die weiblichen Bume, -whrend der dritte nicht einen hervorbrachte, so da er der Funktion -nach mnnlich war. <em class="gesperrt">Die Trennung der Geschlechter ist indessen -bei der Esche nicht vollstndig, denn die weiblichen -Blten enthalten Staubgefe, welche in einer -frhen Periode abfallen, und ihre Antheren, welche sich -niemals ffnen oder dehiszieren, enthalten meistens eine -breiige Substanz anstatt des Pollens. An einigen weiblichen -Blten fand ich jedoch einige wenige Antheren, -welche allem Anscheine nach gesunde Pollenkrner enthielten. -An den mnnlichen Bumen enthalten die meisten -Blten Pistille</em>, dieselben fallen aber gleichfalls in einer frhen -Periode ab; und die Eichen, welche schlielich abortieren, sind sehr -klein verglichen mit denen in weiblichen Blten von demselben -Alter. Man vergleiche brigens die im III. Kapitel besprochene -Heterostylie. — Was die Tiere betrifft, und besonders den -Menschen, so lieen sich ganze Bogen mit Belegen aus hierauf bezglichen -Publikationen fllen. Ich verweise aber lieber zunchst auf -Albert <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die Libido sexualis, I, S. 334 ff. -(z, B. seine Beweise fr das Vorkommen sezernierender Milchdrsen -bei Mnnern). — Konrad <em class="gesperrt">Rieger</em>, Die Kastration in rechtlicher, -sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 21, Anmerkung 2: -Manche weibliche Ziegen haben sehr starke Hrner, die sich nur -wenig von denen eines Ziegen<em class="gesperrt">bockes</em> unterscheiden; andere weibliche -Ziegen sind vllig hornlos, und schlielich gibt es auch -Ziegen<em class="gesperrt">bcke</em> (<em class="gesperrt">und zwar unkastrierte</em>) ohne Hrner. S. 26: -Sieht man eine grere Anzahl von Rindviehbildern durch, so ergibt -sich sofort, da sehr bedeutende Unterschiede bestehen in -Bezug auf die Hrner bei den Stieren selbst. S. 30: Ich habe -selbst zufllig neulich ein weibliches Schaf von einer importierten -Rasse gesehen, das die schnsten Widderhrner hatte. Vgl. ferner -M., ber Rehbcke mit abnormer Geweihbildung und deren eigentmliches -Verhalten, Deutsche Jger-Zeitung, XXXII, 363. Edw. R. -<em class="gesperrt">Alston</em>, On Female Deer with antlers, Proceed. Zoolog. Society, -London 1879, p. 296 f. — Von <em class="gesperrt">lokalen</em> Hufungen der Zwischenstufen -bei Kfern und Schmetterlingen berichtet William <em class="gesperrt">Bateson</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_471" id="Seite_471">[S. 471]</a></span> -Materials for the study of variation treated with especial regard of -discontinuity in the origin of species, London 1894, p. 254: In -all other localities the male Phalanger maculatus alone is spotten -with white, the female being without spots, but in Waigiu the females -are spotted like the males. This curious fact was first noticed -by Jentink. (F. A. <em class="gesperrt">Jentink</em>, Notes, Leyd. Mus., VII, 1885, p. 90.) -Und in einer Anmerkung hiezu: Compare the converse case of -Hepialus humuli (the Ghost Moth), of which, in all other localities, -the male are clear and the females are light yellow-brown with -spots, but in the Shetland Islands the males are very like the females, -<em class="gesperrt">though in varying degrees</em>. See Jenner Weir, Entomologist, -1880, p. 251 Pl. — <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das Variieren der Tiere und -Pflanzen im Zustande der Domestikation, II, 259: Die vielen -wohlbeglaubigten Flle verschiedener mnnlicher Sugetiere, welche -Milch geben, zeigen, da ihre rudimentren Milchdrsen diese Fhigkeit -in einem latenten Zustande behalten. Dazu <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen, -I, 481: Von der typischen Beschaffenheit der mnnlichen -Brust finden wir bis zur vlligen Ausbildung der weiblichen -Brustdrsen beim Manne zahlreiche bergnge. — <em class="gesperrt">Von der -groen Vernderlichkeit sekundrer Geschlechtscharaktere</em> -handelt <em class="gesperrt">Darwin</em> im 5. Kapitel der Entstehung der Arten -(S. 207 ff. der bersetzung von Haek, Universalbibliothek), von -<em class="gesperrt">Abstufungen sekundrer geschlechtlicher Charaktere</em> im -14. Kapitel der Abstammung des Menschen u. s. w. (Bd. II, -S. 143 ff. der gleichen Ausgabe). — ber sexuelle Zwischenformen -bei den Cerviden noch Adolf <em class="gesperrt">Rrig</em>, Welche Beziehungen bestehen -zwischen den Reproduktionsorganen der Cerviden und der Geweihbildung, -Archiv fr Entwicklungsmechanik der Organismen VIII, -1899, 382–447 (mit weiterer Literatur); bei den Vgeln: A. <em class="gesperrt">Tichomiroff</em>, -Androgynie bei den Vgeln, Anatomischer Anzeiger, 15. Mrz -1888 (III, 221–228); bei Vgeln und anderen Tieren: Alexander -<em class="gesperrt">Brandt</em>, Anatomisches und Allgemeines ber die sogenannte Hahnenfedrigkeit -und ber anderweitige Geschlechtscharaktere bei Vgeln, -Zeitschrift fr wissenschaftliche Zoologie, 48, 1889, S. 101–190.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_11">S. 11</a>, Z. 6.</b>) ber das virile Weiberbecken vgl. W. <em class="gesperrt">Waldeyer</em>, -Das Becken, Topographisch-anatomisch mit besonderer Bercksichtigung -der Chirurgie und Gynkologie dargestellt (in: -G. <em class="gesperrt">Joessel</em>, Lehrbuch der topographisch-chirurgischen Anatomie, -Teil II, Bonn 1899) S. 393 f.: Wir finden auch Weiberbecken -vom Habitus der Mnnerbecken. Die Knochen sind massiver, die -Darmbeine stehen steil, der Schambogen ist eng, die Beckenhhle -hat eine Trichterform. Meist haben die betreffenden Frauen auch in -ihrem brigen Krperhabitus etwas ..... Mnnliches (Viragines). -Doch braucht dies nicht immer der Fall zu sein.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_11">S. 11</a>, Z. 8.</b>) ber <em class="gesperrt">brtige Weiber</em> vgl. Max <em class="gesperrt">Bartels</em>, ber -abnorme Behaarung beim Menschen, Zeitschrift fr Ethnologie VIII<span class="pagenum"><a name="Seite_472" id="Seite_472">[S. 472]</a></span> -(1876), 110–129 (mit Literaturnachweisen), XI (1879), 145–194, -XIII (1881), 213–233. Wilhelm <em class="gesperrt">Stricker</em>, ber die sogenannten -Haarmenschen (Hypertrichosis universalis) und insbesondere die -brtigen Frauen, Bericht ber die Senckenbergische naturforschende -Gesellschaft, Frankfurt 1877, S. 97 f. Louis A. <em class="gesperrt">Duhring</em>, Case of -bearded women, Archives of Dermatology III (1877), p. 193–200. -Harris <em class="gesperrt">Liston</em>, Cases of bearded women, British medical Journal -vom 2. Juni 1894. Albert <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die Libido -sexualis, Berlin 1898, I, p. 337 (mit Literatur). Cesare <em class="gesperrt">Taruffi</em>, -Hermaphrodismus und Zeugungsunfhigkeit, Eine systematische Darstellung -der Mibildungen der menschlichen Geschlechtsorgane, bersetzt -von R. Teuscher, Berlin 1903, S. 164–173: ber Hypertrichosis -beim Weibe, mit vielen weiteren Literaturangaben. Alexander -<em class="gesperrt">Brandt</em>, ber den Bart der Mannweiber (Viragines), Biologisches -Zentralblatt 17, 1897, S. 226–239. Les Femmes barbe, Revue -scientifique VII, 618–622. Gustav <em class="gesperrt">Behrend</em>, Artikel <em class="gesperrt">Hypertrichosis</em> -in Eulenburgs Realenzyklopdie, Bd. XI<sup>3</sup>, S. 194. Alexander -<em class="gesperrt">Ecker</em>, ber abnorme Behaarung beim Menschen, insbesondere -ber die sogenannten Haarmenschen, Braunschweig 1878, mit -weiterer Literatur S. 21.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_11">S. 11</a>, Z. 17 ff.</b>) Man vergleiche z. B. die in der Schrift von -Livius <em class="gesperrt">Frst</em>, Die Ma- und Neigungsverhltnisse des weiblichen -Beckens nach Profildurchschnitten gefrorener Leichen, Leipzig 1875, -S. 16 und S. 24 ff. enthaltenen Tafeln mit den Mazahlen, die -von den verschiedenen Beobachtern von <em class="gesperrt">Luschka</em>, <em class="gesperrt">Henle</em>, -<em class="gesperrt">Rdinger</em>, <em class="gesperrt">Hoffmann</em>, <em class="gesperrt">Pirogoff</em>, <em class="gesperrt">Braune</em>, <em class="gesperrt">Le Gendre</em> und -<em class="gesperrt">Frst</em> selbst als Dimensionen des Beckens der Geschlechter angegeben -werden. — Ferner W. <em class="gesperrt">Krause</em>, Spezielle und makroskopische -Anatomie (II. Bd. der 3. Aufl. des Handbuches der menschlichen -Anatomie von C. F. Th. Krause), Hannover 1879, S. 122 ff., mit -Tabellen fr die Maximal- und Minimalproportionen sowohl beim -Manne als bei der Frau.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_13">S. 13</a>, Z. 7 f.</b>) Die Angabe ber die Ophiten nach <em class="gesperrt">berweg-Heinze</em>, -Grundri der Geschichte der Philosophie, Teil II, -Die mittlere oder die patristische und scholastische Zeit, 8. Aufl., -Berlin 1898, S. 40.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_2" id="Zu_Teil_I_Kapitel_2">Zu Teil I, Kapitel 2.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_14">S. 14</a>, Z. 16 v. u.</b>) Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em>, Man and Woman, A -Study of human secondary sexual characters, London 1894, deutsch: -Mann und Weib, Anthropologische und psychologische Untersuchung -der sekundren Geschlechtsunterschiede, bersetzt von -Dr. Hans Kurella (Bibliothek fr Sozialwissenschaft, Bd. III) -Leipzig 1895. In Betracht kommt hier auch das einseitigere, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_473" id="Seite_473">[S. 473]</a></span> -originellere und durch glckliche Belege aus der belletristischen -Literatur psychologisch bereicherte Werk von C. <em class="gesperrt">Lombroso</em> und -G. <em class="gesperrt">Ferrero</em>, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Anthropologische -Studien, gegrndet auf eine Darstellung der Biologie und -Psychologie des normalen Weibes, bersetzt von Kurella, Hamburg -1894.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_15">S. 15</a>, Z. 22.</b>) Joh. Japetus Sm. <em class="gesperrt">Steenstrup</em>, Untersuchungen -ber das Vorkommen des Hermaphroditismus in der Natur, aus dem -Dnischen bersetzt von C. F. Hornschuch, Greifswald 1846, -S. 9 ff. — Man vergleiche ber Steenstrups Anschauungen die absprechenden -Urteile von Rud. <em class="gesperrt">Leuckart</em>, Artikel Zeugung in Rud. -Wagners Handwrterbuch der Physiologie, Bd. IV, 1853, S. 743 f., -und C. <em class="gesperrt">Claus</em>, Lehrbuch der Zoologie, S. 117<sup>6</sup>.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_15">S. 15</a>, Z. 23.</b>) <em class="gesperrt">Ellis</em>, Mann und Weib, besonders S. 203 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_15">S. 15</a> Z. 10 v. u.</b>) ber die Geschlechtsunterschiede in der Zusammensetzung -des Blutes, Ellis, S. 204 f. — Olof <em class="gesperrt">Hammarsten</em>, -Lehrbuch der physiologischen Chemie, 4. Aufl., Wiesbaden 1899, S. 137. -Beim Menschen kommen gewhnlich in je 1 <i>cm</i><sup>3</sup> beim Manne 5 Millionen -und beim Weibe 4 45 Millionen (roter Blutkrperchen) vor. -— Ernst <em class="gesperrt">Ziegler</em>, Lehrbuch der allgemeinen und speziellen pathologischen -Anatomie, Bd. II: Spezielle pathologische Anatomie, 9. Aufl., -Jena 1898, S. 3: In 100 <i>cm</i><sup>3</sup> Blut sind .... bei Mnnern 145 <i>g</i>, -bei Frauen 132 <i>g</i> Hmoglobin enthalten. Vgl. bes. <em class="gesperrt">Lombroso-Ferrero</em>, -S. 22 f. und die dort citierte Literatur.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_15">S. 15</a>, Z. 8 v. u.</b>) v. <em class="gesperrt">Bischoff</em>, Das Hirngewicht des -Menschen, Bonn 1880. — <em class="gesperrt">Rdinger</em>, Vorlufige Mitteilungen ber -die Unterschiede der Grohirnwindungen nach dem Geschlecht beim -Ftus und Neugeborenen. Beitrge zur Anthropologie und Urgeschichte -Bayerns. I, 1877, S. 286–307. — Auch <em class="gesperrt">Passet</em>, ber einige -Unterschiede des Grohirns nach dem Geschlecht, Archiv fr Anthropologie, -Bd. XIV, 1883, S. 89–141, und Emil <em class="gesperrt">Huschke</em>, Schdel, -Hirn und Seele des Menschen und der Tiere nach Alter, Geschlecht -und Rasse, Jena 1854, S. 152 f., haben die Existenz solcher Unterschiede -versichert und mit genauen Daten belegt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_15">S. 15</a>, Z. 6 v. u.</b>) Alice <em class="gesperrt">Gaule</em>, Die geschlechtlichen Unterschiede -in der Leber des Frosches, Archiv fr die gesamte Physiologie, -herausgegeben von Pflger, Bd. LXXXIV, 1901, Heft 1/2, -S. 1–5.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_15">S. 15</a>, Z. 3 v. u.</b>) Wo der Ausdruck erogen (Zones -rognes als Name fr diejenigen Krperteile, die sexuell besonders -anziehend auf das andere Geschlecht wirken) zum ersten Male vorkommt, -war mir zu ermitteln nicht mglich. Der verstorbene Professor -Freiherr <em class="gesperrt">v. Krafft-Ebing</em>, von dem ich einmal Belehrung -hierber erbat, vermutete, bei <em class="gesperrt">Gilles de la Tourette</em>. Doch ist in -dessen groem Werke ber die Hysterie nichts hierauf Bezgliches -enthalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_474" id="Seite_474">[S. 474]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_16">S. 16</a>, Z. 15.</b>) Die Anfhrung aus <em class="gesperrt">Steenstrup</em> a. a. O., S. 9 -bis 10.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_18">S. 18</a>, Z. 6.</b>) John <em class="gesperrt">Hunter</em>, Observations on certain parts of -the animal oeconomy, London 1786, berichtet in einem zuerst in -den Philosophical Transactions of the Royal Society of London, -Vol. LXX/2, 1. Juni 1780, pag. 527–535, verffentlichten -Account of an extraordinary pheasant von der Hahnenfedrigkeit -alter Hennen und vergleicht diese mit der Brtigkeit der Gromtter. -S. 63 (528) wird die berhmte Unterscheidung eingefhrt: -It is well known that there are many orders of animals which have -the two parts designed for the purpose of generation different in -the same species, by which they are distinguished into male and -female: but this is not the only mark of distinction in many genera -of animals, of the greatest part the male being distinguished from -the female by various marks. <em class="gesperrt">The differences which are found -in the parts of generation themselves, I shall call the first -or principle, and all others depending upon these I shall -call secondary.</em> Wenn im Texte (Z. 20 ff.) der Bereich der sekundren -Charaktere strenger denn gewhnlich als die Gesamtheit -der erst in der Mannbarkeit uerlich sichtbar hervortretenden -Charaktere umschrieben wird, so ist damit auf <em class="gesperrt">Hunters</em> <em class="gesperrt">ursprngliche</em> -Bestimmung zurckgegriffen, S. 68: We see the sexes which -at an early period had little to distinguish them from each other, -acquiring about the time of puberty secondary properties, which -clearly characterise the male and female. The male at this time recedes -from the female, and assumes the secondary characters of -his sex. Vgl. <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das Variieren etc. I<sup>2</sup>, S. 199. Entstehung -der Arten (bersetzt von Haek), S. 201.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_18">S. 18</a>, Z. 8.</b>) Dafr, da von den primren noch primordiale -Sexualcharaktere abgeschieden werden mssen, sind die vielen Flle -beweisend, in denen die ueren Geschlechtsteile etwa weiblich, die -Geschlechtsdrsen selbst immer noch mnnlich sind, Vgl. z. B. Andrew -<em class="gesperrt">Clark</em>, A case of spurious hermaphroditism (hypospadia and -undescended testis in a subject who has been brought up as female -and married for sixteen years), Middlesex Hospital, The Lancet, -12. Mrz 1898, p. 718 f. — L. <em class="gesperrt">Siebourg</em>, Ein Fall von Pseudo-Hermaphroditismus -masculinus completus, Deutsche medizinische -Wochenschrift, 9. Juni 1898, S. 367–368.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_18">S. 18</a>, Z. 23 f.</b>) Die Lehre von der inneren Sekretion im allgemeinen -stammt nicht, wie man jetzt berall angegeben findet, von -<em class="gesperrt">Brown-Squard</em>, der sie nur auf die Keimdrse als erster angewendet -hat, sondern von Claude <em class="gesperrt">Bernard</em>, nachdem schon bei -C. <em class="gesperrt">Legallois</em> im Jahre 1801 eine dunkle Ahnung der Sache zu -finden ist, worber man Nheres aus der Anne biologique, Vol. I, -p. 315 f. erfhrt. Vgl. Bernard, Nouvelle fonction du foie considr<span class="pagenum"><a name="Seite_475" id="Seite_475">[S. 475]</a></span> -comme organe producteur de matire sucre chez l'homme et les -animaux, Paris, Baillire, 1853, p. 58 und 71 f. Ferner Leons de -physiologie exprimentale, Vol. I, Paris 1855, aus der folgende Stellen -wrtlich angefhrt seien: On s'est fait pendant longtemps une trs-fausse -ide de ce qu'est un organe scrteur. On pensait que toute -scrtion devait tre verse sur une surface interne ou externe, et -que tout organe scrtoire devait ncessairement tre pourvu d'un -conduit excrteur destin porter au dehors les produits de la scrtion. -L'histoire du foie tablit maintenant d'une manire trs-nette -qu'il y a des scrtions internes, c'est dire des scrtions dont le -produit, au lieu d'tre dvers l'extrieur, est transmis directement -dans le sang (p. 96). — Il doit tre maintenant bien tabli qu'il -y a dans le foie deux fonctions de la nature de scrtions. L'une, -scrtion externe, produit la bile qui s'coule au dehors; l'autre, scrtion -interne, forme le sucre qui entre immdiatement dans le sang -de la circulation gnrale (p. 107). — Ferner (Rapport sur les -progrs et la marche de la physiologie gnrale en France, Paris 1867, -p. 73): La cellule scrtoire cre et labore en elle-mme le produit -de scrtion qu'elle verse soit au dehors sur les surfaces muqueuses, -soit directement dans la masse du sang. J'ai appel <em class="gesperrt">scrtions -externes</em> celles qui s'coulent en dehors, et <em class="gesperrt">scrtions internes</em> -celles qui sont verses dans le milieu organique intrieur. (p. 79:) -Les scrtions internes sont beaucoup moint connues que les scrtions -externes. Elles ont t plus ou moins vaguement souponnes, -mais elles ne sont point encore gnralement admises. Cependant, -selon moi, elles ne sauraient tre douteuses, et je pense que -le sang, ou autrement dit le milieu intrieur organique, doit tre -regard comme un produit des glandes vasculaires internes. (p. 84:) -Le foie glycognique forme une grosse glande sanguine, c'est--dire -une glande qui n'a pas de conduit excrteur extrieur. Il donne -naissance aux produits sucrs du sang, peut-tre aussi d'autres -produits albuminodes. Mais il existe beaucoup d'autres glandes sanguines, -telle que la rate, le corps thyrode, les capsules surrnales, -les glandes lymphatiques, dont les fonctions sont encore aujourd'hui -indtermines; cependant on regarde gnralement ces organes comme -concourant la rgnration du plasma et du sang, ainsi qu' la -formation des globules blancs et des globules rouges qui nagent dans -ce liquide. Danach ist die sehr allgemeine Angabe, <em class="gesperrt">Brown-Squard</em> -sei der Begrnder der Lehre von den Funktionen der Drsen ohne -Ausfhrungsgnge, wie sie sich z. B. in <em class="gesperrt">Bunges</em> Physiologischer -Chemie (Lehrbuch der Physiologie des Menschen, Leipzig 1901, -Bd. II, S. 545), bei <em class="gesperrt">Chrobak</em> und <em class="gesperrt">Rosthorn</em> (Die Erkrankungen -der weiblichen Geschlechtsorgane, I. Teil, Wien 1896/1900, S. 388), -bei Ernst <em class="gesperrt">Ziegler</em> (Lehrbuch der allgemeinen und speziellen pathologischen -Anatomie, I<sup>9</sup>, 1898, S. 80), Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em> (Die Zelle -und die Gewebe, Bd. II, 1898, S. 167) oder H. <em class="gesperrt">Boruttau</em><span class="pagenum"><a name="Seite_476" id="Seite_476">[S. 476]</a></span> -(Kurzes Lehrbuch der Physiologie, Leipzig und Wien, 1898, S. 138) -findet, zu korrigieren.</p> - -<p><em class="gesperrt">Brown-Squard</em> selbst (Effets physiologiques d'un liquide -extrait des glandes sexuelles et surtout des testicules, Comptes Rendus -hebdomadaires des Sances de l'Acadmie des Sciences, Paris, -30. Mai 1892, p. 1237 f.) sagt: Dj en 1869, dans un cours - la Facult de Mdecine de Paris, j'avais mis l'ide que les glandes -ont des scrtions internes et fournissent au sang des principes utiles -sinon essentiels. Die Prioritt gebhrt demnach ohne Zweifel -Bernard; nur die Anwendung auf die Keimdrsen ist Brown-Squards -alleiniges Verdienst: Je croyais, ds alors, que la faiblesse chez les -vieillards dpend non seulement de l'tat snile des organes, mais -aussi de ce que les glandes sexuelles ne donnent plus au sang des -principes qui, l'ge adulte, contribuent largement maintenir la -vigueur propre cet ge. Il tait donc tout naturel de songer -trouver un moyen de donner au sang de vieillards affaiblis les principes -que les glandes sexuelles ne lui fournissent plus. C'est ce qui -m'a conduit proposer l'emploi d'injections sous-cutanes d'un liquide -extrait de ces glandes. Die erste Verffentlichung Brown-Squards -ber dieses Thema ist die in den Comptes rendus hebdomadaires -des sances et mmoires de la Socit de Biologie, Tome 41, 1889, -p. 415–419 enthaltene (datiert vom 1. Juni 1889).</p> - -<p>Als Gegner der Lehre von der inneren Sekretion, speziell der -Keimdrsen, sind zu nennen: Konrad <em class="gesperrt">Rieger</em> in seiner Schrift ber -die Kastration (Jena 1900, S. 71; ihn erinnert sie an die Theorien -der mittelalterlichen Mnche ber die Folgen des semen retentum) -und A. W. <em class="gesperrt">Johnston</em>, Internal Secretion of the Ovary, 25. Annual -Meeting of the American Gynaecological Society, vgl. British Gyn. -Journal, Part 62, August 1900, S. 63. Unentschieden lassen die Frage, -ob die Erscheinungen nach Kastration und Involution der Keimdrsen, -nach der Pubertt und in der Graviditt, soweit sie von den -Genitalien ihren Ursprung nehmen, auf nervsem Wege oder durch -das Blut vermittelt werden, <em class="gesperrt">Ziegler</em>, Patholog. Anatomie, I<sup>9</sup>, S. 80, -und O. <em class="gesperrt">Hertwig</em>, Zelle und Gewebe, II, 162. Dieser sagt: Wenn -auf der einen Seite der Zusammenhang zwischen der Entwicklung -der Geschlechtsdrsen und der sekundren Sexualcharaktere nicht in -Abrede gestellt werden kann, so fehlt uns auf der anderen Seite doch -das tiefere Verstndnis dafr. Wird die Korrelation zwischen den -Organen, welche funktionell direkt nichts miteinander zu tun haben, -durch das Nervensystem vermittelt, oder sind es vielleicht besondere -Substanzen, welche vom Hoden oder Eierstock abgesondert werden, -in den Blutstrom geraten und so die weit abgelegenen Krperteile -zu korrelativem Wachstum veranlassen? Zu einem Entscheid der aufgeworfenen -Alternative fehlt es noch an jeder experimentellen Unterlage.</p> - -<p>Der letzte Satz war wohl schon zu der Zeit, da Hertwig ihn -schrieb (1898), nicht mehr ganz richtig. Fr. <em class="gesperrt">Goltz</em> und A. <em class="gesperrt">Freusberg</em><span class="pagenum"><a name="Seite_477" id="Seite_477">[S. 477]</a></span> -hatten 1874 (ber den Einflu des Nervensystems auf die Vorgnge -whrend der Schwangerschaft und des Gebraktes, Pflgers Archiv -fr die gesamte Physiologie, IX, 552–565) von folgendem berichtet -(S. 557): Eine Hndin mit vollstndiger Trennung des Rckenmarkes -in der Hhe des ersten Lendenwirbels ist brnstig geworden, -hat empfangen und ein lebensfhiges Junges ohne Kunsthilfe geboren. -Bei und nach diesen Vorgngen hat das Tier alle die damit verbundenen -Naturtriebe (Instinkte) entfaltet ebenso wie ein unversehrtes -Geschpf (d. h. die Milchdrsen fllten sich und das Junge wurde -mit grter Zrtlichkeit behandelt. Man vgl. auch <em class="gesperrt">Brcke</em>, Vorlesungen -ber Physiologie II<sup>3</sup>, Wien 1884, S. 126 f.). Goltz selbst kam -schon damals zu folgendem Schlusse (S. 559): Es scheint mir ... -uerst fraglich, ob berhaupt der Zusammenhang zwischen Gebrmutter -und Milchdrsen durch Beteiligung des Nervensystems zu -denken ist. Mir sagt auch in diesem Falle der Gedanke mehr zu, -da das Blut diesen Zusammenhang vermittelt. Er erinnert daselbst -auch an die Ausfallserscheinungen nach der Kastration. In ihrer berhmter -gewordenen Arbeit Der Hund mit verkrztem Rckenmark -(Pflgers Archiv; 63, 362–400) sind Fr. <em class="gesperrt">Goltz</em> und J. R. <em class="gesperrt">Ewald</em> -22 Jahre nach jener Untersuchung nochmals auf das Thema zurckgekommen -(vgl. in jener Abhandlung S. 385 f.).</p> - -<p>Der hauptschlichste Beweis, da <em class="gesperrt">keine</em> nervse Vermittlung -vorliegt, ist, wie ich meine, darin zu erblicken, da einseitige Kastration, -also Exstirpation blo eines Ovars oder Testikels, an der -Entwicklung der sekundren Geschlechtscharaktere nicht das Geringste -ndert. Den Einflu jeder Keimdrse htte man aber, wenn -ein solcher auf nervsem Wege sich vollzieht, als stets auf eine -Hemisphre des Krpers <em class="gesperrt">strker</em> sich erstreckend vorzustellen, ja -eine halbseitige Kastration wre, zunchst wenigstens, nur fr <em class="gesperrt">eine</em> -Krperhlfte als entscheidend anzunehmen. Mit Ausnahme einer -einzigen Angabe aber, der <em class="gesperrt">Rieger</em>, Die Kastration, S. 24, mit Recht -als Jgerlatein mitraut (es ist die in <em class="gesperrt">Brehms</em> Sugetieren, Leipzig und -Wien, 1891, III<sup>3</sup>, 430: Einseitig verschnittene Hirsche setzen blo an -der unversehrten Seite noch auf), hat nirgends etwas hnliches verlautet: -halbseitig verschnittene Tiere sind wie gar nicht verschnittene. -So schon <em class="gesperrt">Berthold</em>, Nachrichten von der Universitt und Gesellschaft -der Wissenschaften zu Gttingen, 1849, Nr. 1, S. 1–6. Vgl. z. B. -<em class="gesperrt">Chrobak-Rosthorn</em>, Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, -I/2, S. 371 f.: <em class="gesperrt">Sokoloff</em><a name="FNAnker_104_104" id="FNAnker_104_104"></a><a href="#Fussnote_104_104" class="fnanchor">[104]</a> operierte an Hunden, verfolgte -die Vernderungen sowohl bei einseitiger als auch bei doppelseitiger -Kastration. <em class="gesperrt">Bei ersterer trat die Brunst wie normal ein</em>, bei -letzterer blieb sie regelmig weg. <em class="gesperrt">Einseitige Kastration bei -jungen Tieren lt das Wachstum beider Gebrmutterhlften<span class="pagenum"><a name="Seite_478" id="Seite_478">[S. 478]</a></span> -fortdauern.</em> Schon 1 Monate nach zweiseitiger Kastration -war eine ausgesprochene Atrophie der zirkulren Muskelschichte -aufgetreten.</p> - -<p>Diesen Beweis halte ich darum fr stringenter selbst als die -Transplantationsversuche (auf Grund deren J. <em class="gesperrt">Halban</em>, ber den -Einflu der Ovarien auf die Entwicklung des Genitales, Monatsschrift -fr Geburtshilfe und Gynkologie, XII, 1900, 496–506, -besonders S. 505, A. <em class="gesperrt">Foges</em>, Zur Lehre von den sekundren -Geschlechtscharakteren, Pflgers Archiv, XCIII, 1902, 39 ff., Emil -<em class="gesperrt">Knauer</em>, Die Ovarientransplantation, experimentelle Studie, Archiv -fr Gynkologie, LX, 1900, besonders S. 352–359, mit so viel -Recht fr die innere Sekretion sich entscheiden), weil diesen gegenber -als letzter noch immer der Einwand mglich wre, da vermittelnde -nervse Bahnen in das transplantierte Gewebe zugleich mit dessen -Vaskularisierung eingezogen seien.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_18">S. 18</a>, Z. 10 v. u. ff.</b>) Einen <em class="gesperrt">anderen</em> Begriff <em class="gesperrt">von tertiren -Sexualcharakteren</em> hat Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em> aufgestellt, Mann -und Weib, S. 24: .... So haben wir z. B. die verhltnismig -grere Flachheit des Schdels, die grere Aktivitt und Ausdehnung -der Schilddrse und die geringere Durchschnittsmenge der -roten Blutkrperchen beim Weibe. Diese Differenzen hngen wahrscheinlich -indirekt mit primren und sekundren sexuellen Charakteren -zusammen. Vom zoologischen Standpunkt aus sind sie kaum von -Interesse, dagegen vom anthropologischen und gelegentlich auch vom -pathologischen und sozialen Standpunkt aus hchst bemerkenswert. -In dieselbe Gruppe mit den sekundren sexuellen Charakteren lassen -sie sich keinesfalls einreihen, und wir tun wohl am besten, sie zu -einer neuen Gruppe zusammenzufassen und als ‚tertire sexuelle -Charaktere’ zu bezeichnen. Ellis bemerkt selbst, da sich wegen -der Tendenz dieser Merkmale, ineinander berzugehen, diese Teilung -schwer durchfhren lt. Aber nicht nur der theoretische, auch der -praktische Wert dieser Gliederung scheint mir geringer als der Wert -der im Texte vorgeschlagenen Einteilung, nach welcher als -primordiale Geschlechtscharaktere die allgemein-biologischen, als -primre die im engeren Sinne anatomischen, als sekundre die im -engeren Sinne physiognomischen, als tertire die psychologischen -und als quartre die sozialen Unterschiede der Geschlechter bezeichnet -werden.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_19">S. 19</a>, Z. 15 ff.</b>) Die Annahme dnkt mich sehr wahrscheinlich, -da <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> mit <em class="gesperrt">jeder ueren</em> eine <em class="gesperrt">innere -Sekretion</em> vor sich geht, also auch die letztere keine kontinuierliche, -sondern eine intermittierende Funktion sei. Denn der Bartwuchs -z. B. ist nicht gleichmig, sondern er erfolgt schubweise, stoweise. -Als Erklrung hiefr scheint eine interrupte innere Sekretion am -nchsten zu liegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_479" id="Seite_479">[S. 479]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_19">S. 19</a>, Z. 7 v. u.</b>) Der Ausdruck Komplementrbedingung -nach Richard <em class="gesperrt">Avenarius</em>, Kritik der reinen Erfahrung, Bd. I, -Leipzig 1888, S. 29.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_20">S. 20</a>, Z. 10–28.</b>) ber das Idioplasma vgl. C. v. <em class="gesperrt">Naegeli</em>, -Mechanisch-Physiologische Theorie der Abstammungslehre, 1884. -Der Begriff wird dort, in einer von seiner Entwicklung im Texte -etwas abweichenden Weise, eingefhrt auf S. 23. Es heit dann -weiter: Jede wahrnehmbare Eigenschaft ist als Anlage im Idioplasma -vorhanden, es gibt daher so viele Arten von Idioplasma, als -es Kombinationen von Eigenschaften gibt. Jedes Individuum ist aus -einem etwas anders gearteten Idioplasma hervorgegangen, und in -dem nmlichen Individuum verdankt jedes Organ und jeder Organteil -seine Entstehung einer eigentmlichen Modifikation oder -eher einem eigentmlichen Zustande des Idioplasmas. Das Idioplasma, -welches wenigstens in einer bestimmten Entwicklungsperiode -durch alle Teile des Organismus verteilt ist, hat -also an jedem Punkte etwas andere Eigenschaften, indem es -beispielsweise bald einen Ast, bald eine Blte, eine Wurzel, ein -grnes Blatt, ein Blumenblatt, ein Staubgef, eine Fruchtanlage, -ein Haar, einen Stachel bildet. Am wichtigsten ist fr das hier in -Betracht kommende die Stelle S. 32 f.: Jede beliebige Zelle mu -davon [vom Idioplasma] eine gewisse Menge enthalten, weil dadurch -die ererbte Ttigkeit bedingt wird. Ferner S. 531: Jede Ontogenie ... -beginnt mit einem winzigen Keim, in welchem eine kleine Menge -von Idioplasma enthalten ist. Dieses Idioplasma zerfllt, indem es -sich fortwhrend in entsprechendem Mae vermehrt, bei den Zellteilungen, -durch welche der Organismus wchst, in ebenso viele -Partien, die den einzelnen Zellen zukommen, ....... Jede Zelle des -Organismus ist idioplasmatisch befhigt, zum Keim fr ein neues -Individuum zu werden. Ob diese Befhigung sich verwirklichen -knne, hngt von der Beschaffenheit des Ernhrungsplasmas ab. -Das Vermgen hiezu kommt bei niederen Pflanzen jeder einzelnen -Zelle zu; bei den hheren Pflanzen haben es manche Zellen verloren; -im Tierreiche besitzen es im allgemeinen nur die zu ungeschlechtlichen -oder geschlechtlichen Keimen normal bestimmten -Zellen. — Hugo de <em class="gesperrt">Vries</em>: in seinem Buche: Intracellulare Pangenesis, -Jena 1889, S. 55–60, 75 ff., 92 ff., 101 ff., und besonders S. 120. -Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em>, Die Zelle und die Gewebe, Grundzge der allgemeinen -Anatomie und Physiologie. (Diesem Buche verdanke ich in biologischer -Hinsicht ganz allgemein neben <em class="gesperrt">Darwins</em> Variieren die -reichste Belehrung.) Hertwig begrndet die Theorie im ersten -Bande (Jena 1893), S. 277 ff.: Wenn man das Moospflnzchen -Funaria hygrometrica zu einem feinen Brei zerhackt, so lt sich -auf feuchter Erde aus jedem kleinsten Fragment wieder ein ganzes -Moospflnzchen zchten. Die Swasserhydra lt sich in kleine<span class="pagenum"><a name="Seite_480" id="Seite_480">[S. 480]</a></span> -Stckchen zerschneiden, von denen sich jedes wieder zu einer -ganzen Hydra mit allen ihren Eigenschaften umbildet. Bei einem -Baum knnen sich an den verschiedensten Stellen durch Wucherung -vegetativer Zellen Knospen bilden, die zu einem Spro auswachsen, -der, vom Ganzen abgetrennt und in Erde verpflanzt, sich bewurzelt -und zu einem vollstndigen Baum wird. Bei Clenteraten, manchen -Wrmern und Tunikaten ist die ungeschlechtliche Vermehrung auf -vegetativem Wege eine hnliche, da fast an jeder Stelle des Krpers -eine Knospe entstehen und zu einem neuen Individuum werden -kann ....... Ein abgeschnittener und ins Wasser gestellter Weidenzweig -entwickelt wurzelbildende Zellen an seinem unteren Ende, -und so wird hier von Zellen, die im Plane des ursprnglichen -Ganzen eine sehr abweichende Funktion zu erfllen hatten, eine den -neuen Bedingungen entsprechende Aufgabe bernommen, ein -Beweis, da die Anlage dazu in ihnen gegeben war. Und so -knnen sich umgekehrt auch aus abgeschnittenen Wurzeln Laubsprosse -bilden, die dann zu ihrer Zeit selbst mnnliche und weibliche -Geschlechtsprodukte hervorbringen. In diesem Falle stammen -also direkt aus Zellbestandteilen einer Wurzel Geschlechtszellen ab, -die als solche wieder zur Reproduktion des Ganzen dienen ...... -Die Botaniker hngen zum grten Teile der Lehre an, die krzlich -de Vries gegen Weismann verteidigt und in den Satz zusammengefat -hat, da <em class="gesperrt">alle oder doch weitaus die meisten</em> Zellen des -<em class="gesperrt">Pflanzenkrpers die smtlichen erblichen Eigenschaften -der Art im latenten Zustand enthalten. Dasselbe lt sich -auf Grund von Tatsachen von niedrigen tierischen Organismen -sagen.</em> Fr hhere Tiere kann man den Beweis allerdings -nicht fhren; deswegen ist man aber nicht zu der Folgerung -gezwungen, da die Zellen der hheren und niederen Organismen -insoferne verschieden wren, als die letzteren alle Eigenschaften der -Art im latenten Zustand, also die Gesamtheit der Erbmasse, die -ersteren dagegen nur noch Teile von ihr enthielten. — Als der -heftigste Gegner der Idioplasmalehre ist August <em class="gesperrt">Weismann</em> aufgetreten -in seiner Schrift: Die Kontinuitt des Keimplasmas als -Grundlage einer Theorie der Vererbung, 1885 (Aufstze ber Vererbung -und verwandte biologische Fragen, Jena 1892, S. 215 ff.). -Weismanns Hauptargument (S. 237): Ehe nicht erwiesen wird, -da ‚somatisches’ Idioplasma berhaupt rckverwandelt werden -kann in Keimidioplasma, haben wir kein Recht, aus einer von ihnen -[den somatischen Zellen] Keimzellen entstehen zu lassen, drfte vor -den genauen Untersuchungen von Friedlich <em class="gesperrt">Miescher</em> (Die histochemischen -und physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig 1897, -Bd. II, S. 116 ff.) ber die Entwicklung der Keimdrsen der -Lachse auf Kosten ihres groen Seitenrumpfmuskels nicht mehr -haltbar sein. Vgl. brigens die vernichtende Kritik, welche an den -beraus knstlichen Theorien Weismanns von <em class="gesperrt">Kassowitz</em>, Allgemeine<span class="pagenum"><a name="Seite_481" id="Seite_481">[S. 481]</a></span> -Biologie, Bd. II, Wien 1900, gebt worden ist, auf die Weismann, -wohl ihres berscharfen Tones halber, nicht geantwortet hat.</p> - -<p>Fr die Idioplasmalehre zeugen vollends Untersuchungen -wie die von Paul <em class="gesperrt">Jensen</em>, ber individuelle physiologische Unterschiede -zwischen Zellen der gleichen Art (Pflgers Archiv, LXII, -1896, 172–200). Es heit da z. B. (S. 191): Wenn ein Foraminifer -durch abgetrennte eigene Pseudopodien niemals, dagegen -stets durch abgeschnittene Pseudopodien eines anderen Individuums -kontrektatorisch erregt wird, so mu das Protoplasma des ersteren -sich von dem der letzteren in bestimmter Weise unterscheiden, -oder allgemein ausgedrckt: das Protoplasma verschiedener Individuen -mu physiologisch verschieden sein. Welcher Art aber ist diese -Verschiedenheit und welcher Art der Reiz, der ihr entspringt? -Wir werden nicht umhin knnen, Unterschiede in der chemischen -Zusammensetzung der Protoplasmen verschiedener Individuen anzunehmen. — ber -die Regenerationsfhigkeit (auch niederer <em class="gesperrt">Tiere</em>) -vgl. Hermann <em class="gesperrt">Vchting</em>, ber die Regeneration der Marchantieen, -Jahrbcher fr wissenschaftliche Botanik, 1885, Bd. XVI, S. 367 -bis 414. ber Organbildung im Pflanzenreich, Physiologische Untersuchungen -ber Wachstumsursachen und Lebenseinheiten, Teil I, Bonn -1878, S. 236–240, besonders S. 251–253. — Jacques <em class="gesperrt">Loeb</em>, Untersuchungen -zur physiologischen Morphologie der Tiere, II. Organbildung -und Wachstum, Wrzburg 1892, S. 34 ff. (ber Regeneration -bei Ciona intestinalis).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_21">S. 21</a>, Z. 6 ff.</b>) Wenn jede Zelle, also auch jede Nervenzelle, -mnnlich oder weiblich (in bestimmtem Grade) ist, so entfllt auch -der letzte Anla zur Annahme eines psychosexuellen Zentrums fr -den Geschlechtstrieb im Gehirn, wie es besonders <em class="gesperrt">Krafft-Ebing</em> -(Psychopathia sexualis, 11. Aufl., S. 248, Anm. 1) und seine Schler, -ferner (nach ihm) <em class="gesperrt">Taruffi</em>, Hermaphrodismus und Zeugungsunfhigkeit, -bersetzt von R. Teuscher, Berlin 1903, S. 190, ungeachtet -der in der Anmerkung zu S. 18, Z. 15 v. u. citierten Experimente -von <em class="gesperrt">Goltz</em>, postuliert haben.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_21">S. 21</a>, Z. 2 v. u.</b>) Wilhelm <em class="gesperrt">Caspari</em>, Einiges ber Hermaphroditen -bei Schmetterlingen, Jahrbcher des nassauischen Vereines -fr Naturkunde, 48. Jahrgang, S. 171–173 (Referat von P. -<em class="gesperrt">Marchal</em>, Anne biologique, I. 288), berichtet, wie zuweilen die -eine seitliche Hlfte eines Schmetterlings vollstndig mnnlich und -die andere vollstndig weiblich ist. Bei Saturnia pavonia, einem -Pfauenauge, ist der Unterschied zwischen mnnlicher und weiblicher -Frbung sehr gro und daher, bei Hermaphroditen in dieser Art der -Kontrast zwischen rechter und linker Krperhlfte hchst auffallend. -— Richard <em class="gesperrt">Hertwig</em>, Lehrbuch der Zoologie<sup>5</sup>, 1900, S. 99 ber diesen -Hermaphroditismus lateralis und jene hermaphroditischen Formen -bei Schmetterlingen wie Ocneria dispar (einem Spinner), dessen<span class="pagenum"><a name="Seite_482" id="Seite_482">[S. 482]</a></span> -mnnliche Hlfte die besondere Gestalt der mnnlichen Fhler, -Augen und Flgel trgt, und sich durch sie wesentlich von der -weiblichen Hlfte unterscheidet.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_22">S. 22</a>, Z. 4 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Aristoteles</em> sagt (Histor. Anim. 5, 14, -545, <i>a</i> 21:) εἰς τὸ θήλυ γαρ μεταβάλλει τα ἐκτεμνόμενα. (9, 50, 632, -<i>a</i> 4) μεταβάλλει δὲ καὶ ἡ φωνὴ ἐπὶ τῶν ἐκτεμνομένων ἁπαντων εἰς τὸ -θήλυ. Die falschen Angaben ber regelmige Verweiblichung des -entmannten Tieres rhren in der neuesten Zeit hauptschlich von -William <em class="gesperrt">Yarrell</em> her (On the influence of the sexual organ in modifying -external character, Journal of the Proceedings of the Linnean Society, -Zool. Vol. I, 1857, p. 81), und sind ihm (mit oder ohne Berufung -auf ihn) oft nachgesprochen worden, z. B. von <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das -Variieren etc., II<sup>2</sup>, 59: Der Kapaun fngt an, sich auf Eier zu -setzen und brtet Hhnchen aus; von <em class="gesperrt">Weismann</em>, Keimplasma, -S. 469 f.: Bei ausgebildeten Individuen des einen Geschlechtes -knnen unter besonderen Umstnden die sekundren Sexualcharaktere -des anderen Geschlechtes zur nachtrglichen Ausbildung gelangen. -Dahin gehren vor allem die <em class="gesperrt">Folgen der Kastration</em> bei beiden -Geschlechtern. Ebenso von <em class="gesperrt">Moll</em>, Die kontrre Sexualempfindung, -3. Aufl., Berlin 1899, S. 170, Anm. 1. <em class="gesperrt">Gegen</em> diese Theorien hat -sich namentlich <em class="gesperrt">Rieger</em> gewendet (Die Kastration, S. 33 f.), ferner -Hugo <em class="gesperrt">Sellheim</em> (Zur Lehre von den sekundren Geschlechtscharakteren, -Beitrge zur Geburtshilfe und Gynkologie, herausgegeben -von A. Hegar, Bd. I, 1898, S. 229–255): In keiner -Weise konnten wir [bei den Kapaunen] einen Umschlag, eine Entwicklung -von Mutterliebe konstatieren, die sich in einer Frsorge -fr die beigegebenen Kchlein ausgesprochen htte (S. 234). Von -einer aktiven Annherung an das weibliche Tier, wie sie von -mancher Seite bei den durch die Entfernung der Hoden bedingten -Vernderungen angenommen wird, ist bei dem Kastratenkehlkopf -nichts zu merken (S. 241). Schlielich hat Arthur <em class="gesperrt">Foges</em> (Zur -Lehre von den sekundren Geschlechtscharakteren, Pflgers Archiv, -Bd. XCIII, 1902, S. 39–58) Sellheims Befunde besttigt und die -ltere Ansicht nochmals zurckgewiesen (S. 53). Die letzten -Autoren gehen aber wohl zu weit, indem sie die Verweiblichung -fr ausgeschlossen zu halten scheinen; sie ist zwar keine notwendige -Folge der Kastration, da sie jedoch gnzlich <em class="gesperrt">ohne</em> dieselbe -eintreten kann (vgl. S. 24, Z. 1–8 und die Anmerkung zu dieser -Stelle), so wird durch Kastration ihre Mglichkeit in vielen Fllen -wohl noch erleichtert werden.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_23">S. 23</a>, Z. 16 f.</b>) ber die Annahme mnnlicher Charaktere -durch die Frauen, respektive Weibchen, nach dem Aufhren der -Geschlechtsreife, respektive der Menopause, vgl. vor allem die ausfhrliche -Abhandlung von Alexander Brandt, Anatomisches und -Allgemeines ber die sogenannte Hahnenfedrigkeit und ber anderweitige<span class="pagenum"><a name="Seite_483" id="Seite_483">[S. 483]</a></span> -Geschlechtsanomalien bei Vgeln, Zeitschr. f. wiss. Zool., -48, 1889, S. 101–190. — Die erste Angabe ber Hahnenfedrigkeit -bei <em class="gesperrt">Aristoteles</em>, Histor. Animal. 9, 49, 631 b, 7 ff. — Im XIX. Jahrhundert -handeln von ihr vornehmlich William <em class="gesperrt">Yarrell</em>, On the -change in the plumage of some Hen-Pheasants, Philosophical Transactions -of the Royal Society of London, 10. Mai 1827 (Part. II, -p. 268–275); <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das Variieren II<sup>2</sup>, 58 f.; Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em>, -Die Zelle und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898, S. 162. — Hieher -gehrt vielleicht der interessante Fall von Hypertrichosis, den -<em class="gesperrt">Chrobak</em> und <em class="gesperrt">Rosthorn</em>, Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, -Teil I, S. 388, nach Virchow erzhlen, in welchem -es sich um eine junge Frau handelte, die whrend der Menstruation -an akutem Magen- und Darmkatarrh erkrankte, spter amenorrhoisch -wurde, und bei welcher sich whrend der Dauer des Ausbleibens -der Regel der ganze Krper mit schwarzen wachsenden Haaren -bedeckte.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_23">S. 23</a>, Z. 22 f.</b>) Ricken: nach <em class="gesperrt">Brehms</em> Tierleben, 3. Aufl. -von Pechuel-Loesche, Sugetiere, Bd. III, 1891, S. 495: Auch -sehr alte Ricken erhalten bisweilen einen kurzen Stirnzapfen und -setzen schwache Gehrne auf ... Von einem derartigen Geweih teilt -mir <em class="gesperrt">Block</em> mit, da es aus zwei gegen 5 <i>cm</i> langen Stangen bestand -und selbst einen alten Weidmann tuschen konnte, welcher -die Ricke als Bock ansprach und erlegte.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_23">S. 23</a>, Z. 13 v. u. ff.</b>) Vgl. Paul <em class="gesperrt">Mayer</em>, Carcinologische -Mitteilungen, Mitteilungen a. d. zool. Station zu Neapel, I, 1879, -VI: ber den Hermaphroditismus bei einigen Isopoden, S. 165 bis -179. Von Vertretern der Gattungen Cymothoa, Anilocra und Nerocila -ist durch Mayer sichergestellt, da dieselben Individuen in ihrer -Jugend als Mnnchen fungieren, bei denen nach einer spteren -Hutung die ursprnglich zwar vorhandenen, aber nicht funktionsfhigen -Eierstcke die mnnlichen Keimdrsen zurckdrngen, so -da die Tiere nun die Rolle von Weibchen ausfllen. — Der Ausdruck -Protandrie (nach dem Muster der Botanik vgl. <em class="gesperrt">Nolls</em> -Physiologie in Strasburgers Lehrbuch der Botanik, 3. Aufl., 1898, -S. 250) wird auch von Mayer, S. 177, fr diese Erscheinung gebraucht. -Vgl. Cesare <em class="gesperrt">Lombroso</em> und Guglielmo <em class="gesperrt">Ferrero</em>, Das Weib als -Verbrecherin und Prostituierte, bersetzt von Hans Kurella, Hamburg, -1894, S. 3. brigens hat L. <em class="gesperrt">Cunot</em> bei gewissen Seesternen -ganz die gleiche Erscheinung nachweisen knnen: Notes sur les -Echinodermes, III: L'hermaphrodisme <em class="gesperrt">protandrique</em> d'Asterina -gibbosa Penn. et ses variations suivant les localits (Zoologischer -Anzeiger, XXI/<sub>1</sub>, 1898, S. 273–279). Er kommt zu dem Ergebnis -(S. 275): L'hermaphrodisme protandrique est donc ici indiscutable: -les Asterina sont fonctionnellement mles ... puis, elles deviennent -exclusivement femelles pour le reste de leur existence.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_484" id="Seite_484">[S. 484]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_24">S. 24</a>, Z. 1 ff.</b>) ber Flle von sexueller Umwandlung wird -auch sonst sporadisch berichtet. Z. B. von L. <em class="gesperrt">Janson</em>, ber scheinbare -Geschlechtsmetamorphose bei Hhnern, Mitteilungen d. deutsch. -Gesellschaft fr Natur- und Vlkerkunde Ostasiens, Heft 60, S. 478 -bis 480. — <em class="gesperrt">Kob</em>, De mutatione sexus, Berlin 1823. — Anekdotenhafte -Flle sind bei <em class="gesperrt">Taruffi</em>, Hermaphrodismus und Zeugungsunfhigkeit, -Berlin 1903, S. 296, 307 f., 364 f., aus einer Literatur von sehr -ungleicher Zuverlssigkeit gesammelt. — Man hat eine zehn Jahre -alte Ente gekannt, welche sowohl das vollstndige Winter- als -Sommergefieder des Enterichs annahm. <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das Variieren etc., -II<sup>2</sup>, S. 58. Vgl. <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die Libido sexualis, I, -S. 444. — R. v. <em class="gesperrt">Krafft-Ebing</em>, Psychopathia sexualis mit besonderer -Bercksichtigung der kontrren Sexualempfindung, eine -klinisch-forensische Studie, 8. Aufl., Stuttgart 1893, erwhnt S. 198 f. -verschiedene hchst merkwrdige Flle von Mnnern, die im Laufe -ihres Lebens eine vollstndige Umwandlung zum Weibe erfahren -haben; besonders kommt in Betracht jene Autobiographie eines -Arztes (S. 203 ff.) als Beispiel einer Umwandlung, die, wie Krafft-Ebing -S. 215 selbst zugeben mu, durchaus ohne paranoischen -Wahn ist, obwohl er auch jenen Fall S. 203 unter der berschrift -Metamorphosis sexualis paranoica einfhrt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_24">S. 24</a>, Z. 11 v. u.</b>) Die hier erwhnten Versuche sind die von -Emil <em class="gesperrt">Knauer</em> (Die Ovarientransplantation, Experimentelle Studie, -Archiv fr Gynkologie, Bd. LX, 1900, S. 322–376) ausgefhrten. -Nur in zwei von dreizehn Fllen milang die Transplantation nicht -(ibid., S. 371). Mit Rcksicht auf diese beiden letzten, positiven -Erfolge glaube ich behaupten zu knnen, <em class="gesperrt">da die berpflanzung -der Eierstcke von einem auf ein zweites Tier ebenfalls -mglich sei</em>. (S. 372.) <em class="gesperrt">Foges</em>, der unter Kenntnis von Knauers -Erfolgen denselben Versuch wiederholte, ist die Vertauschung nie -gelungen (Pflgers Archiv, Bd. XCIII, 1902, S. 93.), ebensowenig -wie Knauers von ihm selbst, S. 373 f., citierten Vorgngern. -Als Grund ist wohl (neben Wechseln in der Vollkommenheit der -technischen Ausfhrung) der im Text vermutete zu betrachten. — ber -den guten Erfolg der Transplantation innerhalb des Tieres -vgl. Knauer S. 339 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_25">S. 25</a>, Z. 8 ff.</b>) ber die heute ihrer Gefahren wegen freilich -fast auer Gebrauch gekommene Bluttransfusion, vgl. L. <em class="gesperrt">Landois</em>, Artikel -Transfusion in Eulenburgs Realenzyklopdie der Heilkunde, -2. Aufl., Bd. XX, 1890, welche fr, und Ernst v. <em class="gesperrt">Bergmann</em>, -Die Schicksale der Transfusion im letzten Dezennium, Berlin 1883, -sowie A. <em class="gesperrt">Landerer</em>, ber Transfusion und Infusion, Virchows -Archiv fr pathologische Anatomie und Physiologie und klinische -Medizin, Bd. CV, 1886, S. 351–372, die beide gegen die Transfusion -sich einsetzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_485" id="Seite_485">[S. 485]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_25">S. 25</a>, Z. 10 v. u. ff.</b>) ber die Organsafttherapie unterrichtet -am ausfhrlichsten der, ihrem Prinzipe freilich uerst gewogene, -gleichlautende Artikel von Georg <em class="gesperrt">Buschan</em> in Eulenburgs -Realenzyklopdie, 3. Aufl., Bd. XVIII (1898), S. 22–82.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_26">S. 26</a>, Z. 6 v. u.</b>) Nach <em class="gesperrt">Foges</em>, Zur Lehre von den sekundren -Geschlechtscharakteren, Pflgers Archiv, Bd. XCIII, 1902 -(S. 57), wre freilich die <em class="gesperrt">Quantitt</em> der ins Blut sezernierten Keimdrsenstoffe -von der grten Bedeutung; denn da die vollstndige -Erhaltung des normalen Sexualcharakters durch Hodentransplantation -bei seinen Versuchstieren nicht gelang, fhrt er darauf zurck, da -eine im Verhltnis zur Gre des normalen Hodens nur ganz kleine -Menge Hodengewebes zur Anheilung kam.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_25">S. 25</a>, Z. 4 v. u. ff.</b>) Nach <em class="gesperrt">Buschan</em> (a. a. O., S. 32) tun -eine Reihe von Versuchen, die von <em class="gesperrt">Ferr</em> und <em class="gesperrt">Bechasi</em> (Note -prliminaire sur l'tude de l'action du suc ovarien sur le cobaye, -Gazette hebdomadaire, XLIV, 1897, Nr. 50) in dem physiologischen -Laboratorium der Universitt Rom angestellt worden sind, deutlich -dar, da die Wirkung dieser [der Organ-]Prparate auf das mnnliche -Geschlecht eine ganz andere als auf das weibliche ist. Spritzten -diese Beobachter von einem Ovarialextrakt ... 5 <i>cm</i><sup>3</sup> einem <em class="gesperrt">weiblichen</em> -Meerschweinchen ein, dann trat weder eine lokale noch eine -allgemeine Reaktion auf, nur das Krpergewicht erfuhr eine Zunahme; -wurde die gleiche Menge einem <em class="gesperrt">mnnlichen</em> Tiere injiziert, dann -stellten sich ebenfalls keine lokalen noch Allgemeinerscheinungen, -wohl aber Abmagerung ein. Bei Injektion von 10 <i>cm</i><sup>3</sup> war beim -<em class="gesperrt">weiblichen</em> Tier die lokale Reaktion nur ganz gering, Allgemeinreaktion -war nicht vorhanden und die Gewichtszunahme eine bedeutende; -beim <em class="gesperrt">mnnlichen</em> Tier dagegen die lokale Reizung schon -ganz betrchtlich, ferner stellte sich eine vorbergehende Temperatursteigerung -ein, und die Gewichtsabnahme war noch strker ausgeprgt. -Wenn endlich 15 <i>cm</i><sup>3</sup> injiziert wurden, dann blieb die lokale -Reaktion beim <em class="gesperrt">Weibchen</em> eine nur schwache, beim Mnnchen hingegen -nahm sie eine noch bedeutendere Hhe an; bei ersterem trat -gleichfalls eine Temperatursteigerung um einige Dezigrade whrend -des Injektionstages, bei letzterem hingegen eine sehr deutliche Hypothermie -mit nervsem Zittern und intensiver Depression ein; <em class="gesperrt">auerdem -erfuhr das mnnliche Meerschweinchen eine sehr betrchtliche -Abnahme seines Gewichtes und starb schlielich -innerhalb vier bis sechs Tagen</em>.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_27">S. 27</a>, Z. 6 ff.</b>) Es drfte dies fr verschiedene Organismen verschieden -sein. Z. B. bemerken gegenber anderslautenden Aussagen von -<em class="gesperrt">Born</em> und <em class="gesperrt">Pflger</em> die <em class="gesperrt">Hertwigs</em> auf S. 43 ihrer Experimentellen -Untersuchungen ber die Bedingungen der Bastardbefruchtung -(<em class="gesperrt">Oscar</em> und <em class="gesperrt">Richard Hertwig</em>, Untersuchungen zur Morphologie -und Physiologie der Zelle, 4. Heft, Jena 1885): Selbst bei den<span class="pagenum"><a name="Seite_486" id="Seite_486">[S. 486]</a></span> -strksten Vergrerungen ist es uns nicht mglich gewesen, zwischen -den reifen Samenfden eines Sphaerechinus oder Strongylocentrotus -oder einer Arbacia Unterschiede in Form und Gre zu entdecken. -Dagegen setzt L. <em class="gesperrt">Weill</em>, ber die kinetische Korrelation zwischen -den beiden Generationszellen, Archiv fr Entwicklungsmechanik der -Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222–224, die Existenz individueller -Unterschiede auch zwischen den Spermatozoiden und Eizellen derselben -Tiere voraus. — Da brigens die Dimensionen der Eier -sicherlich schwanken, ist aus den Mazahlen zu ersehen, die Karl -<em class="gesperrt">Schulin</em>, Zur Morphologie des Ovariums, Archiv fr mikroskopische -Anatomie, Bd. XIX, 1881, S. 472 f. und W. <em class="gesperrt">Nagel</em>, Das menschliche -Ei, ibid., Bd. XXXI, 1888, S. 397, 399 angeben.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_27">S. 27</a>, Z. 12 ff.</b>) ber die Geschwindigkeit der Spermatozoiden -vgl. <em class="gesperrt">Chrobak-Rosthorn</em> I/2, S. 441.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_27">S. 27</a>, Z. 16 ff.</b>) <em class="gesperrt">Purser</em>, The British Medical Journal, 1885, -p. 1159 (vgl. <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen, I, S. 252) und besonders -Franz <em class="gesperrt">Friedmann</em>, Rudimentre Eier im Hoden von Rana viridis, -Archiv fr mikroskopische Anatomie und Entwicklungsgeschichte, -Bd. LII, 1898, S. 248–261 (mit vielen Literaturangaben, S. 261). -Friedmanns Fall ist dadurch besonders interessant, da sich in <em class="gesperrt">beiden</em> -Hoden (im einen fnf, im anderen zehn) wohl entwickelte <em class="gesperrt">Eier</em> mit -einem Durchmesser von 225–500 μ fanden, die smtlich <em class="gesperrt">innerhalb -der Samen</em>kanlchen selbst, und nicht erst zwischen den -Hodenschluchen lagen. Auch <em class="gesperrt">Pflger</em>, ber die das Geschlecht bestimmenden -Ursachen und die Geschlechtsverhltnisse der Frsche, -Archiv fr die gesamte Physiologie, Bd. XXIX, 1882, S. 13–40, berichtet -ber die groen Graafschen Follikel, die er gegen seine Erwartung -in den Hoden brauner Grasfrsche gefunden habe (S. 33). -Seine Abhandlung spricht geradezu von bergangsformen von Hode -zu Eierstock. — Weitere Literaturangaben bei Frank J. <em class="gesperrt">Cole</em>, A -Case of Hermaphroditism in Rana temporaria, Anatomischer Anzeiger, -21. September 1895, S. 104–112. G. <em class="gesperrt">Loisel</em>, Grenouille -femelle prsentant les caractres sexuels secondaires du mle, -Comptes rendus hebdomadaires des Sances et Mmoires de la -Socit de Biologie, LIII, 1901, p. 204–206. <em class="gesperrt">La Valette St. -George</em>, Zwitterbildung beim kleinen Wassermolch, Archiv fr -mikroskopische Anatomie, Bd. XLV (1895), S. 1–14.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_28">S. 28</a>, Z. 12 v. u.</b>) Einen freilich nicht weit gefhrten -Anfang zu einer Theorie der sexuellen Zwischenformen hat der bekannte -Gynkologe A. <em class="gesperrt">Hegar</em> schon im Jahre 1877 gemacht (ber -die Exstirpation normaler und nicht zu umfnglicher Tumoren degenerierter -Eierstcke, Zentralblatt fr Gynkologie, 10. November -1877, S. 297–307, S. 305 heit es): Der Satz ‚propter solum -ovarium mulier est quod est’ ist entschieden zu scharf gefat, -wenn man denselben in dem Sinne auffat, da von dem Eierstock<span class="pagenum"><a name="Seite_487" id="Seite_487">[S. 487]</a></span> -ausschlielich der Ansto zur Herstellung des eigentmlichen weiblichen -Krpertypus und der speziellen weiblichen Geschlechtscharaktere -gegeben werde. Schon <em class="gesperrt">Geoffroy St. Hilaire</em> lehrte die -Unabhngigkeit in der Entwicklung der einzelnen Abschnitte des -Geschlechtsapparates, und <em class="gesperrt">Klebs</em> hat in neuerer Zeit diese Lehre -durch die Verhltnisse beim Hermaphroditismus motiviert. Jedenfalls -ist es jedoch notwendig, auch selbst wenn man den Eierstock -als wichtigstes Movens annimmt, noch weiter zurckzugehen und -nach einem Moment zu suchen, welches bedingt, da in dem einen -Fall eine mnnliche, in dem anderen eine weibliche Keimdrse zustande -kommt. [Hier wurde als solches das Arrheno-, respektive -Thelyplasma des ganzen Organismus angesehen]..... Wir knnen -hier fr unsere Betrachtungen kurzweg von <em class="gesperrt">einem</em> geschlechtsbedingenden -Moment sprechen. Nehmen wir nun an, da ursprnglich -in jedem Individuum zwei geschlechtsbedingende Momente vorhanden -sind, von denen das eine zum Manne, das andere zum -Weibe fhrt, und nehmen wir ferner an, da diese Momente nicht -blo die spezifische Keimdrse, sondern gleichzeitig auch die anderen -Geschlechtscharaktere herzustellen suchen, so erscheint uns eine gengende -Erklrung fr alle .... Tatsachen vorhanden zu sein. Die -eine Bewegungsrichtung berwiegt fr gewhnlich so, da nur ein -spezifischer Typus geschaffen, whrend der andere verdrngt wird. -Es kann dieses bergewicht so bedeutend sein, da, selbst bei Defekt -oder rudimentrer Ausbildung der ihm zukommenden spezifischen -Keimdrse, doch die brigen entsprechenden Geschlechtscharaktere -hergestellt werden. [Disharmonie in der sexuellen -Charakteristik der verschiedenen Teile <em class="gesperrt">eines</em> Organismus.] In -welcher Art jene Verdrngung stattfindet, ist freilich nicht leicht zu -sagen. Wahrscheinlich spielen hier teilweise sehr einfache mechanische -Vorgnge mit. [??] Das Bildungsmaterial wird aufgebraucht oder es -bleibt einfach kein Platz, kein Raum mehr fr die Entwicklung des -andersartigen Organes. Einen analogen Vorgang finden wir ja bei -Vgeln, bei denen der linke Eierstock durch sein krftigeres Wachstum -den rechten zur Atrophie bringt, gleichsam totdrckt ....... -Bei der zuflligen Schwche der Bewegungsrichtung knnen leicht -zufllige, selbst leichte Widerstnde bedeutend einwirken. Es wird -dann das andere geschlechtsbedingende Moment zur Geltung kommen, -und wir sehen so ein Individuum entstehen, welches einen anderen -Geschlechtstypus hat als denjenigen, welcher ihm seiner Keimdrse -nach zukommt. Meist sind freilich Gemische mnnlicher und weiblicher -Eigenschaften in den mannigfachsten Kombinationen vorhanden -bis zu jenen feinen Nuancen herab, bei denen wir von einem -weibischen Manne und einem Mannweibe sprechen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_30">S. 30</a>, Z. 2 f.</b>) <em class="gesperrt">Maupas</em>, Sur le dterminisme de la sexualit -chez l'Hydatina senta, Comptes Rendus hebdomadaires des Sances -de l'Acadmie des Sciences, 14. September 1891, p. 388 f.: Au<span class="pagenum"><a name="Seite_488" id="Seite_488">[S. 488]</a></span> -dbut de l'ovognse, l'œuf est encore neutre et, en agissant convenablement, -on peut ce moment lui faire prendre volont l'un -ou l'autre caractre sexuel. L'agent modificateur est la temprature. -L'abaisse-t-on, les jeunes œufs qui vont se former revtent l'tat de -pondeuses d'œufs femelles; l'lve-t-on, au contraire, c'est l'tat de -pondeuses d'œufs mles qui se dveloppe.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_30">S. 30</a>, Z. 8 f.</b>) Vgl. M. <em class="gesperrt">Nubaum</em>, Die Entstehung des Geschlechts -bei Hydatina senta, Archiv fr mikroskopische Anatomie und -Entwicklungsgeschichte, Bd. XLIX (1897), 227–308, der S. 235 sagt: -Schon aus den von <em class="gesperrt">Plate</em> angegebenen Maen fr mnnliche und -weibliche Sommereier der Hydatina senta ergibt sich mit Notwendigkeit, -da man das Geschlecht nicht in allen Fllen aus der -Gre der Eier vorhersagen kann. Man nehme an, da sich aus -den grten Eiern stets Weibchen und aus den kleinsten Mnnchen -entwickeln. Zwischen diesen weit abstehenden Grenzen gibt es aber -stufenweise bergnge, von denen man nicht sagen kann, was aus -ihnen werden wird ..... Ein und dasselbe Weibchen legt Eier der -verschiedensten Gre.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_30">S. 30</a>, Z. 9 f.</b>) Die Ausdrcke arrhenoid und thelyid -nach der citierten Abhandlung <em class="gesperrt">Brandts</em> (Zeitschrift fr wissenschaftliche -Zoologie, Bd. XLVIII, S. 102).</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_3" id="Zu_Teil_I_Kapitel_3">Zu Teil I, Kapitel 3.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_31">S. 31</a>, Z. 3 ff.</b>) <em class="gesperrt">Carmen</em>, Opra-Comique tir de la nouvelle -de Prosper Mrime par Henry <em class="gesperrt">Meilhac</em> & Ludovic <em class="gesperrt">Halvy</em>, Paris, -Acte I, Scne V, p. 13.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_32">S. 32</a>, Z. 1.</b>) Der Philosoph ist <em class="gesperrt">Arthur Schopenhauer</em> in -seiner Metaphysik der Geschlechtsliebe. (Die Welt als Wille und -Vorstellung, ed. Frauenstdt, Bd. II, Kapitel 44, S. 623 f.): Alle -Geschlechtlichkeit ist Einseitigkeit. Diese Einseitigkeit ist in einem -Individuo entschiedener ausgesprochen und in hherem Grade vorhanden -als im anderen: daher kann sie in jedem Individuo besser -durch Eines als das Andere vom anderen Geschlecht ergnzt und -neutralisiert werden, indem es einer der seinigen individuell entgegengesetzten -Einseitigkeit bedarf, zur Ergnzung des Typus der -Menschheit im neu zu erzeugenden Individuo, als auf dessen Beschaffenheit -immer alles hinausluft. Die Physiologen wissen, da -Mannheit und Weiblichkeit unzhlige Grade zulassen, durch welche -jene bis zum widerlichen Gynander und Hypospadiaeus sinkt, diese -bis zur anmutigen Androgyne steigt: von beiden Seiten aus kann -der vollkommene Hermaphroditismus erreicht werden, auf welchem -Individuen stehen, welche, die gerade Mitte zwischen beiden Geschlechtern -haltend, keinem beizuzhlen, folglich zur Fortpflanzung -untauglich sind. Zur in Rede stehenden Neutralisation zweier Individualitten<span class="pagenum"><a name="Seite_489" id="Seite_489">[S. 489]</a></span> -durch einander ist demzufolge erfordert, da der bestimmte -Grad <em class="gesperrt">seiner</em> Mannheit dem bestimmten Grade <em class="gesperrt">ihrer</em> -Weiblichkeit genau entspreche; damit beide Einseitigkeiten einander -gerade aufheben. Demnach wird der mnnlichste Mann das weiblichste -Weib suchen und vice versa, und ebenso jedes Individuum -das ihm im Grade der Geschlechtlichkeit entsprechende. Inwiefern -nun hierin zwischen zweien das erforderliche Verhltnis statt habe, -wird instinktmig von ihnen gefhlt, und liegt, nebst den anderen -<em class="gesperrt">relativen</em> Rcksichten, den hheren Graden der Verliebtheit zum -Grunde. Dieser Passus zeigt eine weit vollere Einsicht als die -einzige noch zu erwhnende Stelle, wo ich hnliches entdecken -konnte; diese findet sich bei Albert <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die -Libido sexualis, Berlin 1897, Bd. I, S. 193. Da heit es: Wir knnen -berhaupt sagen, da wir zwischen dem typischen weiblichen Geschlechtstrieb, -der auf vollstndig erwachsene mnnliche Personen -gerichtet ist, und dem typischen mnnlichen Geschlechtstrieb, der -auf vollstndig entwickelte weibliche Personen gerichtet ist, alle -mglichen bergnge finden.</p> - -<p>Beide Stellen waren mir unbekannt, als ich (Anfang 1901) -dieses Gesetz als erster gefunden zu haben glaubte, so eng sich -meine Darstellung speziell mit der Schopenhauers <em class="gesperrt">sachlich</em>, ja -manchmal <em class="gesperrt">wrtlich</em> berhrt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_32">S. 32</a>, Z. 5 ff.</b>) Der Ausspruch Blaise <em class="gesperrt">Pascals</em> (Penses I, -10, 24): Il y a un modle d'agrment et de beaut, qui consiste -en un certain rapport entre notre nature faible ou forte, telle -qu'elle est, et la chose qui nous plat. Tout ce qui est form sur -ce modle nous agre: maison, chanson, discours, vers, prose, femme, -oiseaux, rivires, arbres, chambres, habits, mag hier Platz finden, -obwohl seine weite Berechtigung erst allmhlich im Laufe des Folgenden -(vgl. Teil I, Kap. 5 und Teil II, Kap. 1) ganz klar -werden kann.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_32">S. 32</a>, Z. 14 v. u.</b>) Charles <em class="gesperrt">Darwin</em>, Die Abstammung des -Menschen und die Zuchtwahl in geschlechtlicher Beziehung, bersetzt -von David Haek (Universalbibliothek), Bd. II, Kap. 14, S. 120–132, -Kap. 17, S. 285–290; die Flle sprechen keineswegs allein von -einer Wahl seitens des Weibchens, sondern ebensosehr von -Bevorzugung und Verschmhung der Weibchen durch die Mnnchen. -Vgl. auch: Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der -Domestikation, bersetzt von J. V. Carus, Kap. 18 (Stuttgart 1873, II<sup>2</sup>, -186): Es ist durchaus nicht selten, gewisse mnnliche und weibliche -Tiere zu finden, welche sich nicht zusammen fortpflanzen, -trotzdem man von beiden wei, da sie mit anderen Mnnchen -und Weibchen vollkommen fruchtbar sind ..... Die Ursache liegt, -wie es scheint, in einer eingeborenen sexuellen Unvertrglichkeit des -Paares, welches gepaart werden soll. Mehrere Beispiele dieser Art<span class="pagenum"><a name="Seite_490" id="Seite_490">[S. 490]</a></span> -sind mir mitgeteilt worden ..... In diesen Fllen pflanzten sich -Weibchen, welche sich entweder frher oder spter als fruchtbar -erwiesen, mit gewissen Mnnchen nicht fort, mit denen man ganz -besonders wnschte sie zu paaren u. s. w.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_32">S. 32</a>, Z. 8–10 v. u.</b>) Fast ausnahmslos .... <em class="gesperrt">Beinahe</em> -immer .... wegen <em class="gesperrt">Oscar</em> und <em class="gesperrt">Richard Hertwig</em>, Untersuchungen -zur Morphologie und Physiologie der Zelle, Heft 4: Experimentelle -Untersuchungen ber die Bedingungen der Bastardbefruchtung, -Jena 1885, S. 33: <em class="gesperrt">In der Kreuzbefruchtung zweier Arten -besteht sehr hufig keine Reziprozitt.</em> Alle mglichen Abstufungen -finden sich hier. Whrend Eier von Echinus microtuberculatus -sich durch Samen von Strongylocentrotus lividus fast ohne -Ausnahme befruchten lassen, wird bei Kreuzung in entgegengesetzter -Richtung nur in wenigen Fllen eine Entwicklung hervorgerufen. -Die Befruchtung von Strongylocentrotus lividus durch Samen von -Arbacia pustulosa bleibt erfolglos, dagegen entwickeln sich von -Arbacia pustulosa immerhin einige Eier, wenn ihnen Samen von -Strongylocentrotus lividus hinzugefgt wird. Und so hnlich noch -in anderen Fllen. Es ist zur Zeit gar nicht mglich, gesetzmige -Beziehungen zwischen Bastardierungen in entgegengesetzter Richtung -nachzuweisen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_34">S. 34</a>, Z. 2 v. u.</b>) Den Ausdruck geschlechtliche <em class="gesperrt">Affinitt</em>, -in Analogie mit der chemischen Verwandtschaft, haben O. und -R. <em class="gesperrt">Hertwig</em> zuerst eingefhrt (Experimentelle Untersuchungen ber -die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 44), und -der erstere in seinem Buche Die Zelle und die Gewebe, Bd. I, -S. 240 f., enger, als dies hier geschehen ist, auf die Wechselwirkungen -zwischen Einzelzellen beschrnkt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_35">S. 35</a>, Z. 12 v. u.</b>) Mit den von <em class="gesperrt">Darwin</em> (A Monograph on -the Sub-Class Cirripedia: The Lepadidae or Pedunculated Cirripedes, -London 1851, p. 55, S. 182, 213 ff., 281 f., 291 ff.; The Balanidae -or sessile Cirripedes, The Verrucidae etc., London 1854, p. 29) -bei Rankenfern entdeckten <em class="gesperrt">komplementren Mnnchen</em>, -welche mit Hermaphroditen sich paaren, hat die hier vorgetragene -Anschauung von einer sexuellen Ergnzung trotz dem Ausdruck -Komplement nichts zu schaffen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_36">S. 36</a>, Z. 10 v. u.</b>) Wilhelm <em class="gesperrt">Ostwald</em>, Die berwindung -des wissenschaftlichen Materialismus (Vortrag auf der Naturforscherversammlung -zu Lbeck), Leipzig 1895, S. 11 und 27. — Richard -<em class="gesperrt">Avenarius</em>, Kritik der reinen Erfahrung, Leipzig 1888–1890, an -vielen Orten, z. B. Bd. II, S. 299.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_38">S. 38</a>, Z. 10 v. u.</b>) P. <em class="gesperrt">Volkmann</em>, Einfhrung in das Studium -der theoretischen Physik, insbesondere in das der analytischen -Mechanik mit einer Einleitung in die Theorie der physikalischen<span class="pagenum"><a name="Seite_491" id="Seite_491">[S. 491]</a></span> -Erkenntnis, Leipzig 1900, S. 4: Die Physik ist .... ein Begriffssystem -mit rckwirkender Verfestigung.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_38">S. 38</a>, Z. 4 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Persoon</em> gab in Usteris Annalen 1794, -11. Stck, S. 10, die erste Beschreibung der langgriffeligen und -kurzgriffeligen Formen von Primula sagt Hugo v. <em class="gesperrt">Mohl</em>, Einige -Beobachtungen ber dimorphe Blten, Botanische Zeitung, 23. Oktober -1863, S. 326.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_38">S. 38</a>, Z. 3 v. u.</b>) Charles <em class="gesperrt">Darwin</em>, The different forms of -flowers on plants of the same species, London 1877, 2. ed., 1884, -p. 1–277. (Deutsch: Die verschiedenen Bltenformen bei Pflanzen -der nmlichen Art, Werke bersetzt von J. V. Carus, IX/3, Stuttgart -1877, S. 1–240.) In seinen ersten, den Gegenstand betreffenden Publikationen -aus dem Jahre 1862 und den folgenden hatte Darwin blo -der mehrdeutigen Ausdrcke Dimorphismus und Trimorphismus sich -bedient. Hiefr hat den Namen Heterostylie Friedrich <em class="gesperrt">Hildebrand</em> -zuerst vorgeschlagen in seiner Abhandlung ber den Trimorphismus -in der Gattung Oxalis (S. 369) in den Monatsberichten der -kgl. preuischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1866, -S. 352–374. Vgl. auch dessen grere Werke: Die Geschlechtsverteilung -bei den Pflanzen und das Gesetz der vermiedenen und -unvorteilhaften Selbstbefruchtung, Leipzig 1867, und Die Lebensverhltnisse -der Oxalisarten, Jena 1884, S. 127 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_38">S. 38</a>, Z. 2 v. u.</b>) ber die Heterostylie vgl. auer <em class="gesperrt">Darwins</em> -schnem Buch, dem Hauptwerk ber den Gegenstand und der -reichen, darin auf Schritt und Tritt citierten Literatur: Oskar -<em class="gesperrt">Kirchner</em> und H. <em class="gesperrt">Potoni</em>, Die Geheimnisse der Blumen, eine -populre Jubilumsschrift zum Andenken an Christian Konrad -Sprengel, Berlin 1893, S. 21 f.; Julius <em class="gesperrt">Sachs</em>, Vorlesungen ber -Pflanzenphysiologie, 2. Aufl., Leipzig 1887, S. 850; <em class="gesperrt">Noll</em> in <em class="gesperrt">Strasburgers</em> -Lehrbuch der Botanik fr Hochschulen, 3. Auflage, -Jena 1898, S. 250 f.; Julius <em class="gesperrt">Wiesner</em>, Elemente der wissenschaftlichen -Botanik, Bd. III: Biologie der Pflanzen, Wien 1902, -S. 152–154. Anton <em class="gesperrt">Kerner v. Marilaun</em>, Das Pflanzenleben, -Bd. II, Wien 1891, S. 300 ff., 389 ff.; <em class="gesperrt">Darwin</em> selbst noch in der -Entstehung der Arten, Kap. 9 (S. 399 f., bersetzt von Haek), -und Das Variieren etc., Kap. 19 (II<sup>2</sup>, S. 207 ff.).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_39">S. 39</a>, Z. 1.</b>) Die einzigen Monokotyledonen, die heterostyle -Blten besitzen, sind die von Fritz <em class="gesperrt">Mller</em> (Jenaische Zeitschrift -fr Naturwissenschaft VI, 1871, S. 74 f.) in Brasilien entdeckten -Pontederien.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_39">S. 39</a>, Z. 11.</b>) Auch Darwin nhert sich ein- oder zweimal -dieser Auffassung, um sie sofort wieder aus den Augen zu verlieren, -weil bei ihm stets der Gedanke an eine fortschreitende Tendenz der -Pflanzen, dizisch zu werden, an die Stelle des allgemeingltigen -Prinzipes der sexuellen Zwischenformen sich schiebt (vgl. p. 257 der<span class="pagenum"><a name="Seite_492" id="Seite_492">[S. 492]</a></span> -englischen Ausgabe). Doch sagt er an einer Stelle (p. 296) ber -Rhamnus lanceolatus: The short-styled form is said by Asa Gray -to be the more fruitful of the two, as might have been expected -from its appearing to produce less pollen, and from the grains being -of smaller size; <em class="gesperrt">it is therefore the more highly feminine -of the two</em>. The long styled form produces a greater number of -flowers .... they yield some fruit, but as just stated are less fruitful -than the other form, <em class="gesperrt">so that this form appears to be the -more masculine of the two</em>.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_39">S. 39</a>, Z. 21 f.</b>) Es heit im englischen Texte auf S. 137 -(in der deutschen bersetzung S. 118<sup>1</sup>) von Lythrum salicaria -wrtlich: If smaller differences are considered, there are five distinct -sets of males.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_40">S. 40</a>, Z. 2.</b>) William <em class="gesperrt">Bateson</em>, Materials for the study of -variation treated with especial regard to discontinuity in the origin -of species, London 1894, p. 38 f. Er sagt von Xylotrupes geradezu: -The form is dimorphic, and has two male normals. Die Stelle ist -zu ausgedehnt, als da ich sie ganz hiehersetzen knnte.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_41">S. 41</a>, Z. 17.</b>) <em class="gesperrt">Darwin</em>, p. 148: It must not however be -supposed that the bees do not get more or less dusted all over -with the several kinds of pollen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_42">S. 42</a>, Z. 5–10.</b>) <em class="gesperrt">Darwin</em> spricht p. 186 von dieser Erscheinung -als von the usual rule of the grains from the longer -stamens, the tubes of which have to penetrate the longer pistils, -being larger than those from the stamens of less length. Vgl. auch -p. 38, 140 und besonders 286 ff. — F. <em class="gesperrt">Hildebrand</em>, Experimente -ber den Dimorphismus von Linum perenne und Primula sinensis, -Botanische Zeitung, 1. Jnner 1864, S. 2: Meine Beobachtungen -.... zeigten, da .... die Pollenkrner der kurzgriffeligen Form bedeutend -grer sind als die der langgriffeligen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_42">S. 42</a>, Z. 9 v. u.</b>) L. <em class="gesperrt">Weill</em>, ber die kinetische Korrelation -der beiden Generationszellen, Archiv fr Entwicklungsmechanik der -Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222–224.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_42">S. 42</a>, Z. 1 ff.</b>) <em class="gesperrt">Hildebrand</em>, Monatsberichte der kniglich -preuischen Akademie der Wissenschaften, 1866, S. 370, spricht -sich, gegen <em class="gesperrt">Lindley</em> und <em class="gesperrt">Zuccarini</em>, dahin aus, da die kurzgriffeligen -Blten deshalb nicht mnnlich, die langgriffeligen deshalb -nicht weiblich sein knnten, weil in der kurzgriffeligen Form die -Narbe keineswegs verkmmert, in der langgriffeligen der Pollen -keineswegs schlecht und wirkungslos sei. Aber es ist durchaus -charakteristisch fr die Pflanzen, da bei ihnen in viel weiterem -Umfange <em class="gesperrt">Juxtapositionen</em> mglich sind als bei den Tieren.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_42">S. 42</a>, Z. 9 v. u.</b>) L. <em class="gesperrt">Weill</em>, ber die kinetische Korrelation -zwischen den beiden Generationszellen, Archiv fr Entwicklungsmechanik -der Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222–224.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_493" id="Seite_493">[S. 493]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_44">S. 44</a>, Z. 6 v. u.</b>) Der Faktor t spielt hier, nicht nur unter -den Menschen, oder den anderen Organismen, sondern selbst noch -im Verkehre der Keimzellen eine wichtige und beraus merkwrdige -Rolle. So schildern O. und R. <em class="gesperrt">Hertwig</em>, Untersuchungen zur -Morphologie und Physiologie der Zelle, 4. Heft, Experimentelle -Untersuchungen ber die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena -1885, S. 37, ihre Beobachtungen an Echinodermen: Wir haben -nun gefunden, da Eier, welche gleich nach ihrer Entleerung aus -dem strotzend gefllten Eierstock bastardiert wurden, das fremde -Spermatozoon <em class="gesperrt">zurckwiesen</em>, es aber nach 10, 20 oder 30 Stunden -bei der zweiten oder dritten oder vierten Nachbefruchtung in sich -aufnahmen und dann sich normal weiter entwickelten. S. 38: Je -spter [nach der Entleerung aus den Ovarien] die Befruchtung geschah, -sei es nach 50 der 10 oder 20 oder 30 Stunden, um so mehr -wuchs der Perzentsatz der bastardierten Eier, bis schlielich ein -Bastardierungsoptimum erreicht wurde. Als solches bezeichnen wir -das Stadium, in welchem sich fast das gesamte Eiquantum, mit -Ausnahme einer geringen Zahl, in normaler Weise entwickelt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_45">S. 45</a>, Z. 6.</b>) Phantasien eines Realisten von <em class="gesperrt">Lynkeus</em>, -Dresden und Leipzig, 1900, II. Teil, S. 155–162.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_45">S. 45</a>, Z. 21 f.</b>) ... im allgemeinen ...; k wird <em class="gesperrt">nicht -immer</em> einfach in Proportion mit der systematischen Nhe grer. -Sieh O. und R. <em class="gesperrt">Hertwig</em> a. a. O., S. 32 f.: Das Gelingen oder -Nichtgelingen der Bastardierung hngt nicht ausschlielich von dem -Grade der systematischen Verwandtschaft der gekreuzten Arten ab. -Wir knnen beobachten, da Arten, die in ueren Merkmalen sich -kaum voneinander unterscheiden, sich nicht kreuzen lassen, whrend -es zwischen relativ entfernt stehenden, verschiedenen Familien und -Ordnungen angehrenden Arten mglich ist. Die Amphibien liefern -uns hier besonders treffende Beispiele. Rana arvalis und Rana fusca -stimmen in ihrem Aussehen fast vollstndig berein, trotzdem lassen -sich die Eier der letzteren nicht befruchten, whrend in einzelnen -Fllen Befruchtung mit Samen von Bufo communis und sogar von -Triton mglich war. Dieselbe Erscheinung lie sich, wenn auch -weniger deutlich, bei den Echinodermen konstatieren. Immerhin -mu aber im Auge behalten werden, da die systematische Verwandtschaft -fr die Mglichkeit der Bastardierung ein wichtiger -Faktor ist. Denn zwischen Tieren, die so weit auseinanderstehen, -wie Amphibien und Sugetiere, Seeigel und Seesterne, ist noch -niemals eine Kreuzbefruchtung erzielt worden. Vgl. hiemit Julius -<em class="gesperrt">Sachs</em>, Lehrbuch der Pflanzenphysiologie, 2. Aufl., Leipzig 1887, -S. 838: Die sexuelle Affinitt geht mit der ueren hnlichkeit -der Pflanzen nicht immer parallel; so ist es z. B. noch nicht gelungen, -Bastarde von Apfel- und Birnbaum, von Anagallis arvensis -und caerulea, von Primula officinalis und elatior, von Nigella damascena<span class="pagenum"><a name="Seite_494" id="Seite_494">[S. 494]</a></span> -und sativa und anderen systematisch sehr hnlichen Spezies -derselben Gattung zu erzielen, whrend in anderen Fllen sehr -unhnliche Formen sich vereinigen, so z. B. Aegilops ovata mit -Triticum vulgare, Lychnis diurna mit Lychnis flos cuculi, Cereus -speciosissimus und Phyllocactus phyllanthus, Pfirsich und Mandel. -In noch auffallenderer Weise wird die Verschiedenheit der sexuellen -Affinitt und systematischen Verwandtschaft dadurch bewiesen, da -zuweilen die Varietten derselben Spezies unter sich ganz oder teilweise -unfruchtbar sind, z. B. Silene inflata var. alpina mit var. -angustifolia, var. latifolia mit var. litoralis u. a. Vgl. auch Oscar -<em class="gesperrt">Hertwig</em>, Die Zelle und die Gewebe, Bd. I, S. 249.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_46">S. 46</a>, Z. 11 f.</b>) Wilhelm <em class="gesperrt">Pfeffer</em>, Lokomotorische Richtungsbewegungen -durch chemische Reize, Untersuchungen aus dem -botanischen Institut zu Tbingen, Bd. I, 1885, S. 363–482.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_46">S. 46</a>, Z. 23.</b>) ber die Wirkung der Maleinsure (welche, -soweit bekannt, im Pflanzenreiche nicht vorkommt), <em class="gesperrt">Pfeffer</em> -a. a. O., S. 412.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_46">S. 46</a>, Z. 27.</b>) Der Terminus wird bei <em class="gesperrt">Pfeffer</em> eingefhrt -a. a. O., S. 474, Anm. 2.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_46">S. 46</a>, Z. 3 v. u.</b>) Hiefr spricht vor allem der Bericht -L. <em class="gesperrt">Seeligmanns</em>, Weitere Mitteilungen zur Behandlung der Sterilitas -matrimonii, Vortrag in der gynkologischen Gesellschaft zu Hamburg, -Zentralblatt fr Gynkologie, 18. April 1896, S. 429: Eine Anordnung -des mikroskopischen Prparates in der Weise, da auf der -einen Seite des Deckglases normales Cervicalsekret an und etwas -unter das Deckglas gebracht wurde, ergab das Resultat, da auf der -einen Seite des Vaginalsekretes nach einiger Zeit nur ganz wenige -Spermatozoen, die sich nicht mehr bewegten, vorhanden waren, -whrend auf der anderen Seite des Cervicalsekretes sich die Samentierchen -dicht gedrngt in lebhafter Bewegung befanden. Hier knne -offenbar von einer chemotaktischen Wirkung des Cervicalsekretes auf -die Samenzellen gesprochen werden.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_46">S. 46</a>, Z. 1 v. u. ff.</b>) M. <em class="gesperrt">Hofmeier</em>, Zur Kenntnis der normalen -Uterusschleimhaut, Zentralblatt fr Gynkologie, Bd. XVII, -1893, S. 764–766. Nach den positiven Beobachtungen kann ein -Zweifel nicht mehr bestehen, da tatschlich <em class="gesperrt">der Wimperstrom -im Uterus von oben nach unten zu geht</em>.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_47">S. 47</a>, Z. 8 f.</b>) ber die Wanderungen der Lachse, ihr Fasten -und ihre Abmagerung vgl. vor allem Friedrich <em class="gesperrt">Miescher</em>, Die -histochemischen und physiologischen Arbeiten von F. M., gesammelt -und herausgegeben von seinen Freunden, Bd. II, Leipzig 1897, -S. 116–191, 192–218, 304–324, 325–327, 359–414, 415–420.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_47">S. 47</a>, Z. 13 ff.</b>) P. <em class="gesperrt">Falkenberg</em>, Die Befruchtung und der -Generationswechsel von Cutleria, Mitteilungen aus der zoologischen<span class="pagenum"><a name="Seite_495" id="Seite_495">[S. 495]</a></span> -Station zu Neapel, Bd. I, 1879, S. 420–447. Es heit dort, -S. 425 f.: Vollstndig negative Resultate ergab der Versuch einer -Wechselbefruchtung zwischen den nahe verwandten Cutleria-Spezies -C. adspersa und C. multifida, die — abgesehen von der Verschiedenheit -ihrer Standorte — sich uerlich nur durch geringe habituelle -Differenzen unterscheiden. Empfngnisfhigen, zur Ruhe gekommenen -Eiern der einen Spezies wurden lebhaft schwrmende Spermatozoidien -der anderen Art zugesetzt. In solchen Fllen sah man die Spermatozoidien -unter dem Mikroskop zahllos umherirren und endlich absterben, -ohne an den Eiern der verwandten Algen-Spezies den -Befruchtungsakt vollzogen zu haben. Freilich blieben einzelne -Spermatozoidien, welche zufllig auf die ruhenden Eier stieen, -momentan an diesen hngen, aber nur um sich ebenso schnell -wieder von ihnen loszureien. Ganz anders wurde das Bild unter -dem Mikroskop, sobald man auf derartigen Prparaten den Spermatozoidien -auch nur ein einziges befruchtungsfhiges Ei der gleichen -Spezies hinzusetzte. Wenige Augenblicke gengten, um smtliche -Spermatozoidien von allen Seiten her um dieses eine Ei zu versammeln, -selbst wenn dasselbe mehrere Zentimeter von der Hauptmasse -der Spermatozoidien entfernt lag. Es entsprach nunmehr das -Bild ganz den von <em class="gesperrt">Thuret</em> (Recherches sur la fcondation des -Fucaces, Ann. des Sc. natur., Sr. 4, Tome II, p 203, pl. 12, -Fig. 4) fr Fucus gegebenen Abbildungen, und ebenso wurde auch -das an sich lngst bewegungslos gewordene Ei nunmehr durch vereinte -Krfte der zahlreichen Spermatozoidien hin- und hergedreht ... -Aus diesen Versuchen geht einmal hervor, da die Anziehungskraft -zwischen den Eiern von Cutleria und den Spermatozoidien sich auf -verhltnismig bedeutende Distanzen geltend macht, da auf der -anderen Seite diese Anziehungskraft nur zwischen den Geschlechtszellen -der gleichen Spezies existiert. Auerdem zeigen die mitgeteilten -Erscheinungen, da die Bewegungen der Spermatozoidien -von Cutleria .... unter dem Einflu der Anziehungskraft der Eier -energisch genug sind, um jene Kraft, welche sie sonst dem einfallenden -Lichte entgegenfhrt, zu berwinden und sie dazu befhigten, -die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Mag die -Kraft, welche die Vereinigung der mnnlichen und weiblichen -Geschlechtszellen von Cutleria anstrebt und die Bewegungsrichtung -der mnnlichen Schwrmer reguliert, in der mnnlichen oder in der -weiblichen Zelle oder in beiden ihren Sitz haben — so viel ist -sicher, da die Kraft, welche bei Cutleria die Spermatozoidien den -Eiern zufhrt, ihren Sitz in dem Organismus selbst haben mu und -unabhngig vom Zufall und von Strmungen wirkt, welche etwa im -Wasser stattfinden knnen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_48">S. 48</a>, Z. 12.</b>) Vgl. Gesprche mit Goethe in den letzten -Jahren seines Lebens von Johann Peter <em class="gesperrt">Eckermann</em> (30. Mrz 1824).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_496" id="Seite_496">[S. 496]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_48">S. 48</a>, Z. 21.</b>) Die Analogien zwischen Mensch und Haustier -betreffs des Nichtgebundenseins des sexuellen Verkehrs an bestimmte -Zeitpunkte werden oft bertrieben; vgl. hierber <em class="gesperrt">Chrobak-Rosthorn</em>, -Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, -Wien 1900, Teil I/2, S. 379 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_50">S. 50</a>, Z. 10.</b>) Ich meine die auerordentlich wahre Stelle: -Nach wie vor bten sie eine unbeschreibliche, fast magische Anziehungskraft -gegeneinander aus. Sie wohnten unter einem Dache; -aber selbst ohne gerade aneinander zu denken, mit anderen Dingen -beschftigt, von der Gesellschaft hin- und hergezogen, nherten sie -sich einander. Fanden sie sich in einem Saale, so dauerte es nicht -lange und sie standen, sie saen nebeneinander. Nur die nchste -Nhe konnte sie beruhigen, aber auch vllig beruhigen, und diese -Nhe war genug; <em class="gesperrt">nicht eines Blickes, nicht eines Wortes, -keiner Geberde, keiner Berhrung bedurfte es, nur des -reinen Zusammenseins. Dann waren es nicht zwei Menschen, -es war nur ein Mensch im bewutlosen vollkommenen -Behagen</em>, mit sich selbst zufrieden und mit der Welt. <em class="gesperrt">Ja, htte man -Eins von Beiden am letzten Ende der Wohnung festgehalten, -das Andere htte sich nach und nach von selbst ohne Vorsatz -zu ihm hinbewegt.</em> (<em class="gesperrt">Goethe</em>, Die Wahlverwandtschaften, -II. Teil, 17. Kapitel.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_50">S. 50</a>, Z. 4 v. u. ff.</b>) Hiemit vergleiche man die folgenden -Aussprche der Dichter.</p> - -<p><em class="gesperrt">Theognis</em> spricht zu dem Knaben Kyrnos (V. 183 f.):</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">κριοὺς μὲν καὶ ὄνους διζήμεθα, Κύρνε, καὶ ἵππους<br /></span> -<span class="i0">εὐγενέας, καί τις βούλεται ἐξ ἀγαθῶν<br /></span> -<span class="i0">βήσεσθαι∙ γῆμαι δὲ κακὴν κακοῦ οὐ μελεδαίνει<br /></span> -<span class="i0">ἐσθλὸς ἀνήρ, ἤν οἱ χρήματα πολλὰ διδῷ,<br /></span> -<span class="i0">οὐδὲ γυνὴ κακοῦ ἀνδρὸς ἀναίνεται εἶναι ἄκοιτις<br /></span> -<span class="i0">πλουσίου, ἀλλ᾿ ἀφνεὸν βούλεται ἀντ᾿ ἀγαθοῦ.<br /></span> -<span class="i0">χρήματα γὰρ τιμῶσι∙ καὶ ἐκ κακοῦ ἐσθλὸς ἔγημεν,<br /></span> -<span class="i0">καὶ κακὸς ἐξ ἀγαθοῦ∙ πλοῦτος ἔμειξε γένος. u. s. w.<br /></span> -</div></div> - -<p><em class="gesperrt">Shakespeare</em> legt dem Bastarden Edmund die bekannten -Verse in den Mund (Knig Lear, 1. Aufzug, 2. Scene):</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">......... Warum<br /></span> -<span class="i0">Mit unecht uns brandmarken? Bastard? Unecht?<br /></span> -<span class="i0">Uns, die im heien Diebstahl der Natur<br /></span> -<span class="i0">Mehr Stoff empfah'n und krft'gern Feuergeist,<br /></span> -<span class="i0">Als in verdumpftem, trgem, schalem Bett<br /></span> -<span class="i0">Verwandt wird auf ein ganzes Heer von Trpfen,<br /></span> -<span class="i0">Halb zwischen Schlaf gezeugt und Wachen?...<br /></span> -</div></div> - -<p>(<b><a href="#Seite_51">S. 51</a>, Z. 15 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Darwin</em>: Das Variieren der Tiere -und Pflanzen, Bd. II, Kap. 17–19 (z. B. S. 170 der 2. Aufl.,<span class="pagenum"><a name="Seite_497" id="Seite_497">[S. 497]</a></span> -Stuttgart 1873); besonders aber: Die Wirkungen der Kreuz- und -Selbstbefruchtung im Pflanzenreich, Stuttgart 1877 (Werke Bd. X), -S. 24: Der bedeutungsvollste Schlu, zu dem ich gelangt bin, ist -der, da der bloe Akt der Kreuzung an und fr sich nicht gut tut. -Das Gute hngt davon ab, da die Individuen, welche gekreuzt -werden, unbedeutend in ihrer Konstitution voneinander verschieden -sind, und zwar infolge davon, da ihre Vorfahren mehrere Generationen -hindurch unbedeutend verschiedenen Bedingungen, oder dem, -was wir in unserer Unwissenheit ‚spontane Abnderung’ nennen, -ausgesetzt sind.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_4" id="Zu_Teil_I_Kapitel_4">Zu Teil I, Kapitel 4.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_53">S. 53</a>, Z. 1 ff.</b>) Von der Literatur will ich nur die wenigen -wichtigsten Bcher nennen, in denen man alle weiteren Angaben findet: -Richard v. <em class="gesperrt">Krafft-Ebing</em>, Psychopathia sexualis, mit besonderer -Bercksichtigung der kontrren Sexualempfindung, 9. Aufl., Stuttgart -1894. Albert <em class="gesperrt">Moll</em>, Die kontrre Sexualempfindung, 3. Aufl., -Berlin 1899. Untersuchungen ber die Libido sexualis, Bd. I, Berlin -1897/98. Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em> und J. A. <em class="gesperrt">Symonds</em>, Das kontrre -Geschlechtsgefhl, Leipzig 1896.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_55">S. 55</a>, Z. 2 f.</b>) Komplementrbedingung nach <em class="gesperrt">Avenarius</em>, -Kritik der reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 29; Teilursache -nach Alois <em class="gesperrt">Hfler</em>, Logik unter Mitwirkung von Dr. Alexius -<em class="gesperrt">Meinong</em>, Wien 1890, S. 63.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_54">S. 54</a>, Z. 2.</b>) v. <em class="gesperrt">Schrenck-Notzing</em>, Die Suggestionstherapie -bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtslebens, mit besonderer -Bercksichtigung der kontrren Sexualempfindung, Stuttgart 1892 -(z. B. S. 193: Der Anteil der occasionellen Momente ist vielfach -in der tiologie des Gewohnheitstriebes zu perversen sexuellen -Entuerungen ein grerer als derjenige erblicher Belastung.) Ein -Beitrag zur tiologie der kontrren Sexualempfindung, Wien 1895, -S. 1 ff. Kriminalpsychologische und psycho-pathologische Studien. -Leipzig 1902, S. 2 f., S. 17 f. — Emil <em class="gesperrt">Kraepelin</em>, Psychiatrie, 4. Aufl., -Leipzig 1893, S. 689 f. — Ch. <em class="gesperrt">Fr</em>, La descendance d'un inverti, -Revue gnrale de clinique et de thrapeutique, 1896, citiert nach -<em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen, Bd. I, S. 651, Anm. 3. In seinem Buche, -L'Instinct Sexuel, Evolution et Dissolution, Paris 1899, p. 266 f., -legt Fr jedoch das Schwergewicht auf die kongenitale Veranlagung.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_56">S. 56</a>, Z. 19 f.</b>) Da in der Mitte zwischen M und W -stehende Personen sich untereinander sexuell anziehen, wird auch -sehr wahrscheinlich aus den Beobachtungen von Fr. <em class="gesperrt">Neugebauer</em> -(Fifty false marriages between Individuals of the same gender with -some divorces for Erreur de Sexe), Referat im British Gynaecological<span class="pagenum"><a name="Seite_498" id="Seite_498">[S. 498]</a></span> -Journal, 15, 1899, S. 315, vgl. 16, 1900, S. 104 des -Summary of Gynaecology, including Obstetrics.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_56">S. 56</a>, Z. 13 v. u.</b>) Vgl. Emil <em class="gesperrt">Kraepelin</em>, Psychiatrie, -4. Aufl., Leipzig 1893, S. 690: Verhltnismig selten sind jene -Personen, bei welchen <em class="gesperrt">niemals</em> eine Spur von heterosexuellen -Regungen vorhanden gewesen ist.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_56">S. 56</a>, Z. 3 v. u. f.</b>) Der Amerikaner Jas. G. <em class="gesperrt">Kiernan</em> soll -zuerst den Grund der Homosexualitt in der geschlechtlichen Undifferenziertheit -des Embryo gesucht haben (American Lancet, 1884 -und im Medical Standard [Nov.-Dec. 1888]), nach ihm Frank -<em class="gesperrt">Lydston</em> (Philadelphia Medical and Surgical Recorder, September -1888, Addresses and Essays, 1892, p. 46 und 246), beide in Abhandlungen, -die mir nicht zugnglich geworden sind. Die gleiche -Theorie bringt ein <em class="gesperrt">Patient von Krafft-Ebing</em> vor, in dessen -Psychopathia sexualis, 8. Aufl., Stuttgart 1893, S. 227. Dieser selbst -hat sie acceptiert in einer Abhandlung Zur Erklrung der kontrren -Sexualempfindung, Jahrbcher fr Psychiatrie und Nervenheilkunde, -Bd. XIII, Heft 2, ferner haben sich ihr angeschlossen Albert <em class="gesperrt">Moll</em>, -Untersuchungen ber die Libido sexualis, Bd. I, S. 327 ff., Magnus -<em class="gesperrt">Hirschfeld</em>, Die objektive Diagnose der Homosexualitt, Jahrbuch -fr sexuelle Zwischenstufen, Bd. I (1899), S. 4 ff., Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em>, -Studies in the Psychology of Sex, Vol. I, Sexual Inversion, 1900, -p. 132 f., Norbert <em class="gesperrt">Grabowski</em>, Die mannweibliche Natur des -Menschen, Leipzig 1896 etc.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_58">S. 58</a>, Z. 11.</b>) Die Anerkennung einer das Tierreich beherrschenden -Gesetzlichkeit in der sexuellen Anziehung ist folgenschwer -insoferne, als sie die Hypothese einer sexuellen Zuchtwahl -fast vllig unmglich macht.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_58">S. 58</a>, Z. 16 v. u.</b>) Homosexualitt bei Tieren: vgl. Ch. <em class="gesperrt">Fr</em>, -Les perversions sexuelles chez les animaux in L'instinct sexuel, -Paris 1899, p. 59–87. F. <em class="gesperrt">Karsch</em>, Pderastie und Tribadie bei -den Tieren, auf Grund der Literatur zusammengestellt, Jahrbuch fr -sexuelle Zwischenstufen, Bd. II (1900), S. 126–154. Albert <em class="gesperrt">Moll</em>, -Untersuchungen ber die Libido sexualis, Bd. I, 1898, S. 368 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_59">S. 59</a>, Z. 6.</b>) Es beruht also auf einer Tuschung, wenn so -viele glauben (wie schon <em class="gesperrt">Platon</em>, Gesetze, VIII, 836c), die gleichgeschlechtliche -Liebe sei ein blo dem <em class="gesperrt">Menschen</em> eigentmliches, -widernatrliches Laster. Doch drfte fr die Pderastie Plato -da Recht behalten; indes Homosexualitt nicht auf den Menschen -beschrnkt ist.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_59">S. 59</a>, Z. 10 v. u. ff.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Krafft-Ebing</em> bei Alfred <em class="gesperrt">Fuchs</em>, -Die Therapie der anomalen Vita sexualis, Stuttgart 1899, S. 4.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_61">S. 61</a>, Z. 7.</b>) Der einzige wahrhaft groe Mann, der die -Homosexualitt strenge verurteilt zu haben scheint, ist der <em class="gesperrt">Apostel -Paulus</em> (Rmer, I, 26–27); aber er hat selbst bekannt, wenig<span class="pagenum"><a name="Seite_499" id="Seite_499">[S. 499]</a></span> -sexuell veranlagt gewesen zu sein, woraus allein auch der etwas -naive Optimismus begreiflich wird, mit dem er von der Ehe spricht.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_61">S. 61</a>, Z. 10 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die Libido -sexualis, Bd. I, Berlin 1898, S. 484.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_62">S. 62</a>, Z. 3 v. u.</b>) Mnner wie <em class="gesperrt">Michel-Angelo</em> oder -<em class="gesperrt">Winckelmann</em>, jener sicherlich einer der mnnlichsten Knstler, -sind also nach dieser Nomenklatur nicht als Homosexuelle, sondern -als Pderasten zu bezeichnen.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_5" id="Zu_Teil_I_Kapitel_5">Zu Teil I, Kapitel 5.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_63">S. 63</a>, Z. 15 f.</b>) Wenn Theodor <em class="gesperrt">Gomperz</em>, Griechische -Denker, Leipzig 1896, Bd. I, S. 149, mit der Interpretation recht -htte, welche er einigen in lateinischer bersetzung erhaltenen Versen -des <em class="gesperrt">Parmenides</em> gibt (vgl. <em class="gesperrt">Parmenides' Lehrgedicht</em>, griechisch -und deutsch von Hermann <em class="gesperrt">Diels</em>, Berlin 1897, Fragment 18, und -Diels' Bemerkungen hiezu, S. 113 ff.), so htte ich den groen Denker -hier als meinen Vorgnger zu nennen. Gomperz sagt: In .... -dieser Theorie tritt auch die den pythagoreisch und somit mathematisch -Gebildeten kennzeichnende Tendenz hervor, ... qualitative -Verschiedenheiten aus quantitativen Unterschieden abzuleiten. Das -Grenverhltnis nmlich, in welchem der von ihm (ebenso wie -schon von Alkmon) vorausgesetzte weibliche Bildungsstoff zu dem -mnnlichen steht, wurde zur Erklrung der Charaktereigentmlichkeiten -und insbesondere der Art der Geschlechtsneigung des Erzeugten -verwendet. Und dieselbe Richtung offenbart sich in dem -Bestreben, die individuelle Verschiedenheit der Individuen gleichwie -ihrer jedesmaligen Geisteszustnde auf den greren oder geringeren -Anteil zurckzufhren, den ihr Krper an den beiden Grundstoffen -hat. Wenn Gomperz kein anderes Fragment meinen sollte als das -oben bezeichnete, so gbe diese Auslegung dem Parmenides etwas, -das Gomperz gebhrt. Vgl. auch <em class="gesperrt">Zeller</em>, Die Philosophie der -Griechen, I/1, 5. Aufl., Leipzig 1892, S. 578 f., Anm. 4.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_64">S. 64</a>, Z. 12.</b>) Hier ist angespielt auf die programmatische -Schrift von L. William <em class="gesperrt">Stern</em>, Psychologie der individuellen Differenzen -(Ideen zu einer differentiellen Psychologie), Schriften der -Gesellschaft fr psychologische Forschung, Heft 12, Leipzig 1900.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_65">S. 65</a>, Z. 11 f.</b>) ber die Periodizitt im menschlichen, und -zwar auch im mnnlichen Leben, sowie in allen biologischen Dingen -findet sich das Interessanteste und Anregendste in einem Buche, -dessen auch sonst ungeschickt gewhlter Titel ber diesen Inhalt -nichts vermuten lt, bei Wilhelm <em class="gesperrt">Flie</em>, Die Beziehungen zwischen -Nase und weiblichen Geschlechtsorganen in ihrer biologischen Bedeutung -dargestellt, Leipzig und Wien 1897, einer ungemein originellen -Schrift, der eine historische Berhmtheit gerade dann sicher<span class="pagenum"><a name="Seite_500" id="Seite_500">[S. 500]</a></span> -sein drfte, wenn die Forschung einmal weit ber sie hinausgelangen -sollte. Einstweilen sind die hchst merkwrdigen Dinge, die Flie -entdeckt hat, noch bezeichnend wenig beachtet worden (vgl Flie, -S. 117 ff., 174, 237).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_70">S. 70</a>, Z. 9 v. u. f.</b>) ber diese angebliche Monotonie -der Frauen sind uerungen verschiedener Autoren zu finden in -dem groen Sammelwerk von C. <em class="gesperrt">Lombroso</em> und G. <em class="gesperrt">Ferrero</em>, -Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Anthropologische -Studien, gegrndet auf eine Darstellung der Biologie und Psychologie -des normalen Weibes, bersetzt von H. <em class="gesperrt">Kurella</em>, Hamburg -1894, S. 172 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_70">S. 70</a>, Z. 3 v. u. f.</b>) Grere Variabilitt der Mnnchen: -<em class="gesperrt">Darwin</em>, Die Abstammung des Menschen etc., bersetzt von Haek, -Kap. 8, S. 334 ff.; Kap. 14, S. 132 ff., besonders 136; Kap. 19, -S. 338 ff. — C. B. <em class="gesperrt">Davenport</em> und C. <em class="gesperrt">Bullard</em>, Studies in -Morphogenesis, VI: A Contribution to the quantitative Study of -correlated variation and the comparative Variability of the Sexes, -Proceedings of the Amer. Phil. Soc. 32, 85–97. Referat Anne -Biologique, 1895, p. 273 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_71">S. 71</a>, Z. 19 v. u. f.</b>) Die Aktualittstheorie des Psychischen -ist die Theorie Wilhelm <em class="gesperrt">Wundts</em> (Grundri der Psychologie, -4. Aufl., Leipzig 1901, S. 387); sie lehnt alles substantielle und zeitlose -Sein in der Psychologie ab und erblickt hierin ihren wesentlichen -Unterschied gegenber der Naturwissenschaft, welche ber den -Begriff der Materie nie hinauskommen knne (vgl. auch <em class="gesperrt">Wundts</em> -Logik, Bd. II, Methodenlehre, 2. Aufl., Leipzig 1895).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_72">S. 72</a>, Z. 9 ff.</b>) Die im folgenden dargetane prinzipielle -Berechtigung der Physiognomik, die trotz <em class="gesperrt">Lichtenbergs</em> bler -Prophezeiung nicht im eigenen Fett erstickt, vielmehr an der -Auszehrung gestorben ist, liegt eigentlich bereits in den Worten des -<em class="gesperrt">Aristoteles</em> enthalten (περὶ Ψυχής A 3, 407 b, 13 f.): Εκεινο -δὲ ἄτοπον συμβαίνει καὶ τούτῳ τῷ λόγῳ καὶ τοῖς πλείστοις τῶν περὶ -ψυχῆς· συνάπτουσι γὰρ καὶ τιθέασιν εἰς σῶμα τὴν ψυχήν, οὐθὲν -προσδιορίσαντες διὰ τίν' αἰτίαν καὶ πῶς ἔχοντος τοῦ σώματος. καίτοι -δόξειεν ἂν τοῦτ' ἀναγκαῖον εἶναι· διὰ γὰρ τὴν κοινωνίαν τὸ μὲν ποιεῖ τὸ -δὲ πάσχει καὶ τὸ μὲν κινεῖται τὸ δὲ κινεῖ, τούτων δ' οὐδὲν ὑπαρχει -πρὸς ἄλληλα τοῖς τυχοῦσιν. Ὁἱ δὲ μόνον ἐπιχειροῦσι λέγειν ποῖόν τι ἡ -ψυχή, περὶ δὲ τοῦ δεξομένου σώματος οὐθὲν ἔτι προσδιορίζουσιν, ὥσπερ -ἐνδεχόμενον κατὰ τοὺς Πυθαγορικοὺς μύθους <em class="gesperrt">τὴν τυχοῦσαν -ψυχὴν εἰς τὸ τυχὸν ἐνδύεσθαι σῶμα</em>· δοκεῖ γὰρ ἕκαστον ἴδιον -ἔχειν εἶδος καὶ μορφήν. Παραπλήσιον δὲ λέγουσιν ὥσπερ εἴ τις φαίη -τὴν τεκτονικὴν εἰς αὐλοὺς ἐνδύεσθαι· δεῖ γὰρ τὴν μὲν τέχνην χρῆσθαι -τοῖς ὀργάνοις, τὴν δὲ ψυχὴν τῷ σώματι.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_72">S. 72</a>, Z. 22.</b>) P. J. <em class="gesperrt">Moebius</em>, ber die Anlage zur Mathematik, -Leipzig 1900.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_501" id="Seite_501">[S. 501]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_74">S. 74</a>, Z. 19 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Hume</em> schweigt ber den Unterschied, -<em class="gesperrt">Mach</em> leugnet ihn (vgl. Die Prinzipien der Wrmelehre, historisch-kritisch -entwickelt, 2. Aufl. Leipzig 1900, S. 432 ff.).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_74">S. 74</a>, Z. 8 v. u. f.</b>) Die hier zurckgewiesene Ansicht ber -das Zeitproblem ist die von Ernst <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Mechanik in ihrer -Entwicklung historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, -S. 233. Unendlich flach ist, was J. B. <em class="gesperrt">Stallo</em> zu dieser Frage -bemerkt, The Concepts and Theories of modern physics, 3. ed., -London 1890, p. 204.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_75">S. 75</a>, Z. 19.</b>) ber <em class="gesperrt">Aristoteles</em> als Begrnder der Korrelationslehre -vgl. Jrgen Bona <em class="gesperrt">Meyer</em>, Aristoteles' Tierkunde, Berlin -1855, S. 468.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_75">S. 75</a>, Z. 17 v. u. ff.</b>) ber die merkwrdige Korrelation bei -Katzen sowie ber Correlated Variability berhaupt vgl. <em class="gesperrt">Darwin</em>, -Das Variieren der Tiere und Pflanzen, Stuttgart 1873, Kap. 25 -(Bd. II<sup>2</sup>, S. 375). Vgl. Entstehung der Arten, S. 36 f., 194 f. der -Haekschen bersetzung (Universal-Bibliothek).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_76">S. 76</a>, Z. 7 v. u.</b>) Ernst <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Mechanik u. s. w., -4. Aufl., S. 235.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_77">S. 77</a>, Z. 14 f.</b>) Hier berhrt sich die Darstellung mit Wilhelm -<em class="gesperrt">Dilthey</em>, Beitrge zum Studium der Individualitt, Sitzungsberichte -der kgl. preuischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, -1896 (S. 295–335), S. 303: In einem ... Typus sind mehrere -Merkmale, Teile oder Funktionen regelmig miteinander verbunden. -Diese Zge, deren Verbindung den Typus ausmacht, stehen in einer -solchen gegenseitigen Relation zueinander, da die Anwesenheit des -einen Zuges auf die des anderen schlieen lt, die Variationen im -einen auf die im anderen. Und zwar nimmt diese typische Verbindung -von Merkmalen im Universum in einer aufsteigenden Reihe -von Lebensformen zu und erreicht im organischen und dann im -psychischen Leben ihren Hhepunkt. Dieses Prinzip des Typus -kann als das zweite, welches die Individuen beherrscht, angesehen -werden. Dieses Gesetz ermglichte es dem groen <em class="gesperrt">Cuvier</em>, aus -versteinerten Resten eines tierischen Krpers diesen zu rekonstruieren, -und dasselbe Gesetz in der geistig-geschichtlichen Welt hat -Fr. A. <em class="gesperrt">Wolf</em> und <em class="gesperrt">Niebuhr</em> ihre Schlsse ermglicht.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_77">S. 77</a>, Z. 8 v. u.</b>) Gemeint sind die knstlich des Oberschlundganglions -beraubten Nereiden. Hat man mehrere so operierte -Wrmer in einem Gef zusammen, so ... geraten sie in eine Ecke -und suchen hier durch die Wand zu rennen. Die Wrmer blieben -viele Stunden so und gingen schlielich infolge ihres unsinnigen -Bestrebens, vorwrts zu kommen, zu Grunde. Jacques <em class="gesperrt">Loeb</em>, Einleitung -in die vergleichende Gehirnphysiologie und vergleichende -Psychologie mit besonderer Bercksichtigung der wirbellosen Tiere, -Leipzig 1899, S. 63 (wo nach S. S. <em class="gesperrt">Maxwell</em>, Pflgers Archiv fr<span class="pagenum"><a name="Seite_502" id="Seite_502">[S. 502]</a></span> -die gesamte Physiologie, 67, 1897, eine Zeichnung von diesem Vorgange -gegeben ist).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_78">S. 78</a>, Z. 4 v. o.</b>) Der Ausdruck Aufpasser u. s. w. bei -<em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Parerga II, 350 bis.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_78">S. 78</a>, Z. 1 v. u.</b>) Konrad <em class="gesperrt">Rieger</em> sagt (Die Kastration, -Jena 1900, Vorwort, S. XXV): Auch ich teile vollkommen mit -<em class="gesperrt">Gall</em>, <em class="gesperrt">Comte</em>, <em class="gesperrt">Moebius</em> die berzeugung: da es der grte Fortschritt -wre, sowohl in der reinen Wissenschaft als in praktisch -sozialer und politischer Hinsicht, wenn eine Methode gefunden wrde, -mittels deren es mglich wre, Moral, Intelligenz, Charakter, Wille -eines Menschen [physiognomisch] exakt zu bestimmen. Ich kann -mich dieser Auffassung nicht anschlieen und halte sie fr ein wenig -bertrieben; doch ich fhre sie an, weil sie immerhin die Wichtigkeit -der Sache ins Licht setzen hilft.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_6" id="Zu_Teil_I_Kapitel_6">Zu Teil I, Kapitel 6.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_79">S. 79</a>, Z. 6.</b>) Am nchsten kommt der in diesem Kapitel -entwickelten Auffassung der Frauenfrage <em class="gesperrt">Arduin</em>, Die Frauenfrage -und die sexuellen Zwischenstufen, Jahrbuch fr sexuelle Zwischenstufen, -Bd. II, 1900, S. 211–223. Jedoch bin ich von diesem -Autor gnzlich unabhngig.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_81">S. 81</a>, Z. 6 v. u.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Welcker</em>, Sappho von einem -herrschenden Vorurteil befreit, Gttingen 1816, wieder abgedruckt -in seinen Kleinen Schriften, II. Teil, Bonn 1845, S. 80–144. -Auch Q. <em class="gesperrt">Horatius</em> Flaccus, erklrt von Hermann <em class="gesperrt">Schtz</em>, III. Teil, -Episteln (Berlin 1883), Kommentar zu Epistel I, 19, 28, und dazu -<em class="gesperrt">Welcker</em>, Kleine Schriften, Bd. V, S. 239 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_82">S. 82</a>, Z. 4 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Mrime</em>: nach Adele <em class="gesperrt">Gerhardt</em> und -Helene <em class="gesperrt">Simon</em>, Mutterschaft und geistige Arbeit, eine psychologische -und soziologische Studie auf Grundlage einer internationalen Erhebung -mit Bercksichtigung der geschichtlichen Entwicklung, Berlin 1901, -S. 162. Die Erzhlung ber George <em class="gesperrt">Sand</em> und <em class="gesperrt">Chopin</em> ebenda -S. 166. Dieser fleiigen Arbeit verdanke ich auch sonst eine Anzahl -von Belegen und den Hinweis auf einige Quellen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_82">S. 82</a>, Z. 6.</b>) Die Angabe ber Laura <em class="gesperrt">Bridgman</em> rhrt von -Albert <em class="gesperrt">Moll</em> her, Untersuchungen ber die Libido sexualis, Berlin -1897/98, Bd. I, S. 144. Die Stellen bei Wilhelm <em class="gesperrt">Jerusalem</em>, -Laura Bridgman, Erziehung einer Taubstumm-Blinden, eine psychologische -Studie, Wien 1890, S. 60, sprechen freilich eher fr das -Gegenteil. ber die George <em class="gesperrt">Sand</em>: Moll ibid., S. 698 f., Anm. 4; -ber <em class="gesperrt">Katharina</em> II.: <em class="gesperrt">Moll</em>, Die kontrre Sexualempfindung, 3. Aufl., -Berlin 1899, S. 516; ber <em class="gesperrt">Christine</em>: Adele <em class="gesperrt">Gerhardt</em> und Helene -<em class="gesperrt">Simon</em>, Mutterschaft und geistige Arbeit, Berlin 1901, <span class="pagenum"><a name="Seite_503" id="Seite_503">[S. 503]</a></span>S. 209 -(jedenfalls eine durch sexuell-pathologische Erscheinungen gefhrdete -Persnlichkeit).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_83">S. 83</a>, Z. 6.</b>) Man vergleiche Briefe Ludwigs II. von Bayern -an Richard Wagner, verffentlicht in der Wage, Wiener Wochenschrift, -1. Jnner bis 5. Februar 1899.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_83">S. 83</a>, Z. 15 v. u. ff.</b>) ber George <em class="gesperrt">Eliot</em>: <em class="gesperrt">Gerhardt</em> und -<em class="gesperrt">Simon</em> a. a. O., S. 155. ber Lavinia <em class="gesperrt">Fontana</em> ibid., S. 98. ber -die <em class="gesperrt">Droste-Hlshoff</em>, S. 137. ber die Rachel <em class="gesperrt">Ruysch</em>: Ernst -<em class="gesperrt">Guhl</em>, Die Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 122.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_84">S. 84</a>, Z. 3 f.</b>) ber Rosa <em class="gesperrt">Bonheur</em> vgl. <em class="gesperrt">Gerhardt-Simon</em>, -S. 107 f. Dort ist nach dem Biographen der Malerin Ren <em class="gesperrt">Peyrol</em> -(Rosa Bonheur, Her Life and Work, London) citiert: The masculine -vigour of her character, as also her hair, which she was in the -habit of wearing short, contributed to perfect her disguise. Wenn -R. B. in Mnnerkleidern ging, schpfte niemand den geringsten -Verdacht.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_84">S. 84</a>, Z. 4 v. u.</b>) Da Frauen weniger produzieren als -Mnner, haben ihre Werke von vornherein einen Seltenheitswert -und gelten eher als Kuriositt. Vgl. <em class="gesperrt">Guhl</em>, Die Frauen in der -Kunstgeschichte, S. 260 f.: Es gengte, da ein Werk von -weiblicher Hand herrhrte, um schon um deswillen gepriesen zu -werden.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_86">S. 86</a>, Z. 4 f.</b>) Vgl. P. J. <em class="gesperrt">Moebius</em>, ber die Vererbung -knstlerischer Talente, in der Umschau, IV, Nr. 38, S. 742–745 -(15. September 1900). Jrgen Bona <em class="gesperrt">Meyer</em>, Zeitschrift fr Vlkerpsychologie -und Sprachwissenschaft, 1880, S. 295–298. Karl -<em class="gesperrt">Joel</em>, Die Frauen in der Philosophie. Sammlung gemeinverstndlicher -Vortrge, herausgegeben von Virchow und Holtzendorff, Heft 246, -Hamburg 1896, S. 32 und 63.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_86">S. 86</a>, Z. 8 f.</b>) <em class="gesperrt">Guhl</em> a. a. O., S. 8.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_86">S. 86</a>, Z. 15.</b>) Ich htte hier noch als sehr mnnlich Dorothea -<em class="gesperrt">Mendelssohn</em> erwhnen sollen; ber sie wie ber ihren so weiblichen -Gatten Friedrich <em class="gesperrt">Schlegel</em> vgl. Joh. <em class="gesperrt">Schubert</em>, Frauengestalten -aus der Zeit der deutschen Romantik, Hamburg 1898 (Sammlung -gemeinverstndlicher wissenschaftlicher Vortrge, herausgegeben -von Virchow, Heft 285), S. 8 f. Auch die hochbegabte homosexuelle -Grfin <em class="gesperrt">Sarolta</em> V. aus <em class="gesperrt">Krafft-Ebings</em> Psychopathia sexualis -(8. Aufl., 1893, S. 311–317) wre anzufhren gewesen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_86">S. 86</a>, Z. 18.</b>) <em class="gesperrt">Guhl</em> a. a. O., S. 5.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_86">S. 86</a>, Z. 3 v. u.</b>) Wer eifriger sammelt, als ich dies getan -habe, mit greren Kenntnissen in der Literatur-, Kunst-, Wissenschafts- -und politischen Geschichte, und reichlichere Quellen besser -aufzufinden wei, als ich dies hier vermochte, der wird gewi -zu diesem Punkte noch viele merkwrdige Besttigungen entdecken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_504" id="Seite_504">[S. 504]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_88">S. 88</a>, Z. 9 f.</b>) Die Stelle ber die berhmten Frauen, -<em class="gesperrt">Darwin</em>, Abstammung des Menschen, bersetzt von Haek, Bd. II, -S. 344 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_88">S. 88</a>, Z. 2 v. u.</b>) Mit dieser Angabe ber <em class="gesperrt">Burns</em>, die ich -<em class="gesperrt">Carlyle</em>, On Heroes etc., London, Chapman & Hall, p. 175 entnommen -habe, steht im Widerspruch, was das Memoir of Robert -Burns, welches der Ausgabe der Poetical Works, London, -Warne, 1896, vorgedruckt ist, p. 16 f. ber dessen Bildungsgang -erzhlt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_89">S. 89</a>, Z. 14 v. u.</b>) Das Citat aus <em class="gesperrt">Burckhardt</em>, Die Kultur -der Renaissance in Italien, 4. Aufl., besorgt von Ludwig Geiger, -Leipzig 1885, Bd. II, S. 125.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_89">S. 89</a>, Z. 6 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Gerhardt</em> und <em class="gesperrt">Simon</em> a. a. O., S. 46 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_90">S. 90</a>, Z. 8 ff.</b>) Hier bin ich durch Ottokar <em class="gesperrt">Lorenz</em> -angeregt. Dieser sagt (Lehrbuch der gesamten wissenschaftlichen -Genealogie, Stammbaum und Ahnentafel in ihrer geschichtlichen, -soziologischen und naturwissenschaftlichen Bedeutung, Berlin 1898, -S. 54 f.): Die Erscheinungen, die man heute mit dem Namen der -Frauenemanzipation nicht eben sehr treffend bezeichnet, vermchte -wohl kein Kenner vergangener Kulturzustnde als eine in allen einzelnen -Teilen neue Sache zu betrachten. Namentlich ist der Antrieb -der Frauen, sich der gelehrten Bildung ihrer Zeit zu bemchtigen, -im XVI. und im X. Jahrhundert ganz ebenso gro gewesen wie im -XIX. Auch der heutige soziale Gedanke, den Frauen eine auf sich -gestellte Wirksamkeit zu sichern, hat im kirchlichen und Klosterleben -vergangener Zeiten seine vollen Analogien. Wenn man nun die Ursachen -dieser im Wechsel der Zeiten sich ganz regelmig wiederholenden -Erscheinungen erforscht, so ist doch unzweifelhaft, da -mindestens einen mchtigen Anteil daran jene Antriebe, jene Bewegungen -haben mssen, die in den persnlichen Eigenschaften -eben der nach der sogenannten Emanzipation in ihren verschiedenen -Formen und Zeiten strebenden Frauen selbst begrndet waren. -Indem also die Frauenfrage im Wechsel der Zeiten bald mehr, bald -weniger hervortritt, beweist sie fr die aufeinanderfolgenden Geschlechter -eine gewisse Wiederkehr frauenhafter Eigenschaften, die -in gewissen Epochen unzweifelhaft weit mehr von mnnischer Art -sind als in anderen, wo in denselben Zgen etwas geradezu Hliches -erblickt worden ist.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_90">S. 90</a>, Z. 22.</b>) <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das Variieren etc., II<sup>2</sup>, 58: Es ist -bekannt, da eine groe Anzahl weiblicher Vgel ...., wenn sie alt -oder krank sind, .... zum Teil die sekundren mnnlichen Charaktere -ihrer Spezies annehmen. In Bezug auf die Fasanenhennen hat man -beobachtet, da dies whrend gewisser Jahre viel hufiger eintritt -als whrend anderer. Darwin beruft sich hiefr auf William <em class="gesperrt">Yarrell</em>, -On the change in the plumage of some Hen-Pheasants, Philosophical -Transactions of the Royal Society of London, 1827 (p. 270).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_505" id="Seite_505">[S. 505]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_91">S. 91</a>, Z. 13 v. u.</b>) Werner <em class="gesperrt">Sombart</em> (Die Frauenfrage, in -der Wiener Wochenschrift Die Zeit, 1. Mrz 1902, S. 134) -spricht ber die Ansicht, da die Maschinenarbeit an der Frauenarbeit -die Schuld trage, weil sie Muskelkraft entbehrlich gemacht -habe, und sagt: Gewi gilt das fr zahlreiche Gewerbe, z. B. fr -die wichtige Weberei. Aber schon nicht fr die Spinnerei, die vor -Erfindung der mechanischen Spinnsthle viel ausschlielicher Frauenarbeit -war als heute. Hier hat die Maschinentechnik die Mglichkeit -gerade der Mnnerarbeit erst geschaffen, wie denn bekanntlich in -den mechanischen Spinnereien zahlreiche mnnliche Spinner beschftigt -sind. <em class="gesperrt">Es gilt aber auch fr die meisten anderen -Gewerbe mit starker Arbeit nicht; man denke an Putzmacherei, -Stickerei, Strickerei, Tabakindustrie und andere, -in denen die Maschinen die Frauen eher verdrngt als sie -herangezogen haben.</em> Es gilt auch fr das Hauptgebiet moderner -Frauenarbeit, fr die Konfektionsindustrie, nicht. Denn die Handnherei -ist doch der Frau nicht weniger zugnglich als die Maschinennherei. -Was vielmehr entscheidend fr die Entwicklung der Frauenarbeit -gewesen ist, was auf der Seite der Produktionsvorgnge die -Differenzierung der ursprnglich-komplexen (und darum immer gelernten) -Arbeitsverrichtung bedingte, war aber gar nicht einmal in -erster Linie dieser Vorgang in der Produktionssphre, sondern sind -vielmehr bestimmte Gestaltungen der Bevlkerungsverhltnisse gewesen: -die Entstehung von weiblicher berschubevlkerung auf -dem Lande und in den Stdten, die auf tieferliegende, hier nicht -nher zu errternde Ursachen zurckzufhren ist. Beliebt man ein -Schlagwort, so kann man sagen: die moderne Frauenarbeit in der -Industrie (und den brigen nicht zur Landwirtschaft gehrigen -Sphren des Wirtschaftslebens), verdankt ihre Entstehung nicht unmittelbar -den Vernderungen in der Technik, sondern Umgestaltungen -der Siedelungsverhltnisse.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_92">S. 92</a>, Z. 7 f.</b>) <em class="gesperrt">Krafft-Ebing</em>, Psychopathia sexualis, S. 220: -Die Tendenz der Natur auf heutiger Entwicklungsstufe ist die -Hervorbringung von monosexualen Individuen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_92">S. 92</a>, Z. 15.</b>) ber die Gephyreen <em class="gesperrt">Weismann</em>, Keimplasma, -S. 477 f.: Es gibt in verschiedenen Gruppen des Tierreichs <em class="gesperrt">Arten, -deren Mnnchen sich beinahe in allen Charakteren von -den Weibchen unterscheiden</em>. Schon bei vielen Rdertieren -sind die Mnnchen winzig klein gegenber den Weibchen, haben -eine in allen Teilen verschiedene Krpergestalt und entbehren des -gesamten Nahrungskanals; und bei Bonellia viridis, einem Meereswurm -aus der Gruppe der Gephyreen, weicht das Mnnchen so sehr -vom Weibchen ab, da man versucht sein knnte, es einer ganz -anderen Klasse von Wrmern, den Strudelwrmern, zuzuteilen. -Zugleich ist hier der Unterschied in der Krpergre zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_506" id="Seite_506">[S. 506]</a></span> -beiden Geschlechtern noch weit bedeutender; das Mnnchen hat eine -Lnge von 1–2 <i>mm</i>, das Weibchen von 150 <i>mm</i>, und das erstere -schmarotzt im Innern des letzteren etc. Vgl. <em class="gesperrt">Claus</em>, Lehrbuch der -Zoologie, 6. Aufl., Marburg 1897, S. 403. Auch manche Asseln -(Bopyriden) sind sexuell weiter differenziert als der Mensch, vgl. -Claus a. a. O., S. 482.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_1" id="Zu_Teil_II_Kapitel_1">Zu Teil II, Kapitel 1.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_97">S. 97</a>, Z. 3.</b>) Thomas <em class="gesperrt">Carlyle</em>, On Heroes, Hero-Worship -and the Heroic in History, London, Chapman & Hall, p. 99.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_97">S. 97</a>, Z. 7 v. u. f.</b>) Vgl. Franz L. <em class="gesperrt">Neugebauer</em>, 37 Flle -von Verdoppelungen der ueren Geschlechtsteile, Monatsschrift fr -Geburtshilfe und Gynkologie, VII, 1898, S. 550–564, 645–659, -besonders S. 554 f., wo ein Fall von Juxtapositio organorum sexualium -externorum utriusque sexus beschrieben ist. Von dem blo -auf Entwicklungshemmungen beruhenden Scheinzwittertum sehe ich -hier ab.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_99">S. 99</a>, Z. 12 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Aristoteles</em>, Metaphysik, A 5, 986a, 31: -Αλκμαίων ὁ Κροτωνιάτης φησι εἶναι δύο τὰ πολλά τῶν ανθρωπίνων.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_99">S. 99</a>, Z. 10 v. u.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Schelling</em>, Von der Weltseele, -Werke, Stuttgart und Augsburg, 1857, Abt. I, Bd. II, S. 489: So -ist wohl das Gesetz der Polaritt ein allgemeines Weltgesetz.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_101">S. 101</a>, Z. 4 ff.</b>) Gemeint sind hier die mit groem Recht -sehr bekannt gewordenen hervorragenden Aufstze von Wilhelm -<em class="gesperrt">Dilthey</em>, Ideen ber eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, -Sitzungsberichte der kgl. preuischen Akademie der Wissenschaften, -1894, S. 1309–1407. Beitrge zum Studium der Individualitt, -ibid. 1896, S. 295–335. Im ersten Aufsatz heit es -z. B. (S. 1322): In den Werken der Dichter, in den Reflexionen -ber das Leben, wie groe Schriftsteller sie ausgesprochen haben, -ist ein Verstndnis des Menschen enthalten, hinter welchem alle, -erklrende Psychologie weit zurckbleibt. Im zweiten Aufsatz -(S. 299, Anm.): Ich erwarte eine .... berzeugende Zergliederung -.... auch der heroischen Willenshandlung, welche sich zu opfern -und das sinnliche Dasein wegzuwerfen vermag.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_104">S. 104</a>, Z. 16 v. u.</b>) Vgl. Heinrich <em class="gesperrt">Rickert</em>, Die Grenzen -der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Freiburg im Breisgau -1902, S. 545: Die atomisierende Individual-Psychologie sieht alle -<em class="gesperrt">Individuen</em> als gleich an und <em class="gesperrt">mu es als allgemeinste Theorie -vom Seelenleben tun</em>, die individualistische <em class="gesperrt">Geschichtsschreibung</em> -richtet ihr Interesse auf individuelle Differenzen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_104">S. 104</a>, Z. 11 v. u.</b>) Man vergleiche die Kontroversen zwischen -G. v. <em class="gesperrt">Below</em> und Karl <em class="gesperrt">Lamprecht</em> ber die historische Methode -und das Verhltnis der soziologischen Geschichtsschreibung zur -Individualitt aus den Jahren 1898 und 1899.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_507" id="Seite_507">[S. 507]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_104">S. 104</a>, Z. 7 v. u.</b>) Kein wissenschaftlicher Kopf kann je -erschpfen, kein Fortschritt der Wissenschaft kann erreichen, was -der Knstler ber den Inhalt des Lebens zu sagen hat. Die Kunst -ist das Organ des Lebensverstndnisses. <em class="gesperrt">Dilthey</em>, Beitrge zum -Studium der Individualitt, Berliner Sitzungsberichte, 1896, p. 306.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_2" id="Zu_Teil_II_Kapitel_2">Zu Teil II, Kapitel 2.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_106">S. 106</a>, Z. 3 f.</b>) Die Motti aus <em class="gesperrt">Kant</em>, Anthropologie in pragmatischer -Hinsicht, Zweiter Teil B. (S. 229 ed. Kirchmann); -<em class="gesperrt">Nietzsche</em>, Jenseits von Gut und Bse, Aphorismus 232.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_106">S. 106</a>, Z. 19.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em> a. a. O. (S. 228).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_107">S. 107</a>, Z. 22.</b>) ... die beachtenswerte Erscheinung, da, -whrend jedes Weib, wenn beim Generationsakte berrascht, vor -Scham vergehen mchte, sie hingegen ihre Schwangerschaft, ohne -eine Spur von Scham, ja mit einer Art Stolz, zur Schau trgt; da -doch berall ein unfehlbar sicheres Zeichen als gleichbedeutend mit -der bezeichneten Sache selbst genommen wird, daher denn auch -jedes andere Zeichen des vollzogenen Koitus das Weib im hchsten -Grade beschmt; nur allein die Schwangerschaft nicht. <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, -Parerga, II, 166.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_107">S. 107</a>, Z. 9.</b>) Ich glaube es rechtfertigen zu knnen, da -ich zwei Psychologinnen, die mir durch Arbeiten bekannt waren, -im Texte bergangen habe; denn die eine ist eine amerikanische -Experimentatorin, die andere die russische Verfasserin einer schlechten -Geschichte des Apperzeptionsbegriffes.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_107">S. 107</a>, Z. 5 v. u.</b>) Das Beste ber das schwangere Weib -und das, was in ihm vorgeht, ist in einem leider bis jetzt ungedruckten -Gedichte eines noch unbekannten <em class="gesperrt">mnnlichen</em> Dichters -gesagt, dessen Wiedergabe an dieser Stelle mir gestattet wurde; -wofr ich hier um so mehr meinen Dank sage, als ich selbst auf -das psychologische Problem der Schwangerschaft auch im zehnten -Kapitel nicht nher eingegangen bin.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Geheimnisvolle Krfte schlingen<br /></span> -<span class="i0">Um mich ein nie gekanntes Walten.<br /></span> -<span class="i0">Ich hr' ein liebend zartes Klingen,<br /></span> -<span class="i0">Und alles will sich neu entfalten.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Mir ist, als ob Natur sich neige<br /></span> -<span class="i0">In Ehrfurcht, wo ich leise gehe,<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Als ob der Baum dem Baum mich zeige</em>,<br /></span> -<span class="i0">Da er mich staunend schreiten sehe.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich fhle mich so hoch erhoben,<br /></span> -<span class="i0">Ein jedes Wesen ist mir nah,<br /></span> -<span class="i0">Mir hat sich die Natur verwoben,<br /></span> -<span class="i0">Seit mir so hohes Glck geschah.<br /></span> -</div></div> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_508" id="Seite_508">[S. 508]</a></span> -<span class="i0">Es schlft in mir, was nie noch lebte,<br /></span> -<span class="i0">Ein Wunder, das ein Traum gebar:<br /></span> -<span class="i0">Natur so ahnungsvoll erbebte,<br /></span> -<span class="i0">Weil hier ein neues Wesen war.<br /></span> -</div></div> - -<p>(<b><a href="#Seite_108">S. 108</a>, Z. 8 v. u. f.</b>) So unter anderen Guglielmo <em class="gesperrt">Ferrero</em>, -Woman's Sphere in Art, New Review, November 1893 (citiert nach -Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em>).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_108">S. 108</a>, Z. 5 v. u. f.</b>) Die Forscher scheinen eher der -Meinung von der geringeren Intensitt des Geschlechtstriebes beim -Weibe zu huldigen (z. B. <em class="gesperrt">Hegar</em>, Der Geschlechtstrieb, 1894, S. 6), -die praktischen Frauenkenner sind fast alle in groer Entschiedenheit -der entgegengesetzten Ansicht.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_109">S. 109</a>, Z. 4 v. u.</b>) Da beim Weibe die Wollust nicht wie -beim Manne durch irgend eine Ejakulation vermittelt sein kann, -fhrt <em class="gesperrt">Moll</em> aus (Untersuchungen, I, S. 8 ff.). Vgl. auch <em class="gesperrt">Chrobak-Rosthorn</em>, -Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, -Wien 1900 (aus Nothnagels Spezieller Pathologie und Therapie), -Bd. I, S. 423 f.: Wir mssen mit <em class="gesperrt">Moll</em> einen Detumeszenz- (Entleerungs-), -vielleicht richtiger Depletionstrieb, und einen Kontrektations- (Berhrungs-)trieb -... annehmen. Viel schwieriger steht die Frage -dem Weibe gegenber, bei welchem wir ... insofern keine Analogie -mit dem Vorgang beim Manne finden knnen, als eine <em class="gesperrt">Ejakulation</em> -von <em class="gesperrt">Keimzellen</em> nicht stattfindet ... Es kommt allerdings auch -bei Frauen unter der Kohabitation hufig ein Flssigkeitsergu aus -den Bartholinschen Drsen unter Bewegungen der Musculi ischio-et -bulbo-cavernosi zustande, es findet auch eine Abschwellung der -ebenfalls durch Muskelbewegungen strotzend gefllten und dadurch -vielleicht ein Unlustgefhl erzeugenden Gefe (an den Schwellkrpern -der Klitoris) statt, doch betrifft diese Entleerung einesteils -nicht die keimbereitenden Organe, anderseits scheint sich diese -sogenannte Ejakulation oft genug nicht einzustellen, <em class="gesperrt">ohne da -hiedurch das Gefhl der sexuellen Befriedigung verhindert</em> -wrde.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_109">S. 109</a>, Z. 10.</b>) Die <em class="gesperrt">Moll</em>sche Unterscheidung in dessen -Bchern: Die kontrre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, -S. 2. Untersuchungen ber die Libido sexualis, 1897, Bd. I, S. 10.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_112">S. 112</a>, Z. 7.</b>) Daraus, da W selbst durchaus und berall -Sexualitt ist, wird leicht erklrlich, da man beim Weibchen in der -ganzen Zoologie gar nicht eigentlich von sekundren Geschlechtscharakteren -im selben Sinne reden kann wie beim Manne. Weibchen -bieten selten merkwrdige sexuelle Charaktere (<em class="gesperrt">Darwin</em>, Entstehung -der Arten, S. 201, ed. Haek).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_115">S. 115</a>, Z. 15 v. u. f.</b>) Auch unter den Tieren bildet bei den -Mnnchen die Brunstzeit einen viel strkeren Gegensatz zu ihrem -sonstigen Leben als bei den Weibchen. Man vergleiche, um ein<span class="pagenum"><a name="Seite_509" id="Seite_509">[S. 509]</a></span> -Beispiel statt vieler anzufhren, wie Friedrich <em class="gesperrt">Miescher</em> den -Rheinlachs vor und whrend der Laichzeit schildert (Die histochemischen -und physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig 1897, -Bd. II, S. 123): Wenn man etwa im Dezember einen mnnlichen -Salm, sogenannten Wintersalm sieht, mit klarem, blulich schimmerndem -Schuppenkleid, der schnen Rundung des Leibes, mit der -kurzen Schnauze ... ohne jede Spur von Hakenbildung ... und -man daneben den bekannten Hakenlachs erblickt, mit einer Nase -von doppelter Lnge, einer berhaupt ganz vernderten Physiognomie -des Vorderkopfes, mit der tigerartig rot und schwarz gefleckten, -von Epithelwucherung trben, dicken Hautschwarte, dem abgeplatteten -Krper und den dnnen schlotternden Bauchwnden, so hat man -immer wieder Mhe, sich zu berreden, da dies Exemplare einer -und derselben Spezies seien. Etwas geringer ist der Gegensatz beim -weiblichen Exemplar. Die Lnge und Form der Schnauze ist nicht -wesentlich verschieden; die roten Flecken an Kopf und Leib, beim -Winterlachs gnzlich fehlend, sind beim weiblichen Laichlachs -schwcher entwickelt als beim Mnnchen; die Haut ist getrbt und -wie unrein, doch nicht so stark verdickt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_115">S. 115</a>, Z. 10 v. u.</b>) Ein sehr hervorragender, aber merkwrdig -wenig beachteter Aufsatz von Oskar <em class="gesperrt">Friedlnder</em> (Eine -fr Viele, eine psychologische Studie, Die Gesellschaft, Mnchener -Halbmonatsschrift, XVIII. Jahrgang, 1902, Heft 15/16, S. 166) -nhert sich in diesem Punkte meiner Auffassung so weit, da ich -ihn hier, wie noch mehrfach, citieren mu: Sicherlich, der Geschlechtstrieb -tritt beim Manne heftiger und ungestmer auf als -beim Weibe. Es liegt dies wohl weniger an dem verschiedenen -Grade der Intensitt als daran, da im mnnlichen Geiste die -heterogensten Elemente aus allen psychischen Gebieten zusammenkommen, -die um die Vorherrschaft kmpfen und die sexuellen -Instinkte zu verdrngen suchen, und diese durch die Kontrastwirkung -desto strker empfunden werden, whrend ihre gleichmige -Verteilung ber <em class="gesperrt">die ganze Seele</em> des Weibes ... sie nicht mit -besonderer Schrfe zur Abhebung kommen lt.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_3" id="Zu_Teil_II_Kapitel_3">Zu Teil II, Kapitel 3.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_117">S. 117</a>, Z. 6 v. u.</b>) Begierde und Gefhl sind nur Arten, -wie unsere Vorstellungen sich im Bewutsein befinden. Joh. Friedr. -<em class="gesperrt">Herbart</em>, Psychologie als Wissenschaft, neu gegrndet auf Erfahrung, -Metaphysik und Mathematik, II. (analytischer) Teil, 104 -(Werke VI, S. 60, ed. Kehrbach, Langensalza 1887).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_117">S. 117</a>, Z. 5 v. u.</b>) A. <em class="gesperrt">Horwicz</em>, Psychologische Analysen -auf physiologischer Grundlage, Ein Versuch zur Neubegrndung der -Seelenlehre, II/1, Die Analyse des Denkens, Halle 1875, S. 177 f.:<span class="pagenum"><a name="Seite_510" id="Seite_510">[S. 510]</a></span> -Das Gefhl ist unserer Auffassung gem das frheste, elementarste -Gebilde des Seelenlebens, es ist der frheste und einzige Inhalt des -Bewutseins, die Triebfeder der ganzen seelischen Entwicklung. Wie -verhlt sich nun hiezu das Denken?... Das Denken ist eine -Folgeerscheinung des Gefhls, wie es auch die Bewegung ist, es -ist die ureigenste Dialektik der Triebe ... der strker gebte, von -anderen unterschiedene Trieb gibt durchdachte, geordnete, aus einer -Anzahl von gelufigen Bewegungen ausgewhlte Bewegungen, das -ist durchdachtes Denken. II/2, Die Analyse der qualitativen Gefhle, -Magdeburg 1878, S. 59: Es [das Gefhl] ist die allgemeinste -elementarste Form des Bewutseins, in dieser allereinfachsten Gestalt -[bei Tieren und Pflanzen] freilich nur ein ganz schwaches, -dunkles Bewutsein, mehr ein brtendes Ahnen als ein Erkennen -und Wissen. Aber es bedarf, um deutliches und klares Bewutsein -zu werden, keiner weiteren fraglichen Zutaten, sondern nur der Vervielfachung -und intensiven Gradsteigerung. Vgl. Wilhelm <em class="gesperrt">Wundt</em>, -ber das Verhltnis der Gefhle zu den Vorstellungen, Vierteljahrsschrift -fr wissenschaftliche Philosophie, III, 1879, S. 129–151, -und Horwicz' Antwort: ber das Verhltnis der Gefhle zu den -Vorstellungen und die Frage nach dem psychischen Grundprozesse, -a. a. O., S. 308–341.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_118">S. 118</a>, Z. 18.</b>) ber solche Feelings of tendency vgl. -William <em class="gesperrt">James</em>, The Principles of Psychology, New-York 1890, -Vol. I, p. 254.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_118">S. 118</a>, Z. 18 v. u.</b>) Vgl. besonders <em class="gesperrt">Leibnitii</em> Meditationes de -cognitione, veritate et ideis Acta eruditorum, Lips., November 1684, -p. 537 f. (p. 79 f. ed. Erdmann).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_118">S. 118</a>, Z. 14 v. u.</b>) Wilhelm <em class="gesperrt">Wundt</em>, Grundzge der -physiologischen Psychologie, 5. Aufl., Leipzig 1902, Bd. II, S. 286 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_118">S. 118</a>, Z. 6 v. u.</b>) Richard <em class="gesperrt">Avenarius</em>, Kritik der reinen -Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 16. Der menschliche Weltbegriff, -Leipzig 1891, S. 1 f. Vgl. Joseph <em class="gesperrt">Petzoldt</em>, Einfhrung in die -Philosophie der reinen Erfahrung, Bd. I, Die Bestimmtheit der -Seele, Leipzig 1900, S. 112 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_118">S. 118</a>, Z. 5 v. u.</b>) ber die verschiedenen Bedeutungen des -Wortes Charakter (welches auch in dieser Schrift in dreifach verschiedener -Anwendung, doch unter Vermeidung aller quivokationen -gebraucht werden mute) vgl. Rudolf <em class="gesperrt">Eucken</em>, Die Grundbegriffe -der Gegenwart, historisch und kritisch entwickelt, 1893, S. 273 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_119">S. 119</a>, Z. 14.</b>) Die <em class="gesperrt">Avenarius</em>sche Zusammenstellung von -Wahrnehmungs- und Gedchtnisbild hat unter den spteren Psychologen -blo Oswald <em class="gesperrt">Klpe</em> acceptiert, welcher in seinem Grundri -der Psychologie, auf experimenteller Grundlage dargestellt (Leipzig -1893), S. 174 ff., in terminologisch freilich durchaus nicht einwandfreier<span class="pagenum"><a name="Seite_511" id="Seite_511">[S. 511]</a></span> -Weise die Lehre vom Gedchtnis als die Lehre von den -zentral erregten Empfindungen abhandelt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_120">S. 120</a>, Z. 8 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Petzoldt</em> a. a. O., S. 138 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_121">S. 121</a>, Z. 7 v. u. f.</b>) Vgl. A. <em class="gesperrt">Kunkel</em>, ber die Abhngigkeit -der Farbenempfindung von der Zeit, Archiv fr die gesamte -Physiologie der Menschen und der Tiere, IX, 1874, S. 215. Hiezu -weiter <em class="gesperrt">Fechner</em>, Elemente der Psychophysik, 1. Aufl., Leipzig 1860, -Bd. I, S. 249 f.; Oswald <em class="gesperrt">Klpe</em>, Grundri der Psychologie, S. 131, -210; Hermann <em class="gesperrt">Ebbinghaus</em>, Grundzge der Psychologie, Leipzig -1902, S. 230.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_122">S. 122</a>, Z. 4 v. u.</b>) Johann Gottlieb <em class="gesperrt">Fichte</em>, ber den Begriff -der Wissenschaftslehre (Werke I/1, Berlin 1845, S. 73) Der -menschliche Geist macht mancherlei Versuche: er kommt durch -blindes Herumtappen zur Dmmerung, und geht erst aus dieser -zum hellen Tag ber. Er wird anfangs durch dunkle Gefhle ... -geleitet .... <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Parerga, I, 14 (Werke IV, -S. 159 f., ed. Grisebach): Im allgemeinen ... ist ber diesen -Punkt zu sagen, da von jeder groen Wahrheit sich, ehe -sie gefunden wird, ein Vorgefhl kundgibt, eine Ahndung, ein undeutliches -Bild, wie im Nebel, und ein vergebliches Haschen, sie zu -ergreifen; weil eben die Fortschritte der Zeit sie vorbereitet haben. -Demgem prludieren dann vereinzelte Aussprche. Allein, nur wer -eine Wahrheit aus ihren Grnden erkannt und in ihren Folgen -durchdacht, ihren ganzen Inhalt entwickelt, den Umfang ihres Bereiches -bersehen und sie sonach mit vollem Bewutsein ihres -Wertes und ihrer Wichtigkeit, deutlich und zusammenhngend, dargelegt -hat, der ist ihr Urheber. Da sie hingegen, in alter und -neuer Zeit, irgend einmal mit halbem Bewutsein und fast wie ein -Reden im Schlaf ausgesprochen worden und demnach sich daselbst -finden lt, wenn man hinterher danach sucht, bedeutet, wenn sie -auch totidem verbis dasteht, nicht viel mehr, als wre es totidem -litteris; gleichwie der Finder einer Sache nur der ist, welcher sie, -ihren Wert erkennend, aufhob und bewahrte; nicht aber der, -welcher sie zufllig einmal in die Hand nahm und wieder fallen -lie; oder wie Kolumbus der Entdecker Amerikas ist, nicht aber der -erste Schiffbrchige, den die Wellen dort einmal abwarfen. Dies -eben ist der Sinn des Donatischen pereant qui ante nos nostra -dixerunt. Noch treffender sagt <em class="gesperrt">Kant</em>: Dergleichen allgemeine und -dennoch bestimmte Prinzipien lernt man nicht leicht von anderen, -denen sie nur dunkel vorgeschwebt haben. Man mu durch eigenes -Nachdenken zuvor selbst darauf gekommen sein, danach findet man -sie auch anderwrts, wo man sie gewi nicht zuerst wrde angetroffen -haben, weil die Verfasser selbst nicht einmal wuten, da -ihren Bemerkungen eine solche Idee zum Grunde liege. <em class="gesperrt">Die so -niemals selbst denken, besitzen dennoch die Scharfsichtigkeit,<span class="pagenum"><a name="Seite_512" id="Seite_512">[S. 512]</a></span> -alles, nachdem es ihnen gezeigt worden, in -demjenigen, was sonst schon gesagt worden, aufzufinden, -wo es doch vorher niemand entdecken konnte.</em> (Prolegomena -zu jeder knftigen Metaphysik, 3, gegen Ende.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_122">S. 122</a>, Z. 8 f.</b>) Das Citat aus <em class="gesperrt">Nietzsche</em>, Also sprach -Zarathustra, III. Buch, Kap.: Der Genesende.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_124">S. 124</a>, Z. 11 v. u.</b>) S. <em class="gesperrt">Exner</em>, Entwurf zu einer physiologischen -Erklrung der psychischen Erscheinungen, I. Teil, Leipzig -und Wien 1894, S. 76 ff. Vgl. H. <em class="gesperrt">Hffding</em>, Vierteljahrschr. f. -wiss. Philos. 13, 1889, S. 431.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_125">S. 125</a>, Z. 3 v. o.</b>) <em class="gesperrt">Avenarius</em>, Kritik der reinen Erfahrung, -Bd. I, Leipzig 1888, S. 77; Bd. II, Leipzig 1890, S. 57. brigens -schlgt den gleichen Ausdruck in hnlichem Falle Wilhelm <em class="gesperrt">Dilthey</em> -vor, Ideen ber eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, -Berliner Sitzungsberichte, 1894, S. 1387.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_126">S. 126</a>, Z. 14.</b>) Wahrscheinlicher jedoch als die <em class="gesperrt">Exner</em>sche -Theorie dnkt mich jetzt folgende Vermutung. Der Parallelismus -zwischen Phylo- und Ontogenese, das biogenetische Grundgesetz -wird gewhnlich konstatiert, ohne da man weiter darber nachdenkt, -<em class="gesperrt">warum</em> die Entwicklung des Individuums immer die Geschichte -der Gattung wiederhole; so eilig hat man es eben, die -Tatsache fr die Deszendenzlehre und besonders fr ihre ungeteilte -Anwendung auf den Menschen auszubeuten. Vielleicht liegt aber in -der Entwicklung von der Henide zum differenzierten Inhalt ein -Parallelproze zu jener Erscheinung vor, der ihre bisherige Isoliertheit -und Rtselhaftigkeit aufheben knnte.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_128">S. 128</a>, Z. 13 f.</b>) ber die falsche populre Annahme einer -allgemeinen greren Sinnesempfindlichkeit beim Weibe, eine Annahme, -die Sensibilitt mit Emotivitt und Irritabilitt verwechselt, -vgl. Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em>, Mann und Weib, S. 153 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_129">S. 129</a>, Z. 9 v. o.</b>) Vgl. Ernst <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Mechanik in ihrer -Entwicklung, historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, -S. 1 f., 28 f. Die Prinzipien der Wrmelehre, historisch-kritisch entwickelt, -2. Aufl., Leipzig 1900, S. 151.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_4" id="Zu_Teil_II_Kapitel_4">Zu Teil II, Kapitel 4.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_131">S. 131</a>, Z. 1 f.</b>) Die Bestimmungen, zu welchen dieses Kapitel -ber das Wesen der Genialitt gelangt, sind ganz provisorisch und -knnen erst nach der Lektre des achten Kapitels verstanden werden, -das sie wieder aufnimmt, aber in einem weit greren Ganzen zeigt -und darum erst eigentlich begrndet.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_134">S. 134</a>, Z. 12 v. u.</b>) ber das <em class="gesperrt">Verstehen</em> der Menschen -und menschlicher uerungen ist in der wissenschaftlich-psychologischen -Literatur bezeichnend wenig zu finden. Nur Wilhelm<span class="pagenum"><a name="Seite_513" id="Seite_513">[S. 513]</a></span> -<em class="gesperrt">Dilthey</em> bemerkt (Beitrge zum Studium der Individualitt, Berliner -Sitzungsberichte, 1896, S. 309 ff.): Wir knnen zunchst das Verstehen -eines fremden Zustandes als einen Analogieschlu auffassen, -der von einem <em class="gesperrt">ueren physischen</em> Vorgang vermittels seiner -<em class="gesperrt">hnlichkeit</em> mit <em class="gesperrt">solchen</em> Vorgngen, die wir mit bestimmten -<em class="gesperrt">inneren</em> Zustnden verbunden finden, auf einen diesen <em class="gesperrt">hnlichen -inneren</em> Zustand hingeht ..... Die Glieder des Nachbildungsvorganges -sind gar nicht blo durch logische Operationen, etwa -durch einen Analogieschlu, miteinander verbunden. Nachbilden ist -eben ein Nacherleben. Ein rtselhafter Tatbestand! Wir knnen dies -etwa, wie ein Urphnomen, darauf zurckfhren, da wir fremde -Zustnde in einem gewissen Grade wie die eigenen fhlen, uns mitfreuen -und mittrauern knnen, zunchst je nach dem Grade der -Sympathie, Liebe oder Verwandtschaft mit anderen Personen. Die -Verwandtschaft dieser Tatsache mit dem nachbildenden Verstehen -ergibt sich aus mehreren Umstnden. Auch das Verstehen ist von -dem Mae der Sympathie abhngig, und ganz unsympathische -Menschen verstehen wir berhaupt nicht mehr. Ferner offenbart sich -die Verwandtschaft des Mitgefhls mit dem nachbildenden Verstehen -sehr deutlich, wenn wir vor der Bhne sitzen! ..... Gem -diesen Verhltnissen hat auch die <em class="gesperrt">wissenschaftliche Auslegung -oder Interpretation</em> als das kunstmig nachbildende Verstehen -immer etwas Genialisches, das heit, sie erlangt erst durch innere -Verwandtschaft und Sympathie einen hohen Grad von Vollendung. -So wurden die Werke der Alten erst im Zeitalter der Renaissance -ganz wiederverstanden, als hnliche Verhltnisse eine Verwandtschaft -der Menschen zur Folge hatten ..... Es gibt keinen wissenschaftlichen -Proze, welcher dieses lebendige Nachbilden als untergeordnetes -Moment hinter sich zu lassen vermchte. Hier ist der -mtterliche Boden, aus dem auch die abstraktesten Operationen der -Geisteswissenschaften immer wieder ihre Kraft ziehen mssen. <em class="gesperrt">Nie -kann hier Verstehen in rationales Begreifen aufgehoben -werden. Es ist umsonst, aus Umstnden aller Art den -Helden oder den Genius begreiflich machen zu wollen. -Der eigenste Zugang zu ihm ist der subjektive.</em> ..... -(S. 314 f.): Die lteren Maler strebten, die bleibenden Zge der -Physiognomie in einem idealen Moment, der fr dieselben am -meisten prgnant und bezeichnend ist, zu sammeln. Mchte nun -eine neue Schule den momentanen Eindruck festhalten, um so den -Eindruck des Lebens zu steigern: so gibt sie die Personen an die -Zuflligkeit des Momentes hin. Und auch in diesem findet ja eine -Auffassung des Inbegriffs von Eindrcken eines gegebenen Momentes -unter der Einwirkung des erworbenen seelischen Zusammenhanges -statt; eben in dieser Apperzeption entspringt die Verbindung der -Zge von einem gefhlten Eindruckspunkt aus, welche Auslassungen -und Betonungen bedingt: so entsteht ein Momentbild ebenso der<span class="pagenum"><a name="Seite_514" id="Seite_514">[S. 514]</a></span> -Apperzeptionsweise des Malers als des Gegenstandes, und jede Bemhung -zu sehen ohne zu apperzipieren, so gleichsam das sinnliche -Bild in Farben auf einer Platte aufzulsen, mu milingen. -Was noch tiefer fhrt, der Eindruckspunkt ist schlielich durch das -Verhltnis irgend einer Lebendigkeit zu der meinigen bedingt, ich -finde mich in meinem Lebenszusammenhang von etwas Wirkendem -in einer Natur innerlich berhrt; ich verstehe von diesem Lebenspunkt -aus die dorthin konvergierenden Zge. So entsteht ein Typus. -Ein Individuum war das Original: ein Typus ist jedes echte Portrt, -geschweige denn in einem Figurengemlde. Auch die Poesie kann -nicht abschreiben, was vor sich geht u. s. w. Sonst ist nur die sehr -interessante und originelle Arbeit von Hermann <em class="gesperrt">Swoboda</em>, Verstehen -und Begreifen, Vierteljahrsschrift fr wissenschaftliche -Philosophie, XXVII, 1903, Heft 2, zu nennen. <em class="gesperrt">Swoboda</em> hlt wie -Dilthey die Gleichheit respektive Verwandtschaft fr das <em class="gesperrt">einzige</em> -Erfordernis des Verstndnisses; hierin weiche ich von beiden ab.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_139">S. 139</a>, Z. 17.</b>) Richard <em class="gesperrt">Wagner</em>, Gesammelte Schriften und -Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. VI, S. 128.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_142">S. 142</a>, Z. 7 v. o.</b>) Es gibt nur Universalgenies: ὃν γὰρ -ἀπέστειλεν ὁ θεός, τὰ ῥήματα του θεου λαλει· οὐ γὰρ ἐκ μέτρου -δίδωσιν τὸ πνεῦμα. (<em class="gesperrt">Evang. Joh.</em> 3, 34.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_142">S. 142</a>, Z. 16 v. u.</b>) Die hier gergte Verwechslung kommt -besonders deutlich zum Vorschein bei Franz <em class="gesperrt">Brentano</em>, Das Genie, -ein Vortrag, Leipzig 1892, S. 11: Jedes Genie hat sein eigentmliches -Gebiet; nicht blo gibt es kein Universalgenie im vollen -Sinne des Wortes, sondern meist hat die Genialitt auch in der -einzelnen Kunstgattung engere Grenzen. So war z. B. Pindar ein -genialer Lyriker und nichts weiter. Wre diese populre Ansicht -haltbar, so mte man den Dichter und Maler Rossetti ber den -bloen Dichter Dante stellen, Novalis hher halten als Kant und -Lionardo da Vinci fr den grten Menschen ansehen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_143">S. 143</a>, Z. 10 v. u.</b>) Hiemit stimmt <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> berzeugung -berein (Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 31, -S. 447, ed. Frauenstdt): Weiber knnen bedeutendes Talent, aber -kein Genie haben.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_144">S. 144</a>, Z. 11 v. o.</b>) ber das Verhltnis der anderen -Menschen zum Helden Thomas <em class="gesperrt">Carlyle</em>, On Heroes, Hero-Worship -and the Heroic in History, London, Chapman and Hall, p. 10 ff.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_5" id="Zu_Teil_II_Kapitel_5">Zu Teil II, Kapitel 5.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_145">S. 145</a>, Z. 5 v. u.</b>) Anderthalb Jahre nach Niederschrift dieser -Partien fand ich in <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Nachla (Neue Paralipomena, - 143) eine Stelle, die einzige mir in der gesamten Literatur bekannt -gewordene, in der eine Ahnung des Zusammenhanges zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_515" id="Seite_515">[S. 515]</a></span> -Genialitt und Gedchtnis sich uert. Sie lautet: Ob nicht alles -Genie seine Wurzel hat in der Vollkommenheit und Lebhaftigkeit -der Rckerinnerung des eigenen Lebenslaufes? Denn nur vermge -dieser, die eigentlich unser Leben zu einem groen Ganzen verbindet, -erlangen wir ein umfassenderes und tieferes Verstndnis desselben, -als die brigen haben.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_146">S. 146</a>, Z. 5 f.</b>) David <em class="gesperrt">Hume</em> fragt einmal (A Treatise of -Human Nature, 1. Ausgabe, London 1738, Vol. I, p. 455): Who -can tell me, for instance, what were his thoughts and actions on -the first of January 1715, the 11. of March 1719 and the 3. of -August 1733? Das vollkommene Genie mte dies von allen Tagen -seines Lebens mit Sicherheit wissen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_150">S. 150</a>, Z. 4 ff.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Goethe</em>, Dichtung und Wahrheit, -III. Teil XIV. Buch (Bd. XXIV, S. 141 der Hesseschen Ausgabe): -Ein Gefhl aber, das bei mir gewaltig berhand nahm und sich -nicht wundersam genug uern konnte, war die Empfindung der -Vergangenheit und Gegenwart in eins: eine Anschauung, die etwas -Gespenstermiges in die Gegenwart brachte. Sie ist in vielen meiner -greren und kleineren Arbeiten ausgedrckt und wirkt im Gedicht -immer wohlttig, ob sie gleich im Augenblicke, wo sie sich unmittelbar -am Leben und im Leben selbst ausdrckte, jedermann -seltsam, unerklrlich, vielleicht unerfreulich scheinen mute.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_152">S. 152</a>, Z. 5 v. u. f.</b>) Der Erfolg der Sngerinnen hatte im -Laufe des XVII. Jahrhunderts der Frau jede Gelegenheit auch der -theoretisch-musikalischen Ausbildung erffnet. Unzulngliche Vorbildung -kann also in der Komposition als Grund fr die minderwertige -weibliche Leistung nicht gelten. So Adele <em class="gesperrt">Gerhardt</em> und -Helene <em class="gesperrt">Simon</em>, Mutterschaft und geistige Arbeit, S. 74; ich citiere -diese Stelle auch, um <em class="gesperrt">Mills</em> geistreichen Syllogismus anzufhren: -Man unterrichtet die Frauen in der Musik, aber nicht damit sie -komponieren, sondern nur damit sie ausben knnen, und <em class="gesperrt">folglich</em> -sind in der Musik die Mnner den Frauen als Komponisten berlegen. -(Die Hrigkeit der Frau, bersetzt von Jenny Hirsch, Berlin -1869, S. 126.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_152">S. 152</a>, Z. 2 v. u. f.</b>) Die Angabe ber die Malerinnen etc. -nach <em class="gesperrt">Guhl</em>, Die Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, -S. 150.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_153">S. 153</a>, Z. 10 v. u.</b>) A mesure qu'on a plus d'esprit, on -trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne -trouvent pas de diffrence entre les hommes. (<em class="gesperrt">Pascal</em>, Penses, -I, 10, 1.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_154">S. 154</a>, Z. 5 v. u.</b>) Hiemit stimmt berein, was <em class="gesperrt">Helvetius</em> -(nach J. B. <em class="gesperrt">Meyer</em>, Genie und Talent, Eine prinzipielle Betrachtung, -Zeitschrift fr Vlkerpsychologie, Bd. XI, 1880, S. 298) und -<em class="gesperrt">Schopenhauer</em> (Parerga und Paralipomena II, 53) ber den nur<span class="pagenum"><a name="Seite_516" id="Seite_516">[S. 516]</a></span> -dem Grade nach bestehenden Unterschied zwischen dem Genie -und den Normalkpfen lehren. Vgl. auch <em class="gesperrt">Jean Paul</em>, Vorschule der -sthetik, 8: Wie knnte denn ein Genie nur einen Monat, geschweige -Jahrtausende lang von der ungleichartigen Menge erduldet -oder gar erhoben werden ohne irgend eine ausgemachte Familienhnlichkeit -mit ihr?</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_155">S. 155</a>, Z. 9 ff.</b>) Man vergleiche die Autobiographie der bedeutenden -Menschen mit denen minder hervorragender Mnner. -Jene reichen stets weiter zurck (<em class="gesperrt">Goethe</em>, <em class="gesperrt">Hebbel</em>, <em class="gesperrt">Grillparzer</em>, -Richard <em class="gesperrt">Wagner</em>, <em class="gesperrt">Jean Paul</em> u. s. w.). <em class="gesperrt">Rousseau</em>, Confessions, -Nouvelle dition, Paris 1875, p. 4: J'ignore ce que je fis jusqu' -cinq ou six ans. Je ne sais comment j'appris lire; je ne me -souviens que de mes premires lectures et de leur effet sur moi: -<em class="gesperrt">c'est le temps d'o je date sans interruption la conscience -de moi-mme</em>. — Natrlich ist nicht jeder Biograph seines eigenen -Lebens ein groer Genius (J. St. <em class="gesperrt">Mill</em>, <em class="gesperrt">Darwin</em>, Benvenuto <em class="gesperrt">Cellini</em>).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_157">S. 157</a>, Z. 19 v. u.</b>) Richard <em class="gesperrt">Wagner</em>, Die Meistersinger von -Nrnberg, III. Akt (Gesammelte Schriften und Dichtungen, Bd. VII, -Leipzig 1898, S. 246).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_157">S. 157</a>, Z. 12 v. u.</b>) So bemerkt bereits <em class="gesperrt">Aristoteles</em> (whrend -<em class="gesperrt">Platon</em> bis auf Timaeus 37 D ff. die Zeit im engeren Sinne nicht -Problem geworden zu sein scheint), Physika VI, 9, 239 b, 8: Οὐ γὰρ -σύγκειται ὁ χρόνος ἐκ τῶν νῦν ἀδιαιρέτων.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_158">S. 158</a>, Z. 1 v. u.</b>) Wie wenig tief im Wesen der Frau das -Gedchtnis gegrndet ist, geht daraus hervor, da man in einer -Frau das Erinnerungsvermgen fr bestimmte Dinge tten kann, indem -man ihr in der Hypnose verbietet, je wieder derselben zu gedenken. -Einen solchen Fall entnehme ich einer Erzhlung <em class="gesperrt">Freuds</em> in seinen -mit <em class="gesperrt">Breuer</em> gemeinsam herausgegebenen Studien ber Hysterie, -Leipzig und Wien 1895 (S. 49): Ich unterbreche sie hier .... -und nehme ihr die Mglichkeit, alle diese traurigen Dinge wieder zu -sehen, indem ich nicht nur die plastische Erinnerung verlsche, -sondern die ganze Reminiszenz aus ihrem Gedchtnisse lse, als ob -sie nie darin gewesen wre. Und in einer Anmerkung zu dieser -Stelle fgt <em class="gesperrt">Freud</em> hinzu: Ich bin diesmal in meiner Energie wohl zu -weit gegangen. Noch 1 Jahre spter, als ich Frau Emmy in relativ -hohem Wohlbefinden wiedersah, klagte sie mir, <em class="gesperrt">es sei merkwrdig, -da sie sich an gewisse, sehr wichtige Momente -ihres Lebens nur hchst ungenau erinnern knne</em>. Sie sah darin -einen Beweis fr die Abnahme ihres Gedchtnisses, whrend ich -mich hten mute, ihr die Erklrung fr diese spezielle Amnesie zu -geben (um einen Rckfall in die Krankheit zu verhindern).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_159">S. 159</a>, Z. 9 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Lotze</em>: im Mikrokosmus, 1. Aufl., 1858, -Bd. II, S. 369.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_517" id="Seite_517">[S. 517]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_162">S. 162</a>, Z. 17 f.</b>) Diese Ableitung aus dem Schein der Bekanntheit -neuer Situationen bei <em class="gesperrt">Rhys Davids</em>, Der Buddhismus, -Leipzig, Universalbibliothek, S. 107.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_162">S. 162</a>, Z. 23.</b>) Edward B. <em class="gesperrt">Tylor</em>, Die Anfnge der Kultur, -Untersuchungen ber die Entwicklung der Mythologie, Philosophie, -Religion, Kunst und Sitte, bersetzt von J. W. Spengel und Fr. Poske, -Leipzig 1873, Bd. II, S. 1: Es kann ... nicht nachdrcklich genug -hervorgehoben werden, da die Lehre von einem zuknftigen Leben, -wie wir sie selbst bei den niedrigsten Rassen vorfinden, eine durchaus -notwendige Folge des rohen Animismus ist. — Herbert <em class="gesperrt">Spencer</em>, -Die Prinzipien der Soziologie, Bd. I, Stuttg. 1877, 100 (S. 225). -Richard <em class="gesperrt">Avenarius</em>, Der menschliche Weltbegriff, Leipzig 1891, -S. 35 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_163">S. 163</a>, Z. 11 f.</b>) ber dieses pltzliche Auftauchen aller Erinnerungen -vor dem Tode oder in Todesgefahr und Todesnhe -vgl. <em class="gesperrt">Fechner</em>, Zend-Avesta, 2. Aufl., Bd. II, S. 203 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_164">S. 164</a>, Z. 8 f.</b>) ber die Euthanasie der Atheisten vergleiche -man, was F. A. <em class="gesperrt">Lange</em> erzhlt (Geschichte des Materialismus, -5. Aufl., 1896, Bd. I, S. 358).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_166">S. 166</a>, Z. 5 v. u. f.</b>) Aus den angefhrten Grnden sind -mir die indischen Lehren vom Leben nach dem Tode, die griechische -Anschauung vom Lethe-Trunk und die Verkndung von <em class="gesperrt">Wagners</em> -Tristan: ... im weiten Reich der Welten-Nacht. Nur ein Wissen -dort uns eigen: gttlich ew'ges <em class="gesperrt">Ur-Vergessen</em>, ungleich weniger -verstndlich als die Anschauung Gustav Theodor <em class="gesperrt">Fechners</em>, dem -das zuknftige Leben ein volles und ganzes Erinnerungsleben ist -(Zend-Avesta oder ber die Dinge des Himmels und des Jenseits vom -Standpunkte der Naturbetrachtung, 2. Aufl., besorgt von Kurd Lawitz, -Hamburg und Leipzig 1901, Bd. II, S. 190 ff.), z. B. S. 196: -Ein volles Erinnern an das alte Leben wird beginnen, wenn -das ganze alte Leben hinten liegt, und alles Erinnern innerhalb des -alten Lebens selber ist blo ein kleiner Vorbegriff davon.. Die Annahme -ist <em class="gesperrt">unethisch</em>, welche die Erinnerungen aus dem Erdenleben -mit dem Tode vllig ausgelscht sein lt: sie entwertet Wertvolles; -da Wertloses ohnehin vergessen wird. Und dann: in der -Erinnerung ist der Mensch bereits aktiv, das Gedchtnis ist eine -Willenserscheinung; von einem Leben in voller Aktivitt ist zu -denken, da es alle Elemente der Aktivitt in sich aufgenommen -habe, es ist ewig, weil es zeitlos ist und also Vergangenes und Zuknftiges -nebeneinander sieht. Sehr schn sagt Fechner (ibid. S. 197 f.): -So denke dir also, da nach dem letzten Augenschlu, der gnzlichen -Abttung aller diesseitigen Anschauung und Sinnesempfindung -berhaupt, die der hhere Geist bisher durch dich gewonnen, nicht -blo die Erinnerungen an den letzten Tag erwachen, sondern teils<span class="pagenum"><a name="Seite_518" id="Seite_518">[S. 518]</a></span> -die Erinnerungen, teils die Fhigkeit zu Erinnerungen an dein -ganzes Leben, lebendiger, zusammenhngender, umfassender, heller, -klarer, berschaulicher, als je Erinnerungen erwachten, da du immer -noch halb in Sinnesbanden gefangen lagst; denn so sehr dein eigener -Leib das Mittel war, diesseitige Sinnesanschauungen zu schpfen -und irdisch zu verarbeiten, so sehr war er das Mittel, dich an dies -Geschft zu binden. Nun ist aus das Schpfen, Sammeln, Umbilden -im Sinne des Diesseits; der heimgetragene Eimer ffnet sich, du -gewinnst, und in dir tut's der hhere Geist, auf einmal allen Reichtum, -den du nach und nach hineingetan. Ein geistiger Zusammenhang -und Abklang alles dessen, was du je getan, gesehen, gedacht, -errungen in deinem ganzen irdischen Leben, wird nun in dir wach -und helle; wohl dir, wenn du dich dessen freuen kannst. Mit solchem -Lichtwerden deines ganzen Geistesbaues wirst du geboren ins neue -Leben, um mit hellerem Bewutsein fortan zu arbeiten an dem -hheren Geistesleben ...</p> - -<p>Manche sind, die glauben wohl an ein knftig Leben, -nur gerade, da die Erinnerung des jetzigen hinberreichen werde, -wollen sie nicht glauben. Der Mensch werde neu gemacht -und finde sich ein anderer im neuen Leben, der wisse nichts mehr -von dem frheren Menschen. Sie brechen damit selbst die Brcke -ab, die zwischen Diesseits und Jenseits berleitet und werfen eine -dunkle Wolke zwischen. Statt da nach uns der Mensch mit dem -Tode sich ganz und vollstndig wieder gewinnen soll, ja so vollstndig, -als er sich niemals im Leben hatte, lassen sie ihn sich -ganz verlieren; der Hauch, der aus dem Wasser steigt, statt den -knftigen Zustand des ganzen Wassers vorzubedeuten, verschwindet -ihnen mit dem Wasser zugleich. Nun soll es pltzlich als neues Wasser -in einer neuen Welt da sein. Allein wie ward es so? Wie kam's -dahin? Die Antwort bleiben sie uns schuldig. So bleibt man auch -gar leicht den Glauben daran schuldig.</p> - -<p>Was ist der Grund von solcher Ansicht? Weil keine Erinnerungen -aus einem frheren Leben ins jetzige hinberreichen, sei -auch nicht zu erwarten, da solche aus dem jetzigen ins folgende -hinberreichen. Aber hren wir doch auf, Gleiches aus Ungleichem -zu folgern. Das Leben vor der Geburt hatte noch keine Erinnerungen, -ja kein Erinnerungsvermgen in sich, wie sollten Erinnerungen -davon in das jetzige Leben reichen; das jetzige hat Erinnerungen -und ein Erinnerungsvermgen in sich entwickelt, wie sollten Erinnerungen -nicht in das knftige Leben reichen, ja sich nicht -steigern, wenn wir doch im knftigen Leben eine Steigerung dessen -zu erwarten haben, was sich im bergange vom vorigen zum -jetzigen Leben gesteigert hat. Wohl wird der Tod als zweite Geburt -in ein neues Leben zu fassen sein; ... aber kann darum alles -gleich sein zwischen Geburt und Tod? Nichts ist doch sonst ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_519" id="Seite_519">[S. 519]</a></span> -gleich zwischen zwei Dingen. Der Tod ist eine <em class="gesperrt">zweite</em> Geburt, -indes die Geburt eine <em class="gesperrt">erste</em>. Und soll uns die zweite zurckwerfen -auf den Punkt der ersten, nicht vielmehr von neuem Anlauf auf -uns weiter fhren? Und mu der Abschnitt zwischen zwei Leben -notwendig ein Schnitt sein? Kann er nicht auch darin bestehen, da -das Enge sich pltzlich ausdehnt in das Weite? (S. 199 f.).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_169">S. 169</a>, Z. 4.</b>) In den werttheoretischen Bchern von <em class="gesperrt">Dring</em>, -<em class="gesperrt">Meinong</em>, <em class="gesperrt">Ehrenfels</em>, <em class="gesperrt">Kreibig</em> habe ich vergebens nach irgend -einer Bestimmung des Verhltnisses von Wert und Zeit gesucht. -Was bei Alexius v. <em class="gesperrt">Meinong</em>, Psychologisch-ethische Untersuchungen -zur Werttheorie, Graz 1894, S. 46 und 58 ff., bei Josef Clemens -<em class="gesperrt">Kreibig</em>, Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie, -Wien 1902, S. 53 ff., zu finden ist, steht in keiner Beziehung -zu dem hier in Betracht kommenden prinzipiellen Zwecke. Gerade -was Kreibig ausfhrt, S. 54: Das stets gleichbleibende lang andauernde -Tnen einer Dampfpfeife oder eines Nebelhornes, das -Einerlei eines gleichfrmig grauen Himmels, das endlose Plappern -eines witzelnden Gesellschafters wirkt auf die Dauer unlusterregend, -auch wenn diese Inhalte ursprnglich angenehm empfunden wurden. -Goethe sagt treffend, nichts sei schwerer zu ertragen als eine Reihe -von schnen (!) Tagen. Auf allen hheren Gebieten finden wir hnliche -Tatbestnde; der immer se Mendelssohn, der leiernde Hexameter -Vossens, das Lob der Speichellecker wird schlielich peinvoll. -Der Sozialist Fourier beweist Beobachtungsgabe, indem er in seinem -Phalansterium der Schmetterlingsleidenschaft der Menschen durch -entsprechenden Wechsel der pflichtmigen Beschftigung jedes -einzelnen Rechnung trgt. Da anderseits eine zu rasche Abfolge -differenter Inhalte ermdend und damit negativ wertbeeinflussend -wirkt, braucht nicht ausfhrlich belegt zu werden — gerade diese -Auseinandersetzung zeigt, wie heillos die <em class="gesperrt">Brentano</em>sche Schule -Wertgefhl und Lust konfundiert hat. Die Lust mag durch Dauer -geschwcht werden, ein Wertvolles kann durch sie nie an Wert -verlieren.</p> - -<p>Nur an zwei Orten finde ich Meinungen, die an die Darlegungen -des Textes erinnern knnten. Harald <em class="gesperrt">Hffding</em> stellt in -seiner Religionsphilosophie (bersetzt von F. Bendixen, Leipzig -1901, S. 105, 193 ff.) eine These von der Erhaltung des Wertes -auf, durch welche man sich entfernt an den Satz von der Zeitlosigkeit -des Wertes gemahnt fhlen knnte. Viel nher und deutlicher erkennbar -ist meine bereinstimmung mit Rudolf <em class="gesperrt">Eucken</em>, Der Wahrheitsgehalt -der Religion, Leipzig 1901, S. 219 f.: ... Wohl heit es, da -der Mensch der bloen Zeit angehrt, aber er tut das nur fr eine -gewisse Flche seines Daseins; alles geistige Leben ist eine Erhebung -ber die Zeit, eine berwindung der Zeit. Was immer an -geistigen Inhalten entfaltet wird, das trgt in sich den Anspruch,<span class="pagenum"><a name="Seite_520" id="Seite_520">[S. 520]</a></span> -ohne alle Beziehung zur Zeit und unberhrt von ihrem Wandel, -d. h. also in einer ewigen Ordnung der Dinge zu gelten; nicht nur -die Wissenschaft gibt ihre Wahrheit unter der Form der Ewigkeit, -was immer wertvoll und wesenhaft sein will, das verschmht -ein Dahinschwimmen mit dem Flusse der Zeit, eine Unterwerfung -unter den Wandel ihrer Mode und Laune, das will umgekehrt von -sich aus die Zeiten messen und ihren Wert bestimmen.</p> - -<p>Dieses Verlangen nach Ewigkeit begngt sich nicht damit, -eine Zuflucht aus den Wirren der Zeit zu suchen, es nimmt auf -dem eigenen Boden der Zeit den Kampf mit ihr auf; dieser Zusammensto -von Zeit und Ewigkeit ist es vornehmlich, woraus -Geschichte im menschlichen Sinne entsteht und besteht. In der Zeit -selbst erwchst ein Streben ber alles Zeitliche hinaus zu etwas -Unwandelbarem: so fixiert das Kulturleben von den Leistungen der -Vergangenheit gewisse als klassisch und mchte sie nicht nur dauernd -im Bewutsein erhalten, sondern in ihnen ein untrgliches Ma des -Strebens finden ... nicht dadurch entsteht Geschichte im menschlichen -und geistigen Sinne, da Erscheinungen einander folgen und -sich anhufen, sondern dadurch, da diese Folge irgend gedacht -und erlebt wird. Nun aber wre nicht einmal ein berschauen und -die Vereinigung der Mannigfaltigkeit in einen Gesamtanblick mglich -ohne ein Heraustreten des Beobachters aus dem rastlosen -Strom der Zeit. Und die Betrachtung allein vermag keineswegs -eine historische Gestaltung der Kultur hervorzubringen, diese kommt -nur zustande, indem in der Geschichte Wesentliches und Nebenschliches, -Bleibendes und Vergngliches auseinandertritt; sie ist -nicht mglich ohne ein energisches Sondern und Sichten der -chaotischen Flle, die uns zustrmt. Der echte Bestand, der allein -fr die eigene Lebensfhrung Wert hat, ist aus der Erscheinung -immer erst herauszuarbeiten. Wer anders aber sollte jenes Sondern -und Sichten vollziehen als ein der Zeit berlegener, nach inneren -Notwendigkeiten messender Lebensproze und wie anders sollte er -es tun, als indem er das echt Befundene aus allem Wandel der -Zeit heraushebt und ihr gegenber festlegt?... S. 221 f.: ... -ein anderes ist es, die anthropomorphe Unsterblichkeit abzulehnen, -ein anderes, dem Geisteswesen des Menschen alle Teilnahme an der -Ewigkeit zu versagen. Denn dies heit nicht sowohl Aussichten in -die Zukunft abschneiden als alles Geistesleben der bloen Zeit berantworten, -damit aber es herabdrcken, zerstreuen, innerlich vernichten. -Auch das zeitliche Leben wird zu bloem Schatten und -Schein, wenn ihm kein Streben zur Ewigkeit innewohnt; mte -doch bei voller Gebundenheit an die Zeit alles menschliche Erlebnis, -alle menschliche Wirklichkeit nach dem Aufleuchten des -bloen Augenblicks sofort in den Abgrund des Nichts zurcksinken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_521" id="Seite_521">[S. 521]</a></span> - -Wollte ich noch weiteres anfhren, so knnte ich nur auf den -schnen Traum verweisen, den Knut <em class="gesperrt">Hamsun</em> in seinem Roman -Neue Erde (bersetzt von M. v. Borch, Mnchen 1894, S. 169 ff.) -schildert, oder mte schon hier auf die ewigen Ideen <em class="gesperrt">Platons</em> -zurckgreifen, die unberhrt von der Zeit an einem Orte jenseits -des Himmels thronen. Die <em class="gesperrt">Ideen</em> Platons in ihrer spteren restringierten -Fassung sind die <em class="gesperrt">Werte</em> der modernen, von <em class="gesperrt">Kant</em> begrndeten -Philosophie. Aber in der rein psychologischen Auseinandersetzung -dieses Kapitels kommt das noch nicht in Betracht.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_174">S. 174</a>, Z. 19 f.</b>) <em class="gesperrt">Carlyle</em>, On Heroes etc., p. 11 f. He was -the ‚creature of the Time’, they say; the Time called him forth, -the Time did everything, he nothing .... The Time call forth? Alas, -we have known Times <em class="gesperrt">call</em> loudly enough for their great man; but -not find him when they called! He was not there; Providence has -not sent him; the Time, <em class="gesperrt">calling</em> its loudest, had to go down to -confusion and wreck because he would not come when called.</p> - -<p>For if we will think of it, no time need have gone to ruin, -could it have <em class="gesperrt">found</em> a man great enough, a man wise and good -enough: wisdom to discern truly what the Time wanted, valour -to lead it on the right road thither; these are the salvation of any -Time. But I liken common languid Times, with their unbelief, -distress, perplexity, with their languid doubting characters and embarrassed -circumstances, impotently crumbling-down into ever worse -distress towards final ruin; — all this I liken to dry dead fuel, -waiting for the lightning but of Heaven that shall kindle it. The -great man, with his free force direct out of God's own hand, is the -lightning. His word is the wise healing word which all can believe -in. All blazes round him now, when he has once struck on it, into -fire like his own. The dry mouldering sticks are thought to have -called him forth. They did want him greatly; but as to calling him -forth —! — Those are critics of small vision, I think, who cry: -‚See, is it not the stick that made the fire?’ <em class="gesperrt">No sadder proof -can be given by a man of his own littleness than disbelief -in great men.</em></p> - -<p>(<b><a href="#Seite_176">S. 176</a>, Z. 4 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Baco</em> als Sprachkritiker: Novum Organum -I, 43. Fritz <em class="gesperrt">Mauthner</em>, Beitrge zu einer Kritik der Sprache, -Bd. I, Sprache und Psychologie, Stuttgart 1901.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_177">S. 177</a>, Z. 19 v. u.</b>) Hermann <em class="gesperrt">Trck</em>, Der geniale Mensch, -5. Aufl., Berlin 1901, S. 275 f. — Cesare <em class="gesperrt">Lombroso</em>, Der geniale -Mensch, bersetzt von M. O. Frnkel, Hamburg 1890, passim. — -Zur Erheiterung sei hier noch Francis <em class="gesperrt">Galton</em> (Hereditary -Genius, Inquiry into its Laws and Consequences, London 1892, p. 9, -vgl. Preface p. XII) folgende Auffassung entnommen: When I speak -of an eminent man, I mean one who has achieved a position that -is attained by only 250 persons in each million of men, or by one -person in each 4000.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_522" id="Seite_522">[S. 522]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_177">S. 177</a>, Z. 15 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em> ber das Genie: Kritik der Urteilskraft, - 46–50. Vgl. Otto <em class="gesperrt">Schlapp</em>, Kants Lehre vom Genie, -Gttingen 1902, besonders S. 305 ff. <em class="gesperrt">Schelling</em>, System des transscendentalen -Idealismus, Werke I/3, S. 622–624, S. 623 heit es: -Nur das, was die Kunst hervorbringt, ist allein und nur durch -Genie mglich. — Gegen Kantens Ausschlu der Philosophen von -der Genialitt wenden sich <em class="gesperrt">Jean Paul</em>, Das Kampanertal oder ber -die Unsterblichkeit der Seele, 503. Station und Johann Gottlieb <em class="gesperrt">Fichte</em>, -ber den Begriff der Wissenschaftslehre, 1794, 7. (Smtliche -Werke herausgegeben von J. H. Fichte, Bd. I/1, S. 73, Anmerkung.)</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_6" id="Zu_Teil_II_Kapitel_6">Zu Teil II, Kapitel 6.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_182">S. 182</a>, Z. 1 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Fr</em> den Psychologismus: Karl <em class="gesperrt">Stumpf</em>, -Psychologie und Erkenntnistheorie, Abhandlungen der philos.-philol. kl. -kniglich bayerischen Akad. der Wissensch., Bd. 19, 1892, S. 465–516. -Alois <em class="gesperrt">Hfler</em>, Logik, Wien 1890, S. 17: Da die Psychologie -<em class="gesperrt">smtliche</em> psychischen Erscheinungen, die Logik nur die Erscheinungen -des <em class="gesperrt">Denkens</em>, und zwar die des <em class="gesperrt">richtigen</em> Denkens zum -unmittelbaren Gegenstande hat, so bildet die theoretische Bearbeitung -des letzteren nur einen <em class="gesperrt">speziellen Teil</em> der <em class="gesperrt">Psychologie</em>. Theodor -<em class="gesperrt">Lipps</em>, Grundzge der Logik, Hamburg 1893, S. 1 f., S. 149.</p> - -<p><em class="gesperrt">Gegen</em> den Psychologismus: Edmund <em class="gesperrt">Husserl</em>, Logische -Untersuchungen, I. Teil, Halle 1900. Hermann <em class="gesperrt">Cohen</em>, Kants Theorie -der Erfahrung, 2. Aufl., Berlin 1885, S. 69 f., 81 f., und Logik der -reinen Erkenntnis, Berlin 1902 (System der Philosophie, I. Teil), -S. 509 f. Wilhelm <em class="gesperrt">Windelband</em>, Kritische oder genetische Methode (Prludien, -1. Aufl., 1884, S. 247 ff.). Ferdinand Jakob <em class="gesperrt">Schmidt</em>, Grundzge -der konstitutiven Erfahrungsphilosophie als Theorie des immanenten -Erfahrungsmonismus, Berlin 1901, S. 16 f., 59 f., 69 f. Emil -<em class="gesperrt">Lucka</em>, Erkenntnistheorie, Logik und Psychologie, in der Wiener -Halbmonatsschrift Die Gnosis vom 25. Mrz 1903.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_183">S. 183</a>, Z. 18.</b>) Wenn <em class="gesperrt">Kant</em> bei der Aufstellung seines Sittengesetzes -fr alle mglichen vernnftigen Wesen an einen besonderen -Trger auer dem Menschen gedacht hat und nicht blo das -streng formale Prinzip reinhalten wollte von dem Zuflligen der -empirischen Menschheit, so drften ihm eher jene Bewohner anderer -Gestirne vorgeschwebt haben, von welchen der dritte Teil der Allgemeinen -Naturgeschichte und Theorie des Himmels handelte, als -das, was <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> ihm unterschiebt (Preisschrift ber die -Grundlage der Moral, 6): Man kann sich des Verdachtes nicht -erwehren, da <em class="gesperrt">Kant</em> dabei ein wenig an die lieben Engelein gedacht, -oder doch auf deren Beistand in der berzeugung des Lesers gezhlt -habe. Fr die Engel glte nmlich die Kantische Ethik gar nicht, -da bei ihnen Sollen und Sein zusammenfiele.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_523" id="Seite_523">[S. 523]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_183">S. 183</a>, Z. 5 v. u.</b>) Auch der Aufsatz von A. <em class="gesperrt">Meinong</em>, Zur -erkenntnistheoretischen Wrdigung des Gedchtnisses, Vierteljahrsschrift -fr wissenschaftliche Philosophie, X, 1886, S. 7–33, liegt -gnzlich abseits von den hier behandelten Problemen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_184">S. 184</a>, Z. 2 f.</b>) Charles <em class="gesperrt">Bonnet</em>, Essai analytique sur les -facults de l'me, Copenhague 1760, p. 61: La souplesse ou la mobilit -des fibres augmente par le retour des mmes branlements. -Le sentiment attach cette augmentation de souplesse ou de mobilit -constitue la rminiscence. (Citiert nach Harald <em class="gesperrt">Hffding</em>) Vgl. -brigens noch Max <em class="gesperrt">Offner</em>, Die Psychologie Charles Bonnets, Eine -Studie zur Geschichte der Psychologie, Schriften der Gesellschaft fr -psychologische Forschung, Heft 5, Leipzig 1893, S. 34 ff. — Ewald -<em class="gesperrt">Hering</em>, ber das Gedchtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten -Materie, Vortrag, 2. Ausgabe, Wien 1876. — Vgl. E. -<em class="gesperrt">Mach</em>, Die Analyse der Empfindungen und das Verhltnis des Physischen -zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902, S. 177 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_185">S. 185</a>, Z. 6 ff.</b>) ber Erinnerung unter dem Einflusse der -Suggestion vgl. Friedrich <em class="gesperrt">Jodl</em>, Lehrbuch der Psychologie, 2. Aufl., -Stuttgart und Berlin 1903, Bd. II, S. 159: Als eine Zwischenstufe -zwischen dem, was .... als passives und aktives Moment der reprsentativen -Aufmerksamkeit unterschieden wird, kann man den Fall -ansehen, wo in die Leitung des Reproduktionsprozesses und die -Fixierung der Aufmerksamkeit nicht der eigene Wille des Subjektes, -sondern ein fremder Wille eingreift, um mit jenem bestimmte -Zwecke zu erreichen oder bestimmte Bewutseinsphnomene hervorzurufen -.... Hier geschieht durch Einwirkung von auen, was bei -der willkrlichen Reproduktion aus dem Willen des Subjektes heraus -erfolgt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_185">S. 185</a>, Z. 19 v. u.</b>) Richard <em class="gesperrt">Avenarius</em>, Kritik der reinen Erfahrung, -Bd. II, Leipzig 1890, S. 32, 42 ff. — H. <em class="gesperrt">Hffding</em>, ber -Wiedererkennen, Association und psychische Aktivitt, Vierteljahrsschrift -fr wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889, S. 420 f. und -XIV, 1890, S. 27 ff. Psychologie in Umrissen, bersetzt von Bendixen, -2. Aufl., 1893, S. 163 f., Philosophische Studien, VIII, -S. 86 f.</p> - -<p>Im ersten Aufsatze sagt Hffding (S. 426 f.): Was in solchen -Bewutseinszustnden .... gegeben ist, das ist die unmittelbare Auffassung -des Unterschiedes zwischen Bekanntem und Vertrautem und -etwas Neuem und Fremdem. Dieser Unterschied ist so einfach und -klar, da er sich ebensowenig nher beschreiben lt, als z. B. der -Unterschied zwischen Lust und Unlust, oder der Unterschied zwischen -Gelb und Blau. Wir stehen hier einem unmittelbaren Qualittsunterschiede -gegenber. Die eigentmliche Qualitt, mit welcher das Bekannte -im Gegensatz zum Neuen im Bewutsein auftritt, werde ich -im folgenden die <em class="gesperrt">Bekanntheitsqualitt</em> nennen. [Es] ist noch<span class="pagenum"><a name="Seite_524" id="Seite_524">[S. 524]</a></span> -hervorzuheben, da die Selbstbeobachtung in den angefhrten Fllen -<em class="gesperrt">nicht die geringste Spur von anderen Vorstellungen zeigt, -die durch die erkannte Erscheinung erweckt wrden</em>, und -von denen man annehmen knnte, sie spielten eine Rolle beim -Wiedererkennen selbst. Insofern also jemand annehmen wollte, alles -Wiedererkennen setze derartige Vorstellungen voraus, so liegt ihm -die Beweispflicht ob; und lt sich das unmittelbare Wiedererkennen, -sowie es in den angefhrten Fllen auftritt, ohne eine solche Annahme -erklren, so wird diese Erklrung die einzige wissenschaftliche -sein.</p> - -<p>Gegen diese Lehre <em class="gesperrt">Hffdings</em> haben sich mit durchaus unzureichenden -Grnden Wilhelm <em class="gesperrt">Wundt</em>, Grundzge der physiologischen -Psychologie, 4. Aufl., Leipzig 1893, Bd. II, S. 442, Anmerkung -1, und William <em class="gesperrt">James</em>, The Principles of Psychology, -1890, Vol. I, p. 674, Anmerkung 1 ausgesprochen. Hffding selbst -bemerkt klar genug S. 431: Diese Reproduktion braucht nicht -dahin zu fhren, da das, was reproduziert wird, als selbstndiges -Glied im Bewutsein auftrete. Und in den vorliegenden Fllen geschieht -dies auch nicht. Deren Eigentmlichkeit bestand unter anderem -gerade in ihrem nicht zusammengesetzten Charakter. Auer dem -erkannten Zug oder den erkannten Zgen findet sich im Bewutsein -nicht das Mindeste, was mit dem Wiedererkennen zu schaffen hat. -Das Wort <i>Les Plans</i> klingt bekannt, und diese Bekanntheitsqualitt -ist die <em class="gesperrt">ganze Erscheinung</em> .... Es ist dagegen unzutreffend, -wenn <em class="gesperrt">Wundt</em> behauptet (a. a. O. II<sup>4</sup>, 445): Es geht -<em class="gesperrt">immer</em> der simultane deutlich in einen successiven Associationsvorgang -ber, in welchem der zuerst vorhandene Eindruck, die dann -hinzutretende Mittelvorstellung und endlich das Wiedererkennungsgefhl -als die Glieder der Associationsreihe auftreten.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_186">S. 186</a>, Z. 1 v. u.</b>) Nur dieselbe Verwechslung des Wiedererkennens -mit dem Gedchtnis liegt den Beispielen zu Grunde, auf -Grund deren G. John <em class="gesperrt">Romanes</em>, Die geistige Entwicklung im -Tierreich, Leipzig 1885, S. 127 f. den Tieren ein Gedchtnis zuschreibt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_190">S. 190</a>, Z. 12.</b>) Der Ausdruck connotativ (mitbezeichnend) -stammt von John Stuart <em class="gesperrt">Mill</em>, System der deduktiven und induktiven -Logik, bersetzt von Gomperz, I<sup>2</sup>, Leipzig 1884, S. 30 f. — Den -Ausdruck typische Vorstellung gebraucht Harald <em class="gesperrt">Hffding</em>, der -Terminus Reprsentativ-Vorstellung ist der englischen und franzsischen -Psychologie gelufig.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_191">S. 191</a>, Z. 13 v u.</b>) Wunderbar gibt <em class="gesperrt">Fouqu</em> dem <em class="gesperrt">Alogischen</em> -im Weibe zusammen mit seinem vlligen Mangel an Kontinuitt -Ausdruck in der Undine (fnftes Kapitel): Einen Teil des Tages -ber strich er mit einer alten Armbrust, die er in einem Winkel der -Htte gefunden und sich ausgebessert hatte, umher, nach den vorberfliegenden -Vgeln lauernd und, was er von ihnen treffen konnte, als<span class="pagenum"><a name="Seite_525" id="Seite_525">[S. 525]</a></span> -guten Braten in die Htte liefernd. Brachte er nun seine Beute -zurck, so unterlie Undine fast niemals, ihn auszuschelten, da er -den lieben, lustigen Tierchen oben im blauen Luftmeer so feindlich -ihr frhliches Leben stehle; ja sie weinte oftmals bitterlich bei dem -Anblick des toten Geflgels. Kam er aber dann ein andermal wieder -heim und hatte nichts geschossen, so schalt sie ihn nicht minder -ernstlich darber aus, da man nun um seines Ungeschickes und seiner -Nachlssigkeit willen mit Fischen und Krebsen vorlieb nehmen msse.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_191">S. 191</a>, Z. 10 v. u.</b>) G. <em class="gesperrt">Simmel</em>, Zur Psychologie der Frauen, -Zeitschrift fr Vlkerpsychologie und Sprachwissenschaft, XX, 1890, -S. 6–46: Hier ist der Ort, der vielkritisierten Logik der Frauen -zu gedenken. Zunchst ist die Meinung, die ihnen dieselbe ganz -oder fast ganz absprechen will, einfach abzuweisen; das ist eine von -den trivialen Paradoxen, der gegenber man sicher behaupten kann, -da jeder, der nur irgend eingehender mit Frauen zu tun hatte, oft -genug von der Schrfe und Unbarmherzigkeit ihrer Folgerungen -berrascht worden ist. (S. 9 f.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_195">S. 195</a>, Z. 5 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der praktischen Vernunft, -S. 105 (Universalbibliothek).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_196">S. 196</a>, Z. 8 v. u. f.</b>) Die Stelle ber Spinoza bei <em class="gesperrt">Kant</em> ist -ungemein charakteristisch (vgl. Kap. 13); man findet sie in der Kritik -der praktischen Vernunft, S. 123, ed. Kehrbach. — Was Kant an -Hume mit Recht sympathisch ansprechen durfte, war die Sonderstellung, -welche dieser klgste Empirist immerhin der Mathematik -einrumte. Das groe Lob Humes aus dem Munde -Kantens, welchem Hume sein hohes Ansehen bei den nachkantischen -Philosophen und Historikern der Philosophie vornehmlich dankt, ist -wohl so zu erklren, da Kant selbst schon, bevor er Hume kennen -gelernt hatte, die Notwendigkeit der Ersetzung des metaphysischen -durch den transcendentalen Standpunkt unklar gefhlt hatte. Den -Angriff Humes empfand er als solchen, den er selbst lngst htte -fhren sollen, und machte sich den eigenen Mangel an Rstigkeit -in der Abrechnung mit allem Unbewiesenen in der Spekulation -heftig zum Vorwurf. So kam es, da er Humes Skeptizismus dem -Dogmatismus gegenber, den er in den eigenen Gliedern noch -immer sprte, hochstellen konnte, und an der Flachheit dieses -Empirismus, bei dem er natrlich nicht bleiben konnte, relativ wenig -Ansto nahm. — Wie unglaublich seicht Hume brigens auch als -Geschichtsschreiber in seinen Urteilen ber historische Bewegungen -und historische Persnlichkeiten ist, darber vergleiche man das Bchlein -von Julius <em class="gesperrt">Goldstein</em>, Die empiristische Geschichtsauffassung -David Humes mit Bercksichtigung moderner methodischer und -erkenntnistheoretischer Probleme, eine philosophische Studie, Leipzig -1903, z. B. die dort S. 19 f. aus Humes History of England -citierten uerungen ber die Religion und religise Menschen, besonders -ber Luther. Jene Stellen verraten Borniertheit.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_526" id="Seite_526">[S. 526]</a></span><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_7" id="Zu_Teil_II_Kapitel_7">Zu Teil II, Kapitel 7.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_197">S. 197</a>, Z. 3 ff.</b>) David <em class="gesperrt">Hume</em>, A Treatise of Human Nature, -being an Attempt to introduce the experimental Method of Reasoning -into Moral Subjects, Book I. Of the Understanding, Part IV. Of the -sceptical and other systems of philosophy, Sect. VI. Of personal -identity, Vol. I, p. 438 f. (der ersten englischen Ausgabe, London -1739):</p> - -<p>For my part, when I enter most intimately into what I call -myself, I always stumble on some particular perception or other, of -heat or cold, light or shade, love or hatred, pain or pleasure. I -never can catch myself at any time without a perception, and never -can observe anything but the perception. When my perceptions are -remov'd for any time, as by sound sleep; so long am I insensible -of <em class="gesperrt">myself</em>, and may truly be said not to exist. And were all my -perceptions remov'd by death, and cou'd I neither think, nor feel, -nor see, nor love, nor hate after the dissolution of my body, I thou'd -be entirely annihilated, nor do I conceive what is farther requisite to -make me a perfect non-entity. If any one, upon serious and unprejudiced -reflection thinks he has a different notion (439) of -<em class="gesperrt">himself</em>, I must confess I can reason no longer with him. All I -can allow him is, that he may be in the right as well as I, and -that we are essentially different in this particular. He may, perhaps, -perceive something simple and continu'd, which he calls <em class="gesperrt">himself</em>; -tho' I am certain there is no such principle in me.</p> - -<p>But setting aside some metaphysicians of this kind, I may -venture to affirm of the rest of mankind that they are nothing but -a bundle or collection of different perceptions, which succeed each -other with an inconceivable rapidity, and are in a perpetual flux -and movement.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_198">S. 198</a>, Z. 3 f.</b>) Georg Christoph <em class="gesperrt">Lichtenberg</em>, Ausgewhlte -Schriften, herausgegeben von Eugen Reichel, Leipzig, Universalbibliothek, -S. 74 f.: Wir werden uns gewisser Vorstellungen bewut, -die nicht von uns abhngen; andere, glauben wir wenigstens, -hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die -Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. <em class="gesperrt">Es -denkt</em>, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen -<i>cogito</i>, ist schon zu viel, sobald man es durch Ich denke bersetzt. -Das <em class="gesperrt">Ich</em> anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedrfnis.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_198">S. 198</a>, Z. 8 f.</b>) <em class="gesperrt">Hume</em> a. a. O., S. 455 f.: All the nice -and subtile questions concerning personal identity can never possibly -be decided, and are to be regarded rather as grammatical than as -philosophical difficulties ... All the disputes concerning the identity -of connected objects are merely verbal.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_527" id="Seite_527">[S. 527]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_198">S. 198</a>, Z. 12 f.</b>) E. <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Analyse der Empfindungen -und das Verhltnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena -1902, S. 2 ff, 6 f., 10 f., 18 ff., 29 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_199">S. 199</a>, Z. 12 f.</b>) Das <em class="gesperrt">Idioplasma</em> ist also wohl das von Alois -<em class="gesperrt">Hfler</em>, Psychologie, Wien und Prag 1897, S. 382, vermite -physiologische quivalent des <em class="gesperrt">empirischen</em> Ich.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_200">S. 200</a>, Z. 5 v. u.</b>) Die beiden Stellen aus <em class="gesperrt">Sigwart</em> in -dessen Logik, I<sup>2</sup>, Freiburg 1889, S. 182, 190.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_200">S. 200</a>, Z. 13.</b>) <em class="gesperrt">Hegel</em>, Enzyklopdie der philosophischen -Wissenschaften im Grundrisse, 115 (Werke, vollstndige Ausgabe, -Bd. VI, S. 230 f., Berlin 1840): Dieser Satz, statt ein wahres -Denkgesetz zu sein, ist nichts als das Gesetz des <em class="gesperrt">abstrakten -Verstandes</em>. Die <em class="gesperrt">Form des Satzes</em> widerspricht ihm schon -selbst, da ein Satz auch einen Unterschied zwischen Subjekt und -Prdikat verspricht, dieser aber das nicht leistet, was seine Form -fordert ... Wenn man behauptet, dieser Satz knne nicht bewiesen -werden, aber <em class="gesperrt">jedes</em> Bewutsein verfahre danach, und stimmt ihm -nach der Erfahrung sogleich zu, wie es ihn vernehme, so ist dieser -angeblichen Erfahrung der Schule die allgemeine Erfahrung entgegenzusetzen, -da kein Bewutseyn nach diesem Gesetze denkt, -noch Vorstellungen hat u. s. f., noch spricht, da keine Existenz, -welcher Art sie sey, nach demselben existiert. Das Sprechen nach -diesem seynsollenden Gesetze der Wahrheit (ein Planet ist — ein -Planet, der Magnetismus ist — der Magnetismus, der Geist ist — -ein Geist) gilt mit vollem Recht fr albern; dies ist wohl allgemeine -Erfahrung.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_200">S. 200</a>, Z. 18 f.</b>) Vgl. hiezu Hermann <em class="gesperrt">Cohen</em>, System der -Philosophie, I. Teil, Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902, -S. 79: Man sagt, diese Identitt bedeute nichts als Tautologie. -Das Wort, durch welches der Vorwurf bezeichnet wird, verrt -die Unterschlagung des Prinzipes. Freilich bedeutet die Identitt -Tautologie: nmlich dadurch, da durch Dasselbe (ταὐτό) das Denken -zum Logos wird. Und so erklrt es sich, da vorzugsweise, <em class="gesperrt">ja -ausschlielich die Identitt als Denkgesetz stabiliert wurde.</em></p> - -<p>(<b><a href="#Seite_201">S. 201</a>, Z. 16 f.</b>) Mit Heinrich <em class="gesperrt">Gomperz</em>, Zur Psychologie der -logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien 1897, S. 21 f., ist meine -Darstellung an diesem Punkte vollkommen einer Ansicht. Er sagt: -.... die wissenschaftlichen Begriffe bilden berall keinen Gegenstand -der Psychologie, d. h. der psychologischen Erfahrung ...... Wir -gelangen zu solchen Begriffen durch eine eigene Methode, nmlich -durch Synthese, wie wir zu den Naturgesetzen durch die Methode -der Induktion vorschreiten, und verwerten diese Begriffe durch -Analyse wie jene Gesetze durch Deduktion. Und deshalb gibt es eine -Psychologie des wissenschaftlichen Sugetierbegriffes ebensowenig -wie eine Psychologie des wissenschaftlichen Gravitationsgesetzes.<span class="pagenum"><a name="Seite_528" id="Seite_528">[S. 528]</a></span> -Da wir diese Gesetzmigkeiten durch eigene Worte — Sugetier -und Gravitation — bezeichnen, kann hieran nichts ndern. Denn -diese Worte bezeichnen lediglich uere, wenn auch ideelle Dinge. -Diese sind Gegenstnde, nicht Elemente oder berhaupt Bestandteile -des Denkens.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_202">S. 202</a>, Z. 19.</b>) Die Stelle aus <em class="gesperrt">Kant</em>: Kritik der reinen Vernunft, -S. 145, Kehrbach. — Zur Lsung des von Kant bezeichneten -Rtsels glaube ich hier und auf S. 244–251 ein Weniges beigetragen -zu haben.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_202">S. 202</a>, Z. 11 v. u.</b>) Was ich unter <em class="gesperrt">Essenz</em> meine, deckt -sich also ziemlich mit dem aristotelischen τὸ τί ἦν εἶναι. Der Begriff -ist auch fr <em class="gesperrt">Aristoteles</em> an einer Stelle λόγος τί ἦν εἶναι -λέγων (Eth. Nicom. II, 6, 1107 a 6).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_203">S. 203</a>, Z. 7 v. u.</b>). Vgl. <em class="gesperrt">Schelling</em>, System des transcendentalen -Idealismus, Werke I/3, S. 362: In dem Urteil A = A -wird ganz von dem Inhalte des Subjektes A abstrahiert. Ob A -<em class="gesperrt">Realitt</em> hat oder nicht, ist fr dieses Wissen ganz gleichgltig. -Der Satz ist evident und gewi, ganz abgesehen davon, ob A -etwas wirklich Existierendes oder blo Eingebildetes oder selbst unmglich -ist.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_204">S. 204</a>, Z. 3 v. o.</b>) John Stuart <em class="gesperrt">Mill</em>, System der deduktiven -und induktiven Logik, Eine Darlegung der Grundstze der Beweislehre -und der Methoden wissenschaftlicher Forschung, Buch II, Kapitel 7, - 5, 2. Aufl., bersetzt von Theodor Gomperz, Leipzig 1884, Bd. I -(Gesammelte Werke, Bd. II), S. 326: Ich erkenne im principium -contradictionis, wie in anderen Axiomen eine unserer frhesten und -naheliegendsten Verallgemeinerungen aus der Erfahrung. Ihre -ursprngliche Grundlage finde ich darin, da Glaube und Unglaube -zwei verschiedene Geisteszustnde sind, die einander ausschlieen. -Dies erkennen wir aus der einfachsten Beobachtung unseres eigenen -Geistes. Und richten wir unsere Beobachtung nach auen, so finden -wir auch hier, da Licht und Dunkel, Schall und Stille, Bewegung -und Ruhe, Gleichheit und Ungleichheit, Vorangehen und Nachfolgen, -Aufeinanderfolge und Gleichzeitigkeit, kurz jedes positive Phnomen -und seine Verneinung unterschiedene Phnomene sind, im Verhltnis -eines zugespitzten Gegensatzes, und die eine immer dort abwesend, -wo die andere anwesend ist. Ich betrachte das fragliche Axiom als -eine Verallgemeinerung aus all diesen Tatsachen.</p> - -<p>Von der Flachheit dieser Auseinandersetzung will ich schweigen; -denn da John St. Mill unter den berhmten Flachkpfen des -XIX. Jahrhunderts der flachste ist, das kann wie eine identische -Gleichung ausgesprochen werden. Aber man vermag auch nicht leicht -falscher und leichtsinniger zu argumentieren, als es hier von Mill geschehen -ist. Fr diesen Mann ist Kant vergebens auf der Welt erschienen; -er hat sich nicht einmal dies klar gemacht, da dem Satze<span class="pagenum"><a name="Seite_529" id="Seite_529">[S. 529]</a></span> -A = A nie eine Erfahrung widersprechen kann, und da wir dies -mit absoluter Sicherheit von Rechts wegen behaupten drfen, whrend -alle Induktion nie imstande ist, Stze von solchem Gewiheitsgrade -zu liefern. — Auerdem verwechselt Mill hier den kontrren mit -dem kontradiktorischen Gegensatz. — Die vielen verstndnislosen -Beschimpfungen des Identittsprinzipes seien bergangen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_205">S. 205</a>, Z. 18.</b>) Johann Gottlieb <em class="gesperrt">Fichte</em>, Grundlage der gesamten -Wissenschaftslehre, Leipzig 1794, S. 5 ff. (smtliche Werke -herausgegeben von J. H. Fichte, Erste Abteilung, Bd. I, Berlin -1845, S. 92 ff.):</p> - -<p>1. Den Satz <em class="gesperrt">A ist A</em> (soviel als A = A, denn das ist die -Bedeutung der logischen Copula) gibt jeder zu; und zwar ohne sich -im geringsten darber zu bedenken: man erkennt ihn fr vllig -gewi und ausgemacht an.</p> - -<p>Wenn aber jemand einen Beweis desselben fordern sollte, so -wrde man sich auf einen solchen Beweis gar nicht einlassen, sondern -behaupten, jener Satz sey schlechthin, d. i. <em class="gesperrt">ohne allen weiteren -Grund</em>, gewi: und indem man dieses, ohne Zweifel mit allgemeiner -Beistimmung, thut, schreibt man sich das Vermgen zu, <em class="gesperrt">etwas -schlechthin zu setzen</em>.</p> - -<p>2. Man setzt durch die Behauptung, da obiger Satz an sich -gewi sey,</p> - -<p><em class="gesperrt">nicht</em>, da A <em class="gesperrt">sey</em>. Der Satz: <em class="gesperrt">A ist A</em> ist gar nicht gleichbedeutend -dem: <em class="gesperrt">A ist</em>, oder: <em class="gesperrt">es ist ein A</em>. (<em class="gesperrt">Seyn</em>, ohne Prdikat -gesetzt, drckt etwas ganz anderes aus, als seyn mit einem Prdikate -.......) Man nehme an, A bedeute einen in zwei gerade -Linien eingeschlossenen Raum, so bleibt jener Satz immer richtig; -obgleich der Satz: <em class="gesperrt">A ist</em>, offenbar falsch wre. Sondern</p> - -<p>man setzt: <em class="gesperrt">wenn</em> A sey, <em class="gesperrt">so</em> sey A. Mithin ist davon, <em class="gesperrt">ob</em> berhaupt -A sey oder nicht, gar nicht die Frage. Es ist nicht die -Frage vom <em class="gesperrt">Gehalte</em> des Satzes, sondern blo von seiner <em class="gesperrt">Form</em>; -nicht von dem, <em class="gesperrt">wovon</em> man etwas wei, sondern von dem, <em class="gesperrt">was</em> -man wei, von irgend einem Gegenstande, welcher es auch -seyn mge.</p> - -<p>Mithin wird durch die Behauptung, da der obige Satz -schlechthin gewi sey, <em class="gesperrt">das</em> festgesetzt, da zwischen jenem <em class="gesperrt">Wenn</em> -und diesem <em class="gesperrt">So</em> ein nothwendiger Zusammenhang sey; und der <em class="gesperrt">nothwendige -Zusammenhang zwischen beiden</em> ist es, der schlechthin -und <em class="gesperrt">ohne allen Grund</em> gesetzt wird. Ich nenne diesen notwendigen -Zusammenhang vorlufig = X.</p> - -<p>3. In Rcksicht auf A selbst aber, <em class="gesperrt">ob</em> es sey oder nicht, ist -dadurch noch nichts gesetzt. Es entsteht also die Frage: unter welcher -Bedingung <em class="gesperrt">ist</em> denn A?</p> - -<p><i>a</i>) X wenigstens ist <em class="gesperrt">im</em> Ich und <em class="gesperrt">durch</em> das Ich gesetzt — -denn das Ich ist es, welches im obigen Satze urtheilt, und zwar nach<span class="pagenum"><a name="Seite_530" id="Seite_530">[S. 530]</a></span> -X als einem Gesetze urtheilt, welches mithin dem Ich gegeben, und -da es schlechthin und ohne allen weiteren Grund aufgestellt wird, -dem Ich durch das Ich selbst gegeben seyn mu.</p> - -<p><i>b</i>) <em class="gesperrt">Ob</em> und <em class="gesperrt">wie</em> A berhaupt gesetzt sey, wissen wir nicht; -aber da X einen Zusammenhang zwischen einem unbekannten Setzen -des A, und einem unter der Bedingung jenes Setzens absoluten -Setzen desselben A bezeichnen soll, so ist, <em class="gesperrt">wenigstens insofern -jener</em> Zusammenhang gesetzt wird, A <b>in</b> dem Ich und <em class="gesperrt">durch</em> das -Ich gesetzt, so wie X; X ist nur in Beziehung auf ein A mglich; -nun ist X im Ich wirklich gesetzt; mithin mu auch A im Ich gesetzt -sein, insofern X darauf bezogen wird.</p> - -<p><i>c</i>) X bezieht sich auf dasjenige A, welches im obigen Satze -die logische Stelle einnimmt, ebenso wie auf dasjenige, welches fr -das des Prdikats steht; denn beide werden durch X vereinigt. -Beide also sind, insofern sie gesetzt sind, im Ich gesetzt; und der -obige Satz lt sich demnach auch so ausdrcken: Wenn A <em class="gesperrt">im</em> -Ich gesetzt ist, so <em class="gesperrt">ist es gesetzt</em>; oder — so <em class="gesperrt">ist</em> es.</p> - -<p>4. Es wird demnach durch das X vermittelst X gesetzt: <em class="gesperrt">A sey -fr das urteilende Ich schlechthin und lediglich kraft -seines Gesetztseyns im Ich berhaupt</em>; das heit: es wird gesetzt, -da im Ich — es sey nun insbesondere setzend oder urtheilend -oder was es auch sey — etwas sey, das sich stets gleich, stets Ein -und ebendasselbe sey; und das schlechthin gesetzte Ich lt sich -auch so ausdrcken: <em class="gesperrt">Ich = Ich</em>; Ich bin Ich.</p> - -<p>5. Durch diese Operation sind wir schon unvermerkt zu dem -Satze: <em class="gesperrt">Ich bin</em> (zwar nicht als Ausdruck einer <em class="gesperrt">Thathandlung</em>, aber -doch einer <em class="gesperrt">Thatsache</em>) angekommen. Denn</p> - -<p>X ist schlechthin gesetzt; das ist Thatsache des empirischen -Bewutseyns. Nun ist X gleich dem Satze: Ich bin Ich; mithin ist -auch dieser schlechthin gesetzt.</p> - -<p>Aber der Satz: Ich bin Ich, hat eine ganz andere Bedeutung -als der Satz A = A. — Nmlich der letztere hat nur unter einer -gewissen Bedingung einen Gehalt. Wenn A gesetzt ist, so ist es -freilich <em class="gesperrt">als</em> A, mit dem Prdicate A gesetzt. Es ist aber durch jenen -Satz noch gar nicht ausgemacht, <em class="gesperrt">ob</em> es berhaupt gesetzt, mithin, -ob es mit irgend einem Prdicate gesetzt sey. Der Satz: Ich bin -Ich, aber gilt unbedingt und schlechthin, denn er ist gleich dem -Satze X: er gilt nicht nur der Form, er gilt auch seinem Gehalte -nach. In ihm ist das Ich, nicht unter Bedingung, sondern schlechthin, -mit dem Prdicate der Gleichheit mit sich selbst gesetzt; es ist also -gesetzt; und der Satz lt sich auch ausdrcken: <em class="gesperrt">Ich bin.</em></p> - -<p>Dieser Fichtesche Beweis ist verfehlt; denn er findet, obwohl -er es anfnglich in Abrede stellt, im Satze selbst das Sein desselben -A, von dem A = A behauptet wird, schon enthalten. Der Beweis, -den ich selbst im Texte versucht habe, ist auch ungengend und<span class="pagenum"><a name="Seite_531" id="Seite_531">[S. 531]</a></span> -beruht auf einer unzulssigen quivokation, die in der Anmerkung -S. 204 berichtigt ist. Meine Anschauungen hierber haben sich -whrend der Drucklegung des Buches gendert. Ich glaube jetzt, -da es aussichtslos ist, mit <em class="gesperrt">Fichte</em> und <em class="gesperrt">Schelling</em> aus dem Satze -das Ich herauszulesen; was aber sehr wohl in ihm zum Ausdruck -kommt, ist das <em class="gesperrt">Sein</em>, das absolute, hyperempirische, gar nicht im -geringsten mehr zufllige, sondern das an sich seiende <em class="gesperrt">Sein</em>. Der -Beweis gestaltet sich dann kurz so: es <em class="gesperrt">ist</em> etwas (nmlich das Gleichheitszeichen, -das X <em class="gesperrt">Fichtes</em>), gleichgltig, ob sonst etwas ist oder -nicht. Es besteht und gilt mindestens das Sein A = A, unabhngig -von jedem besonderen A, und ob ein solches A selbst nun sei oder -nicht. Und insofern die Frau diesen Satz nicht anerkannt, insofern -<em class="gesperrt">ist</em> sie nicht. Auch in dieser Form bleibt der Satz von der grten -Tragweite fr das zwlfte Kapitel, wo die Seelenlosigkeit der Frau -in einen weiteren Zusammenhang aufgenommen wird (S. 378 ff.).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_206">S. 206</a>, Z. 15.</b>) ber die Reue vgl. <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der -praktischen Vernunft, S. 218 ff. (ed. Kehrbach).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_207">S. 207</a>, Z. 18.</b>) Kritik der praktischen Vernunft, S. 105, -Kehrbach.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_208">S. 208</a>, Z. 10.</b>) <em class="gesperrt">Ibsens</em> <em class="gesperrt">Brand</em> antwortet den Fragenden -(fnfter Aufzug):</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i2"><em class="gesperrt">Wie lang das Streiten whren wird?</em><br /></span> -<span class="i0">Es whrt bis an des Lebens Ende,<br /></span> -<span class="i0">Bis alle Opfer ihr gebracht,<br /></span> -<span class="i0">Bis ihr vom Pakt euch frei gemacht,<br /></span> -<span class="i0">Bis ihr es wollt, wollt unbeirrt;<br /></span> -<span class="i0">Bis jeder Zweifel schwindet, nichts<br /></span> -<span class="i0">Euch trennt vom: alles oder nichts.<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Und eure Opfer?</em> — Alle Gtzen,<br /></span> -<span class="i0">Die euch den ew'gen Gott ersetzen;<br /></span> -<span class="i0">Die blanken gold'nen Sklavenketten,<br /></span> -<span class="i0">Samt eurer schlaffen Trgheit Betten. —<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Der Siegespreis?</em> — Des Willens Einheit,<br /></span> -<span class="i0">Des Glaubens Schwung, der Seelen Reinheit;<br /></span> -<span class="i0">Die Freudigkeit, die euch durchschauert,<br /></span> -<span class="i0">Die alles opfert, berdauert;<br /></span> -<span class="i0">Um eure Stirn die Dornenkrone:<br /></span> -<span class="i0">Seht, das erhaltet ihr zum Lohne.<br /></span> -</div></div> - -<p>(<b><a href="#Seite_208">S. 208</a>, Z. 12 f.</b>) Friedrich <em class="gesperrt">Hebbels</em> smtliche Werke, herausgegeben -von Hermann <em class="gesperrt">Krumm</em>, Bd. I, S. 214.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_209">S. 209</a>, Z. 7 f.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, - 87 (S. 216, ed. Kirchmann): Der Mensch, der sich eines -Charakters in seiner Denkungsart bewut ist, hat ihn nicht von der -Natur, sondern mu ihn jederzeit <em class="gesperrt">erworben</em> haben. Man kann auch<span class="pagenum"><a name="Seite_532" id="Seite_532">[S. 532]</a></span> -annehmen, da die Grndung desselben gleich einer Art Wiedergeburt, -eine gewisse Feierlichkeit der Angelobung, die er sich selbst -tut, sie und den Zeitpunkt, da diese Umwandlung in ihm vorging, -gleich einer neuen Epoche ihm unvergelich mache.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_209">S. 209</a>, Z. 16 ff.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der praktischen Vernunft, -S. 193 f., Kehrbach.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_210">S. 210</a>, Z. 20 ff.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Kant</em>, Grundlegung zur Metaphysik -der Sitten, dritter Abschnitt, wo die so einfachen und doch so -tiefen Worte stehen (S. 75, ed. Kirchmann): Die Naturnotwendigkeit -war eine Heteronomie der wirkenden Ursachen; denn jede Wirkung -war nur nach dem Gesetze mglich, da etwas anderes die wirkende -Ursache zur Kausalitt bestimmte; was kann denn wohl die Freiheit -des Willens sonst sein als Autonomie, d. i. die Eigenschaft des -Willens, sich selbst ein Gesetz zu sein? Der Satz aber: der Wille -ist in allen Handlungen sich selbst ein Gesetz, bezeichnet nur das -Prinzip, nach keiner anderen Maxime zu handeln, als die sich selbst -auch als ein allgemeines Gesetz zum Gegenstande haben kann. Dies -ist aber gerade die Formel des kategorischen Imperativs und das -Prinzip der Sittlichkeit; also ist ein freier Wille und ein Wille unter -sittlichen Gesetzen einerlei.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_8" id="Zu_Teil_II_Kapitel_8">Zu Teil II, Kapitel 8.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_212">S. 212</a>, Z. 3 ff.</b>) Die Stelle aus der Groen Wald-Upanishad -(1, 4, 1) nach Paul <em class="gesperrt">Deussens</em> bersetzung (Sechzig Upanishads -des Veda, Leipzig 1897, S. 392 f.).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_214">S. 214</a>, Z. 10 ff.</b>) Die folgenden Citate aus <em class="gesperrt">Jean Pauls</em> -Werken, Hempelsche Ausgabe, XLVIII. Teil, S. 328. — <em class="gesperrt">Novalis</em> -Schriften, von Schlegel und Tieck, II. Teil, Wien 1820, S. 143 f. — -<em class="gesperrt">Schellings</em> Werke, I/1, S. 318 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_220">S. 220</a>, Z. 13 v. u. ff.</b>) Durch diese Bemerkung hoffe ich -zur Verdeutlichung dessen beizutragen, was Wilhelm <em class="gesperrt">Dilthey</em>, ohne -recht verstanden worden zu sein, als den Grundunterschied zwischen -psychischem und physischem Geschehen aufgedeckt hat (z. B. -Beitrge zum Studium der Individualitt, Berliner Sitzungsberichte, -1896, S. 296): Darin, da der Zusammenhang im Seelenleben -primr gegeben ist, besteht der Grundunterschied der psychologischen -Erkenntnis vom Naturerkennen, und da liegt also auch die erste -und fundamentale Eigentmlichkeit der Geisteswissenschaften. Da im -Gebiete der ueren Erscheinungen nur Neben- und Nacheinander in -die Erfahrung fllt, knnte der Gedanke von Zusammenhang nicht -entstehen, wre er nicht in der eigenen zusammenhngenden Einheitlichkeit -gegeben.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_222">S. 222</a>, Z. 18.</b>) Der bewute Zusammenhang mit dem All, -die Bewutheit des Mikrokosmus, die den genialen Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_533" id="Seite_533">[S. 533]</a></span> -konstituiert, reicht vielleicht auch zur Erklrung der Tatsache aus, -da wenn nicht alle, so doch gewi die meisten Genies telepathische -Erlebnisse und Visionen kennen und erfahren. <em class="gesperrt">Die geniale Individualitt -hat etwas vom Hellseher.</em> Im Text wollte ich diese -Dinge hier nicht berhren, weil heute, wer die Telepathie fr mglich -hlt, einem Obskuranten gleich geachtet wird. Auch die Offenbarungen -Sterbender reihen sich diesem Zusammenhange wohl ein: -der Sterbende gewinnt eine tiefere Vereinigung mit dem All, als es -dem Lebenden mglich war, und kann deshalb den Fernstehenden -in der Todesstunde erscheinen, auf ihr Denken und Trumen einen -Einflu gewinnen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_222">S. 222</a>, Z. 19 v. u. ff.</b>) Der Gedanke des Mikrokosmus liegt -natrlich auch der Schpfungsgeschichte der Genesis zu Grunde, -als welche den Menschen das Ebenbild Gottes sein lt.</p> - -<p>Naturgem findet sich dieselbe Konzeption auch bei den <em class="gesperrt">Indern</em>. -Bṛihadraṇyaka-Upanishad 4, 4, 5 (<em class="gesperrt">Deussen</em>, Sechzig Upanishaden -des Veda, Leipzig 1897, S. 476): Wahrlich, dieses Selbst ist das -Brahman, bestehend aus Erkenntnis, aus Leben, aus Auge, aus Ohr, -bestehend aus Erde, aus Wasser, aus Wind, aus ther; bestehend -aus Feuer und nicht aus Feuer, aus Lust und nicht aus Lust, aus -Zorn und nicht aus Zorn, aus Gerechtigkeit und nicht aus Gerechtigkeit, -<em class="gesperrt">bestehend aus allem</em>. Chndogya-Upanishad 3, 14, 2 f. -(a. a. O., S. 109): Geist ist sein [des Menschen] Stoff, Leben sein -Leib, Licht seine Gestalt; sein Ratschlu ist Wahrheit, <em class="gesperrt">sein Selbst -die Unendlichkeit</em>. Allwirkend ist er, allwnschend, allriechend, -allschmeckend, das All umfassend, schweigend, unbekmmert; —</p> - -<p>dieser ist meine Seele im inneren Herzen, kleiner als ein Reiskorn -oder Gerstenkorn oder Senfkorn oder Hirsekorn oder eines -Hirsekornes Kern; —</p> - -<p>dieser ist meine Seele im inneren Herzen, grer als die Erde, -grer als der Luftraum, grer als der Himmel, grer als diese -Welten.</p> - -<p>Der Allwirkende, Allwnschende, Allriechende, Allschmeckende, -das All Umfassende, Schweigende, Unbekmmerte, dieser ist meine -Seele im inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu ihm werde ich, -von hier abscheidend, eingehen. — Wem dieses ward, frwahr, der -zweifelt nicht!</p> - -<p><em class="gesperrt">Plato</em> lehrt zuerst im Menon (81 c): ἁτε οὖν ἡ ψυχὴ -ἀθάνατός τε οὖσα καὶ πολλάκις γεγονυῖα καὶ ἑωρακυῖα καὶ τὰ ἐνθάδε -<em class="gesperrt">καὶ πάντα χρήματα</em>, οὐκ ἔστιν ὅ τι οὐ μεμάθηκεν ... ἁτε γὰρ -<em class="gesperrt">τῆς φύσεως ἁπάσης συγγενοῦς οὔσης καὶ μεμαθηκυίας -τῆς ψυχῆς ἅπαντα</em> οὐδὲν κωλύει ... πάντα ... ἀνευρεῖν. Anklnge -finden sich auch im Philebos (29 a ff.), z. B.: Τρέφεται καὶ -γιγνεται καὶ ἄρχεται τό τοῦ παντὸς πὑρ ὑπὸ τοῦ παρ' ἡμων πυρός, ή -τούναντίον ύπ' έκείνου τό τ' ἐμόν καὶ τό σόν καὶ τό τών άλλων ζώων<span class="pagenum"><a name="Seite_534" id="Seite_534">[S. 534]</a></span> -ἅπαντ ἴσχει ταῦτα. Deutlicher <em class="gesperrt">Aristoteles</em>, De anima III, 8, 431 -b 21: ἡ ψυχὴ τὰ ὄντα πώς ἐστι πάντα. Vgl. Ludwig <em class="gesperrt">Stein</em>, Die -Psychologie der Stoa, Bd. I: Metaphysisch-anthropologischer Teil -(Berliner Studien fr klassische Philologie und Archologie, -Bd. III, 1. Heft, Berlin 1886), S. 206: Bei Aristoteles hat man es -bereits mit einem deutlichen Hinweis auf den Mikrokosmus zu tun. -Ja man wird nicht fehl gehen, wenn man selbst diesen Terminus auf -den Stagiriten zurckfhrt (Aristot. Physika, VIII<sup>2</sup>, 252 b 24: -εἰ δ'ἐν ζώω τοΰτο δυνατὸν γενέσθαι, τί κωλύει τὸ αὐτὸ συμβῆναι -καὶ κατὰ τὸ πᾶν; εἰ γὰρ ἐν <em class="gesperrt">μικρῷ κόσμῳ</em> γίνεται, καὶ ἐν <em class="gesperrt">μεγάλῳ</em> ...), -wenn auch der Begriff lter sein mag. S. 214: In der Stoa tritt -uns zum ersten Male ein klar ausgesprochener, scharf gezeichneter -und khn ausgebauter Mikrokosmos entgegen. Weiteres ber die -Geschichte des Mikrokosmusgedankens (z. B. bei <em class="gesperrt">Philo</em>) bei Stein -a. a. O. Auch bei <em class="gesperrt">Augustinus</em> findet er sich nach <em class="gesperrt">berweg-Heinze</em>, -Grundri der Geschichte der Philosophie, II<sup>8</sup>, 128. <em class="gesperrt">Pico -de Mirandolas</em> Anschauung ist von mir ausfhrlich wiedergegeben -S. 237 f. Vgl. auch Rudolf <em class="gesperrt">Eisler</em>, Wrterbuch der philosophischen -Begriffe und Ausdrcke, Berlin 1901 sub verbo und Rudolf <em class="gesperrt">Eucken</em>, -Die Grundbegriffe der Gegenwart, historisch und kritisch entwickelt. -2. Aufl., Leipzig 1893, S. 188 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_223">S. 223</a>, Z. 14 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Empedokles</em> bei Aristoteles Metaphysik, -1000 b, 6. — <em class="gesperrt">Plotinus</em> Enneades I, 6, 9. — brigens -steht auch bei <em class="gesperrt">Plato</em> Rep. 508 b: ἀλλ' [ὄμμα] ἡλιοειδέστατόν γε, -οἶμαι, τῶν περὶ τὰς αἰσθήσεως ὀργάνων.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_223">S. 223</a>, Z. 17.</b>) In <em class="gesperrt">Kantens</em> Ethik wird wohl nichts so wenig -verstanden wie die Forderung, nach einer allgemeinsten Maxime zu -handeln. Man glaubt noch immer, hierin etwas Soziales erblicken -zu mssen, die <em class="gesperrt">Bchner</em>sche Ethik (Was Du nicht willst, da -man Dir tu u. s. w.), eine Anleitung fr ein Strafgesetzbuch. Die -Allgemeinheit des kategorischen Imperatives drckt nur die Metaphysik -transcendental aus, welche nach <em class="gesperrt">Cicero</em> (De natura deorum II, 14, 37) -der groe Stoiker <em class="gesperrt">Chrysippos</em> gelehrt hat: ... Cetera omnia aliorum -causa esse generata, ut eos fruges atque fructus quos terra gignat, -animantium causa, animantes autem hominum, ut equum vehendi -causa, arandi bovem, venandi et custodiendi canem. Ipse autem -homo ortus est ad mundum contemplandum <em class="gesperrt">et imitandum</em> ...</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_224">S. 224</a>, Z. 13 v. u.</b>) Vielleicht sind die drei Probleme, an -denen am schnellsten offenbar wird, wie weit die Tiefe eines -Menschen reicht, das Problem der Religion, das Problem der Kunst -und das Problem der Freiheit — alle drei im Grunde doch das -eine Problem des Seins. Die Form aber, in welcher dieses eine -Problem von den wenigsten verstanden wird, ist das Problem der -Freiheit. Den niedrigsten Menschen ist der Indeterminismus, den -mittelmigen der Determinismus selbstverstndlich; da hier der<span class="pagenum"><a name="Seite_535" id="Seite_535">[S. 535]</a></span> -Dualismus am intensivsten sich offenbart, wie selten wird das begriffen!</p> - -<p>Die tiefsten Denker der Menschheit haben sicherlich alle indeterministisch -gedacht. <em class="gesperrt">Goethe</em>, Dichtung und Wahrheit, IV. Teil, -16. Buch (Bd. XXIV, S. 177, ed. Hesse): Wo sich in den Thieren -etwas Vernunfthnliches hervorthut, so knnen wir uns von unserer -Verwunderung nicht erholen, denn ob sie uns gleich so nahe stehen, -so scheinen sie doch durch eine unendliche Kluft von uns getrennt -und in das Reich der Nothwendigkeit verwiesen. Durch dieselbe -Kluft aber scheidet sich Goethe von der modernen Weltanschauung -und der Entwicklungslehre.</p> - -<p>So auch <em class="gesperrt">Dante</em>, Paradiso, Canto V, V. 19–24:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Lo maggior don, che Dio per sua larghezza<br /></span> -<span class="i0">Fesse creando, ed alla sua bontate<br /></span> -<span class="i0">Pi conformato, e quel ch'ei pi apprezza<br /></span> -<span class="i0">Fu della volont la libertate,<br /></span> -<span class="i0">Di che le creature intelligenti<br /></span> -<span class="i0">E tutte e sole fro e son dotate.<br /></span> -</div></div> - -<p>So lt schon <em class="gesperrt">Platon</em>, die <em class="gesperrt">Schelling-Schopenhauer</em>sche -Lehre von der Willensfreiheit antizipierend (wie es berhaupt keinen -philosophischen Gedanken gibt, der sich bei ihm nicht fnde) -in seinem Staat (X, 617, D E) die Parze Lachesis sagen: Ψυχαὶ -ἐφήμεροι ... οὐχ ὑμᾶς δαίμων λήξεται, ἀλλ' ὑμεῖς δαιμονα αἱρήσεσθε ... -αιτια ἑλομενου · θεὸς ἀναίτιος. Und so alle Grten, <em class="gesperrt">Kant</em>, -<em class="gesperrt">Augustinus</em>, Richard <em class="gesperrt">Wagner</em> (Siegfried, III. Akt: Wotan -und Erda).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_226">S. 226</a>, Z. 2 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Carlyle</em>: On Heroes etc., an mehreren -Orten, besonders S. 116 (ed. Chapman and Hall, London). Ganze -und lautere Wahrheit ist, was er sagt: <em class="gesperrt">The merit of originality -is not novelty; it is sincerity.</em></p> - -<p>(<b><a href="#Seite_232">S. 232</a>. Z. 1 f.</b>) Penses de Blaise <em class="gesperrt">Pascal</em>, Paris 1841, -S. 184 (Partie I, Article X, 1).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_234">S. 234</a>, Z. 10 v. u.</b>) Ich vermchte fr das, was ich ber -das eigenartige Verhalten begabterer Menschen in Gesellschaft -anderer bemerkt habe, kein besseres Zeugnis anzufhren als das -hochinteressante Bekenntnis des auf dem Kontinent verhltnismig -wenig gewrdigten englischen Dichters John <em class="gesperrt">Keats</em>. Obwohl es mit -besonderer Rcksicht auf den Dichter ausgesprochen ist, gilt es mit -einigen leicht wahrzunehmenden Modifikationen vom Knstler, ja -vom Genius berhaupt. Keats schreibt an seinen Freund Richard -<em class="gesperrt">Woodhouse</em> am 27. Oktober 1818 (The poetical works and other -writings of John Keats, edited by Harry Buxton Forman, Vol. III, -London 1883, p. 233 f.): As to the poetical character itself -(I mean that sort, of which, if I am anything, I am a member; -that sort distinguished from the Wordsworthian or egotistical sublime, -which is a thing per se, and stands alone), it is not itself —<span class="pagenum"><a name="Seite_536" id="Seite_536">[S. 536]</a></span> -it has no self — it is everything and nothing — it has no character -— it enjoys light and shade — it lives in gusto, be it foul -or fair, high or low, rich or poor, mean or elevated — it has as -much delight in conceiving a Jago or an Imogen. What shocks the -virtuous philosopher delights the cameleon poet. It does no harm -from its relish of the dark side of things, any more than from its -taste for the bright one, because they both end in speculation. <em class="gesperrt">A -poet is the most unpoetical of anything in existence</em>, -because he has no identity: he is continually in for, and filling, -some other body. The sun, the moon, the sea and men and women, -who are creatures of impulse, are poetical and have about them an -unchangeable attribute; the poet has none. He is certainly the most -unpoetical of all God's creatures. If then, he has no self<a name="FNAnker_105_105" id="FNAnker_105_105"></a><a href="#Fussnote_105_105" class="fnanchor">[105]</a>, and if -I am a poet, where is the wonder that I should say I would write -no more? Might I not that very instant have been cogitating on -the character of Saturn and Ops? It is a wretched thing to confess, -but it is a very fact, that not one word I ever utter can be taken -for granted as an opinion growing out of my identical nature. How -can it, when I have no nature? When I am in a room with people, -if I ever am free from speculating on creations of my brain, then -not myself goes home to myself, <em class="gesperrt">but the identity of everyone -in the room begins to press upon me, so that I am in a -very little time annihilated — not only among men; it -would be the same in a nursery of children</em> ...</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_233">S. 233</a>, Z. 4 v. u. f.</b>) <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Analyse der Empfindungen -u. s. w., 3. Aufl. 1902, S. 19.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_235">S. 235</a>, Z. 2 v. u.</b>) Gesammelte Schriften und Dichtungen -von Richard <em class="gesperrt">Wagner</em>, Leipzig 1898, Bd. VI, S. 249.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_236">S. 236</a>, Z. 1 ff.</b>) So sagt J. B. <em class="gesperrt">Meyer</em>, Genie und Talent, -Eine psychologische Betrachtung, Zeitschrift fr Vlkerpsychologie -und Sprachwissenschaft, 1880, XI, S. 289: Cesare Borgia, Ludwig XI. -von Frankreich, Richard III. waren geniale Bsewichter, und in der -Reihe der Schwindler findet sich manches Genie — und gibt -damit durchaus der populren Meinung Ausdruck.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_237">S. 237</a>, Z. 20 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Sophokles</em> Aias Vers 553.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_237">S. 237</a>, Z. 14 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Joannis Pici Mirandulae Concordiaeque -Comitis</em> ... Opera quae extant omnia Basileae Per -Sebastianum Henricepetri, 1601, Vol. I, p. 207–219: De hominis -dignitate oratio. Die citierte Stelle p. 208. — Mirandola lebte nur -von 1463–1494. — Supremi spiritus sind die Engel und die -Teufel, die (paulo mox) gefallenen Engel. — Als denjenigen<span class="pagenum"><a name="Seite_537" id="Seite_537">[S. 537]</a></span> -Menschen, der mit dem Lose keines Einzelgeschpfes sich begngt, -hat man eben den Genius anzusehen; wenn das Genie das Gttliche -im Menschen ist, so wird der Mensch, der ganz Genius wird, -Gott gleich.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_9" id="Zu_Teil_II_Kapitel_9">Zu Teil II, Kapitel 9.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_240">S. 240</a>, Z. 10 f.</b>) Theodor <em class="gesperrt">Waitz</em>, Anthropologie der Naturvlker, -Erster Teil. Leipzig 1859, S. 380: Haben ltere christliche -Autoritten an der Ehe nur die sinnliche Seite gesehen und ernstlich -bezweifelt, ob auch die Weiber eine Seele besitzen, so knnen -wir uns nicht darber wundern, da ihnen von Chinesen, Indern, -Muhammedanern eine solche geradezu abgesprochen wird. Wird der -Chinese nach seinen Kindern gefragt, so zhlt er nur die Knaben -als solche; hat er nur Mdchen, so sagt er, er habe keine Kinder -(<em class="gesperrt">Duhaut-Cilly</em>, Voyage autour du monde, 1834, II, 369).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_240">S. 240</a>, Z. 19.</b>) <em class="gesperrt">Aristoteles</em>: De gener. animalium I, 2, -716 a 4: τῆς γενέσεως ἀρχὰς ἄν τις οὐχ ἥκιστα θείη τὸ θῆλυ καὶ -τὸ ἄρρεν, τὸ μὲν ἄρρεν ὡς τῆς κινήσεως καὶ τῆς γενέσεως ἔχον τὴν -ἀρχήν, τὸ δὲ θῆλυ ὡς ὕλης. I 20, 729 a 9: τὸ μὲν ἄρρεν παρέχεται -τό τε εἶδος καὶ τὴν ἀρχὴν τῆς κινήσεως, τὸ δὲ θῆλυ τὸ σῶμα καὶ -τὴν ὕλην. 729 a 29: τὸ ἄρρεν ἐστὶν ὡς κινοῦν, τὸ δὲ θῆλυ, ᾗ θῆλυ, -ὡς παθητικόν. II, 1, 732 a 3: βέλτιον γὰρ καὶ θειότερον ἡ ἀρχὴ τῆς -κινήσεως, ᾗ ἄρρεν ὑπάρχει τοῖς γινομένοις. ὕλη δὲ τὸ θῆλυ.. II, 4, -738 b 25: ἀεὶ δὲ παρέχει τὸ μὲν θῆλυ τῆν ὕλην, τὸ δὲ ἄρρεν τὸ -δημιουργοῦν. ἔστι τὸ μὲν σῶμα ὲκ τοῦ θήλεος, ἡ δὲ ψυχὴ ἐκ τοῦ -ἄρρενος. Vgl. noch I, 21, 729 b 1 und 730 a 25. II, 3, 737, -a 29. 740 b 12–25. Metaphysik, V, 28, 1024 a 34. IX, 1057 -a 31 f. I, 6, 988 a 2 f. erlutert er nach demselben Prinzipe, -warum der Mann mehr Kinder zeugen knne als die Frau: ὁἱ μὲν -γὰρ ἐκ τῆς ὕλης πολλὰ ποιοῦσιν, τὸ δ' εἶδος ἅπαξ γεννᾷ μόνον, -φαίνεται δ' ἐκ μιᾶς ὕλης μία τράπεζα, ὁ δὲ τὸ εἶδος ἐπιφέρων εἷς ὢν -πολλὰς ποιεῖ. ὁμοίως δ' ἔχει καὶ τὸ ἄρρεν πρὸς τὸ θῆλυ· τὸ μὲν γὰρ -ὑπὸ μιᾶς πληροῦται ὀχείας, τὸ δ' ἄρρεν πολλὰ πληροῖ· καίτοι ταῦτα -μιμήματα τῶν ἀρχῶν ἐκείνων ἐστίν.</p> - -<p>Vergleiche ber diese Lehre des Aristoteles: J. B. <em class="gesperrt">Meyer</em>, -Aristoteles Tierkunde, Berlin 1855, S. 454 f.; Hermann <em class="gesperrt">Siebeck</em>, -Aristoteles, Stuttgart 1899 (Frommanns Klassiker der Philosophie, -Bd. VIII), S. 69; Eduard <em class="gesperrt">Zeller</em>, Die Philosophie der Griechen in -ihrer geschichtlichen Entwicklung, II/2. Leipzig 1879, 3. Aufl., -S. 325 und 525 f.; <em class="gesperrt">berweg-Heinze</em>, Grundri der Geschichte -der Philosophie, I<sup>9</sup>, Berlin 1903, S. 259; J. J. <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das -Mutterrecht, Eine Untersuchung der Gynaikokratie der alten Welt, -Stuttgart 1861, S. 164–168. — Speziell ber die aristotelische -Zeugungstheorie, ihr Verhltnis zu den frheren und den modernen -Ansichten handelt Wilhelm <em class="gesperrt">His</em>, Die Theorien der geschlechtlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_538" id="Seite_538">[S. 538]</a></span> -Zeugung, Archiv fr Anthropologie, Bd. IV, 1870, S. 202 -bis 208.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_241">S. 241</a>, Z. 3 f.</b>) Jean <em class="gesperrt">Wier</em>, Opera omnia, Amstelodami 1660, -Liber IV, Caput 24. Aus der spteren Literatur wte ich nur noch -<em class="gesperrt">Oken</em> zu nennen (Lehrbuch der Naturphilosophie, 3. Aufl., Zrich -1843, S. 387, Nr. 2958): In der Paarung sind die mnnlichen -Theile das Sinnesorgan, das weibliche nur der empfangende Mund. -Eigentlich sind beide Sinnesorgane, aber jene das handelnde, diese -das leidende (ibid. Nr. 2962). Wenn auch mnnlicher Same wirklich -zur Frucht miterstarrt, so ist es doch nicht seine Masse, die -in der Frucht zur Betrachtung kommt, sondern nur seine polarisierende -Kraft.</p> - -<p>Die Absicht der Auseinandersetzungen des Textes geht nicht -auf eine naturphilosophische Theorie der Zeugung, wie die von -Aristoteles und Oken. Aber die Spekulation dieser Mnner ging -gedanklich ohne Zweifel von den geistigen Unterschieden der Geschlechter -aus, und dehnte diese auch auf das Verhltnis der beiden -Keime in der Befruchtung aus; deshalb darf ich sie hier wohl anfhren.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_241">S. 241</a>, Z. 13 f.</b>) Vgl. Ausgewhlte Werke von Friedrich Baron -<em class="gesperrt">de la Motte-Fouqu</em>, Ausgabe letzter Hand, Bd. XII, Halle 1841, -S. 136 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_243">S. 243</a>, Z. 12 f.</b>) Kantianer, die von dem Philosophen nur den -Buchstaben fassen, werden das sicherlich in Abrede stellen; und es -wrde ihnen die Kantische Terminologie hiezu eine gewisse Handhabe -bieten, nach welcher das transcendentale Subjekt das Subjekt -des <em class="gesperrt">Verstandes</em>, und der intelligible Charakter das Subjekt der -<em class="gesperrt">Vernunft</em>, die letztere aber, als das praktische Vermgen im -Menschen, dem ersteren, als einem blo theoretischen, bergeordnet -ist. Doch kann ich mich auf Stellen berufen, wie in der Vorrede -zur Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (S. 8, ed. Kirchmann): -Teils erfordere ich zur Kritik einer reinen praktischen Vernunft, -da, wenn sie vollendet sein soll, <em class="gesperrt">ihre Einheit mit der spekulativen -in einem gemeinschaftlichen Prinzip</em> zugleich msse -dargestellt werden knnen, <em class="gesperrt">weil es doch am Ende nur eine und -dieselbe Vernunft sein kann</em>, die blo in der Anwendung unterschieden -sein mu. hnlich in der Kritik der praktischen Vernunft, -S. 110, 118, 145 (ed. Kehrbach). brigens war es eben -diese Einheit des ganzen reinen Vernunftvermgens (des theoretischen -sowohl als praktischen), welche <em class="gesperrt">Kant</em>ens geplantes und -nicht zustande gekommenes Hauptwerk Der Transcendentalphilosophie -hchster Standpunkt im System der Ideen: Gott, die -Welt und der Mensch, oder System der reinen Philosophie in ihrem -Zusammenhange (vgl. Hans <em class="gesperrt">Vaihinger</em>, Archiv fr Geschichte der -Philosophie, IV, S. 734 f.) darzustellen bestimmt war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_539" id="Seite_539">[S. 539]</a></span> - -An diesem Orte mchte ich noch folgendes bemerken:</p> - -<p>In der groen Literatur, welche sich mit dem Verhltnisse -<em class="gesperrt">Goethes</em> zu <em class="gesperrt">Kant</em> beschftigt, finde ich merkwrdigerweise die -allerkantischeste Stelle im ganzen Goethe nicht erwhnt. Sie ist -allerdings geschrieben, bevor Goethe noch irgend etwas von Kant -gelesen hat, und ist auch weniger fr sein Verhltnis zu dem -konkreten Menschen Kant und zu dessen Bchern, als fr Goethes -Beziehung zur Kantischen Gedankenwelt charakteristisch. Sie findet -sich in den noch in Frankfurt abgefaten Physiognomischen Fragmenten -(Erster Versuch, Drittes Fragment: Bd. XIV, S. 242 der -Hesseschen Ausgabe) und lautet: Die gtige Vorsehung hat jedem -einen gewissen Trieb gegeben, so oder anders zu handeln, der denn -auch einem jeden durch die Welt hilft. Eben dieser innere Trieb -kombiniert auch mehr oder weniger die Erfahrungen, die der Mensch -macht, ohne da er sich dessen selbst bewut ist. Hierin ist deutlich die -Identitt des intelligiblen Wesens ausgesprochen, von dem einerseits -die synthetische Einheit der Apperzeption ausgeht, und das anderseits -das <em class="gesperrt">frei</em> wollende Noumenon ist.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_245">S. 245</a>, Z. 5 v. u. f.</b>) Eine der einfachsten und klarsten Auseinandersetzungen -ber diesen Sachverhalt rhrt von Franz <em class="gesperrt">Staudinger</em> -her, Identitt und Apriori, Vierteljahrsschrift fr wissenschaftliche -Philosophie, XIII, 1889, S. 66 f.: ..... nicht blo die heutige -Wahrnehmung von der Sonne ist eine andere als die gestrige, die -heutige Sonne selbst ist nicht mehr die, welche gestern leuchtete. -Dennoch aber sage ich: die gestrige Sonne ist mit der heutigen eins. -Das heit aber nichts anderes, als da ich einen fortlaufenden Zusammenhang -des Gegenstandes selbst, auf den meine zeitlich durchaus -getrennten Vorstellungen gehen, voraussetzen mu. Es ist eine objektive -Existenz des Gegenstandes selber gedacht, die ganz unabhngig -von der Zerstcktheit unseres Wahrnehmens bestehen soll. -Diese Feststellung der Dauer des Gegenstandes selbst ist das wesentliche -Moment, welches unsere Substanzvorstellung konstituiert. Das -Rtsel, welches hierin liegt, da wir von ganz getrennten Vorstellungen, -die doch jedesmal, streng genommen, nur gegenwrtige -Gegenstnde bezeichnen, zu der Vorstellung des Zusammenhanges -eines einzigen dauernden Gegenstandes bergehen, wird, obwohl es -von <em class="gesperrt">Kant</em> klar erkannt worden ist, noch allzuwenig der Aufmerksamkeit -gewrdigt. Ob es Kant gelst hat, und wie es zu lsen sein -mag, ist freilich eine Frage, welche den Ursprungsort der Erkenntniselemente -betrifft ..... Wir mssen uns hier mit der Tatsache begngen, -da wir gezwungen sind, solche Vorstellungen, die wir -Wahrnehmungen nennen, auf einheitliche, mindestens von der ersten -Wahrnehmung bis zur jetzigen dauernde Gegenstnde zu beziehen.</p> - -<p>Auch diese Schwierigkeit scheint vor der im Texte dargelegten -Auffassung zu verschwinden oder wenigstens ihre Identitt mit einer<span class="pagenum"><a name="Seite_540" id="Seite_540">[S. 540]</a></span> -anderen, allerdings nicht minder groen, zu erweisen. A = A, das Prinzip -der Begrifflichkeit und Gegenstndlichkeit, ist psychologisch eine Negation -der Zeit (wenn auch im rein logischen <em class="gesperrt">Sinne</em> des Satzes diese Beziehung -auf die Zeit nicht liegt) und vermittelt insofern die Kontinuitt -des Objektes. Soweit aber in ihm das Sein des Subjektes -zum Ausdrucke kommt, <em class="gesperrt">setzt</em> er die gleiche Kontinuitt fr das -innere Leben, trotz der Vereinzelung der psychischen Erlebnisse, -trotz der Bewutseinsenge. Es ist also nur <em class="gesperrt">ein</em> Rtsel, die Frage -nach der Kontinuitt des Objektes dieselbe wie nach der Kontinuitt -des Subjektes.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_246">S. 246</a>, Z. 18 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl., -Von der Synthesis der Rekognition im Begriffe (S. 119, Kehrbach).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_247">S. 247</a>, Z. 15.</b>) Vgl. besonders <em class="gesperrt">Huxley</em>, Hume (English Men -of Letters, edited by John Morley, No. 5, London 1881), p. 94 f.:</p> - -<p>When several complex impressions which are more or less -different from one another — let us say that out of ten impressions -in each, six are the same in all, and four are different from all the -rest — are successively presented to the mind, it is easy to see -what must be the nature of the result. The repetition of the six -similar impressions will strengthen the six corresponding elements -of the complex idea, which will therefore acquire greater vividness: -while the four differing impressions of each will not only acquire no -greater strength than they had at first, but, in accordance with the -law of association, they will all tend to appear at once, and will thus -neutralise one another.</p> - -<p>This mental operation may be rendered comprehensible by -considering what takes place in the formation of compound photographs -— when the images of the faces of six sitters, for example, -are each received on the same photographic plate, for a sixth of -the time requisite to take one portrait. The final result is that all -those points in which the six faces agree are brought out strongly, -while all those in which they differ are left vague; and thus what -may be termed a <em class="gesperrt">generic</em> portrait of the six, in contradistinction -to a <em class="gesperrt">specific</em> portrait of any one, is produced. — Eine hnliche -Anschauung von der Entstehung des Begriffes durch bereinanderlagerung, -wobei Verstrkung des Gleichartigen, Auslschen des Ungleichartigen -stattfindet, kennt auch schon <em class="gesperrt">Herbart</em> (Psychologie als -Wissenschaft, II, 122), der freilich den Unterschied zwischen logischem -und psychologischem Begriff ausgezeichnet verstanden und klargelegt -hat (a. a. O., 119). — <em class="gesperrt">Avenarius</em>: Kritik der reinen Erfahrung, -Bd. II, Leipzig 1890, S. 298 ff. — <em class="gesperrt">Mach</em>, Die konomische Natur -der physikalischen Forschung, Populr-wissenschaftliche Vorlesungen, -Leipzig 1896, S. 217 ff. Tiefer grbt <em class="gesperrt">Mach</em> in den Prinzipien der -Wrmelehre, historisch-kritisch entwickelt, 2. Aufl., Leipzig 1900, -S. 415 f., <span class="pagenum"><a name="Seite_541" id="Seite_541">[S. 541]</a></span>419 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_248">S. 248</a>, Z. 7 v. u.</b>) Das Urteil existiert; als Voraussetzung -dessen, da es existiert, immaniert ihm die Annahme eines Zusammenhanges -zwischen dem Menschen und dem All, erkenntniskritisch -ausgedrckt, einer Beziehung des <em class="gesperrt">Denkens</em> zum <em class="gesperrt">Sein</em>. Diesen -Zusammenhang, diese Beziehung zu ergrnden ist das Hauptproblem -aller theoretischen Philosophie, wie es das Hauptproblem aller -praktischen Philosophie ist, das Verhltnis des <em class="gesperrt">Sollens</em> zum Sein -festzustellen. Insofern also das Urteil <em class="gesperrt">ist</em>, ist der Mensch der -Mikrokosmus.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_249">S. 249</a>, Z. 15.</b>) Der Ausdruck <em class="gesperrt">innere Urteilsform</em> bei -Wilhelm <em class="gesperrt">Jerusalem</em>, Die Urteilsfunktion, eine psychologische -und erkenntniskritische Untersuchung, Wien und Leipzig, 1895, -S. 80.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_251">S. 251</a>, Z. 19.</b>) <em class="gesperrt">Leibniz</em>: Monadologie No. 31 (Opera philosophica, -ed. Erdmann, p. 707): Nos raisonnements sont fonds -sur deux grands principes, <em class="gesperrt">celui de la contradiction</em>, en vertu -duquel nous jugeons faux ce qui en enveloppe, et vrai ce qui est -oppos ou contradictoire au faux; [no. 32] <em class="gesperrt">et celui de la raison -suffisante</em>, en vertu duquel nous considrons, qu'aucun fait ne -serait se trouver vrai ou existant, aucune nonciation vritable, sans -qu'il y ait une raison suffisante, pourquoi il en soit ainsi et non -pas autrement, quoique ces raisons le plus souvent ne puissent point -nous tres connues.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_253">S. 253</a>, Z. 2.</b>) ber die geringere Kriminalitt der Frauen -vergleiche z. B. den Artikel des Dr. G. <em class="gesperrt">Morache</em>, Die Verantwortlichkeit -des Weibes vor Gericht in der Wage vom 14. Mrz 1903, -S. 372–376. Es heit dort: Die Zahl der Frauen bersteigt die -der Mnner ganz erheblich; in Frankreich weniger als anderswo, -aber auch hier ist der Unterschied ein merklicher; wre nun die -weibliche Kriminalitt der des Mannes gleich, so mten die Zahlen, -die sie zum Ausdruck bringen, ebenfalls ziemlich gleich sein.</p> - -<p>Greifen wir nun drei beliebige Zahlen heraus; wenn man will, -1889, 1890, 1891. Whrend dieser Zeit sind 2970 Mnner wegen -schwerer Verbrechen (Mord, Kindesmord, Verbrechen gegen die -Sittlichkeit) vor Gericht gestellt worden, whrend man 745 Frauen -in dem nmlichen Zeitraum derselben Verbrechen anklagte. Die -Kriminalitt des Weibes wird also durch eine Zahl ausgedrckt, -die ein Viertel der mnnlichen betrgt, oder mit anderen Worten, -es werden von vier Verbrechen drei von Mnnern begangen und -eines von Frauen. Selbst wenn wir das Verbrechen des Kindesmordes -beiseite lassen, fr das eigentlich nur der Mann verantwortlich -ist, denn er ist ja der Autor, so findet man, da bei den wegen -gemeiner Verbrechen Angeklagten nur 211 Frauen auf 2954 Mnner -kommen; das Weib ist also 14mal weniger verbrecherisch als -der Mann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_542" id="Seite_542">[S. 542]</a></span> - -An Auslegungen dieser unleugbaren Tatsachen — denn sie -zu bestreiten wre unmglich — fehlt es nicht. Man sagt, die -Krperkonstitution des Weibes eigne sich nicht zur Gewalttat, die -die Mehrzahl der verbrecherischen Handlungen aufzuweisen haben; -sie sei fr die Verbrechen mit bewaffneter Hand, fr den Einbruch -nicht geschaffen. Man behauptet, wenn sie das Verbrechen auch -nicht materiell begeht, so suggeriere sie es doch und habe ihren -Nutzen davon; moralisch sei sie der Urheber und um so schuldiger, -weil sie im Dunklen handelt und mit der Hand eines anderen -schlgt. So kommt man auf das alte Wort zurck: Cherchez la -femme ... Die italienische Schule hat recht wohl erkannt, da das -Weib vom materiellen Standpunkt weniger verbrecherisch ist als -der Mann, doch sie gibt fr diese Tatsache eine interessante Erklrung; -der Verbrecher stiehlt und mordet, um sich ohne Arbeit -das Geld zu verschaffen, das Miggang und Vergngen gewhrt. -Das Weib besitzt, um zu demselben Zweck zu gelangen, ein weit -einfacheres Mittel. Sie treibt Handel mit ihrem Krper, sie verkauft -sich. Addiert man die Zahl der Verbrecherinnen zu der der kuflichen -Frauen, so kommt man zur Zahl der mnnlichen Kriminalitt.</p> - -<p>Die Theorie scheint befriedigend, ist aber paradox. Auerdem -ist sie grundfalsch: denn wenn man auch die Zahl der unter Anklage -gestellten Verbrecherinnen kennt, so kann man doch nicht -einmal annhernd die Zahl der Frauen abschtzen, die unter irgend -einer Maske und unter ganz verschiedenen Modalitten aus ihren -Reizen Nutzen ziehen.</p> - -<p>Soweit Morache. Abgesehen von der Oberflchlichkeit der -Meinung, die das Verbrechen des Gewinnes halber geschehen lt, -wre noch zu bemerken, da es genug Frauen vom Prostituiertentypus -gibt, die sich gar nicht des Geldes oder Schmuckes wegen -prostituieren, sich jedem Kutscher, der ihre Begierde erregt, hingeben, -nicht also um noch hheren Luxus treiben zu knnen, Frauen -aus den hchsten und reichsten Kreisen. — Vergleiche ferner <em class="gesperrt">Ellis</em>, -Mann und Weib, S. 364 ff. und die dort citierte reiche Literatur. -<em class="gesperrt">Lombroso-Ferrero</em>, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, -Hamburg 1894, zweiter Teil: Kriminologie des Weibes, S. 193 ff. -und besonders Paul <em class="gesperrt">Ncke</em>, Verbrechen und Wahnsinn beim Weibe, -mit Ausblicken auf die Kriminal-Anthropologie berhaupt, Wien und -Leipzig 1894, mit sehr vollstndigem Literaturverzeichnis auf S. 240 -bis 255.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_254">S. 254</a>, Z. 19 f.</b>) Darum ist die Frau auch nicht <em class="gesperrt">hlich</em>, -whrend der Verbrecher hlich ist.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_255">S. 255</a>, Z. 16.</b>) Von diesem Gesichtspunkt aus behandeln die -Krankenpflege des Weibes E. <em class="gesperrt">Leyden</em>, Weibliche Krankenpflege -und weibliche Heilkunst, Deutsche Rundschau, XIX, 1879, S. 126–148, -Franz <em class="gesperrt">Knig</em>, Die Schwesternpflege der Kranken, Ein Stck moderner<span class="pagenum"><a name="Seite_543" id="Seite_543">[S. 543]</a></span> -Kulturarbeit der Frau, a. a. O. LXXI, 1892, S. 141–146, Julius -<em class="gesperrt">Duboc</em>, Fnfzig Jahre Frauenfrage in Deutschland, Geschichte und -Kritik, Leipzig 1896, S. 18 f. — ber den <em class="gesperrt">hysterischen</em> Charakter -mancher Krankenpflege (der nach Kapitel XII wohl begreiflich wird) -vgl. <em class="gesperrt">Freuds</em> Bemerkungen in <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freuds</em> Studien ber -Hysterie, Leipzig und Wien 1895, S. 141.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_259">S. 259</a>, Z. 8 f.</b>) <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Analyse der Empfindungen, -3. Aufl., 1902, S. 14.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_259">S. 259</a>, Z. 16.</b>) Sie ist z. B. abgedruckt bei Karl <em class="gesperrt">Pearson</em>, -The Grammar of Science, London 1892, p. 78.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_259">S. 259</a>, Z. 14 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>: in der Grundlegung zur Metaphysik -der Sitten, S. 60, ed. Kirchmann.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_260">S. 260</a>, Z. 5 v. u.</b>) Das Wort Eigenwert stammt nicht -von mir, sondern ist, wie ich glaube, zuerst gebraucht von August -<em class="gesperrt">Dring</em>, Philosophische Gterlehre 1888, S. 56, 319 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_262">S. 262</a>, Z. 4 f.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann:</p> - -<p>Der Mann ist eiferschtig, <em class="gesperrt">wenn</em> er <em class="gesperrt">liebt</em>; die Frau auch -ohne da sie liebt; weil so viele Liebhaber, als von anderen Frauen -gewonnen wurden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_262">S. 262</a>, Z. 8.</b>) Beweis: es gibt wohl Kameradschaft zu -mehren, Freundschaft aber nur zu zweien.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_263">S. 263</a>, Z. 13 v. u.</b>) Das Phnomen der Galanterie hoffe ich -anderswo zu analysieren. Auch <em class="gesperrt">Kant</em> spricht (Fragmente aus dem -Nachla, ed. Kirchmann, Bd. VIII, S. 307) von der Beleidigung der -Weiber, in der Gewohnheit, ihnen zu schmeicheln.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_264">S. 264</a>, Z. 14 v. u.</b>) Vgl. Auguste <em class="gesperrt">Comte</em>, Cours de Philosophie -positive, 2<sup>ime</sup> d., par E. Littr, Vol. III, Paris 1864, p. 538 f. -Er spricht vom vain principe fondamental de <em class="gesperrt">l'observation intrieure</em> -und der profonde absurdit que prsente la seule supposition, -si videmment contradictoire, de l'homme se regardant -penser.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_264">S. 264</a>, Z. 7 v. u.</b>) Friedrich <em class="gesperrt">Jodl</em>, Lehrbuch der Psychologie, -2. Aufl., Bd. II, Stuttgart und Berlin 1903, S. 103.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_265">S. 265</a>, Z. 4.</b>) <em class="gesperrt">Mill</em>: in seinem Buche gegen <em class="gesperrt">Hamilton</em> (nach -Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, L'Automatisme psychologique, 3<sup>ime</sup> d., Paris 1899, -p. 39 f., wo zum Ich-Problem manches in Deutschland weniger Bekannte -angefhrt wird). <em class="gesperrt">Mach</em>: Die Analyse der Empfindungen, -3. Aufl. 1902, S. 3, 18 f. — brigens sagt bereits <em class="gesperrt">Hume</em> (Treatise -I, 4, 6, p. 454 der ersten Ausgabe, Vol. I, London 1739): Memory -is to be considered as the source of personal identity.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_266">S. 266</a>, Z. 2.</b>) Heinrich <em class="gesperrt">Schurtz</em>, Altersklassen und Mnnerbnde, -Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin -1902.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_266">S. 266</a>, Z. 6.</b>) <em class="gesperrt">Pascal</em>: Penses I, 7, 1 Misre de l'homme.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_544" id="Seite_544">[S. 544]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_266">S. 266</a>, Z. 16.</b>) ber die Kleptomanie der Weiber vgl. Albert -<em class="gesperrt">Moll</em>, Das nervse Weib, Berlin 1898, S. 167 f. Paul <em class="gesperrt">Dubuisson</em>, -Les voleuses des grands magasins, Archives d'Anthropologie criminelle, -XVI, 1901, p. 1–20, 341–370.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_266">S. 266</a>, Z. 8 v. u.</b>) Eduard von <em class="gesperrt">Hartmann</em>, Phnomenologie -des sittlichen Bewutseins, Prolegomena zu jeder knftigen -Ethik, Berlin 1879, S. 522 f. macht die zutreffende Bemerkung:</p> - -<p>Fast alle Weiber sind geborne Defraudantinnen aus Passion. -Wenige nur werden sich entschlieen, zu viel erhaltene Ware oder -zu viel herausbekommenes Geld zurckzuliefern; sie trsten sich damit, -der Kaufmann habe ja doch genug an ihnen verdient, und es knne -ihnen ja nicht bewiesen werden, da sie sich ihrer Unterschlagung -bewut gewesen seien.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_267">S. 267</a>, Z. 20.</b>) ber die Buschmnner, <em class="gesperrt">Klemm</em>, Allgemeine -Kulturgeschichte der Menschheit, Leipzig 1844, Bd. I, S. 336.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_268">S. 268</a>, Z. 4 v. u. ff.</b>) Hier darf ich <em class="gesperrt">Kant</em> selbst fr meine -Anschauung von der Seelenlosigkeit des Weibes in Anspruch nehmen. -Er sagt (Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann): ‚Was die Welt -sagt, ist <em class="gesperrt">wahr</em>, und was sie <em class="gesperrt">thut</em>, gut’ ist ein weiblicher Grundsatz, -der sich schwer mit einem <em class="gesperrt">Charakter</em>, in der engen Bedeutung des -Wortes, vereinigen lt. Er fgt allerdings hinzu: Es gab aber doch -wackere Weiber, die, in Beziehung auf ihr Hauswesen, einen dieser -ihrer Bestimmung angemessenen Charakter mit Ruhm behaupteten. -Jedenfalls wird niemand mit Ruhm behaupten, da diese Einschrnkung -den intelligiblen Charakter des Weibes retten knne, der -nach der Kantischen Hauptlehre Zweck an sich selbst ist. — -Wenn brigens ein Kantianer, der nur am Wortlaut des Meisters -kleben wrde, der ganzen Darlegung entgegenhielte, da nach Kant -der intelligible Charakter <em class="gesperrt">allen</em> vernnftigen Wesen zukomme, so ist -zu erwidern, da das Weib eben keine Vernunft im Kantischen -Sinne hat. Da das Weib keine Beziehung zu den Werten hat, so -ist der Schlu auf das Fehlen des wertenden Gesetzgebers gerechtfertigt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_269">S. 269</a>, Z. 14.</b>) Der abgrundtiefe Unterschied zwischen dem -psychischen Leben des Mannes und der Frau wird noch immer, -vielleicht selbst in diesem Buche, seiner Bedeutung und Tragweite -nach unterschtzt. Nur selten finden sich hievon Ahnungen, wie bei -Heinrich <em class="gesperrt">Spitta</em>, Die Schlaf- und Traumzustnde der menschlichen -Seele mit besonderer Bercksichtigung ihres Verhltnisses zu den -psychischen Alienationen, 2. Aufl., Tbingen 1882, S. 301: Ein -entscheidender, durchgreifender Einflu auf das gesamte seelische -Leben liegt zunchst in dem Geschlechtsunterschied begrndet; dieser -Teilungsstrich, den die Natur hiemit durch die ganze Menschenwelt -gezogen hat, dokumentiert sich auf allen Gebieten des psychischen -Lebens. Alles Fhlen, Wollen, Begehren, mit einem Worte die<span class="pagenum"><a name="Seite_545" id="Seite_545">[S. 545]</a></span> -ganze Vorstellungsweise, alles Dichten und Trachten erhlt durch -den Unterschied der beiden Geschlechter einen eigenartigen Typus, -welcher im Verlauf der einzelnen Lebensalter sich immer mehr ausprgt -und damit gleichsam die Form bildet, unter welcher und in -welcher ein jeder das Ganze seiner eigenen Geisteswelt in der ihm -eigentmlichen Weise erfat. Der Unterschied im Seelenleben -zwischen Mann und Weib ist ein ungeheuerer, ein bis in die kleinsten -Details hinein sich erstreckender ....</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_269">S. 269</a>, Z. 5 v. u.</b>) Friedrich Albert <em class="gesperrt">Lange</em>, Geschichte des -Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, Buch II, -5. Aufl., Leipzig 1896, S. 381.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_273">S. 273</a>, Z. 1 ff.</b>) Vgl. hiemit Theodor <em class="gesperrt">Lipps</em>, Suggestion und -Hypnose, Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der -kniglichen Akademie der Wissenschaften zu Mnchen, 1897/II, -S. 520: Psychologisch ist das Ganze jederzeit mehr und in gewissem -Sinne jederzeit eher als der Teil. Und besonders Wilhelm -<em class="gesperrt">Diltheys</em> mehrfach erwhnte charakterologische Abhandlungen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_274">S. 274</a>, Z. 4 ff.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der reinen Vernunft, -S. 289, ed. Kehrbach.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_274">S. 274</a>, Z. 17.</b>) Eine mit meiner Darstellung in gewissen -Punkten sich berhrende, sehr interessante Abhandlung ist die von -Oskar <em class="gesperrt">Ewald</em>, Die sogenannte empirische Psychologie und der -Transcendentalismus Kants, Die Gnosis, Halbmonatsschrift, Wien, -5. Mrz 1903, S. 87–91. Ewalds Absicht luft auf eine psychologische -Kategorienlehre hinaus, als auf eine Tafel jener Verstandesbegriffe -(Wille, Kraft und psychische Aktivitt), die psychologische -Erfahrung erst mglich machen sollen. Kant habe nur die eine Hlfte -der Arbeit, den naturwissenschaftlichen Teil, geleistet, den anderen -noch zu tun gelassen. Ich kann mich dieser Auffassung nicht anschlieen, -weil es nach ihr zweierlei Erfahrung, eine uere und eine -ihr <em class="gesperrt">beigeordnete</em> innere, geben mte, und weil der Zusammenhang des -psychischen Lebens ein unmittelbar erlebter ist, und aus seiner Beobachtung -Erfahrungsstze von hherer als komparativer Allgemeinheit -geschpft werden knnen (vgl. S. 220). Aber mit diesen Einwendungen -mchte ich das von <em class="gesperrt">Ewald</em> angeregte Problem keineswegs -erledigt haben. Es ist dieses Problem, weit genug verfolgt, -vielleicht das tiefste philosophische Problem berhaupt, oder identisch -mit diesem; denn das Verhltnis von Begriff und Anschauung, von -Freiheit und Notwendigkeit spielt hier herein. Und schlielich hngt -diese ganze Frage aufs innigste mit dem Postulate der Unabhngigkeit -der Erkenntnistheorie von der Psychologie zusammen. Ich kann -hierauf nicht nher eingehen, und mchte auf jenen bedeutungsvollen, -blo an etwas okkultem Orte publizierten Gedanken hier nur -hingewiesen haben.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_275">S. 275</a>, Z. 3.</b>) E. <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Analyse der Empfindungen und das -Verhltnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902, <span class="pagenum"><a name="Seite_546" id="Seite_546">[S. 546]</a></span>S. 60 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_275">S. 275</a>, Z. 6 v. u. ff.</b>) Die franzsischen Verse aus Edmond -<em class="gesperrt">Rostand</em>, Cyrano de Bergerac, Acte I, Scne IV (Paris 1898, -p. 43).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_276">S. 276</a>, Z. 4 ff.</b>) Die hier bekmpften Anschauungen sind die -von <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Mechanik, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 478 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_276">S. 276</a>, Z. 8 v. u.</b>) Wilhelm <em class="gesperrt">Windelband</em>, Geschichte und -Naturwissenschaft, Rektoratsrede, Straburg 1894.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_277">S. 277</a>, Z. 5.</b>) v. <em class="gesperrt">Schrenck-Notzing</em>, ber Spaltung der -Persnlichkeit (sogenanntes Doppel-Ich), Wien 1896, erwhnt auf -S. 6 nach <em class="gesperrt">Proust</em> einen Fall (den einzigen mir aus der Literatur -bekannt gewordenen) eines mnnlichen Hysterikers mit condition -prime und condition seconde. Es sind gewi noch einige Flle -mehr beobachtet worden; aber jedenfalls verschwinden sie an Zahl -vor der Menge der Frauen mit derartigem psychischen Zustandswechsel. -Da es Mnner mit mehrfachem Ich gibt, beweist nichts gegen -die Thesen des Textes; denn der Mann kann eben auch jene eine -Mglichkeit von den unzhligen in ihm verwirklichen, er kann auch -Weib werden (vgl. S. 241, 359, 398 f.).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_277">S. 277</a>, Z. 19.</b>) So sagt Heinrich <em class="gesperrt">Heine</em> in einem sehr -schlechten Gedichte (Letzte Gedichte, zum Lazarus 12):</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Gestalt der wahren Sphinx<br /></span> -<span class="i0">Weicht nicht ab von der des Weibes.<br /></span> -<span class="i0">Faselei ist jener Zusatz<br /></span> -<span class="i0">Des betatzten Lwenleibes.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Todesdunkel ist das Rtsel<br /></span> -<span class="i0">Dieser wahren Sphinx. Es hatte<br /></span> -<span class="i0">Kein so schweres zu erraten<br /></span> -<span class="i0">Frau Jokastens Sohn und Gatte.<br /></span> -</div></div> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_10" id="Zu_Teil_II_Kapitel_10">Zu Teil II, Kapitel 10.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_283">S. 283</a>, Z. 8–10</b>) Nur 34% der eigentlichen Prostituierten -bringen Kinder zur Welt (nach C. <em class="gesperrt">Lombroso</em> und G. <em class="gesperrt">Ferrero</em>, -Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, bersetzt von H. Kurella, -Hamburg 1894, S. 540).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_283">S. 283</a>, Z. 16 v. u. f.</b>) Die hier abgewiesene Meinung ist -vor allem eine bekannte Lehre sozialdemokratischer Theoretiker, -insbesondere August <em class="gesperrt">Bebels</em> (Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart -und Zukunft, 9. Aufl., Stuttgart 1891, S. 140 ff.): Die Prostitution -eine nothwendige soziale Institution der brgerlichen Welt. -So wird die Prostitution zu einer nothwendigen sozialen Institution -fr die brgerliche Gesellschaft, ganz wie Polizei, stehendes Heer, -Kirche, Unternehmerschaft u. s. w.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_284">S. 284</a>, Z. 18 f.</b>) Vgl. ber diese der Prostitution gezollten -Ehrungen Heinrich <em class="gesperrt">Schurtz</em>, Altersklassen und Mnnerbnde, Eine<span class="pagenum"><a name="Seite_547" id="Seite_547">[S. 547]</a></span> -Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902, S. 198 f. -Auch <em class="gesperrt">Lombroso-Ferrero</em>, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, -Hamburg 1894, S. 228 ff.; ber die Phnicier, S. 230.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_285">S. 285</a>, Z. 10.</b>) Der hier berichtigte Gedanke <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> -ist ausgesprochen in der Welt als Wille und Vorstellung, -Bd. II, S. 630, Grisebach.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_285">S. 285</a>, Z. 20.</b>) Johannes <em class="gesperrt">Mller</em>, Handbuch der Physiologie -des Menschen fr Vorlesungen, II. Bd., 2. Abt. Coblenz 1838, -S. 574 f.: Beim Versehen ..... soll etwas Positives gebildet -werden, und die Form des Gebildes soll der Form in der Vorstellung -entsprechen. Diese Wirkung ist schon deswegen unwahrscheinlich, -weil sie sich von einem Organismus auf den anderen erstrecken -soll; die Verbindung von Mutter und Kind ist aber nichts -anderes als eine mglichst innige Juxtaposition zweier an und fr -sich ganz selbstndiger Wesen, welche sich mit ihren Oberflchen -anziehen und wovon das eine die Nahrung und Wrme abgibt, die -sich das andere aneignet. [Dies eben, die Ansicht von der bloen -Juxtaposition, ist falsch. Vgl. im Texte S. 296.] Aber abgesehen -davon lt sich diese alte und hchst populre Superstition vom -Versehen durch viele andere Grnde entkrften. Ich habe Gelegenheit, -die meisten Monstra zu sehen, welche in der preuischen -Monarchie geboren werden. Gleichwohl kann ich behaupten, da -mir trotz dieser groen Gelegenheit in der Regel nichts Neues in -dieser Weise vorkommt, und da sich hiebei nur gewisse Formen -wiederholen, welche den groen Reihen der Hemmungsbildungen, -Spaltbildungen, Defekte, Verschmelzungen seitlicher Teile mit Defekt -der mittleren u. s. w. angehren ..... Bedenkt man ferner, da -sich jede Schwangere whrend der Zeit ihrer Schwangerschaft -gewi oft erschreckt, und da sehr viele sich gewi wenigstens -einmal, wenn nicht mehrere Male versehen, ohne da dies irgend -eine Folge hat, so wird es, falls eine Monstrositt irgendwo geboren -wird, gewi nicht an Gelegenheit fehlen, diese auf eine dem -populren Glauben entsprechende Weise zu erklren. Die vernnftige -Lehre vom Versehen reduziert sich daher darauf, da jeder heftige -leidenschaftliche Zustand der Mutter auf die organische Wechselwirkung -zwischen Mutter und Kind einen ebenso, pltzlichen Einflu -haben, und demzufolge auch eine Hemmung der Bildungen oder -ein Stehenbleiben der Formationen auf gewissen Stufen der Metamorphose -herbeifhren kann, ohne da jedoch die Vorstellung der -Mutter auf die Stelle, wo sich dergleichen Retentionen erzeugen, -Einflu haben knne u. s. w.</p> - -<p>Th. <em class="gesperrt">Bischoff</em>, Artikel: Entwicklungsgeschichte mit besonderer -Bercksichtigung der Mibildungen in Rudolf Wagners -Handwrterbuch der Physiologie, Bd. I, Braunschweig 1842, S. 885 -bis 889. Zunchst S. 886: <em class="gesperrt">Meckel</em> hat mit Recht zuerst darauf aufmerksam<span class="pagenum"><a name="Seite_548" id="Seite_548">[S. 548]</a></span> -gemacht, da in der Frage nach dem Versehen, wie sie -gewhnlich aufgestellt wird, meistens zwei wesentlich verschiedene -eingeschlossen sind, nmlich erstens die: knnen Affekte der Mutter -auf die Entwicklung des neuen Organismus einen Einflu haben? -Und zweitens die: knnen Affekte der Mutter, die durch einen bestimmten -Gegenstand veranlat werden, die Bildung des neuen Organismus -dergestalt verndern, da derselbe jenem Gegenstande -gleich oder hnlich wird? Wenn nun gleich die Erfahrung oft zeigt, -da sich der Ftus sehr selbstndig, sowohl von den krperlichen -als psychischen Zustnden der Mutter entwickeln kann, und demnach -durchaus keine notwendige Beziehung zwischen beiden sich -vorfindet, so haben doch anderseits tausende von Fllen die Abhngigkeit -der Entwicklung der Frucht von den krperlichen und -psychischen Zustnden der Mutter so entschieden nachgewiesen, da -die erste Frage nur ganz unbedingt bejahend beantwortet werden -kann ..... Es ist in vielen Fllen wirklich wahr gewesen und ereignet -sich noch, da ein heftiger Schrecken oder Gemtsbewegung -der Mutter eine Mibildung veranlat hat, ohne da indessen die -Form derselben dem Gegenstande jenes Schreckens entsprche. Wir -sehen aber, wie sich hieraus unter Beihilfe der Phantasie, die hnlichkeiten -schafft, wo keine sind, viele Angaben erklren lassen. -Allein auch noch fr diese hnlichkeiten sind wir imstande, nhere -Erklrungen und Aufschlsse zu geben ..... So ist es erklrlich, -wie Furcht und Schrecken, deprimierende und schwchende Einflsse -Strungen und Hemmungen in der Ausbildung der Frucht -hervorbringen knnen, welche zufllig und einzelne Male selbst eine -gewisse hnlichkeit mit den Objekten des Affektes haben knnen. -Er macht im weiteren achterlei Grnde namhaft, welche man -gegen die Erklrung der Entstehung gewisser Mibildungen durch -Affekte der Mutter, veranlat durch, diesen Mibildungen hnliche, -Gegenstnde aufwerfen mu߫, bekannte Argumente, die ich hier -nicht alle wiederholen kann, und kommt zu dem Schlusse: -Nehmen wir zu diesem allen noch hinzu, da wir die meisten -Mibildungen aus den Entwicklungsgesetzen und anderen naturwissenschaftlich -zu analysierenden Ursachen erklren knnen, <em class="gesperrt">so -wird wohl jedermann zugestehen mssen, da das Versehen -zum wenigsten nur als eine sehr seltene und beschrnkte -Ursache der Mibildungen angenommen werden -kann</em>. S. 885: Schon <em class="gesperrt">Hippokrates</em> verteidigte eine Prinzessin, -welche in den Verdacht des Ehebruches gekommen war, weil sie -ein schwarzes Kind gebar, dadurch, da zu den Fen ihres Bettes -das Bild eines Negers gehangen habe ..... Spter scheint es, da -vorzglich der unglckliche und verderbliche Wahn, die Mibildungen -seien Wirkungen des gttlichen Zornes oder dmonischer und sodomitischer -Abstammung, den Glauben an das Versehen vorzglich -bestrkt haben. Die unglcklichen Mtter solcher Mibildungen<span class="pagenum"><a name="Seite_549" id="Seite_549">[S. 549]</a></span> -waren natrlich gerne bereit, den auf sie fallenden schrecklichen -Verdacht und die ihm so oft folgenden grausamen Strafen dadurch -von sich abzuwenden, da sie die Annahme des Versehens so sehr -als mglich untersttzten. So wurde sie denn die allgemein verbreitetste, -und der Phantasie wurde es nicht schwer, fr die Formen -der Mibildungen uere Objekte als Ursachen aufzufinden.</p> - -<p>Charles <em class="gesperrt">Darwin</em>: Das Variieren der Tiere und Pflanzen im -Zustande der Domestikation, bersetzt von J. Viktor Carus, II. Bd., -2. Aufl. Stuttgart 1873, S. 301 (Kapitel 22).</p> - -<p>Ablehnendes Verhalten der Zchtungstheoretiker: Hermann -<em class="gesperrt">Settegast</em>, Die Tierzucht, 4. Aufl., I. Bd.; Die Zchtungslehre, -Breslau 1878, S. 100 bis 102, 219 bis 222. S. 219: Der Glaube -an die Mglichkeit des Versehens ist uralt. Schon die Bibel erzhlt -uns (1. Buch Mose, Kap. 30, Vers 37 bis 39), da der Erzvater -Jakob es verstand, ein ‚Versehen’ der Mutterschafe knstlich hervorzurufen -und auf diese Weise scheckige Lmmer zu erzeugen. Er -tat nmlich Holzstbe, die durch stellenweises Abschlen der Rinde -ein scheckiges Aussehen gewonnen hatten, in Trnkrinnen. -Es mag dahingestellt bleiben, ob Jakob der Meinung war, da das -Versehen an diesen bunten Holzstbchen whrend des Bespringens -der Mutterschafe, das an den Trnktrgen bewerkstelligt worden zu -sein scheint, vor sich gehen werde, oder da die <em class="gesperrt">schon tragenden</em> -Mutterschafe im Anblick der auffallenden Gegenstnde, die ihnen -beim Trinken vor die Augen gerckt wurden, und den bunten -Stben entsprechend scheckige Lmmer bringen mten. Seinen -gewinnschtigen Zweck hat aber Jakob erreicht und dadurch den -Grund zu seiner Wohlhabenheit gelegt. Bis auf den heutigen Tag -finden Schilderungen hnlicher Art Glubige. In einer Anmerkung -hiezu: uert sich doch noch im Jahre 1874 Dr. J. in einer der -gelesensten und geachtetsten Zeitungen Deutschlands unter anderem -wie folgt: ‚Es ist eine eigentmliche Erfahrung, welche der Zchter -macht, da durch die Imagination des Muttertieres, zumal wenn es -tragend ist, sich die Farbe der es umgebenden Gegenstnde und -besonders die Farbe der Tiere von seiner nchsten Umgebung auf -die Nachkommenschaft hufig bertrgt. So ist es sehr oft beobachtet -worden, da der wiederholte und reichliche Verbrauch von -Kalkanstrich den Stllen und Verschlgen, worin sich eine Rinderzuchtherde -befindet, erheblich das Verhltnis der weien oder weischeckigen -Klber vermehrt, die geboren werden.’ Solche und -hnliche Erzhlungen legen Zeugnis von der Leichtfertigkeit ab, -womit kritiklos und aus Sucht, dem Leser Pikanterien zu bieten, -unbegrndete Behauptungen mit dem Gewande sogenannter Erfahrungen -umkleidet werden. ..... Der Umstnde und Tatsachen, -welche gegen die Mglichkeit des Versehens sprechen, gibt es so -viele, da es uns fast wie ein Rest von Aberglauben vorkommen<span class="pagenum"><a name="Seite_550" id="Seite_550">[S. 550]</a></span> -will, wenn man an dieser haltlosen Theorie, durch die auffallende -Formen erklrt werden sollen, ferner festhlt.</p> - -<p>Endlich sei als ein Gynkologe angefhrt Max <em class="gesperrt">Runge</em>, Lehrbuch -der Geburtshilfe, 6. Aufl., Berlin 1901, S. 82 f.: Die Frage, -ob starke psychische Eindrcke, welche eine Schwangere treffen, -Einflu auf die Entstehung krperlicher Verbildungen oder geistiger -Defekte der Frucht haben knnen, spielt bei vielen Laien eine groe -Rolle (Versehen der Schwangeren). Von der neueren wissenschaftlichen -Medizin ist bis auf die jngste Zeit die Frage abgelehnt -worden, und insbesondere die Mglichkeit eines Kausalzusammenhanges -zwischen psychischem Eindruck und einer vorliegenden Mibildung -des Kindes auf das bestimmteste geleugnet worden. In -neuester Zeit hat man die genannte Frage aber doch einer Diskussion -wert erachtet. Mag die Frage also wissenschaftlich noch diskutabel -sein, fr die Praxis gilt auch heute noch der Rat, bei -Schwangeren und ihrer Umgebung den Glauben an das sogenannte -Versehen ernstlich zu bekmpfen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Runge</em> spielt hier an auf die Abhandlungen von J. <em class="gesperrt">Preu</em>, -Vom Versehen der Schwangeren, Berliner Klinik, Heft 51 (1892), <em class="gesperrt">Ballantyne</em>, -Edinburgh Medical Journal, Vol. XXXVI, 1891 und die -Arbeit Gerhards von <em class="gesperrt">Welsenburg</em>, Das Versehen der Frauen in -Vergangenheit und Gegenwart und die Anschauungen der rzte, -Naturforscher und Philosophen darber, Leipzig 1899. v. Welsenburgs -ausfhrliche Zusammenstellung lt am Schlusse die Frage -unentschieden.</p> - -<p>ber das Versehen und die sicher bertriebene Sucht, alle -Mibildungen hierauf als einzige Ursache zurckzufhren vgl. noch -<em class="gesperrt">Plo</em>, Das Weib in der Natur- und Vlkerkunde, 7. Aufl., 1902, -Bd. I, S. 809 bis 811. Benjamin <em class="gesperrt">Bablot</em>, Dissertation sur le -pouvoir de l'imagination des femmes enceintes. E. v. <em class="gesperrt">Feuchtersleben</em>, -Die Frage ber das Versehen der Schwangeren, zergliedert -in den Verhandlungen der k. k. Gesellschaft der rzte zu Wien, -1842, S. 430 f., und andere, worber bei von Welsenburg nachgelesen -werden kann. Dieser fhrt auch zahlreiche Frsprecher des -Versehens an (so <em class="gesperrt">Budge</em>, <em class="gesperrt">Schnlein</em>, <em class="gesperrt">Carus</em>, <em class="gesperrt">Bechstein</em>, -Prosper <em class="gesperrt">Lucas</em>, G. H. <em class="gesperrt">Bergmann</em>, A. von <em class="gesperrt">Solbrig</em>, Theodor -<em class="gesperrt">Roth</em>, Karl <em class="gesperrt">Hennig</em> [die zwei letzteren in Virchows Archiv 1883, -1886], <em class="gesperrt">Bichat</em> u. a.). Ich mchte nur noch erwhnen, was ein so -hervorragender, klarer und nchterner Naturforscher wie Karl Ernst -von <em class="gesperrt">Baer</em> zu dieser Frage bemerkt hat (bei dem ebenfalls zu den -Anhngern des Versehens zhlenden ausgezeichneten Karl Friedrich -<em class="gesperrt">Burdach</em>, in dessen Physiologie als Erfahrungswissenschaft, 2. Aufl. -Bd. II, Leipzig 1837, S. 127):</p> - -<p>Eine schwangere Frau wurde durch eine in der Ferne sichtbare -Flamme sehr erschreckt und beunruhigt, weil sie dieselbe in<span class="pagenum"><a name="Seite_551" id="Seite_551">[S. 551]</a></span> -der Gegend ihrer Heimat erblickte. Der Erfolg lehrte, da sie sich -nicht geirrt hatte; da der Ort aber sieben Meilen entfernt war, -so dauerte es lange, bis man sich hierber Gewiheit verschaffte, -und diese lange Ungewiheit mag besonders auf die Frau eingewirkt -haben, so da sie lange nachher versicherte, stets die Flamme vor -Augen zu haben. Zwei oder drei Monate nach dem Brande wurde -sie von einer Tochter entbunden, welche einen roten Fleck auf der -Stirn hatte, der nach oben spitz zulief in Form einer auflodernden -Flamme; er wurde erst im siebenten Jahre unkenntlich. <em class="gesperrt">Ich erzhle -diesen Fall, weil ich ihn zu genau kenne, da er -meine eigene Schwester betrifft</em>, und weil die Klage ber die -Flamme vor den Augen <em class="gesperrt">whrend der Schwangerschaft</em> gefhrt, -und nicht, wie gewhnlich, nach der Entbindung die Ursache der -Abweichung in der Vergangenheit aufgesucht wurde.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_286">S. 286</a>, Z. 9 ff.</b>) Henrik <em class="gesperrt">Ibsen</em>, Die Frau vom Meer, Zweiter -Aufzug, Siebenter Auftritt. — <em class="gesperrt">Goethe</em>, Die Wahlverwandtschaften, -Zweiter Teil, Dreizehntes Kapitel. — v. <em class="gesperrt">Welsenburg</em> weist auch -auf <em class="gesperrt">Immermanns</em>, infolge eines bsen Traumes seiner Mutter mit -einem hirschfngerartigen Male unter dem Herzen gebornen Jger -aus dem Mnchhausen hin (Buch II, Kap. 7, S. 168–175, ed. -Hempel).</p> - -<p>Es ist von Interesse, zu hren, wie zwei Mnner der Wissenschaft -ber die bekannte Begebenheit aus den Wahlverwandtschaften -sich uern. H. <em class="gesperrt">Settegast</em>, Die Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die -Zchtungslehre, Breslau 1878, spricht S. 101 f. zuerst ber die -fragliche Beeinflussung des Embryo durch Eindrcke der Mutter -whrend der Gestation, und fhrt dann fort: Es wird erzhlt, es -sei einst ein weikpfiges Fohlen geboren worden infolge des Umstandes, -da whrend des Beschlaktes im Gesichtskreise der Zeugenden -sich ein Knabe befand, der sich den Kopf mit einem weien -Tuche verhllt hatte. Ein scheckiges Fohlen ward geboren, nachdem -die zur Beschlstation gefhrte rossige Stute den Weg wiederholt -in Gesellschaft eines scheckigen Pferdes zurckgelegt hatte. In einem -anderen Falle soll das Scheckenkleid des Fohlens durch das pltzliche -Erscheinen eines scheckigen Jagdhundes whrend des Beschlaktes -veranlat worden sein ... Wollte man einwenden, da es -zweifelhaft sei, ob das, was <em class="gesperrt">der Mensch</em> fr eine genug auffllige -Erscheinung halte, die Einbildungskraft des zeugenden Tieres zu beschftigen, -auch von dem Tiere so angesehen werde, so knnten -aus der Erfahrung zahlreiche Flle beigebracht werden, in denen -nachweisbar whrend der Begattung die Einbildungskraft eines der -Zeugenden mit einem sinnlichen Gegenstande beschftigt sein mute. -So gehrt es z. B. in der Tierzucht zu den nicht ungewhnlichen -Mitteln, ein mnnliches Tier zur Begattung mit einem von ihm -nicht begehrten dadurch zu vermgen, da man eine seiner Favoritinnen<span class="pagenum"><a name="Seite_552" id="Seite_552">[S. 552]</a></span> -in die Nhe der Verschmhten bringt. Nun wird der Sprung -nicht versagt, die durch die Neigung des mnnlichen Individuums -Begnstigte wird schnell zurck-, und die Verschmhte zur Kopulation -untergeschoben. <em class="gesperrt">Noch niemals hat man beobachtet, da das -Kind des so Betrogenen dem Gegenstande seiner Neigung, -mit dem seine Phantasie whrend des Begattungsaktes beschftigt -sein mute, gleiche, und da sich ein Proze vollziehe, -den Goethe in seinen Wahlverwandtschaften mit -dichterischer Meisterschaft geschildert hat. In das von ihm -beherrschte Gebiet der Phantasie und Dichtung wird man -die Ansicht von dem Einflu seelischer Eindrcke auf das -Zeugungsprodukt zu verweisen haben.</em></p> - -<p>Viel bescheidener absprechend sagt Rudolf <em class="gesperrt">Wagner</em>, Nachtrag zu -Rud. Leuckarts Artikel Zeugung in Wagners Handwrterbuch der -Physiologie, Bd. IV, Braunschweig 1853, S. 1013: Infolge heftigen -Schreckens kann Abortus entstehen. Anhaltender Gram kann ein -Gesamtleiden der Mutter zur Folge haben, welches Zerrttung ihrer -Konstitution, schlechte Ernhrung, Krankheiten des Ftus veranlassen -kann. Aber ein spezifischer Einflu durch Eindrcke uerer -Gegenstnde auf die Schwangeren darf nicht zugegeben werden, und -niemals kann die Entstehung von Mibildungen, von Muttermlern etc. -damit in Zusammenhang gebracht werden. <em class="gesperrt">Wer im Sinne von -Goethes Wahlverwandtschaften — wo diese Ansicht mit -der fr den Menschenkenner eigentmlichen Tiefe durchgefhrt -ist — einen Einflu innerer Gedankenbildung im -Momente des Beischlafes auf die physische und psychische -Bildung der Frucht annehmen will, der wird vom physiologischen -Standpunkte weder zu widerlegen sein, noch -wird ihm seine Ansicht besttigt werden knnen.</em> Bis zu -solcher Tiefe ist die Physiologie noch nicht vorgeschritten, und es -steht zu bezweifeln, da sie je dahin gelangen werde. <em class="gesperrt">Wenn ich -mein subjektives Urteil aussprechen soll, so mu ich jedoch -gestehen, da ich einen solchen Einflu der bloen -Vorstellung im Momente des Zeugungsaktes viel eher zu -bezweifeln als anzunehmen geneigt bin.</em></p> - -<p>Schlielich sei noch erwhnt, da auch <em class="gesperrt">Kant</em> das Versehen -bestritten hat, in der Abhandlung: ber die Bestimmung des Begriffs -einer Menschenrasse (Berliner Monatsschrift, November 1785, -Bd. VIII, S. 131–132, ed. Kirchmann): Es ist klar, da, wenn der -Zauberkraft der Einbildung oder der Knstelei der Menschen an -tierischen Krpern ein Vermgen zugestanden wrde, die Zeugungskraft -selbst abzundern, das uranfngliche Modell der Natur umzuformen -oder durch Zustze zu verunstalten, die gleichwohl nachher -beharrlich in den folgenden Zeugungen aufbehalten wrden, man -gar nicht mehr wissen wrde, von welchem Originale die Natur ausgegangen<span class="pagenum"><a name="Seite_553" id="Seite_553">[S. 553]</a></span> -sei, oder wie weit es mit der Abnderung desselben gehen -knne, und, da der Menschen Einbildung keine Grenzen erkennt, in -welche Fratzengestalt die Gattungen und Arten zuletzt noch verwildern -drften. Dieser Erwgung gem nehme ich es mir zum Grundsatze, -gar keinen in das Zeugungsgeschft der Natur pfuschenden Einflu -der Einbildungskraft gelten zu lassen und kein Vermgen der -Menschen, durch uere Knstelei Abnderungen in dem alten -Original der Gattungen oder Arten zu bewirken, solche in die -Zeugungskraft zu bringen und erblich zu machen. Denn lasse -ich auch nur einen Fall dieser Art zu, so ist es, als ob ich -auch nur eine einzige Gespenstergeschichte oder Zauberei einrumte -u. s. w.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_287">S. 287</a>, Z. 14 v. u.</b>) Da den Prostituierten alle mtterlichen -Gefhle abgehen, darber vgl. <em class="gesperrt">Lombroso-Ferrero</em>, S. 539 f. der -deutschen Ausgabe (Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, -Hamburg 1894).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_290">S. 290</a>, Z. 14.</b>) Die Argumente, welche als moralische Begrndungen -der Ehe angefhrt werden, sind bare Sophisterei. Sogar -vom Standpunkte der Kantischen Ethik — und es gibt keine andere -Ethik — hat man sie auf folgende Weise aufrechtzuhalten gesucht, -wie Theodor G. v. <em class="gesperrt">Hippel</em> (ber die Ehe, 3. Aufl., Berlin 1792, -S. 150): Nie ist der Mensch <em class="gesperrt">Mittel</em>, allemal ist er <em class="gesperrt">Zweck</em>: nie Instrument, -sondern Spielmann; nie kann er genossen werden, -sondern er ist Genieer! In der Ehe verbinden sich zwei Personen, -einander gegenseitig zu genieen: das Weib will eine Sache fr den -Mann seyn, und auch der Ehemann macht sich dagegen in bester -Form Rechtens verbindlich, sich dahin zu geben. Da beide sich zu -Instrumenten herabsetzen, auf denen wechselweise gespielt wird, so geht -Null mit Null auf: und dieser einzige Menschengenukontrakt ist erlaubt, -nthig, gttlich weise. Ja <em class="gesperrt">Kant</em> selbst fhrt eine gleiche -arithmetische Operation in seinen Metaphysischen Anfangsgrnden -der Rechtslehre aus ( 25, S. 88 f., ed. Kirchmann): Der -natrliche Gebrauch, den ein Geschlecht von den Geschlechtsorganen -des anderen macht, ist ein <em class="gesperrt">Genu</em>, zu dem sich ein Teil dem anderen -hingibt. In diesem Akt macht sich der Mensch selbst zur Sache, -welches dem Rechte der Menschheit an seiner eigenen Person widerstreitet. -Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses mglich, da, -indem die eine Person von der anderen <em class="gesperrt">gleich als Sache</em> erworben -wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe, denn so gewinnt -sie wiederum sich selbst und stellt ihre Persnlichkeit wieder her. -Es ist aber der Erwerb eines Gliedmaes am Menschen zugleich -Erwerbung der ganzen Person — weil diese eine absolute Einheit -ist — folglich ist die Hingebung und Annehmung eines Geschlechtes -zum Genu des anderen nicht allein unter der Bedingung der Ehe -zulssig, sondern auch <em class="gesperrt">allein</em> unter derselben mglich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_554" id="Seite_554">[S. 554]</a></span> - -Diese Rechtfertigung berhrt sehr eigentmlich. Es hebt sich -moralisch nicht auf, wenn zwei Menschen einander gleich viel stehlen. -Zu erklren ist diese uerung wohl nur aus der geringen -Rolle, welche die Frauen in Kantens psychischem Leben spielten, -und der geringen Heftigkeit der erotischen Neigungen, die er zu bekmpfen -hatte.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_291">S. 291</a>, Z. 14 f.</b>) Vgl. Joseph <em class="gesperrt">Hyrtl</em>, Topographische Anatomie, -5. Aufl., 1865, S. 559 f.: Der Zusammendrckung der Ausfhrungsgnge -der einzelnen Drsenlappen wird durch das Hartwerden der -Warze vorgebeugt, welche sich umsomehr steift, je grer der mechanische -Reiz ist, welchen die kindlichen Kiefer auf die Warze -ausben. Die zahlreichen Tastwrzchen an der Oberflche der Papille -werden die Erfllung der Mutterpflicht mit einem wohltuenden -Kitzel lohnen, der jedoch zu wenig wollstig ist, um jede Mutter -fr die Leistung der heiligsten Pflicht zu gewinnen. [Wohl aber -jede Mutter nach dem im Texte entwickelten Begriffe einer eigentlichen -Mutterschaft im Gegensatze zur Dirnenhaftigkeit.] — ber -die Erection der Warze selbst vgl. L. <em class="gesperrt">Landois</em>, Lehrbuch der Physiologie -des Menschen, 9. Aufl., Wien und Leipzig 1896, S. 441: -Bei der Entleerung der Milch wirkt nicht allein rein mechanisch -das <em class="gesperrt">Saugen</em>, sondern es kommt eine <em class="gesperrt">aktive Ttigkeit der -Brustdrse</em> hinzu. Diese besteht zunchst in der Erection der -Warze, wobei die glatten Muskeln derselben zur Entleerung der -Milch auf die Sinus der Gnge drcken, so da dieselbe sogar im -Strahle hervorspritzen kann. — ber die Uteruskontraktionen Max -<em class="gesperrt">Runge</em>, Lehrbuch der Geburtshilfe, 4. Aufl., Berlin 1898, S. 180: -Der Reiz der Warzen durch das Saugen lst Uteruskontraktionen -aus.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_292">S. 292</a>, Z. 1 v. u.</b>) Man vergleiche hiemit die folgenden Betrachtungen -J. J. <em class="gesperrt">Bachofens</em>, die vielleicht tief genannt zu werden -verdienen (Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, S. 165 f.): Der Mann -erscheint als das bewegende Prinzip. Mit der Einwirkung der mnnlichen -Kraft auf den weiblichen Stoff beginnt die Bewegung des -Lebens, der Kreislauf des ὁρατὸς κόσμος. War zuvor alles in Ruhe, -so hebt jetzt mit der ersten mnnlichen Tat jener ewige Flu der -Dinge an, der durch die erste κίνησις hervorgerufen wird, und, nach -Heraklits bekanntem Bilde, in keinem Augenblicke vllig derselbe -ist. Durch Peleus' Tat wird aus Thetis' unsterblichem Mutterschoe -das Geschlecht der Sterblichen geboren. Der Mann bringt den Tod -in die Welt. Whrend die Mutter fr sich der Unsterblichkeit geniet, -geht nun, durch den Phallus erweckt, aus ihrem Leibe ein -Geschlecht hervor, das gleich einem Strome immer dem Tode entgegeneilt, -gleich Meleagers Feuerbrand stets sich selbst verzehrt. Auch -S. 34 f. ist von Bachofen manches Schne ber die im demetrisch-tellurischen -Prinzipe gelegene Art der Unsterblichkeit gesagt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_555" id="Seite_555">[S. 555]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_293">S. 293</a>, Z. 4 f.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Die Welt als Wille und -Vorstellung, Bd. II, Buch 4, Kapitel 41.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_294">S. 294</a>, Z. 18.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Die Welt als Wille und -Vorstellung, Bd. II, Buch 4, Kapitel 44: Der Endzweck aller -Liebeshndel, sie mgen auf dem Soccus oder dem Kothurn gespielt -werden, ist ... wichtiger als alle anderen Zwecke im -Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes, womit jeder ihn verfolgt, -vllig wert. Das nmlich, was dadurch entschieden wird, ist -nichts Geringeres als die <em class="gesperrt">Zusammensetzung der nchsten -Generation</em> u. s. w.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_295">S. 295</a>, Z. 26.</b>) Z. B. sagt der freilich auch sonst beraus flache -und unoriginelle Eduard von <em class="gesperrt">Hartmann</em>, der jetzt von manchen, wie es -scheint, blo weil er kein Universittsprofessor ist, schon fr einen groen -Denker gehalten wird, in seiner Phnomenologie des sittlichen Bewutseins, -Prolegomena zu jeder knftigen Ethik (Berlin 1879), S. 268 f.: -Man denke ... an ein vom naivsten aber rcksichtslosesten und schamlosesten -Egoismus beseeltes Weib, das von dem Tage an, wo es Mutter -wird, mit der ganzen Naivitt des weiblichen Gefhls ihr Selbst auf die -Personen ihrer Kinder mit ausdehnt, kein Opfer fr das Wohl dieser -scheut, aber auch die so erweiterte Mutterselbstsucht ebenso rcksichtslos -und schamlos nach auen bt wie vorher ihren Egoismus, ja noch -ungenierter, weil sie in ihren Mutterpflichten eine ethische Rechtfertigung -ihres Verhaltens zu besitzen glaubt ... Ist auch eine -solche einseitige Liebe, die rcksichtslos zu allem auerhalb dieses -Liebesverhltnisses Liegenden sich verhlt, eine sittlich unvollkommene, -so ist sie doch im Prinzip ein unermelicher Fortschritt ber den -starren Eigennutz und die kahle Eigenliebe hinaus, und zeigt den -grundstzlichen Bruch mit der Beschrnkung des Willens auf das -alleinige Wohl der Individualitt. Man kann sagen, da in einer -solchen Mutter, bei aller Einseitigkeit ihrer Moralitt, doch unendlich -viel mehr ethische <em class="gesperrt">Tiefe</em> verwirklicht ist als bei dem Virtuosen der -Klugheitsmoral, dem willenlosen Sklaven kirchlicher Moralformeln -und dem Knstler der sthetischen Moral zusammengenommen, da -jene die <em class="gesperrt">Wurzel alles Bsen</em> wenigstens in <em class="gesperrt">einem</em> Punkte -radikal und <em class="gesperrt">von Grund aus zerstrt hat</em>, whrend von diesen -die beiden ersten sich durch auerhalb der Sache liegende Rcksichten, -der letztere doch nur durch oberflchliche und uerliche -Seiten der Sache bestimmen lt. Darum wird solche Liebe sittliche -Achtung und in ihren hheren Graden selbst Ehrfurcht und Bewunderung -erwecken, selbst da, wo ihre Einseitigkeit zu unsittlichem -Verhalten nach anderen Richtungen fhrt. Alle diese Irrtmer entstehen -aus dem trotz <em class="gesperrt">Kant</em> berall verbreiteten, aber ganz unhaltbaren -Glauben an eine triebhafte, naive, unbewute und auf diese -Art vollkommene Sittlichkeit. Man wird es ewig zu wiederholen -haben, da Moralitt und Bewutheit, Unbewutheit und Immoralitt<span class="pagenum"><a name="Seite_556" id="Seite_556">[S. 556]</a></span> -einerlei sind. (So spricht von unbewuter Sittlichkeit Hartmann -a. a. O., S. 311; es mu hiegegen anerkannt werden, da er an -anderen Stellen einsichtiger ber die Frauen urteilt; z. B. S. 526: -Der Mangel an Rechtlichkeit und Gerechtigkeit macht das weibliche -Geschlecht als Ganzes zu einem moralischen Parasiten des -mnnlichen.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_297">S. 297</a>, Z. 1.</b>) Johann <em class="gesperrt">Fischart</em>, Das Philosophisch Ehezuchtbchlin. -— Jean <em class="gesperrt">Richepins</em> bekannte Ballade La Glu nach dem -Bretonischen (in La Chanson des Gueux). Auch H. <em class="gesperrt">Heine</em> htte -mehrerer Gedichte wegen hier angefhrt werden drfen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_297">S. 297</a>, Z. 10.</b>) J. J. <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das Mutterrecht, Eine -Untersuchung ber die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer -religisen und rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 10: Auf den -tiefsten, dstersten Stufen des menschlichen Daseins bildet die Liebe, -welche die Mutter mit den Geburten ihres Leibes verbindet, den -Lichtpunkt des Lebens, die einzige Erhellung der moralischen -Finsternis, die einzige Wonne inmitten des tiefen Elends. Dasjenige -Verhltnis, an welchem die Menschheit zuerst zur Gesittung -emporwchst, das der Entwicklung jeder Tugend, der Ausbildung -jeder edleren Seite des Daseins zum Ausgangspunkte dient, ist der -Zauber des Muttertums, der inmitten eines gewalterfllten Lebens -als das gttliche Prinzip der Liebe, der Einigung, des Friedens -wirksam wird. Bachofen ist ein viel tieferer und weiter blickender -Mann, von einer universelleren, echteren philosophischen Bildung -als irgend ein Soziolog seit Hegel; und doch bersieht er hier -etwas so Naheliegendes wie den vlligen Mangel an Unterschieden -zwischen der Mutterliebe bei den Tieren (Henne, Katze) und beim -Menschen.</p> - -<p>Robert <em class="gesperrt">Hamerling</em>, sonst mehr Rhetor als wahrer Knstler, -macht ber die Mutterliebe eine gute Bemerkung, die, ohne da er -dies zu wollen scheint, klar zeigt, wie von Sittlichkeit hier gar nicht -gesprochen werden kann (Ahasver in Rom, II. Gesang, Werke, -Volksausgabe, Bd. I, S. 59):</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Mutterliebe, sieh, das ist der Pflichtteil<br /></span> -<span class="i0">Von Liebesglck, den jeder Kreatur<br /></span> -<span class="i0">Auswirft die kargende Natur — der Rest<br /></span> -<span class="i0">Ist Schein und Trug. <em class="gesperrt">Wahrhaftig, mich ergtzt es,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Da es ein Wesen gibt, fr das es ewig</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Naturnotwendigkeit ist, mich zu lieben.</em><br /></span> -</div></div> - -<p>(<b><a href="#Seite_299">S. 299</a>, Z. 9. v. u.</b>) An Annherungen an jenes grere -Hetrentum (Aspasia, Kleopatra) hat es in der Renaissance nicht gefehlt. -Vgl. <em class="gesperrt">Burckhardt</em>, Die Kultur der Renaissance in Italien, -4. Aufl., bes. von L. Geiger, Bd. I, S. 127.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_302">S. 302</a>, Z. 15 v. u.</b>) Die Erzhlung ber Napoleon nach -<em class="gesperrt">Emerson</em>, Reprsentanten des Menschengeschlechtes, bersetzt von -Oskar Dhnert, Leipzig, Universalbibliothek, S. 199.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_557" id="Seite_557">[S. 557]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_306">S. 306</a>, Z. 18.</b>) Dieser Auffassung der Mutterschaft kommt -am nchsten die des <em class="gesperrt">Aischylos</em> (Eumeniden, V. 658 f.):</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Οὐκ ἔστι μήτηρ ἡ κεκλημένου τέκνου<br /></span> -<span class="i0">τοκεύς, τροφὸς δὲ κύματος νεοσπόρου.<br /></span> -<span class="i0">τίκτει δ'ὁ θρώσκων, ἡ δ'ἁπερ ξένω ξένη<br /></span> -<span class="i0">ἔσωσεν ἔρνος, οίσι μὴ βλάφη θεός.<br /></span> -</div></div> - -<p>(<b><a href="#Seite_307">S. 307</a>, Z. 16 v. u.</b>) Die Illusion der Vaterschaft hat der -mchtigen Tragdie August <em class="gesperrt">Strindbergs</em> Der Vater den Namen -gegeben. (Man vgl. in dieser auerordentlichen Dichtung [bersetzt -von E. Brausewetter, Universalbibliothek] als speziell auf diesen -Punkt sich beziehend S. 34.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_307">S. 307</a>, Z. 14 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das Mutterrecht, S. 9: -... der Name matrimonium selbst ruht auf der Grundidee -des Mutterrechtes. Man sagte matrimonium, nicht patrimonium, wie -man zunchst auch nur von einer materfamilias sprach. Paterfamilias -ist ohne Zweifel ein spteres Wort. Plautus hat materfamilias fters, -Paterfamilias nicht ein einziges Mal ... Nach dem Mutterrecht gibt -es wohl einen Pater, aber keinen Paterfamilias. <em class="gesperrt">Familia ist ein -rein physischer Begriff</em>, und darum zunchst nur der Mutter -geltend. Die bertragung auf den Vater ist ein improprie dictum, -das daher zwar im Recht angenommen, aber in den gewhnlichen, -nicht juristischen Sprachgebrauch spter erst bertragen wurde. Der -Vater ist stets eine juristische Fiktion, die Mutter dagegen eine -physische Tatsache. Paulus ad Edictum in Fr. 5 D. de in ius -vocando (2, 4), ‚mater semper certa est, etiamsi vulgo conceperit, -pater vero is tantum, quem nuptiae demonstrant’. Tantum deutet -an, da hier eine juristische Fiktion an die Stelle der stets fehlenden -natrlichen Sicherheit treten mu. Das Mutterrecht ist natura verum, -der Vater blo iure civili, wie Paulus sich ausdrckt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_307">S. 307</a>, Z. 12 v. u.</b>) Herbert <em class="gesperrt">Spencer</em>, Die Unzulnglichkeit -der natrlichen Zuchtwahl, Biologisches Zentralblatt, XIV, 1894, -S. 262 f. bemerkt: Ich bin einem ausgezeichneten Korrespondenten -zu groem Dank verpflichtet, der meine Aufmerksamkeit auf beglaubigte -Tatsachen gelenkt hat, die ber die Nachkommen von -Weien und Negern in den Vereinigten Staaten berichtet werden. -Indem er sich auf einen Bericht, der ihm mehrere Jahre zuvor gemacht -worden war, bezieht, sagt er: ‚Es ging darauf hinaus, da -die Kinder weier Frauen von weien Vtern <em class="gesperrt">mehrere</em> Male Spuren -von Negerblut zeigten, wenn die Frau frher ein Kind von einem -Neger gehabt hatte.’ Zu der Zeit, als ich diesen Bericht erhielt, besuchte -mich ein Amerikaner, und darber befragt, antwortete er, -da in den Vereinigten Staaten diese Meinung allgemein anerkannt -werde. Um jedoch nicht nach Hrensagen zu urteilen, schrieb ich -sogleich nach Amerika, Umfrage zu halten ... Prof. <em class="gesperrt">Marsh</em>, der<span class="pagenum"><a name="Seite_558" id="Seite_558">[S. 558]</a></span> -ausgezeichnete Palontologe aus Yale, New Haven, der auch Beweise -sammelt, sendet mir einen vorlufigen Bericht, in welchem er sagt: -‚Ich selbst kenne keinen solchen Fall, aber ich habe viele Aussagen -gehrt, die mir ihre Existenz wahrscheinlich machen. Ein Beispiel -in Connecticut wurde mir von einem Bekannten so zuverlssig beteuert, -da ich allen Grund habe, es fr authentisch zu halten.’</p> - -<p>Da Flle dieser Art nicht hufig im Norden gesehen werden, -ist natrlich zu erwarten. Das erste der obenerwhnten Beispiele -bezieht sich auf Vorgnge, die im Sden whrend der Sklavenzeit -beobachtet wurden; und selbst damals waren die bezglichen Bedingungen -natrlicherweise sehr selten. Dr. W. J. <em class="gesperrt">Youmans</em> in -New-York hat in meinem Interesse mehrere Medizinprofessoren befragt, -die, obgleich sie nicht selbst solche Beispiele gesehen haben, -sagen, da das behauptete, oben beschriebene Resultat ‚allgemein als -eine Tatsache anerkannt wird’. Aber er sendet mir etwas, das nach -meiner Meinung als ein autoritatives Zeugnis gelten kann. Es ist -ein Citat aus dem klassischen Werk von Prof. <em class="gesperrt">Austin Flint</em>, das -hier folgt:</p> - -<p>‚Eine eigentmliche und, wie es scheint, unerklrliche Tatsache -ist es, da frhere Schwangerschaften einen Einflu auf die Nachkommenschaft -haben. Das ist den Tierzchtern wohl bekannt. Wenn -Vollblutstuten oder Hndinnen einmal mit Mnnchen von weniger -reinem Blut belegt worden waren, so werden bei spteren Befruchtungen -die Jungen geneigt sein, die Art des ersten Mnnchens -anzunehmen, selbst wenn sie von Mnnchen mit unzweifelhaftem -Stammbaum erzeugt wurden. Wie man diesen Einflu der ersten -Empfngnis erklren kann, ist unmglich zu sagen, aber die Tatsache -ist unbestritten. Der gleiche Einflu ist beim Menschen beobachtet -worden. Eine Frau kann vom zweiten Mann Kinder haben, -die dem ersten hnlich sind, und diese Beobachtung ist besonders -in Bezug auf Haar und Augen gemacht worden. Eine weie Frau, -die zuerst Kinder von einem Neger hat, kann spter Kinder von -einem weien Vater gebren, und doch werden diese Kinder unfragliche -Eigentmlichkeiten der Negerrasse an sich tragen.’ (A Text -Book of Human Physiology. By <em class="gesperrt">Austin Flint</em> MD. LL. D. -<em class="gesperrt">Fourth</em> edition, New York, D. Appleton & Co., 1888, p. 797.)</p> - -<p>Dr. <em class="gesperrt">Youmans</em> besuchte Prof. <em class="gesperrt">Flint</em>, der ihm erzhlte, da -er ‚den Gegenstand nher untersucht habe, als er sein greres -Werk schrieb (das obige Citat ist aus einem Auszug), und er fgte -hinzu, da er nie gehrt habe, da der Bericht in Frage gestellt sei’. -(Vgl. ber dieselbe Frage <em class="gesperrt">Spencer</em>, Biolog. Zentralblatt XIII, 1893, -S. 743–748.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_307">S. 307</a>, Z. 8 v. u.</b>) Vgl. Charles <em class="gesperrt">Darwin</em>, ber die direkte -oder unmittelbare Einwirkung des mnnlichen Elementes auf die -Mutterform (Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der<span class="pagenum"><a name="Seite_559" id="Seite_559">[S. 559]</a></span> -Domestikation, 11. Kapitel, Bd. I, 2. Aufl., Stuttgart 1873, S. 445 f.): -Eine andere merkwrdige Klasse von Tatsachen mu hier noch -betrachtet werden, weil man angenommen hat, da sie einige Flle -von Knospenvariation erklren. Ich meine die direkte Einwirkung -des mnnlichen Elementes, nicht in der gewhnlichen Weise auf die -Ovula, sondern auf gewisse Teile der weiblichen Pflanzen, oder wie -es der Fall bei Tieren ist, auf die spteren Nachkommen des -Weibchens von einem zweiten Mnnchen. Ich will vorausschicken, -da bei Pflanzen das Ovarium und die Eihlle offenbar Teile des -Weibchens sind, und es htte sich nicht voraussehen lassen, da -diese von dem Pollen einer fremden Variett oder Spezies affiziert -werden wrden, obgleich die Entwicklung des Embryo innerhalb -des Embryosackes, innerhalb des Ovulums, innerhalb des Ovariums -natrlich vom mnnlichen Element abhngt.</p> - -<p>Schon im Jahre 1729 wurde beobachtet (Philosophical Transactions, -Vol. XLIII, 1744/45, p. 525), da sich weie und blaue -Varietten der Erbsen, wenn sie nahe aneinander gepflanzt werden, -gegenseitig kreuzten, ohne Zweifel durch die Ttigkeit der Bienen, -und im Herbste wurden blaue und weie Erbsen innerhalb derselben -Schoten gefunden. <em class="gesperrt">Wiegmann</em> machte eine genau hnliche Beobachtung -im jetzigen Jahrhundert. Dasselbe Resultat erfolgte mehrere -Male, wenn eine Variett Erbsen von der einen Frbung knstlich -mit einer verschieden gefrbten Variett gebaut wurde. (Mr. <em class="gesperrt">Swayne</em> -in: Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 234, und <em class="gesperrt">Grtner</em>, Bastarderzeugung, -1849, S. 81 und 499). Diese Angaben veranlaten -<em class="gesperrt">Grtner</em>, der uerst skeptisch ber diesen Gegenstand war, eine -lange Reihe von Experimenten sorgfltig anzustellen. Er whlte die -konstantesten Varietten sorgfltig heraus, und das Resultat zeigte -ganz berzeugend, da die Farbe der Haut der Erbse modifiziert -wird, wenn Pollen einer verschieden gefrbten Variett gebraucht -wird. Diese Folgerung ist seitdem durch Experimente, welche -J. M. <em class="gesperrt">Berkeley</em> angestellt hat, besttigt worden (<em class="gesperrt">Gardeners</em>' -Chronicle, 1854, p. 404) ...</p> - -<p>(S. 447): Wenden wir uns nun zur Gattung <em class="gesperrt">Matthiola</em>. -Der Pollen der einen Sorte von <em class="gesperrt">Levkoj</em> affiziert zuweilen die -Farbe der Samen einer anderen Sorte, die als Mutterpflanze benutzt -wird. Ich fhre den folgenden Fall um so lieber an, als <em class="gesperrt">Grtner</em> -hnliche Angaben, die in Bezug auf den Levkoj von anderen -Beobachtern frher gemacht worden waren, bezweifelte. Ein sehr -bekannter Gartenzchter, Major <em class="gesperrt">Trevor Clark</em> (siehe auch einen -Aufsatz, welchen dieser Beobachter vor dem internationalen Hortikultur- -und botanischen Kongre in London 1866 gelesen hat), -teilt mir mit, da die Samen des groen rotbltigen, <em class="gesperrt">zweijhrigen</em> -Levkoj (M. annua; Cocardeau der Franzosen) hellbraun sind, und -die des purpurnen verzweigten Levkojs Queen (M. incana) violettschwarz<span class="pagenum"><a name="Seite_560" id="Seite_560">[S. 560]</a></span> -sind. Nun fand er, da, wenn Blten des roten Levkojs -mit Pollen des purpurnen befruchtet wurden, sie ungefhr 50% -schwarzen Samen ergaben. Er schickte mir vier Schoten von einer -rotblhenden Pflanze, von denen zwei mit ihren eigenen Pollen befruchtet -worden waren, und diese enthielten blabraune Samen, -und zwei, welche mit Pollen von der purpurnen Sorte gekreuzt -worden waren, und diese enthielten Samen, die alle tief mit Schwarz -gefrbt waren. Diese letzteren Samen ergaben purpurblhende -Pflanzen wie ihr Vater, whrend die blabraunen Samen normale -rotblhende Pflanzen ergaben. Major <em class="gesperrt">Clarke</em> hat beim Aussen hnlicher -Samen in einem greren Mastabe dasselbe Resultat erhalten. -Die Beweise fr die direkte Einwirkung des Pollens einer -Spezies auf die Frbung der Samen einer anderen Spezies scheinen -mir in diesem Falle ganz entscheidend zu sein.</p> - -<p>Darwin legt hier besonderen Nachdruck auf die radikale -Vernderung in der Mutterpflanze durch den mnnlichen Pollen. -So im englischen Texte (2. ed., London 1875, Vol. II, p. 430 -f.): Professor <em class="gesperrt">Hildebrand</em> (Botanische Zeitung, Mai 1868, -S. 326) ... has fertilised ... a kind [of maize] bearing yellow -grains with the precaution that the mother-plant was true. A kind -bearing yellow grains was fertilised with pollen of a kind having -brown grains, and two ears produced yellow grains, but one side -of the spindle was tinted with a reddish brown; <em class="gesperrt">so that here we -have the important fact of the influence of the foreign -pollen extending to the axis</em>. S. 449 (der deutschen Ausgabe): -Mr. <em class="gesperrt">Sabine</em> (Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 69) gibt an, -da er gesehen hat, wie die Form der nahezu kugeligen Samenkapseln -von Amaryllis vittata durch die Anwendung des Pollens -einer anderen Spezies, deren Kapseln hckerige Kanten haben, verndert -wurden.</p> - -<p>(S. 459): Ich habe nun nach der Autoritt mehrerer ausgezeichneter -Beobachter der Pflanzen, welche zu sehr verschiedenen -Ordnungen gehren, gezeigt, da der Pollen einer Spezies oder -Variett, wenn er auf eine distinkte Form gebracht wird, gelegentlich -die Modifikation der Samenhllen und des Fruchtknotens oder -der Frucht verursacht, was sich in einem Falle bis auf den Kelch -und den oberen Teil des Fruchtstiels der Mutterpflanze erstreckt. -Es geschieht zuweilen, da das ganze Ovarium oder alle Samen -auf diese Weise modifiziert werden; zuweilen wird nur eine -gewisse Anzahl Samen, wie in dem Falle bei der Erbse, oder nur -ein Teil des Ovariums, wie bei der gestreiften Orange, den gefleckten -Trauben und dem gefleckten Mais, so affiziert. Man darf -nicht annehmen, da irgend eine direkte oder unmittelbare Wirkung -der Anwendung fremden Pollens unabnderlich folgt: dies ist durchaus -nicht der Fall; auch wei man nicht, von welchen Bedingungen -das Resultat abhngt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_561" id="Seite_561">[S. 561]</a></span> - -(S. 451): Die Beweise fr die Wirkung fremden Pollens -auf die Mutterpflanze sind mit betrchtlichem Detail gegeben worden, -weil diese Wirkung ... von der hchsten theoretischen Bedeutung -ist und weil sie an und fr sich ein merkwrdiger und scheinbar -anormaler Umstand ist. Da sie vom physiologischen Standpunkte -aus merkwrdig ist, ist klar; denn das mnnliche Element affiziert -nicht blo, im Einklang mit seiner eigentlichen Funktion, den Keim, -sondern auch die umgebenden Gewebe der Mutterpflanze. (Hier -fhrt die englische Ausgabe I<sup>2</sup>, p. 430, fort): ... <b>We thus see, -that an ovule is not indispensable for the reception of the -influence of the male element.</b></p> - -<p>(<b><a href="#Seite_307">S. 307</a>, Z. 5 v. u.</b>) Ich setze den berhmten Bericht im -Original her: (Philosophical Transactions of the Royal Society of -London, 1821, Part I, p. 20 f.):</p> - -<p><em class="gesperrt">A communication of a singular fact in Natural History. -By the Right Honourable the Earl of <b>Morton</b></em>, F. R. S., in -a Letter addressed to the President.</p> - -<blockquote> -<p class="right"> -Read, November 23, 1820.</p> - -<p class="center">My Dear Sir, -</p> - -<p>I yesterday had an opportunity of observing a singular fact -in Natural History, which you may perhaps deem not unworthy -of being communicated to the Royal Society.</p> - -<p>Some years ago, I was desirous of trying the experiment -of domesticating the Quagga, and endeavoured to procure some -individuals of that species. I obtained a male; but being disappointed -of a female, I tried to breed from the male quagga -and a young chestnut mare of seven-eighths Arabian blood -and which had never been bred from: the result was the production -of a female hybrid, now five years old, and bearing, -both in her form and in her colour, very decided indications -of her mixed origin. I subsequently parted with the seven-eighth -Arabia mare to Sir <em class="gesperrt">Gore Ouseley</em>, who has bred from her by -a very fine black Arabian horse. I yesterday morning examined the produce, -namely, a two-years old filly, and a year-old colt. They have -the character of the Arabian breed as decidedly as can be expected, -where fifteen-sixteenths of the blood are Arabian; and they are -fine specimens of that breed; <em class="gesperrt">but both in their colour, and in -the hair of their manes, they have a striking resemblance -to the quagga</em>. Their colour is bay, marked more or -less like the quagga in a darker tint. Both are distinguished by -the dark line along the ridge of the back, the dark stripes across -the fore-hand, and the dark bars across the back-part of the legs. -The stripes across the fore-hand of the colt are confined to the -withers, and to the part of the neck next to them; those on -the filly cover nearly the whole of the neck and the back, as<span class="pagenum"><a name="Seite_562" id="Seite_562">[S. 562]</a></span> -far as the flanks. The colour of her coat on the neck adjoining -to the mane is pale and approaching to dun, rendering the -stripes there more conspicuous than those on the colt. The same -pale tint appears in a less degree on the rump: and in this circumstance -of the dun tint also she resembles the quagga — — -— — — — — — — — — — — — — — — — — -[p. 22] These circumstances may appear singular; but I think you -will agree with me that they are trifles compared with the extraordinary -fact of so many striking features, which do not belong -to the dam, being in two successive instances communicated -through her to the progeny, not only of another sire, who also -has them not, but of a sire belonging probably to another species; -for such we have very strong reason for supposing the quagga -to be.</p> - -<p>I am, my dear Sir</p> -<p class="center">Your faithful humble servant</p> -<p class="right"><b>Morton</b>. -</p></blockquote> - -<p>(<b><a href="#Seite_308">S. 308</a>, Z. 1 f.</b>) Besonders ausfhrlich H. <em class="gesperrt">Settegast</em>, Die Tierzucht, -4. Aufl., Bd. I: Die Zchtungslehre, Breslau 1878, S. 223 -bis 234: Infektion (Superftation). Er verweist alles in das Gebiet -des Aberglaubens und der Phantastik. So kommen wir denn zu -dem Schlu, da die vermeintliche Infektion der Mutter auf einer -Tuschung beruht, und da es unzulssig ist, durch sie die Flle -erklren zu wollen, in welchen das Kind in Farbe und Abzeichen, -in Form und Eigenschaften der bereinstimmung mit den Eltern -ermangelt. Aus unseren bisherigen Untersuchungen ber Abweichungen -von elterlicher Verwandtschaft ist zu ersehen, da die vereinzelten -Flle, welche die Infektionstheorie zu ihren Gunsten auslegt, und die -zugleich als verbrgt angesehen werden drfen, auf Rechnung der -Neubildung der Natur zu schreiben sind.</p> - -<p>Durch unsere Ausfhrungen glauben wir die Infektionstheorie -widerlegt zu haben: da es uns gelungen sein sollte, sie fr immer -zu bannen, drfen wir kaum hoffen. Die Infektionstheorie ist die -Seeschlange der Vererbungslehre.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_308">S. 308</a>, Z. 3.</b>) F. C. <em class="gesperrt">Mahnke</em>, Die Infektionstheorie, Stettin -1864. Vgl. zu der Frage auch Rudolf <em class="gesperrt">Wagner</em>, Nachtrag zu -R. Leuckarts Artikel Zeugung, in Wagners Handwrterbuch der -Physiologie, Bd. IV, 1853, S. 1011 f. Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em>, Die Zelle -und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898, S. 137 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_308">S. 308</a>, Z. 4.</b>) August <em class="gesperrt">Weismann</em>, Das Keimplasma, Eine -Theorie der Vererbung, Jena 1892, S. 503 f. Die Allmacht der Naturzchtung, -Jena 1893, S. 81–84, 87–91. Weismann verhlt sich, -wie er (seiner berzeugung von der vlligen Unbeeinflubarkeit des -Keimplasmas gem) es wohl mu, ablehnend, und beruft sich hiebei<span class="pagenum"><a name="Seite_563" id="Seite_563">[S. 563]</a></span> -vor allem auf die eingehenden Errterungen <em class="gesperrt">Settegasts</em>. -hnlich Hugo <em class="gesperrt">de Vries</em>, Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, -S. 206–207.</p> - -<p>Dagegen ist <em class="gesperrt">Darwin</em> von der direkten Wirkung des mnnlichen -Elementes auf das Weibchen (nicht blo auf eine einzige -Keimzelle desselben) berzeugt, Das Variieren der Tiere und Pflanzen -im Zustande der Domestikation, Kap. 27 (Bd. II<sup>2</sup>, S. 414, Stuttgart -1873); wie es wohl ein jeder sein mu, der sich die ungeheuere -Vernderung, welche in den Frauen sofort mit Beginn der Ehe -eintritt, und ihre auerordentliche Anhnlichung an den Mann -whrend derselben vor Augen hlt. Vgl. im Texte S. 376, 396.</p> - -<p>Darwin sagt a. a. O., S. 414: Wir sehen hier, da das mnnliche -Element nicht den Teil affiziert und hybridisiert, welchen zu -affizieren es eigentlich bestimmt ist, nmlich das Eichen, sondern -die besonders entwickelten Gewebe eines distinkten Individuums.</p> - -<p>Ausfhrlicher spricht Darwin ber die Telegonie im 11. Kapitel -dieses selben Werkes, wo er aus der Literatur eine groe Zahl -von Fllen anfhrt, welche fr ihr Vorkommen beweisend sind -(Bd. I<sup>2</sup>, S. 453–455):</p> - -<p>In Bezug auf die Varietten unserer domestizierten Tiere sind -viele hnliche und sicher beglaubigte Tatsachen verffentlicht worden, -andere sind mir noch mitgeteilt worden; alle beweisen den Einflu -des ersten Mnnchens auf die spter von derselben Mutter mit -anderen Mnnchen erzeugten Nachkommen. Es wird hinreichen, noch -einen einzigen Fall mitzuteilen, der in einem auf den des Lord <em class="gesperrt">Morton</em> -folgenden Aufsatz in den Philosophical Transactions enthalten ist: -Mr. <em class="gesperrt">Giles</em> brachte eine Sau von Lord <em class="gesperrt">Westerns</em> schwarzer und -weier Essexrasse zu einem wilden Eber von einer tiefkastanienbraunen -Frbung; die produzierten Schweine trugen in ihrer ueren -Erscheinung Merkmale sowohl des Ebers als der Sau, bei einigen -herrschte aber die braune Frbung des Ebers bedeutend vor. Nachdem -der Eber schon lngere Zeit tot war, ward die Sau zu einem -Eber ihrer eigenen schwarzen und weien Rasse getan (einer Rasse, -von welcher man sehr wohl wei, da sie sehr rein zchtet und -niemals irgend eine braune Frbung zeigt); und doch produzierte -die Sau nach dieser Verbindung einige junge Schweine, welche -deutlich dieselbe kastanienbraune Frbung besaen, wie die aus dem -ersten Wurfe. <em class="gesperrt">hnliche Flle sind so oft vorgekommen, da -sorgfltige Zchter es vermeiden, ein geringeres Mnnchen -zu einem ausgezeichneten Weibchen zu lassen wegen der -Beeintrchtigung der spteren Nachkommen, welche sich -hienach erwarten lt.</em></p> - -<p>Einige Physiologen haben diese merkwrdigen Folgen einer -ersten Befruchtung aus der innigen Verbindung und der freien Kommunikation -zwischen den Blutgefen des modifizierten Embryo und<span class="pagenum"><a name="Seite_564" id="Seite_564">[S. 564]</a></span> -der Mutter zu erklren versucht. Es ist indes eine uerst unwahrscheinliche -Hypothese, da das bloe Blut des einen Individuums die -Reproduktionsorgane eines anderen Individuums in einer solchen -Weise affizieren knne, da die spteren Nachkommen dadurch -modifiziert wrden. Die Analogie mit der direkten Einwirkung fremden -Pollens auf den Fruchtknoten und die Samenhllen der Mutterpflanze -bietet der Annahme eine krftige Untersttzung, da das mnnliche -Element, so wunderbar diese Wirkung auch ist, direkt auf die Reproduktionsorgane -des Weibchen wirkt, und nicht erst durch die -Intervention des gekreuzten Embryo.</p> - -<p>Wilhelm Olbers <em class="gesperrt">Focke</em>, Die Pflanzen-Mischlinge, Ein Beitrag -zur Biologie der Gewchse, Berlin 1881, S. 510–518: Ich schlage -... vor, solche Abweichungen von der normalen Gestalt oder -Frbung, welche in irgendwelchen Teilen einer Pflanze durch die -Einwirkung vom fremden Bltenstaube hervorgebracht werden, als -Xenien zu bezeichnen, gleichsam als Gastgeschenke der Pollen -spendenden Pflanze an die Pollen empfangende. (S. 511.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_308">S. 308</a>, Z. 16 v. u.</b>) Zum Versehen vgl. die Anmerkungen -zu S. 285 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_308">S. 308</a>, Z. 8 v. u.</b>) Wie fr das Versehen auf <em class="gesperrt">Goethe</em> und -auf <em class="gesperrt">Ibsen</em>, so htte ich, wenn ich nicht erst nach Abschlu dieses -Kapitels hierauf wre aufmerksam gemacht worden, auch fr die -Realitt der Telegonie auf das Werk eines groen Knstlers mich -berufen knnen: ich meine Madeleine <em class="gesperrt">Frat</em>, den wenig gelesenen, -aber wohl sehr groartigen Roman des jugendlichen <em class="gesperrt">Zola</em>. Was Zola -ber die Frauen gedacht hat, mu, nach diesem, wie nach anderen -Werken, meinen Anschauungen sehr nahe gestanden sein. Vgl. -Madeleine Frat, Nouvelle dition, Paris, Bibliothque-Charpentier -1898, S. 173 f., besonders S. 181 ff. und 251 f., Stellen, die ich -ihrer groen Lnge wegen nicht hiehersetzen kann.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_310">S. 310</a>, Z. 17.</b>) ber die Zuhlter vgl. <em class="gesperrt">Lombroso-Ferrero</em>, -Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, -S. 560 ff. der deutschen Ausgabe, ber ihre Identitt mit den -eigentlichen Verbrechern, ibid. S. 563–564.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_11" id="Zu_Teil_II_Kapitel_11">Zu Teil II, Kapitel 11.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_314">S. 314</a>, Z. 11 f.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Parerga und Paralipomena, -Bd. II, Kapitel XXVII. — Die Erzhlung in Betreff des Lord -<em class="gesperrt">Byron</em> ist nach R. von <em class="gesperrt">Hornstein</em> wiedergegeben von Eduard -<em class="gesperrt">Grisebach</em> im Anhange zu Schopenhauers smtlichen Werken, -Bd. VI, S. 191 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_315">S. 315</a>, Z. 1 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Beobachtungen ber das Gefhl -des Schnen und Erhabenen, Knigsberg 1764, III. Abschnitt -(Bd. VIII, S. 36 der Kirchmannschen Ausgabe): Diese ganze Bezauberung<span class="pagenum"><a name="Seite_565" id="Seite_565">[S. 565]</a></span> -ist im Grunde ber den Geschlechtstrieb verbreitet. Die -Natur verfolgt ihre groe Absicht, und alle Feinigkeiten, die sich -hinzugesellen, sie mgen nun so weit davon abzustehen scheinen, -wie sie wollen, sind nur Verbrmungen und entlehnen ihren Reiz -doch am Ende aus derselben Quelle. — <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> in seiner -wiederholt citierten Metaphysik der Geschlechtsliebe (Die Welt als -Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 44).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_316">S. 316</a>, Z. 3 v. u. f.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Parerga und Paralipomena, -Bd. II, 369.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_318">S. 318</a>, Z. 10.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der reinen Vernunft, Transscendentale -Dialektik, I, 3. System der transcendentalen Ideen (S. 287 ff., -Kehrbach).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_318">S. 318</a>, Z. 15–8 v. u.</b>) Das Lied ist das des Wolfram aus -<em class="gesperrt">Wagners</em> Tannhuser, 2. Aufzug, 4. Scene.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_324">S. 324</a>, Z. 19 f.</b>) <em class="gesperrt">Platon</em>, Phaedrus, p. 251 A. B.: ὅταν -θεοειδὲς πρόσωπον ἴδῃ κάλλος εὖ μεμιμημένον, ἤ τινα σώματος ἰδέαν, -πρῶτον μὲν ἔφριξε ... εἶτα προσορῶν ὡς θεὸν σέβεται, καὶ εἰ μὴ -δεδιείη τὴν τῆς σφόδρα μανίας δόξαν, θύοι ἂν ὡς ἀγάλματι καὶ θεῷ -τοῖς παιδικοῖς. ἰδόντα δὲ αὐτὸν, οἷον ἐκ τῆς φρίκης, μεταβολή τε καὶ -ἱδρὼς καὶ θερμότης ἀήθης λαμβάνει· δεξάμενος γὰρ τοῦ κάλλους τὴν -ἀποῤῥοὴν διὰ τῶν ὀμμάτων, ἐθερμάνθη ᾗ ἡ τοῦ πτεροῦ φύσις -ἄρδεται, θερμανθέντος δὲ ἐτάκη τὰ περὶ τὴν ἔκφυσιν, ἃ πάλαι ὑπὸ -σκληρότητος συμμεμυκότα εἶργε μὴ βλαστάνειν, ἐπιῤῥυείσης δὲ τῆς -τροφῆς ᾤδησέ τε καὶ ὥρμησε φύεσθαι ἀπὸ τῆς ῥίζης ὁ τοῦ πτεροῦ -καυλὸς ὑπὸ πᾶν τὸ τῆς ψυχῆς εἶδος· πᾶσα γὰρ ἦν τὸ πάλαι πτερωτή.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_325">S. 325</a>, Z. 16–8 v. u.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Dante</em>, Paradiso, Canto VII, -v. 64–66: La divina bont, che da s sperne ogni livore, ardendo -in s sfavilla Si che dispiega le bellezze interne.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_326">S. 326</a>, Z. 13.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der Urteilskraft. — <em class="gesperrt">Schelling</em>, -System des transcendentalen Idealismus, Smtliche Werke, I. Abteilung, -Bd. III. — <em class="gesperrt">Schiller</em>, ber die sthetische Erziehung des -Menschen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_326">S. 326</a>, Z. 17 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Shaftesbury</em>: nach W. <em class="gesperrt">Windelband</em>, -Geschichte der neueren Philosophie in ihrem Zusammenhange mit -der allgemeinen Kultur und den besonderen Wissenschaften, 2. Aufl., -Leipzig 1899, Bd. I, S. 272. — <em class="gesperrt">Herbart</em>, Analytische Beleuchtung -des Naturrechts und der Moral, Gttingen 1836, Smtliche Werke, -ed. Hartenstein, Bd. VIII, S. 213 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_330">S. 330</a>, Z. 19 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Platons</em> Gastmahl, 206 E.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_330">S. 330</a>, Z. 11 f. v. u.</b>) <em class="gesperrt">Platon</em> a. a. O., Kap. 27, S. 209 C-E -(bersetzung nach <em class="gesperrt">Schleiermacher</em>).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_331">S. 331</a>, Z. 17 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Novalis</em>: Es ist wunderbar genug, -da nicht lngst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit -die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft -und ihre gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat. (Novalis' Schriften,<span class="pagenum"><a name="Seite_566" id="Seite_566">[S. 566]</a></span> -herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel, Zweiter Teil, -Wien 1820, S. 288.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_331">S. 331</a>, Z. 15 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das Mutterrecht, Stuttgart -1861, S. 52: Das stoffliche, das tellurische Sein umschliet beides, -Leben und Tod. Alle Personifikationen der chthonischen Erdkraft -vereinigen in sich diese beiden Seiten, das Entstehen und das Vergehen, -die beiden Endpunkte, zwischen welchen sich, um mit Plato -zu reden, der Kreislauf aller Dinge bewegt. So ist Venus, die Herrin -der stofflichen Zeugung, als Libitina die Gttin des Todes. So steht -zu Delphi eine Bildsule mit dem Zunamen Epitymbia, bei welcher -man die Abgeschiedenen zu den Totenopfern heraufruft (Plut. quaest. -rom. 29). So heit Priapus in jener rmischen Sepulcralinschrift, -die in der Nhe des Campanaschen Columbariums gefunden wurde, -mortis et vitai locus. So ist auch in den Grbern nichts hufiger -als Priapische Darstellungen, Symbole der stofflichen Zeugung. Ja es -findet sich auch in Sdetrurien ein Grab, an dessen Eingang, auf -dem rechten Trpfosten, ein weibliches sporium abgebildet ist. — -Der Kreislauf von Tod und Leben war auch ein Lieblingsthema -der Reden <em class="gesperrt">Buddhas</em>. Ihn hat aber auch der tiefste unter den voreleatischen -Griechen, <em class="gesperrt">Anaximandros</em>, gelehrt (bei Simplicius in -Aristot. Physika 24, 18): ἐξ ὧν ἡ γένεσίς ἐστι τοῖς οὖσι, καὶ τὴν -φθορὰν εἰς ταῦτα γίνεσθαι κατὰ χρεών. διδόναι γὰρ αὐτὰ τίσιν καὶ -δίκην τῆς ἀδικίας κατὰ τὴν τοῦ χρόνου τάξιν.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_332">S. 332</a>, Z. 10–11.</b>) Giordano <em class="gesperrt">Bruno</em>, Gli eroici furori, Dialogo -secundo 13 (Opere di G. B. Nolano ed. Adolfo Wagner, Vol. II, -Leipzig 1830, p. 332): Tutti gli amori, se sono eroici, e non son -puri animali, che chiamano naturali e cattivi a la generazione come -instrumenti de la natura, in certo modo hanno per oggetto la -divinit, tendono a la divina bellezza, la quale prima si comunica -a l'anime e risplende in quelle, e da quelle poi, o per dir meglio, -per quelle poi si comunica a li corpi.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_332">S. 332</a>, Z. 8–9 v. u.</b>) Ed. v. <em class="gesperrt">Hartmann</em>. Phnomenologie -des sittlichen Bewutseins, 1879, S. 699 spricht es nur der allgemeinen -Meinung nach: ..... es ist an der Zeit, den heranwachsenden -Mdchen klar zu machen, da ihr Beruf, wie er durch ihr -Geschlecht vorgezeichnet ist, nur in der Stellung als Gattin und -Mutter sich erfllen lt, da er in nichts anderem besteht, als in -dem Gebren und Erziehen von Kindern, da die tchtigste und am -hchsten zu ehrende Frau diejenige ist, welche der Menschheit die -grte Zahl besterzogener Kinder geschenkt hat, und da alle sogenannte -Berufsbildung der Mdchen nur einen traurigen Notbehelf -fr diejenigen bildet, welche das Unglck gehabt haben, ihren -wahren Beruf zu verfehlen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_332">S. 332</a>, Z. 8 v. u.</b>) Besonders im Judentum werden zum -Teil noch heute unfruchtbare Frauen als zwecklos betrachtet (vgl.<span class="pagenum"><a name="Seite_567" id="Seite_567">[S. 567]</a></span> -Kapitel XIII, S. 417). Aber auch nach deutschem Recht durfte der -Mann wegen Unfruchtbarkeit seiner Frau .... geschieden zu werden -verlangen. Jakob <em class="gesperrt">Grimm</em>, Deutsche Rechtsaltertmer, 4. Ausgabe, -Leipzig 1899, S. 626.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_333">S. 333</a>, Z. 13 f.</b>) Das franzsische Citat stammt aus dem -Cyklus Sagesse (Paul <em class="gesperrt">Verlaine</em>, Choix de Posies, Edition -augmente d'une Prface de Franois Coppe, Paris 1902, p. 179).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_336">S. 336</a>, Z. 15.</b>) Vgl. Liebeslieder moderner Frauen, eine -Sammlung von Paul <em class="gesperrt">Grabein</em>, Berlin 1902.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_337">S. 337</a>, Z. 15.</b>) Poros und Penia als Eltern des Eros: nach -der so tiefen Fabel des platonischen Gastmahls (p. 203, B-D). -Vgl. S. 340 und 397.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_338">S. 338</a>, Z. 8 v. u. ff.</b>) Zu der Wirkung des mnnlichen -Geschlechtsteiles auf das weibliche Geschlecht vgl. eine Erzhlung -<em class="gesperrt">Freuds</em> (<em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie, Leipzig und -Wien, S. 113); vor allem aber die groartige Scene in <em class="gesperrt">Zolas</em> Roman -Germinal (Quinzime Partie, Fin, p. 416), wo die Frauen das -Zeugungsglied des gemordeten und nach dem Tode kastrierten -Maigrat erblicken.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_339">S. 339</a>, Z. 6.</b>) Erst lange, nachdem ich diese Stelle niedergeschrieben -hatte, wurde ich darauf aufmerksam, da fascinum, von dem -fascinare sich herleitet, im Lateinischen (z. B. Horaz, Epod. 8, 18) -nichts anderes als das mnnliche Glied bedeutet. Die Wirkung des -mnnlichen Bartes auf die Frau ist zwar eine bedeutend schwchere -und nicht gleich allgemeine, aber mit der des Zeugungsgliedes -psychologisch nicht ohne Verwandtschaft.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_340">S. 340</a>, Z. 9 f.</b>) <em class="gesperrt">Plato</em>, Symposion, 202, D-E: Τί οὖν ἄν -εἴη ὁ Ἔρως;.... Μεταξὺ θνητοῦ καὶ ἀθανάτου, .... δαίμων μέγας, -ὦ Σώκρατες· καὶ γὰρ πᾶν τὸ δαιμόνιον μεταξύ ἐστι θεοῦ τε καὶ θνητοῦ. -203 E: οὔτε ἀπορεῖ Ἔρως ποτὲ οὔτε πλουτεῖ. σοφίας τε αὖ καὶ -ἀμαθίας ἐν μέσῳ ἐστίν.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_340">S. 340</a>, Z. 14 f.</b>) Der neueste Darsteller der platonischen -Gedankenwelt ist ein Anhnger <em class="gesperrt">Mills</em>: Theodor <em class="gesperrt">Gomperz</em>, -Griechische Denker, eine Geschichte der antiken Philosophie, -Bd. II, Leipzig 1902, S. 201 ff. In manchen Regionen scheint dieser -vielfach hochverdiente Autor selbst gefhlt zu haben, wie ferne er -einem Verstndnis der inneren Denkmotive des Philosophen ist. -Interessanter sind jene Stellen des Buches, wo der Verfasser Plato -zu begreifen meint und beloben zu mssen glaubt. Vor dem Geiste -der Modernitt, welcher die hchsten Synthesen, deren er fhig -war, im Lawn-tennis-Spiele vollzogen hat, vermgen nur zwei Stellen -des Staates vollste Gnade zu finden. (<em class="gesperrt">Wir drfen es Plato hoch -anrechnen</em>, da er die ‚hinkende’ Einseitigkeit des bloen Sport- -und Jagdliebhabers nicht strker mibilligt als jene, die sich nur -um die Pflege des Geistes und gar nicht um jene des Krpers<span class="pagenum"><a name="Seite_568" id="Seite_568">[S. 568]</a></span> -kmmert .... Nicht minder bezeichnend ist es, da er auch bei -der Auswahl der Herrscher neben den Charaktereigenschaften nach -Mglichkeit die Wohlgestalt bercksichtigt wissen will .... Hier ist -der asketische Verfasser des Phaedon wieder ganz und gar Hellene -geworden. S. 583.) Dem Dialog ber den Staatsmann wird wie -als hchste Anerkennung diese, da ein Hauch von baconischem, -modern induktivem Geiste ihn gestreift habe (S. 465). Gleichsam -als das Ruhmwrdigste im Phaedon erscheint die Antizipation -der Associationsgesetze (S. 356), und allen Ernstes wird als eine -wunderbare uerung Platons eine Stelle des Sophisten (247, D E) -gepriesen, die als eine Vorwegnahme der modernen Energetik vielleicht -aus purem Wohlwollen gegen den Denker miverstanden wird, -der mit John Stuart Mill so gar keine hnlichkeit hatte (S. 455). -Wie es unter solchen Umstnden dem Timaeus ergeht, das kann -man sich leicht ausmalen. Man sollte brigens — und diese Bemerkung -richtet sich nicht blo gegen eine unzulngliche Darstellung -Platos — es durchaus unterlassen, einen Philosophen oder Knstler -deswegen zu loben, weil die Nur-Wissenschaftler nach tausend -Jahren einen Gedanken von ihm zu begreifen anfangen. <em class="gesperrt">Goethe</em>, -<em class="gesperrt">Plato</em> und <em class="gesperrt">Kant</em> sind zu greren Dingen auf der Erde erschienen, -als empirische Wissenschaft aus ihrer Erfahrung allein je einsehen -oder begrnden knnte.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_340">S. 340</a>, Z. 13 v. u.</b>) O. <em class="gesperrt">Friedlnder</em> bemerkt in seinem -Aufsatz Eine fr viele (vgl. zu S. 115, Z. 10 v. u.) S. 180 f. -sehr scharf, aber wahr: Nichts kann den Frauen ferner gelegen -sein, als der Kampf gegen die voreheliche Unkeuschheit des Mannes. -Was sie im Gegenteil von dem letzteren verlangen, ist die subtilste -Kenntnis aller Details des Geschlechtslebens und der Entschlu, diese -theoretische Superioritt auch praktisch zur Geltung zu bringen ... Die -Jungfrau vertraut ihre unberhrten Reize meist lieber den bewhrten -Hnden des ausgekneipten Wstlings an, der lange das Reifeexamen -der ars amandi abgelegt hat, als den zitternden Fingern des erotischen -Analphabeten, der das Abc der Liebe kaum zu stammeln -vermag.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_12" id="Zu_Teil_II_Kapitel_12">Zu Teil II, Kapitel 12.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_342">S. 342</a>, Z. 6.</b>) Das Motto aus <em class="gesperrt">Kant</em> habe ich irgendwo -citiert gefunden, kann mich aber nicht entsinnen, wo, noch war es -mir mglich, in Kantens Schriften selbst es zu entdecken. In den -Fragmenten aus dem Nachla߫ (Bd. VIII, S. 330, ed. Kirchmann) -heit es: Wenn man bedenkt, da Mann und Frau ein moralisches -Ganze ausmachen, so mu man ihnen nicht einerlei Eigenschaften -beilegen, sondern der einen solche Eigenschaften, die -dem anderen fehlen — brigens eine Ansicht, durch die leicht die -Wahrheit umgekehrt erscheinen knnte: der Mann hat alle Eigenschaften<span class="pagenum"><a name="Seite_569" id="Seite_569">[S. 569]</a></span> -der Frau in sich, zumindest als Mglichkeiten; dagegen ist die -Frau rmer als der Mann, weil nur ein Teil desselben. (Vgl. den Schlu -dieses Kapitels.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_343">S. 343</a>, Z. 17.</b>) Paul Julius <em class="gesperrt">Moebius</em>, ber den physiologischen -Schwachsinn des Weibes, 5. Aufl., Halle 1903. ber einige Unterschiede -der Geschlechter, in: Stachyologie, Weitere vermischte Aufstze, -Leipzig 1901, S. 125–138.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_350">S. 350</a>, Z. 13.</b>) Man bertreibt oft die Strke des Verlangens -nach dem Kinde bei der Frau. Ed. v. <em class="gesperrt">Hartmann</em> (Phnomenologie -des sittlichen Bewutseins, 1879, S. 693) bemerkt zum Teil mit Recht: -Der Instinkt nach dem Besitz von Kindern ist bei <em class="gesperrt">jungen</em> Frauen -und Mdchen keineswegs so allgemein und entschieden ausgeprgt, -als man gemeinhin annimmt, und als die Mdchen selbst dies erheucheln, -um dadurch die Mnner anzuziehen; erst in reiferen Jahren -pflegen kinderlose Frauen ihren Zustand als schmerzliche Entbehrung -im Vergleich zu ihren kinderbesitzenden Altersgenossinnen zu -fhlen .... Meist geschieht es mehr, um den Mann zufrieden zu -stellen, als um ihrer selbst willen, wenn junge Frauen sich Kinder -wnschen; der Mutterinstinkt erwacht erst, wenn der hilfefordernde -junge Weltbrger <em class="gesperrt">wirklich da ist</em>. Man sieht brigens, wie notwendig -sowohl in dieser Frage als den ewig wiederholten Behauptungen -der Gynkologen gegenber (fr welche das Weib theoretisch -immer nur eine Brutanstalt ist) die im 10. Kapitel durchgefhrte -Zweiteilung ist.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_353">S. 353</a>, Z. 2.</b>)</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Das <em class="gesperrt">Weib</em> ist's, das ein <em class="gesperrt">Herz</em> sucht, nicht <em class="gesperrt">Genu</em>.<br /></span> -<span class="i0">Das Weib ist keusch in seinem tiefsten Wesen,<br /></span> -<span class="i0">Und was die Scham ist, wei doch nur ein Weib.<br /></span> -</div></div> - -<p><em class="gesperrt">Hamerling</em>, Ahasver in Rom, II. Gesang: Werke, Volksausgabe -Hamburg, Bd. I, p. 58.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_355">S. 355</a>, Z. 6 f.</b>) Herbert <em class="gesperrt">Spencer</em>, Die Prinzipien der Ethik, -Bd. I, Stuttgart 1894, S. 341 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_355">S. 355</a>, Z. 16 v. u. f.</b>) <em class="gesperrt">Ellis</em>, Mann und Weib, S. 288 uert -die interessante Vermutung, da auch die Erscheinung der <em class="gesperrt">Mimicry</em> -mit der <em class="gesperrt">Suggestibilitt</em> in einem Zusammenhange stehe. Mit der -Darstellung im Texte wrde das vielleicht sich besser reimen als irgend -eine andere Deutung jenes Phnomenes.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_356">S. 356</a>, Z. 5 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Wolfram von Eschenbach</em>, Parzival, -bersetzt von Karl Pannier (Leipzig, Universalbibliothek), -Buch IV, Vers 698 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_357">S. 357</a>, Z. 19 v. u. ff.</b>) Sehr vereinzelt ist unter den Psychiatern -eine Stimme, wie die Konrad <em class="gesperrt">Riegers</em>, Professors in Wrzburg: -Was ich erstrebe ist die Autonomie der Psychiatrie und Psychologie. -Sie sollen beide frei sein von einer Anatomie, die sie nichts -angeht; von einer Chemie, die sie nichts angeht. Eine psychologische<span class="pagenum"><a name="Seite_570" id="Seite_570">[S. 570]</a></span> -Erscheinung ist etwas ebenso Originales wie eine chemische und -anatomische. Sie hat keine Sttzen ntig, an die angelehnt werden -mte. (Die Kastration in rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht, -Jena 1900, S. 31.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_357">S. 357</a>, Z. 1 v. u. f.</b>) Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, L'tat mental des Hystriques, -Paris 1894; L'Automatisme psychologique, Essai de Psychologie -exprimentale sur les formes infrieures de l'activit humaine, -3. d., Paris 1898; F. <em class="gesperrt">Raymond</em> et Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, Nvroses et Ides -fixes, Paris 1898. — Oskar <em class="gesperrt">Vogt</em>: in den zu S. 372, Z. 13 v. u. -citierten Aufstzen. — Jos. <em class="gesperrt">Breuer</em> und Sigm. <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber -Hysterie, Leipzig und Wien 1895.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_358">S. 358</a>, Z. 9.</b>) Sigmund <em class="gesperrt">Freud</em>, Zur tiologie der Hysterie, -Wiener klinische Rundschau, X, S. 379 ff. (1896, Nr. 22–26). Die -Sexualitt in der tiologie der Neurosen, ibid. XII, 1898, Nr. 2–7.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_358">S. 358</a>, Z. 13 v. u.</b>) Fremdkrper nach <em class="gesperrt">Breuer</em> und -<em class="gesperrt">Freud</em>. Studien ber Hysterie, S. 4.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_358">S. 358</a>, Z. 8 v. u.</b>) Hier gedenkt man vielleicht der vollendetsten -Frauengestalt <em class="gesperrt">Zolas</em>, der <em class="gesperrt">Franoise</em> aus dem Romane -La Terre, und ihres Verhaltens gegen den von ihr bis zum -Schlusse ganz unbewut begehrten und stets zurckgewiesenen -<em class="gesperrt">Buteau</em>.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_359">S. 359</a>, Z. 1 ff.</b>) Unter den hysterischen <em class="gesperrt">Mnnern</em> sind wohl -viele sexuelle Zwischenformen. Eine Bemerkung <em class="gesperrt">Charcots</em> weist -darauf hin (Neue Vorlesungen ber die Krankheiten des Nervensystems, -insbesondere ber Hysterie, bersetzt von Sigmund <em class="gesperrt">Freud</em>, -Leipzig und Wien 1886, S. 70): Beim Manne sieht man nicht -selten einen Hoden, <em class="gesperrt">besonders wenn er Sitz einer Lage- oder -Entwicklungsanomalie</em> ist, in eine hysterogene Zone einbezogen. -Vgl. S. 74 ber einen hysterischen Knaben von weibischer Erscheinung. -Eine Stelle, die ich in demselben Buche gelesen zu haben -mich bestimmt entsinne, aber spter nicht mehr aufzufinden vermochte, -gibt an, da der Hode besonders dann eine hysterogene -Zone bilde, <em class="gesperrt">wenn er im Leistenkanal zurckgeblieben sei</em>. -Beim Weibe aber sind die hysterogenen Punkte auch lauter sexuell -besonders stark hervorgehobene (Der Ilial-, Mammar-, Inguinalpunkt, -die Ovarie, vgl. <em class="gesperrt">Ziehens</em> Artikel Hysterie in Eulenburgs Realenzyklopdie). -Der Hode, welcher den Descensus nicht vollzogen -hat, ist eine Keimdrse von stark weiblicher Sexualcharakteristik -(nach Teil I, Kap. 2); er steht einem Ovarium nahe und kann auch -dessen Eigenschaften bernehmen, also hysterogen werden. — Ich -habe einmal in einer Vorlesung einen Psychiater die Unrichtigkeit -der Lehre von der Weiblichkeit der Hysterie an einem Knaben -demonstrieren sehen, dessen Testikel ihrer besonderen Kleinheit -wegen ihm selbst aufgefallen waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_571" id="Seite_571">[S. 571]</a></span> - -Nach <em class="gesperrt">Briquet</em> (citiert bei <em class="gesperrt">Charcot</em> a. a. O., S. 78) kommen -20 hysterische Frauen auf einen hysterischen Mann.</p> - -<p>Im brigen hat auch der mnnlichste Mann, vielleicht gerade -er am strksten, die <em class="gesperrt">Mglichkeit</em> des Weibes in sich. <em class="gesperrt">Hebbel</em>, -<em class="gesperrt">Ibsen</em>, <em class="gesperrt">Zola</em> — die drei grten Kenner des Weibes im 19. Jahrhundert -— sind extrem mnnliche Knstler, der letztere so sehr, -da seine Romane <em class="gesperrt">trotz ihrem oft so sexuellen Gehalte</em> bei -den Frauen auffallend wenig in Gunst stehen ... Je mehr Mann -einer ist, desto mehr vom Weibe hat er in sich <em class="gesperrt">berwunden</em>, und -es ist vielleicht der mnnlichste Mann insofern zugleich der weiblichste. -Hiemit ist die Seite 108 aufgeworfene Frage wohl am richtigsten -beantwortet.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_359">S. 359</a>, Z. 21 v. u. ff.</b>) Pierre <em class="gesperrt">Janet</em> kommt meiner Auffassung von -der passiven bernahme der Anschauungsweise des Mannes einmal ziemlich -nahe. Nvroses et Ides fixes I, 475 f.: ... On a vu que le -travail du directeur pendant les sances ... a t un travail de synthse; -il a organis des rsolutions, des croyances, des motions, il a aid -le sujet rattacher sa personnalit des images et des sensations. -Bien plus il a chafaud tout ce systme de penses autour d'un -centre spcial qui est le souvenir et l'image de sa personne. Le -sujet a emport dans son esprit et dans son cerveau une synthse -nouvelle, passablement artificielle et trs fragile, sur laquelle l'motion -a facilement exerc sa puissance dsorganisatrice, p. 477: les phnomnes -consistent toujours dans une affirmation et une volont -c'est--dire une direction impose aux gens qui ne peuvent pas -vouloir, qui ne peuvent pas s'adapter, qui vivent d'une manire insuffisante.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_359">S. 359</a>, Z. 12 v. u.</b>) Abulie: Vgl. die Beschreibung <em class="gesperrt">Janets</em> -(Un cas d'aboulie et d'ides fixes, Nvroses et Ides fixes, Vol. I, -p. 1 ff.).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_360">S. 360</a>, Z. 8 f.</b>) Von der auerordentlichen <em class="gesperrt">Leichtglubigkeit</em> -der Hysterikerinnen spricht Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, L'Automatisme -Psychologique, Essai de psychologie exprimentale sur les formes -infrieures de l'activit humaine, 3. d. Paris 1899, p. 207 f. -Ferner pag. 210: Ces personnes, en apparence spontanes et -entreprenantes, sont de la plus trange docilit quand on sait de -quelle manire il faut les diriger. De mme que l'on peut changer -un rve par quelques mots adresss au dormeur, de mme on peut -modifier les actes et toutes la conduite d'un individu faible par un -mot, une allusion, un signe lger auquel il obit aveuglment tandis -qu'il rsisterait avec fureur si on avait l'air de lui commander. -<em class="gesperrt">Briquet</em>, Trait clinique et thrapeutique de l'hystrie, Paris 1859, -p. 98: Toutes les hystriques que j'ai observes taient extrmement -<em class="gesperrt">impressionables</em>. Toutes, ds leur enfance, taient trs -craintives; elles avaient une peur extrme d'tre grondes, et quand<span class="pagenum"><a name="Seite_572" id="Seite_572">[S. 572]</a></span> -il leur arrivait de l'tre, elles touffaient, sanglotaient, fuyaient au -loin ou se trouvaient mal. (Vgl. im Texte weiter unten ber die -hysterische Konstitution.) Wie hiegegen der Eigensinn der Hysterischen -alles eher denn einen Einwand bildet, das geht hervor aus -der glnzenden Bemerkung von <em class="gesperrt">Lipps</em> (Suggestion und Hypnose, -S. 483, Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen und der -historischen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu Mnchen, -1897, Bd. II): ..... <em class="gesperrt">blinder Eigensinn ist im Prinzip dasselbe -wie blinder Gehorsam</em> ....., es kann nicht verwundern, -wenn ..... beim suggestibeln ..... Beides angetroffen wird. Der -grte Grad der Suggestibilitt ..... bedingt die Willensautomatie. -Hier wirkt ausschlielich oder bermchtig der im Befehl eingeschlossene -Willensantrieb. Ein geringerer Grad der Suggestibilitt -dagegen kann neben der Willensautomatie das blinde Zuwiderhandeln -gegen den Befehl erzeugen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_360">S. 360</a>, Z. 16–21.</b>) Auch <em class="gesperrt">Freuds</em> <em class="gesperrt">Deckerinnerungen</em>, -(Monatsschrift fr Psychiatrie und Neurologie, VI, 1899), gehren -hieher. Es sind das die Reaktionen des Schein-Ich auf diejenigen Ereignisse, -auf welche es anders antwortet als die eigentliche Natur.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_360">S. 360</a>, Z. 13 v. u. f.</b>) Z. B. Th. <em class="gesperrt">Gomperz</em>, Griechische -Denker, Leipzig 1902, II, 353: Erst unsere Zeit hat ..... der -vermeintlichen Einfachheit der Seele Tatsachen des doppelten Bewutseins -und verwandte Vorgnge gegenbergestellt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_360">S. 360</a>, Z. 5 v. u.</b>) Vgl. auch S. 277, Z. 1 ff. und die Anmerkung -hiezu.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_361">S. 361</a>, Z. 14.</b>) Anorexie, Mangel an Streben, hat man das -zeitweilige Fehlen aller Emotivitt, den vlligen Indifferentismus der -Hysterischen genannt: dieser resultiert aus der Unterdrckung der -weiblichen Triebe, indem eben die einzige Wertung hier aus dem -Bewutsein verdrngt ist, deren die Frauen fhig sind und die sonst -ihr Handeln bestimmt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_361">S. 361</a>, Z. 17.</b>) ber den Shock nerveux vgl. Oeuvres -compltes de J. M. <em class="gesperrt">Charcot</em>, Leons sur les maladies du systme -nerveux, Tome III, Paris 1887, p. 453 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_361">S. 361</a>, Z. 22.</b>) Gegenwille: <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien -ber Hysterie, S. 2.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_361">S. 361</a>, Z. 14 v. u.</b>) ber die Abwehr: <em class="gesperrt">Freud</em>, Neurologisches -Zentralblatt, 15. Mai 1894, S. 364.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_361">S. 361</a>, Z. 4 v. u.</b>) Das schlimme Ich: Ausdruck einer -Patientin <em class="gesperrt">Breuers</em> (Breuer und Freud, Studien ber Hysterie, S. 36).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_362">S. 362</a>, Z. 7.</b>) Der Ausdruck <em class="gesperrt">Konversion</em>, konvertieren -ist eingefhrt worden von <em class="gesperrt">Freud</em>, Die Abwehr-Neuropsychosen, -Versuch einer psychologischen Theorie der akquirierten Hysterie, -vieler Phobien und Zwangsvorstellungen und gewisser halluzinatorischer -Psychosen, Neurologisches Zentralblatt, Bd. XIII, 1. Juni 1894,<span class="pagenum"><a name="Seite_573" id="Seite_573">[S. 573]</a></span> -S. 402 ff. Vgl. auch <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie, -S. 73, 105, 127, 177 ff., 190, 261. Er bedeutet: Umsetzung gewaltsam -unterdrckter psychischer Erregung in krperliche Dauersymptome.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_362">S. 362</a>, Z. 11.</b>) Vgl. P. J. <em class="gesperrt">Moebius</em>, ber den Begriff der -Hysterie, Zentralblatt fr Nervenheilkunde, Psychiatrie und gerichtliche -Psychopathologie, XI, 66–71 (1. II. 1888).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_363">S. 363</a>, Z. 9.</b>) <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie, S. 6.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_363">S. 363</a>, Z. 11 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber -Hysterie, S. 10, 203.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_364">S. 364</a>, Z. 3.</b>) Zur hysterischen Heteronomie vgl. z. B. Pierre -<em class="gesperrt">Janet</em>, Nvroses et Ides fixes, I, 458: D....., atteinte de folu -du scrupule, me demande si rellement elle est trs mchante, si -tout ce qu'elle fait est mal; je lui certifie qu'il n'en est rien et elle -s'en va contente.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_364">S. 364</a>, Z. 21 v. u.</b>) O. <em class="gesperrt">Binswanger</em>, Artikel Hypnotismus -in Eulenburgs Realenzyklopdie der gesamten Heilkunde, -3. Aufl., Bd. XI, S. 242: Hysterische Individuen geben die reichste -Ausbeute an hypnotischen Erscheinungen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_365">S. 365</a>, Z. 1 ff.</b>) Da das Verhltnis zwischen Hypnotiseur -und Medium ein sehr sexuelles ist, wird durch die merkwrdigen, -besonders von Albert <em class="gesperrt">Moll</em> (Der Rapport in der Hypnose, Untersuchungen -ber den tierischen Magnetismus, Schriften fr psychologische -Forschung, Heft III-IV, Leipzig 1892) studierten Tatsachen -des Isolier-Rapportes bewiesen. Literatur bei <em class="gesperrt">Janet</em>, -Nvroses et Ides fixes, Vol. I, Paris 1898, p. 424, vgl. auch -p. 425: Si le sujet n'a t endormi qu'un trs petit nombre de -fois des intervalles loigns ... il se rveillera de l'hypnose dans -un tat presque normal et ne conservera de son hypnotiseur aucune -proccupation particulire ... Au contraire, si, pour un motif quelconque -... les sances de somnambulisme sont rapproches, il est -facile de remarquer que l'attitude du sujet vis--vis de l'hypnotiseur -ne tarde pas se modifier. Deux faits sont surtout apparents: le -sujet, qui d'abord avait quelque crainte ou quelque rpugnance pour -le somnambulisme, recherche maintenant les sances avec un dsir -passion; en outre, surtout un certain moment, il parle beaucoup -de son hypnotiseur et s'en proccupe d'une faon videmment -excessive. Also wirkt die Hypnose ganz wie der Koitus auf das -Weib, es findet um so mehr Geschmack daran, je fter sie wiederholt -wird. Vgl. p. 427 f. ber die passion somnambulique: Les -malades ... se souviennent du bien-tre que leur a caus le -somnambulisme prcdent et ils n'ont plus qu'une seule pense, c'est -d'tre endormis de nouveau. Quelques malades voudraient tre -hypnotiss par n'importe qui, mais le plus souvent il n'en est pas -ainsi, c'est leur hypnotiseur, celui qui les a dj endormis frquemment,<span class="pagenum"><a name="Seite_574" id="Seite_574">[S. 574]</a></span> -qu'ils rclament avec une impatience croissante. p. 447 ber -die Eifersucht der Medien: ... beaucoup de magntiseurs ont -bien dcrit la souffrance qu'prouve une somnambule quand elle -apprend que son directeur endort de la mme manire une autre -personne. Ferner p. 451: Si Qe., mme seule, laisse sa main -griffonner sur le papier, elle voit avec tonnement qu'elle a sans -cesse crit mon nom ou quelque recommandation que je lui ai -faite. Si je la laisse regarder [une boule de verre] en vitant de -lui rien suggrer, elle ne tarde pas voir ma figure dans cette -boule. Janet selbst bespricht die Frage, ob die hypnotischen -Phnomene sexuelle seien, S. 456 f., verneint sie aber aus ganz -unstichhltigen Grnden, z. B. weil die Hypnotisierte oft vor dem -Magnetiseur Angst habe, oder ihm mtterliche Gefhle entgegenbringe; -aber es ist klar, da die Angst der Frauen vor dem Manne nur -die Verschleierung eines erwartungsvollen Begehrens, und das mtterliche -Verhltnis eben auch ein geschlechtliches ist. <em class="gesperrt">Moll</em> selbst sagt S. 131: -Eine gewisse Verwandtschaft der geschlechtlichen Liebe mit dem suggestiven -Rapport kann brigens fr einzelne Flle nicht geleugnet werden. -<em class="gesperrt">Freud</em> bei <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie, S. 44: So -macht sich jedesmal schon whrend der Massage mein Einflu -geltend, sie wird ruhiger und klarer und findet auch ohne hypnotisches -Befragen die Grnde ihrer jedesmaligen Verstimmung u. s. f. -So wie die sexuellen Bande, welche eine Frau an einen Mann -knpfen, gelockert werden durch jede Schwche, jede Lge des -letzteren, so vermag auch der Einflu einer Suggestion gebrochen -zu werden, sobald der Wille des Suggestors sich als gegenstzlich -zu dem herausgestellt hat, was speziell von ihm erwartet wurde. -Einen solchen Fall teilt <em class="gesperrt">Freud</em> mit (<em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien -ber Hysterie, S. 64 f.): Die Mutter ... gelangte auf einem Gedankenwege, -dem ich nicht nachgesprt habe, zum Schlu, da wir -beide, Dr. N... und ich, Schuld an der Erkrankung des Kindes -trgen, weil wir ihr das schwere Leiden der Kleinen als leicht dargestellt, -hob gewissermaen durch einen Willensakt die Wirkung -meiner Behandlung auf und verfiel alsbald wieder in dieselben Zustnde, -von denen ich sie befreit hatte. Das Verhltnis zwischen -Medium und Hypnotiseur ist eben stets und unabnderlich, zumindest -auf der Seite des ersteren, ein <em class="gesperrt">sexuelles</em> oder einem sexuellen -ganz analog.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_365">S. 365</a>, Z. 9.</b>) <em class="gesperrt">Breuer</em> bei <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien -ber Hysterie, S. 6–7.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_365">S. 365</a>, Z. 2 v. u.</b>) Umwandlung des hysterischen Anfalls in -Somnambulismus: Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, Nvroses et Ides fixes, Vol. I, Paris -1898, p. 160 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_366">S. 366</a>, Z. 9–12.</b>) Es ist wohl beraus gewagt und sagt mir, -als zu grob, selbst wenig zu, auch die etwaigen Heilerfolge der<span class="pagenum"><a name="Seite_575" id="Seite_575">[S. 575]</a></span> -Ovariotomie hysterischer Erkrankung gegenber, von denen so hufig -berichtet wird, im Sinne meiner Theorie zu interpretieren. Dennoch -fgen sich die zahlreichen bezglichen Angaben, wenn auf sie nur -Verla ist, leicht in die Gesamtanschauung. Die Geschlechtlichkeit -nmlich, welche der Imprgnation mit dem gegengeschlechtlichen -Willen entgegensteht, wird durch jene Operation radikal aufgehoben -oder ungemein vermindert (vgl. Teil I, Kap. 2), und so entfllt der -Anla zum Konflikte.</p> - -<p>(S. 367, Z. 1 ff.) F. <em class="gesperrt">Raymond</em> et Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, Nvroses et -Ides fixes, Vol. II, Paris 1898, p. 313: La malade entre -l'hpital ... nouvelle motion en voyant une femme qui tombe -par terre: cette motion bouleverse l'quilibre nerveux, lui rend tout - coup la parole et transforme l'hmiplgie gauche en paraplgie -complte. <em class="gesperrt">Ces transformations, ces quivalences sont bien -connues dans l'hystrie</em>; ce n'est pas une raison pour que nous -ne dclarions pas qu'elles sont notre avis trs tonnantes et probablement -trs instructives sur le mcanisme du systme nerveux -central.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_367">S. 367</a>, Z. 2 v. u. f.</b>) Hiemit stimmen alle Angaben ber -den Charakter der Hysterischen gut berein. Z. B. bemerkt <em class="gesperrt">Sollier</em>, -Gense et Nature de l'Hystrie, Paris 1897, Vol. I, p. 460: Elles -[les hystriques] sentent instinctivement qu'elles ont besoin d'tre -diriges, commandes, et c'est pour cette raison qu'elles s'attachent -de prfrence ceux qui leur imposent, chez qui elles sentent une -volont trs-forte. Er citiert die uerung einer seiner Patientinnen: -II faut que je sois en sous-ordre; ... je sais bien faire ce qu'on -me commande, mais je ne serais pas capable de faire les choses -toute seule, et encore moins de commander d'autres.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_368">S. 368</a>, Z. 10.</b>) Man knnte vielleicht glauben, da die <em class="gesperrt">Mutter</em> -das hysterische Weib sei: dies war eine Zeitlang meine Anschauung, -da ich die Mutter fr weniger sinnlich hielt und die Hysterie aus -einem Konflikte zwischen dem blo nach dem Kinde gehenden -Wunsche des Einzelwesens und dem Widerstreben gegen das, diesen -Zweck zu erreichen, erforderliche Mittel, also aus einem im Unbewuten -erfolgenden Zusammensto von Individual- und Gattungswillen -in einem einzigen Individuum mir zu erklren suchte. Nach -<em class="gesperrt">Briquet</em> sind aber Prostituierte sehr hufig hysterisch. Es besteht -hierin kein Unterschied zwischen Mutter und Dirne. Denn ebenso -knnen Hysterikerinnen auch Mtter sein: die <em class="gesperrt">Lonie</em>, an der -Pierre <em class="gesperrt">Janet</em> so viele Erfahrungen gesammelt hat, betrachtete ihn, -der ihr Magnetiseur war, als ihren <em class="gesperrt">Sohn</em> (Nvroses et Ides fixes, -Vol. I, p. 447). Ich habe seither reichlich Gelegenheit gefunden, -selbst wahrzunehmen, da Mtter und Prostituierte unterschiedslos -hysterisch sind.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_370">S. 370</a>, Z. 13.</b>) Paul <em class="gesperrt">Sollier</em>, Gense et Nature de l'Hystrie, -Recherches cliniques et exprimentales de Psycho-Physiologie<span class="pagenum"><a name="Seite_576" id="Seite_576">[S. 576]</a></span> -Paris 1897, Vol. I, p. 211: ..... L'ansthsie est bien plus -frquente chez les hystriques que l'hypersthsie, et par suite la -frigidit est l'tat le plus habituel ..... Il est aussi une consquence -de l'ansthsie des organes sexuels chez l'hystrique qu'il est bon -de signaler et que j'ai t mme de constater: c'est l'absence de sensation -des mouvements du foetus pendant la grossesse. Quoique ceux-ci -soient faciles dmontrer par la palpation, ce phnomne peut -cependant donner dans certains cas des craintes non justifies sur -la sant du foetus; ou pousser certaines femmes rclamer une -intervention en niant nergiquement qu'elles sont enceintes. Zum -zehnten Kapitel (S. 291) wrde das wohl stimmen: die Verleugnung -der Sexualitt mu auch eine Verleugnung des Kindes mit sich -fhren. Vgl. ferner bei <em class="gesperrt">Sollier</em> noch Vol. I, pag. 458: Chez -celles-ci [les grandes hystriques] il y a de l'ansthsie gnitale -comme de tous les organes, et elles sont ordinairement compltement -frigides ..... Certaines hystriques prennent l'horreur des -rapports conjugaux qui leur sont ou absolument indiffrents quand -elles sont ansthsiques, ou dsagrables quand elles ne le sont pas -tout--fait.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_370">S. 370</a>, Z. 17.</b>) Oskar <em class="gesperrt">Vogt</em>, Normalpsychologische Einleitung -in die Psychopathologie der Hysterie, Zeitschrift fr Hypnotismus, -Bd. VIII, 1899, S. 215: Ich gebe A. einerseits die Suggestion, -da bei jeder Berhrung des rechten Armes in ihm die Vorstellung -einer roten Farbe auftauchen solle, und anderseits mache ich den -rechten Arm ansthetisch. Berhre ich jetzt den Arm, so empfindet -A. nicht die Berhrung trotz darauf eingestellter Aufmerksamkeit, -aber bei jeder meiner nicht von A. empfundenen Berhrungen tritt -doch die Vorstellung der roten Farbe in A. auf.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_372">S. 372</a>, Z. 3.</b>) Guy de <em class="gesperrt">Maupassant</em>, Bel-Ami, Paris, S. 389 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_372">S. 372</a>, Z. 4–8.</b>) Von einem solchen sehr lehrreichen Fall -von Imprgnation durch gnzlich von auen gekommene Vorstellungen -erzhlt <em class="gesperrt">Freud</em> bei Breuer und Freud, Studien ber -Hysterie, 1895, S. 242 f. Eine Dame phantasiert da in den Symbolen -der Theosophen, in deren Gesellschaft sie eingetreten ist. Auf -Freuds Frage, seit wann sie sich Vorwrfe mache und mit sich unzufrieden -sei, antwortet sie, <em class="gesperrt">seitdem sie Mitglied des Vereines -geworden sei und die von ihm herausgegebenen -Schriften lese</em>. Suggestibel sind Frauen wie Kinder eben auch -durch Bcher.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_372">S. 372</a>, Z. 13.</b>) Der Ausdruck Schutzheilige etc. stammt von -<em class="gesperrt">Breuer</em> (<em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie, S. 204). Einiges -Interessante in einem freilich tendenzis antireligisen Schriftchen des -Dr. <em class="gesperrt">Rouby</em>, L'Hystrie de Sainte Thrse (Bibliothque diabolique), -Paris, Alcan, 1902, p. 11 f., 16 f., 20 f., 39 f. <em class="gesperrt">Gilles de la -Tourette</em>, Trait clinique et thrapeutique de l'Hystrie d'aprs l'enseignement<span class="pagenum"><a name="Seite_577" id="Seite_577">[S. 577]</a></span> -de la Salptrire, Paris 1891, Vol. I, p. 223 bemerkt: -Il n'est pas douteux que sainte Thrse ..... ft atteinte de cardialgie -hystrique, ou mieux d'angine de poitrine de mme nature, -complexus qui s'accompagne souvent de troubles hypersthsiques -de la rgion prcordiale. <em class="gesperrt">Hahn</em>, Les phnomnes hystriques et -les rvlations de Sainte-Thrse, Revue des Questions Scientifiques, -Vol. XIV et XV, Bruxelles 1882. Charles <em class="gesperrt">Binet-Sangl</em>, -Physio-Psychologie des Religieuses, Archives d'Anthropologie criminelle, -XVII, 1902, p. 453–477, 517–545, 607–623.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_372">S. 372</a>, Z. 13 v. u. f.</b>) Oskar <em class="gesperrt">Vogt</em>, Die direkte psychologische -Experimentalmethode in hypnotischen Bewutseinszustnden, -Zeitschrift fr Hypnotismus V, 1897, S. 7–30, 180–218. (Vgl. besonders -S. 195 ff.: Die Erfahrung lehrt, da die Exaktheit der Selbstbeobachtung -noch durch Suggestionen gesteigert werden kann. S. 199: Die -Selbstbeobachtung kann gehoben werden: einmal durch spezialisierte -Intensittsverstrkungen oder Hemmungen und dann durch Einengung -des Wachseins und damit der Aufmerksamkeit auf die am -Experiment beteiligten Bewutseinselemente. S. 218: Es kann -sich im einzelnen Menschen hohe Suggestibilitt mit der Fhigkeit -einer kritischen Selbstbeobachtung verbinden [nmlich im Zustande -des vom Hypnotiseur erzeugten partiellen systematischen Wachseins.]) -Zur Methodik der tiologischen Erforschung der Hysterie, -ibid. VIII, 1899, S. 65 ff., besonders S. 70. Zur Kritik der -hypnogenetischen Erforschung der Hysterie, ibid. 342–355. <em class="gesperrt">Freud</em> -als Vorgnger: <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie -S. 133 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_378">S. 378</a>, Z. 13.</b>) Die Bemerkung ber <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> bedarf -einer Erluterung. Die Verwechslung von Trieb und Wille ist vielleicht -der folgenschwerste Fehler des Schopenhauerschen Systemes. -So viel sie zur Popularisierung seiner Philosophie beigetragen hat, -um ebensoviel hat sie die Tatsachen unzulssig vereinfacht. Aus ihr -erklrt sich, wie Schopenhauer, fr den das intelligible Wesen des -Menschen mit Recht Wille ist, dasselbe berall in der belebten Natur -und schlielich auch in der unbelebten als Bewegung wiederfinden -kann. Dadurch aber kommt notwendig Konfusion in Schopenhauers -System. Er ist im tiefsten Grunde <em class="gesperrt">dualistisch</em> veranlagt, und hat -eine <em class="gesperrt">monistische Metaphysik</em>; er wei, da gerade das intelligible -Wesen des <em class="gesperrt">Menschen</em> Wille ist und mu doch durch eine -unglckliche Psychologie, welche Willen und Intellekt in einer sehr -verfehlten Weise sondert, und nur den letzteren allein dem Menschen -zuteilt, diesen von Tier und Pflanze unterscheiden; er ist, was man -auch sagen mag, <em class="gesperrt">zuletzt</em> Optimist, als <em class="gesperrt">Bejaher</em> einer anderen -Seinsform, ber die er nur aller positiven Bestimmungen sich enthlt, -also eines anderen Lebens: und, so paradox dies dem heutigen -Ohr klinge, nur sein <em class="gesperrt">Monismus</em> gibt dem System die pessimistische<span class="pagenum"><a name="Seite_578" id="Seite_578">[S. 578]</a></span> -Wertung: indem er den gleichen Willen hier wie dort sieht, -ewiges und irdisches Leben nicht scheidet, und die einzige Unsterblichkeit -danach nur die des Gattungswillens sein kann. So -offenbart sich die Identifikation des hheren mit dem niederen -Willensbegriff — welchen letzteren man stets als Trieb bezeichnen -sollte — als das Verhngnis seiner ganzen Philosophie. -Htte er die Kantische Moralphilosophie verstanden, so htte er -auch eingesehen, was der Unterschied zwischen Wille und Trieb -ist: <em class="gesperrt">der Wille ist stets frei, und nur der Trieb unfrei. -<b>Es gibt gar keine Frage nach der Freiheit, sondern nur -eine nach der Existenz des Willens.</b></em> Alle <em class="gesperrt">Phnomene</em> sind -kausal bedingt; einen Willen kann darum die <em class="gesperrt">empirische</em> Psychologie, -die nur psychische <em class="gesperrt">Phnomene</em> anerkennt, nicht brauchen -und nicht zulassen. <em class="gesperrt">Denn aller Wille ist seinem Begriffe -nach frei und von absoluter Spontaneitt.</em> <em class="gesperrt">Kant</em> sagt (Grundlegung -zur Metaphysik der Sitten, S. 77, Kirchmann): Die Idee -der Freiheit mssen wir voraussetzen, wenn wir uns ein Wesen als -vernnftig und mit Bewutsein seiner Kausalitt in Ansehung der -Handlungen, das ist mit einem Willen begabt uns denken wollen, -und so finden wir, da wir aus ebendemselben Grunde jedem mit -Vernunft und Willen begabten Wesen diese Eigenschaft, sich unter -der Idee seiner Freiheit zum Handeln zu bestimmen, beilegen -mssen. Unfreiheit des Willens gibt es, wie man sieht, auch fr -Kant gar nicht: der Wille kann gar nicht determiniert werden. Der -Mensch, der <em class="gesperrt">will</em>, wirklich <em class="gesperrt">will</em>, will immer <em class="gesperrt">frei</em>. Der Mensch hat -aber freilich nicht nur einen Willen, sondern auch Triebe. <em class="gesperrt">Kant</em> (ibid. -S. 78): Dieses [das moralische] Sollen ist eigentlich ein Wollen, -das unter der Bedingung fr jedes vernnftige Wesen gilt, wenn -die Vernunft bei ihm ohne Hindernisse praktisch wre; fr Wesen, -die, wie wir, noch durch Sinnlichkeit, als Triebfedern anderer Art, -affiziert werden, bei denen es nicht immer geschieht, was die Vernunft -fr sich allein tun wrde, heit jene Notwendigkeit der -Handlung nur ein Sollen, und die subjektive Notwendigkeit wird -von der objektiven unterschieden.</p> - -<p><em class="gesperrt"><b>Aller</b> Wille ist <b>Wille zum Wert</b>, und aller <b>Trieb</b> Trieb -nach der <b>Lust</b></em>; es gibt keinen Willen zur Lust und auch keinen -<em class="gesperrt">Willen</em> zur <em class="gesperrt">Macht</em>, sondern nur Gier und zhen Hunger nach der -Herrschaft. <em class="gesperrt">Platon</em> hat dies im Gorgias wohl erkannt, er ist aber -nicht verstanden worden. 466 D E: φημὶ γὰρ, ὦ Πῶλε, ἐγὼ τοὺς -ρήτορας καὶ τοὺς τυράννους δύνασθαι μὲν ἐν ταῖς πόλεσι σμικρότατον, -ὥσπερ νῦν δὴ ἔλεγον· <em class="gesperrt">οὐδεν γὰρ ποιεῖν ὦν βούλονται</em>, ὡς ἔπος εἰπεῖν· -ποιεῖν μέντοι ὅτι ἂν αὐτοῖς δόξη βέλτιστον εἶναι. Und das οὐδεὶς -ἑκὼν ἁμαρτάνει des <em class="gesperrt">Sokrates</em> — noch oft wird es wohl verloren -gehen, immer wieder werden all die seichten und verstndnislosen -Einwnde gegen diese gewisseste Erkenntnis sich vernehmen lassen und -die noch traurigeren Versuche, Sokrates wegen dieses Ausspruches<span class="pagenum"><a name="Seite_579" id="Seite_579">[S. 579]</a></span> -gewissermaen zu <em class="gesperrt">entschuldigen</em> (so z. B. <em class="gesperrt">Gomperz</em>, Griechische -Denker, Eine Geschichte der antiken Philosophie, Leipzig 1902, -S. 51 ff.) unternommen werden. Um so fter mu er denn wiederholt -werden.</p> - -<p>Die Idee eines ganz freien Wesens ist die Idee Gottes; die -Idee eines aus Freiheit und Unfreiheit gemischten Wesens ist die -Idee des Menschen. <em class="gesperrt">Soweit</em> der Mensch <em class="gesperrt">frei ist</em>, das heit frei -<em class="gesperrt">will</em>, soweit <em class="gesperrt">ist</em> er Gott. Und so ist die Kantische Ethik im -tiefsten Grunde mystisch und sagt nichts anderes als <em class="gesperrt">Fechners</em> -Glaubenssatz:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">In Gott ruht meine Seele<br /></span> -<span class="i0">Gott wirkt sie in sich aus;<br /></span> -<span class="i0">Sein Wollen ist mein Sollen.<br /></span> -</div></div> - -<p>(Die drei Motive und Grnde des Glaubens, Leipzig 1863, S. 256.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_378">S. 378</a>, Z. 2 v. u. f.</b>) Vgl. A. P. <em class="gesperrt">Sinnett</em>, Die esoterische -Lehre oder Geheimbuddhismus, 2. Aufl., Leipzig 1899, S. 153–172.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_381">S. 381</a>, Z. 17.</b>) Es ist eines der schnsten Worte <em class="gesperrt">Goethes</em> -(Maximen und Reflexionen, III): <em class="gesperrt">Die Idee ist ewig und einzig; -da wir auch den Plural brauchen, ist nicht wohlgethan.</em></p> - -<p>(<b><a href="#Seite_381">S. 381</a>, Z. 2 v. u.</b>) Ich finde nur in der kleinen, aber interessanten -Schrift Karl <em class="gesperrt">Joels</em>, Die Frauen in der Philosophie, Hamburg -1896 (Sammlung gemeinverstndlicher wissenschaftlicher Vortrge, -Heft 246), S. 59, eine entfernt hnlich lautende Bemerkung: -Das Weib ist intellektuell glcklicher, aber unphilosophischer nach -dem alten Worte, da die Philosophie aus dem Ringen und Zweifel -der Seele geboren wird. Schopenhauers Mutter war eine Romanschriftstellerin -und seine Schwester eine Blumenmalerin.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_383">S. 383</a>, Z. 15.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Taguet</em>, Du suicide dans l'hystrie, Annales -Mdico-Psychologiques, V. Srie, Vol. 17, 1877, p. 346: L'hystrique -ment dans la mort comme elle ment dans toutes les -circonstances de sa vie.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_384">S. 384</a>, Z. 6 v. u.</b>) Lazar B. <em class="gesperrt">Hellenbach</em>, Die Vorurteile -der Menschheit, Bd. III: Die Vorurteile des gemeinen Verstandes, -Wien 1880, S. 99.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_388">S. 388</a>, Z. 5–11.</b>) Wie innig Geschlechtlichkeit und Grenzaufhebung -Hand in Hand gehen, darber macht <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das -Mutterrecht, S. XXIII, eine Andeutung. Der dionysische Kult .... -hat alle Fesseln gelst, alle Unterschiede aufgehoben, und dadurch, -da er den Geist der Vlker vorzugsweise auf die Materie und die -Verschnerung des leiblichen Daseins richtete, das Leben selbst -wieder zu den Gesetzen des Stoffes zurckgefhrt. Dieser Fortschritt -der Versinnlichung des Daseins fllt berall mit der Auflsung der -politischen Organisation und dem Verfall des staatlichen Lebens -zusammen. An der Stelle reicher Gliederung macht sich das Gesetz -der Demokratie, der ununterschiedenen Masse, und jene Freiheit und<span class="pagenum"><a name="Seite_580" id="Seite_580">[S. 580]</a></span> -Gleichheit geltend, welche das natrliche Leben vor dem civil-geordneten -auszeichnet und das der leiblich-stofflichen Seite der -menschlichen Natur angehrt. Die Alten sind sich ber diese Verbindung -vllig klar, heben sie in den entscheidendsten Aussprchen -hervor .... Die dionysische Religion ist zu gleicher Zeit die Apotheose -des aphroditischen Genusses und die der allgemeinen Brderlichkeit, -daher den dienenden Stnden besonders lieb und von -Tyrannen, den Pisistratiden, Ptolemern, Caesar im Interesse ihrer -auf die demokratische Entwicklung gegrndeten Herrschaft [vgl. -Kapitel X, S. 302] besonders begnstigt. Ausflu einer wesentlich -weiblichen Gesinnung, so nennt Bachofen a. a. O. diese Erscheinungen; -doch ist ihm keineswegs eine wirkliche Einsicht in die -tieferen Grnde des Phnomens gewhrt gewesen; neben Aussprchen -wie diesem finden sich begeisterte Hymnen auf die keusche Natur -des Weibes auch bei ihm.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_389">S. 389</a>, Z. 6.</b>) Klein-Eyolf, 3. Akt (Henrik <em class="gesperrt">Ibsens</em> smtliche -Werke, herausgegeben von Brandes, Elias, Schlenther. Berlin, -Bd. IX, S. 72).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_389">S. 389</a>, Z. 14.</b>) ber die schwierige Frage des Verhltnisses -des tman zum Brahman vgl. Paul <em class="gesperrt">Deussen</em>, Das System des -Vednta etc., Leipzig 1883, S. 50 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_391">S. 391</a>, Z. 1.</b>) <em class="gesperrt">Milne-Edwards</em>, Introduction la Zoologie -gnrale, I. partie, Paris 1851, p. 157. Ebenso Rudolf <em class="gesperrt">Leuckart</em>, -Artikel Zeugung in Wagners Handwrterbuch der Physiologie, -Bd. IV, Braunschweig 1853, S. 742 f.: .... In physiologischer -Beziehung erscheint diese Verteilung der weiblichen und mnnlichen -Organe als eine Arbeitsteilung.</p> - -<p>Wenig Verstndnis fr das Verhltnis des Mnnlichen zum -Weiblichen verraten <em class="gesperrt">Leuckarts</em> abweisende Worte (a. a. O.): Man -hrt nicht selten die Behauptung, da mnnliche und weibliche -Individuen einer Tierform nach Ausstattung und Ttigkeiten nicht -blo unter sich verschieden, sondern <em class="gesperrt">entgegengesetzt</em> seien. Eine -solche Auffassung mssen wir jedoch auf das entschiedenste zurckweisen. -Die Lehre von dem Gegensatze der Geschlechter, die -zunchst aus gewissen unklaren und mystischen Vorstellungen von -der Begattung und Befruchtung hervorgegangen ist, stammt aus einer -Zeit der naturhistorischen Forschung, in der man meinte, mit den -Begriffen von Polaritt, polarem Verhalten u. s. w. das Leben in -allen seinen Erscheinungen erklren zu knnen. Mnnliche und -weibliche Produkte, Organe, Individuen sollten sich hienach verhalten -wie + und -, als ob die Natur mit Geschlecht und Geschlechtsstoffen -hantierte wie ein Physiker mit Elektrizitt und Leydener -Flaschen!</p> - -<p>Eine unbefangene und vorurteilsfreie Naturbetrachtung zeigt -uns zwischen mnnlichen und weiblichen Geschlechtsteilen keinen<span class="pagenum"><a name="Seite_581" id="Seite_581">[S. 581]</a></span> -anderen Gegensatz als berhaupt zwischen Organen und Organgruppen, -die sich in ihren Leistungen gegenseitig untersttzen und -ergnzen .... Die physiologischen Motive einer solchen Arbeitsteilung -sind im allgemeinen nicht schwer zu bezeichnen. Es sind im Grunde -dieselben, die eine jede Arbeitsteilung, auch auf dem Gebiete des -praktischen Lebens, in unseren Augen rechtfertigen. Es sind die -Vorteile, welche damit verbunden sind, vor allem Ersparnis an Kraft -und Zeit fr andere neue Leistungen. <em class="gesperrt">In dem Dualismus des -Geschlechtes sehen wir nichts anderes als eine mechanische -Veranstaltung, aus der gewisse Vorteile hervorgehen.</em></p> - -<p>Diese Auffassung des Geschlechtsunterschiedes ist die am -weitesten verbreitete. Daneben kommen noch die Anschauungen von -K. W. <em class="gesperrt">Brooks</em> (The law of Heredity, a study of the cause of -variation and the origin of living organisms, Baltimore 1883) und -August <em class="gesperrt">Weismann</em> (Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung fr -die Selektionstheorie, Jena 1886) in Betracht, welche die geschlechtliche -Fortpflanzung als das Mittel ansehen, dessen sich die Natur -bedient, um Variationen hervorzubringen (so Weismann, Aufstze -ber Vererbung, Jena 1892, S. 390); schlielich noch die Auffassungen -von Edouard <em class="gesperrt">van Beneden</em> (Recherches sur la maturation -de l'œuf, la fcondation et la division cellulaire, Gand 1883, p. 404 f.), -Viktor <em class="gesperrt">Hensen</em> (Physiologie der Zeugung, in Hermanns Handbuch -der Physiologie, Bd. VI/<sub>2</sub>, S. 236 f.), <em class="gesperrt">Maupas</em> (Le rajeunissement karyogamique -chez les Cilis, Archives de Zoologie exprimentale, 2. srie, -Vol. VII, 1890) und <em class="gesperrt">Btschli</em> (ber die ersten Entwicklungsvorgnge -der Eizelle, Zellteilung und Konjugation der Infusorien, Abhandlungen -der Senckenbergischen naturforsch. Gesellschaft, X, 1876), welche allerdings -mehr auf das Wesen des <em class="gesperrt">Befruchtungs</em>prozesses sich beziehen: -in welchem diese Forscher nmlich die Absicht einer <em class="gesperrt">Verjngung</em> -der Individuen erblicken. — Was Wilhelm <em class="gesperrt">Wundt</em>, System der Philosophie, -2. Aufl., Leipzig 1897, S. 521 ff. ber geschlechtliche und -ungeschlechtliche Zeugung sagt, geht ber eine Rezeption der herrschenden -naturwissenschaftlichen Anschauungen nicht hinaus.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_391">S. 391</a>, Z. 16.</b>) Die diesbezgliche Widerlegung der Deszendenzlehre -bei <em class="gesperrt">Fechner</em>, Einige Ideen zur Schpfungs- und Entwicklungsgeschichte -der Organismen, Leipzig 1873, S. 59 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_392">S. 392</a>, Z. 16 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Plato</em> im <em class="gesperrt">Timaeus</em>, p. 50 B C: -δέχεται τε γὰρ ἀεὶ τὰ πάντα, καὶ μορφὴν οὐδεμίαν ποτὲ οὐδενὶ τῶν εἰσιόντων -ὁμοιαν εἰληφεν οὐδαμῆ οὐδαμως· <em class="gesperrt">ἐκμαγεὶον</em> γὰρ φύσει παντὶ -κεῖται, κινούμενόν τε καὶ διασχηματιζόμενον ὑπο τῶν εἴσιόντων. φαίνεται -δὲ δι' ἐκεῖνα ἄλλοτε ἀλλοιον· τὰ δὲ εἰσιόντα καὶ ἐξιόντα τῶν ὄντων -ἀεὶ μιμήματα, τυπωθέντα ἀπ' αὐτων τρόπον τινὰ δύσφραστον καὶ -θαυμαστόν, ὁν εἰς αῦθις μέτιμεν. ἐν δ'οὖν τῷ παρόντι χρὴ γένη διανοηθῆναι -τριττἀ, τὸ μὲν γιγνόμενον, τὸ δὲ ἐν ῷ γίγνεται, τὸ δ'ὁθεν ἀφομοιούμενον -φύεται τὸ γιγνόμενον. 52 A B: τρίτον δὲ αὖ γὲνος τὸ τῆς<span class="pagenum"><a name="Seite_582" id="Seite_582">[S. 582]</a></span> -<em class="gesperrt">χώρας</em> ἀεὶ φθορὰν οὐ προσδεχόμενον, ἕδραν δὲ παρέχον ὅσα ἔχει -γένεσιν πᾶσιν, αὐτὸ δὲ μετ' ἀναισθησίας ἁπτὸν λογισμω τινὶ νόθω, μόγις -πιστόν, πρὸς ὁ δὴ καὶ ὀνειροπολοῦμεν βλέποντες καὶ φαμεν ἀναγκαῖον -εἶναί που τὸ ὄν ἁπαν ἔν τινι τόπω καὶ κατέχον χώραν τινά, τό δὲ μήτε -ἐν γῆ μήτε που κατ' οὐρανὸν οὐδὲν εἶναι u. s. w. Vgl. J. J. <em class="gesperrt">Bachofen</em>, -Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, S. 164–168.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_392">S. 392</a>, Z. 11 v. u. f.</b>) Diese Interpretation der χώρα als des -Raumes hat am ausfhrlichsten Hermann <em class="gesperrt">Siebeck</em> zu begrnden -gesucht (Platos Lehre von der Materie, Untersuchungen zur Philosophie -der Griechen, 2. Aufl., Freiburg 1888, S. 49–106).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_393">S. 393</a>, Z. 5.</b>) <em class="gesperrt">Plato</em>, Timaeus, 50 D: Καὶ δὴ καὶ προσεικάσαι -πρέπει τὸ μὲν δεχόμενον <em class="gesperrt">μητρί</em>, τὸ δ'ὅθεν πατρί, τὴν δὲ -μεταξὺ τούτων φύσιν ἐκγόνῳ. 49 A: τίνα οὖν ἔχον δύναμιν κατὰ -φύσιν αὐτὸ ὑποληπτέον; τοιάνδε μάλιστα, πάσης εἶναι γενέσεως -ὑποδοχὴν αὐτό, οἷον <em class="gesperrt">τιθήνην</em>. Vgl. <em class="gesperrt">Plutarch</em> de Is. et Osir. 56 -(Moralia 373 E F).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_393">S. 393</a>, Z. 6.</b>) <em class="gesperrt">Aristoteles</em>: vgl. zu S. 240, Z. 19.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_393">S. 393</a>, Z. 7 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Metaphysische Anfangsgrnde der -Naturwissenschaft, Zweites Hauptstck, Erklrung 1–4.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_394">S. 394</a>, Z. 6 v. o.</b>) Die Ahnung dieser tieferen Bedeutung -des Gegensatzes von Mann und Weib ist sehr alt (vgl. S. 13). Die -<em class="gesperrt">Pythagoreer</em> haben nach <em class="gesperrt">Aristoteles</em> (Metaphysik, A 5, 986 a -22–26) eine Tafel der Gegenstze aufgestellt, in welcher sie -.... τὰς ἀρχὰς δέκα λέγουσιν εἶναι τὰς κατὰ συστοιχίαν λεγομένας, -πέρας καὶ ἄπειρον, περιττὸν καὶ ἄρτιον, ἕν καὶ πλῆθος, δεξιὸν καὶ -ἀριστερόν, <em class="gesperrt">ἄρρεν καὶ θῆλυ</em>, ἠρεμοῦν καὶ κινούμενον, εὐθὺ καὶ -καμπύλον, φῶς καὶ σκότος, ὰγαθὸν καὶ κακόν, τετράγωνον καὶ -ἑτερόμηκες.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_399">S. 399</a>, Z. 15.</b>) Hier mchte ich nicht unterlassen, <em class="gesperrt">Giordano -Brunos</em> Worte anzufhren (De gli eroici furori, im einleitenden -Schreiben an Sir Philip Sidney, Opere di Giordano Bruno Nolano -ed. Adolfo Wagner, Vol. II, Leipzig 1830, p. 299 f.):</p> - -<p> cosa veramente .... da basso, bruto e sporco ingegno -d' essersi fatto constantemente studioso, et aver affisso un curioso -pensiero circa o sopra la bellezza d' un corpo feminile. Che spettacolo, -o dio buono, pi vile e ignobile pu presentarsi ad un occhio -di terso sentimento, che un uomo cogitabundo, afflitto, tormentato, -triste, maninconioso, per divenir or freddo, or caldo, or fervente, or -tremante, or pallido, or rosso, or in mina di perplesso, or in atto -di risoluto, un, che spende il miglior intervallo di tempo e li pi -scelti frutti di sua vita corrente destillando l' elixir del cervello con -mettere in concetto, scritto e sigillar in publici monumenti quelle -continue torture, que' gravi tormenti, que' razionali discorsi, que' faticosi -pensieri, e quelli amarissimi studi, destinati sotto la tirannide -d' una indegna, imbecilla, stolta e sozza sporcaria?..........<span class="pagenum"><a name="Seite_583" id="Seite_583">[S. 583]</a></span> -............... Ecco vergato in carte, rinchiuso in libri, -messo avanti gli occhi, e intonato a gli orecchi un rumore, un strepito, -un fracasso d'insegne, d'imprese, di motti, d'epistole, di sonetti, -d'epigrammi, di libri, di prolissi scarfazzi, di sudori estremi, di vite -consumate, con strida, ch'assordiscon gli astri, lamenti, che fanno -ribombar gli antri infernali, doglie, che fanno stupefar l'anime viventi, -suspiri da far exinanire e compatir gli dei, per quegli occhi, -per quelle guance, per quel busto, per quel bianco, per quel vermiglio, -per quella lingua, per quel labro, quel crine, quella veste, -quel manto, quel guanto, quella scarpetta, quella pianella, quella parsimonia, -quel risetto, quel sdegnosetto, quella vedova finestra, quell'eclissato -sole, quel martello, quel schifo, quel puzzo, <em class="gesperrt">quel sepolcro, -quel cesso, quel mestruo, quella carogna, quella febre quartana</em>, -quella estrema ingiuria e torto di natura, che con una superficie, -un'ombra, un fantasma, un sogno, un circeo incantesimo ordinato al -servigio de la generazione, ne inganna in specie di bellezza; la quale -insieme viene e passa, nasce e muore, fiorisce e marcisce: et bella -un pochettino a l'esterno, che nel suo intrinseco, vera e stabilmente - contenuto un navilio, una bottega, una dogana, un mercato di -quante sporcarie, tossichi e veneni abbia possuti produrre la nostra -madrigna natura: la quale, dopo aver riscosso quel seme, di cui la -si serva, ne viene sovente a pagar d'un lezzo, d'un pentimento, -d'una tristizia, d'una fiacchezza, d'un dolor di capo, d'una lassitudine, -d'altri e d'altri malanni, che sono manifesti a tutto il mondo, -a fin che amaramente dolga, dove soavemente proriva ................. -Voglio che le donne siano cos onorate et amate, -come denno essere amate et onorate le donne: per tal causa dico, -e per tanto, per quanto si deve a quel poco, a quel tempo e quella -occasione, se non hanno altra virt che naturale, cio di quella -bellezza, di quel splendore, di quel servigio, senza il quale denno -esser stimate pi vanamente nate al mondo, che un morboso fungo, -qual con pregiudizio di miglior piante occupa la terra, e pi noiosamente, -che qual si voglia napello, o vipera, che caccia il capo fuor -di quella?... u. s. w.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_400">S. 400</a>, Z. 16 v. u.</b>) Das <em class="gesperrt">Weib</em> also ist der <em class="gesperrt">Ausdruck</em> des -Sndenfalles des Menschen, es ist die objektivierte Sexualitt des -Mannes und nichts anderes als diese. Eva war nie im Paradiese. -Dagegen glaube ich mit dem Mythus der <em class="gesperrt">Genesis</em> (I, 2, 22) -und mit dem <em class="gesperrt">Apostel Paulus</em> (1. Timoth. 2, 13, und besonders -1. Korinth. 11, 8: οὐ γὰρ ἐστιν ἀνὴρ ἐκ γυναικός, ἀλλὰ γυνὴ ἐξ -ἀνδρός) an die Prioritt des <em class="gesperrt">Mannes</em>, an die Schpfung des Weibes -durch den Mann, an seine <em class="gesperrt">Mittelbarkeit</em>, durch die seine Seelenlosigkeit -ermglicht ist. Gegen diese metaphysische Posterioritt des -Weibes, die eine Posterioritt dem Seins-Range nach ist und keine -bestimmte zeitliche Stelle hat, sondern eine in jedem Augenblick -vollzogene Schpfung des Weibes durch den noch immer sexuellen<span class="pagenum"><a name="Seite_584" id="Seite_584">[S. 584]</a></span> -Mann, sozusagen ein <em class="gesperrt">fortwhrendes Ereignis</em> bedeutet, bildet -es keinen Einwand, da bei wenig differenzierten Lebewesen das -mnnliche Geschlecht noch fehlt, und die Funktionen, die es auf hherer -Stufe ausbt, entbehrlich scheinen. Da brigens hierin eine schroffe -Absage an alle deszendenz-theoretischen Spekulationen liegt, soweit -diese auf die Philosophie einer Einflunahme sich vermessen, -dessen bin ich mir wohl bewut, vermag aber die Verantwortung -fr diesen Schritt verhltnismig leicht zu tragen. Philosophie ist -nicht Historie, vielmehr ihr striktes Gegenteil: denn es gibt keine -Philosophie, die nicht die Zeit negierte, keinen Philosophen, dem -die Zeit eine Realitt wre wie die anderen Dinge.</p> - -<p>Dagegen ist es sehr wohl begreiflich, wie die Anschauung -von der Ewigkeit der Frau und der Vergnglichkeit des Mannes hat -entstehen knnen. Das absolut Formenlose scheint ebenso dauerhaft -zu sein wie die reine geistige Form, diese dem Dutzendmenschen -ganz unvollziehbare Vorstellung. Und ber die Ewigkeit der Mutter -ist im 10. Kapitel das Ntigste bemerkt. Man vgl. auch <em class="gesperrt">Bachofen</em>, -Das Mutterrecht S. 35: Das Weib ist das Gegebene, der Mann -wird. Von Anfang an ist die Erde der mtterliche Grundstoff. Aus -ihrem Mutterschoe geht alsdann die sichtbare Schpfung hervor, -und erst in dieser zeigt sich ein doppeltes getrenntes Geschlecht; -erst in ihr tritt die mnnliche Bildung ans Tageslicht, Weib und -Mann erscheinen also nicht gleichzeitig, sind nicht gleich geordnet. -Das Weib geht voran, der Mann folgt; das Weib ist frher, der -Mann steht zu ihr im Sohnesverhltnis; das Weib ist das Gegebene, -der Mann das aus ihr erst Gewordene. Er gehrt der sichtbaren, -aber stets wechselnden Schpfung; er kommt nur in sterblicher Gestalt -zum Dasein. Von Anfang an vorhanden, gegeben, unwandelbar -ist nur das Weib; geworden, und darum stetem Untergang verfallen, -der Mann. Auf dem Gebiete des physischen Lebens steht -also das mnnliche Prinzip an zweiter Stelle, es ist dem weiblichen -untergeordnet. S. 36: In der Pflanze, die aus dem Boden hervorbricht, -wird der Erde Muttereigenschaft anschaulich. Noch ist keine -Darstellung der Mnnlichkeit vorhanden; diese wird erst spter an -dem ersten mnnlich gebildeten Kinde erkannt. Der Mann ist also -nicht nur spter als das Weib, sondern dieses erscheint auch als -die Offenbarerin des groen Mysteriums der Lebenszeugung. Denn aller -Beobachtung entzieht sich der Akt, der im Dunkel des Erdschoes -das Leben weckt und dessen Keim entfaltet; was zuerst sichtbar -wird, ist das Ereignis der Geburt; an diesem hat aber nur die Mutter -teil. Existenz und Bildung der mnnlichen Kraft wird erst durch -die Gestaltung des mnnlichen Kindes geoffenbart; durch eine solche -Geburt reveliert die Mutter den Menschen das, was vor der Geburt -unbekannt war, und dessen Ttigkeit in Finsternis begraben lag. In -unzhligen Darstellungen der alten Mythologie erscheint die mnnliche -Kraft als das geoffenbarte Mysterium; das Weib dagegen als das<span class="pagenum"><a name="Seite_585" id="Seite_585">[S. 585]</a></span> -von Anfang an Gegebene, als der stoffliche Urgrund, als das -Materielle, sinnlich Wahrnehmbare, das selbst keiner Offenbarung -bedarf, vielmehr seinerseits durch die erste Geburt Existenz und Gestalt -der Mnnlichkeit zur Gewiheit bringt.</p> - -<p>Das μὴ ὄν nmlich, welches vom Weibe vertreten wird, ist -das vllig Ungeformte, Strukturlose, das Amorphe, die Materie, die -keinen letzten Teil mehr hat an der Idee des Lebens, aber ebenso -ewig und unsterblich zu sein scheint wie reine Form, schuldfreies -hheres Leben, unverkrperter Geist ewig ist. Das eine, weil nichts -an ihm gendert, vom Formlosen keine Form zerstrt werden kann; -das zweite, weil es sich nicht inkarniert, weil es nicht endlich, und -darum nicht vernichtbar wird.</p> - -<p>Der Begriff des ewigen Lebens der Religionen ist der Begriff -des absoluten, metaphysischen Seins (der Aseitt) der Philosophien.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_400">S. 400</a>, Z. 12 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Dante</em> Inferno XXXIV, Vers 76 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_401">S. 401</a>, Z. 5 f.</b>) Es hat Anspruch auf das ernsteste Nachdenken, -und verdient die tiefste Ehrfurcht des Hrers, und nicht -Gelchter (womit ihm heute wohl allenthalben geantwortet wrde), -wenn <em class="gesperrt">Tertullian</em> das Weib so apostrophiert (De habitu muliebri -liber, Opera rec. J. J. Semler, Halae 1770, Vol. III, p. 35 f.): Tu -es diaboli ianua, tu es arboris illius resignatrix, tu es divinae legis -prima desertrix, tu es, quae eum suasisti, quem diabolus aggredi -non valuit. Tu imaginem dei, hominem, tam facile elisisti; propter -tuum meritum, id est mortem, etiam filius dei mori debuit; et -adornari tibi in mente est, propter pelliceas tuas tunicas? Diese -Worte sind an die <em class="gesperrt">Weiblichkeit</em> als <em class="gesperrt">Idee</em> gerichtet; die empirischen -Frauen wrden durch die Zumessung einer solchen Bedeutung sich -stets nur angenehm gekitzelt fhlen; die Frauen sind sehr zufrieden -mit dem <em class="gesperrt">anti</em>sexuellen Manne, und ratlos nur dem <b>a</b>sexuellen -gegenber.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_401">S. 401</a>, Z. 12.</b>) Wie sich durch seine Sexualitt der Mann -dem Weibe annhert, geht aus der Tatsache hervor, da die Erektion -dem Willen entzogen ist und durch ihn nicht aufgehoben werden -kann, gleichwie eine Muskelkontraktion vom gesunden Menschen auf -Befehl des Willens rckgngig gemacht wird. Der Zustand der wollstigen -Erregtheit beherrscht das Weib ganz, beim Manne doch nur -einen Teil. Aber die Wollust drfte die einzige Empfindung sein, -welche im allgemeinen nicht durchaus verschieden ist bei den beiden -Geschlechtern; die Empfindung des Koitus hat fr Mann und Frau -eine gleiche Qualitt. Der Koitus wre sonst unmglich. Er ist der -Akt, der zwei Menschen am strksten einander angleicht. Nichts -kann demnach irriger sein als die populre Ansicht, da Mann und -Weib vor allem oder gar ausschlielich in ihrer <em class="gesperrt">Sexualitt -differieren</em>, wie ihr z. B. <em class="gesperrt">Rousseau</em> Ausdruck gibt (Emile, Livre -V., Anfang): En tout ce qui ne tient pas au sexe la femme est<span class="pagenum"><a name="Seite_586" id="Seite_586">[S. 586]</a></span> -homme. Gerade die Sexualitt ist das <em class="gesperrt">Band</em> zwischen Mann und -Frau und wirkt auch stets <em class="gesperrt">ausgleichend</em> zwischen beiden.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_402">S. 402</a>, Z. 10.</b>) Auch das spezifische <em class="gesperrt">Mitleid</em> des Mannes -mit der Frau — ihrer inneren Leere und Unselbstndigkeit, Haltlosigkeit -und Gehaltlosigkeit wegen — weist, wie alles Mitleid, auf -eine Schuld zurck.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_402">S. 402</a>, Z. 9 v. u.</b>) Es sind hiemit scheinbar drei <em class="gesperrt">verschiedene</em> -Erklrungen der Kuppelei (und somit Herleitungen der -Weiblichkeit) gegeben; aber sie drcken, wie man wohl sieht, alle -ein und dasselbe aus. Die sich ewig vergrernde Schuld des -hheren Lebens ist die dem Menschen ewig unerklrliche, fr ihn -wahrhaft <em class="gesperrt">letzte</em> Tatsache des Abfalls jenes Lebens zum niederen -Leben; der pltzliche Absturz des vllig Schuldlosen in die Schuld. -Das niedere Leben aber kulminiert in jenem Akte, durch das es neu -erzeugt wird; alle Begnstigung des niederen Lebens schliet darum -notwendig Kuppelei ein. Dieses selbe Streben, das irdische Leben -Realitt gewinnen zu lassen, ist dadurch bezeichnet, da alle Materie -sich verfhrerisch der Formung entgegendrngt; oder wie dies <em class="gesperrt">Plato</em> -tiefsinnig angedeutet hat: durch die betrgerische Zudringlichkeit der -<em class="gesperrt">Penia</em> (der Armut, des Leeren, des Nichts) an den trunkenen, -trumenden Gott <em class="gesperrt">Poros</em> (den Reichen).</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_13" id="Zu_Teil_II_Kapitel_13">Zu Teil II, Kapitel 13.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_404">S. 404</a>, Z. 13 v. u.</b>) ber den mangelhaften Bartwuchs der -Chinesen <em class="gesperrt">Darwin</em>, Abstammung des Menschen, bersetzt von Haek, -Bd. II, S. 339. Auch die <em class="gesperrt">Stimme</em> des Mannes soll sich bei den -verschiedenen Menschenrassen nicht gleich sehr von der des Weibes -unterscheiden, z. B. gerade bei Chinesen und Tataren, die Stimme -des Mannes nicht so sehr von der des Weibes abweichen, wie bei -anderen Rassen. (<em class="gesperrt">Darwin</em>, Die Abstammung des Menschen, bersetzt -von Haek, Leipzig, Universalbibliothek, Bd. II, S. 348, nach -Sir Duncan <em class="gesperrt">Gibb</em>, Journal of the Anthropological Society, April -1869, p. LVII und LVIII.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_405">S. 405</a>, Z. 14 v. u.</b>) Houston Stewart <em class="gesperrt">Chamberlain</em>, Die -Grundlagen des 19. Jahrhunderts, I. Hlfte, 4, Aufl., Mnchen 1903, -S. 345 ff.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_406">S. 406</a>, Z. 1 v. u.</b>) Als hervorragendere Philosemiten -knnten nur der sehr berschtzte G. E. <em class="gesperrt">Lessing</em>, und Friedr. -<em class="gesperrt">Nietzsche</em> in Betracht kommen, der letztere aber wohl blo infolge -eines Oppositionsbedrfnisses gegen <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> und <em class="gesperrt">Wagner</em>; -und der erstere hat den eigenen Rang viel klarer erkannt und offener -eingestanden als die Geschichtsschreiber der deutschen Literatur (vgl. -Hamburgische Dramaturgie, Stck 101 f.). Der schrfste Antisemit -unter allen ist wohl <em class="gesperrt">Kant</em> gewesen (nach der Anmerkung zum - 44 seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht). Vgl. ber<span class="pagenum"><a name="Seite_587" id="Seite_587">[S. 587]</a></span> -den Consensus ingeniorum <em class="gesperrt">Chamberlain</em>, Die Grundlagen des -19. Jahrhunderts, S. 335.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_413">S. 413</a>, Z. 7 v. u. f.</b>) <em class="gesperrt">1. Buch Mosis</em>, Kap. 25, 24–34; -27, 1–45; 30, 31–43.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_414">S. 414</a>, Z. 4–9.</b>) Nach M. <em class="gesperrt">Friedlnder</em>, Der Antichrist in -den vorchristlichen jdischen Quellen, Gttingen 1901, S. 118 ff. -hat der Antichrist schon im vorchristlichen Judentum (z. B. dem -freilich sehr spt entstandenen Buche Deuteronomium) eine Rolle -als Beliar gespielt. Friedlnders Auffassung gipfelt, wie ich glaube -(von dem historischen Materiale mu ich absehen), darin, da der -Antichrist erst da sein mute, damit der Christ komme, ihn zu vernichten -(S. 131). Damit wird jedoch dem Bsen eine selbstndige -Existenz <em class="gesperrt">vor</em> dem Guten und also unabhngig von diesem zugesprochen; -das Bse indes ist nur Privation des Guten -(<em class="gesperrt">Augustinus</em>, <em class="gesperrt">Goethe</em>). Nur der gute, nicht der bse Mensch -<em class="gesperrt">frchtet</em> das Bse, dem der Verbrecher selbst <em class="gesperrt">dient</em>. Das Bse ist -nur ein Abfall vom Guten, und hat nur einen Sinn in Bezug auf -dieses; indes das Gute an sich ist und keiner Relation bedarf.</p> - -<p>Die wenigen Elemente des vorchristlichen jdischen Teufelsglaubens -stammen nach den Resultaten der Forschung aus dem -Parsismus. Vgl. W. <em class="gesperrt">Bousset</em>, Die jdische Apokalyptik, ihre religionsgeschichtliche -Herkunft und ihre Bedeutung fr das neue Testament, -Berlin 1903, S. 38–51. S. 45: Der Schlu drngt sich mit -zwingender Gewalt auf: die jdische Apokalyptik ist in dem Neuen, -was sie in den Hoffnungsglauben des Judentums hineinbringt, von -Seiten der eranischen Religion bedingt und angeregt. Und S. 48: -Nun lt sich doch behaupten, da der Dualismus spezifisch -unisraelitisch ist. Die Religion der Propheten und des alten Testamentes -kennt den Teufel nicht. Die Gestalt des Satans, wie sie im -Erzhlungsstck des Hiobbuches, in der Chronik, bei Sacharja auftritt, -hat mit der spteren des Teufels, wie sie im neutestamentlichen -Zeitalter herrscht, uerst wenig, nicht viel mehr als den Namen -gemeinsam. Und berdies sind smtliche hier genannten Stcke — auch -das Erzhlungsstck des Hiobbuches — recht spt. Der Teufelsglaube, -die Annahme eines organisierten dmonischen Reiches widerspricht -direkt dem Geiste der Frmmigkeit der Propheten und -Psalmen, ihrem starken und starren Monotheismus. Hingegen ist in -keiner anderen Religion der Dualismus so heimisch und wurzelt so -tief wie in der eranischen Religion. Auch von hier aus drngt sich -der Schlu der Abhngigkeit der jdischen Apokalyptik unmittelbar -auf.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_415">S. 415</a>, Z. 10.</b>) So nicht nur die Argumente des Tages, -sondern selbst <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> (Parerga und Paralipomena, Bd. II, - 132): [Das jdische Volk] lebt parasitisch auf den anderen Vlkern -und ihrem Boden, ist aber dabei nichtsdestoweniger von lebhaftestem<span class="pagenum"><a name="Seite_588" id="Seite_588">[S. 588]</a></span> -Patriotismus fr die eigene Nation beseelt, den es an den Tag legt -durch das festeste Zusammenhalten, wonach Alle fr Einen und -Einer fr Alle stehen; so da dieser Patriotismus <i>sine patria</i> begeisterter -wirkt, als irgend ein anderer. Das Vaterland des Juden -sind die brigen Juden: daher kmpft er fr sie, wie <i>pro ara et -focis</i>, und keine Gemeinschaft auf Erden hlt so fest zusammen -wie diese.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_418">S. 418</a>, Z. 18.</b>) Houston Stewart <em class="gesperrt">Chamberlain</em>, Die Grundlagen -des neunzehnten Jahrhunderts, 4. Aufl., Mnchen 1903, S. 143, -Anm. 1. — ber die jdische Diaspora der letzten vorchristlichen -Jahrhunderte vgl. ferner M. <em class="gesperrt">Friedlnder</em>, Der Antichrist in den -vorchristlichen jdischen Quellen, Gttingen 1901, S. 90 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_420">S. 420</a>, Z. 10.</b>) ber den Mangel an Unsterblichkeitsglauben -im alten Testamente hat <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> das Treffendste und -Krftigste gesagt (Parerga und Paralipomena, Bd. I, S. 151 f., ed. -Grisebach).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_420">S. 420</a>, Z. 12.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Neue Paralipomena, 396 -(Handschriftlicher Nachla, Bd. IV, herausgegeben von Eduard -Grisebach, S. 244).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_420">S. 420</a>, Z. 18 f.</b>) Gustav Theodor <em class="gesperrt">Fechner</em>, Die drei Motive -und Grnde des Glaubens, Leipzig 1863, S. 254–256. Auch in -der Tagesansicht gegenber der Nachtansicht, Leipzig 1879, -S. 65–68.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_420">S. 420</a>, Z. 8 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Tertulliani</em> Apologeticus adversus gentes -pro christianis, cap. 17 (Opera, Vol. V, p. 47, rec. Semler, Halae 1773.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_420">S. 420</a>, Z. 6 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Chamberlain</em> a. a. O., S. 391–400.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_421">S. 421</a>, Z. 13.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> hat das Wesen des Jdischen -am sichersten herausgefhlt; denn von ihm rhrt das Wort her -von den dem Nationalcharakter der Juden anhngenden, bekannten -Fehlern, worunter eine wundersame Abwesenheit alles dessen, was -das Wort <i>verecundia</i> ausdrckt, der hervorstechendste, wenngleich -ein Mangel ist, der in der Welt besser weiter hilft, als vielleicht -irgend eine positive Eigenschaft .... (Parerga und Paralipomena, -Bd. II, 132.)</p> - -<p>Diesen Mangel an <i>verecundia</i> will ich erst weiterhin berhren -und in einen Zusammenhang mit allem brigen jdischen -Wesen zu bringen versuchen (S. 591).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_422">S. 422</a>, Z. 14 v. u.</b>) Aus Versen <em class="gesperrt">Keplers</em> citiert nach -Johann Karl Friedrich <em class="gesperrt">Zllner</em>, ber die Natur der Kometen, Beitrge -zur Geschichte und Theorie der Erkenntnis, 2. Aufl., Leipzig -1872, S. 164.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_423">S. 423</a>, Z. 1 v. u.</b>) Gustav Theodor <em class="gesperrt">Fechner</em>, Ideen zur -Schpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Organismen, Leipzig -1873. Wilhelm <em class="gesperrt">Preyer</em>, Naturwissenschaftliche Tatsachen und -Probleme, 1880, II. Vortrag: Die Hypothesen ber den Ursprung -des Lebens (Kosmozoen-Theorie).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_589" id="Seite_589">[S. 589]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_425">S. 425</a>, Z. 4.</b>) Was <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> (ber den Willen in -der Natur, Werke, ed. Grisebach, III, 337) und <em class="gesperrt">Chamberlain</em> -(Grundlagen des 19. Jahrhunderts, 4. Aufl., S. 170 f.) <em class="gesperrt">Spinoza</em> -hauptschlich zum Vorwurf machen, seine merkwrdigen sittlichen -Lehren, das bildet in weit geringerem Grade einen Einwand gegen -ihn und gegen das Judentum, und am wenigsten deutet es auf -irgend eine Immoralitt in Spinoza selbst hin. Spinozas ethische -Lehre ist gerade darum so flach geworden, weil er recht wenig -Verbrecherisches in sich zu berwinden hatte. Aus demselben Grunde -treffen auch <em class="gesperrt">Aristoteles'</em>, <em class="gesperrt">Fechners</em> oder <em class="gesperrt">Lotzes</em> ethische Theorien -so wenig das eigentliche Problem, obwohl sie, als Arier, von vornherein -tiefer sind als der Jude.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_425">S. 425</a>, Z. 13.</b>) Ich glaube, da auf einem Miverstndnis, -auf einer Verwechslung von Wille und Willkr beruht, was -<em class="gesperrt">Chamberlain</em> sagt (a. a. O., S. 243 f.): Das liberum arbitrium -ist entschieden eine semitische und in seiner vollen Ausbildung -speziell eine jdische Vorstellung.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_425">S. 425</a>, Z. 17.</b>) Wie ganz anders auch <em class="gesperrt">Fechner</em>, den eine -oberflchliche Betrachtung in sehr groe Nhe zu Spinoza zu rcken -versucht hat, als welcher jenem an Bedeutung und Tiefe weit nachsteht! -Vgl. z. B. Zend-Avesta, II<sup>2</sup>, 197: Der Mensch, aus dem der -jenseitige Geist kommt [beim Tode] ...., bleibt unter <em class="gesperrt">allen</em> Einwirkungen, -die ihm begegnen mgen, ein Individuelles.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_427">S. 427</a>, Z. 16 f.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Die Welt als Wille und -Vorstellung, Zweiter Band, erstes Buch, Kapitel 8: Zur Theorie des -Lcherlichen. — <em class="gesperrt">Jean Paul</em>, Vorschule der sthetik, 26–55.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_429">S. 429</a>, Z. 2 f.</b>) Im fliegenden Hollnder, im Lohengrin, -im Parsifal ist das Problem des Judentums offen formuliert; aber -Siegfried, der dumme Knab', ist nicht minder als Parsifal, der -reine Tor, von <em class="gesperrt">Wagner</em> in einem Gegensatze zu allem Jdischen -gedacht worden.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_434">S. 434</a>, Z. 10–12.</b>) Die Selbstsetzung des Ich bleibt der -tiefste Gedanke der <em class="gesperrt">Fichte</em>schen Philosophie. Vgl. Grundlage der -gesamten Wissenschaftslehre, Smtliche Werke herausgegeben -von J. H. Fichte, I/1, Berlin 1845, S. 95 f. (vgl. zu S. 205, Z. 18):</p> - -<p><i>a)</i> Durch den Satz A = A wird <em class="gesperrt">geurtheilt</em>. Alles Urtheilen -aber ist laut des empirischen Bewutseyns ein Handeln des menschlichen -Geistes; denn es hat alle Bedingungen der Handlung im -empirischen Selbstbewutseyn, welche zum Behuf der Reflexion, als -bekannt und ausgemacht, vorausgesetzt werden mssen.</p> - -<p><i>b)</i> Diesem Handeln nun liegt etwas auf nichts hheres gegrndetes, -nemlich X = Ich bin, zum Grunde.</p> - -<p><i>c)</i> Demnach ist das <em class="gesperrt">schlechthin gesetzte</em> und <em class="gesperrt">auf sich -selbst gegrndete</em> — Grund <em class="gesperrt">eines gewissen</em> (durch die ganze -Wissenschaftslehre wird sich ergeben, <em class="gesperrt">alles</em>) Handelns des menschlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_590" id="Seite_590">[S. 590]</a></span> -Geistes, mithin sein reiner Charakter; der reine Charakter -der Thtigkeit an sich; abgesehen von den besonderen empirischen -Bedingungen derselben.</p> - -<p>Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thtigkeit -desselben. — Das Ich <em class="gesperrt">setzt sich selbst</em>, und es <em class="gesperrt">ist</em>, vermge -dieses bloen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt, das Ich -<em class="gesperrt">ist</em>, und es setzt sein Seyn, vermge seines bloen Seyns. — Es ist -zugleich das Handelnde und das Produkt der Handlung; das Thtige, -und das, was durch die Thtigkeit hervorgebracht wird; Handlung -und That sind Eins und ebendasselbe; und daher ist das: <em class="gesperrt">Ich bin</em>, -Ausdruck einer Thathandlung .....</p> - -<p>8. Ist das Ich nur, insofern es sich setzt, so ist es auch nur -<em class="gesperrt">fr</em> das setzende und setzt nur fr das seyende. — <em class="gesperrt">Das Ich ist fr -das Ich</em>, — setzt es aber sich selbst, schlechthin so wie es ist, so -setzt es sich nothwendig und ist nothwendig fr das Ich. <em class="gesperrt">Ich bin -nur fr Mich; aber fr mich bin ich nothwendig</em> (indem ich -sage <em class="gesperrt">fr Mich</em>, setze ich schon mein Seyn).</p> - -<p>9. <em class="gesperrt">Sich selbst setzen</em> und <em class="gesperrt">Seyn</em> sind, vom Ich gebraucht, -vllig gleich. Der Satz: Ich bin, weil ich mich selbst gesetzt habe, -kann demnach auch so ausgedrckt werden: <em class="gesperrt">Ich bin schlechthin, -weil ich bin.</em></p> - -<p>Ferner, das sich setzende Ich und das seyende Ich sind vllig -gleich, Ein und ebendasselbe. Das Ich ist dasjenige, als <em class="gesperrt">was</em> es sich -setzt; und es setzt sich als <em class="gesperrt">dasjenige</em>, was es ist. Also: <em class="gesperrt">Ich bin -schlechthin, was ich bin.</em></p> - -<p>10. Der unmittelbare Ausdruck der jetzt entwickelten Thathandlung -wre folgende Formel: <em class="gesperrt">Ich bin schlechthin, das -ist ich bin schlechthin, weil ich bin, und bin schlechthin, -was ich bin; beides fr das Ich.</em></p> - -<p>Denkt man sich die Erzhlung von dieser Thathandlung an die -Spitze einer Wissenschaftslehre, so mte sie etwa folgendermaen -ausgedrckt werden: <em class="gesperrt">Das Ich setzt ursprnglich sein eigenes -Seyn.</em></p> - -<p>(<b><a href="#Seite_434">S. 434</a>, Z. 15 f.</b>) Vgl. H. S. <em class="gesperrt">Chamberlain</em> a. a. O., -S. 397 f. — Die Dualitt von Religion und Glaube, die Chamberlain -S. 405 f. behauptet, drfte kaum haltbar sein.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_435">S. 435</a>, Z. 6 v. u.</b>) Vgl. H. S. <em class="gesperrt">Chamberlain</em>, Die Grundlagen -des XIX. Jahrhunderts, 4. Aufl., Mnchen 1903, -S. 244, 401.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_436">S. 436</a>, Z. 2 v. u.</b>) Man sieht, wie schwierig es ist, das -Judentum zu definieren. Dem Juden fehlt die Hrte, aber auch die -Sanftmut — eher ist er zhe und weich; er ist weder roh noch -fein, weder grob noch hflich. Er ist nicht Knig, nicht Fhrer, -aber auch nicht Lehnsmann, nicht Vasall. Was er nicht kennt, ist -Erschtterung; doch es mangelt ihm ebensosehr der Gleichmut. Ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_591" id="Seite_591">[S. 591]</a></span> -ist nie etwas selbstverstndlich, aber ebenso fremd ist ihm alles -wahre Staunen. Er hat nichts vom <em class="gesperrt">Lohengrin</em>, aber beinahe -noch weniger vom <em class="gesperrt">Telramund</em> (der mit seiner Ehre steht und -fllt). Er ist lcherlich als Korpsstudent; und gibt doch keinen guten -Philister ab. Er ist nie schwerbltig, aber auch nie vom Herzen -leichtsinnig. Weil er nichts glaubt, flchtet er ins Materielle; nur -daher stammt seine Geldgier: er sucht hier eine Realitt und will -durchs Geschft von einem Seienden berzeugt werden — der -einzige Wert, den er als tatschlich anerkennt, wird so das verdiente -Geld. Aber dennoch ist er nicht einmal eigentlich Geschftsmann: -denn das Unreelle, Unsolide im Gebaren des jdischen -Hndlers ist nur die konkrete Erscheinung des der <em class="gesperrt">inneren Identitt</em> -baren jdischen Wesens auch auf diesem Gebiete. <em class="gesperrt"><b>Jdisch</b> ist -also eine <b>Kategorie</b></em> und psychologisch nicht weiter zurckzufhren -und zu bestimmen; metaphysisch mag man es als <em class="gesperrt">Zustand vor -dem Sein</em> fassen; introspektiv kommt man nicht weiter als bis zur -inneren Vieldeutigkeit, dem Mangel an berzeugungen, der Unfhigkeit -zu irgend welcher Liebe, das ist ungeteilten Hingabe, und zum Opfer.</p> - -<p>Die Erotik des Juden ist sentimental, sein Humor Satire; -jeder Satiriker aber ist sentimental, wie jeder Humorist nur ein -umgekehrter Erotiker. In der Satire und in der Sentimentalitt ist -jene Duplizitt, die das Jdische eigentlich ausmacht (denn die Satire -verschweigt zu wenig und flscht darum den Humor); und jenes -Lcheln ist beiden gemeinsam, welches das jdische Gesicht kennzeichnet: -kein seliges, kein schmerzvolles, kein stolzes, kein verzerrtes -Lcheln, sondern jener unbestimmte Gesichtsausdruck, welcher -<em class="gesperrt">Bereitschaft</em> verrt, <em class="gesperrt">auf alles einzugehen</em>, und alle Ehrfurcht des -Menschen vor sich selbst vermissen lt; jene Ehrfurcht, die allein -alle andere <i>verecundia</i> erst begrndet.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_437">S. 437</a>, Z. 6.</b>) <em class="gesperrt">Chamberlain</em>: a. a. O., S. 329 f.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_437">S. 437</a>, Z. 5 v. u. f.</b>) ber das epileptische Genie vgl. -besonders <em class="gesperrt">Lombroso</em>, Der geniale Mensch, Hamburg 1890, an -vielen Orten. ber Napoleons Epilepsie orientiert Louis <em class="gesperrt">Proal</em>, -Napolon I. tait-il pileptique? Archives d'Anthropologie criminelle, -1902, p. 261–266 (mit den Zeugnissen von Constant und Talleyrand).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_438">S. 438</a>, Z. 11.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Die Religion innerhalb der Grenzen der -bloen Vernunft, S. 46–47, ed. Kehrbach. Vgl. S. 49 f.: Wenn -der Mensch aber im Grunde seiner Maximen verderbt ist, wie ist es -mglich, da er durch eigene Krfte diese Revolution [einen bergang -zur Maxime der Heiligkeit der Gesinnung] zustande bringe und von -selbst ein guter Mensch werde? Und doch gebietet die Pflicht, es zu -sein, sie gebietet uns aber nichts, als was uns tunlich ist. Dieses ist -nicht anders zu vereinigen, als da die Revolution fr die Denkungsart, -die allmhliche Reform aber fr die Sinnesart (welche jener<span class="pagenum"><a name="Seite_592" id="Seite_592">[S. 592]</a></span> -Hindernisse entgegenstellt), notwendig und daher auch dem Menschen -mglich sein mu. Das ist: wenn er den obersten Grund seiner -Maximen, wodurch er ein bser Mensch war, durch eine einzige -unwandelbare Entschlieung umkehrt (und hiemit einen neuen -Menschen anzieht); so ist er sofern dem Prinzip und der Denkungsart -nach ein frs Gute empfngliches Subjekt u. s. w. —</p> - -<p>Das andere Genie erfhrt die Gnade noch vor der Geburt; -der Religionsstifter im Laufe seines Lebens. In ihm stirbt ein lteres -Wesen am vollstndigsten und tritt vor einem gnzlich neuen zurck. -Je grer ein Mensch werden will, desto mehr ist in ihm, dessen -Tod er beschlieen mu. Ich glaube, da auch <em class="gesperrt">Sokrates</em> hier den -Religionsstiftern (als der einzige unter allen Griechen<a name="FNAnker_106_106" id="FNAnker_106_106"></a><a href="#Fussnote_106_106" class="fnanchor">[106]</a>) sich nhert; -vielleicht hat er den entscheidenden Kampf mit dem Bsen an -jenem Tage gekmpft, da er bei Potidaea vierundzwanzig Stunden -allein an einem und demselben Orte aufrecht stand.</p> - -<p><em class="gesperrt">Kant</em> (Religionsphilosophie; vgl. im Texte S. 209), <em class="gesperrt">Goethe</em> -(Citat auf S. 438), <em class="gesperrt">Jakob Bhme</em> (De regeneratione) und Richard -<em class="gesperrt">Wagner</em> (Wotan bei Erda, Siegfried, III. Akt) sind ebenfalls diesem -Ereignis einer buchstblichen <em class="gesperrt">Neugeburt</em> des <em class="gesperrt">ganzen</em> Menschen -weniger fern gewesen als die meisten anderen groen Mnner.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_14" id="Zu_Teil_II_Kapitel_14">Zu Teil II, Kapitel 14.</a></h2> - - -<p>(<b><a href="#Seite_443">S. 443</a>, Z. 7 v. u.</b>) Alle hhere Kultur ist nicht auf das -Prinzip der <em class="gesperrt">Sexualitt</em>, sondern im Gegenteil auf das Prinzip der -<em class="gesperrt">Askese</em> gegrndet das ist (wenn man Askese nicht zu eng, nicht -im Sinne einer Jesuiten-Schulung fat) das wahrste Wort aus dem -trefflichen Aufsatze von O. <em class="gesperrt">Friedlnder</em> (vgl. zu S. 446, Z. 1 -v. u.).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_443">S. 443</a>, Z. 15–21.</b>) Auf das berwiegen des dirnenhaften -Elementes im heutigen Weibe drfte die zunehmende Unlust und -Unfhigkeit der Mtter, ihre Kinder zu stillen, viel eher zurckweisen -als auf den seit Jahrhunderten unverndert groen Alkoholgenu -(vgl. S. 291, Z. 14 v. u. f.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_444">S. 444</a>, Z. 15.</b>) Sogar in die Wissenschaft ist diese Wertung -des Mannes nach seiner geschlechtlichen Fhigkeit eingedrungen. Il -ne peut tre douteux que les testicules donnent l'homme ses plus -nobles et ses plus utiles qualits. (<em class="gesperrt">Brown-Squard</em>, Archives de -Physiologie normale et pathologie, 1889, p. 652.)</p> - -<p>Es ist sehr verdienstlich von <em class="gesperrt">Rieger</em>, diesen so populren Anschauungen -derart krftig entgegengetreten zu sein, wie er es in -seinem Buche ber Die Kastration (Jena 1900) getan hat.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_446">S. 446</a>, Z. 1 v. u.</b>) Auf einem anderen Wege und weniger durch -eine Analyse der Weiblichkeit als der Mnnlichkeit kommt Oskar<span class="pagenum"><a name="Seite_593" id="Seite_593">[S. 593]</a></span> -<em class="gesperrt">Friedlnder</em> (Eine fr Viele, eine Studie, Die Gesellschaft, -Mnchener Halbmonatsschrift, 1902, Heft 15/16) zu <em class="gesperrt">demselben</em> -Ergebnis (S. 181 f.): Die Geschlechter bilden und beeinflussen einander -in der Richtung nach dem physischen und moralischen Ideale, -das sie als Mastab ihrer wechselseitigen Wertschtzung zu Grunde legen, -und von dessen mehr oder minder vollkommener Erfllung die Bevorzugung -der einen vor den anderen bei der Liebeswahl abhngig -zu denken ist. Wenn echte Weiblichkeit mit dem Attribute der -Keuschheit unzertrennlich verbunden ist, so ist demnach der Grund -dafr nicht in der Natur des Weibes, sondern in der moralischen -Disposition des Mannes zu suchen. Ihm ist die Keuschheit, im -weiteren Sinne: die Fhigkeit, die Schranken des sinnlichen Einzeldaseins -zu bersteigen, der hchste sittliche Wert und wird es trotz -aller beklagenswerten Aberrationen, an denen unser, einem durchaus -unberechtigten Optimismus huldigendes Zeitalter so reich ist, immer -bleiben; darum bertrgt er ihn in der Form eines moralischen Imperatives -auf das andere Geschlecht. Der Frau ist, weniger im -ethischen als im sexuellen Interesse, alles an der Erfllung dieser -Forderung gelegen. Deshalb hlt sie so unerbittlich zhe daran -fest, zhe besonders am Scheine der Keuschheit, an den Regeln der -Konvenienz.</p> - -<p>Die Anwendung auf den entgegengesetzten Fall wird man mir -erlassen. Es heit dem Scharfsinn meiner Leser nicht allzuviel zumuten, -wenn ich ihnen die Entscheidung anheimstelle, wo das -Ideal der mnnlichen Unkeuschheit seinen Ursprung genommen -haben mag.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_447">S. 447</a>, Z. 1.</b>) Doch ist auch der Wert, der auf Jungfrulichkeit -gelegt wird, wie bekannt, ein sehr verschiedener bei den verschiedenen -Menschenrassen. Vgl. Heinrich <em class="gesperrt">Schurtz</em>, Altersklassen -und Mnnerbnde, Berlin 1902, S. 93.</p> - -<p>(<b>S 447, Z. 1 v. u.</b>) Der Mensch, der sich straft durch Fleischeskreuzigung -und Abttung des Leibes, will den Sieg ohne Kampf; er -rumt den Leib aus dem Wege, weil er zu schwach ist, dessen Triebe -zu berwinden. Er ist ebenso feig wie der Selbstmrder, der sich -erschsse, weil er am Siege ber sich verzweifelte. Und die -Bue ist der Reue geradezu entgegengesetzt; denn sie beweist, da -der Mensch gar nicht <em class="gesperrt">ber</em> seiner Missetat steht, sondern noch in -ihr befangen ist, sonst wrde er sich nicht zchtigen; er wrde -trotz der Zurechnung einen Unterschied machen zwischen dem -Moment der Tat und dem Moment der Reue, wofern Reue da wre. -Denn Bedingung der Reue ist nunmehrige Unfhigkeit zur Tat, und -diese Unfhigkeit zum Bsen kann kein Mensch in sich strafen -wollen. Auch <em class="gesperrt">Kant</em> hat die Askese durchschaut (Metaphysische Anfangsgrnde -der Tugendlehre, 53).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_594" id="Seite_594">[S. 594]</a></span> - -(<b><a href="#Seite_448">S. 448</a>, Z. 4 v. u.</b>) Richard <em class="gesperrt">Wagner</em>, Parsifal, ein Bhnenweihfestspiel. -Zweiter Aufzug. (Gesammelte Schriften und Dichtungen, -3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. X, S. 360 f.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_451">S. 451</a>, Z. 9 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>: Die Mormonen haben -Recht. (Parerga und Paralipomena, Bd. II, 370 Ende.) <em class="gesperrt">Demosthenes</em> -59, 122 (Κατὰ Νεαίρας): Tὰς μὲν γὰρ ἑταίρας ἡ δονῆς -ἕνεκ' ἔχομεν, τὰς δὲ παλλακὰς τῆς καθ' ἡμέραν θεραπείας τοῦ σώματος, -τὰς δἐ γυναῖκας τοῦ παιδοποιεῖσθαι γνησίως καὶ τῶν ἔνδον φύλακα -πιστὴν ἔχειν.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_451">S. 451</a>, Z. 8 v. u. f.</b>) <em class="gesperrt">Goethe</em>, Zweite Epistel. — <em class="gesperrt">Molire</em>, -Les Femmes Savantes, Acte II, Scne VII. — Selbst <em class="gesperrt">Kant</em> drfte, -wre er nach einer Schrift aus dem Jahre 1764 zu beurteilen, -keineswegs von diesem Vorwurfe ausgenommen werden. Denn in -den Beobachtungen ber das Gefhl des Schnen und Erhabenen -(III. Abschnitt, Bd. VIII, S. 32, ed. Kirchmann) steht: [Die Frauenzimmer] -tun etwas nur darum, weil es ihnen so beliebt, <em class="gesperrt">und die -Kunst besteht darin, zu machen, da ihnen nur dasjenige -beliebt, was gut ist</em>. Ich glaube schwerlich, da das schne Geschlecht -der Grundstze fhig sei, und ich hoffe dadurch nicht zu -beleidigen, denn diese sind auch uerst selten beim mnnlichen.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_452">S. 452</a>, Z. 17.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Die Religion innerhalb der Grenzen -der bloen Vernunft, ed. Kehrbach, S. 47.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_452">S. 452</a>, Z. 6 v. u.</b>) W. H. <em class="gesperrt">Riehl</em>, Die Familie, Stuttgart -1861, S. 7, sagt: Man mu ... den tollen Mut der Sozialisten -bewundern, welche den beiden Geschlechtern trotz aller leiblichen -und seelischen Ungleichartigkeit doch die gleiche politische und -soziale Berufung zusprechen und ganz resolut ein Gesetz der Natur -entthronen wollen, um ein Gesetz der Schule und des Systems an -seine Stelle zu setzen. Prisse la nature plutt que les principes!</p> - -<p>Dieser Standpunkt, den Riehl toll nennt, ist der meinige. Ich -kann nicht einsehen, wie ein anderer gewhlt werden knnte, wofern -man nicht utilitaristisch, sondern ethisch zu denken gewillt ist. -Sicherlich wird der alte Mibrauch, der mit den Worten der Natur, -des Natrlichen und Naturgemen getrieben wird, sich erneuern, -sobald es diese Forderung zu bekmpfen gelten wird. Das Verhltnis -des Menschen zur Natur wird aber, um es ganz unzweideutig zu sagen, -nicht zerstrt, <em class="gesperrt">sondern erst <b>geschaffen</b> dadurch, da der -Mensch sich ber sie <b>erhebt</b></em>, <em class="gesperrt">mehr</em> wird als ein bloes Glied, -ein bloer Teil von ihr. Denn Natur ist immer das <em class="gesperrt">Ganze</em> der -sinnlichen Welt, und dieses kann nicht von einem seiner Teile aus -bersehen werden.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_453">S. 453</a>, Z. 16 f.</b>) Je tiefer das Weib steht, desto notwendiger -mu es emanzipiert werden. Gewhnlich schliet man umgekehrt.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_453">S. 453</a>, Z. 22–24.</b>) Ich meine hier die Vera-Literatur, -welche im Jahre 1902 ziemlich viel Staub aufgewirbelt hat. Das<span class="pagenum"><a name="Seite_595" id="Seite_595">[S. 595]</a></span> -einzige Gute, was ber die ganze Streitfrage geschrieben worden -ist, findet man in dem mehrfach citierten Aufsatze von Oskar <em class="gesperrt">Friedlnder</em>, -Eine fr Viele, eine Studie (vgl. besonders zu S. 446, -Z. 1 v. u.).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_454">S. 454</a>, Z. 4 f.</b>) Friedrich <em class="gesperrt">Nietzsche</em>, Jenseits von Gut und -Bse, Aphorismus 238.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_455">S. 455</a>, Z. 7.</b>) <em class="gesperrt">Pythagoras</em> erscheint als der Vertreter des -Frauengeschlechtes, als der Verteidiger seiner Rechte, seiner Unverletzlichkeit, -seines hohen Berufes in der Familie und im Staate. -Den Mnnern stellt er die Unterdrckung des Weibes als Snde -dar. Nicht unterworfen, sondern mit voller Gleichberechtigung dem -Gatten beigeordnet soll das Weib sein. (J. J. <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das -Mutterrecht, Eine Untersuchung ber die Gynaikokratie der alten -Welt nach ihrer religisen und rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, -S. 381.)</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_456">S. 456</a>, Z. 11.</b>) ber die <em class="gesperrt">Parsifal-Dichtung</em> <em class="gesperrt">Wagners</em> -ist mir eine einzige verstndnisvolle Abhandlung bekannt geworden: -Zur Symbolik in Wagners Parsifal, von Emil <em class="gesperrt">Lucka</em>, Wiener -Rundschau, V, 16, S. 313 f. (15. August 1901). Leider ist in -diesem sehr vorzglichen Aufsatz das Thema allzu knapp behandelt. -Eine Auffassung der Dichtung, welche von jenem Autor in vielen -Punkten betrchtlich abweicht, ausfhrlich darzulegen, hoffe ich -selbst Gelegenheit zu finden.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_457">S. 457</a>, Z. 6 f.</b>) <em class="gesperrt">Clemens Alexandrinus</em>, Stromata, III 6, -vol. I, p. 532, ed. Potter (Oxford 1715) = p. 1149 ed. Migne -(Patrologiae Graecae, Tomus VIII, Paris 1857): Τῇ Σαλώμῃ ὁ Κύριος -πυνθανομένῃ <em class="gesperrt">μέχρι πότε θάνατος ἰσχύσει</em> οὐχ ὡς κακοῦ τοῦ -βίου ὄντος καὶ τῆς κτίσεως πονηρᾶς <em class="gesperrt">Μέχρις ἄν, εἶπεν, ὑμεῖς αἱ -γυναῖκες τίκτετε</em> ἀλλ' ὡς τὴν ἀκολουθίαν τὴν φυσικὴν διδάσκων· -γεννήσει γὰρ πάντως ἕπεται καὶ φθορά. — Ibid. III, 13 (I, 553 -Potter, p. 1192 Migne) wird aus dem Evangelium der gypter -nach dem Zeugnis des <em class="gesperrt">Cassianus</em> (dessen Werk Περὶ ἐγκρατείας -oder περὶ εὐνουχίας) folgendes Wort Jesu berichtet: Πυνθανομένης -τῆς Σαλώμης πότε γνωσθήσεται τὰ περὶ ὧν ἤρετο, ἔφη ὁ Κύριος, -<em class="gesperrt">Ὅταν τὸ τῆς αἰσχύνης ἔνδυμα πατήσητε, καὶ ὅταν γένηται -τὰ δύο ἕν, καὶ τὸ ἄρρεν μετὰ τῆς θηλείας οὔτε ἄρρεν οὔτε -θῆλυ</em>. — Schlielich ibid. III, 9 (I, 540 Potter, p. 1165 Migne): -<em class="gesperrt">ἤλθον καταλῦσαι τὰ ἔργα τῆς θηλείας</em>· θηλείας μὲν, τῆς -ἐπιθυμίας· ἔργα δέ, γέννησιν καὶ φθοράν.</p> - -<p>Es ist dieser Ausspruch so ohne alle Vorgnger im Griechentum, -da wohl seine Echtheit angenommen und es ein hohes Glck -genannt werden darf, da er nicht verloren ging, wie die herrlichsten -Aussprche Christi sicherlich verloren gegangen sind, weil die -synoptischen Evangelisten sie nicht verstehen und also nicht behalten -konnten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_596" id="Seite_596">[S. 596]</a></span> - -Da das Begehren nach dem Weibe immer unsittlich ist, liegt -brigens bereits im Worte: <em class="gesperrt">πᾶς ὁ βλέπων γυναῖκα πρὸς τὸ -ἐπιθυμῆσαι ἤδη ἐμοίχευσεν αὐτὴν τῇ καρδίᾳ αὔτοῦ</em> (Evang. -Matth. 5, 28).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_457">S. 457</a>, Z. 15 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Augustinus</em>, De bono viduitatis, -Cap. XXIII (Patrologiae Latinae Tom. XL, p. 449 f., ed. Migne, -Paris 1845): Non vos ... frangat querela vanorum, qui dicunt: -Quomodo subsistet genus humanum, si omnes fuerint continentes? -Quasi propter aliud retardetur hoc saeculum, nisi ut impleatur praedestinatus -numerus ille sanctorum, quo citius impleto, profecto nec -terminus saeculi differetur. De bono conjugali, Cap. X (ibid. p. 381): -Sed novi qui murmurent. Quid si, inquiunt, omnes homines velint -ab omni concubitu continere: unde subsistet genus humanum? Utinam -omnes hoc vellent, dumtaxat in charitate de corde puro et conscientia -bona et fide non ficta (1. Tim, 1, 5): multo citius Dei civitas -compleretur, et acceleraretur terminus saeculi. Ich verdanke diese -Nachweise <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Welt als Wille und Vorstellung, -Bd. II, Kap. 48.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_457">S. 457</a>, Z. 2 v. u.</b>) Hier liegt also das eigentliche Motiv -jener Furcht, nach welchem Leo <em class="gesperrt">Tolstoi</em> (ber die sexuelle Frage, -Leipzig 1901, S. 16 ff., 87 f.) gesucht hat, ohne es zu finden.</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_458">S. 458</a>, Z. 14.</b>) Man mag es krankhaft nennen, da der -Mann die schwangere Frau abstoend hlich findet (wenn sie auch -manches Mal ihn sinnlich erregt), aber es ist dies eben das, was ihn -vor dem Tiere auszeichnet, und wer es ihm ausreden will, der will -ihn der Menschheit entkleiden. Das Phnomen liegt tief; es zeigt -wieder, wie alle sthetik nur ein Ausdruck der Ethik ist. — Toutes -les <em class="gesperrt">hideurs</em> de la fcondit sagt einmal Charles <em class="gesperrt">Baudelaire</em> (Les -fleurs du mal, Paris 1857, 5. Gedicht, p. 21).</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_459">S. 459</a>, Z. 15.</b>) Die Idee der Menschheit im Kantischen Sinne -ist auch von <em class="gesperrt">Platon</em> an einer berhmten Stelle der Politeia ausgesprochen -(IX, 589 A B), in der zugleich die Anschauung vom Menschen als dem -mit allen Mglichkeiten ausgestatteten Wesen liegt: ..... ὁ τὰ -δίκαια λέγων λυσιτελεῖν φαίη ἂν δεῖν ταῦτα πράττειν καὶ ταῦτα λέγειν, -ὅθεν <em class="gesperrt">τοῦ ἀνθρώπου ὁ έντὸς ἄνθρωπος</em> ἔσται ἐγκρατέστατος .....</p> - -<p>(<b><a href="#Seite_459">S. 459</a>, Z. 11–8 v. u.</b>) Die ganze Entwicklung, welche -Herbert <em class="gesperrt">Spencer</em>, Die Prinzipien der Ethik, Stuttgart 1892, Bd. II, -S. 181 f. beschreibt, die Entwicklung vom Fidschi-Insulaner, der -sein Weib tten und aufessen konnte, von den alten Germanen, -bei denen der Mann das Weib wieder verkaufen und sogar tten -durfte, von den alten englischen Zeiten, wo die Braut gekauft -wurde und ihr eigener Wille beim Handel nicht in Frage kam, -bis auf den heutigen Tag, da die Frau wenigstens von Rechts wegen -selbstndiges Eigentum besitzen darf — diese ganze Entwicklung ist -keineswegs durch irgend welche Bewegungen von Seiten der Frauen<span class="pagenum"><a name="Seite_597" id="Seite_597">[S. 597]</a></span> -hervorgerufen, sondern allmhlich durch Vervollkommnung der gesetzlichen -Fortschritte vom Manne herbeigefhrt worden.</p> - -<p>Ich mchte hier noch Oskar <em class="gesperrt">Friedlnder</em> anfhren, welcher -a. a. O. S. 182 f. (Die Gesellschaft, 1902, Heft 15/16) sagt: Die -sprlichen moralischen Elemente, die in der Emanzipationsbewegung -enthalten sind, haben brigens, und das kennzeichnet am besten -die innere Bedeutung des ganzen Rummels, ebensowenig als das -Keuschheitsideal ihren Ursprung im erhitzten Hirne der fr die -Emanzipation des Fleisches besonders begeisterten Vorkmpferinnen -genommen. Es waren <em class="gesperrt">Mnner</em>, die jene Elemente zur Geltung -brachten, um der unwrdigen Hrigkeit der Frau ein Ende zu -bereiten, und die Frauen erschienen erst auf dem Kampfplatze, als -der Frontangriff zu ihren Gunsten entschieden war und sie nicht -lnger mit Ehren fern bleiben konnten. Es spricht wohl deutlich -genug, da gerade in ihren Reihen die erbittertsten Gegner der -neuen Richtung erstanden. Die scheinbare Bereitwilligkeit, den vernderten -Verhltnissen Rechnung zu tragen, die aggressive Haltung -mancher Frauen darf einen nicht ber die wahre Sachlage hinwegtuschen. -Das Hochschulstudium nimmt in diesen Kreisen keinen -hheren Rang ein als der Radfahrsport oder das Lawntennisspiel: -das erforderliche Minimalquantum wissenschaftlicher Bildung zhlt -heute mit zu den sekundren Geschlechtscharakteren. Den ethischen -Kern der Emanzipationstendenz, die Erhebung auf das moralische -Niveau des Mannes, haben die Frauen immer als einen lstigen -Zwang empfunden, dessen sie sich auch sicherlich entledigen werden, -wenn es nur mit Anstand, ohne die gute Meinung ihrer Anwlte -allzu offenkundig zu desavouieren, geschehen kann.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_598" id="Seite_598">[S. 598]</a></span><a name="Verbesserungen_sinnstoerender_Fehler" id="Verbesserungen_sinnstoerender_Fehler">Verbesserungen sinnstrender Fehler.</a></h2> - - - - -<div class="center nopagebreak"> -<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Verbesserungen"> -<tr><td align="center">Seite</td><td align="right">3,</td><td align="center">Zeile</td><td align="right">3</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center">Lies</td><td align="left"><em class="gesperrt">alle<b>m</b></em> statt <em class="gesperrt">alle<b>s</b></em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">30,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">thelyide</em> statt <em class="gesperrt">thely<b>o</b>ide</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">36,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">ge<b>a</b>ichten</em> statt <em class="gesperrt">ge<b>e</b>ichten</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">49,</td><td align="center"></td><td align="right">11</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">zersetz<b>en</b></em> statt <em class="gesperrt">zersetz<b>t</b></em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">62,</td><td align="center"></td><td align="right">3</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">thelyide</em> statt <em class="gesperrt">thely<b>o</b>ide</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">69,</td><td align="center"></td><td align="right">9</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">eine<b>r</b></em> statt <em class="gesperrt">eine<b>m</b></em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">100,</td><td align="center"></td><td align="right">7</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">welche ja</em> statt <em class="gesperrt">welche <b>sie</b> ja</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">114,</td><td align="center"></td><td align="right">11</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Intensi<b>f</b>ikationen</em> statt <em class="gesperrt">Intensi<b>v</b>ikationen</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">134,</td><td align="center"></td><td align="right">3</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">haben; <b>oder denke an</b></em> statt <em class="gesperrt">haben an</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">169,</td><td align="center"></td><td align="right">19</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">da<b></b> er</em> statt <em class="gesperrt">da er</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">170,</td><td align="center"></td><td align="right">6</td><td align="left">-5 v. u.:</td><td align="center">Streiche:</td><td align="left"><em class="gesperrt">den Moment zu verewigen strebt</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">177,</td><td align="center"></td><td align="right">23</td><td align="left">:</td><td align="center">Lies</td><td align="left"><em class="gesperrt">Schellings</em> statt <em class="gesperrt">Schelling<b>en</b>s</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">180,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">umgehen</em> statt <em class="gesperrt">um<b>zu</b>gehen</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">189,</td><td align="center"></td><td align="right">4</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">geordnete<b>n</b></em> statt <em class="gesperrt">geordnete<b>m</b></em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">190,</td><td align="center"></td><td align="right">1</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">prsentiert</em> statt <em class="gesperrt"><b>re</b>prsentiert</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">194,</td><td align="center"></td><td align="right">3</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Mglichkeit<b>,</b> zu erkennen</em> statt <em class="gesperrt">Mglichkeit zu erkennen</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">216,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Intensi<b>f</b>ikationen</em> statt <em class="gesperrt">Intensi<b>v</b>ikationen</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">220,</td><td align="center"></td><td align="right">11</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>ein erw</b>rmter Stab durch</em> statt <em class="gesperrt"><b>erw durch</b>rmter Stab</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">227,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">welche nmlich</em> statt <em class="gesperrt">welche <b>sie</b> nmlich</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">274,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>zu</b> verbringen</em> statt <em class="gesperrt">verbringen</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">291,</td><td align="center"></td><td align="right">7</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">aus <b>seiner</b></em> statt <em class="gesperrt">aus <b>ihrer</b></em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">295,</td><td align="center"></td><td align="right">18</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>aber</b> auch</em> statt <em class="gesperrt"><b>hieraus</b> auch</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">301,</td><td align="center"></td><td align="right">6</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">grer<b>e</b></em> statt <em class="gesperrt">grer</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">331,</td><td align="center"></td><td align="right">3</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">de<b>s</b> Liebenden</em> statt <em class="gesperrt">de<b>r</b> Liebenden</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">356,</td><td align="center"></td><td align="right">8</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">steht nicht <b>wie</b> beim</em> statt <em class="gesperrt">steht nicht beim</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"><span class="pagenum"><a name="Seite_599" id="Seite_599">[S. 599]</a></span></td><td align="right">361,</td><td align="center"></td><td align="right">18</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>a</b>sexuelles</em> statt <em class="gesperrt">sexuelles</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">366,</td><td align="center"></td><td align="right">12</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">fremde<b>n</b></em> statt <em class="gesperrt">fremde</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">408,</td><td align="center"></td><td align="right">17</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Laute<b>n</b></em> statt <em class="gesperrt">Laute<b>m</b></em>, <em class="gesperrt">Unvornehme<b>n</b></em> statt <em class="gesperrt">Unvornehme<b>m</b></em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">410,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">ihre<b>n</b></em> statt <em class="gesperrt">ihre<b>r</b></em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">425,</td><td align="center"></td><td align="right">2</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>es</b> ist</em> statt <em class="gesperrt"><b>sie</b> ist</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">434,</td><td align="center"></td><td align="right">3</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">de<b>r</b> Augenblick</em> statt <em class="gesperrt">de<b>n</b> Augenblick</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">434,</td><td align="center"></td><td align="right">11</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">sich <b>die</b> Welt</em> statt <em class="gesperrt">sich Welt</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">448,</td><td align="center"></td><td align="right">9</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">anst<b>reb</b>t</em> statt <em class="gesperrt">anst<b>ell</b>t</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">455,</td><td align="center"></td><td align="right">15</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Als<b>o</b></em> statt <em class="gesperrt">Als</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">467,</td><td align="center"></td><td align="right">14</td><td align="left">v. u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Hydatide</em> statt <em class="gesperrt">Hydat<b>r</b>ide</em>.</td></tr> -<tr><td align="center"></td><td align="right">476,</td><td align="center"></td><td align="right">15</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>Il</b> tait</em> statt <em class="gesperrt"><b>Je</b> tait</em>.</td></tr> -</table></div> - -<p class="pagebreak p6"><span class="pagenum"><a name="Seite_600" id="Seite_600">[S. 600]</a></span> </p> - -<div class="figcenter" style="width: 300px;"> -<img src="images/p0600top.png" width="300" height="108" alt="" /> -</div> -<p class="center"><small>DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.</small></p> -<div class="figcenter" style="width: 300px;"> -<img src="images/p0600bottom.png" width="300" height="107" alt="" /> -</div> - - - -<h2><a name="FOOTNOTES" id="FOOTNOTES">Funoten</a></h2> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Auch das Spencersche Weltschema: Differentiation und Integration, -lt sich hier leicht anwenden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Dies gilt von den Begriffen aber nur als von Objekten einer psychologischen, -nicht einer logischen Betrachtungsweise. Diese sind trotz allem -modernen Psychologismus (Brentano, Meinong, Hfler) nicht ohne beiderseitigen -Schaden zusammenzuwerfen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Natrlich — zu dieser Anschauung werden wir durch unser Bedrfnis -nach Kontinuitt gentigt — <em class="gesperrt">irgendwie</em> mssen die sexuellen -Unterschiede, wenn auch anatomisch, morphologisch unsichtbar und selbst -durch die strksten Vergrerungen des Mikroskopes dem Auge nicht zu -erschlieen, schon vor der Zeit der ersten Differenzierung formiert, prformiert -sein. Aber wie, das ist ja die groe Krux aller Entwicklungsgeschichte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Nicht die absolute Breite des Beckens als in Centimetern angegebene -Distanz der Knorren der Oberschenkel oder der Hftbeindorne, -sondern die relative Breite der Hften im Verhltnis zur Schulterbreite ist -ein ziemlich sicheres und recht allgemein verwendbares krperliches Kriterium -fr den Gehalt an W.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Von den verschiedenen Fetischismen ist hiebei natrlich abzusehen; -ebensowenig kommen fr erogene Wirkung die primordialen -Charaktere in Betracht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Ebensowenig wie im umgekehrten Falle der Kastration eines -weiblichen Tieres die Maskularisierung schroff <em class="gesperrt">geleugnet</em> werden kann.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Da solche Grenzen existieren, ergibt ja auch die Existenz -sexueller Unterschiede <em class="gesperrt">vor</em> der Pubertt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Fr spezielle Zwecke der Zchter, deren Absichten meist auf Abnderung -der natrlichen Tendenzen gehen, mu hievon freilich oft abgegangen -werden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Gewhnlich denkt man, wenn von einer Konstanz im sexuellen -Geschmack des Mannes oder der Frau gesprochen wird, zunchst an die -Bevorzugung einer Lieblingsfarbe des Kopfhaares beim anderen Geschlechte. -Es scheint auch wirklich, wo berhaupt einer bestimmten Farbe der Haare -der Preis gegeben wird (dies ist nicht bei allen Menschen der Fall), die -Vorliebe fr diese ziemlich tief zu liegen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Dies zeigt auch klar sein Bildnis. <em class="gesperrt">Mrime</em> nennt George Sand -maigre comme un clou. Bei der ersten Begegnung beider ist sie offenbar -Mnnchen und er ganz Weibchen gewesen: <em class="gesperrt">er</em> errtet, als <em class="gesperrt">sie</em> ihn fixiert -und mit <em class="gesperrt">tiefer</em> Stimme <em class="gesperrt">ihm</em> Komplimente zu machen beginnt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Es hat brigens viele gnzlich <em class="gesperrt">ungelehrte groe</em> Knstler gegeben -(<em class="gesperrt">Burns</em>, <em class="gesperrt">Wolfram von Eschenbach</em>), aber keine diesen vergleichbare -Knstlerin.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Auf den Anblick einer bisexuell funktionierenden Schauspielerin -mit leichtem Bartanfluge, einer tiefen sonoren Stimme und fast ohne Haare -auf dem Kopfe habe ich einen bisexuellen Mann ausrufen hren: Ja das -ist ein Prachtweib! Das Weib ist eben fr jeden ein anderes und doch -dasselbe, im Weibe hat noch jeder Dichter Verschiedenes und doch ein -Gleiches besungen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Es bedeutet im folgenden <em class="gesperrt">der</em> Mann immer M und mit <em class="gesperrt">der</em> -Frau ist immer W gemeint, nicht die Mnner oder die Frauen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Herr Dr. <em class="gesperrt">Hermann Swoboda</em> in Wien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Wobei weder an absolute Heniden beim Weibe noch an absolute -Klrung beim Manne gedacht werden darf.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> <em class="gesperrt">Begabung</em> (nicht <em class="gesperrt">Talent</em>) und <em class="gesperrt">Geschlecht</em> sind die beiden einzigen -Dinge, <em class="gesperrt">die nicht vererbt werden</em>, sondern <em class="gesperrt">unabhngig</em> von der -Erbmasse sind und gleichsam spontan zu entstehen scheinen. Schon -diese Tatsache lt erwarten, da Genialitt, beziehungsweise ihr Mangel, in -einem Zusammenhange mit der Mnnlichkeit oder Weiblichkeit eines -Menschen stehen msse.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Ich gebrauche das Wort Begabung, um dem Worte Genialitt so -oft als tunlich aus dem Wege zu gehen, und bezeichne mit ihm jene Veranlagung, -deren hchste Steigerung Genialitt ist. Begabung und Talent -werden demnach hier streng auseinandergehalten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Die aber mit dem <em class="gesperrt">Talente</em> nichts zu schaffen haben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Ausdruck von Herrn Dr. H. <em class="gesperrt">Swoboda</em> in Wien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Sehr wesentlich ist hingegen der geniale <em class="gesperrt">Augenblick</em> vom nichtgenialen -psychologisch geschieden, <em class="gesperrt">auch in einem und demselben -Menschen</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Ich wage auch daran zu erinnern, wie hufig reine Wissenschaftler -erst knapp vor dem Tode mit religisen und metaphysischen Problemen -sich beschftigen: <em class="gesperrt">Newton</em>, <em class="gesperrt">Gau</em>, <em class="gesperrt">Riemann</em>, Wilh. <em class="gesperrt">Weber</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Man ist oft erstaunt darber, wie Menschen von ganz gewhnlicher, ja -gemeiner Natur keinerlei Furcht vor dem Tode empfinden. Aber es wird so -klar: <em class="gesperrt">nicht die Furcht vor dem Tode schafft das Unsterblichkeitsbedrfnis, -sondern das Unsterblichkeitsbedrfnis schafft -die Furcht vor dem Tode</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Im brigen sume ich nicht, die Manen <em class="gesperrt">Bacos</em> fr diese Zusammenstellung -um Verzeihung zu bitten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> ber sie handelt kurz das 13. Kapitel.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Welche der sich immer verstehende Mensch ebensogut kennt wie -der sich nie verstehende.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Hiemit hoffe ich auch, die Khnheit dieses gnzlich neuartigen -berganges vom Gedchtnis zur Logik gerechtfertigt zu haben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Dieser Beweis beruht jedoch, wie zu bemerken ist, auf der Identifikation -eines beliebigen <em class="gesperrt">logischen</em> A mit dem <em class="gesperrt">erkenntnistheoretischen</em> -Objekt berhaupt; diese Identifikation lt sich in ihrer Berechtigung selbst -nicht noch dartun. Vom <em class="gesperrt">Sein berhaupt</em>, welches aus der Gltigkeit -des Identittsprinzipes streng genommen allein gefolgert werden knnte, will -ich hier jedoch aus methodischen Grnden absehen. — brigens wrde, um -den Positivismus zu widerlegen (worauf es ankam), bereits dieser Beweis eines -Seins <em class="gesperrt">jenseits</em> der Erfahrung, <em class="gesperrt">unabhngig von aller</em> Erfahrung, hingereicht -haben. Da dieses Sein das Sein des Ichs ist, dafr ist keine rein -<em class="gesperrt">logische</em>, sondern eigentlich nur eine <em class="gesperrt">psychologische</em> Begrndung aus der -<em class="gesperrt">Erfahrungstatsache</em> mglich, da die logische Norm dem Menschen -nicht von auen kommt, sondern vom eigenen tiefsten Wesen ihm gegeben -wird. Nur darum kann das <em class="gesperrt">absolute Sein</em> oder das <em class="gesperrt">Sein des Absoluten</em>, -wie es im Satze A = A sich manifestiert, mit dem <em class="gesperrt">Sein des Ichs</em> gleichgesetzt -werden: das absolute Ich ist das Absolute.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Ruft <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, ruft <em class="gesperrt">Wagner</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Vgl. ber sich verstehende und sich nicht verstehende Menschen -<a href="#Seite_188">S. 188</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Womit aber nicht gesagt ist, da jedermann, der das Ich anerkennt, -schon ein Genie sei.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Wie damit zusammenhngt, da hervorragende Menschen schon -sehr frh (z. B. im Alter von vier Jahren) <em class="gesperrt">lieben</em> knnen, wird spter klar -werden (<a href="#Seite_323">S. 323</a> f.).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Dieser Fall wird spter noch einer Untersuchung bedrfen -(<a href="#Seite_322">S. 322</a> ff.).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Wozu also der Darwinismus und die monistischen Systeme, in -deren Zentrum der Entwicklungsgedanke steht, nicht gehren. Die -Gattungs- und Begattungsherrlichkeit unserer Zeit konnte sich nicht deutlicher -offenbaren als dadurch, da man die Descendenzlehre mit dem -Worte Weltanschauung in Verbindung brachte und dem Pessimismus entgegensetzte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Darum gibt es <em class="gesperrt">innerhalb</em> des Einzelmenschen keinen Begriff des -<em class="gesperrt">Zufalls</em>, ja es kann der Gedanke an einen solchen gar nicht auftauchen. -Da ein erwrmter Stab durch die Zufuhr thermischer Energie sich ausdehnt -und nicht infolge eines gleichzeitig am Himmel sichtbaren Kometen, -nehme ich an vermge langer Erfahrung und Induktion, aber auch nur auf -Grund dieser; die <em class="gesperrt">richtige</em> Beziehung ist hier nicht <em class="gesperrt">sofort</em> in einem Erlebnis -schon gelegen. Wenn ich dagegen ber mein eigenes Betragen in einer bestimmten -Gesellschaft mich rgere, so <em class="gesperrt">wei</em> ich, gesetzt auch, es geschehe -zum ersten Male, und es schben sich noch so viel andere gleichzeitige -psychische Ereignisse dazwischen, <em class="gesperrt">unmittelbar</em> den <em class="gesperrt">Grund</em> meiner Unzufriedenheit, -und bin seiner sofort vollstndig sicher, oder kann es wenigstens, -wenn ich mich nicht darber hinwegzutuschen versuche, schon beim ersten -Male werden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Vgl. auch Prediger <em class="gesperrt">Salomo</em> 7, 29: Unter Tausenden habe ich -einen Menschen gefunden, aber kein Weib habe ich unter allen gefunden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> Von der also nicht eine Philosophie <em class="gesperrt">ausgehen</em> darf, zu der sie -nur als zu einer letzten Grenzmarkung gelangen soll.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> Der Ausdruck stammt von Dr. Wilh. <em class="gesperrt">Jerusalem</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_38_38" id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> Der Verbrecher fhlt sich sogar dann in seiner Weise schuldig, -wenn er gerade nichts bles getan hat. Er ist stets von anderen auf den -Vorwurf des Betruges, des Diebstahls u. s. w. gefat, auch wenn er die -Tat gar nicht begangen hat: weil er sich ihrer fhig wei. Er fhlt sich -darum auch stets ertappt, wenn irgend ein anderer Missetter festgenommen -wird.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_39_39" id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Weil die Frau den zweiten Menschen gar nicht als <em class="gesperrt">besonderes</em> -Wesen empfindet, deshalb leidet sie nie unter ihren Nchsten, und nur -deshalb kann sie stets allen Menschen sich <em class="gesperrt">berlegen</em> fhlen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_40_40" id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Der Einwnde, welche hiegegen, und der Grnde, welche fr die -Schamhaftigkeit des Weibes immer wieder werden geltend gemacht werden; -ist diese Untersuchung durchaus gewrtig; auf sie kommt ihr zwlftes -Kapitel zu sprechen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_41_41" id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Nota bene: Viele sogenannte schne Mnner sind halbe Weiber.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_42_42" id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Erst hiemit ist auch ganz klar geworden, was jener besondere -<em class="gesperrt">Wert</em> ist, der, <em class="gesperrt">durch Schaffung der Vergangenheit, die Zeit -negiert</em>, wie ihn das 5. Kapitel postulierte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_43_43" id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Klingsors</em> Worte an <em class="gesperrt">Kundry</em> in <em class="gesperrt">Wagners</em> <em class="gesperrt">Parsifal</em>, -zweiter Aufzug, zu Anfang: -</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Herauf! Herauf zu mir!<br /></span> -<span class="i0">Dein Meister ruft <em class="gesperrt">Dich Namenlose</em>:<br /></span> -<span class="i0">Ur-Teufelin! Hllenrose!<br /></span> -<span class="i0">Herodias warst Du, und was noch?<br /></span> -<span class="i0">Gundryggia dort, Kundry hier:<br /></span> -<span class="i0">Hieher! Hieher denn, Kundry!<br /></span> -<span class="i0">Zu Deinem Meister, herauf!<br /></span> -</div></div> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_44_44" id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Es ist nur zu begreiflich, da man leicht zu einer solchen Annahme -verfhrt werden mag. Wer hat nicht z. B. in der Lektre <em class="gesperrt">dieses</em> Buches -beim bergang vom ersten zum zweiten Teil das Gefhl, da es sich in -beiden um etwas ganz anderes handle! Dort um uerliche, hier um innere -Zusammenhnge.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_45_45" id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> Noch hat niemand von Doppelgngerinnen gehrt. Man nennt die -Frauen das furchtsame Geschlecht, weil man zu wenig scheidet zwischen -Angst und Furcht. Es gibt eine tiefe Furcht, die nur der Mann kennt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_46_46" id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> Im Hinblick auf die Errterungen des 8. Kapitels ber das -grere Ansehen, welches dem tieferen Blick des bedeutenden Geistes gebhrt, -vor dem jeweiligen Stande der Wissenschaft (<a href="#Seite_222">S. 222</a>).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_47_47" id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> Das die grten Dichter erkannt haben. Man denke an die -Identifikation der <em class="gesperrt">Aase</em> und <em class="gesperrt">Solveig</em> am Schlusse von <em class="gesperrt">Ibsens</em> Peer -Gynt und an die Verknpfung der <em class="gesperrt">Herzeleide</em> mit der <em class="gesperrt">Kundry</em> in der -Verfhrung des <em class="gesperrt">Wagner</em>schen <em class="gesperrt">Parsifal</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_48_48" id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> Ewig war ich, ewig in s sehnender Wonne, doch ewig zu -Deinem Heil (<em class="gesperrt">Brnnhilde</em> zu <em class="gesperrt">Siegfried</em>).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_49_49" id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Man vergleiche in <em class="gesperrt">Ibsens</em> Peer Gynt, 2. Akt, das Gesprch -zwischen dem <em class="gesperrt">Vater</em> der <em class="gesperrt">Solveig</em> und <em class="gesperrt">Aase</em> (einer der bestgezeichneten -Mtter der schnen Literatur) auf der Suche nach ihrem Sohn: -</p> -<p> -<em class="gesperrt">Aase</em>: .... Wir finden ihn!<br /> -<em class="gesperrt">Der Mann</em>: Retten die Seel'!<br /> -<em class="gesperrt">Aase</em>: Und den Leib!<br /> -</p> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_50_50" id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Ich rede natrlich, die ganze Zeit ber, nicht blo vom kuflichen -Gassenmdchen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_51_51" id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Hiemit drfte es zusammenhngen, da die Prostituierte krperlich, -was manchem seltsam scheinen wird, mehr als die Mutter auf <em class="gesperrt">Reinheit</em> -achtet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_52_52" id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> Seite 177 f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_53_53" id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Dem Verfasser geht es nicht besser als seinem Leser, wenn -diesen die obige Analyse der Koketterie nicht sollte befriedigt haben. Was -sie aufdeckte, lag doch ziemlich an der Oberflche. Das Rtselhafte in -der Koketterie scheint mir immer mehr ein eigentmlicher <em class="gesperrt">Akt</em> zu sein, -durch welchen die Frau sich zum <em class="gesperrt">Objekt</em> des Mannes macht und sich -<em class="gesperrt">funktionell</em> mit ihm <em class="gesperrt">verknpft</em>. Sie ist da ganz dem anderen weiblichen -Streben vergleichbar, <em class="gesperrt">Gegenstand des Mitleids</em> der Nebenmenschen -zu werden: <em class="gesperrt">in beiden Fllen macht sich das Subjekt zum -Objekt, zur Empfindung des anderen</em> und setzt diesen ber sich als -Richter ein. Die <em class="gesperrt">Koketterie</em> ist die spezifische Verschmolzenheit der -Dirne, wie die zuerst als Schwangerschaft, spter als Laktation u. s. w. -auftretende <em class="gesperrt">Frsorge</em> die Verschmolzenheit der Mutter vorstellt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_54_54" id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Auch ist das Motiv des tierischen Mnnchens keineswegs Eitelkeit -als Wille zum Wert.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_55_55" id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Wer bedenkt, wie fast alle Frauen bei ihrer heutigen groen -Freiheit sich auf der Gasse bewegen, wie sie durch straffes Anziehen ihrer -Kleider alle Formen sichtbar werden lassen, wie sie jedes Regenwetter zu -solchem Zwecke ausntzen, der wird dies nicht bertrieben finden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_56_56" id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Nicht wenn er <em class="gesperrt">spielt</em> (<em class="gesperrt">Schiller</em>).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_57_57" id="Fussnote_57_57"></a><a href="#FNAnker_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Vgl. <a href="#Seite_216">S. 216</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_58_58" id="Fussnote_58_58"></a><a href="#FNAnker_58_58"><span class="label">[58]</span></a> Beide berhren sich im Begriffe der <em class="gesperrt">Scheu</em> (im lateinischen: -<em class="gesperrt">vereri</em>).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_59_59" id="Fussnote_59_59"></a><a href="#FNAnker_59_59"><span class="label">[59]</span></a> Die Wirkung des mnnlichen Bartes auf die Frau ist in einem -weiteren Sinne und aus einem tieferen Grunde, als man vielleicht glaubt, -psychologisch ein vollstndiges, und nur in der Intensitt geschwchtes, -<em class="gesperrt">Abbild</em> der Wirkung des mnnlichen Gliedes selbst. Doch kann ich dies -hier nicht nher ausfhren.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_60_60" id="Fussnote_60_60"></a><a href="#FNAnker_60_60"><span class="label">[60]</span></a> Ich verweise vor allem auf den Schlu des 9. Kapitels.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_61_61" id="Fussnote_61_61"></a><a href="#FNAnker_61_61"><span class="label">[61]</span></a> Kapitel 13.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_62_62" id="Fussnote_62_62"></a><a href="#FNAnker_62_62"><span class="label">[62]</span></a> Die <em class="gesperrt">eine</em> scheinbare Ausnahme, die es hievon gibt, findet noch -in diesem Kapitel eine grndliche Errterung.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_63_63" id="Fussnote_63_63"></a><a href="#FNAnker_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Das ruhende, trge, groe Ei wird vom beweglichen, flinken, -kleinen Spermatozoon aufgesucht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_64_64" id="Fussnote_64_64"></a><a href="#FNAnker_64_64"><span class="label">[64]</span></a> Und nur <em class="gesperrt">dafr</em>, da niemand noch ein hysterisch verndertes -<em class="gesperrt">Gewebe</em> gesehen hat.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_65_65" id="Fussnote_65_65"></a><a href="#FNAnker_65_65"><span class="label">[65]</span></a>Aus diesem Grunde sind Frauen aus dem hysterischen Anfall (nach -<em class="gesperrt">Janet</em>) so besonders leicht in Somnambulismus berzufhren: sie stehen -gerade dann bereits unter dem zwingendsten fremden Banne.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_66_66" id="Fussnote_66_66"></a><a href="#FNAnker_66_66"><span class="label">[66]</span></a> Ganz oberflchlich ist die alte Meinung, da die Hysterika -<em class="gesperrt">bewut</em> simuliere und lgnerische Geschichtlein erzhle. Die Verlogenheit -des Weibes liegt ganz im Unbewuten; der eigentlichen Lge, sofern diese -einen Gegensatz zur Mglichkeit der Wahrheit bildet, ist das Weib gar -nicht fhig (<a href="#Seite_194">S. 194</a>, <a href="#Seite_369">369</a> und <a href="#Seite_384">384</a>).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_67_67" id="Fussnote_67_67"></a><a href="#FNAnker_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Auch unter den Mnnern finden sich hiezu Analogien: es gibt geborene -Diener, es gibt aber auch mnnliche Megren, z. B. Polizisten. -Merkwrdigerweise findet der Polizeimann im allgemeinen auch sein <em class="gesperrt">sexuelles</em> -Komplement im Dienstmdchen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_68_68" id="Fussnote_68_68"></a><a href="#FNAnker_68_68"><span class="label">[68]</span></a> Die absolute Megre wird ihren Mann nie fragen, was sie tun, -was sie z. B. kochen soll, die Hysterika ist immer ratlos und verlangt nach -der Inspiration von auen; dies sei, als ein banalstes Erkennungszeichen -beider, hier angefhrt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_69_69" id="Fussnote_69_69"></a><a href="#FNAnker_69_69"><span class="label">[69]</span></a> Die Magd, nicht die Megre, ist auch jene Frau, von der man, -entgegen dem elften Kapitel, glauben knnte, da sie der Liebe fhig sei. -Die Liebe dieser Frau ist aber nur der Vorgang des <em class="gesperrt">geistigen</em> Erflltwerdens -von der Mnnlichkeit eines bestimmten Mannes, und darum nur bei -der Hysterika mglich; mit eigentlicher Liebe hat sie nichts zu tun, und -kann sie nichts zu tun haben. Auch in der Schamhaftigkeit des Weibes ist -ein solches Besessensein von einem Manne; erst hiedurch kommt Abschlieung -gegen alle anderen Mnner zustande.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_70_70" id="Fussnote_70_70"></a><a href="#FNAnker_70_70"><span class="label">[70]</span></a> <a href="#Seite_184">S. 184</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_71_71" id="Fussnote_71_71"></a><a href="#FNAnker_71_71"><span class="label">[71]</span></a> <a href="#Seite_199">S. 199</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_72_72" id="Fussnote_72_72"></a><a href="#FNAnker_72_72"><span class="label">[72]</span></a> <a href="#Seite_315">S. 315</a> f., <a href="#Seite_330">330</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_73_73" id="Fussnote_73_73"></a><a href="#FNAnker_73_73"><span class="label">[73]</span></a> <a href="#Seite_173">S. 173</a>, <a href="#Seite_224">224</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_74_74" id="Fussnote_74_74"></a><a href="#FNAnker_74_74"><span class="label">[74]</span></a> Es lieen sich die Analogien zwischen hherem und niederem -Leben noch vermehren. Es ist nicht, wie man heute allgemein glaubt, nur -ein oberflchlicher Fehlschlu, wenn stets und berall der <em class="gesperrt">Atem</em> in eine -besondere Beziehung zur <em class="gesperrt">Seele</em> des Menschen gesetzt wurde. Wie die -Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, d. h. im Zusammenhange mit -dem All lebt, so ist auch der Atem, viel allgemeiner noch als die Sinnesorgane, -Vermittler eines Konnexes zwischen jedem Organismus und dem -Weltganzen; und wenn er erlischt, ist das niedere Leben zu Ende. Er ist -das Prinzip des irdischen, wie die Seele das des ewigen Lebens.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_75_75" id="Fussnote_75_75"></a><a href="#FNAnker_75_75"><span class="label">[75]</span></a> Alle Individualitt ist der Gemeinschaft feind: wo sie in hchster -Sichtbarkeit wirkt, wie im genialen Menschen, zeigt sich dies gerade dem -Geschlechtlichen gegenber. Nur <em class="gesperrt">hieraus</em> erklrt es sich, da sicherlich -alle bedeutenden Menschen, die, welche es verhllt aussprechen knnen, -wie die Knstler, und die, welche so unendlich viel verschweigen mssen -wie die Philosophen — weshalb man sie dann fr trocken und leidenschaftslos -hlt — da also alle genialen Menschen ohne Ausnahme, soweit -sie eine entwickelte Sexualitt besitzen, an den strksten geschlechtlichen -Perversionen leiden (entweder am <em class="gesperrt">Sadismus</em>, oder, wie zweifelsohne -die greren, am <em class="gesperrt">Masochismus</em>). Das allen jenen Neigungen Gemeinsame -ist ein instinktives <em class="gesperrt">Ausweichen</em> vor der vlligen krperlichen Gemeinschaft, -ein <em class="gesperrt">Vorbeiwollen am Koitus</em>. Denn einen wahrhaft -bedeutenden Menschen, der im Koitus mehr she als einen tierischen, -schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar in ihm das tiefste, heiligste Mysterium -vergtterte, wird es, kann es niemals geben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_76_76" id="Fussnote_76_76"></a><a href="#FNAnker_76_76"><span class="label">[76]</span></a> Die mnnliche Freundschaft scheut das Niederreien von Mauern -zwischen den Freunden. Freundinnen <em class="gesperrt">verlangen</em> Intimitten <em class="gesperrt">auf Grund</em> -ihrer Freundschaft.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_77_77" id="Fussnote_77_77"></a><a href="#FNAnker_77_77"><span class="label">[77]</span></a> In solchen Fllen kommt die hbschere der weniger ansehnlichen -oder weniger beachteten zweiten mit einem aus Mitleid und Verachtung -gemischten Gefhl entgegen, welches, nebst dem Interesse an einer Folie -fr die eigenen Vorzge, allein die lngere Aufrechthaltung derartiger Beziehungen -auch von ihrer Seite begnstigt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_78_78" id="Fussnote_78_78"></a><a href="#FNAnker_78_78"><span class="label">[78]</span></a> Man darf dies nicht verwechseln mit der Fhigkeit, die ganze -Natur zu umfassen, wie sie der Mann hat, weil er <em class="gesperrt">nicht nur</em> Natur ist. -Die Frauen stehen <em class="gesperrt">in</em> der Natur als ein <em class="gesperrt">Teil</em> derselben, und in kausaler -Wechselbeziehung zu allen anderen Teilen: von Mond und Meer, von Wetter -und Gewitter, von Elektrizitt und Magnetismus sind sie in einem viel -weiteren Ausma <em class="gesperrt">abhngig</em> als der Mann.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_79_79" id="Fussnote_79_79"></a><a href="#FNAnker_79_79"><span class="label">[79]</span></a> Vgl. <a href="#Seite_109">S. 109</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_80_80" id="Fussnote_80_80"></a><a href="#FNAnker_80_80"><span class="label">[80]</span></a> Vgl. <a href="#Seite_128">S. 128</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_81_81" id="Fussnote_81_81"></a><a href="#FNAnker_81_81"><span class="label">[81]</span></a> Vgl. <a href="#Seite_127">S. 127</a>, <a href="#Seite_129">129</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_82_82" id="Fussnote_82_82"></a><a href="#FNAnker_82_82"><span class="label">[82]</span></a> Vgl. hiezu auch <a href="#Seite_245">S. 245</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_83_83" id="Fussnote_83_83"></a><a href="#FNAnker_83_83"><span class="label">[83]</span></a> Man vergleiche den Schlu des 10. Kapitels.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_84_84" id="Fussnote_84_84"></a><a href="#FNAnker_84_84"><span class="label">[84]</span></a> Vgl. Kapitel 11, Schlu. So auch, warum hher stehende Frauen -bisexuell sein, d. h. nicht <em class="gesperrt">ausschlielich</em> unter dem Regiment des Phallus -stehen mssen (Teil I, <a href="#Seite_81">S. 81</a>–82). Doch scheint in der lesbischen Liebe -<em class="gesperrt">Hysterie</em> eine betrchtliche Rolle zu spielen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_85_85" id="Fussnote_85_85"></a><a href="#FNAnker_85_85"><span class="label">[85]</span></a> Der Verfasser hat hier zu bemerken, da er selbst jdischer Abstammung -ist.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_86_86" id="Fussnote_86_86"></a><a href="#FNAnker_86_86"><span class="label">[86]</span></a> Ein solcher vom Judentum fast freier Mann, und darum Philosemit, -war <em class="gesperrt">Zola</em>. Da hervorragendere Menschen sonst fast stets Antisemiten -waren (<em class="gesperrt">Tacitus</em>, <em class="gesperrt">Pascal</em>, <em class="gesperrt">Voltaire</em>, <em class="gesperrt">Herder</em>, <em class="gesperrt">Goethe</em>, <em class="gesperrt">Kant</em>, <em class="gesperrt">Jean Paul</em>, -<em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, <em class="gesperrt">Grillparzer</em>, <em class="gesperrt">Wagner</em>) geht eben darauf zurck, da -sie, die so viel mehr in sich haben als die anderen Menschen, auch das -Judentum besser verstehen als diese (vgl. Kapitel 4).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_87_87" id="Fussnote_87_87"></a><a href="#FNAnker_87_87"><span class="label">[87]</span></a> Vgl. Kapitel 11, <a href="#Seite_327">S. 327</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_88_88" id="Fussnote_88_88"></a><a href="#FNAnker_88_88"><span class="label">[88]</span></a> Vgl. <a href="#Seite_139">S. 139</a> f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_89_89" id="Fussnote_89_89"></a><a href="#FNAnker_89_89"><span class="label">[89]</span></a> Und russisch. Die Russen aber sind bezeichnend wenig sozial veranlagt, -und haben unter allen europischen Vlkern das geringste Verstndnis -fr den Staat. Hiemit stimmt es nach dem vorigen nur berein, -da sie durchwegs Antisemiten sind.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_90_90" id="Fussnote_90_90"></a><a href="#FNAnker_90_90"><span class="label">[90]</span></a> Der Glaube an Jehovah und die Lehre Mosis ist nur ein Glaube -an diese jdische Gattung und ihre Lebenskraft; Jehovah ist die personifizierte -Idee des Juden<em class="gesperrt">tums</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_91_91" id="Fussnote_91_91"></a><a href="#FNAnker_91_91"><span class="label">[91]</span></a> Hier kam es mir darauf an, den Drang der Juden zur Chemie einzuordnen. -Der anderen Chemie, der Wissenschaft eines <em class="gesperrt">Berzelius</em>, <em class="gesperrt">Liebig</em>, -<em class="gesperrt">van t'Hoff</em> soll hiemit nicht nahegetreten sein.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_92_92" id="Fussnote_92_92"></a><a href="#FNAnker_92_92"><span class="label">[92]</span></a> Ein Genie ist <em class="gesperrt">Spinoza</em> nicht gewesen. Es gibt keinen gedankenrmeren -und keinen phantasieloseren Philosophen unter allen <em class="gesperrt">singulren</em> -Gestalten der Philosophiegeschichte. Und man miversteht den Spinozismus -— durch den Gedanken an <em class="gesperrt">Goethe</em> getuscht — <em class="gesperrt">vllig</em>, wenn man in -ihm vielleicht den schamhaften Ausdruck eines tiefsten Verhltnisses zur -Natur erblickt. Wer das All umfassen will, der kann nicht mit Definitionen -beginnen. <em class="gesperrt">Spinozas</em> Verhltnis zur Natur war vielmehr ein ausnehmend -loses. Dazu stimmt es, da er auf seinem ganzen Lebenswege nirgends der -Kunst begegnet ist (vgl. Kapitel 11, <a href="#Seite_325">S. 325</a> f.).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_93_93" id="Fussnote_93_93"></a><a href="#FNAnker_93_93"><span class="label">[93]</span></a> Vgl. Kapitel 12, <a href="#Seite_356">S. 356</a>, <a href="#Seite_363">363</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_94_94" id="Fussnote_94_94"></a><a href="#FNAnker_94_94"><span class="label">[94]</span></a> Dem hier entwickelten, <em class="gesperrt">umfassenden</em> Begriff der Frmmigkeit -knnten mannigfache Mideutungen leicht begegnen. Darum mchte ich -zu seiner Erluterung noch einiges bemerken. Frmmigkeit liegt nicht blo -im <em class="gesperrt">Besitz</em>, sondern auch im Kampfe, um Besitz zu <em class="gesperrt">erringen</em>: nicht blo -der berzeugte <em class="gesperrt">Gottverknder</em> (wie <em class="gesperrt">Hndel</em>, oder wie <em class="gesperrt">Fechner</em>) ist -<em class="gesperrt">fromm</em>, sondern auch der irrende, zweifelnde <em class="gesperrt">Gottsucher</em> (wie <em class="gesperrt">Lenau</em>, -oder wie <em class="gesperrt">Drer</em>). Frmmigkeit braucht nicht in ewiger Betrachtung vor -dem Weltganzen zu stehen (so wie <em class="gesperrt">Bach</em> vor ihm steht); sie mag (wie bei -<em class="gesperrt">Mozart</em>) als eine alle <em class="gesperrt">Einzel</em>dinge <em class="gesperrt">begleitende</em> Religiositt sich offenbaren. -Sie ist endlich nicht an das Auftreten eines Stifters gebunden: das frmmste -Volk der Welt sind die <em class="gesperrt">Griechen</em> gewesen, und darum war ihre Kultur -die hchste unter allen bisherigen; unter ihnen aber hat es sicher nie einen -berragenden Religionsstifter gegeben (dessen sie nicht bedurften; vgl. <a href="#Seite_440">S. 440</a>).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_95_95" id="Fussnote_95_95"></a><a href="#FNAnker_95_95"><span class="label">[95]</span></a> Hiegegen kann die jdische Unduldsamkeit keinen Einwand -bilden. Wahre Religion ist <em class="gesperrt">immer</em> eifrig, aber <em class="gesperrt">nie</em> zelotisch. Intoleranz ist -vielmehr identisch mit Unglubigkeit; wie die <em class="gesperrt">Macht</em> das tuschendste -Surrogat der <em class="gesperrt">Freiheit</em> ist, so entsteht Intoleranz nur aus dem Mangel -an <em class="gesperrt">individueller Sicherheit</em> des Glaubens.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_96_96" id="Fussnote_96_96"></a><a href="#FNAnker_96_96"><span class="label">[96]</span></a> Hieraus erst ist wirklich die Genielosigkeit des Juden erklrbar -(vgl. <a href="#Seite_236">S. 236</a>): nur Glaube ist schpferisch. Und vielleicht spiegelt die -geringere geschlechtliche Potenz des Juden <em class="gesperrt">dieselbe</em> Tatsache in der <em class="gesperrt">niederen</em> -Sphre wieder.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_97_97" id="Fussnote_97_97"></a><a href="#FNAnker_97_97"><span class="label">[97]</span></a> Der Mann erst schafft das Weib. Darum besitzen die Jdinnen bekanntermaen -jene Einfachheit der Christinnen nicht, die sich ohne weiteres -an das sexuelle Komplement hingibt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_98_98" id="Fussnote_98_98"></a><a href="#FNAnker_98_98"><span class="label">[98]</span></a> Dies darf man aber nicht, wie <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, und nach ihm -unter Bentzung seiner mangelhaften psychologischen Distinktion, H. S. <em class="gesperrt">Chamberlain</em>, -als ein berwiegen des Willens und ein abnormes Zurcktreten -des Intellektes deuten. Der Jude ist gar nicht wirklich willensstark, und -seine innere Unentschiedenheit knnte sogar leicht zu einer <em class="gesperrt">irrigen</em> Verwechslung -mit psychischem Masochismus, das ist Schwere und Hilflosigkeit -im Augenblicke des Entschlusses, Anla geben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_99_99" id="Fussnote_99_99"></a><a href="#FNAnker_99_99"><span class="label">[99]</span></a> Hier gelangt zur Erledigung, was aus den Errterungen des -vierten bis achten Kapitels mit Absicht fern gehalten werden mute.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_100_100" id="Fussnote_100_100"></a><a href="#FNAnker_100_100"><span class="label">[100]</span></a> Man erinnert sich hier vielleicht des <a href="#Seite_139">S. 139</a> f. ber die psychologische -Bedeutung der Gegensatzpaare Bemerkten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_101_101" id="Fussnote_101_101"></a><a href="#FNAnker_101_101"><span class="label">[101]</span></a> Hierin liegt auch der Unterschied und die Grenze zwischen dem -Antisemitismus des Juden und dem Antisemitismus des Indogermanen begrndet. -Dem jdischen Antisemiten ist der Jude nur antipathisch; der antisemitische -Arier hingegen ist, wenn er auch noch so mutig den Kampf -gegen das Judentum fhrt, im Grunde seines Herzens doch immer, was der -Jude nie ist: <em class="gesperrt">Judaeophobe</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_102_102" id="Fussnote_102_102"></a><a href="#FNAnker_102_102"><span class="label">[102]</span></a> Vgl. Kapitel 12, <a href="#Seite_374">S. 374</a> f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_103_103" id="Fussnote_103_103"></a><a href="#FNAnker_103_103"><span class="label">[103]</span></a> Zum Beispiel der Laura <em class="gesperrt">Marholm</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_104_104" id="Fussnote_104_104"></a><a href="#FNAnker_104_104"><span class="label">[104]</span></a> ber den Einflu der Ovarienexstirpation auf Strukturvernderungen -des Uterus. Archiv fr Gynkologie, 51, 1896, 286 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_105_105" id="Fussnote_105_105"></a><a href="#FNAnker_105_105"><span class="label">[105]</span></a> Man wrde sich einer sehr zweischneidigen Waffe bedienen, wenn -man diese Worte so auffassen wollte, als htte Keats wie Hume erklrt, -keine Seele zu besitzen, da in Wirklichkeit vielmehr die Existenz der Seele -hierin ausgesprochen ist.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_106_106" id="Fussnote_106_106"></a><a href="#FNAnker_106_106"><span class="label">[106]</span></a> <em class="gesperrt">Nietzsche</em> hatte auch wohl recht, als er in ihm keinen echten -Hellenen erblickte; indes <em class="gesperrt">Plato</em> wieder ganz und gar Grieche ist.</p></div> - - - - - -<div class="transnote pagebreak p4"> -<h2 class="nopagebreak">Anmerkungen zur Transkription</h2> - -Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebruchlich waren, wie: - -<ul class="index"> -<li>Abfalles -- Abfalls</li> -<li>Alkmaion -- Alkmon</li> -<li>angeborene -- angeborne</li> -<li>Association -- Assoziation</li> -<li>Augenblickes -- Augenblicks</li> -<li>Descendenzlehre -- Deszendenzlehre</li> -<li>Detumescenz -- Detumeszenz</li> -<li>Eierstockes -- Eierstocks</li> -<li>Erection -- Erektion</li> -<li>Frauen-Emanzipation -- Frauenemanzipation</li> -<li>Gattungs-Ethik -- Gattungsethik</li> -<li>geborenen -- gebornen</li> -<li>Geschlechts-Dimorphismus -- Geschlechtsdimorphismus</li> -<li>Heniden-Theorie -- Henidentheorie</li> -<li>Herren -- Herrn</li> -<li>hiefr -- hierfr</li> -<li>Ich-Begriff -- Ichbegriff</li> -<li>Imperatives -- Imperativs</li> -<li>Inhaltes -- Inhalts</li> -<li>Irrtumes -- Irrtums</li> -<li>Judentumes -- Judentums</li> -<li>Kantische -- kantische</li> -<li>L'Instinct Sexuel -- L'instinct sexuel</li> -<li>Lawn-tennis-Spiel -- Lawntennisspiel</li> -<li>Materiales -- Materials</li> -<li>Mutter-Typus -- Muttertypus</li> -<li>Mythos -- Mythus</li> -<li>Nicht-Sein -- Nichtsein</li> -<li>Plato -- Platon</li> -<li>Schicksales -- Schicksals</li> -<li>Schn-Finden -- Schnfinden</li> -<li>stammesverwandten -- stammverwandten</li> -<li>Subjektes -- Subjekts</li> -<li>Systemes -- Systems</li> -<li>transcendental -- transscendental</li> -<li>ungeheuere -- ungeheure</li> -<li>Ursprunges -- Ursprungs</li> -<li>Urteil -- Urtheil</li> -<li>Verkehres -- Verkehrs</li> -<li>Vermittelung -- Vermittlung</li> -<li>Virginitts-Ideal -- Virginittsideal</li> -<li>weiteres -- weiters</li> -<li>Widerspruches -- Widerspruchs</li> -</ul> - -Fehlende Satzzeichen wurden ohne Erwhnung ergnzt. -Die folgenden Korrekturen wurden vorgenommen. Sie beinhalten Teile der -auf Seite 598 f. aufgefhrten Verbesserungen sinnstrender Fehler. - -<ul class="index"> -<li>S. XVIII Erkenntis in Erkenntnis gendert.</li> -<li>S. 3 alles in allem gendert (Funote).</li> -<li>S. 20 Oskar Hertwig in Oscar Hertwig gendert.</li> -<li>S. 22 Spezifizitt in Spezifitt gendert.</li> -<li>S. 30 thelyoide in thelyide gendert.</li> -<li>S. 34 eingefgt.</li> -<li>S. 37 Apperceptionen in Apperzeptionen gendert.</li> -<li>S. 40 bestimmer in bestimmter gendert.</li> -<li>S. 45 andern in anderen gendert.</li> -<li>S. 48 vertheidigen in verteidigen gendert.</li> -<li>S. 54 Krpelin in Kraepelin gendert.</li> -<li>S. 62 thelyoide in thelyide gendert.</li> -<li>S. 69 einem in einer gendert.</li> -<li>S. 85 de la Mothe Guyon in de la Motte Guyon gendert.</li> -<li>S. 85 Elisabeth Barrett-Browning in Elizabeth Barrett Browning gendert.</li> -<li>S. 85 Angelika Kaufmann in Angelika Kauffmann gendert.</li> -<li>S. 85 Etrangers in trangers gendert.</li> -<li>S. 85 vorherhand in vorderhand gendert.</li> -<li>S. 114 Intensivikationen in Intensifikationen gendert.</li> -<li>S. 121 in gendert.</li> -<li>S. 126 verschedenen in verschiedenen gendert.</li> -<li>S. 134 ; oder denke eingefgt.</li> -<li>S. 144 Hero-worship in Hero-Worship gendert.</li> -<li>S. 150 schillerndern in schillernden gendert.</li> -<li>S. 150 Ubereinstimmung in bereinstimmung gendert.</li> -<li>S. 169 da in da߫ gendert.</li> -<li>S. 177 Schellingens in Schellings gendert.</li> -<li>S. 189 sprunghaften in sprunghaftem gendert.</li> -<li>S. 190 reprsentiert in prsentiert gendert.</li> -<li>S. 194 , eingefgt.</li> -<li>S. 216 Intensivikationen in Intensifikationen gendert.</li> -<li>S. 220 erw durchrmter Stab in erwrmter Stab durch gendert (Funote).</li> -<li>S. 237 caeteris in ceteris gendert.</li> -<li>S. 264 Phnome in Phnomene gendert.</li> -<li>S. 267 eingefgt (Funote).</li> -<li>S. 272 innnere in innere gendert.</li> -<li>S. 277 und und in und gendert.</li> -<li>S. 274 zu eingefgt.</li> -<li>S. 291 ihrer in seiner gendert.</li> -<li>S. 301 grer in grere gendert.</li> -<li>S. 311 zusammenhangend in zusammenhngend gendert.</li> -<li>S. 331 der in des gendert.</li> -<li>S. 333 unermessliche in unermeliche gendert.</li> -<li>S. 333 mir in mit gendert.</li> -<li>S. 333 eingefgt.</li> -<li>S. 345 Gebahren in Gebaren gendert.</li> -<li>S. 356 wie eingefgt.</li> -<li>S. 361 sexuelles in asexuelles gendert.</li> -<li>S. 366 fremde in fremden gendert.</li> -<li>S. 384 , entfernt.</li> -<li>S. 405 kontrolierbare in kontrollierbare gendert.</li> -<li>S. 405 malaisch in malaiisch gendert.</li> -<li>S. 425 sie in es gendert.</li> -<li>S. 428 Ganze in Ganzes gendert.</li> -<li>S. 434 den Augenblick in der Augenblick gendert.</li> -<li>S. 434 sich Welt in sich die Welt gendert.</li> -<li>S. 440 Jndogermanen in Indogermanen gendert (Funote).</li> -<li>S. 444 von vorherein in von vornherein gendert.</li> -<li>S. 448 anstellt in anstrebt gendert.</li> -<li>S. 449 er geben in ergeben gendert.</li> -<li>S. 449 veranschlgt in veranschlagt gendert.</li> -<li>S. 450 Neu-Seeland in Neuseeland gendert.</li> -<li>S. 451 zu entfernt.</li> -<li>S. 455 Als in Also gendert.</li> -<li>S. 456 Anwort in Antwort gendert.</li> -<li>S. 466 Oskar Hertwig in Oscar Hertwig gendert.</li> -<li>S. 467 Hydatride in Hydatide gendert.</li> -<li>S. 473 eingefgt.</li> -<li>S. 474 S. 397-368 in S. 367-368 gendert.</li> -<li>S. 475 eingefgt.</li> -<li>S. 476 Je tait in Il tait gendert.</li> -<li>S. 483 hen-pheasants in Hen-Pheasants gendert.</li> -<li>S. 486 Literaturausgaben in Literaturangaben gendert.</li> -<li>S. 488 Hypospadaeus in Hypospadiaeus gendert.</li> -<li>S. 491 dioecisch in dizisch gendert.</li> -<li>S. 494 eingefgt.</li> -<li>S. 494 Phyllanthus in phyllanthus gendert.</li> -<li>S. 501 Univeral-Bibliothek in Universal-Bibliothek gendert.</li> -<li>S. 502 eingefgt.</li> -<li>S. 505 erternde in errternde gendert.</li> -<li>S. 505 ) eingefgt.</li> -<li>S. 508 Womans in Woman's gendert.</li> -<li>S. 512 Erscheinugen in Erscheinungen gendert.</li> -<li>S. 514 διδωσι in δίδωσιν gendert.</li> -<li>S. 517 in gendert.</li> -<li>S. 517 ) eingefgt.</li> -<li>S. 522 Stazion in Station gendert.</li> -<li>S. 523 Fremden in Fremdem gendert.</li> -<li>S. 525 Mathemathik in Mathematik gendert.</li> -<li>S. 526 he in the gendert.</li> -<li>S. 534 Ludwig Sein in Ludwig Stein gendert.</li> -<li>S. 534 caussa in causa gendert.</li> -<li>S. 534 καῖ in καὶ gendert.</li> -<li>S. 534 eingefgt.</li> -<li>S. 536 mosh in most gendert.</li> -<li>S. 537 πολλὰ in πολλὰς gendert.</li> -<li>S. 540 or in of gendert.</li> -<li>S. 545 Halbmonatschrift in Halbmonatsschrift gendert.</li> -<li>S. 552 , entfernt.</li> -<li>S. 554 Peleus Tat in Peleus' Tat gendert.</li> -<li>S. 554 eingefgt.</li> -<li>S. 556 Das philosophische Ehzuchtbchlein in Das Philosophisch Ehezuchtbchlin gendert.</li> -<li>S. 559 Gardeners Chronicle in Gardeners' Chronicle gendert.</li> -<li>S. 561 chesnut in chestnut gendert.</li> -<li>S. 561 sexteenths in sixteenths gendert.</li> -<li>S. 562 whit in with gendert.</li> -<li>S. 562 Oskar Hertwig in Oscar Hertwig gendert.</li> -<li>S. 564 emfangende in empfangende gendert.</li> -<li>S. 564 entfernt.</li> -<li>S. 565 Ogni in ogni gendert.</li> -<li>S. 567 . in , gendert.</li> -<li>S. 567 συτε in ουτε gendert.</li> -<li>S. 570 L'Etat in L'tat gendert.</li> -<li>S. 571 anquel in auquel gendert.</li> -<li>S. 572 arriva in arrivait gendert.</li> -<li>S. 573 ides in Ides gendert.</li> -<li>S. 577 eingefgt.</li> -<li>S. 577 ] eingefgt.</li> -<li>S. 580 entscheidensten in entscheidendsten gendert.</li> -<li>S. 580 Ptolemaern in Ptolemern gendert.</li> -<li>S. 581 τε eingefgt.</li> -<li>S. 581 ειστιοντων in εισιοντων gendert.</li> -<li>S. 581 ειστιοντα in εισιοντα gendert.</li> -<li>S. 581 δυστφραστον in δυσφραστον gendert.</li> -<li>S. 581 εισταυθις in εισ αυθις gendert.</li> -<li>S. 582 κάμπυλον in καμπύλον gendert.</li> -<li>S. 582 studj in studi gendert.</li> -<li>S. 583 esmanire in exinanire gendert.</li> -<li>S. 583 li dei in gli dei gendert.</li> -<li>S. 590 Ttigkeit in Thtigkeit gendert.</li> -<li>S. 595 entfernt.</li> -</ul> - -</div> - -<p> </p> -<p> </p> -<hr class="full" /> -<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT UND CHARAKTER***</p> -<p>******* This file should be named 51221-h.htm or 51221-h.zip *******</p> -<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> -<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/1/2/2/51221">http://www.gutenberg.org/5/1/2/2/51221</a></p> -<p> -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed.</p> - -<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.</p> - -<p>1.F.</p> - -<p>1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment.</p> - -<p>1.F.2. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life.</p> - -<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org.</p> - -<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws.</p> - -<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact</p> - -<p>For additional contact information:</p> - -<p> Dr. Gregory B. Newby<br /> - Chief Executive and Director<br /> - gbnewby@pglaf.org</p> - -<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS.</p> - -<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p> - -<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate.</p> - -<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p> - -<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p> - -<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3> - -<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support.</p> - -<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition.</p> - -<p>Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org</p> - -<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p> - -</body> -</html> - diff --git a/old/51221-h/images/cover.jpg b/old/51221-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 66d4edd..0000000 --- a/old/51221-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/51221-h/images/logo.png b/old/51221-h/images/logo.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 1910efe..0000000 --- a/old/51221-h/images/logo.png +++ /dev/null diff --git a/old/51221-h/images/p0600bottom.png b/old/51221-h/images/p0600bottom.png Binary files differdeleted file mode 100644 index c4a362b..0000000 --- a/old/51221-h/images/p0600bottom.png +++ /dev/null diff --git a/old/51221-h/images/p0600top.png b/old/51221-h/images/p0600top.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 6c1e16b..0000000 --- a/old/51221-h/images/p0600top.png +++ /dev/null |
