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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-05 08:46:20 -0800
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-The Project Gutenberg eBook, Geschlecht und Charakter, by Otto Weininger
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-
-Title: Geschlecht und Charakter
- Eine prinzipielle Untersuchung
-
-
-Author: Otto Weininger
-
-
-
-Release Date: February 14, 2016 [eBook #51221]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT UND CHARAKTER***
-
-
-E-text prepared by Peter Becker, Jana Srna, Norbert H. Langkau, and the
-Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page
-images generously made available by Austrian Literature Online
-(http://www.literature.at)
-
-
-
-Note: Images of the original pages are available through
- Austrian Literature Online. See
- http://www.literature.at/viewer.alo?objid=12020&page=1&viewmode=fullscreen
-
-
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, kursiver Text |
- | als ~kursiv~ und Fettschrift als $fett$. |
- | |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-GESCHLECHT UND CHARAKTER
-
-Eine prinzipielle Untersuchung
-
-von
-
-DR. OTTO WEININGER
-
-
-
-
-
-
-
-Wien und Leipzig
-Wilhelm Braumüller
-K. u. K. Hof- U. Universitäts-Buchhändler
-1903
-
-
-GESCHLECHT UND CHARAKTER.
-
-
-GESCHLECHT UND CHARAKTER
-
-Eine prinzipielle Untersuchung
-
-von
-
-DR. OTTO WEININGER
-
-
-
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Wien und Leipzig.
-Wilhelm Braumüller
-K. U. K. Hof- und Universitäts-Buchhändler.
-1903.
-
-
-VORBEHALTEN.
-Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung
-
-Druck von Friedrich Jasper in Wien.
-
-
-
-
-VORWORT.
-
-
-Dieses Buch unternimmt es, das Verhältnis der Geschlechter in ein
-neues Licht zu rücken. Es sollen nicht möglichst viele einzelne
-Charakterzüge aneinandergereiht, nicht die Ergebnisse der bisherigen
-wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt, sondern
-die Ableitung alles Gegensatzes von Mann und Weib aus _einem_ einzigen
-Prinzipe versucht werden. Hiedurch unterscheidet es sich von allen
-anderen Büchern dieser Art. Es verweilt nicht bei diesem oder jenem
-Idyll, sondern dringt bis zu einem letzten Ziele vor; es häuft nicht
-Beobachtung auf Beobachtung, sondern bringt die geistigen Differenzen
-der Geschlechter in ein System; es gilt nicht den Frauen, sondern
-der Frau. Zwar nimmt es stets das Alltäglichste und Oberflächlichste
-zu seinem Ausgangspunkt, aber nur, um alle konkrete Einzelerfahrung
-zu _deuten_. Das ist hier nicht »induktive Metaphysik«, sondern
-schrittweise psychologische Vertiefung.
-
-Die Untersuchung ist keine spezielle, sondern eine prinzipielle; sie
-verachtet das Laboratorium nicht, wenn ihr auch seine Hülfsmittel
-dem tieferen Probleme gegenüber beschränkt erscheinen vor dem
-Werke der selbstbeobachtenden Analyse. Auch der Künstler, der ein
-weibliches Wesen darstellt, kann Typisches geben, ohne sich vor einer
-experimentellen Merkergilde durch Zahl und Serie legitimiert zu haben.
-Der Künstler verschmäht nicht die Erfahrung, er betrachtet es im
-Gegenteile als seine _Pflicht_, Erfahrung zu gewinnen; aber sie ist ihm
-nur der Ausgangspunkt eines Versenkens in sich selbst, das in der Kunst
-wie ein Versenken in die Welt erscheint.
-
-Die Psychologie nun, welche hier der Darstellung dient, ist eine
-durchaus philosophische, wenn auch ihre eigentümliche Methode, die
-allein durch das eigentümliche Thema sich rechtfertigt, es bleibt,
-vom trivialsten Erfahrungsbestande auszugehen. Der Philosoph aber hat
-nur eine der Form nach vom Künstler verschiedene Aufgabe. Was diesem
-Symbol ist, wird jenem Begriff. Wie Ausdruck und Inhalt, so verhalten
-sich Kunst und Philosophie. Der Künstler hat die Welt eingeatmet, um
-sie auszuatmen; für den Philosophen ist sie ausgeatmet, und er muß sie
-wieder einatmen.
-
-Indes hat alle Theorie notwendig immer etwas Prätentiöses; und so
-kann derselbe Inhalt, der im Kunstwerk wie Natur erscheint, hier, im
-philosophischen Systeme, als eng zusammengezogene Behauptung über
-ein Allgemeines, als These, die dem Satz vom Grunde untersteht und
-den Beweis antritt, viel schroffer, ja beleidigend wirken. Wo die
-Darstellung antifeministisch ist -- und das ist sie fast immer --
-dort werden auch die Männer ihr nie gerne und mit voller Überzeugung
-zustimmen: ihr sexueller Egoismus läßt sie das Weib immer lieber so
-sehen, wie sie es haben wollen, wie sie es lieben wollen.
-
-Und wie sollte ich nicht erst auf die Antwort gefaßt sein, welche die
-Frauen für mein Urteil über ihr Geschlecht haben werden?
-
-Daß die Untersuchung an ihrem Ende gegen den _Mann_ sich kehrt, und,
-freilich in einem tieferen Sinne, als die Frauenrechtlerin ahnt, _ihm_
-die größte Schuld zumißt, das wird ihrem Verfasser wenig fruchten, und
-ist von einer Beschaffenheit, die ihn zu allerletzt beim _weiblichen_
-Geschlechte könnte rehabilitieren helfen.
-
-Zum Schuldproblem aber gelangt die Analyse, weil sie von den vordersten
-und nächstliegenden Phänomenen bis zu Punkten aufsteigt, von denen
-nicht nur ein Einblick in das Wesen des Weibes und seine Bedeutung im
-Weltganzen, sondern auch der Aspekt auf sein Verhältnis zur Menschheit
-und zu deren letzten und höchsten Aufgaben sich öffnet, von wo zum
-Kulturproblem eine Stellung gewonnen und die Leistung der Weiblichkeit
-für das Ganze der ideellen Zwecke eingeschätzt werden kann. Dort also,
-wo Kultur- und Menschheitsproblem zusammenfallen, wird nicht mehr bloß
-zu erklären, sondern auch zu werten versucht; ja dort fallen Erklärung
-und Wertung von selbst zusammen.
-
-Zu solcher Höhe des Ausblickes gelangt die Untersuchung gleichsam
-gezwungen, ohne von Anfang an auf sie loszusteuern. Auf dem
-empirisch-psychologischen Boden selber ergibt sich ihr allmählich die
-Unzulänglichkeit aller empirisch-psychologischen Philosophie. Ihr
-Respekt vor der Erfahrung wird hievon nicht beeinträchtigt, denn stets
-wird vor dieser die Ehrfurcht nur erhöht und nicht zerstört, wenn der
-Mensch in der Erscheinung -- freilich dem Einzigen, das er erlebt --
-jene Bestandteile bemerkt, die es ihm zur Gewißheit machen, daß es
-nicht _bloß_ Erscheinung gibt, wenn er jene Zeichen in ihr wahrnimmt,
-die auf ein Höheres, _über_ ihr Gelegenes weisen. Daß ein solcher
-Urquell ist, läßt sich feststellen, auch wenn kein Lebender je zu ihm
-vordringen wird. Und bis in die Nähe dieses Quells will auch dieses
-Buch leiten, und nicht eher rasten.
-
-Innerhalb des Engpasses, in welchem die gegensätzlichen Meinungen über
-die Frau und ihre Frage bis nun immer aufeinander gestoßen sind, hätte
-es freilich nie gewagt werden dürfen, solch hohes Ziel anzustreben.
-Aber das Problem ist eines, das mit allen tiefsten Rätseln des
-Daseins im Zusammenhange steht. Nur unter der sicheren Führung einer
-_Weltanschauung_ kann es, praktisch und theoretisch, moralisch oder
-metaphysisch aufgelöst werden.
-
-Es sind nur Keime einer solchen Gesamtauffassung, die in diesem
-Buche sichtbar werden, einer Auffassung, die den Weltanschauungen
-_Platos_, _Kantens_ und _des Christentums_ am nächsten steht. Aber
-die wissenschaftliche, psychologisch-philosophische, logisch-ethische
-Grundlegung mußte ich mir zu einem großen Teile selbst schaffen. Vieles
-zwar, dessen nähere Ausführung nicht möglich war, gedenke ich demnächst
-eingehend zu begründen. Wenn ich dennoch gerade auf diese Partien
-des Buches hier ausdrücklich verweise, so ist es, weil mir an der
-Beachtung dessen, was über die tiefsten und allgemeinsten Probleme in
-ihm ausgesprochen ist, noch mehr liegt, als an dem Beifall, welchen die
-besondere Anwendung auf die Frauenfrage allenfalls erwarten könnte.
-
-Sollte es den philosophischen Leser peinlich berühren, daß die
-Behandlung der höchsten und letzten Fragen hier gleichsam _in
-den Dienst_ eines Spezialproblemes von nicht übergroßer Dignität
-gestellt scheint: so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser
-Empfindung. Doch darf ich sagen, daß durchaus das Einzelproblem
-des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den Ausgangspunkt als das
-Ziel des tieferen Eindringens bildet. So erfloß reicher Gewinn
-aus seiner Behandlung auch für das Problem der Genialität, des
-Unsterblichkeitsbedürfnisses und des Judentumes. Daß die umfassenden
-Auseinandersetzungen schließlich dem Spezialproblem zugute kommen,
-weil es in um so mannigfachere Beziehungen tritt, je mehr das Gebiet
-sich vergrößert, das ist natürlich. Und wenn sich in diesem weiteren
-Zusammenhange herausstellt, wie gering die Hoffnungen sind, welche
-Kultur an die Art des Weibes knüpfen kann, wenn die letzten Resultate
-eine vollständige Entwertung, ja eine Negation der Weiblichkeit
-bedeuten: es wird durch sie nichts vernichtet, was _ist_, nichts
-heruntergesetzt, was _an sich_ einen Wert _hat_. Müßte mich doch selbst
-ein gewisses Grauen vor der eigenen Tat anwandeln, wäre ich hier
-wirklich nur Zerstörer, und bliebe nichts auf dem Plan! Die Bejahungen
-des Buches sind vielleicht weniger kräftig instrumentiert worden: wer
-hören kann, wird sie wohl aus allem zu vernehmen wissen.
-
-Die Arbeit zerfällt in zwei Teile: einen ersten,
-biologisch-psychologischen, und einen zweiten,
-psychologisch-philosophischen. Vielleicht wird mancher dafürhalten, daß
-ich aus dem Ganzen besser zwei Bücher hätte machen sollen, ein rein
-naturwissenschaftliches und ein rein introspektives. Allein ich mußte
-von der Biologie mich befreien, um ganz Psychologe sein zu können. Der
-zweite Teil behandelt gewisse seelische Probleme recht anders, als sie
-jeder Naturforscher heute wohl behandeln würde, und ich bin mir bewußt,
-daß ich hiedurch auch die Aufnahme des ersten Teiles bei einem großen
-Teile des Publikums gefährde; gleichwohl erhebt dieser erste Teil in
-seiner Gänze den Anspruch auf eine Beachtung und Beurteilung seitens
-der Naturwissenschaft, was der zweite, mehr der inneren Erfahrung
-zugekehrte, nur an wenigen Stellen vermag. Weil dieser zweite Teil aus
-einer nichtpositivistischen Weltanschauung hervorgegangen ist, werden
-von manchen beide für unwissenschaftlich gehalten werden (obwohl der
-Positivismus dortselbst eine strenge Widerlegung erfährt). Hiemit
-muß ich mich einstweilen abfinden, in der Überzeugung, der Biologie
-gegeben zu haben, was ihr gebührt, und einer nichtbiologischen,
-nichtphysiologischen Psychologie das Recht gewahrt zu haben, welches
-ihr für alle Zeiten bleiben wird.
-
-Vielleicht wird man der Untersuchung an gewissen Punkten vorwerfen, daß
-sie nicht genug der _Beweise_ bringe; allein eben dies däucht mich ihre
-geringste Schwäche. Denn was könnte in diesem Gegenstande »Beweisen«
-wohl heißen? Es ist nicht Mathematik und nicht Erkenntnistheorie (die
-letztere nur an zwei Stellen), was hier abgehandelt wird; es sind
-erfahrungswissenschaftliche Dinge, und da kann höchstens der Finger
-gelegt werden auf das, was _ist_; was man sonst hier _beweisen_ nennt,
-ist ein bloßes Zusammenstimmen der neuen Erfahrungen mit den alten;
-und da bleibt es sich gleich, ob das neue Phänomen vom Menschen
-experimentell erzeugt wird oder schon aus der Schöpferhand der Natur
-fertig vorliegt. Der letzteren Beweise aber bringt diese Schrift eine
-große Zahl.
-
-Das Buch ist endlich, soweit ich das zu beurteilen vermag, (in seinem
-Hauptteile) nicht ein solches, das man nach einmaliger flüchtiger
-Lektüre verstehen und in sich aufnehmen könnte; zur Orientierung des
-Lesers und zum eigenen Schutze will ich selber diesen Umstand hier
-anmerken.
-
-Je weniger ich in beiden Teilen (vornehmlich im zweiten) Altes, längst
-Bekanntes wiederholt habe, desto mehr mußte ich dort, wo ich mit
-früher Ausgesprochenem und allgemeiner Anerkanntem in Übereinstimmung
-mich fand, auf alle Koinzidenzen hinweisen. Diesem Zwecke dienen die
-Literaturnachweise des Anhanges. Ich habe mich bemüht, die Citate
-in genauer und für Fachmänner wie für Laien brauchbarer Gestalt
-wiederzugeben. Dieser größeren Ausführlichkeit wegen, und um die
-Lektüre des Textes nicht ein fortwährendes Stolpern werden zu lassen,
-sind sie an den Schluß des Buches verwiesen.
-
-Dem Herrn Universitätsprofessor Dr. Laurenz _Müllner_ statte ich
-geziemenden Dank ab für die wirksame Förderung, welche er mir hat
-zuteil werden lassen; Herrn Professor Dr. Friedrich _Jodl_ für das
-freundliche Interesse, welches er meinen Arbeiten von Anbeginn
-entgegenbrachte. Ganz besonders fühle ich mich auch den Freunden
-verpflichtet, welche mich bei der Korrektur des Buches unterstützten.
-
-
-
-
-INHALTSVERZEICHNIS.
-
-
- Seite
-
- Vorwort V-XI
-
- Inhaltsverzeichnis XIII-XXII
-
-
- Erster (vorbereitender) Teil: $Die sexuelle
- Mannigfaltigkeit$ 1-93
-
- Einleitung 3-6
-
- Über Begriffsentwicklung im allgemeinen und
- im besonderen. Mann und Weib. Widersprüche.
- Fließende Übergänge. Anatomie und Begabung.
- Keine Sicherheit im Morphologischen?
-
- I. Kapitel: »Männer und Weiber« 7-13
-
- Embryonale Undifferenziertheit. Rudimente beim
- Erwachsenen. Grade des »Gonochorismus«. Prinzip
- der Zwischenformen. M und W. Belege. Notwendigkeit
- der Typisierung. Resumé. Älteste
- Ahnungen.
-
- II. Kapitel: Arrhenoplasma und Thelyplasma 14-30
-
- Sitz des Geschlechtes. _Steenstrups_ Ansicht
- befürwortet. Sexualcharaktere. Innere Sekretion.
- Idioplasma -- Arrhenoplasma -- Thelyplasma. Schwankungen.
- Beweise aus erfolgloser Kastration. Transplantation
- und Transfusion. Organotherapie. Individuelle
- Unterschiede zwischen den einzelnen Zellen.
- Ursache der sexuellen Zwischenformen. Gehirn.
- Knabenüberschuß der Geburten. Geschlechtsbestimmung.
- Vergleichende Pathologie.
-
- III. Kapitel: Gesetze der sexuellen Anziehung 31-52
-
- Sexueller »Geschmack«. Wahrscheinlichkeit eines
- Gesetzmäßigen. Erste Formel. Erste Deutung. Beweise.
- Heterostylie. Interpretation derselben. Tierreich.
- Weitere Gesetze. Zweite Formel. Chemotaxis? Analogien
- und Differenzen. »Wahlverwandtschaften.« Ehebruch und
- Ehe. Folgen für die Nachkommenschaft.
-
- IV. Kapitel: Homosexualität und Päderastie 53-62
-
- Homosexuelle als sexuelle Zwischenformen. Angeboren
- oder erworben, gesund oder krankhaft? Spezialfall
- des Gesetzes. Alle Menschen mit der Anlage zur
- Homosexualität. Freundschaft und Sexualität. Tiere.
- Vorschlag einer Therapie. Homosexualität, Strafgesetz
- und Ethik. Distinktion zwischen Homosexualität und
- Päderastie.
-
- V. Kapitel: Anwendung auf die Charakterologie 63-78
-
- Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen als ein
- kardinaler Grundsatz der Individualpsychologie.
- Simultaneität oder Periodizität? Methode der
- psychologischen Untersuchung. Beispiele.
- Individualisierende Erziehung. Gleichmacherei.
- Morphologisch-charakterologischer Parallelismus. Die
- Physiognomik und das Prinzip der Psychophysik. Methodik
- der Varietätenlehre. Eine neue Fragestellung. Deduktive
- Morphologie. Korrelation und Funktionsbegriff.
- Aussichten.
-
- VI. Kapitel: Die emanzipierten Frauen 79-93
-
- Frauenfrage. Emanzipationsbedürfnis und Männlichkeit.
- Emanzipation und Homosexualität. Sexueller Geschmack
- der emanzipierten Frauen. Physiognomisches über
- sie. Die übrigbleibenden Berühmtheiten. W und die
- Emanzipation. Praktische Regel. Männlichkeit alles
- Genies. Die Frauenbewegung in der Geschichte.
- Periodizität. Biologie und Geschichtsauffassung.
- Aussichten der Frauenbewegung. Ihr Grundirrtum.
-
-
- Zweiter oder Hauptteil: $Die sexuellen Typen$ 95-461
-
- I. Kapitel: Mann und Weib 97-105
-
- Bisexualität und Unisexualität. Man ist Mann _oder_
- Weib. Das Problematische in diesem Sein und die
- Hauptschwierigkeit der Charakterologie. Das Experiment,
- die Empfindungsanalyse und die Psychologie. _Dilthey._
- Begriff des empirischen Charakters. Ziel und Nicht-Ziel
- der Psychologie. Charakter und Individualität. Problem
- der Charakterologie und Problem der Geschlechter.
-
- II. Kapitel: Männliche und weibliche Sexualität 106-116
-
- Problem einer weiblichen Psychologie. Der
- Mann als Psychologe des Weibes. Unterschiede im
- »Geschlechtstrieb«. Im »Kontrektations-« und
- »Detumeszenztrieb«. Intensität und Aktivität. Sexuelle
- Irritabilität der Frau. Größere Breite des Sexuallebens
- bei W. Geschlechtliche Unterschiede im
- Empfinden der Geschlechtlichkeit. Örtliche und zeitliche
- Abhebung der männlichen Sexualität. Unterschiede
- im Bewußtseinsgrade der Sexualität.
-
- III. Kapitel: Männliches und weibliches Bewußtsein 117-130
-
- Empfindung und Gefühl. Ihr Verhältnis. _Avenarius'_
- Einteilung in »Elemente« und »Charaktere«. Auf einem
- frühesten Stadium noch nicht durchführbar. Verkehrtes
- Verhältnis zwischen Distinktheit und Charakterisierung.
- Prozeß der Klärung. Ahnungen. Grade des Verstehens.
- Vergessen. Bahnung und Artikulation. Die Henide als
- das einfachste psychische Datum. Geschlechtlicher
- Unterschied in der Artikulation der Inhalte.
- Sensibilität. Urteilssicherheit. Das entwickelte
- Bewußtsein als männlicher Geschlechtscharakter.
-
- IV. Kapitel: Begabung und Genialität 131-144
-
- Genie und Talent. Genial und geistreich. Methode.
- Verständnis für mehr Menschen. Was es heißt: einen
- Menschen verstehen? Größere Kompliziertheit des
- Genies. Perioden im psychischen Leben. Keine
- Herabwürdigung der bedeutenden Menschen. Verstehen
- und Bemerken. Innerer Zusammenhang von Licht und
- Wachsein. Endgültige Feststellung der Bedingungen des
- Verstehens. Allgemeinere Bewußtheit des Genies. Größte
- Entfernung vom Henidenstadium; danach höherer Grad von
- Männlichkeit. Nur Universalgenies. W ungenial und ohne
- Heldenverehrung. Begabung und Geschlecht.
-
- V. Kapitel: Begabung und Gedächtnis 145-181
-
- Artikulation und Reproduzierbarkeit. Gedächtnis an
- Erlebnisse als Kennzeichen der Begabung. Erinnerung
- und Apperzeption. Anwendungen und Folgerungen.
- Fähigkeit des Vergleichens und Beziehens. Gründe für
- die Männlichkeit der Musik. Zeichnung und Farbe,
- Grade der Genialität; das Verhältnis des Genius zum
- ungenialen Menschen. Selbstbiographie. Fixe Ideen.
- Erinnerung an das Selbstgeschaffene. _Kontinuierliches
- und diskontinuierliches Gedächtnis._ Einheit des
- biographischen Selbstbewußtseins nur bei M. Charakter
- der weiblichen Erinnerungen. Kontinuität und Pietät.
- Vergangenheit und Schicksal. _Vergangenheit und
- Zukunft._ _Unsterblichkeitsbedürfnis._ Bisherige
- psychologische Erklärungsversuche. Wahre Wurzel. Innere
- Entwicklung des Menschen bis zum Tode. Ontogenetische
- Psychologie oder theoretische Biographie. _Die Frau
- ohne jedes Unsterblichkeitsbedürfnis._ -- Fortschritt
- zu tieferer Analyse des Zusammenhanges mit dem
- Gedächtnis. _Gedächtnis und Zeit._ Postulierung des
- Zeitlosen. _Der Wert als das Zeitlose._ Erstes Gesetz
- der Werttheorie. Nachweise. Individuation und Dauer
- als konstitutiv für den Wert. _Wille zum Wert._
- Das Unsterblichkeitsbedürfnis als _Spezialfall_.
- Unsterblichkeitsbedürfnis des Genies, zusammenfallend
- mit seiner Zeitlosigkeit durch sein universales
- Gedächtnis und die ewige Dauer seiner Werke. Das Genie
- und die Geschichte. Das Genie und die Nation. Das
- Genie und die Sprache. Die »Männer der Tat« und die
- »Männer der Wissenschaft« ohne Anrecht auf den Titel
- des Genius; anders Philosoph (Religionsstifter) und
- Künstler.
-
- VI. Kapitel: Gedächtnis, Logik, Ethik 182-196
-
- Psychologie und Psychologismus. Würde des
- Gedächtnisses. Theorien des Gedächtnisses. Übungs-
- und Associationslehren. Verwechslung mit dem
- Wiedererkennen. Gedächtnis nur dem Menschen
- eigen. Moralische Bedeutung. Lüge und Zurechnung.
- Übergang zur Logik. Gedächtnis und Identitätsprinzip.
- Gedächtnis und Satz vom Grunde. Die
- Frau alogisch und amoralisch. Intellektuelles und
- sittliches Gewissen: intelligibles Ich.
-
- VII. Kapitel: Logik, Ethik und das Ich 197-211
-
- Die Kritiker des Ich-Begriffes: _Hume_, _Lichtenberg_,
- _Mach_. Das _Mach_sche Ich und die Biologie.
- Individuation und Individualität, Logik und Ethik als
- Zeugen für die Existenz des Ich. -- Erstens die Logik:
- die Sätze der Identität und des Widerspruches. Die
- Frage ihres Nutzens und ihrer Bedeutung. Die logischen
- Axiome als identisch mit der begrifflichen Funktion.
- Definition des logischen Begriffes als Norm der Essenz.
- Die logischen Axiome als eben diese Norm der _Essenz_,
- welche _Existenz_ einer Funktion ist. Diese Existenz
- als das absolute Sein oder das Sein des absoluten Ich.
- _Kant_ und _Fichte_. Logizität als Norm. Denkfreiheit
- neben Willensfreiheit. -- Zweitens die Ethik.
- Zurechnung. Das Verhältnis der Ethik zur Logik. Die
- Verschiedenheit der Subjektsbeweise aus der Logik und
- der Ethik. Eine Unterlassung _Kant_ens. Ihre sachlichen
- und ihre persönlichen Gründe. Zur Psychologie der
- Kantischen Ethik. _Kant_ und _Nietzsche_.
-
- VIII. Kapitel: Ich-Problem und Genialität 212-238
-
- Die Charakterologie und der Glaube an das Ich. Das
- Ich-Ereignis: _Jean Paul_, _Novalis_, _Schelling_.
- Ich-Ereignis und Weltanschauung. Selbstbewußtsein
- und Anmaßung. Die Ansicht des Genies höher zu
- werten als die der anderen Menschen. Endgültige
- Feststellungen über den Begriff des Genies. Die
- geniale Persönlichkeit als der vollbewußte Mikrokosmus.
- Natürlich-synthetische und sinnerfüllende Tätigkeit des
- Genies. Bedeutung und Symbolik. Definition des Genies
- im Verhältnis zum gewöhnlichen Menschen. Universalität
- als Freiheit. Sittlichkeit oder Unsittlichkeit des
- Genies? Pflichten gegen sich und gegen andere. Was
- Pflicht gegen andere ist. Kritik der Sympathiemoral und
- der sozialen Ethik. Verständnis des Nebenmenschen als
- einzige Forderung der Sittlichkeit wie der Erkenntnis.
- Ich und Du. Individualismus und Universalismus.
- Sittlichkeit nur unter Monaden. Der genialste Mensch
- als der sittlichste Mensch. Warum der Mensch ζῷον
- πολιτικόν ist. Bewußtsein und Moralität. Der »große
- Verbrecher.« Genialität als Pflicht und Gehorsam. Genie
- und Verbrechen. Genie und Irrsinn. Der Mensch als
- Schöpfer seiner selbst.
-
- IX. Kapitel: Männliche und weibliche Psychologie 239-279
-
- Seelenlosigkeit des Weibes. Geschichte dieser
- Erkenntnis. Das Weib gänzlich ungenial. Keine
- männlichen Frauen im strengen Sinne. Unbegriffliche
- Natur des Weibes, aus dem Mangel des Ich zu erklären.
- Korrektur der Henidentheorie. Weibliches Denken.
- _Begriff und Objekt._ _Begriff und Urteil._ _Wesen des
- Urteils._ Das Weib und die Wahrheit als Richtschnur des
- Denkens. _Der Satz vom Grunde und sein Verhältnis zum
- Satz der Identität._ _Amoralität, nicht Antimoralität
- des Weibes._ _Das Weib und das Einsamkeitsproblem._
- Verschmolzenheit, nicht Gesellschaft. Weibliches
- Mitleid und weibliche Schamhaftigkeit. Das Ich der
- Frauen. Weibliche Eitelkeit. Mangel an Eigenwert.
- Gedächtnis für Huldigungen. Selbstbeobachtung und
- Reue. Gerechtigkeit und Neid. Name und Eigentum.
- Beeinflußbarkeit. -- Radikale Differenz zwischen
- männlichem und weiblichem Geistesleben. Psychologie
- ohne und mit Seele. Psychologie eine Wissenschaft?
- Freiheit und Gesetzlichkeit. Die Grundbegriffe
- der Psychologie transcendenter Natur. _Psyche und
- Psychologie._ Die Hilflosigkeit der seelenlosen
- Psychologie. Wo »Spaltungen der Persönlichkeit«
- allein möglich sind. Psychophysischer Parallelismus
- und Wechselwirkung. Problem der Wirkung psychischer
- Sexualcharaktere des Mannes auf das Weib.
-
- X. Kapitel: Mutterschaft und Prostitution 280-313
-
- Spezielle weibliche Charakterologie. Mutter und Dirne.
- Anlage zur Prostitution angeboren, aber nicht allein
- entscheidend. Einfluß des Mannes. Versehen. Verhältnis
- beider Typen zum Kinde. Die Frau polygam. Ehe und
- Treue. Sitte und Recht. Analogien zwischen Mutterschaft
- und Sexualität. Mutter und Gattungszweck. Die »alma«
- mater. Die Mutterliebe ethisch indifferent. Die Dirne
- außerhalb des Gattungszweckes. Die Prostituierte und
- die sozial anerkannte Moral. Die Prostituierte, der
- Verbrecher und Eroberer. Nochmals der »Willensmensch«
- und sein Verhältnis zum Genie. Hetäre und Imperator.
- Motiv der Dirne. Koitus Selbstzweck. Koketterie. Die
- Empfindungen des Weibes beim Koitus im Verhältnis zu
- seinem sonstigen Leben. Mutterrecht und Vaterschaft.
- Versehen und Infektionslehre. Die Dirne als Feindin.
- Bejahung und Verneinung. Lebensfreundlichkeit und
- Lebensfeindlichkeit. Keine Prostitution bei den Tieren.
- Rätsel im Ursprung.
-
- XI. Kapitel: Erotik und Ästhetik 314-341
-
- Weiber und Weiberhaß. Erotik und Sexualität.
- Platonische Liebe und Sinnlichkeit. Problem
- einer _Idee_ der Liebe. -- Die Schönheit des
- Weibes. Ihr Verhältnis zum Sexualtrieb. Liebe und
- Schönheit. Der Unterschied der Ästhetik von der
- Logik und Ethik als Normwissenschaften. Wesen
- der Liebe. Projektionsphänomen. Schönheit und
- Sittlichkeit. Schönheit und Vollkommenheit. Natur
- und Ethik. _Naturschönheit und Kunstschönheit._
- Naturgesetz und Kunstgesetz. Naturzweckmäßigkeit
- und Kunstzweckmäßigkeit. Die Einzelschönheit. Die
- Geschlechtsliebe als Schuld. Haß und Liebe als
- Erleichterungen des moralischen Strebens. Die
- Schöpfung des Teufels. Liebe und Mitleid. Liebe und
- Schamhaftigkeit. Liebe und Eifersucht. Liebe und
- Erlösungsbedürfnis. Das Weib in der Erotik Mittel zum
- Zweck. Problem des Zusammenhanges von Kind und Liebe,
- Kind und Sexualität. Grausamkeit nicht nur in der
- Lust, sondern noch in der Liebe. Liebe und Mord. Liebe
- als Feigheit, Unrecht, Irrtum. Der Madonnenkult. Die
- Madonna eine gedankliche Konzeption des Mannes; ohne
- Grund in der realen Weiblichkeit. Widerstreben gegen
- die Einsicht in das wahre Weib. Die Liebe des Mannes
- zum Weibe als Spezialfall. Das Weib nur sexuell, nicht
- erotisch. Der Schönheitssinn der Frauen. Schön und
- hübsch. Liebe und Verliebtheit. Wodurch der Mann auf
- die Frau wirkt. Das Fatum des Weibes. Einordnung der
- neuen Erkenntnis unter die früheren. Die Liebe als
- bezeichnend für das Wesen der Menschheit. Warum der
- Mann das Weib liebt. Möglichkeiten.
-
- XII. Kapitel: Das Wesen des Weibes und sein
- Sinn im Universum 342-402
-
- Gleichheit oder Gleichstellung. P. J. _Moebius_.
- Sinnlosigkeit oder Bedeutung der Weiblichkeit.
- _Kuppelei._ Instinktiver Drang. Der Mann und die
- Kuppelei. Welche Phänomene noch weiter Kuppelei sind.
- Hochwertung des Koitus. Der eigene Geschlechtstrieb ein
- Spezialfall. Mutter -- Dirne. Das Wesen des Weibes nur
- in der Kuppelei ausgesprochen. Kuppelei = Weiblichkeit
- = universale Sexualität.
-
- System von Einwänden und Widersprüchen. Notwendigkeit
- der Auflösung. Beeinflußbarkeit und Passivität.
- Unbewußte Verleugnung der eigenen Natur als Folge.
- _Organische Verlogenheit_ des Weibes. _Die Hysterie._
- Psychologisches Schema für den »Mechanismus« der
- Hysterie. Definition der letzteren. Zustand der
- Hysterischen. _Eigentümliches Wechselspiel: die fremde
- Natur als die eigene, die eigene als die fremde._
- Der »Fremdkörper«. Zwang und Lüge. Heteronomie der
- Hysterischen. Wille und Kraft zur Wahrheit. Der
- hysterische Paroxysmus. Was abgewehrt wird. Die
- hysterische Konstitution. _Magd und Megäre._ Die
- Megäre als Gegenteil der Hysterika. Die Wahrheitsliebe
- der Hysterika als _ihre_ Lüge. Die hysterische
- Keuschheit und Abneigung gegen den Geschlechtsakt.
- Das hysterische Schuldbewußtsein und die hysterische
- Selbstbeobachtung. Die Visionärin und Seherin im Weibe.
- Die Hysterie und die Unfreiheit des Weibes. Sein
- Schicksal und dessen Hoffnungslosigkeit.
-
- Notwendigkeit der Zurückführung auf ein letztes
- Prinzip. Unterschiede zwischen Mensch und Tier,
- zwischen Mann und Frau. Übersichtstafel. Das zweite
- oder höhere _Leben_, das metaphysische _Sein_ im
- Menschen. Analogien zum niederen Leben. Nur im Manne
- ewiges Leben. Das Verhältnis beider Leben und die
- Erbsünde. Geburt und Tod. Freiheit und Glück. Das Glück
- und der Mann. Das Glück und die Frau. Die Frau und das
- Problem des Lebens. _Nichtsein des Weibes._ Hieraus
- zunächst die _Möglichkeit_ von Lüge und Kuppelei,
- Amoralität und Alogizität erschlossen. Nochmals die
- Kuppelei. Gemeinschaft und Sexualität. Männliche und
- weibliche Freundschaft. Kuppelei wider Eifersucht.
- Kuppelei identisch mit Weiblichkeit. Warum die Frauen
- Menschen sind. Wesen des Geschlechtsgegensatzes.
- Gegensätze: _Subjekt -- Objekt = Form -- Materie =
- Mann -- Weib._ Kontrektation und Tastsinn. Deutung der
- Heniden. Non-Entität der Frau; als Folge universelle
- Suszeptibilität. Formung und Bildung der Frau durch den
- Mann. Trachten nach Existenz. Geschlechtsdualität und
- Weltdualismus. Die Bedeutung des Weibes im Universum.
- Der Mann als das Etwas, die Frau als das Nichts. Das
- psychologische Problem der Furcht vor dem Weibe. Die
- Weiblichkeit und der Verbrecher. Das Nichts und das
- Nicht. Die Schöpfung des Weibes durch den Verbrecher
- im Manne. Das Weib als die bejahte Sexualität des
- Mannes. Das Weib als die Schuld des Mannes. Die Liebe.
- Deduktion der Weiblichkeit.
-
- XIII. Kapitel: Das Judentum 403-441
-
- Unterschiede unter den Männern. Zurückweisung der
- hierauf gegründeten Einwände. Die Zwischenformen
- und die Rassenanthropologie. Amphibolie der
- Weiblichkeit mit dem Judentum. Das Jüdische als
- Idee. Der Antisemitismus. Richard _Wagner_. Keine
- Identität mit der Weiblichkeit; Übereinstimmungen
- mit dieser: Eigentum, Staat, Gesellschaft,
- Adel, _Mangel an Persönlichkeit und Eigenwert_,
- _Amoralität ohne Antimoralität_, _Gattungsleben_,
- Familie, _Kuppelei_. Einzige Art einer Lösung der
- Judenfrage. Gottesbegriff des Juden. Seelenlosigkeit,
- kein Unsterblichkeitsbedürfnis. _Judentum in der
- Wissenschaft._ Der Jude als Chemiker. Der Jude
- genielos. _Spinoza._ Der Jude nicht monadenartig
- veranlagt. Der Engländer und der Jude. Die Engländer
- in Philosophie, Musik, Architektur. Unterschiede.
- Humorlosigkeit des Juden. _Wesen des Humors._
- Humor und Satire. Die Jüdin. Nicht-Sein, völlige
- Veränderungsfähigkeit, Mittelbarkeit beim Juden
- wie beim Weibe. Größte Übereinstimmung und größte
- Differenz. Aktivität und Begrifflichkeit des Juden.
- Tiefstes Wesen des Judentums. Glaubenslosigkeit und
- innere Haltlosigkeit. Der Jude nicht amystisch, sondern
- unfromm. Mangel an Ernst, Begeisterungsfähigkeit
- und Eifer. Innerliche Vieldeutigkeit. Keinerlei
- Einfalt des Glaubens. Innere Würdelosigkeit. Der
- Jude als der Gegenpol des Helden. -- Christentum und
- Judentum. Ursprung des Christentums. Problem des
- Religionsstifters. Der Religionsstifter als Vollzieher
- einer eigenen Reinigung vom Verbrechen und von der
- Gottlosigkeit. In ihm allein eine völlige Neugeburt
- verwirklicht. Er als der Mensch mit dem tiefsten
- Schuldgefühl. Christus als Überwinder des Judentums
- _in_ sich. Christentum und Judentum als letzte
- Gegensätze. Der Religionsstifter als der größte Mensch.
- Überwindung alles Judentumes, eine Notwendigkeit für
- jeden Religionsstifter. -- Das Judentum und die heutige
- Zeit. Judentum, Weiblichkeit; Kultur und Menschheit.
-
- XIV. Kapitel: Das Weib und die Menschheit 442-461
-
- Die Idee der Menschheit und die Frau als Kupplerin.
- Der Goethe-Kult. Verweiblichung der Männer. Virginität
- und Keuschheit. Männlicher Ursprung dieser Ideale. Das
- Unverständnis der Frau für die Erotik. Ihr Verständnis
- der Sexualität. Der Koitus und die Liebe. Die Frau als
- Gegnerin der Emanzipation. Askese unsittlich. Der
- Geschlechtsverkehr als Mißachtung des Nebenmenschen.
- Problem des Juden = Problem des Weibes = Problem der
- Sklaverei. Was sittliches Verhalten gegen die Frau
- ist. Der Mann als Gegner der Frauenemanzipation.
- Ethische Postulate. Zwei Möglichkeiten. Die Frauenfrage
- als die Menschheitsfrage. Untergang des Weibes. --
- Enthaltsamkeit und Aussterben des Menschengeschlechtes.
- Furcht vor der Einsamkeit. Die eigentlichen Gründe der
- Unsittlichkeit des Geschlechtsverkehres. Die irdische
- Vaterschaft. Forderung der Aufnahme der Frauen unter
- die Menschheitsidee. Die Mutter und die Erziehung des
- Menschengeschlechtes. Letzte Fragen.
-
- Anhang: $Zusätze und Nachweise$ 463-597
-
-
-
-
-ERSTER (VORBEREITENDER) TEIL.
-
-DIE SEXUELLE MANNIGFALTIGKEIT.
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Alles Denken beginnt mit _Begriffen von mittlerer Allgemeinheit_
-und entwickelt sich von ihnen aus nach zwei Richtungen hin: nach
-Begriffen von immer höherer Allgemeinheit, welche ein immer mehr
-Dingen Gemeinsames erfassen und hiedurch ein immer weiteres Gebiet
-der Wirklichkeit umspannen; und nach dem Kreuzungspunkte aller
-Begriffslinien hin, dem konkreten Einzelkomplex, dem Individuum,
-welchem wir denkend immer nur durch unendlich viele einschränkende
-Bestimmungen beizukommen vermögen, das wir definieren durch Hinzufügung
-unendlich vieler spezifischer differenzierter Momente zu einem höchsten
-Allgemeinbegriff »Ding« oder »etwas«. Daß es eine Tierklasse der Fische
-gibt, die von den Säugetieren, den Vögeln, den Würmern unterschieden
-ist, war lange bekannt, bevor man einerseits unter den Fischen selbst
-wieder Knorpel- und Knochenfische schied, anderseits sie mit den Vögeln
-und Säugetieren durch den Begriff des Wirbeltieres zusammenzufassen
-sich veranlaßt sah, und die Würmer dem hiedurch geeinten größeren
-Komplexe gegenüberstellte.
-
-Mit dem Kampf ums Dasein der Wesen untereinander hat man diese
-Selbstbehauptung des Geistes gegenüber einer durch zahllose
-Ähnlichkeiten und Unterschiede verwirrenden Wirklichkeit verglichen.[1]
-Wir _erwehren_ uns der Welt durch unsere Begriffe.[2] Nur langsam
-bringen wir sie in deren Fassung, allmählich, wie man einen
-Tobsüchtigen zuerst über den ganzen Körper fesselt, notdürftig, um ihn
-wenigstens nur auf beschränkterem Orte gefährlich sein zu lassen; erst
-dann, wenn wir in der Hauptsache gesichert sind, kommen die einzelnen
-Gliedmaßen an die Reihe und wir ergänzen die Fesselung.
-
-_Es gibt zwei Begriffe, sie gehören zu den ältesten der Menschheit,
-mit denen diese ihr geistiges Leben seit Anbeginn zur Not gefristet
-hat._ Freilich hat man oft und oft kleine Korrekturen angebracht, sie
-wieder und wieder in die Reparaturwerkstätte geschickt, notdürftig
-geflickt, wo die Reform an Haupt und Gliedern not tat; weggenommen
-und angestückelt, Einschränkungen in besonderen Fällen gemacht und
-dann wieder Erweiterungen getroffen, wie wenn jüngere Bedürfnisse
-sich nur nach und nach gegen ein altes, enges Wahlgesetz durchsetzen,
-indem dieses einen Riemen nach dem anderen aufschnallen muß: aber im
-ganzen und großen glauben wir doch noch mit ihnen in der alten Weise
-auszukommen, mit diesen Begriffen, die ich hier meine, den Begriffen
-_Mann und Weib_.
-
-Zwar sprechen wir von mageren, schmalen, flachen, muskelkräftigen,
-energischen, genialen »Weibern«, von »Weibern« mit kurzem Haar
-und tiefer Stimme, von bartlosen, geschwätzigen »Männern«. Wir
-erkennen sogar an, daß es »unweibliche Weiber«, »Mannweiber« gibt
-und »unmännliche«, »weibliche« »Männer«. Bloß auf eine Eigenschaft
-achtend, nach welcher bei der Geburt die Geschlechtszugehörigkeit jedes
-Menschen bestimmt wird, wagen wir es also sogar, Begriffen Bestimmungen
-beizufügen, durch welche sie verneint werden. Ein solcher Zustand ist
-logisch unhaltbar.
-
-Wer hat nicht im Freundeskreis oder im Salon, in wissenschaftlicher
-oder in öffentlicher Versammlung die heftigsten Diskussionen über
-»Männer und Frauen«, über die »Befreiung des Weibes« angehört
-und mitgemacht? Gespräche und Debatten, in denen mit trostloser
-Regelmäßigkeit »die Männer« und »die Weiber« einander gegenübergestellt
-wurden, als wie weiße und rote Kugeln, von denen die gleichfarbigen
-keine Unterschiede mehr untereinander aufweisen! Nie wurde eine
-individuelle Behandlung der Streitpunkte versucht; und da jeder
-nur individuelle Erfahrungen hatte, war naturgemäß eine Einigung
-ausgeschlossen, wie überall dort, wo verschiedene Dinge mit dem
-gleichen Worte bezeichnet werden, Sprache und Begriffe sich
-nicht decken. Sollten wirklich alle »Weiber« und alle »Männer«
-streng voneinander geschieden sein und doch auf jeder Seite alle
-untereinander, Weiber einerseits, Männer anderseits sich in einer Reihe
-von Punkten vollständig gleichen? Wie ja bei allen Verhandlungen über
-Geschlechtsunterschiede, meist natürlich unbewußt, vorausgesetzt wird.
-Nirgends in der Natur ist sonst eine so klaffende Unstetigkeit; wir
-finden stetige Übergänge von Metallen zu Nichtmetallen, von chemischen
-Verbindungen zu Mischungen; zwischen Tieren und Pflanzen, zwischen
-Phanerogamen und Kryptogamen, zwischen Säugetieren und Vögeln gibt es
-Vermittlungen. Zunächst nur aus allgemeinstem praktischen Bedürfnis
-nach Übersicht teilen wir ab, halten gewaltsam Grenzen fest, hören
-Arien heraus aus der unendlichen Melodie alles Natürlichen. Aber
-»Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage« gilt von den alten Begriffen des
-Denkens wie von den ererbten Gesetzen des Verkehrs. Wir werden es nach
-den angeführten Analogien auch hier von vornherein für unwahrscheinlich
-halten dürfen, daß in der Natur ein _Schnitt_ geführt sei zwischen
-allen Masculinis einerseits und allen Femininis anderseits, und ein
-lebendes Wesen in dieser Hinsicht einfach so beschreibbar, daß es
-diesseits oder jenseits einer solchen Kluft sich aufhalte. Nicht einmal
-die Grammatik ist so streng.
-
-Man hat in dem Streite um die Frauenfrage vielfach _den Anatomen_ als
-Schiedsrichter angerufen, um durch ihn die kontroverse Abgrenzung
-der _unabänderlichen_, weil _angebornen_, gegen die _erworbenen_
-Eigenschaften der männlichen und weiblichen Sinnesart vornehmen zu
-lassen. (Sonderbar genug war es, von seinen Befunden die Entscheidung
-abhängig zu machen in der Frage der natürlichen Begabung von Mann und
-Weib: als ob, wenn _wirklich_ alle andere Erfahrung hier keinerlei
-Unterschied hätte feststellen können, zwölf Deka Hirn plus auf der
-einen Seite ein solches Resultat zu widerlegen vermöchten.) Aber die
-besonnenen Anatomen geben, um ausnahmslose Kriterien gefragt, in jedem
-Falle, handle es sich nun um das Gehirn oder sonst um irgend ein Organ
-des Körpers, zur Antwort: _durchgehende_ sexuelle Unterschiede zwischen
-_allen_ Männern einerseits und _allen_ Frauen anderseits sind nicht
-nachweisbar. Wohl sei auch das Handskelett der Mehrzahl der Männer ein
-anderes als das der Mehrzahl der Frauen, doch sei mit Sicherheit weder
-aus den skelettierten noch aus den mit Muskeln, Bändern, Sehnen, Haut,
-Blut und Nerven aufbewahrten (isolierten) Bestandteilen das Geschlecht
-mit Sicherheit bestimmbar. Ganz das Gleiche gelte vom Thorax, vom
-Kreuzbein, vom Schädel. Und wie steht es mit dem Skeletteil, bei
-dem, wenn überhaupt irgendwo, strenge geschlechtliche Unterschiede
-hervortreten müßten, was ist's mit dem Becken? Das Becken ist doch der
-allgemeinen Überzeugung nach im einen Fall dem Geburtsakt angepaßt, im
-anderen nicht. Aber nicht einmal beim Becken ist mit Sicherheit ein
-Maßstab anzulegen. Es gibt, wie jeder von der Straße her weiß -- und
-die Anatomen wissen da auch nicht mehr -- genug »Weiber« mit männlichem
-schmalen und genug »Männer« mit weiblichem breiten Becken. Also ist es
-nichts mit den Geschlechtsunterschieden? Da wäre es ja fast geraten,
-Männer und Weiber überhaupt nicht mehr zu unterscheiden?!
-
-Wie helfen wir uns aus der Frage? Das Alte ist ungenügend, und wir
-können es doch gewiß nicht entbehren. Reichen die überkommenen Begriffe
-nicht aus, so werden wir sie nur aufgeben, um zu versuchen, uns neu und
-besser zu orientieren.
-
-
-
-
-I. Kapitel.
-
-„Männer” und „Weiber”.
-
-
-Mit der allgemeinsten Klassifikation der meisten Lebewesen, ihrer
-Kennzeichnung schlechtweg als Männchen oder Weibchen, Mann oder
-Weib, kommen wir den Tatsachen gegenüber nicht länger aus. Die
-Mangelhaftigkeit dieser Begriffe wird von vielen mehr oder weniger klar
-gefühlt. Hier ins Reine zu kommen, ist zunächst das Ziel dieser Arbeit.
-
-Ich schließe mich anderen Autoren, welche in jüngster Zeit über zu
-diesem Thema gehörige Erscheinungen geschrieben haben, an, wenn ich
-zum Ausgangspunkt der Betrachtung die von der Entwicklungsgeschichte
-(Embryologie) festgestellte Tatsache _der geschlechtlichen
-Undifferenziertheit der ersten embryonalen Anlage_ des Menschen, der
-Pflanzen und der Tiere wähle.
-
-Einem menschlichen Embryo beispielsweise kann man, wenn er jünger als
-fünf Wochen ist, das Geschlecht nicht ankennen, zu dem er sich später
-entwickeln wird. Erst in der fünften Fötalwoche beginnen hier jene
-Prozesse, welche gegen Ende des dritten Monates der Schwangerschaft
-zur Entwicklung einer ursprünglich beiden Geschlechtern gemeinsamen
-Genitalanlage nach einer Seite hin und weiter zur Gestaltung des
-ganzen Individuums als eines sexuell _genau definierten_ führen.[3]
-Die Einzelheiten dieser Vorgänge sollen hier nicht näher beschrieben
-werden.
-
-Zu jener _bisexuellen Anlage_ eines jeden, auch des höchsten
-Organismus, läßt sich sehr gut das _ausnahmslose Beharren_, der Mangel
-eines völligen Verschwindens der Charaktere des anderen Geschlechtes
-_beim noch so eingeschlechtlich entwickelten_ pflanzlichen,
-tierischen und menschlichen Individuum in Beziehung bringen. Die
-geschlechtliche Differenzierung ist nämlich nie eine vollständige.
-_Alle Eigentümlichkeiten des männlichen Geschlechtes sind irgendwie,
-wenn auch noch so schwach entwickelt, auch beim weiblichen Geschlechte
-nachzuweisen; und ebenso die Geschlechtscharaktere des Weibes auch beim
-Manne sämtlich irgendwie vorhanden, wenn auch noch so zurückgeblieben
-in ihrer Ausbildung._ Man sagt, sie seien »rudimentär« vorhanden.
-So, um gleich den Menschen, der uns weiterhin fast ausschließlich
-interessieren wird, als Beispiel anzuführen, hat auch die weiblichste
-Frau einen feinen Flaum von unpigmentierten Wollhaaren, »Lanugo«
-genannt, an den Stellen des männlichen Bartes, auch der männlichste
-Mann in der Entwicklung stehen gebliebene Drüsenkomplexe unter einer
-Brustwarze. Im einzelnen nachgegangen ist man diesen Dingen vor
-allem in der Gegend der Geschlechtsorgane und ihrer Ausführwege, im
-eigentlichen »Tractus urogenitalis«, und hat bei jedem Geschlechte
-alle Anlagen des anderen im rudimentären Zustande in lückenlosem
-Parallelismus nachweisen können.
-
-Diese Feststellungen der Embryologen können, mit anderen
-zusammengehalten, in einen systematischen Zusammenhang gebracht
-werden. Bezeichnet man nach _Häckel_ die Trennung der Geschlechter
-als »_Gonochorismus_«, so wird man zunächst bei verschiedenen Klassen
-und Arten verschiedene _Grade_ dieses Gonochorismus zu unterscheiden
-haben. Nicht nur die verschiedenen Arten der Pflanzen, sondern auch die
-Tierspezies werden sich durch die _größere oder geringere Latenz_ der
-Charaktere des zweiten Geschlechtes voneinander abheben. Der extremste
-Fall der Geschlechtsdifferenzierung, also stärkster Gonochorismus,
-liegt für dieses erweiterte Blickfeld im _Geschlechtsdimorphismus_
-vor, jener Eigentümlichkeit z. B. mancher Asselarten, daß Männchen und
-Weibchen innerhalb der nämlichen Spezies sich äußerlich voneinander
-nicht weniger, ja oft mehr unterscheiden, als selbst Mitglieder zweier
-differenter Familien und Gattungen. Bei Wirbeltieren kommt danach
-nie so ausgeprägter Gonochorismus vor, als ihn z. B. Krustaceen oder
-Insekten aufweisen können. Es gibt unter ihnen nirgends eine so
-vollständige Scheidung von Männchen und Weibchen, wie sie im sexuellen
-Dimorphismus vollzogen ist, vielmehr überall unzählige Mischformen
-der Geschlechter, selbst sogenannten »abnormen Hermaphroditismus«, ja
-bei den Fischen sogar Familien mit ausschließlichem Zwittertum, mit
-»normalem Hermaphroditismus«.
-
-Es ist nun von vornherein anzunehmen, daß es nicht nur extreme Männchen
-mit geringsten Resten der Weiblichkeit und auf der anderen Seite
-extreme Weibchen mit ganz reduzierter Männlichkeit und in der Mitte
-zwischen beiden gedrängt jene Zwitterformen, zwischen jenen drei
-Punkten aber nur leere Strecken geben werde. Uns beschäftigt speziell
-der Mensch. Doch ist fast alles, was hier über ihn zu sagen ist, mit
-größeren oder geringeren Modifikationen auch auf die meisten anderen
-Lebewesen mit geschlechtlicher Fortpflanzung anwendbar.
-
-Vom Menschen aber gilt ohne jeden Zweifel folgendes:
-
-_Es gibt_ unzählige Abstufungen _zwischen Mann und Weib_, »_sexuelle
-Zwischenformen_«. _Wie die Physik von idealen Gasen spricht_, d. h.
-solchen, die genau dem _Boyle-Gay-Lussac_schen Gesetze folgen
-(in Wirklichkeit gehorcht ihm kein einziges), und von diesem
-Gesetze ausgeht, um im konkreten Falle die Abweichungen von ihm zu
-konstatieren: _so können wir einen idealen Mann M und ein ideales Weib
-W, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, aufstellen als sexuelle
-Typen_. Diese Typen _können_ nicht nur, sie _müssen_ konstruiert
-werden. _Nicht allein das »Objekt der Kunst«, auch das der Wissenschaft
-ist der Typus, die platonische Idee._ Die wissenschaftliche Physik
-erforscht das Verhalten des _vollkommen_ starren und des _vollkommen_
-elastischen Körpers, wohl bewußt, daß die Wirklichkeit weder den
-einen noch den anderen ihr je zur Bestätigung darbieten wird; die
-empirisch gegebenen Vermittlungen zwischen beiden dienen ihr nur als
-Ausgangspunkt für diese Aufsuchung der typischen Verhaltungsweisen
-und werden bei der Rückkehr aus der Theorie zur Praxis als Mischfälle
-behandelt und erschöpfend dargestellt. _Und ebenso gibt es nur alle
-möglichen vermittelnden Stufen zwischen dem vollkommenen Manne und dem
-vollkommenen Weibe_, Annäherungen an beide, die selbst nie von der
-Anschauung erreicht werden.
-
-Man achte wohl: hier ist nicht bloß von bisexueller _Anlage_ die Rede,
-sondern von _dauernder_ Doppelgeschlechtlichkeit. Und auch nicht bloß
-von den sexuellen _Mittel_stufen, (körperlichen oder psychischen)
-Zwittern, auf die bis heute aus naheliegenden Gründen alle ähnlichen
-Betrachtungen beschränkt sind. In dieser Form ist also der Gedanke
-durchaus neu. Bis heute bezeichnet man als »sexuelle Zwischenstufen«
-nur die sexuellen _Mittel_stufen: als ob dort, mathematisch gesprochen,
-eine _Häufungsstelle_ wäre, _$mehr$ wäre als eine kleine Strecke auf
-der überall $gleich$ dicht besetzten Verbindungslinie zweier Extreme_!
-
-Also Mann und Weib sind wie zwei Substanzen, die in verschiedenem
-Mischungsverhältnis, ohne daß je der Koeffizient einer Substanz Null
-wird, auf die lebenden Individuen verteilt sind. _Es gibt in der
-Erfahrung nicht Mann noch Weib_ könnte man sagen, _sondern nur männlich
-und weiblich_. Ein Individuum A oder ein Individuum B darf man darum
-nicht mehr schlechthin als »Mann« oder »Weib« bezeichnen, sondern ein
-jedes ist nach den Bruchteilen zu beschreiben, die es von _beiden_ hat,
-etwa:
-
- { α M { β W
- A { α' W B { β' M
-
-wobei stets
-
- 0 < α < 1, 0 < β < 1,
- 0 < α' < 1, 0 < β' < 1.
-
-Die genaueren Belege für diese Auffassung -- einiges Allgemeinste
-wurde vorbereitend in der Einleitung angedeutet -- sind zahllos. Es
-sei erinnert an alle »Männer« mit weiblichem Becken und weiblichen
-Brüsten, fehlendem oder spärlichem Bartwuchs, mit ausgesprochener
-Taille, überlangem Kopfhaar, an alle »Weiber« mit schmalen Hüften[4]
-und flachen Brüsten, mageren Nates und Femurfettpolstern, tiefer rauher
-Stimme und einem Schnurrbart (zu dem die Anlage viel öfter ausgiebig
-vorhanden ist, als man sie gemeiniglich bemerkt, weil er natürlich nie
-belassen wird; vom Barte, der so vielen Frauen nach dem Klimakterium
-wächst, ist hier nicht die Rede) etc. etc. Alle diese Dinge, _die sich
-bezeichnenderweise fast immer am gleichen Menschen beisammen finden_,
-sind jedem Kliniker und praktischen Anatomen aus eigener Anschauung
-bekannt, nur noch nirgends zusammengefaßt.
-
-Den umfassendsten Beweis für die hier verfochtene Anschauung liefert
-aber die große Schwankungsbreite der Zahlen für geschlechtliche
-Unterschiede, die innerhalb der einzelnen Arbeiten wie zwischen den
-verschiedenen anthropologischen und anatomischen Unternehmungen zur
-Messung derselben ohne Ausnahme anzutreffen ist, die Tatsache, daß die
-Zahlen für das weibliche Geschlecht nie dort anfangen, wo jene für das
-männliche aufhören, sondern stets in der Mitte ein Gebiet liegt, in
-welchem Männer und Frauen vertreten sind. So sehr diese Unsicherheit
-der Theorie von den sexuellen Zwischenstufen zugute kommt, so
-aufrichtig muß man sie im Interesse wahrer Wissenschaft bedauern. Die
-Anatomen und Anthropologen von Fach haben eben eine wissenschaftliche
-Darstellung des sexuellen Typus noch gar nicht angestrebt, sondern
-wollten immer nur allgemein in gleichem Ausmaße gültige Merkmale
-haben, und hieran wurden sie durch die Überzahl der Ausnahmen immer
-verhindert. So erklärt sich die Unbestimmtheit und Weite aller hieher
-gehörigen Resultate der Messung.
-
-Gar sehr hat der Zug zur Statistik, der unser industrielles Zeitalter
-vor allen früheren auszeichnet, in dem es -- offenbar der schüchternen
-Verwandtschaft mit der Mathematik wegen -- seine Wissenschaftlichkeit
-besonders betont glaubt, auch hier den Fortschritt der Erkenntnis
-gehemmt. Den _Durchschnitt_ wollte man gewinnen, nicht den _Typus_.
-Man begriff gar nicht, daß es im Systeme reiner (nicht angewandter)
-Wissenschaft nur auf diesen ankommt. Darum lassen denjenigen, welchem
-es um die Typen zu tun ist, die bestehende Morphologie und Physiologie
-mit ihren Angaben gänzlich im Stich. Es wären da alle Messungen wie
-auch alle übrigen Detailforschungen erst auszuführen. Was existiert,
-ist für eine Wissenschaft auch in laxerem (nicht erst in Kantischem)
-Sinne völlig unverwendbar.
-
-Alles kommt auf die Kenntnis von M und W, auf die richtige Feststellung
-des idealen Mannes und des idealen Weibes an (ideal im Sinne von
-typisch, ohne jede Bewertung).
-
-Wird es gelungen sein, diese Typen zu erkennen und zu konstruieren, so
-wird die Anwendung auf den einzelnen Fall, seine Darstellung durch ein
-quantitatives Mischungsverhältnis, ebenso unschwer wie fruchtbar sein.
-
-Ich resumiere den Inhalt dieses Kapitels: es gibt keine kurzweg
-als ein- und bestimmt-geschlechtlich zu bezeichnenden Lebewesen.
-Vielmehr zeigt die Wirklichkeit ein Schwanken zwischen zwei Punkten,
-auf denen selbst kein empirisches Individuum mehr anzutreffen ist,
-_zwischen_ denen _irgendwo_ jedes Individuum sich aufhält. Aufgabe
-der Wissenschaft ist es, die Stellung jedes Einzelwesens zwischen
-jenen zwei Bauplänen festzustellen; diesen Bauplänen ist keineswegs
-eine metaphysische Existenz neben oder über der Erfahrungswelt
-zuzuschreiben, sondern ihre Konstruktion ist notwendig aus dem
-heuristischen Motive einer möglichst vollkommenen Abbildung der
-Wirklichkeit. -- --
-
-Die Ahnung dieser Bisexualität alles Lebenden (durch die nie ganz
-vollständige sexuelle Differenzierung) ist uralt. Vielleicht ist
-sie chinesischen Mythen nicht fremd gewesen; jedenfalls war sie im
-Griechentum äußerst lebendig. Hiefür zeugen die Personifikation
-des Hermaphroditos als einer mythischen Gestalt; die Erzählung des
-Aristophanes im platonischen Gastmahl; ja noch in später Zeit galt
-der gnostischen Sekte der Ophiten der Urmensch als mannweiblich,
-ἀρσενόθηλυς.
-
-
-
-
-II. Kapitel.
-
-Arrhenoplasma und Thelyplasma.
-
-
-Die nächste Erwartung, welche eine Arbeit zu befriedigen hätte, in
-deren Plan eine universelle Revision aller einschlägigen Tatsachen
-gelegen wäre, würde sich auf eine neue und vollständige Darstellung
-der anatomischen und physiologischen Eigenschaften der sexuellen
-Typen richten. Da ich aber selbständige Untersuchungen zum Zwecke
-einer Lösung dieser umfassenden Aufgabe nicht angestellt habe, und
-eine Beantwortung jener Fragen für die _letzten_ Ziele dieses Buches
-mir nicht notwendig erscheint, so muß ich auf dieses Unternehmen von
-vornherein Verzicht leisten -- ganz abgesehen davon, ob es die Kräfte
-eines einzelnen nicht bei weitem übersteigt. Eine Kompilation der
-in der Literatur niedergelegten Ergebnisse wäre überflüssig, denn
-eine solche ist in vorzüglicher Weise von _Havelock Ellis_ besorgt
-worden. Aus den von ihm gesammelten Resultaten die sexuellen Typen
-auf dem Wege wahrscheinlicher Schlußfolgerungen zu gewinnen, bliebe
-hypothetisch und würde der Wissenschaft nicht eine einzige Neuarbeit
-zu ersparen vermögen. Die Erörterungen dieses Kapitels sind darum
-mehr formaler und allgemeiner Natur, sie gehen auf die biologischen
-Prinzipien, zum Teil wollen sie auch jener notwendigen Arbeit der
-Zukunft die Berücksichtigung bestimmter einzelner Punkte ans Herz legen
-und so derselben förderlich zu werden versuchen. Der biologische Laie
-kann diesen Abschnitt überschlagen, ohne das Verständnis der übrigen
-hiedurch sehr zu beeinträchtigen.
-
-Es wurde die Lehre von den verschiedenen Graden der Männlichkeit und
-Weiblichkeit vorderhand rein anatomisch entwickelt. Die Anatomie wird
-aber nicht nur nach den Formen fragen, in denen, sondern auch nach den
-Orten, an denen sich Männlichkeit und Weiblichkeit ausprägt. Daß die
-Sexualität nicht bloß auf die Begattungswerkzeuge und die Keimdrüsen
-beschränkt ist, geht schon aus den früher als Beispielen sexueller
-Unterschiedenheit erwähnten Körperteilen hervor. Aber wo ist hier die
-Grenze zu ziehen, mit anderen Worten, wo steckt das Geschlecht und
-wo steckt es nicht? Ist es bloß auf die »primären« und »sekundären«
-Sexualcharaktere beschränkt? Oder reicht sein Umfang nicht viel weiter?
-
-Es scheint nun eine große Anzahl in den letzten Jahrzehnten
-aufgefundener Tatsachen zur Wiederaufnahme einer Lehre zu zwingen,
-welche in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts aufgestellt
-wurde, aber wenig Anhänger fand, da ihre Konsequenzen dem Begründer
-der Theorie selbst ebenso wie ihren Bestreitern einer Reihe von
-Forschungsergebnissen zu widersprechen schienen, die zwar nicht jenem,
-aber diesen als unumstößlich galten. Ich meine unter dieser Anschauung,
-welche, mit einer Modifikation, die Erfahrung uns gebieterisch abermals
-aufnötigt, die Lehre des Kopenhagener Zoologen Joh. Japetus Sm.
-_Steenstrup_, der behauptet hatte, _das Geschlecht stecke überall im
-Körper_.
-
-Ellis hat zahlreiche Untersuchungen über fast alle Gewebe des
-Organismus excerpiert, die überall Unterschiede der Sexualität
-nachweisen konnten. Ich will erwähnen, daß der typisch männliche und
-der typisch weibliche »Teint« sehr voneinander verschieden sind; dies
-berechtigt zur Annahme sexueller Differenzen in den Zellen der Cutis
-und der Blutgefäße. Aber auch in der Menge des Blutfarbstoffes, in
-der Zahl der roten Blutkörperchen im Kubikcentimeter der Flüssigkeit
-sind solche gesichert. _Bischoff_ und _Rüdinger_ haben im Gehirne
-Abweichungen der Geschlechter voneinander festgestellt, und Justus und
-Alice _Gaule_ in der jüngsten Zeit solche auch in vegetativen Organen
-(Leber, Lunge, Milz) aufgefunden. Tatsächlich wirkt auch _alles_ am
-Weibe, wenn auch gewisse Zonen stärker und andere schwächer, »_erogen_«
-auf den Mann, und ebenso _alles_ am Manne sexuell anziehend und
-erregend auf das Weib.
-
-Wir können so zu der vom formal-logischen Standpunkt hypothetischen,
-aber durch die Summe der Tatsachen fast zur Gewißheit erhobenen
-Anschauung fortschreiten: _jede Zelle des Organismus ist_ (wie wir
-vorläufig sagen wollen) _geschlechtlich charakterisiert, oder hat
-eine bestimmte sexuelle Betonung_. Unserem Prinzipe der Allgemeinheit
-der sexuellen Zwischenformen gemäß werden wir gleich hinzufügen, _daß
-diese sexuelle Charakteristik verschieden hohe Grade haben kann_.
-Diese sofort zu machende Annahme einer verschieden starken Ausprägung
-der sexuellen Charakteristik ließe uns auch den Pseudo- und sogar
-den echten Hermaphroditismus (dessen Vorkommen für viele Tiere,
-wenn auch nicht mit Sicherheit für den Menschen, seit _Steenstrups_
-Zeit über allen Zweifel erhoben worden ist) unserem Systeme leicht
-eingliedern. _Steenstrup_ sagte: »Wenn das Geschlecht eines Tieres
-wirklich seinen Sitz allein in den Geschlechtswerkzeugen hätte, so
-könnte man sich noch zwei Geschlechter in einem Tiere gesammelt, zwei
-solche Geschlechtswerkzeuge an die Seite voneinander gestellt denken.
-Aber das Geschlecht ist nicht etwas, welches seinen Sitz in einer
-gegebenen Stelle hat, oder welches sich nur durch ein angegebenes
-Werkzeug äußert; es wirkt durch das ganze Wesen, und hat sich in jedem
-Punkte davon entwickelt. In einem männlichen Geschöpfe ist jeder,
-auch der kleinste Teil männlich, mag er dem entsprechenden Teile von
-einem weiblichen Geschöpfe noch so ähnlich sein, und in diesem ist
-ebenso der allerkleinste Teil nur weiblich. Eine Vereinigung von
-beiden Geschlechtswerkzeugen in einem Geschöpfe würde deshalb dieses
-erst zweigeschlechtlich machen, wenn die Naturen beider Geschlechter
-durch den ganzen Körper herrschen und sich auf jeden einzelnen
-Punkt davon geltend machen könnten -- etwas, das sich infolge des
-Gegensatzes beider Geschlechter nur als eine gegenseitige Aufhebung
-voneinander, als ein Verschwinden alles Geschlechtes in einem solchen
-Geschöpfe äußern könnte.« Wenn jedoch, und hiezu scheinen alle
-empirischen Tatsachen zu zwingen, _das Prinzip der unzähligen sexuellen
-Übergangsstufen zwischen M und W auf alle Zellen des Organismus
-ausgedehnt wird_, so entfällt die Schwierigkeit, an der _Steenstrup_
-Anstoß nahm, und das Zwittertum ist keine Naturwidrigkeit mehr. Von der
-völligen Männlichkeit an in allen Vermittlungen bis zu deren gänzlichem
-Fehlen, welches mit dem Vorhandensein der absoluten Weiblichkeit
-zusammenfiele, sind danach _unzählige verschiedene sexuelle
-Charakteristiken_ jeder einzelnen Zelle denkbar. Ob diese Graduierung
-in einer Skala von Differenzialien wirklich unter dem Bilde _zweier
-realer_, jeweils in anderem Verhältnis zusammentretender Substanzen zu
-denken ist, oder ein _einheitliches_ Protoplasma in unendlich vielen
-Modifikationen (etwa räumlich verschiedenen Anordnungen der Atome in
-großen Molekülen) anzunehmen ist, darüber tut man gut, sich jeder
-Vermutung zu enthalten. Die erste Annahme wird physiologisch nicht
-gut verwendbar sein -- man denke an eine männliche oder weibliche
-Körperbewegung und die dann notwendige Duplizität in den bestimmenden
-Verhältnissen ihrer realen, physiologisch doch immer einheitlichen
-Erscheinungsform; die zweite erinnert zu sehr an wenig geglückte
-Spekulationen über die Vererbung. Vielleicht sind beide gleich weit von
-der Wahrheit entfernt.
-
-Worin die Männlichkeit (Maskulität) oder Weiblichkeit (Muliebrität)
-einer Zelle eigentlich bestehen mag, welche histologischen,
-molekular-physikalischen oder gar chemischen Unterschiede jede Zelle
-von W trennen mögen von jeder Zelle von M, darüber ist eine Aussage
-auch auf dem Wege der Wahrscheinlichkeit heute empirisch nicht zu
-begründen. Ohne also irgend einer späteren Untersuchung vorzugreifen
-(die wohl die Unableitbarkeit des spezifisch Biologischen aus
-Physik und Chemie zur Genüge eingesehen haben wird), läßt sich die
-Annahme _verschieden_ starker sexueller Betonungen auch für alle
-_Einzelzellen_, nicht bloß für den _ganzen_ Organismus als ihre Summe,
-mit guten Gründen verteidigen. Weibliche Männer haben meist auch eine
-insgesamt weiblichere Haut, die Zellen der männlichen Organe haben bei
-ihnen schwächere Tendenzen zur Teilung, worauf das geringere Wachstum
-makroskopischer Sexualcharaktere unbedingt zurückweist, u. s. w.
-
-Nach dem verschiedenen Grade der makroskopischen Ausprägung der
-sexuellen Charakteristik ist auch die Einteilung der Sexualcharaktere
-zu treffen; ihre Anordnung fällt im großen zusammen mit der Stärke
-ihrer erogenen Wirkung auf das andere Geschlecht (wenigstens im
-Tierreiche). Um nicht von der allgemein angenommenen _John Hunter_schen
-Nomenklatur abzuweichen und jede Verwirrung zu vermeiden, nenne
-ich _primordiale Sexualcharaktere_ die männliche und die weibliche
-Keimdrüse (Testis, Epididymis, Ovarium, Epoophoron); _primäre_ die
-inneren Adnexe der Keimdrüsen (Samenstränge, Samenbläschen, Tuba,
-Uterus, die ihrer sexuellen Charakteristik nach erfahrungsgemäß von
-jener der Keimdrüsen zuweilen weit differieren) _und_ die »äußeren
-Geschlechtsteile«, nach welchen allein die Geschlechtsbestimmung des
-Menschen bei der Geburt vollzogen und damit in gewisser Weise über
-sein Lebensschicksal (wie sich zeigen wird, nicht selten unrichtig)
-entschieden wird. Alle Geschlechtscharaktere _nach_ den primären haben
-das Gemeinsame, daß sie für die Zwecke der Begattung nicht unmittelbar
-mehr erforderlich sind. Als _sekundäre Geschlechtscharaktere_ sind
-zunächst am besten scharf zu umgrenzen diejenigen, welche erst _zur
-Zeit der Geschlechtsreife_ äußerlich sichtbar auftreten und nach einer
-fast zur Gewißheit erhobenen Anschauung ohne eine »innere Sekretion«
-bestimmter Stoffe aus den Keimdrüsen in das Blut sich nicht entwickeln
-können (Wuchs des männlichen Bartes und des weiblichen Kopfhaares,
-Brüsteentwicklung, Stimmwechsel u. s. w.).
-
-_Praktische_ Gründe mehr als theoretische empfehlen die weitere
-Bezeichnung erst auf Grund von Äußerungen oder Handlungen zu
-erschließender angeborener Eigenschaften, wie Muskelkraft,
-Eigenwilligkeit beim Manne, als _tertiärer Sexualcharaktere_. Durch
-relativ zufällige Sitte, Gewöhnung, Beschäftigung hinzugekommen sind
-endlich die accessorischen oder _quartären_ Sexualcharaktere, wie
-Rauchen und Trinken des Mannes, Handarbeit des Weibes; auch diese
-ermangeln nicht, gelegentlich ihre erogene Wirkung auszuüben, und
-schon dies deutet darauf hin, daß sie viel öfter, als man vielleicht
-glaubt, auf die tertiären zurückzuführen sind und möglicherweise
-bisweilen tief noch mit den primordialen zusammenhängen. Mit dieser
-Klassifikation der Sexualcharaktere soll nichts für eine _wesentliche_
-Reihenfolge präjudiziert und gar nichts darüber entschieden sein, ob
-die geistigen Eigenschaften im Vergleiche zu den körperlichen primär
-oder von ihnen bedingt und erst im Laufe einer langen Kausalkette aus
-ihnen abzuleiten sind; sondern nur die Stärke der anziehenden Wirkung
-auf das andere Geschlecht[5], die zeitliche Reihenfolge, in welcher sie
-diesem auffallen und die Rangordnung der Sicherheit, mit der sie von
-ihm erschlossen werden, dürfte hiemit für die meisten Fälle getroffen
-sein.
-
-Die »sekundären Geschlechtscharaktere« führten zur Erwähnung der
-inneren Sekretion von Keimstoffen in den Kreislauf. Die Wirkungen
-dieses Einflusses wie seines durch Kastration künstlich erzeugten
-Mangels hat man nämlich vor allem an der Entwicklung oder dem
-Ausbleiben der _sekundären_ Geschlechtscharaktere studiert. Die
-»innere Sekretion« übt aber zweifellos einen Einfluß auf _alle_ Zellen
-des Körpers. Dies beweisen die Veränderungen, welche zur Zeit der
-Pubertät im _ganzen_ Organismus und nicht bloß an den durch sekundäre
-Geschlechtscharaktere ausgezeichneten Partien erfolgen. Auch kann man
-von vornherein die innere Sekretion aller Drüsen nicht gut anders
-auffassen, als auf alle Gewebe _gleichmäßig_ sich erstreckend.
-
-_Die innere Sekretion der Keimdrüsen komplettiert also erst die
-Geschlechtlichkeit des Individuums._ Es ist demgemäß in jeder Zelle
-eine _originäre sexuelle Charakteristik anzunehmen_, zu der jedoch
-die innere Sekretion der Keimdrüsen _in einem gewissen Ausmaße als
-ergänzende Komplementärbedingung hinzukommen muß, um ein bestimmt
-qualifiziertes, fertiges Masculinum oder Femininum hervorzubringen_.
-
-Die Keimdrüse ist das Organ, in welchem die sexuelle Charakteristik
-des Individuums _am sichtbarsten_ hervortritt, und in dessen
-morphologischen Elementareinheiten sie am leichtesten nachweisbar
-ist. Ebenso muß man aber annehmen, daß die Gattungs-, Art-,
-Familieneigenschaften eines Organismus in den Keimdrüsen am
-vollzähligsten vertreten sind. Gleichwie anderseits _Steenstrup_ mit
-Recht gelehrt hat, daß das Geschlecht überall im Körper verbreitet
-und nicht bloß in spezifischen »Geschlechtsteilen« lokalisiert sei,
-so haben _Naegeli_, _de Vries_, _Oscar Hertwig_ u. a. die ungemein
-aufklärende Theorie entwickelt und mit wichtigen Argumenten sehr sicher
-begründet, daß _jede_ Zelle eines vielzelligen Organismus Träger der
-_gesamten $Art$_eigenschaften ist, und diese in den Keimzellen nur in
-einer besonderen ausgezeichneten Weise zusammengefaßt erscheinen -- was
-vielleicht einmal allen Forschern selbstverständlich vorkommen wird
-angesichts der Tatsache, daß jedes Lebewesen durch Furchung und Teilung
-aus _einer_ einzigen Zelle entsteht.
-
-Wie nun die genannten Forscher auf Grund vieler Phänomene, die
-seitdem durch zahlreiche Erfahrungen über Regeneration aus beliebigen
-Teilen und Feststellungen chemischer Differenzen in den homologen
-Geweben verschiedener Spezies vermehrt worden sind, die Existenz des
-_Idioplasma_ als der _Gesamtheit_ der spezifischen Arteigenschaften
-auch in allen jenen Zellen eines Metazoons anzunehmen berechtigt waren,
-die nicht mehr unmittelbar für die Fortpflanzung verwertet werden -- so
-können und müssen auch _hier_ die Begriffe eines _Arrhenoplasma_ und
-eines _Thelyplasma_ geschaffen werden, _als der zwei Modifikationen,
-in denen jedes Idioplasma bei geschlechtlich differenzierten Wesen
-auftreten kann_, und zwar nach den hier grundsätzlich vertretenen
-Ansichten wieder nur als _Idealfälle_, als Grenzen, _zwischen_
-denen die empirische Realität liegt. Es geht demnach das wirklich
-existierende Protoplasma, vom idealen Arrhenoplasma sich immer mehr
-entfernend, durch einen (realen oder gedachten) Indifferenzpunkt (=
-Hermaphroditismus verus) in ein Protoplasma über, das bereits dem
-Thelyplasma näher liegt, um sich diesem bis auf ein Differenziale
-zu nähern. Dies ist aus der Summe des Vorausgeschickten nur die
-konsequente Folgerung, und ich bitte die neuen Namen zu entschuldigen;
-sie sind nicht dazu erfunden, um die Neuheit der Sache zu steigern.
-
-Der Nachweis, daß _jedes_ einzelne Organ und weiter _jede einzelne
-Zelle_ eine Sexualität besitzt, die auf irgend einem Punkte zwischen
-Arrhenoplasma und Thelyplasma anzutreffen sein wird, daß also jeder
-Elementarteil ursprünglich in bestimmter Weise und bestimmtem Ausmaß
-sexuell charakterisiert ist, dieser Nachweis läßt sich auch durch
-die Tatsache leicht führen, daß selbst im _gleichen_ Organismus
-die verschiedenen Zellen nicht immer die gleiche und sehr oft
-nicht eine gleich _starke_ sexuelle Charakteristik besitzen. Es
-liegt nämlich durchaus nicht in allen Zellen eines Körpers der
-gleiche Gehalt an M oder W, die gleiche Annäherung an Arrhenoplasma
-oder Thelyplasma, ja es können Zellen des gleichen Körpers auf
-verschiedenen Seiten des Indifferenzpunktes zwischen diesen Polen
-sich befinden. Wenn wir, statt Maskulität und Muliebrität immer
-auszuschreiben, verschiedene Vorzeichen für beide wählen und, noch
-ohne tückische tiefere Hintergedanken, dem Männlichen ein positives,
-dem Weiblichen ein negatives Vorzeichen geben, so heißt jener Satz in
-anderer Ausdrucksform: in den Zellen des nämlichen Organismus kann
-die Sexualität der verschiedenen Zellen nicht nur eine verschiedene
-absolute Größe, sondern auch ein verschiedenes Vorzeichen haben. Es
-gibt _sonst_ ziemlich wohlcharakterisierte Masculina mit nur ganz
-schwachem Bart und ganz schwacher Muskulatur; oder fast typische
-Feminina mit schwachen Brüsten. Und anderseits recht weibische Männer
-mit starkem Bartwuchs, Weiber, die bei abnorm kurzem Haar und deutlich
-sichtbarem Bartwuchs gut entwickelte Brüste und ein geräumiges Becken
-aufweisen. Mir sind ferner Menschen bekannt mit weiblichem Ober-
-und männlichem Unterschenkel, mit rechter weiblicher und linker
-männlicher Hüfte. Überhaupt werden von der lokalen Verschiedenheit der
-sexuellen Charakteristik am häufigsten die beiden, auch sonst nur im
-idealen Falle symmetrischen Körperhälften rechts und links von der
-Medianebene betroffen; hier findet man in dem Grade der Ausprägung der
-Sexualcharaktere, z. B. des Bartwuchses, eine Unzahl von Asymmetrien.
-Auf eine ungleichmäßige innere Sekretion läßt sich aber dieser Mangel
-an Konformität (und eine absolute Konformität gibt es in der sexuellen
-Charakteristik nie), wie schon gesagt, kaum schieben; das Blut muß
-zwar nicht in gleicher Menge, aber doch in gleicher Mischung zu allen
-Organen gelangen, in nichtpathologischen Fällen stets in einer den
-Bedingungen der Erhaltung angemessenen Qualität und Quantität.
-
-Wäre also nicht eine ursprüngliche, vom Anfang der embryonalen
-Entwicklung an feststehende, in jeder einzelnen Zelle im allgemeinen
-verschiedene sexuelle Charakteristik als die Ursache dieser Variationen
-anzunehmen, so müßte ein Individuum einfach durch eine Angabe darüber,
-wie gut beispielsweise seine Keimdrüsen dem Typus des Geschlechtes sich
-annähern, vollauf sexuell beschrieben werden können, und die Sache läge
-viel einfacher, als sie in Wirklichkeit ist. Die Sexualität ist aber
-nicht in einem fiktiven Normalmaß gleichsam ausgegossen über das ganze
-Individuum, so daß mit der sexuellen Bestimmung _einer_ Zelle auch alle
-anderen erledigt wären. Wenn auch _weite_ Abstände in der sexuellen
-Charakteristik zwischen verschiedenen Zellen oder Organen _desselben_
-Lebewesens eine Seltenheit bilden werden: als den _allgemeinen_ Fall
-muß man die _Spezifität_ derselben für jede einzelne Zelle ansehen;
-man wird aber dabei immerhin daran festhalten können, daß sich viel
-häufiger Annäherungen an eine vollkommene Einförmigkeit der sexuellen
-Charakteristik (durch den ganzen Körper hindurch) finden, als ein
-Auseinandertreten zu beträchtlichen graduellen Differenzen zwischen
-den einzelnen Organen, geschweige denn zwischen den einzelnen Zellen
-vorzukommen scheint. Das Maximum der hier möglichen Schwankungsbreite
-müßte erst durch eine Untersuchung im einzelnen festgestellt werden.
-
-Träte, wie dies die populäre, auf _Aristoteles_ zurückgehende
-Ansicht und auch die Anschauung vieler Mediziner und Zoologen ist,
-mit der _Kastration_ eines Tieres regelmäßig ein Umschlag nach dem
-entgegengesetzten Geschlechte hin ein, wäre z. B. mit der Entmannung
-eines Tieres auch schon eo ipso als Folge seine völlige Verweiblichung
-gesetzt, so wäre das Bestehen eines von den Keimdrüsen unabhängigen
-primordialen Sexualcharakters jeder Zelle wieder in Frage gestellt.
-Aber die jüngsten experimentellen Untersuchungen von _Sellheim_
-und _Foges_ haben gezeigt, daß es einen vom weiblichen durchaus
-verschiedenen Typus des Kastraten gibt, daß Entmannung nicht ohne
-weiters identisch ist mit Verweiblichung. Freilich wird man gut tun,
-auch in dieser Richtung zu weitgehende, radikale Folgerungen zu
-vermeiden, man darf keinesfalls die Möglichkeit ausschließen, daß
-eine zweite, latent gebliebene Keimdrüse des anderen Geschlechtes
-nach Beseitigung oder Atrophie einer ersten Keimdrüse sozusagen
-die Herrschaft über einen in seiner sexuellen Charakteristik in
-gewissem Maße schwankenden Organismus gewinne. Die häufigen, freilich
-wohl allgemein etwas zu kühn (als durchgängige Annahme männlicher
-Charaktere) interpretierten Fälle, in denen, nach der Involution der
-weiblichen Geschlechtsorgane im Klimakterium, an einem weiblichen
-Organismus äußere sekundäre Sexualcharaktere des Masculinums sichtbar
-werden, wären das bekannteste Beispiel hiefür: der »Bart« der
-menschlichen »Großmütter«, alte Ricken, die bisweilen einen kurzen
-Stirnzapfen erhalten, die »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen u. s. w.
-Aber selbst ganz ohne senile Rückbildungen oder operative äußere
-Eingriffe scheinen derartige Verwandlungen vorzukommen. Sichergestellt
-als die _normale_ Entwicklung sind sie für einige Vertreter der
-Gattungen Cymothoa, Anilocra, Nerocila aus den zur Gruppe der
-Cymothoideen gehörigen, auf Fischen schmarotzenden Asseln. Diese
-Tiere sind Hermaphroditen eigentümlicher Art: an ihnen sind männliche
-und weibliche Keimdrüse dauernd gleichzeitig vorhanden, aber nicht
-gleichzeitig funktionsfähig. Es besteht eine Art »Protandrie«: jedes
-Individuum fungiert zuerst als Männchen, später als Weibchen. Zur
-Zeit ihrer Funktionstüchtigkeit als Männchen besitzen sie durchwegs
-männliche Begattungsorgane, die nachher abgeworfen werden, wenn die
-weiblichen Ausfuhrwege und Brutlamellen sich entwickelt und geöffnet
-haben. Daß es aber auch beim Menschen solche Dinge gibt, scheinen
-jene äußerst merkwürdigen Fälle von »Eviratio« und »Effeminatio«
-zu beweisen, von welchen die sexuelle Psychopathologie aus dem
-erwachsenen Alter reifer Männer erzählt. Man wird also um so weniger
-das tatsächliche Vorkommen der Verweiblichung in gänzliche Abrede
-stellen dürfen, wenn für diese eine so günstige Bedingung wie die
-Exstirpation der männlichen Keimdrüse geschaffen wird.[6] Daß aber
-der Zusammenhang kein allgemeiner und notwendiger ist, daß Kastration
-ein Individuum durchaus nicht _mit Sicherheit_ zum Angehörigen
-des anderen Geschlechtes macht -- dies ist wieder ein Beweis, wie
-notwendig die allgemeine Annahme ursprünglich arrhenoplasmatischer und
-thelyplasmatischer Zellen für den ganzen Körper ist.
-
-Das Bestehen der originären sexuellen Charakteristik jeder Zelle
-und die Ohnmacht der auf sich allein angewiesenen Keimdrüsensekrete
-wird weiter erwiesen durch die gänzliche Erfolglosigkeit von
-Transplantationen männlicher Keimdrüsen auf weibliche Tiere. Zur
-strikten Beweiskraft dieser letzteren Versuche wäre es freilich
-vonnöten, daß die exstirpierten Testikel einem möglichst nahe
-verwandten weiblichen Tier, womöglich einer Schwester des kastrierten
-Männchens, eingepflanzt würden: das _Idioplasma_ dürfte nicht _auch
-noch_ ein zu verschiedenes sein. Es würde nämlich hier wie sonst viel
-darauf ankommen, die Bedingungen des Erfolges in möglichst reiner
-Isolation wirken zu lassen, um ein möglichst eindeutiges Resultat zu
-erhalten. Versuche auf der _Chrobak_schen Klinik in Wien haben gezeigt,
-daß zwischen zwei (wahllos ausgemusterten) weiblichen Tieren beliebig
-vertauschte Ovarien in der Mehrzahl der Fälle atrophieren und nie
-die Verkümmerung der sekundären Charaktere (z. B. der Milchdrüsen)
-aufzuhalten vermögen: während bei Entfernung der eigenen Keimdrüse
-von ihrem natürlichen Lager und ihrer Implantation an einem davon
-verschiedenen Orte im _selben_ Tiere (das somit sein eigenes Gewebe
-behält) im Idealfalle die _völlige_ Entwicklung der sekundären
-Geschlechtscharaktere _ebenso_ möglich ist, wie wenn gar kein
-Eingriff erfolgt. Das Mißlingen der Transplantation auf kastrierte
-Geschlechtsgenossen ist vielleicht hauptsächlich in der mangelnden
-Familienverwandtschaft begründet: das idioplasmatische Moment müßte in
-erster Linie beachtet werden.
-
-Diese Dinge erinnern sehr an die Erfahrungen bei der _Transfusion_
-heterologen Blutes. Es ist eine praktische Regel der Chirurgen, daß
-man verlorenes Blut (bei Gefahr schwerer Störungen) nicht nur durch
-das Blut der gleichen Spezies und einer verwandten Familie, sondern
-auch durch das Blut eines gleichgeschlechtlichen Wesens ersetzen
-muß. Die Parallele mit den Transplantationsversuchen springt in die
-Augen. Sollten aber die hier vertretenen Ansichten sich behaupten, so
-werden die Chirurgen, soweit sie überhaupt transfundieren und nicht
-Kochsalzinfusionen bevorzugen, vielleicht nicht bloß darauf achten
-müssen, ob das Ersatzblut einem möglichst stammverwandten Tiere
-entnommen ist. Es fragt sich, ob dann die Forderung zu weit ginge, daß
-nur das Blut eines Wesens von möglichst gleichem Grade der Maskulität
-oder Muliebrität Verwendung finden dürfte.
-
-Wie diese Verhältnisse bei der Transfusion ein Beweis für die eigene
-sexuelle Charakteristik der Blutkörperchen, so liefert, wie erwähnt,
-der gänzliche Mißerfolg aller Überpflanzungen männlicher Keimdrüsen
-auf Weibchen oder weiblicher Keimdrüsen auf Männchen noch einen
-Beweis dafür, daß die innere Sekretion _nur auf ein ihr adäquates
-Arrhenoplasma oder Thelyplasma wirksam ist_.
-
-In Anknüpfung hieran soll schließlich noch des organotherapeutischen
-Heilverfahrens mit einem Worte gedacht werden. Es ist nach dem obigen
-klar, daß und warum, wenn die Transplantation möglichst geschonter
-ganzer Keimdrüsen auf andersgeschlechtliche Individuen keinen Erfolg
-hatte, auch ebenso z. B. die Injektion von Ovarialsubstanz in das Blut
-eines Masculinums höchstens Schaden anrichten konnte. Aber anderseits
-erledigen sich ebenso eine Menge von Einwürfen _gegen_ das _Prinzip_
-der Organotherapie damit, daß Organpräparate von _Nicht_-Artgenossen
-naturgemäß nicht immer eine volle Wirkung ausüben können. Durch die
-Nichtbeachtung eines biologischen Prinzipes von solcher Wichtigkeit
-wie die Idioplasmalehre haben sich die ärztlichen Vertreter der
-Organotherapie vielleicht manchen Heilerfolg verscherzt.
-
-Die Idioplasmalehre, die auch jenen Geweben und Zellen den spezifischen
-Artcharakter zuschreibt, welche die reproduktive Fähigkeit verloren
-haben, ist allerdings noch nicht allgemein anerkannt. Aber daß
-zumindest in den Keimdrüsen die Arteigenschaften versammelt sind, wird
-jedermann einsehen müssen, und damit auch zugeben, daß gerade bei
-Präparaten aus den Keimdrüsen die möglichst geringe verwandtschaftliche
-Entfernung erstes Postulat ist, sofern diese Methode mehr erstrebt, als
-ein gutes Tonikum zu liefern. Parallelversuche zwischen Transplantation
-von Keimdrüsen und Injektionen ihrer Extrakte, etwa ein Vergleich
-zwischen dem Einfluß des ihm selbst oder einem nahe verwandten
-Individuum entnommenen und auf einen Hahn irgendwo, z. B. in seinen
-Peritonealraum transplantierten Hodens _mit_ dem Einfluß intravenöser
-Injektionen von Testikularextrakt in einen anderen kastrierten Hahn,
-wobei dieser Extrakt ebenfalls aus den Hoden verwandter Individuen
-gewonnen sein müßte -- solche Parallelversuche wären hier vielleicht
-mit Nutzen auszuführen. Sie könnten möglicherweise auch noch
-lehrreiche Aufschlüsse bringen über die passendste Darstellung und
-Menge der Organpräparate und der einzelnen Injektionen. Es wäre auch
-_theoretisch_ eine Feststellung darüber erwünscht, ob die inneren
-Keimdrüsensekrete mit Stoffen in der Zelle eine chemische Verbindung
-eingehen, oder ob ihre Wirkung bloß eine katalytische, von der Menge
-eigentlich doch unabhängige ist. Die letztere Annahme kann nach den
-bisher vorliegenden Untersuchungen noch nicht ausgeschlossen werden.
-
-Die Grenzen des Einflusses der inneren Sekretion auf die Gestaltung
-des definitiven geschlechtlichen Charakters waren zu ziehen,
-um die gemachte Annahme einer originären, _im allgemeinen_ für
-jede Zelle graduell verschiedenen, von Anfang an bestimmten
-sexuellen Charakteristik gegen Einwände zu sichern.[7] Wenn diese
-Charakteristiken auch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle für die
-verschiedenen Zellen und Gewebe desselben Individuums nicht sonderlich
-dem Grade nach verschieden sein dürften, so gibt es doch eklatante
-Ausnahmen, die uns die Möglichkeit großer Amplituden vor Augen rücken.
-Auch die einzelnen Eizellen und die einzelnen Spermatozoiden, nicht nur
-verschiedener Organismen, auch in den Follikeln und in der Spermamasse
-_eines_ Individuums, zur selben Zeit und mehr noch zu verschiedenen
-Zeiten, werden Unterschiede in dem Grade ihrer Muliebrität und
-Maskulität zeigen, z. B. die Samenfäden verschieden schlank,
-verschieden schnell sein. Freilich sind wir über diese Unterschiede bis
-jetzt sehr wenig unterrichtet, aber wohl nur, weil niemand bisher diese
-Dinge in gleicher Absicht untersucht hat.
-
-Doch hat man -- und dies ist eben das Interessante -- in den Hoden von
-Amphibien neben den normalen Entwicklungsstufen der Spermatogenese
-regelrechte und wohlentwickelte _Eier_, nicht ein einziger einmal,
-sondern verschiedene Beobachter zu öfteren Malen, gefunden. Diese
-Deutung der Befunde wurde zwar bestritten und von einer Seite
-nur die Existenz abnorm großer Zellen in den Samenkanälchen als
-feststehend zugegeben, aber der Sachverhalt wurde später unzweifelhaft
-festgestellt. Allerdings sind Zwitterbildungen gerade bei den
-betreffenden Amphibien ungemein häufig; dennoch ist diese eine Tatsache
-genug Beweis für die Notwendigkeit, mit der Annahme annähernder
-Konformität des Arrhenoplasma oder Thelyplasma in _einem_ Körper
-_vorsichtig_ zu sein. Es scheint entlegen und gehört doch ganz in die
-gleiche Kategorie von Übereilung, wenn ein menschliches Individuum,
-bloß weil es bei der Geburt ein, wenn auch noch so kurzes, etwa gar
-epi- oder hypospadisches männliches Glied zeigt, ja selbst noch bei
-doppelseitigem Kryptorchismus als »Knabe« bezeichnet und ohne weiters
-als solcher angesehen wird, obwohl es in den übrigen Körperpartien,
-z. B. cerebral, weit näher dem Thelyplasma als dem Arrhenoplasma steht.
-Man wird es da wohl noch einmal zu lernen trachten müssen, selbst
-feinere Abstufungen der Geschlechtlichkeit schon bei der Geburt zu
-diagnostizieren.
-
-Als Resultat dieser längeren Induktionen und Deduktionen können wir
-nun wohl die Sicherung der originären sexuellen Charakteristik, die a
-priori nicht für alle Zellen auch desselben Körpers gleich oder auch
-nur ungefähr gleich gesetzt werden darf, betrachten. Jede Zelle, jeder
-Zellkomplex, jedes Organ hat einen bestimmten Index, der seine Stellung
-zwischen Arrhenoplasma und Thelyplasma anzeigt. Im großen und ganzen
-freilich wird _ein_ Index für den _ganzen_ Körper geringen Ansprüchen
-an Exaktheit genügen. Wir würden indes verhängnisvolle Irrtümer im
-Theoretischen, schwere Sünden im Praktischen auf uns laden, wenn wir
-hier mit solcher inkorrekter Beschreibung auch im Einzelfalle ernstlich
-alles getan zu haben glaubten.
-
-_Die verschiedenen Grade der ursprünglichen sexuellen Charakteristik
-zusammen mit der_ (bei den einzelnen Individuen wahrscheinlich
-qualitativ und quantitativ) _variierenden inneren Sekretion $bedingen$
-das Auftreten der sexuellen Zwischenformen_.
-
-Arrhenoplasma und Thelyplasma, in ihren unzähligen Abstufungen, sind
-die _mikro_skopischen Agentien, die im Vereine mit der »inneren
-Sekretion« jene _makro_skopischen Differenzen schaffen, von denen das
-vorige Kapitel ausschließlich handelte.
-
-Unter Voraussetzung der Richtigkeit der bisherigen Darlegungen
-ergibt sich die Notwendigkeit einer ganzen Reihe von anatomischen,
-physiologischen, histologischen und histochemischen Untersuchungen
-über die Unterschiede zwischen den _Typen_ M und W in Bau und
-Funktion _aller_ einzelnen Organe, über die Art, wie Arrhenoplasma
-und Thelyplasma sich in den verschiedenen Geweben und Organen
-besonders differenzieren. Die Durchschnittskenntnisse, die wir bis
-jetzt über all das haben, genügen selbst dem modernen Statistiker
-kaum mehr. Wissenschaftlich ist ihr Wert ganz gering. Daß z. B.
-alle Untersuchungen über sexuelle Unterschiede im Gehirn so wenig
-Wertvolles zu Tage fördern konnten, dafür ist auch dies ein Grund,
-daß man nicht den _typischen_ Verhältnissen nachgegangen ist, sondern
-sich mit dem, was der Taufschein oder der oberflächlichste Aspekt der
-Leiche über das Geschlecht sagte, zufrieden gab und so jeden Hans
-und jede Grete als vollwertige Repräsentanten der Männlichkeit oder
-Weiblichkeit gelten ließ. Man hätte, wenn man schon psychologischer
-Daten nicht zu bedürfen glaubte, doch wenigstens, da Harmonie in der
-sexuellen Charakteristik der verschiedenen Körperteile häufiger ist als
-große Sprünge derselben zwischen den einzelnen Organen, sich einiger
-Tatsachen bezüglich der übrigen Körperbeschaffenheit versichern sollen,
-die für Männlichkeit und Weiblichkeit in Betracht kommen, wie der
-Distanz der großen Trochanteren, der Spinae iliacae ant. sup. etc. etc.
-
-Dieselbe Fehlerquelle -- das unbedenkliche Passierenlassen sexueller
-Zwischenstufen als maßgebender Individuen -- ist übrigens auch bei
-anderen Untersuchungen nicht verstopft worden; und diese Sorglosigkeit
-kann das Gewinnen haltbarer und beweisbarer Resultate auf lange Zeit
-hintanhalten. Schon wer z. B. den Ursachen des _Knabenüberschusses bei
-den Geburten_ nachspekuliert, dürfte diese Verhältnisse nicht ganz
-außer Acht lassen. Namentlich wird sich aber ihre Nichtberücksichtigung
-an jedermann rächen, der das _Problem der geschlechtsbestimmenden
-Ursachen_ lösen zu wollen sich unterfängt. Bevor er nicht jedes zur
-Welt gekommene Lebewesen, das ihm zum Objekt der Untersuchung wird,
-auch auf seine Stellung zwischen M und W geprüft hat, wird man seinen
-Hypothesen oder gar seinen Beeinflussungsmethoden zu trauen sich hüten
-dürfen. Wenn er nämlich die sexuellen Zwischenstufen einerseits bloß in
-der bisherigen äußerlichen Weise unter die männlichen oder unter die
-weiblichen Geburten einreiht, so wird er Fälle _für_ sich in Anspruch
-nehmen, die bei tieferer Betrachtung _gegen_ ihn zeugen würden, und
-andere Fälle als Gegeninstanzen betrachten, die es tatsächlich nicht
-sind: ohne den idealen Mann und das ideale Weib entbehrt er eben
-eines festen Maßstabes, den er an die Wirklichkeit anlegen könnte,
-und tappt im ungewissen, oberflächlichen Schein. _Maupas_ z. B., dem
-die experimentelle Geschlechtsbestimmung bei Hydatina senta, einem
-Rädertierchen, gelungen ist, hat noch immer 3-5% an abweichenden
-Resultaten erzielt. Bei niedrigerer Temperatur wurde die Geburt von
-Weibchen erwartet, und doch ergab sich dieser Satz von Männchen;
-entsprechend kamen bei hoher Temperatur gegen die Regel etwa ebensoviel
-Weibchen heraus. Es ist anzunehmen, daß dies sexuelle Zwischenstufen
-waren, sehr arrhenoide Weibchen bei hoher, sehr thelyide Männchen bei
-tiefer Temperatur. Wo das Problem viel komplizierter liegt, z. B.
-beim Rinde, um vom Menschen zu schweigen, wird der Prozentsatz der
-übereinstimmenden Resultate kaum je so groß sein wie hier und deshalb
-die richtige Deutung durch von den sexuellen Zwischenstufen herrührende
-Störungen viel schwerer beeinträchtigt werden.
-
-Wie Morphologie, Physiologie und Entwicklungsmechanik, so ist auch
-eine vergleichende _Pathologie_ der sexuellen _Typen_ vorderhand ein
-Desiderat. Freilich wird man hier wie dort aus der Statistik gewisse
-Schlüsse ziehen dürfen. Wenn diese erweist, daß eine Krankheit beim
-»weiblichen Geschlechte« sehr erheblich häufiger sich findet als beim
-»männlichen«, so wird man hienach im allgemeinen die Annahme wagen
-dürfen, sie sei eine dem Thelyplasma eigentümliche, »idiopathische«
-Affektion. So dürfte z. B. Myxödem eine Krankheit von W sein; Hydrokele
-ist naturgemäß eine Krankheit von M.
-
-Doch können selbst die am lautesten sprechenden Zahlen der Statistik
-hier so lange vor theoretischen Irrtümern nicht mit Sicherheit
-bewahren, als nicht von dem Charakter irgend eines Leidens gezeigt ist,
-daß es in unauflöslicher, funktioneller Beziehung an die Männlichkeit
-oder an die Weiblichkeit geknüpft ist. Die _Theorie_ der betreffenden
-Krankheiten wird auch darüber Rechenschaft zu geben haben, _$warum$_
-sie »fast ausschließlich bei einem Geschlechte auftreten«, d. h. (in
-der hier begründeten Fassung) warum sie entweder M oder W zugehören.
-
-
-
-
-III. Kapitel.
-
-Gesetze der sexuellen Anziehung.
-
- _Carmen_:
-
- »L'amour est un oiseau rebelle,
- Que nul ne peut apprivoiser:
- Et c'est bien en vain qu'on l'appelle,
- S'il lui convient de refuser.
- Rien n'y fait; menace ou prière:
- L'un parle, l'autre se tait;
- Et c'est l'autre que je prefère;
- Il n'a rien dit, mais il me plaît.
- .............
- L'amour est enfant de Bohême
- Il n'a jamais connu de loi.«
-
- $?$
-
-
-In den alten Begriffen ausgedrückt, besteht bei sämtlichen
-geschlechtlich differenzierten Lebewesen eine auf Begattung gerichtete
-Anziehung zwischen Männchen und Weibchen, Mann und Weib. Da Mann und
-Weib aber nur Typen sind, die in der Realität nirgends rein sich
-vertreten finden, so werden wir hievon nicht mehr so sprechen können,
-daß die geschlechtliche Anziehung ein Masculinum schlechtweg und ein
-Femininum schlechtweg einander zu nähern suche. Über die Tatsachen der
-sexuellen Wirkungen muß aber auch die hier vertretene Theorie, wenn
-sie vollständig sein soll, Rechenschaft geben können, ja es muß auch
-ihr Erscheinungsgebiet sich mit den neuen Mitteln besser darstellen
-lassen als mit den bisherigen, wenn jene vor diesen ihren Vorzug
-behaupten sollen. Wirklich hat mich die Erkenntnis, daß M und W in
-allen _verschiedenen_ Verhältnissen sich auf die Lebewesen _verteilen_,
-zur Entdeckung eines ungekannten, bloß von einem Philosophen einmal
-geahnten _Naturgesetzes_ geführt, eines _Gesetzes der sexuellen
-Anziehung_. Beobachtungen des Menschen ließen es mich gewinnen, und ich
-will daher von diesem hier ausgehen.
-
-Jeder Mensch hat, was das andere Geschlecht anlangt, einen bestimmten,
-ihm eigentümlichen »Geschmack«. Wenn wir etwa die Bildnisse der
-Frauen vergleichen, die irgend ein berühmter Mann der Geschichte
-nachweislich geliebt hat, so finden wir fast immer, daß alle eine
-beinahe durchgängige Übereinstimmung aufweisen, die äußerlich am
-ehesten hervortreten wird in ihrer _Gestalt_ (im engeren Sinne des
-_Wuchses_) oder in ihrem _Gesichte_, aber sich bei näherem Zusehen bis
-in die kleinsten Züge -- ad unguem, bis auf die Nägel der Finger --
-erstrecken wird. Ganz ebenso verhält es sich aber auch sonst. Daher die
-Erscheinung, daß jedes Mädchen, von welchem eine starke Anziehung auf
-den Mann ausgeht, auch sofort die Erinnerung an jene Mädchen wachruft,
-die schon früher ähnlich auf ihn gewirkt haben. Jeder hat ferner
-zahlreiche Bekannte, deren Geschmack, das andere Geschlecht betreffend,
-ihm schon den Ausruf abgenötigt hat: »Wie einem die gefallen kann,
-verstehe ich nicht!« Eine Menge Tatsachen, welche den bestimmten
-besonderen Geschmack jedes Einzelwesens auch für die Tiere außer allen
-Zweifel setzen, hat _Darwin_ gesammelt (in seiner »Abstammung des
-Menschen«). Daß Analoga zu dieser Tatsache des bestimmten Geschmackes
-aber selbst bei den Pflanzen sich deutlich ausgeprägt finden, wird bald
-besprochen werden.
-
-Die sexuelle Anziehung ist fast ausnahmslos nicht anders als bei der
-Gravitation eine gegenseitige; wo diese Regel Ausnahmen zu erleiden
-scheint, lassen sich beinahe immer differenziertere Momente nachweisen,
-welche es zu verhindern wissen, daß dem _unmittelbaren_ Geschmacke,
-der fast stets ein wechselseitiger ist, Folge gegeben werde; oder
-ein Begehren erzeugen, wenn dieser unmittelbare erste Eindruck nicht
-dagewesen ist.
-
-Auch der Sprachgebrauch redet vom »Kommen des Richtigen«, vom
-»Nichtzueinanderpassen« zweier Leute. Er beweist so eine gewisse
-dunkle Ahnung der _Tatsache, daß in jedem Menschen gewisse
-Eigenschaften liegen, die es nicht ganz gleichgültig erscheinen lassen,
-$welches$ Individuum des anderen Geschlechtes mit ihm eine sexuelle
-Vereinigung einzugehen geeignet ist; daß nicht jeder »Mann« für jeden
-anderen »Mann«, nicht jedes »Weib« für jedes andere »Weib«, ohne daß es
-einen Unterschied macht, eintreten kann_.
-
-Jedermann weiß ferner aus eigener Erfahrung, daß gewisse Personen des
-anderen Geschlechtes auf ihn sogar eine direkt _abstoßende_ Wirkung
-ausüben können, andere ihn kalt lassen, noch andere ihn reizen, bis
-endlich (vielleicht nicht immer) ein Individuum erscheint, mit dem
-vereinigt zu sein in dem Maße sein Verlangen wird, daß die ganze
-Welt _daneben_ für ihn eventuell wertlos wird und verschwindet.
-Welches Individuum ist das? Welche Eigenschaften muß es besitzen?
-Hat wirklich -- und es ist so -- jeder Typus unter den Männern einen
-ihm entsprechenden Typus unter den Weibern zum Korrelate, der auf
-ihn sexuell wirkt, und umgekehrt, so scheint zumindest hier ein
-gewisses Gesetz zu walten. Was ist das für ein Gesetz? Wie lautet
-es? »Gegensätze ziehen sich an«, so hörte ich es formulieren, als
-ich, bereits im Besitze der eigenen Antwort auf meine Frage, bei
-verschiedenen Menschen hartnäckig auf das Aussprechen eines solchen
-drang und ihrer Abstraktionskraft durch Beispiele zu Hilfe kam. Auch
-dies ist in gewissem Sinne und für einen kleineren Teil der Fälle
-zuzugeben. Aber es ist doch zu allgemein, zerfließt unter den Händen,
-die Anschauliches erfassen wollen, und läßt keinerlei mathematische
-Formulierung zu.
-
-Diese Schrift nun vermißt sich nicht, _sämtliche_ Gesetze der sexuellen
-Anziehung -- es gibt ihrer nämlich mehrere -- aufdecken zu wollen, und
-erhebt somit keineswegs den Anspruch, jedem Individuum bereits sichere
-Auskunft über dasjenige Individuum des anderen Geschlechtes geben zu
-können, das seinem Geschmack am besten entsprechen werde, wie dies eine
-vollständige Kenntnis der in Betracht kommenden Gesetze allerdings
-ermöglichen würde. Nur ein einziges von diesen Gesetzen soll in diesem
-Kapitel besprochen werden, da es in organischem Zusammenhange mit
-den übrigen Erörterungen des Buches steht. Einer Anzahl weiterer
-Gesetze bin ich auf der Spur, doch war dieses das erste, auf das ich
-aufmerksam wurde, und das, was ich darüber zu sagen habe, ist relativ
-am fertigsten. Die Unvollkommenheiten im Beweismaterial möge man
-in Erwägung der Neuheit und Schwierigkeit der Sache mit Nachsicht
-beurteilen.
-
-Die Tatsachen, aus denen ich dieses Gesetz der sexuellen Affinität
-ursprünglich gewonnen, und die große Anzahl jener, die es mir bestätigt
-haben, hier anzuführen, ist jedoch glücklicherweise in gewissem
-Sinne überflüssig. Ein jeder ist gebeten, es zunächst an sich selbst
-zu prüfen, und dann Umschau zu halten im Kreise seiner Bekannten;
-besonders empfehle ich eben jene Fälle der Erinnerung und Beachtung,
-wo er ihren Geschmack nicht verstanden oder ihnen gar einmal allen
-»Geschmack« abgesprochen hat, oder wo ihm dasselbe von ihrer Seite
-widerfahren ist. Jenes Mindestmaß von Kenntnis der äußeren Formen des
-menschlichen Körpers, welches zu dieser Kontrolle nötig ist, besitzt
-jeder Mensch.
-
-Auch ich bin zu dem Gesetze, das ich nun formulieren will, auf eben dem
-Wege gelangt, auf welchen ich hier zunächst habe verweisen müssen.
-
-Das Gesetz lautet: »_Zur sexuellen Vereinigung trachten immer ein
-$ganzer$ Mann (M) und ein $ganzes$ Weib (W) zusammen zu kommen, $wenn
-auch auf die zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in
-verschiedenem Verhältnisse verteilt.$_«
-
-Anders ausgedrückt: Wenn m_{μ} das Männliche, w_{μ} das Weibliche
-ist in irgend einem von der gewöhnlichen Auffassung einfach als
-»Mann« bezeichneten Individuum μ und w_{ω} das Weibliche, m_{ω} das
-Männliche dem Grade nach ausdrückt in irgend einer sonst oberflächlich
-schlechtweg als »Weib« gekennzeichneten Person ω, so ist bei jeder
-_vollkommenen Affinität_, d. h. im Falle der _stärksten_ sexuellen
-Attraktion:
-
- (Ia) m_{μ} + m_{ω} = C(onstans)_{1} = M = dem idealen Manne
-
-und darum natürlich gleichzeitig auch
-
- (Ib) w_{μ} + w_{ω} = C_{2} = W = dem idealen Weibe.
-
-Man mißverstehe diese Formulierung nicht. Es ist _ein_ Fall, _eine
-einzige_ sexuelle Relation, für die beide Formeln Geltung haben, von
-denen aber die zweite aus der ersten unmittelbar folgt und nichts Neues
-zu ihr hinzufügt; denn wir operieren ja unter der Voraussetzung, daß
-jedes Individuum so viel Weibliches hat, als ihm Männliches gebricht.
-Ist es _ganz_ männlich, so wird es ein _ganz_ weibliches Gegenglied
-verlangen; ist es ganz weiblich, ein ganz männliches. Ist in ihm aber
-ein bestimmter größerer Bruchteil vom Manne _und_ ein keineswegs
-zu vernachlässigender anderer Bruchteil vom Weibe, so wird es zur
-Ergänzung ein Individuum fordern, das seinen Bruchteil an Männlichkeit
-zum Ganzen, zur Einheit komplettiert; damit wird aber _zugleich_ auch
-sein weiblicher Anteil in ebensolcher Weise vervollständigt. Es habe
-z. B. ein Individuum
-
- { ¾ M,
- μ { _also_
- { ¼ W.
-
-Dann wird sein bestes sexuelles Komplement nach diesem Gesetze jenes
-Individuum ω sein, welches sexuell folgendermaßen zu definieren ist:
-
- { ¼ M,
- ω { _also_
- { ¾ W.
-
-Man erkennt bereits in dieser Fassung den Wert größerer Allgemeinheit
-vor der gewöhnlichen Anschauung. Daß Mann und Weib, als sexuelle Typen,
-einander anziehen, ist hierin eben nur als _Spezialfall_ enthalten, als
-jener Fall, in welchem ein imaginäres Individuum
-
- X { 1 . M
- { 0 . W
-
-sein Komplement in einem ebenso imaginären
-
- Y { 0 . M
- { 1 . W
-
-findet.
-
-Niemand wird zögern, die Tatsache des bestimmten sexuellen
-Geschmackes zuzugeben; damit ist aber auch die Berechtigung der
-Frage nach den _Gesetzen_ dieses Geschmackes anerkannt, nach dem
-Funktionalzusammenhang, in welchem die sexuelle Vorliebe mit den
-übrigen körperlichen und psychischen Qualitäten eines Wesens steht.
-Das Gesetz, welches hier aufgestellt wurde, hat von vornherein nicht
-das geringste _Un_wahrscheinliche an sich: es steht ihm weder in der
-gewöhnlichen noch in der wissenschaftlich geeichten Erfahrung das
-geringste _entgegen_. Aber es ist an und für sich auch gewiß nicht
-»selbstverständlich«. Es könnte ja -- _denkbar_ wäre es, da das Gesetz
-selbst bis jetzt nicht weiter ableitbar ist -- auch lauten: m_{μ} -
-m{ω} = Const., d. h. die _Differenz_ im Gehalte an M eine konstante
-Größe sein, nicht die Summe, also der männlichste Mann von _seinem_
-Komplemente, welches dann gerade in der Mitte zwischen M und W läge,
-ebensoweit entfernt stehen wie der weiblichste Mann von dem seinen,
-das wir in diesem Falle in der extremen Weiblichkeit zu erblicken
-hätten. _Denkbar_ wäre das, wie gesagt, doch ist es darum nicht in der
-Realität verwirklicht. Folgen wir also, in der Erkenntnis, daß wir ein
-empirisches Gesetz vor uns haben, dem wissenschaftlichen Gebote der
-Bescheidung, so werden wir vorderhand nicht von einer »Kraft« sprechen,
-welche die zwei Individuen wie zwei Hampelmännchen gegeneinander laufen
-läßt, sondern in dem Gesetze nur den Ausdruck eines Verhältnisses
-erblicken, das in jeder stärksten sexuellen Anziehung in ganz gleicher
-Weise zu konstatieren ist; es kann nur eine »Invariante« (_Ostwald_),
-eine »Multiponible« (_Avenarius_) aufzeigen, und das ist in diesem
-Falle die stets gleich bleibende Summe des Männlichen wie die des
-Weiblichen in den beiden einander mit größter Stärke anziehenden
-Lebewesen.
-
-Vom »ästhetischen«, vom »Schönheits«-Moment muß _hier_ ganz abgesehen
-werden. Denn wie oft kommt es vor, daß der eine von einer bestimmten
-Frau ganz entzückt ist, ganz außer sich über deren »außerordentliche«,
-»berückende« Schönheit, und der andere »gern wissen möchte«, was an
-der Betreffenden »denn nur gefunden werden könne«, da sie eben nicht
-auch _sein_ sexuelles Komplement ist. Ohne hier den Standpunkt irgend
-einer normativen Ästhetik einnehmen oder für einen Relativismus der
-Wertungen Beispiele sammeln zu wollen, kann man es aussprechen, daß
-sicherlich nicht nur vom rein ästhetischen Standpunkte _Indifferentes_,
-sondern selbst _Unschönes_ vom verliebten Menschen schön gefunden wird,
-wobei unter »rein-ästhetisch« nicht ein Absolut-Schönes, sondern nur
-_das Schöne_, d. h. das nach Abzug aller »sexuellen Apperzeptionen«
-_ästhetisch Gefallende_ verstanden werden soll.
-
-Das Gesetz selbst habe ich in mehreren hundert Fällen (um die
-niederste Zahl zu nennen) bestätigt gefunden, und alle Ausnahmen
-erwiesen sich als scheinbare. Fast ein jedes Liebespaar, dem man auf
-der Straße begegnet, liefert eine neue Bestätigung. Die Ausnahmen
-waren insoferne lehrreich, als sie die Spur der anderen Gesetze
-der Sexualität verstärkten und zu deren Erforschung aufforderten.
-Übrigens habe ich auch selbst eine Anzahl von Versuchen in folgender
-Weise angestellt, daß ich mit einer Kollektion von Photographien
-rein-ästhetisch untadeliger Frauen, deren jede einem bestimmten Gehalte
-an W entsprach, eine Enquête veranstaltete, indem ich sie einer Reihe
-von Bekannten, »zur Auswahl der Schönsten«, wie ich hinterlistig sagte,
-vorlegte. Die Antwort, die ich bekam, war regelmäßig dieselbe, die
-ich im voraus erwartete. Von anderen, die bereits wußten, worum es
-sich handelte, habe ich mich in der Weise prüfen lassen, daß sie mir
-Bilder vorlegten, und ich aus diesen die für sie Schönste herausfinden
-mußte. Dies ist mir immer gelungen. Anderen habe ich, ohne daß sie mir
-vorher unfreiwillige Stichproben davon geliefert hatten, ihr Ideal
-vom anderen Geschlechte zuweilen mit annähernder Vollständigkeit
-beschreiben können, jedenfalls oft viel genauer, als sie selbst es
-anzugeben vermochten; manchmal wurden sie jedoch auch auf das, was
-ihnen _miß_fiel -- was die Menschen im allgemeinen viel eher kennen als
-das, was ihnen gefällt -- erst aufmerksam, als ich es ihnen sagte.
-
-Ich glaube, daß der Leser bei einiger Übung es bald zu der gleichen
-Fertigkeit wird bringen können, die einige Bekannte aus einem engeren
-wissenschaftlichen Freundeskreis, von den hier vertretenen Ideen
-angeregt, bereits erlangt haben. Freilich wäre hiezu eine Erkenntnis
-der anderen Gesetze der sexuellen Anziehung sehr erwünscht. Als Proben
-auf das Verhältnis wirklicher komplementärer Ergänzung ließen sich
-eine Menge spezieller Konstanten namhaft machen. Man könnte z. B. auf
-den Gedanken geraten, die Summe der Haarlängen zweier Verliebter sei
-immer gleich groß. Doch wird dies schon aus den im zweiten Kapitel
-erörterten Gründen nicht immer zutreffen, indem nicht alle Organe eines
-und desselben Wesens gleich männlich oder gleich weiblich sind. Überdem
-würden solche heuristische Regeln bald sich vermehren und dann schnell
-zu der Kategorie der schlechten Witze herabsinken, weshalb ich hier von
-ihrer Anführung lieber absehen mag.
-
-Ich verhehle mir nicht, daß die Art, wie dieses Gesetz hier eingeführt
-wurde, etwas Dogmatisches hat, das ihm bei dem Mangel einer exakten
-Begründung um so schlechter ansteht. Mir konnte aber auch hier
-weniger daran liegen, mit fertigen Ergebnissen hervorzutreten, als
-zur Gewinnung solcher anzuregen, nachdem die Mittel, die mir zur
-genauen Überprüfung jener Sätze nach naturwissenschaftlicher Methode
-zur Verfügung standen, äußerst beschränkte waren. Wenn also auch im
-einzelnen vieles hypothetisch bleibt, so hoffe ich doch im folgenden
-mit Hinweisen auf merkwürdige Analogien, die bisher keine Beachtung
-gefunden haben, die einzelnen Balken des Gebäudes noch durcheinander
-stützen zu können: einer »rückwirkenden Verfestigung« vermögen
-vielleicht selbst die Prinzipien der analytischen Mechanik nicht zu
-entbehren.
-
-Eine höchst auffällige Bestätigung erfährt das aufgestellte Gesetz
-zunächst durch eine Gruppe von Tatsachen aus dem Pflanzenreiche,
-die man bisher in völliger Isolation betrachtet hat und denen
-demgemäß der Charakter der Seltsamkeit in hohem Grade anzuhaften
-schien. Wie jeder Botaniker sofort erraten haben wird, meine ich
-die von _Persoon_ entdeckte, von _Darwin_ zuerst beschriebene,
-von _Hildebrand_ benannte Erscheinung der _Ungleichgriffeligkeit_
-oder _Heterostylie_. Sie besteht in folgendem: Viele dikotyle (und
-eine einzige monokotyle) Pflanzenspezies, z. B. Primulaceen und
-Geraniaceen, besonders aber viele Rubiaceen, lauter Pflanzen, auf
-deren Blüte sowohl Pollen als Narbe funktionsfähig sind, aber nur
-für Produkte fremder Blüten, die also in morphologischer Beziehung
-androgyn, in physiologischer Hinsicht jedoch diözisch erscheinen --
-diese alle haben die Eigentümlichkeit, _ihre Narben und Staubbeutel
-auf verschiedenen Individuen zu verschiedener Höhe zu entwickeln_. Das
-eine Exemplar bildet ausschließlich Blüten mit langem Griffel, daher
-hochstehender Narbe und niedrigen Antheren (Staubbeuteln): es ist
-nach meiner Auffassung das weiblichere. Das andere Exemplar hingegen
-bringt nur Blüten hervor mit tiefstehender Narbe und hochstehenden
-Antheren (weil langen Staubfäden): das männlichere. Neben diesen
-»dimorphen« Arten gibt es aber auch »trimorphe«, wie Lythrum salicaria,
-mit dreierlei Längenverhältnissen der Geschlechtsorgane: außer der
-Blütenform mit langgriffeligen und der mit kurzgriffeligen findet
-sich hier noch eine mit »mesostylen« Blüten, d. i. mittellangen
-Griffeln. Obwohl nur dimorphe und trimorphe Heterostylie den Weg in die
-Kompendien gefunden haben, ist auch damit die Mannigfaltigkeit nicht
-erschöpft. _Darwin_ deutet an, daß, »wenn kleinere Verschiedenheiten
-berücksichtigt werden, _fünf_ verschiedene Sitze von männlichen Organen
-zu unterscheiden seien«. Es besteht also auch die hier unleugbar
-vorkommende _Dis_kontinuität, die Trennung der verschiedenen Grade von
-Maskulität und Muliebrität in verschiedene Stockwerke nicht _allgemein_
-zu Recht, auch in diesem Falle haben wir hie und da _kontinuierlichere
-sexuelle Zwischenformen_ vor uns. Anderseits ist auch dieses
-diskrete Fächerwerk nicht ohne frappante Analogien im Tierreich, wo
-die betreffenden Erscheinungen als ebenso vereinzelt und wunderbar
-angesehen wurden, weil man sich der Heterostylie gar nicht _entsann_.
-Bei mehreren Insektengattungen, nämlich bei Forficuliden (Ohrwürmern)
-und Lamellicornien (und zwar bei Lucanus cervus, dem Hirschkäfer,
-bei Dynastes hercules und Xylotrupes gideon) gibt es _einerseits_
-viele Männchen, welche den sekundären Geschlechtscharakter, der sie
-von den Weibchen am sichtbarsten scheidet, die Fühlhörner zu sehr
-großer Länge entwickeln; die _andere_ Hauptgruppe der Männchen hat nur
-relativ wenig entwickelte Hörner. _Bateson_, von dem die ausführlichere
-Beschreibung dieser Verhältnisse herrührt, unterscheidet darum unter
-ihnen »high males« und »low males«. Zwar sind diese beiden Typen durch
-kontinuierliche Übergänge miteinander verbunden, aber die zwischen
-ihnen vermittelnden Stufen sind selten, die meisten Exemplare stehen
-an der einen oder der anderen Grenze. Leider ist es _Bateson_ nicht
-darum zu tun gewesen, die sexuellen Beziehungen dieser beiden Gruppen
-zu den Weibchen zu erforschen, da er die Fälle nur als Beispiele
-diskontinuierlicher Variation anführt; und so ist nicht bekannt, ob
-es zwei Gruppen auch unter den Weibchen der betreffenden Arten gibt,
-die eine verschiedene sexuelle Affinität zu den verschiedenen Formen
-der Männchen besitzen. Darum lassen sich auch diese Beobachtungen
-nur als eine morphologische Parallele zur Heterostylie, nicht als
-physiologische Instanzen für das Gesetz der sexuellen Anziehung
-verwenden, _für das die Heterostylie in der Tat sich verwerten läßt_.
-
-Denn in den heterostylen Pflanzen liegt vielleicht eine völlige
-Bestätigung der Ansicht von der allgemeinen Gültigkeit jener Formel
-innerhalb aller Lebewesen vor. Es ist von _Darwin_ nachgewiesen und
-seither von vielen Beobachtern in gleicher Weise konstatiert worden,
-daß bei den heterostylen Pflanzen Befruchtung fast nur dann Aussicht
-auf guten Erfolg hat, ja oft nur in dem Falle möglich ist, wenn der
-_Pollen der makrostylen Blüte_, d. i. derjenige von den niedrigeren
-Antheren, auf die _mikrostyle Narbe_ eines anderen Individuums,
-welches sodann lange Staubfäden hat, übertragen wird, oder der aus
-hochstehenden Staubbeuteln stammende _Pollen einer mikrostylen Blüte_
-auf die makrostyle Narbe einer anderen Pflanze (mit kurzen Filamenten).
-So lang also in der einen Blüte der Griffel, d. h. so gut weiblich in
-ihr das weibliche Organ entwickelt ist, so lang muß in der anderen,
-von der sie mit Erfolg empfangen soll, das männliche, der Staubfaden
-sein, und umso kürzer in der letzteren der Griffel, dessen Länge den
-Grad der Weiblichkeit mißt. Wo dreierlei Griffellängen vorhanden sind,
-da fällt die Befruchtung nach derselben erweiterten Regel am besten
-aus, wenn der Pollen auf diejenige Narbe übertragen wird, die auf einer
-anderen Blüte in derselben Höhe steht wie der Staubbeutel, aus welchem
-der Pollen stammt. Wird dies nicht eingehalten, sondern etwa künstliche
-Befruchtung mit nicht-adäquatem Pollen herbeigeführt, so entstehen,
-wenn diese Prozedur überhaupt von Erfolg begleitet ist, fast immer
-nur kränkliche und kümmerliche, zwerghafte und durchaus unfruchtbare
-Sprößlinge, die den Hybriden aus verschiedenen Spezies äußerst ähneln.
-
-Den Autoren, welche die Heterostylie besprochen haben, merkt man
-es insgesamt an, daß sie mit der gewöhnlichen Erklärung dieses
-verschiedenartigen Verhaltens bei der Befruchtung nicht zufrieden sind.
-Diese besagt nämlich, daß die Insekten beim Blütenbesuch gleich hoch
-gestellte Sexualorgane mit der gleichen Körperstelle berühren und so
-den merkwürdigen Effekt herbeiführen. _Darwin_ gesteht jedoch selbst,
-daß die Bienen alle Arten von Pollen an jeder Körperstelle mit sich
-tragen; es bleibt also das _elektive_ Verfahren der weiblichen Organe
-bei Bestäubung mit doppelt und dreifach verschiedenen Pollen nach wie
-vor aufzuhellen. Auch scheint jene Begründung, so ansprechend und
-zauberkräftig sie sich ausnimmt, doch etwas oberflächlich, wenn eben
-mit ihr verständlich gemacht werden soll, warum künstlicher Bestäubung
-mit inadäquatem Pollen, sogenannter »_illegitimer Befruchtung_«, so
-schlechter Erfolg beschieden ist. Jene ausschließliche Berührung mit
-»legitimem« Pollen müßte dann die Narben _durch Gewöhnung_ nur für den
-Blütenstaub dieser einen Provenienz aufnahmsfähig haben werden lassen;
-aber es konnte soeben _Darwin_ selbst als Zeuge dafür einvernommen
-werden, daß diese Unberührtheit durch anderen Pollen vollkommen
-illusorisch ist, indem die Insekten, welche als Ehevermittler hiebei in
-Anspruch genommen werden, tatsächlich viel eher eine _unterschiedslose
-Kreuzung_ begünstigen.
-
-Es scheint also die Hypothese viel plausibler, daß der Grund dieses
-eigentümlich auswählenden Verhaltens ein anderer, tieferer, in den
-Blüten selbst ursprünglich gelegener ist. Es dürfte sich hier wie
-beim Menschen darum handeln, daß die sexuelle Anziehung zwischen jenen
-Individuen am größten ist, _deren eines ebensoviel von M besitzt wie
-das andere von W_, was ja wieder nur ein anderer Ausdruck der obigen
-Formel ist. Die Wahrscheinlichkeit dieser Deutung wird ungemein
-erhöht dadurch, daß in der männlicheren, kurzgriffeligen Blüte die
-Pollenkörner in den hier höher stehenden Staubbeuteln auch stets
-größer, die Narbenpapillen kleiner sind als die homologen Teile in
-der langgriffeligen weiblicheren. Man sieht hieraus, daß es sich
-kaum um etwas anderes handeln kann als um verschiedene Grade der
-Männlichkeit und Weiblichkeit. Und unter dieser Voraussetzung erfährt
-hier das aufgestellte Gesetz der sexuellen Affinität eine glänzende
-Verifikation, indem eben im Tier- und im Pflanzenreiche -- an späterem
-Orte wird hierauf zurückzukommen sein -- Befruchtung _stets dort_ den
-besten Erfolg aufweist, _wo die Eltern die größte sexuelle Affinität
-zueinander gehabt haben_.[8]
-
-Daß im _Tierreich_ das Gesetz in voller Geltung besteht, wird
-erst bei der Besprechung des »konträren Sexualtriebes« zu großer
-Wahrscheinlichkeit erhoben werden können. Einstweilen möchte ich hier
-nur darauf aufmerksam machen, wie interessant Untersuchungen darüber
-wären, ob nicht auch die größeren, schwerer beweglichen Eizellen die
-flinkeren und schlankeren unter den Spermatozoiden stärker anziehen
-als die kleineren, dotterreichen und zugleich weniger trägen Eier, und
-diese nicht gerade die langsameren, voluminöseren unter den Zoospermien
-an sich locken. Vielleicht ergibt sich hier wirklich, wie L. _Weill_
-in einer kleinen Spekulation über die geschlechtsbestimmenden Faktoren
-vermutet hat, eine Korrelation zwischen den Bewegungsgrößen oder den
-kinetischen Energien der beiden Konjugationszellen. Es ist ja noch
-nicht einmal festgestellt -- freilich auch sehr schwierig festzustellen
--- ob die beiden Generationszellen, nach Abzug der Reibung und
-Strömung im flüssigen Medium, eine Beschleunigung gegeneinander
-aufweisen oder sich mit gleichförmiger Geschwindigkeit bewegen würden.
-So viel und noch einiges mehr könnte man da fragen.
-
-Wie schon mehrfach hervorgehoben wurde, ist das bisher besprochene
-Gesetz der sexuellen Anziehung beim Menschen (und wohl auch bei den
-Tieren) nicht das einzige. Wäre es das, so müßte es ganz unbegreiflich
-scheinen, daß es nicht schon längst gefunden wurde. Gerade weil sehr
-viele Faktoren mitspielen, weil noch eine, vielleicht beträchtliche,
-Anzahl anderer Gesetze erfüllt sein muß[9], darum sind Fälle von
-_unaufhaltsamer_ sexueller Anziehung so _selten_. Da die bezüglichen
-Forschungen noch nicht abgeschlossen sind, will ich von jenen Gesetzen
-hier nicht sprechen und bloß der Illustration halber noch auf einen
-weiteren, mathematisch wohl nicht leicht faßbaren der in Betracht
-kommenden Faktoren hinweisen.
-
-Die Erscheinungen, auf die ich anspiele, sind im einzelnen ziemlich
-allgemein bekannt. Ganz jung, noch nicht 20 Jahre alt, wird man meist
-durch ältere Frauen (von über 35 Jahren) angezogen, während man
-mit zunehmendem Alter immer jüngere liebt; ebenso ziehen aber auch
-(Gegenseitigkeit!) die ganz jungen Mädchen, der »Backfisch«, ältere
-Männer oft jüngeren vor, um später wieder mit ganz jungen Bürschlein
-nicht selten die Ehe zu brechen. Das ganze Phänomen dürfte viel tiefer
-wurzeln, als es nach der anekdotenhaften Art aussehen möchte, in der
-man meist von ihm Notiz nimmt.
-
-Trotz der notwendigen Beschränkung dieser Arbeit auf das eine Gesetz
-wird es im Interesse der Korrektheit liegen, wenn nun eine bessere
-mathematische Formulierung, die keine unwahre Einfachheit vortäuscht,
-versucht wird. Auch ohne alle mitspielenden Faktoren und in Frage
-kommenden anderen Gesetze als selbständige Größen einzuführen,
-erreichen wir diese äußerliche Genauigkeit durch Hinzufügung eines
-Proportionalitätsfaktors.
-
-Die erste Formel war mir eine »ökonomische« Zusammenfassung des
-_Gleichförmigen_ aller Fälle sexueller Anziehung von _idealer_ Stärke,
-soweit das geschlechtliche Verhältnis durch das Gesetz überhaupt
-bestimmt wird. Nun wollen wir einen Ausdruck herschreiben für die
-_Stärke der sexuellen Affinität_ in jedem denkbaren Falle, einen
-Ausdruck übrigens, der, seiner unbestimmten Form wegen, _zugleich die
-allgemeinste Beschreibung des Verhältnisses zweier Lebewesen überhaupt,
-selbst von verschiedener Art und von gleichem Geschlechte_, abgeben
-könnte.
-
-Wenn
-
- { α M { β W
- X { und Y {
- { α' W { β' M
-
-wobei wieder
-
- α
- 0 < β < 1
- α'
- β'
-
-irgend zwei beliebige Lebewesen sexuell definieren, so ist die Stärke
-der Anziehung zwischen beiden
-
- A = k/(α - β) . f(t) (II)
-
-worin f(t) irgend eine empirische oder analytische Funktion der
-Zeit bedeutet, während welcher es den Individuen möglich ist,
-aufeinander zu wirken, der »_Reaktionszeit_«, wie wir sie nennen
-könnten; indes k jener Proportionalitätsfaktor ist, in den wir
-alle bekannten und unbekannten Gesetze der sexuellen Affinität
-hineinstecken, und der außerdem noch von dem Grade der Art-, Rassen-
-und Familienverwandtschaft, sowie von Gesundheit und dem Mangel an
-Deformationen in beiden Individuen abhängt, schließlich mit ihrer
-größeren räumlichen Entfernung voneinander kleiner wird, der also noch
-in jedem Falle besonders festzustellen ist.
-
-Wird in dieser Formel α = β, so wird A = ∞; das ist der extremste
-Fall: es ist die sexuelle Anziehung als Elementargewalt, wie sie
-mit unheimlicher Meisterschaft in der Novelle »Im Postwagen« von
-_Lynkeus_ geschildert ist. Die sexuelle Anziehung ist etwas genau so
-Naturgesetzliches wie das Wachstum der Wurzel gegen den Erdmittelpunkt,
-die Wanderung der Bakterien zum Sauerstoff am Rande des Objektträgers;
-man wird sich an eine solche Auffassung der Sache freilich erst
-gewöhnen müssen. Ich komme übrigens gleich auf diesen Punkt zurück.
-
-Erreicht α - β seinen Maximalwert
-
- lim (α - β) = Max. = 1,
-
-so wird lim A = k . f(t). Es ergeben sich also hier als ein bestimmter
-_Grenzfall_ alle sympathischen und antipathischen Beziehungen zwischen
-Menschen überhaupt (die aber mit den _sozialen_ Beziehungen im engsten
-Sinne, als konstituierend für gesellschaftliche Rechtsordnung,
-nichts zu tun haben), soweit sie nicht durch _unser_ Gesetz der
-sexuellen Affinität geregelt sind. Indem k mit der Stärke der
-verwandtschaftlichen Beziehungen im allgemeinen wächst, hat A unter
-Volksgenossen z. B. einen größeren Wert als unter Fremdnationalen.
-Wie f(t) hier seinen guten Sinn behält, kann man am Verhältnis zweier
-zusammenlebender Haustiere von ungleicher Spezies sehr wohl beobachten:
-die erste Regung ist oft erbitterte Feindschaft, oft Furcht vor
-einander (A bekommt ein _negatives_ Vorzeichen), später tritt oft ein
-freundschaftliches Verhältnis an deren Stelle, sie suchen einander auf.
-
-Setze ich ferner in
-
- A = (k . f(t))/(α - β) k = 0,
-
-so wird A = 0, d. h. zwischen zwei lebenden Individuen von allzu
-verschiedener Abstammung findet auch keinerlei merkliche Anziehung mehr
-statt.
-
-Da der Sodomieparagraph in den Strafgesetzbüchern nicht für nichts und
-wieder nichts enthalten sein dürfte, da sexuelle Akte sogar zwischen
-Mensch und Henne schon zur Beobachtung gelangt sind, sieht man, daß
-k innerhalb sehr _weiter_ Grenzen größer als Null bleibt. Wir dürfen
-also die beiden fraglichen Individuen nicht auf dieselbe Art, ja nicht
-einmal auf die gleiche Klasse beschränken.
-
-Daß alles Zusammentreffen männlicher und weiblicher Organismen nicht
-Zufallssache ist, sondern unter der Herrschaft bestimmter Gesetze
-steht, ist eine neue Anschauung, und das Befremdliche in ihr -- es
-wurde vorhin daran gerührt -- zwingt zu einer Erörterung der tiefen
-Frage nach der geheimnisvollen Natur dieser sexuellen Anziehung.
-
-Bekannte Versuche von Wilhelm _Pfeffer_ haben gezeigt, daß die
-Spermatozoiden verschiedener Kryptogamen nicht bloß durch die
-weiblichen Archegonien in natura, sondern ebenso durch Stoffe angezogen
-werden, die entweder von diesen auch unter gewöhnlichen Verhältnissen
-wirklich ausgeschieden werden, oder künstlich hergestellt sind, und
-oft sogar durch solche Stoffe, die mit den Samenfäden sonst nie in
-Berührung zu treten Gelegenheit hätten, wenn nicht die eigentümliche
-Versuchsanlage dies vermittelte, weil sie in der Natur gar nicht
-vorkommen. So werden die Spermatozoiden der Farne durch die aus den
-Archegonien ausgeschiedene Äpfelsäure, aber auch durch synthetisch
-dargestellte Äpfelsäure, ja sogar durch Maleinsäure, die der Laubmoose
-durch Rohrzucker angezogen. Das Spermatozoon, das, wir wissen nicht
-wie, durch Unterschiede in der Konzentration der Lösung beeinflußt
-wird, bewegt sich nach der Richtung der stärkeren Konzentration hin.
-_Pfeffer_ hat diese Bewegungen _chemotaktische_ genannt und für jene
-ganzen Erscheinungen wie für andere Fälle asexueller Reizbewegungen den
-Begriff des _Chemotropismus_ geschaffen. Vieles spräche nun dafür, daß
-die Anziehung, welche das Weibchen, beim Tiere vom Männchen durch die
-Sinnesorgane aus der Ferne perzipiert, auf das Männchen ausübt (und
-vice versa), als eine der chemotaktischen in gewissen Punkten analoge
-zu betrachten sei.
-
-Sehr wahrscheinlich ist ein Chemotropismus die Ursache jener
-energischen und hartnäckigen Bewegung, welche die Samenfäden auch
-der Säugetiere, _entgegen_ der Richtung der von innen nach außen,
-vom Körper gegen den Hals der Gebärmutter zu flimmernden Wimpern der
-Uterusschleimhaut, ganze Tage hindurch ohne jede äußere Unterstützung
-selbständig verfolgen. Mit unglaublicher, fast rätselhafter Sicherheit
-weiß allen mechanischen und sonstigen Hindernissen zum Trotz das
-Spermatozoon die Eizelle aufzufinden. Am eigentümlichsten berühren
-in dieser Hinsicht die ungeheuren Wanderungen so mancher Fische; die
-Lachse wandern viele Monate lang, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, aus
-dem Meere gegen die Wogen des Rheins stromaufwärts, um nahe seinem
-Ursprung an sicherer, nahrungsreicher Stätte zu laichen.
-
-Anderseits sei an die hübsche Schilderung erinnert, die P. _Falkenberg_
-von dem Befruchtungsvorgang bei einigen niederen Algen des
-mittelländischen Meeres entwirft. Wenn wir von den Linien der Kraft
-sprechen, die zwei ungleichnamige Magnetpole gegeneinander bewegt, so
-haben wir es hier nicht minder mit einer solchen Naturkraft zu tun, die
-mit unwiderstehlicher Gewalt das Spermatozoon gegen das Ei treibt. Der
-Unterschied wird hauptsächlich darin liegen, daß die Bewegungen der
-_leblosen_ Materie Verschiebungen in den Spannungszuständen _umgebender
-Medien_ voraussetzen, während die Kräfte der _lebenden_ Materie in
-den Organismen selbst, als wahren _Kraftzentren_, lokalisiert sind.
-Nach _Falkenbergs_ Beobachtungen überwanden die Spermatozoiden
-bei ihrer Bewegung nach der Eizelle hin selbst die Kraft, die sie
-sonst dem einfallenden Lichte entgegengeführt hätte. Stärker als
-die _$photo$taktische_ wäre also die _$chemo$taktische Wirkung,
-Geschlechtstrieb genannt_.
-
-Wenn zwei nach unseren Formeln schlecht zusammenpassende Individuen
-eine Verbindung eingehen und später das wirkliche Komplement des einen
-erscheint, so stellt sich die Neigung, den früheren notdürftigen Behelf
-zu verlassen, auf der Stelle mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ein.
-_Der Ehebruch ist da_: als Elementarereignis, als Naturphänomen, wie
-wenn FeSO_{4} mit 2 KOH zusammengebracht wird und die SO_{4}-Ionen
-nun sofort die Fe-Ionen verlassen und zu den K-Ionen übergehen. Wer
-moralisch billigen oder verwerfen wollte, wenn in der _Natur_ ein
-Ausgleich von Potentialdifferenzen zu erfolgen droht, würde vielen eine
-lächerliche Figur zu spielen scheinen.
-
-Dies ist ja auch der Grundgedanke der _Goethe_schen
-»Wahlverwandtschaften«, wie er dort als tändelndes Präludium, voll
-ungeahnter Zukunftsbedeutung, im vierten Kapitel des ersten Teiles
-von denen entwickelt wird, die seine tiefe schicksalsschwere Wahrheit
-nachher an sich selbst erfahren sollen; und diese Darlegung ist
-nicht wenig stolz darauf, die erste zu sein, welche jenen Gedanken
-wieder aufnimmt. Dennoch will sie, so wenig es Goethe wollte, den
-Ehebruch verteidigen, ihn vielmehr nur begreiflich machen. Es gibt
-_im Menschen_ Motive, die dem Ehebruch erfolgreich entgegenwirken und
-ihn verhindern können. Hierüber wird im zweiten Teile noch zu handeln
-sein. Daß auch die niedere Sexualsphäre beim Menschen nicht so streng
-in den Kreis der Naturgesetzlichkeit gebannt ist wie die der übrigen
-Organismen, dafür ist immerhin schon dies ein Anzeichen, daß der
-Mensch in _allen_ Jahreszeiten sexuell ist und bei ihm die Reste einer
-besonderen Brunstzeit im Frühjahr viel schwächer sind als selbst bei
-den Haustieren.
-
-Das Gesetz der sexuellen Affinität zeigt weiter, freilich neben
-radikalen Unterschieden, noch Analogien zu einem bekannten Gesetze der
-theoretischen Chemie. Zu den vom »Massenwirkungsgesetz« geregelten
-Vorgängen ist nämlich unsere Regel insofern analog, als z. B. eine
-stärkere Säure sich vornehmlich mit der stärkeren Base ebenso verbindet
-wie das männlichere mit dem weiblicheren Lebewesen. Doch besteht
-hier mehr als ein Novum gegenüber dem toten Chemismus. Der lebendige
-Organismus ist vor allem keine homogene und isotrope, in beliebig
-viele, qualitativ gleiche Teile spaltbare Substanz: das »principium
-individuationis«, die Tatsache, daß alles, was lebt, als Individuum
-lebt, _ist identisch mit der Tatsache der Struktur_. Es kann also hier
-nicht wie dort ein größerer Teil die eine, ein kleinerer die andere
-Verbindung eingehen und ein Nebenprodukt liefern. Der Chemo_tropismus_
-kann ferner auch ein _negativer_ sein. Von einer gewissen Größe der
-Differenz α - β an in der Formel II erhalten wir eine negative, d. h.
-entgegengesetzt gerichtete Anziehung, das Vorzeichen hat zu wechseln:
-_sexuelle Abstoßung liegt vor_. Zwar kann auch beim toten Chemismus
-_dieselbe_ Reaktion mit _verschiedener Geschwindigkeit_ erfolgen. Nie
-aber kann, nach den neuesten Anschauungen wenigstens, etwa durch einen
-Katalysator statt des absoluten Fehlens (in unserem Falle sozusagen
-des Gegenteils) einer Reaktion diese selbe Reaktion in längerer oder
-kürzerer Zeit bewirkt werden; sehr wohl dagegen eine Verbindung, die
-sich von einer gewissen Temperatur an bildet, bei einer höheren sich
-wieder zersetzt und umgekehrt. Ist hier die _Richtung_ der Reaktion
-eine Funktion der Temperatur, so dort oft eine solche der Zeit.
-
-In der Bedeutung des Faktors t, der »Reaktionszeit«, liegt nun aber
-wohl die letzte Analogie der sexuellen Anziehung zum Chemismus,
-wenn man solche Vergleiche zu ziehen nicht von vornherein allzu
-schroff ablehnt. Man könnte auch hier an eine Formel für die
-_Reaktionsgeschwindigkeit_, die verschiedenen Grade der Schnelligkeit,
-mit denen die sexuelle Reaktion zwischen zwei Individuen sich
-entwickelt, denken und etwa gar A nach t zu differenzieren versuchen.
-Doch soll die Eitelkeit auf das »mathematische Gepränge« (_Kant_)
-niemand verleiten, an so komplizierte und schwierige Verhältnisse, an
-Funktionen, deren Stetigkeit eben sehr fraglich ist, schon mit einem
-Differentialquotienten heranzurücken. Was gemeint ist, leuchtet wohl
-auch so ein: sinnliches Verlangen kann zwischen zwei Individuen, die
-längere Zeit beisammen, besser noch: _miteinander eingesperrt_ sind,
-sich auch entwickeln, wo vorher keines oder gar Abstoßung vorlag,
-ähnlich einem chemischen Prozesse, der sehr viel Zeit in Anspruch
-nimmt, ehe merklich wird, daß er vor sich geht. Zum Teil hierauf beruht
-ja wohl auch der Trost, den man ohne Liebe Heiratenden mitzugeben
-pflegt: Das stelle sich »schon später« ein; es komme »_mit der Zeit_«.
-
-Man sieht: viel Wert ist auf die Analogie mit der Affinität im toten
-Chemismus nicht zu legen. Es schien mir aber _aufklärend_, derartige
-Betrachtungen anzustellen. Selbst ob die sexuelle Anziehung unter
-die Tropismen zu subsumieren ist, bleibt noch unentschieden, und
-keineswegs ist, auch wenn es für die _Sexualität feststände_, damit
-auch schon _implicite_ etwas über die _Erotik_ ausgemacht. Das Phänomen
-der Liebe bedarf noch einer anderen Behandlung, die ihm der zweite
-Teil zu geben versuchen soll. Dennoch bestehen zwischen den Formen, in
-denen leidenschaftlichste Anziehung selbst unter Menschen auftritt, und
-jenen Chemotropismen noch unleugbare Analogien; ich verweise auf die
-Schilderung des Verhältnisses zwischen Eduard und Ottilie eben in den
-»Wahlverwandtschaften«.
-
-Mit der Nennung dieses Romanes war bereits einmal ein kurzes Eingehen
-auf das Problem der Ehe gegeben, und einige Nutzanwendungen, welche
-aus dem Theoretischen dieses Kapitels für die Praxis folgen, sollen
-ebenfalls zunächst an das Problem der Ehe geknüpft werden. Das für
-die sexuelle Anziehung aufgestellte eine Gesetz, dem die anderen sehr
-ähnlich gebaut zu sein scheinen, lehrt nämlich, daß, weil unzählige
-sexuelle Zwischenstufen existieren, es auch immer _zwei_ Wesen geben
-wird, die _am besten_ zueinander passen. _Insofern_ ist also die Ehe
-gerechtfertigt und »freie Liebe«, von diesem biologischen Standpunkte
-aus zu verwerfen. Freilich wird die Frage der Monogamie durch andere
-Verhältnisse, z. B. durch später zu erwähnende Periodizitäten wie auch
-durch die besprochene Veränderung des Geschmackes mit zunehmendem
-Alter, wieder bedeutend kompliziert und die Leichtigkeit einer Lösung
-vermindert.
-
-Eine zweite Folgerung ergibt sich, wenn wir uns der Heterostylie
-erinnern, insbesondere der Tatsache, daß aus der »illegitimen
-Befruchtung« fast lauter entwicklungsunfähige Keime hervorgehen. Dies
-legt bereits den Gedanken nahe, daß auch bei den anderen Lebewesen die
-stärkste und gesündeste Nachkommenschaft aus Verbindungen hervorgehen
-werde, in denen wechselseitige geschlechtliche Anziehung in hohem
-Ausmaße besteht. So spricht auch das Volk längst von den »Kindern
-der Liebe« in ganz besonderer Weise, und glaubt, daß diese schönere,
-bessere, prächtigere Menschen werden. Aus diesem Grunde wird, selbst
-wer keinen speziellen Beruf zum Menschenzüchter in sich fühlt, schon
-um der Hygiene willen die bloße Geldheirat, die sich von Verstandesehe
-noch erheblich unterscheiden kann, mißbilligen.
-
-Ferner dürfte auf die Tierzucht, wie ich nebenbei bemerken will,
-die Beachtung der Gesetze sexueller Anziehung vielleicht einen
-ziemlichen Einfluß gewinnen. Man wird zunächst den sekundären
-Geschlechtscharakteren, und dem Grade ihrer Ausbildung in den beiden zu
-kopulierenden Individuen mehr Aufmerksamkeit als bisher schenken. Die
-künstlichen Prozeduren, die man vornimmt, um Weibchen durch männliche
-Zuchttiere auch dann belegen zu lassen, wenn diese an jenen wenig
-Gefallen gefunden haben, verfehlen gewiß im einzelnen ihren Zweck
-keineswegs, sie sind aber im allgemeinen stets von irgend welchen üblen
-Folgen begleitet; die ungeheuere Nervosität beispielsweise der durch
-Unterschiebung falscher Stuten gezeugten Hengste, die man, trotz jedem
-modernen jungen Mann, mit Brom und anderen Medikamenten füttern muß,
-geht sicherlich in letzter Linie hierauf zurück, ähnlich wie an der
-körperlichen Degeneration des modernen Judentums nicht zum wenigsten
-der Umstand beteiligt sein mag, daß bei den Juden viel häufiger als
-irgend sonstwo auf der Welt die Ehen der Heiratsvermittler und nicht
-die Liebe zustande bringt.
-
-_Darwin_ hat in seinen auch hierfür grundlegenden Arbeiten durch
-sehr ausgedehnte Experimente und Beobachtungen festgestellt, was
-seither allgemein bestätigt worden ist: daß sowohl ganz nahe
-verwandte Individuen als auch anderseits solche von allzu ungleichem
-Artcharakter einander sexuell weniger anziehen als gewisse »unbedeutend
-verschiedene«, und daß, wenn es trotzdem dort zur Befruchtung kommt,
-der Keim entweder in den Vorstadien der Entwicklung abstirbt oder ein
-schwächliches, selbst meist nicht mehr reproduktionsfähiges Produkt
-entsteht, wie eben auch bei den heterostylen Pflanzen »_legitime_
-Befruchtung« _mehr_ und _besseren_ Samen liefert als alle anderen
-Kombinationen.
-
-_Es gedeihen also stets am besten diejenigen Keime, deren Eltern die
-größte sexuelle Affinität gezeigt haben._
-
-Aus dieser Regel, die wohl als allgemein gültig zu betrachten
-ist, folgt die Richtigkeit des bereits aus dem Früheren gezogenen
-Schlusses: Wenn schon geheiratet wird und Kinder gezeugt werden, dann
-sollen diese wenigstens nicht aus der Überwindung einer sexuellen
-Abstoßung hervorgegangen sein, die nicht ohne eine Versündigung an
-der körperlichen und geistigen Konstitution des Kindes geschehen
-könnte. Sicherlich bilden einen großen Teil der unfruchtbaren Ehen die
-Ehen ohne Liebe. Die alte Erfahrung, nach der beiderseitige sexuelle
-Erregung beim Geschlechtsakte die Aussichten der Konzeption erhöhen
-soll, gehört wohl auch teilweise in diese Sphäre und wird aus der von
-Anfang an größeren Intensität des Sexualtriebes zwischen zwei einander
-wohl ergänzenden Individuen leichter verständlich.
-
-
-
-
-IV. Kapitel.
-
-Homosexualität und Päderastie.
-
-
-In dem besprochenen Gesetze der sexuellen Anziehung ist zugleich die
--- langgesuchte -- Theorie der konträren Sexualempfindung, d. i.
-der sexuellen Hinneigung zum eigenen (nicht oder nicht nur zum
-anderen) Geschlechte enthalten. Von einer Distinktion abgesehen, die
-später zu treffen sein wird, läßt sich kühnlich behaupten, daß jeder
-Konträrsexuelle auch anatomisch die Charaktere des anderen Geschlechtes
-aufweist. Einen rein »psychosexuellen Hermaphroditismus« gibt es nicht;
-Männer, die sich sexuell von Männern angezogen fühlen, sind auch ihrem
-äußeren Habitus nach weibliche Männer, und ebenso zeigen jene Frauen
-körperlich männliche Charaktere, die andere Frauen sinnlich begehren.
-Diese Anschauung ist vom Standpunkte eines strengen Parallelismus
-zwischen Physischem und Psychischem _selbstverständlich_; ihre
-Durchführung fordert jedoch Beachtung der im zweiten Kapitel erwähnten
-Tatsache, daß nicht alle Teile _desselben_ Organismus die gleiche
-Stellung zwischen M und W einnehmen, sondern verschiedene Organe
-verschieden männlich oder verschieden stark weiblich sein können. _Es
-fehlt also beim sexuell Invertierten nie eine anatomische Annäherung an
-das andere Geschlecht._
-
-Schon dies würde genügen, um die Meinung derer zu widerlegen, welche
-den konträren Sexualtrieb als eine Eigenschaft betrachten, die von
-den betreffenden Individuen im Laufe des Lebens erworben wird und
-das normale Geschlechtsgefühl überdeckt. An eine solche Erwerbung
-durch äußere Anlässe im Laufe des individuellen Lebens glauben
-angesehene Forscher, _Schrenck-Notzing_, _Kraepelin_, _Féré_; als
-solche Anlässe betrachten sie Abstinenz vom »normalen« Verkehr und
-besonders »Verführung«. Was ist es aber dann mit dem ersten Verführer?
-Wurde dieser vom Gotte Hermaphroditos unterwiesen? Mir ist diese ganze
-Meinung nie anders vorgekommen, als wenn jemand die »normale« sexuelle
-Hinneigung des typischen Mannes zur typischen Frau als künstlich
-erworben ansehen wollte, und sich zur Behauptung verstiege, diese gehe
-stets auf Belehrung älterer Genossen zurück, die _zufällig_ einmal die
-Annehmlichkeit des Geschlechtsverkehres entdeckt hätten. So wie der
-»Normale« ganz von selbst darauf kommt, »was ein Weib ist«, so stellt
-sich wohl auch beim »Konträren« die sexuelle Anziehung, welche Personen
-des eigenen Geschlechtes auf ihn ausüben, im Laufe seiner individuellen
-Entwicklung durch Vermittlung jener ontogenetischen Prozesse, die über
-die Geburt hinaus das ganze Leben hindurch fortdauern, von selbst
-ein. Natürlich wird eine _Gelegenheit_ hinzukommen müssen, welche die
-Begierde nach der Ausübung homosexueller Akte hervortreten läßt, _aber
-diese kann nur aktuell machen_, was in den Individuen in größerem oder
-geringerem Grade bereits längst vorhanden ist und nur der Auslösung
-harrt. _Daß bei sexueller Abstinenz_ (um den zweiten angeblichen Grund
-konträrer Sexualempfindung nicht zu übergehen) _eben noch zu etwas
-anderem gegriffen werden kann als zur Masturbation, das ist es, was
-die Erwerbungstheoretiker erklären müßten_; aber daß _homosexuelle_
-Akte angestrebt und ausgeführt werden, muß in der Naturanlage bereits
-begründet sein. Auch die heterosexuelle Anziehung könnte man ja
-»erworben« nennen, wenn man es einer ausdrücklichen Konstatierung
-bedürftig fände, daß z. B. der heterosexuelle Mann irgend einmal ein
-Weib oder zumindest ein weibliches Bildnis gesehen haben muß, um sich
-zu verlieben. Aber wer das konträre Geschlechtsgefühl acquiriert sein
-läßt, gleicht gar einem Manne, der hierauf ausschließlich reflektierte
-und die ganze Anlage des Individuums, in Bezug auf die allein doch ein
-bestimmter Anlaß seine bestimmte Wirkung entfalten kann, ausschaltete,
-um ein an sich nebensächliches Ereignis des äußeren Lebens, eine letzte
-»Komplementärbedingung« oder »Teilursache« zum alleinigen Faktor des
-ganzen Resultates zu machen.
-
-Ebensowenig als die konträre Sexualempfindung erworben ist, ebensowenig
-ist sie von den Eltern oder Großeltern _ererbt_. Dies hat man wohl auch
-kaum behauptet -- denn dem widerspräche alle Erfahrung auf den ersten
-Blick --, sondern nur eine durchaus neuropathische Konstitution als
-ihre Bedingung hinstellen wollen, eine allgemeine hereditäre Belastung,
-die sich im Nachkommen eben auch durch Verkehrung der geschlechtlichen
-Instinkte äußere. Man rechnete die ganze Erscheinung zum Gebiete der
-Psychopathologie, betrachtete sie als ein Symptom der Degeneration,
-die von ihr Betroffenen als Kranke. Obwohl diese Auffassung nun viel
-weniger Anhänger zählt als noch vor etlichen Jahren, seitdem ihr
-früherer Hauptvertreter _v. Krafft-Ebing_ in den späteren Auflagen
-seiner »Psychopathia sexualis« sie selbst stillschweigend hat fallen
-lassen, so ist doch noch immer die Bemerkung nicht unangebracht, daß
-die Menschen mit sexueller Inversion in allem übrigen ganz gesund sein
-können und sich, accessorische soziale Momente abgerechnet, nicht
-weniger wohl fühlen wie alle anderen gesunden Menschen. Fragt man sie,
-ob sie sich überhaupt wünschen, in dieser Beziehung anders zu sein, als
-sie sind, so erhält man gar oft eine verneinende Antwort.
-
-Daß man die Homosexualität gänzlich isolierte und nicht in Verbindung
-mit anderen Tatsachen zu bringen suchte, ist schuld an all diesen
-verfehlten Erklärungsversuchen. Wer die »sexuellen Inversionen« als
-etwas Pathologisches oder als eine scheußlich-monströse geistige
-Bildungsanomalie betrachtet (die letztere ist die vom Philister
-sanktionierte Anschauungsweise) oder sie gar als ein angewöhntes
-Laster, als das Resultat einer fluchwürdigen Verführung auffaßt, der
-bedenke doch, _daß unendlich viele Übergänge führen vom männlichsten
-Masculinum über den weiblichen Mann und schließlich über den
-Konträrsexuellen hinweg zum Hermaphroditismus spurius und genuinus und
-von da über die Tribade, weiter über die Virago hinweg zur weiblichen
-Virgo. Die Konträrsexuellen_ (»beiderlei Geschlechtes«) _sind im
-Sinne der hier vertretenen Anschauung als Individuen zu definieren,
-bei denen der Bruch α um 0·5 herum schwankt_, also sich von α' (vgl.
-S. 10) nicht weit unterscheidet, die also ungefähr ebensoviel vom
-Manne als vom Weibe haben, ja öfters mehr vom Weibe, obwohl sie als
-Männer, und vielleicht auch mehr vom Manne, obwohl sie als Weiber
-gelten. Entsprechend der nicht immer gleichmäßigen Verteilung der
-sexuellen Charakteristik über den ganzen Körper ist es nämlich sicher,
-daß häufig genug Individuen bloß auf Grund eines primären männlichen
-Geschlechtscharakters, auch wenn der Descensus testiculorum erst später
-erfolgt, oder Epi- oder Hypospadie da ist, oder später Azoospermie
-sich einstellt, oder auch wenn (beim weiblichen Geschlechte) Atresia
-vaginae bemerkt wird, unbedenklich in das eine Geschlecht eingereiht
-werden, welches jener Charakter angibt, z. B. eine männliche Erziehung
-genießen, zum Militärdienst u. s. w. herangezogen werden, _obwohl
-bei ihnen α < 0·5, α' > 0·5_ ist. Das sexuelle Komplement solcher
-Individuen wird demgemäß scheinbar auf der diesseitigen Hälfte
-sich befinden, auf der nämlichen, auf der sie selbst sich jedoch
-nur aufzuhalten _scheinen_, indes sie tatsächlich bereits auf der
-jenseitigen stehen. Übrigens -- dies kommt meiner Auffassung zu
-Hilfe und wird anderseits erst durch sie erklärt -- es gibt keinen
-Invertierten, der _bloß_ konträrsexuell wäre. Alle sind von Anfang
-an nur _bisexuell_, d. h. es ist ihnen sowohl der Geschlechtsverkehr
-mit Männern als mit Frauen möglich. Es kann aber sein, daß sie
-selbst später aktiv ihre einseitige Ausbildung zu einem Geschlechte
-begünstigen, einen Einfluß auf sich in der Richtung der Unisexualität
-nehmen, und so schließlich die Hetero- oder die Homosexualität in sich
-zum Überwiegen bringen oder durch äußere Einwirkungen in einem solchen
-Sinne sich beeinflussen lassen; obwohl die Bisexualität hiedurch nie
-erlischt, vielmehr immer wieder ihr nur zeitweilig zurückgedrängtes
-Dasein zu erkennen gibt.
-
-Daß ein Zusammenhang der homosexuellen Erscheinungen mit der
-bisexuellen Anlage jedes tierischen und pflanzlichen Embryo besteht,
-hat man mehrfach, und in jüngster Zeit mit steigender Häufigkeit
-eingesehen. Das Neue in _dieser_ Darstellung ist, daß für sie
-die Homosexualität nicht einen Rückschlag oder eine unvollendete
-Entwicklung, eine mangelhafte Differenzierung des Geschlechtes bedeutet
-wie für jene Untersuchungen, daß ihr die Homosexualität überhaupt keine
-Anomalie mehr ist, die nur vereinzelt dastünde und als Rest einer
-früheren Undifferenziertheit in die sonst völlig vollzogene Sonderung
-der Geschlechter hereinragte. _Sie reiht vielmehr die Homosexualität
-als die Geschlechtlichkeit der sexuellen Mittelstufen ein in den
-kontinuierlichen Zusammenhang der sexuellen Zwischenformen_, die ihr
-als einzig real gelten, indes die Extreme ihr nur Idealfälle sind.
-Ebenso wie nach ihr alle Wesen auch _heterosexuell_ sind, so sind ihr
-darum _alle auch homosexuell_.
-
-Daß in _jedem_ menschlichen Wesen, entsprechend dem _mehr_ oder
-_minder_ rudimentär gewordenen _anderen_ Geschlecht, auch die Anlage
-zur Homosexualität, wenn auch noch schwach, vorhanden ist, wird
-besonders klar erwiesen durch die Tatsache, daß im Alter _vor_ der
-Pubertät, wo noch eine verhältnismäßige Undifferenziertheit herrscht,
-wo noch nicht die innere Sekretion der Keimdrüsen vollends über den
-Grad der einseitigen sexuellen Ausprägung entschieden hat, jene
-schwärmerischen »Jugendfreundschaften« die Regel sind, die nie eines
-sinnlichen Charakters ganz entbehren, und zwar sowohl beim männlichen
-wie beim weiblichen Geschlecht.
-
-Wer freilich über jenes Alter _hinaus_ noch sehr von »Freundschaft«
-mit dem eigenen Geschlecht übermäßig schwärmt, hat schon einen
-starken Einschlag vom anderen in sich; eine noch weit vorgerücktere
-Zwischenstufe markieren aber jene, die von Kollegialität zwischen den
-»beiden Geschlechtern« begeistert sind, mit dem anderen Geschlecht,
-das ja doch nur das ihrige ist, ohne über die eigenen Gefühle wachen
-zu müssen, kameradschaftlich verkehren können, von ihm zu Vertrauten
-gemacht werden, und ein derartiges »ideales«, »reines« Verhältnis
-auch anderen aufdrängen wollen, die es weniger leicht haben, rein zu
-bleiben.
-
-Es gibt auch keine Freundschaft zwischen Männern, die ganz eines
-Elementes von Sexualität entbehrte, so wenig damit das Wesen der
-Freundschaft bezeichnet, so _peinlich_ sie vielmehr gerade dem Gedanken
-an die Freundschaft, so _entgegensetzt_ sie der _Idee_ der Freundschaft
-ist. Schon daß keine Freundschaft zwischen Männern werden kann, wenn
-die äußere Erscheinung gar keine Sympathie zwischen beiden geweckt
-hat, weil sie dann eben einander nie näher treten werden, ist Beweis
-genug für die Richtigkeit des Gesagten. Sehr viel »Beliebtheit«,
-Protektion, Nepotismus zwischen Männern geht auf solche oft unbewußt
-geschlechtliche Verhältnisse zurück.
-
-Der sexuellen Jugendfreundschaft entspricht vielleicht ein analoges
-Phänomen bei älteren Männern: dann nämlich, wenn mit einer
-greisenhaften Rückbildung der im Mannesalter einseitig entwickelten
-Geschlechtscharaktere die latente Amphisexualität wieder zu Tage
-tritt. Daß so viele Männer von 50 Jahren aufwärts wegen verübter
-»Unsittlichkeitsdelikte« gerichtlich belangt werden, hat möglicherweise
-dies zur Ursache.
-
-Endlich sind homosexuelle Akte in nicht geringer Zahl auch bei Tieren
-beobachtet worden. Die Fälle (nicht alle) hat aus der Literatur in
-verdienstvoller Weise F. _Karsch_ zusammengestellt. Leider geben
-die Beobachter kaum je etwas über die Grade der »Maskulität« und
-»Muliebrität« bei diesen Tieren an. Dennoch kann kein Zweifel sein,
-daß wir es hier mit einem Beweise der Gültigkeit unseres Gesetzes auch
-für die _Tierwelt_ zu tun haben. Wenn man Stiere längere Zeit in einem
-Raume eingesperrt hält, ohne sie zu einer Kuh zuzulassen, so kann
-man mit der Zeit konträrsexuelle Akte zwischen ihnen wahrnehmen; die
-einen, die weiblicheren, verfallen früher, die anderen später darauf,
-manche vielleicht auch nie. (Gerade beim Rinde ist die große Zahl
-sexueller Zwischenstufen bereits festgestellt.) Dies beweist, daß eben
-die Anlage in ihnen vorhanden ist, sie nur vorher ihr Bedürfnis besser
-befriedigen konnten. Die gefangen gehaltenen Stiere benehmen sich
-eben nicht anders, als es so oft in den Gefängnissen der Menschen, in
-Internaten und Konvikten, hergeht. Daß die Tiere ebenfalls nicht nur
-die Onanie (die bei ihnen so wie beim Menschen vorkommt), sondern auch
-die Homosexualität kennen, darin erblicke ich, nachdem es auch unter
-ihnen sexuelle Zwischenformen gibt, eine der stärksten Bestätigungen
-des aufgestellten Gesetzes der sexuellen Anziehung.
-
-_Das konträre Geschlechtsgefühl wird so für diese Theorie keine
-Ausnahme von dem Naturgesetze, sondern nur ein Spezialfall desselben._
-Ein Individuum, das ungefähr zur Hälfte Mann, zur Hälfte Weib ist,
-verlangt eben nach dem Gesetze zu seiner Ergänzung ein anderes,
-das ebenfalls von beiden Geschlechtern etwa gleiche Anteile hat.
-Dies ist der Grund der ja ebenfalls eine Erklärung verlangenden
-Erscheinung, daß die »Konträren« fast immer nur _untereinander_ ihre
-Art von Sexualität ausüben, und nur höchst selten jemand in ihren
-Kreis gerät, der nicht die gleiche Form der Befriedigung sucht wie
-sie -- die sexuelle Anziehung ist wechselseitig -- und _sie_ ist
-der mächtige Faktor, der es bewirkt, daß die Homosexuellen einander
-immer sofort erkennen. So kommt es aber auch, daß die »Normalen« im
-allgemeinen von der ungeheueren Verbreitung der Homosexualität keine
-Ahnung haben, und, wenn er plötzlich von einem solchen Akte hört, der
-ärgste »normalgeschlechtliche« Wüstling zur Verurteilung »solcher
-Ungeheuerlichkeiten« ein volles Recht zu besitzen glaubt. Ein Professor
-der Psychiatrie an einer deutschen Universität hat noch im Jahre 1900
-ernstlich vorgeschlagen, man möge die Homosexuellen einfach kastrieren.
-
-Das therapeutische Verfahren, mit welchem man heute die sexuelle
-Inversion zu bekämpfen sucht (wo man überhaupt einen solchen Versuch
-unternimmt), ist zwar minder radikal als jener Rat, aber es offenbart
-auf dem Wege der Praxis die völlige Unzulänglichkeit so mancher
-theoretischer Vorstellungen über die Natur der Homosexualität.
-Heute behandelt man nämlich -- wie begreiflich, geschieht dies
-hauptsächlich von Seite der Erwerbungstheoretiker -- die betreffenden
-Menschen hypnotisch: man sucht ihnen die Vorstellung des Weibes
-und des »normalen« aktiven Koitus mit demselben auf suggestivem
-Wege beizubringen und sie daran zu gewöhnen. Der Erfolg ist
-eingestandenermaßen ein minimaler.
-
-Das ist von unserem Standpunkt aus auch selbstverständlich. Der
-Hypnotiseur entwirft dem zu Behandelnden das _typische_ (!!) Bild
-des Weibes, das diesem seiner ganzen, angeborenen, gerade seiner
-unbewußten, durch Suggestion schwer angreifbaren Natur nach ein
-Greuel ist. Denn nicht W ist sein Komplement, und nicht zum ersten
-besten Freimädchen, das ihm nur um Geld zu Gefallen ist, darf ihn
-der Arzt schicken, um so diese Kur, welche den Abscheu vor dem
-»normalen« Koitus im Behandelten im allgemeinen noch vermehrt haben
-wird, angemessen zu krönen. Fragen wir unsere Formel nach dem
-Komplemente des Konträrsexuellen, so erhalten wir vielmehr gerade
-das allermännlichste Weib, die Lesbierin, die Tribade. _Tatsächlich
-ist diese auch nahezu das einzige Weib, welches den Konträrsexuellen
-anzieht, das einzige, dem er gefällt._ Wenn also eine »Therapie« der
-konträren Sexualempfindung unbedingt sein muß und auf ihre Ausarbeitung
-nicht verzichtet werden kann, so ergibt diese Theorie den Vorschlag,
-den Konträren an die Konträre, den Homosexuellen an die Tribade zu
-weisen. Der Sinn dieser Empfehlung kann aber nur der sein, _beiden_
-die Befolgung der (in England, Deutschland, Österreich) noch in Kraft
-stehenden Gesetze gegen homosexuelle Akte, die eine Lächerlichkeit
-sind und zu deren Abschaffung diese Zeilen ebenfalls beitragen wollen,
-möglichst leicht zu machen. Der zweite Teil dieser Arbeit wird es
-verständlich werden lassen, _warum_ die aktive Prostituierung eines
-Mannes durch einen mit ihm vollzogenen Sexualakt wie die passive
-Selbsthingabe des anderen Mannes zu einem solchen so viel intensiver
-als eine Schmach empfunden wird, als der sexuelle Verkehr des Mannes
-mit der Frau beide zu entwürdigen scheint. _An und für sich besteht
-aber ethisch gar keine Differenz zwischen beiden._ Trotz all dem heute
-beliebten Geschwätze von dem verschiedenen Rechte für verschiedene
-Persönlichkeiten gibt es nur eine, für alles, was Menschenantlitz
-trägt, gleiche allgemeine Ethik, so wie es nur eine Logik und nicht
-mehrere Logiken gibt. Ganz verwerflich hingegen und auch mit den
-Prinzipien des Strafrechtes, das nur das Verbrechen, nicht die Sünde
-ahndet, völlig _unvereinbar_ ist es, dem Homosexuellen seine Art des
-Geschlechtsverkehres zu verbieten und dem Heterosexuellen die seine zu
-gestatten, wenn beide mit der gleichen Vermeidung des »öffentlichen
-Ärgernisses« sich abspielen. _Logisch_ wäre einzig und allein (vom
-Standpunkte einer reinen Humanität und eines Strafrechtes als nicht
-bloß »abschreckenden« sozialpädagogischen Zwecksystems sehe ich in
-dieser Betrachtung überhaupt ab), die »Konträren« Befriedigung dort
-finden zu lassen, wo sie sie suchen: untereinander.
-
-Diese ganze Theorie scheint völlig widerspruchslos und in sich
-geschlossen zu sein und eine völlig befriedigende Erklärung aller
-Phänomene zu ermöglichen. Nun muß aber die Darstellung mit Tatsachen
-herausrücken, die jener sicher werden entgegengehalten werden, und
-auch wirklich die ganze Subsumtion dieser sexuellen »Perversion« unter
-die sexuellen Zwischenformen und das Gesetz ihres Geschlechtsverkehres
-umzustoßen scheinen. Es gibt nämlich wirklich und ohne allen Zweifel,
-während für die invertierten Frauen die obige Darlegung vielleicht
-ausreicht, Männer, die sehr wenig weiblich sind und auf die doch
-Personen des eigenen Geschlechtes eine sehr starke Wirkung ausüben,
-eine stärkere als auf andere Männer, die vielleicht viel weiblicher
-sind als sie, eine Wirkung ferner, die auch vom männlichen Manne auf
-sie ausgehen kann, eine Wirkung endlich, die oft stärker sein kann
-als der Eindruck, den irgend eine Frau auf jene Männer auszuüben
-imstande ist. Albert _Moll_ sagt mit Recht: »Es gibt psychosexuelle
-Hermaphroditen, die sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen,
-die aber bei jedem Geschlechte nur die typischen Eigenschaften dieses
-Geschlechtes lieben, und anderseits gibt es psychosexuelle [?]
-Hermaphroditen, die nicht beim einzelnen Geschlechte die typischen
-Eigenschaften dieses Geschlechtes lieben, sondern denen diese
-Eigenschaften gleichgültig, zum Teile sogar abstoßend sind.« Auf diesen
-Unterschied bezieht sich nun die in der Überschrift dieses Kapitels
-getroffene _Distinktion zwischen Homosexualität und Päderastie_. Die
-Trennung beider läßt sich wohl begründen; als homosexuell ist derjenige
-Typus von »Perversen« bezeichnet, welcher sehr thelyide Männer _und_
-sehr arrhenoide Weiber bevorzugt, nach dem besprochenen Gesetze; der
-_Päderast hingegen kann sehr männliche Männer, aber ebensowohl sehr
-weibliche Frauen lieben_, das letztere, _$soweit$ er $nicht$ Päderast
-ist. Dennoch wird die Neigung zum männlichen Geschlechte bei ihm
-stärker sein und tiefer gehen als die zum weiblichen._ Die Frage nach
-dem Grunde der Päderastie bildet ein Problem für sich und bleibt für
-diese Untersuchung gänzlich unerledigt.
-
-
-
-
-V. Kapitel.
-
-Anwendung auf die Charakterologie.
-
-
-Vermöge der Tatsache, daß zwischen Physischem und Psychischem eine
-wie immer geartete Korrespondenz besteht, ist von vornherein zu
-erwarten, daß dem weiten Umfange, in welchem unter morphologischen
-und physiologischen Verhältnissen das Prinzip der sexuellen
-Zwischenstufen sich nachweisen ließ, psychologisch eine mindestens
-ebenso reiche Ausbeute entsprechen werde. Sicherlich gibt es auch
-einen psychischen Typus des Weibes und des Mannes (wenigstens
-stellen die bisherigen Ergebnisse die Aufsuchung solcher Typen zur
-Aufgabe), Typen, die von der Wirklichkeit nie erreicht werden, da
-diese von der reichen Folge der sexuellen Zwischenformen im Geistigen
-ebenso erfüllt ist wie im Körperlichen. Das Prinzip hat also die
-größte Aussicht, sich den _geistigen_ Eigenschaften gegenüber zu
-bewähren und das verworrene Dunkel etwas zu lichten, in welches die
-psychologischen Unterschiede _zwischen den einzelnen Menschen_ für
-die Wissenschaft noch immer gehüllt sind. Denn es ist hiemit ein
-Schritt vorwärts gemacht im Sinne einer differenzierten Auffassung
-auch des geistigen Habitus jedes Menschen, man wird auch von dem
-_Charakter_ einer Person wissenschaftlich nicht mehr sagen, er sei
-_männlich_ oder er sei _weiblich schlechthin_, sondern darauf achten
-und danach fragen: _wieviel Mann_, _wieviel Weib_ ist in einem
-Menschen. Hat _er_ oder hat _sie_ in dem betreffenden Individuum
-dies oder jenes getan, gesagt, gedacht? Eine _individualisierende_
-Beschreibung aller Menschen und alles Menschlichen ist hiedurch
-erleichtert, und so liegt die neue Methode in der eingangs
-dargelegten Entwicklungsrichtung aller Forschung: alle Erkenntnis
-hat seit jeher, von Begriffen mittlerer Allgemeinheit ausgehend,
-nach zwei divergierenden Richtungen auseinandergestrebt, dem allem
-Einzelnen gemeinschaftlichen Allgemeinsten nicht allein entgegen,
-sondern ebenso der allereinzelnsten, individuellsten Erscheinung zu.
-Darum ist die Hoffnung wohl begründet, welche von dem Prinzip der
-sexuellen Zwischenformen die stärkste Förderung für die noch ungelöste
-wissenschaftliche Aufgabe einer Charakterologie erwartet, und der
-Versuch berechtigt, es methodisch zu dem Range eines _heuristischen
-Grundsatzes_ in der »Psychologie der individuellen Differenzen« oder
-»differentiellen Psychologie« zu erheben. Und seine Anwendung auf das
-Unternehmen einer Charakterologie, dieses bisher fast ausschließlich
-von Literaten bepflügten, wissenschaftlich noch recht verwahrlosten
-Feldes, ist vielleicht um so freudiger zu begrüßen, als es unmittelbar
-aller quantitativen Abstufungen fähig ist, indem man sozusagen
-den Prozentgehalt an M und W, den ein Individuum besitzt, auch im
-Psychischen aufzusuchen sich nicht wird scheuen dürfen. Daß diese
-Aufgabe mit einer _anatomischen_ Beantwortung der Frage nach der
-sexuellen Stellung eines Organismus zwischen Mann und Weib noch nicht
-gelöst ist, sondern _im allgemeinen_ noch eine besondere Behandlung
-erfordert, selbst wenn _im speziellen_ hier viel öfter Kongruenz als
-Inkongruenz sich nachweisen ließe, ist bereits mit den Ausführungen
-des zweiten Kapitels über die Ungleichmäßigkeiten gegeben, welche
-selbst zwischen den einzelnen _körperlichen_ Teilen und Qualitäten
-des nämlichen Individuums untereinander betreffs des _Grades_ ihrer
-Männlichkeit oder Weiblichkeit bestehen.
-
-Das Nebeneinander von Männlichem und Weiblichem im gleichen Menschen
-ist hiebei nicht als völlige oder annähernde _Simultaneität_ zu
-verstehen. Die wichtige neue Hinzufügung, welche an dieser Stelle
-notwendig wird, ist nicht nur eine erläuternde Anweisung zur
-richtigen psychologischen Verwertung des Prinzipes, sondern auch eine
-bedeutungsvolle Ergänzung der früheren Ausführungen. _Es schwankt oder
-oszilliert nämlich jeder Mensch zwischen dem Manne und dem Weibe in
-ihm hin und her_; wenn auch diese Oszillationen bei dem einen abnorm
-groß, bei dem anderen klein bis zur Unmerklichkeit sein können, _sie
-sind immer da_ und offenbaren sich, wenn sie von einiger Erheblichkeit
-sind, auch durch ein wechselndes körperliches Aussehen der von ihnen
-Betroffenen. Diese _Schwankungen der sexuellen Charakteristik_
-zerfallen, den Schwankungen des Erdmagnetismus vergleichbar, in
-regelmäßige und unregelmäßige. Die regelmäßigen sind entweder kleine
-Oszillationen: z. B. fühlen manche Menschen am Abend männlicher als
-am Morgen; oder sie gehören in das Reich der größeren und großen
-_Perioden_ des organischen Lebens, auf die man kaum erst aufmerksam
-zu werden begonnen hat, und deren Erforschung Licht auf eine noch
-gar nicht absehbare Menge von Phänomenen werfen zu sollen scheint.
-Die unregelmäßigen Schwankungen werden wahrscheinlich durch äußere
-Anlässe, vor allem durch den sexuellen Charakter des Nebenmenschen,
-hervorgerufen. Sie bedingen gewiß zum Teile jene merkwürdigen
-Phänomene der _Einstellung_, welche in der Psychologie einer _Menge_
-die größte Rolle spielen, wenn sie auch bis jetzt kaum die gebührende
-Beachtung gefunden haben. Kurz, die _Bisexualität_ wird sich nicht
-in einem einzigen Augenblicke, sondern kann sich psychologisch nur
-im _Nacheinander_ offenbaren, ob nun diese Differenz der sexuellen
-Charakteristik in der Zeit dem Gesetze einer Periodizität gehorche oder
-nicht, ob die Schwingung nach der Seite des einen Geschlechtes hin eine
-andere Amplitude habe als die Schwingung nach dem anderen Geschlechte
-hin, oder ob der männliche dem weiblichen Schwingungsbauche gleich sei
-(was durchaus nicht der Fall zu sein braucht, im Gegenteile nur ein
-Fall unter unzähligen gleich möglichen ist).
-
-Man dürfte also wohl bereits prinzipiell, noch vor der Erprobung durch
-den ausgeführten Versuch, zuzugeben geneigt sein, daß das Prinzip der
-sexuellen Zwischenformen eine bessere charakterologische Beschreibung
-der Individuen ermöglicht, indem es das Mischungsverhältnis zu suchen
-auffordert, in dem Männliches und Weibliches in jedem einzelnen
-zusammentreten, und die Elongation der Oszillationen zu bestimmen
-gebietet, deren ein Individuum nach beiden Seiten hin fähig ist. Wir
-geraten aber nun vor eine Frage, bezüglich welcher die Darstellung
-sich _hier_ entscheiden muß, indem von ihrer Beantwortung der Gang
-der weiteren Untersuchung fast ausschließlich abhängt. Es handelt
-sich darum, ob diese zuerst das unendlich reiche Gebiet der sexuellen
-Zwischenstufen, _die sexuelle Mannigfaltigkeit im Geistigen_,
-durchmessen und an besonders geeigneten Punkten zu möglichst getreuen
-Aufnahmen der Verhältnisse zu gelangen suchen soll, oder ob sie damit
-zu beginnen hat, _die sexuellen Typen_ festzulegen, die psychologische
-Konstruktion des »idealen Mannes« und des »idealen Weibes« vorzunehmen
-und zu vollenden, bevor sie die verschiedenen Möglichkeiten ihrer
-empirischen Vereinigung in concreto untersucht und prüft, wie weit die
-auf deduktivem Wege gewonnenen Bilder sich mit der Wirklichkeit decken.
-Der erste Weg entspricht der Entwicklung, welche die Gedanken nach der
-allgemeinen Anschauung psychologisch immer nehmen, indem die Ideen
-aus der Wirklichkeit, die sexuellen Typen nur aus der allein realen
-sexuellen Mannigfaltigkeit geschöpft werden können: er wäre induktiv
-und analytisch. Der zweite würde vor dem ersten den Vorzug der formal
-logischen Strenge haben: er wäre deduktiv-synthetisch.
-
-Diesen anderen Weg habe ich aus dem Grunde nicht einschlagen wollen,
-weil die Anwendung zweier bereits wohl definierter Typen auf die
-konkrete Wirklichkeit jedermann leicht in voller Selbständigkeit
-machen kann, indem sie nur die (für jeden Fall ohnedies stets neu
-und besonders zu gewinnende) Kenntnis des _Mischungsverhältnisses_
-beider voraussetzt, um schon die Möglichkeit zu gestatten, Theorie
-und Praxis zur Deckung zu bringen; sodann weil (gesetzt auch, es
-würde die außerhalb der Kompetenz des Verfassers liegende Form
-historisch-biographischer Untersuchung gewählt) Gesagtes immerfort zu
-wiederholen wäre, und dem Interesse an den Einzelpersonen aller, der
-Theorie kein Gewinn mehr aus dieser Verzweigung ins Detail erwüchse.
-Der erste, der induktive Weg ist darum nicht gangbar, weil in diesem
-Falle die Menge der Wiederholungen auf den Teil entfiele, welcher
-die Tafel der Gegensätze der sexuellen Typen entrollen würde, und
-zudem das vorhergehende Studium der sexuellen Zwischenstufen und die
-es begleitende Präparation der Typen langwierig, zeitraubend und ohne
-Nutzen für den Leser wäre.
-
-Eine andere Erwägung mußte also die Einteilung bestimmen.
-
-Da die morphologische und physiologische Erforschung der sexuellen
-Extreme nicht meine Sache war, wurde nur das Prinzip der
-Zwischenformen, dieses aber nach allen Seiten hin, denen es Aufklärung
-bringen zu können schien, also auch vom biologischen Standpunkte aus
-behandelt. So bekam das Ganze der vorliegenden Arbeit seine Gestalt.
-Die eben erwähnte Betrachtung der Zwischenstufen bildet ihren ersten
-Teil, während der zweite die rein _psychologische Analyse von M und
-W_ in Angriff nehmen und so weit und tief als möglich fortzuführen
-trachten wird. Die konkreten Fälle wird sich, in Anwendung der
-eventuell daselbst zu gewinnenden Erkenntnisse, ein jeder selbsttätig
-immer zusammensetzen und sie mit den dort zu gewinnenden Anschauungen
-und Begriffen leicht abbilden können. Dieser zweite Teil wird sich auf
-die bekannten und gangbaren Meinungen über die geistigen Unterschiede
-zwischen den Geschlechtern nur sehr wenig stützen können. Hier jedoch
-will ich, bloß der Vollständigkeit halber und ohne der Sache eine
-besondere Wichtigkeit beizumessen, die sexuellen Zwischenstufen des
-psychischen Lebens in aller Kürze an einigen Punkten auftreten lassen,
-Punkten, die nur ein paar insgemein bekannte Eigentümlichkeiten, welche
-hier noch keiner näheren Analyse unterzogen werden sollen, in einigen
-Modifikationen sichtbar werden lassen.
-
-Weibliche Männer haben oft ein ungemein starkes Bedürfnis zu heiraten,
-mögen sie (was ich erwähne, um Mißverständnissen vorzubeugen) materiell
-noch so glänzend gestellt sein. Sie sind es auch, die, wenn sie können,
-fast immer sehr jung in die Ehe treten. Es wird ihnen oft besonders
-schmeicheln, eine berühmte Frau, eine Dichterin oder Malerin, die aber
-auch eine Sängerin oder Schauspielerin sein kann, zur Gattin zu haben.
-
-Weibliche Männer sind ihrer Weiblichkeit gemäß auch körperlich eitler
-als die anderen unter den Männern. Es gibt auch »Männer«, die auf
-die Promenade gehen, um ihr Gesicht, welches, als Weibergesicht, die
-Absicht seines Trägers meist hinreichend verrät, bewundert zu fühlen
-und dann befriedigt nach Hause zu gehen. Das Urbild des Narciß ist
-ein solcher »Mann« gewesen. Dieselben Personen sind natürlich auch,
-was Frisur, Kleidung, Schuhwerk, Wäsche anlangt, ungemein sorgfältig,
-ihrer momentanen Körperhaltung und ihres Aussehens an jedem bestimmten
-Tage, der kleinsten Einzelheiten ihrer Toilette, des vorübergehendsten
-Blickes, der von anderer Menschen Augen auf sie fällt, sich fast
-ebenso bewußt, wie W es stets ist, ja in Gang und Geberde oft geradezu
-kokett. Bei den Viragines hingegen nimmt man oft grobe Vernachlässigung
-der Toilette und Mangel an Körperpflege wahr; sie sind mit dem
-Ankleiden oft viel schneller fertig als mancher weibliche Mann. Das
-ganze »Gecken«- oder »Gigerl«tum geht, ebenso wie zum Teile die
-Frauenemanzipation, auf die jetzige Vermehrung dieser Zwittergeschöpfe
-zurück; das ist alles mehr als »bloße Mode«. Es fragt sich eben immer,
-_warum_ etwas zur Mode werden kann, und es gibt wohl überhaupt weniger
-»bloße Mode«, als der oberflächlich _kritisierende_ Zuschauer wähnt.
-
-Je mehr von W eine Frau hat, desto weniger wird sie den Mann
-_verstehen_, umso stärker jedoch wird er _in seiner geschlechtlichen
-Eigentümlichkeit_ auf sie _wirken_, um so mehr Eindruck als Mann auf
-sie machen. Dies ist nicht nur aus dem bereits erläuterten Gesetze der
-sexuellen Anziehung zu verstehen, sondern geht darauf zurück, daß eine
-Frau um so eher ihr Gegenteil aufzufassen in der Lage sein wird, je
-reiner weiblich sie ist. Umgekehrt wird einer, je mehr von M er hat,
-desto weniger W zu _verstehen_ in der Lage sein, desto _eindringlicher_
-jedoch werden die Frauen ihrem ganzen _äußeren_ Wesen nach, in ihrer
-Weiblichkeit, sich ihm _darstellen_. Die sogenannten »Frauenkenner«,
-d. h. solche, die nichts mehr sind als nur »Frauenkenner«, sind darum
-alle zum guten Teile selbst Weiber. Die weiblicheren Männer wissen
-denn auch oft die Frauen viel besser zu behandeln als Vollmänner, die
-das erst nach langen Erfahrungen und, von ganz bestimmten Ausnahmen
-abgesehen, wohl überhaupt nie völlig erlernen.
-
-An diese paar Illustrationen, welche die Verwendbarkeit des
-Prinzipes an Beispielen veranschaulichen sollen, die absichtlich der
-_trivialsten_ Sphäre der tertiären Geschlechtscharaktere entnommen
-wurden, möchte ich die naheliegenden Anwendungen schließen, die sich
-mir aus ihm für die Pädagogik zu ergeben scheinen. _Eine_ Wirkung
-nämlich erhoffe ich vor allem von einer allgemeinen Anerkennung des
-Gemeinschaftlichen, das diesen und den früheren Tatsachen wie so
-vielen anderen noch zu Grunde liegt: _eine mehr individualisierende
-Erziehung_. Jeder Schuster, der den Füßen das Maß nimmt, muß das
-Individualisieren besser verstehen als die heutigen Erzieher in Schule
-und Haus, die nicht zum lebendigen Bewußtsein einer solchen moralischen
-Verpflichtung zu bringen sind! Denn bis jetzt erzieht man die sexuellen
-Zwischenformen (insbesondere unter den Frauen) im Sinne einer möglichst
-extremen Annäherung an ein Mannes- oder Frauenideal von konventioneller
-Geltung, man übt eine geistige Orthopädie in der vollsten Bedeutung
-einer Tortur. Dadurch schafft man nicht nur sehr viel Abwechslung
-aus der Welt, sondern unterdrückt vieles, was keimhaft da ist und
-Wurzel fassen könnte, verrenkt anderes zu unnatürlicher Lage, züchtet
-Künstlichkeit und Verstellung.
-
-Die längste Zeit hat unsere Erziehung uniformierend gewirkt auf
-alles, was mit einer männlichen, und auf alles, was mit einer
-weiblichen Geschlechtsregion zur Welt kommt. Gar bald werden
-»Knaben« und »Mädchen« in verschiedene Gewänder gesteckt, lernen
-verschiedene Spiele spielen, schon der Elementarunterricht ist gänzlich
-getrennt, die »Mädchen« lernen unterschiedslos Handarbeiten etc.
-etc. _Die Zwischenstufen kommen da alle zu kurz._ Wie mächtig aber
-die Instinkte, die »Determinanten« ihrer Naturanlage, in derartig
-mißhandelten Menschen sein können, das zeigt sich oft schon _vor_
-der Pubertät: Buben, die am liebsten mit Puppen spielen, sich von
-ihrem Schwesterlein häkeln und stricken lehren lassen, mit Vorliebe
-Mädchenkleidung anlegen und sich sehr gerne mit weiblichem Vornamen
-rufen hören; Mädchen, die sich unter die Knaben mischen, an deren
-wilderen Spielen teilnehmen wollen und oft auch von diesen ganz als
-ihresgleichen, »kollegial« behandelt werden. Immer aber kommt eine
-durch Erziehung von außen unterdrückte Natur _nach_ der Pubertät zum
-Vorschein: männliche Weiber scheren sich die Haare kurz, bevorzugen
-frackartige Gewänder, studieren, trinken, rauchen, klettern auf die
-Berge, werden passionierte Jägerinnen; weibliche Männer lassen das
-Haupthaar lang wachsen, sie tragen Mieder, zeigen viel Verständnis für
-die Toilettesorgen der Weiber, mit denen sie vom gleichen Interesse
-getragene kameradschaftliche Gespräche zu führen imstande sind; ja
-sie schwärmen denn auch oft aufrichtig von freundschaftlichem Verkehr
-zwischen den beiden Geschlechtern, weibische Studenten z. B. von
-»kollegialem Verhältnis« zu den Studentinnen u. s. w.
-
-Unter der schraubstockartigen Pressung in eine gleichmachende Erziehung
-haben Mädchen und Knaben gleich viel, die letzteren später mehr unter
-ihrer Subsumtion unter das gleiche _Gesetz_, die ersteren mehr unter
-der Schablonisierung durch die gleiche _Sitte_ zu leiden. Die hier
-erhobene Forderung wird darum, fürchte ich, was die Mädchen betrifft,
-mehr passivem Widerstand in den _Köpfen_ begegnen als für die Knaben.
-Hier gilt es vor allem, sich von der gänzlichen Falschheit der weit
-verbreiteten, von Autoritäten des Tages weitergegebenen und immer
-wiederholten Meinung von der _Gleichheit aller »Weiber«_ (»es gibt
-keine Unterschiede, keine Individuen unter den Weibern; wer eine
-kennt, kennt alle«) gründlich zu überzeugen. _Es gibt unter denjenigen
-Individuen, die W näher stehen als M_ (den »Frauen«), _zwar bei weitem
-nicht so viele Unterschiede und Möglichkeiten wie unter den übrigen_ --
-die größere Variabilität der »Männchen« ist nicht nur für den Menschen,
-sondern im Bereiche der ganzen Zoologie eine allgemeine Tatsache, die
-insbesondere von _Darwin_ eingehend gewürdigt worden ist -- _aber
-noch immer Differenzen genug_. Die psychologische Genese jener so
-weit verbreiteten irrigen Meinung ist zum großen Teile die, daß (vgl.
-Kapitel III) jeder Mann in seinem Leben nur _eine_ ganz bestimmte
-Gruppe von Frauen _intimer_ kennen lernt, die _naturgesetzlich_ alle
-untereinander viel Gemeinsames haben. Man hört ja auch von Weibern
-öfters, aus der gleichen Ursache und mit noch weniger Grund: »die
-Männer sind einer wie der andere«. So erklären sich auch manche,
-gelinde gesagt, _gewagte_ Behauptungen vieler Frauenrechtlerinnen über
-den Mann und die angeblich unwahre Überlegenheit desselben: daraus
-nämlich, _was für_ Männer gerade _sie_ in der Regel näher kennen lernen.
-
-_In dem verschieden-abgestuften Beisammensein von M und W_, in dem wir
-ein _Hauptprinzip aller wissenschaftlichen Charakterologie_ erkannt
-haben, sehen wir somit auch eine von der speziellen Pädagogik zu
-beherzigende Tatsache vor uns.
-
-Die Charakterologie verhält sich zu jener Psychologie, welche eine
-»Aktualitätstheorie« des Psychischen eigentlich allein gelten lassen
-dürfte, wie Anatomie zur Physiologie. Da sie stets ein theoretisches
-und praktisches Bedürfnis bleiben wird, ist es notwendig, unabhängig
-von ihrer erkenntnistheoretischen Grundlegung und Abgrenzung
-gegenüber dem Gegenstande der allgemeinen Psychologie, Psychologie
-der individuellen Differenzen treiben zu dürfen. Wer der Theorie vom
-psychophysischen Parallelismus huldigt, wird mit den prinzipiellen
-Gesichtspunkten der bisherigen Behandlung insoferne einverstanden
-sein, als für ihn, ebenso wie ihm Psychologie im engeren Sinne und
-Physiologie (des Zentralnervensystems) Parallelwissenschaften sind,
-_Charakterologie zur Schwester die Morphologie haben muß_. In der
-Tat, von der Verbindung von Anatomie und Charakterologie und der
-wechselseitigen Anregung, die sie voneinander empfangen können, ist für
-die Zukunft noch Großes zu hoffen. Zugleich würde durch ein solches
-Bündnis der _psychologischen Diagnostik_, welche Voraussetzung jeder
-_individualisierenden Pädagogik_ ist, ein unschätzbares Hilfsmittel an
-die Hand gegeben. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen, und mehr
-noch die Methode des _morphologisch-charakterologischen Parallelismus_
-in ihrer _weiteren_ Anwendung gewähren uns nämlich den Ausblick auf
-eine Zeit, wo jene Aufgabe, welche die hervorragendsten Geister stets
-so mächtig angezogen und immer wieder zurückgeworfen hat, wo die
-_Physiognomik_ zu den Ehren einer wissenschaftlichen Disziplin endlich
-gelangen könnte.
-
-Das Problem der Physiognomik ist das Problem einer konstanten Zuordnung
-des _ruhenden_ Psychischen zum _ruhenden_ Körperlichen, wie das Problem
-der physiologischen Psychologie das einer gesetzmäßigen Zuordnung
-des _bewegten_ Psychischen zum _bewegten_ Körperlichen (womit keiner
-speziellen _Mechanik_ der Nervenprozesse das Wort geredet ist). Das
-eine ist gewissermaßen _statisch_, das andere eher rein _dynamisch_;
-prinzipielle Berechtigung aber hat das eine Unternehmen ebensoviel
-oder ebensowenig wie das andere. Es ist also methodisch wie sachlich
-ein großes Unrecht, die Beschäftigung mit der Physiognomik, ihrer
-enormen Schwierigkeiten halber, für etwas so _Unsolides_ zu halten,
-wie das heute, mehr unbewußt als bewußt, in den wissenschaftlichen
-Kreisen der Fall ist und gelegentlich, z. B. gegenüber den von
-_Moebius_ erneuerten Versuchen _Galls_, die Physiognomie des geborenen
-Mathematikers aufzufinden, zu Tage tritt. Wenn es möglich ist, nach dem
-Äußeren eines Menschen, den man nie gekannt hat, sehr viel Richtiges
-über seinen Charakter aus einer unmittelbaren Empfindung heraus,
-nicht auf Grund eines Schatzes bewußter oder unbewußter Erfahrungen,
-zu sagen -- und es gibt Menschen, die diese Fähigkeit in hohem Maße
-besitzen -- so kann es auch kein Ding der Unmöglichkeit sein, zu einem
-wissenschaftlichen System dieser Dinge zu gelangen. Es handelt sich nur
-um die begriffliche Klärung gewisser starker Gefühle, um die Legung des
-Kabels nach dem Sprachzentrum (um mich sehr grob auszudrücken): eine
-Aufgabe, die allerdings oft ungemein schwierig ist.
-
-Im übrigen: es wird noch lange dauern, bis die offizielle Wissenschaft
-die Beschäftigung mit der Physiognomik nicht mehr als etwas höchst
-_Unmoralisches_ betrachten wird. Man wird auf den psychophysischen
-Parallelismus genau so eingeschworen bleiben wie bisher und doch
-zu gleicher Zeit die Physiognomiker als Verlorene betrachten,
-als Charlatane, wie bis vor kurzem die Forscher auf hypnotischem
-Gebiete; trotzdem es keinen Menschen gibt, der nicht unbewußt, keinen
-hervorragenden Menschen, der nicht bewußt Physiognomiker wäre. Der
-Redensart: »Das sieht man ihm an der Nase an« bedienen sich auch Leute,
-die von der Physiognomik als einer Wissenschaft nichts halten, und das
-Bild eines bedeutenden Menschen wie das eines Raubmörders interessiert
-gar sehr auch alle jene, die gar nie das Wort »Physiognomik« gehört
-haben.
-
-In dieser Zeit der hochflutenden Literatur über das Verhältnis des
-Physischen zum Psychischen, da der Ruf: »Hie Wechselwirkung!« von
-einer kleinen, aber mutigen und sich mehrenden Schar dem anderen
-Ruf einer kompakten Majorität: »Hie psychologischer Parallelismus!«
-entgegengesetzt wird, wäre es von Nutzen gewesen, auf diese
-Verhältnisse zu reflektieren. Man hätte sich dann freilich die Frage
-vorlegen müssen, _ob nicht die Setzung einer wie immer gearteten
-Korrespondenz zwischen Physischem und Psychischem eine bisher
-übersehene, apriorische, synthetische Funktion unseres Denkens ist_,
-was mir wenigstens dadurch sicher verbürgt scheint, daß eben jeder
-Mensch die Physiognomik _anerkennt_, insoferne jeder, _unabhängig_
-von der _Erfahrung_, Physiognomik _treibt_. So wenig _Kant_ diese
-Tatsache bemerkt hat, so gibt sie doch seiner Auffassung recht, daß
-über das Verhältnis des Körperlichen zum Geistigen sich _weiter_
-wissenschaftlich nichts beweisen noch ausmachen läßt. Das Prinzip
-einer gesetzmäßigen Relation zwischen Psychischem und Materiellem _muß
-daher als Forschungsgrundsatz heuristisch acceptiert werden_, und es
-bleibt der Metaphysik und Religion vorbehalten, über die Art dieses
-Zusammenhanges, _dessen Tatsächlichkeit a priori für jeden Menschen
-feststeht_, noch nähere Bestimmungen zu treffen.
-
-Ob nun Charakterologie in einer Verbindung mit Morphologie gehalten
-werde oder nicht, für sie allein wie für das Resultat des
-koordinierten Betriebes beider, für die Physiognomik, dürfte es Geltung
-haben, daß die beinahe gänzliche Erfolglosigkeit der bisherigen
-Versuche zur Begründung solcher Wissenschaften zwar auch sonst tief
-genug in der Natur des schwierigen Unternehmens wurzelt, daß aber
-immerhin dem Mangel an einer adäquaten Methode nicht zum geringsten
-Teile dieses Mißlingen zugeschrieben werden muß. Dem Vorschlag, den
-ich im folgenden an Stelle einer solchen entwickle, verdanke ich die
-sichere Leitung durch manches Labyrinth; ich glaube daher nicht zögern
-zu sollen, ihn einer allgemeinen Beurteilung zu unterbreiten.
-
-Die einen unter den Menschen haben die Hunde gern und können die Katzen
-nicht ausstehen, die anderen sehen nur gerne dem Spiel der Kätzchen zu,
-und der Hund ist ihnen ein widerliches Tier. Man ist in solchen Fällen,
-und mit vielem Rechte, stets sehr stolz darauf gewesen, zu fragen:
-_Warum_ zieht der eine die Katze vor, der andere den Hund? Warum? Warum?
-
-Diese Fragestellung scheint jedoch gerade hier nicht sehr fruchtbar.
-Ich glaube nicht, daß _Hume_, und besonders _Mach_ recht haben,
-wenn sie keinen besonderen Unterschied zwischen _simultaner_ und
-_succedaner_ Kausalität machen. Gewisse zweifellose formale Analogien
-werden da recht gewaltsam übertrieben, um den schwanken Bau des
-Systems zu stützen. Das Verhältnis zweier Erscheinungen, die in
-der Zeit regelmäßig aufeinander_folgen_, mit einer regelmäßigen
-Funktionalbeziehung verschiedener _gleichzeitiger_ Elemente zu
-identifizieren, geht nicht an: Nichts berechtigt in Wirklichkeit, von
-Zeit_empfindungen_ zu sprechen, und gar nichts, einen den anderen
-Sinnen koordinierten Zeitsinn anzunehmen; und wer wirklich das
-Zeitproblem erledigt glaubt, wenn er die Zeit und den Stundenwinkel
-der Erde nur eine und dieselbe Tatsache sein läßt, der übersieht
-zum wenigsten dies, daß, sogar im Falle als die Erde plötzlich mit
-ungleichförmiger Geschwindigkeit um ihre Achse sich zu drehen anfinge,
-wir doch nach wie vor die eben apriorische Voraussetzung eines
-gleichförmigen Zeitablaufes machen würden. Die Unterscheidung der
-Zeit von den materialen Erlebnissen, auf welcher die Trennung der
-succedanen von der simultanen Abhängigkeit beruht, und damit die Frage
-nach der _Ursache_ von _Veränderungen_, die Frage nach dem _Warum_ sind
-wohlberechtigt und fruchtbringend, wo Bedingendes und Bedingtes in
-_zeitlicher_ Abfolge _nacheinander_ auftreten. In dem oben als Beispiel
-individualpsychologischer Fragestellung angeführten Falle jedoch sollte
-man in der empirischen Wissenschaft, welche als solche das regelmäßige
-Zusammensein einzelner Züge in einem Komplexe keineswegs durch die
-metaphysische Annahme einer _Substanz erklärt_, nicht sowohl nach dem
-Warum forschen, sondern zunächst untersuchen: _Wodurch unterscheiden
-sich Katzen- und Hundeliebhaber_ noch?
-
-Die Gewöhnung, stets diese Frage nach den korrespondierenden _anderen_
-Unterschieden zu stellen, wo zwischen Ruhendem _ein_ Unterschied
-bemerkt worden ist, wird nicht nur der Charakterologie, wie ich glaube,
-von großem Nutzen sein können, sondern auch der reinen Morphologie
-und somit naturgemäß die Methode ihrer Verbindung, der Physiognomik,
-werden. _Aristoteles_ ist es bereits aufgefallen, daß viele Merkmale
-bei den Tieren nie unabhängig voneinander variieren. Später haben,
-zuerst bekanntlich _Cuvier_, sodann _Geoffroy_ St. _Hilaire_ und
-_Darwin_ diese Erscheinungen der »Korrelation« zum Gegenstande
-eingehenden Studiums gemacht. Das Bestehen konstanter Beziehungen kann
-hie und da leicht aus einem einheitlichen Zwecke verstanden werden: so
-wird man es teleologisch geradezu erwarten, daß, wo der Verdauungskanal
-für Fleischnahrung adaptiert ist, auch Kauapparate und Organe für
-das Ergreifen von Beute vorhanden sein müssen. Warum aber alle
-Wiederkäuer auch Zweihufer und im männlichen Geschlechte Hörnerträger
-sind, warum Immunität gegen gewisse Gifte bei manchen Tieren stets
-mit einer bestimmten Haarfarbe einhergeht, warum unter den Tauben
-die Spielarten mit kurzem Schnabel kleine, die mit langem Schnabel
-große Füße haben, oder gar, warum weiße Katzen mit blauen Augen immer
-taub sind, solche Regelmäßigkeiten des Nebeneinander sind weder aus
-einem einzigen offenbaren Grunde noch auch unter dem Gesichtspunkte
-eines einheitlichen Zweckes zu begreifen. Damit ist natürlich nicht
-gesagt, daß die Forschung nun prinzipiell in alle Ewigkeit mit der
-bloßen Konstatierung eines steten Beisammenseins sich zu begnügen habe.
-Das wäre ja so, als würde jemand zum ersten Male wissenschaftlich
-vorzugehen behaupten, indem er sich darauf _beschränke, vorzufinden_:
-»Wenn ich in einen Automaten ein Geldstück werfe, so kommt eine
-Schachtel Zündhölzer heraus«; was darüber gehe, sei Metaphysik und von
-Übel, das Kriterium des echten Forschers sei Resignation. Probleme
-der Art, woher es komme, daß langes Kopfhaar und zwei normale Ovarien
-sich fast ausnahmslos in denselben Menschen vereinigt finden, sind
-von der größten Bedeutung; aber sie fallen eben nicht in den Bereich
-der _Morphologie_, sondern in den der _Physiologie_. Vielleicht
-ist ein _Ziel_ einer _idealen Morphologie_ mit der Anschauung gut
-bezeichnet, daß diese _in einem deduktiv-synthetischen Teile_ nicht
-jeder einzeln existierenden Art und Spielart nachkriechen solle
-in Erdlöcher und nachtauchen auf den Meeresgrund -- das ist die
-Wissenschaftlichkeit des Briefmarkensammlers -- sondern aus einer
-_vorgegebenen Anzahl_ qualitativ und quantitativ genau bestimmter
-Stücke in der Lage sein werde, den _ganzen_ Organismus zu konstruieren,
-nicht auf Grund einer Intuition, wie dies ein _Cuvier_ vermochte,
-sondern in strengem Beweisverfahren. Ein Organismus nämlich, von dem
-man ihr irgend eine Eigenschaft genau bekanntgegeben hätte, müßte für
-diese Wissenschaft der Zukunft bereits noch durch eine andere, nun
-nicht mehr willkürliche, sondern damit in ebensolcher Genauigkeit
-bereits bestimmbare Eigenschaft beschränkt sein. In der Sprache der
-Thermodynamik unserer Tage ließe sich das ebensogut durch die Forderung
-ausdrücken, daß für eine solche _deduktive_ Morphologie der Organismus
-nur eine endliche Zahl von »Freiheitsgraden« besitzen dürfte. Oder man
-könnte, eine lehrreiche Ausführung _Machs_ benützend, verlangen, daß
-auch die organische Welt, sofern sie wissenschaftlich begreifbar und
-darstellbar, eine solche sei, in der zwischen n Variablen eine Zahl
-von Gleichungen bestehe, die kleiner sei als n (und zwar gleich n-1,
-wenn sie durch ein wissenschaftliches System _eindeutig_ bestimmbar
-sein soll; die Gleichungen würden bei geringerer Zahl zu unbestimmten
-Gleichungen werden, und bei einer größeren Zahl könnte der durch eine
-Gleichung ausgesagten Abhängigkeit von einer zweiten ohne weiters
-widersprochen werden).
-
-Dies ist die logische Bedeutung des Korrelationsprinzipes in der
-Biologie: es enthüllt sich als die Anwendung des _Funktionsbegriffes_
-auf das Lebendige, und darum liegt in der Möglichkeit _seiner_
-Ausbreitung und Vertiefung die Hoffnung auf eine theoretische
-Morphologie hauptsächlich begründet. Die kausale Forschung ist damit
-nicht ausgeschlossen, sondern erst auf ihr eigenstes Gebiet verwiesen.
-Im _Idioplasma_ wird sie wohl die Gründe jener Tatsachen aufzufinden
-trachten müssen, die dem Korrelationsprinzipe zu Grunde liegen.
-
-Die Möglichkeit einer _psychologischen_ Anwendung des Prinzipes
-der korrelativen Abänderung liegt nun in der »differentiellen
-Psychologie«, in der _psychologischen Varietätenlehre_, vor. Und die
-eindeutige Zuordnung von anatomischem Habitus und geistigem Charakter
-wird zur Aufgabe der _statischen Psychophysik oder Physiognomik_.
-Die Forschungsregel aller drei Disziplinen wird aber die Frage
-zu sein haben, worin sich zwei Lebewesen, die in einer Beziehung
-ein differentes Verhalten gezeigt haben, _noch_ unterscheiden.
-Die hier geforderte Art der Fragestellung scheint mir der einzig
-denkbare »Methodus inveniendi«, gleichsam die »Ars magna« jener
-Wissenschaften, und geeignet, die ganze Technik des Betriebes derselben
-zu durchdringen. Man wird nun, um einen charakterologischen Typus zu
-ergründen, nicht mehr bloß durch die nur bohrende Frage nach dem Warum,
-unter möglichst hermetischer Absperrung, in einem Loche hartes Erdreich
-aufzugraben sich mühen, nicht wie jene stereotropischen Würmer _Jacques
-Loebs_ an einem Dreikant immer von neuem sich verbluten, nicht durch
-Scheuklappen die Aussicht auf das erreichbare Daneben sich versperren,
-um geradeaus in der Tiefendimension dem aller nur _empirischen_
-Wissenschaft unerforschlichen Grunde nachzuschnaufen. Wenn jedesmal,
-ohne irgend welche Nachlässigkeit oder Rücksicht auf Bequemlichkeit,
-beim Sichtbarwerden _einer_ Differenz der Vorsatz gefaßt wird, auf die
-_anderen_ Differenzen zu achten, die nach dem Prinzipe unausweichlich
-_noch_ da sein müssen; wenn jedesmal den unbekannten Eigenschaften,
-welche mit der zur Abhebung gelangten in Funktionalzusammenhang stehen,
-»ein Aufpasser im Intellekte bestellt« wird, dann ist die Aussicht,
-die neuen Korrelationen zu entdecken, bedeutend vermehrt: ist nur
-die Frage gestellt, so wird sich die Antwort, je nach der Ausdauer
-und Wachsamkeit des Beobachters und der Gunst des ihm zur Prüfung
-beschiedenen Materials, früher oder später einstellen.
-
-Jedenfalls wird man, im bewußten Gebrauche dieses Prinzipes, nicht
-mehr lediglich darauf angewiesen sein zu warten, bis endlich einem
-Menschen durch die glückliche Laune einer gedanklichen Konstellation
-das konstante Beisammensein zweier Dinge im selben Individuum
-_auffällt_, sondern man wird lernen, immer _sofort_ nach dem ebenfalls
-vorhandenen _zweiten_ Ding zu _fragen_. Denn wie sehr ist nicht
-bisher alle Entdeckung auf den Zufall einer günstigen Konjunktur der
-Vorstellungen in dem Geiste eines Menschen beschränkt gewesen! Welch
-große Rolle spielt hier nicht die Willkür der Umstände, die zwei
-heterogene Gedankengruppen im geeigneten Moment zu jener gegenseitigen
-Kreuzung zu führen vermögen, aus der das Kind, die neue Einsicht und
-Anschauung, einzig geboren werden kann! Diese Rolle zu vermindern,
-scheint die neue Fragestellung und der Wille, sie in jedem Einzelfalle
-zu befolgen, außerordentlich befähigt. Bei der Succession der Wirkung
-auf die Ursache ist die psychologische Veranlassung zur Frage aus dem
-Grunde eher da, weil jede Verletzung der Stabilität und Kontinuität
-in einem vorhandenen psychischen Bestande unmittelbar beunruhigend
-wirkt, eine »Vitaldifferenz setzt« (_Avenarius_). _Wo gleichzeitige
-Abhängigkeit besteht, fällt aber diese Triebkraft weg._ Darum könnte
-diese Methode dem Forscher selbst inmitten seiner Tätigkeit die
-größten Dienste leisten, ja den Fortschritt der Wissenschaft insgesamt
-beschleunigen; die Erkenntnis von der heuristischen Anwendbarkeit des
-Korrelationsprinzipes es wäre eine Einsicht, die fortzeugend immer neue
-Einsicht könnte gebären helfen.
-
-
-
-
-VI. Kapitel.
-
-Die emanzipierten Frauen.
-
-
-Im unmittelbaren Anschluß an die differentiell-psychologische
-Verwertung des Prinzipes der sexuellen Zwischenformen muß zum ersten
-Male auf jene Frage eingegangen werden, deren theoretischer und
-praktischer Lösung dieses Buch recht eigentlich gewidmet ist, soweit
-sie nicht theoretisch eine Frage der Ethnologie und Nationalökonomie,
-also der Sozialwissenschaft im weitesten Sinne, praktisch eine
-Frage der Rechts- und Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist:
-auf die _Frauenfrage_. Die Antwort, welche dieses Kapitel auf die
-Frauenfrage geben soll, ist indes nicht eine, mit der für das Ganze
-der Untersuchung das Problem erledigt wäre. Sie ist vielmehr bloß
-eine vorläufige, da sie nicht mehr geben kann, als aus den bisherigen
-Prinzipien ableitbar ist. Sie bewegt sich gänzlich in den Niederungen
-der Einzelerfahrung, von der sie nicht zu allgemeinen Grundsätzen
-von tieferer Bedeutung sich zu erheben trachtet; die praktischen
-Anweisungen, die sie gibt, sind keine Maximen eines sittlichen
-Verhaltens, das künftige Erfahrung regulieren sollte oder könnte,
-sondern nur aus vergangener Erfahrung abstrahierte technische Regeln
-zu einem sozialdiätetischen Gebrauche. Der Grund ist, daß hier noch
-keineswegs an die Erfassung des männlichen und weiblichen Typus
-geschritten wird, die Sache des zweiten Teiles verbleibt. Diese
-provisorische Betrachtung soll nur diejenigen charakterologischen
-_Ergebnisse des Prinzipes der Zwischenformen bringen, welche für die
-Frauenfrage von Bedeutung sind_.
-
-Wie diese Anwendung ausfallen wird, liegt nach dem Bisherigen ziemlich
-offen zu Tage. Sie gipfelt darin, daß _Emanzipationsbedürfnis und
-Emanzipationsfähigkeit einer Frau nur in dem Anteile an M begründet
-liegt, den sie hat_. Der Begriff der Emanzipation ist aber ein
-_vieldeutiger_, und seine Unklarheit zu steigern lag im Interesse
-aller jener mit dem Worte oft verfolgten praktischen Absichten,
-die theoretische Einsichten zu vertragen nicht vermochten. Unter
-der Emanzipiertheit einer Frau verstehe ich weder die Tatsache,
-daß in ihrem Hause sie das Regiment führt und der Gatte keinen
-Widerspruch mehr wagt, noch den Mut, ohne schützenden Begleiter zur
-Nachtzeit unsichere Gegenden zu passieren; weder ein Hinwegsetzen
-über konventionelle gesellschaftliche Formen, welche der Frau das
-Alleinleben fast verbieten, es nicht dulden, daß sie einem Manne einen
-Besuch abstatte, und die Berührung sexueller Themen durch sie selbst
-oder durch andere in ihrer Gegenwart verpönen; noch schließlich die
-Suche nach einem selbständigen Erwerb, sei als Mittel zu diesem nun
-die Handelsschule oder das Universitätsstudium, das Konservatorium
-oder die Lehrerinnenbildungsanstalt gewählt. Vielleicht gibt es noch
-weitere Dinge, die samt und sonders unter dem großen Schilde der
-Emanzipationsbewegung sich bergen, doch soll auf diese vorderhand
-nicht eingegangen werden. Die Emanzipation, die ich im Sinne habe,
-ist auch nicht der Wunsch nach der äußerlichen Gleich_stellung_
-mit dem Manne, sondern _problematisch_ ist dem hier vorliegenden
-Versuche, zur Klarheit in der Frauenfrage zu gelangen, der _Wille_
-eines _Weibes_, dem Manne _innerlich gleich zu werden_, zu seiner
-geistigen und moralischen Freiheit, zu seinen Interessen und seiner
-Schaffenskraft zu gelangen. Und was nun behauptet wird, ist dies, _daß
-W gar kein Bedürfnis und dementsprechend auch keine Fähigkeit zu dieser
-Emanzipation hat. Alle wirklich nach Emanzipation strebenden, alle mit
-einem gewissen Recht berühmten und geistig irgendwie hervorragenden
-Frauen weisen stets zahlreiche männliche Züge auf, und es sind an ihnen
-dem schärferen Blicke auch immer anatomisch-männliche Charaktere,
-ein körperlich dem Manne angenähertes Aussehen, erkennbar._ Nur den
-_vorgerückteren_ sexuellen Zwischenformen, man könnte beinahe schon
-sagen jenen sexuellen Mittelstufen, die gerade noch den »Weibern«
-beigezählt werden, entstammen jene Frauen der Vergangenheit wie
-der Gegenwart, die von männlichen und weiblichen Vorkämpfern der
-Emanzipationsbestrebungen zum Beweise für die großen Leistungen von
-_Frauen_ immer mit Namen angeführt werden. Gleich die erste der
-geschichtlichen Abfolge nach, gleich _Sappho_ ist _konträr_sexuell,
-ja von ihr schreibt sich die Bezeichnung eines geschlechtlichen
-Verhältnisses zwischen Frauen mit dem Namen der sapphischen oder
-lesbischen Liebe her. Hier sehen wir, wie uns die Erörterungen des
-dritten und vierten Kapitels zugute kommen für eine Entscheidung in
-der Frauenfrage. Das charakterologische Material, welches uns über die
-sogenannten »bedeutenden Frauen«, also über die de facto Emanzipierten,
-zu Gebote steht, ist zu dürftig, seine Interpretation zu vielem
-Widerspruche ausgesetzt, als daß wir uns seiner mit der Hoffnung
-bedienen könnten, eine _zufriedenstellende_ Lösung zu geben. Wir
-bedurften eines Prinzipes, welches die Stellung eines Menschen zwischen
-M und W unzweideutig festzustellen gestattete. Ein solches Prinzip
-wurde gefunden in dem Gesetze der sexuellen Anziehung zwischen Mann
-und Weib. Seine Anwendung auf das Problem der Homosexualität ergab,
-daß die zur Frau sexuell hingezogene Frau eben ein halber Mann ist.
-Damit ist aber für den historischen Einzelnachweis der These, daß der
-Grad der Emanzipiertheit einer Frau mit dem Grade ihrer Männlichkeit
-identisch ist, so ziemlich alles gewonnen, dessen wir bedürfen. Denn
-Sappho _leitet_ die Reihe jener Frauen, die auf der Liste weiblicher
-Berühmtheiten stehen und die zugleich homo- oder mindestens bisexuell
-empfanden, _nur ein_. Man hat Sappho von philologischer Seite sehr
-eifrig von dem Verdachte zu reinigen gesucht, daß sie wirkliche, das
-bloß Freundschaftliche übersteigende Liebesverhältnisse mit Frauen
-unterhalten habe, als ob dieser Vorwurf, wenn er gerechtfertigt wäre,
-eine Frau sittlich sehr stark herabwürdigen müßte. Daß dem keineswegs
-so ist, daß eine unsinnliche homosexuelle Liebe gerade das Weib mehr
-ehrt als das heterosexuelle Verhältnis, das wird aus dem zweiten Teile
-noch klar hervorgehen. Hier genüge die Bemerkung, daß die Neigung zu
-lesbischer Liebe in einer Frau eben _Ausfluß ihrer Männlichkeit, diese
-aber Bedingung ihres Höherstehens ist_. _Katharina II. von Rußland_ und
-die Königin _Christine von Schweden_, nach einer Angabe die hochbegabte
-taubstummblinde _Laura Bridgman_, sowie sicherlich die _George Sand_
-sind zum Teil bisexuell, zum Teil ausschließlich homosexuell, ebenso
-wie alle Frauen und Mädchen von auch nur einigermaßen in Betracht
-kommender Begabung, die ich selbst kennen zu lernen Gelegenheit hatte.
-
-Was nun aber jene große Zahl emanzipierter Weiber betrifft, über die
-keine Zeugnisse lesbischen Empfindens vorliegen, so verfügen wir
-hier fast immer über andere Indizien, welche beweisen, daß es keine
-willkürliche Behauptung und auch kein engherziger, für das männliche
-Geschlecht eben _alles_ zu reklamieren gieriger, habsüchtiger Egoismus
-ist, wenn ich von der Männlichkeit aller Frauen spreche, die man sonst
-mit einigem Rechte für die höhere Befähigung des Weibes anführt. Denn
-wie die bisexuellen Frauen entweder mit männlichen Weibern oder mit
-weiblichen Männern in geschlechtlichem Verkehre stehen, so werden
-auch die heterosexuellen Frauen ihren Gehalt an Männlichkeit noch
-immer dadurch offenbaren, daß ihr sexuelles Komplement auf Seite der
-Männer nie ein echter Mann sein wird. Die berühmtesten unter den
-vielen »Verhältnissen« der _George Sand_ sind das mit _Musset_, dem
-weibischesten Lyriker, den die Geschichte kennt, und mit _Chopin_,
-den man sogar als den einzigen weiblichen Musiker bezeichnen könnte
--- so weibisch ist er.[10] _Vittoria Colonna_ ist weniger berühmt
-durch ihre eigene dichterische Produktion geworden als durch die
-Verehrung, die _Michel Angelo_ für sie gehegt hat, der sonst nur zu
-Männern in erotischem Verhältnis gestanden ist. Die Schriftstellerin
-_Daniel Stern_ war die Geliebte desselben _Franz Liszt_, dessen Leben
-und Lebenswerk durchaus immer etwas Weibliches an sich hat, dessen
-Freundschaft für den auch nicht vollkommen männlichen und jedenfalls
-etwas päderastisch veranlagten _Wagner_ fast ebensoviel Homosexualität
-in sich schloß, wie die schwärmerische Verehrung, die dem letzteren von
-König _Ludwig_ II. von _Bayern_ entgegengebracht wurde. Von Mme. _de
-Stael_, deren Schrift über Deutschland vielleicht als das bedeutendste
-Buch von Frauenhand angesehen werden muß, ist es wahrscheinlich, daß
-sie in sexuellen Beziehungen zu dem homosexuellen Hauslehrer ihrer
-Kinder, zu _August Wilhelm Schlegel_, gestanden ist. _Klara Schumanns_
-Gatten würde man bloß dem Gesichte nach zu gewissen Zeiten seines
-Lebens eher für ein Weib halten, denn für einen Mann, und auch in
-seiner Musik ist viel, wenn auch nicht immer gleich viel, Weiblichkeit.
-
-Wo alle Angaben über die Menschen fehlen, zu welchen eine sexuelle
-Beziehung bestand, oder solche Personen überhaupt nicht genannt
-werden, da ist oft reichlich Ersatz in kleinen Mitteilungen, die
-über das Äußere berühmter Frauen auf uns gelangt sind: sie zeigen,
-wie die Männlichkeit jener Frauen auch physiognomisch in Antlitz und
-Gestalt zum Ausdruck kommt und bestätigen auf diese Weise, ebenso wie
-die von jenen Frauen erhaltenen Porträts, die Richtigkeit der hier
-vertretenen Anschauung. Es ist die Rede von _George Eliots_ breiter,
-mächtiger Stirn: »ihre Bewegungen wie ihr Mienenspiel waren scharf
-und bestimmt, es fehlte ihnen aber die anmutige weibliche Weichheit«;
-von dem »_scharfen_, geistvollen Gesicht _Lavinia Fontanas_, das
-uns seltsam anmutet«. Die Züge der _Rachel Ruysch_ »tragen einen
-Charakter von fast männlicher Bestimmtheit an sich«. Der Biograph der
-originellsten Dichterin, der _Annette von Droste-Hülshoff_, berichtet
-von ihrer »elfenhaft schlanken, zarten Gestalt«; und das Gesicht
-dieser Künstlerin ist von einem Ausdruck strenger Männlichkeit, der
-ganz entfernt an _Dantes_ Züge erinnert. Die Schriftstellerin und
-Mathematikerin _Sonja Kowalewska_ hatte, ebenso wie schon Sappho, einen
-abnorm geringen Haarwuchs des Kopfes, einen geringeren noch, als die
-Dichterinnen und Studentinnen von heutzutage ihn gewöhnlich haben, die
-sich regelmäßig, wenn die Frage nach den geistigen Leistungen des
-Weibes aufgeworfen wird, zuerst auf sie berufen. Und wer im Gesichte
-der hervorragendsten Malerin, der _Rosa Bonheur_, auch nur _einen_
-weiblichen Zug wahrzunehmen behauptete, der wäre durch den Klang des
-Namens in die Irre geführt. Sehr männlich von Ansehen ist auch die
-berühmte _Helene Petrowna Blavatsky_. Von den noch lebenden produktiven
-und emanzipierten Frauen habe ich mit Absicht keine erwähnt,
-sondern geschwiegen, obwohl _sie_ mir, wie den Anreiz zu manchen
-der ausgesprochenen Gedanken, so auch die allgemeinste Bestätigung
-meiner Ansicht geliefert haben, daß das echte Weib, daß W mit der
-»Emanzipation des Weibes« nichts zu schaffen hat. Die historische
-Nachforschung muß dem Volksmund recht geben, der ihr Resultat
-längst vorweggenommen hat: »Je länger das Haar, desto kürzer der
-Verstand«. Dieses Wort trifft zu mit der im zweiten Kapitel gemachten
-Einschränkung.
-
-Und was die emanzipierten Frauen anlangt: _Nur der Mann in ihnen ist
-es, der sich emanzipieren will._
-
-Es hat einen tieferen Grund, als man glaubt, warum die
-schriftstellernden Frauen so oft einen Männernamen annehmen: sie
-fühlen sich eben beinahe als Mann, und bei Personen wie _George
-Sand_ entspricht dies völlig ihrer Neigung zu männlicher Kleidung
-und männlicher Beschäftigung. Das Motiv zur Wahl eines männlichen
-Pseudonyms muß in dem Gefühle liegen, daß nur ein solches der eigenen
-Natur korrespondiert; es kann nicht in dem Wunsche nach größerer
-Beachtung und Anerkennung von Seite der Öffentlichkeit wurzeln. Denn
-was Frauen produzieren, hat seit jeher, infolge der damit verbundenen
-geschlechtlichen Pikanterie, mehr Aufmerksamkeit erregt als, ceteris
-paribus, die Schöpfungen von Männern, und ist, wegen der von Anfang
-an immer tiefer gestimmten Ansprüche, stets nachsichtiger behandelt,
-wenn es gut war, stets unvergleichlich höher gepriesen worden, als was
-Männer gleich Gutes geleistet hatten. So ist das besonders heutzutage,
-und es gelangen noch fortwährend Frauen durch Produkte zu großem
-Ansehen, von denen man kaum Notiz nehmen würde, wenn sie männlichen
-Ursprunges wären. Es ist Zeit, hier zu sondern und auszuscheiden.
-Man nehme nur zum Vergleiche die männlichen Schöpfungen, welche die
-Literatur-, Philosophie-, Wissenschafts- und Kunstgeschichte gelten
-lassen und gebrauche diese als Maßstab: und man wird die immerhin
-nicht unbeträchtliche Zahl jener Frauen, die als bedeutende Geister
-immer wieder angeführt werden, gleich auf den ersten Schlag kläglich
-zusammenschrumpfen sehen. In der Tat gehört sehr viel Milde und Laxheit
-dazu, um Frauen wie _Angelika Kauffmann_ oder _Mme. Lebrun_, _Fernan
-Caballero_ oder _Hroswitha von Gandersheim_, _Mary Somerville_ oder
-_George Egerton_, _Elizabeth Barrett Browning_ oder _Sophie Germain_,
-_Anna Maria Schurmann_ oder _Sibylla Merian_ auch nur ein Titelchen von
-_Bedeutung_ beizulegen. Ich will davon nicht reden, wie sehr auch die
-früheren, als Beispiele der Viraginität genannten Frauen im einzelnen
-überschätzt werden; ich will auch das Maß des Ruhmes nicht kritisieren,
-den die lebenden weiblichen Künstlerinnen geerntet haben. Es genüge die
-allgemeine Feststellung, daß keine einzige unter _allen_ Frauen der
-Geistesgeschichte auch nur mit männlichen Genien fünften und sechsten
-Ranges, wie ihn, um Beispiele anzuführen, etwa _Rückert_ unter den
-Dichtern, _van Dyck_ unter den Malern, _Schleiermacher_ unter den
-Philosophen einnehmen, in concreto wahrhaft verglichen werden kann.
-
-Scheiden wir die hysterischen Visionärinnen, wie _die Sibyllen_,
-die _Pythien von Delphi_, die _Bourignon_ und die _Klettenberg_,
-_Jeanne de la Motte Guyon_, _Johanna Southcott_, _Beate Sturmin_,
-oder die _heilige Therese_ vorderhand aus, so bleiben nun noch Fälle
-wie die der _Marie Bashkirtseff_. Diese ist (soweit ich es nach der
-Erinnerung an ihr Bild zu sagen vermag) allerdings von ausgesprochen
-weiblichem Körperbau gewesen, bis auf die Stirn, die mir einen etwas
-männlichen Eindruck gemacht hat. Aber wer in der Salle des Étrangers
-im Pariser Luxembourg ihre Bilder neben denen des von ihr geliebten
-_Bastien-Lepage_ hat hängen sehen, der weiß, daß sie den Stil desselben
-nicht anders und nicht minder vollkommen angenommen hat als Ottilie die
-Handschrift Eduards in Goethes »Wahlverwandtschaften«.
-
-Den langen Rest bilden jene zahlreichen Fälle, wo ein allen Mitgliedern
-einer Familie eigentümliches _Talent_ zufällig in einem _weiblichen_
-Mitgliede am stärksten hervortritt, ohne daß dieses im geringsten
-genial zu sein braucht. Denn nur das Talent wird vererbt, nicht das
-Genie. _Margaretha van Eyck_ und _Sabine von Steinbach_ geben hier
-nur das Paradigma ab für eine lange Reihe jener Künstlerinnen, von
-denen nach Ernst _Guhl_, einem den kunstübenden Frauen außerordentlich
-gewogenen Autor, »uns ausdrücklich überliefert wird, daß sie durch
-Vater, Mutter oder Bruder zur Kunst angeleitet worden sind, oder daß
-sie, mit anderen Worten, den Anlaß zum Künstlerberuf in der eigenen
-Familie gefunden haben. Es sind deren zweihundert bis dreihundert, und
-wieviele Hunderte mögen noch außerdem durch ganz ähnliche Einflüsse zu
-Künstlerinnen geworden sein, ohne daß die Geschichte deren Erwähnung
-tun konnte!« Um die Bedeutung dieser Zahlenangaben zu würdigen, muß man
-in Betracht ziehen, daß _Guhl_ kurz vorher »von den beiläufig tausend
-Namen, die uns von weiblichen Künstlern bekannt sind«, spricht.
-
-Hiemit sei die historische Revue über die emanzipierten Frauen
-zum Abschluß gebracht. Sie hat der Behauptung, daß echtes
-Emanzipationsbedürfnis und wahres Emanzipationsvermögen in der Frau
-Männlichkeit voraussetzt, _recht_ gegeben. Denn die ungeheuere Überzahl
-jener Frauen, die sicherlich nicht im geringsten der Kunst oder dem
-Wissen _gelebt_ haben, bei denen diese Beschäftigung vielmehr an die
-Stelle der üblichen »Handarbeit« tritt und in dem ungestörten Idyll
-ihres Lebens nur einen _Zeitvertreib_ bedeutet -- und alle jene, denen
-gedankliche wie künstlerische Tätigkeit nur eine ungeheuer angespannte
-_Koketterie_ vor mehr oder weniger bestimmten Personen männlichen
-Geschlechtes ist -- diese beiden großen Gruppen durfte und mußte eine
-reinliche Betrachtung ausscheiden. Die übrig bleibenden erweisen sich
-dem näheren Zusehen insgesamt als sexuelle Zwischenformen.
-
-Zeigt sich aber das Bedürfnis nach Befreiung und Gleichstellung
-mit dem Manne nur bei männlichen Frauen, so ist der Schluß per
-inductionem _gerechtfertigt_, daß W _keinerlei Bedürfnis nach der
-Emanzipation empfindet_, auch wenn einstweilen diese Folgerung, so
-wie es hier ausschließlich geschehen ist, nur aus der geschichtlichen
-Einzelbetrachtung und nicht aus einer Untersuchung der psychischen
-Eigenschaften von W selbst abgeleitet wird.
-
-Stellen wir uns demnach auf den hygienischen (nicht ethischen)
-Standpunkt einer der natürlichen Anlage angemessensten Praxis, so
-würde sich das Urteil über die »Emanzipation des Weibes« so gestalten.
-Der _Unsinn_ der Emanzipationsbestrebungen liegt in der _Bewegung_,
-in der _Agitation_. Durch diese vor allem verleitet, fangen, wenn
-von Motiven der Eitelkeit, des Männerfanges abgesehen wird, bei der
-großen imitatorischen Veranlagung der Frauen auch solche zu studieren,
-zu schreiben u. s. w. an, die nie ein originäres Verlangen danach
-gehabt haben; denn da es eine große Anzahl von Frauen wirklich zu
-geben scheint, die aus einem gewissen inneren Bedürfnis heraus eine
-Emanzipation suchen, wird von diesen auf jene das Bildungsstreben
-_induziert_ und so das Frauenstudium zur _Mode_, und eine lächerliche
-Agitation der Frauen unter sich läßt schließlich _alle_ an die
-Echtheit dessen glauben, was der guten Hausfrau so oft nur Mittel
-zu Demonstrationszwecken gegen den Mann, der Tochter so oft nur
-eine ostentative Kundgebung gegen die mütterliche Gewalt ist. Das
-praktische Verhalten in der ganzen Frage hätte demnach, ohne daß diese
-Regel (schon ihres fließenden Charakters halber) zur Grundlage einer
-Gesetzgebung gemacht werden könnte und dürfte, folgendes zu sein:
-_Freien Zulaß zu allem, kein Hindernis in den Weg derjenigen, deren
-wahre psychische Bedürfnisse sie, stets in Gemäßheit ihrer körperlichen
-Beschaffenheit, zu männlicher Beschäftigung treiben_, für die Frauen
-mit _männlichen_ Zügen. _Aber weg mit der $Partei$bildung, weg mit der
-$unwahren$ Revolutionierung, weg mit der ganzen Frauen$bewegung$_, die
-in so vielen widernatürliches und künstliches, im Grunde verlogenes
-Streben schafft.
-
-Und _weg_ auch mit der abgeschmackten Phrase von der »völligen
-Gleichheit«! Selbst das männlichste Femininum hat wohl kaum je mehr
-als 50 Prozent an M und _diesem $Feingehalte$_ dankt sie ja doch
-ihre ganze Bedeutung oder besser all das, was sie eventuell bedeuten
-_könnte_. Man darf keineswegs, wie dies nicht wenige intellektuelle
-Frauen zu tun scheinen, aus manchen (wie schon bemerkt, ohnedies
-nicht typischen) Einzelerfahrungen über den Mann, die sie zu sammeln
-Gelegenheit hatten, und aus denen ja nicht die Parität, sondern gar
-die Superiorität des weiblichen Geschlechtes hervorginge; allgemeine
-Folgerungen ziehen, sondern muß, wie _Darwin_ dies vorschlug, die
-Spitzen hier und die Spitzen dort miteinander vergleichen. Aber
-»wenn je ein Verzeichnis der bedeutendsten Männer und Frauen auf dem
-Gebiete der Dichtkunst, Malerei, Bildhauerei, Musik, Geschichte,
-Naturwissenschaft und Philosophie hergestellt und unter jedem
-Gegenstand ein halbes Dutzend Namen verzeichnet würden, so könnten
-beide Listen nicht den Vergleich miteinander bestehen«. Erwägt man
-nun noch, daß die Personen auf der weiblichen Liste, genau besehen,
-auch nur wieder für die _Männlichkeit des Genies_ Zeugnis ablegen
-würden, so ist zu erwarten, daß die Lust der Frauenrechtlerinnen, die
-Zusammenstellung eines solchen Verzeichnisses zu wagen, noch geringer
-werden dürfte, als sie bisher es gewesen ist.
-
-Der übliche Einwurf, der auch jetzt erhoben werden wird, lautet
-dahin, daß die Geschichte nichts beweise, da die Bewegung erst Raum
-schaffen müsse für eine ungehemmte, volle geistige Entwicklung der
-Frau. Dieser Einwand verkennt, daß es emanzipierte Frauen, eine
-Frauenfrage, eine Frauenbewegung zu _allen_ Zeiten gegeben hat, wenn
-auch in den verschiedenen Epochen mit verschiedener Lebhaftigkeit;
-er übertreibt immens die Schwierigkeiten, welche den nach geistiger
-Bildung strebenden Frauen von Seite des Mannes irgendwann gemacht
-wurden, und auch angeblich gerade jetzt wieder bereitet werden[11]; er
-übersieht schließlich wiederum, daß auch heute nicht das wirkliche Weib
-die Forderung der Emanzipation erhebt, sondern daß dies durchwegs nur
-männlichere Frauen tun, die ihre eigene Natur mißdeuten und die Motive
-ihres Handelns nicht einsehen, wenn sie im Namen des Weibes zu sprechen
-glauben.
-
-Wie jede andere Bewegung der Geschichte, so war auch die Frauenbewegung
-überzeugt, daß sie erstmalig, neu, noch nie dagewesen war; ihre
-Vorkämpferinnen lehrten, daß bislang das Weib in Finsternis
-geschmachtet habe und in Fesseln gelegen sei, während es nun erst
-sein natürliches Recht zu begreifen und zu beanspruchen beginne. Wie
-für jede andere geschichtliche Bewegung, so hat man aber auch für die
-Frauenbewegung Analogien weiter und weiter zurückverfolgen können;
-nicht nur in _sozialer_ Beziehung gab es im Altertum und im Mittelalter
-eine Frauenfrage, sondern auch für die _geistige_ Emanzipation
-waren zu längst entschwundenen Zeiten produktive Frauen durch ihre
-Leistungen selbst wie männliche und weibliche Apologeten des weiblichen
-Geschlechtes durch theoretische Darlegungen tätig. So ist denn jener
-Glaube ganz irrig, der dem Kampfe der Frauenrechtlerinnen so viel
-Eifer und Frische verliehen hat, daß bis auf die letzten Jahre die
-Frauen noch nie Gelegenheit zur ungestörten Entfaltung ihrer geistigen
-Entwicklungsmöglichkeiten gehabt hätten. Jakob _Burckhardt_ erzählt
-von der Renaissance: »Das Ruhmvollste, was damals von den großen
-Italienerinnen gesagt wird, ist, daß sie einen männlichen Geist, ein
-männliches Gemüt hätten. Man braucht nur die völlig männliche Haltung
-der meisten Weiber in den Heldengedichten, zumal bei Bojardo und
-Ariosto, zu beachten, um zu wissen, daß es sich hier um ein bestimmtes
-Ideal handelt. Der Titel einer »Virago«, den unser Jahrhundert für ein
-sehr zweideutiges Kompliment hält, war damals reiner Ruhm.« Im XVI.
-Jahrhundert wurde den Frauen die Bühne freigegeben, es sah die ersten
-Schauspielerinnen. »Zu jener Zeit wurde die Frau für fähig gehalten,
-gleich den Männern das höchste Maß von Bildung zu erreichen.« Es
-ist die Zeit, da ein Panegyrikus nach dem anderen auf das weibliche
-Geschlecht erscheint, Thomas _Morus_ seine völlige Gleichstellung mit
-dem männlichen verlangt, und _Agrippa von Nettesheim_ die Frauen sogar
-hoch über die Männer erhebt. Und jene großen Erfolge des weiblichen
-Geschlechtes wurden wieder verloren, die ganze Zeit tauchte unter
-in eine Vergessenheit, aus der sie erst das XIX. Jahrhundert wieder
-hervorholte.
-
-Ist es nicht sehr auffallend, daß die Frauenemanzipationsbestrebungen
-in der Weltgeschichte in konstanten Intervallen, in gewissen sich
-gleich bleibenden zeitlichen Abständen aufzutreten scheinen?
-
-Im X. Jahrhundert, im XV. und XVI. und jetzt wieder im XIX. und XX.
-hat es allem Ermessen nach viel mehr emanzipierte Weiber und eine
-stärkere Frauenbewegung gegeben als in den dazwischen liegenden
-Zeiten. Es wäre voreilig, hierauf schon eine Hypothese zu gründen,
-doch muß man immerhin die Möglichkeit ins Auge fassen, daß hier eine
-gewaltige Periodizität vorliegt, vermöge deren in regelmäßigen Phasen
-mehr Zwittergeburten, mehr Zwischenformen auf die Welt kommen als in
-den Intervallen. Bei Tieren sind solche Perioden in verwandten Dingen
-beobachtet worden.
-
-Es wären das unserer Anschauung gemäß Zeiten von minderem
-Gonochorismus; und es würde die Tatsache, daß zu gewissen Zeiten
-mehr männliche Weiber geboren werden als sonst, als Pendant auf
-der Gegenseite verlangen, daß in der gleichen Zeit auch mehr
-weibliche Männer auf die Welt gebracht werden. Und dies sehen wir in
-überraschendem Maße ebenfalls zutreffen. Der ganze »sezessionistische
-Geschmack«, der den großen, schlanken Frauen mit flachen Brüsten und
-schmalen Hüften den Preis der Schönheit zuerkennt, ist vielleicht
-hierauf zurückzuführen. Die ungeheuere Vermehrung des Stutzertums
-wie der Homosexualität in den letzten Jahren kann ihren Grund nur in
-einer größeren Weiblichkeit der jetzigen Ära haben. Und nicht ohne
-tiefere Ursache sucht der ästhetische wie der sexuelle Geschmack dieses
-Zeitalters Anlehnung bei dem der Präraphaeliten.
-
-Wenn es im organischen Leben solche Perioden gibt, die den
-Oszillationen im Leben des einzelnen gleichen, aber sich über
-mehrere Generationen hinweg erstrecken, so eröffnet uns dies eine
-weitere Aussicht auf das Verständnis so mancher dunkler Punkte
-auch in der menschlichen Geschichte, als es die prätentiösen
-»Geschichtsauffassungen«, die sich in der jüngsten Zeit so gehäuft
-haben, insbesondere die ökonomisch-materialistische Ansicht, anzubahnen
-vermocht haben. Sicherlich ist von einer _biologischen_ Betrachtung
-auch der menschlichen _Geschichte_ noch unendlich viel Aufschluß in
-der Zukunft zu erwarten. Hier soll nur die Nutzanwendung auf den
-vorliegenden Fall gesucht werden.
-
-Wenn es richtig ist, daß zu gewissen Zeiten mehr, zu anderen weniger
-hermaphroditische Menschen geboren werden, so wäre als die _Folge_
-dessen vorauszusehen, daß die Frauenbewegung größtenteils _von selbst
-sich wieder verlaufen_ und nach längerer Zeit erst wieder zum Vorschein
-kommen würde, um wieder unter- und emporzutauchen in einem Rhythmus
-ohne Ende. Es würden eben die Frauen, die sich selbst emanzipieren
-_wollten_, bald in größerer, bald in weit geringerer Anzahl _geboren_
-werden.
-
-Von den ökonomischen Verhältnissen, welche auch die sehr weibliche
-Frau des kinderreichen Proletariers in die Fabrik oder zur Bauarbeit
-drängen können, ist hier natürlich nicht die Rede. Der Zusammenhang
-der industriellen und gewerblichen Entwicklung mit der Frauenfrage ist
-viel lockerer, als er, besonders von sozialdemokratischen Theoretikern,
-gewöhnlich hingestellt wird, und noch viel weniger besteht ein enger
-ursächlicher Konnex zwischen den Bestrebungen, die auf die geistige,
-und jenen, die auf die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit gerichtet
-sind. In Frankreich z. B. ist es, obwohl es drei der hervorragendsten
-Frauen hervorgebracht hat, niemals einer Frauen_bewegung_ recht
-eigentlich gelungen, Wurzel zu fassen, und doch sind in keinem Lande
-Europas so viele Frauen selbständig geschäftlich tätig als eben dort.
-Der Kampf um das materielle Auskommen hat also mit dem Kampfe um einen
-geistigen Lebensinhalt, wenn wirklich von Seite einer Gruppe von
-Frauen ein solcher geführt wird, nichts zu tun und ist scharf von ihm
-zu scheiden.
-
-Die Prognose, welche dieser letzteren Bewegung, der auf dem geistigen
-Gebiete, gestellt wurde, war keine erfreuliche; sie ist wohl noch
-trostloser als die Aussicht, die man ihr auf den Weg mitgeben könnte,
-wenn mit einigen Autoren eine _fortschreitende_ Entwicklung des
-Menschengeschlechtes zu _völliger_ sexueller _Differenzierung_, also
-einem ausgesprochenen Geschlechts-Dimorphismus entgegen, anzunehmen
-wäre.
-
-Die letztere Meinung scheint mir aus dem Grunde unhaltbar, weil im
-Tierreich durchaus nicht eine mit der höheren systematischen Stellung
-_zu_nehmende Geschlechtertrennung sich verfolgen läßt. Gewisse
-Gephyreen und Rotatorien, viele Vögel, ja selbst unter den Affen noch
-der Mandrill tun einen viel stärkeren Gonochorismus kund, als er beim
-Menschen, vom morphologischen Standpunkte aus, sich beobachten läßt.
-Während aber diese Vermutung eine Zeit voraussagt, wo wenigstens das
-_Bedürfnis_ nach der Emanzipation _für immer_ erloschen sein und es nur
-mehr komplette Masculina und komplette Feminina geben würde, verurteilt
-die Annahme einer periodischen Wiederkehr der Frauenbewegung das
-ganze Streben der Frauenrechtlerinnen in grausamster Weise zu einer
-schmerzlichen Ohnmacht, es läßt ihr gesamtes Tun unter dem Aspekte
-einer Danaidenarbeit erscheinen, deren Erfolge mit der fortschreitenden
-Zeit wieder von selbst in das gleiche Nichts zerrinnen.
-
-Dieses trübe Los könnte der Emanzipation der Frauen gefallen sein, wenn
-diese immer weiter ihre Ziele nur im _Sozialen_, in der historischen
-Zukunft der _Gattung_ suchte und ihre Feinde blind unter den Männern
-und in den von Männern geschaffenen rechtlichen Institutionen wähnte.
-Dann freilich müßte das Korps der Amazonen formiert werden, und es wäre
-nie ein Dauerndes gewonnen, wenn jenes geraume Zeit nach seiner Bildung
-immer wieder sich auflöste. Insoferne bietet die Renaissance und ihr
-spurloses Verschwinden den Frauenrechtlerinnen eine Lehre. Die wahre
-Befreiung des Geistes kann nicht von einem noch so großen und noch so
-wilden Heere gesucht werden, um sie muß das einzelne Individuum für
-sich allein kämpfen. Gegen wen? Gegen das, was im eigenen Gemüte sich
-dawiderstemmt. _Der größte, der einzige Feind der Emanzipation der Frau
-ist die Frau._
-
-Dies zu beweisen, ist Aufgabe des zweiten Teiles.
-
-
-
-
-ZWEITER ODER HAUPTTEIL.
-
-DIE SEXUELLEN TYPEN.
-
-
-
-
-I. Kapitel.
-
-Mann und Weib.
-
- »All that a man does is physiognomical of him.«
-
- _Carlyle._
-
-
-Freie Bahn für die Erforschung alles wirklichen Geschlechtsgegensatzes
-ist durch die Erkenntnis geschaffen, daß Mann und Weib nur als
-Typen zu erfassen sind und die verwirrende Wirklichkeit, welche den
-bekannten Kontroversen immer neue Nahrung bieten wird, allein durch
-ein Mischungsverhältnis aus jenen zwei Typen sich nachbilden läßt.
-Die einzig realen sexuellen Zwischenformen hat der erste Teil dieser
-Untersuchung behandelt, und zwar, wie nun hervorgehoben werden muß,
-nach einem etwas schematisierenden Verfahren. Die Rücksichtnahme
-auf die allgemein biologische Geltung der entwickelten Prinzipien
-führte das dort mit sich. Jetzt, da, noch viel ausschließlicher als
-bisher, _der Mensch_ das Objekt der Betrachtung werden soll und die
-psychophysiologischen Zuordnungen der introspektiven Analyse zu weichen
-sich anschicken, bedarf der universelle Anspruch des Prinzipes der
-sexuellen Zwischenstufen einer gewichtigen Restriktion.
-
-Bei Pflanzen und Tieren ist das Vorkommen des echten Hermaphroditismus
-eine gegen jeden Zweifel erhärtete Tatsache. Aber selbst bei den Tieren
-scheint oft das Zwittertum mehr eine Juxtaposition der männlichen und
-weiblichen Keimdrüse in einem Individuum als ein Ausgeglichensein
-beider Geschlechter in demselben, eher ein Zusammensein beider Extreme
-denn einen gänzlich neutralen Zustand in der Mitte zwischen denselben
-zu bedeuten. Vom _Menschen_ jedoch läßt sich _psychologisch_ mit
-vollster Bestimmtheit behaupten, daß er, zunächst wenigstens in einer
-und derselben Zeit, _notwendig $entweder$ Mann $oder$ Weib sein muß_.
-Damit steht nicht nur im Einklang, daß fast alles, was sich für ein
-Masculinum oder Femininum schlechtweg hält, auch sein Komplement für
-»_das_ Weib« oder »_den_ Mann« schlechthin ansieht.[12] Es wird jene
-Unisexualität am stärksten erwiesen durch die in ihrer theoretischen
-Wichtigkeit _kaum zu überschätzende_ Tatsache, daß auch im Verhältnisse
-zweier homosexueller Menschen zueinander immer der eine die körperliche
-und psychische Rolle des Mannes übernimmt, im Falle längeren Verkehres
-auch seinen männlichen Vornamen behält oder einen solchen annimmt,
-während der andere die des Weibes spielt, seinen weiblichen Vornamen
-entweder bewahrt oder einen solchen sich gibt oder noch öfter -- dies
-ist bezeichnend genug -- ihn vom anderen erhält.
-
-Also es füllt in den sexuellen Relationen zweier Lesbierinnen oder
-zweier Urninge immer die eine Person die männliche, die zweite die
-weibliche Funktion aus, und dies ist von größter Bedeutung. Das
-Verhältnis Mann-Weib erweist sich hier als _fundamental_ an der
-_entscheidenden_ Stelle, als etwas, worüber nicht hinauszukommen ist.
-
-_Trotz allen sexuellen Zwischenformen $ist$ der Mensch am Ende doch
-$eines$ von beiden, $entweder$ Mann $oder$ Weib._ Auch in dieser
-ältesten empirischen Dualität steckt (nicht bloß anatomisch und
-keineswegs im konkreten Falle in regelmäßiger genauer Übereinstimmung
-mit dem morphologischen Befunde) eine tiefe Wahrheit, die sich nicht
-ungestraft vernachlässigen läßt.
-
-Hiemit scheint nun ein Schritt gemacht, der von der größten Tragweite
-ist, und allem Ferneren so segensreich wie verhängnisvoll werden
-kann. Es ist mit einer solchen Anschauung ein _Sein_ statuiert.
-Die _Bedeutung_ dieses _Seins_ zu erforschen ist freilich eben die
-Aufgabe, welche der ganzen folgenden Untersuchung anheimfällt. Da
-aber mit diesem problematischen _Sein_ an die Hauptschwierigkeit der
-Charakterologie unmittelbar gerührt ist, wird es gut sein, ehe daß eine
-solche Arbeit in naiver Kühnheit begonnen werde, über dieses heikelste
-Problem, an dessen Schwelle aller Wagemut bereits stockt, eine kurze
-Orientierung zu versuchen.
-
-Die Hemmnisse, mit denen jedes charakterologische Unternehmen zu
-kämpfen hat, sind allein schon wegen der Kompliziertheit des Stoffes
-enorme. Oft und oft ereignet es sich, daß der Weg, den man durch
-das Waldesdickicht bereits gefunden zu haben glaubt, sich verliert
-im undurchdringlichen Gestrüppe, der Faden nicht mehr herauszulösen
-ist aus der unendlichen Verfilzung. Das schlimmste aber ist, daß
-betreffs der Methode einer systematischen Darstellung des wirklich
-entwundenen Stoffes, anläßlich der prinzipiellen Deutung auch
-erfolgreicher Anfänge, sich wieder und wieder die ernstesten Bedenken
-erheben und gerade der Typisierung sich entgegentürmen. In dem Falle
-des Geschlechtsgegensatzes z. B. erwies sich bis jetzt die Annahme
-einer Art Polarität der Extreme und unzähliger Abstufungen zwischen
-denselben als die einzig brauchbare. Es scheint so auch in den meisten
-übrigen charakterologischen Dingen -- auf einige komme ich selbst
-noch zu sprechen -- etwas wie Polarität zu geben (was schon der
-Pythagoreer _Alkmaion von Kroton_ geahnt hat); und vielleicht wird auf
-diesem Gebiete die _Schelling_sche Naturphilosophie noch ganz andere
-Genugtuungen erleben als die Auferstehung, welche ein physikalischer
-Chemiker unserer Tage ihr bereitet zu haben vermeint.
-
-Aber ist die Hoffnung berechtigt, durch die Festlegung des Individuums
-auf einem bestimmten Punkte in den Verbindungslinien je zweier
-Extreme, ja durch unendliche Häufung dieser Verbindungslinien,
-durch ein unendlich viele Dimensionen zählendes Koordinatensystem
-das Individuum selbst je zu erschöpfen? Verfallen wir nicht,
-nur auf einem konkreteren Gebiet, bereits in die dogmatische
-Skepsis der _Mach_-_Hume_schen Ich-Analyse zurück, wenn wir die
-vollständige Beschreibung des menschlichen Individuums in Form eines
-_Rezeptes_ erwarten? Und führt uns da nicht eine Art _Weismann_scher
-Determinanten-Atomistik zu einer Mosaik-Psychognomik, nachdem wir uns
-von der »Mosaik-Psychologie« eben erst zu erholen beginnen?
-
-In neuer Fassung stehen wir hier vor dem alten und, wie sich zeigt,
-noch immer lebendig zähen Grundproblem: Gibt es ein einheitliches und
-einfaches Sein im Menschen, und wie verhält es sich zu der zweifellos
-neben ihm bestehenden Vielheit? Gibt es eine Psyche? Und wie verhält
-sich die Psyche zu den psychischen Erscheinungen? Man begreift
-nun, warum es noch immer keine Charakterologie gibt: Das Objekt
-dieser Wissenschaft, der Charakter, ist seiner Existenz nach selbst
-problematisch. Das Problem aller Metaphysik und Erkenntnistheorie,
-die höchste Prinzipienfrage der Psychologie, ist auch das Problem
-der Charakterologie, das Problem »vor aller Charakterologie,
-die als Wissenschaft wird auftreten können«. Wenigstens aller
-erkenntniskritisch über ihre Voraussetzungen, Ansprüche und Ziele
-unterrichteten und aller über Unterschiede im _Wesen_ der Menschen
-Belehrung erstrebenden Charakterologie.
-
-Diese, sei's drum, unbescheidene Charakterologie will mehr sein als
-jene »Psychologie der individuellen Differenzen«, deren erneute
-Aufstellung als eines Zieles der psychologischen Wissenschaft durch
-L. William _Stern_ darum doch eine sehr verdienstvolle Tat war; sie
-will mehr bieten als ein Nationale der motorischen und sensorischen
-Reaktionen eines Individuums, und darum soll sie nicht gleich zu dem
-Tiefstand der übrigen modernen psychologischen Experimentalforschung
-herabsinken, als welche sie ja nur eine sonderbare Kombination von
-statistischem Seminar und physikalischem Praktikum vorstellt. So
-hofft sie mit der reichen seelischen Wirklichkeit, aus deren völligem
-Vergessen das Selbstbewußtsein der Hebel- und Schraubenpsychologie
-einzig erklärt werden kann, in einem herzlichen Kontakte zu bleiben
-und fürchtet nicht, die Erwartungen des nach Aufklärung über sich
-selbst dürstenden Studenten der Psychologie durch Untersuchungen über
-das Lernen einsilbiger Worte und den Einfluß kleiner Kaffeedosen auf
-das Addieren befriedigen zu müssen. So traurig es als Zeichen der
-übrigens allgemein dumpf empfundenen prinzipiellen Unzulänglichkeit der
-modernen psychologischen Arbeit ist, so begreiflich ist es doch, wenn
-angesehene Gelehrte, die sich unter einer Psychologie mehr vorgestellt
-haben als eine Empfindungs- und Assoziationslehre, vor der herrschenden
-Öde zu der Überzeugung gelangen, Probleme wie das Heldentum oder
-die Selbstaufopferung, den Wahnsinn oder das Verbrechen müsse die
-reflektierende Wissenschaft auf ewig der Kunst, als dem einzigen Organe
-ihres Verständnisses, überlassen und jede Hoffnung aufgeben, nicht sie
-besser zu verstehen als jene (das wäre anmaßend einem _Shakespeare_
-oder _Dostojewskij_ gegenüber), wohl aber, sie ihrerseits auch nur
-systematisch zu begreifen.
-
-Keine Wissenschaft muß, wenn sie unphilosophisch wird, so schnell
-verflachen wie die Psychologie. Die Emanzipation von der Philosophie
-ist der wahre Grund des Verfalles der Psychologie. Gewiß nicht in ihren
-Voraussetzungen, aber in ihren Endabsichten hätte die Psychologie
-philosophisch bleiben sollen. Sie wäre dann zunächst zu der Einsicht
-gelangt, _daß die Lehre von den Sinnesempfindungen mit der Psychologie
-direkt überhaupt nichts zu tun hat_. Die empirischen Psychologien von
-heutzutage gehen von den Tast- und Gemeinempfindungen aus, um mit der
-»Entwicklung eines sittlichen Charakters« zu endigen. Die Analyse der
-Empfindungen gehört aber zur Physiologie der Sinne, jeder Versuch, ihre
-Spezialprobleme in eine tiefere Beziehung zu dem übrigen Inhalte der
-Psychologie zu bringen, muß mißlingen.
-
-Es ist das Unglück der wissenschaftlichen Psychologie gewesen,
-daß sie von zwei Physikern, von _Fechner_ und von _Helmholtz_, am
-nachhaltigsten sich hat beeinflussen lassen und so verkennen konnte,
-_daß sich zwar die äußere, aber nicht so auch die innere Welt aus
-baren Empfindungen zusammensetzt_. Die zwei feinsinnigsten unter
-den empirischen Psychologen der letzten Jahrzehnte, William _James_
-und Richard _Avenarius_, sind denn auch die beiden einzigen, die
-wenigstens instinktiv gefühlt haben, daß man die Psychologie nicht
-mit dem Hautsinn und Muskelsinn anfangen dürfe, während alle übrige
-moderne Psychologie mehr oder minder Empfindungskleister ist. _Hier_
-liegt der von _Dilthey_ nicht scharf genug bezeichnete Grund dafür,
-daß die heutige Psychologie zu den Problemen, die man als eminent
-psychologische sonst zu bezeichnen gewohnt ist, zur Analyse des Mordes,
-der Freundschaft, der Einsamkeit u. s. w., _gar nicht gelangt_, ja
--- hier verfängt nicht die alte Berufung auf ihre große Jugend -- zu
-ihnen gar nicht gelangen _kann_, da sie in einer ganz anderen Richtung
-sich bewegt, als in einer, die sie am Ende doch dahin führen könnte.
-Darum hat die Losung des Kampfes um eine _psychologische Psychologie_
-in erster Linie zu sein: _Hinaus mit der Empfindungslehre aus der
-Psychologie!_
-
-Das Unternehmen einer Charakterologie in dem oben bezeichneten weiteren
-und tieferen Sinne involviert vor allem den Begriff des _Charakters_
-selbst, als den Begriff eines konstanten einheitlichen Seins. Wie
-die schon im 5. Kapitel des I. Teiles zum Vergleich herangezogene
-Morphologie die bei allem physiologischen Wechsel gleich bleibende
-_Form_ des Organischen behandelt, so setzt die Charakterologie als
-ihren Gegenstand ein Gleichbleibendes im psychischen Leben voraus, das
-in jeder seelischen Lebensäußerung in analoger Weise nachweisbar sein
-muß, und ist so vor allem jener »Aktualitätstheorie« vom Psychischen
-entgegengesetzt, die ein Bleibendes schon darum nicht anerkennen mag,
-weil sie auf jener empfindungsatomistischen Grundanschauung beruht.
-
-Der Charakter ist danach nicht etwas hinter dem Denken und Fühlen des
-Individuums Thronendes, _sondern etwas, das sich in $jedem$ Gedanken
-und $jedem$ Gefühle desselben offenbart_. »Alles, was ein Mensch tut,
-ist physiognomisch für ihn.« Wie _jede_ Zelle die Eigenschaften des
-_ganzen_ Individuums in sich birgt, so enthält _jede_ psychische Regung
-eines Menschen, nicht bloß einzelne wenige »Charakterzüge«, _sein
-ganzes Wesen_, von dem nur im einen Momente diese, im anderen jene
-Eigentümlichkeit mehr hervortritt.
-
-Wie es weiter gar keine isolierte Empfindung gibt, sondern stets ein
-Blick_feld_ und ein Empfindungsganzes da ist, als das dem Subjekte
-gegenüberstehende Objekt, als die _Welt_ des Ichs, von welcher
-nur einmal der eine, ein anderes Mal der andere Gegenstand sich
-deutlicher abhebt: _so steckt in jedem Augenblicke des psychischen
-Lebens der $ganze$ Mensch_, und es fällt nur in jeder Zeiteinheit
-der Accent auf einen anderen Punkt seines Wesens. _Dieses überall in
-dem psychischen Zustande jedes Augenblickes nachweisbare $Sein$ ist
-das Objekt der Charakterologie._ So würde diese erst die notwendige
-Ergänzung der bisherigen empirischen Psychologie bilden, die, in
-merkwürdigem Gegensatze zu ihrem Namen einer _$Psycho$logie_, bisher
-fast ausschließlich den Wechsel im Empfindungsfelde, die Buntheit
-der _Welt_, in Betracht gezogen und den Reichtum des Ich ganz
-vernachlässigt hat. Damit könnte sie auf die allgemeine Psychologie als
-die Lehre von dem Ganzen, das aus der Kompliziertheit des Subjektes
-und der Kompliziertheit des Objektes resultiert (die beide aus diesem
-Ganzen nur durch eine eigentümliche Abstraktion isoliert werden
-konnten), befruchtend und regenerierend wirken. So manche Streitfragen
-der Psychologie -- vielleicht sind es gerade die prinzipiellsten
-Fragen -- vermag überhaupt nur eine charakterologische Betrachtung zur
-Entscheidung zu bringen, indem sie zeigt, _warum_ der eine diese, der
-andere jene Meinung verficht, darlegt, weshalb sie differieren, wenn
-sie über das gleiche Thema sprechen: daß sie über denselben Vorgang und
-denselben psychischen Prozeß aus keinem anderen Grunde verschiedener
-Ansicht sind, als weil dieser bei jedem die individuelle Färbung,
-die _Note_ seines Charakters erhalten hat. So ermöglicht gerade die
-psychologische _Differenzen_lehre erst die _Einigung_ auf dem Gebiete
-der _Allgemein_psychologie.
-
-Das formale Ich wäre das letzte Problem der dynamischen, das material
-erfüllte Ich das letzte Problem der statischen Psychologie. Indessen
-wird ja bezweifelt, daß es überhaupt Charakter gibt; oder wenigstens
-sollte das vom konsequenten Positivismus im Sinne von _Hume_, _Mach_,
-_Avenarius_ geleugnet werden. Es ist danach leicht begreiflich, warum
-es noch keine Charakterologie gibt als Lehre vom bestimmten Charakter.
-
-Die Verquickung der Charakterologie mit der Seelenlehre ist aber ihre
-schlimmste Schädigung gewesen. Daß die Charakterologie _historisch_
-mit dem Schicksal des Ichbegriffs verknüpft worden ist, gibt allein
-noch kein Recht, sie _sachlich_ an dasselbe zu binden. Und nur wer
-dogmatisch sich auf den Standpunkt des absoluten Phänomenalismus stellt
-und glaubt, dieser allein enthebe aller Beweislasten, die, schon mit
-seiner Betretung, von selbst allen anderen Standpunkten aufgebürdet
-seien, der wird das _Sein_, das die Charakterologie behauptet, und das
-noch durchaus nicht mit einer metaphysischen _Essenz_ identisch ist,
-ohne weiteres abweisen.
-
-Die Charakterologie hat sich gegen zwei schlimme Feinde zu halten. Der
-eine nimmt den Charakter als gegeben und leugnet, daß, ebenso wie die
-künstlerische Darstellung, die Wissenschaft sich seiner bemächtigen
-könne. Der andere nimmt die Empfindungen als das allein Wirkliche an,
-Realität und Empfindung sind ihm eins geworden, die Empfindung ist
-ihm der Baustein der Welt wie des Ich, und für diesen gibt es keinen
-Charakter. Was soll nun die Charakterologie, die Wissenschaft vom
-Charakter? »De individuo nulla scientia«, »Individuum est ineffabile«,
-so tönt es ihr von der einen Seite entgegen, die am Individuum
-festhält; von der anderen, die auf der Wissenschaftlichkeit allein
-besteht und nicht »die Kunst als Organ des Lebensverständnisses«
-sich gerettet hat, muß sie es wieder und wieder vernehmen, daß die
-Wissenschaft nichts wisse vom Charakter.
-
-Zwischen solchem Kreuzfeuer hätte die Charakterologie sich zu
-behaupten. Wen wandelt da nicht die Furcht an, daß sie das Los ihrer
-Schwestern teilen, eine ewig unerfüllte Verheißung bleiben werde wie
-die Physiognomik, eine divinatorische Kunst wie die Graphologie?
-
-Auch diese Frage ist eine, welche die späteren Kapitel zu beantworten
-werden suchen müssen. Das Sein, welches die Charakterologie behauptet,
-ist seiner einfachen oder mehrfachen Bedeutung nach von ihnen zu
-untersuchen. Warum diese Frage ganz allgemein gerade mit der Frage nach
-dem psychischen Unterschiede der _Geschlechter_ so innig sich berührt,
-das wird freilich erst aus ihren letzten Resultaten hervorgehen.
-
-
-
-
-II. Kapitel.
-
-Männliche und weibliche Sexualität.
-
- »Die Frau verrät ihr Geheimnis nicht.«
-
- _Kant._
-
- »Mulier taceat de muliere.«
-
- _Nietzsche._
-
-
-Unter Psychologie überhaupt ist gewöhnlich die Psychologie der
-Psychologen zu verstehen, und die Psychologen sind ausschließlich
-Männer: noch hat man, seit Menschen Geschichte aufzeichnen, nicht von
-einem _weiblichen_ Psychologen gehört. Aus diesem Grunde bildet die
-Psychologie des Weibes ein Kapitel, welches der Allgemeinpsychologie
-nicht anders angehängt wird als die Psychologie des Kindes. Und da
-die Psychologie von Männern in regelmäßiger, aber wohl kaum bewußter
-ausschließlicher Berücksichtigung des Mannes geschrieben wird, ist die
-Allgemeinpsychologie Psychologie der »Männer« geworden, und wird das
-Problem einer Psychologie der Geschlechter immer dann erst aufgeworfen,
-wenn der Gedanke an eine Psychologie des Weibes auftaucht. So sagt
-_Kant_: »In der Anthropologie ist die weibliche Eigentümlichkeit mehr
-als die männliche ein Studium für den Philosophen.« Die Psychologie der
-Geschlechter wird sich immer decken mit der Psychologie von W.
-
-Die Psychologie von W jedoch wird ebenfalls nur von Männern
-geschrieben. Man kann also mit Leichtigkeit sich auf den Standpunkt
-stellen, daß sie wirklich zu schreiben ein Ding der Unmöglichkeit sei,
-da sie Behauptungen über fremde Menschen aufstellen müsse, die keine
-Verifikation durch deren eigene Beobachtung ihrer selbst erhalten
-haben. Gesetzt, W könnte sich selbst je mit der erforderlichen Schärfe
-beschreiben, so ist damit noch nicht ausgemacht, ob sie den Dingen, die
-uns hauptsächlich interessieren, _dasselbe_ Interesse entgegenbrächte;
-ja, und wenn sie selbst noch so genau sich erkennen könnte und wollte
--- setzen wir den Fall -- so fragt sich's noch immer, ob sie je
-_über_ sich zu reden zu bringen sein würde. Es wird sich im Laufe der
-Untersuchung herausstellen, daß diese drei Unwahrscheinlichkeiten auf
-eine gemeinsame Quelle in der Natur des Weibes zurückweisen.
-
-Diese Untersuchung kann nur in dem Anspruch unternommen werden, daß
-jemand, ohne selbst Weib zu sein, über das Weib richtige Aussagen zu
-machen imstande sei. Es bleibt also jener erste Einwand einstweilen
-bestehen, und da seine Widerlegung erst viel später erfolgen kann,
-hilft es nichts, wir müssen uns über ihn hinwegsetzen. Nur so viel
-will ich bemerken. Noch hat nie -- ist auch dies nur eine Folge der
-Unterdrückung durch den Mann? -- beispielsweise eine schwangere Frau
-ihre Empfindungen und Gefühle irgendwie, sei es in einem Gedichte,
-sei es in Memoiren, sei es in einer gynäkologischen Abhandlung, zum
-Ausdruck gebracht; und Folge einer übergroßen Schamhaftigkeit kann das
-nicht sein, denn -- _Schopenhauer_ hat hierauf mit Recht hingewiesen --
-es gibt nichts, was einer schwangeren Frau so fern läge wie die Scham
-über ihren Zustand. Außerdem bestünde ja an sich die Möglichkeit, nach
-dem Ende der Schwangerschaft aus der Erinnerung über das psychische
-Leben zu jener Zeit zu beichten; wenn dennoch das Schamgefühl damals
-von Mitteilung zurückgehalten hätte, so entfiele ja nachher dieses
-Motiv, und das Interesse, das solchen Eröffnungen von vielen Seiten
-entgegengebracht würde, wäre für viele wohl sonst Grund genug, das
-Schweigen zu brechen. Aber nichts von alledem! Wie wir sonst nur
-Männern wirklich wertvolle Enthüllungen über die psychischen Vorgänge
-im Weibe danken, so haben auch hier bloß Männer die Empfindungen der
-schwangeren Frau geschildert. Wie vermochten sie das?
-
-Wenn auch in jüngster Zeit die Aussagen von Dreiviertel- und
-Halbweibern über ihr psychisches Leben sich mehren, so erzählen diese
-doch mehr von dem Manne als von dem eigentlichen Weibe in ihnen. Wir
-bleiben demnach nur auf eines angewiesen: _auf das, was in den Männern
-selbst Weibliches ist_. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen
-erweist sich hier in gewissem Sinne als die Voraussetzung jedes
-wahren Urteils eines Mannes über die Frau. Doch wird sich später die
-Notwendigkeit einer Beschränkung und Ergänzung dieser Bedeutung des
-Prinzipes ergeben. Denn es ohne weiteres anwenden, müßte dazu führen,
-daß der weiblichste Mann das Weib am besten zu beschreiben in der Lage
-sei, und konsequent würde daraus weiter folgen, daß das echte Weib
-sich selbst am besten durchschauen könne, was ja eben sehr in Zweifel
-gezogen wurde. Wir werden also schon hier darauf aufmerksam, daß ein
-Mann Weibliches in bestimmtem Maße in sich haben kann, ohne darum in
-gleichem Grade schon eine sexuelle Zwischenform darzustellen. Umso
-merkwürdiger erscheint es, daß der Mann gültige Feststellungen über
-die Natur des Weibes solle machen können; ja, da wir diese Fähigkeit,
-bei der außerordentlichen Männlichkeit vieler offenbar ausgezeichneter
-Beurteiler der Frauen, selbst M nicht absprechen zu können scheinen,
-bleibt das Recht des Mannes, über die Frau[13] mitzusprechen, ein
-desto merkwürdigeres Problem, und wir werden uns der Auflösung des
-prinzipiellen methodischen Zweifels an diesem Rechte später um so
-weniger entziehen können. Einstweilen betrachten wir jedoch, wie
-gesagt, den Einwurf als nicht gemacht und schreiten an die Untersuchung
-der Sache selbst. _Worin liegt der wesentliche psychologische
-Unterschied zwischen Mann und Weib?_ so fragen wir drauf los.
-
-Man hat in der größeren Intensität des Geschlechtstriebes beim Manne
-diesen Urunterschied zwischen den Geschlechtern erblicken wollen,
-aus dem sich alle anderen ableiten ließen. Ganz abgesehen, ob die
-Behauptung richtig, ob mit dem Worte »Geschlechtstrieb« ein Eindeutiges
-und wirklich Meßbares bezeichnet ist, so steht doch die prinzipielle
-Berechtigung einer solchen Ableitung wohl noch sehr in Frage. Zwar
-dürfte an allen jenen antiken und mittelalterlichen Theorien über den
-Einfluß der »unbefriedigten Gebärmutter« beim Weibe und des »semen
-retentum« beim Manne ein Wahres sein, und es hat da nicht erst der
-heute so beliebten Phrase bedurft, daß »alles« nur »sublimierter
-Geschlechtstrieb« sei. Aber auf die Ahnung so vager Zusammenhänge läßt
-sich keine systematische Darstellung gründen. Daß mit größerer oder
-geringerer Stärke des Geschlechtstriebes andere Qualitäten ihrem Grade
-nach bestimmt sind, ist in keiner Weise sicherzustellen versucht worden.
-
-Indessen die Behauptung, daß die Intensität des Geschlechtstriebes bei
-M größer sei als bei W, ist _an sich falsch_. Man hat ja auch wirklich
-das Gegenteil ebenso behauptet: es ist _ebenso falsch_. In Wahrheit
-bleibt die Stärke des Bedürfnisses nach dem Sexualakt unter Männern
-selbst gleich starker Männlichkeit noch immer verschieden, ebenso,
-wenigstens dem Anscheine nach, unter Frauen mit dem gleichen Gehalte an
-W. Hier spielen gerade unter den Männern ganz andere Einteilungsgründe
-mit, die es mir zum Teil gelungen ist aufzufinden und über die
-vielleicht eine andere Publikation ausführlich handeln wird.
-
-Also in der größeren Heftigkeit des Begattungstriebes liegt,
-entgegen vielen populären Meinungen, _kein_ Unterschied der
-Geschlechter. Dagegen werden wir einen solchen gewahr, wenn wir
-jene zwei analytischen Momente, die Albert _Moll_ aus dem Begriffe
-des Geschlechtstriebes herausgehoben hat, einzeln auf Mann und Weib
-anwenden: den _Detumescenz-_ und den _Kontrektationstrieb_. Der erste
-resultiert aus den Unlustgefühlen durch in größerer Menge angesammelte
-reife Keimzellen, der zweite ist das Bedürfnis nach körperlicher
-Berührung eines zu sexueller Ergänzung in Anspruch genommenen
-Individuums. Während nämlich M beides besitzt, Detumescenz- wie
-Kontrektationstrieb, ist bei W ein eigentlicher Detumescenztrieb gar
-nicht vorhanden. Dies ist schon damit gegeben, daß im Sexualakte nicht
-W an M, sondern nur M an W etwas abgibt: W _behält_ die männlichen wie
-die weiblichen Sekrete. Im anatomischen Bau kommt dies ebenfalls zum
-Ausdruck in der Prominenz der männlichen Genitalien, die dem Körper des
-Mannes den Charakter eines Gefäßes so völlig nimmt. Wenigstens kann
-man die Männlichkeit des Detumescenztriebes in dieser morphologischen
-Tatsache angedeutet finden, ohne daran sofort eine naturphilosophische
-Folgerung zu knüpfen. Daß W der Detumescenztrieb fehlt, wird auch
-durch die Tatsache bewiesen, daß die meisten Menschen, die über ⅔
-M enthalten, ohne Ausnahme in der Jugend der Onanie auf längere
-oder kürzere Zeit verfallen, einem Laster, dem unter den Frauen nur
-die mannähnlichsten huldigen. W selbst ist die Masturbation fremd.
-Ich weiß, daß ich hiemit eine Behauptung aufstelle, der schroffe
-gegenteilige Versicherungen gegenüberstehen. Doch werden sich die
-scheinbar widersprechenden Erfahrungen sofort befriedigend erklären.
-
-Zuvor jedoch harrt noch der Kontrektationstrieb von W der Besprechung.
-Dieser spielt beim Weibe die größte, weil eine alleinige Rolle. Aber
-auch von ihm läßt sich nicht behaupten, daß er beim einen Geschlechte
-größer sei als beim anderen. Im Begriffe des Kontrektationstriebes
-liegt ja nicht die Aktivität in der Berührung, sondern nur das
-Bedürfnis nach dem körperlichen Kontakte mit dem Nebenmenschen
-überhaupt, ohne daß schon etwas darüber ausgesagt wäre, wer der
-berührende und wer der berührte Teil ist. Die Konfusion in diesen
-Dingen, indem immer _Intensität des Wunsches_ mit dem _Wunsch nach
-Aktivität_ zusammengeworfen wird, rührt von der Tatsache her, daß
-M in der ganzen Tierwelt W gegenüber, ebenso mikrokosmisch jeder
-tierische und pflanzliche Samenfaden der Eizelle gegenüber stets der
-_aufsuchende_ und _aggressive_ Teil ist, und der Irrtum nahe liegt,
-ein _unternehmendes Verhalten_ behufs Erreichung eines Zweckes und
-den _Wunsch_ nach dessen Erreichung aus einander regelmäßig und in
-einer konstanten Proportion folgen zu lassen, und auf eine Abwesenheit
-des Bedürfnisses zu schließen, wo sich keine deutlichen motorischen
-Bestrebungen zeigen, dieses zu befriedigen. So ist man dazu gekommen,
-den Kontrektationstrieb für speziell männlich anzusehen und gerade ihn
-dem Weibe abzusprechen. Man versteht aber, daß hier noch sehr wohl
-_innerhalb_ des Kontrektationstriebes eine Unterscheidung getroffen
-werden muß. Es wird sich fernerhin noch ergeben, daß M in sexueller
-Beziehung das Bedürfnis hat, _anzugreifen_ (im wörtlichen _und_ im
-übertragenen Sinne), W das Bedürfnis, _angegriffen zu werden_, und es
-ist klar, daß das weibliche Bedürfnis, bloß weil es nach Passivität
-geht, darum kein geringeres zu sein braucht als das männliche nach der
-Aktivität. Diese Distinktionen täten den häufigen Debatten not, welche
-immer wieder die Frage aufwerfen, bei welchem Geschlechte der Trieb
-nach dem anderen wohl größer sein möge.
-
-Was man bei der Frau als Masturbation bezeichnet hat, entspringt
-aus einer anderen Ursache als aus dem Detumescenztriebe. W ist, und
-damit kommen wir auf einen wirklichen Unterschied zum ersten Male zu
-sprechen, _sexuell viel erregbarer als der Mann_; seine _physiologische
-Irritabilität_ (nicht Sensibilität) ist, was die Sexualsphäre anlangt,
-eine viel stärkere. Die Tatsache dieser leichten sexuellen Erregbarkeit
-kann sich bei der Frau entweder im _Wunsche_ nach der sexuellen
-Erregung offenbaren oder in einer eigentümlichen, sehr reizbaren,
-ihrer selbst, wie es scheint, keineswegs sicheren und darum unruhigen
-und heftigen _Scheu_ vor der Erregung durch Berührung. Der Wunsch
-nach der sexuellen Excitation ist insoferne ein wirkliches Zeichen
-der leichten Erregbarkeit, als dieser Wunsch nicht etwa einer jener
-Wünsche ist, welchen das in der Natur eines Menschen selbst gegründete
-_Schicksal_ nie Erfüllung gewähren kann, sondern im Gegenteile die hohe
-Leichtigkeit und Willigkeit der Gesamtanlage bedeutet, in den Zustand
-der sexuellen Erregtheit überzugehen, der vom Weibe möglichst intensiv
-und möglichst perpetuierlich ersehnt wird und nicht, wie beim Manne,
-mit der in der Kontrektation erreichten Detumescenz ein natürliches
-Ende findet. Was man für Onanie des Weibes ausgegeben hat, sind nicht
-wie beim Manne Akte mit der immanierenden Tendenz, den Zustand der
-sexuellen Erregtheit aufzuheben; es sind vielmehr lauter Versuche, ihn
-herbeizuführen, zu steigern und zu prolongieren. -- Aus der Scheu vor
-der sexuellen Erregung, einer Scheu, deren Analyse einer Psychologie
-der Frau eine keineswegs leichte, vielleicht sogar die schwierigste
-Aufgabe stellt, läßt sich desgleichen mit Sicherheit auf eine große
-Schwäche in dieser Beziehung schließen.
-
-Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet für die Frau nur die
-höchste Steigerung ihres Gesamtdaseins. _Dieses ist immer und durchaus
-sexuell. W geht im Geschlechtsleben, in der Sphäre der Begattung
-und Fortpflanzung, d. i. im Verhältnisse zum Manne und zum Kinde,
-vollständig auf_, sie wird von diesen Dingen in ihrer Existenz
-vollkommen ausgefüllt, während M _nicht nur_ sexuell ist. Hier liegt
-also in Wirklichkeit jener Unterschied, den man in der verschiedenen
-_Intensität_ des Sexualtriebes zu finden suchte. Man hüte sich also
-vor einer Verwechslung der _Heftigkeit_ des sexuellen Begehrens
-und der Stärke der sexuellen Affekte mit der _Breite_, in welcher
-geschlechtliche Wünsche und Besorgnisse den männlichen oder weiblichen
-Menschen ausfüllen. _Bloß die größere Ausdehnung der Sexualsphäre über
-den ganzen Menschen bei W_ bildet einen spezifischen Unterschied von
-der schwersten Bedeutung zwischen den geschlechtlichen Extremen.
-
-Während also W von der Geschlechtlichkeit gänzlich ausgefüllt und
-eingenommen ist, kennt M noch ein Dutzend anderer Dinge: Kampf
-und Spiel, Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft,
-Geschäft und Politik, Religion und Kunst. Ich rede nicht davon, ob
-es einmal anders war; das soll uns wenig bekümmern; damit ist es wie
-mit der Judenfrage: man sagt, die Juden seien erst das geworden, was
-sie sind und einmal ganz anders gewesen. Mag sein: doch das wissen
-wir hier nicht. Wer der Entwicklung so viel zutraut, mag immerhin
-daran glauben; bewiesen ist von jenen Dingen nichts, gegen die eine
-historische Überlieferung steht da immer gleich eine andere. Aber
-wie heute die Frauen sind, darauf kommt es an. Und stoßen wir auf
-Dinge, die unmöglich von außen in ein Wesen können hineinverpflanzt
-worden sein, so werden wir getrost annehmen, daß dieses sich von jeher
-gleich geblieben ist. Heute nun zumindest ist eines sicher richtig: W
-befaßt sich, eine scheinbare Ausnahme (Kapitel 12) abgerechnet, mit
-außergeschlechtlichen Dingen nur für den Mann, den sie liebt, oder um
-des Mannes willen, von dem sie geliebt sein möchte. Ein Interesse für
-diese Dinge _an sich_ fehlt ihr vollständig. Es kommt vor, daß eine
-echte Frau die lateinische Sprache lernt; dann ist es aber nur, um etwa
-ihren Sohn, der das Gymnasium besucht, auch hierin noch unterstützen
-und überwachen zu können. Lust aber an einer Sache und Talent zu
-ihr, das Interesse für sie und die Leichtigkeit ihrer Aneignung sind
-einander stets proportional. Wer keine Muskeln hat, hat auch keine
-Lust zum Hanteln und Stemmen; nur wer Talent zur Mathematik hat, wird
-sich ihrem Studium zuwenden. Also scheint selbst das _Talent_ im
-echten Weibe seltener oder weniger intensiv zu sein (obwohl hierauf
-wenig ankommt: die Geschlechtlichkeit wäre ja auch im gegenteiligen
-Falle zu stark, um andere ernstgemeinte Beschäftigung zuzulassen); und
-darum mangelt es wohl auch beim Weibe an den Bedingungen zur Bildung
-interessanter Kombinationen, die beim Manne eine Individualität wohl
-nicht ausmachen, aber modellieren können.
-
-Dem entsprechend sind es ausschließlich weiblichere Männer, die in
-einem fort hinter den Frauenzimmern her sind und an nichts Interesse
-finden als an Liebschaften und an geschlechtlichem Verkehre. Doch
-soll hiemit keineswegs das Don Juan-Problem erledigt, oder auch nur
-ernstlich berührt sein.
-
-_W ist nichts als Sexualität, M ist sexuell und noch etwas
-darüber._ Dies zeigt sich besonders deutlich in der so gänzlich
-verschiedenen Art, wie Mann und Weib ihren Eintritt in die Periode
-der Geschlechts_reife_ erleben. Beim Manne ist die Zeit der Pubertät
-immer krisenhaft, er fühlt, daß ein Fremdes in sein Dasein tritt,
-etwas, das zu seinem bisherigen Denken und Fühlen hinzukommt, ohne
-daß er es _gewollt_ hat. Es ist die physiologische Erektion, über
-die der Wille keine Gewalt hat; und die erste Erektion wird darum
-von jedem Manne rätselhaft und beunruhigend empfunden, sehr viele
-Männer erinnern sich ihrer Umstände ihr ganzes Leben lang mit
-größter Genauigkeit. Das Weib aber findet sich nicht nur leicht in
-die Pubertät, es fühlt sein Dasein von da ab sozusagen potenziert,
-seine eigene Wichtigkeit unendlich erhöht. Der Mann hat als Knabe
-gar kein Bedürfnis nach der _sexuellen_ Reife; die Frau erwartet
-bereits als ganz junges Mädchen von dieser Zeit _alles_. Der Mann
-begleitet die Symptome seiner körperlichen Reife mit unangenehmen,
-ja feindlichen und unruhigen Gefühlen, die Frau verfolgt in höchster
-Gespanntheit, mit der fieberhaftesten, ungeduldigsten Erwartung ihre
-somatische Entwicklung während der Pubertät. Dies beweist, daß die
-Geschlechtlichkeit des Mannes nicht auf der geraden Linie seiner
-Entwicklung liegt, während bei der Frau nur eine ungeheuere Steigerung
-ihrer _bisherigen_ Daseinsart eintritt. Es gibt wenig Knaben dieses
-Alters, welche den Gedanken, daß sie sich verlieben oder heiraten
-würden (heiraten überhaupt, nicht im Hinblick auf ein bestimmtes
-Mädchen), nicht höchst lächerlich finden und indigniert zurückweisen;
-indes die kleinsten Mädchen bereits auf die Liebe und die Heirat
-überhaupt wie auf die Vollendung ihres Daseins erpicht zu sein
-scheinen. Darum wertet die Frau bei sich selbst und bei anderen Frauen
-nur die Zeit der Geschlechtsreife positiv; zur Kindheit wie zum Alter
-hat sie kein rechtes Verhältnis. Der Gedanke an ihre Kindheit ist ihr
-später nur ein Gedanke an ihre Dummheit, der Aspekt, unter dem sich ihr
-das eigene Alter im voraus darstellt, ist Angst und Abscheu. Aus der
-Kindheit werden durch eine positive Bewertung von ihrem Gedächtnis nur
-die sexuellen Momente herausgehoben, und auch diese sind im Nachteile
-gegenüber den späteren unvergleichlich höheren Intensifikationen ihres
-Lebens -- welches eben ein Sexualleben ist. Die Brautnacht endlich,
-der Moment der Defloration, ist der wichtigste, ich möchte sagen, der
-Halbierungspunkt des ganzen Lebens der Frau. Im Leben des Mannes spielt
-der erste Koitus im Verhältnis zu der Bedeutung, die er beim anderen
-Geschlechte besitzt, überhaupt keine Rolle.
-
-Die Frau ist _nur_ sexuell, der Mann ist _auch_ sexuell: sowohl
-räumlich wie zeitlich läßt sich diese Differenz noch weiter ausspinnen.
-Die Punkte seines Körpers, von denen aus der Mann geschlechtlich erregt
-werden kann, sind gering an Zahl und streng lokalisiert. Beim Weibe
-ist die Sexualität diffus ausgebreitet über den ganzen Körper, jede
-Berührung, an welcher Stelle immer, erregt sie sexuell. Wenn also im
-zweiten Kapitel des ersten Teiles die bestimmte sexuelle Charakteristik
-des _ganzen_ männlichen wie des _ganzen_ weiblichen Körpers behauptet
-wurde, so ist dies nicht so zu verstehen, als bestünde von jedem Punkte
-aus die Möglichkeit gleichmäßiger sexueller Reizung beim Manne ebenso
-wie beim Weibe. Freilich gibt es auch bei der Frau lokale Unterschiede
-in der Erregbarkeit, aber es sind hier nicht wie beim Manne alle
-übrigen körperlichen Partien gegen den Genitaltrakt scharf geschieden.
-
-Die morphologische Abhebung der männlichen Genitalien vom Körper des
-Mannes könnte abermals als symbolisch für dieses Verhältnis angesehen
-werden.
-
-Wie die Sexualität des Mannes _örtlich_ gegen Asexuelles in
-ihm hervortritt, so findet sich dieselbe Ungleichheit auch in
-seinem Verhalten zu verschiedenen _Zeiten_ ausgeprägt. Das Weib
-ist _fortwährend_, der Mann nur _intermittierend_ sexuell. Der
-Geschlechtstrieb ist beim Weibe immer vorhanden (über jene scheinbaren
-Ausnahmen, welche man gegen die Geschlechtlichkeit des Weibes stets ins
-Feld führt, wird noch sehr ausführlich zu handeln sein), beim Manne
-_ruht_ er immer längere oder kürzere Zeit. Daraus erklärt sich nun auch
-der _eruptive_ Charakter des männlichen Geschlechtstriebes, der diesen
-so viel auffallender erscheinen läßt als den weiblichen und zu der
-Verbreitung des Irrtumes beigetragen hat, daß der Geschlechtstrieb des
-Mannes intensiver sei als der des Weibes. Der wahre Unterschied liegt
-hier darin, daß für M der Begattungstrieb sozusagen ein pausierendes
-Jucken, für W ein unaufhörlicher Kitzel ist.
-
-Die ausschließliche und kontinuierliche Sexualität des Weibes in
-körperlicher und psychischer Hinsicht hat nun aber noch weiterreichende
-Folgen. Daß die Sexualität nämlich beim Manne nur einen Appendix und
-nicht alles ausmacht, ermöglicht dem Manne auch ihre _psychologische_
-Abhebung von einem Hintergrunde und somit ihr _Bewußtwerden_. So kann
-sich der Mann seiner Sexualität gegenüberstellen und sie losgelöst
-von anderem in Betracht ziehen. Beim Weibe kann sich die Sexualität
-nicht durch eine zeitliche Begrenzung ihrer Ausbrüche noch durch
-_ein_ anatomisches Organ, in dem sie äußerlich sichtbar lokalisiert
-ist, _ab_heben von einer _nicht_sexuellen Sphäre. Darum _weiß_ der
-Mann um seine Sexualität, während die Frau sich ihrer Sexualität
-schon darum gar nicht bewußt werden und sie somit in gutem Glauben in
-Abrede stellen kann, _weil sie nichts ist als Sexualität, weil sie
-die Sexualität selbst ist_, wie in Antizipation späterer Darlegungen
-gleich hinzugefügt werden mag. Es fehlt den _Frauen_, weil sie
-_nur_ sexuell sind, die zum _Bemerken_ der Sexualität wie zu allem
-Bemerken notwendige _Zweiheit_; indessen sich beim stets mehr als
-bloß sexuellen _Manne_ die Sexualität nicht nur anatomisch, sondern
-auch _psychologisch_ von allem anderen abhebt. Darum besitzt er die
-Fähigkeit, zur Sexualität selbständig in ein Verhältnis zu treten; er
-kann sie, wenn er sich mit ihr auseinandersetzt, in Schranken weisen
-oder ihr eine größere Ausdehnung einräumen, er kann sie negieren oder
-bejahen: zum Don Juan wie zum Heiligen sind die Möglichkeiten in ihm
-vorhanden, er kann die eine oder die andere von beiden ergreifen. Grob
-ausgedrückt: der Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau.
-
-Es ist hiemit als wahrscheinlich deduziert, daß der Mann seiner
-Sexualität sich bewußt werde und ihr selbständig gegenübertrete,
-während der Frau die Möglichkeit dazu abzugehen scheint; und zwar
-beruft sich diese Begründung auf eine größere Differenziertheit im
-Manne, in dem Sexuelles _und_ Asexuelles auseinandergetreten sind. Die
-Möglichkeit oder Unmöglichkeit, einen bestimmten einzelnen Gegenstand
-zu ergreifen, liegt aber nicht in dem Begriffe, den man mit dem
-Worte Bewußtsein gewöhnlich verbindet. Dieser scheint vielmehr zu
-inkludieren, daß, _wenn_ ein Wesen Bewußtsein hat, es _jedes_ Objekt zu
-dessen Inhalt machen könne. Es erhebt sich also hier die Frage nach der
-_Natur des weiblichen Bewußtseins überhaupt_, und die Erörterungen über
-dieses Thema werden uns erst auf einem langen Umweg zu jenem hier so
-flüchtig gestreiften Punkte wieder zurückführen.
-
-
-
-
-III. Kapitel.
-
-Männliches und weibliches Bewußtsein.
-
-
-Bevor auf einen Hauptunterschied des psychischen Lebens der
-Geschlechter, soweit dieses die Dinge der Welt zu seinen Inhalten
-macht, näher eingegangen werden kann, müssen einige psychologische
-Sondierungen vorgenommen und einige Begriffe festgelegt werden. Da die
-Anschauungen und Prinzipien der herrschenden Psychologie ohne Rücksicht
-auf dieses spezielle Thema sich entwickelt haben, so wäre es ja nur zu
-verwundern, wenn ihre Theorien ohne weiteres auf dessen Gebiet sich
-anwenden ließen. Zudem gibt es heute noch keine _Psychologie_, sondern
-bis jetzt nur _Psychologien_; und der Anschluß an eine bestimmte
-Schule, um, nur unter Zugrundelegung ihrer Lehrmeinungen, das ganze
-Thema zu behandeln, trüge wohl viel mehr den Charakter der Willkür an
-sich als das hier einzuschlagende Verfahren, welches, in möglichstem
-Anschluß an bisherige Errungenschaften, doch die Dinge, soweit als
-nötig, von neuem in Selbständigkeit ergründen will.
-
-Die Bestrebungen nach einer vereinheitlichenden Betrachtung des ganzen
-Seelenlebens, nach seiner Zurückführung auf einen einzigen Grundprozeß
-haben in der empirischen Psychologie vor allem in dem Verhältnis sich
-geoffenbart, das von den einzelnen Forschern zwischen _Empfindungen_
-und _Gefühlen_ angenommen wurde. _Herbart_ hat die Gefühle aus den
-Vorstellungen abgeleitet, _Horwicz_ hingegen aus den Gefühlen erst
-die Empfindungen sich entwickeln lassen. Die führenden modernen
-Psychologen haben die Aussichtslosigkeit dieser monistischen Bemühungen
-hervorgehoben. Dennoch lag diesen ein Wahres zu Grunde.
-
-Man muß, um dieses Wahre zu finden, eine Unterscheidung zu treffen
-nicht unterlassen, welche, so nahe sie zu liegen scheint, in der
-heutigen Psychologie merkwürdigerweise gänzlich vermißt wird. Man muß
-das erstmalige Empfinden einer Empfindung, das erste Denken eines
-Gedankens, das erste Fühlen eines Gefühles selbst auseinanderhalten von
-den späteren Wiederholungen desselben Vorganges, bei welchen schon ein
-Wiedererkennen erfolgen kann. Für eine Anzahl von Problemen scheint
-diese Distinktion, obgleich sie in der heutigen Psychologie leider
-nicht gemacht wird, von bedeutender Wichtigkeit.
-
-Jeder deutlichen, klaren, plastischen _Empfindung_ läuft ursprünglich,
-ebenso jedem scharfen, distinkten Gedanken, bevor er _zum ersten Male_
-in Worte gefaßt wird, ein, freilich oft äußerst _kurzes, Stadium
-der Unklarheit voran_. Desgleichen geht jeder noch nicht geläufigen
-_Assoziation_ eine mehr oder minder verkürzte Spanne Zeit vorher,
-wo bloß ein dunkles Richtungsgefühl nach dem zu Assoziierenden hin,
-eine allgemeine Assoziationsahnung, eine Empfindung von Zugehörigkeit
-zu etwas anderem vorhanden ist. Verwandte Vorgänge haben besonders
-_Leibniz_ sicherlich beschäftigt und gaben, mehr oder weniger gut
-beschrieben, Anlaß zu den erwähnten Theorien von Herbart und Horwicz.
-
-Da man als einfache Grundformen der _Gefühle_ insgemein nur Lust und
-Unlust, eventuell noch mit _Wundt_ Lösung und Spannung, Beruhigung
-und Erregung ansieht, ist die Einteilung der psychischen Phänomene
-in Empfindungen und Gefühle für die Erscheinungen, die in das Gebiet
-jener Vorstadien der Klarheit fallen, wie sich bald deutlicher zeigen
-wird, zu eng und darum zu ihrer Beschreibung nicht verwendbar. Ich will
-daher, um hier scharf zu umgrenzen, die allgemeinste Klassifikation der
-psychischen Phänomene benützen, die wohl getroffen werden konnte: es
-ist die von _Avenarius_ in »Elemente« und »Charaktere« (der »Charakter«
-hat in dieser Bedeutung nichts mit dem _Objekte der Charakterologie_
-gemein).
-
-_Avenarius_ hat den Gebrauch seiner Theorien weniger durch seine,
-bekanntlich vollständig neue, Terminologie erschwert (die sogar viel
-Vorzügliches enthält und für gewisse Dinge, die er zuerst bemerkt und
-bezeichnet hat, kaum entbehrlich ist); was der Annahme mancher seiner
-Ergebnisse am meisten im Wege steht, ist seine unglückliche Sucht, die
-Psychologie aus einem gehirnphysiologischen Systeme abzuleiten, _das
-er selbst nur aus den psychologischen Tatsachen der inneren Erfahrung_
-(unter äußerlicher Zuziehung der allgemeinsten biologischen Kenntnisse
-über das Gleichgewicht zwischen Ernährung und Arbeit) _gewonnen
-hatte_. Der psychologische zweite Teil seiner »Kritik der reinen
-Erfahrung« war die Basis, auf der sich in ihm selbst die Hypothesen
-des physiologischen ersten Teiles aufgebaut hatten; in der Darstellung
-kehrte sich das Verhältnis um, und so mutet dieser erste Teil den Leser
-an wie eine Reisebeschreibung von Atlantis. Um dieser Schwierigkeiten
-willen muß ich den Sinn der Avenariusschen Einteilung, die für meinen
-Zweck sich am geeignetsten erwiesen hat, hier kurz darlegen.
-
-»_Element_« ist für Avenarius das, was in der Schulpsychologie
-»Empfindung«, »Empfindungsinhalt« oder »Inhalt« schlechtweg heißt (und
-zwar sowohl bei der »Perzeption« als bei der »Reproduktion«), bei
-Schopenhauer »Vorstellung«, bei den Engländern sowohl die »impression«
-als die »idea«, im gewöhnlichen Leben »Ding, Sache, Gegenstand«:
-_gleichviel, ob äußere Erregung eines Sinnesorganes vorhanden ist oder
-nicht, was sehr wichtig und neu war_. Dabei ist es, für seine wie für
-unsere Zwecke, recht nebensächlich, wo man mit der sogenannten Analyse
-Halt macht, ob man den _ganzen_ Baum als »Empfindung« betrachtet oder
-nur das einzelne Blatt, den einzelnen Stengel, oder (wobei meistens
-stehen geblieben wird) gar nur deren Farbe, Größe, Konsistenz, Geruch,
-Temperatur als wirklich »Einfaches« gelten lassen will. Denn man könnte
-ja auf diesem Wege noch weiter gehen, sagen, das Grün des Blattes sei
-schon Komplex, nämlich Resultante aus seiner Qualität, Intensität,
-Helligkeit, Sättigung und Ausdehnung, und brauchte erst diese als
-Elemente gelten zu lassen; ähnlich wie es den Atomen oft geht: schon
-einmal mußten sie den »Ameren« weichen, jetzt wieder den »Elektronen«.
-
-Seien also »grün«, »blau«, »kalt«, »warm«, »hart«, »weich«, »süß«,
-»sauer« _Elemente_, so ist _Charakter_ nach Avenarius jederlei
-»Färbung«, »_Gefühlston_«, mit dem jene auftreten; _und zwar $nicht
-nur$_ »angenehm«, »schön«, »wohltuend« und ihre Gegenteile, sondern
-auch, was Avenarius zuerst als psychologisch hieher gehörend erkannt
-hat, »befremdend«, »zuverlässig«, »unheimlich«, »beständig«, »anders«,
-»sicher«, »bekannt«, »tatsächlich«, »zweifelhaft« etc. etc. _Was_ ich
-z. B. vermute, glaube, weiß, ist »_Element_«; _daß_ es just _vermutet_
-wird, nicht _geglaubt_, nicht _gewußt_, ist _psychologisch_ (nicht
-logisch) ein »_Charakter_«, _in_ welchem das »Element« gesetzt ist.
-
-Nun gibt es aber ein Stadium im Seelenleben, auf welchem auch diese
-umfassendste Einteilung der psychischen Phänomene _noch nicht_
-durchführbar ist, _zu früh kommt_. _Es erscheinen nämlich in ihren
-Anfängen alle »Elemente« wie in einem verschwommenen Hintergrunde_, als
-eine »rudis indigestaque moles«, _während Charakterisierung (ungefähr
-also = Gefühlsbetonung) zu dieser Zeit das Ganze lebhaft umwogt_.
-Es gleicht dies dem Prozesse, der vor sich geht, wenn man einem
-Umgebungsbestandteil, einem Strauch, einem Holzstoß aus weiter Ferne
-sich nähert: den ursprünglichen Eindruck, den man von ihm empfängt,
-diesen ersten Augenblick, in dem man noch lange nicht weiß, was
-»_es_« eigentlich ist, diesen Moment der ersten stärksten Unklarheit
-und Unsicherheit bitte ich zum Verständnis des Folgenden vor allem
-festzuhalten.
-
-_In diesem Augenblicke nun sind »Element« und »Charakter« absolut
-ununterscheidbar_ (_untrennbar_ sind sie stets, nach der sicherlich zu
-befürwortenden Modifikation, die _Petzoldt_ an _Avenarius'_ Darstellung
-vorgenommen hat). In einem dichten Menschengedränge nehme ich z. B.
-ein Gesicht wahr, dessen Anblick mir durch die dazwischen wogenden
-Massen _sofort_ wieder entzogen wird. Ich habe keine Ahnung, wie dieses
-Gesicht aussieht, wäre völlig unfähig, es zu beschreiben oder auch nur
-_ein_ Kennzeichen desselben anzugeben; und doch hat es mich in die
-lebhafteste Aufregung versetzt, und ich frage in angstvoll-gieriger
-Unruhe: wo hab' ich dieses Gesicht nur schon gesehen?
-
-Erblickt ein Mensch einen Frauenkopf, der auf ihn einen sehr starken
-sinnlichen Eindruck macht, für einen »Augenblick«, so vermag er oft
-sich selbst gar nicht zu sagen, was er eigentlich gesehen hat, es kann
-vorkommen, daß er nicht einmal an die Haarfarbe genau sich zu erinnern
-weiß. Bedingung ist immer, daß die Netzhaut dem Objekte, um mich ganz
-photographisch auszudrücken, genügend _kurze_ Zeit, _Bruchteile_ einer
-Sekunde lang, _exponiert_ war.
-
-Wenn man sich irgend einem Gegenstande aus weiter Ferne nähert, hat
-man stets zuerst nur ganz vage Umrisse von ihm unterschieden; dabei
-aber überaus lebhafte Gefühle empfunden, die in dem Maße zurücktreten,
-als man eben näher kommt und die Einzelheiten schärfer ausnimmt. (Von
-»Erwartungsgefühlen« ist, wie noch ausdrücklich bemerkt werden soll,
-hier nicht die Rede.) Man denke an Beispiele, wie an den ersten Anblick
-eines aus seinen Nähten gelösten menschlichen Keilbeins; oder an den
-mancher Bilder und Gemälde, sowie man einen halben Meter inner- oder
-außerhalb der richtigen Distanz Fuß gefaßt hat; ich erinnere mich
-speziell an den Eindruck, den mir Passagen mit Zweiunddreißigsteln
-aus Beethovenschen Klavierauszügen und eine Abhandlung mit lauter
-dreifachen Integralen gemacht haben, ehe ich noch die Noten kannte
-und vom Integrieren einen Begriff hatte. Dies eben haben _Avenarius_
-und _Petzoldt_ _übersehen_: daß alles _Hervortreten der Elemente_
-von _einer gewissen Absonderung der Charakterisierung_ (der
-Gefühlsbetonung) _begleitet ist_.
-
-Auch einige von der experimentellen Psychologie festgestellte
-Tatsachen kann man zu diesen Ergebnissen der Selbstbeobachtung in
-Beziehung bringen. Läßt man im Dunkelzimmer auf ein im Zustande der
-Dunkeladaptation befindliches Auge einen momentanen oder äußerst
-kurze Zeit währenden _farbigen_ Reiz einwirken, so hat der Beobachter
-nur den Eindruck schlechtweg der Erhellung, ohne daß er die nähere
-Farbenqualität des Lichtreizes anzugeben vermag; es wird ein »Etwas«
-empfunden ohne irgend welche genauere Bestimmtheit, ein »Lichteindruck
-überhaupt« ausgesagt; und die präzise Angabe der Farbenqualität ist
-selbst noch dann nicht leicht möglich, wenn die Dauer des Reizes
-(natürlich nicht über ein gewisses Maß) verlängert wird.
-
-Ebenso geht aber jeder wissenschaftlichen Entdeckung, jeder technischen
-Erfindung, jeder künstlerischen Schöpfung ein verwandtes Stadium der
-Dunkelheit voran, einer Dunkelheit wie jener, aus welcher _Zarathustra_
-seine Wiederkunftslehre an das Licht ruft: »Herauf, abgründlicher
-Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgengrauen,
-verschlafener Wurm: auf, auf! meine Stimme soll dich schon wachkrähen!«
--- Der Prozeß in seiner Gänze, von der völligen Wirrnis bis zur
-strahlenden Helle, ist in seinem Verlaufe vergleichbar mit der Folge
-der Bilder, die man passiv empfängt, wenn von irgend einer plastischen
-Gruppe, einem Relief die feuchten Tücher, die es in großer Anzahl
-eingehüllt haben, eines nach dem anderen weggenommen werden; bei einer
-Denkmalsenthüllung erlebt der Zuschauer ähnliches. Aber auch, wenn ich
-mich an etwas erinnere, z. B. an irgend eine einmal gehörte Melodie,
-wird dieser Prozeß _wieder_ durchgemacht; freilich oft in äußerst
-verkürzter Gestalt und darum schwer zu bemerken. _Jedem_ neuen Gedanken
-geht ein solches Stadium des »_Vorgedankens_«, wie ich es nennen
-möchte, vorher, wo fließende geometrische Gebilde, visuelle Phantasmen,
-Nebelbilder auftauchen und zergehen, »schwankende Gestalten«,
-verschleierte Bilder, geheimnisvoll lockende Masken sich zeigen; Anfang
-und Ende des ganzen Herganges, den ich in seiner Vollständigkeit kurz
-den Prozeß der »_Klärung_« nenne, verhalten sich in gewisser Beziehung
-wie die Eindrücke, die ein stark Kurzsichtiger von weit entfernten
-Gegenständen erhält mit und ohne die korrigierenden Linsen.
-
-Und wie im Leben des einzelnen (der vielleicht stirbt, ehe er den
-ganzen Prozeß durchlaufen hat), so gehen auch in der Geschichte der
-Forschung die »_Ahnungen_« stets den klaren Erkenntnissen voran.
-Es ist derselbe Prozeß der Klärung, _auf Generationen verteilt_.
-Man denke z. B. an die zahlreichen griechischen und neuzeitlichen
-Antizipationen der _Lamarck_schen und _Darwin_schen Theorien,
-derentwegen die »Vorläufer« heute bis zum Überdruß belobt werden, an
-die vielen Vorgänger von _Robert Mayer_ und _Helmholtz_, an all die
-Punkte, wo _Goethe_ und _Lionardo da Vinci_, freilich vielleicht die
-vielseitigsten Menschen, den späteren Fortschritt der Wissenschaft
-vorweggenommen haben u. s. w., u. s. w. Um solche Vorstadien handelt
-es sich regelmäßig, wenn entdeckt wird, dieser oder jener Gedanke
-sei gar nicht neu, er stehe ja schon bei dem und dem. -- Auch
-bei allen Kunststilen, in der Malerei wie in der Musik, ist ein
-ähnlicher Entwicklungsprozeß zu beobachten: vom unsicheren Tasten
-und vorsichtigen Balancieren bis zu großen Siegen. -- Ebenso beruht
-der gedankliche Fortschritt der Menschheit auch in der Wissenschaft
-fast allein auf einer besseren und immer besseren Beschreibung und
-Erkenntnis _derselben_ Dinge, es ist der Prozeß der _Klärung, über die
-ganze menschliche Geschichte ausgedehnt_. Was wir neues bemerken, es
-kommt _daneben_ nicht eigentlich sehr in Betracht.
-
-Wie viele Grade der Deutlichkeit und Differenziertheit ein
-Vorstellungsinhalt durchlaufen kann bis zum völlig distinkten, von
-keinerlei Nebel in den Konturen mehr getrübten Gedanken, das kann
-man stets beobachten, wenn man einen schwierigen neuen Gegenstand,
-z. B. die Theorie der elliptischen Funktionen, durch das Studium
-sich anzueignen sucht. Wie viele _Grade des Verstehens_ macht man da
-nicht an sich selbst durch (insbesondere in Mathematik und Mechanik),
-bis alles vor einem daliegt, in schöner Ordnung, in vollständiger
-Disposition, in ungestörter und vollkommener Harmonie der Teile zum
-Ganzen, offen dem mühelosen Ergreifen durch die Aufmerksamkeit! Diese
-Grade entsprechen den einzelnen Etappen auf dem Wege der Klärung.
-
-Der Prozeß der Klärung kann auch _retrograd_ verlaufen: von der
-völligen Distinktheit bis zur größten Verschwommenheit. Diese
-_Umkehrung_ des Klärungsverlaufes ist nichts anderes als der
-Prozeß des _Vergessens_, der nur in der Regel über eine längere
-Zeit ausgedehnt ist und meist bloß durch Zufall auf dem einen oder
-anderen Punkte seines Fortschreitens bemerkt wird. Es verfallen
-gleichsam ehedem wohlgebahnte Straßen, für deren Pflege nichts durch
-»Reproduktion« geschehen ist; wie aus dem jugendlichen »Vorgedanken«
-der in größter Intensität aufblitzende »Gedanke«, so wird aus dem
-»Gedanken« der altersschwache »Nachgedanke«: und wie auf einem lange
-nicht begangenen Waldweg von rechts und links Gräser, Kräuter,
-Stauden hereinzuwuchern beginnen, so verwischt sich Tag für Tag die
-deutliche Prägung des Gedankens, der nicht mehr gedacht wird. Hieraus
-wird auch eine praktische Regel verständlich, die ein Freund[14]
-sehr oft bestätigt gefunden hat: wer irgend etwas _erlernen_ will,
-sei es ein Musikstück oder ein Abschnitt aus der Geschichte der
-Philosophie, wird im allgemeinen nicht ohne Unterbrechung sich dieser
-Aneignungsarbeit widmen können, und jede einzelne Partie des Stoffes
-wiederholt durchnehmen müssen. Da fragt es sich nun, wie groß sind am
-zweckmäßigsten die Pausen, zwischen dem einen Male und dem nächsten
-zu wählen? Es hat sich nun herausgestellt -- und es dürfte allgemein
-so sein -- daß mit einer Wiederholung begonnen werden muß, solange
-man sich _noch nicht wieder_ für die Arbeit _interessiert_, so lange
-man sein Pensum noch halbwegs _zu beherrschen glaubt_. Sowie es
-einem nämlich genugsam entschwunden ist, um wieder zu interessieren,
-neugierig oder wißbegierig zu machen, sind die Resultate der ersten
-Einübung schon zurückgegangen und kann die zweite die erste nicht
-gleich verstärken, sondern muß einen guten Teil der Klärungsarbeit von
-frischem auf sich nehmen.
-
-Vielleicht ist im Sinne der Siegmund _Exner_schen Lehre von der
-»Bahnung« einer sehr populären Anschauung gemäß, wirklich als der
-physiologische Parallelprozeß der Klärung, anzunehmen, daß die
-Nervenfasern, eventuell ihre Fibrillen, erst durch (entweder länger
-anhaltende oder häufig wiederholte) Affektion für die Reizleitung
-_wegsam_ gemacht werden müssen. Ebenso würde natürlich im Falle
-des Vergessens das Resultat dieser »Bahnung« rückgängig gemacht,
-die durch sie herausgebildeten morphologischen Strukturelemente
-im einzelnen Neuron infolge mangelnden Geübtwerdens atrophieren.
-Die _Avenarius_sche Theorie den obigen verwandter Erscheinungen --
-_Avenarius_ würde Unterschiede der »Artikulation« oder »Gliederung« in
-den Gehirnprozessen (den »unabhängigen Schwankungen des Systems C«)
-zur Erklärung dieser Dinge angenommen haben -- überträgt denn doch
-wohl zu einfach und wörtlich Eigenschaften der »abhängigen Reihe«
-(d. i. des Psychischen) auf die »unabhängige« (physische), als daß
-sie speziell der Frage der psychophysischen Zuordnung irgendwie für
-förderlich gelten könnte. Dagegen erscheint der Ausdruck »artikuliert«,
-»gegliedert« zur Beschreibung des Grades der Distinktheit, mit welchem
-die einzelnen psychischen Data gegeben sind, wohl geeignet, und sei
-hiemit seine spätere Verwendung für diesen Zweck vorbehalten.
-
-Der Prozeß der Klärung mußte hier in seinem ganzen Verlauf verfolgt
-werden, um Umfang und Inhalt des neuen Begriffes kennen zu lernen; doch
-ist für das jetzt Folgende nur das Initialstadium, der Ausgangspunkt
-der Klärung, von Wichtigkeit. An den Inhalten, die weiterhin den Prozeß
-der Klärung durchmachen, ist, so hieß es, im allerersten Momente, in
-dem sie sich präsentieren, auch die _Avenarius_sche Unterscheidung
-von »Element« und »Charakter« _noch nicht durchführbar_. Es wird also
-derjenige, welcher diese Einteilung für alle Data der _entwickelten_
-Psyche acceptiert, für die Inhalte in jenem Stadium, _wo eine solche
-Zweiheit an ihnen noch nicht unterscheidbar ist_, einen eigenen Namen
-einzuführen haben. Es sei, ohne alle über den Rahmen dieser Arbeit
-hinausgehenden Ansprüche, für psychische Data auf jenem primitivsten
-Zustande ihrer Kindheit das Wort »_Henide_« vorgeschlagen (von ἕν, weil
-sie noch nicht Empfindung und Gefühl als _zwei_ für die Abstraktion
-isolierbare analytische Momente, noch keinerlei Zweiheit erkennen
-lassen).
-
-_Die absolute Henide ist hiebei nur als ein Grenzbegriff zu
-betrachten._ Wie oft _wirkliche_ psychische Erlebnisse im _erwachsenen_
-Alter des Menschen einen Grad von Undifferenziertheit erreichen, der
-ihnen diesen Namen mit Recht eintrüge, läßt sich so rasch nicht mit
-Sicherheit ausmachen; aber die Theorie an sich wird hiedurch nicht
-berührt. Eine Henide wird es im allgemeinen genannt werden dürfen,
-was, bei verschiedenen Menschen verschieden häufig, im Gespräche zu
-passieren pflegt: man hat ein ganz bestimmtes Gefühl, wollte eben
-etwas ganz Bestimmtes _sagen_; da bemerkt z. B. der andere etwas, und
-»es« ist nun weg, nicht mehr zu erhaschen. Später wird aber durch eine
-Assoziation plötzlich etwas reproduziert, von dem man sofort ganz
-genau weiß, daß es _dasselbe_ ist, was man früher nicht beim Zipfel
-fassen konnte: ein Beweis, daß es _derselbe_ Inhalt war, nur in anderer
-_Form_, _auf einem anderen Stadium der Entwicklung_. Die Klärung
-erfolgt also nicht nur im Laufe des ganzen individuellen Lebens nach
-dieser Richtung hin, sie muß auch für jeden Inhalt wieder von neuem
-durchgemacht werden.
-
-Ich besorge, daß jemand eine nähere Beschreibung dessen verlangen
-möchte, was ich mit der Henide eigentlich meine. Wie sehe eine
-Henide aus? Das wäre ein völliges Mißverständnis. Es liegt im
-Begriffe der Henide, daß sie sich nicht näher beschreiben läßt, als
-ein dumpfes Eines; _daß später die Identifikation mit dem völlig
-artikulierten Inhalte erfolgt, ist ebenso sicher, wie daß die Henide
-dieser artikulierte Inhalt selbst noch nicht ganz ist_, sich von
-ihm irgendwie, durch den Grad der Bewußtheit, durch den Mangel an
-Reliefierung, durch das Verschmolzensein von Folie und Hauptsache,
-durch den Mangel eines »Blickpunktes« im »Blickfelde« unterscheidet.
-
-Also einzelne Heniden kann man nicht beobachten und nicht beschreiben:
-_man kann nur Kenntnis nehmen von ihrem Dagewesensein_.
-
-Es läßt sich übrigens _prinzipiell_ in Heniden genau so gut denken,
-leben wie in Elementen und Charakteren; jede Henide ist ein Individuum
-und unterscheidet sich sehr wohl von jeder anderen. Aus später zu
-erörternden Gründen ist anzunehmen, daß die Erlebnisse der ersten
-Kindheit (und zwar dürfte dies für die ersten 14 Monate ausnahmslos
-für das Leben _aller_ Menschen zutreffen) Heniden sind, wenn auch
-vielleicht nicht in der absoluten Bedeutung. Doch rücken die
-psychischen Geschehnisse der ersten Kindheit wenigstens nie weit aus
-der Nähe des Henidenstadiums heraus; für den Erwachsenen indessen
-gibt es stets eine Entwicklung vieler Inhalte über jene Stufe empor.
-Dagegen ist in der Henide offenbar die Form des Empfindungslebens der
-niedersten Bionten, und vielleicht sehr vieler Pflanzen und Tiere zu
-sehen. Von der Henide ist _dem Menschen_ die Entwicklung nach einem
-vollständig differenzierten, plastischen Empfinden und Denken hin
-möglich, wenn auch dieses nur ein nie ganz ihm erreichbares Ideal
-darstellt. Während die absolute Henide die Sprache überhaupt noch nicht
-gestattet, indem die Gliederung der Rede nur aus der des Gedankens
-folgt, gibt es auch auf der höchsten dem Menschen möglichen Stufe des
-Intellektes noch Unklares und darum Unaussprechliches.
-
-Im ganzen also will die Henidentheorie den zwischen Empfindung und
-Gefühl um die Würde des höheren Alters geführten Streit schlichten
-helfen, und an Stelle der von _Avenarius_ und _Petzoldt_ aus der
-Mitte des Klärungsverlaufes herausgegriffenen Notionen »Element«
-und »Charakter« eine _entwicklungsgeschichtliche_ Beschreibung des
-Sachverhaltes versuchen: auf Grund der fundamentalen Beobachtung, daß
-erst mit dem Heraustreten der »Elemente« diese von den »Charakteren«
-unterscheidbar werden. Darum ist man zu »Stimmungen« und zu allen
-»Sentimentalitäten« nur disponiert, wenn die Dinge sich nicht in
-scharfen Konturen darstellen, und ihnen eher ausgesetzt in der Nacht
-als am Tage. Wenn die Nacht dem Lichte weicht, wird auch die Denkart
-der Menschen eine andere.
-
-In welcher Beziehung steht nun aber diese Untersuchung zur Psychologie
-der Geschlechter? Wie unterscheiden sich -- denn offenbar wurde
-zu solchem Zwecke diese längere Grundlegung gewagt -- M und W mit
-Rücksicht auf die verschiedenen Stadien der Klärung?
-
-Darauf ist folgende Antwort zu geben:
-
-_Der Mann hat die gleichen psychischen Inhalte wie das Weib in
-artikulierterer Form; wo sie mehr oder minder in Heniden denkt, dort
-denkt er bereits in klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich
-ausgesprochene und stets die Absonderung von den Dingen gestattende
-Gefühle knüpfen. Bei W sind »Denken« und »Fühlen« eins, ungeschieden,
-für M sind sie auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse noch
-in Henidenform, wenn bei M längst Klärung eingetreten ist._[15] Darum
-ist W sentimental, und kennt das Weib nur die Rührung, nicht die
-Erschütterung.
-
-Der größeren Artikulation der psychischen Data im Manne entspricht
-auch die größere Schärfe seines Körperbaues und seiner Gesichtszüge
-gegenüber der Weichheit, Rundung, Unentschiedenheit in der echten
-weiblichen Gestalt und Physiognomie. Ferner stimmen mit dieser
-Anschauung die Ergebnisse der die Geschlechter vergleichenden
-Sensibilitätsmessungen überein, die, entgegen der populären Meinung,
-bei den _Männern_ eine durchgängig größere Sinnesempfindlichkeit schon
-am _Durchschnitt_ ergeben haben und solche Differenzen sicherlich in
-noch viel höherem Maße hätten hervortreten lassen, wenn die _Typen_
-in Betracht gezogen worden wären. Die einzige Ausnahme bildet der
-Tastsinn: die taktile Empfindlichkeit der Frauen ist feiner als
-die der Männer. Das Faktum ist interessant genug, um zur Auslegung
-aufzufordern, und eine solche wird auch später versucht werden. Zu
-bemerken ist hier noch, daß hingegen die Schmerzsensibilität des
-Mannes eine unvergleichlich größere ist als die der Frau, was für
-die physiologischen Untersuchungen über den »Schmerzsinn« und seine
-Scheidung vom »Hautsinn« von Wichtigkeit ist.
-
-Schwache Sensibilität wird das Verbleiben der Inhalte in der Nähe des
-Henidenstadiums sicherlich begünstigen; geringere Klärung kann aber
-nicht als ihre unbedingte Folge dargetan werden, sondern läßt sich
-mit ihr nur in einen sehr wahrscheinlichen Zusammenhang bringen. Ein
-zuverlässigerer Beweis für die geringere Artikulation des weiblichen
-Vorstellens liegt in der größeren _Entschiedenheit im Urteil_ des
-Mannes, ohne daß diese _allein_ aus der geringeren Distinktheit des
-Denkens beim Weibe sich schon völlig _ableiten_ ließe (vielleicht
-weisen beide auf eine gemeinsame tiefere Wurzel zurück). Doch ist
-wenigstens dies eine sicher, daß wir, so lange wir dem Henidenstadium
-nahe sind, meist nur genau wissen, wie sich eine Sache _nicht_ verhält,
-und das wissen wir immer schon lange, bevor wir wissen, _wie_ sie sich
-verhält: hierauf, auf einem Besitzen von Inhalten in Henidenform,
-beruht wohl auch das, was _Mach_ »instinktive Erfahrung« nennt. Nahe
-dem Henidenstadium reden wir noch immer um die Sache herum, korrigieren
-uns bei jedem Versuche sie zu bezeichnen und sagen: »Das ist auch noch
-nicht das richtige Wort.« Damit ist naturgemäß Unsicherheit im Urteilen
-von selbst gegeben. Erst mit vollendeter Klärung wird auch unser
-Urteil bestimmt und sicher; _der Urteilsakt selbst setzt eine gewisse
-Entfernung vom Henidenstadium voraus_, selbst wenn durch ihn ein
-analytisches Urteil, das den geistigen Besitzstand des Menschen nicht
-vermehrt, ausgesprochen werden soll.
-
-Der entscheidende Beweis aber für die Richtigkeit der Anschauung,
-welche die Henide W, den differenzierten Inhalt M zuschreibt und
-hier einen fundamentalen Gegensatz beider erblickt, liegt darin,
-daß, wo immer ein neues Urteil zu fällen und nicht ein schon lange
-fertiges einmal mehr in Satzform auszusprechen ist, _daß in solchem
-Falle stets W von M die Klärung ihrer dunklen Vorstellungen, $die
-Deutung der Heniden erwartet$_. Es wird die in der Rede des Mannes
-sichtbar werdende Gliederung seiner Gedanken dort, wo die Frau ohne
-helle Bewußtheit vorgestellt hat, _als ein (tertiärer) männlicher
-Geschlechtscharakter von ihr geradezu erwartet, gewünscht und
-beansprucht, und wirkt auf sie wie ein solcher_. _Hierauf_ bezieht es
-sich, wenn so viele Mädchen sagen, sie wünschten nur einen solchen
-Mann zu heiraten, oder könnten zumindest nur jenen Mann _lieben_, _der
-gescheiter sei als sie_; daß es sie befremden, ja sexuell _abstoßen_
-kann, wenn der Mann dem, was sie sagen, einfach recht gibt und es nicht
-gleich besser sagt als sie; kurz und gut, warum eine Frau es eben als
-_Kriterium der Männlichkeit_ fühlt, daß der Mann ihr auch geistig
-überlegen sei, von dem Manne mächtig angezogen wird, dessen Denken ihr
-imponiert, und damit, ohne es zu wissen, das entscheidende Votum gegen
-alle Gleichheitstheorien abgibt.
-
-_M lebt bewußt, W lebt unbewußt._ Zu diesem Schlusse für die Extreme
-sind wir nun berechtigt. _W empfängt ihr Bewußtsein von M_: die
-Funktion, das Unbewußte bewußt zu machen, ist die sexuelle Funktion
-des typischen Mannes gegenüber dem typischen Weibe, das zu ihm im
-Verhältnis idealer Ergänzung steht.
-
-Hiemit ist die Darstellung beim _Problem der Begabung_ angelangt: der
-ganze theoretische Streit in der Frauenfrage geht heute fast nur darum,
-wer geistig höher veranlagt sei, »die Männer« oder »die Frauen«. Die
-populäre Fragestellung erfolgt ohne Typisierung; hier wurden über die
-Typen Anschauungen entwickelt, die auf die Beantwortung jener Frage
-nicht ohne Einfluß bleiben können. Die Art dieses Zusammenhanges bedarf
-jetzt der Erörterung.
-
-
-
-
-IV. Kapitel.
-
-Begabung und Genialität.
-
-
-Da über das Wesen der genialen Veranlagung sehr vielerlei an vielen
-Orten zu lesen ist, wird es Mißverständnisse verhüten, wenn noch vor
-allem Eingehen auf die Sache einige Feststellungen getroffen werden.
-
-Da handelt es sich zunächst um die Abgrenzung gegen den Begriff des
-Talentes. Die populäre Anschauung bringt Genie und Talent fast immer
-so in Verbindung, als wäre das erste ein höherer oder höchster Grad
-des letzteren, durch stärkste Potenzierung oder Häufung verschiedener
-Talente in einem Menschen aus jenem abzuleiten, als gäbe es zumindest
-vermittelnde Übergänge zwischen beiden. Diese Ansicht ist vollständig
-verkehrt. Wenn es auch vielerlei Grade und verschieden hohe
-Steigerungen der Genialität sicherlich gibt, so haben diese Stufen doch
-gar nichts zu tun mit dem sogenannten »Talent«. Ein Talent, z. B. das
-mathematische Talent, mag jemand von Geburt in außerordentlichem Grade
-besitzen; er wird dann die schwierigsten Kapitel dieser Wissenschaft
-mit leichter Mühe sich anzueignen imstande sein; aber von Genialität,
-was dasselbe ist wie Originalität, Individualität und Bedingung eigener
-Produktivität, braucht er darum noch nichts zu besitzen. Umgekehrt gibt
-es hochgeniale Menschen, die kein spezielles Talent in besonders hohem
-Grade entwickelt haben. Man denke an _Novalis_ oder an _Jean Paul_.
-Das Genie ist also keineswegs ein höchster Superlativ des Talentes, es
-ist etwas von ihm durch eine ganze Welt Geschiedenes, beide durchaus
-heterogener Natur, nicht aneinander zu messen und nicht miteinander
-zu vergleichen. Das Talent ist vererbbar, es kann Gemeingut einer
-Familie sein (die _Bachs_); das Genie ist nicht übertragbar, es ist
-nie generell, sondern stets individuell (_Johann Sebastian_).
-
-Vielen leicht zu blendenden mittelmäßigen Köpfen, insbesondere aber
-den _Frauen_, gilt im allgemeinen geistreich und genial als dasselbe.
-Die Frauen haben, wenn auch der äußere Schein für das Gegenteil
-sprechen mag, in Wahrheit gar keinen Sinn für das Genie, ihnen gilt
-jede Extravaganz der Natur, die einen Mann aus Reih und Glied der
-anderen sichtbar hervortreten läßt, zur Befriedigung ihres sexuellen
-Ehrgeizes gleich; sie verwechseln den Dramatiker mit dem Schauspieler,
-und machen keinen Unterschied zwischen Virtuos und Künstler. So gilt
-ihnen denn auch der geistreiche Mensch als der geniale, _Nietzsche_
-als der Typus des Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfällen bloß
-jongliert, alles Franzosentum des Geistes, mit wahrer geistiger Höhe
-nicht die entfernteste Verwandtschaft. Menschen, die nichts sind als
-eben geistreich, sind unfromme Menschen; es sind solche, die, von
-den Dingen nicht wirklich erfüllt, an ihnen nie ein aufrichtiges und
-tiefes Interesse nehmen, in denen nicht lang und schwer etwas der
-Geburt entgegenstrebt. Es ist ihnen nur daran gelegen, daß ihr Gedanke
-glitzere und funkle wie eine prächtig zugeschliffene Raute, nicht, daß
-er auch etwas beleuchte! Und das kommt daher, weil ihr Sinnen vor allem
-die Absicht auf das behält, was die anderen zu eben diesen Gedanken
-wohl »sagen« werden -- eine Rücksicht, die durchaus nicht immer
-»rücksichtsvoll« ist. Es gibt Männer, die imstande sind, eine Frau, die
-sie in keiner Weise anzieht, zu heiraten -- bloß weil sie _den anderen_
-gefällt. Und solche Ehen findet man auch zwischen so manchen Menschen
-und ihren Gedanken. Ich denke z. B. an eines lebenden Autors boshafte,
-anflegelnde, beleidigende Schreibweise: er glaubt zu brüllen und bellt
-doch nur. Leider scheint auch Friedrich _Nietzsche_, in seinen späteren
-Schriften (so erhaben er sonst über den Vergleich mit jenem ist), an
-seinen Einfällen manchmal vor allem das interessiert zu haben, was
-seinem Vermuten nach die Leute recht chokieren mußte. Er _ist_ oft
-gerade dort am eitelsten, wo er am rücksichtslosesten _scheint_. Es ist
-die Eitelkeit des Spiegels selbst, der von dem Gespiegelten brünstig
-Anerkennung erfleht: Sieh, wie gut, wie _rücksichtslos_ ich spiegle!
--- In der Jugend, so lange man selbst noch nicht gefestigt ist,
-sucht ja wohl ein jeder sich dadurch zu festigen, daß er den anderen
-anrempelt; aber leidenschaftlich-aggressiv sind ganz große Männer doch
-immer nur aus Not. Nicht sie gleichen dem jungen Fuchs auf der Suche
-nach seiner Mensur, nicht sie dem jungen Mädchen, das die neue Toilette
-vor allem darum so entzückt, weil ihre »Freundinnen« sich $so$ darüber
-ärgern werden.
-
-Genie! Genialität! Was hat dieses Phänomen nicht bei der Mehrzahl der
-Menschen für Unruhe und geistiges Unbehagen, für Haß und Neid, für
-Mißgunst und Verkleinerungssucht hervorgerufen, wieviel Unverständnis
-und -- wieviel Nachahmungstrieb hat es nicht ans Licht treten lassen!
-»Wie er sich räuspert und wie er spuckt ...«
-
-Leicht trennen wir uns von den Imitationen des Genius, um uns ihm
-selbst und seinen echten Verkörperungen zuzuwenden. Aber wahrlich!
-Wo hier auch die Betrachtung den Anfang nehmen möge, bei der
-unendlichen, ineinanderfließenden Fülle wird immer nur ihre Willkür
-den Ausgangspunkt wählen können. Alle Qualitäten, die man als
-geniale bezeichnen muß, hängen so innig miteinander zusammen, daß
-eine vereinzelte Betrachtung ihrer, die nur allmählich zu höherer
-Allgemeinheit aufzusteigen plant, zur denkbar schwierigsten Sache
-wird: indem die Darstellung stets zu vorzeitiger Abrundung des Ganzen
-verführt zu werden fürchten muß, und sich in der isolierenden Methode
-nicht behaupten zu können droht. Alle bisherigen Erörterungen über das
-Wesen des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklären
-mit lächerlicher Anmaßung das bißchen Wissen auf diesem Gebiete zur
-Beantwortung der schwierigsten und tiefsten psychologischen Fragen
-für hinreichend. Oder sie steigen von der Höhe eines metaphysischen
-Standpunktes _herab_, um die Genialität in ihr System _aufzunehmen_.
-Wenn der Weg, der hier eingeschlagen werden soll, nicht zu allen Zielen
-_auf einmal_ führt, so liegt dies eben an seiner Natur eines Weges.
-
-Denken wir daran, um wieviel besser der große Dichter in die Menschen
-sich hineinversetzen kann als der Durchschnittsmensch. Man ermesse
-die außerordentliche Anzahl der Charaktere, die _Shakespeare_,
-die _Euripides_ geschildert haben; oder denke an die ungeheuere
-Mannigfaltigkeit der Personen, die in den Romanen _Zolas_ auftreten.
-_Heinrich von Kleist_ hat nach der Penthesilea ihr vollendetes
-Gegenteil, das Käthchen von Heilbronn geschaffen, _Michel Angelo_ die
-Leda und die delphische Sibylle aus seiner Phantasie heraus verkörpert.
-Es gibt wohl wenige Menschen, die so wenig darstellende Künstler waren
-wie Immanuel _Kant_ und Joseph _Schelling_, und doch sind sie es, die
-über die Kunst das Tiefste und Wahrste geschrieben haben.
-
-Um nun einen Menschen zu erkennen oder darzustellen, muß man ihn
-_verstehen_. Um aber einen Menschen zu verstehen, muß man mit ihm
-Ähnlichkeit haben, man muß so sein wie er, um seine Handlungen
-nachzubilden und würdigen zu können, muß man die psychologischen
-Voraussetzungen, die sie in ihm hatten, in sich selbst nachzuerzeugen
-vermögen: _einen Menschen verstehen, heißt ihn in sich haben_. Man
-muß dem Geist gleichen, den man begreifen will. Darum versteht ein
-Gauner nur immer gut den anderen Gauner, ein gänzlich harmloser Mensch
-wieder vermag nie jenen, stets nur eine ihm ebenbürtige Gutmütigkeit
-zu fassen; ein Poseur erklärt sich die Handlungen des anderen Menschen
-fast immer als Posen und vermag einen zweiten Poseur rascher zu
-durchschauen als der einfache Mensch, an den der Poseur seinerseits nie
-recht zu glauben imstande ist. _Einen Menschen verstehen heißt also: er
-selbst sein._
-
-Danach müßte aber jeder Mensch sich selbst am besten verstehen, und das
-ist gewiß nicht richtig. Kein Mensch kann sich selbst je verstehen,
-denn dazu müßte er aus sich selbst herausgehen, dazu müßte das Subjekt
-des Erkennens und Wollens Objekt werden können: ganz wie, um das
-Universum zu verstehen, ein Standpunkt noch außerhalb des Universums
-erforderlich wäre, und einen solchen zu gewinnen, ist nach dem Begriffe
-eines Universums nicht möglich. Wer sich selbst verstehen könnte, der
-könnte die Welt verstehen. Daß dieser Satz nicht nur vergleichsweise
-gilt, sondern ihm eine sehr tiefe Bedeutung innewohnt, wird sich aus
-der Darstellung allmählich ergeben. Für den Augenblick ist sicher, daß
-man sein tiefstes eigenstes Wesen nicht selbst verstehen kann. Und es
-gilt auch wirklich: man wird, wenn man überhaupt verstanden wird, immer
-nur von anderen, nie von sich selbst verstanden. Der andere nämlich,
-der mit dem ersten eine Ähnlichkeit hat und ihm in anderer Beziehung
-doch gar nicht gleich ist, dem kann diese Ähnlichkeit zum Gegenstande
-der Betrachtung werden, er kann sich im anderen, oder den anderen in
-sich _erkennen_, darstellen, _verstehen_. _Einen Menschen verstehen
-heißt also: $auch$ er sein._
-
-Der geniale Mensch aber offenbarte sich an jenen Beispielen eben als
-der Mensch, welcher ungleich mehr Wesen versteht als der mittelmäßige.
-_Goethe_ soll von sich gesagt haben, es gebe kein Laster und kein
-Verbrechen, zu dem er nicht die Anlage in sich verspürt, das er nicht
-in irgend einem Zeitpunkte seines Lebens vollauf verstanden habe. Der
-geniale Mensch ist also komplizierter, zusammengesetzter, reicher; _und
-ein Mensch ist um so genialer zu nennen, je mehr Menschen er in sich
-vereinigt_, und zwar, wie hinzugefügt werden muß, _je lebendiger_, mit
-je größerer _Intensität_ er die anderen Menschen in sich hat. Wenn
-das Verständnis des Nebenmenschen nur wie ein schwaches Stümpchen
-in ihm brennte, dann wäre er nicht imstande, als großer Dichter in
-seinen Helden das Leben einer mächtigen Flamme gleich zu entzünden,
-seine Figuren wären ohne Mark und Kraft. Das Ideal gerade von einem
-künstlerischen Genius ist es, in allen Menschen zu leben, an alle sich
-zu verlieren, in die Vielheit zu _emanieren_; indes der Philosoph alle
-anderen _in sich_ wiederfinden, sie zu einer Einheit, die eben immer
-nur _seine_ Einheit sein wird, zu _resorbieren_ die Aufgabe hat.
-
-Diese Proteus-Natur des Genies ist, ebensowenig wie früher die
-Bisexualität, als Simultaneität aufzufassen; auch dem größten Genius
-ist es nicht gegeben, zu gleicher Zeit, etwa an einem und demselben
-Tage, das Wesen aller Menschen zu verstehen. Die umfassendere und
-inhaltsvollere Anlage, welche ein Mensch geistig besitzt, kann nur
-nach und nach, in allmählicher Entfaltung seines ganzen Wesens sich
-offenbaren. Es hat den Anschein, daß auch sie in einem bestimmten
-Ablauf gesetzmäßiger _Perioden_ zum Vorschein kommt. Diese Perioden
-wiederholen sich aber im Laufe des Lebens nicht in der gleichen Weise,
-als wäre jede nur die gewöhnliche Wiederholung der vorhergegangenen,
-sondern sozusagen in immer höherer Sphäre; es gibt nicht zwei Momente
-des individuellen Lebens, die einander ganz gleichen; und es existiert
-zwischen den späteren und den früheren Perioden nur die Ähnlichkeit der
-Punkte der höheren mit den homologen der niederen Spiralwindung. Daher
-kommt es, daß hervorragende Menschen so oft in ihrer Jugend den Plan zu
-einem Werke fassen, nach langer Pause im Mannesalter das Jahre hindurch
-nicht vorgenommene Konzept einer Bearbeitung unterziehen und erst im
-Greisenalter nach abermaligem Zurückstellen es vollenden: es sind die
-verschiedenen Perioden, in die sie abwechselnd treten und die sie stets
-mit anderen Gegenständen erfüllen. Diese Perioden existieren bei jedem
-Menschen, nur in verschiedener Stärke, mit verschiedener »Amplitüde«.
-Da das Genie die meisten Menschen mit der _größten_ Lebendigkeit in
-sich hat, _wird die Amplitüde der Perioden um so ausgesprochener sein,
-je bedeutender ein Mensch in geistiger Beziehung ist_. Hochstehende
-Menschen hören daher meist von Jugend auf von Seiten ihrer Erzieher
-den Vorwurf, daß sie fortwährend »von einem Extrem ins andere« fielen.
-Als ob sie sich dabei besonders wohl befinden würden! Gerade beim
-hervorragenden Menschen nehmen solche Übergänge in der Regel einen
-ausgesprochen krisenhaften Charakter an. _Goethe_ hat einmal von der
-»wiederholten Pubertät« der Künstler gesprochen. Was er gemeint hat,
-hängt innig mit diesem Gegenstande zusammen. Denn gerade die starke
-Periodizität des Genies bringt es mit sich, daß bei ihm immer erst auf
-sterile Jahre die fruchtbaren und auf sehr produktive Zeiten immer
-wieder sehr unfruchtbare folgen -- Zeiten, in denen er von sich nichts
-hält, ja von sich _psychologisch_ (nicht logisch) weniger hält _als
-von jedem anderen Menschen_: quält ihn doch die Erinnerung an die
-Schaffensperiode, und vor allem -- wie _frei_ sieht er sie, die von
-solchen Erinnerungen nicht Belästigten, herumgehen! Wie seine Ekstasen
-gewaltiger sind als die der anderen, so sind auch seine Depressionen
-fürchterlicher. Bei jedem hervorragenden Menschen gibt es solche
-Zeiten, kürzere und längere; Zeiten, wo er in völliger Verzweiflung
-an sich selbst sein, wo es bei ihm zu Selbstmordgedanken kommen kann,
-Zeiten, wo zwar auch eine Menge Dinge ihm auffallen können, und vor
-allem eine Menge Dinge sich ansetzen werden für eine spätere Ernte; wo
-aber nichts mit dem gewaltigen Tonus der produktiven Periode erscheint,
-wo, mit anderen Worten, _der Sturm sich nicht einstellt_; Zeiten, in
-denen wohl über solche, die trotzdem fortzuschaffen versuchen, gesagt
-wird: »Wie der jetzt herunterkommt!« »Wie der sich völlig ausgegeben
-hat!« »Wie der sich selbst kopiert!« etc. etc.
-
-Auch seine anderen Eigenschaften, nicht bloß ob er überhaupt,
-sondern auch der Stoff, in welchem, der Geist, aus welchem heraus er
-produziert, sind im genialen Menschen einem Wechsel und einer starken
-Periodizität unterworfen. Er ist das eine Mal eher reflektierend und
-wissenschaftlich, das andere Mal mehr zu künstlerischer Darstellung
-disponiert (_Goethe_); zuerst konzentriert sich sein Interesse auf die
-menschliche Kultur und Geschichte, dann wieder auf die Natur (man halte
-_Nietzsches_ »Unzeitgemäße Betrachtungen« neben seinen »Zarathustra«);
-er ist jetzt mystisch, nachher naiv (solche Beispiele haben in jüngster
-Zeit _Björnson_ und _Maurice Maeterlinck_ gegeben). Ja, so groß ist
-im hervorragenden Menschen die »Amplitüde« der Perioden, in denen
-die verschiedenen Seiten seines Wesens, die vielen Menschen, die in
-ihm intensiv leben, aufeinander succedieren, daß diese Periodizität
-auch physiognomisch sich deutlich offenbart. Hieraus möchte ich die
-auffallende Erscheinung erklären, daß bei begabteren Menschen der
-Ausdruck des Antlitzes viel öfter wechselt als bei Unbegabten, ja daß
-sie zu verschiedenen Zeiten oft unglaublich verschiedene Gesichter
-haben können; man vergleiche nur die von _Goethe_, von _Beethoven_,
-von _Kant_, von _Schopenhauer_ aus den verschiedenen Epochen ihres
-Lebens erhaltenen Bilder! _Man kann die Zahl der Gesichter, die ein
-Mensch hat, geradezu als ein physiognomisches Kriterium seiner Begabung
-ansehen._ Menschen, die stets ein und dasselbe Gesicht _völlig_
-unverändert aufweisen, stehen auch intellektuell sehr tief. Hingegen
-wird es den Physiognomiker nicht wundern, daß begabtere Menschen, die
-auch im Verkehr und Gespräch immer neue Seiten ihres Wesens offenbaren,
-über die darum das Nachdenken nicht so bald ein fertiges Urteil
-gewinnt, diese Eigenschaft auch durch ihr Aussehen bewahrheiten.
-
-Man wird vielleicht mit Entrüstung die hier entwickelte _vorläufige_
-Vorstellung vom Genie zurückweisen, weil sie als notwendig postuliere,
-daß ein _Shakespeare_ auch die ganze Gemeinheit eines Falstaff, die
-ganze Schurkenhaftigkeit eines Jago, die ganze Rohheit eines Caliban in
-sich gehabt habe, somit die großen Menschen moralisch erniedrige, indem
-sie ihnen das intimste Verständnis auch für alles Verächtliche und
-Unbedeutende imputiere. Und es muß zugegeben werden, daß nach dieser
-Auffassung die genialen Menschen von den zahlreichsten und heftigsten
-Leidenschaften erfüllt und selbst von den widerlichsten Trieben nicht
-verschont sind (was übrigens durch ihre Biographien überall bestätigt
-wird).
-
-Aber jener Einwurf ist trotzdem unberechtigt. Dies wird aus der
-späteren Vertiefung des Problems noch hervorgehen; einstweilen sei
-darauf hingewiesen, daß nur eine oberflächliche Schlußweise ihn als die
-notwendige Folgerung aus den bis jetzt dargelegten Prämissen betrachten
-kann, die vielmehr allein schon sein Gegenteil mehr als wahrscheinlich
-zu machen genügen. _Zola_, der den Impuls zum Lustmord so gut kennt,
-hätte trotzdem nie einen Lustmord begangen, und zwar darum, _weil in
-ihm selber eben so viel anderes $noch$ ist_. Der wirkliche Lustmörder
-ist die Beute seines Antriebes; in seinem Dichter wirkt der ganze
-Reichtum seiner vielfältigen Anlage dem Reize entgegen. Er bewirkt,
-daß _Zola_ den Lustmörder viel besser als jeder wirkliche Lustmörder
-sich selbst _kennen_, daß er aber eben damit ihn _erkennen_ wird,
-wenn die Versuchung wirklich an ihn herantreten sollte; und damit
-steht er ihr bereits gegenüber, Aug' in Auge, und kann sich ihrer
-erwehren. Auf diese Weise wird der verbrecherische Trieb im großen
-Menschen _vergeistigt_, zum Künstlermotiv wie bei _Zola_, oder zur
-philosophischen Konzeption des »Radikal-Bösen« wie bei _Kant_, darum
-führt er ihn nicht zur verbrecherischen _Tat_.
-
-Aus der Fülle von Möglichkeiten, die in jedem bedeutenden Menschen
-vorhanden sind, ergeben sich nun wichtige Konsequenzen, welche zur
-Theorie der Heniden, wie sie im vorigen Kapitel entwickelt wurde,
-zurückleiten. _Was man in sich hat, $bemerkt$ man eher, als was man
-nicht versteht_ (wäre dem anders, so gäb' es keine Möglichkeit, daß
-die Menschen miteinander verkehren könnten -- sie wissen meistens gar
-nicht, wie _oft sie_ einander mißverstehen); dem Genie, das so viel
-mehr _versteht_ als der Dutzendmensch, wird also auch mehr _auffallen_
-als diesem. Der Intrigant wird es leicht bemerken, wenn ein anderer
-ihm gleicht; der leidenschaftliche Spieler sofort wahrnehmen, wenn
-ein zweiter große Lust zum Spiele verrät, während dies den anderen,
-die anders sind, in den meisten Fällen lange entgeht: »der Art ja
-versiehst du dich besser«, heißt es in _Wagners_ »Siegfried«. Vom
-komplizierteren Menschen aber galt, daß er jeden Menschen besser
-verstehen könne als dieser sich selber, vorausgesetzt, daß er dieser
-Mensch ist und zugleich noch etwas mehr, _genauer, wenn er diesen
-Menschen $und dessen Gegenteil$, alle beide, in sich hat. Die Zweiheit
-ist stets die Bedingung des Bemerkens und des Begreifens_; fragen wir
-die Psychologie nach der kardinalsten Bedingung des Bewußtwerdens, der
-»Abhebung«, so erhalten wir zur Antwort, daß hiefür die notwendige
-Voraussetzung der _Kontrast_ sei. Gäbe es nur ein einförmiges Grau, so
-hätte niemand ein Bewußtsein, geschweige denn einen Begriff von Farbe;
-absolute _Ein_tönigkeit eines Geräusches führt beim Menschen raschen
-$Schlaf$ herbei: _Zweiheit (das $Licht$, das die Dinge scheidet und
-unterscheidet) ist die Ursache des wachen Bewußtseins._
-
-Darum kann niemand sich selbst verstehen, wenn er auch sein ganzes
-Leben ununterbrochen über sich nachdächte, und immer nur einen anderen,
-dem er zwar ähnlich, aber der er nicht ganz ist, sondern von dessen
-Gegenteil er ebensoviel in sich hat wie von ihm selbst. Denn in dieser
-Verteilung liegen die Verhältnisse für das Verstehen am günstigsten:
-der früher erwähnte Fall _Kleistens_. _Endgültig bedeutet also einen
-Menschen verstehen soviel als: ihn $und$ sein Gegenteil in sich haben._
-
-Daß sich ganz allgemein stets Gegensatz_paare_ im selben Menschen
-zusammenfinden müssen, um ihm das Bewußtwerden auch nur _eines_
-Gliedes von jedem Paare zu gestatten, dafür liefert die Lehre vom
-Farbensinn des Auges mehrere physiologische Beweise, von denen ich
-nur die bekannte Erscheinung erwähne, daß die Farbenblindheit sich
-immer auf _beide_ Komplementärfarben erstreckt; der Rotblinde ist auch
-grünblind, und es gibt nur Blaugelbblinde und keinen Menschen, der blau
-empfinden könnte, wenn er für gelb unempfänglich wäre. Dieses Gesetz
-gilt im Geistigen überall, es ist das Grundgesetz alles Bewußtwerdens.
-Zum Beispiel wird, wer immer sehr zum Frohmut, auch zum Umschlag in
-Trübsinn eher veranlagt sein als ein stets gleichmäßig Gestimmter;
-und wer für jederlei Feinheit und Subtilität so viel Sinn hat wie
-_Shakespeare_, auch die ungeschlachteste Derbheit, weil gleichsam als
-seine Gefahr, am sichersten empfinden und auffassen.
-
-Je mehr menschliche Typen und deren Gegensätze ein Mensch in seiner
-Person vereinigt, desto weniger wird ihm, da aus dem Verstehen auch das
-Bemerken folgt, _entgehen_, was die Menschen treiben und lassen, desto
-eher wird er _durchschauen_, was sie fühlen, denken und eigentlich
-wollen. _Es gibt keinen genialen Menschen, der nicht ein großer
-Menschenkenner wäre_; der bedeutende Mensch blickt einfacheren Menschen
-oft im ersten Augenblick bis auf den Grund, und ist nicht selten
-imstande, sie sofort völlig zu charakterisieren.
-
-Nun hat aber unter den meisten Menschen der eine für dies, der andere
-für jenes einen nur mehr oder minder einseitig entwickelten Sinn.
-Dieser kennt alle Vögel und unterscheidet ihre Stimmen aufs feinste,
-jener hat von früh auf einen liebevollen und sicheren Blick für die
-Pflanzen; der eine fühlt sich von den übereinandergeschichteten
-tellurischen Sedimenten erschüttert (_Goethe_), der andere erschauert
-unter der Kälte des nächtigen Fixsternhimmels (_Kant_); manch
-einer findet das Gebirge tot und fühlt sich gewaltig nur vom ewig
-bewegten Meere angesprochen (_Böcklin_), ein zweiter kann zu dessen
-immerwährender Unruhe kein Verhältnis gewinnen und kehrt unter die
-erhabene Macht der Berge zurück (_Nietzsche_). So hat jeder Mensch,
-auch der einfachste, etwas in der Natur, zu dem es ihn hinzieht, und
-für das seine Sinne schärfer werden denn für alles übrige. Wie sollte
-nun der genialste Mensch, der, im idealen Falle, diese Menschen alle
-in sich hat, mit ihrem Innenleben nicht auch ihre Beziehungen und
-Liebesneigungen zur Außenwelt in sich versammeln? So wächst in ihn
-die Allgemeinheit nicht nur alles Menschlichen, sondern auch alles
-Natürlichen hinein; _er ist der Mensch, der zu den meisten Dingen
-im intimsten Rapporte steht_, dem das meiste auffällt, das wenigste
-entgeht; der das meiste versteht, und es am tiefsten versteht schon
-darum, weil er es mit den vielfältigsten Dingen zu vergleichen und
-von den zahlreichsten zu unterscheiden in der Lage ist, am besten zu
-messen und am besten zu begrenzen weiß. _Dem genialen Menschen wird
-das meiste und all dies am stärksten $bewußt$._ Darum wird zweifellos
-auch seine Sensibilität die feinste sein; dies darf man aber nicht,
-wie es, in offenbar einseitigem Hinblick auf den Künstler, geschehen
-ist, bloß zu Gunsten einer verfeinerten Sinnesempfindung, größerer
-Sehschärfe beim Maler (oder beim Dichter), größerer Hörschärfe beim
-Komponisten (_Mozart_) auslegen: das Maß der Genialität ist weniger in
-der Unterschiedsempfindlichkeit der Sinne, als in der des Geistes zu
-suchen; anderseits wird jene Empfindlichkeit oft auch mehr nach innen
-gekehrt sein.
-
-So ist das geniale Bewußtsein am _weitesten_ entfernt vom
-Henidenstadium; es hat vielmehr die größte, grellste Klarheit und
-Helle. _Genialität offenbart sich hier bereits als eine Art höherer
-Männlichkeit; $und darum kann W nicht genial sein$._ Dies ist die
-folgerechte Anwendung des im vorigen Kapitel gewonnenen Ergebnisses,
-daß M bewußter lebe als W, auf den eigentlichen Ertrag des jetzigen
-Kapitels: dieses gipfelt in dem Satze, daß _Genialität identisch
-ist mit höherer, weil allgemeinerer Bewußtheit_. Jenes intensivere
-Bewußtsein von allem wird aber selbst erst ermöglicht durch die enorme
-Zahl von Gegensätzen, die im hervorragenden Menschen beisammen sind.
-
-_Darum ist zugleich Universalität das Kennzeichen des Genies._
-Es gibt keine Spezialgenies, keine »mathematischen« und keine
-»musikalischen Genies«, auch keine »Schachgenies«, _sondern es gibt
-$nur$ Universalgenies. Der geniale Mensch läßt sich definieren
-als derjenige, der $alles$ weiß, ohne es gelernt zu haben._ Unter
-diesem »Alleswissen« sind selbstverständlich nicht die Theorien und
-Systematisierungen gemeint, welche die Wissenschaft an den Tatsachen
-vorgenommen hat, nicht die Geschichte des spanischen Erbfolgekrieges,
-und nicht die Experimente über Diamagnetismus. Aber nicht erst aus dem
-Studium der Optik erwächst dem Künstler die Kenntnis der Farben des
-Wassers bei trübem und heiterem Himmel, und es bedarf keiner Vertiefung
-in eine Charakterologie, um Menschen einheitlich zu gestalten. Denn je
-begabter ein Mensch ist, über desto mehr _hat_ er immer _selbständig_
-nachgedacht, zu desto mehr Dingen hat er ein persönliches Verhältnis.
-
-Die Lehre von den Spezialgenies, die es gestattet, z. B. vom
-»Musikgenie« zu reden, das »in allen anderen Beziehungen
-unzurechnungsfähig« sei, verwechselt abermals Talent und Genie. Der
-Musiker kann, wenn er wahrhaft groß ist, in der Sprache, auf die ihn
-die Richtung seines besonderen Talentes weist, genau so universell
-sein, genau so die ganze innere und äußere Welt durchmessen wie der
-Dichter oder der Philosoph; solch ein Genie war _Beethoven_. Und er
-kann in ebenso beschränkter Sphäre sich bewegen wie ein mittelmäßiger
-wissenschaftlicher oder künstlerischer Kopf; solch ein Geist war
-_Johann Strauß_, den es merkwürdig berührt, ein Genie nennen zu
-hören, so schöne Blüten eine lebhafte, aber sehr eng begrenzte
-Einbildungskraft in ihm auch getrieben hat. _Es gibt_, um nochmals
-darauf zurückzukommen, _vielerlei Talente, aber es gibt nur $eine$
-Genialität_, die ein beliebiges Talent wählen und ergreifen mag, um
-in ihm sich zu betätigen. Es gibt etwas, das allen genialen Menschen
-als _genialen_ gemeinsam ist, so sehr auch der große Philosoph vom
-großen Maler, der große Musiker vom großen Bildhauer, der große
-Dichter vom großen Religionsstifter sich sonst unterscheiden mögen.
-Das Talent, durch dessen Medium die eigentliche Geistesanlage eines
-Menschen sich offenbart, ist viel mehr Nebensache, als man gewöhnlich
-glaubt, und wird aus der großen Nähe, aus welcher kunstphilosophische
-Betrachtung leider so oft erfolgt, in seiner Wichtigkeit meist weit
-überschätzt. Nicht nur die Unterschiede in der Begabung, auch die
-Gemütsart und Weltanschauung kehren sich wenig an die Grenzen der
-Künste voneinander, diese werden übersprungen, und so ergeben sich dem
-vorurteilsloseren Blick oft überraschende Ähnlichkeiten; er wird dann,
-statt _innerhalb_ der Musikgeschichte, respektive der Geschichte der
-Kunst, der Literatur und Philosophie nach Analogien zu blättern, lieber
-ungescheut z. B. _Bach_ mit _Kant_ vergleichen, Karl Maria v. _Weber_
-neben _Eichendorff_ stellen, und _Böcklin_ mit _Homer_ zusammenhalten;
-und wenn so die Betrachtung reiche Anregung und große Fruchtbarkeit
-gewinnen kann, so wird das auch dem psychologischen Tiefblick
-schließlich zugute kommen, an dessen Mangel alle Geschichtsschreibung
-von Kunst wie von Philosophie am empfindlichsten krankt. Welche
-organischen und psychologischen Bedingungen es übrigens sind, die ein
-Genie entweder zum mystischen Visionär oder etwa zum großen Zeichner
-werden lassen, das muß als unwesentlich für die Zwecke _dieser_ Schrift
-beiseite bleiben.
-
-_Von jener Genialität aber_, die, bei allen oft sehr tief gehenden
-Unterschieden zwischen den einzelnen Genies, eine und dieselbe bleibt
-und, nach dem hier aufgestellten Begriffe, überall manifestiert werden
-kann, _ist das Weib ausgeschlossen_. Wenn auch die Frage, ob es rein
-wissenschaftliche, und ob es bloß handelnde, nicht nur künstlerische
-und philosophische Genies geben könne, erst in einem späteren
-Abschnitt zur Entscheidung gebracht werden soll: man hat allen Grund,
-vorsichtiger zu verfahren mit der Verleihung des Prädikates genial,
-als man dies bisher gewesen ist. Es wird sich noch deutlich zeigen:
-will man überhaupt vom Wesen der Genialität eine Vorstellung sich
-bilden und zu einem Begriffe derselben zu gelangen suchen, so _muß_
-die Frau als ungenial bezeichnet werden; und trotzdem wird niemand der
-Darstellung nachsagen dürfen, sie hätte im Hinblick auf das weibliche
-Geschlecht irgend einen willkürlichen Begriff erst konstruiert und
-ihn nachträglich als das Wesen der Genialität hingestellt, um nur den
-Frauen keinen Platz _innerhalb_ derselben gönnen zu müssen.
-
-Hier kann auf die anfänglichen Betrachtungen des Kapitels
-zurückgegriffen werden. Während die Frau der Genialität kein
-Verständnis entgegenbringt, außer einem, das sich eventuell an die
-Persönlichkeit eines noch lebenden Trägers knüpfte, hat der Mann
-jenes tiefe Verhältnis zu dieser Erscheinung an sich, das _Carlyle_
-in seinem noch immer so wenig verstandenen Buche Hero-Worship,
-Heldenverehrung, genannt und so schön und hinreißend ausgemalt hat.
-In der Heldenverehrung des Mannes kommt abermals zum Ausdruck, daß
-_Genialität an die Männlichkeit geknüpft ist, daß sie eine ideale,
-potenzierte Männlichkeit vorstellt_[16]; denn das Weib hat kein
-originelles, sondern ein ihr vom Manne verliehenes Bewußtsein, sie lebt
-unbewußt, der Mann bewußt: am bewußtesten aber der Genius.
-
-
-
-
-V. Kapitel.
-
-Begabung und Gedächtnis.
-
-
-Um von der Heniden-Theorie auszugehen, sei folgende Beobachtung
-erzählt. Ich notierte gerade, _halb_ mechanisch, die Seitenzahl einer
-Stelle aus einer botanischen Abhandlung, die ich später zu exzerpieren
-beabsichtigte, als ich etwas in Henidenform dachte. Aber was ich da
-dachte, wie ich es dachte, was da an die Tür der Bewußtheit klopfte,
-dessen konnte ich mich schon im nächsten Augenblick trotz aller
-Anstrengung nicht entsinnen. Aber gerade darum ist dieser Fall -- er
-ist typisch -- besonders lehrreich.
-
-_Je plastischer, je geformter ein Empfindungskomplex ist, desto
-eher ist er reproduzierbar._ Deutlichkeit des Bewußtseins ist erste
-Bedingung der Erinnerung, der _Intensität_ der Bewußtseinserregung
-ist das _Gedächtnis_ an die Erregung proportional. »Das wird mir
-unvergeßlich bleiben«, »daran werde ich mein Lebtag denken«, »das kann
-mir nie mehr entschwinden« sagt ja der Mensch von Ereignissen, die ihn
-heftig aufgeregt haben, von Augenblicken, aus denen er um eine Einsicht
-klüger, um eine wichtige Erfahrung reicher geworden ist. Steht also
-die Reproduzierbarkeit der Bewußtseinsinhalte im geraden Verhältnis zu
-ihrer Gliederung, so ist klar, _daß an die absolute Henide überhaupt
-keine Erinnerung möglich sein wird_.
-
-Da nun die Begabung[17] eines Menschen mit der Artikulation seiner
-gesamten Erlebnisse wächst, so wird einer, _je begabter er ist, desto
-eher an seine $ganze$ Vergangenheit, an alles, was er je gedacht und
-getan, gesehen und gehört, empfunden und gefühlt hat, sich erinnern
-können_, mit desto größerer Sicherheit und Lebhaftigkeit wird er
-alles aus seinem Leben reproduzieren. _Das universelle Gedächtnis an
-alles Erlebte ist darum das sicherste, allgemeinste, am leichtesten
-zu ergründende Kennzeichen des Genies._ Es ist zwar eine verbreitete
-und besonders unter allen Kaffeehausliteraten beliebte Lehre, daß
-_produktive_ Menschen (weil sie _Neues_ schüfen) kein Gedächtnis
-hätten: aber offenbar nur, weil darin die einzige Bedingung der
-Produktivität liegt, die bei ihnen erfüllt ist.
-
-Freilich darf man diese große Ausdehnung und Lebendigkeit des
-Gedächtnisses beim genialen Menschen, die ich zunächst als eine
-Folgerung aus dem Systeme ganz dogmatisch einführe, ohne sie aus
-der Erfahrung neu zu begründen, nicht mit dem raschen Vergessen
-des gesamten gymnasialen Geschichtsstoffes oder der unregelmäßigen
-Verba des Griechischen widerlegen wollen. _Es handelt sich um
-das Gedächtnis für das Erlebte, nicht um die Erinnerung an das
-Erlernte_; was zu Prüfungszwecken studiert wird, davon wird immer
-nur der kleinste Teil behalten, jener Teil, welcher dem speziellen
-Talente des Schülers entspricht. So kann ein Zimmermaler ein
-besseres Gedächtnis für Farben haben als der größte Philosoph,
-der beschränkteste Philologe ein besseres Gedächtnis für die vor
-Jahren auswendig gelernten Aoriste als sein Kollege, der vielleicht
-ein genialer Dichter ist. Es verrät die ganze Jämmerlichkeit und
-Hilflosigkeit der experimentellen Richtung in der Psychologie (noch
-mehr aber die Unfähigkeit so vieler Leute, die, mit einem Arsenal von
-elektrischen Batterien und Sphygmographiontrommeln im Rücken, gestützt
-auf die »Exaktheit« ihrer langweiligen Versuchsreihen, nun in rebus
-psychologicis vor allen anderen gehört zu werden beanspruchen), daß
-sie das Gedächtnis der Menschen durch Aufgaben, wie das Erlernen von
-Buchstaben, mehrzifferigen Zahlen, zusammenhanglosen Worten prüfen
-zu können glaubt. An das eigentliche Gedächtnis des Menschen, jenes
-Gedächtnis, welches in Betracht kommt, wenn ein Mensch die Summe
-seines Lebens zieht, reichen diese Versuche so wenig heran, daß man
-sich unwillkürlich zu der Frage gedrängt sieht, ob jene fleißigen
-Experimentatoren von der Existenz dieses anderen Gedächtnisses, ja
-eines psychischen _Lebens_ überhaupt, etwas wissen. Jene Untersuchungen
-stellen die verschiedensten Menschen unter ganz uniformierende
-Bedingungen, denen gegenüber nie _Individualität_ sich äußern kann,
-sie _abstrahieren_ wie geflissentlich gerade vom Kern des Individuums,
-und behandeln es einfach als guten oder schlechten Registrierapparat.
-Es liegt ein großer Tiefblick darin, daß im Deutschen »bemerken« und
-»merken« aus der nämlichen Wurzel gebildet ist. Nur was _auffällt_, von
-selbst, infolge angeborner Beschaffenheit, wird _behalten_. Wessen man
-sich erinnert, dafür muß ein ursprüngliches Interesse vorhanden sein,
-und wenn etwas vergessen wird, dann war die Anteilnahme an ihm nicht
-stark genug. Dem religiösen Menschen werden darum religiöse Lehren, dem
-Dichter Verse, dem Zahlenmystiker Zahlen am sichersten und längsten
-haften bleiben.
-
-Und hier kann auf das vorige Kapitel in anderer Weise zurückgegriffen
-und die besondere Treue des Gedächtnisses bei hervorragenden Menschen
-noch auf einem zweiten Wege _deduziert_ werden. Denn je bedeutender
-ein Mensch ist, desto mehr Menschen, desto mehr Interessen sind in ihm
-zusammengekommen, desto umfassender also muß sein Gedächtnis werden.
-Die Menschen haben im allgemeinen durchaus _gleich_ viel äußere
-Gelegenheit zu »perzipieren«, aber die meisten »apperzipieren« von der
-unendlichen Menge nur einen unendlich kleinen Teil. Das Ideal von einem
-Genie müßte ein Wesen sein, dessen sämtliche »Perzeptionen« ebensoviele
-»Apperzeptionen« wären. Ein solches Wesen gibt es nicht. Es ist aber
-auch kein Mensch, der nie _ap_perzipiert, sondern immer bloß perzipiert
-hätte. Schon darum muß es alle möglichen _Grade_ der Genialität
-geben[18]; zumindest ist _kein männliches_ Wesen ganz ungenial. Aber
-auch vollkommene Genialität bleibt ein Ideal: _es existiert kein Mensch
-ohne alle und kein Mensch mit universaler Apperzeption_ (als welche
-man das vollkommene Genie weiter bestimmen könnte). Der Apperzeption
-als der Aneignung ist das Gedächtnis als der Besitz, seinem Umfang
-wie seiner Festigkeit nach, proportioniert. So führt denn auch eine
-ununterbrochene Stufenfolge vom ganz diskontinuierlichen, bloß von
-Augenblick zu Augenblick lebenden Menschen, dem kein Erlebnis etwas
-_bedeuten_ könnte, weil es auf kein früheres sich würde beziehen
-lassen -- einen solchen Menschen gibt es aber nicht -- bis zum
-völlig kontinuierlich Lebenden, dem _alles unvergeßlich_ bleibt (so
-intensiv wirkt es auf ihn ein und wird von ihm aufgefaßt), _und den
-es ebensowenig gibt_: selbst das höchste Genie ist nicht in jedem
-Augenblicke seines Lebens »genial«.
-
-Eine erste Bestätigung dieser Anschauung von dem Zusammenhange zwischen
-Gedächtnis und Genialität, wie der Deduktion dieses Zusammenhanges,
-die hier versucht wurde, liegt in dem außerordentlichen, die Besitzer
-oft selbst verblüffenden _Gedächtnis für scheinbar nebensächliche
-Umstände, für Kleinigkeiten_, das begabtere Menschen auszeichnet. Bei
-der Universalität ihrer Veranlagung hat nämlich alles eine, ihnen
-selbst oft lange unbewußte, _Bedeutung_ für sie; und so bleiben sie
-hartnäckig an ihrem Gedächtnisse kleben, prägen sich diesem ganz von
-selbst unverlöschbar ein, ohne daß im allgemeinen die geringste Mühe an
-die spezielle Erinnerung gewendet oder die Aufmerksamkeit in den Dienst
-dieses Gedächtnisses noch besonders gestellt würde. Darum könnte man,
-in einem erst später zu erhellenden tieferen Sinne, bereits jetzt den
-genialen Menschen als denjenigen bestimmen, der die Redensart nicht
-kennt, und weder sich selbst noch anderen gegenüber zu gebrauchen
-vermöchte, dies oder jenes Ereignis aus entlegener Zeit sei »gar nicht
-mehr wahr«. Es gibt vielmehr für ihn _nichts_, das ihm nicht mehr wahr
-wäre, auch wenn, ja vielleicht gerade _weil_ er für alles, was im Laufe
-der Zeit anders geworden ist, ein deutlicheres Gefühl hat als alle
-anderen Menschen.
-
-Als das beste Mittel zur objektiven Prüfung der Begabung, der geistigen
-Bedeutung eines Menschen läßt sich darum dies empfehlen: man sei
-längere Zeit mit ihm nicht beisammen gewesen und fange nun von dem
-letzten Zusammensein zu sprechen an, knüpfe das neue Gespräch an die
-Gegenstände des letzten. Man wird gleich zu Beginn gewahr werden, wie
-lebhaft er dieses aufgenommen, wie nachhaltig es in ihm fortgewirkt
-hat, und sehr bald sehen, wie treu er die Einzelheiten bewahrt hat.
-Wie vieles unbegabte Menschen aus ihrem Leben vergessen, das kann, wer
-Lust hat, zu seiner Überraschung und seinem Entsetzen nachprüfen. Es
-kommt vor, daß man mit ihnen vor wenigen Wochen stundenlang beisammen
-war: es ist ihnen nun entschwunden. Man kann Menschen finden, mit
-denen man vor einigen Jahren acht oder vierzehn Tage lang, zufällig
-oder in bestimmten Angelegenheiten, sehr viel zu tun hatte, und die
-nach Ablauf dieser Zeit _an nichts mehr_ sich zu erinnern vermögen.
-Freilich, wenn man ihnen durch genaue Darstellung alles dessen, worum
-es sich handelte, durch Wiederbelebung der Situation in allen ihren
-Details, zu Hilfe kommt, so gelingt es immer, falls diese Bemühung
-lange genug fortgesetzt wird, zuerst ein schwaches Aufleuchten des
-fast völlig Erloschenen und allmählich eine Erinnerung herbeizuführen.
-Solche Erfahrungen haben es mir sehr wahrscheinlich gemacht, daß
-die theoretisch immer zu machende Annahme, es gebe kein völliges
-Vergessen, sich auch empirisch, und zwar nicht bloß durch die Hypnose,
-nachweisen lassen dürfte, wenn man nur dem Befragten mit den richtigen
-Vorstellungen an die Hand zu gehen weiß.
-
-_Es kommt also darauf an, daß man einem Menschen aus seinem Leben,
-aus dem, was er gesagt oder gehört, gesehen oder gefühlt, getan oder
-erlitten hat, möglichst wenig erzählen könne, das er nicht selbst
-weiß._ Hiemit ist zum ersten Male ein Kriterium der Begabung gefunden,
-welches leichter Überprüfung von seiten anderer zugänglich ist,
-_$ohne$ daß schon $schöpferische$ Leistungen des Menschen vorliegen
-müssen_. Wie vielfacher Anwendung in der Erziehung es entgegengeht,
-mag unerörtert bleiben. Für Eltern und Lehrer dürfte es gleich wichtig
-sein.
-
-Vom Gedächtnisse der Menschen hängt, wie natürlich, auch das Maß
-ab, in welchem sie in der Lage sein werden, sowohl Unterschiede als
-Ähnlichkeiten zu bemerken. Am meisten wird diese Fähigkeit bei jenen
-entwickelt sein, in deren Leben immer die ganze Vergangenheit in die
-Gegenwart hineinreicht, bei denen alle Einzelmomente des Lebens zur
-Einheit zusammenfließen und aneinander verglichen werden. So kommen
-gerade sie am vornehmlichsten in die Gelegenheit, _Gleichnisse_ zu
-gebrauchen, _und zwar gerade mit dem Tertium comparationis, auf das es
-gerade ankommt_; denn sie werden aus dem Vergangenen immer dasjenige
-herausgreifen, was die stärkste Übereinstimmung mit dem Gegenwärtigen
-aufweist, indem beide Erlebnisse, das neue und das zum Vergleiche
-herangezogene ältere, bei ihnen _artikuliert_ genug dazu sind, um keine
-Ähnlichkeit und keinen Unterschied vor ihrem Auge zu verbergen; und
-darum eben auch, was längst vorbei ist, gegen den Einfluß der Jahre
-hier sich behaupten konnte. Nicht umsonst hat man daher die längste
-Zeit in dem Reichtum eines Dichters an schönen und vollkommenen
-Gleichnissen und Bildern einen besonderen Vorzug seiner Gattung
-erblickt, seine Lieblingsgleichnisse aus dem Homer, aus Shakespeare und
-Klopstock immer wieder aufgeschlagen oder bei der Lektüre mit Ungeduld
-erwartet. Heute, da Deutschland seit 150 Jahren zum ersten Mal ohne
-großen Künstler und ohne großen Denker ist, indes dafür bald niemand
-mehr aufzutreiben sein wird, der nicht »geschrieben« hätte, heute
-scheint das ganz vorüber; man sucht nach derartigem nicht, man würde
-auch nichts finden. Eine Zeit, die in vagen, undeutlich schillernden
-Stimmungen ihr Wesen am besten ausgesprochen sieht, deren Philosophie
-in mehr als einem Sinne das Unbewußte geworden ist, zeigt zu
-offensichtlich, daß nicht ein wahrhaft Großer in ihr lebt; denn Größe
-ist Bewußtsein, vor dem der Nebel des Unbewußten schwindet wie vor
-den Strahlen der Sonne. Gäbe ein einziger dieser Zeit ein Bewußtsein,
-wie gerne würde sie all ihre Stimmungskunst, deren sie sich heute
-noch berühmt, dahingeben! -- Erst im vollen Bewußtsein, in welchem
-in das Erlebnis der Gegenwart alle Erlebnisse der Vergangenheit in
-größter Intensität hineinspielen, findet Phantasie, die Bedingung des
-philosophischen wie des künstlerischen Schaffens, eine Stelle. Demgemäß
-ist es auch gar nicht wahr, daß die Frauen mehr Phantasie haben als die
-Männer. Die Erfahrungen, auf Grund deren man dem Weibe eine lebhaftere
-Einbildungskraft hat zusprechen wollen, entstammen sämtlich dem
-sexuellen Phantasieleben der Frauen; und die Folgerungen, die allein
-mit Recht hieraus gezogen werden könnten, gestatten eine Behandlung in
-diesem Zusammenhange noch nicht.
-
-Die absolute Bedeutungslosigkeit der Frauen in der _Musikgeschichte_
-läßt sich wohl noch auf weit tiefere Gründe zurückführen: doch beweist
-sie zunächst den Mangel des Weibes an Phantasie. Denn zur musikalischen
-Produktivität gehört unendlich viel mehr Phantasie als selbst das
-männlichste Weib besitzt: viel mehr als zu sonstiger künstlerischer
-oder wissenschaftlicher Tätigkeit. Nichts Wirkliches in der Natur,
-nichts Gegebenes in der sinnlichen Empirie entspricht einem Tonbilde.
-Die Musik ist wie ohne Beziehungen zur Erfahrungswelt: es gibt keine
-Klänge, keine Accorde, keine Melodien in der Natur, sondern hier hat
-erst der Mensch auch die letzten Elemente noch selbständig zu erzeugen.
-Jede andere Kunst hat deutlichere Beziehungen zur empirischen Realität
-als sie, ja die ihr, was man auch dagegen sagen mag, _verwandte_
-Architektur betätigt sich bis zuletzt an einem Stoffe; obwohl sie
-mit der Musik die Eigenschaft teilt, daß sie (vielleicht sogar mehr
-noch als diese) von sinnlicher _Nachahmung_ frei ist. Darum ist auch
-Baukunst eine durchaus männliche Sache, der weibliche Baumeister eine
-fast nur Mitleid weckende Vorstellung.
-
-Desgleichen rührt die »verdummende« Wirkung der Musik auf schaffende
-und ausübende Musiker, von der man öfter sprechen hört (besonders
-kommt hier die reine Instrumentalmusik in Betracht), nur davon her,
-daß noch der Geruchssinn dem Menschen mehr zur Orientierung in der
-Erfahrungswelt dienen kann als der Inhalt eines musikalischen Werkes.
-Und eben diese gänzliche Abwesenheit aller Beziehungen zur Welt, die
-wir sehen, tasten, riechen können, macht die Musik nicht besonders
-geeignet für Äußerungen weiblichen Wesens. Zugleich erklärt diese
-Eigenart seiner Kunst, warum der schöpferische Musiker der Phantasie
-im allerhöchsten Grade bedarf und warum der Mensch, welchem Melodien
-einfallen (ja vielleicht gegen sein Sträuben zuströmen), noch viel
-mehr Gegenstand des Staunens seitens der anderen Menschen wird als der
-Dichter oder der Bildhauer. Die »weibliche Phantasie« muß wohl eine von
-der männlichen gänzlich verschiedene sein, wenn es ihrer ungeachtet
-keine Musikerin gibt, welche für die Musikgeschichte auch nur so weit
-in Betracht käme, wie etwa _Angelika Kauffmann_ für die Malerei.
-
-Wo irgend es deutlich auf kraftvolle Formung ankommt, haben die
-Frauen nicht die kleinste Leistung aufzuweisen: nicht in der Musik
-und nicht in der Architektur, nicht in der Plastik und nicht in der
-Philosophie. Wo in vagen und weichen Übergängen des Sentiments noch
-ein wenig Wirkung erzielt werden kann, wie in Malerei und Dichtung,
-wie in einer gewissen verschwommenen Pseudo-Mystik und Theosophie,
-dort haben sie noch am ehesten ein Feld ihrer Betätigung gesucht und
-gefunden. -- Der Mangel an Produktivität auf jenen Gebieten hängt also
-auch zusammen mit der Undifferenziertheit des psychischen Lebens im
-Weibe. Namentlich in der Musik kommt es auf das denkbar artikulierteste
-Empfinden an. Es gibt nichts Bestimmteres, nichts Charakteristischeres,
-nichts _Eindringlicheres_ als eine _Melodie_, nichts, was unter jeder
-Verwischung stärker litte. Deshalb _erinnert_ man sich an Gesungenes um
-so viel leichter als an Gesprochenes, an die Arien immer besser als an
-die Rezitativen, und kostet der Sprechgesang dem Wagnersänger so viel
-Studium.
-
-Hier mußte darum länger verweilt werden, weil in der Musik nicht wie
-anderswo die Ausrede der Frauenrechtler und -Rechtlerinnen gilt: der
-Zugang zu ihr sei den Frauen zu kurze Zeit erst freigegeben, als daß
-man schon reife Früchte von ihnen fordern dürfe. Sängerinnen und
-Virtuosinnen hat es immer, bereits im klassischen Altertum, gegeben.
-Und doch ......
-
-Auch die schon früher häufige Übung, Frauen malen und zeichnen zu
-lassen, hat bereits seit etwa 200 Jahren in erheblichem Maße sich
-gesteigert. Man weiß, wie viele Mädchen ohne Not heute zeichnen
-und malen lernen. Also auch hier ist lange schon kein engherziger
-Ausschluß mehr wahrzunehmen, _äußere_ Möglichkeiten wären reichlich
-vorhanden. Wenn trotzdem so wenige Malerinnen für eine Geschichte der
-Kunst ernsthaft in Betracht kommen, so dürfte es an den _inneren_
-Bedingungen gebrechen. Die weibliche Malerei und Kupferstecherei kann
-eben für die Frauen nur eine Art eleganterer, luxuriöser _Handarbeit_
-bedeuten. Dabei scheint ihnen das sinnliche, körperliche Element der
-Farbe eher erreichbar als das geistige, formale der Linie; und dies ist
-ohne Zweifel der Grund, daß zwar einige Malerinnen, aber noch keine
-Zeichnerin von Ansehen bekannt geworden ist. Die Fähigkeit, einem Chaos
-Form geben zu können, ist eben die Fähigkeit des Menschen, dem die
-allgemeinste Apperzeption das allgemeinste Gedächtnis verschafft, sie
-ist die Eigenschaft des männlichen Genies.
-
-Ich beklage es, daß ich mit diesem Worte »Genie«, »genial« immerfort
-operieren muß, welches, wie erst von einem bestimmten jährlichen
-Einkommen ab an den Staat eine gewisse Steuer zu zahlen ist, »die
-Genies« als eine bestimmte Kaste streng abgrenzt von jenen, die es gar
-nicht sein sollen. Die Bezeichnung »Genie« hat vielleicht gerade ein
-Mann erfunden, der sie selbst nur in recht geringem Maße verdiente; den
-größeren wird das »Genie-Sein« wohl zu selbstverständlich vorgekommen
-sein; sie werden wahrscheinlich lang genug gebraucht haben, um
-einzusehen, daß man überhaupt auch nicht »genial« sein könne. Wie
-denn _Pascal_ außerordentlich treffend bemerkt: Je origineller ein
-Mensch sei, für desto origineller halte er auch die anderen; womit man
-_Goethes_ Wort vergleiche: Vielleicht vermag nur der Genius den Genius
-ganz zu verstehen.
-
-Es gibt vielleicht nur sehr wenige Menschen, die gar nie in ihrem Leben
-»genial« gewesen sind. Wenn doch, so hat es ihnen vielleicht nur an
-der Gelegenheit gemangelt: an der großen Leidenschaft, an dem großen
-Schmerz. Sie hätten nur einmal etwas intensiv genug zu erleben brauchen
--- allerdings ist die Fähigkeit des Erlebens etwas zunächst subjektiv
-Bestimmtes -- und sie wären damit, wenigstens vorübergehend, genial
-gewesen. Das Dichten während der ersten Liebe gehört z. B. ganz hieher.
-Und wahre Liebe ist völlig Zufallssache.
-
-Man darf schließlich auch nicht verkennen, daß ganz einfache Menschen
-in großer Erregung, im Zorn über irgend eine Niedertracht, Worte
-finden, die man ihnen nie zugetraut hätte. Der größte Teil dessen,
-was man gemeinhin »_Ausdruck_« nennt, in Kunst wie in prosaischer
-Rede, beruht aber (wenn man sich des früher über den Prozeß der
-Klärung Bemerkten erinnert) darauf, daß ein Individuum, das begabtere,
-Inhalte geklärt, gegliedert aufweist zu einer Zeit, wo das andere,
-minder hoch veranlagte, sie noch im Henidenstadium oder in einem sich
-nahe daranschließenden besitzt. Der Verlauf der Klärung wird durch
-den Ausdruck, welcher einem zweiten Menschen gelungen ist, ungemein
-_abgekürzt_, und daher das Lustvolle, auch wenn wir _andere_ einen
-»guten Ausdruck« finden sehen. Erleben zwei ungleich Begabte dasselbe,
-so wird bei dem Begabteren die Intensität groß genug sein, daß etwa
-die »Sprechschwelle«[19] erreicht wird. Im anderen aber wird der
-Klärungsprozeß hiedurch nur erleichtert.
-
-Wäre wirklich, wie die populäre Ansicht glaubt, das Genie vom
-nichtgenialen Menschen durch eine dicke Wand getrennt, die keinen
-Ton aus einem Reiche in das andere dringen ließe, so müßte jedes
-Verständnis der Leistungen des Genies dem nichtgenialen Menschen
-_völlig_ verschlossen sein, und dessen Werke könnten auf ihn auch
-nicht den leisesten Eindruck hervorbringen. _Alle Kulturhoffnungen
-vermögen demnach nur auf die Forderung sich zu gründen, daß dem nicht
-so sei._ Und es ist auch nicht so. _Der Unterschied liegt in der
-geringeren Intensität des Bewußtseins, er ist ein quantitativer, kein
-prinzipieller, qualitativer._[20]
-
-Umgekehrt aber hat es recht wenig Sinn, jüngeren Leuten die Äußerung
-einer Meinung darum zu verweisen und ihr Wort darum geringer zu
-werten, weil sie weniger Erfahrung hätten als ältere Personen. Es gibt
-Menschen, die wohl tausend Jahre und darüber leben könnten, ohne eine
-einzige _Erfahrung_ gemacht zu haben. Nur unter Gleichbegabten hätte
-jene Rede einen guten Sinn und eine volle Berechtigung.
-
-Denn während der geniale Mensch schon als Kind ein intensiveres Leben
-führt als alle anderen Kinder, während ihm, je bedeutender er ist,
-an eine desto frühere Jugend auch ein Entsinnen möglich ist, ja in
-extremen Fällen schon vom dritten Jahre seiner Kindheit angefangen ihm
-die vollständige Erinnerung von seinem ganzen Leben stets gegenwärtig
-bleibt, datieren die anderen Menschen ihre erste Jugenderinnerung erst
-von einem viel späteren Zeitpunkt; ich kenne welche, deren früheste
-Reminiszenz überhaupt in ihr achtes Lebensjahr fällt, _die von ihrem
-ganzen vorherigen Leben nichts wissen, als was ihnen erzählt wurde_;
-und es gibt sicherlich viele, bei denen dieses erste intensive Erlebnis
-noch weit später anzusetzen ist. Ich will nicht behaupten und glaube es
-auch gar nicht, daß man die Begabungen zweier Menschen ganz ausnahmslos
-danach allein bereits gegeneinander abschätzen könne, wenn dieser vom
-fünften, jener erst vom zwölften Jahre an sich an alles erinnert, die
-früheste Jugenderinnerung des einen in den vierzehnten Monat nach
-seiner Geburt fällt, die des zweiten erst in sein drittes Lebensjahr.
-Aber im allgemeinen und außerhalb zu enger Grenzen wird man die
-angegebene Regel wohl immer zutreffen sehen.
-
-Vom Zeitpunkt der ersten Jugenderinnerung verfließt gewiß auch beim
-hervorragenden Menschen noch immer eine längere oder kürzere Strecke
-bis zu jenem Moment, von dem an er an _alles_ sich erinnert, jenem
-Tage, von dem an er eben endgültig zum Genie geworden ist. Die
-meisten Menschen hingegen haben den größten Teil ihres Lebens einfach
-vergessen; ja viele wissen oft nur, _daß kein anderer Mensch für sie
-gelebt hat die ganze Zeit hindurch_: aus ihrem ganzen Leben sind ihnen
-nur bestimmte Augenblicke, einzelne feste Punkte, markante Stationen
-gegenwärtig. Wenn man sie sonst um etwas fragt, so wissen sie nur,
-d. h. sie rechnen es sich in der Geschwindigkeit aus, daß in dem und
-dem Monat sie so alt waren, diese oder jene Stellung bekleideten, da
-oder dort wohnten und so und so viel Einkommen hatten. Hat man vor
-Jahren zusammen mit ihnen etwas erlebt, so kann es nun unendliche Mühe
-kosten, das Vergangene in ihnen zur Auferstehung zu bringen. Man mag in
-solchem Falle einen Menschen mit Sicherheit für unbegabt erklären, man
-ist zumindest befugt, ihn nicht für hervorragend zu halten.
-
-Die Aufforderung zu einer Selbstbiographie brächte die ungeheuere
-Mehrzahl der Menschen in die peinlichste Verlegenheit: können doch
-schon die wenigsten Rede stehen, wenn man sie fragt, was sie gestern
-getan haben. Das Gedächtnis der meisten ist eben ein bloß sprungweises,
-gelegentlich assoziatives. Im genialen Menschen _dauert_ ein Eindruck,
-den er empfangen hat; ja eigentlich _steht nur er überhaupt unter
-Eindrücken_. Damit hängt zusammen, daß wohl alle hervorragenden
-Menschen, wenigstens zeitweise, _an fixen Ideen leiden_. Der psychische
-Bestand der Menschen mit einem System von eng einander benachbarten
-Glocken verglichen, so gilt für den gewöhnlichen Menschen, daß jede
-nur klingt, wenn die andere an sie mit ihren Schwingungen stößt,
-und nur auf ein paar Augenblicke; für das Genie, daß eine einzige,
-angeschlagen, gewaltig ausschwingt, nicht leise tönt, sondern voll,
-das ganze System mitbewegt, und nachhallt, oft das ganze Leben lang.
-Da diese Art der Bewegung aber oft infolge gänzlich geringfügiger,
-ja lächerlicher Anstöße beginnt, und manchesmal gleich intensiv in
-unerträglicher Weise wochenlang zäh beharrt, so liegt hierin wirklich
-eine Analogie zum Wahnsinn.
-
-Aus verwandten Gründen ist auch _Dankbarkeit_ so ziemlich die seltenste
-Tugend unter den Menschen; sie merken sich wohl manchesmal, wieviel
-man ihnen geliehen hat; aber in die Not, in der sie waren, in die
-Befreiung, die ihnen wurde, mögen und können sie sich nicht mehr
-zurückdenken. Führt Mangel an Gedächtnis sicher zum Undank, so genügt
-dennoch selbst ein vorzügliches Gedächtnis allein noch nicht, um einen
-Menschen dankbar zu machen. Dazu ist eine spezielle Bedingung mehr
-erforderlich, deren Erörterung nicht hieher gehört.
-
-Aus dem Zusammenhange von Begabung und Gedächtnis, der so oft verkannt
-und verleugnet worden ist, weil man ihn nicht dort suchte, wo er zu
-finden gewesen wäre: _in der Rückerinnerung an das eigene Leben_,
-läßt sich noch eine weitere Tatsache ableiten. Ein Dichter, der seine
-Sachen hat schreiben _müssen_, ohne Absicht, ohne Überlegung, ohne erst
-zur eigenen Stimmung das Pedal zu treten; ein Musiker, den der Moment
-des Komponierens überfallen hat, so daß er wider Willen zu schaffen
-genötigt war, sich nicht wehren konnte, selbst wenn er lieber Ruhe und
-Schlaf gewünscht hätte: ein solcher wird, was in diesen Stunden geboren
-wurde, all das, was nicht auch nur im kleinsten _gemacht_ ist, sein
-ganzes Leben lang im Kopfe tragen. Ein Komponist, der keines seiner
-Lieder und keinen seiner Sätze, ein Dichter, der keines seiner Gedichte
-auswendig kennt -- und zwar ohne sie, wie das _Sixtus Beckmesser_ von
-_Hans Sachs_ sich vorstellt, erst »recht gut memoriert« zu haben --
-der hat, des kann man sicher sein, auch nie etwas wahrhaft Bedeutendes
-hervorgebracht.
-
-Bevor nun die Anwendung dieser Aufstellungen auf das Problem der
-geistigen Geschlechtsunterschiede versucht werde, ist noch eine
-Unterscheidung zu treffen zwischen Gedächtnis und Gedächtnis. Die
-einzelnen zeitlichen Momente seines Lebens sind nämlich dem begabten
-Menschen in der Erinnerung nicht als diskrete Punkte gegeben, nicht
-als durchaus getrennte Situationsbilder, nicht als verschiedene
-Individuen von Augenblicken, deren jeder einen bestimmten, von dem
-des nächsten, wie die Zahl eins von der Zahl zwei, getrennten Index
-aufweist. Die Selbstbeobachtung ergibt vielmehr, daß allem Schlafe,
-aller Bewußtseinsenge, allen Erinnerungslücken zum Trotze die einzelnen
-Erlebnisse in ganz rätselhafter Weise _zusammengefaßt_ erscheinen; die
-Geschehnisse folgen nicht aufeinander wie die Ticklaute einer Uhr,
-sondern sie laufen alle in einen einheitlichen Fluß zusammen, in dem
-es keine Diskontinuität gibt. Beim ungenialen Menschen sind dieser
-Momente, die aus der ursprünglich diskreten Mannigfaltigkeit so zum
-geschlossenen Kontinuum sich vereinigen, nur wenige, ihr Lebenslauf
-gleicht einem Bächlein, keinem mächtigen Strom, in den, wie beim
-Genie, aus weitestem Gebiete _alle_ Wässerlein zusammengeflossen sind,
-_aus_ dem, heißt das, vermöge der _universalen Apperzeption_ kein
-Erlebnis _ausgeschaltet_, _in_ den vielmehr _alle_ einzelnen Momente
-_aufgenommen_, rezipiert sind. Diese _eigentliche_ Kontinuität, die
-den Menschen erst ganz dessen vergewissern kann, daß er _lebt_, daß
-er da, daß er auf der Welt ist, allumfassend beim Genius, auf wenige
-wichtige Momente beschränkt beim Mittelmäßigen, _fehlt $gänzlich$ beim
-Weibe_. Dem Weibe bietet sich, wenn es rückschauend, rückfühlend sein
-Leben betrachtet, dieses nicht unter dem Aspekt eines unaufhaltsamen,
-nirgends unterbrochenen Drängens und Strebens dar, es bleibt vielmehr
-immer nur an einzelnen Punkten _hängen_.
-
-Was für Punkte sind das? Es können nur diejenigen sein, für welche
-W ihrer Natur nach ein Interesse hat. Worauf dieses Interesse ihrer
-Konstitution ausschließlich geht, wurde im zweiten Kapitel zu erwägen
-begonnen; wer sich an dessen Ergebnisse erinnert, den wird die folgende
-Tatsache nicht überraschen:
-
-W verfügt _überhaupt_ nur über _eine_ Klasse von Erinnerungen: es sind
-die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden.
-An den Geliebten und an den Bewerber; an die Hochzeitsnacht, an jedes
-Kind wie an ihre Puppen; an die Blumen, die sie auf jedem Balle
-bekommen, Zahl, Größe und Preis der Bouquets; an jedes Ständchen, das
-ihr gebracht, an jedes Gedicht, das (wie sie sich einbildet) auf sie
-geschrieben wurde, an jeden Ausspruch des Mannes, der ihr imponiert
-hat, vor allem aber -- mit einer Genauigkeit, die ebenso verächtlich
-ist als sie unheimlich berührt -- _an jedes Kompliment ohne Ausnahme_,
-das ihr im Leben gemacht wurde.
-
-Das ist $alles$, woran das _echte_ Weib aus seinem Leben sich erinnert.
-
-_Was aber ein Mensch nie vergißt, und was er sich nicht merken
-kann, das ermöglicht am besten die Erkenntnis seines Wesens, seines
-Charakters._ Es wird später noch genauer als jetzt zu untersuchen sein,
-_worauf_ es deutet, daß W gerade _diese_ Erinnerungen hat. Großer
-Aufschluß ist gerade von der unglaublichen Treue zu erwarten, mit
-welcher die Frauen an alle Huldigungen und Schmeicheleien, an sämtliche
-Beweise der Galanterie sich erinnern, die ihnen seit frühester Kindheit
-entgegengebracht worden sind. Was man gegen die hiemit vollzogene
-Einschränkung des weiblichen Gedächtnisses auf den Bereich der
-Sexualität und des Gattungslebens einwenden kann, ist mir natürlich
-klar; ich muß darauf gefaßt sein, alle Mädchenschulen und sämtliche
-Ausweise aufmarschieren zu sehen. Diese Schwierigkeiten können
-indes erst später behoben werden. Hier möchte ich nur dies nochmals
-zu bedenken geben, daß es, bei allem Gedächtnis, welches für die
-psychologische Erkenntnis der Individualität ernstlich in Frage käme,
-um Gedächtnis für Erlerntes nur dort sich handeln könnte, wo Erlerntes
-wirklich Erlebtes wäre.
-
-Daß es dem psychischen Leben der Frauen an Kontinuität (die hier
-nur als ein nicht zu übersehendes psychologisches Faktum, sozusagen
-im Anhang der Gedächtnislehre, nicht als spiritualistische oder
-idealistische These eingeführt wurde) gebricht, dem kann erst weiter
-unten eine Beleuchtung, dem Wesen der Kontinuität nur in Stellungnahme
-zu dem umstrittensten Probleme aller Philosophie und Psychologie eine
-Ergründung werden. Als Beweis für jenen Mangel will ich vorläufig
-nichts anführen als die oft bestaunte, von _Lotze_ ausdrücklich
-hervorgehobene Tatsache, daß die Frauen sich viel leichter in neue
-Verhältnisse fügen und sich ihnen eher anpassen als die Männer,
-denen man den Parvenu noch lange anmerkt, wenn kein Mensch mehr
-die Bürgerliche von der Adeligen, die in ärmlichen Verhältnissen
-Aufgewachsene von der Patrizierstochter auseinanderzukennen vermag.
-Doch muß ich auch hierauf später noch ausführlich zurückkommen.
-
-Übrigens wird man nun begreifen, warum (wenn nicht Eitelkeit,
-Tratschsucht oder Nachahmungslust dazu treibt) nur bessere Menschen
-Erinnerungen aus ihrem Leben niederschreiben, und wie ich hierin eine
-Hauptstütze des Zusammenhanges von Gedächtnis und Begabung erblicke.
-Nicht als ob jeder geniale Mensch auch eine Autobiographie abfassen
-würde: um zur Selbstbiographie zu schreiten, dazu sind noch gewisse
-_spezielle_, sehr tief liegende psychologische Bedingungen nötig. Aber
-umgekehrt ist die Abfassung einer _vollständigen_ Selbstbiographie,
-wenn sie aus originärem Bedürfnis heraus erfolgt, stets ein Zeichen
-eines höheren Menschen. Denn gerade im wirklich _treuen_ Gedächtnis
-liegt auch die Wurzel der _Pietät_. Ein bedeutender Mensch, vor das
-Ansinnen gestellt, seine Vergangenheit um irgend welcher äußerer
-materieller oder innerer hygienischer Vorteile willen preiszugeben,
-würde es zurückweisen, auch wenn ihm die größten Schätze der Welt,
-ja _das Glück selbst_, fürs Vergessen in Aussicht gestellt würden.
-Der Wunsch nach dem Trank aus dem Lethestrom ist ein Zug mittlerer
-und minderer Naturen. Und mag ein wahrhaft hervorragender Mensch nach
-dem _Goethe_schen Worte gegen eben abgelegte eigene Irrtümer sehr
-streng und heftig auch dort sein, wo er _andere_ an ihnen festhalten
-sieht, so wird er doch sein vergangenes Tun und Lassen nie belächeln,
-über seine frühere Denk- und Lebensweise sich niemals lustig machen.
-Die heute so sehr ins Kraut geschossenen »Überwinder« verdienen
-rechtens alles andere eher denn diesen Namen: Menschen, die anderen
-spöttisch erzählen, was sie einst alles geglaubt, und wie sie all das
-»überwunden« hätten, denen war es mit dem Alten nicht Ernst, denen
-ist am Neuen ebensowenig gelegen. Ihnen kommt es immer nur auf die
-Instrumentation, nie auf die Melodie an; kein Stadium von all den
-»überwundenen« war wirklich in ihrem Wesen tief gegründet. Dagegen
-beobachte man, mit welch weihevoller Sorgfalt große Männer in ihren
-Selbstbiographien selbst den scheinbar geringfügigsten Dingen einen
-Wert beilegen: denn für sie ist Gegenwart und Vergangenheit gleich,
-für jene keine von beiden wahr. Der hervorragende Mensch fühlt, wie
-_alles_, auch das Kleinste, Nebensächlichste, in seinem Leben eine
-Wichtigkeit gewonnen, wie es ihm zu seiner Entwicklung mitverholfen
-hat, und _daher_ die außerordentliche _Pietät_ seiner Memoiren. Und
-eine solche Autobiographie wird sicherlich nicht etwa auf einmal,
-einem anderen Einfall vergleichbar, unvermittelt niedergeschrieben,
-der Gedanke hiezu entsteht in ihm nicht plötzlich; sie ist für den
-großen Menschen, der eine schreibt, sozusagen immer fertig. Gerade weil
-das bisherige Leben ihm immer ganz gegenwärtig ist, darum empfindet
-er seine neuen Erlebnisse als für ihn bedeutsam, darum hat er und
-eigentlich nur er ein _Schicksal_. Und davon rührt es zunächst auch
-her, daß gerade die bedeutendsten Menschen immer viel _abergläubischer_
-sein werden als mittelmäßige Köpfe. Man kann also zusammenfassend sagen:
-
-_Ein Mensch ist um so $bedeutender$, je mehr alle Dinge für ihn
-$bedeuten$._
-
-Im Laufe der ferneren Untersuchung wird diesem Satze, außer der
-Universalität der verständnisvollen Beziehung und der erinnernden
-Vergleichung, noch ein tieferer Sinn allmählich unterlegt werden können.
-
-Wie es in diesen Hinsichten mit dem Weibe steht, ist nicht schwer zu
-sagen. Das echte Weib kommt nie zum Bewußtsein eines Schicksals, seines
-Schicksals; das Weib ist nicht heroisch, denn es kämpft höchstens für
-seinen Besitz, und es ist nicht tragisch, denn sein Los entscheidet
-sich mit dem Lose dieses Besitzes. Da das Weib ohne Kontinuität ist,
-kann es auch nicht pietätvoll sein; in der Tat ist Pietät eine durchaus
-männliche Tugend. Pietätvoll ist man zunächst _gegen sich_, und Pietät
-gegen sich Bedingung aller Pietät gegen andere. Aber eine Frau kostet
-es recht wenig Überwindung, über ihre Vergangenheit den Stab zu
-brechen; wenn das Wort Ironie am Platze wäre, so könnte man sagen, daß
-nicht leicht ein Mann sein vergangenes Selbst so ironisch und überlegen
-betrachten wird, wie die Frauen dies oftmals -- nicht nur nach der
-Hochzeitsnacht -- zu tun pflegen. Es wird sich noch Gelegenheit finden,
-darauf hinzuweisen, wie die Frauen eigentlich das Gegenteil von all
-dem wollen, dessen Ausdruck die Pietät ist. Was endlich die Pietät
-der Witwen anlangt -- doch von diesem Gegenstande will ich lieber
-schweigen. Und der Aberglaube der Frauen schließlich ist psychologisch
-ein durchaus anderer als der Aberglaube hervorragender Männer.
-
-Das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, wie es in der Pietät zum
-Ausdrucke kommt und auf dem kontinuierlichen Gedächtnis beruht, das
-selbst wieder nur durch die Apperzeption ermöglicht ist, läßt sich noch
-in weiteren Zusammenhängen zeigen und zugleich tiefer analysieren.
-_Damit nämlich, ob ein Mensch überhaupt ein Verhältnis zu seiner
-Vergangenheit hat oder nicht, hängt es außerordentlich innig zusammen,
-ob er ein Bedürfnis nach Unsterblichkeit fühlen oder ob ihn der Gedanke
-des Todes gleichgültig lassen wird._
-
-Das Unsterblichkeitsbedürfnis wird zwar heute recht allgemein sehr
-schäbig und von oben herab behandelt. Das Problem, das aus ihm
-erwächst, macht man sich nicht etwa bloß als ein ontologisches,
-sondern auch als ein psychologisches schmachvoll leicht. Der eine
-will es, zugleich mit dem Glauben an die Seelenwanderung, damit
-erklärt haben, daß in vielen Menschen Situationen, in welche sie
-sicherlich zum ersten Male geraten sind, das Gefühl erwecken, als
-hätten sie dieselben schon einmal durchlebt. Die andere, heute
-allgemein adoptierte Ableitung des Unsterblichkeitsglaubens aus
-dem _Seelenkult_, wie sie sich bei _Tylor_, _Spencer_, _Avenarius_
-findet, wäre von jedem anderen Zeitalter als dem der _experimentellen_
-Psychologie a priori zurückgewiesen worden. Es sollte doch, meine
-ich, jedem Denkenden völlig unmöglich erscheinen, daß etwas, woran so
-vielen Menschen gelegen, wofür so gekämpft und gestritten worden ist,
-bloß das letzte Schlußglied eines Syllogismus bilden könnte, dessen
-Prämisse etwa die nächtlichen Traumerscheinungen Verstorbener gewesen
-wären. Und welche Phänomene zu erklären ist wohl jene felsenfeste
-Meinung von ihrem Weiterleben nach dem Tode ersonnen worden, die
-_Goethe_, die _Bach_ gehabt haben, auf welches »Pseudoproblem« läßt
-sich das Unsterblichkeitsbedürfnis zurückführen, das aus _Beethovens_
-letzten Sonaten und Quartetten zu uns spricht? Der Wunsch nach der
-persönlichen Fortdauer muß gewaltigeren Quellen entströmt sein als
-jenen rationalistischen Springbrunnen.
-
-Dieser tiefere Ursprung hängt mit dem Verhältnisse des Menschen zu
-seiner Vergangenheit lebhaft zusammen. _Im Sichfühlen und Sichsehen
-in der Vergangenheit liegt ein mächtiger Grund des Sichweiterfühlen-,
-Sichweitersehenwollens._ Wem seine Vergangenheit wert ist, wer sein
-Innenleben, mehr als sein körperliches Leben, hochhält, _der wird
-es auch an den Tod nicht hingeben wollen_. Daher tritt primäres,
-originelles Unsterblichkeitsbedürfnis bei den größten Genien der
-Menschheit, den Menschen mit der reichsten Vergangenheit, am
-stärksten, am nachhaltigsten auf. Daß _dieser_ Zusammenhang der
-Unsterblichkeitsforderung mit dem Gedächtnis _wirklich_ besteht,
-erhellt daraus, was Menschen, die aus Todesgefahr errettet werden,
-von sich übereinstimmend aussagen. Sie durchleben nämlich, wenn sie
-auch sonst nie viel an ihre Vergangenheit gedacht haben, nun plötzlich
-auf einmal mit rasender Geschwindigkeit ihre ganze Lebensgeschichte
-nochmals, und erinnern sich innerhalb weniger Sekunden an Dinge, welche
-Jahrzehnte lang ihnen nicht ins Bewußtsein zurückgekommen sind. Denn
-das Gefühl dessen, was ihnen bevorsteht, bringt -- abermals vermöge
-des Kontrastes -- all das ins Bewußtsein, was nun für immer vernichtet
-werden soll.
-
-Wir wissen ja sehr wenig über die geistige Verfassung Sterbender. Es
-gehört auch ein mehr als gewöhnlicher Mensch dazu, um zu erkennen,
-was in einem Sterbenden vorgeht; anderseits sind Verscheidende
-aus den dargelegten Gründen gerade von besseren Menschen meistens
-gemieden. Aber es ist wohl gänzlich unrichtig, die in so vielen
-Todkranken plötzlich auftretende Religiosität nur auf die bekannte
-Erwägung »vielleicht doch, sicher ist sicher« zurückzuführen; und sehr
-oberflächlich, anzunehmen, bloß die sonst nie beachtete tradierte
-Höllenlehre gewinne nun plötzlich gerade in der Todesstunde so
-viel Kraft, daß es dem Menschen unmöglich werde, mit einer Lüge zu
-sterben.[21] Denn dies ist das Wichtigste: Warum fühlen Menschen, die
-ein durch und durch verlogenes Leben geführt haben, nun plötzlich
-den Drang nach der Wahrheit? Und warum macht es auch auf denjenigen,
-der nicht an _Strafen_ im Jenseits glaubt, einen so entsetzlichen
-Eindruck, wenn er vernimmt, ein Mensch sei _mit_ einer Lüge, _mit_
-einer unbereuten Schlechtigkeit _verschieden_, warum hat beides, sowohl
-die Verstocktheit bis zum Schlusse, als auch die Umkehr vor dem Tode,
-die Dichter so oft mächtig gereizt? Die Frage nach der »Euthanasie der
-Atheisten«, die man im XVIII. Jahrhundert so häufig aufwarf, ist also
-keine ganz sinnlose, und nicht bloß ein historisches Kuriosum, als
-welches sie von Friedrich Albert _Lange_ behandelt wurde.
-
-Ich erwähne dies alles nicht allein, um eine Möglichkeit zu erörtern,
-welcher kaum der Rang einer Vermutung zukommt. Undenkbar nämlich
-scheint es mir, da viel mehr Menschen »genial« sind, als es »Genies«
-gibt, nicht zu sein, daß die quantitative Differenz in der Begabung vor
-allem in dem Zeitpunkte zum Ausdruck komme, in welchem die Menschen
-zum Genie werden. Für eine größere Anzahl fiele dieser Augenblick
-mit ihrem natürlichen Tode zusammen. Wurden wir schon früher dahin
-geführt, die genialen Menschen nicht etwa, wie die Steuerzahler von
-einem bestimmten jährlichen Einkommen ab, als von allen anderen
-Menschen durch eine scharfe Grenze getrennt anzusehen, so vereinigen
-sich diese neuen Betrachtungen mit jenen alten. Und ebenso wie die
-erste Kindheitserinnerung des Menschen nicht mit einem, den früheren
-Lauf der Dinge unterbrechenden, _äußeren_ Ereignis verknüpft ist,
-sondern plötzlich, unscheinbar, _infolge einer inneren Entwicklung_,
-für jeden früher oder später ein Tag kommt, _an welchem das Bewußtsein
-so intensiv wird_, daß eine Erinnerung bleibt, und von nun an, je
-nach der Begabung, mehr oder weniger zahlreiche Erinnerungen beharren
--- _ein Faktum, das allein die ganze moderne Psychologie umstößt_
--- so _bedürfte_ es bei den _verschiedenen Menschen verschieden
-vieler Stöße_, um sie zu genialen zu machen, _und nach der Zahl
-dieser Bewußtseinsstöße, deren letzter in der Todesstunde erfolgte_,
-wären die Menschen ihrer Begabung gemäß zu klassifizieren. Bei
-dieser Gelegenheit will ich noch darauf hinweisen, wie falsch
-die Lehre der heutigen Psychologie ist (für die das menschliche
-Individuum eben nur wie ein besserer Registrierapparat in Betracht
-kommt und keinerlei von _innen_ kommende, ontogenetische geistige
-Entwicklung besitzt), daß im jugendlichen Alter die größte Anzahl
-von Eindrücken behalten werden. Man darf die erlebten Impressionen
-nicht mit dem äußerlichen und fremden Gedächtnisstoff verwechseln.
-Diesen nimmt das Kind gerade deshalb um so viel leichter auf, weil es
-noch so wenig von Gemütseindrücken beschwert ist. Eine Psychologie,
-die in so fundamentalen Dingen der Erfahrung zuwiderläuft, hat
-allen Anlaß zur Einkehr, zur Umkehr. Was hier versucht wurde, ist
-kaum eine Andeutung von jener _ontogenetischen Psychologie_ oder
-_theoretischen Biographie_, die über kurz oder lang die heutige
-Wissenschaft vom menschlichen Geiste zu verdrängen berufen ist. --
-Jedes Programm enthält implicite eine Überzeugung, jedem Ziele des
-Willens gehen bestimmte Vorstellungen realer Verhältnisse voran. Der
-Name »theoretische Biographie« soll das Gebiet gegen _Philosophie_
-und _Physiologie_ besser als bisher abstecken, und die biologische
-Betrachtungsweise, welche von der letzten Richtung in der Psychologie
-(_Darwin_, _Spencer_, _Mach_, _Avenarius_) einseitig hervorgekehrt
-und zum Teil arg übertrieben worden ist, doch dahin _erweitern_, daß
-eine solche Wissenschaft über den _gesamten_ gesetzmäßigen _geistigen
-Lebensverlauf als Ganzes_, von der Geburt bis zum Tode eines Menschen,
-Rechenschaft zu geben hätte, wie über Entstehen und Vergehen und
-alle einzelnen Lebensphasen irgend einer Pflanze. Und _Biographie_,
-nicht Bio_logie_, sollte sie genannt werden, weil ihre Aufgabe in der
-Erforschung gleichbleibender Gesetze der _geistigen_ Entwicklung des
-_Individuums_ liegt. Bisher kennt alle Geschichtsschreibung jeglicher
-Gattung nur Individualitäten, βίοι. Hier aber würde es sich darum
-handeln, allgemeine Gesichtspunkte zu gewinnen, Typen festzuhalten.
-_Die Psychologie müßte anfangen, $theoretische Biographie$ zu
-werden._ Im Rahmen einer solchen Wissenschaft könnte und würde alle
-bisherige Psychologie aufgehen, und erst dann nach dem Wunsche Wilhelm
-_Wundts_ eine fruchtbare Grundlage für die Geisteswissenschaften
-wirklich abgeben. Es wäre verfehlt, an dieser Möglichkeit darum
-zu verzweifeln, weil die heutige Psychologie, welche eben jene
-ihre eigentliche Aufgabe als ihr Ziel noch gar nicht begriffen
-hat, auch völlig außerstande ist, den Geisteswissenschaften das
-Geringste zu bieten. Hierin dürfte, trotz der großen Klärung, welche
-_Windelbands_ und _Rickerts_ Untersuchungen über das Verhältnis von
-Natur- und Geisteswissenschaften mit sich gebracht haben, doch eine
-Berechtigung liegen, _neben_ der neuen Einteilung der Wissenschaften
-in »Gesetzes-« und »Ereignis«-Wissenschaften, in »nomothetische« und
-»idiographische« Disziplinen, die _Mill_sche Zweiteilung von Natur- und
-Geisteswissenschaften beizubehalten. -- --
-
-Mit der Deduktion des Unsterblichkeitsbedürfnisses, welche dieses
-in einen Konnex mit der kontinuierlichen Form des Gedächtnisses und
-der Pietät brachte, stimmt es vollständig überein, daß _den Frauen
-jegliches Unsterblichkeitsbedürfnis völlig abgeht_. Auch ist hieraus
-mit Sicherheit zu entnehmen, wie sehr jene unrecht haben, welche in
-dem Postulat der persönlichen Fortexistenz bloß einen Ausfluß der
-Todesfurcht und des leiblichen Egoismus sehen, und hiemit eigentlich
-der populärsten Meinung über allen Ewigkeitsglauben Ausdruck geben.
-Denn die _Angst_ vor dem Sterben findet sich bei Frauen wie bei
-Männern, das _Unsterblichkeitsbedürfnis_ ist auf diese beschränkt.
-
-Die von mir versuchte Erklärung des psychologischen Wunsches nach
-Unsterblichkeit ist indessen bislang mehr ein Aufzeigen einer
-Verbindung, die zwischen ihm und dem Gedächtnisse besteht, als eine
-wahrhaft strenge _Ableitung_ aus einem höheren Grundsatze. Daß hier
-eine Verwandtschaft da ist, wird man immer bewahrheitet finden: je
-mehr ein Mensch in seiner _Vergangenheit_ lebt -- _nicht_, wie man
-bei oberflächlichem Hinsehen glauben könnte, in seiner _Zukunft_ --
-desto intensiver wird sein Unsterblichkeitsverlangen sein. Ebenso
-kommt bei den Frauen der Mangel an dem Bedürfnis eines Fortlebens
-nach dem Tode mit ihrem Mangel an sonstiger Pietät gegen die eigene
-Person überein. Dennoch scheint, wie diese Abwesenheit bei der Frau
-noch nach einer tieferen Begründung und Ableitung beider aus _einem_
-allgemeineren Prinzipe verlangt, so auch beim Manne das Beisammensein
-von Gedächtnis und Unsterblichkeitsbedürfnis auf eine _gemeinsame_,
-noch bloßzulegende Wurzel beider hinzuweisen. Denn was bisher geleistet
-wurde, war doch nur der Nachweis, daß und wie sich das Leben in
-der eigenen Vergangenheit und ihre Schätzung mit der Hoffnung auf
-ein Jenseits im selben Menschen zusammenfinden. Den tieferen Grund
-dieses Zusammenhanges zu erforschen, wurde noch gar nicht als Aufgabe
-betrachtet. Nun aber ist auch an deren Lösung heranzutreten.
-
- * * * * *
-
-Gehen wir von der Formulierung aus, die wir dem universellen Gedächtnis
-des bedeutenden Menschen gaben. Ihm sei alles, das längst Entwirklichte
-wie das eben erst Entschwundene, _gleich wahr_. Hierin liegt, daß das
-einzelne Erlebnis nicht mit dem Zeitmoment, in dem es gesetzt ist, so
-wie dieses Zeitatom selbst verschwindet, untergeht, daß es nicht an
-den bestimmten Zeitaugenblick _gebunden_ bleibt, sondern ihm -- eben
-durch das Gedächtnis -- _entwunden_ wird. _Das Gedächtnis macht die
-Erlebnisse zeitlos_, es ist, schon seinem Begriffe nach, _Überwindung
-der Zeit_. An Vergangenes kann sich der Mensch nur darum erinnern, weil
-das Gedächtnis es vom _Einfluß_ der Zeit _befreit, die Geschehnisse,
-die überall sonst in der Natur $Funktionen$ der Zeit sind, hier im
-Geiste $über$ die Zeit $hinaus$gehoben hat_.
-
-Doch hier steigt scheinbar eine Schwierigkeit vor uns auf. Wie kann
-das Gedächtnis eine Negation der Zeit in sich schließen, da es doch
-anderseits gewiß ist, daß wir von der Zeit nichts wüßten, wenn wir
-kein Gedächtnis hätten? Sicherlich wird uns immer und ewig nur
-durch Erinnerung an Vergangenes zum Bewußtsein gebracht, _daß_ es
-einen Ablauf der Zeit _gibt_. Wie kann also von dem, was so enge
-zusammenhängt, das eine das Gegenteil und die Aufhebung des anderen
-bedeuten?
-
-Die Schwierigkeit löst sich leicht. Eben _weil_ ein beliebiges Wesen
--- es braucht nicht der Mensch zu sein -- _wenn_ es mit Gedächtnis
-ausgestattet ist, _mit seinen Erlebnissen nicht einfach in den
-Zeitverlauf eingeschaltet_ ist, darum kann ein solches Wesen dem
-Zeitverlauf gegenübertreten, ihn _auffassen_, ihn zum Gegenstande der
-Betrachtung machen. Wäre das einzelne Erlebnis dem übrigen Zeitverlauf
-anheimgegeben, würde es ihm verfallen und nicht aus ihm gerettet werden
-durch das Gedächtnis, müßte es mit der Zeit sich ändern wie eine
-abhängige Variable mit ihrer Unabhängigen, stünde der Mensch mitten
-im zeitlichen Fluß des Geschehens _darinnen_, so könnte dieser ihm
-nicht _auffallen_, nicht _bewußt_ werden -- _Bewußtsein setzt Zweiheit
-voraus_ -- er könnte nie das Objekt, der Gedanke, die Vorstellung des
-Menschen sein. Man muß _irgendwie_ die Zeit _überwunden_ haben, um über
-sie _reflektieren_, man muß irgendwie _außerhalb der Zeit stehen_, um
-sie _betrachten_ zu können. Dies gilt nicht nur von jeder besonderen
-Zeit -- _in_ der Leidenschaft selbst kann man _über_ die Leidenschaft
-nicht nachdenken, man muß erst zeitlich über sie hinausgekommen sein --
-sondern ebenso vom _allgemeinen Begriffe_ der Zeit. _Gäbe es nicht ein
-Zeitloses, so gäbe es keine Anschauung der Zeit._
-
-Gedenken wir, um dieses Zeitlose zu erkunden, vorläufig dessen, _was_
-durch das Gedächtnis der Zeit wirklich entrückt wird. Als solches hat
-sich all das ergeben, was für das Individuum _von Interesse ist oder
-eine Bedeutung_ hat, oder, wie kurz gesagt werden soll, _alles, was für
-das Individuum einen $Wert$ besitzt_. Man erinnert sich nur an solche
-Dinge, die für die Person einen, wenn auch oft lange unbewußten, $Wert$
-gehabt haben: $dieser Wert gibt ihnen die Zeitlosigkeit$. _Man vergißt
-alles, was nicht irgendwie, wenn auch oft unbewußt, von der Person
-$gewertet$ wurde._
-
-Der Wert ist also das Zeitlose; und umgekehrt: ein Ding hat destomehr
-Wert, je weniger es Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit
-sich ändert. In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur so viel Wert
-ein, als es zeitlos ist: $nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet$.
-_Dies ist_, wenn auch, wie ich glaube, noch nicht die tiefste und
-allgemeinste Definition des Wertes und keine völlige Erschöpfung seines
-Wesens, doch _das erste $spezielle$ Gesetz aller Werttheorie_.
-
-Eine eilende Rundsicht wird genügen, um es überall nachzuweisen. Man
-ist immer geneigt, die Überzeugung desjenigen gering zu schätzen,
-der erst vor kurzem zu ihr gelangt ist, und wird auf die Äußerungen
-eines Menschen überhaupt nicht viel Wert legen, dessen Ansichten
-noch im Flusse begriffen sind und sich fortwährend ändern. Eherne
-Unwandelbarkeit hingegen wird stets Respekt einflößen, selbst wenn sie
-in den unedlen Formen der Rachsucht und des Starrsinns sich offenbart;
-ja auch, wenn sie aus leblosen Gegenständen spricht: man denke an das
-»aere perennius« der Poeten und an die »Quarante siècles« der Pyramiden
-Ägyptens. Der Ruhm oder das gute Angedenken, die ein Mensch hinterläßt,
-würden durch die Vorstellung sofort _ent_wertet, daß sie nur kurze
-Zeit, und nicht lange, womöglich ewig, währen sollten. Ein Mensch
-vermag ferner nie positiv zu werten, daß er sich immerfort ändert;
-gesetzt, er täte dies in irgend welcher Beziehung, und es würde ihm
-nun gesagt, daß er jedesmal von einer neuen Seite sich zeige, so mag
-er freilich dessen sogar froh und stolz auf diese Eigenschaft sein
-können, doch ist es natürlich nur die Konstanz, die Regelmäßigkeit
-und Sicherheit dieser Andersheiten, deren er sich dann freute. Der
-Lebensmüde, für den es keinen Wert mehr gibt, hat eben an _keinem
-Bestande_ mehr ein Interesse. Die Furcht vor dem Erlöschen einer
-Familie und dem Aussterben ihres Namens gehören ganz hieher.
-
-Auch jede soziale Wertung, die etwa in Rechtssatzungen und Verträgen
-sichtbar wird, tritt, ob auch Gewohnheit, tägliches Leben an ihnen
-Verschiebungen vornehmen mögen, von Anbeginn mit dem Anspruch auf
-zeitlose Geltung selbst dann auf, wenn ihre Rechtskraft ausdrücklich
-(ihrem Wortlaute nach) nur bis zu einem bestimmten Termin erstreckt
-wird: denn gerade hiemit erscheint die Zeit als Konstante speziell
-_gewählt_, und nicht als Variable angesehen, in Abhängigkeit von
-welcher die vereinbarten Verhältnisse stetig oder unstetig sich irgend
-ändern könnten. Freilich wird auch hier zum Vorschein kommen, daß ein
-Ding um so höher gewertet wird, je länger seine Dauer ist; denn niemand
-glaubt, wenn zwischen zwei rechtlichen Kontrahenten ein Pakt auf sehr
-kurze Zeit geschlossen wird, daß den beiden viel an dem Vertrage
-liege; sie selbst, die ihn geschlossen haben, werden in diesem Falle
-nicht anders gestimmt sein, und von Anfang an, trotz allen Akten, sich
-vorsehen und einander mißtrauen.
-
-In dem aufgestellten Gesetze liegt auch die wahre Erklärung dafür, daß
-die Menschen _Interessen über ihren Tod hinaus_ haben. Das Bedürfnis
-nach dem Wert äußert sich in dem allgemeinen Bestreben, die Dinge von
-der Zeit zu emanzipieren, und dieser Drang erstreckt sich selbst auf
-Verhältnisse, die »_mit der Zeit_« früher oder später _doch_ sich
-ändern, z. B. auf Reichtum und Besitz, auf alles, was man »irdische
-Güter« zu heißen pflegt. Hierin liegt das tiefe psychologische Motiv
-des _Testamentes_, der Vermachung einer _Erbschaft_. Nicht aus der
-Fürsorge für die Angehörigen hat diese Erscheinung ihren Ursprung
-genommen. Auch der Mann ohne Familie und ohne Angehörige macht sein
-Testament, ja gerade er wird sicher im allgemeinen mit weit größerem
-Ernst und tieferer Hingabe zu dieser Handlung schreiten als der
-Familienvater, der seine Spuren mit dem eigenen Tode nicht so gänzlich
-aus Sein und Denken der anderen ausgelöscht weiß. Der große Politiker
-und Herrscher, besonders aber der Despot, der Mann des Staatsstreiches,
-dessen Regiment mit seinem Tode endet, sucht diesem Wert zu verleihen,
-indem er Zeitloses mit ihm verknüpft: durch ein Gesetzbuch oder eine
-Biographie des Julius Cäsar, allerhand große geistige Unternehmungen
-und wissenschaftliche Kollektivarbeiten, Museen und Sammlungen, Bauten
-aus hartem Fels (Saxa loquuntur), am eigentümlichsten durch Schaffung
-oder Regulierung eines Kalenders den Moment zu verewigen strebt.
-Aber er sucht auch seiner Macht selbst, schon für seine Lebzeiten,
-möglichste Dauer zu verleihen, nicht allein in wechselseitiger
-Sicherung durch Verträge, in Herstellung nie wieder zu verwischender
-verwandtschaftlicher Beziehungen vermöge diplomatischer Heiraten:
-sondern vor allem durch Wegräumung alles dessen, was den ewigen
-Bestand seiner Herrschaft bloß durch sein freies Dasein noch je in
-Frage stellen könnte. So wird der Politiker zum Eroberer.
-
-Die psychologischen und philosophischen Untersuchungen zur Werttheorie
-haben das Gesetz der Zeitlosigkeit gar nicht beachtet. Allerdings
-waren sie zum großen Teile von den Bedürfnissen der Wirtschaftslehre
-beeinflußt und suchten selbst auf diese überzugreifen. Doch glaube ich
-darum nicht, daß das neuentwickelte Gesetz in der politischen Ökonomie
-keine Geltung habe, weil es hier viel öfter als in der Psychologie
-durch Komplikationen verundeutlicht wird. Auch wirtschaftlich hat alles
-desto mehr Wert, je dauerhafter es ist. Wessen Konservierungsfähigkeit
-sehr eingeschränkt ist, so daß es etwa nach einer Viertelstunde zu
-Grunde ginge, wenn ich es nicht kaufte, das werde ich überall dort,
-wo nicht durch feste Preise der moralische _Wert_ des geschäftlichen
-Unternehmens über zeitliche Schwankungen emporgehoben werden soll,
-zu später Stunde, etwa vor Einbruch der Nacht, um billigeres Geld
-erhalten. Man denke auch an die vielen Anstalten zur Bewahrung vor dem
-Zeiteinfluß, zur Erhaltung des Wertes (Lagerhäuser, Depots, Keller,
-Réchauds, alle Sammlungen mit Kustoden). Es ist selbst hier ganz
-unrichtig, den Wert, wie es von den psychologischen Werttheoretikern
-meist geschieht, als dasjenige zu definieren, was geeignet sei,
-unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Denn auch die Launen des Menschen
-gehören zu seinen (momentanen) Bedürfnissen, und doch gibt es nichts
-aller Werthaltung mehr Entgegengesetztes als eben _die Laune_. Die
-Laune _kennt_ keinen Wert, sie verlangt nach ihm höchstens, um ihn
-im nächsten Augenblicke zu zerbrechen. _So ist das Moment der Dauer
-aus dem Wertbegriff nicht zu eliminieren._ Selbst die Erscheinungen,
-welche man nur mit Hilfe der _Menger_schen Theorie vom »Grenznutzen«
-erklären zu können vermeint hat, ordnen sich meiner Auffassung unter
-(ohne daß diese natürlich im geringsten sich anmaßt, an sich etwas
-für die Nationalökonomie leisten zu können). Daß Luft und Wasser
-keinen Wert haben, liegt nach ihr nämlich daran, _daß nur irgendwie
-individualisierte, geformte Dinge_ positiv gewertet werden können:
-denn alles Geformte kann formlos gemacht, kann zerstört werden, und
-braucht _als solches_ nicht zu _dauern_. Ein Berg, ein Wald, eine
-Ebene ist noch zu formen durch Umfassung und Begrenzung, und darum
-selbst im wüstesten Zustande noch Wertobjekt. Die Luft der Atmosphäre
-und das Wasser auf und über der Erdoberfläche vermöchte niemand in
-Grenzen zu fassen, sie sind diffus und uneingeschränkt verbreitet.
-Wäre ein zauberkräftiger Mann imstande, die atmosphärische Luft, die
-den Erdball umgibt, wie jenen Geist aus dem orientalischen Märchen auf
-einen relativ kleinen Raum der Erde zu komprimieren, oder könnte es
-jemand gelingen, die Wassermassen derselben in einem großen Reservoir
-unter Verhinderung der Verdunstung einzusperren: beide hätten sofort
-_Form_ gewonnen, und wären damit auch der Wertung unterworfen. Wert
-wird von einer Sache also nur dann prädiziert, wo ein, wenn auch noch
-so entfernter, Anlaß zur Besorgnis vorhanden ist, daß sie mit der
-Zeit sich ändern könne; _denn der Wert wird nur in Relation zur Zeit
-gewonnen, im Gegensatze zu ihr aufgestellt_. Wert und Zeit erfordern
-sich also gegenseitig wie zwei korrelative Begriffe. Wie tief eine
-solche Auffassung führt, wie gerade sie konstitutiv sogar für eine
-_Weltanschauung_ werden kann, dies möchte ich _hier_ nicht weiter
-verfolgen. Es genügt für den vorgesetzten Zweck, zu wissen, daß jeder
-Anlaß, von Wert zu reden, gerade dort wieder entfällt, wo keine
-Gefährdung durch die Zeit mehr möglich ist. Das Chaos kann, auch wenn
-es ewig ist, nur negativ gewertet werden. _Form $und$ Zeitlosigkeit_
-oder _Individuation $und$ Dauer_ sind die beiden analytischen Momente,
-welche den Wert zunächst schaffen und begründen.
-
-So ist denn jenes Fundamentalgesetz der Werttheorie durchgängig, auf
-individualpsychologischem und sozialpsychologischem Gebiete, zur
-Darstellung gebracht. Und nun kann in successiver Wiederaufnahme der
-eigentlichen Untersuchungsgegenstände erledigt werden, was noch von
-früher her, obwohl besondere Aufgabe dieses Kapitels, rückständig ist.
-
-Als erste Folgerung darf aus dem Vorhergehenden diese gezogen werden,
-daß es ein _Bedürfnis nach Zeitlosigkeit, einen $Willen zum Wert$_,
-auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit gibt. Und dieser Wille
-zum Wert, der mit dem »_Willen zur Macht_« an Tiefe sich zu messen
-keine Scheu tragen möge, geht, wenigstens in der Form des Willens
-zur Zeitlosigkeit, dem individuellen Weibe ganz und gar ab. Die
-alten Frauen pflegen in den seltensten Fällen Bestimmungen über ihre
-Hinterlassenschaft zu treffen, was damit zusammenhängt, daß die Frauen
-kein Unsterblichkeitsbedürfnis besitzen. Denn es liegt über dem
-Vermächtnis eines Menschen die Weihe eines Höheren, Allgemeineren, und
-dies ist auch der Grund, warum es von den anderen Menschen _geachtet_
-wird.
-
-_Das Unsterblichkeitsbedürfnis selbst ist nur ein besonderer Fall
-des allgemeinen Gesetzes, daß nur zeitlose Dinge positiv gewertet
-werden._ Hierin liegt sein Zusammenhang mit dem Gedächtnis begründet.
-Die Remanenz, welche die Erlebnisse eines Menschen bei ihm haben,
-ist der Bedeutung proportional, die sie für ihn gewinnen können. So
-paradox es klingt: $der Wert ist es, der die Vergangenheit schafft$.
-Nur was positiv gewertet wurde, nur das bleibt im Schutze des
-Gedächtnisses vor dem Zahn der Zeit bewahrt; _und so darf auch das
-individuelle psychische Leben als Ganzes, soll es positiv bewertet
-werden, nicht Funktion der Zeit, es muß über die Zeit erhaben sein
-durch eine über den körperlichen Tod hinausgehende ewige Dauer_.
-Hiemit sind wir dem innersten Motiv des Unsterblichkeitsbedürfnisses
-unvergleichlich näher gerückt. Die völlige Einbuße an Bedeutung, die
-das individuell erfüllte, lebensvoll gelebte Leben erleidet, wenn es
-mit dem Tode für immer restlos zu Ende sein soll, die _Sinnlosigkeit_
-des _Ganzen_ in solchem Falle, dies spricht mit anderen Worten auch
-_Goethe_ zu _Eckermann_ aus (4. Februar 1829), führt zur Forderung nach
-Unsterblichkeit.
-
-Das intensivste Verlangen nach Unsterblichkeit hat das Genie. Und
-auch dies fällt zusammen mit allen anderen Tatsachen, die bisher
-über seine Natur aufgedeckt wurden. _Das Gedächtnis ist vollständige
-Besiegung der Zeit nur dann, wenn es, wie im universellen Menschen,
-in der universellen Form auftritt. Der Genius ist somit der eigentlich
-zeitlose Mensch_, wenigstens ist dies und nichts anderes sein Ideal
-von sich selbst; er ist, wie gerade sein sehnsüchtiges und dringendes
-Begehren nach Unsterblichkeit beweist, eben der Mensch mit dem
-stärksten Verlangen nach Zeitlosigkeit, _mit dem mächtigsten Willen zum
-Werte_.[22]
-
-Und nun tut sich vor dem geblendeten Auge eine fast noch wunderbarere
-Koinzidenz auf. Die Zeitlosigkeit des Genius wird nicht allein im
-Verhältnis zu den einzelnen Augenblicken seines Lebens kund, sondern
-auch in seiner Beziehung zu dem, was man aus der Zeitrechnung als seine
-Generation herausgreift und im engeren Sinne »seine Zeit« nennt. _Zu
-dieser hat er nämlich de facto gar keine Beziehungen._ Nicht die Zeit,
-die ihn braucht, schafft den Genius, er ist nicht ihr Produkt, nicht
-aus ihr zu erklären, und man erweist ihm keine Ehre, ihn mit ihr zu
-entschuldigen. _Carlyle_ hat mit Recht darauf hingewiesen, wie vielen
-Epochen nur der bedeutende Mensch not tat, wie dringend sie seiner
-bedurften, und wie er doch nicht erschienen ist. Das Kommen des Genius
-bleibt ein Mysterium, auf dessen Ergründung der Mensch in Ehrfurcht
-verzichte. Und wie die _Ursachen_ seines Auftretens nicht in seiner
-Zeit gefunden werden können, so bleiben auch, diese Übereinstimmung
-ist das zweite Rätsel, _dessen $Folgen$ nicht an eine bestimmte Zeit
-geknüpft. Die Taten des Genius leben ewig, an ihnen wird durch die Zeit
-nichts geändert._ Durch seine Werke ist dem bedeutenden Menschen eine
-Unsterblichkeit auf Erden beschieden, und so ist er in _dreifacher
-Weise zeitlos_: seine universale Apperzeption oder ausnahmslose
-Wertung aller seiner Erlebnisse enthebt diese in seinem Gedächtnis
-der Vernichtung mit dem Augenblick; aus der Zeit, die seinem Werden
-vorangeht, ist er nicht emporgewachsen; und nicht der Zeit, in der er
-tätig ist, und auch keiner anderen, früher oder später ihr folgenden,
-fällt anheim, was er geschaffen hat.
-
-Hier ist nun der glücklichste Ort, die Besprechung einer Frage
-einzufügen, die beantwortet werden muß, obwohl sie, merkwürdig genug,
-noch kaum von jemand aufgeworfen scheint. Sie betrifft nichts anderes
-als, ob das, was Genie genannt zu werden verdient, auch unter den
-Tieren (oder Pflanzen) sich findet. Es besteht nun, außer den bereits
-entwickelten Kriterien der Begabung, deren Anwendung auf die Tiere
-wohl kaum die Anwesenheit dermaßen ausgezeichneter Individuen unter
-ihnen ergeben dürfte, auch sonst genügende Berechtigung zu der, später
-noch zu begründenden, Annahme, daß es dort nichts irgendwie Ähnliches
-gebe. _Talente_ dürften im Reiche der Tiere vorhanden sein wie unter
-den noch-nicht-genialen Menschen. Aber das, was man vor _Moreau
-de Tours_, _Lombroso_ und _Max Nordau_ immer als den »göttlichen
-Funken« betrachtet hat, das haben wir allen Grund auf die Tiere nicht
-auszudehnen. Diese Einschränkung ist nicht Eifersucht, nicht ängstliche
-Wahrung eines Privilegs, sondern sie läßt sich mit guten Gründen
-verteidigen.
-
-Denn was wird durch das Erstauftreten des Genies _im Menschen_ nicht
-alles erklärt! Der ganze »objektive Geist«, mit anderen Worten, _daß
-der Mensch allein unter allen Lebewesen eine $Geschichte$ hat_!
-
-Die ganze menschliche Geschichte (darunter ist natürlich Geistes- und
-nicht z. B. Kriegsgeschichte zu verstehen), läßt sie sich nicht am
-ehesten begreifen durch das Auftreten des Genies, der Anregungen, die
-von ihm ausgingen, und der Nachahmung dessen, was das Genie tat, durch
-mehr _pithekoide_ Wesen? Des Hausbaues, des Ackerbaues, vor allem aber
-der _Sprache_! Jedes Wort ist von _einem_ Menschen zuerst geschaffen
-worden, von einem Menschen, der über dem Durchschnitt stand, wie dies
-auch heute immer noch ausschließlich geschieht (von den Namen für
-neue technische Erfindungen muß man hiebei freilich absehen). Wie
-sollte es denn auch wohl sonst entstanden sein? Die Urworte _waren_
-»onomatopoetisch«: in sie kam ohne den Willen des Sprechenden, durch
-die bloße Heftigkeit der spezifischen Erregung, ein dem Erreger
-Ähnliches hinein; und alle anderen Worte sind ursprünglich Tropen,
-sozusagen Onomatopoesien zweiter Ordnung, Metaphern, Gleichnisse:
-alle Prosa ist einmal Poesie gewesen. _Die meisten Genies sind also
-unbekannt geblieben._ Man denke nur an die Sprichwörter, selbst an
-die heute trivialsten, wie: »eine Hand wäscht die andere«. Ja, das
-hat doch vor vielen Jahren _ein_ geistvoller Mann zum ersten Male
-gesagt! Anderseits: wie viele Citate aus klassischen Autoren, aus den
-allergelesensten, wie viele _Worte Christi_ kommen uns nicht heute
-vollkommen unpersönlich-sprichwörtlich vor, wie oft müssen wir uns
-erst darauf besinnen, daß wir in diesem Falle den Urheber kennen! Man
-sollte darum nicht von der »Weisheit der Sprache«, von den Vorzügen
-und den glücklichen Ausdrücken »des Französischen« reden. Ebensowenig
-wie das »Volkslied« ist die Sprache von einer Menge geschaffen
-worden. Mit jenen Redensarten sind wir gegen so viele _einzelne_
-undankbar, um ein Volk überreich zu beschenken. Der Genius selbst,
-der sprachschöpferisch war, gehört vermöge seiner Universalität nicht
-bloß der Nation an, aus der er stammt und in deren Sprache er sein
-Wesen ausgedrückt hat. Die Nation orientiert sich an ihren Genien und
-bildet nach ihnen ihren Idealbegriff von sich selbst, der darum nicht
-der Leitstern der Hervorragenden selber, wohl aber jener aller anderen
-sein kann. Aus verwandten Gründen aber wäre auch mehr Vorsicht geboten,
-wenn, wie so oft, Psychologie der Sprache und Völkerpsychologie ohne
-kritische Voruntersuchung als zusammengehörig behandelt werden. Weil
-die Sprache von einzelnen großen Männern geschaffen ist, darum liegt
-in ihr wirklich so viel erstaunliche Weisheit verborgen; wenn ein
-so inbrünstig tiefer Denker wie _Jakob Böhme_ Etymologie treibt, so
-will dies doch etwas mehr sagen, als so mancher Geschichtsschreiber
-der Philosophie begreifen zu können scheint. Von _Baco_ bis Fritz
-_Mauthner_ sind alle _Flach_köpfe _Sprachkritiker_ gewesen.[23]
-
-Der Genius ist es hingegen, der die Sprache nicht kritisiert, sondern
-hervorgebracht hat und immer neu hervorbringt, wie auch all die anderen
-Geisteswerke, die im engeren Sinne den Grundstock der Kultur, den
-»objektiven Geist« bilden, soweit dieser wirklich _Geist_ ist. So sehen
-wir, _daß der zeitlose Mensch jener ist, der die Geschichte schafft:
-Geschichte kann nur von Wesen geschaffen werden, die außerhalb ihrer
-Kausalverkettung stehen._ Denn nur sie treten in jenes unauflösliche
-Verhältnis zum absolut Zeit_losen_, zum Werte, das ihren Produktionen
-einen ewigen Gehalt gibt. Und was aus allem Geschehenen in die Kultur
-eingeht, geht in sie ein unter dem Gesichtspunkte des ewigen Wertes.
-
-Legen wir jenen Maßstab der dreifachen Zeitlosigkeit an den Genius
-an, so werden wir am sichersten auch bei der nun nicht mehr allzu
-schwierigen Entscheidung geleitet werden, wem das Prädikat des
-Genies zuzusprechen ist, und wem es aberkannt werden muß. _Zwischen_
-der populären Meinung, die beispielsweise _Türck_ und _Lombroso_
-vertreten, welche den Begriff des Genies bei jeder über den
-Durchschnitt stärker hinausragenden intellektuellen oder werklichen
-Leistung anzuwenden bereit ist, und der Exklusivität jener Lehren
-_Kant_ens und _Schelling_s, welche einzig im schaffenden Künstler das
-Walten des Genius erblicken wollen, liegt, obwohl in der Mitte, doch
-zweifelsohne diesmal das Richtige. _Der Titel des Genius ist nur den
-großen Künstlern und den großen Philosophen_ (zu denen ich hier auch
-die seltensten Genien, die großen _Religionsstifter_ zähle[24]) _zu
-vindizieren_. Weder der »große Mann der Tat« noch »der große Mann der
-Wissenschaft« haben auf ihn Anspruch.
-
-Die »_Männer der Tat_«, die berühmten Politiker und Feldherren, mögen
-wohl einzelne Züge haben, die an das Genie erinnern (z. B. eine
-vorzügliche Menschenkenntnis, ein enormes Personengedächtnis); auf
-_ihre_ Psychologie kommt diese Untersuchung noch einmal zu sprechen;
-aber mit dem Genius kann sie nur verwechseln, wer schon durch den
-äußeren Aspekt von Größe allein völlig zu blenden ist. Das Genie ist in
-mehr als einem Sinne ausgezeichnet gerade durch den _Verzicht_ auf alle
-Größe _nach außen_, _durch reine innere Größe_. Der wahrhaft bedeutende
-Mensch hat den stärksten Sinn für die _Werte_, der Feldherr-Politiker
-ein fast ausschließliches Fassungsvermögen für die _Mächte_. Jener
-sucht allenfalls die Macht an den Wert, dieser höchstens den Wert an
-die Macht zu knüpfen und zu binden (man erinnere sich an das oben von
-den Unternehmungen der Imperatoren Gesagte). Der große Feldherr, der
-große Politiker, sie steigen aus dem Chaos der _Verhältnisse_ empor wie
-der Vogel Phönix, um zu verschwinden wie dieser. Der große Imperator
-oder große Demagog ist der einzige Mann, der ganz in der Gegenwart
-lebt; er träumt nicht von einer schöneren, besseren Zukunft, er sinnt
-keiner entflossenen Vergangenheit nach; er knüpft sein Dasein an den
-Moment, und sucht nicht auf eine jener beiden Arten, die dem Menschen
-möglich sind, _die Zeit zu überspringen_. Der echte _Genius_ aber macht
-sich in seinem Schaffen nicht abhängig von den konkret-zeitlichen
-Bedingungen seines Lebens, die für den Feldherr-Politiker stets das
-Ding-an-sich bleiben, das, was ihm zuletzt Richtung gibt. So wird der
-große Imperator _zu einem Phänomen der Natur_, der große Denker und
-Künstler steht außerhalb ihrer, er ist eine Verkörperung des Geistes.
-Die Werke des Tatmenschen gehen denn auch meist mit seinem Tode, oft
-schon früher, und nie sehr viel später, spurlos zu Grunde, nur die
-Chronik der Zeit meldet von dem, was da geformt wurde, nur um wieder
-zerstört zu werden. Der Imperator schafft keine Werke, an denen
-die zeitlosen, ewigen _Werte_ in ungeheuerer Sichtbarkeit für alle
-Jahrtausende zum Ausdruck kommen; denn dies sind die Taten des Genius.
-$Dieser$, nicht der andere, $schafft$ die Geschichte, weil er nicht
-_in sie_ gebannt ist, sondern _außerhalb ihrer_ steht. _Der bedeutende
-Mensch hat eine Geschichte, den Imperator hat die Geschichte._ Der
-bedeutende Mensch zeugt die Zeit, der Imperator wird _von_ ihr gezeugt
-und -- getötet.
-
-Ebensowenig wie der große Willensmensch besitzt der große
-_Wissenschaftler_, wenn er nicht zugleich großer Philosoph ist, ein
-Recht auf den Namen des Genius, heiße er sonst _Newton_ oder _Gauß_,
-_Linné_ oder _Darwin_, _Kopernikus_ oder _Galilei_. Die Männer der
-Wissenschaft sind nicht universell, denn es gibt Wissenschaft nur vom
-Fache, allenfalls von Fächern. Das liegt keineswegs, wie man glaubt,
-an der »fortschreitenden Spezialisierung«, die es »unmöglich mache,
-alles zu beherrschen«: es gibt unter den Gelehrten auch im XIX. und XX.
-Jahrhundert noch manch ebenso staunenerregende Polyhistorie, wie sie
-_Aristoteles_, oder wie sie _Leibniz_ besaß; ich erinnere an _Alexander
-v. Humboldt_, an _Wilhelm Wundt_. Jener Mangel liegt vielmehr im
-Wesen aller Wissenschaft und Wissenschaftler tief begründet. Das 8.
-Kapitel erst wird die letzte Differenz, die hier besteht, aufzudecken
-versuchen. Indes ist man vielleicht bereits hier zu dem Zugeständnis
-geneigt, auch der hervorragendste Mann der Wissenschaft sei keine so
-allumfassende Natur wie selbst jene Philosophen es waren, die an der
-äußersten Grenze dessen stehen, wo die Bezeichnung genial noch statthat
-(ich denke an _Schleiermacher_, _Carlyle_, _Nietzsche_). Welcher bloße
-Wissenschaftler fühlte in sich ein unmittelbares Verständnis _aller_
-Menschen, _aller_ Dinge, oder auch nur die Möglichkeit, ein solches
-in sich und aus sich selbst heraus je zu verwirklichen? Ja, welchen
-anderen Sinn hätte denn die wissenschaftliche Arbeit der Jahrtausende,
-als diese unmittelbare Einsicht zu _ersetzen_? Dies ist der Grund,
-warum alle Wissenschaftler _notwendig_ immer »Fachmänner« sind. Es
-kennt auch nie ein Wissenschaftler, der nicht Philosoph ist, selbst
-wenn er noch so Hervorragendes leistete, jenes kontinuierliche,
-nichtsvergessende Leben, das den Genius auszeichnet: eben wegen seines
-Mangels an Universalität.
-
-Schließlich sind die Forschungen des Wissenschaftlers immer in den
-Stand der Kenntnisse seiner Zeit gebannt, er übernimmt einen Fonds von
-Erfahrungen in bestimmter Menge und Gestalt, vermehrt und verändert
-ihn um ein Geringes oder Größeres, und gibt ihn weiter. Aber auch von
-_seinen_ Leistungen wird vieles weggenommen, vieles muß hinzugefügt
-werden, sie dauern als Bücher fort in den Bibliotheken, aber nicht als
-ewige, der Korrektur auch nur in _einem_ Punkte entrückte Schöpfungen.
-Aus den berühmten Philosophien dagegen spricht wie aus den großen
-Kunstwerken ein Unverrückbares, Unverlierbares, eine _Weltanschauung_
-zu uns, an welcher der Fortschritt der Zeiten nichts ändert, die je
-nach der Individualität ihres Schöpfers, welche in ihr sichtbar zum
-Ausdruck gelangte, _immer_ ihm verwandte Menschen findet, die ihr
-anhangen. Es gibt _Platoniker_ und _Aristoteliker_, _Spinozisten_ und
-_Berkeleyaner_, _Thomisten_ und Anhänger _Brunos_ noch heute, aber
-es gibt keinen _Galileianer_ und keine _Helmholtzianer_, nirgends
-_Ptolemäer_, nirgends _Kopernikaner_. Es ist darum ein Unfug und
-verdirbt den Sinn des Wortes, wenn man von »Klassikern der exakten
-Wissenschaften« oder »Klassikern der Pädagogik« ebenso spricht, wie man
-mit gutem Recht von klassischen Philosophen und klassischen Künstlern
-redet.
-
-Der große Philosoph also trägt den Namen des Genius mit Verdienst und
-Ehre; und wenn es auch des Philosophen größter Schmerz in Ewigkeit
-bleibt, daß er nicht Künstler ist -- denn aus keinem anderen Grunde
-wird er Ästhetiker -- so neidet doch nicht minder der Künstler dem
-Philosophen die zähe und wehrhafte Kraft des abstrakten systematischen
-Denkens -- nicht umsonst werden Prometheus und Faust, Prospero und
-Cyprian, der Apostel Paulus und der »Penseroso« ihm Problem. Darum,
-däucht mir, sind beide einander gleich zu achten, und hat keiner vor
-dem anderen allzuviel voraus.
-
-Freilich heißt es auch in der Philosophie mit dem Begriffe der
-Genialität nicht so verschwenderisch umzugehen, als dies gewöhnlich
-zu geschehen pflegt; sonst würde meine Darstellung mit Recht den
-Vorwurf der Parteilichkeit gegen die »positive Wissenschaft« auf sich
-laden, einer Parteilichkeit, die mir selbstverständlich fern liegt,
-da ich einen solchen Angriff ja zunächst als gegen mich selbst und
-einen großen Teil dieser Arbeit gekehrt empfinden müßte. _Anaxagoras_,
-_Geulincx_, _Baader_, _Emerson_ als geniale Menschen zu bezeichnen,
-geht nicht an. Weder unoriginelle Tiefe (_Angelus Silesius_,
-_Philo_, _Jacobi_) noch originelle Flachheit (_Comte_, _Feuerbach_,
-_Hume_, _Mill_, _Herbart_, _Locke_, _Karneades_) sollte auf die
-Anwendung des Begriffes ein Recht erwirken können. Die Geschichte
-der Kunst ist heute in gleicher Weise wie die der Philosophie voll
-der verkehrtesten Wertungen; ganz anders die Geschichte der ihre
-eigenen Ergebnisse fortwährend berichtigenden und nach dem _Umfang_
-dieser _Verbesserungen_ wertenden Wissenschaft. Die Geschichte der
-Wissenschaft verzichtet auf die Biographie ihrer wackersten Kämpfer;
-ihr Ziel ist ein System überindividueller Erfahrung, aus dem der
-einzelne verschwunden ist. In der Hingabe an die Wissenschaft liegt
-darum die _größte_ Entsagung: denn durch sie verzichtet der einzelne
-Mensch als solcher auf _Ewigkeit_.
-
-
-
-
-VI. Kapitel.
-
-Gedächtnis, Logik, Ethik.
-
-
-Die Überschrift, welche ich diesem Kapitel voranstelle, ist sofort und
-mit Leichtigkeit einem schweren Mißverständnis ausgesetzt. Es könnte
-nach ihr scheinen, als huldige der Autor der Ansicht, die logischen
-und ethischen Wertungen seien Objekte ausschließlich der empirischen
-Psychologie, psychische Phänomene ganz so wie die Empfindung und das
-Gefühl, Logik und Ethik also spezielle Disziplinen, Unterabteilungen
-der Psychologie und aus ihr, in ihr zu begründen.
-
-Ich bekenne gleich und vollständig, daß ich diese Anschauung, den
-»Psychologismus«, für gänzlich falsch und verderblich halte; falsch,
-weil das Unternehmen nie gelingen kann, wovon wir uns noch überzeugen
-werden; verderblich, weil es nicht einmal so sehr die hiedurch kaum
-berührte Logik und Ethik als die Psychologie zu Grunde richtet. Der
-Ausschluß der Logik und Ethik von der _Begründung_ der Psychologie und
-ihr Verweis in einen Appendix der letzteren ist das Korrelat zu dem
-Überwuchern der Empfindungslehre, und hat mit dieser zusamt all das auf
-dem Gewissen, was sich heute als »empirische Psychologie« präsentiert:
-jenen Haufen toter Gebeine, denen kein Feinsinn und kein Fleiß mehr
-Leben einhaucht, in denen vor allem die wirkliche _Erfahrung_ nicht
-wiederzuerkennen ist. Was also die unglücklichen Versuche betrifft,
-Logik und Ethik auf den Stufenbau einer, gleichgültig mit welchem
-Mörtel, zusammensetzenden Psychologie, als das zarte, jüngste Kind
-des Seelenlebens, zu setzen, so trage ich wenigstens kein Bedenken,
-gegen _Brentano_ und seine Schule (_Stumpf_, _Meinong_, _Höfler_,
-_Ehrenfels_), gegen Th. _Lipps_ und G. _Heymans_, gegen die ebenfalls
-dahin zu zählenden Meinungen von _Mach_ und _Avenarius_, hier mich
-prinzipiell jener anderen Richtung anzuschließen, deren Positionen
-heute von _Windelband_, _Cohen_, _Natorp_, F. J. _Schmidt_, besonders
-aber von _Husserl_ verteidigt werden (der selbst früher Psychologist
-war, seither aber zu der festesten Überzeugung von der Unhaltbarkeit
-dieses Standpunktes gelangt ist), jener Richtung, welche gegen die
-psychologisch-genetische Methode _Humes_ den transcendental-kritischen
-Gedanken _Kant_ens geltend macht und hochzuhalten weiß.
-
-Da aber die vorliegende Arbeit keine ist, welche mit den allgemeinen,
-überindividuell gültigen Normen des Handelns und Denkens und den
-Bedingungen des Erkennens sich beschäftigte, da sie vielmehr, ihrem
-Ausgangspunkt wie ihrem Ziele nach, eben _Unterschiede_ zwischen
-Menschen festzustellen trachtet, und nicht für beliebige Wesen (selbst
-für »die lieben Engelein« im Himmel) gültig zu sein beansprucht, wie
-die Philosophie _Kant_ens ihren Grundgedanken nach, so durfte und
-mußte sie bisher psychologisch (nicht psycho_logistisch_) sein, und
-wird es weiter bleiben, ohne an den Stellen, wo sich die Notwendigkeit
-herausstellen sollte, zu verabsäumen, selbst eine formale Betrachtung
-zu wagen, oder wenigstens darauf hinzuweisen, daß da oder dort das
-alleinige Recht der logischen, kritischen, transcendentalen Methode
-zustehe.
-
-Der Titel dieses Kapitels rechtfertigt sich anders. Die langwierige,
-weil gänzlich neu zu führende Untersuchung des vorigen hat gezeigt, daß
-das menschliche Gedächtnis zu Dingen in intimer Beziehung steht, mit
-denen man es einer Verwandtschaft bisher nicht für würdig gehalten zu
-haben scheint. Zeit, Wert, Genie, Unsterblichkeit -- all dies vermochte
-sie mit dem Gedächtnis in einem merkwürdigen Zusammenhange zu zeigen,
-dessen Existenz man offenbar noch gar nicht vermutet hat. Dieses fast
-völlige Fehlen aller Hinweise muß einen tieferen Grund haben. Er liegt,
-so scheint es, in den Unzulänglichkeiten und Schlampereien, welche die
-Theorien des Gedächtnisses immer wieder sich haben zu Schulden kommen
-lassen.
-
-Hier lenkt zunächst die schon in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts
-von Charles _Bonnet_ begründete, im letzten Drittel des XIX.
-Jahrhunderts besonders durch Ewald _Hering_ (und E. _Mach_) in Schwung
-gekommene Lehre den Blick auf sich, welche im Gedächtnis des Menschen
-nichts weiter sieht als die »allgemeine Funktion der organisierten
-Materie«, auf neue Reize, die vorangegangenen Reizen mehr oder
-weniger gleichen, anders, leichter und schneller zu reagieren als auf
-erstmalige Irritation. Diese Theorie glaubt also die menschlichen
-Gedächtnisphänomene durch die sonstige Erfahrung der Übungsfähigkeit
-lebender Wesen schon erschöpft, für sie ist das Gedächtnis eine
-Anpassungserscheinung nach _Lamarck_schem Muster. Gewiß, es besteht ein
-Gemeinsames zwischen dem menschlichen Gedächtnis und jenen Tatsachen,
-z. B. gesteigerter Reflexerregbarkeit bei gehäufter Wiederholung der
-Erregungen; das identische Element liegt in dem Fortwirken des ersten
-Eindruckes über den Moment hinaus, und das 12. Kapitel wird auf den
-tiefsten Grund dieser Verwandtschaft noch einmal zurückkommen. Es ist
-aber daneben doch ein abgrundtiefer Unterschied zwischen der Stärkung
-eines Muskels durch Gewöhnung an wiederholte Kontraktion, zwischen der
-Anpassung des Arsenikessers oder des Morphinisten an immer größere
-Quantitäten des Giftes hier, und der Erinnerung des Menschen an
-seine früheren Erlebnisse dort. Auf der einen Seite ist die Spur des
-Alten nur im Neuen verfolgbar, auf der anderen treten früher erlebte
-Situationen wieder, ganz als die _alten_, hervor in das Bewußtsein,
-so wie sie selbst waren, mit aller Individuation ausgestattet, nicht
-zu bloßer Nachwirkung auf den neuen Moment durch ein Residuum nutzbar
-gemacht. Die Identifikation beider Phänomene wäre so ungereimt, daß
-auf eine weitere Besprechung dieser allgemein-biologischen Ansicht
-verzichtet werden kann.
-
-Mit der physiologischen Hypothese hängt die Associationslehre als
-Theorie des Gedächtnisses _historisch_ durch _Hartley_ und _sachlich_
-durch den _Begriff der Gewöhnung_ zusammen. Sie leitet _alles_
-Gedächtnis aus dem mechanischen Spiel der Vorstellungsverknüpfungen
-nach ein bis vier Gesetzen ab. Dabei _übersieht sie, daß das
-Gedächtnis (das kontinuierliche des Mannes) im Grunde eine
-Willenserscheinung ist_. Ich kann mich auf etwas besinnen, wenn ich
-es wirklich _will_, entgegen beispielsweise meiner Schlafsucht, wenn
-ich nur wahrhaft entschlossen bin, diese zu unterdrücken. _In der
-Hypnose, durch welche Erinnerung an alles Vergessene erzielt werden
-kann, tritt der Wille des Fremden an die Stelle des allzu schwachen
-eigenen_ und liefert so wieder den Beweis, daß es der _Wille_ ist,
-_welcher die zweckmäßigen Associationen aufsucht, daß alle Association
-durch die tiefere Apperzeption herbeigeführt wird_. Hier mußte einem
-späteren Abschnitt vorgegriffen werden, welcher das Verhältnis zwischen
-Associations- und Apperzeptionspsychologie klarzustellen und die
-Berechtigung beider abzuwägen suchen wird.
-
-Mit der Associationspsychologie, welche das psychische Leben zuerst
-zerspaltet, und wähnt, im Tanze der einander die Hände reichenden
-Bruchstücke es dann noch zusammenleimen zu können, hängt wiederum enge
-jene dritte Konfusion zusammen, die, ungeachtet des von _Avenarius_
-und besonders von _Höffding_ ungefähr zur gleichen Zeit mit so viel
-Recht erhobenen Einspruches, noch immer das _Gedächtnis_ mit dem
-_Wiedererkennen_ zusammenwirft. Das Wiedererkennen eines Gegenstandes
-braucht durchaus nicht auf der gesonderten Reproduktion des früheren
-Eindruckes zu beruhen, wenn auch in einem Teile der Fälle im neuen
-Eindrucke die Tendenz zu liegen scheint, auf der Stelle den älteren
-wachzurufen. Aber es gibt _daneben_ ein mindestens ebenso häufig
-vorkommendes _unmittelbares_ Wiedererkennen, in welchem nicht die
-neue Empfindung _von sich selbst wegführt_ und wie mit einem Streben
-verknüpft erscheint, sondern wo das Gesehene, Gehörte etc. nur mit
-einer spezifischen _Färbung_ (»tinge« würde _James_ sagen) auftritt,
-mit jenem »Charakter«, den _Avenarius_ »das Notal«, _Höffding_
-»die Bekanntheitsqualität« nennt. Wer in die Heimat zurückkehrt,
-dem scheinen Weg und Steg »bekannt«, auch wenn er nichts mehr zu
-benennen und sich gar nicht leicht zurechtzufinden weiß, und keines
-besonderen Tages gerade gedenkt, an dem er hier gegangen; eine
-Melodie kann mir »bekannt vorkommen«, ohne daß ich weiß, wann und wo
-ich sie gehört habe. Der »Charakter« (im _Avenarius_schen Sinne) der
-_Bekanntheit_, der _Vertrautheit_ etc. schwebt hier sozusagen über
-dem Sinneseindruck selbst, die Analyse weiß nichts von Associationen,
-deren »Verschmelzung« mit meiner neuen Empfindung, nach der Behauptung
-einer anmaßenden Pseudo-Psychologie, jenes unmittelbare Gefühl erst
-_erzeugen_ soll, und sie vermag diese Fälle sehr gut von jenen anderen
-zu unterscheiden, wo schon leise und kaum merklich (in Henidenform) das
-ältere Erlebnis wirklich associiert wird.
-
-Auch individualpsychologisch ist diese Distinktion eine
-Notwendigkeit. Im hochstehenden Menschen ist das Bewußtsein einer
-nicht interrupten Vergangenheit fortwährend so lebendig, daß er,
-etwa beim Wiedererblicken eines Bekannten auf der Gasse, sofort die
-letzte Begegnung als selbständiges Erlebnis reproduziert, während
-im weniger Begabten das einfache Bekanntheitsgefühl, das ihm ein
-Wiedererkennen ermöglicht, oft auch dann _allein_ auftritt, wenn er
-jenes Zusammensein, sogar in seinen Einzelheiten, noch recht gut sich
-zu vergegenwärtigen vermöchte.
-
-Stellen wir nun noch, zum Abschlusse dessen, die Frage, ob die anderen
-Organismen außer dem Menschen ebenfalls jene, von allem Ähnlichen wohl
-zu unterscheidende Fähigkeit besitzen, frühere Augenblicke ihres Lebens
-wieder _in ihrer Gänze aufleben zu lassen_, so ist diese Frage mit
-der größten Wahrscheinlichkeit im verneinenden Sinne zu beantworten.
-Die Tiere könnten nicht, wie sie es tun, stundenlang regungslos und
-ruhig auf einem Flecke verharren, wenn sie an ihr vergangenes Leben
-zurückdächten oder eine Zukunft in Gedanken vorausnähmen. Die Tiere
-haben Bekanntheitsqualitäten und Erwartungsgefühle (der die Heimkehr
-des Herrn nach zwanzig Jahren begrüßende Hund; die Schweine vor dem
-Tore des Metzgers, die zur Belegung geführte rossige Stute), aber
-sie besitzen keine Erinnerung und keine Hoffnung. _Sie vermögen
-wiederzuerkennen_ (mit Hilfe des »Notals«), _aber sie haben kein
-Gedächtnis_.
-
-Ist so das Gedächtnis als eine besondere, mit niederen Gebieten
-psychischen Lebens nicht zu verwechselnde Eigenschaft dargetan, scheint
-es zudem ausschließlicher Besitz des Menschen zu sein, so wird es nicht
-mehr wundernehmen, daß es mit jenen höheren Dingen, wie dem Wert- und
-Zeitbegriff, dem keinem Tiere eignenden Unsterblichkeitsbedürfnisse,
-der nur dem Menschen möglichen Genialität, in einem Zusammenhange
-steht. Und wenn es einen einheitlichen Begriff vom Menschen gibt, ein
-tiefstes _Wesen_ der Menschheit, das in allen besonderen Qualitäten
-des Menschen zum Ausdrucke kommt, so wird man es geradezu _erwarten_
-müssen, daß auch die logischen und ethischen Phänomene, die den anderen
-Lebewesen allem Anscheine nach ebenso abgehen wie das Gedächtnis, mit
-diesem irgendwo sich berühren werden. Diese Beziehung heißt es nun
-aufsuchen.
-
-Es kann zu dem Behufe von der wohlbekannten Tatsache ausgegangen
-werden, daß _Lügner_ ein schlechtes Gedächtnis haben. Vom
-»pathologischen _Lügner_« steht es fest, daß er nahezu überhaupt »kein
-Gedächtnis hat«. Auf den männlichen Lügner komme ich im folgenden
-noch einmal zu sprechen; er bildet nicht die Regel unter den Männern.
-Faßt man hingegen ins Auge, was früher über das Gedächtnis der Frauen
-gesagt wurde, so wird man es neben die angeführte Erscheinung der
-mangelnden Erinnerungsgabe verlogener Männer stellen dürfen, wenn so
-viele Sprichwörter und Erzählungen, wenn Dichtung und Volksmund vor
-der Lügenhaftigkeit des Weibes warnen. Es ist klar: einem jeden Wesen,
-dessen Gedächtnis ein so minimales wäre, daß, was es gesagt, getan,
-erlitten hat, später nur im dürftigsten Grade von Bewußtheit ihm noch
-gegenwärtig bliebe, einem jeden solchen Wesen muß, wenn ihm die Gabe
-der Sprache verliehen ist, die Lüge leicht fallen, und dem Impulse
-zu ihr wird, wenn es auf die Erreichung praktischer Zwecke ankommt,
-von einem so beschaffenen Individuum, dem nicht der wahre Vorgang
-mit voller Intensität vorschwebt, schwer widerstanden werden können.
-Und noch stärker muß sich diese Versuchung geltend machen, wenn das
-Gedächtnis dieses Wesens nicht von jener kontinuierlichen Art ist, die
-nur der Mann kennt, sondern wenn das Wesen, wie W, sozusagen nur in
-Augenblicken, diskret, diskontinuierlich, zusammenhanglos lebt, in den
-zeitlichen Ereignissen _aufgeht_, statt _über_ ihnen zu _stehen_, oder
-den Zeitablauf wenigstens zum _Problem_ zu erheben; wenn es nicht, wie
-M, alle seine Erlebnisse auf einen einheitlichen _Träger_ derselben
-bezieht, sie von _diesem auf sich nehmen läßt_, wenn ein _»Zentrum«
-der Apperzeption fehlt_, dem alle Vergangenheit stets in einheitlicher
-Weise zugezählt wird, _wenn das Wesen sich nicht_ als _eines und selbes
-in allen seinen Lebenslagen fühlt und weiß_. Es kommt zwar wohl auch
-bei jedem Manne vor, daß er sich einmal »nicht versteht«, ja bei sehr
-vielen Männern ist es, wenn sie an ihre Vergangenheit zurückdenken,
-ohne daß dies mit den Phänomenen der psychischen Periodizität in
-Verbindung gebracht werden dürfte[25], die Regel, daß sie die
-Substitution ihrer gegenwärtigen Persönlichkeit für den Träger jener
-älteren Erlebnisse nicht leicht auszuführen vermögen, daß sie nicht
-begreifen, wie sie dies oder jenes damals denken oder tun konnten;
-_und doch wissen und fühlen sie sehr wohl, daß sie es trotzdem gedacht
-und getan haben, und zweifeln nicht im mindesten daran_. Dieses Gefühl
-der Identität in allen Lebenslagen fehlt dem echten Weibe völlig, da
-sein Gedächtnis, selbst wenn es -- das kommt in einzelnen Fällen vor
--- auffallend gut ist, _stets alle Kontinuität vermissen läßt_. Das
-Einheitsbewußtsein des Mannes, der sich in seiner Vergangenheit oft
-nicht versteht, äußert sich in dem _Bedürfnisse sich zu verstehen_, und
-diesem Bedürfnis _immaniert die $Voraussetzung$_, daß er stets _ein
-und derselbe_ trotz seines Sichjetztnichtverstehens gewesen ist; die
-Frauen verstehen sich, wenn sie an ihr früheres Leben zurückdenken,
-_nie, haben aber auch kein Bedürfnis sich zu verstehen_, wie man schon
-aus dem geringen Interesse entnehmen kann, das sie den Worten des
-Mannes entgegenbringen, der ihnen etwas über sie selbst sagt. _Die Frau
-interessiert sich nicht für sich_ -- darum gibt es keine weibliche
-Psychologin und keine Psychologie des Weibes von einem Weibe -- und
-ganz unfaßbar wäre ihr das krampfhafte, echt männliche Bemühen, die
-eigene Vergangenheit als eine _logische_ Folge von _kontinuierlichem_,
-lückenlos kausal geordnetem, nicht sprunghaftem Geschehen zu
-interpretieren, Anfang, Mitte, Ende des individuellen Lebens zueinander
-in Beziehung zu bringen.
-
-Von hier aus aber ist auch die Brücke zur Logik durch einen
-Grenzübergang zu schlagen möglich. Ein Wesen, das, wie W, das absolute
-Weib, sich nicht in den aufeinanderfolgenden Zeitpunkten als identisch
-wüßte, hätte auch keine Evidenz der Identität seines Denkobjektes
-zu verschiedenen Zeiten; da, wenn beide Teile, der Veränderung
-unterworfen sind, sozusagen das absolute Koordinatensystem fehlt, auf
-das Veränderung bezogen, mit Hilfe dessen Veränderung einzig bemerkt
-werden könnte. Ja ein Wesen, dessen Gedächtnis nicht einmal so weit
-reichte, um ihm die psychologische Möglichkeit zu gestatten, das Urteil
-zu fällen, ein Gegenstand oder ein Ding sei trotz des Zeitablaufes mit
-sich selbst identisch geblieben, um es also z. B. zu befähigen, irgend
-eine mathematische Größe in einer längeren Rechnung als dieselbe zu
-verwenden, einzusetzen und festzuhalten; _ein solches Wesen würde im
-extremen Falle auch nicht imstande sein, vermöge seines Gedächtnisses
-die unendlich klein gesetzte Zeit zu überwinden, welche (psychologisch)
-jedenfalls erforderlich ist, um von A zu sagen, daß es im nächsten
-Momente doch noch A sei, um das Urteil der Identität A = A zu fällen,
-oder den Satz des Widerspruches auszusprechen, der voraussetzt, daß ein
-A nicht sofort dem Denkenden entschwinde; denn sonst könnte es das A
-vom non-A, das nicht A ist, und das es wegen der Enge des Bewußtseins
-nicht gleichzeitig ins Auge zu fassen vermag, nicht wirklich
-unterscheiden_.
-
-Das ist kein bloßer Scherz des Gedankens, kein neckisches Sophisma
-der Mathematik, keine verblüffende Konklusion aus durchgeschmuggelten
-Prämissen. Zwar bezieht sich sicherlich -- es muß das, um möglichen
-Einwänden zu begegnen, der folgenden Untersuchung vorweggenommen
-werden -- das Urteil der Identität immer auf _Begriffe_, nie auf
-Empfindungen oder Komplexe von solchen, und die Begriffe sind als
-logische Begriffe zeitlos, sie behalten ihre Konstanz, ob ich sie
-als psychologisches Subjekt konstant denke oder nicht. Aber der
-Mensch denkt den Begriff eben nie rein als logischen Begriff, _weil
-er kein rein logisches, sondern auch ein psychologisches_, »von den
-Bedingungen der Sinnlichkeit affiziertes« _Wesen ist_, er kann an
-seiner Statt immer nur eine, aus seinen individuellen Erfahrungen
-durch wechselseitige Auslöschung der Differenzen und Verstärkung des
-Gleichartigen hervorgewachsene Allgemeinvorstellung (eine »typische«,
-»konnotative«, »repräsentative« Vorstellung) denken, _die aber das
-abstrakte Moment der Begrifflichkeit erhalten und wunderbarer Weise in
-diesem Sinne verwertet werden kann_. Er muß also auch die Möglichkeit
-haben, die Vorstellung, in welcher er den de facto _unanschaulichen_
-Begriff _anschaulich_ denkt, zu bewahren, zu konservieren;
-diese Möglichkeit hinwiederum wird ihm nur durch das Gedächtnis
-gewährleistet. Fehlte ihm also das Gedächtnis, so wäre für ihn auch
-die Möglichkeit dahin, logisch zu denken, jene Möglichkeit, die sich
-sozusagen immer nur an einem _psychologischen_ Medium _inkarniert_.
-
-Also ist der Beweis streng geführt, daß mit dem Gedächtnis auch die
-Fähigkeit erlischt, die logischen Funktionen auszuüben. Die Sätze der
-Logik werden hiedurch nicht tangiert, nur die Kraft, sie anzuwenden,
-ist dargetan als an jene Bedingung gebunden. Der Satz A = A nun hat
-_psychologisch_ stets eine Beziehung zur _Zeit_, insoferne er nur
-im _Gegensatze_ zur Zeit _ausgesprochen_ werden kann: A_{t_{1}} =
-A_{t_{2}}. _Logisch_ wohnt ihm diese Beziehung freilich nicht inne;
-wir werden aber noch darüber Aufschluß erhalten, warum er rein logisch
-_als $besonderes$ Urteil keinen $speziellen$ Sinn_ hat und dieser
-_psychologischen_ Folie so sehr bedarf. Psychologisch ist demnach das
-Urteil nur in _Relation zur Zeit_ vollziehbar, als deren eigentliche
-_Negation_ es sich darstellt.
-
-Ich habe aber früher das stetige Gedächtnis als die Überwindung
-der Zeit, und eben damit als die psychologische _Bedingung_ der
-Zeit_auffassung_ erwiesen. _So präsentiert sich denn die Tatsache des
-kontinuierlichen Gedächtnisses als der $psychologische$ Ausdruck des
-$logischen$ Satzes der Identität._[26] Dem absoluten Weibe, dem jenes
-fehlt, kann auch dieser Satz nicht Axiom seines Denkens sein. $Für das
-absolute Weib gibt es kein Principium identitatis (und contradictionis
-und exclusi tertii).$
-
-Aber nicht nur diese drei Prinzipien; auch das vierte der logischen
-Denkgesetze, _der Satz vom Grunde_, der von jedem Urteil eine
-Begründung verlangt, die es für alle Denkenden notwendig mache, hängt
-mit dem Gedächtnis aufs innigste zusammen.
-
-Der Satz vom zureichenden Grunde ist der Nerv, das Prinzip des
-Syllogismus. Die Prämissen eines Schlusses sind aber psychologisch
-immer frühere, der Konklusion zeitlich vorhergehende _Urteile_, die vom
-Denkenden ebenso festgehalten werden müssen, wie die _Begriffe_ durch
-die Sätze von der Identität und vom Widerspruch gleichsam _geschützt_
-werden. Die Gründe eines Menschen sind immer in seiner Vergangenheit zu
-suchen. Darum hängt die Kontinuität, welche das Denken des Menschen als
-Maxime gänzlich beherrscht, mit der Kausalität so enge zusammen. Jedes
-_psychologische_ In-Kraft-Treten des Satzes vom Grunde setzt demzufolge
-kontinuierliches, alle Identitäten wahrendes _Gedächtnis_ voraus. Da W
-dieses Gedächtnis so wenig als Kontinuität sonst irgend kennt, _so gibt
-es für sie auch kein Principium rationis sufficientis_.
-
-_Es ist also richtig, daß das Weib keine Logik besitzt._
-
-Georg _Simmel_ hat diese alte Erkenntnis als unhaltbar bezeichnet,
-weil die Frauen oft mit äußerster, strengster Konsequenz Folgerungen
-zu ziehen wüßten. Daß die Frau in einem _konkreten_ Falle, wo es ihr
-_zur Erreichung irgend eines Zweckes_ paßt und dringend notwendig
-scheint, unerbittlich folgert, ist so wenig ein Beweis dafür, daß sie
-ein Verhältnis zum Satz vom Grunde hat, wie es ein Beweis für ein
-Verhältnis zum Satz der Identität ist, daß sie so oft hartnäckig
-ein und dasselbe behauptet, und immer wieder auf ihr erstes, längst
-widerlegtes, Wort zurückkommt. _Die Frage ist, ob jemand die logischen
-Axiome als Kriterien der Gültigkeit seines Denkens, als Richter
-über das, was er sagt, anerkennt oder nicht, ob er sie zur steten
-Richtschnur und Norm seines Urteils macht._ Eine Frau nun sieht nie
-ein, _daß man alles auch begründen müsse_; da sie keine Kontinuität
-hat, empfindet sie auch kein Bedürfnis nach der logischen Stützung
-alles Gedachten: _daher die Leichtgläubigkeit $aller$ Weiber_. Also im
-Einzelfall mögen sie konsequent sein, aber dann ist die Logik nicht
-Maßstab, sondern Werkzeug, nicht Richter, sondern meistens Henker.
-Dagegen wird eine Frau durchaus, wenn sie eine Ansicht äußerte, und der
-Mann so dumm wäre, dies überhaupt ernst zu nehmen und einen Beweis von
-ihr verlangte, ein solches Ansinnen als unbequem und lästig, als gegen
-ihre Natur gerichtet empfinden. _Der Mann fühlt sich vor sich selbst
-beschämt, er fühlt sich schuldig, wenn er einen Gedanken, habe er ihn
-nun geäußert oder nicht, zu begründen unterlassen hat_, weil er die
-Verpflichtung dazu fühlt, die logische Norm einzuhalten, die er ein für
-allemal über sich gesetzt hat. Die Frau erbittert die Zumutung, ihr
-Denken von der Logik _ausnahmslos_ abhängig zu machen. _Ihr mangelt das
-intellektuelle Gewissen._ Man könnte bei ihr von »_logical_ insanity«
-sprechen.
-
-Der häufigste Fehler, den man an der weiblichen Rede entdecken würde,
-wollte man sie wirklich auf ihre Logizität prüfen (was jeder Mann
-gewöhnlich unterläßt und schon damit seine Verachtung der weiblichen
-Logik kundgibt), wäre die quaternio terminorum, jene Verschiebung, die
-eben aus der Unfähigkeit des Festhaltens _bestimmter_ Vorstellungen,
-aus dem Mangel eines Verhältnisses zum Satze der Identität, hervorgeht.
-Die Frau erkennt nicht von selbst, daß sie an diesen Satz sich halten
-müsse, er ist ihr nicht oberstes Kriterium ihrer Urteile. Der Mann
-fühlt sich zur Logik verpflichtet, die Frau nicht; nur darauf aber
-kommt es an, nur jenes Gefühl der Schuldigkeit kann eine Bürgschaft
-dafür bieten, daß von einem Menschen immer und ewig logisch zu denken
-gestrebt werde. Es ist vielleicht der tiefste Gedanke, welchen
-_Descartes_ je geäußert hat, und wohl darum so wenig verstanden und
-meist als schreckliche Irrlehre hingestellt: _daß aller Irrtum eine
-Schuld ist_.
-
-Aber Quell alles Irrtums ist im Leben auch immer ein Mangel an
-Gedächtnis. So hängen Logik wie Ethik, die sich eben in der
-Wahrheitsforderung berühren und im höchsten Werte der Wahrheit
-zusammentreffen, wieder beide auch mit dem Gedächtnis zusammen. Und es
-dämmert uns auch bereits die Erkenntnis auf, daß _Platon_ so Unrecht
-nicht hatte, wenn er die Einsicht mit der Erinnerung in Zusammenhang
-brachte. Das Gedächtnis ist zwar kein logischer und ethischer _Akt_,
-aber zumindest ein logisches und ethisches _Phänomen_. Ein Mensch
-z. B., der eine wahrhaft tiefe Empfindung gehabt hat, empfindet es als
-sein Unrecht, wenn er, sei's auch durch äußeren Anlaß genötigt, eine
-halbe Stunde darauf schon an etwas ganz anderes denkt. Der Mann kommt
-sich gewissenlos und unmoralisch vor, wenn er bemerkt, daß er an irgend
-einen Punkt seines Lebens längere Zeit hindurch nicht gedacht hat.
-Das Gedächtnis ist ferner schon deshalb moralisch, weil es allein die
-_Reue_ ermöglicht. _Alles Vergessen hingegen ist an sich unmoralisch._
-Darum ist _Pietät_ eben auch _sittliche_ Vorschrift: es ist $Pflicht$,
-$nichts$ zu vergessen; und nur insofern hat man der Verstorbenen
-besonders zu gedenken. Darum auch sucht der Mann, aus logischen und
-ethischen Motiven in gleichem Maße, in seine Vergangenheit Logik zu
-bringen, alle Punkte in ihr zur Einheit zu ordnen.
-
-_Wie mit einem Schlage ist hier an den tiefen Zusammenhang von Logik
-und Ethik gerührt, den Sokrates und Plato geahnt haben, Kant und Fichte
-neu entdecken mußten, auf daß er später wieder vernachlässigt würde und
-den Lebenden ganz in Verlust geriete._
-
-Ein Wesen, das nicht begreift oder nicht anerkennt, daß A und non-A
-einander ausschließen, wird durch nichts mehr gehindert zu lügen;
-vielmehr, es gibt für ein solches Wesen gar keinen _Begriff_ der Lüge,
-weil ihr Gegenteil, die Wahrheit, als das Maß ihm abgeht; ein solches
-Wesen kann, wenn ihm dennoch Sprache verliehen ist, _lügen, ohne es zu
-wissen_, ja ohne die Möglichkeit, zu erkennen, daß es lügt, da es des
-Kriteriums der Wahrheit entbehrt. »Veritas norma sui et falsi est.« Es
-gibt nichts Erschütternderes für einen Mann, als wenn er, einem Weibe
-auf eine Lüge gekommen, sie fragt: »Was lügst Du?« und dann gewahren
-muß, _wie sie diese Frage gar nicht versteht_ und, ohne zu begreifen,
-ihn angafft, oder lächelnd _ihn_ zu beruhigen sucht -- oder gar in
-Tränen ausbricht.
-
-Denn mit dem Gedächtnis allein ist die Sache nicht erledigt. Es ist
-auch unter den Männern die Lüge genug verbreitet. Und es kann gelogen
-werden trotz der _Erinnerung_ an den tatsächlichen Sachverhalt, an
-dessen Stelle zu irgend welchem Zwecke ein anderer gesetzt wird. Ja,
-nur von einem solchen Menschen, der, trotz seinem besseren Wissen und
-Bewußtsein, den Tatbestand fälscht, kann eigentlich _mit Recht_ gesagt
-werden, daß er lüge. Und es muß ein Verhältnis zur Idee der Wahrheit
-als des höchsten Wertes der Logik wie der Ethik _da sein_, damit von
-einer Unterdrückung dieses Wertes zugunsten fremder Motive die Rede
-sein könne. Wo dieses fehlt, kann man nicht von _Irrtum_ und _Lüge_,
-sondern höchstens von _Verirrtheit_ und _Verlogenheit_ sprechen; nicht
-von _$anti$moralischem_, sondern nur von _$a$moralischem_ Sein. _Das
-Weib also ist $a$moralisch._
-
-Jenes absolute Unverständnis für den _Wert der Wahrheit an sich_
-muß demnach tiefer liegen. Aus dem kontinuierlichen Gedächtnis
-ist, da der Mann ebenfalls, ja eigentlich _nur $er$ lügt_, die
-Wahrheits_forderung_, das Wahrheits_bedürfnis_, das eigentliche
-ethisch-logische Grundphänomen, nicht _abzuleiten_, sondern es steht
-damit nur in engem _Zusammenhange_.
-
-Das, was einem Menschen, einem Manne ein aufrichtiges Verhältnis
-zur Idee der Wahrheit ermöglicht, und was ihn deshalb einzig an der
-Lüge zu hindern imstande ist, das kann nur etwas von aller Zeit
-Unabhängiges, durchaus Unveränderliches sein, welches die alte Tat im
-neuen Augenblick ganz ebenso als wirklich _setzt_ wie im früheren,
-weil es _es selbst_ geblieben ist, an der Tatsache, daß _es_ die
-Handlung so vollzogen hat, nichts ändern läßt und nicht rütteln will;
-es kann nur dasselbe sein, auf das alle diskreten Erlebnisse bezogen
-werden, und das so ein kontinuierliches Dasein erst schafft; es ist
-eben dasselbe, das zum Gefühl der _Verantwortlichkeit_ für die eigenen
-Taten drängt und den Menschen alle Handlungen, die jüngsten wie die
-ältesten, _verantworten_ zu können trachten läßt, das zum Phänomen
-der _Reue_, zum _Schuldbewußtsein_ führt, das heißt zur _Zurechnung
-vergangener Dinge an ein ewig Selbes und darum auch Gegenwärtiges_, zu
-einer Zurechnung, die in viel größerer Feinheit und Weite geschieht,
-als durch das öffentliche Urteil und die Normen der Gesellschaft je
-erreicht werden könnte, einer Zurechnung, die von allem Sozialen
-gänzlich unabhängig das Individuum an sich selbst vollzieht; weshalb
-alle Moralpsychologie, welche die Moral auf das soziale Zusammenleben
-der Menschen begründen und ihren Ursprung auf dieses zurückführen
-will, in Grund und Boden falsch und verlogen ist. Die Gesellschaft
-kennt den Begriff des _Verbrechens_, aber nicht den der _Sünde_, sie
-zwingt zur _Strafe_, ohne _Reue_ erreichen zu wollen; die Lüge wird
-vom Strafgesetz nur in ihrer, _öffentlichen Schaden_ zufügenden,
-feierlichen Form des Meineides geahndet, und der Irrtum ist noch
-nie unter die Vergehungen gegen das geschriebene Gesetz gestellt
-worden. Die Sozialethik, die da fürchtet, der Nebenmensch komme bei
-jedem ethischen Individualismus zu kurz, und _darum_ von Pflichten
-des Individuums gegen die Gesellschaft und gegen die 1500 Millionen
-lebender Menschen faselt, _erweitert_ also nicht, wie sie glaubt,
-das Gebiet der Moral, sondern _beschränkt_ es in unzulässiger und
-verwerflicher Weise.
-
-Was ist nun jenes über Zeit und Veränderung Erhabene, jenes »Zentrum
-der Apperzeption«?
-
-»Es kann nichts Mindereres sein, als was den Menschen über sich selbst
-(als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der
-Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann, und die zugleich die
-ganze Sinnenwelt ..... unter sich hat. Es ist nichts anderes als die
-_Persönlichkeit_.«
-
-Auf ein von allem empirischen Bewußtsein verschiedenes _»intelligibles«
-$Ich$_ hat das erhabenste Buch der Welt, die »Kritik der praktischen
-Vernunft«, der diese Worte entnommen sind, die Moral als auf ihren
-Gesetzgeber zurückgeführt.
-
-Hiemit steht die Untersuchung beim Problem des Subjektes, und dieses
-bildet ihren nächsten Gegenstand.
-
-
-
-
-VII. Kapitel.
-
-Logik, Ethik und das Ich.
-
-
-Bekanntlich hat David _Hume_ den Ich-Begriff einer Kritik unterzogen,
-die in ihm nur ein »Bündel« verschiedener, in fortwährendem Flusse und
-Bewegung befindlicher »Perzeptionen« entdeckte. So sehr auch _Hume_ das
-Ich hiedurch kompromittiert fand, er trägt seine Anschauung relativ
-bescheiden vor, und salviert sich dem Wortlaute nach tadellos. Von
-einigen Metaphysikern nämlich, erklärt er, müsse man absehen, die sich
-eines anderen Ichs zu erfreuen meinten; er selbst sei ganz gewiß,
-keines zu haben, und glaube annehmen zu dürfen, daß es auch von den
-übrigen Menschen (von jenen paar Käuzen natürlich werde er sich wohl
-hüten, zu reden) gelte, daß sie nichts seien als Bündel. So drückt
-sich der Weltmann aus. Im nächsten Kapitel wird sich zeigen, wie seine
-Ironie auf ihn selbst zurückfällt. Daß sie so berühmt wurde, liegt an
-der allgemeinen Überschätzung Humes, an der _Kant_ die Schuld trägt.
-Hume war ein ausgezeichneter empirischer Psychologe, aber er ist
-keineswegs ein Genie zu nennen, wie das meistens geschieht; es gehört
-zwar nicht eben viel dazu, der größte englische Philosoph zu sein, aber
-Hume hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten Anspruch. Und wenn
-Kant (trotz den »Paralogismen«) den _Spinozismus_ a limine deswegen
-zurückgewiesen hat, weil nach diesem die Menschen nicht Substanzen,
-sondern bloße Accidenzen sind, und ihn mit jener seiner »ungereimten«
-Grundidee schon für erledigt ansah -- so möchte ich wenigstens nicht
-dafür einstehen, ob er sein Lob des Engländers nicht beträchtlich
-gedämpft hätte, wäre ihm auch der »Treatise« desselben bekannt gewesen
-und nicht bloß der spätere »Inquiry«, in welchen, wie man weiß, Hume
-seine Kritik des Ichs nicht aufgenommen hat.
-
-_Lichtenberg_, der nach Hume gegen das Ich zu Felde zog, war schon
-kühner als dieser. Er ist der Philosoph der Unpersönlichkeit
-und korrigiert nüchtern das _sprachliche_ »Ich denke« durch ein
-sachliches »es denkt«; so ist ihm das Ich eigentlich eine Erfindung
-der _Grammatiker_. Hierin war ihm übrigens Hume doch insofern
-vorangegangen, als auch er am Schlusse seiner Auseinandersetzungen
-allen Hader um die Identität der Person für einen bloßen Wortstreit
-erklärt hatte.
-
-In jüngster Zeit hat E. _Mach_ das Weltall als eine zusammenhängende
-Masse aufgefaßt und die Ichs als Punkte, in denen die zusammenhängende
-Masse stärkere Konsistenz habe. Das einzig Reale seien die
-Empfindungen, die im einen Individuum untereinander stark, mit jenen
-eines anderen aber, welches man _darum_ vom ersten unterscheide,
-schwächer zusammenhingen. Der Inhalt sei die Hauptsache und bleibe
-stets auch in anderen erhalten bis auf die wertlosen (!) persönlichen
-Erinnerungen. Das Ich sei keine reale, nur eine praktische Einheit,
-_unrettbar_, darum könne man auf individuelle Unsterblichkeit (gerne)
-verzichten; doch sei es nichts Tadelnswertes, hie und da, besonders zu
-Zwecken des _Darwin_schen Kampfes ums Dasein, sich so zu benehmen, als
-ob man ein Ich besäße.
-
-Es ist wunderlich, wie ein Forscher, der nicht nur als Historiker
-seiner Spezialwissenschaft und Kritiker ihrer Begriffe so
-Ungewöhnliches geleistet hat wie _Mach_, sondern auch in biologischen
-Dingen überaus kenntnisreich ist und auf die Lehre von diesen vielfach,
-direkt und indirekt, anregend gewirkt hat, gar nicht auf die Tatsache
-Rücksicht nimmt, daß alle organischen Wesen zunächst _unteilbar_, also
-doch irgendwie Atome, Monaden sind (vgl. Teil I, Kap. 3, S. 48). Das
-ist ja doch der erste Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebtem,
-daß jenes _immer_ differenziert ist zu ungleichartigen, aufeinander
-angewiesenen Teilen, während selbst der geformte Kristall durchaus
-gleichgeartet ist. Darum sollte man doch, wenigstens als Eventualität,
-die Möglichkeit in Betracht ziehen, ob nicht allein aus der
-Individuation, der Tatsache, daß die organischen Wesen im allgemeinen
-nicht zusammenhängen wie die siamesischen Zwillinge, auch etwas für
-das Psychische sich ergibt, _mehr_ Psychisches zu erwarten ist als das
-_Mach_sche Ich, dieser bloße _Wartesaal_ für Empfindungen.
-
-Es ist zu glauben, daß solch ein psychisches Korrelat schon bei den
-Tieren existiert. Alles, was ein Tier fühlt und empfindet, hat wohl bei
-jedem Individuum eine verschiedene Note oder Färbung, die nicht nur die
-seiner Klasse, Gattung und Art, seiner Rasse und Familie eigentümliche
-ist, sondern in jedem einzelnen Wesen sich von der in jedem anderen
-unterscheidet. Das Idioplasma ist das physiologische Äquivalent zu
-dieser _Spezifität_ aller Empfindungen und Gefühle jedes besonderen
-Tieres, und es sind analoge Gründe wie die Gründe der Idioplasmatheorie
-(vgl. Teil I, Kap. 2, S. 20 und Teil II, Kap. 1, S. 102 f.), welche
-die Vermutung nahe legen, daß es einen _empirischen Charakter_ auch
-bei den Tieren gibt. Der Jäger, der mit Hunden, der Züchter, der mit
-Pferden, der Wärter, der mit Affen zu tun hat, wird die Singularität
-nicht nur, sondern auch die Konstanz im Verhalten jedes einzelnen
-Tieres bestätigen. Also jedenfalls ist schon hier ein über das bloße
-Rendezvous der »Elemente« Hinausgehendes ungemein _wahrscheinlich_.
-
-Wenn nun auch dieses psychische Korrelat zum Idioplasma existiert,
-wenn sicherlich selbst die Tiere eine Eigenart haben, so hat diese
-doch immer noch mit dem intelligiblen Charakter nichts zu tun, den
-wir bei keinem lebenden Wesen vorauszusetzen einen Grund haben,
-als beim Menschen. Es verhält sich der intelligible Charakter des
-Menschen, die _Individualität_, zum empirischen Charakter, der bloßen
-_Individuation_, wie das Gedächtnis zum einfachen unmittelbaren
-Wiedererkennen. Die Gründe aber, aus denen beim Menschen die Existenz
-eines solchen noumenalen, transempirischen Subjektes erschlossen werden
-darf, müssen nun in Kürze dargelegt werden. Sie ergeben sich aus der
-Logik und der Ethik.
-
-In der Logik handelt es sich um die wahre Bedeutung des Prinzipes
-der Identität (und des Widerspruches; die vielen Kontroversen über
-deren Vorrang vor einander und die richtigste Form ihres Ausdruckes
-kommen hier wenig in Betracht). _Der Satz A = A ist unmittelbar gewiß
-und evident._ Er ist zugleich das Urmaß der Wahrheit für alle anderen
-Sätze; wenn ihm irgendwo einer widerspräche, so oft in einem speziellen
-Urteil der Prädikatsbegriff von einem Subjekte etwas aussagte, das dem
-Begriffe desselben widerspräche, würden wir es für falsch halten; und
-als Gesetz unseres Richtspruches würde sich uns, wenn wir nachsinnen,
-zuletzt dieser Satz ergeben. Er ist das Prinzip von wahr und falsch;
-und wer ihn für eine Tautologie erachtet, die nichts besage und unser
-Denken nicht fördere, wie dies so oft geschehen ist, von _Hegel_
-und später von fast allen _Empiristen_ -- es ist dies nicht der
-einzige Berührungspunkt zwischen den scheinbar so unversöhnlichen
-Gegensätzen -- der hat ganz recht, aber die Natur des Satzes schlecht
-verstanden. A = A, das _Prinzip aller_ Wahrheit, kann nicht selbst
-eine _spezielle_ Wahrheit sein. Wer den Satz der Identität oder des
-Widerspruches inhaltsleer findet, hat es sich selbst zuzuschreiben.
-Er glaubte in ihnen besondere Gedanken zu finden, was er hoffte, war
-eine Bereicherung seines Fonds an positiven Kenntnissen. Aber jene
-Sätze sind nicht selbst Erkenntnisse, besondere Denkakte, sondern das
-_Maß, das an alle Denkakte angelegt wird. Dieses kann nicht selbst ein
-Denkakt sein, der mit den anderen sich irgend vergleichen ließe. Die
-Norm des Denkens kann nicht im Denken selbst gelegen sein._ Der Satz
-von der Identität fügt unserem Wissen nichts hinzu, er vermehrt nicht
-einen Reichtum, den er vielmehr gänzlich erst _begründet_. _Der Satz
-von der Identität ist entweder nichts, oder er ist alles._
-
-Worauf bezieht sich der Satz der Identität und der Satz des
-Widerspruches? Man meint gewöhnlich: auf Urteile. _Sigwart_ z. B., der
-gar den letzteren nur so formuliert: »Die beiden Urteile, A ist B,
-und A ist nicht B, können nicht zugleich wahr sein«, behauptet, das
-Urteil: »Ein ungelehrter Mensch ist gelehrt« involviere deshalb einen
-Widerspruch, »weil das Prädikat gelehrt einem Subjekte zugesprochen
-wird, von welchem durch das Urteil, das implicite in seiner Bezeichnung
-mit dem Subjektsworte ‚ungelehrter Mensch’ liegt, behauptet war, es
-sei nicht gelehrt; es läßt sich also zurückführen auf die zwei Urteile
-X ist gelehrt und X ist nicht gelehrt« etc. Der Psychologismus dieser
-Beweisführung springt ins Auge. Sie rekurriert auf ein _zeitlich_ der
-Bildung des Begriffes von einem ungelehrten Menschen vorhergehendes
-Urteil. Der obige Satz aber, A ist nicht non-A, beansprucht Gültigkeit,
-ganz einerlei, ob es überhaupt andere Urteile gibt, gegeben hat
-oder geben wird. Er bezieht sich auf den _Begriff_ des ungelehrten
-Menschen. Diesen Begriff _sichert_ er durch Ausschließung aller ihm
-widersprechenden Merkmale.
-
-_Hierin_ liegt die wahre Funktion der Sätze vom Widerspruch und von der
-Identität. _Sie sind konstitutiv für die Begrifflichkeit._
-
-Freilich geht diese Funktion bloß auf den logischen Begriff, nicht
-auf das, was man den »psychologischen Begriff« genannt hat. Zwar
-ist der Begriff _psychologisch_ stets durch eine anschauliche
-Allgemeinvorstellung vertreten; dieser Vorstellung immaniert jedoch in
-einer gewissen Weise das Moment der Begrifflichkeit. Die psychologisch
-den Begriff repräsentierende Allgemeinvorstellung, an der sich das
-begriffliche Denken beim Menschen vollzieht, ist nicht dasselbe wie
-der Begriff. Sie kann z. B. reicher sein (im Falle ich ein Triangel
-denke); oder sie kann auch ärmer sein (im Begriffe des Löwen ist
-mehr enthalten, als in meiner Anschauung desselben, während es beim
-Dreieck umgekehrt ergeht). Der logische Begriff ist die Richtschnur,
-welcher die Aufmerksamkeit folgt, wenn sie aus der einen Begriff beim
-Individuum repräsentierenden _Vorstellung_ nur gewisse Momente, _eben
-die durch den Begriff angezeigten_, heraushebt er ist das Ziel und
-der Wunsch des psychologischen Begriffes, der Polarstern, zu dem die
-Aufmerksamkeit emporblickt, wenn sie sein konkretes Surrogat erzeugt:
-_er ist das Gesetz ihrer Wahl_.
-
-Gewiß gibt es kein Denken, das nur rein logisch und nicht psychologisch
-vor sich ginge: _denn das wäre ja $das$ Wunder_. Rein logisch denkt
-ihrem Begriffe nach die Gottheit, der Mensch muß immer zugleich
-psychologisch denken, da er nicht nur Vernunft, sondern auch
-Sinnlichkeit besitzt, und sein Denken wohl auf logische, d. h.
-zeitlose Ergebnisse abzweckt, aber psychologisch _in_ der Zeit vor
-sich geht. Die Logizität ist aber der erhabene Maßstab, der an die
-psychologischen Denkakte des Individuums von ihm selbst wie von anderen
-angelegt wird. Wenn zwei Menschen über etwas diskutieren, so sprechen
-sie vom Begriffe, nicht von den bei jedem verschiedenen individuellen
-Vorstellungen, die ihn hier und dort vertreten: _der Begriff ist
-so ein Wert, an dem die Individualvorstellung gemessen wird_. Wie
-_psychologisch_ die Allgemeinvorstellung entsteht, hat darum mit
-der Natur des Begriffes _gar nichts_ zu tun, und ist für diese von
-keinerlei Bedeutung. Den Charakter der Logizität, der dem Begriff seine
-_Würde_ und seine _Strenge_ verleiht, hat er nicht aus der Erfahrung,
-welche stets nur schwankende Gestalten zeigt, und höchstens vage
-Gesamtvorstellungen erzeugen könnte. _Absolute Konstanz_ und _absolute
-Eindeutigkeit_, die nicht aus der Erfahrung entstammen _können_, sind
-das Wesen der _Begrifflichkeit_, jener »verborgenen Kunst in den Tiefen
-der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich
-jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen legen werden«, wie die
-»Kritik der reinen Vernunft« sich ausdrückt. Jene absolute Konstanz und
-Eindeutigkeit bezieht sich nicht auf metaphysische Entitäten: die Dinge
-sind nicht so weit real, als sie am Begriffe Anteil haben, sondern ihre
-Qualitäten sind logisch nur so weit ihre Qualitäten, als sie im Inhalte
-des Begriffes liegen. _Der Begriff ist die Norm der Essenz, nicht der
-Existenz._
-
-Daß ich von einem kreisförmigen Dinge aussagen könne, es sei gekrümmt,
-hiezu liegt meine logische Berechtigung im Begriffe des Kreises,
-welcher die Krümmung als Merkmal enthält. Den Begriff aber als die
-Essenz selbst, als das »Wesen« zu definieren, ist schlecht: »Wesen« ist
-hier entweder ein psychologisches Abgehobensein oder ein metaphysisches
-Ding. Und den Begriff mit seiner Definition gleichzusetzen, verbietet
-die Natur der Definition, die stets nur auf den Inhalt, nicht auf
-den Umfang des Begriffes sich bezieht, d. h. nur den _Wortlaut_,
-nicht den _Kompetenzkreis_ jener _Norm_ angibt, welche das Wesen der
-Begrifflichkeit ausmacht. Der Begriff als Norm, als Norm der Essenz
-kann auch nicht selbst Essenz sein; die Norm muß etwas anderes sein,
-und da sie nicht Essenz ist, so kann sie -- ein drittes gibt es nicht
--- nur _Existenz_ sein, und zwar nicht eine Existenz, die das Sein
-von Objekten, sondern eine Existenz, die das _Sein_ einer _Funktion_
-enthüllt.
-
-Nun ist aber bei jeder gedanklichen Streitfrage zwischen Menschen,
-wenn schließlich in letzter Instanz an die Definition appelliert wird,
-dann eben nichts anderes die _Norm der Essenz_ als die Sätze A = A
-oder A ≠ non-A. Die Begrifflichkeit, _Konstanz_ wie _Eindeutigkeit_,
-wird dem Begriffe durch den Satz A = A und durch nichts anderes. Und
-zwar verteilen sich die Rollen der logischen Axiome hier derart, daß
-durch das principium identitatis die dauernde Unverrückbarkeit und
-Insichgeschlossenheit des Begriffes _selbst_ verbürgt wird, indes das
-principium contradictionis ihn eindeutig gegen alle _anderen_ möglichen
-Begriffe abgrenzt. _Hiemit ist, zum ersten Male, erwiesen, daß die
-begriffliche Funktion ausgedrückt werden kann durch die beiden obersten
-logischen Axiome, und selbst nichts anderes ist als diese._ Der Satz
-A = A (und A ≠ non-A) ermöglicht also erst jedweden Begriff, er ist der
-_Nerv_ der begrifflichen Natur oder Begrifflichkeit des Begriffes.
-
-Wenn ich endlich den Satz selbst, A = A, ausspreche, so ist offenbar
-der Sinn dieses Satzes nicht, daß ein _spezielles_ A, das _ist_, ja
-nicht einmal, daß _jedes_ besondere A _wirklicher_ Erfahrung oder
-_wirklichen_ Denkens sich selbst gleich sei. Das Urteil der Identität
-ist _unabhängig_ davon, _ob überhaupt ein A existiert_, d. h. natürlich
-wieder keineswegs, daß der Satz nicht von jemand Existierendem müsse
-gedacht werden; _aber er ist unabhängig davon $gedacht$, $ob$ etwas,
-$ob$ jemand existiert_. Er bedeutet: wenn es ein A gibt (es mag eines
-geben oder nicht, _auch_ wenn es vielleicht gar keines gibt), so gilt
-jedenfalls A = A. Hiemit ist nun unwiderruflich eine Position gegeben,
-ein _Sein_ gesetzt, nämlich das Sein A = A, trotzdem es hypothetisch
-bleibt, ob A selbst überhaupt _ist_. Der Satz A = A behauptet also,
-daß etwas _existiert_, und diese Existenz ist eben jene gesuchte
-Norm der Essenz. Aus der Empirie, aus wenigen oder noch so vielen
-_Erlebnissen_ kann er nicht stammen, wie _Mill_ glaubte; denn er ist
-eben ganz unabhängig von der Erfahrung, er gilt sicher, ob diese ein A
-ihm zeigen werde oder nicht. Er ist von keinem Menschen noch geleugnet
-worden und könnte es auch nicht werden, da die Leugnung ihn selbst
-wieder voraussetzte, wenn sie _etwas_, ein _Bestimmtes_ leugnen wollte.
-_Da nun der Satz ein Sein behauptet, ohne von der Existenz von Objekten
-sich abhängig zu machen, oder über solche Existenz etwas auszusagen,
-so kann er nur ein von allem Sein wirklicher und möglicher Objekte
-verschiedenes Sein, das ist also das $Sein$ dessen ausdrücken, was
-seinem Begriffe nach nie Objekt werden kann[27]; er wird durch seine
-Evidenz also die Existenz des Subjektes offenbaren; und zwar liegt
-dieses im Satz der Identität ausgesprochene Sein nicht im ersten und
-nicht im zweiten A, sondern im identischen Gleichheitszeichen A ≡ A.
-Dieser Satz also ist identisch mit dem Satze: ich bin._
-
-Psychologisch läßt sich diese schwierige Deduktion leichter vermitteln,
-wenn auch nicht ersparen. Es ist klar, daß, um A = A sagen, um die
-Unveränderlichkeit des Begriffes normierend festsetzen zu können und
-sie den stets wechselnden Einzeldingen der Erfahrung gegenüber aufrecht
-zu erhalten, ein Unveränderliches bestehen muß, und dies kann nur das
-Subjekt sein; wäre ich eingeschaltet in den Kreis der Veränderung, so
-könnte ich nicht erkennen, daß ein A sich selbst gleich geblieben ist;
-würde ich mich fortwährend ändern und nicht ein Identisches bleiben,
-wäre mein Selbst funktionell an die Veränderung geknüpft, so gäbe es
-keine Möglichkeit, dieser gegenüberzutreten und sie zu erkennen; es
-fehlte das absolute geistige Koordinatensystem, in Beziehung auf das
-allein und einzig ein Identisches bestimmt und als solches festgehalten
-werden könnte.
-
-Die Existenz des Subjektes läßt sich nicht _ableiten_, hierin behält
-_Kant_ens Kritik der rationalen Psychologie vollkommen recht. Aber es
-läßt sich dartun, wo diese Existenz strenge und unzweideutig auch in
-der Logik zum Ausdruck gelangt; und man braucht nicht das intelligible
-Sein als bloße logische Denk_möglichkeit_ hinzustellen, die uns allein
-das moralische Gesetz später völlig zur Gewißheit zu machen geeignet
-sei, wie _Kant_ dies tat. _Fichte_ hatte recht, als er in der reinen
-Logik ebenfalls die Existenz des Ich verbürgt fand, soweit das Ich mit
-dem intelligiblen _Sein_ zusammenfällt.
-
-Das Prinzip aller Wahrheit sind die logischen Axiome, diese statuieren
-ein _Sein_, und nach diesem richtet sich, nach ihm strebt das Erkennen.
-Die _Logik_ ist ein Gesetz, dem gehorcht werden soll, und _der Mensch
-$ist$ erst dann ganz er selbst, wenn er $ganz$ logisch ist_; ja er
-_ist_ nicht, ehe denn er überall und durchaus nur Logik ist. _In der
-Erkenntnis findet er sich selbst._
-
-Aller Irrtum wird als Schuld empfunden. Daraus ergibt sich, daß der
-Mensch nicht irren _mußte_. Er _soll_ die Wahrheit finden; darum _kann_
-er sie finden. Aus der Pflicht zur Erkenntnis folgt ihre Möglichkeit,
-folgt die _Freiheit_ des Denkens und die Siegeshoffnung des Erkennens.
-In der _Normativität_ der Logik liegt der Beweis, _daß das Denken des
-Menschen $frei$ ist_ und sein Ziel erreichen _kann_.
-
- * * * * *
-
-Kürzer und anders kann ich mich bezüglich der Ethik fassen, da diese
-Untersuchung durchaus auf den Boden der _Kantischen Moralphilosophie_
-sich stellt und auch die letzten logischen Deduktionen und Postulate,
-wie man gesehen hat, in einer gewissen Analogie zu jener durchgeführt
-wurden. Das tiefste, das intelligible Wesen des Menschen ist eben das,
-was der Kausalität nicht untersteht, und wählt in Freiheit das Gute
-oder das Böse. Dies wird ganz in der gleichen Weise kundgetan, durch
-das Schuldbewußtsein, durch die _Reue_. Niemand hat noch vermocht,
-diese Tatsachen anders zu erklären; und niemand läßt es sich einreden,
-daß er diese oder jene Tat hat begehen _müssen_. Im Sollen liegt
-auch hier der Zeuge für das Können. Der kausalen Bestimmungsgründe,
-der niederen Motive, die ihn hinabgezogen haben, kann der Mensch
-sich vollkommen bewußt sein, und er wird doch, _ja gerade dann am
-gewissesten_, die Zurechnung an sein intelligibles Ich als ein freies,
-das anders hätte handeln _können_, vollziehen.
-
-_Wahrheit, Reinheit, Treue, Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber_:
-das ist die einzig denkbare Ethik. Es gibt nur Pflichten gegen sich,
-Pflichten des empirischen gegen das intelligible Ich, welche in der
-Form jener zwei Imperative auftreten, an denen aller Psychologismus
-immer zu Schanden wird: in der Form der logischen und der moralischen
-Gesetzlichkeit. Die normativen Disziplinen, die psychische Tatsache
-der inneren Forderung, die viel mehr verlangt, als alle bürgerliche
-Gesittung je haben will -- das ist es, was kein Empirismus je wird
-ausreichend erklären können. Seinen wahren Gegensatz findet er in einer
-kritisch-transscendentalen, nicht in einer metaphysisch-transcendenten
-_Methode_, da alle Metaphysik nur hypostasierende Psychologie,
-Transcendentalphilosophie aber Logik der Wertungen ist. Aller
-Empirismus und Skeptizismus, Positivismus und Relativismus,
-aller Psychologismus und alle rein immanente Betrachtungsweise
-fühlen instinktiv sehr wohl, daß aus Ethik und Logik ihnen die
-Hauptschwierigkeit erwächst. Daher die fortwährend erneuten und immer
-vergeblichen Versuche einer empirischen und psychologischen Begründung
-dieser Disziplinen; und fast wird nur noch ein Versuch vermißt, das
-principium contradictionis experimentell zu prüfen und nachzuweisen.
-
-Logik und Ethik aber sind im Grunde nur eines und dasselbe -- Pflicht
-gegen sich selbst. Sie feiern ihre Vereinigung im höchsten Werte der
-Wahrheit, dem dort der Irrtum, hier die Lüge gegenübersteht: die
-Wahrheit selbst aber ist nur eine. Alle Ethik ist nur nach den Gesetzen
-der Logik möglich, alle Logik ist zugleich ethisches Gesetz. _Nicht
-nur Tugend, sondern auch Einsicht, nicht nur Heiligkeit, sondern auch
-Weisheit ist Pflicht und Aufgabe des Menschen: erst beide zusammen
-begründen $Vollkommenheit$._
-
-Aber freilich ist aus der Ethik, deren Sätze Heischesätze sind, nicht
-wie aus der Logik ein strenger logischer Beweis für _Existenz_ schon
-zu führen. Die Ethik ist nicht im selben Sinne logisches wie die Logik
-ethisches Gebot. Die Logik rückt dem Ich seine völlige Verwirklichung
-als absolutes Sein vor Augen; die Ethik hingegen gebietet erst diese
-Verwirklichung. Die Logik wird von der Ethik aufgenommen und zu ihrem
-eigentlichen Inhalte, zu ihrer Forderung gemacht.
-
-An jener berühmten Stelle der »Kritik der praktischen Vernunft«,
-da _Kant_ den Menschen als Glied der intelligiblen Welt einführt
-(»Pflicht! Du erhabener, großer Name ....«), wird man also mit Recht
-fragen, woher denn Kant wisse, daß das moralische Gesetz von der
-Persönlichkeit emaniere? Es könne kein anderer, seiner würdiger,
-Ursprung gefunden werden, ist das einzige, was Kant hierauf zur Antwort
-gibt. Er begründet es nicht weiter, daß der kategorische Imperativ
-das vom Noumenon gegebene Gesetz sei, sie gehören ihm offensichtlich
-von Anfang an zusammen. Das aber liegt in der Natur der Ethik. Diese
-fordert, daß das intelligible Ich von allen Schlacken des empirischen
-frei _wirke_, _und so kann durch die Ethik dasselbe Sein erst in
-seiner Reinheit gänzlich verwirklicht werden_, welches _die Logik
-verheißungsvoll in der Form eines doch irgendwie bereits Gegenwärtigen
-uns verkündet_.
-
-Aber was für _Kant_ die _Monaden-_, die _Seelenlehre_ im _Gemüte_
-bedeutete, wie er an ihr als einzigem Gute von je festhielt, und mit
-seiner Theorie vom »intelligiblen Charakter«, den man so oft als
-eine neue Entdeckung oder Erfindung, als ein _Auskunftsmittel_ der
-Kantischen Philosophie mißversteht, nur das an ihr wissenschaftlich
-Haltbare festlegen wollte: dies ist aus jener Unterlassung deutlich zu
-entnehmen.
-
-Es gibt _Pflicht_ nur gegen sich selbst; des muß Kant schon in
-frühester Jugend (vielleicht nachdem er einmal den Impuls zur Lüge
-verspürt hatte) sicher geworden sein.
-
-Wenn von der _Herakles-Sage_, von einigen Stellen _Nietzsches_ und
-eher noch _Stirners_, aus denen man Kant-Verwandtes herauslesen kann,
-abgesehen wird, so hat das Prinzip der Kantischen Ethik bloß _Ibsen_
-(im »Brand« und »Peer Gynt«) beinahe selbständig gefunden. Gelegentlich
-sind Äußerungen, wie _Hebbels_ Epigramm »Lüge und Wahrheit«:
-
- »Was Du teurer bezahlst, die Lüge oder die Wahrheit?
- Jene kostet Dein Ich, diese doch höchstens Dein Glück.«
-
-oder _Suleikas_ weltbekannte Worte aus dem »Westöstlichen Diwan«:
-
- »Volk und Knecht und Überwinder,
- Sie gesteh'n zu jeder Zeit:
- Höchstes Glück der Erdenkinder
- Sei nur die Persönlichkeit.
-
- Jedes Leben sei zu führen,
- Wenn man sich nicht selbst vermißt;
- Alles könne man verlieren,
- Wenn man bleibe, was man ist.«
-
-Sicher ist es wahr, daß die meisten Menschen irgendwie Jehovah
-brauchen. Die wenigsten -- es sind die genialen Menschen -- leben gar
-nicht _heteronom_. Die anderen rechtfertigen ihr Tun und Lassen, ihr
-Denken und Sein mindestens in Gedanken auch immer vor jemand _anderem_,
-sei es ein persönlicher Judengott, oder ein geliebter, geachteter,
-gefürchteter Mensch. Nur _so_ handeln sie in formeller äußerer
-Übereinstimmung mit dem Sittengesetz.
-
-_Kant_ war, wie dies aus seiner ganzen, sich selbst gesetzten, bis ins
-einzelnste unabhängigen Lebensführung hervorleuchtet, so durchdrungen
-von seiner Überzeugung, daß der Mensch nur sich selbst verantwortlich
-ist, daß er diesen Punkt seiner Lehre als den selbstverständlichsten,
-Anfechtungen am wenigsten ausgesetzten, betrachtete. Und doch hat
-gerade hier das Schweigen Kantens dazu beigetragen, daß seine Ethik,
-_die einzige gerade introspektiv-psychologisch haltbare_, die einzige,
-welche die harte und strenge innere Stimme des Einen nicht durch den
-Lärm der Vielen undeutlich zu machen sucht, daß diese Ethik tatsächlich
-so wenig _verstanden_ worden ist.
-
-Auch für _Kant_ hat es, darauf läßt eine Stelle in seiner
-»Anthropologie« schließen, in seinem irdischen Leben einen Zustand
-gegeben, welcher der »Begründung eines Charakters« vorherging. Aber der
-Augenblick, in dem es ihm zu furchtbar strahlender Klarheit gelangte:
-ich habe nur mir selbst Rechenschaft abzulegen, muß niemand anderem
-dienen, kann nicht in Arbeit mich vergessen; ich steh' _allein_, bin
-_frei_, bin _mein Herr_: dieser Moment bezeichnet die Geburt der
-Kantischen Ethik, des heroischesten Aktes der Weltgeschichte.
-
-»Zwey Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender
-Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken
-damit beschäftigt: _Der bestirnte Himmel über mir und das moralische
-Gesetz in mir._ Beides darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt
-oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und
-bloß vermuthen; ich sehe sie _vor_ mir, und verknüpfe sie unmittelbar
-mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem Platze
-an, den ich in der äußeren Sinnenwelt einnehme, und erweitert die
-Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Große mit Welten über
-Welten und Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten
-ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite
-fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und
-stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur
-dem Verstande spürbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich
-mit allen jenen sichtbaren Welten) ich mich, nicht wie dort, in bloß
-zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne.
-Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam
-meine Wichtigkeit, als eines _thierischen Geschöpfs_, das die Materie,
-daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punct im Weltall) wieder
-zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit (man weiß, nicht wie) mit
-Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meinen Wert,
-als einer _Intelligenz_, unendlich, durch meine Persönlichkeit, in
-welcher das moralische Gesetz mir ein von der Thierheit und selbst
-von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens
-so viel sich aus der zweckmäßigen Bestimmung meines Daseins durch
-dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens
-eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, abnehmen läßt.«
-
-So verstehen wir jetzt, nach diesem Beschlusse, diese »Kritik der
-praktischen Vernunft«. Der Mensch ist _allein_ im Weltall, in ewiger,
-ungeheuerer _Einsamkeit_.
-
-Er hat keinen Zweck außer sich, nichts anderes, wofür er lebt -- weit
-ist er fortgeflogen über Sklave-sein-wollen, Sklave-sein-können,
-Sklave-sein-müssen: tief unter ihm verschwunden alle menschliche
-Gesellschaft, versunken die _Sozial_-Ethik; er ist allein, $allein$.
-
-Aber er ist nun eben erst _einer_ und _alles_; und darum hat er auch
-ein _Gesetz_ in sich, darum _ist_ er selbst alles Gesetz, und keine
-springende Willkür. Und er verlangt _von sich_, daß er dieses Gesetz
-_in_ sich, das Gesetz seines Selbst, befolge, daß er _nur_ Gesetz
-sei, ohne Rück-Sicht hinter sich, ohne Vor-Sicht vor sich. Das ist
-das Grauenvoll-Große: es hat weiter _keinen Sinn_, daß er der Pflicht
-gehorche. Nichts ist ihm, dem Alleinen, _All-Einen_ _über_geordnet.
-Doch der unerbittlichen, keine Verhandlung mit sich duldenden, das ist
-_kategorischen_ Forderung _in sich_ muß er nachkommen. _Erlösung!_
-ruft er[28], Ruhe, nur schon Ruhe vor dem Feind, Frieden, nicht dies
-endlose Ringen -- und _erschrickt_: selbst im Erlöst-sein-wollen war
-noch Feigheit, im schmachtenden _Schon!_ noch Desertion, als wäre
-er zu klein diesem Kampf. _Wozu!_ fragt er, schreit er hinaus ins
-Weltall -- und _errötet_; denn gerade wollte er wieder das _Glück_,
-die Anerkennung des Kampfes, den, der ihn belohne, den $anderen$.
-_Kant_ens einsamster Mensch lacht nicht und tanzt nicht, er brüllt
-nicht und jubelt nicht: er hat es nicht not Lärm zu machen, weil der
-Weltraum zu tief schweigt. Nicht die Sinnlosigkeit einer Welt »von
-ohngefähr« ist ihm Pflicht, sondern _seine_ Pflicht ist ihm _der
-Sinn des Weltalls_. _Ja_ sagen zu $dieser$ Einsamkeit, das ist das
-»Dionysische« _Kant_ens; das erst ist Sittlichkeit.
-
-
-
-
-VIII. Kapitel.
-
-Ich-Problem und Genialität.
-
- »Im Anfang war diese Welt
- allein der Âtman, in
- Gestalt eines Menschen.
- Der blickte um sich: da
- sah er nichts anderes als
- sich selbst. Da rief er
- zu Anfang aus: ‚Das bin
- ich!’ Daraus entstand
- der Name Ich. -- Daher
- auch heutzutage, wenn
- einer angerufen wird, so
- sagt er zuerst: ‚Das bin
- ich’ und dann erst nennt
- er den anderen Namen,
- welchen er trägt.«
-
- (Bṛihadâraṇyaka-Upanishad.)
-
-
-Viele Prinzipienstreitigkeiten in der Psychologie beruhen auf
-den individuellen charakterologischen Differenzen zwischen den
-Dissentierenden. Der Charakterologie könnte damit, wie bereits erwähnt,
-eine wichtige Rolle zufallen: während der eine dies, der andere jenes
-in sich vorzufinden behauptet, hätte sie zu lehren, _warum_ die
-Selbstbeobachtung des einen anders ausfällt als die des zweiten; oder
-wenigstens zu zeigen, durch was alles die in Rede stehenden Personen
-_noch_ sich unterscheiden. In der Tat sehe ich keinen anderen Weg,
-gerade in den umstrittensten psychologischen Dingen ins Reine zu
-kommen. Die Psychologie ist eine Erfahrungswissenschaft, und darum
-geht nicht wie in den überindividuellen Normwissenschaften der Logik
-und Ethik das Allgemeine dem Besonderen in ihr vorher, sondern es muß
-umgekehrt vom individuellen Einzelmenschen ausgegangen werden. Es gibt
-keine empirische Allgemeinpsychologie; und es war ein Fehler, eine
-solche ohne _gleichzeitigen_ Betrieb differentieller Psychologie in
-Angriff zu nehmen.
-
-Schuld an dem Jammer ist die Doppelstellung der Psychologie
-zwischen Philosophie und Empfindungsanalyse. Von welcher der beiden
-die Psychologen kamen, stets traten sie mit dem Anspruch auf
-Allgemeingültigkeit der Ergebnisse auf. Aber vielleicht sind nicht
-einmal so fundamentale Fragen, wie diese, ob es einen tätigen _Akt_
-der Wahrnehmung, eine _Spontaneität_ des Bewußtseins schon in der
-Empfindung gebe oder nicht, ohne charakterologische Unterscheidungen
-gänzlich ins Reine zu bringen.
-
-Einen kleinen Teil solcher Amphibolien durch Charakterologie
-aufzulösen ist, in Hinsicht auf die Psychologie der Geschlechter,
-eine Hauptaufgabe dieser Arbeit. Die verschiedenen Behandlungen des
-Ich-Problems hingegen resultieren nicht sowohl aus den psychologischen
-Differenzen der Geschlechter, sondern zunächst, wenn auch nicht
-ausschließlich[29], aus den individuellen Unterschieden in der
-_Begabung_.
-
-Gerade die Entscheidung zwischen _Hume_ und _Kant_ ist auch
-_charakterologisch_ möglich, insoferne etwa, als ich zwischen zwei
-Menschen entscheiden kann, von denen dem einen die Werke des _Makart_
-und _Gounod_, dem anderen die _Rembrandts_ und _Beethovens_ das Höchste
-sind. Ich werde solche Menschen nämlich zunächst _unter_scheiden nach
-ihrer Begabung. Und so ist es auch in diesem Falle statthaft, ja
-notwendig, die Urteile über das Ich, wenn sie von zwei sehr verschieden
-hoch veranlagten Menschen ausgehen, nicht ganz gleich zu werten. _Es
-gibt keinen wahrhaft bedeutenden Menschen, der nicht von der Existenz
-des Ich überzeugt wäre_; ein Mensch, der das Ich leugnet, kann nie ein
-bedeutender Mensch sein.[30]
-
-Diese These wird sich im Laufe des nun Folgenden als eine Behauptung
-von zwingender Notwendigkeit herausstellen, und auch für die in ihr
-gelegene Höherwertung der Urteile des Genius eine Begründung gesucht
-und gefunden werden.
-
-Es gibt nämlich keinen bedeutenden Menschen und kann keinen geben, für
-den nicht im Laufe seines Lebens, im allgemeinen je bedeutender er
-ist, desto früher (vgl. Kapitel 5), ein Moment käme, in welchem er die
-völlige Sicherheit gewinnt, ein Ich im höheren Sinne zu besitzen.[31]
-Man vergleiche folgende Äußerungen dreier sehr verschiedener Menschen
-und überaus genialer Naturen.
-
-_Jean Paul_ erzählt in seiner autobiographischen Skizze »Wahrheit aus
-meinem Leben«:
-
-»Nie vergess' ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in
-mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich
-Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr
-junges Kind unter der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als
-auf einmal das innere Gesicht: ich bin ein Ich! wie ein Blitzstrahl
-vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb -- da
-hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig.
-Täuschungen des Erinnerns sind hier schwerlich gedenkbar, da kein
-fremdes Erzählen sich in eine bloß im verhangenen Allerheiligsten des
-Menschen vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltäglichen
-Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen mengen konnte.«
-
-Und offenbar meint ganz das nämliche Erlebnis _Novalis_, der in seinen
-»Fragmenten vermischten Inhalts« bemerkt:
-
-»Darthun läßt sich dieses Factum nicht, jeder muß es selbst erfahren.
-Es ist ein Factum höherer Art, _das nur der höhere Mensch antreffen
-wird_; die Menschen aber sollen streben, es in sich zu veranlassen.
-Philosophieren ist eine Selbstbesprechung obiger Art, eine eigentliche
-Selbstoffenbarung, Erregung des wirklichen Ich durch das idealische
-Ich. Philosophieren ist der Grund aller anderen Offenbarungen; der
-Entschluß zu philosophieren ist eine Aufforderung an das wirkliche
-Ich, daß es sich besinnen, erwachen und Geyst sein solle.«
-
-_Schelling_ bespricht im achten seiner »Philosophischen Briefe über
-Dogmatismus und Kritizismus«, einem wenig bekannten Jugendwerk,
-_dasselbe_ Phänomen mit folgenden tiefen und schönen Worten: »Uns
-allen ... wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem
-Wechsel der Zeit in unser Innerstes, von allem, was von außenher
-hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der
-Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen. _Diese Anschauung ist
-die innerste, eigenste Erfahrung, von welcher alles, alles abhängt,
-was wir von einer übersinnlichen Welt wissen und glauben. Diese
-Anschauung zuerst überzeugt uns, daß irgend etwas im eigentlichen Sinne
-$ist$, während alles übrige nur $erscheint$, worauf wir jenes Wort
-übertragen._ Sie unterscheidet sich von jeder sinnlichen Anschauung
-dadurch, daß sie nur durch _Freiheit_ hervorgebracht und jedem anderen
-fremd und unbekannt ist, dessen Freiheit, von der hervordringenden
-Macht der Objekte überwältigt, kaum zur Hervorbringung des Bewußtseins
-hinreicht. Doch gibt es auch für diejenigen, die diese Freiheit
-der Selbstanschauung nicht besitzen, wenigstens Annäherung zu ihr,
-mittelbare Erfahrungen, durch welche sie ihr Dasein ahnen läßt. Es gibt
-einen gewissen Tiefsinn, dessen man sich selbst nicht bewußt ist, den
-man vergebens sich zu entwickeln strebt. _Jakobi_ hat ihn beschrieben
-..... Diese intellektuale Anschauung tritt dann ein, wo wir für uns
-selbst aufhören, _Objekt_ zu sein, wo, in sich selbst zurückgezogen,
-das anschauende Selbst mit dem angeschauten identisch ist. _In diesem
-Moment der Anschauung schwindet für uns Zeit und Dauer dahin: nicht
-$wir$ sind in der Zeit, sondern die Zeit -- oder vielmehr nicht sie,
-sondern die reine absolute Ewigkeit ist $in uns$._ Nicht wir sind
-in der Anschauung der objektiven Welt, sondern sie ist in unserer
-Anschauung verloren.«
-
-Es wird der Immanente, der Positivist, vielleicht nur lächeln über
-den betrogenen Betrüger, den Philosophen, der solche Erlebnisse zu
-haben vorgibt. Nun, dagegen läßt sich nicht leicht etwas tun. Ist auch
-überflüssig. Doch bin ich keineswegs der Meinung, daß jenes »Faktum
-hoher Art« sich bei _allen_ genialen Menschen in jener mystischen
-Form eines Eins-Werdens von Subjekt und Objekt, eines einheitlichen
-Erlebens abspiele, wie _Schelling_ dies beschreibt. Ob es ungeteilte
-Erlebnisse gibt, in denen der Dualismus schon _während des Lebens_
-überwunden wird, wie dies von _Plotin_ und den indischen _Mahatmas_
-bezeugt ist, oder ob dies nur höchste Intensifikationen des Erlebens
-sind, prinzipiell aber gleichartig mit allem anderen -- dies soll uns
-hier nicht beschäftigen, das Zusammenfallen von Subjekt und Objekt,
-von Zeit und Ewigkeit, das Schauen Gottes durch den lebenden Menschen
-weder als möglich behauptet noch als unmöglich in Abrede gestellt
-werden. Erkenntnistheoretisch ist mit einem _Erleben_ des eigenen Ich
-nichts anzufangen, und noch niemand hat es je für eine _systematische_
-Philosophie zu verwerten gesucht. Ich will daher jenes Faktum
-»höherer Art«, das sich bei einem Menschen so, beim anderen anders
-vollzieht, nicht _Erlebnis_ des eigenen Ich nennen, sondern nur als das
-_Ich-Ereignis_ bezeichnen.
-
-Das Ich-Ereignis kennt jeder bedeutende Mensch. Ob er nun in der
-Liebe zu einem Weibe erst sein Ich finde und sich seines Selbst
-bewußt werde[32] -- denn der bedeutende Mensch liebt intensiver als
-der unbedeutende -- oder ob er durch ein Schuldbewußtsein, wieder
-vermöge eines Kontrastes, zum Gefühle seines höheren echten Wesens
-gelange, dem er in der bereuten Handlung untreu wurde -- denn auch
-das Schuldbewußtsein ist im bedeutenden Menschen heftiger und
-differenzierter als im unbedeutenden; ob ihn das Ich-Ereignis zum
-Eins-Werden mit dem All, zum Schauen aller Dinge in Gott führe,
-oder ihm vielmehr den furchtbaren Dualismus zwischen Natur und
-Geist im Weltall offenbare, und in ihm das Erlösungsbedürfnis, das
-Bedürfnis nach dem _inneren_ Wunder, wachrufe: immer und ewig ist
-mit dem Ich-Ereignis zugleich der Kern einer _Weltanschauung_, ganz
-von selbst, ohne Zutun des denkenden Menschen, bereits _gegeben_.
-Weltanschauung ist nicht die große Synthese, die am jüngsten Tage der
-Wissenschaft von irgend einem besonders fleißigen Mann, der durch alle
-Fächer der Reihe nach sich hindurchgearbeitet hat, vor dem Schreibtisch
-inmitten einer großen Bibliothek vollzogen wird, Weltanschauung
-ist etwas Erlebtes, und sie kann _als Ganzes klar und unzweideutig
-sein_, wenn auch im einzelnen noch so vieles vorderhand in Dunkelheit
-und Widerspruch verharrt. Das Ich-Ereignis aber ist Wurzel aller
-Weltanschauung, d. h. aller _Anschauung_ der _Welt_ als _ganzer_, und
-zwar für den Künstler nicht minder als für den Philosophen. Und so
-radikal sonst die Weltanschauungen voneinander differieren, eines wohnt
-ihnen allen, soweit sie den Namen einer Weltanschauung verdienen[33],
-gemeinsam inne; es ist eben das, was durchs Ich-Ereignis vermittelt
-wird, der Glaube, _den jeder bedeutende Mensch besitzt: die Überzeugung
-von der Existenz eines Ich oder einer Seele_, die im Weltall einsam
-ist, dem ganzen Weltall gegenübersteht, die ganze _Welt anschaut_.
-
-Vom Ich-Ereignis an gerechnet wird der bedeutende Mensch im allgemeinen
--- Unterbrechungen, vom fürchterlichsten der Gefühle, vom Gefühle des
-_Gestorbenseins_, ausgefüllt, mögen wohl häufig vorkommen -- _mit
-Seele_ leben.
-
-Aus diesem Grunde, und nicht allein aus hochgestimmtem Hinblick auf
-eben Geschaffenes schreibt es, wie ich an dieser Stelle beifügen
-will, sich her, daß bedeutende Menschen immer, in jedem Sinne, auch
-das größte Selbstbewußtsein haben werden. Nichts ist so gefehlt, als
-von der »Bescheidenheit« großer Männer zu reden, die gar nicht gewußt
-hätten, was in ihnen stecke. Es gibt keinen bedeutenden Menschen,
-der nicht wüßte, wie sehr er sich von den anderen unterscheidet (mit
-Ausnahme der Depressionsperioden, welchen gegenüber sogar der in
-besseren Zeiten gefaßte Vorsatz, von nun ab etwas von sich zu halten,
-fruchtlos bleiben mag), keinen, der sich nicht für einen bedeutenden
-Menschen hielte, sobald er einmal etwas _geschaffen_ hat -- allerdings
-auch keinen, dessen Eitelkeit oder Ruhmsucht so gering wäre, daß er
-sich nicht noch stets überschätzte. _Schopenhauer_ hat sich für viel
-größer gehalten als _Kant_. Wenn _Nietzsche_ seinen Zarathustra für
-das tiefste Buch der Welt erklärt, so spielt außerdem wohl noch die
-Enttäuschung durch die schweigenden Zeitungsschreiber und das Bedürfnis
-diese zu reizen mit -- allerdings auch keine sehr vornehmen Motive.
-
-Aber eines ist allerdings richtig an der Lehre von der Bescheidenheit
-bedeutender Menschen: bedeutende Menschen sind nie anmaßend. Anmaßung
-und Selbstbewußtsein sind wohl die zwei entgegengesetztesten Dinge,
-die es geben kann, und sollten nicht, wie es meistens geschieht,
-eins für das andere gesetzt werden. Ein Mensch hat immer so viel
-Arroganz, als ihm Selbstbewußtsein fehlt. Anmaßung ist sicherlich
-nur ein Mittel, durch künstliche Erniedrigung des Nebenmenschen das
-Selbstbewußtsein gewaltsam zu steigern, ja so erst zum Bewußtsein eines
-Selbst zu kommen. Natürlich gilt das von der unbewußten, sozusagen
-physiologischen Arroganz; zu beabsichtigter Grobheit verächtlichen
-Subjekten gegenüber mag wohl auch ein hochstehender Mensch der eigenen
-Würde halber hie und da sich verhalten müssen.
-
-Die feste, vollkommene, des _Beweises_ für ihre Person nicht eigentlich
-bedürftige Überzeugung, daß sie eine Seele besitzen, ist also allen
-genialen Menschen gemeinsam. Man sollte die lächerliche Besorgnis
-doch endlich ablegen, welche hinter jedem, der von der Seele als
-einer hyperempirischen Realität redet, gleich den werbenden Theologen
-wittert. Der Glaube an die Seele ist alles eher denn ein Aberglaube,
-und kein bloßes Verführungsmittel aller Geistlichkeit. Auch die
-Künstler sprechen von ihrer Seele, ohne Philosophie und Theologie
-studiert zu haben, selbst die atheistischesten, wie _Shelley_, und
-glauben zu wissen, was sie damit meinen. Oder denkt man, daß »Seele«
-für sie ein bloßes, leeres, schönes Wort sei, welches sie anderen
-nachsprechen, ohne zu fühlen? Daß der große Künstler Bezeichnungen
-anwende, ohne über ein Bezeichnetes, in diesem Falle von denkbar
-höchster Realität, sich klar zu sein? Der immanente Empirist, der
-Nur-Physiolog muß aber all das für nichtssagendes Geschwätz halten,
-oder _Lucrez_ für den einzigen großen Dichter. So viel Mißbrauch
-sicherlich mit dem Worte getrieben wird: wenn _bedeutende_ Künstler von
-ihrer Seele zeugen, so wissen sie wohl, was sie tun. Es gibt für sie
-wie für die großen Philosophen ein gewisses _Grenzgefühl_ der höchsten
-Wirklichkeit; _Hume_ hat dieses Gefühl sicherlich nicht gekannt.
-
-Der Wissenschaftler nämlich steht, wie schon hervorgehoben wurde,
-und nun bald bewiesen werden soll, _unter_ dem Philosophen und
-_unter_ dem Künstler. Diese verdienen das Prädikat des Genies, der
-bloße Wissenschaftler niemals. Es heißt jedoch dem Genius vor der
-Wissenschaft noch einen weiteren, bisher noch immer unbegründeten
-Vorzug einräumen, wenn, wie dies hier geschehen ist, seiner Anschauung
-über ein bestimmtes Problem, bloß weil es seine Anschauung ist, mehr
-Gewicht beigelegt wird als der Ansicht des Wissenschaftlers. Besteht zu
-dieser Bevorzugung ein Recht? Kann der Genius Dinge erkunden, die dem
-Mann der Wissenschaft als solchem versagt sind, kann er in eine Tiefe
-blicken, welche jener vielleicht nicht einmal bemerkt?
-
-Genialität schließt, wie sich zeigte, ihrer Idee nach Universalität
-ein. Für den ganz und gar genialen Menschen, der eine notwendige
-Fiktion ist, gäbe es gar nichts, wozu er nicht ein gleich lebendiges,
-unendlich inniges, schicksalsvolles Verhältnis hätte. Genialität war
-universale Apperzeption, und hiemit vollkommenes Gedächtnis, absolute
-Zeitlosigkeit. Man muß aber, um etwas apperzipieren zu können, ein ihm
-Verwandtes bereits in sich haben. Man bemerkt, versteht und ergreift
-nur das, womit man irgend eine Ähnlichkeit hat (S. 139 f.). Der
-Genius war zuletzt, aller Kompliziertheit wie zum Trotze, der Mensch
-mit dem intensivsten, lebendigsten, bewußtesten, kontinuierlichsten,
-einheitlichsten Ich. Das Ich jedoch ist das punktuelle Zentrum, die
-Einheit der Apperzeption, die »Synthesis« alles Mannigfaltigen.
-
-Das Ich des Genies muß demnach selbst die universale Apperzeption sein,
-der Punkt schon den unendlichen Raum in sich schließen: _der bedeutende
-Mensch hat die $ganze$ Welt $in sich, der Genius ist der lebendige
-Mikrokosmus$_. Er ist nicht eine sehr zusammengesetzte Mosaik, keine
-aus einer, doch immer _endlichen_, _Viel_zahl von Elementen aufgebaute
-chemische Verbindung, und nicht das war der Sinn der Darlegungen des
-vierten Kapitels über sein innigeres Verwandtsein mit mehr Menschen
-und Dingen: _sondern er ist alles_. Wie im Ich und durch das Ich alle
-psychischen Erscheinungen zusammenhängen, wie dieser Zusammenhang
-unmittelbar erlebt und ins Seelenleben nicht mühsam erst hineingetragen
-wird durch eine Wissenschaft (die bei allen äußeren Dingen freilich
-hiezu verhalten ist)[34], wie hier das Ganze durchaus vor den Teilen
-besteht; so blickt der Genius, in dem das Ich wie das All, als das All
-_lebt_, auch in die Natur und ins Getriebe aller Wesen als ein Ganzes,
-er _schaut_ hier die _Verbindungen_ und konstruiert nicht einen Bau
-aus Bruchstücken. Darum kann ein bedeutender Mensch zunächst schon
-bloßer empirischer Psychologe nicht sein, für den es nur Einzelheiten
-gibt, die er im Schweiße seines Angesichtes, durch Associationen,
-Leitungsbahnen u. s. w. zu verkitten trachtet; ebensowenig aber bloßer
-Physiker, dem die Welt aus Atomen und Molekülen _zusammengesetzt_ ist.
-
-_Aus der Idee des Ganzen heraus, in welcher der Genius fortwährend
-lebt, erkennt er den $Sinn$ der Teile. Er $wertet$ darum $alles$_,
-alles in sich, alles _außerhalb_ seiner, wertet es nach dieser Idee;
-und _nur darum_ ist es für ihn nicht Funktion der Zeit, sondern
-repräsentiert ihm stets einen großen und ewigen Gedanken. So ist der
-_geniale_ Mensch zugleich der _tiefe_ Mensch, und nur er tief, nur
-der Tiefe genial. Darum gilt denn auch wirklich seine Meinung mehr
-als die der anderen. Weil er aus dem Ganzen seines das Universum
-enthaltenden Ich schafft, während die anderen Menschen nie ganz zum
-Bewußtsein dieses ihres wahren Selbst kommen, werden ihm die Dinge
-sinnvoll, _bedeuten_ sie ihm alle etwas, sieht er in ihnen stets
-_Symbole_. Für ihn ist der Atem mehr als ein Gasaustausch durch
-die feinsten Wandungen der Blutkapillaren, das Blau des Himmels
-mehr als teilweise polarisiertes, an den Trübungen der Atmosphäre
-diffus reflektiertes Sonnenlicht, die Schlangen mehr als fußlose
-Reptilien ohne Schultergürtel und Extremitäten. Wenn man selbst alle
-wissenschaftlichen Entdeckungen, die je gemacht wurden, zusammentäte
-und von einem einzigen Menschen gefunden sein ließe; wenn alles,
-was _Archimedes_ und _Lagrange_, _Johannes Müller_ und _Karl Ernst
-von Baer_, _Newton_ und _Laplace_, _Konrad Sprengel_ und _Cuvier_,
-_Thukydides_ und _Niebuhr_, _Friedrich August Wolf_ und _Franz Bopp_,
-was noch so viele andere für die Wissenschaft Hervorragendstes
-geleistet haben, _selbst wenn all dies $ein$ einziger Mensch im Laufe
-$eines$ kurzen Menschenlebens geleistet hätte, er verdiente darum doch
-nicht das Prädikat des Genius_.
-
-Denn damit ist noch nirgends in Tiefen gedrungen. Der Wissenschaftler
-nimmt die Erscheinungen wie sie sinnfällig _sind_, der bedeutende
-Mensch oder Genius für das, was sie _bedeuten_. Ihm sind Meer und
-Gebirge, Licht und Finsternis, Frühling und Herbst, Cypresse und Palme,
-Taube und Schwan _Symbole_, er ahnt nicht nur, er erkennt in ihnen ein
-Tieferes. Nicht auf Luftdruckverschiebungen geht der Walkürenritt, und
-nicht auf Oxydationsprozesse bezieht sich der Feuerzauber. Und dies
-alles ist jenem nur möglich, weil die _äußere_ Welt _in_ ihm reich und
-stark zusammenhängt wie die _innere_, ja das Außenleben nur wie ein
-Spezialfall seines Innenlebens sich ausnimmt, Welt und Ich in ihm eins
-geworden sind, und er nicht Stück für Stück der Erfahrung nach Gesetz
-und Regel erst aneinanderheften muß. Auch die größte Polyhistorie
-dagegen addiert nur Fächer zu Fächern und bildet noch keine Gesamtheit.
-Deshalb also tritt der große Wissenschaftler hinter den großen Künstler
-oder Philosophen.
-
-Der Unendlichkeit des Weltalls entspricht beim Genius eine wahre
-Unendlichkeit in der eigenen Brust, er hält Chaos und Kosmos, alle
-Besonderheit und alle Totalität, alle Vielheit und alle Einheit
-in seinem Innern. Ist mit diesen Bestimmungen auch mehr über die
-Genialität als über das Wesen des genialen _Schaffens_ ausgesagt,
-bleiben der Zustand der künstlerischen Ekstase, der philosophischen
-Konzeption, der religiösen Erleuchtung gleich rätselhaft wie zuvor,
-sind also damit gewiß nur die _Bedingungen_, nicht der _Vorgang_ eines
-wahrhaft _bedeutenden_ Produzierens klarer geworden, so sei dennoch
-hier als endgültige Definition des Genies diese gegeben:
-
-$Genial ist ein Mensch dann zu nennen, wenn er in bewußtem
-Zusammenhange mit dem Weltganzen lebt. Erst das Geniale ist somit das
-eigentlich Göttliche im Menschen.$
-
-Die große Idee von der Seele des Menschen als dem Mikrokosmus, die
-tiefste Schöpfung der Philosophen der Renaissance -- wiewohl ihre
-ersten Spuren schon bei _Plato_ und _Aristoteles_ sich finden --
-scheint dem neueren Denken seit _Leibniz_ens Tode ganz abhanden
-gekommen. Sie wurde hier bis jetzt als bloß für das Genie gültig, von
-jenen Meistern aber vom Menschen überhaupt als das eigentliche Wesen
-desselben behauptet.
-
-Doch ist die Inkongruenz nur scheinbar. Alle Menschen sind genial, und
-kein Mensch ist genial. Genialität ist eine _Idee_, welcher dieser
-näher kommt, während jener in großer Ferne von ihr bleibt, welcher der
-eine rasch sich naht, der andere vielleicht erst am Ende seines Lebens.
-
-Der Mensch, dem wir bereits den Besitz der Genialität zuschreiben, ist
-nur der, welcher bereits angefangen hat zu sehen, und den anderen die
-Augen öffnet. Daß sie sodann mit seinem Auge sehen können, beweist,
-wie sie nur vor dem Tore standen. Auch der mittelmäßige Mensch kann,
-selbst als solcher, _mittelbar_ zu allem in Beziehung treten; seine
-Idee des Ganzen ist aber nur ahnungsvoll, es gelingt ihm nicht, sich
-mit ihr zu identifizieren. Aber er ist darum nicht ohne Möglichkeit,
-diese Identifikation anderen nachzuleben und so ein Gesamtbild zu
-gewinnen. Durch Weltanschauung kann er dem Universum, durch Bildung
-allem einzelnsten sich verbinden; nichts ist ihm gänzlich fremd, und
-an alle Dinge der Welt knüpft auch ihn ein Band der Sympathie. Nicht
-so das Tier oder die Pflanze. Sie sind begrenzt, sie kennen nicht
-alle, sondern nur ein Element, sie bevölkern nicht die ganze Erde, und
-wo sie eine allgemeine Verbreitung gefunden haben, ist es im Dienste
-des Menschen, der ihnen eine überall gleichmäßige Funktion angewiesen
-hat. Sie mögen eine Beziehung zur Sonne oder zum Monde haben, aber
-sicherlich fehlt ihnen »der gestirnte Himmel« und »das moralische
-Gesetz«. Dieses aber stammt von der Seele des Menschen her, in der alle
-Totalität geborgen ist, _die alles betrachten kann, weil sie selbst
-alles $ist$_: der gestirnte Himmel und das moralische Gesetz, auch sie
-sind im Grunde eines und dasselbe. Der Universalismus des kategorischen
-Imperatives ist der Universalismus des Universums, die Unendlichkeit
-des Weltalls nur das Sinnbild der Unendlichkeit des sittlichen Wollens.
-
-So hat dies, den Mikrokosmus im Menschen, schon _Empedokles_, der
-gewaltige Magus von Agrigent, gelehrt:
-
- Γαιη μεν γαρ γαιαν οπωπαμεν, ὑδατι δ'ὑδωρ,
- Αιθερι δ'αιθερα διον, αταρ πυρι πυρ αιδηλον,
- Στοργη δε στοργην, νεικος δε τε νεικει λυγρω.
-
-Und _Plotinus_: Ου γαρ αν πωποτε ειδεν οφθαλμος ἡλιον ἡλιοειδης μη
-γεγενημενος, dem es _Goethe_ in den berühmten Versen nachgedichtet hat:
-
- »Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
- Die Sonne könnt' es nie erblicken;
- Läg' nicht in uns des Gottes eig'ne Kraft,
- Wie könnt' uns Göttliches entzücken?«
-
-_Der Mensch ist das einzige Wesen, er ist $dasjenige$ Wesen in der
-Natur, das zu $allen$ Dingen in derselben ein Verhältnis hat._
-
-In wem dieses Verhältnis nicht bloß zu einzelnen, vielen oder wenigen,
-sondern zu allen Dingen Klarheit und intensivste Bewußtheit erlangt,
-wer über alles selbständig gedacht hat, den nennt man ein Genie; in wem
-es nur der Möglichkeit nach vorhanden, in wem wohl für alles irgend
-ein Interesse wachzurufen ist, aber nur zu wenigem ein lebhafteres von
-selbst besteht, den nennt man einfach einen Menschen. _Leibnizens_
-wohl selten recht verstandene Lehre, daß auch die niedere Monade ein
-Spiegel der Welt sei, ohne aber sich dieser ihrer Tätigkeit bewußt
-zu werden, drückt nur dieselbe Tatsache aus. Der geniale Mensch lebt
-im Zustande allgemeiner Bewußtheit, die Bewußtheit des Allgemeinen
-ist; auch im gewöhnlichen Menschen ist das Weltganze, aber nicht bis
-zu schöpferischem Bewußtsein gebracht. Der eine lebt in bewußtem
-tätigen, der andere in unbewußtem virtuellen Zusammenhang mit dem All;
-_der geniale Mensch ist der aktuelle, der ungeniale der potentielle
-Mikrokosmus_. Erst der geniale Mensch ist ganz Mensch; was als
-Mensch-Sein, als Menschheit (im Kantischen Sinne) in jedem Menschen,
-δυνάμει, der Möglichkeit nach ist, das lebt im genialen Menschen,
-ενεργεια, in voller Entfaltung.
-
-Der Mensch ist das All und darum nicht, wie ein bloßer Teil desselben,
-abhängig vom anderen Teile, nicht an einer bestimmten Stelle
-_eingeschaltet_ in die Naturgesetzlichkeit, _sondern selbst der
-Inbegriff aller Gesetze, und $eben darum frei$_, wie das Weltganze
-als das All selbst nicht noch bedingt, sondern unabhängig ist. Der
-bedeutende Mensch nun, der _nichts_ vergißt, weil er _sich_ nicht
-vergißt, weil Vergessen funktionelle Beeinflussung durch die Zeit,
-daher unfrei und unethisch ist; der nicht von einer geschichtlichen
-Bewegung, als ihr Kind, emporgeworfen, nicht von der nächsten wieder
-verschlungen wird, weil _alles, alle Vergangenheit und alle Zukunft_,
-in der _Ewigkeit_ seines geistigen Blickes bereits sich birgt; dessen
-Unsterblichkeitsbewußtsein am stärksten ist, weil ihn auch der Gedanke
-an den _Tod_ nicht feige macht; der in das leidenschaftlichste
-Verhältnis zu den Symbolen oder Werten tritt, indem er nicht nur alles
-in sich, sondern auch alles außer sich einschätzt und damit deutet:
-er ist zugleich der _freieste_ und der _weiseste_, $er$ ist der
-_sittlichste_ Mensch; und nur _darum_ leidet gerade $er$ am schwersten
-unter allem, was auch in ihm noch unbewußt, noch Chaos, noch _Fatum_
-ist. --
-
-Wie steht es nun mit der Sittlichkeit großer Menschen den anderen
-Menschen gegenüber? Ist dies doch die einzige Form, in welcher,
-nach der populären Meinung, die Unsittlichkeit nicht anders als in
-Verbindung mit dem Strafgesetzbuch zu denken weiß, Moralität sich
-offenbaren kann! Und haben nicht gerade hier die berühmten Männer die
-bedenklichsten Charaktereigenschaften verraten? Mußten sie nicht oft
-schnöden Undanks, grausamer Härte, schlimmer Verführertücken sich
-zeihen lassen?
-
-Weil Künstler und Denker, je größer sie sind, desto rücksichtsloser
-sich selbst die Treue wahren und hiebei die Erwartungen manch eines
-täuschen, mit dem sie vorübergehende Gemeinschaft geistiger Interessen
-verknüpfte, und die, ihrem höheren Fluge zu folgen später nicht mehr
-imstande, den Adler selbst an die Erde binden wollen (_Lavater_ und
-_Goethe_) -- darum hat man sie als unmoralisch verschrieen. Das
-Schicksal der _Friederike aus Sesenheim_ ist _Goethe_, obwohl ihn das
-keineswegs entschuldigt, sicherlich viel näher gegangen als dieser, und
-wenn er auch glücklicherweise so unendlich viel _verschwiegen_ hat,
-daß die Modernen, die ihn als den leichtlebigen Olympier _ganz_ zu
-besitzen glauben, tatsächlich nur jene Flocken von ihm in den Händen
-halten, die Faustens unsterbliches Teil umgeben -- man darf gewiß
-sein, daß er selbst am genauesten prüfte, wieviel Schuld ihn traf,
-und diese in ihrem ganzen Ausmaß bereut hat. Und wenn scheelsüchtige
-Nörgler, die _Schopenhauers_ Erlösungslehre und den Sinn des Nirwâna
-nie erfaßt haben, es diesem Philosophen zum Vorwurf machen, daß er auf
-seinem _Rechte_ auf sein Eigentum, bis zum Äußersten, bestanden hat, so
-verdient dies, als ein hündisches Gekläffe, gar keine Antwort.
-
-Daß der bedeutende Mensch gegen sich selbst am sittlichsten ist, steht
-also wohl fest: er wird nicht eine fremde Anschauung sich aufzwingen
-lassen und hiedurch sein Ich unterdrücken; er wird die Meinung des
-anderen -- das fremde Ich und dessen Ansicht bleiben für ihn etwas
-vom Eigenen gänzlich Unterschiedenes -- nicht passiv acceptieren,
-und ist er einmal rezeptiv gewesen, so wird ihm der Gedanke hieran
-schmerzvoll und fürchterlich sein. Eine bewußte Lüge, die er einmal
-getan hat, wird er sein ganzes Leben lang _mitschleppen_, und nicht in
-»dionysischer« Weise leichthin _abschütteln_ können. Am stärksten aber
-werden geniale Menschen leiden, wenn sie sich selbst erst hinterdrein
-auf eine Lüge kommen, um die sie gar nicht wußten, als sie sie anderen
-gegenüber sprachen, oder mit der sie sich selbst belogen haben. Die
-anderen Menschen, die nicht dieses Bedürfnis nach Wahrheit haben wie
-er, bleiben eben darum immer viel tiefer in Lüge und Irrtum verstrickt,
-und dies ist der Grund, warum sie die eigentliche Meinung und die
-Heftigkeit des Kampfes großer Persönlichkeiten gegen die »_Lebenslüge_«
-so wenig verstehen.
-
-Der hochstehende Mensch, das ist jener, in dem das zeitlose Ich die
-Macht gewonnen hat, sucht seinen Wert vor seinem intelligiblen Ich, vor
-seinem moralischen und intellektuellen Gewissen zu steigern. Auch seine
-Eitelkeit ist zunächst die vor sich selbst: _es entsteht in ihm das
-Bedürfnis, sich selbst zu imponieren_ (mit seinem Denken, Handeln und
-Schaffen). Diese Eitelkeit ist die eigentliche Eitelkeit des Genies,
-das seinen Wert und seinen Lohn in sich selbst hat, und dem es nicht
-auf die Meinung anderer von ihm darum ankommt, damit es selbst auf
-diesem Umweg von sich eine höhere gewinne. Sie ist jedoch keineswegs
-etwas löbliches, und asketisch angelegte Naturen (_Pascal_) werden auch
-unter dieser Eitelkeit schwer leiden können, ohne doch je über sie
-hinauszukommen. Zur inneren Eitelkeit wird sich Eitelkeit vor anderen
-stets gesellen; _aber die beiden liegen miteinander im Kampfe_.
-
-Wird nun nicht durch diese starke Betonung der Pflicht gegen
-sich selbst die Pflichterfüllung den anderen Menschen gegenüber
-beeinträchtigt? Stehen die beiden nicht in einem solchen
-Wechselverhältnis, daß, wer sich selbst die Treue wahrt, sie notwendig
-anderen brechen muß?
-
-Keineswegs. Wie die Wahrheit nur eine ist, so gibt es auch nur ein
-_Bedürfnis_ nach Wahrheit -- _Carlyles_ »Sincerity« -- das man
-_sowohl_ sich selbst als auch der Welt gegenüber hat oder nicht hat,
-aber nie getrennt, nie eines von beiden, nicht Weltbeobachtung ohne
-Selbstbeobachtung, und nicht Selbstbeobachtung ohne Weltbeobachtung: so
-gibt es überhaupt nur eine einzige Pflicht, nur einerlei Sittlichkeit.
-Man handelt moralisch oder unmoralisch _überhaupt_, und wer sich selbst
-gegenüber sittlich ist, der ist es auch den anderen gegenüber.
-
-Über nichts sind indessen falsche Vorstellungen so verbreitet wie
-darüber, was sittliche Pflicht gegen den Nebenmenschen ist, und wodurch
-ihr erst genügt wird.
-
-Wenn ich von jenen theoretischen Systemen der Ethik einstweilen
-absehe, welche Förderung der menschlichen Gesellschaft als das
-Prinzip betrachten, das allem Handeln zu Grunde zu legen sei, und die
-immerhin weniger auf die konkreten Gefühle während der Handlung und
-auf das empirische im Impulse, als auf das Walten eines generellen
-sittlichen Gesichtspunktes gehen und insofern doch hoch über aller
-Sympathiemoral stehen: so bleibt nur die populäre Meinung übrig, welche
-die Sittlichkeit eines Menschen größtenteils nach dem Grade seiner
-Mitleidigkeit, seiner »Güte« bestimmt. Von philosophischer Seite haben
-im Mitgefühle _Hutcheson_, _Hume_ und _Smith_ das Wesen und die Quelle
-alles ethischen Verhaltens erblickt; eine außerordentliche Vertiefung
-hat dann diese Lehre in _Schopenhauers_ Mitleidsmoral erhalten.
-Die _Schopenhauer_sche »Preisschrift über die Grundlage der Moral«
-verrät indes gleich in ihrem Motto »Moral predigen ist leicht, Moral
-begründen schwer« den Grundfehler aller Sympathieethik: als welche sie
-nämlich stets verkennt, daß die Ethik keine sachlich-beschreibende,
-sondern eine das Handeln normierende Wissenschaft ist. Wer sich über
-die Versuche lustig macht, genau zu erhorchen, was die innere Stimme
-im Menschen wirklich spricht, mit Sicherheit zu ergründen, was der
-Mensch _soll_, der verzichtet auf jede Ethik, die ihrem Begriffe nach
-eben eine Lehre von den Forderungen ist, welche der Mensch an sich
-und an alle anderen stellt; und nicht von dem erzählt, was er, diesen
-Forderungen Raum gebend oder sie übertönend, tatsächlich vollbringt.
-Nicht was geschieht, sondern was geschehen _soll_, ist Objekt der
-Moralwissenschaft, alles andere gehört in die Psychologie.
-
-Alle Versuche, die Ethik in Psychologie aufzulösen, übersehen, daß jede
-psychische Regung im Menschen vom Menschen selbst _gewertet_ wird, und
-das Maß zur Bewertung irgend welchen Geschehens nicht selbst Geschehnis
-sein kann. Dieser Maßstab kann nur eine _Idee_ oder ein _Wert_ sein,
-der nie völlig verwirklicht und aus keiner Erfahrung abzuleiten ist,
-weil _er_ bestehen bleibt, wenn auch alle Erfahrung ihm zuwiderliefe.
-_Sittliches Handeln kann also nur Handeln nach einer Idee sein._ Es
-ist hienach nur zwischen solchen Morallehren zu wählen, welche Ideen,
-Maximen des Handelns aufstellen, und da kommt immer nur zweierlei in
-Betracht: der ethische Sozialismus oder die »Sozialethik«, die von
-_Bentham_ und den _Mill_ begründet, und später von eifrigen Importeuren
-auch auf den Kontinent und sogar nach Deutschland und Norwegen gebracht
-wurde, und der ethische Individualismus, wie ihn _das Christentum_ und
-der _deutsche Idealismus_ lehren.
-
-Der _zweite_ Fehler aller Ethik des Mitgefühls ist eben der, daß sie
-Moral begründen, _ableiten_ will, Moral, die ihrem Begriffe nach den
-letzten Grund des menschlichen Handelns bilden soll, und darum nicht
-selbst noch erklärbar, deduzierbar sein darf, die Zweck an sich selbst
-ist und nicht mit irgend etwas außer ihr, wie Mittel und Zweck, in
-Verbindung gebracht werden darf. Soferne aber dieser Anspruch der
-Sympathiemoral mit dem Prinzipe jeder bloß deskriptiven und danach
-notwendig relativistischen Ethik übereinkommt, sind beide Fehler
-im Grunde eins, und muß diesem Unterfangen immer entgegengehalten
-werden, daß niemand, liefe er auch das ganze Gebiet aller Ursachen und
-Wirkungen ab, irgendwo den Gedanken eines höchsten _Zweckes_ in ihm
-entdecken würde, der allein für alle moralischen Handlungen wesentlich
-ist. Der Zweckgedanke kann nicht aus Grund und Folge erklärt werden,
-das Verhältnis von Grund und Folge schließt ihn vielmehr aus. Der
-Zweck tritt auf mit dem Anspruch, das Handeln zu schaffen, an ihm wird
-der Erfolg und Ausgang aller Tat gemessen, und auch dann noch immer
-ungenügend gefunden, wenn selbst alle Faktoren, die sie bestimmten,
-wohl bekannt sind und noch so schwer ihr Gewicht im Bewußtsein geltend
-machen. Neben dem Reich der Ursachen gibt es ein Reich der Zwecke, und
-dieses Reich ist das Reich des Menschen. Vollendete Wissenschaft vom
-Sein ist eine Gesamtheit der Ursachen, die bis zur obersten Ursache
-aufsteigen will, vollendete Wissenschaft vom Sollen ein Ganzes der
-Zwecke, das in einem letzten höchsten Zwecke kulminiert.
-
-Wer also das Mitleid ethisch positiv wertet, hat etwas, das gar nicht
-Handlung war, sondern nur Gefühl, nicht eine Tat, sondern nur ein
-Affekt (der seiner Natur nach nicht unter den Zweck-Gesichtspunkt
-fällt), moralisch beurteilt. Das Mitleid mag ein ethisches _Phänomen_,
-eine Äußerungsweise von etwas Ethischem sein, es ist aber so wenig ein
-ethischer _Akt_ wie das Schamgefühl oder der Stolz; _man hat zwischen
-ethischem Akt und ethischem Phänomen wohl zu unterscheiden_. Unter
-dem ersteren darf nichts verstanden werden als _bewußte Bejahung der
-Idee durch die Handlung: ethische Phänomene sind unbeabsichtigte,
-unwillkürliche Anzeichen einer andauernden Richtung des Gemütes auf
-die Idee._ Nur in den Motivenkampf greift die Idee immer wieder ein
-und sucht ihn zu beeinflussen und zu entscheiden; in den empirischen
-Mischungen ethischer mit unethischen Gefühlen, des Mitleids mit der
-Schadenfreude, des Selbstgefühles mit dem Übermut, liegt noch nichts
-von einem _Entschlusse_. _Das Mitleid ist vielleicht der sicherste
-Anzeiger der Gesinnung, aber kein Zweck irgend eines Handelns._ Nur
-_Wissen_ des Zweckes, _Bewußtsein_ des Wertes gegenüber allem Unwerte
-konstituiert die Sittlichkeit; hierin hat _Sokrates_ gegenüber allen
-Philosophen, die nach ihm gekommen sind (nur _Plato_ und _Kant_ haben
-ihm sich angeschlossen), recht. Ein alogisches Gefühl, wie das Mitleid
-immer ist, hat keinen Anspruch auf _Achtung_, sondern erweckt höchstens
-_Sympathie_.
-
-Die Frage ist demnach erst zu beantworten, inwiefern ein Mensch sich
-sittlich verhalten könne gegen andere Menschen.
-
-Nicht durch unerbetene Hilfe, die in die fremde Einsamkeit _dringt_
-und die Grenzen durchbricht, welche der Nebenmensch um sich zieht,
-sondern durch die Ehrerbietung, mit der man diese Grenzen _wahrt_;
-nicht durch _Mitleid_, nur durch _Achtung_. _Achtung_, dies hat _Kant_
-zuerst ausgesprochen, bringen wir keinem Wesen auf der Welt entgegen
-als dem Menschen. Es ist seine ungeheuere Entdeckung, daß kein Mensch
-sich selbst, sein intelligibles Ich, die Menschheit (das ist nicht
-die menschliche Gesellschaft von 1500 Millionen, sondern die _Idee_
-der _Menschenseele_) in seiner Person oder in der Person des anderen
-als Mittel zum Zweck gebrauchen kann. »In der ganzen Schöpfung kann
-alles, was man will, und worüber man etwas vermag, auch _bloß als
-Mittel_ gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm jedes vernünftige
-Geschöpf, ist _Zweck an sich selbst_.«
-
-Womit aber erweise ich einem Menschen Verachtung, und wie bezeige
-ich ihm meine Achtung? Das erste, indem ich ihn _ignoriere_, das
-zweite, indem ich mich mit ihm _beschäftige_. Wie benütze ich ihn
-als Mittel zum Zweck, und wie ehre ich in ihm etwas, das Selbstzweck
-ist? Das eine, indem ich ihn nur als Glied in der Kette der Umstände
-betrachte, mit denen meine Handlungen zu rechnen haben, das andere,
-indem ich ihn zu _erkennen_ suche. Erst so, indem man sich für ihn,
-ohne es ihm gerade zu zeigen, interessiert, an ihn denkt, sein Handeln
-zu begreifen, sein Schicksal mitzufühlen, ihn selbst zu _verstehen_
-sucht, erst dadurch, _nur_ dadurch kann man seinen Mitmenschen _ehren_.
-Nur wer, durchs eigene Ungemach nicht selbstsüchtig geworden, allen
-kleinlichen Hader mit dem Mitmenschen vergessend, den Zorn gegen
-ihn unterdrückend, ihn zu _verstehen_ trachtet, der ist wahrhaft
-uneigennützig gegen seinen Nächsten; und er handelt sittlich, denn er
-_siegt_ gerade dann über den _stärksten_ Feind, der das Verständnis des
-Nebenmenschen am längsten erschwert: über die _Eigenliebe_.
-
-Wie verhält sich nun in dieser Hinsicht der hervorragende Mensch?
-
-Er, der die meisten Menschen versteht, weil er am universellsten
-veranlagt ist, der zum Weltganzen in der innigsten Beziehung lebt, es
-am leidenschaftlichsten objektiv zu erkennen trachtet, er wird auch
-wie kein zweiter an seinem Nebenmenschen sittlich handeln. In der
-Tat, niemand denkt so viel und so intensiv wie er über die anderen
-Menschen (ja über viele auch, wenn er sie nur ein einziges Mal flüchtig
-erblickt hat), und niemand sucht so lebhaft wie er zur Klarheit über
-sie zu kommen, wenn er sie noch nicht mit genügender Deutlichkeit und
-Intensität in sich hat. Wie er selbst eine kontinuierlich von seinem
-Ich erfüllte Vergangenheit hinter sich hat, so wird er auch darüber
-sich Gedanken machen, welches das Schicksal der anderen in der Zeit
-gewesen ist, ehe da er sie noch kennen lernte. Er folgt dem stärksten
-Zuge des inneren Wesens, wenn er über sie denkt, denn er sucht ja in
-ihnen nur über sich zur Klarheit, zur Wahrheit zu gelangen. Hier zeigt
-sich eben, daß die Menschen alle Glieder einer intelligiblen Welt
-sind, in der es keinen beschränkten Egoismus oder Altruismus gibt. Nur
-so ist es zu erklären, daß große Männer, wie zu den Menschen _neben_
-ihnen, so auch zu allen Persönlichkeiten der Geschichte, die zeitlich
-_vor_ ihnen gelebt haben, in ein lebendigeres, verständnisvolleres
-Verhältnis treten, nur _dies_ der Grund, warum der große Künstler
-auch die geschichtliche Individualität so viel besser und intensiver
-erfaßt als der bloß wissenschaftliche Historiker. Es gibt keinen großen
-Mann, der nicht zu _Napoleon_, zu _Plato_, zu _Mohammed_ in einem
-persönlichen Verhältnisse stünde. _So nämlich erweist er auch denen
-seine Achtung und wahre Pietät, die vor ihm gelebt haben._ Und wenn so
-mancher, der mit Künstlern verkehrt hat, sich peinlich berührt fühlte,
-als er sich später in einer ihrer Schöpfungen wiedererkannte; wenn
-deshalb so oft über den Dichter die Beschwerde laut wird, daß ihm alles
-zum Modell werde, so ist das unangenehme Gefühl in solcher Situation
-nur zu begreiflich; aber der Künstler, der mit der Kleinlichkeit der
-Menschen nicht rechnet, hat darum kein Verbrechen begangen: er hat, in
-seiner Weise der unreflektierten Darstellung und Neuerzeugung der Welt,
-den _schöpferischen Akt des Verständnisses vollzogen; und es gibt kein
-Verhältnis zwischen Menschen, das reiner wäre als dieses_.
-
-Damit dürfte denn auch das sehr wahre, schon einmal erwähnte Wort
-_Pascals_ an Verständlichkeit gewonnen haben: »A mesure qu'on a plus
-d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du
-commun ne trouvent pas de différence entre les hommes.« -- Es hängt
-mit all dem ferner zusammen, daß ein Mensch, je höher er stehen, desto
-größere Anforderungen bezüglich des _Verstehens fremder_ Äußerungen
-an sich stellen wird; während der Unbegabte bald etwas zu verstehen
-glaubt, oft gar nicht einmal fühlt, daß hier etwas ist, das er nicht
-versteht, den _fremden_ Geist kaum empfindet, der aus einem Kunstwerk,
-aus einer Philosophie zu ihm spricht; und so höchstens ein Verhältnis
-zu den Sachen gewinnt, aber nicht zum Nachdenken über den Schöpfer
-selbst sich aufschwingt. Der bedeutende Mensch, der die höchste Stufe
-der Bewußtheit erklimmt, identifiziert nicht leicht etwas, das er
-liest; mit sich und seiner Meinung, während bei geringerer Helligkeit
-des Geistes sehr verschiedene Dinge ineinander verschwimmen und sich
-gleich ausnehmen können.
-
-Der geniale Mensch ist derjenige, dem sein _Ich_ zum Bewußtsein gelangt
-ist. Darum kommt ihm auch das Anderssein der anderen am ehesten zur
-Abhebung, _darum empfindet er im anderen Menschen auch dann dessen
-Ich, wenn dieses noch gar nicht stark genug war, um jenem selbst zum
-Bewußtsein zu kommen. Aber nur wer fühlt, daß der andere Mensch $auch
-ein Ich, eine Monade, ein eigenes Zentrum der Welt ist$, mit besonderer
-Gefühlsweise und Denkart, und besonderer Vergangenheit, der wird $von
-selbst davor gefeit$ sein, den Mitmenschen bloß $als Mittel zum Zweck$
-zu benützen_, er wird der _Kant_ischen Ethik gemäß auch im Mitmenschen
-die _Persönlichkeit_ (als Teil der _intelligiblen_ Welt) _spüren, ahnen
-und darum $ehren$, und nicht bloß an ihm $sich ärgern$. $Psychologische
-Grundbedingung alles praktischen Altruismus ist daher theoretischer
-Individualismus.$_
-
-_Hier liegt also die Brücke_, welche vom moralischen Verhalten sich
-selbst gegenüber zum moralischen Verhalten dem anderen gegenüber führt,
-jene Vermittlung, deren Mangel in der _Kant_ischen Philosophie von
-_Schopenhauer_ mit Unrecht als ein Fehler derselben angesehen, und ihr
-wie ein notwendiges, in ihren wesentlichen Prinzipien begründetes
-Unvermögen ausgelegt wurde.
-
-Die Probe darauf ist leicht zu machen. Nur der vertierte Verbrecher
-und der Irrsinnige interessieren sich _gar nicht_ auch nur für irgend
-einen unter ihren Nebenmenschen, sie leben, als ob sie allein auf der
-Welt wären, sie _fühlen_ die _Anwesenheit_ des _Fremden_ gar nicht. Es
-gibt also keinen _praktischen Solipsismus_: in wem ein Selbst ist, für
-den gibt es auch ein Selbst im Nebenmenschen; und nur wenn ein Mensch
-seinen (logischen und ethischen) Wesenskern eingebüßt hat, reagiert er
-auch auf den zweiten Menschen nicht mehr so, als ob dieser ein Mensch,
-ein Wesen mit durchaus eigener Persönlichkeit wäre. _Ich und Du sind
-eben Wechselbegriffe._
-
-Am stärksten gelangt der Mensch zum Bewußtsein seiner selbst, wenn er
-mit anderen Menschen beisammen ist. Darum ist der Mensch in Gegenwart
-anderer Menschen stolzer, als wenn er allein ist, und bleibt es den
-Stunden seiner Einsamkeit aufgespart, seinen Übermut zu dämpfen.
-
-Endlich: wer sich tötet, der tötet gleichzeitig die ganze Welt; und wer
-den anderen mordet, begeht eben darum das schwerste Verbrechen, weil er
-in ihm sich gemordet hat. So ist denn jener Solipsismus im Praktischen
-ein Unding, und sollte lieber _Nihilismus_ genannt werden; wenn kein
-Du da ist, dann ist auch sicherlich nie ein Ich vorhanden, es bleibt
-hernach überhaupt -- nichts.
-
-Auf die psychologische _Verfassung_ kommt es an, welche es _unmöglich_
-macht, den anderen Menschen als Mittel zum Zweck zu gebrauchen. Und
-da fand sich: _wer seine Persönlichkeit fühlt, der fühlt sie auch
-in anderen_. Für ihn ist das Tat-tvam-asi keine schöne Hypothese,
-sondern _Wirklichkeit_. _Der höchste Individualismus $ist$ der höchste
-Universalismus._
-
-Schwer irrt also der Leugner des Subjektes, Ernst _Mach_, wenn er
-glaubt, nach dem Verzicht auf das eigene Ich sei erst ein ethisches
-Verhalten, »welches Mißachtung des fremden Ich und Überschätzung des
-eigenen ausschließt,« zu erwarten. Es hat sich eben gezeigt, wohin
-der Mangel eines eigenen Ich im Verhalten zum Nebenmenschen führt.
-_Das Ich ist Grundbedingung auch aller sozialen Moral._ Gegen eine
-bloße _Verknotungsstelle_ von »Elementen« werde ich mich, _rein
-psychologisch_, nie ethisch verhalten können. Als Ideal kann man das
-_aussprechen_; es ist aber dem praktischen Verhalten ganz entrückt,
-kann ihm nie als Norm dienen, _weil es die psychologische Bedingung
-aller Verwirklichung der sittlichen Idee $eliminiert$, während die
-moralische Forderung eben psychologisch $da ist$_.
-
-_Gerade umgekehrt handelt es sich darum, jedem Menschen bewußt zu
-machen, daß er ein höheres Selbst, eine Seele besitzt, und daß auch die
-anderen Menschen eine Seele besitzen._ (Dazu wird der größte Teil der
-Menschheit aber immer einen _Seelenhirten_ benötigen.) Erst hiemit ist
-ein ethisches Verhältnis zum Nebenmenschen _da, wirklich da_.
-
-Dieses Verhältnis aber ist im genialen Menschen in einzigster Weise
-verwirklicht. Niemand wird mit den Menschen, und darum an den
-Menschen, mit denen er lebt, so _leiden_ wie er. Denn in bestimmtem
-Sinne wird sicherlich der Mensch _nur_ »durch Mitleid wissend«.
-Ist Mitleid auch nicht selbst klares, abstrakt-begriffliches oder
-anschaulich-symbolisches Wissen, so ist es doch der stärkste Impuls,
-um zu allem Wissen zu gelangen. Nur durch Leiden _unter_ den Dingen
-begreift sie der Genius, nur durch Leiden _mit_ den Menschen versteht
-er diese. Und der Genius leidet am meisten, weil er mit allem und in
-allem leidet; aber am stärksten leidet er an seinem Mitleiden.
-
-Wurde in einem früheren Kapitel das Geniale zu erweisen gesucht als
-jener Faktor, der den Menschen erst eigentlich über das Tier erhebt,
-und zugleich damit die Tatsache in Verbindung gebracht, daß nur der
-Mensch eine Geschichte hat (diese erkläre sich aus der allen Menschen
-innewohnenden und nur graduell verschiedenen Genialität), so muß
-hierauf nun noch einmal zurückgegriffen werden. Genialität fällt
-zusammen mit lebendiger Tätigkeit des intelligiblen Subjektes. Und
-Geschichte offenbart sich nur im Sozialen, im »objektiven Geiste«, die
-Individuen an sich bleiben sich ewig gleich und schreiten nicht vor wie
-dieser (sie sind _das Ahistorische_). So sehen wir hier, wie unsere
-Fäden zusammenlaufen, um ein überraschendes Resultat zu erzeugen. Ist
-nämlich -- hierin glaube ich nicht zu irren -- die zeitlose menschliche
-Persönlichkeit auch Bedingung jedes wahrhaft ethischen Verhaltens
-auch gegen den Nebenmenschen, _Individualität $Voraussetzung$_ einer
-_sozialen_ Gesinnung, so wird damit auch klar, warum das »animal
-metaphysicum« und das »ζῷον πολιτικόν«, das geniale Geschöpf und
-der Träger einer Geschichte _eines_ sind, ein und dasselbe Wesen,
-_$nämlich$ der Mensch_. Und so ist auch die alte Streitfrage erledigt,
-was _früher_ da sei, _Individuum_ oder _Gemeinschaft_: $beide nämlich
-sind zugleich und miteinander da$.
-
-Hiemit betrachte ich denn in jeder Beziehung den Nachweis als
-geführt, daß Genialität _höhere Sittlichkeit_ überhaupt ist. Der
-bedeutende Mensch ist nicht nur der sich selbst treueste, der nichts
-von sich vergessende, der, dem Irrtum und Lüge am verhaßtesten, am
-unerträglichsten sind; er ist auch der sozialste, der einsamste
-zugleich der zweisamste Mensch. _Das Genie ist eine höhere Daseinsform
-überhaupt, nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch. Der Genius
-offenbart ganz eigentlich $die Idee$ des Menschen. Er kündet, was der
-Mensch ist: das $Subjekt$, dessen $Objekt$ das $ganze$ Universum, und
-stellt das fest für ewige Zeiten._
-
-Man lasse sich nicht irre machen. _Bewußtsein_, und _nur Bewußtsein_,
-ist an und für sich moralisch, alles Unbewußte unmoralisch, und alles
-Unmoralische unbewußt. Das »unmoralische Genie«, der »große böse
-Mensch« ist deshalb ein Fabeltier; von großen Menschen in bestimmten
-Augenblicken ihres Lebens als eine Möglichkeit ersonnen, um dann,
-sehr gegen den Willen der Schöpfer, für furchtsame und schwächliche
-Naturen einen Wauwau abzugeben, mit dem sie sich und andere Kinder
-schrecken. Es gibt keinen Verbrecher, der seiner Tat gewachsen wäre,
-der da dächte und spräche wie der _Hagen_ der »Götterdämmerung« an
-_Siegfrieds_ Leichnam: »Ja denn, ich hab ihn erschlagen, _ich, Hagen_,
-schlug ihn zu tot!« _Napoleon_ und _Baco von Verulam_, die man als
-Gegeninstanzen anführt, werden intellektuell bei weitem überschätzt
-oder falsch gedeutet. Und zu _Nietzsche_ darf man in diesen Dingen --
-wenn er von den Borgias zu reden anfängt -- am wenigsten Vertrauen
-hegen. Die Konzeption des Diabolischen, des Antichrist, des Ahriman,
-des »Radikal-Bösen in der menschlichen Natur« ist überaus gewaltig. Mit
-dem Genie aber hat sie nur insoferne zu schaffen, als sie gerade sein
-Gegenteil ist. Sie ist eine Fiktion, geboren in den Stunden, da große
-Menschen gegen den Verbrecher in sich den entscheidenden Kampf gekämpft
-haben.
-
-Universelle Apperzeption, Allgemeinbewußtsein, vollkommene
-Zeitlosigkeit ist ein Ideal, auch für die »genialen« Menschen;
-_Genialität ist ein innerer Imperativ_, nie bei einem Menschen je
-gänzlich vollzogene _Tatsache_. Darum wird zu allerletzt ein »genialer«
-Mensch, er am allerwenigsten, von sich so einfach zu sagen imstande
-sein: »Ich _bin_ ein Genie.« Denn Genialität ist, ihrem Begriffe nach,
-nichts als gänzliche Erfüllung der Idee des Menschen, und darum genial
-etwas, das jeder Mensch sein _sollte_ und das zu werden _prinzipiell
-jedem Menschen möglich sein muß_. Denn Genialität ist höchste
-Sittlichkeit, und darum Pflicht eines jeden. Zum Genie wird der Mensch
-durch einen höchsten _Willensakt_, _indem er das ganze Weltall in sich
-bejaht_. Genialität ist etwas, das die »genialen Menschen« _auf sich
-genommen haben_: es ist die größte Aufgabe und der größte Stolz, das
-größte Unglück und das größte Hochgefühl, das einem Menschen möglich
-ist. So paradox es klingt: genial ist der Mensch, wenn er es sein
-_will_.
-
-Nun wird man freilich sagen: sehr viele Menschen möchten sehr gerne
-»Original-Genies« sein, und es hilft ihnen doch aller Wunsch nicht
-dazu. Aber wenn diese Menschen, die »es sehr gerne möchten«, eine
-lebhaftere Ahnung davon hätten, _was_ das, wonach ihr Wunsch verlangt,
-eigentlich _bedeutet_, wenn ihnen aufgegangen wäre, daß Genialität
-identisch ist mit _universeller Verantwortlichkeit_ -- und bevor einem
-etwas ganz klar ist, kann er es ja nur _wünschen_, nicht _wollen_ --
-so ist wahrscheinlich, daß die weitaus größte Zahl der Menschen, genial
-zu werden, _ablehnen_ würde.
-
-Aus keinem anderen Grunde auch -- Toren glauben dann an die
-Nachwirkungen der Venus oder an die spinale Degeneration des
-Neurasthenikers -- verfallen so viele geniale Menschen dem _Irrsinn_.
-Es sind diejenigen, denen die Last zu schwer wurde, die ganze Welt
-gleich dem Atlas auf ihren Schultern zu tragen, und darum immer
-kleinere, minder hervorragende, nie die allergrößten, nie die stärksten
-Geister. Das Genie, das zum Irrsinnigen wird, _will nicht mehr Genie
-sein_; es will statt der Sittlichkeit -- das _Glück_. Denn aller
-Wahnsinn entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewußtheit
-geknüpften Schmerzes; und darum hat _Sophokles_ am tiefsten das Motiv
-angedeutet, warum ein Mensch auch seinen _Irrsinn wollen_ kann; indem
-er den Aias, dessen Geist denn auch zuletzt der Nacht verfällt, sagen
-läßt:
-
-ἐν τῷ φρονεῖν γὰρ μηδὲν ἥδιστος βίος.
-
-Ich beschließe dieses Kapitel mit den tiefen, an die erhabensten
-Momente des _Kant_ischen Stiles gemahnenden Worten des _Johann Pico
-von Mirandola_, für deren Verständnis ich hier vielleicht einiges
-getan habe. Er läßt, in seiner Rede »Über die Würde des Menschen« die
-Gottheit zum Menschen also sprechen:
-
-»Nec certam sedem, nec propriam faciem, nec munus ullum peculiare
-tibi dedimus, o Adam: ut quam sedem, quam faciem, quae munera tute
-optaveris, ea pro voto, pro tua sententia, habeas et possideas.
-Definita ceteris natura intra praescriptas a nobis leges coercetur; tu
-nullis angustiis coercitus, pro tuo arbitrio, in cuius manu te posui,
-tibi illam praefinies. Medium te mundi posui, ut circumspiceres inde
-commodius quicquid est in mundo. Nec te caelestem, neque terrenum,
-neque mortalem, neque immortalem fecimus, ut tui ipsius quasi
-arbitrarius honorariusque plastes et fictor in quam malueris tute
-formam effingas. Poteris in inferiora quae sunt bruta degenerare,
-poteris in superiora quae sunt divina, ex tui animi sententia
-regenerari.
-
-O summam Dei Patris liberalitatem, summam et admirandam hominis
-felicitatem: cui datum id habere quod optat, id esse quod velit.
-Bruta simul atque nascuntur id secum afferunt e bulga matris, quod
-possessura sunt. Supremi spiritus aut ab initio aut paulo mox id
-fuerunt, quod sunt futuri in perpetuas aeternitates. _Nascenti homini
-omniferaria semina et omnigenae vitae germina indidit Pater_; quae
-quisque excoluerit, illa adolescent et fructus suos ferent in illo:
-si vegetalia, planta fiet, si sensualia, obbrutescet, si rationalia,
-caeleste evadet animal, si intellectualia, angelus erit et Dei
-_filius_. _Et si nulla creaturarum sorte contentus in unitatis centrum
-suae se receperit, unus cum Deo spiritus factus, in solitaria Patris
-caligine qui est super omnia constitutus omnibus antestabit._«
-
-
-
-
-IX. Kapitel.
-
-Männliche und weibliche Psychologie.
-
- »De subjecto vetustissimo ....«
-
- _Galilei._
-
-
-Es ist an der Zeit, zu der eigentlichen Aufgabe der Untersuchung
-zurückzukehren, um zu sehen, wie weit deren Lösung durch die längeren
-Einschiebungen gefördert worden ist, die oft ziemlich weit von ihr
-abzuführen schienen.
-
-Die Konsequenzen der entwickelten Grundsätze sind für eine Psychologie
-der Geschlechter so radikale, daß, auch wer zu den bisherigen
-Ableitungen seine Zustimmung gegeben hat, vor _diesen_ Folgerungen
-zurückscheuen dürfte. Es ist noch nicht der Ort, die Gründe dieser
-Scheu zu analysieren; aber um die nun aufzustellende These gegen
-alle Einwände, die aus ihr fließen werden, zu schützen, soll sie in
-diesem Abschnitt noch in ausgiebigster Weise durch zwingende Argumente
-vollständig gesichert werden.
-
-Worum es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, daß das
-logische und das ethische Phänomen, beide im Begriffe der Wahrheit zum
-höchsten Werte sich zusammenschließend, zur Annahme eines intelligiblen
-Ich oder einer Seele, als eines Seienden von höchster, hyperempirischer
-Realität, zwingen. _Bei einem Wesen, dem, wie $W$, das logische und
-das ethische Phänomen mangeln, entfällt auch der Grund, jene Annahme
-zu machen._ Das vollkommen weibliche Wesen kennt weder den logischen
-noch den moralischen Imperativ, und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht,
-Pflicht gegen sich selbst, ist das Wort, das ihm am fremdesten
-klingt. Also ist der Schluß vollkommen berechtigt, daß ihm auch die
-übersinnliche Persönlichkeit fehlt.
-
-$Das absolute Weib hat kein Ich.$
-
-Dies ist, in gewisser Beziehung, ein Abschluß der Betrachtung, ein
-Letztes, wozu alle Analyse des Weibes führt. Und wenn auch diese
-Erkenntnis, so kurz und bündig ausgesprochen, hart und unduldsam,
-paradox und von allzu schroffer Neuheit scheint: es ist, in einer
-solchen Sache, von vornherein kaum wahrscheinlich, daß der Verfasser
-der erste sei, welcher zu dieser Anschauung gelangt ist; wenn er auch
-selbständig wieder zu ihr den Weg finden mußte, um das Treffende der
-früheren ähnlichen Aussagen zu begreifen. Die _Chinesen_ sprechen seit
-ältester Zeit dem Weibe eine eigene Seele ab. Fragt man einen Chinesen
-nach der Zahl seiner Kinder, so zählt er nur die Knaben, und hat er
-bloß Töchter, so erklärt er, kinderlos zu sein.[35] Aus einem ähnlichen
-Grunde hat wohl _Mohammed_ die Frauen vom Paradiese ausgeschlossen, und
-die unwürdige Stellung, welche das weibliche Geschlecht in den Ländern
-islamitischer Religion einnimmt, hiedurch mitverschuldet.
-
-Von den Philosophen ist hier vor allem _Aristoteles_ zu nennen. Für
-ihn ist das männliche Prinzip bei der Zeugung das formende, aktive,
-der Logos, das weibliche vertritt die passive Materie. Erwägt man
-nun, wie für _Aristoteles_ Seele mit Form, Entelechie, Urbewegendem
-zusammenfällt, so ist klar, wie sehr er sich der hier ausgesprochenen
-Ansicht nähert, obwohl seine Anschauung nur dort zutage tritt, wo
-er vom Akte der Befruchtung redet; während ihm sonst mit fast allen
-Griechen außer _Euripides_ es gemeinsam zu sein scheint, daß er über
-die Frauen selbst nicht nachdenkt, und deshalb nirgends ein Standpunkt
-in Bezug auf die Eigenschaften des Weibes überhaupt (nicht nur in
-Ansehung seiner Rolle beim Begattungsakte) von ihm eingenommen wird.
-
-Unter den Kirchenvätern scheinen besonders _Tertullian_ und _Origenes_
-sehr niedrig vom Weibe gedacht zu haben; indes _Augustinus_ schon
-durch das innige Verhältnis zu seiner Mutter davon hat abgehalten
-werden müssen, die Ansichten jener zu teilen. In der _Renaissance_
-ist die Aristotelische Ansicht wieder mehrfach aufgenommen worden,
-z. B. von Jean _Wier_ (1518-1588). Damals scheint man diese überhaupt,
-gefühlsmäßig und intuitiv, besser verstanden und nicht bloß als
-Kuriosum betrachtet zu haben, wie das in der heutigen Wissenschaft
-üblich ist, die freilich noch zu anderen Verbeugungen vor der
-Aristotelischen Anthropologie sich einmal gewiß wird bequemen müssen.
-
-In den letzten Jahrzehnten haben dieselbe Erkenntnis Henrik _Ibsen_
-(mit den Gestalten der _Anitra_, _Rita_ und _Irene_) und August
-_Strindberg_ (»Gläubiger«) ausgesprochen. Am populärsten aber ist
-der Gedanke von der Seelenlosigkeit des Weibes durch das wundervolle
-Märchen _Fouqués_ geworden, dessen Stoff dieser Romantiker aus dem, von
-ihm eifrig studierten, _Paracelsus_ geschöpft hat, und durch E. T. A.
-_Hoffmann_, _Girschner_ und Albert _Lortzing_, welche es in Musik
-gesetzt haben. _Undine, die seelenlose Undine, ist die platonische
-Idee des Weibes._ Trotz aller Bisexualität kommt ihr die Wirklichkeit
-meist sehr nahe. Die verbreitete Rede: »das Weib hat keinen Charakter«
-meint im Grunde auch nichts anderes. Persönlichkeit und Individualität,
-(intelligibles) Ich und Seele, Wille und (intelligibler) Charakter --
-dies alles bezeichnet ein und dasselbe, das im Bereiche des Menschen
-nur M zukommt und W fehlt.
-
-Da aber die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, und bedeutende
-Menschen solche, welche durchaus _mit_ Seele leben, d. h. in denen
-die _ganze Welt lebendig_ ist, _so muß W absolut $un$genial veranlagt
-sein_. _Der Mann_ hat _alles_ in sich, und mag nur, nach den Worten
-_Picos von Mirandola_, dies oder jenes in sich besonders begünstigen.
-Er kann zur höchsten Höhe hinaufgelangen und aufs tiefste entarten, er
-kann zum Tiere, zur Pflanze, _er kann auch zum Weibe werden, und darum
-gibt es weibliche, weibische Männer_.
-
-$Aber die Frau kann nie zum Manne werden.$ Hier ist also die wichtigste
-Einschränkung an den Aufstellungen des ersten Teiles dieser Schrift
-vorzunehmen. _Während mir eine große Anzahl von Männern bekannt sind,
-die psychisch fast vollständig, und nicht etwa zur Hälfte nur, Weib
-sind, habe ich zwar schon sehr viele Frauen gesehen mit männlichen
-Zügen, aber noch nie auch nur eine einzige Frau, die nicht doch im
-Grunde Weib gewesen wäre_, wenn auch diese Weiblichkeit unter einer
-Menge verkleidender Hüllen vor dem Blicke der Person selbst, nicht
-nur der anderen, oft genug sich verbarg. Man _ist_ (vgl. Kapitel 1
-des zweiten Teiles) _entweder_ Mann _oder_ Weib, so viel man auch von
-beiden Geschlechtern Eigentümlichkeiten haben mag, und dieses _Sein_,
-das Problem der Untersuchung von Anfang an, bestimmt sich jetzt nach
-dem Verhältnis eines Menschen zur Ethik und zur Logik; aber während es
-anatomische Männer gibt, die psychologisch Weiber _sind_, gibt es keine
-Personen, die körperlich Weiber und doch psychisch Männer _sind_; wenn
-sie auch in noch so vielen äußerlichen Beziehungen einen männlichen
-Aspekt gewähren, und einen unweiblichen Eindruck hervorbringen.
-
-Darum aber läßt sich mit Sicherheit nun folgende _abschließende_
-Antwort auf die Frage nach der Begabung der Geschlechter geben: _es
-gibt wohl Weiber mit genialen Zügen, aber es gibt kein weibliches
-Genie, hat nie ein solches gegeben und kann nie ein solches geben_. Wer
-prinzipiell in solchen Dingen der Laxheit huldigen und den Begriff der
-Genialität so auftun und erweitern wollte, daß die Frauen unter ihm
-auch nur ein Fleckchen Raumes fänden, der würde diesen Begriff damit
-bereits _zerstört_ haben. Wenn überhaupt ein Begriff von Genialität in
-Strenge und Einheitlichkeit gewonnen und gewahrt werden soll und kann,
-so sind, wie ich glaube, keine anderen Definitionen von ihm möglich
-als die hier entwickelten. Wie könnte nach diesen ein seelenloses
-Wesen Genie haben? Genialität ist identisch mit _Tiefe_; und man
-versuche nur, tief und Weib wie Attribut und Substantiv miteinander
-zu verbinden: ein jeder hört den Widerspruch. _Ein weiblicher Genius
-ist demnach eine contradictio in adjecto_; denn Genialität war ja nur
-gesteigerte, voll entfaltete, höhere, allgemein bewußte Männlichkeit.
-Der geniale Mensch hat, wie alles, auch das Weib völlig in sich; aber
-das Weib selbst ist nur ein Teil im Weltall, und der Teil kann nicht
-das Ganze, Weiblichkeit also nicht Genialität in sich schließen. Die
-_Genielosigkeit_ des Weibes folgt unabwendbar daraus, daß das Weib
-keine Monade und somit kein Spiegel des Universums ist.
-
-Zum Nachweise der _Seelenlosigkeit_ des Weibes aber vereinigt sich
-der größte Teil alles dessen, was etwa in den vorigen Kapiteln zu
-ermitteln sollte gelungen sein. Das dritte Kapitel zunächst hat
-gezeigt, daß die Frau in Heniden, der Mann in gegliederten Inhalten
-lebt, daß das weibliche Geschlecht ein weniger _bewußtes_ Leben führt
-als das männliche. Bewußtsein ist aber _ein_ erkenntnistheoretischer
-und zugleich _der_ psychologische Fundamentalbegriff.
-Erkenntnistheoretisches Bewußtsein und Besitz eines kontinuierlichen
-Ich, transcendentales Subjekt und Seele sind vertauschbare
-Wechselbegriffe. Jedes Ich _ist_ nur in der Weise, daß es sich selbst
-fühlt, sich seiner in seinen Denkinhalten bewußt wird; alles Sein ist
-Bewußtsein. Aber es ist jetzt zu jener Theorie von den Heniden eine
-wichtige Erläuterung hinzuzufügen. Die artikulierten Denkinhalte des
-Mannes sind nicht einfach die auseinandergefalteten und geformten
-weiblichen, sie sind nicht bloß aktuell, was jene potentiell waren;
-sondern es steckt in ihnen von allem Anfang an noch ein _qualitativ
-anderes_. Die psychischen Inhalte des Mannes sind, selbst schon im
-ersten Henidenstadium, das sie stets zu überwinden trachten, bereits
-zur _Begrifflichkeit_ angelegt, und vielleicht tendiert selbst _alle
-Empfindung_ des Mannes von einem sehr frühen Stadium an _zum Begriffe_.
-Das Weib selbst ist durchaus unbegrifflich veranlagt, in seinem
-Wahrnehmen wie in seinem Denken.
-
-Das Prinzip aller Begrifflichkeit sind die logischen Axiome,
-und diese fehlen den Frauen; ihnen ist nicht das Prinzip der
-Identität Richtschnur, welches allein dem Begriff seine eindeutige
-Bestimmtheit verleihen kann, und sie machen sich nicht das principium
-contradictionis zur Norm, das einzig ihn, als völlig selbständigen,
-gegen alle anderen möglichen und wirklichen Dinge abgrenzt. Dieser
-Mangel an begrifflicher Bestimmtheit alles weiblichen Denkens
-ermöglicht jene »Sensitivität« der Frauen, die vagen Associationen
-ein schrankenloses Recht einräumt, und so häufig ganz fernliegende
-Dinge zum Vergleich heranzieht. Auch die Frauen mit dem besten und
-am wenigsten begrenzten Gedächtnis kommen über diese Manier der
-_Synästhesien_ nie hinaus. Gesetzt z. B., durch irgend ein Wort
-fühlten sie sich an eine bestimmte Farbe, durch einen Menschen an
-eine bestimmte Speise erinnert -- wie das wirklich bei Frauen oft
-genug vorkommt: in solchem Falle geben sie sich mit ihrer subjektiven
-Association vollständig _zufrieden_, sie suchen weder zu ergründen,
-warum ihnen gerade dieser Vergleich eingefallen, inwiefern er wirklich
-durch die tatsächlichen Verhältnisse nahegelegt sei, noch trachten sie
-weiter und eifriger über ihren Eindruck von dem Worte, von dem Menschen
-ins Klare zu kommen. Diese Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit hängt
-mit dem zusammen, was früher als intellektuelle Gewissenlosigkeit des
-Weibes bezeichnet wurde, und gleich weiter unten nochmals zur Sprache
-kommen und in seinem Konnex mit dem Mangel an Begrifflichkeit erläutert
-werden soll. Jenes Schwelgen in rein gefühlsmäßigen Anklängen,
-jener Verzicht auf Begrifflichkeit und auf Begreiflichkeit, jenes
-_Sichwiegen_ ohne _Streben_ nach irgend einer Tiefe charakterisiert
-den schillernden Stil so vieler moderner Schriftsteller und Maler als
-einen eminent _weiblichen_. Männliches Denken scheidet sich von allem
-weiblichen grundsätzlich durch das Bedürfnis nach sicheren Formen,
-und so ist auch jede »Stimmungskunst« immer notwendig eine _formlose_
-»Kunst«.
-
-Die psychischen Inhalte des Mannes können aus diesen Gründen nie
-einfach Heniden des Weibes in bloßer Weiterentwicklung in »expliciter«
-Form sein. Das Denken des Weibes ist ein Gleiten und ein Huschen
-zwischen den Dingen hindurch, ein Nippen von ihren obersten Flächen,
-denen der Mann, der »in der Wesen Tiefe trachtet«, oft gar keine
-Beachtung schenkt, es ist ein Kosten und ein Schmecken, ein _Tasten_,
-kein _Ergreifen_ des Richtigen. Darum, weil das Denken des Weibes
-vornehmlich eine Art _Schmecken_ ist, bleibt auch _Geschmack_,
-im _weitesten_ Sinne, die vornehmste weibliche Eigenschaft, das
-Höchste, was eine Frau selbständig erreichen, und worin sie es bis
-zu einer gewissen Vollendung bringen kann. Geschmack erfordert
-eine Beschränkung des Interesses auf Oberflächen, er geht auf den
-Zusammenklang des Ganzen, und verweilt nie bei scharf herausgehobenen
-Teilen. Wenn eine Frau einen Mann »versteht« -- über Möglichkeit und
-Unmöglichkeit solchen Verstehens wird noch zu handeln sein -- so
-_schmeckt_ sie sozusagen -- so geschmacklos gerade dieser Ausdruck
-sein mag -- _nach_, was er ihr _$vorgedacht$_ hat. Da es auf ihrer
-Seite hiebei eben nicht zu scharfer Unterscheidung kommen kann, so ist
-klar, daß an ein Verständnis von ihr selbst oft wird geglaubt werden,
-wo nur höchst vage Analogien in der Empfindung vorhanden sind. Als
-maßgebend für die _In_kongruenzen ist hiebei vor allem anzusehen, daß
-die Denkinhalte des Mannes nicht auf derselben Linie, und nicht etwa
-nur auf ihr weiter vorgerückt liegen als die des Weibes, sondern daß es
-_zwei_ Reihen sind, welche auf die gleichen Objekte sich erstrecken,
-eine begriffliche männliche und eine unbegriffliche weibliche, und
-eine im Verstehen ausgesagte Identifikation demnach _nicht nur_
-zwischen einem entwickelten, differenzierten, späteren, und einem noch
-chaotischen, ungegliederten, früheren Inhalt _derselben_ Reihe erfolgen
-kann (wie im Falle des Ausdrucks, S. 154); sondern daß gerade im
-Verstehen zwischen Mann und Weib ein _begrifflicher_ Gedanke der einen
-Reihe einem _unbegrifflichen_ »Gefühle«, einer »Henide«, in der anderen
-gleichgesetzt wird.
-
-Die unbegriffliche Natur des Weibes ist aber, nicht minder als seine
-geringere Bewußtheit, ein Beweis dafür, daß es kein Ich besitzt. Denn
-erst der Begriff schafft den bloßen Empfindungskomplex zum _Objekt_
-um, er macht ihn unabhängig davon, ob ich ihn empfinde oder nicht.
-Das Dasein des Empfindungskomplexes ist immer vom Willen des Menschen
-abhängig: dieser schließt das Auge, er verstopft das Ohr und sieht
-und hört schon nicht mehr, er berauscht sich oder sucht den Schlaf,
-und vergißt. Erst der _Begriff_ emanzipiert von der ewig subjektiven,
-ewig psychologisch-relativen Tatsache des _Empfindens_, er schafft die
-_Dinge_. Durch seine begriffliche Funktion stellt sich der Intellekt
-selbsttätig ein Objekt _gegenüber_; und umgekehrt kann nur, wo eine
-begriffliche Funktion da ist, von Subjekt und Objekt gesprochen werden,
-nur dort sind beide voneinander unterscheidbar; in jedem anderen Falle
-ist nur ein Haufe ähnlicher und unähnlicher Bilder vorhanden, die
-ineinander ohne jede Regel und Ordnung verschwimmen und übergehen. Der
-Begriff schafft also die frei in der Luft schwebenden _Impressionen
-zu Gegenständen_ um, er zeugt aus der Empfindung ein Objekt, dem das
-Subjekt gegenübertritt, einen Feind, an dem es seine Kräfte mißt.
-So ist der Begriff konstitutiv für alle Realität; nicht als ob der
-Gegenstand selbst nur so weit Realität besäße, als er Anteil hätte
-an einer jenseits der Erfahrung in einem τόπος νοητός liegenden Idee
-und nur eine unvollkommene Projektion, ein stets mißlungenes Abbild
-dieser darstellte: sondern umgekehrt, _insofern sich auf irgend etwas
-die begriffliche Funktion unseres Intellektes erstreckt, insofern
-und nur insofern wird es zum realen Ding_. Der _Begriff_ ist das
-»_transcendentale Objekt_« der _Kant_schen Vernunftkritik, als welches
-aber stets nur einem _transcendentalen Subjekte_ korrespondiert. Denn
-nur aus dem Subjekte stammt jene rätselhafte objektivierende Funktion,
-die jenen _Kant_schen »Gegenstand X«, auf den alle _Erkenntnis_ sich
-erst _richtet_, selbst _hervorbringt_, und die ja als identisch mit
-den logischen Axiomen erkannt wurde, in welchen wieder nur das Dasein
-des Subjektes zum Ausdruck gelangt. Das principium contradictionis
-nämlich grenzt den Begriff ab gegen alles, was nicht er selbst ist; das
-principium identitatis ermöglicht seine Betrachtung, als ob er allein
-auf der Welt wäre. Ich kann nie von einem rohen Empfindungskomplexe
-sagen, daß er sich selbst gleich sei; in dem Augenblick, wo ich das
-Urteil der Identität auf ihn anwende, ist er bereits begrifflich
-geworden. So verleiht erst der Begriff allem Wahrnehmungsgebilde und
-allem Gedankengespinst seine _Würde_ und seine _Strenge_: _der Begriff
-$befreit$ jeden Inhalt, indem er ihn $bindet$_. Und hier wird abermals
-offenbar, wie alle Freiheit Selbstbindung ist, in der Logik wie in der
-Ethik. Frei wird der Mensch allein, indem er selbst das Gesetz wird:
-nur so entgeht er der Heteronomie, der Bestimmung durch anderes und
-durch andere, die unausbleiblich an jede Willkür geknüpft ist. Deshalb
-ist auch die begriffliche Funktion eine _Selbstehrung_ des Menschen;
-er ehrt _sich_, indem er seinem Objekte die Freiheit gibt und es
-verselbständigt, als den allgemeingültigen _Gegenstand der Erkenntnis_,
-auf den rekurriert wird, wo immer zwei Männer über eine Sache streiten
-mögen. -- Nur die Frau steht nie Dingen _gegenüber_, sie springt mit
-ihnen und in ihnen mit sich nach Belieben um: sie kann dem Objekte
-keine Freiheit schenken, da sie selbst keine hat.
-
-Die Verselbständigung der Empfindung im Begriffe ist aber nicht
-sowohl eine Loslösung vom _Subjekte_, als eine Loslösung von der
-_Subjektivität_. Der Begriff ist vielmehr eben das, worüber _ich_
-denke, schreibe und spreche. Darin liegt der Glaube, daß ich
-nichtsdestoweniger noch in einer Beziehung zu ihm stehe, und _dieser_
-Glaube ist das Wesen des $Urteils$. Wenn die immanenten Psychologisten,
-_Hume_, _Huxley_, _Mach_, _Avenarius_, sich mit dem _Begriff_ noch
-so abzufinden suchten, daß sie ihn mit der Allgemeinvorstellung
-identifizierten, und zwischen logischem und psychologischem Begriff
-keine Unterscheidung mehr trafen: so ist es hingegen sehr bezeichnend,
-daß sie das _Urteil_ einfach ignorieren, ja, tun müssen, als ob es
-nicht da wäre. Sie können, von ihrem Standpunkt aus, für _das allem
-Empfindungsmonismus Fremde_, das im Urteils_akte_ enthalten ist,
-keinerlei Verständnis sich gestatten. Im Urteil liegt Anerkennung
-oder Verwerfung, Billigung oder Mißbilligung bestimmter Dinge, und
-der Maßstab dieser Billigung -- _die Idee der Wahrheit_ -- kann nicht
-selbst in den Wahrnehmungskomplexen gelegen sein, die beurteilt werden.
-Für wen es nichts als Empfindungen gibt, für den sind notwendig
-alle Empfindungen _gleichwertig_, die Aussichten der einen nicht
-größer als die der anderen, Baustein einer realen Welt zu werden. So
-vernichtet gerade der _Empirismus_ die Wirklichkeit der _Erfahrung_,
-und entpuppt sich der _Positivismus_ trotz des »solid« und »reell«
-klingenden Titels seiner Firma als der wahre _Nihilismus_ -- wie
-so manches der Ehrbarkeit volle geschäftliche Unternehmen als ein
-schwindelhafter Luftbau. Der Gedanke eines _Maßes_ der Erfahrung, der
-_Wahrheitsgedanke_, kann nicht schon in der _Erfahrung_ gelegen sein.
-_In jedem Urteil aber liegt gerade dieser Anspruch auf Wahrheit_,
-es erhebt implicite, auch wenn es mit noch so vielen, subjektiv
-einschränkenden, Zusätzen versehen wird, die Forderung seiner
-objektiven Gültigkeit eben in der restringierten Form, die ihm sein
-Urheber gab. Wer etwas in der Weise eines Urteils ausspricht, wird so
-behandelt, als verlangte er die allgemeine Anerkennung für das, was
-er sagt; und erklärt er, daß ihm diese Hoffnung fern gelegen sei, so
-wird er mit Recht zu hören bekommen, daß er sich eines Mißbrauches der
-Urteilsform schuldig gemacht habe. Demnach ist es richtig, daß in der
-urteilenden Funktion der Anspruch auf _Erkenntnis_, das heißt _auf die
-Wahrheit des Geurteilten_, gelegen sei.
-
-Dieser Anspruch auf Erkenntnis besagt nicht mehr und nicht weniger,
-als daß das Subjekt über das Objekt zu _urteilen_, über es _Richtiges_
-auszusagen _vermöge_. Die Objekte, über die geurteilt wird, sind
-_Begriffe_: der Begriff ist der Gegenstand der Erkenntnis. Der Begriff
-stellte dem Subjekt ein Objekt _gegenüber_; _durch das Urteil wird
-wiederum die Möglichkeit einer Verbindung_ und Verwandtschaft _zwischen
-ihnen behauptet_. Denn die Wahrheitsforderung heißt so viel, daß das
-Subjekt über das Objekt auch richtig urteilen _könne_; _und so liegt
-in der Urteilsfunktion der $Beweis$ eines Zusammenhanges zwischen
-dem Ich und dem All_, ja der Möglichkeit ihrer vollen Einheit; diese
-Einheit, und nichts anderes, nicht die _Übereinstimmung_, sondern die
-_Identität_ von Sein und Denken ist _Wahrheit_; nie eine dem Menschen
-als Menschen je erreichbare _Tatsache_[36], immer nur eine ewige
-_Forderung_. So ist das Urteilsvermögen, in der Voraussetzung, die ihm
-am allgemeinsten zu Grunde liegt, nur der trockene _logische Ausdruck
-der Theorie von der Seele des Menschen als des Mikrokosmus_. Und die
-viel verhandelte Frage, was vorhergehe, Begriff oder Urteil, wird wohl
-dahin entschieden werden müssen, daß keinem von beiden eine Priorität
-vor dem anderen zukomme, vielmehr beide einander notwendig bedingen.
-Denn alle Erkenntnis geht auf einen Gegenstand, Erkennen aber
-vollzieht sich in der Form des Urteilens und sein Gegenstand ist der
-Begriff. Die begriffliche Funktion hat Subjekt und Objekt gespalten,
-und jenes einsam gemacht: wie alle Liebe, so sucht damit sogleich auch
-die Sehnsucht des Erkenntnistriebes das Entzweite wieder zu einen.
-
-Fehlt einem Wesen, wie dem echten Weibe, die begriffliche, so mangelt
-ihm deshalb notgedrungen gleichzeitig die urteilende Tätigkeit. Man
-wird diese Behauptung eine lächerliche Paradoxie nennen, weil ja doch
-die Frauen genug _sprechen_ (wenigstens hat sich niemand über das
-Gegenteil beklagt), und alles Sprechen Ausdruck von Urteilen sei. Aber
-eben dieses letztere ist nicht richtig. Der _Lügner_ z. B., den man
-gegen die tiefere Bedeutung des Urteilsphänomens gewöhnlich ins Feld
-führt, _urteilt gar nicht_ (es gibt eine »innere Urteilsform«[37]
-wie eine »innere Sprachform«), indem er eben, lügend, an das, was er
-sagt, gar nicht den Maßstab der Wahrheit anlegt; und, wenn er für die
-Lüge auch noch so allgemeine Anerkennung erzwingen will, eben seine
-eigene Person hievon ausnimmt und damit die objektive Gültigkeit dahin
-ist. Wer sich hingegen selbst belügt, fragt vor dem inneren Forum
-seine Gedanken nicht nach ihren Rechtsgründen, würde sich aber wohl
-hüten, sie vor einem äußeren zu vertreten. Es kann also jemand die
-äußere sprachliche Form des Urteils sehr wohl wahren, ohne seiner
-inneren Bedingung gerecht geworden zu sein. Diese innere Bedingung ist
-aufrichtige Anerkennung der Idee der Wahrheit als obersten Richters
-über alle Aussagen, und herzliches Begehren, vor diesem Richter mit
-jedem Ausspruche, den man tue, bestehen zu können. Man steht aber zur
-Idee der Wahrheit in einem Verhältnis überhaupt und ein für alle Male,
-und nur aus einem solchen kann Wahrhaftigkeit sowohl den Menschen,
-als den Dingen, als auch sich selbst gegenüber fließen. Darum ist
-die eben getroffene Einteilung in Lüge vor sich und Lüge vor anderen
-falsch, und wer _subjektiv verlogen_ ist, wie das von der Frau bereits
-hervorgehoben wurde und noch sehr ausführlich auseinandergesetzt
-werden wird, der kann auch kein Interesse an der _objektiven_ Wahrheit
-besitzen. Das Weib hat keinen Eifer für die Wahrheit -- darum ist es
-nicht _ernst_ -- darum nimmt es auch keinen Anteil an _Gedanken_. Es
-gibt eine Menge weiblicher Schriftstellerinnen, aber _Gedanken_ vermißt
-man in allem, was weibliche Künstler je geschaffen haben, und so gering
-ist diese Liebe zur (objektiven) Wahrheit, daß sie Gedanken meist nicht
-einmal zu _borgen_ der Mühe wert finden.
-
-Kein Weib hat wirkliches Interesse für die Wissenschaft, sie mag
-es sich selbst und noch so vielen braven Männern, aber schlechten
-Psychologen, vorlügen. Man kann sicher sein, daß, wo immer eine Frau
-irgend etwas nicht _ganz_ Unerhebliches in wissenschaftlichen Dingen
-selbständig geleistet hat (Sophie _Germain_, Mary _Somerville_ etc.),
-dahinter stets ein Mann sich verbirgt, dem sie auf diese Weise näher zu
-kommen trachtete; und viel allgemeiner als für den Mann das »Cherchez
-la femme« gilt für die Frauen ein »Cherchez l'homme«.
-
-Bedeutendere Leistungen hat es aber selbst auf dem Gebiete der
-Wissenschaft von weiblicher Seite nie gegeben. Denn die Fähigkeit zur
-Wahrheit stammt nur aus dem Willen zur Wahrheit, und ist stets diesem
-in ihrer Stärke angemessen.
-
-Darum ist auch der Wirklichkeitssinn der Frauen, so oft auch das
-Gegenteil behauptet worden ist, viel geringer als jener der Männer.
-Ihnen ordnet sich die Erkenntnis stets einem fremden Zwecke unter, und
-wenn die Absicht auf diesen intensiv genug ist, dann mögen die Frauen
-sehr scharf und unbeirrt blicken; was Wahrheit an sich und um ihrer
-selbst willen für einen Wert haben solle, wird eine Frau nie und nimmer
-einzusehen imstande sein. Wo also Täuschung seinen (oft unbewußten)
-Wünschen _entgegenkommt_, dort wird das Weib gänzlich unkritisch,
-und verliert jede Kontrolle über die Realität. Daraus erklärt sich
-der feste Glaube so mancher Frauen, von sexuellen Attacken bedroht
-worden zu sein, daraus die ungemeine Häufigkeit der Halluzinationen
-des Tastsinnes beim weiblichen Geschlechte, von deren intensivem
-Realitätscharakter der Mann nicht leicht eine Vorstellung sich bilden
-mag; denn die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die Phantasie
-des Mannes hingegen, als Künstlers oder Philosophen, erst höhere
-Wahrheit.
-
-Der Wahrheitsgedanke aber liegt allem, was den Namen _Urteil_
-verdient, zu Grunde. Urteilen ist die Form alles Erkennens, und Denken
-selbst heißt nichts anderes als urteilen. Die Norm des Urteils ist
-der Satz vom Grunde, gleichwie die Sätze vom Widerspruch und von
-der Identität den Begriff (als die Norm der Essenz) konstituieren.
-Daß die Frau den Satz vom Grunde _nicht_ anerkennt, darauf wurde
-schon hingewiesen. Alles Denken ist Ordnen des Mannigfaltigen zur
-Einheit; im Satz vom Grunde, der die Berechtigung jedes Urteils
-von einem logischen Erkenntnisgrunde abhängig macht, liegt der
-Gedanke der _Einheitsfunktion_ unseres Denkens _mit Bezug_ auf die
-Mannigfaltigkeit, und _trotz_ derselben; indes die drei anderen
-logischen Axiome nur ein Ausdruck des _Seins_ der Einheit selbst ohne
-Beziehung auf eine Mannigfaltigkeit sind. Beide sind darum nicht
-aufeinander zurückzuführen, _vielmehr ist darin, daß sie zweierlei
-sind, der formal-logische Ausdruck des Dualismus in der Welt, der
-Existenz einer Vielheit neben der Einheit zu erblicken_. Jedenfalls
-hatte _Leibniz_ recht, als er beide unterschied, und jede Theorie, die
-dem Weibe die Logik abspricht, muß nicht nur vom Satz des Widerspruchs
-(und der Identität), der sich auf den Begriff bezieht, sondern
-ebenso vom Satz des Grundes, dessen Gewalt das Urteil untersteht,
-nachweisen, daß es ihn nicht begreife und ihm sich nicht beuge. In der
-intellektuellen Gewissenlosigkeit der Frau liegt dieser Nachweis. Hat
-einmal ein Weib einen theoretischen Einfall, so verfolgt es ihn nicht
-weiter, es bringt ihn nicht in Beziehung zu anderem, _es denkt nicht
-$nach$_. Deshalb kann es am wenigsten einen weiblichen Philosophen
-geben; es fehlt die Ausdauer, die Zähigkeit, die Beharrlichkeit des
-Denkens und alle Motive zu diesem, und daß eine Frau an _Problemen
-litte_, davon kann zu allerletzt die Rede sein. Man schweige nur von
-den Weibern, denen nicht zu helfen ist. Der problematische Mann will
-erkennen, das problematische Weib will doch nur erkannt werden.
-
-Ein _psychologischer_ Beweis für die _Männlichkeit der Urteilsfunktion_
-ist dieser, _daß das Urteilen vom Weibe als männlich empfunden wird,
-und wie ein (tertiärer) Sexualcharakter anziehend auf es_ wirkt.
-Die Frau _verlangt_ vom Manne stets bestimmte Überzeugungen, die sie
-übernehme; für den _Zweifler_ im Manne geht ihr jegliches Verständnis,
-welcher Art immer, ab. Auch erwartet sie stets, daß der Mann _rede_,
-und die Rede des Mannes ist ihr ein Zeichen von Männlichkeit. Den
-Frauen ist zwar die Gabe der Sprache, aber nicht so die der Rede
-verliehen; eine Frau konversiert (kokettiert) oder schnattert, aber sie
-redet nicht. Am gefährlichsten aber ist sie, wenn sie stumm ist: denn
-der Mann ist nur allzugeneigt, Stummheit für Schweigen zu nehmen.
-
-So ist nicht nur von den logischen Normen, sondern auch von den
-Funktionen, welche durch diese Grundsätze geregelt werden, von der
-begrifflichen und der urteilenden Tätigkeit, bewiesen, daß W ihrer
-entbehrt. Da aber die Begrifflichkeit ihrem Wesen nach darin besteht,
-einem _Subjekt_ sein Objekt gegenüberzustellen, und im Urteilen die
-Urverwandtschaft und tiefste Wesenseinheit des Subjektes mit seinem
-Objekte zum Ausdruck kommt, so muß der Frau abermals der Besitz eines
-Subjektes aberkannt werden.
-
-An den Nachweis der Alogizität des absoluten Weibes hat sich der
-Nachweis seiner Amoralität im einzelnen zu schließen. Die tiefe
-Verlogenheit des Weibes, welche aus dem Mangel eines Verhältnisses
-zur Idee der Wahrheit, wie zu den Werten überhaupt, freilich schon
-hier sich ergibt, muß noch so eingehend Gegenstand der Besprechung
-werden, daß hier zunächst andere Momente sollen hervorgekehrt sein.
-Es gilt dabei unausgesetzt einen besonderen Scharfsinn und eine große
-Vorsicht; denn es gibt so unendlich viele Imitationen des Ethischen, ja
-so täuschende Kopien der Moral, daß die Sittlichkeit der Frauen wohl
-von vielen stets höher als die der Männer wird gewertet werden. Ich
-habe schon die Notwendigkeit der Distinktion zwischen _a_moralischem
-und _anti_moralischem Verhalten betont, und wiederhole, daß nur von
-ersterem, welches eben gar keinen Sinn für die Moral, und gar keine
-Richtung mit Bezug auf dieselbe involviert, beim echten Weibe die Rede
-sein kann. Es ist eine aus der Kriminalstatistik wie aus dem täglichen
-Leben wohl bekannte Tatsache, daß von Frauen unvergleichlich weniger
-Verbrechen begangen werden als von Männern. Auf diese Tatsache berufen
-sich denn auch immer die geschäftigen Apologeten der Sittenreinheit des
-Weibes.
-
-Aber bei der Entscheidung der Frage nach der weiblichen Sittlichkeit
-kommt es nicht darauf an, ob jemand objektiv gegen die Idee gesündigt
-hat; sondern nur darauf, ob er einen subjektiven Wesenskern hat,
-der in ein Verhältnis zur Idee treten konnte, und dessen Wert er in
-Frage stellte, als er fehlte. Gewiß wird der Verbrecher mit seinen
-verbrecherischen Trieben geboren, aber nichtsdestoweniger fühlt er
-selbst, trotz aller Theorien von der »moral insanity«, daß er durch
-seine Tat seinen Wert und sein Recht auf das Leben verwirkt hat;
-denn es gibt nur feige Verbrecher, und keinen, dessen Stolz und
-Selbstbewußtsein durch die böse Tat erhöht und nicht vermindert worden
-wäre, keinen, der es übernähme, sie zu rechtfertigen.
-
-Der männliche Verbrecher hat ebenso von Geburt an ein Verhältnis zur
-Idee des Wertes wie jener andere Mann, dem die verbrecherischen Triebe,
-die den ersten beherrschen, fast völlig mangeln. Das Weib hingegen
-behauptet oft im vollen Rechte zu sein, wenn es die denkbar größte
-Gemeinheit begangen hat; während der echte Verbrecher stumpfsinnig auf
-alle Vorwürfe _schweigt_, kann eine Frau empört ihrer Verwunderung
-und Entrüstung darüber Ausdruck geben, daß man ihr gutes Recht, so
-oder so zu handeln, in Zweifel ziehe. Frauen sind überzeugt _von_
-ihrem »Rechte«, ohne je _über_ sich zu Gericht gesessen zu sein. Der
-Verbrecher geht zwar auch nie in sich, aber er behauptet auch nie
-sein Recht; er geht vielmehr dem Gedanken des Rechtes hastig aus dem
-Wege, weil es ihn an seine Schuld erinnern könnte: und hier liegt
-auch der Beweis, daß er ein Verhältnis zur Idee _hatte_, und nur an
-seine Untreue gegen sein besseres Selbst nicht erinnert werden will.
-_Kein Verbrecher hat noch wirklich geglaubt, daß ihm Unrecht geschehen
-sei durch die Strafe_[38]; die Frau hingegen ist überzeugt von
-der Böswilligkeit ihrer Ankläger; und, wenn _sie nicht will_, kann
-ihr niemand beweisen, daß sie Unrecht getan habe. Wenn ihr jemand
-zuredet, so kommt es freilich oft vor, daß sie in Tränen ausbricht,
-um Verzeihung bittet und »ihr Unrecht einsieht«, ja wirklich glaubt,
-dieses Unrecht aufrichtig zu fühlen; aber immer nur, wenn sie dazu die
-Lust empfunden hat; denn diese Auflösung im Weinen bereitet ihr stets
-ein gewisses wollüstiges Vergnügen. Der Verbrecher ist verstockt, er
-läßt sich nicht im Nu umdrehen, wie der scheinbare Trotz einer Frau
-in ein ebenso scheinbares Schuldgefühl sich verkehren läßt, wenn der
-Ankläger sie entsprechend zu behandeln versteht. Die einsame Pein der
-Schuld, die am Bette weinend sitzt und vergehen möchte vor Scham über
-den Makel, mit dem sie sich beladen hat, die kennt kein Weib, und eine
-scheinbare Ausnahme (die Büßerin, die den Leib kasteiende Betschwester)
-wird später ebenfalls zeigen, daß _eine Frau stets nur zu zweien sich
-sündhaft fühlt_.
-
-Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich
-behaupte, _daß sie vielmehr böse gar nie sein kann_; sie ist nur
-amoralisch, _gemein_.
-
-Das weibliche Mitleid und die weibliche Schamhaftigkeit sind die
-beiden anderen Phänomene, auf welche der Schätzer weiblicher Tugend
-insgemein sich beruft. Speziell die weibliche Güte, das weibliche
-Mitgefühl haben zu der schönen Sage von der Psyche des Weibes den
-meisten Anlaß gegeben, und das letzte Argument alles Glaubens an die
-höhere Sittlichkeit der Frau ist die Frau als Krankenpflegerin, als
-barmherzige Schwester. Ich erwähne diesen Punkt ungern und hätte ihn
-nicht berührt, bin aber durch einen Einwand, der mir mündlich gemacht
-wurde und dem voraussichtlich weitere folgen werden, hiezu gezwungen.
-
-Es ist kurzsichtig, wenn man die Krankenpflege der Frauen für einen
-Beweis ihres Mitleids hält, indem vielmehr gerade das Gegenteil
-aus ihr folgt. Denn der Mann könnte die Schmerzen des Kranken nie
-mitansehen, er müßte unter ihnen so leiden, daß er völlig aufgerieben
-würde, und wartende Pflege des Patienten wäre ihm ganz unmöglich. Wer
-Krankenschwestern beobachtet, nimmt mit Erstaunen wahr, daß diese
-gleichmütig und »sanft« bleiben, selbst unter den furchtbarsten
-Krämpfen eines Sterbenden; und so ist es gut; denn der Mann, der
-Qualen und Tod nicht mitmachen kann, wäre dem Kranken ein schlechter
-Pfleger. Der Mann würde die Qualen lindern, den Tod aufhalten, mit
-einem Worte, er würde _helfen_ wollen; wo nicht zu helfen ist, da ist
-kein Platz für ihn, da kann allein die Pflege in ihr Recht treten, und
-für diese eignet sich nur das Weib. Man ist aber völlig im Unrecht,
-wenn man die Tätigkeit der Frauen auf diesem Ressort anders als vom
-utilitaristischen Standpunkt schätzen zu können glaubt.
-
-Dazu tritt noch, daß für die Frau das _Problem_ von Einsamkeit und
-Gesellschaft gar nicht existiert. Sie schickt sich gerade deshalb
-besonders gut zur Gesellschafterin (Vorleserin, Krankenpflegerin),
-weil sie nie aus einer Einsamkeit heraustritt in eine Mehrsamkeit.
-_Dem Manne wird Einsamkeit und Mehrsamkeit immer irgendwie Problem,
-wenn auch oft nur eine von beiden zur Möglichkeit_. Die Frau verläßt
-keine Einsamkeit, um den Kranken zu pflegen, wie sie es tun müßte,
-auf daß ihre Tat wirklich sittlich könnte genannt werden; _denn eine
-Frau ist $nie$ einsam_, sie kennt nicht die Liebe zur Einsamkeit und
-nicht die Furcht vor ihr. _Die Frau lebt stets, auch wenn sie allein
-ist, in einem Zustande der $Verschmolzenheit$ mit allen Menschen, die
-sie kennt_: ein Beweis, daß sie keine Monade ist, denn alle Monaden
-haben _Grenzen_. Die Frauen sind ihrer Natur nach unbegrenzt, aber
-nicht unbegrenzt wie der Genius, dessen Grenzen mit denen der Welt
-zusammenfallen; sondern sie _trennt_ nie etwas Wirkliches von der Natur
-oder von den Menschen.[39]
-
-Dieses Verschmolzensein ist etwas durchaus _Sexuelles_, und
-dementsprechend äußert sich alles weibliche Mitleid in _körperlicher
-Annäherung_ an das bemitleidete Wesen, es ist tierische Zärtlichkeit,
-es muß streicheln und trösten. Wieder nur ein Beweis für das Fehlen
-jenes harten Striches, der stets zwischen Persönlichkeit und
-Persönlichkeit gezogen ist! Die Frau ehrt nicht den Schmerz des
-Nebenmenschen durch Schweigen, sie glaubt ihn durch Zureden aufheben
-zu können: so sehr fühlt sie sich mit ihm verbunden, als natürliches,
-nicht als geistiges Wesen. Und wo die Sexualität erloschen ist, dort
-fehlt auch jedes Mitleid: im alten Weib ist nie auch nur ein Funken
-jener angeblichen Güte mehr, und so liefert das Greisenalter der Frau
-den indirekten Beweis, wie all ihr Mitleid nur eine Form sexueller
-Verschmolzenheit war, _selbst_ wenn es auf ein gleichgeschlechtliches
-Wesen sich bezog.
-
-Das _verschmolzene_ Leben, eine der wichtigsten und am tiefsten
-führenden Tatsachen des weiblichen Daseins, ist auch der Grund der
-Rührseligkeit aller Frauen, jener gemeinen Willigkeit und Leichtigkeit
-und Schamlosigkeit des Tränenergusses. Nicht umsonst kennt man nur
-Klageweiber, und achtet einen in Gesellschaft weinenden Mann nicht sehr
-hoch. Wenn jemand weint, so weint die Frau mit, wie sie stets mitlacht,
-wenn ein anderer, außer über sie selbst, lacht: und damit ist ein guter
-Teil des weiblichen Mitleidens auch bereits erschöpft.
-
-Nur das Weib jammert so recht andere Menschen _an_, weint sie _an_
-und _verlangt_ ihr Mitleid. Hierin liegt einer der stärksten Beweise
-der psychischen Schamlosigkeit des Weibes. Die Frau provoziert das
-Mitleid der Fremden, um _mit diesen_ weinen und sich selbst so noch
-mehr bedauern zu können, als sie es bereits tat. Ja, es ist nicht
-zu viel behauptet, daß das Weib, auch wenn es allein weint, stets
-_mit_weine mit anderen, denen es in Gedanken sein Leid klagt, wodurch
-es selbst sehr heftig gerührt wird. »Mitleid mit sich selbst« ist eine
-eminent weibliche Eigenschaft: die Frau stellt sich zuerst in eine
-Reihe mit den anderen, _macht sich zum Objekt des Mitleidens anderer_,
-und beginnt nun, tief ergriffen, _mit_ ihnen über sich, »die Arme«,
-mitzuweinen. Aus diesem Grunde schämt sich der Mann vielleicht keiner
-anderen Regung so sehr, als wenn er sich auf einem Impuls zu diesem
-sogenannten »Mitleid mit sich selbst« ertappt, _in dem das Subjekt
-tatsächlich Objekt wird_.
-
-Das weibliche Mitleid, an das selbst _Schopenhauer_ geglaubt hat, ist
-ein Schluchzen und Heulen überhaupt, beim geringsten Anlaß, ohne die
-schwächste Bemühung, aus Scham die Regung zu unterdrücken; denn wie
-alles wahre Leiden, so müßte auch wahres Mitleiden, sofern es eben
-wirklich Leiden wäre, schamhaft sein; ja kein Leid kann so schamhaft
-sein wie das Mitleid und die Liebe, weil diese beiden am stärksten
-die unübersteigbaren _Grenzen_ jeder Individualität zum _Bewußtsein_
-bringen. Von der Liebe und ihrer Schamhaftigkeit kann erst später
-gehandelt werden; im _Mitleid_ aber, im echten männlichen Mitleiden,
-liegt immer Beschämung, Schuldbewußtsein, weil es mir nicht so schlecht
-geht wie diesem, weil ich nicht er, sondern ein von ihm, auch durch
-äußerliche Umstände, _getrenntes_ Wesen bin. _Das männliche Mitleid ist
-das über sich selbst errötende principium individuationis; darum ist
-alles weibliche Mitleid zudringlich, das männliche versteckt sich._
-
-Was es mit der Schamhaftigkeit der Frauen für eine Bewandtnis habe, das
-ist hierin zum Teil schon ausgesprochen; zum Teil kann es ebenfalls
-erst später, mit dem Thema der Hysterie zusammen, abgehandelt werden.
-Wie man angesichts des naiven Eifers, mit dem alle Frauen, wo die
-gesellschaftliche Konvention es nur gestattet, ihre Decolletage
-betreiben, noch an einer angeborenen inneren Schamhaftigkeit als
-der Tugend des weiblichen Geschlechtes festhalten könne, ist nicht
-einzusehen: man _ist_ entweder schamhaft oder man _ist_ es nicht,
-und das ist keine Schamhaftigkeit, die man in gewissen Augenblicken
-regelmäßig spazieren schickt.
-
-Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen (und ein Hinweis
-darauf, _woher_ die Forderung der Schamhaftigkeit wohl eigentlich
-stammen mag, welcher die Frauen äußerlich oft so peinlich nachkommen)
-liegt jedoch darin, daß Frauen untereinander sich immer ungescheut
-völlig entblößen, während Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu
-bedecken suchen. Wenn Frauen allein sind, werden eifrige Vergleiche
-zwischen den körperlichen Reizen der einzelnen angestellt, und oft alle
-Anwesenden einer genauen und eingehenden Visitierung unterzogen, die
-nicht ohne Lüsternheit erfolgt, weil stets der Wert, den der Mann auf
-diesen oder jenen Vorzug legen werde, unbewußt der Hauptgesichtspunkt
-bleibt. Der einzelne Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des
-zweiten Mannes, während jede Frau auch die andere Frau in Gedanken
-stets entkleidet, und eben hiedurch die allgemeine interindividuelle
-Schamlosigkeit des Geschlechtes beweist. Dem Manne ist es peinlich und
-unangenehm, sich die Sexualität seines Nebenmannes zu vergegenwärtigen;
-die Frau sucht sofort in Gedanken die geschlechtlichen Beziehungen
-auf, in denen eine zweite Frau stehen mag, sobald sie diese nur
-kennen lernt; ja sie wertet die andere immer ausschließlich nach dem
-»Verhältnis«.
-
-Ich komme hierauf noch sehr ausführlich zurück; indessen trifft die
-Darstellung nun zum ersten Male mit jenem Punkte wieder zusammen, der
-im zweiten Kapitel dieses Teiles besprochen wurde. Wessen man sich
-schämt, dessen muß man sich _bewußt_ sein, und wie zur Bewußtheit,
-so ist auch zum Schamgefühl stets Differenzierung vonnöten. Die
-Frau, die nur sexuell ist, kann _asexuell zu sein scheinen, weil sie
-die Sexualität selbst ist_, und hier nicht die Geschlechtlichkeit
-körperlich und psychisch, räumlich und zeitlich sich _abhebt_ wie
-beim Manne; die Frau, die stets schamlos ist, kann den Eindruck der
-Schamhaftigkeit machen, _weil es bei ihr keine Scham zu verletzen
-gibt_. Und so ist die Frau auch nie nackt oder stets nackt, wie man es
-haben will: nie nackt, weil sie nie zum echten Gefühle einer Nacktheit
-wirklich gelangt; stets nackt, weil ihr eben das andere fehlt, das
-vorhanden sein müßte, um ihr je zum _Bewußtsein_ zu bringen, daß sie
-(objektiv) nackt ist, und so ein innerer Impuls zur Bedeckung werden
-könnte. Daß man auch unter Kleidern nackt sein kann, ist freilich
-etwas, das blödem Blicke nicht einleuchtet, aber es wäre ein schlimmes
-Zeugnis, das ein Psychologe sich ausstellte, wenn er aus der Tatsache
-des Gewandes schon auf den geringsten Mangel an Nacktheit schließen
-wollte. Und eine Frau ist objektiv stets nackt, selbst unter der
-Krinoline und dem Mieder.[40]
-
-Dies alles hängt damit zusammen, was das Wort Ich für die Frau denn
-eigentlich immer bedeutet. Wenn man eine Frau fragt, was sie unter
-ihrem Ich verstehe, so vermag sie nichts anderes sich darunter
-vorzustellen als ihren Körper. Ihr _Äußeres_, das ist das Ich der
-Frauen. _Machs_ »Zeichnung des Ich« in seinen »Antimetaphysischen
-Vorbemerkungen« stellt also ganz richtig das Ich des vollkommenen
-Weibes dar. Wenn E. _Krause_ sagt, die Selbstanschauung Ich sei
-ohne weiteres ausführbar, so ist das nicht so ganz lächerlich, wie
-_Mach_ unter der Zustimmung vieler anderer glaubt, denen gerade diese
-»scherzhafte Illustration des philosophischen ‚Viel Lärm um nichts’« in
-den Büchern _Machs_ am besten gefallen zu haben scheint.
-
-Das Ich der Frauen begründet auch die spezifische Eitelkeit der Frauen.
-Männliche Eitelkeit ist eine Emanation des _Willens zum Wert_, und
-ihre _objektive_ Äußerungsform, _Empfindlichkeit_, das Bedürfnis, die
-Erreichbarkeit des Wertes von niemand in Frage gestellt zu sehen.
-Was dem Manne Wert und Zeitlosigkeit gibt, ist einzig und allein
-_Persönlichkeit_. Dieser höchste _Wert_, der nicht ein _Preis_ ist,
-weil an seine Stelle, nach den Worten _Kant_ens, nicht »auch etwas
-anderes als _Äquivalent_ gesetzt werden« kann, sondern der »über
-allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet«, ist die
-_Würde_ des Mannes. Die Frauen haben, trotz _Schiller_, keine Würde
--- die _Dame_ wurde ja nur erfunden, um diesen Mangel auszufüllen --
-und ihre Eitelkeit wird sich danach richten, was ihnen ihr höchster
-Wert ist; das heißt, sie wird auf die Festhaltung, Steigerung und
-Anerkennung körperlicher Schönheit gehen. Die Eitelkeit von W
-ist somit einerseits ein gewisses, nur ihr eigenes, selbst dem
-(männlich) schönsten Manne[41] _fremdes_ Behagen am eigenen Leibe:
-eine Freude, die sich, selbst beim häßlichsten Mädchen, sowohl bei der
-Selbstbetastung, als bei der Selbstbetrachtung im Spiegel, als auch
-bei vielen Organempfindungen einzustellen scheint; aber schon hier
-macht sich mit voller Stärke und mit dem erregendsten Vorgefühl der
-Gedanke an den Mann geltend, dem diese Reize einst gehören sollen,
-und beweist wiederum, wie das Weib zwar allein, aber nie einsam sein
-kann. Anderseits also ist die weibliche Eitelkeit Bedürfnis, den Körper
-bewundert oder vielmehr _begehrt, vom sexuell erregten Manne begehrt_
-zu fühlen.
-
-Dieses Bedürfnis ist so stark, daß es wirklich viele Weiber gibt, denen
-diese Bewunderung, begehrlich von seiten des Mannes, neiderfüllt von
-seiten der Geschlechtsgenossinnen, zum Leben vollkommen genügt; sie
-kommen damit aus, andere Bedürfnisse haben sie kaum.
-
-Die weibliche Eitelkeit ist also stete Rücksicht auf andere,
-_die Frauen leben nur im Gedanken an die anderen_. Und auch die
-Empfindlichkeit des Weibes bezieht sich auf diesen nämlichen Punkt.
-Nie wird eine Frau vergessen, daß ein anderer sie häßlich gefunden
-hat; allein nämlich findet ein Weib sich _nie_ häßlich, sondern stets
-nur _minderwertig_, und auch das nur, indem es an die Triumphe denkt,
-welche andere Frauen bei den Männern über sie davon getragen haben. Es
-gibt kein Weib, das sich nicht noch schön und begehrenswert fände, wenn
-es sich im Spiegel betrachtet; der Frau wird nie, gleich dem Manne,
-eigene Häßlichkeit zur schmerzvollen Realität, sondern sie sucht bis
-ans Ende sich und die anderen darüber hinwegzutäuschen.
-
-Woher kann nun die weibliche Art der Eitelkeit einzig stammen? Sie
-fällt zusammen mit dem Mangel des intelligiblen Ich, _des stets und
-absolut positiv Bewerteten_, sie erklärt sich aus dem Fehlen eines
-_Eigenwertes_. Da sie keinen _Eigenwert_ für sich selbst und vor sich
-selbst haben, trachten sie Objekt der Wertung anderer zu werden, durch
-Begehrung und Bewunderung von deren Seite, einen Wert für Fremde, vor
-Fremden zu gewinnen. Das einzige, was absoluten, unendlichen Wert auf
-der Welt hat, ist Seele. »Ihr seid besser denn viele Sperlinge« hat
-darum Christus die Menschen wieder gelehrt. Die Frau indessen wertet
-sich nicht danach, wie weit sie ihrer Persönlichkeit treu, wie weit
-sie frei gewesen ist; jedes Wesen aber, das ein Ich besitzt, kann sich
-nur so und nicht anders werten. Wenn also die echte Frau, wie dies
-ganz ohne Zweifel wirklich zutrifft, sich selbst immer und ausnahmslos
-stets nur so hoch einschätzt, wie den Mann, der sie gewählt hat; wenn
-sie nur durch den Gatten oder Geliebten Wert erhält und eben darum
-nicht nur sozial und materiell, sondern ihrer tiefsten Wesenheit
-nach auf die Ehe gestellt ist: _so kann sie eben keinen Wert an sich
-selbst besitzen_, es _fehlt_ ihr _der Eigenwert der menschlichen
-Persönlichkeit_. Die Frauen leiten ihren Wert immer von anderen Dingen
-ab, von ihrem Geld und Gut, der Zahl und Pracht ihrer Kleider, dem Rang
-ihrer Loge im Theater, von ihren Kindern, vor allem aber von ihrem
-Bewunderer, von ihrem Manne; und worauf sich eine Frau im Streit mit
-der anderen immer zuletzt beruft, und womit sie die andere wirklich am
-tiefsten zu treffen und am sichersten zu demütigen weiß, das ist die
-soziale Stellung, der Reichtum, das Ansehen und die Titel, aber auch
-die Jugendfrische und die vielen Verehrerinnen ihres Mannes; während
-es einem Manne, und zwar in erster Linie von ihm selbst, zur höchsten
-Schande angerechnet wird, wenn er sich auf irgend ein Fremdes beruft,
-und nicht _seinen Wert $an sich$ verteidigt_ gegen alle Angriffe auf
-denselben.
-
-Dafür, daß W keine Seele hat, ist Folgendes ein weiterer Beweis.
-Während (ganz nach _Goethes_ bekanntem Rezept) W durch Nichtbeachtung
-von seiten des Mannes ungemein gereizt wird, auch auf ihn Eindruck zu
-machen -- liegt doch der ganze Sinn und Wert ihres Lebens nur in dieser
-Fähigkeit -- wird für M das Weib, das ihn unfreundlich und unhöflich
-behandelt, eo ipso schon antipathisch. Nichts macht M so glücklich,
-als wenn ihn ein Mädchen liebt; selbst wenn sie ihn nicht von Anbeginn
-gefesselt hat, ist dann die Gefahr, Feuer zu fangen, für ihn sehr
-groß. Für W ist die Liebe eines Mannes, der ihr nicht gefällt, nur eine
-Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder eine Beunruhigung und Aufscheuchung
-schlummernder Wünsche. Die Frau erhebt stets gleichmäßig einen Anspruch
-auf alle Männer, die es auf der Welt gibt. Ähnliches gilt auch von
-freundschaftlicher Zuneigung innerhalb desselben Geschlechtes, in der
-ja doch immer etwas Sexualität steckt.
-
-Das Verhalten der empirisch allein gegebenen Zwischenstufen ist in
-solchem Falle nach ihrer Stellung zwischen M und W besonders zu
-bestimmen. Also, um auch in diesem Teile ein Beispiel für eine solche
-Anwendung zu geben: während _jedes Lächeln_ auf dem Munde eines
-Mädchens M leicht entzückt und entflammt, beachten weibliche Männer
-wirklich oft nur solche Weiber und Männer, die sich um sie nicht
-kümmern, fast ganz wie W einen Bewunderer, dessen sie sicher zu sein
-glaubt, der ihren Eigenwert also nicht mehr steigern kann, sofort
-stehen läßt. Weshalb ja die Frauen auch nur der Mann anzieht und sie
-auch nur dem Manne in der Ehe treu bleiben, der noch bei anderen Frauen
-Glück hat als bei ihnen: denn _sie_ können _ihm_ keinen neuen Wert
-geben und ihr Urteil dem aller anderen _entgegen_setzen. Beim echten
-Manne verhält es sich gerade verkehrt.
-
-Die Schamlosigkeit wie die Herzlosigkeit des Weibes kommt darin zum
-Ausdruck, _daß_ es, und _wie_ es davon sprechen kann, daß es geliebt
-wird. Der Mann fühlt sich beschämt, wenn er geliebt wird, weil er
-damit beschenkt, passiv, gefesselt, statt Geber, aktiv, frei ist, und
-weil er weiß, daß er als Ganzes Liebe nie vollständig verdient; und
-über nichts wird er denn so tief schweigen wie hierüber, auch wenn
-er zu dem Mädchen selbst nicht in ein intimeres Verhältnis getreten
-ist, so daß er fürchten müßte, sie durch hierauf bezügliche Äußerungen
-bloßzustellen. Das Weib _rühmt_ sich dessen, daß es geliebt wird, es
-prahlt damit vor anderen Frauen, um von diesen beneidet zu werden.
-Die Frau empfindet die Neigung eines Menschen zu ihr nicht, wie der
-Mann, als eine Schätzung ihres _wirklichen_ Wertes, als ein tieferes
-_Verständnis_ für ihr Wesen; sondern sie empfindet diese Neigung als
-die _Verleihung_ eines Wertes, den sie sonst nicht hätte, als die Gabe
-einer Existenz und einer Essenz, _die ihr hiemit erst_ wird, und mit
-welcher sie vor anderen sich legitimiert.
-
-_Daraus_ erklärt sich auch das unglaubliche, einem früheren Abschnitt
-Problem gewordene _Gedächtnis_ der Frauen für _Komplimente_, selbst
-wenn ihnen diese in frühester Jugend gemacht wurden. Durch Komplimente
-nämlich _erhalten_ sie erst _Wert_, und _darum verlangen_ die Frauen
-vom Manne, daß er »_galant_« sei. Die Galanterie ist die billigste Form
-der Veräußerung von Wert an die Frau, und so wenig sie den Mann kostet,
-so schwer wiegt sie für das Weib, das eine Huldigung _nie_ vergißt,
-und bis ins späteste Alter von den fadesten Schmeicheleien zehrt. Man
-erinnert sich nur an das, was für den Menschen einen Wert besitzt;
-und wenn dem so ist, mag man erwägen, _was_ es besagt, daß die Frauen
-gerade für Komplimente das ausgesuchteste Gedächtnis besitzen. Sie sind
-etwas, das den Frauen Wert nur darum verleihen kann, weil diese keinen
-urwüchsigen Maßstab des Wertes kennen, keinen absoluten Wert in sich
-fühlen, der alles verschmäht außer sich selbst. Und so liefert selbst
-das Phänomen der Courtoisie, der »Ritterlichkeit«, den Beweis, daß
-die Frauen keine Seele besitzen, ja, daß der Mann gerade dann, wenn
-er gegen das Weib galant ist, ihm am wenigsten Seele, am wenigsten
-_Eigenwert_ zuschreibt, und es am tiefsten _gerade dort mißachtet und
-herabwürdigt_, wo es selbst _am höchsten sich gehoben_ fühlt. -- --
-
-Wie amoralisch das Weib ist, kann man daraus ersehen, daß ihm sofort
-entschwindet, was es Unsittliches getan hat; und daß es vom Manne, wenn
-dieser die Erziehung des Weibes sich angelegen sein läßt, immer wieder
-daran erinnert werden muß: dann allerdings kann es momentan vermöge
-der eigentümlichen Art der weiblichen Verlogenheit wirklich einzusehen
-glauben, daß es ein Unrecht begangen habe, und so sich und den Mann
-täuschen. Der Mann dagegen hat für nichts ein so tiefes Gedächtnis, wie
-für die Punkte, in denen er schuldig geworden ist. Hier offenbart sich
-das Gedächtnis wiederum als ein eminent moralisches Phänomen. Vergeben
-und Vergessen, nicht Vergeben und Verstehen, sind eines. _Wer sich
-der Lüge erinnert, wirft sie sich auch vor._ Daß das Weib sich seine
-Gemeinheit nicht verübelt, kommt damit überein, daß es sich ihrer _nie
-wirklich bewußt wird_ -- hat es doch kein Verhältnis zur sittlichen
-Idee -- und sie _vergißt_. Darum ist es ganz begreiflich, wenn es sie
-_leugnet_. Man hält die Frauen, weil bei ihnen das Ethische gar nicht
-_problematisch_ wird, törichterweise für _unschuldig_, ja man hält sie
-für sittlicher als den Mann: es kommt das aber nur daher, daß sie noch
-gar nicht wissen, was unsittlich ist. Denn auch die Unschuld des Kindes
-kann kein Verdienst sein, nur die Unschuld des Greises wäre eines --
-und die gibt es nicht.
-
-Aber auch die Selbstbeobachtung ist ein durchaus Männliches -- auf
-eine scheinbare Ausnahme, die hysterische Selbstbeobachtung mancher
-Frauen, kann hier noch nicht eingegangen werden -- ebenso wie das
-Schuldbewußtsein, die Reue; die Kasteiungen, die Frauen an sich
-vornehmen, diese merkwürdigen Imitationen eines echten Schuldgefühles,
-werden am gleichen Orte wie die weibliche Form der Selbstbeobachtung
-zur Sprache kommen. _Das Subjekt der Selbstbeobachtung nämlich ist
-identisch mit dem moralisierenden: es faßt die psychischen Phänomene
-nur auf, indem es sie einschätzt._
-
-Es ist ganz in der Ordnung und liegt nur auf der Linie des
-Positivismus, wenn _Auguste Comte_ die Selbstbeobachtung für in sich
-widerspruchsvoll erklärt und sie eine »abgründliche Absurdität«
-nennt. Es ist ja klar, folgt aus der Enge des Bewußtseins und bedarf
-kaum einer besonderen Hervorhebung, daß nicht zu _gleicher_ Zeit ein
-psychisches Geschehnis und noch eine besondere Wahrnehmung desselben
-dasein könne: erst an das »primäre« Erinnerungsbild (_Jodl_) knüpft
-sich die Beobachtung und Wertung; es ist ein Urteil über eine Art
-Nachbild, das vollzogen wird. Aber innerhalb lauter _gleichwertiger
-Phänomene_ könnte nie eines zum Objekte gemacht und bejaht oder
-verneint werden, wie dies in aller Selbstbeobachtung geschieht. Was
-hier alle Inhalte betrachtet, beurteilt und wertet, kann nicht in den
-Inhalten selbst, als ein Inhalt unter anderen, gelegen sein. Es ist
-das zeitlose Ich, das die Vergangenheit zurechnet wie die Gegenwart,
-das jene »Einheit des Selbstbewußtseins«, jenes kontinuierliche
-Gedächtnis erst schafft, welches der Frau abgeht. Denn nicht das
-Gedächtnis, wie _Mill_, oder die Kontinuität, wie _Mach_ vermutet,
-bringen den Glauben an ein Ich hervor, das außer diesen keine Existenz
-habe, sondern gerade umgekehrt wird Gedächtnis und Kontinuität, wie
-Pietät und Unsterblichkeitsbedürfnis, aus dem Werte des Ich heraus
-erzeugt, von dessen Inhalten nichts Funktion der Zeit sein, nichts der
-Vernichtung soll anheimgegeben werden dürfen.[42]
-
-Hätte das Weib Eigenwert und den Willen, einen solchen gegen alle
-Anfechtung zu behaupten, hätte es auch nur das _Bedürfnis_ nach
-_Selbstachtung_, so könnte es nicht _neidisch_ sein. Wahrscheinlich
-sind alle Frauen neidisch; der Neid aber ist eine Eigenschaft, welche
-nur dort sein kann, wo jene Voraussetzungen fehlen. Auch der Neid der
-Mütter, wenn die Töchter anderer Frauen eher heiraten als ihre eigenen,
-ist ein Symptom echter Gemeinheit, und setzt, wie übrigens aller Neid,
-einen völligen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl voraus. In der Idee der
-_Gerechtigkeit_, welche in der Anwendung der Idee der Wahrheit auf das
-Praktische besteht, berühren sich Logik und Ethik ebenso eng wie im
-theoretischen Wahrheitswerte selbst.
-
-Ohne Gerechtigkeit keine Gesellschaft; der Neid hingegen ist _die_
-absolut unsoziale Eigenschaft. Das Weib ist wirklich auch vollkommen
-_unsozial_; und wenn früher mit Recht alle Gesellschaftsbildung an den
-Besitz einer Individualität geknüpft wurde, so liegt hier die Probe
-darauf vor. Für den Staat, für Politik, für gesellige Gemütlichkeit
-hat die Frau keinen Sinn, und weibliche Vereine, in welche Männer
-keinen Zutritt erhalten, pflegen nach kurzer Zeit sich aufzulösen.
-Die Familie endlich ist geradezu _das_ unsoziale, und keineswegs
-ein soziales Gebilde; Männer, die heiraten, ziehen sich damit schon
-auch aus den Gesellschaften, denen sie bis dahin als Mitglieder und
-Teilnehmer angehörten, zurück. Dies hatte ich geschrieben, bevor
-die wertvollen ethnologischen Forschungen von _Heinrich Schurtz_
-veröffentlicht wurden, die an der Hand eines reichen Materiales dartun,
-daß in den _Männerbünden_ und nicht in der Familie die Anfänge der
-Gesellschaftsbildung zu suchen seien.
-
-_Pascal_ hat wunderbar ausgeführt, wie Gesellschaft vom Menschen nur
-gesucht wird, weil dieser die Einsamkeit nicht ertragen, sondern sich
-selbst vergessen will: auch hier sieht man die vollkommene Kongruenz
-zwischen der früheren Position, durch welche der Frau die Fähigkeit
-zur Einsamkeit abgesprochen wurde, und der jetzigen, welche ihre
-Ungeselligkeit behauptet.
-
-Hätte die Frau ein Ich, so hätte sie auch einen Sinn für das Eigentum,
-bei sich wie bei anderen. Der Stehltrieb ist aber bei den Frauen viel
-entwickelter als bei den Männern: die sogenannten Kleptomanen (Diebe
-_ohne Not_) sind beinahe ausschließlich Frauen. Denn das Weib hat wohl
-Verständnis für Macht und für Reichtum, aber nicht für das Eigentum.
-Auch pflegen die kleptomanen Frauen, wenn sie ihrer Diebstähle
-überführt werden, sich damit zu verantworten, daß sie angeben, es sei
-ihnen vorgekommen, als hätte ihnen alles gehört. In Leihbibliotheken
-sieht man hauptsächlich Frauen aus- und eingehen, und zwar auch solche,
-die begütert genug wären, mehrere Büchereien zu kaufen; aber es fehlt
-ihnen eine größere Innigkeit des Verhältnisses zu allem, was ihnen
-gehört, als zu allem, das sie nur entlehnt haben. Auch hier sieht
-man den Zusammenhang zwischen Individualität und Sozialität deutlich
-hervorleuchten: wie man selbst Persönlichkeit haben muß, um fremde
-Persönlichkeit aufzufassen, so muß der Sinn auf Erwerbung eigenen
-Besitzes gerichtet sein, wenn fremde Habe nicht berührt werden soll.
-
-Inniger noch als das Eigentum ist der _Name_ und ein herzliches
-_Verhältnis_ zu ihrem Namen mit jeder _Persönlichkeit_ notwendig
-gegeben. Und hier sprechen die Tatsachen so laut, daß man sich wundern
-muß, wie wenig diese Sprache im allgemeinen vernommen wird. Die
-Frauen sind nämlich durch _gar kein_ Band mit ihrem Namen verknüpft.
-_Beweisend_ hiefür ist allein schon, daß sie ihren Namen aufgeben
-und den des Mannes annehmen, den sie heiraten, ja diesen Schritt der
-Namensänderung an sich nie als bedeutsam empfinden, um den alten Namen
-nicht eine Sekunde trauern, sondern leichten Sinnes den des Mannes
-annehmen; wie an den Mann nicht ohne tiefen in der Natur des Weibes
-gelegenen Grund (bis vor kurzem wenigstens) meist auch das Eigentum
-der Frau übergegangen ist. Es ist auch nichts davon zu merken, daß
-speziell jene Trennung sie einen Kampf kostete; im Gegenteil, schon
-vom Liebhaber und Kurmacher lassen sie sich den Namen geben, der _ihm_
-gefällt. Und selbst wenn sie einem ungeliebten Mann und diesem nur mit
-großem Widerstreben in die Ehe folgen, es hat noch nie eine Frau gerade
-darüber sich beklagt, daß sie von ihrem Namen habe Abschied nehmen
-müssen, es läßt ihn jede und scheidet von ihm, ohne die geringste
-Pietät dafür zu verraten, daß _sie_ ehemals so hieß. Im allgemeinen
-wird vielmehr die eigene Neubenennung bereits vom Liebenden ebenso
-_gefordert_, wie der neue Familienname des Ehegatten ungeduldig, schon
-der Neuheit wegen, _erwartet_. Der Name aber ist gedacht als ein Symbol
-der Individualität; nur bei den allertiefst stehenden Rassen der Erde,
-wie bei den Buschmännern Südafrikas, soll es keine Personennamen geben,
-weil das natürliche Unterscheidungsbedürfnis der Menschen voneinander
-nicht so weit reicht. Das Weib, das im Grund _namenlos_ ist[43], ist
-dies, weil es, seiner Idee nach, keine _Persönlichkeit_ besitzt.
-
-Damit hängt endlich noch die wichtige Beobachtung zusammen, welche zu
-machen man nie verfehlen wird, sobald man einmal aufmerksam geworden
-ist. Wenn in einen Raum, in dem ein Weib sich befindet, ein Mann tritt
-und sie ihn erblickt, seinen Schritt hört oder seine Anwesenheit auch
-nur ahnt, _so wird sie sofort eine ganz andere_. Ihre Miene, ihre
-Bewegungen ändern sich mit unglaublicher Plötzlichkeit. Sie »richtet
-ihre Frisur«, zieht ihre Röcke zusammen und hebt sie, oder macht sich
-an ihrem Kleide zu schaffen, in ihr ganzes Wesen kommt eine halb
-schamlose, halb ängstliche Erwartung. Man kann im Einzelfalle oft nur
-darüber noch im Zweifel sein, ob sie mehr errötet über ihr schamloses
-Lächeln, oder mehr schamlos lächelt über ihr Erröten.
-
-Seele, Persönlichkeit, Charakter ist aber -- hierin liegt eine
-unendlich tiefe, bleibende Einsicht _Schopenhauers_ -- identisch mit
-dem freien _Willen_ oder es deckt sich wenigstens der Wille mit dem Ich
-insofern, als dieses in Relation zum Absoluten gedacht ist. Und fehlt
-den Frauen das Ich, so können sie auch keinen Willen besitzen. Nur wer
-keinen eigenen Willen, keinen Charakter in höherem Sinne hat, bleibt,
-schon durch die bloße Gegenwart eines zweiten Menschen, so leicht
-_beeinflußbar_, wie das Weib es ist, in funktioneller _Abhängigkeit_
-von dieser, statt in freier _Auffassung_ derselben. _Sie_ ist das
-beste Medium, $M$ ihr bester Hypnotiseur. Aus diesem Grunde allein ist
-unerfindlich, warum die Frauen gerade als Ärztinnen besonders viel
-taugen sollen; da doch einsichtigere Mediziner selbst zugeben, daß der
-Hauptteil dessen, was sie bis heute -- und so wird es wohl bleiben --
-zu leisten vermögen, in der suggestiven Einwirkung auf den Kranken
-besteht.
-
-Schon in der ganzen Tierreihe ist W stets leichter hypnotisierbar als
-M. Und wie die hypnotischen Phänomene doch mit den alltäglichsten in
-einer nahen Verwandtschaft stehen, erhellt aus dem Folgenden: Wie
-leicht wird nicht (ich habe schon gelegentlich der Frage des weiblichen
-Mitleids darauf hingewiesen) W durch Lachen oder Weinen »angesteckt«!
-Wie imponiert ihr nicht alles, was in der Zeitung steht, wie leicht
-fällt sie nicht dem dümmsten Aberglauben zum Opfer, wie probiert sie
-nicht sofort jedes Wundermittel, das ihr eine Nachbarin empfohlen hat!
-
-Wem ein Charakter fehlt, dem gebricht es auch an Überzeugungen.
-Darum ist W leichtgläubig, unkritisch, ganz ohne Verständnis für den
-Protestantismus. Dennoch hat man, so sicher ein jeder Christ schon als
-Katholik _oder_ als Protestant vor der Taufe _auf die Welt kommt_,
-kein Recht, den Katholizismus darum als weiblich anzusehen, weil er den
-Frauen noch immer eher zugänglich ist, als der Protestantismus. Hier
-wäre ein anderer charakterologischer Einteilungsgrund in Betracht zu
-ziehen, dessen Erörterung nicht Sache dieser Schrift sein kann. -- --
-
-So ist denn ein ganz umfassender Nachweis geführt, daß W seelenlos
-ist, daß es kein Ich und keine Individualität, keine Persönlichkeit
-und keine Freiheit, keinen Charakter und keinen Willen hat. _Dieses
-Resultat ist aber für alle Psychologie von kaum zu überschätzender
-Wichtigkeit._ Es besagt nicht weniger, als _daß die Psychologie von M
-und die Psychologie von W getrennt zu behandeln sind. Für W scheint
-eine rein empirische Darstellung des psychischen Lebens möglich, für M
-muß jede Psychologie nach dem Ich als dem obersten Giebel des Gebäudes
-in der Weise tendieren, wie Kant dies als notwendig eingesehen hatte._
-
-Die _Hume_sche (und _Mach_sche) Ansicht, nach welcher es nur
-»~impressions~« und »~thoughts~« (A B C .... und α β γ ...) gibt, und
-die heute allgemein zur Verbannung der Psyche aus der Psychologie
-geführt hat, erklärt nicht nur, daß die ganze Welt ausschließlich
-unter dem Bilde eines Winkelspiegels, als ein Kaleidoskop zu verstehen
-sei; sie macht nicht nur alles zu einem Tanz der »Elemente«, sinnlos,
-grundlos; sie vernichtet nicht nur die Möglichkeit, einen festen
-Standpunkt für das Denken zu gewinnen, sie zerstört nicht nur den
-Wahrheitsbegriff und damit eben die Wirklichkeit, deren Philosophie sie
-einzig zu sein beansprucht: sie trägt auch die Hauptschuld an dem Elend
-der heutigen Psychologie.
-
-Diese heutige Psychologie nennt sich mit Stolz die »_Psychologie ohne
-Seele_«, nach dem ersten, der dies Wort ausgesprochen hat, nach dem
-vielüberschätzten Friedrich Albert _Lange_. Diese Untersuchung glaubt
-gezeigt zu haben, daß ohne die Annahme einer Seele den psychischen
-Erscheinungen gegenüber kein Auskommen zu finden ist: sowohl an den
-Phänomenen von M, dem eine Seele zuerkannt werden muß, als auch an
-den Phänomenen von W, die seelenlos ist. Unsere heutige Psychologie
-ist eine eminent weibliche Psychologie, und gerade darum ist die
-vergleichende Untersuchung der Geschlechter so besonders lehrreich,
-nicht zuletzt darum habe ich sie mit dieser Gründlichkeit ausgeführt;
-denn hier am ehesten kann offenbar werden, was zur Annahme des
-Ich nötigt, und wie die Konfusion von männlichem und weiblichem
-Seelenleben (im weitesten und tiefsten Sinne), bei dem Bestreben, eine
-Allgemeinpsychologie zu schaffen, als der Faktor angesehen werden darf,
-der am weitesten in die Irre geführt hat, wenn er auch (ja gerade
-_weil_ er) gar nicht _bewußt_ zur Geltung gebracht worden ist.
-
-Freilich erhebt sich nun die Frage, _ist von M überhaupt Psychologie
-$als Wissenschaft$ möglich? Und hierauf ist vorderhand mit Nein zu
-antworten._ Ich muß wohl darauf gefaßt sein, an die Untersuchungen der
-Experimentatoren verwiesen zu werden, und auch wer in dem allgemeinen
-Experimentalrausch nüchterner geblieben ist, wird vielleicht verwundert
-fragen, ob diese denn gar nicht zählten. Aber die experimentelle
-Psychologie hat nicht nur keinen einzigen Aufschluß über die tieferen
-Gründe des männlichen Seelenlebens gegeben; nicht nur kann niemand
-an eine mehr als sporadische Erwähnung, geschweige denn an eine
-systematische Verarbeitung dieser ungeheueren Zahl von Versuchsreihen
-denken: sondern vor allem ist, wie gezeigt wurde, ihre _Methode_, außen
-anzufangen und von da in den Kern hineinzudringen, verfehlt; und darum
-hat sie auch nicht _eine_ Aufklärung über den tieferen innerlichen
-Zusammenhang der psychischen Phänomene gebracht. Die psychophysische
-Maßlehre hat überdies gerade gezeigt, wie das eigentliche Wesen der
-psychischen im Gegensatz zu den physischen Phänomenen darin besteht,
-daß die Funktionen, durch welche ihr Zusammenhang und ihr Übergehen
-ineinander allenfalls darstellbar wäre, auch im besten Falle _unstetig_
-und darum _nicht differenzierbar_ geraten müßten. Mit der Stetigkeit
-ist aber auch die prinzipielle Möglichkeit der Erreichbarkeit des
-unbedingt mathematischen Ideales aller Wissenschaft dahin. Wem übrigens
-klar ist, daß Raum und Zeit nur durch die Psyche geschaffen werden, der
-wird nicht von Geometrie und Arithmetik erwarten, daß sie je ihren
-Schöpfer erschöpfen könnten.
-
-Es gibt keine wissenschaftliche Psychologie vom Manne; denn im Wesen
-aller Psychologie liegt es, das Unableitbare ableiten zu wollen, ihr
-endliches Ziel müßte, deutlicher gesprochen, dieses sein, _jedem
-Menschen seine Existenz und Essenz zu beweisen, zu deduzieren_.
-Dann wäre aber jeder Mensch, auch seinem tiefsten Wesen nach, Folge
-eines Grundes, determiniert und kein Mensch dem anderen mehr, als
-einem Mitgliede eines Reiches der Freiheit und des unendlichen
-Wertes, Achtung schuldig: _im Augenblick, wo ich völlig deduziert,
-völlig subsumiert werden könnte, hätte ich allen $Wert$ verloren_,
-und wäre eben _seelenlos_. Mit der _Freiheit_ des _Wollens_ wie des
-_Denkens_ (denn diese muß man zu jener hinzufügen) ist die Annahme der
-durchgängigen Bestimmtheit unverträglich, mit welcher alle Psychologie
-ihr Geschäft beginnt. Wer darum an ein freies Subjekt glaubte, wie
-_Kant_ und _Schopenhauer_, der mußte die Möglichkeit der Psychologie
-als Wissenschaft leugnen; wer an die Psychologie glaubte, für den
-konnte die Freiheit des Subjektes auch nicht eine Denkmöglichkeit mehr
-bleiben: so wenig für _Hume_ als für _Herbart_ (die zwei Begründer der
-modernen Psychologie).
-
-Aus diesem Dilemma erklärt sich der traurige Stand der heutigen
-Psychologie in allen ihren Prinzipienfragen. Jene Bemühungen, den
-_Willen_ aus der Psychologie hinauszuschaffen, jene immer wiederholten
-Versuche, ihn aus Empfindung und Gefühl abzuleiten, haben eigentlich
-ganz recht darin, daß der Wille kein _empirisches_ Faktum ist. Der
-Wille ist in der Erfahrung nirgends aufzutreiben und nachzuweisen, weil
-er selbst die Voraussetzung jedes empirisch-psychologischen Datums ist.
-Versuche einer, der am Morgen gern lange schläft, sich in dem Momente
-zu beobachten, da er den Entschluß faßt, sich vom Bette zu erheben. _Im
-Entschlusse liegt_ (wie in der Aufmerksamkeit) _das ganze ungeteilte
-Ich_, und darum fehlt die Zweiheit, die notwendig wäre, um den Willen
-wahrzunehmen. Ebensowenig wie das Wollen ist das _Denken_ ein Faktum,
-das man in den Händen behielte, wenn man wissenschaftliche Psychologie
-treibt. Denken ist urteilen, aber was ist das Urteil für die innere
-Wahrnehmung? Nichts, es ist ein ganz Fremdes, das zu aller Rezeptivität
-hinzukommt, aus den Bausteinen, welche die psychologischen Fasolte und
-Fafners herbeigeschleppt haben, nicht abzuleiten: jeder neue Urteilsakt
-vernichtet von neuem die mühselige Arbeit der Empfindungsatomisten.
-Ebenso ist's mit dem _Begriff_. Kein Mensch denkt Begriffe, und doch
-gibt es Begriffe, wie es Urteile gibt. Und am Ende sind auch _Wundts_
-Gegner vollständig im Rechte damit, daß die _Apperzeption_ kein
-empirisch-psychologisches Faktum, und kein irgendwann wahrnehmbarer
-Akt ist. Freilich ist Wundt tiefer als seine Bekämpfer -- nur die
-allerflachsten Gesellen können Assoziationspsychologen sein -- und es
-ist auch sicherlich begründet, wenn er die Apperzeption mit dem Willen
-und der Aufmerksamkeit zusammenbringt. Aber sie ist so wenig eine
-Tatsache der Erfahrung wie eben diese, so wenig wie Urteil und Begriff.
-Wenn trotzdem alle diese Dinge, wenn Denken und Wollen da sind, nicht
-hinauszubringen, und jeder Bemühung einer Analyse spottend, so handelt
-es sich nur um die Wahl, ob man etwas annehmen wolle, das alles
-psychische Leben erst möglich mache, oder nicht.
-
-Darum sollte man dem Unfug ein Ziel setzen, von einer empirischen
-Apperzeption zu reden, und einsehen, wie sehr _Kant_ recht hatte, als
-er nur eine _transcendentale Apperzeption_ gelten ließ. Will man aber
-hinter die Erfahrung nicht zurückgehen, so bleibt nichts übrig als die
-unendlich ausgespreizte, armselig öde Empfindungsatomistik mit ihren
-Assoziationsgesetzen; oder die Psychologie wird _methodisch_ zu einem
-Annex der Physiologie und Biologie, wie bei _Avenarius_, dessen feiner
-Bearbeitung eines, übrigens recht begrenzten, Stückes aus dem ganzen
-Seelenleben jedoch nur sehr wenige und recht unglückliche Versuche der
-Weiterführung gefolgt sind.
-
-Somit hat sich, ein wirkliches Verständnis des Menschen anzubahnen,
-die unphilosophische Seelenkunde als völlig ungeeignet erwiesen,
-und keine Vertröstung auf die Zukunft vermag sichere Bürgschaft zu
-bieten, daß ihr dies je gelingen könne. Ein je besserer Psychologe
-einer ist, desto langweiliger werden ihm diese heutigen Psychologien.
-Denn sie steifen sich samt und sonders darauf, die Einheit, die
-alles psychische Geschehen erst begründet, bis zum Schluß zu
-ignorieren: allwo wir dann regelmäßig noch durch einen letzten
-Abschnitt unangenehm überrascht werden, der von der Entwicklung einer
-harmonischen Persönlichkeit handelt. Jene _Einheit_, die allein
-die wahre _Unendlichkeit_ ist, wollte man aus einer größeren oder
-geringeren _Zahl_ von Bestimmungsstücken aufbauen; die »Psychologie
-als Erfahrungswissenschaft« sollte die Bedingung aller Erfahrung
-_aus_ der Erfahrung gewinnen! Das Unternehmen wird ewig fehlschlagen
-und ewig erneuert werden, weil die Geistesrichtung des Positivismus
-und Psychologismus so lange bestehen muß, als es mittelmäßige Köpfe
-und bequeme, nicht bis zu Ende denkende Naturen gibt. Wer, wie der
-Idealismus, die Psyche nicht opfern will, der muß die Psychologie
-preisgeben; wer die Psychologie aufrichtet, der tötet die Psyche. Alle
-Psychologie will das Ganze aus den Teilen ableiten und als bedingt
-hinstellen; alles tiefere Nachdenken erkennt, daß die Teilerscheinungen
-hier aus dem Ganzen als letztem Urquell fließen. _So negiert die
-Psychologie die Psyche, und die Psyche ihrem Begriff nach jede Lehre
-von ihr: die Psyche negiert die Psychologie._
-
-Diese Darstellung hat sich für die _Psyche_ und gegen die lächerliche
-und jämmerliche _seelenlose Psychologie_ entschieden. Ja, es bleibt ihr
-fraglich, ob Psychologie mit Seele je vereinbar, eine Wissenschaft,
-die Kausalgesetze und selbstgesetzte Normen des Denkens und Wollens
-aufsuchen will, mit der Freiheit des Denkens und Wollens überhaupt
-verträglich sei. Auch die Annahme einer besonderen »psychischen
-Kausalität«[44] kann vielleicht nichts daran ändern, daß die
-Psychologie, indem sie zuletzt ihre eigene Unmöglichkeit dartut, durch
-ein solches Ende den glänzendsten Beweis für das jetzt allgemein
-verlachte und verlästerte Recht des Freiheitsbegriffes wird erbringen
-müssen.
-
-Hiemit soll aber keineswegs eine neue Ära der rationalen Psychologie
-ausgerufen sein. Vielmehr ist die Absicht im Anschluß an _Kant_ die,
-daß die transcendentale _Idee_ der Psyche von Anfang an als Führer
-beim Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten zu
-dienen habe, durchaus nicht hingegen »in Ansehung des Hinabgehens
-zum Bedingten«. Nur die Versuche mußten abgelehnt werden, jenes
-Unbedingte aus dem Bedingten (am Schlusse eines Buches von 500-1500
-Seiten) hervorspringen zu lassen. Seele ist das regulative Prinzip,
-das aller wahrhaft psychologischen, und nicht empfindungsanalytischen,
-Einzelforschung vorzuschweben und diese zu leiten hat; weil sonst
-jede Darstellung des Seelenlebens, auch wenn sie noch so detailliert,
-liebevoll und verständnisinnig geschrieben ist, in ihrer Mitte gähnend
-ein großes schwarzes Loch aufweist.
-
-Es ist unbegreiflich, wie Forscher, die nie einen Versuch gemacht
-haben, Phänomene wie Scham und Schuld, Glauben und Hoffnung, Furcht
-und Reue, Liebe und Haß, Sehnsucht und Einsamkeit, Eitelkeit
-und Empfindlichkeit, Ruhmsucht und Unsterblichkeitsbedürfnis zu
-analysieren, den Mut haben, über das Ich kurzerhand abzusprechen, weil
-sie es nicht vorfinden wie die Farbe der Orange oder den Geschmack des
-Laugenhaften. Oder wie wollen _Mach_ und _Hume_ auch nur die Tatsache
-des _Stiles_ erklären, wenn nicht aus der Individualität? Ja, weiter:
-die Tiere erschrecken nie, wenn sie sich im Spiegel sehen, aber kein
-Mensch vermöchte sein Leben in einem Spiegelzimmer zu verbringen. Oder
-ist auch diese Furcht, die Furcht vor dem _Doppelgänger_ (von der
-bezeichnenderweise das Weib frei ist[45]) »biologisch«, »darwinistisch«
-abzuleiten? Man braucht das Wort Doppelgänger nur zu nennen, um in
-den meisten Männern heftiges Herzklopfen hervorzurufen. Hier hört
-eben alle rein empirische Psychologie notgedrungen auf, hier ist
-_Tiefe_ vonnöten. Denn wie könnte man _diese_ Dinge zurückführen
-auf ein früheres Stadium der Wildheit oder Tierheit und des Mangels
-an Sicherung durch die Zivilisation, woraus _Mach_ die Furcht der
-kleinen Kinder als eine ontogenetische Reminiszenz erklären zu können
-glaubt! Ich habe übrigens dies nur als eine Andeutung erwähnt, um die
-»Immanenten« und »naiven Realisten« daran zu mahnen, daß es auch in
-ihnen Dinge gibt, von denen .....
-
-Warum ist kein Mensch angenehm berührt und völlig damit einverstanden,
-wenn man ihn als Nietzscheaner, Herbartianer, Wagnerianer u. s. w.
-_einreiht_? Wenn man ihn, mit einem Worte, _subsumiert_? Auch Ernst
-_Mach_ ist es doch gewiß schon passiert, daß ihn ein oder der andere
-liebe Freund subsumiert hat als Positivisten, Idealisten oder irgendwie
-sonst. Glaubt er sich richtig beschrieben, wenn jemand sagen wollte,
-das Gefühl, das man bei solchen durch andere vorgenommenen Subsumtionen
-habe, gehe bloß auf die fast völlige Gewißheit der _Einzigartigkeit_
-des Zusammentreffens der »_Elemente_« in einem Menschen, es sei nur
-beleidigte Wahrscheinlichkeitsrechnung? Und doch hat dieses Gefühl,
-genau genommen, nichts von einem Nichteinverstandensein, wie sonst
-wohl mit irgend einer wissenschaftlichen These. Es ist auch etwas ganz
-anderes, und darf damit nicht verwechselt werden, wenn jemand selbst es
-sagt, er sei Wagnerianer. Hierin liegt im tiefsten Grunde immer eine
-positive Bewertung des Wagnertums, weil man selbst Wagnerianer ist.
-Wer aufrichtig ist, wer es sein kann, wird zugeben, daß er mit einer
-solchen Aussage _auch_ eine Erhöhung Wagners vornimmt. Vom anderen
-Menschen fürchtet man meist, daß er das Gegenteil einer Erhöhung
-beabsichtige. Daher die Erscheinung, daß ein Mensch sehr viel von sich
-selbst sagen kann, was ihm von anderen zu hören höchst peinlich wäre,
-wie _Cyrano von Bergerac_ von den tollsten Sticheleien bekennt:
-
- »Je me les sers moi-même, avec assez de verve,
- Mais je ne permets pas qu'un autre me les serve.«
-
-Woher rührt also jenes Gefühl, das selbst tiefstehende Menschen haben?
-Von einem, wenn auch noch so dunklen Bewußtsein ihres Ich, ihrer
-Individualität, die dabei zu kurz kommt. _Dieses Widerstreben ist das
-Urbild aller Empörung._
-
-Es geht endlich auch nicht recht an, einen _Pascal_, einen _Newton_
-einerseits höchst geniale Denker und anderseits mit einer Menge
-beschränkter Vorurteile behaftet sein zu lassen, über die »_wir_«
-längst hinaus seien. Stehen wir denn wirklich auf unsere elektrischen
-Bahnen und empirischen Psychologien hin schon ohne weiteres um so viel
-höher als jene Zeit? Ist _Kultur_, wenn es Kulturwerte gibt, wirklich
-nach dem Stande der Wissenschaft, die immer nur einen _sozialen_, nie
-einen _individuellen, nicht-demonstrierbaren_ Charakter hat, nach der
-Zahl der Volksbibliotheken und Laboratorien zu messen? Ist Kultur denn
-etwas außerhalb des Menschen, ist Kultur nicht vor allem _im_ Menschen?
-
-Und man mag sich noch so erhaben fühlen über einen _Euler_, gewiß
-einen der größten Mathematiker aller Zeiten, welcher einmal sagt: was
-_er_, im Augenblick, da _er_ einen Brief schreibe, tue, das würde _er_
-genau so tun wie wenn _er_ im Körper eines Rhinozeros steckte. Ich
-will die Äußerung _Eulers_ auch nicht schlechthin verteidigen, sie ist
-vielleicht charakteristisch für den Mathematiker, ein Maler hätte sie
-nie getan. Aber dieses Wort gar nicht zu begreifen, nicht einmal die
-Mühe zu seinem Verständnisse sich zu nehmen, sich über sie einfach
-lustig zu machen und _Euler_ mit der »Beschränktheit seiner Zeit« zu
-entschuldigen, das scheint mir keineswegs gerechtfertigt.
-
-Also, es ist, wenigstens für den Mann, auch in der Psychologie _ohne_
-den Ich-Begriff nicht dauernd auszukommen; ob _mit_ diesem eine im
-_Windelband_schen Sinne nomothetische Psychologie, d. h. psychologische
-Gesetze vereinbar sind, scheint sehr fraglich, kann aber an der
-Anerkennung jener Notwendigkeit nichts ändern. Vielleicht schlägt die
-Psychologie jene Bahn ein, die ihr ein früheres Kapitel vorzeichnen
-zu können glaubte, und wird theoretische Biographie. Aber gerade dann
-werden ihr die Grenzen aller empirischen Psychologie am ehesten zum
-Bewußtsein kommen.
-
-Daß _im Manne_ für alle Psychologie ein Ineffabile, ein Unauflösliches
-bleibt, damit stimmt es wunderbar überein, daß _regelrechte Fälle von
-»duplex« oder »multiplex personality«, Verdoppelung oder Vervielfachung
-des Ich, $nur bei Frauen$ beobachtet worden sind. Das absolute Weib
-ist zerlegbar_: der Mann ist in alle Ewigkeit, auch durch die beste
-Charakterologie nicht völlig zerlegbar, geschweige denn durchs
-Experiment: in ihm ist ein Wesenskern, der keine Zergliederung mehr
-zuläßt. W ist ein Aggregat und daher dissoziierbar, spaltbar.
-
-Deswegen ist es ungemein komisch und belustigend, moderne Gymnasiasten
-(als platonische Idee) von der Seele des Weibes, von Frauenherzen
-und ihren Mysterien, von der Psyche des modernen Weibes etc. reden
-zu hören. Es scheint auch zu dem Befähigungsnachweis eines gesuchten
-Accoucheurs zu gehören, daß er an die Seele des Weibes glaube.
-Wenigstens hören es viele Frauen sehr gerne, wenn man von ihrer
-Seele spricht, obwohl sie (in Henidenform) wissen, daß das Ganze ein
-Schwindel ist. _Das Weib als die Sphinx! Ein ärgerer Unsinn ist kaum
-je gesagt worden. Der Mann ist unendlich rätselhafter, unvergleichlich
-komplizierter._ Man braucht nur auf die Gasse zu gehen: es gibt kaum
-ein Frauengesicht, dessen Ausdruck einem da nicht bald klar würde. Das
-Register des Weibes an Gefühlen, an Stimmungen ist so unendlich arm!
-Während gar manches männliche Antlitz lange und schwer zu raten gibt.
-
-Schließlich werden wir hier auch einer Lösung der Frage: Parallelismus
-oder Wechselwirkung zwischen Seelischem und Körperlichem? nähergeführt.
-Für W trifft der psychophysische Parallelismus, als vollständige
-Koordination beider Reihen, zu: mit der senilen Involution der Frau
-erlischt auch die Fähigkeit zu geistiger Anspannung, die ja nur im
-Gefolge sexueller Zwecke auftritt, und diesen dienstbar gemacht wird.
-Der Mann wird nie in dem Sinne völlig alt wie das Weib, und es ist
-die geistige Rückbildung hier durchaus nicht notwendig, sondern nur
-in einzelnen Fällen mit der körperlichen verknüpft; am allerwenigsten
-endlich ist von greisenhafter Schwäche bei jenem Menschen etwas
-wahrzunehmen, welcher die Männlichkeit in voller geistiger Entfaltung
-zeigt, beim Genie.
-
-Nicht umsonst sind jene Philosophen, welche die strengsten
-Parallelisten waren, _Spinoza_ und _Fechner_, auch die strengsten
-Deterministen. Bei M, dem freien, intelligiblen Subjekte, das sich
-für Gut oder für Böse _nach seinem Willen_ entscheiden kann, ist der
-psychophysische Parallelismus, der eine der mechanischen genau analoge
-Kausalverkettung auch für alles Geistige fordern würde, auszuschließen.
-
-So weit wäre denn die Frage, welcher prinzipielle Standpunkt in der
-Behandlung der Psychologie der Geschlechter einzunehmen ist, erledigt.
-Es erwächst dieser Ansicht jedoch wieder eine außerordentliche
-Schwierigkeit in einer Reihe merkwürdiger Tatsachen, die zwar für die
-faktische Seelenlosigkeit von W noch einmal, und zwar in geradezu
-entscheidender Weise in Betracht kommen, die aber anderseits von der
-Darstellung auch die Erklärung eines sehr eigentümlichen Verhaltens der
-Frau fordern, das seltsamerweise noch kaum jemand ernstlich Problem
-geworden zu sein scheint.
-
-Schon längst wurde bemerkt, wie die Klarheit des männlichen Denkens
-gegenüber der weiblichen Unbestimmtheit, und später wurde darauf
-hingewiesen, wie die Funktion der gesetzten Rede, in welcher feste
-logische _Urteile_ zum Ausdruck kommen, auf die Frau wie ein
-_Sexualcharakter_ des Mannes wirkt. Was aber W sexuell anreizt, muß
-eine Eigenschaft von M sein. Ebenso macht Unbeugsamkeit des männlichen
-Charakters auf die Frau sexuellen Eindruck, sie mißachtet den Mann,
-der einem anderen nachgibt. Man pflegt in solchen Fällen oft von
-sittlichem Einfluß des Weibes auf den Mann zu reden, wo doch sie nur
-das sexuelle Komplement in seinen komplementierenden Eigenschaften
-voll und ganz sich zu erhalten strebt. Die Frauen verlangen vom Manne
-Männlichkeit, und glauben sich zur höchsten Entrüstung und Verachtung
-berechtigt, wenn der Mann ihre Erwartungen in diesem Punkt enttäuscht.
-So wird eine Frau, auch wenn sie noch so kokett und noch so verlogen
-ist, in Erbitterung und Empörung geraten, wenn sie beim Manne Spuren
-von Koketterie oder Lügenhaftigkeit wahrnimmt. Sie mag noch so feige
-sein: der Mann soll Mut beweisen. Daß dies nur sexueller Egoismus
-ist, der sich den ungetrübten Genuß seines Komplementes zu wahren
-sucht, wird allzuoft verkannt. Und so ist denn auch aus der Erfahrung
-kaum ein zwingenderer Beweis für die Seelenlosigkeit des Weibes
-zu führen als daraus, _daß die Frauen vom Manne Seele verlangen_,
-und Güte auf sie wirken kann, obwohl sie selbst nicht wirklich gut
-sind. Seele ist ein Sexualcharakter, der nicht anders und zu keinem
-anderen Zwecke beansprucht wird als große Muskelkraft oder kitzelnde
-Schnurrbartspitze. Man mag sich an der Kraßheit des Ausdruckes stoßen,
-an der Sache ist nichts zu ändern. -- Die allerstärkste Wirkung endlich
-übt auf die Frau der männliche _Wille_. Und sie hat einen merkwürdig
-feinen Sinn dafür, ob das »Ich will« des Mannes bloß Anstrengung und
-Aufgeblasenheit oder wirkliche Entschlossenheit ist. Im letzteren Falle
-ist der Effekt ein ganz ungeheuerer.
-
-_Wie kann nun aber eine Frau, wenn sie an sich seelenlos ist, Seele
-beim Manne perzipieren, wie seine Moralität beurteilen, da sie selbst
-amoralisch ist, wie seine Charakterstärke auffassen, ohne als Person
-Charakter zu haben, wie seinen Willen spüren, obgleich sie doch eigenen
-Willen nicht besitzt?_
-
-Hiemit ist das außerordentlich schwierige Problem formuliert, vor dem
-die Untersuchung weiterhin noch zu bestehen haben wird.
-
-Bevor aber seine Lösung versucht werde, müssen die errungenen
-Positionen nach allen Seiten hin befestigt und gegen Angriffe geschützt
-werden, die in den Augen mancher imstande sein könnten, sie zu
-erschüttern.
-
-
-
-
-X. Kapitel.
-
-Mutterschaft und Prostitution.
-
-
-Der Haupteinwand, welcher gegen die bisherige Darstellung wird erhoben
-werden, bezieht sich auf die Allgemeingültigkeit des Gesagten für
-_alle_ Frauen. Bei einigen, bei vielen möge das zutreffen; aber es gebe
-doch auch andere ...
-
-Es lag ursprünglich nicht in meiner Absicht, auf spezielle Formen
-der Weiblichkeit einzugehen. Die Frauen lassen sich nach mehreren
-Gesichtspunkten einteilen, und gewiß muß man sich hüten, das, was von
-einem extremen Typus gilt, der zwar überall nachweisbar ist, aber
-oft durch das Vorwalten gerade des entgegengesetzten Typus bis zur
-Unmerklichkeit zurückgedrängt wird, von der Allgemeinheit der Frauen
-in gleicher Weise zu behaupten. Es sind _mehrere_ Einteilungen der
-Frauen möglich, und es gibt _verschiedene_ Frauencharaktere; wenn
-auch das Wort Charakter hier nur im empirischen Verstande angewendet
-werden darf. Alle Charaktereigenschaften des Mannes finden merkwürdige,
-zu Amphibolien oft genug Anlaß bietende Analoga beim Weibe (einen
-interessanten Vergleich dieser Art zieht später dieses Kapitel);
-doch ist beim Manne der Charakter stets _auch_ in die Sphäre des
-Intelligiblen getaucht, und dort mächtig verankert; hieraus wird
-denn die früher (S. 104) gerügte Vermischung der Seelenlehre mit der
-Charakterologie, und die Gemeinsamkeit im Schicksale beider, wieder
-eher begreiflich. Die charakterologischen Unterschiede unter den
-Frauen senden ihre Wurzeln nie so tief in den Urboden hinab, daß sie
-in die Entwicklung einer Individualität einzugehen vermöchten; und es
-gibt vielleicht gar keine weibliche Eigenschaft, die nicht im Laufe
-des Lebens, unter dem Einfluß des männlichen Willens, in der Frau
-modifiziert, zurückgedrängt, ja vernichtet werden könnte.
-
-Was es unter ganz _gleich männlichen_ oder ganz _gleich weiblichen_
-Individuen _noch_ für Unterschiede geben möge, diese Frage hatte
-ich bisher mit Bedacht aus dem Spiele gelassen. Keineswegs, weil
-mit der Zurückführung psychologischer Differenzen auf das Prinzip
-der sexuellen Zwischenformen mehr gewonnen gewesen war als _ein_
-Leitfaden unter tausenden auf diesem verschlungensten aller Gebiete:
-sondern aus dem einfachen Grunde, weil jede Kreuzung mit einem anderen
-Prinzipe, jede Erweiterung der linearen Betrachtungen ins Flächenhafte,
-störend gewirkt hätte bei diesem ersten Versuche einer gründlichen
-charakterologischen Orientierung, der weiter kommen wollte als bis zur
-Ermittelung von Temperamenten oder Sinnestypen.
-
-Die spezielle weibliche Charakterologie soll einer besonderen
-Darstellung vorbehalten bleiben; aber schon diese Schrift ist nicht
-ohne Hinblick auf individuelle Differenzen unter den Frauen abgefaßt,
-und ich glaube so den Fehler falscher Verallgemeinerung vermieden, und
-bisher nur solches behauptet zu haben, was unterschiedslos von allen
-gleich weiblichen Frauen in gleicher Weise und gleicher Stärke gilt.
-Nur auf W ganz allgemein ist es bisher angekommen. Da man aber meinen
-Darlegungen vornehmlich _einen_ Typus unter den Frauen entgegenhalten
-wird, ergibt sich die Notwendigkeit, bereits hier _ein_ Gegensatzpaar
-aus der Fülle herauszugreifen.
-
-Allem Schlechten und Garstigen, das ich den Frauen nachgesagt habe,
-wird das Weib als Mutter gegenübergestellt werden. Dieses erfordert
-also eine Besprechung. Seine Ergründung kann aber niemand in Angriff
-nehmen, ohne zugleich den Gegenpol der Mutter, welcher die für das Weib
-diametral konträre Möglichkeit verwirklicht zeigt, heranzuziehen; weil
-nur hiedurch der Muttertypus eine deutliche Abgrenzung erfährt, nur
-so die Eigenschaften der Mutter von allem Fremden scharf sich abheben
-können.
-
-_Jener der Mutter polar entgegengesetzte Typus ist die Dirne._ Die
-Notwendigkeit gerade dieser Gegenüberstellung läßt sich ebensowenig
-_deduzieren_, wie daß Mann und Weib einander entgegengesetzt sind;
-wie man dies nur _sieht_ und nicht beweist, so muß man auch jenes
-_erschaut_ haben, oder es in der Wirklichkeit wiederzufinden trachten,
-um sich zu überzeugen, ob diese dem Schema sich bequem einordnet. Auf
-jene Restriktionen, die vorzunehmen sind, komme ich noch zu sprechen;
-einstweilen seien die Frauen betrachtet als stets von zwei Typen,
-einmal mehr vom einen, ein andermal mehr vom anderen etwas in sich
-tragend: _diese Typen sind die Mutter und die Dirne_.
-
-Man würde diese Dichotomie mißverstehen, wenn man sie von einer
-populären Entgegensetzung nicht unterschiede. Man hat oft gesagt,
-das Weib sei sowohl _Mutter_ als _Geliebte_. Den Sinn und Nutzen
-dieser Distinktion kann ich nicht recht einsehen. Soll mit der
-Qualität der Geliebten das Stadium bezeichnet werden, welches der
-Mutterschaft notwendig vorhergeht? Dann kann es keinerlei dauernde
-charakterologische Eigentümlichkeit bezeichnen. Und was sagt denn der
-Begriff »Geliebte« über die Frau selbst aus, als daß sie geliebt wird?
-Fügt er ihr wirklich eine wesentliche, oder nicht vielmehr eine ganz
-äußerliche Bestimmung zu? Geliebt werden mag sowohl die Mutter als
-die Dirne. Höchstens könnte man mit der »Geliebten« eine Gruppe von
-Frauen haben umschreiben wollen, die ungefähr in der Mitte zwischen
-den hier bezeichneten Polen sich aufhielte, eine Zwischenform von
-Mutter und Dirne; oder man hält es einer ausdrücklichen Feststellung
-für bedürftig, daß eine Mutter zum Vater ihrer Kinder in einem anderen
-Verhältnis stehe als zu ihren Kindern selbst, und Geliebte eben sei,
-insoferne sie sich lieben läßt, d. h. dem Liebenden sich hingibt. Aber
-damit ist nichts gewonnen, weil dies beide, Mutter wie Prostituierte,
-gegebenenfalls in formal gleicher Weise tun können. Der Begriff der
-Geliebten sagt gar nichts über die Qualitäten des Wesens aus, das
-geliebt wird; wie natürlich, denn er soll nur das erste zeitliche
-Stadium im Leben _einer_ und _derselben_ Frau andeuten, an welches sich
-später als zweites die Mutterschaft schließt. Da also der Zustand der
-Geliebten doch nur ein accidentielles Merkmal ihrer Person ist, wird
-jene Gegenüberstellung ganz unlogisch, indem die Mutterschaft auch
-etwas Innerliches ist und nicht bloß die Tatsache anzeigt, daß eine
-Frau geboren hat. Worin dieses tiefere Wesen der Mutterschaft besteht,
-wird eben Aufgabe der jetzigen Untersuchung.
-
-Daß Mutterschaft und Prostitution einander polar entgegengesetzt
-sind, ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit allein schon aus der
-größeren Kinderzahl der guten Hausmütter, indes die Kokotte immer
-nur wenige Kinder hat, und die Gassendirne in der Mehrzahl der Fälle
-überhaupt steril ist. Es ist wohl zu beachten, daß nicht das käufliche
-Mädchen allein dem Dirnentypus angehört, sondern sehr viele unter den
-sogenannten anständigen Mädchen und verheirateten Frauen, ja selbst
-solche, die gar nie die Ehe brechen, nicht, weil die Gelegenheit nicht
-günstig genug ist, sondern weil sie selbst es nicht bis dahin kommen
-lassen. Man stoße sich also nicht an der Verwendung des Begriffes der
-Dirne, der ja erst noch zu analysieren ist, in einem viel weiteren
-Umfange als einem, der bloß auf feile Weiber sich erstreckt. Überdies
-könnte der Dirnentypus auch dann zum Ausdruck kommen, wenn bloß ein
-Mann und ein Weib auf der Welt wären, denn er äußert sich bereits in
-dem spezifisch verschiedenen Verhalten zum einzelnen Manne.
-
-Schon die Tatsache der geringeren Fruchtbarkeit enthöbe mich der
-Pflicht einer Auseinandersetzung mit der allgemeinen Ansicht, welche
-ein, notwendigerweise tief im Wesen eines Menschen gegründetes
-Phänomen, wie die Prostitution, ableiten will aus sozialen Mißständen,
-aus der Erwerbslosigkeit vieler Frauen, und daraufhin spezielle
-Anklagen gegen die heutige Gesellschaft erhebt, deren männliche
-Machthaber in ihrem ökonomischen Egoismus den unverheirateten Frauen
-die Möglichkeit eines rechtschaffenen Lebens so erschwerten; oder auf
-das Junggesellentum rekurriert, das ebenfalls angeblich nur materielle
-Gründe habe, und zu seiner notwendigen Ergänzung nach der Prostitution
-verlange. Oder soll doch angeführt werden: daß die Prostitution nicht
-bloß bei ärmlichen Gassendirnen zu suchen ist; daß wohlhabende Mädchen
-zuweilen sich aller Vorteile ihres Rufes begeben, und ein offenes
-Flanieren auf der Straße versteckten Liebschaften vorziehen -- denn
-zur _richtigen_ Prostitution _gehört_ die _Gasse_ --; daß viele
-Stellen in Geschäftsläden, in der Buchhaltung, im Post-, Telegraphen-
-und Telephondienste, wo immer eine rein schablonenmäßige Tätigkeit
-beansprucht wird, mit Vorliebe an Frauen vergeben werden, weil W viel
-weniger differenziert und eben darum bedürfnisloser ist als M, der
-Kapitalismus aber lange vor der Wissenschaft das weggehabt hat, daß
-man die Frauen ihrer niedrigeren Lebenshaltung wegen auch schlechter
-bezahlen dürfe. Übrigens findet selbst die junge Dirne, weil sie
-teueren Mietzins zu zahlen, eine nicht gewöhnliche Kleidung zu tragen
-und den Souteneur auszuhalten hat, meist nur sehr schwer ihr Auskommen.
-Wie tief der Hang zu ihrem Leben in ihnen wurzelt, das bezeugt die
-häufige Erscheinung, daß Prostituierte, wenn sie geehelicht werden,
-wieder zu ihrem früheren Gewerbe zurückkehren. Die Prostituierten
-sind ferner vermöge unbekannter, aber offenbar in einer angeborenen
-Konstitution liegender Ursachen gegen manche Infektionen oft _immun_,
-denen »rechtschaffene Frauen« meist unterliegen. Schließlich hat die
-Prostitution _immer_ bestanden und ist mit den Errungenschaften der
-kapitalistischen Ära keineswegs relativ gewachsen, ja, sie gehörte
-sogar zu den _religiösen_ Institutionen gewisser Völker des Altertums,
-z. B. der Phönizier.
-
-Die Prostitution kann also keineswegs als etwas betrachtet werden,
-wohin erst der Mann die Frau gedrängt hat. Oft genug wird sicherlich
-ein Mann die Schuld tragen, wenn ein Mädchen ihren Dienst verlassen
-mußte und sich brotlos fand. Daß aber in solchem Falle zu etwas
-gegriffen werden kann, wie es die Prostitution ist, muß in der Natur
-des menschlichen Weibes selbst liegen. Was nicht ist, kann auch nicht
-werden. Dem echten Manne, den materiell noch öfter ein widriges
-Schicksal trifft, und welcher Armut intensiver empfindet als das Weib,
-ist gleichwohl die Prostitution fremd, und männliche Prostituierte
-(unter Kellnern, Friseurgehilfen etc.) sind immer vorgerückte sexuelle
-Zwischenformen. Demnach ist die Eignung und der Hang zum Dirnentum
-ebenso wie die Anlage zur Mutterschaft in einem Weibe organisch, von
-der Geburt an vorhanden.
-
-Damit soll aber nicht gesagt sein, jedes Weib, das zur Dirne wird, sei
-mit ausschließlich innerer Notwendigkeit dazu geworden. Es stecken
-vielleicht in den meisten Frauen _beide_ Möglichkeiten, sowohl die
-Mutter als die Dirne; nur die Jungfrau -- man entschuldige; ich weiß,
-es ist rücksichtslos gegen die _Männer_ -- nur die Jungfrau, die gibt
-es nicht. Worauf es in solchen Schwebefällen ankommt, das kann nur der
-Mann sein, der ein Weib zur Mutter zu machen auf jeden Fall durch seine
-Person imstande ist; nicht erst durch den Koitus, sondern durch ein
-einmaliges _Anblicken_. _Schopenhauer_ bemerkt, der Mensch müsse sein
-Dasein streng genommen von dem Augenblick datieren, da sein Vater und
-seine Mutter sich ineinander verliebt hätten. Das ist nicht richtig.
-Die Geburt eines Menschen müßte, im idealen Falle, in den Augenblick
-verlegt werden, wo _eine Frau $ihn$_, den Vater ihres Kindes, _zum
-ersten Male erblickt oder auch nur seine Stimme hört_. Die biologische
-und medizinische Wissenschaft, die Züchtungslehre und die Gynäkologie
-verhalten sich freilich, seit über sechzig Jahren, unter dem Einflusse
-von _Johannes Müller_, Th. _Bischoff_ und Ch. _Darwin_, der Frage des
-»Versehens« oder »Verschauens« gegenüber beinahe durchaus ablehnend.
-Es wird im weiteren eine Theorie des Versehens zu entwickeln versucht
-werden; hier möchte ich nur soviel bemerken, daß die Sache denn doch
-vielleicht nicht so steht, daß es kein Versehen geben dürfe, weil
-es mit der Ansicht sich nicht vertrage, daß bloß Samenzelle und Ei
-das neue Individuum bilden helfen; sondern es gibt ein Versehen,
-und die Wissenschaft soll trachten, es zu erklären, statt es als
-schlechterdings unmöglich in Abrede zu stellen, und zu tun, als ob
-sie in erfahrungswissenschaftlichen Dingen je über so viel Erfahrung
-verfügen könnte, um eine solche Behauptung aufstellen zu dürfen. In
-einer apriorischen Disziplin, wie der Mathematik, darf ich es ganz
-ausgeschlossen nennen, daß auf dem Planeten Jupiter 2 × 2 = 5 sei; die
-Biologie kennt nur Sätze von »komparativer Allgemeinheit« (_Kant_).
-Wenn ich hier _für_ das Versehen eintreten und in seiner Leugnung
-eine Beschränktheit erblicken muß, will ich doch keineswegs behauptet
-haben, daß alle sogenannten Mißbildungen, oder auch nur ein sehr
-großer Teil derselben in ihm ihren Grund haben. Es kommt vorläufig nur
-auf die Möglichkeit einer Beeinflussung der Nachkommenschaft ohne den
-Koitus mit der Mutter an. Und da möchte ich zu sagen wagen[46]: so
-wie sicherlich, wenn _Schopenhauer_ und _Goethe_ in der Farbenlehre
-_einer_ Meinung sind, sie schon darum _a priori_ gegen alle Physiker
-der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft recht haben dürften,
-ebenso wird etwas, das für _Ibsen_ (»Frau vom Meer«) und _Goethe_
-(»Wahlverwandtschaften«) _Wahrheit_ ist, noch nicht _falsch_ durch das
-Gutachten sämtlicher medizinischer Fakultäten der Welt.
-
-Der Mann übrigens, von dem eine so starke Wirkung auf die Frau erwartet
-werden könnte, daß ihr Kind auch dann ihm ähnlich würde, wenn es nicht
-aus seinem Samen sich entwickelt hat, dieser Mann müßte die Frau
-sexuell in äußerst vollkommener Weise ergänzen. Wenn demnach solche
-Fälle nur sehr _selten_ sind, so liegt dies an der Unwahrscheinlichkeit
-eines Zusammentreffens so vollständiger Komplemente, und darf keinen
-Einwand gegen die _prinzipielle Möglichkeit_ solcher Tatsachen bilden,
-wie sie _Goethe_ und _Ibsen_ dargestellt haben.
-
-_Ob_ aber eine Frau jenen Mann trifft, der sie durch seine bloße
-Gegenwart zur Mutter seines Kindes macht, das ist Zufallssache.
-_Insofern_ ist für _viele_ Mütter und Prostituierte wohl die
-_Denkbarkeit_ zuzugeben, daß sich ihre Lose umgekehrt hätten gestalten
-können. Aber anderseits gibt es nicht nur zahllose Beispiele, in
-welchen auch ohne diesen Mann die Frau im Mutter-Typus verbleibt,
-sondern es kommen ebenso zweifellos Fälle vor, wo dieser eine Mann
-_auftritt_, und doch auch _sein_ Erscheinen die schließliche,
-endgültige Wendung zur Prostitution nicht zu hindern vermag.
-
-Es bleibt demnach nichts übrig, als _zwei_ angeborene, entgegengesetzte
-Veranlagungen anzunehmen, die sich auf die verschiedenen Frauen in
-verschiedenem Verhältnis verteilen: die absolute Mutter und die
-absolute Dirne. _Zwischen_ beiden liegt die Wirklichkeit: es gibt
-sicherlich kein Weib ohne alle Dirneninstinkte (viele werden das
-leugnen und fragen, woran denn das Dirnenhafte in vielen Frauen
-erkennbar sei, die nichts weniger als Kokotten zu sein scheinen; ich
-verweise diesbezüglich einstweilen nur auf den Grad der Bereitschaft
-und Willigkeit, sich von irgendwelchem Fremden unzüchtig berühren und
-diesen an sich anstreifen zu lassen; legt man diesen Maßstab an, so
-wird man finden, daß es keine absolute Mutter gibt). Ebensowenig aber
-existiert ein Weib, das aller mütterlichen Regungen bar wäre; obgleich
-ich gestehen muß, außerordentliche Annäherungen an die absolute Dirne
-viel öfter gefunden zu haben als solche Grade von Mütterlichkeit,
-hinter denen alles Dirnenhafte zurücktritt.
-
-Das Wesen der Mutterschaft besteht, wie schon die erste und
-oberflächlichste Analyse des Begriffes ergibt, darin, daß die
-Erreichung des _Kindes_ der Hauptzweck des Lebens der _Mutter_ ist,
-indessen bei der absoluten _Dirne_ dieser Zweck für die Begattung
-gänzlich in Wegfall gekommen scheint. Eine eingehendere Untersuchung
-wird also vor allem _zwei_ Dinge in Betracht ziehen und sehen müssen,
-wie sich Dirne und Mutter zu beiden verhalten: die Beziehung einer
-jeden zum Kinde, und ihre Beziehung zum Koitus.
-
-Zunächst scheiden sich beide, Mutter und Dirne, durch der ersteren
-Verhältnis zum Kinde. Der absoluten Dirne liegt nur am Manne, der
-absoluten Mutter kann nur am Kinde gelegen sein. Prüfstein ist am
-sichersten das Verhältnis zur Tochter: nur wenn sie diese gar nie
-beneidet wegen größerer Jugend oder Schönheit, ihr nie die Bewunderung
-im geringsten mißgönnt, die sie bei den Männern findet, _sondern sich
-vollständig mit ihr identifiziert_ und des Verehrers ihrer Tochter sich
-so freut, als wäre er ihr eigener Anbeter, nur dann ist sie Mutter zu
-nennen.
-
-Die absolute Mutter, der es allein auf das Kind ankommt, wird Mutter
-durch jeden Mann. Man wird finden, daß Frauen, die in ihrer Kindheit
-eifriger als die anderen mit Puppen spielten, bereits als Mädchen
-Kinder sehr liebten und gerne warteten, dem Manne gegenüber wenig
-wählerisch sind, sondern bereitwillig den ersten besten Gatten nehmen,
-der sie halbwegs zu versorgen imstande und ihren Eltern und Verwandten
-genehm ist. Wenn ein solches Mädchen aber, gleichgültig durch wen,
-Mutter geworden ist, so bekümmert es sich, im Idealfalle, um keinen
-anderen Mann mehr. Der absoluten Dirne hingegen sind, schon als Kind,
-Kinder ein Greuel; später benützt sie das Kind höchstens als Mittel, um
-durch Vortäuschung eines, auf Rührung des Mannes berechneten, Idylles
-zwischen Mutter und Kind, diesen an sich zu locken. Sie ist das Weib,
-das _allen_ Männern zu gefallen das Bedürfnis hat, und da es keine
-absolute Mutter gibt, wird man in jeder Frau mindestens noch die _Spur_
-dieser allgemeinen Gefallsucht entdecken können, welche nie auch nur
-auf einen Mann der Welt verzichtet.
-
-Hier nimmt man übrigens eine _formale Ähnlichkeit_ zwischen der
-absoluten Mutter und der absoluten Kokotte wahr. _Beide_ sind
-eigentlich in Bezug auf die _Individualität_ des sexuellen Komplementes
-_anspruchslos_. Die eine nimmt jeden beliebigen Mann, der ihr zum
-Kinde dienlich ist, und bedarf keines weiteren Mannes, sobald sie das
-Kind hat: _nur aus diesem Grunde ist sie »monogam« zu nennen_. Die
-andere gibt sich jedem beliebigen Mann, der ihr zum erotischen Genusse
-verhilft: dieser ist für sie Selbstzweck. Hier berühren sich also die
-beiden Extreme, wir mögen somit hoffen, einen Durchblick auf das Wesen
-des Weibes _überhaupt_ von da aus gewinnen zu können.
-
-In der Tat muß ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt
-habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, daß das _Weib_ monogam
-und der _Mann_ polygam sei. _Das Umgekehrte_ ist der Fall. Man darf
-sich nicht dadurch beirren lassen, daß die Frauen oft lange den Mann
-abwarten und, wenn möglich, wählen, der ihnen am meisten Wert zu
-schenken in der Lage ist -- den Herrlichsten, Berühmtesten, den »Ersten
-unter Allen«. Dieses Bedürfnis scheidet das Weib vom Tiere, welches
-Wert überhaupt nicht, weder vor sich selbst, durch sich selbst (wie
-der Mann), noch durch einen anderen, vor einem anderen (wie das Weib)
-zu gewinnen trachtet. Aber nur von Dummköpfen konnte es im rühmenden
-Sinne hervorgehoben werden, da es doch am sichersten zeigt, wie die
-Frau alles _Eigenwertes_ entbehrt. Dieses Bedürfnis nun verlangt
-allerdings nach Befriedigung; es liegt aber in ihm durchaus nicht der
-sittliche _Gedanke_ der Monogamie. Der Mann ist in der Lage, Wert zu
-spenden, Wert zu übertragen an die Frau, er _kann schenken_, er _will_
-auch schenken; nie kann er seinen Wert, wie das Weib, als Beschenkter
-finden. Die Frau sucht also zwar sich möglichst viel Wert zu
-verschaffen, indem sie ihre Erwählung durch jenen einen Mann betreibt,
-der ihr den _meisten_ Wert geben kann; der Ehe aber liegen, beim Manne,
-ganz andere Motive zu Grunde. Sie ist jedenfalls ursprünglich als die
-Vollendung der idealen Liebe, als eine Erfüllung gedacht, auch wenn
-es sehr fraglich ist, ob sie so viel je wirklich leisten kann. Sie
-ist ferner durchdrungen von dem ganz und gar männlichen Gedanken der
-_Treue_ (die Kontinuität, ein intelligibles _Ich_ voraussetzt). Man
-wird zwar oft das Weib treuer nennen hören als den Mann; die Treue des
-Mannes ist nämlich für ihn ein _Zwang_, den er sich, allerdings im
-_freien_ Willen und mit vollem _Bewußtsein_, auferlegt hat. Er wird an
-diese Selbstbindung oft sich nicht kehren, aber dies stets als sein
-Unrecht betrachten oder irgendwie fühlen. Wenn er die Ehe bricht, so
-hat er sein intelligibles Wesen nicht zum Worte kommen lassen. Für die
-Frau ist der Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke
-der Sittlichkeit gar nicht, sondern nur die Motive der Sicherheit und
-des Rufes mitsprechen. Es gibt kein Weib, das in Gedanken ihrem Manne
-nie untreu geworden wäre, _ohne_ daß es aber darum dies auch schon
-sich vorwürfe. Denn das Weib geht die Ehe zitternd und voll unbewußter
-Begier ein und bricht sie, da es kein der Zeitlichkeit entrücktes
-Ich hat, so erwartungsvoll, so gedankenlos, wie es sie geschlossen
-hat. Jenes Motiv, das einem _Vertrage_ Treue wahren heißt, kann nur
-beim Manne sich finden; für die bindende Kraft eines gegebenen Wortes
-fehlt der Frau das Verständnis. Was man als Beispiele weiblicher Treue
-anführt, beweist hiegegen wenig. Sie ist entweder die lange Nachwirkung
-eines intensiven Verhältnisses sexueller Folgsamkeit (_Penelope_)
-oder dieses Hörigkeitsverhältnis selbst, hündisch, nachlaufend, voll
-instinktiver zäher Anhänglichkeit, vergleichbar der körperlichen
-Nähe als Bedingung alles weiblichen Mitleidens (_Das Käthchen von
-Heilbronn_).
-
-Die Ein-Ehe hat also der Mann geschaffen. Sie hat ihren Ursprung im
-Gedanken der männlichen Individualität, die im Wandel der Zeiten
-unverändert fortdauert; und demnach zu ihrer vollen Ergänzung stets
-nur eines und desselben Wesens bedürfen kann. Insoweit liegt in dem
-Plane der _Ein-Ehe_ unleugbar etwas Höheres und findet die Aufnahme
-derselben unter die Sakramente der katholischen Kirche eine gewisse
-Rechtfertigung. Dennoch soll hiemit in der Frage »Ehe oder freie Liebe«
-nicht Partei ergriffen sein. Auf dem Boden irgendwelcher Abweichungen
-vom strengsten Sittengesetz -- und eine solche Abweichung liegt in
-jeder empirischen Ehe -- sind _völlig_ befriedigende Problemlösungen
-nie mehr möglich: _zugleich_ mit der Ehe ist der Ehe_bruch_ auf die
-Welt gekommen.
-
-_Trotzdem_ kann die Ehe nur vom Manne eingesetzt sein. Es gibt kein
-Rechtsinstitut weiblichen Ursprungs, alles _Recht_ rührt vom Manne, und
-nur viele _Sitte_ vom Weibe her (schon darum wäre es ganz verfehlt,
-das Recht aus der Sitte, oder umgekehrt die Sitte aus dem Recht
-hervorgehen zu lassen. Beide sind ganz heterogene Dinge). _Ordnung_ in
-wirre sexuelle Verhältnisse zu bringen, dazu kann, wie nach Ordnung,
-nach _Regel_, nach Gesetz überhaupt (im praktischen wie theoretischen)
-nur der Mann -- donna è mobile -- das Bedürfnis und die Kraft besessen
-haben. Und es scheint ja wirklich für viele Völker eine Zeit gegeben
-zu haben, da die Frauen auf die soziale Gestaltung großen Einfluß
-nehmen durften; aber damals gab es nichts weniger als Ehe: die Zeit des
-_Matriarchats_ ist die Zeit der _Vielmännerei_. --
-
-Das ungleiche Verhältnis der Mutter und der Dirne zum Kinde ist
-reich an weiteren Aufschlüssen. Ein Weib, das vorwiegend Dirne ist,
-wird auch in ihrem Sohne zunächst dessen Mannheit wahrnehmen und
-stets in einem sexuellen Verhältnis zu ihm stehen. Da aber kein Weib
-ganz mütterlich ist, läßt es sich nicht verkennen, daß ein letzter
-Rest sexueller Wirkung von jedem Sohne auf seine Mutter ausgeht.
-Darum bezeichnete ich früher das Verhältnis zur Tochter als den
-zuverlässigsten Maßstab der Mutterliebe. Sicherlich steht anderseits
-auch jeder Sohn zu seiner Mutter in einer, wenn auch vor den Blicken
-beider noch so verschleierten, sexuellen Beziehung. In der ersten
-Zeit der Pubertät kommt dies bei den meisten Männern, bei manchen
-selbst noch später hin und wieder, aus seiner Zurückdrängung im wachen
-Bewußtsein, durch sexuelle Phantasien während des Schlafes, deren
-Objekt die Mutter bildet, zum Vorschein (»Ödipus-Traum«). Daß aber
-auch im eigentlichsten Verhältnis der echten Mutter zum Kinde noch ein
-tiefes, sexuelles Verschmolzenheitselement steckt, darauf scheinen
-die Wollustgefühle hinzudeuten, welche die Frau bei der Laktation so
-unzweifelhaft empfindet, wie die anatomische Tatsache feststeht, daß
-sich unter der weiblichen Brustwarze erektiles Gewebe befindet und von
-den Physiologen ermittelt ist, daß durch Reizung von diesem Punkte aus
-Zusammenziehungen der Gebärmuttermuskulatur ausgelöst werden können.
-Sowohl die Passivität, welche für das Weib aus dem aktiven Saugen des
-Kindes resultiert, als auch der Zustand inniger, körperlicher Berührung
-während der Spende der Muttermilch stellen eine sehr vollkommene
-Analogie zum Verhalten des Weibes im Koitus her; sie lassen es
-begreiflich erscheinen, daß die monatlichen Blutungen auch während der
-Laktation pausieren, und geben der unklaren, aber tiefen Eifersucht des
-Mannes schon auf den Säugling ein gewisses Recht. Das Nähren des Kindes
-ist aber eine durchaus mütterliche Beschäftigung; je mehr eine Frau
-Dirne ist, desto weniger wird sie ihr Kind selbst stillen wollen, desto
-schlechter wird sie es können. Es läßt sich also nicht leugnen, daß das
-Verhältnis Mutter--Kind an sich bereits ein dem Verhältnis Weib--Mann
-verwandtes ist.
-
-Die Mütterlichkeit ist ferner gleich allgemein wie die Sexualität und
-den verschiedenen Wesen gegenüber so abgestuft wie diese. Wenn eine
-Frau mütterlich ist, muß ihre Mütterlichkeit nicht nur dem leiblichen
-Kinde gegenüber sich offenbaren, sondern auch schon vorher und jedem
-Menschen gegenüber zum Ausdruck kommen; wenngleich das Interesse für
-das eigene Kind später alles andere absorbiert und die Mutter im
-Falle eines Konfliktes durchaus engherzig, blind und ungerecht macht.
-Am interessantesten ist hier das Verhältnis des mütterlichen Mädchens
-zum Geliebten. Mütterliche Frauen nämlich sind schon als Mädchen dem
-Manne gegenüber, den sie lieben, selbst für jenen Mann, der später
-Vater ihres Kindes wird, Mütter; _er $ist$ selbst schon in gewissem
-Sinne ihr Kind_. In diesem Mutter und liebender Frau Gemeinsamen[47]
-offenbart sich uns das tiefste Wesen _dieses_ Weibestypus: es ist
-der fortlaufende Wurzelstock der Gattung, den die Mütter bilden,
-das nie endende, mit dem Boden verwachsene Rhizom, von dem sich der
-einzelne _Mann_ als Individuum _ab_hebt und dem gegenüber er seiner
-Vergänglichkeit inne wird. Dieser Gedanke ist es, mehr oder weniger
-bewußt, welcher den Mann selbst das mütterliche Einzelwesen, auch schon
-als Mädchen, in einer gewissen Ewigkeit erblicken läßt[48], der das
-schwangere Weib zu einer großen Idee macht (_Zola_). Die ungeheuere
-_Sicherheit_ der Gattung, aber freilich sonst nichts, liegt in dem
-_Schweigen_ dieser Geschöpfe, vor dem sich der Mann für Augenblicke
-sogar klein fühlen kann. Ein gewisser Friede, eine große Ruhe mag
-in solchen Minuten über ihn kommen, ein Schweigen aller höheren
-und tieferen Sehnsucht, und er mag so für Momente wirklich wähnen,
-den tiefsten Zusammenhang mit der Welt durch das Weib gefunden zu
-haben. Wird er doch beim geliebten Weib dann ebenfalls zum _Kinde_
-(_Siegfried_ bei _Brünnhilde_, dritter Akt); zum Kinde, das die Mutter
-lächelnd betrachtet, für das sie unendlich viel _weiß_, dem sie Pflege
-angedeihen läßt, das sie zähmt und im Zaum hält. Aber nur auf Sekunden
-(Siegfried reißt sich von Brünnhilde). Denn was den Mann ausmacht,
-ist ja nur, was ihn von der Gattung loslöst, indem es ihn über sie
-erhebt. Darum ist die Vaterschaft durchaus nicht die Befriedigung
-seines tiefsten Gemütsbedürfnisses, darum ist ihm der Gedanke, in der
-Gattung auf-, in ihr unterzugehen, entsetzlich; und das fürchterlichste
-Kapitel, in dem trostärmsten unter den großen Büchern der menschlichen
-Literatur, in der »Welt als Wille und Vorstellung«, das »Über den Tod
-und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich«,
-wo diese Unendlichkeit des Gattungswillens als die einzig wirkliche
-Unsterblichkeit hingestellt ist.
-
-Die Sicherheit der Gattung ist es, welche die Mutter mutig und
-unerschrocken macht im Gegensatz zur stets feigen und furchtsamen
-Prostituierten. Es ist nicht der Mut der Individualität, der moralische
-Mut, der aus der Werthaltung der Wahrheit und der Unbeugsamkeit
-des innerlich Freien folgt, sondern der Lebenswille der Gattung,
-welche durch die Einzelperson der Mutter das Kind und selbst den
-Mann schützt. Wie vom Begriffspaare Mut und Feigheit, so ist auch
-vom Gegensatz Hoffnung -- Furcht die Hoffnung der Mutter, die Furcht
-der Dirne zugefallen. Die absolute Mutter ist sozusagen stets und in
-jeder Beziehung »in der Hoffnung«; da sie in der Gattung unsterblich
-ist, kennt sie auch keine Furcht vor dem Tode, vor dem die Dirne
-eine entsetzliche Angst hat, ohne im geringsten ein individuelles
-Unsterblichkeitsbedürfnis zu hegen -- ein Beweis mehr, wie falsch es
-ist, das Begehren nach persönlicher Fortdauer bloß auf die Furcht vor
-dem körperlichen Tode und das Wissen um diesen zurückzuführen.
-
-Die Mutter fühlt sich dem Manne stets überlegen, sie weiß sich
-als seinen Anker; indes sie selbst in der geschlossenen Kette der
-Generationen wohl gesichert, gleichsam den Hafen vorstellt, aus dem
-jedes Schiff neu ausläuft, steuert der Mann weit draußen allein auf
-hoher See. Die Mutter ist, im höchsten Alter noch, immer bereit, das
-Kind zu empfangen und zu bergen; bereits in der Konzeption des Kindes
-lag psychisch, wie sich zeigen wird, für die Mutter dieses Moment,
-in der Schwangerschaft tritt das andere des Schutzes und der Nahrung
-ganz deutlich zu Tage. Dieses Überlegenheitsverhältnis kommt auch
-vor dem Geliebten zum Vorschein: die Mutter hat Verständnis für das
-Naive und Kindliche, für die _Einfalt_ im Manne, die Hetäre für seine
-Feinheiten und sein Raffinement. Die Mutter hat das Bedürfnis, ihr
-Kind zu lehren, ihm alles zu geben, sei dieses Kind auch der Geliebte;
-die Hetäre brennt darauf, daß ihr der Mann _imponiere_, sie will ihm
-selbst erst alles _verdanken_. Die Mutter als Vertreterin des Genus,
-das sich in jedem seiner Angehörigen auswirkt, ist freundlich gegen
-alle Mitglieder der Gattung (_selbst jede Tochter ist in diesem Sinne
-noch die Mutter ihres Vaters_); erst wenn die Interessen der engeren
-Kinder auf dem Spiele stehen, wird sie, aber dann auch in einem
-außerordentlichen Grade, exklusiv; die Dirne ist nie so liebreich und
-nie so engherzig, wie die Mutter es sein kann.
-
-_Die Mutter steht ganz unter dem Gattungszweck; die Prostituierte steht
-außerhalb desselben._ Ja die Gattung hat eigentlich nur diesen einen
-Anwalt, diese eine Priesterin, die Mutter; der Wille des Genus kommt
-nur in ihr rein zum Ausdruck, während bereits die Erscheinung der Dirne
-den Beweis dafür liefert, daß _Schopenhauers_ Lehre, es handle sich in
-aller Sexualität nur um die Zusammensetzung der künftigen Generation,
-unmöglich allgemein zutreffen kann. Daß es der Mutter nur auf das Leben
-ihrer Gattung ankommt, wird auch daraus ersichtlich, daß mütterliche
-Frauen es sind, die gegen Tiere am meisten Härte beweisen. Man muß
-beobachtet haben, mit welcher unerschütterlichen Ruhe, wie durchdrungen
-von der Verdienstlichkeit ihres Amtes die gute Hausfrau und Mutter ein
-Huhn nach dem anderen schlachtet. Denn die Kehrseite der Mutterschaft
-ist die Stiefmutterschaft; jede Mutter ihrer Kinder ist Stiefmutter
-aller anderen Geschöpfe.
-
-Noch auffallender als diese Bestätigung fällt für den Zusammenhang
-der Mutter mit der Erhaltung der Gattung ihr eigentümlich inniges
-Verhältnis zu allem ins Gewicht, was zur _Nahrung_ dient. Sie kann es
-nicht ertragen, daß irgend etwas, das hätte gegessen werden können, sei
-es auch ein noch so geringfügiger Rest, zu Grunde gehe. Ganz anders die
-Dirne, die nach Willkür, ohne rechten Grund jetzt große Quantitäten
-an Vorräten zum Essen und Trinken beschafft, um sie dann haufenweise
-»stehen« zu lassen. Die Mutter ist überhaupt geizig und kleinlich,
-die Prostituierte verschwenderisch, launisch. Denn die _Erhaltung der
-Gattung_ ist der Zweck, für den die Mutter lebt; so sorgt sie sich
-eifrig darum, daß die von ihr Bemutterten sich satt essen, und durch
-nichts ist sie so zu erfreuen, wie durch einen gesegneten Appetit.
-Damit hängt ihr Verhältnis zum Brode, zu allem, was Wirtschaft heißt,
-zusammen. _Ceres_ ist eine gute Mutter: eine Tatsache, die in ihrem
-griechischen Namen _Demeter_ deutlich zum Ausdruck kommt. So pflegt die
-Mutter die Physis, nicht aber die Psyche des Kindes[49]. Das Verhältnis
-zwischen Mutter und Kind bleibt von seiten der Mutter immer ein
-körperliches: vom Küssen und Herzen des Kleinen bis zu der umgebenden
-und einwickelnden Sorge für den Erwachsenen. Auch das aller Vernunft
-bare Entzücken über jedwede Lebensäußerung des kleinen Säuglings
-ist nicht anders zu verstehen, als aus dieser einzigen Aufgabe der
-Erhaltung und Hut des irdischen Daseins.
-
-Damit ergibt sich hieraus auch, warum die Mutterliebe nicht wahrhaft
-sittlich hochgeschätzt werden kann. Es frage sich jeder aufrichtig, ob
-er glaubt, daß ihn seine Mutter nicht ebenso lieben würde, wenn er ganz
-anders wäre als er ist, ob ihre Neigung geringer würde, wenn er nicht
-er, sondern ein ganz anderer Mensch wäre! _Hier_ liegt der springende
-Punkt, und hier sollen die Rede stehen, welche von der moralischen
-Hochachtung des Weibes um der Mutterliebe willen nicht lassen wollen.
-Die Individualität des Kindes ist der Mutterliebe ganz gleichgültig,
-ihr genügt die bloße Tatsache der Kindschaft: _und dies ist eben das
-Unsittliche an ihr_. In jeder Liebe von Mann zu Weib, auch in jeder
-Liebe innerhalb des gleichen Geschlechtes, kommt es sonst immer auf
-ein bestimmtes Wesen mit ganz besonderen körperlichen und psychischen
-Eigenschaften an; nur die Mutterliebe erstreckt sich wahllos auf alles,
-was die Mutter je in ihrem Schoße getragen hat. Es ist ein grausames
-Geständnis, das man sich macht, grausam gegen Mutter und Kind, daß
-gerade hierin sich offenbart, wie vollkommen unethisch die Mutterliebe
-eigentlich ist, jene Liebe, die ganz gleich fortwährt, ob der Sohn ein
-Heiliger oder ein Verbrecher, ein König oder ein Bettler werde, ein
-Engel bleibe oder zum Scheusal entarte. Nicht minder gemein freilich
-ist der Anspruch, den so oft die Kinder auf die Liebe ihrer Mutter
-zu haben glauben, bloß weil sie deren Kinder sind (besonders gilt
-dies von den Töchtern; indessen sind auch die Söhne in diesem Punkte
-meist fahrlässig). Die Mutterliebe ist darum unmoralisch, weil sie
-kein Verhältnis zum fremden _Ich_ ist, sondern ein _Verwachsensein_
-von Anfang an darstellt; sie ist, wie alle Unsittlichkeit gegen
-andere, eine _Grenzüberschreitung_. Es gibt ein ethisches Verhältnis
-nur _von Individualität zu Individualität_. Die Mutterliebe schaltet
-die Individualität _aus_, indem sie _wahllos_ und _zudringlich_ ist.
-_Das Verhältnis der Mutter zum Kinde ist in alle Ewigkeit ein System
-von reflexartigen Verbindungen zwischen diesem und jener._ Schreit
-oder weint das Kleine, während die Mutter im Nebenzimmer sitzt,
-plötzlich auf, so wird die Mutter wie gestochen emporfahren und zu ihm
-hineineilen (eine gute Gelegenheit, um sofort zu erkennen, was eine
-Frau mehr ist, Mutter oder Dirne); und auch später teilt sich jeder
-Wunsch, jede Klage des Erwachsenen der Mutter augenblicklich mit, sie
-werden auf sie gleichsam fortgeleitet, pflanzen sich auf sie über, und
-werden unbesehen, unaufgehalten die ihren. _Eine nie unterbrochene
-Leitung zwischen der Mutter und allem, was je durch eine Nabelschnur
-mit ihr verbunden war_: das ist das Wesen der Mutterschaft, und
-ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe nicht
-einstimmen, sondern muß gerade das an ihr verwerflich finden, was an
-ihr so oft gepriesen wird: ihre Wahllosigkeit. Ich glaube übrigens, daß
-von vielen hervorragenderen Denkern und Künstlern dies wohl erkannt
-und nur verschwiegen worden ist; die früher so verbreitete große
-Überschätzung _Rafaels_ ist gewichen, und sonst stehen die Sänger der
-Mutterliebe eben doch nicht höher als _Fischart_ oder als _Richepin_.
-Die Mutterliebe ist instinktiv und triebhaft: auch die Tiere kennen sie
-nicht weniger als die Menschen. Damit allein wäre aber schon bewiesen,
-daß diese Art der Liebe keine echte Liebe, daß dieser Altruismus
-keine wahre Sittlichkeit sein kann; denn alle Moral stammt von jenem
-intelligiblen Charakter, dessen die gänzlich unfreien tierischen
-Geschöpfe entraten. Dem ethischen Imperative kann nur von einem
-vernünftigen Wesen gehorcht werden; es gibt keine triebhafte sondern
-nur bewußte Sittlichkeit.
-
-Ihre Stellung außerhalb des Gattungszweckes, der Umstand, daß sie
-nicht bloß als Aufenthaltsort und Behälter, gleichsam nur zum ewigen
-Durchpassieren für neue Wesen dient und sich nicht darin verzehrt,
-diesen Nahrung zu geben, stellt die Hetäre in gewisser Beziehung
-_über_ die Mutter; soweit dort von ethisch höherem Standort überhaupt
-die Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber handelt. Die Mutter,
-die ganz in Pflege und Kleidung von Mann und Kind, in Besorgung oder
-Aufsicht von Küche und Haus, Garten und Feld aufgeht, steht fast
-immer intellektuell sehr tief. Die geistig höchstentwickelten Frauen,
-alles, was dem Manne irgendwie _Muse_ wird, gehört in die Kategorie
-der Prostituierten: zu diesem, dem _Aspasien-Typus_, sind die Frauen
-der Romantik zu rechnen, vor allem die hervorragendste unter ihnen,
-_Karoline Michaelis-Böhmer-Forster-Schlegel-Schelling_.
-
-Es hängt damit zusammen, daß nur solche Männer sexuell von der Mutter
-sich angezogen fühlen, die kein Bedürfnis nach geistiger Produktivität
-haben. Wessen Vaterschaft sich auf leibliche Kinder beschränkt, von dem
-ist es ja auch zu erwarten, daß er die fruchtbare Frau, die Mutter,
-erwählen wird vor der anderen. _Bedeutende Menschen haben stets nur
-Prostituierte geliebt_[50]; ihre Wahl fällt auf das sterile Weib,
-wie sie selbst, wenn überhaupt eine Nachkommenschaft, so stets eine
-lebensunfähige, bald aussterbende hervorbringen -- was vielleicht
-einen tiefen ethischen Grund hat. Die irdische Vaterschaft nämlich
-ist ebenso geringwertig wie die Mutterschaft; sie ist unsittlich, wie
-sich später zeigen wird (Kapitel 14); und sie ist unlogisch, denn sie
-stellt in jeder Beziehung eine Illusion vor: wie weit er Vater seines
-Kindes ist, dessen ist kein Mensch je gewiß. Und auch ihre Dauer ist
-doch immer kurz und vergänglich: jedes Geschlecht und jede Rasse der
-Menschheit ist schließlich zu Grunde gegangen und erloschen.
-
-Die so verbreitete, so ausschließliche und geradezu ehrfürchtige
-Wertschätzung der mütterlichen Frau, die man dann gerne noch für den
-alleinigen und einzig echten Typus des Weibes auszugeben pflegt, ist
-nach alledem völlig unberechtigt; obwohl von fast allen Männern zähe
-an ihr festgehalten, ja gewöhnlich noch behauptet wird, daß jede
-Frau erst als Mutter ihre Vollendung finde. Ich gestehe, daß mir
-die Prostituierte nicht als Person, sondern als Phänomen weit mehr
-imponiert.
-
-Die allgemeine Höherstellung der Mutter hat verschiedene Gründe.
-Vor allem scheint sie, da ihr am Manne an sich nichts oder nur so
-viel liegt, als er Kind ist, eher geeignet, dem Virginitätsideal
-zu entsprechen, das, wie sich zeigen wird, stets erst der Mann aus
-einem gewissen Bedürfnis an die Frau heranbringt; welcher Keuschheit
-ursprünglich fremd ist, der nach Kindern begehrenden Mutter ganz ebenso
-wie der männersüchtigen Dirne.
-
-Jenen Schein großer Sittlichkeit vergilt ihr der Mann durch die,
-an und für sich ganz unbegründete, moralische und soziale Erhebung
-über die Prostituierte. Diese ist das Weib, das sich den Wertungen
-des Mannes und dem von ihm bei der Frau gesuchten Keuschheitsideale
-nie gefügt, sondern stets, in verborgenem Sträuben als Weltdame, in
-passivem leisen Widerstande als Halbweltlerin, in offener Demonstration
-als Gassendirne, _widersetzt_ hat. _Hieraus allein_ erklärt sich die
-Sonderposition, die Stellung außer aller sozialen Achtung, ja nahezu
-außer Recht und Gesetz, welche die Prostituierte heute fast überall
-einnimmt. Die Mutter hatte es leicht, sich dem sittlichen Willen des
-Mannes zu unterwerfen, da es ihr nur auf das Kind, auf das Leben der
-Gattung ankam.
-
-Ganz anders die Dirne. Sie lebt wenigstens ihr eigenes Leben ganz
-und gar[51], wenn sie auch dafür -- im extremen Falle -- mit dem
-Ausschluß aus der Gesellschaft bestraft wird. Sie ist zwar nicht mutig
-wie die Mutter, vielmehr feige durch und durch, aber sie besitzt
-auch das stete Korrelat der Feigheit, die Frechheit, und so hat sie
-wenigstens die Unverschämtheit ihrer Schamlosigkeit. Von Natur zur
-Vielmännerei veranlagt, und immer mehr Männer anziehend als bloß den
-einen Gründer einer Familie, ihren Trieben Lauf lassend und sie wie im
-Trotze befriedigend, fühlt sie sich als Herrscherin, und die tiefste
-Selbstverständlichkeit ist ihr, daß sie Macht habe. Die Mutter ist
-leicht zu kränken oder zu empören, die Prostituierte kann niemand
-verletzen, niemand beleidigen; denn die Mutter hat als Hüterin des
-Genus, der Familie eine gewisse _Ehre_, die Prostituierte hat auf alle
-soziale Ehre verzichtet, und das ist ihr Stolz, darum wirft sie den
-Nacken zurück. Den Gedanken aber, daß sie keine Macht habe, vermöchte
-sie nicht zu fassen. (»La maîtresse«.) Sie erwartet es und kann es gar
-nicht anders glauben, als daß alle Menschen sich mit ihr befassen, nur
-an sie denken, _für sie leben_. Und tatsächlich ist sie es auch --
-sie, das Weib als Dame -- welche die meiste Macht unter den Menschen
-besitzt, den größten, ja den alleinigen Einfluß ausübt in allem
-Menschenleben, das nicht durch männliche Verbände (vom Turnverein bis
-zum Staat) geregelt ist.
-
-Sie bildet hier das Analogon zum großen Eroberer auf politischem
-Gebiet. Wie dieser, wie _Alexander_ und _Napoleon_, wird die ganz
-große, ganz bezaubernde Dirne vielleicht nur alle tausend Jahre einmal
-geboren, aber dann feiert sie auch, wie dieser, ihren Siegeszug durch
-die ganze Welt.
-
-Jeder solche Mann steht immer in einer gewissen Verwandtschaft zur
-Prostituierten (jeder Politiker ist irgendwie _Volkstribun_, und
-im Tribunat steckt ein Element der Prostitution); wie er ist die
-Prostituierte, im Gefühle ihrer Macht, vor dem Manne nie im geringsten
-verlegen, während es jeder Mann gerade ihr und ihm gegenüber immer
-ist. Wie der große Tribun glaubt sie jeden Menschen, mit dem sie
-spricht, zu _beglücken_ -- man beobachte ein solches Weib, wenn es
-einen Polizeimann um eine Auskunft bittet, wenn es in ein Geschäft
-tritt; gleichgültig ob Männer oder Frauen darin angestellt sind,
-gleichgültig, wie klein der Einkauf ist, den sie macht: immer glaubt
-sie Gaben _auszuteilen_ nach allen Seiten hin. Man wird in jedem
-geborenen Politiker dieselben Elemente entdecken. Und die Menschen,
-alle Menschen haben _beiden_ gegenüber -- man denke, sogar der
-selbstbewußte _Goethe_ in seinem Verhalten zu _Napoleon_ in Erfurt --
-tatsächlich und unwiderstehlich das Gefühl, _beschenkt_ worden zu sein
-(_Pandora-Mythus_; _Geburt der Venus_: die aus dem Meer aufsteigt und
-bereits darbietend um sich blickt).
-
-Hiemit bin ich, wie ich im fünften Kapitel[52] versprochen habe,
-nochmals zu den »Männern der Tat« auf einen Augenblick zurückgekehrt.
-Selbst ein so tiefer Mensch wie _Carlyle_ hat sie hochgewertet, ja »the
-hero as king« zuletzt, zuhöchst unter allen Heroen gesetzt. Es wurde
-schon an jener Stelle gezeigt, warum dies nicht zutreffen kann. Ich
-darf jetzt weiter darauf hinweisen, wie alle großen Politiker Lüge und
-Betrug zu brauchen nicht scheuen, auch die größten nicht, _Caesar_,
-_Cromwell_, _Napoleon_, _Bismarck_; wie _Alexander der Große_ sogar zum
-Mörder wurde und sich seine Schuld von einem Sophisten nachträglich
-bereitwillig ausreden ließ. Verlogenheit aber ist unvereinbar mit
-Genialität; _Napoleon_ hat auf St. Helena von Lüge gesättigte, von
-Sentimentalität triefende Memoiren geschrieben, und sein letztes Wort
-war noch die altruistische Pose, daß er stets nur Frankreich geliebt
-habe. _Napoleon_, die größte Erscheinung unter allen, zeigt auch
-am deutlichsten, daß die »großen Willensmenschen«, Verbrecher, und
-demnach keine Genies sind. Ihn kann man nicht anders verstehen als
-aus der _ungeheuren Intensität, mit der er sich selbst floh_: nur
-so ist alle Eroberung, im Großen, wie im Kleinen, zu erklären. Über
-sich selbst mochte Napoleon nie nachdenken, nicht eine Stunde durfte
-er ohne große äußere Dinge bleiben, die ihn ganz ausfüllen sollten:
-darum mußte er die Welt erobern. Da er große Anlagen hatte, größere
-als jeder Imperator vor ihm, brauchte er mehr, um alle Gegenstimmen in
-sich zum Schweigen zu bringen. Übertäubung seines besseren Selbst, das
-war das gewaltige Motiv seines Ehrgeizes. Der höhere, der bedeutende
-Mensch mag zwar das gemeine Bedürfnis nach Bewunderung oder nach dem
-Ruhme teilen, aber nicht den Ehrgeiz als das Bestreben, alle Dinge in
-der Welt mit sich als empirischer Person zu verknüpfen, sie von sich
-abhängig zu machen, um auf den eigenen Namen alle Dinge der Welt zu
-einer unendlichen Pyramide zu _häufen_. Der große Mensch hat _Grenzen_,
-denn _er_ ist die Monade der Monaden, und -- dies ist eben jene letzte
-Tatsache -- gleichzeitig der bewußte Mikrokosmus, _pantogen_, er hat
-die ganze Welt in sich, er sieht, im vollständigsten Falle, bei der
-ersten Erfahrung, die er macht, klar ihre Zusammenhänge im All, und er
-bedarf darum zwar der _Erlebnisse_, aber keiner _Induktion_; der große
-Tribun und die große Hetäre sind _die_ absolut _grenzenlosen_ Menschen,
-welche die ganze Welt zur Dekoration und Erhöhung ihres _empirischen_
-Ich gebrauchen. Darum sind beide jeder Liebe, Neigung und Freundschaft
-unfähig, lieblos, liebeleer.
-
-Man denke an das tiefe Märchen von dem König, der die Sterne erobern
-wollte! Es enthüllt strahlend und grell die Idee des Imperators. Der
-wahre Genius gibt sich selbst seine Ehre, und am allerwenigsten setzt
-er sich in jenes Wechselverhältnis gegenseitiger Abhängigkeit zum
-Pöbel, wie dies jeder Tribun tut. Denn im großen Politiker steckt nicht
-nur ein Spekulant und Milliardär, sondern auch ein Bänkelsänger; er ist
-nicht nur großer Schachspieler, sondern auch großer Schauspieler; er
-ist nicht nur ein Despot, sondern auch ein Gunstbuhler; er prostituiert
-nicht nur, er ist auch eine große Prostituierte. Es gibt keinen
-Politiker, keinen Feldherrn, der nicht »hinabstiege«. Seine Hinabstiege
-sind ja berühmt, sie sind seine Sexualakte! _Auch zum richtigen Tribun
-gehört die Gasse._ Das Ergänzungsverhältnis zum Pöbel ist geradezu
-konstitutiv für den Politiker. Er kann überhaupt nur Pöbel brauchen;
-mit den anderen, den Individualitäten, räumt er auf, wenn er unklug
-ist, oder heuchelt sie zu schätzen, um sie unschädlich zu machen, wenn
-er so gerieben ist wie _Napoleon_. Seine Abhängigkeit vom Pöbel hat
-dieser denn auch am feinsten gespürt. Ein Politiker kann durchaus nicht
-alles Beliebige unternehmen, auch wenn er ein Napoleon ist, und selbst
-wenn er, was er aber als Napoleon nicht wird, _Ideale_ realisieren
-wollte: er würde gar bald von dem Pöbel, seinem wahren Herren, eines
-Besseren belehrt werden. Alle »Willensersparnis« hat nur für den
-_formalen_ Akt der _Initiative_ Geltung; _frei_ ist das Wollen des
-Machtgierigen nicht.
-
-Auf diese Gegenseitigkeit, diese Relation zu den Massen fühlt
-sich jeder Imperator hingewiesen, _darum_ sind alle ausnahmslos
-ganz instinktiv _für_ die Constituante, für die Volks- oder
-Heeresversammlung, für das allgemeinste Wahlrecht (_Bismarck_ 1866).
-Nicht Marc Aurel und Diokletian, sondern Kleon, Antonius, Mirabeau, das
-sind die Gestalten, in denen der echte Politiker erscheint. Ambitio
-heißt eigentlich Herumgehen. Das tut der Tribun wie die Prostituierte.
-Napoleon hat in Paris nach _Emerson_ »inkognito in den Straßen auf die
-Hurras und Lobsprüche des Pöbels gelauscht«. Von _Wallenstein_ heißt es
-bei _Schiller_ ganz ähnlich.
-
-Von jeher hat das Phänomen des großen Mannes der Tat, als ein ganz
-Einzigartiges, vor allem die Künstler (aber auch philosophische
-Schriftsteller) mächtig angezogen. Die überraschende Konformität,
-welche hier entrollt wurde, wird es vielleicht erleichtern, der
-Erscheinung begrifflich, durch die Analyse, näher zu kommen. _Antonius_
-(_Caesar_) und _Kleopatra_ -- die beiden sind einander gar nicht
-unähnlich. Den meisten Menschen wird die Parallele wohl zuerst
-ganz fiktiv erscheinen, und doch däucht mich das Bestehen einer
-engen Analogie über allen Zweifel erhaben, so heterogen beide den
-ersten Anblick berühren mögen. Wie der »große Mann der Tat« auf ein
-_Innenleben verzichtet_, um sich gänzlich in der Welt, hier paßt das
-Wort, _auszuleben_, und zugrundezugehen wie alles _Aus_gelebte, statt
-zu bestehen wie alles _Ein_gelebte, wie er seinen ganzen _Wert_ mit
-kolossaler Wucht hinter sich wirft und sich ihn _weghält_, so schmeißt
-die große Prostituierte der Gesellschaft den Wert ins Antlitz, den sie
-als Mutter von ihr beziehen könnte, nicht freilich um in sich zu gehen
-und ein beschauliches Leben zu führen, sondern um ihrem sinnlichen
-Triebe nun erst vollen Lauf zu lassen. Beide, die große Prostituierte
-und der große Tribun, sind wie Brandfackeln, die entzündet weithin
-leuchten, Leichen über Leichen auf ihrem Wege lassen und untergehen,
-wie Meteore, für menschliche Weisheit sinnlos, zwecklos, ohne ein
-Bleibendes zu hinterlassen, ohne alle Ewigkeit -- indessen die Mutter
-und der Genius in der Stille die Zukunft wirken. Beide, Dirne und
-Tribun, werden darum als »Gottesgeißeln«, als antimoralische Phänomene
-empfunden.
-
-Hiegegen erscheint es neuerdings gerechtfertigt, daß seinerzeit vom
-Begriffe des genialen Menschen der »große Willensmensch« ausgeschlossen
-wurde. Das Genie, und zwar nicht etwa bloß das philosophische, sondern
-auch das künstlerische, ist immer ausgezeichnet durch das Vorwalten der
-begrifflichen oder darstellenden _Erkenntnis_ über alles _Praktische_.
-
-Das Motiv, welches die Dirne treibt, bedarf indessen noch einer
-Untersuchung. Das Wesen der Mutter war relativ leicht zu erkennen:
-sie ist in eminenter Weise das Werkzeug zur Erhaltung der Gattung.
-Viel rätselhafter und schwieriger ist die Erklärung der Prostitution.
-Für jeden, der über diese lange nachgedacht hat, sind sicherlich
-Augenblicke gekommen, wo er an ihrer Aufhellung völlig verzweifelt
-hat. Worauf es hier aber gewiß vor allem ankommt, ist das verschiedene
-Verhältnis beider, der Mutter und der Dirne, zum Koitus. Die Gefahr ist
-hoffentlich gering, daß jemand die Beschäftigung hiemit, wie überhaupt
-mit dem Thema der Prostitution, für des Philosophen unwürdig erachten
-könnte. Es ist der Geist der Behandlung, der vielen Gegenständen
-Würde erteilen muß. Auch die Künstler, welche die Dirne zum Vorwurf
-gewählt haben -- mir sind _Zolas_ »Confession de Claude«, _Hortense_,
-_Renée_ und _Nana_, _Tolstois_ »Auferstehung«, _Ibsens_ _Hedda Gabler_
-und _Rita_, schließlich die _Sonja_ eines der größten Geister, des
-_Dostojewskij_ bekannt geworden -- wollten nie wirklich singuläre
-Fälle, sondern stets Allgemeines darstellen. Vom Allgemeinen aber muß
-auch eine Theorie möglich sein.
-
-Für die Mutter ist der Koitus Mittel zum Zweck; die Dirne nimmt
-insofern eine Sonderstellung zu ihm ein, _als ihr der Koitus
-Selbstzweck wird_. Daß im Naturganzen dem Koitus noch eine andere
-Rolle zugefallen ist außer der Fortpflanzung, hierauf sehen wir uns
-allerdings auch dadurch hingewiesen, daß bei vielen Lebewesen die
-letztere ohne den Koitus erreicht wird (_Parthenogenesis_). Aber
-andererseits sehen wir bei den Tieren noch überall die _Begattung_ dem
-Ziele der Hervorbringung einer Nachkommenschaft dienen, und nirgends
-ist uns der Gedanke nahegelegt, daß die Kopulation _ausschließlich_ der
-Lust wegen gesucht werde, indem sie vielmehr nur zu gewissen Zeiten,
-den Brunstperioden, vor sich geht; so daß man die Lust geradezu als das
-Mittel betrachtet hat, welches die Natur anwende, um _ihren_ Zweck der
-Erhaltung der Gattung zu erreichen.
-
-Wenn der Koitus der Dirne Selbstzweck ist, so heißt dies nicht, daß
-für die Mutter der Koitus nichts bedeute. Es gibt zwar eine Kategorie
-»sexuell-anästhetischer« Frauen, die man als »frigid« bezeichnet,
-obwohl solche Fälle viel seltener glaubwürdig sind, als man denkt,
-indem sicherlich an der ganzen Kälte oft nur der Mann die Schuld trägt,
-der durch seine Person nicht vermochte, das Gegenteil herbeizuführen;
-die übrigen Fälle aber sind nicht dem Muttertypus zuzurechnen.
-Frigidität kann sowohl bei der Mutter als bei der Dirne auftreten; sie
-wird später unter den hysterischen Phänomenen eine Erklärung finden.
-Ebensowenig darf man die Prostituierte für sexuell unempfindlich
-halten, weil die Straßendirnen (d. i. jenes Kontingent, das im ganzen
-und großen nur von der bäuerischen Bevölkerung, den Dienstmädchen
-u. s. w. zur Prostitution gestellt wird) hier oft hochgespannte
-Erwartungen durch Mangel an Lebendigkeit enttäuscht haben mögen. Weil
-das käufliche Mädchen auch die Liebesbezeugungen solcher sich gefallen
-lassen muß, die ihm sexuell nichts bieten, darf man es nicht etwa
-als zu seinem Wesen gehörig betrachten, beim Koitus überhaupt kalt
-zu bleiben. Dieser Schein entsteht nur, weil gerade sie die höchsten
-Ansprüche an das sinnliche Vergnügen stellt; und für alle Entbehrungen,
-die sie in dieser Hinsicht sonst erduldet, wird sie die Gemeinschaft
-mit dem Zuhälter aufs ausgiebigste entschädigen müssen.
-
-Daß für die Dirne der Koitus Selbstzweck ist, wird auch hieraus
-ersichtlich, daß sie, und nur sie allein, _kokett_ ist. Die Koketterie
-ist nie ohne Beziehung zum Koitus. Ihr Wesen besteht darin, daß sie die
-Eroberung der Frau dem Manne als geschehen vorspiegelt, um ihn _durch
-den Kontrast_ mit der Realität, welche diese Erfüllung noch keineswegs
-zeigt, zur Verwirklichung der Eroberung anzuspornen. So ist sie eine
-Herausforderung des Mannes, dem sie eine und dieselbe Aufgabe in ewig
-wechselnder Form zeigt und ihm _gleichzeitig_ zu verstehen gibt, daß
-er nicht für fähig gehalten werde, diese Aufgabe je zu lösen. Hiebei
-leistet das Spiel der Koketterie an sich für die Frau dies, daß es
-ihren Zweck, den Koitus, bereits während seines Verlaufes in gewissem
-Sinne erfüllt: denn durch das Begehren des Mannes, das sie hervorruft,
-fühlt die Dirne schon ein den Sensationen des Koitiert-Werdens
-Analoges und verschafft sich so den Reiz der Wollust zu jeder Zeit
-und von jedem Manne. Ob sie hierin bis zum äußersten Ende gehen oder
-sich zurückziehen werde, wenn die Bewegung einen zu beschleunigten
-Fortgang nimmt, hängt wohl nur davon ab, ob die Form des wirklichen
-Koitus, den sie zur Zeit ausübt, d. h. ob ihr gegenwärtiger Mann sie
-schon so befriedigt, daß sie von dem anderen nicht _mehr_ erwartet.
-Und daß gerade die Straßendirne im allgemeinen nicht kokett ist, kommt
-vielleicht nur davon her, daß sie die Empfindungen, welche das Ziel
-der Koketterie sind, im stärksten Ausmaß und in der massivsten Form
-ohnedies unausgesetzt kostet und daher auf die feineren prickelnden
-Variationen leicht verzichten kann. Die Koketterie ist also ein Mittel,
-den aktiven sexuellen Angriff von Seite des Mannes herbeizuführen,
-die Intensität dieses Angriffes nach Belieben zu steigern oder
-abzuschwächen und seine Richtung, dem Angreifer selbst unmerkbar,
-dorthin zu dirigieren, wo ihn die Frau haben will; ein Mittel, entweder
-bloß Blicke und Worte hervorzurufen, durch welche sie sich angenehm
-kitzelnd betastet fühlt, oder es bis zur »Vergewaltigung« kommen zu
-lassen.[53]
-
-_Die Sensationen des Koitus sind prinzipiell keine anderen Empfindungen
-als wie sie das Weib sonst kennt, sie zeigen dieselben nur in
-höchster Intensifikation; das $ganze$ Sein des Weibes offenbart sich
-im Koitus, aufs höchste $potenziert$._ Darum kommen hier auch die
-Unterschiede zwischen Mutter und Dirne am stärksten zur Geltung. Die
-Mutter empfindet den Koitus nicht _weniger_, sondern _anders_ als die
-Prostituierte. Das Verhalten der Mutter ist mehr annehmend, hinnehmend,
-die Dirne fühlt, schlürft bis aufs äußerste den Genuß. Die Mutter
-empfindet das Sperma des Mannes gleichsam als _Depositum_: bereits im
-Gefühle des Koitus findet sich bei ihr das Moment des Aufnehmens und
-Bewahrens; denn sie ist die Hüterin des Lebens. Die Dirne hingegen
-will nicht wie die Mutter das Dasein überhaupt erhöht und gesteigert
-fühlen, wenn sie vom Koitus sich erhebt; _sie will vielmehr im Koitus
-als Realität verschwinden, zermalmt, zernichtet, zu nichts, bewußtlos
-werden vor Wollust_. Für die Mutter ist der Koitus der _Anfang $einer
-Reihe$_; die Dirne will in ihm ihr _Ende_, sie will _vergehen_ in ihm.
-Der Schrei der Mutter ist darum ein kurzer, mit schnellem Schluß; der
-der Prostituierten ist langgezogen, denn alles Leben, das sie hat, will
-sie in diesen Moment _konzentriert, zusammengedrängt_ wissen. Weil
-dies nie gelingen kann, darum wird die Prostituierte in ihrem ganzen
-Leben _nie_ befriedigt, von allen Männern der Welt nicht.
-
-Hierin liegt also ein fundamentaler Unterschied im Wesen beider.
-Unterschiedslos aber fühlt sich jede Frau, da das Weib nur und durchaus
-sexuell ist, da diese Sexualität über den ganzen Körper sich erstreckt
-und an einigen Punkten, physikalisch gesprochen, bloß _dichter_ ist als
-an anderen, fortwährend und am ganzen Leibe, überall und immer, von
-was es auch sei, ausnahmslos _koitiert_. Das, was man gewöhnlich als
-Koitus bezeichnet, ist nur ein _Spezialfall_ von höchster Intensität.
-Die Dirne will _von allem koitiert werden_ -- darum kokettiert sie
-auch, wenn sie _allein_ ist, _und selbst vor leblosen Gegenständen_,
-vor jedem Bach, vor jedem Baum -- die Mutter wird von allen Dingen,
-fortwährend und am ganzen Leibe, _geschwängert_. _Dies ist die
-Erklärung des Versehens._ Alles, was auf eine Mutter je Eindruck
-gemacht hat, wirkt fort, je nach der Stärke des Eindruckes -- der zur
-Konzeption führende Koitus ist nur das intensivste dieser Erlebnisse
-und überwiegt an Einfluß alle anderen -- _all das wird Vater ihres
-Kindes_, es wird _Anfang einer Entwicklung_, deren Resultat sich später
-am Kinde zeigt.
-
-Darum also ist die Vaterschaft eine armselige Täuschung; denn sie muß
-stets mit unendlich vielen Dingen und Menschen geteilt werden, und
-das _natürliche, physische_ Recht das _Mutterrecht_. Weiße Frauen,
-die einst von einem Neger ein Kind gehabt haben, gebären später oft
-einem weißen Manne Nachkommen, die noch unverkennbare Merkmale der
-Negerrasse an sich tragen. Blüten, die mit einer Pollenart bestäubt
-werden, ergeben oft nach vielen späteren andersartigen Bestäubungen
-Früchte, welche noch an die Spezies erinnern, mit deren Pollen sie
-ehedem affiziert wurden. Und die Stute des _Lord Morton_ ist ja berühmt
-geworden, die, nachdem sie einmal einem Quagga einen Bastard geboren
-hatte, noch lange hernach einem arabischen Hengst zwei Füllen warf,
-welche deutliche Merkmale des Quaggas an sich trugen.
-
-Man hat an diesen Fällen viel gedeutelt; man hat erklärt, sie müßten
-viel häufiger vorkommen, wenn der Vorgang überhaupt möglich wäre. Aber
-damit sich diese »_Infektion_«, wie man ihn nennt (_Weismann_ hat
-den ausgezeichneten Namen _Telegonie_, d. i. _Zeugung in die Ferne_,
-vorgeschlagen, _Focke_ von Gastgeschenken, _Xenien_ gesprochen),
-damit sich Fernzeugung deutlich offenbaren könne, ist eine Erfüllung
-sämtlicher Gesetze der Sexualanziehung, eine außergewöhnlich hohe
-geschlechtliche Affinität zwischen dem ersten Vater und der Mutter
-erforderlich. Die Wahrscheinlichkeit ist von vornherein gering,
-daß ein Paar sich finde, in welchem jene Affinität derart mächtig
-ist, daß sie die mangelnde Rassenverwandtschaft überwindet; und
-doch besteht nur, wenn Rassenverschiedenheit vorhanden ist, eine
-Aussicht auf augenfällige, allgemein überzeugende Divergenzen;
-indessen bei sehr naher Familienverwandtschaft die Möglichkeit fehlt,
-unzweideutige Abweichungen vom Vatertypus an jenem Kinde, das noch
-unter dem Einflusse der früheren Zeugung stehen soll, mit Sicherheit
-festzustellen. Übrigens ist, daß man so heftig gegen die Keiminfektion
-sich gewehrt hat, nur daraus zu erklären, daß man die Erscheinungen
-nicht in ein System zu bringen wußte.
-
-Nicht besser als der Infektionslehre ist es dem Versehen ergangen.
-Hätte man begriffen, daß auch die Fernzeugung ein Versehen ist, nur
-eben ein Spezialfall des letzteren von höchster Intensität, hätte man
-eingesehen, daß der Urogenitaltrakt nicht der einzige, sondern nur der
-wirksamste Weg ist, auf dem eine Frau koitiert werden kann, daß die
-Frau durch einen _Blick_, durch ein _Wort_ sich bereits _besessen_
-fühlen kann, es wäre der Widerspruch gegen das Versehen wie gegen
-die Telegonie so laut nicht geworden. Ein Wesen, das überall und
-von allen Dingen _koitiert_ wird, kann auch überall und von allen
-Dingen _befruchtet_ werden: _die Mutter ist empfänglich überhaupt. In
-ihr gewinnt alles Leben_, denn alles macht auf sie physiologischen
-Eindruck und geht in ihr Kind als dessen Bildner ein. Hierin ist sie
-wirklich, in ihrer niederen körperlichen Sphäre, nochmals dem Genius
-vergleichbar.
-
-Anders die Dirne. Wie sie selbst im Koitus zunichte werden will, so
-ist ihr Wirken auch sonst durchaus auf Zerstörung angelegt. Während
-die Mutter alles, was dem irdischen Leben und guten Fortkommen des
-Menschen förderlich ist, begünstigt, alles Ausschweifende aber von
-ihm fernhält, während sie den Fleiß des Sohnes aneifert und die
-Arbeitsamkeit des Gatten spornt, sucht die Hetäre die ganze Kraft
-und Zeit des Mannes _für sich_ in Anspruch zu nehmen. Aber nicht
-nur sie selbst ist gleichsam von Anbeginn dazu bestimmt, den Mann
-zu mißbrauchen: auch in jedem Mann verlangt etwas nach dieser Frau,
-das an Seite der schlichteren, stets geschäftigen, geschmacklos
-gekleideten, aller geistigen Elégance baren Mutter keine Befriedigung
-findet. Etwas in ihm _sucht_ den Genuß, und beim _Freudenmädchen_
-vergißt er sich am leichtesten. Denn die Dirne vertritt das Prinzip des
-leichten Sinnes, sie sorgt nicht vor wie die Mutter, sie und nicht die
-Mutter ist die gute Tänzerin, nur sie verlangt nach Unterhaltung und
-großer Gesellschaft, nach dem Spaziergang und dem Vergnügungslokal,
-nach dem Seebad und dem Kurort, nach Theater und Konzert, nach immer
-neuen Toiletten und Edelsteinen; nach Geld, um es mit vollen Händen
-hinauszustreuen, nach Luxus statt nach Komfort, nach Lärm statt nach
-Ruhe; nicht nach dem Lehnstuhl inmitten von Enkeln und Enkelinnen,
-sondern nach dem Triumphzug auf dem Siegeswagen des schönen Körpers
-durch die Welt.
-
-Die Prostituierte erscheint denn auch dem Manne unmittelbar als die
-Verführerin: in den Gefühlen, die sie in ihm weckt; nur sie, das
-unkeusche Weib par excellence, als »Zauberin«. Sie ist der weibliche
-»Don Juan«, sie ist jenes Wesen in der Frau, das die Ars amatoria
-kennt, lehrt und hütet.
-
-Hiemit hängen aber noch interessantere und tiefer führende Dinge
-zusammen. Die Mutter wünscht vom Manne Anständigkeit, nicht um der
-Idee willen, _sondern weil sie die Bejaherin des Erdenlebens ist_. Wie
-sie selbst arbeitet und nicht faul ist gleich der Dirne, wie sie stets
-von Geschäften mit Bezug auf die Zukunft erfüllt scheint, so hat sie
-auch beim Manne Sinn für Tätigkeit und sucht ihn nicht von dieser zum
-Vergnügen hin abzuziehen. Die Dirne hingegen kitzelt am stärksten der
-Gedanke eines rücksichtslosen, gaunerischen, der Arbeit abgewandten
-Mannes. Ein Mensch, der einmal eingesperrt war, ist der Mutter ein
-Gegenstand des Abscheus, der Dirne eine Attraktion. Es gibt Frauen,
-die mit ihrem Sohne wirklich unzufrieden sind, wenn er in der Schule
-nicht gut tut, und solche, die an ihm, wenn sie auch das Gegenteil
-heucheln, dann um so größeres Wohlgefallen finden. Das »_Solide_« reizt
-die Mutter, das »_Unsolide_« die Dirne. Jene verabscheut, diese liebt
-den kräftig trinkenden Mann. Und so ließe sich noch vieles andere, in
-der gleichen Richtung gelegene anführen. Nur ein Einzelfall dieser
-allgemeinen, hoch in die wohlhabendsten Klassen hinauf reichenden
-Verschiedenheit ist es, daß die Gassendirne zu jenen Menschen sich am
-meisten hingezogen fühlt, die offene Verbrecher sind: der _Zuhälter_
-ist immer gewalttätig, kriminell veranlagt, oft Räuber oder Betrüger,
-wenn nicht Mörder zugleich.
-
-Dies legt nun, so wenig das Weib selbst _anti_moralisch genannt werden
-darf -- es ist immer nur amoralisch -- den Gedanken nahe, daß die
-Prostitution in irgend einer tiefen _Beziehung_ zum _Anti_moralischen
-stehe, während alle Mutterschaft nie einen solchen Hinweis enthält.
-Nicht als ob die Prostituierte selbst das weibliche Äquivalent des
-männlichen Verbrechers bildete; obwohl sie so arbeitsscheu ist wie
-dieser, darf aus den in den vorigen Kapiteln erörterten Gründen
-die Existenz eines verbrecherischen Weibes nicht zugegeben werden:
-die Frauen stehen nicht so hoch. Aber _in einer Relation_ zum
-Antimoralischen, zum Bösen wird die Prostituierte unleugbar vom Manne
-empfunden, selbst wenn dieser nicht in ein sexuelles Verhältnis zu ihr
-getreten ist; so daß man nicht sagen kann, nur die Abwehr irgend eines
-eigenen Wollustgedankens habe diese projizierende Form angenommen. Der
-Mann erlebt die Prostitution von vornherein als ein Dunkles, Nächtiges,
-Schauervolles, Unheimliches, ihr Eindruck lastet schwerer, qualvoller
-auf seiner Brust als der, welchen die Mutter auf ihn hervorbringt.
-Die merkwürdige Analogie der großen Hetäre zum großen Verbrecher,
-d. i. eben zum Eroberer; die intime Beziehung der kleinen Dirne zum
-moralischen Ausbunde der Menschheit, dem Zuhältertum; jenes Gefühl,
-das sie im Manne wachruft, endlich die Absichten, die sie in betreff
-seiner hat -- all das vereinigt sich dazu, jene Ansicht zu bekräftigen.
-_Wie die Mutter ein lebensfreundliches, so ist die Prostituierte ein
-lebensfeindliches Prinzip._ Aber wie die Bejahung der Mutter nicht
-auf die Seele, sondern auf den Leib geht, so erstreckt sich auch die
-Verneinung der Dirne nicht diabolisch auf die Idee, sondern nur auf
-Empirisches. Sie will vernichtet werden und vernichten, sie schadet
-und zerstört. _Physisches Leben und physischer Tod, beide im Koitus so
-geheimnisvoll tief zusammenhängend_ (vgl. das nächste Kapitel), _sie
-verteilen sich auf das Weib als Mutter und als Prostituierte_.
-
-Eine entscheidendere Antwort als diese kann auf die Frage nach
-der Bedeutung von Mutterschaft und Prostitution einstweilen kaum
-gegeben werden. Es ist ja ein völlig dunkles, von keinem Wanderer
-noch betretenes Gebiet, auf dem ich mich hier befinde; der Mythus
-in seiner religiösen Phantasie mag es zu erleuchten sich erkühnen,
-dem Philosophen sind metaphysische Übergriffe allzufrüh nicht
-anzuraten. Dennoch bedarf noch einiges einer besseren Hervorhebung.
-Die antimoralische Bedeutung des Phänomens der Prostitution stimmt
-damit überein, daß sie ausschließlich auf den Menschen beschränkt
-ist. Bei den Tieren ist das Weibchen durchaus der Fortpflanzung
-untertan, es gibt dort keine sterile Weiblichkeit. Ja man könnte sogar
-daran denken, daß sich bei den Tieren die Männchen prostituieren,
-wenn man an den Rad schlagenden Pfau denkt, an das Leuchten des
-Glühwurms, die Lockrufe der Singvögel, den balzenden Auerhahn. Aber
-diese Schaustellungen sekundärer Geschlechtscharaktere sind bloße
-_exhibitionistische_ Akte des Männchens; wie es auch unter den Menschen
-vorkommt, daß läufige Männer ihre Genitalien vor Frauen entblößen
-als Aufforderung zum Koitus. Nur insofern sind diese tierischen Akte
-vorsichtig zu interpretieren, als man sich hüten muß, zu glauben, die
-psychische Wirkung, welche durch sie auf das Weibchen hervorgebracht
-wird, werde von dem Männchen im voraus in Betracht und Rechnung
-gezogen. Es handelt sich viel mehr um einen triebhaften _Ausdruck_
-des _eigenen_ sexuellen Verlangens als um ein Mittel, dasselbe beim
-Weibe zu steigern, es ist ein Hintreten vor die Frau _mit_ und _in_
-der sexuellen Erregung; während bei exhibitionierenden _Menschen_
-wohl stets die Vorstellung der Erregung des anderen Geschlechtes
-mitspielt[54].
-
-Die Prostitution ist demnach etwas beim Menschen allein Auftretendes;
-Tiere und Pflanzen sind ja nur gänzlich amoralisch, nicht irgendwie
-dem Antimoralischen verwandt, und kennen darum nur die Mutterschaft.
-_Hier liegt also eines der tiefsten Geheimnisse aus Wesen und
-Ursprüngen des $Menschen$ verborgen._ Und nun ist insofern an dem
-früheren eine Korrektur anzubringen, als mir wenigstens, je länger
-ich über sie nachdenke, desto mehr die Prostitution eine _Möglichkeit
-für $alle$ Frauen zu sein scheint, ebenso wie die, ja bloß physische,
-Mutterschaft_. Sie ist vielleicht etwas, wovon _jedes_ menschliche Weib
-durchsetzt, etwas, womit hier die tierische Mutter tingiert ist[55],
-ja am Ende eben das, was im menschlichen Weibe jenen Eigenschaften
-entspricht, um die der menschliche Mann mehr ist als das tierische
-Männchen. Zu der bloßen Mutterschaft des Tieres ist hier, mit dem
-Antimoralischen im Manne zu gleicher Zeit und nicht ohne merkwürdige
-Beziehungen zu diesem, ein Faktor hinzugekommen, der das menschliche
-Weib vom tierischen gänzlich und von Grund aus unterscheidet. Welche
-Bedeutung das Weib gerade als _Dirne_ für den Mann in _besonderem_
-Maße gewinnen konnte, davon soll erst gegen den Schluß der gesamten
-Untersuchung die Rede werden; der Ursprung, die letzte Ursache der
-Prostitution, bleibt gleichwohl vielleicht für immer ein tiefes Rätsel
-und in völliges Dunkel gehüllt.
-
-Es lag mir bei dieser etwas breiten, aber durchaus nicht
-erschöpfenden, durchaus nicht alle Phänomene auch nur streifenden
-Betrachtung alles andere näher, als etwa ein Prostituierten-Ideal
-aufzustellen, wie es manche begabte Schriftsteller der jüngsten Zeit
-kaum verhüllt entwickelt zu haben scheinen. Aber dem anderen, dem
-scheinbar unsinnlichen Mädchen _mußte_ ich den Nimbus rauben, mit dem
-es jeder Mann so gerne umgeben möchte, durch die Erkenntnis, daß gerade
-dieses Geschöpf das mütterlichste ist, und die Virginität ihm, seinem
-Begriffe nach, ebenso fremd wie der Dirne. Und selbst die Mutterliebe
-konnte vor einer eindringenderen Analyse nicht als ein sittliches
-Verdienst sich behaupten. Die Idee der unbefleckten Empfängnis endlich,
-der reinen Jungfrau Goethes, Dantes, enthält die Wahrheit, daß die
-absolute Mutter den Koitus nie als Selbstzweck, um der Lust willen,
-herbeiwünschen würde. Sie darum heiligen konnte nur eine Illusion.
-Dagegen ist es wohl begreiflich, daß sowohl der Mutterschaft als der
-Prostitution, beiden als Symbolen tiefer und mächtiger Geheimnisse,
-religiöse Verehrung gezollt wurde.
-
-Ist damit die Unhaltbarkeit jener Ansicht dargetan, welche einen
-besonderen Frauentypus doch noch verteidigen und für die Sittlichkeit
-des Weibes in Anspruch nehmen zu können glaubt, so soll jetzt die
-Erforschung der Motive in Angriff genommen werden, welche den Mann die
-Frau immer und ewig werden verklären lassen.
-
-
-
-
-XI. Kapitel.
-
-Erotik und Ästhetik.
-
-
-Die Argumente, mit welchen die Hochwertung der Frau immer wieder zu
-begründen versucht wird, sind nun, bis auf wenige, noch nachzuholende
-Dinge, einer Prüfung unterzogen, und vom Standpunkte der kritischen
-Philosophie, auf welchen die Untersuchung, nicht ohne diese Wahl zu
-begründen, sich gestellt hat, auch widerlegt. Freilich ist wenig Grund
-zur Hoffnung, daß man sich in einer Diskussion auf diesen harten Boden
-begeben werde. Das Schicksal _Schopenhauers_ gibt zu denken, dessen
-niedrige Meinung »Über die Weiber« noch immer darauf zurückgeführt zu
-werden pflegt, daß ein venetianisches Mädchen, mit dem er ging, sich
-in den vorübergaloppierenden, körperlich schöneren _Byron_ vergaffte:
-als ob die schlechteste Meinung von den Frauen der bekäme, der am
-wenigsten, und nicht vielmehr jener, der am meisten Glück bei ihnen
-gehabt hat. Die Methode, statt Gründe mit Gründen zu widerlegen, jemand
-einfach als Misogynen zu bezeichnen, hat in der Tat viel für sich. Der
-Haß ist nie über sein Objekt hinaus, und so bringt die Bezeichnung
-eines Menschen als eines Hassers dessen, worüber er aburteilt,
-ihn stets mit Leichtigkeit in den Verdacht der Unaufrichtigkeit,
-Unreinheit, Unsicherheit, die durch das Pathos der Abwehr zu ersetzen
-suche, was ihr an innerer Berechtigung gebricht. So verfehlt diese
-Art der Antwort nie ihren _Zweck_, von allem Eingehen auf die Frage
-zu entheben. Sie ist die geschickteste und treffsicherste Waffe jener
-ungeheuren Mehrzahl unter den Männern, die sich über das Weib _nie
-klar werden $will$_. Es ist nun allerdings eine Unsitte, in einer
-theoretischen Kontroverse auf die psychologischen Motive des Gegners
-zu rekurrieren und diesen Rekurs statt der Beweise zu brauchen. Ich
-will auch niemand theoretisch darüber belehren, daß in einem sachlichen
-Streite die Gegner beide unter die überpersönliche Idee der Wahrheit
-sich zu stellen haben und ein Ergebnis unabhängig davon sollen zu
-erreichen suchen, ob und wie sie beide als konkrete Einzelpersonen
-existieren. Wenn aber von der einen Seite das logische Schlußverfahren
-folgerichtig bis zu einem gewissen Abschluß gebracht wurde, ohne daß
-die andere auf den Beweisprozeß an sich eingeht, sondern nur gegen die
-Konklusionen heftig sich sträubt: dann darf in gewissen Fällen der
-erste wohl sich erlauben, den zweiten für die Unanständigkeit seines,
-zum Eingehen auf strenge Deduktion nicht zu bewegenden Benehmens zu
-strafen, indem er ihm die Motive seiner Halsstarrigkeit recht vor die
-Augen rückt. Denn wären dem anderen diese Gründe bewußt, so würde er
-sie auch sachlich abwägen gegen die Wirklichkeit, die seinen Wünschen
-so widerstreitet. Nur weil sie ihm unbewußt waren, darum konnte er,
-sich selbst gegenüber, nicht zu einer objektiven Stellung gelangen.
-Deshalb soll jetzt, nach den strengen logischen und sachlichen
-Ableitungen, der Spieß umgekehrt, und einmal der Frauenverteidiger
-darauf untersucht werden, aus welchem Gefühle das Pathos seiner
-Parteinahme stammt, inwiefern es seine Wurzeln in lauterer, und wie
-weit es sie in fragwürdiger Gesinnung hat.
-
-Alle Einwände, welche dem Verächter der Weiblichkeit gemacht werden,
-gehen gefühlsmäßig samt und sonders aus dem _erotischen_ Verhältnisse
-hervor, in welchem der Mann zu der Frau steht. Dieses Verhältnis ist
-von dem nur _sexuellen_, mit welchem bei den Tieren die Beziehungen
-der Geschlechter erschöpft sind, und das auch unter den Menschen dem
-Umfang nach die weitaus größere Rolle spielt, _ein prinzipiell durchaus
-Verschiedenes_. Es ist vollkommen verfehlt, daß Sexualität und Erotik,
-Geschlechtstrieb und Liebe, im Grunde nur ein und dasselbe seien,
-die zweite eine Verbrämung, Verfeinerung, Umnebelung, »Sublimation«
-des ersten; obwohl hierauf wohl alle Mediziner schwören, ja selbst
-Geister wie _Kant_ und _Schopenhauer_ nichts anderes geglaubt haben.
-Ehe ich auf die Begründung dieser schroffen Trennung eingehe, will
-ich, was diese beiden Männer betrifft, folgendes zu bemerken nicht
-unterlassen. _Kantens_ Meinung kann aus dem Grunde nicht maßgebend
-sein, weil er sowohl die Liebe als den Geschlechtstrieb nur in so
-geringem Maße gekannt haben muß, wie überhaupt nie ein Mensch außer
-ihm. Er war so wenig erotisch, daß er nicht einmal das Bedürfnis hatte
-zu _reisen_. Er steht also zu hoch und zu rein da, um in dieser Frage
-als Autorität mitzusprechen: die einzige Geliebte, an der _er_ sich
-gerächt hat, war die Metaphysik. Und was _Schopenhauer_ anlangt, so hat
-dieser eben wenig Verständnis für höhere Erotik, sondern nur eines für
-sinnliche Sexualität besessen. Dies läßt sich auf folgendem Wege ohne
-Schwierigkeit ableiten. _Schopenhauers_ Gesicht zeigt wenig Güte und
-viel Grausamkeit (unter der er allerdings am fürchterlichsten selbst
-gelitten haben muß: man stellt keine Mitleidsethik auf, wenn man selbst
-sehr mitleidig ist. Die mitleidigsten Menschen sind die, welche sich
-ihr Mitleiden am meisten verübeln: _Kant_ und _Nietzsche_). Aber _nur_
-zum _Mitleiden_ stark veranlagte Menschen sind, worauf schon hier
-hingewiesen werden darf, einer heftigen _Erotik_ fähig; solche, die
-»an nichts keinen Anteil nehmen«, sind der Liebe unfähig. Es müssen
-dies nicht satanische Naturen sein, im Gegenteil, sie können sittlich
-sehr hoch stehen, ohne doch recht zu bemerken, was ihr Nebenmensch
-gerade denkt oder was in ihm vorgeht; und ohne ein Verständnis für ein
-übersexuelles Verhältnis zum Weibe zu besitzen. So ist es auch bei
-_Schopenhauer_. Er war ein extrem unter dem Geschlechtstriebe leidender
-Mensch, er hat aber nie geliebt; wäre doch sonst auch die Einseitigkeit
-seiner berühmten »Metaphysik der Geschlechtsliebe« unerklärlich, deren
-wichtigste Lehre es ist, daß der unbewußte Endzweck auch aller _Liebe_
-nichts weiter sei als »die Zusammensetzung der nächsten Generation«.
-
-Diese Ansicht ist, wie ich zeigen zu können glaube, _falsch_. Zwar eine
-Liebe, die ganz frei von Sinnlichkeit ist, gibt es _in der Erfahrung_
-nicht. Der Mensch, mag er noch so hoch stehen, ist eben immer _auch_
-Sinnenwesen. Worauf es ankommt und was unwiderstehlich die gegnerische
-Ansicht zu Boden schlägt, ist, daß jede Liebe selbst, an und für sich
--- nicht erst durchs Hinzutreten asketischer Grundsätze -- _feindlich_
-gegen alle jene Elemente des Verhältnisses sich stellt, die zum Koitus
-drängen, _ja sie als ihre eigene Negation selbst empfindet_. Liebe und
-Begehren sind zwei so verschiedene, einander so völlig ausschließende,
-ja entgegengesetzte Zustände, daß, in den Momenten, wo ein Mensch
-wirklich _liebt_, ihm der Gedanke der körperlichen Vereinigung mit dem
-geliebten Wesen ein völlig undenkbarer ist. Daß es keine Hoffnung gibt,
-die von Furcht ganz frei wäre, ändert nichts daran, daß Hoffnung und
-Furcht einander gerade entgegengesetzt sind. Nicht anders verhält es
-sich zwischen dem Geschlechtstrieb und der Liebe. Je erotischer ein
-Mensch ist, desto weniger wird er von seiner Sexualität belästigt, und
-umgekehrt. Wenn es keine Anbetung gibt, die von Begierde gänzlich frei
-wäre, so darf man darum beide Dinge nicht identifizieren, die höchstens
-_entgegengesetzte_ Phasen sein mögen, in welche ein reicherer Mensch
-successive eintreten kann. Der lügt oder hat nie gewußt, was Liebe ist,
-der behauptet, eine Frau noch zu lieben, die er begehrt: so verschieden
-sind Liebe und Geschlechtstrieb. Darum wird es auch fast immer als eine
-Heuchelei empfunden, wenn einer von Liebe in der Ehe spricht.
-
-Dem stumpfen Blicke, der dem gegenüber noch immer, wie aus
-grundsätzlichem Cynismus, an der Identität beider festhält, sei
-folgendes zu schauen gegeben: die sexuelle Anziehung wächst mit der
-körperlichen Nähe, die Liebe ist am stärksten in der Abwesenheit der
-geliebten Person, sie bedarf der Trennung, einer gewissen Distanz,
-um am Leben zu bleiben. Ja, was alle Reisen in ferne Länder nicht
-erreichen konnten, daß wahre Liebe sterbe, wo aller Zeitverlauf dem
-_Vergessen_ nichts fruchtete, da kann eine zufällige, unbeabsichtigte
-körperliche Berührung mit der Geliebten den Geschlechtstrieb wachrufen
-und es vermögen, die Liebe auf der Stelle zu töten. Und für den höher
-differenzierten, den bedeutenden Menschen haben das Mädchen, das er
-begehrt, und das Mädchen, das er nur lieben, aber nie begehren könnte,
-sicherlich immer eine ganz verschiedene Gestalt, einen verschiedenen
-Gang, eine verschiedene Charakteranlage: _es sind zwei gänzlich
-verschiedene Wesen_.
-
-Es gibt also »platonische« Liebe, wenn auch die Professoren der
-Psychiatrie nichts davon halten. Ich möchte sogar sagen: _es gibt
-nur »platonische« $Liebe$_. Denn was sonst noch Liebe genannt wird,
-gehört in das Reich der Säue. Es gibt nur eine Liebe: es ist die Liebe
-zur Beatrice, die Anbetung der Madonna. Für den Koitus ist ja die
-babylonische Hure da.
-
-_Kantens_ Aufzählung der transcendentalen Ideen bedürfte, sollte dies
-haltbar bleiben, einer Erweiterung. Auch die reine hohe, begehrungslose
-Liebe, die Liebe _Platons_ und _Brunos_, wäre eine _transcendentale
-Idee_, deren Bedeutung als _Idee_ dadurch nicht berührt würde, daß
-keine Erfahrung jemals sie völlig verwirklicht aufwiese.
-
-Es ist das Problem des »_Tannhäuser_«. Hie Tannhäuser, hie Wolfram; hie
-Venus, hie Maria. Die Tatsache, daß ein Liebespaar, das sich wirklich
-auf ewig gefunden hat -- Tristan und Isolde -- in den Tod geht statt
-ins Brautbett, ist ein ebenso absoluter Beweis eines Höheren, sei's
-drum, Metaphysischen _im_ Menschen, wie das Märtyrertum eines _Giordano
-Bruno_.
-
- »Dir, hohe Liebe, töne
- Begeistert mein Gesang,
- Die mir in Engelschöne
- Tief in die Seele drang!
- Du nahst als Gottgesandte:
- Ich folg' aus holder Fern', --
- So führst du in die Lande,
- Wo ewig strahlt dein Stern.«
-
- * * * * *
-
-Wer ist der Gegenstand solcher Liebe? Dasselbe Weib, das hier
-geschildert wurde, das Weib ohne alle Qualitäten, die einem Wesen
-Wert verleihen können, das Weib ohne den Willen nach einem eigenen
-Werte? Wohl kaum: es ist das überschöne, das engelreine Weib, das mit
-dieser Liebe geliebt wird. Woher jenem Weibe seine Schönheit und seine
-Keuschheit kommt, das ist nun die Frage.
-
-Es ist häufig darüber gestritten worden, ob wirklich das weibliche
-Geschlecht das schönere sei, und noch mehr wurde seine Bezeichnung als
-_das schöne_ schlechthin angefochten. Es wird sich empfehlen, zunächst
-im einzelnen zu fragen, von wem und inwiefern das Weib schön gefunden
-wird.
-
-Bekannt ist, daß das Weib nicht in seiner Nacktheit am schönsten ist.
-Allerdings, in der Reproduktion durch das Kunstwerk, als Statue oder
-als Bild, mag das unbekleidete Weib schön sein. Aber das lebende nackte
-Weib kann schon aus dem Grunde von niemand schön gefunden werden, weil
-der Geschlechtstrieb jene bedürfnislose Betrachtung unmöglich macht,
-welche für alles Schönfinden unumgängliche Voraussetzung bleibt. Aber
-auch abgesehen hievon erzeugt das völlig nackte lebendige Weib den
-Eindruck von etwas Unfertigem, noch nach etwas _außer_ sich Strebenden,
-und dieser ist mit der Schönheit unverträglich. Das nackte Weib ist
-im einzelnen schöner denn als Ganzes; als solches nämlich erweckt es
-unvermeidlich das Gefühl, daß es etwas suche, und bereitet darum dem
-Beschauer eher Unlust als Lust. Am stärksten tritt dieses Moment des
-Insichzwecklosen, des einen Zweck _außer sich_ habenden, am aufrecht
-_stehenden_ nackten Weibe hervor; durch die liegende Position wird es
-naturgemäß gemildert. Die künstlerische Darstellung des nackten Weibes
-hat dies wohl empfunden; und wenn das nackte Weib aufrecht stehend oder
-schwebend gebildet ward, so zeigte sie das Weib nie allein, sondern
-stets mit Rücksicht auf eine Umgebung, vor welcher es dann seine Blöße
-mit der Hand zu bedecken suchen konnte.
-
-Aber das Weib ist auch im einzelnen nicht durchaus schön, selbst wenn
-es möglichst vollkommen und ganz untadelig den körperlichen Typus
-seines Geschlechtes repräsentiert. Was hier theoretisch am meisten in
-Betracht kommt, ist das weibliche Genitale. Wenn die Meinung Recht
-hätte, daß alle Liebe des Mannes zum Weibe nur zum Hirn gestiegener
-Detumescenztrieb ist, wenn _Schopenhauers_ Behauptung haltbar wäre:
-»Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige
-Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb
-umnebelte männliche Intellekt: _in diesem Triebe nämlich steckt seine
-ganze Schönheit_« -- -- so müßte das weibliche Genitale am heftigsten
-geliebt sein und vom ganzen Körper des Weibes am schönsten gefunden
-werden. Aber, von einigen widerlichen Lärmmachern der letzten Jahre
-zu schweigen, welche durch die Aufdringlichkeit ihrer Reklame für
-die Schönheit des weiblichen Genitales sowohl beweisen, daß erst
-eine Agitation nötig ist, um hieran glauben zu machen, als auch die
-Unaufrichtigkeit jener Reden erkennen lassen, von deren Inhalt sie
-überzeugt zu sein vorgeben: von diesen abgesehen läßt sich behaupten,
-daß kein Mann speziell das weibliche _Genitale_ schön, vielmehr ein
-jeder es _häßlich_ findet; es mögen gemeine Naturen durch diesen
-Körperteil des Weibes besonders zu sinnlicher Begierde gereizt werden,
-jedoch gerade solche werden ihn vielleicht sehr _angenehm_, nie aber
-_schön_ finden. Die Schönheit des Weibes kann also kein bloßer Effekt
-des Sexualtriebes sein; sie ist ihm vielmehr geradezu entgegengesetzt.
-Männer, die ganz unter der Gewalt des Geschlechtsbedürfnisses stehen,
-haben für Schönheit am Weibe gar keinen Sinn; Beweis hiefür ist, daß
-sie ganz wahllos jede Frau begehren, die sie erblicken, bloß nach den
-vagen Formen ihrer Körperlichkeit.
-
-Der Grund für die angeführten Phänomene, die Häßlichkeit des weiblichen
-Genitales und die Unschönheit seines lebenden Körpers als _ganzen_,
-kann nirgend anders gefunden werden als darin, daß sie das Schamgefühl
-im Manne verletzen. Die kanonische Flachköpfigkeit unserer Tage hat
-es auch möglich werden lassen, daß das Schamgefühl aus der Tatsache
-der Kleidung abgeleitet und hinter dem Widerstreben gegen weibliche
-Nacktheit nur Unnatur und versteckte Unzüchtigkeit vermutet wurde.
-Aber ein Mann, der unzüchtig geworden ist, wehrt sich gar nicht mehr
-gegen die Nacktheit, weil sie ihm als solche nicht mehr auffällt. Er
-begehrt bloß, er liebt nicht mehr. Alle wahre Liebe ist schamhaft,
-ebenso wie alles wahre Mitleid. Es gibt nur eine Schamlosigkeit: die
-Liebeserklärung, von deren Aufrichtigkeit ein Mensch im selben Momente
-überzeugt wäre, in dem er sie machte. Diese würde das objektive
-Maximum an Schamlosigkeit repräsentieren, welches denkbar ist; es wäre
-etwa so, wie wenn jemand sagen würde: ich bin sehnsüchtig. Jenes wäre
-die _Idee_ der schamlosen Handlung, dies die Idee der schamlosen Rede.
-Beide sind nie verwirklicht, weil alle Wahrheit schamhaft ist. Es gibt
-keine Liebeserklärung, die nicht eine Lüge wäre; und wie dumm die
-Frauen doch eigentlich sind, kann man daraus ersehen, wie oft sie an
-Liebesbeteuerungen glauben.
-
-_In der Liebe des Mannes, die stets schamhaft ist, liegt nach alldem
-der Maßstab für das, was am Weibe schön, und das, was an ihm häßlich
-gefunden wird._ Es ist hier _nicht_ wie in der _Logik_: das Wahre
-der Maßstab des Denkens, der Wahrheitswert sein Schöpfer; _nicht_
-wie in der _Ethik_: das Gute das Kriterium für das Sollen, der Wert
-des Guten ausgestattet mit dem _Anspruch_, den Willen zum Guten zu
-lenken; _sondern hier, in der Ästhetik, wird die Schönheit erst
-von der Liebe geschaffen_; es besteht keinerlei innerer Normzwang,
-das zu lieben, was schön ist, und das Schöne tritt nicht an den
-Menschen mit dem Anspruch heran, geliebt zu werden. (Nur _darum_ gibt
-es keinen überindividuellen, allein »richtigen« Geschmack.) _Alle
-Schönheit ist vielmehr selbst erst eine Projektion, eine Emanation des
-Liebesbedürfnisses_; und so ist auch die Schönheit des Weibes nicht ein
-von der Liebe Verschiedenes, nicht ein Gegenstand, auf den sie sich
-richtet, sondern _die Schönheit des Weibes $ist$ die Liebe des Mannes_,
-beide sind nicht _zweierlei_, sondern _eine und dieselbe Tatsache_.
-Wie Häßlichkeit von Hassen, so kommt Schönheit von Lieben. Und auch
-darin, daß Schönheit so wenig wie Liebe mit dem sinnlichen Trieb zu
-tun hat, daß jene wie diese ihm fremd ist, drückt sich nur diese selbe
-Tatsache aus. Die Schönheit ist ein Unberührbares, Unantastbares,
-mit anderem Unvermengbares; nur aus völliger Weite kann sie wie nahe
-geschaut werden, und vor jeder Annäherung entfernt sie sich. Der
-Geschlechtstrieb, der die Vereinigung mit dem Weibe sucht, vernichtet
-dessen Schönheit; das betastete, das besessene Weib wird von niemand
-mehr der Schönheit wegen angebetet.
-
-Dies leitet nun auch über zur Beantwortung der _zweiten_ Frage: Was ist
-die Unschuld, was die Moralität des Weibes?
-
-Von einigen Tatsachen, welche den Beginn jeder Liebe begleiten, wird
-hier am besten ausgegangen. Reinheit des Leibes ist, wie schon einmal
-angedeutet, beim Manne im allgemeinen ein Zeichen von Sittlichkeit und
-Aufrichtigkeit; wenigstens sind körperlich schmutzige Menschen kaum je
-von sehr lauterer Gesinnung. Nun kann man beobachten, wie Menschen, die
-sonst durchaus nicht sehr auf die Reinlichkeit ihres Leibes achten,
-in den Zeiten, da sie zu größerer Anständigkeit des Charakters sich
-aufraffen, auch stets häufiger und ausgiebiger sich waschen. Ebenso
-werden nun auch Menschen, die nie sauber gewesen sind, für die Dauer
-einer Liebe plötzlich aus innerem Triebe reinlichkeitsbedürftig, und
-diese kurze Spanne Zeit ist oft die einzige ihres Lebens, wo sie unter
-ihrem Hemde nicht unflätig aussehen. Schreiten wir zum Geistigen
-vor, so sehen wir, wie bei vielen Menschen Liebe mit Selbstanklagen,
-Kasteiungs- und Sühnungsversuchen beginnt. Eine moralische Einkehr
-fängt an, von der Geliebten scheint auch eine innere Läuterung
-auszugehen, auch wenn der Liebende nie mit ihr gesprochen, ja sie
-nur wenige Male aus der Ferne gesehen hat. _Dieser_ Prozeß kann also
-unmöglich in dem geliebten Wesen selbst seinen Grund haben: die
-Geliebte ist nur zu oft ein Backfisch, nur zu oft eine Kuh, nur zu
-oft eine lüsterne Kokette, und niemand nimmt für gewöhnlich an ihr
-überirdische Eigenschaften wahr als eben derjenige, der sie liebt. Ist
-es also zu glauben, daß diese konkrete Person geliebt werde in der
-Liebe, oder dient sie nicht vielmehr einer unvergleichlich größeren
-Bewegung nur als _Ausgangspunkt_?
-
-In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst. Nicht seine
-Subjektivität, nicht das, was er, als ein von aller Schwäche und
-Gemeinheit, von aller Schwere und Kleinlichkeit behaftetes Wesen
-wirklich vorstellt; sondern das, was er ganz sein will und ganz
-sein soll, sein eigenstes, tiefstes, intelligibles Wesen, frei von
-allen Fetzen der Notwendigkeit, von allen Klumpen der Erdenheit. In
-seiner zeitlich-räumlichen Wirksamkeit ist dieses Wesen vermengt mit
-den Schlacken sinnlicher Beschränktheit, es ist nicht als reines,
-strahlendes Urbild vorhanden; wie tief er auch in sich gehen mag,
-er findet sich getrübt und befleckt, und sieht nirgends das, was er
-sucht, in weißer, makelloser Reinheit. Und doch bedarf er nichts so
-dringend, ersehnt er nichts so heiß als ganz und gar _er selbst_ und
-nichts anderes zu sein. Das eine aber, wonach er strebt, das Ziel,
-erblickt er nicht in hellem Glanze und unverrückter Festigkeit auf dem
-Grunde des eigenen Wesens, _und darum muß er es draußen denken_, um
-so ihm leichter nacheifern zu können. _Er projiziert sein Ideal eines
-absolut wertvollen Wesens_ auf ein anderes menschliches Wesen, und
-das und nichts anderes bedeutet es, wenn er dieses Wesen _liebt_. Nur
-wer selbst schuldig geworden ist, und seine Schuld fühlt, ist dieses
-Aktes fähig: darum kann das Kind noch nicht lieben. Nur weil die Liebe
-das höchste, stets unerreichte Ziel aller Sehnsucht so darstellt, als
-wäre es irgendwo in der Erfahrung verwirklicht und nicht bloß in der
-Idee vorhanden; nur indem sie es im Nebenmenschen lokalisiert, und
-so gleichzeitig eben der Tatsache Ausdruck gibt, daß im Liebenden
-selbst das Ideal der Erfüllung noch so ferne ist: nur darum kann mit
-der Liebe zugleich das _Streben_ nach Läuterung neu erwachen, ein
-Hinwollen zu einem Ziele, das von höchster geistiger Natur ist und
-somit keine körperliche Verunreinigung durch _räumliche_ Annäherung an
-die Geliebte duldet; darum ist Liebe die höchste und stärkste Äußerung
-des Willens zum Werte, darum kommt in ihr wie in nichts auf der Welt
-das eigentliche Wesen des _Menschen_ zum Vorschein, das zwischen Geist
-und Körper, zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit gebannt ist, an
-der Gottheit wie am Tiere Anteil hat. _Der Mensch ist in jeder Weise
-erst dann ganz er selbst, wenn er liebt._[56] So erklärt sich's,
-daß viele Menschen erst als Liebende an das eigene Ich und an das
-fremde Du zu glauben beginnen, die, wie sich längst zeigte, nicht nur
-grammatikalische, sondern auch ethische Wechselbegriffe sind; so ist
-die große Rolle verständlich, welche in jedem Liebesverhältnis die
-_Namen_ der beiden Menschen spielen. So wird deutlich, warum viele
-Menschen zuerst in der Liebe von ihrer eigenen Existenz Kenntnis
-erhalten, und nicht früher von der Überzeugung durchdrungen werden, daß
-sie eine Seele besitzen.[57] So, daß der Liebende zwar die Geliebte um
-keinen Preis durch seine Nähe verunreinigen möchte, aber sie doch aus
-der Ferne oft zu sehen trachtet, um sich ihrer -- seiner -- Existenz
-zu vergewissern. So, daß gar mancher unerweichliche Empirist, nun,
-da er liebt, zum schwärmerischen Mystiker wird, wofür der Vater des
-Positivismus, Auguste _Comte_, selbst das Beispiel gegeben hat, durch
-die Umwälzung seines ganzen Denkens, als er _Clotilde de Vaux_ kennen
-lernte. Nicht nur für den Künstler, für den Menschen überhaupt gibt es
-psychologisch ein Amo ergo sum.
-
-So ist die Liebe ein _Projektionsphänomen_ gleich dem Haß, kein
-_Äquationsphänomen_ gleich der Freundschaft. Voraussetzung dieser ist
-gleiche Geltung beider Individuen; Liebe ist stets ein _Setzen der
-Ungleichheit, der Ungleichwertigkeit_. Alles, was man selbst sein
-möchte und nie ganz sein kann, auf ein Individuum häufen, es zum Träger
-aller Werte machen, das heißt lieben. Sinnbildlich für diese höchste
-Vollendung ist die Schönheit. Darum wundert, ja entsetzt es so oft den
-Liebenden, wenn er sich überzeugt, daß im schönen Weibe nicht auch
-Sittlichkeit wohne, und er beschuldigt die Natur des Betruges, weil
-in einem »so schönen Körper« »so viel Verworfenheit« sein könne; er
-bedenkt nicht, daß er das Weib nur deshalb noch schön findet, weil
-er es noch liebt: denn sonst würde ihn auch die Inkongruenz zwischen
-Innerem und Äußerem nicht mehr schmerzen. Die gewöhnliche _Gassendirne_
-scheint deshalb _nie_ schön, weil es hier von vornherein unmöglich
-ist, eine Projektion von Wert zu vollziehen; sie kann nur des ganz
-gemeinen Menschen Geschmack befriedigen, sie ist die Geliebte des
-unsittlichsten Mannes, des Zuhälters. Hier liegt eine dem Moralischen
-_entgegengesetzte Beziehung offensichtlich_ zutage; das Weib im
-allgemeinen ist aber nur indifferent gegen alles Ethische, es ist
-amoralisch, und kann darum, anders als der antimoralische Verbrecher,
-den instinktiv niemand liebt, oder der Teufel, den jedermann sich
-häßlich vorstellt, für den Akt der Wertübertragung eine Grundlage
-abgeben; da es weder gut tut noch sündigt, _sträubt_ sich nichts in
-ihm und an ihm gegen diese Kollokation des Ideals in seine Person. Die
-Schönheit des Weibes ist nur sichtbar gewordene Sittlichkeit, _aber
-diese Sittlichkeit ist selbst die des Mannes_, die er, in höchster
-Steigerung und Vollendung, auf das Weib transponiert hat.
-
-Weil alle Schönheit immer nur einen abermals erneuten
-_Verkörperungsversuch des höchsten Wertes_ darstellt, darum ist vor
-allem Schönen ein Gefühl des Gefundenhabens, dem gegenüber jede
-Begierde, jedes selbstische Interesse schweigt. Alle Formen, die der
-Mensch schön findet, sind vermöge seiner ästhetischen Funktion, die
-Sittliches und Gedankliches in Sinnlichkeit umsetzt, ebensoviele
-Versuche von seiner Seite, das Höchste sichtbar zu realisieren.
-_Schönheit ist das Symbol des Vollkommenen in der Erscheinung._
-Darum ist Schönheit unverletzlich, darum ist sie statisch und nicht
-dynamisch, darum hebt jede _Änderung_ im Verhalten zu ihr sie schon
-auf und vernichtet ihren Begriff. Die Liebe zum eigenen Werte, die
-Sehnsucht nach Vollkommenheit zeugt in der Materie die Schönheit.
-So wird die Schönheit der Natur geboren, die der Verbrecher nimmer
-wahrnimmt, weil eben _die Ethik erst die Natur schafft_. So erklärt
-sich's, daß die Natur immer und überall, in der größten und kleinsten
-ihrer Bildungen, den Eindruck des Vollendeten hervorruft. So ist auch
-das Naturgesetz nur ein sinnliches Symbol des Sittengesetzes, wie die
-Naturschönheit der sinnenfällig gewordene Adel der Seele; so die Logik
-die verwirklichte Ethik. Wie die Liebe ein neues Weib für den Mann
-schafft statt des realen Weibes, so schafft die Kunst, die Erotik des
-Alls, aus dem Chaos die Formenfülle im Universum; und wie es keine
-Naturschönheit gibt ohne Form, ohne Naturgesetz, so auch keine Kunst
-ohne Form, keine Kunstschönheit, die nicht ihren Regeln gehorcht. Denn
-die Naturschönheit zeigt die Kunstschönheit nicht anders verwirklicht
-als das Naturgesetz das Sittengesetz, als die Naturzweckmäßigkeit jene
-Harmonie, deren Urbild über dem Geiste des Menschen thront. Ja, die
-Natur, die der Künstler seine ewige Lehrmeisterin nennt, _sie ist
-nur die von ihm selbst geschaffene Norm seines Schaffens_, nicht in
-begrifflicher Konzentration, sondern in anschaulicher Unendlichkeit.
-So sind, um eines als Beispiel zu nennen, die Sätze der Mathematik
-die _verwirklichte_ Musik (und nicht umgekehrt), Mathematik selbst
-die _konforme Abbildung_ der Musik aus dem Reiche der Freiheit auf
-das Reich der Notwendigkeit, und darum das _Sollen_ aller Musiker ein
-mathematisches. _Die Kunst schafft also die Natur, und nicht die Natur
-die Kunst._
-
-Von diesen Andeutungen, welche, wenigstens teilweise, eine Ausführung
-und Weiterbildung der tiefen Gedanken _Kant_ens und _Schellings_ (und
-des von ihnen beeinflußten _Schiller_) über die Kunst sind, kehre ich
-zum Thema zurück. Als Resultat für dessen Zwecke steht nun fest, daß
-der Glaube an die Sittlichkeit des Weibes, die »_Introjektion_« der
-_Seele_ des _Mannes_ in das _Weib_, und die schöne äußere Erscheinung
-des Weibes _eine und dieselbe Tatsache_ sind, die letztere nur der
-sinnenfällige Ausdruck des ersteren. Begreiflich, aber eine Umkehrung
-des wahren Verhältnisses ist es also, wenn man von einer »schönen
-Seele« im moralischen Sinne spricht, oder nach _Shaftesbury_ und
-_Herbart_ die Ethik der Ästhetik unterordnet: man mag mit _Sokrates_
-und _Antisthenes_ τὸ καλόν und τἀγαθόν für identisch halten, aber man
-darf nicht vergessen, daß Schönheit nur ein körperliches Bild ist,
-in dem die Sittlichkeit sich selbst verwirklicht vorstellt, daß alle
-Ästhetik doch ein _Geschöpf_ der Ethik bleibt. Jeder _einzelne_ und
-zeitlich _begrenzte_ dieser Inkarnationsversuche ist seiner Natur nach
-illusorisch, denn er täuscht die erreichte Vollkommenheit nur vor.
-Darum ist alle Einzelschönheit vergänglich, und muß auch die Liebe zum
-Weibe es sich gefallen lassen, durch das alte Weib widerlegt zu werden.
-Die Idee der Schönheit ist die Idee der Natur, sie ist unvergänglich,
-wenn auch alles Einzelschöne, alles Natürliche vergeht. Nur eine
-Illusion kann im Begrenzten und Konkreten, nur eine Irrung im geliebten
-Weibe die Vollkommenheit selbst erblicken. Die Liebe zur Schönheit soll
-sich nicht verlieren an das Weib, um den geschlechtlichen Trieb nach
-ihm zu überbauen. Wenn alle Liebe zu Personen auf jener Verwechslung
-beruht, so _kann_ es keine andere denn unglückliche Liebe geben. Aber
-alle Liebe _klammert_ sich an diesen Irrtum; sie ist der heroischeste
-Versuch, dort Werte zu behaupten, wo es keine Werte gibt. Die Liebe zum
-unendlichen Wert, das ist zum Absoluten oder zu Gott, sei es auch in
-Form der Liebe zur unendlichen sinnenfälligen Schönheit des Naturganzen
-(Pantheismus), könnte allein die transcendentale Idee der Liebe heißen,
-wenn es eine solche gibt; die Liebe zu allem Einzelding, und auch zum
-Weibe, ist schon ein Abfall von der Idee, eine _Schuld_.
-
-_Warum_ der Mensch diese Schuld auf sich lädt, ist im Früheren schon
-enthalten. So wie aller _Haß_ nur üble Eigenschaften, die man selbst
-besitzt, auf den Nebenmenschen projiziert, um sie dort in einer desto
-abschreckenderen Vereinigung zu zeigen; wie der Teufel nur erfunden
-wurde, um die bösen Triebe _im_ Menschen _außer_ ihm darzustellen, und
-ihm den Stolz und die Kraft des Kämpfers zu leihen: so hat auch die
-Liebe nur den Zweck, dem Menschen den Kampf um das Gute zu erleichtern,
-das er als Gedanken _in_ sich allein zu ergreifen noch zu kraftlos
-ist. Beides, Haß und Liebe, ist darum eine Feigheit. Im Hasse spiegelt
-man sich vor, daß man von jemand anderem bedroht sei, um sich selbst
-hiedurch bereits als die angegriffene Reinheit zu fingieren, statt es
-sich zu gestehen, daß man das Böse aus sich selbst auszujäten habe,
-und daß es nirgend anders als im eigenen Herzen niste. Man konstruiert
-_den_ Bösen, um sich die Genugtuung zu bereiten, ihm ein Tintenfaß an
-den Kopf geworfen zu haben. Nur darum ist der Teufelsglaube unsittlich:
-weil er eine unstatthafte Erleichterung des Kampfes darstellt und
-eine Abwälzung der Schuld. Durch die Liebe versetzt man, wie im Haß
-die Idee des eigenen Unwertes, die Idee des eigenen _Wertes_ in ein
-Wesen, das zu ihrer Aufnahme geeignet scheint: der Satan wird häßlich,
-die Geliebte schön. So entbrennt man in beiden Fällen, durch eine
-Gegenüberstellung, durch die Verteilung von Gut und Böse auf _zwei_
-Personen, _leichter_ für die moralischen Werte. Ist aber alle Liebe zu
-Einzelwesen statt zur Idee eine sittliche Schwäche, so muß dies auch
-in den Gefühlen des Liebenden zum Vorschein kommen. Niemand begeht
-ein Verbrechen, ohne daß ihm dies durch ein Schuldgefühl angezeigt
-würde. Nicht ohne Grund ist die Liebe das schamhafteste Gefühl: sie hat
-Ursache sich zu schämen, weit mehr noch als das Mitleid. Der Mensch,
-den ich bemitleide, bekommt von mir etwas, im Akte des Mitleidens
-selbst gebe ich ihm aus meinem eingebildeten oder wesentlichen
-Reichtum; die Hilfe ist so nur ein Sichtbarwerden dessen, was bereits
-im Mitleiden lag. Der Mensch, den ich liebe, von dem will _ich_ etwas,
-ich will zum mindesten, daß er mich nicht durch unschöne Geberden
-oder gemeine Züge in meiner Liebe zu ihm störe. Denn durch die Liebe
-will ich mich irgendwo gefunden haben, statt weiter zu suchen und zu
-streben, ich will aus der Hand eines Nebenmenschen nichts weniger,
-nichts anderes empfangen, als mich selbst, ich will von _ihm_ -- _mich_!
-
-Das Mitleid ist schamhaft, weil es den anderen tiefer gestellt zeigt
-als mich, weil es _ihn_ erniedrigt. Die Liebe ist schamhaft, weil ich
-_mich_ durch sie tiefer stelle als den anderen; in ihr wird aller Stolz
-des Individuums am weitesten vergessen, und das ist ihre Schwäche,
-darum schämt sie sich. So ist das Mitleid der Liebe verwandt, und
-hieraus erklärt sich, daß nur, wer das Mitleid kennt, auch die Liebe
-kennt. Und doch schließen sich beide aus: man kann nie lieben, wen man
-bemitleidet, und nie bemitleiden, wen man liebt. Denn im Mitleid bin
-ich selbst der feste Pol, in der Liebe ist es der andere; die Richtung
-beider Affekte, ihr Vorzeichen ist das Entgegengesetzte. Im Mitleid bin
-ich Geber, in der Liebe Bettler. Die Liebe ist die schamhafteste von
-allen Bitten, _weil sie um das Meiste, um das Höchste bettelt_. Darum
-schlägt sie in den jähesten, rachsüchtigsten Stolz so rasch über, wenn
-ihr durch den anderen unvorsichtig oder rücksichtslos zum Bewußtsein
-gebracht wird, um was sie eigentlich gefleht hat.
-
-Alle Erotik ist voll von Schuldbewußtsein. In der Eifersucht tritt
-zutage, auf welch unsicheren Grund die Liebe gebaut ist. Eifersucht ist
-die Kehrseite jeder Liebe, und offenbart deren ganze Unsittlichkeit.
-Durch Eifersucht wird über den freien Willen des Nebenmenschen eine
-Gewalt angemaßt. So begreiflich sie gerade der hier entwickelten
-Theorie ist, indem durch Liebe _das reine Selbst_ des Liebenden in der
-Geliebten lokalisiert wird, und auf sein Selbst der Mensch, durch einen
-erklärlichen Fehlschluß, einen Anspruch leicht stets und an jedem Orte
-zu haben glaubt: so verrät sie doch, schon weil sie voll Furcht ist,
-und Furcht wie das verwandte Schamgefühl[58] sich stets auf eine in der
-_Vergangenheit_ verübte Schuld bezieht, daß man durch die Liebe etwas
-erlangen wollte, was man auf diesem Wege nicht verlangen durfte.
-
-Die Schuld, mit welcher in der Liebe der Mensch sich belastet, ist der
-Wunsch, von jenem Schuldbewußtsein, das ich früher die Voraussetzung
-und Bedingung aller Liebe nannte, _frei zu werden_. Statt alle
-begangene Schuld auf sich zu nehmen und ihre Sühnung durch das weitere
-Leben zu erreichen, ist die Liebe ein Versuch, von der eigenen Schuld
-loszukommen und an sie zu vergessen, ein Versuch, glücklich zu werden.
-Statt die Idee der Vollkommenheit selbsttätig zu verwirklichen, will
-die Liebe die Idee schon als verwirklicht zeigen, sie spiegelt das
-Wunder als geschehen vor, im anderen Menschen zwar -- darum ist sie
-die feinste List -- aber es ist doch nur die eigene Befreiung vom
-Übel, die man so _ohne Kampf_ zu erreichen hofft. _Hieraus_ erklärt
-sich der tiefe Zusammenhang aller Liebe mit dem Erlösungsbedürfnis
-(_Dante_, _Goethe_, _Wagner_, _Ibsen_). Alle Liebe ist _selbst_ nur
-Erlösungsbedürfnis, und alles Erlösungsbedürfnis noch unsittlich
-(Kapitel 7, Schluß). Die Liebe überspringt die Zeit und setzt sich
-über die Kausalität hinweg, ohne eigenes Zutun will sie Reinheit
-plötzlich und unvermittelt gewinnen. Darum ist sie, als ein Wunder von
-außen statt von innen, in sich unmöglich, und kann ihren Zweck nie
-erfüllen, am wenigsten bei jenen Menschen, welche allein eigentlich in
-ganz unermeßlicher Weise ihrer fähig wären. Sie ist der gefährlichste
-Selbstbetrug, gerade weil sie den Kampf um das Gute am stärksten
-zu fördern scheint. Mittelmäßige Menschen mögen durch sie erst ihre
-Veredlung erfahren; wer ein subtileres Gewissen hat, wird sich hüten,
-ihrer Täuschung zu erliegen.
-
-Der Liebende sucht im geliebten Wesen seine eigene Seele. Insofern
-ist die Liebe _frei_, und nicht jenen Gesetzen der bloß sexuellen
-Anziehung unterworfen, von denen der erste Teil gehandelt hat. Denn
-das psychische Leben der Frau gewinnt einen Einfluß, es begünstigt die
-Liebe, wo es der Idealisierung sich ausnehmend leicht fügt, auch bei
-geringeren körperlichen Vorzügen und mangelhafter sexueller Ergänzung,
-und vernichtet ihre Möglichkeit, wenn es gegen jene »Einlegung« zu
-sichtbar absticht. Dennoch ist, trotz aller Gegensätzlichkeit zwischen
-Sexualität und Erotik, eine Analogie zwischen ihnen unverkennbar. Die
-Sexualität benützt das Weib als Mittel, um zur Lust und zum leiblichen
-Kinde zu gelangen; die Erotik als Mittel, um zum Werte und -- zum
-geistigen Kinde, zur Produktion zu kommen. Es ist ein unendlich tiefes,
-wenn auch, wie es scheint, wenig verstandenes Wort der platonischen
-_Diotima_, daß die Liebe nicht dem Schönen, sondern der Erzeugung und
-Ausgeburt im Schönen gelte, der Unsterblichkeit im Geistigen, wie der
-niedere Geschlechtstrieb dem Fortleben in der Gattung. Im Kinde sucht
-jeder Vater, der leibliche wie der geistige, nur sich selbst zu finden:
-die konkrete Verwirklichung der Idee seiner selbst, wie sie das Wesen
-der Liebe ausmacht, ist eben das _Kind_. Darum sucht der Künstler so
-oft das Weib, um das Kunstwerk schaffen zu können. »Und jeder sollte
-lieber solche Kinder haben wollen, wenn er auf _Homer_ und _Hesiod_
-und die anderen trefflichen Dichter sieht, nicht ohne Neid, was für
-Geburten sie zurücklassen, die ihnen unsterblichen Ruhm und Angedenken
-sichern, indem sie selbst unsterblich sind .... Geehrt ist bei euch
-auch _Solon_, weil er Gesetze gezeugt, und viele andere anderwärts
-unter Hellenen und Barbaren, die viele und schöne Werke dargestellt
-haben und vielfältig Tugendhaftes gezeugt: denen auch schon viele
-Heiligtümer errichtet wurden um solcher Kinder willen, menschlicher
-Kinder wegen aber noch keinem.«
-
-Es ist nicht eine bloß formale Analogie, nicht Überschätzung einer
-etwa nur zufälligen sprachlichen Übereinstimmung, wenn von geistiger
-Fruchtbarkeit, geistiger Produktion, oder, wie in diesen Worten
-_Platons_, von geistigen Kindern in tieferem Sinne zu reden versucht
-wird. Wie die leibliche Sexualität der Versuch eines organischen Wesens
-ist, die eigene Form dauernd zu begründen, so ist auch jede Liebe im
-Grunde nur das Streben, seelische Form, Individualität, endgültig zu
-realisieren. _Hier liegt die Brücke_, welche allen _Willen zur eigenen
-Verewigung_ (wie man das Gemeinsame der Sexualität und der Erotik
-nennen könnte) _mit dem Kinde verbindet_. Geschlechtstrieb und Liebe
-sind beide Versuche zur Realisierung seiner selbst, der erste sucht das
-_Individuum_ durch ein körperliches Abbild, die zweite _Individualität_
-durch ihr geistiges Ebenbild zu verewigen. Nur der geniale Mensch aber
-kennt die ganz und gar unsinnliche Liebe, und nur er sucht zeitlose
-Kinder zu zeugen, in denen sein tiefstes geistiges Wesen zum Ausdruck
-kommt.
-
-Die Parallele kann noch weiter verfolgt werden. Daß aller
-Geschlechtstrieb der Grausamkeit verwandt ist, hat man nach _Novalis_
-oft wiederholt. Die »Association« hat einen tiefen Grund. Alles, was
-vom Weibe _geboren_ ist, muß auch _sterben_. Zeugung, Geburt und Tod
-stehen in einer unauflöslichen Beziehung; vor einem unzeitigen Tode
-erwacht in jedem Wesen auf das heftigste der Geschlechtstrieb als
-das Bedürfnis, sich noch fortzupflanzen. Und so ist auch der Koitus,
-nicht nur psychologisch als Akt, sondern auch vom ethischen und
-naturphilosophischen Gesichtspunkte dem Morde verwandt: er verneint das
-Weib, aber auch den Mann; er raubt im Idealfall beiden das Bewußtsein,
-um dem Kinde das Leben zu geben. Einer ethischen Weltanschauung wird
-es begreiflich sein, daß, was so entstanden ist, auch wieder vergehen
-muß. Aber auch die höchste Erotik, nicht nur die niederste Sexualität,
-benützt das Weib nicht als Zweck an sich selbst, sondern stets nur
-als Mittel zum Zweck, um das Ich des Liebenden rein darzustellen: die
-Werke eines Künstlers sind immer nur sein auf verschiedenen Etappen
-festgehaltenes Ich, das er meist in diesem oder in jenem Weibe, und
-sei es selbst ein Weib seiner Einbildungskraft, zuvor lokalisiert hat.
-
-Die reale Psychologie des geliebten Weibes wird aber hiebei immer
-_ausgeschaltet_: im Augenblicke, wo der Mann ein Weib _liebt_, kann
-er es nicht _durchschauen_. In der Liebe tritt man zum Weibe nicht
-in jenes Verhältnis des _Verstehens_, welches das einzig sittliche
-Verhältnis zwischen Menschen ist. Man kann keinen Menschen lieben,
-den man ganz erkennt, weil man dann doch auch die Unvollkommenheiten
-sehen müßte, die ihm als Menschen notwendig anhaften, _Liebe aber nur
-auf Vollkommenes geht_. Liebe zu einem Weibe ist daher nur möglich,
-wenn sich diese Liebe um die wirklichen Eigenschaften, die eigenen
-Wünsche und Interessen der Geliebten, soweit sie der Lokalisation
-höherer Werte in ihrer Person zuwiderlaufen, nicht bekümmert, sondern
-in schrankenloser Willkür an die Stelle der psychischen Realität des
-geliebten Wesens _eine ganz andere Realität setzt_. Der Versuch, sich
-im Weibe selbst zu finden, statt im Weibe eben nur -- das Weib zu
-sehen, setzt notwendig eine Vernachlässigung der empirischen Person
-voraus. Dieser Versuch ist also voll _Grausamkeit_ gegen das Weib;
-und hier liegt die Wurzel des Egoismus aller Liebe, wie auch der
-Eifersucht, welche das Weib gänzlich nur noch als unselbständiges
-Besitztum betrachtet, und auf sein inneres Leben gar keine Rücksicht
-mehr nimmt.
-
-Hier vollendet sich die Parallele zwischen der Grausamkeit der
-Erotik und der Grausamkeit der Sexualität. Liebe ist Mord. Der
-Geschlechtstrieb negiert auch das körperliche, die Erotik das
-psychische Weib. Die ganz gemeine Sexualität sieht im Weibe einen
-Apparat zum Onanieren oder eine Kindergebärerin; man kann gegen das
-Weib nicht niedriger sein, als wenn man ihm seine Unfruchtbarkeit
-vorhält, und ein erbärmlicheres Zeugnis kann einem Gesetzbuch nicht
-ausgestellt werden, als wenn es die Sterilität eines Weibes als legalen
-Grund der Ehescheidung anführt. Die höhere Erotik aber verlangt von
-der Frau schonungslos, daß sie das männliche Adorationsbedürfnis
-befriedige, und sich möglichst anstandslos lieben lasse, damit der
-Liebende in ihr sein Ideal von sich verwirklicht sehen, und ein
-geistiges Kind mit ihr zeugen könne. So ist die Liebe nicht nur
-antilogisch, denn sie setzt sich über die objektive Wahrheit des
-Weibes und seine wirkliche Beschaffenheit hinweg, sie will nicht nur
-die Denkillusion, und verlangt nicht nur ungestüm nach dem Betruge der
-Vernunft: sondern sie ist auch antiethisch gegen das Weib, dem sie die
-Verstellung und den Schein, die vollkommene Kongruenz mit einem ihr
-fremden Wunsche gebieterisch aufnötigen möchte.
-
-Denn die Erotik braucht die Frau nur, um den Kampf zu ebnen und
-abzukürzen, sie will von ihr immer bloß, _daß sie den Ast abgebe, an
-dem $er$ sich $leichter$ zur Erlösung emporschwinge_. So gesteht es ja
-_Paul Verlaine_:
-
- »Marie Immaculée, amour essentiel,
- Logique de la foi cordiale et vivace,
- _En vous aimant qu'est-il de bon que je ne fasse_,
- En vous aimant du seul amour, Porte du Ciel?«
-
-Und fast noch deutlicher lehrt es _Goethe_ im »Faust«:
-
- »Dir, der Unberührbaren,
- Ist es nicht benommen,
- Daß die leicht Verführbaren
- Traulich zu Dir kommen.
-
- In die Schwachheit hingerafft,
- Sind sie schwer zu retten;
- _Wer zerreißt aus eigner Kraft
- Der Gelüste Ketten?_«
-
-Ferne ist es mir, die heroische Größe zu verkennen, welche in dieser
-höchsten Erotik, im _Madonnenkulte_, liegt. Wie könnte ich vor der
-Außerordentlichkeit des Phänomens meine Augen verschließen, das den
-Namen _Dante_ führt! Es liegt eine so unermeßliche Abtretung von
-Wert an das Weib in dem Leben dieses größten Madonnenverehrers, daß
-selbst der dionysische Trotz, mit dem diese Schenkung aller weiblichen
-Wirklichkeit entgegen vollzogen wird, den Eindruck vollster Erhabenheit
-hervorzurufen kaum verfehlt. Es liegt scheinbar eine solche Abnegation
-seiner selbst in dieser Verkörperung des Zieles aller Sehnsucht in
-_einer_ irdisch-begrenzten Person, in einem Mädchen noch dazu, das
-der Künstler _einmal_, als Neunjähriger, zu Gesicht bekommen, das
-vielleicht später eine Xanthippe oder eine Fettgans geworden ist; es
-liegt darin ein derartiger Akt der Projektion aller, das zeitlich
-Eingeengte des Individuums übersteigenden Werte auf ein an sich
-gänzlich wertloses Weib, daß man nicht leicht es über sich bringt, die
-wahre Natur des Vorganges zu enthüllen, und gegen ihn zu sprechen.
-_Aber es bedeutet jede, auch die sublimste Erotik, noch immer eine
-dreifache Unsittlichkeit_: einen unduldsamen Egoismus gegen die
-wirkliche Frau der Erfahrung, _die nur als Mittel zum Zweck der eigenen
-Hinanziehung benützt_, der darum kein selbständiges Leben verstattet
-wird; mehr noch: eine Felonie gegen sich selbst, ein Davonlaufen
-vor sich selbst, eine Flüchtung des Wertes in fremdes Land, ein
-Erlöst-_Sein_-Wollen, und darum eine Feigheit, eine Schwäche, eine
-Würdelosigkeit, ja gerade einen absoluten Unheroismus; drittens endlich
-eine Scheu vor der Wahrheit, die man nicht brauchen kann, weil sie der
-Absicht der Liebe widerstrebt, die man nicht zu ertragen vermag, weil
-man dadurch um die Möglichkeit einer bequemen Erlösung käme.
-
-Diese letzte Unsittlichkeit ist eben diejenige, welche jede Aufklärung
-über das Weib _verhindert_, weil sie sie _meidet_ und so die
-Anerkennung der Wertlosigkeit des Weibes an sich wohl stets vereiteln
-wird. Die Madonna ist eine Schöpfung des Mannes, nichts entspricht
-ihr in der Wirklichkeit. Der Madonnenkult kann nicht moralisch sein,
-weil er die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, weil mit ihm
-der Liebende sich _belügt_. Der Madonnenkult, von dem ich spreche,
-der Madonnenkult des großen Künstlers, ist in jeder Beziehung eine
-_völlige_ Umschaffung des Weibes, die sich nur vollziehen kann, wenn
-von der empirischen Realität der Frauen gänzlich abgesehen wird; die
-Einlegung wird bloß dem schönen Körper nach ausgeführt, und sie kann
-nichts für ihren Zweck verwenden, was dem schroff entgegenstünde, wofür
-diese Schönheit Symbol werden soll.
-
-Der Zweck dieser Neuschöpfung des Weibes oder das Bedürfnis, aus
-welchem die Liebe entspringt, ist nun ausführlich genug analysiert
-worden. Es ist zugleich der Hauptgrund, warum man vor allen Wahrheiten,
-die für das Weib nachteilig klingen, immer wieder die Ohren sich
-zuhält. Lieber schwört man auf die weibliche »Schamhaftigkeit«,
-entzückt sich am weiblichen »Mitleid«, interpretiert das Senken des
-Blickes beim Backfisch als ein eminent sittliches Phänomen, als daß man
-_mit_ dieser Lüge die Möglichkeit preisgäbe, das Weib als Mittel zum
-Zweck der eigenen höheren Wallungen zu benützen, als daß man darauf
-verzichtete, diesen Weg für die eigene Erlösung sich offen zu lassen.
-
-Hierin liegt also die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach
-den Motiven, aus welchen an dem Glauben an die weibliche Tugend so
-zähe festgehalten wird. Man will davon nicht lassen, es zum Gefäß
-der Idee der eigenen Vollkommenheit zu machen, diese in der Frau als
-realisiert sich vorzustellen, um mit dem zum Träger des höchsten Wertes
-gemachten Weibe leichter sein geistiges Kind und besseres Selbst zu
-realisieren. Der Zustand des Liebenden hat nicht umsonst so viel
-Ähnlichkeit mit dem des Schaffenden; die ganz besonders große Güte
-gegen alles, was lebt, die Verlorenheit für alle kleinen konkreten
-Werte sind beiden gemeinsam, als Zustände, die den liebenden gleich
-dem produktiven Menschen auszeichnen, und sie dem Philister, für den
-gerade die materiellen Nichtigkeiten die einzige Realität bilden, stets
-unbegreiflich und lächerlich erscheinen läßt.
-
-Denn jeder große Erotiker ist ein Genie und alles Genie im Grunde
-erotisch, auch wenn seine Liebe zum _Wert_, das ist zur _Ewigkeit_,
-zum _Weltganzen_, nicht in dem Körper eines Weibes Platz findet. _Das
-Verhältnis des Ichs zur Welt, das Verhältnis von Subjekt zu Objekt
-ist nämlich selbst gewissermaßen eine Wiederholung des Verhältnisses
-von Mann zu Weib in höherer und weiterer Sphäre, oder vielmehr dieses
-ein Spezialfall von jenem._ Wie der Empfindungskomplex zum Objekt
-umgeschaffen wird, aber nur vom Subjekte und aus diesem heraus, so
-wird das Weib der Erfahrung aufgehoben durch das Weib der Erotik.
-Wie der Erkenntnistrieb die sehnsüchtige Liebe zu den Dingen ist, in
-denen der Mensch immer und ewig nur sich selbst findet, so wird auch
-der Gegenstand der Liebe im engeren Sinne vom Liebenden selbst erst
-geschaffen, und er entdeckt in ihm stets nur sein eigenes tiefstes
-Wesen. So ist die Liebe dem Liebenden eine Parabel: im Brennpunkte
-steht allerdings sie; aber konjugiert ist die Unendlichkeit -- --.
-
-Es fragt sich nun noch, _wer_ diese Liebe kennt, ob _nur_ der _Mann_
-übersexuell, oder ob auch das _Weib_ der höheren Liebe fähig ist.
-Suchen wir hierauf, ganz unabhängig und unbeeinflußt von den bisherigen
-Ergebnissen, eine Antwort aus der Erfahrung neu zu gewinnen. Diese
-zeigt ganz unzweideutig, daß W, eine _scheinbare_ Ausnahme abgerechnet,
-nie mehr als bloß _sexuell_ ist. Die Frauen wollen entweder mehr den
-Koitus oder mehr das Kind (jedenfalls aber wollen sie geheiratet
-werden). Die »Liebeslyrik« der modernen Frauen ist nicht nur vollkommen
-anerotisch, sondern ganz extrem sinnlich; und so kurz die Zeit ist,
-seit welcher die Frauen mit solchen Erzeugnissen sich hervorwagen, sie
-haben in dieser Beziehung Kühneres geleistet, als alle Männer je vorher
-es gewagt haben, und ihre Produkte sind wohl geeignet, die leckersten
-Erwartungen, die selbst an »Junggesellen-Lektüre« geknüpft werden
-können, zu befriedigen. Hier ist nirgends von einer keuschen und reinen
-Neigung die Rede, welche das geliebte Wesen durch die eigene Nähe zu
-verunreinigen fürchtet. Es handelt sich nur um den tobendsten Orgiasmus
-und die wildeste Wollust, und so wäre diese Literatur recht eigentlich
-danach angetan, die Augen über die durchaus nur sexuelle und nicht
-erotische Natur des Weibes zu öffnen.
-
-Liebe allein erzeugt Schönheit. Haben die Frauen zur Schönheit ein
-Verhältnis? Es ist keine bloße Redensart, wenn man von den Frauen oft
-hört: »Ach, wozu braucht denn ein Mann schön zu sein?« Es ist keine
-bloße Schmeichelei: für den Mann und nicht allein darauf berechnet,
-ihn an seiner Eitelkeit zu fangen, wenn eine Frau ihn um Rat fragt,
-welche Farben ihr zu einem Kleide am besten passen; sie versteht diese
-selbst nicht so zu wählen, daß sie _ästhetisch_ wirken könnten. Über
-eine Anordnung, die Geschmack statt Schönheitssinn verrät, kommt eine
-Frau ohne männliche Hilfe selbst in ihrer Toilette nicht hinaus. Wäre
-in der Frau an sich irgend welche Schönheit, trüge sie auch nur einen
-Maßstab der Schönheit ursprünglich im tieferen Innern, so würde sie
-nicht vom Manne immerfort es sich versichern lassen wollen, daß sie
-schön _sei_.
-
-Und so finden die Frauen auch den Mann nicht eigentlich _schön_, und
-je mehr sie mit dem Worte herumwerfen, desto mehr verraten sie, wie
-fern ihnen jedes Verhältnis zur Idee der Schönheit ist. Es ist der
-sicherste Maßstab der Schamhaftigkeit eines Menschen, wie oft er das
-Wort »schön«, diese Liebeserklärung an die Natur, in den Mund nimmt.
-Wären die _Frauen_ sehnsüchtig nach Schönheit, so dürften sie ihren
-Namen seltener nennen. Sie haben aber kein Bedürfnis nach Schönheit und
-können keines haben, weil nur die sozial anerkannte äußere Erscheinung
-in solchem Sinne auf sie wirkt. Schön aber ist nicht, was gefällt;
-so oft diese Definition auch aufgestellt wird, so falsch ist sie,
-so gerade läuft sie dem Sinn des Wortes zuwider. _Hübsch_ ist, was
-gefällt; _schön_ ist, was _der Einzelne liebt_. Hübschsein ist immer
-allgemein, Schönheit stets individuell. Darum ist alles wahrhafte
-Schön-Finden schamhaft, denn es ist aus der Sehnsucht geboren, und die
-Sehnsucht aus der Unvollkommenheit und Bedürftigkeit des Einsamen.
-_Eros_ ist der Sohn des _Poros_ und der _Penia_, der Sprößling aus
-der Verbindung von Reichtum und Armut. Um etwas schön zu finden,
-dazu gehört, als zur Objektivität einer Liebe, Individualität, nicht
-nur Individuation; bloßes Hübsch-Sein ist gesellschaftliche Münze.
-Das Schöne wird _geliebt_, ins Hübsche pflegen die Leute _sich zu
-verlieben_. Liebe ist stets hinauswollend, transcendent, weil sie
-der Ungenügsamkeit des an die Subjektivität gefesselten Subjektes
-entstammt. Wer bei den Frauen _solches_ Mißvergnügen vorzufinden
-meint, ist ein schlechter Deuter und Unterscheider. W ist höchstens
-_verliebt_, M _liebt_; und dumm und unwahr ist jene Behauptung
-lamentierender Frauen, das Weib sei wahrer Liebe fähiger als der Mann:
-im Gegenteil, es ist ihrer _unfähig_. Nicht jenem Bilde von der Parabel
-wie die Liebe, sondern dem eines in sich selbst zurücklaufenden
-Kreises gleicht alle _Verliebtheit_, und insonderheit die des Weibes.
-
-Wo der Mann auf die Frau individuell wirkt, ist es nicht durch
-seine Schönheit. Für Schönheit hat, auch wenn sie im Manne sich
-offenbart, nur der Mann einen Sinn: fällt es nicht auf, wie auch
-von männlicher, nicht nur von weiblicher Schönheit aller Begriff
-vom Manne ist geschaffen worden? Oder soll auch dies Folge der
-»Unterdrückung« sein? Der einzige Begriff, der, wenn er auch von
-Frauen darum nicht herstammen kann, weil diese nie auch nur einen
-einzigen Begriff geschaffen haben, dennoch ihnen, in gewissem Sinne,
-seine materiale Erfüllung und die Lebhaftigkeit der ihn begleitenden
-Associationen verdankt, ist der Begriff das »feschen Kerls«, wie er
-in Wien und Süddeutschland, des »forschen Mannes«, wie er in Berlin
-und Norddeutschland heißt. Was durch diese Bezeichnung angedeutet
-wird, ist die starke und entwickelte Sexualität des Mannes; denn die
-Frau empfindet zuletzt doch immer als ihren Feind alles, was den Mann
-abzieht von der Sexualität und der Fortpflanzung, seine Bücher und
-seine Politik, seine Wissenschaft und seine Kunst.
-
-Nur das Sexuelle, nie das Asexuelle, Transsexuelle im Manne wirkt als
-solches auf die Frau, und nicht Schönheit, sondern volles sexuelles
-Begehren verlangt sie von ihm. _Es ist nie das Apollinische im Manne,
-das auf sie Eindruck macht, aber darum auch nicht das Dionysische,
-sondern stets nur, im weitesten Umfang, das Faunische in ihm_; nie der
-Mann, sondern immer nur »le mâle«, (das Männchen); es ist vor allem --
-darüber kann ein Buch über das wirkliche Weib nicht schweigen -- seine
-Sexualität im engsten Sinne, _es ist der Phallus_.[59]
-
-Man hat es entweder nicht sehen oder nicht sagen wollen, man hat sich
-aber auch kaum noch eine ganz richtige Vorstellung davon gebildet,
-was das Zeugungsglied des Mannes für das Weib, als Frau wie schon
-als Jungfrau, bedeutet, wie es das ganze Leben der Frau zu oberst
-beherrscht. Ich meine nicht, daß die Frau den Geschlechtsteil des
-Mannes schön oder auch nur hübsch findet. Sie empfindet ihn vielmehr
-ähnlich wie der Mensch das Medusenhaupt, der Vogel die Schlange; er
-übt auf sie eine hypnotisierende, bannende, faszinierende Wirkung.
-Sie empfindet ihn als das Gewisse, das Etwas, wofür sie gar keinen
-Namen hat: _er ist ihr Schicksal_, er ist das, wovon es für sie kein
-Entrinnen gibt. Nur darum scheut sie sich so davor, den Mann nackt zu
-sehen, und gibt ihm nie ein Bedürfnis darnach zu erkennen: weil sie
-fühlt, daß sie in demselben Augenblicke verloren wäre. _Der Phallus ist
-das, was die Frau absolut und endgültig $unfrei$ macht._
-
-Es ist also gerade jener Teil, welcher den Körper des Mannes recht
-eigentlich verunziert, welcher allein den nackten Mann häßlich macht
--- weswegen er auch von den Bildhauern so oft mit einem Akanthus- oder
-Feigenblatte verdeckt ward --, _derselbe_, der die Frauen am tiefsten
-aufregt und am heftigsten erregt, und zwar gerade dann, wenn er wohl
-das Unangenehmste überhaupt vorstellt, im erigierten Zustande. Und
-hierin liegt der letzte und entscheidendste Beweis dafür, daß die
-Frauen von der Liebe nicht die Schönheit wollen, sondern -- etwas
-anderes.
-
-Die neue Erfahrung, um welche die Untersuchung damit endgültig
-bereichert ist, wäre aus dem Bisherigen vorherzusagen gewesen. Da
-Logik und Ethik ausschließlich beim Manne sich geltend machen, so
-war von vornherein wahrscheinlich, daß die Frauen mit der Ästhetik
-nicht auf besserem Fuße stehen würden, als mit ihren normierenden
-Schwesterwissenschaften. Die Verwandtschaft zwischen der Ästhetik und
-der Logik kommt in aller Systematik und Architektonik der Philosophien,
-ebenso aber in der Forderung strenger Logik für das Kunstwerk, in
-höchster Vereinigung in dem Bau der Mathematik und in der musikalischen
-Komposition zum Vorschein. Wie schwer es so vielen wird, Ästhetik
-und Ethik auseinanderzuhalten, ist schon erwähnt worden. Auch die
-ästhetische Funktion, nicht nur die ethische und logische, ist nach
-_Kant_ eine solche, die vom Subjekte in Freiheit ausgeübt wird. _Das
-Weib aber besitzt keinen freien Willen_, und so kann ihm auch nicht die
-Fähigkeit verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren.
-
-Damit ist aber auch gesagt, daß die Frau nicht lieben könne. Als
-Bedingung der Liebe muß Individualität, und zwar nicht rein und
-ungetrübt, jedoch mit dem Willen zur eigenen Befreiung von Staub
-und Schmutz, vorhanden sein. Denn ein Mittelding zwischen Haben und
-Nichthaben ist Eros; kein Gott, sondern ein Dämon; er allein entspricht
-der Stellung des Menschen zwischen Sterblichem und Unsterblichem:
-so hat es der größte Denker erkannt, der _göttliche Platon_, wie
-_Plotin_ ihn nennt (der einzige Mensch, der ihn wirklich, _innerlich
-$verstanden$_ hat; indes viele seiner heutigen Kommentatoren und
-Geschichtsschreiber von seiner Lehre nicht viel mehr begreifen als die
-Ohrwürmer von den Sternschnuppen). Die Liebe ist also in Wirklichkeit
-_keine_ »transscendentale Idee«; denn sie entspricht allein der Idee
-eines Wesens, das nicht rein transcendental-apriorisch, sondern auch
-sinnlich-empirisch ist: _der Idee der Menschheit_.
-
-Das Weib hingegen, das ganz und gar keine Seele hat, sehnt sich auch
-nicht, diese geläutert von allem ihr anhaftenden Fremden irgendwo,
-irgendwann endlich ganz zu finden. Es gibt kein Ideal der Frauen vom
-Manne, das an die Madonna erinnern würde, nicht der reine, keusche,
-sittliche Mann wird von der Frau gewollt, sondern -- ein anderer.
-
-So ist denn bewiesen, daß die Frau nicht die Tugend des Mannes
-_wünschen kann_. Hätte sie in sich ein Unterpfand der Idee der
-Vollkommenheit, wäre sie irgendwie Ebenbild Gottes, so müßte sie auch
-den Mann, wie dieser das Weib, heilig, göttlich wollen. Daß ihr dies
-ganz ferne liegt, ist wiederum nur ein Zeichen für ihren völligen
-Mangel an Willen zum eigenen Werte, den sie nicht, wie so gerne
-der Mann, irgendwo außer sich verkörpert denkt, um leichter zu ihm
-emporstreben zu können.
-
-Ein unauflösbares Rätsel bleibt nur dies, warum gerade die Frau
-mit dieser vergötternden Liebe geliebt wird, und, mit Ausnahme der
-Knabenliebe, in welcher indes der Geliebte ebenfalls zum Weibe wird,
-nicht irgend ein anderes Wesen. Ist die Hypothese nicht allzu kühn, die
-sich hierüber entwickeln läßt?
-
-Vielleicht hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen
-metaphysischen _außerzeitlichen_ Akt das Göttliche, die Seele für sich
-allein behalten -- aus welchem Motive dies geschehen sein könnte,
-vermögen wir freilich noch nicht abzusehen. Dieses sein Unrecht gegen
-die Frau _büßt_ er nun in den Leiden der Liebe, _in und mit welcher er
-der Frau die ihr geraubte Seele wieder zurückzugeben sucht_, ihr eine
-Seele schenken will, weil er sich des Raubes wegen vor ihr schuldig
-fühlt. Denn gerade dem _geliebten_ Weibe, ja, eigentlich nur ihm
-gegenüber drückt ihn ein rätselhaftes Schuldbewußtsein am stärksten.
-Die Aussichtslosigkeit eines solchen Rückgabeversuches, durch den er
-seine Schuld zu sühnen würde trachten wollen, könnte wohl erklären,
-warum es _glückliche Liebe_ nicht gibt. So wäre dieser Mythos kein
-übler Vorwurf für ein dramatisches Mysterium. Aber die Grenzen einer
-wissenschaftlichen, auch einer wissenschaftlich-philosophischen
-Betrachtung sind mit ihm weit überflogen.
-
-Was die Frau _nicht_ will, wurde im obigen klargestellt; aber was sie
-zu tiefst will, und daß dieses ihr innerstes Wollen dem Wollen des
-Mannes gerade entgegengerichtet ist, soll jetzt gezeigt werden.
-
-
-
-
-XII. Kapitel.
-
-Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum.
-
- »Erst Mann und Weib
- zusammen machen den
- Menschen aus.«
-
- _Kant._
-
-
-Immer tiefer ist die Analyse in der Schätzung des Weibes bis jetzt
-heruntergegangen, immer mehr Hohes und Edles, Großes und Schönes mußte
-sie ihm absprechen. Wenn sie nun in diesem Kapitel noch einen, den
-entscheidenden, äußersten Schritt in derselben Richtung zu tun sich
-anschickt, so möchte ich, zur Verhütung eines Mißverständnisses, schon
-hier bemerken, worauf ich noch zurückkomme: daß mir wahrhaftig nichts
-ferner liegt, als dem asiatischen Standpunkt in der Behandlung des
-Weibes das Wort zu reden. Wer den vorausgehenden Darlegungen über das
-Unrecht aufmerksamer gefolgt ist, das alle Sexualität, ja noch die
-Erotik an der Frau begeht, dem wird bereits zum Bewußtsein gekommen
-sein, daß dieses Buch kein Plaidoyer für den Harem ist, und daß es sich
-hütet, die Härte des Urteils zu entwerten durch die Forderung einer so
-problematischen Strafe.
-
-Aber die _rechtliche_ Gleich_stellung_ von Mann und Weib kann man sehr
-wohl verlangen, ohne darum an die _moralische_ und _intellektuelle_
-Gleich_heit_ zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher
-Zeit jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht
-verdammt, und braucht doch der ungeheuerste, kosmische Gegensatz und
-Wesensunterschied hier nicht verkannt zu werden. $Der tiefststehende
-Mann steht noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe$; und
-doch hat niemand das Recht, selbst das tiefststehende Weib irgendwie
-zu schmälern oder zu unterdrücken. Durch die völlige _Berechtigung_ des
-Anspruches auf Gleichheit vor jedem Gesetze wird kein gründlicherer
-Menschenkenner in der Überzeugung sich beirren lassen, daß zwischen
-den Geschlechtern die denkbar polarste Gegensätzlichkeit besteht. Was
-für seichte Psychologen (um von dem menschenkundigen Tiefblick der
-sozialistischen Theoretiker zu schweigen) die Materialisten, Empiristen
-und Positivisten sind, kann man abermals hieraus entnehmen, daß gerade
-aus ihren Kreisen vorzugsweise die Männer gekommen sind und auch jetzt
-noch aus ihnen sich rekrutieren, welche für die ursprünglich _angeborne
-psychologische Gleichheit_ zwischen Mann und Weib eintreten.
-
-Aber auch vor der Verwechslung meines Standpunktes in der Beurteilung
-des Weibes mit den hausbackenen, und nur als tapfere Reaktion gegen
-die Massenströmung erfreulichen Ansichten von P. J. _Moebius_ bin ich
-hoffentlich gefeit. Das Weib ist nicht »physiologisch schwachsinnig«;
-und ich kann auch die Auffassung nicht teilen, welche in Frauen mit
-hervorragenderen Leistungen Entartungserscheinungen erblickt. Von einem
-_moralischen_ Aussichtspunkte kann man diese Frauen, da sie stets
-männlicher sind als die anderen, nur freudig begrüßen, und müßte bei
-ihnen eher das Gegenteil einer Entartung, nämlich einen Fortschritt
-und eine Überwindung, zugeben; in _biologischer_ Hinsicht sind sie
-ebensowenig oder ebensosehr ein Degenerationsphänomen als der weibliche
-Mann ein solches darstellt (wenn man ihn nicht ethisch wertet). Die
-sexuellen Zwischenformen sind aber in der ganzen Reihe der Organismen
-durchaus die normale und nicht eine pathologische Erscheinung, und ihr
-Auftreten also noch kein Beweis körperlicher Décadence.
-
-Das Weib ist weder tiefsinnig noch hochsinnig, weder scharfsinnig noch
-geradsinnig, es ist vielmehr von alledem das gerade Gegenteil; es
-ist, so weit wir bisher sehen, überhaupt nicht »sinnig«: es ist als
-Ganzes _Un_-sinn, _un_-sinnig. Aber das ist noch nicht _schwach_sinnig,
-nach dem Begriffe, den man in deutscher Sprache damit verbindet: dem
-Begriffe des Mangels an der einfachsten praktischen Orientierung im
-gewöhnlichen Leben. Gerade Schlauheit, _Berechnung_, »_Gescheitheit_«
-besitzt W viel regelmäßiger und konstanter als M, sobald es auf die
-Erreichung naheliegender egoistischer Zwecke ankommt. Ein Weib ist nie
-so dumm, wie es der Mann zuweilen sein kann.
-
-Hat nun das Weib gar keine Bedeutung? Verfolgt es wirklich keinen
-allgemeineren Zweck? Hat es nicht doch eine Bestimmung, und liegt ihm
-nicht, trotz all seiner Unsinnigkeit und Nichtigkeit, eine bestimmte
-Absicht im Weltganzen zu Grunde? _Dient es einer Mission, oder ist sein
-Dasein ein Zufall und eine Lächerlichkeit?_
-
-Um hinter diesen Sinn zu kommen, muß von einem Phänomen ausgegangen
-werden, das, so alt und so bekannt es ist, noch nirgends und niemals
-einer Beachtung oder gar Würdigung wert befunden wurde. _Es ist kein
-anderes als das Phänomen der $Kuppelei$, welches den eigentlichen, den
-tiefsten Einblick in die Natur des Weibes gestattet._
-
-Seine Analyse ergibt zunächst das Moment der _Herbeiführung_ und
-_Begünstigung_ des Sichfindens zweier Menschen, die eine sexuelle
-Vereinigung, sei es in Form der Heirat oder nicht, einzugehen in der
-Lage sind. Dieses Bestreben, zwischen zwei Menschen etwas zustande zu
-bringen, _hat jede Frau ausnahmslos schon in frühester Kindheit_: ganz
-kleine Mädchen leisten bereits, und zwar selbst dem Liebhaber ihrer
-älteren Schwestern, Mittlerdienste. Und wenn der Trieb zu kuppeln auch
-erst dann deutlicher zum Vorschein kommen kann, wenn das weibliche
-Einzelindividuum sich selbst untergebracht hat, d. h. nach seiner
-eigenen Versorgung durch die Heirat: so ist er doch die ganze Zeit
-über zwischen der Pubertät und der Hochzeit ebenso vorhanden; nur
-wirken ihm der _Neid_ auf die Konkurrentinnen, und die _Angst_ vor den
-größeren Chancen derselben im Kampf um den Mann so lang entgegen, bis
-die Frau selbst ihren Gemahl sich glücklich erobert, oder ihr Geld,
-die Beziehungen, in welche er nun zu ihrer Familie tritt u. s. w., ihn
-gekirrt und geködert haben. Dies ist der einzige Grund, aus welchem
-die Frauen erst in der Ehe mit vollem Eifer daran gehen, die Töchter
-und Söhne ihrer Bekannten unter die Haube zu bringen. Und wie sehr
-nun erst das alte Weib kuppelt, bei dem die Sorge für die eigene
-sexuelle Befriedigung gänzlich in Wegfall gekommen ist, das ist so
-allgemein bekannt, daß man, sehr mit Unrecht, das alte Weib _allein_
-zur eigentlichen Kupplerin gestempelt hat.
-
-Nicht nur Frauen, auch Männer werden sehr gerne in den Ehestand zu
-bringen gesucht, auch von ihren eigenen Müttern, ja gerade von diesen
-mit besonderer Lebhaftigkeit und Zähigkeit. Ganz ohne Rücksicht auf
-die individuelle Eigenart des Sohnes ist es der Wunsch und die Sucht
-jeder Mutter, ihren Sohn verheiratet zu sehen: ein Bedürfnis, in dem
-man geblendet genug war, etwas Höheres, wieder jene Mutterliebe zu
-erblicken, von welcher das vorige Kapitel nur eine so geringe Meinung
-gewinnen konnte. Es ist möglich, daß viele Mütter, sei der Sohn auch
-gar nicht für die Ehe geschaffen, von vornherein überzeugt sind, ihm
-durch sie erst zum bleibenden Glück zu verhelfen; aber sicher fehlt
-sehr vielen selbst dieser Glaube, und jedenfalls spielt allerwärts
-und immer als _stärkstes_ Motiv der Kuppel_trieb_, die gefühlsmäßige
-Abneigung gegen das Junggesellentum des Mannes, mit.
-
-Man sieht bereits hier, daß die Frauen _einem rein instinktiven Drange,
-der in sie gelegt ist, folgen_, auch wenn sie _ihre Töchter_ zu
-verheiraten suchen. Nicht aus logischen, und nur zum kleinsten Teile
-aus materiellen Erwägungen entspringen die unendlichen Bemühungen,
-welche die Mütter zu diesem Zwecke unternehmen, sie geschehen nicht
-aus Entgegenkommen gegen geäußerte oder unausgesprochene Wünsche
-der Tochter (denen sie in der speziellen Wahl des Mannes sogar oft
-zuwiderlaufen); und es kann, da die Kuppelei ganz allgemein auf alle
-Menschen sich erstreckt und nie auf die eigene Tochter sich beschränkt,
-hier am wenigsten von einer »altruistischen«, »moralischen« Handlung
-der _mütterlichen_ Liebe die Rede sein; obwohl sicherlich die meisten
-Frauen, wenn jemand ihr kupplerisches Gebaren ihnen vorhielte, zur
-Antwort geben würden: es sei ihre Pflicht, beizeiten an die Zukunft
-ihres teueren Kindes zu denken.
-
-_Eine Mutter verheiratet ihre eigene Tochter nicht anders, als sie
-jedem anderen Mädchen zum Manne gern verhilft_, wenn nur jene Aufgabe
-innerhalb der Familie zuvor gelöst ist: _es ist ganz dasselbe, Kuppelei
-hier wie dort, die Verkuppelung der eigenen Tochter unterscheidet sich
-psychologisch in nichts von der Verkuppelung der fremden_.
-
-Wie schon öfter das Verhalten des einen Geschlechtes zu gewissen Zügen
-des anderen als ein brauchbares Kriterium dafür verwendet werden
-konnte, welche Eigentümlichkeiten des Charakters ausschließlich auf
-eines beschränkt sind und welche auch dem anderen zukommen[60], so
-kann, während bisher stets das Weib Zeuge sein mußte, daß gewisse,
-ihm von vielen so gerne zugesprochene Eigenschaften ausschließlich
-dem Manne angehören, hier einmal durch sein Verhalten der Mann
-dokumentieren, wie die Kuppelei echt weiblich und ausschließlich
-weiblich ist: die Ausnahmen betreffen entweder _sehr_ weibliche Männer
-oder einen Fall, der noch ausführlich wird besprochen werden[61].
-Jeder wahre Mann nämlich wendet sich vom heiratsvermittelnden Treiben
-der Frauen, selbst wenn es sich um seine eigene Tochter handelt, und
-er diese gerne versorgt sehen möchte, mit Widerwillen und Verachtung
-ab und überläßt die Kuppelsorgen überhaupt dem Weibe als sein Fach.
-Zugleich sieht man hier am klarsten, wie auf den _Mann_ gar nicht die
-_wahren psychischen_ Sexualcharaktere des Weibes attraktiv wirken, wie
-sie ihn vielmehr abstoßen, wo sie ihm bewußt werden: indes die rein
-männlichen Eigenschaften _an sich_, und wie sie wirklich sind, das
-_Weib_ anzuziehen _genügen_, muß der Mann das Weib erst umformen, ehe
-er es lieben kann.
-
-Die Kuppelei reicht aber bedeutend tiefer und durchdringt das Wesen
-des Weibes in viel weiterer Ausdehnung, als jemand nach diesen
-Beispielen, die nur den Umfang des Sprachgebrauches erschöpfen,
-glauben könnte. Ich will zunächst darauf hinweisen, wie die Frauen
-im Theater sitzen: stets mit der Erwartung, _ob_ die zwei, _wie_ die
-zwei Liebesleute »sich kriegen« werden. _Auch dies ist nichts anderes
-als Kuppelei_, und um kein Haar von ihr psychologisch verschieden:
-_es ist das Herbeiwünschen des Zusammenkommens von Mann und Weib, wo
-auch immer_. Aber das geht noch weiter: _auch die Lektüre sinnlicher
-oder obscöner Dichtungen oder Romane, die ungeheuere Spannung auf
-den Moment des Koitus, mit welcher die Frauen lesen, ist nichts, gar
-nichts als Verkuppelung der beiden Personen des Buches_, tonische
-Excitation durch den Gedanken der Kopulation und positive Wertung
-der sexuellen Vereinigung. Man halte das nicht für eine logische und
-formale Analogisierung, man versuche nachzufühlen, wie für die Frau
-psychologisch beides _dasselbe $ist$_. Die Erregung der Mutter am
-Hochzeitstage der Tochter ist keine andere als die der Leserin von
-_Prévost_, oder von _Sudermanns_ »Katzensteg«. Es kommt zwar auch
-vor, daß Männer solche Romane zu Detumeszenzzwecken gerne lesen,
-aber das ist etwas prinzipiell von der weiblichen Art der Lektüre
-_Verschiedenes_, es geht auf die lebhaftere Imagination des Sexualaktes
-und verfolgt nicht krampfhaft von Anbeginn jede Verringerung der
-Entfernung zwischen den beiden Menschen, um die es sich gerade handelt,
-und wächst nicht, wie bei der Frau, kontinuierlich, in Proportion mit
-einer sehr hohen Potenz vom reziproken Werte des Abstandes der Personen
-voneinander. Die atemlose Begünstigung jeder Verringerung der Distanz
-von dem Ziele, die deprimierte Enttäuschung bei jeder Vereitelung der
-sexuellen Befriedigung ist durchaus weiblich und unmännlich; aber sie
-tritt in der Frau ganz unterschiedslos bei jeder Bewegung auf, die
-ihrer Richtung nach zum Geschlechtsakte führen kann, betreffe sie nun
-Personen des Lebens oder der Phantasie.
-
-Hat man denn nie darüber nachgedacht, $warum$ die Frauen so gerne, so
-»selbstlos« andere Frauen mit Männern zusammenbringen? Das Vergnügen,
-welches ihnen hiedurch bereitet wird, _beruht auf einer eigentümlichen
-Erregung durch den Gedanken auch des fremden Koitus_.
-
-Aber die volle Breite der Kuppelei ist auch mit der Ausdehnung auf den
-Hauptgesichtspunkt aller weiblichen Lektüre noch nicht ausgemessen.
-Wo an Sommerabenden in dunklen Gärten, auf den Bänken oder an den
-Mauern Liebespaare eine Zuflucht suchen, dort wird eine Frau, die
-vorübergeht, stets _neugierig_, sie _sieht hin_, indes der Mann,
-der jenen Weg zu gehen gezwungen ist, sich unwillig abwendet, weil
-er die Schamhaftigkeit verletzt fühlt. Desgleichen wenden sich die
-Frauen fast nach jedem Liebespaare, dem sie auf der Gasse begegnen,
-_um_ und verfolgen es mit ihren Blicken. Dieses _Hin_schauen, dieses
-_Sichumdrehen_ ist nicht minder Kuppelei als das bisher unter den
-Begriff Subsumierte. Was man ungern sieht und nicht wünscht, von dem
-wendet man sich weg, und sperrt nicht die Augen nach ihm auf; die
-Frauen sehen darum ein Liebespaar so gern, und überraschen es deshalb
-am liebsten bei Küssen und weitergehenden Liebesbezeigungen, _weil sie
-den Koitus $überhaupt$ (nicht nur für sich) wollen_. _Man beachtet
-nur_, wie schon längst gezeigt wurde, _was irgendwie positiv gewertet
-wird_. Die Frau, die zwei Liebende miteinander sieht, wartet stets auf
-das, was kommen werde, d. h. sie erwartet es, nimmt es voraus, hofft
-es, wünscht es. Ich habe eine längst verheiratete Hausfrau gekannt, die
-ihr Dienstmädchen, das den Liebhaber eingelassen hatte, zuerst lang
-in großer Anteilnahme vor der Tür behorchte, ehe sie hineinging, um
-ihm seine Stellung zu kündigen. Die Frau hatte also den ganzen Vorgang
-_innerlich bejaht_, um dann das Mädchen, in passiver Befolgung der ihr
-überkommenen Schicklichkeitsbegriffe, wenn nicht gar nur aus unbewußter
-Mißgunst, hinauszuwerfen. Ich glaube freilich, daß auch das letztere
-Motiv häufig mitspielt, und zur Verdammung der Betroffenen der Neid,
-der ihr jene Stunden doch nicht allein gönnt, seinen Teil beisteuert.
-
-Der Gedanke des Koitus wird von der Frau stets und in jeder Form,
-in der er sich vollziehen mag, (selbst wenn ihn Tiere ausführen),
-lebhaft ergriffen, und nie zurückgewiesen[62]; sie verneint ihn nicht,
-empfindet keinen Ekel vor dem Ekelhaften des Vorganges, sucht nicht
-sofort lieber an etwas anderes zu denken: sondern die Vorstellung
-ergreift völlig von ihr Besitz und beschäftigt sie unausgesetzt
-weiter, bis sie von anderen Vorstellungen ebenso sexuellen Charakters
-abgelöst wird. Hiemit ist ein großer Teil des vielen so rätselhaft
-scheinenden psychischen Lebens der Frauen sicherlich beschrieben. _Das
-Bedürfnis, selbst koitiert zu werden, ist zwar das heftigste Bedürfnis
-der Frau, aber es ist nur ein $Spezialfall$ ihres tiefsten, $ihres
-einzigen vitalen Interesses, das nach dem Koitus überhaupt geht$; des
-Wunsches, daß möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann immer,
-koitiert werde._
-
-_Dieses_ allgemeinere Bedürfnis richtet sich entweder mehr auf den Akt
-selbst, oder mehr auf das Kind; im ersten Falle ist die Frau Dirne und
-Kupplerin um der bloßen Vorstellung vom Akte willen; im zweiten ist sie
-Mutter, aber nicht nur mit dem Wunsche selbst Mutter zu werden; sondern
-an _jeder_ Ehe, die sie kennt oder zustande bringt, ist, je mehr sie
-der absoluten Mutter sich nähert, desto ausschließlicher ihr Interesse
-auf die Hervorbringung des Kindes gerichtet: die echte Mutter ist auch
-die echte Großmutter (selbst wenn sie Jungfrau geblieben ist; man
-vergleiche Johann _Tesmans_ unübertreffliche »_Tante Jule_« in _Ibsens_
-»_Hedda Gabler_«). Jede ganze _Mutter_ wirkt für die Gattung insgesamt,
-sie ist Mutter der ganzen Menschheit: _jede_ Schwangerschaft wird von
-ihr begrüßt. Die _Dirne_ will die anderen Weiber nicht schwanger,
-sondern bloß _prostituiert_ sehen wie sich selbst.
-
-Wie sogar die Sexualität der Frauen ihrer Kuppelei noch _unter_geordnet
-ist, und eigentlich nur als ein besonderer Fall der ersteren aufgefaßt
-werden darf, das geht sehr deutlich aus ihrem Verhältnis zu den
-verheirateten Männern hervor. Nichts ist den Frauen, da sie sämtlich
-Kupplerinnen sind, so wie der ledige Stand des Mannes zuwider, und
-darum suchen alle ihn zu verheiraten; _ist_ er aber schon Ehemann, so
-verliert er für sie auch dann sehr viel an Interesse, wenn er früher
-ihnen selbst ganz ausnehmend gefallen hat. _Auch_ wenn sie selber
-bereits verheiratet sind, also nicht mehr jeder Mann zunächst unter
-dem Gesichtspunkte der _eigenen_ Versorgung in Betracht kommt, und
-nun, wie man denken sollte, der Ehemann darum nicht mehr geringere
-Beachtung finden müßte als der andere, Ledige, selbst dann, als
-ungetreue Ehefrauen, kokettieren die Weiber kaum mit dem Gatten einer
-anderen; außer wenn sie über diese einen Triumph feiern wollen,
-dadurch, daß sie ihn ihr abspenstig machen. Hiedurch erst ist ganz
-bestätigt, daß es den Frauen nur auf die Verkuppelung ankommt; mit
-_Verheirateten_ wird _darum_ so selten der Ehebruch begangen, _weil
-diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt, bereits genügen_. Die
-Kuppelei ist die allgemeinste Eigenschaft des menschlichen Weibes: der
-Wille zur Schwiegermutter -- ich meine den Willen, Schwiegermutter
-zu werden -- ist noch viel durchgängiger vorhanden als der Wille zur
-Mutterschaft, dessen Intensität und Umfang man gewöhnlich über Gebühr
-hoch veranschlagt.
-
-Man wird den Nachdruck, der hier gerade auf die _Kuppelei_ des Weibes
-gelegt wird, vielleicht doch noch nicht ganz verstehen, die Bedeutung,
-die ihr zugemessen werde, übertrieben, das Pathos der Argumentation
-unmotiviert finden. Man begreife aber, worum es sich handelt. Die
-Kuppelei ist dasjenige Phänomen, welches das Wesen des Weibes am
-weitesten aufschließt, und man muß nicht, wie dies immer geschieht,
-sie nur zur Kenntnis nehmen und gleich zu etwas anderem übergehen,
-sondern sie zu analysieren und zu ergründen trachten. Gewiß ist es
-eine den meisten Menschen geläufige Tatsache, daß »jedes Weib gern
-ein bißchen kuppelt«. _Aber daß gerade hierin und nirgendwo anders
-die Wesenheit des Weibes liegt, darauf kommt es an._ Es läßt sich
--- nach reiflicher Betrachtung der verschiedensten Frauentypen und
-Berücksichtigung noch weiterer spezieller Einteilungen, außer der hier
-bereits durchgeführten, bin ich zu diesem Schlusse gekommen -- _absolut
-nichts anderes als positive allgemein-weibliche Eigenschaft prädizieren
-als die Kuppelei, das ist die Tätigkeit im Dienste der Idee des Koitus
-$überhaupt$_. Jede Begriffsbestimmung der Weiblichkeit, welche deren
-Wesen bloß im Wunsche, selbst koitiert zu werden, suchte, die im echten
-Weibe nichts für echt hielte, als das Bedürfnis vergewaltigt zu werden,
-wäre zu _eng_; jede Definition, die da sagen würde, der Inhalt des
-Weibes sei das Kind oder sei der Mann oder sei beides, bereits zu
-_weit_. Das allgemeinste und eigentlichste Wesen der Frau ist mit der
-_Kuppelei_, d. h. $mit der Mission im Dienste der Idee körperlicher
-Gemeinschaft$, _vollständig_ und _erschöpfend_ bezeichnet. _Jedes Weib
-kuppelt_; und diese Eigenschaft des Weibes, _$Gesandte, Mandatarin des
-Koitusgedankens$ zu sein_, ist auch die _einzige_, welche in _allen_
-Lebensaltern da ist _und selbst das Klimakterium überdauert_: das alte
-Weib verkuppelt weiter, nicht mehr sich, sondern die anderen. Wenn man
-das alte Weib mit Vorliebe als _die_ Kupplerin sich vorgestellt hat, so
-wurde ein Grund hiefür schon angeführt. Der Beruf der greisen Kupplerin
-ist nicht etwas, das _hinzu_kommt, sondern eben dies, was jetzt allein
-_heraustritt_ und _übrig bleibt_ aus den früheren Komplikationen durch
-das eigene Bedürfnis: das reine Wirken im Dienste der unreinen Idee.
-
-Es sei gestattet, hier kurz zu rekapitulieren, was die Untersuchung
-nach und nach an positiven Resultaten über die Sexualität des Weibes
-zutage gefördert hat. Es erwies sich zuerst als ausschließlich, und
-nicht nur in Pausen, sondern kontinuierlich sexuell interessiert; es
-war körperlich und psychisch in seinem ganzen _Wesen_ nichts als eben
-die Sexualität selbst. Es wurde dabei überrascht, daß es sich überall,
-am ganzen Körper und ohne Unterlaß, von allen Dingen ausnahmslos
-_koitiert_ fühlt. Und wie der ganze _Körper_ des Weibes eine Dépendance
-seines _Geschlechtsteiles_ war, so offenbart sich nun die zentrale
-Stellung _der Koitus-Idee_ in seinem _Denken_. _Der Koitus ist das
-einzige, allerwärts und immer, von der Frau ausschließlich $positiv$
-Bewertete; die Frau ist die Trägerin des Gemeinschaftsgedankens
-überhaupt._ Die weibliche Höchstwertung des Koitus ist nicht auf
-ein Individuum, auch nicht auf das wertende Individuum, beschränkt,
-sie bezieht sich auf Wesen _überhaupt_, sie ist nicht individuell,
-sondern _inter_individuell, _über_individuell, sie ist sozusagen --
-man sehe mir die Entweihung des Wortes einstweilen nach -- _$die
-transcendentale$ Funktion des Weibes_. _Denn wenn Weiblichkeit
-Kuppelei ist, so ist Weiblichkeit $universelle Sexualität$. Der Koitus
-ist der höchste Wert der Frau, ihn sucht sie immer und überall zu
-verwirklichen. $Ihre eigene Sexualität bildet von diesem unbegrenzten
-Wollen nur einen begrenzten Teil.$_ --
-
-Der männlichen Höchststellung der Schuldlosigkeit und Reinheit aber,
-deren Erscheinung jene höhere Virginität wäre, welche der Mann
-aus erotischem Bedürfnis von der Frau wünscht und fordert, diesem
-nur _männlichen_ Ideale der Keuschheit ist jenes Streben der Frau
-nach Realisierung der Gemeinschaft so polar entgegengesetzt, daß
-es unbedingt als ihre eigentliche Natur sogar durch den dichtesten
-Weihrauch der erotischen Illusion hindurch vom Mann hätte erkannt
-werden müssen, wenn nicht _noch_ ein Faktor durch sein Dazwischentreten
-diese Klärung regelmäßig verhindert hätte. Diesen Umstand, der
-sich immer wieder einschiebt, um der Einsicht des Mannes in das
-allgemeine und eigentliche Wesen der Weiblichkeit entgegenzuwirken,
-dieses komplizierteste Problem des Weibes, seine abgründlich tiefe
-_Verlogenheit_, gilt es nun aufzuhellen. So schwierig und so gewagt das
-Unternehmen ist, es muß schließlich zu jener letzten Wurzel führen,
-_aus der wir sowohl die Kuppelei_ (im weitesten Sinne, in dem die
-eigene Geschlechtlichkeit nur ihr hervorstechendster Spezialfall ist)
-_als auch diese Verlogenheit_, welche die Begierde nach dem Sexualakt
-immerfort -- vor den Blicken des Weibes selbst! -- _verhüllt_, _beide_
-unter dem Lichte _eines_ letzten Prinzipes klar werden emporsprießen
-sehen.
-
- * * * * *
-
-Alles nämlich, was vielleicht schon wie ein sicherer Gewinn erschienen
-ist, findet sich nun nochmals in Frage gestellt. Den Frauen wurde keine
-Selbstbeobachtung eingeräumt: es gibt aber sicherlich Weiber, die sehr
-scharf vieles beobachten, was in ihnen vorgeht. Die Wahrheitsliebe
-wurde ihnen abgesprochen; und doch kennt man Frauen, die es auf das
-peinlichste vermeiden, eine Unwahrheit zu sagen. Das Schuldbewußtsein
-sei ihnen fremd, wurde behauptet, obwohl Frauen existieren, die sich
-selbst wegen geringfügiger Dinge die heftigsten Vorwürfe zu machen
-pflegen, obwohl man von Büßerinnen und ihren Körper kasteienden
-Weibern sichere Nachricht hat. Das Schamgefühl wurde nur dem Manne
-belassen: aber muß nicht das Wort von der weiblichen Schamhaftigkeit,
-von jener Scham, die nach _Hamerling_ sogar _nur_ das Weib kennt,
-in der Erfahrung irgend eine Grundlage haben, die es ermöglichte,
-ja begünstigte, daß die Dinge so gedeutet würden? Und weiter:
-Religiosität könnte dem Weibe fehlen trotz allen »religieuses«? Strenge
-Sittenreinheit bei ihm ausgeschlossen sein, aller tugendhaften Frauen
-ungeachtet, von denen Lied und Geschichte melden? Bloß sexuell sollte
-das Weib sein, die Sexualität allein bei ihm Anwert finden, wo es doch
-mannigfach bekannt ist, daß Frauen wegen der geringsten Anspielung
-auf sexuelle Dinge empört sein können, sich, statt zu kuppeln, oft
-erbittert und angeekelt wegwenden von jedem Orte der Unzucht, ja nicht
-selten den Koitus auch für ihre Person verabscheuen und ihm viel
-gleichgültiger gegenüberstehen als irgend ein Mann?
-
-Es ist wohl offenbar, daß es sich in all diesen Antinomien um eine
-und dieselbe Frage handelt, von deren Beantwortung die letzte und
-endgültige Entscheidung über das Weib abhängt. Es ist klar, daß, wenn
-auch nur _ein einziges_ sehr weibliches Wesen _innerlich asexuell_
-wäre, oder in einem wahrhaften Verhältnis zur Idee sittlichen
-Eigenwertes stünde, $alles$, was hier von den Frauen gesagt wurde,
-seine Allgemeingültigkeit als psychisches Charakteristikum ihres
-Geschlechtes sofort unrettbar verlieren müßte, und somit die _ganze_
-Position des Buches mit einem Schlage vollkommen hinfällig würde. _Jene
-scheinbar widersprechenden Erscheinungen müssen befriedigend erklärt,
-und es muß von ihnen gezeigt werden, daß, was ihnen wirklich zu Grunde
-liegt und so leicht zu Äquivokationen verführt, $derselben$ weiblichen
-Natur entspricht, die bisher überall nachgewiesen werden konnte._
-
-Man muß zunächst an die ungeheuere _Beeinflußbarkeit_, besser, nur
-schlechter zu sprechen, _Beeindruckbarkeit_ der Frauen sich erinnern,
-um zum Verständnis jener trügerischen Widersprüche zu gelangen. Diese
-außerordentliche Zugänglichkeit für Fremdes und die leichte Annahme der
-Ansichten anderer ist in diesem Buche bis jetzt noch nicht genügend
-gewürdigt worden. Ganz allgemein schmiegt sich W an M vollständig an,
-wie ein Etui an die Kleinodien in ihm, _seine_ Anschauungen werden
-die _ihren_, seine Lieblingsneigungen teilen sich ihr mit wie seine
-ganz individuellen Antipathien, jedes Wort von ihm ist für sie ein
-_Ereignis_, und zwar um so stärker, je mehr er sexuell auf sie wirkt.
-Diesen Einfluß des Mannes empfindet die Frau nicht als eine Ablenkung
-von der Linie ihrer eigenen Entwicklung, sie erwehrt sich seiner
-nicht als einer fremdartigen Störung, sie sucht sich nicht von ihm zu
-befreien als von einem Eingriff in ihr inneres Leben, _sie schämt sich
-nicht, rezeptiv zu sein_: im Gegenteil, sie fühlt sich nur _glücklich_,
-wenn sie es sein kann, _verlangt_ vom Manne, daß er sie, auch geistig,
-zu rezipieren _zwinge_. Sie schließt sich immer nur gerne an, _und
-ihr Warten auf den Mann ist nur das Warten auf den Augenblick, wo sie
-$vollkommen passiv$ sein könne_.
-
-Aber nicht nur vom »richtigen« Manne (wenn schon von ihm am liebsten),
-auch von Vater und Mutter, Onkeln und Tanten, Brüdern und Schwestern,
-nahen Verwandten und fernen Bekannten _übernehmen_ die Frauen, was
-sie glauben und denken, und sind es froh, wenn in ihnen eine Meinung
-_geschaffen_ wird. Noch die erwachsenen und verheirateten Frauen, nicht
-nur die unreifen Kinder, ahmen einander in allem und jedem, _als ob
-das natürlich wäre_, nach, von einer geschmackvolleren Toilette oder
-Frisur, einer Aufsehen erregenden Körperhaltung angefangen bis auf
-die Geschäfte, in denen sie einkaufen, und die Rezepte, nach welchen
-sie kochen. Auch dieses gegenseitige Kopieren geschieht _ohne_ das
-Gefühl, sich hiedurch etwas zu _vergeben_, wie es wohl sein müßte,
-besäßen sie eine Individualität, die nur rein ihrem eigenen Gesetze zu
-folgen strebt. So setzt sich der theoretische Bestand des weiblichen
-Denkens und Handelns der Hauptsache nach aus Überkommenem und wahllos
-Übernommenem zusammen, das von den Frauen um so eifriger ergriffen und
-um so dogmatischer festgehalten wird, als ein Weib eine Überzeugung
-nie selbsttätig aus objektiver Anschauung der Dinge gewinnt, und also
-auch nie nach geändertem Aspekte frei aufgibt, nie selbst noch über
-seinen Gedanken steht, vielmehr immer nur will, daß ihm eine Meinung
-beigebracht werde, die es dann zähe festhalten könne. Darum sind die
-Frauen am unduldsamsten, wo ein Verstoß gegen sanktionierte Sitten und
-Gebräuche sich ereignet, mögen diese Institutionen welchen Inhaltes
-immer sein. Einen angesichts der Frauenbewegung besonders ergötzlichen
-Fall dieser Art will ich nach Herbert _Spencer_ mitteilen. Wie bei
-vielen Indianerstämmen Nord- und Südamerikas, so gehen auch bei den
-_Dakotas_ die Männer bloß der Jagd und dem Kriege nach und haben alle
-niedrigen und mühevollen Beschäftigungen auf ihre Weiber gewälzt. Von
-der Natürlichkeit und Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens sind die Frauen,
-statt irgend sich unterdrückt zu fühlen, allmählich so durchdrungen
-worden, daß ein Dakota-Weib dem anderen keinen größeren Schimpf antun
-und keine ärgere Kränkung bereiten kann, als diese: »Schändliche Frau
-.... ich habe Deinen Mann Holz in seine Wohnung tragen sehen zum
-Feueranzünden. Wo war seine Frau, daß er genötigt war, sich selbst zum
-Weibe zu machen?«
-
-Diese außerordentliche Bestimmbarkeit des Weibes durch außer ihm
-Liegendes ist im Grunde wesensgleich mit seiner Suggestibilität, die
-weit größer und ausnahmsloser ist als die des Mannes: beides kommt
-damit überein, daß das Weib im Sexualakte und seinen Vorstadien nur
-die passive, nie die aktive Rolle zu spielen wünscht.[63] _Es ist
-die $allgemeine$ Passivität der weiblichen Natur, welche die Frauen
-am Ende auch die männlichen Wertungen, zu welchen sie gar kein
-ursprüngliches Verhältnis haben, acceptieren und übernehmen läßt._
-Diese _Imprägnierbarkeit_ durch die männlichen Anschauungen, diese
-_Durchdringung_ des eigenen Gedankenlebens der Frau mit dem fremden
-Element, diese _verlogene_ Anerkennung der Sittlichkeit, die man gar
-nicht Heuchelei nennen kann, weil nichts _Anti_moralisches durch sie
-verdeckt werden soll, diese Aufnahme und Anwendung eines an und für
-sich ihr ganz _hetero_nomen Gebotes wird, soweit die Frau selbst nicht
-wertet, im allgemeinen leicht und glatt von statten gehen _und den
-täuschendsten Schein höherer Sittlichkeit leicht hervorbringen_.
-Komplikationen können sich erst einstellen, wenn es zur Kollision
-kommt mit der _einzigen eingeborenen_, echten und allgemein-weiblichen
-Wertung, der _Höchstwertung des Koitus_.
-
-Die Bejahung der Gemeinschaft als des höchsten Wertes ist bei der Frau
-eine ganz unbewußte. Denn dieser Bejahung steht nicht wie beim Manne
-ihre Verneinung als die andere Möglichkeit gegenüber, es fehlt hier
-die Zweiheit, die zum Bemerken führen könnte. Kein Weib weiß, oder
-hat noch gewußt, oder auch nur wissen können, was es tut, wenn es
-kuppelt. _Die Weiblichkeit selbst ist ja identisch mit der Kuppelei_,
-und ein Weib müßte aus sich heraustreten können, um zu bemerken, zu
-verstehen, daß es kuppelt. So bleibt das tiefste Wollen des Weibes,
-das, was sein Dasein eigentlich bedeutet, von ihm stets unerkannt.
-Nichts hindert also, daß die männliche negative Wertung der Sexualität
-die positive weibliche vollständig im Bewußtsein des Weibes überdecke.
-_Die Rezeptivität des Weibes geht so weit, daß es das, was es ist --
-das $einzige$, was es wirklich positiv $ist$! -- daß es selbst dies
-verleugnen kann._
-
-Aber die Lüge, die es begeht, wenn es sich das männliche
-gesellschaftliche Urteil über die Sexualität, über Schamlosigkeit, ja
-über die Lüge selbst, _einverleiben_ läßt und den männlichen Maßstab
-aller Handlungen zu dem seinigen macht, diese Lüge ist eine solche,
-die ihm nie bewußt wird, _es erhält eine zweite Natur, ohne auch nur
-zu ahnen, daß es seine echte nicht ist_, es nimmt sich ernst, glaubt
-etwas zu sein und zu glauben, ist überzeugt von der Aufrichtigkeit und
-Ursprünglichkeit seines moralischen Gebarens und Urteilens: _so tief
-sitzt die Lüge, $die organische$_, ich möchte, wenn es gestattet wäre,
-am liebsten sagen: _$die ontologische$ Verlogenheit des Weibes_.
-
-_Wolfram von Eschenbach_ erzählt von seinem Helden:
-
- »... So keusch und rein
- Ruht' er bei seiner Königin,
- Daß kein Genügen fänd' darin
- So manches Weib beim lieben Mann.
- Daß doch so manche in Gedanken
- Zur Üppigkeit will überschwanken,
- Die sonst sich spröde zeigen kann!
- Vor Fremden züchtig sie erscheinen,
- _Doch ist des Herzens tiefstes Meinen
- Das Widerspiel vom äußern Schein_.«
-
-Was das tiefste Meinen des weiblichen Herzens ist, das hat _Wolfram_
-klar genug angedeutet. Aber er sagt nicht alles. Nicht nur die Fremden,
-_auch sich selbst_ belügen die Frauen in diesem Punkte. Man kann aber
-seine Natur, sei es auch die physische, nicht unterdrücken ohne Folgen.
-Die hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur
-des Weibes ist die _Hysterie_.
-
-Von allen Neurosen und Psychosen stellen die _hysterischen_
-Erscheinungen dem Psychologen beinahe die reizvollste Aufgabe; eine
-weit schwierigere und darum verlockendere als eine verhältnismäßig
-leicht nachzulebende _Melancholie_, oder eine simple _Paranoia_.
-
-Zwar haben gegen psychologische Analysen fast alle Psychiater ein
-nicht zu beseitigendes Mißtrauen; jede Erklärung durch pathologisch
-veränderte Gewebe oder durch Intoxikationen auf nutritivem Wege ist
-ihnen a limine glaubhaft, nur dem Psychischen mögen sie keine primäre
-Wirksamkeit zuerkennen. Da aber nie noch ein Beweis dafür erbracht
-worden ist, daß dem Psychischen eher als dem Physischen die sekundäre
-Rolle zufallen müsse -- alle Hinweise auf die »Erhaltung der Energie«
-sind von den berufensten Physikern selbst desavouiert worden -- so
-kann man billig über dieses Vorurteil hinweggehen. Auf die Bloßlegung
-des »psychischen Mechanismus« der Hysterie kann unendlich viel, ja --
-nichts spricht dagegen[64] -- möglicherweise _alles_ ankommen. Daß
-höchstwahrscheinlich dieser Weg der richtige ist, darauf weist auch
-hin, daß die wenigen bisherigen wahren Aufschlüsse über die Hysterie
-nicht anders gewonnen wurden: ich meine die mit den Namen _Pierre
-Janet_ und _Oskar Vogt_, und besonders J. _Breuer_ und S. _Freud_
-verknüpften Forschungen. Jede weitere Aufklärung über die Hysterie ist
-in der Richtung zu suchen, welche diese Männer eingeschlagen haben: in
-der Richtung auf die Rekonstruktion des _psychologischen_ Prozesses,
-welcher zur Krankheit geführt hat.
-
-Schematisch hat man sich, wie ich glaube, die Entstehung derselben,
-unter Annahme eines _sexuellen_ »traumatischen« Erlebnisses als des
-häufigsten (nach _Freud alleinigen_) Anlasses zur Erkrankung, so
-vorzustellen: eine Frau, die irgend eine sexuelle Wahrnehmung oder
-Vorstellung gehabt, diese durch ursprüngliche oder Rückbeziehung
-auf sich selbst _verstanden_ hat, und diese nun, vermöge der
-ihr aufgedrungenen und von ihr gänzlich übernommenen, _in sie
-über_gegangenen und ihr _waches Bewußtsein_ allein beherrschenden
-männlichen Wertung _als ganze zurückweist, über sie empört, unglücklich
-ist -- und sie gleichzeitig vermöge ihrer Beschaffenheit als Weib
-positiv wertet, bejaht, wünscht in ihrem tiefsten Unbewußten_; in
-der dann dieser Konflikt weiter schwärt, gärt und zu Zeiten in einem
-Anfall aufbraust: eine solche Frau gewährt das mehr oder minder typisch
-gewordene Krankheitsbild der Hysterie. So erklärt sich die Empfindung
-des von der Person, wie sie _glaubt_, verabscheuten, tatsächlich aber
-doch von etwas in ihr, von der ursprünglichen Natur, _gewollten_
-Sexualaktes als eines »_Fremdkörpers im Bewußtsein_«. _Die kolossale
-Intensität des durch jeden Versuch zu seiner Unterdrückung nur
-gesteigerten Wunsches, die um so heftigere, beleidigtere Zurückweisung
-des Gedankens_ -- dies ist das Wechselspiel, das sich in der Hysterika
-vollzieht. Denn die _chronische_ Verlogenheit des Weibes wird _akut_,
-wenn sie auf den _Hauptpunkt_ sich erstreckt, wenn die Frau sich
-auch die ethisch-negative Bewertung der Sexualität vom Manne noch
-hat einverleiben lassen. Und daß die Hysterischen die _stärkste
-Suggestibilität_ dem Manne gegenüber offenbaren, ist ja bekannt.
-$Hysterie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des
-Weibes.$ Ich leugne nicht, daß es auch, wenngleich _relativ_ nur recht
-_selten_, hysterische _Männer_ gibt: denn _eine_ unter den unendlich
-vielen Möglichkeiten, die psychisch im Manne liegen, ist es, zum
-Weibe und damit, gegebenenfalls, auch _hysterisch_ zu werden. Es gibt
-freilich auch verlogene _Männer_; aber da verläuft die Krisis anders
-(wie auch ihre Verlogenheit stets eine andere, nie eine so völlig
-_hoffnungslose_ ist): sie führt zur, obschon oft nur vorübergehenden,
-_Läuterung_.
-
-Diese Einsicht in die organische Verlogenheit des Weibes, in seine
-Unfähigkeit zur Wahrheit über sich selbst, die allein ermöglicht, daß
-es in einer Weise denke, die ihm gar nicht entspricht, scheint mir
-eine im Prinzip befriedigende Auflösung jener Schwierigkeiten, welche
-die Ätiologie der Hysterie darbietet. Wäre die Tugend des Weibes echt,
-so könnte es durch sie nicht leiden; es büßt nur die _Lüge_ gegen die
-eigene, in Wirklichkeit ungeschwächte Konstitution. Im einzelnen bedarf
-nun noch manches der Erläuterung und der Belege.
-
-Die Hysterie zeigt, daß die Verlogenheit, so tief sie hinabreicht, doch
-nicht so fest sitzt, um _alles_ zu verdrängen. Das Weib hat ein ganzes
-System von ihm fremden Vorstellungen und Wertungen durch Erziehung
-oder Verkehr sich zu eigen gemacht, oder vielmehr: ihnen gehorsam alle
-Einflußnahme auf sich gestattet; und es bedarf eines ganz gewaltigen
-Anstoßes, um diesen großen, fest in sie eingewachsenen psychischen
-Komplex aus dem Sattel zu heben, und so das Weib in jenen Zustand
-intellektueller Hilflosigkeit, jener »Abulie« zu versetzen, welche für
-die Hysterie so kennzeichnend ist. Ein außerordentlicher _Schreck_ etwa
-vermag den künstlichen Bau umzuwerfen und die Frau nun zum Schauplatz
-des Kampfes einer ihr unbewußten, verdrängten _Natur_ mit einem zwar
-bewußten, aber ihr unnatürlichen _Geiste_ zu machen. Das Hin- und
-Hergeworfenwerden zwischen beiden, welches nun anhebt, erklärt die
-außergewöhnliche psychische Diskontinuität während des hysterischen
-Leidens, das fortwährende Wechseln verschiedener Stimmungen, von denen
-keine durch einen, ihnen allen noch übergeordneten Bewußtseinskern
-ergriffen und festgehalten, beobachtet und beschrieben, erkannt
-und bekämpft werden kann. Auch hängt hiemit das überleichte
-Zusammenschrecken der Hysterischen zusammen. Doch läßt sich vermuten,
-daß viele Anlässe, auch wenn sie dem geschlechtlichen Gebiete
-_objektiv_ noch so fern liegen, von ihnen sexuell mögen apperzipiert
-werden; wer aber vermöchte dann zu sagen, _womit_ das schreckhafte
-äußere Erlebnis von scheinbar ganz _a_sexueller Natur _in ihnen_ sich
-wieder verknüpft hat?
-
-Höchst wunderbar ist immer das Zusammensein so vieler Widersprüche in
-den Hysterischen erschienen. Sie sind einerseits von eminent kritischem
-Verstande und großer Urteilssicherheit, sträuben sich gegen die Hypnose
-u. s. w., u. s. w., anderseits durch die geringfügigsten Anlässe am
-stärksten excitierbar, und die tiefsten Grade hypnotischen Schlafes bei
-ihnen erreichbar. Sie sind, von da gesehen, abnorm keusch, von dort aus
-betrachtet, enorm sinnlich.
-
-All das ist hienach nicht schwer mehr zu erklären. Die gründliche
-Rechtschaffenheit, die peinliche Wahrheitsliebe, das strenge Meiden
-alles Sexuellen, das besonnene Urteil und die Willensstärke -- _all
-dies ist nur ein Teil jener Pseudopersönlichkeit_, welche die Frau
-_in ihrer Passivität vor sich und aller Welt zu spielen übernommen
-hat_. Alles, was ihrer _ursprünglichen_ Beschaffenheit angehört und in
-deren Sinn liegt, bildet jene »abgespaltene Person«, jene »unbewußte
-Psyche«, die _gleichzeitig_ in Obscönitäten sich ergehen kann und
-der suggestiven Beeinflussung so zugänglich ist. Man hat in den als
-»duplex« und »multiplex personality«, als »double conscience«, als
-»Doppel-Ich« benannten Tatsachen eines der stärksten Argumente gegen
-die Annahme der _einen_ Seele erblicken wollen. In Wirklichkeit
-sind gerade diese Phänomene der bedeutsamste Fingerzeig dafür,
-_daß_ und _wo_ man von einer Seele reden darf. _Die »Spaltungen der
-Persönlichkeit« sind eben nur dort möglich, wo von Anfang an keine
-Persönlichkeit da ist, wie beim Weibe._ _All_ jene berühmten Fälle,
-die _Janet_ in seinem Buche »L'Automatisme psychologique« beschrieben
-hat, _beziehen sich auf Frauen_, kein einziger auf einen Mann. Nur die
-Frau, die, ohne Seele, ohne ein intelligibles Ich, nicht Kraft hat,
-alles in ihr Enthaltene bewußt zu machen, das Licht der Wahrheit über
-ihrem Innern zu entzünden, kann durch die völlig passive _Durchflößung_
-mit einem fremden Bewußtsein, wie durch die im Sinne ihrer eigenen
-Natur gelegenen Regungen so übertölpelt werden, wie es Voraussetzung
-der von _Janet_ beschriebenen hysterischen Zustände ist, nur bei ihr
-kann es zu derartig dichten Verkleidungen, zum Auftreten der _Hoffnung_
-auf den Koitus als _Angst vor_ dem Akte, zur _inneren Maskierung
-vor sich selbst_ und Einspinnung des wirklichen Wollens wie in eine
-undurchdringliche Kokonhülle kommen. Die Hysterie selbst ist der
-Bankerott des aufgeprägten oberflächlichen Schein-Ich; deshalb macht
-sie das Weib zeitweilig innerlich beinahe zur »tabula rasa«: indem auch
-jeder eigene Trieb wie aus ihr hinweggeräumt scheint (»Anorexie«);
-bis dann jene Versuche der wirklichen Weiblichkeit folgen, gegen
-ihre verlogene Verleugnung sich nun endlich durchzusetzen. Wenn
-jener »nervöse Choc«, jenes »psychische Trauma« je wirklich ein
-asexuelles Schrecknis ist, so hat eben dieses die innere Schwäche
-und Unhaltbarkeit des angenommenen Ich dargetan, es verscheucht,
-davongejagt und so die Gelegenheit für den Ausbruch der echten Natur
-geschaffen.
-
-Das _Heraufkommen dieser_ ist jener »Gegenwille« _Freuds_, der wie ein
-fremder empfunden und durch die Zuflucht bei dem alten, nun aber morsch
-und brüchig gewordenen Schein-Ich abgewehrt wird. Denn der »Gegenwille«
-wird zurückzudrängen versucht: früher hat jener äußere _Zwang_, den
-die Hysterika wie eine _Pflicht_ empfand, die eigene Natur unter die
-Bewußtseinsschwelle verwiesen, sie verdammt und in Fesseln gelegt;
-nun sucht sie nochmals vor den befreiten, emporwollenden Gewalten in
-jenes System von Grundsätzen sich zu flüchten und mit seiner Hilfe die
-ungewohnten Anfechtungen abzuschütteln und niederzuschlagen; aber jenes
-hat zumindest seine Alleinherrschaft nun eingebüßt.
-
-_Der »Fremdkörper im Bewußtsein«, das »schlimme Ich« ist in
-Wirklichkeit ihre eigenste weibliche Natur, während, was $sie$ für ihr
-wahres Ich hält, gerade die Person ist, die sie durch das Einströmen
-alles $Fremden$ wurde._ Der »Fremdkörper« ist die _Sexualität_, die
-sie nicht _anerkennt_, deren Zugehörigkeit zu sich sie nicht zugibt;
-die sie aber doch nicht mehr zu _bannen_ vermag wie ehedem, da ihre
-Triebe vor der einwandernden Sittlichkeit sich geräuschlos und wie für
-immer zurückzogen. Zwar mögen sich auch jetzt noch die mit äußerster
-Anspannung unterdrückten Sexualvorstellungen »_konvertieren_« in alle
-möglichen Zustände und so jenen proteusartigen Charakter des Leidens
-hervorbringen, jenes Überspringen von Glied zu Glied, jene alles
-nachahmende und niemals konstante Gestalt, welche die Definition der
-Hysterie nach ihrem Symptomenbilde stets so sehr erschwert hat; aber in
-keiner »Konversion« von allen geht nunmehr der Trieb auf, er verlangt
-nach oben, in keiner Verwandlung findet er mehr seine _Erschöpfung_.
-
-Das _Unvermögen der Frauen zur Wahrheit_ -- für mich, der ich auf dem
-Boden des Kantischen Indeterminismus stehe, folgt es aus ihrem Mangel
-an einem _freien Willen zur Wahrheit_ -- bedingt ihre _Verlogenheit_.
-Wer mit Frauen Umgang hatte, der weiß, wie oft sie, _unter dem
-momentanen Zwang auf eine Frage zu antworten_, ganz beliebig falsche
-Gründe für das, was sie gesagt oder getan haben, aus dem Stegreif
-angeben. Nun ist es richtig, daß gerade die Hysterischen peinlichst
-(aber nie ohne eine gewisse, demonstrative, Absichtlichkeit vor
-Fremden) jeder Unwahrheit aus dem Wege gehen: _aber gerade hierin
-liegt, so paradox es klingt, ihre Verlogenheit_. Denn sie wissen
-nicht, daß ihnen die ganze Wahrheitsforderung von außen gekommen
-und allmählich eingepflanzt worden ist. Sie haben das Postulat der
-Sittlichkeit knechtisch acceptiert und geben darum, dem braven
-Sklaven gleich, bei jeder Gelegenheit zu erkennen, wie getreu sie es
-befolgen. Es ist immer auffällig, wenn man über jemand oft hervorheben
-hört, was für ein ausnehmend anständiger Mensch er sei: er hat dann
-sicherlich dafür gesorgt, daß man es wisse, und man kann wetten, daß er
-insgeheim ein Spitzbube ist. Es kann das Vertrauen zu der Echtheit der
-Moralität der Hysterischen nicht fördern, wenn die Ärzte (natürlich in
-gutem Glauben) so oft betonen, wie hoch ihre Patienten in sittlicher
-Beziehung stünden.
-
-Ich wiederhole: die Hysterischen simulieren nicht bewußt; nur unter dem
-Einfluß der Suggestion kann ihnen klar werden, _daß_ sie tatsächlich
-simuliert haben, und nur so sind alle »Geständnisse« der Verstellung zu
-erklären. _$Sonst$ aber glauben sie an ihre eigene Aufrichtigkeit und
-Moralität_: Auch die Beschwerden, von denen sie gepeinigt werden, sind
-keine eingebildeten; vielmehr liegt darin, _daß_ sie diese wirklich
-fühlen, und daß die Symptome erst mit der _Breuer_schen »Katharsis«
-verschwinden, welche ihnen die wahren Ursachen der Krankheit in
-der Hypnose successive _zum Bewußtsein_ bringt, der _Beweis_ des
-_Organischen_ ihrer Verlogenheit.
-
-Auch die Selbstanklagen, welche die Hysterischen so laut zu erheben
-pflegen, sind nichts als unbewußte Gleisnerei. Ein Schuldgefühl
-kann nicht echt sein, das sich auf kleinste wie auf größte Dinge
-_gleichmäßig_ erstreckt; hätten die hysterischen Selbstquäler das Maß
-der Sittlichkeit in sich und aus sich selbst, so würden sie nicht so
-wahllos in ihren Selbstanklagen sein und nicht die geringfügigste
-Unterlassung schon _gleich_ schwer sich anrechnen wie den größten Fehl.
-
-Das entscheidende Zeichen für die unbewußte _Verlogenheit_ ihrer
-Selbstvorwürfe ist die Art, in der sie anderen zu sagen pflegen, wie
-schlecht sie seien, was für Sünden sie begangen hätten, und jene
-fragen, ob sie selbst (die Hysterischen) nicht ganz und gar verworfene
-Geschöpfe seien. Wessen Gewissensbisse ihn wirklich zu Boden drücken,
-der kann nicht so reden. Es ist eine _Täuschung_, der besonders
-_Breuer_ und _Freud_ zum Opfer gefallen sind, wenn sie gerade die
-Hysteriker als eminent sittliche Menschen hinstellen. Denn diese haben
-nur ein ihnen ursprünglich Fremdes, die Moral, vollständiger von außen
-in sich übergehen lassen als die anderen. Diesem Kodex unterstehen sie
-nun sklavisch, sie prüfen nichts mehr selbsttätig, wägen im einzelnen
-nichts mehr ab. Das kann sehr leicht den Eindruck des sittenstrengsten
-Rigorismus hervorrufen, und ist doch so unsittlich als möglich, denn es
-ist das Höchste, was an _Heteronomie_ überhaupt geleistet werden kann.
-Dem sittlichen Ziele einer _sozialen_ Ethik, für welche die Lüge kaum
-ein Vergehen sein kann, wenn sie der Gesellschaft oder der Entwicklung
-der Gattung nützt, diesem idealen Menschen einer solchen _hetero_nomen
-Moral kommen die Hysterischen vielleicht näher als irgend ein anderes
-Wesen. _Das hysterische Frauenzimmer ist die Probiermamsell der
-Erfolgs- und der Sozialethik_: sowohl genetisch, denn die sittlichen
-Vorschriften sind ihr wirklich von außen gekommen; als auch praktisch,
-denn sie wird am leichtesten altruistisch zu handeln scheinen: für sie
-sind die Pflichten gegen andere nicht ein Sonderfall der Pflicht gegen
-sich selbst.
-
-Je getreuer die Hysterischen an die Wahrheit sich zu halten glauben,
-desto tiefer sitzt ihre Verlogenheit. Ihre völlige Unfähigkeit zur
-eigenen Wahrheit, zur Wahrheit über sich -- die Hysterischen denken nie
-über sich nach und wollen nur, daß der andere über sie nachdenke, sie
-wollen ihn _interessieren_ -- geht daraus hervor, daß die Hysterischen
-die besten Medien für alle Hypnose abgeben. Wer aber sich hypnotisieren
-läßt, der begeht die unsittlichste Handlung, die denkbar ist. Er begibt
-sich in die vollendetste Sklaverei: er verzichtet auf seinen Willen,
-auf sein Bewußtsein, über ihn gewinnt der andere Gewalt und erzeugt in
-ihm das Bewußtsein, das ihm hervorzubringen gutdünkt. So liefert die
-Hypnose den Beweis, wie alle _Möglichkeit_ der Wahrheit vom _Wollen_
-der Wahrheit, d. h. aber vom Wollen seiner selbst, abhängt: wem in
-der Hypnose etwas aufgetragen wird, der führt es im Wachen aus, und
-ersinnt, um seine Gründe gefragt, auf der Stelle ein beliebiges Motiv
-dafür; ja, nicht nur vor anderen, auch vor sich selbst rechtfertigt
-er mit einer ganz aus der Luft gegriffenen Erklärung, weshalb er nun
-so handle. Man hat hier sozusagen eine experimentelle Bestätigung der
-Kantischen Ethik. Wäre der Hypnotisierte bloß ohne Erinnerung, so müßte
-er darüber erschrecken, daß er nicht _wisse_, warum er etwas tue. Aber
-er erfindet sich ohne weiteres ein neues Motiv, das mit dem wahren
-Grunde, aus dem er die Handlung ausführt, gar nichts zu tun hat. Er hat
-eben auf sein Wollen verzichtet, und damit keine Fähigkeit zur Wahrheit
-mehr.
-
-_Alle Frauen nun sind zu hypnotisieren und wollen gerne hypnotisiert
-werden_; am leichtesten, am stärksten die Hysterischen. Selbst das
-Gedächtnis für bestimmte Dinge aus ihrem Leben kann man -- denn das
-Ich, der Wille, _schafft_ das Gedächtnis -- bei Frauen durch die
-einfache Suggestion, daß sie von ihnen nichts mehr wüßten, auslöschen,
-vernichten.
-
-Jenes _Breuer_sche »Abreagieren« der psychischen Konflikte durch
-den hypnotisierten Kranken liefert den zwingenden Beweis, daß sein
-Schuldbewußtsein kein ursprüngliches war. Wer sich einmal aufrichtig
-schuldig gefühlt hat, ist von diesem Gefühle nie so völlig zu befreien,
-wie es die Hysterischen sind, unter dem bloßen Einfluß des fremden
-Wortes.
-
-Aber selbst diese Scheinzurechnung, welche die Frauen von hysterischer
-Konstitution an sich vollziehen, wird hinfällig im Augenblicke, wo
-die Natur, das sexuelle Begehren, sich durchzusetzen droht gegen die
-scheinbare Bändigung. Im hysterischen Paroxysmus geht nichts anderes im
-Weibe vor, als daß es sich, ohne es mehr sich selbst, wie früher, ganz
-zu glauben, fort und fort versichert: das will _ich_ ja gar nicht, das
-will _man_, das will jemand _Fremder_ _von mir_, aber _ich_ will es
-_nicht_. Jede Regung anderer wird nun zu jenem Ansinnen in Beziehung
-gebracht, das an sie, wie sie glaubt, von außen gestellt wurde, aber
-in Wahrheit ihrer eigenen Natur entstammt und deren tiefsten Wünschen
-vollauf entspricht; nur darum sind die Hysterischen im Anfall so
-leicht durch das Geringste aufzubringen. Es handelt sich da immer um
-die letzte verlogene Abwehr der in ungeheuerer Stärke frei werdenden
-Konstitution; die »~Attitudes passionnelles~« der Hysterischen sind
-nichts als diese demonstrative Abweisung des Sexualaktes, die darum so
-laut sein muß, weil sie eben doch unecht ist, und so viel lärmender
-als früher, weil nun die Gefahr größer ist.[65] Daß so oft sexuelle
-Erlebnisse aus der Zeit vor der Pubertät in der akuten Hysterie die
-größte Rolle spielen, ist danach leicht zu verstehen. Auf das Kind
-war der Einfluß der fremden moralischen Anschauungen verhältnismäßig
-leicht auszuüben, ohne einen erheblichen Widerstand in den noch fast
-gänzlich schlummernden sexuellen Wünschen überwinden zu müssen. Nun
-aber greift die bloß zurückgedrängte, nicht überwundene Natur das
-alte, schon damals von ihr, nur ohne die Kraft es bis zum wachen
-Bewußtsein emporzuheben und gegen dieses durchzusetzen, _positiv_
-gewertete Erlebnis _auf_, und stellt es nun erst gänzlich verführerisch
-dar. Jetzt ist das wahre Bedürfnis nicht mehr so leicht vom wachen
-Bewußtsein fernzuhalten wie ehedem, und so ergibt sich die Krise. Daß
-der hysterische Anfall selbst so viele verschiedene Formen zeigen und
-sich fortwährend in ein neues Symptomenbild transmutieren kann, liegt
-vielleicht nur daran, daß der Ursprung des Leidens nicht _erkannt_,
-daß die Tatsache, ein sexuelles Begehren sei da, vom Individuum nicht
-_zugegeben_, nicht als von _ihm_ ausgegangen _ins Auge gefaßt_, sondern
-einem zweiten Ich zugerechnet wird.
-
-Dies aber ist auch der Grundfehler aller ärztlichen Beobachter der
-Hysterie, daß sie sich von den Hysterischen hierin immer ebenso haben
-belügen lassen, wie diese sich allerdings auch selber aufsitzen[66]:
-_nicht das abwehrende Ich, sondern das abgewehrte ist die eigene,
-wahre und ursprüngliche Natur der Hysterischen_, so eifrig diese
-auch sich selbst und anderen vormachen, daß es ein Fremdes sei. Wäre
-das abwehrende Ich wirklich ihr eigenes, so könnten sie der Regung,
-als einer ihnen fremden, _gegenübertreten_, sie _bewußt werten_ und
-klar entschieden _abweisen_, sie gedanklich _festlegen_ und _wieder
-erkennen_. So aber findet eine Maskierung statt, weil das abwehrende
-Ich nur geborgt ist, und darum der Mut fehlt, dem eigenen Wunsche ins
-Auge zu schauen, von dem man eben doch dumpf irgendwie fühlt, daß er
-der echtgeborene, der allein mächtige ist. Darum kann jenes Begehren
-auch nicht identisch bleiben, wo es an einem identischen Subjekte
-fehlt; und da es unterdrückt werden soll, springt es sozusagen über
-von einem Körperteil auf den anderen. Denn die Lüge ist vielgestaltig,
-sie nimmt immer neue Formen an. Man wird diesen Erklärungsversuch
-vielleicht mythologisch finden; aber wenigstens scheint sicher, daß es
-immer nur ein und dasselbe ist, was jetzt als Kontraktur, dann wieder
-plötzlich als Hemianästhesie, und nun gar als Lähmung erscheint. Dieses
-eine ist das, was die Hysterika nicht als zu sich gehörig anerkennen
-will, und unter dessen Gewalt sie _eben damit_ gerät: denn würde sie
-es sich zurechnen und es beurteilen, wie sie alle geringfügigsten
-Dinge sonst sich zugerechnet hat, so würde sie zugleich irgendwie
-außerhalb und oberhalb ihres Erlebnisses stehen. Gerade das Rasen und
-Wüten der Hysterikerinnen gegen etwas, _das sie als fremdes Wollen
-empfinden, obwohl es ihr eigenstes ist_, zeigt, daß sie tatsächlich
-ganz so sklavisch unter der Herrschaft der Sexualität stehen wie
-die nichthysterischen Frauen, genau so von ihrem Schicksal besessen
-sind und nichts haben, was über demselben steht: kein zeitloses,
-intelligibles, _freies_ Ich.
-
-Man wird nun mit Recht noch die Frage aufwerfen, warum nicht alle
-Frauen hysterisch, da doch alle verlogen seien. Es ist dies keine
-andere Frage als die nach der hysterischen Konstitution. Wenn die hier
-entwickelte Theorie das Richtige getroffen hat, so muß sie auch hierauf
-eine Antwort geben können, die mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
-Die hysterische Frau ist nach ihr diejenige, welche in passiver
-Gefügigkeit den Komplex der männlichen und gesellschaftlichen Wertungen
-einfach acceptiert hat, statt ihrer sinnlichen Natur möglichsten Lauf
-lassen zu wollen. _Die nicht folgsame Frau wird also das Gegenteil
-der Hysterika sein._ Ich will hiebei nicht lange verweilen, weil es
-eigentlich in die spezielle weibliche Charakterologie gehört. Das
-hysterische Weib wird hysterisch als eine Folge seiner Knechtsamkeit,
-es ist identisch mit dem geistigen Typus der _Magd_; ihr Gegenteil, die
-absolut unhysterische Frau (welche, als eine Idee, es in der Erfahrung
-nicht gibt), wäre die absolute _Megäre_. Denn auch dies ist ein
-Einteilungsgrund aller Frauen. Die Magd dient, die Megäre herrscht.[67]
-Zum Dienstmädchen kann und muß man geboren sein, und eignet sich sehr
-wohl manche Frau, die reich genug ist, um nie den Stand derselben
-ergreifen zu müssen. Und Magd und Megäre stehen immer in einem gewissen
-Ergänzungsverhältnis.[68]
-
-Die Folgerung aus der Theorie wird nun von der Erfahrung vollauf
-bestätigt. Die Xanthippe ist jene Frau, welche in der Tat am wenigsten
-Ähnlichkeit mit der Hysterika hat. Sie läßt ihre Wut (die wohl auch
-nur auf mangelhafte sexuelle Befriedigung zurückgeht) an anderen, die
-hysterische Sklavin an sich selbst aus. Die Megäre »haßt« die anderen,
-die Magd »haßt« »sich«. Alles, was die Megäre drückt, bekommt der
-Nebenmensch zu spüren; sie weint ebenso leicht wie die Magd, aber
-sie weint stets andere an. Die Sklavin schluchzt auch allein, ohne
-_freilich je einsam zu sein_ -- Einsamkeit wäre ja mit Sittlichkeit
-identisch und Bedingung jeder wahren Zweisamkeit und Mehrsamkeit; die
-Megäre verträgt das Alleinsein nicht, sie muß ihren Zorn an jemand
-außer sich auslassen, indes die Hysterische sich selbst verfolgt. Die
-Megäre lügt offen und frech, aber ohne es zu wissen, weil sie von Natur
-_immer_ im Rechte zu sein glaubt; so beschimpft sie noch den anderen,
-der ihr widerspricht. Die Magd hält sich gehorsam an die ihr von Natur
-ebenso fremde Wahrheitsforderung; die _Verlogenheit_ dieser fügsamen
-Ergebung kommt in ihrer Hysterie zum Vorschein: dann nämlich, wenn
-der Konflikt mit ihren eigenen sexuellen Wünschen da ist. Um dieser
-Rezeption und allgemeinen Empfänglichkeit willen mußte die Hysterie
-und das hysterische Frauenzimmer so eingehend besprochen werden:
-dieser Typus, nicht die Megäre, ist es, der mir zuletzt noch hätte
-entgegengehalten werden können.[69]
-
-Verlogenheit, organische Verlogenheit, charakterisiert aber beide und
-somit sämtliche Frauen. Es ist ganz unrichtig, wenn man sagt, daß die
-Weiber _lügen_. Das würde voraussetzen, daß sie auch manchesmal die
-Wahrheit sagen. Als ob _Aufrichtigkeit_, pro foro interno et externo,
-nicht gerade die Tugend wäre, deren die Frauen _absolut unfähig_ sind,
-die ihnen _völlig unmöglich_ ist! Es handelt sich darum, daß man
-einsehe, _wie eine Frau in ihrem ganzen Leben $nie$ wahr $ist$, selbst,
-ja $gerade$ dann nicht, wenn sie, wie die Hysterische, sich sklavisch
-an die für sie $hetero$nome Wahrheitsforderung hält und so $äußerlich$
-doch die Wahrheit $sagt$_.
-
-Ein Weib kann beliebig lachen, weinen, erröten, ja es kann schlecht
-aussehen auf Verlangen: die Megäre, wann sie, irgend einem Zweck
-zuliebe, es will; die Magd, wann der äußere Zwang es verlangt, der sie,
-ohne daß sie es weiß, beherrscht. Zu solcher Verlogenheit fehlen dem
-Manne offenbar auch die organischen, physiologischen Bedingungen.
-
-_Ist so die $Wahrheitsliebe$ dieses Frauentypus $nur als die ihm
-eigentümliche Form der Verlogenheit$ entlarvt_, so ist von den
-anderen Eigenschaften, die an ihm gerühmt werden, von Anfang an zu
-erwarten, daß es nicht besser mit ihnen werde bestellt sein. Seine
-Schamhaftigkeit, seine Selbstbeobachtung, seine Religiosität werden
-rühmend hervorgehoben. Die weibliche Schamhaftigkeit ist aber nichts
-anderes als Prüderie, d. h. eine demonstrative Verleugnung und Abwehr
-der _eigenen_ Unkeuschheit. Wo irgend bei einem Weibe das wahrgenommen
-wird, was man als Schamhaftigkeit deutet, dort ist auch schon, im genau
-entsprechenden Maße, Hysterie vorhanden. Die ganz unhysterische, die
-gänzlich unbeeinflußbare Frau, d. i. die absolute Megäre, wird nicht
-erröten, auch wenn ihr der Mann etwas noch so Berechtigtes vorwirft;
-ein Anfang von Hysterie ist da, wenn das Weib unter dem unmittelbaren
-Eindruck des männlichen Tadels errötet; vollkommen hysterisch aber ist
-es erst, sobald es auch dann errötet, wenn es allein, und wenn kein
-fremder Mensch anwesend ist: denn dann erst ist es vom anderen, von der
-männlichen Wertung, _$vollständig$ imprägniert_.
-
-Frauen, die dem nahe kommen, was man sexuelle Anästhesie oder
-Frigidität genannt hat, sind, wie ich, in Übereinstimmung mit Paul
-_Solliers_ Befunden, hervorheben kann, stets Hysterikerinnen. Die
-sexuelle Anästhesie ist eben nur _eine_ von den vielen hysterischen,
-d. h. unwahren, verlogenen Anästhesien. Es ist ja, besonders durch die
-Experimente von Oskar _Vogt_, bekannt, daß solche Anästhesien keinen
-wirklichen Mangel der Empfindung bedeuten, sondern nur einen Zwang,
-der gewisse Empfindungen vom Bewußtsein fernhält und ausschließt.
-Wenn man den anästhetisch gemachten Arm einer Hypnotisierten beliebig
-oft sticht und dem Medium aufgegeben hat, jene Zahl zu nennen, die
-ihm gleichzeitig einfalle, so nennt es die Zahl der Stiche, die es
-in seinem (dem »somnambulen«) Zustande, offenbar nur unter der Kraft
-eines bestimmten Bannes, nicht perzipieren durfte. So ist auch die
-sexuelle Frigidität auf ein _Kommando_ entstanden: durch die zwingende
-Kraft der Imprägnation mit einer asexuellen, aus der Umgebung auf
-das empfängliche Weib übergegangenen Lebensanschauung; aber wie
-alle Anästhesie durch ein genügend starkes _Kommando_ auch wieder
-_aufzuheben_.
-
-Ebenso wie mit der eigenen körperlichen Unempfindlichkeit gegen den
-Geschlechtsakt verhält es sich mit dem Abscheu gegen Geschlechtlichkeit
-überhaupt. Ein solcher Abscheu, eine intensive Abneigung gegen alles
-Sexuelle, wird von manchen Frauen wirklich empfunden, und man könnte
-glauben, hier liege eine Instanz gegen die Allgemeingültigkeit
-der Kuppelei und gegen ihre Gleichsetzung mit der Weiblichkeit
-vor. Frauen, welche es krank machen kann, wenn sie ein Paar im
-Geschlechtsverkehre überraschen, sind aber stets Hysterikerinnen. So
-tritt hier vielmehr überzeugend die Richtigkeit der Theorie hervor,
-welche die Kuppelei als das Wesen der Frau hinstellte und die eigene
-Sexualität derselben nur als einen besonderen Fall unterordnete: eine
-Frau kann nicht nur hysterisch werden durch ein sexuelles Attentat,
-das auf sie ausgeübt wurde, und gegen das sie _äußerlich_ sich wehrte,
-ohne es _innerlich_ zu verneinen, sondern ebenso durch den Anblick
-irgend eines koitierenden Paares, indem sie dessen Koitus noch negativ
-zu werten glaubt, wo schon die eingeborene Bejahung desselben mächtig
-durchbricht durch alles Angenommene und Künstliche, durch die ganze
-ihr aufgedrückte und einverleibte Denkweise, in deren Sinn sie sonst
-empfindet. Denn sie fühlt auch mit jeder sexuellen Vereinigung anderer
-nur sich selbst koitiert.
-
-Ein Ähnliches gilt von dem bereits kritisierten hysterischen
-»Schuldbewußtsein«. Die absolute Megäre fühlt sich überhaupt _nie_
-schuldig, die leicht hysterische Frau nur in Gegenwart des Mannes, die
-ganz hysterische vor jenem Mann, der definitiv in sie übergegangen
-ist. Man komme nicht mit den Kasteiungen der Betschwestern und
-Büßerinnen, um das Schuldgefühl der Frauen zu beweisen. Gerade die
-extremen Formen, welche hier die Selbstzüchtigung annimmt, machen sie
-verdächtig. Die Kasteiung beweist wohl in den meisten Fällen nur, daß
-ein Mensch nicht _über_ seiner Tat steht, daß er sie nicht schon durch
-das Schuldbewußtsein auf sich genommen hat; sie scheint viel eher ein
-Versuch zu sein, die Reue, die man doch nicht ganz innerlich empfindet,
-von außen sich aufzudrängen und ihr so die Stärke zu geben, die sie an
-sich nicht hat.
-
-Damit hängt auch der vom einen dem anderen immer wieder nachgesprochene
-Irrtum zusammen, daß die Frauen religiös veranlagt seien. Die weibliche
-Mystik ist, wo sie über simplen Aberglauben hinausgeht, _entweder_ eine
-sanft verhüllte Sexualität, wie bei den zahlreichen Spiritistinnen
-und Theosophinnen -- diese Identifikation des Geliebten mit der
-Gottheit ist von Dichtern mehrfach behandelt worden, besonders von
-_Maupassant_, in dessen bestem Romane _Christus_ für die Frau des
-Bankiers _Walter_ die Züge des »_Bel-Ami_« annimmt, und nach ihm von
-Gerhart _Hauptmann_ in »_Hanneles Himmelfahrt_« --, _oder_ es ist
-der andere Fall verwirklicht, daß auch die Religiosität vom Manne
-passiv und unbewußt übernommen und um so krampfhafter festzuhalten
-gesucht wird, je stärker ihr die eigenen natürlichen Bedürfnisse
-widersprechen. Bald wird der Geliebte zum Heiland; bald (wie man
-weiß, bei so vielen Nonnen) der Heiland zum Geliebten. Alle großen
-Visionärinnen, welche die Geschichte nennt (vgl. Teil I, S. 85), sind
-hysterisch gewesen; die berühmteste unter ihnen, die _heilige Therese_,
-hat man nicht mit Unrecht »die Schutzheilige der Hysterie« genannt.
-Wäre übrigens die Religiosität der Frauen echt, und käme sie bei ihnen
-aus einem Inneren, so hätten sie religiös schöpferisch sein können,
-ja, irgendwie sein müssen: sie sind es aber nie, nicht im mindesten,
-gewesen. Man wird verstehen, was ich meine, wenn ich den eigentlichen
-Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Credo so ausspreche:
-die Religiosität des Mannes ist höchster Glaube _an sich selbst_, die
-Religiosität des Weibes höchster Glaube _an den anderen_.
-
-So bleibt nur noch die Selbstbeobachtung, die bei den Hysterikern
-oft als außerordentlich entwickelt bezeichnet wird. Daß es aber
-bloß der Mann ist, der in das Weib so weit eingedrungen ist, daß er
-selbst _in_ ihr noch beobachtet, wird aus der Art und Weise klar, wie
-_Vogt_, in weiterer und exakterer Anwendung eines zuerst von _Freud_
-eingeschlagenen Verfahrens, die Selbstbeobachtung _in der Hypnose_
-erzwang. Der fremde männliche Wille _schafft_ durch seinen Einfluß
-_in der hypnotisierten Frau einen Selbstbeobachter_, vermöge der
-Erzeugung eines Zustandes »systematisch eingeengten Wachseins«. Aber
-auch außerhalb der Suggestion, im gesunden Leben der Hysterischen,
-ist es nur der Mann, mit dem sie imprägniert sind, welcher in ihnen
-beobachtet. So ist auch alle Menschenkenntnis der Frauen durchaus
-Imprägnation mit dem richtig beurteilten Manne. Im Paroxysmus schwindet
-jene künstliche Selbstbeobachtung vor der zum Durchbruch drängenden
-Natur dahin.
-
-Ganz so verhält es sich auch mit dem _Hellsehen_ hysterischer
-Medien, das ohne Zweifel vorkommt und mit dem »okkulten« Spiritismus
-ebensowenig zu tun hat wie die hypnotischen Phänomene. Wie die
-Patientinnen _Vogts_ unter dem energischen Willen des Suggestors sich
-selbst vorzüglich zu beobachten vermochten, so wird die Hellseherin
-unter dem Einflusse der drohenden Stimme eines Mannes, der sie zu allem
-zu zwingen vermag, auch zu telepathischen Leistungen fähig und liest
-aus weiter Ferne gehorsam mit verbundenen Augen die Schriftstücke
-in den Händen fremder Menschen, was ich in München unzweideutig
-wahrzunehmen selbst Gelegenheit hatte. Denn im Weibe stehen nicht, wie
-im Manne, dem Willen zum Guten und Wahren sehr starke Leidenschaften
-unausrottbar _entgegen_. Der männliche Wille hat über das Weib mehr
-Gewalt als über den Mann: er kann im Weibe etwas realisieren, dem im
-eigenen Hause zu viel Dinge sich _widersetzen_. In _ihm_ wirkt ein
-Antimoralisches und ein Antilogisches _wider_ die Klärung, er will nie
-ganz allein die Erkenntnis, sondern immer noch anderes. _Über die Frau
-aber kann der männliche Wille so vollständig alle Gewalt gewinnen, daß
-er sie sogar hellsichtig macht_, und alle Schranken der Sinnlichkeit
-für _sie_ fortfallen.
-
-Darum ist das Weib eher telepathisch als der Mann, darum leistet es
-als _Seherin_ mehr als dieser, freilich nur, wenn es Medium, d. h. zum
-Objekt geworden ist, an welchem der _männliche_ Wille am leichtesten
-und vollkommensten sich verwirklicht. Auch die _Wala_ kann _wissend_
-werden: aber erst, wenn sie von _Wotan_ _bezwungen_ ist. Sie kommt ihm
-hierin entgegen; denn ihre einzige Leidenschaft ist es eben, daß sie
-gezwungen werden will.
-
-Das Thema der Hysterie ist hiemit, soweit es für den Zweck dieser
-Untersuchung berührt werden mußte, auch erschöpft. _Jene Frauen,
-die als Beweise der weiblichen Sittlichkeit angeführt werden, sind
-stets Hysterikerinnen_, und gerade in der Befolgung der Sittlichkeit,
-in dem Gebaren nach dem Moralgesetze, als ob dieses Gesetz das
-Gesetz ihrer Persönlichkeit wäre, und nicht vielmehr, ohne sie zu
-fragen, von ihnen kurzerhand _Besitz_ ergriffen hätte, liegt die
-Verlogenheit und Unwahrheit dieser Sittlichkeit. Die hysterische
-Konstitution ist eine lächerliche Mimicry der männlichen Seele, eine
-Parodie auf die Willensfreiheit, die das Weib vor sich posiert in
-dem nämlichen Augenblicke, wo es dem männlichen Einfluß am stärksten
-unterliegt. Nichtsdestoweniger sind die höchststehenden Frauen
-eben Hysterikerinnen, wenn auch die Zurückdrängung der triebhaften
-Sexualität, die sie über die anderen Frauen erhebt, keine solche ist,
-die aus _eigener_ Kraft und in mutigem Kampfe mit einem zum _Stehen_
-gezwungenen Gegner erfolgt wäre. An den hysterischen Frauen aber
-_rächt_ sich wenigstens die eigene Verlogenheit, und insoferne kann man
-sie als ein wenn auch noch so _verfälschtes Surrogat_ jener _Tragik_
-gelten lassen, zu der es sonst dem Weibe an jeglicher Fähigkeit
-gebricht.
-
-Das Weib ist _unfrei_: es wird schließlich immer bezwungen durch das
-Bedürfnis, vom Manne, in eigener Person wie in der aller anderen,
-_vergewaltigt_ zu werden; es steht unter dem Banne des Phallus und
-verfällt unrettbar seinem Verhängnis, auch wenn es nicht selbst zur
-völligen Geschlechtsgemeinschaft gelangt. Das höchste, wozu ein
-Weib es bringen mag, ist ein dumpfes Gefühl dieser Unfreiheit, ein
-düsteres Ahnen eines Verhängnisses _über_ sich -- es kann dies offenbar
-nur der letzte Schimmer des _freien_ intelligiblen Subjektes sein,
-der kümmerliche Rest von angeborener Männlichkeit, der ihr, _durch
-den Kontrast_, eine, wenn auch noch so schwache, _Empfindung_ der
-_Notwendigkeit_ gestattet: es gibt kein absolutes Weib. Aber ein klares
-_Bewußtsein_ ihres Schicksales und des Zwanges, unter dem sie steht,
-ist der Frau _unmöglich_: _nur der Freie $erkennt$ ein Fatum_, weil
-er nicht in die Notwendigkeit _einbegriffen_ ist, sondern, wenigstens
-mit einem Teile seines Selbst, einem Zuschauer und einem Kämpfer,
-außerhalb seines Schicksals und über diesem steht. Die Frau hält sich
-gerade darum meist für _un_gebunden, weil sie _ganz_ gebunden, und
-leidet nicht an der Leidenschaft, weil sie selbst nichts _ist_ als
-Leidenschaft. _Nur der Mann_ konnte von der »dira necessitas« in sich
-sprechen, nur er die Konzeption einer Moira und einer Nemesis fassen,
-nur er Parzen und Nornen schaffen: weil er nicht nur empirisches,
-_bedingtes_, sondern auch intelligibles, _freies_ Subjekt ist.
-
-Aber, wie schon gesagt: selbst wenn eine Frau ihre eigene
-Determiniertheit zu ahnen beginnt, ein klares _Bewußtsein_ derselben,
-eine Auffassung und ein Verständnis ist dies nicht zu nennen; denn dazu
-wäre der _Wille_ zu einem Selbst erfordert. Vielmehr bleibt es bei
-einem schweren dunklen Gefühl, das zu einem verzweifelten Aufbäumen
-führt, aber nicht zu einem entschlossenen, in sich die Möglichkeit
-des Sieges bergenden Kampfe. Ihre Sexualität, die sie stets knechten
-wird, zu überwinden, sind die Frauen unvermögend. Die Hysterie war
-eine solche ohnmächtige Abwehrbewegung gegen die Geschlechtlichkeit.
-Wäre der Kampf gegen die eigene Begier redlich und echt, wäre deren
-Niederlage _aufrichtig gewollt_, so wäre sie ihr zu bereiten dem
-Weibe auch _möglich_. Die Hysterie aber ist selbst das, was von den
-Hysterikerinnen angestrebt wird; sie _suchen_ nicht wirklich zu
-_genesen_. _Die Verlogenheit dieser Demonstration gegen die Sklaverei
-bedingt ihre Hoffnungslosigkeit._ Die vornehmsten Exemplare des
-Geschlechtes mögen fühlen, daß Knechtschaft ihnen nur eben darum ein
-Muß ist, weil sie sie wünschen -- man denke an _Hebbels_ _Judith_ und
-_Wagners_ _Kundry_ -- aber auch dies gibt ihnen keine Kraft, sich in
-Wahrheit gegen den Zwang zur Wehre zu setzen: im letzten Augenblicke
-küssen sie dennoch den Mann, der sie notzüchtigt, und suchen den zu
-ihrem Herrn zu machen, der sie zu vergewaltigen zögert. _Das Weib
-steht wie unter einem Fluche._ Es kann ihn für Augenblicke pressend
-auf sich lasten fühlen, aber es entrinnt ihm _nie_, weil ihm die Wucht
-zu süß dünkt. Sein Schreien und Toben ist im Grunde _unecht_. Es will
-seinem Fluche gerade dann am süchtigsten erliegen, wenn es ihn am
-entsetztesten zu meiden sich geberdet.
-
- * * * * *
-
-Von der langen Reihe jener früheren Aufstellungen, welche den Mangel
-des Weibes an irgend welchem angeborenen, unveräußerlichen Verhältnis
-zu den _Werten_ behaupteten, ist keine einzige zurückzuziehen oder auch
-nur einzuschränken gewesen. Selbst durch all das, was den Menschen
-insgemein weibliche Liebe, weibliche Frömmigkeit, weibliche Scham
-und weibliche Tugend heißt, sind sie nicht umgestoßen worden; sie
-haben sich vor dem stärksten Ansturm, vor dem Heere der hysterischen
-Imitationen aller männlichen Vorzüge, behaupten können. Nicht allein
-durch die Kraft des, mit dem Weibe selbst der Fernzeugung fähigen
-männlichen Spermas -- auf welches die unglaubliche geistige Veränderung
-aller Frauen in der Ehe sicherlich zunächst zurückgeht -- sondern auch
-vom männlichen _Bewußtsein_, und sogar vom _sozialen Geiste_ wird das
-Weib, jenes empfängliche Weib, das hier allein in Betracht kommt, _von
-frühester Jugend auf_ erfüllt, imprägniert und umgebildet. So erklärt
-es sich, daß alle jene Eigenschaften des männlichen Geschlechtes, die
-dem weiblichen an sich nicht zukommen, nichtsdestoweniger von diesem
-in so sklavischer Nachahmung zur Erscheinung gebracht werden können;
-wonach die vielen Irrtümer über die höhere Sittlichkeit des Weibes
-leichter begreiflich werden.
-
-Aber noch ist diese erstaunliche Rezeptivität der Frau ein isoliertes
-Faktum der Erfahrung und von der Darstellung nicht in jenen
-Zusammenhang mit den übrigen positiven und negativen Eigenschaften
-des Weibes gebracht, welchen das theoretische Bedürfnis wünschenswert
-erscheinen läßt. Was hat die Bildsamkeit des Weibes mit seiner
-Kuppelei, was seine Sexualität mit seiner Verlogenheit zu tun? _Warum
-ist all dies gerade in dieser Vereinigung $im Weibe$ beisammen?_
-
-Und noch ist erst zu begründen, _woher_ es komme, daß die Frau alles in
-sich aufnehmen kann. Wie ist jene Verlogenheit möglich, die das Weib
-selber wähnen läßt, das zu glauben, was es nur von anderen vernommen,
-das zu haben, was es nur von ihnen bekommen, das zu sein, was es nur
-durch sie geworden ist?
-
-Um hierauf eine Antwort zu geben, muß nochmals, zum letzten Male,
-vom geraden Wege abgebogen werden. Man erinnert sich vielleicht noch,
-wie das _tierische Wiedererkennen_, das psychische Äquivalent der
-allgemein-organischen Übungsfähigkeit, vom _menschlichen Gedächtnis_
-als ein gänzlich Verschiedenes und doch Ähnliches abgetrennt wurde:
-indem beide eine gleichsam ewige Nachwirkung des zeitlich begrenzten
-einmaligen Eindruckes bedeuten, das Gedächtnis aber, zum Unterschiede
-vom unmittelbaren passiven Wiedererkennen, sein Wesen in der
-aktiven Reproduktion des Vergangenen findet.[70] Später wurde bloße
-Individuation als die Eigenschaft alles Organischen wohl unterschieden
-von Individualität, welche nur der Mensch besitzt.[71] Und schließlich
-machte sich die Notwendigkeit einer genauen Distinktion zwischen
-Geschlechtstrieb und Liebe fühlbar, von denen ebenfalls nur der erste
-den nichtmenschlichen Lebewesen zugesprochen werden konnte.[72] Dennoch
-waren beide verwandt, in ihren Gemeinheiten wie in ihren Erhabenheiten
-(als Bestrebungen zur eigenen Verewigung).
-
-Auch der Wille zum Wert wurde öfter als charakteristisch für den
-Menschen hingestellt, indes die Tiere nur ein Streben nach Lust kennen
-und der Wertbegriff ihnen fremd ist.[73] Zwischen _Lust_ und _Wert
-besteht_ eine _Analogie, und doch sind beide grundverschieden_: die
-Lust _wird_ begehrt, der Wert _soll_ begehrt werden; beide werden
-noch immer ganz widerrechtlich verwechselt, und so in Psychologie
-und Ethik die größte Konfusion dauernd festgehalten. Aber dieses
-Durcheinanderfließen hat nicht nur zwischen dem Wert- und dem
-Lustbegriff stattgefunden; es ist den Unterscheidungen zwischen
-Persönlichkeit und Person, zwischen Wiedererkennen und Gedächtnis,
-zwischen Geschlechtstrieb und Liebe nicht besser ergangen: alle
-diese Gegensätze werden fortwährend zusammengeworfen, und was noch
-bezeichnender ist, fast stets von denselben Menschen, mit denselben
-theoretischen Anschauungen und wie in einer gewissen Absichtlichkeit,
-um den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu verwischen.
-
-Auch weitere, bisher kaum berührte Distinktionen werden hier meist
-vernachlässigt. Tierisch ist die _Enge des Bewußtseins_, rein
-menschlich ist die _aktive Aufmerksamkeit_: beide haben, das sieht
-jeder klar, ein Gemeinsames, und doch auch ein Verschiedenes. Nicht
-anders steht es mit der so vielen geläufigen Zusammenwerfung von
-_Trieb_ und _Wille_. Der Trieb ist allen Lebewesen gemeinschaftlich,
-im Menschen kommt noch der Wille hinzu, der frei ist und kein
-psychologisches Faktum bildet, weil er allem speziellen psychologischen
-Erleben zu Grunde liegt. Daß Trieb und Wille fast immer als
-identisch betrachtet werden, hieran trägt übrigens nicht bloß
-der Einfluß _Darwins_ die Schuld; sondern es kommt von ihr fast
-ebensoviel auf Rechnung des unklaren, einerseits ganz allgemein
-_natur_philosophischen, anderseits eminent _ethischen_ Willensbegriffes
-von Arthur _Schopenhauer_.
-
-Ich stelle zusammen:
-
- _$Auch$_ _$Nur$_
-
- tierisch, beziehungsweise organisch dem Menschen, respektive
- überhaupt dem menschlichen _Manne_
- sind: eigen:
-
- Individuation Individualität
- Wiedererkennen Gedächtnis
- Lust Wert
- Geschlechtstrieb Liebe
- Enge des Bewußtseins Aufmerksamkeit
- Trieb Wille
-
-Man sieht, wie sich über _jede_ Eigenschaft _alles_ Lebendigen im
-_Menschen_ noch eine _andere_, in gewisser Beziehung _verwandte und
-doch höhere_ legt. Die uralte tendenziöse Identifikation der beiden
-Reihen und, auf der anderen Seite, das Bedürfnis, sie immer wieder
-auseinanderzuhalten, weisen auf ein Gemeinsames hin, das die Glieder
-jeder Reihe miteinander verbindet und scheidet von allen Gliedern
-der zweiten. Es nimmt sich zunächst aus, als ob hier im Menschen
-ein _Überbau_ von höheren Eigenschaften über korrelative niedere
-Erscheinungen aufgeführt wäre. Man könnte an eine Lehre des _indischen
-Geheimbuddhismus_ sich erinnert fühlen, an seine Theorie von der
-_»Menschheitswelle«_. Es ist nämlich gleichsam, als wäre jeder bloß
-tierischen Eigenschaft im Menschen eine verwandte und doch einer
-höheren Sphäre angehörige Qualität _superponiert_, wie eine Schwingung
-einer anderen sich addiert: jene niederen Eigenschaften fehlen dem
-Menschen keineswegs, allein es ist zu ihnen in ihm etwas hinzugekommen.
-Was ist dieses neu Dazugetretene? Worin unterscheidet es sich vom
-anderen und worin gleicht es ihm? Denn die Tafel zeigt unverkennbar,
-daß jedes Glied der linken Reihe mit jedem, auf gleicher Höhe
-stehenden, Gliede der rechten eine Ähnlichkeit hat, und doch wieder
-anderseits _alle_ Glieder _jeder_ Reihe eng zueinander gehören. Woher
-diese merkwürdige Übereinstimmung bei gleichzeitiger ganz abgrundtiefer
-Verschiedenheit?
-
-Die linksstehenden Dinge sind fundamentale Eigenschaften alles
-animalischen respektive pflanzlichen _Lebens_. Alles solche Leben ist
-Leben von Individuen, nicht von ungegliederten Massen, es äußert sich
-als Trieb, um Bedürfnisse zu befriedigen, insonderheit als Sexualtrieb,
-um sich fortzupflanzen. Individualität, Gedächtnis, Wille, Liebe können
-somit als Eigenschaften eines _zweiten_ Lebens gelten, das mit dem
-organischen Leben eine gewisse Verwandtschaft haben und doch von ihm
-toto coelo verschieden sein wird.
-
-_Es ist keine andere als die Idee des ewigen, höheren, $neuen$ Lebens
-der Religionen und speziell des Christentums, deren tiefe Berechtigung
-uns hier entgegentritt._ Neben dem organischen hat der Mensch noch teil
-an einem anderen Leben, der ζωή αιώνιος des neuen Bundes. Wie jenes
-Leben von irdischer Speise sich nährt, so bedarf dieses der geistigen
-Atzung (Symbol des _Abendmahles_). Wie jenes eine Geburt und einen Tod,
-so kennt auch dieses eine Begründung -- die _sittliche Wiedergeburt_
-des Menschen, die »_Regeneration_« -- und einen Untergang: den
-_endgültigen_ Verfall in Irrsinn oder Verbrechen. Wie jenes bestimmt
-wird durch kausale Naturgesetze von außen, so bindet sich dieses
-durch normierende Imperative von innen. Jenes ist von begrenzter Art
-_zweckmäßig_; dieses, in unendlicher unbegrenzter Herrlichkeit, ist
-_vollkommen_.[74]
-
-Die Eigenschaften, welche die linke Reihe aufzählt, sind allem
-niedrigen Leben gemeinsam; die Merkmale aus der rechten Kolumne sind
-die korrespondierenden Zeichen des ewigen Lebens, Künder eines höheren
-Seins, an welchem der Mensch, und nur er allein, noch überdies Anteil
-hat. Die ewige Verwechslung und die stets erneute Auseinanderhaltung
-beider Reihen, des höheren und des niederen Lebens, bildet das
-Hauptthema aller Historie des menschlichen Geistes: _dies_ ist _das
-Motiv der Weltgeschichte_.
-
-Man mag in diesem zweiten Leben etwas erblicken, das sich im Menschen
-zu den, früher vorhandenen, anderen Eigenschaften hinzuentwickelt
-habe; hier soll über diese Frage nicht entschieden werden. Doch wird
-wohl eine tiefere Auffassung jenes sinnliche und sinnenfällige,
-hinfällige Leben nicht als den Erzeuger des höheren, geistigen,
-ewigen, sondern umgekehrt, im Sinne des vorigen Kapitels, das erstere
-als eine Projektion des letzteren auf die Sinnlichkeit, als seine
-Abbildung im Reiche der Notwendigkeit, als sein _Heruntersteigen_,
-seine _Erniedrigung_ zu diesem, als seinen _Sündenfall_ ansehen müssen.
-Denn nur der _letzte Abglanz_ der höheren Idee von einem ewigen Leben
-ist es, der auf die Fliege fällt, die mich belästigt, und mich hindern
-kann, sie zu töten.
-
-_Das absolute Weib jedoch_, dem Individualität und Wille mangeln,
-das keinen Teil hat am Werte und an der Liebe, ist, so können wir
-jetzt sagen, _von jenem höheren, transcendenten, metaphysischen Sein
-ausgeschlossen_. Die intelligible hyperempirische Existenz des _Mannes_
-ist erhaben über Stoff, Raum und Zeit; in _ihm_ ist Sterbliches
-genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat die Möglichkeit, zwischen
-beiden zu wählen; zwischen jenem Leben, das mit dem irdischen Tode
-vergeht, und jenem, für welches dieser erst eine Herstellung in
-gänzlicher Reine bedeutet. Nach diesem vollkommen zeitlosen Sein, nach
-dem absoluten Werte, geht aller tiefste Wille im Manne: er ist eins
-mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Und daß die Frau kein Verlangen
-nach persönlicher Fortdauer hat, wird so endlich _ganz_ klar: in ihr
-ist nichts von jenem ewigen Leben, das der Mann durchsetzen will und
-durchsetzen soll gegen sein ärmliches Abbild in der Sinnlichkeit.
-Irgend eine Beziehung zur Idee des höchsten Wertes, zur Idee des
-Absoluten, zur Idee jener _völligen Freiheit_, die er noch nicht
-besitzt, weil er immer _auch determiniert_ ist, die er aber erlangen
-kann, weil der Geist Gewalt hat über die Natur: eine solche Beziehung
-zur Idee überhaupt, oder zur Gottheit, hat jeder Mann: indem zwar durch
-sein Leben auf Erden eine Trennung und Loslösung vom Absoluten erfolgt
-ist, aber die Seele sich aus dieser Verunreinigung, als der _Erbsünde_,
-wieder hinaussehnt.
-
-Wie die Liebe seiner Eltern keine reine zur Idee war, sondern mehr oder
-weniger eine sinnliche Verkörperung suchte, so will auch der Sohn, der
-eben das ist, worauf diese Liebe hinauslief, so lang er lebt, nicht
-bloß das ewige, sondern auch das zeitliche Leben: wir erschrecken
-vor dem Gedanken des Todes, wehren uns gegen ihn, klammern uns an
-das irdische Dasein und beweisen dadurch, daß wir geboren zu werden
-_wünschten_, als wir geboren wurden, indem wir _noch immer_ in diese
-Welt geboren zu werden verlangen. Ein Mensch, der vor dem irdischen
-Tode gar keine Furcht mehr hätte, würde in eben diesem Augenblicke
-sterben; denn er hätte nur mehr den reinen Willen zum ewigen Leben, und
-dieses soll und kann der Mensch selbständig in sich verwirklichen: es
-_schafft sich_, wie _alles_ Leben selbst sich schafft.
-
-Weil aber jeder Mann in einem Verhältnis zur Idee des höchsten Wertes
-steht, ohne dieser Idee ganz teilhaft zu sein, darum gibt es keinen
-Mann, der _glücklich_ wäre. _Glücklich sind nur die Frauen._ Kein Mann
-fühlt sich glücklich, denn ein jeder hat eine Beziehung zur Freiheit,
-und ist doch auf Erden immer noch irgendwie unfrei. Glücklich kann
-sich nur ein gänzlich passives Wesen fühlen, wie das echte Weib, oder
-ein gänzlich aktives, wie die Gottheit. Glück wäre das Gefühl der
-Vollkommenheit, dieses Gefühl kann ein Mann nie haben; wohl aber gibt
-es Frauen, die sich vollkommen dünken. Der Mann hat immer Probleme
-hinter sich und Aufgaben vor sich: alle Probleme wurzeln in der
-Vergangenheit; das Land der Aufgaben ist die Zukunft. Für das Weib ist
-denn auch die Zeit gar nicht _gerichtet_, sie hat ihr keinen _Sinn_:
-es gibt keine Frau, die sich die Frage nach dem _Zwecke_ ihres Lebens
-stellte; _doch die Einsinnigkeit der Zeit ist nur der Ausdruck dafür,
-daß dieses Leben einen Sinn gewinnen soll und kann_.
-
-_Glück_ für den Mann: das könnte nur ganze, reine _Aktivität_ sein,
-völlige Freiheit, nie ein geringer, aber auch nicht der höchste Grad
-von Unfreiheit: denn seine Schuld häuft sich, je weiter er von der Idee
-der Freiheit sich entfernt. Das irdische Leben _ist_ ihm ein _Leiden_
-und _muß_ es sein, schon weil in der Empfindung der Mensch eben doch
-_passiv_ ist; weil ein Affiziertwerden stattfindet, weil es Materie
-und nicht nur Formung der Erfahrung gibt. Es ist kein Mensch, welcher
-der Wahrnehmung nicht bedürfte, selbst der geniale Mensch wäre nichts
-ohne sie, auch wenn er, mächtiger und schneller als alle anderen,
-alsbald mit dem ganzen Gehalte seines Ich sie erfüllt und durchdringt,
-und nicht einer vollständigen Induktion bedarf, um die Idee eines
-Dinges zu erkennen. Die _Rezeptivität_ ist durch keinen _Fichte_schen
-Gewaltstreich aus der Welt zu schaffen: in der Sinnesempfindung ist
-der Mensch _passiv_, und seine Spontaneität, seine Freiheit gelangt
-erst im _Urteil_ zur Geltung und in jener Form eines universalen
-_Gedächtnisses_, das alle Erlebnisse dem _Willen_ des Individuums
-zu reproduzieren vermag. Annäherungen an die höchste Spontaneität,
-scheinbar schon Verwirklichungen gänzlicher Freiheit, sind dem Manne
-die Liebe und das geistige Schaffen. Darum gewähren am ehesten _sie_
-ihm eine Ahnung dessen, _was_ das _Glück_ ist, und lassen ihn seine
-Nähe, auf Augenblicke freilich nur, zitternd über sich verspüren.
-
-Der Frau hingegen, die nie tief unglücklich sein kann, ist _darum_
-Glück eigentlich ein leeres Wort: auch der Begriff des Glückes ist vom
-Manne, vom _unglücklichen_ Manne geschaffen worden, obwohl er in ihm
-nie eine adäquate Realisation findet. Die Frauen scheuen sich nie, ihr
-Unglück anderen zu zeigen: weil es eben kein echtes Unglück ist, weil
-hinter ihm keine Schuld steht, am wenigsten die Schuld des Erdenlebens
-als der Erbsünde.
-
-Der letzte, der absolute Beweis der völligen Nichtigkeit des weiblichen
-Lebens, seines völligen Mangels an höherem _Sein_, wird uns aus der
-Art, wie Frauen den Selbstmord vollziehen. Ihr Selbstmord erfolgt
-nämlich wohl immer mit dem Gedanken an die anderen Menschen, was
-diese sich denken, wie diese sie bedauern, wie sie sich grämen oder
--- sich ärgern werden. Das ist nicht so zu verstehen, als ob die Frau
-nicht von ihrem, nach ihrer Ansicht _stets un_verdienten Unglück fest
-durchdrungen wäre im Augenblicke, da sie sich tötet: im Gegenteil, vor
-dem Selbstmord bemitleidet sie sich am allerheftigsten, nach jenem
-Schema des Mitleidens mit sich selbst, das nur ein Mitweinen mit den
-anderen über das Objekt des Mitgefühls des anderen, ein völliges
-Aufhören Subjekt zu sein, ist. Wie könnte auch eine Frau ihr Unglück
-_als zu sich gehörig_ ansehen, da sie doch unfähig ist, ein Schicksal
-zu haben? Das Fürchterliche und für die _Leerheit und Nullität der
-Frauen_ Entscheidende ist vielmehr dies, daß sie nicht einmal _vor dem
-Tode_ zum _Probleme_ des Lebens, _ihres_ Lebens gelangen: weil in ihnen
-nicht ein höheres Leben der Persönlichkeit realisiert werden wollte.
-
-_Die Frage also, welche im Eingang dieses zweiten Teiles als sein
-Hauptproblem formuliert wurde, die Frage nach der Bedeutung des
-Mann-Seins und Weib-Seins, kann jetzt beantwortet werden. Die Frauen
-haben keine Existenz und keine Essenz_, sie _$sind$_ nicht, sie sind
-_$nichts$_. _Man $ist$ Mann oder man $ist$ Weib, je nachdem ob man wer
-$ist$ oder nicht._
-
-Das Weib hat keinen Teil an der ontologischen Realität; darum hat es
-kein Verhältnis zum Ding an sich, das für jede tiefere Auffassung
-identisch ist mit dem Absoluten, der Idee oder Gott. Der Mann, in
-seiner Aktualität, dem Genie, glaubt an das Ding an sich: ihm ist es
-entweder das Absolute als sein höchster Begriff von wesenhaftem Werte:
-dann ist er Philosoph. Oder es ist das wundergleiche Märchenland seiner
-Träume, das Reich der absoluten Schönheit: dann ist er Künstler.
-_Beides aber bedeutet dasselbe._
-
-Das Weib hat kein Verhältnis zur Idee, es bejaht sie weder, noch
-verneint es sie: es ist weder moralisch noch antimoralisch, es hat,
-mathematisch gesprochen, _kein Vorzeichen_, es ist richtungslos, weder
-gut noch böse, weder Engel noch Teufel, es ist _amoralisch_ wie es
-_alogisch_ ist. Alles Sein aber ist moralisches und logisches Sein.
-_Die Frau also $ist$ nicht._
-
-Das Weib ist verlogen. Das Tier hat zwar ebensowenig metaphysische
-Realität wie die echte Frau; aber es spricht nicht, und folglich lügt
-es nicht. Um die Wahrheit reden zu können, muß man etwas _sein_;
-denn die Wahrheit geht auf ein _Sein_, und zum Sein kann nur der ein
-_Verhältnis_ haben, der selbst etwas _ist_. Der Mann will die ganze
-Wahrheit das heißt, er will _nur $sein$_. Auch der Erkenntnistrieb ist
-zuletzt _identisch_ mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Wer dagegen über
-einen Tatbestand etwas aussagt, ohne wirklich mutig ein Sein behaupten
-zu wollen; wem die äußere Urteilsform gegeben ist ohne die innere;
-wer, wie die Frau, nicht wahrhaft _ist_: der _muß_ notwendig _immer_
-lügen. _Darum lügt die Frau stets, auch wenn sie objektiv die Wahrheit
-spricht._
-
-Das Weib kuppelt. Die Lebenseinheiten des niederen Lebens sind
-Individuen, Organismen; die Lebenseinheiten des höheren Lebens
-sind Individualitäten, Monaden, »Meta-Organismen«, wie ein nicht
-wegzuwerfender Terminus bei _Hellenbach_ lautet. Jede Monade aber
-unterscheidet sich von jeder anderen, und ist von ihr so getrennt,
-wie zwei Dinge nur sein können. Die Monaden haben keine Fenster;
-statt dessen haben sie die ganze Welt _in_ sich. Der Mann als die
-Monade, als potentielle oder aktuelle, das ist geniale Individualität,
-will auch _überall sonst_ Unterschied und Trennung, Individuation,
-Auseinandertreten: der naive Monismus ist ausschließlich weiblich.
-Jede Monade bildet für sich eine abgeschlossene Einheit, ein Ganzes;
-aber auch das fremde Ich ist ihr eine solche vollendete Totalität,
-in die sie nicht übergreift. Der Mann $_hat_ Grenzen$, und _bejaht,
-will_ Grenzen; die Frau, die keine Einsamkeit kennt, ist auch nicht
-imstande, die Einsamkeit des Nebenmenschen als solche zu bemerken
-und aufzufassen, zu achten oder zu ehren, und sie unangetastet
-anzuerkennen: für sie gibt es, weil keine Einsamkeit, auch keine
-Mehrsamkeit, sondern nur ein ungeschiedenes Verschmolzensein. Weil
-in der Frau kein Ich ist, darum ist für sie auch kein Du, _darum
-gehören, nach ihrer Auffassung, Ich und Du $zusammen$ als $Paar$, als
-ununterschiedenes Eines: darum kann die Frau zusammenbringen, darum
-kann sie kuppeln_. Die Tendenz ihrer Liebe ist die Tendenz ihres
-Mitleidens: die Gemeinschaft, die Verschmolzenheit.[75]
-
-Für die Frau gibt es nirgends _Grenzen_ ihres Ich, die durchbrochen
-werden könnten, und die sie zu hüten hätte. Hierauf beruht zunächst der
-Hauptunterschied zwischen männlicher und weiblicher _Freundschaft_.
-Alle _männliche_ Freundschaft ist ein Versuch zusammenzugehen unter
-dem Zeichen einer und derselben _Idee_, welcher die Freunde, jeder
-für sich, gesondert und doch vereint, nachstreben; die _weibliche_
-»Freundschaft« ist ein Zusammen_stecken_, und zwar, was besonders
-hervorzuheben ist, unter dem Gedanken der _Kuppelei_. Denn auf
-dieser beruht die einzig mögliche Art eines intimeren und nicht
-hinterhältigen Verkehres zwischen Frauen: soweit diese überhaupt nicht
-bloß des Klatsches oder materieller Interessen halber gerade weibliche
-Gesellschaft aufsuchen.[76] Wenn nämlich von zwei Mädchen oder Frauen
-die eine für sehr viel schöner gilt als die andere, dann findet die
-häßliche _eine gewisse sexuelle Befriedigung_ in der Bewunderung,
-welche der Schöneren gezollt wird. Bedingung jeder Freundschaft
-zwischen Frauen ist also zu oberst, daß ein Rivalisieren zwischen ihnen
-ausgeschlossen sei: es gibt keine Frau, die sich nicht körperlich mit
-jeder anderen Frau sofort vergliche, welche sie kennen lernt. Lediglich
-in jenen Fällen großer _Un_gleichheit und _aussichtsloser_ Konkurrenz
-kann die Häßliche für die Schönere schwärmen, weil diese für sie, ohne
-daß es beiden im geringsten bewußt würde, das nächste Mittel ist,
-_selbst sexuell befriedigt zu werden_: es ist nicht anders, sie fühlt
-sich gleichsam _$in$ jener_ koitiert.[77] Das völlig _unpersönliche_
-Leben der Frauen, wie auch der überindividuelle Sinn ihrer Sexualität,
-die Kuppelei als der Grundzug ihres Wesens, leuchtet hieraus deutlich
-hervor. Sie verkuppeln sich _wie_ die anderen, sich _in_ den anderen.
-_Das Mindeste, was auch das häßlichste Weib verlangt, und woran es
-schon ein gewisses Genügen findet, ist, daß überhaupt irgend eine ihres
-Geschlechtes bewundert, begehrt werde._
-
-Mit diesem völlig verschmolzenen Leben des Weibes hängt es zusammen,
-daß die Frauen _nie wirklich Eifersucht_ fühlen. So gemein Eifersucht
-und Rachedurst sind, es steckt in beiden ein Großes, dessen die
-Frauen, wie aller Größe, im Guten oder im Bösen, _un_fähig sind. In
-der Eifersucht, liegt ein verzweifelter Anspruch auf ein vorgebliches
-Recht, und der Rechtsbegriff ist den Frauen transcendent. Aber der
-hauptsächlichste Grund, daß die Frau auf einen einzelnen Mann nie ganz
-eifersüchtig sein kann, ist ein anderer. Wenn der Mann, auch einer, in
-den sie rasend verliebt wäre, im Zimmer neben dem ihren eine andere
-Frau umarmte und besäße, so würde sie der Gedanke hieran sexuell
-selbst so erregen, daß für die Eifersucht kein Platz bliebe. Dem Manne
-würde eine solche Scene, wenn er um sie wüßte, höchst widerlich und
-abstoßend sein, und ihm den Aufenthalt in der Nähe verekeln; das Weib
-bejaht innerlich beinahe fieberhaft den ganzen Hergang; oder es wird
-hysterisch, wenn es sich nicht eingestehen will, daß es zu tiefst auch
-diese Vereinigung nur _gewünscht_ hat.
-
-Ferner gewinnt über den Mann der Gedanke an den fremden Koitus nie
-völlig Gewalt, er steht außer und über einem solchen Erlebnis, das für
-ihn eigentlich gar keines ist; die Frau aber verfolgt den Prozeß kaum
-selbst_tätig_, sie ist in _fieberhafter Erregung_ und wie _festgebannt_
-durch den Gedanken, was hart neben ihr sich vollzieht.
-
-Oft mag auch das Interesse des _Mannes_ an seinem Mitmenschen, der ihm
-ein Rätsel ist, bis auf dessen sexuelles Leben sich erstrecken; aber
-jene _Neugier_, welche den Nebenmenschen gewissermaßen zur Sexualität
-_zwingt_, ist nur den Weibern eigentümlich, von ihnen jedoch ganz
-allgemein betätigt, in gleicher Weise Frauen wie Männern gegenüber.
-Eine Frau interessieren an jedem Menschen zunächst und vor allem seine
-_Liebschaften_, und er ist ihr intellektuell nur so lange dunkel und
-reizvoll, als sie über diesen Punkt nicht im Klaren ist.
-
-Aus alledem geht nochmals klar hervor, daß Weiblichkeit und Kuppelei
-identisch sind: eine rein _immanente_ Betrachtung des Gegenstandes
-würde denn auch mit dieser Feststellung ihr Ende erreicht haben müssen.
-Meine Absicht ging aber weiter; und ich glaube nun bereits angedeutet
-zu haben, wie das Weib als Position, als Kupplerin, zusammenhängt mit
-dem Weibe als Negation, das eines höheren Lebens als Monade gänzlich
-entbehrt. Das Weib verwirklicht eine einzige Idee, die ihm selbst eben
-darum nie zum Bewußtsein kommen kann, jene Idee, welche der Idee der
-Seele am äußersten entgegengesetzt ist. Ob sie nun als Mutter nach
-dem Ehebett verlangt oder als Dirne das Bacchanal bevorzugt, ob sie
-zu zweien Familie begründen will oder nach den Massenverschlingungen
-des Venusberges hinstrebt, sie handelt stets _nach der Idee der
-Gemeinschaft_, jener Idee, welche die _Grenzen_ der Individuen, durch
-_Vermischung_, am weitesten aufhebt.
-
-So ermöglicht hier eines das andere: Emissärin des Koitus kann nur
-ein Wesen ohne Individualität, ohne Grenzen sein. Nicht ohne Grund
-ist in der Beweisführung so weit ausgeholt worden, wie es sicherlich
-noch nie in einer Behandlung dieses Gegenstandes, noch auch sonst je
-einer charakterologischen Arbeit geschehen ist. Das Thema ist darum
-so ergiebig, weil hier der Zusammenhang alles höheren Lebens auf der
-einen und alles niederen Lebens auf der anderen Seite sich offenbaren
-muß. Jede Psychologie und jede Philosophie findet hier einen Prüfstein,
-vorzüglicher als die meisten anderen, auf daß sie an ihm sich erprobe.
-Nur darum bleibt das Problem Mann-Weib in aller Charakterologie das
-interessanteste Kapitel, nur darum habe ich es zum Objekte einer so
-umfassenden, weit ausgreifenden Untersuchung gewählt.
-
-Man wird an dem Punkte, zu welchem die Darlegung nun gelangt ist,
-sicherlich offen fragen, was man bisher vielleicht nur als Bedenken
-bei sich erwogen hat: ob denn dieser Anschauung die Frauen überhaupt
-noch Menschen seien? Ob sie nach der Theorie des Verfassers nicht
-eigentlich unter die Tiere oder die Pflanzen gerechnet werden müßten?
-Denn sie entbehrten, nach seiner Auffassung, einer höheren als der
-sinnlichen Existenz nicht minder denn jene, sie hätten so wenig teil am
-ewigen Leben wie die übrigen Organismen, denen persönliche Fortdauer
-kein Bedürfnis und keine Möglichkeit ist. Eine metaphysische Realität
-sei beiden gleich wenig beschieden, sie _seien_ alle nicht, das Weib
-nicht, noch auch das Tier, noch die Pflanze -- alle nur Erscheinung,
-nirgends etwas vom Ding an sich. Der Mensch ist, nach der Ansicht, die
-sein Wesen am tiefsten erfaßt hat, ein Spiegel des Universums, er ist
-der Mikrokosmus; die Frau aber ist absolut ungenial, sie lebt nicht im
-tiefen Zusammenhange mit dem All.
-
-In _Ibsens_ »Klein Eyolf« spricht das Weib an einer schönen Stelle zum
-Manne:
-
-_Rita_: Wir sind doch schließlich nur Menschen.
-
-_Allmers_: Auch mit Himmel und Meer sind wir ein wenig verwandt, Rita.
-
-_Rita_: _Du vielleicht. Ich nicht._
-
-Ganz bündig liegt hierin die Einsicht des Dichters, daß die Frau zur
-Idee der Unendlichkeit, zur Gottheit, kein Verhältnis hat: weil ihr
-die Seele fehlt. Zum _Brahman_ dringt man, nach den Indern, nur durch
-das _Âtman_ vor. Das Weib ist nicht Mikrokosmus, es ist nicht nach dem
-Ebenbilde der Gottheit entstanden. Ist es also noch Mensch? Oder ist es
-Tier? Oder Pflanze?
-
-Den Anatomen müssen diese Fragen wohl recht lächerlich bedünken, und
-er wird einen Standort von vornherein für verfehlt halten, auf dessen
-Boden solche Problemstellungen erwachsen können. Ihm ist das Weib
-homo sapiens und von allen übrigen Spezies wohl unterschieden, dem
-menschlichen Manne nicht anders zugeordnet als das Weibchen in jeder
-Art und Gattung sonst seinem Männchen. Und der Philosoph darf gewiß
-nicht sagen: Was gehen mich die Anatomen an! Mag er auch von dieser
-Seite noch so wenig Verständnis erhoffen für das, was ihn bewegt: er
-spricht hier über anthropologische Dinge, und, wenn er die Wahrheit
-findet, darf auch die morphologische Tatsache um ihr Recht nicht
-verkürzt worden sein.
-
-In der Tat! Zwar stehen die Frauen sicherlich in ihrem Unbewußten der
-Natur näher als der Mann. Die Blumen sind ihre Schwestern, und daß sie
-von den Tieren minder weit entfernt sind als der Mann, dafür zeugt, daß
-sie zur Sodomie sicherlich mehr Neigung haben als er (Pasiphae- und
-Leda-Mythus. Auch das Verhältnis zum Schoßhündchen ist wahrscheinlich
-ein noch weit sinnlicheres, als man gewöhnlich es sich ausmalt).[78]
-Aber die Frauen sind Menschen. Selbst W, die wir ohne jede Spur des
-intelligiblen Ich denken, ist doch immerhin das Komplement zu M. Und
-sicherlich ist die Tatsache der besonderen _sexuellen_ und _erotischen_
-Ergänzung des menschlichen Mannes durch das _menschliche_ Weib wenn
-auch nicht jene sittliche Erscheinung, von welcher die Fürsprecher
-der Ehe schwatzen, so doch von ungeheuerer Bedeutung für das Problem
-der Frau. Die Tiere sind ferner bloß Individuen, die Frauen Personen
-(wenn auch nicht Persönlichkeiten). Die äußere Urteilsform, wenn auch
-nicht die innere, die Sprache, obgleich nicht die Rede, ein gewisses
-Gedächtnis, obschon keine kontinuierliche Einheit des Selbstbewußtseins
-ist ihnen verliehen. Für alles im Manne besitzen sie eigentümliche
-_Surrogate_, die noch fortwährend jene Verwechslungen begünstigen,
-denen die Schätzer der Weiblichkeit so gerne unterliegen.
-
-Es ist keine andere Frage als die nach dem _letzten Wesen des
-Geschlechtsgegensatzes_, die hiemit neu aufgeworfen erscheint. Die
-Rolle, welche das männliche und das weibliche Prinzip im Tier- und im
-Pflanzenreiche spielen, bleibt hier _außer_ Betracht; es handelt sich
-einzig um den Menschen. Daß solche Prinzipien der Männlichkeit und
-Weiblichkeit nicht als metaphysische Ideen, sondern als theoretische
-Begriffe angenommen werden müssen, darauf lief die ganze Untersuchung
-gleich zu Anfang hinaus. Welche gewaltigen Unterschiede zwischen Mann
-und Weib, weit über die bloße physiologisch-sexuelle Differenz hinaus,
-ohne Frage zumindest beim _Menschen_ bestehen, das hat der ganze
-weitere Verlauf der Betrachtung gezeigt. Jene Anschauung also, welche
-in der Tatsache des Dualismus der Geschlechter nichts weiter erblickt
-als eine Vorrichtung zur Distribution verschiedener Funktionen auf
-verschiedene Wesen im Sinne einer Teilung der physiologischen Arbeit
--- eine Auffassung, die, wie ich glaube, dem Zoologen _Milne-Edwards_
-ihre besondere Verbreitung zu danken hat -- erscheint hienach völlig
-unannehmbar; über ihre ans Lächerliche streifende Oberflächlichkeit und
-intellektuelle Genügsamkeit ist weiter kein Wort zu verlieren. Zwar ist
-der _Darwinismus_ der Popularisierung dieser Ansicht besonders günstig
-gewesen, und man hat sogar ziemlich allgemein an ein Hervorgehen der
-geschlechtlich differenzierten Organismen aus einem früheren Stadium
-sexueller Ungeschiedenheit gedacht: durch einen Sieg der einer solchen
-Funktionsentlastung teilhaft gewordenen Wesen über die primitiveren,
-überbürdeten, ungeschlechtlichen oder doppelgeschlechtlichen Arten.
-Daß aber eine solche »Entstehung des Geschlechtes« infolge der
-»Vorzüge der Arbeitsteilung«, der »Erleichterung im Kampfe ums Dasein«
-eine, ganz _unvollziehbare Vorstellung ist_, hat, lange vor den
-modernen Totenkäfern _Darwins_, Gustav Theodor _Fechner_ in einer
-unwiderleglichen Argumentation dargetan.
-
-Isoliert ist der Sinn von Mann und Weib nicht zu erforschen; sie
-können in ihrer Bedeutung nur aneinander erkannt und gegeneinander
-bestimmt werden. _In ihrem Verhältnis zueinander_ muß der Schlüssel
-für das Wesen _beider_ zu finden sein. Bei dem Versuche, die Natur
-der Erotik zu ergründen, ist bereits kurz auf ihn angespielt worden.
-_Es ist das Verhältnis von Mann und Weib kein anderes als das von
-$Subjekt$ und $Objekt$. $Das Weib sucht seine Vollendung als Objekt.$_
-Es ist die _Sache_ des Mannes, oder die _Sache_ des Kindes, und will,
-trotz aller Bemäntelung, nicht anders genommen werden denn wie eine
-_Sache_. Niemand mißversteht so sehr, was eine Frau wirklich will,
-als wer sich für das interessiert, was in ihr vorgeht, und für ihre
-Gefühle und Hoffnungen, für ihre Erlebnisse und innere Eigenart eine
-Teilnahme in sich aufkommen läßt. Die Frau _will nicht_ als _Subjekt_
-behandelt werden, sie will stets und in alle Wege -- das ist eben
-ihr Frau-Sein -- lediglich _passiv_ bleiben, _einen Willen auf sich
-gerichtet fühlen_, sie will nicht gescheut noch geschont, _sie will
-nicht $geachtet$ sein_. Ihr Bedürfnis ist vielmehr, nur als Körper
-begehrt, und nur als fremdes Eigentum besessen zu werden. _Wie die
-bloße Empfindung erst Realität gewinnt, indem sie begrifflich, d. h.
-$Gegenstand$ wird, so gelangt das Weib zu seinem Dasein und zu einem
-Gefühle desselben erst, indem es vom Manne oder vom Kinde, als dem
-Subjekte, zu dessen $Objekt$ erhoben wird, und so eine Existenz
-geschenkt erhält._
-
-_Was erkenntnistheoretisch der Gegensatz des Subjekts zum Objekt, das
-sagt ontologisch die Gegenüberstellung von $Form$ und $Materie$._ Sie
-ist nur die Übersetzung jener Unterscheidung aus dem Transcendentalen
-ins Transcendente, aus dem Erfahrungskritischen ins Metaphysische.
-Die Materie, das absolut _Un_individualisierte, das, was _jede_ Form
-annehmen kann, selbst aber keine bestimmten und dauernden Eigenschaften
-hat, ist das, was so wenig _Essenz_ besitzt, wie der bloßen Empfindung,
-der Materie der Erfahrung, an sich schon _Existenz_ zukommt. Während
-also der Gegensatz von Subjekt und Objekt ein solcher der Existenz ist
-(_indem die Empfindung erst als ein dem Subjekte gegenübergestellter
-Gegenstand Realität gewinnt_), bedeutet der Gegensatz von Form und
-Materie einen Unterschied der Essenz (_die Materie ist ohne Formung
-absolut qualitätenlos_). Darum konnte _Platon_ die Stofflichkeit,
-die bildsame Masse, das an sich formlose ἄπειρον, den knetbaren Teig
-des ἐκμαγεῖον, das, worein die Form eingeht, ihren Ort, ihre χώρα,
-das ἐν ᾧ, jenes ewig _Zweite_, _Andere_, das θάτερον, auch $als das
-Nichtseiende$, als das µὴ ὄν bezeichnen. Der zieht den tiefsten Denker
-auf das Niveau der vordersten Oberflächlichkeit, der ihn, wie dies
-häufig geschieht, meinen läßt, sein Nichtseiendes sei der _Raum_. Gewiß
-wird kein bedeutender Philosoph dem Raum eine metaphysische Existenz
-zuschreiben, aber ebensowenig kann er ihn für _das_ Nichtseiende an
-sich halten. Es charakterisiert gerade den ahnungslosen, frechen
-Schwätzer, daß der leere Raum für ihn »Luft«, »Nichts« ist; erst dem
-vertieften Nachdenken gewinnt er an Realität, und wird ihm Problem.
-Das Nichtseiende _Platons_ ist gerade das, was dem _Philister_ als das
-denkbar _Realste_, als die Summation der Existenzwerte erscheint, _es
-ist nichts anderes als die Materie_.
-
-Ist es also eine zu klaffende Diskontinuität, wenn ich im Anschluß
-an _Plato_, der selbst sein jede Form Annehmendes vergleichsweise
-als die _Mutter_ und _Amme_ alles Werdens bezeichnet, auf den Spuren
-des _Aristoteles_, dessen Naturphilosophie _im Zeugungsakte_ dem
-weiblichen Prinzip die _stoffliche_, dem männlichen die _formende_
-Rolle zuerteilt hat -- ist es Willkür, wenn ich, in Übereinstimmung mit
-dieser Anschauung und Erweiterung derselben, _die Bedeutung des Weibes
-für den Menschen nun überhaupt in der Vertretung der Materie erblicke_?
-Der Mann, als Mikrokosmus, ist beides, zusammengesetzt aus höherem und
-niederem Leben, aus metaphysisch Existentem und Wesenlosem, aus Form
-und Materie: das _Weib_ ist _nichts_, _es ist $nur$ Materie_.
-
-Erst _diese_ Erkenntnis bildet den Schlußstein des Gebäudes, von
-ihr aus wird alles deutlich, was noch unklar war, und rundet sich
-zum geschlossenen Zusammenhange. Das geschlechtliche Streben des
-Weibes geht nach _Berührung_, es ist nur _Kontrektations-_ und nicht
-Detumeszenztrieb.[79] Dem entspricht, daß sein feinster Sinn, und
-zugleich der einzige, bei ihm weiter als beim Manne entwickelte Sinn
-das _Tastgefühl_ ist.[80] Auge und Ohr führen beide ins Unbegrenzte
-und lassen eine Unendlichkeit ahnen; der Tastsinn erfordert engste
-körperliche Nähe zur eigenen Betätigung; man vermengt sich mit dem, was
-man angreift: er ist der eminent schmutzige Sinn, und wie geschaffen
-für ein auf körperliche Gemeinschaft angelegtes Wesen. Was durch ihn
-vermittelt wird, ist die Widerstandsempfindung, die Wahrnehmung des
-Palpablen; und eben von der _Materie_ läßt sich, wie _Kant_ gezeigt
-hat, nichts anderes aussagen, als daß sie eine derartige Raumerfüllung
-ist, die allem, was in sie einzudringen strebt, einen gewissen
-_Widerstand_ entgegensetzt. Die Erfahrung des »Hindernisses« hat, wie
-den psychologischen (nicht den erkenntnistheoretischen) _Ding_begriff,
-so auch den übergroßen Realitätscharakter geschaffen, welchen die
-Data des Tastsinnes für die meisten Menschen immer besitzen, als die
-solideren, »primären« Qualitäten der Erfahrungswelt. Aber nichts
-anderes als der ihm stets anhaftende letzte Rest von Weiblichkeit
-ist es, der bewirkt, daß für den Mann die Materie den Charakter der
-eigentlichen Realität gefühlsmäßig nie vollständig _verliert_. Gäbe
-es einen absoluten Mann, so wäre ihm die Materie auch _psychologisch_
-(nicht nur logisch) kein irgendwie Seiendes mehr.
-
-Der Mann ist Form, das Weib Materie. Ist das richtig, so muß es auch
-in dem Verhältnis ihrer psychischen Einzelerlebnisse zueinander einen
-Ausdruck finden. Die längst festgestellte Gliederung der Inhalte des
-männlichen Seelenlebens gegenüber dem unartikulierten und chaotischen
-Vorstellen des Weibes verkündet nichts anderes als diesen nämlichen
-Gegensatz von Form und Materie. Die Materie will geformt werden: _darum
-verlangt_ das Weib vom Manne die _Klärung_ seiner verworrenen Gedanken,
-die _Deutung der Heniden_.[81]
-
-Die Frauen sind die Materie, die jede Form annimmt. Jene
-Untersuchungen, welche für die Mädchen eine bessere Erinnerung speziell
-an den Lehrstoff ergeben haben, als für die Knaben, können nur so
-erklärt werden: aus der Inanität und Nullität der Frauen, die mit allem
-Beliebigen _imprägniert_ werden können, indes der Mann nur behält, was
-ihn wirklich interessiert, und alles übrige _vergißt_ (vgl. Teil II,
-S. 147, 168). Aber vor allem geht das, was die _Schmiegsamkeit_ des
-Weibes genannt wurde, seine außerordentliche _Beeinflußbarkeit_ durch
-das fremde Urteil, seine _Suggestibilität_, seine völlige _Umschaffung_
-durch den Mann auf dieses Bloß-Materie-Sein, diesen _Mangel_ jeder
-_ursprünglichen Form_ zurück. _Das Weib $ist$ nichts, und darum, $nur$
-darum $kann es alles werden$; während der Mann stets nur werden kann,
-was er $ist$._ Aus einer Frau kann man machen, _was man will_; dem
-Manne höchstens zu dem verhelfen, was _er_ will. Darum hat, in der
-wahren Bedeutung des Wortes, eigentlich nur _Frauen_, nicht Männer,
-zu _erziehen_ einen _Sinn_. Am Manne wird durch alle Erziehung
-nie irgend ein Wesentliches geändert; im Weibe kann sogar seine
-eigenste Natur, die Hochwertung der Sexualität, durch äußeren Einfluß
-völlig zurückgedrängt werden. Das Weib mag alles scheinen und alles
-verleugnen, aber es _ist_ nie irgend etwas in Wahrheit.
-
-Man wird freilich, selbst wenn man mit den bisherigen Ableitungen
-sollte einverstanden sein, ihnen zum Vorwurf machen, daß sie keine
-Auskunft darüber gäben, $was$ denn der _Mann_ eigentlich _sei_. Läßt
-sich von ihm, wie vom Weibe _Kuppelei_ und _Wesenlosigkeit_, irgend
-etwas als allgemeine Eigenschaft prädizieren? Gibt es überhaupt einen
-_Begriff_ des Mannes, wie es einen Begriff des Weibes gibt, und läßt
-sich dieser Begriff ähnlich definieren?
-
-Hierauf ist zu antworten, daß die Männlichkeit eben in der _Tatsache_
-der Individualität, der wesenhaften Monade liegt und sich mit ihr
-deckt. Jede Monade aber ist von jeder anderen um ein _Unendliches_
-verschieden, und darum keine subsumierbar unter einen umfassenderen
-Begriff, der mehreren Monaden Gemeinsames enthielte. Der _Mann_
-ist der _Mikrokosmus_, in ihm sind _alle_ Möglichkeiten überhaupt
-enthalten. Man hüte sich dies zu verwechseln mit der _universellen
-$Suszeptibilität$_ der Frau, die alles wird, _ohne irgend etwas zu
-sein_, indes der Mann alles _ist_ und davon mehr oder weniger, je nach
-seiner Begabung, auch _wird_. Der Mann hat auch das Weib, er hat auch
-Materie in sich, und kann diesen Teil seines Wesens sich entwickeln
-lassen, d. h. verkommen und entarten; oder er kann ihn erkennen und
-bekämpfen -- _darum_ kann _er_, und _nur $er$_, über die Frau zur
-Wahrheit gelangen (Teil II, S. 106-108). _Das Weib aber hat keine
-Möglichkeit einer Entwicklung, außer durch den Mann._
-
-Ganz deutlich wird die Bedeutung von Mann und Weib immer erst in
-der Betrachtung ihrer gegenseitigen _sexuellen_ und _erotischen
-Relationen_. Das tiefste Begehren der Frau ist, vom Manne _geformt_
-und _dadurch erst geschaffen_ zu werden. Die Frau wünscht, daß der
-Mann ihr Meinungen beibringe, _ganz andere_, als sie bisher gehabt
-hat, sie will durch ihn umgestoßen sehen, was sie bisher für richtig
-hielt (Gegenteil der Pietät, S. 161), sie will als Ganzes _widerlegt
-sein_, und erst _neugebildet_ werden durch ihn. Der Wille des Mannes
-_schafft_ erst die Frau, er _gebietet_ über sie, und _verändert
-sie von Grund auf_ (Hypnose). Hier ist auch endlich Klärung über
-das Verhältnis des Psychischen zum Physischen bei Mann und Weib zu
-finden. Für den Mann wurde früher die Wechselwirkung, und zwar nur im
-Sinne einer einseitigen Schöpfung des Leibes durch die transcendente
-Psyche, als die Projektion derselben auf die Erscheinungswelt, für
-das Weib hingegen der Parallelismus eines bloß Empirisch-Psychischen
-und Empirisch-Physischen angenommen. Jetzt ist klar, daß auch beim
-Weibe eine Wechselwirkung Geltung hat. Aber während beim _Manne_,
-nach _Schopenhauers_ wahrster Lehre, daß der Mensch sein eigenes Werk
-sei, der _eigene_ Wille sich den Körper _schafft_ und _umschafft_,
-wird das _Weib_ durch den _fremden_ Willen körperlich _beeinflußt_
-und _umgebildet_ (Suggestion, Versehen). Der Mann formt also nicht
-nur sich, sondern auch, ja leichter noch, das Weib. Jene Mythen der
-Genesis und anderer Kosmogonien, welche das Weib vom Manne geschaffen
-sein lassen, haben eine tiefere Wahrheit verkündet als die biologischen
-Deszendenzlehren, die an ein Hervorgehen des Männlichen aus dem
-Weiblichen glauben.
-
-Auch jene im 9. Kapitel (S. 279) offen gelassene Frage, wie das Weib,
-ohne selbst Seele und Willen zu besitzen, doch in der Lage sein könne,
-herauszufinden, in welchem Maße der Mann mit ihnen ausgestattet ist,
-auch diese schwierigste Frage mag jetzt zu beantworten versucht werden.
-Man muß sich nur darüber klar geworden sein, daß, was die Frau bemerkt,
-und wofür sie ein Organ hat, nicht die _besondere_ Natur eines Mannes
-ist, sondern nur die _allgemeine Tatsache_ und etwa noch der _Grad_
-seiner _Männlich$keit$_. Es ist ganz falsch, _Heuchelei, oder aus der
-späteren Imprägnation mit dem männlichen Wesen zu Unrecht erschlossen_,
-daß die Frau ein ursprüngliches _Verständnis_ für die _Individualität_
-des Mannes habe.[82] Der Verliebte, der durch das unbewußte Simulieren
-eines tieferen Begreifens von Seite des Weibes so leicht zu foppen
-ist, mag an ein Verständnis seiner selbst durch ein Mädchen glauben;
-wer weniger genügsam ist, wird es sich nicht verhehlen können, daß
-die Frauen nur für das _Daß_, nicht für das _Was_ der Seele, nur
-für die _formale allgemeine Tatsache_, nicht für die _Besonderheit_
-der Persönlichkeit einen Sinn besitzen. Denn um _spezielle_ Form
-perzipieren und apperzipieren zu können, müßte die Materie an sich
-nicht _formlos_ sein; das Verhältnis der Frau zum Mann ist aber kein
-anderes als das der Materie zur Form, und ihr Verständnis für ihn
-nichts als Bereitwilligkeit, möglichst kräftig geformt zu werden, der
-Instinkt des Existenzlosen für Existenz. Also dieses »Verständnis«
-ist kein theoretisches, es ist kein Anteilnehmen, sondern ein
-Anteilhabenwollen; es ist zudringlich und egoistisch. Die Frau hat kein
-Verhältnis zum _Manne_ und keinen Sinn für den Mann, sondern nur einen
-für _Männlichkeit_; und wenn sie für sexuell anspruchsvoller gehalten
-werden darf als er, so ist diese Anspruchsfülle nichts anderes als das
-intensive Begehren nach ausgiebigster und stärkster Formung: _es ist
-das Warten auf das größtmögliche Quantum von Existenz_.
-
-Und nichts anderes ist schließlich auch die _Kuppelei_. Die Sexualität
-der Frauen ist _über_individuell, weil sie nicht abgegrenzte, geformte,
-individualisierte Wesenheiten im höheren Sinne darstellen. Der höchste
-Augenblick im Leben des Weibes, der, in dem sein _Ur_sein, die _Urlust_
-sich offenbart, ist jener Moment, wo der männliche Same in es fließt.
-Da umarmt es den Mann stürmisch und preßt ihn an sich: es ist die
-höchste Lust der Passivität, stärker noch als das Glücksgefühl der
-Hypnotisierten, die Materie, welche eben geformt wird und die Form
-nicht loslassen, sie ewig an sich binden will. Dieses unendliche
-Trachten der Armut, dem Reichtum sich zu gesellen, das gänzlich
-formlose und darum überindividuelle Streben des _Un_gegliederten, die
-Form zur Berührung mit sich zu bringen, sie dauernd festzuhalten und
-so Existenz zu gewinnen, liegt der Kuppelei im Tiefsten zu Grunde. Daß
-das Weib nicht Monade ist und keine Grenzen hat, dadurch ist Kuppelei
-nur _ermöglicht_; zur _Wirklichkeit_ wird sie, weil es die Idee des
-_Nichts_, der _Materie_ repräsentiert, die unaufhörlich und in jeder
-Weise die Form zur Vermengung mit sich zu verführen trachtet. Kuppelei
-ist das ewige Drängen des Nichts zum Etwas.
-
-So hat sich allmählich die Dualität von Mann und Weib zum Dualismus
-überhaupt entwickelt, zum Dualismus des höheren und des niederen
-Lebens, des Subjekts und Objekts, der Form und der Materie, des Etwas
-und des Nichts. Alles metaphysische, alles transcendentale Sein ist
-logisches und moralisches Sein: _das Weib ist alogisch und amoralisch_.
-Es enthält aber auch keine Abkehr vom Logischen und Moralischen, es ist
-nicht _anti_logisch, es ist nicht _anti_moralisch. Es ist nicht das
-_Nicht_, sondern das _Nichts_, es ist _weder Ja_, _noch_ ist es _Nein_.
-Der _Mann_ birgt in sich die Möglichkeit zum absoluten Etwas _und_ zum
-absoluten Nichts, und darum hat all sein Handeln eine _Richtung_ nach
-dem einen oder dem anderen: das Weib _sündigt_ nicht, _denn es ist
-selbst $die$ Sünde, als $Möglichkeit$ im Manne_.
-
-_Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten $Etwas$, das
-Weib, auch das Weib im Manne, ist das Symbol des $Nichts$: das ist die
-Bedeutung des Weibes im Universum, und so ergänzen und bedingen sich
-Mann und Weib._ Als des Mannes _Gegensatz_ hat das Weib einen Sinn und
-eine Funktion im Weltganzen; und wie der menschliche Mann über das
-tierische Männchen, so reicht das menschliche Weib über das Weibchen
-der Zoologie hinaus.[83] _Kein begrenztes Sein, kein begrenztes
-Nichtsein_ (wie im Tierreich) liegen im _Menschen_ im Kampfe: _was
-hier sich gegenübersteht, ist unbegrenztes Sein_ und _unbegrenztes
-Nichtsein_. _Darum_ machen erst Mann und Weib _zusammen_ den Menschen
-aus.
-
-Der _Sinn_ des Weibes ist es also, _Nicht-Sinn_ zu sein. Es
-repräsentiert das _Nichts_, den Gegenpol der Gottheit, die _andere
-Möglichkeit_ im Menschen. Darum gilt mit Recht nichts für gleich
-verächtlich, als der Weib gewordene Mann, und wird ein solcher
-Mann geringer geachtet als selbst der stumpfsinnigste und roheste
-Verbrecher. Und so erklärt sich auch jene tiefste _Furcht_ im Manne:
-die _Furcht vor dem Weibe_, das ist die _Furcht vor der Sinnlosigkeit_:
-das ist die Furcht _vor dem lockenden Abgrund des Nichts_.
-
-Das _alte Weib_ offenbart erst ganz und gar, was das Weib
-in Wirklichkeit ist. Die Schönheit der Frau wird, auch rein
-erfahrungsgemäß, nur _geschaffen_ durch die _Liebe_ des Mannes: die
-Frau wird schöner, wenn ein Mann sie liebt, _weil sie passiv dem Willen
-entspricht, der in seiner Liebe liegt_; so mystisch dies klinge, es ist
-nur eine alltägliche Beobachtung. Das alte Weib zeigt, wie das Weib
-nie schön _war_: _wäre_ das Weib, so wäre die Hexe nicht. Aber das
-Weib _ist_ nichts, ein hohles Gefäß, eine Zeitlang überschminkt und
-übertüncht.
-
-Alle Qualitäten der Frau hängen an ihrem Nicht-Sein, an ihrer
-_Wesenlosigkeit_: weil sie kein wahres, unwandelbares, sondern nur ein
-irdisches Leben hat, darum begünstigt sie als Kupplerin die Zeugung in
-_diesem_, darum ist sie durch den Mann, der sinnlich auf sie wirkt, vom
-Grund auf umzuschaffen und empfänglich überhaupt. So vereinigen sich
-die drei fundamentalen Eigenschaften des Weibes, welche dieses Kapitel
-aufgedeckt hat, und schließen sich zusammen in seinem Nicht-Sein.
-
-Aus dem Begriff des Nicht-Seins ergeben sich Veränderlichkeit
-und Verlogenheit, als die zwei _negativen_ Bestimmungen, durch
-_unmittelbare_ Deduktion. Bloß Kuppelei, als die einzige _Position_ im
-Weibe, folgt aus ihm nicht gleich rasch durch einfache Analyse.
-
-Und das ist wohl begreiflich. Denn das _Dasein_ des Weibes ist selbst
-_identisch_ mit der Kuppelei, mit Bejahung aller Sexualität überhaupt.
-_Kuppelei ist nichts anderes als universale Sexualität_; daß das Weib
-ist, heißt nichts anderes, als daß in der Welt ein radikaler Hang zu
-allgemeiner Sexualität besteht. _Die Kuppelei noch weiter $kausal$
-zurückführen bedeutet so viel als das $Dasein des Weibes erklären$._
-
-Wenn hiezu von der Tafel des zwiefachen Lebens (S. 378) ausgegangen
-wird, so ist die _Richtung vom höchsten Leben weg zum irdischen hin_,
-das _Ergreifen des Nicht-Seienden statt des Seienden_, der _Wille zum
-Nichts_, das _Nicht_, das _An-Sich-Böse_. _Anti_moralisch ist die
-_Bejahung_ des _Nichts_: das Bedürfnis, _Form in Formloses, in Materie
-zu verwandeln_, das Bedürfnis zu _zerstören_.
-
-_Das Nicht aber ist dem Nichts verwandt. Und darum besteht ein
-so tiefer Zusammenhang zwischen allem Verbrecherischen und allem
-Weiblichen._ Das _Anti_moralische berührt sich eben mit dem
-$A$moralischen, von dem es in dieser Untersuchung zuerst ausdrücklich
-_getrennt_ wurde, im gemeinsamen Begriffe des _Un_moralischen, und
-die gewöhnliche unterschiedslose Verwechslung beider erfährt nun
-dennoch eine gewisse Rechtfertigung. Denn das Nichts ist _allein_
-eben -- _nichts_, es _ist_ nicht, es hat weder Existenz noch Essenz.
-Es ist stets nur das _Mittel_ des Nicht, das, was _durch_ das _Nein_
-dem _Etwas gegenübergestellt_ wird. _Erst indem der Mann seine eigene
-Sexualität bejaht, indem er das Absolute verneint, sich vom ewigen
-Leben ab-, dem niederen zukehrt, erhält das Weib Existenz. $Nur indem
-das Etwas zum Nichts kommt, kann das Nichts zum Etwas kommen.$_
-
-Der _bejahte Phallus_ ist das _Anti_moralische. Darum wird er als das
-Häßlichste empfunden; darum wurde er stets in einer Beziehung zum Satan
-gedacht: den Mittelpunkt der _Dante_schen _Hölle_ (das Zentrum des
-Erdinneren) bildet der _Geschlechtsteil Lucifers_.
-
-$So erklärt sich denn die absolute Gewalt der männlichen
-Geschlechtlichkeit über das Weib$.[84] _Nur indem der Mann $sexuell$
-wird, erhält das Weib Existenz und Bedeutung: sein Dasein ist an
-den Phallus geknüpft, und $darum$ dieser sein höchster Herr $und$
-unumschränkter Gebieter._ Der Geschlecht gewordene Mann ist das Fatum
-des Weibes; der Don Juan der einzige Mensch, vor dem es bis zum Grunde
-erzittert.
-
-$Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille
-des Mannes$: das _Nichts_ ist nur ein Werkzeug in der Hand des _Nicht_.
-Die Kirchenväter drückten dasselbe pathetischer aus, als sie das Weib
-das Instrument des Teufels nannten. Denn _an sich_ ist die Materie
-_nichts_, _erst die Form muß ihr Existenz geben wollen_. Der Sündenfall
-der Form ist eben jene Verunreinigung, die sie auf sich lädt, indem es
-sie treibt, an der Materie sich zu betätigen. _Als der Mann $sexuell$
-ward, da $schuf$ er das $Weib$._
-
-_Daß das Weib da ist, heißt also nichts anderes, als daß vom Manne die
-Geschlechtlichkeit bejaht wurde. Das Weib ist nur das $Resultat$ dieser
-Bejahung, es ist die Sexualität selber_ (S. 116).
-
-Das Weib ist in seiner Existenz _abhängig_ vom Manne: indem der Mann
-zum Manne, als Gegenteil des Weibes, indem er geschlechtlich wird,
-_setzt_ er das Weib und ruft es ins Dasein. Deshalb muß dem Weibe alles
-daran gelegen sein, den Mann _sexuell zu erhalten_: denn es hat so viel
-Existenz als der Mann Geschlechtlichkeit. _Deshalb_ muß der Mann, so
-will sie es, _ganz zum Phallus werden_, $deshalb kuppelt die Frau$.
-Sie ist unfähig, ein Wesen anders denn als Mittel zum Zweck, zu diesem
-Zweck des Koitus zu gebrauchen: denn mit ihr ist selbst $kein anderer
-Zweck$ verfolgt, als der, $den Mann schuldig werden zu lassen$. Und sie
-wäre _tot_ in dem Augenblick, da der Mann _seine_ Sexualität überwunden
-hätte.
-
-Der Mann hat das Weib geschaffen und schafft es immer neu, so lange
-er noch sexuell ist. Wie er der Frau das _Bewußtsein_ gab (Teil II,
-Kapitel 3, Ende), so gibt er ihr das _Sein_. Indem er auf den Koitus
-nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. $Das Weib ist die Schuld des
-Mannes.$
-
-Diese Schuld gut zu machen, dazu soll ihm die Liebe dienen. Hiedurch
-hellt sich auf, was der Schluß des vorigen Kapitels nur wie einen
-dunklen Mythos einführte. Was der Mann durch die Schöpfung des Weibes,
-das ist durch die Bejahung des Koitus verbrochen hat und noch
-fortwährend verbricht, _das bittet er dem Weibe ab als Erotiker_.
-Denn von wannen sonst käme die nie und nimmer sich genug tuende
-_Generosität_ aller Liebe? Woher, daß die Liebe gerade dem Weibe, und
-nicht einem anderen Wesen, Seele zu schenken beflissen ist? Durchaus
-ist das Weib nur der Gegenstand, den sich der Trieb des Mannes erzeugt
-hat als das eigene Ziel, es ist die Objektivation der männlichen
-Sexualität, _die verkörperte Geschlechtlichkeit, seine Fleisch
-gewordene Schuld_. Die _Liebe_ soll die Schuld über_decken_, statt sie
-zu über_winden_; sie _$er$hebt_ das Weib, statt es _$auf$zuheben_. Das
-Etwas schließt das Nichts in seine Arme, und glaubt so die Welt von der
-Negation zu befreien, und alle Widersprüche zu versöhnen: da doch das
-Nichts nur verschwinden könnte, wenn das Etwas sich ihm fern hielte.
-Die Liebe des Mannes ist sein kühnster, äußerster Versuch, das Weib
-als Weib sich zu retten, statt es als solches zu verneinen. Nur daher
-stammt ihr Schuldbewußtsein: durch sie soll Schuld selbst _weggeräumt_,
-statt _gesühnt_ werden.
-
-$Denn das Weib ist nur die Schuld und nur durch die Schuld des Mannes;
-und wenn Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle Schuld
-von selbst sich zu vermehren trachtet.$ Was die Frau, ohne je anders
-zu können, durch ihr bloßes Dasein, durch ihr ganzes Wesen, ewig
-unbewußt auswirkt, das ist nur _ein Hang im $Manne$_, sein zweiter,
-unausrottbarer, sein _niederer Hang_: sie ist, gleich der Walküre,
-eines _fremden_ Willens »blind wählende Kür«. Die Materie scheint ein
-nicht minder unergründliches Rätsel als die Form, das Weib gleich
-unendlich wie der Mann, das Nichts so ewig wie das Sein; aber diese
-Ewigkeit ist nur die Ewigkeit der Schuld.
-
-
-
-
-XIII. Kapitel.
-
-Das Judentum.
-
-
-Es könnte nicht wundern, wenn es manchem scheinen wollte, bei dem
-Ganzen der bisherigen Untersuchung seien »die Männer« allzugut
-davongekommen, und in ihrer Gesamtheit auf ein übertrieben hohes
-Postament gestellt. Man wird zwar vielleicht auf billige Argumente
-verzichten, ihren Resultaten nicht entgegenhalten, wie überrascht
-dieser Philister oder jener Spitzbube wäre, zu vernehmen, daß _er_
-die ganze Welt in sich habe; und doch die Behandlung des männlichen
-Geschlechtes nicht bloß allzuglimpflich finden, sondern geradezu eine
-tendenziöse Vernachlässigung aller widerlichen und kleinen Seiten der
-Männlichkeit zu Gunsten ihrer höchsten Spitzen der Darstellung als
-einen Fehler anrechnen.
-
-Die Beschuldigung wäre ungerechtfertigt. Es kommt mir nicht in den
-Sinn, die Männer zu idealisieren, um die Frauen leichter in der
-Schätzung herabdrücken zu können. So viel Beschränktheit und so viel
-Gemeinheit unter den empirischen Vertretern der Männlichkeit oft
-gedeiht, es handelt sich um die besseren _Möglichkeiten_, die in
-jedem Manne sind, und als vernachlässigte von ihm schmerzlich-hell
-oder dumpf-gehässig empfunden werden; Möglichkeiten, die als solche
-bei der Frau weder in Wirklichkeit, noch in gedanklicher Erwägung
-irgend in Rechnung gelangen. Und es konnte mir hier auch gar nicht
-auf Unterscheidungen _unter_ den Männern wesentlich ankommen, so
-wenig ich mich vor deren Wichtigkeit verschließe. Es handelte sich
-darum, festzustellen, was das Weib _nicht_ ist, und da fehlte ihm
-denn freilich unendlich viel, was selbst im mittelmäßigsten und
-plebejischesten Manne nie _ganz_ vermißt wird. Das, was es _ist_, die
-positiven Eigenschaften des Weibes (soferne da von einem Sein, von
-Positionen wohl gesprochen werden kann) wird man stets auch bei vielen
-Männern wiederfinden. Es gibt, wie schon öfter hervorgehoben wurde,
-_Männer_, die _zu Weibern geworden_, oder _Weiber geblieben_ sind; aber
-es gibt keine Frau, die über gewisse umschriebene, nicht sonderlich
-hoch zu ziehende, moralische und intellektuelle Grenzen hinauskäme. Und
-darum will ich es hier nochmals aussprechen: _das höchststehende Weib
-steht noch unendlich tief unter dem tiefststehenden Manne_.
-
-Jene Einwendungen aber könnten weiter gehen, und einen Punkt berühren,
-dessen Außerachtlassung der Theorie allerdings zum Vorwurf müßte
-gemacht werden. Es gibt nämlich Völkerschaften und Rassen, bei deren
-Männern, obwohl sie keineswegs als sexuelle Zwischenformen können
-gedeutet werden, man doch so wenig und so selten eine Annäherung an
-die Idee der Männlichkeit findet, wie sie aus der hier entworfenen
-Zeichnung derselben hervortritt, daß die Prinzipien, ja, die ganzen
-Fundamente, auf welchen diese Arbeit ruht, hiedurch stark könnten
-erschüttert scheinen. Was ist z. B. von den _Chinesen_ zu halten, mit
-ihrer weiblichen Bedürfnislosigkeit und ihrem Mangel an jeglichem
-Streben? Man möchte _hier_ allerdings noch an eine größere Weiblichkeit
-des ganzen Volkes zu glauben sich versucht fühlen. Wenigstens kann es
-keine bloße Laune einer ganzen Nation sein, daß die Chinesen einen Zopf
-zu tragen pflegen, und es ist ja auch ihr Bartwuchs nur ein äußerst
-spärlicher. Aber wie verhält es sich dann mit den _Negern_? Es hat
-unter den Negern vielleicht kaum je ein Genie gegeben, und moralisch
-stehen sie beinahe allgemein so tief, daß man in Amerika bekanntlich
-anfängt zu fürchten, mit ihrer Emanzipation einen unbesonnenen Streich
-verübt zu haben.
-
-Wenn also auch das Prinzip der sexuellen Zwischenformen vielleicht
-Aussicht hätte, für eine Rassenanthropologie bedeutsam zu werden (indem
-über einige Völker ein größeres Quantum von Weiblichkeit insgesamt
-ausgestreut schiene), so muß doch zugegeben werden, daß die bisherigen
-Deduktionen zuvörderst auf den _arischen Mann_ und das _arische Weib_
-sich beziehen. Wie weit in den anderen großen Stämmen der Menschheit
-mit den für ihre Gipfel geltenden Verhältnissen Übereinstimmung
-herrscht, und was jene hauptsächlich davon zurückhält und so lange
-hindert, an diese näher heranzukommen, das bedürfte erst der Erhellung
-durch die eingehendste und lohnendste psychologische Vertiefung in die
-Rassencharaktere.
-
-Das _Judentum_, das ich zum Gegenstande einer Besprechung zunächst
-darum gewählt habe, weil es, wie sich zeigen wird, der härteste und
-am meisten zu fürchtende Gegner der hier entwickelten und besonders
-der noch zu entwickelnden Anschauungen, wie überhaupt des ganzen
-Standpunktes ist, von dem aus jene möglich sind -- das Judentum scheint
-anthropologisch mit allen beiden erwähnten Rassen, mit den Negern
-wie mit den Mongolen, eine gewisse Verwandtschaft zu besitzen. Auf
-den Neger weisen die so gern sich ringelnden Haare, auf Beimischung
-von Mongolenblut die ganz chinesisch oder malaiisch geformten
-Gesichtsschädel, die man so oft unter den Juden antrifft, und denen
-regelmäßig eine gelblichere Hautfärbung entspricht.
-
-Dies ist nicht mehr als das Ergebnis einer alltäglichen Erfahrung,
-und anders wollen diese Bemerkungen nicht verstanden sein; die
-_anthropologische_ Frage nach der Entstehung des Judentums ist eine
-ungemein schwierige, und auch ein so interessanter Lösungsversuch
-wie der in den berühmten »Grundlagen des XIX. Jahrhunderts« von
-H. S. _Chamberlain_ unternommene hat in jüngster Zeit sehr viel
-Widerspruch gefunden. Sie zu behandeln besitze ich nicht das nötige
-Wissen; was hier in Kürze, aber bis zu möglichster Tiefe analysiert
-werden soll, ist nur die psychische Eigenheit des Jüdischen. Diese
-Aufgabe ist eine Obliegenheit der psychologischen Beobachtung und
-Zergliederung; sie ist lösbar, frei von allen Hypothesen über nun
-nicht mehr kontrollierbare historische Vorgänge; und nur bedarf dieses
-Unternehmen einer um so größeren Objektivität, als die Stellung zum
-Judentum heute beinahe die wichtigste und hervorstechendste Rubrik des
-Nationales ist, welches ein jeder vor der Öffentlichkeit ausfüllt,
-ja allgemach der gebräuchlichste Einteilungsgrund der zivilisierten
-Menschen geworden scheint. Und es läßt sich nicht behaupten, daß der
-Wert, welcher auf eine offene Erklärung in dieser Frage allgemein
-gelegt wird, ihrem Ernst und ihrer Bedeutung nicht angemessen sei, und
-ihre Wichtigkeit übertreibe. Daß man auf sie überall stößt, ob man nun
-von kulturellen oder materiellen, von religiösen oder politischen, von
-künstlerischen oder wissenschaftlichen, biologischen oder historischen,
-charakterologischen oder philosophischen Dingen herkommt, das muß
-einen tiefen, tiefsten Grund im Wesen des Judentumes selbst haben. Ihn
-aufzusuchen, wird keine Mühe zu groß scheinen dürfen: denn der Gewinn
-muß sie in jedem Falle unendlich belohnen.[85]
-
-Zuvor jedoch will ich genau angeben, in welchem Sinne ich vom
-Judentum rede. Es handelt sich mir _nicht_ um eine _Rasse_ und nicht
-um ein _Volk_, noch weniger freilich um ein gesetzlich anerkanntes
-Bekenntnis. _Man darf das Judentum nur für eine Geistesrichtung,
-für eine psychische Konstitution halten, welche für $alle$ Menschen
-eine $Möglichkeit$ bildet, und im historischen Judentum bloß die
-grandioseste $Verwirklichung$ gefunden hat._
-
-Daß dem so ist, wird durch nichts anderes bewiesen, als durch den
-_Antisemitismus_.
-
-Die echtesten, arischesten, ihres Ariertums gewissesten Arier sind
-keine Antisemiten, sie können, so unangenehm sicherlich auch sie von
-auffallend jüdischen Zügen sich berührt fühlen, doch den _feindseligen_
-Antisemitismus im allgemeinen gar nicht _begreifen_; und sie sind es
-auch, die von den Verteidigern des Judentums gerne als »Philosemiten«
-bezeichnet, und deren verwunderte und mißbilligende Äußerungen über
-den Judenhaß angeführt werden, wo das Judentum herabgesetzt oder
-angegriffen wird.[86] Im _aggressiven_ Antisemiten wird man hingegen
-immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften wahrnehmen; ja sogar in
-seiner Physiognomie kann das zuweilen sich ausprägen, mag auch sein
-Blut rein von allen semitischen Beimengungen sein.
-
-Es könnte dies auch unmöglich anders sich verhalten. _Wie man im
-anderen nur $liebt$, was man gerne ganz sein möchte und doch nie ganz
-ist, so $haßt$ man im anderen nur, was man nimmer sein will, und doch
-immer zum Teile noch ist._
-
-Man haßt nicht etwas, womit man keinerlei Ähnlichkeit hat. Nur macht
-uns oft erst der andere Mensch darauf aufmerksam, was für unschöne und
-gemeine Züge wir in uns haben.
-
-So erklärt es sich, daß die allerschärfsten Antisemiten _unter den
-Juden_ zu finden sind. Denn bloß die ganz jüdischen Juden, desgleichen
-die völlig arischen Arier, sind gar nicht antisemitisch gestimmt; unter
-den übrigen betätigen die gemeineren Naturen ihren Antisemitismus nur
-den anderen gegenüber, und richten diese, ohne je mit sich selber in
-dieser Sache vor Gericht gegangen zu sein; und nur wenige fangen mit
-ihrem Antisemitismus bei sich selbst an.
-
-Doch dies eine bleibt darum nicht minder gewiß: wer immer das jüdische
-Wesen haßt, der haßt es zunächst _in_ sich: daß er es im anderen
-verfolgt, ist nur sein Versuch, vom Jüdischen auf diese Weise sich
-zu sondern; er trachtet sich von ihm zu scheiden dadurch, daß er es
-gänzlich im Nebenmenschen lokalisiert, und so für den Augenblick von
-ihm frei zu sein wähnen kann. Der Haß ist ein Projektionsphänomen wie
-die Liebe: der Mensch haßt nur, durch wen er sich _un_angenehm an sich
-selbst erinnert fühlt.[87]
-
-Der Antisemitismus _des Juden_ liefert demnach den Beweis, daß niemand,
-der ihn kennt, den Juden als ein Liebenswertes empfindet -- auch der
-Jude nicht; der Antisemitismus _des Ariers_ ergibt eine nicht minder
-bedeutungsvolle Einsicht: daß man das Juden_tum_ nicht verwechseln darf
-mit _den Juden_. Es gibt Arier, die jüdischer sind als mancher Jude,
-und es gibt wirklich Juden, die arischer sind als gewisse Arier. Ich
-will von jenen Nicht-Semiten, welche viel Judentum in sich hatten,
-die kleineren (wie den bekannten _Friedrich Nicolai_ des XVIII.
-Jahrhunderts) und mittelgroßen (hier dürfte _Friedrich Schiller_
-kaum außer acht bleiben) nicht aufzählen, und nicht auf ihr Judentum
-analysieren. Aber auch _Richard Wagner_ -- der tiefste Antisemit --
-ist von einem Beisatz von Judentum, selbst in seiner Kunst, nicht
-freizusprechen, so gewiß er neben _Michel Angelo_ der größte Künstler
-aller Zeiten ist, so wahrscheinlich er geradezu den Künstler überhaupt
-in der Menschheit repräsentiert; und so zweifellos sein _Siegfried_
-das _Unjüdischeste_ ist, was erdacht werden konnte. Aber niemand ist
-umsonst Antisemit. Wie _Wagners_ Abneigung gegen die große Oper und das
-Theater zurückgeht auf den starken Zug, den er selbst zu ihnen empfand,
-einen Zug, der noch im »Lohengrin« deutlich erkennbar bleibt: so ist
-auch seine Musik, in ihren motivischen Einzelgedanken die gewaltigste
-der Welt, nicht gänzlich freizusprechen von etwas Aufdringlichem,
-Lautem, Unvornehmem; womit die Bemühungen _Wagners_ um die äußere
-Instrumentation seiner Werke im Zusammenhang stehen. Es läßt sich
-auch nicht verkennen, daß _Wagners_ Musik sowohl auf den jüdischen
-Antisemiten, welcher vom Judentum nie gänzlich loskommen kann, als
-auf den antisemitischen Indogermanen, der ihm zu verfallen fürchtet,
-den stärksten Eindruck hervorbringt. Von der Parsifal-Musik, die dem
-völlig echten Juden in Ewigkeit fast ebenso unzugänglich bleibt wie die
-Parsifal-Dichtung, vom »Pilgerchor« und der Romfahrt im »Tannhäuser«,
-und sicher noch von manchem anderen ist hiebei _gänzlich_ abzusehen;
-aber es ist z. B. sein Jugendwerk, der »Rienzi«, in seinem thematischen
-Materiale wie in der Ausführung, noch vom Judentum vielleicht nicht
-gänzlich frei. Auch könnte zweifellos, wer _nur_ ein Deutscher wäre,
-das Wesen des Deutschtums nie so klar sich zum Bewußtsein bringen, als
-_Wagner_ in den »Meistersingern von Nürnberg« dies vermocht hat.[88]
-Man denke endlich an jene Seite in _Wagner_, die zu _Feuerbach_, statt
-zu _Schopenhauer_, sich hingezogen fühlte.
-
-Hier ist keine kleinpsychologische Heruntersetzung des großen Mannes
-geplant. Ihm war das Judentum die große Hilfe, um zur klaren Erkenntnis
-und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum Siegfried und
-zum Parsifal sich durchzuringen, und dem Germanentum den höchsten
-Ausdruck zu geben, den es wohl in der Geschichte gefunden hat. Noch
-ein Größerer als _Wagner_ mußte erst das Judentum in sich überwinden,
-ehe er die eigene Mission fand; und es ist, vorläufig gesprochen,
-_vielleicht die welthistorische Bedeutung und das ungeheuere Verdienst
-des Judentums kein anderes, als den Arier immerfort zum Bewußtsein
-seines Selbst zu bringen, ihn $an sich$ zu mahnen_. Dies ist es, was
-der Arier dem Juden zu _danken_ hat; durch ihn weiß er, wovor er sich
-hüte: _vor dem Judentum als Möglichkeit in ihm selber_.
-
-Dieses Beispiel wird hinlänglich verdeutlicht haben, was nach meinem
-Ermessen unter dem Judentum zu verstehen ist. Keine Nation und keine
-Rasse, keine Konfession und kein Schrifttum. Wenn ich fürder vom Juden
-spreche, so meine ich nie den einzelnen und nie eine Gesamtheit,
-_sondern den Menschen überhaupt, sofern er Anteil hat an der
-platonischen Idee des Judentums_. Und nur die Bedeutung dieser Idee
-gilt es mir zu ergründen.
-
-Daß aber diese Untersuchung gerade in einer Psychologie der
-Geschlechter geführt werden muß, ist unerläßlich aus Gründen einer
-Abgrenzung. Es bereitet jedem, der über beide, über das Weib und über
-den Juden, nachgedacht hat, eine eigentümliche Überraschung, wenn er
-wahrnimmt, in welchem Maße gerade das Judentum durchtränkt scheint
-von jener Weiblichkeit, deren Wesen einstweilen nur im Gegensatze
-zu _allem_ Männlichen _ohne Unterschied_ zu erforschen getrachtet
-wurde. Er könnte hier überaus leicht geneigt sein, dem Juden einen
-größeren Anteil an der Weiblichkeit zuzuschreiben, als dem Arier, ja
-am Ende eine platonische μέθεξις auch des männlichsten Juden am Weibe
-anzunehmen sich bewogen fühlen.
-
-Diese Meinung wäre irrig. Da indes eine Anzahl der wichtigsten Punkte,
-solcher Punkte, in denen das tiefste Wesen der Weiblichkeit zum
-Ausdruck zu kommen schien, beim Juden sich in einer merkwürdigen
-Weise ebenfalls und wie zum zweiten Male finden, ist es unerläßlich,
-Übereinstimmung und Abweichung hier genau festzustellen.
-
-Die Konformität will dem ersten Blicke überall sich darbieten, worauf
-er sich auch richte; ja die Analogien sehen aus, als wären sie
-außergewöhnlich weit verfolgbar: so daß man Bestätigungen früherer
-Ergebnisse wie auch manch interessanten neuen Beitrag zum Hauptthema
-anzutreffen gewärtig sein darf. Und es scheint ganz beliebig, womit man
-hiebei den Anfang macht.
-
-So ist es, um gleich eine Analogie zum Weibe anzuführen, höchst
-merkwürdig, wie sehr die Juden die beweglichen Güter bevorzugen
--- auch heutzutage, da ihnen der Erwerb anderer frei steht --
-und wie sie eigentlich, trotz allem Erwerbssinn, kein Bedürfnis
-nach dem _Eigentume_, am wenigsten in seiner festesten Form, dem
-Grundbesitze, haben. Das Eigen_tum_ steht in einem unauflöslichen
-Zusammenhang mit der Eigen_art_, mit der Individualität. Hiemit
-hängt also zusammen, daß die Juden dem Kommunismus so scharenweise
-sich zuwenden. Den _Kommunismus_ als Tendenz zur _Gemeinschaft_
-sollte man stets unterscheiden vom _Sozialismus_ als Bestrebung zu
-gesellschaftlicher _Kooperation_ und zur Anerkennung der Menschheit
-in jedem Gliede derselben. Der Sozialismus ist arisch (_Owen_,
-_Carlyle_, _Ruskin_, _Fichte_), der Kommunismus jüdisch[89] (_Marx_).
-Die moderne Sozialdemokratie hat sich in ihrem Gedankenkreise
-darum vom christlichen, präraphaelitischen Sozialismus so weit
-entfernt, weil die Juden in ihr eine so große Rolle spielen. Trotz
-ihren vergesellschaftenden Neigungen hat die marxistische Form der
-Arbeiterbewegung (im Gegensatze zu _Rodbertus_) gar kein Verhältnis
-zur Idee des _Staates_, und dies ist sicherlich nur auf das völlige
-Unverständnis des Juden für den Staatsgedanken zurückzuführen. Dieser
-ist zu wenig ein Greifbares, die Abstraktion, die in ihm liegt,
-allen konkreten Zwecken zu weit entrückt, als daß der Jude sich mit
-ihm inniger befreunden könnte. Der Staat ist das Ganze aller Zwecke,
-die nur durch eine Verbindung vernünftiger Wesen als vernünftiger
-verwirklicht werden können. _Diese kantische Vernunft aber, der Geist
-ist es, woran es dem Juden wie dem Weibe vor allem zu gebrechen
-scheint._
-
-Aus jenem Grunde ist aller Zionismus so aussichtslos, obwohl er die
-edelsten Regungen unter den Juden gesammelt hat: denn der Zionismus
-ist die Negation des Judentums, in welchem, _seiner Idee nach_, die
-Ausbreitung über die ganze Erde liegt. Der Begriff des Bürgers ist dem
-Juden vollständig _transcendent_; darum hat es nie im eigentlichen
-Sinne des Wortes einen jüdischen _Staat_ gegeben, und kann nie
-einen solchen geben. In der Staatsidee liegt eine Position, die
-Hypostasierung der interindividuellen Zwecke, der Entschluß, einer
-selbst gegebenen Rechtsordnung, deren _Symbol_ (und nichts anderes)
-das Staatsoberhaupt ist, aus freier Wahl beizutreten. Darum ist das
-Gegenteil des Staates die Anarchie, mit der gerade der Kommunismus auch
-heute noch, eben durch sein Unverständnis für den Staat, verschwistert
-ist; so sehr auch hievon die meisten anderen Elemente in der
-sozialistischen Bewegung abstechen. Wenn der Staatsgedanke in keiner
-historischen Form auch nur annähernd verwirklicht ist, so liegt doch
-in jedem geschichtlichen Versuche zur Staatenbildung etwas, vielleicht
-nur jenes Minimum von ihm, das ein Gebilde über eine bloße Association
-zu Geschäfts- und Machtzwecken erhebt. Die historische Untersuchung,
-wie ein bestimmter Staat entstanden sei, sagt nichts über die _Idee_,
-die in ihm liegt, _soweit_ er eben Staat und nicht Kaserne ist. Um
-jene zu erfassen, wird man sich bequemen müssen, der vielgeschmähten
-_Rousseau_schen Vertragstheorie wieder mehr Gerechtigkeit widerfahren
-zu lassen. Nur das Zusammentreten ethischer Persönlichkeiten zu
-gemeinsamen Aufgaben kommt im Staate, sofern er Staat ist, zum Ausdruck.
-
-Daß der Jude nicht erst seit gestern, sondern mehr oder weniger von
-jeher staatfremd ist, deutet bereits daraufhin, _daß dem Juden wie
-dem Weibe die Persönlichkeit fehlt; was sich allmählich in der
-Tat herausstellen wird_. Denn nur aus dem Mangel des intelligiblen
-Ich kann, wie alle weibliche, so auch die jüdische Unsoziabilität
-abzuleiten sein. Die Juden stecken gerne beieinander wie die Weiber,
-aber sie _verkehren_ nicht miteinander als selbständige, voneinander
-geschiedene Wesen, unter dem Zeichen einer überindividuellen Idee.
-
-So wenig wie es in der Wirklichkeit eine »Würde der _Frauen_« gibt,
-so unmöglich ist die Vorstellung eines _jüdischen_ »gentleman«. Dem
-echten Juden gebricht es an jener inneren Vornehmheit, welche Würde
-des eigenen und Achtung des fremden Ich zur Folge hat. _Es gibt keinen
-jüdischen Adel_; und dies ist um so bemerkenswerter, als doch bei den
-Juden jahrtausendelange Inzucht besteht.
-
-So erklärt sich denn auch weiter, was man jüdische Arroganz nennt:
-aus dem Mangel an _Bewußtsein_ eines Selbst und dem gewaltsamen
-Bedürfnis nach Steigerung des Wertes der Person durch Erniedrigung
-des Nebenmenschen; _denn der echte Jude hat kein Ich und darum auch
-keinen Eigenwert_. Daher, trotz seiner Inkommensurabilität mit
-allem Aristokratischen, seine weibische Titelsucht, die nur auf
-einer Linie steht mit seiner Protzerei, deren Objekte die Loge im
-Theater oder die modernen Gemälde in seinem Salon, seine christliche
-Bekanntschaft oder sein Wissen sein können. Aber zugleich ist die
-jüdische Verständnislosigkeit für alles Aristokratische erst hierin
-eigentlich begründet. Der Arier hat ein Bedürfnis zu wissen, wer
-_seine_ Ahnen waren; er achtet sie und interessiert sich für sie,
-_weil sie seine Ahnen waren_; und er schätzt sie, weil er die eigene
-Vergangenheit immer höher hält als der schnell sich verwandelnde
-Jude, der pietätlos ist, weil er dem Leben keinen Wert spenden kann.
-Ihm fehlt jener Ahnenstolz vollständig, den selbst der ärmste,
-plebejischeste Arier noch in einem gewissen Grade besitzt; er ehrt
-nicht, wie dieser, seine Vorfahren, weil sie _seine_ Vorfahren sind,
-er ehrt nicht in ihnen _sich selbst_. Der Einwand ginge fehl, der sich
-auf den außerordentlichen Umfang und die Kraft der jüdischen Tradition
-beriefe. Die Geschichte seines Volkes ist hier dem Nachfahren, auch
-demjenigen, welchem sie viel zu bedeuten scheint, nicht die Summe des
-Einstmaligen, Gewesenen, sondern stets nur der Quell, aus dem er neue
-Hoffnungsträume saugt: die _Vergangenheit_ des Juden ist nicht wirklich
-seine Vergangenheit, sie ist immer nur seine _Zukunft_. -- --
-
-Man hat die Mängel des Judentums oft genug, nicht allein
-jüdischerseits, auf die brutale Unterdrückung und Knechtung
-zurückführen wollen, welche die Juden im ganzen Mittelalter bis ins
-XIX. Jahrhundert erfahren hätten. Den Sklavensinn habe im Juden
-erst der Arier gezüchtet; und es gibt nicht wenige Christen, welche
-den Juden in dieser Weise ernstlich als ihre Schuld empfinden. Doch
-diese Gesinnung geht zu weit im Selbstvorwurf: es ist unzulässig,
-von Veränderungen zu sprechen, welche durch Einflüsse von _außen_ im
-Laufe der Generationen _im_ Menschen bewirkt worden seien, _ohne_ daß
-in diesem selber der äußeren Gelegenheit etwas entgegengekommen sei
-und ihr willig die Hand gereicht habe. Noch ist nicht bewiesen, daß
-es eine Vererbung _erworbener_ Eigenschaften gibt, und sicherer als
-bei den anderen Lebewesen bleibt, trotz aller Scheinanpassungen, beim
-_Menschen_ der Charakter des einzelnen wie der Rasse konstant. Nur die
-seichteste Oberflächlichkeit kann glauben, daß der Mensch durch seine
-Umgebung gebildet werde, ja es ist beschämend, an die Bekämpfung einer
-solchen, jeder freien Einsicht den Atem raubenden Anschauung auch nur
-eine Zeile wenden zu sollen. Wenn sich der Mensch ändert, so kann es
-nur von innen nach außen geschehen; oder es ist, wie beim Weibe, nie
-ein Wirkliches da, also das Nichts-Sein das ewig Gleichbleibende. Wie
-kann man übrigens an eine historische Erzeugung des Juden denken, da
-doch bereits das alte Testament sichtlich zustimmend davon spricht, wie
-_Jakob_, der Patriarch, seinen sterbenden Vater _Isaak_ belogen, seinen
-Bruder _Esau_ und seinen Schwieger _Laban_ übervorteilt hat?
-
-_Mit Recht_ aber wird von den Verteidigern der Juden geltend gemacht,
-daß diese, auch dem Prozentsatze nach, seltener schwere Verbrechen
-begehen als die Arier. Der Jude ist nicht eigentlich _anti_moralisch.
-Aber es müßte wohl hinzugefügt werden, daß er auch nicht den höchsten
-ethischen Typus vorstellt. Er ist vielmehr relativ _a_moralisch,
-nie sehr gut, noch je sehr böse, im Grunde keines von beiden, und
-eher _gemein_. _Daher fehlt dem Judentum, wie die Konzeption der
-Engel, auch der Begriff des Teufels_, die Personifikation des Guten
-nicht minder als die des Bösen. Durch den Hinweis auf das Buch Hiob,
-die Belialgestalt und den Eden-Mythus wird diese Behauptung nicht
-entkräftet. Zwar liegen jene modernen quellenkritischen Streitfragen,
-die Echtes und Entlehntes hier zu scheiden bemüht sind, auf einem
-Wege, den zu betreten ich mich nicht berufen fühle; was ich aber wohl
-weiß, ist dies, daß im psychischen Leben des heutigen Juden, sei er
-nun »aufgeklärt« oder sei er »orthodox«, weder ein teuflisches noch
-irgend ein engelhaftes Prinzip, weder Himmel noch Hölle auch nur die
-geringste religiöse Rolle spielen. -- Wenn also der Jude nie die
-höchste sittliche Höhe erreicht, so wird doch auch sicherlich Mord
-und Gewalttat von ihm viel seltener verübt als vom Arier; und hieraus
-wird eben das Fehlen jeder Furcht vor einem diabolischen Prinzipe erst
-völlig verständlich.
-
-Kaum minder oft als die Fürsprecher der _Juden_ berufen sich die
-Anwälte der _Frauen_ auf deren geringere Kriminalität als auf den
-Beweis ihrer vollendeteren Sittlichkeit. Die Homologie zwischen beiden
-scheint immer vollständiger zu werden. Es gibt keinen weiblichen
-Teufel, so wenig es einen weiblichen Engel gibt: nur die Liebe, jene
-trotzige Verneinung der Wirklichkeit, kann den Mann im Weibe ein
-himmlisches Wesen erblicken lassen, nur blinder Haß es für verderbt und
-schurkenhaft erklären. _Was dem Weibe wie dem Juden vielmehr durchaus
-abgeht, das ist $Größe$_, Größe in irgend welcher Hinsicht, überragende
-Sieger im Moralischen, großzügige Diener des Antimoralischen. Im
-arischen Manne sind das gute und das böse Prinzip der _kantischen_
-Religionsphilosophie _beide beisammen und doch am weitesten
-auseinandergetreten_, um ihn streiten sein guter und sein böser Dämon.
-Im Juden sind, fast wie im Weibe, Gut und Böse noch nicht voneinander
-differenziert; es gibt zwar keinen jüdischen Mörder, doch es gibt auch
-keinen jüdischen Heiligen. Und so wird es wohl richtig sein, daß die
-wenigen Elemente des Teufelsglaubens in der jüdischen Überlieferung aus
-dem Parsismus und aus Babylon stammen.
-
-Die Juden leben sonach nicht als freie, selbstherrliche, zwischen
-Tugend und Laster wählende Individualitäten wie die Arier. Diese
-stellt sich ein jeder ganz unwillkürlich vor _wie eine Schar einzelner
-Männer_, jene wie ein, über eine weite Fläche ausgebreitetes,
-zusammenhängendes Plasmodium. Der Antisemitismus hat daraus oft
-fälschlich ein hartnäckiges bewußtes Zusammenhalten gemacht, und
-von der »jüdischen Solidarität« gesprochen. Das ist eine leicht
-begreifliche Verwechslung verschiedener Dinge. Wenn gegen irgend
-einen Unbekannten, welcher dem Judentum angehört, eine Beschuldigung
-erhoben wird, und nun alle Juden innerlich für den Betreffenden sich
-einsetzen, seine Unschuld wünschen, hoffen, und zu erweisen suchen:
-_so glaube man nur ja nicht, daß der betreffende Mensch als einzelner
-Jude sie irgendwie interessiere, sein individuelles Schicksal, weil
-es das eines Juden ist, mehr Mitleid bei ihnen erwecke als das
-eines ungerecht verfolgten Ariers_. Dies ist keineswegs der Fall.
-_Nur das gefährdete Juden$tum$, die Befürchtung, es könnte auf die
-Gesamtheit der Judenschaft, besser: auf das Jüdische überhaupt, auf
-die $Idee$ des Juden$tums$ ein schädlicher Schatten fallen, führt zu
-jenen Erscheinungen unwillkürlicher Parteinahme._ Es ist ganz so,
-wie wenn die Weiber jede einzelne Angehörige ihres Geschlechtes mit
-Wonne heruntersetzen hören, und selbst erniedrigen helfen, falls nur
-auf das Weib kein schlechtes Licht hiedurch geworfen werde: wenn nur
-kein Mann sich hiedurch abschrecken läßt, _überhaupt_ nach Frauen zu
-verlangen, wofern nur niemand an der »Liebe« irre, sondern weiter
-geheiratet wird, und nicht die alten Junggesellen sich vermehren. Nur
-die _Gattung_ wird verteidigt, nur das _Geschlecht_, beziehungsweise
-die _Rasse_ geschützt, nicht das _Individuum_; dieses kommt nur
-insoferne in Betracht, als es Angehöriger der Gruppe ist. _Der echte
-Jude wie das echte Weib, sie leben beide nur in der Gattung, nicht als
-Individualitäten._[90]
-
-Hieraus erklärt es sich, daß die _Familie_ (als biologischer, nicht
-als rechtlicher Komplex) bei keinem Volk der Welt eine so große Rolle
-spielt, wie bei den Juden; nächstdem bei den mit ihnen, wie sich zeigen
-wird, entfernt verwandten Engländern. Die Familie in diesem Sinne
-ist eben weiblichen, mütterlichen Ursprungs, und hat mit dem Staate,
-mit der Gesellschaftsbildung nichts zu tun. Die Zusammengehörigkeit
-der Familienmitglieder, nur als eine Folge des gemeinsamen
-Dunstkreises, ist am engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen
-Manne, dem begabteren stets mehr als dem mittelmäßigen, aber auch
-dem gewöhnlichsten noch, ist dies eigen, daß er sich mit seinem
-_Vater_ nie völlig verträgt: weil ein jeder einen, wenn auch noch
-so leisen, unbewußten oder bewußt gewordenen _Zorn_ auf denjenigen
-Menschen empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben genötigt
-und ihm den Namen gegeben hat, der ihm bei der Geburt gutdünkte; von
-dem er zumindest hierin _abhängig_ gewesen ist, und der, auch nach
-jeder tieferen metaphysischen Anschauung, doch immer als in einem
-_Zusammenhange_ damit stehend betrachtet werden muß, daß der Sohn
-selbst in das Erdenleben wollte. Nur unter Juden kommt es vor, daß der
-Sohn ganz tief in der Familie _darinnensteckt_, und mit dem Vater in
-gemeiner Gemeinschaft sich wohl fühlt; fast nur unter Christen, daß
-Vater und Sohn wie Freund und Freund miteinander verkehren. Ja sogar
-die Töchter der Arier stehen noch immer eher außerhalb der Familie als
-die Jüdinnen, und öfter als diese ergreifen sie einen Beruf, der sie
-von Verwandten und Eltern entfernt und unabhängig macht.
-
-Auch ist hier die Probe auf die Ausführungen des vorigen Kapitels zu
-machen, welche das unindividuelle, vom anderen Menschen nicht durch
-die Grenzen des Einsamen geschiedene Leben als eine unerläßliche
-Voraussetzung der Kuppelei ansahen (S. 385). Männer, die kuppeln,
-haben immer Judentum in sich; _und damit ist der Punkt der $stärksten$
-Übereinstimmung zwischen Weiblichkeit und Judentum erreicht_. Der Jude
-ist stets lüsterner, geiler, wenn auch merkwürdigerweise, vielleicht
-im Zusammenhange mit seiner nicht eigentlich _anti_moralischen Natur,
-sexuell weniger potent als der arische Mann. Nur Juden sind echte
-Heiratsvermittler, und nirgends erfreut sich Ehevermittlung durch
-Männer einer so ausgedehnten Verbreitung wie unter den Juden. Freilich
-ist eine Tätigkeit nach dieser Richtung hier dringender als sonst
-vonnöten; denn es gibt, wessen schon einmal gedacht wurde (Teil I,
-S. 51), kein Volk der Welt, in dem so wenig aus Liebe geheiratet würde
-wie unter ihnen: ein Beweis, mehr für die Seelenlosigkeit des absoluten
-Juden.
-
-Daß die Kuppelei eine organische Veranlagung im Juden ist, wird auch
-durch das Unverständnis des Juden für alle Askese nahe gelegt; aber
-erhärtet dadurch, daß die jüdischen Rabbinen es lieben, besonders
-eingehend über das Fortpflanzungsgeschäft zu spekulieren, und eine
-mündliche Tradition im Zusammenhange mit der Kinderzeugung pflegen; wie
-dies von den Obersten eines Volkes, dessen sittliche Hauptaufgabe, nach
-seiner Überlieferung wenigstens, es sein muß, »sich zu mehren«, kaum
-anders erwartet werden kann.
-
-Kuppelei ist schließlich Grenzverwischung: _und der Jude ist der
-Grenzverwischer κατ' εξοχήν_. Er ist der Gegenpol des Aristokraten;
-das Prinzip alles Aristokratismus ist strengste _Wahrung_ aller
-_Grenzen_ zwischen den Menschen. Der Jude ist geborener Kommunist,
-und immer will er die Gemeinschaft. Die Formlosigkeit des Juden im
-Verkehr, sein Mangel an gesellschaftlichem Takte gehen hierauf zurück.
-Alle Umgangsformen sind nur die feinen Mittel, um die Grenzen der
-persönlichen Monaden zu betonen und zu schützen; der Jude aber ist
-nicht Monadologe.
-
-Ich betone nochmals, obwohl es selbstverständlich sein sollte: trotz
-der abträglichen Wertung des echten Juden kann nichts mir weniger in
-den Sinn kommen, als durch diese oder die noch folgenden Bemerkungen
-einer theoretischen oder gar einer praktischen Judenverfolgung in die
-Hände arbeiten zu wollen. Ich spreche über das Judentum als platonische
-Idee -- _es gibt einen absoluten Juden so wenig als es einen absoluten
-Christen gibt_ -- ich spreche nicht von den einzelnen Juden, von
-denen ich so vielen nur höchst ungern wehe getan haben wollte, und
-deren manchem bitteres Unrecht geschehen würde, wenn das Gesagte auf
-ihn sollte angewendet werden. Losungen wie »Kauft nur bei Christen«
-sind _jüdisch_, denn sie betrachten und werten das Individuum nur als
-Gattungsangehörigen; ähnlich wie der jüdische Begriff des »Goy« jeden
-Christen einfach als solchen bezeichnet und auch schon subsumiert.
-
-Nicht also der Boykott, und nicht etwa die Austreibung der Juden oder
-ihre Fernhaltung von Amt und Würde ist hier befürwortet. Durch solche
-Mittel ist die Judenfrage nicht lösbar, denn sie liegen nicht auf
-dem Wege der Sittlichkeit. Aber auch der »Zionismus« ist ihr nicht
-gewachsen. Er will die Juden sammeln, die, wie H. S. _Chamberlain_
-nachweist, längst vor der Zerstörung des jerusalemitischen Tempels zum
-Teile die Diaspora als ihr natürliches Leben, das Leben des über die
-ganze Erde fortkriechenden, die Individuation ewig hintertreibenden
-Wurzelstockes gewählt hatten, er will etwas _Un_jüdisches. _Die Juden
-müßten erst das Judentum überwunden haben, ehe sie für den Zionismus
-reif würden._
-
-_Zu diesem Behuf aber wäre vor allem geboten, daß die Juden sich
-selbst verstehen, daß sie sich kennen lernen und gegen sich kämpfen,
-$innerlich$ das Judentum $in sich$ besiegen $wollten$._ Bis heute
-aber kennen sich die Juden nur so weit, daß sie Witze über sich
-machen und verständnisvoll goutieren -- nicht weiter. _Unbewußt_ nur
-achtet jeder Jude den Arier höher als sich selbst. Erst die feste und
-unerschütterliche Entschlossenheit, die höchste Selbstachtung sich zu
-ermöglichen, könnte den Juden vom Judentume befreien. Dieser Entschluß
-ist aber nur vom Individuum, nicht von einer Gruppe, und sei sie noch
-so stark, noch so ehrenhaft, zu fassen und auszuführen. Darum kann die
-Judenfrage nur _individuell_ gelöst werden, _jeder einzelne Jude muß
-sie für seine Person zu beantworten suchen_.
-
-Es gibt keine andere Lösung der Frage und kann keine andere geben; dem
-Zionismus wird sie nie gelingen.
-
-Der Jude freilich, der überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden
-wäre, besäße dann allerdings auch das volle Recht, vom Arier als
-einzelner genommen, und nicht nach einer Rassenangehörigkeit mehr
-beurteilt zu werden, über die ihn sein moralisches Streben längst
-hinausgehoben hätte. Er mag unbesorgt sein: seinem gegründeten Anspruch
-wird niemand sich widersetzen wollen. Der höher stehende Arier hat
-immer das Bedürfnis den Juden zu achten, sein Antisemitismus ist ihm
-keine Freude und kein Zeitvertreib. Darum liebt er es nicht, wenn
-der Jude über den Juden Bekenntnisse ablegt; und wer es dennoch tut,
-kann, von seiner Seite fast noch weniger als von der stets so überaus
-empfindlichen Judenschaft, irgend Dank sich erhoffen. Zu allerletzt
-wünscht gerade der Arier, daß der Jude dem Antisemitismus durch die
-Taufe recht gebe. Aber auch diese Gefahr der äußersten Verkennung
-seines ehrlichsten Strebens darf den Juden, der die _innerliche_
-Befreiung will, nicht bekümmern. Er wird darauf verzichten müssen, das
-Unmögliche zu leisten, sich als _Jude_ zu schätzen, wie es der Arier
-von ihm haben will, und danach trachten, sich als _Mensch_ ehren zu
-dürfen. Er wird die seelische Taufe des Geistes zu erreichen verlangen,
-welcher die äußerliche des Körpers symbolisch nur immer dann folgen mag.
-
-Die dem Juden so wichtige und so nötige Erkenntnis dessen, _was das
-Jüdische und das Judentum eigentlich $ist$_, wäre die Lösung eines der
-schwierigsten Probleme; das Judentum ist ein viel tieferes Rätsel, als
-wohl mancher Antisemiten-Katechismus glaubt, und im letzten Grunde wird
-es einer gewissen Dunkelheit wohl nie weit entzogen werden. Auch die
-Parallele mit dem Weibe wird uns nun bald verlassen; einstweilen vermag
-sie noch weiterzuhelfen.
-
-Im Christen liegen Stolz und Demut, im Juden Hochmut und Kriecherei
-miteinander im Kampf; in jenem Selbstbewußtsein und Zerknirschung, in
-diesem Arroganz und Devotion. Mit dem völligen Mangel des Juden an
-Demut hängt sein Unverständnis für die Idee der Gnade zusammen. Aus
-seiner knechtischen Veranlagung entspringt seine heteronome Ethik,
-der Dekalog, das unmoralischeste Gesetzbuch der Welt, welches für die
-gehorsame Befolgung eines mächtigen _fremden_ Willens das Wohlergehen
-auf _Erden_ in Aussicht stellt und die Eroberung der Welt verheißt. Das
-Verhältnis zum Jehovah, dem _abstrakten_ Götzen, vor dem er die Angst
-des _Sklaven_ hat, dessen Namen er nicht einmal _auszusprechen_ wagt,
-charakterisiert den Juden analog dem Weibe als einer fremden Herrschaft
-über sich bedürftig. _Schopenhauer_ definiert einmal: »Das Wort Gott
-bedeutet einen Menschen, der die Welt gemacht hat.« Für den Gott der
-Juden trifft dies allerdings zu. Von dem Göttlichen _im_ Menschen,
-dem »Gott, der mir im Busen wohnt,« weiß der echte Jude nichts; dem,
-was _Christus_ und _Plato_, _Eckhard_ und _Paulus_, _Goethe_ und
-_Kant_, was von den _vedischen Priestern_ bis auf _Fechners_ herrliche
-Schlußverse aus den »Drei Motiven und Gründen des Glaubens« jeder
-Arier unter dem Göttlichen gemeint hat, dem Worte »Ich werde bei euch
-sein alle Tage bis an der Welt Ende«: all dem steht er verständnislos
-gegenüber. Denn was im Menschen von Gott ist, das ist des Menschen
-Seele; _der absolute Jude aber ist seelenlos_.
-
-_So kann es denn gar nicht anders sein, als daß dem alten Testamente
-der Unsterblichkeitsglaube fehlt. Wer keine Seele hat, wie sollte
-der nach ihrer Unsterblichkeit ein Bedürfnis haben?_ Ebenso
-wie den Frauen fehlt den Juden, und zwar ganz allgemein, das
-_Unsterblichkeitsbedürfnis_: »Anima naturaliter christiana« -- so sagt
-_Tertullian_.
-
-Aus dem nämlichen Grunde aber gibt es unter den Juden --
-H. S. _Chamberlain_ hat das richtig erkannt -- auch keine eigentliche
-Mystik, außer einer wüsten Superstitio und Interpretationsmagie, »die
-Kabbâla« genannt. Der jüdische Monotheismus hat mit echtem Glauben
-an Gott nichts, gar nichts zu tun, er ist vielmehr seine Negation,
-der »Afterdienst« des wahren Dienstes unter dem guten Prinzipe,
-die Homonymität des Judengottes und des Christengottes die ärgste
-Verhöhnung des letzteren. Hier ist keine Religion aus reiner Vernunft;
-eher ein Altweiberglaube aus schmutziger Angst.
-
-Warum wird aber aus dem orthodoxen Jehovah-Knecht so rasch und leicht
-ein Materialist, ein »Freigeist«? Warum ist das _Lessing_sche Wort
-vom »Aufkläricht«, trotz der Einrede des wohl nicht ohne guten Grund
-antisemitischen _Dühring_, wie auf das Judentum gemünzt? Hier ist
-der _Sklavensinn_ gewichen und hat seiner steten Kehrseite, der
-_Frechheit_, Platz gemacht: beide sind wechselnde Phasen eines und
-desselben Wollens im nämlichen Menschen. Die _Arroganz den Dingen
-gegenüber_, die nicht als Symbole eines Tieferen empfunden oder auch
-nur dunkel geahnt werden, der Mangel an »verecundia« auch vor dem
-Naturgeschehen, das führt zur jüdischen, materialistischen Form der
-Wissenschaft, wie sie leider heute eine gewisse Herrschaft erlangt
-hat, und intolerant gegen alle Philosophie geworden ist. Wenn man,
-wie es notwendig und allein richtig ist, das Judentum als eine _Idee_
-betrachtet, an der auch der Arier mehr oder weniger _Anteil_ haben
-kann, dann wird wenig dagegen einzuwenden sein, wenn man an die Stelle
-der »_Geschichte des Materialismus_« lieber ein »_Wesen des Judentums_«
-gesetzt wissen will. »Das Judentum in der Musik« hat _Wagner_
-besprochen; vom _Judentum in der Wissenschaft_ ist hier noch einiges zu
-sagen.
-
-Judentum im weitesten Sinne ist jene Richtung in der Wissenschaft,
-welcher diese vor allem _Mittel zum Zweck_ ist, alles Transcendente
-auszuschließen. Der Arier empfindet das Bestreben, _alles_ begreifen
-und ableiten zu wollen, als eine Entwertung der Welt, denn er
-fühlt, daß gerade das Unerforschliche es ist, das dem Dasein seinen
-Wert verleiht. Der Jude hat keine Scheu vor Geheimnissen, weil er
-nirgends welche ahnt. Sein Bestreben ist es, die Welt möglichst
-platt und gewöhnlich zu sehen, nicht um durch Klarheit dem ewig
-Dunklen sein ewiges Recht erst zu sichern, sondern um eine öde
-Selbstverständlichkeit des Alls zu erzeugen und die Dinge aus dem
-Wege zu räumen, welche einer freien Bewegung seiner Ellbogen auch
-im Geistigen entgegenstehen. Die _anti_philosophische (nicht die
-aphilosophische) Wissenschaft ist im Grunde jüdisch.
-
-Auch sind die Juden stets, eben weil ihre Gottesverehrung
-mit wahrer Religion gar keine Verwandtschaft hat, der
-mechanistisch-materialistischen Anschauung der Welt am wenigsten abhold
-gewesen; wie _sie_ am eifrigsten den _Darwinismus_ und die lächerliche
-Theorie von der Affenabstammung des Menschen aufgriffen, so wurden sie
-beinahe schöpferisch als Begründer jener _ökonomischen_ Auffassung
-der menschlichen Geschichte, welche den Geist aus der Entwicklung
-des Menschengeschlechtes am vollständigsten streicht. Früher die
-enragiertesten Anhänger _Büchners_, sind sie jetzt die begeistertsten
-Vorkämpfer _Ostwalds_.
-
-Es ist auch kein Zufall, daß die _Chemie_ heutzutage in so weitem
-Umfang in den Händen der Juden sich befindet, wie einst in den Händen
-der stammesverwandten Araber. Das Aufgehen in der Materie, das
-Bedürfnis, alles in ihr aufgehen zu lassen, setzt den Mangel eines
-intelligiblen Ich voraus, ist also wesentlich jüdisch.
-
-»_O curas Chymicorum! o quantum in pulvere inane!_«
-
-Dieser Hexameter ist freilich von dem _deutschesten_ Forscher aller
-Zeiten: der ihn gedichtet hat, heißt Johannes _Kepler_.[91]
-
-Es hängt mit dem Einflusse jüdischen Geistes auch sicherlich zusammen,
-daß die Medizin, welcher die Juden so scharenweise sich zuwenden,
-ihre heutige Entwicklung genommen hat. Stets, von den Wilden bis zur
-heutigen Naturheilbewegung, von der sich die Juden bezeichnenderweise
-gänzlich ferngehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religiöses,
-war der Medizinmann der Priester. Die bloß _chemische_ Richtung in der
-Heilkunde -- das ist das Judentum. Sicherlich aber wird niemals das
-Organische aus dem Unorganischen, sondern höchstens dieses aus jenem
-zu erklären sein. Es ist kein Zweifel, daß _Fechner_ und _Preyer_
-recht haben, die das Tote aus dem Lebenden, und nicht umgekehrt,
-entstanden sein lassen. Was wir täglich im _individuellen_ Leben vor
-sich gehen sehen: daß Organisches zu Anorganischem wird (schon durch
-die Verknöcherung und Verkalkung im Alter, die senile Arteriosklerose
-und Atheromatose, wird der Tod vorbereitet); indes noch niemand,
-aus Totem Lebendes hat erstehen sehen -- das sollte, im Sinne des
-»biogenetischen« Parallelismus zwischen Ontogenie und Phylogenie, auch
-auf die _Gesamtheit_ der anorganischen Materie angewendet werden. Hat
-die Lehre von der Urzeugung von _Swammerdam_ bis _Pasteur_ so viele
-Posten nacheinander aufgeben müssen, so wird sie auch ihren letzten
-Halt, den sie im monistischen Bedürfnis so vieler zu haben scheint,
-fahren lassen, wenn dieses anders und besser wird befriedigt werden
-können. Die Gleichungen für das tote Geschehen werden sich vielleicht
-einmal durch Einsetzung bestimmter Zeitwerte als _Grenz_fälle der
-Gleichungen des lebendigen Geschehens ergeben, nie umgekehrt das
-Lebende durch das Tote darstellbar sein. Die _Homunculus-Bestrebungen_
-sind _Faust_ fremd, _Goethe_ hat sie nicht ohne Grund für _Wagner_, den
-Famulus, reserviert. Mit der Chemie ist wahrhaftig nur den Exkrementen
-des Lebendigen beizukommen; ist doch das Tote selbst nur ein Exkret
-des Lebens. Die chemische Anschauungsweise setzt den Organismus auf
-eine Stufe mit seinen Auswürfen und Abscheidungen. Wie anders sollten
-Erscheinungen zu erklären sein gleich dem Glauben eines Menschen, durch
-Ernährung mit mehr oder weniger Zucker das Geschlecht des werdenden
-Kindes beeinflussen zu können? Das _unkeusche Anpacken_ jener Dinge,
-die der Arier im Grunde seiner Seele immer als _Schickung_ empfindet,
-ist erst durch den Juden in die Naturwissenschaft gekommen. Die Zeit
-jener tiefreligiösen Forscher, für die ihr Objekt stets an einer
-übersinnlichen Dignität einen, wenn auch noch so geringen, Anteil
-hatte, für die es Geheimnisse gab, die vom Staunen kaum je sich
-erholten über das, was sie zu entdecken sich _begnadet_ fühlten, die
-Zeit eines _Kopernikus_ und _Galilei_, eines _Kepler_ und _Euler_,
-_Newton_ und _Linné_, _Lamarck_ und _Faraday_, Konrad _Sprengel_ und
-_Cuvier_ scheint vorüber. Die heutigen Freigeister, die, weil sie vom
-Geiste frei sind, an keine immanente Offenbarung eines Höheren im
-Naturganzen mehr zu glauben vermögen, sind, vielleicht eben darum,
-auch in ihrem besonderen wissenschaftlichen Fache nicht imstande, jene
-Männer wirklich zu ersetzen und zu erreichen.
-
-Aus diesem _Mangel an Tiefe_ wird auch klar, weshalb die Juden keine
-ganz großen Männer hervorbringen können, _weshalb dem Judentum_, wie
-dem Weibe, _die höchste Genialität versagt ist_. Der hervorragendste
-Jude der letzten neunzehnhundert Jahre, an dessen rein semitischer
-Abkunft zu zweifeln kein Grund vorliegt, und der sicherlich viel mehr
-Bedeutung besitzt als der, fast jeder _Größe_ entbehrende, Dichter
-_Heine_ oder der originelle, aber keineswegs tiefe Maler _Israels_, ist
-der Philosoph _Spinoza_. Die allgemein übliche ungeheure Überschätzung
-auch des letzteren geht weniger auf Vertiefung in seine Werke und ein
-Studium derselben, als auf den zufälligen Umstand zurück, daß er der
-einzige Denker ist, den _Goethe_ eingehender gelesen hat.
-
-Für _Spinoza_ selbst gab es eigentlich keine _Probleme_: darin zeigt er
-sich als echter Jude; sonst hätte er nicht jene »mathematische Methode«
-wählen können, die wie darauf berechnet ist, alles _selbstverständlich_
-erscheinen zu lassen. Spinozas System war sein Schutzbau, in den er
-sich darum zurückzog, weil niemand so sehr wie er gemieden hat über
-sich nachzudenken; darum konnte es für denjenigen Menschen, der wohl
-am meisten, und schmerzvoller als alle anderen, über sich nachgedacht
-hat, darum konnte es für _Goethe_ eine Beruhigung und Erholung werden.
-Denn der wahrhaft bedeutende Mensch denkt, über was immer er denke,
-im Grunde doch immer nur über sich selbst nach. Und so gewiß _Hegel_
-im Unrecht war, die logische Opposition wie eine reale Repugnanz zu
-behandeln, so gewiß geht doch auch das trockenste _logische Problem_
-beim _tieferen_ Denker _psychologisch_ auf einen mächtigen _inneren
-Konflikt_ zurück. Spinozas System, in seinem voraussetzungslosen
-Monismus und Optimismus, in seiner vollkommenen Harmonie, die
-Goethe so hygienisch empfand, ist unleugbar keine Philosophie eines
-Gewaltigen: sie ist die Absperrung eines die Idylle suchenden,
-und ihrer doch nicht wirklich fähigen, weil gänzlich humorlosen
-Unglücklichen.
-
-Die Echtheit seines Judentums erweist Spinoza mehrfach, und läßt
-deutlich die Grenzen sichtbar werden, welche rein jüdischem Geiste
-immer gezogen sind: ich meine hier weniger sein Unverständnis für den
-Staatsgedanken und seine Anhängerschaft an den _Hobbes_schen »Krieg
-aller gegen alle« als angeblichen Urzustand der Menschheit. Was den
-relativen Tiefstand seiner philosophischen Anschauungen bezeugt,
-ist vielmehr sein völliges Unverständnis für die _Willensfreiheit_
--- der Jude ist stets Sklave und also Determinist -- und am meisten
-dies, daß für ihn, als _echten Juden_, die Individuen nur Accidenzen,
-nicht Substanzen, nur nicht-wirkliche Modi einer allein wirklichen,
-aller Individuation fremden unendlichen Substanz sind. Der Jude ist
-nicht Monadolog. Darum gibt es keinen tieferen Gegensatz als den
-zwischen _Spinoza_ und seinem weit bedeutenderen und universelleren
-Zeitgenossen _Leibniz_, dem Vertreter der _Monaden_-Lehre, und deren
-noch weit größerem Schöpfer _Bruno_, dessen Ähnlichkeit mit Spinoza
-eine oberflächliche Anschauung in einer ans Groteske streifenden Weise
-übertrieben hat.[92]
-
-Wie das »Radikal-Gute« und das »Radikal-Böse«, so fehlt aber dem Juden
-(_und dem Weibe_) _mit dem Genie_ auch das _Radikal-Dumme_ in der
-menschlichen, männlichen Natur. Die spezifische Art der Intelligenz,
-die dem Juden wie dem Weibe nachgerühmt wird, ist freilich einerseits
-nur _größere Wachsamkeit ihres größeren Egoismus_; anderseits beruht
-sie auf der unendlichen Anpassungsfähigkeit beider an alle beliebigen
-äußeren Zwecke ohne Unterschied: _weil sie keinen urwüchsigen Maßstab
-des Wertes, kein Reich der Zwecke in der eigenen Brust tragen_. Dafür
-haben sie ungetrübtere natürliche Instinkte, welche dem arischen Manne
-nicht in gleicher Weise zurückkehren, um ihm weiterzuhelfen, wenn ihn
-das Übersinnliche in seiner Intelligenz verlassen hat.
-
-Hier ist auch der Ort, der seit Richard _Wagner_ oft hervorgehobenen
-Ähnlichkeit des Engländers mit dem Juden zu gedenken. Denn sicherlich
-haben unter allen Germanen sie am ehesten eine gewisse Verwandtschaft
-mit den Semiten. Ihre Orthodoxie, ihre streng wörtliche Auslegung der
-Sabbatruhe weist darauf hin. Es ist in der Religiosität der Engländer
-nicht selten Scheinheiligkeit, in ihrer Askese nicht wenig Prüderie
-gelegen. Auch sind sie, wie die Frauen, weder durch Musik noch durch
-Religion je produktiv gewesen: es mag irreligiöse Dichter geben --
-_sehr_ große Künstler können es nicht sein -- aber es gibt keinen
-irreligiösen Musiker. Und es hängt hiemit auch zusammen, warum die
-Engländer keinen bedeutenden Architekten, und nie einen hervorragenden
-Philosophen hervorgebracht haben. _Berkeley_ ist wie _Swift_ und
-_Sterne_ ein _Ire_, _Erigena_, _Carlyle_ und _Hamilton_, ebenso wie
-_Burns_, sind _Schotten_. _Shakespeare_ und _Shelley_, die zwei größten
-Engländer, bezeichnen noch lange nicht die Gipfel der Menschheit, sie
-reichen auch nicht entfernt hinan an _Dante_, oder an _Aischylos_.
-Und wenn wir nun die englischen »Philosophen« betrachten, so sehen
-wir, wie von ihnen seit dem Mittelalter stets die Reaktion gegen alle
-Tiefe ausgegangen ist: von _Wilhelm von Occam_ und _Duns Scotus_
-angefangen, über _Roger Baco_ und seinen _Namensvetter den Kanzler_,
-den Spinoza so geistesverwandten _Hobbes_ und den seichten _Locke_,
-bis zu _Hartley_, _Priestley_, _Bentham_, den beiden _Mill_, _Lewes_,
-_Huxley_, _Spencer_. Damit sind aber aus der Geschichte der englischen
-Philosophie die wichtigsten Namen auch schon aufgezählt; denn Adam
-_Smith_ und David _Hume_ waren Schotten. _Vergessen wir niemals,
-daß uns aus England die seelenlose Psychologie gekommen ist!_ Der
-Engländer hat dem Deutschen als tüchtiger Empiriker, als Realpolitiker
-im Praktischen wie im Theoretischen imponiert, aber damit ist seine
-Wichtigkeit für die Philosophie auch erschöpft. Es hat noch nie einen
-tieferen Denker gegeben, der beim Empirismus stehen geblieben ist; und
-noch nie einen Engländer, der über ihn selbständig hinausgekommen wäre.
-
-Dennoch darf man den Engländer nicht mit dem Juden verwechseln. Im
-Engländer ist viel mehr Transcendentes als im Juden, nur ist sein Sinn
-mehr vom Transcendenten aufs Empirische, als vom Empirischen aufs
-Transcendente gerichtet. Sonst wäre er nicht so _humorvoll_, wie er es
-ist, indes dem Juden der Humor fehlt, indem dieser vielmehr selbst,
-nach der Sexualität, das ergiebigste Objekt alles Witzes ist.
-
-Ich weiß wohl, ein wie schwieriges Problem das Lachen und der Humor
-ist; so schwierig wie alles, was nur menschlich und nicht auch tierisch
-ist, so schwierig, daß _Schopenhauer_ gar nichts Rechtes, und selbst
-_Jean Paul_ nichts ganz Befriedigendes über den Gegenstand zu sagen
-weiß. Im Humor liegt zunächst vielerlei: für manche Menschen scheint
-er eine feinere Form des Mitleids mit anderen oder mit sich selbst zu
-bedeuten; aber damit ist nichts ausgesprochen, was gerade für den Humor
-ausschließlich charakteristisch wäre. In ihm mag bewußtes »Pathos der
-Distanz« zum Ausdruck kommen -- beim gänzlich unpathetischen Menschen;
-aber auch hiemit ist nichts gerade für ihn Entscheidendes gewonnen.
-
-Das Wesentlichste im Humor scheint mir eine _übermäßige Betonung
-des Empirischen_, um dessen _Unwichtigkeit_ eben hiedurch klarer
-darzustellen. Lächerlich ist im Grunde alles, was verwirklicht ist; und
-hierauf gründet sich der Humor, so ist er das Widerspiel der Erotik.
-Will diese aus dem Begrenzten ins Unbegrenzte, so läßt der Humor auf
-das Begrenzte sich nieder, schiebt es allein in den Vordergrund der
-Bühne, und stellt es bloß, indem er es von allen Seiten betrachtet.
-Nur der Humorist hat den Sinn für das Kleine und den Zug zum Kleinen;
-sein Reich ist weder Meer noch Gebirge, sein Gebiet ist das Flachland.
-Darum sucht er mit Vorliebe das Idyll auf und vertieft sich in jedes
-_Einzelding_: aber immer nur, um sein _Mißverhältnis_ zum _Ding an
-sich_ zu enthüllen. _Er blamiert die Immanenz, indem er sie von der
-Transcendenz gänzlich loslöst_, ja nicht einmal den Namen der letzteren
-mehr nennt. Der Witz sucht den Widerspruch innerhalb der Erscheinung
-auf, der Humor tut ihr den größeren Tort an, sie wie ein in sich
-geschlossenes Ganzes hinzustellen; _beide zeigen, was alles möglich
-ist_; und kompromittieren hiedurch am gründlichsten die Erfahrungswelt.
-Die Tragik hingegen tut dar, was in alle Ewigkeit _unmöglich_ ist, und
-so verneinen Komik und Tragik, jede auf ihre Weise, die Empirie, obwohl
-sie eine das Gegenteil der anderen zu sein scheinen.
-
-Der Jude, der nicht vom Übersinnlichen kommt wie der Humorist, und
-nicht zum Übersinnlichen will wie der Erotiker, hat kein Interesse,
-das Gegebene geringer zu werten: darum wird ihm das Leben nie zum
-Gaukelspiel, nie zum Tollhaus. Weil der Humor _höhere_ Werte kennt,
-als alle konkreten Dinge, und sie nur listig _verschweigt_, ist er
-seinem Wesen nach _tolerant_; die Satire, sein Gegenteil, ist ihrem
-Wesen nach _intolerant_ und entspricht darum besser der eigentlichen
-Natur des Juden wie der des Weibes. Juden und Weiber sind humorlos,
-aber spottlustig. In Rom hat es sogar eine Verfasserin von Satiren,
-_Sulpicia_ mit Namen, gegeben. Weil die Satire unduldsam ist, macht
-sie den Menschen in der Gesellschaft am leichtesten unmöglich. Der
-Humorist, der es zu verhindern weiß, daß die Kleinigkeiten und
-Kleinlichkeiten der Welt ihn und die anderen Menschen ernstlich
-zu bekümmern anfangen, ist der am liebsten gesehene Gast in jeder
-Gesellschaft. Denn der Humor räumt wie die Liebe Berge aus dem Wege;
-er ist eine Verhaltungsweise, die ein soziales Leben, d. h. eine
-Gemeinsamkeit unter einer _höheren_ Idee, sehr begünstigt. Der Jude ist
-denn auch nicht, der Engländer in hohem Maße sozial veranlagt.
-
-Der Vergleich des Juden mit dem Engländer versagt also noch viel früher
-als sein Vergleich mit dem Weibe. Der Grund, aus welchem dennoch
-hier wie dort Ausführlichkeit geboten schien, liegt in der Hitze des
-Kampfes, welcher um Wert und Wesen des Judentums seit längster Zeit
-geführt wird. Auch darf ich hier wohl auf _Wagner_ mich berufen, den
-das Problem des Judentums am intensivsten, von Anfang bis zuletzt,
-beschäftigt hat, und der nicht nur im Engländer einen Juden hat wieder
-entdecken wollen: auch über seiner _Kundry_, der tiefsten Frauengestalt
-der Kunst, schwebt unverkennbar der Schatten des _Ahasverus_.
-
-Noch mehr scheint es im Sinne der Parallele mit dem Weibe gelegen,
-und noch stärker verleitet zu ihrer voreiligen Annahme, daß -- nicht
-bloß für die Augen des Juden -- keine Frau der Welt die _Idee_ des
-Weibes so völlig repräsentiert wie die Jüdin. Selbst vom Arier wird
-sie ähnlich empfunden: man denke an _Grillparzers_ »Jüdin von Toledo«.
-Dieser Schein wird darum so leicht erregt, weil die Arierin vom Arier
-auch das Metaphysische als einen Sexualcharakter fordert, und von
-seinen religiösen Überzeugungen ebenso zu durchdringen ist, wie von
-seinen anderen Qualitäten (vgl. Kapitel 9 gegen Ende und Kapitel 12).
-In Wirklichkeit gibt es freilich dennoch nur Christen und nicht
-Christinnen. Die Jüdin aber kann, sowohl als kinderreiche Hausmutter
-wie als wollüstige Odaliske, die Weiblichkeit in ihren beiden Polen,
-als Kypris und als Kybele, darum vollständiger zu repräsentieren
-scheinen, weil der Mann, der sie sexuell ergänzt und geistig
-imprägniert, der Mann, der sie für sich geschaffen hat, selber so wenig
-Transcendentes in sich birgt.
-
-Die Kongruenz zwischen Judentum und Weiblichkeit _scheint_ eine völlige
-zu werden, sobald auf die unendliche Veränderungsfähigkeit des Juden
-zu reflektieren begonnen wird. Das große Talent der Juden für den
-Journalismus, die »Beweglichkeit« des jüdischen Geistes, der Mangel
-an einer wurzelhaften und ursprünglichen _Gesinnung_ -- lassen sie
-nicht von den Juden wie von den Frauen es gelten: _sie $sind$ nichts,
-und können eben darum alles $werden$_? Der Jude ist Individuum, aber
-nicht Individualität; dem niederen Leben ganz zugewandt, hat er kein
-Bedürfnis nach der persönlichen Fortexistenz: es fehlt ihm das wahre,
-unveränderliche, das metaphysische Sein, er hat keinen Teil am höheren,
-_ewigen Leben_.
-
-Und doch gehen gerade hier Judentum und Weiblichkeit in entscheidender
-Weise _auseinander_; _das Nicht-Sein und Alles-Werden-Können ist im
-Juden ein anderes als in der Frau_. Die Frau ist die Materie, die
-_passiv_ jede Form annimmt. Im Juden liegt zunächst unleugbar eine
-gewisse _Aggressivität_: nicht durch den großen Eindruck, den andere
-auf ihn hervorbringen, wird er rezeptiv, er ist nicht suggestibler
-als der Arier; sondern er paßt sich den verschiedenen Umständen und
-Erfordernissen, jeder Umgebung und jeder Rasse selbsttätig an; wie
-der Parasit, der in jedem Wirte ein anderer wird, und so völlig ein
-verschiedenes Aussehen gewinnt, daß man ein neues Tier vor sich
-zu haben glaubt, während er doch immer derselbe geblieben ist. Er
-assimiliert sich allem und assimiliert es so sich; und er wird hiebei
-nicht vom anderen unterworfen, sondern unterwirft sich so ihn.
-
-Das Weib ist ferner _gar nicht_, der Jude _eminent begrifflich_
-veranlagt, womit auch seine Neigung für die Jurisprudenz zusammenhängt,
-welcher die Frau nie Geschmack abgewinnen wird; und auch in dieser
-begrifflichen Natur des Juden kommt seine _Aktivität_ zum Ausdruck,
-eine Aktivität freilich von ganz eigentümlicher Art, keine Aktivität
-der selbstschöpferischen Freiheit des höheren Lebens.
-
-Der Jude ist ewig wie das Weib, ewig nicht als Persönlichkeit, sondern
-als Gattung. _Er ist nicht unmittelbar wie der arische Mann, aber seine
-Mittelbarkeit ist trotzdem eine andere als die des Weibes._
-
-Am tiefsten wird die Erkenntnis des eigentlich-jüdischen Wesens
-erschlossen durch die _Irreligiosität_ des Juden. Es ist hier nicht der
-Ort für eine Untersuchung des Religionsbegriffes, und es sei denn unter
-Religion, ohne eine Begründung, die notgedrungen langatmig werden und
-vom Thema weit abführen müßte, zunächst die _Bejahung alles ewigen, aus
-den Daten des niederen nie abzuleitenden, nie zu erweisenden höheren
-Lebens $im$ Menschen $durch$ den Menschen_ verstanden. _Der Jude ist
-der $ungläubige$_ Mensch. _Glaube_ ist jene Handlung des Menschen,
-durch welche er in Verhältnis zu einem _Sein_ tritt. Der _religiöse
-Glaube_ richtet sich nur speziell auf das _$absolute$ Sein_. _Und der
-Jude $ist$ nichts, im tiefsten Grunde darum, weil er nichts $glaubt$._
-
-Glaube aber ist alles. Mag ein Mensch an Gott glauben oder nicht, es
-kommt nicht alles darauf an: wenn er nur wenigstens an seinen Atheismus
-glaubt. Das aber ist es eben; der Jude glaubt gar nichts, er glaubt
-nicht an seinen Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel. Er ist nie
-ganz durchdrungen von seinem Jubel, aber ebensowenig fähig, völlig von
-seinem Unglück erfüllt zu werden. Er nimmt sich nie ernst, und darum
-nimmt er auch keinen anderen Menschen, keine andere Sache wahrhaft
-ernst.
-
-_Hiemit ist die wesentliche Differenz zwischen dem Juden und dem
-Weibe endlich bezeichnet._ Ihre Ähnlichkeit beruht zu allertiefst
-darauf, daß er, so wenig wie sie, _an sich selbst_ glaubt. Aber _sie_
-glaubt an den _anderen_, an den Mann, an das Kind, an »die Liebe«;
-sie hat einen Schwerpunkt, nur liegt er außerhalb ihrer. _Der Jude
-aber glaubt nichts, weder in sich noch außer sich_; auch im Fremden
-hat er keinen Halt, auch in ihm schlägt er keine Wurzeln gleich dem
-Weibe. Und nur gleichsam symbolisch erscheint sein Mangel an irgend
-welcher Bodenständigkeit in seinem so tiefen Unverständnis für allen
-Grundbesitz und seiner Vorliebe für das mobile Kapital.
-
-Die Frau glaubt an den Mann, an den Mann außer sich oder an den Mann
-in sich, an den Mann, von dem sie geistig imprägniert worden ist,
-und kann auf diese Weise sogar sich selbst ernst nehmen.[93] Der
-Jude hält nie etwas wirklich für echt und unumstößlich, für heilig
-und unverletzbar. Darum ist er überall frivol, und alles bewitzelnd;
-er glaubt keinem Christen sein Christentum, geschweige denn einem
-Juden die Ehrlichkeit seiner Taufe. Aber er ist auch nicht wirklich
-realistisch und keineswegs ein echter Empiriker. Hier ist an den
-früheren Aufstellungen, die, zum Teile, an H. S. _Chamberlain_ sich
-anschlossen, die wichtigste Einschränkung vorzunehmen. Der Jude ist
-nicht eigentlich immanent wie der englische Erfahrungsphilosoph; denn
-der Positivismus des bloßen Empiristen glaubt an einen Abschluß alles
-menschenmöglichen Wissens im Bereiche der Sinnfälligkeit, er hofft auf
-die Vollendung des Systemes exakter Wissenschaft. Der Jude aber glaubt
-auch an das Wissen nicht; und doch er ist darum keineswegs Skeptiker,
-denn ebensowenig ist er vom Skeptizismus überzeugt. Dagegen waltet noch
-über einem gänzlich ametaphysischen Systeme wie dem des _Avenarius_
-eine weihevolle Sorgfalt, ja selbst über die relativistischen
-Anschauungen von Ernst _Mach_ ist eine vertrauensvolle _Frömmigkeit_
-ausgebreitet. Der Empirismus mag nicht tief sein; jüdisch ist er darum
-nicht zu nennen.
-
-_Der Jude ist der unfromme Mensch im weitesten Sinne._ Frömmigkeit
-aber ist der Grund von allem, und die Basis, auf der alles andere
-erst sich erhebt. Man hält den Juden schon für prosaisch, weil er
-nicht schwungvoll ist, und nach keinem Urquell des Seins sich sehnt;
-mit Unrecht. Alle echte innere Kultur, und was immer ein Mensch für
-Wahrheit halte, daß es für ihn Kultur, daß es für ihn Wahrheit, daß es
-für ihn Werte gibt, das ruht auf dem Grunde des Glaubens, es bedarf der
-Frömmigkeit. Und Frömmigkeit ist nicht etwas, das bloß in der Mystik
-und in der Religion sich offenbart; auch aller Wissenschaft und aller
-Skepsis, allem, womit der Mensch es _innerlich ernst meint_, liegt
-_sie_ am tiefsten zu Grunde. Daß sie auf verschiedene Weise sich äußern
-mag, ist sicher: Begeisterung und Sachlichkeit, hoher Enthusiasmus und
-tiefer Ernst, das sind die zwei vornehmsten Arten, in welchen sie zum
-Vorschein gelangt. Der Jude ist nie schwärmerisch, aber er ist auch
-nicht eigentlich nüchtern; er ist nicht ekstatisch, aber er ist auch
-nicht trocken. Fehlt ihm der niedere wie der geistige Rausch, ist er
-so wenig Alkoholiker, als höherer Verzückung fähig, so ist er darum
-noch nicht kühl, und noch in weiter Ferne von der Ruhe überzeugender
-Argumentation: seine Wärme schwitzt, und seine Kälte dampft. Seine
-Beschränkung wird immer Magerkeit, seine Fülle immer Schwulst. Kommt
-er, wenn er zur schrankenlosen Begeisterung des Gefühles den Aufflug
-wagt, nie weit über das Pathetische hinaus, so unterläßt er, auch wenn
-er in den engsten Fesseln des Gedankens sich zu bewegen unternimmt,
-doch nicht, geräuschvoll mit seinen Ketten zu rasseln. Und drängt es
-ihn auch kaum zum Kuß der ganzen Welt, er bleibt gegen sie darum nicht
-minder zudringlich.
-
-Alle Sonderung und alle Umschlingung, alle Strenge und alle Liebe,
-alle Sachlichkeit und alles Hymnische, jede wahre, unverlogene Regung
-im Menschenherzen, sei sie ernst oder freudig, ruht zuletzt auf der
-Frömmigkeit. Der Glaube muß nicht, wie im Genius, im religiösesten
-Menschen, auf eine metaphysische Entität sich beziehen -- Religion
-ist Setzung seiner selbst und der Welt mit sich selbst -- er mag auch
-auf ein empirisches Sein sich erstrecken, und hierin gleichsam völlig
-aufzugehen scheinen: es ist doch nur ein und derselbe Glaube an ein
-Sein, an einen Wert, eine Wahrheit, an ein Absolutes, an einen Gott.
-Religion ist Schöpfung des Alls; und alles, was im Menschen _ist_, ist
-nur durch _Religion_. Der Jude ist demnach nicht der religiöse Mensch,
-wofür man ihn so oft ausgegeben hat; sondern der irreligiöse Mensch
-κατ' εξοχήν.[94]
-
-Soll ich dies nun noch begründen? Soll ich lange ausführen, wie der
-Jude ohne Eifer im Glauben ist, und darum die jüdische Konfession
-die einzige, die um keinen Proselyten wirbt, der zum Judentum
-Übergetretene dessen Bekennern selbst das größte Rätsel und die größte
-Verlegenheit?[95] Soll ich über das Wesen des jüdischen Gebetes hier
-mich verbreiten und seine Formelhaftigkeit, seinen Mangel an jener
-Inbrunst, die nur der Augenblick geben kann, betonen? Soll ich endlich
-wiederholen, was die jüdische Religion ist: keine Lehre vom Sinn und
-Zweck des Lebens, sondern eine historische Tradition, zusammenzufassen
-in dem einen Übergang durchs rote Meer, gipfelnd also in dem Danke des
-flüchtenden Feigen an den mächtigen Erretter? Es wäre wohl auch sonst
-klar: der Jude ist der irreligiöse Mensch, und von jedem Glauben am
-allerweitesten entfernt. Er setzt nicht sich selbst und mit sich die
-Welt, worin das Wesentliche in der Religion besteht. Aller Glaube ist
-heroisch: der Jude aber kennt weder den Mut noch das Fürchten, als das
-Gefühl des bedrohten Glaubens; er ist weder sonnenhaft noch dämonisch.
-
-Nicht also, wie _Chamberlain_ glaubt, Mystik, sondern _Frömmigkeit_
-ist das, was dem Juden zu allerletzt mangelt. Wäre er nur ehrlicher
-Materialist, wäre er nur bornierter Entwicklungsanbeter! Aber er ist
-nicht Kritiker, sondern nur Kritikaster, er ist nicht Skeptiker nach
-dem Bilde des _Cartesius_, nicht Zweifler, um aus dem größten Mißtrauen
-zur größten Sicherheit zu gelangen; sondern absoluter Ironiker wie --
-hier kann ich eben nur einen Juden nennen -- wie Heinrich _Heine_. Er
-ist gar nicht echter Revolutionär (denn woher käme ihm die Kraft und
-der innere Elan der Empörung?), und unterscheidet sich eben hiedurch
-vom _Franzosen_: er ist nur zersetzend, und gar nie wirklich zerstörend.
-
-Und was ist er nun selbst, der Jude, wenn er nichts von alledem ist,
-was sonst ein Mensch sein kann? Was geht in ihm wahrhaft vor, wenn er
-ohne irgend welches Letzte ist, ohne einen Grund, auf den das Senkblei
-des Psychologen am Ende doch hart und vernehmlich stieße?
-
-Des Juden psychische Inhalte sind sämtlich mit einer gewissen Zweiheit
-oder Mehrheit behaftet; _über diese Ambiguität, diese Duplizität,
-ja Multiplizität kommt er nie hinaus_. Er hat immer _noch_ eine
-Möglichkeit, noch _viele_ Möglichkeiten, wo der Arier, ohne ärmer im
-Blicke zu sein, unbedingt sich entscheidet und wählt. Diese innere
-Vieldeutigkeit, diesen Mangel an unmittelbarer innerer _Realität_
-irgend eines psychischen Geschehens, die Armut an jenem An- und
-Fürsich-Sein, aus welchem allein höchste Schöpferkraft fließen kann,
-glaube ich als die Definition dessen betrachten zu müssen, was ich
-das Jüdische als Idee genannt habe.[96] _Es ist wie ein Zustand $vor$
-dem $Sein$_, ein ewiges Irren draußen vor dem Tore der Realität. Mit
-nichts kann der Jude sich wahrhaft identifizieren, für keine Sache sein
-Leben ganz und gar einsetzen.[97] Nicht der Eiferer, sondern der Eifer
-fehlt dem Juden: weil ihm alles Ungeteilte, alles Ganze fremd ist. Es
-ist die _Einfalt_ des _Glaubens_, die ihm abgeht, und weil er diese
-_Einfalt_ nicht hat, und keine wie immer geartete letzte _Position_
-bedeutet, darum scheint er gescheiter als der Arier, und entwindet
-sich _elastisch_ jeder Unterdrückung.[98] _Innerliche Vieldeutigkeit_,
-ich möchte es wiederholen, _ist das absolut Jüdische, Einfalt das
-absolut Unjüdische_. Die Frage des Juden ist die Frage, die Elsa an
-Lohengrin richtet: die Unfähigkeit, irgend einer Verkündigung, sei es
-auch der inneren Offenbarung, die Unmöglichkeit, _irgend_ einem _Sein_
-schlechthin zu _glauben_.
-
-Man wird vielleicht einwenden, jenes zwiespältige Sein finde sich nur
-bei den zivilisierten Juden, in welchen die alte Orthodoxie neben
-der modernen Gesittung noch fortwirke. Aber das wäre weit gefehlt.
-Seine Bildung läßt das Wesen des Juden nur darum stets noch klarer
-zum Vorschein kommen, weil es so an Dingen sich betätigt, die mit
-tieferem Ernste erwogen sein wollen, als materielle Geldgeschäfte. Der
-Beweis, daß der Jude an sich nicht eindeutig ist, läßt sich erbringen:
-der Jude _singt_ nicht. Nicht aus Schamhaftigkeit, sondern weil er
-sich seinen Gesang nicht _glaubt_. So wenig die Vieldeutigkeit des
-Juden mit eigentlicher, realer Differenziertheit oder Genialität, so
-wenig hat seine eigentümliche Scheu vor dem Gesang, oder auch nur vor
-dem lauten hellen Worte, mit echter Zurückhaltung etwas zu tun. Alle
-Scham ist stolz; jene Abneigung des Juden ist aber ein Zeichen seiner
-_inneren Würdelosigkeit_: denn das unmittelbare Sein versteht er nicht,
-und er würde sich schon lächerlich finden und kompromittiert fühlen,
-wenn er nur sänge. Schamhaftigkeit umfaßt alle Inhalte, die mit dem
-Ich des Menschen, durch eine innige Kontinuität fester verknüpft sind;
-die fragliche Gêne des Juden aber erstreckt sich auch auf Dinge, die
-ihm keineswegs heilig sein können, die er also nicht zu profanieren
-fürchten müßte, wenn er öffentlich die Stimme würde erheben sollen.
-Und abermals trifft dies mit der Unfrömmigkeit des Juden zusammen:
-denn alle Musik ist absolut, und besteht wie losgelöst von aller
-Unterlage; nur darum hat sie unter allen Künsten die engste Beziehung
-zur Religion, und ist der einfache Gesang, der eine einzelne Melodie
-mit ganzer Seele erfüllt, unjüdisch wie jene.
-
-Ich glaube nun gerade deutlich genug gewesen zu sein, um nicht darüber
-schlecht verstanden zu werden, was ich mit dem eigentlichen Wesen des
-Judentums meine. _Ibsens_ König _Håkon_ in den »Kronprätendenten«,
-sein Dr. _Stockmann_ im »Volksfeind« mögen es, wenn es dessen bedürfen
-sollte, noch klarer machen, was dem echten Juden in alle Ewigkeit
-unzugänglich ist: _das unmittelbare Sein_, _das Gottesgnadentum_, _der
-Eichbaum_, _die Trompete_, _das Siegfriedmotiv_, _die Schöpfung seiner
-selbst_, _das Wort: $ich bin$_. Der Jude ist wahrhaftig das »Stiefkind
-Gottes auf Erden«; und es gibt denn auch keinen (männlichen) Juden, der
-nicht, wenn auch noch so dumpf, an seinem Judentum, das ist im tiefsten
-Grunde, an seinem Unglauben, $litte$.
-
-Judentum und Christentum, jenes das zerrissenste, der inneren Identität
-barste, dieses das glaubenskräftigste, gottvertrauendste Sein, sie
-bilden so den weitesten, unermeßlichsten Gegensatz. Christentum ist
-höchstes Heldentum; der Jude aber ist nie einheitlich und ganz. Darum
-eben ist der Jude feige, und der Heros sein äußerster Gegenpol.
-
-H. S. _Chamberlain_ hat von dem furchtbaren, unheimlichen Unverständnis
-des echten Juden für die Gestalt und die Lehre Christi, für den Krieger
-wie für den Dulder in ihm, für sein Leben wie für sein Sterben, viel
-Wahres und Treffendes gesagt. Aber es wäre irrig, zu glauben, der Jude
-_hasse_ Christum; der Jude ist nicht der Antichrist, _er hat zu Jesus
-nur eigentlich gar keine Beziehung_; es gibt streng genommen nur Arier
--- Verbrecher -- die Christum _hassen_. Der Jude fühlt sich durch
-ihn nur, als ein seinem Witze nicht recht Angreifbares, weil seinem
-Verständnis Entrücktes, _gestört_ und unangenehm _geärgert_.
-
-Dennoch ist die Sage vom Neuen Testament als reifster Blüte und
-höchster Vollendung des Alten, und die künstliche Vermittelung, welche
-das letztere den messianischen Verheißungen des ersteren angepaßt hat,
-den Juden sehr zustatten gekommen; sie ist ihr stärkster äußerer Schutz
-gewesen. Daß nun trotz dieses polaren Verhältnisses gerade aus dem
-Judentum das Christentum hervorgegangen ist, bildet eines der tiefsten
-psychologischen Rätsel: es ist kein anderes Problem als die Psychologie
-des Religionsstifters, um die es sich hier handelt.[99]
-
-Wodurch unterscheidet sich der geniale Religionsstifter von allem
-übrigen Genie? Welche innere Notwendigkeit treibt ihn, Religion zu
-stiften?
-
-_Es kann keine andere sein, als daß er selbst nicht immer an den Gott
-geglaubt hat, den er verkündet._ Die Überlieferung erzählt von _Buddha_
-wie von _Christus_, welchen Versuchungen sie ausgesetzt waren, viel
-stärkeren als alle anderen Menschen. Zwei weitere, _Mohammed_ und
-_Luther_, sind _epileptisch_ gewesen. Die _Epilepsie_ aber ist _die
-Krankheit des Verbrechers_: _Cäsar_, _Narses_, _Napoleon_, die »großen«
-Verbrecher, haben sämtlich an der Fallsucht gelitten, und _Flaubert_
-und _Dostojewskij_, welche zu ihr wenigstens tendierten, hatten beide
-außerordentlich viel vom Verbrecher in sich, ohne natürlich Verbrecher
-zu _sein_.
-
-_Der Religionsstifter ist jener Mensch, der ganz gottlos gelebt
-und dennoch zum höchsten Glauben sich durchgerungen hat._ »Wie es
-möglich sei, daß ein natürlicherweise böser Mensch sich selbst zum
-guten Menschen mache, das übersteigt alle unsere Begriffe; denn
-wie kann ein böser Baum gute Früchte bringen?« so fragt _Kant_ in
-seiner Religionsphilosophie, und _bejaht dennoch prinzipiell_ diese
-Möglichkeit: »Denn, ungeachtet jenes Abfalles erschallt doch das
-Gebot: wir _sollen_ bessere Menschen werden, unvermindert in unserer
-Seele; folglich müssen wir es auch _können_ ..« Jene unbegreifliche
-Möglichkeit der vollständigen _Wiedergeburt_ eines Menschen, der
-alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch gelebt
-hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen
-_verwirklicht_, welche die großen Religionen der Menschheit begründet
-haben. Hiedurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: in diesem
-überwiegt von Geburt an die Anlage zum Guten.
-
-Alle Genialität ist nur höchste Freiheit vom Naturgesetz.
-
- »Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
- Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.«
-
-_Wenn dies so sich verhält, dann ist der Religionsstifter der genialste
-Mensch._ Denn er hat _am meisten_ überwunden. Er ist der Mensch, dem
-das gelungen ist, was die tiefsten Denker der Menschheit nur zaghaft,
-nur um ihre ethische Weltanschauung, um die _Freiheit_ der _Wahl_ nicht
-preisgeben zu müssen, als möglich hingestellt haben: _die völlige
-Neugeburt des Menschen_, seine »Regeneration«, die gänzliche Umkehr des
-Willens. Die anderen großen Geister haben zwar auch den Kampf mit dem
-Bösen zu führen, aber bei ihnen neigt die Wagschale von vornherein
-entschieden zum Guten. Nicht so beim Religionsgründer. In ihm ist so
-viel Böses, so viel Machtwille, so viel irdische Leidenschaft, daß er
-40 Tage in der Wüste, ununterbrochen, ohne Nahrung, ohne Schlaf, mit
-dem Feind in sich kämpft. Erst dann hat er gesiegt: nicht zum Tode
-ist er eingegangen, sondern das höchste Leben hat er in sich befreit.
-Wäre das anders, so fehlte jeder Impuls zur Glaubensstiftung. Der
-Religionsgründer will und muß nichts anderes den Menschen bringen, als
-was ihm, dem belastetsten von allen, gelungen ist: den Bund mit der
-Gottheit zu schließen. Er weiß, daß er der schuldbeladenste Mensch ist;
-und er sühnt die _größte_ Schuldsumme durch den Tod am Kreuze.
-
-Im Judentum waren zwei Möglichkeiten. Vor _Christi_ Geburt lagen sie
-noch beisammen, und es war noch nicht gewählt worden. Es war eine
-Diaspora da, und zugleich wenigstens eine Art Staat: Negation und
-Position, beide waren nebeneinander vorhanden. _Christus ist der
-Mensch, der die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet,
-und so die stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum
-Entgegengesetzteste, schafft._ Aus dem Zustand _vor_ dem Sein _trennen_
-sich Sein und Nicht-Sein. _Jetzt_ sind die Lose gefallen: das alte
-Israel scheidet sich in Juden und in Christen, der _Jude_, wie wir
-ihn kennen, wie ich ihn beschrieben habe, entsteht $zugleich$ mit dem
-_Christen_. Die Diaspora wird nun vollständig, und aus dem Judentum
-verschwindet die Möglichkeit zur Größe: Menschen wie _Jesaias_, jenen
-gewaltigsten Mann des alten Israel, hat das _Judentum_ seither nicht
-wieder hervorbringen können. _Christentum und Judentum bedingen sich
-welthistorisch wie Position und Negation._ In Israel waren die höchsten
-Möglichkeiten, die je einem Volke beschieden waren: die Möglichkeit
-Christi. _Die andere Möglichkeit ist der Jude._
-
-Ich hoffe nicht mißverstanden zu werden: ich will dem Judentum nicht
-eine Beziehung zum Christentum andichten, die ihm fremd ist. _Das
-Christentum ist die absolute Negation des Judentums; aber es hat zu
-diesem dasselbe Verhältnis, welches alle Dinge mit ihren Gegenteilen,
-jede Position mit der Negation verbindet, welche durch sie überwunden
-ist._[100] Noch mehr als Frömmigkeit und Judentum, sind Christentum und
-Judentum nur _aneinander_, und durch ihre wechselseitige Ausschließung,
-zu definieren. _Das Judentum ist der Abgrund, über dem das Christentum
-aufgerichtet ist, und darum der Jude die stärkste Furcht und die
-tiefste Abneigung des Ariers._[101]
-
-Ich vermag nicht mit _Chamberlain_ zu glauben, daß die Geburt des
-Heilands in Palästina ein bloßer Zufall könne gewesen sein. _Christus
-war ein Jude, aber nur, um das Judentum in sich am vollständigsten zu
-überwinden_; denn wer über den mächtigsten _Zweifel_ gesiegt hat, der
-ist der _gläubigste_, wer über die ödeste _Negation_ sich erhoben hat,
-der _positivste_ Bejaher. _Christus ist der größte Mensch, weil er am
-größten Gegner sich gemessen hat._ Vielleicht ist er der einzige Jude
-und wird es bleiben, dem dieser Sieg über das Judentum gelungen: der
-erste Jude wäre der letzte, der ganz und gar _Christ_ geworden ist;
-vielleicht aber liegt auch heute noch im Judentum die Möglichkeit,
-den Christ hervorzubringen, vielleicht sogar _muß_ auch der nächste
-Religionsstifter abermals erst durch das _Judentum_ hindurchgehen.
-Wenn also im Juden vielleicht noch immer die höchsten _Möglichkeiten_,
-so liegen doch in ihm die geringsten _Wirklichkeiten_; er ist wohl
-der _zum Meisten veranlagte_, und doch zugleich der _innerlich des
-Wenigsten mächtige_ Mensch.
-
- * * * * *
-
-Unsere heutige Zeit läßt das Judentum auf der höchsten Höhe erblicken,
-die es seit den Tagen des _Herodes_ erklommen hat. _Jüdisch_ ist der
-_Geist der Modernität_, von wo man ihn betrachte. Die Sexualität wird
-bejaht, und die heutige Gattungsethik singt zum Koitus den Hymenaios.
-Der unglückliche _Nietzsche_ ist wahrhaftig nicht verantwortlich
-für die große Vereinigung von natürlicher Zuchtwahl und natürlicher
-Unzuchtwahl, deren schmählicher Apostel sich Wilhelm _Bölsche_ nennt.
-_Er_ hat Verständnis gehabt für die Askese, und nur unter der eigenen
-zu sehr gelitten, um nicht ihr Gegenteil oft wünschenswerter zu finden.
-Aber Weiber und Juden kuppeln, ihr Ziel ist es: den Menschen schuldig
-werden lassen.
-
-Unsere Zeit, die nicht nur die jüdischeste, sondern auch die
-weibischeste aller Zeiten ist; die Zeit, für welche die Kunst nur ein
-Schweißtuch ihrer Stimmungen abgibt, die den künstlerischen Drang aus
-den Spielen der Tiere abgeleitet hat; die Zeit des leichtgläubigsten
-Anarchismus, die Zeit ohne Sinn für Staat und Recht, die Zeit der
-Gattungs-Ethik, die Zeit der seichtesten unter allen denkbaren
-Geschichtsauffassungen (des historischen Materialismus), die Zeit
-des Kapitalismus und des Marxismus, die Zeit, der Geschichte, Leben,
-Wissenschaft, alles nur mehr Ökonomie und Technik ist; die Zeit,
-die das Genie für eine Form des Irrsinns erklärt hat, die aber auch
-keinen einzigen großen Künstler, keinen einzigen großen Philosophen
-mehr besitzt, die Zeit der geringsten Originalität und der größten
-Originalitätshascherei; die Zeit, die an die Stelle des Ideals der
-Jungfräulichkeit den Kultus der Demi-Vierge gesetzt hat: _diese Zeit
-hat auch den Ruhm, die erste zu sein, welche den Koitus bejaht und
-angebetet hat_.
-
-Aber dem neuen Judentum entgegen drängt ein neues Christentum zum
-Lichte; die Menschheit harrt des neuen Religionsstifters, und der
-Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre eins. Zwischen Judentum und
-Christentum, zwischen Geschäft und Kultur, zwischen Weib und Mann,
-zwischen Gattung und Persönlichkeit, zwischen Unwert und Wert, zwischen
-irdischem und höherem Leben, zwischen dem Nichts und der Gottheit hat
-abermals die Menschheit die Wahl. Das sind die beiden Pole: es gibt
-kein drittes Reich.
-
-
-
-
-XIV. Kapitel.
-
-Das Weib und die Menschheit.
-
-
-Nun erst ist es möglich, gereinigt und gewaffnet nochmals vor die
-Frage der Emanzipation des Weibes zu treten. Gereinigt, weil nun nicht
-mehr die tausend fliegenden Mücken jener Zweideutigkeiten, welche den
-Gegenstand umspielen, den Blick trüben; gewaffnet, weil im Besitze
-fester theoretischer Begriffe und sicherer ethischer Anschauungen. Fern
-ab von dem Tummelplatze der gewöhnlichen Kontroversen und selbst weit
-über das Problem der ungleichen Begabung hinaus ist die Untersuchung
-an Punkte gelangt, welche die Rolle des Weibes im Weltganzen und
-den Sinn seiner Mission für den Menschen ahnen ließen. Darum sollen
-auch hier Fragen von allzu besonderem Charakter in die Erörterung
-nicht einbezogen werden; diese ist nicht optimistisch genug, auf die
-Führung politischer Geschäfte von ihren Resultaten einen Einfluß zu
-erhoffen. Darum verzichtet sie auf die Ausarbeitung sozialhygienischer
-Vorschläge, und behandelt das Problem vom Standpunkte jener Idee der
-Menschheit, die über der Philosophie von _Immanuel Kant_ schwebt.
-
-Die Gefahr ist groß, welche dieser Idee von der Weiblichkeit droht.
-Den Frauen ist in hohem Grade die Kunst verliehen den Schein zu
-erregen, als wären sie eigentlich asexuell und ihre Sexualität nur eine
-Konzession an den Mann. Denn fiele dieser Schein weg, wo bliebe dann
-die Konkurrenz mehrerer, vieler um eine? Sie haben aber, unterstützt
-von Männern, die es ihnen glaubten, heute dem anderen Geschlechte
-beinahe dies einzureden vermocht, daß des Mannes wichtigstes,
-eigentlichstes Bedürfnis die Sexualität sei, daß er erst vom Weibe
-Befriedigung seiner wahrsten und tiefsten Wünsche erhoffen dürfe,
-daß Keuschheit für ihn ein Unnatürliches und Unmögliches bilde. Wie
-oft können junge Männer, die in ernster Arbeit Genugtuung finden, von
-Frauen, denen sie nicht allzuhäßlich vorkommen, und, als Liebhaber oder
-Schwiegersöhne, nicht allzuwenig zu versprechen scheinen, es vernehmen,
-daß sie nicht so übermäßig studieren, vielmehr »ihr Leben genießen«
-sollten. In diesen freundlichen Mahnungen liegt, natürlich gänzlich
-unbewußt, ein Gefühl des Weibes, seine einzig auf den Begattungsakt
-gerichtete Sendung zu verfehlen, _nichts mehr zu sein_, mit seinem
-ganzen Geschlechte alle Bedeutung zu verlieren, sowie der Mann um
-andere als um sexuelle Dinge sich zu bekümmern anfängt.
-
-Ob sich die Frauen hierin je ändern werden, ist fraglich. Man darf
-auch nicht glauben, daß sie je anders gewesen sind. Heute mag das
-sinnliche Element stärker hervortreten als früher, denn unendlich
-viel in der »Bewegung« ist nur ein Hinüberwollen von der Mutterschaft
-zur Prostitution; sie ist als Ganzes mehr Dirnen-Emanzipation als
-Frauen-Emanzipation, und sicherlich ihren wirklichen Resultaten nach
-vor allem: ein mutigeres Hervortreten des kokottenhaften Elementes im
-Weibe. Was _neu_ scheint, das ist das Verhalten der _Männer_. Mit unter
-dem Einfluß des Judentums sind sie heute nahe daran, der weiblichen
-Wertung ihrer selbst sich zu fügen, ja selber sie sich anzueignen. Die
-männliche Keuschheit wird verlacht, gar nicht mehr _verstanden_, das
-Weib vom Manne nicht mehr als Sünde, als _Schicksal_ empfunden, die
-eigene Begierde weckt im Manne keine Scham mehr.
-
-Man sieht jetzt, _woher_ die Forderung des Sich-Auslebens, der
-Kaffeehausbegriff des Dionysischen, der Kult _Goethes_, soweit Goethe
-_Ovid_ ist, woher diese ganze moderne _Koitus-Kultur_ eigentlich
-stammt. Denn es ist so weit, daß kaum je einer noch den Mut findet,
-zur Keuschheit sich zu bekennen, und fast jeder lieber so tut, als
-wäre er ein Wüstling. Geschlechtliche Ausschweifungen bilden den
-beliebtesten Gegenstand der _Renommage_, ja die Sexualität wird so
-hoch gewertet, daß der Renommist schon Mühe hat, Glauben zu finden;
-die Keuschheit hingegen steht in so geringem Ansehen, daß gerade der
-wahrhaft Keusche oft hinter dem Scheine des Roué sich verbirgt. Es ist
-sicher wahr, daß der Schamhafte auch seiner Scham sich _schämt_; aber
-jene andere, heutige Scham ist nicht die Scham der Erotik, sondern die
-Scham des Weibes, weil es noch keinen Mann gefunden, noch keinen Wert
-vom anderen Geschlechte empfangen hat. Darum ist einer dem anderen zu
-zeigen beflissen, mit welcher _Treue_ und pflichtgemäßer _Wonne_ er die
-sexuellen Funktionen ausübt. So bestimmt heute das Weib, das seiner
-Natur nach am Manne nur die sexuelle Seite schätzen kann, was männlich
-ist: aus seinen Händen nehmen die Männer den Maßstab ihrer Männlichkeit
-entgegen. So ist die Zahl der Beischläfe, das »Verhältnis«, das
-»Mädel«, in der Tat die _Legitimation eines Masculinums vor dem
-anderen_ geworden. Doch nein: denn dann gibt es keine Männer mehr.
-
-Dagegen ist alle Hochschätzung der _Virginität ursprünglich_ vom
-Manne ausgegangen, und geht, wo es Männer gibt, noch immer von da
-aus: sie ist die Projektion des dem Manne _immanenten_ Ideales
-fleckenloser Reinheit auf den Gegenstand seiner Liebe. Man lasse sich
-nur hierin nicht beirren, weder durch die Angst und den Schrecken
-vor der Berührung, die sich so gern möglichst bald in Zutraulichkeit
-transformieren, noch durch die hysterische Unterdrückung der sexuellen
-Wünsche; nicht durch den _äußeren Zwang_, dem Anspruch des Mannes
-auf physische Reinheit zu entsprechen, weil sonst der Käufer sich
-nicht einstellen würde; aber auch nicht durch jenes Bedürfnis Wert zu
-_empfangen_, aus welchem die Frau oft so lange auf jenen Mann wartet,
-der ihr am meisten Wert schenken kann (was man gemeinhin völlig
-verkehrt als hohe _Selbst_schätzung solcher Mädchen interpretiert).
-Will man wissen, wie die _Frauen_ über die Jungfernschaft denken, so
-kann dies freilich von vornherein kaum zweifelhaft sein, nach der
-Erkenntnis, daß das Hauptziel der Frauen die Herbeiführung des _Koitus
-überhaupt_ ist, als durch welchen sie erst Existenz gewinnen; denn
-daß die Frau den Koitus will und nichts anderes, auch wenn sie, für
-ihre Person, noch so uninteressiert an der Wollust _scheinen_ mag, das
-konnte aus der Allgemeinheit der Kuppelei _bewiesen_ werden.
-
-Man muß, um sich davon neu zu überzeugen, betrachten, mit welchen Augen
-die Frau Jungfernschaft bei den anderen Angehörigen ihres Geschlechtes
-ansieht.
-
-Und da nimmt man wahr: der Zustand der Nicht-Verheirateten wird von den
-Frauen selbst sehr tief gestellt. Ja es ist eigentlich _der_ weibliche
-Zustand, den das Weib _negativ_ bewertet. Die Frauen schätzen jede
-Frau überhaupt erst, wenn sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen
-häßlichen, schwachen, armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen
-Mann »unglücklich« verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet,
-will sagen, hat Wert, hat Existenz empfangen. Und wenn eine auch nur
-kurze Zeit die Herrlichkeiten eines Maitressenlebens gekostet, ja
-wenn sie Straßendirne geworden ist, sie steht höher in der weiblichen
-Schätzung als das alte Fräulein, das einsam in seiner Kammer näht
-und flickt, ohne je einem Manne, in gesetzlicher oder ungesetzlicher
-Verbindung, für lange oder für einen rasch vergangenen Taumel, angehört
-zu haben.
-
-So aber wird auch das ganz junge Mädchen, wenn es durch körperliche
-Vorzüge sich auszeichnet, vom Weibe nie um seiner Schönheit willen
-positiv gewertet -- der Frau _fehlt_ das Organ des Schön-Findens, weil
-sie keinen Wert zu projizieren hat -- sondern nur, weil es leichtere
-Aussicht hat, einen Mann an sich zu fesseln. _Je schöner eine Jungfrau
-ist, eine desto zuverlässigere $Promesse$ ist sie den anderen Frauen,
-desto wertvoller ist sie dem Weibe als Kupplerin, seiner Bestimmung als
-Hüterin der Gemeinschaft $nach$; nur dieser $unbewußte$ Gedanke ist es,
-der eine Frau an einem schönen Mädchen Freude finden läßt._ Wie dies
-erst dann rein zum Vorschein kommen kann, wenn das wertende weibliche
-Einzelindividuum bereits selbst Existenz empfangen hat (weil sonst der
-Neid auf die Konkurrentin, und das Gefühl, die eigenen Chancen im Kampf
-um den Wert durch sie vermindert zu sehen, jene Regungen überstimmen
-muß), das wurde bereits besprochen. Zuerst müssen sie wohl sich selbst
-verkuppeln -- kuppeln kommt von copulare, ein Paar fertig bringen --
-früher können es die anderen auch kaum verlangen.
-
-Die leider so allgemein gewordene Geringschätzung der »alten Jungfer«
-ist demnach durchaus vom _Weibe_ ausgegangen. Von einem bejahrten
-Fräulein wird man Männer oft mit Respekt reden hören; aber jede Frau
-und jedes Mädchen, gleichgültig ob verheiratet oder nicht, hat für die
-Betreffende nur die extremste Geringschätzung, mag dies auch in manchen
-Fällen ihnen selbst gar nicht bewußt werden. Eine verheiratete Dame,
-die für geistreich und mannigfach talentiert gelten konnte, und ihres
-Äußeren wegen so viele Bewunderer zählte, daß Neid in diesem Falle ganz
-außer Frage steht, hörte ich einmal über ihre unschöne und ältliche
-italienische Lehrerin sich lustig machen, weil diese wiederholt betont
-habe: Io sono ancora una vergine (sie sei noch eine Jungfrau).
-
-Freilich ist, vorausgesetzt daß die Äußerung richtig reproduziert
-war, zuzugeben, daß die Ältere eine Tugend wohl nur aus der Not
-gemacht hatte, und jedenfalls selbst sehr froh gewesen wäre, ihre
-Jungfernschaft auf irgend eine Weise los zu werden, ohne dadurch in der
-Gesellschaft an Ansehen einbüßen zu müssen.
-
-Denn dies ist das Wichtigste: die Frauen verachten und höhnen nicht
-nur die Jungfernschaft anderer Frauen, sondern sie schätzen auch die
-eigene Jungfernschaft als _Zustand_ äußerst _gering_ (und nur als eine
-sehr gesuchte _Ware_ von höchstem Anwert bei den _Männern hoch_). Darum
-blicken sie zu jeder Verheirateten wie zu einem höheren Wesen empor.
-Wie sehr es dem Weibe im tiefsten Grunde speziell auf den Sexualakt
-ankommt, das kann man gerade an der wahren Verehrung sehen, welche erst
-ganz vor kurzem verheiratete Frauen bei den jungen Mädchen genießen:
-ist doch der Sinn ihres Daseins diesen eben enthüllt, sie selbst auf
-dessen Zenit geführt worden. Dagegen betrachtet jedes junge Mädchen
-jedes andere als ein unvollkommenes Wesen, das seine Bestimmung ebenso,
-wie sie selbst, erst noch erreichen will.
-
-Hiemit erachte ich als dargetan, wie vollkommen die aus der Kuppelei
-gezogene Folgerung, das Virginitäts-Ideal müsse männlichen, und könne
-nicht weiblichen Ursprunges sein, mit der Erfahrung sich deckt. Der
-Mann verlangt Keuschheit von sich und von anderen, am meisten von
-dem Wesen, das er liebt; das Weib will unkeusch sein können, und es
-will Sinnlichkeit auch vom Manne, nicht Tugend. Für »Musterknaben«
-hat die Frau kein Verständnis. Dagegen ist bekannt, daß sie stets
-dem in die Arme fliegt, welchem der Ruf des Don Juan meilenweit
-vorauseilt. Die Frau will den Mann sexuell, weil sie nur durch seine
-Sexualität Existenz gewinnt. Nicht einmal für die Erotik des Mannes,
-als ein _Distanz_phänomen, sondern nur für diejenige Seite an ihm, die
-unaufhaltsam das Objekt ihres Begehrens ergreift und sich aneignet,
-haben die Frauen einen Sinn, und es wirken Männer auf sie nicht, bei
-denen Brutalitäts-Instinkte gar nicht oder wenig entwickelt sind.
-Selbst die höhere platonische Liebe des Mannes ist ihnen im Grunde
-nicht willkommen; sie schmeichelt ihnen und sie streichelt sie, _aber
-sie $sagt$ ihnen nichts_. Und wenn das Gebet auf den Knien vor ihr zu
-lange währen wollte, würde _Beatrice_ so ungeduldig wie _Messalina_.
-
-_Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in der Liebe die höchste
-Erhebung des Weibes. Daß das Weib den Koitus verlangt, und nicht die
-Liebe, bedeutet, daß es heruntergesetzt, und nicht erhöht werden will._
-$Die letzte Gegnerin der Frauen-Emanzipation ist die Frau.$
-
-Nicht weil der Koitus lustvoll, nicht weil er das Urbild aller
-Wonne des niederen Lebens ist, nicht darum ist er unsittlich. Die
-Askese, welche die Lust für das Unsittliche an sich erklärt, ist
-selbst unsittlich; denn sie sucht den Maßstab des Unrechtes in einer
-_Begleit_erscheinung und äußeren Folge der Handlung, _nicht_ in der
-Gesinnung: sie ist _heteronom_. Der Mensch darf die Lust anstreben, er
-mag sein Leben auf der Erde leichter und froher zu gestalten suchen:
-nur darf er dem nie ein sittliches Gebot opfern. In der Askese aber
-will der Mensch die Moralität _erpressen_ durch Selbstzerfleischung,
-_er will sie als Folge eines Grundes_, die eigene Sittlichkeit als
-Resultat und Belohnung dafür, daß er sich so viel versagt hat. Die
-Askese ist demnach als prinzipieller Standpunkt wie als psychologische
-Disposition _verwerflich_; denn sie _bindet_ die Tugend an etwas
-anderes als dessen _Erfolg_, _macht sie zur Wirkung einer Ursache_, und
-strebt sie nicht an sich, als unmittelbaren Selbstzweck, an. Die Askese
-ist eine gefährliche Verführerin: ihrer Täuschung fallen so viele so
-leicht zum Opfer, weil die Lust der _häufigste Beweggrund_ ist, aus
-welchem der Pfad des Gesetzes verlassen wird, und der Irrtum nahe genug
-liegt, der auf dem rechten Pfad sicherer zu bleiben glaubt, wenn er an
-ihrer Statt den Schmerz anstrebt. An sich aber ist Lust weder sittlich
-noch unsittlich. _Nur wenn der Wille zur Lust den Willen zum Wert
-besiegt_, dann ist der Mensch gefallen.
-
-Der Koitus ist _darum_ unmoralisch, weil es keinen Mann gibt, der das
-Weib in solchem Augenblicke nicht als Mittel zum Zweck gebrauchte, den
-Wert der Menschheit, in seiner wie in ihrer Person, in diesem Momente
-nicht der Lust hintansetzte. Im Koitus vergißt der Mann sich selbst ob
-der Lust, und er vergißt das Weib; dieses hat für ihn keine psychische,
-sondern nur eine körperliche Existenz mehr. Er will von ihr entweder
-ein Kind oder die Befriedigung der eigenen Wollust: in beiden Fällen
-benützt er sie nicht als Zweck an sich selbst, sondern um einer fremden
-Absicht willen. Nur aus diesem, und aus keinem anderen Grunde, ist der
-Koitus unmoralisch.
-
-Gewiß ist die Frau die Missionärin der Idee des Koitus, und gebraucht
-sich selbst, wie alles andere in der Welt, immer nur als Mittel zu
-diesem Zweck; sie will den Mann als Mittel zur Lust oder zum Kinde;
-sie will _selbst_ vom Manne als Mittel zum Zweck benützt sein, wie
-eine Sache, wie ein Objekt, wie sein Eigentum behandelt, nach seinem
-Gutdünken von ihm verändert und geformt werden. Aber nicht nur soll
-niemand von einem anderen als Mittel zum Zweck sich gebrauchen lassen;
-man darf auch den Standpunkt des Mannes der Frau gegenüber nicht
-danach bestimmen wollen, daß diese den Koitus wirklich wünscht, und
-von ihm, wenn sie's auch weder sich noch ihm je ganz gesteht, _nie
-etwas anderes erfleht_. _Kundry_ appelliert freilich an _Parsifals_
-Mitleid für ihr Sehnen: aber gerade da offenbart sich die ganze
-Schwäche der Mitleidsmoral, die zwingen würde, einen jeden Wunsch
-des Nebenmenschen zu erfüllen, sei er noch so unberechtigt. Die
-konsequente Sympathiemoral und die konsequente Sozialethik sind beide
-gleich absurd, denn sie machen das _Sollen vom Wollen abhängig_ (ob
-vom eigenen oder vom fremden oder vom gesellschaftlichen, bleibt sich
-gleich), _statt das Wollen vom Sollen_; sie wählen zum Maßstab der
-Sittlichkeit konkretes Menschenschicksal, konkretes Menschenglück,
-konkreten Menschenaugenblick, _anstatt der Idee_.
-
-Die Frage ist: wie soll der Mann das Weib behandeln? _Wie es selbst
-behandelt werden will, oder wie es die sittliche Idee verlangt?_ Wenn
-er es zu behandeln hat, wie es behandelt werden will, dann muß er
-es koitieren, denn es will koitiert werden, schlagen, denn es will
-geschlagen werden, hypnotisieren, denn es will hypnotisiert werden,
-ihm durch die Galanterie zeigen, wie gering er seinen Wert an sich
-veranschlagt; denn es will Komplimente, es will nicht an sich geachtet
-werden. Will er dagegen dem Weibe so entgegentreten, wie es die
-sittliche Idee verlangt, so muß er in ihm den _Menschen_ zu sehen, und
-es zu achten suchen. Zwar ist W _eine Funktion von M_, eine Funktion,
-die er setzen, die er aufheben kann, und die Frauen wollen nicht mehr
-sein als eben dies, nichts anderes als nur dies: die Witwen in Indien
-sollen sich gerne und überzeugt verbrennen lassen, ja zu diesem Tode
-geradezu sich drängen; doch darum bleibt diese Sitte nicht minder die
-fürchterlichste Barbarei.
-
-Es ist mit der Emanzipation der Frauen wie mit der Emanzipation der
-Juden und der Neger. Sicherlich liegt dafür, daß diese Völker als
-Sklaven behandelt und immer niedrig eingeschätzt wurden, an ihrer
-knechtischen Veranlagung die Hauptschuld; sie haben kein so starkes
-Bedürfnis nach Freiheit wie die Indogermanen. Und wenn auch heute in
-Amerika für die Weißen die Notwendigkeit sich ergeben hat, von den
-Negern sich völlig abzusondern, weil diese von ihrer Freiheit einen
-schlimmen und nichtswürdigen Gebrauch machen: so war doch im Kriege der
-Nordstaaten gegen die Föderierten, welcher den Schwarzen die Freiheit
-gab, das Recht durchaus auf Seite der ersteren. _Trotzdem die Anlage
-der Menschheit_ im Juden, noch mehr im Neger, _und noch weit mehr im
-Weibe_, mit einer größeren Anzahl amoralischer Triebe belastet ist; _ob
-sie auch hier mit mehr Hindernissen zu kämpfen hat_ als im arischen
-Manne, noch ihren letzten Rest, sei er selbst noch so gering, muß der
-Mensch achten, _noch hier die Idee der Menschheit_ (das heißt nicht:
-der menschlichen Gesellschaft, sondern das _Mensch-Sein_, die _Seele
-als Teil einer intelligiblen Welt_) _ehren_. Auch über den gesunkensten
-Verbrecher darf niemand sich eine Gewalt anmaßen als das Gesetz; kein
-Mensch hat das Recht ihn zu lynchen.
-
-Das _Problem des Weibes_ und _das Problem des Juden_ ist ganz identisch
-mit dem _Problem der Sklaverei_, und muß ebenso aufgelöst werden, wie
-dieses. Niemand darf unterdrückt werden, wenn er sich gleich nur in der
-Unterdrückung wohlfühle. Dem Haustier, das ich benütze, nehme ich keine
-Freiheit, denn es hatte keine, bevor ich es mir dienstbar machte; aber
-in der Frau ist noch ein ohnmächtiges Gefühl des Nicht-Anderskönnens,
-als eine letzte, wenn auch noch so kümmerliche Spur der intelligiblen
-Freiheit: wohl deshalb, weil es kein absolutes Weib gibt. Die Frauen
-sind _Menschen_ und müssen _als solche_ behandelt werden, auch wenn sie
-selbst das _nie_ wollen würden. _Frau und Mann haben gleiche Rechte._
-
-Man erschrecke nicht und wende nicht ein, daß hiemit den Frauen
-auch gleich die Teilnahme an der politischen Herrschaft eingeräumt
-werden müßte. Vom _Utilitäts_standpunkte ist von dieser Konzession
-gewiß einstweilen, und vielleicht stets, abzuraten; in _Neuseeland_,
-wo man das ethische Prinzip so hochhielt, den Frauen das Wahlrecht
-zu geben, hat man damit die schlimmsten Erfahrungen gesammelt. Wie
-man Kindern, Schwachsinnigen, Verbrechern mit Recht keinen Einfluß
-auf die Leitung des Gemeinwesens gestatten würde, selbst wenn diese
-plötzlich die numerische Parität oder Majorität erlangten, so _darf_
-vorderhand die Frau von einer Sache ferngehalten werden, von der so
-lebhaft zu befürchten steht, daß sie durch den weiblichen Einfluß nur
-könnte geschädigt werden. Wie die Resultate der Wissenschaft davon
-unabhängig sind, ob alle Menschen ihnen zustimmen oder nicht, so kann
-auch Recht und Unrecht der Frau ganz genau ermittelt werden, ohne daß
-die Frauen selbst mitbeschließen, und sie brauchen nicht zu besorgen,
-übervorteilt zu werden, wenn bei dieser Feststellung eben Recht- und
-nicht Machtgesichtspunkte die Entscheidung bestimmen.
-
-_Das Recht aber ist nur eines und das gleiche für Mann und Frau._
-Niemand darf der Frau irgend etwas als »unweiblich« verwehren und
-verbieten wollen; und ein ganz niederträchtiges Urteil ist es, das
-einen Mann freispricht, der seine ehebrecherische Frau erschlagen
-hat, als wäre diese rechtlich seine _Sache_. Man hat die Frau als
-Einzelwesen und nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen,
-nicht nach einem aus der Empirie oder aus den Liebesbedürfnissen des
-Mannes hergeleiteten Maßstabe zu beurteilen: auch wenn sie selber nie
-jener Höhe der Beurteilung sich sollte würdig zeigen.
-
-Darum ist dieses Buch die größte Ehre, welche den Frauen je erwiesen
-worden ist. Auch gegen das Weib ist nur _ein_ sittliches Verhalten dem
-Manne möglich; nicht die Sexualität, nicht die Liebe -- denn beide
-benützen es als Mittel zu _fremden_ Zwecken: _sondern einzig der
-Versuch, es zu verstehen_. Die meisten Menschen geben theoretisch vor,
-_$das$ Weib_ zu achten, um praktisch _$die$ Weiber_ desto gründlicher
-zu verachten: hier wurde dieses Verhältnis umgekehrt. _Das Weib_ konnte
-nicht hochgewertet werden: aber _die Weiber_ sind von aller Achtung
-nicht von vornherein und ein für alle Male auszuschließen.
-
-Leider haben sehr berühmte und bedeutende Männer in dieser Frage
-eigentlich _recht gemein_ gedacht. Ich erinnere an _Schopenhauers_ und
-an _Demosthenes'_ Stellung zur Frauenemanzipation. Und _Goethes_:
-
- »Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reifet im stillen
- Häuslicher Tugend entgegen, _den klugen Mann zu beglücken_.
- Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewißlich
- ein Kochbuch,«
-
-steht nicht höher als _Molières_:
-
- »........... Une femme en sait toujours assez,
- Quand la capacité de son esprit se hausse
- A connaître un pourpoint d'avec un haut-de-chausse.«
-
-_Die Abneigung gegen das männliche Weib hat der Mann in sich zu
-überwinden_; denn sie ist nichts als gemeiner Egoismus. Wenn das Weib
-männlich werden sollte, indem es logisch und ethisch würde, so wird
-es sich nicht mehr so gut zum _passiven Substrate_ einer _Projektion_
-eignen; aber das ist kein genügender Grund, die Frau, wie dies heute
-geschieht, nur für den Mann und für das Kind erziehen zu lassen, mit
-einer Norm, die ihr etwas verbietet, weil es _männlich_ sei.
-
-Denn wenn auch für das _absolute_ Weib keine Möglichkeit der
-Sittlichkeit besteht, mit dem Erschauen dieser _Idee_ des Weibes
-ist noch nicht gegeben, daß der Mann das _empirische_ Weib dieser
-vollständig und rettungslos solle _verfallen_ lassen; noch weniger, daß
-er dazu beitrage, daß es dieser Idee immer gemäßer werde. Im lebenden
-menschlichen Weibe ist, der Theorie nach, immer noch »ein Keim des
-Guten«, nach _Kant_scher Terminologie, als vorhanden anzunehmen; es
-ist jener Rest eines freien Wesens, der dem Weibe das dumpfe Gefühl
-seines Schicksals ermöglicht.[102] Daß auf diesen Keim ein Mehr könne
-gepfropft werden, davon darf _theoretisch_ die Unmöglichkeit _nie
-gänzlich behauptet_ werden, wenn es auch _praktisch_ sicher noch nie
-gelungen _ist_, wenn es selbst in aller Zukunft nie gelingen _sollte_.
-
-Unter der sittlichen Idee steht die ganze Welt, selbst die Tiere werden
-als _Phänomene_ gewertet, der Elefant sittlich höher geschätzt als
-die Schlange, wenn auch z. B. die Tötung eines anderen Tieres ihnen
-nicht als Personen _zugerechnet_. Dem _Weibe_ aber _wird_ von uns
-_zugerechnet_; und hierin liegt die _Forderung, daß es anders werde.
-Und wenn alle Weiblichkeit Unsittlichkeit ist, so muß das Weib aufhören
-Weib zu sein, und Mann werden._
-
-Freilich muß gerade hier die Gefahr der äußerlichen Anähnlichung,
-die das Weib stets am intensivsten in die Weiblichkeit zurückwirft,
-am vorsichtigsten gemieden werden. Die Aussichten des Unternehmens,
-die Frauen wahrhaft zu emanzipieren, ihnen die Freiheit zu geben,
-die nicht _Willkür_, sondern _Wille_ wäre, sind äußerst gering. Wenn
-man nach den Tatsachen urteilt, so scheint den Frauen nur zweierlei
-möglich zu sein: die verlogene Acceptierung des vom Manne Geschaffenen,
-indem sie selbst glauben, das zu wollen, was ihrer ganzen, _noch
-ungeschwächten_ Natur _widerspricht_, die unbewußt verlogene Entrüstung
-über die Unsittlichkeit, _als ob sie sittlich wären_, über die
-Sinnlichkeit, _als ob_ sie die _un_sinnliche Liebe wollten; oder das
-offene Zugeständnis[103], der Inhalt des Weibes sei der Mann und das
-Kind, ohne das geringste Bewußtsein davon, _was_ sie damit zugeben,
-welche Schamlosigkeit, welche Niederlage in dieser Erklärung liegt.
-_Unbewußte Heuchelei oder cynische Identifikation mit dem Naturtrieb_:
-ein anderes scheint dem Weibe nicht gegeben.
-
-Aber _nicht Bejahung_ und _nicht Verleugnung_, sondern _Verneinung,
-Überwindung_ der Weiblichkeit, ist das, worauf es ankommt. Würde z. B.
-eine Frau _wirklich_ die Keuschheit des Mannes _wollen_, so hätte sie
-freilich hiemit das Weib überwunden; denn ihr wäre der Koitus nicht
-mehr höchster Wert und seine Herbeiführung nicht mehr letztes Ziel.
-Aber dies ist's eben: an die Echtheit solcher Forderungen vermag man
-nicht zu glauben, wenn sie auch hie und da wirklich erhoben werden.
-Denn ein Weib, das die Keuschheit des Mannes verlangt, ist, abgesehen
-von seiner Hysterie, so dumm und so jeder Wahrheit unfähig, daß es
-nicht einmal mehr dunkel fühlt, daß es sich selbst damit verneint, sich
-absolut und ohne Rettung wertlos, existenzlos macht. Man weiß hier kaum
-mehr, wem man den Vorzug geben soll; der grenzenlosen Verlogenheit,
-welche selbst das ihr fremdeste, das _asketische_ Ideal auf den
-Schild zu heben fähig ist; oder der ungenierten Bewunderung für den
-berüchtigten Wüstling und der einfachen Hingabe an denselben.
-
-Da jedoch alles wirkliche Wollen der Frau _in beiden Fällen_ in
-gleicher Weise darauf gerichtet bleibt, den Mann schuldig werden
-zu lassen, so liegt _hierin_ das Hauptproblem der Frauenfrage: und
-insoweit fällt sie zusammen mit der Menschheitsfrage.
-
-Friedrich _Nietzsche_ sagt an einer Stelle seiner Schriften: »Sich im
-Grundproblem ‚Mann und Weib’ zu vergreifen, hier den abgründlichsten
-Antagonismus und die Notwendigkeit einer ewig-feindseligen Spannung
-zu leugnen, hier vielleicht von gleichen Rechten, gleicher Erziehung,
-gleichen Ansprüchen und Verpflichtungen zu träumen: das ist ein
-_typisches_ Zeichen von Flachköpfigkeit, und ein Denker, der an dieser
-gefährlichsten Stelle sich flach erwiesen hat -- flach im Instinkte! --
-darf überhaupt als verdächtig, mehr noch, als verraten, als aufgedeckt
-gelten: wahrscheinlich wird er für alle Grundfragen des Lebens,
-auch des zukünftigen Lebens, zu ‚kurz’ sein und in _keine_ Tiefe
-hinunterkönnen. Ein Mann hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste
-wie in seinen Begierden, auch jene Tiefe des Wohlwollens, welche der
-Strenge und der Härte fähig ist und leicht mit ihnen verwechselt wird,
-kann über das Weib immer nur _orientalisch_ denken: -- er muß das Weib
-als Besitz, als verschließbares Eigentum, als etwas zur Dienstbarkeit
-Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes fassen, -- er muß sich hier
-auf die ungeheuere Vernunft Asiens, auf Asiens Instinkt-Überlegenheit
-stellen, wie dies ehemals die Griechen getan haben, diese besten Erben
-und Schüler Asiens, -- welche, wie bekannt, von Homer bis zu den Zeiten
-des Perikles, mit _zunehmender_ Kultur und Umfänglichkeit an Kraft,
-Schritt für Schritt auch _strenger_ gegen das Weib, kurz orientalischer
-geworden sind. _Wie_ notwendig, _wie_ logisch, _wie_ selbst menschlich
-wünschbar dies war: möge man darüber bei sich nachdenken!«
-
-Der Individualist denkt hier durchaus sozialethisch: seine Kasten- und
-Gruppen-, seine Abschließungstheorie sprengt, wie so oft, die Autonomie
-seiner Morallehre. Denn er will _im Dienste der Gesellschaft, der
-störungslosen Ruhe der Männer_, die Frau unter ein Machtverhältnis
-stellen, in dem sie allerdings kaum noch den Laut eines Wunsches nach
-Emanzipation von sich geben, und nicht einmal jene verlogene und
-unechte Freiheitsforderung mehr erheben wird, welche die heutigen
-Frauenrechtlerinnen aufgestellt haben: _die gar nicht ahnen, wo die
-Unfreiheit des Weibes eigentlich liegt, und was ihre Gründe sind_. Aber
-nicht, um _Nietzsche_ einer Inkonsequenz zu überführen, habe ich ihn
-citiert; sondern um seinen Worten gegenüber zu zeigen, wie das Problem
-der Menschheit nicht lösbar ist ohne eine Lösung des Problems der Frau.
-Denn wem die Forderung überflüssig hoch gespannt scheint, daß der Mann
-die Frau um der Idee, um des Noumenon willen zu achten, und nicht als
-Mittel zu einem außer ihr gelegenen Zweck zu benützen, daß er ihr darum
-die gleichen Rechte, ebenso aber die gleichen Pflichten (der sittlichen
-und geistigen Selbstbildung) zuzuerkennen habe wie sich selbst: der
-möge bedenken, _daß der Mann das ethische Problem für seine Person
-nicht lösen kann, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer
-wieder negiert_, indem er sie als Genußmittel benützt. _Der Koitus ist
-in allem Asiatismus die Bezahlung, welche der Mann der Frau für ihre
-Unterdrückung zu leisten hat._ Und so sehr es die Frau charakterisieren
-mag, _daß sie um diesen Preis sicherlich stets auch dem ärgsten
-Sklavenjoch sich gerne fügt_, der Mann _darf_ auf den Handel nicht
-eingehen, weil auch _er_ sittlich dabei zu kurz kommt.
-
-Also selbst _technisch_ ist das Menschheitsproblem nicht lösbar für den
-Mann _allein_; er muß die Frau _mitnehmen_, auch wenn er nur _sich_
-erlösen wollte, er muß sie zum _Verzicht_ auf ihre unsittliche Absicht
-auf ihn zu bewegen suchen. Die Frau muß dem Koitus _innerlich_ und
-_wahrhaft_, aus _freien Stücken_ entsagen. Das bedeutet nun allerdings:
-das Weib muß _als solches untergehen_, und es ist keine Möglichkeit
-für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden, eh dies nicht
-geschehen ist. Darum sind _Pythagoras_, _Platon_, _das Christentum_ (im
-Gegensatze zum _Judentum_), _Tertullian_, _Swift_, _Wagner_, _Ibsen_
-für die Befreiung, für Erlösung des Weibes eingetreten, _nicht für die
-Emanzipation des Weibes vom Manne, sondern für die Emanzipation des
-Weibes vom Weibe_. Und in solcher Gemeinschaft den Bannfluch Nietzsches
-zu tragen ist ein Leichtes.
-
-Aus eigener Kraft aber kann das Weib schwer zu solchem Ziele gelangen.
-Der Funke, der in ihr so schwach ist, müßte am Feuer des Mannes immer
-wieder sich entzünden können: das _Beispiel_ müßte gegeben werden.
-Bevor das Weib nicht aufhört, für den Mann als Weib zu existieren,
-kann es selbst nicht aufhören, Weib zu sein: _Kundry_ kann nur von
-_Parsifal_, vom sündelosen, unbefleckten Manne aus _Klingsors_ Banne
-wirklich befreit werden. So deckt sich diese psychologische mit der
-philosophischen Deduktion, wie sie hier mit _Wagners_ »Parsifal«,
-der tiefsten Dichtung der Weltliteratur, in völliger Übereinstimmung
-sich weiß. Erst die Sexualität des Mannes gibt dem Weibe Existenz als
-Weib. Alle Materie hat nur so viel Existenz, als die Schuldsumme im
-Universum beträgt: auch das Weib wird nur so lange leben, bis der Mann
-seine Schuld gänzlich getilgt, bis er die _eigene_ Sexualität wirklich
-überwunden hat.
-
-Nur so erledigt sich der ewige Einspruch gegen alle antifeministischen
-Tendenzen: das Weib sei nun einmal da, so wie es sei, nicht zu ändern,
-und darum müsse man mit ihm sich abzufinden suchen; der Kampf nütze
-nichts, weil er nichts beseitigen könne. Es ist aber gezeigt, daß die
-Frau nicht _ist_, und in dem Augenblicke _stirbt_, da der Mann gänzlich
-nur _sein_ will. Das, wogegen der Kampf geführt wird, ist keine Sache
-von ewig unveränderlicher Existenz und Essenz: es ist etwas, das
-aufgehoben werden _kann_, und aufgehoben werden _soll_.
-
-Nur so, nicht anders, ist die Frauenfrage zu lösen, für den, der
-sie _verstanden_ hat. Man wird die Lösung unmöglich, ihren Geist
-überspannt, ihren Anspruch übertrieben, ihre Forderung unduldsam
-finden. Und allerdings: von der Frauenfrage, über welche die Frauen
-_sprechen_, ist hier längst die Rede nicht mehr; es handelt sich um
-jene, von der die Frauen _schweigen_, ewig schweigen _müssen_; um _die
-Unfreiheit_, die in der _Geschlechtlichkeit_ liegt. _Diese_ Frauenfrage
-ist so alt wie das Geschlecht, und nicht jünger als die Menschheit. Und
-die Antwort auf sie: der Mann muß vom Geschlechte sich erlösen, und
-_so_, nur _so_ erlöst er die Frau. _Allein_ seine _Keuschheit_, nicht,
-wie _sie_ wähnt, seine Unkeuschheit, ist ihre Rettung. Freilich geht
-sie, als _Weib_, so unter: aber nur, um aus der Asche neu, verjüngt,
-als der _reine $Mensch$_, sich emporzuheben.
-
-Darum wird die Frauenfrage bestehen, so lang es zwei Geschlechter gibt,
-und nicht eher verstummen denn die Menschheitsfrage. In diesem Sinne
-hat _Christus_, nach dem Zeugnis des Kirchenvaters _Klemens_, zur
-_Salome_ gesprochen, ohne die optimistische Beschönigung, die _Paulus_,
-die _Luther_ für das Geschlecht späterhin fanden: so lang werde der Tod
-währen, als die Weiber gebären, und nicht eher die Wahrheit geschaut
-werden, als bis aus zweien eins, aus Mann und Weib ein drittes Selbes,
-_weder_ Mann _noch_ Weib, werde geworden sein.
-
- * * * * *
-
-_Hiemit erst, aus dem höchsten Gesichtspunkte des Frauen- als des
-Menschheitsproblems, ist die Forderung der Enthaltsamkeit für beide
-Geschlechter gänzlich begründet._ Sie aus den gesundheitsschädlichen
-Folgen des Verkehres abzuleiten, ist flach, und mag von den Advokaten
-des Körpers ewig bestritten werden; sie auf die Unsittlichkeit der Lust
-zu gründen, falsch; denn so wird ein heteronomes Motiv in die Ethik
-eingeführt. Schon _Augustinus_ aber hat, wenn er die Keuschheit für
-alle Menschen verlangte, den Einwand vernehmen müssen, daß in solchem
-Falle die Menschheit von der Erde binnen kurzem verschwunden wäre. In
-dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher der schrecklichste Gedanke der
-zu sein scheint, daß die _Gattung_ aussterben könne, liegt nicht allein
-äußerster Unglaube an die _individuelle_ Unsterblichkeit und ein ewiges
-Leben der sittlichen Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt
-irreligiös: man beweist mit ihr zugleich seinen Kleinmut, seine
-Unfähigkeit, außer der _Herde_ zu leben. Wer so denkt, kann sich die
-Erde nicht vorstellen ohne das Gekribbel und Gewimmel der Menschen auf
-ihr, ihm wird angst und bange _nicht so sehr vor dem Tode, als vor der
-Einsamkeit_. Hätte die an sich unsterbliche moralische Persönlichkeit
-genug Kraft in ihm, so besäße er Mut, dieser Konsequenz ins Auge zu
-sehen; er würde den leiblichen Tod nicht fürchten, und nicht für den
-mangelnden Glauben an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der
-Gewißheit eines Weiterbestehens der Gattung suchen. Die Verneinung der
-Sexualität tötet bloß den körperlichen Menschen und ihn nur, um dem
-geistigen erst das volle Dasein zu geben.
-
-Darum kann es auch nicht sittliche Pflicht sein, für die Fortdauer
-der Gattung zu sorgen, wie man dies so oft behaupten hört. Es ist
-diese Ausrede von einer außerordentlich _unverfrorenen Verlogenheit_;
-diese liegt so offen zu Tage, daß ich fürchte, mich durch die Frage
-lächerlich zu machen, ob schon je ein Mensch den Koitus mit dem
-Gedanken vollzogen hat, er müsse der großen Gefahr vorbeugen, daß die
-Menschheit zu Grunde gehe. _Alle Fécondité ist nur ekelhaft_; und kein
-Mensch fühlt, wenn er sich aufrichtig befragt, es als seine Pflicht,
-für die dauernde Existenz der menschlichen Gattung zu sorgen. Was man
-aber nicht als seine Pflicht fühlt, das $ist$ nicht Pflicht.
-
-Im Gegenteil: es ist unmoralisch, ein menschliches Wesen zur Wirkung
-einer Ursache zu machen, es als Bedingtes hervorzubringen, wie das
-mit der Elternschaft gegeben ist; und der Mensch ist im tiefsten
-Grunde nur deshalb unfrei und determiniert neben seiner Freiheit und
-Spontaneität, weil er auf diese unsittliche Weise entstanden ist. Die
-moralische Weihe also, die man dem Koitus (der ihrer freilich dringend
-bedarf) bisweilen zu geben versucht hat, indem man einen idealen Koitus
-fingierte, bei dem nur die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes in
-Betracht gezogen werde -- diese liebevolle Verbrämung erweist sich
-nicht als ein genügender Schutz: denn das angeblich ihn verstattende
-und heiligende Motiv ist nicht nur kein Gebot und nirgends im Menschen
-als ein Imperativ zu finden, sondern vielmehr selbst ein sittlich
-verwerflicher Beweggrund; weil man einen Menschen nicht um seine
-Einwilligung fragt, dessen Vater oder Mutter man wird. Für den anderen
-Koitus aber, bei dem die Möglichkeit einer Fortpflanzung künstlich
-verhindert wird, kommt selbst jene, auf so schwachen Füßen stehende
-Rechtfertigung in Wegfall.
-
-Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee der Menschheit;
-nicht weil Askese Pflicht ist, sondern vor allem, weil das Weib in ihm
-Objekt, Sache werden will, und der Mann ihm hier wirklich den Gefallen
-tut, es nur als Ding, nicht als lebenden Menschen, mit inneren,
-psychischen Vorgängen anzusehen. Darum verachtet auch der Mann das Weib
-augenblicklich, sobald er es besessen hat, und das Weib _fühlt_, daß es
-nun verachtet wird, auch wenn es vor zwei Minuten sich noch vergöttert
-wußte.
-
-Respektieren kann der Mensch im Menschen nur die _Idee_, die Idee der
-Menschheit; in der Verachtung des Weibes (und seiner selbst), die sich
-nach dem Koitus einstellt, liegt der sicherste Anzeiger, daß gegen
-die Idee hier gefehlt wurde. Und wer nicht verstehen kann, was mit
-dieser _Kant_ischen $Idee$ der Menschheit gemeint ist, der mag es sich
-wenigstens zum Bewußtsein bringen, daß es _seine_ Schwestern, _seine_
-Mutter, _seine_ weiblichen Verwandten sind, um die es sich handelt: _um
-unser selbst willen_ sollte das Weib als Mensch behandelt, _geachtet_
-werden, und nicht _erniedrigt_, wie es durch alle Sexualität geschieht.
-
-Zu $ehren$ aber könnte der Mann das Weib erst dann _mit Recht_
-beginnen, wenn es _selbst_ aufhörte, _Objekt_ und _Materie_ für den
-Mann _sein zu $wollen$_; wenn ihm wirklich an einer Emanzipation läge,
-die mehr wäre als eine Emanzipation der Dirne. Noch ist nie offen
-gesagt worden, wo die Hörigkeit der Frau einzig zu suchen ist: in der
-souveränen, angebeteten Gewalt, die der Phallus des Mannes über sie
-besitzt. Darum haben die Frauen-Emanzipation aufrichtig stets nur
-_Männer_ gewollt, nicht sehr sexuelle, nicht sehr liebesbedürftige,
-nicht sehr tiefblickende, aber edle und für das Recht begeisterte
-Männer, darüber kann kein Zweifel sein. Ich will die erotischen
-Motive des Mannes nicht beschönigen, und seine Antipathie gegen das
-»emanzipierte Weib« nicht geringer darstellen, als sie ist: es ist
-leichter, sich hinanziehen zu lassen, wie _Goethe_, als einsam zu
-steigen und immerfort zu steigen, wie _Kant_. Aber vieles, was dem
-Mann als _Feindschaft_ gegen die Emanzipation ausgelegt wird, ist in
-Wahrheit nur Mißtrauen und Zweifel an ihrer Möglichkeit. Der Mann
-will das Weib nicht als Sklavin, er sucht oft genug zunächst eine
-Gefährtin, die ihn verstehe.
-
-Nicht die Erziehung, die das Weib heute empfängt, ist die angemessene
-Vorbereitung, um der Frau den Entschluß nahezulegen und zu erleichtern,
-jene ihre wahre Unfreiheit zu besiegen. Alles letzte Mittel
-_mütterlicher Pädagogik_ ist es, der Tochter, die zu diesem oder jenem
-sich nicht bequemt, als Strafe aufzudrohen, _sie werde keinen Mann
-bekommen_. Die Erziehung, welche den Frauen zuteil wird, ist auf nichts
-angelegt als auf ihre _Verkuppelung_, in deren glücklichem Gelingen
-sie ihre Krönung findet. Am Manne ist durch solche Einflüsse wenig zu
-ändern; aber das Weib wird durch sie in seiner Weiblichkeit, in seiner
-Unselbständigkeit und Unfreiheit, noch _bestärkt_.
-
-_Die Erziehung des Weibes muß dem Weibe, $die Erziehung der ganzen
-Menschheit der Mutter entzogen werden$._
-
-Dies wäre die erste Voraussetzung, die erfüllt sein müßte, um die Frau
-in den Dienst der Menschheitsidee zu stellen, der niemand, so wie
-_sie_, seit Anbeginn entgegengewirkt hat.
-
- * * * * *
-
-Eine Frau, die wirklich entsagt hätte, die in sich selbst die Ruhe
-suchen würde, eine solche Frau wäre kein Weib mehr. Sie hätte
-aufgehört, Weib zu sein, sie hätte zur äußeren endlich die innere Taufe
-empfangen.
-
-Kann das werden?
-
-Es gibt kein absolutes Weib, und doch ist uns die Bejahung dieser Frage
-wie eine Bejahung des Wunders.
-
-Glücklicher wird das Weib nicht werden durch solche Emanzipation: die
-Seligkeit kann sie ihm nicht versprechen, und zu Gott ist der Weg noch
-lang. Kein Wesen zwischen Freiheit und Unfreiheit kennt das Glück. Wird
-aber das Weib sich entschließen können, die Sklaverei aufzugeben, um
-_unglücklich_ zu werden?
-
-Nicht die Frau heilig zu machen, nicht darum kann es so bald sich
-handeln. Nur darum: kann das Weib zum Probleme seines Daseins,
-zum Begriffe der _Schuld_ redlich gelangen? Wird es die Freiheit
-wenigstens _wollen_? Allein auf die Durchsetzung des Ideales, auf das
-Erblicken des Leitsternes kommt es an. Bloß darauf: kann im Weibe der
-kategorische Imperativ lebendig werden? Wird sich das Weib unter die
-sittliche Idee, unter die _Idee der Menschheit_ stellen?
-
-Denn einzig _das_ wäre _Frauen-Emanzipation_.
-
-
-
-
-ANHANG
-
-ZUSÄTZE UND NACHWEISE.
-
-
-
-
-Zur Einleitung des ersten Teiles.
-
-
-($S. 3, Z. 2 f.$) Der Ausdruck »Begriffe mittlerer Allgemeinheit«
-stammt von John Stuart _Mill_. -- Über die beschriebene Entwicklung
-eines begrifflichen Systems von Gedanken vgl. E. _Mach_, Die Analyse
-der Empfindungen etc., 3. Aufl., Jena 1902, S. 242 f.
-
-($S. 5, Z. 12 f.$) Vgl. Ludwig _Boltzmann_, Über den zweiten Hauptsatz
-der mechanischen Wärmetheorie, Almanach der k. k. Akademie der
-Wissenschaften zu Wien, 36. Jahrgang, S. 255: »Wie in die Augen
-springend ist der Unterschied zwischen Tier und Pflanze, trotzdem gehen
-die einfachen Formen kontinuierlich ineinander über, so daß gewisse
-gerade an der Grenze stehen, ebensogut Tiere wie Pflanzen darstellend.
-Die einzelnen Spezies in der Naturgeschichte sind meist aufs schärfste
-getrennt, hier und da aber finden wieder kontinuierliche Übergänge
-statt.« Über das Verhältnis von chemischer Verbindung und Mischung
-vgl. F. _Wald_, Kritische Studie über die wichtigsten chemischen
-Grundbegriffe, Annalen der Naturphilosophie, I, 1902, S. 181 ff.
-
-($S. 6, Z. 12 f.$) Z. B. kommt die sehr ausführliche Untersuchung
-von Paul _Bartels_, Über Geschlechtsunterschiede am Schädel, Berlin
-1897, zu dem Schlusse (S. 94): »Einen durchgreifenden Unterschied des
-männlichen vom weiblichen Schädel kennen wir bis jetzt noch nicht .....
-Alle etwa anzuerkennenden Unterschiede erweisen sich als Charaktere des
-männlichen beziehungsweise weiblichen Durchschnittes und zeigen eine
-größere oder geringere Anzahl von Ausnahmen.« (S. 100): »Eine sichere
-Diagnose des Geschlechtes ist zur Zeit nicht möglich, und wird, fürchte
-ich, nie möglich sein.«
-
-($S. 6, Z. 15.$) Konrad _Rieger_, Die Kastration in rechtlicher,
-sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 35: »Jeder, der schon
-viele nackte Menschen gesehen hat, weiß doch aus Erfahrung: einerseits,
-daß es viele Frauen gibt, deren Becken »männlich« ist; und anderseits,
-daß es viele Männer gibt, deren Becken »weiblich« ist ..... Bekanntlich
-ist deshalb die Geschlechtsdiagnose eines Skelettes durchaus nicht
-immer möglich.«
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 1.
-
-
-($S. 7, Z. 13.$) Vor Heinrich _Rathke_ (Beobachtungen und Betrachtungen
-über die Entwicklung der Geschlechtswerkzeuge bei den Wirbeltieren,
-Halle 1825. Neueste Schriften der naturforschenden Gesellschaft in
-Danzig, Bd. I, Heft 4) herrschte dogmatisch die _Tiedemann_sche
-Anschauung, daß ursprünglich alle Embryonen weiblich seien, und
-der Hode durch eine Weiterentwicklung des Eierstockes entstanden.
-(Vgl. Richard _Semon_, Die indifferente Anlage der Keimdrüsen beim
-Hühnchen und ihre Differenzierung zum Hoden, Habilitationsschrift,
-Jena 1887, S. 1 f.) Rathke (S. 121 f.) bekämpfte mit vielen Gründen
-die Auffassung, daß das männliche Geschlecht ein höher entwickeltes
-weibliches sei, und kam als erster zu dem Schlusse: »Alle .... in
-diesem Werke mitgeteilten Beobachtungen bezeugen, daß aller sinnlicher
-Unterschied, der sich auf das verschiedene Geschlecht bezieht, zwischen
-den männlichen und weiblichen Gebilden in frühester Lebenszeit
-durchaus wegfällt. Wenigstens ist dies der Fall bei den inneren
-Geschlechtsteilen, denn von den äußeren kann ich fast nur allein aus
-fremder, nicht aber aus eigener Erfahrung urteilen. Diese fremden
-Erfahrungen aber scheinen ebenfalls auf eine Gleichheit jener äußeren
-Gebilde hinzudeuten. Es läßt sich demnach behaupten, daß wenigstens bei
-den Wirbeltieren die Geschlechter ursprünglich, so weit die sinnliche
-Wahrnehmung reicht, einander gleich sind.« Diese Ansicht wurde weiter
-geprüft, bestätigt und schließlich zur Geltung gebracht durch die
-Arbeiten von _Johannes Müller_ (Bildungsgeschichte der Genitalien,
-Düsseldorf 1830), _Valentin_ (Über die Entwicklung der Follikel in
-den Eierstöcken der Säugetiere, Müllers Archiv, 1838, S. 103 f.),
-R. _Remak_ (Untersuchungen über die Entwicklung der Wirbeltiere) und
-Wilhelm _Waldeyer_ (Eierstock und Ei, 1870).
-
-($S. 7, Z. 15.$) Für die Pflanzen ist dieser Nachweis erst in jüngster
-Zeit in K. _Goebels_ Abhandlung Ȇber Homologien in der Entwicklung
-männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane« (Flora oder allgemeine
-botanische Zeitung, Bd. XC, 1902, S. 279-305) erfolgt. Goebel zeigt,
-wie auch bei der Pflanze männliche und weibliche Organe sich aus einer
-ursprünglichen Grundform entwickeln, indem im weiblichen Organ jene
-Zellen steril werden, die im männlichen zur Spermatozoidbildung führen,
-und umgekehrt.
-
-($S. 7, Z. 16 ff.$) Die Zeitangaben beziehen sich auf die _äußeren_
-Geschlechtsteile. Sie werden von den Beobachtern nicht in
-Übereinstimmung gemacht, vgl. W. _Nagel_, Über die Entwicklung des
-Urogenitalsystems des Menschen, Archiv für mikroskopische Anatomie,
-Bd. XXXIV, 1889, S. 269-384 (besonders S. 375 f.), Die im Texte
-gegebenen Daten im allgemeinen nach Oscar _Hertwig_, Lehrbuch der
-Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Tiere, 7. Aufl., S. 427,
-441. Ganz kontrovers ist der Zeitpunkt der Differenzierung der inneren
-Keimdrüsenanlagen, ja selbst die Frage noch strittig, ob deren Anlage
-zuerst hermaphroditisch oder gleich sexuell bestimmt sei. Vgl. die
-auch hierüber am ausführlichsten orientierende Abhandlung Nagels
-(S. 299 ff.).
-
-($S. 8, Z. 21 f.$) Ich gebe hier nach Oscar _Hertwig_ (Lehrbuch der
-Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Wirbeltiere, 7. Aufl., Jena
-1902, S. 444 f.) die vollständige »Tabellarische Übersicht I. über die
-vergleichbaren Teile der äußeren und der inneren Geschlechtsorgane des
-männlichen und des weiblichen Geschlechtes, und II. über ihre Ableitung
-von der ursprünglich indifferenten Anlage des Urogenitalsystems bei den
-Säugetieren«.
-
- _Männliche _Gemeinschaftliche _Weibliche
- Geschlechtsteile._ Ausgangsform._ Geschlechtsteile._
-
- Samenampullen und Keimepithel Eifollikel, Graafsche
- Samenkanälchen Bläschen.
-
- Urniere
-
- ~a~) Nebenhoden, ~a~) Vorderer Teil mit ~a~) Epoophoron mit
- Epididymis mit Rete den Marksträngen des
- testis und Tubuli Geschlechtssträngen Eierstocks.
- recti (Geschlechtsteil)
-
- ~b~) Paradidymis ~b~) Hinterer Teil ~b~) Paroophoron.
- (eigentlicher
- Urnierenteil)
-
- Samenleiter mit Urnierengang Gärtnersche Kanäle
- Samenbläschen einiger Säugetiere.
-
- Niere und Ureter Niere und Ureter Niere und Ureter.
-
- Hydatide des } Müllerscher Gang { Eileiter und Fimbrien
- Nebenhodens } {
- Sinus prostaticus } { Gebärmutter und
- (Uterus masculinus) } { Scheide.
-
- Gubernaculum Leistenband der Rundes Mutterband
- Hunteri Urniere und Ligamentum
- ovarii.
-
- Männliche Harnröhre Sinus urogenitalis Vorhof der Scheide.
- (Pars prostatica und
- membranacea)
-
- Männliches Glied Geschlechtshöcker Klitoris.
-
- Pars cavernosa Geschlechtsfalten Kleine Schamlippen.
- urethrae
-
- Hodensack Geschlechtswülste Große Schamlippen.
-
-($S. 8, Z. 9 v. u.$) Ernst _Häckel_, Generelle Morphologie der
-Organismen, Band II: Allgemeine Entwicklungsgeschichte der Organismen
-etc., Berlin 1866, S. 60 f.: »Jedes Individuum (irgend einer Ordnung)
-als _Zwitter_ (_Hermaphroditus_) vereinigt in sich beiderlei
-Geschlechtsstoffe, Ovum und Sperma. Der Gegensatz hiezu ist die
-Trennung der Genitalien, die Verteilung der beiderlei Geschlechtsstoffe
-auf zwei Individuen (gleichviel welcher Ordnung), welche wir als
-_Geschlechtstrennung oder Gonochorismus_ bezeichnen. Jedes Individuum
-irgend einer Ordnung als _Nichtzwitter_ (Gonochoristus) besitzt
-nur einen von beiden Geschlechtsstoffen, Ovum _oder_ Sperma.« In
-einer Anmerkung hiezu gibt er die Etymologie: »γονη, ἡ Genitale,
-Geschlechtsteil: χωριστός, getrennt. Wir führen dieses neue Wort hier
-ein, weil es bisher seltsamerweise gänzlich an einer _allgemeinen_
-Bezeichnung der Geschlechtstrennung mangelte, während man für die
-Zwitterbildung deren mehrere besaß (Hermaphroditismus, Androgynie).«
-
-($S. 9, Z. 9.$) Am wenigsten dimorph sind die Geschlechter wohl bei den
-Stachelhäutern (Echinodermen). Ferner finden sich nach _Weismann_, Das
-Keimplasma, Jena 1892, S. 466 f., auch bei Volvox, unter den Schwämmen
-und den Medusenpolypen Organismen, bei welchen männliche und weibliche
-Individuen lediglich durch die Art der Geschlechtszellen selbst sich
-unterscheiden, also ohne alle weiteren Sexualcharaktere.
-
-($S. 9, Z. 11.$) Normaler Hermaphroditismus unter den Fischen: beim
-Seebarsch (Serranus scriba), der Goldbrasse (Chrysophrys aurata)
-und der Myxine glutinosa (einem auf anderen Fischen schmarotzenden
-Cyklostoma). Vgl. C. _Claus_, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg
-1897, S. 745, und _Richard Hertwig_, Lehrbuch der Zoologie, 5. Aufl.,
-Jena 1900, S. 99.
-
-($S. 9, Z. 13 v. u.$) Aus Gründen der Vererbungslehre wird von _Darwin_
-und besonders von _Weismann_ die Bisexualität der geschlechtlich
-differenzierten Lebewesen geradezu als eine Notwendigkeit postuliert.
-Darwin, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der
-Domestikation, 2. Aufl., Stuttgart 1873, Bd. II, S. 59 f.: »Wir
-sehen daher, daß in vielen, wahrscheinlich in allen Fällen die
-sekundären Charaktere jedes Geschlechtes schlafend oder latent in dem
-entgegengesetzten Geschlechte ruhen, bereit, sich unter eigentümlichen
-Umständen zu entwickeln. Wir können auf diese Weise verstehen, woher es
-z. B. möglich ist, daß eine gut melkende Kuh ihre guten Eigenschaften
-durch ihre männlichen Nachkommen auf spätere Generationen überliefert,
-indem wir zuversichtlich annehmen, daß diese Eigenschaften in den
-Männchen jeder Generation, wenn auch in einem latenten Zustande,
-vorhanden sind. Dasselbe gilt für den Kampfhahn, welcher seine
-Vorzüglichkeiten in Betreff des Mutes und der Lebendigkeit durch seine
-weibliche auf seine männliche Nachkommenschaft überliefern kann; und
-beim Menschen ist es bekannt, daß Krankheiten, wie z. B. Hydrokele,
-welche notwendig auf das männliche Geschlecht beschränkt sind, durch
-die Tochter auf den Enkel überliefert werden können. Derartige Fälle,
-wie die vorstehenden, bieten .... die möglichst einfachen Beispiele von
-Rückschlag dar, und sie sind unter der Annahme verständlich, daß bei
-dem Großvater und Enkel eines und desselben Geschlechtes gemeinsame
-Charaktere, wenn auch latent, in dem zwischenliegenden Erzeuger
-des entgegengesetzten Geschlechtes vorhanden sind.« Weismann, Das
-Keimplasma, eine Theorie der Vererbung, Jena 1892, S. 467 f.: »Vom
-Menschen her wissen wir, daß sämtliche sekundären Geschlechtscharaktere
-nicht nur von den Individuen des entsprechenden Geschlechtes vererbt
-werden, sondern auch von denen des anderen. Die schöne Sopranstimme
-der Mutter kann sich durch den Sohn hindurch auf die Enkelin vererben,
-ebenso der schwarze Bart des Vaters durch die Tochter auf den Enkel.
-Auch bei den Tieren müssen in jedem geschlechtlich differenzierten Bion
-beiderlei Geschlechtscharaktere vorhanden sein, die einen manifest, die
-anderen latent. Der Nachweis ist hier nur in gewissen Fällen zu führen,
-weil wir die individuellen Unterschiede dieser Charaktere nur selten so
-genau bemerken, allein er ist selbst für ziemlich einfach organisierte
-Arten zu führen, und _die latente Anwesenheit der entgegengesetzten
-Geschlechtscharaktere in jedem geschlechtlich differenzierten Bion_
-muß deshalb als allgemeine Einrichtung aufgefaßt werden. Bei der Biene
-besitzen die aus unbefruchteten Eiern sich entwickelnden Männchen
-die sekundären Geschlechtscharaktere des Großvaters, und bei den
-Wasserflöhen, bei welchen mehrere rein weibliche Generationen aus
-einander hervorgehen, bringt die letzte derselben Männchen hervor mit
-den sekundären Geschlechtscharakteren der Art, welche somit in latentem
-Zustande in einer großen Reihe von weiblichen Generationen vorhanden
-sein mußten.« Man vergleiche hiemit auch _Moll_, Untersuchungen über
-die Libido sexualis, Berlin 1898, Bd. I, S. 444.
-
-($S. 9, Z. 4 v. u.$) Als das »Objekt der Kunst« wird »die platonische
-Idee« bekanntlich betrachtet im dritten Buche der »Welt als Wille und
-Vorstellung« von _Schopenhauer_.
-
-($S. 10, Z. 18.$) Seit 1899 erscheint alljährlich unter Redaktion von
-Dr. Magnus _Hirschfeld_ ein »_Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen_«.
-Dieses Unternehmen wäre noch verdienstvoller, als es ist, wenn es nicht
-nur die Homosexuellen und die Zwittergeburten, das sind die sexuellen
-_Mittel_stufen, in den Kreis seiner Betrachtung zöge. Vgl. übrigens
-Kap. IV und die Nachweise zu demselben.
-
-($S. 11, Z. 3 ff.$) Auch für die Pflanzen. Vgl. August _Schulz_,
-Beiträge zur Kenntnis der Bestäubungseinrichtungen und
-Geschlechtsverteilung bei den Pflanzen, II. Teil, Kassel 1890, an
-vielen Orten, z. B. S. 185. Ferner erzählt _Darwin_, Die verschiedenen
-Blütenformen bei Pflanzen der nämlichen Art, Werke IX/3, Stuttgart
-1877, S. 10, von der gemeinen Esche (Fraxinus excelsior): »..... ich
-untersuchte .... 15 Bäume, welche auf dem Felde wuchsen, und von
-diesen produzierten 8 allein männliche Blüten und im Frühjahr und im
-Herbste nicht ein einziges Samenkorn; 4 produzierten nur weibliche
-Blüten, welche außerordentlich zahlreichen Samen ansetzten; drei waren
-Zwitter, welche, als sie in Blüte waren, ein von den anderen Bäumen
-verschiedenes Aussehen hatten: zwei von ihnen produzierten nahezu so
-viel Samen wie die weiblichen Bäume, während der dritte nicht einen
-hervorbrachte, so daß er der Funktion nach männlich war. _Die Trennung
-der Geschlechter ist indessen bei der Esche nicht vollständig, denn
-die weiblichen Blüten enthalten Staubgefäße, welche in einer frühen
-Periode abfallen, und ihre Antheren, welche sich niemals öffnen
-oder dehiszieren, enthalten meistens eine breiige Substanz anstatt
-des Pollens. An einigen weiblichen Blüten fand ich jedoch einige
-wenige Antheren, welche allem Anscheine nach gesunde Pollenkörner
-enthielten. An den männlichen Bäumen enthalten die meisten Blüten
-Pistille_, dieselben fallen aber gleichfalls in einer frühen Periode
-ab; und die Eichen, welche schließlich abortieren, sind sehr klein
-verglichen mit denen in weiblichen Blüten von demselben Alter.« Man
-vergleiche übrigens die im III. Kapitel besprochene Heterostylie. --
-Was die Tiere betrifft, und besonders den Menschen, so ließen sich
-ganze Bogen mit Belegen aus hierauf bezüglichen Publikationen füllen.
-Ich verweise aber lieber zunächst auf Albert _Moll_, Untersuchungen
-über die Libido sexualis, I, S. 334 ff. (z, B. seine Beweise für
-das Vorkommen sezernierender Milchdrüsen bei Männern). -- Konrad
-_Rieger_, Die Kastration in rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht,
-Jena 1900, S. 21, Anmerkung 2: »Manche weibliche Ziegen haben sehr
-starke Hörner, die sich nur wenig von denen eines Ziegen_bockes_
-unterscheiden; andere weibliche Ziegen sind völlig hornlos, und
-schließlich gibt es auch Ziegen_böcke_ (_und zwar unkastrierte_) ohne
-Hörner.« S. 26: »Sieht man eine größere Anzahl von Rindviehbildern
-durch, so ergibt sich sofort, daß sehr bedeutende Unterschiede bestehen
-in Bezug auf die Hörner bei den Stieren selbst.« S. 30: »Ich habe
-selbst zufällig neulich ein weibliches Schaf von einer importierten
-Rasse gesehen, das die schönsten Widderhörner hatte.« Vgl. ferner M.,
-Über Rehböcke mit abnormer Geweihbildung und deren eigentümliches
-Verhalten, Deutsche Jäger-Zeitung, XXXII, 363. Edw. R. _Alston_, On
-Female Deer with antlers, Proceed. Zoolog. Society, London 1879,
-p. 296 f. -- Von _lokalen_ Häufungen der Zwischenstufen bei Käfern und
-Schmetterlingen berichtet William _Bateson_, Materials for the study
-of variation treated with especial regard of discontinuity in the
-origin of species, London 1894, p. 254: »In all other localities the
-male Phalanger maculatus alone is spotten with white, the female being
-without spots, but in Waigiu the females are spotted like the males.
-This curious fact was first noticed by Jentink.« (F. A. _Jentink_,
-Notes, Leyd. Mus., VII, 1885, p. 90.) Und in einer Anmerkung hiezu:
-»Compare the converse case of Hepialus humuli (the Ghost Moth), of
-which, in all other localities, the male are clear and the females are
-light yellow-brown with spots, but in the Shetland Islands the males
-are very like the females, _though in varying degrees_. See Jenner
-Weir, Entomologist, 1880, p. 251 Pl.« -- _Darwin_, Das Variieren der
-Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, II, 259: »Die vielen
-wohlbeglaubigten Fälle verschiedener männlicher Säugetiere, welche
-Milch geben, zeigen, daß ihre rudimentären Milchdrüsen diese Fähigkeit
-in einem latenten Zustande behalten.« Dazu _Moll_, Untersuchungen, I,
-481: »Von der typischen Beschaffenheit der männlichen Brust finden
-wir bis zur völligen Ausbildung der weiblichen Brustdrüsen beim Manne
-zahlreiche Übergänge.« -- _Von der großen Veränderlichkeit sekundärer
-Geschlechtscharaktere_ handelt _Darwin_ im 5. Kapitel der »Entstehung
-der Arten« (S. 207 ff. der Übersetzung von Haek, Universalbibliothek),
-von »_Abstufungen sekundärer geschlechtlicher Charaktere_« im
-14. Kapitel der »Abstammung des Menschen u. s. w.« (Bd. II, S. 143 ff.
-der gleichen Ausgabe). -- Über sexuelle Zwischenformen bei den
-Cerviden noch Adolf _Rörig_, Welche Beziehungen bestehen zwischen
-den Reproduktionsorganen der Cerviden und der Geweihbildung, Archiv
-für Entwicklungsmechanik der Organismen VIII, 1899, 382-447 (mit
-weiterer Literatur); bei den Vögeln: A. _Tichomiroff_, Androgynie
-bei den Vögeln, Anatomischer Anzeiger, 15. März 1888 (III, 221-228);
-bei Vögeln und anderen Tieren: Alexander _Brandt_, Anatomisches und
-Allgemeines über die sogenannte Hahnenfedrigkeit und über anderweitige
-Geschlechtscharaktere bei Vögeln, Zeitschrift für wissenschaftliche
-Zoologie, 48, 1889, S. 101-190.
-
-($S. 11, Z. 6.$) Über das virile Weiberbecken vgl. W. _Waldeyer_, Das
-Becken, Topographisch-anatomisch mit besonderer Berücksichtigung der
-Chirurgie und Gynäkologie dargestellt (in: G. _Joessel_, Lehrbuch der
-topographisch-chirurgischen Anatomie, Teil II, Bonn 1899) S. 393 f.:
-»Wir finden auch Weiberbecken vom Habitus der Männerbecken. Die Knochen
-sind massiver, die Darmbeine stehen steil, der Schambogen ist eng, die
-Beckenhöhle hat eine Trichterform. Meist haben die betreffenden Frauen
-auch in ihrem übrigen Körperhabitus etwas ..... Männliches (Viragines).
-Doch braucht dies nicht immer der Fall zu sein.«
-
-($S. 11, Z. 8.$) Über _bärtige Weiber_ vgl. Max _Bartels_, Über
-abnorme Behaarung beim Menschen, Zeitschrift für Ethnologie VIII
-(1876), 110-129 (mit Literaturnachweisen), XI (1879), 145-194, XIII
-(1881), 213-233. Wilhelm _Stricker_, Über die sogenannten Haarmenschen
-(Hypertrichosis universalis) und insbesondere die bärtigen Frauen,
-Bericht über die Senckenbergische naturforschende Gesellschaft,
-Frankfurt 1877, S. 97 f. Louis A. _Duhring_, Case of bearded women,
-Archives of Dermatology III (1877), p. 193-200. Harris _Liston_,
-Cases of bearded women, British medical Journal vom 2. Juni 1894.
-Albert _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1898,
-I, p. 337 (mit Literatur). Cesare _Taruffi_, Hermaphrodismus und
-Zeugungsunfähigkeit, Eine systematische Darstellung der Mißbildungen
-der menschlichen Geschlechtsorgane, übersetzt von R. Teuscher, Berlin
-1903, S. 164-173: Über Hypertrichosis beim Weibe, mit vielen weiteren
-Literaturangaben. Alexander _Brandt_, Über den Bart der Mannweiber
-(Viragines), Biologisches Zentralblatt 17, 1897, S. 226-239. Les Femmes
-à barbe, Revue scientifique VII, 618-622. Gustav _Behrend_, Artikel
-_Hypertrichosis_ in Eulenburgs Realenzyklopädie, Bd. XI^3, S. 194.
-Alexander _Ecker_, Über abnorme Behaarung beim Menschen, insbesondere
-über die sogenannten Haarmenschen, Braunschweig 1878, mit weiterer
-Literatur S. 21.
-
-($S. 11, Z. 17 ff.$) Man vergleiche z. B. die in der Schrift von
-Livius _Fürst_, Die Maß- und Neigungsverhältnisse des weiblichen
-Beckens nach Profildurchschnitten gefrorener Leichen, Leipzig 1875,
-S. 16 und S. 24 ff. enthaltenen Tafeln mit den Maßzahlen, die von
-den verschiedenen Beobachtern von _Luschka_, _Henle_, _Rüdinger_,
-_Hoffmann_, _Pirogoff_, _Braune_, _Le Gendre_ und _Fürst_ selbst als
-Dimensionen des Beckens der Geschlechter angegeben werden. -- Ferner
-W. _Krause_, Spezielle und makroskopische Anatomie (II. Bd. der 3.
-Aufl. des Handbuches der menschlichen Anatomie von C. F. Th. Krause),
-Hannover 1879, S. 122 ff., mit Tabellen für die Maximal- und
-Minimalproportionen sowohl beim Manne als bei der Frau.
-
-($S. 13, Z. 7 f.$) Die Angabe über die Ophiten nach _Überweg-Heinze_,
-Grundriß der Geschichte der Philosophie, Teil II, Die mittlere oder die
-patristische und scholastische Zeit, 8. Aufl., Berlin 1898, S. 40.
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 2.
-
-
-($S. 14, Z. 16 v. u.$) Havelock _Ellis_, Man and Woman, A Study of
-human secondary sexual characters, London 1894, deutsch: Mann und
-Weib, Anthropologische und psychologische Untersuchung der sekundären
-Geschlechtsunterschiede, übersetzt von Dr. Hans Kurella (Bibliothek
-für Sozialwissenschaft, Bd. III) Leipzig 1895. In Betracht kommt hier
-auch das einseitigere, aber originellere und durch glückliche Belege
-aus der belletristischen Literatur psychologisch bereicherte Werk
-von C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als Verbrecherin und
-Prostituierte, Anthropologische Studien, gegründet auf eine Darstellung
-der Biologie und Psychologie des normalen Weibes, übersetzt von
-Kurella, Hamburg 1894.
-
-($S. 15, Z. 22.$) Joh. Japetus Sm. _Steenstrup_, Untersuchungen über
-das Vorkommen des Hermaphroditismus in der Natur, aus dem Dänischen
-übersetzt von C. F. Hornschuch, Greifswald 1846, S. 9 ff. -- Man
-vergleiche über Steenstrups Anschauungen die absprechenden Urteile von
-Rud. _Leuckart_, Artikel »Zeugung« in Rud. Wagners Handwörterbuch der
-Physiologie, Bd. IV, 1853, S. 743 f., und C. _Claus_, Lehrbuch der
-Zoologie, S. 117^6.
-
-($S. 15, Z. 23.$) _Ellis_, Mann und Weib, besonders S. 203 ff.
-
-($S. 15 Z. 10 v. u.$) Über die Geschlechtsunterschiede in der
-Zusammensetzung des Blutes, Ellis, S. 204 f. -- Olof _Hammarsten_,
-Lehrbuch der physiologischen Chemie, 4. Aufl., Wiesbaden 1899, S. 137.
-»Beim Menschen kommen gewöhnlich in je 1 ~cm~^3 beim Manne 5 Millionen
-und beim Weibe 4 à 4·5 Millionen (roter Blutkörperchen) vor.« -- Ernst
-_Ziegler_, Lehrbuch der allgemeinen und speziellen pathologischen
-Anatomie, Bd. II: Spezielle pathologische Anatomie, 9. Aufl., Jena
-1898, S. 3: »In 100 ~cm~^3 Blut sind .... bei Männern 14·5 ~g~, bei
-Frauen 13·2 ~g~ Hämoglobin enthalten.« Vgl. bes. _Lombroso-Ferrero_,
-S. 22 f. und die dort citierte Literatur.
-
-($S. 15, Z. 8 v. u.$) v. _Bischoff_, Das Hirngewicht des Menschen, Bonn
-1880. -- _Rüdinger_, Vorläufige Mitteilungen über die Unterschiede der
-Großhirnwindungen nach dem Geschlecht beim Fötus und Neugeborenen.
-Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns. I, 1877,
-S. 286-307. -- Auch _Passet_, Über einige Unterschiede des Großhirns
-nach dem Geschlecht, Archiv für Anthropologie, Bd. XIV, 1883,
-S. 89-141, und Emil _Huschke_, Schädel, Hirn und Seele des Menschen und
-der Tiere nach Alter, Geschlecht und Rasse, Jena 1854, S. 152 f., haben
-die Existenz solcher Unterschiede versichert und mit genauen Daten
-belegt.
-
-($S. 15, Z. 6 v. u.$) Alice _Gaule_, Die geschlechtlichen Unterschiede
-in der Leber des Frosches, Archiv für die gesamte Physiologie,
-herausgegeben von Pflüger, Bd. LXXXIV, 1901, Heft 1/2, S. 1-5.
-
-($S. 15, Z. 3 v. u.$) Wo der Ausdruck »erogen« (»Zones érogènes«
-als Name für diejenigen Körperteile, die sexuell besonders anziehend
-auf das andere Geschlecht wirken) zum ersten Male vorkommt, war
-mir zu ermitteln nicht möglich. Der verstorbene Professor Freiherr
-_v. Krafft-Ebing_, von dem ich einmal Belehrung hierüber erbat,
-vermutete, bei _Gilles de la Tourette_. Doch ist in dessen großem Werke
-über die Hysterie nichts hierauf Bezügliches enthalten.
-
-($S. 16, Z. 15.$) Die Anführung aus _Steenstrup_ a. a. O., S. 9 bis 10.
-
-($S. 18, Z. 6.$) John _Hunter_, Observations on certain parts of
-the animal oeconomy, London 1786, berichtet in einem zuerst in den
-Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Vol.
-LXX/2, 1. Juni 1780, pag. 527-535, veröffentlichten »Account of an
-extraordinary pheasant« von der »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen und
-vergleicht diese mit der Bärtigkeit der Großmütter. S. 63 (528) wird
-die berühmte Unterscheidung eingeführt: »It is well known that there
-are many orders of animals which have the two parts designed for the
-purpose of generation different in the same species, by which they
-are distinguished into male and female: but this is not the only
-mark of distinction in many genera of animals, of the greatest part
-the male being distinguished from the female by various marks. _The
-differences which are found in the parts of generation themselves, I
-shall call the first or principle, and all others depending upon these
-I shall call secondary._« Wenn im Texte (Z. 20 ff.) der Bereich der
-sekundären Charaktere strenger denn gewöhnlich als die Gesamtheit der
-erst in der Mannbarkeit äußerlich sichtbar hervortretenden Charaktere
-umschrieben wird, so ist damit auf _Hunters_ _ursprüngliche_ Bestimmung
-zurückgegriffen, S. 68: »We see the sexes which at an early period had
-little to distinguish them from each other, acquiring about the time
-of puberty secondary properties, which clearly characterise the male
-and female. The male at this time recedes from the female, and assumes
-the secondary characters of his sex.« Vgl. _Darwin_, Das Variieren etc.
-I^2, S. 199. Entstehung der Arten (übersetzt von Haek), S. 201.
-
-($S. 18, Z. 8.$) Dafür, daß von den primären noch »primordiale«
-Sexualcharaktere abgeschieden werden müssen, sind die vielen Fälle
-beweisend, in denen die äußeren Geschlechtsteile etwa weiblich, die
-Geschlechtsdrüsen selbst immer noch männlich sind, Vgl. z. B. Andrew
-_Clark_, A case of spurious hermaphroditism (hypospadia and undescended
-testis in a subject who has been brought up as female and married
-for sixteen years), Middlesex Hospital, The Lancet, 12. März 1898,
-p. 718 f. -- L. _Siebourg_, Ein Fall von Pseudo-Hermaphroditismus
-masculinus completus, Deutsche medizinische Wochenschrift, 9. Juni
-1898, S. 367-368.
-
-($S. 18, Z. 23 f.$) Die Lehre von der »inneren Sekretion« im
-allgemeinen stammt nicht, wie man jetzt überall angegeben findet, von
-_Brown-Séquard_, der sie nur auf die Keimdrüse als erster angewendet
-hat, sondern von Claude _Bernard_, nachdem schon bei C. _Legallois_
-im Jahre 1801 eine dunkle Ahnung der Sache zu finden ist, worüber man
-Näheres aus der Année biologique, Vol. I, p. 315 f. erfährt. Vgl.
-Bernard, Nouvelle fonction du foie considéré comme organe producteur
-de matière sucrée chez l'homme et les animaux, Paris, Baillière, 1853,
-p. 58 und 71 f. Ferner Leçons de physiologie expérimentale, Vol. I,
-Paris 1855, aus der folgende Stellen wörtlich angeführt seien: »On
-s'est fait pendant longtemps une très-fausse idée de ce qu'est un
-organe sécréteur. On pensait que toute sécrétion devait être versée
-sur une surface interne ou externe, et que tout organe sécrétoire
-devait nécessairement être pourvu d'un conduit excréteur destiné à
-porter au dehors les produits de la sécrétion. L'histoire du foie
-établit maintenant d'une manière très-nette qu'il y a des sécrétions
-internes, c'est à dire des sécrétions dont le produit, au lieu d'être
-déversé à l'extérieur, est transmis directement dans le sang« (p. 96).
--- »Il doit être maintenant bien établi qu'il y a dans le foie deux
-fonctions de la nature de sécrétions. L'une, sécrétion externe,
-produit la bile qui s'écoule au dehors; l'autre, sécrétion interne,
-forme le sucre qui entre immédiatement dans le sang de la circulation
-générale« (p. 107). -- Ferner (Rapport sur les progrès et la marche
-de la physiologie générale en France, Paris 1867, p. 73): »La cellule
-sécrétoire crée et élabore en elle-même le produit de sécrétion qu'elle
-verse soit au dehors sur les surfaces muqueuses, soit directement
-dans la masse du sang. J'ai appelé _sécrétions externes_ celles
-qui s'écoulent en dehors, et _sécrétions internes_ celles qui sont
-versées dans le milieu organique intérieur.« (p. 79:) »Les sécrétions
-internes sont beaucoup moint connues que les sécrétions externes.
-Elles ont été plus ou moins vaguement soupçonnées, mais elles ne sont
-point encore généralement admises. Cependant, selon moi, elles ne
-sauraient être douteuses, et je pense que le sang, ou autrement dit
-le milieu intérieur organique, doit être regardé comme un produit des
-glandes vasculaires internes.« (p. 84:) »Le foie glycogénique forme
-une grosse glande sanguine, c'est-à-dire une glande qui n'a pas de
-conduit excréteur extérieur. Il donne naissance aux produits sucrés
-du sang, peut-être aussi à d'autres produits albuminoïdes. Mais il
-existe beaucoup d'autres glandes sanguines, telle que la rate, le corps
-thyroïde, les capsules surrénales, les glandes lymphatiques, dont les
-fonctions sont encore aujourd'hui indéterminées; cependant on regarde
-généralement ces organes comme concourant à la régénération du plasma
-et du sang, ainsi qu'à la formation des globules blancs et des globules
-rouges qui nagent dans ce liquide.« Danach ist die sehr allgemeine
-Angabe, _Brown-Séquard_ sei der Begründer der Lehre von den Funktionen
-der Drüsen ohne Ausführungsgänge, wie sie sich z. B. in _Bunges_
-»Physiologischer Chemie« (Lehrbuch der Physiologie des Menschen,
-Leipzig 1901, Bd. II, S. 545), bei _Chrobak_ und _Rosthorn_ (Die
-Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I. Teil, Wien 1896/1900,
-S. 388), bei Ernst _Ziegler_ (Lehrbuch der allgemeinen und speziellen
-pathologischen Anatomie, I^9, 1898, S. 80), Oscar _Hertwig_ (Die Zelle
-und die Gewebe, Bd. II, 1898, S. 167) oder H. _Boruttau_ (Kurzes
-Lehrbuch der Physiologie, Leipzig und Wien, 1898, S. 138) findet, zu
-korrigieren.
-
-_Brown-Séquard_ selbst (Effets physiologiques d'un liquide extrait
-des glandes sexuelles et surtout des testicules, Comptes Rendus
-hebdomadaires des Séances de l'Académie des Sciences, Paris, 30. Mai
-1892, p. 1237 f.) sagt: »Déjà en 1869, dans un cours à la Faculté
-de Médecine de Paris, j'avais émis l'idée que les glandes ont des
-sécrétions internes et fournissent au sang des principes utiles sinon
-essentiels.« Die Priorität gebührt demnach ohne Zweifel Bernard;
-nur die Anwendung auf die Keimdrüsen ist Brown-Séquards alleiniges
-Verdienst: »Je croyais, dès alors, que la faiblesse chez les vieillards
-dépend non seulement de l'état sénile des organes, mais aussi de ce
-que les glandes sexuelles ne donnent plus au sang des principes qui, à
-l'âge adulte, contribuent largement à maintenir la vigueur propre à cet
-âge. Il était donc tout naturel de songer à trouver un moyen de donner
-au sang de vieillards affaiblis les principes que les glandes sexuelles
-ne lui fournissent plus. C'est ce qui m'a conduit à proposer l'emploi
-d'injections sous-cutanées d'un liquide extrait de ces glandes.« Die
-erste Veröffentlichung Brown-Séquards über dieses Thema ist die in den
-»Comptes rendus hebdomadaires des séances et mémoires de la Société de
-Biologie«, Tome 41, 1889, p. 415-419 enthaltene (datiert vom 1. Juni
-1889).
-
-Als Gegner der Lehre von der inneren Sekretion, speziell der
-Keimdrüsen, sind zu nennen: Konrad _Rieger_ in seiner Schrift über die
-Kastration (Jena 1900, S. 71; ihn erinnert sie an die Theorien der
-mittelalterlichen Mönche über die Folgen des »semen retentum«) und
-A. W. _Johnston_, Internal Secretion of the Ovary, 25. Annual Meeting
-of the American Gynaecological Society, vgl. British Gyn. Journal,
-Part 62, August 1900, S. 63. Unentschieden lassen die Frage, ob die
-Erscheinungen nach Kastration und Involution der Keimdrüsen, nach der
-Pubertät und in der Gravidität, soweit sie von den Genitalien ihren
-Ursprung nehmen, auf nervösem Wege oder durch das Blut vermittelt
-werden, _Ziegler_, Patholog. Anatomie, I^9, S. 80, und O. _Hertwig_,
-Zelle und Gewebe, II, 162. Dieser sagt: »Wenn auf der einen Seite der
-Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Geschlechtsdrüsen und der
-sekundären Sexualcharaktere nicht in Abrede gestellt werden kann, so
-fehlt uns auf der anderen Seite doch das tiefere Verständnis dafür.
-Wird die Korrelation zwischen den Organen, welche funktionell direkt
-nichts miteinander zu tun haben, durch das Nervensystem vermittelt,
-oder sind es vielleicht besondere Substanzen, welche vom Hoden oder
-Eierstock abgesondert werden, in den Blutstrom geraten und so die
-weit abgelegenen Körperteile zu korrelativem Wachstum veranlassen? Zu
-einem Entscheid der aufgeworfenen Alternative fehlt es noch an jeder
-experimentellen Unterlage.«
-
-Der letzte Satz war wohl schon zu der Zeit, da Hertwig ihn schrieb
-(1898), nicht mehr ganz richtig. Fr. _Goltz_ und A. _Freusberg_
-hatten 1874 (»Über den Einfluß des Nervensystems auf die Vorgänge
-während der Schwangerschaft und des Gebäraktes«, Pflügers Archiv
-für die gesamte Physiologie, IX, 552-565) von folgendem berichtet
-(S. 557): »Eine Hündin mit vollständiger Trennung des Rückenmarkes
-in der Höhe des ersten Lendenwirbels ist brünstig geworden, hat
-empfangen und ein lebensfähiges Junges ohne Kunsthilfe geboren. Bei
-und nach diesen Vorgängen hat das Tier alle die damit verbundenen
-Naturtriebe (Instinkte) entfaltet ebenso wie ein unversehrtes Geschöpf«
-(d. h. die Milchdrüsen füllten sich und das Junge wurde mit größter
-Zärtlichkeit behandelt. Man vgl. auch _Brücke_, Vorlesungen über
-Physiologie II^3, Wien 1884, S. 126 f.). Goltz selbst kam schon damals
-zu folgendem Schlusse (S. 559): »Es scheint mir ... äußerst fraglich,
-ob überhaupt der Zusammenhang zwischen Gebärmutter und Milchdrüsen
-durch Beteiligung des Nervensystems zu denken ist. Mir sagt auch in
-diesem Falle der Gedanke mehr zu, daß das Blut diesen Zusammenhang
-vermittelt.« Er erinnert daselbst auch an die Ausfallserscheinungen
-nach der Kastration. In ihrer berühmter gewordenen Arbeit »Der Hund mit
-verkürztem Rückenmark« (Pflügers Archiv; 63, 362-400) sind Fr. _Goltz_
-und J. R. _Ewald_ 22 Jahre nach jener Untersuchung nochmals auf das
-Thema zurückgekommen (vgl. in jener Abhandlung S. 385 f.).
-
-Der hauptsächlichste Beweis, daß _keine_ nervöse Vermittlung vorliegt,
-ist, wie ich meine, darin zu erblicken, daß einseitige Kastration,
-also Exstirpation bloß eines Ovars oder Testikels, an der Entwicklung
-der sekundären Geschlechtscharaktere nicht das Geringste ändert. Den
-Einfluß jeder Keimdrüse hätte man aber, wenn ein solcher auf nervösem
-Wege sich vollzieht, als stets auf eine Hemisphäre des Körpers
-_stärker_ sich erstreckend vorzustellen, ja eine halbseitige Kastration
-wäre, zunächst wenigstens, nur für _eine_ Körperhälfte als entscheidend
-anzunehmen. Mit Ausnahme einer einzigen Angabe aber, der _Rieger_, Die
-Kastration, S. 24, mit Recht als Jägerlatein mißtraut (es ist die in
-_Brehms_ Säugetieren, Leipzig und Wien, 1891, III^3, 430: »Einseitig
-verschnittene Hirsche setzen bloß an der unversehrten Seite noch auf«),
-hat nirgends etwas ähnliches verlautet: halbseitig verschnittene
-Tiere sind wie gar nicht verschnittene. So schon _Berthold_,
-Nachrichten von der Universität und Gesellschaft der Wissenschaften
-zu Göttingen, 1849, Nr. 1, S. 1-6. Vgl. z. B. _Chrobak-Rosthorn_,
-Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I/2, S. 371 f.:
-»_Sokoloff_[104] operierte an Hunden, verfolgte die Veränderungen
-sowohl bei einseitiger als auch bei doppelseitiger Kastration. _Bei
-ersterer trat die Brunst wie normal ein_, bei letzterer blieb sie
-regelmäßig weg. _Einseitige Kastration bei jungen Tieren läßt das
-Wachstum beider Gebärmutterhälften fortdauern._ Schon 1½ Monate nach
-zweiseitiger Kastration war eine ausgesprochene Atrophie der zirkulären
-Muskelschichte aufgetreten.«
-
-Diesen Beweis halte ich darum für stringenter selbst als die
-Transplantationsversuche (auf Grund deren J. _Halban_, Über den Einfluß
-der Ovarien auf die Entwicklung des Genitales, Monatsschrift für
-Geburtshilfe und Gynäkologie, XII, 1900, 496-506, besonders S. 505,
-A. _Foges_, Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren,
-Pflügers Archiv, XCIII, 1902, 39 ff., Emil _Knauer_, Die
-Ovarientransplantation, experimentelle Studie, Archiv für Gynäkologie,
-LX, 1900, besonders S. 352-359, mit so viel Recht für die innere
-Sekretion sich entscheiden), weil diesen gegenüber als letzter noch
-immer der Einwand möglich wäre, daß vermittelnde nervöse Bahnen in das
-transplantierte Gewebe zugleich mit dessen Vaskularisierung eingezogen
-seien.
-
-($S. 18, Z. 10 v. u. ff.$) Einen _anderen_ Begriff _von tertiären
-Sexualcharakteren_ hat Havelock _Ellis_ aufgestellt, Mann und Weib,
-S. 24: ».... So haben wir z. B. die verhältnismäßig größere Flachheit
-des Schädels, die größere Aktivität und Ausdehnung der Schilddrüse und
-die geringere Durchschnittsmenge der roten Blutkörperchen beim Weibe.
-Diese Differenzen hängen wahrscheinlich indirekt mit primären und
-sekundären sexuellen Charakteren zusammen. Vom zoologischen Standpunkt
-aus sind sie kaum von Interesse, dagegen vom anthropologischen und
-gelegentlich auch vom pathologischen und sozialen Standpunkt aus
-höchst bemerkenswert. In dieselbe Gruppe mit den sekundären sexuellen
-Charakteren lassen sie sich keinesfalls einreihen, und wir tun wohl am
-besten, sie zu einer neuen Gruppe zusammenzufassen und als ‚tertiäre
-sexuelle Charaktere’ zu bezeichnen.« Ellis bemerkt selbst, daß »sich
-wegen der Tendenz dieser Merkmale, ineinander überzugehen, diese
-Teilung schwer durchführen läßt«. Aber nicht nur der theoretische, auch
-der praktische Wert dieser Gliederung scheint mir geringer als der Wert
-der im Texte vorgeschlagenen Einteilung, nach welcher als primordiale
-Geschlechtscharaktere die allgemein-biologischen, als primäre die
-im engeren Sinne anatomischen, als sekundäre die im engeren Sinne
-physiognomischen, als tertiäre die psychologischen und als quartäre die
-sozialen Unterschiede der Geschlechter bezeichnet werden.
-
-($S. 19, Z. 15 ff.$) Die Annahme dünkt mich sehr wahrscheinlich, daß
-_gleichzeitig_ mit _jeder äußeren_ eine _innere Sekretion_ vor sich
-geht, also auch die letztere keine kontinuierliche, sondern eine
-intermittierende Funktion sei. Denn der Bartwuchs z. B. ist nicht
-gleichmäßig, sondern er erfolgt schubweise, stoßweise. Als Erklärung
-hiefür scheint eine interrupte innere Sekretion am nächsten zu liegen.
-
-($S. 19, Z. 7 v. u.$) Der Ausdruck »Komplementärbedingung« nach Richard
-_Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 29.
-
-($S. 20, Z. 10-28.$) Über das Idioplasma vgl. C. v. _Naegeli_,
-Mechanisch-Physiologische Theorie der Abstammungslehre, 1884. Der
-Begriff wird dort, in einer von seiner Entwicklung im Texte etwas
-abweichenden Weise, eingeführt auf S. 23. Es heißt dann weiter: »Jede
-wahrnehmbare Eigenschaft ist als Anlage im Idioplasma vorhanden,
-es gibt daher so viele Arten von Idioplasma, als es Kombinationen
-von Eigenschaften gibt. Jedes Individuum ist aus einem etwas anders
-gearteten Idioplasma hervorgegangen, und in dem nämlichen Individuum
-verdankt jedes Organ und jeder Organteil seine Entstehung einer
-eigentümlichen Modifikation oder eher einem eigentümlichen Zustande des
-Idioplasmas. Das Idioplasma, welches wenigstens in einer bestimmten
-Entwicklungsperiode durch alle Teile des Organismus verteilt ist,
-hat also an jedem Punkte etwas andere Eigenschaften, indem es
-beispielsweise bald einen Ast, bald eine Blüte, eine Wurzel, ein
-grünes Blatt, ein Blumenblatt, ein Staubgefäß, eine Fruchtanlage,
-ein Haar, einen Stachel bildet.« Am wichtigsten ist für das hier in
-Betracht kommende die Stelle S. 32 f.: »Jede beliebige Zelle muß
-davon [vom Idioplasma] eine gewisse Menge enthalten, weil dadurch die
-ererbte Tätigkeit bedingt wird.« Ferner S. 531: »Jede Ontogenie ...
-beginnt mit einem winzigen Keim, in welchem eine kleine Menge von
-Idioplasma enthalten ist. Dieses Idioplasma zerfällt, indem es sich
-fortwährend in entsprechendem Maße vermehrt, bei den Zellteilungen,
-durch welche der Organismus wächst, in ebenso viele Partien, die
-den einzelnen Zellen zukommen, ....... Jede Zelle des Organismus
-ist idioplasmatisch befähigt, zum Keim für ein neues Individuum zu
-werden. Ob diese Befähigung sich verwirklichen könne, hängt von der
-Beschaffenheit des Ernährungsplasmas ab. Das Vermögen hiezu kommt
-bei niederen Pflanzen jeder einzelnen Zelle zu; bei den höheren
-Pflanzen haben es manche Zellen verloren; im Tierreiche besitzen es
-im allgemeinen nur die zu ungeschlechtlichen oder geschlechtlichen
-Keimen normal bestimmten Zellen.« -- Hugo de _Vries_: in seinem Buche:
-Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 55-60, 75 ff., 92 ff.,
-101 ff., und besonders S. 120. Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die
-Gewebe, Grundzüge der allgemeinen Anatomie und Physiologie. (Diesem
-Buche verdanke ich in biologischer Hinsicht ganz allgemein neben
-_Darwins_ »Variieren« die reichste Belehrung.) Hertwig begründet
-die Theorie im ersten Bande (Jena 1893), S. 277 ff.: »Wenn man das
-Moospflänzchen Funaria hygrometrica zu einem feinen Brei zerhackt,
-so läßt sich auf feuchter Erde aus jedem kleinsten Fragment wieder
-ein ganzes Moospflänzchen züchten. Die Süßwasserhydra läßt sich
-in kleine Stückchen zerschneiden, von denen sich jedes wieder zu
-einer ganzen Hydra mit allen ihren Eigenschaften umbildet. Bei einem
-Baum können sich an den verschiedensten Stellen durch Wucherung
-vegetativer Zellen Knospen bilden, die zu einem Sproß auswachsen,
-der, vom Ganzen abgetrennt und in Erde verpflanzt, sich bewurzelt und
-zu einem vollständigen Baum wird. Bei Cölenteraten, manchen Würmern
-und Tunikaten ist die ungeschlechtliche Vermehrung auf vegetativem
-Wege eine ähnliche, da fast an jeder Stelle des Körpers eine Knospe
-entstehen und zu einem neuen Individuum werden kann ....... Ein
-abgeschnittener und ins Wasser gestellter Weidenzweig entwickelt
-wurzelbildende Zellen an seinem unteren Ende, und so wird hier von
-Zellen, die im Plane des ursprünglichen Ganzen eine sehr abweichende
-Funktion zu erfüllen hatten, eine den neuen Bedingungen entsprechende
-Aufgabe übernommen, ein Beweis, daß die Anlage dazu in ihnen gegeben
-war. Und so können sich umgekehrt auch aus abgeschnittenen Wurzeln
-Laubsprosse bilden, die dann zu ihrer Zeit selbst männliche und
-weibliche Geschlechtsprodukte hervorbringen. In diesem Falle stammen
-also direkt aus Zellbestandteilen einer Wurzel Geschlechtszellen ab,
-die als solche wieder zur Reproduktion des Ganzen dienen ...... Die
-Botaniker hängen zum größten Teile der Lehre an, die kürzlich de
-Vries gegen Weismann verteidigt und in den Satz zusammengefaßt hat,
-daß _alle oder doch weitaus die meisten_ Zellen des _Pflanzenkörpers
-die sämtlichen erblichen Eigenschaften der Art im latenten Zustand
-enthalten. Dasselbe läßt sich auf Grund von Tatsachen von niedrigen
-tierischen Organismen sagen._ Für höhere Tiere kann man den Beweis
-allerdings nicht führen; deswegen ist man aber nicht zu der Folgerung
-gezwungen, daß die Zellen der höheren und niederen Organismen insoferne
-verschieden wären, als die letzteren alle Eigenschaften der Art im
-latenten Zustand, also die Gesamtheit der Erbmasse, die ersteren
-dagegen nur noch Teile von ihr enthielten.« -- Als der heftigste
-Gegner der Idioplasmalehre ist August _Weismann_ aufgetreten in seiner
-Schrift: Die Kontinuität des Keimplasmas als Grundlage einer Theorie
-der Vererbung, 1885 (Aufsätze über Vererbung und verwandte biologische
-Fragen, Jena 1892, S. 215 ff.). Weismanns Hauptargument (S. 237):
-»Ehe nicht erwiesen wird, daß ‚somatisches’ Idioplasma überhaupt
-rückverwandelt werden kann in Keimidioplasma, haben wir kein Recht,
-aus einer von ihnen [den somatischen Zellen] Keimzellen entstehen zu
-lassen«, dürfte vor den genauen Untersuchungen von Friedlich _Miescher_
-(Die histochemischen und physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig
-1897, Bd. II, S. 116 ff.) über die Entwicklung der Keimdrüsen der
-Lachse auf Kosten ihres großen Seitenrumpfmuskels nicht mehr haltbar
-sein. Vgl. übrigens die vernichtende Kritik, welche an den überaus
-künstlichen Theorien Weismanns von _Kassowitz_, Allgemeine Biologie,
-Bd. II, Wien 1900, geübt worden ist, auf die Weismann, wohl ihres
-überscharfen Tones halber, nicht geantwortet hat.
-
-Für die Idioplasmalehre zeugen vollends Untersuchungen wie die von
-Paul _Jensen_, Über individuelle physiologische Unterschiede zwischen
-Zellen der gleichen Art (Pflügers Archiv, LXII, 1896, 172-200). Es
-heißt da z. B. (S. 191): »Wenn ein Foraminifer durch abgetrennte eigene
-Pseudopodien niemals, dagegen stets durch abgeschnittene Pseudopodien
-eines anderen Individuums kontrektatorisch erregt wird, so muß das
-Protoplasma des ersteren sich von dem der letzteren in bestimmter
-Weise unterscheiden, oder allgemein ausgedrückt: das Protoplasma
-verschiedener Individuen muß physiologisch verschieden sein. Welcher
-Art aber ist diese Verschiedenheit und welcher Art der Reiz, der
-ihr entspringt? Wir werden nicht umhin können, Unterschiede in der
-chemischen Zusammensetzung der Protoplasmen verschiedener Individuen
-anzunehmen.« -- Über die Regenerationsfähigkeit (auch niederer _Tiere_)
-vgl. Hermann _Vöchting_, Über die Regeneration der Marchantieen,
-Jahrbücher für wissenschaftliche Botanik, 1885, Bd. XVI, S. 367 bis
-414. Über Organbildung im Pflanzenreich, Physiologische Untersuchungen
-über Wachstumsursachen und Lebenseinheiten, Teil I, Bonn 1878,
-S. 236-240, besonders S. 251-253. -- Jacques _Loeb_, Untersuchungen zur
-physiologischen Morphologie der Tiere, II. Organbildung und Wachstum,
-Würzburg 1892, S. 34 ff. (über Regeneration bei Ciona intestinalis).
-
-($S. 21, Z. 6 ff.$) Wenn jede Zelle, also auch jede Nervenzelle,
-männlich oder weiblich (in bestimmtem Grade) ist, so entfällt auch
-der letzte Anlaß zur Annahme eines »psychosexuellen Zentrums« für
-den Geschlechtstrieb im Gehirn, wie es besonders _Krafft-Ebing_
-(Psychopathia sexualis, 11. Aufl., S. 248, Anm. 1) und seine Schüler,
-ferner (nach ihm) _Taruffi_, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit,
-übersetzt von R. Teuscher, Berlin 1903, S. 190, ungeachtet der in der
-Anmerkung zu S. 18, Z. 15 v. u. citierten Experimente von _Goltz_,
-postuliert haben.
-
-($S. 21, Z. 2 v. u.$) Wilhelm _Caspari_, Einiges über Hermaphroditen
-bei Schmetterlingen, Jahrbücher des nassauischen Vereines für
-Naturkunde, 48. Jahrgang, S. 171-173 (Referat von P. _Marchal_, Année
-biologique, I. 288), berichtet, wie zuweilen die eine seitliche Hälfte
-eines Schmetterlings vollständig männlich und die andere vollständig
-weiblich ist. Bei Saturnia pavonia, einem Pfauenauge, ist der
-Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Färbung sehr groß und
-daher, bei Hermaphroditen in dieser Art der Kontrast zwischen rechter
-und linker Körperhälfte höchst auffallend. -- Richard _Hertwig_,
-Lehrbuch der Zoologie^5, 1900, S. 99 über diesen »Hermaphroditismus
-lateralis« und jene hermaphroditischen Formen bei Schmetterlingen wie
-Ocneria dispar (einem Spinner), dessen männliche Hälfte die besondere
-Gestalt der männlichen Fühler, Augen und Flügel trägt, und sich durch
-sie wesentlich von der weiblichen Hälfte unterscheidet.
-
-($S. 22, Z. 4 v. u. ff.$) _Aristoteles_ sagt (Histor. Anim. 5, 14,
-545, ~a~ 21:) εἰς τὸ θήλυ γαρ μεταβάλλει τα ἐκτεμνόμενα. (9, 50,
-632, ~a~ 4) μεταβάλλει δὲ καὶ ἡ φωνὴ ἐπὶ τῶν ἐκτεμνομένων ἁπαντων
-εἰς τὸ θήλυ. Die falschen Angaben über regelmäßige Verweiblichung
-des entmannten Tieres rühren in der neuesten Zeit hauptsächlich
-von William _Yarrell_ her (On the influence of the sexual organ in
-modifying external character, Journal of the Proceedings of the
-Linnean Society, Zool. Vol. I, 1857, p. 81), und sind ihm (mit oder
-ohne Berufung auf ihn) oft nachgesprochen worden, z. B. von _Darwin_,
-Das Variieren etc., II^2, 59: »Der Kapaun fängt an, sich auf Eier zu
-setzen und brütet Hühnchen aus;« von _Weismann_, Keimplasma, S. 469 f.:
-»Bei ausgebildeten Individuen des einen Geschlechtes können unter
-besonderen Umständen die sekundären Sexualcharaktere des anderen
-Geschlechtes zur nachträglichen Ausbildung gelangen. Dahin gehören
-vor allem die _Folgen der Kastration_ bei beiden Geschlechtern.«
-Ebenso von _Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin
-1899, S. 170, Anm. 1. _Gegen_ diese Theorien hat sich namentlich
-_Rieger_ gewendet (Die Kastration, S. 33 f.), ferner Hugo _Sellheim_
-(Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren, Beiträge zur
-Geburtshilfe und Gynäkologie, herausgegeben von A. Hegar, Bd. I, 1898,
-S. 229-255): »In keiner Weise konnten wir [bei den Kapaunen] einen
-Umschlag, eine Entwicklung von Mutterliebe konstatieren, die sich in
-einer Fürsorge für die beigegebenen Küchlein ausgesprochen hätte«
-(S. 234). »Von einer aktiven Annäherung an das weibliche Tier, wie sie
-von mancher Seite bei den durch die Entfernung der Hoden bedingten
-Veränderungen angenommen wird, ist bei dem Kastratenkehlkopf nichts zu
-merken« (S. 241). Schließlich hat Arthur _Foges_ (Zur Lehre von den
-sekundären Geschlechtscharakteren, Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902,
-S. 39-58) Sellheims Befunde bestätigt und die ältere Ansicht nochmals
-zurückgewiesen (S. 53). Die letzten Autoren gehen aber wohl zu weit,
-indem sie die Verweiblichung für ausgeschlossen zu halten scheinen; sie
-ist zwar keine notwendige Folge der Kastration, da sie jedoch gänzlich
-_ohne_ dieselbe eintreten kann (vgl. S. 24, Z. 1-8 und die Anmerkung
-zu dieser Stelle), so wird durch Kastration ihre Möglichkeit in vielen
-Fällen wohl noch erleichtert werden.
-
-($S. 23, Z. 16 f.$) Über die Annahme männlicher Charaktere durch die
-Frauen, respektive Weibchen, nach dem Aufhören der Geschlechtsreife,
-respektive der Menopause, vgl. vor allem die ausführliche Abhandlung
-von Alexander Brandt, Anatomisches und Allgemeines über die sogenannte
-Hahnenfedrigkeit und über anderweitige Geschlechtsanomalien bei
-Vögeln, Zeitschr. f. wiss. Zool., 48, 1889, S. 101-190. -- Die erste
-Angabe über Hahnenfedrigkeit bei _Aristoteles_, Histor. Animal. 9,
-49, 631 b, 7 ff. -- Im XIX. Jahrhundert handeln von ihr vornehmlich
-William _Yarrell_, On the change in the plumage of some Hen-Pheasants,
-Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 10. Mai
-1827 (Part. II, p. 268-275); _Darwin_, Das Variieren II^2, S. 58;
-Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898, S. 162.
--- Hieher gehört vielleicht der interessante Fall von Hypertrichosis,
-den _Chrobak_ und _Rosthorn_, Die Erkrankungen der weiblichen
-Geschlechtsorgane, Teil I, S. 388, nach Virchow erzählen, »in welchem
-es sich um eine junge Frau handelte, die während der Menstruation an
-akutem Magen- und Darmkatarrh erkrankte, später amenorrhoisch wurde,
-und bei welcher sich während der Dauer des Ausbleibens der Regel der
-ganze Körper mit schwarzen wachsenden Haaren bedeckte.«
-
-($S. 23, Z. 22 f.$) Ricken: nach _Brehms_ Tierleben, 3. Aufl. von
-Pechuel-Loesche, Säugetiere, Bd. III, 1891, S. 495: »Auch sehr alte
-Ricken erhalten bisweilen einen kurzen Stirnzapfen und setzen schwache
-Gehörne auf ... Von einem derartigen Geweih teilt mir _Block_ mit,
-daß es aus zwei gegen 5 ~cm~ langen Stangen bestand und selbst einen
-alten Weidmann täuschen konnte, welcher die Ricke als Bock ansprach und
-erlegte.«
-
-($S. 23, Z. 13 v. u. ff.$) Vgl. Paul _Mayer_, Carcinologische
-Mitteilungen, Mitteilungen a. d. zool. Station zu Neapel, I, 1879,
-VI: Über den Hermaphroditismus bei einigen Isopoden, S. 165 bis 179.
-Von Vertretern der Gattungen Cymothoa, Anilocra und Nerocila ist
-durch Mayer sichergestellt, daß dieselben Individuen in ihrer Jugend
-als Männchen fungieren, bei denen nach einer späteren Häutung die
-ursprünglich zwar vorhandenen, aber nicht funktionsfähigen Eierstöcke
-die männlichen Keimdrüsen zurückdrängen, so daß die Tiere nun die Rolle
-von Weibchen ausfüllen. -- Der Ausdruck »Protandrie« (nach dem Muster
-der Botanik vgl. _Nolls_ Physiologie in Strasburgers Lehrbuch der
-Botanik, 3. Aufl., 1898, S. 250) wird auch von Mayer, S. 177, für diese
-Erscheinung gebraucht. Vgl. Cesare _Lombroso_ und Guglielmo _Ferrero_,
-Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, übersetzt von Hans
-Kurella, Hamburg, 1894, S. 3. Übrigens hat L. _Cuénot_ bei gewissen
-Seesternen ganz die gleiche Erscheinung nachweisen können: Notes sur
-les Echinodermes, III: »L'hermaphrodisme _protandrique_ d'Asterina
-gibbosa Penn. et ses variations suivant les localités« (Zoologischer
-Anzeiger, XXI/_{1}, 1898, S. 273-279). Er kommt zu dem Ergebnis
-(S. 275): »L'hermaphrodisme protandrique est donc ici indiscutable:
-les Asterina sont fonctionnellement mâles ... puis, elles deviennent
-exclusivement femelles pour le reste de leur existence.«
-
-($S. 24, Z. 1 ff.$) Über Fälle von sexueller Umwandlung wird auch
-sonst sporadisch berichtet. Z. B. von L. _Janson_, Über scheinbare
-Geschlechtsmetamorphose bei Hühnern, Mitteilungen d. deutsch.
-Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Heft 60, S. 478
-bis 480. -- _Kob_, De mutatione sexus, Berlin 1823. -- Anekdotenhafte
-Fälle sind bei _Taruffi_, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit,
-Berlin 1903, S. 296, 307 f., 364 f., aus einer Literatur von sehr
-ungleicher Zuverlässigkeit gesammelt. -- »Man hat eine zehn Jahre
-alte Ente gekannt, welche sowohl das vollständige Winter- als
-Sommergefieder des Enterichs annahm.« _Darwin_, Das Variieren etc.,
-II^2, S. 58. Vgl. _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis,
-I, S. 444. -- R. v. _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis mit
-besonderer Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, eine
-klinisch-forensische Studie, 8. Aufl., Stuttgart 1893, erwähnt
-S. 198 f. verschiedene höchst merkwürdige Fälle von Männern, die im
-Laufe ihres Lebens eine vollständige Umwandlung zum Weibe erfahren
-haben; besonders kommt in Betracht jene Autobiographie eines Arztes
-(S. 203 ff.) als Beispiel einer Umwandlung, die, wie Krafft-Ebing
-S. 215 selbst zugeben muß, durchaus ohne paranoischen Wahn ist, obwohl
-er auch jenen Fall S. 203 unter der Überschrift »Metamorphosis sexualis
-paranoica« einführt.
-
-($S. 24, Z. 11 v. u.$) Die hier erwähnten Versuche sind die von Emil
-_Knauer_ (Die Ovarientransplantation, Experimentelle Studie, Archiv
-für Gynäkologie, Bd. LX, 1900, S. 322-376) ausgeführten. Nur in zwei
-von dreizehn Fällen mißlang die Transplantation nicht (ibid., S. 371).
-»Mit Rücksicht auf diese beiden letzten, positiven Erfolge glaube ich
-behaupten zu können, _daß die Überpflanzung der Eierstöcke von einem
-auf ein zweites Tier ebenfalls möglich sei_.« (S. 372.) _Foges_, der
-unter Kenntnis von Knauers Erfolgen denselben Versuch wiederholte,
-ist die Vertauschung nie gelungen (Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902,
-S. 93.), ebensowenig wie Knauers von ihm selbst, S. 373 f., citierten
-Vorgängern. Als Grund ist wohl (neben Wechseln in der Vollkommenheit
-der technischen Ausführung) der im Text vermutete zu betrachten. --
-Über den guten Erfolg der Transplantation innerhalb des Tieres vgl.
-Knauer S. 339 ff.
-
-($S. 25, Z. 8 ff.$) Über die heute ihrer Gefahren wegen freilich fast
-außer Gebrauch gekommene Bluttransfusion, vgl. L. _Landois_, Artikel
-»Transfusion« in Eulenburgs Realenzyklopädie der Heilkunde, 2. Aufl.,
-Bd. XX, 1890, welche für, und Ernst v. _Bergmann_, Die Schicksale der
-Transfusion im letzten Dezennium, Berlin 1883, sowie A. _Landerer_,
-Über Transfusion und Infusion, Virchows Archiv für pathologische
-Anatomie und Physiologie und klinische Medizin, Bd. CV, 1886,
-S. 351-372, die beide gegen die Transfusion sich einsetzen.
-
-($S. 25, Z. 10 v. u. ff.$) Über die »Organsafttherapie« unterrichtet
-am ausführlichsten der, ihrem Prinzipe freilich äußerst gewogene,
-gleichlautende Artikel von Georg _Buschan_ in Eulenburgs
-Realenzyklopädie, 3. Aufl., Bd. XVIII (1898), S. 22-82.
-
-($S. 26, Z. 6 v. u.$) Nach _Foges_, Zur Lehre von den sekundären
-Geschlechtscharakteren, Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902 (S. 57), wäre
-freilich die _Quantität_ der ins Blut sezernierten Keimdrüsenstoffe von
-der größten Bedeutung; denn daß die vollständige Erhaltung des normalen
-Sexualcharakters durch Hodentransplantation bei seinen Versuchstieren
-nicht gelang, führt er darauf zurück, daß eine im Verhältnis zur Größe
-des normalen Hodens nur ganz kleine Menge Hodengewebes zur Anheilung
-kam.
-
-($S. 25, Z. 4 v. u. ff.$) Nach _Buschan_ (a. a. O., S. 32) tun eine
-Reihe von Versuchen, die von _Ferré_ und _Bechasi_ (Note préliminaire
-sur l'étude de l'action du suc ovarien sur le cobaye, Gazette
-hebdomadaire, XLIV, 1897, Nr. 50) in dem physiologischen Laboratorium
-der Universität Rom angestellt worden sind, deutlich dar, »daß die
-Wirkung dieser [der Organ-]Präparate auf das männliche Geschlecht eine
-ganz andere als auf das weibliche ist. Spritzten diese Beobachter von
-einem Ovarialextrakt ... 5 ~cm~^3 einem _weiblichen_ Meerschweinchen
-ein, dann trat weder eine lokale noch eine allgemeine Reaktion auf,
-nur das Körpergewicht erfuhr eine Zunahme; wurde die gleiche Menge
-einem _männlichen_ Tiere injiziert, dann stellten sich ebenfalls
-keine lokalen noch Allgemeinerscheinungen, wohl aber Abmagerung ein.
-Bei Injektion von 10 ~cm~^3 war beim _weiblichen_ Tier die lokale
-Reaktion nur ganz gering, Allgemeinreaktion war nicht vorhanden und
-die Gewichtszunahme eine bedeutende; beim _männlichen_ Tier dagegen
-die lokale Reizung schon ganz beträchtlich, ferner stellte sich eine
-vorübergehende Temperatursteigerung ein, und die Gewichtsabnahme war
-noch stärker ausgeprägt. Wenn endlich 15 ~cm~^3 injiziert wurden,
-dann blieb die lokale Reaktion beim _Weibchen_ eine nur schwache,
-beim Männchen hingegen nahm sie eine noch bedeutendere Höhe an; bei
-ersterem trat gleichfalls eine Temperatursteigerung um einige Dezigrade
-während des Injektionstages, bei letzterem hingegen eine sehr deutliche
-Hypothermie mit nervösem Zittern und intensiver Depression ein;
-_außerdem erfuhr das männliche Meerschweinchen eine sehr beträchtliche
-Abnahme seines Gewichtes und starb schließlich innerhalb vier bis sechs
-Tagen_.«
-
-($S. 27, Z. 6 ff.$) Es dürfte dies für verschiedene Organismen
-verschieden sein. Z. B. bemerken gegenüber anderslautenden Aussagen von
-_Born_ und _Pflüger_ die _Hertwigs_ auf S. 43 ihrer »Experimentellen
-Untersuchungen über die Bedingungen der Bastardbefruchtung«
-(_Oscar_ und _Richard Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie und
-Physiologie der Zelle, 4. Heft, Jena 1885): »Selbst bei den stärksten
-Vergrößerungen ist es uns nicht möglich gewesen, zwischen den reifen
-Samenfäden eines Sphaerechinus oder Strongylocentrotus oder einer
-Arbacia Unterschiede in Form und Größe zu entdecken.« Dagegen setzt
-L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation zwischen den beiden
-Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik der Organismen, Bd.
-XI, 1901, S. 222-224, die Existenz individueller Unterschiede auch
-zwischen den Spermatozoiden und Eizellen derselben Tiere voraus. --
-Daß übrigens die Dimensionen der Eier sicherlich schwanken, ist aus
-den Maßzahlen zu ersehen, die Karl _Schulin_, Zur Morphologie des
-Ovariums, Archiv für mikroskopische Anatomie, Bd. XIX, 1881, S. 472 f.
-und W. _Nagel_, Das menschliche Ei, ibid., Bd. XXXI, 1888, S. 397, 399
-angeben.
-
-($S. 27, Z. 12 ff.$) Über die Geschwindigkeit der Spermatozoiden vgl.
-_Chrobak-Rosthorn_ I/2, S. 441.
-
-($S. 27, Z. 16 ff.$) _Purser_, The British Medical Journal, 1885,
-p. 1159 (vgl. _Moll_, Untersuchungen, I, S. 252) und besonders Franz
-_Friedmann_, Rudimentäre Eier im Hoden von Rana viridis, Archiv
-für mikroskopische Anatomie und Entwicklungsgeschichte, Bd. LII,
-1898, S. 248-261 (mit vielen Literaturangaben, S. 261). Friedmanns
-Fall ist dadurch besonders interessant, daß sich in _beiden_ Hoden
-(im einen fünf, im anderen zehn) wohl entwickelte _Eier_ mit einem
-Durchmesser von 225-500 μ fanden, die sämtlich _innerhalb der
-Samen_kanälchen selbst, und nicht erst zwischen den Hodenschläuchen
-lagen. Auch _Pflüger_, Über die das Geschlecht bestimmenden Ursachen
-und die Geschlechtsverhältnisse der Frösche, Archiv für die gesamte
-Physiologie, Bd. XXIX, 1882, S. 13-40, berichtet über die großen
-Graafschen Follikel, die er gegen seine Erwartung in den Hoden brauner
-Grasfrösche gefunden habe (S. 33). Seine Abhandlung spricht geradezu
-von Übergangsformen von Hode zu Eierstock. -- Weitere Literaturangaben
-bei Frank J. _Cole_, A Case of Hermaphroditism in Rana temporaria,
-Anatomischer Anzeiger, 21. September 1895, S. 104-112. G. _Loisel_,
-Grenouille femelle présentant les caractères sexuels secondaires du
-mâle, Comptes rendus hebdomadaires des Séances et Mémoires de la
-Société de Biologie, LIII, 1901, p. 204-206. _La Valette St. George_,
-Zwitterbildung beim kleinen Wassermolch, Archiv für mikroskopische
-Anatomie, Bd. XLV (1895), S. 1-14.
-
-($S. 28, Z. 12 v. u.$) Einen freilich nicht weit geführten Anfang zu
-einer Theorie der sexuellen Zwischenformen hat der bekannte Gynäkologe
-A. _Hegar_ schon im Jahre 1877 gemacht (Über die Exstirpation
-normaler und nicht zu umfänglicher Tumoren degenerierter Eierstöcke,
-Zentralblatt für Gynäkologie, 10. November 1877, S. 297-307, S. 305
-heißt es): »Der Satz ‚propter solum ovarium mulier est quod est’ ist
-entschieden zu scharf gefaßt, wenn man denselben in dem Sinne auffaßt,
-daß von dem Eierstock ausschließlich der Anstoß zur Herstellung des
-eigentümlichen weiblichen Körpertypus und der speziellen weiblichen
-Geschlechtscharaktere gegeben werde. Schon _Geoffroy St. Hilaire_
-lehrte die Unabhängigkeit in der Entwicklung der einzelnen Abschnitte
-des Geschlechtsapparates, und _Klebs_ hat in neuerer Zeit diese Lehre
-durch die Verhältnisse beim Hermaphroditismus motiviert. Jedenfalls ist
-es jedoch notwendig, auch selbst wenn man den Eierstock als wichtigstes
-Movens annimmt, noch weiter zurückzugehen und nach einem Moment zu
-suchen, welches bedingt, daß in dem einen Fall eine männliche, in
-dem anderen eine weibliche Keimdrüse zustande kommt. [Hier wurde als
-solches das Arrheno-, respektive Thelyplasma des ganzen Organismus
-angesehen]..... Wir können hier für unsere Betrachtungen kurzweg
-von _einem_ geschlechtsbedingenden Moment sprechen. Nehmen wir nun
-an, daß ursprünglich in jedem Individuum zwei geschlechtsbedingende
-Momente vorhanden sind, von denen das eine zum Manne, das andere zum
-Weibe führt, und nehmen wir ferner an, daß diese Momente nicht bloß
-die spezifische Keimdrüse, sondern gleichzeitig auch die anderen
-Geschlechtscharaktere herzustellen suchen, so erscheint uns eine
-genügende Erklärung für alle .... Tatsachen vorhanden zu sein. Die eine
-Bewegungsrichtung überwiegt für gewöhnlich so, daß nur ein spezifischer
-Typus geschaffen, während der andere verdrängt wird. Es kann dieses
-Übergewicht so bedeutend sein, daß, selbst bei Defekt oder rudimentärer
-Ausbildung der ihm zukommenden spezifischen Keimdrüse, doch die
-übrigen entsprechenden Geschlechtscharaktere hergestellt werden.
-[Disharmonie in der sexuellen Charakteristik der verschiedenen Teile
-_eines_ Organismus.] In welcher Art jene Verdrängung stattfindet, ist
-freilich nicht leicht zu sagen. Wahrscheinlich spielen hier teilweise
-sehr einfache mechanische Vorgänge mit. [??] Das Bildungsmaterial wird
-aufgebraucht oder es bleibt einfach kein Platz, kein Raum mehr für die
-Entwicklung des andersartigen Organes. Einen analogen Vorgang finden
-wir ja bei Vögeln, bei denen der linke Eierstock durch sein kräftigeres
-Wachstum den rechten zur Atrophie bringt, gleichsam totdrückt .......
-Bei der zufälligen Schwäche der Bewegungsrichtung können leicht
-zufällige, selbst leichte Widerstände bedeutend einwirken. Es wird
-dann das andere geschlechtsbedingende Moment zur Geltung kommen,
-und wir sehen so ein Individuum entstehen, welches einen anderen
-Geschlechtstypus hat als denjenigen, welcher ihm seiner Keimdrüse
-nach zukommt. Meist sind freilich Gemische männlicher und weiblicher
-Eigenschaften in den mannigfachsten Kombinationen vorhanden bis zu
-jenen feinen Nuancen herab, bei denen wir von einem weibischen Manne
-und einem Mannweibe sprechen.«
-
-($S. 30, Z. 2 f.$) _Maupas_, Sur le déterminisme de la sexualité
-chez l'Hydatina senta, Comptes Rendus hebdomadaires des Séances de
-l'Académie des Sciences, 14. September 1891, p. 388 f.: »Au début de
-l'ovogénèse, l'œuf est encore neutre et, en agissant convenablement, on
-peut à ce moment lui faire prendre à volonté l'un ou l'autre caractère
-sexuel. L'agent modificateur est la température. L'abaisse-t-on, les
-jeunes œufs qui vont se former revêtent l'état de pondeuses d'œufs
-femelles; l'élève-t-on, au contraire, c'est l'état de pondeuses d'œufs
-mâles qui se développe.«
-
-($S. 30, Z. 8 f.$) Vgl. M. _Nußbaum_, Die Entstehung des Geschlechts
-bei Hydatina senta, Archiv für mikroskopische Anatomie und
-Entwicklungsgeschichte, Bd. XLIX (1897), 227-308, der S. 235 sagt:
-»Schon aus den von _Plate_ angegebenen Maßen für männliche und
-weibliche Sommereier der Hydatina senta ergibt sich mit Notwendigkeit,
-daß man das Geschlecht nicht in allen Fällen aus der Größe der Eier
-vorhersagen kann. Man nehme an, daß sich aus den größten Eiern stets
-Weibchen und aus den kleinsten Männchen entwickeln. Zwischen diesen
-weit abstehenden Grenzen gibt es aber stufenweise Übergänge, von denen
-man nicht sagen kann, was aus ihnen werden wird ..... Ein und dasselbe
-Weibchen legt Eier der verschiedensten Größe.«
-
-($S. 30, Z. 9 f.$) Die Ausdrücke »arrhenoid« und »thelyid« nach der
-citierten Abhandlung _Brandts_ (Zeitschrift für wissenschaftliche
-Zoologie, Bd. XLVIII, S. 102).
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 3.
-
-
-($S. 31, Z. 3 ff.$) _Carmen_, Opéra-Comique tiré de la nouvelle de
-Prosper Mérimée par Henry _Meilhac_ & Ludovic _Halévy_, Paris, Acte I,
-Scène V, p. 13.
-
-($S. 32, Z. 1.$) Der Philosoph ist _Arthur Schopenhauer_ in
-seiner »Metaphysik der Geschlechtsliebe«. (Die Welt als Wille und
-Vorstellung, ed. Frauenstädt, Bd. II, Kapitel 44, S. 623 f.): »Alle
-Geschlechtlichkeit ist Einseitigkeit. Diese Einseitigkeit ist in einem
-Individuo entschiedener ausgesprochen und in höherem Grade vorhanden
-als im anderen: daher kann sie in jedem Individuo besser durch Eines
-als das Andere vom anderen Geschlecht ergänzt und neutralisiert werden,
-indem es einer der seinigen individuell entgegengesetzten Einseitigkeit
-bedarf, zur Ergänzung des Typus der Menschheit im neu zu erzeugenden
-Individuo, als auf dessen Beschaffenheit immer alles hinausläuft.
-Die Physiologen wissen, daß Mannheit und Weiblichkeit unzählige
-Grade zulassen, durch welche jene bis zum widerlichen Gynander und
-Hypospadiaeus sinkt, diese bis zur anmutigen Androgyne steigt: von
-beiden Seiten aus kann der vollkommene Hermaphroditismus erreicht
-werden, auf welchem Individuen stehen, welche, die gerade Mitte
-zwischen beiden Geschlechtern haltend, keinem beizuzählen, folglich zur
-Fortpflanzung untauglich sind. Zur in Rede stehenden Neutralisation
-zweier Individualitäten durch einander ist demzufolge erfordert, daß
-der bestimmte Grad _seiner_ Mannheit dem bestimmten Grade _ihrer_
-Weiblichkeit genau entspreche; damit beide Einseitigkeiten einander
-gerade aufheben. Demnach wird der männlichste Mann das weiblichste Weib
-suchen und vice versa, und ebenso jedes Individuum das ihm im Grade
-der Geschlechtlichkeit entsprechende. Inwiefern nun hierin zwischen
-zweien das erforderliche Verhältnis statt habe, wird instinktmäßig von
-ihnen gefühlt, und liegt, nebst den anderen _relativen_ Rücksichten,
-den höheren Graden der Verliebtheit zum Grunde.« Dieser Passus zeigt
-eine weit vollere Einsicht als die einzige noch zu erwähnende Stelle,
-wo ich ähnliches entdecken konnte; diese findet sich bei Albert _Moll_,
-Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897, Bd. I, S. 193. Da
-heißt es: »Wir können überhaupt sagen, daß wir zwischen dem typischen
-weiblichen Geschlechtstrieb, der auf vollständig erwachsene männliche
-Personen gerichtet ist, und dem typischen männlichen Geschlechtstrieb,
-der auf vollständig entwickelte weibliche Personen gerichtet ist, alle
-möglichen Übergänge finden.«
-
-Beide Stellen waren mir unbekannt, als ich (Anfang 1901) dieses Gesetz
-als erster gefunden zu haben glaubte, so eng sich meine Darstellung
-speziell mit der Schopenhauers _sachlich_, ja manchmal _wörtlich_
-berührt.
-
-($S. 32, Z. 5 ff.$) Der Ausspruch Blaise _Pascals_ (Pensées I, 10, 24):
-»Il y a un modèle d'agrément et de beauté, qui consiste en un certain
-rapport entre notre nature faible ou forte, telle qu'elle est, et la
-chose qui nous plaît. Tout ce qui est formé sur ce modèle nous agrée:
-maison, chanson, discours, vers, prose, femme, oiseaux, rivières,
-arbres, chambres, habits,« mag hier Platz finden, obwohl seine weite
-Berechtigung erst allmählich im Laufe des Folgenden (vgl. Teil I,
-Kap. 5 und Teil II, Kap. 1) ganz klar werden kann.
-
-($S. 32, Z. 14 v. u.$) Charles _Darwin_, Die Abstammung des Menschen
-und die Zuchtwahl in geschlechtlicher Beziehung, übersetzt von David
-Haek (Universalbibliothek), Bd. II, Kap. 14, S. 120-132, Kap. 17,
-S. 285-290; die Fälle sprechen keineswegs allein von einer »Wahl«
-seitens des Weibchens, sondern ebensosehr von Bevorzugung und
-Verschmähung der Weibchen durch die Männchen. Vgl. auch: Das Variieren
-der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, übersetzt von
-J. V. Carus, Kap. 18 (Stuttgart 1873, II^2, 186): »Es ist durchaus
-nicht selten, gewisse männliche und weibliche Tiere zu finden, welche
-sich nicht zusammen fortpflanzen, trotzdem man von beiden weiß, daß
-sie mit anderen Männchen und Weibchen vollkommen fruchtbar sind .....
-Die Ursache liegt, wie es scheint, in einer eingeborenen sexuellen
-Unverträglichkeit des Paares, welches gepaart werden soll. Mehrere
-Beispiele dieser Art sind mir mitgeteilt worden ..... In diesen Fällen
-pflanzten sich Weibchen, welche sich entweder früher oder später als
-fruchtbar erwiesen, mit gewissen Männchen nicht fort, mit denen man
-ganz besonders wünschte sie zu paaren« u. s. w.
-
-($S. 32, Z. 8-10 v. u.$) »Fast ausnahmslos ....« »_Beinahe_ immer ....«
-wegen _Oscar_ und _Richard Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie
-und Physiologie der Zelle, Heft 4: Experimentelle Untersuchungen über
-die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 33: »_In der
-Kreuzbefruchtung zweier Arten besteht sehr häufig keine Reziprozität._
-Alle möglichen Abstufungen finden sich hier. Während Eier von Echinus
-microtuberculatus sich durch Samen von Strongylocentrotus lividus fast
-ohne Ausnahme befruchten lassen, wird bei Kreuzung in entgegengesetzter
-Richtung nur in wenigen Fällen eine Entwicklung hervorgerufen. Die
-Befruchtung von Strongylocentrotus lividus durch Samen von Arbacia
-pustulosa bleibt erfolglos, dagegen entwickeln sich von Arbacia
-pustulosa immerhin einige Eier, wenn ihnen Samen von Strongylocentrotus
-lividus hinzugefügt wird. Und so ähnlich noch in anderen Fällen. Es
-ist zur Zeit gar nicht möglich, gesetzmäßige Beziehungen zwischen
-Bastardierungen in entgegengesetzter Richtung nachzuweisen.«
-
-($S. 34, Z. 2 v. u.$) Den Ausdruck »geschlechtliche _Affinität_«, in
-Analogie mit der chemischen Verwandtschaft, haben O. und R. _Hertwig_
-zuerst eingeführt (Experimentelle Untersuchungen über die Bedingungen
-der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 44), und der erstere in seinem
-Buche »Die Zelle und die Gewebe«, Bd. I, S. 240 f., enger, als dies
-hier geschehen ist, auf die Wechselwirkungen zwischen Einzelzellen
-beschränkt.
-
-($S. 35, Z. 12 v. u.$) Mit den von _Darwin_ (A Monograph on the
-Sub-Class Cirripedia: The Lepadidae or Pedunculated Cirripedes, London
-1851, p. 55, S. 182, 213 ff., 281 f., 291 ff.; The Balanidae or sessile
-Cirripedes, The Verrucidae etc., London 1854, p. 29) bei Rankenfüßern
-entdeckten »_komplementären Männchen_«, welche mit Hermaphroditen
-sich paaren, hat die hier vorgetragene Anschauung von einer sexuellen
-Ergänzung trotz dem Ausdruck »Komplement« nichts zu schaffen.
-
-($S. 36, Z. 10 v. u.$) Wilhelm _Ostwald_, Die Überwindung
-des wissenschaftlichen Materialismus (Vortrag auf der
-Naturforscherversammlung zu Lübeck), Leipzig 1895, S. 11 und 27. --
-Richard _Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung, Leipzig 1888-1890, an
-vielen Orten, z. B. Bd. II, S. 299.
-
-($S. 38, Z. 10 v. u.$) P. _Volkmann_, Einführung in das Studium der
-theoretischen Physik, insbesondere in das der analytischen Mechanik mit
-einer Einleitung in die Theorie der physikalischen Erkenntnis, Leipzig
-1900, S. 4: »Die Physik ist .... ein Begriffssystem mit rückwirkender
-Verfestigung.«
-
-($S. 38, Z. 4 v. u.$) »_Persoon_ gab in Usteris Annalen 1794,
-11. Stück, S. 10, die erste Beschreibung der langgriffeligen und
-kurzgriffeligen Formen von Primula« sagt Hugo v. _Mohl_, Einige
-Beobachtungen über dimorphe Blüten, Botanische Zeitung, 23. Oktober
-1863, S. 326.
-
-($S. 38, Z. 3 v. u.$) Charles _Darwin_, The different forms of flowers
-on plants of the same species, London 1877, 2. ed., 1884, p. 1-277.
-(Deutsch: Die verschiedenen Blütenformen bei Pflanzen der nämlichen
-Art, Werke übersetzt von J. V. Carus, IX/3, Stuttgart 1877, S. 1-240.)
-In seinen ersten, den Gegenstand betreffenden Publikationen aus dem
-Jahre 1862 und den folgenden hatte Darwin bloß der mehrdeutigen
-Ausdrücke Dimorphismus und Trimorphismus sich bedient. Hiefür hat
-den Namen Heterostylie Friedrich _Hildebrand_ zuerst vorgeschlagen
-in seiner Abhandlung »Über den Trimorphismus in der Gattung Oxalis«
-(S. 369) in den »Monatsberichten der kgl. preußischen Akademie der
-Wissenschaften zu Berlin«, 1866, S. 352-374. Vgl. auch dessen größere
-Werke: Die Geschlechtsverteilung bei den Pflanzen und das Gesetz der
-vermiedenen und unvorteilhaften Selbstbefruchtung, Leipzig 1867, und
-Die Lebensverhältnisse der Oxalisarten, Jena 1884, S. 127 f.
-
-($S. 38, Z. 2 v. u.$) Über die Heterostylie vgl. außer _Darwins_
-schönem Buch, dem Hauptwerk über den Gegenstand und der reichen,
-darin auf Schritt und Tritt citierten Literatur: Oskar _Kirchner_
-und H. _Potonié_, Die Geheimnisse der Blumen, eine populäre
-Jubiläumsschrift zum Andenken an Christian Konrad Sprengel, Berlin
-1893, S. 21 f.; Julius _Sachs_, Vorlesungen über Pflanzenphysiologie,
-2. Aufl., Leipzig 1887, S. 850; _Noll_ in _Strasburgers_ Lehrbuch der
-Botanik für Hochschulen, 3. Auflage, Jena 1898, S. 250 f.; Julius
-_Wiesner_, Elemente der wissenschaftlichen Botanik, Bd. III: Biologie
-der Pflanzen, Wien 1902, S. 152-154. Anton _Kerner v. Marilaun_, Das
-Pflanzenleben, Bd. II, Wien 1891, S. 300 ff., 389 ff.; _Darwin_ selbst
-noch in der »Entstehung der Arten«, Kap. 9 (S. 399 f., übersetzt von
-Haek), und »Das Variieren etc.«, Kap. 19 (II^2, S. 207 ff.).
-
-($S. 39, Z. 1.$) Die einzigen Monokotyledonen, die heterostyle
-Blüten besitzen, sind die von Fritz _Müller_ (Jenaische Zeitschrift
-für Naturwissenschaft VI, 1871, S. 74 f.) in Brasilien entdeckten
-Pontederien.
-
-($S. 39, Z. 11.$) Auch Darwin nähert sich ein- oder zweimal dieser
-Auffassung, um sie sofort wieder aus den Augen zu verlieren, weil bei
-ihm stets der Gedanke an eine fortschreitende Tendenz der Pflanzen,
-diözisch zu werden, an die Stelle des allgemeingültigen Prinzipes der
-sexuellen Zwischenformen sich schiebt (vgl. p. 257 der englischen
-Ausgabe). Doch sagt er an einer Stelle (p. 296) über Rhamnus
-lanceolatus: »The short-styled form is said by Asa Gray to be the more
-fruitful of the two, as might have been expected from its appearing to
-produce less pollen, and from the grains being of smaller size; _it is
-therefore the more highly feminine of the two_. The long styled form
-produces a greater number of flowers .... they yield some fruit, but as
-just stated are less fruitful than the other form, _so that this form
-appears to be the more masculine of the two_.«
-
-($S. 39, Z. 21 f.$) Es heißt im englischen Texte auf S. 137 (in der
-deutschen Übersetzung S. 118^1) von Lythrum salicaria wörtlich: »If
-smaller differences are considered, there are five distinct sets of
-males.«
-
-($S. 40, Z. 2.$) William _Bateson_, Materials for the study of
-variation treated with especial regard to discontinuity in the origin
-of species, London 1894, p. 38 f. Er sagt von Xylotrupes geradezu:
-»The form is dimorphic, and has two male normals.« Die Stelle ist zu
-ausgedehnt, als daß ich sie ganz hiehersetzen könnte.
-
-($S. 41, Z. 17.$) _Darwin_, p. 148: »It must not however be supposed
-that the bees do not get more or less dusted all over with the several
-kinds of pollen.«
-
-($S. 42, Z. 5-10.$) _Darwin_ spricht p. 186 von dieser Erscheinung als
-von »the usual rule of the grains from the longer stamens, the tubes
-of which have to penetrate the longer pistils, being larger than those
-from the stamens of less length.« Vgl. auch p. 38, 140 und besonders
-286 ff. -- F. _Hildebrand_, Experimente über den Dimorphismus von Linum
-perenne und Primula sinensis, Botanische Zeitung, 1. Jänner 1864,
-S. 2: »Meine Beobachtungen .... zeigten, daß .... die Pollenkörner der
-kurzgriffeligen Form bedeutend größer sind als die der langgriffeligen.«
-
-($S. 42, Z. 9 v. u.$) L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation
-der beiden Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik der
-Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222-224.
-
-($S. 42, Z. 1 ff.$) _Hildebrand_, Monatsberichte der königlich
-preußischen Akademie der Wissenschaften, 1866, S. 370, spricht sich,
-gegen _Lindley_ und _Zuccarini_, dahin aus, daß die kurzgriffeligen
-Blüten deshalb nicht männlich, die langgriffeligen deshalb nicht
-weiblich sein könnten, weil in der kurzgriffeligen Form die Narbe
-keineswegs verkümmert, in der langgriffeligen der Pollen keineswegs
-schlecht und wirkungslos sei. Aber es ist durchaus charakteristisch für
-die Pflanzen, daß bei ihnen in viel weiterem Umfange _Juxtapositionen_
-möglich sind als bei den Tieren.
-
-($S. 42, Z. 9 v. u.$) L. _Weill_, Über die kinetische Korrelation
-zwischen den beiden Generationszellen, Archiv für Entwicklungsmechanik
-der Organismen, Bd. XI, 1901, S. 222-224.
-
-($S. 44, Z. 6 v. u.$) Der Faktor t spielt hier, nicht nur unter
-den Menschen, oder den anderen Organismen, sondern selbst noch im
-Verkehre der Keimzellen eine wichtige und überaus merkwürdige Rolle.
-So schildern O. und R. _Hertwig_, Untersuchungen zur Morphologie
-und Physiologie der Zelle, 4. Heft, Experimentelle Untersuchungen
-über die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S. 37, ihre
-Beobachtungen an Echinodermen: »Wir haben nun gefunden, daß Eier,
-welche gleich nach ihrer Entleerung aus dem strotzend gefüllten
-Eierstock bastardiert wurden, das fremde Spermatozoon _zurückwiesen_,
-es aber nach 10, 20 oder 30 Stunden bei der zweiten oder dritten
-oder vierten Nachbefruchtung in sich aufnahmen und dann sich normal
-weiter entwickelten.« S. 38: »Je später [nach der Entleerung aus den
-Ovarien] die Befruchtung geschah, sei es nach 50 der 10 oder 20 oder
-30 Stunden, um so mehr wuchs der Perzentsatz der bastardierten Eier,
-bis schließlich ein Bastardierungsoptimum erreicht wurde. Als solches
-bezeichnen wir das Stadium, in welchem sich fast das gesamte Eiquantum,
-mit Ausnahme einer geringen Zahl, in normaler Weise entwickelt.«
-
-($S. 45, Z. 6.$) »Phantasien eines Realisten« von _Lynkeus_, Dresden
-und Leipzig, 1900, II. Teil, S. 155-162.
-
-($S. 45, Z. 21 f.$) »... im allgemeinen ...«; k wird _nicht immer_
-einfach in Proportion mit der systematischen Nähe größer. Sieh O. und
-R. _Hertwig_ a. a. O., S. 32 f.: »Das Gelingen oder Nichtgelingen
-der Bastardierung hängt nicht ausschließlich von dem Grade der
-systematischen Verwandtschaft der gekreuzten Arten ab. Wir können
-beobachten, daß Arten, die in äußeren Merkmalen sich kaum voneinander
-unterscheiden, sich nicht kreuzen lassen, während es zwischen relativ
-entfernt stehenden, verschiedenen Familien und Ordnungen angehörenden
-Arten möglich ist. Die Amphibien liefern uns hier besonders treffende
-Beispiele. Rana arvalis und Rana fusca stimmen in ihrem Aussehen fast
-vollständig überein, trotzdem lassen sich die Eier der letzteren nicht
-befruchten, während in einzelnen Fällen Befruchtung mit Samen von Bufo
-communis und sogar von Triton möglich war. Dieselbe Erscheinung ließ
-sich, wenn auch weniger deutlich, bei den Echinodermen konstatieren.
-Immerhin muß aber im Auge behalten werden, daß die systematische
-Verwandtschaft für die Möglichkeit der Bastardierung ein wichtiger
-Faktor ist. Denn zwischen Tieren, die so weit auseinanderstehen, wie
-Amphibien und Säugetiere, Seeigel und Seesterne, ist noch niemals eine
-Kreuzbefruchtung erzielt worden.« Vgl. hiemit Julius _Sachs_, Lehrbuch
-der Pflanzenphysiologie, 2. Aufl., Leipzig 1887, S. 838: »Die sexuelle
-Affinität geht mit der äußeren Ähnlichkeit der Pflanzen nicht immer
-parallel; so ist es z. B. noch nicht gelungen, Bastarde von Apfel- und
-Birnbaum, von Anagallis arvensis und caerulea, von Primula officinalis
-und elatior, von Nigella damascena und sativa und anderen systematisch
-sehr ähnlichen Spezies derselben Gattung zu erzielen, während in
-anderen Fällen sehr unähnliche Formen sich vereinigen, so z. B.
-Aegilops ovata mit Triticum vulgare, Lychnis diurna mit Lychnis flos
-cuculi, Cereus speciosissimus und Phyllocactus phyllanthus, Pfirsich
-und Mandel. In noch auffallenderer Weise wird die Verschiedenheit der
-sexuellen Affinität und systematischen Verwandtschaft dadurch bewiesen,
-daß zuweilen die Varietäten derselben Spezies unter sich ganz oder
-teilweise unfruchtbar sind, z. B. Silene inflata var. alpina mit var.
-angustifolia, var. latifolia mit var. litoralis u. a.« Vgl. auch Oscar
-_Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. I, S. 249.
-
-($S. 46, Z. 11 f.$) Wilhelm _Pfeffer_, Lokomotorische
-Richtungsbewegungen durch chemische Reize, Untersuchungen aus dem
-botanischen Institut zu Tübingen, Bd. I, 1885, S. 363-482.
-
-($S. 46, Z. 23.$) Über die Wirkung der Maleinsäure (»welche, soweit
-bekannt, im Pflanzenreiche nicht vorkommt«), _Pfeffer_ a. a. O., S. 412.
-
-($S. 46, Z. 27.$) Der Terminus wird bei _Pfeffer_ eingeführt a. a. O.,
-S. 474, Anm. 2.
-
-($S. 46, Z. 3 v. u.$) Hiefür spricht vor allem der Bericht
-L. _Seeligmanns_, Weitere Mitteilungen zur Behandlung der Sterilitas
-matrimonii, Vortrag in der gynäkologischen Gesellschaft zu Hamburg,
-Zentralblatt für Gynäkologie, 18. April 1896, S. 429: »Eine Anordnung
-des mikroskopischen Präparates in der Weise, daß auf der einen Seite
-des Deckglases normales Cervicalsekret an und etwas unter das Deckglas
-gebracht wurde, ergab das Resultat, daß auf der einen Seite des
-Vaginalsekretes nach einiger Zeit nur ganz wenige Spermatozoen, die
-sich nicht mehr bewegten, vorhanden waren, während auf der anderen
-Seite des Cervicalsekretes sich die Samentierchen dicht gedrängt
-in lebhafter Bewegung befanden. Hier könne offenbar von einer
-chemotaktischen Wirkung des Cervicalsekretes auf die Samenzellen
-gesprochen werden.«
-
-($S. 46, Z. 1 v. u. ff.$) M. _Hofmeier_, Zur Kenntnis der normalen
-Uterusschleimhaut, Zentralblatt für Gynäkologie, Bd. XVII, 1893,
-S. 764-766. »Nach den positiven Beobachtungen kann ein Zweifel nicht
-mehr bestehen, daß tatsächlich _der Wimperstrom im Uterus von oben nach
-unten zu geht_.«
-
-($S. 47, Z. 8 f.$) Über die Wanderungen der Lachse, ihr Fasten und ihre
-Abmagerung vgl. vor allem Friedrich _Miescher_, Die histochemischen und
-physiologischen Arbeiten von F. M., gesammelt und herausgegeben von
-seinen Freunden, Bd. II, Leipzig 1897, S. 116-191, 192-218, 304-324,
-325-327, 359-414, 415-420.
-
-($S. 47, Z. 13 ff.$) P. _Falkenberg_, Die Befruchtung und der
-Generationswechsel von Cutleria, Mitteilungen aus der zoologischen
-Station zu Neapel, Bd. I, 1879, S. 420-447. Es heißt dort,
-S. 425 f.: »Vollständig negative Resultate ergab der Versuch einer
-Wechselbefruchtung zwischen den nahe verwandten Cutleria-Spezies
-C. adspersa und C. multifida, die -- abgesehen von der Verschiedenheit
-ihrer Standorte -- sich äußerlich nur durch geringe habituelle
-Differenzen unterscheiden. Empfängnisfähigen, zur Ruhe gekommenen
-Eiern der einen Spezies wurden lebhaft schwärmende Spermatozoidien der
-anderen Art zugesetzt. In solchen Fällen sah man die Spermatozoidien
-unter dem Mikroskop zahllos umherirren und endlich absterben, ohne an
-den Eiern der verwandten Algen-Spezies den Befruchtungsakt vollzogen
-zu haben. Freilich blieben einzelne Spermatozoidien, welche zufällig
-auf die ruhenden Eier stießen, momentan an diesen hängen, aber nur um
-sich ebenso schnell wieder von ihnen loszureißen. Ganz anders wurde
-das Bild unter dem Mikroskop, sobald man auf derartigen Präparaten
-den Spermatozoidien auch nur ein einziges befruchtungsfähiges Ei
-der gleichen Spezies hinzusetzte. Wenige Augenblicke genügten, um
-sämtliche Spermatozoidien von allen Seiten her um dieses eine Ei zu
-versammeln, selbst wenn dasselbe mehrere Zentimeter von der Hauptmasse
-der Spermatozoidien entfernt lag. Es entsprach nunmehr das Bild ganz
-den von _Thuret_ (Recherches sur la fécondation des Fucacées, Ann.
-des Sc. natur., Sér. 4, Tome II, p 203, pl. 12, Fig. 4) für Fucus
-gegebenen Abbildungen, und ebenso wurde auch das an sich längst
-bewegungslos gewordene Ei nunmehr durch vereinte Kräfte der zahlreichen
-Spermatozoidien hin- und hergedreht ... Aus diesen Versuchen geht
-einmal hervor, daß die Anziehungskraft zwischen den Eiern von Cutleria
-und den Spermatozoidien sich auf verhältnismäßig bedeutende Distanzen
-geltend macht, daß auf der anderen Seite diese Anziehungskraft nur
-zwischen den Geschlechtszellen der gleichen Spezies existiert.
-Außerdem zeigen die mitgeteilten Erscheinungen, daß die Bewegungen der
-Spermatozoidien von Cutleria .... unter dem Einfluß der Anziehungskraft
-der Eier energisch genug sind, um jene Kraft, welche sie sonst
-dem einfallenden Lichte entgegenführt, zu überwinden und sie dazu
-befähigten, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Mag die Kraft,
-welche die Vereinigung der männlichen und weiblichen Geschlechtszellen
-von Cutleria anstrebt und die Bewegungsrichtung der männlichen
-Schwärmer reguliert, in der männlichen oder in der weiblichen Zelle
-oder in beiden ihren Sitz haben -- so viel ist sicher, daß die Kraft,
-welche bei Cutleria die Spermatozoidien den Eiern zuführt, ihren Sitz
-in dem Organismus selbst haben muß und unabhängig vom Zufall und von
-Strömungen wirkt, welche etwa im Wasser stattfinden können.«
-
-($S. 48, Z. 12.$) Vgl. Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren
-seines Lebens von Johann Peter _Eckermann_ (30. März 1824).
-
-($S. 48, Z. 21.$) Die Analogien zwischen Mensch und Haustier betreffs
-des Nichtgebundenseins des sexuellen Verkehrs an bestimmte Zeitpunkte
-werden oft übertrieben; vgl. hierüber _Chrobak-Rosthorn_, Die
-Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900, Teil I/2,
-S. 379 f.
-
-($S. 50, Z. 10.$) Ich meine die außerordentlich wahre Stelle: »Nach
-wie vor übten sie eine unbeschreibliche, fast magische Anziehungskraft
-gegeneinander aus. Sie wohnten unter einem Dache; aber selbst ohne
-gerade aneinander zu denken, mit anderen Dingen beschäftigt, von der
-Gesellschaft hin- und hergezogen, näherten sie sich einander. Fanden
-sie sich in einem Saale, so dauerte es nicht lange und sie standen,
-sie saßen nebeneinander. Nur die nächste Nähe konnte sie beruhigen,
-aber auch völlig beruhigen, und diese Nähe war genug; _nicht eines
-Blickes, nicht eines Wortes, keiner Geberde, keiner Berührung bedurfte
-es, nur des reinen Zusammenseins. Dann waren es nicht zwei Menschen,
-es war nur ein Mensch im bewußtlosen vollkommenen Behagen_, mit sich
-selbst zufrieden und mit der Welt. _Ja, hätte man Eins von Beiden am
-letzten Ende der Wohnung festgehalten, das Andere hätte sich nach
-und nach von selbst ohne Vorsatz zu ihm hinbewegt._« (_Goethe_, Die
-Wahlverwandtschaften, II. Teil, 17. Kapitel.)
-
-($S. 50, Z. 4 v. u. ff.$) Hiemit vergleiche man die folgenden
-Aussprüche der Dichter.
-
-_Theognis_ spricht zu dem Knaben Kyrnos (V. 183 f.):
-
- »κριοὺς μὲν καὶ ὄνους διζήμεθα, Κύρνε, καὶ ἵππους
- εὐγενέας, καί τις βούλεται ἐξ ἀγαθῶν
- βήσεσθαι∙ γῆμαι δὲ κακὴν κακοῦ οὐ μελεδαίνει
- ἐσθλὸς ἀνήρ, ἤν οἱ χρήματα πολλὰ διδῷ,
- οὐδὲ γυνὴ κακοῦ ἀνδρὸς ἀναίνεται εἶναι ἄκοιτις
- πλουσίου, ἀλλ᾿ ἀφνεὸν βούλεται ἀντ᾿ ἀγαθοῦ.
- χρήματα γὰρ τιμῶσι∙ καὶ ἐκ κακοῦ ἐσθλὸς ἔγημεν,
- καὶ κακὸς ἐξ ἀγαθοῦ∙ πλοῦτος ἔμειξε γένος.« u. s. w.
-
-_Shakespeare_ legt dem Bastarden Edmund die bekannten Verse in den Mund
-(König Lear, 1. Aufzug, 2. Scene):
-
- »......... Warum
- Mit unecht uns brandmarken? Bastard? Unecht?
- Uns, die im heißen Diebstahl der Natur
- Mehr Stoff empfah'n und kräft'gern Feuergeist,
- Als in verdumpftem, trägem, schalem Bett
- Verwandt wird auf ein ganzes Heer von Tröpfen,
- Halb zwischen Schlaf gezeugt und Wachen?...«
-
-($S. 51, Z. 15 v. u. ff.$) _Darwin_: Das Variieren der Tiere und
-Pflanzen, Bd. II, Kap. 17-19 (z. B. S. 170 der 2. Aufl., Stuttgart
-1873); besonders aber: Die Wirkungen der Kreuz- und Selbstbefruchtung
-im Pflanzenreich, Stuttgart 1877 (Werke Bd. X), S. 24: »Der
-bedeutungsvollste Schluß, zu dem ich gelangt bin, ist der, daß der
-bloße Akt der Kreuzung an und für sich nicht gut tut. Das Gute hängt
-davon ab, daß die Individuen, welche gekreuzt werden, unbedeutend in
-ihrer Konstitution voneinander verschieden sind, und zwar infolge
-davon, daß ihre Vorfahren mehrere Generationen hindurch unbedeutend
-verschiedenen Bedingungen, oder dem, was wir in unserer Unwissenheit
-‚spontane Abänderung’ nennen, ausgesetzt sind.«
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 4.
-
-
-($S. 53, Z. 1 ff.$) Von der Literatur will ich nur die wenigen
-wichtigsten Bücher nennen, in denen man alle weiteren Angaben findet:
-Richard v. _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis, mit besonderer
-Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, 9. Aufl., Stuttgart
-1894. Albert _Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin
-1899. Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, Berlin 1897/98.
-Havelock _Ellis_ und J. A. _Symonds_, Das konträre Geschlechtsgefühl,
-Leipzig 1896.
-
-($S. 55, Z. 2 f.$) »Komplementärbedingung« nach _Avenarius_, Kritik der
-reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 29; »Teilursache« nach Alois
-_Höfler_, Logik unter Mitwirkung von Dr. Alexius _Meinong_, Wien 1890,
-S. 63.
-
-($S. 54, Z. 2.$) v. _Schrenck-Notzing_, Die Suggestionstherapie bei
-krankhaften Erscheinungen des Geschlechtslebens, mit besonderer
-Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, Stuttgart 1892 (z. B.
-S. 193: »Der Anteil der occasionellen Momente ist vielfach in der
-Ätiologie des Gewohnheitstriebes zu perversen sexuellen Entäußerungen
-ein größerer als derjenige erblicher Belastung.«) Ein Beitrag zur
-Ätiologie der konträren Sexualempfindung, Wien 1895, S. 1 ff.
-Kriminalpsychologische und psycho-pathologische Studien. Leipzig 1902,
-S. 2 f., S. 17 f. -- Emil _Kraepelin_, Psychiatrie, 4. Aufl., Leipzig
-1893, S. 689 f. -- Ch. _Féré_, La descendance d'un inverti, Revue
-générale de clinique et de thérapeutique, 1896, citiert nach _Moll_,
-Untersuchungen, Bd. I, S. 651, Anm. 3. In seinem Buche, L'Instinct
-Sexuel, Evolution et Dissolution, Paris 1899, p. 266 f., legt Féré
-jedoch das Schwergewicht auf die kongenitale Veranlagung.
-
-($S. 56, Z. 19 f.$) Daß in der Mitte zwischen M und W stehende Personen
-sich untereinander sexuell anziehen, wird auch sehr wahrscheinlich
-aus den Beobachtungen von Fr. _Neugebauer_ (Fifty false marriages
-between Individuals of the same gender with some divorces for »Erreur
-de Sexe«), Referat im British Gynaecological Journal, 15, 1899,
-S. 315, vgl. 16, 1900, S. 104 des »Summary of Gynaecology, including
-Obstetrics«.
-
-($S. 56, Z. 13 v. u.$) Vgl. Emil _Kraepelin_, Psychiatrie, 4. Aufl.,
-Leipzig 1893, S. 690: »Verhältnismäßig selten sind jene Personen, bei
-welchen _niemals_ eine Spur von heterosexuellen Regungen vorhanden
-gewesen ist.«
-
-($S. 56, Z. 3 v. u. f.$) Der Amerikaner Jas. G. _Kiernan_ soll
-zuerst den Grund der Homosexualität in der geschlechtlichen
-Undifferenziertheit des Embryo gesucht haben (American Lancet, 1884
-und im Medical Standard [Nov.-Dec. 1888]), nach ihm Frank _Lydston_
-(Philadelphia Medical and Surgical Recorder, September 1888, Addresses
-and Essays, 1892, p. 46 und 246), beide in Abhandlungen, die mir nicht
-zugänglich geworden sind. Die gleiche Theorie bringt ein _Patient
-von Krafft-Ebing_ vor, in dessen Psychopathia sexualis, 8. Aufl.,
-Stuttgart 1893, S. 227. Dieser selbst hat sie acceptiert in einer
-Abhandlung »Zur Erklärung der konträren Sexualempfindung«, Jahrbücher
-für Psychiatrie und Nervenheilkunde, Bd. XIII, Heft 2, ferner haben
-sich ihr angeschlossen Albert _Moll_, Untersuchungen über die Libido
-sexualis, Bd. I, S. 327 ff., Magnus _Hirschfeld_, Die objektive
-Diagnose der Homosexualität, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen,
-Bd. I (1899), S. 4 ff., Havelock _Ellis_, Studies in the Psychology of
-Sex, Vol. I, Sexual Inversion, 1900, p. 132 f., Norbert _Grabowski_,
-Die mannweibliche Natur des Menschen, Leipzig 1896 etc.
-
-($S. 58, Z. 11.$) Die Anerkennung einer das Tierreich beherrschenden
-Gesetzlichkeit in der sexuellen Anziehung ist folgenschwer insoferne,
-als sie die Hypothese einer »sexuellen Zuchtwahl« fast völlig unmöglich
-macht.
-
-($S. 58, Z. 16 v. u.$) Homosexualität bei Tieren: vgl. Ch. _Féré_,
-Les perversions sexuelles chez les animaux in L'instinct sexuel,
-Paris 1899, p. 59-87. F. _Karsch_, Päderastie und Tribadie bei den
-Tieren, auf Grund der Literatur zusammengestellt, Jahrbuch für
-sexuelle Zwischenstufen, Bd. II (1900), S. 126-154. Albert _Moll_,
-Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, 1898, S. 368 ff.
-
-($S. 59, Z. 6.$) Es beruht also auf einer Täuschung, wenn so
-viele glauben (wie schon _Platon_, Gesetze, VIII, 836c), die
-»gleichgeschlechtliche Liebe« sei ein bloß dem _Menschen_
-eigentümliches, »widernatürliches« Laster. Doch dürfte für die
-Päderastie Plato da Recht behalten; indes Homosexualität nicht auf den
-Menschen beschränkt ist.
-
-($S. 59, Z. 10 v. u. ff.$) Vgl. _Krafft-Ebing_ bei Alfred _Fuchs_, Die
-Therapie der anomalen Vita sexualis, Stuttgart 1899, S. 4.
-
-($S. 61, Z. 7.$) Der einzige wahrhaft große Mann, der die
-Homosexualität strenge verurteilt zu haben scheint, ist der _Apostel
-Paulus_ (Römer, I, 26-27); aber er hat selbst bekannt, wenig sexuell
-veranlagt gewesen zu sein, woraus allein auch der etwas naive
-Optimismus begreiflich wird, mit dem er von der Ehe spricht.
-
-($S. 61, Z. 10 v. u.$) _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis,
-Bd. I, Berlin 1898, S. 484.
-
-($S. 62, Z. 3 v. u.$) Männer wie _Michel-Angelo_ oder _Winckelmann_,
-jener sicherlich einer der männlichsten Künstler, sind also nach
-dieser Nomenklatur nicht als Homosexuelle, sondern als Päderasten zu
-bezeichnen.
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 5.
-
-
-($S. 63, Z. 15 f.$) Wenn Theodor _Gomperz_, Griechische Denker,
-Leipzig 1896, Bd. I, S. 149, mit der Interpretation recht hätte,
-welche er einigen in lateinischer Übersetzung erhaltenen Versen des
-_Parmenides_ gibt (vgl. _Parmenides' Lehrgedicht_, griechisch und
-deutsch von Hermann _Diels_, Berlin 1897, Fragment 18, und Diels'
-Bemerkungen hiezu, S. 113 ff.), so hätte ich den großen Denker hier
-als meinen Vorgänger zu nennen. Gomperz sagt: »In .... dieser Theorie
-tritt auch die den pythagoreisch und somit mathematisch Gebildeten
-kennzeichnende Tendenz hervor, ... qualitative Verschiedenheiten aus
-quantitativen Unterschieden abzuleiten. Das Größenverhältnis nämlich,
-in welchem der von ihm (ebenso wie schon von Alkmäon) vorausgesetzte
-weibliche Bildungsstoff zu dem männlichen steht, wurde zur Erklärung
-der Charaktereigentümlichkeiten und insbesondere der Art der
-Geschlechtsneigung des Erzeugten verwendet. Und dieselbe Richtung
-offenbart sich in dem Bestreben, die individuelle Verschiedenheit
-der Individuen gleichwie ihrer jedesmaligen Geisteszustände auf den
-größeren oder geringeren Anteil zurückzuführen, den ihr Körper an den
-beiden Grundstoffen hat.« Wenn Gomperz kein anderes Fragment meinen
-sollte als das oben bezeichnete, so gäbe diese Auslegung dem Parmenides
-etwas, das Gomperz gebührt. Vgl. auch _Zeller_, Die Philosophie der
-Griechen, I/1, 5. Aufl., Leipzig 1892, S. 578 f., Anm. 4.
-
-($S. 64, Z. 12.$) Hier ist angespielt auf die programmatische Schrift
-von L. William _Stern_, Psychologie der individuellen Differenzen
-(Ideen zu einer »differentiellen Psychologie«), Schriften der
-Gesellschaft für psychologische Forschung, Heft 12, Leipzig 1900.
-
-($S. 65, Z. 11 f.$) Über die Periodizität im menschlichen, und zwar
-auch im männlichen Leben, sowie in allen biologischen Dingen findet
-sich das Interessanteste und Anregendste in einem Buche, dessen auch
-sonst ungeschickt gewählter Titel über diesen Inhalt nichts vermuten
-läßt, bei Wilhelm _Fließ_, Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen
-Geschlechtsorganen in ihrer biologischen Bedeutung dargestellt, Leipzig
-und Wien 1897, einer ungemein originellen Schrift, der eine historische
-Berühmtheit gerade dann sicher sein dürfte, wenn die Forschung einmal
-weit über sie hinausgelangen sollte. Einstweilen sind die höchst
-merkwürdigen Dinge, die Fließ entdeckt hat, noch bezeichnend wenig
-beachtet worden (vgl Fließ, S. 117 ff., 174, 237).
-
-($S. 70, Z. 9 v. u. f.$) Über diese angebliche »Monotonie« der
-Frauen sind Äußerungen verschiedener Autoren zu finden in dem
-großen Sammelwerk von C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als
-Verbrecherin und Prostituierte, Anthropologische Studien, gegründet
-auf eine Darstellung der Biologie und Psychologie des normalen Weibes,
-übersetzt von H. _Kurella_, Hamburg 1894, S. 172 f.
-
-($S. 70, Z. 3 v. u. f.$) Größere Variabilität der Männchen: _Darwin_,
-Die Abstammung des Menschen etc., übersetzt von Haek, Kap. 8,
-S. 334 ff.; Kap. 14, S. 132 ff., besonders 136; Kap. 19, S. 338 ff. --
-C. B. _Davenport_ und C. _Bullard_, Studies in Morphogenesis, VI: A
-Contribution to the quantitative Study of correlated variation and the
-comparative Variability of the Sexes, Proceedings of the Amer. Phil.
-Soc. 32, 85-97. Referat Année Biologique, 1895, p. 273 f.
-
-($S. 71, Z. 19 v. u. f.$) Die »Aktualitätstheorie« des Psychischen
-ist die Theorie Wilhelm _Wundts_ (Grundriß der Psychologie, 4. Aufl.,
-Leipzig 1901, S. 387); sie lehnt alles substantielle und zeitlose
-Sein in der Psychologie ab und erblickt hierin ihren wesentlichen
-Unterschied gegenüber der Naturwissenschaft, welche über den Begriff
-der Materie nie hinauskommen könne (vgl. auch _Wundts_ Logik, Bd. II,
-Methodenlehre, 2. Aufl., Leipzig 1895).
-
-($S. 72, Z. 9 ff.$) Die im folgenden dargetane prinzipielle
-Berechtigung der Physiognomik, die trotz _Lichtenbergs_ übler
-Prophezeiung nicht »im eigenen Fett erstickt«, vielmehr an der
-Auszehrung gestorben ist, liegt eigentlich bereits in den Worten des
-_Aristoteles_ enthalten (περὶ Ψυχής A 3, 407 b, 13 f.): »Εκεινο δὲ
-ἄτοπον συμβαίνει καὶ τούτῳ τῷ λόγῳ καὶ τοῖς πλείστοις τῶν περὶ ψυχῆς·
-συνάπτουσι γὰρ καὶ τιθέασιν εἰς σῶμα τὴν ψυχήν, οὐθὲν προσδιορίσαντες
-διὰ τίν' αἰτίαν καὶ πῶς ἔχοντος τοῦ σώματος. καίτοι δόξειεν ἂν τοῦτ'
-ἀναγκαῖον εἶναι· διὰ γὰρ τὴν κοινωνίαν τὸ μὲν ποιεῖ τὸ δὲ πάσχει καὶ
-τὸ μὲν κινεῖται τὸ δὲ κινεῖ, τούτων δ' οὐδὲν ὑπαρχει πρὸς ἄλληλα τοῖς
-τυχοῦσιν. Ὁἱ δὲ μόνον ἐπιχειροῦσι λέγειν ποῖόν τι ἡ ψυχή, περὶ δὲ τοῦ
-δεξομένου σώματος οὐθὲν ἔτι προσδιορίζουσιν, ὥσπερ ἐνδεχόμενον κατὰ
-τοὺς Πυθαγορικοὺς μύθους _τὴν τυχοῦσαν ψυχὴν εἰς τὸ τυχὸν ἐνδύεσθαι
-σῶμα_· δοκεῖ γὰρ ἕκαστον ἴδιον ἔχειν εἶδος καὶ μορφήν. Παραπλήσιον δὲ
-λέγουσιν ὥσπερ εἴ τις φαίη τὴν τεκτονικὴν εἰς αὐλοὺς ἐνδύεσθαι· δεῖ γὰρ
-τὴν μὲν τέχνην χρῆσθαι τοῖς ὀργάνοις, τὴν δὲ ψυχὴν τῷ σώματι.«
-
-($S. 72, Z. 22.$) P. J. _Moebius_, Über die Anlage zur Mathematik,
-Leipzig 1900.
-
-($S. 74, Z. 19 v. u.$) _Hume_ schweigt über den Unterschied, _Mach_
-leugnet ihn (vgl. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch
-entwickelt, 2. Aufl. Leipzig 1900, S. 432 ff.).
-
-($S. 74, Z. 8 v. u. f.$) Die hier zurückgewiesene Ansicht über das
-Zeitproblem ist die von Ernst _Mach_, Die Mechanik in ihrer Entwicklung
-historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 233.
-Unendlich flach ist, was J. B. _Stallo_ zu dieser Frage bemerkt, The
-Concepts and Theories of modern physics, 3. ed., London 1890, p. 204.
-
-($S. 75, Z. 19.$) Über _Aristoteles_ als Begründer der
-Korrelationslehre vgl. Jürgen Bona _Meyer_, Aristoteles' Tierkunde,
-Berlin 1855, S. 468.
-
-($S. 75, Z. 17 v. u. ff.$) Über die merkwürdige Korrelation bei Katzen
-sowie über »Correlated Variability« überhaupt vgl. _Darwin_, Das
-Variieren der Tiere und Pflanzen, Stuttgart 1873, Kap. 25 (Bd. II^2,
-S. 375). Vgl. Entstehung der Arten, S. 36 f., 194 f. der Haekschen
-Übersetzung (Universal-Bibliothek).
-
-($S. 76, Z. 7 v. u.$) Ernst _Mach_, Die Mechanik u. s. w., 4. Aufl.,
-S. 235.
-
-($S. 77, Z. 14 f.$) Hier berührt sich die Darstellung mit Wilhelm
-_Dilthey_, Beiträge zum Studium der Individualität, Sitzungsberichte
-der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1896
-(S. 295-335), S. 303: »In einem ... Typus sind mehrere Merkmale, Teile
-oder Funktionen regelmäßig miteinander verbunden. Diese Züge, deren
-Verbindung den Typus ausmacht, stehen in einer solchen gegenseitigen
-Relation zueinander, daß die Anwesenheit des einen Zuges auf die des
-anderen schließen läßt, die Variationen im einen auf die im anderen.
-Und zwar nimmt diese typische Verbindung von Merkmalen im Universum
-in einer aufsteigenden Reihe von Lebensformen zu und erreicht im
-organischen und dann im psychischen Leben ihren Höhepunkt. Dieses
-Prinzip des Typus kann als das zweite, welches die Individuen
-beherrscht, angesehen werden. Dieses Gesetz ermöglichte es dem großen
-_Cuvier_, aus versteinerten Resten eines tierischen Körpers diesen zu
-rekonstruieren, und dasselbe Gesetz in der geistig-geschichtlichen Welt
-hat Fr. A. _Wolf_ und _Niebuhr_ ihre Schlüsse ermöglicht.«
-
-($S. 77, Z. 8 v. u.$) Gemeint sind die künstlich des
-Oberschlundganglions beraubten Nereiden. »Hat man mehrere so operierte
-Würmer in einem Gefäß zusammen, so ... geraten sie in eine Ecke und
-suchen hier durch die Wand zu rennen. Die Würmer blieben viele Stunden
-so und gingen schließlich infolge ihres unsinnigen Bestrebens, vorwärts
-zu kommen, zu Grunde.« Jacques _Loeb_, Einleitung in die vergleichende
-Gehirnphysiologie und vergleichende Psychologie mit besonderer
-Berücksichtigung der wirbellosen Tiere, Leipzig 1899, S. 63 (wo nach
-S. S. _Maxwell_, Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie, 67,
-1897, eine Zeichnung von diesem Vorgange gegeben ist).
-
-($S. 78, Z. 4 v. o.$) Der Ausdruck »Aufpasser« u. s. w. bei
-_Schopenhauer_, Parerga II, § 350 bis.
-
-($S. 78, Z. 1 v. u.$) Konrad _Rieger_ sagt (Die Kastration, Jena
-1900, Vorwort, S. XXV): »Auch ich teile vollkommen mit _Gall_,
-_Comte_, _Moebius_ die Überzeugung: daß es der größte Fortschritt
-wäre, sowohl in der reinen Wissenschaft als in praktisch sozialer und
-politischer Hinsicht, wenn eine Methode gefunden würde, mittels deren
-es möglich wäre, Moral, Intelligenz, Charakter, Wille eines Menschen
-[physiognomisch] exakt zu bestimmen.« Ich kann mich dieser Auffassung
-nicht anschließen und halte sie für ein wenig übertrieben; doch ich
-führe sie an, weil sie immerhin die Wichtigkeit der Sache ins Licht
-setzen hilft.
-
-
-
-
-Zu Teil I, Kapitel 6.
-
-
-($S. 79, Z. 6.$) Am nächsten kommt der in diesem Kapitel entwickelten
-Auffassung der Frauenfrage _Arduin_, Die Frauenfrage und die sexuellen
-Zwischenstufen, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. II, 1900,
-S. 211-223. Jedoch bin ich von diesem Autor gänzlich unabhängig.
-
-($S. 81, Z. 6 v. u.$) Vgl. _Welcker_, Sappho von einem herrschenden
-Vorurteil befreit, Göttingen 1816, wieder abgedruckt in seinen »Kleinen
-Schriften«, II. Teil, Bonn 1845, S. 80-144. Auch Q. _Horatius_ Flaccus,
-erklärt von Hermann _Schütz_, III. Teil, Episteln (Berlin 1883),
-Kommentar zu Epistel I, 19, 28, und dazu _Welcker_, Kleine Schriften,
-Bd. V, S. 239 f.
-
-($S. 82, Z. 4 v. u.$) _Mérimée_: nach Adele _Gerhardt_ und Helene
-_Simon_, Mutterschaft und geistige Arbeit, eine psychologische und
-soziologische Studie auf Grundlage einer internationalen Erhebung mit
-Berücksichtigung der geschichtlichen Entwicklung, Berlin 1901, S. 162.
-Die Erzählung über George _Sand_ und _Chopin_ ebenda S. 166. Dieser
-fleißigen Arbeit verdanke ich auch sonst eine Anzahl von Belegen und
-den Hinweis auf einige Quellen.
-
-($S. 82, Z. 6.$) Die Angabe über Laura _Bridgman_ rührt von Albert
-_Moll_ her, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897/98,
-Bd. I, S. 144. Die Stellen bei Wilhelm _Jerusalem_, Laura Bridgman,
-Erziehung einer Taubstumm-Blinden, eine psychologische Studie, Wien
-1890, S. 60, sprechen freilich eher für das Gegenteil. Über die
-George _Sand_: Moll ibid., S. 698 f., Anm. 4; über _Katharina_ II.:
-_Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 516;
-über _Christine_: Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_, Mutterschaft
-und geistige Arbeit, Berlin 1901, S. 209 (»jedenfalls eine durch
-sexuell-pathologische Erscheinungen gefährdete Persönlichkeit«).
-
-($S. 83, Z. 6.$) Man vergleiche »Briefe Ludwigs II. von Bayern an
-Richard Wagner«, veröffentlicht in der Wage, Wiener Wochenschrift,
-1. Jänner bis 5. Februar 1899.
-
-($S. 83, Z. 15 v. u. ff.$) Über George _Eliot_: _Gerhardt_ und _Simon_
-a. a. O., S. 155. Über Lavinia _Fontana_ ibid., S. 98. Über die
-_Droste-Hülshoff_, S. 137. Über die Rachel _Ruysch_: Ernst _Guhl_, Die
-Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 122.
-
-($S. 84, Z. 3 f.$) Über Rosa _Bonheur_ vgl. _Gerhardt-Simon_,
-S. 107 f. Dort ist nach dem Biographen der Malerin René _Peyrol_ (Rosa
-Bonheur, Her Life and Work, London) citiert: »The masculine vigour
-of her character, as also her hair, which she was in the habit of
-wearing short, contributed to perfect her disguise.« Wenn R. B. in
-Männerkleidern ging, schöpfte niemand den geringsten Verdacht.
-
-($S. 84, Z. 4 v. u.$) Da Frauen weniger produzieren als Männer, haben
-ihre Werke von vornherein einen Seltenheitswert und gelten eher als
-Kuriosität. Vgl. _Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, S. 260 f.:
-»Es genügte, daß ein Werk von weiblicher Hand herrührte, um schon um
-deswillen gepriesen zu werden.«
-
-($S. 86, Z. 4 f.$) Vgl. P. J. _Moebius_, Über die Vererbung
-künstlerischer Talente, in der »Umschau«, IV, Nr. 38, S. 742-745 (15.
-September 1900). Jürgen Bona _Meyer_, Zeitschrift für Völkerpsychologie
-und Sprachwissenschaft, 1880, S. 295-298. Karl _Joel_, Die Frauen in
-der Philosophie. Sammlung gemeinverständlicher Vorträge, herausgegeben
-von Virchow und Holtzendorff, Heft 246, Hamburg 1896, S. 32 und 63.
-
-($S. 86, Z. 8 f.$) _Guhl_ a. a. O., S. 8.
-
-($S. 86, Z. 15.$) Ich hätte hier noch als sehr männlich Dorothea
-_Mendelssohn_ erwähnen sollen; über sie wie über ihren so weiblichen
-Gatten Friedrich _Schlegel_ vgl. Joh. _Schubert_, Frauengestalten
-aus der Zeit der deutschen Romantik, Hamburg 1898 (Sammlung
-gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, herausgegeben von
-Virchow, Heft 285), S. 8 f. Auch die hochbegabte homosexuelle Gräfin
-_Sarolta_ V. aus _Krafft-Ebings_ Psychopathia sexualis (8. Aufl., 1893,
-S. 311-317) wäre anzuführen gewesen.
-
-($S. 86, Z. 18.$) _Guhl_ a. a. O., S. 5.
-
-($S. 86, Z. 3 v. u.$) Wer eifriger sammelt, als ich dies getan habe,
-mit größeren Kenntnissen in der Literatur-, Kunst-, Wissenschafts- und
-politischen Geschichte, und reichlichere Quellen besser aufzufinden
-weiß, als ich dies hier vermochte, der wird gewiß zu diesem Punkte noch
-viele merkwürdige Bestätigungen entdecken.
-
-($S. 88, Z. 9 f.$) Die Stelle über die berühmten Frauen, _Darwin_,
-Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II, S. 344 f.
-
-($S. 88, Z. 2 v. u.$) Mit dieser Angabe über _Burns_, die ich
-_Carlyle_, On Heroes etc., London, Chapman & Hall, p. 175 entnommen
-habe, steht im Widerspruch, was das »Memoir of Robert Burns«, welches
-der Ausgabe der Poetical Works, London, Warne, 1896, vorgedruckt ist,
-p. 16 f. über dessen Bildungsgang erzählt.
-
-($S. 89, Z. 14 v. u.$) Das Citat aus _Burckhardt_, Die Kultur der
-Renaissance in Italien, 4. Aufl., besorgt von Ludwig Geiger, Leipzig
-1885, Bd. II, S. 125.
-
-($S. 89, Z. 6 v. u.$) _Gerhardt_ und _Simon_ a. a. O., S. 46 f.
-
-($S. 90, Z. 8 ff.$) Hier bin ich durch Ottokar _Lorenz_ angeregt.
-Dieser sagt (Lehrbuch der gesamten wissenschaftlichen Genealogie,
-Stammbaum und Ahnentafel in ihrer geschichtlichen, soziologischen
-und naturwissenschaftlichen Bedeutung, Berlin 1898, S. 54 f.): »Die
-Erscheinungen, die man heute mit dem Namen der Frauenemanzipation
-nicht eben sehr treffend bezeichnet, vermöchte wohl kein Kenner
-vergangener Kulturzustände als eine in allen einzelnen Teilen neue
-Sache zu betrachten. Namentlich ist der Antrieb der Frauen, sich
-der gelehrten Bildung ihrer Zeit zu bemächtigen, im XVI. und im
-X. Jahrhundert ganz ebenso groß gewesen wie im XIX. Auch der heutige
-soziale Gedanke, den Frauen eine auf sich gestellte Wirksamkeit zu
-sichern, hat im kirchlichen und Klosterleben vergangener Zeiten seine
-vollen Analogien. Wenn man nun die Ursachen dieser im Wechsel der
-Zeiten sich ganz regelmäßig wiederholenden Erscheinungen erforscht, so
-ist doch unzweifelhaft, daß mindestens einen mächtigen Anteil daran
-jene Antriebe, jene Bewegungen haben müssen, die in den persönlichen
-Eigenschaften eben der nach der sogenannten Emanzipation in ihren
-verschiedenen Formen und Zeiten strebenden Frauen selbst begründet
-waren. Indem also die Frauenfrage im Wechsel der Zeiten bald mehr,
-bald weniger hervortritt, beweist sie für die aufeinanderfolgenden
-Geschlechter eine gewisse Wiederkehr frauenhafter Eigenschaften, die in
-gewissen Epochen unzweifelhaft weit mehr von männischer Art sind als in
-anderen, wo in denselben Zügen etwas geradezu Häßliches erblickt worden
-ist.«
-
-($S. 90, Z. 22.$) _Darwin_, Das Variieren etc., II^2, 58: »Es ist
-bekannt, daß eine große Anzahl weiblicher Vögel ...., wenn sie alt oder
-krank sind, .... zum Teil die sekundären männlichen Charaktere ihrer
-Spezies annehmen. In Bezug auf die Fasanenhennen hat man beobachtet,
-daß dies während gewisser Jahre viel häufiger eintritt als während
-anderer.« Darwin beruft sich hiefür auf William _Yarrell_, On the
-change in the plumage of some Hen-Pheasants, Philosophical Transactions
-of the Royal Society of London, 1827 (p. 270).
-
-($S. 91, Z. 13 v. u.$) Werner _Sombart_ (Die Frauenfrage, in der
-Wiener Wochenschrift »Die Zeit«, 1. März 1902, S. 134) spricht über
-die Ansicht, daß die Maschinenarbeit an der Frauenarbeit die Schuld
-trage, weil sie Muskelkraft entbehrlich gemacht habe, und sagt: »Gewiß
-gilt das für zahlreiche Gewerbe, z. B. für die wichtige Weberei. Aber
-schon nicht für die Spinnerei, die vor Erfindung der mechanischen
-Spinnstühle viel ausschließlicher Frauenarbeit war als heute. Hier
-hat die Maschinentechnik die Möglichkeit gerade der Männerarbeit erst
-geschaffen, wie denn bekanntlich in den mechanischen Spinnereien
-zahlreiche männliche Spinner beschäftigt sind. _Es gilt aber auch für
-die meisten anderen Gewerbe mit starker Arbeit nicht; man denke an
-Putzmacherei, Stickerei, Strickerei, Tabakindustrie und andere, in
-denen die Maschinen die Frauen eher verdrängt als sie herangezogen
-haben._ Es gilt auch für das Hauptgebiet moderner Frauenarbeit, für
-die Konfektionsindustrie, nicht. Denn die Handnäherei ist doch der
-Frau nicht weniger zugänglich als die Maschinennäherei. Was vielmehr
-entscheidend für die Entwicklung der Frauenarbeit gewesen ist,
-was auf der Seite der Produktionsvorgänge die Differenzierung der
-ursprünglich-komplexen (und darum immer gelernten) Arbeitsverrichtung
-bedingte, war aber gar nicht einmal in erster Linie dieser
-Vorgang in der Produktionssphäre, sondern sind vielmehr bestimmte
-Gestaltungen der Bevölkerungsverhältnisse gewesen: die Entstehung von
-weiblicher Überschußbevölkerung auf dem Lande und in den Städten,
-die auf tieferliegende, hier nicht näher zu erörternde Ursachen
-zurückzuführen ist. Beliebt man ein Schlagwort, so kann man sagen:
-die moderne Frauenarbeit in der Industrie (und den übrigen nicht zur
-Landwirtschaft gehörigen Sphären des Wirtschaftslebens), verdankt ihre
-Entstehung nicht unmittelbar den Veränderungen in der Technik, sondern
-Umgestaltungen der Siedelungsverhältnisse.«
-
-($S. 92, Z. 7 f.$) _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis, S. 220: »Die
-Tendenz der Natur auf heutiger Entwicklungsstufe ist die Hervorbringung
-von monosexualen Individuen.«
-
-($S. 92, Z. 15.$) Über die Gephyreen _Weismann_, Keimplasma, S. 477 f.:
-»Es gibt in verschiedenen Gruppen des Tierreichs _Arten, deren Männchen
-sich beinahe in allen Charakteren von den Weibchen unterscheiden_.
-Schon bei vielen Rädertieren sind die Männchen winzig klein gegenüber
-den Weibchen, haben eine in allen Teilen verschiedene Körpergestalt und
-entbehren des gesamten Nahrungskanals; und bei Bonellia viridis, einem
-Meereswurm aus der Gruppe der Gephyreen, weicht das Männchen so sehr
-vom Weibchen ab, daß man versucht sein könnte, es einer ganz anderen
-Klasse von Würmern, den Strudelwürmern, zuzuteilen. Zugleich ist hier
-der Unterschied in der Körpergröße zwischen beiden Geschlechtern
-noch weit bedeutender; das Männchen hat eine Länge von 1-2 ~mm~,
-das Weibchen von 150 ~mm~, und das erstere schmarotzt im Innern des
-letzteren« etc. Vgl. _Claus_, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg
-1897, S. 403. Auch manche Asseln (Bopyriden) sind sexuell weiter
-differenziert als der Mensch, vgl. Claus a. a. O., S. 482.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 1.
-
-
-($S. 97, Z. 3.$) Thomas _Carlyle_, On Heroes, Hero-Worship and the
-Heroic in History, London, Chapman & Hall, p. 99.
-
-($S. 97, Z. 7 v. u. f.$) Vgl. Franz L. _Neugebauer_, 37 Fälle von
-Verdoppelungen der äußeren Geschlechtsteile, Monatsschrift für
-Geburtshilfe und Gynäkologie, VII, 1898, S. 550-564, 645-659,
-besonders S. 554 f., wo ein Fall von »Juxtapositio organorum sexualium
-externorum utriusque sexus« beschrieben ist. Von dem bloß auf
-Entwicklungshemmungen beruhenden Scheinzwittertum sehe ich hier ab.
-
-($S. 99, Z. 12 v. u.$) _Aristoteles_, Metaphysik, A 5, 986a, 31:
-Αλκμαίων ὁ Κροτωνιάτης φησι εἶναι δύο τὰ πολλά τῶν ανθρωπίνων.
-
-($S. 99, Z. 10 v. u.$) Vgl. _Schelling_, Von der Weltseele, Werke,
-Stuttgart und Augsburg, 1857, Abt. I, Bd. II, S. 489: »So ist wohl das
-Gesetz der Polarität ein allgemeines Weltgesetz.«
-
-($S. 101, Z. 4 ff.$) Gemeint sind hier die mit großem Recht sehr
-bekannt gewordenen hervorragenden Aufsätze von Wilhelm _Dilthey_, Ideen
-über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Sitzungsberichte
-der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften, 1894, S. 1309-1407.
-Beiträge zum Studium der Individualität, ibid. 1896, S. 295-335. Im
-ersten Aufsatz heißt es z. B. (S. 1322): »In den Werken der Dichter,
-in den Reflexionen über das Leben, wie große Schriftsteller sie
-ausgesprochen haben, ist ein Verständnis des Menschen enthalten,
-hinter welchem alle, erklärende Psychologie weit zurückbleibt.« Im
-zweiten Aufsatz (S. 299, Anm.): »Ich erwarte eine .... überzeugende
-Zergliederung .... auch der heroischen Willenshandlung, welche sich zu
-opfern und das sinnliche Dasein wegzuwerfen vermag.«
-
-($S. 104, Z. 16 v. u.$) Vgl. Heinrich _Rickert_, Die Grenzen der
-naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Freiburg im Breisgau
-1902, S. 545: »Die atomisierende Individual-Psychologie sieht alle
-_Individuen_ als gleich an und _muß es als allgemeinste Theorie vom
-Seelenleben tun_, die individualistische _Geschichtsschreibung_ richtet
-ihr Interesse auf individuelle Differenzen.«
-
-($S. 104, Z. 11 v. u.$) Man vergleiche die Kontroversen zwischen
-G. v. _Below_ und Karl _Lamprecht_ über die historische Methode und das
-Verhältnis der soziologischen Geschichtsschreibung zur Individualität
-aus den Jahren 1898 und 1899.
-
-($S. 104, Z. 7 v. u.$) »Kein wissenschaftlicher Kopf kann je
-erschöpfen, kein Fortschritt der Wissenschaft kann erreichen, was der
-Künstler über den Inhalt des Lebens zu sagen hat. Die Kunst ist das
-Organ des Lebensverständnisses.« _Dilthey_, Beiträge zum Studium der
-Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, p. 306.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 2.
-
-
-($S. 106, Z. 3 f.$) Die Motti aus _Kant_, Anthropologie in
-pragmatischer Hinsicht, Zweiter Teil B. (S. 229 ed. Kirchmann);
-_Nietzsche_, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 232.
-
-($S. 106, Z. 19.$) _Kant_ a. a. O. (S. 228).
-
-($S. 107, Z. 22.$) »... die beachtenswerte Erscheinung, daß, während
-jedes Weib, wenn beim Generationsakte überrascht, vor Scham vergehen
-möchte, sie hingegen ihre Schwangerschaft, ohne eine Spur von
-Scham, ja mit einer Art Stolz, zur Schau trägt; da doch überall ein
-unfehlbar sicheres Zeichen als gleichbedeutend mit der bezeichneten
-Sache selbst genommen wird, daher denn auch jedes andere Zeichen des
-vollzogenen Koitus das Weib im höchsten Grade beschämt; nur allein die
-Schwangerschaft nicht.« _Schopenhauer_, Parerga, II, § 166.
-
-($S. 107, Z. 9.$) Ich glaube es rechtfertigen zu können, daß ich
-zwei Psychologinnen, die mir durch Arbeiten bekannt waren, im Texte
-übergangen habe; denn die eine ist eine amerikanische Experimentatorin,
-die andere die russische Verfasserin einer schlechten Geschichte des
-Apperzeptionsbegriffes.
-
-($S. 107, Z. 5 v. u.$) Das Beste über das schwangere Weib und das, was
-in ihm vorgeht, ist in einem leider bis jetzt ungedruckten Gedichte
-eines noch unbekannten _männlichen_ Dichters gesagt, dessen Wiedergabe
-an dieser Stelle mir gestattet wurde; wofür ich hier um so mehr
-meinen Dank sage, als ich selbst auf das psychologische Problem der
-Schwangerschaft auch im zehnten Kapitel nicht näher eingegangen bin.
-
- »Geheimnisvolle Kräfte schlingen
- Um mich ein nie gekanntes Walten.
- Ich hör' ein liebend zartes Klingen,
- Und alles will sich neu entfalten.
-
- Mir ist, als ob Natur sich neige
- In Ehrfurcht, wo ich leise gehe,
- _Als ob der Baum dem Baum mich zeige_,
- Daß er mich staunend schreiten sehe.
-
- Ich fühle mich so hoch erhoben,
- Ein jedes Wesen ist mir nah,
- Mir hat sich die Natur verwoben,
- Seit mir so hohes Glück geschah.
-
- Es schläft in mir, was nie noch lebte,
- Ein Wunder, das ein Traum gebar:
- Natur so ahnungsvoll erbebte,
- Weil hier ein neues Wesen war.«
-
-($S. 108, Z. 8 v. u. f.$) So unter anderen Guglielmo _Ferrero_, Woman's
-Sphere in Art, New Review, November 1893 (citiert nach Havelock
-_Ellis_).
-
-($S. 108, Z. 5 v. u. f.$) Die Forscher scheinen eher der Meinung
-von der geringeren Intensität des »Geschlechtstriebes« beim Weibe
-zu huldigen (z. B. _Hegar_, Der Geschlechtstrieb, 1894, S. 6), die
-praktischen »Frauenkenner« sind fast alle in großer Entschiedenheit der
-entgegengesetzten Ansicht.
-
-($S. 109, Z. 4 v. u.$) Daß beim Weibe die Wollust nicht wie beim Manne
-durch irgend eine Ejakulation vermittelt sein kann, führt _Moll_
-aus (Untersuchungen, I, S. 8 ff.). Vgl. auch _Chrobak-Rosthorn_,
-Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900 (aus
-Nothnagels Spezieller Pathologie und Therapie), Bd. I, S. 423 f.:
-»Wir müssen mit _Moll_ einen Detumeszenz- (Entleerungs-), vielleicht
-richtiger Depletionstrieb, und einen Kontrektations- (Berührungs-)trieb
-... annehmen. Viel schwieriger steht die Frage dem Weibe gegenüber,
-bei welchem wir ... insofern keine Analogie mit dem Vorgang beim
-Manne finden können, als eine _Ejakulation_ von _Keimzellen_ nicht
-stattfindet ... Es kommt allerdings auch bei Frauen unter der
-Kohabitation häufig ein Flüssigkeitserguß aus den Bartholinschen Drüsen
-unter Bewegungen der Musculi ischio-et bulbo-cavernosi zustande, es
-findet auch eine Abschwellung der ebenfalls durch Muskelbewegungen
-strotzend gefüllten und dadurch vielleicht ein Unlustgefühl erzeugenden
-Gefäße (an den Schwellkörpern der Klitoris) statt, doch betrifft diese
-Entleerung einesteils nicht die keimbereitenden Organe, anderseits
-scheint sich diese sogenannte Ejakulation oft genug nicht einzustellen,
-_ohne daß hiedurch das Gefühl der sexuellen Befriedigung verhindert_
-würde.«
-
-($S. 109, Z. 10.$) Die _Moll_sche Unterscheidung in dessen Büchern: Die
-konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 2. Untersuchungen
-über die Libido sexualis, 1897, Bd. I, S. 10.
-
-($S. 112, Z. 7.$) Daraus, daß W selbst durchaus und überall Sexualität
-ist, wird leicht erklärlich, daß man beim Weibchen in der ganzen
-Zoologie gar nicht eigentlich von »sekundären Geschlechtscharakteren«
-im selben Sinne reden kann wie beim Manne. Weibchen »bieten selten
-merkwürdige sexuelle Charaktere« (_Darwin_, Entstehung der Arten,
-S. 201, ed. Haek).
-
-($S. 115, Z. 15 v. u. f.$) Auch unter den Tieren bildet bei den
-Männchen die Brunstzeit einen viel stärkeren Gegensatz zu ihrem
-sonstigen Leben als bei den Weibchen. Man vergleiche, um ein Beispiel
-statt vieler anzuführen, wie Friedrich _Miescher_ den Rheinlachs
-vor und während der Laichzeit schildert (Die histochemischen und
-physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig 1897, Bd. II, S. 123):
-»Wenn man etwa im Dezember einen männlichen Salm, sogenannten
-Wintersalm sieht, mit klarem, bläulich schimmerndem Schuppenkleid,
-der schönen Rundung des Leibes, mit der kurzen Schnauze ... ohne jede
-Spur von Hakenbildung ... und man daneben den bekannten Hakenlachs
-erblickt, mit einer Nase von doppelter Länge, einer überhaupt ganz
-veränderten Physiognomie des Vorderkopfes, mit der tigerartig rot und
-schwarz gefleckten, von Epithelwucherung trüben, dicken Hautschwarte,
-dem abgeplatteten Körper und den dünnen schlotternden Bauchwänden,
-so hat man immer wieder Mühe, sich zu überreden, daß dies Exemplare
-einer und derselben Spezies seien. Etwas geringer ist der Gegensatz
-beim weiblichen Exemplar. Die Länge und Form der Schnauze ist nicht
-wesentlich verschieden; die roten Flecken an Kopf und Leib, beim
-Winterlachs gänzlich fehlend, sind beim weiblichen Laichlachs schwächer
-entwickelt als beim Männchen; die Haut ist getrübt und wie unrein, doch
-nicht so stark verdickt.«
-
-($S. 115, Z. 10 v. u.$) Ein sehr hervorragender, aber merkwürdig wenig
-beachteter Aufsatz von Oskar _Friedländer_ (»Eine für Viele«, eine
-psychologische Studie, »Die Gesellschaft«, Münchener Halbmonatsschrift,
-XVIII. Jahrgang, 1902, Heft 15/16, S. 166) nähert sich in diesem
-Punkte meiner Auffassung so weit, daß ich ihn hier, wie noch mehrfach,
-citieren muß: »Sicherlich, der Geschlechtstrieb tritt beim Manne
-heftiger und ungestümer auf als beim Weibe. Es liegt dies wohl weniger
-an dem verschiedenen Grade der Intensität als daran, daß im männlichen
-Geiste die heterogensten Elemente aus allen psychischen Gebieten
-zusammenkommen, die um die Vorherrschaft kämpfen und die sexuellen
-Instinkte zu verdrängen suchen, und diese durch die Kontrastwirkung
-desto stärker empfunden werden, während ihre gleichmäßige Verteilung
-über _die ganze Seele_ des Weibes ... sie nicht mit besonderer Schärfe
-zur Abhebung kommen läßt.«
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 3.
-
-
-($S. 117, Z. 6 v. u.$) »Begierde und Gefühl sind nur Arten, wie unsere
-Vorstellungen sich im Bewußtsein befinden.« Joh. Friedr. _Herbart_,
-Psychologie als Wissenschaft, neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik
-und Mathematik, II. (analytischer) Teil, § 104 (Werke VI, S. 60, ed.
-Kehrbach, Langensalza 1887).
-
-($S. 117, Z. 5 v. u.$) A. _Horwicz_, Psychologische Analysen auf
-physiologischer Grundlage, Ein Versuch zur Neubegründung der
-Seelenlehre, II/1, Die Analyse des Denkens, Halle 1875, S. 177 f.:
-»Das Gefühl ist unserer Auffassung gemäß das früheste, elementarste
-Gebilde des Seelenlebens, es ist der früheste und einzige Inhalt
-des Bewußtseins, die Triebfeder der ganzen seelischen Entwicklung.
-Wie verhält sich nun hiezu das Denken?... Das Denken ist eine
-Folgeerscheinung des Gefühls, wie es auch die Bewegung ist, es ist die
-ureigenste Dialektik der Triebe ... der stärker geübte, von anderen
-unterschiedene Trieb gibt durchdachte, geordnete, aus einer Anzahl von
-geläufigen Bewegungen ausgewählte Bewegungen, das ist durchdachtes
-Denken.« II/2, Die Analyse der qualitativen Gefühle, Magdeburg 1878,
-S. 59: »Es [das Gefühl] ist die allgemeinste elementarste Form des
-Bewußtseins, in dieser allereinfachsten Gestalt [bei Tieren und
-Pflanzen] freilich nur ein ganz schwaches, dunkles Bewußtsein, mehr
-ein brütendes Ahnen als ein Erkennen und Wissen. Aber es bedarf, um
-deutliches und klares Bewußtsein zu werden, keiner weiteren fraglichen
-Zutaten, sondern nur der Vervielfachung und intensiven Gradsteigerung.«
-Vgl. Wilhelm _Wundt_, Über das Verhältnis der Gefühle zu den
-Vorstellungen, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie,
-III, 1879, S. 129-151, und Horwicz' Antwort: »Über das Verhältnis
-der Gefühle zu den Vorstellungen und die Frage nach dem psychischen
-Grundprozesse«, a. a. O., S. 308-341.
-
-($S. 118, Z. 18.$) Über solche »Feelings of tendency« vgl. William
-_James_, The Principles of Psychology, New-York 1890, Vol. I, p. 254.
-
-($S. 118, Z. 18 v. u.$) Vgl. besonders _Leibnitii_ Meditationes de
-cognitione, veritate et ideis Acta eruditorum, Lips., November 1684,
-p. 537 f. (p. 79 f. ed. Erdmann).
-
-($S. 118, Z. 14 v. u.$) Wilhelm _Wundt_, Grundzüge der physiologischen
-Psychologie, 5. Aufl., Leipzig 1902, Bd. II, S. 286 ff.
-
-($S. 118, Z. 6 v. u.$) Richard _Avenarius_, Kritik der reinen
-Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 16. Der menschliche Weltbegriff,
-Leipzig 1891, S. 1 f. Vgl. Joseph _Petzoldt_, Einführung in die
-Philosophie der reinen Erfahrung, Bd. I, Die Bestimmtheit der Seele,
-Leipzig 1900, S. 112 ff.
-
-($S. 118, Z. 5 v. u.$) Über die verschiedenen Bedeutungen des Wortes
-»Charakter« (welches auch in dieser Schrift in dreifach verschiedener
-Anwendung, doch unter Vermeidung aller Äquivokationen gebraucht
-werden mußte) vgl. Rudolf _Eucken_, Die Grundbegriffe der Gegenwart,
-historisch und kritisch entwickelt, 1893, S. 273 ff.
-
-($S. 119, Z. 14.$) Die _Avenarius_sche Zusammenstellung von
-Wahrnehmungs- und Gedächtnisbild hat unter den späteren Psychologen
-bloß Oswald _Külpe_ acceptiert, welcher in seinem »Grundriß der
-Psychologie, auf experimenteller Grundlage dargestellt« (Leipzig 1893),
-S. 174 ff., in terminologisch freilich durchaus nicht einwandfreier
-Weise die Lehre vom Gedächtnis als die Lehre von den »zentral erregten
-Empfindungen« abhandelt.
-
-($S. 120, Z. 8 v. u.$) _Petzoldt_ a. a. O., S. 138 ff.
-
-($S. 121, Z. 7 v. u. f.$) Vgl. A. _Kunkel_, Über die Abhängigkeit der
-Farbenempfindung von der Zeit, Archiv für die gesamte Physiologie der
-Menschen und der Tiere, IX, 1874, S. 215. Hiezu weiter _Fechner_,
-Elemente der Psychophysik, 1. Aufl., Leipzig 1860, Bd. I, S. 249 f.;
-Oswald _Külpe_, Grundriß der Psychologie, S. 131, 210; Hermann
-_Ebbinghaus_, Grundzüge der Psychologie, Leipzig 1902, S. 230.
-
-($S. 122, Z. 4 v. u.$) Johann Gottlieb _Fichte_, Über den Begriff der
-Wissenschaftslehre (Werke I/1, Berlin 1845, S. 73) »Der menschliche
-Geist macht mancherlei Versuche: er kommt durch blindes Herumtappen
-zur Dämmerung, und geht erst aus dieser zum hellen Tag über. Er wird
-anfangs durch dunkle Gefühle ... geleitet ...«. _Schopenhauer_,
-Parerga, I, § 14 (Werke IV, S. 159 f., ed. Grisebach): »Im allgemeinen
-... ist über diesen Punkt zu sagen, daß von jeder großen Wahrheit
-sich, ehe sie gefunden wird, ein Vorgefühl kundgibt, eine Ahndung,
-ein undeutliches Bild, wie im Nebel, und ein vergebliches Haschen,
-sie zu ergreifen; weil eben die Fortschritte der Zeit sie vorbereitet
-haben. Demgemäß präludieren dann vereinzelte Aussprüche. Allein,
-nur wer eine Wahrheit aus ihren Gründen erkannt und in ihren Folgen
-durchdacht, ihren ganzen Inhalt entwickelt, den Umfang ihres Bereiches
-übersehen und sie sonach mit vollem Bewußtsein ihres Wertes und ihrer
-Wichtigkeit, deutlich und zusammenhängend, dargelegt hat, der ist ihr
-Urheber. Daß sie hingegen, in alter und neuer Zeit, irgend einmal mit
-halbem Bewußtsein und fast wie ein Reden im Schlaf ausgesprochen worden
-und demnach sich daselbst finden läßt, wenn man hinterher danach sucht,
-bedeutet, wenn sie auch totidem verbis dasteht, nicht viel mehr, als
-wäre es totidem litteris; gleichwie der Finder einer Sache nur der ist,
-welcher sie, ihren Wert erkennend, aufhob und bewahrte; nicht aber der,
-welcher sie zufällig einmal in die Hand nahm und wieder fallen ließ;
-oder wie Kolumbus der Entdecker Amerikas ist, nicht aber der erste
-Schiffbrüchige, den die Wellen dort einmal abwarfen. Dies eben ist
-der Sinn des Donatischen pereant qui ante nos nostra dixerunt.« Noch
-treffender sagt _Kant_: »Dergleichen allgemeine und dennoch bestimmte
-Prinzipien lernt man nicht leicht von anderen, denen sie nur dunkel
-vorgeschwebt haben. Man muß durch eigenes Nachdenken zuvor selbst
-darauf gekommen sein, danach findet man sie auch anderwärts, wo man
-sie gewiß nicht zuerst würde angetroffen haben, weil die Verfasser
-selbst nicht einmal wußten, daß ihren Bemerkungen eine solche Idee
-zum Grunde liege. _Die so niemals selbst denken, besitzen dennoch
-die Scharfsichtigkeit, alles, nachdem es ihnen gezeigt worden, in
-demjenigen, was sonst schon gesagt worden, aufzufinden, wo es doch
-vorher niemand entdecken konnte._« (Prolegomena zu jeder künftigen
-Metaphysik, § 3, gegen Ende.)
-
-($S. 122, Z. 8 f.$) Das Citat aus _Nietzsche_, Also sprach Zarathustra,
-III. Buch, Kap.: Der Genesende.
-
-($S. 124, Z. 11 v. u.$) S. _Exner_, Entwurf zu einer physiologischen
-Erklärung der psychischen Erscheinungen, I. Teil, Leipzig und Wien
-1894, S. 76 ff. Vgl. H. _Höffding_, Vierteljahrschr. f. wiss. Philos.
-13, 1889, S. 431.
-
-($S. 125, Z. 3 v. o.$) _Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung,
-Bd. I, Leipzig 1888, S. 77; Bd. II, Leipzig 1890, S. 57. Übrigens
-schlägt den gleichen Ausdruck in ähnlichem Falle Wilhelm _Dilthey_ vor,
-Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Berliner
-Sitzungsberichte, 1894, S. 1387.
-
-($S. 126, Z. 14.$) Wahrscheinlicher jedoch als die _Exner_sche
-Theorie dünkt mich jetzt folgende Vermutung. Der Parallelismus
-zwischen Phylo- und Ontogenese, das »biogenetische Grundgesetz«
-wird gewöhnlich konstatiert, ohne daß man weiter darüber nachdenkt,
-_warum_ die Entwicklung des Individuums immer die Geschichte der
-Gattung wiederhole; so eilig hat man es eben, die Tatsache für die
-Deszendenzlehre und besonders für ihre ungeteilte Anwendung auf den
-Menschen auszubeuten. Vielleicht liegt aber in der Entwicklung von
-der Henide zum differenzierten Inhalt ein Parallelprozeß zu jener
-Erscheinung vor, der ihre bisherige Isoliertheit und Rätselhaftigkeit
-aufheben könnte.
-
-($S. 128, Z. 13 f.$) Über die falsche populäre Annahme einer
-allgemeinen größeren Sinnesempfindlichkeit beim Weibe, eine Annahme,
-die Sensibilität mit Emotivität und Irritabilität verwechselt, vgl.
-Havelock _Ellis_, Mann und Weib, S. 153 f.
-
-($S. 129, Z. 9 v. o.$) Vgl. Ernst _Mach_, Die Mechanik in ihrer
-Entwicklung, historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901,
-S. 1 f., 28 f. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch
-entwickelt, 2. Aufl., Leipzig 1900, S. 151.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 4.
-
-
-($S. 131, Z. 1 f.$) Die Bestimmungen, zu welchen dieses Kapitel über
-das Wesen der Genialität gelangt, sind ganz provisorisch und können
-erst nach der Lektüre des achten Kapitels verstanden werden, das sie
-wieder aufnimmt, aber in einem weit größeren Ganzen zeigt und darum
-erst eigentlich begründet.
-
-($S. 134, Z. 12 v. u.$) Über das _Verstehen_ der Menschen und
-menschlicher Äußerungen ist in der wissenschaftlich-psychologischen
-Literatur bezeichnend wenig zu finden. Nur Wilhelm _Dilthey_ bemerkt
-(Beiträge zum Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte,
-1896, S. 309 ff.): »Wir können zunächst das Verstehen eines fremden
-Zustandes als einen Analogieschluß auffassen, der von einem _äußeren
-physischen_ Vorgang vermittels seiner _Ähnlichkeit_ mit _solchen_
-Vorgängen, die wir mit bestimmten _inneren_ Zuständen verbunden
-finden, auf einen diesen _ähnlichen inneren_ Zustand hingeht ..... Die
-Glieder des Nachbildungsvorganges sind gar nicht bloß durch logische
-Operationen, etwa durch einen Analogieschluß, miteinander verbunden.
-Nachbilden ist eben ein Nacherleben. Ein rätselhafter Tatbestand!
-Wir können dies etwa, wie ein Urphänomen, darauf zurückführen, daß
-wir fremde Zustände in einem gewissen Grade wie die eigenen fühlen,
-uns mitfreuen und mittrauern können, zunächst je nach dem Grade
-der Sympathie, Liebe oder Verwandtschaft mit anderen Personen. Die
-Verwandtschaft dieser Tatsache mit dem nachbildenden Verstehen ergibt
-sich aus mehreren Umständen. Auch das Verstehen ist von dem Maße der
-Sympathie abhängig, und ganz unsympathische Menschen verstehen wir
-überhaupt nicht mehr. Ferner offenbart sich die Verwandtschaft des
-Mitgefühls mit dem nachbildenden Verstehen sehr deutlich, wenn wir
-vor der Bühne sitzen!« ..... »Gemäß diesen Verhältnissen hat auch die
-_wissenschaftliche Auslegung oder Interpretation_ als das kunstmäßig
-nachbildende Verstehen immer etwas Genialisches, das heißt, sie
-erlangt erst durch innere Verwandtschaft und Sympathie einen hohen
-Grad von Vollendung. So wurden die Werke der Alten erst im Zeitalter
-der Renaissance ganz wiederverstanden, als ähnliche Verhältnisse eine
-Verwandtschaft der Menschen zur Folge hatten ..... Es gibt keinen
-wissenschaftlichen Prozeß, welcher dieses lebendige Nachbilden als
-untergeordnetes Moment hinter sich zu lassen vermöchte. Hier ist der
-mütterliche Boden, aus dem auch die abstraktesten Operationen der
-Geisteswissenschaften immer wieder ihre Kraft ziehen müssen. _Nie
-kann hier Verstehen in rationales Begreifen aufgehoben werden. Es ist
-umsonst, aus Umständen aller Art den Helden oder den Genius begreiflich
-machen zu wollen. Der eigenste Zugang zu ihm ist der subjektive._«
-..... (S. 314 f.): »Die älteren Maler strebten, die bleibenden Züge
-der Physiognomie in einem idealen Moment, der für dieselben am meisten
-prägnant und bezeichnend ist, zu sammeln. Möchte nun eine neue Schule
-den momentanen Eindruck festhalten, um so den Eindruck des Lebens zu
-steigern: so gibt sie die Personen an die Zufälligkeit des Momentes
-hin. Und auch in diesem findet ja eine Auffassung des Inbegriffs von
-Eindrücken eines gegebenen Momentes unter der Einwirkung des erworbenen
-seelischen Zusammenhanges statt; eben in dieser Apperzeption entspringt
-die Verbindung der Züge von einem gefühlten Eindruckspunkt aus, welche
-Auslassungen und Betonungen bedingt: so entsteht ein Momentbild
-ebenso der Apperzeptionsweise des Malers als des Gegenstandes,
-und jede Bemühung zu sehen ohne zu apperzipieren, so gleichsam das
-sinnliche Bild in Farben auf einer Platte aufzulösen, muß mißlingen.
-Was noch tiefer führt, der Eindruckspunkt ist schließlich durch das
-Verhältnis irgend einer Lebendigkeit zu der meinigen bedingt, ich
-finde mich in meinem Lebenszusammenhang von etwas Wirkendem in einer
-Natur innerlich berührt; ich verstehe von diesem Lebenspunkt aus die
-dorthin konvergierenden Züge. So entsteht ein Typus. Ein Individuum
-war das Original: ein Typus ist jedes echte Porträt, geschweige denn
-in einem Figurengemälde. Auch die Poesie kann nicht abschreiben,
-was vor sich geht u. s. w.« Sonst ist nur die sehr interessante und
-originelle Arbeit von Hermann _Swoboda_, Verstehen und Begreifen,
-Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XXVII, 1903,
-Heft 2, zu nennen. _Swoboda_ hält wie Dilthey die Gleichheit respektive
-Verwandtschaft für das _einzige_ Erfordernis des Verständnisses; hierin
-weiche ich von beiden ab.
-
-($S. 139, Z. 17.$) Richard _Wagner_, Gesammelte Schriften und
-Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. VI, S. 128.
-
-($S. 142, Z. 7 v. o.$) Es gibt nur Universalgenies: »ὃν γὰρ ἀπέστειλεν
-ὁ θεός, τὰ ῥήματα του θεου λαλει· οὐ γὰρ ἐκ μέτρου δίδωσιν τὸ πνεῦμα.«
-(_Evang. Joh._ 3, 34.)
-
-($S. 142, Z. 16 v. u.$) Die hier gerügte Verwechslung kommt besonders
-deutlich zum Vorschein bei Franz _Brentano_, Das Genie, ein Vortrag,
-Leipzig 1892, S. 11: »Jedes Genie hat sein eigentümliches Gebiet; nicht
-bloß gibt es kein Universalgenie im vollen Sinne des Wortes, sondern
-meist hat die Genialität auch in der einzelnen Kunstgattung engere
-Grenzen. So war z. B. Pindar ein genialer Lyriker und nichts weiter.«
-Wäre diese populäre Ansicht haltbar, so müßte man den Dichter und Maler
-Rossetti über den »bloßen« Dichter Dante stellen, Novalis höher halten
-als Kant und Lionardo da Vinci für den größten Menschen ansehen.
-
-($S. 143, Z. 10 v. u.$) Hiemit stimmt _Schopenhauers_ Überzeugung
-überein (Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 31, S. 447, ed.
-Frauenstädt): »Weiber können bedeutendes Talent, aber kein Genie haben.«
-
-($S. 144, Z. 11 v. o.$) Über das Verhältnis der anderen Menschen zum
-Helden Thomas _Carlyle_, On Heroes, Hero-Worship and the Heroic in
-History, London, Chapman and Hall, p. 10 ff.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 5.
-
-
-($S. 145, Z. 5 v. u.$) Anderthalb Jahre nach Niederschrift dieser
-Partien fand ich in _Schopenhauers_ Nachlaß (Neue Paralipomena,
-§ 143) eine Stelle, die einzige mir in der gesamten Literatur bekannt
-gewordene, in der eine Ahnung des Zusammenhanges zwischen Genialität
-und Gedächtnis sich äußert. Sie lautet: »Ob nicht alles Genie seine
-Wurzel hat in der Vollkommenheit und Lebhaftigkeit der Rückerinnerung
-des eigenen Lebenslaufes? Denn nur vermöge dieser, die eigentlich unser
-Leben zu einem großen Ganzen verbindet, erlangen wir ein umfassenderes
-und tieferes Verständnis desselben, als die übrigen haben.«
-
-($S. 146, Z. 5 f.$) David _Hume_ fragt einmal (A Treatise of Human
-Nature, 1. Ausgabe, London 1738, Vol. I, p. 455): »Who can tell me, for
-instance, what were his thoughts and actions on the first of January
-1715, the 11. of March 1719 and the 3. of August 1733?« Das vollkommene
-Genie müßte dies von allen Tagen seines Lebens mit Sicherheit wissen.
-
-($S. 150, Z. 4 ff.$) Vgl. _Goethe_, Dichtung und Wahrheit, III. Teil
-XIV. Buch (Bd. XXIV, S. 141 der Hesseschen Ausgabe): »Ein Gefühl aber,
-das bei mir gewaltig überhand nahm und sich nicht wundersam genug
-äußern konnte, war die Empfindung der Vergangenheit und Gegenwart in
-eins: eine Anschauung, die etwas Gespenstermäßiges in die Gegenwart
-brachte. Sie ist in vielen meiner größeren und kleineren Arbeiten
-ausgedrückt und wirkt im Gedicht immer wohltätig, ob sie gleich im
-Augenblicke, wo sie sich unmittelbar am Leben und im Leben selbst
-ausdrückte, jedermann seltsam, unerklärlich, vielleicht unerfreulich
-scheinen mußte.«
-
-($S. 152, Z. 5 v. u. f.$) »Der Erfolg der Sängerinnen hatte im
-Laufe des XVII. Jahrhunderts der Frau jede Gelegenheit auch der
-theoretisch-musikalischen Ausbildung eröffnet. Unzulängliche Vorbildung
-kann also in der Komposition als Grund für die minderwertige weibliche
-Leistung nicht gelten.« So Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_,
-Mutterschaft und geistige Arbeit, S. 74; ich citiere diese Stelle auch,
-um _Mills_ geistreichen Syllogismus anzuführen: »Man unterrichtet
-die Frauen in der Musik, aber nicht damit sie komponieren, sondern
-nur damit sie ausüben können, und _folglich_ sind in der Musik die
-Männer den Frauen als Komponisten überlegen.« (Die Hörigkeit der Frau,
-übersetzt von Jenny Hirsch, Berlin 1869, S. 126.)
-
-($S. 152, Z. 2 v. u. f.$) Die Angabe über die Malerinnen etc. nach
-_Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 150.
-
-($S. 153, Z. 10 v. u.$) »A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve
-qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas
-de différence entre les hommes.« (_Pascal_, Pensées, I, 10, 1.)
-
-($S. 154, Z. 5 v. u.$) Hiemit stimmt überein, was _Helvetius_ (nach
-J. B. _Meyer_, Genie und Talent, Eine prinzipielle Betrachtung,
-Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. XI, 1880, S. 298) und
-_Schopenhauer_ (Parerga und Paralipomena II, § 53) über den nur
-dem Grade nach bestehenden Unterschied zwischen dem Genie und den
-Normalköpfen lehren. Vgl. auch _Jean Paul_, Vorschule der Ästhetik,
-§ 8: »Wie könnte denn ein Genie nur einen Monat, geschweige
-Jahrtausende lang von der ungleichartigen Menge erduldet oder gar
-erhoben werden ohne irgend eine ausgemachte Familienähnlichkeit mit
-ihr?«
-
-($S. 155, Z. 9 ff.$) Man vergleiche die Autobiographie der bedeutenden
-Menschen mit denen minder hervorragender Männer. Jene reichen stets
-weiter zurück (_Goethe_, _Hebbel_, _Grillparzer_, Richard _Wagner_,
-_Jean Paul_ u. s. w.). _Rousseau_, Confessions, Nouvelle édition, Paris
-1875, p. 4: »J'ignore ce que je fis jusqu'à cinq ou six ans. Je ne
-sais comment j'appris à lire; je ne me souviens que de mes premières
-lectures et de leur effet sur moi: _c'est le temps d'où je date sans
-interruption la conscience de moi-même_.« -- Natürlich ist nicht jeder
-Biograph seines eigenen Lebens ein großer Genius (J. St. _Mill_,
-_Darwin_, Benvenuto _Cellini_).
-
-($S. 157, Z. 19 v. u.$) Richard _Wagner_, »Die Meistersinger von
-Nürnberg,« III. Akt (Gesammelte Schriften und Dichtungen, Bd. VII,
-Leipzig 1898, S. 246).
-
-($S. 157, Z. 12 v. u.$) So bemerkt bereits _Aristoteles_ (während
-_Platon_ bis auf Timaeus 37 D ff. die Zeit im engeren Sinne nicht
-Problem geworden zu sein scheint), Physika VI, 9, 239 b, 8: Οὐ γὰρ
-σύγκειται ὁ χρόνος ἐκ τῶν νῦν ἀδιαιρέτων.
-
-($S. 158, Z. 1 v. u.$) Wie wenig tief im Wesen der Frau das
-Gedächtnis gegründet ist, geht daraus hervor, daß man in einer Frau
-das Erinnerungsvermögen für bestimmte Dinge töten kann, indem man
-ihr in der Hypnose verbietet, je wieder derselben zu gedenken. Einen
-solchen Fall entnehme ich einer Erzählung _Freuds_ in seinen mit
-_Breuer_ gemeinsam herausgegebenen »Studien über Hysterie«, Leipzig
-und Wien 1895 (S. 49): »Ich unterbreche sie hier .... und nehme ihr
-die Möglichkeit, alle diese traurigen Dinge wieder zu sehen, indem
-ich nicht nur die plastische Erinnerung verlösche, sondern die ganze
-Reminiszenz aus ihrem Gedächtnisse löse, als ob sie nie darin gewesen
-wäre.« Und in einer Anmerkung zu dieser Stelle fügt _Freud_ hinzu: »Ich
-bin diesmal in meiner Energie wohl zu weit gegangen. Noch 1½ Jahre
-später, als ich Frau Emmy in relativ hohem Wohlbefinden wiedersah,
-klagte sie mir, _es sei merkwürdig, daß sie sich an gewisse, sehr
-wichtige Momente ihres Lebens nur höchst ungenau erinnern könne_. Sie
-sah darin einen Beweis für die Abnahme ihres Gedächtnisses, während
-ich mich hüten mußte, ihr die Erklärung für diese spezielle Amnesie zu
-geben« (um einen Rückfall in die Krankheit zu verhindern).
-
-($S. 159, Z. 9 v. u.$) _Lotze_: im »Mikrokosmus«, 1. Aufl., 1858,
-Bd. II, S. 369.
-
-($S. 162, Z. 17 f.$) Diese Ableitung aus dem Schein der Bekanntheit
-neuer Situationen bei _Rhys Davids_, Der Buddhismus, Leipzig,
-Universalbibliothek, S. 107.
-
-($S. 162, Z. 23.$) Edward B. _Tylor_, Die Anfänge der Kultur,
-Untersuchungen über die Entwicklung der Mythologie, Philosophie,
-Religion, Kunst und Sitte, übersetzt von J. W. Spengel und Fr. Poske,
-Leipzig 1873, Bd. II, S. 1: Es »kann ... nicht nachdrücklich genug
-hervorgehoben werden, daß die Lehre von einem zukünftigen Leben, wie
-wir sie selbst bei den niedrigsten Rassen vorfinden, eine durchaus
-notwendige Folge des rohen Animismus ist.« -- Herbert _Spencer_, Die
-Prinzipien der Soziologie, Bd. I, Stuttg. 1877, § 100 (S. 225). Richard
-_Avenarius_, Der menschliche Weltbegriff, Leipzig 1891, S. 35 ff.
-
-($S. 163, Z. 11 f.$) Über dieses plötzliche Auftauchen aller
-Erinnerungen vor dem Tode oder in Todesgefahr und Todesnähe vgl.
-_Fechner_, Zend-Avesta, 2. Aufl., Bd. II, S. 203 ff.
-
-($S. 164, Z. 8 f.$) Über die »Euthanasie der Atheisten« vergleiche man,
-was F. A. _Lange_ erzählt (Geschichte des Materialismus, 5. Aufl.,
-1896, Bd. I, S. 358).
-
-($S. 166, Z. 5 v. u. f.$) Aus den angeführten Gründen sind mir die
-indischen Lehren vom Leben nach dem Tode, die griechische Anschauung
-vom Lethe-Trunk und die Verkündung von _Wagners_ Tristan: »...
-im weiten Reich der Welten-Nacht. Nur ein Wissen dort uns eigen:
-göttlich ew'ges _Ur-Vergessen_«, ungleich weniger verständlich
-als die Anschauung Gustav Theodor _Fechners_, dem das zukünftige
-Leben ein volles und ganzes Erinnerungsleben ist (Zend-Avesta oder
-über die Dinge des Himmels und des Jenseits vom Standpunkte der
-Naturbetrachtung, 2. Aufl., besorgt von Kurd Laßwitz, Hamburg und
-Leipzig 1901, Bd. II, S. 190 ff.), z. B. S. 196: »Ein volles Erinnern
-an das alte Leben wird beginnen, wenn das ganze alte Leben hinten
-liegt, und alles Erinnern innerhalb des alten Lebens selber ist bloß
-ein kleiner Vorbegriff davon.«. Die Annahme ist _unethisch_, welche
-die Erinnerungen aus dem Erdenleben mit dem Tode völlig ausgelöscht
-sein läßt: sie entwertet Wertvolles; da Wertloses ohnehin vergessen
-wird. Und dann: in der Erinnerung ist der Mensch bereits aktiv, das
-Gedächtnis ist eine Willenserscheinung; von einem Leben in voller
-Aktivität ist zu denken, daß es alle Elemente der Aktivität in sich
-aufgenommen habe, es ist ewig, weil es zeitlos ist und also Vergangenes
-und Zukünftiges nebeneinander sieht. Sehr schön sagt Fechner (ibid.
-S. 197 f.): »So denke dir also, daß nach dem letzten Augenschluß, der
-gänzlichen Abtötung aller diesseitigen Anschauung und Sinnesempfindung
-überhaupt, die der höhere Geist bisher durch dich gewonnen, nicht
-bloß die Erinnerungen an den letzten Tag erwachen, sondern teils
-die Erinnerungen, teils die Fähigkeit zu Erinnerungen an dein ganzes
-Leben, lebendiger, zusammenhängender, umfassender, heller, klarer,
-überschaulicher, als je Erinnerungen erwachten, da du immer noch halb
-in Sinnesbanden gefangen lagst; denn so sehr dein eigener Leib das
-Mittel war, diesseitige Sinnesanschauungen zu schöpfen und irdisch
-zu verarbeiten, so sehr war er das Mittel, dich an dies Geschäft zu
-binden. Nun ist aus das Schöpfen, Sammeln, Umbilden im Sinne des
-Diesseits; der heimgetragene Eimer öffnet sich, du gewinnst, und in
-dir tut's der höhere Geist, auf einmal allen Reichtum, den du nach und
-nach hineingetan. Ein geistiger Zusammenhang und Abklang alles dessen,
-was du je getan, gesehen, gedacht, errungen in deinem ganzen irdischen
-Leben, wird nun in dir wach und helle; wohl dir, wenn du dich dessen
-freuen kannst. Mit solchem Lichtwerden deines ganzen Geistesbaues
-wirst du geboren ins neue Leben, um mit hellerem Bewußtsein fortan zu
-arbeiten an dem höheren Geistesleben ...«
-
-»Manche sind, die glauben wohl an ein künftig Leben, nur gerade, daß
-die Erinnerung des jetzigen hinüberreichen werde, wollen sie nicht
-glauben. Der Mensch werde neu gemacht und finde sich ein anderer im
-neuen Leben, der wisse nichts mehr von dem früheren Menschen. Sie
-brechen damit selbst die Brücke ab, die zwischen Diesseits und Jenseits
-überleitet und werfen eine dunkle Wolke zwischen. Statt daß nach uns
-der Mensch mit dem Tode sich ganz und vollständig wieder gewinnen soll,
-ja so vollständig, als er sich niemals im Leben hatte, lassen sie ihn
-sich ganz verlieren; der Hauch, der aus dem Wasser steigt, statt den
-künftigen Zustand des ganzen Wassers vorzubedeuten, verschwindet ihnen
-mit dem Wasser zugleich. Nun soll es plötzlich als neues Wasser in
-einer neuen Welt da sein. Allein wie ward es so? Wie kam's dahin? Die
-Antwort bleiben sie uns schuldig. So bleibt man auch gar leicht den
-Glauben daran schuldig.
-
-Was ist der Grund von solcher Ansicht? Weil keine Erinnerungen aus
-einem früheren Leben ins jetzige hinüberreichen, sei auch nicht zu
-erwarten, daß solche aus dem jetzigen ins folgende hinüberreichen. Aber
-hören wir doch auf, Gleiches aus Ungleichem zu folgern. Das Leben vor
-der Geburt hatte noch keine Erinnerungen, ja kein Erinnerungsvermögen
-in sich, wie sollten Erinnerungen davon in das jetzige Leben reichen;
-das jetzige hat Erinnerungen und ein Erinnerungsvermögen in sich
-entwickelt, wie sollten Erinnerungen nicht in das künftige Leben
-reichen, ja sich nicht steigern, wenn wir doch im künftigen Leben eine
-Steigerung dessen zu erwarten haben, was sich im Übergange vom vorigen
-zum jetzigen Leben gesteigert hat. Wohl wird der Tod als zweite Geburt
-in ein neues Leben zu fassen sein; ... aber kann darum alles gleich
-sein zwischen Geburt und Tod? Nichts ist doch sonst ganz gleich
-zwischen zwei Dingen. Der Tod ist eine _zweite_ Geburt, indes die
-Geburt eine _erste_. Und soll uns die zweite zurückwerfen auf den Punkt
-der ersten, nicht vielmehr von neuem Anlauf auf uns weiter führen? Und
-muß der Abschnitt zwischen zwei Leben notwendig ein Schnitt sein? Kann
-er nicht auch darin bestehen, daß das Enge sich plötzlich ausdehnt in
-das Weite?« (S. 199 f.).
-
-($S. 169, Z. 4.$) In den werttheoretischen Büchern von _Döring_,
-_Meinong_, _Ehrenfels_, _Kreibig_ habe ich vergebens nach irgend
-einer Bestimmung des Verhältnisses von Wert und Zeit gesucht. Was
-bei Alexius v. _Meinong_, Psychologisch-ethische Untersuchungen
-zur Werttheorie, Graz 1894, S. 46 und 58 ff., bei Josef Clemens
-_Kreibig_, Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie,
-Wien 1902, S. 53 ff., zu finden ist, steht in keiner Beziehung zu
-dem hier in Betracht kommenden prinzipiellen Zwecke. Gerade was
-Kreibig ausführt, S. 54: »Das stets gleichbleibende lang andauernde
-Tönen einer Dampfpfeife oder eines Nebelhornes, das Einerlei eines
-gleichförmig grauen Himmels, das endlose Plappern eines witzelnden
-Gesellschafters wirkt auf die Dauer unlusterregend, auch wenn diese
-Inhalte ursprünglich angenehm empfunden wurden. Goethe sagt treffend,
-nichts sei schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen (!)
-Tagen. Auf allen höheren Gebieten finden wir ähnliche Tatbestände;
-der immer süße Mendelssohn, der leiernde Hexameter Vossens, das Lob
-der Speichellecker wird schließlich peinvoll. Der Sozialist Fourier
-beweist Beobachtungsgabe, indem er in seinem Phalansterium der
-»Schmetterlingsleidenschaft« der Menschen durch entsprechenden Wechsel
-der pflichtmäßigen Beschäftigung jedes einzelnen Rechnung trägt. Daß
-anderseits eine zu rasche Abfolge differenter Inhalte ermüdend und
-damit negativ wertbeeinflussend wirkt, braucht nicht ausführlich belegt
-zu werden« -- gerade diese Auseinandersetzung zeigt, wie heillos die
-_Brentano_sche Schule »Wertgefühl« und Lust konfundiert hat. Die Lust
-mag durch Dauer geschwächt werden, ein Wertvolles kann durch sie nie an
-Wert verlieren.
-
-Nur an zwei Orten finde ich Meinungen, die an die Darlegungen
-des Textes erinnern könnten. Harald _Höffding_ stellt in seiner
-»Religionsphilosophie« (übersetzt von F. Bendixen, Leipzig 1901,
-S. 105, 193 ff.) eine These von der »Erhaltung des Wertes« auf,
-durch welche man sich entfernt an den Satz von der Zeitlosigkeit des
-Wertes gemahnt fühlen könnte. Viel näher und deutlicher erkennbar ist
-meine Übereinstimmung mit Rudolf _Eucken_, Der Wahrheitsgehalt der
-Religion, Leipzig 1901, S. 219 f.: »... Wohl heißt es, daß der Mensch
-der bloßen Zeit angehört, aber er tut das nur für eine gewisse Fläche
-seines Daseins; alles geistige Leben ist eine Erhebung über die Zeit,
-eine Überwindung der Zeit. Was immer an geistigen Inhalten entfaltet
-wird, das trägt in sich den Anspruch, ohne alle Beziehung zur Zeit
-und unberührt von ihrem Wandel, d. h. also in einer ewigen Ordnung
-der Dinge zu gelten; nicht nur die Wissenschaft gibt ihre Wahrheit
-»unter der Form der Ewigkeit«, was immer wertvoll und wesenhaft sein
-will, das verschmäht ein Dahinschwimmen mit dem Flusse der Zeit, eine
-Unterwerfung unter den Wandel ihrer Mode und Laune, das will umgekehrt
-von sich aus die Zeiten messen und ihren Wert bestimmen.
-
-Dieses Verlangen nach Ewigkeit begnügt sich nicht damit, eine
-Zuflucht aus den Wirren der Zeit zu suchen, es nimmt auf dem eigenen
-Boden der Zeit den Kampf mit ihr auf; dieser Zusammenstoß von Zeit
-und Ewigkeit ist es vornehmlich, woraus Geschichte im menschlichen
-Sinne entsteht und besteht. In der Zeit selbst erwächst ein Streben
-über alles Zeitliche hinaus zu etwas Unwandelbarem: so fixiert
-das Kulturleben von den Leistungen der Vergangenheit gewisse als
-klassisch und möchte sie nicht nur dauernd im Bewußtsein erhalten,
-sondern in ihnen ein untrügliches Maß des Strebens finden ... nicht
-dadurch entsteht Geschichte im menschlichen und geistigen Sinne, daß
-Erscheinungen einander folgen und sich anhäufen, sondern dadurch, daß
-diese Folge irgend gedacht und erlebt wird. Nun aber wäre nicht einmal
-ein Überschauen und die Vereinigung der Mannigfaltigkeit in einen
-Gesamtanblick möglich ohne ein Heraustreten des Beobachters aus dem
-rastlosen Strom der Zeit. Und die Betrachtung allein vermag keineswegs
-eine historische Gestaltung der Kultur hervorzubringen, diese kommt nur
-zustande, indem in der Geschichte Wesentliches und Nebensächliches,
-Bleibendes und Vergängliches auseinandertritt; sie ist nicht möglich
-ohne ein energisches Sondern und Sichten der chaotischen Fülle, die uns
-zuströmt. Der echte Bestand, der allein für die eigene Lebensführung
-Wert hat, ist aus der Erscheinung immer erst herauszuarbeiten. Wer
-anders aber sollte jenes Sondern und Sichten vollziehen als ein der
-Zeit überlegener, nach inneren Notwendigkeiten messender Lebensprozeß
-und wie anders sollte er es tun, als indem er das echt Befundene aus
-allem Wandel der Zeit heraushebt und ihr gegenüber festlegt?...«
-S. 221 f.: »... ein anderes ist es, die anthropomorphe Unsterblichkeit
-abzulehnen, ein anderes, dem Geisteswesen des Menschen alle Teilnahme
-an der Ewigkeit zu versagen. Denn dies heißt nicht sowohl Aussichten
-in die Zukunft abschneiden als alles Geistesleben der bloßen Zeit
-überantworten, damit aber es herabdrücken, zerstreuen, innerlich
-vernichten. Auch das zeitliche Leben wird zu bloßem Schatten und
-Schein, wenn ihm kein Streben zur Ewigkeit innewohnt; müßte doch bei
-voller Gebundenheit an die Zeit alles menschliche Erlebnis, alle
-menschliche Wirklichkeit nach dem Aufleuchten des bloßen Augenblicks
-sofort in den Abgrund des Nichts zurücksinken.«
-
-Wollte ich noch weiteres anführen, so könnte ich nur auf den schönen
-Traum verweisen, den Knut _Hamsun_ in seinem Roman »Neue Erde«
-(übersetzt von M. v. Borch, München 1894, S. 169 ff.) schildert, oder
-müßte schon hier auf die ewigen Ideen _Platons_ zurückgreifen, die
-unberührt von der Zeit an einem Orte »jenseits des Himmels« thronen.
-Die _Ideen_ Platons in ihrer späteren restringierten Fassung sind die
-_Werte_ der modernen, von _Kant_ begründeten Philosophie. Aber in der
-rein psychologischen Auseinandersetzung dieses Kapitels kommt das noch
-nicht in Betracht.
-
-($S. 174, Z. 19 f.$) _Carlyle_, On Heroes etc., p. 11 f. »He was the
-‚creature of the Time’, they say; the Time called him forth, the Time
-did everything, he nothing .... The Time call forth? Alas, we have
-known Times _call_ loudly enough for their great man; but not find him
-when they called! He was not there; Providence has not sent him; the
-Time, _calling_ its loudest, had to go down to confusion and wreck
-because he would not come when called.
-
-For if we will think of it, no time need have gone to ruin, could it
-have _found_ a man great enough, a man wise and good enough: wisdom
-to discern truly what the Time wanted, valour to lead it on the right
-road thither; these are the salvation of any Time. But I liken common
-languid Times, with their unbelief, distress, perplexity, with their
-languid doubting characters and embarrassed circumstances, impotently
-crumbling-down into ever worse distress towards final ruin; -- all this
-I liken to dry dead fuel, waiting for the lightning but of Heaven that
-shall kindle it. The great man, with his free force direct out of God's
-own hand, is the lightning. His word is the wise healing word which all
-can believe in. All blazes round him now, when he has once struck on
-it, into fire like his own. The dry mouldering sticks are thought to
-have called him forth. They did want him greatly; but as to calling him
-forth --! -- Those are critics of small vision, I think, who cry: ‚See,
-is it not the stick that made the fire?’ _No sadder proof can be given
-by a man of his own littleness than disbelief in great men._«
-
-($S. 176, Z. 4 v. u.$) _Baco_ als Sprachkritiker: Novum Organum I, 43.
-Fritz _Mauthner_, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. I, Sprache
-und Psychologie, Stuttgart 1901.
-
-($S. 177, Z. 19 v. u.$) Hermann _Türck_, Der geniale Mensch, 5. Aufl.,
-Berlin 1901, S. 275 f. -- Cesare _Lombroso_, Der geniale Mensch,
-übersetzt von M. O. Fränkel, Hamburg 1890, passim. -- Zur Erheiterung
-sei hier noch Francis _Galton_ (Hereditary Genius, Inquiry into its
-Laws and Consequences, London 1892, p. 9, vgl. Preface p. XII) folgende
-Auffassung entnommen: »When I speak of an eminent man, I mean one who
-has achieved a position that is attained by only 250 persons in each
-million of men, or by one person in each 4000.«
-
-($S. 177, Z. 15 v. u.$) _Kant_ über das Genie: Kritik der Urteilskraft,
-§ 46-50. Vgl. Otto _Schlapp_, Kants Lehre vom Genie, Göttingen 1902,
-besonders S. 305 ff. _Schelling_, System des transscendentalen
-Idealismus, Werke I/3, S. 622-624, S. 623 heißt es: »Nur das, was
-die Kunst hervorbringt, ist allein und nur durch Genie möglich.« --
-Gegen Kantens Ausschluß der Philosophen von der Genialität wenden
-sich _Jean Paul_, Das Kampanertal oder über die Unsterblichkeit der
-Seele, 503. Station und Johann Gottlieb _Fichte_, Über den Begriff
-der Wissenschaftslehre, 1794, § 7. (Sämtliche Werke herausgegeben von
-J. H. Fichte, Bd. I/1, S. 73, Anmerkung.)
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 6.
-
-
-($S. 182, Z. 1 v. u.$) _Für_ den Psychologismus: Karl _Stumpf_,
-Psychologie und Erkenntnistheorie, Abhandlungen der philos.-philol. kl.
-königlich bayerischen Akad. der Wissensch., Bd. 19, 1892, S. 465-516.
-Alois _Höfler_, Logik, Wien 1890, S. 17: »Da die Psychologie
-_sämtliche_ psychischen Erscheinungen, die Logik nur die Erscheinungen
-des _Denkens_, und zwar die des _richtigen_ Denkens zum unmittelbaren
-Gegenstande hat, so bildet die theoretische Bearbeitung des letzteren
-nur einen _speziellen Teil_ der _Psychologie_.« Theodor _Lipps_,
-Grundzüge der Logik, Hamburg 1893, S. 1 f., S. 149.
-
-_Gegen_ den Psychologismus: Edmund _Husserl_, Logische Untersuchungen,
-I. Teil, Halle 1900. Hermann _Cohen_, Kants Theorie der Erfahrung,
-2. Aufl., Berlin 1885, S. 69 f., 81 f., und Logik der reinen
-Erkenntnis, Berlin 1902 (System der Philosophie, I. Teil), S. 509 f.
-Wilhelm _Windelband_, Kritische oder genetische Methode (Präludien,
-1. Aufl., 1884, S. 247 ff.). Ferdinand Jakob _Schmidt_, Grundzüge
-der konstitutiven Erfahrungsphilosophie als Theorie des immanenten
-Erfahrungsmonismus, Berlin 1901, S. 16 f., 59 f., 69 f. Emil
-_Lucka_, Erkenntnistheorie, Logik und Psychologie, in der Wiener
-Halbmonatsschrift »Die Gnosis« vom 25. März 1903.
-
-($S. 183, Z. 18.$) Wenn _Kant_ bei der Aufstellung seines
-Sittengesetzes für »alle möglichen vernünftigen Wesen« an einen
-besonderen Träger außer dem Menschen gedacht hat und nicht bloß
-das streng formale Prinzip reinhalten wollte von dem Zufälligen
-der empirischen Menschheit, so dürften ihm eher jene Bewohner
-anderer Gestirne vorgeschwebt haben, von welchen der dritte Teil
-der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels« handelte,
-als das, was _Schopenhauer_ ihm unterschiebt (Preisschrift über
-die Grundlage der Moral, § 6): »Man kann sich des Verdachtes nicht
-erwehren, daß _Kant_ dabei ein wenig an die lieben Engelein gedacht,
-oder doch auf deren Beistand in der Überzeugung des Lesers gezählt
-habe.« Für die Engel gälte nämlich die Kantische Ethik gar nicht, da
-bei ihnen Sollen und Sein zusammenfiele.
-
-($S. 183, Z. 5 v. u.$) Auch der Aufsatz von A. _Meinong_,
-Zur erkenntnistheoretischen Würdigung des Gedächtnisses,
-Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, X, 1886,
-S. 7-33, liegt gänzlich abseits von den hier behandelten Problemen.
-
-($S. 184, Z. 2 f.$) Charles _Bonnet_, Essai analytique sur les facultés
-de l'âme, Copenhague 1760, p. 61: »La souplesse ou la mobilité des
-fibres augmente par le retour des mêmes ébranlements. Le sentiment
-attaché à cette augmentation de souplesse ou de mobilité constitue la
-réminiscence.« (Citiert nach Harald _Höffding_) Vgl. übrigens noch Max
-_Offner_, Die Psychologie Charles Bonnets, Eine Studie zur Geschichte
-der Psychologie, Schriften der Gesellschaft für psychologische
-Forschung, Heft 5, Leipzig 1893, S. 34 ff. -- Ewald _Hering_, Über das
-Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie,
-Vortrag, 2. Ausgabe, Wien 1876. -- Vgl. E. _Mach_, Die Analyse der
-Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen,
-3. Aufl., Jena 1902, S. 177 ff.
-
-($S. 185, Z. 6 ff.$) Über Erinnerung unter dem Einflusse der Suggestion
-vgl. Friedrich _Jodl_, Lehrbuch der Psychologie, 2. Aufl., Stuttgart
-und Berlin 1903, Bd. II, S. 159: »Als eine Zwischenstufe zwischen
-dem, was .... als passives und aktives Moment der repräsentativen
-Aufmerksamkeit unterschieden wird, kann man den Fall ansehen, wo in die
-Leitung des Reproduktionsprozesses und die Fixierung der Aufmerksamkeit
-nicht der eigene Wille des Subjektes, sondern ein fremder Wille
-eingreift, um mit jenem bestimmte Zwecke zu erreichen oder bestimmte
-Bewußtseinsphänomene hervorzurufen .... Hier geschieht durch Einwirkung
-von außen, was bei der willkürlichen Reproduktion aus dem Willen des
-Subjektes heraus erfolgt.«
-
-($S. 185, Z. 19 v. u.$) Richard _Avenarius_, Kritik der reinen
-Erfahrung, Bd. II, Leipzig 1890, S. 32, 42 ff. -- H. _Höffding_,
-Über Wiedererkennen, Association und psychische Aktivität,
-Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889,
-S. 420 f. und XIV, 1890, S. 27 ff. Psychologie in Umrissen, übersetzt
-von Bendixen, 2. Aufl., 1893, S. 163 f., Philosophische Studien, VIII,
-S. 86 f.
-
-Im ersten Aufsatze sagt Höffding (S. 426 f.): »Was in solchen
-Bewußtseinszuständen .... gegeben ist, das ist die unmittelbare
-Auffassung des Unterschiedes zwischen Bekanntem und Vertrautem und
-etwas Neuem und Fremdem. Dieser Unterschied ist so einfach und
-klar, daß er sich ebensowenig näher beschreiben läßt, als z. B.
-der Unterschied zwischen Lust und Unlust, oder der Unterschied
-zwischen Gelb und Blau. Wir stehen hier einem unmittelbaren
-Qualitätsunterschiede gegenüber. Die eigentümliche Qualität, mit
-welcher das Bekannte im Gegensatz zum Neuen im Bewußtsein auftritt,
-werde ich im folgenden die _Bekanntheitsqualität_ nennen.« [Es] »ist
-noch hervorzuheben, daß die Selbstbeobachtung in den angeführten
-Fällen _nicht die geringste Spur von anderen Vorstellungen zeigt, die
-durch die erkannte Erscheinung erweckt würden_, und von denen man
-annehmen könnte, sie spielten eine Rolle beim Wiedererkennen selbst.
-Insofern also jemand annehmen wollte, alles Wiedererkennen setze
-derartige Vorstellungen voraus, so liegt ihm die Beweispflicht ob; und
-läßt sich das unmittelbare Wiedererkennen, sowie es in den angeführten
-Fällen auftritt, ohne eine solche Annahme erklären, so wird diese
-Erklärung die einzige wissenschaftliche sein.«
-
-Gegen diese Lehre _Höffdings_ haben sich mit durchaus unzureichenden
-Gründen Wilhelm _Wundt_, Grundzüge der physiologischen Psychologie, 4.
-Aufl., Leipzig 1893, Bd. II, S. 442, Anmerkung 1, und William _James_,
-The Principles of Psychology, 1890, Vol. I, p. 674, Anmerkung 1
-ausgesprochen. Höffding selbst bemerkt klar genug S. 431: »Diese
-Reproduktion braucht nicht dahin zu führen, daß das, was reproduziert
-wird, als selbständiges Glied im Bewußtsein auftrete. Und in den
-vorliegenden Fällen geschieht dies auch nicht. Deren Eigentümlichkeit
-bestand unter anderem gerade in ihrem nicht zusammengesetzten
-Charakter. Außer dem erkannten Zug oder den erkannten Zügen findet
-sich im Bewußtsein nicht das Mindeste, was mit dem Wiedererkennen
-zu schaffen hat. Das Wort »~Les Plans~« klingt bekannt, und diese
-Bekanntheitsqualität ist die _ganze Erscheinung_ ....« Es ist dagegen
-unzutreffend, wenn _Wundt_ behauptet (a. a. O. II^4, 445): »Es geht
-_immer_ der simultane deutlich in einen successiven Associationsvorgang
-über, in welchem der zuerst vorhandene Eindruck, die dann hinzutretende
-Mittelvorstellung und endlich das Wiedererkennungsgefühl als die
-Glieder der Associationsreihe auftreten.«
-
-($S. 186, Z. 1 v. u.$) Nur dieselbe Verwechslung des Wiedererkennens
-mit dem Gedächtnis liegt den Beispielen zu Grunde, auf Grund deren
-G. John _Romanes_, Die geistige Entwicklung im Tierreich, Leipzig 1885,
-S. 127 f. den Tieren ein Gedächtnis zuschreibt.
-
-($S. 190, Z. 12.$) Der Ausdruck connotativ (mitbezeichnend) stammt
-von John Stuart _Mill_, System der deduktiven und induktiven Logik,
-übersetzt von Gomperz, I^2, Leipzig 1884, S. 30 f. -- Den Ausdruck
-»typische Vorstellung« gebraucht Harald _Höffding_, der Terminus
-»Repräsentativ-Vorstellung« ist der englischen und französischen
-Psychologie geläufig.
-
-($S. 191, Z. 13 v u.$) Wunderbar gibt _Fouqué_ dem _Alogischen_ im
-Weibe zusammen mit seinem völligen Mangel an Kontinuität Ausdruck in
-der »Undine« (fünftes Kapitel): »Einen Teil des Tages über strich er
-mit einer alten Armbrust, die er in einem Winkel der Hütte gefunden
-und sich ausgebessert hatte, umher, nach den vorüberfliegenden Vögeln
-lauernd und, was er von ihnen treffen konnte, als guten Braten in die
-Hütte liefernd. Brachte er nun seine Beute zurück, so unterließ Undine
-fast niemals, ihn auszuschelten, daß er den lieben, lustigen Tierchen
-oben im blauen Luftmeer so feindlich ihr fröhliches Leben stehle; ja
-sie weinte oftmals bitterlich bei dem Anblick des toten Geflügels. Kam
-er aber dann ein andermal wieder heim und hatte nichts geschossen,
-so schalt sie ihn nicht minder ernstlich darüber aus, daß man nun um
-seines Ungeschickes und seiner Nachlässigkeit willen mit Fischen und
-Krebsen vorlieb nehmen müsse.«
-
-($S. 191, Z. 10 v. u.$) G. _Simmel_, Zur Psychologie der Frauen,
-Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, XX, 1890,
-S. 6-46: »Hier ist der Ort, der vielkritisierten Logik der Frauen
-zu gedenken. Zunächst ist die Meinung, die ihnen dieselbe ganz oder
-fast ganz absprechen will, einfach abzuweisen; das ist eine von den
-trivialen Paradoxen, der gegenüber man sicher behaupten kann, daß
-jeder, der nur irgend eingehender mit Frauen zu tun hatte, oft genug
-von der Schärfe und Unbarmherzigkeit ihrer Folgerungen überrascht
-worden ist.« (S. 9 f.)
-
-($S. 195, Z. 5 v. u.$) _Kant_, Kritik der praktischen Vernunft, S. 105
-(Universalbibliothek).
-
-($S. 196, Z. 8 v. u. f.$) Die Stelle über Spinoza bei _Kant_ ist
-ungemein charakteristisch (vgl. Kap. 13); man findet sie in der Kritik
-der praktischen Vernunft, S. 123, ed. Kehrbach. -- Was Kant an Hume
-mit Recht sympathisch ansprechen durfte, war die Sonderstellung,
-welche dieser klügste Empirist immerhin der Mathematik einräumte. Das
-große Lob Humes aus dem Munde Kantens, welchem Hume sein hohes Ansehen
-bei den nachkantischen Philosophen und Historikern der Philosophie
-vornehmlich dankt, ist wohl so zu erklären, daß Kant selbst schon,
-bevor er Hume kennen gelernt hatte, die Notwendigkeit der Ersetzung des
-metaphysischen durch den transcendentalen Standpunkt unklar gefühlt
-hatte. Den Angriff Humes empfand er als solchen, den er selbst längst
-hätte führen sollen, und machte sich den eigenen Mangel an Rüstigkeit
-in der Abrechnung mit allem Unbewiesenen in der Spekulation heftig
-zum Vorwurf. So kam es, daß er Humes Skeptizismus dem Dogmatismus
-gegenüber, den er in den eigenen Gliedern noch immer spürte,
-hochstellen konnte, und an der Flachheit dieses Empirismus, bei dem
-er natürlich nicht bleiben konnte, relativ wenig Anstoß nahm. -- Wie
-unglaublich seicht Hume übrigens auch als Geschichtsschreiber in seinen
-Urteilen über historische Bewegungen und historische Persönlichkeiten
-ist, darüber vergleiche man das Büchlein von Julius _Goldstein_, Die
-empiristische Geschichtsauffassung David Humes mit Berücksichtigung
-moderner methodischer und erkenntnistheoretischer Probleme, eine
-philosophische Studie, Leipzig 1903, z. B. die dort S. 19 f. aus
-Humes »History of England« citierten Äußerungen über die Religion
-und religiöse Menschen, besonders über Luther. Jene Stellen verraten
-Borniertheit.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 7.
-
-
-($S. 197, Z. 3 ff.$) David _Hume_, A Treatise of Human Nature, being an
-Attempt to introduce the experimental Method of Reasoning into Moral
-Subjects, Book I. Of the Understanding, Part IV. Of the sceptical and
-other systems of philosophy, Sect. VI. Of personal identity, Vol. I,
-p. 438 f. (der ersten englischen Ausgabe, London 1739):
-
-»For my part, when I enter most intimately into what I call myself, I
-always stumble on some particular perception or other, of heat or cold,
-light or shade, love or hatred, pain or pleasure. I never can catch
-myself at any time without a perception, and never can observe anything
-but the perception. When my perceptions are remov'd for any time, as
-by sound sleep; so long am I insensible of _myself_, and may truly be
-said not to exist. And were all my perceptions remov'd by death, and
-cou'd I neither think, nor feel, nor see, nor love, nor hate after
-the dissolution of my body, I thou'd be entirely annihilated, nor do
-I conceive what is farther requisite to make me a perfect non-entity.
-If any one, upon serious and unprejudiced reflection thinks he has a
-different notion (439) of _himself_, I must confess I can reason no
-longer with him. All I can allow him is, that he may be in the right as
-well as I, and that we are essentially different in this particular. He
-may, perhaps, perceive something simple and continu'd, which he calls
-_himself_; tho' I am certain there is no such principle in me.
-
-But setting aside some metaphysicians of this kind, I may venture to
-affirm of the rest of mankind that they are nothing but a bundle or
-collection of different perceptions, which succeed each other with an
-inconceivable rapidity, and are in a perpetual flux and movement.«
-
-($S. 198, Z. 3 f.$) Georg Christoph _Lichtenberg_, Ausgewählte
-Schriften, herausgegeben von Eugen Reichel, Leipzig,
-Universalbibliothek, S. 74 f.: »Wir werden uns gewisser Vorstellungen
-bewußt, die nicht von uns abhängen; andere, glauben wir wenigstens,
-hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die
-Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. _Es denkt_,
-sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen ~cogito~, ist
-schon zu viel, sobald man es durch Ich denke übersetzt. Das _Ich_
-anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.«
-
-($S. 198, Z. 8 f.$) _Hume_ a. a. O., S. 455 f.: »All the nice and
-subtile questions concerning personal identity can never possibly
-be decided, and are to be regarded rather as grammatical than as
-philosophical difficulties ... All the disputes concerning the identity
-of connected objects are merely verbal.«
-
-($S. 198, Z. 12 f.$) E. _Mach_, Die Analyse der Empfindungen und
-das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902,
-S. 2 ff, 6 f., 10 f., 18 ff., 29 f.
-
-($S. 199, Z. 12 f.$) Das _Idioplasma_ ist also wohl das von Alois
-_Höfler_, Psychologie, Wien und Prag 1897, S. 382, vermißte
-physiologische Äquivalent des _empirischen_ Ich.
-
-($S. 200, Z. 5 v. u.$) Die beiden Stellen aus _Sigwart_ in dessen
-Logik, I^2, Freiburg 1889, S. 182, 190.
-
-($S. 200, Z. 13.$) _Hegel_, Enzyklopädie der philosophischen
-Wissenschaften im Grundrisse, § 115 (Werke, vollständige Ausgabe, Bd.
-VI, S. 230 f., Berlin 1840): »Dieser Satz, statt ein wahres Denkgesetz
-zu sein, ist nichts als das Gesetz des _abstrakten Verstandes_. Die
-_Form des Satzes_ widerspricht ihm schon selbst, da ein Satz auch
-einen Unterschied zwischen Subjekt und Prädikat verspricht, dieser
-aber das nicht leistet, was seine Form fordert ... Wenn man behauptet,
-dieser Satz könne nicht bewiesen werden, aber _jedes_ Bewußtsein
-verfahre danach, und stimmt ihm nach der Erfahrung sogleich zu, wie
-es ihn vernehme, so ist dieser angeblichen Erfahrung der Schule die
-allgemeine Erfahrung entgegenzusetzen, daß kein Bewußtseyn nach diesem
-Gesetze denkt, noch Vorstellungen hat u. s. f., noch spricht, daß keine
-Existenz, welcher Art sie sey, nach demselben existiert. Das Sprechen
-nach diesem seynsollenden Gesetze der Wahrheit (ein Planet ist -- ein
-Planet, der Magnetismus ist -- der Magnetismus, der Geist ist -- ein
-Geist) gilt mit vollem Recht für albern; dies ist wohl allgemeine
-Erfahrung.«
-
-($S. 200, Z. 18 f.$) Vgl. hiezu Hermann _Cohen_, System der
-Philosophie, I. Teil, Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902, S. 79:
-»Man sagt, diese Identität bedeute nichts als Tautologie. Das Wort,
-durch welches der Vorwurf bezeichnet wird, verrät die Unterschlagung
-des Prinzipes. Freilich bedeutet die Identität Tautologie: nämlich
-dadurch, daß durch Dasselbe (ταὐτό) das Denken zum Logos wird. Und so
-erklärt es sich, daß vorzugsweise, _ja ausschließlich die Identität als
-Denkgesetz stabiliert wurde._«
-
-($S. 201, Z. 16 f.$) Mit Heinrich _Gomperz_, Zur Psychologie der
-logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien 1897, S. 21 f., ist meine
-Darstellung an diesem Punkte vollkommen einer Ansicht. Er sagt: »....
-die wissenschaftlichen Begriffe bilden überall keinen Gegenstand
-der Psychologie, d. h. der psychologischen Erfahrung ...... Wir
-gelangen zu solchen Begriffen durch eine eigene Methode, nämlich
-durch Synthese, wie wir zu den Naturgesetzen durch die Methode der
-Induktion vorschreiten, und verwerten diese Begriffe durch Analyse wie
-jene Gesetze durch Deduktion. Und deshalb gibt es eine Psychologie
-des wissenschaftlichen Säugetierbegriffes ebensowenig wie eine
-Psychologie des wissenschaftlichen Gravitationsgesetzes. Daß wir diese
-Gesetzmäßigkeiten durch eigene Worte -- Säugetier und Gravitation --
-bezeichnen, kann hieran nichts ändern. Denn diese Worte bezeichnen
-lediglich äußere, wenn auch ideelle Dinge. Diese sind Gegenstände,
-nicht Elemente oder überhaupt Bestandteile des Denkens.«
-
-($S. 202, Z. 19.$) Die Stelle aus _Kant_: Kritik der reinen Vernunft,
-S. 145, Kehrbach. -- Zur Lösung des von Kant bezeichneten Rätsels
-glaube ich hier und auf S. 244-251 ein Weniges beigetragen zu haben.
-
-($S. 202, Z. 11 v. u.$) Was ich unter _Essenz_ meine, deckt sich also
-ziemlich mit dem aristotelischen τὸ τί ἦν εἶναι. Der Begriff ist auch
-für _Aristoteles_ an einer Stelle λόγος τί ἦν εἶναι λέγων (Eth. Nicom.
-II, 6, 1107 a 6).
-
-($S. 203, Z. 7 v. u.$). Vgl. _Schelling_, System des transcendentalen
-Idealismus, Werke I/3, S. 362: »In dem Urteil A = A wird ganz von dem
-Inhalte des Subjektes A abstrahiert. Ob A _Realität_ hat oder nicht,
-ist für dieses Wissen ganz gleichgültig.« »Der Satz ist evident und
-gewiß, ganz abgesehen davon, ob A etwas wirklich Existierendes oder
-bloß Eingebildetes oder selbst unmöglich ist.«
-
-($S. 204, Z. 3 v. o.$) John Stuart _Mill_, System der deduktiven
-und induktiven Logik, Eine Darlegung der Grundsätze der Beweislehre
-und der Methoden wissenschaftlicher Forschung, Buch II, Kapitel 7,
-§ 5, 2. Aufl., übersetzt von Theodor Gomperz, Leipzig 1884, Bd.
-I (Gesammelte Werke, Bd. II), S. 326: »Ich erkenne im principium
-contradictionis, wie in anderen Axiomen eine unserer frühesten
-und naheliegendsten Verallgemeinerungen aus der Erfahrung. Ihre
-ursprüngliche Grundlage finde ich darin, daß Glaube und Unglaube zwei
-verschiedene Geisteszustände sind, die einander ausschließen. Dies
-erkennen wir aus der einfachsten Beobachtung unseres eigenen Geistes.
-Und richten wir unsere Beobachtung nach außen, so finden wir auch hier,
-daß Licht und Dunkel, Schall und Stille, Bewegung und Ruhe, Gleichheit
-und Ungleichheit, Vorangehen und Nachfolgen, Aufeinanderfolge und
-Gleichzeitigkeit, kurz jedes positive Phänomen und seine Verneinung
-unterschiedene Phänomene sind, im Verhältnis eines zugespitzten
-Gegensatzes, und die eine immer dort abwesend, wo die andere anwesend
-ist. Ich betrachte das fragliche Axiom als eine Verallgemeinerung aus
-all diesen Tatsachen.«
-
-Von der Flachheit dieser Auseinandersetzung will ich schweigen; denn
-daß John St. Mill unter den berühmten Flachköpfen des XIX. Jahrhunderts
-der flachste ist, das kann wie eine identische Gleichung ausgesprochen
-werden. Aber man vermag auch nicht leicht falscher und leichtsinniger
-zu argumentieren, als es hier von Mill geschehen ist. Für diesen
-Mann ist Kant vergebens auf der Welt erschienen; er hat sich nicht
-einmal dies klar gemacht, daß dem Satze A = A nie eine Erfahrung
-widersprechen kann, und daß wir dies mit absoluter Sicherheit von
-Rechts wegen behaupten dürfen, während alle Induktion nie imstande ist,
-Sätze von solchem Gewißheitsgrade zu liefern. -- Außerdem verwechselt
-Mill hier den konträren mit dem kontradiktorischen Gegensatz. -- Die
-vielen verständnislosen Beschimpfungen des Identitätsprinzipes seien
-übergangen.
-
-($S. 205, Z. 18.$) Johann Gottlieb _Fichte_, Grundlage der gesamten
-Wissenschaftslehre, Leipzig 1794, S. 5 ff. (sämtliche Werke
-herausgegeben von J. H. Fichte, Erste Abteilung, Bd. I, Berlin 1845,
-S. 92 ff.):
-
-»1. Den Satz _A ist A_ (soviel als A = A, denn das ist die Bedeutung
-der logischen Copula) gibt jeder zu; und zwar ohne sich im geringsten
-darüber zu bedenken: man erkennt ihn für völlig gewiß und ausgemacht an.
-
-Wenn aber jemand einen Beweis desselben fordern sollte, so würde man
-sich auf einen solchen Beweis gar nicht einlassen, sondern behaupten,
-jener Satz sey schlechthin, d. i. _ohne allen weiteren Grund_, gewiß:
-und indem man dieses, ohne Zweifel mit allgemeiner Beistimmung, thut,
-schreibt man sich das Vermögen zu, _etwas schlechthin zu setzen_.
-
-2. Man setzt durch die Behauptung, daß obiger Satz an sich gewiß sey,
-
-_nicht_, daß A _sey_. Der Satz: _A ist A_ ist gar nicht gleichbedeutend
-dem: _A ist_, oder: _es ist ein A_. (_Seyn_, ohne Prädikat gesetzt,
-drückt etwas ganz anderes aus, als seyn mit einem Prädikate .......)
-Man nehme an, A bedeute einen in zwei gerade Linien eingeschlossenen
-Raum, so bleibt jener Satz immer richtig; obgleich der Satz: _A ist_,
-offenbar falsch wäre. Sondern
-
-man setzt: _wenn_ A sey, _so_ sey A. Mithin ist davon, _ob_ überhaupt
-A sey oder nicht, gar nicht die Frage. Es ist nicht die Frage vom
-_Gehalte_ des Satzes, sondern bloß von seiner _Form_; nicht von dem,
-_wovon_ man etwas weiß, sondern von dem, _was_ man weiß, von irgend
-einem Gegenstande, welcher es auch seyn möge.
-
-Mithin wird durch die Behauptung, daß der obige Satz schlechthin gewiß
-sey, _das_ festgesetzt, daß zwischen jenem _Wenn_ und diesem _So_
-ein nothwendiger Zusammenhang sey; und der _nothwendige Zusammenhang
-zwischen beiden_ ist es, der schlechthin und _ohne allen Grund_ gesetzt
-wird. Ich nenne diesen notwendigen Zusammenhang vorläufig = X.
-
-3. In Rücksicht auf A selbst aber, _ob_ es sey oder nicht, ist dadurch
-noch nichts gesetzt. Es entsteht also die Frage: unter welcher
-Bedingung _ist_ denn A?
-
-~a~) X wenigstens ist _im_ Ich und _durch_ das Ich gesetzt -- denn
-das Ich ist es, welches im obigen Satze urtheilt, und zwar nach X
-als einem Gesetze urtheilt, welches mithin dem Ich gegeben, und da es
-schlechthin und ohne allen weiteren Grund aufgestellt wird, dem Ich
-durch das Ich selbst gegeben seyn muß.
-
-~b~) _Ob_ und _wie_ A überhaupt gesetzt sey, wissen wir nicht; aber
-da X einen Zusammenhang zwischen einem unbekannten Setzen des A, und
-einem unter der Bedingung jenes Setzens absoluten Setzen desselben
-A bezeichnen soll, so ist, _wenigstens insofern jener_ Zusammenhang
-gesetzt wird, A $in$ dem Ich und _durch_ das Ich gesetzt, so wie X;
-X ist nur in Beziehung auf ein A möglich; nun ist X im Ich wirklich
-gesetzt; mithin muß auch A im Ich gesetzt sein, insofern X darauf
-bezogen wird.
-
-~c~) X bezieht sich auf dasjenige A, welches im obigen Satze die
-logische Stelle einnimmt, ebenso wie auf dasjenige, welches für das des
-Prädikats steht; denn beide werden durch X vereinigt. Beide also sind,
-insofern sie gesetzt sind, im Ich gesetzt; und der obige Satz läßt sich
-demnach auch so ausdrücken: Wenn A _im_ Ich gesetzt ist, so _ist es
-gesetzt_; oder -- so _ist_ es.
-
-4. Es wird demnach durch das X vermittelst X gesetzt: _A sey für das
-urteilende Ich schlechthin und lediglich kraft seines Gesetztseyns im
-Ich überhaupt_; das heißt: es wird gesetzt, daß im Ich -- es sey nun
-insbesondere setzend oder urtheilend oder was es auch sey -- etwas
-sey, das sich stets gleich, stets Ein und ebendasselbe sey; und das
-schlechthin gesetzte Ich läßt sich auch so ausdrücken: _Ich = Ich_; Ich
-bin Ich.
-
-5. Durch diese Operation sind wir schon unvermerkt zu dem Satze: _Ich
-bin_ (zwar nicht als Ausdruck einer _Thathandlung_, aber doch einer
-_Thatsache_) angekommen. Denn
-
-X ist schlechthin gesetzt; das ist Thatsache des empirischen
-Bewußtseyns. Nun ist X gleich dem Satze: Ich bin Ich; mithin ist auch
-dieser schlechthin gesetzt.
-
-Aber der Satz: Ich bin Ich, hat eine ganz andere Bedeutung als der Satz
-A = A. -- Nämlich der letztere hat nur unter einer gewissen Bedingung
-einen Gehalt. Wenn A gesetzt ist, so ist es freilich _als_ A, mit
-dem Prädicate A gesetzt. Es ist aber durch jenen Satz noch gar nicht
-ausgemacht, _ob_ es überhaupt gesetzt, mithin, ob es mit irgend einem
-Prädicate gesetzt sey. Der Satz: Ich bin Ich, aber gilt unbedingt und
-schlechthin, denn er ist gleich dem Satze X: er gilt nicht nur der
-Form, er gilt auch seinem Gehalte nach. In ihm ist das Ich, nicht unter
-Bedingung, sondern schlechthin, mit dem Prädicate der Gleichheit mit
-sich selbst gesetzt; es ist also gesetzt; und der Satz läßt sich auch
-ausdrücken: _Ich bin._«
-
-Dieser Fichtesche Beweis ist verfehlt; denn er findet, obwohl er es
-anfänglich in Abrede stellt, im Satze selbst das Sein desselben A,
-von dem A = A behauptet wird, schon enthalten. Der Beweis, den ich
-selbst im Texte versucht habe, ist auch ungenügend und beruht auf
-einer unzulässigen Äquivokation, die in der Anmerkung S. 204 berichtigt
-ist. Meine Anschauungen hierüber haben sich während der Drucklegung
-des Buches geändert. Ich glaube jetzt, daß es aussichtslos ist, mit
-_Fichte_ und _Schelling_ aus dem Satze das Ich herauszulesen; was aber
-sehr wohl in ihm zum Ausdruck kommt, ist das _Sein_, das absolute,
-hyperempirische, gar nicht im geringsten mehr zufällige, sondern das an
-sich seiende _Sein_. Der Beweis gestaltet sich dann kurz so: es _ist_
-etwas (nämlich das Gleichheitszeichen, das X _Fichtes_), gleichgültig,
-ob sonst etwas ist oder nicht. Es besteht und gilt mindestens das Sein
-A = A, unabhängig von jedem besonderen A, und ob ein solches A selbst
-nun sei oder nicht. Und insofern die Frau diesen Satz nicht anerkannt,
-insofern _ist_ sie nicht. Auch in dieser Form bleibt der Satz von der
-größten Tragweite für das zwölfte Kapitel, wo die Seelenlosigkeit der
-Frau in einen weiteren Zusammenhang aufgenommen wird (S. 378 ff.).
-
-($S. 206, Z. 15.$) Über die Reue vgl. _Kant_, Kritik der praktischen
-Vernunft, S. 218 ff. (ed. Kehrbach).
-
-($S. 207, Z. 18.$) Kritik der praktischen Vernunft, S. 105, Kehrbach.
-
-($S. 208, Z. 10.$) _Ibsens_ _Brand_ antwortet den Fragenden (fünfter
-Aufzug):
-
- »_Wie lang das Streiten währen wird?_
- Es währt bis an des Lebens Ende,
- Bis alle Opfer ihr gebracht,
- Bis ihr vom Pakt euch frei gemacht,
- Bis ihr es wollt, wollt unbeirrt;
- Bis jeder Zweifel schwindet, nichts
- Euch trennt vom: alles oder nichts.
- _Und eure Opfer?_ -- Alle Götzen,
- Die euch den ew'gen Gott ersetzen;
- Die blanken gold'nen Sklavenketten,
- Samt eurer schlaffen Trägheit Betten. --
- _Der Siegespreis?_ -- Des Willens Einheit,
- Des Glaubens Schwung, der Seelen Reinheit;
- Die Freudigkeit, die euch durchschauert,
- Die alles opfert, überdauert;
- Um eure Stirn die Dornenkrone:
- Seht, das erhaltet ihr zum Lohne.«
-
-($S. 208, Z. 12 f.$) Friedrich _Hebbels_ sämtliche Werke, herausgegeben
-von Hermann _Krumm_, Bd. I, S. 214.
-
-($S. 209, Z. 7 f.$) _Kant_, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht,
-§ 87 (S. 216, ed. Kirchmann): »Der Mensch, der sich eines Charakters
-in seiner Denkungsart bewußt ist, hat ihn nicht von der Natur, sondern
-muß ihn jederzeit _erworben_ haben. Man kann auch annehmen, daß
-die Gründung desselben gleich einer Art Wiedergeburt, eine gewisse
-Feierlichkeit der Angelobung, die er sich selbst tut, sie und den
-Zeitpunkt, da diese Umwandlung in ihm vorging, gleich einer neuen
-Epoche ihm unvergeßlich mache.«
-
-($S. 209, Z. 16 ff.$) _Kant_, Kritik der praktischen Vernunft,
-S. 193 f., Kehrbach.
-
-($S. 210, Z. 20 ff.$) Vgl. _Kant_, Grundlegung zur Metaphysik der
-Sitten, dritter Abschnitt, wo die so einfachen und doch so tiefen
-Worte stehen (S. 75, ed. Kirchmann): »Die Naturnotwendigkeit war eine
-Heteronomie der wirkenden Ursachen; denn jede Wirkung war nur nach dem
-Gesetze möglich, daß etwas anderes die wirkende Ursache zur Kausalität
-bestimmte; was kann denn wohl die Freiheit des Willens sonst sein
-als Autonomie, d. i. die Eigenschaft des Willens, sich selbst ein
-Gesetz zu sein? Der Satz aber: der Wille ist in allen Handlungen sich
-selbst ein Gesetz, bezeichnet nur das Prinzip, nach keiner anderen
-Maxime zu handeln, als die sich selbst auch als ein allgemeines Gesetz
-zum Gegenstande haben kann. Dies ist aber gerade die Formel des
-kategorischen Imperativs und das Prinzip der Sittlichkeit; also ist ein
-freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei.«
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 8.
-
-
-($S. 212, Z. 3 ff.$) Die Stelle aus der »Großen Wald-Upanishad« (1,
-4, 1) nach Paul _Deussens_ Übersetzung (Sechzig Upanishads des Veda,
-Leipzig 1897, S. 392 f.).
-
-($S. 214, Z. 10 ff.$) Die folgenden Citate aus _Jean Pauls_ Werken,
-Hempelsche Ausgabe, XLVIII. Teil, S. 328. -- _Novalis_ Schriften, von
-Schlegel und Tieck, II. Teil, Wien 1820, S. 143 f. -- _Schellings_
-Werke, I/1, S. 318 f.
-
-($S. 220, Z. 13 v. u. ff.$) Durch diese Bemerkung hoffe ich zur
-Verdeutlichung dessen beizutragen, was Wilhelm _Dilthey_, ohne
-recht verstanden worden zu sein, als den Grundunterschied zwischen
-psychischem und physischem Geschehen aufgedeckt hat (z. B. Beiträge zum
-Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, S. 296):
-»Darin, daß der Zusammenhang im Seelenleben primär gegeben ist, besteht
-der Grundunterschied der psychologischen Erkenntnis vom Naturerkennen,
-und da liegt also auch die erste und fundamentale Eigentümlichkeit der
-Geisteswissenschaften. Da im Gebiete der äußeren Erscheinungen nur
-Neben- und Nacheinander in die Erfahrung fällt, könnte der Gedanke
-von Zusammenhang nicht entstehen, wäre er nicht in der eigenen
-zusammenhängenden Einheitlichkeit gegeben.«
-
-($S. 222, Z. 18.$) Der bewußte Zusammenhang mit dem All, die Bewußtheit
-des Mikrokosmus, die den genialen Menschen konstituiert, reicht
-vielleicht auch zur Erklärung der Tatsache aus, daß wenn nicht alle,
-so doch gewiß die meisten Genies telepathische Erlebnisse und Visionen
-kennen und erfahren. _Die geniale Individualität hat etwas vom
-Hellseher._ Im Text wollte ich diese Dinge hier nicht berühren, weil
-heute, wer die Telepathie für möglich hält, einem Obskuranten gleich
-geachtet wird. Auch die Offenbarungen Sterbender reihen sich diesem
-Zusammenhange wohl ein: der Sterbende gewinnt eine tiefere Vereinigung
-mit dem All, als es dem Lebenden möglich war, und kann deshalb den
-Fernstehenden in der Todesstunde erscheinen, auf ihr Denken und Träumen
-einen Einfluß gewinnen.
-
-($S. 222, Z. 19 v. u. ff.$) Der Gedanke des Mikrokosmus liegt natürlich
-auch der Schöpfungsgeschichte der Genesis zu Grunde, als welche den
-Menschen das Ebenbild Gottes sein läßt.
-
-Naturgemäß findet sich dieselbe Konzeption auch bei den _Indern_.
-Bṛihadâraṇyaka-Upanishad 4, 4, 5 (_Deussen_, Sechzig Upanishaden des
-Veda, Leipzig 1897, S. 476): »Wahrlich, dieses Selbst ist das Brahman,
-bestehend aus Erkenntnis, aus Leben, aus Auge, aus Ohr, bestehend aus
-Erde, aus Wasser, aus Wind, aus Äther; bestehend aus Feuer und nicht
-aus Feuer, aus Lust und nicht aus Lust, aus Zorn und nicht aus Zorn,
-aus Gerechtigkeit und nicht aus Gerechtigkeit, _bestehend aus allem_.«
-Chândogya-Upanishad 3, 14, 2 f. (a. a. O., S. 109): »Geist ist sein
-[des Menschen] Stoff, Leben sein Leib, Licht seine Gestalt; sein
-Ratschluß ist Wahrheit, _sein Selbst die Unendlichkeit_. Allwirkend
-ist er, allwünschend, allriechend, allschmeckend, das All umfassend,
-schweigend, unbekümmert; --
-
-dieser ist meine Seele im inneren Herzen, kleiner als ein Reiskorn oder
-Gerstenkorn oder Senfkorn oder Hirsekorn oder eines Hirsekornes Kern; --
-
-dieser ist meine Seele im inneren Herzen, größer als die Erde, größer
-als der Luftraum, größer als der Himmel, größer als diese Welten.
-
-Der Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, das
-All Umfassende, Schweigende, Unbekümmerte, dieser ist meine Seele im
-inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu ihm werde ich, von hier
-abscheidend, eingehen. -- Wem dieses ward, fürwahr, der zweifelt nicht!«
-
-_Plato_ lehrt zuerst im Menon (81 c): »ἁτε οὖν ἡ ψυχὴ ἀθάνατός τε οὖσα
-καὶ πολλάκις γεγονυῖα καὶ ἑωρακυῖα καὶ τὰ ἐνθάδε _καὶ πάντα χρήματα_,
-οὐκ ἔστιν ὅ τι οὐ μεμάθηκεν ... ἁτε γὰρ _τῆς φύσεως ἁπάσης συγγενοῦς
-οὔσης καὶ μεμαθηκυίας τῆς ψυχῆς ἅπαντα_ οὐδὲν κωλύει ... πάντα ...
-ἀνευρεῖν.« Anklänge finden sich auch im Philebos (29 a ff.), z. B.:
-»Τρέφεται καὶ γιγνεται καὶ ἄρχεται τό τοῦ παντὸς πὑρ ὑπὸ τοῦ παρ' ἡμων
-πυρός, ή τούναντίον ύπ' έκείνου τό τ' ἐμόν καὶ τό σόν καὶ τό τών άλλων
-ζώων ἅπαντ ἴσχει ταῦτα.« Deutlicher _Aristoteles_, De anima III,
-8, 431 b 21: »ἡ ψυχὴ τὰ ὄντα πώς ἐστι πάντα.« Vgl. Ludwig _Stein_,
-Die Psychologie der Stoa, Bd. I: Metaphysisch-anthropologischer
-Teil (Berliner Studien für klassische Philologie und Archäologie,
-Bd. III, 1. Heft, Berlin 1886), S. 206: »Bei Aristoteles hat man es
-bereits mit einem deutlichen Hinweis auf den Mikrokosmus zu tun. Ja
-man wird nicht fehl gehen, wenn man selbst diesen Terminus auf den
-Stagiriten zurückführt« (Aristot. Physika, VIII^2, 252 b 24: »εἰ
-δ'ἐν ζώω τοΰτο δυνατὸν γενέσθαι, τί κωλύει τὸ αὐτὸ συμβῆναι καὶ κατὰ
-τὸ πᾶν; εἰ γὰρ ἐν _μικρῷ κόσμῳ_ γίνεται, καὶ ἐν _μεγάλῳ_ ...), wenn
-auch der Begriff älter sein mag.« S. 214: »In der Stoa tritt uns zum
-ersten Male ein klar ausgesprochener, scharf gezeichneter und kühn
-ausgebauter Mikrokosmos entgegen.« Weiteres über die Geschichte des
-Mikrokosmusgedankens (z. B. bei _Philo_) bei Stein a. a. O. Auch
-bei _Augustinus_ findet er sich nach _Überweg-Heinze_, Grundriß der
-Geschichte der Philosophie, II^8, 128. _Pico de Mirandolas_ Anschauung
-ist von mir ausführlich wiedergegeben S. 237 f. Vgl. auch Rudolf
-_Eisler_, Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke, Berlin
-1901 sub verbo und Rudolf _Eucken_, Die Grundbegriffe der Gegenwart,
-historisch und kritisch entwickelt. 2. Aufl., Leipzig 1893, S. 188 f.
-
-($S. 223, Z. 14 v. u. ff.$) _Empedokles_ bei Aristoteles Metaphysik,
-1000 b, 6. -- _Plotinus_ Enneades I, 6, 9. -- Übrigens steht auch bei
-_Plato_ Rep. 508 b: »ἀλλ' [ὄμμα] ἡλιοειδέστατόν γε, οἶμαι, τῶν περὶ τὰς
-αἰσθήσεως ὀργάνων.«
-
-($S. 223, Z. 17.$) In _Kantens_ Ethik wird wohl nichts so wenig
-verstanden wie die Forderung, nach einer allgemeinsten Maxime zu
-handeln. Man glaubt noch immer, hierin etwas Soziales erblicken zu
-müssen, die _Büchner_sche Ethik (»Was Du nicht willst, daß man Dir tu«
-u. s. w.), eine Anleitung für ein Strafgesetzbuch. Die Allgemeinheit
-des kategorischen Imperatives drückt nur die Metaphysik transcendental
-aus, welche nach _Cicero_ (De natura deorum II, 14, 37) der große
-Stoiker _Chrysippos_ gelehrt hat: »... Cetera omnia aliorum causa esse
-generata, ut eos fruges atque fructus quos terra gignat, animantium
-causa, animantes autem hominum, ut equum vehendi causa, arandi bovem,
-venandi et custodiendi canem. Ipse autem homo ortus est ad mundum
-contemplandum _et imitandum_ ...«
-
-($S. 224, Z. 13 v. u.$) Vielleicht sind die drei Probleme, an denen am
-schnellsten offenbar wird, wie weit die Tiefe eines Menschen reicht,
-das Problem der Religion, das Problem der Kunst und das Problem der
-Freiheit -- alle drei im Grunde doch das eine Problem des Seins.
-Die Form aber, in welcher dieses eine Problem von den wenigsten
-verstanden wird, ist das Problem der Freiheit. Den niedrigsten Menschen
-ist der »Indeterminismus«, den mittelmäßigen der »Determinismus«
-selbstverständlich; daß hier der Dualismus am intensivsten sich
-offenbart, wie selten wird das begriffen!
-
-Die tiefsten Denker der Menschheit haben sicherlich alle
-indeterministisch gedacht. _Goethe_, Dichtung und Wahrheit, IV. Teil,
-16. Buch (Bd. XXIV, S. 177, ed. Hesse): »Wo sich in den Thieren
-etwas Vernunftähnliches hervorthut, so können wir uns von unserer
-Verwunderung nicht erholen, denn ob sie uns gleich so nahe stehen,
-so scheinen sie doch durch eine unendliche Kluft von uns getrennt
-und in das Reich der Nothwendigkeit verwiesen.« Durch dieselbe Kluft
-aber scheidet sich Goethe von der »modernen Weltanschauung« und der
-»Entwicklungslehre«.
-
-So auch _Dante_, Paradiso, Canto V, V. 19-24:
-
- »Lo maggior don, che Dio per sua larghezza
- Fesse creando, ed alla sua bontate
- Più conformato, e quel ch'ei più apprezza
- Fu della volontà la libertate,
- Di che le creature intelligenti
- E tutte e sole fûro e son dotate.«
-
-So läßt schon _Platon_, die _Schelling-Schopenhauer_sche Lehre von der
-Willensfreiheit antizipierend (wie es überhaupt keinen philosophischen
-Gedanken gibt, der sich bei ihm nicht fände) in seinem »Staat« (X,
-617, D E) die Parze Lachesis sagen: »Ψυχαὶ ἐφήμεροι ... οὐχ ὑμᾶς
-δαίμων λήξεται, ἀλλ' ὑμεῖς δαιμονα αἱρήσεσθε ... αιτια ἑλομενου · θεὸς
-ἀναίτιος.« Und so alle Größten, _Kant_, _Augustinus_, Richard _Wagner_
-(»Siegfried«, III. Akt: Wotan und Erda).
-
-($S. 226, Z. 2 v. u.$) _Carlyle_: On Heroes etc., an mehreren Orten,
-besonders S. 116 (ed. Chapman and Hall, London). Ganze und lautere
-Wahrheit ist, was er sagt: »_The merit of originality is not novelty;
-it is sincerity._«
-
-($S. 232. Z. 1 f.$) Pensées de Blaise _Pascal_, Paris 1841, S. 184
-(Partie I, Article X, 1).
-
-($S. 234, Z. 10 v. u.$) Ich vermöchte für das, was ich über das
-eigenartige Verhalten begabterer Menschen in Gesellschaft anderer
-bemerkt habe, kein besseres Zeugnis anzuführen als das hochinteressante
-Bekenntnis des auf dem Kontinent verhältnismäßig wenig gewürdigten
-englischen Dichters John _Keats_. Obwohl es mit besonderer Rücksicht
-auf den Dichter ausgesprochen ist, gilt es mit einigen leicht
-wahrzunehmenden Modifikationen vom Künstler, ja vom Genius überhaupt.
-Keats schreibt an seinen Freund Richard _Woodhouse_ am 27. Oktober 1818
-(The poetical works and other writings of John Keats, edited by Harry
-Buxton Forman, Vol. III, London 1883, p. 233 f.): »As to the poetical
-character itself (I mean that sort, of which, if I am anything, I am a
-member; that sort distinguished from the Wordsworthian or egotistical
-sublime, which is a thing per se, and stands alone), it is not itself
--- it has no self -- it is everything and nothing -- it has no
-character -- it enjoys light and shade -- it lives in gusto, be it foul
-or fair, high or low, rich or poor, mean or elevated -- it has as much
-delight in conceiving a Jago or an Imogen. What shocks the virtuous
-philosopher delights the cameleon poet. It does no harm from its relish
-of the dark side of things, any more than from its taste for the
-bright one, because they both end in speculation. _A poet is the most
-unpoetical of anything in existence_, because he has no identity: he is
-continually in for, and filling, some other body. The sun, the moon,
-the sea and men and women, who are creatures of impulse, are poetical
-and have about them an unchangeable attribute; the poet has none. He
-is certainly the most unpoetical of all God's creatures. If then, he
-has no self[105], and if I am a poet, where is the wonder that I should
-say I would write no more? Might I not that very instant have been
-cogitating on the character of Saturn and Ops? It is a wretched thing
-to confess, but it is a very fact, that not one word I ever utter can
-be taken for granted as an opinion growing out of my identical nature.
-How can it, when I have no nature? When I am in a room with people,
-if I ever am free from speculating on creations of my brain, then not
-myself goes home to myself, _but the identity of everyone in the room
-begins to press upon me, so that I am in a very little time annihilated
--- not only among men; it would be the same in a nursery of children_
-...«
-
-($S. 233, Z. 4 v. u. f.$) _Mach_, Die Analyse der Empfindungen
-u. s. w., 3. Aufl. 1902, S. 19.
-
-($S. 235, Z. 2 v. u.$) Gesammelte Schriften und Dichtungen von Richard
-_Wagner_, Leipzig 1898, Bd. VI, S. 249.
-
-($S. 236, Z. 1 ff.$) So sagt J. B. _Meyer_, Genie und Talent, Eine
-psychologische Betrachtung, Zeitschrift für Völkerpsychologie und
-Sprachwissenschaft, 1880, XI, S. 289: »Cesare Borgia, Ludwig XI. von
-Frankreich, Richard III. waren geniale Bösewichter, und in der Reihe
-der Schwindler findet sich manches Genie« -- und gibt damit durchaus
-der populären Meinung Ausdruck.
-
-($S. 237, Z. 20 v. u.$) _Sophokles_ Aias Vers 553.
-
-($S. 237, Z. 14 v. u. ff.$) _Joannis Pici Mirandulae Concordiaeque
-Comitis_ ... Opera quae extant omnia Basileae Per Sebastianum
-Henricepetri, 1601, Vol. I, p. 207-219: »De hominis dignitate oratio.«
-Die citierte Stelle p. 208. -- Mirandola lebte nur von 1463-1494. --
-»Supremi spiritus« sind die Engel und die Teufel, die (»paulo mox«)
-gefallenen Engel. -- Als denjenigen Menschen, der mit dem Lose keines
-Einzelgeschöpfes sich begnügt, hat man eben den Genius anzusehen; wenn
-das Genie das Göttliche im Menschen ist, so wird der Mensch, der ganz
-Genius wird, Gott gleich.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 9.
-
-
-($S. 240, Z. 10 f.$) Theodor _Waitz_, Anthropologie der Naturvölker,
-Erster Teil. Leipzig 1859, S. 380: »Haben ältere christliche
-Autoritäten an der Ehe nur die sinnliche Seite gesehen und ernstlich
-bezweifelt, ob auch die Weiber eine Seele besitzen, so können wir uns
-nicht darüber wundern, daß ihnen von Chinesen, Indern, Muhammedanern
-eine solche geradezu abgesprochen wird. Wird der Chinese nach seinen
-Kindern gefragt, so zählt er nur die Knaben als solche; hat er nur
-Mädchen, so sagt er, er habe keine Kinder (_Duhaut-Cilly_, Voyage
-autour du monde, 1834, II, 369).«
-
-($S. 240, Z. 19.$) _Aristoteles_: De gener. animalium I, 2, 716 a 4:
-τῆς γενέσεως ἀρχὰς ἄν τις οὐχ ἥκιστα θείη τὸ θῆλυ καὶ τὸ ἄρρεν, τὸ μὲν
-ἄρρεν ὡς τῆς κινήσεως καὶ τῆς γενέσεως ἔχον τὴν ἀρχήν, τὸ δὲ θῆλυ ὡς
-ὕλης. I 20, 729 a 9: τὸ μὲν ἄρρεν παρέχεται τό τε εἶδος καὶ τὴν ἀρχὴν
-τῆς κινήσεως, τὸ δὲ θῆλυ τὸ σῶμα καὶ τὴν ὕλην. 729 a 29: τὸ ἄρρεν ἐστὶν
-ὡς κινοῦν, τὸ δὲ θῆλυ, ᾗ θῆλυ, ὡς παθητικόν. II, 1, 732 a 3: βέλτιον
-γὰρ καὶ θειότερον ἡ ἀρχὴ τῆς κινήσεως, ᾗ ἄρρεν ὑπάρχει τοῖς γινομένοις.
-ὕλη δὲ τὸ θῆλυ.. II, 4, 738 b 25: ἀεὶ δὲ παρέχει τὸ μὲν θῆλυ τῆν ὕλην,
-τὸ δὲ ἄρρεν τὸ δημιουργοῦν. ἔστι τὸ μὲν σῶμα ὲκ τοῦ θήλεος, ἡ δὲ ψυχὴ
-ἐκ τοῦ ἄρρενος. Vgl. noch I, 21, 729 b 1 und 730 a 25. II, 3, 737, a
-29. 740 b 12-25. Metaphysik, V, 28, 1024 a 34. IX, 1057 a 31 f. I,
-6, 988 a 2 f. erläutert er nach demselben Prinzipe, warum der Mann
-mehr Kinder zeugen könne als die Frau: ὁἱ μὲν γὰρ ἐκ τῆς ὕλης πολλὰ
-ποιοῦσιν, τὸ δ' εἶδος ἅπαξ γεννᾷ μόνον, φαίνεται δ' ἐκ μιᾶς ὕλης μία
-τράπεζα, ὁ δὲ τὸ εἶδος ἐπιφέρων εἷς ὢν πολλὰς ποιεῖ. ὁμοίως δ' ἔχει
-καὶ τὸ ἄρρεν πρὸς τὸ θῆλυ· τὸ μὲν γὰρ ὑπὸ μιᾶς πληροῦται ὀχείας, τὸ δ'
-ἄρρεν πολλὰ πληροῖ· καίτοι ταῦτα μιμήματα τῶν ἀρχῶν ἐκείνων ἐστίν.
-
-Vergleiche über diese Lehre des Aristoteles: J. B. _Meyer_, Aristoteles
-Tierkunde, Berlin 1855, S. 454 f.; Hermann _Siebeck_, Aristoteles,
-Stuttgart 1899 (Frommanns Klassiker der Philosophie, Bd. VIII), S. 69;
-Eduard _Zeller_, Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen
-Entwicklung, II/2. Leipzig 1879, 3. Aufl., S. 325 und 525 f.;
-_Überweg-Heinze_, Grundriß der Geschichte der Philosophie, I^9, Berlin
-1903, S. 259; J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung der
-Gynaikokratie der alten Welt, Stuttgart 1861, S. 164-168. -- Speziell
-über die aristotelische Zeugungstheorie, ihr Verhältnis zu den früheren
-und den modernen Ansichten handelt Wilhelm _His_, Die Theorien der
-geschlechtlichen Zeugung, Archiv für Anthropologie, Bd. IV, 1870,
-S. 202 bis 208.
-
-($S. 241, Z. 3 f.$) Jean _Wier_, Opera omnia, Amstelodami 1660, Liber
-IV, Caput 24. Aus der späteren Literatur wüßte ich nur noch _Oken_ zu
-nennen (Lehrbuch der Naturphilosophie, 3. Aufl., Zürich 1843, S. 387,
-Nr. 2958): »In der Paarung sind die männlichen Theile das Sinnesorgan,
-das weibliche nur der empfangende Mund. Eigentlich sind beide
-Sinnesorgane, aber jene das handelnde, diese das leidende« (ibid. Nr.
-2962). »Wenn auch männlicher Same wirklich zur Frucht miterstarrt, so
-ist es doch nicht seine Masse, die in der Frucht zur Betrachtung kommt,
-sondern nur seine polarisierende Kraft.«
-
-Die Absicht der Auseinandersetzungen des Textes geht nicht auf eine
-naturphilosophische Theorie der Zeugung, wie die von Aristoteles und
-Oken. Aber die Spekulation dieser Männer ging gedanklich ohne Zweifel
-von den geistigen Unterschieden der Geschlechter aus, und dehnte diese
-auch auf das Verhältnis der beiden Keime in der Befruchtung aus;
-deshalb darf ich sie hier wohl anführen.
-
-($S. 241, Z. 13 f.$) Vgl. Ausgewählte Werke von Friedrich Baron _de la
-Motte-Fouqué_, Ausgabe letzter Hand, Bd. XII, Halle 1841, S. 136 ff.
-
-($S. 243, Z. 12 f.$) Kantianer, die von dem Philosophen nur den
-Buchstaben fassen, werden das sicherlich in Abrede stellen; und es
-würde ihnen die Kantische Terminologie hiezu eine gewisse Handhabe
-bieten, nach welcher das transcendentale Subjekt das Subjekt des
-_Verstandes_, und der intelligible Charakter das Subjekt der
-_Vernunft_, die letztere aber, als das praktische Vermögen im
-Menschen, dem ersteren, als einem bloß theoretischen, übergeordnet
-ist. Doch kann ich mich auf Stellen berufen, wie in der Vorrede zur
-»Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (S. 8, ed. Kirchmann): »Teils
-erfordere ich zur Kritik einer reinen praktischen Vernunft, daß, wenn
-sie vollendet sein soll, _ihre Einheit mit der spekulativen in einem
-gemeinschaftlichen Prinzip_ zugleich müsse dargestellt werden können,
-_weil es doch am Ende nur eine und dieselbe Vernunft sein kann_, die
-bloß in der Anwendung unterschieden sein muß.« Ähnlich in der »Kritik
-der praktischen Vernunft«, S. 110, 118, 145 (ed. Kehrbach). Übrigens
-war es eben diese »Einheit des ganzen reinen Vernunftvermögens (des
-theoretischen sowohl als praktischen)«, welche _Kant_ens geplantes und
-nicht zustande gekommenes Hauptwerk »Der Transcendentalphilosophie
-höchster Standpunkt im System der Ideen: Gott, die Welt und der Mensch,
-oder System der reinen Philosophie in ihrem Zusammenhange« (vgl. Hans
-_Vaihinger_, Archiv für Geschichte der Philosophie, IV, S. 734 f.)
-darzustellen bestimmt war.
-
-An diesem Orte möchte ich noch folgendes bemerken:
-
-In der großen Literatur, welche sich mit dem Verhältnisse _Goethes_ zu
-_Kant_ beschäftigt, finde ich merkwürdigerweise die allerkantischeste
-Stelle im ganzen Goethe nicht erwähnt. Sie ist allerdings geschrieben,
-bevor Goethe noch irgend etwas von Kant gelesen hat, und ist auch
-weniger für sein Verhältnis zu dem konkreten Menschen Kant und zu
-dessen Büchern, als für Goethes Beziehung zur Kantischen Gedankenwelt
-charakteristisch. Sie findet sich in den noch in Frankfurt abgefaßten
-»Physiognomischen Fragmenten« (Erster Versuch, Drittes Fragment: Bd.
-XIV, S. 242 der Hesseschen Ausgabe) und lautet: »Die gütige Vorsehung
-hat jedem einen gewissen Trieb gegeben, so oder anders zu handeln,
-der denn auch einem jeden durch die Welt hilft. Eben dieser innere
-Trieb kombiniert auch mehr oder weniger die Erfahrungen, die der
-Mensch macht, ohne daß er sich dessen selbst bewußt ist.« Hierin ist
-deutlich die Identität des intelligiblen Wesens ausgesprochen, von dem
-einerseits die synthetische Einheit der Apperzeption ausgeht, und das
-anderseits das _frei_ wollende Noumenon ist.
-
-($S. 245, Z. 5 v. u. f.$) Eine der einfachsten und klarsten
-Auseinandersetzungen über diesen Sachverhalt rührt von Franz
-_Staudinger_ her, Identität und Apriori, Vierteljahrsschrift für
-wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889, S. 66 f.: »..... nicht bloß
-die heutige Wahrnehmung von der Sonne ist eine andere als die gestrige,
-die heutige Sonne selbst ist nicht mehr die, welche gestern leuchtete.
-Dennoch aber sage ich: die gestrige Sonne ist mit der heutigen eins.
-Das heißt aber nichts anderes, als daß ich einen fortlaufenden
-Zusammenhang des Gegenstandes selbst, auf den meine zeitlich durchaus
-getrennten Vorstellungen gehen, voraussetzen muß. Es ist eine objektive
-Existenz des Gegenstandes selber gedacht, die ganz unabhängig von der
-Zerstücktheit unseres Wahrnehmens bestehen soll. Diese Feststellung
-der Dauer des Gegenstandes selbst ist das wesentliche Moment, welches
-unsere Substanzvorstellung konstituiert. Das Rätsel, welches hierin
-liegt, daß wir von ganz getrennten Vorstellungen, die doch jedesmal,
-streng genommen, nur gegenwärtige Gegenstände bezeichnen, zu der
-Vorstellung des Zusammenhanges eines einzigen dauernden Gegenstandes
-übergehen, wird, obwohl es von _Kant_ klar erkannt worden ist, noch
-allzuwenig der Aufmerksamkeit gewürdigt. Ob es Kant gelöst hat, und wie
-es zu lösen sein mag, ist freilich eine Frage, welche den Ursprungsort
-der Erkenntniselemente betrifft ..... Wir müssen uns hier mit der
-Tatsache begnügen, daß wir gezwungen sind, solche Vorstellungen, die
-wir Wahrnehmungen nennen, auf einheitliche, mindestens von der ersten
-Wahrnehmung bis zur jetzigen dauernde Gegenstände zu beziehen.«
-
-Auch diese Schwierigkeit scheint vor der im Texte dargelegten
-Auffassung zu verschwinden oder wenigstens ihre Identität mit einer
-anderen, allerdings nicht minder großen, zu erweisen. A = A, das
-Prinzip der Begrifflichkeit und Gegenständlichkeit, ist psychologisch
-eine Negation der Zeit (wenn auch im rein logischen _Sinne_ des Satzes
-diese Beziehung auf die Zeit nicht liegt) und vermittelt insofern die
-Kontinuität des Objektes. Soweit aber in ihm das Sein des Subjektes
-zum Ausdrucke kommt, _setzt_ er die gleiche Kontinuität für das innere
-Leben, trotz der Vereinzelung der psychischen Erlebnisse, trotz
-der Bewußtseinsenge. Es ist also nur _ein_ Rätsel, die Frage nach
-der Kontinuität des Objektes dieselbe wie nach der Kontinuität des
-Subjektes.
-
-($S. 246, Z. 18 v. u.$) _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl.,
-Von der Synthesis der Rekognition im Begriffe (S. 119, Kehrbach).
-
-($S. 247, Z. 15.$) Vgl. besonders _Huxley_, Hume (English Men of
-Letters, edited by John Morley, No. 5, London 1881), p. 94 f.:
-
-»When several complex impressions which are more or less different from
-one another -- let us say that out of ten impressions in each, six
-are the same in all, and four are different from all the rest -- are
-successively presented to the mind, it is easy to see what must be the
-nature of the result. The repetition of the six similar impressions
-will strengthen the six corresponding elements of the complex idea,
-which will therefore acquire greater vividness: while the four
-differing impressions of each will not only acquire no greater strength
-than they had at first, but, in accordance with the law of association,
-they will all tend to appear at once, and will thus neutralise one
-another.
-
-This mental operation may be rendered comprehensible by considering
-what takes place in the formation of compound photographs -- when the
-images of the faces of six sitters, for example, are each received
-on the same photographic plate, for a sixth of the time requisite
-to take one portrait. The final result is that all those points in
-which the six faces agree are brought out strongly, while all those
-in which they differ are left vague; and thus what may be termed a
-_generic_ portrait of the six, in contradistinction to a _specific_
-portrait of any one, is produced.« -- Eine ähnliche Anschauung von der
-Entstehung des Begriffes durch Übereinanderlagerung, wobei Verstärkung
-des Gleichartigen, Auslöschen des Ungleichartigen stattfindet, kennt
-auch schon _Herbart_ (Psychologie als Wissenschaft, II, § 122), der
-freilich den Unterschied zwischen logischem und psychologischem
-Begriff ausgezeichnet verstanden und klargelegt hat (a. a. O., §
-119). -- _Avenarius_: Kritik der reinen Erfahrung, Bd. II, Leipzig
-1890, S. 298 ff. -- _Mach_, Die ökonomische Natur der physikalischen
-Forschung, Populär-wissenschaftliche Vorlesungen, Leipzig 1896,
-S. 217 ff. Tiefer gräbt _Mach_ in den »Prinzipien der Wärmelehre,
-historisch-kritisch entwickelt«, 2. Aufl., Leipzig 1900, S. 415 f.,
-419 f.
-
-($S. 248, Z. 7 v. u.$) Das Urteil existiert; als Voraussetzung dessen,
-daß es existiert, immaniert ihm die Annahme eines Zusammenhanges
-zwischen dem Menschen und dem All, erkenntniskritisch ausgedrückt,
-einer Beziehung des _Denkens_ zum _Sein_. Diesen Zusammenhang, diese
-Beziehung zu ergründen ist das Hauptproblem aller theoretischen
-Philosophie, wie es das Hauptproblem aller praktischen Philosophie ist,
-das Verhältnis des _Sollens_ zum Sein festzustellen. Insofern also das
-Urteil _ist_, ist der Mensch der Mikrokosmus.
-
-($S. 249, Z. 15.$) Der Ausdruck »_innere Urteilsform_« bei
-Wilhelm _Jerusalem_, Die Urteilsfunktion, eine psychologische und
-erkenntniskritische Untersuchung, Wien und Leipzig, 1895, S. 80.
-
-($S. 251, Z. 19.$) _Leibniz_: Monadologie No. 31 (Opera philosophica,
-ed. Erdmann, p. 707): »Nos raisonnements sont fondés sur deux grands
-principes, _celui de la contradiction_, en vertu duquel nous jugeons
-faux ce qui en enveloppe, et vrai ce qui est opposé ou contradictoire
-au faux; [no. 32] _et celui de la raison suffisante_, en vertu duquel
-nous considérons, qu'aucun fait ne serait se trouver vrai ou existant,
-aucune énonciation véritable, sans qu'il y ait une raison suffisante,
-pourquoi il en soit ainsi et non pas autrement, quoique ces raisons le
-plus souvent ne puissent point nous êtres connues.«
-
-($S. 253, Z. 2.$) Über die geringere Kriminalität der Frauen vergleiche
-z. B. den Artikel des Dr. G. _Morache_, Die Verantwortlichkeit des
-Weibes vor Gericht in der »Wage« vom 14. März 1903, S. 372-376. Es
-heißt dort: »Die Zahl der Frauen übersteigt die der Männer ganz
-erheblich; in Frankreich weniger als anderswo, aber auch hier ist der
-Unterschied ein merklicher; wäre nun die weibliche Kriminalität der
-des Mannes gleich, so müßten die Zahlen, die sie zum Ausdruck bringen,
-ebenfalls ziemlich gleich sein.
-
-Greifen wir nun drei beliebige Zahlen heraus; wenn man will, 1889,
-1890, 1891. Während dieser Zeit sind 2970 Männer wegen schwerer
-Verbrechen (Mord, Kindesmord, Verbrechen gegen die Sittlichkeit) vor
-Gericht gestellt worden, während man 745 Frauen in dem nämlichen
-Zeitraum derselben Verbrechen anklagte. Die Kriminalität des Weibes
-wird also durch eine Zahl ausgedrückt, die ein Viertel der männlichen
-beträgt, oder mit anderen Worten, es werden von vier Verbrechen
-drei von Männern begangen und eines von Frauen. Selbst wenn wir das
-Verbrechen des Kindesmordes beiseite lassen, für das eigentlich nur der
-Mann verantwortlich ist, denn er ist ja der Autor, so findet man, daß
-bei den wegen gemeiner Verbrechen Angeklagten nur 211 Frauen auf 2954
-Männer kommen; das Weib ist also 14mal weniger verbrecherisch als der
-Mann.
-
-An Auslegungen dieser unleugbaren Tatsachen -- denn sie zu bestreiten
-wäre unmöglich -- fehlt es nicht. Man sagt, die Körperkonstitution
-des Weibes eigne sich nicht zur Gewalttat, die die Mehrzahl der
-verbrecherischen Handlungen aufzuweisen haben; sie sei für die
-Verbrechen mit bewaffneter Hand, für den Einbruch nicht geschaffen.
-Man behauptet, wenn sie das Verbrechen auch nicht materiell begeht, so
-suggeriere sie es doch und habe ihren Nutzen davon; moralisch sei sie
-der Urheber und um so schuldiger, weil sie im Dunklen handelt und mit
-der Hand eines anderen schlägt. So kommt man auf das alte Wort zurück:
-Cherchez la femme ... Die italienische Schule hat recht wohl erkannt,
-daß das Weib vom materiellen Standpunkt weniger verbrecherisch ist als
-der Mann, doch sie gibt für diese Tatsache eine interessante Erklärung;
-der Verbrecher stiehlt und mordet, um sich ohne Arbeit das Geld zu
-verschaffen, das Müßiggang und Vergnügen gewährt. Das Weib besitzt, um
-zu demselben Zweck zu gelangen, ein weit einfacheres Mittel. Sie treibt
-Handel mit ihrem Körper, sie verkauft sich. Addiert man die Zahl der
-Verbrecherinnen zu der der käuflichen Frauen, so kommt man zur Zahl der
-männlichen Kriminalität.
-
-Die Theorie scheint befriedigend, ist aber paradox. Außerdem ist sie
-grundfalsch: denn wenn man auch die Zahl der unter Anklage gestellten
-Verbrecherinnen kennt, so kann man doch nicht einmal annähernd die Zahl
-der Frauen abschätzen, die unter irgend einer Maske und unter ganz
-verschiedenen Modalitäten aus ihren Reizen Nutzen ziehen.«
-
-Soweit Morache. Abgesehen von der Oberflächlichkeit der Meinung,
-die das Verbrechen des Gewinnes halber geschehen läßt, wäre noch
-zu bemerken, daß es genug Frauen vom Prostituiertentypus gibt, die
-sich gar nicht des Geldes oder Schmuckes wegen prostituieren, sich
-jedem Kutscher, der ihre Begierde erregt, hingeben, nicht also um
-noch höheren Luxus treiben zu können, Frauen aus den höchsten und
-reichsten Kreisen. -- Vergleiche ferner _Ellis_, Mann und Weib,
-S. 364 ff. und die dort citierte reiche Literatur. _Lombroso-Ferrero_,
-Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, zweiter
-Teil: Kriminologie des Weibes, S. 193 ff. und besonders Paul
-_Näcke_, Verbrechen und Wahnsinn beim Weibe, mit Ausblicken auf die
-Kriminal-Anthropologie überhaupt, Wien und Leipzig 1894, mit sehr
-vollständigem Literaturverzeichnis auf S. 240 bis 255.
-
-($S. 254, Z. 19 f.$) Darum ist die Frau auch nicht _häßlich_, während
-der Verbrecher häßlich ist.
-
-($S. 255, Z. 16.$) Von diesem Gesichtspunkt aus behandeln die
-Krankenpflege des Weibes E. _Leyden_, Weibliche Krankenpflege und
-weibliche Heilkunst, Deutsche Rundschau, XIX, 1879, S. 126-148,
-Franz _König_, Die Schwesternpflege der Kranken, Ein Stück moderner
-Kulturarbeit der Frau, a. a. O. LXXI, 1892, S. 141-146, Julius _Duboc_,
-Fünfzig Jahre Frauenfrage in Deutschland, Geschichte und Kritik,
-Leipzig 1896, S. 18 f. -- Über den _hysterischen_ Charakter mancher
-Krankenpflege (der nach Kapitel XII wohl begreiflich wird) vgl.
-_Freuds_ Bemerkungen in _Breuer_ und _Freuds_ Studien über Hysterie,
-Leipzig und Wien 1895, S. 141.
-
-($S. 259, Z. 8 f.$) _Mach_, Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl.,
-1902, S. 14.
-
-($S. 259, Z. 16.$) Sie ist z. B. abgedruckt bei Karl _Pearson_, The
-Grammar of Science, London 1892, p. 78.
-
-($S. 259, Z. 14 v. u.$) _Kant_: in der »Grundlegung zur Metaphysik der
-Sitten«, S. 60, ed. Kirchmann.
-
-($S. 260, Z. 5 v. u.$) Das Wort »Eigenwert« stammt nicht von mir,
-sondern ist, wie ich glaube, zuerst gebraucht von August _Döring_,
-Philosophische Güterlehre 1888, S. 56, 319 ff.
-
-($S. 262, Z. 4 f.$) _Kant_, Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann:
-
-»Der Mann ist eifersüchtig, _wenn_ er _liebt_; die Frau auch ohne daß
-sie liebt; weil so viele Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen
-wurden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind.«
-
-($S. 262, Z. 8.$) Beweis: es gibt wohl Kameradschaft zu mehren,
-Freundschaft aber nur zu zweien.
-
-($S. 263, Z. 13 v. u.$) Das Phänomen der Galanterie hoffe ich anderswo
-zu analysieren. Auch _Kant_ spricht (Fragmente aus dem Nachlaß, ed.
-Kirchmann, Bd. VIII, S. 307) von der »Beleidigung der Weiber, in der
-Gewohnheit, ihnen zu schmeicheln.«
-
-($S. 264, Z. 14 v. u.$) Vgl. Auguste _Comte_, Cours de Philosophie
-positive, 2^{ième} éd., par E. Littré, Vol. III, Paris 1864, p.
-538 f. Er spricht vom »vain principe fondamental de _l'observation
-intérieure_« und der »profonde absurdité que présente la seule
-supposition, si évidemment contradictoire, de l'homme se regardant
-penser.«
-
-($S. 264, Z. 7 v. u.$) Friedrich _Jodl_, Lehrbuch der Psychologie, 2.
-Aufl., Bd. II, Stuttgart und Berlin 1903, S. 103.
-
-($S. 265, Z. 4.$) _Mill_: in seinem Buche gegen _Hamilton_ (nach
-Pierre _Janet_, L'Automatisme psychologique, 3^{ième} éd., Paris 1899,
-p. 39 f., wo zum Ich-Problem manches in Deutschland weniger Bekannte
-angeführt wird). _Mach_: Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl. 1902,
-S. 3, 18 f. -- Übrigens sagt bereits _Hume_ (Treatise I, 4, 6, p. 454
-der ersten Ausgabe, Vol. I, London 1739): »Memory is to be considered
-as the source of personal identity.«
-
-($S. 266, Z. 2.$) Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde,
-Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902.
-
-($S. 266, Z. 6.$) _Pascal_: Pensées I, 7, 1 »Misère de l'homme«.
-
-($S. 266, Z. 16.$) Über die Kleptomanie der Weiber vgl. Albert _Moll_,
-Das nervöse Weib, Berlin 1898, S. 167 f. Paul _Dubuisson_, Les voleuses
-des grands magasins, Archives d'Anthropologie criminelle, XVI, 1901,
-p. 1-20, 341-370.
-
-($S. 266, Z. 8 v. u.$) Eduard von _Hartmann_, Phänomenologie des
-sittlichen Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik, Berlin
-1879, S. 522 f. macht die zutreffende Bemerkung:
-
-»Fast alle Weiber sind geborne Defraudantinnen aus Passion. Wenige
-nur werden sich entschließen, zu viel erhaltene Ware oder zu viel
-herausbekommenes Geld zurückzuliefern; sie trösten sich damit, der
-Kaufmann habe ja doch genug an ihnen verdient, und es könne ihnen ja
-nicht bewiesen werden, daß sie sich ihrer Unterschlagung bewußt gewesen
-seien.«
-
-($S. 267, Z. 20.$) Über die Buschmänner, _Klemm_, Allgemeine
-Kulturgeschichte der Menschheit, Leipzig 1844, Bd. I, S. 336.
-
-($S. 268, Z. 4 v. u. ff.$) Hier darf ich _Kant_ selbst für meine
-Anschauung von der Seelenlosigkeit des Weibes in Anspruch nehmen. Er
-sagt (Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann): »‚Was die Welt sagt,
-ist _wahr_, und was sie _thut_, gut’ ist ein weiblicher Grundsatz,
-der sich schwer mit einem _Charakter_, in der engen Bedeutung des
-Wortes, vereinigen läßt.« Er fügt allerdings hinzu: »Es gab aber
-doch wackere Weiber, die, in Beziehung auf ihr Hauswesen, einen
-dieser ihrer Bestimmung angemessenen Charakter mit Ruhm behaupteten.«
-Jedenfalls wird niemand mit Ruhm behaupten, daß diese Einschränkung
-den »intelligiblen Charakter« des Weibes retten könne, der nach der
-Kantischen Hauptlehre Zweck an sich selbst ist. -- Wenn übrigens ein
-Kantianer, der nur am Wortlaut des Meisters kleben würde, der ganzen
-Darlegung entgegenhielte, daß nach Kant der intelligible Charakter
-_allen_ vernünftigen Wesen zukomme, so ist zu erwidern, daß das
-Weib eben keine Vernunft im Kantischen Sinne hat. Da das Weib keine
-Beziehung zu den Werten hat, so ist der Schluß auf das Fehlen des
-wertenden Gesetzgebers gerechtfertigt.
-
-($S. 269, Z. 14.$) Der abgrundtiefe Unterschied zwischen dem
-psychischen Leben des Mannes und der Frau wird noch immer, vielleicht
-selbst in diesem Buche, seiner Bedeutung und Tragweite nach
-unterschätzt. Nur selten finden sich hievon Ahnungen, wie bei Heinrich
-_Spitta_, Die Schlaf- und Traumzustände der menschlichen Seele mit
-besonderer Berücksichtigung ihres Verhältnisses zu den psychischen
-Alienationen, 2. Aufl., Tübingen 1882, S. 301: »Ein entscheidender,
-durchgreifender Einfluß auf das gesamte seelische Leben liegt zunächst
-in dem Geschlechtsunterschied begründet; dieser Teilungsstrich, den die
-Natur hiemit durch die ganze Menschenwelt gezogen hat, dokumentiert
-sich auf allen Gebieten des psychischen Lebens. Alles Fühlen, Wollen,
-Begehren, mit einem Worte die ganze Vorstellungsweise, alles Dichten
-und Trachten erhält durch den Unterschied der beiden Geschlechter
-einen eigenartigen Typus, welcher im Verlauf der einzelnen Lebensalter
-sich immer mehr ausprägt und damit gleichsam die Form bildet, unter
-welcher und in welcher ein jeder das Ganze seiner eigenen Geisteswelt
-in der ihm eigentümlichen Weise erfaßt. Der Unterschied im Seelenleben
-zwischen Mann und Weib ist ein ungeheuerer, ein bis in die kleinsten
-Details hinein sich erstreckender ....«
-
-($S. 269, Z. 5 v. u.$) Friedrich Albert _Lange_, Geschichte des
-Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, Buch II, 5.
-Aufl., Leipzig 1896, S. 381.
-
-($S. 273, Z. 1 ff.$) Vgl. hiemit Theodor _Lipps_, Suggestion und
-Hypnose, Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der
-königlichen Akademie der Wissenschaften zu München, 1897/II, S. 520:
-»Psychologisch ist das Ganze jederzeit mehr und in gewissem Sinne
-jederzeit eher als der Teil.« Und besonders Wilhelm _Diltheys_ mehrfach
-erwähnte charakterologische Abhandlungen.
-
-($S. 274, Z. 4 ff.$) Vgl. _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, S. 289,
-ed. Kehrbach.
-
-($S. 274, Z. 17.$) Eine mit meiner Darstellung in gewissen Punkten sich
-berührende, sehr interessante Abhandlung ist die von Oskar _Ewald_, Die
-sogenannte empirische Psychologie und der Transcendentalismus Kants,
-Die Gnosis, Halbmonatsschrift, Wien, 5. März 1903, S. 87-91. Ewalds
-Absicht läuft auf eine psychologische Kategorienlehre hinaus, als auf
-eine Tafel jener Verstandesbegriffe (»Wille, Kraft und psychische
-Aktivität«), die psychologische Erfahrung erst möglich machen sollen.
-Kant habe nur die eine Hälfte der Arbeit, den naturwissenschaftlichen
-Teil, geleistet, den anderen noch zu tun gelassen. Ich kann mich dieser
-Auffassung nicht anschließen, weil es nach ihr zweierlei Erfahrung,
-eine äußere und eine ihr _beigeordnete_ innere, geben müßte, und weil
-der Zusammenhang des psychischen Lebens ein unmittelbar erlebter ist,
-und aus seiner Beobachtung Erfahrungssätze von höherer als komparativer
-Allgemeinheit geschöpft werden können (vgl. S. 220). Aber mit diesen
-Einwendungen möchte ich das von _Ewald_ angeregte Problem keineswegs
-erledigt haben. Es ist dieses Problem, weit genug verfolgt, vielleicht
-das tiefste philosophische Problem überhaupt, oder identisch mit
-diesem; denn das Verhältnis von Begriff und Anschauung, von Freiheit
-und Notwendigkeit spielt hier herein. Und schließlich hängt diese
-ganze Frage aufs innigste mit dem Postulate der Unabhängigkeit der
-Erkenntnistheorie von der Psychologie zusammen. Ich kann hierauf nicht
-näher eingehen, und möchte auf jenen bedeutungsvollen, bloß an etwas
-okkultem Orte publizierten Gedanken hier nur hingewiesen haben.
-
-($S. 275, Z. 3.$) E. _Mach_, Die Analyse der Empfindungen und das
-Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902,
-S. 60 f.
-
-($S. 275, Z. 6 v. u. ff.$) Die französischen Verse aus Edmond
-_Rostand_, Cyrano de Bergerac, Acte I, Scène IV (Paris 1898, p. 43).
-
-($S. 276, Z. 4 ff.$) Die hier bekämpften Anschauungen sind die von
-_Mach_, Die Mechanik, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 478 ff.
-
-($S. 276, Z. 8 v. u.$) Wilhelm _Windelband_, Geschichte und
-Naturwissenschaft, Rektoratsrede, Straßburg 1894.
-
-($S. 277, Z. 5.$) v. _Schrenck-Notzing_, Über Spaltung der
-Persönlichkeit (sogenanntes Doppel-Ich), Wien 1896, erwähnt auf S. 6
-nach _Proust_ einen Fall (den einzigen mir aus der Literatur bekannt
-gewordenen) eines männlichen Hysterikers mit »condition prime« und
-»condition seconde«. Es sind gewiß noch einige Fälle mehr beobachtet
-worden; aber jedenfalls verschwinden sie an Zahl vor der Menge der
-Frauen mit derartigem psychischen Zustandswechsel. Daß es Männer mit
-»mehrfachem Ich« gibt, beweist nichts gegen die Thesen des Textes; denn
-der Mann kann eben auch jene eine Möglichkeit von den unzähligen in ihm
-verwirklichen, er kann auch Weib werden (vgl. S. 241, 359, 398 f.).
-
-($S. 277, Z. 19.$) So sagt Heinrich _Heine_ in einem sehr schlechten
-Gedichte (Letzte Gedichte, zum »Lazarus« 12):
-
- Die Gestalt der wahren Sphinx
- Weicht nicht ab von der des Weibes.
- Faselei ist jener Zusatz
- Des betatzten Löwenleibes.
-
- Todesdunkel ist das Rätsel
- Dieser wahren Sphinx. Es hatte
- Kein so schweres zu erraten
- Frau Jokastens Sohn und Gatte.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 10.
-
-
-($S. 283, Z. 8-10$) Nur 34% der eigentlichen Prostituierten bringen
-Kinder zur Welt (nach C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als
-Verbrecherin und Prostituierte, übersetzt von H. Kurella, Hamburg 1894,
-S. 540).
-
-($S. 283, Z. 16 v. u. f.$) Die hier abgewiesene Meinung ist vor allem
-eine bekannte Lehre sozialdemokratischer Theoretiker, insbesondere
-August _Bebels_ (Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und
-Zukunft, 9. Aufl., Stuttgart 1891, S. 140 ff.): »Die Prostitution
-eine nothwendige soziale Institution der bürgerlichen Welt.« »So wird
-die Prostitution zu einer nothwendigen sozialen Institution für die
-bürgerliche Gesellschaft, ganz wie Polizei, stehendes Heer, Kirche,
-Unternehmerschaft u. s. w.«
-
-($S. 284, Z. 18 f.$) Vgl. über diese der Prostitution gezollten
-Ehrungen Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde, Eine
-Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902, S. 198 f.
-Auch _Lombroso-Ferrero_, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte,
-Hamburg 1894, S. 228 ff.; über die Phönicier, S. 230.
-
-($S. 285, Z. 10.$) Der hier berichtigte Gedanke _Schopenhauers_ ist
-ausgesprochen in der »Welt als Wille und Vorstellung«, Bd. II, S. 630,
-Grisebach.
-
-($S. 285, Z. 20.$) Johannes _Müller_, Handbuch der Physiologie des
-Menschen für Vorlesungen, II. Bd., 2. Abt. Coblenz 1838, S. 574 f.:
-»Beim Versehen ..... soll etwas Positives gebildet werden, und die
-Form des Gebildes soll der Form in der Vorstellung entsprechen.
-Diese Wirkung ist schon deswegen unwahrscheinlich, weil sie sich von
-einem Organismus auf den anderen erstrecken soll; die Verbindung von
-Mutter und Kind ist aber nichts anderes als eine möglichst innige
-Juxtaposition zweier an und für sich ganz selbständiger Wesen, welche
-sich mit ihren Oberflächen anziehen und wovon das eine die Nahrung und
-Wärme abgibt, die sich das andere aneignet. [Dies eben, die Ansicht
-von der bloßen Juxtaposition, ist falsch. Vgl. im Texte S. 296.] Aber
-abgesehen davon läßt sich diese alte und höchst populäre Superstition
-vom Versehen durch viele andere Gründe entkräften. Ich habe
-Gelegenheit, die meisten Monstra zu sehen, welche in der preußischen
-Monarchie geboren werden. Gleichwohl kann ich behaupten, daß mir
-trotz dieser großen Gelegenheit in der Regel nichts Neues in dieser
-Weise vorkommt, und daß sich hiebei nur gewisse Formen wiederholen,
-welche den großen Reihen der Hemmungsbildungen, Spaltbildungen,
-Defekte, Verschmelzungen seitlicher Teile mit Defekt der mittleren
-u. s. w. angehören ..... Bedenkt man ferner, daß sich jede Schwangere
-während der Zeit ihrer Schwangerschaft gewiß oft erschreckt, und daß
-sehr viele sich gewiß wenigstens einmal, wenn nicht mehrere Male
-versehen, ohne daß dies irgend eine Folge hat, so wird es, falls eine
-Monstrosität irgendwo geboren wird, gewiß nicht an Gelegenheit fehlen,
-diese auf eine dem populären Glauben entsprechende Weise zu erklären.
-Die vernünftige Lehre vom Versehen reduziert sich daher darauf, daß
-jeder heftige leidenschaftliche Zustand der Mutter auf die organische
-Wechselwirkung zwischen Mutter und Kind einen ebenso, plötzlichen
-Einfluß haben, und demzufolge auch eine Hemmung der Bildungen oder ein
-Stehenbleiben der Formationen auf gewissen Stufen der Metamorphose
-herbeiführen kann, ohne daß jedoch die Vorstellung der Mutter auf die
-Stelle, wo sich dergleichen Retentionen erzeugen, Einfluß haben könne
-u. s. w.«
-
-Th. _Bischoff_, Artikel: »Entwicklungsgeschichte mit besonderer
-Berücksichtigung der Mißbildungen« in Rudolf Wagners Handwörterbuch
-der Physiologie, Bd. I, Braunschweig 1842, S. 885 bis 889. Zunächst
-S. 886: »_Meckel_ hat mit Recht zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß
-in der Frage nach dem Versehen, wie sie gewöhnlich aufgestellt wird,
-meistens zwei wesentlich verschiedene eingeschlossen sind, nämlich
-erstens die: können Affekte der Mutter auf die Entwicklung des neuen
-Organismus einen Einfluß haben? Und zweitens die: können Affekte der
-Mutter, die durch einen bestimmten Gegenstand veranlaßt werden, die
-Bildung des neuen Organismus dergestalt verändern, daß derselbe jenem
-Gegenstande gleich oder ähnlich wird? Wenn nun gleich die Erfahrung oft
-zeigt, daß sich der Fötus sehr selbständig, sowohl von den körperlichen
-als psychischen Zuständen der Mutter entwickeln kann, und demnach
-durchaus keine notwendige Beziehung zwischen beiden sich vorfindet,
-so haben doch anderseits tausende von Fällen die Abhängigkeit der
-Entwicklung der Frucht von den körperlichen und psychischen Zuständen
-der Mutter so entschieden nachgewiesen, daß die erste Frage nur
-ganz unbedingt bejahend beantwortet werden kann ..... Es ist in
-vielen Fällen wirklich wahr gewesen und ereignet sich noch, daß ein
-heftiger Schrecken oder Gemütsbewegung der Mutter eine Mißbildung
-veranlaßt hat, ohne daß indessen die Form derselben dem Gegenstande
-jenes Schreckens entspräche. Wir sehen aber, wie sich hieraus unter
-Beihilfe der Phantasie, die Ähnlichkeiten schafft, wo keine sind, viele
-Angaben erklären lassen. Allein auch noch für diese Ähnlichkeiten
-sind wir imstande, nähere Erklärungen und Aufschlüsse zu geben .....«
-»So ist es erklärlich, wie Furcht und Schrecken, deprimierende und
-schwächende Einflüsse Störungen und Hemmungen in der Ausbildung der
-Frucht hervorbringen können, welche zufällig und einzelne Male selbst
-eine gewisse Ähnlichkeit mit den Objekten des Affektes haben können.«
-Er macht im weiteren achterlei Gründe namhaft, »welche man gegen die
-Erklärung der Entstehung gewisser Mißbildungen durch Affekte der
-Mutter, veranlaßt durch, diesen Mißbildungen ähnliche, Gegenstände
-aufwerfen muß«, bekannte Argumente, die ich hier nicht alle wiederholen
-kann, und kommt zu dem Schlusse: »Nehmen wir zu diesem allen noch
-hinzu, daß wir die meisten Mißbildungen aus den Entwicklungsgesetzen
-und anderen naturwissenschaftlich zu analysierenden Ursachen erklären
-können, _so wird wohl jedermann zugestehen müssen, daß das Versehen
-zum wenigsten nur als eine sehr seltene und beschränkte Ursache der
-Mißbildungen angenommen werden kann_.« S. 885: »Schon _Hippokrates_
-verteidigte eine Prinzessin, welche in den Verdacht des Ehebruches
-gekommen war, weil sie ein schwarzes Kind gebar, dadurch, daß zu den
-Füßen ihres Bettes das Bild eines Negers gehangen habe ..... Später
-scheint es, daß vorzüglich der unglückliche und verderbliche Wahn, die
-Mißbildungen seien Wirkungen des göttlichen Zornes oder dämonischer
-und sodomitischer Abstammung, den Glauben an das Versehen vorzüglich
-bestärkt haben. Die unglücklichen Mütter solcher Mißbildungen waren
-natürlich gerne bereit, den auf sie fallenden schrecklichen Verdacht
-und die ihm so oft folgenden grausamen Strafen dadurch von sich
-abzuwenden, daß sie die Annahme des Versehens so sehr als möglich
-unterstützten. So wurde sie denn die allgemein verbreitetste, und der
-Phantasie wurde es nicht schwer, für die Formen der Mißbildungen äußere
-Objekte als Ursachen aufzufinden.«
-
-Charles _Darwin_: Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande
-der Domestikation, übersetzt von J. Viktor Carus, II. Bd., 2. Aufl.
-Stuttgart 1873, S. 301 (Kapitel 22).
-
-Ablehnendes Verhalten der Züchtungstheoretiker: Hermann _Settegast_,
-Die Tierzucht, 4. Aufl., I. Bd.; Die Züchtungslehre, Breslau 1878,
-S. 100 bis 102, 219 bis 222. S. 219: »Der Glaube an die Möglichkeit
-des Versehens ist uralt. Schon die Bibel erzählt uns (1. Buch Mose,
-Kap. 30, Vers 37 bis 39), daß der Erzvater Jakob es verstand, ein
-‚Versehen’ der Mutterschafe künstlich hervorzurufen und auf diese Weise
-scheckige Lämmer zu erzeugen. Er tat nämlich Holzstäbe, die durch
-stellenweises Abschälen der Rinde ein scheckiges Aussehen gewonnen
-hatten, in Tränkrinnen. Es mag dahingestellt bleiben, ob Jakob der
-Meinung war, daß das Versehen an diesen bunten Holzstäbchen während des
-Bespringens der Mutterschafe, das an den Tränktrögen bewerkstelligt
-worden zu sein scheint, vor sich gehen werde, oder daß die _schon
-tragenden_ Mutterschafe im Anblick der auffallenden Gegenstände, die
-ihnen beim Trinken vor die Augen gerückt wurden, und den bunten Stäben
-entsprechend scheckige Lämmer bringen müßten. Seinen gewinnsüchtigen
-Zweck hat aber Jakob erreicht und dadurch den Grund zu seiner
-Wohlhabenheit gelegt. Bis auf den heutigen Tag finden Schilderungen
-ähnlicher Art Gläubige.« In einer Anmerkung hiezu: »Äußert sich doch
-noch im Jahre 1874 Dr. J. in einer der gelesensten und geachtetsten
-Zeitungen Deutschlands unter anderem wie folgt: ‚Es ist eine
-eigentümliche Erfahrung, welche der Züchter macht, daß durch die
-Imagination des Muttertieres, zumal wenn es tragend ist, sich die Farbe
-der es umgebenden Gegenstände und besonders die Farbe der Tiere von
-seiner nächsten Umgebung auf die Nachkommenschaft häufig überträgt. So
-ist es sehr oft beobachtet worden, daß der wiederholte und reichliche
-Verbrauch von Kalkanstrich den Ställen und Verschlägen, worin sich
-eine Rinderzuchtherde befindet, erheblich das Verhältnis der weißen
-oder weißscheckigen Kälber vermehrt, die geboren werden.’ Solche und
-ähnliche Erzählungen legen Zeugnis von der Leichtfertigkeit ab, womit
-kritiklos und aus Sucht, dem Leser Pikanterien zu bieten, unbegründete
-Behauptungen mit dem Gewande sogenannter Erfahrungen umkleidet werden.«
-»..... Der Umstände und Tatsachen, welche gegen die Möglichkeit des
-Versehens sprechen, gibt es so viele, daß es uns fast wie ein Rest von
-Aberglauben vorkommen will, wenn man an dieser haltlosen Theorie,
-durch die auffallende Formen erklärt werden sollen, ferner festhält.«
-
-Endlich sei als ein Gynäkologe angeführt Max _Runge_, Lehrbuch der
-Geburtshilfe, 6. Aufl., Berlin 1901, S. 82 f.: »Die Frage, ob starke
-psychische Eindrücke, welche eine Schwangere treffen, Einfluß auf die
-Entstehung körperlicher Verbildungen oder geistiger Defekte der Frucht
-haben können, spielt bei vielen Laien eine große Rolle (Versehen der
-Schwangeren). Von der neueren wissenschaftlichen Medizin ist bis auf
-die jüngste Zeit die Frage abgelehnt worden, und insbesondere die
-Möglichkeit eines Kausalzusammenhanges zwischen psychischem Eindruck
-und einer vorliegenden Mißbildung des Kindes auf das bestimmteste
-geleugnet worden. In neuester Zeit hat man die genannte Frage aber doch
-einer Diskussion wert erachtet. Mag die Frage also wissenschaftlich
-noch diskutabel sein, für die Praxis gilt auch heute noch der Rat, bei
-Schwangeren und ihrer Umgebung den Glauben an das sogenannte Versehen
-ernstlich zu bekämpfen.«
-
-_Runge_ spielt hier an auf die Abhandlungen von J. _Preuß_,
-Vom Versehen der Schwangeren, Berliner Klinik, Heft 51 (1892),
-_Ballantyne_, Edinburgh Medical Journal, Vol. XXXVI, 1891 und
-die Arbeit Gerhards von _Welsenburg_, Das Versehen der Frauen
-in Vergangenheit und Gegenwart und die Anschauungen der Ärzte,
-Naturforscher und Philosophen darüber, Leipzig 1899. v. Welsenburgs
-ausführliche Zusammenstellung läßt am Schlusse die Frage unentschieden.
-
-Über das Versehen und die sicher übertriebene Sucht, alle Mißbildungen
-hierauf als einzige Ursache zurückzuführen vgl. noch _Ploß_, Das Weib
-in der Natur- und Völkerkunde, 7. Aufl., 1902, Bd. I, S. 809 bis
-811. Benjamin _Bablot_, Dissertation sur le pouvoir de l'imagination
-des femmes enceintes. E. v. _Feuchtersleben_, Die Frage über das
-Versehen der Schwangeren, zergliedert in den Verhandlungen der k. k.
-Gesellschaft der Ärzte zu Wien, 1842, S. 430 f., und andere,
-worüber bei von Welsenburg nachgelesen werden kann. Dieser führt auch
-zahlreiche Fürsprecher des Versehens an (so _Budge_, _Schönlein_,
-_Carus_, _Bechstein_, Prosper _Lucas_, G. H. _Bergmann_, A. von
-_Solbrig_, Theodor _Roth_, Karl _Hennig_ [die zwei letzteren in
-Virchows Archiv 1883, 1886], _Bichat_ u. a.). Ich möchte nur
-noch erwähnen, was ein so hervorragender, klarer und nüchterner
-Naturforscher wie Karl Ernst von _Baer_ zu dieser Frage bemerkt
-hat (bei dem ebenfalls zu den Anhängern des Versehens zählenden
-ausgezeichneten Karl Friedrich _Burdach_, in dessen Physiologie als
-Erfahrungswissenschaft, 2. Aufl. Bd. II, Leipzig 1837, S. 127):
-
-»Eine schwangere Frau wurde durch eine in der Ferne sichtbare Flamme
-sehr erschreckt und beunruhigt, weil sie dieselbe in der Gegend ihrer
-Heimat erblickte. Der Erfolg lehrte, daß sie sich nicht geirrt hatte;
-da der Ort aber sieben Meilen entfernt war, so dauerte es lange, bis
-man sich hierüber Gewißheit verschaffte, und diese lange Ungewißheit
-mag besonders auf die Frau eingewirkt haben, so daß sie lange nachher
-versicherte, stets die Flamme vor Augen zu haben. Zwei oder drei
-Monate nach dem Brande wurde sie von einer Tochter entbunden, welche
-einen roten Fleck auf der Stirn hatte, der nach oben spitz zulief
-in Form einer auflodernden Flamme; er wurde erst im siebenten Jahre
-unkenntlich. _Ich erzähle diesen Fall, weil ich ihn zu genau kenne,
-da er meine eigene Schwester betrifft_, und weil die Klage über die
-Flamme vor den Augen _während der Schwangerschaft_ geführt, und nicht,
-wie gewöhnlich, nach der Entbindung die Ursache der Abweichung in der
-Vergangenheit aufgesucht wurde.«
-
-($S. 286, Z. 9 ff.$) Henrik _Ibsen_, Die Frau vom Meer, Zweiter
-Aufzug, Siebenter Auftritt. -- _Goethe_, Die Wahlverwandtschaften,
-Zweiter Teil, Dreizehntes Kapitel. -- v. _Welsenburg_ weist auch auf
-_Immermanns_, infolge eines bösen Traumes seiner Mutter mit einem
-hirschfängerartigen Male unter dem Herzen gebornen Jäger aus dem
-»Münchhausen« hin (Buch II, Kap. 7, S. 168-175, ed. Hempel).
-
-Es ist von Interesse, zu hören, wie zwei Männer der Wissenschaft über
-die bekannte Begebenheit aus den »Wahlverwandtschaften« sich äußern.
-H. _Settegast_, Die Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre,
-Breslau 1878, spricht S. 101 f. zuerst über die fragliche Beeinflussung
-des Embryo durch Eindrücke der Mutter während der Gestation, und fährt
-dann fort: »Es wird erzählt, es sei einst ein weißköpfiges Fohlen
-geboren worden infolge des Umstandes, daß während des Beschälaktes
-im Gesichtskreise der Zeugenden sich ein Knabe befand, der sich den
-Kopf mit einem weißen Tuche verhüllt hatte. Ein scheckiges Fohlen ward
-geboren, nachdem die zur Beschälstation geführte rossige Stute den
-Weg wiederholt in Gesellschaft eines scheckigen Pferdes zurückgelegt
-hatte. In einem anderen Falle soll das Scheckenkleid des Fohlens
-durch das plötzliche Erscheinen eines scheckigen Jagdhundes während
-des Beschälaktes veranlaßt worden sein ... Wollte man einwenden,
-daß es zweifelhaft sei, ob das, was _der Mensch_ für eine genug
-auffällige Erscheinung halte, die Einbildungskraft des zeugenden
-Tieres zu beschäftigen, auch von dem Tiere so angesehen werde, so
-könnten aus der Erfahrung zahlreiche Fälle beigebracht werden, in
-denen nachweisbar während der Begattung die Einbildungskraft eines der
-Zeugenden mit einem sinnlichen Gegenstande beschäftigt sein mußte. So
-gehört es z. B. in der Tierzucht zu den nicht ungewöhnlichen Mitteln,
-ein männliches Tier zur Begattung mit einem von ihm nicht begehrten
-dadurch zu vermögen, daß man eine seiner Favoritinnen in die Nähe der
-Verschmähten bringt. Nun wird der Sprung nicht versagt, die durch die
-Neigung des männlichen Individuums Begünstigte wird schnell zurück-,
-und die Verschmähte zur Kopulation untergeschoben. _Noch niemals
-hat man beobachtet, daß das Kind des so Betrogenen dem Gegenstande
-seiner Neigung, mit dem seine Phantasie während des Begattungsaktes
-beschäftigt sein mußte, gleiche, und daß sich ein Prozeß vollziehe, den
-Goethe in seinen Wahlverwandtschaften mit dichterischer Meisterschaft
-geschildert hat. In das von ihm beherrschte Gebiet der Phantasie und
-Dichtung wird man die Ansicht von dem Einfluß seelischer Eindrücke auf
-das Zeugungsprodukt zu verweisen haben._«
-
-Viel bescheidener absprechend sagt Rudolf _Wagner_, Nachtrag
-zu Rud. Leuckarts Artikel »Zeugung« in Wagners Handwörterbuch
-der Physiologie, Bd. IV, Braunschweig 1853, S. 1013: »Infolge
-heftigen Schreckens kann Abortus entstehen. Anhaltender Gram kann
-ein Gesamtleiden der Mutter zur Folge haben, welches Zerrüttung
-ihrer Konstitution, schlechte Ernährung, Krankheiten des Fötus
-veranlassen kann. Aber ein spezifischer Einfluß durch Eindrücke
-äußerer Gegenstände auf die Schwangeren darf nicht zugegeben werden,
-und niemals kann die Entstehung von Mißbildungen, von Muttermälern
-etc. damit in Zusammenhang gebracht werden. _Wer im Sinne von
-Goethes Wahlverwandtschaften -- wo diese Ansicht mit der für den
-Menschenkenner eigentümlichen Tiefe durchgeführt ist -- einen Einfluß
-innerer Gedankenbildung im Momente des Beischlafes auf die physische
-und psychische Bildung der Frucht annehmen will, der wird vom
-physiologischen Standpunkte weder zu widerlegen sein, noch wird ihm
-seine Ansicht bestätigt werden können._ Bis zu solcher Tiefe ist die
-Physiologie noch nicht vorgeschritten, und es steht zu bezweifeln,
-daß sie je dahin gelangen werde. _Wenn ich mein subjektives Urteil
-aussprechen soll, so muß ich jedoch gestehen, daß ich einen solchen
-Einfluß der bloßen Vorstellung im Momente des Zeugungsaktes viel eher
-zu bezweifeln als anzunehmen geneigt bin._«
-
-Schließlich sei noch erwähnt, daß auch _Kant_ das Versehen bestritten
-hat, in der Abhandlung: Über die Bestimmung des Begriffs einer
-Menschenrasse (Berliner Monatsschrift, November 1785, Bd. VIII,
-S. 131-132, ed. Kirchmann): »Es ist klar, daß, wenn der Zauberkraft
-der Einbildung oder der Künstelei der Menschen an tierischen Körpern
-ein Vermögen zugestanden würde, die Zeugungskraft selbst abzuändern,
-das uranfängliche Modell der Natur umzuformen oder durch Zusätze zu
-verunstalten, die gleichwohl nachher beharrlich in den folgenden
-Zeugungen aufbehalten würden, man gar nicht mehr wissen würde, von
-welchem Originale die Natur ausgegangen sei, oder wie weit es mit
-der Abänderung desselben gehen könne, und, da der Menschen Einbildung
-keine Grenzen erkennt, in welche Fratzengestalt die Gattungen und
-Arten zuletzt noch verwildern dürften. Dieser Erwägung gemäß nehme ich
-es mir zum Grundsatze, gar keinen in das Zeugungsgeschäft der Natur
-pfuschenden Einfluß der Einbildungskraft gelten zu lassen und kein
-Vermögen der Menschen, durch äußere Künstelei Abänderungen in dem
-alten Original der Gattungen oder Arten zu bewirken, solche in die
-Zeugungskraft zu bringen und erblich zu machen. Denn lasse ich auch nur
-einen Fall dieser Art zu, so ist es, als ob ich auch nur eine einzige
-Gespenstergeschichte oder Zauberei einräumte u. s. w.«
-
-($S. 287, Z. 14 v. u.$) Daß den Prostituierten alle mütterlichen
-Gefühle abgehen, darüber vgl. _Lombroso-Ferrero_, S. 539 f. der
-deutschen Ausgabe (Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg
-1894).
-
-($S. 290, Z. 14.$) Die Argumente, welche als moralische Begründungen
-der Ehe angeführt werden, sind bare Sophisterei. Sogar vom Standpunkte
-der Kantischen Ethik -- und es gibt keine andere Ethik -- hat man
-sie auf folgende Weise aufrechtzuhalten gesucht, wie Theodor G. v.
-_Hippel_ (Über die Ehe, 3. Aufl., Berlin 1792, S. 150): »Nie ist der
-Mensch _Mittel_, allemal ist er _Zweck_: nie Instrument, sondern
-Spielmann; nie kann er genossen werden, sondern er ist Genießer!
-In der Ehe verbinden sich zwei Personen, einander gegenseitig zu
-genießen: das Weib will eine Sache für den Mann seyn, und auch der
-Ehemann macht sich dagegen in bester Form Rechtens verbindlich, sich
-dahin zu geben. Da beide sich zu Instrumenten herabsetzen, auf denen
-wechselweise gespielt wird, so geht Null mit Null auf: und dieser
-einzige Menschengenußkontrakt ist erlaubt, nöthig, göttlich weise.«
-Ja _Kant_ selbst führt eine gleiche arithmetische Operation in seinen
-»Metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre« aus (§ 25, S. 88 f.,
-ed. Kirchmann): »Der natürliche Gebrauch, den ein Geschlecht von den
-Geschlechtsorganen des anderen macht, ist ein _Genuß_, zu dem sich ein
-Teil dem anderen hingibt. In diesem Akt macht sich der Mensch selbst
-zur Sache, welches dem Rechte der Menschheit an seiner eigenen Person
-widerstreitet. Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses möglich,
-daß, indem die eine Person von der anderen _gleich als Sache_ erworben
-wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe, denn so gewinnt sie
-wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit wieder her. Es ist
-aber der Erwerb eines Gliedmaßes am Menschen zugleich Erwerbung der
-ganzen Person -- weil diese eine absolute Einheit ist -- folglich ist
-die Hingebung und Annehmung eines Geschlechtes zum Genuß des anderen
-nicht allein unter der Bedingung der Ehe zulässig, sondern auch
-_allein_ unter derselben möglich.«
-
-Diese Rechtfertigung berührt sehr eigentümlich. Es hebt sich moralisch
-nicht auf, wenn zwei Menschen einander gleich viel stehlen. Zu erklären
-ist diese Äußerung wohl nur aus der geringen Rolle, welche die Frauen
-in Kantens psychischem Leben spielten, und der geringen Heftigkeit der
-erotischen Neigungen, die er zu bekämpfen hatte.
-
-($S. 291, Z. 14 f.$) Vgl. Joseph _Hyrtl_, Topographische Anatomie, 5.
-Aufl., 1865, S. 559 f.: »Der Zusammendrückung der Ausführungsgänge der
-einzelnen Drüsenlappen wird durch das Hartwerden der Warze vorgebeugt,
-welche sich umsomehr steift, je größer der mechanische Reiz ist,
-welchen die kindlichen Kiefer auf die Warze ausüben. Die zahlreichen
-Tastwärzchen an der Oberfläche der Papille werden die Erfüllung der
-Mutterpflicht mit einem wohltuenden Kitzel lohnen, der jedoch zu
-wenig wollüstig ist, um jede Mutter für die Leistung der heiligsten
-Pflicht zu gewinnen.« [Wohl aber jede Mutter nach dem im Texte
-entwickelten Begriffe einer eigentlichen Mutterschaft im Gegensatze
-zur Dirnenhaftigkeit.] -- Über die Erection der Warze selbst vgl.
-L. _Landois_, Lehrbuch der Physiologie des Menschen, 9. Aufl., Wien und
-Leipzig 1896, S. 441: »Bei der Entleerung der Milch wirkt nicht allein
-rein mechanisch das _Saugen_, sondern es kommt eine _aktive Tätigkeit
-der Brustdrüse_ hinzu. Diese besteht zunächst in der Erection der
-Warze, wobei die glatten Muskeln derselben zur Entleerung der Milch
-auf die Sinus der Gänge drücken, so daß dieselbe sogar im Strahle
-hervorspritzen kann.« -- Über die Uteruskontraktionen Max _Runge_,
-Lehrbuch der Geburtshilfe, 4. Aufl., Berlin 1898, S. 180: »Der Reiz der
-Warzen durch das Saugen löst Uteruskontraktionen aus.«
-
-($S. 292, Z. 1 v. u.$) Man vergleiche hiemit die folgenden
-Betrachtungen J. J. _Bachofens_, die vielleicht tief genannt zu werden
-verdienen (Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, S. 165 f.): »Der Mann
-erscheint als das bewegende Prinzip. Mit der Einwirkung der männlichen
-Kraft auf den weiblichen Stoff beginnt die Bewegung des Lebens, der
-Kreislauf des ὁρατὸς κόσμος. War zuvor alles in Ruhe, so hebt jetzt mit
-der ersten männlichen Tat jener ewige Fluß der Dinge an, der durch die
-erste κίνησις hervorgerufen wird, und, nach Heraklits bekanntem Bilde,
-in keinem Augenblicke völlig derselbe ist. Durch Peleus' Tat wird aus
-Thetis' unsterblichem Mutterschoße das Geschlecht der Sterblichen
-geboren. Der Mann bringt den Tod in die Welt. Während die Mutter für
-sich der Unsterblichkeit genießt, geht nun, durch den Phallus erweckt,
-aus ihrem Leibe ein Geschlecht hervor, das gleich einem Strome immer
-dem Tode entgegeneilt, gleich Meleagers Feuerbrand stets sich selbst
-verzehrt.« Auch S. 34 f. ist von Bachofen manches Schöne über die im
-»demetrisch-tellurischen Prinzipe« gelegene Art der Unsterblichkeit
-gesagt.
-
-($S. 293, Z. 4 f.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und Vorstellung,
-Bd. II, Buch 4, Kapitel 41.
-
-($S. 294, Z. 18.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und Vorstellung,
-Bd. II, Buch 4, Kapitel 44: »Der Endzweck aller Liebeshändel, sie mögen
-auf dem Soccus oder dem Kothurn gespielt werden, ist ... wichtiger als
-alle anderen Zwecke im Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes,
-womit jeder ihn verfolgt, völlig wert. Das nämlich, was dadurch
-entschieden wird, ist nichts Geringeres als die _Zusammensetzung der
-nächsten Generation_ u. s. w.«
-
-($S. 295, Z. 26.$) Z. B. sagt der freilich auch sonst überaus flache
-und unoriginelle Eduard von _Hartmann_, der jetzt von manchen, wie es
-scheint, bloß weil er kein Universitätsprofessor ist, schon für einen
-großen Denker gehalten wird, in seiner »Phänomenologie des sittlichen
-Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik« (Berlin 1879),
-S. 268 f.: »Man denke ... an ein vom naivsten aber rücksichtslosesten
-und schamlosesten Egoismus beseeltes Weib, das von dem Tage an, wo
-es Mutter wird, mit der ganzen Naivität des weiblichen Gefühls ihr
-Selbst auf die Personen ihrer Kinder mit ausdehnt, kein Opfer für das
-Wohl dieser scheut, aber auch die so erweiterte Mutterselbstsucht
-ebenso rücksichtslos und schamlos nach außen übt wie vorher ihren
-Egoismus, ja noch ungenierter, weil sie in ihren Mutterpflichten
-eine ethische Rechtfertigung ihres Verhaltens zu besitzen glaubt ...
-Ist auch eine solche einseitige Liebe, die rücksichtslos zu allem
-außerhalb dieses Liebesverhältnisses Liegenden sich verhält, eine
-sittlich unvollkommene, so ist sie doch im Prinzip ein unermeßlicher
-Fortschritt über den starren Eigennutz und die kahle Eigenliebe
-hinaus, und zeigt den grundsätzlichen Bruch mit der Beschränkung des
-Willens auf das alleinige Wohl der Individualität. Man kann sagen,
-daß in einer solchen Mutter, bei aller Einseitigkeit ihrer Moralität,
-doch unendlich viel mehr ethische _Tiefe_ verwirklicht ist als bei
-dem Virtuosen der Klugheitsmoral, dem willenlosen Sklaven kirchlicher
-Moralformeln und dem Künstler der ästhetischen Moral zusammengenommen,
-da jene die _Wurzel alles Bösen_ wenigstens in _einem_ Punkte radikal
-und _von Grund aus zerstört hat_, während von diesen die beiden ersten
-sich durch außerhalb der Sache liegende Rücksichten, der letztere doch
-nur durch oberflächliche und äußerliche Seiten der Sache bestimmen
-läßt. Darum wird solche Liebe sittliche Achtung und in ihren höheren
-Graden selbst Ehrfurcht und Bewunderung erwecken, selbst da, wo ihre
-Einseitigkeit zu unsittlichem Verhalten nach anderen Richtungen
-führt.« Alle diese Irrtümer entstehen aus dem trotz _Kant_ überall
-verbreiteten, aber ganz unhaltbaren Glauben an eine triebhafte, naive,
-unbewußte und auf diese Art vollkommene Sittlichkeit. Man wird es ewig
-zu wiederholen haben, daß Moralität und Bewußtheit, Unbewußtheit und
-Immoralität einerlei sind. (So spricht von »unbewußter Sittlichkeit«
-Hartmann a. a. O., S. 311; es muß hiegegen anerkannt werden, daß er an
-anderen Stellen einsichtiger über die Frauen urteilt; z. B. S. 526:
-»Der Mangel an Rechtlichkeit und Gerechtigkeit macht das weibliche
-Geschlecht als Ganzes zu einem moralischen Parasiten des männlichen.«)
-
-($S. 297, Z. 1.$) Johann _Fischart_, Das Philosophisch Ehezuchtbüchlin.
--- Jean _Richepins_ bekannte Ballade »La Glu« nach dem Bretonischen (in
-»La Chanson des Gueux«). Auch H. _Heine_ hätte mehrerer Gedichte wegen
-hier angeführt werden dürfen.
-
-($S. 297, Z. 10.$) J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung
-über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und
-rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 10: »Auf den tiefsten, düstersten
-Stufen des menschlichen Daseins bildet die Liebe, welche die Mutter
-mit den Geburten ihres Leibes verbindet, den Lichtpunkt des Lebens,
-die einzige Erhellung der moralischen Finsternis, die einzige Wonne
-inmitten des tiefen Elends.« »Dasjenige Verhältnis, an welchem die
-Menschheit zuerst zur Gesittung emporwächst, das der Entwicklung
-jeder Tugend, der Ausbildung jeder edleren Seite des Daseins zum
-Ausgangspunkte dient, ist der Zauber des Muttertums, der inmitten
-eines gewalterfüllten Lebens als das göttliche Prinzip der Liebe, der
-Einigung, des Friedens wirksam wird.« Bachofen ist ein viel tieferer
-und weiter blickender Mann, von einer universelleren, echteren
-philosophischen Bildung als irgend ein Soziolog seit Hegel; und doch
-übersieht er hier etwas so Naheliegendes wie den völligen Mangel an
-Unterschieden zwischen der Mutterliebe bei den Tieren (Henne, Katze)
-und beim Menschen.
-
-Robert _Hamerling_, sonst mehr Rhetor als wahrer Künstler, macht über
-die Mutterliebe eine gute Bemerkung, die, ohne daß er dies zu wollen
-scheint, klar zeigt, wie von Sittlichkeit hier gar nicht gesprochen
-werden kann (Ahasver in Rom, II. Gesang, Werke, Volksausgabe, Bd. I,
-S. 59):
-
- »Die Mutterliebe, sieh, das ist der Pflichtteil
- Von Liebesglück, den jeder Kreatur
- Auswirft die kargende Natur -- der Rest
- Ist Schein und Trug. _Wahrhaftig, mich ergötzt es,
- Daß es ein Wesen gibt, für das es ewig
- Naturnotwendigkeit ist, mich zu lieben._«
-
-($S. 299, Z. 9. v. u.$) An Annäherungen an jenes größere Hetärentum
-(Aspasia, Kleopatra) hat es in der Renaissance nicht gefehlt. Vgl.
-_Burckhardt_, Die Kultur der Renaissance in Italien, 4. Aufl., bes. von
-L. Geiger, Bd. I, S. 127.
-
-($S. 302, Z. 15 v. u.$) Die Erzählung über Napoleon nach _Emerson_,
-Repräsentanten des Menschengeschlechtes, übersetzt von Oskar Dähnert,
-Leipzig, Universalbibliothek, S. 199.
-
-($S. 306, Z. 18.$) Dieser Auffassung der Mutterschaft kommt am nächsten
-die des _Aischylos_ (Eumeniden, V. 658 f.):
-
- »Οὐκ ἔστι μήτηρ ἡ κεκλημένου τέκνου
- τοκεύς, τροφὸς δὲ κύματος νεοσπόρου.
- τίκτει δ'ὁ θρώσκων, ἡ δ'ἁπερ ξένω ξένη
- ἔσωσεν ἔρνος, οίσι μὴ βλάφη θεός.«
-
-($S. 307, Z. 16 v. u.$) Die Illusion der Vaterschaft hat der mächtigen
-Tragödie August _Strindbergs_ »Der Vater« den Namen gegeben. (Man vgl.
-in dieser außerordentlichen Dichtung [übersetzt von E. Brausewetter,
-Universalbibliothek] als speziell auf diesen Punkt sich beziehend
-S. 34.)
-
-($S. 307, Z. 14 v. u. ff.$) _Bachofen_, Das Mutterrecht, S. 9: »...
-der Name matrimonium selbst ruht auf der Grundidee des Mutterrechtes.
-Man sagte matrimonium, nicht patrimonium, wie man zunächst auch nur
-von einer materfamilias sprach. Paterfamilias ist ohne Zweifel ein
-späteres Wort. Plautus hat materfamilias öfters, Paterfamilias nicht
-ein einziges Mal ... Nach dem Mutterrecht gibt es wohl einen Pater,
-aber keinen Paterfamilias. _Familia ist ein rein physischer Begriff_,
-und darum zunächst nur der Mutter geltend. Die Übertragung auf den
-Vater ist ein improprie dictum, das daher zwar im Recht angenommen,
-aber in den gewöhnlichen, nicht juristischen Sprachgebrauch später
-erst übertragen wurde. Der Vater ist stets eine juristische Fiktion,
-die Mutter dagegen eine physische Tatsache. Paulus ad Edictum in Fr.
-5 D. de in ius vocando (2, 4), ‚mater semper certa est, etiamsi vulgo
-conceperit, pater vero is tantum, quem nuptiae demonstrant’. Tantum
-deutet an, daß hier eine juristische Fiktion an die Stelle der stets
-fehlenden natürlichen Sicherheit treten muß. Das Mutterrecht ist natura
-verum, der Vater bloß iure civili, wie Paulus sich ausdrückt.«
-
-($S. 307, Z. 12 v. u.$) Herbert _Spencer_, Die Unzulänglichkeit der
-natürlichen Zuchtwahl, Biologisches Zentralblatt, XIV, 1894, S. 262 f.
-bemerkt: »Ich bin einem ausgezeichneten Korrespondenten zu großem
-Dank verpflichtet, der meine Aufmerksamkeit auf beglaubigte Tatsachen
-gelenkt hat, die über die Nachkommen von Weißen und Negern in den
-Vereinigten Staaten berichtet werden. Indem er sich auf einen Bericht,
-der ihm mehrere Jahre zuvor gemacht worden war, bezieht, sagt er: ‚Es
-ging darauf hinaus, daß die Kinder weißer Frauen von weißen Vätern
-_mehrere_ Male Spuren von Negerblut zeigten, wenn die Frau früher
-ein Kind von einem Neger gehabt hatte.’ Zu der Zeit, als ich diesen
-Bericht erhielt, besuchte mich ein Amerikaner, und darüber befragt,
-antwortete er, daß in den Vereinigten Staaten diese Meinung allgemein
-anerkannt werde. Um jedoch nicht nach Hörensagen zu urteilen, schrieb
-ich sogleich nach Amerika, Umfrage zu halten ... Prof. _Marsh_, der
-ausgezeichnete Paläontologe aus Yale, New Haven, der auch Beweise
-sammelt, sendet mir einen vorläufigen Bericht, in welchem er sagt:
-‚Ich selbst kenne keinen solchen Fall, aber ich habe viele Aussagen
-gehört, die mir ihre Existenz wahrscheinlich machen. Ein Beispiel in
-Connecticut wurde mir von einem Bekannten so zuverlässig beteuert, daß
-ich allen Grund habe, es für authentisch zu halten.’
-
-Daß Fälle dieser Art nicht häufig im Norden gesehen werden, ist
-natürlich zu erwarten. Das erste der obenerwähnten Beispiele bezieht
-sich auf Vorgänge, die im Süden während der Sklavenzeit beobachtet
-wurden; und selbst damals waren die bezüglichen Bedingungen
-natürlicherweise sehr selten. Dr. W. J. _Youmans_ in New-York hat in
-meinem Interesse mehrere Medizinprofessoren befragt, die, obgleich sie
-nicht selbst solche Beispiele gesehen haben, sagen, daß das behauptete,
-oben beschriebene Resultat ‚allgemein als eine Tatsache anerkannt
-wird’. Aber er sendet mir etwas, das nach meiner Meinung als ein
-autoritatives Zeugnis gelten kann. Es ist ein Citat aus dem klassischen
-Werk von Prof. _Austin Flint_, das hier folgt:
-
-‚Eine eigentümliche und, wie es scheint, unerklärliche Tatsache ist es,
-daß frühere Schwangerschaften einen Einfluß auf die Nachkommenschaft
-haben. Das ist den Tierzüchtern wohl bekannt. Wenn Vollblutstuten oder
-Hündinnen einmal mit Männchen von weniger reinem Blut belegt worden
-waren, so werden bei späteren Befruchtungen die Jungen geneigt sein,
-die Art des ersten Männchens anzunehmen, selbst wenn sie von Männchen
-mit unzweifelhaftem Stammbaum erzeugt wurden. Wie man diesen Einfluß
-der ersten Empfängnis erklären kann, ist unmöglich zu sagen, aber
-die Tatsache ist unbestritten. Der gleiche Einfluß ist beim Menschen
-beobachtet worden. Eine Frau kann vom zweiten Mann Kinder haben,
-die dem ersten ähnlich sind, und diese Beobachtung ist besonders in
-Bezug auf Haar und Augen gemacht worden. Eine weiße Frau, die zuerst
-Kinder von einem Neger hat, kann später Kinder von einem weißen Vater
-gebären, und doch werden diese Kinder unfragliche Eigentümlichkeiten
-der Negerrasse an sich tragen.’« (A Text Book of Human Physiology. By
-_Austin Flint_ MD. LL. D. _Fourth_ edition, New York, D. Appleton &
-Co., 1888, p. 797.)
-
-Dr. _Youmans_ besuchte Prof. _Flint_, der ihm erzählte, daß er ‚den
-Gegenstand näher untersucht habe, als er sein größeres Werk schrieb
-(das obige Citat ist aus einem Auszug), und er fügte hinzu, daß er
-nie gehört habe, daß der Bericht in Frage gestellt sei’. (Vgl. über
-dieselbe Frage _Spencer_, Biolog. Zentralblatt XIII, 1893, S. 743-748.)
-
-($S. 307, Z. 8 v. u.$) Vgl. Charles _Darwin_, Über die direkte oder
-unmittelbare Einwirkung des männlichen Elementes auf die Mutterform
-(Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation,
-11. Kapitel, Bd. I, 2. Aufl., Stuttgart 1873, S. 445 f.): »Eine andere
-merkwürdige Klasse von Tatsachen muß hier noch betrachtet werden, weil
-man angenommen hat, daß sie einige Fälle von Knospenvariation erklären.
-Ich meine die direkte Einwirkung des männlichen Elementes, nicht in
-der gewöhnlichen Weise auf die Ovula, sondern auf gewisse Teile der
-weiblichen Pflanzen, oder wie es der Fall bei Tieren ist, auf die
-späteren Nachkommen des Weibchens von einem zweiten Männchen. Ich will
-vorausschicken, daß bei Pflanzen das Ovarium und die Eihülle offenbar
-Teile des Weibchens sind, und es hätte sich nicht voraussehen lassen,
-daß diese von dem Pollen einer fremden Varietät oder Spezies affiziert
-werden würden, obgleich die Entwicklung des Embryo innerhalb des
-Embryosackes, innerhalb des Ovulums, innerhalb des Ovariums natürlich
-vom männlichen Element abhängt.
-
-Schon im Jahre 1729 wurde beobachtet (Philosophical Transactions,
-Vol. XLIII, 1744/45, p. 525), daß sich weiße und blaue Varietäten
-der Erbsen, wenn sie nahe aneinander gepflanzt werden, gegenseitig
-kreuzten, ohne Zweifel durch die Tätigkeit der Bienen, und im Herbste
-wurden blaue und weiße Erbsen innerhalb derselben Schoten gefunden.
-_Wiegmann_ machte eine genau ähnliche Beobachtung im jetzigen
-Jahrhundert. Dasselbe Resultat erfolgte mehrere Male, wenn eine
-Varietät Erbsen von der einen Färbung künstlich mit einer verschieden
-gefärbten Varietät gebaut wurde. (Mr. _Swayne_ in: Transact. Horticult.
-Soc., Vol. V, p. 234, und _Gärtner_, Bastarderzeugung, 1849, S. 81 und
-499). Diese Angaben veranlaßten _Gärtner_, der äußerst skeptisch über
-diesen Gegenstand war, eine lange Reihe von Experimenten sorgfältig
-anzustellen. Er wählte die konstantesten Varietäten sorgfältig heraus,
-und das Resultat zeigte ganz überzeugend, daß die Farbe der Haut
-der Erbse modifiziert wird, wenn Pollen einer verschieden gefärbten
-Varietät gebraucht wird. Diese Folgerung ist seitdem durch Experimente,
-welche J. M. _Berkeley_ angestellt hat, bestätigt worden (_Gardeners_'
-Chronicle, 1854, p. 404) ...«
-
-(S. 447): »Wenden wir uns nun zur Gattung _Matthiola_. Der Pollen
-der einen Sorte von _Levkoj_ affiziert zuweilen die Farbe der Samen
-einer anderen Sorte, die als Mutterpflanze benutzt wird. Ich führe den
-folgenden Fall um so lieber an, als _Gärtner_ ähnliche Angaben, die
-in Bezug auf den Levkoj von anderen Beobachtern früher gemacht worden
-waren, bezweifelte. Ein sehr bekannter Gartenzüchter, Major _Trevor
-Clark_ (siehe auch einen Aufsatz, welchen dieser Beobachter vor dem
-internationalen Hortikultur- und botanischen Kongreß in London 1866
-gelesen hat), teilt mir mit, daß die Samen des großen rotblütigen,
-_zweijährigen_ Levkoj (M. annua; »Cocardeau« der Franzosen) hellbraun
-sind, und die des purpurnen verzweigten Levkojs »Queen« (M. incana)
-violettschwarz sind. Nun fand er, daß, wenn Blüten des roten Levkojs
-mit Pollen des purpurnen befruchtet wurden, sie ungefähr 50% schwarzen
-Samen ergaben. Er schickte mir vier Schoten von einer rotblühenden
-Pflanze, von denen zwei mit ihren eigenen Pollen befruchtet worden
-waren, und diese enthielten blaßbraune Samen, und zwei, welche mit
-Pollen von der purpurnen Sorte gekreuzt worden waren, und diese
-enthielten Samen, die alle tief mit Schwarz gefärbt waren. Diese
-letzteren Samen ergaben purpurblühende Pflanzen wie ihr Vater, während
-die blaßbraunen Samen normale rotblühende Pflanzen ergaben. Major
-_Clarke_ hat beim Aussäen ähnlicher Samen in einem größeren Maßstabe
-dasselbe Resultat erhalten. Die Beweise für die direkte Einwirkung des
-Pollens einer Spezies auf die Färbung der Samen einer anderen Spezies
-scheinen mir in diesem Falle ganz entscheidend zu sein.«
-
-Darwin legt hier besonderen Nachdruck auf die radikale Veränderung in
-der Mutterpflanze durch den männlichen Pollen. So im englischen Texte
-(2. ed., London 1875, Vol. II, p. 430 f.): »Professor _Hildebrand_
-(Botanische Zeitung, Mai 1868, S. 326) ... has fertilised ... a
-kind [of maize] bearing yellow grains with the precaution that the
-mother-plant was true. A kind bearing yellow grains was fertilised
-with pollen of a kind having brown grains, and two ears produced
-yellow grains, but one side of the spindle was tinted with a reddish
-brown; _so that here we have the important fact of the influence of
-the foreign pollen extending to the axis_.« S. 449 (der deutschen
-Ausgabe): »Mr. _Sabine_ (Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 69) gibt
-an, daß er gesehen hat, wie die Form der nahezu kugeligen Samenkapseln
-von Amaryllis vittata durch die Anwendung des Pollens einer anderen
-Spezies, deren Kapseln höckerige Kanten haben, verändert wurden.«
-
-(S. 459): »Ich habe nun nach der Autorität mehrerer ausgezeichneter
-Beobachter der Pflanzen, welche zu sehr verschiedenen Ordnungen
-gehören, gezeigt, daß der Pollen einer Spezies oder Varietät, wenn er
-auf eine distinkte Form gebracht wird, gelegentlich die Modifikation
-der Samenhüllen und des Fruchtknotens oder der Frucht verursacht,
-was sich in einem Falle bis auf den Kelch und den oberen Teil des
-Fruchtstiels der Mutterpflanze erstreckt. Es geschieht zuweilen, daß
-das ganze Ovarium oder alle Samen auf diese Weise modifiziert werden;
-zuweilen wird nur eine gewisse Anzahl Samen, wie in dem Falle bei der
-Erbse, oder nur ein Teil des Ovariums, wie bei der gestreiften Orange,
-den gefleckten Trauben und dem gefleckten Mais, so affiziert. Man darf
-nicht annehmen, daß irgend eine direkte oder unmittelbare Wirkung der
-Anwendung fremden Pollens unabänderlich folgt: dies ist durchaus nicht
-der Fall; auch weiß man nicht, von welchen Bedingungen das Resultat
-abhängt.«
-
-(S. 451): »Die Beweise für die Wirkung fremden Pollens auf die
-Mutterpflanze sind mit beträchtlichem Detail gegeben worden, weil diese
-Wirkung ... von der höchsten theoretischen Bedeutung ist und weil sie
-an und für sich ein merkwürdiger und scheinbar anormaler Umstand ist.
-Daß sie vom physiologischen Standpunkte aus merkwürdig ist, ist klar;
-denn das männliche Element affiziert nicht bloß, im Einklang mit seiner
-eigentlichen Funktion, den Keim, sondern auch die umgebenden Gewebe der
-Mutterpflanze.« (Hier fährt die englische Ausgabe I^2, p. 430, fort):
-»... $We thus see, that an ovule is not indispensable for the reception
-of the influence of the male element.$«
-
-($S. 307, Z. 5 v. u.$) Ich setze den berühmten Bericht im Original her:
-(Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 1821, Part
-I, p. 20 f.):
-
-_A communication of a singular fact in Natural History. By the Right
-Honourable the Earl of $Morton$_, F. R. S., in a Letter addressed to
-the President.
-
- Read, November 23, 1820.
-
- My Dear Sir,
-
- I yesterday had an opportunity of observing a singular
- fact in Natural History, which you may perhaps deem not
- unworthy of being communicated to the Royal Society.
-
- Some years ago, I was desirous of trying the experiment
- of domesticating the Quagga, and endeavoured to procure
- some individuals of that species. I obtained a male;
- but being disappointed of a female, I tried to breed
- from the male quagga and a young chestnut mare of
- seven-eighths Arabian blood and which had never been
- bred from: the result was the production of a female
- hybrid, now five years old, and bearing, both in her
- form and in her colour, very decided indications of
- her mixed origin. I subsequently parted with the
- seven-eighth Arabia mare to Sir _Gore Ouseley_, who
- has bred from her by a very fine black Arabian horse.
- I yesterday morning examined the produce, namely, a
- two-years old filly, and a year-old colt. They have
- the character of the Arabian breed as decidedly as can
- be expected, where fifteen-sixteenths of the blood
- are Arabian; and they are fine specimens of that
- breed; _but both in their colour, and in the hair of
- their manes, they have a striking resemblance to the
- quagga_. Their colour is bay, marked more or less like
- the quagga in a darker tint. Both are distinguished
- by the dark line along the ridge of the back, the
- dark stripes across the fore-hand, and the dark bars
- across the back-part of the legs. The stripes across
- the fore-hand of the colt are confined to the withers,
- and to the part of the neck next to them; those on the
- filly cover nearly the whole of the neck and the back,
- as far as the flanks. The colour of her coat on the
- neck adjoining to the mane is pale and approaching to
- dun, rendering the stripes there more conspicuous than
- those on the colt. The same pale tint appears in a less
- degree on the rump: and in this circumstance of the dun
- tint also she resembles the quagga -- -- -- -- -- --
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- [p. 22] These
- circumstances may appear singular; but I think you
- will agree with me that they are trifles compared with
- the extraordinary fact of so many striking features,
- which do not belong to the dam, being in two successive
- instances communicated through her to the progeny, not
- only of another sire, who also has them not, but of a
- sire belonging probably to another species; for such we
- have very strong reason for supposing the quagga to be.
-
- I am, my dear Sir
- Your faithful humble servant
- $Morton$.
-
-($S. 308, Z. 1 f.$) Besonders ausführlich H. _Settegast_, Die
-Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre, Breslau 1878, S. 223
-bis 234: Infektion (Superfötation). Er verweist alles in das Gebiet des
-Aberglaubens und der Phantastik. »So kommen wir denn zu dem Schluß,
-daß die vermeintliche Infektion der Mutter auf einer Täuschung beruht,
-und daß es unzulässig ist, durch sie die Fälle erklären zu wollen, in
-welchen das Kind in Farbe und Abzeichen, in Form und Eigenschaften
-der Übereinstimmung mit den Eltern ermangelt. Aus unseren bisherigen
-Untersuchungen über Abweichungen von elterlicher Verwandtschaft ist zu
-ersehen, daß die vereinzelten Fälle, welche die Infektionstheorie zu
-ihren Gunsten auslegt, und die zugleich als verbürgt angesehen werden
-dürfen, auf Rechnung der Neubildung der Natur zu schreiben sind.
-
-Durch unsere Ausführungen glauben wir die Infektionstheorie widerlegt
-zu haben: daß es uns gelungen sein sollte, sie für immer zu bannen,
-dürfen wir kaum hoffen. Die Infektionstheorie ist die Seeschlange der
-Vererbungslehre.«
-
-($S. 308, Z. 3.$) F. C. _Mahnke_, Die Infektionstheorie, Stettin 1864.
-Vgl. zu der Frage auch Rudolf _Wagner_, Nachtrag zu R. Leuckarts
-Artikel »Zeugung«, in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV,
-1853, S. 1011 f. Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II,
-Jena 1898, S. 137 f.
-
-($S. 308, Z. 4.$) August _Weismann_, Das Keimplasma, Eine Theorie
-der Vererbung, Jena 1892, S. 503 f. Die Allmacht der Naturzüchtung,
-Jena 1893, S. 81-84, 87-91. Weismann verhält sich, wie er (seiner
-Überzeugung von der völligen Unbeeinflußbarkeit des Keimplasmas
-gemäß) es wohl muß, ablehnend, und beruft sich hiebei vor allem auf
-die eingehenden Erörterungen _Settegasts_. Ähnlich Hugo _de Vries_,
-Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 206-207.
-
-Dagegen ist _Darwin_ von der »direkten Wirkung des männlichen Elementes
-auf das Weibchen« (nicht bloß auf eine einzige Keimzelle desselben)
-überzeugt, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der
-Domestikation, Kap. 27 (Bd. II^2, S. 414, Stuttgart 1873); wie es wohl
-ein jeder sein muß, der sich die ungeheuere Veränderung, welche in den
-Frauen sofort mit Beginn der Ehe eintritt, und ihre außerordentliche
-Anähnlichung an den Mann während derselben vor Augen hält. Vgl. im
-Texte S. 376, 396.
-
-Darwin sagt a. a. O., S. 414: »Wir sehen hier, daß das männliche
-Element nicht den Teil affiziert und hybridisiert, welchen zu
-affizieren es eigentlich bestimmt ist, nämlich das Eichen, sondern die
-besonders entwickelten Gewebe eines distinkten Individuums.«
-
-Ausführlicher spricht Darwin über die Telegonie im 11. Kapitel dieses
-selben Werkes, wo er aus der Literatur eine große Zahl von Fällen
-anführt, welche für ihr Vorkommen beweisend sind (Bd. I^2, S. 453-455):
-
-»In Bezug auf die Varietäten unserer domestizierten Tiere sind viele
-ähnliche und sicher beglaubigte Tatsachen veröffentlicht worden, andere
-sind mir noch mitgeteilt worden; alle beweisen den Einfluß des ersten
-Männchens auf die später von derselben Mutter mit anderen Männchen
-erzeugten Nachkommen. Es wird hinreichen, noch einen einzigen Fall
-mitzuteilen, der in einem auf den des Lord _Morton_ folgenden Aufsatz
-in den »Philosophical Transactions« enthalten ist: Mr. _Giles_ brachte
-eine Sau von Lord _Westerns_ schwarzer und weißer Essexrasse zu einem
-wilden Eber von einer tiefkastanienbraunen Färbung; die produzierten
-Schweine trugen in ihrer äußeren Erscheinung Merkmale sowohl des Ebers
-als der Sau, bei einigen herrschte aber die braune Färbung des Ebers
-bedeutend vor. Nachdem der Eber schon längere Zeit tot war, ward die
-Sau zu einem Eber ihrer eigenen schwarzen und weißen Rasse getan (einer
-Rasse, von welcher man sehr wohl weiß, daß sie sehr rein züchtet und
-niemals irgend eine braune Färbung zeigt); und doch produzierte die
-Sau nach dieser Verbindung einige junge Schweine, welche deutlich
-dieselbe kastanienbraune Färbung besaßen, wie die aus dem ersten Wurfe.
-_Ähnliche Fälle sind so oft vorgekommen, daß sorgfältige Züchter es
-vermeiden, ein geringeres Männchen zu einem ausgezeichneten Weibchen zu
-lassen wegen der Beeinträchtigung der späteren Nachkommen, welche sich
-hienach erwarten läßt._
-
-Einige Physiologen haben diese merkwürdigen Folgen einer ersten
-Befruchtung aus der innigen Verbindung und der freien Kommunikation
-zwischen den Blutgefäßen des modifizierten Embryo und der Mutter
-zu erklären versucht. Es ist indes eine äußerst unwahrscheinliche
-Hypothese, daß das bloße Blut des einen Individuums die
-Reproduktionsorgane eines anderen Individuums in einer solchen Weise
-affizieren könne, daß die späteren Nachkommen dadurch modifiziert
-würden. Die Analogie mit der direkten Einwirkung fremden Pollens auf
-den Fruchtknoten und die Samenhüllen der Mutterpflanze bietet der
-Annahme eine kräftige Unterstützung, daß das männliche Element, so
-wunderbar diese Wirkung auch ist, direkt auf die Reproduktionsorgane
-des Weibchen wirkt, und nicht erst durch die Intervention des
-gekreuzten Embryo.«
-
-Wilhelm Olbers _Focke_, Die Pflanzen-Mischlinge, Ein Beitrag zur
-Biologie der Gewächse, Berlin 1881, S. 510-518: »Ich schlage ...
-vor, solche Abweichungen von der normalen Gestalt oder Färbung,
-welche in irgendwelchen Teilen einer Pflanze durch die Einwirkung vom
-fremden Blütenstaube hervorgebracht werden, als Xenien zu bezeichnen,
-gleichsam als Gastgeschenke der Pollen spendenden Pflanze an die Pollen
-empfangende.« (S. 511.)
-
-($S. 308, Z. 16 v. u.$) Zum »Versehen« vgl. die Anmerkungen zu S. 285 f.
-
-($S. 308, Z. 8 v. u.$) Wie für das Versehen auf _Goethe_ und auf
-_Ibsen_, so hätte ich, wenn ich nicht erst nach Abschluß dieses
-Kapitels hierauf wäre aufmerksam gemacht worden, auch für die Realität
-der Telegonie auf das Werk eines großen Künstlers mich berufen
-können: ich meine Madeleine _Férat_, den wenig gelesenen, aber wohl
-sehr großartigen Roman des jugendlichen _Zola_. Was Zola über die
-Frauen gedacht hat, muß, nach diesem, wie nach anderen Werken, meinen
-Anschauungen sehr nahe gestanden sein. Vgl. Madeleine Férat, Nouvelle
-édition, Paris, Bibliothèque-Charpentier 1898, S. 173 f., besonders
-S. 181 ff. und 251 f., Stellen, die ich ihrer großen Länge wegen nicht
-hiehersetzen kann.
-
-($S. 310, Z. 17.$) Über die Zuhälter vgl. _Lombroso-Ferrero_, Das
-Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, S. 560 ff.
-der deutschen Ausgabe, über ihre Identität mit den eigentlichen
-Verbrechern, ibid. S. 563-564.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 11.
-
-
-($S. 314, Z. 11 f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd. II,
-Kapitel XXVII. -- Die Erzählung in Betreff des Lord _Byron_ ist nach
-R. von _Hornstein_ wiedergegeben von Eduard _Grisebach_ im Anhange zu
-Schopenhauers sämtlichen Werken, Bd. VI, S. 191 f.
-
-($S. 315, Z. 1 v. u.$) _Kant_, Beobachtungen über das Gefühl des
-Schönen und Erhabenen, Königsberg 1764, III. Abschnitt (Bd. VIII,
-S. 36 der Kirchmannschen Ausgabe): »Diese ganze Bezauberung ist im
-Grunde über den Geschlechtstrieb verbreitet. Die Natur verfolgt ihre
-große Absicht, und alle Feinigkeiten, die sich hinzugesellen, sie
-mögen nun so weit davon abzustehen scheinen, wie sie wollen, sind
-nur Verbrämungen und entlehnen ihren Reiz doch am Ende aus derselben
-Quelle.« -- _Schopenhauer_ in seiner wiederholt citierten »Metaphysik
-der Geschlechtsliebe« (Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap.
-44).
-
-($S. 316, Z. 3 v. u. f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd.
-II, § 369.
-
-($S. 318, Z. 10.$) _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, Transscendentale
-Dialektik, I, 3. System der transcendentalen Ideen (S. 287 ff.,
-Kehrbach).
-
-($S. 318, Z. 15-8 v. u.$) Das Lied ist das des Wolfram aus _Wagners_
-Tannhäuser, 2. Aufzug, 4. Scene.
-
-($S. 324, Z. 19 f.$) _Platon_, Phaedrus, p. 251 A. B.: »ὅταν θεοειδὲς
-πρόσωπον ἴδῃ κάλλος εὖ μεμιμημένον, ἤ τινα σώματος ἰδέαν, πρῶτον μὲν
-ἔφριξε ... εἶτα προσορῶν ὡς θεὸν σέβεται, καὶ εἰ μὴ δεδιείη τὴν τῆς
-σφόδρα μανίας δόξαν, θύοι ἂν ὡς ἀγάλματι καὶ θεῷ τοῖς παιδικοῖς. ἰδόντα
-δὲ αὐτὸν, οἷον ἐκ τῆς φρίκης, μεταβολή τε καὶ ἱδρὼς καὶ θερμότης ἀήθης
-λαμβάνει· δεξάμενος γὰρ τοῦ κάλλους τὴν ἀποῤῥοὴν διὰ τῶν ὀμμάτων,
-ἐθερμάνθη ᾗ ἡ τοῦ πτεροῦ φύσις ἄρδεται, θερμανθέντος δὲ ἐτάκη τὰ περὶ
-τὴν ἔκφυσιν, ἃ πάλαι ὑπὸ σκληρότητος συμμεμυκότα εἶργε μὴ βλαστάνειν,
-ἐπιῤῥυείσης δὲ τῆς τροφῆς ᾤδησέ τε καὶ ὥρμησε φύεσθαι ἀπὸ τῆς ῥίζης
-ὁ τοῦ πτεροῦ καυλὸς ὑπὸ πᾶν τὸ τῆς ψυχῆς εἶδος· πᾶσα γὰρ ἦν τὸ πάλαι
-πτερωτή.«
-
-($S. 325, Z. 16-8 v. u.$) Vgl. _Dante_, Paradiso, Canto VII, v. 64-66:
-»La divina bontà, che da sè sperne ogni livore, ardendo in sè sfavilla
-Si che dispiega le bellezze interne.«
-
-($S. 326, Z. 13.$) _Kant_, Kritik der Urteilskraft. -- _Schelling_,
-System des transcendentalen Idealismus, Sämtliche Werke, I. Abteilung,
-Bd. III. -- _Schiller_, Über die ästhetische Erziehung des Menschen.
-
-($S. 326, Z. 17 v. u.$) _Shaftesbury_: nach W. _Windelband_, Geschichte
-der neueren Philosophie in ihrem Zusammenhange mit der allgemeinen
-Kultur und den besonderen Wissenschaften, 2. Aufl., Leipzig 1899, Bd.
-I, S. 272. -- _Herbart_, Analytische Beleuchtung des Naturrechts und
-der Moral, Göttingen 1836, Sämtliche Werke, ed. Hartenstein, Bd. VIII,
-S. 213 ff.
-
-($S. 330, Z. 19 v. u.$) _Platons_ Gastmahl, 206 E.
-
-($S. 330, Z. 11 f. v. u.$) _Platon_ a. a. O., Kap. 27, S. 209 C-E
-(Übersetzung nach _Schleiermacher_).
-
-($S. 331, Z. 17 v. u.$) _Novalis_: »Es ist wunderbar genug, daß
-nicht längst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit
-die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und ihre
-gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.« (Novalis' Schriften,
-herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel, Zweiter Teil, Wien
-1820, S. 288.)
-
-($S. 331, Z. 15 v. u.$) _Bachofen_, Das Mutterrecht, Stuttgart 1861,
-S. 52: »Das stoffliche, das tellurische Sein umschließt beides, Leben
-und Tod. Alle Personifikationen der chthonischen Erdkraft vereinigen in
-sich diese beiden Seiten, das Entstehen und das Vergehen, die beiden
-Endpunkte, zwischen welchen sich, um mit Plato zu reden, der Kreislauf
-aller Dinge bewegt. So ist Venus, die Herrin der stofflichen Zeugung,
-als Libitina die Göttin des Todes. So steht zu Delphi eine Bildsäule
-mit dem Zunamen Epitymbia, bei welcher man die Abgeschiedenen zu den
-Totenopfern heraufruft (Plut. quaest. rom. 29). So heißt Priapus in
-jener römischen Sepulcralinschrift, die in der Nähe des Campanaschen
-Columbariums gefunden wurde, mortis et vitai locus. So ist auch in
-den Gräbern nichts häufiger als Priapische Darstellungen, Symbole der
-stofflichen Zeugung. Ja es findet sich auch in Südetrurien ein Grab,
-an dessen Eingang, auf dem rechten Türpfosten, ein weibliches sporium
-abgebildet ist.« -- Der Kreislauf von Tod und Leben war auch ein
-Lieblingsthema der Reden _Buddhas_. Ihn hat aber auch der tiefste unter
-den voreleatischen Griechen, _Anaximandros_, gelehrt (bei Simplicius
-in Aristot. Physika 24, 18): »ἐξ ὧν ἡ γένεσίς ἐστι τοῖς οὖσι, καὶ τὴν
-φθορὰν εἰς ταῦτα γίνεσθαι κατὰ χρεών. διδόναι γὰρ αὐτὰ τίσιν καὶ δίκην
-τῆς ἀδικίας κατὰ τὴν τοῦ χρόνου τάξιν.«
-
-($S. 332, Z. 10-11.$) Giordano _Bruno_, Gli eroici furori, Dialogo
-secundo 13 (Opere di G. B. Nolano ed. Adolfo Wagner, Vol. II,
-Leipzig 1830, p. 332): »Tutti gli amori, se sono eroici, e non son
-puri animali, che chiamano naturali e cattivi a la generazione come
-instrumenti de la natura, in certo modo hanno per oggetto la divinità,
-tendono a la divina bellezza, la quale prima si comunica a l'anime e
-risplende in quelle, e da quelle poi, o per dir meglio, per quelle poi
-si comunica a li corpi.«
-
-($S. 332, Z. 8-9 v. u.$) Ed. v. _Hartmann_. Phänomenologie des
-sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 699 spricht es nur der allgemeinen
-Meinung nach: »..... es ist an der Zeit, den heranwachsenden
-Mädchen klar zu machen, daß ihr Beruf, wie er durch ihr Geschlecht
-vorgezeichnet ist, nur in der Stellung als Gattin und Mutter sich
-erfüllen läßt, daß er in nichts anderem besteht, als in dem Gebären und
-Erziehen von Kindern, daß die tüchtigste und am höchsten zu ehrende
-Frau diejenige ist, welche der Menschheit die größte Zahl besterzogener
-Kinder geschenkt hat, und daß alle sogenannte Berufsbildung der Mädchen
-nur einen traurigen Notbehelf für diejenigen bildet, welche das Unglück
-gehabt haben, ihren wahren Beruf zu verfehlen.«
-
-($S. 332, Z. 8 v. u.$) Besonders im Judentum werden zum Teil noch
-heute unfruchtbare Frauen als zwecklos betrachtet (vgl. Kapitel
-XIII, S. 417). Aber auch nach deutschem Recht »durfte der Mann wegen
-Unfruchtbarkeit seiner Frau .... geschieden zu werden verlangen«. Jakob
-_Grimm_, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Ausgabe, Leipzig 1899, S. 626.
-
-($S. 333, Z. 13 f.$) Das französische Citat stammt aus dem Cyklus
-»Sagesse« (Paul _Verlaine_, Choix de Poésies, Edition augmentée d'une
-Préface de François Coppée, Paris 1902, p. 179).
-
-($S. 336, Z. 15.$) Vgl. Liebeslieder moderner Frauen, eine Sammlung von
-Paul _Grabein_, Berlin 1902.
-
-($S. 337, Z. 15.$) Poros und Penia als Eltern des Eros: nach der so
-tiefen Fabel des platonischen Gastmahls (p. 203, B-D). Vgl. S. 340 und
-397.
-
-($S. 338, Z. 8 v. u. ff.$) Zu der Wirkung des männlichen
-Geschlechtsteiles auf das weibliche Geschlecht vgl. eine Erzählung
-_Freuds_ (_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, Leipzig
-und Wien, S. 113); vor allem aber die großartige Scene in _Zolas_
-Roman »Germinal« (Quinzième Partie, Fin, p. 416), wo die Frauen das
-Zeugungsglied des gemordeten und nach dem Tode kastrierten Maigrat
-erblicken.
-
-($S. 339, Z. 6.$) Erst lange, nachdem ich diese Stelle
-niedergeschrieben hatte, wurde ich darauf aufmerksam, daß fascinum, von
-dem fascinare sich herleitet, im Lateinischen (z. B. Horaz, Epod. 8,
-18) nichts anderes als das männliche Glied bedeutet. Die Wirkung des
-männlichen Bartes auf die Frau ist zwar eine bedeutend schwächere und
-nicht gleich allgemeine, aber mit der des Zeugungsgliedes psychologisch
-nicht ohne Verwandtschaft.
-
-($S. 340, Z. 9 f.$) _Plato_, Symposion, 202, D-E: Τί οὖν ἄν εἴη ὁ
-Ἔρως;.... Μεταξὺ θνητοῦ καὶ ἀθανάτου, .... δαίμων μέγας, ὦ Σώκρατες·
-καὶ γὰρ πᾶν τὸ δαιμόνιον μεταξύ ἐστι θεοῦ τε καὶ θνητοῦ. 203 E: οὔτε
-ἀπορεῖ Ἔρως ποτὲ οὔτε πλουτεῖ. σοφίας τε αὖ καὶ ἀμαθίας ἐν μέσῳ ἐστίν.
-
-($S. 340, Z. 14 f.$) Der neueste Darsteller der platonischen
-Gedankenwelt ist ein Anhänger _Mills_: Theodor _Gomperz_, Griechische
-Denker, eine Geschichte der antiken Philosophie, Bd. II, Leipzig 1902,
-S. 201 ff. In manchen Regionen scheint dieser vielfach hochverdiente
-Autor selbst gefühlt zu haben, wie ferne er einem Verständnis der
-inneren Denkmotive des Philosophen ist. Interessanter sind jene Stellen
-des Buches, wo der Verfasser Plato zu begreifen meint und beloben zu
-müssen glaubt. Vor dem Geiste der Modernität, welcher die höchsten
-Synthesen, deren er fähig war, im Lawn-tennis-Spiele vollzogen hat,
-vermögen nur zwei Stellen des »Staates« vollste Gnade zu finden. (»_Wir
-dürfen es Plato hoch anrechnen_, daß er die ‚hinkende’ Einseitigkeit
-des bloßen Sport- und Jagdliebhabers nicht stärker mißbilligt als
-jene, die sich nur um die Pflege des Geistes und gar nicht um jene
-des Körpers kümmert .... Nicht minder bezeichnend ist es, daß er
-auch bei der Auswahl der Herrscher neben den Charaktereigenschaften
-nach Möglichkeit die Wohlgestalt berücksichtigt wissen will .... Hier
-ist der asketische Verfasser des Phaedon wieder ganz und gar Hellene
-geworden.« S. 583.) Dem Dialog über den Staatsmann wird wie als höchste
-Anerkennung diese, daß »ein Hauch von baconischem, modern induktivem
-Geiste ihn gestreift« habe (S. 465). Gleichsam als das Ruhmwürdigste im
-»Phaedon« erscheint die Antizipation der Associationsgesetze (S. 356),
-und allen Ernstes wird als eine »wunderbare Äußerung Platons« eine
-Stelle des Sophisten (247, D E) gepriesen, die als eine Vorwegnahme der
-»modernen Energetik« vielleicht aus purem Wohlwollen gegen den Denker
-mißverstanden wird, der mit John Stuart Mill so gar keine Ähnlichkeit
-hatte (S. 455). Wie es unter solchen Umständen dem Timaeus ergeht,
-das kann man sich leicht ausmalen. Man sollte übrigens -- und diese
-Bemerkung richtet sich nicht bloß gegen eine unzulängliche Darstellung
-Platos -- es durchaus unterlassen, einen Philosophen oder Künstler
-deswegen zu loben, weil die Nur-Wissenschaftler nach tausend Jahren
-einen Gedanken von ihm zu begreifen anfangen. _Goethe_, _Plato_ und
-_Kant_ sind zu größeren Dingen auf der Erde erschienen, als empirische
-Wissenschaft aus ihrer Erfahrung allein je einsehen oder begründen
-könnte.
-
-($S. 340, Z. 13 v. u.$) O. _Friedländer_ bemerkt in seinem Aufsatz
-»Eine für viele« (vgl. zu S. 115, Z. 10 v. u.) S. 180 f. sehr scharf,
-aber wahr: »Nichts kann den Frauen ferner gelegen sein, als der Kampf
-gegen die voreheliche Unkeuschheit des Mannes. Was sie im Gegenteil von
-dem letzteren verlangen, ist die subtilste Kenntnis aller Details des
-Geschlechtslebens und der Entschluß, diese theoretische Superiorität
-auch praktisch zur Geltung zu bringen ... Die Jungfrau vertraut ihre
-unberührten Reize meist lieber den bewährten Händen des ausgekneipten
-Wüstlings an, der lange das Reifeexamen der ars amandi abgelegt hat,
-als den zitternden Fingern des erotischen Analphabeten, der das Abc der
-Liebe kaum zu stammeln vermag.«
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 12.
-
-
-($S. 342, Z. 6.$) Das Motto aus _Kant_ habe ich irgendwo citiert
-gefunden, kann mich aber nicht entsinnen, wo, noch war es mir möglich,
-in Kantens Schriften selbst es zu entdecken. In den »Fragmenten aus
-dem Nachlaß« (Bd. VIII, S. 330, ed. Kirchmann) heißt es: »Wenn man
-bedenkt, daß Mann und Frau ein moralisches Ganze ausmachen, so muß man
-ihnen nicht einerlei Eigenschaften beilegen, sondern der einen solche
-Eigenschaften, die dem anderen fehlen« -- übrigens eine Ansicht, durch
-die leicht die Wahrheit umgekehrt erscheinen könnte: der Mann hat alle
-Eigenschaften der Frau in sich, zumindest als Möglichkeiten; dagegen
-ist die Frau ärmer als der Mann, weil nur ein Teil desselben. (Vgl. den
-Schluß dieses Kapitels.)
-
-($S. 343, Z. 17.$) Paul Julius _Moebius_, Über den physiologischen
-Schwachsinn des Weibes, 5. Aufl., Halle 1903. Über einige Unterschiede
-der Geschlechter, in: Stachyologie, Weitere vermischte Aufsätze,
-Leipzig 1901, S. 125-138.
-
-($S. 350, Z. 13.$) Man übertreibt oft die Stärke des Verlangens
-nach dem Kinde bei der Frau. Ed. v. _Hartmann_ (Phänomenologie des
-sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 693) bemerkt zum Teil mit Recht:
-»Der Instinkt nach dem Besitz von Kindern ist bei _jungen_ Frauen
-und Mädchen keineswegs so allgemein und entschieden ausgeprägt, als
-man gemeinhin annimmt, und als die Mädchen selbst dies erheucheln,
-um dadurch die Männer anzuziehen; erst in reiferen Jahren pflegen
-kinderlose Frauen ihren Zustand als schmerzliche Entbehrung im
-Vergleich zu ihren kinderbesitzenden Altersgenossinnen zu fühlen
-.... Meist geschieht es mehr, um den Mann zufrieden zu stellen, als
-um ihrer selbst willen, wenn junge Frauen sich Kinder wünschen; der
-Mutterinstinkt erwacht erst, wenn der hilfefordernde junge Weltbürger
-_wirklich da ist_.« Man sieht übrigens, wie notwendig sowohl in dieser
-Frage als den ewig wiederholten Behauptungen der Gynäkologen gegenüber
-(für welche das Weib theoretisch immer nur eine Brutanstalt ist) die im
-10. Kapitel durchgeführte Zweiteilung ist.
-
-($S. 353, Z. 2.$)
-
- »Das _Weib_ ist's, das ein _Herz_ sucht, nicht _Genuß_.
- Das Weib ist keusch in seinem tiefsten Wesen,
- Und was die Scham ist, weiß doch nur ein Weib.«
-
-_Hamerling_, Ahasver in Rom, II. Gesang: Werke, Volksausgabe Hamburg,
-Bd. I, p. 58.
-
-($S. 355, Z. 6 f.$) Herbert _Spencer_, Die Prinzipien der Ethik, Bd. I,
-Stuttgart 1894, S. 341 f.
-
-($S. 355, Z. 16 v. u. f.$) _Ellis_, Mann und Weib, S. 288 äußert die
-interessante Vermutung, daß auch die Erscheinung der _Mimicry_ mit der
-_Suggestibilität_ in einem Zusammenhange stehe. Mit der Darstellung im
-Texte würde das vielleicht sich besser reimen als irgend eine andere
-Deutung jenes Phänomenes.
-
-($S. 356, Z. 5 v. u. ff.$) _Wolfram von Eschenbach_, Parzival,
-übersetzt von Karl Pannier (Leipzig, Universalbibliothek), Buch IV,
-Vers 698 ff.
-
-($S. 357, Z. 19 v. u. ff.$) Sehr vereinzelt ist unter den Psychiatern
-eine Stimme, wie die Konrad _Riegers_, Professors in Würzburg: »Was
-ich erstrebe ist die Autonomie der Psychiatrie und Psychologie. Sie
-sollen beide frei sein von einer Anatomie, die sie nichts angeht; von
-einer Chemie, die sie nichts angeht. Eine psychologische Erscheinung
-ist etwas ebenso Originales wie eine chemische und anatomische. Sie hat
-keine Stützen nötig, an die angelehnt werden müßte.« (Die Kastration in
-rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 31.)
-
-($S. 357, Z. 1 v. u. f.$) Pierre _Janet_, L'État mental des
-Hystériques, Paris 1894; L'Automatisme psychologique, Essai de
-Psychologie expérimentale sur les formes inférieures de l'activité
-humaine, 3. éd., Paris 1898; F. _Raymond_ et Pierre _Janet_, Névroses
-et Idées fixes, Paris 1898. -- Oskar _Vogt_: in den zu S. 372, Z. 13
-v. u. citierten Aufsätzen. -- Jos. _Breuer_ und Sigm. _Freud_, Studien
-über Hysterie, Leipzig und Wien 1895.
-
-($S. 358, Z. 9.$) Sigmund _Freud_, Zur Ätiologie der Hysterie, Wiener
-klinische Rundschau, X, S. 379 ff. (1896, Nr. 22-26). Die Sexualität in
-der Ätiologie der Neurosen, ibid. XII, 1898, Nr. 2-7.
-
-($S. 358, Z. 13 v. u.$) »Fremdkörper« nach _Breuer_ und _Freud_.
-Studien über Hysterie, S. 4.
-
-($S. 358, Z. 8 v. u.$) Hier gedenkt man vielleicht der vollendetsten
-Frauengestalt _Zolas_, der _Françoise_ aus dem Romane »La Terre«, und
-ihres Verhaltens gegen den von ihr bis zum Schlusse ganz unbewußt
-begehrten und stets zurückgewiesenen _Buteau_.
-
-($S. 359, Z. 1 ff.$) Unter den hysterischen _Männern_ sind wohl viele
-sexuelle Zwischenformen. Eine Bemerkung _Charcots_ weist darauf hin
-(Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems, insbesondere
-über Hysterie, übersetzt von Sigmund _Freud_, Leipzig und Wien 1886,
-S. 70): »Beim Manne sieht man nicht selten einen Hoden, _besonders wenn
-er Sitz einer Lage- oder Entwicklungsanomalie_ ist, in eine hysterogene
-Zone einbezogen.« Vgl. S. 74 über einen hysterischen Knaben von
-weibischer Erscheinung. Eine Stelle, die ich in demselben Buche gelesen
-zu haben mich bestimmt entsinne, aber später nicht mehr aufzufinden
-vermochte, gibt an, daß der Hode besonders dann eine hysterogene Zone
-bilde, _wenn er im Leistenkanal zurückgeblieben sei_. Beim Weibe aber
-sind die hysterogenen Punkte auch lauter sexuell besonders stark
-hervorgehobene (Der Ilial-, Mammar-, Inguinalpunkt, die »Ovarie«, vgl.
-_Ziehens_ Artikel »Hysterie« in Eulenburgs Realenzyklopädie). Der
-Hode, welcher den Descensus nicht vollzogen hat, ist eine Keimdrüse
-von stark weiblicher Sexualcharakteristik (nach Teil I, Kap. 2); er
-steht einem Ovarium nahe und kann auch dessen Eigenschaften übernehmen,
-also hysterogen werden. -- Ich habe einmal in einer Vorlesung einen
-Psychiater die Unrichtigkeit der Lehre von der Weiblichkeit der
-Hysterie an einem Knaben demonstrieren sehen, dessen Testikel ihrer
-besonderen Kleinheit wegen ihm selbst aufgefallen waren.
-
-Nach _Briquet_ (citiert bei _Charcot_ a. a. O., S. 78) kommen 20
-hysterische Frauen auf einen hysterischen Mann.
-
-Im übrigen hat auch der männlichste Mann, vielleicht gerade er am
-stärksten, die _Möglichkeit_ des Weibes in sich. _Hebbel_, _Ibsen_,
-_Zola_ -- die drei größten Kenner des Weibes im 19. Jahrhundert --
-sind extrem männliche Künstler, der letztere so sehr, daß seine Romane
-_trotz ihrem oft so sexuellen Gehalte_ bei den Frauen auffallend wenig
-in Gunst stehen ... Je mehr Mann einer ist, desto mehr vom Weibe
-hat er in sich _überwunden_, und es ist vielleicht der männlichste
-Mann insofern zugleich der weiblichste. Hiemit ist die Seite 108
-aufgeworfene Frage wohl am richtigsten beantwortet.
-
-($S. 359, Z. 21 v. u. ff.$) Pierre _Janet_ kommt meiner Auffassung
-von der passiven Übernahme der Anschauungsweise des Mannes einmal
-ziemlich nahe. Névroses et Idées fixes I, 475 f.: »... On a vu que
-le travail du directeur pendant les séances ... a été un travail de
-synthèse; il a organisé des résolutions, des croyances, des émotions,
-il a aidé le sujet à rattacher à sa personnalité des images et des
-sensations. Bien plus il a échafaudé tout ce système de pensées autour
-d'un centre spécial qui est le souvenir et l'image de sa personne.
-Le sujet a emporté dans son esprit et dans son cerveau une synthèse
-nouvelle, passablement artificielle et très fragile, sur laquelle
-l'émotion a facilement exercé sa puissance désorganisatrice,« p. 477:
-les phénomènes »consistent toujours dans une affirmation et une volonté
-c'est-à-dire une direction imposée aux gens qui ne peuvent pas vouloir,
-qui ne peuvent pas s'adapter, qui vivent d'une manière insuffisante«.
-
-($S. 359, Z. 12 v. u.$) Abulie: Vgl. die Beschreibung _Janets_ (Un cas
-d'aboulie et d'idées fixes, Névroses et Idées fixes, Vol. I, p. 1 ff.).
-
-($S. 360, Z. 8 f.$) Von der außerordentlichen _Leichtgläubigkeit_ der
-Hysterikerinnen spricht Pierre _Janet_, L'Automatisme Psychologique,
-Essai de psychologie expérimentale sur les formes inférieures de
-l'activité humaine, 3. éd. Paris 1899, p. 207 f. Ferner pag. 210: »Ces
-personnes, en apparence spontanées et entreprenantes, sont de la plus
-étrange docilité quand on sait de quelle manière il faut les diriger.
-De même que l'on peut changer un rêve par quelques mots adressés au
-dormeur, de même on peut modifier les actes et toutes la conduite
-d'un individu faible par un mot, une allusion, un signe léger auquel
-il obéit aveuglément tandis qu'il résisterait avec fureur si on avait
-l'air de lui commander.« _Briquet_, Traité clinique et thérapeutique
-de l'hystérie, Paris 1859, p. 98: »Toutes les hystériques que j'ai
-observées étaient extrêmement _impressionables_. Toutes, dès leur
-enfance, étaient très craintives; elles avaient une peur extrême d'être
-grondées, et quand il leur arrivait de l'être, elles étouffaient,
-sanglotaient, fuyaient au loin ou se trouvaient mal.« (Vgl. im Texte
-weiter unten über die hysterische Konstitution.) Wie hiegegen der
-Eigensinn der Hysterischen alles eher denn einen Einwand bildet, das
-geht hervor aus der glänzenden Bemerkung von _Lipps_ (Suggestion und
-Hypnose, S. 483, Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen
-und der historischen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu
-München, 1897, Bd. II): »..... _blinder Eigensinn ist im Prinzip
-dasselbe wie blinder Gehorsam_ ....., es kann nicht verwundern, wenn
-..... beim suggestibeln ..... Beides angetroffen wird. Der größte
-Grad der Suggestibilität ..... bedingt die Willensautomatie. Hier
-wirkt ausschließlich oder übermächtig der im Befehl eingeschlossene
-Willensantrieb. Ein geringerer Grad der Suggestibilität dagegen kann
-neben der Willensautomatie das blinde Zuwiderhandeln gegen den Befehl
-erzeugen.«
-
-($S. 360, Z. 16-21.$) Auch _Freuds_ »_Deckerinnerungen_«,
-(Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, VI, 1899), gehören
-hieher. Es sind das die Reaktionen des Schein-Ich auf diejenigen
-Ereignisse, auf welche es anders antwortet als die eigentliche Natur.
-
-($S. 360, Z. 13 v. u. f.$) Z. B. Th. _Gomperz_, Griechische Denker,
-Leipzig 1902, II, 353: »Erst unsere Zeit hat ..... der vermeintlichen
-Einfachheit der Seele Tatsachen des »doppelten Bewußtseins« und
-verwandte Vorgänge gegenübergestellt«.
-
-($S. 360, Z. 5 v. u.$) Vgl. auch S. 277, Z. 1 ff. und die Anmerkung
-hiezu.
-
-($S. 361, Z. 14.$) »Anorexie«, Mangel an Streben, hat man das
-zeitweilige Fehlen aller Emotivität, den völligen Indifferentismus
-der Hysterischen genannt: dieser resultiert aus der Unterdrückung
-der weiblichen Triebe, indem eben die einzige Wertung hier aus dem
-Bewußtsein verdrängt ist, deren die Frauen fähig sind und die sonst ihr
-Handeln bestimmt.
-
-($S. 361, Z. 17.$) Über den »Shock nerveux« vgl. Oeuvres complètes de
-J. M. _Charcot_, Leçons sur les maladies du système nerveux, Tome III,
-Paris 1887, p. 453 ff.
-
-($S. 361, Z. 22.$) »Gegenwille«: _Breuer_ und _Freud_, Studien über
-Hysterie, S. 2.
-
-($S. 361, Z. 14 v. u.$) Über die »Abwehr«: _Freud_, Neurologisches
-Zentralblatt, 15. Mai 1894, S. 364.
-
-($S. 361, Z. 4 v. u.$) Das »schlimme Ich«: Ausdruck einer Patientin
-_Breuers_ (Breuer und Freud, Studien über Hysterie, S. 36).
-
-($S. 362, Z. 7.$) Der Ausdruck »_Konversion_«, »konvertieren« ist
-eingeführt worden von _Freud_, Die Abwehr-Neuropsychosen, Versuch einer
-psychologischen Theorie der akquirierten Hysterie, vieler Phobien
-und Zwangsvorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen,
-Neurologisches Zentralblatt, Bd. XIII, 1. Juni 1894, S. 402 ff. Vgl.
-auch _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 73, 105, 127,
-177 ff., 190, 261. Er bedeutet: Umsetzung gewaltsam unterdrückter
-psychischer Erregung in körperliche Dauersymptome.
-
-($S. 362, Z. 11.$) Vgl. P. J. _Moebius_, Über den Begriff der Hysterie,
-Zentralblatt für Nervenheilkunde, Psychiatrie und gerichtliche
-Psychopathologie, XI, 66-71 (1. II. 1888).
-
-($S. 363, Z. 9.$) _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 6.
-
-($S. 363, Z. 11 v. u.$) _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie,
-S. 10, 203.
-
-($S. 364, Z. 3.$) Zur hysterischen Heteronomie vgl. z. B. Pierre
-_Janet_, Névroses et Idées fixes, I, 458: »D....., atteinte de foluè du
-scrupule, me demande si réellement elle est très méchante, si tout ce
-qu'elle fait est mal; je lui certifie qu'il n'en est rien et elle s'en
-va contente.«
-
-($S. 364, Z. 21 v. u.$) O. _Binswanger_, Artikel »Hypnotismus« in
-Eulenburgs Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde, 3. Aufl., Bd.
-XI, S. 242: »Hysterische Individuen geben die reichste Ausbeute an
-hypnotischen Erscheinungen.«
-
-($S. 365, Z. 1 ff.$) Daß das Verhältnis zwischen Hypnotiseur und Medium
-ein sehr sexuelles ist, wird durch die merkwürdigen, besonders von
-Albert _Moll_ (Der Rapport in der Hypnose, Untersuchungen über den
-tierischen Magnetismus, Schriften für psychologische Forschung, Heft
-III-IV, Leipzig 1892) studierten Tatsachen des »Isolier-Rapportes«
-bewiesen. Literatur bei _Janet_, Névroses et Idées fixes, Vol. I,
-Paris 1898, p. 424, vgl. auch p. 425: »Si le sujet n'a été endormi
-qu'un très petit nombre de fois à des intervalles éloignés ... il se
-réveillera de l'hypnose dans un état presque normal et ne conservera
-de son hypnotiseur aucune préoccupation particulière ... Au contraire,
-si, pour un motif quelconque ... les séances de somnambulisme sont
-rapprochées, il est facile de remarquer que l'attitude du sujet
-vis-à-vis de l'hypnotiseur ne tarde pas à se modifier. Deux faits
-sont surtout apparents: le sujet, qui d'abord avait quelque crainte
-ou quelque répugnance pour le somnambulisme, recherche maintenant les
-séances avec un désir passioné; en outre, surtout à un certain moment,
-il parle beaucoup de son hypnotiseur et s'en préoccupe d'une façon
-évidemment excessive.« Also wirkt die Hypnose ganz wie der Koitus auf
-das Weib, es findet um so mehr Geschmack daran, je öfter sie wiederholt
-wird. Vgl. p. 427 f. über die »passion somnambulique«: »Les malades ...
-se souviennent du bien-être que leur a causé le somnambulisme précédent
-et ils n'ont plus qu'une seule pensée, c'est d'être endormis de
-nouveau. Quelques malades voudraient être hypnotisés par n'importe qui,
-mais le plus souvent il n'en est pas ainsi, c'est leur hypnotiseur,
-celui qui les a déjà endormis fréquemment, qu'ils réclament avec une
-impatience croissante.« p. 447 über die Eifersucht der Medien: »...
-beaucoup de magnétiseurs ont bien décrit la souffrance qu'éprouve une
-somnambule quand elle apprend que son directeur endort de la même
-manière une autre personne.« Ferner p. 451: »Si Qe., même seule, laisse
-sa main griffonner sur le papier, elle voit avec étonnement qu'elle
-a sans cesse écrit mon nom ou quelque recommandation que je lui ai
-faite.« »Si je la laisse regarder [une boule de verre] en évitant
-de lui rien suggérer, elle ne tarde pas à voir ma figure dans cette
-boule.« Janet selbst bespricht die Frage, ob die hypnotischen Phänomene
-sexuelle seien, S. 456 f., verneint sie aber aus ganz unstichhältigen
-Gründen, z. B. weil die Hypnotisierte oft vor dem Magnetiseur Angst
-habe, oder ihm mütterliche Gefühle entgegenbringe; aber es ist klar,
-daß die Angst der Frauen vor dem Manne nur die Verschleierung eines
-erwartungsvollen Begehrens, und das mütterliche Verhältnis eben auch
-ein geschlechtliches ist. _Moll_ selbst sagt S. 131: »Eine gewisse
-Verwandtschaft der geschlechtlichen Liebe mit dem suggestiven Rapport
-kann übrigens für einzelne Fälle nicht geleugnet werden.« _Freud_ bei
-_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 44: »So macht sich
-jedesmal schon während der Massage mein Einfluß geltend, sie wird
-ruhiger und klarer und findet auch ohne hypnotisches Befragen die
-Gründe ihrer jedesmaligen Verstimmung u. s. f.« So wie die sexuellen
-Bande, welche eine Frau an einen Mann knüpfen, gelockert werden durch
-jede Schwäche, jede Lüge des letzteren, so vermag auch der Einfluß
-einer Suggestion gebrochen zu werden, sobald der Wille des Suggestors
-sich als gegensätzlich zu dem herausgestellt hat, was speziell von ihm
-erwartet wurde. Einen solchen Fall teilt _Freud_ mit (_Breuer_ und
-_Freud_, Studien über Hysterie, S. 64 f.): »Die Mutter ... gelangte auf
-einem Gedankenwege, dem ich nicht nachgespürt habe, zum Schluß, daß wir
-beide, Dr. N... und ich, Schuld an der Erkrankung des Kindes trügen,
-weil wir ihr das schwere Leiden der Kleinen als leicht dargestellt,
-hob gewissermaßen durch einen Willensakt die Wirkung meiner Behandlung
-auf und verfiel alsbald wieder in dieselben Zustände, von denen ich
-sie befreit hatte.« Das Verhältnis zwischen Medium und Hypnotiseur ist
-eben stets und unabänderlich, zumindest auf der Seite des ersteren, ein
-_sexuelles_ oder einem sexuellen ganz analog.
-
-($S. 365, Z. 9.$) _Breuer_ bei _Breuer_ und _Freud_, Studien über
-Hysterie, S. 6-7.
-
-($S. 365, Z. 2 v. u.$) Umwandlung des hysterischen Anfalls in
-Somnambulismus: Pierre _Janet_, Névroses et Idées fixes, Vol. I, Paris
-1898, p. 160 f.
-
-($S. 366, Z. 9-12.$) Es ist wohl überaus gewagt und sagt mir, als zu
-grob, selbst wenig zu, auch die etwaigen Heilerfolge der Ovariotomie
-hysterischer Erkrankung gegenüber, von denen so häufig berichtet wird,
-im Sinne meiner Theorie zu interpretieren. Dennoch fügen sich die
-zahlreichen bezüglichen Angaben, wenn auf sie nur Verlaß ist, leicht
-in die Gesamtanschauung. Die Geschlechtlichkeit nämlich, welche der
-Imprägnation mit dem gegengeschlechtlichen Willen entgegensteht, wird
-durch jene Operation radikal aufgehoben oder ungemein vermindert (vgl.
-Teil I, Kap. 2), und so entfällt der Anlaß zum Konflikte.
-
-(S. 367, Z. 1 ff.) F. _Raymond_ et Pierre _Janet_, Névroses et Idées
-fixes, Vol. II, Paris 1898, p. 313: »La malade entre à l'hôpital
-... nouvelle émotion en voyant une femme qui tombe par terre: cette
-émotion bouleverse l'équilibre nerveux, lui rend tout à coup la
-parole et transforme l'hémiplégie gauche en paraplégie complète. _Ces
-transformations, ces équivalences sont bien connues dans l'hystérie_;
-ce n'est pas une raison pour que nous ne déclarions pas qu'elles sont
-à notre avis très étonnantes et probablement très instructives sur le
-mécanisme du système nerveux central.«
-
-($S. 367, Z. 2 v. u. f.$) Hiemit stimmen alle Angaben über den
-Charakter der Hysterischen gut überein. Z. B. bemerkt _Sollier_,
-Genèse et Nature de l'Hystérie, Paris 1897, Vol. I, p. 460: »Elles
-[les hystériques] sentent instinctivement qu'elles ont besoin d'être
-dirigées, commandées, et c'est pour cette raison qu'elles s'attachent
-de préférence à ceux qui leur imposent, chez qui elles sentent une
-volonté très-forte.« Er citiert die Äußerung einer seiner Patientinnen:
-»II faut que je sois en sous-ordre; ... je sais bien faire ce qu'on
-me commande, mais je ne serais pas capable de faire les choses toute
-seule, et encore moins de commander à d'autres.«
-
-($S. 368, Z. 10.$) Man könnte vielleicht glauben, daß die _Mutter_
-das hysterische Weib sei: dies war eine Zeitlang meine Anschauung,
-da ich die Mutter für weniger sinnlich hielt und die Hysterie aus
-einem Konflikte zwischen dem bloß nach dem Kinde gehenden Wunsche
-des Einzelwesens und dem Widerstreben gegen das, diesen Zweck zu
-erreichen, erforderliche Mittel, also aus einem im Unbewußten
-erfolgenden Zusammenstoß von Individual- und Gattungswillen in
-einem einzigen Individuum mir zu erklären suchte. Nach _Briquet_
-sind aber Prostituierte sehr häufig hysterisch. Es besteht hierin
-kein Unterschied zwischen Mutter und Dirne. Denn ebenso können
-Hysterikerinnen auch Mütter sein: die _Léonie_, an der Pierre
-_Janet_ so viele Erfahrungen gesammelt hat, betrachtete ihn, der ihr
-Magnetiseur war, als ihren _Sohn_ (Névroses et Idées fixes, Vol. I,
-p. 447). Ich habe seither reichlich Gelegenheit gefunden, selbst
-wahrzunehmen, daß Mütter und Prostituierte unterschiedslos hysterisch
-sind.
-
-($S. 370, Z. 13.$) Paul _Sollier_, Genèse et Nature de l'Hystérie,
-Recherches cliniques et expérimentales de Psycho-Physiologie Paris
-1897, Vol. I, p. 211: »..... L'anésthésie est bien plus fréquente
-chez les hystériques que l'hyperésthésie, et par suite la frigidité
-est l'état le plus habituel ..... Il est aussi une conséquence de
-l'anésthésie des organes sexuels chez l'hystérique qu'il est bon de
-signaler et que j'ai été à même de constater: c'est l'absence de
-sensation des mouvements du foetus pendant la grossesse. Quoique
-ceux-ci soient faciles à démontrer par la palpation, ce phénomène
-peut cependant donner dans certains cas des craintes non justifiées
-sur la santé du foetus; ou pousser certaines femmes à réclamer une
-intervention en niant énergiquement qu'elles sont enceintes.« Zum
-zehnten Kapitel (S. 291) würde das wohl stimmen: die Verleugnung der
-Sexualität muß auch eine Verleugnung des Kindes mit sich führen. Vgl.
-ferner bei _Sollier_ noch Vol. I, pag. 458: »Chez celles-ci [les
-grandes hystériques] il y a de l'anésthésie génitale comme de tous
-les organes, et elles sont ordinairement complètement frigides .....
-Certaines hystériques prennent l'horreur des rapports conjugaux qui
-leur sont ou absolument indifférents quand elles sont anésthésiques, ou
-désagréables quand elles ne le sont pas tout-à-fait.«
-
-($S. 370, Z. 17.$) Oskar _Vogt_, Normalpsychologische Einleitung in
-die Psychopathologie der Hysterie, Zeitschrift für Hypnotismus, Bd.
-VIII, 1899, S. 215: »Ich gebe A. einerseits die Suggestion, daß bei
-jeder Berührung des rechten Armes in ihm die Vorstellung einer roten
-Farbe auftauchen solle, und anderseits mache ich den rechten Arm
-anästhetisch. Berühre ich jetzt den Arm, so empfindet A. nicht die
-Berührung trotz darauf eingestellter Aufmerksamkeit, aber bei jeder
-meiner nicht von A. empfundenen Berührungen tritt doch die Vorstellung
-der roten Farbe in A. auf.«
-
-($S. 372, Z. 3.$) Guy de _Maupassant_, Bel-Ami, Paris, S. 389 f.
-
-($S. 372, Z. 4-8.$) Von einem solchen sehr lehrreichen Fall von
-Imprägnation durch gänzlich von außen gekommene Vorstellungen erzählt
-_Freud_ bei Breuer und Freud, Studien über Hysterie, 1895, S. 242 f.
-Eine Dame phantasiert da in den Symbolen der Theosophen, in deren
-Gesellschaft sie eingetreten ist. Auf Freuds Frage, seit wann sie sich
-Vorwürfe mache und mit sich unzufrieden sei, antwortet sie, _seitdem
-sie Mitglied des Vereines geworden sei und die von ihm herausgegebenen
-Schriften lese_. Suggestibel sind Frauen wie Kinder eben auch durch
-Bücher.
-
-($S. 372, Z. 13.$) Der Ausdruck »Schutzheilige etc.« stammt von
-_Breuer_ (_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 204).
-Einiges Interessante in einem freilich tendenziös antireligiösen
-Schriftchen des Dr. _Rouby_, L'Hystérie de Sainte Thérèse (Bibliothèque
-diabolique), Paris, Alcan, 1902, p. 11 f., 16 f., 20 f., 39 f. _Gilles
-de la Tourette_, Traité clinique et thérapeutique de l'Hystérie
-d'après l'enseignement de la Salpétrière, Paris 1891, Vol. I, p. 223
-bemerkt: »Il n'est pas douteux que sainte Thérèse ..... fût atteinte de
-cardialgie hystérique, ou mieux d'angine de poitrine de même nature,
-complexus qui s'accompagne souvent de troubles hyperésthésiques de
-la région précordiale.« _Hahn_, Les phénomènes hystériques et les
-révélations de Sainte-Thérèse, Revue des Questions Scientifiques, Vol.
-XIV et XV, Bruxelles 1882. Charles _Binet-Sanglé_, Physio-Psychologie
-des Religieuses, Archives d'Anthropologie criminelle, XVII, 1902,
-p. 453-477, 517-545, 607-623.
-
-($S. 372, Z. 13 v. u. f.$) Oskar _Vogt_, Die direkte psychologische
-Experimentalmethode in hypnotischen Bewußtseinszuständen, Zeitschrift
-für Hypnotismus V, 1897, S. 7-30, 180-218. (Vgl. besonders S. 195 ff.:
-»Die Erfahrung lehrt, daß die Exaktheit der Selbstbeobachtung
-noch durch Suggestionen gesteigert werden kann.« S. 199: »Die
-Selbstbeobachtung kann gehoben werden: einmal durch spezialisierte
-Intensitätsverstärkungen oder Hemmungen und dann durch Einengung
-des Wachseins und damit der Aufmerksamkeit auf die am Experiment
-beteiligten Bewußtseinselemente.« S. 218: »Es kann sich im einzelnen
-Menschen hohe Suggestibilität mit der Fähigkeit einer kritischen
-Selbstbeobachtung verbinden« [nämlich im Zustande des vom Hypnotiseur
-erzeugten »partiellen systematischen Wachseins«.]) Zur Methodik der
-ätiologischen Erforschung der Hysterie, ibid. VIII, 1899, S. 65 ff.,
-besonders S. 70. Zur Kritik der hypnogenetischen Erforschung der
-Hysterie, ibid. 342-355. _Freud_ als Vorgänger: _Breuer_ und _Freud_,
-Studien über Hysterie S. 133 ff.
-
-($S. 378, Z. 13.$) Die Bemerkung über _Schopenhauer_ bedarf einer
-Erläuterung. Die Verwechslung von Trieb und Wille ist vielleicht der
-folgenschwerste Fehler des Schopenhauerschen Systemes. So viel sie zur
-Popularisierung seiner Philosophie beigetragen hat, um ebensoviel hat
-sie die Tatsachen unzulässig vereinfacht. Aus ihr erklärt sich, wie
-Schopenhauer, für den das intelligible Wesen des Menschen mit Recht
-Wille ist, dasselbe überall in der belebten Natur und schließlich
-auch in der unbelebten als Bewegung wiederfinden kann. Dadurch aber
-kommt notwendig Konfusion in Schopenhauers System. Er ist im tiefsten
-Grunde _dualistisch_ veranlagt, und hat eine _monistische Metaphysik_;
-er weiß, daß gerade das intelligible Wesen des _Menschen_ Wille ist
-und muß doch durch eine unglückliche Psychologie, welche Willen und
-Intellekt in einer sehr verfehlten Weise sondert, und nur den letzteren
-allein dem Menschen zuteilt, diesen von Tier und Pflanze unterscheiden;
-er ist, was man auch sagen mag, _zuletzt_ Optimist, als _Bejaher_ einer
-anderen Seinsform, über die er nur aller positiven Bestimmungen sich
-enthält, also eines anderen Lebens: und, so paradox dies dem heutigen
-Ohr klinge, nur sein _Monismus_ gibt dem System die pessimistische
-Wertung: indem er den gleichen Willen hier wie dort sieht, ewiges
-und irdisches Leben nicht scheidet, und die einzige Unsterblichkeit
-danach nur die des Gattungswillens sein kann. So offenbart sich die
-Identifikation des höheren mit dem niederen Willensbegriff -- welchen
-letzteren man stets als Trieb bezeichnen sollte -- als das Verhängnis
-seiner ganzen Philosophie. Hätte er die Kantische Moralphilosophie
-verstanden, so hätte er auch eingesehen, was der Unterschied zwischen
-Wille und Trieb ist: _der Wille ist stets frei, und nur der Trieb
-unfrei. $Es gibt gar keine Frage nach der Freiheit, sondern nur
-eine nach der Existenz des Willens.$_ Alle _Phänomene_ sind kausal
-bedingt; einen Willen kann darum die _empirische_ Psychologie, die nur
-psychische _Phänomene_ anerkennt, nicht brauchen und nicht zulassen.
-_Denn aller Wille ist seinem Begriffe nach frei und von absoluter
-Spontaneität._ _Kant_ sagt (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten,
-S. 77, Kirchmann): »Die Idee der Freiheit müssen wir voraussetzen, wenn
-wir uns ein Wesen als vernünftig und mit Bewußtsein seiner Kausalität
-in Ansehung der Handlungen, das ist mit einem Willen begabt uns denken
-wollen, und so finden wir, daß wir aus ebendemselben Grunde jedem
-mit Vernunft und Willen begabten Wesen diese Eigenschaft, sich unter
-der Idee seiner Freiheit zum Handeln zu bestimmen, beilegen müssen.«
-Unfreiheit des Willens gibt es, wie man sieht, auch für Kant gar nicht:
-der Wille kann gar nicht determiniert werden. Der Mensch, der _will_,
-wirklich _will_, will immer _frei_. Der Mensch hat aber freilich
-nicht nur einen Willen, sondern auch Triebe. _Kant_ (ibid. S. 78):
-»Dieses [das moralische] Sollen ist eigentlich ein Wollen, das unter
-der Bedingung für jedes vernünftige Wesen gilt, wenn die Vernunft bei
-ihm ohne Hindernisse praktisch wäre; für Wesen, die, wie wir, noch
-durch Sinnlichkeit, als Triebfedern anderer Art, affiziert werden, bei
-denen es nicht immer geschieht, was die Vernunft für sich allein tun
-würde, heißt jene Notwendigkeit der Handlung nur ein Sollen, und die
-subjektive Notwendigkeit wird von der objektiven unterschieden.«
-
-_$Aller$ Wille ist $Wille zum Wert$, und aller $Trieb$ Trieb nach
-der $Lust$_; es gibt keinen Willen zur Lust und auch keinen _Willen_
-zur _Macht_, sondern nur Gier und zähen Hunger nach der Herrschaft.
-_Platon_ hat dies im »Gorgias« wohl erkannt, er ist aber nicht
-verstanden worden. 466 D E: φημὶ γὰρ, ὦ Πῶλε, ἐγὼ τοὺς ρήτορας καὶ
-τοὺς τυράννους δύνασθαι μὲν ἐν ταῖς πόλεσι σμικρότατον, ὥσπερ νῦν δὴ
-ἔλεγον· _οὐδεν γὰρ ποιεῖν ὦν βούλονται_, ὡς ἔπος εἰπεῖν· ποιεῖν μέντοι
-ὅτι ἂν αὐτοῖς δόξη βέλτιστον εἶναι. Und das »οὐδεὶς ἑκὼν ἁμαρτάνει« des
-_Sokrates_ -- noch oft wird es wohl verloren gehen, immer wieder werden
-all die seichten und verständnislosen Einwände gegen diese gewisseste
-Erkenntnis sich vernehmen lassen und die noch traurigeren Versuche,
-Sokrates wegen dieses Ausspruches gewissermaßen zu _entschuldigen_
-(so z. B. _Gomperz_, Griechische Denker, Eine Geschichte der antiken
-Philosophie, Leipzig 1902, S. 51 ff.) unternommen werden. Um so öfter
-muß er denn wiederholt werden.
-
-Die Idee eines ganz freien Wesens ist die Idee Gottes; die Idee
-eines aus Freiheit und Unfreiheit gemischten Wesens ist die Idee des
-Menschen. _Soweit_ der Mensch _frei ist_, das heißt frei _will_, soweit
-_ist_ er Gott. Und so ist die Kantische Ethik im tiefsten Grunde
-mystisch und sagt nichts anderes als _Fechners_ Glaubenssatz:
-
- »In Gott ruht meine Seele
- Gott wirkt sie in sich aus;
- Sein Wollen ist mein Sollen.«
-
-(Die drei Motive und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 256.)
-
-($S. 378, Z. 2 v. u. f.$) Vgl. A. P. _Sinnett_, Die esoterische Lehre
-oder Geheimbuddhismus, 2. Aufl., Leipzig 1899, S. 153-172.
-
-($S. 381, Z. 17.$) Es ist eines der schönsten Worte _Goethes_ (Maximen
-und Reflexionen, III): »_Die Idee ist ewig und einzig; daß wir auch den
-Plural brauchen, ist nicht wohlgethan._«
-
-($S. 381, Z. 2 v. u.$) Ich finde nur in der kleinen, aber interessanten
-Schrift Karl _Joels_, Die Frauen in der Philosophie, Hamburg 1896
-(Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, Heft 246),
-S. 59, eine entfernt ähnlich lautende Bemerkung: »Das Weib ist
-intellektuell glücklicher, aber unphilosophischer nach dem alten Worte,
-daß die Philosophie aus dem Ringen und Zweifel der Seele geboren wird.
-Schopenhauers Mutter war eine Romanschriftstellerin und seine Schwester
-eine Blumenmalerin.«
-
-($S. 383, Z. 15.$) Vgl. _Taguet_, Du suicide dans l'hystérie, Annales
-Médico-Psychologiques, V. Série, Vol. 17, 1877, p. 346: »L'hystérique
-ment dans la mort comme elle ment dans toutes les circonstances de sa
-vie.«
-
-($S. 384, Z. 6 v. u.$) Lazar B. _Hellenbach_, Die Vorurteile der
-Menschheit, Bd. III: Die Vorurteile des gemeinen Verstandes, Wien 1880,
-S. 99.
-
-($S. 388, Z. 5-11.$) Wie innig Geschlechtlichkeit und Grenzaufhebung
-Hand in Hand gehen, darüber macht _Bachofen_, Das Mutterrecht,
-S. XXIII, eine Andeutung. »Der dionysische Kult .... hat alle Fesseln
-gelöst, alle Unterschiede aufgehoben, und dadurch, daß er den Geist
-der Völker vorzugsweise auf die Materie und die Verschönerung des
-leiblichen Daseins richtete, das Leben selbst wieder zu den Gesetzen
-des Stoffes zurückgeführt. Dieser Fortschritt der Versinnlichung des
-Daseins fällt überall mit der Auflösung der politischen Organisation
-und dem Verfall des staatlichen Lebens zusammen. An der Stelle reicher
-Gliederung macht sich das Gesetz der Demokratie, der ununterschiedenen
-Masse, und jene Freiheit und Gleichheit geltend, welche das
-natürliche Leben vor dem civil-geordneten auszeichnet und das der
-leiblich-stofflichen Seite der menschlichen Natur angehört. Die
-Alten sind sich über diese Verbindung völlig klar, heben sie in den
-entscheidendsten Aussprüchen hervor .... Die dionysische Religion ist
-zu gleicher Zeit die Apotheose des aphroditischen Genusses und die der
-allgemeinen Brüderlichkeit, daher den dienenden Ständen besonders lieb
-und von Tyrannen, den Pisistratiden, Ptolemäern, Caesar im Interesse
-ihrer auf die demokratische Entwicklung gegründeten Herrschaft [vgl.
-Kapitel X, S. 302] besonders begünstigt.« »Ausfluß einer wesentlich
-weiblichen Gesinnung«, so nennt Bachofen a. a. O. diese Erscheinungen;
-doch ist ihm keineswegs eine wirkliche Einsicht in die tieferen Gründe
-des Phänomens gewährt gewesen; neben Aussprüchen wie diesem finden sich
-begeisterte Hymnen auf die keusche Natur des Weibes auch bei ihm.
-
-($S. 389, Z. 6.$) »Klein-Eyolf«, 3. Akt (Henrik _Ibsens_ sämtliche
-Werke, herausgegeben von Brandes, Elias, Schlenther. Berlin, Bd. IX,
-S. 72).
-
-($S. 389, Z. 14.$) Über die schwierige Frage des Verhältnisses des
-Âtman zum Brahman vgl. Paul _Deussen_, Das System des Vedânta etc.,
-Leipzig 1883, S. 50 f.
-
-($S. 391, Z. 1.$) _Milne-Edwards_, Introduction à la Zoologie
-générale, I. partie, Paris 1851, p. 157. Ebenso Rudolf _Leuckart_,
-Artikel »Zeugung« in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV,
-Braunschweig 1853, S. 742 f.: ».... In physiologischer Beziehung
-erscheint diese Verteilung der weiblichen und männlichen Organe als
-eine Arbeitsteilung.«
-
-Wenig Verständnis für das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen
-verraten _Leuckarts_ abweisende Worte (a. a. O.): »Man hört nicht
-selten die Behauptung, daß männliche und weibliche Individuen einer
-Tierform nach Ausstattung und Tätigkeiten nicht bloß unter sich
-verschieden, sondern _entgegengesetzt_ seien. Eine solche Auffassung
-müssen wir jedoch auf das entschiedenste zurückweisen. Die Lehre von
-dem Gegensatze der Geschlechter, die zunächst aus gewissen unklaren
-und mystischen Vorstellungen von der Begattung und Befruchtung
-hervorgegangen ist, stammt aus einer Zeit der naturhistorischen
-Forschung, in der man meinte, mit den Begriffen von Polarität, polarem
-Verhalten u. s. w. das Leben in allen seinen Erscheinungen erklären zu
-können. Männliche und weibliche Produkte, Organe, Individuen sollten
-sich hienach verhalten wie + und -, als ob die Natur mit Geschlecht
-und Geschlechtsstoffen hantierte wie ein Physiker mit Elektrizität und
-Leydener Flaschen!
-
-Eine unbefangene und vorurteilsfreie Naturbetrachtung zeigt uns
-zwischen männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen keinen anderen
-Gegensatz als überhaupt zwischen Organen und Organgruppen, die sich
-in ihren Leistungen gegenseitig unterstützen und ergänzen .... Die
-physiologischen Motive einer solchen Arbeitsteilung sind im allgemeinen
-nicht schwer zu bezeichnen. Es sind im Grunde dieselben, die eine jede
-Arbeitsteilung, auch auf dem Gebiete des praktischen Lebens, in unseren
-Augen rechtfertigen. Es sind die Vorteile, welche damit verbunden sind,
-vor allem Ersparnis an Kraft und Zeit für andere neue Leistungen.
-_In dem Dualismus des Geschlechtes sehen wir nichts anderes als eine
-mechanische Veranstaltung, aus der gewisse Vorteile hervorgehen._«
-
-Diese Auffassung des Geschlechtsunterschiedes ist die am weitesten
-verbreitete. Daneben kommen noch die Anschauungen von K. W. _Brooks_
-(The law of Heredity, a study of the cause of variation and the
-origin of living organisms, Baltimore 1883) und August _Weismann_
-(Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung für die Selektionstheorie,
-Jena 1886) in Betracht, welche die geschlechtliche Fortpflanzung als
-das Mittel ansehen, »dessen sich die Natur bedient, um Variationen
-hervorzubringen« (so Weismann, Aufsätze über Vererbung, Jena 1892,
-S. 390); schließlich noch die Auffassungen von Edouard _van Beneden_
-(Recherches sur la maturation de l'œuf, la fécondation et la division
-cellulaire, Gand 1883, p. 404 f.), Viktor _Hensen_ (Physiologie der
-Zeugung, in Hermanns Handbuch der Physiologie, Bd. VI/_{2}, S. 236 f.),
-_Maupas_ (Le rajeunissement karyogamique chez les Ciliés, Archives
-de Zoologie expérimentale, 2. série, Vol. VII, 1890) und _Bütschli_
-(Über die ersten Entwicklungsvorgänge der Eizelle, Zellteilung und
-Konjugation der Infusorien, Abhandlungen der Senckenbergischen
-naturforsch. Gesellschaft, X, 1876), welche allerdings mehr auf das
-Wesen des _Befruchtungs_prozesses sich beziehen: in welchem diese
-Forscher nämlich die Absicht einer _Verjüngung_ der Individuen
-erblicken. -- Was Wilhelm _Wundt_, System der Philosophie, 2. Aufl.,
-Leipzig 1897, S. 521 ff. über geschlechtliche und ungeschlechtliche
-Zeugung sagt, geht über eine Rezeption der herrschenden
-naturwissenschaftlichen Anschauungen nicht hinaus.
-
-($S. 391, Z. 16.$) Die diesbezügliche Widerlegung der Deszendenzlehre
-bei _Fechner_, Einige Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte
-der Organismen, Leipzig 1873, S. 59 ff.
-
-($S. 392, Z. 16 v. u.$) _Plato_ im _Timaeus_, p. 50 B C: »δέχεται
-τε γὰρ ἀεὶ τὰ πάντα, καὶ μορφὴν οὐδεμίαν ποτὲ οὐδενὶ τῶν εἰσιόντων
-ὁμοιαν εἰληφεν οὐδαμῆ οὐδαμως· _ἐκμαγεὶον_ γὰρ φύσει παντὶ κεῖται,
-κινούμενόν τε καὶ διασχηματιζόμενον ὑπο τῶν εἴσιόντων. φαίνεται δὲ
-δι' ἐκεῖνα ἄλλοτε ἀλλοιον· τὰ δὲ εἰσιόντα καὶ ἐξιόντα τῶν ὄντων ἀεὶ
-μιμήματα, τυπωθέντα ἀπ' αὐτων τρόπον τινὰ δύσφραστον καὶ θαυμαστόν, ὁν
-εἰς αῦθις μέτιμεν. ἐν δ'οὖν τῷ παρόντι χρὴ γένη διανοηθῆναι τριττἀ, τὸ
-μὲν γιγνόμενον, τὸ δὲ ἐν ῷ γίγνεται, τὸ δ'ὁθεν ἀφομοιούμενον φύεται τὸ
-γιγνόμενον.« 52 A B: »τρίτον δὲ αὖ γὲνος τὸ τῆς _χώρας_ ἀεὶ φθορὰν
-οὐ προσδεχόμενον, ἕδραν δὲ παρέχον ὅσα ἔχει γένεσιν πᾶσιν, αὐτὸ δὲ
-μετ' ἀναισθησίας ἁπτὸν λογισμω τινὶ νόθω, μόγις πιστόν, πρὸς ὁ δὴ καὶ
-ὀνειροπολοῦμεν βλέποντες καὶ φαμεν ἀναγκαῖον εἶναί που τὸ ὄν ἁπαν
-ἔν τινι τόπω καὶ κατέχον χώραν τινά, τό δὲ μήτε ἐν γῆ μήτε που κατ'
-οὐρανὸν οὐδὲν εἶναι« u. s. w. Vgl. J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht,
-Stuttgart 1861, S. 164-168.
-
-($S. 392, Z. 11 v. u. f.$) Diese Interpretation der χώρα als des Raumes
-hat am ausführlichsten Hermann _Siebeck_ zu begründen gesucht (Platos
-Lehre von der Materie, Untersuchungen zur Philosophie der Griechen, 2.
-Aufl., Freiburg 1888, S. 49-106).
-
-($S. 393, Z. 5.$) _Plato_, Timaeus, 50 D: »Καὶ δὴ καὶ προσεικάσαι
-πρέπει τὸ μὲν δεχόμενον _μητρί_, τὸ δ'ὅθεν πατρί, τὴν δὲ μεταξὺ τούτων
-φύσιν ἐκγόνῳ.« 49 A: »τίνα οὖν ἔχον δύναμιν κατὰ φύσιν αὐτὸ ὑποληπτέον;
-τοιάνδε μάλιστα, πάσης εἶναι γενέσεως ὑποδοχὴν αὐτό, οἷον _τιθήνην_.«
-Vgl. _Plutarch_ de Is. et Osir. 56 (Moralia 373 E F).
-
-($S. 393, Z. 6.$) _Aristoteles_: vgl. zu S. 240, Z. 19.
-
-($S. 393, Z. 7 v. u.$) _Kant_, Metaphysische Anfangsgründe der
-Naturwissenschaft, Zweites Hauptstück, Erklärung 1-4.
-
-($S. 394, Z. 6 v. o.$) Die Ahnung dieser tieferen Bedeutung des
-Gegensatzes von Mann und Weib ist sehr alt (vgl. S. 13). Die
-_Pythagoreer_ haben nach _Aristoteles_ (Metaphysik, A 5, 986 a 22-26)
-eine »Tafel der Gegensätze« aufgestellt, in welcher sie ».... τὰς ἀρχὰς
-δέκα λέγουσιν εἶναι τὰς κατὰ συστοιχίαν λεγομένας, πέρας καὶ ἄπειρον,
-περιττὸν καὶ ἄρτιον, ἕν καὶ πλῆθος, δεξιὸν καὶ ἀριστερόν, _ἄρρεν καὶ
-θῆλυ_, ἠρεμοῦν καὶ κινούμενον, εὐθὺ καὶ καμπύλον, φῶς καὶ σκότος,
-ὰγαθὸν καὶ κακόν, τετράγωνον καὶ ἑτερόμηκες.«
-
-($S. 399, Z. 15.$) Hier möchte ich nicht unterlassen, _Giordano Brunos_
-Worte anzuführen (De gli eroici furori, im einleitenden Schreiben an
-Sir Philip Sidney, Opere di Giordano Bruno Nolano ed. Adolfo Wagner,
-Vol. II, Leipzig 1830, p. 299 f.):
-
-»È cosa veramente .... da basso, bruto e sporco ingegno d' essersi
-fatto constantemente studioso, et aver affisso un curioso pensiero
-circa o sopra la bellezza d' un corpo feminile. Che spettacolo,
-o dio buono, più vile e ignobile può presentarsi ad un occhio di
-terso sentimento, che un uomo cogitabundo, afflitto, tormentato,
-triste, maninconioso, per divenir or freddo, or caldo, or fervente,
-or tremante, or pallido, or rosso, or in mina di perplesso, or in
-atto di risoluto, un, che spende il miglior intervallo di tempo e
-li più scelti frutti di sua vita corrente destillando l' elixir del
-cervello con mettere in concetto, scritto e sigillar in publici
-monumenti quelle continue torture, que' gravi tormenti, que' razionali
-discorsi, que' faticosi pensieri, e quelli amarissimi studi,
-destinati sotto la tirannide d' una indegna, imbecilla, stolta e
-sozza sporcaria?.......... ............... Ecco vergato in carte,
-rinchiuso in libri, messo avanti gli occhi, e intonato a gli orecchi
-un rumore, un strepito, un fracasso d'insegne, d'imprese, di motti,
-d'epistole, di sonetti, d'epigrammi, di libri, di prolissi scarfazzi,
-di sudori estremi, di vite consumate, con strida, ch'assordiscon gli
-astri, lamenti, che fanno ribombar gli antri infernali, doglie, che
-fanno stupefar l'anime viventi, suspiri da far exinanire e compatir
-gli dei, per quegli occhi, per quelle guance, per quel busto, per
-quel bianco, per quel vermiglio, per quella lingua, per quel labro,
-quel crine, quella veste, quel manto, quel guanto, quella scarpetta,
-quella pianella, quella parsimonia, quel risetto, quel sdegnosetto,
-quella vedova finestra, quell'eclissato sole, quel martello, quel
-schifo, quel puzzo, _quel sepolcro, quel cesso, quel mestruo, quella
-carogna, quella febre quartana_, quella estrema ingiuria e torto di
-natura, che con una superficie, un'ombra, un fantasma, un sogno, un
-circeo incantesimo ordinato al servigio de la generazione, ne inganna
-in specie di bellezza; la quale insieme viene e passa, nasce e muore,
-fiorisce e marcisce: et è bella un pochettino a l'esterno, che nel suo
-intrinseco, vera e stabilmente è contenuto un navilio, una bottega, una
-dogana, un mercato di quante sporcarie, tossichi e veneni abbia possuti
-produrre la nostra madrigna natura: la quale, dopo aver riscosso quel
-seme, di cui la si serva, ne viene sovente a pagar d'un lezzo, d'un
-pentimento, d'una tristizia, d'una fiacchezza, d'un dolor di capo,
-d'una lassitudine, d'altri e d'altri malanni, che sono manifesti a
-tutto il mondo, a fin che amaramente dolga, dove soavemente proriva
-................. Voglio che le donne siano così onorate et amate,
-come denno essere amate et onorate le donne: per tal causa dico, e per
-tanto, per quanto si deve a quel poco, a quel tempo e quella occasione,
-se non hanno altra virtù che naturale, cioè di quella bellezza, di quel
-splendore, di quel servigio, senza il quale denno esser stimate più
-vanamente nate al mondo, che un morboso fungo, qual con pregiudizio di
-miglior piante occupa la terra, e più noiosamente, che qual si voglia
-napello, o vipera, che caccia il capo fuor di quella?...« u. s. w.
-
-($S. 400, Z. 16 v. u.$) Das _Weib_ also ist der _Ausdruck_ des
-Sündenfalles des Menschen, es ist die objektivierte Sexualität des
-Mannes und nichts anderes als diese. Eva war nie im Paradiese. Dagegen
-glaube ich mit dem Mythus der _Genesis_ (I, 2, 22) und mit dem
-_Apostel Paulus_ (1. Timoth. 2, 13, und besonders 1. Korinth. 11, 8:
-οὐ γὰρ ἐστιν ἀνὴρ ἐκ γυναικός, ἀλλὰ γυνὴ ἐξ ἀνδρός) an die Priorität
-des _Mannes_, an die Schöpfung des Weibes durch den Mann, an seine
-_Mittelbarkeit_, durch die seine Seelenlosigkeit ermöglicht ist. Gegen
-diese metaphysische Posteriorität des Weibes, die eine Posteriorität
-dem Seins-Range nach ist und keine bestimmte zeitliche Stelle hat,
-sondern eine in jedem Augenblick vollzogene Schöpfung des Weibes durch
-den noch immer sexuellen Mann, sozusagen ein _fortwährendes Ereignis_
-bedeutet, bildet es keinen Einwand, daß bei wenig differenzierten
-Lebewesen das männliche Geschlecht noch fehlt, und die Funktionen, die
-es auf höherer Stufe ausübt, entbehrlich scheinen. Daß übrigens hierin
-eine schroffe Absage an alle deszendenz-theoretischen Spekulationen
-liegt, soweit diese auf die Philosophie einer Einflußnahme sich
-vermessen, dessen bin ich mir wohl bewußt, vermag aber die
-Verantwortung für diesen Schritt verhältnismäßig leicht zu tragen.
-Philosophie ist nicht Historie, vielmehr ihr striktes Gegenteil:
-denn es gibt keine Philosophie, die nicht die Zeit negierte, keinen
-Philosophen, dem die Zeit eine Realität wäre wie die anderen Dinge.
-
-Dagegen ist es sehr wohl begreiflich, wie die Anschauung von der
-Ewigkeit der Frau und der Vergänglichkeit des Mannes hat entstehen
-können. Das absolut Formenlose scheint ebenso dauerhaft zu sein wie
-die reine geistige Form, diese dem Dutzendmenschen ganz unvollziehbare
-Vorstellung. Und über die Ewigkeit der Mutter ist im 10. Kapitel das
-Nötigste bemerkt. Man vgl. auch _Bachofen_, Das Mutterrecht S. 35:
-»Das Weib ist das Gegebene, der Mann wird. Von Anfang an ist die Erde
-der mütterliche Grundstoff. Aus ihrem Mutterschoße geht alsdann die
-sichtbare Schöpfung hervor, und erst in dieser zeigt sich ein doppeltes
-getrenntes Geschlecht; erst in ihr tritt die männliche Bildung ans
-Tageslicht, Weib und Mann erscheinen also nicht gleichzeitig, sind
-nicht gleich geordnet. Das Weib geht voran, der Mann folgt; das Weib
-ist früher, der Mann steht zu ihr im Sohnesverhältnis; das Weib
-ist das Gegebene, der Mann das aus ihr erst Gewordene. Er gehört
-der sichtbaren, aber stets wechselnden Schöpfung; er kommt nur in
-sterblicher Gestalt zum Dasein. Von Anfang an vorhanden, gegeben,
-unwandelbar ist nur das Weib; geworden, und darum stetem Untergang
-verfallen, der Mann. Auf dem Gebiete des physischen Lebens steht
-also das männliche Prinzip an zweiter Stelle, es ist dem weiblichen
-untergeordnet.« S. 36: »In der Pflanze, die aus dem Boden hervorbricht,
-wird der Erde Muttereigenschaft anschaulich. Noch ist keine Darstellung
-der Männlichkeit vorhanden; diese wird erst später an dem ersten
-männlich gebildeten Kinde erkannt. Der Mann ist also nicht nur später
-als das Weib, sondern dieses erscheint auch als die Offenbarerin des
-großen Mysteriums der Lebenszeugung. Denn aller Beobachtung entzieht
-sich der Akt, der im Dunkel des Erdschoßes das Leben weckt und dessen
-Keim entfaltet; was zuerst sichtbar wird, ist das Ereignis der
-Geburt; an diesem hat aber nur die Mutter teil. Existenz und Bildung
-der männlichen Kraft wird erst durch die Gestaltung des männlichen
-Kindes geoffenbart; durch eine solche Geburt reveliert die Mutter
-den Menschen das, was vor der Geburt unbekannt war, und dessen
-Tätigkeit in Finsternis begraben lag. In unzähligen Darstellungen der
-alten Mythologie erscheint die männliche Kraft als das geoffenbarte
-Mysterium; das Weib dagegen als das von Anfang an Gegebene, als der
-stoffliche Urgrund, als das Materielle, sinnlich Wahrnehmbare, das
-selbst keiner Offenbarung bedarf, vielmehr seinerseits durch die erste
-Geburt Existenz und Gestalt der Männlichkeit zur Gewißheit bringt.«
-
-Das μὴ ὄν nämlich, welches vom Weibe vertreten wird, ist das völlig
-Ungeformte, Strukturlose, das Amorphe, die Materie, die keinen
-letzten Teil mehr hat an der Idee des Lebens, aber ebenso ewig und
-unsterblich zu sein scheint wie reine Form, schuldfreies höheres Leben,
-unverkörperter Geist ewig ist. Das eine, weil nichts an ihm geändert,
-vom Formlosen keine Form zerstört werden kann; das zweite, weil es sich
-nicht inkarniert, weil es nicht endlich, und darum nicht vernichtbar
-wird.
-
-Der Begriff des ewigen Lebens der Religionen ist der Begriff des
-absoluten, metaphysischen Seins (der Aseität) der Philosophien.
-
-($S. 400, Z. 12 v. u.$) _Dante_ Inferno XXXIV, Vers 76 f.
-
-($S. 401, Z. 5 f.$) Es hat Anspruch auf das ernsteste Nachdenken, und
-verdient die tiefste Ehrfurcht des Hörers, und nicht Gelächter (womit
-ihm heute wohl allenthalben geantwortet würde), wenn _Tertullian_
-das Weib so apostrophiert (De habitu muliebri liber, Opera rec.
-J. J. Semler, Halae 1770, Vol. III, p. 35 f.): »Tu es diaboli ianua, tu
-es arboris illius resignatrix, tu es divinae legis prima desertrix, tu
-es, quae eum suasisti, quem diabolus aggredi non valuit. Tu imaginem
-dei, hominem, tam facile elisisti; propter tuum meritum, id est mortem,
-etiam filius dei mori debuit; et adornari tibi in mente est, propter
-pelliceas tuas tunicas?« Diese Worte sind an die _Weiblichkeit_ als
-_Idee_ gerichtet; die empirischen Frauen würden durch die Zumessung
-einer solchen Bedeutung sich stets nur angenehm gekitzelt fühlen; die
-Frauen sind sehr zufrieden mit dem _anti_sexuellen Manne, und ratlos
-nur dem $a$sexuellen gegenüber.
-
-($S. 401, Z. 12.$) Wie sich durch seine Sexualität der Mann dem Weibe
-annähert, geht aus der Tatsache hervor, daß die Erektion dem Willen
-entzogen ist und durch ihn nicht aufgehoben werden kann, gleichwie
-eine Muskelkontraktion vom gesunden Menschen auf Befehl des Willens
-rückgängig gemacht wird. Der Zustand der wollüstigen Erregtheit
-beherrscht das Weib ganz, beim Manne doch nur einen Teil. Aber die
-Wollust dürfte die einzige Empfindung sein, welche im allgemeinen nicht
-durchaus verschieden ist bei den beiden Geschlechtern; die Empfindung
-des Koitus hat für Mann und Frau eine gleiche Qualität. Der Koitus
-wäre sonst unmöglich. Er ist der Akt, der zwei Menschen am stärksten
-einander angleicht. Nichts kann demnach irriger sein als die populäre
-Ansicht, daß Mann und Weib vor allem oder gar ausschließlich in ihrer
-_Sexualität differieren_, wie ihr z. B. _Rousseau_ Ausdruck gibt
-(Emile, Livre V., Anfang): »En tout ce qui ne tient pas au sexe la
-femme est homme.« Gerade die Sexualität ist das _Band_ zwischen Mann
-und Frau und wirkt auch stets _ausgleichend_ zwischen beiden.
-
-($S. 402, Z. 10.$) Auch das spezifische _Mitleid_ des Mannes mit der
-Frau -- ihrer inneren Leere und Unselbständigkeit, Haltlosigkeit und
-Gehaltlosigkeit wegen -- weist, wie alles Mitleid, auf eine Schuld
-zurück.
-
-($S. 402, Z. 9 v. u.$) Es sind hiemit scheinbar drei _verschiedene_
-Erklärungen der Kuppelei (und somit Herleitungen der Weiblichkeit)
-gegeben; aber sie drücken, wie man wohl sieht, alle ein und dasselbe
-aus. Die sich ewig vergrößernde Schuld des höheren Lebens ist die dem
-Menschen ewig unerklärliche, für ihn wahrhaft _letzte_ Tatsache des
-Abfalls jenes Lebens zum niederen Leben; der plötzliche Absturz des
-völlig Schuldlosen in die Schuld. Das niedere Leben aber kulminiert
-in jenem Akte, durch das es neu erzeugt wird; alle Begünstigung
-des niederen Lebens schließt darum notwendig Kuppelei ein. Dieses
-selbe Streben, das irdische Leben Realität gewinnen zu lassen, ist
-dadurch bezeichnet, daß alle Materie sich verführerisch der Formung
-entgegendrängt; oder wie dies _Plato_ tiefsinnig angedeutet hat: durch
-die betrügerische Zudringlichkeit der _Penia_ (der Armut, des Leeren,
-des Nichts) an den trunkenen, träumenden Gott _Poros_ (den Reichen).
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 13.
-
-
-($S. 404, Z. 13 v. u.$) Über den mangelhaften Bartwuchs der Chinesen
-_Darwin_, Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II,
-S. 339. Auch die _Stimme_ des Mannes soll sich bei den verschiedenen
-Menschenrassen nicht gleich sehr von der des Weibes unterscheiden,
-z. B. gerade bei Chinesen und Tataren, »die Stimme des Mannes nicht
-so sehr von der des Weibes abweichen, wie bei anderen Rassen.«
-(_Darwin_, Die Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Leipzig,
-Universalbibliothek, Bd. II, S. 348, nach Sir Duncan _Gibb_, Journal of
-the Anthropological Society, April 1869, p. LVII und LVIII.)
-
-($S. 405, Z. 14 v. u.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen
-des 19. Jahrhunderts, I. Hälfte, 4, Aufl., München 1903, S. 345 ff.
-
-($S. 406, Z. 1 v. u.$) Als hervorragendere »Philosemiten« könnten
-nur der sehr überschätzte G. E. _Lessing_, und Friedr. _Nietzsche_
-in Betracht kommen, der letztere aber wohl bloß infolge eines
-Oppositionsbedürfnisses gegen _Schopenhauer_ und _Wagner_; und
-der erstere hat den eigenen Rang viel klarer erkannt und offener
-eingestanden als die Geschichtsschreiber der deutschen Literatur (vgl.
-Hamburgische Dramaturgie, Stück 101 f.). Der schärfste Antisemit unter
-allen ist wohl _Kant_ gewesen (nach der Anmerkung zum § 44 seiner
-»Anthropologie in pragmatischer Hinsicht«). Vgl. über den »Consensus
-ingeniorum« _Chamberlain_, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, S. 335.
-
-($S. 413, Z. 7 v. u. f.$) _1. Buch Mosis_, Kap. 25, 24-34; 27, 1-45;
-30, 31-43.
-
-($S. 414, Z. 4-9.$) Nach M. _Friedländer_, Der Antichrist in den
-vorchristlichen jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 118 ff. hat
-der Antichrist schon im vorchristlichen Judentum (z. B. dem freilich
-sehr spät entstandenen Buche Deuteronomium) eine Rolle als »Beliar«
-gespielt. Friedländers Auffassung gipfelt, wie ich glaube (von dem
-historischen Materiale muß ich absehen), darin, daß der Antichrist erst
-da sein mußte, damit der Christ komme, ihn zu vernichten (S. 131).
-Damit wird jedoch dem Bösen eine selbständige Existenz _vor_ dem Guten
-und also unabhängig von diesem zugesprochen; das Böse indes ist nur
-»Privation« des Guten (_Augustinus_, _Goethe_). Nur der gute, nicht der
-böse Mensch _fürchtet_ das Böse, dem der Verbrecher selbst _dient_. Das
-Böse ist nur ein Abfall vom Guten, und hat nur einen Sinn in Bezug auf
-dieses; indes das Gute an sich ist und keiner Relation bedarf.
-
-Die wenigen Elemente des vorchristlichen jüdischen Teufelsglaubens
-stammen nach den Resultaten der Forschung aus dem Parsismus. Vgl.
-W. _Bousset_, Die jüdische Apokalyptik, ihre religionsgeschichtliche
-Herkunft und ihre Bedeutung für das neue Testament, Berlin 1903,
-S. 38-51. S. 45: »Der Schluß drängt sich mit zwingender Gewalt auf: die
-jüdische Apokalyptik ist in dem Neuen, was sie in den Hoffnungsglauben
-des Judentums hineinbringt, von Seiten der eranischen Religion bedingt
-und angeregt.« Und S. 48: »Nun läßt sich doch behaupten, daß der
-Dualismus spezifisch unisraelitisch ist. Die Religion der Propheten
-und des alten Testamentes kennt den Teufel nicht. Die Gestalt des
-Satans, wie sie im Erzählungsstück des Hiobbuches, in der Chronik,
-bei Sacharja auftritt, hat mit der späteren des Teufels, wie sie im
-neutestamentlichen Zeitalter herrscht, äußerst wenig, nicht viel mehr
-als den Namen gemeinsam. Und überdies sind sämtliche hier genannten
-Stücke -- auch das Erzählungsstück des Hiobbuches -- recht spät. Der
-Teufelsglaube, die Annahme eines organisierten dämonischen Reiches
-widerspricht direkt dem Geiste der Frömmigkeit der Propheten und
-Psalmen, ihrem starken und starren Monotheismus. Hingegen ist in keiner
-anderen Religion der Dualismus so heimisch und wurzelt so tief wie in
-der eranischen Religion. Auch von hier aus drängt sich der Schluß der
-Abhängigkeit der jüdischen Apokalyptik unmittelbar auf.«
-
-($S. 415, Z. 10.$) So nicht nur die Argumente des Tages, sondern
-selbst _Schopenhauer_ (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132): »[Das
-jüdische Volk] lebt parasitisch auf den anderen Völkern und ihrem
-Boden, ist aber dabei nichtsdestoweniger von lebhaftestem Patriotismus
-für die eigene Nation beseelt, den es an den Tag legt durch das
-festeste Zusammenhalten, wonach Alle für Einen und Einer für Alle
-stehen; so daß dieser Patriotismus ~sine patria~ begeisterter wirkt,
-als irgend ein anderer. Das Vaterland des Juden sind die übrigen Juden:
-daher kämpft er für sie, wie ~pro ara et focis~, und keine Gemeinschaft
-auf Erden hält so fest zusammen wie diese.«
-
-($S. 418, Z. 18.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen des
-neunzehnten Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 143, Anm. 1. --
-Über die jüdische Diaspora der letzten vorchristlichen Jahrhunderte
-vgl. ferner M. _Friedländer_, Der Antichrist in den vorchristlichen
-jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 90 f.
-
-($S. 420, Z. 10.$) Über den Mangel an Unsterblichkeitsglauben im alten
-Testamente hat _Schopenhauer_ das Treffendste und Kräftigste gesagt
-(Parerga und Paralipomena, Bd. I, S. 151 f., ed. Grisebach).
-
-($S. 420, Z. 12.$) _Schopenhauer_, Neue Paralipomena, § 396
-(Handschriftlicher Nachlaß, Bd. IV, herausgegeben von Eduard Grisebach,
-S. 244).
-
-($S. 420, Z. 18 f.$) Gustav Theodor _Fechner_, Die drei Motive
-und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 254-256. Auch in der
-»Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht«, Leipzig 1879, S. 65-68.
-
-($S. 420, Z. 8 v. u.$) _Tertulliani_ Apologeticus adversus gentes pro
-christianis, cap. 17 (Opera, Vol. V, p. 47, rec. Semler, Halae 1773.)
-
-($S. 420, Z. 6 v. u.$) _Chamberlain_ a. a. O., S. 391-400.
-
-($S. 421, Z. 13.$) _Schopenhauer_ hat das Wesen des Jüdischen am
-sichersten herausgefühlt; denn von ihm rührt das Wort her von den »dem
-Nationalcharakter der Juden anhängenden, bekannten Fehlern, worunter
-eine wundersame Abwesenheit alles dessen, was das Wort ~verecundia~
-ausdrückt, der hervorstechendste, wenngleich ein Mangel ist, der in
-der Welt besser weiter hilft, als vielleicht irgend eine positive
-Eigenschaft ....« (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132.)
-
-Diesen Mangel an ~verecundia~ will ich erst weiterhin berühren und
-in einen Zusammenhang mit allem übrigen jüdischen Wesen zu bringen
-versuchen (S. 591).
-
-($S. 422, Z. 14 v. u.$) Aus Versen _Keplers_ citiert nach Johann
-Karl Friedrich _Zöllner_, Über die Natur der Kometen, Beiträge zur
-Geschichte und Theorie der Erkenntnis, 2. Aufl., Leipzig 1872, S. 164.
-
-($S. 423, Z. 1 v. u.$) Gustav Theodor _Fechner_, Ideen zur
-Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Organismen, Leipzig 1873.
-Wilhelm _Preyer_, Naturwissenschaftliche Tatsachen und Probleme,
-1880, II. Vortrag: Die Hypothesen über den Ursprung des Lebens
-(»Kosmozoen-Theorie«).
-
-($S. 425, Z. 4.$) Was _Schopenhauer_ (Über den Willen in der Natur,
-Werke, ed. Grisebach, III, 337) und _Chamberlain_ (Grundlagen des 19.
-Jahrhunderts, 4. Aufl., S. 170 f.) _Spinoza_ hauptsächlich zum Vorwurf
-machen, seine merkwürdigen sittlichen Lehren, das bildet in weit
-geringerem Grade einen Einwand gegen ihn und gegen das Judentum, und am
-wenigsten deutet es auf irgend eine Immoralität in Spinoza selbst hin.
-Spinozas ethische Lehre ist gerade darum so flach geworden, weil er
-recht wenig Verbrecherisches in sich zu überwinden hatte. Aus demselben
-Grunde treffen auch _Aristoteles'_, _Fechners_ oder _Lotzes_ ethische
-Theorien so wenig das eigentliche Problem, obwohl sie, als Arier, von
-vornherein tiefer sind als der Jude.
-
-($S. 425, Z. 13.$) Ich glaube, daß auf einem Mißverständnis, auf einer
-Verwechslung von Wille und Willkür beruht, was _Chamberlain_ sagt
-(a. a. O., S. 243 f.): »Das liberum arbitrium ist entschieden eine
-semitische und in seiner vollen Ausbildung speziell eine jüdische
-Vorstellung.«
-
-($S. 425, Z. 17.$) Wie ganz anders auch _Fechner_, den eine
-oberflächliche Betrachtung in sehr große Nähe zu Spinoza zu rücken
-versucht hat, als welcher jenem an Bedeutung und Tiefe weit nachsteht!
-Vgl. z. B. Zend-Avesta, II^2, 197: »Der Mensch, aus dem der jenseitige
-Geist kommt [beim Tode] ...., bleibt unter _allen_ Einwirkungen, die
-ihm begegnen mögen, ein Individuelles.«
-
-($S. 427, Z. 16 f.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und
-Vorstellung, Zweiter Band, erstes Buch, Kapitel 8: Zur Theorie des
-Lächerlichen. -- _Jean Paul_, Vorschule der Ästhetik, § 26-55.
-
-($S. 429, Z. 2 f.$) Im »fliegenden Holländer«, im »Lohengrin«, im
-»Parsifal« ist das Problem des Judentums offen formuliert; aber
-Siegfried, der »dumme Knab'«, ist nicht minder als Parsifal, der »reine
-Tor«, von _Wagner_ in einem Gegensatze zu allem Jüdischen gedacht
-worden.
-
-($S. 434, Z. 10-12.$) Die Selbstsetzung des Ich bleibt der tiefste
-Gedanke der _Fichte_schen Philosophie. Vgl. Grundlage der gesamten
-Wissenschaftslehre, Sämtliche Werke herausgegeben von J. H. Fichte,
-I/1, Berlin 1845, S. 95 f. (vgl. zu S. 205, Z. 18):
-
-»~a)~ Durch den Satz A = A wird _geurtheilt_. Alles Urtheilen aber
-ist laut des empirischen Bewußtseyns ein Handeln des menschlichen
-Geistes; denn es hat alle Bedingungen der Handlung im empirischen
-Selbstbewußtseyn, welche zum Behuf der Reflexion, als bekannt und
-ausgemacht, vorausgesetzt werden müssen.
-
-~b)~ Diesem Handeln nun liegt etwas auf nichts höheres gegründetes,
-nemlich X = Ich bin, zum Grunde.
-
-~c)~ Demnach ist das _schlechthin gesetzte_ und _auf sich
-selbst gegründete_ -- Grund _eines gewissen_ (durch die ganze
-Wissenschaftslehre wird sich ergeben, _alles_) Handelns des
-menschlichen Geistes, mithin sein reiner Charakter; der reine
-Charakter der Thätigkeit an sich; abgesehen von den besonderen
-empirischen Bedingungen derselben.
-
-Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thätigkeit
-desselben. -- Das Ich _setzt sich selbst_, und es _ist_, vermöge dieses
-bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt, das Ich _ist_, und es
-setzt sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns. -- Es ist zugleich das
-Handelnde und das Produkt der Handlung; das Thätige, und das, was durch
-die Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung und That sind Eins und
-ebendasselbe; und daher ist das: _Ich bin_, Ausdruck einer Thathandlung
-.....
-
-8. Ist das Ich nur, insofern es sich setzt, so ist es auch nur _für_
-das setzende und setzt nur für das seyende. -- _Das Ich ist für das
-Ich_, -- setzt es aber sich selbst, schlechthin so wie es ist, so setzt
-es sich nothwendig und ist nothwendig für das Ich. _Ich bin nur für
-Mich; aber für mich bin ich nothwendig_ (indem ich sage _für Mich_,
-setze ich schon mein Seyn).
-
-9. _Sich selbst setzen_ und _Seyn_ sind, vom Ich gebraucht, völlig
-gleich. Der Satz: Ich bin, weil ich mich selbst gesetzt habe, kann
-demnach auch so ausgedrückt werden: _Ich bin schlechthin, weil ich bin._
-
-Ferner, das sich setzende Ich und das seyende Ich sind völlig gleich,
-Ein und ebendasselbe. Das Ich ist dasjenige, als _was_ es sich
-setzt; und es setzt sich als _dasjenige_, was es ist. Also: _Ich bin
-schlechthin, was ich bin._
-
-10. Der unmittelbare Ausdruck der jetzt entwickelten Thathandlung wäre
-folgende Formel: _Ich bin schlechthin, das ist ich bin schlechthin,
-weil ich bin, und bin schlechthin, was ich bin; beides für das Ich._
-
-Denkt man sich die Erzählung von dieser Thathandlung an die Spitze
-einer Wissenschaftslehre, so müßte sie etwa folgendermaßen ausgedrückt
-werden: _Das Ich setzt ursprünglich sein eigenes Seyn._«
-
-($S. 434, Z. 15 f.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_ a. a. O., S. 397 f.
--- Die Dualität von Religion und Glaube, die Chamberlain S. 405 f.
-behauptet, dürfte kaum haltbar sein.
-
-($S. 435, Z. 6 v. u.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_, Die Grundlagen des
-XIX. Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 244, 401.
-
-($S. 436, Z. 2 v. u.$) Man sieht, wie schwierig es ist, das Judentum
-zu definieren. Dem Juden fehlt die Härte, aber auch die Sanftmut --
-eher ist er zähe und weich; er ist weder roh noch fein, weder grob noch
-höflich. Er ist nicht König, nicht Führer, aber auch nicht Lehnsmann,
-nicht Vasall. Was er nicht kennt, ist Erschütterung; doch es mangelt
-ihm ebensosehr der Gleichmut. Ihm ist nie etwas selbstverständlich,
-aber ebenso fremd ist ihm alles wahre Staunen. Er hat nichts vom
-_Lohengrin_, aber beinahe noch weniger vom _Telramund_ (der mit
-seiner Ehre steht und fällt). Er ist lächerlich als Korpsstudent; und
-gibt doch keinen guten Philister ab. Er ist nie schwerblütig, aber
-auch nie vom Herzen leichtsinnig. Weil er nichts glaubt, flüchtet er
-ins Materielle; nur daher stammt seine Geldgier: er sucht hier eine
-Realität und will durchs »Geschäft« von einem Seienden überzeugt
-werden -- der einzige Wert, den er als tatsächlich anerkennt, wird
-so das »verdiente« Geld. Aber dennoch ist er nicht einmal eigentlich
-Geschäftsmann: denn das »Unreelle«, »Unsolide« im Gebaren des jüdischen
-Händlers ist nur die konkrete Erscheinung des der _inneren Identität_
-baren jüdischen Wesens auch auf diesem Gebiete. _»$Jüdisch$« ist also
-eine $Kategorie$_ und psychologisch nicht weiter zurückzuführen und zu
-bestimmen; metaphysisch mag man es als _Zustand vor dem Sein_ fassen;
-introspektiv kommt man nicht weiter als bis zur inneren Vieldeutigkeit,
-dem Mangel an Überzeugungen, der Unfähigkeit zu irgend welcher Liebe,
-das ist ungeteilten Hingabe, und zum Opfer.
-
-Die Erotik des Juden ist sentimental, sein Humor Satire; jeder
-Satiriker aber ist sentimental, wie jeder Humorist nur ein umgekehrter
-Erotiker. In der Satire und in der Sentimentalität ist jene Duplizität,
-die das Jüdische eigentlich ausmacht (denn die Satire verschweigt
-zu wenig und fälscht darum den Humor); und jenes Lächeln ist beiden
-gemeinsam, welches das jüdische Gesicht kennzeichnet: kein seliges,
-kein schmerzvolles, kein stolzes, kein verzerrtes Lächeln, sondern
-jener unbestimmte Gesichtsausdruck, welcher _Bereitschaft_ verrät, _auf
-alles einzugehen_, und alle Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst
-vermissen läßt; jene Ehrfurcht, die allein alle andere »~verecundia~«
-erst begründet.
-
-($S. 437, Z. 6.$) _Chamberlain_: a. a. O., S. 329 f.
-
-($S. 437, Z. 5 v. u. f.$) Über das »epileptische Genie« vgl. besonders
-_Lombroso_, Der geniale Mensch, Hamburg 1890, an vielen Orten. Über
-Napoleons Epilepsie orientiert Louis _Proal_, Napoléon I. était-il
-épileptique? Archives d'Anthropologie criminelle, 1902, p. 261-266 (mit
-den Zeugnissen von Constant und Talleyrand).
-
-($S. 438, Z. 11.$) _Kant_, Die Religion innerhalb der Grenzen der
-bloßen Vernunft, S. 46-47, ed. Kehrbach. Vgl. S. 49 f.: »Wenn der
-Mensch aber im Grunde seiner Maximen verderbt ist, wie ist es möglich,
-daß er durch eigene Kräfte diese Revolution [einen Übergang zur Maxime
-der Heiligkeit der Gesinnung] zustande bringe und von selbst ein
-guter Mensch werde? Und doch gebietet die Pflicht, es zu sein, sie
-gebietet uns aber nichts, als was uns tunlich ist. Dieses ist nicht
-anders zu vereinigen, als daß die Revolution für die Denkungsart, die
-allmähliche Reform aber für die Sinnesart (welche jener Hindernisse
-entgegenstellt), notwendig und daher auch dem Menschen möglich sein
-muß. Das ist: wenn er den obersten Grund seiner Maximen, wodurch er ein
-böser Mensch war, durch eine einzige unwandelbare Entschließung umkehrt
-(und hiemit einen neuen Menschen anzieht); so ist er sofern dem Prinzip
-und der Denkungsart nach ein fürs Gute empfängliches Subjekt u. s. w.«
---
-
-Das andere Genie erfährt die Gnade noch vor der Geburt; der
-Religionsstifter im Laufe seines Lebens. In ihm stirbt ein älteres
-Wesen am vollständigsten und tritt vor einem gänzlich neuen zurück.
-Je größer ein Mensch werden will, desto mehr ist in ihm, dessen
-Tod er beschließen muß. Ich glaube, daß auch _Sokrates_ hier den
-Religionsstiftern (als der einzige unter allen Griechen[106]) sich
-nähert; vielleicht hat er den entscheidenden Kampf mit dem Bösen an
-jenem Tage gekämpft, da er bei Potidaea vierundzwanzig Stunden allein
-an einem und demselben Orte aufrecht stand.
-
-_Kant_ (Religionsphilosophie; vgl. im Texte S. 209), _Goethe_ (Citat
-auf S. 438), _Jakob Böhme_ (De regeneratione) und Richard _Wagner_
-(Wotan bei Erda, Siegfried, III. Akt) sind ebenfalls diesem Ereignis
-einer buchstäblichen _Neugeburt_ des _ganzen_ Menschen weniger fern
-gewesen als die meisten anderen großen Männer.
-
-
-
-
-Zu Teil II, Kapitel 14.
-
-
-($S. 443, Z. 7 v. u.$) »Alle höhere Kultur ist nicht auf das Prinzip
-der _Sexualität_, sondern im Gegenteil auf das Prinzip der _Askese_
-gegründet« das ist (wenn man Askese nicht zu eng, nicht im Sinne einer
-Jesuiten-Schulung faßt) das wahrste Wort aus dem trefflichen Aufsatze
-von O. _Friedländer_ (vgl. zu S. 446, Z. 1 v. u.).
-
-($S. 443, Z. 15-21.$) Auf das Überwiegen des dirnenhaften Elementes
-im heutigen Weibe dürfte die zunehmende Unlust und Unfähigkeit der
-Mütter, ihre Kinder zu stillen, viel eher zurückweisen als auf den seit
-Jahrhunderten unverändert großen Alkoholgenuß (vgl. S. 291, Z. 14 v.
-u. f.)
-
-($S. 444, Z. 15.$) Sogar in die Wissenschaft ist diese Wertung des
-Mannes nach seiner geschlechtlichen Fähigkeit eingedrungen. »Il ne peut
-être douteux que les testicules donnent à l'homme ses plus nobles et
-ses plus utiles qualités.« (_Brown-Séquard_, Archives de Physiologie
-normale et pathologie, 1889, p. 652.)
-
-Es ist sehr verdienstlich von _Rieger_, diesen so populären
-Anschauungen derart kräftig entgegengetreten zu sein, wie er es in
-seinem Buche über »Die Kastration« (Jena 1900) getan hat.
-
-($S. 446, Z. 1 v. u.$) Auf einem anderen Wege und weniger durch
-eine Analyse der Weiblichkeit als der Männlichkeit kommt Oskar
-_Friedländer_ (»Eine für Viele«, eine Studie, Die Gesellschaft,
-Münchener Halbmonatsschrift, 1902, Heft 15/16) zu _demselben_ Ergebnis
-(S. 181 f.): »Die Geschlechter bilden und beeinflussen einander in
-der Richtung nach dem physischen und moralischen Ideale, das sie als
-Maßstab ihrer wechselseitigen Wertschätzung zu Grunde legen, und von
-dessen mehr oder minder vollkommener Erfüllung die Bevorzugung der
-einen vor den anderen bei der Liebeswahl abhängig zu denken ist. Wenn
-echte Weiblichkeit mit dem Attribute der Keuschheit unzertrennlich
-verbunden ist, so ist demnach der Grund dafür nicht in der Natur des
-Weibes, sondern in der moralischen Disposition des Mannes zu suchen.
-Ihm ist die Keuschheit, im weiteren Sinne: die Fähigkeit, die Schranken
-des sinnlichen Einzeldaseins zu übersteigen, der höchste sittliche
-Wert und wird es trotz aller beklagenswerten Aberrationen, an denen
-unser, einem durchaus unberechtigten Optimismus huldigendes Zeitalter
-so reich ist, immer bleiben; darum überträgt er ihn in der Form eines
-moralischen Imperatives auf das andere Geschlecht. Der Frau ist,
-weniger im ethischen als im sexuellen Interesse, alles an der Erfüllung
-dieser Forderung gelegen. Deshalb hält sie so unerbittlich zähe daran
-fest, zähe besonders am Scheine der Keuschheit, an den Regeln der
-Konvenienz.
-
-Die Anwendung auf den entgegengesetzten Fall wird man mir erlassen.
-Es heißt dem Scharfsinn meiner Leser nicht allzuviel zumuten, wenn
-ich ihnen die Entscheidung anheimstelle, wo das Ideal der männlichen
-Unkeuschheit seinen Ursprung genommen haben mag.«
-
-($S. 447, Z. 1.$) Doch ist auch der Wert, der auf Jungfräulichkeit
-gelegt wird, wie bekannt, ein sehr verschiedener bei den verschiedenen
-Menschenrassen. Vgl. Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde,
-Berlin 1902, S. 93.
-
-($S 447, Z. 1 v. u.$) Der Mensch, der sich straft durch
-Fleischeskreuzigung und Abtötung des Leibes, will den Sieg ohne Kampf;
-er räumt den Leib aus dem Wege, weil er zu schwach ist, dessen Triebe
-zu überwinden. Er ist ebenso feig wie der Selbstmörder, der sich
-erschösse, weil er am Siege über sich verzweifelte. Und die Buße ist
-der Reue geradezu entgegengesetzt; denn sie beweist, daß der Mensch
-gar nicht _über_ seiner Missetat steht, sondern noch in ihr befangen
-ist, sonst würde er sich nicht züchtigen; er würde trotz der Zurechnung
-einen Unterschied machen zwischen dem Moment der Tat und dem Moment
-der Reue, wofern Reue da wäre. Denn Bedingung der Reue ist nunmehrige
-Unfähigkeit zur Tat, und diese Unfähigkeit zum Bösen kann kein Mensch
-in sich strafen wollen. Auch _Kant_ hat die Askese durchschaut
-(Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, § 53).
-
-($S. 448, Z. 4 v. u.$) Richard _Wagner_, Parsifal, ein
-Bühnenweihfestspiel. Zweiter Aufzug. (Gesammelte Schriften und
-Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. X, S. 360 f.)
-
-($S. 451, Z. 9 v. u.$) _Schopenhauer_: »Die Mormonen haben Recht.«
-(Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 370 Ende.) _Demosthenes_ 59, 122
-(Κατὰ Νεαίρας): »Tὰς μὲν γὰρ ἑταίρας ἡ δονῆς ἕνεκ' ἔχομεν, τὰς δὲ
-παλλακὰς τῆς καθ' ἡμέραν θεραπείας τοῦ σώματος, τὰς δἐ γυναῖκας τοῦ
-παιδοποιεῖσθαι γνησίως καὶ τῶν ἔνδον φύλακα πιστὴν ἔχειν.«
-
-($S. 451, Z. 8 v. u. f.$) _Goethe_, Zweite Epistel. -- _Molière_, Les
-Femmes Savantes, Acte II, Scène VII. -- Selbst _Kant_ dürfte, wäre er
-nach einer Schrift aus dem Jahre 1764 zu beurteilen, keineswegs von
-diesem Vorwurfe ausgenommen werden. Denn in den »Beobachtungen über das
-Gefühl des Schönen und Erhabenen« (III. Abschnitt, Bd. VIII, S. 32,
-ed. Kirchmann) steht: »[Die Frauenzimmer] tun etwas nur darum, weil es
-ihnen so beliebt, _und die Kunst besteht darin, zu machen, daß ihnen
-nur dasjenige beliebt, was gut ist_. Ich glaube schwerlich, daß das
-schöne Geschlecht der Grundsätze fähig sei, und ich hoffe dadurch nicht
-zu beleidigen, denn diese sind auch äußerst selten beim männlichen.«
-
-($S. 452, Z. 17.$) _Kant_, Die Religion innerhalb der Grenzen der
-bloßen Vernunft, ed. Kehrbach, S. 47.
-
-($S. 452, Z. 6 v. u.$) W. H. _Riehl_, Die Familie, Stuttgart 1861,
-S. 7, sagt: »Man muß ... den tollen Mut der Sozialisten bewundern,
-welche den beiden Geschlechtern trotz aller leiblichen und seelischen
-Ungleichartigkeit doch die gleiche politische und soziale Berufung
-zusprechen und ganz resolut ein Gesetz der Natur entthronen wollen,
-um ein Gesetz der Schule und des Systems an seine Stelle zu setzen.
-Périsse la nature plutôt que les principes!«
-
-Dieser Standpunkt, den Riehl toll nennt, ist der meinige. Ich kann
-nicht einsehen, wie ein anderer gewählt werden könnte, wofern man nicht
-utilitaristisch, sondern ethisch zu denken gewillt ist. Sicherlich wird
-der alte Mißbrauch, der mit den Worten der Natur, des Natürlichen und
-Naturgemäßen getrieben wird, sich erneuern, sobald es diese Forderung
-zu bekämpfen gelten wird. Das Verhältnis des Menschen zur Natur wird
-aber, um es ganz unzweideutig zu sagen, nicht zerstört, _sondern erst
-$geschaffen$ dadurch, daß der Mensch sich über sie $erhebt$_, _mehr_
-wird als ein bloßes Glied, ein bloßer Teil von ihr. Denn Natur ist
-immer das _Ganze_ der sinnlichen Welt, und dieses kann nicht von einem
-seiner Teile aus übersehen werden.
-
-($S. 453, Z. 16 f.$) Je tiefer das Weib steht, desto notwendiger muß es
-emanzipiert werden. Gewöhnlich schließt man umgekehrt.
-
-($S. 453, Z. 22-24.$) Ich meine hier die »Vera«-Literatur, welche im
-Jahre 1902 ziemlich viel Staub aufgewirbelt hat. Das einzige Gute, was
-über die ganze Streitfrage geschrieben worden ist, findet man in dem
-mehrfach citierten Aufsatze von Oskar _Friedländer_, Eine für Viele,
-eine Studie (vgl. besonders zu S. 446, Z. 1 v. u.).
-
-($S. 454, Z. 4 f.$) Friedrich _Nietzsche_, Jenseits von Gut und Böse,
-Aphorismus 238.
-
-($S. 455, Z. 7.$) »_Pythagoras_ erscheint als der Vertreter des
-Frauengeschlechtes, als der Verteidiger seiner Rechte, seiner
-Unverletzlichkeit, seines hohen Berufes in der Familie und im Staate.
-Den Männern stellt er die Unterdrückung des Weibes als Sünde dar.
-Nicht unterworfen, sondern mit voller Gleichberechtigung dem Gatten
-beigeordnet soll das Weib sein.« (J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht,
-Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer
-religiösen und rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 381.)
-
-($S. 456, Z. 11.$) Über die _»Parsifal«-Dichtung_ _Wagners_ ist mir
-eine einzige verständnisvolle Abhandlung bekannt geworden: Zur Symbolik
-in Wagners Parsifal, von Emil _Lucka_, Wiener Rundschau, V, 16,
-S. 313 f. (15. August 1901). Leider ist in diesem sehr vorzüglichen
-Aufsatz das Thema allzu knapp behandelt. Eine Auffassung der Dichtung,
-welche von jenem Autor in vielen Punkten beträchtlich abweicht,
-ausführlich darzulegen, hoffe ich selbst Gelegenheit zu finden.
-
-($S. 457, Z. 6 f.$) _Clemens Alexandrinus_, Stromata, III 6, vol. I,
-p. 532, ed. Potter (Oxford 1715) = p. 1149 ed. Migne (Patrologiae
-Graecae, Tomus VIII, Paris 1857): Τῇ Σαλώμῃ ὁ Κύριος πυνθανομένῃ
-_μέχρι πότε θάνατος ἰσχύσει_ οὐχ ὡς κακοῦ τοῦ βίου ὄντος καὶ τῆς
-κτίσεως πονηρᾶς »_Μέχρις ἄν, εἶπεν, ὑμεῖς αἱ γυναῖκες τίκτετε_« ἀλλ'
-ὡς τὴν ἀκολουθίαν τὴν φυσικὴν διδάσκων· γεννήσει γὰρ πάντως ἕπεται καὶ
-φθορά. -- Ibid. III, 13 (I, 553 Potter, p. 1192 Migne) wird aus dem
-»Evangelium der Ägypter« nach dem Zeugnis des _Cassianus_ (dessen Werk
-Περὶ ἐγκρατείας oder περὶ εὐνουχίας) folgendes Wort Jesu berichtet:
-»Πυνθανομένης τῆς Σαλώμης πότε γνωσθήσεται τὰ περὶ ὧν ἤρετο, ἔφη ὁ
-Κύριος, _Ὅταν τὸ τῆς αἰσχύνης ἔνδυμα πατήσητε, καὶ ὅταν γένηται τὰ
-δύο ἕν, καὶ τὸ ἄρρεν μετὰ τῆς θηλείας οὔτε ἄρρεν οὔτε θῆλυ_.« --
-Schließlich ibid. III, 9 (I, 540 Potter, p. 1165 Migne): »_ἤλθον
-καταλῦσαι τὰ ἔργα τῆς θηλείας_· θηλείας μὲν, τῆς ἐπιθυμίας· ἔργα δέ,
-γέννησιν καὶ φθοράν.«
-
-Es ist dieser Ausspruch so ohne alle Vorgänger im Griechentum, daß wohl
-seine Echtheit angenommen und es ein hohes Glück genannt werden darf,
-daß er nicht verloren ging, wie die herrlichsten Aussprüche Christi
-sicherlich verloren gegangen sind, weil die synoptischen Evangelisten
-sie nicht verstehen und also nicht behalten konnten.
-
-Daß das Begehren nach dem Weibe immer unsittlich ist, liegt übrigens
-bereits im Worte: »_πᾶς ὁ βλέπων γυναῖκα πρὸς τὸ ἐπιθυμῆσαι ἤδη
-ἐμοίχευσεν αὐτὴν τῇ καρδίᾳ αὔτοῦ_« (Evang. Matth. 5, 28).
-
-($S. 457, Z. 15 v. u.$) _Augustinus_, De bono viduitatis, Cap. XXIII
-(Patrologiae Latinae Tom. XL, p. 449 f., ed. Migne, Paris 1845): »Non
-vos ... frangat querela vanorum, qui dicunt: Quomodo subsistet genus
-humanum, si omnes fuerint continentes? Quasi propter aliud retardetur
-hoc saeculum, nisi ut impleatur praedestinatus numerus ille sanctorum,
-quo citius impleto, profecto nec terminus saeculi differetur.« De
-bono conjugali, Cap. X (ibid. p. 381): »Sed novi qui murmurent. Quid
-si, inquiunt, omnes homines velint ab omni concubitu continere:
-unde subsistet genus humanum? Utinam omnes hoc vellent, dumtaxat in
-charitate de corde puro et conscientia bona et fide non ficta (1. Tim,
-1, 5): multo citius Dei civitas compleretur, et acceleraretur terminus
-saeculi.« Ich verdanke diese Nachweise _Schopenhauers_ »Welt als Wille
-und Vorstellung«, Bd. II, Kap. 48.
-
-($S. 457, Z. 2 v. u.$) Hier liegt also das eigentliche Motiv jener
-Furcht, nach welchem Leo _Tolstoi_ (Über die sexuelle Frage, Leipzig
-1901, S. 16 ff., 87 f.) gesucht hat, ohne es zu finden.
-
-($S. 458, Z. 14.$) Man mag es krankhaft nennen, daß der Mann die
-schwangere Frau abstoßend häßlich findet (wenn sie auch manches Mal
-ihn sinnlich erregt), aber es ist dies eben das, was ihn vor dem Tiere
-auszeichnet, und wer es ihm ausreden will, der will ihn der Menschheit
-entkleiden. Das Phänomen liegt tief; es zeigt wieder, wie alle Ästhetik
-nur ein Ausdruck der Ethik ist. -- »Toutes les _hideurs_ de la
-fécondité« sagt einmal Charles _Baudelaire_ (Les fleurs du mal, Paris
-1857, 5. Gedicht, p. 21).
-
-($S. 459, Z. 15.$) Die Idee der Menschheit im Kantischen Sinne ist auch
-von _Platon_ an einer berühmten Stelle der Politeia ausgesprochen (IX,
-589 A B), in der zugleich die Anschauung vom Menschen als dem mit allen
-Möglichkeiten ausgestatteten Wesen liegt: »..... ὁ τὰ δίκαια λέγων
-λυσιτελεῖν φαίη ἂν δεῖν ταῦτα πράττειν καὶ ταῦτα λέγειν, ὅθεν _τοῦ
-ἀνθρώπου ὁ έντὸς ἄνθρωπος_ ἔσται ἐγκρατέστατος .....«
-
-($S. 459, Z. 11-8 v. u.$) Die ganze Entwicklung, welche Herbert
-_Spencer_, Die Prinzipien der Ethik, Stuttgart 1892, Bd. II, S. 181 f.
-beschreibt, die Entwicklung vom »Fidschi-Insulaner, der sein Weib
-töten und aufessen konnte«, von den alten Germanen, bei denen der Mann
-das Weib »wieder verkaufen und sogar töten durfte«, von den alten
-englischen Zeiten, wo die Braut gekauft wurde und ihr eigener Wille
-beim Handel nicht in Frage kam, bis auf den heutigen Tag, da die Frau
-wenigstens von Rechts wegen selbständiges Eigentum besitzen darf --
-diese ganze Entwicklung ist keineswegs durch irgend welche Bewegungen
-von Seiten der Frauen hervorgerufen, sondern allmählich durch
-Vervollkommnung der gesetzlichen Fortschritte vom Manne herbeigeführt
-worden.
-
-Ich möchte hier noch Oskar _Friedländer_ anführen, welcher a. a. O.
-S. 182 f. (Die Gesellschaft, 1902, Heft 15/16) sagt: »Die spärlichen
-moralischen Elemente, die in der Emanzipationsbewegung enthalten sind,
-haben übrigens, und das kennzeichnet am besten die innere Bedeutung
-des ganzen Rummels, ebensowenig als das Keuschheitsideal ihren
-Ursprung im erhitzten Hirne der für die Emanzipation des Fleisches
-besonders begeisterten Vorkämpferinnen genommen. Es waren _Männer_,
-die jene Elemente zur Geltung brachten, um der unwürdigen »Hörigkeit
-der Frau« ein Ende zu bereiten, und die Frauen erschienen erst auf
-dem Kampfplatze, als der Frontangriff zu ihren Gunsten entschieden
-war und sie nicht länger mit Ehren fern bleiben konnten. Es spricht
-wohl deutlich genug, daß gerade in ihren Reihen die erbittertsten
-Gegner der neuen Richtung erstanden. Die scheinbare Bereitwilligkeit,
-den veränderten Verhältnissen Rechnung zu tragen, die aggressive
-Haltung mancher Frauen darf einen nicht über die wahre Sachlage
-hinwegtäuschen. Das Hochschulstudium nimmt in diesen Kreisen keinen
-höheren Rang ein als der Radfahrsport oder das Lawntennisspiel: das
-erforderliche Minimalquantum wissenschaftlicher Bildung zählt heute
-mit zu den sekundären Geschlechtscharakteren. Den ethischen Kern der
-Emanzipationstendenz, die Erhebung auf das moralische Niveau des
-Mannes, haben die Frauen immer als einen lästigen Zwang empfunden,
-dessen sie sich auch sicherlich entledigen werden, wenn es nur mit
-Anstand, ohne die gute Meinung ihrer Anwälte allzu offenkundig zu
-desavouieren, geschehen kann.«
-
-
-
-
-Verbesserungen sinnstörender Fehler.
-
-
- Seite 3, Zeile 3 v. u.: Lies _alle$m$_ statt _alle$s$_.
-
- » 30, » 10: » _thelyide_ statt _thely$o$ide_.
-
- » 36, » 10: » _ge$a$ichten_ statt _ge$e$ichten_.
-
- » 49, » 11: » _zersetz$en$_ statt _zersetz$t$_.
-
- » 62, » 3: » _thelyide_ statt _thely$o$ide_.
-
- » 69, » 9 v. u.: » _eine$r$_ statt _eine$m$_.
-
- » 100, » 7 v. u.: » _welche ja_ statt _welche $sie$ ja_.
-
- » 114, » 11 v. u.: » _Intensi$f$ikationen_ statt
- _Intensi$v$ikationen_.
-
- » 134, » 3: » _haben; $oder denke an$_ statt
- _haben an_.
-
- » 169, » 19: » _da$ß$ er_ statt _da er_.
-
- » 170, » 6-5 v. u.: Streiche: _den Moment zu verewigen
- strebt_.
-
- » 177, » 23: Lies _Schellings_ statt _Schelling$en$s_.
-
- » 180, » 10 v. u.: » _umgehen_ statt _um$zu$gehen_.
-
- » 189, » 4: » _geordnete$n$_ statt _geordnete$m$_.
-
- » 190, » 1 v. u.: » _präsentiert_ statt
- _$re$präsentiert_.
-
- » 194, » 3: » _Möglichkeit$,$ zu erkennen_ statt
- _Möglichkeit zu erkennen_.
-
- » 216, » 10: » _Intensi$f$ikationen_ statt
- _Intensi$v$ikationen_.
-
- » 220, » 11 v. u.: » _$ein erw$ärmter Stab durch_ statt
- _$erw durch$ärmter Stab_.
-
- » 227, » 10 v. u.: » _welche nämlich_ statt _welche $sie$
- nämlich_.
-
- » 274, » 10 v. u.: » _$zu$ verbringen_ statt
- _verbringen_.
-
- » 291, » 7: » _aus $seiner$_ statt _aus $ihrer$_.
-
- » 295, » 18: » _$aber$ auch_ statt _$hieraus$
- auch_.
-
- » 301, » 6: » _größer$e$_ statt _größer_.
-
- » 331, » 3 v. u.: » _de$s$ Liebenden_ statt _de$r$
- Liebenden_.
-
- » 356, » 8: » _steht nicht $wie$ beim_ statt
- _steht nicht beim_.
-
- » 361, » 18: » _$a$sexuelles_ statt _sexuelles_.
-
- » 366, » 12 v. u.: » _fremde$n$_ statt _fremde_.
-
- » 408, » 17: » _Laute$n$_ statt _Laute$m$_,
- _Unvornehme$n$_ statt
- _Unvornehme$m$_.
-
- » 410, » 10 v. u.: » _ihre$n$_ statt _ihre$r$_.
-
- » 425, » 2: » _$es$ ist_ statt _$sie$ ist_.
-
- » 434, » 3: » _de$r$ Augenblick_ statt _de$n$
- Augenblick_.
-
- » 434, » 11: » _sich $die$ Welt_ statt _sich Welt_.
-
- » 448, » 9: » _anst$reb$t_ statt _anst$ell$t_.
-
- » 455, » 15 v. u.: » _Als$o$_ statt _Als_.
-
- » 467, » 14 v. u.: » _Hydatide_ statt _Hydat$r$ide_.
-
- » 476, » 15: » _$Il$ était_ statt _$Je$ était_.
-
-[Illustration: DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.]
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-[1] Auch das Spencersche Weltschema: Differentiation und Integration,
-läßt sich hier leicht anwenden.
-
-[2] Dies gilt von den Begriffen aber nur als von Objekten einer
-psychologischen, nicht einer logischen Betrachtungsweise. Diese sind
-trotz allem modernen Psychologismus (Brentano, Meinong, Höfler) nicht
-ohne beiderseitigen Schaden zusammenzuwerfen.
-
-[3] Natürlich -- zu dieser Anschauung werden wir durch unser Bedürfnis
-nach Kontinuität genötigt -- _irgendwie_ müssen die sexuellen
-Unterschiede, wenn auch anatomisch, morphologisch unsichtbar und
-selbst durch die stärksten Vergrößerungen des Mikroskopes dem Auge
-nicht zu erschließen, schon vor der Zeit der ersten Differenzierung
-formiert, »präformiert« sein. Aber wie, das ist ja die große Krux aller
-Entwicklungsgeschichte.
-
-[4] Nicht die absolute Breite des Beckens als in Centimetern angegebene
-Distanz der Knorren der Oberschenkel oder der Hüftbeindorne, sondern
-die relative Breite der Hüften im Verhältnis zur Schulterbreite ist
-ein ziemlich sicheres und recht allgemein verwendbares körperliches
-Kriterium für den Gehalt an W.
-
-[5] Von den verschiedenen »Fetischismen« ist hiebei natürlich
-abzusehen; ebensowenig kommen für erogene Wirkung die primordialen
-Charaktere in Betracht.
-
-[6] Ebensowenig wie im umgekehrten Falle der Kastration eines
-weiblichen Tieres die Maskularisierung schroff _geleugnet_ werden kann.
-
-[7] Daß solche Grenzen existieren, ergibt ja auch die Existenz
-sexueller Unterschiede _vor_ der Pubertät.
-
-[8] Für spezielle Zwecke der Züchter, deren Absichten meist auf
-Abänderung der natürlichen Tendenzen gehen, muß hievon freilich oft
-abgegangen werden.
-
-[9] Gewöhnlich denkt man, wenn von einer Konstanz im sexuellen
-Geschmack des Mannes oder der Frau gesprochen wird, zunächst an
-die Bevorzugung einer Lieblingsfarbe des Kopfhaares beim anderen
-Geschlechte. Es scheint auch wirklich, wo überhaupt einer bestimmten
-Farbe der Haare der Preis gegeben wird (dies ist nicht bei allen
-Menschen der Fall), die Vorliebe für diese ziemlich tief zu liegen.
-
-[10] Dies zeigt auch klar sein Bildnis. _Mérimée_ nennt George Sand
-»maigre comme un clou«. Bei der ersten Begegnung beider ist »sie«
-offenbar Männchen und »er« ganz Weibchen gewesen: _er_ errötet, als
-_sie_ ihn fixiert und mit _tiefer_ Stimme _ihm_ Komplimente zu machen
-beginnt.
-
-[11] Es hat übrigens viele gänzlich _ungelehrte große_ Künstler gegeben
-(_Burns_, _Wolfram von Eschenbach_), aber keine diesen vergleichbare
-Künstlerin.
-
-[12] Auf den Anblick einer bisexuell funktionierenden Schauspielerin
-mit leichtem Bartanfluge, einer tiefen sonoren Stimme und fast ohne
-Haare auf dem Kopfe habe ich einen bisexuellen Mann ausrufen hören: »Ja
-das ist ein Prachtweib!« »Das Weib« ist eben für jeden ein anderes und
-doch dasselbe, »im Weibe« hat noch jeder Dichter Verschiedenes und doch
-ein Gleiches besungen.
-
-[13] Es bedeutet im folgenden »_der_ Mann« immer M und mit »_der_ Frau«
-ist immer W gemeint, nicht »die Männer« oder »die Frauen«.
-
-[14] Herr Dr. _Hermann Swoboda_ in Wien.
-
-[15] Wobei weder an absolute Heniden beim Weibe noch an absolute
-Klärung beim Manne gedacht werden darf.
-
-[16] _Begabung_ (nicht _Talent_) und _Geschlecht_ sind die beiden
-einzigen Dinge, _die nicht vererbt werden_, sondern _unabhängig_ von
-der »Erbmasse« sind und gleichsam spontan zu entstehen scheinen. Schon
-diese Tatsache läßt erwarten, daß Genialität, beziehungsweise ihr
-Mangel, in einem Zusammenhange mit der Männlichkeit oder Weiblichkeit
-eines Menschen stehen müsse.
-
-[17] Ich gebrauche das Wort Begabung, um dem Worte Genialität so
-oft als tunlich aus dem Wege zu gehen, und bezeichne mit ihm jene
-Veranlagung, deren höchste Steigerung Genialität ist. Begabung und
-Talent werden demnach hier streng auseinandergehalten.
-
-[18] Die aber mit dem _Talente_ nichts zu schaffen haben.
-
-[19] Ausdruck von Herrn Dr. H. _Swoboda_ in Wien.
-
-[20] Sehr wesentlich ist hingegen der geniale _Augenblick_ vom
-nichtgenialen psychologisch geschieden, _auch in einem und demselben
-Menschen_.
-
-[21] Ich wage auch daran zu erinnern, wie häufig reine Wissenschaftler
-erst knapp vor dem Tode mit religiösen und metaphysischen Problemen
-sich beschäftigen: _Newton_, _Gauß_, _Riemann_, Wilh. _Weber_.
-
-[22] Man ist oft erstaunt darüber, wie Menschen von ganz gewöhnlicher,
-ja gemeiner Natur keinerlei Furcht vor dem Tode empfinden. Aber
-es wird so klar: _nicht die Furcht vor dem Tode schafft das
-Unsterblichkeitsbedürfnis, sondern das Unsterblichkeitsbedürfnis
-schafft die Furcht vor dem Tode_.
-
-[23] Im übrigen säume ich nicht, die Manen _Bacos_ für diese
-Zusammenstellung um Verzeihung zu bitten.
-
-[24] Über sie handelt kurz das 13. Kapitel.
-
-[25] Welche der sich immer verstehende Mensch ebensogut kennt wie der
-sich nie verstehende.
-
-[26] Hiemit hoffe ich auch, die Kühnheit dieses gänzlich neuartigen
-Überganges vom Gedächtnis zur Logik gerechtfertigt zu haben.
-
-[27] Dieser Beweis beruht jedoch, wie zu bemerken ist, auf
-der Identifikation eines beliebigen _logischen_ A mit dem
-_erkenntnistheoretischen_ Objekt überhaupt; diese Identifikation
-läßt sich in ihrer Berechtigung selbst nicht noch dartun. Vom _Sein
-überhaupt_, welches aus der Gültigkeit des Identitätsprinzipes streng
-genommen allein gefolgert werden könnte, will ich hier jedoch aus
-methodischen Gründen absehen. -- Übrigens würde, um den Positivismus
-zu widerlegen (worauf es ankam), bereits dieser Beweis eines Seins
-_jenseits_ der Erfahrung, _unabhängig von aller_ Erfahrung, hingereicht
-haben. Daß dieses Sein das Sein des Ichs ist, dafür ist keine rein
-_logische_, sondern eigentlich nur eine _psychologische_ Begründung aus
-der _Erfahrungstatsache_ möglich, daß die logische Norm dem Menschen
-nicht von außen kommt, sondern vom eigenen tiefsten Wesen ihm gegeben
-wird. Nur darum kann das _absolute Sein_ oder das _Sein des Absoluten_,
-wie es im Satze A = A sich manifestiert, mit dem _Sein des Ichs_
-gleichgesetzt werden: das absolute Ich ist das Absolute.
-
-[28] Ruft _Schopenhauer_, ruft _Wagner_.
-
-[29] Vgl. über sich verstehende und sich nicht verstehende Menschen
-S. 188.
-
-[30] Womit aber nicht gesagt ist, daß jedermann, der das Ich anerkennt,
-schon ein Genie sei.
-
-[31] Wie damit zusammenhängt, daß hervorragende Menschen schon sehr
-früh (z. B. im Alter von vier Jahren) _lieben_ können, wird später klar
-werden (S. 323 f.).
-
-[32] Dieser Fall wird später noch einer Untersuchung bedürfen
-(S. 322 ff.).
-
-[33] Wozu also der Darwinismus und die monistischen Systeme, in deren
-Zentrum der »Entwicklungsgedanke« steht, nicht gehören. Die Gattungs-
-und Begattungsherrlichkeit unserer Zeit konnte sich nicht deutlicher
-offenbaren als dadurch, daß man die Descendenzlehre mit dem Worte
-Weltanschauung in Verbindung brachte und dem Pessimismus entgegensetzte.
-
-[34] Darum gibt es _innerhalb_ des Einzelmenschen keinen Begriff
-des _Zufalls_, ja es kann der Gedanke an einen solchen gar nicht
-auftauchen. Daß ein erwärmter Stab durch die Zufuhr thermischer Energie
-sich ausdehnt und nicht infolge eines gleichzeitig am Himmel sichtbaren
-Kometen, nehme ich an vermöge langer Erfahrung und Induktion, aber auch
-nur auf Grund dieser; die _richtige_ Beziehung ist hier nicht _sofort_
-in einem Erlebnis schon gelegen. Wenn ich dagegen über mein eigenes
-Betragen in einer bestimmten Gesellschaft mich ärgere, so _weiß_
-ich, gesetzt auch, es geschehe zum ersten Male, und es schöben sich
-noch so viel andere gleichzeitige psychische Ereignisse dazwischen,
-_unmittelbar_ den _Grund_ meiner Unzufriedenheit, und bin seiner sofort
-vollständig sicher, oder kann es wenigstens, wenn ich mich nicht
-darüber hinwegzutäuschen versuche, schon beim ersten Male werden.
-
-[35] Vgl. auch Prediger _Salomo_ 7, 29: »Unter Tausenden habe ich einen
-Menschen gefunden, aber kein Weib habe ich unter allen gefunden.«
-
-[36] Von der also nicht eine Philosophie _ausgehen_ darf, zu der sie
-nur als zu einer letzten Grenzmarkung gelangen soll.
-
-[37] Der Ausdruck stammt von Dr. Wilh. _Jerusalem_.
-
-[38] Der Verbrecher fühlt sich sogar dann in seiner Weise schuldig,
-wenn er gerade nichts Übles getan hat. Er ist stets von anderen auf
-den Vorwurf des Betruges, des Diebstahls u. s. w. gefaßt, auch wenn
-er die Tat gar nicht begangen hat: weil er sich ihrer fähig weiß. Er
-fühlt sich darum auch stets ertappt, wenn irgend ein anderer Missetäter
-festgenommen wird.
-
-[39] Weil die Frau den zweiten Menschen gar nicht als _besonderes_
-Wesen empfindet, deshalb leidet sie nie unter ihren Nächsten, und nur
-deshalb kann sie stets allen Menschen sich _überlegen_ fühlen.
-
-[40] Der Einwände, welche hiegegen, und der Gründe, welche für die
-Schamhaftigkeit des Weibes immer wieder werden geltend gemacht werden;
-ist diese Untersuchung durchaus gewärtig; auf sie kommt ihr zwölftes
-Kapitel zu sprechen.
-
-[41] Nota bene: Viele sogenannte »schöne Männer« sind halbe Weiber.
-
-[42] Erst hiemit ist auch ganz klar geworden, was jener besondere
-_Wert_ ist, der, _durch Schaffung der Vergangenheit, die Zeit negiert_,
-wie ihn das 5. Kapitel postulierte.
-
-[43] Vgl. _Klingsors_ Worte an _Kundry_ in _Wagners_ _Parsifal_,
-zweiter Aufzug, zu Anfang:
-
-»Herauf! Herauf zu mir! Dein Meister ruft _Dich Namenlose_:
-Ur-Teufelin! Höllenrose! Herodias warst Du, und was noch? Gundryggia
-dort, Kundry hier: Hieher! Hieher denn, Kundry! Zu Deinem Meister,
-herauf!«
-
-
-[44] Es ist nur zu begreiflich, daß man leicht zu einer solchen Annahme
-verführt werden mag. Wer hat nicht z. B. in der Lektüre _dieses_ Buches
-beim Übergang vom ersten zum zweiten Teil das Gefühl, daß es sich in
-beiden um etwas ganz anderes handle! Dort um äußerliche, hier um innere
-Zusammenhänge.
-
-[45] Noch hat niemand von Doppelgängerinnen gehört. Man nennt die
-Frauen das furchtsame Geschlecht, weil man zu wenig scheidet zwischen
-Angst und Furcht. Es gibt eine tiefe Furcht, die nur der Mann kennt.
-
-[46] Im Hinblick auf die Erörterungen des 8. Kapitels über das größere
-Ansehen, welches dem tieferen Blick des bedeutenden Geistes gebührt,
-vor dem jeweiligen Stande der Wissenschaft (S. 222).
-
-[47] Das die größten Dichter erkannt haben. Man denke an die
-Identifikation der _Aase_ und _Solveig_ am Schlusse von _Ibsens_ »Peer
-Gynt« und an die Verknüpfung der _Herzeleide_ mit der _Kundry_ in der
-Verführung des _Wagner_schen _Parsifal_.
-
-[48] »Ewig war ich, ewig in süß sehnender Wonne, doch ewig zu Deinem
-Heil« (_Brünnhilde_ zu _Siegfried_).
-
-[49] Man vergleiche in _Ibsens_ »Peer Gynt«, 2. Akt, das Gespräch
-zwischen dem _Vater_ der _Solveig_ und _Aase_ (einer der
-bestgezeichneten »Mütter« der schönen Literatur) auf der Suche nach
-ihrem Sohn:
-
-_Aase_: ».... Wir finden ihn!« _Der Mann_: »Retten die Seel'!« _Aase_:
-»Und den Leib!«
-
-
-[50] Ich rede natürlich, die ganze Zeit über, nicht bloß vom käuflichen
-Gassenmädchen.
-
-[51] Hiemit dürfte es zusammenhängen, daß die Prostituierte körperlich,
-was manchem seltsam scheinen wird, mehr als die Mutter auf _Reinheit_
-achtet.
-
-[52] Seite 177 f.
-
-[53] Dem Verfasser geht es nicht besser als seinem Leser, wenn diesen
-die obige Analyse der Koketterie nicht sollte befriedigt haben. Was
-sie aufdeckte, lag doch ziemlich an der Oberfläche. Das Rätselhafte
-in der Koketterie scheint mir immer mehr ein eigentümlicher _Akt_ zu
-sein, durch welchen die Frau sich zum _Objekt_ des Mannes macht und
-sich _funktionell_ mit ihm _verknüpft_. Sie ist da ganz dem anderen
-weiblichen Streben vergleichbar, _Gegenstand des Mitleids_ der
-Nebenmenschen zu werden: _in beiden Fällen macht sich das Subjekt zum
-Objekt, zur Empfindung des anderen_ und setzt diesen über sich als
-Richter ein. Die _Koketterie_ ist die spezifische Verschmolzenheit
-der Dirne, wie die zuerst als Schwangerschaft, später als Laktation
-u. s. w. auftretende _Fürsorge_ die Verschmolzenheit der Mutter
-vorstellt.
-
-[54] Auch ist das Motiv des tierischen Männchens keineswegs Eitelkeit
-als Wille zum Wert.
-
-[55] Wer bedenkt, wie fast alle Frauen bei ihrer heutigen großen
-Freiheit sich auf der Gasse bewegen, wie sie durch straffes Anziehen
-ihrer Kleider alle Formen sichtbar werden lassen, wie sie jedes
-Regenwetter zu solchem Zwecke ausnützen, der wird dies nicht
-übertrieben finden.
-
-[56] Nicht wenn er _spielt_ (_Schiller_).
-
-[57] Vgl. S. 216.
-
-[58] Beide berühren sich im Begriffe der _Scheu_ (im lateinischen:
-_vereri_).
-
-[59] Die Wirkung des männlichen Bartes auf die Frau ist in einem
-weiteren Sinne und aus einem tieferen Grunde, als man vielleicht
-glaubt, psychologisch ein vollständiges, und nur in der Intensität
-geschwächtes, _Abbild_ der Wirkung des männlichen Gliedes selbst. Doch
-kann ich dies hier nicht näher ausführen.
-
-[60] Ich verweise vor allem auf den Schluß des 9. Kapitels.
-
-[61] Kapitel 13.
-
-[62] Die _eine_ scheinbare Ausnahme, die es hievon gibt, findet noch in
-diesem Kapitel eine gründliche Erörterung.
-
-[63] Das ruhende, träge, große Ei wird vom beweglichen, flinken,
-kleinen Spermatozoon aufgesucht.
-
-[64] Und nur _dafür_, daß niemand noch ein hysterisch verändertes
-_Gewebe_ gesehen hat.
-
-[65] Aus diesem Grunde sind Frauen aus dem hysterischen Anfall (nach
-_Janet_) so besonders leicht in Somnambulismus überzuführen: sie stehen
-gerade dann bereits unter dem zwingendsten fremden Banne.
-
-[66] Ganz oberflächlich ist die alte Meinung, daß die Hysterika
-_bewußt_ simuliere und lügnerische Geschichtlein erzähle. Die
-Verlogenheit des Weibes liegt ganz im Unbewußten; der eigentlichen
-Lüge, sofern diese einen Gegensatz zur Möglichkeit der Wahrheit bildet,
-ist das Weib gar nicht fähig (S. 194, 369 und 384).
-
-[67] Auch unter den Männern finden sich hiezu Analogien: es gibt
-geborene Diener, es gibt aber auch männliche Megären, z. B. Polizisten.
-Merkwürdigerweise findet der Polizeimann im allgemeinen auch sein
-_sexuelles_ Komplement im Dienstmädchen.
-
-[68] Die absolute Megäre wird ihren Mann nie fragen, was sie tun,
-was sie z. B. kochen soll, die Hysterika ist immer ratlos und
-verlangt nach der Inspiration von außen; dies sei, als ein banalstes
-Erkennungszeichen beider, hier angeführt.
-
-[69] Die Magd, nicht die Megäre, ist auch jene Frau, von der man,
-entgegen dem elften Kapitel, glauben könnte, daß sie der Liebe fähig
-sei. Die Liebe dieser Frau ist aber nur der Vorgang des _geistigen_
-Erfülltwerdens von der Männlichkeit eines bestimmten Mannes, und darum
-nur bei der Hysterika möglich; mit eigentlicher Liebe hat sie nichts
-zu tun, und kann sie nichts zu tun haben. Auch in der Schamhaftigkeit
-des Weibes ist ein solches Besessensein von einem Manne; erst hiedurch
-kommt Abschließung gegen alle anderen Männer zustande.
-
-[70] S. 184.
-
-[71] S. 199.
-
-[72] S. 315 f., 330.
-
-[73] S. 173, 224.
-
-[74] Es ließen sich die Analogien zwischen höherem und niederem Leben
-noch vermehren. Es ist nicht, wie man heute allgemein glaubt, nur
-ein oberflächlicher Fehlschluß, wenn stets und überall der _Atem_ in
-eine besondere Beziehung zur _Seele_ des Menschen gesetzt wurde. Wie
-die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, d. h. im Zusammenhange
-mit dem All lebt, so ist auch der Atem, viel allgemeiner noch als die
-Sinnesorgane, Vermittler eines Konnexes zwischen jedem Organismus und
-dem Weltganzen; und wenn er erlischt, ist das niedere Leben zu Ende. Er
-ist das Prinzip des irdischen, wie die Seele das des ewigen Lebens.
-
-[75] Alle Individualität ist der Gemeinschaft feind: wo sie in
-höchster Sichtbarkeit wirkt, wie im genialen Menschen, zeigt sich dies
-gerade dem Geschlechtlichen gegenüber. Nur _hieraus_ erklärt es sich,
-daß sicherlich alle bedeutenden Menschen, die, welche es verhüllt
-aussprechen können, wie die Künstler, und die, welche so unendlich viel
-verschweigen müssen wie die Philosophen -- weshalb man sie dann für
-trocken und leidenschaftslos hält -- daß also alle genialen Menschen
-ohne Ausnahme, soweit sie eine entwickelte Sexualität besitzen, an
-den stärksten geschlechtlichen Perversionen leiden (entweder am
-»_Sadismus_«, oder, wie zweifelsohne die größeren, am »_Masochismus_«).
-Das allen jenen Neigungen Gemeinsame ist ein instinktives _Ausweichen_
-vor der völligen körperlichen Gemeinschaft, ein _Vorbeiwollen am
-Koitus_. Denn einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Koitus mehr
-sähe als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar in
-ihm das tiefste, heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es
-niemals geben.
-
-[76] Die männliche Freundschaft scheut das Niederreißen von Mauern
-zwischen den Freunden. Freundinnen _verlangen_ Intimitäten _auf Grund_
-ihrer Freundschaft.
-
-[77] In solchen Fällen kommt die hübschere der weniger ansehnlichen
-oder weniger beachteten zweiten mit einem aus Mitleid und Verachtung
-gemischten Gefühl entgegen, welches, nebst dem Interesse an einer Folie
-für die eigenen Vorzüge, allein die längere Aufrechthaltung derartiger
-Beziehungen auch von ihrer Seite begünstigt.
-
-[78] Man darf dies nicht verwechseln mit der Fähigkeit, die ganze Natur
-zu umfassen, wie sie der Mann hat, weil er _nicht nur_ Natur ist. Die
-Frauen stehen _in_ der Natur als ein _Teil_ derselben, und in kausaler
-Wechselbeziehung zu allen anderen Teilen: von Mond und Meer, von Wetter
-und Gewitter, von Elektrizität und Magnetismus sind sie in einem viel
-weiteren Ausmaß _abhängig_ als der Mann.
-
-[79] Vgl. S. 109.
-
-[80] Vgl. S. 128.
-
-[81] Vgl. S. 127, 129.
-
-[82] Vgl. hiezu auch S. 245.
-
-[83] Man vergleiche den Schluß des 10. Kapitels.
-
-[84] Vgl. Kapitel 11, Schluß. So auch, warum höher stehende Frauen
-bisexuell sein, d. h. nicht _ausschließlich_ unter dem Regiment
-des Phallus stehen müssen (Teil I, S. 81-82). Doch scheint in der
-lesbischen Liebe _Hysterie_ eine beträchtliche Rolle zu spielen.
-
-[85] Der Verfasser hat hier zu bemerken, daß er selbst jüdischer
-Abstammung ist.
-
-[86] Ein solcher vom Judentum fast freier Mann, und darum »Philosemit«,
-war _Zola_. Daß hervorragendere Menschen sonst fast stets Antisemiten
-waren (_Tacitus_, _Pascal_, _Voltaire_, _Herder_, _Goethe_, _Kant_,
-_Jean Paul_, _Schopenhauer_, _Grillparzer_, _Wagner_) geht eben darauf
-zurück, daß sie, die so viel mehr in sich haben als die anderen
-Menschen, auch das Judentum besser verstehen als diese (vgl. Kapitel 4).
-
-[87] Vgl. Kapitel 11, S. 327.
-
-[88] Vgl. S. 139 f.
-
-[89] Und russisch. Die Russen aber sind bezeichnend wenig sozial
-veranlagt, und haben unter allen europäischen Völkern das geringste
-Verständnis für den Staat. Hiemit stimmt es nach dem vorigen nur
-überein, daß sie durchwegs Antisemiten sind.
-
-[90] Der Glaube an Jehovah und die Lehre Mosis ist nur ein Glaube
-an diese jüdische Gattung und ihre Lebenskraft; Jehovah ist die
-personifizierte Idee des Juden_tums_.
-
-[91] Hier kam es mir darauf an, den Drang der Juden zur Chemie
-einzuordnen. Der anderen Chemie, der Wissenschaft eines _Berzelius_,
-_Liebig_, _van t'Hoff_ soll hiemit nicht nahegetreten sein.
-
-[92] Ein Genie ist _Spinoza_ nicht gewesen. Es gibt keinen
-gedankenärmeren und keinen phantasieloseren Philosophen unter allen
-_singulären_ Gestalten der Philosophiegeschichte. Und man mißversteht
-den Spinozismus -- durch den Gedanken an _Goethe_ getäuscht --
-_völlig_, wenn man in ihm vielleicht den schamhaften Ausdruck eines
-tiefsten Verhältnisses zur Natur erblickt. Wer das All umfassen will,
-der kann nicht mit Definitionen beginnen. _Spinozas_ Verhältnis zur
-Natur war vielmehr ein ausnehmend loses. Dazu stimmt es, daß er
-auf seinem ganzen Lebenswege nirgends der Kunst begegnet ist (vgl.
-Kapitel 11, S. 325 f.).
-
-[93] Vgl. Kapitel 12, S. 356, 363.
-
-[94] Dem hier entwickelten, _umfassenden_ Begriff der Frömmigkeit
-könnten mannigfache Mißdeutungen leicht begegnen. Darum möchte ich zu
-seiner Erläuterung noch einiges bemerken. Frömmigkeit liegt nicht bloß
-im _Besitz_, sondern auch im Kampfe, um Besitz zu _erringen_: nicht
-bloß der überzeugte _Gottverkünder_ (wie _Händel_, oder wie _Fechner_)
-ist _fromm_, sondern auch der irrende, zweifelnde _Gottsucher_ (wie
-_Lenau_, oder wie _Dürer_). Frömmigkeit braucht nicht in ewiger
-Betrachtung vor dem Weltganzen zu stehen (so wie _Bach_ vor ihm steht);
-sie mag (wie bei _Mozart_) als eine alle _Einzel_dinge _begleitende_
-Religiosität sich offenbaren. Sie ist endlich nicht an das Auftreten
-eines Stifters gebunden: das frömmste Volk der Welt sind die _Griechen_
-gewesen, und darum war ihre Kultur die höchste unter allen bisherigen;
-unter ihnen aber hat es sicher nie einen überragenden Religionsstifter
-gegeben (dessen sie nicht bedurften; vgl. S. 440).
-
-[95] Hiegegen kann die jüdische Unduldsamkeit keinen Einwand bilden.
-Wahre Religion ist _immer_ eifrig, aber _nie_ zelotisch. Intoleranz ist
-vielmehr identisch mit Ungläubigkeit; wie die _Macht_ das täuschendste
-Surrogat der _Freiheit_ ist, so entsteht Intoleranz nur aus dem Mangel
-an _individueller Sicherheit_ des Glaubens.
-
-[96] Hieraus erst ist wirklich die Genielosigkeit des Juden erklärbar
-(vgl. S. 236): nur Glaube ist schöpferisch. Und vielleicht spiegelt die
-geringere geschlechtliche Potenz des Juden _dieselbe_ Tatsache in der
-_niederen_ Sphäre wieder.
-
-[97] Der Mann erst schafft das Weib. Darum besitzen die Jüdinnen
-bekanntermaßen jene Einfachheit der Christinnen nicht, die sich ohne
-weiteres an das sexuelle Komplement hingibt.
-
-[98] Dies darf man aber nicht, wie _Schopenhauer_, und nach ihm
-unter Benützung seiner mangelhaften psychologischen Distinktion,
-H. S. _Chamberlain_, als ein Überwiegen des Willens und ein abnormes
-Zurücktreten des Intellektes deuten. Der Jude ist gar nicht wirklich
-willensstark, und seine innere Unentschiedenheit könnte sogar leicht
-zu einer _irrigen_ Verwechslung mit psychischem »Masochismus«, das ist
-Schwere und Hilflosigkeit im Augenblicke des Entschlusses, Anlaß geben.
-
-[99] Hier gelangt zur Erledigung, was aus den Erörterungen des vierten
-bis achten Kapitels mit Absicht fern gehalten werden mußte.
-
-[100] Man erinnert sich hier vielleicht des S. 139 f. über die
-psychologische Bedeutung der Gegensatzpaare Bemerkten.
-
-[101] Hierin liegt auch der Unterschied und die Grenze zwischen dem
-Antisemitismus des Juden und dem Antisemitismus des Indogermanen
-begründet. Dem jüdischen Antisemiten ist der Jude nur antipathisch; der
-antisemitische Arier hingegen ist, wenn er auch noch so mutig den Kampf
-gegen das Judentum führt, im Grunde seines Herzens doch immer, was der
-Jude nie ist: _Judaeophobe_.
-
-[102] Vgl. Kapitel 12, S. 374 f.
-
-[103] Zum Beispiel der Laura _Marholm_.
-
-[104] Über den Einfluß der Ovarienexstirpation auf
-Strukturveränderungen des Uterus. Archiv für Gynäkologie, 51, 1896,
-286 ff.
-
-[105] Man würde sich einer sehr zweischneidigen Waffe bedienen, wenn
-man diese Worte so auffassen wollte, als hätte Keats wie Hume erklärt,
-keine Seele zu besitzen, da in Wirklichkeit vielmehr die Existenz der
-Seele hierin ausgesprochen ist.
-
-[106] _Nietzsche_ hatte auch wohl recht, als er in ihm keinen echten
-Hellenen erblickte; indes _Plato_ wieder ganz und gar Grieche ist.
-
-
-
-
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | Abfalles -- Abfalls |
- | Alkmaion -- Alkmäon |
- | angeborene -- angeborne |
- | Association -- Assoziation |
- | Augenblickes -- Augenblicks |
- | Descendenzlehre -- Deszendenzlehre |
- | Detumescenz -- Detumeszenz |
- | Eierstockes -- Eierstocks |
- | Erection -- Erektion |
- | Frauen-Emanzipation -- Frauenemanzipation |
- | Gattungs-Ethik -- Gattungsethik |
- | geborenen -- gebornen |
- | Geschlechts-Dimorphismus -- Geschlechtsdimorphismus |
- | Heniden-Theorie -- Henidentheorie |
- | Herren -- Herrn |
- | hiefür -- hierfür |
- | Ich-Begriff -- Ichbegriff |
- | Imperatives -- Imperativs |
- | Inhaltes -- Inhalts |
- | Irrtumes -- Irrtums |
- | Judentumes -- Judentums |
- | Kantische -- kantische |
- | L'Instinct Sexuel -- L'instinct sexuel |
- | Lawn-tennis-Spiel -- Lawntennisspiel |
- | Materiales -- Materials |
- | Mutter-Typus -- Muttertypus |
- | Mythos -- Mythus |
- | Nicht-Sein -- Nichtsein |
- | Plato -- Platon |
- | Schicksales -- Schicksals |
- | Schön-Finden -- Schönfinden |
- | stammesverwandten -- stammverwandten |
- | Subjektes -- Subjekts |
- | Systemes -- Systems |
- | transcendental -- transscendental |
- | ungeheuere -- ungeheure |
- | Ursprunges -- Ursprungs |
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- | Verkehres -- Verkehrs |
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- | S. 54 »Kräpelin« in »Kraepelin« geändert. |
- | S. 62 »thelyoide« in »thelyide« geändert. |
- | S. 69 »einem« in »einer« geändert. |
- | S. 85 »de la Mothe Guyon« in »de la Motte Guyon« geändert. |
- | S. 85 »Elisabeth Barrett-Browning« in »Elizabeth Barrett |
- | Browning« geändert. |
- | S. 85 »Angelika Kaufmann« in »Angelika Kauffmann« geändert. |
- | S. 85 »Etrangers« in »Étrangers« geändert. |
- | S. 85 »vorherhand« in »vorderhand« geändert. |
- | S. 114 »Intensivikationen« in »Intensifikationen« geändert. |
- | S. 121 » in « geändert. |
- | S. 126 »verschedenen« in »verschiedenen« geändert. |
- | S. 134 »; oder denke« eingefügt. |
- | S. 144 »Hero-worship« in »Hero-Worship« geändert. |
- | S. 150 »schillerndern« in »schillernden« geändert. |
- | S. 150 »Ubereinstimmung« in »Übereinstimmung« geändert. |
- | S. 169 »da« in »daß« geändert. |
- | S. 177 »Schellingens« in »Schellings« geändert. |
- | S. 189 »sprunghaften« in »sprunghaftem« geändert. |
- | S. 190 »repräsentiert« in »präsentiert« geändert. |
- | S. 194 , eingefügt. |
- | S. 216 »Intensivikationen« in »Intensifikationen« geändert. |
- | S. 220 »erw durchärmter Stab« in »erwärmter Stab durch« geändert |
- | (Fußnote). |
- | S. 237 »caeteris« in »ceteris« geändert. |
- | S. 264 »Phänome« in »Phänomene« geändert. |
- | S. 267 « eingefügt (Fußnote). |
- | S. 272 »innnere« in »innere« geändert. |
- | S. 277 »und und« in »und« geändert. |
- | S. 274 »zu« eingefügt. |
- | S. 291 »ihrer« in »seiner« geändert. |
- | S. 301 »größer« in »größere« geändert. |
- | S. 311 »zusammenhangend« in »zusammenhängend« geändert. |
- | S. 331 »der« in »des« geändert. |
- | S. 333 »unermessliche« in »unermeßliche« geändert. |
- | S. 333 »mir« in »mit« geändert. |
- | S. 333 « eingefügt. |
- | S. 345 »Gebahren« in »Gebaren« geändert. |
- | S. 356 »wie« eingefügt. |
- | S. 361 »sexuelles« in »asexuelles« geändert. |
- | S. 366 »fremde« in »fremden« geändert. |
- | S. 384 , entfernt. |
- | S. 405 »kontrolierbare« in »kontrollierbare« geändert. |
- | S. 405 »malaisch« in »malaiisch« geändert. |
- | S. 425 »sie« in »es« geändert. |
- | S. 428 »Ganze« in »Ganzes« geändert. |
- | S. 434 »den Augenblick« in »der Augenblick« geändert. |
- | S. 434 »sich Welt« in »sich die Welt« geändert. |
- | S. 440 »Jndogermanen« in »Indogermanen« geändert (Fußnote). |
- | S. 444 »von vorherein« in »von vornherein« geändert. |
- | S. 448 »anstellt« in »anstrebt« geändert. |
- | S. 449 »er geben« in »ergeben« geändert. |
- | S. 449 »veranschlägt« in »veranschlagt« geändert. |
- | S. 450 »Neu-Seeland« in »Neuseeland« geändert. |
- | S. 451 »zu« entfernt. |
- | S. 455 »Als« in »Also« geändert. |
- | S. 456 »Anwort« in »Antwort« geändert. |
- | S. 466 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert. |
- | S. 467 »Hydatride« in »Hydatide« geändert. |
- | S. 473 « eingefügt. |
- | S. 474 »S. 397-368« in »S. 367-368« geändert. |
- | S. 475 » eingefügt. |
- | S. 476 »Je était« in »Il était« geändert. |
- | S. 483 »hen-pheasants« in »Hen-Pheasants« geändert. |
- | S. 486 »Literaturausgaben« in »Literaturangaben« geändert. |
- | S. 488 »Hypospadaeus« in »Hypospadiaeus« geändert. |
- | S. 491 »dioecisch« in »diözisch« geändert. |
- | S. 494 « eingefügt. |
- | S. 494 »Phyllanthus« in »phyllanthus« geändert. |
- | S. 501 »Univeral-Bibliothek« in »Universal-Bibliothek« geändert. |
- | S. 502 « eingefügt. |
- | S. 505 »eröternde« in »erörternde« geändert. |
- | S. 505 ) eingefügt. |
- | S. 508 »Womans« in »Woman's« geändert. |
- | S. 512 »Erscheinugen« in »Erscheinungen« geändert. |
- | S. 514 »διδωσι« in »δίδωσιν« geändert. |
- | S. 517 « in » geändert. |
- | S. 517 ) eingefügt. |
- | S. 522 »Stazion« in »Station« geändert. |
- | S. 523 »Fremden« in »Fremdem« geändert. |
- | S. 525 »Mathemathik« in »Mathematik« geändert. |
- | S. 526 »he« in »the« geändert. |
- | S. 534 »Ludwig Sein« in »Ludwig Stein« geändert. |
- | S. 534 »caussa« in »causa« geändert. |
- | S. 534 »καῖ« in »καὶ« geändert. |
- | S. 534 « eingefügt. |
- | S. 536 »mosh« in »most« geändert. |
- | S. 537 »πολλὰ« in »πολλὰς« geändert. |
- | S. 540 »or« in »of« geändert. |
- | S. 545 »Halbmonatschrift« in »Halbmonatsschrift« geändert. |
- | S. 552 , entfernt. |
- | S. 554 »Peleus Tat« in »Peleus' Tat« geändert. |
- | S. 554 « eingefügt. |
- | S. 556 »Das philosophische Ehzuchtbüchlein« in »Das |
- | Philosophisch Ehezuchtbüchlin« geändert. |
- | S. 559 »Gardeners Chronicle« in »Gardeners' Chronicle« geändert. |
- | S. 561 »chesnut« in »chestnut« geändert. |
- | S. 561 »sexteenths« in »sixteenths« geändert. |
- | S. 562 »whit« in »with« geändert. |
- | S. 562 »Oskar Hertwig« in »Oscar Hertwig« geändert. |
- | S. 564 »emfangende« in »empfangende« geändert. |
- | S. 564 « entfernt. |
- | S. 565 »Ogni« in »ogni« geändert. |
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- | S. 567 »συτε« in »ουτε« geändert. |
- | S. 570 »L'Etat« in »L'État« geändert. |
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- | S. 577 ] eingefügt. |
- | S. 580 »entscheidensten« in »entscheidendsten« geändert. |
- | S. 580 »Ptolemaern« in »Ptolemäern« geändert. |
- | S. 581 »τε« eingefügt. |
- | S. 581 »ειστιοντων« in »εισιοντων« geändert. |
- | S. 581 »ειστιοντα« in »εισιοντα« geändert. |
- | S. 581 »δυστφραστον« in »δυσφραστον« geändert. |
- | S. 581 »εισταυθις« in »εισ αυθις« geändert. |
- | S. 582 »κάμπυλον« in »καμπύλον« geändert. |
- | S. 582 »studj« in »studi« geändert. |
- | S. 583 »esmanire« in »exinanire« geändert. |
- | S. 583 »li dei« in »gli dei« geändert. |
- | S. 590 »Tätigkeit« in »Thätigkeit« geändert. |
- | S. 595 « entfernt. |
- | |
- +------------------------------------------------------------------+
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-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT UND CHARAKTER***
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-<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Geschlecht und Charakter, by Otto Weininger</h1>
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
-and most other parts of the world at no cost and with almost no
-restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
-under the terms of the Project Gutenberg License included with this
-eBook or online at <a
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-located in the United States, you'll have to check the laws of the
-country where you are located before using this ebook.</p>
-<p>Title: Geschlecht und Charakter</p>
-<p> Eine prinzipielle Untersuchung</p>
-<p>Author: Otto Weininger</p>
-<p>Release Date: February 14, 2016 [eBook #51221]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT UND CHARAKTER***</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<h4 class="center">E-text prepared by<br />
- Peter Becker, Jana Srna, Norbert H. Langkau,<br />
- and the Online Distributed Proofreading Team<br />
- (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br />
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- Austrian Literature Online<br />
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-</table>
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-
-<p class="center big20 p2">GESCHLECHT <small>UND</small> CHARAKTER</p>
-
-<p class="center">EINE PRINZIPIELLE UNTERSUCHUNG<br />
-<small>VON</small></p>
-<p class="center big14"><span class="smcap">Dr.</span> OTTO WEININGER</p>
-
-<p class="center p12"><big>WIEN</big> UND <big>LEIPZIG</big></p>
-<p class="center big14">WILHELM BRAUMLLER</p>
-<p class="center"><small>K. u. K. HOF- U. UNIVERSITTS-BUCHHNDLER</small></p>
-<p class="center">1903</p>
-
-
-
-
-
-<p class="center big14 pagebreak p6 b6">GESCHLECHT UND CHARAKTER.</p>
-
-
-
-
-<h1 class="pagebreak">GESCHLECHT<br />
-<small><small><small><small>UND</small></small></small></small><br />
-CHARAKTER</h1>
-
-<p class="center">EINE PRINZIPIELLE UNTERSUCHUNG</p>
-
-<p class="center"><span class="smcap"><small>Von</small></span></p>
-
-<p class="center b6"><big><span class="smcap">Dr.</span> OTTO WEININGER.</big></p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/logo.png" width="100" height="120" alt="" />
-</div>
-
-<p class="center p2">WIEN UND LEIPZIG.<br />
-<span class="gesperrt">WILHELM BRAUMLLER</span><br />
-<small>K. U. K. HOF- UND UNIVERSITTS-BUCHHNDLER.</small><br />
-1903.
-</p>
-
-
-
-<p class="center p12 pagebreak">
-ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS RECHT DER BERSETZUNG<br />
-VORBEHALTEN.</p>
-<p class="center p12">
-<small>DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.</small>
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[S. v]</a></span><a name="VORWORT" id="VORWORT">VORWORT.</a></h2>
-
-
-<p>Dieses Buch unternimmt es, das Verhltnis der
-Geschlechter in ein neues Licht zu rcken. Es sollen
-nicht mglichst viele einzelne Charakterzge aneinandergereiht,
-nicht die Ergebnisse der bisherigen wissenschaftlichen
-Messungen und Experimente zusammengestellt,
-sondern die Ableitung alles Gegensatzes von
-Mann und Weib aus <em class="gesperrt">einem</em> einzigen Prinzipe versucht
-werden. Hiedurch unterscheidet es sich von allen anderen
-Bchern dieser Art. Es verweilt nicht bei diesem
-oder jenem Idyll, sondern dringt bis zu einem letzten
-Ziele vor; es huft nicht Beobachtung auf Beobachtung,
-sondern bringt die geistigen Differenzen der Geschlechter
-in ein System; es gilt nicht den Frauen, sondern der
-Frau. Zwar nimmt es stets das Alltglichste und Oberflchlichste
-zu seinem Ausgangspunkt, aber nur, um alle
-konkrete Einzelerfahrung zu <em class="gesperrt">deuten</em>. Das ist hier nicht
-induktive Metaphysik, sondern schrittweise psychologische
-Vertiefung.</p>
-
-<p>Die Untersuchung ist keine spezielle, sondern
-eine prinzipielle; sie verachtet das Laboratorium nicht,
-wenn ihr auch seine Hlfsmittel dem tieferen Probleme
-gegenber beschrnkt erscheinen vor dem Werke der<span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[S. vi]</a></span>
-selbstbeobachtenden Analyse. Auch der Knstler, der
-ein weibliches Wesen darstellt, kann Typisches geben,
-ohne sich vor einer experimentellen Merkergilde durch
-Zahl und Serie legitimiert zu haben. Der Knstler verschmht
-nicht die Erfahrung, er betrachtet es im Gegenteile
-als seine <em class="gesperrt">Pflicht</em>, Erfahrung zu gewinnen; aber sie
-ist ihm nur der Ausgangspunkt eines Versenkens in sich
-selbst, das in der Kunst wie ein Versenken in die
-Welt erscheint.</p>
-
-<p>Die Psychologie nun, welche hier der Darstellung
-dient, ist eine durchaus philosophische, wenn auch ihre
-eigentmliche Methode, die allein durch das eigentmliche
-Thema sich rechtfertigt, es bleibt, vom trivialsten
-Erfahrungsbestande auszugehen. Der Philosoph aber hat
-nur eine der Form nach vom Knstler verschiedene Aufgabe.
-Was diesem Symbol ist, wird jenem Begriff. Wie
-Ausdruck und Inhalt, so verhalten sich Kunst und Philosophie.
-Der Knstler hat die Welt eingeatmet, um
-sie auszuatmen; fr den Philosophen ist sie ausgeatmet,
-und er mu sie wieder einatmen.</p>
-
-<p>Indes hat alle Theorie notwendig immer etwas Prtentises;
-und so kann derselbe Inhalt, der im Kunstwerk
-wie Natur erscheint, hier, im philosophischen Systeme,
-als eng zusammengezogene Behauptung ber ein Allgemeines,
-als These, die dem Satz vom Grunde untersteht
-und den Beweis antritt, viel schroffer, ja beleidigend
-wirken. Wo die Darstellung antifeministisch ist &mdash; und
-das ist sie fast immer &mdash; dort werden auch die Mnner
-ihr nie gerne und mit voller berzeugung zustimmen:
-ihr sexueller Egoismus lt sie das Weib immer lieber
-so sehen, wie sie es haben wollen, wie sie es lieben
-wollen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. vii]</a></span>
-
-Und wie sollte ich nicht erst auf die Antwort
-gefat sein, welche die Frauen fr mein Urteil ber
-ihr Geschlecht haben werden?</p>
-
-<p>Da die Untersuchung an ihrem Ende gegen den
-<em class="gesperrt">Mann</em> sich kehrt, und, freilich in einem tieferen Sinne,
-als die Frauenrechtlerin ahnt, <em class="gesperrt">ihm</em> die grte Schuld
-zumit, das wird ihrem Verfasser wenig fruchten, und
-ist von einer Beschaffenheit, die ihn zu allerletzt beim
-<em class="gesperrt">weiblichen</em> Geschlechte knnte rehabilitieren helfen.</p>
-
-<p>Zum Schuldproblem aber gelangt die Analyse,
-weil sie von den vordersten und nchstliegenden
-Phnomenen bis zu Punkten aufsteigt, von denen
-nicht nur ein Einblick in das Wesen des Weibes und
-seine Bedeutung im Weltganzen, sondern auch der
-Aspekt auf sein Verhltnis zur Menschheit und zu deren
-letzten und hchsten Aufgaben sich ffnet, von wo zum
-Kulturproblem eine Stellung gewonnen und die Leistung
-der Weiblichkeit fr das Ganze der ideellen Zwecke eingeschtzt
-werden kann. Dort also, wo Kultur- und
-Menschheitsproblem zusammenfallen, wird nicht mehr blo
-zu erklren, sondern auch zu werten versucht; ja dort
-fallen Erklrung und Wertung von selbst zusammen.</p>
-
-<p>Zu solcher Hhe des Ausblickes gelangt die Untersuchung
-gleichsam gezwungen, ohne von Anfang an
-auf sie loszusteuern. Auf dem empirisch-psychologischen
-Boden selber ergibt sich ihr allmhlich die Unzulnglichkeit
-aller empirisch-psychologischen Philosophie. Ihr
-Respekt vor der Erfahrung wird hievon nicht beeintrchtigt,
-denn stets wird vor dieser die Ehrfurcht nur
-erhht und nicht zerstrt, wenn der Mensch in der
-Erscheinung &mdash; freilich dem Einzigen, das er erlebt &mdash; jene
-Bestandteile bemerkt, die es ihm zur Gewiheit<span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[S. viii]</a></span>
-machen, da es nicht <em class="gesperrt">blo</em> Erscheinung gibt, wenn er
-jene Zeichen in ihr wahrnimmt, die auf ein Hheres,
-<em class="gesperrt">ber</em> ihr Gelegenes weisen. Da ein solcher Urquell
-ist, lt sich feststellen, auch wenn kein Lebender je
-zu ihm vordringen wird. Und bis in die Nhe dieses
-Quells will auch dieses Buch leiten, und nicht eher
-rasten.</p>
-
-<p>Innerhalb des Engpasses, in welchem die gegenstzlichen
-Meinungen ber die Frau und ihre Frage bis nun
-immer aufeinander gestoen sind, htte es freilich nie
-gewagt werden drfen, solch hohes Ziel anzustreben.
-Aber das Problem ist eines, das mit allen tiefsten Rtseln
-des Daseins im Zusammenhange steht. Nur unter
-der sicheren Fhrung einer <em class="gesperrt">Weltanschauung</em> kann
-es, praktisch und theoretisch, moralisch oder metaphysisch
-aufgelst werden.</p>
-
-<p>Es sind nur Keime einer solchen Gesamtauffassung,
-die in diesem Buche sichtbar werden, einer Auffassung,
-die den Weltanschauungen <em class="gesperrt">Platos</em>, <em class="gesperrt">Kantens</em> und <em class="gesperrt">des
-Christentums</em> am nchsten steht. Aber die wissenschaftliche,
-psychologisch-philosophische, logisch-ethische
-Grundlegung mute ich mir zu einem groen Teile selbst
-schaffen. Vieles zwar, dessen nhere Ausfhrung nicht mglich
-war, gedenke ich demnchst eingehend zu begrnden.
-Wenn ich dennoch gerade auf diese Partien des Buches
-hier ausdrcklich verweise, so ist es, weil mir an der
-Beachtung dessen, was ber die tiefsten und allgemeinsten
-Probleme in ihm ausgesprochen ist, noch mehr
-liegt, als an dem Beifall, welchen die besondere Anwendung
-auf die Frauenfrage allenfalls erwarten knnte.</p>
-
-<p>Sollte es den philosophischen Leser peinlich berhren,
-da die Behandlung der hchsten und letzten<span class="pagenum"><a name="Seite_ix" id="Seite_ix">[S. ix]</a></span>
-Fragen hier gleichsam <em class="gesperrt">in den Dienst</em> eines Spezialproblemes
-von nicht bergroer Dignitt gestellt scheint:
-so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser Empfindung.
-Doch darf ich sagen, da durchaus das Einzelproblem
-des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den Ausgangspunkt
-als das Ziel des tieferen Eindringens bildet.
-So erflo reicher Gewinn aus seiner Behandlung auch
-fr das Problem der Genialitt, des Unsterblichkeitsbedrfnisses
-und des Judentumes. Da die umfassenden
-Auseinandersetzungen schlielich dem Spezialproblem
-zugute kommen, weil es in um so mannigfachere Beziehungen
-tritt, je mehr das Gebiet sich vergrert,
-das ist natrlich. Und wenn sich in diesem weiteren
-Zusammenhange herausstellt, wie gering die Hoffnungen
-sind, welche Kultur an die Art des Weibes
-knpfen kann, wenn die letzten Resultate eine vollstndige
-Entwertung, ja eine Negation der Weiblichkeit
-bedeuten: es wird durch sie nichts vernichtet, was
-<em class="gesperrt">ist</em>, nichts heruntergesetzt, was <em class="gesperrt">an sich</em> einen Wert
-<em class="gesperrt">hat</em>. Mte mich doch selbst ein gewisses Grauen vor
-der eigenen Tat anwandeln, wre ich hier wirklich nur
-Zerstrer, und bliebe nichts auf dem Plan! Die Bejahungen
-des Buches sind vielleicht weniger krftig
-instrumentiert worden: wer hren kann, wird sie wohl
-aus allem zu vernehmen wissen.</p>
-
-<p>Die Arbeit zerfllt in zwei Teile: einen ersten,
-biologisch-psychologischen, und einen zweiten, psychologisch-philosophischen.
-Vielleicht wird mancher dafrhalten,
-da ich aus dem Ganzen besser zwei Bcher
-htte machen sollen, ein rein naturwissenschaftliches
-und ein rein introspektives. Allein ich mute von der
-Biologie mich befreien, um ganz Psychologe sein zu<span class="pagenum"><a name="Seite_x" id="Seite_x">[S. x]</a></span>
-knnen. Der zweite Teil behandelt gewisse seelische
-Probleme recht anders, als sie jeder Naturforscher heute
-wohl behandeln wrde, und ich bin mir bewut, da
-ich hiedurch auch die Aufnahme des ersten Teiles
-bei einem groen Teile des Publikums gefhrde;
-gleichwohl erhebt dieser erste Teil in seiner Gnze
-den Anspruch auf eine Beachtung und Beurteilung
-seitens der Naturwissenschaft, was der zweite, mehr
-der inneren Erfahrung zugekehrte, nur an wenigen Stellen
-vermag. Weil dieser zweite Teil aus einer nichtpositivistischen
-Weltanschauung hervorgegangen ist, werden
-von manchen beide fr unwissenschaftlich gehalten werden
-(obwohl der Positivismus dortselbst eine strenge Widerlegung
-erfhrt). Hiemit mu ich mich einstweilen abfinden,
-in der berzeugung, der Biologie gegeben zu
-haben, was ihr gebhrt, und einer nichtbiologischen,
-nichtphysiologischen Psychologie das Recht gewahrt
-zu haben, welches ihr fr alle Zeiten bleiben wird.</p>
-
-<p>Vielleicht wird man der Untersuchung an gewissen
-Punkten vorwerfen, da sie nicht genug der <em class="gesperrt">Beweise</em> bringe;
-allein eben dies ducht mich ihre geringste Schwche.
-Denn was knnte in diesem Gegenstande Beweisen
-wohl heien? Es ist nicht Mathematik und nicht Erkenntnistheorie
-(die letztere nur an zwei Stellen), was
-hier abgehandelt wird; es sind erfahrungswissenschaftliche
-Dinge, und da kann hchstens der Finger gelegt
-werden auf das, was <em class="gesperrt">ist</em>; was man sonst hier <em class="gesperrt">beweisen</em>
-nennt, ist ein bloes Zusammenstimmen der
-neuen Erfahrungen mit den alten; und da bleibt es
-sich gleich, ob das neue Phnomen vom Menschen
-experimentell erzeugt wird oder schon aus der Schpferhand
-der Natur fertig vorliegt. Der letzteren Beweise
-aber bringt diese Schrift eine groe Zahl.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_xi" id="Seite_xi">[S. xi]</a></span>
-
-Das Buch ist endlich, soweit ich das zu beurteilen
-vermag, (in seinem Hauptteile) nicht ein solches, das
-man nach einmaliger flchtiger Lektre verstehen und
-in sich aufnehmen knnte; zur Orientierung des Lesers
-und zum eigenen Schutze will ich selber diesen Umstand
-hier anmerken.</p>
-
-<p>Je weniger ich in beiden Teilen (vornehmlich im
-zweiten) Altes, lngst Bekanntes wiederholt habe, desto
-mehr mute ich dort, wo ich mit frher Ausgesprochenem
-und allgemeiner Anerkanntem in bereinstimmung mich
-fand, auf alle Koinzidenzen hinweisen. Diesem Zwecke
-dienen die Literaturnachweise des Anhanges. Ich habe
-mich bemht, die Citate in genauer und fr Fachmnner
-wie fr Laien brauchbarer Gestalt wiederzugeben. Dieser
-greren Ausfhrlichkeit wegen, und um die Lektre
-des Textes nicht ein fortwhrendes Stolpern werden
-zu lassen, sind sie an den Schlu des Buches verwiesen.</p>
-
-<p>Dem Herrn Universittsprofessor Dr. Laurenz
-<em class="gesperrt">Mllner</em> statte ich geziemenden Dank ab fr die wirksame
-Frderung, welche er mir hat zuteil werden lassen;
-Herrn Professor Dr. Friedrich <em class="gesperrt">Jodl</em> fr das freundliche
-Interesse, welches er meinen Arbeiten von Anbeginn
-entgegenbrachte. Ganz besonders fhle ich mich auch
-den Freunden verpflichtet, welche mich bei der Korrektur
-des Buches untersttzten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_xiii" id="Seite_xiii">[S. xiii]</a></span><a name="Inhaltsverzeichnis" id="Inhaltsverzeichnis">INHALTSVERZEICHNIS.</a></h2>
-
-
-
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Inhaltsverzeichnis">
-<tr><td align="left" colspan="2"></td><td align="center"><small>Seite</small></td></tr>
-<tr><td align="left" colspan="2">Vorwort</td><td align="right">V&ndash;XI</td></tr>
-<tr><td align="left" colspan="2">Inhaltsverzeichnis</td><td align="right">XIII&ndash;XXII</td></tr>
-<tr><td align="left" colspan="2">Erster (vorbereitender) Teil: <b>Die sexuelle Mannigfaltigkeit</b></td><td align="right"><a href="#Seite_1">1</a>&ndash;93</td></tr>
-<tr><td align="left" colspan="2">Einleitung</td><td align="right"><a href="#Seite_3">3</a>&ndash;6</td></tr>
-<tr><td />
-<td class="tdj">ber Begriffsentwicklung im allgemeinen und im besonderen. Mann und Weib. Widersprche. Flieende bergnge. Anatomie und Begabung. Keine Sicherheit im Morphologischen?</td></tr>
-<tr><td align="left" colspan="2">I. Kapitel: Mnner und Weiber</td><td align="right"><a href="#Seite_7">7</a>&ndash;13</td></tr>
-<tr><td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</td>
-<td class="tdj">Embryonale Undifferenziertheit. Rudimente beim Erwachsenen. Grade des Gonochorismus. Prinzip der Zwischenformen. M und W. Belege. Notwendigkeit der Typisierung. Resum. lteste Ahnungen.</td>
-<td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</td></tr>
-<tr><td align="left" colspan="2">II. Kapitel: Arrhenoplasma und Thelyplasma</td><td align="right"><a href="#Seite_14">14</a>&ndash;30</td></tr>
-<tr><td /><td class="tdj">Sitz des Geschlechtes. <em class="gesperrt">Steenstrups</em> Ansicht befrwortet. Sexualcharaktere. Innere Sekretion. Idioplasma &mdash; Arrhenoplasma &mdash; Thelyplasma. Schwankungen. Beweise aus erfolgloser Kastration. Transplantation und Transfusion. Organotherapie. Individuelle Unterschiede zwischen den einzelnen Zellen. Ursache der sexuellen Zwischenformen. Gehirn. Knabenberschu der Geburten. Geschlechtsbestimmung. Vergleichende Pathologie.</td></tr>
-<tr><td align="left" colspan="2"><span class="pagenum"><a name="Seite_xiv" id="Seite_xiv">[S. xiv]</a></span>III. Kapitel: Gesetze der sexuellen Anziehung</td><td align="right"><a href="#Seite_31">31</a>&ndash;52</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Sexueller Geschmack. Wahrscheinlichkeit
-eines Gesetzmigen. Erste Formel. Erste Deutung.
-Beweise. Heterostylie. Interpretation derselben. Tierreich.
-Weitere Gesetze. Zweite Formel. Chemotaxis?
-Analogien und Differenzen. Wahlverwandtschaften.
-Ehebruch und Ehe. Folgen fr die Nachkommenschaft.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">IV. Kapitel: Homosexualitt und Pderastie</td><td align="right"><a href="#Seite_53">53</a>&ndash;62</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Homosexuelle als sexuelle Zwischenformen.
-Angeboren oder erworben, gesund oder krankhaft?
-Spezialfall des Gesetzes. Alle Menschen mit der
-Anlage zur Homosexualitt. Freundschaft und
-Sexualitt. Tiere. Vorschlag einer Therapie. Homosexualitt,
-Strafgesetz und Ethik. Distinktion zwischen
-Homosexualitt und Pderastie.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-V. Kapitel: Anwendung auf die Charakterologie</td><td align="right"><a href="#Seite_63">63</a>&ndash;78
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen
-als ein kardinaler Grundsatz der Individualpsychologie.
-Simultaneitt oder Periodizitt? Methode der
-psychologischen Untersuchung. Beispiele. Individualisierende
-Erziehung. Gleichmacherei. Morphologisch-charakterologischer
-Parallelismus. Die Physiognomik
-und das Prinzip der Psychophysik. Methodik der
-Variettenlehre. Eine neue Fragestellung. Deduktive
-Morphologie. Korrelation und Funktionsbegriff.
-Aussichten.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-VI. Kapitel: Die emanzipierten Frauen</td><td align="right"><a href="#Seite_79">79</a>&ndash;93
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Frauenfrage. Emanzipationsbedrfnis und Mnnlichkeit.
-Emanzipation und Homosexualitt. Sexueller
-Geschmack der emanzipierten Frauen. Physiognomisches
-ber sie. Die brigbleibenden Berhmtheiten.
-W und die Emanzipation. Praktische Regel.
-Mnnlichkeit alles Genies. Die Frauenbewegung in
-der Geschichte. Periodizitt. Biologie und Geschichtsauffassung.
-Aussichten der Frauenbewegung. Ihr
-Grundirrtum.
-</td></tr>
-
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xv" id="Seite_xv">[S. xv]</a></span>Zweiter oder Hauptteil: <b>Die sexuellen Typen</b></td><td align="right"><a href="#Seite_95">95</a>&ndash;461
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-I. Kapitel: Mann und Weib</td><td align="right"><a href="#Seite_97">97</a>&ndash;105
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Bisexualitt und Unisexualitt. Man ist
-Mann <em class="gesperrt">oder</em> Weib. Das Problematische in diesem
-Sein und die Hauptschwierigkeit der Charakterologie.
-Das Experiment, die Empfindungsanalyse und die
-Psychologie. <em class="gesperrt">Dilthey.</em> Begriff des empirischen
-Charakters. Ziel und Nicht-Ziel der Psychologie.
-Charakter und Individualitt. Problem der Charakterologie
-und Problem der Geschlechter.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-II. Kapitel: Mnnliche und weibliche Sexualitt</td><td align="right"><a href="#Seite_106">106</a>&ndash;116
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Problem einer weiblichen Psychologie. Der
-Mann als Psychologe des Weibes. Unterschiede im
-Geschlechtstrieb. Im Kontrektations- und
-Detumeszenztrieb. Intensitt und Aktivitt. Sexuelle
-Irritabilitt der Frau. Grere Breite des Sexuallebens
-bei W. Geschlechtliche Unterschiede im
-Empfinden der Geschlechtlichkeit. rtliche und zeitliche
-Abhebung der mnnlichen Sexualitt. Unterschiede
-im Bewutseinsgrade der Sexualitt.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-III. Kapitel: Mnnliches und weibliches Bewutsein</td><td align="right"><a href="#Seite_117">117</a>&ndash;130
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Empfindung und Gefhl. Ihr Verhltnis.
-<em class="gesperrt">Avenarius'</em> Einteilung in Elemente und Charaktere.
-Auf einem frhesten Stadium noch
-nicht durchfhrbar. Verkehrtes Verhltnis zwischen
-Distinktheit und Charakterisierung. Proze der
-Klrung. Ahnungen. Grade des Verstehens. Vergessen.
-Bahnung und Artikulation. Die Henide als
-das einfachste psychische Datum. Geschlechtlicher
-Unterschied in der Artikulation der Inhalte. Sensibilitt.
-Urteilssicherheit. Das entwickelte Bewutsein
-als mnnlicher Geschlechtscharakter.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-IV. Kapitel: Begabung und Genialitt</td><td align="right"><a href="#Seite_131">131</a>&ndash;144
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Genie und Talent. Genial und geistreich.
-Methode. Verstndnis fr mehr Menschen. Was es
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xvi" id="Seite_xvi">[S. xvi]</a></span>heit: einen Menschen verstehen? Grere Kompliziertheit
-des Genies. Perioden im psychischen
-Leben. Keine Herabwrdigung der bedeutenden
-Menschen. Verstehen und Bemerken. Innerer Zusammenhang
-von Licht und Wachsein. Endgltige
-Feststellung der Bedingungen des Verstehens. Allgemeinere
-Bewutheit des Genies. Grte Entfernung
-vom Henidenstadium; danach hherer
-Grad von Mnnlichkeit. Nur Universalgenies. W
-ungenial und ohne Heldenverehrung. Begabung und
-Geschlecht.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-V. Kapitel: Begabung und Gedchtnis</td><td align="right"><a href="#Seite_145">145</a>&ndash;181
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Artikulation und Reproduzierbarkeit. Gedchtnis
-an Erlebnisse als Kennzeichen der Begabung.
-Erinnerung und Apperzeption. Anwendungen und
-Folgerungen. Fhigkeit des Vergleichens und Beziehens.
-Grnde fr die Mnnlichkeit der Musik.
-Zeichnung und Farbe, Grade der Genialitt; das
-Verhltnis des Genius zum ungenialen Menschen.
-Selbstbiographie. Fixe Ideen. Erinnerung an das
-Selbstgeschaffene. <em class="gesperrt">Kontinuierliches und diskontinuierliches
-Gedchtnis.</em> Einheit des biographischen
-Selbstbewutseins nur bei M. Charakter
-der weiblichen Erinnerungen. Kontinuitt und Piett.
-Vergangenheit und Schicksal. <em class="gesperrt">Vergangenheit
-und Zukunft.</em> <em class="gesperrt">Unsterblichkeitsbedrfnis.</em> Bisherige
-psychologische Erklrungsversuche. Wahre
-Wurzel. Innere Entwicklung des Menschen bis zum
-Tode. Ontogenetische Psychologie oder theoretische
-Biographie. <em class="gesperrt">Die Frau ohne jedes Unsterblichkeitsbedrfnis.</em>
-&mdash; Fortschritt zu tieferer Analyse
-des Zusammenhanges mit dem Gedchtnis. <em class="gesperrt">Gedchtnis
-und Zeit.</em> Postulierung des Zeitlosen.
-<em class="gesperrt">Der Wert als das Zeitlose.</em> Erstes Gesetz der
-Werttheorie. Nachweise. Individuation und Dauer
-als konstitutiv fr den Wert. <em class="gesperrt">Wille zum Wert.</em> Das
-Unsterblichkeitsbedrfnis als <em class="gesperrt">Spezialfall</em>. Unsterblichkeitsbedrfnis
-des Genies, zusammenfallend mit
-seiner Zeitlosigkeit durch sein universales Gedchtnis
-und die ewige Dauer seiner Werke. Das Genie und
-die Geschichte. Das Genie und die Nation. Das
-Genie und die Sprache. Die Mnner der Tat
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xvii" id="Seite_xvii">[S. xvii]</a></span>und die Mnner der Wissenschaft ohne Anrecht
-auf den Titel des Genius; anders Philosoph
-(Religionsstifter) und Knstler.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-VI. Kapitel: Gedchtnis, Logik, Ethik</td><td align="right"><a href="#Seite_182">182</a>&ndash;196
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Psychologie und Psychologismus. Wrde des
-Gedchtnisses. Theorien des Gedchtnisses. bungs-
-und Associationslehren. Verwechslung mit dem
-Wiedererkennen. Gedchtnis nur dem Menschen
-eigen. Moralische Bedeutung. Lge und Zurechnung.
-bergang zur Logik. Gedchtnis und Identittsprinzip.
-Gedchtnis und Satz vom Grunde. Die
-Frau alogisch und amoralisch. Intellektuelles und
-sittliches Gewissen: intelligibles Ich.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-VII. Kapitel: Logik, Ethik und das Ich</td><td align="right"><a href="#Seite_197">197</a>&ndash;211
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Die Kritiker des Ich-Begriffes: <em class="gesperrt">Hume</em>, <em class="gesperrt">Lichtenberg</em>,
-<em class="gesperrt">Mach</em>. Das <em class="gesperrt">Mach</em>sche Ich und die Biologie.
-Individuation und Individualitt, Logik und Ethik
-als Zeugen fr die Existenz des Ich. &mdash; Erstens die
-Logik: die Stze der Identitt und des Widerspruches.
-Die Frage ihres Nutzens und ihrer Bedeutung. Die logischen
-Axiome als identisch mit der begrifflichen
-Funktion. Definition des logischen Begriffes als
-Norm der Essenz. Die logischen Axiome als eben
-diese Norm der <em class="gesperrt">Essenz</em>, welche <em class="gesperrt">Existenz</em> einer
-Funktion ist. Diese Existenz als das absolute Sein
-oder das Sein des absoluten Ich. <em class="gesperrt">Kant</em> und
-<em class="gesperrt">Fichte</em>. Logizitt als Norm. Denkfreiheit neben
-Willensfreiheit. &mdash; Zweitens die Ethik. Zurechnung.
-Das Verhltnis der Ethik zur Logik. Die Verschiedenheit
-der Subjektsbeweise aus der Logik und
-der Ethik. Eine Unterlassung <em class="gesperrt">Kant</em>ens. Ihre sachlichen
-und ihre persnlichen Grnde. Zur Psychologie
-der Kantischen Ethik. <em class="gesperrt">Kant</em> und <em class="gesperrt">Nietzsche</em>.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-VIII. Kapitel: Ich-Problem und Genialitt</td><td align="right"><a href="#Seite_212">212</a>&ndash;238
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Die Charakterologie und der Glaube an das
-Ich. Das Ich-Ereignis: <em class="gesperrt">Jean Paul</em>, <em class="gesperrt">Novalis</em>, <em class="gesperrt">Schelling</em>.
-Ich-Ereignis und Weltanschauung. Selbstbewutsein
-und Anmaung. Die Ansicht des Genies
-hher zu werten als die der anderen Menschen.
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xviii" id="Seite_xviii">[S. xviii]</a></span>Endgltige Feststellungen ber den Begriff des Genies.
-Die geniale Persnlichkeit als der vollbewute Mikrokosmus.
-Natrlich-synthetische und sinnerfllende
-Ttigkeit des Genies. Bedeutung und Symbolik. Definition
-des Genies im Verhltnis zum gewhnlichen
-Menschen. Universalitt als Freiheit. Sittlichkeit
-oder Unsittlichkeit des Genies? Pflichten gegen sich
-und gegen andere. Was Pflicht gegen andere ist.
-Kritik der Sympathiemoral und der sozialen Ethik.
-Verstndnis des Nebenmenschen als einzige Forderung
-der Sittlichkeit wie der Erkenntnis". Ich
-und Du. Individualismus und Universalismus. Sittlichkeit
-nur unter Monaden. Der genialste Mensch
-als der sittlichste Mensch. Warum der Mensch
-&#950;&#8183;&#959;&#957; &#960;&#959;&#955;&#953;&#964;&#953;&#954;&#972;&#957; ist. Bewutsein und Moralitt. Der
-groe Verbrecher. Genialitt als Pflicht und Gehorsam.
-Genie und Verbrechen. Genie und Irrsinn.
-Der Mensch als Schpfer seiner selbst.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-IX. Kapitel: Mnnliche und weibliche Psychologie</td><td align="right"><a href="#Seite_239">239</a>&ndash;279
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Seelenlosigkeit des Weibes. Geschichte dieser
-Erkenntnis. Das Weib gnzlich ungenial. Keine
-mnnlichen Frauen im strengen Sinne. Unbegriffliche
-Natur des Weibes, aus dem Mangel des Ich zu
-erklren. Korrektur der Henidentheorie. Weibliches
-Denken. <em class="gesperrt">Begriff und Objekt.</em> <em class="gesperrt">Begriff und Urteil.</em>
-<em class="gesperrt">Wesen des Urteils.</em> Das Weib und die
-Wahrheit als Richtschnur des Denkens. <em class="gesperrt">Der Satz
-vom Grunde und sein Verhltnis zum Satz
-der Identitt.</em> <em class="gesperrt">Amoralitt, nicht Antimoralitt
-des Weibes.</em> <em class="gesperrt">Das Weib und das Einsamkeitsproblem.</em>
-Verschmolzenheit, nicht Gesellschaft.
-Weibliches Mitleid und weibliche Schamhaftigkeit.
-Das Ich der Frauen. Weibliche Eitelkeit.
-Mangel an Eigenwert. Gedchtnis fr Huldigungen.
-Selbstbeobachtung und Reue. Gerechtigkeit und Neid.
-Name und Eigentum. Beeinflubarkeit. &mdash; Radikale
-Differenz zwischen mnnlichem und weiblichem Geistesleben.
-Psychologie ohne und mit Seele. Psychologie
-eine Wissenschaft? Freiheit und Gesetzlichkeit.
-Die Grundbegriffe der Psychologie transcendenter
-Natur. <em class="gesperrt">Psyche und Psychologie.</em> Die Hilflosigkeit
-der seelenlosen Psychologie. Wo Spaltungen
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xix" id="Seite_xix">[S. xix]</a></span>der Persnlichkeit allein mglich sind. Psychophysischer
-Parallelismus und Wechselwirkung. Problem
-der Wirkung psychischer Sexualcharaktere des
-Mannes auf das Weib.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-X. Kapitel: Mutterschaft und Prostitution</td><td align="right"><a href="#Seite_280">280</a>&ndash;313
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Spezielle weibliche Charakterologie. Mutter und
-Dirne. Anlage zur Prostitution angeboren, aber nicht
-allein entscheidend. Einflu des Mannes. Versehen.
-Verhltnis beider Typen zum Kinde. Die Frau polygam.
-Ehe und Treue. Sitte und Recht. Analogien
-zwischen Mutterschaft und Sexualitt. Mutter und
-Gattungszweck. Die alma mater. Die Mutterliebe
-ethisch indifferent. Die Dirne auerhalb des
-Gattungszweckes. Die Prostituierte und die sozial
-anerkannte Moral. Die Prostituierte, der Verbrecher
-und Eroberer. Nochmals der Willensmensch
-und sein Verhltnis zum Genie. Hetre
-und Imperator. Motiv der Dirne. Koitus Selbstzweck.
-Koketterie. Die Empfindungen des Weibes
-beim Koitus im Verhltnis zu seinem sonstigen
-Leben. Mutterrecht und Vaterschaft. Versehen und
-Infektionslehre. Die Dirne als Feindin. Bejahung
-und Verneinung. Lebensfreundlichkeit und Lebensfeindlichkeit.
-Keine Prostitution bei den Tieren.
-Rtsel im Ursprung.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-XI. Kapitel: Erotik und sthetik </td><td align="right"><a href="#Seite_314">314</a>&ndash;341
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Weiber und Weiberha. Erotik und Sexualitt.
-Platonische Liebe und Sinnlichkeit. Problem einer
-<em class="gesperrt">Idee</em> der Liebe. &mdash; Die Schnheit des Weibes. Ihr
-Verhltnis zum Sexualtrieb. Liebe und Schnheit.
-Der Unterschied der sthetik von der Logik und Ethik
-als Normwissenschaften. Wesen der Liebe. Projektionsphnomen.
-Schnheit und Sittlichkeit. Schnheit
-und Vollkommenheit. Natur und Ethik. <em class="gesperrt">Naturschnheit
-und Kunstschnheit.</em> Naturgesetz
-und Kunstgesetz. Naturzweckmigkeit und Kunstzweckmigkeit.
-Die Einzelschnheit. Die Geschlechtsliebe
-als Schuld. Ha und Liebe als Erleichterungen
-des moralischen Strebens. Die Schpfung des Teufels.
-Liebe und Mitleid. Liebe und Schamhaftigkeit. Liebe
-und Eifersucht. Liebe und Erlsungsbedrfnis. Das
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xx" id="Seite_xx">[S. xx]</a></span>Weib in der Erotik Mittel zum Zweck. Problem des
-Zusammenhanges von Kind und Liebe, Kind und Sexualitt.
-Grausamkeit nicht nur in der Lust, sondern
-noch in der Liebe. Liebe und Mord. Liebe als Feigheit,
-Unrecht, Irrtum. Der Madonnenkult. Die
-Madonna eine gedankliche Konzeption des Mannes;
-ohne Grund in der realen Weiblichkeit. Widerstreben
-gegen die Einsicht in das wahre Weib.
-Die Liebe des Mannes zum Weibe als Spezialfall.
-Das Weib nur sexuell, nicht erotisch. Der Schnheitssinn
-der Frauen. Schn und hbsch. Liebe und
-Verliebtheit. Wodurch der Mann auf die Frau wirkt.
-Das Fatum des Weibes. Einordnung der neuen
-Erkenntnis unter die frheren. Die Liebe als bezeichnend
-fr das Wesen der Menschheit. Warum
-der Mann das Weib liebt. Mglichkeiten.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-XII. Kapitel: Das Wesen des Weibes und sein
-Sinn im Universum</td><td align="right"><a href="#Seite_342">342</a>&ndash;402
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Gleichheit oder Gleichstellung. P. J. <em class="gesperrt">Moebius</em>.
-Sinnlosigkeit oder Bedeutung der Weiblichkeit.
-<em class="gesperrt">Kuppelei.</em> Instinktiver Drang. Der Mann und
-die Kuppelei. Welche Phnomene noch weiter
-Kuppelei sind. Hochwertung des Koitus. Der eigene
-Geschlechtstrieb ein Spezialfall. Mutter &mdash; Dirne.
-Das Wesen des Weibes nur in der Kuppelei ausgesprochen.
-Kuppelei = Weiblichkeit = universale
-Sexualitt.
-
-System von Einwnden und Widersprchen.
-Notwendigkeit der Auflsung. Beeinflubarkeit und
-Passivitt. Unbewute Verleugnung der eigenen
-Natur als Folge. <em class="gesperrt">Organische Verlogenheit</em>
-des Weibes. <em class="gesperrt">Die Hysterie.</em> Psychologisches Schema
-fr den Mechanismus der Hysterie. Definition der
-letzteren. Zustand der Hysterischen. <em class="gesperrt">Eigentmliches
-Wechselspiel: die fremde Natur als
-die eigene, die eigene als die fremde.</em> Der
-Fremdkrper. Zwang und Lge. Heteronomie der
-Hysterischen. Wille und Kraft zur Wahrheit. Der
-hysterische Paroxysmus. Was abgewehrt wird. Die
-hysterische Konstitution. <em class="gesperrt">Magd und Megre.</em> Die
-Megre als Gegenteil der Hysterika. Die Wahrheitsliebe
-der Hysterika als <em class="gesperrt">ihre</em> Lge. Die hysterische
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xxi" id="Seite_xxi">[S. xxi]</a></span>Keuschheit und Abneigung gegen den Geschlechtsakt.
-Das hysterische Schuldbewutsein und die
-hysterische Selbstbeobachtung. Die Visionrin und
-Seherin im Weibe. Die Hysterie und die Unfreiheit
-des Weibes. Sein Schicksal und dessen Hoffnungslosigkeit.
-
-Notwendigkeit der Zurckfhrung auf ein
-letztes Prinzip. Unterschiede zwischen Mensch und
-Tier, zwischen Mann und Frau. bersichtstafel.
-Das zweite oder hhere <em class="gesperrt">Leben</em>, das metaphysische
-<em class="gesperrt">Sein</em> im Menschen. Analogien zum niederen Leben.
-Nur im Manne ewiges Leben. Das Verhltnis
-beider Leben und die Erbsnde. Geburt und Tod.
-Freiheit und Glck. Das Glck und der Mann.
-Das Glck und die Frau. Die Frau und das Problem
-des Lebens. <em class="gesperrt">Nichtsein des Weibes.</em> Hieraus zunchst
-die <em class="gesperrt">Mglichkeit</em> von Lge und Kuppelei,
-Amoralitt und Alogizitt erschlossen. Nochmals die
-Kuppelei. Gemeinschaft und Sexualitt. Mnnliche
-und weibliche Freundschaft. Kuppelei wider Eifersucht.
-Kuppelei identisch mit Weiblichkeit. Warum
-die Frauen Menschen sind. Wesen des Geschlechtsgegensatzes.
-Gegenstze: <em class="gesperrt">Subjekt &mdash; Objekt
-= Form &mdash; Materie = Mann &mdash; Weib.</em>
-Kontrektation und Tastsinn. Deutung der Heniden.
-Non-Entitt der Frau; als Folge universelle Suszeptibilitt.
-Formung und Bildung der Frau durch den
-Mann. Trachten nach Existenz. Geschlechtsdualitt
-und Weltdualismus. Die Bedeutung des Weibes im
-Universum. Der Mann als das Etwas, die Frau als
-das Nichts. Das psychologische Problem der Furcht
-vor dem Weibe. Die Weiblichkeit und der Verbrecher.
-Das Nichts und das Nicht. Die Schpfung
-des Weibes durch den Verbrecher im Manne. Das
-Weib als die bejahte Sexualitt des Mannes. Das
-Weib als die Schuld des Mannes. Die Liebe. Deduktion
-der Weiblichkeit.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-XIII. Kapitel: Das Judentum</td><td align="right"><a href="#Seite_403">403</a>&ndash;441
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Unterschiede unter den Mnnern. Zurckweisung
-der hierauf gegrndeten Einwnde. Die
-Zwischenformen und die Rassenanthropologie. Amphibolie
-der Weiblichkeit mit dem Judentum. Das
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xxii" id="Seite_xxii">[S. xxii]</a></span>Jdische als Idee. Der Antisemitismus. Richard
-<em class="gesperrt">Wagner</em>. Keine Identitt mit der Weiblichkeit;
-bereinstimmungen mit dieser: Eigentum, Staat,
-Gesellschaft, Adel, <em class="gesperrt">Mangel an Persnlichkeit
-und Eigenwert</em>, <em class="gesperrt">Amoralitt ohne Antimoralitt</em>,
-<em class="gesperrt">Gattungsleben</em>, Familie, <em class="gesperrt">Kuppelei</em>. Einzige
-Art einer Lsung der Judenfrage. Gottesbegriff des
-Juden. Seelenlosigkeit, kein Unsterblichkeitsbedrfnis.
-<em class="gesperrt">Judentum in der Wissenschaft.</em> Der Jude als
-Chemiker. Der Jude genielos. <em class="gesperrt">Spinoza.</em> Der Jude
-nicht monadenartig veranlagt. Der Englnder
-und der Jude. Die Englnder in Philosophie, Musik,
-Architektur. Unterschiede. Humorlosigkeit des Juden.
-<em class="gesperrt">Wesen des Humors.</em> Humor und Satire. Die
-Jdin. Nicht-Sein, vllige Vernderungsfhigkeit,
-Mittelbarkeit beim Juden wie beim Weibe. Grte
-bereinstimmung und grte Differenz. Aktivitt
-und Begrifflichkeit des Juden. Tiefstes Wesen des
-Judentums. Glaubenslosigkeit und innere Haltlosigkeit.
-Der Jude nicht amystisch, sondern unfromm.
-Mangel an Ernst, Begeisterungsfhigkeit
-und Eifer. Innerliche Vieldeutigkeit. Keinerlei Einfalt
-des Glaubens. Innere Wrdelosigkeit. Der Jude
-als der Gegenpol des Helden. &mdash; Christentum und
-Judentum. Ursprung des Christentums. Problem des
-Religionsstifters. Der Religionsstifter als Vollzieher
-einer eigenen Reinigung vom Verbrechen und von
-der Gottlosigkeit. In ihm allein eine vllige Neugeburt
-verwirklicht. Er als der Mensch mit dem tiefsten
-Schuldgefhl. Christus als berwinder des Judentums
-<em class="gesperrt">in</em> sich. Christentum und Judentum als letzte Gegenstze.
-Der Religionsstifter als der grte Mensch.
-berwindung alles Judentumes, eine Notwendigkeit
-fr jeden Religionsstifter. &mdash; Das Judentum und die
-heutige Zeit. Judentum, Weiblichkeit; Kultur und
-Menschheit.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-XIV. Kapitel: Das Weib und die Menschheit</td><td align="right"><a href="#Seite_442">442</a>&ndash;461
-</td></tr>
-
-<tr><td /><td class="tdj">
-Die Idee der Menschheit und die Frau als
-Kupplerin. Der Goethe-Kult. Verweiblichung der
-Mnner. Virginitt und Keuschheit. Mnnlicher
-Ursprung dieser Ideale. Das Unverstndnis der Frau
-fr die Erotik. Ihr Verstndnis der Sexualitt. Der
-<span class="pagenum"><a name="Seite_xxiii" id="Seite_xxiii">[S. xxiii]</a></span>Koitus und die Liebe. Die Frau als Gegnerin der
-Emanzipation. Askese unsittlich. Der Geschlechtsverkehr
-als Miachtung des Nebenmenschen. Problem
-des Juden = Problem des Weibes = Problem der
-Sklaverei. Was sittliches Verhalten gegen die
-Frau ist. Der Mann als Gegner der Frauenemanzipation.
-Ethische Postulate. Zwei Mglichkeiten.
-Die Frauenfrage als die Menschheitsfrage.
-Untergang des Weibes. &mdash; Enthaltsamkeit und Aussterben
-des Menschengeschlechtes. Furcht vor der
-Einsamkeit. Die eigentlichen Grnde der Unsittlichkeit
-des Geschlechtsverkehres. Die irdische Vaterschaft.
-Forderung der Aufnahme der Frauen unter die
-Menschheitsidee. Die Mutter und die Erziehung
-des Menschengeschlechtes. Letzte Fragen.
-</td></tr>
-
-<tr><td align="left" colspan="2">
-Anhang: <b>Zustze und Nachweise</b></td><td align="right"><a href="#Seite_463">463</a>&ndash;597
-</td></tr>
-</table></div>
-
-
-
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span>
-<small><small><a name="ERSTER_VORBEREITENDER_TEIL" id="ERSTER_VORBEREITENDER_TEIL">ERSTER (VORBEREITENDER) TEIL.</a><br /><br />
-DIE<br /><br /></small></small>
-SEXUELLE MANNIGFALTIGKEIT.</h2>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span><a name="Einleitung" id="Einleitung">Einleitung.</a></h2>
-
-
-<p>Alles Denken beginnt mit <em class="gesperrt">Begriffen von mittlerer
-Allgemeinheit</em> und entwickelt sich von ihnen aus nach zwei
-Richtungen hin: nach Begriffen von immer hherer Allgemeinheit,
-welche ein immer mehr Dingen Gemeinsames erfassen
-und hiedurch ein immer weiteres Gebiet der Wirklichkeit
-umspannen; und nach dem Kreuzungspunkte aller Begriffslinien
-hin, dem konkreten Einzelkomplex, dem Individuum,
-welchem wir denkend immer nur durch unendlich viele einschrnkende
-Bestimmungen beizukommen vermgen, das wir
-definieren durch Hinzufgung unendlich vieler spezifischer
-differenzierter Momente zu einem hchsten Allgemeinbegriff
-Ding oder etwas. Da es eine Tierklasse der Fische gibt,
-die von den Sugetieren, den Vgeln, den Wrmern unterschieden
-ist, war lange bekannt, bevor man einerseits unter
-den Fischen selbst wieder Knorpel- und Knochenfische schied,
-anderseits sie mit den Vgeln und Sugetieren durch den
-Begriff des Wirbeltieres zusammenzufassen sich veranlat
-sah, und die Wrmer dem hiedurch geeinten greren Komplexe
-gegenberstellte.</p>
-
-<p>Mit dem Kampf ums Dasein der Wesen untereinander
-hat man diese Selbstbehauptung des Geistes gegenber einer
-durch zahllose hnlichkeiten und Unterschiede verwirrenden
-Wirklichkeit verglichen.<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Wir <em class="gesperrt">erwehren</em> uns der Welt
-durch unsere Begriffe.<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> Nur langsam bringen wir sie in<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span>
-deren Fassung, allmhlich, wie man einen Tobschtigen zuerst
-ber den ganzen Krper fesselt, notdrftig, um ihn
-wenigstens nur auf beschrnkterem Orte gefhrlich sein zu
-lassen; erst dann, wenn wir in der Hauptsache gesichert
-sind, kommen die einzelnen Gliedmaen an die Reihe und
-wir ergnzen die Fesselung.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Es gibt zwei Begriffe, sie gehren zu den ltesten
-der Menschheit, mit denen diese ihr geistiges Leben
-seit Anbeginn zur Not gefristet hat.</em> Freilich hat man oft
-und oft kleine Korrekturen angebracht, sie wieder und wieder
-in die Reparaturwerksttte geschickt, notdrftig geflickt, wo die
-Reform an Haupt und Gliedern not tat; weggenommen und
-angestckelt, Einschrnkungen in besonderen Fllen gemacht
-und dann wieder Erweiterungen getroffen, wie wenn jngere
-Bedrfnisse sich nur nach und nach gegen ein altes, enges
-Wahlgesetz durchsetzen, indem dieses einen Riemen nach
-dem anderen aufschnallen mu: aber im ganzen und groen
-glauben wir doch noch mit ihnen in der alten Weise auszukommen,
-mit diesen Begriffen, die ich hier meine, den
-Begriffen <em class="gesperrt">Mann und Weib</em>.</p>
-
-<p>Zwar sprechen wir von mageren, schmalen, flachen,
-muskelkrftigen, energischen, genialen Weibern, von Weibern
-mit kurzem Haar und tiefer Stimme, von bartlosen,
-geschwtzigen Mnnern. Wir erkennen sogar an, da es
-unweibliche Weiber, Mannweiber gibt und unmnnliche,
-weibliche Mnner. Blo auf eine Eigenschaft achtend,
-nach welcher bei der Geburt die Geschlechtszugehrigkeit
-jedes Menschen bestimmt wird, wagen wir es also sogar,
-Begriffen Bestimmungen beizufgen, durch welche sie verneint
-werden. Ein solcher Zustand ist logisch unhaltbar.</p>
-
-<p>Wer hat nicht im Freundeskreis oder im Salon, in
-wissenschaftlicher oder in ffentlicher Versammlung die
-heftigsten Diskussionen ber Mnner und Frauen, ber die
-Befreiung des Weibes angehrt und mitgemacht? Gesprche
-und Debatten, in denen mit trostloser Regelmigkeit die
-Mnner und die Weiber einander gegenbergestellt wurden,
-als wie weie und rote Kugeln, von denen die gleichfarbigen
-keine Unterschiede mehr untereinander aufweisen! Nie wurde<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span>
-eine individuelle Behandlung der Streitpunkte versucht; und
-da jeder nur individuelle Erfahrungen hatte, war naturgem
-eine Einigung ausgeschlossen, wie berall dort, wo verschiedene
-Dinge mit dem gleichen Worte bezeichnet werden,
-Sprache und Begriffe sich nicht decken. Sollten wirklich alle
-Weiber und alle Mnner streng voneinander geschieden
-sein und doch auf jeder Seite alle untereinander, Weiber
-einerseits, Mnner anderseits sich in einer Reihe von Punkten
-vollstndig gleichen? Wie ja bei allen Verhandlungen ber
-Geschlechtsunterschiede, meist natrlich unbewut, vorausgesetzt
-wird. Nirgends in der Natur ist sonst eine so klaffende
-Unstetigkeit; wir finden stetige bergnge von Metallen zu
-Nichtmetallen, von chemischen Verbindungen zu Mischungen;
-zwischen Tieren und Pflanzen, zwischen Phanerogamen und
-Kryptogamen, zwischen Sugetieren und Vgeln gibt es
-Vermittlungen. Zunchst nur aus allgemeinstem praktischen
-Bedrfnis nach bersicht teilen wir ab, halten gewaltsam
-Grenzen fest, hren Arien heraus aus der unendlichen
-Melodie alles Natrlichen. Aber Vernunft wird Unsinn,
-Wohltat Plage gilt von den alten Begriffen des Denkens
-wie von den ererbten Gesetzen des Verkehrs. Wir werden
-es nach den angefhrten Analogien auch hier von vornherein
-fr unwahrscheinlich halten drfen, da in der Natur ein
-<em class="gesperrt">Schnitt</em> gefhrt sei zwischen allen Masculinis einerseits und
-allen Femininis anderseits, und ein lebendes Wesen in
-dieser Hinsicht einfach so beschreibbar, da es diesseits
-oder jenseits einer solchen Kluft sich aufhalte. Nicht einmal
-die Grammatik ist so streng.</p>
-
-<p>Man hat in dem Streite um die Frauenfrage vielfach
-<em class="gesperrt">den Anatomen</em> als Schiedsrichter angerufen, um durch ihn
-die kontroverse Abgrenzung der <em class="gesperrt">unabnderlichen</em>, weil <em class="gesperrt">angebornen</em>,
-gegen die <em class="gesperrt">erworbenen</em> Eigenschaften der mnnlichen
-und weiblichen Sinnesart vornehmen zu lassen. (Sonderbar
-genug war es, von seinen Befunden die Entscheidung
-abhngig zu machen in der Frage der natrlichen Begabung
-von Mann und Weib: als ob, wenn <em class="gesperrt">wirklich</em> alle andere
-Erfahrung hier keinerlei Unterschied htte feststellen knnen,
-zwlf Deka Hirn plus auf der einen Seite ein solches Resultat<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span>
-zu widerlegen vermchten.) Aber die besonnenen Anatomen
-geben, um ausnahmslose Kriterien gefragt, in jedem Falle, handle
-es sich nun um das Gehirn oder sonst um irgend ein Organ
-des Krpers, zur Antwort: <em class="gesperrt">durchgehende</em> sexuelle Unterschiede
-zwischen <em class="gesperrt">allen</em> Mnnern einerseits und <em class="gesperrt">allen</em> Frauen
-anderseits sind nicht nachweisbar. Wohl sei auch das Handskelett
-der Mehrzahl der Mnner ein anderes als das der
-Mehrzahl der Frauen, doch sei mit Sicherheit weder aus den
-skelettierten noch aus den mit Muskeln, Bndern, Sehnen,
-Haut, Blut und Nerven aufbewahrten (isolierten) Bestandteilen
-das Geschlecht mit Sicherheit bestimmbar. Ganz das Gleiche
-gelte vom Thorax, vom Kreuzbein, vom Schdel. Und wie
-steht es mit dem Skeletteil, bei dem, wenn berhaupt
-irgendwo, strenge geschlechtliche Unterschiede hervortreten
-mten, was ist's mit dem Becken? Das Becken ist doch der
-allgemeinen berzeugung nach im einen Fall dem Geburtsakt
-angepat, im anderen nicht. Aber nicht einmal beim Becken
-ist mit Sicherheit ein Mastab anzulegen. Es gibt, wie jeder
-von der Strae her wei &mdash; und die Anatomen wissen da
-auch nicht mehr &mdash; genug Weiber mit mnnlichem schmalen
-und genug Mnner mit weiblichem breiten Becken. Also
-ist es nichts mit den Geschlechtsunterschieden? Da wre es
-ja fast geraten, Mnner und Weiber berhaupt nicht mehr
-zu unterscheiden?!</p>
-
-<p>Wie helfen wir uns aus der Frage? Das Alte ist ungengend,
-und wir knnen es doch gewi nicht entbehren.
-Reichen die berkommenen Begriffe nicht aus, so werden
-wir sie nur aufgeben, um zu versuchen, uns neu und besser
-zu orientieren.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span><small><a name="V_I_Kapitel" id="V_I_Kapitel">I. Kapitel.</a></small><br />
-
-&#8222;Mnner&#8220; und &#8222;Weiber&#8220;.</h2>
-
-
-<p>Mit der allgemeinsten Klassifikation der meisten Lebewesen,
-ihrer Kennzeichnung schlechtweg als Mnnchen oder
-Weibchen, Mann oder Weib, kommen wir den Tatsachen
-gegenber nicht lnger aus. Die Mangelhaftigkeit dieser Begriffe
-wird von vielen mehr oder weniger klar gefhlt. Hier
-ins Reine zu kommen, ist zunchst das Ziel dieser Arbeit.</p>
-
-<p>Ich schliee mich anderen Autoren, welche in jngster
-Zeit ber zu diesem Thema gehrige Erscheinungen geschrieben
-haben, an, wenn ich zum Ausgangspunkt der Betrachtung
-die von der Entwicklungsgeschichte (Embryologie)
-festgestellte Tatsache <em class="gesperrt">der geschlechtlichen Undifferenziertheit
-der ersten embryonalen Anlage</em> des Menschen,
-der Pflanzen und der Tiere whle.</p>
-
-<p>Einem menschlichen Embryo beispielsweise kann man,
-wenn er jnger als fnf Wochen ist, das Geschlecht nicht
-ankennen, zu dem er sich spter entwickeln wird. Erst in
-der fnften Ftalwoche beginnen hier jene Prozesse, welche
-gegen Ende des dritten Monates der Schwangerschaft zur
-Entwicklung einer ursprnglich beiden Geschlechtern gemeinsamen
-Genitalanlage nach einer Seite hin und weiter zur
-Gestaltung des ganzen Individuums als eines sexuell <em class="gesperrt">genau
-definierten</em> fhren.<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> Die Einzelheiten dieser Vorgnge
-sollen hier nicht nher beschrieben werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>
-Zu jener <em class="gesperrt">bisexuellen Anlage</em> eines jeden, auch des
-hchsten Organismus, lt sich sehr gut das <em class="gesperrt">ausnahmslose
-Beharren</em>, der Mangel eines vlligen Verschwindens
-der Charaktere des anderen Geschlechtes <em class="gesperrt">beim noch so
-eingeschlechtlich entwickelten</em> pflanzlichen, tierischen
-und menschlichen Individuum in Beziehung bringen. Die geschlechtliche
-Differenzierung ist nmlich nie eine vollstndige.
-<em class="gesperrt">Alle Eigentmlichkeiten des mnnlichen Geschlechtes
-sind irgendwie, wenn auch noch so schwach entwickelt,
-auch beim weiblichen Geschlechte nachzuweisen;
-und ebenso die Geschlechtscharaktere des
-Weibes auch beim Manne smtlich irgendwie vorhanden,
-wenn auch noch so zurckgeblieben in ihrer
-Ausbildung.</em> Man sagt, sie seien rudimentr vorhanden.
-So, um gleich den Menschen, der uns weiterhin fast ausschlielich
-interessieren wird, als Beispiel anzufhren, hat
-auch die weiblichste Frau einen feinen Flaum von unpigmentierten
-Wollhaaren, Lanugo genannt, an den Stellen des
-mnnlichen Bartes, auch der mnnlichste Mann in der Entwicklung
-stehen gebliebene Drsenkomplexe unter einer
-Brustwarze. Im einzelnen nachgegangen ist man diesen
-Dingen vor allem in der Gegend der Geschlechtsorgane und
-ihrer Ausfhrwege, im eigentlichen Tractus urogenitalis,
-und hat bei jedem Geschlechte alle Anlagen des anderen im
-rudimentren Zustande in lckenlosem Parallelismus nachweisen
-knnen.</p>
-
-<p>Diese Feststellungen der Embryologen knnen, mit
-anderen zusammengehalten, in einen systematischen Zusammenhang
-gebracht werden. Bezeichnet man nach <em class="gesperrt">Hckel</em>
-die Trennung der Geschlechter als <em class="gesperrt">Gonochorismus</em>, so wird
-man zunchst bei verschiedenen Klassen und Arten verschiedene
-<em class="gesperrt">Grade</em> dieses Gonochorismus zu unterscheiden haben.
-Nicht nur die verschiedenen Arten der Pflanzen, sondern
-auch die Tierspezies werden sich durch die <em class="gesperrt">grere oder
-geringere Latenz</em> der Charaktere des zweiten Geschlechtes
-voneinander abheben. Der extremste Fall der Geschlechtsdifferenzierung,
-also strkster Gonochorismus, liegt fr dieses
-erweiterte Blickfeld im <em class="gesperrt">Geschlechtsdimorphismus</em> vor,<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>
-jener Eigentmlichkeit z.&nbsp;B. mancher Asselarten, da Mnnchen
-und Weibchen innerhalb der nmlichen Spezies sich
-uerlich voneinander nicht weniger, ja oft mehr unterscheiden,
-als selbst Mitglieder zweier differenter Familien und
-Gattungen. Bei Wirbeltieren kommt danach nie so ausgeprgter
-Gonochorismus vor, als ihn z.&nbsp;B. Krustaceen oder Insekten
-aufweisen knnen. Es gibt unter ihnen nirgends eine
-so vollstndige Scheidung von Mnnchen und Weibchen, wie
-sie im sexuellen Dimorphismus vollzogen ist, vielmehr berall
-unzhlige Mischformen der Geschlechter, selbst sogenannten
-abnormen Hermaphroditismus, ja bei den Fischen sogar
-Familien mit ausschlielichem Zwittertum, mit normalem
-Hermaphroditismus.</p>
-
-<p>Es ist nun von vornherein anzunehmen, da es nicht nur
-extreme Mnnchen mit geringsten Resten der Weiblichkeit
-und auf der anderen Seite extreme Weibchen mit ganz reduzierter
-Mnnlichkeit und in der Mitte zwischen beiden gedrngt
-jene Zwitterformen, zwischen jenen drei Punkten aber nur leere
-Strecken geben werde. Uns beschftigt speziell der Mensch.
-Doch ist fast alles, was hier ber ihn zu sagen ist, mit
-greren oder geringeren Modifikationen auch auf die meisten
-anderen Lebewesen mit geschlechtlicher Fortpflanzung anwendbar.</p>
-
-<p>Vom Menschen aber gilt ohne jeden Zweifel folgendes:</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Es gibt</em> unzhlige Abstufungen <em class="gesperrt">zwischen Mann und
-Weib</em>, <em class="gesperrt">sexuelle Zwischenformen</em>. <em class="gesperrt">Wie die Physik
-von idealen Gasen spricht</em>, d.&nbsp;h. solchen, die genau
-dem <em class="gesperrt">Boyle-Gay-Lussac</em>schen Gesetze folgen (in Wirklichkeit
-gehorcht ihm kein einziges), und von diesem Gesetze
-ausgeht, um im konkreten Falle die Abweichungen von ihm
-zu konstatieren: <em class="gesperrt">so knnen wir einen idealen Mann M
-und ein ideales Weib W, die es in der Wirklichkeit
-nicht gibt, aufstellen als sexuelle Typen</em>. Diese Typen
-<em class="gesperrt">knnen</em> nicht nur, sie <em class="gesperrt">mssen</em> konstruiert werden. <em class="gesperrt">Nicht
-allein das Objekt der Kunst, auch das der Wissenschaft
-ist der Typus, die platonische Idee.</em> Die wissenschaftliche
-Physik erforscht das Verhalten des <em class="gesperrt">vollkommen</em>
-starren und des <em class="gesperrt">vollkommen</em> elastischen Krpers, wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
-bewut, da die Wirklichkeit weder den einen noch den
-anderen ihr je zur Besttigung darbieten wird; die empirisch
-gegebenen Vermittlungen zwischen beiden dienen ihr nur
-als Ausgangspunkt fr diese Aufsuchung der typischen Verhaltungsweisen
-und werden bei der Rckkehr aus der Theorie
-zur Praxis als Mischflle behandelt und erschpfend dargestellt.
-<em class="gesperrt">Und ebenso gibt es nur alle mglichen vermittelnden
-Stufen zwischen dem vollkommenen
-Manne und dem vollkommenen Weibe</em>, Annherungen
-an beide, die selbst nie von der Anschauung erreicht
-werden.</p>
-
-<p>Man achte wohl: hier ist nicht blo von bisexueller
-<em class="gesperrt">Anlage</em> die Rede, sondern von <em class="gesperrt">dauernder</em> Doppelgeschlechtlichkeit.
-Und auch nicht blo von den sexuellen <em class="gesperrt">Mittel</em>stufen,
-(krperlichen oder psychischen) Zwittern, auf die bis
-heute aus naheliegenden Grnden alle hnlichen Betrachtungen
-beschrnkt sind. In dieser Form ist also der Gedanke
-durchaus neu. Bis heute bezeichnet man als sexuelle Zwischenstufen
-nur die sexuellen <em class="gesperrt">Mittel</em>stufen: als ob dort, mathematisch
-gesprochen, eine <em class="gesperrt">Hufungsstelle</em> wre, <em class="gesperrt"><b>mehr</b>
-wre als eine kleine Strecke auf der berall
-<b>gleich</b> dicht besetzten Verbindungslinie zweier Extreme</em>!</p>
-
-<p>Also Mann und Weib sind wie zwei Substanzen, die in
-verschiedenem Mischungsverhltnis, ohne da je der Koeffizient
-einer Substanz Null wird, auf die lebenden Individuen
-verteilt sind. <em class="gesperrt">Es gibt in der Erfahrung nicht Mann noch
-Weib</em> knnte man sagen, <em class="gesperrt">sondern nur mnnlich und
-weiblich</em>. Ein Individuum A oder ein Individuum B darf
-man darum nicht mehr schlechthin als Mann oder Weib
-bezeichnen, sondern ein jedes ist nach den Bruchteilen zu beschreiben,
-die es von <em class="gesperrt">beiden</em> hat, etwa:</p>
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Anteile Mann und Weib">
-<tr><td align="left" rowspan="2">A</td><td align="left" rowspan="2"><big>{</big></td>
- <td align="left">&#945;<span class="hidden">'</span> M</td>
- <td align="left" rowspan="2">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;B</td><td align="left" rowspan="2"><big>{</big></td><td align="left">&#946;<span class="hidden">'</span> W</td></tr>
-<tr><td align="left">&#945;' W</td> <td align="left">&#946;' M</td></tr>
-</table></div>
-
-<p class="noindent">wobei stets</p>
-
-<p class="center">
-0 &lt; &#945;<span class="hidden">'</span> &lt; 1, &nbsp;&nbsp;&nbsp; 0 &lt; &#946;<span class="hidden">'</span> &lt; 1,<br />
-0 &lt; &#945;' &lt; 1, &nbsp;&nbsp;&nbsp; 0 &lt; &#946;' &lt; 1.<br />
-</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span>
-
-Die genaueren Belege fr diese Auffassung &mdash; einiges
-Allgemeinste wurde vorbereitend in der Einleitung angedeutet
-&mdash; sind zahllos. Es sei erinnert an alle Mnner mit
-weiblichem Becken und weiblichen Brsten, fehlendem oder
-sprlichem Bartwuchs, mit ausgesprochener Taille, berlangem
-Kopfhaar, an alle Weiber mit schmalen Hften<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> und flachen
-Brsten, mageren Nates und Femurfettpolstern, tiefer rauher
-Stimme und einem Schnurrbart (zu dem die Anlage viel fter
-ausgiebig vorhanden ist, als man sie gemeiniglich bemerkt,
-weil er natrlich nie belassen wird; vom Barte, der so vielen
-Frauen nach dem Klimakterium wchst, ist hier nicht die
-Rede) etc. etc. Alle diese Dinge, <em class="gesperrt">die sich bezeichnenderweise
-fast immer am gleichen Menschen beisammen
-finden</em>, sind jedem Kliniker und praktischen Anatomen aus
-eigener Anschauung bekannt, nur noch nirgends zusammengefat.</p>
-
-<p>Den umfassendsten Beweis fr die hier verfochtene
-Anschauung liefert aber die groe Schwankungsbreite der
-Zahlen fr geschlechtliche Unterschiede, die innerhalb der einzelnen
-Arbeiten wie zwischen den verschiedenen anthropologischen
-und anatomischen Unternehmungen zur Messung derselben
-ohne Ausnahme anzutreffen ist, die Tatsache, da die
-Zahlen fr das weibliche Geschlecht nie dort anfangen, wo jene
-fr das mnnliche aufhren, sondern stets in der Mitte ein Gebiet
-liegt, in welchem Mnner und Frauen vertreten sind. So sehr
-diese Unsicherheit der Theorie von den sexuellen Zwischenstufen
-zugute kommt, so aufrichtig mu man sie im Interesse
-wahrer Wissenschaft bedauern. Die Anatomen und Anthropologen
-von Fach haben eben eine wissenschaftliche Darstellung
-des sexuellen Typus noch gar nicht angestrebt, sondern
-wollten immer nur allgemein in gleichem Ausmae gltige
-Merkmale haben, und hieran wurden sie durch die berzahl<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>
-der Ausnahmen immer verhindert. So erklrt sich die Unbestimmtheit
-und Weite aller hieher gehrigen Resultate der
-Messung.</p>
-
-<p>Gar sehr hat der Zug zur Statistik, der unser industrielles
-Zeitalter vor allen frheren auszeichnet, in dem es
-&mdash; offenbar der schchternen Verwandtschaft mit der Mathematik
-wegen &mdash; seine Wissenschaftlichkeit besonders betont
-glaubt, auch hier den Fortschritt der Erkenntnis gehemmt.
-Den <em class="gesperrt">Durchschnitt</em> wollte man gewinnen, nicht den
-<em class="gesperrt">Typus</em>. Man begriff gar nicht, da es im Systeme reiner (nicht
-angewandter) Wissenschaft nur auf diesen ankommt. Darum
-lassen denjenigen, welchem es um die Typen zu tun ist, die
-bestehende Morphologie und Physiologie mit ihren Angaben
-gnzlich im Stich. Es wren da alle Messungen wie auch
-alle brigen Detailforschungen erst auszufhren. Was existiert,
-ist fr eine Wissenschaft auch in laxerem (nicht erst in
-Kantischem) Sinne vllig unverwendbar.</p>
-
-<p>Alles kommt auf die Kenntnis von M und W, auf die
-richtige Feststellung des idealen Mannes und des idealen
-Weibes an (ideal im Sinne von typisch, ohne jede Bewertung).</p>
-
-<p>Wird es gelungen sein, diese Typen zu erkennen und
-zu konstruieren, so wird die Anwendung auf den einzelnen
-Fall, seine Darstellung durch ein quantitatives Mischungsverhltnis,
-ebenso unschwer wie fruchtbar sein.</p>
-
-<p>Ich resumiere den Inhalt dieses Kapitels: es gibt keine
-kurzweg als ein- und bestimmt-geschlechtlich zu bezeichnenden
-Lebewesen. Vielmehr zeigt die Wirklichkeit ein Schwanken
-zwischen zwei Punkten, auf denen selbst kein empirisches
-Individuum mehr anzutreffen ist, <em class="gesperrt">zwischen</em> denen <em class="gesperrt">irgendwo</em>
-jedes Individuum sich aufhlt. Aufgabe der Wissenschaft ist
-es, die Stellung jedes Einzelwesens zwischen jenen zwei Bauplnen
-festzustellen; diesen Bauplnen ist keineswegs eine
-metaphysische Existenz neben oder ber der Erfahrungswelt
-zuzuschreiben, sondern ihre Konstruktion ist notwendig aus
-dem heuristischen Motive einer mglichst vollkommenen Abbildung
-der Wirklichkeit. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>
-
-Die Ahnung dieser Bisexualitt alles Lebenden (durch
-die nie ganz vollstndige sexuelle Differenzierung) ist uralt.
-Vielleicht ist sie chinesischen Mythen nicht fremd gewesen;
-jedenfalls war sie im Griechentum uerst lebendig. Hiefr
-zeugen die Personifikation des Hermaphroditos als einer
-mythischen Gestalt; die Erzhlung des Aristophanes im
-platonischen Gastmahl; ja noch in spter Zeit galt der
-gnostischen Sekte der Ophiten der Urmensch als mannweiblich,
-&#7936;&#961;&#963;&#949;&#957;&#972;&#952;&#951;&#955;&#965;&#962;.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><small><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span><a name="V_II_Kapitel" id="V_II_Kapitel">II. Kapitel.</a></small><br />
-
-Arrhenoplasma und Thelyplasma.</h2>
-
-
-<p>Die nchste Erwartung, welche eine Arbeit zu befriedigen
-htte, in deren Plan eine universelle Revision aller
-einschlgigen Tatsachen gelegen wre, wrde sich auf eine
-neue und vollstndige Darstellung der anatomischen und physiologischen
-Eigenschaften der sexuellen Typen richten. Da
-ich aber selbstndige Untersuchungen zum Zwecke einer
-Lsung dieser umfassenden Aufgabe nicht angestellt habe,
-und eine Beantwortung jener Fragen fr die <em class="gesperrt">letzten</em> Ziele
-dieses Buches mir nicht notwendig erscheint, so mu ich auf dieses
-Unternehmen von vornherein Verzicht leisten &mdash; ganz abgesehen
-davon, ob es die Krfte eines einzelnen nicht bei
-weitem bersteigt. Eine Kompilation der in der Literatur
-niedergelegten Ergebnisse wre berflssig, denn eine solche
-ist in vorzglicher Weise von <em class="gesperrt">Havelock Ellis</em> besorgt worden.
-Aus den von ihm gesammelten Resultaten die sexuellen Typen
-auf dem Wege wahrscheinlicher Schlufolgerungen zu gewinnen,
-bliebe hypothetisch und wrde der Wissenschaft nicht
-eine einzige Neuarbeit zu ersparen vermgen. Die Errterungen
-dieses Kapitels sind darum mehr formaler und
-allgemeiner Natur, sie gehen auf die biologischen Prinzipien,
-zum Teil wollen sie auch jener notwendigen Arbeit der Zukunft
-die Bercksichtigung bestimmter einzelner Punkte ans
-Herz legen und so derselben frderlich zu werden versuchen.
-Der biologische Laie kann diesen Abschnitt berschlagen,
-ohne das Verstndnis der brigen hiedurch sehr zu beeintrchtigen.</p>
-
-<p>Es wurde die Lehre von den verschiedenen Graden der
-Mnnlichkeit und Weiblichkeit vorderhand rein anatomisch
-entwickelt. Die Anatomie wird aber nicht nur nach den<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>
-Formen fragen, in denen, sondern auch nach den Orten, an
-denen sich Mnnlichkeit und Weiblichkeit ausprgt. Da die
-Sexualitt nicht blo auf die Begattungswerkzeuge und die
-Keimdrsen beschrnkt ist, geht schon aus den frher als
-Beispielen sexueller Unterschiedenheit erwhnten Krperteilen
-hervor. Aber wo ist hier die Grenze zu ziehen, mit anderen
-Worten, wo steckt das Geschlecht und wo steckt es nicht?
-Ist es blo auf die primren und sekundren Sexualcharaktere
-beschrnkt? Oder reicht sein Umfang nicht viel
-weiter?</p>
-
-<p>Es scheint nun eine groe Anzahl in den letzten Jahrzehnten
-aufgefundener Tatsachen zur Wiederaufnahme einer
-Lehre zu zwingen, welche in den vierziger Jahren des
-XIX. Jahrhunderts aufgestellt wurde, aber wenig Anhnger
-fand, da ihre Konsequenzen dem Begrnder der Theorie selbst
-ebenso wie ihren Bestreitern einer Reihe von Forschungsergebnissen
-zu widersprechen schienen, die zwar nicht jenem,
-aber diesen als unumstlich galten. Ich meine unter dieser Anschauung,
-welche, mit einer Modifikation, die Erfahrung uns
-gebieterisch abermals aufntigt, die Lehre des Kopenhagener
-Zoologen Joh. Japetus Sm. <em class="gesperrt">Steenstrup</em>, der behauptet hatte,
-<em class="gesperrt">das Geschlecht stecke berall im Krper</em>.</p>
-
-<p>Ellis hat zahlreiche Untersuchungen ber fast alle Gewebe
-des Organismus excerpiert, die berall Unterschiede der
-Sexualitt nachweisen konnten. Ich will erwhnen, da der
-typisch mnnliche und der typisch weibliche Teint sehr
-voneinander verschieden sind; dies berechtigt zur Annahme
-sexueller Differenzen in den Zellen der Cutis und der Blutgefe.
-Aber auch in der Menge des Blutfarbstoffes, in der
-Zahl der roten Blutkrperchen im Kubikcentimeter der Flssigkeit
-sind solche gesichert. <em class="gesperrt">Bischoff</em> und <em class="gesperrt">Rdinger</em>
-haben im Gehirne Abweichungen der Geschlechter voneinander
-festgestellt, und Justus und Alice <em class="gesperrt">Gaule</em> in der jngsten
-Zeit solche auch in vegetativen Organen (Leber, Lunge, Milz)
-aufgefunden. Tatschlich wirkt auch <em class="gesperrt">alles</em> am Weibe, wenn
-auch gewisse Zonen strker und andere schwcher, <em class="gesperrt">erogen</em>
-auf den Mann, und ebenso <em class="gesperrt">alles</em> am Manne sexuell anziehend
-und erregend auf das Weib.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>
-
-Wir knnen so zu der vom formal-logischen Standpunkt
-hypothetischen, aber durch die Summe der Tatsachen fast zur
-Gewiheit erhobenen Anschauung fortschreiten: <em class="gesperrt">jede Zelle
-des Organismus ist</em> (wie wir vorlufig sagen wollen) <em class="gesperrt">geschlechtlich
-charakterisiert, oder hat eine bestimmte
-sexuelle Betonung</em>. Unserem Prinzipe der Allgemeinheit
-der sexuellen Zwischenformen gem werden wir gleich hinzufgen,
-<em class="gesperrt">da diese sexuelle Charakteristik verschieden
-hohe Grade haben kann</em>. Diese sofort zu machende Annahme
-einer verschieden starken Ausprgung der sexuellen
-Charakteristik liee uns auch den Pseudo- und sogar den
-echten Hermaphroditismus (dessen Vorkommen fr viele Tiere,
-wenn auch nicht mit Sicherheit fr den Menschen, seit <em class="gesperrt">Steenstrups</em>
-Zeit ber allen Zweifel erhoben worden ist) unserem
-Systeme leicht eingliedern. <em class="gesperrt">Steenstrup</em> sagte: Wenn das
-Geschlecht eines Tieres wirklich seinen Sitz allein in den
-Geschlechtswerkzeugen htte, so knnte man sich noch zwei
-Geschlechter in einem Tiere gesammelt, zwei solche Geschlechtswerkzeuge
-an die Seite voneinander gestellt denken.
-Aber das Geschlecht ist nicht etwas, welches seinen Sitz in einer
-gegebenen Stelle hat, oder welches sich nur durch ein angegebenes
-Werkzeug uert; es wirkt durch das ganze Wesen,
-und hat sich in jedem Punkte davon entwickelt. In einem
-mnnlichen Geschpfe ist jeder, auch der kleinste Teil mnnlich,
-mag er dem entsprechenden Teile von einem weiblichen
-Geschpfe noch so hnlich sein, und in diesem ist ebenso der
-allerkleinste Teil nur weiblich. Eine Vereinigung von beiden
-Geschlechtswerkzeugen in einem Geschpfe wrde deshalb
-dieses erst zweigeschlechtlich machen, wenn die Naturen
-beider Geschlechter durch den ganzen Krper herrschen und
-sich auf jeden einzelnen Punkt davon geltend machen knnten
-&mdash; etwas, das sich infolge des Gegensatzes beider Geschlechter
-nur als eine gegenseitige Aufhebung voneinander, als ein
-Verschwinden alles Geschlechtes in einem solchen Geschpfe
-uern knnte. Wenn jedoch, und hiezu scheinen alle empirischen
-Tatsachen zu zwingen, <em class="gesperrt">das Prinzip der unzhligen
-sexuellen bergangsstufen zwischen M und
-W auf alle Zellen des Organismus ausgedehnt wird</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>
-so entfllt die Schwierigkeit, an der <em class="gesperrt">Steenstrup</em> Ansto
-nahm, und das Zwittertum ist keine Naturwidrigkeit mehr.
-Von der vlligen Mnnlichkeit an in allen Vermittlungen bis
-zu deren gnzlichem Fehlen, welches mit dem Vorhandensein
-der absoluten Weiblichkeit zusammenfiele, sind danach <em class="gesperrt">unzhlige
-verschiedene sexuelle Charakteristiken</em> jeder
-einzelnen Zelle denkbar. Ob diese Graduierung in einer
-Skala von Differenzialien wirklich unter dem Bilde <em class="gesperrt">zweier
-realer</em>, jeweils in anderem Verhltnis zusammentretender
-Substanzen zu denken ist, oder ein <em class="gesperrt">einheitliches</em> Protoplasma
-in unendlich vielen Modifikationen (etwa rumlich verschiedenen
-Anordnungen der Atome in groen Moleklen) anzunehmen
-ist, darber tut man gut, sich jeder Vermutung zu
-enthalten. Die erste Annahme wird physiologisch nicht gut verwendbar
-sein &mdash; man denke an eine mnnliche oder weibliche
-Krperbewegung und die dann notwendige Duplizitt in den
-bestimmenden Verhltnissen ihrer realen, physiologisch doch
-immer einheitlichen Erscheinungsform; die zweite erinnert
-zu sehr an wenig geglckte Spekulationen ber die Vererbung.
-Vielleicht sind beide gleich weit von der Wahrheit
-entfernt.</p>
-
-<p>Worin die Mnnlichkeit (Maskulitt) oder Weiblichkeit
-(Muliebritt) einer Zelle eigentlich bestehen mag, welche histologischen,
-molekular-physikalischen oder gar chemischen Unterschiede
-jede Zelle von W trennen mgen von jeder Zelle
-von M, darber ist eine Aussage auch auf dem Wege der
-Wahrscheinlichkeit heute empirisch nicht zu begrnden. Ohne
-also irgend einer spteren Untersuchung vorzugreifen (die
-wohl die Unableitbarkeit des spezifisch Biologischen aus
-Physik und Chemie zur Genge eingesehen haben wird), lt
-sich die Annahme <em class="gesperrt">verschieden</em> starker sexueller Betonungen
-auch fr alle <em class="gesperrt">Einzelzellen</em>, nicht blo fr den <em class="gesperrt">ganzen</em>
-Organismus als ihre Summe, mit guten Grnden verteidigen.
-Weibliche Mnner haben meist auch eine insgesamt weiblichere
-Haut, die Zellen der mnnlichen Organe haben bei
-ihnen schwchere Tendenzen zur Teilung, worauf das geringere
-Wachstum makroskopischer Sexualcharaktere unbedingt zurckweist,
-<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
-
-<p>Nach dem verschiedenen Grade der makroskopischen
-Ausprgung der sexuellen Charakteristik ist auch die Einteilung
-der Sexualcharaktere zu treffen; ihre Anordnung fllt
-im groen zusammen mit der Strke ihrer erogenen Wirkung
-auf das andere Geschlecht (wenigstens im Tierreiche). Um nicht
-von der allgemein angenommenen <em class="gesperrt">John Hunter</em>schen
-Nomenklatur abzuweichen und jede Verwirrung zu vermeiden,
-nenne ich <em class="gesperrt">primordiale Sexualcharaktere</em> die mnnliche
-und die weibliche Keimdrse (Testis, Epididymis, Ovarium,
-Epoophoron); <em class="gesperrt">primre</em> die inneren Adnexe der Keimdrsen
-(Samenstrnge, Samenblschen, Tuba, Uterus, die ihrer
-sexuellen Charakteristik nach erfahrungsgem von jener der
-Keimdrsen zuweilen weit differieren) <em class="gesperrt">und</em> die ueren
-Geschlechtsteile, nach welchen allein die Geschlechtsbestimmung
-des Menschen bei der Geburt vollzogen und
-damit in gewisser Weise ber sein Lebensschicksal (wie sich
-zeigen wird, nicht selten unrichtig) entschieden wird. Alle
-Geschlechtscharaktere <em class="gesperrt">nach</em> den primren haben das Gemeinsame,
-da sie fr die Zwecke der Begattung nicht unmittelbar
-mehr erforderlich sind. Als <em class="gesperrt">sekundre Geschlechtscharaktere</em>
-sind zunchst am besten scharf zu umgrenzen
-diejenigen, welche erst <em class="gesperrt">zur Zeit der Geschlechtsreife</em>
-uerlich sichtbar auftreten und nach einer fast zur
-Gewiheit erhobenen Anschauung ohne eine innere Sekretion
-bestimmter Stoffe aus den Keimdrsen in das Blut
-sich nicht entwickeln knnen (Wuchs des mnnlichen Bartes
-und des weiblichen Kopfhaares, Brsteentwicklung, Stimmwechsel
-u.&nbsp;s.&nbsp;w.).</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Praktische</em> Grnde mehr als theoretische empfehlen
-die weitere Bezeichnung erst auf Grund von uerungen oder
-Handlungen zu erschlieender angeborener Eigenschaften, wie
-Muskelkraft, Eigenwilligkeit beim Manne, als <em class="gesperrt">tertirer
-Sexualcharaktere</em>. Durch relativ zufllige Sitte, Gewhnung,
-Beschftigung hinzugekommen sind endlich die accessorischen
-oder <em class="gesperrt">quartren</em> Sexualcharaktere, wie Rauchen und Trinken
-des Mannes, Handarbeit des Weibes; auch diese ermangeln
-nicht, gelegentlich ihre erogene Wirkung auszuben, und
-schon dies deutet darauf hin, da sie viel fter, als man<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>
-vielleicht glaubt, auf die tertiren zurckzufhren sind und
-mglicherweise bisweilen tief noch mit den primordialen zusammenhngen.
-Mit dieser Klassifikation der Sexualcharaktere
-soll nichts fr eine <em class="gesperrt">wesentliche</em> Reihenfolge prjudiziert und
-gar nichts darber entschieden sein, ob die geistigen Eigenschaften
-im Vergleiche zu den krperlichen primr oder von
-ihnen bedingt und erst im Laufe einer langen Kausalkette
-aus ihnen abzuleiten sind; sondern nur die Strke der anziehenden
-Wirkung auf das andere Geschlecht<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>, die zeitliche
-Reihenfolge, in welcher sie diesem auffallen und die Rangordnung
-der Sicherheit, mit der sie von ihm erschlossen
-werden, drfte hiemit fr die meisten Flle getroffen sein.</p>
-
-<p>Die sekundren Geschlechtscharaktere fhrten zur Erwhnung
-der inneren Sekretion von Keimstoffen in den
-Kreislauf. Die Wirkungen dieses Einflusses wie seines durch
-Kastration knstlich erzeugten Mangels hat man nmlich vor
-allem an der Entwicklung oder dem Ausbleiben der <em class="gesperrt">sekundren</em>
-Geschlechtscharaktere studiert. Die innere Sekretion
-bt aber zweifellos einen Einflu auf <em class="gesperrt">alle</em> Zellen des Krpers.
-Dies beweisen die Vernderungen, welche zur Zeit der
-Pubertt im <em class="gesperrt">ganzen</em> Organismus und nicht blo an den
-durch sekundre Geschlechtscharaktere ausgezeichneten Partien
-erfolgen. Auch kann man von vornherein die innere Sekretion
-aller Drsen nicht gut anders auffassen, als auf alle Gewebe
-<em class="gesperrt">gleichmig</em> sich erstreckend.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die innere Sekretion der Keimdrsen komplettiert
-also erst die Geschlechtlichkeit des Individuums.</em>
-Es ist demgem in jeder Zelle eine <em class="gesperrt">originre
-sexuelle Charakteristik anzunehmen</em>, zu der jedoch die
-innere Sekretion der Keimdrsen <em class="gesperrt">in einem gewissen Ausmae
-als ergnzende Komplementrbedingung hinzukommen
-mu, um ein bestimmt qualifiziertes,
-fertiges Masculinum oder Femininum hervorzubringen</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>
-Die Keimdrse ist das Organ, in welchem die sexuelle
-Charakteristik des Individuums <em class="gesperrt">am sichtbarsten</em> hervortritt,
-und in dessen morphologischen Elementareinheiten sie am
-leichtesten nachweisbar ist. Ebenso mu man aber annehmen,
-da die Gattungs-, Art-, Familieneigenschaften eines Organismus
-in den Keimdrsen am vollzhligsten vertreten sind.
-Gleichwie anderseits <em class="gesperrt">Steenstrup</em> mit Recht gelehrt hat,
-da das Geschlecht berall im Krper verbreitet und nicht
-blo in spezifischen Geschlechtsteilen lokalisiert sei, so
-haben <em class="gesperrt">Naegeli</em>, <em class="gesperrt">de Vries</em>, <em class="gesperrt">Oscar Hertwig</em> u.&nbsp;a. die ungemein
-aufklrende Theorie entwickelt und mit wichtigen Argumenten
-sehr sicher begrndet, da <em class="gesperrt">jede</em> Zelle eines vielzelligen
-Organismus Trger der <em class="gesperrt">gesamten <b>Art</b></em>eigenschaften
-ist, und diese in den Keimzellen nur in einer besonderen
-ausgezeichneten Weise zusammengefat erscheinen &mdash; was
-vielleicht einmal allen Forschern selbstverstndlich vorkommen
-wird angesichts der Tatsache, da jedes Lebewesen
-durch Furchung und Teilung aus <em class="gesperrt">einer</em> einzigen Zelle
-entsteht.</p>
-
-<p>Wie nun die genannten Forscher auf Grund vieler Phnomene,
-die seitdem durch zahlreiche Erfahrungen ber
-Regeneration aus beliebigen Teilen und Feststellungen
-chemischer Differenzen in den homologen Geweben verschiedener
-Spezies vermehrt worden sind, die Existenz des
-<em class="gesperrt">Idioplasma</em> als der <em class="gesperrt">Gesamtheit</em> der spezifischen Arteigenschaften
-auch in allen jenen Zellen eines Metazoons anzunehmen
-berechtigt waren, die nicht mehr unmittelbar fr
-die Fortpflanzung verwertet werden &mdash; so knnen und
-mssen auch <em class="gesperrt">hier</em> die Begriffe eines <em class="gesperrt">Arrhenoplasma</em> und
-eines <em class="gesperrt">Thelyplasma</em> geschaffen werden, <em class="gesperrt">als der zwei
-Modifikationen, in denen jedes Idioplasma bei
-geschlechtlich differenzierten Wesen auftreten
-kann</em>, und zwar nach den hier grundstzlich vertretenen Ansichten
-wieder nur als <em class="gesperrt">Idealflle</em>, als Grenzen, <em class="gesperrt">zwischen</em>
-denen die empirische Realitt liegt. Es geht demnach das wirklich
-existierende Protoplasma, vom idealen Arrhenoplasma sich
-immer mehr entfernend, durch einen (realen oder gedachten) Indifferenzpunkt
-(= Hermaphroditismus verus) in ein Protoplasma<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>
-ber, das bereits dem Thelyplasma nher liegt, um sich diesem
-bis auf ein Differenziale zu nhern. Dies ist aus der Summe
-des Vorausgeschickten nur die konsequente Folgerung, und
-ich bitte die neuen Namen zu entschuldigen; sie sind nicht
-dazu erfunden, um die Neuheit der Sache zu steigern.</p>
-
-<p>Der Nachweis, da <em class="gesperrt">jedes</em> einzelne Organ und weiter
-<em class="gesperrt">jede einzelne Zelle</em> eine Sexualitt besitzt, die auf irgend
-einem Punkte zwischen Arrhenoplasma und Thelyplasma
-anzutreffen sein wird, da also jeder Elementarteil ursprnglich
-in bestimmter Weise und bestimmtem Ausma sexuell
-charakterisiert ist, dieser Nachweis lt sich auch durch die
-Tatsache leicht fhren, da selbst im <em class="gesperrt">gleichen</em> Organismus die
-verschiedenen Zellen nicht immer die gleiche und sehr oft nicht
-eine gleich <em class="gesperrt">starke</em> sexuelle Charakteristik besitzen. Es liegt
-nmlich durchaus nicht in allen Zellen eines Krpers der
-gleiche Gehalt an M oder W, die gleiche Annherung an
-Arrhenoplasma oder Thelyplasma, ja es knnen Zellen des
-gleichen Krpers auf verschiedenen Seiten des Indifferenzpunktes
-zwischen diesen Polen sich befinden. Wenn wir,
-statt Maskulitt und Muliebritt immer auszuschreiben, verschiedene
-Vorzeichen fr beide whlen und, noch ohne
-tckische tiefere Hintergedanken, dem Mnnlichen ein positives,
-dem Weiblichen ein negatives Vorzeichen geben, so
-heit jener Satz in anderer Ausdrucksform: in den Zellen
-des nmlichen Organismus kann die Sexualitt der verschiedenen
-Zellen nicht nur eine verschiedene absolute Gre,
-sondern auch ein verschiedenes Vorzeichen haben. Es gibt
-<em class="gesperrt">sonst</em> ziemlich wohlcharakterisierte Masculina mit nur ganz
-schwachem Bart und ganz schwacher Muskulatur; oder fast
-typische Feminina mit schwachen Brsten. Und anderseits
-recht weibische Mnner mit starkem Bartwuchs, Weiber, die
-bei abnorm kurzem Haar und deutlich sichtbarem Bartwuchs gut
-entwickelte Brste und ein gerumiges Becken aufweisen.
-Mir sind ferner Menschen bekannt mit weiblichem Ober- und
-mnnlichem Unterschenkel, mit rechter weiblicher und linker
-mnnlicher Hfte. berhaupt werden von der lokalen Verschiedenheit
-der sexuellen Charakteristik am hufigsten die
-beiden, auch sonst nur im idealen Falle symmetrischen<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>
-Krperhlften rechts und links von der Medianebene betroffen;
-hier findet man in dem Grade der Ausprgung der Sexualcharaktere,
-z.&nbsp;B. des Bartwuchses, eine Unzahl von Asymmetrien. Auf
-eine ungleichmige innere Sekretion lt sich aber dieser
-Mangel an Konformitt (und eine absolute Konformitt gibt
-es in der sexuellen Charakteristik nie), wie schon gesagt,
-kaum schieben; das Blut mu zwar nicht in gleicher Menge,
-aber doch in gleicher Mischung zu allen Organen gelangen,
-in nichtpathologischen Fllen stets in einer den Bedingungen
-der Erhaltung angemessenen Qualitt und Quantitt.</p>
-
-<p>Wre also nicht eine ursprngliche, vom Anfang der
-embryonalen Entwicklung an feststehende, in jeder einzelnen
-Zelle im allgemeinen verschiedene sexuelle Charakteristik als
-die Ursache dieser Variationen anzunehmen, so mte ein
-Individuum einfach durch eine Angabe darber, wie gut
-beispielsweise seine Keimdrsen dem Typus des Geschlechtes
-sich annhern, vollauf sexuell beschrieben werden knnen,
-und die Sache lge viel einfacher, als sie in Wirklichkeit ist.
-Die Sexualitt ist aber nicht in einem fiktiven Normalma
-gleichsam ausgegossen ber das ganze Individuum, so da
-mit der sexuellen Bestimmung <em class="gesperrt">einer</em> Zelle auch alle anderen
-erledigt wren. Wenn auch <em class="gesperrt">weite</em> Abstnde in der sexuellen
-Charakteristik zwischen verschiedenen Zellen oder Organen
-<em class="gesperrt">desselben</em> Lebewesens eine Seltenheit bilden werden: als den
-<em class="gesperrt">allgemeinen</em> Fall mu man die <em class="gesperrt">Spezifitt</em> derselben fr
-jede einzelne Zelle ansehen; man wird aber dabei immerhin
-daran festhalten knnen, da sich viel hufiger Annherungen
-an eine vollkommene Einfrmigkeit der sexuellen Charakteristik
-(durch den ganzen Krper hindurch) finden, als ein
-Auseinandertreten zu betrchtlichen graduellen Differenzen
-zwischen den einzelnen Organen, geschweige denn zwischen
-den einzelnen Zellen vorzukommen scheint. Das Maximum
-der hier mglichen Schwankungsbreite mte erst durch eine
-Untersuchung im einzelnen festgestellt werden.</p>
-
-<p>Trte, wie dies die populre, auf <em class="gesperrt">Aristoteles</em> zurckgehende
-Ansicht und auch die Anschauung vieler Mediziner
-und Zoologen ist, mit der <em class="gesperrt">Kastration</em> eines Tieres regelmig
-ein Umschlag nach dem entgegengesetzten Geschlechte<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>
-hin ein, wre z.&nbsp;B. mit der Entmannung eines Tieres auch
-schon eo ipso als Folge seine vllige Verweiblichung gesetzt,
-so wre das Bestehen eines von den Keimdrsen unabhngigen
-primordialen Sexualcharakters jeder Zelle wieder in Frage
-gestellt. Aber die jngsten experimentellen Untersuchungen
-von <em class="gesperrt">Sellheim</em> und <em class="gesperrt">Foges</em> haben gezeigt, da es einen vom
-weiblichen durchaus verschiedenen Typus des Kastraten gibt,
-da Entmannung nicht ohne weiters identisch ist mit Verweiblichung.
-Freilich wird man gut tun, auch in dieser
-Richtung zu weitgehende, radikale Folgerungen zu vermeiden,
-man darf keinesfalls die Mglichkeit ausschlieen, da eine
-zweite, latent gebliebene Keimdrse des anderen Geschlechtes
-nach Beseitigung oder Atrophie einer ersten Keimdrse
-sozusagen die Herrschaft ber einen in seiner sexuellen
-Charakteristik in gewissem Mae schwankenden Organismus
-gewinne. Die hufigen, freilich wohl allgemein etwas zu
-khn (als durchgngige Annahme mnnlicher Charaktere)
-interpretierten Flle, in denen, nach der Involution der weiblichen
-Geschlechtsorgane im Klimakterium, an einem weiblichen
-Organismus uere sekundre Sexualcharaktere des
-Masculinums sichtbar werden, wren das bekannteste Beispiel
-hiefr: der Bart der menschlichen Gromtter, alte
-Ricken, die bisweilen einen kurzen Stirnzapfen erhalten, die
-Hahnenfedrigkeit alter Hennen u.&nbsp;s.&nbsp;w. Aber selbst ganz
-ohne senile Rckbildungen oder operative uere Eingriffe
-scheinen derartige Verwandlungen vorzukommen. Sichergestellt
-als die <em class="gesperrt">normale</em> Entwicklung sind sie fr einige Vertreter
-der Gattungen Cymothoa, Anilocra, Nerocila aus den
-zur Gruppe der Cymothoideen gehrigen, auf Fischen
-schmarotzenden Asseln. Diese Tiere sind Hermaphroditen
-eigentmlicher Art: an ihnen sind mnnliche und weibliche
-Keimdrse dauernd gleichzeitig vorhanden, aber nicht gleichzeitig
-funktionsfhig. Es besteht eine Art Protandrie:
-jedes Individuum fungiert zuerst als Mnnchen, spter als
-Weibchen. Zur Zeit ihrer Funktionstchtigkeit als Mnnchen
-besitzen sie durchwegs mnnliche Begattungsorgane, die
-nachher abgeworfen werden, wenn die weiblichen Ausfuhrwege
-und Brutlamellen sich entwickelt und geffnet haben.<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>
-Da es aber auch beim Menschen solche Dinge gibt, scheinen
-jene uerst merkwrdigen Flle von Eviratio und Effeminatio
-zu beweisen, von welchen die sexuelle Psychopathologie
-aus dem erwachsenen Alter reifer Mnner erzhlt. Man wird
-also um so weniger das tatschliche Vorkommen der Verweiblichung
-in gnzliche Abrede stellen drfen, wenn fr
-diese eine so gnstige Bedingung wie die Exstirpation der
-mnnlichen Keimdrse geschaffen wird.<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> Da aber der
-Zusammenhang kein allgemeiner und notwendiger ist, da
-Kastration ein Individuum durchaus nicht <em class="gesperrt">mit Sicherheit</em>
-zum Angehrigen des anderen Geschlechtes macht &mdash; dies ist
-wieder ein Beweis, wie notwendig die allgemeine Annahme
-ursprnglich arrhenoplasmatischer und thelyplasmatischer Zellen
-fr den ganzen Krper ist.</p>
-
-<p>Das Bestehen der originren sexuellen Charakteristik
-jeder Zelle und die Ohnmacht der auf sich allein angewiesenen
-Keimdrsensekrete wird weiter erwiesen durch die gnzliche
-Erfolglosigkeit von Transplantationen mnnlicher Keimdrsen
-auf weibliche Tiere. Zur strikten Beweiskraft dieser letzteren
-Versuche wre es freilich vonnten, da die exstirpierten
-Testikel einem mglichst nahe verwandten weiblichen Tier,
-womglich einer Schwester des kastrierten Mnnchens, eingepflanzt
-wrden: das <em class="gesperrt">Idioplasma</em> drfte nicht <em class="gesperrt">auch noch</em>
-ein zu verschiedenes sein. Es wrde nmlich hier wie sonst
-viel darauf ankommen, die Bedingungen des Erfolges in
-mglichst reiner Isolation wirken zu lassen, um ein mglichst
-eindeutiges Resultat zu erhalten. Versuche auf der <em class="gesperrt">Chrobak</em>schen
-Klinik in Wien haben gezeigt, da zwischen
-zwei (wahllos ausgemusterten) weiblichen Tieren beliebig
-vertauschte Ovarien in der Mehrzahl der Flle atrophieren
-und nie die Verkmmerung der sekundren Charaktere
-(z.&nbsp;B. der Milchdrsen) aufzuhalten vermgen: whrend bei
-Entfernung der eigenen Keimdrse von ihrem natrlichen
-Lager und ihrer Implantation an einem davon verschiedenen
-Orte im <em class="gesperrt">selben</em> Tiere (das somit sein eigenes Gewebe behlt)<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>
-im Idealfalle die <em class="gesperrt">vllige</em> Entwicklung der sekundren Geschlechtscharaktere
-<em class="gesperrt">ebenso</em> mglich ist, wie wenn gar kein
-Eingriff erfolgt. Das Milingen der Transplantation auf kastrierte
-Geschlechtsgenossen ist vielleicht hauptschlich in der mangelnden
-Familienverwandtschaft begrndet: das idioplasmatische
-Moment mte in erster Linie beachtet werden.</p>
-
-<p>Diese Dinge erinnern sehr an die Erfahrungen bei der
-<em class="gesperrt">Transfusion</em> heterologen Blutes. Es ist eine praktische
-Regel der Chirurgen, da man verlorenes Blut (bei Gefahr
-schwerer Strungen) nicht nur durch das Blut der gleichen
-Spezies und einer verwandten Familie, sondern auch durch
-das Blut eines gleichgeschlechtlichen Wesens ersetzen mu.
-Die Parallele mit den Transplantationsversuchen springt in
-die Augen. Sollten aber die hier vertretenen Ansichten sich
-behaupten, so werden die Chirurgen, soweit sie berhaupt transfundieren
-und nicht Kochsalzinfusionen bevorzugen, vielleicht
-nicht blo darauf achten mssen, ob das Ersatzblut einem
-mglichst stammverwandten Tiere entnommen ist. Es fragt sich,
-ob dann die Forderung zu weit ginge, da nur das Blut eines
-Wesens von mglichst gleichem Grade der Maskulitt oder
-Muliebritt Verwendung finden drfte.</p>
-
-<p>Wie diese Verhltnisse bei der Transfusion ein Beweis
-fr die eigene sexuelle Charakteristik der Blutkrperchen, so
-liefert, wie erwhnt, der gnzliche Mierfolg aller berpflanzungen
-mnnlicher Keimdrsen auf Weibchen oder weiblicher
-Keimdrsen auf Mnnchen noch einen Beweis dafr,
-da die innere Sekretion <em class="gesperrt">nur auf ein ihr adquates
-Arrhenoplasma oder Thelyplasma wirksam ist</em>.</p>
-
-<p>In Anknpfung hieran soll schlielich noch des organotherapeutischen
-Heilverfahrens mit einem Worte gedacht
-werden. Es ist nach dem obigen klar, da und warum, wenn
-die Transplantation mglichst geschonter ganzer Keimdrsen
-auf andersgeschlechtliche Individuen keinen Erfolg hatte, auch
-ebenso z.&nbsp;B. die Injektion von Ovarialsubstanz in das Blut
-eines Masculinums hchstens Schaden anrichten konnte. Aber
-anderseits erledigen sich ebenso eine Menge von Einwrfen
-<em class="gesperrt">gegen</em> das <em class="gesperrt">Prinzip</em> der Organotherapie damit, da Organprparate
-von <em class="gesperrt">Nicht</em>-Artgenossen naturgem nicht immer<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>
-eine volle Wirkung ausben knnen. Durch die Nichtbeachtung
-eines biologischen Prinzipes von solcher Wichtigkeit
-wie die Idioplasmalehre haben sich die rztlichen Vertreter
-der Organotherapie vielleicht manchen Heilerfolg
-verscherzt.</p>
-
-<p>Die Idioplasmalehre, die auch jenen Geweben und
-Zellen den spezifischen Artcharakter zuschreibt, welche die
-reproduktive Fhigkeit verloren haben, ist allerdings noch nicht
-allgemein anerkannt. Aber da zumindest in den Keimdrsen
-die Arteigenschaften versammelt sind, wird jedermann einsehen
-mssen, und damit auch zugeben, da gerade bei Prparaten
-aus den Keimdrsen die mglichst geringe verwandtschaftliche
-Entfernung erstes Postulat ist, sofern diese Methode
-mehr erstrebt, als ein gutes Tonikum zu liefern. Parallelversuche
-zwischen Transplantation von Keimdrsen und Injektionen
-ihrer Extrakte, etwa ein Vergleich zwischen dem
-Einflu des ihm selbst oder einem nahe verwandten Individuum
-entnommenen und auf einen Hahn irgendwo, z.&nbsp;B. in seinen
-Peritonealraum transplantierten Hodens <em class="gesperrt">mit</em> dem Einflu intravenser
-Injektionen von Testikularextrakt in einen anderen
-kastrierten Hahn, wobei dieser Extrakt ebenfalls aus den
-Hoden verwandter Individuen gewonnen sein mte &mdash; solche
-Parallelversuche wren hier vielleicht mit Nutzen auszufhren.
-Sie knnten mglicherweise auch noch lehrreiche Aufschlsse
-bringen ber die passendste Darstellung und Menge der
-Organprparate und der einzelnen Injektionen. Es wre auch
-<em class="gesperrt">theoretisch</em> eine Feststellung darber erwnscht, ob die
-inneren Keimdrsensekrete mit Stoffen in der Zelle eine
-chemische Verbindung eingehen, oder ob ihre Wirkung blo
-eine katalytische, von der Menge eigentlich doch unabhngige
-ist. Die letztere Annahme kann nach den bisher
-vorliegenden Untersuchungen noch nicht ausgeschlossen
-werden.</p>
-
-<p>Die Grenzen des Einflusses der inneren Sekretion auf
-die Gestaltung des definitiven geschlechtlichen Charakters
-waren zu ziehen, um die gemachte Annahme einer originren,
-<em class="gesperrt">im allgemeinen</em> fr jede Zelle graduell verschiedenen, von
-Anfang an bestimmten sexuellen Charakteristik gegen Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span>wnde
-zu sichern.<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> Wenn diese Charakteristiken auch in
-der berwiegenden Mehrzahl der Flle fr die verschiedenen
-Zellen und Gewebe desselben Individuums nicht sonderlich
-dem Grade nach verschieden sein drften, so gibt es doch
-eklatante Ausnahmen, die uns die Mglichkeit groer Amplituden
-vor Augen rcken. Auch die einzelnen Eizellen und
-die einzelnen Spermatozoiden, nicht nur verschiedener Organismen,
-auch in den Follikeln und in der Spermamasse
-<em class="gesperrt">eines</em> Individuums, zur selben Zeit und mehr noch zu verschiedenen
-Zeiten, werden Unterschiede in dem Grade ihrer
-Muliebritt und Maskulitt zeigen, z.&nbsp;B. die Samenfden verschieden
-schlank, verschieden schnell sein. Freilich sind wir
-ber diese Unterschiede bis jetzt sehr wenig unterrichtet,
-aber wohl nur, weil niemand bisher diese Dinge in gleicher
-Absicht untersucht hat.</p>
-
-<p>Doch hat man &mdash; und dies ist eben das Interessante
-&mdash; in den Hoden von Amphibien neben den
-normalen Entwicklungsstufen der Spermatogenese regelrechte
-und wohlentwickelte <em class="gesperrt">Eier</em>, nicht ein einziger einmal, sondern
-verschiedene Beobachter zu fteren Malen, gefunden. Diese
-Deutung der Befunde wurde zwar bestritten und von einer
-Seite nur die Existenz abnorm groer Zellen in den Samenkanlchen
-als feststehend zugegeben, aber der Sachverhalt
-wurde spter unzweifelhaft festgestellt. Allerdings sind
-Zwitterbildungen gerade bei den betreffenden Amphibien
-ungemein hufig; dennoch ist diese eine Tatsache genug Beweis
-fr die Notwendigkeit, mit der Annahme annhernder
-Konformitt des Arrhenoplasma oder Thelyplasma in <em class="gesperrt">einem</em>
-Krper <em class="gesperrt">vorsichtig</em> zu sein. Es scheint entlegen und gehrt
-doch ganz in die gleiche Kategorie von bereilung, wenn ein
-menschliches Individuum, blo weil es bei der Geburt ein,
-wenn auch noch so kurzes, etwa gar epi- oder hypospadisches
-mnnliches Glied zeigt, ja selbst noch bei doppelseitigem
-Kryptorchismus als Knabe bezeichnet und ohne
-weiters als solcher angesehen wird, obwohl es in den brigen<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>
-Krperpartien, z.&nbsp;B. cerebral, weit nher dem Thelyplasma
-als dem Arrhenoplasma steht. Man wird es da wohl noch
-einmal zu lernen trachten mssen, selbst feinere Abstufungen
-der Geschlechtlichkeit schon bei der Geburt zu diagnostizieren.</p>
-
-<p>Als Resultat dieser lngeren Induktionen und Deduktionen
-knnen wir nun wohl die Sicherung der originren
-sexuellen Charakteristik, die a priori nicht fr alle Zellen
-auch desselben Krpers gleich oder auch nur ungefhr gleich
-gesetzt werden darf, betrachten. Jede Zelle, jeder Zellkomplex,
-jedes Organ hat einen bestimmten Index, der seine Stellung
-zwischen Arrhenoplasma und Thelyplasma anzeigt. Im
-groen und ganzen freilich wird <em class="gesperrt">ein</em> Index fr den <em class="gesperrt">ganzen</em>
-Krper geringen Ansprchen an Exaktheit gengen. Wir
-wrden indes verhngnisvolle Irrtmer im Theoretischen,
-schwere Snden im Praktischen auf uns laden, wenn wir
-hier mit solcher inkorrekter Beschreibung auch im Einzelfalle
-ernstlich alles getan zu haben glaubten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die verschiedenen Grade der ursprnglichen
-sexuellen Charakteristik zusammen mit der</em> (bei den
-einzelnen Individuen wahrscheinlich qualitativ und quantitativ)
-<em class="gesperrt">variierenden inneren Sekretion <b>bedingen</b> das Auftreten
-der sexuellen Zwischenformen</em>.</p>
-
-<p>Arrhenoplasma und Thelyplasma, in ihren unzhligen
-Abstufungen, sind die <em class="gesperrt">mikro</em>skopischen Agentien, die im
-Vereine mit der inneren Sekretion jene <em class="gesperrt">makro</em>skopischen
-Differenzen schaffen, von denen das vorige Kapitel ausschlielich
-handelte.</p>
-
-<p>Unter Voraussetzung der Richtigkeit der bisherigen
-Darlegungen ergibt sich die Notwendigkeit einer ganzen Reihe
-von anatomischen, physiologischen, histologischen und histochemischen
-Untersuchungen ber die Unterschiede zwischen
-den <em class="gesperrt">Typen</em> M und W in Bau und Funktion <em class="gesperrt">aller</em> einzelnen
-Organe, ber die Art, wie Arrhenoplasma und Thelyplasma
-sich in den verschiedenen Geweben und Organen besonders
-differenzieren. Die Durchschnittskenntnisse, die wir bis jetzt
-ber all das haben, gengen selbst dem modernen Statistiker
-kaum mehr. Wissenschaftlich ist ihr Wert ganz gering. Da
-z.&nbsp;B. alle Untersuchungen ber sexuelle Unterschiede im Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span>hirn
-so wenig Wertvolles zu Tage frdern konnten, dafr ist
-auch dies ein Grund, da man nicht den <em class="gesperrt">typischen</em> Verhltnissen
-nachgegangen ist, sondern sich mit dem, was der
-Taufschein oder der oberflchlichste Aspekt der Leiche ber
-das Geschlecht sagte, zufrieden gab und so jeden Hans und
-jede Grete als vollwertige Reprsentanten der Mnnlichkeit
-oder Weiblichkeit gelten lie. Man htte, wenn man schon
-psychologischer Daten nicht zu bedrfen glaubte, doch
-wenigstens, da Harmonie in der sexuellen Charakteristik der
-verschiedenen Krperteile hufiger ist als groe Sprnge derselben
-zwischen den einzelnen Organen, sich einiger Tatsachen
-bezglich der brigen Krperbeschaffenheit versichern sollen,
-die fr Mnnlichkeit und Weiblichkeit in Betracht kommen,
-wie der Distanz der groen Trochanteren, der Spinae iliacae
-ant. sup. etc. etc.</p>
-
-<p>Dieselbe Fehlerquelle &mdash; das unbedenkliche Passierenlassen
-sexueller Zwischenstufen als magebender Individuen
-&mdash; ist brigens auch bei anderen Untersuchungen nicht verstopft
-worden; und diese Sorglosigkeit kann das Gewinnen
-haltbarer und beweisbarer Resultate auf lange Zeit hintanhalten.
-Schon wer z.&nbsp;B. den Ursachen des <em class="gesperrt">Knabenberschusses
-bei den Geburten</em> nachspekuliert, drfte diese
-Verhltnisse nicht ganz auer Acht lassen. Namentlich
-wird sich aber ihre Nichtbercksichtigung an jedermann
-rchen, der das <em class="gesperrt">Problem der geschlechtsbestimmenden
-Ursachen</em> lsen zu wollen sich unterfngt. Bevor er
-nicht jedes zur Welt gekommene Lebewesen, das ihm
-zum Objekt der Untersuchung wird, auch auf seine Stellung
-zwischen M und W geprft hat, wird man seinen Hypothesen
-oder gar seinen Beeinflussungsmethoden zu trauen
-sich hten drfen. Wenn er nmlich die sexuellen
-Zwischenstufen einerseits blo in der bisherigen uerlichen
-Weise unter die mnnlichen oder unter die weiblichen Geburten
-einreiht, so wird er Flle <em class="gesperrt">fr</em> sich in Anspruch nehmen,
-die bei tieferer Betrachtung <em class="gesperrt">gegen</em> ihn zeugen wrden, und
-andere Flle als Gegeninstanzen betrachten, die es tatschlich
-nicht sind: ohne den idealen Mann und das ideale Weib entbehrt
-er eben eines festen Mastabes, den er an die Wirk<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span>lichkeit
-anlegen knnte, und tappt im ungewissen, oberflchlichen
-Schein. <em class="gesperrt">Maupas</em> z.&nbsp;B., dem die experimentelle Geschlechtsbestimmung
-bei Hydatina senta, einem Rdertierchen,
-gelungen ist, hat noch immer 3&ndash;5% an abweichenden Resultaten
-erzielt. Bei niedrigerer Temperatur wurde die Geburt
-von Weibchen erwartet, und doch ergab sich dieser Satz von
-Mnnchen; entsprechend kamen bei hoher Temperatur gegen
-die Regel etwa ebensoviel Weibchen heraus. Es ist anzunehmen,
-da dies sexuelle Zwischenstufen waren, sehr arrhenoide
-Weibchen bei hoher, sehr thelyide Mnnchen bei
-tiefer Temperatur. Wo das Problem viel komplizierter liegt,
-z.&nbsp;B. beim Rinde, um vom Menschen zu schweigen, wird der
-Prozentsatz der bereinstimmenden Resultate kaum je so gro
-sein wie hier und deshalb die richtige Deutung durch von
-den sexuellen Zwischenstufen herrhrende Strungen viel
-schwerer beeintrchtigt werden.</p>
-
-<p>Wie Morphologie, Physiologie und Entwicklungsmechanik,
-so ist auch eine vergleichende <em class="gesperrt">Pathologie</em> der sexuellen
-<em class="gesperrt">Typen</em> vorderhand ein Desiderat. Freilich wird man hier wie
-dort aus der Statistik gewisse Schlsse ziehen drfen. Wenn
-diese erweist, da eine Krankheit beim weiblichen Geschlechte
-sehr erheblich hufiger sich findet als beim mnnlichen,
-so wird man hienach im allgemeinen die Annahme
-wagen drfen, sie sei eine dem Thelyplasma eigentmliche,
-idiopathische Affektion. So drfte z.&nbsp;B. Myxdem eine
-Krankheit von W sein; Hydrokele ist naturgem eine Krankheit
-von M.</p>
-
-<p>Doch knnen selbst die am lautesten sprechenden Zahlen
-der Statistik hier so lange vor theoretischen Irrtmern nicht
-mit Sicherheit bewahren, als nicht von dem Charakter irgend
-eines Leidens gezeigt ist, da es in unauflslicher, funktioneller
-Beziehung an die Mnnlichkeit oder an die Weiblichkeit
-geknpft ist. Die <em class="gesperrt">Theorie</em> der betreffenden Krankheiten
-wird auch darber Rechenschaft zu geben haben, <em class="gesperrt"><b>warum</b></em> sie
-fast ausschlielich bei einem Geschlechte auftreten, d.&nbsp;h. (in
-der hier begrndeten Fassung) warum sie entweder M oder
-W zugehren.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span><small><a name="V_III_Kapitel" id="V_III_Kapitel">III. Kapitel.</a></small><br />
-
-Gesetze der sexuellen Anziehung.</h2>
-
-
-<p class="rightside">
-<em class="gesperrt">Carmen</em>:<br />
-
-L'amour est un oiseau rebelle,<br />
-Que nul ne peut apprivoiser:<br />
-Et&nbsp;c'est&nbsp;bien&nbsp;en&nbsp;vain&nbsp;qu'on&nbsp;l'appelle,<br />
-S'il lui convient de refuser.<br />
-Rien n'y fait; menace ou prire:<br />
-L'un parle, l'autre se tait;<br />
-Et c'est l'autre que je prefre;<br />
-Il n'a rien dit, mais il me plat.<br />
-.............<br />
-L'amour est enfant de Bohme<br />
-Il n'a jamais connu de loi.<br />
-</p>
-<p class="right"><b>?</b>
-</p>
-
-
-<p>In den alten Begriffen ausgedrckt, besteht bei smtlichen
-geschlechtlich differenzierten Lebewesen eine auf Begattung
-gerichtete Anziehung zwischen Mnnchen und Weibchen,
-Mann und Weib. Da Mann und Weib aber nur Typen
-sind, die in der Realitt nirgends rein sich vertreten finden,
-so werden wir hievon nicht mehr so sprechen knnen, da die
-geschlechtliche Anziehung ein Masculinum schlechtweg und
-ein Femininum schlechtweg einander zu nhern suche. ber
-die Tatsachen der sexuellen Wirkungen mu aber auch die
-hier vertretene Theorie, wenn sie vollstndig sein soll, Rechenschaft
-geben knnen, ja es mu auch ihr Erscheinungsgebiet
-sich mit den neuen Mitteln besser darstellen lassen als mit
-den bisherigen, wenn jene vor diesen ihren Vorzug behaupten
-sollen. Wirklich hat mich die Erkenntnis, da M
-und W in allen <em class="gesperrt">verschiedenen</em> Verhltnissen sich auf die
-Lebewesen <em class="gesperrt">verteilen</em>, zur Entdeckung eines ungekannten, blo<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span>
-von einem Philosophen einmal geahnten <em class="gesperrt">Naturgesetzes</em>
-gefhrt, eines <em class="gesperrt">Gesetzes der sexuellen Anziehung</em>.
-Beobachtungen des Menschen lieen es mich gewinnen, und
-ich will daher von diesem hier ausgehen.</p>
-
-<p>Jeder Mensch hat, was das andere Geschlecht anlangt,
-einen bestimmten, ihm eigentmlichen Geschmack. Wenn
-wir etwa die Bildnisse der Frauen vergleichen, die irgend
-ein berhmter Mann der Geschichte nachweislich geliebt hat,
-so finden wir fast immer, da alle eine beinahe durchgngige
-bereinstimmung aufweisen, die uerlich am ehesten hervortreten
-wird in ihrer <em class="gesperrt">Gestalt</em> (im engeren Sinne des
-<em class="gesperrt">Wuchses</em>) oder in ihrem <em class="gesperrt">Gesichte</em>, aber sich bei nherem
-Zusehen bis in die kleinsten Zge &mdash; ad unguem, bis auf die
-Ngel der Finger &mdash; erstrecken wird. Ganz ebenso verhlt
-es sich aber auch sonst. Daher die Erscheinung, da jedes
-Mdchen, von welchem eine starke Anziehung auf den Mann
-ausgeht, auch sofort die Erinnerung an jene Mdchen wachruft,
-die schon frher hnlich auf ihn gewirkt haben. Jeder
-hat ferner zahlreiche Bekannte, deren Geschmack, das andere
-Geschlecht betreffend, ihm schon den Ausruf abgentigt hat:
-Wie einem die gefallen kann, verstehe ich nicht! Eine
-Menge Tatsachen, welche den bestimmten besonderen Geschmack
-jedes Einzelwesens auch fr die Tiere auer allen
-Zweifel setzen, hat <em class="gesperrt">Darwin</em> gesammelt (in seiner Abstammung
-des Menschen). Da Analoga zu dieser Tatsache
-des bestimmten Geschmackes aber selbst bei den Pflanzen
-sich deutlich ausgeprgt finden, wird bald besprochen
-werden.</p>
-
-<p>Die sexuelle Anziehung ist fast ausnahmslos nicht anders
-als bei der Gravitation eine gegenseitige; wo diese Regel
-Ausnahmen zu erleiden scheint, lassen sich beinahe immer
-differenziertere Momente nachweisen, welche es zu verhindern
-wissen, da dem <em class="gesperrt">unmittelbaren</em> Geschmacke, der fast stets ein
-wechselseitiger ist, Folge gegeben werde; oder ein Begehren
-erzeugen, wenn dieser unmittelbare erste Eindruck nicht
-dagewesen ist.</p>
-
-<p>Auch der Sprachgebrauch redet vom Kommen des
-Richtigen, vom Nichtzueinanderpassen zweier Leute. Er<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>
-beweist so eine gewisse dunkle Ahnung der <em class="gesperrt">Tatsache, da
-in jedem Menschen gewisse Eigenschaften liegen,
-die es nicht ganz gleichgltig erscheinen lassen,
-<b>welches</b> Individuum des anderen Geschlechtes mit
-ihm eine sexuelle Vereinigung einzugehen geeignet
-ist; da nicht jeder Mann fr jeden anderen Mann,
-nicht jedes Weib fr jedes andere Weib, ohne
-da es einen Unterschied macht, eintreten kann</em>.</p>
-
-<p>Jedermann wei ferner aus eigener Erfahrung, da gewisse
-Personen des anderen Geschlechtes auf ihn sogar eine
-direkt <em class="gesperrt">abstoende</em> Wirkung ausben knnen, andere ihn kalt
-lassen, noch andere ihn reizen, bis endlich (vielleicht nicht
-immer) ein Individuum erscheint, mit dem vereinigt zu sein
-in dem Mae sein Verlangen wird, da die ganze Welt <em class="gesperrt">daneben</em>
-fr ihn eventuell wertlos wird und verschwindet.
-Welches Individuum ist das? Welche Eigenschaften mu es
-besitzen? Hat wirklich &mdash; und es ist so &mdash; jeder Typus unter
-den Mnnern einen ihm entsprechenden Typus unter den
-Weibern zum Korrelate, der auf ihn sexuell wirkt, und umgekehrt,
-so scheint zumindest hier ein gewisses Gesetz zu
-walten. Was ist das fr ein Gesetz? Wie lautet es? Gegenstze
-ziehen sich an, so hrte ich es formulieren, als ich,
-bereits im Besitze der eigenen Antwort auf meine Frage, bei
-verschiedenen Menschen hartnckig auf das Aussprechen eines
-solchen drang und ihrer Abstraktionskraft durch Beispiele
-zu Hilfe kam. Auch dies ist in gewissem Sinne und fr einen
-kleineren Teil der Flle zuzugeben. Aber es ist doch zu allgemein,
-zerfliet unter den Hnden, die Anschauliches erfassen
-wollen, und lt keinerlei mathematische Formulierung zu.</p>
-
-<p>Diese Schrift nun vermit sich nicht, <em class="gesperrt">smtliche</em> Gesetze
-der sexuellen Anziehung &mdash; es gibt ihrer nmlich
-mehrere &mdash; aufdecken zu wollen, und erhebt somit keineswegs
-den Anspruch, jedem Individuum bereits sichere Auskunft
-ber dasjenige Individuum des anderen Geschlechtes geben
-zu knnen, das seinem Geschmack am besten entsprechen
-werde, wie dies eine vollstndige Kenntnis der in Betracht
-kommenden Gesetze allerdings ermglichen wrde. Nur ein
-einziges von diesen Gesetzen soll in diesem Kapitel be<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>sprochen
-werden, da es in organischem Zusammenhange mit
-den brigen Errterungen des Buches steht. Einer Anzahl
-weiterer Gesetze bin ich auf der Spur, doch war dieses das
-erste, auf das ich aufmerksam wurde, und das, was ich darber
-zu sagen habe, ist relativ am fertigsten. Die Unvollkommenheiten
-im Beweismaterial mge man in Erwgung
-der Neuheit und Schwierigkeit der Sache mit Nachsicht beurteilen.</p>
-
-<p>Die Tatsachen, aus denen ich dieses Gesetz der sexuellen
-Affinitt ursprnglich gewonnen, und die groe Anzahl jener,
-die es mir besttigt haben, hier anzufhren, ist jedoch
-glcklicherweise in gewissem Sinne berflssig. Ein jeder ist
-gebeten, es zunchst an sich selbst zu prfen, und dann
-Umschau zu halten im Kreise seiner Bekannten; besonders
-empfehle ich eben jene Flle der Erinnerung und Beachtung,
-wo er ihren Geschmack nicht verstanden oder ihnen gar
-einmal allen Geschmack abgesprochen hat, oder wo ihm
-dasselbe von ihrer Seite widerfahren ist. Jenes Mindestma
-von Kenntnis der ueren Formen des menschlichen Krpers,
-welches zu dieser Kontrolle ntig ist, besitzt jeder
-Mensch.</p>
-
-<p>Auch ich bin zu dem Gesetze, das ich nun formulieren
-will, auf eben dem Wege gelangt, auf welchen ich hier zunchst
-habe verweisen mssen.</p>
-
-<p>Das Gesetz lautet: <em class="gesperrt">Zur sexuellen Vereinigung
-trachten immer ein <b>ganzer</b> Mann (M) und ein <b>ganzes</b>
-Weib (W) zusammen zu kommen, <b>wenn auch auf die
-zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in
-verschiedenem Verhltnisse verteilt.</b></em></p>
-
-<p>Anders ausgedrckt: Wenn m<sub>&#956;</sub> das Mnnliche, w<sub>&#956;</sub> das
-Weibliche ist in irgend einem von der gewhnlichen Auffassung
-einfach als Mann bezeichneten Individuum &#956; und
-w<sub>&#969;</sub> das Weibliche, m<sub>&#969;</sub> das Mnnliche dem Grade nach ausdrckt
-in irgend einer sonst oberflchlich schlechtweg als
-Weib gekennzeichneten Person &#969;, so ist bei jeder <em class="gesperrt">vollkommenen
-Affinitt</em>, d.&nbsp;h. im Falle der <em class="gesperrt">strksten</em> sexuellen
-Attraktion:</p>
-
-<p class="noindent"><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>
-
-
-(Ia) &nbsp; m<sub>&#956;</sub> + m<sub>&#969;</sub> = C(onstans)<sub>1</sub> = M = dem idealen Manne<br />
-</p>
-
-<p class="noindent">und darum natrlich gleichzeitig auch</p>
-
-<p class="noindent">
-(Ib) &nbsp; w<sub>&#956;</sub> + w<sub>&#969;</sub> = C<sub>2</sub> = W = dem idealen Weibe.<br />
-</p>
-
-<p>Man miverstehe diese Formulierung nicht. Es ist <em class="gesperrt">ein</em>
-Fall, <em class="gesperrt">eine einzige</em> sexuelle Relation, fr die beide Formeln
-Geltung haben, von denen aber die zweite aus der ersten
-unmittelbar folgt und nichts Neues zu ihr hinzufgt; denn wir
-operieren ja unter der Voraussetzung, da jedes Individuum
-so viel Weibliches hat, als ihm Mnnliches gebricht. Ist es
-<em class="gesperrt">ganz</em> mnnlich, so wird es ein <em class="gesperrt">ganz</em> weibliches Gegenglied
-verlangen; ist es ganz weiblich, ein ganz mnnliches. Ist in
-ihm aber ein bestimmter grerer Bruchteil vom Manne <em class="gesperrt">und</em>
-ein keineswegs zu vernachlssigender anderer Bruchteil vom
-Weibe, so wird es zur Ergnzung ein Individuum fordern,
-das seinen Bruchteil an Mnnlichkeit zum Ganzen, zur Einheit
-komplettiert; damit wird aber <em class="gesperrt">zugleich</em> auch sein weiblicher
-Anteil in ebensolcher Weise vervollstndigt. Es habe
-z.&nbsp;B. ein Individuum</p>
-
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Weiblichee Anteil eines Individuums">
-<tr><td align="center" rowspan="3">&#956;&nbsp;</td><td align="center" rowspan="3"><big><big>{&nbsp;</big></big></td><td align="center"> M,</td></tr>
-<tr><td align="center"><span class="gesperrt">also</span></td></tr>
-<tr><td align="center"> W.</td></tr>
-</table></div>
-
-<p class="noindent">Dann wird sein bestes sexuelles Komplement nach diesem
-Gesetze jenes Individuum &#969; sein, welches sexuell folgendermaen
-zu definieren ist:</p>
-
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Sexuelles Komplement des Individuums">
-<tr><td align="center" rowspan="3">&#969;&nbsp;</td><td align="center" rowspan="3"><big><big>{&nbsp;</big></big></td><td align="center"> M,</td></tr>
-<tr><td align="center"><span class="gesperrt">also</span></td></tr>
-<tr><td align="center"> W.</td></tr>
-</table></div>
-
-<p>Man erkennt bereits in dieser Fassung den Wert
-grerer Allgemeinheit vor der gewhnlichen Anschauung.
-Da Mann und Weib, als sexuelle Typen, einander anziehen,
-ist hierin eben nur als <em class="gesperrt">Spezialfall</em> enthalten, als jener Fall,
-in welchem ein imaginres Individuum
-X&nbsp;<big>{</big>&nbsp;<span class="fraction"><span>1 . M</span><span>0 . W</span></span>&nbsp;
-
-sein Komplement
-in einem ebenso imaginren
-
-Y&nbsp;<big>{</big>&nbsp;<span class="fraction"><span>0 . M</span><span>1 . W</span></span>&nbsp;
-findet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>
-
-Niemand wird zgern, die Tatsache des bestimmten
-sexuellen Geschmackes zuzugeben; damit ist aber auch die
-Berechtigung der Frage nach den <em class="gesperrt">Gesetzen</em> dieses Geschmackes
-anerkannt, nach dem Funktionalzusammenhang,
-in welchem die sexuelle Vorliebe mit den brigen krperlichen
-und psychischen Qualitten eines Wesens steht. Das
-Gesetz, welches hier aufgestellt wurde, hat von vornherein
-nicht das geringste <em class="gesperrt">Un</em>wahrscheinliche an sich: es steht ihm
-weder in der gewhnlichen noch in der wissenschaftlich
-geeichten Erfahrung das geringste <em class="gesperrt">entgegen</em>. Aber es ist
-an und fr sich auch gewi nicht selbstverstndlich. Es
-knnte ja &mdash; <em class="gesperrt">denkbar</em> wre es, da das Gesetz selbst bis
-jetzt nicht weiter ableitbar ist &mdash; auch lauten: m<sub>&#956;</sub> - m{&#969;} = Const.,
-d.&nbsp;h. die <em class="gesperrt">Differenz</em> im Gehalte an M eine konstante Gre
-sein, nicht die Summe, also der mnnlichste Mann von
-<em class="gesperrt">seinem</em> Komplemente, welches dann gerade in der Mitte
-zwischen M und W lge, ebensoweit entfernt stehen wie der
-weiblichste Mann von dem seinen, das wir in diesem Falle
-in der extremen Weiblichkeit zu erblicken htten. <em class="gesperrt">Denkbar</em>
-wre das, wie gesagt, doch ist es darum nicht in der Realitt
-verwirklicht. Folgen wir also, in der Erkenntnis, da wir ein
-empirisches Gesetz vor uns haben, dem wissenschaftlichen
-Gebote der Bescheidung, so werden wir vorderhand nicht von
-einer Kraft sprechen, welche die zwei Individuen wie zwei
-Hampelmnnchen gegeneinander laufen lt, sondern in dem
-Gesetze nur den Ausdruck eines Verhltnisses erblicken, das
-in jeder strksten sexuellen Anziehung in ganz gleicher
-Weise zu konstatieren ist; es kann nur eine Invariante
-(<em class="gesperrt">Ostwald</em>), eine Multiponible (<em class="gesperrt">Avenarius</em>) aufzeigen, und
-das ist in diesem Falle die stets gleich bleibende Summe des
-Mnnlichen wie die des Weiblichen in den beiden einander
-mit grter Strke anziehenden Lebewesen.</p>
-
-<p>Vom sthetischen, vom Schnheits-Moment mu
-<em class="gesperrt">hier</em> ganz abgesehen werden. Denn wie oft kommt es
-vor, da der eine von einer bestimmten Frau ganz entzckt
-ist, ganz auer sich ber deren auerordentliche, berckende
-Schnheit, und der andere gern wissen mchte,
-was an der Betreffenden denn nur gefunden werden knne,<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>
-da sie eben nicht auch <em class="gesperrt">sein</em> sexuelles Komplement ist. Ohne
-hier den Standpunkt irgend einer normativen sthetik einnehmen
-oder fr einen Relativismus der Wertungen Beispiele
-sammeln zu wollen, kann man es aussprechen, da sicherlich
-nicht nur vom rein sthetischen Standpunkte <em class="gesperrt">Indifferentes</em>,
-sondern selbst <em class="gesperrt">Unschnes</em> vom verliebten Menschen schn
-gefunden wird, wobei unter rein-sthetisch nicht ein Absolut-Schnes,
-sondern nur <em class="gesperrt">das Schne</em>, d.&nbsp;h. das nach Abzug
-aller sexuellen Apperzeptionen <em class="gesperrt">sthetisch Gefallende</em> verstanden
-werden soll.</p>
-
-<p>Das Gesetz selbst habe ich in mehreren hundert Fllen
-(um die niederste Zahl zu nennen) besttigt gefunden, und
-alle Ausnahmen erwiesen sich als scheinbare. Fast ein jedes
-Liebespaar, dem man auf der Strae begegnet, liefert eine
-neue Besttigung. Die Ausnahmen waren insoferne lehrreich,
-als sie die Spur der anderen Gesetze der Sexualitt verstrkten
-und zu deren Erforschung aufforderten. brigens
-habe ich auch selbst eine Anzahl von Versuchen in folgender
-Weise angestellt, da ich mit einer Kollektion von Photographien
-rein-sthetisch untadeliger Frauen, deren jede einem
-bestimmten Gehalte an W entsprach, eine Enqute veranstaltete,
-indem ich sie einer Reihe von Bekannten, zur Auswahl
-der Schnsten, wie ich hinterlistig sagte, vorlegte. Die
-Antwort, die ich bekam, war regelmig dieselbe, die ich im
-voraus erwartete. Von anderen, die bereits wuten, worum es
-sich handelte, habe ich mich in der Weise prfen lassen, da
-sie mir Bilder vorlegten, und ich aus diesen die fr sie
-Schnste herausfinden mute. Dies ist mir immer gelungen.
-Anderen habe ich, ohne da sie mir vorher unfreiwillige
-Stichproben davon geliefert hatten, ihr Ideal vom anderen
-Geschlechte zuweilen mit annhernder Vollstndigkeit beschreiben
-knnen, jedenfalls oft viel genauer, als sie selbst
-es anzugeben vermochten; manchmal wurden sie jedoch auch
-auf das, was ihnen <em class="gesperrt">mi</em>fiel &mdash; was die Menschen im allgemeinen
-viel eher kennen als das, was ihnen gefllt &mdash; erst
-aufmerksam, als ich es ihnen sagte.</p>
-
-<p>Ich glaube, da der Leser bei einiger bung es bald
-zu der gleichen Fertigkeit wird bringen knnen, die einige<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span>
-Bekannte aus einem engeren wissenschaftlichen Freundeskreis,
-von den hier vertretenen Ideen angeregt, bereits erlangt
-haben. Freilich wre hiezu eine Erkenntnis der anderen
-Gesetze der sexuellen Anziehung sehr erwnscht. Als Proben
-auf das Verhltnis wirklicher komplementrer Ergnzung
-lieen sich eine Menge spezieller Konstanten namhaft machen.
-Man knnte z.&nbsp;B. auf den Gedanken geraten, die Summe der
-Haarlngen zweier Verliebter sei immer gleich gro. Doch
-wird dies schon aus den im zweiten Kapitel errterten
-Grnden nicht immer zutreffen, indem nicht alle Organe eines
-und desselben Wesens gleich mnnlich oder gleich weiblich
-sind. berdem wrden solche heuristische Regeln bald sich
-vermehren und dann schnell zu der Kategorie der schlechten
-Witze herabsinken, weshalb ich hier von ihrer Anfhrung
-lieber absehen mag.</p>
-
-<p>Ich verhehle mir nicht, da die Art, wie dieses Gesetz
-hier eingefhrt wurde, etwas Dogmatisches hat, das ihm bei
-dem Mangel einer exakten Begrndung um so schlechter ansteht.
-Mir konnte aber auch hier weniger daran liegen, mit
-fertigen Ergebnissen hervorzutreten, als zur Gewinnung solcher
-anzuregen, nachdem die Mittel, die mir zur genauen berprfung
-jener Stze nach naturwissenschaftlicher Methode zur
-Verfgung standen, uerst beschrnkte waren. Wenn also
-auch im einzelnen vieles hypothetisch bleibt, so hoffe ich
-doch im folgenden mit Hinweisen auf merkwrdige Analogien,
-die bisher keine Beachtung gefunden haben, die einzelnen
-Balken des Gebudes noch durcheinander sttzen zu knnen:
-einer rckwirkenden Verfestigung vermgen vielleicht selbst
-die Prinzipien der analytischen Mechanik nicht zu entbehren.</p>
-
-<p>Eine hchst auffllige Besttigung erfhrt das aufgestellte
-Gesetz zunchst durch eine Gruppe von Tatsachen aus dem
-Pflanzenreiche, die man bisher in vlliger Isolation betrachtet
-hat und denen demgem der Charakter der Seltsamkeit in
-hohem Grade anzuhaften schien. Wie jeder Botaniker sofort
-erraten haben wird, meine ich die von <em class="gesperrt">Persoon</em> entdeckte,
-von <em class="gesperrt">Darwin</em> zuerst beschriebene, von <em class="gesperrt">Hildebrand</em> benannte
-Erscheinung der <em class="gesperrt">Ungleichgriffeligkeit</em> oder <em class="gesperrt">Heterostylie</em>.
-Sie besteht in folgendem: Viele dikotyle (und eine einzige<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>
-monokotyle) Pflanzenspezies, z.&nbsp;B. Primulaceen und Geraniaceen,
-besonders aber viele Rubiaceen, lauter Pflanzen, auf
-deren Blte sowohl Pollen als Narbe funktionsfhig sind, aber
-nur fr Produkte fremder Blten, die also in morphologischer
-Beziehung androgyn, in physiologischer Hinsicht jedoch
-dizisch erscheinen &mdash; diese alle haben die Eigentmlichkeit,
-<em class="gesperrt">ihre Narben und Staubbeutel auf verschiedenen
-Individuen zu verschiedener Hhe zu entwickeln</em>.
-Das eine Exemplar bildet ausschlielich Blten mit langem
-Griffel, daher hochstehender Narbe und niedrigen Antheren
-(Staubbeuteln): es ist nach meiner Auffassung das weiblichere.
-Das andere Exemplar hingegen bringt nur Blten hervor mit
-tiefstehender Narbe und hochstehenden Antheren (weil langen
-Staubfden): das mnnlichere. Neben diesen dimorphen Arten
-gibt es aber auch trimorphe, wie Lythrum salicaria, mit dreierlei
-Lngenverhltnissen der Geschlechtsorgane: auer der
-Bltenform mit langgriffeligen und der mit kurzgriffeligen
-findet sich hier noch eine mit mesostylen Blten, d.&nbsp;i. mittellangen
-Griffeln. Obwohl nur dimorphe und trimorphe Heterostylie
-den Weg in die Kompendien gefunden haben, ist auch
-damit die Mannigfaltigkeit nicht erschpft. <em class="gesperrt">Darwin</em> deutet
-an, da, wenn kleinere Verschiedenheiten bercksichtigt
-werden, <em class="gesperrt">fnf</em> verschiedene Sitze von mnnlichen Organen zu
-unterscheiden seien. Es besteht also auch die hier unleugbar
-vorkommende <em class="gesperrt">Dis</em>kontinuitt, die Trennung der verschiedenen
-Grade von Maskulitt und Muliebritt in verschiedene Stockwerke
-nicht <em class="gesperrt">allgemein</em> zu Recht, auch in diesem Falle haben
-wir hie und da <em class="gesperrt">kontinuierlichere sexuelle Zwischenformen</em>
-vor uns. Anderseits ist auch dieses diskrete Fcherwerk
-nicht ohne frappante Analogien im Tierreich, wo die
-betreffenden Erscheinungen als ebenso vereinzelt und wunderbar
-angesehen wurden, weil man sich der Heterostylie gar
-nicht <em class="gesperrt">entsann</em>. Bei mehreren Insektengattungen, nmlich bei
-Forficuliden (Ohrwrmern) und Lamellicornien (und zwar
-bei Lucanus cervus, dem Hirschkfer, bei Dynastes hercules
-und Xylotrupes gideon) gibt es <em class="gesperrt">einerseits</em> viele Mnnchen,
-welche den sekundren Geschlechtscharakter, der sie von den
-Weibchen am sichtbarsten scheidet, die Fhlhrner zu sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>
-groer Lnge entwickeln; die <em class="gesperrt">andere</em> Hauptgruppe der
-Mnnchen hat nur relativ wenig entwickelte Hrner. <em class="gesperrt">Bateson</em>,
-von dem die ausfhrlichere Beschreibung dieser Verhltnisse
-herrhrt, unterscheidet darum unter ihnen high males und
-low males. Zwar sind diese beiden Typen durch kontinuierliche
-bergnge miteinander verbunden, aber die zwischen
-ihnen vermittelnden Stufen sind selten, die meisten Exemplare
-stehen an der einen oder der anderen Grenze. Leider ist
-es <em class="gesperrt">Bateson</em> nicht darum zu tun gewesen, die sexuellen Beziehungen
-dieser beiden Gruppen zu den Weibchen zu erforschen,
-da er die Flle nur als Beispiele diskontinuierlicher
-Variation anfhrt; und so ist nicht bekannt, ob es zwei
-Gruppen auch unter den Weibchen der betreffenden Arten
-gibt, die eine verschiedene sexuelle Affinitt zu den verschiedenen
-Formen der Mnnchen besitzen. Darum lassen sich
-auch diese Beobachtungen nur als eine morphologische
-Parallele zur Heterostylie, nicht als physiologische Instanzen
-fr das Gesetz der sexuellen Anziehung verwenden, <em class="gesperrt">fr das
-die Heterostylie in der Tat sich verwerten lt</em>.</p>
-
-<p>Denn in den heterostylen Pflanzen liegt vielleicht
-eine vllige Besttigung der Ansicht von der allgemeinen
-Gltigkeit jener Formel innerhalb aller Lebewesen vor. Es
-ist von <em class="gesperrt">Darwin</em> nachgewiesen und seither von vielen Beobachtern
-in gleicher Weise konstatiert worden, da bei den
-heterostylen Pflanzen Befruchtung fast nur dann Aussicht
-auf guten Erfolg hat, ja oft nur in dem Falle mglich ist,
-wenn der <em class="gesperrt">Pollen der makrostylen Blte</em>, d.&nbsp;i. derjenige
-von den niedrigeren Antheren, auf die <em class="gesperrt">mikrostyle Narbe</em>
-eines anderen Individuums, welches sodann lange Staubfden
-hat, bertragen wird, oder der aus hochstehenden Staubbeuteln
-stammende <em class="gesperrt">Pollen einer mikrostylen Blte</em> auf die
-makrostyle Narbe einer anderen Pflanze (mit kurzen Filamenten).
-So lang also in der einen Blte der Griffel, d.&nbsp;h. so
-gut weiblich in ihr das weibliche Organ entwickelt ist, so lang
-mu in der anderen, von der sie mit Erfolg empfangen soll,
-das mnnliche, der Staubfaden sein, und umso krzer in der
-letzteren der Griffel, dessen Lnge den Grad der Weiblichkeit
-mit. Wo dreierlei Griffellngen vorhanden sind, da fllt die<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>
-Befruchtung nach derselben erweiterten Regel am besten aus,
-wenn der Pollen auf diejenige Narbe bertragen wird, die auf
-einer anderen Blte in derselben Hhe steht wie der Staubbeutel,
-aus welchem der Pollen stammt. Wird dies nicht
-eingehalten, sondern etwa knstliche Befruchtung mit nicht-adquatem
-Pollen herbeigefhrt, so entstehen, wenn diese
-Prozedur berhaupt von Erfolg begleitet ist, fast immer nur
-krnkliche und kmmerliche, zwerghafte und durchaus unfruchtbare
-Sprlinge, die den Hybriden aus verschiedenen
-Spezies uerst hneln.</p>
-
-<p>Den Autoren, welche die Heterostylie besprochen haben,
-merkt man es insgesamt an, da sie mit der gewhnlichen
-Erklrung dieses verschiedenartigen Verhaltens bei der Befruchtung
-nicht zufrieden sind. Diese besagt nmlich, da
-die Insekten beim Bltenbesuch gleich hoch gestellte Sexualorgane
-mit der gleichen Krperstelle berhren und so den
-merkwrdigen Effekt herbeifhren. <em class="gesperrt">Darwin</em> gesteht jedoch
-selbst, da die Bienen alle Arten von Pollen an jeder Krperstelle
-mit sich tragen; es bleibt also das <em class="gesperrt">elektive</em> Verfahren
-der weiblichen Organe bei Bestubung mit doppelt und dreifach
-verschiedenen Pollen nach wie vor aufzuhellen. Auch
-scheint jene Begrndung, so ansprechend und zauberkrftig
-sie sich ausnimmt, doch etwas oberflchlich, wenn eben mit
-ihr verstndlich gemacht werden soll, warum knstlicher
-Bestubung mit inadquatem Pollen, sogenannter <em class="gesperrt">illegitimer
-Befruchtung</em>, so schlechter Erfolg beschieden ist. Jene
-ausschlieliche Berhrung mit legitimem Pollen mte dann
-die Narben <em class="gesperrt">durch Gewhnung</em> nur fr den Bltenstaub
-dieser einen Provenienz aufnahmsfhig haben werden lassen;
-aber es konnte soeben <em class="gesperrt">Darwin</em> selbst als Zeuge dafr einvernommen
-werden, da diese Unberhrtheit durch anderen
-Pollen vollkommen illusorisch ist, indem die Insekten, welche
-als Ehevermittler hiebei in Anspruch genommen werden,
-tatschlich viel eher eine <em class="gesperrt">unterschiedslose Kreuzung</em>
-begnstigen.</p>
-
-<p>Es scheint also die Hypothese viel plausibler, da der
-Grund dieses eigentmlich auswhlenden Verhaltens ein
-anderer, tieferer, in den Blten selbst ursprnglich gelegener<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>
-ist. Es drfte sich hier wie beim Menschen darum handeln,
-da die sexuelle Anziehung zwischen jenen Individuen am
-grten ist, <em class="gesperrt">deren eines ebensoviel von M besitzt wie
-das andere von W</em>, was ja wieder nur ein anderer Ausdruck
-der obigen Formel ist. Die Wahrscheinlichkeit dieser
-Deutung wird ungemein erhht dadurch, da in der mnnlicheren,
-kurzgriffeligen Blte die Pollenkrner in den hier
-hher stehenden Staubbeuteln auch stets grer, die Narbenpapillen
-kleiner sind als die homologen Teile in der langgriffeligen
-weiblicheren. Man sieht hieraus, da es sich
-kaum um etwas anderes handeln kann als um verschiedene
-Grade der Mnnlichkeit und Weiblichkeit. Und unter
-dieser Voraussetzung erfhrt hier das aufgestellte Gesetz der
-sexuellen Affinitt eine glnzende Verifikation, indem eben
-im Tier- und im Pflanzenreiche &mdash; an spterem Orte wird
-hierauf zurckzukommen sein &mdash; Befruchtung <em class="gesperrt">stets dort</em> den
-besten Erfolg aufweist, <em class="gesperrt">wo die Eltern die grte sexuelle
-Affinitt zueinander gehabt haben</em>.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></p>
-
-<p>Da im <em class="gesperrt">Tierreich</em> das Gesetz in voller Geltung besteht,
-wird erst bei der Besprechung des kontrren Sexualtriebes
-zu groer Wahrscheinlichkeit erhoben werden knnen. Einstweilen
-mchte ich hier nur darauf aufmerksam machen, wie
-interessant Untersuchungen darber wren, ob nicht auch die
-greren, schwerer beweglichen Eizellen die flinkeren und
-schlankeren unter den Spermatozoiden strker anziehen als
-die kleineren, dotterreichen und zugleich weniger trgen Eier,
-und diese nicht gerade die langsameren, voluminseren unter
-den Zoospermien an sich locken. Vielleicht ergibt sich hier
-wirklich, wie L. <em class="gesperrt">Weill</em> in einer kleinen Spekulation ber die
-geschlechtsbestimmenden Faktoren vermutet hat, eine Korrelation
-zwischen den Bewegungsgren oder den kinetischen
-Energien der beiden Konjugationszellen. Es ist ja noch nicht
-einmal festgestellt &mdash; freilich auch sehr schwierig festzustellen
-&mdash; ob die beiden Generationszellen, nach Abzug der<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
-Reibung und Strmung im flssigen Medium, eine Beschleunigung
-gegeneinander aufweisen oder sich mit gleichfrmiger
-Geschwindigkeit bewegen wrden. So viel und noch einiges
-mehr knnte man da fragen.</p>
-
-<p>Wie schon mehrfach hervorgehoben wurde, ist das bisher
-besprochene Gesetz der sexuellen Anziehung beim Menschen
-(und wohl auch bei den Tieren) nicht das einzige. Wre
-es das, so mte es ganz unbegreiflich scheinen, da es
-nicht schon lngst gefunden wurde. Gerade weil sehr viele
-Faktoren mitspielen, weil noch eine, vielleicht betrchtliche,
-Anzahl anderer Gesetze erfllt sein mu<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a>, darum sind Flle
-von <em class="gesperrt">unaufhaltsamer</em> sexueller Anziehung so <em class="gesperrt">selten</em>. Da
-die bezglichen Forschungen noch nicht abgeschlossen sind,
-will ich von jenen Gesetzen hier nicht sprechen und blo
-der Illustration halber noch auf einen weiteren, mathematisch
-wohl nicht leicht fabaren der in Betracht kommenden
-Faktoren hinweisen.</p>
-
-<p>Die Erscheinungen, auf die ich anspiele, sind im einzelnen
-ziemlich allgemein bekannt. Ganz jung, noch nicht
-20 Jahre alt, wird man meist durch ltere Frauen (von ber
-35 Jahren) angezogen, whrend man mit zunehmendem Alter
-immer jngere liebt; ebenso ziehen aber auch (Gegenseitigkeit!)
-die ganz jungen Mdchen, der Backfisch, ltere
-Mnner oft jngeren vor, um spter wieder mit ganz jungen
-Brschlein nicht selten die Ehe zu brechen. Das ganze
-Phnomen drfte viel tiefer wurzeln, als es nach der anekdotenhaften
-Art aussehen mchte, in der man meist von ihm Notiz
-nimmt.</p>
-
-<p>Trotz der notwendigen Beschrnkung dieser Arbeit auf
-das eine Gesetz wird es im Interesse der Korrektheit liegen,
-wenn nun eine bessere mathematische Formulierung, die keine
-unwahre Einfachheit vortuscht, versucht wird. Auch ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>
-alle mitspielenden Faktoren und in Frage kommenden anderen
-Gesetze als selbstndige Gren einzufhren, erreichen wir
-diese uerliche Genauigkeit durch Hinzufgung eines Proportionalittsfaktors.</p>
-
-<p>Die erste Formel war mir eine konomische Zusammenfassung
-des <em class="gesperrt">Gleichfrmigen</em> aller Flle sexueller Anziehung
-von <em class="gesperrt">idealer</em> Strke, soweit das geschlechtliche Verhltnis
-durch das Gesetz berhaupt bestimmt wird. Nun wollen wir
-einen Ausdruck herschreiben fr die <em class="gesperrt">Strke der sexuellen
-Affinitt</em> in jedem denkbaren Falle, einen Ausdruck brigens,
-der, seiner unbestimmten Form wegen, <em class="gesperrt">zugleich die allgemeinste
-Beschreibung des Verhltnisses zweier Lebewesen
-berhaupt, selbst von verschiedener Art und
-von gleichem Geschlechte</em>, abgeben knnte.</p>
-
-<p>Wenn</p>
-
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="1" cellspacing="0" summary="Formel">
-<tr><td align="center" rowspan="2">X</td><td align="center" rowspan="2"><big><big>{</big></big></td><td align="center">&#945;&nbsp; M</td><td align="center" rowspan="2">&nbsp; und Y</td><td align="center" rowspan="2"><big><big>{</big></big></td><td align="center">&#946;&nbsp; W</td></tr>
-<tr><td align="center">&#945;' W</td><td align="center">&#946;' M</td></tr>
-</table></div>
-
-<p class="noindent">wobei wieder</p>
-
-
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Parametergrenzen">
-<tr><td align="center" rowspan="4">0</td><td align="center" rowspan="4"><big>&lt;</big></td><td align="center">&#945;</td><td align="center" rowspan="4"><big>&lt;</big></td><td align="center" rowspan="4">1</td></tr>
-<tr><td align="center">&#946;</td></tr>
-<tr><td align="center">&#945;'</td></tr>
-<tr><td align="center">&#946;'</td></tr>
-</table></div>
-
-<p class="noindent">irgend zwei beliebige Lebewesen sexuell definieren, so ist die
-Strke der Anziehung zwischen beiden</p>
-
-<p class="center">
-A = <span class="fraction"><span class="nenner">k</span><span>&#945; - &#946;</span></span> . f(t) &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;(II)<br />
-</p>
-
-<p class="noindent">worin f(t) irgend eine empirische oder analytische Funktion
-der Zeit bedeutet, whrend welcher es den Individuen mglich
-ist, aufeinander zu wirken, der <em class="gesperrt">Reaktionszeit</em>, wie wir
-sie nennen knnten; indes k jener Proportionalittsfaktor
-ist, in den wir alle bekannten und unbekannten Gesetze der
-sexuellen Affinitt hineinstecken, und der auerdem noch von
-dem Grade der Art-, Rassen- und Familienverwandtschaft,
-sowie von Gesundheit und dem Mangel an Deformationen
-in beiden Individuen abhngt, schlielich mit ihrer greren<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span>
-rumlichen Entfernung voneinander kleiner wird, der also
-noch in jedem Falle besonders festzustellen ist.</p>
-
-<p>Wird in dieser Formel &#945; = &#946;, so wird A = &#8734;; das ist
-der extremste Fall: es ist die sexuelle Anziehung als Elementargewalt,
-wie sie mit unheimlicher Meisterschaft in der
-Novelle Im Postwagen von <em class="gesperrt">Lynkeus</em> geschildert ist. Die
-sexuelle Anziehung ist etwas genau so Naturgesetzliches wie
-das Wachstum der Wurzel gegen den Erdmittelpunkt, die
-Wanderung der Bakterien zum Sauerstoff am Rande des
-Objekttrgers; man wird sich an eine solche Auffassung der
-Sache freilich erst gewhnen mssen. Ich komme brigens
-gleich auf diesen Punkt zurck.</p>
-
-<p>Erreicht &#945; - &#946; seinen Maximalwert</p>
-
-<p class="center">
-lim (&#945; - &#946;) = Max. = 1,
-</p>
-
-<p class="noindent">so wird lim A = k . f(t). Es ergeben sich also hier als ein
-bestimmter <em class="gesperrt">Grenzfall</em> alle sympathischen und antipathischen
-Beziehungen zwischen Menschen berhaupt (die aber mit den
-<em class="gesperrt">sozialen</em> Beziehungen im engsten Sinne, als konstituierend
-fr gesellschaftliche Rechtsordnung, nichts zu tun haben), soweit
-sie nicht durch <em class="gesperrt">unser</em> Gesetz der sexuellen Affinitt
-geregelt sind. Indem k mit der Strke der verwandtschaftlichen
-Beziehungen im allgemeinen wchst, hat A unter
-Volksgenossen z.&nbsp;B. einen greren Wert als unter Fremdnationalen.
-Wie f(t) hier seinen guten Sinn behlt, kann man
-am Verhltnis zweier zusammenlebender Haustiere von ungleicher
-Spezies sehr wohl beobachten: die erste Regung ist
-oft erbitterte Feindschaft, oft Furcht vor einander (A bekommt
-ein <em class="gesperrt">negatives</em> Vorzeichen), spter tritt oft ein freundschaftliches
-Verhltnis an deren Stelle, sie suchen einander auf.</p>
-
-<p>Setze ich ferner in
-
-A = <span class="fraction"><span class="nenner">k . f(t)</span><span>&#945; - &#946;</span></span>&nbsp;&nbsp;&nbsp; k = 0,
-
-so wird
-A = 0, d.&nbsp;h. zwischen zwei lebenden Individuen von allzu verschiedener
-Abstammung findet auch keinerlei merkliche Anziehung
-mehr statt.</p>
-
-<p>Da der Sodomieparagraph in den Strafgesetzbchern
-nicht fr nichts und wieder nichts enthalten sein drfte, da
-sexuelle Akte sogar zwischen Mensch und Henne schon zur<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>
-Beobachtung gelangt sind, sieht man, da k innerhalb sehr
-<em class="gesperrt">weiter</em> Grenzen grer als Null bleibt. Wir drfen also die
-beiden fraglichen Individuen nicht auf dieselbe Art, ja nicht
-einmal auf die gleiche Klasse beschrnken.</p>
-
-<p>Da alles Zusammentreffen mnnlicher und weiblicher
-Organismen nicht Zufallssache ist, sondern unter der Herrschaft
-bestimmter Gesetze steht, ist eine neue Anschauung, und das
-Befremdliche in ihr &mdash; es wurde vorhin daran gerhrt &mdash;
-zwingt zu einer Errterung der tiefen Frage nach der geheimnisvollen
-Natur dieser sexuellen Anziehung.</p>
-
-<p>Bekannte Versuche von Wilhelm <em class="gesperrt">Pfeffer</em> haben gezeigt,
-da die Spermatozoiden verschiedener Kryptogamen nicht
-blo durch die weiblichen Archegonien in natura, sondern
-ebenso durch Stoffe angezogen werden, die entweder von
-diesen auch unter gewhnlichen Verhltnissen wirklich ausgeschieden
-werden, oder knstlich hergestellt sind, und oft
-sogar durch solche Stoffe, die mit den Samenfden sonst nie
-in Berhrung zu treten Gelegenheit htten, wenn nicht die
-eigentmliche Versuchsanlage dies vermittelte, weil sie in
-der Natur gar nicht vorkommen. So werden die Spermatozoiden
-der Farne durch die aus den Archegonien ausgeschiedene
-pfelsure, aber auch durch synthetisch dargestellte
-pfelsure, ja sogar durch Maleinsure, die der Laubmoose
-durch Rohrzucker angezogen. Das Spermatozoon, das, wir
-wissen nicht wie, durch Unterschiede in der Konzentration
-der Lsung beeinflut wird, bewegt sich nach der Richtung
-der strkeren Konzentration hin. <em class="gesperrt">Pfeffer</em> hat diese Bewegungen
-<em class="gesperrt">chemotaktische</em> genannt und fr jene ganzen Erscheinungen
-wie fr andere Flle asexueller Reizbewegungen
-den Begriff des <em class="gesperrt">Chemotropismus</em> geschaffen. Vieles sprche
-nun dafr, da die Anziehung, welche das Weibchen, beim Tiere
-vom Mnnchen durch die Sinnesorgane aus der Ferne perzipiert,
-auf das Mnnchen ausbt (und vice versa), als eine
-der chemotaktischen in gewissen Punkten analoge zu betrachten
-sei.</p>
-
-<p>Sehr wahrscheinlich ist ein Chemotropismus die Ursache
-jener energischen und hartnckigen Bewegung, welche
-die Samenfden auch der Sugetiere, <em class="gesperrt">entgegen</em> der Richtung<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>
-der von innen nach auen, vom Krper gegen den Hals der
-Gebrmutter zu flimmernden Wimpern der Uterusschleimhaut,
-ganze Tage hindurch ohne jede uere Untersttzung selbstndig
-verfolgen. Mit unglaublicher, fast rtselhafter Sicherheit
-wei allen mechanischen und sonstigen Hindernissen zum
-Trotz das Spermatozoon die Eizelle aufzufinden. Am eigentmlichsten
-berhren in dieser Hinsicht die ungeheuren
-Wanderungen so mancher Fische; die Lachse wandern
-viele Monate lang, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, aus
-dem Meere gegen die Wogen des Rheins stromaufwrts,
-um nahe seinem Ursprung an sicherer, nahrungsreicher Sttte
-zu laichen.</p>
-
-<p>Anderseits sei an die hbsche Schilderung erinnert, die
-P. <em class="gesperrt">Falkenberg</em> von dem Befruchtungsvorgang bei einigen
-niederen Algen des mittellndischen Meeres entwirft. Wenn
-wir von den Linien der Kraft sprechen, die zwei ungleichnamige
-Magnetpole gegeneinander bewegt, so haben wir es
-hier nicht minder mit einer solchen Naturkraft zu tun, die
-mit unwiderstehlicher Gewalt das Spermatozoon gegen das
-Ei treibt. Der Unterschied wird hauptschlich darin liegen,
-da die Bewegungen der <em class="gesperrt">leblosen</em> Materie Verschiebungen
-in den Spannungszustnden <em class="gesperrt">umgebender Medien</em> voraussetzen,
-whrend die Krfte der <em class="gesperrt">lebenden</em> Materie in den Organismen
-selbst, als wahren <em class="gesperrt">Kraftzentren</em>, lokalisiert sind.
-Nach <em class="gesperrt">Falkenbergs</em> Beobachtungen berwanden die Spermatozoiden
-bei ihrer Bewegung nach der Eizelle hin selbst die
-Kraft, die sie sonst dem einfallenden Lichte entgegengefhrt
-htte. Strker als die <em class="gesperrt"><b>photo</b>taktische</em> wre also die <em class="gesperrt"><b>chemo</b>taktische
-Wirkung, Geschlechtstrieb genannt</em>.</p>
-
-<p>Wenn zwei nach unseren Formeln schlecht zusammenpassende
-Individuen eine Verbindung eingehen und spter das
-wirkliche Komplement des einen erscheint, so stellt sich die
-Neigung, den frheren notdrftigen Behelf zu verlassen, auf
-der Stelle mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ein. <em class="gesperrt">Der Ehebruch
-ist da</em>: als Elementarereignis, als Naturphnomen, wie
-wenn FeSO<sub>4</sub> mit 2 KOH zusammengebracht wird und die
-SO<sub>4</sub>-Ionen nun sofort die Fe-Ionen verlassen und zu den
-K-Ionen bergehen. Wer moralisch billigen oder verwerfen<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>
-wollte, wenn in der <em class="gesperrt">Natur</em> ein Ausgleich von Potentialdifferenzen
-zu erfolgen droht, wrde vielen eine lcherliche
-Figur zu spielen scheinen.</p>
-
-<p>Dies ist ja auch der Grundgedanke der <em class="gesperrt">Goethe</em>schen
-Wahlverwandtschaften, wie er dort als tndelndes Prludium,
-voll ungeahnter Zukunftsbedeutung, im vierten Kapitel
-des ersten Teiles von denen entwickelt wird, die seine tiefe
-schicksalsschwere Wahrheit nachher an sich selbst erfahren
-sollen; und diese Darlegung ist nicht wenig stolz darauf, die
-erste zu sein, welche jenen Gedanken wieder aufnimmt.
-Dennoch will sie, so wenig es Goethe wollte, den Ehebruch
-verteidigen, ihn vielmehr nur begreiflich machen. Es gibt
-<em class="gesperrt">im Menschen</em> Motive, die dem Ehebruch erfolgreich entgegenwirken
-und ihn verhindern knnen. Hierber wird im
-zweiten Teile noch zu handeln sein. Da auch die niedere
-Sexualsphre beim Menschen nicht so streng in den Kreis der
-Naturgesetzlichkeit gebannt ist wie die der brigen Organismen,
-dafr ist immerhin schon dies ein Anzeichen, da der
-Mensch in <em class="gesperrt">allen</em> Jahreszeiten sexuell ist und bei ihm die
-Reste einer besonderen Brunstzeit im Frhjahr viel schwcher
-sind als selbst bei den Haustieren.</p>
-
-<p>Das Gesetz der sexuellen Affinitt zeigt weiter, freilich
-neben radikalen Unterschieden, noch Analogien zu einem bekannten
-Gesetze der theoretischen Chemie. Zu den vom
-Massenwirkungsgesetz geregelten Vorgngen ist nmlich
-unsere Regel insofern analog, als z.&nbsp;B. eine strkere Sure
-sich vornehmlich mit der strkeren Base ebenso verbindet
-wie das mnnlichere mit dem weiblicheren Lebewesen. Doch
-besteht hier mehr als ein Novum gegenber dem toten Chemismus.
-Der lebendige Organismus ist vor allem keine homogene
-und isotrope, in beliebig viele, qualitativ gleiche Teile
-spaltbare Substanz: das principium individuationis, die Tatsache,
-da alles, was lebt, als Individuum lebt, <em class="gesperrt">ist identisch
-mit der Tatsache der Struktur</em>. Es kann also hier nicht
-wie dort ein grerer Teil die eine, ein kleinerer die andere
-Verbindung eingehen und ein Nebenprodukt liefern. Der
-Chemo<em class="gesperrt">tropismus</em> kann ferner auch ein <em class="gesperrt">negativer</em> sein.
-Von einer gewissen Gre der Differenz &#945;&nbsp;-&nbsp;&#946; an in der Formel II<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
-erhalten wir eine negative, d.&nbsp;h. entgegengesetzt gerichtete
-Anziehung, das Vorzeichen hat zu wechseln: <em class="gesperrt">sexuelle Abstoung
-liegt vor</em>. Zwar kann auch beim toten Chemismus
-<em class="gesperrt">dieselbe</em> Reaktion mit <em class="gesperrt">verschiedener Geschwindigkeit</em>
-erfolgen. Nie aber kann, nach den neuesten Anschauungen
-wenigstens, etwa durch einen Katalysator statt des absoluten
-Fehlens (in unserem Falle sozusagen des Gegenteils) einer
-Reaktion diese selbe Reaktion in lngerer oder krzerer Zeit
-bewirkt werden; sehr wohl dagegen eine Verbindung, die sich
-von einer gewissen Temperatur an bildet, bei einer hheren
-sich wieder zersetzt und umgekehrt. Ist hier die <em class="gesperrt">Richtung</em>
-der Reaktion eine Funktion der Temperatur, so dort oft eine
-solche der Zeit.</p>
-
-<p>In der Bedeutung des Faktors t, der Reaktionszeit, liegt
-nun aber wohl die letzte Analogie der sexuellen Anziehung zum
-Chemismus, wenn man solche Vergleiche zu ziehen nicht von
-vornherein allzu schroff ablehnt. Man knnte auch hier an
-eine Formel fr die <em class="gesperrt">Reaktionsgeschwindigkeit</em>, die verschiedenen
-Grade der Schnelligkeit, mit denen die sexuelle
-Reaktion zwischen zwei Individuen sich entwickelt, denken
-und etwa gar A nach t zu differenzieren versuchen. Doch
-soll die Eitelkeit auf das mathematische Geprnge (<em class="gesperrt">Kant</em>)
-niemand verleiten, an so komplizierte und schwierige Verhltnisse,
-an Funktionen, deren Stetigkeit eben sehr fraglich
-ist, schon mit einem Differentialquotienten heranzurcken.
-Was gemeint ist, leuchtet wohl auch so ein: sinnliches Verlangen
-kann zwischen zwei Individuen, die lngere Zeit beisammen,
-besser noch: <em class="gesperrt">miteinander eingesperrt</em> sind, sich
-auch entwickeln, wo vorher keines oder gar Abstoung vorlag,
-hnlich einem chemischen Prozesse, der sehr viel Zeit
-in Anspruch nimmt, ehe merklich wird, da er vor sich geht.
-Zum Teil hierauf beruht ja wohl auch der Trost, den man
-ohne Liebe Heiratenden mitzugeben pflegt: Das stelle sich
-schon spter ein; es komme <em class="gesperrt">mit der Zeit</em>.</p>
-
-<p>Man sieht: viel Wert ist auf die Analogie mit der Affinitt
-im toten Chemismus nicht zu legen. Es schien mir
-aber <em class="gesperrt">aufklrend</em>, derartige Betrachtungen anzustellen. Selbst
-ob die sexuelle Anziehung unter die Tropismen zu subsu<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>mieren
-ist, bleibt noch unentschieden, und keineswegs ist,
-auch wenn es fr die <em class="gesperrt">Sexualitt feststnde</em>, damit auch
-schon <em class="gesperrt">implicite</em> etwas ber die <em class="gesperrt">Erotik</em> ausgemacht. Das
-Phnomen der Liebe bedarf noch einer anderen Behandlung,
-die ihm der zweite Teil zu geben versuchen soll. Dennoch
-bestehen zwischen den Formen, in denen leidenschaftlichste
-Anziehung selbst unter Menschen auftritt, und jenen Chemotropismen
-noch unleugbare Analogien; ich verweise auf die
-Schilderung des Verhltnisses zwischen Eduard und Ottilie
-eben in den Wahlverwandtschaften.</p>
-
-<p>Mit der Nennung dieses Romanes war bereits einmal
-ein kurzes Eingehen auf das Problem der Ehe gegeben, und
-einige Nutzanwendungen, welche aus dem Theoretischen
-dieses Kapitels fr die Praxis folgen, sollen ebenfalls zunchst
-an das Problem der Ehe geknpft werden. Das fr
-die sexuelle Anziehung aufgestellte eine Gesetz, dem die
-anderen sehr hnlich gebaut zu sein scheinen, lehrt nmlich,
-da, weil unzhlige sexuelle Zwischenstufen existieren, es auch
-immer <em class="gesperrt">zwei</em> Wesen geben wird, die <em class="gesperrt">am besten</em> zueinander
-passen. <em class="gesperrt">Insofern</em> ist also die Ehe gerechtfertigt und
-freie Liebe, von diesem biologischen Standpunkte aus zu
-verwerfen. Freilich wird die Frage der Monogamie durch
-andere Verhltnisse, z.&nbsp;B. durch spter zu erwhnende
-Periodizitten wie auch durch die besprochene Vernderung
-des Geschmackes mit zunehmendem Alter, wieder
-bedeutend kompliziert und die Leichtigkeit einer Lsung vermindert.</p>
-
-<p>Eine zweite Folgerung ergibt sich, wenn wir uns der
-Heterostylie erinnern, insbesondere der Tatsache, da aus der
-illegitimen Befruchtung fast lauter entwicklungsunfhige
-Keime hervorgehen. Dies legt bereits den Gedanken nahe, da
-auch bei den anderen Lebewesen die strkste und gesndeste
-Nachkommenschaft aus Verbindungen hervorgehen werde, in
-denen wechselseitige geschlechtliche Anziehung in hohem Ausmae
-besteht. So spricht auch das Volk lngst von den Kindern
-der Liebe in ganz besonderer Weise, und glaubt, da diese
-schnere, bessere, prchtigere Menschen werden. Aus diesem
-Grunde wird, selbst wer keinen speziellen Beruf zum<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>
-Menschenzchter in sich fhlt, schon um der Hygiene willen
-die bloe Geldheirat, die sich von Verstandesehe noch erheblich
-unterscheiden kann, mibilligen.</p>
-
-<p>Ferner drfte auf die Tierzucht, wie ich nebenbei bemerken
-will, die Beachtung der Gesetze sexueller Anziehung
-vielleicht einen ziemlichen Einflu gewinnen. Man wird zunchst
-den sekundren Geschlechtscharakteren, und dem Grade ihrer
-Ausbildung in den beiden zu kopulierenden Individuen mehr
-Aufmerksamkeit als bisher schenken. Die knstlichen Prozeduren,
-die man vornimmt, um Weibchen durch mnnliche
-Zuchttiere auch dann belegen zu lassen, wenn diese an jenen
-wenig Gefallen gefunden haben, verfehlen gewi im einzelnen
-ihren Zweck keineswegs, sie sind aber im allgemeinen stets
-von irgend welchen blen Folgen begleitet; die ungeheuere
-Nervositt beispielsweise der durch Unterschiebung falscher
-Stuten gezeugten Hengste, die man, trotz jedem modernen
-jungen Mann, mit Brom und anderen Medikamenten fttern
-mu, geht sicherlich in letzter Linie hierauf zurck, hnlich
-wie an der krperlichen Degeneration des modernen Judentums
-nicht zum wenigsten der Umstand beteiligt sein mag,
-da bei den Juden viel hufiger als irgend sonstwo auf der
-Welt die Ehen der Heiratsvermittler und nicht die Liebe zustande
-bringt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Darwin</em> hat in seinen auch hierfr grundlegenden
-Arbeiten durch sehr ausgedehnte Experimente und Beobachtungen
-festgestellt, was seither allgemein besttigt worden
-ist: da sowohl ganz nahe verwandte Individuen als auch
-anderseits solche von allzu ungleichem Artcharakter einander
-sexuell weniger anziehen als gewisse unbedeutend verschiedene,
-und da, wenn es trotzdem dort zur Befruchtung
-kommt, der Keim entweder in den Vorstadien der Entwicklung
-abstirbt oder ein schwchliches, selbst meist nicht mehr
-reproduktionsfhiges Produkt entsteht, wie eben auch bei
-den heterostylen Pflanzen <em class="gesperrt">legitime</em> Befruchtung <em class="gesperrt">mehr</em> und
-<em class="gesperrt">besseren</em> Samen liefert als alle anderen Kombinationen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Es gedeihen also stets am besten diejenigen
-Keime, deren Eltern die grte sexuelle Affinitt
-gezeigt haben.</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
-
-Aus dieser Regel, die wohl als allgemein gltig zu
-betrachten ist, folgt die Richtigkeit des bereits aus dem
-Frheren gezogenen Schlusses: Wenn schon geheiratet wird
-und Kinder gezeugt werden, dann sollen diese wenigstens
-nicht aus der berwindung einer sexuellen Abstoung hervorgegangen
-sein, die nicht ohne eine Versndigung an der
-krperlichen und geistigen Konstitution des Kindes geschehen
-knnte. Sicherlich bilden einen groen Teil der
-unfruchtbaren Ehen die Ehen ohne Liebe. Die alte Erfahrung,
-nach der beiderseitige sexuelle Erregung beim Geschlechtsakte
-die Aussichten der Konzeption erhhen soll, gehrt wohl
-auch teilweise in diese Sphre und wird aus der von Anfang
-an greren Intensitt des Sexualtriebes zwischen zwei einander
-wohl ergnzenden Individuen leichter verstndlich.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span><a name="V_IV_Kapitel" id="V_IV_Kapitel"><small>IV. Kapitel.</small><br /></a>
-
-Homosexualitt und Pderastie.</h2>
-
-
-<p>In dem besprochenen Gesetze der sexuellen Anziehung
-ist zugleich die &mdash; langgesuchte &mdash; Theorie der kontrren
-Sexualempfindung, d.&nbsp;i. der sexuellen Hinneigung zum eigenen
-(nicht oder nicht nur zum anderen) Geschlechte enthalten.
-Von einer Distinktion abgesehen, die spter zu treffen sein
-wird, lt sich khnlich behaupten, da jeder Kontrrsexuelle
-auch anatomisch die Charaktere des anderen Geschlechtes
-aufweist. Einen rein psychosexuellen Hermaphroditismus
-gibt es nicht; Mnner, die sich sexuell von Mnnern angezogen
-fhlen, sind auch ihrem ueren Habitus nach weibliche
-Mnner, und ebenso zeigen jene Frauen krperlich
-mnnliche Charaktere, die andere Frauen sinnlich begehren.
-Diese Anschauung ist vom Standpunkte eines strengen
-Parallelismus zwischen Physischem und Psychischem <em class="gesperrt">selbstverstndlich</em>;
-ihre Durchfhrung fordert jedoch Beachtung
-der im zweiten Kapitel erwhnten Tatsache, da nicht alle
-Teile <em class="gesperrt">desselben</em> Organismus die gleiche Stellung zwischen
-M und W einnehmen, sondern verschiedene Organe verschieden
-mnnlich oder verschieden stark weiblich sein
-knnen. <em class="gesperrt">Es fehlt also beim sexuell Invertierten nie
-eine anatomische Annherung an das andere Geschlecht.</em></p>
-
-<p>Schon dies wrde gengen, um die Meinung derer zu
-widerlegen, welche den kontrren Sexualtrieb als eine Eigenschaft
-betrachten, die von den betreffenden Individuen im
-Laufe des Lebens erworben wird und das normale Geschlechtsgefhl
-berdeckt. An eine solche Erwerbung durch uere<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>
-Anlsse im Laufe des individuellen Lebens glauben angesehene
-Forscher, <em class="gesperrt">Schrenck-Notzing</em>, <em class="gesperrt">Kraepelin</em>, <em class="gesperrt">Fr</em>; als solche
-Anlsse betrachten sie Abstinenz vom normalen Verkehr
-und besonders Verfhrung. Was ist es aber dann mit dem
-ersten Verfhrer? Wurde dieser vom Gotte Hermaphroditos
-unterwiesen? Mir ist diese ganze Meinung nie anders vorgekommen,
-als wenn jemand die normale sexuelle Hinneigung
-des typischen Mannes zur typischen Frau als knstlich
-erworben ansehen wollte, und sich zur Behauptung verstiege,
-diese gehe stets auf Belehrung lterer Genossen zurck,
-die <em class="gesperrt">zufllig</em> einmal die Annehmlichkeit des Geschlechtsverkehres
-entdeckt htten. So wie der Normale ganz von
-selbst darauf kommt, was ein Weib ist, so stellt sich wohl
-auch beim Kontrren die sexuelle Anziehung, welche Personen
-des eigenen Geschlechtes auf ihn ausben, im Laufe
-seiner individuellen Entwicklung durch Vermittlung jener
-ontogenetischen Prozesse, die ber die Geburt hinaus das
-ganze Leben hindurch fortdauern, von selbst ein. Natrlich
-wird eine <em class="gesperrt">Gelegenheit</em> hinzukommen mssen, welche die
-Begierde nach der Ausbung homosexueller Akte hervortreten
-lt, <em class="gesperrt">aber diese kann nur aktuell machen</em>, was in
-den Individuen in grerem oder geringerem Grade bereits
-lngst vorhanden ist und nur der Auslsung harrt. <em class="gesperrt">Da bei
-sexueller Abstinenz</em> (um den zweiten angeblichen Grund
-kontrrer Sexualempfindung nicht zu bergehen) <em class="gesperrt">eben noch
-zu etwas anderem gegriffen werden kann als zur
-Masturbation, das ist es, was die Erwerbungstheoretiker
-erklren mten</em>; aber da <em class="gesperrt">homosexuelle</em>
-Akte angestrebt und ausgefhrt werden, mu in der Naturanlage
-bereits begrndet sein. Auch die heterosexuelle Anziehung
-knnte man ja erworben nennen, wenn man es einer ausdrcklichen
-Konstatierung bedrftig fnde, da z.&nbsp;B. der
-heterosexuelle Mann irgend einmal ein Weib oder zumindest
-ein weibliches Bildnis gesehen haben mu, um sich zu verlieben.
-Aber wer das kontrre Geschlechtsgefhl acquiriert
-sein lt, gleicht gar einem Manne, der hierauf ausschlielich
-reflektierte und die ganze Anlage des Individuums, in Bezug
-auf die allein doch ein bestimmter Anla seine bestimmte Wir<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>kung
-entfalten kann, ausschaltete, um ein an sich nebenschliches
-Ereignis des ueren Lebens, eine letzte Komplementrbedingung
-oder Teilursache zum alleinigen Faktor des ganzen
-Resultates zu machen.</p>
-
-<p>Ebensowenig als die kontrre Sexualempfindung erworben
-ist, ebensowenig ist sie von den Eltern oder Groeltern <em class="gesperrt">ererbt</em>.
-Dies hat man wohl auch kaum behauptet &mdash; denn dem
-widersprche alle Erfahrung auf den ersten Blick &mdash;, sondern
-nur eine durchaus neuropathische Konstitution als ihre Bedingung
-hinstellen wollen, eine allgemeine hereditre Belastung,
-die sich im Nachkommen eben auch durch Verkehrung
-der geschlechtlichen Instinkte uere. Man rechnete die ganze
-Erscheinung zum Gebiete der Psychopathologie, betrachtete
-sie als ein Symptom der Degeneration, die von ihr Betroffenen
-als Kranke. Obwohl diese Auffassung nun viel weniger Anhnger
-zhlt als noch vor etlichen Jahren, seitdem ihr frherer
-Hauptvertreter <em class="gesperrt">v. Krafft-Ebing</em> in den spteren Auflagen
-seiner Psychopathia sexualis sie selbst stillschweigend hat
-fallen lassen, so ist doch noch immer die Bemerkung nicht
-unangebracht, da die Menschen mit sexueller Inversion in
-allem brigen ganz gesund sein knnen und sich, accessorische
-soziale Momente abgerechnet, nicht weniger wohl fhlen wie
-alle anderen gesunden Menschen. Fragt man sie, ob sie sich
-berhaupt wnschen, in dieser Beziehung anders zu sein, als sie
-sind, so erhlt man gar oft eine verneinende Antwort.</p>
-
-<p>Da man die Homosexualitt gnzlich isolierte und nicht
-in Verbindung mit anderen Tatsachen zu bringen suchte, ist
-schuld an all diesen verfehlten Erklrungsversuchen. Wer
-die sexuellen Inversionen als etwas Pathologisches oder
-als eine scheulich-monstrse geistige Bildungsanomalie betrachtet
-(die letztere ist die vom Philister sanktionierte Anschauungsweise)
-oder sie gar als ein angewhntes Laster, als
-das Resultat einer fluchwrdigen Verfhrung auffat, der bedenke
-doch, <em class="gesperrt">da unendlich viele bergnge fhren
-vom mnnlichsten Masculinum ber den weiblichen
-Mann und schlielich ber den Kontrrsexuellen hinweg
-zum Hermaphroditismus spurius und genuinus
-und von da ber die Tribade, weiter ber die Virago<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>
-hinweg zur weiblichen Virgo. Die Kontrrsexuellen</em>
-(beiderlei Geschlechtes) <em class="gesperrt">sind im Sinne der hier vertretenen
-Anschauung als Individuen zu definieren,
-bei denen der Bruch &#945; um 05 herum schwankt</em>, also
-sich von &#945;' (vgl. <a href="#Seite_10">S.&nbsp;10</a>) nicht weit unterscheidet, die also ungefhr
-ebensoviel vom Manne als vom Weibe haben, ja fters
-mehr vom Weibe, obwohl sie als Mnner, und vielleicht auch
-mehr vom Manne, obwohl sie als Weiber gelten. Entsprechend
-der nicht immer gleichmigen Verteilung der sexuellen Charakteristik
-ber den ganzen Krper ist es nmlich sicher, da hufig
-genug Individuen blo auf Grund eines primren mnnlichen
-Geschlechtscharakters, auch wenn der Descensus testiculorum
-erst spter erfolgt, oder Epi- oder Hypospadie da ist, oder
-spter Azoospermie sich einstellt, oder auch wenn (beim
-weiblichen Geschlechte) Atresia vaginae bemerkt wird, unbedenklich
-in das eine Geschlecht eingereiht werden, welches
-jener Charakter angibt, z.&nbsp;B. eine mnnliche Erziehung genieen,
-zum Militrdienst u.&nbsp;s.&nbsp;w. herangezogen werden, <em class="gesperrt">obwohl
-bei ihnen &#945;&nbsp;&lt;&nbsp;05, &#945;'&nbsp;&gt;&nbsp;05</em> ist. Das sexuelle Komplement
-solcher Individuen wird demgem scheinbar auf der
-diesseitigen Hlfte sich befinden, auf der nmlichen, auf der sie
-selbst sich jedoch nur aufzuhalten <em class="gesperrt">scheinen</em>, indes sie tatschlich
-bereits auf der jenseitigen stehen. brigens &mdash; dies kommt meiner
-Auffassung zu Hilfe und wird anderseits erst durch sie erklrt
-&mdash; es gibt keinen Invertierten, der <em class="gesperrt">blo</em> kontrrsexuell wre.
-Alle sind von Anfang an nur <em class="gesperrt">bisexuell</em>, d.&nbsp;h. es ist ihnen
-sowohl der Geschlechtsverkehr mit Mnnern als mit Frauen
-mglich. Es kann aber sein, da sie selbst spter aktiv ihre
-einseitige Ausbildung zu einem Geschlechte begnstigen, einen
-Einflu auf sich in der Richtung der Unisexualitt nehmen,
-und so schlielich die Hetero- oder die Homosexualitt in
-sich zum berwiegen bringen oder durch uere Einwirkungen
-in einem solchen Sinne sich beeinflussen lassen; obwohl die
-Bisexualitt hiedurch nie erlischt, vielmehr immer wieder ihr
-nur zeitweilig zurckgedrngtes Dasein zu erkennen gibt.</p>
-
-<p>Da ein Zusammenhang der homosexuellen Erscheinungen
-mit der bisexuellen Anlage jedes tierischen und pflanzlichen
-Embryo besteht, hat man mehrfach, und in jngster Zeit mit<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span>
-steigender Hufigkeit eingesehen. Das Neue in <em class="gesperrt">dieser</em> Darstellung
-ist, da fr sie die Homosexualitt nicht einen
-Rckschlag oder eine unvollendete Entwicklung, eine mangelhafte
-Differenzierung des Geschlechtes bedeutet wie fr jene
-Untersuchungen, da ihr die Homosexualitt berhaupt keine
-Anomalie mehr ist, die nur vereinzelt dastnde und als Rest
-einer frheren Undifferenziertheit in die sonst vllig vollzogene
-Sonderung der Geschlechter hereinragte. <em class="gesperrt">Sie reiht
-vielmehr die Homosexualitt als die Geschlechtlichkeit
-der sexuellen Mittelstufen ein in den kontinuierlichen
-Zusammenhang der sexuellen Zwischenformen</em>,
-die ihr als einzig real gelten, indes die Extreme ihr
-nur Idealflle sind. Ebenso wie nach ihr alle Wesen auch
-<em class="gesperrt">heterosexuell</em> sind, so sind ihr darum <em class="gesperrt">alle auch homosexuell</em>.</p>
-
-<p>Da in <em class="gesperrt">jedem</em> menschlichen Wesen, entsprechend dem
-<em class="gesperrt">mehr</em> oder <em class="gesperrt">minder</em> rudimentr gewordenen <em class="gesperrt">anderen</em> Geschlecht,
-auch die Anlage zur Homosexualitt, wenn auch noch
-schwach, vorhanden ist, wird besonders klar erwiesen durch
-die Tatsache, da im Alter <em class="gesperrt">vor</em> der Pubertt, wo noch eine
-verhltnismige Undifferenziertheit herrscht, wo noch nicht
-die innere Sekretion der Keimdrsen vollends ber den Grad
-der einseitigen sexuellen Ausprgung entschieden hat, jene
-schwrmerischen Jugendfreundschaften die Regel sind,
-die nie eines sinnlichen Charakters ganz entbehren, und
-zwar sowohl beim mnnlichen wie beim weiblichen Geschlecht.</p>
-
-<p>Wer freilich ber jenes Alter <em class="gesperrt">hinaus</em> noch sehr von
-Freundschaft mit dem eigenen Geschlecht bermig schwrmt,
-hat schon einen starken Einschlag vom anderen in sich; eine
-noch weit vorgercktere Zwischenstufe markieren aber jene,
-die von Kollegialitt zwischen den beiden Geschlechtern
-begeistert sind, mit dem anderen Geschlecht, das ja doch
-nur das ihrige ist, ohne ber die eigenen Gefhle wachen zu
-mssen, kameradschaftlich verkehren knnen, von ihm zu
-Vertrauten gemacht werden, und ein derartiges ideales, reines
-Verhltnis auch anderen aufdrngen wollen, die es weniger
-leicht haben, rein zu bleiben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>
-
-Es gibt auch keine Freundschaft zwischen Mnnern, die
-ganz eines Elementes von Sexualitt entbehrte, so wenig
-damit das Wesen der Freundschaft bezeichnet, so <em class="gesperrt">peinlich</em>
-sie vielmehr gerade dem Gedanken an die Freundschaft, so
-<em class="gesperrt">entgegensetzt</em> sie der <em class="gesperrt">Idee</em> der Freundschaft ist. Schon
-da keine Freundschaft zwischen Mnnern werden kann, wenn
-die uere Erscheinung gar keine Sympathie zwischen beiden
-geweckt hat, weil sie dann eben einander nie nher treten
-werden, ist Beweis genug fr die Richtigkeit des Gesagten.
-Sehr viel Beliebtheit, Protektion, Nepotismus zwischen
-Mnnern geht auf solche oft unbewut geschlechtliche Verhltnisse
-zurck.</p>
-
-<p>Der sexuellen Jugendfreundschaft entspricht vielleicht ein
-analoges Phnomen bei lteren Mnnern: dann nmlich, wenn
-mit einer greisenhaften Rckbildung der im Mannesalter einseitig
-entwickelten Geschlechtscharaktere die latente Amphisexualitt
-wieder zu Tage tritt. Da so viele Mnner von
-50 Jahren aufwrts wegen verbter Unsittlichkeitsdelikte
-gerichtlich belangt werden, hat mglicherweise dies zur
-Ursache.</p>
-
-<p>Endlich sind homosexuelle Akte in nicht geringer Zahl
-auch bei Tieren beobachtet worden. Die Flle (nicht alle)
-hat aus der Literatur in verdienstvoller Weise F. <em class="gesperrt">Karsch</em>
-zusammengestellt. Leider geben die Beobachter kaum je etwas
-ber die Grade der Maskulitt und Muliebritt bei diesen
-Tieren an. Dennoch kann kein Zweifel sein, da wir es hier
-mit einem Beweise der Gltigkeit unseres Gesetzes auch
-fr die <em class="gesperrt">Tierwelt</em> zu tun haben. Wenn man Stiere lngere
-Zeit in einem Raume eingesperrt hlt, ohne sie zu einer Kuh zuzulassen,
-so kann man mit der Zeit kontrrsexuelle Akte zwischen
-ihnen wahrnehmen; die einen, die weiblicheren, verfallen frher,
-die anderen spter darauf, manche vielleicht auch nie. (Gerade
-beim Rinde ist die groe Zahl sexueller Zwischenstufen bereits
-festgestellt.) Dies beweist, da eben die Anlage in ihnen
-vorhanden ist, sie nur vorher ihr Bedrfnis besser befriedigen
-konnten. Die gefangen gehaltenen Stiere benehmen sich
-eben nicht anders, als es so oft in den Gefngnissen
-der Menschen, in Internaten und Konvikten, hergeht.<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>
-Da die Tiere ebenfalls nicht nur die Onanie (die bei ihnen
-so wie beim Menschen vorkommt), sondern auch die Homosexualitt
-kennen, darin erblicke ich, nachdem es auch
-unter ihnen sexuelle Zwischenformen gibt, eine der strksten
-Besttigungen des aufgestellten Gesetzes der sexuellen
-Anziehung.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das kontrre Geschlechtsgefhl wird so fr
-diese Theorie keine Ausnahme von dem Naturgesetze,
-sondern nur ein Spezialfall desselben.</em> Ein
-Individuum, das ungefhr zur Hlfte Mann, zur Hlfte Weib
-ist, verlangt eben nach dem Gesetze zu seiner Ergnzung ein
-anderes, das ebenfalls von beiden Geschlechtern etwa gleiche
-Anteile hat. Dies ist der Grund der ja ebenfalls eine Erklrung
-verlangenden Erscheinung, da die Kontrren
-fast immer nur <em class="gesperrt">untereinander</em> ihre Art von Sexualitt ausben,
-und nur hchst selten jemand in ihren Kreis gert, der
-nicht die gleiche Form der Befriedigung sucht wie sie &mdash; die
-sexuelle Anziehung ist wechselseitig &mdash; und <em class="gesperrt">sie</em> ist der mchtige
-Faktor, der es bewirkt, da die Homosexuellen einander
-immer sofort erkennen. So kommt es aber auch, da die
-Normalen im allgemeinen von der ungeheueren Verbreitung
-der Homosexualitt keine Ahnung haben, und, wenn er
-pltzlich von einem solchen Akte hrt, der rgste normalgeschlechtliche
-Wstling zur Verurteilung solcher Ungeheuerlichkeiten
-ein volles Recht zu besitzen glaubt. Ein
-Professor der Psychiatrie an einer deutschen Universitt hat
-noch im Jahre 1900 ernstlich vorgeschlagen, man mge die
-Homosexuellen einfach kastrieren.</p>
-
-<p>Das therapeutische Verfahren, mit welchem man heute
-die sexuelle Inversion zu bekmpfen sucht (wo man berhaupt
-einen solchen Versuch unternimmt), ist zwar minder radikal als
-jener Rat, aber es offenbart auf dem Wege der Praxis die
-vllige Unzulnglichkeit so mancher theoretischer Vorstellungen
-ber die Natur der Homosexualitt. Heute behandelt
-man nmlich &mdash; wie begreiflich, geschieht dies hauptschlich
-von Seite der Erwerbungstheoretiker &mdash; die betreffenden
-Menschen hypnotisch: man sucht ihnen die Vorstellung des
-Weibes und des normalen aktiven Koitus mit demselben<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
-auf suggestivem Wege beizubringen und sie daran zu
-gewhnen. Der Erfolg ist eingestandenermaen ein minimaler.</p>
-
-<p>Das ist von unserem Standpunkt aus auch selbstverstndlich.
-Der Hypnotiseur entwirft dem zu Behandelnden
-das <em class="gesperrt">typische</em> (!!) Bild des Weibes, das diesem seiner ganzen,
-angeborenen, gerade seiner unbewuten, durch Suggestion
-schwer angreifbaren Natur nach ein Greuel ist. Denn nicht
-W ist sein Komplement, und nicht zum ersten besten Freimdchen,
-das ihm nur um Geld zu Gefallen ist, darf ihn der
-Arzt schicken, um so diese Kur, welche den Abscheu vor
-dem normalen Koitus im Behandelten im allgemeinen noch
-vermehrt haben wird, angemessen zu krnen. Fragen wir
-unsere Formel nach dem Komplemente des Kontrrsexuellen,
-so erhalten wir vielmehr gerade das allermnnlichste Weib,
-die Lesbierin, die Tribade. <em class="gesperrt">Tatschlich ist diese auch
-nahezu das einzige Weib, welches den Kontrrsexuellen
-anzieht, das einzige, dem er gefllt.</em> Wenn
-also eine Therapie der kontrren Sexualempfindung unbedingt
-sein mu und auf ihre Ausarbeitung nicht verzichtet
-werden kann, so ergibt diese Theorie den Vorschlag,
-den Kontrren an die Kontrre, den Homosexuellen an die
-Tribade zu weisen. Der Sinn dieser Empfehlung kann aber nur
-der sein, <em class="gesperrt">beiden</em> die Befolgung der (in England, Deutschland,
-sterreich) noch in Kraft stehenden Gesetze gegen homosexuelle
-Akte, die eine Lcherlichkeit sind und zu deren Abschaffung diese
-Zeilen ebenfalls beitragen wollen, mglichst leicht zu machen.
-Der zweite Teil dieser Arbeit wird es verstndlich werden lassen,
-<em class="gesperrt">warum</em> die aktive Prostituierung eines Mannes durch einen
-mit ihm vollzogenen Sexualakt wie die passive Selbsthingabe
-des anderen Mannes zu einem solchen so viel intensiver als eine
-Schmach empfunden wird, als der sexuelle Verkehr des
-Mannes mit der Frau beide zu entwrdigen scheint. <em class="gesperrt">An und
-fr sich besteht aber ethisch gar keine Differenz
-zwischen beiden.</em> Trotz all dem heute beliebten Geschwtze
-von dem verschiedenen Rechte fr verschiedene Persnlichkeiten
-gibt es nur eine, fr alles, was Menschenantlitz trgt,
-gleiche allgemeine Ethik, so wie es nur eine Logik und nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>
-mehrere Logiken gibt. Ganz verwerflich hingegen und auch
-mit den Prinzipien des Strafrechtes, das nur das Verbrechen,
-nicht die Snde ahndet, vllig <em class="gesperrt">unvereinbar</em> ist es, dem
-Homosexuellen seine Art des Geschlechtsverkehres zu verbieten
-und dem Heterosexuellen die seine zu gestatten, wenn
-beide mit der gleichen Vermeidung des ffentlichen rgernisses
-sich abspielen. <em class="gesperrt">Logisch</em> wre einzig und allein (vom
-Standpunkte einer reinen Humanitt und eines Strafrechtes
-als nicht blo abschreckenden sozialpdagogischen Zwecksystems
-sehe ich in dieser Betrachtung berhaupt ab), die
-Kontrren Befriedigung dort finden zu lassen, wo sie sie
-suchen: untereinander.</p>
-
-<p>Diese ganze Theorie scheint vllig widerspruchslos und
-in sich geschlossen zu sein und eine vllig befriedigende
-Erklrung aller Phnomene zu ermglichen. Nun mu aber
-die Darstellung mit Tatsachen herausrcken, die jener sicher
-werden entgegengehalten werden, und auch wirklich die
-ganze Subsumtion dieser sexuellen Perversion unter die
-sexuellen Zwischenformen und das Gesetz ihres Geschlechtsverkehres
-umzustoen scheinen. Es gibt nmlich wirklich und
-ohne allen Zweifel, whrend fr die invertierten Frauen die
-obige Darlegung vielleicht ausreicht, Mnner, die sehr wenig
-weiblich sind und auf die doch Personen des eigenen Geschlechtes
-eine sehr starke Wirkung ausben, eine strkere
-als auf andere Mnner, die vielleicht viel weiblicher sind als
-sie, eine Wirkung ferner, die auch vom mnnlichen Manne
-auf sie ausgehen kann, eine Wirkung endlich, die oft strker sein
-kann als der Eindruck, den irgend eine Frau auf jene Mnner
-auszuben imstande ist. Albert <em class="gesperrt">Moll</em> sagt mit Recht: Es
-gibt psychosexuelle Hermaphroditen, die sich zu beiden Geschlechtern
-hingezogen fhlen, die aber bei jedem Geschlechte
-nur die typischen Eigenschaften dieses Geschlechtes lieben,
-und anderseits gibt es psychosexuelle [?] Hermaphroditen,
-die nicht beim einzelnen Geschlechte die typischen Eigenschaften
-dieses Geschlechtes lieben, sondern denen diese
-Eigenschaften gleichgltig, zum Teile sogar abstoend sind.
-Auf diesen Unterschied bezieht sich nun die in der berschrift
-dieses Kapitels getroffene <em class="gesperrt">Distinktion zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>
-Homosexualitt und Pderastie</em>. Die Trennung beider
-lt sich wohl begrnden; als homosexuell ist derjenige
-Typus von Perversen bezeichnet, welcher sehr thelyide
-Mnner <em class="gesperrt">und</em> sehr arrhenoide Weiber bevorzugt, nach dem
-besprochenen Gesetze; der <em class="gesperrt">Pderast hingegen kann sehr
-mnnliche Mnner, aber ebensowohl sehr weibliche
-Frauen lieben</em>, das letztere, <em class="gesperrt"><b>soweit</b> er <b>nicht</b> Pderast ist.
-Dennoch wird die Neigung zum mnnlichen Geschlechte
-bei ihm strker sein und tiefer gehen als
-die zum weiblichen.</em> Die Frage nach dem Grunde der
-Pderastie bildet ein Problem fr sich und bleibt fr diese
-Untersuchung gnzlich unerledigt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span><a name="V_V_Kapitel" id="V_V_Kapitel"><small>V. Kapitel.</small></a><br />
-
-Anwendung auf die Charakterologie.</h2>
-
-
-<p>Vermge der Tatsache, da zwischen Physischem und
-Psychischem eine wie immer geartete Korrespondenz besteht,
-ist von vornherein zu erwarten, da dem weiten Umfange,
-in welchem unter morphologischen und physiologischen Verhltnissen
-das Prinzip der sexuellen Zwischenstufen sich
-nachweisen lie, psychologisch eine mindestens ebenso reiche
-Ausbeute entsprechen werde. Sicherlich gibt es auch einen
-psychischen Typus des Weibes und des Mannes (wenigstens
-stellen die bisherigen Ergebnisse die Aufsuchung solcher
-Typen zur Aufgabe), Typen, die von der Wirklichkeit nie
-erreicht werden, da diese von der reichen Folge der sexuellen
-Zwischenformen im Geistigen ebenso erfllt ist wie im
-Krperlichen. Das Prinzip hat also die grte Aussicht, sich
-den <em class="gesperrt">geistigen</em> Eigenschaften gegenber zu bewhren und
-das verworrene Dunkel etwas zu lichten, in welches die psychologischen
-Unterschiede <em class="gesperrt">zwischen den einzelnen Menschen</em>
-fr die Wissenschaft noch immer gehllt sind. Denn es ist
-hiemit ein Schritt vorwrts gemacht im Sinne einer differenzierten
-Auffassung auch des geistigen Habitus jedes Menschen,
-man wird auch von dem <em class="gesperrt">Charakter</em> einer Person wissenschaftlich
-nicht mehr sagen, er sei <em class="gesperrt">mnnlich</em> oder er sei
-<em class="gesperrt">weiblich schlechthin</em>, sondern darauf achten und danach
-fragen: <em class="gesperrt">wieviel Mann</em>, <em class="gesperrt">wieviel Weib</em> ist in einem Menschen.
-Hat <em class="gesperrt">er</em> oder hat <em class="gesperrt">sie</em> in dem betreffenden Individuum dies
-oder jenes getan, gesagt, gedacht? Eine <em class="gesperrt">individualisierende</em>
-Beschreibung aller Menschen und alles Menschlichen ist
-hiedurch erleichtert, und so liegt die neue Methode in der<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>
-eingangs dargelegten Entwicklungsrichtung aller Forschung:
-alle Erkenntnis hat seit jeher, von Begriffen mittlerer Allgemeinheit
-ausgehend, nach zwei divergierenden Richtungen
-auseinandergestrebt, dem allem Einzelnen gemeinschaftlichen
-Allgemeinsten nicht allein entgegen, sondern ebenso der
-allereinzelnsten, individuellsten Erscheinung zu. Darum ist die
-Hoffnung wohl begrndet, welche von dem Prinzip der
-sexuellen Zwischenformen die strkste Frderung fr die
-noch ungelste wissenschaftliche Aufgabe einer Charakterologie
-erwartet, und der Versuch berechtigt, es methodisch
-zu dem Range eines <em class="gesperrt">heuristischen Grundsatzes</em> in der
-Psychologie der individuellen Differenzen oder differentiellen
-Psychologie zu erheben. Und seine Anwendung auf
-das Unternehmen einer Charakterologie, dieses bisher fast
-ausschlielich von Literaten bepflgten, wissenschaftlich noch
-recht verwahrlosten Feldes, ist vielleicht um so freudiger zu begren,
-als es unmittelbar aller quantitativen Abstufungen
-fhig ist, indem man sozusagen den Prozentgehalt an
-M und W, den ein Individuum besitzt, auch im Psychischen
-aufzusuchen sich nicht wird scheuen drfen. Da diese Aufgabe
-mit einer <em class="gesperrt">anatomischen</em> Beantwortung der Frage nach
-der sexuellen Stellung eines Organismus zwischen Mann und
-Weib noch nicht gelst ist, sondern <em class="gesperrt">im allgemeinen</em> noch
-eine besondere Behandlung erfordert, selbst wenn <em class="gesperrt">im speziellen</em>
-hier viel fter Kongruenz als Inkongruenz sich nachweisen
-liee, ist bereits mit den Ausfhrungen des zweiten
-Kapitels ber die Ungleichmigkeiten gegeben, welche selbst
-zwischen den einzelnen <em class="gesperrt">krperlichen</em> Teilen und Qualitten
-des nmlichen Individuums untereinander betreffs des <em class="gesperrt">Grades</em>
-ihrer Mnnlichkeit oder Weiblichkeit bestehen.</p>
-
-<p>Das Nebeneinander von Mnnlichem und Weiblichem
-im gleichen Menschen ist hiebei nicht als vllige oder
-annhernde <em class="gesperrt">Simultaneitt</em> zu verstehen. Die wichtige
-neue Hinzufgung, welche an dieser Stelle notwendig wird,
-ist nicht nur eine erluternde Anweisung zur richtigen
-psychologischen Verwertung des Prinzipes, sondern auch
-eine bedeutungsvolle Ergnzung der frheren Ausfhrungen.
-<em class="gesperrt">Es schwankt oder oszilliert nmlich jeder Mensch<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span>
-zwischen dem Manne und dem Weibe in ihm hin und
-her</em>; wenn auch diese Oszillationen bei dem einen abnorm
-gro, bei dem anderen klein bis zur Unmerklichkeit sein
-knnen, <em class="gesperrt">sie sind immer da</em> und offenbaren sich, wenn sie
-von einiger Erheblichkeit sind, auch durch ein wechselndes
-krperliches Aussehen der von ihnen Betroffenen. Diese
-<em class="gesperrt">Schwankungen der sexuellen Charakteristik</em> zerfallen,
-den Schwankungen des Erdmagnetismus vergleichbar, in
-regelmige und unregelmige. Die regelmigen sind entweder
-kleine Oszillationen: z.&nbsp;B. fhlen manche Menschen
-am Abend mnnlicher als am Morgen; oder sie gehren in
-das Reich der greren und groen <em class="gesperrt">Perioden</em> des organischen
-Lebens, auf die man kaum erst aufmerksam zu werden
-begonnen hat, und deren Erforschung Licht auf eine noch
-gar nicht absehbare Menge von Phnomenen werfen zu
-sollen scheint. Die unregelmigen Schwankungen werden
-wahrscheinlich durch uere Anlsse, vor allem durch den
-sexuellen Charakter des Nebenmenschen, hervorgerufen. Sie bedingen
-gewi zum Teile jene merkwrdigen Phnomene der
-<em class="gesperrt">Einstellung</em>, welche in der Psychologie einer <em class="gesperrt">Menge</em> die
-grte Rolle spielen, wenn sie auch bis jetzt kaum die gebhrende
-Beachtung gefunden haben. Kurz, die <em class="gesperrt">Bisexualitt</em>
-wird sich nicht in einem einzigen Augenblicke, sondern kann
-sich psychologisch nur im <em class="gesperrt">Nacheinander</em> offenbaren, ob
-nun diese Differenz der sexuellen Charakteristik in der Zeit
-dem Gesetze einer Periodizitt gehorche oder nicht, ob die
-Schwingung nach der Seite des einen Geschlechtes hin eine
-andere Amplitude habe als die Schwingung nach dem anderen
-Geschlechte hin, oder ob der mnnliche dem weiblichen
-Schwingungsbauche gleich sei (was durchaus nicht der
-Fall zu sein braucht, im Gegenteile nur ein Fall unter unzhligen
-gleich mglichen ist).</p>
-
-<p>Man drfte also wohl bereits prinzipiell, noch vor der Erprobung
-durch den ausgefhrten Versuch, zuzugeben geneigt
-sein, da das Prinzip der sexuellen Zwischenformen eine
-bessere charakterologische Beschreibung der Individuen ermglicht,
-indem es das Mischungsverhltnis zu suchen auffordert,
-in dem Mnnliches und Weibliches in jedem einzelnen<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
-zusammentreten, und die Elongation der Oszillationen zu bestimmen
-gebietet, deren ein Individuum nach beiden Seiten
-hin fhig ist. Wir geraten aber nun vor eine Frage, bezglich
-welcher die Darstellung sich <em class="gesperrt">hier</em> entscheiden mu,
-indem von ihrer Beantwortung der Gang der weiteren
-Untersuchung fast ausschlielich abhngt. Es handelt sich
-darum, ob diese zuerst das unendlich reiche Gebiet der
-sexuellen Zwischenstufen, <em class="gesperrt">die sexuelle Mannigfaltigkeit im
-Geistigen</em>, durchmessen und an besonders geeigneten Punkten
-zu mglichst getreuen Aufnahmen der Verhltnisse zu gelangen
-suchen soll, oder ob sie damit zu beginnen hat, <em class="gesperrt">die
-sexuellen Typen</em> festzulegen, die psychologische Konstruktion
-des idealen Mannes und des idealen Weibes vorzunehmen
-und zu vollenden, bevor sie die verschiedenen Mglichkeiten
-ihrer empirischen Vereinigung in concreto untersucht
-und prft, wie weit die auf deduktivem Wege gewonnenen
-Bilder sich mit der Wirklichkeit decken. Der erste Weg
-entspricht der Entwicklung, welche die Gedanken nach der
-allgemeinen Anschauung psychologisch immer nehmen, indem
-die Ideen aus der Wirklichkeit, die sexuellen Typen nur aus der
-allein realen sexuellen Mannigfaltigkeit geschpft werden
-knnen: er wre induktiv und analytisch. Der zweite wrde
-vor dem ersten den Vorzug der formal logischen Strenge
-haben: er wre deduktiv-synthetisch.</p>
-
-<p>Diesen anderen Weg habe ich aus dem Grunde nicht
-einschlagen wollen, weil die Anwendung zweier bereits wohl
-definierter Typen auf die konkrete Wirklichkeit jedermann
-leicht in voller Selbstndigkeit machen kann, indem sie nur die
-(fr jeden Fall ohnedies stets neu und besonders zu gewinnende)
-Kenntnis des <em class="gesperrt">Mischungsverhltnisses</em> beider voraussetzt,
-um schon die Mglichkeit zu gestatten, Theorie und Praxis zur
-Deckung zu bringen; sodann weil (gesetzt auch, es wrde die
-auerhalb der Kompetenz des Verfassers liegende Form historisch-biographischer
-Untersuchung gewhlt) Gesagtes immerfort
-zu wiederholen wre, und dem Interesse an den Einzelpersonen
-aller, der Theorie kein Gewinn mehr aus dieser
-Verzweigung ins Detail erwchse. Der erste, der induktive
-Weg ist darum nicht gangbar, weil in diesem Falle die<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>
-Menge der Wiederholungen auf den Teil entfiele, welcher
-die Tafel der Gegenstze der sexuellen Typen entrollen
-wrde, und zudem das vorhergehende Studium der sexuellen
-Zwischenstufen und die es begleitende Prparation der
-Typen langwierig, zeitraubend und ohne Nutzen fr den
-Leser wre.</p>
-
-<p>Eine andere Erwgung mute also die Einteilung bestimmen.</p>
-
-<p>Da die morphologische und physiologische Erforschung
-der sexuellen Extreme nicht meine Sache war, wurde nur das
-Prinzip der Zwischenformen, dieses aber nach allen Seiten
-hin, denen es Aufklrung bringen zu knnen schien, also
-auch vom biologischen Standpunkte aus behandelt. So bekam
-das Ganze der vorliegenden Arbeit seine Gestalt. Die
-eben erwhnte Betrachtung der Zwischenstufen bildet ihren
-ersten Teil, whrend der zweite die rein <em class="gesperrt">psychologische
-Analyse von M und W</em> in Angriff nehmen und so weit und
-tief als mglich fortzufhren trachten wird. Die konkreten
-Flle wird sich, in Anwendung der eventuell daselbst zu gewinnenden
-Erkenntnisse, ein jeder selbstttig immer zusammensetzen
-und sie mit den dort zu gewinnenden Anschauungen und
-Begriffen leicht abbilden knnen. Dieser zweite Teil wird sich
-auf die bekannten und gangbaren Meinungen ber die
-geistigen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nur sehr
-wenig sttzen knnen. Hier jedoch will ich, blo der Vollstndigkeit
-halber und ohne der Sache eine besondere Wichtigkeit
-beizumessen, die sexuellen Zwischenstufen des psychischen
-Lebens in aller Krze an einigen Punkten auftreten
-lassen, Punkten, die nur ein paar insgemein bekannte
-Eigentmlichkeiten, welche hier noch keiner nheren Analyse
-unterzogen werden sollen, in einigen Modifikationen sichtbar
-werden lassen.</p>
-
-<p>Weibliche Mnner haben oft ein ungemein starkes Bedrfnis
-zu heiraten, mgen sie (was ich erwhne, um Miverstndnissen
-vorzubeugen) materiell noch so glnzend gestellt
-sein. Sie sind es auch, die, wenn sie knnen, fast
-immer sehr jung in die Ehe treten. Es wird ihnen oft be<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>sonders
-schmeicheln, eine berhmte Frau, eine Dichterin
-oder Malerin, die aber auch eine Sngerin oder Schauspielerin
-sein kann, zur Gattin zu haben.</p>
-
-<p>Weibliche Mnner sind ihrer Weiblichkeit gem auch
-krperlich eitler als die anderen unter den Mnnern. Es gibt
-auch Mnner, die auf die Promenade gehen, um ihr Gesicht,
-welches, als Weibergesicht, die Absicht seines Trgers
-meist hinreichend verrt, bewundert zu fhlen und dann befriedigt
-nach Hause zu gehen. Das Urbild des Narci ist ein
-solcher Mann gewesen. Dieselben Personen sind natrlich
-auch, was Frisur, Kleidung, Schuhwerk, Wsche anlangt,
-ungemein sorgfltig, ihrer momentanen Krperhaltung und
-ihres Aussehens an jedem bestimmten Tage, der kleinsten
-Einzelheiten ihrer Toilette, des vorbergehendsten Blickes,
-der von anderer Menschen Augen auf sie fllt, sich fast ebenso
-bewut, wie W es stets ist, ja in Gang und Geberde oft geradezu
-kokett. Bei den Viragines hingegen nimmt man oft
-grobe Vernachlssigung der Toilette und Mangel an Krperpflege
-wahr; sie sind mit dem Ankleiden oft viel schneller
-fertig als mancher weibliche Mann. Das ganze Gecken-
-oder Gigerltum geht, ebenso wie zum Teile die Frauenemanzipation,
-auf die jetzige Vermehrung dieser Zwittergeschpfe
-zurck; das ist alles mehr als bloe Mode. Es
-fragt sich eben immer, <em class="gesperrt">warum</em> etwas zur Mode werden
-kann, und es gibt wohl berhaupt weniger bloe Mode,
-als der oberflchlich <em class="gesperrt">kritisierende</em> Zuschauer whnt.</p>
-
-<p>Je mehr von W eine Frau hat, desto weniger wird sie
-den Mann <em class="gesperrt">verstehen</em>, umso strker jedoch wird er <em class="gesperrt">in seiner
-geschlechtlichen Eigentmlichkeit</em> auf sie <em class="gesperrt">wirken</em>, um so
-mehr Eindruck als Mann auf sie machen. Dies ist nicht nur aus
-dem bereits erluterten Gesetze der sexuellen Anziehung zu verstehen,
-sondern geht darauf zurck, da eine Frau um so eher
-ihr Gegenteil aufzufassen in der Lage sein wird, je reiner
-weiblich sie ist. Umgekehrt wird einer, je mehr von M er
-hat, desto weniger W zu <em class="gesperrt">verstehen</em> in der Lage sein, desto
-<em class="gesperrt">eindringlicher</em> jedoch werden die Frauen ihrem ganzen
-<em class="gesperrt">ueren</em> Wesen nach, in ihrer Weiblichkeit, sich ihm
-<em class="gesperrt">darstellen</em>. Die sogenannten Frauenkenner, d.&nbsp;h. solche,<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>
-die nichts mehr sind als nur Frauenkenner, sind darum alle
-zum guten Teile selbst Weiber. Die weiblicheren Mnner
-wissen denn auch oft die Frauen viel besser zu behandeln als
-Vollmnner, die das erst nach langen Erfahrungen und, von
-ganz bestimmten Ausnahmen abgesehen, wohl berhaupt nie
-vllig erlernen.</p>
-
-<p>An diese paar Illustrationen, welche die Verwendbarkeit
-des Prinzipes an Beispielen veranschaulichen sollen, die
-absichtlich der <em class="gesperrt">trivialsten</em> Sphre der tertiren Geschlechtscharaktere
-entnommen wurden, mchte ich die naheliegenden
-Anwendungen schlieen, die sich mir aus ihm fr die Pdagogik
-zu ergeben scheinen. <em class="gesperrt">Eine</em> Wirkung nmlich erhoffe
-ich vor allem von einer allgemeinen Anerkennung des Gemeinschaftlichen,
-das diesen und den frheren Tatsachen wie so
-vielen anderen noch zu Grunde liegt: <em class="gesperrt">eine mehr individualisierende
-Erziehung</em>. Jeder Schuster, der den Fen das
-Ma nimmt, mu das Individualisieren besser verstehen als
-die heutigen Erzieher in Schule und Haus, die nicht zum
-lebendigen Bewutsein einer solchen moralischen Verpflichtung
-zu bringen sind! Denn bis jetzt erzieht man die sexuellen
-Zwischenformen (insbesondere unter den Frauen) im Sinne einer
-mglichst extremen Annherung an ein Mannes- oder Frauenideal
-von konventioneller Geltung, man bt eine geistige
-Orthopdie in der vollsten Bedeutung einer Tortur. Dadurch
-schafft man nicht nur sehr viel Abwechslung aus der Welt,
-sondern unterdrckt vieles, was keimhaft da ist und Wurzel
-fassen knnte, verrenkt anderes zu unnatrlicher Lage, zchtet
-Knstlichkeit und Verstellung.</p>
-
-<p>Die lngste Zeit hat unsere Erziehung uniformierend
-gewirkt auf alles, was mit einer mnnlichen, und auf alles,
-was mit einer weiblichen Geschlechtsregion zur Welt kommt.
-Gar bald werden Knaben und Mdchen in verschiedene
-Gewnder gesteckt, lernen verschiedene Spiele spielen, schon
-der Elementarunterricht ist gnzlich getrennt, die Mdchen
-lernen unterschiedslos Handarbeiten etc. etc. <em class="gesperrt">Die Zwischenstufen
-kommen da alle zu kurz.</em> Wie mchtig aber die
-Instinkte, die Determinanten ihrer Naturanlage, in derartig
-mihandelten Menschen sein knnen, das zeigt sich oft schon<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>
-<em class="gesperrt">vor</em> der Pubertt: Buben, die am liebsten mit Puppen spielen,
-sich von ihrem Schwesterlein hkeln und stricken lehren
-lassen, mit Vorliebe Mdchenkleidung anlegen und sich sehr
-gerne mit weiblichem Vornamen rufen hren; Mdchen, die
-sich unter die Knaben mischen, an deren wilderen Spielen
-teilnehmen wollen und oft auch von diesen ganz als ihresgleichen,
-kollegial behandelt werden. Immer aber kommt
-eine durch Erziehung von auen unterdrckte Natur <em class="gesperrt">nach</em>
-der Pubertt zum Vorschein: mnnliche Weiber scheren sich
-die Haare kurz, bevorzugen frackartige Gewnder, studieren,
-trinken, rauchen, klettern auf die Berge, werden passionierte
-Jgerinnen; weibliche Mnner lassen das Haupthaar lang
-wachsen, sie tragen Mieder, zeigen viel Verstndnis fr die
-Toilettesorgen der Weiber, mit denen sie vom gleichen
-Interesse getragene kameradschaftliche Gesprche zu fhren
-imstande sind; ja sie schwrmen denn auch oft aufrichtig
-von freundschaftlichem Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern,
-weibische Studenten z.&nbsp;B. von kollegialem Verhltnis
-zu den Studentinnen u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
-
-<p>Unter der schraubstockartigen Pressung in eine
-gleichmachende Erziehung haben Mdchen und Knaben
-gleich viel, die letzteren spter mehr unter ihrer Subsumtion
-unter das gleiche <em class="gesperrt">Gesetz</em>, die ersteren mehr unter der
-Schablonisierung durch die gleiche <em class="gesperrt">Sitte</em> zu leiden. Die hier
-erhobene Forderung wird darum, frchte ich, was die
-Mdchen betrifft, mehr passivem Widerstand in den <em class="gesperrt">Kpfen</em>
-begegnen als fr die Knaben. Hier gilt es vor allem, sich
-von der gnzlichen Falschheit der weit verbreiteten, von
-Autoritten des Tages weitergegebenen und immer wiederholten
-Meinung von der <em class="gesperrt">Gleichheit aller Weiber</em> (es
-gibt keine Unterschiede, keine Individuen unter den Weibern;
-wer eine kennt, kennt alle) grndlich zu berzeugen. <em class="gesperrt">Es
-gibt unter denjenigen Individuen, die W nher stehen
-als M</em> (den Frauen), <em class="gesperrt">zwar bei weitem nicht so viele
-Unterschiede und Mglichkeiten wie unter den
-brigen</em> &mdash; die grere Variabilitt der Mnnchen ist
-nicht nur fr den Menschen, sondern im Bereiche der ganzen
-Zoologie eine allgemeine Tatsache, die insbesondere von<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>
-<em class="gesperrt">Darwin</em> eingehend gewrdigt worden ist &mdash; <em class="gesperrt">aber noch
-immer Differenzen genug</em>. Die psychologische Genese
-jener so weit verbreiteten irrigen Meinung ist zum groen Teile
-die, da (vgl. Kapitel III) jeder Mann in seinem Leben nur
-<em class="gesperrt">eine</em> ganz bestimmte Gruppe von Frauen <em class="gesperrt">intimer</em> kennen
-lernt, die <em class="gesperrt">naturgesetzlich</em> alle untereinander viel Gemeinsames
-haben. Man hrt ja auch von Weibern fters, aus
-der gleichen Ursache und mit noch weniger Grund: die
-Mnner sind einer wie der andere. So erklren sich auch
-manche, gelinde gesagt, <em class="gesperrt">gewagte</em> Behauptungen vieler
-Frauenrechtlerinnen ber den Mann und die angeblich unwahre
-berlegenheit desselben: daraus nmlich, <em class="gesperrt">was fr</em>
-Mnner gerade <em class="gesperrt">sie</em> in der Regel nher kennen lernen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">In dem verschieden-abgestuften Beisammensein
-von M und W</em>, in dem wir ein <em class="gesperrt">Hauptprinzip aller
-wissenschaftlichen Charakterologie</em> erkannt haben,
-sehen wir somit auch eine von der speziellen Pdagogik zu
-beherzigende Tatsache vor uns.</p>
-
-<p>Die Charakterologie verhlt sich zu jener Psychologie,
-welche eine Aktualittstheorie des Psychischen eigentlich
-allein gelten lassen drfte, wie Anatomie zur Physiologie. Da
-sie stets ein theoretisches und praktisches Bedrfnis bleiben
-wird, ist es notwendig, unabhngig von ihrer erkenntnistheoretischen
-Grundlegung und Abgrenzung gegenber dem
-Gegenstande der allgemeinen Psychologie, Psychologie der
-individuellen Differenzen treiben zu drfen. Wer der Theorie
-vom psychophysischen Parallelismus huldigt, wird mit den
-prinzipiellen Gesichtspunkten der bisherigen Behandlung insoferne
-einverstanden sein, als fr ihn, ebenso wie ihm Psychologie
-im engeren Sinne und Physiologie (des Zentralnervensystems)
-Parallelwissenschaften sind, <em class="gesperrt">Charakterologie zur
-Schwester die Morphologie haben mu</em>. In der Tat, von
-der Verbindung von Anatomie und Charakterologie und der
-wechselseitigen Anregung, die sie voneinander empfangen
-knnen, ist fr die Zukunft noch Groes zu hoffen. Zugleich
-wrde durch ein solches Bndnis der <em class="gesperrt">psychologischen
-Diagnostik</em>, welche Voraussetzung jeder <em class="gesperrt">individualisierenden
-Pdagogik</em> ist, ein unschtzbares Hilfsmittel an die<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>
-Hand gegeben. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen, und
-mehr noch die Methode des <em class="gesperrt">morphologisch-charakterologischen
-Parallelismus</em> in ihrer <em class="gesperrt">weiteren</em> Anwendung
-gewhren uns nmlich den Ausblick auf eine Zeit, wo jene
-Aufgabe, welche die hervorragendsten Geister stets so mchtig
-angezogen und immer wieder zurckgeworfen hat, wo die
-<em class="gesperrt">Physiognomik</em> zu den Ehren einer wissenschaftlichen Disziplin
-endlich gelangen knnte.</p>
-
-<p>Das Problem der Physiognomik ist das Problem einer konstanten
-Zuordnung des <em class="gesperrt">ruhenden</em> Psychischen zum <em class="gesperrt">ruhenden</em>
-Krperlichen, wie das Problem der physiologischen Psychologie
-das einer gesetzmigen Zuordnung des <em class="gesperrt">bewegten</em> Psychischen
-zum <em class="gesperrt">bewegten</em> Krperlichen (womit keiner speziellen
-<em class="gesperrt">Mechanik</em> der Nervenprozesse das Wort geredet ist). Das
-eine ist gewissermaen <em class="gesperrt">statisch</em>, das andere eher rein <em class="gesperrt">dynamisch</em>;
-prinzipielle Berechtigung aber hat das eine Unternehmen
-ebensoviel oder ebensowenig wie das andere. Es ist also methodisch
-wie sachlich ein groes Unrecht, die Beschftigung mit
-der Physiognomik, ihrer enormen Schwierigkeiten halber, fr
-etwas so <em class="gesperrt">Unsolides</em> zu halten, wie das heute, mehr unbewut
-als bewut, in den wissenschaftlichen Kreisen der Fall
-ist und gelegentlich, z.&nbsp;B. gegenber den von <em class="gesperrt">Moebius</em> erneuerten
-Versuchen <em class="gesperrt">Galls</em>, die Physiognomie des geborenen
-Mathematikers aufzufinden, zu Tage tritt. Wenn es mglich
-ist, nach dem ueren eines Menschen, den man nie gekannt
-hat, sehr viel Richtiges ber seinen Charakter aus einer unmittelbaren
-Empfindung heraus, nicht auf Grund eines Schatzes
-bewuter oder unbewuter Erfahrungen, zu sagen &mdash; und es
-gibt Menschen, die diese Fhigkeit in hohem Mae besitzen
-&mdash; so kann es auch kein Ding der Unmglichkeit sein, zu
-einem wissenschaftlichen System dieser Dinge zu gelangen.
-Es handelt sich nur um die begriffliche Klrung gewisser
-starker Gefhle, um die Legung des Kabels nach dem Sprachzentrum
-(um mich sehr grob auszudrcken): eine Aufgabe, die
-allerdings oft ungemein schwierig ist.</p>
-
-<p>Im brigen: es wird noch lange dauern, bis die offizielle
-Wissenschaft die Beschftigung mit der Physiognomik nicht
-mehr als etwas hchst <em class="gesperrt">Unmoralisches</em> betrachten wird. Man<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>
-wird auf den psychophysischen Parallelismus genau so eingeschworen
-bleiben wie bisher und doch zu gleicher Zeit die
-Physiognomiker als Verlorene betrachten, als Charlatane, wie
-bis vor kurzem die Forscher auf hypnotischem Gebiete; trotzdem
-es keinen Menschen gibt, der nicht unbewut, keinen
-hervorragenden Menschen, der nicht bewut Physiognomiker
-wre. Der Redensart: Das sieht man ihm an der Nase an
-bedienen sich auch Leute, die von der Physiognomik als
-einer Wissenschaft nichts halten, und das Bild eines bedeutenden
-Menschen wie das eines Raubmrders interessiert gar
-sehr auch alle jene, die gar nie das Wort Physiognomik
-gehrt haben.</p>
-
-<p>In dieser Zeit der hochflutenden Literatur ber das Verhltnis
-des Physischen zum Psychischen, da der Ruf: Hie
-Wechselwirkung! von einer kleinen, aber mutigen und sich
-mehrenden Schar dem anderen Ruf einer kompakten Majoritt:
-Hie psychologischer Parallelismus! entgegengesetzt wird,
-wre es von Nutzen gewesen, auf diese Verhltnisse zu reflektieren.
-Man htte sich dann freilich die Frage vorlegen mssen,
-<em class="gesperrt">ob nicht die Setzung einer wie immer gearteten Korrespondenz
-zwischen Physischem und Psychischem eine
-bisher bersehene, apriorische, synthetische Funktion
-unseres Denkens ist</em>, was mir wenigstens dadurch
-sicher verbrgt scheint, da eben jeder Mensch die Physiognomik
-<em class="gesperrt">anerkennt</em>, insoferne jeder, <em class="gesperrt">unabhngig</em> von der
-<em class="gesperrt">Erfahrung</em>, Physiognomik <em class="gesperrt">treibt</em>. So wenig <em class="gesperrt">Kant</em> diese
-Tatsache bemerkt hat, so gibt sie doch seiner Auffassung
-recht, da ber das Verhltnis des Krperlichen zum Geistigen
-sich <em class="gesperrt">weiter</em> wissenschaftlich nichts beweisen noch ausmachen
-lt. Das Prinzip einer gesetzmigen Relation zwischen
-Psychischem und Materiellem <em class="gesperrt">mu daher als Forschungsgrundsatz
-heuristisch acceptiert werden</em>, und es
-bleibt der Metaphysik und Religion vorbehalten, ber die Art
-dieses Zusammenhanges, <em class="gesperrt">dessen Tatschlichkeit a priori
-fr jeden Menschen feststeht</em>, noch nhere Bestimmungen
-zu treffen.</p>
-
-<p>Ob nun Charakterologie in einer Verbindung mit Morphologie
-gehalten werde oder nicht, fr sie allein wie fr das<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>
-Resultat des koordinierten Betriebes beider, fr die Physiognomik,
-drfte es Geltung haben, da die beinahe gnzliche
-Erfolglosigkeit der bisherigen Versuche zur Begrndung
-solcher Wissenschaften zwar auch sonst tief genug in der Natur
-des schwierigen Unternehmens wurzelt, da aber immerhin dem
-Mangel an einer adquaten Methode nicht zum geringsten Teile
-dieses Milingen zugeschrieben werden mu. Dem Vorschlag,
-den ich im folgenden an Stelle einer solchen entwickle, verdanke
-ich die sichere Leitung durch manches Labyrinth; ich
-glaube daher nicht zgern zu sollen, ihn einer allgemeinen
-Beurteilung zu unterbreiten.</p>
-
-<p>Die einen unter den Menschen haben die Hunde gern
-und knnen die Katzen nicht ausstehen, die anderen sehen nur
-gerne dem Spiel der Ktzchen zu, und der Hund ist ihnen ein
-widerliches Tier. Man ist in solchen Fllen, und mit vielem
-Rechte, stets sehr stolz darauf gewesen, zu fragen: <em class="gesperrt">Warum</em>
-zieht der eine die Katze vor, der andere den Hund? Warum?
-Warum?</p>
-
-<p>Diese Fragestellung scheint jedoch gerade hier nicht
-sehr fruchtbar. Ich glaube nicht, da <em class="gesperrt">Hume</em>, und besonders
-<em class="gesperrt">Mach</em> recht haben, wenn sie keinen besonderen Unterschied
-zwischen <em class="gesperrt">simultaner</em> und <em class="gesperrt">succedaner</em> Kausalitt machen.
-Gewisse zweifellose formale Analogien werden da recht gewaltsam
-bertrieben, um den schwanken Bau des Systems zu
-sttzen. Das Verhltnis zweier Erscheinungen, die in der Zeit
-regelmig aufeinander<em class="gesperrt">folgen</em>, mit einer regelmigen
-Funktionalbeziehung verschiedener <em class="gesperrt">gleichzeitiger</em> Elemente
-zu identifizieren, geht nicht an: Nichts berechtigt in Wirklichkeit,
-von Zeit<em class="gesperrt">empfindungen</em> zu sprechen, und gar nichts,
-einen den anderen Sinnen koordinierten Zeitsinn anzunehmen;
-und wer wirklich das Zeitproblem erledigt glaubt, wenn er
-die Zeit und den Stundenwinkel der Erde nur eine und dieselbe
-Tatsache sein lt, der bersieht zum wenigsten dies, da, sogar
-im Falle als die Erde pltzlich mit ungleichfrmiger Geschwindigkeit
-um ihre Achse sich zu drehen anfinge, wir doch nach
-wie vor die eben apriorische Voraussetzung eines gleichfrmigen
-Zeitablaufes machen wrden. Die Unterscheidung der Zeit von
-den materialen Erlebnissen, auf welcher die Trennung der<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>
-succedanen von der simultanen Abhngigkeit beruht, und
-damit die Frage nach der <em class="gesperrt">Ursache</em> von <em class="gesperrt">Vernderungen</em>,
-die Frage nach dem <em class="gesperrt">Warum</em> sind wohlberechtigt und fruchtbringend,
-wo Bedingendes und Bedingtes in <em class="gesperrt">zeitlicher</em> Abfolge
-<em class="gesperrt">nacheinander</em> auftreten. In dem oben als Beispiel individualpsychologischer
-Fragestellung angefhrten Falle jedoch sollte
-man in der empirischen Wissenschaft, welche als solche das
-regelmige Zusammensein einzelner Zge in einem Komplexe
-keineswegs durch die metaphysische Annahme einer <em class="gesperrt">Substanz
-erklrt</em>, nicht sowohl nach dem Warum forschen, sondern zunchst
-untersuchen: <em class="gesperrt">Wodurch unterscheiden sich
-Katzen- und Hundeliebhaber</em> noch?</p>
-
-<p>Die Gewhnung, stets diese Frage nach den korrespondierenden
-<em class="gesperrt">anderen</em> Unterschieden zu stellen, wo zwischen
-Ruhendem <em class="gesperrt">ein</em> Unterschied bemerkt worden ist, wird nicht
-nur der Charakterologie, wie ich glaube, von groem Nutzen
-sein knnen, sondern auch der reinen Morphologie und somit
-naturgem die Methode ihrer Verbindung, der Physiognomik,
-werden. <em class="gesperrt">Aristoteles</em> ist es bereits aufgefallen, da viele
-Merkmale bei den Tieren nie unabhngig voneinander variieren.
-Spter haben, zuerst bekanntlich <em class="gesperrt">Cuvier</em>, sodann <em class="gesperrt">Geoffroy</em>
-St. <em class="gesperrt">Hilaire</em> und <em class="gesperrt">Darwin</em> diese Erscheinungen der Korrelation
-zum Gegenstande eingehenden Studiums gemacht. Das
-Bestehen konstanter Beziehungen kann hie und da leicht aus
-einem einheitlichen Zwecke verstanden werden: so wird man
-es teleologisch geradezu erwarten, da, wo der Verdauungskanal
-fr Fleischnahrung adaptiert ist, auch Kauapparate
-und Organe fr das Ergreifen von Beute vorhanden sein
-mssen. Warum aber alle Wiederkuer auch Zweihufer und
-im mnnlichen Geschlechte Hrnertrger sind, warum Immunitt
-gegen gewisse Gifte bei manchen Tieren stets mit
-einer bestimmten Haarfarbe einhergeht, warum unter den
-Tauben die Spielarten mit kurzem Schnabel kleine, die mit
-langem Schnabel groe Fe haben, oder gar, warum weie
-Katzen mit blauen Augen immer taub sind, solche Regelmigkeiten
-des Nebeneinander sind weder aus einem einzigen
-offenbaren Grunde noch auch unter dem Gesichtspunkte
-eines einheitlichen Zweckes zu begreifen. Damit ist natrlich<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>
-nicht gesagt, da die Forschung nun prinzipiell in alle Ewigkeit
-mit der bloen Konstatierung eines steten Beisammenseins
-sich zu begngen habe. Das wre ja so, als wrde jemand
-zum ersten Male wissenschaftlich vorzugehen behaupten,
-indem er sich darauf <em class="gesperrt">beschrnke, vorzufinden</em>: Wenn ich in
-einen Automaten ein Geldstck werfe, so kommt eine Schachtel
-Zndhlzer heraus; was darber gehe, sei Metaphysik und
-von bel, das Kriterium des echten Forschers sei Resignation.
-Probleme der Art, woher es komme, da langes Kopfhaar
-und zwei normale Ovarien sich fast ausnahmslos in denselben
-Menschen vereinigt finden, sind von der grten Bedeutung;
-aber sie fallen eben nicht in den Bereich der <em class="gesperrt">Morphologie</em>,
-sondern in den der <em class="gesperrt">Physiologie</em>. Vielleicht ist ein <em class="gesperrt">Ziel</em> einer
-<em class="gesperrt">idealen Morphologie</em> mit der Anschauung gut bezeichnet,
-da diese <em class="gesperrt">in einem deduktiv-synthetischen Teile</em> nicht
-jeder einzeln existierenden Art und Spielart nachkriechen
-solle in Erdlcher und nachtauchen auf den Meeresgrund &mdash;
-das ist die Wissenschaftlichkeit des Briefmarkensammlers &mdash;
-sondern aus einer <em class="gesperrt">vorgegebenen Anzahl</em> qualitativ und
-quantitativ genau bestimmter Stcke in der Lage sein werde,
-den <em class="gesperrt">ganzen</em> Organismus zu konstruieren, nicht auf Grund einer
-Intuition, wie dies ein <em class="gesperrt">Cuvier</em> vermochte, sondern in strengem
-Beweisverfahren. Ein Organismus nmlich, von dem man ihr
-irgend eine Eigenschaft genau bekanntgegeben htte, mte
-fr diese Wissenschaft der Zukunft bereits noch durch eine
-andere, nun nicht mehr willkrliche, sondern damit in ebensolcher
-Genauigkeit bereits bestimmbare Eigenschaft beschrnkt
-sein. In der Sprache der Thermodynamik unserer Tage
-liee sich das ebensogut durch die Forderung ausdrcken,
-da fr eine solche <em class="gesperrt">deduktive</em> Morphologie der Organismus
-nur eine endliche Zahl von Freiheitsgraden besitzen drfte.
-Oder man knnte, eine lehrreiche Ausfhrung <em class="gesperrt">Machs</em> bentzend,
-verlangen, da auch die organische Welt, sofern sie
-wissenschaftlich begreifbar und darstellbar, eine solche sei,
-in der zwischen n Variablen eine Zahl von Gleichungen bestehe,
-die kleiner sei als n (und zwar gleich n-1, wenn sie durch
-ein wissenschaftliches System <em class="gesperrt">eindeutig</em> bestimmbar sein
-soll; die Gleichungen wrden bei geringerer Zahl zu unbe<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>stimmten
-Gleichungen werden, und bei einer greren Zahl
-knnte der durch eine Gleichung ausgesagten Abhngigkeit
-von einer zweiten ohne weiters widersprochen werden).</p>
-
-<p>Dies ist die logische Bedeutung des Korrelationsprinzipes
-in der Biologie: es enthllt sich als die Anwendung
-des <em class="gesperrt">Funktionsbegriffes</em> auf das Lebendige, und darum
-liegt in der Mglichkeit <em class="gesperrt">seiner</em> Ausbreitung und Vertiefung
-die Hoffnung auf eine theoretische Morphologie hauptschlich
-begrndet. Die kausale Forschung ist damit nicht ausgeschlossen,
-sondern erst auf ihr eigenstes Gebiet verwiesen.
-Im <em class="gesperrt">Idioplasma</em> wird sie wohl die Grnde jener Tatsachen
-aufzufinden trachten mssen, die dem Korrelationsprinzipe
-zu Grunde liegen.</p>
-
-<p>Die Mglichkeit einer <em class="gesperrt">psychologischen</em> Anwendung
-des Prinzipes der korrelativen Abnderung liegt nun in der
-differentiellen Psychologie, in der <em class="gesperrt">psychologischen
-Variettenlehre</em>, vor. Und die eindeutige Zuordnung von anatomischem
-Habitus und geistigem Charakter wird zur Aufgabe
-der <em class="gesperrt">statischen Psychophysik oder Physiognomik</em>. Die
-Forschungsregel aller drei Disziplinen wird aber die Frage
-zu sein haben, worin sich zwei Lebewesen, die in einer Beziehung
-ein differentes Verhalten gezeigt haben, <em class="gesperrt">noch</em> unterscheiden.
-Die hier geforderte Art der Fragestellung scheint mir
-der einzig denkbare Methodus inveniendi, gleichsam die Ars
-magna jener Wissenschaften, und geeignet, die ganze Technik
-des Betriebes derselben zu durchdringen. Man wird nun, um
-einen charakterologischen Typus zu ergrnden, nicht mehr blo
-durch die nur bohrende Frage nach dem Warum, unter mglichst
-hermetischer Absperrung, in einem Loche hartes Erdreich
-aufzugraben sich mhen, nicht wie jene stereotropischen
-Wrmer <em class="gesperrt">Jacques Loebs</em> an einem Dreikant immer von
-neuem sich verbluten, nicht durch Scheuklappen die Aussicht
-auf das erreichbare Daneben sich versperren, um geradeaus
-in der Tiefendimension dem aller nur <em class="gesperrt">empirischen</em> Wissenschaft
-unerforschlichen Grunde nachzuschnaufen. Wenn jedesmal,
-ohne irgend welche Nachlssigkeit oder Rcksicht auf
-Bequemlichkeit, beim Sichtbarwerden <em class="gesperrt">einer</em> Differenz der Vorsatz
-gefat wird, auf die <em class="gesperrt">anderen</em> Differenzen zu achten, die<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span>
-nach dem Prinzipe unausweichlich <em class="gesperrt">noch</em> da sein mssen; wenn
-jedesmal den unbekannten Eigenschaften, welche mit der zur
-Abhebung gelangten in Funktionalzusammenhang stehen, ein
-Aufpasser im Intellekte bestellt wird, dann ist die Aussicht,
-die neuen Korrelationen zu entdecken, bedeutend vermehrt:
-ist nur die Frage gestellt, so wird sich die Antwort, je nach
-der Ausdauer und Wachsamkeit des Beobachters und der
-Gunst des ihm zur Prfung beschiedenen Materials, frher oder
-spter einstellen.</p>
-
-<p>Jedenfalls wird man, im bewuten Gebrauche dieses
-Prinzipes, nicht mehr lediglich darauf angewiesen sein zu
-warten, bis endlich einem Menschen durch die glckliche Laune
-einer gedanklichen Konstellation das konstante Beisammensein
-zweier Dinge im selben Individuum <em class="gesperrt">auffllt</em>, sondern
-man wird lernen, immer <em class="gesperrt">sofort</em> nach dem ebenfalls vorhandenen
-<em class="gesperrt">zweiten</em> Ding zu <em class="gesperrt">fragen</em>. Denn wie sehr ist nicht bisher
-alle Entdeckung auf den Zufall einer gnstigen Konjunktur
-der Vorstellungen in dem Geiste eines Menschen beschrnkt
-gewesen! Welch groe Rolle spielt hier nicht die Willkr der
-Umstnde, die zwei heterogene Gedankengruppen im geeigneten
-Moment zu jener gegenseitigen Kreuzung zu fhren
-vermgen, aus der das Kind, die neue Einsicht und Anschauung,
-einzig geboren werden kann! Diese Rolle zu vermindern,
-scheint die neue Fragestellung und der Wille, sie in jedem
-Einzelfalle zu befolgen, auerordentlich befhigt. Bei der
-Succession der Wirkung auf die Ursache ist die psychologische
-Veranlassung zur Frage aus dem Grunde eher da,
-weil jede Verletzung der Stabilitt und Kontinuitt in
-einem vorhandenen psychischen Bestande unmittelbar beunruhigend
-wirkt, eine Vitaldifferenz setzt (<em class="gesperrt">Avenarius</em>). <em class="gesperrt">Wo
-gleichzeitige Abhngigkeit besteht, fllt aber diese
-Triebkraft weg.</em> Darum knnte diese Methode dem Forscher
-selbst inmitten seiner Ttigkeit die grten Dienste leisten,
-ja den Fortschritt der Wissenschaft insgesamt beschleunigen;
-die Erkenntnis von der heuristischen Anwendbarkeit des
-Korrelationsprinzipes es wre eine Einsicht, die fortzeugend
-immer neue Einsicht knnte gebren helfen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span><a name="V_VI_Kapitel" id="V_VI_Kapitel"><small>VI. Kapitel.</small></a><br />
-
-Die emanzipierten Frauen.</h2>
-
-
-<p>Im unmittelbaren Anschlu an die differentiell-psychologische
-Verwertung des Prinzipes der sexuellen Zwischenformen
-mu zum ersten Male auf jene Frage eingegangen
-werden, deren theoretischer und praktischer Lsung dieses
-Buch recht eigentlich gewidmet ist, soweit sie nicht theoretisch
-eine Frage der Ethnologie und Nationalkonomie, also der
-Sozialwissenschaft im weitesten Sinne, praktisch eine Frage
-der Rechts- und Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist:
-auf die <em class="gesperrt">Frauenfrage</em>. Die Antwort, welche dieses Kapitel
-auf die Frauenfrage geben soll, ist indes nicht eine, mit der
-fr das Ganze der Untersuchung das Problem erledigt wre.
-Sie ist vielmehr blo eine vorlufige, da sie nicht mehr geben
-kann, als aus den bisherigen Prinzipien ableitbar ist. Sie
-bewegt sich gnzlich in den Niederungen der Einzelerfahrung,
-von der sie nicht zu allgemeinen Grundstzen von tieferer
-Bedeutung sich zu erheben trachtet; die praktischen Anweisungen,
-die sie gibt, sind keine Maximen eines sittlichen
-Verhaltens, das knftige Erfahrung regulieren sollte oder
-knnte, sondern nur aus vergangener Erfahrung abstrahierte
-technische Regeln zu einem sozialditetischen Gebrauche. Der
-Grund ist, da hier noch keineswegs an die Erfassung des
-mnnlichen und weiblichen Typus geschritten wird, die Sache
-des zweiten Teiles verbleibt. Diese provisorische Betrachtung
-soll nur diejenigen charakterologischen <em class="gesperrt">Ergebnisse des
-Prinzipes der Zwischenformen bringen, welche fr die
-Frauenfrage von Bedeutung sind</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>
-
-Wie diese Anwendung ausfallen wird, liegt nach dem
-Bisherigen ziemlich offen zu Tage. Sie gipfelt darin, da
-<em class="gesperrt">Emanzipationsbedrfnis und Emanzipationsfhigkeit
-einer Frau nur in dem Anteile an M begrndet liegt,
-den sie hat</em>. Der Begriff der Emanzipation ist aber ein
-<em class="gesperrt">vieldeutiger</em>, und seine Unklarheit zu steigern lag im
-Interesse aller jener mit dem Worte oft verfolgten praktischen
-Absichten, die theoretische Einsichten zu vertragen nicht vermochten.
-Unter der Emanzipiertheit einer Frau verstehe ich
-weder die Tatsache, da in ihrem Hause sie das Regiment
-fhrt und der Gatte keinen Widerspruch mehr wagt, noch
-den Mut, ohne schtzenden Begleiter zur Nachtzeit unsichere
-Gegenden zu passieren; weder ein Hinwegsetzen ber konventionelle
-gesellschaftliche Formen, welche der Frau das
-Alleinleben fast verbieten, es nicht dulden, da sie einem
-Manne einen Besuch abstatte, und die Berhrung sexueller
-Themen durch sie selbst oder durch andere in ihrer Gegenwart
-verpnen; noch schlielich die Suche nach einem selbstndigen
-Erwerb, sei als Mittel zu diesem nun die Handelsschule
-oder das Universittsstudium, das Konservatorium oder
-die Lehrerinnenbildungsanstalt gewhlt. Vielleicht gibt es
-noch weitere Dinge, die samt und sonders unter dem groen
-Schilde der Emanzipationsbewegung sich bergen, doch soll
-auf diese vorderhand nicht eingegangen werden. Die Emanzipation,
-die ich im Sinne habe, ist auch nicht der Wunsch
-nach der uerlichen Gleich<em class="gesperrt">stellung</em> mit dem Manne, sondern
-<em class="gesperrt">problematisch</em> ist dem hier vorliegenden Versuche, zur
-Klarheit in der Frauenfrage zu gelangen, der <em class="gesperrt">Wille</em> eines
-<em class="gesperrt">Weibes</em>, dem Manne <em class="gesperrt">innerlich gleich zu werden</em>, zu
-seiner geistigen und moralischen Freiheit, zu seinen Interessen
-und seiner Schaffenskraft zu gelangen. Und was nun
-behauptet wird, ist dies, <em class="gesperrt">da W gar kein Bedrfnis und
-dementsprechend auch keine Fhigkeit zu dieser
-Emanzipation hat. Alle wirklich nach Emanzipation
-strebenden, alle mit einem gewissen Recht berhmten
-und geistig irgendwie hervorragenden Frauen weisen
-stets zahlreiche mnnliche Zge auf, und es sind an
-ihnen dem schrferen Blicke auch immer anatomisch<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>-mnnliche
-Charaktere, ein krperlich dem Manne angenhertes
-Aussehen, erkennbar.</em> Nur den <em class="gesperrt">vorgerckteren</em>
-sexuellen Zwischenformen, man knnte beinahe schon
-sagen jenen sexuellen Mittelstufen, die gerade noch den
-Weibern beigezhlt werden, entstammen jene Frauen der
-Vergangenheit wie der Gegenwart, die von mnnlichen und
-weiblichen Vorkmpfern der Emanzipationsbestrebungen zum
-Beweise fr die groen Leistungen von <em class="gesperrt">Frauen</em> immer mit
-Namen angefhrt werden. Gleich die erste der geschichtlichen
-Abfolge nach, gleich <em class="gesperrt">Sappho</em> ist <em class="gesperrt">kontrr</em>sexuell, ja von ihr
-schreibt sich die Bezeichnung eines geschlechtlichen Verhltnisses
-zwischen Frauen mit dem Namen der sapphischen oder
-lesbischen Liebe her. Hier sehen wir, wie uns die Errterungen
-des dritten und vierten Kapitels zugute kommen fr eine Entscheidung
-in der Frauenfrage. Das charakterologische Material,
-welches uns ber die sogenannten bedeutenden Frauen, also
-ber die de facto Emanzipierten, zu Gebote steht, ist zu
-drftig, seine Interpretation zu vielem Widerspruche ausgesetzt,
-als da wir uns seiner mit der Hoffnung bedienen
-knnten, eine <em class="gesperrt">zufriedenstellende</em> Lsung zu geben. Wir
-bedurften eines Prinzipes, welches die Stellung eines Menschen
-zwischen M und W unzweideutig festzustellen gestattete.
-Ein solches Prinzip wurde gefunden in dem Gesetze der
-sexuellen Anziehung zwischen Mann und Weib. Seine Anwendung
-auf das Problem der Homosexualitt ergab, da die
-zur Frau sexuell hingezogene Frau eben ein halber Mann ist.
-Damit ist aber fr den historischen Einzelnachweis der These,
-da der Grad der Emanzipiertheit einer Frau mit dem Grade
-ihrer Mnnlichkeit identisch ist, so ziemlich alles gewonnen,
-dessen wir bedrfen. Denn Sappho <em class="gesperrt">leitet</em> die Reihe jener
-Frauen, die auf der Liste weiblicher Berhmtheiten stehen
-und die zugleich homo- oder mindestens bisexuell empfanden,
-<em class="gesperrt">nur ein</em>. Man hat Sappho von philologischer Seite sehr eifrig
-von dem Verdachte zu reinigen gesucht, da sie wirkliche,
-das blo Freundschaftliche bersteigende Liebesverhltnisse
-mit Frauen unterhalten habe, als ob dieser Vorwurf, wenn
-er gerechtfertigt wre, eine Frau sittlich sehr stark herabwrdigen
-mte. Da dem keineswegs so ist, da eine unsinn<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>liche
-homosexuelle Liebe gerade das Weib mehr ehrt als das
-heterosexuelle Verhltnis, das wird aus dem zweiten Teile
-noch klar hervorgehen. Hier genge die Bemerkung, da die
-Neigung zu lesbischer Liebe in einer Frau eben <em class="gesperrt">Ausflu
-ihrer Mnnlichkeit, diese aber Bedingung ihres
-Hherstehens ist</em>. <em class="gesperrt">Katharina II. von Ruland</em> und die
-Knigin <em class="gesperrt">Christine von Schweden</em>, nach einer Angabe die
-hochbegabte taubstummblinde <em class="gesperrt">Laura Bridgman</em>, sowie
-sicherlich die <em class="gesperrt">George Sand</em> sind zum Teil bisexuell, zum
-Teil ausschlielich homosexuell, ebenso wie alle Frauen und
-Mdchen von auch nur einigermaen in Betracht kommender
-Begabung, die ich selbst kennen zu lernen Gelegenheit hatte.</p>
-
-<p>Was nun aber jene groe Zahl emanzipierter Weiber betrifft,
-ber die keine Zeugnisse lesbischen Empfindens vorliegen,
-so verfgen wir hier fast immer ber andere Indizien,
-welche beweisen, da es keine willkrliche Behauptung und
-auch kein engherziger, fr das mnnliche Geschlecht eben <em class="gesperrt">alles</em>
-zu reklamieren gieriger, habschtiger Egoismus ist, wenn ich
-von der Mnnlichkeit aller Frauen spreche, die man sonst mit
-einigem Rechte fr die hhere Befhigung des Weibes anfhrt.
-Denn wie die bisexuellen Frauen entweder mit mnnlichen
-Weibern oder mit weiblichen Mnnern in geschlechtlichem
-Verkehre stehen, so werden auch die heterosexuellen Frauen
-ihren Gehalt an Mnnlichkeit noch immer dadurch offenbaren,
-da ihr sexuelles Komplement auf Seite der Mnner nie ein
-echter Mann sein wird. Die berhmtesten unter den vielen Verhltnissen
-der <em class="gesperrt">George Sand</em> sind das mit <em class="gesperrt">Musset</em>, dem weibischesten
-Lyriker, den die Geschichte kennt, und mit <em class="gesperrt">Chopin</em>,
-den man sogar als den einzigen weiblichen Musiker bezeichnen
-knnte &mdash; so weibisch ist er.<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> <em class="gesperrt">Vittoria Colonna</em> ist weniger
-berhmt durch ihre eigene dichterische Produktion geworden
-als durch die Verehrung, die <em class="gesperrt">Michel Angelo</em> fr sie gehegt hat,
-der sonst nur zu Mnnern in erotischem Verhltnis gestanden
-ist. Die Schriftstellerin <em class="gesperrt">Daniel Stern</em> war die Geliebte des<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>selben
-<em class="gesperrt">Franz Liszt</em>, dessen Leben und Lebenswerk durchaus
-immer etwas Weibliches an sich hat, dessen Freundschaft fr
-den auch nicht vollkommen mnnlichen und jedenfalls etwas
-pderastisch veranlagten <em class="gesperrt">Wagner</em> fast ebensoviel Homosexualitt
-in sich schlo, wie die schwrmerische Verehrung, die
-dem letzteren von Knig <em class="gesperrt">Ludwig</em> II. von <em class="gesperrt">Bayern</em> entgegengebracht
-wurde. Von Mme. <em class="gesperrt">de Stael</em>, deren Schrift ber
-Deutschland vielleicht als das bedeutendste Buch von Frauenhand
-angesehen werden mu, ist es wahrscheinlich, da sie in
-sexuellen Beziehungen zu dem homosexuellen Hauslehrer ihrer
-Kinder, zu <em class="gesperrt">August Wilhelm Schlegel</em>, gestanden ist. <em class="gesperrt">Klara
-Schumanns</em> Gatten wrde man blo dem Gesichte nach zu
-gewissen Zeiten seines Lebens eher fr ein Weib halten, denn
-fr einen Mann, und auch in seiner Musik ist viel, wenn auch
-nicht immer gleich viel, Weiblichkeit.</p>
-
-<p>Wo alle Angaben ber die Menschen fehlen, zu welchen
-eine sexuelle Beziehung bestand, oder solche Personen berhaupt
-nicht genannt werden, da ist oft reichlich Ersatz in kleinen
-Mitteilungen, die ber das uere berhmter Frauen auf uns
-gelangt sind: sie zeigen, wie die Mnnlichkeit jener Frauen auch
-physiognomisch in Antlitz und Gestalt zum Ausdruck kommt
-und besttigen auf diese Weise, ebenso wie die von jenen
-Frauen erhaltenen Portrts, die Richtigkeit der hier vertretenen
-Anschauung. Es ist die Rede von <em class="gesperrt">George Eliots</em> breiter,
-mchtiger Stirn: ihre Bewegungen wie ihr Mienenspiel
-waren scharf und bestimmt, es fehlte ihnen aber die anmutige
-weibliche Weichheit; von dem <em class="gesperrt">scharfen</em>, geistvollen Gesicht
-<em class="gesperrt">Lavinia Fontanas</em>, das uns seltsam anmutet. Die Zge
-der <em class="gesperrt">Rachel Ruysch</em> tragen einen Charakter von fast
-mnnlicher Bestimmtheit an sich. Der Biograph der originellsten
-Dichterin, der <em class="gesperrt">Annette von Droste-Hlshoff</em>,
-berichtet von ihrer elfenhaft schlanken, zarten Gestalt; und
-das Gesicht dieser Knstlerin ist von einem Ausdruck strenger
-Mnnlichkeit, der ganz entfernt an <em class="gesperrt">Dantes</em> Zge erinnert. Die
-Schriftstellerin und Mathematikerin <em class="gesperrt">Sonja Kowalewska</em> hatte,
-ebenso wie schon Sappho, einen abnorm geringen Haarwuchs des
-Kopfes, einen geringeren noch, als die Dichterinnen und Studentinnen
-von heutzutage ihn gewhnlich haben, die sich regel<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>mig,
-wenn die Frage nach den geistigen Leistungen des
-Weibes aufgeworfen wird, zuerst auf sie berufen. Und wer
-im Gesichte der hervorragendsten Malerin, der <em class="gesperrt">Rosa Bonheur</em>,
-auch nur <em class="gesperrt">einen</em> weiblichen Zug wahrzunehmen behauptete,
-der wre durch den Klang des Namens in die Irre
-gefhrt. Sehr mnnlich von Ansehen ist auch die berhmte
-<em class="gesperrt">Helene Petrowna Blavatsky</em>. Von den noch lebenden
-produktiven und emanzipierten Frauen habe ich mit Absicht
-keine erwhnt, sondern geschwiegen, obwohl <em class="gesperrt">sie</em> mir, wie
-den Anreiz zu manchen der ausgesprochenen Gedanken, so
-auch die allgemeinste Besttigung meiner Ansicht geliefert
-haben, da das echte Weib, da W mit der Emanzipation
-des Weibes nichts zu schaffen hat. Die historische
-Nachforschung mu dem Volksmund recht geben, der ihr
-Resultat lngst vorweggenommen hat: Je lnger das Haar,
-desto krzer der Verstand. Dieses Wort trifft zu mit der im
-zweiten Kapitel gemachten Einschrnkung.</p>
-
-<p>Und was die emanzipierten Frauen anlangt: <em class="gesperrt">Nur der
-Mann in ihnen ist es, der sich emanzipieren will.</em></p>
-
-<p>Es hat einen tieferen Grund, als man glaubt, warum die
-schriftstellernden Frauen so oft einen Mnnernamen annehmen:
-sie fhlen sich eben beinahe als Mann, und bei Personen wie
-<em class="gesperrt">George Sand</em> entspricht dies vllig ihrer Neigung zu mnnlicher
-Kleidung und mnnlicher Beschftigung. Das Motiv
-zur Wahl eines mnnlichen Pseudonyms mu in dem Gefhle
-liegen, da nur ein solches der eigenen Natur korrespondiert;
-es kann nicht in dem Wunsche nach grerer Beachtung
-und Anerkennung von Seite der ffentlichkeit wurzeln. Denn
-was Frauen produzieren, hat seit jeher, infolge der damit verbundenen
-geschlechtlichen Pikanterie, mehr Aufmerksamkeit
-erregt als, ceteris paribus, die Schpfungen von Mnnern, und ist,
-wegen der von Anfang an immer tiefer gestimmten Ansprche,
-stets nachsichtiger behandelt, wenn es gut war, stets unvergleichlich
-hher gepriesen worden, als was Mnner gleich Gutes geleistet
-hatten. So ist das besonders heutzutage, und es gelangen
-noch fortwhrend Frauen durch Produkte zu groem Ansehen,
-von denen man kaum Notiz nehmen wrde, wenn sie mnnlichen
-Ursprunges wren. Es ist Zeit, hier zu sondern und<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>
-auszuscheiden. Man nehme nur zum Vergleiche die mnnlichen
-Schpfungen, welche die Literatur-, Philosophie-, Wissenschafts-
-und Kunstgeschichte gelten lassen und gebrauche
-diese als Mastab: und man wird die immerhin nicht unbetrchtliche
-Zahl jener Frauen, die als bedeutende Geister
-immer wieder angefhrt werden, gleich auf den ersten Schlag
-klglich zusammenschrumpfen sehen. In der Tat gehrt sehr
-viel Milde und Laxheit dazu, um Frauen wie <em class="gesperrt">Angelika
-Kauffmann</em> oder <em class="gesperrt">Mme. Lebrun</em>, <em class="gesperrt">Fernan Caballero</em> oder
-<em class="gesperrt">Hroswitha von Gandersheim</em>, <em class="gesperrt">Mary Somerville</em> oder
-<em class="gesperrt">George Egerton</em>, <em class="gesperrt">Elizabeth Barrett Browning</em> oder
-<em class="gesperrt">Sophie Germain</em>, <em class="gesperrt">Anna Maria Schurmann</em> oder <em class="gesperrt">Sibylla
-Merian</em> auch nur ein Titelchen von <em class="gesperrt">Bedeutung</em> beizulegen.
-Ich will davon nicht reden, wie sehr auch die frheren, als
-Beispiele der Viraginitt genannten Frauen im einzelnen
-berschtzt werden; ich will auch das Ma des Ruhmes nicht
-kritisieren, den die lebenden weiblichen Knstlerinnen geerntet
-haben. Es genge die allgemeine Feststellung, da keine
-einzige unter <em class="gesperrt">allen</em> Frauen der Geistesgeschichte auch nur
-mit mnnlichen Genien fnften und sechsten Ranges, wie ihn,
-um Beispiele anzufhren, etwa <em class="gesperrt">Rckert</em> unter den Dichtern,
-<em class="gesperrt">van Dyck</em> unter den Malern, <em class="gesperrt">Schleiermacher</em> unter den
-Philosophen einnehmen, in concreto wahrhaft verglichen
-werden kann.</p>
-
-<p>Scheiden wir die hysterischen Visionrinnen, wie <em class="gesperrt">die
-Sibyllen</em>, die <em class="gesperrt">Pythien von Delphi</em>, die <em class="gesperrt">Bourignon</em> und die
-<em class="gesperrt">Klettenberg</em>, <em class="gesperrt">Jeanne de la Motte Guyon</em>, <em class="gesperrt">Johanna
-Southcott</em>, <em class="gesperrt">Beate Sturmin</em>, oder die <em class="gesperrt">heilige Therese</em>
-vorderhand aus, so bleiben nun noch Flle wie die der <em class="gesperrt">Marie
-Bashkirtseff</em>. Diese ist (soweit ich es nach der Erinnerung
-an ihr Bild zu sagen vermag) allerdings von ausgesprochen
-weiblichem Krperbau gewesen, bis auf die Stirn, die mir
-einen etwas mnnlichen Eindruck gemacht hat. Aber wer in
-der Salle des trangers im Pariser Luxembourg ihre Bilder
-neben denen des von ihr geliebten <em class="gesperrt">Bastien-Lepage</em> hat
-hngen sehen, der wei, da sie den Stil desselben nicht
-anders und nicht minder vollkommen angenommen hat als Ottilie
-die Handschrift Eduards in Goethes Wahlverwandtschaften.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>
-
-Den langen Rest bilden jene zahlreichen Flle, wo ein
-allen Mitgliedern einer Familie eigentmliches <em class="gesperrt">Talent</em> zufllig
-in einem <em class="gesperrt">weiblichen</em> Mitgliede am strksten hervortritt, ohne
-da dieses im geringsten genial zu sein braucht. Denn nur
-das Talent wird vererbt, nicht das Genie. <em class="gesperrt">Margaretha van
-Eyck</em> und <em class="gesperrt">Sabine von Steinbach</em> geben hier nur das
-Paradigma ab fr eine lange Reihe jener Knstlerinnen, von
-denen nach Ernst <em class="gesperrt">Guhl</em>, einem den kunstbenden Frauen
-auerordentlich gewogenen Autor, uns ausdrcklich berliefert
-wird, da sie durch Vater, Mutter oder Bruder zur
-Kunst angeleitet worden sind, oder da sie, mit anderen
-Worten, den Anla zum Knstlerberuf in der eigenen Familie
-gefunden haben. Es sind deren zweihundert bis dreihundert,
-und wieviele Hunderte mgen noch auerdem durch ganz
-hnliche Einflsse zu Knstlerinnen geworden sein, ohne da
-die Geschichte deren Erwhnung tun konnte! Um die Bedeutung
-dieser Zahlenangaben zu wrdigen, mu man in
-Betracht ziehen, da <em class="gesperrt">Guhl</em> kurz vorher von den beilufig
-tausend Namen, die uns von weiblichen Knstlern bekannt
-sind, spricht.</p>
-
-<p>Hiemit sei die historische Revue ber die emanzipierten
-Frauen zum Abschlu gebracht. Sie hat der Behauptung,
-da echtes Emanzipationsbedrfnis und wahres Emanzipationsvermgen
-in der Frau Mnnlichkeit voraussetzt, <em class="gesperrt">recht</em> gegeben.
-Denn die ungeheuere berzahl jener Frauen, die
-sicherlich nicht im geringsten der Kunst oder dem Wissen
-<em class="gesperrt">gelebt</em> haben, bei denen diese Beschftigung vielmehr an
-die Stelle der blichen Handarbeit tritt und in dem ungestrten
-Idyll ihres Lebens nur einen <em class="gesperrt">Zeitvertreib</em> bedeutet &mdash;
-und alle jene, denen gedankliche wie knstlerische Ttigkeit nur
-eine ungeheuer angespannte <em class="gesperrt">Koketterie</em> vor mehr oder
-weniger bestimmten Personen mnnlichen Geschlechtes ist &mdash;
-diese beiden groen Gruppen durfte und mute eine reinliche
-Betrachtung ausscheiden. Die brig bleibenden erweisen sich
-dem nheren Zusehen insgesamt als sexuelle Zwischenformen.</p>
-
-<p>Zeigt sich aber das Bedrfnis nach Befreiung und Gleichstellung
-mit dem Manne nur bei mnnlichen Frauen, so ist<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
-der Schlu per inductionem <em class="gesperrt">gerechtfertigt</em>, da W <em class="gesperrt">keinerlei
-Bedrfnis nach der Emanzipation empfindet</em>, auch
-wenn einstweilen diese Folgerung, so wie es hier ausschlielich
-geschehen ist, nur aus der geschichtlichen Einzelbetrachtung
-und nicht aus einer Untersuchung der psychischen
-Eigenschaften von W selbst abgeleitet wird.</p>
-
-<p>Stellen wir uns demnach auf den hygienischen (nicht
-ethischen) Standpunkt einer der natrlichen Anlage angemessensten
-Praxis, so wrde sich das Urteil ber die
-Emanzipation des Weibes so gestalten. Der <em class="gesperrt">Unsinn</em> der
-Emanzipationsbestrebungen liegt in der <em class="gesperrt">Bewegung</em>, in der
-<em class="gesperrt">Agitation</em>. Durch diese vor allem verleitet, fangen, wenn von
-Motiven der Eitelkeit, des Mnnerfanges abgesehen wird, bei
-der groen imitatorischen Veranlagung der Frauen auch solche
-zu studieren, zu schreiben u.&nbsp;s.&nbsp;w. an, die nie ein originres
-Verlangen danach gehabt haben; denn da es eine groe
-Anzahl von Frauen wirklich zu geben scheint, die aus
-einem gewissen inneren Bedrfnis heraus eine Emanzipation
-suchen, wird von diesen auf jene das Bildungsstreben <em class="gesperrt">induziert</em>
-und so das Frauenstudium zur <em class="gesperrt">Mode</em>, und eine lcherliche
-Agitation der Frauen unter sich lt schlielich <em class="gesperrt">alle</em> an
-die Echtheit dessen glauben, was der guten Hausfrau so oft
-nur Mittel zu Demonstrationszwecken gegen den Mann, der
-Tochter so oft nur eine ostentative Kundgebung gegen die
-mtterliche Gewalt ist. Das praktische Verhalten in der
-ganzen Frage htte demnach, ohne da diese Regel (schon
-ihres flieenden Charakters halber) zur Grundlage einer Gesetzgebung
-gemacht werden knnte und drfte, folgendes zu sein:
-<em class="gesperrt">Freien Zula zu allem, kein Hindernis in den Weg
-derjenigen, deren wahre psychische Bedrfnisse sie,
-stets in Gemheit ihrer krperlichen Beschaffenheit,
-zu mnnlicher Beschftigung treiben</em>, fr die Frauen
-mit <em class="gesperrt">mnnlichen</em> Zgen. <em class="gesperrt">Aber weg mit der <b>Partei</b>bildung,
-weg mit der <b>unwahren</b> Revolutionierung, weg mit der
-ganzen Frauen<b>bewegung</b></em>, die in so vielen widernatrliches
-und knstliches, im Grunde verlogenes Streben schafft.</p>
-
-<p>Und <em class="gesperrt">weg</em> auch mit der abgeschmackten Phrase von der
-vlligen Gleichheit! Selbst das mnnlichste Femininum hat<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
-wohl kaum je mehr als 50 Prozent an M und <em class="gesperrt">diesem <b>Feingehalte</b></em>
-dankt sie ja doch ihre ganze Bedeutung oder besser all
-das, was sie eventuell bedeuten <em class="gesperrt">knnte</em>. Man darf keineswegs,
-wie dies nicht wenige intellektuelle Frauen zu tun scheinen,
-aus manchen (wie schon bemerkt, ohnedies nicht typischen)
-Einzelerfahrungen ber den Mann, die sie zu sammeln Gelegenheit
-hatten, und aus denen ja nicht die Paritt, sondern gar
-die Superioritt des weiblichen Geschlechtes hervorginge;
-allgemeine Folgerungen ziehen, sondern mu, wie <em class="gesperrt">Darwin</em>
-dies vorschlug, die Spitzen hier und die Spitzen dort miteinander
-vergleichen. Aber wenn je ein Verzeichnis der
-bedeutendsten Mnner und Frauen auf dem Gebiete der
-Dichtkunst, Malerei, Bildhauerei, Musik, Geschichte, Naturwissenschaft
-und Philosophie hergestellt und unter jedem
-Gegenstand ein halbes Dutzend Namen verzeichnet wrden,
-so knnten beide Listen nicht den Vergleich miteinander
-bestehen. Erwgt man nun noch, da die Personen auf der
-weiblichen Liste, genau besehen, auch nur wieder fr die
-<em class="gesperrt">Mnnlichkeit des Genies</em> Zeugnis ablegen wrden, so ist
-zu erwarten, da die Lust der Frauenrechtlerinnen, die Zusammenstellung
-eines solchen Verzeichnisses zu wagen, noch
-geringer werden drfte, als sie bisher es gewesen ist.</p>
-
-<p>Der bliche Einwurf, der auch jetzt erhoben werden
-wird, lautet dahin, da die Geschichte nichts beweise, da die
-Bewegung erst Raum schaffen msse fr eine ungehemmte,
-volle geistige Entwicklung der Frau. Dieser Einwand verkennt,
-da es emanzipierte Frauen, eine Frauenfrage, eine
-Frauenbewegung zu <em class="gesperrt">allen</em> Zeiten gegeben hat, wenn auch in
-den verschiedenen Epochen mit verschiedener Lebhaftigkeit;
-er bertreibt immens die Schwierigkeiten, welche den nach
-geistiger Bildung strebenden Frauen von Seite des Mannes
-irgendwann gemacht wurden, und auch angeblich gerade jetzt
-wieder bereitet werden<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>; er bersieht schlielich wiederum,
-da auch heute nicht das wirkliche Weib die Forderung der<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
-Emanzipation erhebt, sondern da dies durchwegs nur mnnlichere
-Frauen tun, die ihre eigene Natur mideuten und die
-Motive ihres Handelns nicht einsehen, wenn sie im Namen
-des Weibes zu sprechen glauben.</p>
-
-<p>Wie jede andere Bewegung der Geschichte, so
-war auch die Frauenbewegung berzeugt, da sie erstmalig,
-neu, noch nie dagewesen war; ihre Vorkmpferinnen
-lehrten, da bislang das Weib in Finsternis geschmachtet
-habe und in Fesseln gelegen sei, whrend
-es nun erst sein natrliches Recht zu begreifen und zu
-beanspruchen beginne. Wie fr jede andere geschichtliche
-Bewegung, so hat man aber auch fr die Frauenbewegung
-Analogien weiter und weiter zurckverfolgen knnen;
-nicht nur in <em class="gesperrt">sozialer</em> Beziehung gab es im Altertum
-und im Mittelalter eine Frauenfrage, sondern auch fr die
-<em class="gesperrt">geistige</em> Emanzipation waren zu lngst entschwundenen
-Zeiten produktive Frauen durch ihre Leistungen selbst wie
-mnnliche und weibliche Apologeten des weiblichen Geschlechtes
-durch theoretische Darlegungen ttig. So ist
-denn jener Glaube ganz irrig, der dem Kampfe der
-Frauenrechtlerinnen so viel Eifer und Frische verliehen
-hat, da bis auf die letzten Jahre die Frauen noch nie
-Gelegenheit zur ungestrten Entfaltung ihrer geistigen Entwicklungsmglichkeiten
-gehabt htten. Jakob <em class="gesperrt">Burckhardt</em>
-erzhlt von der Renaissance: Das Ruhmvollste, was damals
-von den groen Italienerinnen gesagt wird, ist,
-da sie einen mnnlichen Geist, ein mnnliches Gemt
-htten. Man braucht nur die vllig mnnliche Haltung der
-meisten Weiber in den Heldengedichten, zumal bei Bojardo
-und Ariosto, zu beachten, um zu wissen, da es sich
-hier um ein bestimmtes Ideal handelt. Der Titel einer
-Virago, den unser Jahrhundert fr ein sehr zweideutiges
-Kompliment hlt, war damals reiner Ruhm. Im
-XVI. Jahrhundert wurde den Frauen die Bhne freigegeben,
-es sah die ersten Schauspielerinnen. Zu jener Zeit wurde
-die Frau fr fhig gehalten, gleich den Mnnern das hchste
-Ma von Bildung zu erreichen. Es ist die Zeit, da ein
-Panegyrikus nach dem anderen auf das weibliche Geschlecht<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>
-erscheint, Thomas <em class="gesperrt">Morus</em> seine vllige Gleichstellung mit
-dem mnnlichen verlangt, und <em class="gesperrt">Agrippa von Nettesheim</em>
-die Frauen sogar hoch ber die Mnner erhebt. Und jene
-groen Erfolge des weiblichen Geschlechtes wurden wieder
-verloren, die ganze Zeit tauchte unter in eine Vergessenheit,
-aus der sie erst das XIX. Jahrhundert wieder hervorholte.</p>
-
-<p>Ist es nicht sehr auffallend, da die Frauenemanzipationsbestrebungen
-in der Weltgeschichte in konstanten Intervallen,
-in gewissen sich gleich bleibenden zeitlichen Abstnden aufzutreten
-scheinen?</p>
-
-<p>Im X. Jahrhundert, im XV. und XVI. und jetzt
-wieder im XIX. und XX. hat es allem Ermessen nach viel
-mehr emanzipierte Weiber und eine strkere Frauenbewegung
-gegeben als in den dazwischen liegenden Zeiten. Es wre
-voreilig, hierauf schon eine Hypothese zu grnden, doch mu
-man immerhin die Mglichkeit ins Auge fassen, da hier
-eine gewaltige Periodizitt vorliegt, vermge deren in regelmigen
-Phasen mehr Zwittergeburten, mehr Zwischenformen
-auf die Welt kommen als in den Intervallen. Bei Tieren
-sind solche Perioden in verwandten Dingen beobachtet
-worden.</p>
-
-<p>Es wren das unserer Anschauung gem Zeiten
-von minderem Gonochorismus; und es wrde die Tatsache, da
-zu gewissen Zeiten mehr mnnliche Weiber geboren werden
-als sonst, als Pendant auf der Gegenseite verlangen, da in
-der gleichen Zeit auch mehr weibliche Mnner auf die Welt
-gebracht werden. Und dies sehen wir in berraschendem
-Mae ebenfalls zutreffen. Der ganze sezessionistische Geschmack,
-der den groen, schlanken Frauen mit flachen
-Brsten und schmalen Hften den Preis der Schnheit zuerkennt,
-ist vielleicht hierauf zurckzufhren. Die ungeheuere
-Vermehrung des Stutzertums wie der Homosexualitt in den
-letzten Jahren kann ihren Grund nur in einer greren
-Weiblichkeit der jetzigen ra haben. Und nicht ohne
-tiefere Ursache sucht der sthetische wie der sexuelle
-Geschmack dieses Zeitalters Anlehnung bei dem der Prraphaeliten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>
-
-Wenn es im organischen Leben solche Perioden gibt,
-die den Oszillationen im Leben des einzelnen gleichen, aber
-sich ber mehrere Generationen hinweg erstrecken, so erffnet
-uns dies eine weitere Aussicht auf das Verstndnis so
-mancher dunkler Punkte auch in der menschlichen Geschichte,
-als es die prtentisen Geschichtsauffassungen, die sich in
-der jngsten Zeit so gehuft haben, insbesondere die konomisch-materialistische
-Ansicht, anzubahnen vermocht
-haben. Sicherlich ist von einer <em class="gesperrt">biologischen</em> Betrachtung
-auch der menschlichen <em class="gesperrt">Geschichte</em> noch unendlich
-viel Aufschlu in der Zukunft zu erwarten. Hier soll nur
-die Nutzanwendung auf den vorliegenden Fall gesucht
-werden.</p>
-
-<p>Wenn es richtig ist, da zu gewissen Zeiten mehr, zu
-anderen weniger hermaphroditische Menschen geboren werden,
-so wre als die <em class="gesperrt">Folge</em> dessen vorauszusehen, da die Frauenbewegung
-grtenteils <em class="gesperrt">von selbst sich wieder verlaufen</em>
-und nach lngerer Zeit erst wieder zum Vorschein kommen
-wrde, um wieder unter- und emporzutauchen in einem Rhythmus
-ohne Ende. Es wrden eben die Frauen, die sich selbst
-emanzipieren <em class="gesperrt">wollten</em>, bald in grerer, bald in weit geringerer
-Anzahl <em class="gesperrt">geboren</em> werden.</p>
-
-<p>Von den konomischen Verhltnissen, welche auch die
-sehr weibliche Frau des kinderreichen Proletariers in die
-Fabrik oder zur Bauarbeit drngen knnen, ist hier natrlich
-nicht die Rede. Der Zusammenhang der industriellen und
-gewerblichen Entwicklung mit der Frauenfrage ist viel
-lockerer, als er, besonders von sozialdemokratischen Theoretikern,
-gewhnlich hingestellt wird, und noch viel weniger
-besteht ein enger urschlicher Konnex zwischen den Bestrebungen,
-die auf die geistige, und jenen, die auf die wirtschaftliche
-Konkurrenzfhigkeit gerichtet sind. In Frankreich
-z.&nbsp;B. ist es, obwohl es drei der hervorragendsten Frauen
-hervorgebracht hat, niemals einer Frauen<em class="gesperrt">bewegung</em> recht
-eigentlich gelungen, Wurzel zu fassen, und doch sind in
-keinem Lande Europas so viele Frauen selbstndig geschftlich
-ttig als eben dort. Der Kampf um das materielle Auskommen
-hat also mit dem Kampfe um einen geistigen Lebensinhalt,<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>
-wenn wirklich von Seite einer Gruppe von Frauen
-ein solcher gefhrt wird, nichts zu tun und ist scharf von ihm
-zu scheiden.</p>
-
-<p>Die Prognose, welche dieser letzteren Bewegung, der auf
-dem geistigen Gebiete, gestellt wurde, war keine erfreuliche;
-sie ist wohl noch trostloser als die Aussicht, die man ihr auf
-den Weg mitgeben knnte, wenn mit einigen Autoren eine
-<em class="gesperrt">fortschreitende</em> Entwicklung des Menschengeschlechtes
-zu <em class="gesperrt">vlliger</em> sexueller <em class="gesperrt">Differenzierung</em>, also einem ausgesprochenen
-Geschlechts-Dimorphismus entgegen, anzunehmen
-wre.</p>
-
-<p>Die letztere Meinung scheint mir aus dem Grunde unhaltbar,
-weil im Tierreich durchaus nicht eine mit der hheren
-systematischen Stellung <em class="gesperrt">zu</em>nehmende Geschlechtertrennung
-sich verfolgen lt. Gewisse Gephyreen und Rotatorien,
-viele Vgel, ja selbst unter den Affen noch der Mandrill
-tun einen viel strkeren Gonochorismus kund, als er beim
-Menschen, vom morphologischen Standpunkte aus, sich
-beobachten lt. Whrend aber diese Vermutung eine Zeit
-voraussagt, wo wenigstens das <em class="gesperrt">Bedrfnis</em> nach der
-Emanzipation <em class="gesperrt">fr immer</em> erloschen sein und es nur mehr
-komplette Masculina und komplette Feminina geben wrde,
-verurteilt die Annahme einer periodischen Wiederkehr der
-Frauenbewegung das ganze Streben der Frauenrechtlerinnen
-in grausamster Weise zu einer schmerzlichen Ohnmacht,
-es lt ihr gesamtes Tun unter dem Aspekte einer Danaidenarbeit
-erscheinen, deren Erfolge mit der fortschreitenden
-Zeit wieder von selbst in das gleiche Nichts zerrinnen.</p>
-
-<p>Dieses trbe Los knnte der Emanzipation der Frauen
-gefallen sein, wenn diese immer weiter ihre Ziele nur im
-<em class="gesperrt">Sozialen</em>, in der historischen Zukunft der <em class="gesperrt">Gattung</em> suchte
-und ihre Feinde blind unter den Mnnern und in den von
-Mnnern geschaffenen rechtlichen Institutionen whnte. Dann
-freilich mte das Korps der Amazonen formiert werden,
-und es wre nie ein Dauerndes gewonnen, wenn jenes geraume
-Zeit nach seiner Bildung immer wieder sich auflste.
-Insoferne bietet die Renaissance und ihr spurloses Verschwinden<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>
-den Frauenrechtlerinnen eine Lehre. Die wahre
-Befreiung des Geistes kann nicht von einem noch so groen
-und noch so wilden Heere gesucht werden, um sie mu das
-einzelne Individuum fr sich allein kmpfen. Gegen wen?
-Gegen das, was im eigenen Gemte sich dawiderstemmt.
-<em class="gesperrt">Der grte, der einzige Feind der Emanzipation der
-Frau ist die Frau.</em></p>
-
-<p>Dies zu beweisen, ist Aufgabe des zweiten Teiles.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>&nbsp;</p>
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span><a name="ZWEITER_ODER_HAUPTTEIL" id="ZWEITER_ODER_HAUPTTEIL"><small>ZWEITER ODER HAUPTTEIL.</small></a><br />
-
-DIE SEXUELLEN TYPEN.</h2>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span>&nbsp;</p>
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span><a name="I_Kapitel" id="I_Kapitel"><small>I. Kapitel.</small></a><br />
-
-Mann und Weib.</h2>
-
-<p class="right">
-All that a man does is physiognomical of him.<br />
-<em class="gesperrt">Carlyle.</em><br />
-<br />
-</p>
-
-
-<p>Freie Bahn fr die Erforschung alles wirklichen
-Geschlechtsgegensatzes ist durch die Erkenntnis geschaffen,
-da Mann und Weib nur als Typen zu erfassen sind und die
-verwirrende Wirklichkeit, welche den bekannten Kontroversen
-immer neue Nahrung bieten wird, allein durch ein Mischungsverhltnis
-aus jenen zwei Typen sich nachbilden lt.
-Die einzig realen sexuellen Zwischenformen hat der erste
-Teil dieser Untersuchung behandelt, und zwar, wie nun
-hervorgehoben werden mu, nach einem etwas schematisierenden
-Verfahren. Die Rcksichtnahme auf die allgemein biologische
-Geltung der entwickelten Prinzipien fhrte das dort
-mit sich. Jetzt, da, noch viel ausschlielicher als bisher, <em class="gesperrt">der
-Mensch</em> das Objekt der Betrachtung werden soll und die
-psychophysiologischen Zuordnungen der introspektiven Analyse
-zu weichen sich anschicken, bedarf der universelle Anspruch
-des Prinzipes der sexuellen Zwischenstufen einer gewichtigen
-Restriktion.</p>
-
-<p>Bei Pflanzen und Tieren ist das Vorkommen des echten
-Hermaphroditismus eine gegen jeden Zweifel erhrtete Tatsache.
-Aber selbst bei den Tieren scheint oft das Zwittertum
-mehr eine Juxtaposition der mnnlichen und weiblichen
-Keimdrse in einem Individuum als ein Ausgeglichensein
-beider Geschlechter in demselben, eher ein Zusammensein
-beider Extreme denn einen gnzlich neutralen Zustand in der
-Mitte zwischen denselben zu bedeuten. Vom <em class="gesperrt">Menschen</em> jedoch
-lt sich <em class="gesperrt">psychologisch</em> mit vollster Bestimmtheit behaupten,<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>
-da er, zunchst wenigstens in einer und derselben
-Zeit, <em class="gesperrt">notwendig <b>entweder</b> Mann <b>oder</b> Weib sein mu</em>.
-Damit steht nicht nur im Einklang, da fast alles, was sich
-fr ein Masculinum oder Femininum schlechtweg hlt, auch
-sein Komplement fr <em class="gesperrt">das</em> Weib oder <em class="gesperrt">den</em> Mann schlechthin
-ansieht.<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> Es wird jene Unisexualitt am strksten erwiesen
-durch die in ihrer theoretischen Wichtigkeit <em class="gesperrt">kaum
-zu berschtzende</em> Tatsache, da auch im Verhltnisse
-zweier homosexueller Menschen zueinander immer der eine
-die krperliche und psychische Rolle des Mannes bernimmt,
-im Falle lngeren Verkehres auch seinen mnnlichen Vornamen
-behlt oder einen solchen annimmt, whrend der
-andere die des Weibes spielt, seinen weiblichen Vornamen
-entweder bewahrt oder einen solchen sich gibt oder noch
-fter &mdash; dies ist bezeichnend genug &mdash; ihn vom anderen
-erhlt.</p>
-
-<p>Also es fllt in den sexuellen Relationen zweier Lesbierinnen
-oder zweier Urninge immer die eine Person die
-mnnliche, die zweite die weibliche Funktion aus, und dies
-ist von grter Bedeutung. Das Verhltnis Mann-Weib erweist
-sich hier als <em class="gesperrt">fundamental</em> an der <em class="gesperrt">entscheidenden</em> Stelle,
-als etwas, worber nicht hinauszukommen ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Trotz allen sexuellen Zwischenformen <b>ist</b> der
-Mensch am Ende doch <b>eines</b> von beiden, <b>entweder</b>
-Mann <b>oder</b> Weib.</em> Auch in dieser ltesten empirischen
-Dualitt steckt (nicht blo anatomisch und keineswegs im
-konkreten Falle in regelmiger genauer bereinstimmung
-mit dem morphologischen Befunde) eine tiefe Wahrheit, die
-sich nicht ungestraft vernachlssigen lt.</p>
-
-<p>Hiemit scheint nun ein Schritt gemacht, der von der
-grten Tragweite ist, und allem Ferneren so segensreich wie
-verhngnisvoll werden kann. Es ist mit einer solchen Anschauung<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>
-ein <em class="gesperrt">Sein</em> statuiert. Die <em class="gesperrt">Bedeutung</em> dieses <em class="gesperrt">Seins</em>
-zu erforschen ist freilich eben die Aufgabe, welche der
-ganzen folgenden Untersuchung anheimfllt. Da aber mit
-diesem problematischen <em class="gesperrt">Sein</em> an die Hauptschwierigkeit der
-Charakterologie unmittelbar gerhrt ist, wird es gut sein,
-ehe da eine solche Arbeit in naiver Khnheit begonnen
-werde, ber dieses heikelste Problem, an dessen Schwelle
-aller Wagemut bereits stockt, eine kurze Orientierung zu versuchen.</p>
-
-<p>Die Hemmnisse, mit denen jedes charakterologische
-Unternehmen zu kmpfen hat, sind allein schon wegen der
-Kompliziertheit des Stoffes enorme. Oft und oft ereignet es
-sich, da der Weg, den man durch das Waldesdickicht bereits
-gefunden zu haben glaubt, sich verliert im undurchdringlichen
-Gestrppe, der Faden nicht mehr herauszulsen ist aus der
-unendlichen Verfilzung. Das schlimmste aber ist, da betreffs
-der Methode einer systematischen Darstellung des wirklich
-entwundenen Stoffes, anllich der prinzipiellen Deutung
-auch erfolgreicher Anfnge, sich wieder und wieder die
-ernstesten Bedenken erheben und gerade der Typisierung
-sich entgegentrmen. In dem Falle des Geschlechtsgegensatzes
-z.&nbsp;B. erwies sich bis jetzt die Annahme einer
-Art Polaritt der Extreme und unzhliger Abstufungen
-zwischen denselben als die einzig brauchbare. Es scheint so
-auch in den meisten brigen charakterologischen Dingen &mdash;
-auf einige komme ich selbst noch zu sprechen &mdash; etwas wie
-Polaritt zu geben (was schon der Pythagoreer <em class="gesperrt">Alkmaion
-von Kroton</em> geahnt hat); und vielleicht wird auf diesem
-Gebiete die <em class="gesperrt">Schelling</em>sche Naturphilosophie noch ganz
-andere Genugtuungen erleben als die Auferstehung, welche
-ein physikalischer Chemiker unserer Tage ihr bereitet zu
-haben vermeint.</p>
-
-<p>Aber ist die Hoffnung berechtigt, durch die Festlegung
-des Individuums auf einem bestimmten Punkte in den Verbindungslinien
-je zweier Extreme, ja durch unendliche
-Hufung dieser Verbindungslinien, durch ein unendlich
-viele Dimensionen zhlendes Koordinatensystem das Individuum
-selbst je zu erschpfen? Verfallen wir nicht, nur auf einem<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>
-konkreteren Gebiet, bereits in die dogmatische Skepsis der
-<em class="gesperrt">Mach</em>-<em class="gesperrt">Hume</em>schen Ich-Analyse zurck, wenn wir die vollstndige
-Beschreibung des menschlichen Individuums in Form
-eines <em class="gesperrt">Rezeptes</em> erwarten? Und fhrt uns da nicht eine Art
-<em class="gesperrt">Weismann</em>scher Determinanten-Atomistik zu einer Mosaik-Psychognomik,
-nachdem wir uns von der Mosaik-Psychologie
-eben erst zu erholen beginnen?</p>
-
-<p>In neuer Fassung stehen wir hier vor dem alten und,
-wie sich zeigt, noch immer lebendig zhen Grundproblem:
-Gibt es ein einheitliches und einfaches Sein im Menschen, und
-wie verhlt es sich zu der zweifellos neben ihm bestehenden
-Vielheit? Gibt es eine Psyche? Und wie verhlt sich die
-Psyche zu den psychischen Erscheinungen? Man begreift nun,
-warum es noch immer keine Charakterologie gibt: Das Objekt
-dieser Wissenschaft, der Charakter, ist seiner Existenz
-nach selbst problematisch. Das Problem aller Metaphysik und
-Erkenntnistheorie, die hchste Prinzipienfrage der Psychologie,
-ist auch das Problem der Charakterologie, das Problem vor
-aller Charakterologie, die als Wissenschaft wird auftreten
-knnen. Wenigstens aller erkenntniskritisch ber ihre Voraussetzungen,
-Ansprche und Ziele unterrichteten und aller
-ber Unterschiede im <em class="gesperrt">Wesen</em> der Menschen Belehrung erstrebenden
-Charakterologie.</p>
-
-<p>Diese, sei's drum, unbescheidene Charakterologie will
-mehr sein als jene Psychologie der individuellen Differenzen,
-deren erneute Aufstellung als eines Zieles der
-psychologischen Wissenschaft durch L. William <em class="gesperrt">Stern</em>
-darum doch eine sehr verdienstvolle Tat war; sie will mehr
-bieten als ein Nationale der motorischen und sensorischen
-Reaktionen eines Individuums, und darum soll sie nicht gleich
-zu dem Tiefstand der brigen modernen psychologischen Experimentalforschung
-herabsinken, als welche sie ja nur eine
-sonderbare Kombination von statistischem Seminar und physikalischem
-Praktikum vorstellt. So hofft sie mit der reichen
-seelischen Wirklichkeit, aus deren vlligem Vergessen das
-Selbstbewutsein der Hebel- und Schraubenpsychologie
-einzig erklrt werden kann, in einem herzlichen Kontakte
-zu bleiben und frchtet nicht, die Erwartungen des<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>
-nach Aufklrung ber sich selbst drstenden Studenten
-der Psychologie durch Untersuchungen ber das Lernen
-einsilbiger Worte und den Einflu kleiner Kaffeedosen
-auf das Addieren befriedigen zu mssen. So traurig es
-als Zeichen der brigens allgemein dumpf empfundenen
-prinzipiellen Unzulnglichkeit der modernen psychologischen
-Arbeit ist, so begreiflich ist es doch, wenn angesehene
-Gelehrte, die sich unter einer Psychologie mehr vorgestellt
-haben als eine Empfindungs- und Assoziationslehre,
-vor der herrschenden de zu der berzeugung gelangen,
-Probleme wie das Heldentum oder die Selbstaufopferung, den
-Wahnsinn oder das Verbrechen msse die reflektierende
-Wissenschaft auf ewig der Kunst, als dem einzigen Organe
-ihres Verstndnisses, berlassen und jede Hoffnung aufgeben,
-nicht sie besser zu verstehen als jene (das wre
-anmaend einem <em class="gesperrt">Shakespeare</em> oder <em class="gesperrt">Dostojewskij</em> gegenber),
-wohl aber, sie ihrerseits auch nur systematisch zu begreifen.</p>
-
-<p>Keine Wissenschaft mu, wenn sie unphilosophisch wird,
-so schnell verflachen wie die Psychologie. Die Emanzipation
-von der Philosophie ist der wahre Grund des Verfalles der
-Psychologie. Gewi nicht in ihren Voraussetzungen, aber in
-ihren Endabsichten htte die Psychologie philosophisch bleiben
-sollen. Sie wre dann zunchst zu der Einsicht gelangt, <em class="gesperrt">da
-die Lehre von den Sinnesempfindungen mit der
-Psychologie direkt berhaupt nichts zu tun hat</em>. Die
-empirischen Psychologien von heutzutage gehen von den
-Tast- und Gemeinempfindungen aus, um mit der Entwicklung
-eines sittlichen Charakters zu endigen. Die Analyse der
-Empfindungen gehrt aber zur Physiologie der Sinne, jeder
-Versuch, ihre Spezialprobleme in eine tiefere Beziehung zu
-dem brigen Inhalte der Psychologie zu bringen, mu milingen.</p>
-
-<p>Es ist das Unglck der wissenschaftlichen Psychologie
-gewesen, da sie von zwei Physikern, von <em class="gesperrt">Fechner</em> und
-von <em class="gesperrt">Helmholtz</em>, am nachhaltigsten sich hat beeinflussen
-lassen und so verkennen konnte, <em class="gesperrt">da sich zwar die
-uere, aber nicht so auch die innere Welt aus<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>
-baren Empfindungen zusammensetzt</em>. Die zwei feinsinnigsten
-unter den empirischen Psychologen der letzten
-Jahrzehnte, William <em class="gesperrt">James</em> und Richard <em class="gesperrt">Avenarius</em>, sind
-denn auch die beiden einzigen, die wenigstens instinktiv gefhlt
-haben, da man die Psychologie nicht mit dem Hautsinn und
-Muskelsinn anfangen drfe, whrend alle brige moderne
-Psychologie mehr oder minder Empfindungskleister ist. <em class="gesperrt">Hier</em>
-liegt der von <em class="gesperrt">Dilthey</em> nicht scharf genug bezeichnete Grund
-dafr, da die heutige Psychologie zu den Problemen, die man
-als eminent psychologische sonst zu bezeichnen gewohnt ist,
-zur Analyse des Mordes, der Freundschaft, der Einsamkeit
-u.&nbsp;s.&nbsp;w., <em class="gesperrt">gar nicht gelangt</em>, ja &mdash; hier verfngt nicht die
-alte Berufung auf ihre groe Jugend &mdash; zu ihnen gar nicht
-gelangen <em class="gesperrt">kann</em>, da sie in einer ganz anderen Richtung sich
-bewegt, als in einer, die sie am Ende doch dahin fhren
-knnte. Darum hat die Losung des Kampfes um eine <em class="gesperrt">psychologische
-Psychologie</em> in erster Linie zu sein:
-<em class="gesperrt">Hinaus mit der Empfindungslehre aus der Psychologie!</em></p>
-
-<p>Das Unternehmen einer Charakterologie in dem oben
-bezeichneten weiteren und tieferen Sinne involviert vor allem
-den Begriff des <em class="gesperrt">Charakters</em> selbst, als den Begriff eines
-konstanten einheitlichen Seins. Wie die schon im 5. Kapitel
-des I. Teiles zum Vergleich herangezogene Morphologie die
-bei allem physiologischen Wechsel gleich bleibende <em class="gesperrt">Form</em>
-des Organischen behandelt, so setzt die Charakterologie als
-ihren Gegenstand ein Gleichbleibendes im psychischen Leben
-voraus, das in jeder seelischen Lebensuerung in analoger
-Weise nachweisbar sein mu, und ist so vor allem jener
-Aktualittstheorie vom Psychischen entgegengesetzt, die
-ein Bleibendes schon darum nicht anerkennen mag, weil
-sie auf jener empfindungsatomistischen Grundanschauung
-beruht.</p>
-
-<p>Der Charakter ist danach nicht etwas hinter dem Denken
-und Fhlen des Individuums Thronendes, <em class="gesperrt">sondern etwas,
-das sich in <b>jedem</b> Gedanken und <b>jedem</b> Gefhle desselben
-offenbart</em>. Alles, was ein Mensch tut, ist physiognomisch
-fr ihn. Wie <em class="gesperrt">jede</em> Zelle die Eigenschaften des<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span>
-<em class="gesperrt">ganzen</em> Individuums in sich birgt, so enthlt <em class="gesperrt">jede</em> psychische
-Regung eines Menschen, nicht blo einzelne wenige Charakterzge,
-<em class="gesperrt">sein ganzes Wesen</em>, von dem nur im einen
-Momente diese, im anderen jene Eigentmlichkeit mehr hervortritt.</p>
-
-<p>Wie es weiter gar keine isolierte Empfindung gibt,
-sondern stets ein Blick<em class="gesperrt">feld</em> und ein Empfindungsganzes da ist,
-als das dem Subjekte gegenberstehende Objekt, als die
-<em class="gesperrt">Welt</em> des Ichs, von welcher nur einmal der eine, ein anderes
-Mal der andere Gegenstand sich deutlicher abhebt: <em class="gesperrt">so steckt
-in jedem Augenblicke des psychischen Lebens
-der <b>ganze</b> Mensch</em>, und es fllt nur in jeder Zeiteinheit der
-Accent auf einen anderen Punkt seines Wesens. <em class="gesperrt">Dieses
-berall in dem psychischen Zustande jedes Augenblickes
-nachweisbare <b>Sein</b> ist das Objekt der Charakterologie.</em>
-So wrde diese erst die notwendige Ergnzung
-der bisherigen empirischen Psychologie bilden, die, in
-merkwrdigem Gegensatze zu ihrem Namen einer <em class="gesperrt"><b>Psycho</b>logie</em>,
-bisher fast ausschlielich den Wechsel im Empfindungsfelde,
-die Buntheit der <em class="gesperrt">Welt</em>, in Betracht gezogen und
-den Reichtum des Ich ganz vernachlssigt hat. Damit knnte
-sie auf die allgemeine Psychologie als die Lehre von dem
-Ganzen, das aus der Kompliziertheit des Subjektes und der
-Kompliziertheit des Objektes resultiert (die beide aus diesem
-Ganzen nur durch eine eigentmliche Abstraktion isoliert
-werden konnten), befruchtend und regenerierend wirken. So
-manche Streitfragen der Psychologie &mdash; vielleicht sind es
-gerade die prinzipiellsten Fragen &mdash; vermag berhaupt nur
-eine charakterologische Betrachtung zur Entscheidung zu
-bringen, indem sie zeigt, <em class="gesperrt">warum</em> der eine diese, der andere
-jene Meinung verficht, darlegt, weshalb sie differieren, wenn sie
-ber das gleiche Thema sprechen: da sie ber denselben Vorgang
-und denselben psychischen Proze aus keinem anderen
-Grunde verschiedener Ansicht sind, als weil dieser bei jedem
-die individuelle Frbung, die <em class="gesperrt">Note</em> seines Charakters erhalten
-hat. So ermglicht gerade die psychologische <em class="gesperrt">Differenzen</em>lehre
-erst die <em class="gesperrt">Einigung</em> auf dem Gebiete der <em class="gesperrt">Allgemein</em>psychologie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span>
-
-Das formale Ich wre das letzte Problem der dynamischen,
-das material erfllte Ich das letzte Problem der statischen
-Psychologie. Indessen wird ja bezweifelt, da es berhaupt
-Charakter gibt; oder wenigstens sollte das vom konsequenten
-Positivismus im Sinne von <em class="gesperrt">Hume</em>, <em class="gesperrt">Mach</em>, <em class="gesperrt">Avenarius</em> geleugnet
-werden. Es ist danach leicht begreiflich, warum es noch
-keine Charakterologie gibt als Lehre vom bestimmten Charakter.</p>
-
-<p>Die Verquickung der Charakterologie mit der Seelenlehre ist
-aber ihre schlimmste Schdigung gewesen. Da die Charakterologie
-<em class="gesperrt">historisch</em> mit dem Schicksal des Ichbegriffs verknpft
-worden ist, gibt allein noch kein Recht, sie <em class="gesperrt">sachlich</em> an dasselbe
-zu binden. Und nur wer dogmatisch sich auf den Standpunkt
-des absoluten Phnomenalismus stellt und glaubt, dieser allein
-enthebe aller Beweislasten, die, schon mit seiner Betretung,
-von selbst allen anderen Standpunkten aufgebrdet seien, der
-wird das <em class="gesperrt">Sein</em>, das die Charakterologie behauptet, und das
-noch durchaus nicht mit einer metaphysischen <em class="gesperrt">Essenz</em> identisch
-ist, ohne weiteres abweisen.</p>
-
-<p>Die Charakterologie hat sich gegen zwei schlimme
-Feinde zu halten. Der eine nimmt den Charakter als
-gegeben und leugnet, da, ebenso wie die knstlerische
-Darstellung, die Wissenschaft sich seiner bemchtigen knne.
-Der andere nimmt die Empfindungen als das allein Wirkliche
-an, Realitt und Empfindung sind ihm eins geworden,
-die Empfindung ist ihm der Baustein der Welt wie des Ich,
-und fr diesen gibt es keinen Charakter. Was soll nun die
-Charakterologie, die Wissenschaft vom Charakter? De individuo
-nulla scientia, Individuum est ineffabile, so tnt es
-ihr von der einen Seite entgegen, die am Individuum festhlt;
-von der anderen, die auf der Wissenschaftlichkeit allein
-besteht und nicht die Kunst als Organ des Lebensverstndnisses
-sich gerettet hat, mu sie es wieder und wieder
-vernehmen, da die Wissenschaft nichts wisse vom Charakter.</p>
-
-<p>Zwischen solchem Kreuzfeuer htte die Charakterologie
-sich zu behaupten. Wen wandelt da nicht die Furcht an,
-da sie das Los ihrer Schwestern teilen, eine ewig unerfllte<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>
-Verheiung bleiben werde wie die Physiognomik, eine divinatorische
-Kunst wie die Graphologie?</p>
-
-<p>Auch diese Frage ist eine, welche die spteren Kapitel
-zu beantworten werden suchen mssen. Das Sein, welches
-die Charakterologie behauptet, ist seiner einfachen oder mehrfachen
-Bedeutung nach von ihnen zu untersuchen. Warum
-diese Frage ganz allgemein gerade mit der Frage nach dem
-psychischen Unterschiede der <em class="gesperrt">Geschlechter</em> so innig sich
-berhrt, das wird freilich erst aus ihren letzten Resultaten
-hervorgehen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span><a name="II_Kapitel" id="II_Kapitel"><small>II. Kapitel.</small></a><br />
-
-Mnnliche und weibliche Sexualitt.</h2>
-
-<p class="right">
-Die Frau verrt ihr Geheimnis nicht.<br />
-<em class="gesperrt">Kant.</em><br />
-<br />
-</p>
-
-<p class="right">
-Mulier taceat de muliere.<br />
-<em class="gesperrt">Nietzsche.</em><br />
-<br />
-</p>
-
-
-<p>Unter Psychologie berhaupt ist gewhnlich die Psychologie
-der Psychologen zu verstehen, und die Psychologen sind
-ausschlielich Mnner: noch hat man, seit Menschen Geschichte
-aufzeichnen, nicht von einem <em class="gesperrt">weiblichen</em> Psychologen gehrt.
-Aus diesem Grunde bildet die Psychologie des Weibes ein
-Kapitel, welches der Allgemeinpsychologie nicht anders angehngt
-wird als die Psychologie des Kindes. Und da die Psychologie
-von Mnnern in regelmiger, aber wohl kaum bewuter
-ausschlielicher Bercksichtigung des Mannes geschrieben wird,
-ist die Allgemeinpsychologie Psychologie der Mnner geworden,
-und wird das Problem einer Psychologie der Geschlechter
-immer dann erst aufgeworfen, wenn der Gedanke
-an eine Psychologie des Weibes auftaucht. So sagt <em class="gesperrt">Kant</em>:
-In der Anthropologie ist die weibliche Eigentmlichkeit mehr
-als die mnnliche ein Studium fr den Philosophen. Die Psychologie
-der Geschlechter wird sich immer decken mit der
-Psychologie von W.</p>
-
-<p>Die Psychologie von W jedoch wird ebenfalls nur von
-Mnnern geschrieben. Man kann also mit Leichtigkeit sich
-auf den Standpunkt stellen, da sie wirklich zu schreiben
-ein Ding der Unmglichkeit sei, da sie Behauptungen ber
-fremde Menschen aufstellen msse, die keine Verifikation
-durch deren eigene Beobachtung ihrer selbst erhalten haben.
-Gesetzt, W knnte sich selbst je mit der erforderlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>
-Schrfe beschreiben, so ist damit noch nicht ausgemacht, ob
-sie den Dingen, die uns hauptschlich interessieren, <em class="gesperrt">dasselbe</em>
-Interesse entgegenbrchte; ja, und wenn sie selbst noch so
-genau sich erkennen knnte und wollte &mdash; setzen wir den
-Fall &mdash; so fragt sich's noch immer, ob sie je <em class="gesperrt">ber</em> sich zu
-reden zu bringen sein wrde. Es wird sich im Laufe der
-Untersuchung herausstellen, da diese drei Unwahrscheinlichkeiten
-auf eine gemeinsame Quelle in der Natur des Weibes
-zurckweisen.</p>
-
-<p>Diese Untersuchung kann nur in dem Anspruch unternommen
-werden, da jemand, ohne selbst Weib zu sein,
-ber das Weib richtige Aussagen zu machen imstande sei.
-Es bleibt also jener erste Einwand einstweilen bestehen, und
-da seine Widerlegung erst viel spter erfolgen kann, hilft es
-nichts, wir mssen uns ber ihn hinwegsetzen. Nur so viel
-will ich bemerken. Noch hat nie &mdash; ist auch dies nur eine
-Folge der Unterdrckung durch den Mann? &mdash; beispielsweise
-eine schwangere Frau ihre Empfindungen und Gefhle
-irgendwie, sei es in einem Gedichte, sei es in Memoiren, sei
-es in einer gynkologischen Abhandlung, zum Ausdruck gebracht;
-und Folge einer bergroen Schamhaftigkeit kann
-das nicht sein, denn &mdash; <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> hat hierauf mit Recht
-hingewiesen &mdash; es gibt nichts, was einer schwangeren Frau
-so fern lge wie die Scham ber ihren Zustand. Auerdem
-bestnde ja an sich die Mglichkeit, nach dem Ende der
-Schwangerschaft aus der Erinnerung ber das psychische
-Leben zu jener Zeit zu beichten; wenn dennoch das Schamgefhl
-damals von Mitteilung zurckgehalten htte, so entfiele
-ja nachher dieses Motiv, und das Interesse, das solchen
-Erffnungen von vielen Seiten entgegengebracht wrde, wre
-fr viele wohl sonst Grund genug, das Schweigen zu brechen.
-Aber nichts von alledem! Wie wir sonst nur Mnnern
-wirklich wertvolle Enthllungen ber die psychischen Vorgnge
-im Weibe danken, so haben auch hier blo Mnner
-die Empfindungen der schwangeren Frau geschildert. Wie
-vermochten sie das?</p>
-
-<p>Wenn auch in jngster Zeit die Aussagen von Dreiviertel-
-und Halbweibern ber ihr psychisches Leben sich<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span>
-mehren, so erzhlen diese doch mehr von dem Manne als von
-dem eigentlichen Weibe in ihnen. Wir bleiben demnach nur
-auf eines angewiesen: <em class="gesperrt">auf das, was in den Mnnern selbst
-Weibliches ist</em>. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen
-erweist sich hier in gewissem Sinne als die Voraussetzung
-jedes wahren Urteils eines Mannes ber die Frau. Doch wird
-sich spter die Notwendigkeit einer Beschrnkung und Ergnzung
-dieser Bedeutung des Prinzipes ergeben. Denn es
-ohne weiteres anwenden, mte dazu fhren, da der weiblichste
-Mann das Weib am besten zu beschreiben in der
-Lage sei, und konsequent wrde daraus weiter folgen, da
-das echte Weib sich selbst am besten durchschauen knne,
-was ja eben sehr in Zweifel gezogen wurde. Wir werden
-also schon hier darauf aufmerksam, da ein Mann Weibliches
-in bestimmtem Mae in sich haben kann, ohne darum
-in gleichem Grade schon eine sexuelle Zwischenform darzustellen.
-Umso merkwrdiger erscheint es, da der Mann
-gltige Feststellungen ber die Natur des Weibes solle
-machen knnen; ja, da wir diese Fhigkeit, bei der auerordentlichen
-Mnnlichkeit vieler offenbar ausgezeichneter Beurteiler
-der Frauen, selbst M nicht absprechen zu knnen
-scheinen, bleibt das Recht des Mannes, ber die Frau<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> mitzusprechen,
-ein desto merkwrdigeres Problem, und wir
-werden uns der Auflsung des prinzipiellen methodischen
-Zweifels an diesem Rechte spter um so weniger entziehen
-knnen. Einstweilen betrachten wir jedoch, wie gesagt, den
-Einwurf als nicht gemacht und schreiten an die Untersuchung
-der Sache selbst. <em class="gesperrt">Worin liegt der wesentliche
-psychologische Unterschied zwischen Mann
-und Weib?</em> so fragen wir drauf los.</p>
-
-<p>Man hat in der greren Intensitt des Geschlechtstriebes
-beim Manne diesen Urunterschied zwischen den Geschlechtern
-erblicken wollen, aus dem sich alle anderen ableiten
-lieen. Ganz abgesehen, ob die Behauptung richtig, ob
-mit dem Worte Geschlechtstrieb ein Eindeutiges und wirklich
-Mebares bezeichnet ist, so steht doch die prinzipielle<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span>
-Berechtigung einer solchen Ableitung wohl noch sehr in
-Frage. Zwar drfte an allen jenen antiken und mittelalterlichen
-Theorien ber den Einflu der unbefriedigten Gebrmutter
-beim Weibe und des semen retentum beim Manne
-ein Wahres sein, und es hat da nicht erst der heute so
-beliebten Phrase bedurft, da alles nur sublimierter Geschlechtstrieb
-sei. Aber auf die Ahnung so vager Zusammenhnge
-lt sich keine systematische Darstellung grnden. Da
-mit grerer oder geringerer Strke des Geschlechtstriebes
-andere Qualitten ihrem Grade nach bestimmt sind, ist in
-keiner Weise sicherzustellen versucht worden.</p>
-
-<p>Indessen die Behauptung, da die Intensitt des Geschlechtstriebes
-bei M grer sei als bei W, ist <em class="gesperrt">an sich falsch</em>.
-Man hat ja auch wirklich das Gegenteil ebenso behauptet:
-es ist <em class="gesperrt">ebenso falsch</em>. In Wahrheit bleibt die Strke des
-Bedrfnisses nach dem Sexualakt unter Mnnern selbst gleich
-starker Mnnlichkeit noch immer verschieden, ebenso,
-wenigstens dem Anscheine nach, unter Frauen mit dem
-gleichen Gehalte an W. Hier spielen gerade unter den Mnnern
-ganz andere Einteilungsgrnde mit, die es mir zum Teil gelungen
-ist aufzufinden und ber die vielleicht eine andere
-Publikation ausfhrlich handeln wird.</p>
-
-<p>Also in der greren Heftigkeit des Begattungstriebes
-liegt, entgegen vielen populren Meinungen, <em class="gesperrt">kein</em> Unterschied
-der Geschlechter. Dagegen werden wir einen solchen gewahr,
-wenn wir jene zwei analytischen Momente, die Albert <em class="gesperrt">Moll</em>
-aus dem Begriffe des Geschlechtstriebes herausgehoben hat,
-einzeln auf Mann und Weib anwenden: den <em class="gesperrt">Detumescenz-</em> und
-den <em class="gesperrt">Kontrektationstrieb</em>. Der erste resultiert aus den
-Unlustgefhlen durch in grerer Menge angesammelte reife
-Keimzellen, der zweite ist das Bedrfnis nach krperlicher
-Berhrung eines zu sexueller Ergnzung in Anspruch genommenen
-Individuums. Whrend nmlich M beides besitzt,
-Detumescenz- wie Kontrektationstrieb, ist bei W ein eigentlicher
-Detumescenztrieb gar nicht vorhanden. Dies ist schon
-damit gegeben, da im Sexualakte nicht W an M, sondern
-nur M an W etwas abgibt: W <em class="gesperrt">behlt</em> die mnnlichen wie
-die weiblichen Sekrete. Im anatomischen Bau kommt dies<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span>
-ebenfalls zum Ausdruck in der Prominenz der mnnlichen
-Genitalien, die dem Krper des Mannes den Charakter eines
-Gefes so vllig nimmt. Wenigstens kann man die Mnnlichkeit
-des Detumescenztriebes in dieser morphologischen
-Tatsache angedeutet finden, ohne daran sofort eine naturphilosophische
-Folgerung zu knpfen. Da W der Detumescenztrieb
-fehlt, wird auch durch die Tatsache bewiesen, da
-die meisten Menschen, die ber &#8532; M enthalten, ohne Ausnahme
-in der Jugend der Onanie auf lngere oder krzere
-Zeit verfallen, einem Laster, dem unter den Frauen nur die
-mannhnlichsten huldigen. W selbst ist die Masturbation
-fremd. Ich wei, da ich hiemit eine Behauptung aufstelle,
-der schroffe gegenteilige Versicherungen gegenberstehen.
-Doch werden sich die scheinbar widersprechenden Erfahrungen
-sofort befriedigend erklren.</p>
-
-<p>Zuvor jedoch harrt noch der Kontrektationstrieb von W
-der Besprechung. Dieser spielt beim Weibe die grte, weil
-eine alleinige Rolle. Aber auch von ihm lt sich nicht behaupten,
-da er beim einen Geschlechte grer sei als beim
-anderen. Im Begriffe des Kontrektationstriebes liegt ja nicht
-die Aktivitt in der Berhrung, sondern nur das Bedrfnis
-nach dem krperlichen Kontakte mit dem Nebenmenschen
-berhaupt, ohne da schon etwas darber ausgesagt wre,
-wer der berhrende und wer der berhrte Teil ist. Die Konfusion
-in diesen Dingen, indem immer <em class="gesperrt">Intensitt des
-Wunsches</em> mit dem <em class="gesperrt">Wunsch nach Aktivitt</em> zusammengeworfen
-wird, rhrt von der Tatsache her, da M in der
-ganzen Tierwelt W gegenber, ebenso mikrokosmisch jeder
-tierische und pflanzliche Samenfaden der Eizelle gegenber
-stets der <em class="gesperrt">aufsuchende</em> und <em class="gesperrt">aggressive</em> Teil ist, und der
-Irrtum nahe liegt, ein <em class="gesperrt">unternehmendes Verhalten</em> behufs
-Erreichung eines Zweckes und den <em class="gesperrt">Wunsch</em> nach dessen
-Erreichung aus einander regelmig und in einer konstanten
-Proportion folgen zu lassen, und auf eine Abwesenheit des
-Bedrfnisses zu schlieen, wo sich keine deutlichen motorischen
-Bestrebungen zeigen, dieses zu befriedigen. So ist man dazu gekommen,
-den Kontrektationstrieb fr speziell mnnlich anzusehen
-und gerade ihn dem Weibe abzusprechen. Man versteht<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>
-aber, da hier noch sehr wohl <em class="gesperrt">innerhalb</em> des Kontrektationstriebes
-eine Unterscheidung getroffen werden mu. Es wird sich
-fernerhin noch ergeben, da M in sexueller Beziehung das Bedrfnis
-hat, <em class="gesperrt">anzugreifen</em> (im wrtlichen <em class="gesperrt">und</em> im bertragenen
-Sinne), W das Bedrfnis, <em class="gesperrt">angegriffen zu werden</em>, und es ist
-klar, da das weibliche Bedrfnis, blo weil es nach Passivitt
-geht, darum kein geringeres zu sein braucht als das
-mnnliche nach der Aktivitt. Diese Distinktionen tten den
-hufigen Debatten not, welche immer wieder die Frage aufwerfen,
-bei welchem Geschlechte der Trieb nach dem anderen
-wohl grer sein mge.</p>
-
-<p>Was man bei der Frau als Masturbation bezeichnet hat,
-entspringt aus einer anderen Ursache als aus dem Detumescenztriebe.
-W ist, und damit kommen wir auf einen wirklichen
-Unterschied zum ersten Male zu sprechen, <em class="gesperrt">sexuell
-viel erregbarer als der Mann</em>; seine <em class="gesperrt">physiologische
-Irritabilitt</em> (nicht Sensibilitt) ist, was die Sexualsphre
-anlangt, eine viel strkere. Die Tatsache dieser leichten
-sexuellen Erregbarkeit kann sich bei der Frau entweder im
-<em class="gesperrt">Wunsche</em> nach der sexuellen Erregung offenbaren oder in
-einer eigentmlichen, sehr reizbaren, ihrer selbst, wie es
-scheint, keineswegs sicheren und darum unruhigen und heftigen
-<em class="gesperrt">Scheu</em> vor der Erregung durch Berhrung. Der
-Wunsch nach der sexuellen Excitation ist insoferne ein wirkliches
-Zeichen der leichten Erregbarkeit, als dieser Wunsch
-nicht etwa einer jener Wnsche ist, welchen das in der
-Natur eines Menschen selbst gegrndete <em class="gesperrt">Schicksal</em> nie Erfllung
-gewhren kann, sondern im Gegenteile die hohe
-Leichtigkeit und Willigkeit der Gesamtanlage bedeutet, in
-den Zustand der sexuellen Erregtheit berzugehen, der vom
-Weibe mglichst intensiv und mglichst perpetuierlich ersehnt
-wird und nicht, wie beim Manne, mit der in der Kontrektation
-erreichten Detumescenz ein natrliches Ende findet.
-Was man fr Onanie des Weibes ausgegeben hat, sind
-nicht wie beim Manne Akte mit der immanierenden Tendenz,
-den Zustand der sexuellen Erregtheit aufzuheben; es sind
-vielmehr lauter Versuche, ihn herbeizufhren, zu steigern
-und zu prolongieren. &mdash; Aus der Scheu vor der sexuellen Erregung,<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>
-einer Scheu, deren Analyse einer Psychologie der Frau
-eine keineswegs leichte, vielleicht sogar die schwierigste
-Aufgabe stellt, lt sich desgleichen mit Sicherheit auf eine
-groe Schwche in dieser Beziehung schlieen.</p>
-
-<p>Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet fr die
-Frau nur die hchste Steigerung ihres Gesamtdaseins.
-<em class="gesperrt">Dieses ist immer und durchaus sexuell. W geht im
-Geschlechtsleben, in der Sphre der Begattung und
-Fortpflanzung, d.&nbsp;i. im Verhltnisse zum Manne und
-zum Kinde, vollstndig auf</em>, sie wird von diesen Dingen in
-ihrer Existenz vollkommen ausgefllt, whrend M <em class="gesperrt">nicht nur</em>
-sexuell ist. Hier liegt also in Wirklichkeit jener Unterschied,
-den man in der verschiedenen <em class="gesperrt">Intensitt</em> des Sexualtriebes
-zu finden suchte. Man hte sich also vor einer Verwechslung
-der <em class="gesperrt">Heftigkeit</em> des sexuellen Begehrens und der Strke der
-sexuellen Affekte mit der <em class="gesperrt">Breite</em>, in welcher geschlechtliche
-Wnsche und Besorgnisse den mnnlichen oder weiblichen
-Menschen ausfllen. <em class="gesperrt">Blo die grere Ausdehnung der
-Sexualsphre ber den ganzen Menschen bei W</em> bildet
-einen spezifischen Unterschied von der schwersten Bedeutung
-zwischen den geschlechtlichen Extremen.</p>
-
-<p>Whrend also W von der Geschlechtlichkeit gnzlich
-ausgefllt und eingenommen ist, kennt M noch ein Dutzend
-anderer Dinge: Kampf und Spiel, Geselligkeit und Gelage,
-Diskussion und Wissenschaft, Geschft und Politik, Religion
-und Kunst. Ich rede nicht davon, ob es einmal anders war;
-das soll uns wenig bekmmern; damit ist es wie mit der Judenfrage:
-man sagt, die Juden seien erst das geworden, was sie
-sind und einmal ganz anders gewesen. Mag sein: doch das
-wissen wir hier nicht. Wer der Entwicklung so viel zutraut,
-mag immerhin daran glauben; bewiesen ist von jenen Dingen
-nichts, gegen die eine historische berlieferung steht da
-immer gleich eine andere. Aber wie heute die Frauen sind,
-darauf kommt es an. Und stoen wir auf Dinge, die unmglich
-von auen in ein Wesen knnen hineinverpflanzt worden
-sein, so werden wir getrost annehmen, da dieses sich von jeher
-gleich geblieben ist. Heute nun zumindest ist eines sicher richtig:
-W befat sich, eine scheinbare Ausnahme (Kapitel 12) abgerechnet,<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span>
-mit auergeschlechtlichen Dingen nur fr den Mann,
-den sie liebt, oder um des Mannes willen, von dem sie geliebt
-sein mchte. Ein Interesse fr diese Dinge <em class="gesperrt">an sich</em> fehlt
-ihr vollstndig. Es kommt vor, da eine echte Frau die
-lateinische Sprache lernt; dann ist es aber nur, um etwa
-ihren Sohn, der das Gymnasium besucht, auch hierin noch
-untersttzen und berwachen zu knnen. Lust aber an einer
-Sache und Talent zu ihr, das Interesse fr sie und die
-Leichtigkeit ihrer Aneignung sind einander stets proportional.
-Wer keine Muskeln hat, hat auch keine Lust zum Hanteln
-und Stemmen; nur wer Talent zur Mathematik hat, wird sich
-ihrem Studium zuwenden. Also scheint selbst das <em class="gesperrt">Talent</em> im
-echten Weibe seltener oder weniger intensiv zu sein (obwohl
-hierauf wenig ankommt: die Geschlechtlichkeit wre ja auch
-im gegenteiligen Falle zu stark, um andere ernstgemeinte
-Beschftigung zuzulassen); und darum mangelt es wohl auch
-beim Weibe an den Bedingungen zur Bildung interessanter
-Kombinationen, die beim Manne eine Individualitt wohl
-nicht ausmachen, aber modellieren knnen.</p>
-
-<p>Dem entsprechend sind es ausschlielich weiblichere
-Mnner, die in einem fort hinter den Frauenzimmern her
-sind und an nichts Interesse finden als an Liebschaften und
-an geschlechtlichem Verkehre. Doch soll hiemit keineswegs
-das Don Juan-Problem erledigt, oder auch nur ernstlich berhrt
-sein.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">W ist nichts als Sexualitt, M ist sexuell und
-noch etwas darber.</em> Dies zeigt sich besonders deutlich in
-der so gnzlich verschiedenen Art, wie Mann und Weib ihren
-Eintritt in die Periode der Geschlechts<em class="gesperrt">reife</em> erleben. Beim
-Manne ist die Zeit der Pubertt immer krisenhaft, er fhlt,
-da ein Fremdes in sein Dasein tritt, etwas, das zu seinem
-bisherigen Denken und Fhlen hinzukommt, ohne da er es
-<em class="gesperrt">gewollt</em> hat. Es ist die physiologische Erektion, ber die
-der Wille keine Gewalt hat; und die erste Erektion wird
-darum von jedem Manne rtselhaft und beunruhigend empfunden,
-sehr viele Mnner erinnern sich ihrer Umstnde
-ihr ganzes Leben lang mit grter Genauigkeit. Das Weib
-aber findet sich nicht nur leicht in die Pubertt, es fhlt sein<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>
-Dasein von da ab sozusagen potenziert, seine eigene Wichtigkeit
-unendlich erhht. Der Mann hat als Knabe gar kein
-Bedrfnis nach der <em class="gesperrt">sexuellen</em> Reife; die Frau erwartet
-bereits als ganz junges Mdchen von dieser Zeit <em class="gesperrt">alles</em>. Der
-Mann begleitet die Symptome seiner krperlichen Reife mit
-unangenehmen, ja feindlichen und unruhigen Gefhlen, die
-Frau verfolgt in hchster Gespanntheit, mit der fieberhaftesten,
-ungeduldigsten Erwartung ihre somatische Entwicklung
-whrend der Pubertt. Dies beweist, da die Geschlechtlichkeit
-des Mannes nicht auf der geraden Linie seiner Entwicklung
-liegt, whrend bei der Frau nur eine ungeheuere
-Steigerung ihrer <em class="gesperrt">bisherigen</em> Daseinsart eintritt. Es gibt wenig
-Knaben dieses Alters, welche den Gedanken, da sie sich
-verlieben oder heiraten wrden (heiraten berhaupt, nicht im
-Hinblick auf ein bestimmtes Mdchen), nicht hchst lcherlich
-finden und indigniert zurckweisen; indes die kleinsten
-Mdchen bereits auf die Liebe und die Heirat berhaupt wie
-auf die Vollendung ihres Daseins erpicht zu sein scheinen.
-Darum wertet die Frau bei sich selbst und bei anderen
-Frauen nur die Zeit der Geschlechtsreife positiv; zur Kindheit
-wie zum Alter hat sie kein rechtes Verhltnis. Der Gedanke
-an ihre Kindheit ist ihr spter nur ein Gedanke an
-ihre Dummheit, der Aspekt, unter dem sich ihr das eigene
-Alter im voraus darstellt, ist Angst und Abscheu. Aus der
-Kindheit werden durch eine positive Bewertung von ihrem
-Gedchtnis nur die sexuellen Momente herausgehoben, und
-auch diese sind im Nachteile gegenber den spteren unvergleichlich
-hheren Intensifikationen ihres Lebens &mdash; welches
-eben ein Sexualleben ist. Die Brautnacht endlich, der
-Moment der Defloration, ist der wichtigste, ich mchte sagen,
-der Halbierungspunkt des ganzen Lebens der Frau. Im
-Leben des Mannes spielt der erste Koitus im Verhltnis zu
-der Bedeutung, die er beim anderen Geschlechte besitzt,
-berhaupt keine Rolle.</p>
-
-<p>Die Frau ist <em class="gesperrt">nur</em> sexuell, der Mann ist <em class="gesperrt">auch</em> sexuell:
-sowohl rumlich wie zeitlich lt sich diese Differenz noch
-weiter ausspinnen. Die Punkte seines Krpers, von denen
-aus der Mann geschlechtlich erregt werden kann, sind<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>
-gering an Zahl und streng lokalisiert. Beim Weibe ist die
-Sexualitt diffus ausgebreitet ber den ganzen Krper, jede
-Berhrung, an welcher Stelle immer, erregt sie sexuell. Wenn
-also im zweiten Kapitel des ersten Teiles die bestimmte
-sexuelle Charakteristik des <em class="gesperrt">ganzen</em> mnnlichen wie des
-<em class="gesperrt">ganzen</em> weiblichen Krpers behauptet wurde, so ist dies
-nicht so zu verstehen, als bestnde von jedem Punkte aus die
-Mglichkeit gleichmiger sexueller Reizung beim Manne
-ebenso wie beim Weibe. Freilich gibt es auch bei der Frau
-lokale Unterschiede in der Erregbarkeit, aber es sind hier
-nicht wie beim Manne alle brigen krperlichen Partien gegen
-den Genitaltrakt scharf geschieden.</p>
-
-<p>Die morphologische Abhebung der mnnlichen Genitalien
-vom Krper des Mannes knnte abermals als symbolisch fr
-dieses Verhltnis angesehen werden.</p>
-
-<p>Wie die Sexualitt des Mannes <em class="gesperrt">rtlich</em> gegen Asexuelles
-in ihm hervortritt, so findet sich dieselbe Ungleichheit
-auch in seinem Verhalten zu verschiedenen <em class="gesperrt">Zeiten</em> ausgeprgt.
-Das Weib ist <em class="gesperrt">fortwhrend</em>, der Mann nur <em class="gesperrt">intermittierend</em>
-sexuell. Der Geschlechtstrieb ist beim Weibe
-immer vorhanden (ber jene scheinbaren Ausnahmen, welche
-man gegen die Geschlechtlichkeit des Weibes stets ins Feld
-fhrt, wird noch sehr ausfhrlich zu handeln sein), beim Manne
-<em class="gesperrt">ruht</em> er immer lngere oder krzere Zeit. Daraus erklrt
-sich nun auch der <em class="gesperrt">eruptive</em> Charakter des mnnlichen
-Geschlechtstriebes, der diesen so viel auffallender erscheinen
-lt als den weiblichen und zu der Verbreitung des Irrtumes
-beigetragen hat, da der Geschlechtstrieb des Mannes
-intensiver sei als der des Weibes. Der wahre Unterschied
-liegt hier darin, da fr M der Begattungstrieb sozusagen
-ein pausierendes Jucken, fr W ein unaufhrlicher Kitzel ist.</p>
-
-<p>Die ausschlieliche und kontinuierliche Sexualitt des
-Weibes in krperlicher und psychischer Hinsicht hat nun
-aber noch weiterreichende Folgen. Da die Sexualitt nmlich
-beim Manne nur einen Appendix und nicht alles ausmacht,
-ermglicht dem Manne auch ihre <em class="gesperrt">psychologische</em> Abhebung
-von einem Hintergrunde und somit ihr <em class="gesperrt">Bewutwerden</em>.
-So kann sich der Mann seiner Sexualitt gegenberstellen<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>
-und sie losgelst von anderem in Betracht ziehen. Beim
-Weibe kann sich die Sexualitt nicht durch eine zeitliche
-Begrenzung ihrer Ausbrche noch durch <em class="gesperrt">ein</em> anatomisches
-Organ, in dem sie uerlich sichtbar lokalisiert ist,
-<em class="gesperrt">ab</em>heben von einer <em class="gesperrt">nicht</em>sexuellen Sphre. Darum <em class="gesperrt">wei</em>
-der Mann um seine Sexualitt, whrend die Frau sich ihrer
-Sexualitt schon darum gar nicht bewut werden und sie
-somit in gutem Glauben in Abrede stellen kann, <em class="gesperrt">weil sie
-nichts ist als Sexualitt, weil sie die Sexualitt selbst
-ist</em>, wie in Antizipation spterer Darlegungen gleich hinzugefgt
-werden mag. Es fehlt den <em class="gesperrt">Frauen</em>, weil sie <em class="gesperrt">nur</em>
-sexuell sind, die zum <em class="gesperrt">Bemerken</em> der Sexualitt wie zu allem
-Bemerken notwendige <em class="gesperrt">Zweiheit</em>; indessen sich beim stets mehr
-als blo sexuellen <em class="gesperrt">Manne</em> die Sexualitt nicht nur anatomisch,
-sondern auch <em class="gesperrt">psychologisch</em> von allem anderen abhebt. Darum
-besitzt er die Fhigkeit, zur Sexualitt selbstndig in ein Verhltnis
-zu treten; er kann sie, wenn er sich mit ihr auseinandersetzt,
-in Schranken weisen oder ihr eine grere Ausdehnung
-einrumen, er kann sie negieren oder bejahen: zum Don Juan
-wie zum Heiligen sind die Mglichkeiten in ihm vorhanden,
-er kann die eine oder die andere von beiden ergreifen. Grob
-ausgedrckt: der Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau.</p>
-
-<p>Es ist hiemit als wahrscheinlich deduziert, da der Mann
-seiner Sexualitt sich bewut werde und ihr selbstndig
-gegenbertrete, whrend der Frau die Mglichkeit dazu abzugehen
-scheint; und zwar beruft sich diese Begrndung auf
-eine grere Differenziertheit im Manne, in dem Sexuelles
-<em class="gesperrt">und</em> Asexuelles auseinandergetreten sind. Die Mglichkeit
-oder Unmglichkeit, einen bestimmten einzelnen Gegenstand
-zu ergreifen, liegt aber nicht in dem Begriffe, den man mit
-dem Worte Bewutsein gewhnlich verbindet. Dieser scheint
-vielmehr zu inkludieren, da, <em class="gesperrt">wenn</em> ein Wesen Bewutsein hat,
-es <em class="gesperrt">jedes</em> Objekt zu dessen Inhalt machen knne. Es erhebt sich
-also hier die Frage nach der <em class="gesperrt">Natur des weiblichen Bewutseins
-berhaupt</em>, und die Errterungen ber dieses
-Thema werden uns erst auf einem langen Umweg zu jenem
-hier so flchtig gestreiften Punkte wieder zurckfhren.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span><a name="III_Kapitel" id="III_Kapitel"><small>III. Kapitel.</small></a><br />
-
-Mnnliches und weibliches Bewutsein.</h2>
-
-
-<p>Bevor auf einen Hauptunterschied des psychischen Lebens
-der Geschlechter, soweit dieses die Dinge der Welt zu seinen
-Inhalten macht, nher eingegangen werden kann, mssen einige
-psychologische Sondierungen vorgenommen und einige Begriffe
-festgelegt werden. Da die Anschauungen und Prinzipien
-der herrschenden Psychologie ohne Rcksicht auf dieses
-spezielle Thema sich entwickelt haben, so wre es ja nur zu
-verwundern, wenn ihre Theorien ohne weiteres auf dessen Gebiet
-sich anwenden lieen. Zudem gibt es heute noch keine
-<em class="gesperrt">Psychologie</em>, sondern bis jetzt nur <em class="gesperrt">Psychologien</em>; und der
-Anschlu an eine bestimmte Schule, um, nur unter Zugrundelegung
-ihrer Lehrmeinungen, das ganze Thema zu behandeln,
-trge wohl viel mehr den Charakter der Willkr an sich als
-das hier einzuschlagende Verfahren, welches, in mglichstem
-Anschlu an bisherige Errungenschaften, doch die Dinge, soweit
-als ntig, von neuem in Selbstndigkeit ergrnden will.</p>
-
-<p>Die Bestrebungen nach einer vereinheitlichenden Betrachtung
-des ganzen Seelenlebens, nach seiner Zurckfhrung
-auf einen einzigen Grundproze haben in der empirischen
-Psychologie vor allem in dem Verhltnis sich geoffenbart, das
-von den einzelnen Forschern zwischen <em class="gesperrt">Empfindungen</em> und
-<em class="gesperrt">Gefhlen</em> angenommen wurde. <em class="gesperrt">Herbart</em> hat die Gefhle
-aus den Vorstellungen abgeleitet, <em class="gesperrt">Horwicz</em> hingegen aus den
-Gefhlen erst die Empfindungen sich entwickeln lassen. Die
-fhrenden modernen Psychologen haben die Aussichtslosigkeit
-dieser monistischen Bemhungen hervorgehoben. Dennoch lag
-diesen ein Wahres zu Grunde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span>
-
-Man mu, um dieses Wahre zu finden, eine Unterscheidung
-zu treffen nicht unterlassen, welche, so nahe sie zu liegen
-scheint, in der heutigen Psychologie merkwrdigerweise gnzlich
-vermit wird. Man mu das erstmalige Empfinden einer
-Empfindung, das erste Denken eines Gedankens, das erste
-Fhlen eines Gefhles selbst auseinanderhalten von den
-spteren Wiederholungen desselben Vorganges, bei welchen
-schon ein Wiedererkennen erfolgen kann. Fr eine Anzahl von
-Problemen scheint diese Distinktion, obgleich sie in der heutigen
-Psychologie leider nicht gemacht wird, von bedeutender
-Wichtigkeit.</p>
-
-<p>Jeder deutlichen, klaren, plastischen <em class="gesperrt">Empfindung</em> luft
-ursprnglich, ebenso jedem scharfen, distinkten Gedanken,
-bevor er <em class="gesperrt">zum ersten Male</em> in Worte gefat wird, ein, freilich
-oft uerst <em class="gesperrt">kurzes, Stadium der Unklarheit voran</em>. Desgleichen
-geht jeder noch nicht gelufigen <em class="gesperrt">Assoziation</em> eine
-mehr oder minder verkrzte Spanne Zeit vorher, wo blo ein
-dunkles Richtungsgefhl nach dem zu Assoziierenden hin,
-eine allgemeine Assoziationsahnung, eine Empfindung von Zugehrigkeit
-zu etwas anderem vorhanden ist. Verwandte Vorgnge
-haben besonders <em class="gesperrt">Leibniz</em> sicherlich beschftigt und
-gaben, mehr oder weniger gut beschrieben, Anla zu den
-erwhnten Theorien von Herbart und Horwicz.</p>
-
-<p>Da man als einfache Grundformen der <em class="gesperrt">Gefhle</em> insgemein
-nur Lust und Unlust, eventuell noch mit <em class="gesperrt">Wundt</em> Lsung
-und Spannung, Beruhigung und Erregung ansieht, ist die
-Einteilung der psychischen Phnomene in Empfindungen und
-Gefhle fr die Erscheinungen, die in das Gebiet jener Vorstadien
-der Klarheit fallen, wie sich bald deutlicher zeigen
-wird, zu eng und darum zu ihrer Beschreibung nicht verwendbar.
-Ich will daher, um hier scharf zu umgrenzen, die allgemeinste
-Klassifikation der psychischen Phnomene bentzen,
-die wohl getroffen werden konnte: es ist die von <em class="gesperrt">Avenarius</em>
-in Elemente und Charaktere (der Charakter hat in
-dieser Bedeutung nichts mit dem <em class="gesperrt">Objekte der Charakterologie</em>
-gemein).</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Avenarius</em> hat den Gebrauch seiner Theorien weniger
-durch seine, bekanntlich vollstndig neue, Terminologie<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>
-erschwert (die sogar viel Vorzgliches enthlt und fr gewisse
-Dinge, die er zuerst bemerkt und bezeichnet hat, kaum entbehrlich
-ist); was der Annahme mancher seiner Ergebnisse
-am meisten im Wege steht, ist seine unglckliche Sucht,
-die Psychologie aus einem gehirnphysiologischen Systeme
-abzuleiten, <em class="gesperrt">das er selbst nur aus den psychologischen
-Tatsachen der inneren Erfahrung</em> (unter uerlicher
-Zuziehung der allgemeinsten biologischen Kenntnisse ber das
-Gleichgewicht zwischen Ernhrung und Arbeit) <em class="gesperrt">gewonnen
-hatte</em>. Der psychologische zweite Teil seiner Kritik der reinen
-Erfahrung war die Basis, auf der sich in ihm selbst die Hypothesen
-des physiologischen ersten Teiles aufgebaut hatten; in
-der Darstellung kehrte sich das Verhltnis um, und so mutet
-dieser erste Teil den Leser an wie eine Reisebeschreibung von
-Atlantis. Um dieser Schwierigkeiten willen mu ich den Sinn
-der Avenariusschen Einteilung, die fr meinen Zweck sich
-am geeignetsten erwiesen hat, hier kurz darlegen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Element</em> ist fr Avenarius das, was in der Schulpsychologie
-Empfindung, Empfindungsinhalt oder Inhalt
-schlechtweg heit (und zwar sowohl bei der Perzeption als
-bei der Reproduktion), bei Schopenhauer Vorstellung,
-bei den Englndern sowohl die impression als die idea,
-im gewhnlichen Leben Ding, Sache, Gegenstand: <em class="gesperrt">gleichviel,
-ob uere Erregung eines Sinnesorganes vorhanden
-ist oder nicht, was sehr wichtig und neu war</em>.
-Dabei ist es, fr seine wie fr unsere Zwecke, recht nebenschlich,
-wo man mit der sogenannten Analyse Halt macht,
-ob man den <em class="gesperrt">ganzen</em> Baum als Empfindung betrachtet oder
-nur das einzelne Blatt, den einzelnen Stengel, oder (wobei
-meistens stehen geblieben wird) gar nur deren Farbe, Gre,
-Konsistenz, Geruch, Temperatur als wirklich Einfaches
-gelten lassen will. Denn man knnte ja auf diesem Wege
-noch weiter gehen, sagen, das Grn des Blattes sei schon
-Komplex, nmlich Resultante aus seiner Qualitt, Intensitt,
-Helligkeit, Sttigung und Ausdehnung, und brauchte erst diese
-als Elemente gelten zu lassen; hnlich wie es den Atomen oft
-geht: schon einmal muten sie den Ameren weichen, jetzt
-wieder den Elektronen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>
-
-Seien also grn, blau, kalt, warm, hart,
-weich, s߫, sauer <em class="gesperrt">Elemente</em>, so ist <em class="gesperrt">Charakter</em> nach
-Avenarius jederlei Frbung, <em class="gesperrt">Gefhlston</em>, mit dem jene
-auftreten; <em class="gesperrt">und zwar <b>nicht nur</b></em> angenehm, schn, wohltuend
-und ihre Gegenteile, sondern auch, was Avenarius
-zuerst als psychologisch hieher gehrend erkannt hat, befremdend,
-zuverlssig, unheimlich, bestndig, anders,
-sicher, bekannt, tatschlich, zweifelhaft etc. etc. <em class="gesperrt">Was</em>
-ich z.&nbsp;B. vermute, glaube, wei, ist <em class="gesperrt">Element</em>; <em class="gesperrt">da</em> es just
-<em class="gesperrt">vermutet</em> wird, nicht <em class="gesperrt">geglaubt</em>, nicht <em class="gesperrt">gewut</em>, ist <em class="gesperrt">psychologisch</em>
-(nicht logisch) ein <em class="gesperrt">Charakter</em>, <em class="gesperrt">in</em> welchem das
-Element gesetzt ist.</p>
-
-<p>Nun gibt es aber ein Stadium im Seelenleben, auf welchem
-auch diese umfassendste Einteilung der psychischen Phnomene
-<em class="gesperrt">noch nicht</em> durchfhrbar ist, <em class="gesperrt">zu frh kommt</em>. <em class="gesperrt">Es erscheinen
-nmlich in ihren Anfngen alle Elemente wie in
-einem verschwommenen Hintergrunde</em>, als eine rudis
-indigestaque moles, <em class="gesperrt">whrend Charakterisierung (ungefhr
-also = Gefhlsbetonung) zu dieser Zeit
-das Ganze lebhaft umwogt</em>. Es gleicht dies dem Prozesse,
-der vor sich geht, wenn man einem Umgebungsbestandteil,
-einem Strauch, einem Holzsto aus weiter Ferne
-sich nhert: den ursprnglichen Eindruck, den man von ihm
-empfngt, diesen ersten Augenblick, in dem man noch lange
-nicht wei, was <em class="gesperrt">es</em> eigentlich ist, diesen Moment der ersten
-strksten Unklarheit und Unsicherheit bitte ich zum Verstndnis
-des Folgenden vor allem festzuhalten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">In diesem Augenblicke nun sind Element
-und Charakter absolut ununterscheidbar</em> (<em class="gesperrt">untrennbar</em>
-sind sie stets, nach der sicherlich zu befrwortenden
-Modifikation, die <em class="gesperrt">Petzoldt</em> an <em class="gesperrt">Avenarius'</em> Darstellung vorgenommen
-hat). In einem dichten Menschengedrnge nehme
-ich z.&nbsp;B. ein Gesicht wahr, dessen Anblick mir durch die
-dazwischen wogenden Massen <em class="gesperrt">sofort</em> wieder entzogen wird.
-Ich habe keine Ahnung, wie dieses Gesicht aussieht, wre
-vllig unfhig, es zu beschreiben oder auch nur <em class="gesperrt">ein</em> Kennzeichen
-desselben anzugeben; und doch hat es mich in
-die lebhafteste Aufregung versetzt, und ich frage in angstvoll-gieriger<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>
-Unruhe: wo hab' ich dieses Gesicht nur schon
-gesehen?</p>
-
-<p>Erblickt ein Mensch einen Frauenkopf, der auf ihn einen
-sehr starken sinnlichen Eindruck macht, fr einen Augenblick,
-so vermag er oft sich selbst gar nicht zu sagen, was
-er eigentlich gesehen hat, es kann vorkommen, da er nicht
-einmal an die Haarfarbe genau sich zu erinnern wei. Bedingung
-ist immer, da die Netzhaut dem Objekte, um mich
-ganz photographisch auszudrcken, gengend <em class="gesperrt">kurze</em> Zeit,
-<em class="gesperrt">Bruchteile</em> einer Sekunde lang, <em class="gesperrt">exponiert</em> war.</p>
-
-<p>Wenn man sich irgend einem Gegenstande aus weiter
-Ferne nhert, hat man stets zuerst nur ganz vage Umrisse von
-ihm unterschieden; dabei aber beraus lebhafte Gefhle empfunden,
-die in dem Mae zurcktreten, als man eben
-nher kommt und die Einzelheiten schrfer ausnimmt. (Von
-Erwartungsgefhlen ist, wie noch ausdrcklich bemerkt
-werden soll, hier nicht die Rede.) Man denke an Beispiele, wie
-an den ersten Anblick eines aus seinen Nhten gelsten
-menschlichen Keilbeins; oder an den mancher Bilder und
-Gemlde, sowie man einen halben Meter inner- oder auerhalb
-der richtigen Distanz Fu gefat hat; ich erinnere mich
-speziell an den Eindruck, den mir Passagen mit Zweiunddreiigsteln
-aus Beethovenschen Klavierauszgen und eine
-Abhandlung mit lauter dreifachen Integralen gemacht haben,
-ehe ich noch die Noten kannte und vom Integrieren einen
-Begriff hatte. Dies eben haben <em class="gesperrt">Avenarius</em> und <em class="gesperrt">Petzoldt</em>
-<em class="gesperrt">bersehen</em>: da alles <em class="gesperrt">Hervortreten der Elemente</em> von
-<em class="gesperrt">einer gewissen Absonderung der Charakterisierung</em>
-(der Gefhlsbetonung) <em class="gesperrt">begleitet ist</em>.</p>
-
-<p>Auch einige von der experimentellen Psychologie festgestellte
-Tatsachen kann man zu diesen Ergebnissen der
-Selbstbeobachtung in Beziehung bringen. Lt man im Dunkelzimmer
-auf ein im Zustande der Dunkeladaptation befindliches
-Auge einen momentanen oder uerst kurze Zeit whrenden
-<em class="gesperrt">farbigen</em> Reiz einwirken, so hat der Beobachter nur den
-Eindruck schlechtweg der Erhellung, ohne da er die nhere
-Farbenqualitt des Lichtreizes anzugeben vermag; es wird
-ein Etwas empfunden ohne irgend welche genauere Bestimmtheit,<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>
-ein Lichteindruck berhaupt ausgesagt; und die
-przise Angabe der Farbenqualitt ist selbst noch dann nicht
-leicht mglich, wenn die Dauer des Reizes (natrlich nicht
-ber ein gewisses Ma) verlngert wird.</p>
-
-<p>Ebenso geht aber jeder wissenschaftlichen Entdeckung,
-jeder technischen Erfindung, jeder knstlerischen
-Schpfung ein verwandtes Stadium der Dunkelheit voran,
-einer Dunkelheit wie jener, aus welcher <em class="gesperrt">Zarathustra</em> seine
-Wiederkunftslehre an das Licht ruft: Herauf, abgrndlicher
-Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgengrauen,
-verschlafener Wurm: auf, auf! meine Stimme soll
-dich schon wachkrhen! &mdash; Der Proze in seiner Gnze,
-von der vlligen Wirrnis bis zur strahlenden Helle, ist in
-seinem Verlaufe vergleichbar mit der Folge der Bilder, die man
-passiv empfngt, wenn von irgend einer plastischen Gruppe,
-einem Relief die feuchten Tcher, die es in groer Anzahl
-eingehllt haben, eines nach dem anderen weggenommen werden;
-bei einer Denkmalsenthllung erlebt der Zuschauer hnliches.
-Aber auch, wenn ich mich an etwas erinnere, z.&nbsp;B. an irgend
-eine einmal gehrte Melodie, wird dieser Proze <em class="gesperrt">wieder</em> durchgemacht;
-freilich oft in uerst verkrzter Gestalt und darum
-schwer zu bemerken. <em class="gesperrt">Jedem</em> neuen Gedanken geht ein solches
-Stadium des <em class="gesperrt">Vorgedankens</em>, wie ich es nennen mchte,
-vorher, wo flieende geometrische Gebilde, visuelle Phantasmen,
-Nebelbilder auftauchen und zergehen, schwankende Gestalten,
-verschleierte Bilder, geheimnisvoll lockende Masken sich
-zeigen; Anfang und Ende des ganzen Herganges, den ich
-in seiner Vollstndigkeit kurz den Proze der <em class="gesperrt">Klrung</em>
-nenne, verhalten sich in gewisser Beziehung wie die Eindrcke,
-die ein stark Kurzsichtiger von weit entfernten Gegenstnden
-erhlt mit und ohne die korrigierenden Linsen.</p>
-
-<p>Und wie im Leben des einzelnen (der vielleicht stirbt,
-ehe er den ganzen Proze durchlaufen hat), so gehen auch
-in der Geschichte der Forschung die <em class="gesperrt">Ahnungen</em> stets den
-klaren Erkenntnissen voran. Es ist derselbe Proze der
-Klrung, <em class="gesperrt">auf Generationen verteilt</em>. Man denke z.&nbsp;B. an
-die zahlreichen griechischen und neuzeitlichen Antizipationen
-der <em class="gesperrt">Lamarck</em>schen und <em class="gesperrt">Darwin</em>schen Theorien, derentwegen<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>
-die Vorlufer heute bis zum berdru belobt werden, an die
-vielen Vorgnger von <em class="gesperrt">Robert Mayer</em> und <em class="gesperrt">Helmholtz</em>, an all
-die Punkte, wo <em class="gesperrt">Goethe</em> und <em class="gesperrt">Lionardo da Vinci</em>, freilich vielleicht
-die vielseitigsten Menschen, den spteren Fortschritt der
-Wissenschaft vorweggenommen haben u.&nbsp;s.&nbsp;w., u.&nbsp;s.&nbsp;w. Um
-solche Vorstadien handelt es sich regelmig, wenn entdeckt
-wird, dieser oder jener Gedanke sei gar nicht neu, er stehe ja
-schon bei dem und dem. &mdash; Auch bei allen Kunststilen, in der
-Malerei wie in der Musik, ist ein hnlicher Entwicklungsproze
-zu beobachten: vom unsicheren Tasten und vorsichtigen Balancieren
-bis zu groen Siegen. &mdash; Ebenso beruht der gedankliche
-Fortschritt der Menschheit auch in der Wissenschaft fast
-allein auf einer besseren und immer besseren Beschreibung
-und Erkenntnis <em class="gesperrt">derselben</em> Dinge, es ist der Proze der
-<em class="gesperrt">Klrung, ber die ganze menschliche Geschichte ausgedehnt</em>.
-Was wir neues bemerken, es kommt <em class="gesperrt">daneben</em> nicht
-eigentlich sehr in Betracht.</p>
-
-<p>Wie viele Grade der Deutlichkeit und Differenziertheit
-ein Vorstellungsinhalt durchlaufen kann bis zum vllig
-distinkten, von keinerlei Nebel in den Konturen mehr
-getrbten Gedanken, das kann man stets beobachten, wenn
-man einen schwierigen neuen Gegenstand, z.&nbsp;B. die Theorie
-der elliptischen Funktionen, durch das Studium sich anzueignen
-sucht. Wie viele <em class="gesperrt">Grade des Verstehens</em> macht
-man da nicht an sich selbst durch (insbesondere in Mathematik
-und Mechanik), bis alles vor einem daliegt, in schner
-Ordnung, in vollstndiger Disposition, in ungestrter und vollkommener
-Harmonie der Teile zum Ganzen, offen dem
-mhelosen Ergreifen durch die Aufmerksamkeit! Diese Grade
-entsprechen den einzelnen Etappen auf dem Wege der
-Klrung.</p>
-
-<p>Der Proze der Klrung kann auch <em class="gesperrt">retrograd</em> verlaufen:
-von der vlligen Distinktheit bis zur grten Verschwommenheit.
-Diese <em class="gesperrt">Umkehrung</em> des Klrungsverlaufes
-ist nichts anderes als der Proze des <em class="gesperrt">Vergessens</em>, der nur
-in der Regel ber eine lngere Zeit ausgedehnt ist und meist
-blo durch Zufall auf dem einen oder anderen Punkte seines
-Fortschreitens bemerkt wird. Es verfallen gleichsam ehedem<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>
-wohlgebahnte Straen, fr deren Pflege nichts durch Reproduktion
-geschehen ist; wie aus dem jugendlichen Vorgedanken
-der in grter Intensitt aufblitzende Gedanke, so
-wird aus dem Gedanken der altersschwache Nachgedanke:
-und wie auf einem lange nicht begangenen Waldweg von
-rechts und links Grser, Kruter, Stauden hereinzuwuchern beginnen,
-so verwischt sich Tag fr Tag die deutliche
-Prgung des Gedankens, der nicht mehr gedacht wird. Hieraus
-wird auch eine praktische Regel verstndlich, die ein Freund<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>
-sehr oft besttigt gefunden hat: wer irgend etwas <em class="gesperrt">erlernen</em>
-will, sei es ein Musikstck oder ein Abschnitt aus der Geschichte
-der Philosophie, wird im allgemeinen nicht ohne
-Unterbrechung sich dieser Aneignungsarbeit widmen knnen,
-und jede einzelne Partie des Stoffes wiederholt durchnehmen
-mssen. Da fragt es sich nun, wie gro sind am zweckmigsten
-die Pausen, zwischen dem einen Male und dem nchsten zu
-whlen? Es hat sich nun herausgestellt &mdash; und es drfte allgemein
-so sein &mdash; da mit einer Wiederholung begonnen
-werden mu, solange man sich <em class="gesperrt">noch nicht wieder</em> fr die
-Arbeit <em class="gesperrt">interessiert</em>, so lange man sein Pensum noch halbwegs
-<em class="gesperrt">zu beherrschen glaubt</em>. Sowie es einem nmlich
-genugsam entschwunden ist, um wieder zu interessieren,
-neugierig oder wibegierig zu machen, sind die Resultate
-der ersten Einbung schon zurckgegangen und kann die
-zweite die erste nicht gleich verstrken, sondern mu einen
-guten Teil der Klrungsarbeit von frischem auf sich nehmen.</p>
-
-<p>Vielleicht ist im Sinne der Siegmund <em class="gesperrt">Exner</em>schen Lehre
-von der Bahnung einer sehr populren Anschauung gem,
-wirklich als der physiologische Parallelproze der Klrung,
-anzunehmen, da die Nervenfasern, eventuell ihre Fibrillen, erst
-durch (entweder lnger anhaltende oder hufig wiederholte)
-Affektion fr die Reizleitung <em class="gesperrt">wegsam</em> gemacht werden
-mssen. Ebenso wrde natrlich im Falle des Vergessens
-das Resultat dieser Bahnung rckgngig gemacht, die
-durch sie herausgebildeten morphologischen Strukturelemente
-im einzelnen Neuron infolge mangelnden Gebtwerdens atrophieren.<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>
-Die <em class="gesperrt">Avenarius</em>sche Theorie den obigen verwandter
-Erscheinungen &mdash; <em class="gesperrt">Avenarius</em> wrde Unterschiede der
-Artikulation oder Gliederung in den Gehirnprozessen
-(den unabhngigen Schwankungen des Systems C) zur Erklrung
-dieser Dinge angenommen haben &mdash; bertrgt denn
-doch wohl zu einfach und wrtlich Eigenschaften der abhngigen
-Reihe (d.&nbsp;i. des Psychischen) auf die unabhngige
-(physische), als da sie speziell der Frage der
-psychophysischen Zuordnung irgendwie fr frderlich gelten
-knnte. Dagegen erscheint der Ausdruck artikuliert, gegliedert
-zur Beschreibung des Grades der Distinktheit, mit
-welchem die einzelnen psychischen Data gegeben sind, wohl
-geeignet, und sei hiemit seine sptere Verwendung fr diesen
-Zweck vorbehalten.</p>
-
-<p>Der Proze der Klrung mute hier in seinem ganzen
-Verlauf verfolgt werden, um Umfang und Inhalt des neuen Begriffes
-kennen zu lernen; doch ist fr das jetzt Folgende nur
-das Initialstadium, der Ausgangspunkt der Klrung, von
-Wichtigkeit. An den Inhalten, die weiterhin den Proze der
-Klrung durchmachen, ist, so hie es, im allerersten Momente,
-in dem sie sich prsentieren, auch die <em class="gesperrt">Avenarius</em>sche
-Unterscheidung von Element und Charakter <em class="gesperrt">noch nicht
-durchfhrbar</em>. Es wird also derjenige, welcher diese Einteilung
-fr alle Data der <em class="gesperrt">entwickelten</em> Psyche acceptiert, fr
-die Inhalte in jenem Stadium, <em class="gesperrt">wo eine solche Zweiheit
-an ihnen noch nicht unterscheidbar ist</em>, einen eigenen
-Namen einzufhren haben. Es sei, ohne alle ber den Rahmen
-dieser Arbeit hinausgehenden Ansprche, fr psychische Data
-auf jenem primitivsten Zustande ihrer Kindheit das Wort
-<em class="gesperrt">Henide</em> vorgeschlagen (von &#7957;&#957;, weil sie noch nicht Empfindung
-und Gefhl als <em class="gesperrt">zwei</em> fr die Abstraktion isolierbare
-analytische Momente, noch keinerlei Zweiheit erkennen lassen).</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die absolute Henide ist hiebei nur als ein Grenzbegriff
-zu betrachten.</em> Wie oft <em class="gesperrt">wirkliche</em> psychische Erlebnisse
-im <em class="gesperrt">erwachsenen</em> Alter des Menschen einen Grad von
-Undifferenziertheit erreichen, der ihnen diesen Namen mit
-Recht eintrge, lt sich so rasch nicht mit Sicherheit ausmachen;
-aber die Theorie an sich wird hiedurch nicht berhrt.<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span>
-Eine Henide wird es im allgemeinen genannt werden drfen, was,
-bei verschiedenen Menschen verschieden hufig, im Gesprche
-zu passieren pflegt: man hat ein ganz bestimmtes Gefhl, wollte
-eben etwas ganz Bestimmtes <em class="gesperrt">sagen</em>; da bemerkt z.&nbsp;B. der
-andere etwas, und es ist nun weg, nicht mehr zu erhaschen.
-Spter wird aber durch eine Assoziation pltzlich
-etwas reproduziert, von dem man sofort ganz genau wei,
-da es <em class="gesperrt">dasselbe</em> ist, was man frher nicht beim Zipfel
-fassen konnte: ein Beweis, da es <em class="gesperrt">derselbe</em> Inhalt war, nur
-in anderer <em class="gesperrt">Form</em>, <em class="gesperrt">auf einem anderen Stadium der Entwicklung</em>.
-Die Klrung erfolgt also nicht nur im Laufe des
-ganzen individuellen Lebens nach dieser Richtung hin, sie
-mu auch fr jeden Inhalt wieder von neuem durchgemacht
-werden.</p>
-
-<p>Ich besorge, da jemand eine nhere Beschreibung
-dessen verlangen mchte, was ich mit der Henide eigentlich
-meine. Wie sehe eine Henide aus? Das wre ein vlliges
-Miverstndnis. Es liegt im Begriffe der Henide, da sie sich
-nicht nher beschreiben lt, als ein dumpfes Eines; <em class="gesperrt">da
-spter die Identifikation mit dem vllig artikulierten
-Inhalte erfolgt, ist ebenso sicher, wie da
-die Henide dieser artikulierte Inhalt selbst noch
-nicht ganz ist</em>, sich von ihm irgendwie, durch den Grad
-der Bewutheit, durch den Mangel an Reliefierung, durch
-das Verschmolzensein von Folie und Hauptsache, durch den
-Mangel eines Blickpunktes im Blickfelde unterscheidet.</p>
-
-<p>Also einzelne Heniden kann man nicht beobachten und
-nicht beschreiben: <em class="gesperrt">man kann nur Kenntnis nehmen
-von ihrem Dagewesensein</em>.</p>
-
-<p>Es lt sich brigens <em class="gesperrt">prinzipiell</em> in Heniden genau so
-gut denken, leben wie in Elementen und Charakteren; jede
-Henide ist ein Individuum und unterscheidet sich sehr wohl
-von jeder anderen. Aus spter zu errternden Grnden ist
-anzunehmen, da die Erlebnisse der ersten Kindheit (und
-zwar drfte dies fr die ersten 14 Monate ausnahmslos fr
-das Leben <em class="gesperrt">aller</em> Menschen zutreffen) Heniden sind, wenn
-auch vielleicht nicht in der absoluten Bedeutung. Doch rcken
-die psychischen Geschehnisse der ersten Kindheit wenigstens<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>
-nie weit aus der Nhe des Henidenstadiums heraus; fr den
-Erwachsenen indessen gibt es stets eine Entwicklung vieler
-Inhalte ber jene Stufe empor. Dagegen ist in der Henide
-offenbar die Form des Empfindungslebens der niedersten
-Bionten, und vielleicht sehr vieler Pflanzen und Tiere zu
-sehen. Von der Henide ist <em class="gesperrt">dem Menschen</em> die Entwicklung
-nach einem vollstndig differenzierten, plastischen Empfinden
-und Denken hin mglich, wenn auch dieses nur ein nie ganz
-ihm erreichbares Ideal darstellt. Whrend die absolute
-Henide die Sprache berhaupt noch nicht gestattet, indem
-die Gliederung der Rede nur aus der des Gedankens folgt,
-gibt es auch auf der hchsten dem Menschen mglichen
-Stufe des Intellektes noch Unklares und darum Unaussprechliches.</p>
-
-<p>Im ganzen also will die Henidentheorie den zwischen
-Empfindung und Gefhl um die Wrde des hheren Alters
-gefhrten Streit schlichten helfen, und an Stelle der von
-<em class="gesperrt">Avenarius</em> und <em class="gesperrt">Petzoldt</em> aus der Mitte des Klrungsverlaufes
-herausgegriffenen Notionen Element und Charakter
-eine <em class="gesperrt">entwicklungsgeschichtliche</em> Beschreibung
-des Sachverhaltes versuchen: auf Grund der fundamentalen
-Beobachtung, da erst mit dem Heraustreten der Elemente
-diese von den Charakteren unterscheidbar werden. Darum
-ist man zu Stimmungen und zu allen Sentimentalitten
-nur disponiert, wenn die Dinge sich nicht in scharfen Konturen
-darstellen, und ihnen eher ausgesetzt in der Nacht
-als am Tage. Wenn die Nacht dem Lichte weicht, wird
-auch die Denkart der Menschen eine andere.</p>
-
-<p>In welcher Beziehung steht nun aber diese Untersuchung
-zur Psychologie der Geschlechter? Wie unterscheiden sich
-&mdash; denn offenbar wurde zu solchem Zwecke diese lngere
-Grundlegung gewagt &mdash; M und W mit Rcksicht auf die
-verschiedenen Stadien der Klrung?</p>
-
-<p>Darauf ist folgende Antwort zu geben:</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Mann hat die gleichen psychischen Inhalte
-wie das Weib in artikulierterer Form; wo
-sie mehr oder minder in Heniden denkt, dort
-denkt er bereits in klaren, distinkten Vorstellungen,<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span>
-an die sich ausgesprochene und stets die Absonderung
-von den Dingen gestattende Gefhle
-knpfen. Bei W sind Denken und Fhlen eins,
-ungeschieden, fr M sind sie auseinanderzuhalten.
-W hat also viele Erlebnisse noch in Henidenform,
-wenn bei M lngst Klrung eingetreten ist.</em><a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>
-Darum ist W sentimental, und kennt das Weib nur die
-Rhrung, nicht die Erschtterung.</p>
-
-<p>Der greren Artikulation der psychischen Data im
-Manne entspricht auch die grere Schrfe seines Krperbaues
-und seiner Gesichtszge gegenber der Weichheit,
-Rundung, Unentschiedenheit in der echten weiblichen Gestalt
-und Physiognomie. Ferner stimmen mit dieser Anschauung
-die Ergebnisse der die Geschlechter vergleichenden Sensibilittsmessungen
-berein, die, entgegen der populren
-Meinung, bei den <em class="gesperrt">Mnnern</em> eine durchgngig grere
-Sinnesempfindlichkeit schon am <em class="gesperrt">Durchschnitt</em> ergeben haben
-und solche Differenzen sicherlich in noch viel hherem Mae
-htten hervortreten lassen, wenn die <em class="gesperrt">Typen</em> in Betracht gezogen
-worden wren. Die einzige Ausnahme bildet der Tastsinn: die
-taktile Empfindlichkeit der Frauen ist feiner als die der Mnner.
-Das Faktum ist interessant genug, um zur Auslegung aufzufordern,
-und eine solche wird auch spter versucht werden.
-Zu bemerken ist hier noch, da hingegen die Schmerzsensibilitt
-des Mannes eine unvergleichlich grere ist als
-die der Frau, was fr die physiologischen Untersuchungen
-ber den Schmerzsinn und seine Scheidung vom Hautsinn
-von Wichtigkeit ist.</p>
-
-<p>Schwache Sensibilitt wird das Verbleiben der Inhalte in
-der Nhe des Henidenstadiums sicherlich begnstigen; geringere
-Klrung kann aber nicht als ihre unbedingte Folge dargetan
-werden, sondern lt sich mit ihr nur in einen sehr
-wahrscheinlichen Zusammenhang bringen. Ein zuverlssigerer
-Beweis fr die geringere Artikulation des weiblichen Vorstellens
-liegt in der greren <em class="gesperrt">Entschiedenheit im Urteil</em><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>
-des Mannes, ohne da diese <em class="gesperrt">allein</em> aus der geringeren Distinktheit
-des Denkens beim Weibe sich schon vllig <em class="gesperrt">ableiten</em>
-liee (vielleicht weisen beide auf eine gemeinsame tiefere
-Wurzel zurck). Doch ist wenigstens dies eine sicher, da
-wir, so lange wir dem Henidenstadium nahe sind, meist nur
-genau wissen, wie sich eine Sache <em class="gesperrt">nicht</em> verhlt, und das
-wissen wir immer schon lange, bevor wir wissen, <em class="gesperrt">wie</em> sie
-sich verhlt: hierauf, auf einem Besitzen von Inhalten in
-Henidenform, beruht wohl auch das, was <em class="gesperrt">Mach</em> instinktive
-Erfahrung nennt. Nahe dem Henidenstadium reden wir
-noch immer um die Sache herum, korrigieren uns bei
-jedem Versuche sie zu bezeichnen und sagen: Das ist
-auch noch nicht das richtige Wort. Damit ist naturgem
-Unsicherheit im Urteilen von selbst gegeben. Erst mit vollendeter
-Klrung wird auch unser Urteil bestimmt und sicher;
-<em class="gesperrt">der Urteilsakt selbst setzt eine gewisse Entfernung
-vom Henidenstadium voraus</em>, selbst wenn durch ihn ein
-analytisches Urteil, das den geistigen Besitzstand des Menschen
-nicht vermehrt, ausgesprochen werden soll.</p>
-
-<p>Der entscheidende Beweis aber fr die Richtigkeit der
-Anschauung, welche die Henide W, den differenzierten Inhalt M
-zuschreibt und hier einen fundamentalen Gegensatz beider
-erblickt, liegt darin, da, wo immer ein neues Urteil zu fllen
-und nicht ein schon lange fertiges einmal mehr in Satzform
-auszusprechen ist, <em class="gesperrt">da in solchem Falle stets W von M die
-Klrung ihrer dunklen Vorstellungen, <b>die Deutung der
-Heniden erwartet</b></em>. Es wird die in der Rede des Mannes
-sichtbar werdende Gliederung seiner Gedanken dort, wo die
-Frau ohne helle Bewutheit vorgestellt hat, <em class="gesperrt">als ein (tertirer)
-mnnlicher Geschlechtscharakter von ihr geradezu
-erwartet, gewnscht und beansprucht, und wirkt auf
-sie wie ein solcher</em>. <em class="gesperrt">Hierauf</em> bezieht es sich, wenn
-so viele Mdchen sagen, sie wnschten nur einen solchen
-Mann zu heiraten, oder knnten zumindest nur jenen Mann
-<em class="gesperrt">lieben</em>, <em class="gesperrt">der gescheiter sei als sie</em>; da es sie befremden,
-ja sexuell <em class="gesperrt">abstoen</em> kann, wenn der Mann dem, was sie
-sagen, einfach recht gibt und es nicht gleich besser sagt
-als sie; kurz und gut, warum eine Frau es eben als <em class="gesperrt">Kriterium<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>
-der Mnnlichkeit</em> fhlt, da der Mann ihr auch
-geistig berlegen sei, von dem Manne mchtig angezogen
-wird, dessen Denken ihr imponiert, und damit, ohne es zu
-wissen, das entscheidende Votum gegen alle Gleichheitstheorien
-abgibt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">M lebt bewut, W lebt unbewut.</em> Zu diesem Schlusse
-fr die Extreme sind wir nun berechtigt. <em class="gesperrt">W empfngt ihr
-Bewutsein von M</em>: die Funktion, das Unbewute bewut
-zu machen, ist die sexuelle Funktion des typischen Mannes
-gegenber dem typischen Weibe, das zu ihm im Verhltnis
-idealer Ergnzung steht.</p>
-
-<p>Hiemit ist die Darstellung beim <em class="gesperrt">Problem der Begabung</em>
-angelangt: der ganze theoretische Streit in der
-Frauenfrage geht heute fast nur darum, wer geistig hher
-veranlagt sei, die Mnner oder die Frauen. Die populre
-Fragestellung erfolgt ohne Typisierung; hier wurden ber
-die Typen Anschauungen entwickelt, die auf die Beantwortung
-jener Frage nicht ohne Einflu bleiben knnen. Die
-Art dieses Zusammenhanges bedarf jetzt der Errterung.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span><a name="IV_Kapitel" id="IV_Kapitel"><small>IV. Kapitel.</small></a><br />
-
-Begabung und Genialitt.</h2>
-
-
-<p>Da ber das Wesen der genialen Veranlagung sehr
-vielerlei an vielen Orten zu lesen ist, wird es Miverstndnisse
-verhten, wenn noch vor allem Eingehen auf die Sache
-einige Feststellungen getroffen werden.</p>
-
-<p>Da handelt es sich zunchst um die Abgrenzung gegen
-den Begriff des Talentes. Die populre Anschauung bringt
-Genie und Talent fast immer so in Verbindung, als wre das erste
-ein hherer oder hchster Grad des letzteren, durch strkste
-Potenzierung oder Hufung verschiedener Talente in einem
-Menschen aus jenem abzuleiten, als gbe es zumindest vermittelnde
-bergnge zwischen beiden. Diese Ansicht ist
-vollstndig verkehrt. Wenn es auch vielerlei Grade und
-verschieden hohe Steigerungen der Genialitt sicherlich gibt,
-so haben diese Stufen doch gar nichts zu tun mit dem sogenannten
-Talent. Ein Talent, z.&nbsp;B. das mathematische
-Talent, mag jemand von Geburt in auerordentlichem Grade
-besitzen; er wird dann die schwierigsten Kapitel dieser Wissenschaft
-mit leichter Mhe sich anzueignen imstande sein;
-aber von Genialitt, was dasselbe ist wie Originalitt, Individualitt
-und Bedingung eigener Produktivitt, braucht
-er darum noch nichts zu besitzen. Umgekehrt gibt es hochgeniale
-Menschen, die kein spezielles Talent in besonders
-hohem Grade entwickelt haben. Man denke an <em class="gesperrt">Novalis</em> oder
-an <em class="gesperrt">Jean Paul</em>. Das Genie ist also keineswegs ein hchster
-Superlativ des Talentes, es ist etwas von ihm durch eine ganze
-Welt Geschiedenes, beide durchaus heterogener Natur, nicht
-aneinander zu messen und nicht miteinander zu vergleichen.
-Das Talent ist vererbbar, es kann Gemeingut einer Familie<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>
-sein (die <em class="gesperrt">Bachs</em>); das Genie ist nicht bertragbar, es ist nie
-generell, sondern stets individuell (<em class="gesperrt">Johann Sebastian</em>).</p>
-
-<p>Vielen leicht zu blendenden mittelmigen Kpfen, insbesondere
-aber den <em class="gesperrt">Frauen</em>, gilt im allgemeinen geistreich
-und genial als dasselbe. Die Frauen haben, wenn auch der
-uere Schein fr das Gegenteil sprechen mag, in Wahrheit
-gar keinen Sinn fr das Genie, ihnen gilt jede Extravaganz
-der Natur, die einen Mann aus Reih und Glied der anderen
-sichtbar hervortreten lt, zur Befriedigung ihres sexuellen
-Ehrgeizes gleich; sie verwechseln den Dramatiker mit dem
-Schauspieler, und machen keinen Unterschied zwischen
-Virtuos und Knstler. So gilt ihnen denn auch der geistreiche
-Mensch als der geniale, <em class="gesperrt">Nietzsche</em> als der Typus des
-Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfllen blo jongliert,
-alles Franzosentum des Geistes, mit wahrer geistiger Hhe nicht
-die entfernteste Verwandtschaft. Menschen, die nichts sind als
-eben geistreich, sind unfromme Menschen; es sind solche, die, von
-den Dingen nicht wirklich erfllt, an ihnen nie ein aufrichtiges
-und tiefes Interesse nehmen, in denen nicht lang und schwer etwas
-der Geburt entgegenstrebt. Es ist ihnen nur daran gelegen,
-da ihr Gedanke glitzere und funkle wie eine prchtig zugeschliffene
-Raute, nicht, da er auch etwas beleuchte! Und das kommt
-daher, weil ihr Sinnen vor allem die Absicht auf das behlt,
-was die anderen zu eben diesen Gedanken wohl sagen
-werden &mdash; eine Rcksicht, die durchaus nicht immer rcksichtsvoll
-ist. Es gibt Mnner, die imstande sind, eine Frau,
-die sie in keiner Weise anzieht, zu heiraten &mdash; blo weil sie
-<em class="gesperrt">den anderen</em> gefllt. Und solche Ehen findet man auch
-zwischen so manchen Menschen und ihren Gedanken. Ich denke
-z.&nbsp;B. an eines lebenden Autors boshafte, anflegelnde, beleidigende
-Schreibweise: er glaubt zu brllen und bellt doch nur. Leider
-scheint auch Friedrich <em class="gesperrt">Nietzsche</em>, in seinen spteren Schriften
-(so erhaben er sonst ber den Vergleich mit jenem ist), an seinen
-Einfllen manchmal vor allem das interessiert zu haben, was
-seinem Vermuten nach die Leute recht chokieren mute. Er
-<em class="gesperrt">ist</em> oft gerade dort am eitelsten, wo er am rcksichtslosesten
-<em class="gesperrt">scheint</em>. Es ist die Eitelkeit des Spiegels selbst, der von
-dem Gespiegelten brnstig Anerkennung erfleht: Sieh, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>
-gut, wie <em class="gesperrt">rcksichtslos</em> ich spiegle! &mdash; In der Jugend, so
-lange man selbst noch nicht gefestigt ist, sucht ja wohl ein
-jeder sich dadurch zu festigen, da er den anderen anrempelt;
-aber leidenschaftlich-aggressiv sind ganz groe
-Mnner doch immer nur aus Not. Nicht sie gleichen dem jungen
-Fuchs auf der Suche nach seiner Mensur, nicht sie dem jungen
-Mdchen, das die neue Toilette vor allem darum so entzckt,
-weil ihre Freundinnen sich <b>so</b> darber rgern werden.</p>
-
-<p>Genie! Genialitt! Was hat dieses Phnomen nicht bei
-der Mehrzahl der Menschen fr Unruhe und geistiges Unbehagen,
-fr Ha und Neid, fr Migunst und Verkleinerungssucht
-hervorgerufen, wieviel Unverstndnis und &mdash; wieviel
-Nachahmungstrieb hat es nicht ans Licht treten lassen! Wie
-er sich ruspert und wie er spuckt ...</p>
-
-<p>Leicht trennen wir uns von den Imitationen des Genius,
-um uns ihm selbst und seinen echten Verkrperungen zuzuwenden.
-Aber wahrlich! Wo hier auch die Betrachtung den
-Anfang nehmen mge, bei der unendlichen, ineinanderflieenden
-Flle wird immer nur ihre Willkr den Ausgangspunkt
-whlen knnen. Alle Qualitten, die man als geniale
-bezeichnen mu, hngen so innig miteinander zusammen, da
-eine vereinzelte Betrachtung ihrer, die nur allmhlich zu
-hherer Allgemeinheit aufzusteigen plant, zur denkbar
-schwierigsten Sache wird: indem die Darstellung stets zu
-vorzeitiger Abrundung des Ganzen verfhrt zu werden frchten
-mu, und sich in der isolierenden Methode nicht behaupten zu
-knnen droht. Alle bisherigen Errterungen ber das Wesen
-des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklren
-mit lcherlicher Anmaung das bichen Wissen auf
-diesem Gebiete zur Beantwortung der schwierigsten und
-tiefsten psychologischen Fragen fr hinreichend. Oder sie
-steigen von der Hhe eines metaphysischen Standpunktes
-<em class="gesperrt">herab</em>, um die Genialitt in ihr System <em class="gesperrt">aufzunehmen</em>. Wenn
-der Weg, der hier eingeschlagen werden soll, nicht zu allen
-Zielen <em class="gesperrt">auf einmal</em> fhrt, so liegt dies eben an seiner Natur
-eines Weges.</p>
-
-<p>Denken wir daran, um wieviel besser der groe Dichter
-in die Menschen sich hineinversetzen kann als der Durchschnittsmensch.<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span>
-Man ermesse die auerordentliche Anzahl
-der Charaktere, die <em class="gesperrt">Shakespeare</em>, die <em class="gesperrt">Euripides</em> geschildert
-haben; oder denke an die ungeheuere Mannigfaltigkeit der Personen, die
-in den Romanen <em class="gesperrt">Zolas</em> auftreten. <em class="gesperrt">Heinrich von Kleist</em>
-hat nach der Penthesilea ihr vollendetes Gegenteil, das
-Kthchen von Heilbronn geschaffen, <em class="gesperrt">Michel Angelo</em> die
-Leda und die delphische Sibylle aus seiner Phantasie heraus
-verkrpert. Es gibt wohl wenige Menschen, die so wenig
-darstellende Knstler waren wie Immanuel <em class="gesperrt">Kant</em> und Joseph
-<em class="gesperrt">Schelling</em>, und doch sind sie es, die ber die Kunst das
-Tiefste und Wahrste geschrieben haben.</p>
-
-<p>Um nun einen Menschen zu erkennen oder darzustellen,
-mu man ihn <em class="gesperrt">verstehen</em>. Um aber einen Menschen zu verstehen,
-mu man mit ihm hnlichkeit haben, man mu so
-sein wie er, um seine Handlungen nachzubilden und wrdigen
-zu knnen, mu man die psychologischen Voraussetzungen,
-die sie in ihm hatten, in sich selbst nachzuerzeugen
-vermgen: <em class="gesperrt">einen Menschen verstehen, heit ihn in sich
-haben</em>. Man mu dem Geist gleichen, den man begreifen
-will. Darum versteht ein Gauner nur immer gut den anderen
-Gauner, ein gnzlich harmloser Mensch wieder vermag nie
-jenen, stets nur eine ihm ebenbrtige Gutmtigkeit zu fassen;
-ein Poseur erklrt sich die Handlungen des anderen Menschen
-fast immer als Posen und vermag einen zweiten Poseur
-rascher zu durchschauen als der einfache Mensch, an den
-der Poseur seinerseits nie recht zu glauben imstande ist.
-<em class="gesperrt">Einen Menschen verstehen heit also: er selbst sein.</em></p>
-
-<p>Danach mte aber jeder Mensch sich selbst am besten
-verstehen, und das ist gewi nicht richtig. Kein Mensch
-kann sich selbst je verstehen, denn dazu mte er aus sich selbst
-herausgehen, dazu mte das Subjekt des Erkennens und
-Wollens Objekt werden knnen: ganz wie, um das Universum
-zu verstehen, ein Standpunkt noch auerhalb des Universums erforderlich
-wre, und einen solchen zu gewinnen, ist nach dem
-Begriffe eines Universums nicht mglich. Wer sich selbst
-verstehen knnte, der knnte die Welt verstehen. Da dieser
-Satz nicht nur vergleichsweise gilt, sondern ihm eine sehr tiefe
-Bedeutung innewohnt, wird sich aus der Darstellung allmhlich<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>
-ergeben. Fr den Augenblick ist sicher, da man sein tiefstes
-eigenstes Wesen nicht selbst verstehen kann. Und es gilt auch
-wirklich: man wird, wenn man berhaupt verstanden wird,
-immer nur von anderen, nie von sich selbst verstanden. Der
-andere nmlich, der mit dem ersten eine hnlichkeit hat und
-ihm in anderer Beziehung doch gar nicht gleich ist, dem
-kann diese hnlichkeit zum Gegenstande der Betrachtung
-werden, er kann sich im anderen, oder den anderen in sich
-<em class="gesperrt">erkennen</em>, darstellen, <em class="gesperrt">verstehen</em>. <em class="gesperrt">Einen Menschen
-verstehen heit also: <b>auch</b> er sein.</em></p>
-
-<p>Der geniale Mensch aber offenbarte sich an jenen Beispielen
-eben als der Mensch, welcher ungleich mehr Wesen
-versteht als der mittelmige. <em class="gesperrt">Goethe</em> soll von sich gesagt
-haben, es gebe kein Laster und kein Verbrechen, zu dem
-er nicht die Anlage in sich versprt, das er nicht in
-irgend einem Zeitpunkte seines Lebens vollauf verstanden
-habe. Der geniale Mensch ist also komplizierter, zusammengesetzter,
-reicher; <em class="gesperrt">und ein Mensch ist um so genialer
-zu nennen, je mehr Menschen er in sich vereinigt</em>,
-und zwar, wie hinzugefgt werden mu, <em class="gesperrt">je lebendiger</em>, mit
-je grerer <em class="gesperrt">Intensitt</em> er die anderen Menschen in sich hat.
-Wenn das Verstndnis des Nebenmenschen nur wie ein
-schwaches Stmpchen in ihm brennte, dann wre er nicht imstande,
-als groer Dichter in seinen Helden das Leben einer
-mchtigen Flamme gleich zu entznden, seine Figuren wren
-ohne Mark und Kraft. Das Ideal gerade von einem knstlerischen
-Genius ist es, in allen Menschen zu leben, an alle
-sich zu verlieren, in die Vielheit zu <em class="gesperrt">emanieren</em>; indes der
-Philosoph alle anderen <em class="gesperrt">in sich</em> wiederfinden, sie zu einer
-Einheit, die eben immer nur <em class="gesperrt">seine</em> Einheit sein wird, zu
-<em class="gesperrt">resorbieren</em> die Aufgabe hat.</p>
-
-<p>Diese Proteus-Natur des Genies ist, ebensowenig wie
-frher die Bisexualitt, als Simultaneitt aufzufassen; auch
-dem grten Genius ist es nicht gegeben, zu gleicher Zeit,
-etwa an einem und demselben Tage, das Wesen aller
-Menschen zu verstehen. Die umfassendere und inhaltsvollere
-Anlage, welche ein Mensch geistig besitzt, kann nur nach
-und nach, in allmhlicher Entfaltung seines ganzen Wesens<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>
-sich offenbaren. Es hat den Anschein, da auch sie in einem
-bestimmten Ablauf gesetzmiger <em class="gesperrt">Perioden</em> zum Vorschein
-kommt. Diese Perioden wiederholen sich aber im Laufe des
-Lebens nicht in der gleichen Weise, als wre jede nur die
-gewhnliche Wiederholung der vorhergegangenen, sondern
-sozusagen in immer hherer Sphre; es gibt nicht zwei Momente
-des individuellen Lebens, die einander ganz gleichen; und es
-existiert zwischen den spteren und den frheren Perioden nur
-die hnlichkeit der Punkte der hheren mit den homologen der
-niederen Spiralwindung. Daher kommt es, da hervorragende
-Menschen so oft in ihrer Jugend den Plan zu einem Werke
-fassen, nach langer Pause im Mannesalter das Jahre hindurch
-nicht vorgenommene Konzept einer Bearbeitung unterziehen
-und erst im Greisenalter nach abermaligem Zurckstellen es
-vollenden: es sind die verschiedenen Perioden, in die sie abwechselnd
-treten und die sie stets mit anderen Gegenstnden
-erfllen. Diese Perioden existieren bei jedem Menschen, nur in
-verschiedener Strke, mit verschiedener Amplitde. Da das
-Genie die meisten Menschen mit der <em class="gesperrt">grten</em> Lebendigkeit in
-sich hat, <em class="gesperrt">wird die Amplitde der Perioden um so ausgesprochener
-sein, je bedeutender ein Mensch in geistiger
-Beziehung ist</em>. Hochstehende Menschen hren daher
-meist von Jugend auf von Seiten ihrer Erzieher den Vorwurf, da
-sie fortwhrend von einem Extrem ins andere fielen. Als ob sie
-sich dabei besonders wohl befinden wrden! Gerade beim hervorragenden
-Menschen nehmen solche bergnge in der Regel
-einen ausgesprochen krisenhaften Charakter an. <em class="gesperrt">Goethe</em> hat
-einmal von der wiederholten Pubertt der Knstler gesprochen.
-Was er gemeint hat, hngt innig mit diesem Gegenstande
-zusammen. Denn gerade die starke Periodizitt des
-Genies bringt es mit sich, da bei ihm immer erst auf sterile
-Jahre die fruchtbaren und auf sehr produktive Zeiten immer
-wieder sehr unfruchtbare folgen &mdash; Zeiten, in denen er von sich
-nichts hlt, ja von sich <em class="gesperrt">psychologisch</em> (nicht logisch) weniger
-hlt <em class="gesperrt">als von jedem anderen Menschen</em>: qult ihn doch
-die Erinnerung an die Schaffensperiode, und vor allem &mdash; wie
-<em class="gesperrt">frei</em> sieht er sie, die von solchen Erinnerungen nicht Belstigten,
-herumgehen! Wie seine Ekstasen gewaltiger sind<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>
-als die der anderen, so sind auch seine Depressionen frchterlicher.
-Bei jedem hervorragenden Menschen gibt es solche
-Zeiten, krzere und lngere; Zeiten, wo er in vlliger Verzweiflung
-an sich selbst sein, wo es bei ihm zu Selbstmordgedanken
-kommen kann, Zeiten, wo zwar auch eine Menge
-Dinge ihm auffallen knnen, und vor allem eine Menge Dinge
-sich ansetzen werden fr eine sptere Ernte; wo aber nichts mit
-dem gewaltigen Tonus der produktiven Periode erscheint,
-wo, mit anderen Worten, <em class="gesperrt">der Sturm sich nicht einstellt</em>;
-Zeiten, in denen wohl ber solche, die trotzdem
-fortzuschaffen versuchen, gesagt wird: Wie der jetzt herunterkommt!
-Wie der sich vllig ausgegeben hat! Wie der
-sich selbst kopiert! etc. etc.</p>
-
-<p>Auch seine anderen Eigenschaften, nicht blo ob er
-berhaupt, sondern auch der Stoff, in welchem, der Geist, aus
-welchem heraus er produziert, sind im genialen Menschen einem
-Wechsel und einer starken Periodizitt unterworfen. Er ist
-das eine Mal eher reflektierend und wissenschaftlich, das andere
-Mal mehr zu knstlerischer Darstellung disponiert (<em class="gesperrt">Goethe</em>);
-zuerst konzentriert sich sein Interesse auf die menschliche Kultur
-und Geschichte, dann wieder auf die Natur (man halte <em class="gesperrt">Nietzsches</em>
-Unzeitgeme Betrachtungen neben seinen Zarathustra);
-er ist jetzt mystisch, nachher naiv (solche Beispiele haben
-in jngster Zeit <em class="gesperrt">Bjrnson</em> und <em class="gesperrt">Maurice Maeterlinck</em> gegeben).
-Ja, so gro ist im hervorragenden Menschen die
-Amplitde der Perioden, in denen die verschiedenen Seiten
-seines Wesens, die vielen Menschen, die in ihm intensiv
-leben, aufeinander succedieren, da diese Periodizitt auch
-physiognomisch sich deutlich offenbart. Hieraus mchte ich
-die auffallende Erscheinung erklren, da bei begabteren
-Menschen der Ausdruck des Antlitzes viel fter wechselt als
-bei Unbegabten, ja da sie zu verschiedenen Zeiten oft unglaublich
-verschiedene Gesichter haben knnen; man vergleiche
-nur die von <em class="gesperrt">Goethe</em>, von <em class="gesperrt">Beethoven</em>, von <em class="gesperrt">Kant</em>,
-von <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> aus den verschiedenen Epochen ihres
-Lebens erhaltenen Bilder! <em class="gesperrt">Man kann die Zahl der Gesichter,
-die ein Mensch hat, geradezu als ein physiognomisches
-Kriterium seiner Begabung ansehen.</em><span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>
-Menschen, die stets ein und dasselbe Gesicht <em class="gesperrt">vllig</em> unverndert
-aufweisen, stehen auch intellektuell sehr tief. Hingegen
-wird es den Physiognomiker nicht wundern, da begabtere
-Menschen, die auch im Verkehr und Gesprch immer
-neue Seiten ihres Wesens offenbaren, ber die darum das Nachdenken
-nicht so bald ein fertiges Urteil gewinnt, diese Eigenschaft
-auch durch ihr Aussehen bewahrheiten.</p>
-
-<p>Man wird vielleicht mit Entrstung die hier entwickelte
-<em class="gesperrt">vorlufige</em> Vorstellung vom Genie zurckweisen, weil sie als
-notwendig postuliere, da ein <em class="gesperrt">Shakespeare</em> auch die
-ganze Gemeinheit eines Falstaff, die ganze Schurkenhaftigkeit
-eines Jago, die ganze Rohheit eines Caliban in sich gehabt
-habe, somit die groen Menschen moralisch erniedrige, indem
-sie ihnen das intimste Verstndnis auch fr alles Verchtliche
-und Unbedeutende imputiere. Und es mu zugegeben werden,
-da nach dieser Auffassung die genialen Menschen von den
-zahlreichsten und heftigsten Leidenschaften erfllt und selbst
-von den widerlichsten Trieben nicht verschont sind (was
-brigens durch ihre Biographien berall besttigt wird).</p>
-
-<p>Aber jener Einwurf ist trotzdem unberechtigt. Dies wird
-aus der spteren Vertiefung des Problems noch hervorgehen;
-einstweilen sei darauf hingewiesen, da nur eine oberflchliche
-Schluweise ihn als die notwendige Folgerung aus den
-bis jetzt dargelegten Prmissen betrachten kann, die vielmehr
-allein schon sein Gegenteil mehr als wahrscheinlich zu machen
-gengen. <em class="gesperrt">Zola</em>, der den Impuls zum Lustmord so gut kennt,
-htte trotzdem nie einen Lustmord begangen, und zwar darum,
-<em class="gesperrt">weil in ihm selber eben so viel anderes <b>noch</b> ist</em>. Der
-wirkliche Lustmrder ist die Beute seines Antriebes; in seinem
-Dichter wirkt der ganze Reichtum seiner vielfltigen Anlage
-dem Reize entgegen. Er bewirkt, da <em class="gesperrt">Zola</em> den Lustmrder
-viel besser als jeder wirkliche Lustmrder sich selbst <em class="gesperrt">kennen</em>,
-da er aber eben damit ihn <em class="gesperrt">erkennen</em> wird, wenn die Versuchung
-wirklich an ihn herantreten sollte; und damit steht er
-ihr bereits gegenber, Aug' in Auge, und kann sich ihrer
-erwehren. Auf diese Weise wird der verbrecherische Trieb
-im groen Menschen <em class="gesperrt">vergeistigt</em>, zum Knstlermotiv wie
-bei <em class="gesperrt">Zola</em>, oder zur philosophischen Konzeption des Radikal-Bsen<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>
-wie bei <em class="gesperrt">Kant</em>, darum fhrt er ihn nicht zur verbrecherischen
-<em class="gesperrt">Tat</em>.</p>
-
-<p>Aus der Flle von Mglichkeiten, die in jedem bedeutenden
-Menschen vorhanden sind, ergeben sich nun wichtige
-Konsequenzen, welche zur Theorie der Heniden, wie sie im
-vorigen Kapitel entwickelt wurde, zurckleiten. <em class="gesperrt">Was man
-in sich hat, <b>bemerkt</b> man eher, als was man nicht versteht</em>
-(wre dem anders, so gb' es keine Mglichkeit, da die
-Menschen miteinander verkehren knnten &mdash; sie wissen meistens
-gar nicht, wie <em class="gesperrt">oft sie</em> einander miverstehen); dem Genie,
-das so viel mehr <em class="gesperrt">versteht</em> als der Dutzendmensch, wird also
-auch mehr <em class="gesperrt">auffallen</em> als diesem. Der Intrigant wird es
-leicht bemerken, wenn ein anderer ihm gleicht; der leidenschaftliche
-Spieler sofort wahrnehmen, wenn ein zweiter
-groe Lust zum Spiele verrt, whrend dies den anderen, die
-anders sind, in den meisten Fllen lange entgeht: der Art
-ja versiehst du dich besser, heit es in <em class="gesperrt">Wagners</em> Siegfried.
-Vom komplizierteren Menschen aber galt, da er
-jeden Menschen besser verstehen knne als dieser sich selber,
-vorausgesetzt, da er dieser Mensch ist und zugleich noch
-etwas mehr, <em class="gesperrt">genauer, wenn er diesen Menschen <b>und
-dessen Gegenteil</b>, alle beide, in sich hat. Die Zweiheit
-ist stets die Bedingung des Bemerkens und des Begreifens</em>;
-fragen wir die Psychologie nach der kardinalsten
-Bedingung des Bewutwerdens, der Abhebung, so erhalten
-wir zur Antwort, da hiefr die notwendige Voraussetzung
-der <em class="gesperrt">Kontrast</em> sei. Gbe es nur ein einfrmiges Grau, so
-htte niemand ein Bewutsein, geschweige denn einen Begriff
-von Farbe; absolute <em class="gesperrt">Ein</em>tnigkeit eines Gerusches fhrt beim
-Menschen raschen <b>Schlaf</b> herbei: <em class="gesperrt">Zweiheit (das <b>Licht</b>, das
-die Dinge scheidet und unterscheidet) ist die Ursache
-des wachen Bewutseins.</em></p>
-
-<p>Darum kann niemand sich selbst verstehen, wenn er auch
-sein ganzes Leben ununterbrochen ber sich nachdchte, und
-immer nur einen anderen, dem er zwar hnlich, aber der er
-nicht ganz ist, sondern von dessen Gegenteil er ebensoviel in
-sich hat wie von ihm selbst. Denn in dieser Verteilung liegen
-die Verhltnisse fr das Verstehen am gnstigsten: der frher<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span>
-erwhnte Fall <em class="gesperrt">Kleistens</em>. <em class="gesperrt">Endgltig bedeutet also einen
-Menschen verstehen soviel als: ihn <b>und</b> sein Gegenteil
-in sich haben.</em></p>
-
-<p>Da sich ganz allgemein stets Gegensatz<em class="gesperrt">paare</em> im selben
-Menschen zusammenfinden mssen, um ihm das Bewutwerden
-auch nur <em class="gesperrt">eines</em> Gliedes von jedem Paare zu gestatten, dafr
-liefert die Lehre vom Farbensinn des Auges mehrere physiologische
-Beweise, von denen ich nur die bekannte Erscheinung
-erwhne, da die Farbenblindheit sich immer auf <em class="gesperrt">beide</em>
-Komplementrfarben erstreckt; der Rotblinde ist auch grnblind,
-und es gibt nur Blaugelbblinde und keinen Menschen,
-der blau empfinden knnte, wenn er fr gelb unempfnglich
-wre. Dieses Gesetz gilt im Geistigen berall, es ist das
-Grundgesetz alles Bewutwerdens. Zum Beispiel wird, wer
-immer sehr zum Frohmut, auch zum Umschlag in Trbsinn
-eher veranlagt sein als ein stets gleichmig Gestimmter;
-und wer fr jederlei Feinheit und Subtilitt so viel Sinn hat wie
-<em class="gesperrt">Shakespeare</em>, auch die ungeschlachteste Derbheit, weil gleichsam
-als seine Gefahr, am sichersten empfinden und auffassen.</p>
-
-<p>Je mehr menschliche Typen und deren Gegenstze ein
-Mensch in seiner Person vereinigt, desto weniger wird ihm,
-da aus dem Verstehen auch das Bemerken folgt, <em class="gesperrt">entgehen</em>,
-was die Menschen treiben und lassen, desto eher wird er
-<em class="gesperrt">durchschauen</em>, was sie fhlen, denken und eigentlich wollen.
-<em class="gesperrt">Es gibt keinen genialen Menschen, der nicht ein
-groer Menschenkenner wre</em>; der bedeutende Mensch blickt
-einfacheren Menschen oft im ersten Augenblick bis auf den
-Grund, und ist nicht selten imstande, sie sofort vllig zu
-charakterisieren.</p>
-
-<p>Nun hat aber unter den meisten Menschen der eine
-fr dies, der andere fr jenes einen nur mehr oder
-minder einseitig entwickelten Sinn. Dieser kennt alle
-Vgel und unterscheidet ihre Stimmen aufs feinste, jener hat
-von frh auf einen liebevollen und sicheren Blick fr die
-Pflanzen; der eine fhlt sich von den bereinandergeschichteten
-tellurischen Sedimenten erschttert (<em class="gesperrt">Goethe</em>), der andere erschauert
-unter der Klte des nchtigen Fixsternhimmels (<em class="gesperrt">Kant</em>);
-manch einer findet das Gebirge tot und fhlt sich gewaltig<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>
-nur vom ewig bewegten Meere angesprochen (<em class="gesperrt">Bcklin</em>), ein
-zweiter kann zu dessen immerwhrender Unruhe kein Verhltnis
-gewinnen und kehrt unter die erhabene Macht der Berge zurck
-(<em class="gesperrt">Nietzsche</em>). So hat jeder Mensch, auch der einfachste,
-etwas in der Natur, zu dem es ihn hinzieht, und fr das seine
-Sinne schrfer werden denn fr alles brige. Wie sollte nun
-der genialste Mensch, der, im idealen Falle, diese Menschen
-alle in sich hat, mit ihrem Innenleben nicht auch ihre Beziehungen
-und Liebesneigungen zur Auenwelt in sich
-versammeln? So wchst in ihn die Allgemeinheit nicht nur
-alles Menschlichen, sondern auch alles Natrlichen hinein;
-<em class="gesperrt">er ist der Mensch, der zu den meisten Dingen im
-intimsten Rapporte steht</em>, dem das meiste auffllt, das
-wenigste entgeht; der das meiste versteht, und es am tiefsten
-versteht schon darum, weil er es mit den vielfltigsten Dingen
-zu vergleichen und von den zahlreichsten zu unterscheiden
-in der Lage ist, am besten zu messen und am besten zu
-begrenzen wei. <em class="gesperrt">Dem genialen Menschen wird das
-meiste und all dies am strksten <b>bewut</b>.</em> Darum wird
-zweifellos auch seine Sensibilitt die feinste sein; dies darf
-man aber nicht, wie es, in offenbar einseitigem Hinblick auf
-den Knstler, geschehen ist, blo zu Gunsten einer verfeinerten
-Sinnesempfindung, grerer Sehschrfe beim Maler
-(oder beim Dichter), grerer Hrschrfe beim Komponisten
-(<em class="gesperrt">Mozart</em>) auslegen: das Ma der Genialitt ist weniger in
-der Unterschiedsempfindlichkeit der Sinne, als in der des
-Geistes zu suchen; anderseits wird jene Empfindlichkeit oft
-auch mehr nach innen gekehrt sein.</p>
-
-<p>So ist das geniale Bewutsein am <em class="gesperrt">weitesten</em> entfernt
-vom Henidenstadium; es hat vielmehr die grte, grellste
-Klarheit und Helle. <em class="gesperrt">Genialitt offenbart sich hier
-bereits als eine Art hherer Mnnlichkeit; <b>und darum
-kann W nicht genial sein</b>.</em> Dies ist die folgerechte Anwendung
-des im vorigen Kapitel gewonnenen Ergebnisses,
-da M bewuter lebe als W, auf den eigentlichen Ertrag
-des jetzigen Kapitels: dieses gipfelt in dem Satze, da
-<em class="gesperrt">Genialitt identisch ist mit hherer, weil allgemeinerer
-Bewutheit</em>. Jenes intensivere Bewutsein von<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span>
-allem wird aber selbst erst ermglicht durch die enorme Zahl
-von Gegenstzen, die im hervorragenden Menschen beisammen
-sind.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Darum ist zugleich Universalitt das Kennzeichen
-des Genies.</em> Es gibt keine Spezialgenies, keine
-mathematischen und keine musikalischen Genies, auch
-keine Schachgenies, <em class="gesperrt">sondern es gibt <b>nur</b> Universalgenies.
-Der geniale Mensch lt sich definieren
-als derjenige, der <b>alles</b> wei, ohne es gelernt zu
-haben.</em> Unter diesem Alleswissen sind selbstverstndlich
-nicht die Theorien und Systematisierungen gemeint, welche
-die Wissenschaft an den Tatsachen vorgenommen hat, nicht
-die Geschichte des spanischen Erbfolgekrieges, und nicht die
-Experimente ber Diamagnetismus. Aber nicht erst aus dem
-Studium der Optik erwchst dem Knstler die Kenntnis der
-Farben des Wassers bei trbem und heiterem Himmel, und
-es bedarf keiner Vertiefung in eine Charakterologie, um
-Menschen einheitlich zu gestalten. Denn je begabter ein Mensch
-ist, ber desto mehr <em class="gesperrt">hat</em> er immer <em class="gesperrt">selbstndig</em> nachgedacht,
-zu desto mehr Dingen hat er ein persnliches Verhltnis.</p>
-
-<p>Die Lehre von den Spezialgenies, die es gestattet, z.&nbsp;B.
-vom Musikgenie zu reden, das in allen anderen Beziehungen
-unzurechnungsfhig sei, verwechselt abermals Talent und
-Genie. Der Musiker kann, wenn er wahrhaft gro ist, in der
-Sprache, auf die ihn die Richtung seines besonderen Talentes
-weist, genau so universell sein, genau so die ganze innere
-und uere Welt durchmessen wie der Dichter oder der
-Philosoph; solch ein Genie war <em class="gesperrt">Beethoven</em>. Und er kann
-in ebenso beschrnkter Sphre sich bewegen wie ein mittelmiger
-wissenschaftlicher oder knstlerischer Kopf; solch ein
-Geist war <em class="gesperrt">Johann Strau</em>, den es merkwrdig berhrt, ein Genie
-nennen zu hren, so schne Blten eine lebhafte, aber sehr eng
-begrenzte Einbildungskraft in ihm auch getrieben hat. <em class="gesperrt">Es gibt</em>,
-um nochmals darauf zurckzukommen, <em class="gesperrt">vielerlei Talente,
-aber es gibt nur <b>eine</b> Genialitt</em>, die ein beliebiges Talent
-whlen und ergreifen mag, um in ihm sich zu bettigen. Es gibt
-etwas, das allen genialen Menschen als <em class="gesperrt">genialen</em> gemeinsam
-ist, so sehr auch der groe Philosoph vom groen Maler, der<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span>
-groe Musiker vom groen Bildhauer, der groe Dichter vom
-groen Religionsstifter sich sonst unterscheiden mgen. Das
-Talent, durch dessen Medium die eigentliche Geistesanlage eines
-Menschen sich offenbart, ist viel mehr Nebensache, als man
-gewhnlich glaubt, und wird aus der groen Nhe, aus welcher
-kunstphilosophische Betrachtung leider so oft erfolgt, in seiner
-Wichtigkeit meist weit berschtzt. Nicht nur die Unterschiede
-in der Begabung, auch die Gemtsart und Weltanschauung
-kehren sich wenig an die Grenzen der Knste voneinander,
-diese werden bersprungen, und so ergeben sich dem vorurteilsloseren
-Blick oft berraschende hnlichkeiten; er wird dann,
-statt <em class="gesperrt">innerhalb</em> der Musikgeschichte, respektive der Geschichte
-der Kunst, der Literatur und Philosophie nach Analogien zu blttern,
-lieber ungescheut z.&nbsp;B. <em class="gesperrt">Bach</em> mit <em class="gesperrt">Kant</em> vergleichen, Karl
-Maria v. <em class="gesperrt">Weber</em> neben <em class="gesperrt">Eichendorff</em> stellen, und <em class="gesperrt">Bcklin</em> mit
-<em class="gesperrt">Homer</em> zusammenhalten; und wenn so die Betrachtung reiche
-Anregung und groe Fruchtbarkeit gewinnen kann, so wird das
-auch dem psychologischen Tiefblick schlielich zugute kommen,
-an dessen Mangel alle Geschichtsschreibung von Kunst wie
-von Philosophie am empfindlichsten krankt. Welche organischen
-und psychologischen Bedingungen es brigens sind,
-die ein Genie entweder zum mystischen Visionr oder etwa
-zum groen Zeichner werden lassen, das mu als unwesentlich
-fr die Zwecke <em class="gesperrt">dieser</em> Schrift beiseite bleiben.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Von jener Genialitt aber</em>, die, bei allen oft sehr tief
-gehenden Unterschieden zwischen den einzelnen Genies, eine
-und dieselbe bleibt und, nach dem hier aufgestellten Begriffe,
-berall manifestiert werden kann, <em class="gesperrt">ist das Weib ausgeschlossen</em>.
-Wenn auch die Frage, ob es rein wissenschaftliche,
-und ob es blo handelnde, nicht nur knstlerische und
-philosophische Genies geben knne, erst in einem spteren
-Abschnitt zur Entscheidung gebracht werden soll: man hat
-allen Grund, vorsichtiger zu verfahren mit der Verleihung des
-Prdikates genial, als man dies bisher gewesen ist. Es wird
-sich noch deutlich zeigen: will man berhaupt vom Wesen der
-Genialitt eine Vorstellung sich bilden und zu einem Begriffe
-derselben zu gelangen suchen, so <em class="gesperrt">mu</em> die Frau als ungenial
-bezeichnet werden; und trotzdem wird niemand der Darstellung<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>
-nachsagen drfen, sie htte im Hinblick auf das
-weibliche Geschlecht irgend einen willkrlichen Begriff erst
-konstruiert und ihn nachtrglich als das Wesen der Genialitt
-hingestellt, um nur den Frauen keinen Platz <em class="gesperrt">innerhalb</em>
-derselben gnnen zu mssen.</p>
-
-<p>Hier kann auf die anfnglichen Betrachtungen des
-Kapitels zurckgegriffen werden. Whrend die Frau der Genialitt
-kein Verstndnis entgegenbringt, auer einem, das sich
-eventuell an die Persnlichkeit eines noch lebenden Trgers
-knpfte, hat der Mann jenes tiefe Verhltnis zu dieser Erscheinung
-an sich, das <em class="gesperrt">Carlyle</em> in seinem noch immer so wenig
-verstandenen Buche Hero-Worship, Heldenverehrung, genannt
-und so schn und hinreiend ausgemalt hat. In der Heldenverehrung
-des Mannes kommt abermals zum Ausdruck, da
-<em class="gesperrt">Genialitt an die Mnnlichkeit geknpft ist, da sie
-eine ideale, potenzierte Mnnlichkeit vorstellt</em><a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>; denn
-das Weib hat kein originelles, sondern ein ihr vom Manne
-verliehenes Bewutsein, sie lebt unbewut, der Mann bewut:
-am bewutesten aber der Genius.</p>
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span><a name="V_Kapitel" id="V_Kapitel"><small>V. Kapitel.</small></a><br />
-
-Begabung und Gedchtnis.</h2>
-
-
-<p>Um von der Heniden-Theorie auszugehen, sei folgende
-Beobachtung erzhlt. Ich notierte gerade, <em class="gesperrt">halb</em> mechanisch,
-die Seitenzahl einer Stelle aus einer botanischen Abhandlung,
-die ich spter zu exzerpieren beabsichtigte, als ich etwas in
-Henidenform dachte. Aber was ich da dachte, wie ich es dachte,
-was da an die Tr der Bewutheit klopfte, dessen konnte
-ich mich schon im nchsten Augenblick trotz aller Anstrengung
-nicht entsinnen. Aber gerade darum ist dieser Fall &mdash;
-er ist typisch &mdash; besonders lehrreich.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Je plastischer, je geformter ein Empfindungskomplex
-ist, desto eher ist er reproduzierbar.</em> Deutlichkeit
-des Bewutseins ist erste Bedingung der Erinnerung,
-der <em class="gesperrt">Intensitt</em> der Bewutseinserregung ist das <em class="gesperrt">Gedchtnis</em>
-an die Erregung proportional. Das wird mir unvergelich
-bleiben, daran werde ich mein Lebtag denken, das kann
-mir nie mehr entschwinden sagt ja der Mensch von Ereignissen,
-die ihn heftig aufgeregt haben, von Augenblicken, aus
-denen er um eine Einsicht klger, um eine wichtige Erfahrung
-reicher geworden ist. Steht also die Reproduzierbarkeit
-der Bewutseinsinhalte im geraden Verhltnis zu ihrer
-Gliederung, so ist klar, <em class="gesperrt">da an die absolute Henide berhaupt
-keine Erinnerung mglich sein wird</em>.</p>
-
-<p>Da nun die Begabung<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> eines Menschen mit der Artikulation
-seiner gesamten Erlebnisse wchst, so wird einer,
-<em class="gesperrt">je begabter er ist, desto eher an seine <b>ganze</b> Vergangenheit,<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>
-an alles, was er je gedacht und getan,
-gesehen und gehrt, empfunden und gefhlt hat,
-sich erinnern knnen</em>, mit desto grerer Sicherheit und
-Lebhaftigkeit wird er alles aus seinem Leben reproduzieren.
-<em class="gesperrt">Das universelle Gedchtnis an alles Erlebte ist
-darum das sicherste, allgemeinste, am leichtesten zu
-ergrndende Kennzeichen des Genies.</em> Es ist zwar
-eine verbreitete und besonders unter allen Kaffeehausliteraten
-beliebte Lehre, da <em class="gesperrt">produktive</em> Menschen (weil sie <em class="gesperrt">Neues</em>
-schfen) kein Gedchtnis htten: aber offenbar nur, weil
-darin die einzige Bedingung der Produktivitt liegt, die bei
-ihnen erfllt ist.</p>
-
-<p>Freilich darf man diese groe Ausdehnung und Lebendigkeit
-des Gedchtnisses beim genialen Menschen, die ich
-zunchst als eine Folgerung aus dem Systeme ganz dogmatisch
-einfhre, ohne sie aus der Erfahrung neu zu begrnden, nicht
-mit dem raschen Vergessen des gesamten gymnasialen Geschichtsstoffes
-oder der unregelmigen Verba des Griechischen
-widerlegen wollen. <em class="gesperrt">Es handelt sich um das Gedchtnis
-fr das Erlebte, nicht um die Erinnerung an das
-Erlernte</em>; was zu Prfungszwecken studiert wird, davon
-wird immer nur der kleinste Teil behalten, jener Teil, welcher
-dem speziellen Talente des Schlers entspricht. So kann ein
-Zimmermaler ein besseres Gedchtnis fr Farben haben als
-der grte Philosoph, der beschrnkteste Philologe ein
-besseres Gedchtnis fr die vor Jahren auswendig gelernten
-Aoriste als sein Kollege, der vielleicht ein genialer Dichter ist.
-Es verrt die ganze Jmmerlichkeit und Hilflosigkeit der
-experimentellen Richtung in der Psychologie (noch mehr
-aber die Unfhigkeit so vieler Leute, die, mit einem Arsenal
-von elektrischen Batterien und Sphygmographiontrommeln im
-Rcken, gesttzt auf die Exaktheit ihrer langweiligen
-Versuchsreihen, nun in rebus psychologicis vor allen anderen
-gehrt zu werden beanspruchen), da sie das Gedchtnis der
-Menschen durch Aufgaben, wie das Erlernen von Buchstaben,
-mehrzifferigen Zahlen, zusammenhanglosen Worten prfen zu
-knnen glaubt. An das eigentliche Gedchtnis des Menschen,
-jenes Gedchtnis, welches in Betracht kommt, wenn ein Mensch<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span>
-die Summe seines Lebens zieht, reichen diese Versuche so
-wenig heran, da man sich unwillkrlich zu der Frage gedrngt
-sieht, ob jene fleiigen Experimentatoren von der Existenz
-dieses anderen Gedchtnisses, ja eines psychischen <em class="gesperrt">Lebens</em>
-berhaupt, etwas wissen. Jene Untersuchungen stellen die verschiedensten
-Menschen unter ganz uniformierende Bedingungen,
-denen gegenber nie <em class="gesperrt">Individualitt</em> sich uern kann, sie
-<em class="gesperrt">abstrahieren</em> wie geflissentlich gerade vom Kern des Individuums,
-und behandeln es einfach als guten oder schlechten
-Registrierapparat. Es liegt ein groer Tiefblick darin, da
-im Deutschen bemerken und merken aus der nmlichen
-Wurzel gebildet ist. Nur was <em class="gesperrt">auffllt</em>, von selbst, infolge angeborner
-Beschaffenheit, wird <em class="gesperrt">behalten</em>. Wessen man sich
-erinnert, dafr mu ein ursprngliches Interesse vorhanden sein,
-und wenn etwas vergessen wird, dann war die Anteilnahme
-an ihm nicht stark genug. Dem religisen Menschen werden
-darum religise Lehren, dem Dichter Verse, dem Zahlenmystiker
-Zahlen am sichersten und lngsten haften bleiben.</p>
-
-<p>Und hier kann auf das vorige Kapitel in anderer Weise
-zurckgegriffen und die besondere Treue des Gedchtnisses bei
-hervorragenden Menschen noch auf einem zweiten Wege <em class="gesperrt">deduziert</em>
-werden. Denn je bedeutender ein Mensch ist, desto
-mehr Menschen, desto mehr Interessen sind in ihm zusammengekommen,
-desto umfassender also mu sein Gedchtnis
-werden. Die Menschen haben im allgemeinen durchaus <em class="gesperrt">gleich</em>
-viel uere Gelegenheit zu perzipieren, aber die meisten
-apperzipieren von der unendlichen Menge nur einen unendlich
-kleinen Teil. Das Ideal von einem Genie mte ein
-Wesen sein, dessen smtliche Perzeptionen ebensoviele
-Apperzeptionen wren. Ein solches Wesen gibt es nicht. Es
-ist aber auch kein Mensch, der nie <em class="gesperrt">ap</em>perzipiert, sondern immer
-blo perzipiert htte. Schon darum mu es alle mglichen
-<em class="gesperrt">Grade</em> der Genialitt geben<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a>; zumindest ist <em class="gesperrt">kein mnnliches</em>
-Wesen ganz ungenial. Aber auch vollkommene Genialitt
-bleibt ein Ideal: <em class="gesperrt">es existiert kein Mensch ohne alle
-und kein Mensch mit universaler Apperzeption</em> (als<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span>
-welche man das vollkommene Genie weiter bestimmen
-knnte). Der Apperzeption als der Aneignung ist das Gedchtnis
-als der Besitz, seinem Umfang wie seiner Festigkeit nach,
-proportioniert. So fhrt denn auch eine ununterbrochene
-Stufenfolge vom ganz diskontinuierlichen, blo von Augenblick
-zu Augenblick lebenden Menschen, dem kein Erlebnis
-etwas <em class="gesperrt">bedeuten</em> knnte, weil es auf kein frheres sich
-wrde beziehen lassen &mdash; einen solchen Menschen gibt es
-aber nicht &mdash; bis zum vllig kontinuierlich Lebenden, dem
-<em class="gesperrt">alles unvergelich</em> bleibt (so intensiv wirkt es auf ihn ein
-und wird von ihm aufgefat), <em class="gesperrt">und den es ebensowenig
-gibt</em>: selbst das hchste Genie ist nicht in jedem Augenblicke
-seines Lebens genial.</p>
-
-<p>Eine erste Besttigung dieser Anschauung von dem
-Zusammenhange zwischen Gedchtnis und Genialitt, wie
-der Deduktion dieses Zusammenhanges, die hier versucht
-wurde, liegt in dem auerordentlichen, die Besitzer oft selbst
-verblffenden <em class="gesperrt">Gedchtnis fr scheinbar nebenschliche
-Umstnde, fr Kleinigkeiten</em>, das begabtere
-Menschen auszeichnet. Bei der Universalitt ihrer Veranlagung
-hat nmlich alles eine, ihnen selbst oft lange unbewute,
-<em class="gesperrt">Bedeutung</em> fr sie; und so bleiben sie hartnckig an
-ihrem Gedchtnisse kleben, prgen sich diesem ganz von
-selbst unverlschbar ein, ohne da im allgemeinen die geringste
-Mhe an die spezielle Erinnerung gewendet oder die
-Aufmerksamkeit in den Dienst dieses Gedchtnisses noch besonders
-gestellt wrde. Darum knnte man, in einem erst
-spter zu erhellenden tieferen Sinne, bereits jetzt den
-genialen Menschen als denjenigen bestimmen, der die Redensart
-nicht kennt, und weder sich selbst noch anderen gegenber
-zu gebrauchen vermchte, dies oder jenes Ereignis aus
-entlegener Zeit sei gar nicht mehr wahr. Es gibt vielmehr
-fr ihn <em class="gesperrt">nichts</em>, das ihm nicht mehr wahr wre, auch wenn, ja
-vielleicht gerade <em class="gesperrt">weil</em> er fr alles, was im Laufe der Zeit
-anders geworden ist, ein deutlicheres Gefhl hat als alle
-anderen Menschen.</p>
-
-<p>Als das beste Mittel zur objektiven Prfung der Begabung,
-der geistigen Bedeutung eines Menschen lt sich<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span>
-darum dies empfehlen: man sei lngere Zeit mit ihm nicht
-beisammen gewesen und fange nun von dem letzten Zusammensein
-zu sprechen an, knpfe das neue Gesprch an
-die Gegenstnde des letzten. Man wird gleich zu Beginn gewahr
-werden, wie lebhaft er dieses aufgenommen, wie nachhaltig
-es in ihm fortgewirkt hat, und sehr bald sehen, wie
-treu er die Einzelheiten bewahrt hat. Wie vieles unbegabte
-Menschen aus ihrem Leben vergessen, das kann, wer Lust
-hat, zu seiner berraschung und seinem Entsetzen nachprfen.
-Es kommt vor, da man mit ihnen vor wenigen
-Wochen stundenlang beisammen war: es ist ihnen nun entschwunden.
-Man kann Menschen finden, mit denen man vor
-einigen Jahren acht oder vierzehn Tage lang, zufllig oder
-in bestimmten Angelegenheiten, sehr viel zu tun hatte, und die
-nach Ablauf dieser Zeit <em class="gesperrt">an nichts mehr</em> sich zu erinnern
-vermgen. Freilich, wenn man ihnen durch genaue Darstellung
-alles dessen, worum es sich handelte, durch Wiederbelebung
-der Situation in allen ihren Details, zu Hilfe kommt, so
-gelingt es immer, falls diese Bemhung lange genug fortgesetzt
-wird, zuerst ein schwaches Aufleuchten des fast
-vllig Erloschenen und allmhlich eine Erinnerung herbeizufhren.
-Solche Erfahrungen haben es mir sehr wahrscheinlich
-gemacht, da die theoretisch immer zu machende Annahme,
-es gebe kein vlliges Vergessen, sich auch empirisch,
-und zwar nicht blo durch die Hypnose, nachweisen lassen
-drfte, wenn man nur dem Befragten mit den richtigen
-Vorstellungen an die Hand zu gehen wei.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Es kommt also darauf an, da man einem Menschen
-aus seinem Leben, aus dem, was er gesagt oder
-gehrt, gesehen oder gefhlt, getan oder erlitten hat,
-mglichst wenig erzhlen knne, das er nicht selbst
-wei.</em> Hiemit ist zum ersten Male ein Kriterium der Begabung
-gefunden, welches leichter berprfung von seiten anderer
-zugnglich ist, <em class="gesperrt"><b>ohne</b> da schon <b>schpferische</b> Leistungen
-des Menschen vorliegen mssen</em>. Wie vielfacher Anwendung
-in der Erziehung es entgegengeht, mag unerrtert
-bleiben. Fr Eltern und Lehrer drfte es gleich
-wichtig sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span>
-
-Vom Gedchtnisse der Menschen hngt, wie natrlich,
-auch das Ma ab, in welchem sie in der Lage sein werden,
-sowohl Unterschiede als hnlichkeiten zu bemerken. Am
-meisten wird diese Fhigkeit bei jenen entwickelt sein, in deren
-Leben immer die ganze Vergangenheit in die Gegenwart
-hineinreicht, bei denen alle Einzelmomente des Lebens zur
-Einheit zusammenflieen und aneinander verglichen werden.
-So kommen gerade sie am vornehmlichsten in die Gelegenheit,
-<em class="gesperrt">Gleichnisse</em> zu gebrauchen, <em class="gesperrt">und zwar gerade mit dem
-Tertium comparationis, auf das es gerade ankommt</em>;
-denn sie werden aus dem Vergangenen immer dasjenige herausgreifen,
-was die strkste bereinstimmung mit dem Gegenwrtigen
-aufweist, indem beide Erlebnisse, das neue und das
-zum Vergleiche herangezogene ltere, bei ihnen <em class="gesperrt">artikuliert</em>
-genug dazu sind, um keine hnlichkeit und keinen Unterschied
-vor ihrem Auge zu verbergen; und darum eben auch, was
-lngst vorbei ist, gegen den Einflu der Jahre hier sich behaupten
-konnte. Nicht umsonst hat man daher die lngste Zeit in
-dem Reichtum eines Dichters an schnen und vollkommenen
-Gleichnissen und Bildern einen besonderen Vorzug seiner
-Gattung erblickt, seine Lieblingsgleichnisse aus dem Homer,
-aus Shakespeare und Klopstock immer wieder aufgeschlagen
-oder bei der Lektre mit Ungeduld erwartet. Heute, da Deutschland
-seit 150 Jahren zum ersten Mal ohne groen Knstler und
-ohne groen Denker ist, indes dafr bald niemand mehr aufzutreiben
-sein wird, der nicht geschrieben htte, heute scheint
-das ganz vorber; man sucht nach derartigem nicht, man wrde
-auch nichts finden. Eine Zeit, die in vagen, undeutlich schillernden
-Stimmungen ihr Wesen am besten ausgesprochen
-sieht, deren Philosophie in mehr als einem Sinne das Unbewute
-geworden ist, zeigt zu offensichtlich, da nicht ein
-wahrhaft Groer in ihr lebt; denn Gre ist Bewutsein, vor
-dem der Nebel des Unbewuten schwindet wie vor den
-Strahlen der Sonne. Gbe ein einziger dieser Zeit ein Bewutsein,
-wie gerne wrde sie all ihre Stimmungskunst, deren
-sie sich heute noch berhmt, dahingeben! &mdash; Erst im
-vollen Bewutsein, in welchem in das Erlebnis der Gegenwart
-alle Erlebnisse der Vergangenheit in grter Intensitt hineinspielen,<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span>
-findet Phantasie, die Bedingung des philosophischen
-wie des knstlerischen Schaffens, eine Stelle. Demgem
-ist es auch gar nicht wahr, da die Frauen mehr Phantasie
-haben als die Mnner. Die Erfahrungen, auf Grund deren
-man dem Weibe eine lebhaftere Einbildungskraft hat zusprechen
-wollen, entstammen smtlich dem sexuellen Phantasieleben
-der Frauen; und die Folgerungen, die allein mit Recht
-hieraus gezogen werden knnten, gestatten eine Behandlung
-in diesem Zusammenhange noch nicht.</p>
-
-<p>Die absolute Bedeutungslosigkeit der Frauen in der
-<em class="gesperrt">Musikgeschichte</em> lt sich wohl noch auf weit tiefere Grnde
-zurckfhren: doch beweist sie zunchst den Mangel des
-Weibes an Phantasie. Denn zur musikalischen Produktivitt
-gehrt unendlich viel mehr Phantasie als selbst das mnnlichste
-Weib besitzt: viel mehr als zu sonstiger knstlerischer
-oder wissenschaftlicher Ttigkeit. Nichts Wirkliches in der
-Natur, nichts Gegebenes in der sinnlichen Empirie entspricht
-einem Tonbilde. Die Musik ist wie ohne Beziehungen zur Erfahrungswelt:
-es gibt keine Klnge, keine Accorde, keine
-Melodien in der Natur, sondern hier hat erst der Mensch
-auch die letzten Elemente noch selbstndig zu erzeugen.
-Jede andere Kunst hat deutlichere Beziehungen zur empirischen
-Realitt als sie, ja die ihr, was man auch dagegen sagen
-mag, <em class="gesperrt">verwandte</em> Architektur bettigt sich bis zuletzt an
-einem Stoffe; obwohl sie mit der Musik die Eigenschaft teilt,
-da sie (vielleicht sogar mehr noch als diese) von sinnlicher
-<em class="gesperrt">Nachahmung</em> frei ist. Darum ist auch Baukunst eine
-durchaus mnnliche Sache, der weibliche Baumeister eine
-fast nur Mitleid weckende Vorstellung.</p>
-
-<p>Desgleichen rhrt die verdummende Wirkung der
-Musik auf schaffende und ausbende Musiker, von der man
-fter sprechen hrt (besonders kommt hier die reine Instrumentalmusik
-in Betracht), nur davon her, da noch der Geruchssinn
-dem Menschen mehr zur Orientierung in der Erfahrungswelt
-dienen kann als der Inhalt eines musikalischen Werkes. Und
-eben diese gnzliche Abwesenheit aller Beziehungen zur Welt,
-die wir sehen, tasten, riechen knnen, macht die Musik nicht
-besonders geeignet fr uerungen weiblichen Wesens. Zugleich<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span>
-erklrt diese Eigenart seiner Kunst, warum der schpferische
-Musiker der Phantasie im allerhchsten Grade bedarf
-und warum der Mensch, welchem Melodien einfallen (ja
-vielleicht gegen sein Struben zustrmen), noch viel mehr Gegenstand
-des Staunens seitens der anderen Menschen wird als
-der Dichter oder der Bildhauer. Die weibliche Phantasie
-mu wohl eine von der mnnlichen gnzlich verschiedene
-sein, wenn es ihrer ungeachtet keine Musikerin gibt, welche fr
-die Musikgeschichte auch nur so weit in Betracht kme,
-wie etwa <em class="gesperrt">Angelika Kauffmann</em> fr die Malerei.</p>
-
-<p>Wo irgend es deutlich auf kraftvolle Formung ankommt,
-haben die Frauen nicht die kleinste Leistung aufzuweisen:
-nicht in der Musik und nicht in der Architektur, nicht
-in der Plastik und nicht in der Philosophie. Wo in vagen
-und weichen bergngen des Sentiments noch ein wenig
-Wirkung erzielt werden kann, wie in Malerei und Dichtung,
-wie in einer gewissen verschwommenen Pseudo-Mystik und
-Theosophie, dort haben sie noch am ehesten ein Feld ihrer
-Bettigung gesucht und gefunden. &mdash; Der Mangel an Produktivitt
-auf jenen Gebieten hngt also auch zusammen mit der
-Undifferenziertheit des psychischen Lebens im Weibe. Namentlich
-in der Musik kommt es auf das denkbar artikulierteste
-Empfinden an. Es gibt nichts Bestimmteres, nichts Charakteristischeres,
-nichts <em class="gesperrt">Eindringlicheres</em> als eine <em class="gesperrt">Melodie</em>,
-nichts, was unter jeder Verwischung strker litte. Deshalb
-<em class="gesperrt">erinnert</em> man sich an Gesungenes um so viel leichter als an
-Gesprochenes, an die Arien immer besser als an die Rezitativen,
-und kostet der Sprechgesang dem Wagnersnger so
-viel Studium.</p>
-
-<p>Hier mute darum lnger verweilt werden, weil in
-der Musik nicht wie anderswo die Ausrede der Frauenrechtler
-und -Rechtlerinnen gilt: der Zugang zu ihr sei den
-Frauen zu kurze Zeit erst freigegeben, als da man schon
-reife Frchte von ihnen fordern drfe. Sngerinnen und Virtuosinnen
-hat es immer, bereits im klassischen Altertum, gegeben.
-Und doch ......</p>
-
-<p>Auch die schon frher hufige bung, Frauen malen und
-zeichnen zu lassen, hat bereits seit etwa 200 Jahren in erheblichem<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span>
-Mae sich gesteigert. Man wei, wie viele Mdchen
-ohne Not heute zeichnen und malen lernen. Also auch hier ist
-lange schon kein engherziger Ausschlu mehr wahrzunehmen,
-<em class="gesperrt">uere</em> Mglichkeiten wren reichlich vorhanden. Wenn trotzdem
-so wenige Malerinnen fr eine Geschichte der Kunst
-ernsthaft in Betracht kommen, so drfte es an den <em class="gesperrt">inneren</em>
-Bedingungen gebrechen. Die weibliche Malerei und Kupferstecherei
-kann eben fr die Frauen nur eine Art eleganterer,
-luxuriser <em class="gesperrt">Handarbeit</em> bedeuten. Dabei scheint ihnen das
-sinnliche, krperliche Element der Farbe eher erreichbar als
-das geistige, formale der Linie; und dies ist ohne Zweifel
-der Grund, da zwar einige Malerinnen, aber noch keine
-Zeichnerin von Ansehen bekannt geworden ist. Die Fhigkeit,
-einem Chaos Form geben zu knnen, ist eben die
-Fhigkeit des Menschen, dem die allgemeinste Apperzeption
-das allgemeinste Gedchtnis verschafft, sie ist die Eigenschaft
-des mnnlichen Genies.</p>
-
-<p>Ich beklage es, da ich mit diesem Worte Genie,
-genial immerfort operieren mu, welches, wie erst von
-einem bestimmten jhrlichen Einkommen ab an den Staat
-eine gewisse Steuer zu zahlen ist, die Genies als eine bestimmte
-Kaste streng abgrenzt von jenen, die es gar nicht
-sein sollen. Die Bezeichnung Genie hat vielleicht gerade ein
-Mann erfunden, der sie selbst nur in recht geringem Mae
-verdiente; den greren wird das Genie-Sein wohl zu
-selbstverstndlich vorgekommen sein; sie werden wahrscheinlich
-lang genug gebraucht haben, um einzusehen, da
-man berhaupt auch nicht genial sein knne. Wie denn
-<em class="gesperrt">Pascal</em> auerordentlich treffend bemerkt: Je origineller
-ein Mensch sei, fr desto origineller halte er auch die anderen;
-womit man <em class="gesperrt">Goethes</em> Wort vergleiche: Vielleicht vermag
-nur der Genius den Genius ganz zu verstehen.</p>
-
-<p>Es gibt vielleicht nur sehr wenige Menschen, die gar
-nie in ihrem Leben genial gewesen sind. Wenn doch,
-so hat es ihnen vielleicht nur an der Gelegenheit gemangelt:
-an der groen Leidenschaft, an dem groen Schmerz. Sie
-htten nur einmal etwas intensiv genug zu erleben brauchen &mdash;
-allerdings ist die Fhigkeit des Erlebens etwas zunchst subjektiv<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span>
-Bestimmtes &mdash; und sie wren damit, wenigstens vorbergehend,
-genial gewesen. Das Dichten whrend der
-ersten Liebe gehrt z.&nbsp;B. ganz hieher. Und wahre Liebe ist
-vllig Zufallssache.</p>
-
-<p>Man darf schlielich auch nicht verkennen, da ganz
-einfache Menschen in groer Erregung, im Zorn ber irgend
-eine Niedertracht, Worte finden, die man ihnen nie zugetraut
-htte. Der grte Teil dessen, was man gemeinhin <em class="gesperrt">Ausdruck</em>
-nennt, in Kunst wie in prosaischer Rede, beruht aber (wenn
-man sich des frher ber den Proze der Klrung Bemerkten
-erinnert) darauf, da ein Individuum, das begabtere, Inhalte
-geklrt, gegliedert aufweist zu einer Zeit, wo das andere,
-minder hoch veranlagte, sie noch im Henidenstadium oder in
-einem sich nahe daranschlieenden besitzt. Der Verlauf der
-Klrung wird durch den Ausdruck, welcher einem zweiten
-Menschen gelungen ist, ungemein <em class="gesperrt">abgekrzt</em>, und daher das
-Lustvolle, auch wenn wir <em class="gesperrt">andere</em> einen guten Ausdruck
-finden sehen. Erleben zwei ungleich Begabte dasselbe, so
-wird bei dem Begabteren die Intensitt gro genug sein, da
-etwa die Sprechschwelle<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> erreicht wird. Im anderen aber
-wird der Klrungsproze hiedurch nur erleichtert.</p>
-
-<p>Wre wirklich, wie die populre Ansicht glaubt, das
-Genie vom nichtgenialen Menschen durch eine dicke Wand
-getrennt, die keinen Ton aus einem Reiche in das andere
-dringen liee, so mte jedes Verstndnis der Leistungen
-des Genies dem nichtgenialen Menschen <em class="gesperrt">vllig</em> verschlossen
-sein, und dessen Werke knnten auf ihn auch nicht den
-leisesten Eindruck hervorbringen. <em class="gesperrt">Alle Kulturhoffnungen
-vermgen demnach nur auf die Forderung sich zu
-grnden, da dem nicht so sei.</em> Und es ist auch nicht
-so. <em class="gesperrt">Der Unterschied liegt in der geringeren Intensitt
-des Bewutseins, er ist ein quantitativer, kein
-prinzipieller, qualitativer.</em><a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>
-
-Umgekehrt aber hat es recht wenig Sinn, jngeren
-Leuten die uerung einer Meinung darum zu verweisen
-und ihr Wort darum geringer zu werten, weil sie weniger
-Erfahrung htten als ltere Personen. Es gibt Menschen, die
-wohl tausend Jahre und darber leben knnten, ohne eine
-einzige <em class="gesperrt">Erfahrung</em> gemacht zu haben. Nur unter Gleichbegabten
-htte jene Rede einen guten Sinn und eine volle
-Berechtigung.</p>
-
-<p>Denn whrend der geniale Mensch schon als Kind ein
-intensiveres Leben fhrt als alle anderen Kinder, whrend ihm,
-je bedeutender er ist, an eine desto frhere Jugend auch
-ein Entsinnen mglich ist, ja in extremen Fllen schon vom
-dritten Jahre seiner Kindheit angefangen ihm die vollstndige
-Erinnerung von seinem ganzen Leben stets gegenwrtig bleibt,
-datieren die anderen Menschen ihre erste Jugenderinnerung
-erst von einem viel spteren Zeitpunkt; ich kenne welche,
-deren frheste Reminiszenz berhaupt in ihr achtes Lebensjahr
-fllt, <em class="gesperrt">die von ihrem ganzen vorherigen Leben nichts
-wissen, als was ihnen erzhlt wurde</em>; und es gibt sicherlich
-viele, bei denen dieses erste intensive Erlebnis noch weit
-spter anzusetzen ist. Ich will nicht behaupten und glaube
-es auch gar nicht, da man die Begabungen zweier Menschen
-ganz ausnahmslos danach allein bereits gegeneinander
-abschtzen knne, wenn dieser vom fnften, jener erst vom
-zwlften Jahre an sich an alles erinnert, die frheste Jugenderinnerung
-des einen in den vierzehnten Monat nach seiner
-Geburt fllt, die des zweiten erst in sein drittes Lebensjahr.
-Aber im allgemeinen und auerhalb zu enger Grenzen wird
-man die angegebene Regel wohl immer zutreffen sehen.</p>
-
-<p>Vom Zeitpunkt der ersten Jugenderinnerung verfliet gewi
-auch beim hervorragenden Menschen noch immer eine
-lngere oder krzere Strecke bis zu jenem Moment, von dem an
-er an <em class="gesperrt">alles</em> sich erinnert, jenem Tage, von dem an er eben
-endgltig zum Genie geworden ist. Die meisten Menschen
-hingegen haben den grten Teil ihres Lebens einfach vergessen;
-ja viele wissen oft nur, <em class="gesperrt">da kein anderer Mensch
-fr sie gelebt hat die ganze Zeit hindurch</em>: aus ihrem
-ganzen Leben sind ihnen nur bestimmte Augenblicke, einzelne<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>
-feste Punkte, markante Stationen gegenwrtig. Wenn man sie
-sonst um etwas fragt, so wissen sie nur, d.&nbsp;h. sie rechnen es
-sich in der Geschwindigkeit aus, da in dem und dem Monat
-sie so alt waren, diese oder jene Stellung bekleideten, da
-oder dort wohnten und so und so viel Einkommen hatten.
-Hat man vor Jahren zusammen mit ihnen etwas erlebt, so
-kann es nun unendliche Mhe kosten, das Vergangene in
-ihnen zur Auferstehung zu bringen. Man mag in solchem
-Falle einen Menschen mit Sicherheit fr unbegabt erklren,
-man ist zumindest befugt, ihn nicht fr hervorragend zu
-halten.</p>
-
-<p>Die Aufforderung zu einer Selbstbiographie brchte die
-ungeheuere Mehrzahl der Menschen in die peinlichste Verlegenheit:
-knnen doch schon die wenigsten Rede stehen, wenn
-man sie fragt, was sie gestern getan haben. Das Gedchtnis
-der meisten ist eben ein blo sprungweises, gelegentlich assoziatives.
-Im genialen Menschen <em class="gesperrt">dauert</em> ein Eindruck, den
-er empfangen hat; ja eigentlich <em class="gesperrt">steht nur er berhaupt
-unter Eindrcken</em>. Damit hngt zusammen, da wohl alle
-hervorragenden Menschen, wenigstens zeitweise, <em class="gesperrt">an fixen
-Ideen leiden</em>. Der psychische Bestand der Menschen mit
-einem System von eng einander benachbarten Glocken verglichen,
-so gilt fr den gewhnlichen Menschen, da jede
-nur klingt, wenn die andere an sie mit ihren Schwingungen
-stt, und nur auf ein paar Augenblicke; fr das Genie, da
-eine einzige, angeschlagen, gewaltig ausschwingt, nicht leise
-tnt, sondern voll, das ganze System mitbewegt, und nachhallt,
-oft das ganze Leben lang. Da diese Art der Bewegung
-aber oft infolge gnzlich geringfgiger, ja lcherlicher
-Anste beginnt, und manchesmal gleich intensiv in unertrglicher
-Weise wochenlang zh beharrt, so liegt hierin wirklich
-eine Analogie zum Wahnsinn.</p>
-
-<p>Aus verwandten Grnden ist auch <em class="gesperrt">Dankbarkeit</em> so ziemlich
-die seltenste Tugend unter den Menschen; sie merken
-sich wohl manchesmal, wieviel man ihnen geliehen hat;
-aber in die Not, in der sie waren, in die Befreiung, die ihnen
-wurde, mgen und knnen sie sich nicht mehr zurckdenken.
-Fhrt Mangel an Gedchtnis sicher zum Undank, so gengt<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span>
-dennoch selbst ein vorzgliches Gedchtnis allein noch nicht,
-um einen Menschen dankbar zu machen. Dazu ist eine spezielle
-Bedingung mehr erforderlich, deren Errterung nicht
-hieher gehrt.</p>
-
-<p>Aus dem Zusammenhange von Begabung und Gedchtnis,
-der so oft verkannt und verleugnet worden ist, weil man ihn
-nicht dort suchte, wo er zu finden gewesen wre: <em class="gesperrt">in der
-Rckerinnerung an das eigene Leben</em>, lt sich noch
-eine weitere Tatsache ableiten. Ein Dichter, der seine Sachen
-hat schreiben <em class="gesperrt">mssen</em>, ohne Absicht, ohne berlegung, ohne
-erst zur eigenen Stimmung das Pedal zu treten; ein Musiker, den
-der Moment des Komponierens berfallen hat, so da er
-wider Willen zu schaffen gentigt war, sich nicht wehren
-konnte, selbst wenn er lieber Ruhe und Schlaf gewnscht
-htte: ein solcher wird, was in diesen Stunden geboren
-wurde, all das, was nicht auch nur im kleinsten <em class="gesperrt">gemacht</em>
-ist, sein ganzes Leben lang im Kopfe tragen. Ein Komponist,
-der keines seiner Lieder und keinen seiner Stze, ein Dichter,
-der keines seiner Gedichte auswendig kennt &mdash; und zwar ohne
-sie, wie das <em class="gesperrt">Sixtus Beckmesser</em> von <em class="gesperrt">Hans Sachs</em> sich vorstellt,
-erst recht gut memoriert zu haben &mdash; der hat, des
-kann man sicher sein, auch nie etwas wahrhaft Bedeutendes
-hervorgebracht.</p>
-
-<p>Bevor nun die Anwendung dieser Aufstellungen auf
-das Problem der geistigen Geschlechtsunterschiede versucht
-werde, ist noch eine Unterscheidung zu treffen zwischen Gedchtnis
-und Gedchtnis. Die einzelnen zeitlichen Momente
-seines Lebens sind nmlich dem begabten Menschen in der
-Erinnerung nicht als diskrete Punkte gegeben, nicht als
-durchaus getrennte Situationsbilder, nicht als verschiedene
-Individuen von Augenblicken, deren jeder einen bestimmten,
-von dem des nchsten, wie die Zahl eins von der Zahl zwei,
-getrennten Index aufweist. Die Selbstbeobachtung ergibt vielmehr,
-da allem Schlafe, aller Bewutseinsenge, allen Erinnerungslcken
-zum Trotze die einzelnen Erlebnisse in ganz
-rtselhafter Weise <em class="gesperrt">zusammengefat</em> erscheinen; die Geschehnisse
-folgen nicht aufeinander wie die Ticklaute einer
-Uhr, sondern sie laufen alle in einen einheitlichen Flu<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>
-zusammen, in dem es keine Diskontinuitt gibt. Beim ungenialen
-Menschen sind dieser Momente, die aus der ursprnglich
-diskreten Mannigfaltigkeit so zum geschlossenen
-Kontinuum sich vereinigen, nur wenige, ihr Lebenslauf
-gleicht einem Bchlein, keinem mchtigen Strom, in den,
-wie beim Genie, aus weitestem Gebiete <em class="gesperrt">alle</em> Wsserlein
-zusammengeflossen sind, <em class="gesperrt">aus</em> dem, heit das, vermge der
-<em class="gesperrt">universalen Apperzeption</em> kein Erlebnis <em class="gesperrt">ausgeschaltet</em>,
-<em class="gesperrt">in</em> den vielmehr <em class="gesperrt">alle</em> einzelnen Momente <em class="gesperrt">aufgenommen</em>,
-rezipiert sind. Diese <em class="gesperrt">eigentliche</em> Kontinuitt, die den
-Menschen erst ganz dessen vergewissern kann, da er <em class="gesperrt">lebt</em>,
-da er da, da er auf der Welt ist, allumfassend beim Genius,
-auf wenige wichtige Momente beschrnkt beim Mittelmigen,
-<em class="gesperrt">fehlt <b>gnzlich</b> beim Weibe</em>. Dem Weibe bietet sich, wenn
-es rckschauend, rckfhlend sein Leben betrachtet, dieses
-nicht unter dem Aspekt eines unaufhaltsamen, nirgends
-unterbrochenen Drngens und Strebens dar, es bleibt vielmehr
-immer nur an einzelnen Punkten <em class="gesperrt">hngen</em>.</p>
-
-<p>Was fr Punkte sind das? Es knnen nur diejenigen
-sein, fr welche W ihrer Natur nach ein Interesse hat. Worauf
-dieses Interesse ihrer Konstitution ausschlielich geht, wurde
-im zweiten Kapitel zu erwgen begonnen; wer sich an dessen
-Ergebnisse erinnert, den wird die folgende Tatsache nicht
-berraschen:</p>
-
-<p>W verfgt <em class="gesperrt">berhaupt</em> nur ber <em class="gesperrt">eine</em> Klasse von Erinnerungen:
-es sind die mit dem Geschlechtstrieb und der
-Fortpflanzung zusammenhngenden. An den Geliebten und
-an den Bewerber; an die Hochzeitsnacht, an jedes Kind wie an
-ihre Puppen; an die Blumen, die sie auf jedem Balle bekommen,
-Zahl, Gre und Preis der Bouquets; an jedes
-Stndchen, das ihr gebracht, an jedes Gedicht, das (wie sie
-sich einbildet) auf sie geschrieben wurde, an jeden Ausspruch
-des Mannes, der ihr imponiert hat, vor allem aber &mdash;
-mit einer Genauigkeit, die ebenso verchtlich ist als sie
-unheimlich berhrt &mdash; <em class="gesperrt">an jedes Kompliment ohne Ausnahme</em>,
-das ihr im Leben gemacht wurde.</p>
-
-<p>Das ist <b>alles</b>, woran das <em class="gesperrt">echte</em> Weib aus seinem Leben
-sich erinnert.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span>
-
-<em class="gesperrt">Was aber ein Mensch nie vergit, und was er
-sich nicht merken kann, das ermglicht am besten
-die Erkenntnis seines Wesens, seines Charakters.</em>
-Es wird spter noch genauer als jetzt zu untersuchen sein,
-<em class="gesperrt">worauf</em> es deutet, da W gerade <em class="gesperrt">diese</em> Erinnerungen hat.
-Groer Aufschlu ist gerade von der unglaublichen Treue zu
-erwarten, mit welcher die Frauen an alle Huldigungen und
-Schmeicheleien, an smtliche Beweise der Galanterie sich
-erinnern, die ihnen seit frhester Kindheit entgegengebracht
-worden sind. Was man gegen die hiemit vollzogene Einschrnkung
-des weiblichen Gedchtnisses auf den Bereich
-der Sexualitt und des Gattungslebens einwenden kann,
-ist mir natrlich klar; ich mu darauf gefat sein, alle
-Mdchenschulen und smtliche Ausweise aufmarschieren
-zu sehen. Diese Schwierigkeiten knnen indes erst spter
-behoben werden. Hier mchte ich nur dies nochmals zu bedenken
-geben, da es, bei allem Gedchtnis, welches fr die
-psychologische Erkenntnis der Individualitt ernstlich in Frage
-kme, um Gedchtnis fr Erlerntes nur dort sich handeln
-knnte, wo Erlerntes wirklich Erlebtes wre.</p>
-
-<p>Da es dem psychischen Leben der Frauen an Kontinuitt
-(die hier nur als ein nicht zu bersehendes psychologisches
-Faktum, sozusagen im Anhang der Gedchtnislehre,
-nicht als spiritualistische oder idealistische These eingefhrt
-wurde) gebricht, dem kann erst weiter unten eine Beleuchtung,
-dem Wesen der Kontinuitt nur in Stellungnahme zu
-dem umstrittensten Probleme aller Philosophie und Psychologie
-eine Ergrndung werden. Als Beweis fr jenen Mangel will
-ich vorlufig nichts anfhren als die oft bestaunte, von
-<em class="gesperrt">Lotze</em> ausdrcklich hervorgehobene Tatsache, da die Frauen
-sich viel leichter in neue Verhltnisse fgen und sich ihnen eher
-anpassen als die Mnner, denen man den Parvenu noch lange
-anmerkt, wenn kein Mensch mehr die Brgerliche von der
-Adeligen, die in rmlichen Verhltnissen Aufgewachsene von
-der Patrizierstochter auseinanderzukennen vermag. Doch mu
-ich auch hierauf spter noch ausfhrlich zurckkommen.</p>
-
-<p>brigens wird man nun begreifen, warum (wenn nicht
-Eitelkeit, Tratschsucht oder Nachahmungslust dazu treibt)<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span>
-nur bessere Menschen Erinnerungen aus ihrem Leben niederschreiben,
-und wie ich hierin eine Hauptsttze des Zusammenhanges
-von Gedchtnis und Begabung erblicke. Nicht als ob
-jeder geniale Mensch auch eine Autobiographie abfassen
-wrde: um zur Selbstbiographie zu schreiten, dazu sind noch
-gewisse <em class="gesperrt">spezielle</em>, sehr tief liegende psychologische Bedingungen
-ntig. Aber umgekehrt ist die Abfassung einer
-<em class="gesperrt">vollstndigen</em> Selbstbiographie, wenn sie aus originrem
-Bedrfnis heraus erfolgt, stets ein Zeichen eines hheren
-Menschen. Denn gerade im wirklich <em class="gesperrt">treuen</em> Gedchtnis liegt
-auch die Wurzel der <em class="gesperrt">Piett</em>. Ein bedeutender Mensch, vor
-das Ansinnen gestellt, seine Vergangenheit um irgend welcher
-uerer materieller oder innerer hygienischer Vorteile willen
-preiszugeben, wrde es zurckweisen, auch wenn ihm die
-grten Schtze der Welt, ja <em class="gesperrt">das Glck selbst</em>, frs Vergessen
-in Aussicht gestellt wrden. Der Wunsch nach dem
-Trank aus dem Lethestrom ist ein Zug mittlerer und minderer
-Naturen. Und mag ein wahrhaft hervorragender Mensch
-nach dem <em class="gesperrt">Goethe</em>schen Worte gegen eben abgelegte eigene
-Irrtmer sehr streng und heftig auch dort sein, wo er <em class="gesperrt">andere</em>
-an ihnen festhalten sieht, so wird er doch sein vergangenes
-Tun und Lassen nie belcheln, ber seine frhere Denk- und
-Lebensweise sich niemals lustig machen. Die heute so sehr
-ins Kraut geschossenen berwinder verdienen rechtens
-alles andere eher denn diesen Namen: Menschen, die anderen
-spttisch erzhlen, was sie einst alles geglaubt, und wie sie all
-das berwunden htten, denen war es mit dem Alten nicht
-Ernst, denen ist am Neuen ebensowenig gelegen. Ihnen
-kommt es immer nur auf die Instrumentation, nie auf die Melodie
-an; kein Stadium von all den berwundenen war
-wirklich in ihrem Wesen tief gegrndet. Dagegen beobachte
-man, mit welch weihevoller Sorgfalt groe Mnner in ihren
-Selbstbiographien selbst den scheinbar geringfgigsten Dingen
-einen Wert beilegen: denn fr sie ist Gegenwart und Vergangenheit
-gleich, fr jene keine von beiden wahr. Der
-hervorragende Mensch fhlt, wie <em class="gesperrt">alles</em>, auch das Kleinste,
-Nebenschlichste, in seinem Leben eine Wichtigkeit gewonnen,
-wie es ihm zu seiner Entwicklung mitverholfen hat, und <em class="gesperrt">daher</em><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span>
-die auerordentliche <em class="gesperrt">Piett</em> seiner Memoiren. Und eine
-solche Autobiographie wird sicherlich nicht etwa auf einmal,
-einem anderen Einfall vergleichbar, unvermittelt niedergeschrieben,
-der Gedanke hiezu entsteht in ihm nicht pltzlich;
-sie ist fr den groen Menschen, der eine schreibt, sozusagen
-immer fertig. Gerade weil das bisherige Leben ihm
-immer ganz gegenwrtig ist, darum empfindet er seine neuen
-Erlebnisse als fr ihn bedeutsam, darum hat er und eigentlich
-nur er ein <em class="gesperrt">Schicksal</em>. Und davon rhrt es zunchst
-auch her, da gerade die bedeutendsten Menschen immer viel
-<em class="gesperrt">aberglubischer</em> sein werden als mittelmige Kpfe. Man
-kann also zusammenfassend sagen:</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ein Mensch ist um so <b>bedeutender</b>, je mehr alle
-Dinge fr ihn <b>bedeuten</b>.</em></p>
-
-<p>Im Laufe der ferneren Untersuchung wird diesem Satze,
-auer der Universalitt der verstndnisvollen Beziehung und
-der erinnernden Vergleichung, noch ein tieferer Sinn allmhlich
-unterlegt werden knnen.</p>
-
-<p>Wie es in diesen Hinsichten mit dem Weibe steht, ist
-nicht schwer zu sagen. Das echte Weib kommt nie zum Bewutsein
-eines Schicksals, seines Schicksals; das Weib ist
-nicht heroisch, denn es kmpft hchstens fr seinen Besitz,
-und es ist nicht tragisch, denn sein Los entscheidet sich mit
-dem Lose dieses Besitzes. Da das Weib ohne Kontinuitt ist,
-kann es auch nicht piettvoll sein; in der Tat ist Piett eine
-durchaus mnnliche Tugend. Piettvoll ist man zunchst <em class="gesperrt">gegen
-sich</em>, und Piett gegen sich Bedingung aller Piett gegen andere.
-Aber eine Frau kostet es recht wenig berwindung, ber ihre
-Vergangenheit den Stab zu brechen; wenn das Wort Ironie
-am Platze wre, so knnte man sagen, da nicht leicht ein
-Mann sein vergangenes Selbst so ironisch und berlegen betrachten
-wird, wie die Frauen dies oftmals &mdash; nicht nur nach der
-Hochzeitsnacht &mdash; zu tun pflegen. Es wird sich noch Gelegenheit
-finden, darauf hinzuweisen, wie die Frauen eigentlich
-das Gegenteil von all dem wollen, dessen Ausdruck die
-Piett ist. Was endlich die Piett der Witwen anlangt &mdash;
-doch von diesem Gegenstande will ich lieber schweigen.
-Und der Aberglaube der Frauen schlielich ist psychologisch<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span>
-ein durchaus anderer als der Aberglaube hervorragender
-Mnner.</p>
-
-<p>Das Verhltnis zur eigenen Vergangenheit, wie es in der Piett
-zum Ausdrucke kommt und auf dem kontinuierlichen Gedchtnis
-beruht, das selbst wieder nur durch die Apperzeption
-ermglicht ist, lt sich noch in weiteren Zusammenhngen
-zeigen und zugleich tiefer analysieren. <em class="gesperrt">Damit nmlich,
-ob ein Mensch berhaupt ein Verhltnis zu seiner
-Vergangenheit hat oder nicht, hngt es auerordentlich
-innig zusammen, ob er ein Bedrfnis nach Unsterblichkeit
-fhlen oder ob ihn der Gedanke des
-Todes gleichgltig lassen wird.</em></p>
-
-<p>Das Unsterblichkeitsbedrfnis wird zwar heute recht allgemein
-sehr schbig und von oben herab behandelt. Das
-Problem, das aus ihm erwchst, macht man sich nicht etwa
-blo als ein ontologisches, sondern auch als ein psychologisches
-schmachvoll leicht. Der eine will es, zugleich mit dem Glauben
-an die Seelenwanderung, damit erklrt haben, da in vielen
-Menschen Situationen, in welche sie sicherlich zum ersten Male
-geraten sind, das Gefhl erwecken, als htten sie dieselben
-schon einmal durchlebt. Die andere, heute allgemein adoptierte
-Ableitung des Unsterblichkeitsglaubens aus dem <em class="gesperrt">Seelenkult</em>,
-wie sie sich bei <em class="gesperrt">Tylor</em>, <em class="gesperrt">Spencer</em>, <em class="gesperrt">Avenarius</em> findet, wre
-von jedem anderen Zeitalter als dem der <em class="gesperrt">experimentellen</em>
-Psychologie a priori zurckgewiesen worden. Es sollte doch,
-meine ich, jedem Denkenden vllig unmglich erscheinen,
-da etwas, woran so vielen Menschen gelegen, wofr so gekmpft
-und gestritten worden ist, blo das letzte Schluglied
-eines Syllogismus bilden knnte, dessen Prmisse etwa die
-nchtlichen Traumerscheinungen Verstorbener gewesen wren.
-Und welche Phnomene zu erklren ist wohl jene felsenfeste
-Meinung von ihrem Weiterleben nach dem Tode ersonnen
-worden, die <em class="gesperrt">Goethe</em>, die <em class="gesperrt">Bach</em> gehabt haben, auf welches
-Pseudoproblem lt sich das Unsterblichkeitsbedrfnis
-zurckfhren, das aus <em class="gesperrt">Beethovens</em> letzten Sonaten und
-Quartetten zu uns spricht? Der Wunsch nach der persnlichen
-Fortdauer mu gewaltigeren Quellen entstrmt sein als jenen
-rationalistischen Springbrunnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span>
-
-Dieser tiefere Ursprung hngt mit dem Verhltnisse des
-Menschen zu seiner Vergangenheit lebhaft zusammen. <em class="gesperrt">Im Sichfhlen
-und Sichsehen in der Vergangenheit liegt
-ein mchtiger Grund des Sichweiterfhlen-, Sichweitersehenwollens.</em>
-Wem seine Vergangenheit wert ist, wer
-sein Innenleben, mehr als sein krperliches Leben, hochhlt,
-<em class="gesperrt">der wird es auch an den Tod nicht hingeben wollen</em>.
-Daher tritt primres, originelles Unsterblichkeitsbedrfnis bei
-den grten Genien der Menschheit, den Menschen mit der
-reichsten Vergangenheit, am strksten, am nachhaltigsten auf.
-Da <em class="gesperrt">dieser</em> Zusammenhang der Unsterblichkeitsforderung mit
-dem Gedchtnis <em class="gesperrt">wirklich</em> besteht, erhellt daraus, was
-Menschen, die aus Todesgefahr errettet werden, von sich bereinstimmend
-aussagen. Sie durchleben nmlich, wenn sie auch
-sonst nie viel an ihre Vergangenheit gedacht haben, nun pltzlich
-auf einmal mit rasender Geschwindigkeit ihre ganze
-Lebensgeschichte nochmals, und erinnern sich innerhalb weniger
-Sekunden an Dinge, welche Jahrzehnte lang ihnen nicht ins
-Bewutsein zurckgekommen sind. Denn das Gefhl dessen,
-was ihnen bevorsteht, bringt &mdash; abermals vermge des Kontrastes
-&mdash; all das ins Bewutsein, was nun fr immer vernichtet
-werden soll.</p>
-
-<p>Wir wissen ja sehr wenig ber die geistige Verfassung
-Sterbender. Es gehrt auch ein mehr als gewhnlicher Mensch
-dazu, um zu erkennen, was in einem Sterbenden vorgeht; anderseits
-sind Verscheidende aus den dargelegten Grnden gerade
-von besseren Menschen meistens gemieden. Aber es ist wohl
-gnzlich unrichtig, die in so vielen Todkranken pltzlich auftretende
-Religiositt nur auf die bekannte Erwgung vielleicht
-doch, sicher ist sicher zurckzufhren; und sehr oberflchlich,
-anzunehmen, blo die sonst nie beachtete tradierte
-Hllenlehre gewinne nun pltzlich gerade in der Todesstunde
-so viel Kraft, da es dem Menschen unmglich werde, mit
-einer Lge zu sterben.<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> Denn dies ist das Wichtigste: Warum
-fhlen Menschen, die ein durch und durch verlogenes Leben<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span>
-gefhrt haben, nun pltzlich den Drang nach der Wahrheit?
-Und warum macht es auch auf denjenigen, der nicht an
-<em class="gesperrt">Strafen</em> im Jenseits glaubt, einen so entsetzlichen Eindruck,
-wenn er vernimmt, ein Mensch sei <em class="gesperrt">mit</em> einer Lge, <em class="gesperrt">mit</em>
-einer unbereuten Schlechtigkeit <em class="gesperrt">verschieden</em>, warum hat
-beides, sowohl die Verstocktheit bis zum Schlusse, als auch die
-Umkehr vor dem Tode, die Dichter so oft mchtig gereizt?
-Die Frage nach der Euthanasie der Atheisten, die man im
-XVIII. Jahrhundert so hufig aufwarf, ist also keine ganz sinnlose,
-und nicht blo ein historisches Kuriosum, als welches
-sie von Friedrich Albert <em class="gesperrt">Lange</em> behandelt wurde.</p>
-
-<p>Ich erwhne dies alles nicht allein, um eine Mglichkeit
-zu errtern, welcher kaum der Rang einer Vermutung
-zukommt. Undenkbar nmlich scheint es mir, da viel mehr
-Menschen genial sind, als es Genies gibt, nicht zu sein,
-da die quantitative Differenz in der Begabung vor allem
-in dem Zeitpunkte zum Ausdruck komme, in welchem die
-Menschen zum Genie werden. Fr eine grere Anzahl fiele
-dieser Augenblick mit ihrem natrlichen Tode zusammen.
-Wurden wir schon frher dahin gefhrt, die genialen Menschen
-nicht etwa, wie die Steuerzahler von einem bestimmten jhrlichen
-Einkommen ab, als von allen anderen Menschen durch
-eine scharfe Grenze getrennt anzusehen, so vereinigen sich
-diese neuen Betrachtungen mit jenen alten. Und ebenso wie die
-erste Kindheitserinnerung des Menschen nicht mit einem, den
-frheren Lauf der Dinge unterbrechenden, <em class="gesperrt">ueren</em> Ereignis
-verknpft ist, sondern pltzlich, unscheinbar, <em class="gesperrt">infolge einer
-inneren Entwicklung</em>, fr jeden frher oder spter ein Tag
-kommt, <em class="gesperrt">an welchem das Bewutsein so intensiv wird</em>,
-da eine Erinnerung bleibt, und von nun an, je nach
-der Begabung, mehr oder weniger zahlreiche Erinnerungen
-beharren &mdash; <em class="gesperrt">ein Faktum, das allein die ganze moderne
-Psychologie umstt</em> &mdash; so <em class="gesperrt">bedrfte</em> es bei den <em class="gesperrt">verschiedenen
-Menschen verschieden vieler Ste</em>, um
-sie zu genialen zu machen, <em class="gesperrt">und nach der Zahl dieser
-Bewutseinsste, deren letzter in der Todesstunde
-erfolgte</em>, wren die Menschen ihrer Begabung gem zu
-klassifizieren. Bei dieser Gelegenheit will ich noch darauf hinweisen,<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span>
-wie falsch die Lehre der heutigen Psychologie ist
-(fr die das menschliche Individuum eben nur wie ein besserer
-Registrierapparat in Betracht kommt und keinerlei von <em class="gesperrt">innen</em>
-kommende, ontogenetische geistige Entwicklung besitzt), da
-im jugendlichen Alter die grte Anzahl von Eindrcken
-behalten werden. Man darf die erlebten Impressionen nicht
-mit dem uerlichen und fremden Gedchtnisstoff verwechseln.
-Diesen nimmt das Kind gerade deshalb um so viel leichter
-auf, weil es noch so wenig von Gemtseindrcken beschwert
-ist. Eine Psychologie, die in so fundamentalen Dingen der
-Erfahrung zuwiderluft, hat allen Anla zur Einkehr, zur Umkehr.
-Was hier versucht wurde, ist kaum eine Andeutung
-von jener <em class="gesperrt">ontogenetischen Psychologie</em> oder <em class="gesperrt">theoretischen
-Biographie</em>, die ber kurz oder lang die heutige
-Wissenschaft vom menschlichen Geiste zu verdrngen berufen
-ist. &mdash; Jedes Programm enthlt implicite eine berzeugung,
-jedem Ziele des Willens gehen bestimmte Vorstellungen realer
-Verhltnisse voran. Der Name theoretische Biographie soll
-das Gebiet gegen <em class="gesperrt">Philosophie</em> und <em class="gesperrt">Physiologie</em> besser als
-bisher abstecken, und die biologische Betrachtungsweise, welche
-von der letzten Richtung in der Psychologie (<em class="gesperrt">Darwin</em>,
-<em class="gesperrt">Spencer</em>, <em class="gesperrt">Mach</em>, <em class="gesperrt">Avenarius</em>) einseitig hervorgekehrt und zum
-Teil arg bertrieben worden ist, doch dahin <em class="gesperrt">erweitern</em>, da
-eine solche Wissenschaft ber den <em class="gesperrt">gesamten</em> gesetzmigen
-<em class="gesperrt">geistigen Lebensverlauf als Ganzes</em>, von der Geburt bis
-zum Tode eines Menschen, Rechenschaft zu geben htte, wie
-ber Entstehen und Vergehen und alle einzelnen Lebensphasen
-irgend einer Pflanze. Und <em class="gesperrt">Biographie</em>, nicht Bio<em class="gesperrt">logie</em>,
-sollte sie genannt werden, weil ihre Aufgabe in der
-Erforschung gleichbleibender Gesetze der <em class="gesperrt">geistigen</em> Entwicklung
-des <em class="gesperrt">Individuums</em> liegt. Bisher kennt alle Geschichtsschreibung
-jeglicher Gattung nur Individualitten, &#946;&#943;&#959;&#953;. Hier
-aber wrde es sich darum handeln, allgemeine Gesichtspunkte
-zu gewinnen, Typen festzuhalten. <em class="gesperrt">Die Psychologie mte
-anfangen, <b>theoretische Biographie</b> zu werden.</em> Im Rahmen
-einer solchen Wissenschaft knnte und wrde alle bisherige
-Psychologie aufgehen, und erst dann nach dem Wunsche
-Wilhelm <em class="gesperrt">Wundts</em> eine fruchtbare Grundlage fr die Geisteswissenschaften<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span>
-wirklich abgeben. Es wre verfehlt, an dieser
-Mglichkeit darum zu verzweifeln, weil die heutige Psychologie,
-welche eben jene ihre eigentliche Aufgabe als ihr Ziel
-noch gar nicht begriffen hat, auch vllig auerstande ist,
-den Geisteswissenschaften das Geringste zu bieten. Hierin
-drfte, trotz der groen Klrung, welche <em class="gesperrt">Windelbands</em>
-und <em class="gesperrt">Rickerts</em> Untersuchungen ber das Verhltnis von
-Natur- und Geisteswissenschaften mit sich gebracht haben,
-doch eine Berechtigung liegen, <em class="gesperrt">neben</em> der neuen Einteilung
-der Wissenschaften in Gesetzes- und Ereignis-Wissenschaften,
-in nomothetische und idiographische Disziplinen,
-die <em class="gesperrt">Mill</em>sche Zweiteilung von Natur- und Geisteswissenschaften
-beizubehalten. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Mit der Deduktion des Unsterblichkeitsbedrfnisses,
-welche dieses in einen Konnex mit der kontinuierlichen Form
-des Gedchtnisses und der Piett brachte, stimmt es vollstndig
-berein, da <em class="gesperrt">den Frauen jegliches Unsterblichkeitsbedrfnis
-vllig abgeht</em>. Auch ist hieraus
-mit Sicherheit zu entnehmen, wie sehr jene unrecht haben,
-welche in dem Postulat der persnlichen Fortexistenz blo
-einen Ausflu der Todesfurcht und des leiblichen Egoismus
-sehen, und hiemit eigentlich der populrsten Meinung ber
-allen Ewigkeitsglauben Ausdruck geben. Denn die <em class="gesperrt">Angst</em>
-vor dem Sterben findet sich bei Frauen wie bei Mnnern,
-das <em class="gesperrt">Unsterblichkeitsbedrfnis</em> ist auf diese beschrnkt.</p>
-
-<p>Die von mir versuchte Erklrung des psychologischen
-Wunsches nach Unsterblichkeit ist indessen bislang mehr ein
-Aufzeigen einer Verbindung, die zwischen ihm und dem Gedchtnisse
-besteht, als eine wahrhaft strenge <em class="gesperrt">Ableitung</em> aus
-einem hheren Grundsatze. Da hier eine Verwandtschaft
-da ist, wird man immer bewahrheitet finden: je mehr ein
-Mensch in seiner <em class="gesperrt">Vergangenheit</em> lebt &mdash; <em class="gesperrt">nicht</em>, wie man bei
-oberflchlichem Hinsehen glauben knnte, in seiner <em class="gesperrt">Zukunft</em>
-&mdash; desto intensiver wird sein Unsterblichkeitsverlangen sein.
-Ebenso kommt bei den Frauen der Mangel an dem Bedrfnis
-eines Fortlebens nach dem Tode mit ihrem Mangel an
-sonstiger Piett gegen die eigene Person berein. Dennoch
-scheint, wie diese Abwesenheit bei der Frau noch nach<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span>
-einer tieferen Begrndung und Ableitung beider aus <em class="gesperrt">einem</em>
-allgemeineren Prinzipe verlangt, so auch beim Manne
-das Beisammensein von Gedchtnis und Unsterblichkeitsbedrfnis
-auf eine <em class="gesperrt">gemeinsame</em>, noch blozulegende Wurzel
-beider hinzuweisen. Denn was bisher geleistet wurde, war
-doch nur der Nachweis, da und wie sich das Leben in der
-eigenen Vergangenheit und ihre Schtzung mit der Hoffnung
-auf ein Jenseits im selben Menschen zusammenfinden. Den
-tieferen Grund dieses Zusammenhanges zu erforschen, wurde
-noch gar nicht als Aufgabe betrachtet. Nun aber ist auch an
-deren Lsung heranzutreten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gehen wir von der Formulierung aus, die wir dem universellen
-Gedchtnis des bedeutenden Menschen gaben. Ihm
-sei alles, das lngst Entwirklichte wie das eben erst Entschwundene,
-<em class="gesperrt">gleich wahr</em>. Hierin liegt, da das einzelne
-Erlebnis nicht mit dem Zeitmoment, in dem es gesetzt ist,
-so wie dieses Zeitatom selbst verschwindet, untergeht, da
-es nicht an den bestimmten Zeitaugenblick <em class="gesperrt">gebunden</em> bleibt,
-sondern ihm &mdash; eben durch das Gedchtnis &mdash; <em class="gesperrt">entwunden</em>
-wird. <em class="gesperrt">Das Gedchtnis macht die Erlebnisse zeitlos</em>, es
-ist, schon seinem Begriffe nach, <em class="gesperrt">berwindung der Zeit</em>.
-An Vergangenes kann sich der Mensch nur darum erinnern,
-weil das Gedchtnis es vom <em class="gesperrt">Einflu</em> der Zeit <em class="gesperrt">befreit, die
-Geschehnisse, die berall sonst in der Natur <b>Funktionen</b>
-der Zeit sind, hier im Geiste <b>ber</b> die Zeit
-<b>hinaus</b>gehoben hat</em>.</p>
-
-<p>Doch hier steigt scheinbar eine Schwierigkeit vor uns auf.
-Wie kann das Gedchtnis eine Negation der Zeit in sich
-schlieen, da es doch anderseits gewi ist, da wir von der
-Zeit nichts wten, wenn wir kein Gedchtnis htten? Sicherlich
-wird uns immer und ewig nur durch Erinnerung an Vergangenes
-zum Bewutsein gebracht, <em class="gesperrt">da</em> es einen Ablauf der
-Zeit <em class="gesperrt">gibt</em>. Wie kann also von dem, was so enge zusammenhngt,
-das eine das Gegenteil und die Aufhebung des
-anderen bedeuten?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>
-
-Die Schwierigkeit lst sich leicht. Eben <em class="gesperrt">weil</em> ein beliebiges
-Wesen &mdash; es braucht nicht der Mensch zu sein &mdash;
-<em class="gesperrt">wenn</em> es mit Gedchtnis ausgestattet ist, <em class="gesperrt">mit seinen Erlebnissen
-nicht einfach in den Zeitverlauf eingeschaltet</em>
-ist, darum kann ein solches Wesen dem Zeitverlauf gegenbertreten,
-ihn <em class="gesperrt">auffassen</em>, ihn zum Gegenstande der Betrachtung
-machen. Wre das einzelne Erlebnis dem brigen Zeitverlauf
-anheimgegeben, wrde es ihm verfallen und nicht aus
-ihm gerettet werden durch das Gedchtnis, mte es mit der
-Zeit sich ndern wie eine abhngige Variable mit ihrer Unabhngigen,
-stnde der Mensch mitten im zeitlichen Flu des
-Geschehens <em class="gesperrt">darinnen</em>, so knnte dieser ihm nicht <em class="gesperrt">auffallen</em>,
-nicht <em class="gesperrt">bewut</em> werden &mdash; <em class="gesperrt">Bewutsein setzt Zweiheit voraus</em>
-&mdash; er knnte nie das Objekt, der Gedanke, die Vorstellung
-des Menschen sein. Man mu <em class="gesperrt">irgendwie</em> die Zeit
-<em class="gesperrt">berwunden</em> haben, um ber sie <em class="gesperrt">reflektieren</em>, man mu
-irgendwie <em class="gesperrt">auerhalb der Zeit stehen</em>, um sie <em class="gesperrt">betrachten</em>
-zu knnen. Dies gilt nicht nur von jeder besonderen Zeit &mdash;
-<em class="gesperrt">in</em> der Leidenschaft selbst kann man <em class="gesperrt">ber</em> die Leidenschaft
-nicht nachdenken, man mu erst zeitlich ber sie hinausgekommen
-sein &mdash; sondern ebenso vom <em class="gesperrt">allgemeinen Begriffe</em>
-der Zeit. <em class="gesperrt">Gbe es nicht ein Zeitloses, so gbe es
-keine Anschauung der Zeit.</em></p>
-
-<p>Gedenken wir, um dieses Zeitlose zu erkunden, vorlufig
-dessen, <em class="gesperrt">was</em> durch das Gedchtnis der Zeit wirklich entrckt
-wird. Als solches hat sich all das ergeben, was fr das Individuum
-<em class="gesperrt">von Interesse ist oder eine Bedeutung</em> hat, oder,
-wie kurz gesagt werden soll, <em class="gesperrt">alles, was fr das Individuum
-einen <b>Wert</b> besitzt</em>. Man erinnert sich nur an solche Dinge,
-die fr die Person einen, wenn auch oft lange unbewuten,
-<b>Wert</b> gehabt haben: <b>dieser Wert gibt ihnen die Zeitlosigkeit</b>.
-<em class="gesperrt">Man vergit alles, was nicht irgendwie, wenn auch
-oft unbewut, von der Person <b>gewertet</b> wurde.</em></p>
-
-<p>Der Wert ist also das Zeitlose; und umgekehrt: ein Ding
-hat destomehr Wert, je weniger es Funktion der Zeit ist, je
-weniger es mit der Zeit sich ndert. In alles auf der Welt
-strahlt sozusagen nur so viel Wert ein, als es zeitlos ist: <b>nur
-zeitlose Dinge werden positiv gewertet</b>. <em class="gesperrt">Dies ist</em>, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>
-auch, wie ich glaube, noch nicht die tiefste und allgemeinste
-Definition des Wertes und keine vllige Erschpfung seines
-Wesens, doch <em class="gesperrt">das erste <b>spezielle</b> Gesetz aller Werttheorie</em>.</p>
-
-<p>Eine eilende Rundsicht wird gengen, um es berall nachzuweisen.
-Man ist immer geneigt, die berzeugung desjenigen
-gering zu schtzen, der erst vor kurzem zu ihr gelangt ist,
-und wird auf die uerungen eines Menschen berhaupt nicht
-viel Wert legen, dessen Ansichten noch im Flusse begriffen
-sind und sich fortwhrend ndern. Eherne Unwandelbarkeit
-hingegen wird stets Respekt einflen, selbst wenn sie in den
-unedlen Formen der Rachsucht und des Starrsinns sich offenbart;
-ja auch, wenn sie aus leblosen Gegenstnden spricht:
-man denke an das aere perennius der Poeten und an die
-Quarante sicles der Pyramiden gyptens. Der Ruhm oder
-das gute Angedenken, die ein Mensch hinterlt, wrden
-durch die Vorstellung sofort <em class="gesperrt">ent</em>wertet, da sie nur kurze Zeit,
-und nicht lange, womglich ewig, whren sollten. Ein Mensch
-vermag ferner nie positiv zu werten, da er sich immerfort
-ndert; gesetzt, er tte dies in irgend welcher Beziehung, und
-es wrde ihm nun gesagt, da er jedesmal von einer neuen
-Seite sich zeige, so mag er freilich dessen sogar froh und stolz
-auf diese Eigenschaft sein knnen, doch ist es natrlich nur
-die Konstanz, die Regelmigkeit und Sicherheit dieser
-Andersheiten, deren er sich dann freute. Der Lebensmde,
-fr den es keinen Wert mehr gibt, hat eben an <em class="gesperrt">keinem
-Bestande</em> mehr ein Interesse. Die Furcht vor dem Erlschen
-einer Familie und dem Aussterben ihres Namens gehren
-ganz hieher.</p>
-
-<p>Auch jede soziale Wertung, die etwa in Rechtssatzungen
-und Vertrgen sichtbar wird, tritt, ob auch Gewohnheit, tgliches
-Leben an ihnen Verschiebungen vornehmen mgen,
-von Anbeginn mit dem Anspruch auf zeitlose Geltung selbst
-dann auf, wenn ihre Rechtskraft ausdrcklich (ihrem Wortlaute
-nach) nur bis zu einem bestimmten Termin erstreckt
-wird: denn gerade hiemit erscheint die Zeit als Konstante
-speziell <em class="gesperrt">gewhlt</em>, und nicht als Variable angesehen, in Abhngigkeit
-von welcher die vereinbarten Verhltnisse stetig oder<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>
-unstetig sich irgend ndern knnten. Freilich wird auch hier
-zum Vorschein kommen, da ein Ding um so hher gewertet
-wird, je lnger seine Dauer ist; denn niemand glaubt, wenn
-zwischen zwei rechtlichen Kontrahenten ein Pakt auf sehr
-kurze Zeit geschlossen wird, da den beiden viel an dem
-Vertrage liege; sie selbst, die ihn geschlossen haben, werden
-in diesem Falle nicht anders gestimmt sein, und von Anfang
-an, trotz allen Akten, sich vorsehen und einander mitrauen.</p>
-
-<p>In dem aufgestellten Gesetze liegt auch die wahre Erklrung
-dafr, da die Menschen <em class="gesperrt">Interessen ber ihren Tod
-hinaus</em> haben. Das Bedrfnis nach dem Wert uert sich
-in dem allgemeinen Bestreben, die Dinge von der Zeit zu
-emanzipieren, und dieser Drang erstreckt sich selbst auf
-Verhltnisse, die <em class="gesperrt">mit der Zeit</em> frher oder spter <em class="gesperrt">doch</em>
-sich ndern, z.&nbsp;B. auf Reichtum und Besitz, auf alles, was
-man irdische Gter zu heien pflegt. Hierin liegt das tiefe
-psychologische Motiv des <em class="gesperrt">Testamentes</em>, der Vermachung
-einer <em class="gesperrt">Erbschaft</em>. Nicht aus der Frsorge fr die Angehrigen
-hat diese Erscheinung ihren Ursprung genommen. Auch der
-Mann ohne Familie und ohne Angehrige macht sein Testament,
-ja gerade er wird sicher im allgemeinen mit weit
-grerem Ernst und tieferer Hingabe zu dieser Handlung
-schreiten als der Familienvater, der seine Spuren mit dem
-eigenen Tode nicht so gnzlich aus Sein und Denken der
-anderen ausgelscht wei. Der groe Politiker und Herrscher,
-besonders aber der Despot, der Mann des Staatsstreiches,
-dessen Regiment mit seinem Tode endet, sucht diesem Wert
-zu verleihen, indem er Zeitloses mit ihm verknpft: durch
-ein Gesetzbuch oder eine Biographie des Julius Csar, allerhand
-groe geistige Unternehmungen und wissenschaftliche
-Kollektivarbeiten, Museen und Sammlungen, Bauten aus hartem
-Fels (Saxa loquuntur), am eigentmlichsten durch Schaffung
-oder Regulierung eines Kalenders den Moment zu verewigen
-strebt. Aber er sucht auch seiner Macht selbst, schon fr seine
-Lebzeiten, mglichste Dauer zu verleihen, nicht allein in
-wechselseitiger Sicherung durch Vertrge, in Herstellung nie
-wieder zu verwischender verwandtschaftlicher Beziehungen vermge
-diplomatischer Heiraten: sondern vor allem durch Wegrumung<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span>
-alles dessen, was den ewigen Bestand seiner Herrschaft
-blo durch sein freies Dasein noch je in Frage stellen
-knnte. So wird der Politiker zum Eroberer.</p>
-
-<p>Die psychologischen und philosophischen Untersuchungen
-zur Werttheorie haben das Gesetz der Zeitlosigkeit gar nicht
-beachtet. Allerdings waren sie zum groen Teile von den
-Bedrfnissen der Wirtschaftslehre beeinflut und suchten
-selbst auf diese berzugreifen. Doch glaube ich darum nicht,
-da das neuentwickelte Gesetz in der politischen konomie
-keine Geltung habe, weil es hier viel fter als in der Psychologie
-durch Komplikationen verundeutlicht wird. Auch wirtschaftlich
-hat alles desto mehr Wert, je dauerhafter es ist.
-Wessen Konservierungsfhigkeit sehr eingeschrnkt ist, so
-da es etwa nach einer Viertelstunde zu Grunde ginge, wenn
-ich es nicht kaufte, das werde ich berall dort, wo nicht
-durch feste Preise der moralische <em class="gesperrt">Wert</em> des geschftlichen
-Unternehmens ber zeitliche Schwankungen emporgehoben
-werden soll, zu spter Stunde, etwa vor Einbruch der Nacht,
-um billigeres Geld erhalten. Man denke auch an die vielen
-Anstalten zur Bewahrung vor dem Zeiteinflu, zur Erhaltung
-des Wertes (Lagerhuser, Depots, Keller, Rchauds, alle
-Sammlungen mit Kustoden). Es ist selbst hier ganz unrichtig,
-den Wert, wie es von den psychologischen Werttheoretikern
-meist geschieht, als dasjenige zu definieren, was geeignet sei,
-unsere Bedrfnisse zu befriedigen. Denn auch die Launen
-des Menschen gehren zu seinen (momentanen) Bedrfnissen,
-und doch gibt es nichts aller Werthaltung mehr Entgegengesetztes
-als eben <em class="gesperrt">die Laune</em>. Die Laune <em class="gesperrt">kennt</em> keinen
-Wert, sie verlangt nach ihm hchstens, um ihn im nchsten
-Augenblicke zu zerbrechen. <em class="gesperrt">So ist das Moment der Dauer
-aus dem Wertbegriff nicht zu eliminieren.</em> Selbst die
-Erscheinungen, welche man nur mit Hilfe der <em class="gesperrt">Menger</em>schen
-Theorie vom Grenznutzen erklren zu knnen vermeint hat,
-ordnen sich meiner Auffassung unter (ohne da diese natrlich
-im geringsten sich anmat, an sich etwas fr die Nationalkonomie
-leisten zu knnen). Da Luft und Wasser keinen
-Wert haben, liegt nach ihr nmlich daran, <em class="gesperrt">da nur irgendwie
-individualisierte, geformte Dinge</em> positiv gewertet werden<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span>
-knnen: denn alles Geformte kann formlos gemacht, kann
-zerstrt werden, und braucht <em class="gesperrt">als solches</em> nicht zu <em class="gesperrt">dauern</em>.
-Ein Berg, ein Wald, eine Ebene ist noch zu formen durch
-Umfassung und Begrenzung, und darum selbst im wstesten
-Zustande noch Wertobjekt. Die Luft der Atmosphre und
-das Wasser auf und ber der Erdoberflche vermchte niemand
-in Grenzen zu fassen, sie sind diffus und uneingeschrnkt verbreitet.
-Wre ein zauberkrftiger Mann imstande, die atmosphrische
-Luft, die den Erdball umgibt, wie jenen Geist aus
-dem orientalischen Mrchen auf einen relativ kleinen Raum
-der Erde zu komprimieren, oder knnte es jemand gelingen,
-die Wassermassen derselben in einem groen Reservoir
-unter Verhinderung der Verdunstung einzusperren:
-beide htten sofort <em class="gesperrt">Form</em> gewonnen, und wren damit auch
-der Wertung unterworfen. Wert wird von einer Sache also
-nur dann prdiziert, wo ein, wenn auch noch so entfernter,
-Anla zur Besorgnis vorhanden ist, da sie mit der Zeit sich
-ndern knne; <em class="gesperrt">denn der Wert wird nur in Relation
-zur Zeit gewonnen, im Gegensatze zu ihr aufgestellt</em>.
-Wert und Zeit erfordern sich also gegenseitig wie zwei korrelative
-Begriffe. Wie tief eine solche Auffassung fhrt, wie
-gerade sie konstitutiv sogar fr eine <em class="gesperrt">Weltanschauung</em>
-werden kann, dies mchte ich <em class="gesperrt">hier</em> nicht weiter verfolgen.
-Es gengt fr den vorgesetzten Zweck, zu wissen, da jeder
-Anla, von Wert zu reden, gerade dort wieder entfllt, wo
-keine Gefhrdung durch die Zeit mehr mglich ist. Das Chaos
-kann, auch wenn es ewig ist, nur negativ gewertet werden.
-<em class="gesperrt">Form <b>und</b> Zeitlosigkeit</em> oder <em class="gesperrt">Individuation <b>und</b> Dauer</em>
-sind die beiden analytischen Momente, welche den Wert zunchst
-schaffen und begrnden.</p>
-
-<p>So ist denn jenes Fundamentalgesetz der Werttheorie
-durchgngig, auf individualpsychologischem und sozialpsychologischem
-Gebiete, zur Darstellung gebracht. Und nun kann
-in successiver Wiederaufnahme der eigentlichen Untersuchungsgegenstnde
-erledigt werden, was noch von frher her, obwohl
-besondere Aufgabe dieses Kapitels, rckstndig ist.</p>
-
-<p>Als erste Folgerung darf aus dem Vorhergehenden
-diese gezogen werden, da es ein <em class="gesperrt">Bedrfnis nach Zeitlosigkeit,<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span>
-einen <b>Willen zum Wert</b></em>, auf allen Gebieten
-menschlicher Ttigkeit gibt. Und dieser Wille zum Wert,
-der mit dem <em class="gesperrt">Willen zur Macht</em> an Tiefe sich zu messen
-keine Scheu tragen mge, geht, wenigstens in der Form des
-Willens zur Zeitlosigkeit, dem individuellen Weibe ganz und
-gar ab. Die alten Frauen pflegen in den seltensten Fllen
-Bestimmungen ber ihre Hinterlassenschaft zu treffen, was
-damit zusammenhngt, da die Frauen kein Unsterblichkeitsbedrfnis
-besitzen. Denn es liegt ber dem Vermchtnis
-eines Menschen die Weihe eines Hheren, Allgemeineren,
-und dies ist auch der Grund, warum es von den
-anderen Menschen <em class="gesperrt">geachtet</em> wird.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das Unsterblichkeitsbedrfnis selbst ist nur ein
-besonderer Fall des allgemeinen Gesetzes, da nur
-zeitlose Dinge positiv gewertet werden.</em> Hierin liegt
-sein Zusammenhang mit dem Gedchtnis begrndet. Die
-Remanenz, welche die Erlebnisse eines Menschen bei ihm
-haben, ist der Bedeutung proportional, die sie fr ihn gewinnen
-knnen. So paradox es klingt: <b>der Wert ist es,
-der die Vergangenheit schafft</b>. Nur was positiv gewertet
-wurde, nur das bleibt im Schutze des Gedchtnisses
-vor dem Zahn der Zeit bewahrt; <em class="gesperrt">und so darf
-auch das individuelle psychische Leben als Ganzes,
-soll es positiv bewertet werden, nicht Funktion
-der Zeit, es mu ber die Zeit erhaben sein durch
-eine ber den krperlichen Tod hinausgehende
-ewige Dauer</em>. Hiemit sind wir dem innersten Motiv des
-Unsterblichkeitsbedrfnisses unvergleichlich nher gerckt.
-Die vllige Einbue an Bedeutung, die das individuell erfllte,
-lebensvoll gelebte Leben erleidet, wenn es mit dem
-Tode fr immer restlos zu Ende sein soll, die <em class="gesperrt">Sinnlosigkeit</em>
-des <em class="gesperrt">Ganzen</em> in solchem Falle, dies spricht mit anderen
-Worten auch <em class="gesperrt">Goethe</em> zu <em class="gesperrt">Eckermann</em> aus (4. Februar 1829),
-fhrt zur Forderung nach Unsterblichkeit.</p>
-
-<p>Das intensivste Verlangen nach Unsterblichkeit hat das
-Genie. Und auch dies fllt zusammen mit allen anderen Tatsachen,
-die bisher ber seine Natur aufgedeckt wurden.
-<em class="gesperrt">Das Gedchtnis ist vollstndige Besiegung der Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span>
-nur dann, wenn es, wie im universellen Menschen, in
-der universellen Form auftritt. Der Genius ist somit
-der eigentlich zeitlose Mensch</em>, wenigstens ist dies und
-nichts anderes sein Ideal von sich selbst; er ist, wie gerade
-sein sehnschtiges und dringendes Begehren nach Unsterblichkeit
-beweist, eben der Mensch mit dem strksten Verlangen
-nach Zeitlosigkeit, <em class="gesperrt">mit dem mchtigsten Willen
-zum Werte</em>.<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a></p>
-
-<p>Und nun tut sich vor dem geblendeten Auge eine fast
-noch wunderbarere Koinzidenz auf. Die Zeitlosigkeit des Genius
-wird nicht allein im Verhltnis zu den einzelnen Augenblicken
-seines Lebens kund, sondern auch in seiner Beziehung
-zu dem, was man aus der Zeitrechnung als seine Generation
-herausgreift und im engeren Sinne seine Zeit nennt. <em class="gesperrt">Zu
-dieser hat er nmlich de facto gar keine Beziehungen.</em>
-Nicht die Zeit, die ihn braucht, schafft den Genius,
-er ist nicht ihr Produkt, nicht aus ihr zu erklren, und man
-erweist ihm keine Ehre, ihn mit ihr zu entschuldigen.
-<em class="gesperrt">Carlyle</em> hat mit Recht darauf hingewiesen, wie vielen
-Epochen nur der bedeutende Mensch not tat, wie dringend
-sie seiner bedurften, und wie er doch nicht erschienen ist.
-Das Kommen des Genius bleibt ein Mysterium, auf dessen
-Ergrndung der Mensch in Ehrfurcht verzichte. Und wie die
-<em class="gesperrt">Ursachen</em> seines Auftretens nicht in seiner Zeit gefunden
-werden knnen, so bleiben auch, diese bereinstimmung ist
-das zweite Rtsel, <em class="gesperrt">dessen <b>Folgen</b> nicht an eine bestimmte
-Zeit geknpft. Die Taten des Genius leben ewig, an
-ihnen wird durch die Zeit nichts gendert.</em> Durch
-seine Werke ist dem bedeutenden Menschen eine Unsterblichkeit
-auf Erden beschieden, und so ist er in <em class="gesperrt">dreifacher
-Weise zeitlos</em>: seine universale Apperzeption oder
-ausnahmslose Wertung aller seiner Erlebnisse enthebt diese
-in seinem Gedchtnis der Vernichtung mit dem Augenblick;<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span>
-aus der Zeit, die seinem Werden vorangeht, ist er nicht
-emporgewachsen; und nicht der Zeit, in der er ttig ist, und
-auch keiner anderen, frher oder spter ihr folgenden, fllt
-anheim, was er geschaffen hat.</p>
-
-<p>Hier ist nun der glcklichste Ort, die Besprechung
-einer Frage einzufgen, die beantwortet werden mu, obwohl sie,
-merkwrdig genug, noch kaum von jemand aufgeworfen scheint.
-Sie betrifft nichts anderes als, ob das, was Genie genannt zu
-werden verdient, auch unter den Tieren (oder Pflanzen) sich
-findet. Es besteht nun, auer den bereits entwickelten Kriterien
-der Begabung, deren Anwendung auf die Tiere wohl
-kaum die Anwesenheit dermaen ausgezeichneter Individuen
-unter ihnen ergeben drfte, auch sonst gengende Berechtigung
-zu der, spter noch zu begrndenden, Annahme, da es dort nichts
-irgendwie hnliches gebe. <em class="gesperrt">Talente</em> drften im Reiche der Tiere
-vorhanden sein wie unter den noch-nicht-genialen Menschen.
-Aber das, was man vor <em class="gesperrt">Moreau de Tours</em>, <em class="gesperrt">Lombroso</em>
-und <em class="gesperrt">Max Nordau</em> immer als den gttlichen Funken betrachtet
-hat, das haben wir allen Grund auf die Tiere nicht
-auszudehnen. Diese Einschrnkung ist nicht Eifersucht, nicht
-ngstliche Wahrung eines Privilegs, sondern sie lt sich mit
-guten Grnden verteidigen.</p>
-
-<p>Denn was wird durch das Erstauftreten des Genies <em class="gesperrt">im
-Menschen</em> nicht alles erklrt! Der ganze objektive Geist,
-mit anderen Worten, <em class="gesperrt">da der Mensch allein unter allen
-Lebewesen eine <b>Geschichte</b> hat</em>!</p>
-
-<p>Die ganze menschliche Geschichte (darunter ist natrlich
-Geistes- und nicht z.&nbsp;B. Kriegsgeschichte zu verstehen), lt
-sie sich nicht am ehesten begreifen durch das Auftreten des
-Genies, der Anregungen, die von ihm ausgingen, und der
-Nachahmung dessen, was das Genie tat, durch mehr <em class="gesperrt">pithekoide</em>
-Wesen? Des Hausbaues, des Ackerbaues, vor allem
-aber der <em class="gesperrt">Sprache</em>! Jedes Wort ist von <em class="gesperrt">einem</em> Menschen
-zuerst geschaffen worden, von einem Menschen, der ber dem
-Durchschnitt stand, wie dies auch heute immer noch ausschlielich
-geschieht (von den Namen fr neue technische Erfindungen
-mu man hiebei freilich absehen). Wie sollte es denn
-auch wohl sonst entstanden sein? Die Urworte <em class="gesperrt">waren</em> onomatopoetisch:<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span>
-in sie kam ohne den Willen des Sprechenden,
-durch die bloe Heftigkeit der spezifischen Erregung, ein
-dem Erreger hnliches hinein; und alle anderen Worte sind
-ursprnglich Tropen, sozusagen Onomatopoesien zweiter Ordnung,
-Metaphern, Gleichnisse: alle Prosa ist einmal Poesie
-gewesen. <em class="gesperrt">Die meisten Genies sind also unbekannt
-geblieben.</em> Man denke nur an die Sprichwrter, selbst an
-die heute trivialsten, wie: eine Hand wscht die andere.
-Ja, das hat doch vor vielen Jahren <em class="gesperrt">ein</em> geistvoller Mann zum
-ersten Male gesagt! Anderseits: wie viele Citate aus klassischen
-Autoren, aus den allergelesensten, wie viele <em class="gesperrt">Worte Christi</em>
-kommen uns nicht heute vollkommen unpersnlich-sprichwrtlich
-vor, wie oft mssen wir uns erst darauf besinnen, da
-wir in diesem Falle den Urheber kennen! Man sollte darum
-nicht von der Weisheit der Sprache, von den Vorzgen
-und den glcklichen Ausdrcken des Franzsischen reden.
-Ebensowenig wie das Volkslied ist die Sprache von einer
-Menge geschaffen worden. Mit jenen Redensarten sind wir
-gegen so viele <em class="gesperrt">einzelne</em> undankbar, um ein Volk berreich zu
-beschenken. Der Genius selbst, der sprachschpferisch war,
-gehrt vermge seiner Universalitt nicht blo der Nation an,
-aus der er stammt und in deren Sprache er sein Wesen ausgedrckt
-hat. Die Nation orientiert sich an ihren Genien und
-bildet nach ihnen ihren Idealbegriff von sich selbst, der
-darum nicht der Leitstern der Hervorragenden selber, wohl
-aber jener aller anderen sein kann. Aus verwandten Grnden
-aber wre auch mehr Vorsicht geboten, wenn, wie so oft,
-Psychologie der Sprache und Vlkerpsychologie ohne kritische
-Voruntersuchung als zusammengehrig behandelt werden. Weil
-die Sprache von einzelnen groen Mnnern geschaffen ist,
-darum liegt in ihr wirklich so viel erstaunliche Weisheit verborgen;
-wenn ein so inbrnstig tiefer Denker wie <em class="gesperrt">Jakob
-Bhme</em> Etymologie treibt, so will dies doch etwas mehr
-sagen, als so mancher Geschichtsschreiber der Philosophie
-begreifen zu knnen scheint. Von <em class="gesperrt">Baco</em> bis Fritz <em class="gesperrt">Mauthner</em>
-sind alle <em class="gesperrt">Flach</em>kpfe <em class="gesperrt">Sprachkritiker</em> gewesen.<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span>
-Der Genius ist es hingegen, der die Sprache nicht
-kritisiert, sondern hervorgebracht hat und immer neu hervorbringt,
-wie auch all die anderen Geisteswerke, die im engeren
-Sinne den Grundstock der Kultur, den objektiven Geist bilden,
-soweit dieser wirklich <em class="gesperrt">Geist</em> ist. So sehen wir, <em class="gesperrt">da der zeitlose
-Mensch jener ist, der die Geschichte schafft:
-Geschichte kann nur von Wesen geschaffen werden,
-die auerhalb ihrer Kausalverkettung stehen.</em>
-Denn nur sie treten in jenes unauflsliche Verhltnis zum
-absolut Zeit<em class="gesperrt">losen</em>, zum Werte, das ihren Produktionen einen
-ewigen Gehalt gibt. Und was aus allem Geschehenen in
-die Kultur eingeht, geht in sie ein unter dem Gesichtspunkte
-des ewigen Wertes.</p>
-
-<p>Legen wir jenen Mastab der dreifachen Zeitlosigkeit an
-den Genius an, so werden wir am sichersten auch bei der
-nun nicht mehr allzu schwierigen Entscheidung geleitet
-werden, wem das Prdikat des Genies zuzusprechen ist, und
-wem es aberkannt werden mu. <em class="gesperrt">Zwischen</em> der populren
-Meinung, die beispielsweise <em class="gesperrt">Trck</em> und <em class="gesperrt">Lombroso</em> vertreten,
-welche den Begriff des Genies bei jeder ber den
-Durchschnitt strker hinausragenden intellektuellen oder werklichen
-Leistung anzuwenden bereit ist, und der Exklusivitt
-jener Lehren <em class="gesperrt">Kant</em>ens und <em class="gesperrt">Schelling</em>s, welche einzig im
-schaffenden Knstler das Walten des Genius erblicken wollen,
-liegt, obwohl in der Mitte, doch zweifelsohne diesmal das
-Richtige. <em class="gesperrt">Der Titel des Genius ist nur den groen Knstlern
-und den groen Philosophen</em> (zu denen ich hier auch die
-seltensten Genien, die groen <em class="gesperrt">Religionsstifter</em> zhle<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>) <em class="gesperrt">zu
-vindizieren</em>. Weder der groe Mann der Tat noch der
-groe Mann der Wissenschaft haben auf ihn Anspruch.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Mnner der Tat</em>, die berhmten Politiker und
-Feldherren, mgen wohl einzelne Zge haben, die an das
-Genie erinnern (z.&nbsp;B. eine vorzgliche Menschenkenntnis, ein
-enormes Personengedchtnis); auf <em class="gesperrt">ihre</em> Psychologie kommt
-diese Untersuchung noch einmal zu sprechen; aber mit dem
-Genius kann sie nur verwechseln, wer schon durch den<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span>
-ueren Aspekt von Gre allein vllig zu blenden ist.
-Das Genie ist in mehr als einem Sinne ausgezeichnet gerade
-durch den <em class="gesperrt">Verzicht</em> auf alle Gre <em class="gesperrt">nach auen</em>, <em class="gesperrt">durch
-reine innere Gre</em>. Der wahrhaft bedeutende Mensch
-hat den strksten Sinn fr die <em class="gesperrt">Werte</em>, der Feldherr-Politiker
-ein fast ausschlieliches Fassungsvermgen fr die <em class="gesperrt">Mchte</em>.
-Jener sucht allenfalls die Macht an den Wert, dieser hchstens
-den Wert an die Macht zu knpfen und zu binden (man erinnere
-sich an das oben von den Unternehmungen der Imperatoren
-Gesagte). Der groe Feldherr, der groe Politiker,
-sie steigen aus dem Chaos der <em class="gesperrt">Verhltnisse</em> empor wie
-der Vogel Phnix, um zu verschwinden wie dieser. Der groe
-Imperator oder groe Demagog ist der einzige Mann, der ganz
-in der Gegenwart lebt; er trumt nicht von einer schneren,
-besseren Zukunft, er sinnt keiner entflossenen Vergangenheit
-nach; er knpft sein Dasein an den Moment, und sucht nicht
-auf eine jener beiden Arten, die dem Menschen mglich sind,
-<em class="gesperrt">die Zeit zu berspringen</em>. Der echte <em class="gesperrt">Genius</em> aber macht
-sich in seinem Schaffen nicht abhngig von den konkret-zeitlichen
-Bedingungen seines Lebens, die fr den Feldherr-Politiker
-stets das Ding-an-sich bleiben, das, was ihm zuletzt
-Richtung gibt. So wird der groe Imperator <em class="gesperrt">zu einem
-Phnomen der Natur</em>, der groe Denker und Knstler
-steht auerhalb ihrer, er ist eine Verkrperung des Geistes.
-Die Werke des Tatmenschen gehen denn auch meist mit
-seinem Tode, oft schon frher, und nie sehr viel spter, spurlos
-zu Grunde, nur die Chronik der Zeit meldet von dem,
-was da geformt wurde, nur um wieder zerstrt zu werden.
-Der Imperator schafft keine Werke, an denen die zeitlosen,
-ewigen <em class="gesperrt">Werte</em> in ungeheuerer Sichtbarkeit fr alle Jahrtausende
-zum Ausdruck kommen; denn dies sind die Taten des Genius.
-<b>Dieser</b>, nicht der andere, <b>schafft</b> die Geschichte, weil er nicht
-<em class="gesperrt">in sie</em> gebannt ist, sondern <em class="gesperrt">auerhalb ihrer</em> steht. <em class="gesperrt">Der bedeutende
-Mensch hat eine Geschichte, den Imperator
-hat die Geschichte.</em> Der bedeutende Mensch zeugt die Zeit,
-der Imperator wird <em class="gesperrt">von</em> ihr gezeugt und &mdash; gettet.</p>
-
-<p>Ebensowenig wie der groe Willensmensch besitzt der groe
-<em class="gesperrt">Wissenschaftler</em>, wenn er nicht zugleich groer Philosoph<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span>
-ist, ein Recht auf den Namen des Genius, heie er sonst
-<em class="gesperrt">Newton</em> oder <em class="gesperrt">Gau</em>, <em class="gesperrt">Linn</em> oder <em class="gesperrt">Darwin</em>, <em class="gesperrt">Kopernikus</em>
-oder <em class="gesperrt">Galilei</em>. Die Mnner der Wissenschaft sind nicht universell,
-denn es gibt Wissenschaft nur vom Fache, allenfalls
-von Fchern. Das liegt keineswegs, wie man glaubt, an
-der fortschreitenden Spezialisierung, die es unmglich mache,
-alles zu beherrschen: es gibt unter den Gelehrten auch im
-XIX. und XX. Jahrhundert noch manch ebenso staunenerregende
-Polyhistorie, wie sie <em class="gesperrt">Aristoteles</em>, oder wie sie
-<em class="gesperrt">Leibniz</em> besa; ich erinnere an <em class="gesperrt">Alexander v. Humboldt</em>,
-an <em class="gesperrt">Wilhelm Wundt</em>. Jener Mangel liegt vielmehr im Wesen
-aller Wissenschaft und Wissenschaftler tief begrndet. Das
-8. Kapitel erst wird die letzte Differenz, die hier besteht,
-aufzudecken versuchen. Indes ist man vielleicht bereits hier
-zu dem Zugestndnis geneigt, auch der hervorragendste
-Mann der Wissenschaft sei keine so allumfassende Natur wie
-selbst jene Philosophen es waren, die an der uersten Grenze
-dessen stehen, wo die Bezeichnung genial noch statthat (ich
-denke an <em class="gesperrt">Schleiermacher</em>, <em class="gesperrt">Carlyle</em>, <em class="gesperrt">Nietzsche</em>). Welcher
-bloe Wissenschaftler fhlte in sich ein unmittelbares Verstndnis
-<em class="gesperrt">aller</em> Menschen, <em class="gesperrt">aller</em> Dinge, oder auch nur die
-Mglichkeit, ein solches in sich und aus sich selbst heraus
-je zu verwirklichen? Ja, welchen anderen Sinn htte denn
-die wissenschaftliche Arbeit der Jahrtausende, als diese unmittelbare
-Einsicht zu <em class="gesperrt">ersetzen</em>? Dies ist der Grund, warum
-alle Wissenschaftler <em class="gesperrt">notwendig</em> immer Fachmnner sind.
-Es kennt auch nie ein Wissenschaftler, der nicht Philosoph
-ist, selbst wenn er noch so Hervorragendes leistete, jenes
-kontinuierliche, nichtsvergessende Leben, das den Genius
-auszeichnet: eben wegen seines Mangels an Universalitt.</p>
-
-<p>Schlielich sind die Forschungen des Wissenschaftlers
-immer in den Stand der Kenntnisse seiner Zeit gebannt,
-er bernimmt einen Fonds von Erfahrungen in bestimmter
-Menge und Gestalt, vermehrt und verndert ihn um ein
-Geringes oder Greres, und gibt ihn weiter. Aber auch von
-<em class="gesperrt">seinen</em> Leistungen wird vieles weggenommen, vieles mu
-hinzugefgt werden, sie dauern als Bcher fort in den Bibliotheken,
-aber nicht als ewige, der Korrektur auch nur in<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span>
-<em class="gesperrt">einem</em> Punkte entrckte Schpfungen. Aus den berhmten
-Philosophien dagegen spricht wie aus den groen Kunstwerken
-ein Unverrckbares, Unverlierbares, eine <em class="gesperrt">Weltanschauung</em>
-zu uns, an welcher der Fortschritt der Zeiten
-nichts ndert, die je nach der Individualitt ihres Schpfers,
-welche in ihr sichtbar zum Ausdruck gelangte, <em class="gesperrt">immer</em> ihm
-verwandte Menschen findet, die ihr anhangen. Es gibt <em class="gesperrt">Platoniker</em>
-und <em class="gesperrt">Aristoteliker</em>, <em class="gesperrt">Spinozisten</em> und <em class="gesperrt">Berkeleyaner</em>,
-<em class="gesperrt">Thomisten</em> und Anhnger <em class="gesperrt">Brunos</em> noch heute,
-aber es gibt keinen <em class="gesperrt">Galileianer</em> und keine <em class="gesperrt">Helmholtzianer</em>,
-nirgends <em class="gesperrt">Ptolemer</em>, nirgends <em class="gesperrt">Kopernikaner</em>.
-Es ist darum ein Unfug und verdirbt den Sinn des Wortes,
-wenn man von Klassikern der exakten Wissenschaften
-oder Klassikern der Pdagogik ebenso spricht, wie man
-mit gutem Recht von klassischen Philosophen und klassischen
-Knstlern redet.</p>
-
-<p>Der groe Philosoph also trgt den Namen des Genius
-mit Verdienst und Ehre; und wenn es auch des Philosophen
-grter Schmerz in Ewigkeit bleibt, da er nicht Knstler
-ist &mdash; denn aus keinem anderen Grunde wird er sthetiker &mdash; so
-neidet doch nicht minder der Knstler dem Philosophen
-die zhe und wehrhafte Kraft des abstrakten systematischen
-Denkens &mdash; nicht umsonst werden Prometheus und
-Faust, Prospero und Cyprian, der Apostel Paulus und der
-Penseroso ihm Problem. Darum, ducht mir, sind beide
-einander gleich zu achten, und hat keiner vor dem anderen
-allzuviel voraus.</p>
-
-<p>Freilich heit es auch in der Philosophie mit dem Begriffe
-der Genialitt nicht so verschwenderisch umzugehen, als
-dies gewhnlich zu geschehen pflegt; sonst wrde meine Darstellung
-mit Recht den Vorwurf der Parteilichkeit gegen die
-positive Wissenschaft auf sich laden, einer Parteilichkeit,
-die mir selbstverstndlich fern liegt, da ich einen solchen
-Angriff ja zunchst als gegen mich selbst und einen groen
-Teil dieser Arbeit gekehrt empfinden mte. <em class="gesperrt">Anaxagoras</em>,
-<em class="gesperrt">Geulincx</em>, <em class="gesperrt">Baader</em>, <em class="gesperrt">Emerson</em> als geniale Menschen zu
-bezeichnen, geht nicht an. Weder unoriginelle Tiefe
-(<em class="gesperrt">Angelus Silesius</em>, <em class="gesperrt">Philo</em>, <em class="gesperrt">Jacobi</em>) noch originelle Flachheit<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>
-(<em class="gesperrt">Comte</em>, <em class="gesperrt">Feuerbach</em>, <em class="gesperrt">Hume</em>, <em class="gesperrt">Mill</em>, <em class="gesperrt">Herbart</em>, <em class="gesperrt">Locke</em>,
-<em class="gesperrt">Karneades</em>) sollte auf die Anwendung des Begriffes ein
-Recht erwirken knnen. Die Geschichte der Kunst ist heute
-in gleicher Weise wie die der Philosophie voll der verkehrtesten
-Wertungen; ganz anders die Geschichte der ihre
-eigenen Ergebnisse fortwhrend berichtigenden und nach dem
-<em class="gesperrt">Umfang</em> dieser <em class="gesperrt">Verbesserungen</em> wertenden Wissenschaft.
-Die Geschichte der Wissenschaft verzichtet auf die Biographie
-ihrer wackersten Kmpfer; ihr Ziel ist ein System berindividueller
-Erfahrung, aus dem der einzelne verschwunden
-ist. In der Hingabe an die Wissenschaft liegt darum die
-<em class="gesperrt">grte</em> Entsagung: denn durch sie verzichtet der einzelne
-Mensch als solcher auf <em class="gesperrt">Ewigkeit</em>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span><a name="VI_Kapitel" id="VI_Kapitel"><small>VI. Kapitel.</small></a><br />
-
-Gedchtnis, Logik, Ethik.</h2>
-
-
-<p>Die berschrift, welche ich diesem Kapitel voranstelle, ist
-sofort und mit Leichtigkeit einem schweren Miverstndnis
-ausgesetzt. Es knnte nach ihr scheinen, als huldige der
-Autor der Ansicht, die logischen und ethischen Wertungen
-seien Objekte ausschlielich der empirischen Psychologie,
-psychische Phnomene ganz so wie die Empfindung und das
-Gefhl, Logik und Ethik also spezielle Disziplinen, Unterabteilungen
-der Psychologie und aus ihr, in ihr zu begrnden.</p>
-
-<p>Ich bekenne gleich und vollstndig, da ich diese Anschauung,
-den Psychologismus, fr gnzlich falsch und
-verderblich halte; falsch, weil das Unternehmen nie gelingen
-kann, wovon wir uns noch berzeugen werden; verderblich,
-weil es nicht einmal so sehr die hiedurch kaum berhrte
-Logik und Ethik als die Psychologie zu Grunde richtet. Der
-Ausschlu der Logik und Ethik von der <em class="gesperrt">Begrndung</em> der
-Psychologie und ihr Verweis in einen Appendix der letzteren
-ist das Korrelat zu dem berwuchern der Empfindungslehre,
-und hat mit dieser zusamt all das auf dem Gewissen, was
-sich heute als empirische Psychologie prsentiert: jenen
-Haufen toter Gebeine, denen kein Feinsinn und kein Flei
-mehr Leben einhaucht, in denen vor allem die wirkliche <em class="gesperrt">Erfahrung</em>
-nicht wiederzuerkennen ist. Was also die unglcklichen
-Versuche betrifft, Logik und Ethik auf den Stufenbau
-einer, gleichgltig mit welchem Mrtel, zusammensetzenden
-Psychologie, als das zarte, jngste Kind des Seelenlebens, zu
-setzen, so trage ich wenigstens kein Bedenken, gegen
-<em class="gesperrt">Brentano</em> und seine Schule (<em class="gesperrt">Stumpf</em>, <em class="gesperrt">Meinong</em>, <em class="gesperrt">Hfler</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>
-<em class="gesperrt">Ehrenfels</em>), gegen Th. <em class="gesperrt">Lipps</em> und G. <em class="gesperrt">Heymans</em>, gegen die
-ebenfalls dahin zu zhlenden Meinungen von <em class="gesperrt">Mach</em> und <em class="gesperrt">Avenarius</em>,
-hier mich prinzipiell jener anderen Richtung anzuschlieen,
-deren Positionen heute von <em class="gesperrt">Windelband</em>, <em class="gesperrt">Cohen</em>,
-<em class="gesperrt">Natorp</em>, F.&nbsp;J.&nbsp;<em class="gesperrt">Schmidt</em>, besonders aber von <em class="gesperrt">Husserl</em> verteidigt
-werden (der selbst frher Psychologist war, seither aber
-zu der festesten berzeugung von der Unhaltbarkeit dieses
-Standpunktes gelangt ist), jener Richtung, welche gegen die
-psychologisch-genetische Methode <em class="gesperrt">Humes</em> den transcendental-kritischen
-Gedanken <em class="gesperrt">Kant</em>ens geltend macht und hochzuhalten
-wei.</p>
-
-<p>Da aber die vorliegende Arbeit keine ist, welche mit
-den allgemeinen, berindividuell gltigen Normen des Handelns
-und Denkens und den Bedingungen des Erkennens
-sich beschftigte, da sie vielmehr, ihrem Ausgangspunkt wie
-ihrem Ziele nach, eben <em class="gesperrt">Unterschiede</em> zwischen Menschen
-festzustellen trachtet, und nicht fr beliebige Wesen (selbst fr
-die lieben Engelein im Himmel) gltig zu sein beansprucht,
-wie die Philosophie <em class="gesperrt">Kant</em>ens ihren Grundgedanken nach,
-so durfte und mute sie bisher psychologisch (nicht psycho<em class="gesperrt">logistisch</em>)
-sein, und wird es weiter bleiben, ohne an den
-Stellen, wo sich die Notwendigkeit herausstellen sollte, zu verabsumen,
-selbst eine formale Betrachtung zu wagen, oder wenigstens
-darauf hinzuweisen, da da oder dort das alleinige Recht
-der logischen, kritischen, transcendentalen Methode zustehe.</p>
-
-<p>Der Titel dieses Kapitels rechtfertigt sich anders. Die
-langwierige, weil gnzlich neu zu fhrende Untersuchung des
-vorigen hat gezeigt, da das menschliche Gedchtnis zu
-Dingen in intimer Beziehung steht, mit denen man es einer
-Verwandtschaft bisher nicht fr wrdig gehalten zu haben
-scheint. Zeit, Wert, Genie, Unsterblichkeit &mdash; all dies vermochte
-sie mit dem Gedchtnis in einem merkwrdigen Zusammenhange
-zu zeigen, dessen Existenz man offenbar noch
-gar nicht vermutet hat. Dieses fast vllige Fehlen aller Hinweise
-mu einen tieferen Grund haben. Er liegt, so scheint
-es, in den Unzulnglichkeiten und Schlampereien, welche die
-Theorien des Gedchtnisses immer wieder sich haben zu
-Schulden kommen lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span>
-
-Hier lenkt zunchst die schon in der Mitte des
-XVIII. Jahrhunderts von Charles <em class="gesperrt">Bonnet</em> begrndete, im
-letzten Drittel des XIX. Jahrhunderts besonders durch
-Ewald <em class="gesperrt">Hering</em> (und E. <em class="gesperrt">Mach</em>) in Schwung gekommene
-Lehre den Blick auf sich, welche im Gedchtnis des Menschen
-nichts weiter sieht als die allgemeine Funktion der organisierten
-Materie, auf neue Reize, die vorangegangenen
-Reizen mehr oder weniger gleichen, anders, leichter und
-schneller zu reagieren als auf erstmalige Irritation. Diese
-Theorie glaubt also die menschlichen Gedchtnisphnomene
-durch die sonstige Erfahrung der bungsfhigkeit lebender
-Wesen schon erschpft, fr sie ist das Gedchtnis eine
-Anpassungserscheinung nach <em class="gesperrt">Lamarck</em>schem Muster. Gewi,
-es besteht ein Gemeinsames zwischen dem menschlichen
-Gedchtnis und jenen Tatsachen, z.&nbsp;B. gesteigerter Reflexerregbarkeit
-bei gehufter Wiederholung der Erregungen; das
-identische Element liegt in dem Fortwirken des ersten Eindruckes
-ber den Moment hinaus, und das 12. Kapitel wird
-auf den tiefsten Grund dieser Verwandtschaft noch einmal
-zurckkommen. Es ist aber daneben doch ein abgrundtiefer
-Unterschied zwischen der Strkung eines Muskels durch Gewhnung
-an wiederholte Kontraktion, zwischen der Anpassung
-des Arsenikessers oder des Morphinisten an immer grere Quantitten
-des Giftes hier, und der Erinnerung des Menschen an
-seine frheren Erlebnisse dort. Auf der einen Seite ist die
-Spur des Alten nur im Neuen verfolgbar, auf der anderen
-treten frher erlebte Situationen wieder, ganz als die <em class="gesperrt">alten</em>,
-hervor in das Bewutsein, so wie sie selbst waren, mit aller
-Individuation ausgestattet, nicht zu bloer Nachwirkung auf
-den neuen Moment durch ein Residuum nutzbar gemacht. Die
-Identifikation beider Phnomene wre so ungereimt, da auf eine
-weitere Besprechung dieser allgemein-biologischen Ansicht
-verzichtet werden kann.</p>
-
-<p>Mit der physiologischen Hypothese hngt die Associationslehre
-als Theorie des Gedchtnisses <em class="gesperrt">historisch</em> durch
-<em class="gesperrt">Hartley</em> und <em class="gesperrt">sachlich</em> durch den <em class="gesperrt">Begriff der Gewhnung</em>
-zusammen. Sie leitet <em class="gesperrt">alles</em> Gedchtnis aus dem mechanischen
-Spiel der Vorstellungsverknpfungen nach ein bis vier<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span>
-Gesetzen ab. Dabei <em class="gesperrt">bersieht sie, da das Gedchtnis (das
-kontinuierliche des Mannes) im Grunde eine Willenserscheinung
-ist</em>. Ich kann mich auf etwas besinnen, wenn
-ich es wirklich <em class="gesperrt">will</em>, entgegen beispielsweise meiner Schlafsucht,
-wenn ich nur wahrhaft entschlossen bin, diese zu
-unterdrcken. <em class="gesperrt">In der Hypnose, durch welche Erinnerung
-an alles Vergessene erzielt werden kann, tritt der
-Wille des Fremden an die Stelle des allzu schwachen
-eigenen</em> und liefert so wieder den Beweis, da es der <em class="gesperrt">Wille</em>
-ist, <em class="gesperrt">welcher die zweckmigen Associationen aufsucht,
-da alle Association durch die tiefere Apperzeption
-herbeigefhrt wird</em>. Hier mute einem spteren Abschnitt
-vorgegriffen werden, welcher das Verhltnis zwischen Associations-
-und Apperzeptionspsychologie klarzustellen und
-die Berechtigung beider abzuwgen suchen wird.</p>
-
-<p>Mit der Associationspsychologie, welche das psychische
-Leben zuerst zerspaltet, und whnt, im Tanze der einander
-die Hnde reichenden Bruchstcke es dann noch zusammenleimen
-zu knnen, hngt wiederum enge jene dritte Konfusion
-zusammen, die, ungeachtet des von <em class="gesperrt">Avenarius</em> und besonders
-von <em class="gesperrt">Hffding</em> ungefhr zur gleichen Zeit mit so viel Recht
-erhobenen Einspruches, noch immer das <em class="gesperrt">Gedchtnis</em> mit
-dem <em class="gesperrt">Wiedererkennen</em> zusammenwirft. Das Wiedererkennen
-eines Gegenstandes braucht durchaus nicht auf der gesonderten
-Reproduktion des frheren Eindruckes zu beruhen,
-wenn auch in einem Teile der Flle im neuen Eindrucke die
-Tendenz zu liegen scheint, auf der Stelle den lteren wachzurufen.
-Aber es gibt <em class="gesperrt">daneben</em> ein mindestens ebenso hufig
-vorkommendes <em class="gesperrt">unmittelbares</em> Wiedererkennen, in welchem
-nicht die neue Empfindung <em class="gesperrt">von sich selbst wegfhrt</em>
-und wie mit einem Streben verknpft erscheint, sondern wo
-das Gesehene, Gehrte etc. nur mit einer spezifischen
-<em class="gesperrt">Frbung</em> (tinge wrde <em class="gesperrt">James</em> sagen) auftritt, mit jenem
-Charakter, den <em class="gesperrt">Avenarius</em> das Notal, <em class="gesperrt">Hffding</em> die
-Bekanntheitsqualitt nennt. Wer in die Heimat zurckkehrt,
-dem scheinen Weg und Steg bekannt, auch wenn er nichts
-mehr zu benennen und sich gar nicht leicht zurechtzufinden
-wei, und keines besonderen Tages gerade gedenkt, an dem<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span>
-er hier gegangen; eine Melodie kann mir bekannt vorkommen,
-ohne da ich wei, wann und wo ich sie gehrt
-habe. Der Charakter (im <em class="gesperrt">Avenarius</em>schen Sinne) der
-<em class="gesperrt">Bekanntheit</em>, der <em class="gesperrt">Vertrautheit</em> etc. schwebt hier sozusagen
-ber dem Sinneseindruck selbst, die Analyse wei
-nichts von Associationen, deren Verschmelzung mit meiner
-neuen Empfindung, nach der Behauptung einer anmaenden
-Pseudo-Psychologie, jenes unmittelbare Gefhl erst <em class="gesperrt">erzeugen</em>
-soll, und sie vermag diese Flle sehr gut von
-jenen anderen zu unterscheiden, wo schon leise und kaum
-merklich (in Henidenform) das ltere Erlebnis wirklich associiert
-wird.</p>
-
-<p>Auch individualpsychologisch ist diese Distinktion eine
-Notwendigkeit. Im hochstehenden Menschen ist das Bewutsein
-einer nicht interrupten Vergangenheit fortwhrend so
-lebendig, da er, etwa beim Wiedererblicken eines Bekannten
-auf der Gasse, sofort die letzte Begegnung
-als selbstndiges Erlebnis reproduziert, whrend im weniger
-Begabten das einfache Bekanntheitsgefhl, das ihm ein
-Wiedererkennen ermglicht, oft auch dann <em class="gesperrt">allein</em> auftritt,
-wenn er jenes Zusammensein, sogar in seinen Einzelheiten,
-noch recht gut sich zu vergegenwrtigen vermchte.</p>
-
-<p>Stellen wir nun noch, zum Abschlusse dessen, die Frage,
-ob die anderen Organismen auer dem Menschen ebenfalls
-jene, von allem hnlichen wohl zu unterscheidende Fhigkeit
-besitzen, frhere Augenblicke ihres Lebens wieder <em class="gesperrt">in ihrer
-Gnze aufleben zu lassen</em>, so ist diese Frage mit der
-grten Wahrscheinlichkeit im verneinenden Sinne zu beantworten.
-Die Tiere knnten nicht, wie sie es tun, stundenlang
-regungslos und ruhig auf einem Flecke verharren, wenn sie an
-ihr vergangenes Leben zurckdchten oder eine Zukunft in Gedanken
-vorausnhmen. Die Tiere haben Bekanntheitsqualitten
-und Erwartungsgefhle (der die Heimkehr des Herrn nach
-zwanzig Jahren begrende Hund; die Schweine vor dem
-Tore des Metzgers, die zur Belegung gefhrte rossige Stute),
-aber sie besitzen keine Erinnerung und keine Hoffnung. <em class="gesperrt">Sie
-vermgen wiederzuerkennen</em> (mit Hilfe des Notals),
-<em class="gesperrt">aber sie haben kein Gedchtnis</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span>
-
-Ist so das Gedchtnis als eine besondere, mit niederen
-Gebieten psychischen Lebens nicht zu verwechselnde Eigenschaft
-dargetan, scheint es zudem ausschlielicher Besitz des
-Menschen zu sein, so wird es nicht mehr wundernehmen,
-da es mit jenen hheren Dingen, wie dem Wert- und Zeitbegriff,
-dem keinem Tiere eignenden Unsterblichkeitsbedrfnisse,
-der nur dem Menschen mglichen Genialitt, in
-einem Zusammenhange steht. Und wenn es einen einheitlichen
-Begriff vom Menschen gibt, ein tiefstes <em class="gesperrt">Wesen</em> der Menschheit,
-das in allen besonderen Qualitten des Menschen zum
-Ausdrucke kommt, so wird man es geradezu <em class="gesperrt">erwarten</em>
-mssen, da auch die logischen und ethischen Phnomene,
-die den anderen Lebewesen allem Anscheine nach ebenso
-abgehen wie das Gedchtnis, mit diesem irgendwo sich berhren
-werden. Diese Beziehung heit es nun aufsuchen.</p>
-
-<p>Es kann zu dem Behufe von der wohlbekannten Tatsache
-ausgegangen werden, da <em class="gesperrt">Lgner</em> ein schlechtes Gedchtnis
-haben. Vom pathologischen <em class="gesperrt">Lgner</em> steht es fest, da er
-nahezu berhaupt kein Gedchtnis hat. Auf den mnnlichen
-Lgner komme ich im folgenden noch einmal zu sprechen;
-er bildet nicht die Regel unter den Mnnern. Fat man
-hingegen ins Auge, was frher ber das Gedchtnis der Frauen
-gesagt wurde, so wird man es neben die angefhrte Erscheinung
-der mangelnden Erinnerungsgabe verlogener Mnner
-stellen drfen, wenn so viele Sprichwrter und Erzhlungen,
-wenn Dichtung und Volksmund vor der Lgenhaftigkeit des
-Weibes warnen. Es ist klar: einem jeden Wesen, dessen Gedchtnis
-ein so minimales wre, da, was es gesagt, getan,
-erlitten hat, spter nur im drftigsten Grade von Bewutheit
-ihm noch gegenwrtig bliebe, einem jeden solchen Wesen
-mu, wenn ihm die Gabe der Sprache verliehen ist, die Lge
-leicht fallen, und dem Impulse zu ihr wird, wenn es auf die
-Erreichung praktischer Zwecke ankommt, von einem so beschaffenen
-Individuum, dem nicht der wahre Vorgang mit
-voller Intensitt vorschwebt, schwer widerstanden werden
-knnen. Und noch strker mu sich diese Versuchung geltend
-machen, wenn das Gedchtnis dieses Wesens nicht von jener
-kontinuierlichen Art ist, die nur der Mann kennt, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span>
-wenn das Wesen, wie W, sozusagen nur in Augenblicken,
-diskret, diskontinuierlich, zusammenhanglos lebt, in den zeitlichen
-Ereignissen <em class="gesperrt">aufgeht</em>, statt <em class="gesperrt">ber</em> ihnen zu <em class="gesperrt">stehen</em>,
-oder den Zeitablauf wenigstens zum <em class="gesperrt">Problem</em> zu erheben;
-wenn es nicht, wie M, alle seine Erlebnisse auf einen einheitlichen
-<em class="gesperrt">Trger</em> derselben bezieht, sie von <em class="gesperrt">diesem auf sich
-nehmen lt</em>, wenn ein <em class="gesperrt">Zentrum der Apperzeption
-fehlt</em>, dem alle Vergangenheit stets in einheitlicher Weise
-zugezhlt wird, <em class="gesperrt">wenn das Wesen sich nicht</em> als <em class="gesperrt">eines
-und selbes in allen seinen Lebenslagen fhlt und
-wei</em>. Es kommt zwar wohl auch bei jedem Manne vor, da
-er sich einmal nicht versteht, ja bei sehr vielen Mnnern ist
-es, wenn sie an ihre Vergangenheit zurckdenken, ohne da
-dies mit den Phnomenen der psychischen Periodizitt in
-Verbindung gebracht werden drfte<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>, die Regel, da sie die
-Substitution ihrer gegenwrtigen Persnlichkeit fr den Trger
-jener lteren Erlebnisse nicht leicht auszufhren vermgen,
-da sie nicht begreifen, wie sie dies oder jenes damals denken
-oder tun konnten; <em class="gesperrt">und doch wissen und fhlen sie sehr
-wohl, da sie es trotzdem gedacht und getan haben,
-und zweifeln nicht im mindesten daran</em>. Dieses Gefhl
-der Identitt in allen Lebenslagen fehlt dem echten Weibe
-vllig, da sein Gedchtnis, selbst wenn es &mdash; das kommt
-in einzelnen Fllen vor &mdash; auffallend gut ist, <em class="gesperrt">stets alle
-Kontinuitt vermissen lt</em>. Das Einheitsbewutsein des
-Mannes, der sich in seiner Vergangenheit oft nicht versteht,
-uert sich in dem <em class="gesperrt">Bedrfnisse sich zu verstehen</em>, und
-diesem Bedrfnis <em class="gesperrt">immaniert die <b>Voraussetzung</b></em>, da er stets
-<em class="gesperrt">ein und derselbe</em> trotz seines Sichjetztnichtverstehens gewesen
-ist; die Frauen verstehen sich, wenn sie an ihr
-frheres Leben zurckdenken, <em class="gesperrt">nie, haben aber auch kein
-Bedrfnis sich zu verstehen</em>, wie man schon aus dem
-geringen Interesse entnehmen kann, das sie den Worten des
-Mannes entgegenbringen, der ihnen etwas ber sie selbst sagt.
-<em class="gesperrt">Die Frau interessiert sich nicht fr sich</em> &mdash; darum gibt
-es keine weibliche Psychologin und keine Psychologie des<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span>
-Weibes von einem Weibe &mdash; und ganz unfabar wre ihr
-das krampfhafte, echt mnnliche Bemhen, die eigene Vergangenheit
-als eine <em class="gesperrt">logische</em> Folge von <em class="gesperrt">kontinuierlichem</em>,
-lckenlos kausal geordnetem, nicht sprunghaftem Geschehen zu
-interpretieren, Anfang, Mitte, Ende des individuellen Lebens
-zueinander in Beziehung zu bringen.</p>
-
-<p>Von hier aus aber ist auch die Brcke zur Logik durch
-einen Grenzbergang zu schlagen mglich. Ein Wesen, das,
-wie W, das absolute Weib, sich nicht in den aufeinanderfolgenden
-Zeitpunkten als identisch wte, htte auch keine
-Evidenz der Identitt seines Denkobjektes zu verschiedenen
-Zeiten; da, wenn beide Teile, der Vernderung unterworfen
-sind, sozusagen das absolute Koordinatensystem fehlt, auf das
-Vernderung bezogen, mit Hilfe dessen Vernderung einzig
-bemerkt werden knnte. Ja ein Wesen, dessen Gedchtnis nicht
-einmal so weit reichte, um ihm die psychologische Mglichkeit
-zu gestatten, das Urteil zu fllen, ein Gegenstand oder ein
-Ding sei trotz des Zeitablaufes mit sich selbst identisch geblieben,
-um es also z.&nbsp;B. zu befhigen, irgend eine mathematische
-Gre in einer lngeren Rechnung als dieselbe zu verwenden,
-einzusetzen und festzuhalten; <em class="gesperrt">ein solches Wesen wrde im
-extremen Falle auch nicht imstande sein, vermge
-seines Gedchtnisses die unendlich klein gesetzte Zeit
-zu berwinden, welche (psychologisch) jedenfalls
-erforderlich ist, um von A zu sagen, da es im
-nchsten Momente doch noch A sei, um das Urteil
-der Identitt A = A zu fllen, oder den Satz des
-Widerspruches auszusprechen, der voraussetzt, da
-ein A nicht sofort dem Denkenden entschwinde;
-denn sonst knnte es das A vom non-A, das nicht A ist,
-und das es wegen der Enge des Bewutseins nicht
-gleichzeitig ins Auge zu fassen vermag, nicht wirklich
-unterscheiden</em>.</p>
-
-<p>Das ist kein bloer Scherz des Gedankens, kein
-neckisches Sophisma der Mathematik, keine verblffende
-Konklusion aus durchgeschmuggelten Prmissen. Zwar bezieht
-sich sicherlich &mdash; es mu das, um mglichen Einwnden zu
-begegnen, der folgenden Untersuchung vorweggenommen<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span>
-werden &mdash; das Urteil der Identitt immer auf <em class="gesperrt">Begriffe</em>, nie
-auf Empfindungen oder Komplexe von solchen, und die Begriffe
-sind als logische Begriffe zeitlos, sie behalten ihre Konstanz,
-ob ich sie als psychologisches Subjekt konstant denke
-oder nicht. Aber der Mensch denkt den Begriff eben nie rein
-als logischen Begriff, <em class="gesperrt">weil er kein rein logisches, sondern
-auch ein psychologisches</em>, von den Bedingungen der Sinnlichkeit
-affiziertes <em class="gesperrt">Wesen ist</em>, er kann an seiner Statt
-immer nur eine, aus seinen individuellen Erfahrungen durch
-wechselseitige Auslschung der Differenzen und Verstrkung
-des Gleichartigen hervorgewachsene Allgemeinvorstellung
-(eine typische, konnotative, reprsentative Vorstellung)
-denken, <em class="gesperrt">die aber das abstrakte Moment der Begrifflichkeit
-erhalten und wunderbarer Weise in diesem Sinne
-verwertet werden kann</em>. Er mu also auch die Mglichkeit
-haben, die Vorstellung, in welcher er den de facto <em class="gesperrt">unanschaulichen</em>
-Begriff <em class="gesperrt">anschaulich</em> denkt, zu bewahren,
-zu konservieren; diese Mglichkeit hinwiederum wird ihm nur
-durch das Gedchtnis gewhrleistet. Fehlte ihm also das
-Gedchtnis, so wre fr ihn auch die Mglichkeit dahin,
-logisch zu denken, jene Mglichkeit, die sich sozusagen immer
-nur an einem <em class="gesperrt">psychologischen</em> Medium <em class="gesperrt">inkarniert</em>.</p>
-
-<p>Also ist der Beweis streng gefhrt, da mit dem Gedchtnis
-auch die Fhigkeit erlischt, die logischen Funktionen
-auszuben. Die Stze der Logik werden hiedurch nicht
-tangiert, nur die Kraft, sie anzuwenden, ist dargetan als an jene
-Bedingung gebunden. Der Satz A = A nun hat <em class="gesperrt">psychologisch</em>
-stets eine Beziehung zur <em class="gesperrt">Zeit</em>, insoferne er nur im <em class="gesperrt">Gegensatze</em>
-zur Zeit <em class="gesperrt">ausgesprochen</em> werden kann: A<sub>t_{1</sub>} = A<sub>t_{2</sub>}.
-<em class="gesperrt">Logisch</em> wohnt ihm diese Beziehung freilich nicht inne;
-wir werden aber noch darber Aufschlu erhalten, warum er
-rein logisch <em class="gesperrt">als <b>besonderes</b> Urteil keinen <b>speziellen</b> Sinn</em>
-hat und dieser <em class="gesperrt">psychologischen</em> Folie so sehr bedarf.
-Psychologisch ist demnach das Urteil nur in <em class="gesperrt">Relation zur Zeit</em>
-vollziehbar, als deren eigentliche <em class="gesperrt">Negation</em> es sich darstellt.</p>
-
-<p>Ich habe aber frher das stetige Gedchtnis als die berwindung
-der Zeit, und eben damit als die psychologische <em class="gesperrt">Bedingung</em>
-der Zeit<em class="gesperrt">auffassung</em> erwiesen. <em class="gesperrt">So prsentiert<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span>
-sich denn die Tatsache des kontinuierlichen Gedchtnisses
-als der <b>psychologische</b> Ausdruck des <b>logischen</b>
-Satzes der Identitt.</em><a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> Dem absoluten Weibe, dem jenes
-fehlt, kann auch dieser Satz nicht Axiom seines Denkens sein.
-<b>Fr das absolute Weib gibt es kein Principium identitatis
-(und contradictionis und exclusi tertii).</b></p>
-
-<p>Aber nicht nur diese drei Prinzipien; auch das vierte
-der logischen Denkgesetze, <em class="gesperrt">der Satz vom Grunde</em>, der von
-jedem Urteil eine Begrndung verlangt, die es fr alle
-Denkenden notwendig mache, hngt mit dem Gedchtnis
-aufs innigste zusammen.</p>
-
-<p>Der Satz vom zureichenden Grunde ist der Nerv, das
-Prinzip des Syllogismus. Die Prmissen eines Schlusses sind
-aber psychologisch immer frhere, der Konklusion zeitlich vorhergehende
-<em class="gesperrt">Urteile</em>, die vom Denkenden ebenso festgehalten
-werden mssen, wie die <em class="gesperrt">Begriffe</em> durch die Stze von der
-Identitt und vom Widerspruch gleichsam <em class="gesperrt">geschtzt</em> werden.
-Die Grnde eines Menschen sind immer in seiner Vergangenheit
-zu suchen. Darum hngt die Kontinuitt, welche das
-Denken des Menschen als Maxime gnzlich beherrscht, mit
-der Kausalitt so enge zusammen. Jedes <em class="gesperrt">psychologische</em> In-Kraft-Treten
-des Satzes vom Grunde setzt demzufolge kontinuierliches,
-alle Identitten wahrendes <em class="gesperrt">Gedchtnis</em> voraus.
-Da W dieses Gedchtnis so wenig als Kontinuitt sonst irgend
-kennt, <em class="gesperrt">so gibt es fr sie auch kein Principium rationis
-sufficientis</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Es ist also richtig, da das Weib keine Logik
-besitzt.</em></p>
-
-<p>Georg <em class="gesperrt">Simmel</em> hat diese alte Erkenntnis als unhaltbar
-bezeichnet, weil die Frauen oft mit uerster, strengster Konsequenz
-Folgerungen zu ziehen wten. Da die Frau in
-einem <em class="gesperrt">konkreten</em> Falle, wo es ihr <em class="gesperrt">zur Erreichung irgend
-eines Zweckes</em> pat und dringend notwendig scheint, unerbittlich
-folgert, ist so wenig ein Beweis dafr, da sie ein Verhltnis
-zum Satz vom Grunde hat, wie es ein Beweis fr ein
-Verhltnis zum Satz der Identitt ist, da sie so oft hartnckig<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span>
-ein und dasselbe behauptet, und immer wieder auf ihr erstes,
-lngst widerlegtes, Wort zurckkommt. <em class="gesperrt">Die Frage ist,
-ob jemand die logischen Axiome als Kriterien der
-Gltigkeit seines Denkens, als Richter ber das, was
-er sagt, anerkennt oder nicht, ob er sie zur steten
-Richtschnur und Norm seines Urteils macht.</em> Eine Frau
-nun sieht nie ein, <em class="gesperrt">da man alles auch begrnden msse</em>;
-da sie keine Kontinuitt hat, empfindet sie auch kein Bedrfnis
-nach der logischen Sttzung alles Gedachten: <em class="gesperrt">daher
-die Leichtglubigkeit <b>aller</b> Weiber</em>. Also im Einzelfall
-mgen sie konsequent sein, aber dann ist die Logik nicht
-Mastab, sondern Werkzeug, nicht Richter, sondern meistens
-Henker. Dagegen wird eine Frau durchaus, wenn sie eine Ansicht
-uerte, und der Mann so dumm wre, dies berhaupt ernst zu
-nehmen und einen Beweis von ihr verlangte, ein solches Ansinnen
-als unbequem und lstig, als gegen ihre Natur gerichtet
-empfinden. <em class="gesperrt">Der Mann fhlt sich vor sich selbst beschmt,
-er fhlt sich schuldig, wenn er einen Gedanken,
-habe er ihn nun geuert oder nicht, zu begrnden
-unterlassen hat</em>, weil er die Verpflichtung dazu fhlt, die
-logische Norm einzuhalten, die er ein fr allemal ber sich
-gesetzt hat. Die Frau erbittert die Zumutung, ihr Denken
-von der Logik <em class="gesperrt">ausnahmslos</em> abhngig zu machen. <em class="gesperrt">Ihr
-mangelt das intellektuelle Gewissen.</em> Man knnte bei ihr
-von <em class="gesperrt">logical</em> insanity sprechen.</p>
-
-<p>Der hufigste Fehler, den man an der weiblichen Rede
-entdecken wrde, wollte man sie wirklich auf ihre Logizitt
-prfen (was jeder Mann gewhnlich unterlt und schon damit
-seine Verachtung der weiblichen Logik kundgibt), wre
-die quaternio terminorum, jene Verschiebung, die eben aus
-der Unfhigkeit des Festhaltens <em class="gesperrt">bestimmter</em> Vorstellungen,
-aus dem Mangel eines Verhltnisses zum Satze der Identitt,
-hervorgeht. Die Frau erkennt nicht von selbst, da sie an
-diesen Satz sich halten msse, er ist ihr nicht oberstes Kriterium
-ihrer Urteile. Der Mann fhlt sich zur Logik verpflichtet,
-die Frau nicht; nur darauf aber kommt es an, nur jenes
-Gefhl der Schuldigkeit kann eine Brgschaft dafr bieten,
-da von einem Menschen immer und ewig logisch zu denken<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span>
-gestrebt werde. Es ist vielleicht der tiefste Gedanke, welchen
-<em class="gesperrt">Descartes</em> je geuert hat, und wohl darum so wenig verstanden
-und meist als schreckliche Irrlehre hingestellt: <em class="gesperrt">da
-aller Irrtum eine Schuld ist</em>.</p>
-
-<p>Aber Quell alles Irrtums ist im Leben auch immer ein
-Mangel an Gedchtnis. So hngen Logik wie Ethik, die sich
-eben in der Wahrheitsforderung berhren und im hchsten
-Werte der Wahrheit zusammentreffen, wieder beide auch mit
-dem Gedchtnis zusammen. Und es dmmert uns auch bereits
-die Erkenntnis auf, da <em class="gesperrt">Platon</em> so Unrecht nicht hatte, wenn er
-die Einsicht mit der Erinnerung in Zusammenhang brachte.
-Das Gedchtnis ist zwar kein logischer und ethischer <em class="gesperrt">Akt</em>,
-aber zumindest ein logisches und ethisches <em class="gesperrt">Phnomen</em>.
-Ein Mensch z.&nbsp;B., der eine wahrhaft tiefe Empfindung gehabt
-hat, empfindet es als sein Unrecht, wenn er, sei's auch
-durch ueren Anla gentigt, eine halbe Stunde darauf
-schon an etwas ganz anderes denkt. Der Mann kommt sich
-gewissenlos und unmoralisch vor, wenn er bemerkt, da er an
-irgend einen Punkt seines Lebens lngere Zeit hindurch
-nicht gedacht hat. Das Gedchtnis ist ferner schon deshalb
-moralisch, weil es allein die <em class="gesperrt">Reue</em> ermglicht. <em class="gesperrt">Alles
-Vergessen hingegen ist an sich unmoralisch.</em> Darum
-ist <em class="gesperrt">Piett</em> eben auch <em class="gesperrt">sittliche</em> Vorschrift: es ist <b>Pflicht</b>,
-<b>nichts</b> zu vergessen; und nur insofern hat man der Verstorbenen
-besonders zu gedenken. Darum auch sucht der
-Mann, aus logischen und ethischen Motiven in gleichem Mae,
-in seine Vergangenheit Logik zu bringen, alle Punkte in ihr
-zur Einheit zu ordnen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wie mit einem Schlage ist hier an den
-tiefen Zusammenhang von Logik und Ethik gerhrt,
-den Sokrates und Plato geahnt haben,
-Kant und Fichte neu entdecken muten, auf da er
-spter wieder vernachlssigt wrde und den Lebenden
-ganz in Verlust geriete.</em></p>
-
-<p>Ein Wesen, das nicht begreift oder nicht anerkennt,
-da A und non-A einander ausschlieen, wird durch nichts
-mehr gehindert zu lgen; vielmehr, es gibt fr ein solches
-Wesen gar keinen <em class="gesperrt">Begriff</em> der Lge, weil ihr Gegenteil,<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span>
-die Wahrheit, als das Ma ihm abgeht; ein solches Wesen
-kann, wenn ihm dennoch Sprache verliehen ist, <em class="gesperrt">lgen, ohne
-es zu wissen</em>, ja ohne die Mglichkeit, zu erkennen, da es
-lgt, da es des Kriteriums der Wahrheit entbehrt. Veritas
-norma sui et falsi est. Es gibt nichts Erschtternderes fr
-einen Mann, als wenn er, einem Weibe auf eine Lge gekommen,
-sie fragt: Was lgst Du? und dann gewahren
-mu, <em class="gesperrt">wie sie diese Frage gar nicht versteht</em> und, ohne
-zu begreifen, ihn angafft, oder lchelnd <em class="gesperrt">ihn</em> zu beruhigen
-sucht &mdash; oder gar in Trnen ausbricht.</p>
-
-<p>Denn mit dem Gedchtnis allein ist die Sache nicht
-erledigt. Es ist auch unter den Mnnern die Lge genug
-verbreitet. Und es kann gelogen werden trotz der <em class="gesperrt">Erinnerung</em>
-an den tatschlichen Sachverhalt, an dessen Stelle zu irgend
-welchem Zwecke ein anderer gesetzt wird. Ja, nur von einem
-solchen Menschen, der, trotz seinem besseren Wissen und
-Bewutsein, den Tatbestand flscht, kann eigentlich <em class="gesperrt">mit
-Recht</em> gesagt werden, da er lge. Und es mu ein Verhltnis
-zur Idee der Wahrheit als des hchsten Wertes der
-Logik wie der Ethik <em class="gesperrt">da sein</em>, damit von einer Unterdrckung
-dieses Wertes zugunsten fremder Motive die Rede sein
-knne. Wo dieses fehlt, kann man nicht von <em class="gesperrt">Irrtum</em> und
-<em class="gesperrt">Lge</em>, sondern hchstens von <em class="gesperrt">Verirrtheit</em> und <em class="gesperrt">Verlogenheit</em>
-sprechen; nicht von <em class="gesperrt"><b>anti</b>moralischem</em>, sondern nur
-von <em class="gesperrt"><b>a</b>moralischem</em> Sein. <em class="gesperrt">Das Weib also ist <b>a</b>moralisch.</em></p>
-
-<p>Jenes absolute Unverstndnis fr den <em class="gesperrt">Wert der
-Wahrheit an sich</em> mu demnach tiefer liegen. Aus dem
-kontinuierlichen Gedchtnis ist, da der Mann ebenfalls, ja
-eigentlich <em class="gesperrt">nur <b>er</b> lgt</em>, die Wahrheits<em class="gesperrt">forderung</em>, das Wahrheits<em class="gesperrt">bedrfnis</em>,
-das eigentliche ethisch-logische Grundphnomen,
-nicht <em class="gesperrt">abzuleiten</em>, sondern es steht damit nur in
-engem <em class="gesperrt">Zusammenhange</em>.</p>
-
-<p>Das, was einem Menschen, einem Manne ein aufrichtiges
-Verhltnis zur Idee der Wahrheit ermglicht, und was
-ihn deshalb einzig an der Lge zu hindern imstande ist, das
-kann nur etwas von aller Zeit Unabhngiges, durchaus Unvernderliches
-sein, welches die alte Tat im neuen Augenblick
-ganz ebenso als wirklich <em class="gesperrt">setzt</em> wie im frheren, weil<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>
-es <em class="gesperrt">es selbst</em> geblieben ist, an der Tatsache, da <em class="gesperrt">es</em> die
-Handlung so vollzogen hat, nichts ndern lt und nicht
-rtteln will; es kann nur dasselbe sein, auf das alle diskreten
-Erlebnisse bezogen werden, und das so ein kontinuierliches
-Dasein erst schafft; es ist eben dasselbe, das zum Gefhl der
-<em class="gesperrt">Verantwortlichkeit</em> fr die eigenen Taten drngt und den
-Menschen alle Handlungen, die jngsten wie die ltesten,
-<em class="gesperrt">verantworten</em> zu knnen trachten lt, das zum Phnomen
-der <em class="gesperrt">Reue</em>, zum <em class="gesperrt">Schuldbewutsein</em> fhrt, das heit zur
-<em class="gesperrt">Zurechnung vergangener Dinge an ein ewig Selbes
-und darum auch Gegenwrtiges</em>, zu einer Zurechnung, die
-in viel grerer Feinheit und Weite geschieht, als durch
-das ffentliche Urteil und die Normen der Gesellschaft je
-erreicht werden knnte, einer Zurechnung, die von allem
-Sozialen gnzlich unabhngig das Individuum an sich selbst
-vollzieht; weshalb alle Moralpsychologie, welche die Moral
-auf das soziale Zusammenleben der Menschen begrnden und
-ihren Ursprung auf dieses zurckfhren will, in Grund und
-Boden falsch und verlogen ist. Die Gesellschaft kennt den
-Begriff des <em class="gesperrt">Verbrechens</em>, aber nicht den der <em class="gesperrt">Snde</em>, sie
-zwingt zur <em class="gesperrt">Strafe</em>, ohne <em class="gesperrt">Reue</em> erreichen zu wollen; die Lge
-wird vom Strafgesetz nur in ihrer, <em class="gesperrt">ffentlichen Schaden</em>
-zufgenden, feierlichen Form des Meineides geahndet, und
-der Irrtum ist noch nie unter die Vergehungen gegen das
-geschriebene Gesetz gestellt worden. Die Sozialethik, die da
-frchtet, der Nebenmensch komme bei jedem ethischen Individualismus
-zu kurz, und <em class="gesperrt">darum</em> von Pflichten des Individuums
-gegen die Gesellschaft und gegen die 1500 Millionen
-lebender Menschen faselt, <em class="gesperrt">erweitert</em> also nicht, wie sie
-glaubt, das Gebiet der Moral, sondern <em class="gesperrt">beschrnkt</em> es in
-unzulssiger und verwerflicher Weise.</p>
-
-<p>Was ist nun jenes ber Zeit und Vernderung Erhabene,
-jenes Zentrum der Apperzeption?</p>
-
-<p>Es kann nichts Mindereres sein, als was den Menschen
-ber sich selbst (als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn
-an eine Ordnung der Dinge knpft, die nur der Verstand denken
-kann, und die zugleich die ganze Sinnenwelt ..... unter sich
-hat. Es ist nichts anderes als die <em class="gesperrt">Persnlichkeit</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span>
-
-Auf ein von allem empirischen Bewutsein verschiedenes
-<em class="gesperrt">intelligibles <b>Ich</b></em> hat das erhabenste Buch der Welt, die
-Kritik der praktischen Vernunft, der diese Worte entnommen
-sind, die Moral als auf ihren Gesetzgeber zurckgefhrt.</p>
-
-<p>Hiemit steht die Untersuchung beim Problem des Subjektes,
-und dieses bildet ihren nchsten Gegenstand.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span><a name="VII_Kapitel" id="VII_Kapitel"><small>VII. Kapitel.</small></a><br />
-
-Logik, Ethik und das Ich.</h2>
-
-
-<p>Bekanntlich hat David <em class="gesperrt">Hume</em> den Ich-Begriff einer
-Kritik unterzogen, die in ihm nur ein Bndel verschiedener,
-in fortwhrendem Flusse und Bewegung befindlicher
-Perzeptionen entdeckte. So sehr auch <em class="gesperrt">Hume</em> das Ich hiedurch
-kompromittiert fand, er trgt seine Anschauung relativ
-bescheiden vor, und salviert sich dem Wortlaute nach tadellos.
-Von einigen Metaphysikern nmlich, erklrt er, msse
-man absehen, die sich eines anderen Ichs zu erfreuen meinten;
-er selbst sei ganz gewi, keines zu haben, und glaube annehmen
-zu drfen, da es auch von den brigen Menschen (von
-jenen paar Kuzen natrlich werde er sich wohl hten, zu
-reden) gelte, da sie nichts seien als Bndel. So drckt
-sich der Weltmann aus. Im nchsten Kapitel wird sich
-zeigen, wie seine Ironie auf ihn selbst zurckfllt. Da sie
-so berhmt wurde, liegt an der allgemeinen berschtzung
-Humes, an der <em class="gesperrt">Kant</em> die Schuld trgt. Hume war ein ausgezeichneter
-empirischer Psychologe, aber er ist keineswegs ein
-Genie zu nennen, wie das meistens geschieht; es gehrt
-zwar nicht eben viel dazu, der grte englische Philosoph zu
-sein, aber Hume hat auch auf diese Bezeichnung nicht den
-ersten Anspruch. Und wenn Kant (trotz den Paralogismen)
-den <em class="gesperrt">Spinozismus</em> a limine deswegen zurckgewiesen hat, weil
-nach diesem die Menschen nicht Substanzen, sondern bloe
-Accidenzen sind, und ihn mit jener seiner ungereimten
-Grundidee schon fr erledigt ansah &mdash; so mchte ich wenigstens
-nicht dafr einstehen, ob er sein Lob des Englnders
-nicht betrchtlich gedmpft htte, wre ihm auch der
-Treatise desselben bekannt gewesen und nicht blo der<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>
-sptere Inquiry, in welchen, wie man wei, Hume seine
-Kritik des Ichs nicht aufgenommen hat.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lichtenberg</em>, der nach Hume gegen das Ich zu
-Felde zog, war schon khner als dieser. Er ist der Philosoph
-der Unpersnlichkeit und korrigiert nchtern das <em class="gesperrt">sprachliche</em>
-Ich denke durch ein sachliches es denkt; so ist
-ihm das Ich eigentlich eine Erfindung der <em class="gesperrt">Grammatiker</em>.
-Hierin war ihm brigens Hume doch insofern vorangegangen,
-als auch er am Schlusse seiner Auseinandersetzungen allen
-Hader um die Identitt der Person fr einen bloen Wortstreit
-erklrt hatte.</p>
-
-<p>In jngster Zeit hat E. <em class="gesperrt">Mach</em> das Weltall als eine zusammenhngende
-Masse aufgefat und die Ichs als Punkte,
-in denen die zusammenhngende Masse strkere Konsistenz
-habe. Das einzig Reale seien die Empfindungen, die im einen
-Individuum untereinander stark, mit jenen eines anderen aber,
-welches man <em class="gesperrt">darum</em> vom ersten unterscheide, schwcher
-zusammenhingen. Der Inhalt sei die Hauptsache und bleibe
-stets auch in anderen erhalten bis auf die wertlosen (!)
-persnlichen Erinnerungen. Das Ich sei keine reale, nur eine
-praktische Einheit, <em class="gesperrt">unrettbar</em>, darum knne man auf individuelle
-Unsterblichkeit (gerne) verzichten; doch sei es nichts
-Tadelnswertes, hie und da, besonders zu Zwecken des <em class="gesperrt">Darwin</em>schen
-Kampfes ums Dasein, sich so zu benehmen, als ob man
-ein Ich bese.</p>
-
-<p>Es ist wunderlich, wie ein Forscher, der nicht nur als
-Historiker seiner Spezialwissenschaft und Kritiker ihrer Begriffe
-so Ungewhnliches geleistet hat wie <em class="gesperrt">Mach</em>, sondern auch in
-biologischen Dingen beraus kenntnisreich ist und auf die
-Lehre von diesen vielfach, direkt und indirekt, anregend gewirkt
-hat, gar nicht auf die Tatsache Rcksicht nimmt, da
-alle organischen Wesen zunchst <em class="gesperrt">unteilbar</em>, also doch irgendwie
-Atome, Monaden sind (vgl. Teil I, Kap.&nbsp;3, <a href="#Seite_48">S.&nbsp;48</a>). Das ist ja
-doch der erste Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebtem,
-da jenes <em class="gesperrt">immer</em> differenziert ist zu ungleichartigen,
-aufeinander angewiesenen Teilen, whrend selbst der geformte
-Kristall durchaus gleichgeartet ist. Darum sollte man doch,
-wenigstens als Eventualitt, die Mglichkeit in Betracht<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>
-ziehen, ob nicht allein aus der Individuation, der Tatsache,
-da die organischen Wesen im allgemeinen nicht zusammenhngen
-wie die siamesischen Zwillinge, auch etwas fr das
-Psychische sich ergibt, <em class="gesperrt">mehr</em> Psychisches zu erwarten ist als
-das <em class="gesperrt">Mach</em>sche Ich, dieser bloe <em class="gesperrt">Wartesaal</em> fr Empfindungen.</p>
-
-<p>Es ist zu glauben, da solch ein psychisches Korrelat
-schon bei den Tieren existiert. Alles, was ein Tier fhlt und empfindet,
-hat wohl bei jedem Individuum eine verschiedene
-Note oder Frbung, die nicht nur die seiner Klasse, Gattung
-und Art, seiner Rasse und Familie eigentmliche ist, sondern in
-jedem einzelnen Wesen sich von der in jedem anderen unterscheidet.
-Das Idioplasma ist das physiologische quivalent zu
-dieser <em class="gesperrt">Spezifitt</em> aller Empfindungen und Gefhle jedes besonderen
-Tieres, und es sind analoge Grnde wie die Grnde
-der Idioplasmatheorie (vgl. Teil I, Kap.&nbsp;2, <a href="#Seite_20">S.&nbsp;20</a> und Teil II,
-Kap.&nbsp;1, <a href="#Seite_102">S.&nbsp;102</a>&nbsp;f.), welche die Vermutung nahe legen, da es einen
-<em class="gesperrt">empirischen Charakter</em> auch bei den Tieren gibt. Der
-Jger, der mit Hunden, der Zchter, der mit Pferden, der
-Wrter, der mit Affen zu tun hat, wird die Singularitt
-nicht nur, sondern auch die Konstanz im Verhalten jedes
-einzelnen Tieres besttigen. Also jedenfalls ist schon hier ein
-ber das bloe Rendezvous der Elemente Hinausgehendes
-ungemein <em class="gesperrt">wahrscheinlich</em>.</p>
-
-<p>Wenn nun auch dieses psychische Korrelat zum Idioplasma
-existiert, wenn sicherlich selbst die Tiere eine Eigenart
-haben, so hat diese doch immer noch mit dem
-intelligiblen Charakter nichts zu tun, den wir bei keinem
-lebenden Wesen vorauszusetzen einen Grund haben, als beim
-Menschen. Es verhlt sich der intelligible Charakter des
-Menschen, die <em class="gesperrt">Individualitt</em>, zum empirischen Charakter,
-der bloen <em class="gesperrt">Individuation</em>, wie das Gedchtnis zum einfachen
-unmittelbaren Wiedererkennen. Die Grnde aber,
-aus denen beim Menschen die Existenz eines solchen noumenalen,
-transempirischen Subjektes erschlossen werden darf,
-mssen nun in Krze dargelegt werden. Sie ergeben sich
-aus der Logik und der Ethik.</p>
-
-<p>In der Logik handelt es sich um die wahre Bedeutung
-des Prinzipes der Identitt (und des Widerspruches; die vielen<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>
-Kontroversen ber deren Vorrang vor einander und die
-richtigste Form ihres Ausdruckes kommen hier wenig in Betracht).
-<em class="gesperrt">Der Satz A = A ist unmittelbar gewi und evident.</em>
-Er ist zugleich das Urma der Wahrheit fr alle anderen
-Stze; wenn ihm irgendwo einer widersprche, so oft in
-einem speziellen Urteil der Prdikatsbegriff von einem Subjekte
-etwas aussagte, das dem Begriffe desselben widersprche,
-wrden wir es fr falsch halten; und als Gesetz
-unseres Richtspruches wrde sich uns, wenn wir nachsinnen,
-zuletzt dieser Satz ergeben. Er ist das Prinzip von wahr und
-falsch; und wer ihn fr eine Tautologie erachtet, die nichts
-besage und unser Denken nicht frdere, wie dies so oft
-geschehen ist, von <em class="gesperrt">Hegel</em> und spter von fast allen <em class="gesperrt">Empiristen</em>
-&mdash; es ist dies nicht der einzige Berhrungspunkt zwischen
-den scheinbar so unvershnlichen Gegenstzen &mdash; der hat
-ganz recht, aber die Natur des Satzes schlecht verstanden.
-A = A, das <em class="gesperrt">Prinzip aller</em> Wahrheit, kann nicht selbst eine
-<em class="gesperrt">spezielle</em> Wahrheit sein. Wer den Satz der Identitt oder
-des Widerspruches inhaltsleer findet, hat es sich selbst zuzuschreiben.
-Er glaubte in ihnen besondere Gedanken zu finden,
-was er hoffte, war eine Bereicherung seines Fonds an positiven
-Kenntnissen. Aber jene Stze sind nicht selbst Erkenntnisse,
-besondere Denkakte, sondern das <em class="gesperrt">Ma, das an alle Denkakte
-angelegt wird. Dieses kann nicht selbst ein
-Denkakt sein, der mit den anderen sich irgend vergleichen
-liee. Die Norm des Denkens kann nicht im
-Denken selbst gelegen sein.</em> Der Satz von der Identitt
-fgt unserem Wissen nichts hinzu, er vermehrt nicht einen
-Reichtum, den er vielmehr gnzlich erst <em class="gesperrt">begrndet</em>. <em class="gesperrt">Der
-Satz von der Identitt ist entweder nichts, oder er
-ist alles.</em></p>
-
-<p>Worauf bezieht sich der Satz der Identitt und der Satz
-des Widerspruches? Man meint gewhnlich: auf Urteile.
-<em class="gesperrt">Sigwart</em> z.&nbsp;B., der gar den letzteren nur so formuliert:
-Die beiden Urteile, A ist B, und A ist nicht B, knnen
-nicht zugleich wahr sein, behauptet, das Urteil: Ein ungelehrter
-Mensch ist gelehrt involviere deshalb einen Widerspruch,
-weil das Prdikat gelehrt einem Subjekte zugesprochen<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span>
-wird, von welchem durch das Urteil, das implicite in seiner
-Bezeichnung mit dem Subjektsworte &#8218;ungelehrter Mensch&#8217; liegt,
-behauptet war, es sei nicht gelehrt; es lt sich also zurckfhren
-auf die zwei Urteile X ist gelehrt und X ist nicht gelehrt
-etc. Der Psychologismus dieser Beweisfhrung springt
-ins Auge. Sie rekurriert auf ein <em class="gesperrt">zeitlich</em> der Bildung des
-Begriffes von einem ungelehrten Menschen vorhergehendes
-Urteil. Der obige Satz aber, A ist nicht non-A, beansprucht
-Gltigkeit, ganz einerlei, ob es berhaupt andere Urteile gibt,
-gegeben hat oder geben wird. Er bezieht sich auf den
-<em class="gesperrt">Begriff</em> des ungelehrten Menschen. Diesen Begriff <em class="gesperrt">sichert</em>
-er durch Ausschlieung aller ihm widersprechenden Merkmale.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hierin</em> liegt die wahre Funktion der Stze vom Widerspruch
-und von der Identitt. <em class="gesperrt">Sie sind konstitutiv fr
-die Begrifflichkeit.</em></p>
-
-<p>Freilich geht diese Funktion blo auf den logischen
-Begriff, nicht auf das, was man den psychologischen Begriff
-genannt hat. Zwar ist der Begriff <em class="gesperrt">psychologisch</em> stets durch
-eine anschauliche Allgemeinvorstellung vertreten; dieser Vorstellung
-immaniert jedoch in einer gewissen Weise das Moment
-der Begrifflichkeit. Die psychologisch den Begriff reprsentierende
-Allgemeinvorstellung, an der sich das begriffliche
-Denken beim Menschen vollzieht, ist nicht dasselbe wie der
-Begriff. Sie kann z.&nbsp;B. reicher sein (im Falle ich ein Triangel
-denke); oder sie kann auch rmer sein (im Begriffe des Lwen
-ist mehr enthalten, als in meiner Anschauung desselben, whrend
-es beim Dreieck umgekehrt ergeht). Der logische Begriff ist
-die Richtschnur, welcher die Aufmerksamkeit folgt, wenn
-sie aus der einen Begriff beim Individuum reprsentierenden
-<em class="gesperrt">Vorstellung</em> nur gewisse Momente, <em class="gesperrt">eben die durch den
-Begriff angezeigten</em>, heraushebt er ist das Ziel und der
-Wunsch des psychologischen Begriffes, der Polarstern, zu
-dem die Aufmerksamkeit emporblickt, wenn sie sein konkretes
-Surrogat erzeugt: <em class="gesperrt">er ist das Gesetz ihrer Wahl</em>.</p>
-
-<p>Gewi gibt es kein Denken, das nur rein logisch und
-nicht psychologisch vor sich ginge: <em class="gesperrt">denn das wre ja <b>das</b>
-Wunder</em>. Rein logisch denkt ihrem Begriffe nach die Gottheit,
-der Mensch mu immer zugleich psychologisch denken,<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span>
-da er nicht nur Vernunft, sondern auch Sinnlichkeit besitzt,
-und sein Denken wohl auf logische, d.&nbsp;h. zeitlose Ergebnisse
-abzweckt, aber psychologisch <em class="gesperrt">in</em> der Zeit vor sich geht. Die
-Logizitt ist aber der erhabene Mastab, der an die psychologischen
-Denkakte des Individuums von ihm selbst wie von anderen
-angelegt wird. Wenn zwei Menschen ber etwas diskutieren,
-so sprechen sie vom Begriffe, nicht von den bei jedem verschiedenen
-individuellen Vorstellungen, die ihn hier und dort
-vertreten: <em class="gesperrt">der Begriff ist so ein Wert, an dem die Individualvorstellung
-gemessen wird</em>. Wie <em class="gesperrt">psychologisch</em>
-die Allgemeinvorstellung entsteht, hat darum mit
-der Natur des Begriffes <em class="gesperrt">gar nichts</em> zu tun, und ist fr diese
-von keinerlei Bedeutung. Den Charakter der Logizitt, der
-dem Begriff seine <em class="gesperrt">Wrde</em> und seine <em class="gesperrt">Strenge</em> verleiht, hat
-er nicht aus der Erfahrung, welche stets nur schwankende Gestalten
-zeigt, und hchstens vage Gesamtvorstellungen erzeugen
-knnte. <em class="gesperrt">Absolute Konstanz</em> und <em class="gesperrt">absolute Eindeutigkeit</em>,
-die nicht aus der Erfahrung entstammen <em class="gesperrt">knnen</em>, sind das
-Wesen der <em class="gesperrt">Begrifflichkeit</em>, jener verborgenen Kunst in den
-Tiefen der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der
-Natur schwerlich jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen
-legen werden, wie die Kritik der reinen Vernunft sich
-ausdrckt. Jene absolute Konstanz und Eindeutigkeit bezieht
-sich nicht auf metaphysische Entitten: die Dinge sind nicht
-so weit real, als sie am Begriffe Anteil haben, sondern ihre
-Qualitten sind logisch nur so weit ihre Qualitten, als sie im
-Inhalte des Begriffes liegen. <em class="gesperrt">Der Begriff ist die Norm
-der Essenz, nicht der Existenz.</em></p>
-
-<p>Da ich von einem kreisfrmigen Dinge aussagen knne,
-es sei gekrmmt, hiezu liegt meine logische Berechtigung
-im Begriffe des Kreises, welcher die Krmmung als Merkmal
-enthlt. Den Begriff aber als die Essenz selbst, als das Wesen
-zu definieren, ist schlecht: Wesen ist hier entweder ein psychologisches
-Abgehobensein oder ein metaphysisches Ding. Und
-den Begriff mit seiner Definition gleichzusetzen, verbietet
-die Natur der Definition, die stets nur auf den Inhalt, nicht
-auf den Umfang des Begriffes sich bezieht, d.&nbsp;h. nur den
-<em class="gesperrt">Wortlaut</em>, nicht den <em class="gesperrt">Kompetenzkreis</em> jener <em class="gesperrt">Norm</em> angibt,<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span>
-welche das Wesen der Begrifflichkeit ausmacht. Der Begriff
-als Norm, als Norm der Essenz kann auch nicht selbst Essenz
-sein; die Norm mu etwas anderes sein, und da sie nicht Essenz
-ist, so kann sie &mdash; ein drittes gibt es nicht &mdash; nur <em class="gesperrt">Existenz</em>
-sein, und zwar nicht eine Existenz, die das Sein von Objekten,
-sondern eine Existenz, die das <em class="gesperrt">Sein</em> einer <em class="gesperrt">Funktion</em> enthllt.</p>
-
-<p>Nun ist aber bei jeder gedanklichen Streitfrage zwischen
-Menschen, wenn schlielich in letzter Instanz an die Definition
-appelliert wird, dann eben nichts anderes die <em class="gesperrt">Norm der
-Essenz</em> als die Stze A = A oder A &#8800; non-A. Die Begrifflichkeit,
-<em class="gesperrt">Konstanz</em> wie <em class="gesperrt">Eindeutigkeit</em>, wird dem Begriffe
-durch den Satz A = A und durch nichts anderes. Und zwar verteilen
-sich die Rollen der logischen Axiome hier derart, da
-durch das principium identitatis die dauernde Unverrckbarkeit
-und Insichgeschlossenheit des Begriffes <em class="gesperrt">selbst</em> verbrgt
-wird, indes das principium contradictionis ihn eindeutig
-gegen alle <em class="gesperrt">anderen</em> mglichen Begriffe abgrenzt. <em class="gesperrt">Hiemit ist,
-zum ersten Male, erwiesen, da die begriffliche Funktion
-ausgedrckt werden kann durch die beiden
-obersten logischen Axiome, und selbst nichts anderes
-ist als diese.</em> Der Satz A = A (und A &#8800; non-A) ermglicht
-also erst jedweden Begriff, er ist der <em class="gesperrt">Nerv</em> der begrifflichen
-Natur oder Begrifflichkeit des Begriffes.</p>
-
-<p>Wenn ich endlich den Satz selbst, A = A, ausspreche,
-so ist offenbar der Sinn dieses Satzes nicht, da ein <em class="gesperrt">spezielles</em>
-A, das <em class="gesperrt">ist</em>, ja nicht einmal, da <em class="gesperrt">jedes</em> besondere A
-<em class="gesperrt">wirklicher</em> Erfahrung oder <em class="gesperrt">wirklichen</em> Denkens sich selbst
-gleich sei. Das Urteil der Identitt ist <em class="gesperrt">unabhngig</em> davon,
-<em class="gesperrt">ob berhaupt ein A existiert</em>, d.&nbsp;h. natrlich wieder
-keineswegs, da der Satz nicht von jemand Existierendem
-msse gedacht werden; <em class="gesperrt">aber er ist unabhngig davon
-<b>gedacht</b>, <b>ob</b> etwas, <b>ob</b> jemand existiert</em>. Er bedeutet: wenn
-es ein A gibt (es mag eines geben oder nicht, <em class="gesperrt">auch</em> wenn
-es vielleicht gar keines gibt), so gilt jedenfalls A = A.
-Hiemit ist nun unwiderruflich eine Position gegeben, ein <em class="gesperrt">Sein</em>
-gesetzt, nmlich das Sein A = A, trotzdem es hypothetisch
-bleibt, ob A selbst berhaupt <em class="gesperrt">ist</em>. Der Satz A = A behauptet
-also, da etwas <em class="gesperrt">existiert</em>, und diese Existenz ist eben jene<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span>
-gesuchte Norm der Essenz. Aus der Empirie, aus wenigen
-oder noch so vielen <em class="gesperrt">Erlebnissen</em> kann er nicht stammen,
-wie <em class="gesperrt">Mill</em> glaubte; denn er ist eben ganz unabhngig von
-der Erfahrung, er gilt sicher, ob diese ein A ihm zeigen
-werde oder nicht. Er ist von keinem Menschen noch geleugnet
-worden und knnte es auch nicht werden, da die Leugnung
-ihn selbst wieder voraussetzte, wenn sie <em class="gesperrt">etwas</em>, ein <em class="gesperrt">Bestimmtes</em>
-leugnen wollte. <em class="gesperrt">Da nun der Satz ein Sein behauptet,
-ohne von der Existenz von Objekten sich
-abhngig zu machen, oder ber solche Existenz etwas
-auszusagen, so kann er nur ein von allem Sein wirklicher
-und mglicher Objekte verschiedenes Sein, das
-ist also das <b>Sein</b> dessen ausdrcken, was seinem Begriffe
-nach nie Objekt werden kann<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a>; er wird durch
-seine Evidenz also die Existenz des Subjektes offenbaren;
-und zwar liegt dieses im Satz der Identitt
-ausgesprochene Sein nicht im ersten und nicht im
-zweiten A, sondern im identischen Gleichheitszeichen
-A &#8801; A. Dieser Satz also ist identisch mit dem Satze:
-ich bin.</em></p>
-
-<p>Psychologisch lt sich diese schwierige Deduktion
-leichter vermitteln, wenn auch nicht ersparen. Es ist klar,
-da, um A = A sagen, um die Unvernderlichkeit des Begriffes
-normierend festsetzen zu knnen und sie den stets wechselnden
-Einzeldingen der Erfahrung gegenber aufrecht zu erhalten,<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>
-ein Unvernderliches bestehen mu, und dies kann nur
-das Subjekt sein; wre ich eingeschaltet in den Kreis der Vernderung,
-so knnte ich nicht erkennen, da ein A sich selbst
-gleich geblieben ist; wrde ich mich fortwhrend ndern und
-nicht ein Identisches bleiben, wre mein Selbst funktionell
-an die Vernderung geknpft, so gbe es keine Mglichkeit,
-dieser gegenberzutreten und sie zu erkennen; es fehlte das
-absolute geistige Koordinatensystem, in Beziehung auf das
-allein und einzig ein Identisches bestimmt und als solches
-festgehalten werden knnte.</p>
-
-<p>Die Existenz des Subjektes lt sich nicht <em class="gesperrt">ableiten</em>,
-hierin behlt <em class="gesperrt">Kant</em>ens Kritik der rationalen Psychologie vollkommen
-recht. Aber es lt sich dartun, wo diese Existenz
-strenge und unzweideutig auch in der Logik zum Ausdruck
-gelangt; und man braucht nicht das intelligible Sein als bloe
-logische Denk<em class="gesperrt">mglichkeit</em> hinzustellen, die uns allein das
-moralische Gesetz spter vllig zur Gewiheit zu machen
-geeignet sei, wie <em class="gesperrt">Kant</em> dies tat. <em class="gesperrt">Fichte</em> hatte recht, als
-er in der reinen Logik ebenfalls die Existenz des Ich verbrgt
-fand, soweit das Ich mit dem intelligiblen <em class="gesperrt">Sein</em> zusammenfllt.</p>
-
-<p>Das Prinzip aller Wahrheit sind die logischen Axiome,
-diese statuieren ein <em class="gesperrt">Sein</em>, und nach diesem richtet sich, nach
-ihm strebt das Erkennen. Die <em class="gesperrt">Logik</em> ist ein Gesetz, dem
-gehorcht werden soll, und <em class="gesperrt">der Mensch <b>ist</b> erst dann ganz
-er selbst, wenn er <b>ganz</b> logisch ist</em>; ja er <em class="gesperrt">ist</em> nicht, ehe
-denn er berall und durchaus nur Logik ist. <em class="gesperrt">In der Erkenntnis
-findet er sich selbst.</em></p>
-
-<p>Aller Irrtum wird als Schuld empfunden. Daraus ergibt
-sich, da der Mensch nicht irren <em class="gesperrt">mute</em>. Er <em class="gesperrt">soll</em> die Wahrheit
-finden; darum <em class="gesperrt">kann</em> er sie finden. Aus der Pflicht zur Erkenntnis
-folgt ihre Mglichkeit, folgt die <em class="gesperrt">Freiheit</em> des Denkens
-und die Siegeshoffnung des Erkennens. In der <em class="gesperrt">Normativitt</em>
-der Logik liegt der Beweis, <em class="gesperrt">da das Denken des Menschen
-<b>frei</b> ist</em> und sein Ziel erreichen <em class="gesperrt">kann</em>.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Krzer und anders kann ich mich bezglich der Ethik
-fassen, da diese Untersuchung durchaus auf den Boden der<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span>
-<em class="gesperrt">Kantischen Moralphilosophie</em> sich stellt und auch die letzten
-logischen Deduktionen und Postulate, wie man gesehen hat,
-in einer gewissen Analogie zu jener durchgefhrt wurden.
-Das tiefste, das intelligible Wesen des Menschen ist eben das,
-was der Kausalitt nicht untersteht, und whlt in Freiheit das
-Gute oder das Bse. Dies wird ganz in der gleichen Weise
-kundgetan, durch das Schuldbewutsein, durch die <em class="gesperrt">Reue</em>.
-Niemand hat noch vermocht, diese Tatsachen anders zu erklren;
-und niemand lt es sich einreden, da er diese oder
-jene Tat hat begehen <em class="gesperrt">mssen</em>. Im Sollen liegt auch hier der
-Zeuge fr das Knnen. Der kausalen Bestimmungsgrnde, der
-niederen Motive, die ihn hinabgezogen haben, kann der Mensch
-sich vollkommen bewut sein, und er wird doch, <em class="gesperrt">ja gerade
-dann am gewissesten</em>, die Zurechnung an sein intelligibles
-Ich als ein freies, das anders htte handeln <em class="gesperrt">knnen</em>, vollziehen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wahrheit, Reinheit, Treue, Aufrichtigkeit sich
-selbst gegenber</em>: das ist die einzig denkbare Ethik. Es
-gibt nur Pflichten gegen sich, Pflichten des empirischen gegen
-das intelligible Ich, welche in der Form jener zwei Imperative
-auftreten, an denen aller Psychologismus immer zu
-Schanden wird: in der Form der logischen und der moralischen
-Gesetzlichkeit. Die normativen Disziplinen, die
-psychische Tatsache der inneren Forderung, die viel mehr
-verlangt, als alle brgerliche Gesittung je haben will &mdash; das ist
-es, was kein Empirismus je wird ausreichend erklren knnen.
-Seinen wahren Gegensatz findet er in einer kritisch-transscendentalen,
-nicht in einer metaphysisch-transcendenten
-<em class="gesperrt">Methode</em>, da alle Metaphysik nur hypostasierende Psychologie,
-Transcendentalphilosophie aber Logik der Wertungen
-ist. Aller Empirismus und Skeptizismus, Positivismus und
-Relativismus, aller Psychologismus und alle rein immanente
-Betrachtungsweise fhlen instinktiv sehr wohl, da aus Ethik
-und Logik ihnen die Hauptschwierigkeit erwchst. Daher die
-fortwhrend erneuten und immer vergeblichen Versuche einer
-empirischen und psychologischen Begrndung dieser Disziplinen;
-und fast wird nur noch ein Versuch vermit, das
-principium contradictionis experimentell zu prfen und nachzuweisen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span>
-
-Logik und Ethik aber sind im Grunde nur eines und dasselbe
-&mdash; Pflicht gegen sich selbst. Sie feiern ihre Vereinigung
-im hchsten Werte der Wahrheit, dem dort der Irrtum, hier
-die Lge gegenbersteht: die Wahrheit selbst aber ist nur
-eine. Alle Ethik ist nur nach den Gesetzen der Logik mglich,
-alle Logik ist zugleich ethisches Gesetz. <em class="gesperrt">Nicht nur Tugend,
-sondern auch Einsicht, nicht nur Heiligkeit, sondern
-auch Weisheit ist Pflicht und Aufgabe des Menschen:
-erst beide zusammen begrnden <b>Vollkommenheit</b>.</em></p>
-
-<p>Aber freilich ist aus der Ethik, deren Stze Heischestze
-sind, nicht wie aus der Logik ein strenger logischer
-Beweis fr <em class="gesperrt">Existenz</em> schon zu fhren. Die Ethik ist nicht im
-selben Sinne logisches wie die Logik ethisches Gebot. Die
-Logik rckt dem Ich seine vllige Verwirklichung als absolutes
-Sein vor Augen; die Ethik hingegen gebietet erst diese Verwirklichung.
-Die Logik wird von der Ethik aufgenommen und
-zu ihrem eigentlichen Inhalte, zu ihrer Forderung gemacht.</p>
-
-<p>An jener berhmten Stelle der Kritik der praktischen
-Vernunft, da <em class="gesperrt">Kant</em> den Menschen als Glied der intelligiblen
-Welt einfhrt (Pflicht! Du erhabener, groer Name ....),
-wird man also mit Recht fragen, woher denn Kant wisse,
-da das moralische Gesetz von der Persnlichkeit emaniere?
-Es knne kein anderer, seiner wrdiger, Ursprung gefunden
-werden, ist das einzige, was Kant hierauf zur Antwort gibt.
-Er begrndet es nicht weiter, da der kategorische Imperativ
-das vom Noumenon gegebene Gesetz sei, sie gehren ihm
-offensichtlich von Anfang an zusammen. Das aber liegt in der
-Natur der Ethik. Diese fordert, da das intelligible Ich von
-allen Schlacken des empirischen frei <em class="gesperrt">wirke</em>, <em class="gesperrt">und so kann
-durch die Ethik dasselbe Sein erst in seiner Reinheit
-gnzlich verwirklicht werden</em>, welches <em class="gesperrt">die Logik verheiungsvoll
-in der Form eines doch irgendwie bereits
-Gegenwrtigen uns verkndet</em>.</p>
-
-<p>Aber was fr <em class="gesperrt">Kant</em> die <em class="gesperrt">Monaden-</em>, die <em class="gesperrt">Seelenlehre</em>
-im <em class="gesperrt">Gemte</em> bedeutete, wie er an ihr als einzigem Gute von
-je festhielt, und mit seiner Theorie vom intelligiblen
-Charakter, den man so oft als eine neue Entdeckung oder
-Erfindung, als ein <em class="gesperrt">Auskunftsmittel</em> der Kantischen Philosophie<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span>
-miversteht, nur das an ihr wissenschaftlich Haltbare
-festlegen wollte: dies ist aus jener Unterlassung deutlich zu
-entnehmen.</p>
-
-<p>Es gibt <em class="gesperrt">Pflicht</em> nur gegen sich selbst; des mu Kant
-schon in frhester Jugend (vielleicht nachdem er einmal den
-Impuls zur Lge versprt hatte) sicher geworden sein.</p>
-
-<p>Wenn von der <em class="gesperrt">Herakles-Sage</em>, von einigen Stellen
-<em class="gesperrt">Nietzsches</em> und eher noch <em class="gesperrt">Stirners</em>, aus denen man Kant-Verwandtes
-herauslesen kann, abgesehen wird, so hat das
-Prinzip der Kantischen Ethik blo <em class="gesperrt">Ibsen</em> (im Brand und
-Peer Gynt) beinahe selbstndig gefunden. Gelegentlich sind
-uerungen, wie <em class="gesperrt">Hebbels</em> Epigramm Lge und Wahrheit:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Was Du teurer bezahlst, die Lge oder die Wahrheit?<br /></span>
-<span class="i0">Jene kostet Dein Ich, diese doch hchstens Dein Glck.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noindent">oder <em class="gesperrt">Suleikas</em> weltbekannte Worte aus dem Weststlichen
-Diwan:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Volk und Knecht und berwinder,<br /></span>
-<span class="i0">Sie gesteh'n zu jeder Zeit:<br /></span>
-<span class="i0">Hchstes Glck der Erdenkinder<br /></span>
-<span class="i0">Sei nur die Persnlichkeit.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Jedes Leben sei zu fhren,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn man sich nicht selbst vermit;<br /></span>
-<span class="i0">Alles knne man verlieren,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn man bleibe, was man ist.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Sicher ist es wahr, da die meisten Menschen irgendwie
-Jehovah brauchen. Die wenigsten &mdash; es sind die genialen
-Menschen &mdash; leben gar nicht <em class="gesperrt">heteronom</em>. Die anderen rechtfertigen
-ihr Tun und Lassen, ihr Denken und Sein mindestens
-in Gedanken auch immer vor jemand <em class="gesperrt">anderem</em>, sei es ein
-persnlicher Judengott, oder ein geliebter, geachteter, gefrchteter
-Mensch. Nur <em class="gesperrt">so</em> handeln sie in formeller uerer
-bereinstimmung mit dem Sittengesetz.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kant</em> war, wie dies aus seiner ganzen, sich selbst gesetzten,
-bis ins einzelnste unabhngigen Lebensfhrung hervorleuchtet,
-so durchdrungen von seiner berzeugung, da der
-Mensch nur sich selbst verantwortlich ist, da er diesen Punkt
-seiner Lehre als den selbstverstndlichsten, Anfechtungen am
-wenigsten ausgesetzten, betrachtete. Und doch hat gerade<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span>
-hier das Schweigen Kantens dazu beigetragen, da seine Ethik,
-<em class="gesperrt">die einzige gerade introspektiv-psychologisch haltbare</em>,
-die einzige, welche die harte und strenge innere Stimme
-des Einen nicht durch den Lrm der Vielen undeutlich zu
-machen sucht, da diese Ethik tatschlich so wenig <em class="gesperrt">verstanden</em>
-worden ist.</p>
-
-<p>Auch fr <em class="gesperrt">Kant</em> hat es, darauf lt eine Stelle in
-seiner Anthropologie schlieen, in seinem irdischen Leben
-einen Zustand gegeben, welcher der Begrndung eines
-Charakters vorherging. Aber der Augenblick, in dem es
-ihm zu furchtbar strahlender Klarheit gelangte: ich habe
-nur mir selbst Rechenschaft abzulegen, mu niemand anderem
-dienen, kann nicht in Arbeit mich vergessen; ich steh'
-<em class="gesperrt">allein</em>, bin <em class="gesperrt">frei</em>, bin <em class="gesperrt">mein Herr</em>: dieser Moment bezeichnet
-die Geburt der Kantischen Ethik, des heroischesten Aktes
-der Weltgeschichte.</p>
-
-<p>Zwey Dinge erfllen das Gemth mit immer neuer und
-zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je fter und anhaltender
-sich das Nachdenken damit beschftigt: <em class="gesperrt">Der bestirnte
-Himmel ber mir und das moralische Gesetz
-in mir.</em> Beides darf ich nicht als in Dunkelheiten verhllt
-oder im berschwenglichen, auer meinem Gesichtskreise,
-suchen und blo vermuthen; ich sehe sie <em class="gesperrt">vor</em> mir, und verknpfe
-sie unmittelbar mit dem Bewutsein meiner Existenz.
-Das erste fngt von dem Platze an, den ich in der ueren
-Sinnenwelt einnehme, und erweitert die Verknpfung, darin
-ich stehe, ins unabsehlich Groe mit Welten ber Welten
-und Systemen von Systemen, berdem noch in grenzenlose
-Zeiten ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer.
-Das zweite fngt von meinem unsichtbaren Selbst,
-meiner Persnlichkeit, an, und stellt mich in einer Welt dar,
-die wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande sprbar
-ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich mit
-allen jenen sichtbaren Welten) ich mich, nicht wie dort, in
-blo zuflliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknpfung
-erkenne. Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge
-vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit, als eines
-<em class="gesperrt">thierischen Geschpfs</em>, das die Materie, daraus es ward,<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span>
-dem Planeten (einem bloen Punct im Weltall) wieder zurckgeben
-mu, nachdem es eine kurze Zeit (man wei, nicht wie)
-mit Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen
-meinen Wert, als einer <em class="gesperrt">Intelligenz</em>, unendlich, durch
-meine Persnlichkeit, in welcher das moralische Gesetz mir
-ein von der Thierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt
-unabhngiges Leben offenbart, wenigstens so viel sich aus der
-zweckmigen Bestimmung meines Daseins durch dieses
-Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses
-Lebens eingeschrnkt ist, sondern ins Unendliche geht,
-abnehmen lt.</p>
-
-<p>So verstehen wir jetzt, nach diesem Beschlusse, diese
-Kritik der praktischen Vernunft. Der Mensch ist <em class="gesperrt">allein</em>
-im Weltall, in ewiger, ungeheuerer <em class="gesperrt">Einsamkeit</em>.</p>
-
-<p>Er hat keinen Zweck auer sich, nichts anderes, wofr
-er lebt &mdash; weit ist er fortgeflogen ber Sklave-sein-wollen,
-Sklave-sein-knnen, Sklave-sein-mssen: tief unter ihm verschwunden
-alle menschliche Gesellschaft, versunken die <em class="gesperrt">Sozial</em>-Ethik;
-er ist allein, <b>allein</b>.</p>
-
-<p>Aber er ist nun eben erst <em class="gesperrt">einer</em> und <em class="gesperrt">alles</em>; und darum
-hat er auch ein <em class="gesperrt">Gesetz</em> in sich, darum <em class="gesperrt">ist</em> er selbst alles
-Gesetz, und keine springende Willkr. Und er verlangt <em class="gesperrt">von
-sich</em>, da er dieses Gesetz <em class="gesperrt">in</em> sich, das Gesetz seines Selbst,
-befolge, da er <em class="gesperrt">nur</em> Gesetz sei, ohne Rck-Sicht hinter sich,
-ohne Vor-Sicht vor sich. Das ist das Grauenvoll-Groe: es
-hat weiter <em class="gesperrt">keinen Sinn</em>, da er der Pflicht gehorche. Nichts
-ist ihm, dem Alleinen, <em class="gesperrt">All-Einen</em> <em class="gesperrt">ber</em>geordnet. Doch der
-unerbittlichen, keine Verhandlung mit sich duldenden, das ist
-<em class="gesperrt">kategorischen</em> Forderung <em class="gesperrt">in sich</em> mu er nachkommen.
-<em class="gesperrt">Erlsung!</em> ruft er<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>, Ruhe, nur schon Ruhe vor dem Feind,
-Frieden, nicht dies endlose Ringen &mdash; und <em class="gesperrt">erschrickt</em>: selbst
-im Erlst-sein-wollen war noch Feigheit, im schmachtenden
-<em class="gesperrt">Schon!</em> noch Desertion, als wre er zu klein diesem Kampf.
-<em class="gesperrt">Wozu!</em> fragt er, schreit er hinaus ins Weltall &mdash; und <em class="gesperrt">errtet</em>;
-denn gerade wollte er wieder das <em class="gesperrt">Glck</em>, die Anerkennung
-des Kampfes, den, der ihn belohne, den <b>anderen</b>.<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span>
-<em class="gesperrt">Kant</em>ens einsamster Mensch lacht nicht und tanzt nicht, er
-brllt nicht und jubelt nicht: er hat es nicht not Lrm zu
-machen, weil der Weltraum zu tief schweigt. Nicht die
-Sinnlosigkeit einer Welt von ohngefhr ist ihm Pflicht,
-sondern <em class="gesperrt">seine</em> Pflicht ist ihm <em class="gesperrt">der Sinn des Weltalls</em>.
-<em class="gesperrt">Ja</em> sagen zu <b>dieser</b> Einsamkeit, das ist das Dionysische
-<em class="gesperrt">Kant</em>ens; das erst ist Sittlichkeit.</p>
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span><a name="VIII_Kapitel" id="VIII_Kapitel"><small>VIII. Kapitel.</small></a><br />
-
-Ich-Problem und Genialitt.</h2>
-
-
-<p class="rightside">
-Im Anfang war diese Welt
-allein der tman, in Gestalt eines
-Menschen. Der blickte um sich:
-da sah er nichts anderes als sich
-selbst. Da rief er zu Anfang aus:
-&#8218;Das bin ich!&#8217; Daraus entstand der
-Name Ich. &mdash; Daher auch heutzutage,
-wenn einer angerufen wird, so sagt
-er zuerst: &#8218;Das bin ich&#8217; und dann
-erst nennt er den anderen Namen,
-welchen er trgt.
-</p>
-
-<p class="right">
-(B&#7771;ihadra&#7751;yaka-Upanishad.)
-</p>
-
-
-<p>Viele Prinzipienstreitigkeiten in der Psychologie beruhen
-auf den individuellen charakterologischen Differenzen zwischen
-den Dissentierenden. Der Charakterologie knnte damit, wie
-bereits erwhnt, eine wichtige Rolle zufallen: whrend der eine
-dies, der andere jenes in sich vorzufinden behauptet, htte sie zu
-lehren, <em class="gesperrt">warum</em> die Selbstbeobachtung des einen anders ausfllt
-als die des zweiten; oder wenigstens zu zeigen, durch was alles
-die in Rede stehenden Personen <em class="gesperrt">noch</em> sich unterscheiden. In
-der Tat sehe ich keinen anderen Weg, gerade in den umstrittensten
-psychologischen Dingen ins Reine zu kommen.
-Die Psychologie ist eine Erfahrungswissenschaft, und darum
-geht nicht wie in den berindividuellen Normwissenschaften der
-Logik und Ethik das Allgemeine dem Besonderen in ihr vorher,
-sondern es mu umgekehrt vom individuellen Einzelmenschen
-ausgegangen werden. Es gibt keine empirische Allgemeinpsychologie;
-und es war ein Fehler, eine solche ohne <em class="gesperrt">gleichzeitigen</em><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span>
-Betrieb differentieller Psychologie in Angriff zu
-nehmen.</p>
-
-<p>Schuld an dem Jammer ist die Doppelstellung der Psychologie
-zwischen Philosophie und Empfindungsanalyse. Von
-welcher der beiden die Psychologen kamen, stets traten sie
-mit dem Anspruch auf Allgemeingltigkeit der Ergebnisse auf.
-Aber vielleicht sind nicht einmal so fundamentale Fragen,
-wie diese, ob es einen ttigen <em class="gesperrt">Akt</em> der Wahrnehmung, eine
-<em class="gesperrt">Spontaneitt</em> des Bewutseins schon in der Empfindung
-gebe oder nicht, ohne charakterologische Unterscheidungen
-gnzlich ins Reine zu bringen.</p>
-
-<p>Einen kleinen Teil solcher Amphibolien durch Charakterologie
-aufzulsen ist, in Hinsicht auf die Psychologie
-der Geschlechter, eine Hauptaufgabe dieser Arbeit. Die verschiedenen
-Behandlungen des Ich-Problems hingegen resultieren
-nicht sowohl aus den psychologischen Differenzen der
-Geschlechter, sondern zunchst, wenn auch nicht ausschlielich<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>,
-aus den individuellen Unterschieden in der <em class="gesperrt">Begabung</em>.</p>
-
-<p>Gerade die Entscheidung zwischen <em class="gesperrt">Hume</em> und <em class="gesperrt">Kant</em> ist
-auch <em class="gesperrt">charakterologisch</em> mglich, insoferne etwa, als ich
-zwischen zwei Menschen entscheiden kann, von denen dem einen
-die Werke des <em class="gesperrt">Makart</em> und <em class="gesperrt">Gounod</em>, dem anderen die <em class="gesperrt">Rembrandts</em>
-und <em class="gesperrt">Beethovens</em> das Hchste sind. Ich werde solche
-Menschen nmlich zunchst <em class="gesperrt">unter</em>scheiden nach ihrer Begabung.
-Und so ist es auch in diesem Falle statthaft, ja notwendig,
-die Urteile ber das Ich, wenn sie von zwei sehr verschieden
-hoch veranlagten Menschen ausgehen, nicht ganz gleich zu
-werten. <em class="gesperrt">Es gibt keinen wahrhaft bedeutenden Menschen,
-der nicht von der Existenz des Ich berzeugt wre</em>;
-ein Mensch, der das Ich leugnet, kann nie ein bedeutender
-Mensch sein.<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a></p>
-
-<p>Diese These wird sich im Laufe des nun Folgenden
-als eine Behauptung von zwingender Notwendigkeit herausstellen,
-und auch fr die in ihr gelegene Hherwertung<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span>
-der Urteile des Genius eine Begrndung gesucht und gefunden
-werden.</p>
-
-<p>Es gibt nmlich keinen bedeutenden Menschen und
-kann keinen geben, fr den nicht im Laufe seines Lebens,
-im allgemeinen je bedeutender er ist, desto frher (vgl.
-Kapitel 5), ein Moment kme, in welchem er die vllige Sicherheit
-gewinnt, ein Ich im hheren Sinne zu besitzen.<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> Man
-vergleiche folgende uerungen dreier sehr verschiedener
-Menschen und beraus genialer Naturen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Jean Paul</em> erzhlt in seiner autobiographischen Skizze
-Wahrheit aus meinem Leben:</p>
-
-<p>Nie vergess' ich die noch keinem Menschen erzhlte
-Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewutseins
-stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben wei.
-An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind
-unter der Haustre und sah links nach der Holzlege, als auf
-einmal das innere Gesicht: ich bin ein Ich! wie ein Blitzstrahl
-vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend
-stehen blieb &mdash; da hatte mein Ich zum ersten Male sich
-selber gesehen und auf ewig. Tuschungen des Erinnerns
-sind hier schwerlich gedenkbar, da kein fremdes Erzhlen
-sich in eine blo im verhangenen Allerheiligsten des Menschen
-vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltglichen
-Nebenumstnden das Bleiben gegeben, mit Zustzen mengen
-konnte.</p>
-
-<p>Und offenbar meint ganz das nmliche Erlebnis <em class="gesperrt">Novalis</em>,
-der in seinen Fragmenten vermischten Inhalts bemerkt:</p>
-
-<p>Darthun lt sich dieses Factum nicht, jeder mu es
-selbst erfahren. Es ist ein Factum hherer Art, <em class="gesperrt">das nur
-der hhere Mensch antreffen wird</em>; die Menschen aber
-sollen streben, es in sich zu veranlassen. Philosophieren ist
-eine Selbstbesprechung obiger Art, eine eigentliche Selbstoffenbarung,
-Erregung des wirklichen Ich durch das idealische
-Ich. Philosophieren ist der Grund aller anderen Offenbarungen;
-der Entschlu zu philosophieren ist eine Aufforderung an das<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span>
-wirkliche Ich, da es sich besinnen, erwachen und Geyst
-sein solle.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Schelling</em> bespricht im achten seiner Philosophischen
-Briefe ber Dogmatismus und Kritizismus, einem wenig
-bekannten Jugendwerk, <em class="gesperrt">dasselbe</em> Phnomen mit folgenden
-tiefen und schnen Worten: Uns allen ... wohnt ein geheimes,
-wunderbares Vermgen bei, uns aus dem Wechsel
-der Zeit in unser Innerstes, von allem, was von auenher
-hinzukam, entkleidetes Selbst zurckzuziehen und da unter der
-Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen. <em class="gesperrt">Diese
-Anschauung ist die innerste, eigenste Erfahrung, von
-welcher alles, alles abhngt, was wir von einer bersinnlichen
-Welt wissen und glauben. Diese Anschauung
-zuerst berzeugt uns, da irgend etwas im eigentlichen
-Sinne <b>ist</b>, whrend alles brige nur <b>erscheint</b>, worauf wir
-jenes Wort bertragen.</em> Sie unterscheidet sich von jeder
-sinnlichen Anschauung dadurch, da sie nur durch <em class="gesperrt">Freiheit</em>
-hervorgebracht und jedem anderen fremd und unbekannt ist,
-dessen Freiheit, von der hervordringenden Macht der Objekte
-berwltigt, kaum zur Hervorbringung des Bewutseins hinreicht.
-Doch gibt es auch fr diejenigen, die diese Freiheit der
-Selbstanschauung nicht besitzen, wenigstens Annherung zu ihr,
-mittelbare Erfahrungen, durch welche sie ihr Dasein ahnen
-lt. Es gibt einen gewissen Tiefsinn, dessen man sich selbst
-nicht bewut ist, den man vergebens sich zu entwickeln
-strebt. <em class="gesperrt">Jakobi</em> hat ihn beschrieben ..... Diese intellektuale
-Anschauung tritt dann ein, wo wir fr uns selbst aufhren,
-<em class="gesperrt">Objekt</em> zu sein, wo, in sich selbst zurckgezogen, das anschauende
-Selbst mit dem angeschauten identisch ist. <em class="gesperrt">In
-diesem Moment der Anschauung schwindet fr uns
-Zeit und Dauer dahin: nicht <b>wir</b> sind in der Zeit, sondern
-die Zeit &mdash; oder vielmehr nicht sie, sondern die
-reine absolute Ewigkeit ist <b>in uns</b>.</em> Nicht wir sind in der
-Anschauung der objektiven Welt, sondern sie ist in unserer
-Anschauung verloren.</p>
-
-<p>Es wird der Immanente, der Positivist, vielleicht nur
-lcheln ber den betrogenen Betrger, den Philosophen, der<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span>
-solche Erlebnisse zu haben vorgibt. Nun, dagegen lt sich
-nicht leicht etwas tun. Ist auch berflssig. Doch bin ich
-keineswegs der Meinung, da jenes Faktum hoher Art
-sich bei <em class="gesperrt">allen</em> genialen Menschen in jener mystischen Form
-eines Eins-Werdens von Subjekt und Objekt, eines einheitlichen
-Erlebens abspiele, wie <em class="gesperrt">Schelling</em> dies beschreibt. Ob
-es ungeteilte Erlebnisse gibt, in denen der Dualismus schon
-<em class="gesperrt">whrend des Lebens</em> berwunden wird, wie dies von <em class="gesperrt">Plotin</em>
-und den indischen <em class="gesperrt">Mahatmas</em> bezeugt ist, oder ob dies nur
-hchste Intensifikationen des Erlebens sind, prinzipiell aber
-gleichartig mit allem anderen &mdash; dies soll uns hier nicht
-beschftigen, das Zusammenfallen von Subjekt und Objekt,
-von Zeit und Ewigkeit, das Schauen Gottes durch den lebenden
-Menschen weder als mglich behauptet noch als unmglich
-in Abrede gestellt werden. Erkenntnistheoretisch ist mit
-einem <em class="gesperrt">Erleben</em> des eigenen Ich nichts anzufangen, und noch
-niemand hat es je fr eine <em class="gesperrt">systematische</em> Philosophie zu verwerten
-gesucht. Ich will daher jenes Faktum hherer Art,
-das sich bei einem Menschen so, beim anderen anders vollzieht,
-nicht <em class="gesperrt">Erlebnis</em> des eigenen Ich nennen, sondern nur
-als das <em class="gesperrt">Ich-Ereignis</em> bezeichnen.</p>
-
-<p>Das Ich-Ereignis kennt jeder bedeutende Mensch. Ob
-er nun in der Liebe zu einem Weibe erst sein Ich finde und
-sich seines Selbst bewut werde<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> &mdash; denn der bedeutende
-Mensch liebt intensiver als der unbedeutende &mdash; oder ob er
-durch ein Schuldbewutsein, wieder vermge eines Kontrastes,
-zum Gefhle seines hheren echten Wesens gelange, dem er
-in der bereuten Handlung untreu wurde &mdash; denn auch das
-Schuldbewutsein ist im bedeutenden Menschen heftiger und
-differenzierter als im unbedeutenden; ob ihn das Ich-Ereignis
-zum Eins-Werden mit dem All, zum Schauen aller Dinge in
-Gott fhre, oder ihm vielmehr den furchtbaren Dualismus
-zwischen Natur und Geist im Weltall offenbare, und in ihm
-das Erlsungsbedrfnis, das Bedrfnis nach dem <em class="gesperrt">inneren</em>
-Wunder, wachrufe: immer und ewig ist mit dem Ich-Ereignis
-zugleich der Kern einer <em class="gesperrt">Weltanschauung</em>, ganz von selbst,<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>
-ohne Zutun des denkenden Menschen, bereits <em class="gesperrt">gegeben</em>.
-Weltanschauung ist nicht die groe Synthese, die am jngsten
-Tage der Wissenschaft von irgend einem besonders fleiigen
-Mann, der durch alle Fcher der Reihe nach sich hindurchgearbeitet
-hat, vor dem Schreibtisch inmitten einer groen
-Bibliothek vollzogen wird, Weltanschauung ist etwas Erlebtes,
-und sie kann <em class="gesperrt">als Ganzes klar und unzweideutig sein</em>,
-wenn auch im einzelnen noch so vieles vorderhand in Dunkelheit
-und Widerspruch verharrt. Das Ich-Ereignis aber ist Wurzel
-aller Weltanschauung, d.&nbsp;h. aller <em class="gesperrt">Anschauung</em> der <em class="gesperrt">Welt</em>
-als <em class="gesperrt">ganzer</em>, und zwar fr den Knstler nicht minder als
-fr den Philosophen. Und so radikal sonst die Weltanschauungen
-voneinander differieren, eines wohnt ihnen allen, soweit sie den
-Namen einer Weltanschauung verdienen<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a>, gemeinsam inne;
-es ist eben das, was durchs Ich-Ereignis vermittelt wird, der
-Glaube, <em class="gesperrt">den jeder bedeutende Mensch besitzt: die
-berzeugung von der Existenz eines Ich oder einer
-Seele</em>, die im Weltall einsam ist, dem ganzen Weltall gegenbersteht,
-die ganze <em class="gesperrt">Welt anschaut</em>.</p>
-
-<p>Vom Ich-Ereignis an gerechnet wird der bedeutende
-Mensch im allgemeinen &mdash; Unterbrechungen, vom frchterlichsten
-der Gefhle, vom Gefhle des <em class="gesperrt">Gestorbenseins</em>, ausgefllt,
-mgen wohl hufig vorkommen &mdash; <em class="gesperrt">mit Seele</em> leben.</p>
-
-<p>Aus diesem Grunde, und nicht allein aus hochgestimmtem
-Hinblick auf eben Geschaffenes schreibt es, wie ich an dieser
-Stelle beifgen will, sich her, da bedeutende Menschen immer,
-in jedem Sinne, auch das grte Selbstbewutsein haben werden.
-Nichts ist so gefehlt, als von der Bescheidenheit groer
-Mnner zu reden, die gar nicht gewut htten, was in ihnen
-stecke. Es gibt keinen bedeutenden Menschen, der nicht
-wte, wie sehr er sich von den anderen unterscheidet (mit
-Ausnahme der Depressionsperioden, welchen gegenber sogar<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span>
-der in besseren Zeiten gefate Vorsatz, von nun ab etwas
-von sich zu halten, fruchtlos bleiben mag), keinen, der sich
-nicht fr einen bedeutenden Menschen hielte, sobald er einmal
-etwas <em class="gesperrt">geschaffen</em> hat &mdash; allerdings auch keinen, dessen
-Eitelkeit oder Ruhmsucht so gering wre, da er sich
-nicht noch stets berschtzte. <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> hat sich fr
-viel grer gehalten als <em class="gesperrt">Kant</em>. Wenn <em class="gesperrt">Nietzsche</em> seinen
-Zarathustra fr das tiefste Buch der Welt erklrt, so spielt
-auerdem wohl noch die Enttuschung durch die schweigenden
-Zeitungsschreiber und das Bedrfnis diese zu reizen mit &mdash;
-allerdings auch keine sehr vornehmen Motive.</p>
-
-<p>Aber eines ist allerdings richtig an der Lehre von der
-Bescheidenheit bedeutender Menschen: bedeutende Menschen
-sind nie anmaend. Anmaung und Selbstbewutsein sind
-wohl die zwei entgegengesetztesten Dinge, die es geben
-kann, und sollten nicht, wie es meistens geschieht, eins fr
-das andere gesetzt werden. Ein Mensch hat immer so viel
-Arroganz, als ihm Selbstbewutsein fehlt. Anmaung ist sicherlich
-nur ein Mittel, durch knstliche Erniedrigung des Nebenmenschen
-das Selbstbewutsein gewaltsam zu steigern, ja so
-erst zum Bewutsein eines Selbst zu kommen. Natrlich gilt
-das von der unbewuten, sozusagen physiologischen Arroganz;
-zu beabsichtigter Grobheit verchtlichen Subjekten gegenber
-mag wohl auch ein hochstehender Mensch der eigenen Wrde
-halber hie und da sich verhalten mssen.</p>
-
-<p>Die feste, vollkommene, des <em class="gesperrt">Beweises</em> fr ihre Person
-nicht eigentlich bedrftige berzeugung, da sie eine Seele
-besitzen, ist also allen genialen Menschen gemeinsam. Man
-sollte die lcherliche Besorgnis doch endlich ablegen, welche
-hinter jedem, der von der Seele als einer hyperempirischen
-Realitt redet, gleich den werbenden Theologen wittert.
-Der Glaube an die Seele ist alles eher denn ein Aberglaube,
-und kein bloes Verfhrungsmittel aller Geistlichkeit.
-Auch die Knstler sprechen von ihrer Seele, ohne
-Philosophie und Theologie studiert zu haben, selbst die
-atheistischesten, wie <em class="gesperrt">Shelley</em>, und glauben zu wissen, was sie
-damit meinen. Oder denkt man, da Seele fr sie ein bloes,
-leeres, schnes Wort sei, welches sie anderen nachsprechen, ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span>
-zu fhlen? Da der groe Knstler Bezeichnungen anwende,
-ohne ber ein Bezeichnetes, in diesem Falle von denkbar
-hchster Realitt, sich klar zu sein? Der immanente Empirist,
-der Nur-Physiolog mu aber all das fr nichtssagendes Geschwtz
-halten, oder <em class="gesperrt">Lucrez</em> fr den einzigen groen Dichter.
-So viel Mibrauch sicherlich mit dem Worte getrieben wird:
-wenn <em class="gesperrt">bedeutende</em> Knstler von ihrer Seele zeugen, so wissen
-sie wohl, was sie tun. Es gibt fr sie wie fr die groen
-Philosophen ein gewisses <em class="gesperrt">Grenzgefhl</em> der hchsten Wirklichkeit;
-<em class="gesperrt">Hume</em> hat dieses Gefhl sicherlich nicht gekannt.</p>
-
-<p>Der Wissenschaftler nmlich steht, wie schon hervorgehoben
-wurde, und nun bald bewiesen werden soll, <em class="gesperrt">unter</em>
-dem Philosophen und <em class="gesperrt">unter</em> dem Knstler. Diese verdienen
-das Prdikat des Genies, der bloe Wissenschaftler niemals.
-Es heit jedoch dem Genius vor der Wissenschaft noch
-einen weiteren, bisher noch immer unbegrndeten Vorzug einrumen,
-wenn, wie dies hier geschehen ist, seiner Anschauung
-ber ein bestimmtes Problem, blo weil es seine Anschauung
-ist, mehr Gewicht beigelegt wird als der Ansicht des Wissenschaftlers.
-Besteht zu dieser Bevorzugung ein Recht? Kann
-der Genius Dinge erkunden, die dem Mann der Wissenschaft
-als solchem versagt sind, kann er in eine Tiefe blicken, welche
-jener vielleicht nicht einmal bemerkt?</p>
-
-<p>Genialitt schliet, wie sich zeigte, ihrer Idee nach Universalitt
-ein. Fr den ganz und gar genialen Menschen, der
-eine notwendige Fiktion ist, gbe es gar nichts, wozu er nicht
-ein gleich lebendiges, unendlich inniges, schicksalsvolles Verhltnis
-htte. Genialitt war universale Apperzeption, und hiemit
-vollkommenes Gedchtnis, absolute Zeitlosigkeit. Man mu
-aber, um etwas apperzipieren zu knnen, ein ihm Verwandtes
-bereits in sich haben. Man bemerkt, versteht und ergreift
-nur das, womit man irgend eine hnlichkeit hat (<a href="#Seite_139">S.&nbsp;139</a>&nbsp;f.).
-Der Genius war zuletzt, aller Kompliziertheit wie zum Trotze,
-der Mensch mit dem intensivsten, lebendigsten, bewutesten,
-kontinuierlichsten, einheitlichsten Ich. Das Ich jedoch ist das
-punktuelle Zentrum, die Einheit der Apperzeption, die Synthesis
-alles Mannigfaltigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span>
-
-Das Ich des Genies mu demnach selbst die universale
-Apperzeption sein, der Punkt schon den unendlichen Raum
-in sich schlieen: <em class="gesperrt">der bedeutende Mensch hat die <b>ganze</b>
-Welt <b>in sich, der Genius ist der lebendige Mikrokosmus</b></em>.
-Er ist nicht eine sehr zusammengesetzte Mosaik, keine aus
-einer, doch immer <em class="gesperrt">endlichen</em>, <em class="gesperrt">Viel</em>zahl von Elementen
-aufgebaute chemische Verbindung, und nicht das war der Sinn
-der Darlegungen des vierten Kapitels ber sein innigeres
-Verwandtsein mit mehr Menschen und Dingen: <em class="gesperrt">sondern er
-ist alles</em>. Wie im Ich und durch das Ich alle psychischen
-Erscheinungen zusammenhngen, wie dieser Zusammenhang
-unmittelbar erlebt und ins Seelenleben nicht mhsam erst
-hineingetragen wird durch eine Wissenschaft (die bei allen
-ueren Dingen freilich hiezu verhalten ist)<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a>, wie hier das
-Ganze durchaus vor den Teilen besteht; so blickt der Genius,
-in dem das Ich wie das All, als das All <em class="gesperrt">lebt</em>, auch in die
-Natur und ins Getriebe aller Wesen als ein Ganzes, er <em class="gesperrt">schaut</em>
-hier die <em class="gesperrt">Verbindungen</em> und konstruiert nicht einen Bau aus
-Bruchstcken. Darum kann ein bedeutender Mensch zunchst
-schon bloer empirischer Psychologe nicht sein, fr den es nur
-Einzelheiten gibt, die er im Schweie seines Angesichtes,
-durch Associationen, Leitungsbahnen u.&nbsp;s.&nbsp;w. zu verkitten
-trachtet; ebensowenig aber bloer Physiker, dem die Welt aus
-Atomen und Moleklen <em class="gesperrt">zusammengesetzt</em> ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Aus der Idee des Ganzen heraus, in welcher der
-Genius fortwhrend lebt, erkennt er den <b>Sinn</b> der
-Teile. Er <b>wertet</b> darum <b>alles</b></em>, alles in sich, alles <em class="gesperrt">auerhalb</em><span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>
-seiner, wertet es nach dieser Idee; und <em class="gesperrt">nur darum</em> ist es
-fr ihn nicht Funktion der Zeit, sondern reprsentiert ihm
-stets einen groen und ewigen Gedanken. So ist der <em class="gesperrt">geniale</em>
-Mensch zugleich der <em class="gesperrt">tiefe</em> Mensch, und nur er tief, nur der
-Tiefe genial. Darum gilt denn auch wirklich seine Meinung mehr
-als die der anderen. Weil er aus dem Ganzen seines das Universum
-enthaltenden Ich schafft, whrend die anderen Menschen
-nie ganz zum Bewutsein dieses ihres wahren Selbst kommen,
-werden ihm die Dinge sinnvoll, <em class="gesperrt">bedeuten</em> sie ihm alle etwas,
-sieht er in ihnen stets <em class="gesperrt">Symbole</em>. Fr ihn ist der Atem mehr
-als ein Gasaustausch durch die feinsten Wandungen der Blutkapillaren,
-das Blau des Himmels mehr als teilweise polarisiertes,
-an den Trbungen der Atmosphre diffus reflektiertes
-Sonnenlicht, die Schlangen mehr als fulose Reptilien ohne
-Schultergrtel und Extremitten. Wenn man selbst alle wissenschaftlichen
-Entdeckungen, die je gemacht wurden, zusammentte
-und von einem einzigen Menschen gefunden sein liee; wenn
-alles, was <em class="gesperrt">Archimedes</em> und <em class="gesperrt">Lagrange</em>, <em class="gesperrt">Johannes Mller</em>
-und <em class="gesperrt">Karl Ernst von Baer</em>, <em class="gesperrt">Newton</em> und <em class="gesperrt">Laplace</em>, <em class="gesperrt">Konrad
-Sprengel</em> und <em class="gesperrt">Cuvier</em>, <em class="gesperrt">Thukydides</em> und <em class="gesperrt">Niebuhr</em>, <em class="gesperrt">Friedrich
-August Wolf</em> und <em class="gesperrt">Franz Bopp</em>, was noch so viele
-andere fr die Wissenschaft Hervorragendstes geleistet haben,
-<em class="gesperrt">selbst wenn all dies <b>ein</b> einziger Mensch im Laufe
-<b>eines</b> kurzen Menschenlebens geleistet htte, er verdiente
-darum doch nicht das Prdikat des Genius</em>.</p>
-
-<p>Denn damit ist noch nirgends in Tiefen gedrungen. Der
-Wissenschaftler nimmt die Erscheinungen wie sie sinnfllig <em class="gesperrt">sind</em>,
-der bedeutende Mensch oder Genius fr das, was sie <em class="gesperrt">bedeuten</em>.
-Ihm sind Meer und Gebirge, Licht und Finsternis, Frhling
-und Herbst, Cypresse und Palme, Taube und Schwan <em class="gesperrt">Symbole</em>,
-er ahnt nicht nur, er erkennt in ihnen ein Tieferes.
-Nicht auf Luftdruckverschiebungen geht der Walkrenritt,
-und nicht auf Oxydationsprozesse bezieht sich der Feuerzauber.
-Und dies alles ist jenem nur mglich, weil die <em class="gesperrt">uere</em>
-Welt <em class="gesperrt">in</em> ihm reich und stark zusammenhngt wie die <em class="gesperrt">innere</em>,
-ja das Auenleben nur wie ein Spezialfall seines Innenlebens
-sich ausnimmt, Welt und Ich in ihm eins geworden sind,
-und er nicht Stck fr Stck der Erfahrung nach Gesetz und<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span>
-Regel erst aneinanderheften mu. Auch die grte Polyhistorie
-dagegen addiert nur Fcher zu Fchern und bildet noch
-keine Gesamtheit. Deshalb also tritt der groe Wissenschaftler
-hinter den groen Knstler oder Philosophen.</p>
-
-<p>Der Unendlichkeit des Weltalls entspricht beim Genius
-eine wahre Unendlichkeit in der eigenen Brust, er hlt Chaos
-und Kosmos, alle Besonderheit und alle Totalitt, alle Vielheit
-und alle Einheit in seinem Innern. Ist mit diesen Bestimmungen
-auch mehr ber die Genialitt als ber das Wesen des genialen
-<em class="gesperrt">Schaffens</em> ausgesagt, bleiben der Zustand der knstlerischen
-Ekstase, der philosophischen Konzeption, der religisen Erleuchtung
-gleich rtselhaft wie zuvor, sind also damit gewi
-nur die <em class="gesperrt">Bedingungen</em>, nicht der <em class="gesperrt">Vorgang</em> eines wahrhaft
-<em class="gesperrt">bedeutenden</em> Produzierens klarer geworden, so sei dennoch
-hier als endgltige Definition des Genies diese gegeben:</p>
-
-<p><b>Genial ist ein Mensch dann zu nennen, wenn er in
-bewutem Zusammenhange mit dem Weltganzen lebt. Erst
-das Geniale ist somit das eigentlich Gttliche im Menschen.</b></p>
-
-<p>Die groe Idee von der Seele des Menschen als dem
-Mikrokosmus, die tiefste Schpfung der Philosophen der Renaissance
-&mdash; wiewohl ihre ersten Spuren schon bei <em class="gesperrt">Plato</em>
-und <em class="gesperrt">Aristoteles</em> sich finden &mdash; scheint dem neueren Denken
-seit <em class="gesperrt">Leibniz</em>ens Tode ganz abhanden gekommen. Sie
-wurde hier bis jetzt als blo fr das Genie gltig, von jenen
-Meistern aber vom Menschen berhaupt als das eigentliche
-Wesen desselben behauptet.</p>
-
-<p>Doch ist die Inkongruenz nur scheinbar. Alle Menschen
-sind genial, und kein Mensch ist genial. Genialitt ist eine
-<em class="gesperrt">Idee</em>, welcher dieser nher kommt, whrend jener in groer
-Ferne von ihr bleibt, welcher der eine rasch sich naht, der
-andere vielleicht erst am Ende seines Lebens.</p>
-
-<p>Der Mensch, dem wir bereits den Besitz der Genialitt
-zuschreiben, ist nur der, welcher bereits angefangen hat zu
-sehen, und den anderen die Augen ffnet. Da sie sodann
-mit seinem Auge sehen knnen, beweist, wie sie nur vor dem
-Tore standen. Auch der mittelmige Mensch kann, selbst
-als solcher, <em class="gesperrt">mittelbar</em> zu allem in Beziehung treten; seine<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span>
-Idee des Ganzen ist aber nur ahnungsvoll, es gelingt ihm
-nicht, sich mit ihr zu identifizieren. Aber er ist darum
-nicht ohne Mglichkeit, diese Identifikation anderen nachzuleben
-und so ein Gesamtbild zu gewinnen. Durch Weltanschauung
-kann er dem Universum, durch Bildung allem
-einzelnsten sich verbinden; nichts ist ihm gnzlich fremd,
-und an alle Dinge der Welt knpft auch ihn ein Band der
-Sympathie. Nicht so das Tier oder die Pflanze. Sie sind begrenzt,
-sie kennen nicht alle, sondern nur ein Element, sie
-bevlkern nicht die ganze Erde, und wo sie eine allgemeine
-Verbreitung gefunden haben, ist es im Dienste des Menschen,
-der ihnen eine berall gleichmige Funktion angewiesen hat.
-Sie mgen eine Beziehung zur Sonne oder zum Monde haben,
-aber sicherlich fehlt ihnen der gestirnte Himmel und das
-moralische Gesetz. Dieses aber stammt von der Seele des
-Menschen her, in der alle Totalitt geborgen ist, <em class="gesperrt">die alles
-betrachten kann, weil sie selbst alles <b>ist</b></em>: der gestirnte
-Himmel und das moralische Gesetz, auch sie sind im Grunde
-eines und dasselbe. Der Universalismus des kategorischen
-Imperatives ist der Universalismus des Universums, die Unendlichkeit
-des Weltalls nur das Sinnbild der Unendlichkeit
-des sittlichen Wollens.</p>
-
-<p>So hat dies, den Mikrokosmus im Menschen, schon
-<em class="gesperrt">Empedokles</em>, der gewaltige Magus von Agrigent, gelehrt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#915;&#945;&#953;&#951; &#956;&#949;&#957; &#947;&#945;&#961; &#947;&#945;&#953;&#945;&#957; &#959;&#960;&#969;&#960;&#945;&#956;&#949;&#957;, &#8017;&#948;&#945;&#964;&#953; &#948;'&#8017;&#948;&#969;&#961;,<br /></span>
-<span class="i0">&#913;&#953;&#952;&#949;&#961;&#953; &#948;'&#945;&#953;&#952;&#949;&#961;&#945; &#948;&#953;&#959;&#957;, &#945;&#964;&#945;&#961; &#960;&#965;&#961;&#953; &#960;&#965;&#961; &#945;&#953;&#948;&#951;&#955;&#959;&#957;,<br /></span>
-<span class="i0">&#931;&#964;&#959;&#961;&#947;&#951; &#948;&#949; &#963;&#964;&#959;&#961;&#947;&#951;&#957;, &#957;&#949;&#953;&#954;&#959;&#962; &#948;&#949; &#964;&#949; &#957;&#949;&#953;&#954;&#949;&#953; &#955;&#965;&#947;&#961;&#969;.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und <em class="gesperrt">Plotinus</em>: &#927;&#965; &#947;&#945;&#961; &#945;&#957; &#960;&#969;&#960;&#959;&#964;&#949; &#949;&#953;&#948;&#949;&#957; &#959;&#966;&#952;&#945;&#955;&#956;&#959;&#962; &#7969;&#955;&#953;&#959;&#957;
-&#7969;&#955;&#953;&#959;&#949;&#953;&#948;&#951;&#962; &#956;&#951; &#947;&#949;&#947;&#949;&#957;&#951;&#956;&#949;&#957;&#959;&#962;, dem es <em class="gesperrt">Goethe</em> in den berhmten
-Versen nachgedichtet hat:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Wr' nicht das Auge sonnenhaft,<br /></span>
-<span class="i0">Die Sonne knnt' es nie erblicken;<br /></span>
-<span class="i0">Lg' nicht in uns des Gottes eig'ne Kraft,<br /></span>
-<span class="i0">Wie knnt' uns Gttliches entzcken?<br /></span>
-</div></div>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Mensch ist das einzige Wesen, er ist <b>dasjenige</b>
-Wesen in der Natur, das zu <b>allen</b> Dingen in
-derselben ein Verhltnis hat.</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span>
-
-In wem dieses Verhltnis nicht blo zu einzelnen, vielen
-oder wenigen, sondern zu allen Dingen Klarheit und intensivste
-Bewutheit erlangt, wer ber alles selbstndig gedacht
-hat, den nennt man ein Genie; in wem es nur der Mglichkeit
-nach vorhanden, in wem wohl fr alles irgend ein Interesse
-wachzurufen ist, aber nur zu wenigem ein lebhafteres von
-selbst besteht, den nennt man einfach einen Menschen. <em class="gesperrt">Leibnizens</em>
-wohl selten recht verstandene Lehre, da auch die
-niedere Monade ein Spiegel der Welt sei, ohne aber sich
-dieser ihrer Ttigkeit bewut zu werden, drckt nur dieselbe
-Tatsache aus. Der geniale Mensch lebt im Zustande allgemeiner
-Bewutheit, die Bewutheit des Allgemeinen ist;
-auch im gewhnlichen Menschen ist das Weltganze, aber nicht
-bis zu schpferischem Bewutsein gebracht. Der eine lebt in
-bewutem ttigen, der andere in unbewutem virtuellen Zusammenhang
-mit dem All; <em class="gesperrt">der geniale Mensch ist der
-aktuelle, der ungeniale der potentielle Mikrokosmus</em>.
-Erst der geniale Mensch ist ganz Mensch; was als Mensch-Sein,
-als Menschheit (im Kantischen Sinne) in jedem Menschen,
-&#948;&#965;&#957;&#940;&#956;&#949;&#953;, der Mglichkeit nach ist, das lebt im genialen Menschen,
-&#949;&#957;&#949;&#961;&#947;&#949;&#953;&#945;, in voller Entfaltung.</p>
-
-<p>Der Mensch ist das All und darum nicht, wie ein bloer
-Teil desselben, abhngig vom anderen Teile, nicht an einer
-bestimmten Stelle <em class="gesperrt">eingeschaltet</em> in die Naturgesetzlichkeit,
-<em class="gesperrt">sondern selbst der Inbegriff aller Gesetze, und <b>eben
-darum frei</b></em>, wie das Weltganze als das All selbst nicht noch
-bedingt, sondern unabhngig ist. Der bedeutende Mensch nun,
-der <em class="gesperrt">nichts</em> vergit, weil er <em class="gesperrt">sich</em> nicht vergit, weil Vergessen
-funktionelle Beeinflussung durch die Zeit, daher unfrei und
-unethisch ist; der nicht von einer geschichtlichen Bewegung,
-als ihr Kind, emporgeworfen, nicht von der nchsten wieder
-verschlungen wird, weil <em class="gesperrt">alles, alle Vergangenheit und
-alle Zukunft</em>, in der <em class="gesperrt">Ewigkeit</em> seines geistigen Blickes bereits
-sich birgt; dessen Unsterblichkeitsbewutsein am strksten
-ist, weil ihn auch der Gedanke an den <em class="gesperrt">Tod</em> nicht feige macht;
-der in das leidenschaftlichste Verhltnis zu den Symbolen oder
-Werten tritt, indem er nicht nur alles in sich, sondern auch
-alles auer sich einschtzt und damit deutet: er ist zugleich<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span>
-der <em class="gesperrt">freieste</em> und der <em class="gesperrt">weiseste</em>, <b>er</b> ist der <em class="gesperrt">sittlichste</em> Mensch;
-und nur <em class="gesperrt">darum</em> leidet gerade <b>er</b> am schwersten unter allem,
-was auch in ihm noch unbewut, noch Chaos, noch <em class="gesperrt">Fatum</em> ist. &mdash;</p>
-
-<p>Wie steht es nun mit der Sittlichkeit groer Menschen
-den anderen Menschen gegenber? Ist dies doch die einzige
-Form, in welcher, nach der populren Meinung, die
-Unsittlichkeit nicht anders als in Verbindung mit dem
-Strafgesetzbuch zu denken wei, Moralitt sich offenbaren
-kann! Und haben nicht gerade hier die berhmten Mnner
-die bedenklichsten Charaktereigenschaften verraten? Muten
-sie nicht oft schnden Undanks, grausamer Hrte, schlimmer
-Verfhrertcken sich zeihen lassen?</p>
-
-<p>Weil Knstler und Denker, je grer sie sind, desto
-rcksichtsloser sich selbst die Treue wahren und hiebei die
-Erwartungen manch eines tuschen, mit dem sie vorbergehende
-Gemeinschaft geistiger Interessen verknpfte, und die, ihrem
-hheren Fluge zu folgen spter nicht mehr imstande, den
-Adler selbst an die Erde binden wollen (<em class="gesperrt">Lavater</em> und <em class="gesperrt">Goethe</em>)
-&mdash; darum hat man sie als unmoralisch verschrieen. Das Schicksal
-der <em class="gesperrt">Friederike aus Sesenheim</em> ist <em class="gesperrt">Goethe</em>, obwohl ihn
-das keineswegs entschuldigt, sicherlich viel nher gegangen als
-dieser, und wenn er auch glcklicherweise so unendlich viel
-<em class="gesperrt">verschwiegen</em> hat, da die Modernen, die ihn als den leichtlebigen
-Olympier <em class="gesperrt">ganz</em> zu besitzen glauben, tatschlich nur jene
-Flocken von ihm in den Hnden halten, die Faustens unsterbliches
-Teil umgeben &mdash; man darf gewi sein, da er selbst am
-genauesten prfte, wieviel Schuld ihn traf, und diese in ihrem
-ganzen Ausma bereut hat. Und wenn scheelschtige Nrgler,
-die <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Erlsungslehre und den Sinn des Nirwna
-nie erfat haben, es diesem Philosophen zum Vorwurf
-machen, da er auf seinem <em class="gesperrt">Rechte</em> auf sein Eigentum, bis
-zum uersten, bestanden hat, so verdient dies, als ein hndisches
-Geklffe, gar keine Antwort.</p>
-
-<p>Da der bedeutende Mensch gegen sich selbst am sittlichsten
-ist, steht also wohl fest: er wird nicht eine fremde
-Anschauung sich aufzwingen lassen und hiedurch sein Ich unterdrcken;
-er wird die Meinung des anderen &mdash; das fremde Ich und
-dessen Ansicht bleiben fr ihn etwas vom Eigenen gnzlich<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span>
-Unterschiedenes &mdash; nicht passiv acceptieren, und ist er einmal
-rezeptiv gewesen, so wird ihm der Gedanke hieran schmerzvoll
-und frchterlich sein. Eine bewute Lge, die er einmal
-getan hat, wird er sein ganzes Leben lang <em class="gesperrt">mitschleppen</em>,
-und nicht in dionysischer Weise leichthin <em class="gesperrt">abschtteln</em>
-knnen. Am strksten aber werden geniale Menschen leiden,
-wenn sie sich selbst erst hinterdrein auf eine Lge kommen,
-um die sie gar nicht wuten, als sie sie anderen gegenber
-sprachen, oder mit der sie sich selbst belogen haben. Die
-anderen Menschen, die nicht dieses Bedrfnis nach Wahrheit
-haben wie er, bleiben eben darum immer viel tiefer in Lge und
-Irrtum verstrickt, und dies ist der Grund, warum sie die eigentliche
-Meinung und die Heftigkeit des Kampfes groer Persnlichkeiten
-gegen die <em class="gesperrt">Lebenslge</em> so wenig verstehen.</p>
-
-<p>Der hochstehende Mensch, das ist jener, in dem das
-zeitlose Ich die Macht gewonnen hat, sucht seinen Wert vor
-seinem intelligiblen Ich, vor seinem moralischen und intellektuellen
-Gewissen zu steigern. Auch seine Eitelkeit ist zunchst
-die vor sich selbst: <em class="gesperrt">es entsteht in ihm das Bedrfnis,
-sich selbst zu imponieren</em> (mit seinem Denken,
-Handeln und Schaffen). Diese Eitelkeit ist die eigentliche
-Eitelkeit des Genies, das seinen Wert und seinen Lohn in sich
-selbst hat, und dem es nicht auf die Meinung anderer von
-ihm darum ankommt, damit es selbst auf diesem Umweg von
-sich eine hhere gewinne. Sie ist jedoch keineswegs etwas
-lbliches, und asketisch angelegte Naturen (<em class="gesperrt">Pascal</em>) werden
-auch unter dieser Eitelkeit schwer leiden knnen, ohne doch je
-ber sie hinauszukommen. Zur inneren Eitelkeit wird sich
-Eitelkeit vor anderen stets gesellen; <em class="gesperrt">aber die beiden liegen
-miteinander im Kampfe</em>.</p>
-
-<p>Wird nun nicht durch diese starke Betonung der Pflicht
-gegen sich selbst die Pflichterfllung den anderen Menschen
-gegenber beeintrchtigt? Stehen die beiden nicht in einem
-solchen Wechselverhltnis, da, wer sich selbst die Treue
-wahrt, sie notwendig anderen brechen mu?</p>
-
-<p>Keineswegs. Wie die Wahrheit nur eine ist, so gibt es auch
-nur ein <em class="gesperrt">Bedrfnis</em> nach Wahrheit &mdash; <em class="gesperrt">Carlyles</em> Sincerity
-&mdash; das man <em class="gesperrt">sowohl</em> sich selbst als auch der Welt gegenber<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span>
-hat oder nicht hat, aber nie getrennt, nie eines von beiden, nicht
-Weltbeobachtung ohne Selbstbeobachtung, und nicht Selbstbeobachtung
-ohne Weltbeobachtung: so gibt es berhaupt nur
-eine einzige Pflicht, nur einerlei Sittlichkeit. Man handelt
-moralisch oder unmoralisch <em class="gesperrt">berhaupt</em>, und wer sich
-selbst gegenber sittlich ist, der ist es auch den anderen
-gegenber.</p>
-
-<p>ber nichts sind indessen falsche Vorstellungen so verbreitet
-wie darber, was sittliche Pflicht gegen den Nebenmenschen
-ist, und wodurch ihr erst gengt wird.</p>
-
-<p>Wenn ich von jenen theoretischen Systemen der Ethik
-einstweilen absehe, welche Frderung der menschlichen Gesellschaft
-als das Prinzip betrachten, das allem Handeln zu
-Grunde zu legen sei, und die immerhin weniger auf die
-konkreten Gefhle whrend der Handlung und auf das
-empirische im Impulse, als auf das Walten eines generellen
-sittlichen Gesichtspunktes gehen und insofern doch
-hoch ber aller Sympathiemoral stehen: so bleibt nur
-die populre Meinung brig, welche die Sittlichkeit eines
-Menschen grtenteils nach dem Grade seiner Mitleidigkeit,
-seiner Gte bestimmt. Von philosophischer Seite haben im
-Mitgefhle <em class="gesperrt">Hutcheson</em>, <em class="gesperrt">Hume</em> und <em class="gesperrt">Smith</em> das Wesen und
-die Quelle alles ethischen Verhaltens erblickt; eine auerordentliche
-Vertiefung hat dann diese Lehre in <em class="gesperrt">Schopenhauers</em>
-Mitleidsmoral erhalten. Die <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>sche
-Preisschrift ber die Grundlage der Moral verrt indes
-gleich in ihrem Motto Moral predigen ist leicht, Moral begrnden
-schwer den Grundfehler aller Sympathieethik: als
-welche sie nmlich stets verkennt, da die Ethik keine sachlich-beschreibende,
-sondern eine das Handeln normierende
-Wissenschaft ist. Wer sich ber die Versuche lustig macht,
-genau zu erhorchen, was die innere Stimme im Menschen
-wirklich spricht, mit Sicherheit zu ergrnden, was der
-Mensch <em class="gesperrt">soll</em>, der verzichtet auf jede Ethik, die ihrem Begriffe
-nach eben eine Lehre von den Forderungen ist, welche
-der Mensch an sich und an alle anderen stellt; und nicht von dem
-erzhlt, was er, diesen Forderungen Raum gebend oder sie bertnend,
-tatschlich vollbringt. Nicht was geschieht, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span>
-was geschehen <em class="gesperrt">soll</em>, ist Objekt der Moralwissenschaft, alles
-andere gehrt in die Psychologie.</p>
-
-<p>Alle Versuche, die Ethik in Psychologie aufzulsen,
-bersehen, da jede psychische Regung im Menschen vom
-Menschen selbst <em class="gesperrt">gewertet</em> wird, und das Ma zur Bewertung
-irgend welchen Geschehens nicht selbst Geschehnis
-sein kann. Dieser Mastab kann nur eine <em class="gesperrt">Idee</em> oder ein
-<em class="gesperrt">Wert</em> sein, der nie vllig verwirklicht und aus keiner Erfahrung
-abzuleiten ist, weil <em class="gesperrt">er</em> bestehen bleibt, wenn auch
-alle Erfahrung ihm zuwiderliefe. <em class="gesperrt">Sittliches Handeln
-kann also nur Handeln nach einer Idee sein.</em>
-Es ist hienach nur zwischen solchen Morallehren zu whlen,
-welche Ideen, Maximen des Handelns aufstellen, und da
-kommt immer nur zweierlei in Betracht: der ethische Sozialismus
-oder die Sozialethik, die von <em class="gesperrt">Bentham</em> und den <em class="gesperrt">Mill</em>
-begrndet, und spter von eifrigen Importeuren auch auf den
-Kontinent und sogar nach Deutschland und Norwegen gebracht
-wurde, und der ethische Individualismus, wie ihn <em class="gesperrt">das
-Christentum</em> und der <em class="gesperrt">deutsche Idealismus</em> lehren.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">zweite</em> Fehler aller Ethik des Mitgefhls ist eben
-der, da sie Moral begrnden, <em class="gesperrt">ableiten</em> will, Moral, die
-ihrem Begriffe nach den letzten Grund des menschlichen
-Handelns bilden soll, und darum nicht selbst noch erklrbar,
-deduzierbar sein darf, die Zweck an sich selbst ist und nicht
-mit irgend etwas auer ihr, wie Mittel und Zweck, in Verbindung
-gebracht werden darf. Soferne aber dieser Anspruch
-der Sympathiemoral mit dem Prinzipe jeder blo deskriptiven
-und danach notwendig relativistischen Ethik bereinkommt,
-sind beide Fehler im Grunde eins, und mu diesem
-Unterfangen immer entgegengehalten werden, da niemand,
-liefe er auch das ganze Gebiet aller Ursachen und Wirkungen
-ab, irgendwo den Gedanken eines hchsten <em class="gesperrt">Zweckes</em> in ihm
-entdecken wrde, der allein fr alle moralischen Handlungen
-wesentlich ist. Der Zweckgedanke kann nicht aus Grund und
-Folge erklrt werden, das Verhltnis von Grund und Folge
-schliet ihn vielmehr aus. Der Zweck tritt auf mit dem Anspruch,
-das Handeln zu schaffen, an ihm wird der Erfolg
-und Ausgang aller Tat gemessen, und auch dann noch immer<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span>
-ungengend gefunden, wenn selbst alle Faktoren, die sie
-bestimmten, wohl bekannt sind und noch so schwer ihr Gewicht
-im Bewutsein geltend machen. Neben dem Reich der Ursachen
-gibt es ein Reich der Zwecke, und dieses Reich ist das
-Reich des Menschen. Vollendete Wissenschaft vom Sein ist
-eine Gesamtheit der Ursachen, die bis zur obersten Ursache
-aufsteigen will, vollendete Wissenschaft vom Sollen ein Ganzes
-der Zwecke, das in einem letzten hchsten Zwecke kulminiert.</p>
-
-<p>Wer also das Mitleid ethisch positiv wertet, hat etwas,
-das gar nicht Handlung war, sondern nur Gefhl, nicht eine
-Tat, sondern nur ein Affekt (der seiner Natur nach nicht
-unter den Zweck-Gesichtspunkt fllt), moralisch beurteilt. Das
-Mitleid mag ein ethisches <em class="gesperrt">Phnomen</em>, eine uerungsweise
-von etwas Ethischem sein, es ist aber so wenig ein ethischer
-<em class="gesperrt">Akt</em> wie das Schamgefhl oder der Stolz; <em class="gesperrt">man hat
-zwischen ethischem Akt und ethischem Phnomen
-wohl zu unterscheiden</em>. Unter dem ersteren darf nichts
-verstanden werden als <em class="gesperrt">bewute Bejahung der Idee durch
-die Handlung: ethische Phnomene sind unbeabsichtigte,
-unwillkrliche Anzeichen einer andauernden
-Richtung des Gemtes auf die Idee.</em> Nur in den Motivenkampf
-greift die Idee immer wieder ein und sucht ihn zu beeinflussen
-und zu entscheiden; in den empirischen Mischungen
-ethischer mit unethischen Gefhlen, des Mitleids mit der
-Schadenfreude, des Selbstgefhles mit dem bermut, liegt
-noch nichts von einem <em class="gesperrt">Entschlusse</em>. <em class="gesperrt">Das Mitleid ist vielleicht
-der sicherste Anzeiger der Gesinnung, aber
-kein Zweck irgend eines Handelns.</em> Nur <em class="gesperrt">Wissen</em> des
-Zweckes, <em class="gesperrt">Bewutsein</em> des Wertes gegenber allem Unwerte
-konstituiert die Sittlichkeit; hierin hat <em class="gesperrt">Sokrates</em> gegenber
-allen Philosophen, die nach ihm gekommen sind (nur
-<em class="gesperrt">Plato</em> und <em class="gesperrt">Kant</em> haben ihm sich angeschlossen), recht. Ein
-alogisches Gefhl, wie das Mitleid immer ist, hat keinen Anspruch
-auf <em class="gesperrt">Achtung</em>, sondern erweckt hchstens <em class="gesperrt">Sympathie</em>.</p>
-
-<p>Die Frage ist demnach erst zu beantworten, inwiefern
-ein Mensch sich sittlich verhalten knne gegen andere Menschen.</p>
-
-<p>Nicht durch unerbetene Hilfe, die in die fremde Einsamkeit
-<em class="gesperrt">dringt</em> und die Grenzen durchbricht, welche der<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span>
-Nebenmensch um sich zieht, sondern durch die Ehrerbietung,
-mit der man diese Grenzen <em class="gesperrt">wahrt</em>; nicht durch <em class="gesperrt">Mitleid</em>,
-nur durch <em class="gesperrt">Achtung</em>. <em class="gesperrt">Achtung</em>, dies hat <em class="gesperrt">Kant</em> zuerst ausgesprochen,
-bringen wir keinem Wesen auf der Welt entgegen
-als dem Menschen. Es ist seine ungeheuere Entdeckung,
-da kein Mensch sich selbst, sein intelligibles Ich, die Menschheit
-(das ist nicht die menschliche Gesellschaft von 1500 Millionen,
-sondern die <em class="gesperrt">Idee</em> der <em class="gesperrt">Menschenseele</em>) in seiner
-Person oder in der Person des anderen als Mittel zum Zweck
-gebrauchen kann. In der ganzen Schpfung kann alles, was
-man will, und worber man etwas vermag, auch <em class="gesperrt">blo als
-Mittel</em> gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm
-jedes vernnftige Geschpf, ist <em class="gesperrt">Zweck an sich selbst</em>.</p>
-
-<p>Womit aber erweise ich einem Menschen Verachtung, und
-wie bezeige ich ihm meine Achtung? Das erste, indem ich ihn
-<em class="gesperrt">ignoriere</em>, das zweite, indem ich mich mit ihm <em class="gesperrt">beschftige</em>.
-Wie bentze ich ihn als Mittel zum Zweck, und wie ehre ich
-in ihm etwas, das Selbstzweck ist? Das eine, indem ich ihn
-nur als Glied in der Kette der Umstnde betrachte, mit
-denen meine Handlungen zu rechnen haben, das andere,
-indem ich ihn zu <em class="gesperrt">erkennen</em> suche. Erst so, indem man sich
-fr ihn, ohne es ihm gerade zu zeigen, interessiert, an ihn denkt,
-sein Handeln zu begreifen, sein Schicksal mitzufhlen, ihn
-selbst zu <em class="gesperrt">verstehen</em> sucht, erst dadurch, <em class="gesperrt">nur</em> dadurch kann
-man seinen Mitmenschen <em class="gesperrt">ehren</em>. Nur wer, durchs eigene Ungemach
-nicht selbstschtig geworden, allen kleinlichen Hader
-mit dem Mitmenschen vergessend, den Zorn gegen ihn
-unterdrckend, ihn zu <em class="gesperrt">verstehen</em> trachtet, der ist wahrhaft uneigenntzig
-gegen seinen Nchsten; und er handelt sittlich,
-denn er <em class="gesperrt">siegt</em> gerade dann ber den <em class="gesperrt">strksten</em> Feind, der
-das Verstndnis des Nebenmenschen am lngsten erschwert:
-ber die <em class="gesperrt">Eigenliebe</em>.</p>
-
-<p>Wie verhlt sich nun in dieser Hinsicht der hervorragende
-Mensch?</p>
-
-<p>Er, der die meisten Menschen versteht, weil er am universellsten
-veranlagt ist, der zum Weltganzen in der innigsten
-Beziehung lebt, es am leidenschaftlichsten objektiv zu erkennen
-trachtet, er wird auch wie kein zweiter an seinem<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span>
-Nebenmenschen sittlich handeln. In der Tat, niemand denkt
-so viel und so intensiv wie er ber die anderen Menschen
-(ja ber viele auch, wenn er sie nur ein einziges Mal
-flchtig erblickt hat), und niemand sucht so lebhaft wie er
-zur Klarheit ber sie zu kommen, wenn er sie noch nicht
-mit gengender Deutlichkeit und Intensitt in sich hat. Wie
-er selbst eine kontinuierlich von seinem Ich erfllte Vergangenheit
-hinter sich hat, so wird er auch darber sich
-Gedanken machen, welches das Schicksal der anderen in der
-Zeit gewesen ist, ehe da er sie noch kennen lernte. Er folgt
-dem strksten Zuge des inneren Wesens, wenn er ber sie
-denkt, denn er sucht ja in ihnen nur ber sich zur Klarheit,
-zur Wahrheit zu gelangen. Hier zeigt sich eben, da
-die Menschen alle Glieder einer intelligiblen Welt sind, in
-der es keinen beschrnkten Egoismus oder Altruismus gibt.
-Nur so ist es zu erklren, da groe Mnner, wie zu den
-Menschen <em class="gesperrt">neben</em> ihnen, so auch zu allen Persnlichkeiten der
-Geschichte, die zeitlich <em class="gesperrt">vor</em> ihnen gelebt haben, in ein lebendigeres,
-verstndnisvolleres Verhltnis treten, nur <em class="gesperrt">dies</em> der
-Grund, warum der groe Knstler auch die geschichtliche
-Individualitt so viel besser und intensiver erfat als der blo
-wissenschaftliche Historiker. Es gibt keinen groen Mann,
-der nicht zu <em class="gesperrt">Napoleon</em>, zu <em class="gesperrt">Plato</em>, zu <em class="gesperrt">Mohammed</em> in einem
-persnlichen Verhltnisse stnde. <em class="gesperrt">So nmlich erweist er
-auch denen seine Achtung und wahre Piett, die vor
-ihm gelebt haben.</em> Und wenn so mancher, der mit Knstlern
-verkehrt hat, sich peinlich berhrt fhlte, als er sich
-spter in einer ihrer Schpfungen wiedererkannte; wenn deshalb
-so oft ber den Dichter die Beschwerde laut wird, da
-ihm alles zum Modell werde, so ist das unangenehme Gefhl
-in solcher Situation nur zu begreiflich; aber der Knstler,
-der mit der Kleinlichkeit der Menschen nicht rechnet, hat
-darum kein Verbrechen begangen: er hat, in seiner Weise der
-unreflektierten Darstellung und Neuerzeugung der Welt, den
-<em class="gesperrt">schpferischen Akt des Verstndnisses vollzogen;
-und es gibt kein Verhltnis zwischen Menschen, das
-reiner wre als dieses</em>.</p>
-
-<p>Damit drfte denn auch das sehr wahre, schon einmal<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span>
-erwhnte Wort <em class="gesperrt">Pascals</em> an Verstndlichkeit gewonnen haben:
-A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus
-d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de
-diffrence entre les hommes. &mdash; Es hngt mit all dem ferner
-zusammen, da ein Mensch, je hher er stehen, desto grere
-Anforderungen bezglich des <em class="gesperrt">Verstehens fremder</em> uerungen
-an sich stellen wird; whrend der Unbegabte bald etwas
-zu verstehen glaubt, oft gar nicht einmal fhlt, da hier etwas
-ist, das er nicht versteht, den <em class="gesperrt">fremden</em> Geist kaum
-empfindet, der aus einem Kunstwerk, aus einer Philosophie
-zu ihm spricht; und so hchstens ein Verhltnis zu den Sachen
-gewinnt, aber nicht zum Nachdenken ber den Schpfer
-selbst sich aufschwingt. Der bedeutende Mensch, der die
-hchste Stufe der Bewutheit erklimmt, identifiziert nicht
-leicht etwas, das er liest; mit sich und seiner Meinung, whrend
-bei geringerer Helligkeit des Geistes sehr verschiedene Dinge
-ineinander verschwimmen und sich gleich ausnehmen knnen.</p>
-
-<p>Der geniale Mensch ist derjenige, dem sein <em class="gesperrt">Ich</em> zum
-Bewutsein gelangt ist. Darum kommt ihm auch das Anderssein
-der anderen am ehesten zur Abhebung, <em class="gesperrt">darum empfindet
-er im anderen Menschen auch dann dessen Ich, wenn
-dieses noch gar nicht stark genug war, um jenem selbst
-zum Bewutsein zu kommen. Aber nur wer fhlt, da
-der andere Mensch <b>auch ein Ich, eine Monade, ein eigenes
-Zentrum der Welt ist</b>, mit besonderer Gefhlsweise
-und Denkart, und besonderer Vergangenheit, der wird
-<b>von selbst davor gefeit</b> sein, den Mitmenschen blo <b>als
-Mittel zum Zweck</b> zu bentzen</em>, er wird der <em class="gesperrt">Kant</em>ischen
-Ethik gem auch im Mitmenschen die <em class="gesperrt">Persnlichkeit</em> (als
-Teil der <em class="gesperrt">intelligiblen</em> Welt) <em class="gesperrt">spren, ahnen und darum
-<b>ehren</b>, und nicht blo an ihm <b>sich rgern</b>. <b>Psychologische
-Grundbedingung alles praktischen Altruismus ist
-daher theoretischer Individualismus.</b></em></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hier liegt also die Brcke</em>, welche vom moralischen
-Verhalten sich selbst gegenber zum moralischen Verhalten
-dem anderen gegenber fhrt, jene Vermittlung, deren Mangel
-in der <em class="gesperrt">Kant</em>ischen Philosophie von <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> mit
-Unrecht als ein Fehler derselben angesehen, und ihr wie ein<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span>
-notwendiges, in ihren wesentlichen Prinzipien begrndetes
-Unvermgen ausgelegt wurde.</p>
-
-<p>Die Probe darauf ist leicht zu machen. Nur der vertierte
-Verbrecher und der Irrsinnige interessieren sich <em class="gesperrt">gar nicht</em>
-auch nur fr irgend einen unter ihren Nebenmenschen, sie
-leben, als ob sie allein auf der Welt wren, sie <em class="gesperrt">fhlen</em> die
-<em class="gesperrt">Anwesenheit</em> des <em class="gesperrt">Fremden</em> gar nicht. Es gibt also keinen
-<em class="gesperrt">praktischen Solipsismus</em>: in wem ein Selbst ist, fr den
-gibt es auch ein Selbst im Nebenmenschen; und nur wenn
-ein Mensch seinen (logischen und ethischen) Wesenskern eingebt
-hat, reagiert er auch auf den zweiten Menschen nicht
-mehr so, als ob dieser ein Mensch, ein Wesen mit durchaus
-eigener Persnlichkeit wre. <em class="gesperrt">Ich und Du sind eben Wechselbegriffe.</em></p>
-
-<p>Am strksten gelangt der Mensch zum Bewutsein seiner
-selbst, wenn er mit anderen Menschen beisammen ist. Darum
-ist der Mensch in Gegenwart anderer Menschen stolzer, als
-wenn er allein ist, und bleibt es den Stunden seiner Einsamkeit
-aufgespart, seinen bermut zu dmpfen.</p>
-
-<p>Endlich: wer sich ttet, der ttet gleichzeitig die ganze
-Welt; und wer den anderen mordet, begeht eben darum das
-schwerste Verbrechen, weil er in ihm sich gemordet hat.
-So ist denn jener Solipsismus im Praktischen ein Unding,
-und sollte lieber <em class="gesperrt">Nihilismus</em> genannt werden; wenn
-kein Du da ist, dann ist auch sicherlich nie ein Ich vorhanden,
-es bleibt hernach berhaupt &mdash; nichts.</p>
-
-<p>Auf die psychologische <em class="gesperrt">Verfassung</em> kommt es an,
-welche es <em class="gesperrt">unmglich</em> macht, den anderen Menschen als
-Mittel zum Zweck zu gebrauchen. Und da fand sich: <em class="gesperrt">wer
-seine Persnlichkeit fhlt, der fhlt sie auch in
-anderen</em>. Fr ihn ist das Tat-tvam-asi keine schne Hypothese,
-sondern <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em>. <em class="gesperrt">Der hchste Individualismus
-<b>ist</b> der hchste Universalismus.</em></p>
-
-<p>Schwer irrt also der Leugner des Subjektes, Ernst
-<em class="gesperrt">Mach</em>, wenn er glaubt, nach dem Verzicht auf das eigene
-Ich sei erst ein ethisches Verhalten, welches Miachtung
-des fremden Ich und berschtzung des eigenen ausschliet,
-zu erwarten. Es hat sich eben gezeigt, wohin<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span>
-der Mangel eines eigenen Ich im Verhalten zum Nebenmenschen
-fhrt. <em class="gesperrt">Das Ich ist Grundbedingung auch
-aller sozialen Moral.</em> Gegen eine bloe <em class="gesperrt">Verknotungsstelle</em>
-von Elementen werde ich mich, <em class="gesperrt">rein psychologisch</em>,
-nie ethisch verhalten knnen. Als Ideal kann man
-das <em class="gesperrt">aussprechen</em>; es ist aber dem praktischen Verhalten
-ganz entrckt, kann ihm nie als Norm dienen, <em class="gesperrt">weil es die
-psychologische Bedingung aller Verwirklichung der
-sittlichen Idee <b>eliminiert</b>, whrend die moralische
-Forderung eben psychologisch <b>da ist</b></em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Gerade umgekehrt handelt es sich darum, jedem
-Menschen bewut zu machen, da er ein hheres
-Selbst, eine Seele besitzt, und da auch die anderen
-Menschen eine Seele besitzen.</em> (Dazu wird der grte
-Teil der Menschheit aber immer einen <em class="gesperrt">Seelenhirten</em> bentigen.)
-Erst hiemit ist ein ethisches Verhltnis zum Nebenmenschen
-<em class="gesperrt">da, wirklich da</em>.</p>
-
-<p>Dieses Verhltnis aber ist im genialen Menschen in
-einzigster Weise verwirklicht. Niemand wird mit den Menschen,
-und darum an den Menschen, mit denen er lebt, so <em class="gesperrt">leiden</em>
-wie er. Denn in bestimmtem Sinne wird sicherlich der
-Mensch <em class="gesperrt">nur</em> durch Mitleid wissend. Ist Mitleid auch nicht
-selbst klares, abstrakt-begriffliches oder anschaulich-symbolisches
-Wissen, so ist es doch der strkste Impuls, um zu
-allem Wissen zu gelangen. Nur durch Leiden <em class="gesperrt">unter</em> den
-Dingen begreift sie der Genius, nur durch Leiden <em class="gesperrt">mit</em> den
-Menschen versteht er diese. Und der Genius leidet am
-meisten, weil er mit allem und in allem leidet; aber am
-strksten leidet er an seinem Mitleiden.</p>
-
-<p>Wurde in einem frheren Kapitel das Geniale zu erweisen
-gesucht als jener Faktor, der den Menschen erst
-eigentlich ber das Tier erhebt, und zugleich damit die Tatsache
-in Verbindung gebracht, da nur der Mensch eine
-Geschichte hat (diese erklre sich aus der allen Menschen innewohnenden
-und nur graduell verschiedenen Genialitt), so
-mu hierauf nun noch einmal zurckgegriffen werden. Genialitt
-fllt zusammen mit lebendiger Ttigkeit des intelligiblen
-Subjektes. Und Geschichte offenbart sich nur im Sozialen,<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span>
-im objektiven Geiste, die Individuen an sich bleiben sich
-ewig gleich und schreiten nicht vor wie dieser (sie sind <em class="gesperrt">das
-Ahistorische</em>). So sehen wir hier, wie unsere Fden zusammenlaufen,
-um ein berraschendes Resultat zu erzeugen.
-Ist nmlich &mdash; hierin glaube ich nicht zu irren &mdash; die zeitlose
-menschliche Persnlichkeit auch Bedingung jedes wahrhaft
-ethischen Verhaltens auch gegen den Nebenmenschen, <em class="gesperrt">Individualitt
-<b>Voraussetzung</b></em> einer <em class="gesperrt">sozialen</em> Gesinnung, so
-wird damit auch klar, warum das animal metaphysicum
-und das &#950;&#8183;&#959;&#957; &#960;&#959;&#955;&#953;&#964;&#953;&#954;&#972;&#957;, das geniale Geschpf und der Trger
-einer Geschichte <em class="gesperrt">eines</em> sind, ein und dasselbe Wesen, <em class="gesperrt"><b>nmlich</b>
-der Mensch</em>. Und so ist auch die alte Streitfrage erledigt,
-was <em class="gesperrt">frher</em> da sei, <em class="gesperrt">Individuum</em> oder <em class="gesperrt">Gemeinschaft</em>: <b>beide
-nmlich sind zugleich und miteinander da</b>.</p>
-
-<p>Hiemit betrachte ich denn in jeder Beziehung den
-Nachweis als gefhrt, da Genialitt <em class="gesperrt">hhere Sittlichkeit</em>
-berhaupt ist. Der bedeutende Mensch ist nicht nur der
-sich selbst treueste, der nichts von sich vergessende, der, dem
-Irrtum und Lge am verhatesten, am unertrglichsten sind;
-er ist auch der sozialste, der einsamste zugleich der zweisamste
-Mensch. <em class="gesperrt">Das Genie ist eine hhere Daseinsform
-berhaupt, nicht nur intellektuell, sondern auch
-moralisch. Der Genius offenbart ganz eigentlich <b>die
-Idee</b> des Menschen. Er kndet, was der Mensch ist: das
-<b>Subjekt</b>, dessen <b>Objekt</b> das <b>ganze</b> Universum, und stellt
-das fest fr ewige Zeiten.</em></p>
-
-<p>Man lasse sich nicht irre machen. <em class="gesperrt">Bewutsein</em>, und
-<em class="gesperrt">nur Bewutsein</em>, ist an und fr sich moralisch, alles Unbewute
-unmoralisch, und alles Unmoralische unbewut. Das
-unmoralische Genie, der groe bse Mensch ist deshalb
-ein Fabeltier; von groen Menschen in bestimmten Augenblicken
-ihres Lebens als eine Mglichkeit ersonnen, um
-dann, sehr gegen den Willen der Schpfer, fr furchtsame
-und schwchliche Naturen einen Wauwau abzugeben, mit
-dem sie sich und andere Kinder schrecken. Es gibt keinen
-Verbrecher, der seiner Tat gewachsen wre, der da dchte
-und sprche wie der <em class="gesperrt">Hagen</em> der Gtterdmmerung an
-<em class="gesperrt">Siegfrieds</em> Leichnam: Ja denn, ich hab ihn erschlagen,<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span>
-<em class="gesperrt">ich, Hagen</em>, schlug ihn zu tot! <em class="gesperrt">Napoleon</em> und <em class="gesperrt">Baco von
-Verulam</em>, die man als Gegeninstanzen anfhrt, werden
-intellektuell bei weitem berschtzt oder falsch gedeutet. Und
-zu <em class="gesperrt">Nietzsche</em> darf man in diesen Dingen &mdash; wenn er von
-den Borgias zu reden anfngt &mdash; am wenigsten Vertrauen
-hegen. Die Konzeption des Diabolischen, des Antichrist,
-des Ahriman, des Radikal-Bsen in der menschlichen Natur
-ist beraus gewaltig. Mit dem Genie aber hat sie nur insoferne
-zu schaffen, als sie gerade sein Gegenteil ist. Sie ist
-eine Fiktion, geboren in den Stunden, da groe Menschen
-gegen den Verbrecher in sich den entscheidenden Kampf
-gekmpft haben.</p>
-
-<p>Universelle Apperzeption, Allgemeinbewutsein, vollkommene
-Zeitlosigkeit ist ein Ideal, auch fr die genialen
-Menschen; <em class="gesperrt">Genialitt ist ein innerer Imperativ</em>, nie
-bei einem Menschen je gnzlich vollzogene <em class="gesperrt">Tatsache</em>. Darum
-wird zu allerletzt ein genialer Mensch, er am allerwenigsten,
-von sich so einfach zu sagen imstande sein: Ich <em class="gesperrt">bin</em> ein
-Genie. Denn Genialitt ist, ihrem Begriffe nach, nichts als
-gnzliche Erfllung der Idee des Menschen, und darum
-genial etwas, das jeder Mensch sein <em class="gesperrt">sollte</em> und das zu
-werden <em class="gesperrt">prinzipiell jedem Menschen mglich sein
-mu</em>. Denn Genialitt ist hchste Sittlichkeit, und darum
-Pflicht eines jeden. Zum Genie wird der Mensch durch
-einen hchsten <em class="gesperrt">Willensakt</em>, <em class="gesperrt">indem er das ganze
-Weltall in sich bejaht</em>. Genialitt ist etwas, das die
-genialen Menschen <em class="gesperrt">auf sich genommen haben</em>: es ist
-die grte Aufgabe und der grte Stolz, das grte Unglck
-und das grte Hochgefhl, das einem Menschen
-mglich ist. So paradox es klingt: genial ist der Mensch, wenn
-er es sein <em class="gesperrt">will</em>.</p>
-
-<p>Nun wird man freilich sagen: sehr viele Menschen mchten
-sehr gerne Original-Genies sein, und es hilft ihnen doch aller
-Wunsch nicht dazu. Aber wenn diese Menschen, die es sehr
-gerne mchten, eine lebhaftere Ahnung davon htten, <em class="gesperrt">was</em>
-das, wonach ihr Wunsch verlangt, eigentlich <em class="gesperrt">bedeutet</em>, wenn
-ihnen aufgegangen wre, da Genialitt identisch ist mit <em class="gesperrt">universeller
-Verantwortlichkeit</em> &mdash; und bevor einem etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span>
-ganz klar ist, kann er es ja nur <em class="gesperrt">wnschen</em>, nicht <em class="gesperrt">wollen</em>
-&mdash; so ist wahrscheinlich, da die weitaus grte Zahl der
-Menschen, genial zu werden, <em class="gesperrt">ablehnen</em> wrde.</p>
-
-<p>Aus keinem anderen Grunde auch &mdash; Toren glauben
-dann an die Nachwirkungen der Venus oder an die spinale
-Degeneration des Neurasthenikers &mdash; verfallen so viele geniale
-Menschen dem <em class="gesperrt">Irrsinn</em>. Es sind diejenigen, denen die Last
-zu schwer wurde, die ganze Welt gleich dem Atlas auf
-ihren Schultern zu tragen, und darum immer kleinere, minder
-hervorragende, nie die allergrten, nie die strksten Geister.
-Das Genie, das zum Irrsinnigen wird, <em class="gesperrt">will nicht mehr
-Genie sein</em>; es will statt der Sittlichkeit &mdash; das <em class="gesperrt">Glck</em>.
-Denn aller Wahnsinn entsteht nur aus der Unertrglichkeit
-des an alle Bewutheit geknpften Schmerzes; und darum hat
-<em class="gesperrt">Sophokles</em> am tiefsten das Motiv angedeutet, warum ein
-Mensch auch seinen <em class="gesperrt">Irrsinn wollen</em> kann; indem er den
-Aias, dessen Geist denn auch zuletzt der Nacht verfllt,
-sagen lt:</p>
-
-<p>&#7952;&#957; &#964;&#8183; &#966;&#961;&#959;&#957;&#949;&#8150;&#957; &#947;&#8048;&#961; &#956;&#951;&#948;&#8050;&#957; &#7973;&#948;&#953;&#963;&#964;&#959;&#962; &#946;&#943;&#959;&#962;.</p>
-
-<p>Ich beschliee dieses Kapitel mit den tiefen, an die erhabensten
-Momente des <em class="gesperrt">Kant</em>ischen Stiles gemahnenden Worten
-des <em class="gesperrt">Johann Pico von Mirandola</em>, fr deren Verstndnis ich
-hier vielleicht einiges getan habe. Er lt, in seiner Rede ber
-die Wrde des Menschen die Gottheit zum Menschen also
-sprechen:</p>
-
-<p>Nec certam sedem, nec propriam faciem, nec munus
-ullum peculiare tibi dedimus, o Adam: ut quam sedem, quam
-faciem, quae munera tute optaveris, ea pro voto, pro tua
-sententia, habeas et possideas. Definita ceteris natura intra
-praescriptas a nobis leges coercetur; tu nullis angustiis
-coercitus, pro tuo arbitrio, in cuius manu te posui, tibi
-illam praefinies. Medium te mundi posui, ut circumspiceres
-inde commodius quicquid est in mundo. Nec te caelestem,
-neque terrenum, neque mortalem, neque immortalem fecimus,
-ut tui ipsius quasi arbitrarius honorariusque plastes et fictor
-in quam malueris tute formam effingas. Poteris in inferiora quae
-sunt bruta degenerare, poteris in superiora quae sunt divina,
-ex tui animi sententia regenerari.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span>
-
-O summam Dei Patris liberalitatem, summam et admirandam
-hominis felicitatem: cui datum id habere quod
-optat, id esse quod velit. Bruta simul atque nascuntur id
-secum afferunt e bulga matris, quod possessura sunt. Supremi
-spiritus aut ab initio aut paulo mox id fuerunt, quod sunt
-futuri in perpetuas aeternitates. <em class="gesperrt">Nascenti homini omniferaria
-semina et omnigenae vitae germina indidit Pater</em>; quae
-quisque excoluerit, illa adolescent et fructus suos ferent in illo:
-si vegetalia, planta fiet, si sensualia, obbrutescet, si rationalia,
-caeleste evadet animal, si intellectualia, angelus erit et Dei
-<em class="gesperrt">filius</em>. <em class="gesperrt">Et si nulla creaturarum sorte contentus in unitatis
-centrum suae se receperit, unus cum Deo spiritus
-factus, in solitaria Patris caligine qui est super
-omnia constitutus omnibus antestabit.</em></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span><a name="IX_Kapitel" id="IX_Kapitel"><small>IX. Kapitel.</small></a><br />
-
-Mnnliche und weibliche Psychologie.</h2>
-
-<p class="right">
-De subjecto vetustissimo ....<br />
-<em class="gesperrt">Galilei.</em><br />
-<br />
-</p>
-
-
-<p>Es ist an der Zeit, zu der eigentlichen Aufgabe der
-Untersuchung zurckzukehren, um zu sehen, wie weit deren
-Lsung durch die lngeren Einschiebungen gefrdert worden
-ist, die oft ziemlich weit von ihr abzufhren schienen.</p>
-
-<p>Die Konsequenzen der entwickelten Grundstze sind fr
-eine Psychologie der Geschlechter so radikale, da, auch wer
-zu den bisherigen Ableitungen seine Zustimmung gegeben
-hat, vor <em class="gesperrt">diesen</em> Folgerungen zurckscheuen drfte. Es ist
-noch nicht der Ort, die Grnde dieser Scheu zu analysieren;
-aber um die nun aufzustellende These gegen alle Einwnde,
-die aus ihr flieen werden, zu schtzen, soll sie in diesem
-Abschnitt noch in ausgiebigster Weise durch zwingende
-Argumente vollstndig gesichert werden.</p>
-
-<p>Worum es sich handelt, ist in Krze dies. Es wurde
-gefunden, da das logische und das ethische Phnomen, beide
-im Begriffe der Wahrheit zum hchsten Werte sich zusammenschlieend,
-zur Annahme eines intelligiblen Ich oder
-einer Seele, als eines Seienden von hchster, hyperempirischer
-Realitt, zwingen. <em class="gesperrt">Bei einem Wesen, dem, wie <b>W</b>, das
-logische und das ethische Phnomen mangeln, entfllt
-auch der Grund, jene Annahme zu machen.</em> Das vollkommen
-weibliche Wesen kennt weder den logischen noch
-den moralischen Imperativ, und das Wort Gesetz, das Wort
-Pflicht, Pflicht gegen sich selbst, ist das Wort, das ihm
-am fremdesten klingt. Also ist der Schlu vollkommen berechtigt,
-da ihm auch die bersinnliche Persnlichkeit fehlt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span>
-
-<b>Das absolute Weib hat kein Ich.</b></p>
-
-<p>Dies ist, in gewisser Beziehung, ein Abschlu der Betrachtung,
-ein Letztes, wozu alle Analyse des Weibes fhrt.
-Und wenn auch diese Erkenntnis, so kurz und bndig ausgesprochen,
-hart und unduldsam, paradox und von allzu
-schroffer Neuheit scheint: es ist, in einer solchen Sache, von
-vornherein kaum wahrscheinlich, da der Verfasser der erste
-sei, welcher zu dieser Anschauung gelangt ist; wenn er auch
-selbstndig wieder zu ihr den Weg finden mute, um das
-Treffende der frheren hnlichen Aussagen zu begreifen. Die
-<em class="gesperrt">Chinesen</em> sprechen seit ltester Zeit dem Weibe eine eigene
-Seele ab. Fragt man einen Chinesen nach der Zahl seiner
-Kinder, so zhlt er nur die Knaben, und hat er blo Tchter,
-so erklrt er, kinderlos zu sein.<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> Aus einem hnlichen Grunde
-hat wohl <em class="gesperrt">Mohammed</em> die Frauen vom Paradiese ausgeschlossen,
-und die unwrdige Stellung, welche das weibliche Geschlecht
-in den Lndern islamitischer Religion einnimmt, hiedurch
-mitverschuldet.</p>
-
-<p>Von den Philosophen ist hier vor allem <em class="gesperrt">Aristoteles</em>
-zu nennen. Fr ihn ist das mnnliche Prinzip bei der Zeugung
-das formende, aktive, der Logos, das weibliche vertritt
-die passive Materie. Erwgt man nun, wie fr <em class="gesperrt">Aristoteles</em>
-Seele mit Form, Entelechie, Urbewegendem zusammenfllt,
-so ist klar, wie sehr er sich der hier ausgesprochenen
-Ansicht nhert, obwohl seine Anschauung nur dort zutage
-tritt, wo er vom Akte der Befruchtung redet; whrend ihm
-sonst mit fast allen Griechen auer <em class="gesperrt">Euripides</em> es gemeinsam
-zu sein scheint, da er ber die Frauen selbst nicht nachdenkt,
-und deshalb nirgends ein Standpunkt in Bezug auf
-die Eigenschaften des Weibes berhaupt (nicht nur in Ansehung
-seiner Rolle beim Begattungsakte) von ihm eingenommen
-wird.</p>
-
-<p>Unter den Kirchenvtern scheinen besonders <em class="gesperrt">Tertullian</em>
-und <em class="gesperrt">Origenes</em> sehr niedrig vom Weibe gedacht zu haben;
-indes <em class="gesperrt">Augustinus</em> schon durch das innige Verhltnis
-zu seiner Mutter davon hat abgehalten werden mssen, die<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span>
-Ansichten jener zu teilen. In der <em class="gesperrt">Renaissance</em> ist die Aristotelische
-Ansicht wieder mehrfach aufgenommen worden,
-z.&nbsp;B. von Jean <em class="gesperrt">Wier</em> (1518&ndash;1588). Damals scheint man diese
-berhaupt, gefhlsmig und intuitiv, besser verstanden und
-nicht blo als Kuriosum betrachtet zu haben, wie das in der
-heutigen Wissenschaft blich ist, die freilich noch zu anderen
-Verbeugungen vor der Aristotelischen Anthropologie sich einmal
-gewi wird bequemen mssen.</p>
-
-<p>In den letzten Jahrzehnten haben dieselbe Erkenntnis
-Henrik <em class="gesperrt">Ibsen</em> (mit den Gestalten der <em class="gesperrt">Anitra</em>, <em class="gesperrt">Rita</em> und
-<em class="gesperrt">Irene</em>) und August <em class="gesperrt">Strindberg</em> (Glubiger) ausgesprochen.
-Am populrsten aber ist der Gedanke von der Seelenlosigkeit
-des Weibes durch das wundervolle Mrchen <em class="gesperrt">Fouqus</em> geworden,
-dessen Stoff dieser Romantiker aus dem, von ihm
-eifrig studierten, <em class="gesperrt">Paracelsus</em> geschpft hat, und durch E.&nbsp;T.&nbsp;A.
-<em class="gesperrt">Hoffmann</em>, <em class="gesperrt">Girschner</em> und Albert <em class="gesperrt">Lortzing</em>, welche es in
-Musik gesetzt haben. <em class="gesperrt">Undine, die seelenlose Undine, ist
-die platonische Idee des Weibes.</em> Trotz aller Bisexualitt
-kommt ihr die Wirklichkeit meist sehr nahe. Die verbreitete
-Rede: das Weib hat keinen Charakter meint im Grunde
-auch nichts anderes. Persnlichkeit und Individualitt, (intelligibles)
-Ich und Seele, Wille und (intelligibler) Charakter &mdash;
-dies alles bezeichnet ein und dasselbe, das im Bereiche des
-Menschen nur M zukommt und W fehlt.</p>
-
-<p>Da aber die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist,
-und bedeutende Menschen solche, welche durchaus <em class="gesperrt">mit</em> Seele
-leben, d.&nbsp;h. in denen die <em class="gesperrt">ganze Welt lebendig</em> ist, <em class="gesperrt">so
-mu W absolut <b>un</b>genial veranlagt sein</em>. <em class="gesperrt">Der Mann</em>
-hat <em class="gesperrt">alles</em> in sich, und mag nur, nach den Worten <em class="gesperrt">Picos von
-Mirandola</em>, dies oder jenes in sich besonders begnstigen.
-Er kann zur hchsten Hhe hinaufgelangen und aufs tiefste
-entarten, er kann zum Tiere, zur Pflanze, <em class="gesperrt">er kann auch
-zum Weibe werden, und darum gibt es weibliche,
-weibische Mnner</em>.</p>
-
-<p><b>Aber die Frau kann nie zum Manne werden.</b> Hier ist
-also die wichtigste Einschrnkung an den Aufstellungen des
-ersten Teiles dieser Schrift vorzunehmen. <em class="gesperrt">Whrend mir
-eine groe Anzahl von Mnnern bekannt sind, die<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span>
-psychisch fast vollstndig, und nicht etwa zur Hlfte
-nur, Weib sind, habe ich zwar schon sehr viele Frauen
-gesehen mit mnnlichen Zgen, aber noch nie auch
-nur eine einzige Frau, die nicht doch im Grunde Weib
-gewesen wre</em>, wenn auch diese Weiblichkeit unter einer
-Menge verkleidender Hllen vor dem Blicke der Person selbst,
-nicht nur der anderen, oft genug sich verbarg. Man <em class="gesperrt">ist</em> (vgl.
-Kapitel 1 des zweiten Teiles) <em class="gesperrt">entweder</em> Mann <em class="gesperrt">oder</em> Weib, so
-viel man auch von beiden Geschlechtern Eigentmlichkeiten
-haben mag, und dieses <em class="gesperrt">Sein</em>, das Problem der Untersuchung
-von Anfang an, bestimmt sich jetzt nach dem Verhltnis
-eines Menschen zur Ethik und zur Logik; aber whrend es
-anatomische Mnner gibt, die psychologisch Weiber <em class="gesperrt">sind</em>,
-gibt es keine Personen, die krperlich Weiber und doch
-psychisch Mnner <em class="gesperrt">sind</em>; wenn sie auch in noch so vielen
-uerlichen Beziehungen einen mnnlichen Aspekt gewhren,
-und einen unweiblichen Eindruck hervorbringen.</p>
-
-<p>Darum aber lt sich mit Sicherheit nun folgende <em class="gesperrt">abschlieende</em>
-Antwort auf die Frage nach der Begabung der
-Geschlechter geben: <em class="gesperrt">es gibt wohl Weiber mit genialen
-Zgen, aber es gibt kein weibliches Genie, hat nie ein
-solches gegeben und kann nie ein solches geben</em>. Wer
-prinzipiell in solchen Dingen der Laxheit huldigen und den
-Begriff der Genialitt so auftun und erweitern wollte, da die
-Frauen unter ihm auch nur ein Fleckchen Raumes fnden,
-der wrde diesen Begriff damit bereits <em class="gesperrt">zerstrt</em> haben.
-Wenn berhaupt ein Begriff von Genialitt in Strenge und
-Einheitlichkeit gewonnen und gewahrt werden soll und kann,
-so sind, wie ich glaube, keine anderen Definitionen von ihm
-mglich als die hier entwickelten. Wie knnte nach diesen
-ein seelenloses Wesen Genie haben? Genialitt ist identisch
-mit <em class="gesperrt">Tiefe</em>; und man versuche nur, tief und Weib wie Attribut
-und Substantiv miteinander zu verbinden: ein jeder hrt den
-Widerspruch. <em class="gesperrt">Ein weiblicher Genius ist demnach eine
-contradictio in adjecto</em>; denn Genialitt war ja nur gesteigerte,
-voll entfaltete, hhere, allgemein bewute Mnnlichkeit.
-Der geniale Mensch hat, wie alles, auch das Weib
-vllig in sich; aber das Weib selbst ist nur ein Teil im Weltall,<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span>
-und der Teil kann nicht das Ganze, Weiblichkeit also nicht
-Genialitt in sich schlieen. Die <em class="gesperrt">Genielosigkeit</em> des Weibes
-folgt unabwendbar daraus, da das Weib keine Monade und
-somit kein Spiegel des Universums ist.</p>
-
-<p>Zum Nachweise der <em class="gesperrt">Seelenlosigkeit</em> des Weibes aber
-vereinigt sich der grte Teil alles dessen, was etwa in den
-vorigen Kapiteln zu ermitteln sollte gelungen sein. Das dritte
-Kapitel zunchst hat gezeigt, da die Frau in Heniden, der
-Mann in gegliederten Inhalten lebt, da das weibliche Geschlecht
-ein weniger <em class="gesperrt">bewutes</em> Leben fhrt als das mnnliche.
-Bewutsein ist aber <em class="gesperrt">ein</em> erkenntnistheoretischer und zugleich
-<em class="gesperrt">der</em> psychologische Fundamentalbegriff. Erkenntnistheoretisches
-Bewutsein und Besitz eines kontinuierlichen Ich, transcendentales
-Subjekt und Seele sind vertauschbare Wechselbegriffe.
-Jedes Ich <em class="gesperrt">ist</em> nur in der Weise, da es sich selbst fhlt, sich
-seiner in seinen Denkinhalten bewut wird; alles Sein ist
-Bewutsein. Aber es ist jetzt zu jener Theorie von den
-Heniden eine wichtige Erluterung hinzuzufgen. Die artikulierten
-Denkinhalte des Mannes sind nicht einfach die auseinandergefalteten
-und geformten weiblichen, sie sind nicht
-blo aktuell, was jene potentiell waren; sondern es steckt in
-ihnen von allem Anfang an noch ein <em class="gesperrt">qualitativ anderes</em>.
-Die psychischen Inhalte des Mannes sind, selbst schon im
-ersten Henidenstadium, das sie stets zu berwinden trachten,
-bereits zur <em class="gesperrt">Begrifflichkeit</em> angelegt, und vielleicht tendiert
-selbst <em class="gesperrt">alle Empfindung</em> des Mannes von einem sehr frhen
-Stadium an <em class="gesperrt">zum Begriffe</em>. Das Weib selbst ist durchaus
-unbegrifflich veranlagt, in seinem Wahrnehmen wie in seinem
-Denken.</p>
-
-<p>Das Prinzip aller Begrifflichkeit sind die logischen
-Axiome, und diese fehlen den Frauen; ihnen ist nicht das
-Prinzip der Identitt Richtschnur, welches allein dem Begriff
-seine eindeutige Bestimmtheit verleihen kann, und sie machen
-sich nicht das principium contradictionis zur Norm, das einzig
-ihn, als vllig selbstndigen, gegen alle anderen mglichen
-und wirklichen Dinge abgrenzt. Dieser Mangel an begrifflicher
-Bestimmtheit alles weiblichen Denkens ermglicht
-jene Sensitivitt der Frauen, die vagen Associationen ein<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span>
-schrankenloses Recht einrumt, und so hufig ganz fernliegende
-Dinge zum Vergleich heranzieht. Auch die Frauen mit dem
-besten und am wenigsten begrenzten Gedchtnis kommen
-ber diese Manier der <em class="gesperrt">Synsthesien</em> nie hinaus. Gesetzt
-z.&nbsp;B., durch irgend ein Wort fhlten sie sich an eine bestimmte
-Farbe, durch einen Menschen an eine bestimmte
-Speise erinnert &mdash; wie das wirklich bei Frauen oft genug
-vorkommt: in solchem Falle geben sie sich mit ihrer subjektiven
-Association vollstndig <em class="gesperrt">zufrieden</em>, sie suchen weder
-zu ergrnden, warum ihnen gerade dieser Vergleich eingefallen,
-inwiefern er wirklich durch die tatschlichen Verhltnisse
-nahegelegt sei, noch trachten sie weiter und eifriger
-ber ihren Eindruck von dem Worte, von dem Menschen ins
-Klare zu kommen. Diese Gengsamkeit und Selbstzufriedenheit
-hngt mit dem zusammen, was frher als intellektuelle Gewissenlosigkeit
-des Weibes bezeichnet wurde, und gleich weiter
-unten nochmals zur Sprache kommen und in seinem Konnex
-mit dem Mangel an Begrifflichkeit erlutert werden soll. Jenes
-Schwelgen in rein gefhlsmigen Anklngen, jener Verzicht
-auf Begrifflichkeit und auf Begreiflichkeit, jenes <em class="gesperrt">Sichwiegen</em>
-ohne <em class="gesperrt">Streben</em> nach irgend einer Tiefe charakterisiert den
-schillernden Stil so vieler moderner Schriftsteller und Maler
-als einen eminent <em class="gesperrt">weiblichen</em>. Mnnliches Denken scheidet
-sich von allem weiblichen grundstzlich durch das Bedrfnis
-nach sicheren Formen, und so ist auch jede Stimmungskunst
-immer notwendig eine <em class="gesperrt">formlose</em> Kunst.</p>
-
-<p>Die psychischen Inhalte des Mannes knnen aus diesen
-Grnden nie einfach Heniden des Weibes in bloer Weiterentwicklung
-in expliciter Form sein. Das Denken des Weibes
-ist ein Gleiten und ein Huschen zwischen den Dingen hindurch,
-ein Nippen von ihren obersten Flchen, denen der
-Mann, der in der Wesen Tiefe trachtet, oft gar keine Beachtung
-schenkt, es ist ein Kosten und ein Schmecken, ein
-<em class="gesperrt">Tasten</em>, kein <em class="gesperrt">Ergreifen</em> des Richtigen. Darum, weil das
-Denken des Weibes vornehmlich eine Art <em class="gesperrt">Schmecken</em> ist, bleibt
-auch <em class="gesperrt">Geschmack</em>, im <em class="gesperrt">weitesten</em> Sinne, die vornehmste weibliche
-Eigenschaft, das Hchste, was eine Frau selbstndig
-erreichen, und worin sie es bis zu einer gewissen Vollendung<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span>
-bringen kann. Geschmack erfordert eine Beschrnkung des
-Interesses auf Oberflchen, er geht auf den Zusammenklang
-des Ganzen, und verweilt nie bei scharf herausgehobenen
-Teilen. Wenn eine Frau einen Mann versteht &mdash; ber
-Mglichkeit und Unmglichkeit solchen Verstehens wird noch
-zu handeln sein &mdash; so <em class="gesperrt">schmeckt</em> sie sozusagen &mdash; so geschmacklos
-gerade dieser Ausdruck sein mag &mdash; <em class="gesperrt">nach</em>, was
-er ihr <em class="gesperrt"><b>vorgedacht</b></em> hat. Da es auf ihrer Seite hiebei eben
-nicht zu scharfer Unterscheidung kommen kann, so ist klar,
-da an ein Verstndnis von ihr selbst oft wird geglaubt werden,
-wo nur hchst vage Analogien in der Empfindung vorhanden
-sind. Als magebend fr die <em class="gesperrt">In</em>kongruenzen ist hiebei vor
-allem anzusehen, da die Denkinhalte des Mannes nicht auf
-derselben Linie, und nicht etwa nur auf ihr weiter vorgerckt
-liegen als die des Weibes, sondern da es <em class="gesperrt">zwei</em> Reihen sind,
-welche auf die gleichen Objekte sich erstrecken, eine begriffliche
-mnnliche und eine unbegriffliche weibliche, und eine im
-Verstehen ausgesagte Identifikation demnach <em class="gesperrt">nicht nur</em>
-zwischen einem entwickelten, differenzierten, spteren, und
-einem noch chaotischen, ungegliederten, frheren Inhalt <em class="gesperrt">derselben</em>
-Reihe erfolgen kann (wie im Falle des Ausdrucks,
-<a href="#Seite_154">S.&nbsp;154</a>); sondern da gerade im Verstehen zwischen Mann
-und Weib ein <em class="gesperrt">begrifflicher</em> Gedanke der einen Reihe einem
-<em class="gesperrt">unbegrifflichen</em> Gefhle, einer Henide, in der anderen
-gleichgesetzt wird.</p>
-
-<p>Die unbegriffliche Natur des Weibes ist aber, nicht
-minder als seine geringere Bewutheit, ein Beweis dafr,
-da es kein Ich besitzt. Denn erst der Begriff schafft den
-bloen Empfindungskomplex zum <em class="gesperrt">Objekt</em> um, er macht ihn
-unabhngig davon, ob ich ihn empfinde oder nicht. Das
-Dasein des Empfindungskomplexes ist immer vom Willen des
-Menschen abhngig: dieser schliet das Auge, er verstopft
-das Ohr und sieht und hrt schon nicht mehr, er berauscht
-sich oder sucht den Schlaf, und vergit. Erst der <em class="gesperrt">Begriff</em>
-emanzipiert von der ewig subjektiven, ewig psychologisch-relativen
-Tatsache des <em class="gesperrt">Empfindens</em>, er schafft die <em class="gesperrt">Dinge</em>.
-Durch seine begriffliche Funktion stellt sich der Intellekt selbstttig
-ein Objekt <em class="gesperrt">gegenber</em>; und umgekehrt kann nur, wo eine<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span>
-begriffliche Funktion da ist, von Subjekt und Objekt gesprochen
-werden, nur dort sind beide voneinander unterscheidbar;
-in jedem anderen Falle ist nur ein Haufe hnlicher und unhnlicher
-Bilder vorhanden, die ineinander ohne jede Regel und
-Ordnung verschwimmen und bergehen. Der Begriff schafft also
-die frei in der Luft schwebenden <em class="gesperrt">Impressionen zu Gegenstnden</em>
-um, er zeugt aus der Empfindung ein Objekt, dem
-das Subjekt gegenbertritt, einen Feind, an dem es seine
-Krfte mit. So ist der Begriff konstitutiv fr alle Realitt;
-nicht als ob der Gegenstand selbst nur so weit Realitt
-bese, als er Anteil htte an einer jenseits der Erfahrung
-in einem &#964;&#972;&#960;&#959;&#962; &#957;&#959;&#951;&#964;&#972;&#962; liegenden Idee und nur eine unvollkommene
-Projektion, ein stets milungenes Abbild dieser darstellte:
-sondern umgekehrt, <em class="gesperrt">insofern sich auf irgend etwas die
-begriffliche Funktion unseres Intellektes erstreckt,
-insofern und nur insofern wird es zum realen Ding</em>. Der
-<em class="gesperrt">Begriff</em> ist das <em class="gesperrt">transcendentale Objekt</em> der <em class="gesperrt">Kant</em>schen
-Vernunftkritik, als welches aber stets nur einem <em class="gesperrt">transcendentalen
-Subjekte</em> korrespondiert. Denn nur aus dem Subjekte
-stammt jene rtselhafte objektivierende Funktion, die jenen
-<em class="gesperrt">Kant</em>schen Gegenstand X, auf den alle <em class="gesperrt">Erkenntnis</em> sich erst
-<em class="gesperrt">richtet</em>, selbst <em class="gesperrt">hervorbringt</em>, und die ja als identisch mit den
-logischen Axiomen erkannt wurde, in welchen wieder nur das
-Dasein des Subjektes zum Ausdruck gelangt. Das principium
-contradictionis nmlich grenzt den Begriff ab gegen alles, was
-nicht er selbst ist; das principium identitatis ermglicht seine
-Betrachtung, als ob er allein auf der Welt wre. Ich kann nie
-von einem rohen Empfindungskomplexe sagen, da er sich
-selbst gleich sei; in dem Augenblick, wo ich das Urteil der
-Identitt auf ihn anwende, ist er bereits begrifflich geworden.
-So verleiht erst der Begriff allem Wahrnehmungsgebilde und
-allem Gedankengespinst seine <em class="gesperrt">Wrde</em> und seine <em class="gesperrt">Strenge</em>:
-<em class="gesperrt">der Begriff <b>befreit</b> jeden Inhalt, indem er ihn <b>bindet</b></em>. Und
-hier wird abermals offenbar, wie alle Freiheit Selbstbindung
-ist, in der Logik wie in der Ethik. Frei wird der Mensch
-allein, indem er selbst das Gesetz wird: nur so entgeht er der
-Heteronomie, der Bestimmung durch anderes und durch andere,
-die unausbleiblich an jede Willkr geknpft ist. Deshalb ist auch<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span>
-die begriffliche Funktion eine <em class="gesperrt">Selbstehrung</em> des Menschen; er
-ehrt <em class="gesperrt">sich</em>, indem er seinem Objekte die Freiheit gibt und es
-verselbstndigt, als den allgemeingltigen <em class="gesperrt">Gegenstand der
-Erkenntnis</em>, auf den rekurriert wird, wo immer zwei Mnner
-ber eine Sache streiten mgen. &mdash; Nur die Frau steht nie
-Dingen <em class="gesperrt">gegenber</em>, sie springt mit ihnen und in ihnen mit
-sich nach Belieben um: sie kann dem Objekte keine Freiheit
-schenken, da sie selbst keine hat.</p>
-
-<p>Die Verselbstndigung der Empfindung im Begriffe ist
-aber nicht sowohl eine Loslsung vom <em class="gesperrt">Subjekte</em>, als eine Loslsung
-von der <em class="gesperrt">Subjektivitt</em>. Der Begriff ist vielmehr eben
-das, worber <em class="gesperrt">ich</em> denke, schreibe und spreche. Darin liegt der
-Glaube, da ich nichtsdestoweniger noch in einer Beziehung
-zu ihm stehe, und <em class="gesperrt">dieser</em> Glaube ist das Wesen des <b>Urteils</b>.
-Wenn die immanenten Psychologisten, <em class="gesperrt">Hume</em>, <em class="gesperrt">Huxley</em>,
-<em class="gesperrt">Mach</em>, <em class="gesperrt">Avenarius</em>, sich mit dem <em class="gesperrt">Begriff</em> noch so abzufinden
-suchten, da sie ihn mit der Allgemeinvorstellung identifizierten,
-und zwischen logischem und psychologischem Begriff keine
-Unterscheidung mehr trafen: so ist es hingegen sehr bezeichnend,
-da sie das <em class="gesperrt">Urteil</em> einfach ignorieren, ja, tun mssen,
-als ob es nicht da wre. Sie knnen, von ihrem Standpunkt aus,
-fr <em class="gesperrt">das allem Empfindungsmonismus Fremde</em>, das im
-Urteils<em class="gesperrt">akte</em> enthalten ist, keinerlei Verstndnis sich gestatten.
-Im Urteil liegt Anerkennung oder Verwerfung, Billigung oder
-Mibilligung bestimmter Dinge, und der Mastab dieser Billigung
-&mdash; <em class="gesperrt">die Idee der Wahrheit</em> &mdash; kann nicht selbst in den
-Wahrnehmungskomplexen gelegen sein, die beurteilt werden.
-Fr wen es nichts als Empfindungen gibt, fr den sind notwendig
-alle Empfindungen <em class="gesperrt">gleichwertig</em>, die Aussichten der
-einen nicht grer als die der anderen, Baustein einer realen
-Welt zu werden. So vernichtet gerade der <em class="gesperrt">Empirismus</em> die
-Wirklichkeit der <em class="gesperrt">Erfahrung</em>, und entpuppt sich der <em class="gesperrt">Positivismus</em>
-trotz des solid und reell klingenden Titels
-seiner Firma als der wahre <em class="gesperrt">Nihilismus</em> &mdash; wie so manches
-der Ehrbarkeit volle geschftliche Unternehmen als ein
-schwindelhafter Luftbau. Der Gedanke eines <em class="gesperrt">Maes</em> der
-Erfahrung, der <em class="gesperrt">Wahrheitsgedanke</em>, kann nicht schon in
-der <em class="gesperrt">Erfahrung</em> gelegen sein. <em class="gesperrt">In jedem Urteil aber liegt<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span>
-gerade dieser Anspruch auf Wahrheit</em>, es erhebt implicite,
-auch wenn es mit noch so vielen, subjektiv einschrnkenden,
-Zustzen versehen wird, die Forderung seiner objektiven
-Gltigkeit eben in der restringierten Form, die ihm sein Urheber
-gab. Wer etwas in der Weise eines Urteils ausspricht,
-wird so behandelt, als verlangte er die allgemeine Anerkennung
-fr das, was er sagt; und erklrt er, da ihm diese Hoffnung
-fern gelegen sei, so wird er mit Recht zu hren bekommen,
-da er sich eines Mibrauches der Urteilsform
-schuldig gemacht habe. Demnach ist es richtig, da in der
-urteilenden Funktion der Anspruch auf <em class="gesperrt">Erkenntnis</em>, das heit
-<em class="gesperrt">auf die Wahrheit des Geurteilten</em>, gelegen sei.</p>
-
-<p>Dieser Anspruch auf Erkenntnis besagt nicht mehr und
-nicht weniger, als da das Subjekt ber das Objekt zu <em class="gesperrt">urteilen</em>,
-ber es <em class="gesperrt">Richtiges</em> auszusagen <em class="gesperrt">vermge</em>. Die Objekte,
-ber die geurteilt wird, sind <em class="gesperrt">Begriffe</em>: der Begriff ist der
-Gegenstand der Erkenntnis. Der Begriff stellte dem Subjekt
-ein Objekt <em class="gesperrt">gegenber</em>; <em class="gesperrt">durch das Urteil wird wiederum
-die Mglichkeit einer Verbindung</em> und Verwandtschaft
-<em class="gesperrt">zwischen ihnen behauptet</em>. Denn die Wahrheitsforderung
-heit so viel, da das Subjekt ber das Objekt auch richtig
-urteilen <em class="gesperrt">knne</em>; <em class="gesperrt">und so liegt in der Urteilsfunktion der
-<b>Beweis</b> eines Zusammenhanges zwischen dem Ich und
-dem All</em>, ja der Mglichkeit ihrer vollen Einheit; diese Einheit,
-und nichts anderes, nicht die <em class="gesperrt">bereinstimmung</em>, sondern
-die <em class="gesperrt">Identitt</em> von Sein und Denken ist <em class="gesperrt">Wahrheit</em>; nie eine
-dem Menschen als Menschen je erreichbare <em class="gesperrt">Tatsache</em><a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a>,
-immer nur eine ewige <em class="gesperrt">Forderung</em>. So ist das Urteilsvermgen,
-in der Voraussetzung, die ihm am allgemeinsten
-zu Grunde liegt, nur der trockene <em class="gesperrt">logische Ausdruck
-der Theorie von der Seele des Menschen als des
-Mikrokosmus</em>. Und die viel verhandelte Frage, was vorhergehe,
-Begriff oder Urteil, wird wohl dahin entschieden werden
-mssen, da keinem von beiden eine Prioritt vor dem anderen
-zukomme, vielmehr beide einander notwendig bedingen. Denn
-alle Erkenntnis geht auf einen Gegenstand, Erkennen aber<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span>
-vollzieht sich in der Form des Urteilens und sein Gegenstand
-ist der Begriff. Die begriffliche Funktion hat Subjekt und
-Objekt gespalten, und jenes einsam gemacht: wie alle Liebe,
-so sucht damit sogleich auch die Sehnsucht des Erkenntnistriebes
-das Entzweite wieder zu einen.</p>
-
-<p>Fehlt einem Wesen, wie dem echten Weibe, die begriffliche,
-so mangelt ihm deshalb notgedrungen gleichzeitig die
-urteilende Ttigkeit. Man wird diese Behauptung eine
-lcherliche Paradoxie nennen, weil ja doch die Frauen genug
-<em class="gesperrt">sprechen</em> (wenigstens hat sich niemand ber das Gegenteil
-beklagt), und alles Sprechen Ausdruck von Urteilen sei. Aber
-eben dieses letztere ist nicht richtig. Der <em class="gesperrt">Lgner</em> z.&nbsp;B., den
-man gegen die tiefere Bedeutung des Urteilsphnomens gewhnlich
-ins Feld fhrt, <em class="gesperrt">urteilt gar nicht</em> (es gibt eine
-innere Urteilsform<a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> wie eine innere Sprachform), indem
-er eben, lgend, an das, was er sagt, gar nicht den Mastab der
-Wahrheit anlegt; und, wenn er fr die Lge auch noch so
-allgemeine Anerkennung erzwingen will, eben seine eigene
-Person hievon ausnimmt und damit die objektive Gltigkeit
-dahin ist. Wer sich hingegen selbst belgt, fragt vor dem
-inneren Forum seine Gedanken nicht nach ihren Rechtsgrnden,
-wrde sich aber wohl hten, sie vor einem ueren
-zu vertreten. Es kann also jemand die uere sprachliche
-Form des Urteils sehr wohl wahren, ohne seiner inneren Bedingung
-gerecht geworden zu sein. Diese innere Bedingung ist
-aufrichtige Anerkennung der Idee der Wahrheit als obersten
-Richters ber alle Aussagen, und herzliches Begehren, vor
-diesem Richter mit jedem Ausspruche, den man tue, bestehen
-zu knnen. Man steht aber zur Idee der Wahrheit in einem
-Verhltnis berhaupt und ein fr alle Male, und nur aus einem
-solchen kann Wahrhaftigkeit sowohl den Menschen, als den
-Dingen, als auch sich selbst gegenber flieen. Darum ist die
-eben getroffene Einteilung in Lge vor sich und Lge vor
-anderen falsch, und wer <em class="gesperrt">subjektiv verlogen</em> ist, wie das von
-der Frau bereits hervorgehoben wurde und noch sehr ausfhrlich
-auseinandergesetzt werden wird, der kann auch kein
-Interesse an der <em class="gesperrt">objektiven</em> Wahrheit besitzen. Das Weib hat<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span>
-keinen Eifer fr die Wahrheit &mdash; darum ist es nicht <em class="gesperrt">ernst</em>
-&mdash; darum nimmt es auch keinen Anteil an <em class="gesperrt">Gedanken</em>. Es
-gibt eine Menge weiblicher Schriftstellerinnen, aber <em class="gesperrt">Gedanken</em>
-vermit man in allem, was weibliche Knstler je geschaffen
-haben, und so gering ist diese Liebe zur (objektiven) Wahrheit,
-da sie Gedanken meist nicht einmal zu <em class="gesperrt">borgen</em> der
-Mhe wert finden.</p>
-
-<p>Kein Weib hat wirkliches Interesse fr die Wissenschaft,
-sie mag es sich selbst und noch so vielen braven Mnnern,
-aber schlechten Psychologen, vorlgen. Man kann sicher sein,
-da, wo immer eine Frau irgend etwas nicht <em class="gesperrt">ganz</em> Unerhebliches
-in wissenschaftlichen Dingen selbstndig geleistet hat
-(Sophie <em class="gesperrt">Germain</em>, Mary <em class="gesperrt">Somerville</em> etc.), dahinter stets ein
-Mann sich verbirgt, dem sie auf diese Weise nher zu kommen
-trachtete; und viel allgemeiner als fr den Mann das Cherchez
-la femme gilt fr die Frauen ein Cherchez l'homme.</p>
-
-<p>Bedeutendere Leistungen hat es aber selbst auf dem
-Gebiete der Wissenschaft von weiblicher Seite nie gegeben.
-Denn die Fhigkeit zur Wahrheit stammt nur aus dem Willen
-zur Wahrheit, und ist stets diesem in ihrer Strke angemessen.</p>
-
-<p>Darum ist auch der Wirklichkeitssinn der Frauen, so
-oft auch das Gegenteil behauptet worden ist, viel geringer als
-jener der Mnner. Ihnen ordnet sich die Erkenntnis stets einem
-fremden Zwecke unter, und wenn die Absicht auf diesen intensiv
-genug ist, dann mgen die Frauen sehr scharf und
-unbeirrt blicken; was Wahrheit an sich und um ihrer selbst
-willen fr einen Wert haben solle, wird eine Frau nie und
-nimmer einzusehen imstande sein. Wo also Tuschung
-seinen (oft unbewuten) Wnschen <em class="gesperrt">entgegenkommt</em>, dort wird
-das Weib gnzlich unkritisch, und verliert jede Kontrolle ber
-die Realitt. Daraus erklrt sich der feste Glaube so mancher
-Frauen, von sexuellen Attacken bedroht worden zu sein, daraus
-die ungemeine Hufigkeit der Halluzinationen des Tastsinnes
-beim weiblichen Geschlechte, von deren intensivem
-Realittscharakter der Mann nicht leicht eine Vorstellung
-sich bilden mag; denn die Phantasie des Weibes ist Irrtum
-und Lge, die Phantasie des Mannes hingegen, als Knstlers
-oder Philosophen, erst hhere Wahrheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span>
-
-Der Wahrheitsgedanke aber liegt allem, was den Namen
-<em class="gesperrt">Urteil</em> verdient, zu Grunde. Urteilen ist die Form alles Erkennens,
-und Denken selbst heit nichts anderes als urteilen.
-Die Norm des Urteils ist der Satz vom Grunde, gleichwie die
-Stze vom Widerspruch und von der Identitt den Begriff
-(als die Norm der Essenz) konstituieren. Da die Frau den
-Satz vom Grunde <em class="gesperrt">nicht</em> anerkennt, darauf wurde schon hingewiesen.
-Alles Denken ist Ordnen des Mannigfaltigen zur
-Einheit; im Satz vom Grunde, der die Berechtigung jedes Urteils
-von einem logischen Erkenntnisgrunde abhngig macht,
-liegt der Gedanke der <em class="gesperrt">Einheitsfunktion</em> unseres Denkens
-<em class="gesperrt">mit Bezug</em> auf die Mannigfaltigkeit, und <em class="gesperrt">trotz</em> derselben;
-indes die drei anderen logischen Axiome nur ein Ausdruck
-des <em class="gesperrt">Seins</em> der Einheit selbst ohne Beziehung auf eine Mannigfaltigkeit
-sind. Beide sind darum nicht aufeinander zurckzufhren,
-<em class="gesperrt">vielmehr ist darin, da sie zweierlei sind,
-der formal-logische Ausdruck des Dualismus in der
-Welt, der Existenz einer Vielheit neben der Einheit
-zu erblicken</em>. Jedenfalls hatte <em class="gesperrt">Leibniz</em> recht, als er beide
-unterschied, und jede Theorie, die dem Weibe die Logik
-abspricht, mu nicht nur vom Satz des Widerspruchs
-(und der Identitt), der sich auf den Begriff bezieht, sondern
-ebenso vom Satz des Grundes, dessen Gewalt das Urteil untersteht,
-nachweisen, da es ihn nicht begreife und ihm sich
-nicht beuge. In der intellektuellen Gewissenlosigkeit der Frau
-liegt dieser Nachweis. Hat einmal ein Weib einen theoretischen
-Einfall, so verfolgt es ihn nicht weiter, es bringt ihn
-nicht in Beziehung zu anderem, <em class="gesperrt">es denkt nicht <b>nach</b></em>. Deshalb
-kann es am wenigsten einen weiblichen Philosophen geben;
-es fehlt die Ausdauer, die Zhigkeit, die Beharrlichkeit des
-Denkens und alle Motive zu diesem, und da eine Frau an
-<em class="gesperrt">Problemen litte</em>, davon kann zu allerletzt die Rede sein. Man
-schweige nur von den Weibern, denen nicht zu helfen ist.
-Der problematische Mann will erkennen, das problematische
-Weib will doch nur erkannt werden.</p>
-
-<p>Ein <em class="gesperrt">psychologischer</em> Beweis fr die <em class="gesperrt">Mnnlichkeit
-der Urteilsfunktion</em> ist dieser, <em class="gesperrt">da das Urteilen
-vom Weibe als mnnlich empfunden wird, und wie<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span>
-ein (tertirer) Sexualcharakter anziehend auf es</em>
-wirkt. Die Frau <em class="gesperrt">verlangt</em> vom Manne stets bestimmte
-berzeugungen, die sie bernehme; fr den <em class="gesperrt">Zweifler</em>
-im Manne geht ihr jegliches Verstndnis, welcher Art immer,
-ab. Auch erwartet sie stets, da der Mann <em class="gesperrt">rede</em>, und die
-Rede des Mannes ist ihr ein Zeichen von Mnnlichkeit. Den
-Frauen ist zwar die Gabe der Sprache, aber nicht so die
-der Rede verliehen; eine Frau konversiert (kokettiert) oder
-schnattert, aber sie redet nicht. Am gefhrlichsten aber ist
-sie, wenn sie stumm ist: denn der Mann ist nur allzugeneigt,
-Stummheit fr Schweigen zu nehmen.</p>
-
-<p>So ist nicht nur von den logischen Normen, sondern
-auch von den Funktionen, welche durch diese Grundstze
-geregelt werden, von der begrifflichen und der urteilenden
-Ttigkeit, bewiesen, da W ihrer entbehrt. Da aber die Begrifflichkeit
-ihrem Wesen nach darin besteht, einem <em class="gesperrt">Subjekt</em>
-sein Objekt gegenberzustellen, und im Urteilen die Urverwandtschaft
-und tiefste Wesenseinheit des Subjektes mit
-seinem Objekte zum Ausdruck kommt, so mu der Frau
-abermals der Besitz eines Subjektes aberkannt werden.</p>
-
-<p>An den Nachweis der Alogizitt des absoluten Weibes
-hat sich der Nachweis seiner Amoralitt im einzelnen zu
-schlieen. Die tiefe Verlogenheit des Weibes, welche aus
-dem Mangel eines Verhltnisses zur Idee der Wahrheit, wie
-zu den Werten berhaupt, freilich schon hier sich ergibt,
-mu noch so eingehend Gegenstand der Besprechung werden,
-da hier zunchst andere Momente sollen hervorgekehrt sein.
-Es gilt dabei unausgesetzt einen besonderen Scharfsinn und
-eine groe Vorsicht; denn es gibt so unendlich viele
-Imitationen des Ethischen, ja so tuschende Kopien der Moral,
-da die Sittlichkeit der Frauen wohl von vielen stets hher
-als die der Mnner wird gewertet werden. Ich habe schon die
-Notwendigkeit der Distinktion zwischen <em class="gesperrt">a</em>moralischem und
-<em class="gesperrt">anti</em>moralischem Verhalten betont, und wiederhole, da nur
-von ersterem, welches eben gar keinen Sinn fr die Moral,
-und gar keine Richtung mit Bezug auf dieselbe involviert,
-beim echten Weibe die Rede sein kann. Es ist eine aus der
-Kriminalstatistik wie aus dem tglichen Leben wohl bekannte<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span>
-Tatsache, da von Frauen unvergleichlich weniger Verbrechen
-begangen werden als von Mnnern. Auf diese Tatsache berufen
-sich denn auch immer die geschftigen Apologeten der
-Sittenreinheit des Weibes.</p>
-
-<p>Aber bei der Entscheidung der Frage nach der weiblichen
-Sittlichkeit kommt es nicht darauf an, ob jemand
-objektiv gegen die Idee gesndigt hat; sondern nur darauf,
-ob er einen subjektiven Wesenskern hat, der in ein Verhltnis
-zur Idee treten konnte, und dessen Wert er in Frage stellte,
-als er fehlte. Gewi wird der Verbrecher mit seinen verbrecherischen
-Trieben geboren, aber nichtsdestoweniger fhlt
-er selbst, trotz aller Theorien von der moral insanity, da
-er durch seine Tat seinen Wert und sein Recht auf das Leben
-verwirkt hat; denn es gibt nur feige Verbrecher, und keinen,
-dessen Stolz und Selbstbewutsein durch die bse Tat erhht
-und nicht vermindert worden wre, keinen, der es bernhme,
-sie zu rechtfertigen.</p>
-
-<p>Der mnnliche Verbrecher hat ebenso von Geburt an
-ein Verhltnis zur Idee des Wertes wie jener andere Mann,
-dem die verbrecherischen Triebe, die den ersten beherrschen,
-fast vllig mangeln. Das Weib hingegen behauptet oft im
-vollen Rechte zu sein, wenn es die denkbar grte Gemeinheit
-begangen hat; whrend der echte Verbrecher stumpfsinnig
-auf alle Vorwrfe <em class="gesperrt">schweigt</em>, kann eine Frau emprt
-ihrer Verwunderung und Entrstung darber Ausdruck geben,
-da man ihr gutes Recht, so oder so zu handeln, in Zweifel
-ziehe. Frauen sind berzeugt <em class="gesperrt">von</em> ihrem Rechte, ohne je
-<em class="gesperrt">ber</em> sich zu Gericht gesessen zu sein. Der Verbrecher geht
-zwar auch nie in sich, aber er behauptet auch nie sein Recht;
-er geht vielmehr dem Gedanken des Rechtes hastig aus
-dem Wege, weil es ihn an seine Schuld erinnern knnte:
-und hier liegt auch der Beweis, da er ein Verhltnis zur
-Idee <em class="gesperrt">hatte</em>, und nur an seine Untreue gegen sein besseres
-Selbst nicht erinnert werden will. <em class="gesperrt">Kein Verbrecher hat
-noch wirklich geglaubt, da ihm Unrecht geschehen
-sei durch die Strafe</em><a name="FNAnker_38_38" id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a>; die Frau hingegen ist berzeugt<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span>
-von der Bswilligkeit ihrer Anklger; und, wenn <em class="gesperrt">sie nicht
-will</em>, kann ihr niemand beweisen, da sie Unrecht getan
-habe. Wenn ihr jemand zuredet, so kommt es freilich oft vor,
-da sie in Trnen ausbricht, um Verzeihung bittet und ihr
-Unrecht einsieht, ja wirklich glaubt, dieses Unrecht aufrichtig
-zu fhlen; aber immer nur, wenn sie dazu die Lust empfunden
-hat; denn diese Auflsung im Weinen bereitet ihr stets
-ein gewisses wollstiges Vergngen. Der Verbrecher ist
-verstockt, er lt sich nicht im Nu umdrehen, wie der scheinbare
-Trotz einer Frau in ein ebenso scheinbares Schuldgefhl
-sich verkehren lt, wenn der Anklger sie entsprechend
-zu behandeln versteht. Die einsame Pein der
-Schuld, die am Bette weinend sitzt und vergehen mchte
-vor Scham ber den Makel, mit dem sie sich beladen hat,
-die kennt kein Weib, und eine scheinbare Ausnahme (die
-Berin, die den Leib kasteiende Betschwester) wird spter
-ebenfalls zeigen, da <em class="gesperrt">eine Frau stets nur zu zweien sich
-sndhaft fhlt</em>.</p>
-
-<p>Ich behaupte also nicht, da die Frau bse, antimoralisch
-ist; ich behaupte, <em class="gesperrt">da sie vielmehr bse gar nie sein
-kann</em>; sie ist nur amoralisch, <em class="gesperrt">gemein</em>.</p>
-
-<p>Das weibliche Mitleid und die weibliche Schamhaftigkeit
-sind die beiden anderen Phnomene, auf welche der
-Schtzer weiblicher Tugend insgemein sich beruft. Speziell die
-weibliche Gte, das weibliche Mitgefhl haben zu der schnen
-Sage von der Psyche des Weibes den meisten Anla gegeben,
-und das letzte Argument alles Glaubens an die hhere
-Sittlichkeit der Frau ist die Frau als Krankenpflegerin, als
-barmherzige Schwester. Ich erwhne diesen Punkt ungern
-und htte ihn nicht berhrt, bin aber durch einen Einwand,
-der mir mndlich gemacht wurde und dem voraussichtlich
-weitere folgen werden, hiezu gezwungen.</p>
-
-<p>Es ist kurzsichtig, wenn man die Krankenpflege der
-Frauen fr einen Beweis ihres Mitleids hlt, indem vielmehr<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span>
-gerade das Gegenteil aus ihr folgt. Denn der Mann knnte
-die Schmerzen des Kranken nie mitansehen, er mte unter
-ihnen so leiden, da er vllig aufgerieben wrde, und wartende
-Pflege des Patienten wre ihm ganz unmglich. Wer Krankenschwestern
-beobachtet, nimmt mit Erstaunen wahr, da diese
-gleichmtig und sanft bleiben, selbst unter den furchtbarsten
-Krmpfen eines Sterbenden; und so ist es gut; denn
-der Mann, der Qualen und Tod nicht mitmachen kann, wre
-dem Kranken ein schlechter Pfleger. Der Mann wrde die
-Qualen lindern, den Tod aufhalten, mit einem Worte, er
-wrde <em class="gesperrt">helfen</em> wollen; wo nicht zu helfen ist, da ist kein
-Platz fr ihn, da kann allein die Pflege in ihr Recht treten,
-und fr diese eignet sich nur das Weib. Man ist aber vllig
-im Unrecht, wenn man die Ttigkeit der Frauen auf diesem
-Ressort anders als vom utilitaristischen Standpunkt schtzen
-zu knnen glaubt.</p>
-
-<p>Dazu tritt noch, da fr die Frau das <em class="gesperrt">Problem</em> von
-Einsamkeit und Gesellschaft gar nicht existiert. Sie schickt sich
-gerade deshalb besonders gut zur Gesellschafterin (Vorleserin,
-Krankenpflegerin), weil sie nie aus einer Einsamkeit heraustritt
-in eine Mehrsamkeit. <em class="gesperrt">Dem Manne wird Einsamkeit
-und Mehrsamkeit immer irgendwie Problem, wenn
-auch oft nur eine von beiden zur Mglichkeit</em>. Die
-Frau verlt keine Einsamkeit, um den Kranken zu pflegen,
-wie sie es tun mte, auf da ihre Tat wirklich sittlich knnte
-genannt werden; <em class="gesperrt">denn eine Frau ist <b>nie</b> einsam</em>, sie kennt
-nicht die Liebe zur Einsamkeit und nicht die Furcht vor ihr.
-<em class="gesperrt">Die Frau lebt stets, auch wenn sie allein ist, in einem
-Zustande der <b>Verschmolzenheit</b> mit allen Menschen,
-die sie kennt</em>: ein Beweis, da sie keine Monade ist, denn
-alle Monaden haben <em class="gesperrt">Grenzen</em>. Die Frauen sind ihrer Natur
-nach unbegrenzt, aber nicht unbegrenzt wie der Genius,
-dessen Grenzen mit denen der Welt zusammenfallen; sondern
-sie <em class="gesperrt">trennt</em> nie etwas Wirkliches von der Natur oder von
-den Menschen.<a name="FNAnker_39_39" id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span>
-Dieses Verschmolzensein ist etwas durchaus <em class="gesperrt">Sexuelles</em>,
-und dementsprechend uert sich alles weibliche Mitleid in
-<em class="gesperrt">krperlicher Annherung</em> an das bemitleidete Wesen,
-es ist tierische Zrtlichkeit, es mu streicheln und trsten.
-Wieder nur ein Beweis fr das Fehlen jenes harten Striches,
-der stets zwischen Persnlichkeit und Persnlichkeit gezogen
-ist! Die Frau ehrt nicht den Schmerz des Nebenmenschen
-durch Schweigen, sie glaubt ihn durch Zureden
-aufheben zu knnen: so sehr fhlt sie sich mit ihm verbunden,
-als natrliches, nicht als geistiges Wesen. Und wo
-die Sexualitt erloschen ist, dort fehlt auch jedes Mitleid: im
-alten Weib ist nie auch nur ein Funken jener angeblichen
-Gte mehr, und so liefert das Greisenalter der Frau den indirekten
-Beweis, wie all ihr Mitleid nur eine Form sexueller
-Verschmolzenheit war, <em class="gesperrt">selbst</em> wenn es auf ein gleichgeschlechtliches
-Wesen sich bezog.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">verschmolzene</em> Leben, eine der wichtigsten
-und am tiefsten fhrenden Tatsachen des weiblichen Daseins,
-ist auch der Grund der Rhrseligkeit aller Frauen, jener
-gemeinen Willigkeit und Leichtigkeit und Schamlosigkeit des
-Trnenergusses. Nicht umsonst kennt man nur Klageweiber,
-und achtet einen in Gesellschaft weinenden Mann nicht sehr
-hoch. Wenn jemand weint, so weint die Frau mit, wie sie
-stets mitlacht, wenn ein anderer, auer ber sie selbst, lacht:
-und damit ist ein guter Teil des weiblichen Mitleidens auch
-bereits erschpft.</p>
-
-<p>Nur das Weib jammert so recht andere Menschen <em class="gesperrt">an</em>,
-weint sie <em class="gesperrt">an</em> und <em class="gesperrt">verlangt</em> ihr Mitleid. Hierin liegt einer der
-strksten Beweise der psychischen Schamlosigkeit des Weibes.
-Die Frau provoziert das Mitleid der Fremden, um <em class="gesperrt">mit
-diesen</em> weinen und sich selbst so noch mehr bedauern zu
-knnen, als sie es bereits tat. Ja, es ist nicht zu viel behauptet,
-da das Weib, auch wenn es allein weint, stets <em class="gesperrt">mit</em>weine mit
-anderen, denen es in Gedanken sein Leid klagt, wodurch es
-selbst sehr heftig gerhrt wird. Mitleid mit sich selbst ist
-eine eminent weibliche Eigenschaft: die Frau stellt sich zuerst
-in eine Reihe mit den anderen, <em class="gesperrt">macht sich zum Objekt
-des Mitleidens anderer</em>, und beginnt nun, tief ergriffen,<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span>
-<em class="gesperrt">mit</em> ihnen ber sich, die Arme, mitzuweinen. Aus
-diesem Grunde schmt sich der Mann vielleicht keiner anderen
-Regung so sehr, als wenn er sich auf einem Impuls zu
-diesem sogenannten Mitleid mit sich selbst ertappt, <em class="gesperrt">in dem
-das Subjekt tatschlich Objekt wird</em>.</p>
-
-<p>Das weibliche Mitleid, an das selbst <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>
-geglaubt hat, ist ein Schluchzen und Heulen berhaupt, beim
-geringsten Anla, ohne die schwchste Bemhung, aus Scham
-die Regung zu unterdrcken; denn wie alles wahre Leiden,
-so mte auch wahres Mitleiden, sofern es eben wirklich
-Leiden wre, schamhaft sein; ja kein Leid kann so schamhaft
-sein wie das Mitleid und die Liebe, weil diese beiden am
-strksten die unbersteigbaren <em class="gesperrt">Grenzen</em> jeder Individualitt
-zum <em class="gesperrt">Bewutsein</em> bringen. Von der Liebe und ihrer Schamhaftigkeit
-kann erst spter gehandelt werden; im <em class="gesperrt">Mitleid</em>
-aber, im echten mnnlichen Mitleiden, liegt immer Beschmung,
-Schuldbewutsein, weil es mir nicht so schlecht geht wie
-diesem, weil ich nicht er, sondern ein von ihm, auch durch
-uerliche Umstnde, <em class="gesperrt">getrenntes</em> Wesen bin. <em class="gesperrt">Das mnnliche
-Mitleid ist das ber sich selbst errtende principium
-individuationis; darum ist alles weibliche Mitleid
-zudringlich, das mnnliche versteckt sich.</em></p>
-
-<p>Was es mit der Schamhaftigkeit der Frauen fr eine
-Bewandtnis habe, das ist hierin zum Teil schon ausgesprochen;
-zum Teil kann es ebenfalls erst spter, mit dem
-Thema der Hysterie zusammen, abgehandelt werden. Wie
-man angesichts des naiven Eifers, mit dem alle Frauen, wo
-die gesellschaftliche Konvention es nur gestattet, ihre Decolletage
-betreiben, noch an einer angeborenen inneren Schamhaftigkeit
-als der Tugend des weiblichen Geschlechtes festhalten
-knne, ist nicht einzusehen: man <em class="gesperrt">ist</em> entweder schamhaft
-oder man <em class="gesperrt">ist</em> es nicht, und das ist keine Schamhaftigkeit,
-die man in gewissen Augenblicken regelmig spazieren
-schickt.</p>
-
-<p>Der absolute Beweis fr die Schamlosigkeit der Frauen
-(und ein Hinweis darauf, <em class="gesperrt">woher</em> die Forderung der Schamhaftigkeit
-wohl eigentlich stammen mag, welcher die Frauen
-uerlich oft so peinlich nachkommen) liegt jedoch darin, da<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span>
-Frauen untereinander sich immer ungescheut vllig entblen,
-whrend Mnner voreinander stets ihre Nacktheit zu bedecken
-suchen. Wenn Frauen allein sind, werden eifrige Vergleiche
-zwischen den krperlichen Reizen der einzelnen angestellt, und
-oft alle Anwesenden einer genauen und eingehenden Visitierung
-unterzogen, die nicht ohne Lsternheit erfolgt, weil stets
-der Wert, den der Mann auf diesen oder jenen Vorzug legen
-werde, unbewut der Hauptgesichtspunkt bleibt. Der einzelne
-Mann hat kein Interesse fr die Nacktheit des zweiten Mannes,
-whrend jede Frau auch die andere Frau in Gedanken stets
-entkleidet, und eben hiedurch die allgemeine interindividuelle
-Schamlosigkeit des Geschlechtes beweist. Dem Manne ist es
-peinlich und unangenehm, sich die Sexualitt seines Nebenmannes
-zu vergegenwrtigen; die Frau sucht sofort in Gedanken
-die geschlechtlichen Beziehungen auf, in denen eine zweite
-Frau stehen mag, sobald sie diese nur kennen lernt; ja sie
-wertet die andere immer ausschlielich nach dem Verhltnis.</p>
-
-<p>Ich komme hierauf noch sehr ausfhrlich zurck; indessen
-trifft die Darstellung nun zum ersten Male mit jenem
-Punkte wieder zusammen, der im zweiten Kapitel dieses
-Teiles besprochen wurde. Wessen man sich schmt, dessen
-mu man sich <em class="gesperrt">bewut</em> sein, und wie zur Bewutheit, so ist
-auch zum Schamgefhl stets Differenzierung vonnten. Die
-Frau, die nur sexuell ist, kann <em class="gesperrt">asexuell zu sein scheinen,
-weil sie die Sexualitt selbst ist</em>, und hier nicht die Geschlechtlichkeit
-krperlich und psychisch, rumlich und zeitlich
-sich <em class="gesperrt">abhebt</em> wie beim Manne; die Frau, die stets schamlos
-ist, kann den Eindruck der Schamhaftigkeit machen, <em class="gesperrt">weil
-es bei ihr keine Scham zu verletzen gibt</em>. Und so ist
-die Frau auch nie nackt oder stets nackt, wie man es haben
-will: nie nackt, weil sie nie zum echten Gefhle einer
-Nacktheit wirklich gelangt; stets nackt, weil ihr eben das
-andere fehlt, das vorhanden sein mte, um ihr je zum <em class="gesperrt">Bewutsein</em>
-zu bringen, da sie (objektiv) nackt ist, und so
-ein innerer Impuls zur Bedeckung werden knnte. Da man
-auch unter Kleidern nackt sein kann, ist freilich etwas, das
-bldem Blicke nicht einleuchtet, aber es wre ein schlimmes
-Zeugnis, das ein Psychologe sich ausstellte, wenn er aus<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span>
-der Tatsache des Gewandes schon auf den geringsten Mangel
-an Nacktheit schlieen wollte. Und eine Frau ist objektiv
-stets nackt, selbst unter der Krinoline und dem Mieder.<a name="FNAnker_40_40" id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a></p>
-
-<p>Dies alles hngt damit zusammen, was das Wort Ich
-fr die Frau denn eigentlich immer bedeutet. Wenn man
-eine Frau fragt, was sie unter ihrem Ich verstehe, so vermag
-sie nichts anderes sich darunter vorzustellen als ihren Krper.
-Ihr <em class="gesperrt">ueres</em>, das ist das Ich der Frauen. <em class="gesperrt">Machs</em> Zeichnung
-des Ich in seinen Antimetaphysischen Vorbemerkungen
-stellt also ganz richtig das Ich des vollkommenen Weibes
-dar. Wenn E. <em class="gesperrt">Krause</em> sagt, die Selbstanschauung Ich sei
-ohne weiteres ausfhrbar, so ist das nicht so ganz lcherlich,
-wie <em class="gesperrt">Mach</em> unter der Zustimmung vieler anderer glaubt, denen
-gerade diese scherzhafte Illustration des philosophischen
-&#8218;Viel Lrm um nichts&#8217; in den Bchern <em class="gesperrt">Machs</em> am besten
-gefallen zu haben scheint.</p>
-
-<p>Das Ich der Frauen begrndet auch die spezifische
-Eitelkeit der Frauen. Mnnliche Eitelkeit ist eine Emanation
-des <em class="gesperrt">Willens zum Wert</em>, und ihre <em class="gesperrt">objektive</em> uerungsform,
-<em class="gesperrt">Empfindlichkeit</em>, das Bedrfnis, die Erreichbarkeit
-des Wertes von niemand in Frage gestellt zu sehen. Was
-dem Manne Wert und Zeitlosigkeit gibt, ist einzig und
-allein <em class="gesperrt">Persnlichkeit</em>. Dieser hchste <em class="gesperrt">Wert</em>, der nicht
-ein <em class="gesperrt">Preis</em> ist, weil an seine Stelle, nach den Worten <em class="gesperrt">Kant</em>ens,
-nicht auch etwas anderes als <em class="gesperrt">quivalent</em> gesetzt werden
-kann, sondern der ber allen Preis erhaben ist, mithin kein
-quivalent verstattet, ist die <em class="gesperrt">Wrde</em> des Mannes. Die Frauen
-haben, trotz <em class="gesperrt">Schiller</em>, keine Wrde &mdash; die <em class="gesperrt">Dame</em> wurde ja
-nur erfunden, um diesen Mangel auszufllen &mdash; und ihre
-Eitelkeit wird sich danach richten, was ihnen ihr hchster
-Wert ist; das heit, sie wird auf die Festhaltung, Steigerung
-und Anerkennung krperlicher Schnheit gehen. Die
-Eitelkeit von W ist somit einerseits ein gewisses, nur ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span>
-eigenes, selbst dem (mnnlich) schnsten Manne<a name="FNAnker_41_41" id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> <em class="gesperrt">fremdes</em>
-Behagen am eigenen Leibe: eine Freude, die sich, selbst beim
-hlichsten Mdchen, sowohl bei der Selbstbetastung, als bei
-der Selbstbetrachtung im Spiegel, als auch bei vielen Organempfindungen
-einzustellen scheint; aber schon hier macht sich
-mit voller Strke und mit dem erregendsten Vorgefhl der
-Gedanke an den Mann geltend, dem diese Reize einst gehren
-sollen, und beweist wiederum, wie das Weib zwar
-allein, aber nie einsam sein kann. Anderseits also ist die
-weibliche Eitelkeit Bedrfnis, den Krper bewundert oder
-vielmehr <em class="gesperrt">begehrt, vom sexuell erregten Manne begehrt</em>
-zu fhlen.</p>
-
-<p>Dieses Bedrfnis ist so stark, da es wirklich viele
-Weiber gibt, denen diese Bewunderung, begehrlich von seiten
-des Mannes, neiderfllt von seiten der Geschlechtsgenossinnen,
-zum Leben vollkommen gengt; sie kommen damit aus, andere
-Bedrfnisse haben sie kaum.</p>
-
-<p>Die weibliche Eitelkeit ist also stete Rcksicht auf andere,
-<em class="gesperrt">die Frauen leben nur im Gedanken an die anderen</em>.
-Und auch die Empfindlichkeit des Weibes bezieht sich auf diesen
-nmlichen Punkt. Nie wird eine Frau vergessen, da ein anderer
-sie hlich gefunden hat; allein nmlich findet ein Weib
-sich <em class="gesperrt">nie</em> hlich, sondern stets nur <em class="gesperrt">minderwertig</em>, und auch
-das nur, indem es an die Triumphe denkt, welche andere
-Frauen bei den Mnnern ber sie davon getragen haben. Es
-gibt kein Weib, das sich nicht noch schn und begehrenswert
-fnde, wenn es sich im Spiegel betrachtet; der Frau wird nie,
-gleich dem Manne, eigene Hlichkeit zur schmerzvollen
-Realitt, sondern sie sucht bis ans Ende sich und die anderen
-darber hinwegzutuschen.</p>
-
-<p>Woher kann nun die weibliche Art der Eitelkeit einzig
-stammen? Sie fllt zusammen mit dem Mangel des intelligiblen
-Ich, <em class="gesperrt">des stets und absolut positiv Bewerteten</em>,
-sie erklrt sich aus dem Fehlen eines <em class="gesperrt">Eigenwertes</em>. Da
-sie keinen <em class="gesperrt">Eigenwert</em> fr sich selbst und vor sich selbst
-haben, trachten sie Objekt der Wertung anderer zu werden,
-durch Begehrung und Bewunderung von deren Seite, einen<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span>
-Wert fr Fremde, vor Fremden zu gewinnen. Das einzige, was
-absoluten, unendlichen Wert auf der Welt hat, ist Seele. Ihr
-seid besser denn viele Sperlinge hat darum Christus die
-Menschen wieder gelehrt. Die Frau indessen wertet sich
-nicht danach, wie weit sie ihrer Persnlichkeit treu, wie weit
-sie frei gewesen ist; jedes Wesen aber, das ein Ich besitzt,
-kann sich nur so und nicht anders werten. Wenn also die
-echte Frau, wie dies ganz ohne Zweifel wirklich zutrifft,
-sich selbst immer und ausnahmslos stets nur so
-hoch einschtzt, wie den Mann, der sie gewhlt hat; wenn
-sie nur durch den Gatten oder Geliebten Wert erhlt und
-eben darum nicht nur sozial und materiell, sondern ihrer
-tiefsten Wesenheit nach auf die Ehe gestellt ist: <em class="gesperrt">so kann
-sie eben keinen Wert an sich selbst besitzen</em>, es
-<em class="gesperrt">fehlt</em> ihr <em class="gesperrt">der Eigenwert der menschlichen Persnlichkeit</em>.
-Die Frauen leiten ihren Wert immer von anderen
-Dingen ab, von ihrem Geld und Gut, der Zahl und Pracht
-ihrer Kleider, dem Rang ihrer Loge im Theater, von ihren
-Kindern, vor allem aber von ihrem Bewunderer, von ihrem
-Manne; und worauf sich eine Frau im Streit mit der anderen
-immer zuletzt beruft, und womit sie die andere wirklich am
-tiefsten zu treffen und am sichersten zu demtigen wei,
-das ist die soziale Stellung, der Reichtum, das Ansehen und
-die Titel, aber auch die Jugendfrische und die vielen Verehrerinnen
-ihres Mannes; whrend es einem Manne, und
-zwar in erster Linie von ihm selbst, zur hchsten Schande
-angerechnet wird, wenn er sich auf irgend ein Fremdes beruft,
-und nicht <em class="gesperrt">seinen Wert <b>an sich</b> verteidigt</em> gegen alle
-Angriffe auf denselben.</p>
-
-<p>Dafr, da W keine Seele hat, ist Folgendes ein weiterer
-Beweis. Whrend (ganz nach <em class="gesperrt">Goethes</em> bekanntem
-Rezept) W durch Nichtbeachtung von seiten des Mannes ungemein
-gereizt wird, auch auf ihn Eindruck zu machen &mdash;
-liegt doch der ganze Sinn und Wert ihres Lebens nur in
-dieser Fhigkeit &mdash; wird fr M das Weib, das ihn unfreundlich
-und unhflich behandelt, eo ipso schon antipathisch. Nichts
-macht M so glcklich, als wenn ihn ein Mdchen liebt; selbst
-wenn sie ihn nicht von Anbeginn gefesselt hat, ist dann<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span>
-die Gefahr, Feuer zu fangen, fr ihn sehr gro. Fr W ist
-die Liebe eines Mannes, der ihr nicht gefllt, nur eine
-Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder eine Beunruhigung und
-Aufscheuchung schlummernder Wnsche. Die Frau erhebt stets
-gleichmig einen Anspruch auf alle Mnner, die es auf der
-Welt gibt. hnliches gilt auch von freundschaftlicher Zuneigung
-innerhalb desselben Geschlechtes, in der ja doch
-immer etwas Sexualitt steckt.</p>
-
-<p>Das Verhalten der empirisch allein gegebenen Zwischenstufen
-ist in solchem Falle nach ihrer Stellung zwischen M
-und W besonders zu bestimmen. Also, um auch in diesem Teile
-ein Beispiel fr eine solche Anwendung zu geben: whrend
-<em class="gesperrt">jedes Lcheln</em> auf dem Munde eines Mdchens M leicht
-entzckt und entflammt, beachten weibliche Mnner wirklich
-oft nur solche Weiber und Mnner, die sich um sie nicht
-kmmern, fast ganz wie W einen Bewunderer, dessen sie
-sicher zu sein glaubt, der ihren Eigenwert also nicht mehr
-steigern kann, sofort stehen lt. Weshalb ja die Frauen auch
-nur der Mann anzieht und sie auch nur dem Manne in der
-Ehe treu bleiben, der noch bei anderen Frauen Glck hat
-als bei ihnen: denn <em class="gesperrt">sie</em> knnen <em class="gesperrt">ihm</em> keinen neuen Wert
-geben und ihr Urteil dem aller anderen <em class="gesperrt">entgegen</em>setzen. Beim
-echten Manne verhlt es sich gerade verkehrt.</p>
-
-<p>Die Schamlosigkeit wie die Herzlosigkeit des Weibes
-kommt darin zum Ausdruck, <em class="gesperrt">da</em> es, und <em class="gesperrt">wie</em> es davon sprechen
-kann, da es geliebt wird. Der Mann fhlt sich beschmt,
-wenn er geliebt wird, weil er damit beschenkt, passiv, gefesselt,
-statt Geber, aktiv, frei ist, und weil er wei, da er als
-Ganzes Liebe nie vollstndig verdient; und ber nichts wird
-er denn so tief schweigen wie hierber, auch wenn er zu dem
-Mdchen selbst nicht in ein intimeres Verhltnis getreten ist,
-so da er frchten mte, sie durch hierauf bezgliche uerungen
-blozustellen. Das Weib <em class="gesperrt">rhmt</em> sich dessen, da es
-geliebt wird, es prahlt damit vor anderen Frauen, um von
-diesen beneidet zu werden. Die Frau empfindet die Neigung
-eines Menschen zu ihr nicht, wie der Mann, als eine Schtzung
-ihres <em class="gesperrt">wirklichen</em> Wertes, als ein tieferes <em class="gesperrt">Verstndnis</em> fr
-ihr Wesen; sondern sie empfindet diese Neigung als die <em class="gesperrt">Verleihung</em><span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span>
-eines Wertes, den sie sonst nicht htte, als die
-Gabe einer Existenz und einer Essenz, <em class="gesperrt">die ihr hiemit erst</em>
-wird, und mit welcher sie vor anderen sich legitimiert.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Daraus</em> erklrt sich auch das unglaubliche, einem frheren
-Abschnitt Problem gewordene <em class="gesperrt">Gedchtnis</em> der Frauen fr
-<em class="gesperrt">Komplimente</em>, selbst wenn ihnen diese in frhester Jugend
-gemacht wurden. Durch Komplimente nmlich <em class="gesperrt">erhalten</em> sie
-erst <em class="gesperrt">Wert</em>, und <em class="gesperrt">darum verlangen</em> die Frauen vom Manne,
-da er <em class="gesperrt">galant</em> sei. Die Galanterie ist die billigste Form
-der Veruerung von Wert an die Frau, und so wenig
-sie den Mann kostet, so schwer wiegt sie fr das Weib, das
-eine Huldigung <em class="gesperrt">nie</em> vergit, und bis ins spteste Alter von
-den fadesten Schmeicheleien zehrt. Man erinnert sich nur an
-das, was fr den Menschen einen Wert besitzt; und wenn
-dem so ist, mag man erwgen, <em class="gesperrt">was</em> es besagt, da die
-Frauen gerade fr Komplimente das ausgesuchteste Gedchtnis
-besitzen. Sie sind etwas, das den Frauen Wert nur
-darum verleihen kann, weil diese keinen urwchsigen Mastab
-des Wertes kennen, keinen absoluten Wert in sich fhlen,
-der alles verschmht auer sich selbst. Und so liefert selbst
-das Phnomen der Courtoisie, der Ritterlichkeit, den Beweis,
-da die Frauen keine Seele besitzen, ja, da der Mann
-gerade dann, wenn er gegen das Weib galant ist, ihm am
-wenigsten Seele, am wenigsten <em class="gesperrt">Eigenwert</em> zuschreibt, und es
-am tiefsten <em class="gesperrt">gerade dort miachtet und herabwrdigt</em>,
-wo es selbst <em class="gesperrt">am hchsten sich gehoben</em> fhlt. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Wie amoralisch das Weib ist, kann man daraus
-ersehen, da ihm sofort entschwindet, was es Unsittliches
-getan hat; und da es vom Manne, wenn dieser die Erziehung
-des Weibes sich angelegen sein lt, immer wieder daran
-erinnert werden mu: dann allerdings kann es momentan vermge
-der eigentmlichen Art der weiblichen Verlogenheit
-wirklich einzusehen glauben, da es ein Unrecht begangen
-habe, und so sich und den Mann tuschen. Der Mann dagegen
-hat fr nichts ein so tiefes Gedchtnis, wie fr die Punkte,
-in denen er schuldig geworden ist. Hier offenbart sich das
-Gedchtnis wiederum als ein eminent moralisches Phnomen.
-Vergeben und Vergessen, nicht Vergeben und Verstehen, sind<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span>
-eines. <em class="gesperrt">Wer sich der Lge erinnert, wirft sie sich auch
-vor.</em> Da das Weib sich seine Gemeinheit nicht verbelt,
-kommt damit berein, da es sich ihrer <em class="gesperrt">nie wirklich bewut
-wird</em> &mdash; hat es doch kein Verhltnis zur sittlichen Idee &mdash;
-und sie <em class="gesperrt">vergit</em>. Darum ist es ganz begreiflich, wenn es sie
-<em class="gesperrt">leugnet</em>. Man hlt die Frauen, weil bei ihnen das Ethische
-gar nicht <em class="gesperrt">problematisch</em> wird, trichterweise fr <em class="gesperrt">unschuldig</em>,
-ja man hlt sie fr sittlicher als den Mann: es
-kommt das aber nur daher, da sie noch gar nicht wissen,
-was unsittlich ist. Denn auch die Unschuld des Kindes kann
-kein Verdienst sein, nur die Unschuld des Greises wre
-eines &mdash; und die gibt es nicht.</p>
-
-<p>Aber auch die Selbstbeobachtung ist ein durchaus Mnnliches
-&mdash; auf eine scheinbare Ausnahme, die hysterische Selbstbeobachtung
-mancher Frauen, kann hier noch nicht eingegangen
-werden &mdash; ebenso wie das Schuldbewutsein, die Reue;
-die Kasteiungen, die Frauen an sich vornehmen, diese merkwrdigen
-Imitationen eines echten Schuldgefhles, werden am
-gleichen Orte wie die weibliche Form der Selbstbeobachtung
-zur Sprache kommen. <em class="gesperrt">Das Subjekt der Selbstbeobachtung
-nmlich ist identisch mit dem moralisierenden:
-es fat die psychischen Phnomene nur auf, indem
-es sie einschtzt.</em></p>
-
-<p>Es ist ganz in der Ordnung und liegt nur auf der Linie
-des Positivismus, wenn <em class="gesperrt">Auguste Comte</em> die Selbstbeobachtung
-fr in sich widerspruchsvoll erklrt und sie eine
-abgrndliche Absurditt nennt. Es ist ja klar, folgt
-aus der Enge des Bewutseins und bedarf kaum einer besonderen
-Hervorhebung, da nicht zu <em class="gesperrt">gleicher</em> Zeit ein
-psychisches Geschehnis und noch eine besondere Wahrnehmung
-desselben dasein knne: erst an das primre Erinnerungsbild
-(<em class="gesperrt">Jodl</em>) knpft sich die Beobachtung und Wertung; es ist
-ein Urteil ber eine Art Nachbild, das vollzogen wird. Aber
-innerhalb lauter <em class="gesperrt">gleichwertiger Phnomene</em> knnte nie
-eines zum Objekte gemacht und bejaht oder verneint werden,
-wie dies in aller Selbstbeobachtung geschieht. Was hier alle
-Inhalte betrachtet, beurteilt und wertet, kann nicht in den
-Inhalten selbst, als ein Inhalt unter anderen, gelegen sein.<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span>
-Es ist das zeitlose Ich, das die Vergangenheit zurechnet
-wie die Gegenwart, das jene Einheit des Selbstbewutseins,
-jenes kontinuierliche Gedchtnis erst schafft, welches der
-Frau abgeht. Denn nicht das Gedchtnis, wie <em class="gesperrt">Mill</em>, oder die
-Kontinuitt, wie <em class="gesperrt">Mach</em> vermutet, bringen den Glauben an
-ein Ich hervor, das auer diesen keine Existenz habe, sondern
-gerade umgekehrt wird Gedchtnis und Kontinuitt, wie Piett
-und Unsterblichkeitsbedrfnis, aus dem Werte des Ich heraus
-erzeugt, von dessen Inhalten nichts Funktion der Zeit sein,
-nichts der Vernichtung soll anheimgegeben werden drfen.<a name="FNAnker_42_42" id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a></p>
-
-<p>Htte das Weib Eigenwert und den Willen, einen solchen
-gegen alle Anfechtung zu behaupten, htte es auch nur das
-<em class="gesperrt">Bedrfnis</em> nach <em class="gesperrt">Selbstachtung</em>, so knnte es nicht <em class="gesperrt">neidisch</em>
-sein. Wahrscheinlich sind alle Frauen neidisch; der Neid aber
-ist eine Eigenschaft, welche nur dort sein kann, wo jene Voraussetzungen
-fehlen. Auch der Neid der Mtter, wenn die
-Tchter anderer Frauen eher heiraten als ihre eigenen, ist
-ein Symptom echter Gemeinheit, und setzt, wie brigens aller
-Neid, einen vlligen Mangel an Gerechtigkeitsgefhl voraus.
-In der Idee der <em class="gesperrt">Gerechtigkeit</em>, welche in der Anwendung
-der Idee der Wahrheit auf das Praktische besteht, berhren
-sich Logik und Ethik ebenso eng wie im theoretischen
-Wahrheitswerte selbst.</p>
-
-<p>Ohne Gerechtigkeit keine Gesellschaft; der Neid hingegen
-ist <em class="gesperrt">die</em> absolut unsoziale Eigenschaft. Das Weib ist
-wirklich auch vollkommen <em class="gesperrt">unsozial</em>; und wenn frher mit Recht
-alle Gesellschaftsbildung an den Besitz einer Individualitt
-geknpft wurde, so liegt hier die Probe darauf vor. Fr den
-Staat, fr Politik, fr gesellige Gemtlichkeit hat die Frau
-keinen Sinn, und weibliche Vereine, in welche Mnner keinen
-Zutritt erhalten, pflegen nach kurzer Zeit sich aufzulsen. Die
-Familie endlich ist geradezu <em class="gesperrt">das</em> unsoziale, und keineswegs
-ein soziales Gebilde; Mnner, die heiraten, ziehen sich damit
-schon auch aus den Gesellschaften, denen sie bis dahin als
-Mitglieder und Teilnehmer angehrten, zurck. Dies hatte ich<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span>
-geschrieben, bevor die wertvollen ethnologischen Forschungen
-von <em class="gesperrt">Heinrich Schurtz</em> verffentlicht wurden, die an der
-Hand eines reichen Materiales dartun, da in den <em class="gesperrt">Mnnerbnden</em>
-und nicht in der Familie die Anfnge der Gesellschaftsbildung
-zu suchen seien.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Pascal</em> hat wunderbar ausgefhrt, wie Gesellschaft vom
-Menschen nur gesucht wird, weil dieser die Einsamkeit nicht
-ertragen, sondern sich selbst vergessen will: auch hier sieht
-man die vollkommene Kongruenz zwischen der frheren
-Position, durch welche der Frau die Fhigkeit zur Einsamkeit
-abgesprochen wurde, und der jetzigen, welche ihre Ungeselligkeit
-behauptet.</p>
-
-<p>Htte die Frau ein Ich, so htte sie auch einen Sinn
-fr das Eigentum, bei sich wie bei anderen. Der Stehltrieb
-ist aber bei den Frauen viel entwickelter als bei den
-Mnnern: die sogenannten Kleptomanen (Diebe <em class="gesperrt">ohne Not</em>)
-sind beinahe ausschlielich Frauen. Denn das Weib hat wohl
-Verstndnis fr Macht und fr Reichtum, aber nicht fr das
-Eigentum. Auch pflegen die kleptomanen Frauen, wenn sie
-ihrer Diebsthle berfhrt werden, sich damit zu verantworten,
-da sie angeben, es sei ihnen vorgekommen, als htte ihnen
-alles gehrt. In Leihbibliotheken sieht man hauptschlich Frauen
-aus- und eingehen, und zwar auch solche, die begtert genug
-wren, mehrere Bchereien zu kaufen; aber es fehlt ihnen
-eine grere Innigkeit des Verhltnisses zu allem, was ihnen
-gehrt, als zu allem, das sie nur entlehnt haben. Auch hier
-sieht man den Zusammenhang zwischen Individualitt und
-Sozialitt deutlich hervorleuchten: wie man selbst Persnlichkeit
-haben mu, um fremde Persnlichkeit aufzufassen, so mu
-der Sinn auf Erwerbung eigenen Besitzes gerichtet sein, wenn
-fremde Habe nicht berhrt werden soll.</p>
-
-<p>Inniger noch als das Eigentum ist der <em class="gesperrt">Name</em> und ein
-herzliches <em class="gesperrt">Verhltnis</em> zu ihrem Namen mit jeder <em class="gesperrt">Persnlichkeit</em>
-notwendig gegeben. Und hier sprechen die Tatsachen
-so laut, da man sich wundern mu, wie wenig diese
-Sprache im allgemeinen vernommen wird. Die Frauen sind
-nmlich durch <em class="gesperrt">gar kein</em> Band mit ihrem Namen verknpft.
-<em class="gesperrt">Beweisend</em> hiefr ist allein schon, da sie ihren Namen aufgeben<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span>
-und den des Mannes annehmen, den sie heiraten, ja diesen
-Schritt der Namensnderung an sich nie als bedeutsam empfinden,
-um den alten Namen nicht eine Sekunde trauern, sondern leichten
-Sinnes den des Mannes annehmen; wie an den Mann nicht
-ohne tiefen in der Natur des Weibes gelegenen Grund (bis vor
-kurzem wenigstens) meist auch das Eigentum der Frau bergegangen
-ist. Es ist auch nichts davon zu merken, da speziell
-jene Trennung sie einen Kampf kostete; im Gegenteil, schon
-vom Liebhaber und Kurmacher lassen sie sich den Namen
-geben, der <em class="gesperrt">ihm</em> gefllt. Und selbst wenn sie einem ungeliebten
-Mann und diesem nur mit groem Widerstreben in die Ehe
-folgen, es hat noch nie eine Frau gerade darber sich beklagt,
-da sie von ihrem Namen habe Abschied nehmen
-mssen, es lt ihn jede und scheidet von ihm, ohne die geringste
-Piett dafr zu verraten, da <em class="gesperrt">sie</em> ehemals so hie.
-Im allgemeinen wird vielmehr die eigene Neubenennung
-bereits vom Liebenden ebenso <em class="gesperrt">gefordert</em>, wie der neue
-Familienname des Ehegatten ungeduldig, schon der Neuheit
-wegen, <em class="gesperrt">erwartet</em>. Der Name aber ist gedacht als ein Symbol
-der Individualitt; nur bei den allertiefst stehenden Rassen
-der Erde, wie bei den Buschmnnern Sdafrikas, soll es
-keine Personennamen geben, weil das natrliche Unterscheidungsbedrfnis
-der Menschen voneinander nicht so weit
-reicht. Das Weib, das im Grund <em class="gesperrt">namenlos</em> ist<a name="FNAnker_43_43" id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>, ist dies,
-weil es, seiner Idee nach, keine <em class="gesperrt">Persnlichkeit</em> besitzt.</p>
-
-<p>Damit hngt endlich noch die wichtige Beobachtung zusammen,
-welche zu machen man nie verfehlen wird, sobald man
-einmal aufmerksam geworden ist. Wenn in einen Raum, in
-dem ein Weib sich befindet, ein Mann tritt und sie ihn erblickt,
-seinen Schritt hrt oder seine Anwesenheit auch nur<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span>
-ahnt, <em class="gesperrt">so wird sie sofort eine ganz andere</em>. Ihre Miene,
-ihre Bewegungen ndern sich mit unglaublicher Pltzlichkeit.
-Sie richtet ihre Frisur, zieht ihre Rcke zusammen und
-hebt sie, oder macht sich an ihrem Kleide zu schaffen, in
-ihr ganzes Wesen kommt eine halb schamlose, halb ngstliche
-Erwartung. Man kann im Einzelfalle oft nur darber
-noch im Zweifel sein, ob sie mehr errtet ber ihr schamloses
-Lcheln, oder mehr schamlos lchelt ber ihr Errten.</p>
-
-<p>Seele, Persnlichkeit, Charakter ist aber &mdash; hierin liegt
-eine unendlich tiefe, bleibende Einsicht <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> &mdash;
-identisch mit dem freien <em class="gesperrt">Willen</em> oder es deckt sich wenigstens
-der Wille mit dem Ich insofern, als dieses in Relation zum
-Absoluten gedacht ist. Und fehlt den Frauen das Ich, so
-knnen sie auch keinen Willen besitzen. Nur wer keinen
-eigenen Willen, keinen Charakter in hherem Sinne hat, bleibt,
-schon durch die bloe Gegenwart eines zweiten Menschen,
-so leicht <em class="gesperrt">beeinflubar</em>, wie das Weib es ist, in funktioneller
-<em class="gesperrt">Abhngigkeit</em> von dieser, statt in freier <em class="gesperrt">Auffassung</em> derselben.
-<em class="gesperrt">Sie</em> ist das beste Medium, <b>M</b> ihr bester Hypnotiseur. Aus
-diesem Grunde allein ist unerfindlich, warum die Frauen gerade
-als rztinnen besonders viel taugen sollen; da doch einsichtigere
-Mediziner selbst zugeben, da der Hauptteil dessen, was
-sie bis heute &mdash; und so wird es wohl bleiben &mdash; zu leisten vermgen,
-in der suggestiven Einwirkung auf den Kranken besteht.</p>
-
-<p>Schon in der ganzen Tierreihe ist W stets leichter
-hypnotisierbar als M. Und wie die hypnotischen Phnomene
-doch mit den alltglichsten in einer nahen Verwandtschaft
-stehen, erhellt aus dem Folgenden: Wie leicht wird nicht
-(ich habe schon gelegentlich der Frage des weiblichen Mitleids
-darauf hingewiesen) W durch Lachen oder Weinen angesteckt!
-Wie imponiert ihr nicht alles, was in der Zeitung
-steht, wie leicht fllt sie nicht dem dmmsten Aberglauben
-zum Opfer, wie probiert sie nicht sofort jedes Wundermittel,
-das ihr eine Nachbarin empfohlen hat!</p>
-
-<p>Wem ein Charakter fehlt, dem gebricht es auch an
-berzeugungen. Darum ist W leichtglubig, unkritisch, ganz
-ohne Verstndnis fr den Protestantismus. Dennoch hat man,
-so sicher ein jeder Christ schon als Katholik <em class="gesperrt">oder</em><span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span>
-als Protestant vor der Taufe <em class="gesperrt">auf die Welt kommt</em>,
-kein Recht, den Katholizismus darum als weiblich anzusehen,
-weil er den Frauen noch immer eher zugnglich ist,
-als der Protestantismus. Hier wre ein anderer charakterologischer
-Einteilungsgrund in Betracht zu ziehen, dessen Errterung
-nicht Sache dieser Schrift sein kann. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>So ist denn ein ganz umfassender Nachweis gefhrt,
-da W seelenlos ist, da es kein Ich und keine Individualitt,
-keine Persnlichkeit und keine Freiheit, keinen Charakter
-und keinen Willen hat. <em class="gesperrt">Dieses Resultat ist aber fr
-alle Psychologie von kaum zu berschtzender
-Wichtigkeit.</em> Es besagt nicht weniger, als <em class="gesperrt">da die Psychologie
-von M und die Psychologie von W getrennt
-zu behandeln sind. Fr W scheint eine rein empirische
-Darstellung des psychischen Lebens mglich,
-fr M mu jede Psychologie nach dem Ich als dem
-obersten Giebel des Gebudes in der Weise tendieren,
-wie Kant dies als notwendig eingesehen hatte.</em></p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Hume</em>sche (und <em class="gesperrt">Mach</em>sche) Ansicht, nach welcher
-es nur <i>impressions</i> und <i>thoughts</i> (A&nbsp;B&nbsp;C .... und
-&#945;&nbsp;&#946;&nbsp;&#947; ...) gibt, und die heute allgemein zur Verbannung der
-Psyche aus der Psychologie gefhrt hat, erklrt nicht nur, da
-die ganze Welt ausschlielich unter dem Bilde eines Winkelspiegels,
-als ein Kaleidoskop zu verstehen sei; sie macht nicht
-nur alles zu einem Tanz der Elemente, sinnlos, grundlos;
-sie vernichtet nicht nur die Mglichkeit, einen festen Standpunkt
-fr das Denken zu gewinnen, sie zerstrt nicht nur
-den Wahrheitsbegriff und damit eben die Wirklichkeit, deren
-Philosophie sie einzig zu sein beansprucht: sie trgt auch
-die Hauptschuld an dem Elend der heutigen Psychologie.</p>
-
-<p>Diese heutige Psychologie nennt sich mit Stolz die
-<em class="gesperrt">Psychologie ohne Seele</em>, nach dem ersten, der dies
-Wort ausgesprochen hat, nach dem vielberschtzten Friedrich
-Albert <em class="gesperrt">Lange</em>. Diese Untersuchung glaubt gezeigt zu haben, da
-ohne die Annahme einer Seele den psychischen Erscheinungen
-gegenber kein Auskommen zu finden ist: sowohl an den
-Phnomenen von M, dem eine Seele zuerkannt werden mu,
-als auch an den Phnomenen von W, die seelenlos ist. Unsere<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span>
-heutige Psychologie ist eine eminent weibliche Psychologie,
-und gerade darum ist die vergleichende Untersuchung der
-Geschlechter so besonders lehrreich, nicht zuletzt darum habe
-ich sie mit dieser Grndlichkeit ausgefhrt; denn hier am
-ehesten kann offenbar werden, was zur Annahme des Ich
-ntigt, und wie die Konfusion von mnnlichem und weiblichem
-Seelenleben (im weitesten und tiefsten Sinne), bei dem Bestreben,
-eine Allgemeinpsychologie zu schaffen, als der
-Faktor angesehen werden darf, der am weitesten in die Irre
-gefhrt hat, wenn er auch (ja gerade <em class="gesperrt">weil</em> er) gar nicht <em class="gesperrt">bewut</em>
-zur Geltung gebracht worden ist.</p>
-
-<p>Freilich erhebt sich nun die Frage, <em class="gesperrt">ist von M berhaupt
-Psychologie <b>als Wissenschaft</b> mglich? Und
-hierauf ist vorderhand mit Nein zu antworten.</em> Ich mu
-wohl darauf gefat sein, an die Untersuchungen der Experimentatoren
-verwiesen zu werden, und auch wer in dem allgemeinen
-Experimentalrausch nchterner geblieben ist, wird
-vielleicht verwundert fragen, ob diese denn gar nicht zhlten.
-Aber die experimentelle Psychologie hat nicht nur keinen
-einzigen Aufschlu ber die tieferen Grnde des mnnlichen
-Seelenlebens gegeben; nicht nur kann niemand an eine mehr
-als sporadische Erwhnung, geschweige denn an eine systematische
-Verarbeitung dieser ungeheueren Zahl von Versuchsreihen
-denken: sondern vor allem ist, wie gezeigt wurde, ihre
-<em class="gesperrt">Methode</em>, auen anzufangen und von da in den Kern hineinzudringen,
-verfehlt; und darum hat sie auch nicht <em class="gesperrt">eine</em> Aufklrung
-ber den tieferen innerlichen Zusammenhang der psychischen
-Phnomene gebracht. Die psychophysische Malehre
-hat berdies gerade gezeigt, wie das eigentliche Wesen der
-psychischen im Gegensatz zu den physischen Phnomenen
-darin besteht, da die Funktionen, durch welche ihr Zusammenhang
-und ihr bergehen ineinander allenfalls darstellbar
-wre, auch im besten Falle <em class="gesperrt">unstetig</em> und darum
-<em class="gesperrt">nicht differenzierbar</em> geraten mten. Mit der Stetigkeit
-ist aber auch die prinzipielle Mglichkeit der Erreichbarkeit
-des unbedingt mathematischen Ideales aller Wissenschaft dahin.
-Wem brigens klar ist, da Raum und Zeit nur durch die Psyche
-geschaffen werden, der wird nicht von Geometrie und Arithmetik<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span>
-erwarten, da sie je ihren Schpfer erschpfen
-knnten.</p>
-
-<p>Es gibt keine wissenschaftliche Psychologie vom Manne;
-denn im Wesen aller Psychologie liegt es, das Unableitbare
-ableiten zu wollen, ihr endliches Ziel mte, deutlicher gesprochen,
-dieses sein, <em class="gesperrt">jedem Menschen seine Existenz
-und Essenz zu beweisen, zu deduzieren</em>. Dann wre
-aber jeder Mensch, auch seinem tiefsten Wesen nach, Folge
-eines Grundes, determiniert und kein Mensch dem anderen
-mehr, als einem Mitgliede eines Reiches der Freiheit und des
-unendlichen Wertes, Achtung schuldig: <em class="gesperrt">im Augenblick,
-wo ich vllig deduziert, vllig subsumiert werden
-knnte, htte ich allen <b>Wert</b> verloren</em>, und wre eben
-<em class="gesperrt">seelenlos</em>. Mit der <em class="gesperrt">Freiheit</em> des <em class="gesperrt">Wollens</em> wie des <em class="gesperrt">Denkens</em>
-(denn diese mu man zu jener hinzufgen) ist die Annahme
-der durchgngigen Bestimmtheit unvertrglich, mit welcher
-alle Psychologie ihr Geschft beginnt. Wer darum an ein
-freies Subjekt glaubte, wie <em class="gesperrt">Kant</em> und <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, der
-mute die Mglichkeit der Psychologie als Wissenschaft
-leugnen; wer an die Psychologie glaubte, fr den konnte
-die Freiheit des Subjektes auch nicht eine Denkmglichkeit
-mehr bleiben: so wenig fr <em class="gesperrt">Hume</em> als fr <em class="gesperrt">Herbart</em> (die
-zwei Begrnder der modernen Psychologie).</p>
-
-<p>Aus diesem Dilemma erklrt sich der traurige Stand
-der heutigen Psychologie in allen ihren Prinzipienfragen.
-Jene Bemhungen, den <em class="gesperrt">Willen</em> aus der Psychologie hinauszuschaffen,
-jene immer wiederholten Versuche, ihn aus
-Empfindung und Gefhl abzuleiten, haben eigentlich ganz
-recht darin, da der Wille kein <em class="gesperrt">empirisches</em> Faktum ist.
-Der Wille ist in der Erfahrung nirgends aufzutreiben und
-nachzuweisen, weil er selbst die Voraussetzung jedes empirisch-psychologischen
-Datums ist. Versuche einer, der am
-Morgen gern lange schlft, sich in dem Momente zu beobachten,
-da er den Entschlu fat, sich vom Bette zu erheben.
-<em class="gesperrt">Im Entschlusse liegt</em> (wie in der Aufmerksamkeit) <em class="gesperrt">das
-ganze ungeteilte Ich</em>, und darum fehlt die Zweiheit, die
-notwendig wre, um den Willen wahrzunehmen. Ebensowenig
-wie das Wollen ist das <em class="gesperrt">Denken</em> ein Faktum, das man in<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span>
-den Hnden behielte, wenn man wissenschaftliche Psychologie
-treibt. Denken ist urteilen, aber was ist das Urteil fr die innere
-Wahrnehmung? Nichts, es ist ein ganz Fremdes, das zu aller
-Rezeptivitt hinzukommt, aus den Bausteinen, welche die
-psychologischen Fasolte und Fafners herbeigeschleppt haben,
-nicht abzuleiten: jeder neue Urteilsakt vernichtet von neuem
-die mhselige Arbeit der Empfindungsatomisten. Ebenso ist's
-mit dem <em class="gesperrt">Begriff</em>. Kein Mensch denkt Begriffe, und doch gibt
-es Begriffe, wie es Urteile gibt. Und am Ende sind auch
-<em class="gesperrt">Wundts</em> Gegner vollstndig im Rechte damit, da die
-<em class="gesperrt">Apperzeption</em> kein empirisch-psychologisches Faktum, und
-kein irgendwann wahrnehmbarer Akt ist. Freilich ist Wundt
-tiefer als seine Bekmpfer &mdash; nur die allerflachsten Gesellen
-knnen Assoziationspsychologen sein &mdash; und es ist auch
-sicherlich begrndet, wenn er die Apperzeption mit dem
-Willen und der Aufmerksamkeit zusammenbringt. Aber sie
-ist so wenig eine Tatsache der Erfahrung wie eben diese,
-so wenig wie Urteil und Begriff. Wenn trotzdem alle diese
-Dinge, wenn Denken und Wollen da sind, nicht hinauszubringen,
-und jeder Bemhung einer Analyse spottend, so
-handelt es sich nur um die Wahl, ob man etwas annehmen
-wolle, das alles psychische Leben erst mglich mache, oder nicht.</p>
-
-<p>Darum sollte man dem Unfug ein Ziel setzen, von einer
-empirischen Apperzeption zu reden, und einsehen, wie sehr
-<em class="gesperrt">Kant</em> recht hatte, als er nur eine <em class="gesperrt">transcendentale Apperzeption</em>
-gelten lie. Will man aber hinter die Erfahrung nicht
-zurckgehen, so bleibt nichts brig als die unendlich ausgespreizte,
-armselig de Empfindungsatomistik mit ihren Assoziationsgesetzen;
-oder die Psychologie wird <em class="gesperrt">methodisch</em> zu einem
-Annex der Physiologie und Biologie, wie bei <em class="gesperrt">Avenarius</em>,
-dessen feiner Bearbeitung eines, brigens recht begrenzten,
-Stckes aus dem ganzen Seelenleben jedoch nur sehr wenige
-und recht unglckliche Versuche der Weiterfhrung gefolgt sind.</p>
-
-<p>Somit hat sich, ein wirkliches Verstndnis des Menschen
-anzubahnen, die unphilosophische Seelenkunde als vllig ungeeignet
-erwiesen, und keine Vertrstung auf die Zukunft vermag
-sichere Brgschaft zu bieten, da ihr dies je gelingen knne.
-Ein je besserer Psychologe einer ist, desto langweiliger werden<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span>
-ihm diese heutigen Psychologien. Denn sie steifen sich samt
-und sonders darauf, die Einheit, die alles psychische Geschehen
-erst begrndet, bis zum Schlu zu ignorieren: allwo
-wir dann regelmig noch durch einen letzten Abschnitt unangenehm
-berrascht werden, der von der Entwicklung einer
-harmonischen Persnlichkeit handelt. Jene <em class="gesperrt">Einheit</em>, die allein
-die wahre <em class="gesperrt">Unendlichkeit</em> ist, wollte man aus einer
-greren oder geringeren <em class="gesperrt">Zahl</em> von Bestimmungsstcken
-aufbauen; die Psychologie als Erfahrungswissenschaft sollte
-die Bedingung aller Erfahrung <em class="gesperrt">aus</em> der Erfahrung gewinnen!
-Das Unternehmen wird ewig fehlschlagen und ewig
-erneuert werden, weil die Geistesrichtung des Positivismus
-und Psychologismus so lange bestehen mu, als es mittelmige
-Kpfe und bequeme, nicht bis zu Ende denkende
-Naturen gibt. Wer, wie der Idealismus, die Psyche nicht
-opfern will, der mu die Psychologie preisgeben; wer die
-Psychologie aufrichtet, der ttet die Psyche. Alle Psychologie
-will das Ganze aus den Teilen ableiten und als bedingt
-hinstellen; alles tiefere Nachdenken erkennt, da die Teilerscheinungen
-hier aus dem Ganzen als letztem Urquell
-flieen. <em class="gesperrt">So negiert die Psychologie die Psyche, und
-die Psyche ihrem Begriff nach jede Lehre von ihr:
-die Psyche negiert die Psychologie.</em></p>
-
-<p>Diese Darstellung hat sich fr die <em class="gesperrt">Psyche</em> und gegen
-die lcherliche und jmmerliche <em class="gesperrt">seelenlose Psychologie</em>
-entschieden. Ja, es bleibt ihr fraglich, ob Psychologie mit
-Seele je vereinbar, eine Wissenschaft, die Kausalgesetze und
-selbstgesetzte Normen des Denkens und Wollens aufsuchen
-will, mit der Freiheit des Denkens und Wollens berhaupt
-vertrglich sei. Auch die Annahme einer besonderen psychischen
-Kausalitt<a name="FNAnker_44_44" id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a> kann vielleicht nichts daran ndern, da die
-Psychologie, indem sie zuletzt ihre eigene Unmglichkeit
-dartut, durch ein solches Ende den glnzendsten Beweis fr<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span>
-das jetzt allgemein verlachte und verlsterte Recht des Freiheitsbegriffes
-wird erbringen mssen.</p>
-
-<p>Hiemit soll aber keineswegs eine neue ra der rationalen
-Psychologie ausgerufen sein. Vielmehr ist die Absicht
-im Anschlu an <em class="gesperrt">Kant</em> die, da die transcendentale <em class="gesperrt">Idee</em>
-der Psyche von Anfang an als Fhrer beim Aufsteigen in der
-Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten zu dienen
-habe, durchaus nicht hingegen in Ansehung des Hinabgehens
-zum Bedingten. Nur die Versuche muten abgelehnt
-werden, jenes Unbedingte aus dem Bedingten (am Schlusse
-eines Buches von 500&ndash;1500 Seiten) hervorspringen zu lassen.
-Seele ist das regulative Prinzip, das aller wahrhaft psychologischen,
-und nicht empfindungsanalytischen, Einzelforschung
-vorzuschweben und diese zu leiten hat; weil sonst jede Darstellung
-des Seelenlebens, auch wenn sie noch so detailliert,
-liebevoll und verstndnisinnig geschrieben ist, in ihrer Mitte
-ghnend ein groes schwarzes Loch aufweist.</p>
-
-<p>Es ist unbegreiflich, wie Forscher, die nie einen Versuch
-gemacht haben, Phnomene wie Scham und Schuld,
-Glauben und Hoffnung, Furcht und Reue, Liebe und Ha,
-Sehnsucht und Einsamkeit, Eitelkeit und Empfindlichkeit,
-Ruhmsucht und Unsterblichkeitsbedrfnis zu analysieren,
-den Mut haben, ber das Ich kurzerhand abzusprechen, weil
-sie es nicht vorfinden wie die Farbe der Orange oder den
-Geschmack des Laugenhaften. Oder wie wollen <em class="gesperrt">Mach</em> und
-<em class="gesperrt">Hume</em> auch nur die Tatsache des <em class="gesperrt">Stiles</em> erklren, wenn nicht
-aus der Individualitt? Ja, weiter: die Tiere erschrecken nie,
-wenn sie sich im Spiegel sehen, aber kein Mensch vermchte
-sein Leben in einem Spiegelzimmer zu verbringen. Oder ist auch
-diese Furcht, die Furcht vor dem <em class="gesperrt">Doppelgnger</em> (von der
-bezeichnenderweise das Weib frei ist<a name="FNAnker_45_45" id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a>) biologisch, darwinistisch
-abzuleiten? Man braucht das Wort Doppelgnger
-nur zu nennen, um in den meisten Mnnern heftiges Herzklopfen
-hervorzurufen. Hier hrt eben alle rein empirische
-Psychologie notgedrungen auf, hier ist <em class="gesperrt">Tiefe</em> vonnten. Denn<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span>
-wie knnte man <em class="gesperrt">diese</em> Dinge zurckfhren auf ein frheres
-Stadium der Wildheit oder Tierheit und des Mangels an Sicherung
-durch die Zivilisation, woraus <em class="gesperrt">Mach</em> die Furcht der
-kleinen Kinder als eine ontogenetische Reminiszenz erklren
-zu knnen glaubt! Ich habe brigens dies nur als eine
-Andeutung erwhnt, um die Immanenten und naiven Realisten
-daran zu mahnen, da es auch in ihnen Dinge gibt, von
-denen .....</p>
-
-<p>Warum ist kein Mensch angenehm berhrt und vllig
-damit einverstanden, wenn man ihn als Nietzscheaner, Herbartianer,
-Wagnerianer u.&nbsp;s.&nbsp;w. <em class="gesperrt">einreiht</em>? Wenn man ihn, mit
-einem Worte, <em class="gesperrt">subsumiert</em>? Auch Ernst <em class="gesperrt">Mach</em> ist es doch
-gewi schon passiert, da ihn ein oder der andere liebe
-Freund subsumiert hat als Positivisten, Idealisten oder
-irgendwie sonst. Glaubt er sich richtig beschrieben, wenn
-jemand sagen wollte, das Gefhl, das man bei solchen durch
-andere vorgenommenen Subsumtionen habe, gehe blo auf die
-fast vllige Gewiheit der <em class="gesperrt">Einzigartigkeit</em> des Zusammentreffens
-der <em class="gesperrt">Elemente</em> in einem Menschen, es sei nur beleidigte
-Wahrscheinlichkeitsrechnung? Und doch hat dieses Gefhl,
-genau genommen, nichts von einem Nichteinverstandensein,
-wie sonst wohl mit irgend einer wissenschaftlichen These.
-Es ist auch etwas ganz anderes, und darf damit nicht
-verwechselt werden, wenn jemand selbst es sagt, er sei
-Wagnerianer. Hierin liegt im tiefsten Grunde immer eine
-positive Bewertung des Wagnertums, weil man selbst
-Wagnerianer ist. Wer aufrichtig ist, wer es sein kann, wird
-zugeben, da er mit einer solchen Aussage <em class="gesperrt">auch</em> eine
-Erhhung Wagners vornimmt. Vom anderen Menschen frchtet
-man meist, da er das Gegenteil einer Erhhung beabsichtige.
-Daher die Erscheinung, da ein Mensch sehr viel von sich
-selbst sagen kann, was ihm von anderen zu hren hchst
-peinlich wre, wie <em class="gesperrt">Cyrano von Bergerac</em> von den tollsten
-Sticheleien bekennt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Je me les sers moi-mme, avec assez de verve,<br /></span>
-<span class="i0">Mais je ne permets pas qu'un autre me les serve.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Woher rhrt also jenes Gefhl, das selbst tiefstehende
-Menschen haben? Von einem, wenn auch noch so dunklen<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span>
-Bewutsein ihres Ich, ihrer Individualitt, die dabei zu kurz
-kommt. <em class="gesperrt">Dieses Widerstreben ist das Urbild aller Emprung.</em></p>
-
-<p>Es geht endlich auch nicht recht an, einen <em class="gesperrt">Pascal</em>, einen
-<em class="gesperrt">Newton</em> einerseits hchst geniale Denker und anderseits mit
-einer Menge beschrnkter Vorurteile behaftet sein zu lassen,
-ber die <em class="gesperrt">wir</em> lngst hinaus seien. Stehen wir denn wirklich
-auf unsere elektrischen Bahnen und empirischen Psychologien
-hin schon ohne weiteres um so viel hher als jene Zeit? Ist
-<em class="gesperrt">Kultur</em>, wenn es Kulturwerte gibt, wirklich nach dem
-Stande der Wissenschaft, die immer nur einen <em class="gesperrt">sozialen</em>, nie
-einen <em class="gesperrt">individuellen, nicht-demonstrierbaren</em> Charakter
-hat, nach der Zahl der Volksbibliotheken und Laboratorien
-zu messen? Ist Kultur denn etwas auerhalb des Menschen,
-ist Kultur nicht vor allem <em class="gesperrt">im</em> Menschen?</p>
-
-<p>Und man mag sich noch so erhaben fhlen ber einen
-<em class="gesperrt">Euler</em>, gewi einen der grten Mathematiker aller Zeiten,
-welcher einmal sagt: was <em class="gesperrt">er</em>, im Augenblick, da <em class="gesperrt">er</em> einen Brief
-schreibe, tue, das wrde <em class="gesperrt">er</em> genau so tun wie wenn <em class="gesperrt">er</em> im
-Krper eines Rhinozeros steckte. Ich will die uerung
-<em class="gesperrt">Eulers</em> auch nicht schlechthin verteidigen, sie ist vielleicht
-charakteristisch fr den Mathematiker, ein Maler htte sie
-nie getan. Aber dieses Wort gar nicht zu begreifen, nicht
-einmal die Mhe zu seinem Verstndnisse sich zu nehmen,
-sich ber sie einfach lustig zu machen und <em class="gesperrt">Euler</em> mit der
-Beschrnktheit seiner Zeit zu entschuldigen, das scheint
-mir keineswegs gerechtfertigt.</p>
-
-<p>Also, es ist, wenigstens fr den Mann, auch in der Psychologie
-<em class="gesperrt">ohne</em> den Ich-Begriff nicht dauernd auszukommen;
-ob <em class="gesperrt">mit</em> diesem eine im <em class="gesperrt">Windelband</em>schen Sinne nomothetische
-Psychologie, d.&nbsp;h. psychologische Gesetze vereinbar
-sind, scheint sehr fraglich, kann aber an der Anerkennung
-jener Notwendigkeit nichts ndern. Vielleicht schlgt die
-Psychologie jene Bahn ein, die ihr ein frheres Kapitel vorzeichnen
-zu knnen glaubte, und wird theoretische Biographie.
-Aber gerade dann werden ihr die Grenzen aller empirischen
-Psychologie am ehesten zum Bewutsein kommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span>
-
-Da <em class="gesperrt">im Manne</em> fr alle Psychologie ein Ineffabile,
-ein Unauflsliches bleibt, damit stimmt es wunderbar berein,
-da <em class="gesperrt">regelrechte Flle von duplex oder multiplex
-personality, Verdoppelung oder Vervielfachung des
-Ich, <b>nur bei Frauen</b> beobachtet worden sind. Das absolute
-Weib ist zerlegbar</em>: der Mann ist in alle Ewigkeit,
-auch durch die beste Charakterologie nicht vllig zerlegbar,
-geschweige denn durchs Experiment: in ihm ist ein
-Wesenskern, der keine Zergliederung mehr zult. W ist ein
-Aggregat und daher dissoziierbar, spaltbar.</p>
-
-<p>Deswegen ist es ungemein komisch und belustigend,
-moderne Gymnasiasten (als platonische Idee) von der Seele
-des Weibes, von Frauenherzen und ihren Mysterien, von der
-Psyche des modernen Weibes etc. reden zu hren. Es scheint
-auch zu dem Befhigungsnachweis eines gesuchten Accoucheurs
-zu gehren, da er an die Seele des Weibes glaube. Wenigstens
-hren es viele Frauen sehr gerne, wenn man von ihrer
-Seele spricht, obwohl sie (in Henidenform) wissen, da das
-Ganze ein Schwindel ist. <em class="gesperrt">Das Weib als die Sphinx! Ein
-rgerer Unsinn ist kaum je gesagt worden. Der Mann
-ist unendlich rtselhafter, unvergleichlich komplizierter.</em>
-Man braucht nur auf die Gasse zu gehen: es gibt
-kaum ein Frauengesicht, dessen Ausdruck einem da nicht bald
-klar wrde. Das Register des Weibes an Gefhlen, an
-Stimmungen ist so unendlich arm! Whrend gar manches
-mnnliche Antlitz lange und schwer zu raten gibt.</p>
-
-<p>Schlielich werden wir hier auch einer Lsung der Frage:
-Parallelismus oder Wechselwirkung zwischen Seelischem und
-Krperlichem? nhergefhrt. Fr W trifft der psychophysische
-Parallelismus, als vollstndige Koordination beider
-Reihen, zu: mit der senilen Involution der Frau erlischt auch
-die Fhigkeit zu geistiger Anspannung, die ja nur im Gefolge
-sexueller Zwecke auftritt, und diesen dienstbar gemacht wird.
-Der Mann wird nie in dem Sinne vllig alt wie das Weib, und es
-ist die geistige Rckbildung hier durchaus nicht notwendig,
-sondern nur in einzelnen Fllen mit der krperlichen verknpft;
-am allerwenigsten endlich ist von greisenhafter
-Schwche bei jenem Menschen etwas wahrzunehmen, welcher<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span>
-die Mnnlichkeit in voller geistiger Entfaltung zeigt, beim
-Genie.</p>
-
-<p>Nicht umsonst sind jene Philosophen, welche die strengsten
-Parallelisten waren, <em class="gesperrt">Spinoza</em> und <em class="gesperrt">Fechner</em>, auch die
-strengsten Deterministen. Bei M, dem freien, intelligiblen Subjekte,
-das sich fr Gut oder fr Bse <em class="gesperrt">nach seinem Willen</em>
-entscheiden kann, ist der psychophysische Parallelismus, der
-eine der mechanischen genau analoge Kausalverkettung auch
-fr alles Geistige fordern wrde, auszuschlieen.</p>
-
-<p>So weit wre denn die Frage, welcher prinzipielle
-Standpunkt in der Behandlung der Psychologie der Geschlechter
-einzunehmen ist, erledigt. Es erwchst dieser
-Ansicht jedoch wieder eine auerordentliche Schwierigkeit in
-einer Reihe merkwrdiger Tatsachen, die zwar fr die
-faktische Seelenlosigkeit von W noch einmal, und zwar in
-geradezu entscheidender Weise in Betracht kommen, die aber
-anderseits von der Darstellung auch die Erklrung eines
-sehr eigentmlichen Verhaltens der Frau fordern, das seltsamerweise
-noch kaum jemand ernstlich Problem geworden
-zu sein scheint.</p>
-
-<p>Schon lngst wurde bemerkt, wie die Klarheit des
-mnnlichen Denkens gegenber der weiblichen Unbestimmtheit,
-und spter wurde darauf hingewiesen, wie die Funktion
-der gesetzten Rede, in welcher feste logische <em class="gesperrt">Urteile</em> zum
-Ausdruck kommen, auf die Frau wie ein <em class="gesperrt">Sexualcharakter</em>
-des Mannes wirkt. Was aber W sexuell anreizt, mu eine
-Eigenschaft von M sein. Ebenso macht Unbeugsamkeit des
-mnnlichen Charakters auf die Frau sexuellen Eindruck, sie
-miachtet den Mann, der einem anderen nachgibt. Man pflegt
-in solchen Fllen oft von sittlichem Einflu des Weibes auf
-den Mann zu reden, wo doch sie nur das sexuelle Komplement
-in seinen komplementierenden Eigenschaften voll und ganz
-sich zu erhalten strebt. Die Frauen verlangen vom Manne
-Mnnlichkeit, und glauben sich zur hchsten Entrstung und
-Verachtung berechtigt, wenn der Mann ihre Erwartungen in
-diesem Punkt enttuscht. So wird eine Frau, auch wenn sie
-noch so kokett und noch so verlogen ist, in Erbitterung und
-Emprung geraten, wenn sie beim Manne Spuren von<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span>
-Koketterie oder Lgenhaftigkeit wahrnimmt. Sie mag noch
-so feige sein: der Mann soll Mut beweisen. Da dies nur
-sexueller Egoismus ist, der sich den ungetrbten Genu
-seines Komplementes zu wahren sucht, wird allzuoft verkannt.
-Und so ist denn auch aus der Erfahrung kaum ein
-zwingenderer Beweis fr die Seelenlosigkeit des Weibes zu
-fhren als daraus, <em class="gesperrt">da die Frauen vom Manne Seele verlangen</em>,
-und Gte auf sie wirken kann, obwohl sie selbst nicht
-wirklich gut sind. Seele ist ein Sexualcharakter, der nicht
-anders und zu keinem anderen Zwecke beansprucht wird als
-groe Muskelkraft oder kitzelnde Schnurrbartspitze. Man mag
-sich an der Kraheit des Ausdruckes stoen, an der Sache
-ist nichts zu ndern. &mdash; Die allerstrkste Wirkung endlich
-bt auf die Frau der mnnliche <em class="gesperrt">Wille</em>. Und sie hat einen
-merkwrdig feinen Sinn dafr, ob das Ich will des Mannes
-blo Anstrengung und Aufgeblasenheit oder wirkliche Entschlossenheit
-ist. Im letzteren Falle ist der Effekt ein ganz
-ungeheuerer.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wie kann nun aber eine Frau, wenn sie an sich
-seelenlos ist, Seele beim Manne perzipieren, wie seine
-Moralitt beurteilen, da sie selbst amoralisch ist, wie
-seine Charakterstrke auffassen, ohne als Person
-Charakter zu haben, wie seinen Willen spren, obgleich
-sie doch eigenen Willen nicht besitzt?</em></p>
-
-<p>Hiemit ist das auerordentlich schwierige Problem formuliert,
-vor dem die Untersuchung weiterhin noch zu bestehen
-haben wird.</p>
-
-<p>Bevor aber seine Lsung versucht werde, mssen die
-errungenen Positionen nach allen Seiten hin befestigt und
-gegen Angriffe geschtzt werden, die in den Augen mancher
-imstande sein knnten, sie zu erschttern.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span><a name="X_Kapitel" id="X_Kapitel"><small>X. Kapitel.</small></a><br />
-
-Mutterschaft und Prostitution.</h2>
-
-
-<p>Der Haupteinwand, welcher gegen die bisherige Darstellung
-wird erhoben werden, bezieht sich auf die Allgemeingltigkeit
-des Gesagten fr <em class="gesperrt">alle</em> Frauen. Bei einigen, bei
-vielen mge das zutreffen; aber es gebe doch auch andere ...</p>
-
-<p>Es lag ursprnglich nicht in meiner Absicht, auf spezielle
-Formen der Weiblichkeit einzugehen. Die Frauen lassen sich
-nach mehreren Gesichtspunkten einteilen, und gewi mu man
-sich hten, das, was von einem extremen Typus gilt, der
-zwar berall nachweisbar ist, aber oft durch das Vorwalten
-gerade des entgegengesetzten Typus bis zur Unmerklichkeit
-zurckgedrngt wird, von der Allgemeinheit der Frauen in
-gleicher Weise zu behaupten. Es sind <em class="gesperrt">mehrere</em> Einteilungen
-der Frauen mglich, und es gibt <em class="gesperrt">verschiedene</em> Frauencharaktere;
-wenn auch das Wort Charakter hier nur im empirischen
-Verstande angewendet werden darf. Alle Charaktereigenschaften
-des Mannes finden merkwrdige, zu Amphibolien
-oft genug Anla bietende Analoga beim Weibe (einen interessanten
-Vergleich dieser Art zieht spter dieses Kapitel);
-doch ist beim Manne der Charakter stets <em class="gesperrt">auch</em> in die Sphre
-des Intelligiblen getaucht, und dort mchtig verankert; hieraus
-wird denn die frher (<a href="#Seite_104">S.&nbsp;104</a>) gergte Vermischung der
-Seelenlehre mit der Charakterologie, und die Gemeinsamkeit
-im Schicksale beider, wieder eher begreiflich. Die charakterologischen
-Unterschiede unter den Frauen senden ihre Wurzeln
-nie so tief in den Urboden hinab, da sie in die Entwicklung
-einer Individualitt einzugehen vermchten; und es gibt vielleicht
-gar keine weibliche Eigenschaft, die nicht im Laufe
-des Lebens, unter dem Einflu des mnnlichen Willens, in<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span>
-der Frau modifiziert, zurckgedrngt, ja vernichtet werden
-knnte.</p>
-
-<p>Was es unter ganz <em class="gesperrt">gleich mnnlichen</em> oder ganz
-<em class="gesperrt">gleich weiblichen</em> Individuen <em class="gesperrt">noch</em> fr Unterschiede geben
-mge, diese Frage hatte ich bisher mit Bedacht aus dem
-Spiele gelassen. Keineswegs, weil mit der Zurckfhrung
-psychologischer Differenzen auf das Prinzip der sexuellen
-Zwischenformen mehr gewonnen gewesen war als <em class="gesperrt">ein</em> Leitfaden
-unter tausenden auf diesem verschlungensten aller Gebiete:
-sondern aus dem einfachen Grunde, weil jede Kreuzung mit
-einem anderen Prinzipe, jede Erweiterung der linearen Betrachtungen
-ins Flchenhafte, strend gewirkt htte bei diesem
-ersten Versuche einer grndlichen charakterologischen Orientierung,
-der weiter kommen wollte als bis zur Ermittelung von
-Temperamenten oder Sinnestypen.</p>
-
-<p>Die spezielle weibliche Charakterologie soll einer besonderen
-Darstellung vorbehalten bleiben; aber schon diese
-Schrift ist nicht ohne Hinblick auf individuelle Differenzen
-unter den Frauen abgefat, und ich glaube so den Fehler
-falscher Verallgemeinerung vermieden, und bisher nur solches
-behauptet zu haben, was unterschiedslos von allen gleich
-weiblichen Frauen in gleicher Weise und gleicher Strke
-gilt. Nur auf W ganz allgemein ist es bisher angekommen.
-Da man aber meinen Darlegungen vornehmlich <em class="gesperrt">einen</em> Typus
-unter den Frauen entgegenhalten wird, ergibt sich die Notwendigkeit,
-bereits hier <em class="gesperrt">ein</em> Gegensatzpaar aus der Flle
-herauszugreifen.</p>
-
-<p>Allem Schlechten und Garstigen, das ich den Frauen
-nachgesagt habe, wird das Weib als Mutter gegenbergestellt
-werden. Dieses erfordert also eine Besprechung. Seine Ergrndung
-kann aber niemand in Angriff nehmen, ohne zugleich
-den Gegenpol der Mutter, welcher die fr das Weib
-diametral kontrre Mglichkeit verwirklicht zeigt, heranzuziehen;
-weil nur hiedurch der Muttertypus eine deutliche
-Abgrenzung erfhrt, nur so die Eigenschaften der Mutter
-von allem Fremden scharf sich abheben knnen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Jener der Mutter polar entgegengesetzte Typus
-ist die Dirne.</em> Die Notwendigkeit gerade dieser Gegenberstellung<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span>
-lt sich ebensowenig <em class="gesperrt">deduzieren</em>, wie da Mann
-und Weib einander entgegengesetzt sind; wie man dies nur
-<em class="gesperrt">sieht</em> und nicht beweist, so mu man auch jenes <em class="gesperrt">erschaut</em>
-haben, oder es in der Wirklichkeit wiederzufinden trachten,
-um sich zu berzeugen, ob diese dem Schema sich bequem einordnet.
-Auf jene Restriktionen, die vorzunehmen sind, komme
-ich noch zu sprechen; einstweilen seien die Frauen betrachtet
-als stets von zwei Typen, einmal mehr vom einen, ein andermal
-mehr vom anderen etwas in sich tragend: <em class="gesperrt">diese Typen
-sind die Mutter und die Dirne</em>.</p>
-
-<p>Man wrde diese Dichotomie miverstehen, wenn man sie
-von einer populren Entgegensetzung nicht unterschiede. Man
-hat oft gesagt, das Weib sei sowohl <em class="gesperrt">Mutter</em> als <em class="gesperrt">Geliebte</em>. Den
-Sinn und Nutzen dieser Distinktion kann ich nicht recht einsehen.
-Soll mit der Qualitt der Geliebten das Stadium bezeichnet
-werden, welches der Mutterschaft notwendig vorhergeht?
-Dann kann es keinerlei dauernde charakterologische
-Eigentmlichkeit bezeichnen. Und was sagt denn der Begriff
-Geliebte ber die Frau selbst aus, als da sie geliebt wird?
-Fgt er ihr wirklich eine wesentliche, oder nicht vielmehr
-eine ganz uerliche Bestimmung zu? Geliebt werden mag
-sowohl die Mutter als die Dirne. Hchstens knnte man mit der
-Geliebten eine Gruppe von Frauen haben umschreiben wollen,
-die ungefhr in der Mitte zwischen den hier bezeichneten
-Polen sich aufhielte, eine Zwischenform von Mutter und
-Dirne; oder man hlt es einer ausdrcklichen Feststellung
-fr bedrftig, da eine Mutter zum Vater ihrer Kinder in
-einem anderen Verhltnis stehe als zu ihren Kindern selbst,
-und Geliebte eben sei, insoferne sie sich lieben lt, d.&nbsp;h. dem
-Liebenden sich hingibt. Aber damit ist nichts gewonnen, weil
-dies beide, Mutter wie Prostituierte, gegebenenfalls in formal
-gleicher Weise tun knnen. Der Begriff der Geliebten sagt
-gar nichts ber die Qualitten des Wesens aus, das geliebt
-wird; wie natrlich, denn er soll nur das erste zeitliche
-Stadium im Leben <em class="gesperrt">einer</em> und <em class="gesperrt">derselben</em> Frau andeuten,
-an welches sich spter als zweites die Mutterschaft schliet.
-Da also der Zustand der Geliebten doch nur ein accidentielles
-Merkmal ihrer Person ist, wird jene Gegenberstellung ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span>
-unlogisch, indem die Mutterschaft auch etwas Innerliches ist
-und nicht blo die Tatsache anzeigt, da eine Frau geboren
-hat. Worin dieses tiefere Wesen der Mutterschaft besteht,
-wird eben Aufgabe der jetzigen Untersuchung.</p>
-
-<p>Da Mutterschaft und Prostitution einander polar entgegengesetzt
-sind, ergibt sich mit groer Wahrscheinlichkeit
-allein schon aus der greren Kinderzahl der guten Hausmtter,
-indes die Kokotte immer nur wenige Kinder hat, und
-die Gassendirne in der Mehrzahl der Flle berhaupt steril
-ist. Es ist wohl zu beachten, da nicht das kufliche Mdchen
-allein dem Dirnentypus angehrt, sondern sehr viele unter
-den sogenannten anstndigen Mdchen und verheirateten
-Frauen, ja selbst solche, die gar nie die Ehe brechen, nicht,
-weil die Gelegenheit nicht gnstig genug ist, sondern weil
-sie selbst es nicht bis dahin kommen lassen. Man stoe sich
-also nicht an der Verwendung des Begriffes der Dirne, der ja
-erst noch zu analysieren ist, in einem viel weiteren Umfange
-als einem, der blo auf feile Weiber sich erstreckt. berdies
-knnte der Dirnentypus auch dann zum Ausdruck kommen,
-wenn blo ein Mann und ein Weib auf der Welt wren,
-denn er uert sich bereits in dem spezifisch verschiedenen
-Verhalten zum einzelnen Manne.</p>
-
-<p>Schon die Tatsache der geringeren Fruchtbarkeit enthbe
-mich der Pflicht einer Auseinandersetzung mit der allgemeinen
-Ansicht, welche ein, notwendigerweise tief im Wesen eines
-Menschen gegrndetes Phnomen, wie die Prostitution, ableiten
-will aus sozialen Mistnden, aus der Erwerbslosigkeit
-vieler Frauen, und daraufhin spezielle Anklagen gegen die
-heutige Gesellschaft erhebt, deren mnnliche Machthaber in
-ihrem konomischen Egoismus den unverheirateten Frauen
-die Mglichkeit eines rechtschaffenen Lebens so erschwerten;
-oder auf das Junggesellentum rekurriert, das ebenfalls angeblich
-nur materielle Grnde habe, und zu seiner notwendigen
-Ergnzung nach der Prostitution verlange. Oder soll doch angefhrt
-werden: da die Prostitution nicht blo bei rmlichen
-Gassendirnen zu suchen ist; da wohlhabende Mdchen zuweilen
-sich aller Vorteile ihres Rufes begeben, und ein offenes
-Flanieren auf der Strae versteckten Liebschaften vorziehen &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span>
-denn zur <em class="gesperrt">richtigen</em> Prostitution <em class="gesperrt">gehrt</em> die <em class="gesperrt">Gasse</em> &mdash;; da
-viele Stellen in Geschftslden, in der Buchhaltung, im Post-,
-Telegraphen- und Telephondienste, wo immer eine rein
-schablonenmige Ttigkeit beansprucht wird, mit Vorliebe
-an Frauen vergeben werden, weil W viel weniger differenziert
-und eben darum bedrfnisloser ist als M, der Kapitalismus
-aber lange vor der Wissenschaft das weggehabt hat, da man
-die Frauen ihrer niedrigeren Lebenshaltung wegen auch
-schlechter bezahlen drfe. brigens findet selbst die junge
-Dirne, weil sie teueren Mietzins zu zahlen, eine nicht gewhnliche
-Kleidung zu tragen und den Souteneur auszuhalten hat,
-meist nur sehr schwer ihr Auskommen. Wie tief der Hang
-zu ihrem Leben in ihnen wurzelt, das bezeugt die hufige
-Erscheinung, da Prostituierte, wenn sie geehelicht werden,
-wieder zu ihrem frheren Gewerbe zurckkehren. Die Prostituierten
-sind ferner vermge unbekannter, aber offenbar in
-einer angeborenen Konstitution liegender Ursachen gegen
-manche Infektionen oft <em class="gesperrt">immun</em>, denen rechtschaffene Frauen
-meist unterliegen. Schlielich hat die Prostitution <em class="gesperrt">immer</em> bestanden
-und ist mit den Errungenschaften der kapitalistischen
-ra keineswegs relativ gewachsen, ja, sie gehrte sogar zu
-den <em class="gesperrt">religisen</em> Institutionen gewisser Vlker des Altertums,
-z.&nbsp;B. der Phnizier.</p>
-
-<p>Die Prostitution kann also keineswegs als etwas betrachtet
-werden, wohin erst der Mann die Frau gedrngt hat.
-Oft genug wird sicherlich ein Mann die Schuld tragen, wenn
-ein Mdchen ihren Dienst verlassen mute und sich brotlos
-fand. Da aber in solchem Falle zu etwas gegriffen werden
-kann, wie es die Prostitution ist, mu in der Natur des menschlichen
-Weibes selbst liegen. Was nicht ist, kann auch nicht
-werden. Dem echten Manne, den materiell noch fter ein
-widriges Schicksal trifft, und welcher Armut intensiver empfindet
-als das Weib, ist gleichwohl die Prostitution fremd, und
-mnnliche Prostituierte (unter Kellnern, Friseurgehilfen etc.)
-sind immer vorgerckte sexuelle Zwischenformen. Demnach
-ist die Eignung und der Hang zum Dirnentum ebenso wie
-die Anlage zur Mutterschaft in einem Weibe organisch, von
-der Geburt an vorhanden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span>
-
-Damit soll aber nicht gesagt sein, jedes Weib, das zur
-Dirne wird, sei mit ausschlielich innerer Notwendigkeit dazu
-geworden. Es stecken vielleicht in den meisten Frauen <em class="gesperrt">beide</em>
-Mglichkeiten, sowohl die Mutter als die Dirne; nur die
-Jungfrau &mdash; man entschuldige; ich wei, es ist rcksichtslos
-gegen die <em class="gesperrt">Mnner</em> &mdash; nur die Jungfrau, die gibt es nicht.
-Worauf es in solchen Schwebefllen ankommt, das kann nur
-der Mann sein, der ein Weib zur Mutter zu machen auf jeden
-Fall durch seine Person imstande ist; nicht erst durch den
-Koitus, sondern durch ein einmaliges <em class="gesperrt">Anblicken</em>. <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>
-bemerkt, der Mensch msse sein Dasein streng
-genommen von dem Augenblick datieren, da sein Vater und
-seine Mutter sich ineinander verliebt htten. Das ist nicht
-richtig. Die Geburt eines Menschen mte, im idealen Falle,
-in den Augenblick verlegt werden, wo <em class="gesperrt">eine Frau <b>ihn</b></em>, den
-Vater ihres Kindes, <em class="gesperrt">zum ersten Male erblickt oder auch
-nur seine Stimme hrt</em>. Die biologische und medizinische
-Wissenschaft, die Zchtungslehre und die Gynkologie verhalten
-sich freilich, seit ber sechzig Jahren, unter dem Einflusse
-von <em class="gesperrt">Johannes Mller</em>, Th. <em class="gesperrt">Bischoff</em> und Ch. <em class="gesperrt">Darwin</em>,
-der Frage des Versehens oder Verschauens gegenber
-beinahe durchaus ablehnend. Es wird im weiteren eine
-Theorie des Versehens zu entwickeln versucht werden; hier
-mchte ich nur soviel bemerken, da die Sache denn doch
-vielleicht nicht so steht, da es kein Versehen geben drfe,
-weil es mit der Ansicht sich nicht vertrage, da blo Samenzelle
-und Ei das neue Individuum bilden helfen; sondern es
-gibt ein Versehen, und die Wissenschaft soll trachten, es zu
-erklren, statt es als schlechterdings unmglich in Abrede
-zu stellen, und zu tun, als ob sie in erfahrungswissenschaftlichen
-Dingen je ber so viel Erfahrung verfgen knnte, um
-eine solche Behauptung aufstellen zu drfen. In einer apriorischen
-Disziplin, wie der Mathematik, darf ich es ganz ausgeschlossen
-nennen, da auf dem Planeten Jupiter 2 2 = 5
-sei; die Biologie kennt nur Stze von komparativer Allgemeinheit
-(<em class="gesperrt">Kant</em>). Wenn ich hier <em class="gesperrt">fr</em> das Versehen eintreten
-und in seiner Leugnung eine Beschrnktheit erblicken mu,
-will ich doch keineswegs behauptet haben, da alle sogenannten<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span>
-Mibildungen, oder auch nur ein sehr groer Teil
-derselben in ihm ihren Grund haben. Es kommt vorlufig
-nur auf die Mglichkeit einer Beeinflussung der Nachkommenschaft
-ohne den Koitus mit der Mutter an. Und da mchte
-ich zu sagen wagen<a name="FNAnker_46_46" id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a>: so wie sicherlich, wenn <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>
-und <em class="gesperrt">Goethe</em> in der Farbenlehre <em class="gesperrt">einer</em> Meinung
-sind, sie schon darum <em class="gesperrt">a priori</em> gegen alle Physiker der
-Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft recht haben drften,
-ebenso wird etwas, das fr <em class="gesperrt">Ibsen</em> (Frau vom Meer) und
-<em class="gesperrt">Goethe</em> (Wahlverwandtschaften) <em class="gesperrt">Wahrheit</em> ist, noch
-nicht <em class="gesperrt">falsch</em> durch das Gutachten smtlicher medizinischer
-Fakultten der Welt.</p>
-
-<p>Der Mann brigens, von dem eine so starke Wirkung
-auf die Frau erwartet werden knnte, da ihr Kind auch dann
-ihm hnlich wrde, wenn es nicht aus seinem Samen sich entwickelt
-hat, dieser Mann mte die Frau sexuell in uerst
-vollkommener Weise ergnzen. Wenn demnach solche Flle
-nur sehr <em class="gesperrt">selten</em> sind, so liegt dies an der Unwahrscheinlichkeit
-eines Zusammentreffens so vollstndiger Komplemente,
-und darf keinen Einwand gegen die <em class="gesperrt">prinzipielle Mglichkeit</em>
-solcher Tatsachen bilden, wie sie <em class="gesperrt">Goethe</em> und <em class="gesperrt">Ibsen</em>
-dargestellt haben.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ob</em> aber eine Frau jenen Mann trifft, der sie durch seine
-bloe Gegenwart zur Mutter seines Kindes macht, das ist
-Zufallssache. <em class="gesperrt">Insofern</em> ist fr <em class="gesperrt">viele</em> Mtter und Prostituierte
-wohl die <em class="gesperrt">Denkbarkeit</em> zuzugeben, da sich ihre Lose umgekehrt
-htten gestalten knnen. Aber anderseits gibt
-es nicht nur zahllose Beispiele, in welchen auch ohne diesen
-Mann die Frau im Mutter-Typus verbleibt, sondern es
-kommen ebenso zweifellos Flle vor, wo dieser eine Mann
-<em class="gesperrt">auftritt</em>, und doch auch <em class="gesperrt">sein</em> Erscheinen die schlieliche,
-endgltige Wendung zur Prostitution nicht zu hindern vermag.</p>
-
-<p>Es bleibt demnach nichts brig, als <em class="gesperrt">zwei</em> angeborene,
-entgegengesetzte Veranlagungen anzunehmen, die sich auf
-die verschiedenen Frauen in verschiedenem Verhltnis verteilen:<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span>
-die absolute Mutter und die absolute Dirne. <em class="gesperrt">Zwischen</em>
-beiden liegt die Wirklichkeit: es gibt sicherlich kein Weib
-ohne alle Dirneninstinkte (viele werden das leugnen und
-fragen, woran denn das Dirnenhafte in vielen Frauen erkennbar
-sei, die nichts weniger als Kokotten zu sein scheinen;
-ich verweise diesbezglich einstweilen nur auf den Grad der
-Bereitschaft und Willigkeit, sich von irgendwelchem Fremden
-unzchtig berhren und diesen an sich anstreifen zu lassen;
-legt man diesen Mastab an, so wird man finden, da es keine
-absolute Mutter gibt). Ebensowenig aber existiert ein Weib,
-das aller mtterlichen Regungen bar wre; obgleich ich gestehen
-mu, auerordentliche Annherungen an die absolute
-Dirne viel fter gefunden zu haben als solche Grade von
-Mtterlichkeit, hinter denen alles Dirnenhafte zurcktritt.</p>
-
-<p>Das Wesen der Mutterschaft besteht, wie schon die
-erste und oberflchlichste Analyse des Begriffes ergibt, darin,
-da die Erreichung des <em class="gesperrt">Kindes</em> der Hauptzweck des Lebens
-der <em class="gesperrt">Mutter</em> ist, indessen bei der absoluten <em class="gesperrt">Dirne</em> dieser
-Zweck fr die Begattung gnzlich in Wegfall gekommen
-scheint. Eine eingehendere Untersuchung wird also vor allem
-<em class="gesperrt">zwei</em> Dinge in Betracht ziehen und sehen mssen, wie sich
-Dirne und Mutter zu beiden verhalten: die Beziehung einer
-jeden zum Kinde, und ihre Beziehung zum Koitus.</p>
-
-<p>Zunchst scheiden sich beide, Mutter und Dirne, durch
-der ersteren Verhltnis zum Kinde. Der absoluten Dirne liegt nur
-am Manne, der absoluten Mutter kann nur am Kinde gelegen
-sein. Prfstein ist am sichersten das Verhltnis zur Tochter:
-nur wenn sie diese gar nie beneidet wegen grerer Jugend
-oder Schnheit, ihr nie die Bewunderung im geringsten mignnt,
-die sie bei den Mnnern findet, <em class="gesperrt">sondern sich vollstndig
-mit ihr identifiziert</em> und des Verehrers ihrer
-Tochter sich so freut, als wre er ihr eigener Anbeter, nur
-dann ist sie Mutter zu nennen.</p>
-
-<p>Die absolute Mutter, der es allein auf das Kind ankommt,
-wird Mutter durch jeden Mann. Man wird finden, da Frauen,
-die in ihrer Kindheit eifriger als die anderen mit Puppen
-spielten, bereits als Mdchen Kinder sehr liebten und gerne
-warteten, dem Manne gegenber wenig whlerisch sind, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span>
-bereitwillig den ersten besten Gatten nehmen, der sie halbwegs
-zu versorgen imstande und ihren Eltern und Verwandten
-genehm ist. Wenn ein solches Mdchen aber, gleichgltig durch
-wen, Mutter geworden ist, so bekmmert es sich, im Idealfalle,
-um keinen anderen Mann mehr. Der absoluten Dirne
-hingegen sind, schon als Kind, Kinder ein Greuel; spter bentzt
-sie das Kind hchstens als Mittel, um durch Vortuschung
-eines, auf Rhrung des Mannes berechneten, Idylles zwischen
-Mutter und Kind, diesen an sich zu locken. Sie ist das Weib,
-das <em class="gesperrt">allen</em> Mnnern zu gefallen das Bedrfnis hat, und da es
-keine absolute Mutter gibt, wird man in jeder Frau mindestens
-noch die <em class="gesperrt">Spur</em> dieser allgemeinen Gefallsucht entdecken
-knnen, welche nie auch nur auf einen Mann der Welt verzichtet.</p>
-
-<p>Hier nimmt man brigens eine <em class="gesperrt">formale hnlichkeit</em>
-zwischen der absoluten Mutter und der absoluten Kokotte
-wahr. <em class="gesperrt">Beide</em> sind eigentlich in Bezug auf die <em class="gesperrt">Individualitt</em>
-des sexuellen Komplementes <em class="gesperrt">anspruchslos</em>. Die eine
-nimmt jeden beliebigen Mann, der ihr zum Kinde dienlich
-ist, und bedarf keines weiteren Mannes, sobald sie das Kind
-hat: <em class="gesperrt">nur aus diesem Grunde ist sie monogam zu
-nennen</em>. Die andere gibt sich jedem beliebigen Mann, der ihr
-zum erotischen Genusse verhilft: dieser ist fr sie Selbstzweck.
-Hier berhren sich also die beiden Extreme, wir mgen somit
-hoffen, einen Durchblick auf das Wesen des Weibes <em class="gesperrt">berhaupt</em>
-von da aus gewinnen zu knnen.</p>
-
-<p>In der Tat mu ich die allgemeine Ansicht, welche ich
-lange geteilt habe, vllig verfehlt nennen, die Ansicht, da das
-<em class="gesperrt">Weib</em> monogam und der <em class="gesperrt">Mann</em> polygam sei. <em class="gesperrt">Das Umgekehrte</em>
-ist der Fall. Man darf sich nicht dadurch beirren
-lassen, da die Frauen oft lange den Mann abwarten und,
-wenn mglich, whlen, der ihnen am meisten Wert zu schenken
-in der Lage ist &mdash; den Herrlichsten, Berhmtesten, den Ersten
-unter Allen. Dieses Bedrfnis scheidet das Weib vom Tiere,
-welches Wert berhaupt nicht, weder vor sich selbst, durch
-sich selbst (wie der Mann), noch durch einen anderen, vor einem
-anderen (wie das Weib) zu gewinnen trachtet. Aber nur von
-Dummkpfen konnte es im rhmenden Sinne hervorgehoben<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span>
-werden, da es doch am sichersten zeigt, wie die Frau alles <em class="gesperrt">Eigenwertes</em>
-entbehrt. Dieses Bedrfnis nun verlangt allerdings nach
-Befriedigung; es liegt aber in ihm durchaus nicht der sittliche
-<em class="gesperrt">Gedanke</em> der Monogamie. Der Mann ist in der Lage, Wert zu
-spenden, Wert zu bertragen an die Frau, er <em class="gesperrt">kann schenken</em>,
-er <em class="gesperrt">will</em> auch schenken; nie kann er seinen Wert, wie das
-Weib, als Beschenkter finden. Die Frau sucht also zwar sich
-mglichst viel Wert zu verschaffen, indem sie ihre Erwhlung
-durch jenen einen Mann betreibt, der ihr den <em class="gesperrt">meisten</em> Wert
-geben kann; der Ehe aber liegen, beim Manne, ganz andere
-Motive zu Grunde. Sie ist jedenfalls ursprnglich als die Vollendung
-der idealen Liebe, als eine Erfllung gedacht, auch
-wenn es sehr fraglich ist, ob sie so viel je wirklich leisten
-kann. Sie ist ferner durchdrungen von dem ganz und gar
-mnnlichen Gedanken der <em class="gesperrt">Treue</em> (die Kontinuitt, ein intelligibles
-<em class="gesperrt">Ich</em> voraussetzt). Man wird zwar oft das Weib
-treuer nennen hren als den Mann; die Treue des Mannes
-ist nmlich fr ihn ein <em class="gesperrt">Zwang</em>, den er sich, allerdings im
-<em class="gesperrt">freien</em> Willen und mit vollem <em class="gesperrt">Bewutsein</em>, auferlegt hat.
-Er wird an diese Selbstbindung oft sich nicht kehren, aber
-dies stets als sein Unrecht betrachten oder irgendwie fhlen.
-Wenn er die Ehe bricht, so hat er sein intelligibles Wesen
-nicht zum Worte kommen lassen. Fr die Frau ist der
-Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke der
-Sittlichkeit gar nicht, sondern nur die Motive der Sicherheit
-und des Rufes mitsprechen. Es gibt kein Weib, das in
-Gedanken ihrem Manne nie untreu geworden wre, <em class="gesperrt">ohne</em> da
-es aber darum dies auch schon sich vorwrfe. Denn das Weib
-geht die Ehe zitternd und voll unbewuter Begier ein und
-bricht sie, da es kein der Zeitlichkeit entrcktes Ich hat,
-so erwartungsvoll, so gedankenlos, wie es sie geschlossen
-hat. Jenes Motiv, das einem <em class="gesperrt">Vertrage</em> Treue wahren heit,
-kann nur beim Manne sich finden; fr die bindende Kraft
-eines gegebenen Wortes fehlt der Frau das Verstndnis. Was
-man als Beispiele weiblicher Treue anfhrt, beweist hiegegen
-wenig. Sie ist entweder die lange Nachwirkung eines intensiven
-Verhltnisses sexueller Folgsamkeit (<em class="gesperrt">Penelope</em>) oder
-dieses Hrigkeitsverhltnis selbst, hndisch, nachlaufend, voll<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span>
-instinktiver zher Anhnglichkeit, vergleichbar der krperlichen
-Nhe als Bedingung alles weiblichen Mitleidens (<em class="gesperrt">Das Kthchen
-von Heilbronn</em>).</p>
-
-<p>Die Ein-Ehe hat also der Mann geschaffen. Sie hat ihren
-Ursprung im Gedanken der mnnlichen Individualitt, die
-im Wandel der Zeiten unverndert fortdauert; und demnach
-zu ihrer vollen Ergnzung stets nur eines und desselben
-Wesens bedrfen kann. Insoweit liegt in dem Plane der <em class="gesperrt">Ein-Ehe</em>
-unleugbar etwas Hheres und findet die Aufnahme
-derselben unter die Sakramente der katholischen Kirche eine
-gewisse Rechtfertigung. Dennoch soll hiemit in der Frage
-Ehe oder freie Liebe nicht Partei ergriffen sein. Auf dem
-Boden irgendwelcher Abweichungen vom strengsten Sittengesetz
-&mdash; und eine solche Abweichung liegt in jeder empirischen
-Ehe &mdash; sind <em class="gesperrt">vllig</em> befriedigende Problemlsungen
-nie mehr mglich: <em class="gesperrt">zugleich</em> mit der Ehe ist der Ehe<em class="gesperrt">bruch</em>
-auf die Welt gekommen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Trotzdem</em> kann die Ehe nur vom Manne eingesetzt
-sein. Es gibt kein Rechtsinstitut weiblichen Ursprungs, alles
-<em class="gesperrt">Recht</em> rhrt vom Manne, und nur viele <em class="gesperrt">Sitte</em> vom Weibe
-her (schon darum wre es ganz verfehlt, das Recht aus der
-Sitte, oder umgekehrt die Sitte aus dem Recht hervorgehen
-zu lassen. Beide sind ganz heterogene Dinge). <em class="gesperrt">Ordnung</em> in
-wirre sexuelle Verhltnisse zu bringen, dazu kann, wie nach
-Ordnung, nach <em class="gesperrt">Regel</em>, nach Gesetz berhaupt (im praktischen
-wie theoretischen) nur der Mann &mdash; donna mobile &mdash; das
-Bedrfnis und die Kraft besessen haben. Und es scheint ja
-wirklich fr viele Vlker eine Zeit gegeben zu haben, da die
-Frauen auf die soziale Gestaltung groen Einflu nehmen
-durften; aber damals gab es nichts weniger als Ehe: die Zeit
-des <em class="gesperrt">Matriarchats</em> ist die Zeit der <em class="gesperrt">Vielmnnerei</em>. &mdash;</p>
-
-<p>Das ungleiche Verhltnis der Mutter und der Dirne zum
-Kinde ist reich an weiteren Aufschlssen. Ein Weib, das vorwiegend
-Dirne ist, wird auch in ihrem Sohne zunchst dessen
-Mannheit wahrnehmen und stets in einem sexuellen Verhltnis
-zu ihm stehen. Da aber kein Weib ganz mtterlich ist, lt es
-sich nicht verkennen, da ein letzter Rest sexueller Wirkung
-von jedem Sohne auf seine Mutter ausgeht. Darum bezeichnete<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span>
-ich frher das Verhltnis zur Tochter als den zuverlssigsten
-Mastab der Mutterliebe. Sicherlich steht anderseits auch
-jeder Sohn zu seiner Mutter in einer, wenn auch vor den
-Blicken beider noch so verschleierten, sexuellen Beziehung.
-In der ersten Zeit der Pubertt kommt dies bei den meisten
-Mnnern, bei manchen selbst noch spter hin und wieder,
-aus seiner Zurckdrngung im wachen Bewutsein, durch sexuelle
-Phantasien whrend des Schlafes, deren Objekt die Mutter bildet,
-zum Vorschein (dipus-Traum). Da aber auch im eigentlichsten
-Verhltnis der echten Mutter zum Kinde noch ein
-tiefes, sexuelles Verschmolzenheitselement steckt, darauf
-scheinen die Wollustgefhle hinzudeuten, welche die Frau bei
-der Laktation so unzweifelhaft empfindet, wie die anatomische
-Tatsache feststeht, da sich unter der weiblichen Brustwarze
-erektiles Gewebe befindet und von den Physiologen ermittelt
-ist, da durch Reizung von diesem Punkte aus Zusammenziehungen
-der Gebrmuttermuskulatur ausgelst werden knnen.
-Sowohl die Passivitt, welche fr das Weib aus dem aktiven
-Saugen des Kindes resultiert, als auch der Zustand inniger,
-krperlicher Berhrung whrend der Spende der Muttermilch
-stellen eine sehr vollkommene Analogie zum Verhalten des
-Weibes im Koitus her; sie lassen es begreiflich erscheinen,
-da die monatlichen Blutungen auch whrend der Laktation
-pausieren, und geben der unklaren, aber tiefen Eifersucht des
-Mannes schon auf den Sugling ein gewisses Recht. Das
-Nhren des Kindes ist aber eine durchaus mtterliche Beschftigung;
-je mehr eine Frau Dirne ist, desto weniger wird
-sie ihr Kind selbst stillen wollen, desto schlechter wird sie
-es knnen. Es lt sich also nicht leugnen, da das Verhltnis
-Mutter&mdash;Kind an sich bereits ein dem Verhltnis
-Weib&mdash;Mann verwandtes ist.</p>
-
-<p>Die Mtterlichkeit ist ferner gleich allgemein wie die
-Sexualitt und den verschiedenen Wesen gegenber so abgestuft
-wie diese. Wenn eine Frau mtterlich ist, mu ihre
-Mtterlichkeit nicht nur dem leiblichen Kinde gegenber sich
-offenbaren, sondern auch schon vorher und jedem Menschen
-gegenber zum Ausdruck kommen; wenngleich das Interesse
-fr das eigene Kind spter alles andere absorbiert und<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span>
-die Mutter im Falle eines Konfliktes durchaus engherzig,
-blind und ungerecht macht. Am interessantesten ist hier das
-Verhltnis des mtterlichen Mdchens zum Geliebten. Mtterliche
-Frauen nmlich sind schon als Mdchen dem Manne
-gegenber, den sie lieben, selbst fr jenen Mann, der
-spter Vater ihres Kindes wird, Mtter; <em class="gesperrt">er <b>ist</b> selbst schon
-in gewissem Sinne ihr Kind</em>. In diesem Mutter und
-liebender Frau Gemeinsamen<a name="FNAnker_47_47" id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a> offenbart sich uns das tiefste
-Wesen <em class="gesperrt">dieses</em> Weibestypus: es ist der fortlaufende Wurzelstock
-der Gattung, den die Mtter bilden, das nie endende,
-mit dem Boden verwachsene Rhizom, von dem sich der einzelne
-<em class="gesperrt">Mann</em> als Individuum <em class="gesperrt">ab</em>hebt und dem gegenber er
-seiner Vergnglichkeit inne wird. Dieser Gedanke ist es, mehr
-oder weniger bewut, welcher den Mann selbst das mtterliche
-Einzelwesen, auch schon als Mdchen, in einer gewissen
-Ewigkeit erblicken lt<a name="FNAnker_48_48" id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a>, der das schwangere Weib zu einer
-groen Idee macht (<em class="gesperrt">Zola</em>). Die ungeheuere <em class="gesperrt">Sicherheit</em> der
-Gattung, aber freilich sonst nichts, liegt in dem <em class="gesperrt">Schweigen</em>
-dieser Geschpfe, vor dem sich der Mann fr Augenblicke
-sogar klein fhlen kann. Ein gewisser Friede, eine groe
-Ruhe mag in solchen Minuten ber ihn kommen, ein Schweigen
-aller hheren und tieferen Sehnsucht, und er mag so fr
-Momente wirklich whnen, den tiefsten Zusammenhang mit der
-Welt durch das Weib gefunden zu haben. Wird er doch
-beim geliebten Weib dann ebenfalls zum <em class="gesperrt">Kinde</em> (<em class="gesperrt">Siegfried</em>
-bei <em class="gesperrt">Brnnhilde</em>, dritter Akt); zum Kinde, das die
-Mutter lchelnd betrachtet, fr das sie unendlich viel <em class="gesperrt">wei</em>,
-dem sie Pflege angedeihen lt, das sie zhmt und im Zaum
-hlt. Aber nur auf Sekunden (Siegfried reit sich von Brnnhilde).
-Denn was den Mann ausmacht, ist ja nur, was ihn
-von der Gattung loslst, indem es ihn ber sie erhebt.
-Darum ist die Vaterschaft durchaus nicht die Befriedigung<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span>
-seines tiefsten Gemtsbedrfnisses, darum ist ihm der Gedanke,
-in der Gattung auf-, in ihr unterzugehen, entsetzlich;
-und das frchterlichste Kapitel, in dem trostrmsten unter
-den groen Bchern der menschlichen Literatur, in der Welt
-als Wille und Vorstellung, das ber den Tod und sein
-Verhltnis zur Unzerstrbarkeit unseres Wesens an sich,
-wo diese Unendlichkeit des Gattungswillens als die einzig
-wirkliche Unsterblichkeit hingestellt ist.</p>
-
-<p>Die Sicherheit der Gattung ist es, welche die Mutter
-mutig und unerschrocken macht im Gegensatz zur stets feigen
-und furchtsamen Prostituierten. Es ist nicht der Mut der
-Individualitt, der moralische Mut, der aus der Werthaltung der
-Wahrheit und der Unbeugsamkeit des innerlich Freien folgt,
-sondern der Lebenswille der Gattung, welche durch die Einzelperson
-der Mutter das Kind und selbst den Mann schtzt.
-Wie vom Begriffspaare Mut und Feigheit, so ist auch vom Gegensatz
-Hoffnung &mdash; Furcht die Hoffnung der Mutter, die Furcht
-der Dirne zugefallen. Die absolute Mutter ist sozusagen stets und
-in jeder Beziehung in der Hoffnung; da sie in der Gattung
-unsterblich ist, kennt sie auch keine Furcht vor dem Tode,
-vor dem die Dirne eine entsetzliche Angst hat, ohne im geringsten
-ein individuelles Unsterblichkeitsbedrfnis zu hegen &mdash;
-ein Beweis mehr, wie falsch es ist, das Begehren nach persnlicher
-Fortdauer blo auf die Furcht vor dem krperlichen
-Tode und das Wissen um diesen zurckzufhren.</p>
-
-<p>Die Mutter fhlt sich dem Manne stets berlegen, sie
-wei sich als seinen Anker; indes sie selbst in der geschlossenen
-Kette der Generationen wohl gesichert, gleichsam den
-Hafen vorstellt, aus dem jedes Schiff neu ausluft, steuert der
-Mann weit drauen allein auf hoher See. Die Mutter ist, im
-hchsten Alter noch, immer bereit, das Kind zu empfangen
-und zu bergen; bereits in der Konzeption des Kindes lag
-psychisch, wie sich zeigen wird, fr die Mutter dieses Moment,
-in der Schwangerschaft tritt das andere des Schutzes und
-der Nahrung ganz deutlich zu Tage. Dieses berlegenheitsverhltnis
-kommt auch vor dem Geliebten zum Vorschein: die
-Mutter hat Verstndnis fr das Naive und Kindliche, fr die
-<em class="gesperrt">Einfalt</em> im Manne, die Hetre fr seine Feinheiten und<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span>
-sein Raffinement. Die Mutter hat das Bedrfnis, ihr Kind
-zu lehren, ihm alles zu geben, sei dieses Kind auch der Geliebte;
-die Hetre brennt darauf, da ihr der Mann <em class="gesperrt">imponiere</em>,
-sie will ihm selbst erst alles <em class="gesperrt">verdanken</em>. Die Mutter
-als Vertreterin des Genus, das sich in jedem seiner Angehrigen
-auswirkt, ist freundlich gegen alle Mitglieder der
-Gattung (<em class="gesperrt">selbst jede Tochter ist in diesem Sinne noch
-die Mutter ihres Vaters</em>); erst wenn die Interessen der
-engeren Kinder auf dem Spiele stehen, wird sie, aber dann
-auch in einem auerordentlichen Grade, exklusiv; die Dirne
-ist nie so liebreich und nie so engherzig, wie die Mutter es
-sein kann.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Mutter steht ganz unter dem Gattungszweck;
-die Prostituierte steht auerhalb desselben.</em> Ja die
-Gattung hat eigentlich nur diesen einen Anwalt, diese eine
-Priesterin, die Mutter; der Wille des Genus kommt nur in
-ihr rein zum Ausdruck, whrend bereits die Erscheinung der
-Dirne den Beweis dafr liefert, da <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Lehre,
-es handle sich in aller Sexualitt nur um die Zusammensetzung
-der knftigen Generation, unmglich allgemein zutreffen
-kann. Da es der Mutter nur auf das Leben ihrer
-Gattung ankommt, wird auch daraus ersichtlich, da mtterliche
-Frauen es sind, die gegen Tiere am meisten Hrte
-beweisen. Man mu beobachtet haben, mit welcher unerschtterlichen
-Ruhe, wie durchdrungen von der Verdienstlichkeit
-ihres Amtes die gute Hausfrau und Mutter ein Huhn
-nach dem anderen schlachtet. Denn die Kehrseite der Mutterschaft
-ist die Stiefmutterschaft; jede Mutter ihrer Kinder ist
-Stiefmutter aller anderen Geschpfe.</p>
-
-<p>Noch auffallender als diese Besttigung fllt fr den
-Zusammenhang der Mutter mit der Erhaltung der Gattung
-ihr eigentmlich inniges Verhltnis zu allem ins Gewicht, was
-zur <em class="gesperrt">Nahrung</em> dient. Sie kann es nicht ertragen, da irgend
-etwas, das htte gegessen werden knnen, sei es auch ein
-noch so geringfgiger Rest, zu Grunde gehe. Ganz anders
-die Dirne, die nach Willkr, ohne rechten Grund jetzt groe
-Quantitten an Vorrten zum Essen und Trinken beschafft,
-um sie dann haufenweise stehen zu lassen. Die Mutter ist<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span>
-berhaupt geizig und kleinlich, die Prostituierte verschwenderisch,
-launisch. Denn die <em class="gesperrt">Erhaltung der Gattung</em> ist
-der Zweck, fr den die Mutter lebt; so sorgt sie sich eifrig
-darum, da die von ihr Bemutterten sich satt essen, und durch
-nichts ist sie so zu erfreuen, wie durch einen gesegneten
-Appetit. Damit hngt ihr Verhltnis zum Brode, zu allem, was
-Wirtschaft heit, zusammen. <em class="gesperrt">Ceres</em> ist eine gute Mutter:
-eine Tatsache, die in ihrem griechischen Namen <em class="gesperrt">Demeter</em>
-deutlich zum Ausdruck kommt. So pflegt die Mutter die
-Physis, nicht aber die Psyche des Kindes<a name="FNAnker_49_49" id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a>. Das Verhltnis
-zwischen Mutter und Kind bleibt von seiten der Mutter
-immer ein krperliches: vom Kssen und Herzen des
-Kleinen bis zu der umgebenden und einwickelnden Sorge fr
-den Erwachsenen. Auch das aller Vernunft bare Entzcken
-ber jedwede Lebensuerung des kleinen Suglings ist nicht
-anders zu verstehen, als aus dieser einzigen Aufgabe der
-Erhaltung und Hut des irdischen Daseins.</p>
-
-<p>Damit ergibt sich hieraus auch, warum die Mutterliebe
-nicht wahrhaft sittlich hochgeschtzt werden kann. Es
-frage sich jeder aufrichtig, ob er glaubt, da ihn seine Mutter
-nicht ebenso lieben wrde, wenn er ganz anders wre als er
-ist, ob ihre Neigung geringer wrde, wenn er nicht er, sondern
-ein ganz anderer Mensch wre! <em class="gesperrt">Hier</em> liegt der springende
-Punkt, und hier sollen die Rede stehen, welche von
-der moralischen Hochachtung des Weibes um der Mutterliebe
-willen nicht lassen wollen. Die Individualitt des Kindes ist
-der Mutterliebe ganz gleichgltig, ihr gengt die bloe Tatsache
-der Kindschaft: <em class="gesperrt">und dies ist eben das Unsittliche
-an ihr</em>. In jeder Liebe von Mann zu Weib, auch in jeder Liebe
-innerhalb des gleichen Geschlechtes, kommt es sonst immer
-auf ein bestimmtes Wesen mit ganz besonderen krperlichen
-und psychischen Eigenschaften an; nur die Mutterliebe
-erstreckt sich wahllos auf alles, was die Mutter je in ihrem Schoe<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span>
-getragen hat. Es ist ein grausames Gestndnis, das man sich
-macht, grausam gegen Mutter und Kind, da gerade hierin
-sich offenbart, wie vollkommen unethisch die Mutterliebe
-eigentlich ist, jene Liebe, die ganz gleich fortwhrt, ob der
-Sohn ein Heiliger oder ein Verbrecher, ein Knig oder ein
-Bettler werde, ein Engel bleibe oder zum Scheusal entarte.
-Nicht minder gemein freilich ist der Anspruch, den so oft
-die Kinder auf die Liebe ihrer Mutter zu haben glauben,
-blo weil sie deren Kinder sind (besonders gilt dies von den
-Tchtern; indessen sind auch die Shne in diesem Punkte meist
-fahrlssig). Die Mutterliebe ist darum unmoralisch, weil sie
-kein Verhltnis zum fremden <em class="gesperrt">Ich</em> ist, sondern ein <em class="gesperrt">Verwachsensein</em>
-von Anfang an darstellt; sie ist, wie alle
-Unsittlichkeit gegen andere, eine <em class="gesperrt">Grenzberschreitung</em>.
-Es gibt ein ethisches Verhltnis nur <em class="gesperrt">von Individualitt
-zu Individualitt</em>. Die Mutterliebe schaltet die Individualitt
-<em class="gesperrt">aus</em>, indem sie <em class="gesperrt">wahllos</em> und <em class="gesperrt">zudringlich</em> ist. <em class="gesperrt">Das Verhltnis
-der Mutter zum Kinde ist in alle Ewigkeit ein
-System von reflexartigen Verbindungen zwischen
-diesem und jener.</em> Schreit oder weint das Kleine, whrend
-die Mutter im Nebenzimmer sitzt, pltzlich auf, so wird
-die Mutter wie gestochen emporfahren und zu ihm hineineilen
-(eine gute Gelegenheit, um sofort zu erkennen, was eine Frau
-mehr ist, Mutter oder Dirne); und auch spter teilt sich jeder
-Wunsch, jede Klage des Erwachsenen der Mutter augenblicklich
-mit, sie werden auf sie gleichsam fortgeleitet, pflanzen sich auf
-sie ber, und werden unbesehen, unaufgehalten die ihren.
-<em class="gesperrt">Eine nie unterbrochene Leitung zwischen der Mutter
-und allem, was je durch eine Nabelschnur mit ihr
-verbunden war</em>: das ist das Wesen der Mutterschaft, und
-ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe
-nicht einstimmen, sondern mu gerade das an ihr verwerflich
-finden, was an ihr so oft gepriesen wird: ihre
-Wahllosigkeit. Ich glaube brigens, da von vielen hervorragenderen
-Denkern und Knstlern dies wohl erkannt und
-nur verschwiegen worden ist; die frher so verbreitete
-groe berschtzung <em class="gesperrt">Rafaels</em> ist gewichen, und sonst stehen
-die Snger der Mutterliebe eben doch nicht hher als<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span>
-<em class="gesperrt">Fischart</em> oder als <em class="gesperrt">Richepin</em>. Die Mutterliebe ist instinktiv
-und triebhaft: auch die Tiere kennen sie nicht weniger
-als die Menschen. Damit allein wre aber schon bewiesen,
-da diese Art der Liebe keine echte Liebe, da dieser
-Altruismus keine wahre Sittlichkeit sein kann; denn alle
-Moral stammt von jenem intelligiblen Charakter, dessen die
-gnzlich unfreien tierischen Geschpfe entraten. Dem
-ethischen Imperative kann nur von einem vernnftigen Wesen
-gehorcht werden; es gibt keine triebhafte sondern nur bewute
-Sittlichkeit.</p>
-
-<p>Ihre Stellung auerhalb des Gattungszweckes, der Umstand,
-da sie nicht blo als Aufenthaltsort und Behlter, gleichsam
-nur zum ewigen Durchpassieren fr neue Wesen dient
-und sich nicht darin verzehrt, diesen Nahrung zu geben,
-stellt die Hetre in gewisser Beziehung <em class="gesperrt">ber</em> die Mutter;
-soweit dort von ethisch hherem Standort berhaupt die
-Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber handelt. Die
-Mutter, die ganz in Pflege und Kleidung von Mann und
-Kind, in Besorgung oder Aufsicht von Kche und Haus,
-Garten und Feld aufgeht, steht fast immer intellektuell sehr
-tief. Die geistig hchstentwickelten Frauen, alles, was dem
-Manne irgendwie <em class="gesperrt">Muse</em> wird, gehrt in die Kategorie der
-Prostituierten: zu diesem, dem <em class="gesperrt">Aspasien-Typus</em>, sind die
-Frauen der Romantik zu rechnen, vor allem die hervorragendste
-unter ihnen, <em class="gesperrt">Karoline Michaelis-Bhmer-Forster-Schlegel-Schelling</em>.</p>
-
-<p>Es hngt damit zusammen, da nur solche Mnner sexuell
-von der Mutter sich angezogen fhlen, die kein Bedrfnis
-nach geistiger Produktivitt haben. Wessen Vaterschaft sich
-auf leibliche Kinder beschrnkt, von dem ist es ja auch zu
-erwarten, da er die fruchtbare Frau, die Mutter, erwhlen
-wird vor der anderen. <em class="gesperrt">Bedeutende Menschen haben
-stets nur Prostituierte geliebt</em><a name="FNAnker_50_50" id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a>; ihre Wahl fllt auf das
-sterile Weib, wie sie selbst, wenn berhaupt eine Nachkommenschaft,
-so stets eine lebensunfhige, bald aussterbende hervorbringen<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span>
-&mdash; was vielleicht einen tiefen ethischen Grund hat. Die
-irdische Vaterschaft nmlich ist ebenso geringwertig wie die
-Mutterschaft; sie ist unsittlich, wie sich spter zeigen wird
-(Kapitel 14); und sie ist unlogisch, denn sie stellt in jeder
-Beziehung eine Illusion vor: wie weit er Vater seines Kindes
-ist, dessen ist kein Mensch je gewi. Und auch ihre Dauer
-ist doch immer kurz und vergnglich: jedes Geschlecht und
-jede Rasse der Menschheit ist schlielich zu Grunde gegangen
-und erloschen.</p>
-
-<p>Die so verbreitete, so ausschlieliche und geradezu
-ehrfrchtige Wertschtzung der mtterlichen Frau, die man
-dann gerne noch fr den alleinigen und einzig echten Typus
-des Weibes auszugeben pflegt, ist nach alledem vllig unberechtigt;
-obwohl von fast allen Mnnern zhe an ihr festgehalten,
-ja gewhnlich noch behauptet wird, da jede Frau
-erst als Mutter ihre Vollendung finde. Ich gestehe, da mir
-die Prostituierte nicht als Person, sondern als Phnomen
-weit mehr imponiert.</p>
-
-<p>Die allgemeine Hherstellung der Mutter hat verschiedene
-Grnde. Vor allem scheint sie, da ihr am Manne an
-sich nichts oder nur so viel liegt, als er Kind ist, eher
-geeignet, dem Virginittsideal zu entsprechen, das, wie sich
-zeigen wird, stets erst der Mann aus einem gewissen Bedrfnis
-an die Frau heranbringt; welcher Keuschheit ursprnglich
-fremd ist, der nach Kindern begehrenden Mutter
-ganz ebenso wie der mnnerschtigen Dirne.</p>
-
-<p>Jenen Schein groer Sittlichkeit vergilt ihr der Mann
-durch die, an und fr sich ganz unbegrndete, moralische
-und soziale Erhebung ber die Prostituierte. Diese ist das
-Weib, das sich den Wertungen des Mannes und dem von
-ihm bei der Frau gesuchten Keuschheitsideale nie gefgt,
-sondern stets, in verborgenem Struben als Weltdame, in
-passivem leisen Widerstande als Halbweltlerin, in offener
-Demonstration als Gassendirne, <em class="gesperrt">widersetzt</em> hat. <em class="gesperrt">Hieraus
-allein</em> erklrt sich die Sonderposition, die Stellung auer
-aller sozialen Achtung, ja nahezu auer Recht und Gesetz,
-welche die Prostituierte heute fast berall einnimmt. Die
-Mutter hatte es leicht, sich dem sittlichen Willen des Mannes<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span>
-zu unterwerfen, da es ihr nur auf das Kind, auf das Leben
-der Gattung ankam.</p>
-
-<p>Ganz anders die Dirne. Sie lebt wenigstens ihr eigenes
-Leben ganz und gar<a name="FNAnker_51_51" id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a>, wenn sie auch dafr &mdash; im extremen
-Falle &mdash; mit dem Ausschlu aus der Gesellschaft bestraft
-wird. Sie ist zwar nicht mutig wie die Mutter, vielmehr feige
-durch und durch, aber sie besitzt auch das stete Korrelat der
-Feigheit, die Frechheit, und so hat sie wenigstens die Unverschmtheit
-ihrer Schamlosigkeit. Von Natur zur Vielmnnerei
-veranlagt, und immer mehr Mnner anziehend als
-blo den einen Grnder einer Familie, ihren Trieben Lauf
-lassend und sie wie im Trotze befriedigend, fhlt sie sich
-als Herrscherin, und die tiefste Selbstverstndlichkeit ist ihr,
-da sie Macht habe. Die Mutter ist leicht zu krnken oder
-zu empren, die Prostituierte kann niemand verletzen, niemand
-beleidigen; denn die Mutter hat als Hterin des Genus, der
-Familie eine gewisse <em class="gesperrt">Ehre</em>, die Prostituierte hat auf alle
-soziale Ehre verzichtet, und das ist ihr Stolz, darum wirft sie
-den Nacken zurck. Den Gedanken aber, da sie keine
-Macht habe, vermchte sie nicht zu fassen. (La matresse.)
-Sie erwartet es und kann es gar nicht anders glauben, als
-da alle Menschen sich mit ihr befassen, nur an sie denken,
-<em class="gesperrt">fr sie leben</em>. Und tatschlich ist sie es auch &mdash; sie, das
-Weib als Dame &mdash; welche die meiste Macht unter den
-Menschen besitzt, den grten, ja den alleinigen Einflu ausbt
-in allem Menschenleben, das nicht durch mnnliche
-Verbnde (vom Turnverein bis zum Staat) geregelt ist.</p>
-
-<p>Sie bildet hier das Analogon zum groen Eroberer auf
-politischem Gebiet. Wie dieser, wie <em class="gesperrt">Alexander</em> und <em class="gesperrt">Napoleon</em>,
-wird die ganz groe, ganz bezaubernde Dirne
-vielleicht nur alle tausend Jahre einmal geboren, aber dann
-feiert sie auch, wie dieser, ihren Siegeszug durch die ganze
-Welt.</p>
-
-<p>Jeder solche Mann steht immer in einer gewissen Verwandtschaft
-zur Prostituierten (jeder Politiker ist irgendwie<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span>
-<em class="gesperrt">Volkstribun</em>, und im Tribunat steckt ein Element der Prostitution);
-wie er ist die Prostituierte, im Gefhle ihrer
-Macht, vor dem Manne nie im geringsten verlegen, whrend
-es jeder Mann gerade ihr und ihm gegenber immer ist.
-Wie der groe Tribun glaubt sie jeden Menschen, mit dem
-sie spricht, zu <em class="gesperrt">beglcken</em> &mdash; man beobachte ein solches
-Weib, wenn es einen Polizeimann um eine Auskunft bittet,
-wenn es in ein Geschft tritt; gleichgltig ob Mnner
-oder Frauen darin angestellt sind, gleichgltig, wie klein der
-Einkauf ist, den sie macht: immer glaubt sie Gaben <em class="gesperrt">auszuteilen</em>
-nach allen Seiten hin. Man wird in jedem geborenen
-Politiker dieselben Elemente entdecken. Und die Menschen,
-alle Menschen haben <em class="gesperrt">beiden</em> gegenber &mdash; man denke,
-sogar der selbstbewute <em class="gesperrt">Goethe</em> in seinem Verhalten zu
-<em class="gesperrt">Napoleon</em> in Erfurt &mdash; tatschlich und unwiderstehlich das
-Gefhl, <em class="gesperrt">beschenkt</em> worden zu sein (<em class="gesperrt">Pandora-Mythus</em>;
-<em class="gesperrt">Geburt der Venus</em>: die aus dem Meer aufsteigt und bereits
-darbietend um sich blickt).</p>
-
-<p>Hiemit bin ich, wie ich im fnften Kapitel<a name="FNAnker_52_52" id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> versprochen
-habe, nochmals zu den Mnnern der Tat auf einen Augenblick
-zurckgekehrt. Selbst ein so tiefer Mensch wie <em class="gesperrt">Carlyle</em>
-hat sie hochgewertet, ja the hero as king zuletzt, zuhchst
-unter allen Heroen gesetzt. Es wurde schon an jener
-Stelle gezeigt, warum dies nicht zutreffen kann. Ich darf jetzt
-weiter darauf hinweisen, wie alle groen Politiker Lge und
-Betrug zu brauchen nicht scheuen, auch die grten nicht,
-<em class="gesperrt">Caesar</em>, <em class="gesperrt">Cromwell</em>, <em class="gesperrt">Napoleon</em>, <em class="gesperrt">Bismarck</em>; wie <em class="gesperrt">Alexander
-der Groe</em> sogar zum Mrder wurde und sich seine Schuld
-von einem Sophisten nachtrglich bereitwillig ausreden lie.
-Verlogenheit aber ist unvereinbar mit Genialitt; <em class="gesperrt">Napoleon</em>
-hat auf St. Helena von Lge gesttigte, von Sentimentalitt
-triefende Memoiren geschrieben, und sein letztes Wort war
-noch die altruistische Pose, da er stets nur Frankreich
-geliebt habe. <em class="gesperrt">Napoleon</em>, die grte Erscheinung unter allen,
-zeigt auch am deutlichsten, da die groen Willensmenschen,
-Verbrecher, und demnach keine Genies sind. Ihn kann man nicht
-anders verstehen als aus der <em class="gesperrt">ungeheuren Intensitt, mit<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span>
-der er sich selbst floh</em>: nur so ist alle Eroberung, im
-Groen, wie im Kleinen, zu erklren. ber sich selbst
-mochte Napoleon nie nachdenken, nicht eine Stunde durfte
-er ohne groe uere Dinge bleiben, die ihn ganz ausfllen
-sollten: darum mute er die Welt erobern. Da er groe Anlagen
-hatte, grere als jeder Imperator vor ihm, brauchte er
-mehr, um alle Gegenstimmen in sich zum Schweigen zu
-bringen. bertubung seines besseren Selbst, das war das
-gewaltige Motiv seines Ehrgeizes. Der hhere, der bedeutende
-Mensch mag zwar das gemeine Bedrfnis nach Bewunderung
-oder nach dem Ruhme teilen, aber nicht den Ehrgeiz als das
-Bestreben, alle Dinge in der Welt mit sich als empirischer
-Person zu verknpfen, sie von sich abhngig zu machen, um
-auf den eigenen Namen alle Dinge der Welt zu einer unendlichen
-Pyramide zu <em class="gesperrt">hufen</em>. Der groe Mensch hat <em class="gesperrt">Grenzen</em>,
-denn <em class="gesperrt">er</em> ist die Monade der Monaden, und &mdash; dies ist eben
-jene letzte Tatsache &mdash; gleichzeitig der bewute Mikrokosmus,
-<em class="gesperrt">pantogen</em>, er hat die ganze Welt in sich, er
-sieht, im vollstndigsten Falle, bei der ersten Erfahrung, die
-er macht, klar ihre Zusammenhnge im All, und er bedarf
-darum zwar der <em class="gesperrt">Erlebnisse</em>, aber keiner <em class="gesperrt">Induktion</em>; der
-groe Tribun und die groe Hetre sind <em class="gesperrt">die</em> absolut
-<em class="gesperrt">grenzenlosen</em> Menschen, welche die ganze Welt zur Dekoration
-und Erhhung ihres <em class="gesperrt">empirischen</em> Ich gebrauchen.
-Darum sind beide jeder Liebe, Neigung und Freundschaft
-unfhig, lieblos, liebeleer.</p>
-
-<p>Man denke an das tiefe Mrchen von dem Knig, der
-die Sterne erobern wollte! Es enthllt strahlend und grell
-die Idee des Imperators. Der wahre Genius gibt sich selbst
-seine Ehre, und am allerwenigsten setzt er sich in jenes
-Wechselverhltnis gegenseitiger Abhngigkeit zum Pbel,
-wie dies jeder Tribun tut. Denn im groen Politiker steckt
-nicht nur ein Spekulant und Milliardr, sondern auch ein
-Bnkelsnger; er ist nicht nur groer Schachspieler, sondern
-auch groer Schauspieler; er ist nicht nur ein Despot, sondern
-auch ein Gunstbuhler; er prostituiert nicht nur, er ist auch
-eine groe Prostituierte. Es gibt keinen Politiker, keinen
-Feldherrn, der nicht hinabstiege. Seine Hinabstiege sind<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span>
-ja berhmt, sie sind seine Sexualakte! <em class="gesperrt">Auch zum richtigen
-Tribun gehrt die Gasse.</em> Das Ergnzungsverhltnis zum
-Pbel ist geradezu konstitutiv fr den Politiker. Er kann
-berhaupt nur Pbel brauchen; mit den anderen, den Individualitten,
-rumt er auf, wenn er unklug ist, oder heuchelt
-sie zu schtzen, um sie unschdlich zu machen, wenn er so
-gerieben ist wie <em class="gesperrt">Napoleon</em>. Seine Abhngigkeit vom Pbel
-hat dieser denn auch am feinsten gesprt. Ein Politiker
-kann durchaus nicht alles Beliebige unternehmen, auch wenn
-er ein Napoleon ist, und selbst wenn er, was er aber als
-Napoleon nicht wird, <em class="gesperrt">Ideale</em> realisieren wollte: er wrde
-gar bald von dem Pbel, seinem wahren Herren, eines
-Besseren belehrt werden. Alle Willensersparnis hat nur
-fr den <em class="gesperrt">formalen</em> Akt der <em class="gesperrt">Initiative</em> Geltung; <em class="gesperrt">frei</em> ist das
-Wollen des Machtgierigen nicht.</p>
-
-<p>Auf diese Gegenseitigkeit, diese Relation zu den Massen
-fhlt sich jeder Imperator hingewiesen, <em class="gesperrt">darum</em> sind alle ausnahmslos
-ganz instinktiv <em class="gesperrt">fr</em> die Constituante, fr die Volks-
-oder Heeresversammlung, fr das allgemeinste Wahlrecht
-(<em class="gesperrt">Bismarck</em> 1866). Nicht Marc Aurel und Diokletian, sondern
-Kleon, Antonius, Mirabeau, das sind die Gestalten, in denen der
-echte Politiker erscheint. Ambitio heit eigentlich Herumgehen.
-Das tut der Tribun wie die Prostituierte. Napoleon
-hat in Paris nach <em class="gesperrt">Emerson</em> inkognito in den Straen auf
-die Hurras und Lobsprche des Pbels gelauscht. Von
-<em class="gesperrt">Wallenstein</em> heit es bei <em class="gesperrt">Schiller</em> ganz hnlich.</p>
-
-<p>Von jeher hat das Phnomen des groen Mannes der
-Tat, als ein ganz Einzigartiges, vor allem die Knstler (aber
-auch philosophische Schriftsteller) mchtig angezogen. Die
-berraschende Konformitt, welche hier entrollt wurde, wird
-es vielleicht erleichtern, der Erscheinung begrifflich, durch
-die Analyse, nher zu kommen. <em class="gesperrt">Antonius</em> (<em class="gesperrt">Caesar</em>) und
-<em class="gesperrt">Kleopatra</em> &mdash; die beiden sind einander gar nicht unhnlich.
-Den meisten Menschen wird die Parallele wohl zuerst ganz
-fiktiv erscheinen, und doch ducht mich das Bestehen einer
-engen Analogie ber allen Zweifel erhaben, so heterogen
-beide den ersten Anblick berhren mgen. Wie der groe
-Mann der Tat auf ein <em class="gesperrt">Innenleben verzichtet</em>, um sich<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span>
-gnzlich in der Welt, hier pat das Wort, <em class="gesperrt">auszuleben</em>, und
-zugrundezugehen wie alles <em class="gesperrt">Aus</em>gelebte, statt zu bestehen
-wie alles <em class="gesperrt">Ein</em>gelebte, wie er seinen ganzen <em class="gesperrt">Wert</em> mit
-kolossaler Wucht hinter sich wirft und sich ihn <em class="gesperrt">weghlt</em>,
-so schmeit die groe Prostituierte der Gesellschaft den Wert
-ins Antlitz, den sie als Mutter von ihr beziehen knnte,
-nicht freilich um in sich zu gehen und ein beschauliches Leben
-zu fhren, sondern um ihrem sinnlichen Triebe nun erst vollen
-Lauf zu lassen. Beide, die groe Prostituierte und der groe
-Tribun, sind wie Brandfackeln, die entzndet weithin leuchten,
-Leichen ber Leichen auf ihrem Wege lassen und untergehen,
-wie Meteore, fr menschliche Weisheit sinnlos, zwecklos, ohne
-ein Bleibendes zu hinterlassen, ohne alle Ewigkeit &mdash; indessen
-die Mutter und der Genius in der Stille die Zukunft wirken.
-Beide, Dirne und Tribun, werden darum als Gottesgeieln,
-als antimoralische Phnomene empfunden.</p>
-
-<p>Hiegegen erscheint es neuerdings gerechtfertigt, da
-seinerzeit vom Begriffe des genialen Menschen der groe
-Willensmensch ausgeschlossen wurde. Das Genie, und zwar
-nicht etwa blo das philosophische, sondern auch das
-knstlerische, ist immer ausgezeichnet durch das Vorwalten
-der begrifflichen oder darstellenden <em class="gesperrt">Erkenntnis</em> ber alles
-<em class="gesperrt">Praktische</em>.</p>
-
-<p>Das Motiv, welches die Dirne treibt, bedarf indessen noch
-einer Untersuchung. Das Wesen der Mutter war relativ
-leicht zu erkennen: sie ist in eminenter Weise das Werkzeug
-zur Erhaltung der Gattung. Viel rtselhafter und schwieriger
-ist die Erklrung der Prostitution. Fr jeden, der ber diese
-lange nachgedacht hat, sind sicherlich Augenblicke gekommen,
-wo er an ihrer Aufhellung vllig verzweifelt hat. Worauf es
-hier aber gewi vor allem ankommt, ist das verschiedene
-Verhltnis beider, der Mutter und der Dirne, zum Koitus.
-Die Gefahr ist hoffentlich gering, da jemand die Beschftigung
-hiemit, wie berhaupt mit dem Thema der Prostitution,
-fr des Philosophen unwrdig erachten knnte. Es
-ist der Geist der Behandlung, der vielen Gegenstnden
-Wrde erteilen mu. Auch die Knstler, welche die Dirne
-zum Vorwurf gewhlt haben &mdash; mir sind <em class="gesperrt">Zolas</em> Confession<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span>
-de Claude, <em class="gesperrt">Hortense</em>, <em class="gesperrt">Rene</em> und <em class="gesperrt">Nana</em>, <em class="gesperrt">Tolstois</em> Auferstehung,
-<em class="gesperrt">Ibsens</em> <em class="gesperrt">Hedda Gabler</em> und <em class="gesperrt">Rita</em>, schlielich
-die <em class="gesperrt">Sonja</em> eines der grten Geister, des <em class="gesperrt">Dostojewskij</em> bekannt
-geworden &mdash; wollten nie wirklich singulre Flle,
-sondern stets Allgemeines darstellen. Vom Allgemeinen aber
-mu auch eine Theorie mglich sein.</p>
-
-<p>Fr die Mutter ist der Koitus Mittel zum Zweck; die
-Dirne nimmt insofern eine Sonderstellung zu ihm ein, <em class="gesperrt">als
-ihr der Koitus Selbstzweck wird</em>. Da im Naturganzen
-dem Koitus noch eine andere Rolle zugefallen ist auer der
-Fortpflanzung, hierauf sehen wir uns allerdings auch dadurch
-hingewiesen, da bei vielen Lebewesen die letztere ohne den
-Koitus erreicht wird (<em class="gesperrt">Parthenogenesis</em>). Aber andererseits
-sehen wir bei den Tieren noch berall die <em class="gesperrt">Begattung</em>
-dem Ziele der Hervorbringung einer Nachkommenschaft
-dienen, und nirgends ist uns der Gedanke nahegelegt, da die
-Kopulation <em class="gesperrt">ausschlielich</em> der Lust wegen gesucht werde,
-indem sie vielmehr nur zu gewissen Zeiten, den Brunstperioden,
-vor sich geht; so da man die Lust geradezu als das
-Mittel betrachtet hat, welches die Natur anwende, um <em class="gesperrt">ihren</em>
-Zweck der Erhaltung der Gattung zu erreichen.</p>
-
-<p>Wenn der Koitus der Dirne Selbstzweck ist, so heit
-dies nicht, da fr die Mutter der Koitus nichts bedeute. Es
-gibt zwar eine Kategorie sexuell-ansthetischer Frauen, die
-man als frigid bezeichnet, obwohl solche Flle viel seltener
-glaubwrdig sind, als man denkt, indem sicherlich an der
-ganzen Klte oft nur der Mann die Schuld trgt, der durch
-seine Person nicht vermochte, das Gegenteil herbeizufhren;
-die brigen Flle aber sind nicht dem Muttertypus zuzurechnen.
-Frigiditt kann sowohl bei der Mutter als bei der
-Dirne auftreten; sie wird spter unter den hysterischen
-Phnomenen eine Erklrung finden. Ebensowenig darf man die
-Prostituierte fr sexuell unempfindlich halten, weil die Straendirnen
-(d.&nbsp;i. jenes Kontingent, das im ganzen und groen nur von
-der buerischen Bevlkerung, den Dienstmdchen u.&nbsp;s.&nbsp;w. zur
-Prostitution gestellt wird) hier oft hochgespannte Erwartungen
-durch Mangel an Lebendigkeit enttuscht haben mgen. Weil
-das kufliche Mdchen auch die Liebesbezeugungen solcher sich<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span>
-gefallen lassen mu, die ihm sexuell nichts bieten, darf man
-es nicht etwa als zu seinem Wesen gehrig betrachten, beim
-Koitus berhaupt kalt zu bleiben. Dieser Schein entsteht nur,
-weil gerade sie die hchsten Ansprche an das sinnliche
-Vergngen stellt; und fr alle Entbehrungen, die sie in dieser
-Hinsicht sonst erduldet, wird sie die Gemeinschaft mit dem
-Zuhlter aufs ausgiebigste entschdigen mssen.</p>
-
-<p>Da fr die Dirne der Koitus Selbstzweck ist, wird auch
-hieraus ersichtlich, da sie, und nur sie allein, <em class="gesperrt">kokett</em> ist.
-Die Koketterie ist nie ohne Beziehung zum Koitus. Ihr Wesen
-besteht darin, da sie die Eroberung der Frau dem Manne
-als geschehen vorspiegelt, um ihn <em class="gesperrt">durch den Kontrast</em> mit
-der Realitt, welche diese Erfllung noch keineswegs zeigt,
-zur Verwirklichung der Eroberung anzuspornen. So ist sie
-eine Herausforderung des Mannes, dem sie eine und dieselbe
-Aufgabe in ewig wechselnder Form zeigt und ihm <em class="gesperrt">gleichzeitig</em>
-zu verstehen gibt, da er nicht fr fhig gehalten
-werde, diese Aufgabe je zu lsen. Hiebei leistet das Spiel der
-Koketterie an sich fr die Frau dies, da es ihren Zweck,
-den Koitus, bereits whrend seines Verlaufes in gewissem Sinne
-erfllt: denn durch das Begehren des Mannes, das sie hervorruft,
-fhlt die Dirne schon ein den Sensationen des
-Koitiert-Werdens Analoges und verschafft sich so den Reiz
-der Wollust zu jeder Zeit und von jedem Manne. Ob sie
-hierin bis zum uersten Ende gehen oder sich zurckziehen
-werde, wenn die Bewegung einen zu beschleunigten Fortgang
-nimmt, hngt wohl nur davon ab, ob die Form des
-wirklichen Koitus, den sie zur Zeit ausbt, d.&nbsp;h. ob ihr
-gegenwrtiger Mann sie schon so befriedigt, da sie von dem
-anderen nicht <em class="gesperrt">mehr</em> erwartet. Und da gerade die Straendirne
-im allgemeinen nicht kokett ist, kommt vielleicht nur
-davon her, da sie die Empfindungen, welche das Ziel der
-Koketterie sind, im strksten Ausma und in der massivsten
-Form ohnedies unausgesetzt kostet und daher auf die feineren
-prickelnden Variationen leicht verzichten kann. Die Koketterie
-ist also ein Mittel, den aktiven sexuellen Angriff von Seite
-des Mannes herbeizufhren, die Intensitt dieses Angriffes
-nach Belieben zu steigern oder abzuschwchen und seine<span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span>
-Richtung, dem Angreifer selbst unmerkbar, dorthin zu dirigieren,
-wo ihn die Frau haben will; ein Mittel, entweder blo
-Blicke und Worte hervorzurufen, durch welche sie sich angenehm
-kitzelnd betastet fhlt, oder es bis zur Vergewaltigung
-kommen zu lassen.<a name="FNAnker_53_53" id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Sensationen des Koitus sind prinzipiell
-keine anderen Empfindungen als wie sie das Weib
-sonst kennt, sie zeigen dieselben nur in hchster Intensifikation;
-das <b>ganze</b> Sein des Weibes offenbart
-sich im Koitus, aufs hchste <b>potenziert</b>.</em> Darum kommen
-hier auch die Unterschiede zwischen Mutter und Dirne am
-strksten zur Geltung. Die Mutter empfindet den Koitus nicht
-<em class="gesperrt">weniger</em>, sondern <em class="gesperrt">anders</em> als die Prostituierte. Das Verhalten
-der Mutter ist mehr annehmend, hinnehmend, die Dirne fhlt,
-schlrft bis aufs uerste den Genu. Die Mutter empfindet das
-Sperma des Mannes gleichsam als <em class="gesperrt">Depositum</em>: bereits im Gefhle
-des Koitus findet sich bei ihr das Moment des Aufnehmens
-und Bewahrens; denn sie ist die Hterin des
-Lebens. Die Dirne hingegen will nicht wie die Mutter das
-Dasein berhaupt erhht und gesteigert fhlen, wenn sie vom
-Koitus sich erhebt; <em class="gesperrt">sie will vielmehr im Koitus als Realitt
-verschwinden, zermalmt, zernichtet, zu nichts, bewutlos
-werden vor Wollust</em>. Fr die Mutter ist der
-Koitus der <em class="gesperrt">Anfang <b>einer Reihe</b></em>; die Dirne will in ihm ihr
-<em class="gesperrt">Ende</em>, sie will <em class="gesperrt">vergehen</em> in ihm. Der Schrei der Mutter ist
-darum ein kurzer, mit schnellem Schlu; der der Prostituierten
-ist langgezogen, denn alles Leben, das sie hat, will sie in
-diesen Moment <em class="gesperrt">konzentriert, zusammengedrngt</em> wissen.<span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span>
-Weil dies nie gelingen kann, darum wird die Prostituierte in
-ihrem ganzen Leben <em class="gesperrt">nie</em> befriedigt, von allen Mnnern der
-Welt nicht.</p>
-
-<p>Hierin liegt also ein fundamentaler Unterschied im Wesen
-beider. Unterschiedslos aber fhlt sich jede Frau, da das Weib
-nur und durchaus sexuell ist, da diese Sexualitt ber den ganzen
-Krper sich erstreckt und an einigen Punkten, physikalisch
-gesprochen, blo <em class="gesperrt">dichter</em> ist als an anderen, fortwhrend
-und am ganzen Leibe, berall und immer, von was es auch
-sei, ausnahmslos <em class="gesperrt">koitiert</em>. Das, was man gewhnlich als
-Koitus bezeichnet, ist nur ein <em class="gesperrt">Spezialfall</em> von hchster
-Intensitt. Die Dirne will <em class="gesperrt">von allem koitiert werden</em> &mdash;
-darum kokettiert sie auch, wenn sie <em class="gesperrt">allein</em> ist, <em class="gesperrt">und selbst
-vor leblosen Gegenstnden</em>, vor jedem Bach, vor jedem
-Baum &mdash; die Mutter wird von allen Dingen, fortwhrend und
-am ganzen Leibe, <em class="gesperrt">geschwngert</em>. <em class="gesperrt">Dies ist die Erklrung
-des Versehens.</em> Alles, was auf eine Mutter je Eindruck
-gemacht hat, wirkt fort, je nach der Strke des Eindruckes
-&mdash; der zur Konzeption fhrende Koitus ist nur das intensivste
-dieser Erlebnisse und berwiegt an Einflu alle
-anderen &mdash; <em class="gesperrt">all das wird Vater ihres Kindes</em>, es wird <em class="gesperrt">Anfang
-einer Entwicklung</em>, deren Resultat sich spter am
-Kinde zeigt.</p>
-
-<p>Darum also ist die Vaterschaft eine armselige Tuschung;
-denn sie mu stets mit unendlich vielen Dingen und
-Menschen geteilt werden, und das <em class="gesperrt">natrliche, physische</em>
-Recht das <em class="gesperrt">Mutterrecht</em>. Weie Frauen, die einst von einem
-Neger ein Kind gehabt haben, gebren spter oft einem
-weien Manne Nachkommen, die noch unverkennbare Merkmale
-der Negerrasse an sich tragen. Blten, die mit einer
-Pollenart bestubt werden, ergeben oft nach vielen spteren
-andersartigen Bestubungen Frchte, welche noch an die
-Spezies erinnern, mit deren Pollen sie ehedem affiziert wurden.
-Und die Stute des <em class="gesperrt">Lord Morton</em> ist ja berhmt geworden,
-die, nachdem sie einmal einem Quagga einen Bastard geboren
-hatte, noch lange hernach einem arabischen Hengst zwei
-Fllen warf, welche deutliche Merkmale des Quaggas an sich
-trugen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span>
-
-Man hat an diesen Fllen viel gedeutelt; man hat erklrt,
-sie mten viel hufiger vorkommen, wenn der Vorgang berhaupt
-mglich wre. Aber damit sich diese <em class="gesperrt">Infektion</em>, wie
-man ihn nennt (<em class="gesperrt">Weismann</em> hat den ausgezeichneten Namen
-<em class="gesperrt">Telegonie</em>, d.&nbsp;i. <em class="gesperrt">Zeugung in die Ferne</em>, vorgeschlagen,
-<em class="gesperrt">Focke</em> von Gastgeschenken, <em class="gesperrt">Xenien</em> gesprochen), damit sich
-Fernzeugung deutlich offenbaren knne, ist eine Erfllung
-smtlicher Gesetze der Sexualanziehung, eine auergewhnlich
-hohe geschlechtliche Affinitt zwischen dem ersten Vater
-und der Mutter erforderlich. Die Wahrscheinlichkeit ist von
-vornherein gering, da ein Paar sich finde, in welchem jene
-Affinitt derart mchtig ist, da sie die mangelnde Rassenverwandtschaft
-berwindet; und doch besteht nur, wenn
-Rassenverschiedenheit vorhanden ist, eine Aussicht auf augenfllige,
-allgemein berzeugende Divergenzen; indessen bei
-sehr naher Familienverwandtschaft die Mglichkeit fehlt, unzweideutige
-Abweichungen vom Vatertypus an jenem Kinde,
-das noch unter dem Einflusse der frheren Zeugung stehen
-soll, mit Sicherheit festzustellen. brigens ist, da man so
-heftig gegen die Keiminfektion sich gewehrt hat, nur daraus
-zu erklren, da man die Erscheinungen nicht in ein System
-zu bringen wute.</p>
-
-<p>Nicht besser als der Infektionslehre ist es dem Versehen
-ergangen. Htte man begriffen, da auch die Fernzeugung
-ein Versehen ist, nur eben ein Spezialfall des letzteren von
-hchster Intensitt, htte man eingesehen, da der Urogenitaltrakt
-nicht der einzige, sondern nur der wirksamste
-Weg ist, auf dem eine Frau koitiert werden kann, da die
-Frau durch einen <em class="gesperrt">Blick</em>, durch ein <em class="gesperrt">Wort</em> sich bereits
-<em class="gesperrt">besessen</em> fhlen kann, es wre der Widerspruch gegen das
-Versehen wie gegen die Telegonie so laut nicht geworden.
-Ein Wesen, das berall und von allen Dingen <em class="gesperrt">koitiert</em> wird,
-kann auch berall und von allen Dingen <em class="gesperrt">befruchtet</em> werden:
-<em class="gesperrt">die Mutter ist empfnglich berhaupt. In ihr gewinnt
-alles Leben</em>, denn alles macht auf sie physiologischen Eindruck
-und geht in ihr Kind als dessen Bildner ein. Hierin
-ist sie wirklich, in ihrer niederen krperlichen Sphre, nochmals
-dem Genius vergleichbar.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span>
-
-Anders die Dirne. Wie sie selbst im Koitus zunichte
-werden will, so ist ihr Wirken auch sonst durchaus auf
-Zerstrung angelegt. Whrend die Mutter alles, was dem
-irdischen Leben und guten Fortkommen des Menschen frderlich
-ist, begnstigt, alles Ausschweifende aber von ihm fernhlt,
-whrend sie den Flei des Sohnes aneifert und die Arbeitsamkeit
-des Gatten spornt, sucht die Hetre die ganze Kraft
-und Zeit des Mannes <em class="gesperrt">fr sich</em> in Anspruch zu nehmen. Aber
-nicht nur sie selbst ist gleichsam von Anbeginn dazu bestimmt,
-den Mann zu mibrauchen: auch in jedem Mann verlangt
-etwas nach dieser Frau, das an Seite der schlichteren, stets
-geschftigen, geschmacklos gekleideten, aller geistigen Elgance
-baren Mutter keine Befriedigung findet. Etwas in ihm
-<em class="gesperrt">sucht</em> den Genu, und beim <em class="gesperrt">Freudenmdchen</em> vergit er sich
-am leichtesten. Denn die Dirne vertritt das Prinzip des leichten
-Sinnes, sie sorgt nicht vor wie die Mutter, sie und nicht die
-Mutter ist die gute Tnzerin, nur sie verlangt nach Unterhaltung
-und groer Gesellschaft, nach dem Spaziergang und dem Vergngungslokal,
-nach dem Seebad und dem Kurort, nach
-Theater und Konzert, nach immer neuen Toiletten und
-Edelsteinen; nach Geld, um es mit vollen Hnden hinauszustreuen,
-nach Luxus statt nach Komfort, nach Lrm statt
-nach Ruhe; nicht nach dem Lehnstuhl inmitten von Enkeln
-und Enkelinnen, sondern nach dem Triumphzug auf dem
-Siegeswagen des schnen Krpers durch die Welt.</p>
-
-<p>Die Prostituierte erscheint denn auch dem Manne unmittelbar
-als die Verfhrerin: in den Gefhlen, die sie in ihm weckt;
-nur sie, das unkeusche Weib par excellence, als Zauberin.
-Sie ist der weibliche Don Juan, sie ist jenes Wesen in der
-Frau, das die Ars amatoria kennt, lehrt und htet.</p>
-
-<p>Hiemit hngen aber noch interessantere und tiefer
-fhrende Dinge zusammen. Die Mutter wnscht vom Manne
-Anstndigkeit, nicht um der Idee willen, <em class="gesperrt">sondern weil sie
-die Bejaherin des Erdenlebens ist</em>. Wie sie selbst arbeitet
-und nicht faul ist gleich der Dirne, wie sie stets von Geschften
-mit Bezug auf die Zukunft erfllt scheint, so hat sie
-auch beim Manne Sinn fr Ttigkeit und sucht ihn nicht von
-dieser zum Vergngen hin abzuziehen. Die Dirne hingegen<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span>
-kitzelt am strksten der Gedanke eines rcksichtslosen,
-gaunerischen, der Arbeit abgewandten Mannes. Ein Mensch,
-der einmal eingesperrt war, ist der Mutter ein Gegenstand des
-Abscheus, der Dirne eine Attraktion. Es gibt Frauen, die
-mit ihrem Sohne wirklich unzufrieden sind, wenn er in der
-Schule nicht gut tut, und solche, die an ihm, wenn sie auch
-das Gegenteil heucheln, dann um so greres Wohlgefallen
-finden. Das <em class="gesperrt">Solide</em> reizt die Mutter, das <em class="gesperrt">Unsolide</em> die
-Dirne. Jene verabscheut, diese liebt den krftig trinkenden
-Mann. Und so liee sich noch vieles andere, in der gleichen
-Richtung gelegene anfhren. Nur ein Einzelfall dieser allgemeinen,
-hoch in die wohlhabendsten Klassen hinauf reichenden
-Verschiedenheit ist es, da die Gassendirne zu jenen
-Menschen sich am meisten hingezogen fhlt, die offene Verbrecher
-sind: der <em class="gesperrt">Zuhlter</em> ist immer gewaltttig, kriminell
-veranlagt, oft Ruber oder Betrger, wenn nicht Mrder
-zugleich.</p>
-
-<p>Dies legt nun, so wenig das Weib selbst <em class="gesperrt">anti</em>moralisch
-genannt werden darf &mdash; es ist immer nur amoralisch &mdash; den
-Gedanken nahe, da die Prostitution in irgend einer tiefen
-<em class="gesperrt">Beziehung</em> zum <em class="gesperrt">Anti</em>moralischen stehe, whrend alle
-Mutterschaft nie einen solchen Hinweis enthlt. Nicht als ob
-die Prostituierte selbst das weibliche quivalent des mnnlichen
-Verbrechers bildete; obwohl sie so arbeitsscheu ist wie
-dieser, darf aus den in den vorigen Kapiteln errterten Grnden
-die Existenz eines verbrecherischen Weibes nicht zugegeben
-werden: die Frauen stehen nicht so hoch. Aber <em class="gesperrt">in einer
-Relation</em> zum Antimoralischen, zum Bsen wird die Prostituierte
-unleugbar vom Manne empfunden, selbst wenn dieser
-nicht in ein sexuelles Verhltnis zu ihr getreten ist; so da man
-nicht sagen kann, nur die Abwehr irgend eines eigenen
-Wollustgedankens habe diese projizierende Form angenommen.
-Der Mann erlebt die Prostitution von vornherein
-als ein Dunkles, Nchtiges, Schauervolles, Unheimliches, ihr
-Eindruck lastet schwerer, qualvoller auf seiner Brust als der,
-welchen die Mutter auf ihn hervorbringt. Die merkwrdige
-Analogie der groen Hetre zum groen Verbrecher, d.&nbsp;i. eben
-zum Eroberer; die intime Beziehung der kleinen Dirne zum<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span>
-moralischen Ausbunde der Menschheit, dem Zuhltertum; jenes
-Gefhl, das sie im Manne wachruft, endlich die Absichten, die
-sie in betreff seiner hat &mdash; all das vereinigt sich dazu, jene
-Ansicht zu bekrftigen. <em class="gesperrt">Wie die Mutter ein lebensfreundliches,
-so ist die Prostituierte ein lebensfeindliches
-Prinzip.</em> Aber wie die Bejahung der Mutter nicht auf die
-Seele, sondern auf den Leib geht, so erstreckt sich auch die
-Verneinung der Dirne nicht diabolisch auf die Idee, sondern
-nur auf Empirisches. Sie will vernichtet werden und vernichten,
-sie schadet und zerstrt. <em class="gesperrt">Physisches Leben und
-physischer Tod, beide im Koitus so geheimnisvoll
-tief zusammenhngend</em> (vgl. das nchste Kapitel), <em class="gesperrt">sie verteilen
-sich auf das Weib als Mutter und als Prostituierte</em>.</p>
-
-<p>Eine entscheidendere Antwort als diese kann auf die
-Frage nach der Bedeutung von Mutterschaft und Prostitution
-einstweilen kaum gegeben werden. Es ist ja ein vllig
-dunkles, von keinem Wanderer noch betretenes Gebiet, auf
-dem ich mich hier befinde; der Mythus in seiner religisen
-Phantasie mag es zu erleuchten sich erkhnen, dem Philosophen
-sind metaphysische bergriffe allzufrh nicht anzuraten.
-Dennoch bedarf noch einiges einer besseren Hervorhebung.
-Die antimoralische Bedeutung des Phnomens der
-Prostitution stimmt damit berein, da sie ausschlielich auf
-den Menschen beschrnkt ist. Bei den Tieren ist das Weibchen
-durchaus der Fortpflanzung untertan, es gibt dort keine
-sterile Weiblichkeit. Ja man knnte sogar daran denken, da
-sich bei den Tieren die Mnnchen prostituieren, wenn man
-an den Rad schlagenden Pfau denkt, an das Leuchten des
-Glhwurms, die Lockrufe der Singvgel, den balzenden Auerhahn.
-Aber diese Schaustellungen sekundrer Geschlechtscharaktere
-sind bloe <em class="gesperrt">exhibitionistische</em> Akte des Mnnchens;
-wie es auch unter den Menschen vorkommt, da lufige
-Mnner ihre Genitalien vor Frauen entblen als Aufforderung
-zum Koitus. Nur insofern sind diese tierischen Akte
-vorsichtig zu interpretieren, als man sich hten mu, zu
-glauben, die psychische Wirkung, welche durch sie auf das
-Weibchen hervorgebracht wird, werde von dem Mnnchen im<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span>
-voraus in Betracht und Rechnung gezogen. Es handelt sich
-viel mehr um einen triebhaften <em class="gesperrt">Ausdruck</em> des <em class="gesperrt">eigenen</em>
-sexuellen Verlangens als um ein Mittel, dasselbe beim Weibe
-zu steigern, es ist ein Hintreten vor die Frau <em class="gesperrt">mit</em> und <em class="gesperrt">in</em>
-der sexuellen Erregung; whrend bei exhibitionierenden
-<em class="gesperrt">Menschen</em> wohl stets die Vorstellung der Erregung des
-anderen Geschlechtes mitspielt<a name="FNAnker_54_54" id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a>.</p>
-
-<p>Die Prostitution ist demnach etwas beim Menschen allein
-Auftretendes; Tiere und Pflanzen sind ja nur gnzlich
-amoralisch, nicht irgendwie dem Antimoralischen verwandt,
-und kennen darum nur die Mutterschaft. <em class="gesperrt">Hier liegt also
-eines der tiefsten Geheimnisse aus Wesen und Ursprngen
-des <b>Menschen</b> verborgen.</em> Und nun ist insofern
-an dem frheren eine Korrektur anzubringen, als mir wenigstens,
-je lnger ich ber sie nachdenke, desto mehr die
-Prostitution eine <em class="gesperrt">Mglichkeit fr <b>alle</b> Frauen zu sein
-scheint, ebenso wie die, ja blo physische, Mutterschaft</em>.
-Sie ist vielleicht etwas, wovon <em class="gesperrt">jedes</em> menschliche
-Weib durchsetzt, etwas, womit hier die tierische Mutter tingiert
-ist<a name="FNAnker_55_55" id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a>, ja am Ende eben das, was im menschlichen Weibe
-jenen Eigenschaften entspricht, um die der menschliche Mann
-mehr ist als das tierische Mnnchen. Zu der bloen Mutterschaft
-des Tieres ist hier, mit dem Antimoralischen im Manne
-zu gleicher Zeit und nicht ohne merkwrdige Beziehungen
-zu diesem, ein Faktor hinzugekommen, der das menschliche
-Weib vom tierischen gnzlich und von Grund aus unterscheidet.
-Welche Bedeutung das Weib gerade als <em class="gesperrt">Dirne</em> fr
-den Mann in <em class="gesperrt">besonderem</em> Mae gewinnen konnte, davon
-soll erst gegen den Schlu der gesamten Untersuchung die
-Rede werden; der Ursprung, die letzte Ursache der Prostitution,
-bleibt gleichwohl vielleicht fr immer ein tiefes Rtsel und
-in vlliges Dunkel gehllt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span>
-
-Es lag mir bei dieser etwas breiten, aber durchaus nicht
-erschpfenden, durchaus nicht alle Phnomene auch nur
-streifenden Betrachtung alles andere nher, als etwa ein
-Prostituierten-Ideal aufzustellen, wie es manche begabte
-Schriftsteller der jngsten Zeit kaum verhllt entwickelt zu
-haben scheinen. Aber dem anderen, dem scheinbar unsinnlichen
-Mdchen <em class="gesperrt">mute</em> ich den Nimbus rauben, mit
-dem es jeder Mann so gerne umgeben mchte, durch die Erkenntnis,
-da gerade dieses Geschpf das mtterlichste ist,
-und die Virginitt ihm, seinem Begriffe nach, ebenso fremd
-wie der Dirne. Und selbst die Mutterliebe konnte vor einer
-eindringenderen Analyse nicht als ein sittliches Verdienst
-sich behaupten. Die Idee der unbefleckten Empfngnis endlich,
-der reinen Jungfrau Goethes, Dantes, enthlt die Wahrheit,
-da die absolute Mutter den Koitus nie als Selbstzweck, um
-der Lust willen, herbeiwnschen wrde. Sie darum heiligen
-konnte nur eine Illusion. Dagegen ist es wohl begreiflich,
-da sowohl der Mutterschaft als der Prostitution, beiden als
-Symbolen tiefer und mchtiger Geheimnisse, religise Verehrung
-gezollt wurde.</p>
-
-<p>Ist damit die Unhaltbarkeit jener Ansicht dargetan,
-welche einen besonderen Frauentypus doch noch verteidigen
-und fr die Sittlichkeit des Weibes in Anspruch nehmen zu
-knnen glaubt, so soll jetzt die Erforschung der Motive in Angriff
-genommen werden, welche den Mann die Frau immer
-und ewig werden verklren lassen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span><a name="XI_Kapitel" id="XI_Kapitel"><small>XI. Kapitel.</small></a><br />
-
-Erotik und sthetik.</h2>
-
-
-<p>Die Argumente, mit welchen die Hochwertung der Frau
-immer wieder zu begrnden versucht wird, sind nun, bis auf
-wenige, noch nachzuholende Dinge, einer Prfung unterzogen,
-und vom Standpunkte der kritischen Philosophie, auf welchen
-die Untersuchung, nicht ohne diese Wahl zu begrnden, sich
-gestellt hat, auch widerlegt. Freilich ist wenig Grund zur
-Hoffnung, da man sich in einer Diskussion auf diesen harten
-Boden begeben werde. Das Schicksal <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> gibt
-zu denken, dessen niedrige Meinung ber die Weiber noch
-immer darauf zurckgefhrt zu werden pflegt, da ein
-venetianisches Mdchen, mit dem er ging, sich in den vorbergaloppierenden,
-krperlich schneren <em class="gesperrt">Byron</em> vergaffte:
-als ob die schlechteste Meinung von den Frauen der bekme,
-der am wenigsten, und nicht vielmehr jener, der am meisten
-Glck bei ihnen gehabt hat. Die Methode, statt Grnde mit
-Grnden zu widerlegen, jemand einfach als Misogynen zu
-bezeichnen, hat in der Tat viel fr sich. Der Ha ist nie ber
-sein Objekt hinaus, und so bringt die Bezeichnung eines
-Menschen als eines Hassers dessen, worber er aburteilt, ihn
-stets mit Leichtigkeit in den Verdacht der Unaufrichtigkeit,
-Unreinheit, Unsicherheit, die durch das Pathos der Abwehr
-zu ersetzen suche, was ihr an innerer Berechtigung gebricht.
-So verfehlt diese Art der Antwort nie ihren <em class="gesperrt">Zweck</em>,
-von allem Eingehen auf die Frage zu entheben. Sie ist die
-geschickteste und treffsicherste Waffe jener ungeheuren Mehrzahl
-unter den Mnnern, die sich ber das Weib <em class="gesperrt">nie klar
-werden <b>will</b></em>. Es ist nun allerdings eine Unsitte, in einer
-theoretischen Kontroverse auf die psychologischen Motive<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span>
-des Gegners zu rekurrieren und diesen Rekurs statt der Beweise
-zu brauchen. Ich will auch niemand theoretisch darber
-belehren, da in einem sachlichen Streite die Gegner beide
-unter die berpersnliche Idee der Wahrheit sich zu stellen
-haben und ein Ergebnis unabhngig davon sollen zu erreichen
-suchen, ob und wie sie beide als konkrete Einzelpersonen
-existieren. Wenn aber von der einen Seite das logische
-Schluverfahren folgerichtig bis zu einem gewissen Abschlu
-gebracht wurde, ohne da die andere auf den Beweisproze
-an sich eingeht, sondern nur gegen die Konklusionen heftig
-sich strubt: dann darf in gewissen Fllen der erste wohl
-sich erlauben, den zweiten fr die Unanstndigkeit seines,
-zum Eingehen auf strenge Deduktion nicht zu bewegenden
-Benehmens zu strafen, indem er ihm die Motive seiner Halsstarrigkeit
-recht vor die Augen rckt. Denn wren dem
-anderen diese Grnde bewut, so wrde er sie auch sachlich
-abwgen gegen die Wirklichkeit, die seinen Wnschen so
-widerstreitet. Nur weil sie ihm unbewut waren, darum
-konnte er, sich selbst gegenber, nicht zu einer objektiven
-Stellung gelangen. Deshalb soll jetzt, nach den strengen
-logischen und sachlichen Ableitungen, der Spie umgekehrt,
-und einmal der Frauenverteidiger darauf untersucht werden,
-aus welchem Gefhle das Pathos seiner Parteinahme stammt,
-inwiefern es seine Wurzeln in lauterer, und wie weit es sie
-in fragwrdiger Gesinnung hat.</p>
-
-<p>Alle Einwnde, welche dem Verchter der Weiblichkeit
-gemacht werden, gehen gefhlsmig samt und sonders aus
-dem <em class="gesperrt">erotischen</em> Verhltnisse hervor, in welchem der Mann
-zu der Frau steht. Dieses Verhltnis ist von dem nur <em class="gesperrt">sexuellen</em>,
-mit welchem bei den Tieren die Beziehungen der Geschlechter
-erschpft sind, und das auch unter den Menschen dem Umfang
-nach die weitaus grere Rolle spielt, <em class="gesperrt">ein prinzipiell
-durchaus Verschiedenes</em>. Es ist vollkommen verfehlt, da
-Sexualitt und Erotik, Geschlechtstrieb und Liebe, im Grunde
-nur ein und dasselbe seien, die zweite eine Verbrmung, Verfeinerung,
-Umnebelung, Sublimation des ersten; obwohl
-hierauf wohl alle Mediziner schwren, ja selbst Geister wie
-<em class="gesperrt">Kant</em> und <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> nichts anderes geglaubt haben.<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span>
-Ehe ich auf die Begrndung dieser schroffen Trennung eingehe,
-will ich, was diese beiden Mnner betrifft, folgendes
-zu bemerken nicht unterlassen. <em class="gesperrt">Kantens</em> Meinung kann aus
-dem Grunde nicht magebend sein, weil er sowohl die Liebe als
-den Geschlechtstrieb nur in so geringem Mae gekannt haben
-mu, wie berhaupt nie ein Mensch auer ihm. Er war so
-wenig erotisch, da er nicht einmal das Bedrfnis hatte zu
-<em class="gesperrt">reisen</em>. Er steht also zu hoch und zu rein da, um in dieser
-Frage als Autoritt mitzusprechen: die einzige Geliebte, an
-der <em class="gesperrt">er</em> sich gercht hat, war die Metaphysik. Und was
-<em class="gesperrt">Schopenhauer</em> anlangt, so hat dieser eben wenig Verstndnis
-fr hhere Erotik, sondern nur eines fr sinnliche Sexualitt
-besessen. Dies lt sich auf folgendem Wege ohne Schwierigkeit
-ableiten. <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Gesicht zeigt wenig Gte
-und viel Grausamkeit (unter der er allerdings am frchterlichsten
-selbst gelitten haben mu: man stellt keine Mitleidsethik
-auf, wenn man selbst sehr mitleidig ist. Die mitleidigsten
-Menschen sind die, welche sich ihr Mitleiden am meisten verbeln:
-<em class="gesperrt">Kant</em> und <em class="gesperrt">Nietzsche</em>). Aber <em class="gesperrt">nur</em> zum <em class="gesperrt">Mitleiden</em>
-stark veranlagte Menschen sind, worauf schon hier hingewiesen
-werden darf, einer heftigen <em class="gesperrt">Erotik</em> fhig; solche,
-die an nichts keinen Anteil nehmen, sind der Liebe
-unfhig. Es mssen dies nicht satanische Naturen sein,
-im Gegenteil, sie knnen sittlich sehr hoch stehen, ohne doch
-recht zu bemerken, was ihr Nebenmensch gerade denkt oder
-was in ihm vorgeht; und ohne ein Verstndnis fr ein bersexuelles
-Verhltnis zum Weibe zu besitzen. So ist es auch bei
-<em class="gesperrt">Schopenhauer</em>. Er war ein extrem unter dem Geschlechtstriebe
-leidender Mensch, er hat aber nie geliebt; wre doch
-sonst auch die Einseitigkeit seiner berhmten Metaphysik der
-Geschlechtsliebe unerklrlich, deren wichtigste Lehre es ist,
-da der unbewute Endzweck auch aller <em class="gesperrt">Liebe</em> nichts weiter
-sei als die Zusammensetzung der nchsten Generation.</p>
-
-<p>Diese Ansicht ist, wie ich zeigen zu knnen glaube,
-<em class="gesperrt">falsch</em>. Zwar eine Liebe, die ganz frei von Sinnlichkeit ist,
-gibt es <em class="gesperrt">in der Erfahrung</em> nicht. Der Mensch, mag er noch
-so hoch stehen, ist eben immer <em class="gesperrt">auch</em> Sinnenwesen. Worauf
-es ankommt und was unwiderstehlich die gegnerische Ansicht<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span>
-zu Boden schlgt, ist, da jede Liebe selbst, an und fr sich &mdash;
-nicht erst durchs Hinzutreten asketischer Grundstze &mdash;
-<em class="gesperrt">feindlich</em> gegen alle jene Elemente des Verhltnisses sich
-stellt, die zum Koitus drngen, <em class="gesperrt">ja sie als ihre eigene
-Negation selbst empfindet</em>. Liebe und Begehren sind zwei
-so verschiedene, einander so vllig ausschlieende, ja entgegengesetzte
-Zustnde, da, in den Momenten, wo ein Mensch
-wirklich <em class="gesperrt">liebt</em>, ihm der Gedanke der krperlichen Vereinigung
-mit dem geliebten Wesen ein vllig undenkbarer
-ist. Da es keine Hoffnung gibt, die von Furcht ganz frei
-wre, ndert nichts daran, da Hoffnung und Furcht einander
-gerade entgegengesetzt sind. Nicht anders verhlt es sich
-zwischen dem Geschlechtstrieb und der Liebe. Je erotischer
-ein Mensch ist, desto weniger wird er von seiner Sexualitt
-belstigt, und umgekehrt. Wenn es keine Anbetung gibt, die
-von Begierde gnzlich frei wre, so darf man darum beide
-Dinge nicht identifizieren, die hchstens <em class="gesperrt">entgegengesetzte</em>
-Phasen sein mgen, in welche ein reicherer Mensch successive
-eintreten kann. Der lgt oder hat nie gewut, was Liebe ist,
-der behauptet, eine Frau noch zu lieben, die er begehrt: so
-verschieden sind Liebe und Geschlechtstrieb. Darum wird es
-auch fast immer als eine Heuchelei empfunden, wenn einer
-von Liebe in der Ehe spricht.</p>
-
-<p>Dem stumpfen Blicke, der dem gegenber noch immer,
-wie aus grundstzlichem Cynismus, an der Identitt beider
-festhlt, sei folgendes zu schauen gegeben: die sexuelle Anziehung
-wchst mit der krperlichen Nhe, die Liebe ist am
-strksten in der Abwesenheit der geliebten Person, sie bedarf
-der Trennung, einer gewissen Distanz, um am Leben zu
-bleiben. Ja, was alle Reisen in ferne Lnder nicht erreichen
-konnten, da wahre Liebe sterbe, wo aller Zeitverlauf dem
-<em class="gesperrt">Vergessen</em> nichts fruchtete, da kann eine zufllige, unbeabsichtigte
-krperliche Berhrung mit der Geliebten den
-Geschlechtstrieb wachrufen und es vermgen, die Liebe auf
-der Stelle zu tten. Und fr den hher differenzierten, den
-bedeutenden Menschen haben das Mdchen, das er begehrt,
-und das Mdchen, das er nur lieben, aber nie begehren
-knnte, sicherlich immer eine ganz verschiedene Gestalt,<span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span>
-einen verschiedenen Gang, eine verschiedene Charakteranlage:
-<em class="gesperrt">es sind zwei gnzlich verschiedene Wesen</em>.</p>
-
-<p>Es gibt also platonische Liebe, wenn auch die Professoren
-der Psychiatrie nichts davon halten. Ich mchte
-sogar sagen: <em class="gesperrt">es gibt nur platonische <b>Liebe</b></em>. Denn was
-sonst noch Liebe genannt wird, gehrt in das Reich der
-Sue. Es gibt nur eine Liebe: es ist die Liebe zur Beatrice,
-die Anbetung der Madonna. Fr den Koitus ist ja die
-babylonische Hure da.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kantens</em> Aufzhlung der transcendentalen Ideen bedrfte,
-sollte dies haltbar bleiben, einer Erweiterung. Auch die reine
-hohe, begehrungslose Liebe, die Liebe <em class="gesperrt">Platons</em> und <em class="gesperrt">Brunos</em>,
-wre eine <em class="gesperrt">transcendentale Idee</em>, deren Bedeutung als <em class="gesperrt">Idee</em>
-dadurch nicht berhrt wrde, da keine Erfahrung jemals sie
-vllig verwirklicht aufwiese.</p>
-
-<p>Es ist das Problem des <em class="gesperrt">Tannhuser</em>. Hie Tannhuser,
-hie Wolfram; hie Venus, hie Maria. Die Tatsache, da ein
-Liebespaar, das sich wirklich auf ewig gefunden hat &mdash; Tristan
-und Isolde &mdash; in den Tod geht statt ins Brautbett, ist ein
-ebenso absoluter Beweis eines Hheren, sei's drum, Metaphysischen
-<em class="gesperrt">im</em> Menschen, wie das Mrtyrertum eines <em class="gesperrt">Giordano
-Bruno</em>.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Dir, hohe Liebe, tne<br /></span>
-<span class="i0">Begeistert mein Gesang,<br /></span>
-<span class="i0">Die mir in Engelschne<br /></span>
-<span class="i0">Tief in die Seele drang!<br /></span>
-<span class="i0">Du nahst als Gottgesandte:<br /></span>
-<span class="i0">Ich folg' aus holder Fern', &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">So fhrst du in die Lande,<br /></span>
-<span class="i0">Wo ewig strahlt dein Stern.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wer ist der Gegenstand solcher Liebe? Dasselbe Weib,
-das hier geschildert wurde, das Weib ohne alle Qualitten,
-die einem Wesen Wert verleihen knnen, das Weib ohne
-den Willen nach einem eigenen Werte? Wohl kaum: es ist
-das berschne, das engelreine Weib, das mit dieser Liebe
-geliebt wird. Woher jenem Weibe seine Schnheit und seine
-Keuschheit kommt, das ist nun die Frage.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span>
-
-Es ist hufig darber gestritten worden, ob wirklich
-das weibliche Geschlecht das schnere sei, und noch mehr
-wurde seine Bezeichnung als <em class="gesperrt">das schne</em> schlechthin angefochten.
-Es wird sich empfehlen, zunchst im einzelnen zu
-fragen, von wem und inwiefern das Weib schn gefunden
-wird.</p>
-
-<p>Bekannt ist, da das Weib nicht in seiner Nacktheit
-am schnsten ist. Allerdings, in der Reproduktion durch
-das Kunstwerk, als Statue oder als Bild, mag das unbekleidete
-Weib schn sein. Aber das lebende nackte Weib kann schon
-aus dem Grunde von niemand schn gefunden werden, weil
-der Geschlechtstrieb jene bedrfnislose Betrachtung unmglich
-macht, welche fr alles Schnfinden unumgngliche
-Voraussetzung bleibt. Aber auch abgesehen hievon erzeugt das
-vllig nackte lebendige Weib den Eindruck von etwas Unfertigem,
-noch nach etwas <em class="gesperrt">auer</em> sich Strebenden, und dieser
-ist mit der Schnheit unvertrglich. Das nackte Weib ist im
-einzelnen schner denn als Ganzes; als solches nmlich erweckt
-es unvermeidlich das Gefhl, da es etwas suche, und
-bereitet darum dem Beschauer eher Unlust als Lust. Am
-strksten tritt dieses Moment des Insichzwecklosen, des
-einen Zweck <em class="gesperrt">auer sich</em> habenden, am aufrecht <em class="gesperrt">stehenden</em>
-nackten Weibe hervor; durch die liegende Position wird es
-naturgem gemildert. Die knstlerische Darstellung des
-nackten Weibes hat dies wohl empfunden; und wenn das
-nackte Weib aufrecht stehend oder schwebend gebildet
-ward, so zeigte sie das Weib nie allein, sondern stets mit
-Rcksicht auf eine Umgebung, vor welcher es dann seine
-Ble mit der Hand zu bedecken suchen konnte.</p>
-
-<p>Aber das Weib ist auch im einzelnen nicht durchaus
-schn, selbst wenn es mglichst vollkommen und ganz untadelig
-den krperlichen Typus seines Geschlechtes reprsentiert.
-Was hier theoretisch am meisten in Betracht
-kommt, ist das weibliche Genitale. Wenn die Meinung Recht
-htte, da alle Liebe des Mannes zum Weibe nur zum Hirn
-gestiegener Detumescenztrieb ist, wenn <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Behauptung
-haltbar wre: Das niedrig gewachsene, schmalschultrige,
-breithftige und kurzbeinige Geschlecht das schne<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span>
-nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte mnnliche
-Intellekt: <em class="gesperrt">in diesem Triebe nmlich steckt seine
-ganze Schnheit</em> &mdash; &mdash; so mte das weibliche Genitale am
-heftigsten geliebt sein und vom ganzen Krper des Weibes
-am schnsten gefunden werden. Aber, von einigen widerlichen
-Lrmmachern der letzten Jahre zu schweigen, welche
-durch die Aufdringlichkeit ihrer Reklame fr die Schnheit
-des weiblichen Genitales sowohl beweisen, da erst
-eine Agitation ntig ist, um hieran glauben zu machen, als
-auch die Unaufrichtigkeit jener Reden erkennen lassen, von
-deren Inhalt sie berzeugt zu sein vorgeben: von diesen abgesehen
-lt sich behaupten, da kein Mann speziell das
-weibliche <em class="gesperrt">Genitale</em> schn, vielmehr ein jeder es <em class="gesperrt">hlich</em>
-findet; es mgen gemeine Naturen durch diesen Krperteil
-des Weibes besonders zu sinnlicher Begierde gereizt werden,
-jedoch gerade solche werden ihn vielleicht sehr <em class="gesperrt">angenehm</em>,
-nie aber <em class="gesperrt">schn</em> finden. Die Schnheit des Weibes kann also
-kein bloer Effekt des Sexualtriebes sein; sie ist ihm vielmehr
-geradezu entgegengesetzt. Mnner, die ganz unter der
-Gewalt des Geschlechtsbedrfnisses stehen, haben fr Schnheit
-am Weibe gar keinen Sinn; Beweis hiefr ist, da sie
-ganz wahllos jede Frau begehren, die sie erblicken, blo nach
-den vagen Formen ihrer Krperlichkeit.</p>
-
-<p>Der Grund fr die angefhrten Phnomene, die Hlichkeit
-des weiblichen Genitales und die Unschnheit seines
-lebenden Krpers als <em class="gesperrt">ganzen</em>, kann nirgend anders gefunden
-werden als darin, da sie das Schamgefhl im Manne
-verletzen. Die kanonische Flachkpfigkeit unserer Tage hat
-es auch mglich werden lassen, da das Schamgefhl aus
-der Tatsache der Kleidung abgeleitet und hinter dem Widerstreben
-gegen weibliche Nacktheit nur Unnatur und versteckte
-Unzchtigkeit vermutet wurde. Aber ein Mann, der
-unzchtig geworden ist, wehrt sich gar nicht mehr gegen die
-Nacktheit, weil sie ihm als solche nicht mehr auffllt. Er
-begehrt blo, er liebt nicht mehr. Alle wahre Liebe ist
-schamhaft, ebenso wie alles wahre Mitleid. Es gibt nur
-eine Schamlosigkeit: die Liebeserklrung, von deren Aufrichtigkeit
-ein Mensch im selben Momente berzeugt wre, in<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span>
-dem er sie machte. Diese wrde das objektive Maximum an
-Schamlosigkeit reprsentieren, welches denkbar ist; es wre
-etwa so, wie wenn jemand sagen wrde: ich bin sehnschtig.
-Jenes wre die <em class="gesperrt">Idee</em> der schamlosen Handlung, dies die Idee
-der schamlosen Rede. Beide sind nie verwirklicht, weil alle
-Wahrheit schamhaft ist. Es gibt keine Liebeserklrung, die
-nicht eine Lge wre; und wie dumm die Frauen doch
-eigentlich sind, kann man daraus ersehen, wie oft sie an
-Liebesbeteuerungen glauben.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">In der Liebe des Mannes, die stets schamhaft
-ist, liegt nach alldem der Mastab fr das, was am
-Weibe schn, und das, was an ihm hlich gefunden
-wird.</em> Es ist hier <em class="gesperrt">nicht</em> wie in der <em class="gesperrt">Logik</em>: das Wahre der
-Mastab des Denkens, der Wahrheitswert sein Schpfer; <em class="gesperrt">nicht</em>
-wie in der <em class="gesperrt">Ethik</em>: das Gute das Kriterium fr das Sollen,
-der Wert des Guten ausgestattet mit dem <em class="gesperrt">Anspruch</em>, den
-Willen zum Guten zu lenken; <em class="gesperrt">sondern hier, in der sthetik,
-wird die Schnheit erst von der Liebe geschaffen</em>;
-es besteht keinerlei innerer Normzwang, das zu lieben, was
-schn ist, und das Schne tritt nicht an den Menschen mit
-dem Anspruch heran, geliebt zu werden. (Nur <em class="gesperrt">darum</em> gibt
-es keinen berindividuellen, allein richtigen Geschmack.)
-<em class="gesperrt">Alle Schnheit ist vielmehr selbst erst eine Projektion,
-eine Emanation des Liebesbedrfnisses</em>; und so
-ist auch die Schnheit des Weibes nicht ein von der Liebe
-Verschiedenes, nicht ein Gegenstand, auf den sie sich richtet,
-sondern <em class="gesperrt">die Schnheit des Weibes <b>ist</b> die Liebe des
-Mannes</em>, beide sind nicht <em class="gesperrt">zweierlei</em>, sondern <em class="gesperrt">eine und
-dieselbe Tatsache</em>. Wie Hlichkeit von Hassen, so kommt
-Schnheit von Lieben. Und auch darin, da Schnheit so
-wenig wie Liebe mit dem sinnlichen Trieb zu tun hat, da
-jene wie diese ihm fremd ist, drckt sich nur diese selbe Tatsache
-aus. Die Schnheit ist ein Unberhrbares, Unantastbares,
-mit anderem Unvermengbares; nur aus vlliger Weite kann sie
-wie nahe geschaut werden, und vor jeder Annherung entfernt
-sie sich. Der Geschlechtstrieb, der die Vereinigung mit dem Weibe
-sucht, vernichtet dessen Schnheit; das betastete, das besessene
-Weib wird von niemand mehr der Schnheit wegen angebetet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span>
-
-Dies leitet nun auch ber zur Beantwortung der <em class="gesperrt">zweiten</em>
-Frage: Was ist die Unschuld, was die Moralitt des Weibes?</p>
-
-<p>Von einigen Tatsachen, welche den Beginn jeder Liebe
-begleiten, wird hier am besten ausgegangen. Reinheit des
-Leibes ist, wie schon einmal angedeutet, beim Manne im allgemeinen
-ein Zeichen von Sittlichkeit und Aufrichtigkeit;
-wenigstens sind krperlich schmutzige Menschen kaum je von
-sehr lauterer Gesinnung. Nun kann man beobachten, wie
-Menschen, die sonst durchaus nicht sehr auf die Reinlichkeit
-ihres Leibes achten, in den Zeiten, da sie zu grerer Anstndigkeit
-des Charakters sich aufraffen, auch stets hufiger
-und ausgiebiger sich waschen. Ebenso werden nun auch
-Menschen, die nie sauber gewesen sind, fr die Dauer einer
-Liebe pltzlich aus innerem Triebe reinlichkeitsbedrftig, und
-diese kurze Spanne Zeit ist oft die einzige ihres Lebens, wo
-sie unter ihrem Hemde nicht unfltig aussehen. Schreiten
-wir zum Geistigen vor, so sehen wir, wie bei vielen Menschen
-Liebe mit Selbstanklagen, Kasteiungs- und Shnungsversuchen
-beginnt. Eine moralische Einkehr fngt an, von der
-Geliebten scheint auch eine innere Luterung auszugehen,
-auch wenn der Liebende nie mit ihr gesprochen, ja sie nur
-wenige Male aus der Ferne gesehen hat. <em class="gesperrt">Dieser</em> Proze kann
-also unmglich in dem geliebten Wesen selbst seinen Grund
-haben: die Geliebte ist nur zu oft ein Backfisch, nur zu oft
-eine Kuh, nur zu oft eine lsterne Kokette, und niemand
-nimmt fr gewhnlich an ihr berirdische Eigenschaften wahr
-als eben derjenige, der sie liebt. Ist es also zu glauben, da
-diese konkrete Person geliebt werde in der Liebe, oder dient
-sie nicht vielmehr einer unvergleichlich greren Bewegung
-nur als <em class="gesperrt">Ausgangspunkt</em>?</p>
-
-<p>In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst. Nicht seine
-Subjektivitt, nicht das, was er, als ein von aller Schwche
-und Gemeinheit, von aller Schwere und Kleinlichkeit behaftetes
-Wesen wirklich vorstellt; sondern das, was er ganz
-sein will und ganz sein soll, sein eigenstes, tiefstes, intelligibles
-Wesen, frei von allen Fetzen der Notwendigkeit, von allen
-Klumpen der Erdenheit. In seiner zeitlich-rumlichen Wirksamkeit
-ist dieses Wesen vermengt mit den Schlacken sinnlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span>
-Beschrnktheit, es ist nicht als reines, strahlendes Urbild
-vorhanden; wie tief er auch in sich gehen mag, er findet
-sich getrbt und befleckt, und sieht nirgends das, was er sucht,
-in weier, makelloser Reinheit. Und doch bedarf er nichts
-so dringend, ersehnt er nichts so hei als ganz und gar <em class="gesperrt">er
-selbst</em> und nichts anderes zu sein. Das eine aber, wonach er
-strebt, das Ziel, erblickt er nicht in hellem Glanze und unverrckter
-Festigkeit auf dem Grunde des eigenen Wesens, <em class="gesperrt">und
-darum mu er es drauen denken</em>, um so ihm leichter nacheifern
-zu knnen. <em class="gesperrt">Er projiziert sein Ideal eines absolut
-wertvollen Wesens</em> auf ein anderes menschliches Wesen,
-und das und nichts anderes bedeutet es, wenn er dieses Wesen
-<em class="gesperrt">liebt</em>. Nur wer selbst schuldig geworden ist, und seine Schuld
-fhlt, ist dieses Aktes fhig: darum kann das Kind noch nicht
-lieben. Nur weil die Liebe das hchste, stets unerreichte Ziel
-aller Sehnsucht so darstellt, als wre es irgendwo in der Erfahrung
-verwirklicht und nicht blo in der Idee vorhanden;
-nur indem sie es im Nebenmenschen lokalisiert, und so gleichzeitig
-eben der Tatsache Ausdruck gibt, da im Liebenden
-selbst das Ideal der Erfllung noch so ferne ist: nur darum
-kann mit der Liebe zugleich das <em class="gesperrt">Streben</em> nach Luterung
-neu erwachen, ein Hinwollen zu einem Ziele, das von
-hchster geistiger Natur ist und somit keine krperliche
-Verunreinigung durch <em class="gesperrt">rumliche</em> Annherung an die Geliebte
-duldet; darum ist Liebe die hchste und strkste uerung
-des Willens zum Werte, darum kommt in ihr wie in
-nichts auf der Welt das eigentliche Wesen des <em class="gesperrt">Menschen</em> zum
-Vorschein, das zwischen Geist und Krper, zwischen Sinnlichkeit
-und Sittlichkeit gebannt ist, an der Gottheit wie
-am Tiere Anteil hat. <em class="gesperrt">Der Mensch ist in jeder Weise
-erst dann ganz er selbst, wenn er liebt.</em><a name="FNAnker_56_56" id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> So erklrt
-sich's, da viele Menschen erst als Liebende an das eigene
-Ich und an das fremde Du zu glauben beginnen, die, wie
-sich lngst zeigte, nicht nur grammatikalische, sondern auch
-ethische Wechselbegriffe sind; so ist die groe Rolle verstndlich,
-welche in jedem Liebesverhltnis die <em class="gesperrt">Namen</em> der
-beiden Menschen spielen. So wird deutlich, warum viele<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span>
-Menschen zuerst in der Liebe von ihrer eigenen Existenz Kenntnis
-erhalten, und nicht frher von der berzeugung durchdrungen
-werden, da sie eine Seele besitzen.<a name="FNAnker_57_57" id="FNAnker_57_57"></a><a href="#Fussnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> So, da der Liebende
-zwar die Geliebte um keinen Preis durch seine Nhe verunreinigen
-mchte, aber sie doch aus der Ferne oft zu sehen
-trachtet, um sich ihrer &mdash; seiner &mdash; Existenz zu vergewissern. So,
-da gar mancher unerweichliche Empirist, nun, da er liebt,
-zum schwrmerischen Mystiker wird, wofr der Vater des
-Positivismus, Auguste <em class="gesperrt">Comte</em>, selbst das Beispiel gegeben hat,
-durch die Umwlzung seines ganzen Denkens, als er <em class="gesperrt">Clotilde
-de Vaux</em> kennen lernte. Nicht nur fr den Knstler, fr den
-Menschen berhaupt gibt es psychologisch ein Amo ergo sum.</p>
-
-<p>So ist die Liebe ein <em class="gesperrt">Projektionsphnomen</em> gleich
-dem Ha, kein <em class="gesperrt">quationsphnomen</em> gleich der Freundschaft.
-Voraussetzung dieser ist gleiche Geltung beider Individuen;
-Liebe ist stets ein <em class="gesperrt">Setzen der Ungleichheit, der Ungleichwertigkeit</em>.
-Alles, was man selbst sein mchte und
-nie ganz sein kann, auf ein Individuum hufen, es zum Trger
-aller Werte machen, das heit lieben. Sinnbildlich fr diese
-hchste Vollendung ist die Schnheit. Darum wundert, ja entsetzt
-es so oft den Liebenden, wenn er sich berzeugt, da
-im schnen Weibe nicht auch Sittlichkeit wohne, und er
-beschuldigt die Natur des Betruges, weil in einem so
-schnen Krper so viel Verworfenheit sein knne; er
-bedenkt nicht, da er das Weib nur deshalb noch schn
-findet, weil er es noch liebt: denn sonst wrde ihn auch
-die Inkongruenz zwischen Innerem und uerem nicht mehr
-schmerzen. Die gewhnliche <em class="gesperrt">Gassendirne</em> scheint deshalb <em class="gesperrt">nie</em>
-schn, weil es hier von vornherein unmglich ist, eine Projektion
-von Wert zu vollziehen; sie kann nur des ganz
-gemeinen Menschen Geschmack befriedigen, sie ist die Geliebte
-des unsittlichsten Mannes, des Zuhlters. Hier liegt
-eine dem Moralischen <em class="gesperrt">entgegengesetzte Beziehung offensichtlich</em>
-zutage; das Weib im allgemeinen ist aber nur indifferent
-gegen alles Ethische, es ist amoralisch, und kann
-darum, anders als der antimoralische Verbrecher, den instinktiv
-niemand liebt, oder der Teufel, den jedermann sich hlich vorstellt,<span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span>
-fr den Akt der Wertbertragung eine Grundlage abgeben;
-da es weder gut tut noch sndigt, <em class="gesperrt">strubt</em> sich nichts
-in ihm und an ihm gegen diese Kollokation des Ideals in
-seine Person. Die Schnheit des Weibes ist nur sichtbar gewordene
-Sittlichkeit, <em class="gesperrt">aber diese Sittlichkeit ist selbst
-die des Mannes</em>, die er, in hchster Steigerung und Vollendung,
-auf das Weib transponiert hat.</p>
-
-<p>Weil alle Schnheit immer nur einen abermals erneuten
-<em class="gesperrt">Verkrperungsversuch des hchsten Wertes</em> darstellt,
-darum ist vor allem Schnen ein Gefhl des Gefundenhabens,
-dem gegenber jede Begierde, jedes selbstische Interesse
-schweigt. Alle Formen, die der Mensch schn findet, sind
-vermge seiner sthetischen Funktion, die Sittliches und Gedankliches
-in Sinnlichkeit umsetzt, ebensoviele Versuche von
-seiner Seite, das Hchste sichtbar zu realisieren. <em class="gesperrt">Schnheit
-ist das Symbol des Vollkommenen in der Erscheinung.</em>
-Darum ist Schnheit unverletzlich, darum ist sie statisch und
-nicht dynamisch, darum hebt jede <em class="gesperrt">nderung</em> im Verhalten
-zu ihr sie schon auf und vernichtet ihren Begriff. Die Liebe
-zum eigenen Werte, die Sehnsucht nach Vollkommenheit zeugt
-in der Materie die Schnheit. So wird die Schnheit der
-Natur geboren, die der Verbrecher nimmer wahrnimmt, weil
-eben <em class="gesperrt">die Ethik erst die Natur schafft</em>. So erklrt sich's,
-da die Natur immer und berall, in der grten und
-kleinsten ihrer Bildungen, den Eindruck des Vollendeten
-hervorruft. So ist auch das Naturgesetz nur ein sinnliches
-Symbol des Sittengesetzes, wie die Naturschnheit der sinnenfllig
-gewordene Adel der Seele; so die Logik die verwirklichte
-Ethik. Wie die Liebe ein neues Weib fr den Mann
-schafft statt des realen Weibes, so schafft die Kunst, die Erotik
-des Alls, aus dem Chaos die Formenflle im Universum; und
-wie es keine Naturschnheit gibt ohne Form, ohne Naturgesetz,
-so auch keine Kunst ohne Form, keine Kunstschnheit,
-die nicht ihren Regeln gehorcht. Denn die Naturschnheit
-zeigt die Kunstschnheit nicht anders verwirklicht
-als das Naturgesetz das Sittengesetz, als die Naturzweckmigkeit
-jene Harmonie, deren Urbild ber dem Geiste des
-Menschen thront. Ja, die Natur, die der Knstler seine ewige<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span>
-Lehrmeisterin nennt, <em class="gesperrt">sie ist nur die von ihm selbst geschaffene
-Norm seines Schaffens</em>, nicht in begrifflicher
-Konzentration, sondern in anschaulicher Unendlichkeit. So
-sind, um eines als Beispiel zu nennen, die Stze der Mathematik
-die <em class="gesperrt">verwirklichte</em> Musik (und nicht umgekehrt),
-Mathematik selbst die <em class="gesperrt">konforme Abbildung</em> der Musik
-aus dem Reiche der Freiheit auf das Reich der Notwendigkeit,
-und darum das <em class="gesperrt">Sollen</em> aller Musiker ein mathematisches.
-<em class="gesperrt">Die Kunst schafft also die Natur, und nicht die Natur
-die Kunst.</em></p>
-
-<p>Von diesen Andeutungen, welche, wenigstens teilweise,
-eine Ausfhrung und Weiterbildung der tiefen Gedanken
-<em class="gesperrt">Kant</em>ens und <em class="gesperrt">Schellings</em> (und des von ihnen beeinfluten
-<em class="gesperrt">Schiller</em>) ber die Kunst sind, kehre ich zum Thema zurck.
-Als Resultat fr dessen Zwecke steht nun fest, da der Glaube
-an die Sittlichkeit des Weibes, die <em class="gesperrt">Introjektion</em> der
-<em class="gesperrt">Seele</em> des <em class="gesperrt">Mannes</em> in das <em class="gesperrt">Weib</em>, und die schne uere
-Erscheinung des Weibes <em class="gesperrt">eine und dieselbe Tatsache</em> sind,
-die letztere nur der sinnenfllige Ausdruck des ersteren. Begreiflich,
-aber eine Umkehrung des wahren Verhltnisses ist
-es also, wenn man von einer schnen Seele im moralischen
-Sinne spricht, oder nach <em class="gesperrt">Shaftesbury</em> und <em class="gesperrt">Herbart</em> die
-Ethik der sthetik unterordnet: man mag mit <em class="gesperrt">Sokrates</em> und
-<em class="gesperrt">Antisthenes</em> &#964;&#8056; &#954;&#945;&#955;&#972;&#957; und &#964;&#7936;&#947;&#945;&#952;&#972;&#957; fr identisch halten, aber
-man darf nicht vergessen, da Schnheit nur ein krperliches
-Bild ist, in dem die Sittlichkeit sich selbst verwirklicht vorstellt,
-da alle sthetik doch ein <em class="gesperrt">Geschpf</em> der Ethik bleibt.
-Jeder <em class="gesperrt">einzelne</em> und zeitlich <em class="gesperrt">begrenzte</em> dieser Inkarnationsversuche
-ist seiner Natur nach illusorisch, denn er tuscht die
-erreichte Vollkommenheit nur vor. Darum ist alle Einzelschnheit
-vergnglich, und mu auch die Liebe zum Weibe es sich
-gefallen lassen, durch das alte Weib widerlegt zu werden. Die
-Idee der Schnheit ist die Idee der Natur, sie ist unvergnglich,
-wenn auch alles Einzelschne, alles Natrliche vergeht.
-Nur eine Illusion kann im Begrenzten und Konkreten, nur eine
-Irrung im geliebten Weibe die Vollkommenheit selbst erblicken.
-Die Liebe zur Schnheit soll sich nicht verlieren an
-das Weib, um den geschlechtlichen Trieb nach ihm zu berbauen.<span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span>
-Wenn alle Liebe zu Personen auf jener Verwechslung
-beruht, so <em class="gesperrt">kann</em> es keine andere denn unglckliche Liebe
-geben. Aber alle Liebe <em class="gesperrt">klammert</em> sich an diesen Irrtum;
-sie ist der heroischeste Versuch, dort Werte zu behaupten,
-wo es keine Werte gibt. Die Liebe zum unendlichen Wert,
-das ist zum Absoluten oder zu Gott, sei es auch in Form
-der Liebe zur unendlichen sinnenflligen Schnheit des Naturganzen
-(Pantheismus), knnte allein die transcendentale Idee
-der Liebe heien, wenn es eine solche gibt; die Liebe zu allem
-Einzelding, und auch zum Weibe, ist schon ein Abfall von der
-Idee, eine <em class="gesperrt">Schuld</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Warum</em> der Mensch diese Schuld auf sich ldt, ist im
-Frheren schon enthalten. So wie aller <em class="gesperrt">Ha</em> nur ble Eigenschaften,
-die man selbst besitzt, auf den Nebenmenschen projiziert,
-um sie dort in einer desto abschreckenderen Vereinigung
-zu zeigen; wie der Teufel nur erfunden wurde, um
-die bsen Triebe <em class="gesperrt">im</em> Menschen <em class="gesperrt">auer</em> ihm darzustellen,
-und ihm den Stolz und die Kraft des Kmpfers zu leihen:
-so hat auch die Liebe nur den Zweck, dem Menschen den
-Kampf um das Gute zu erleichtern, das er als Gedanken <em class="gesperrt">in</em>
-sich allein zu ergreifen noch zu kraftlos ist. Beides, Ha und
-Liebe, ist darum eine Feigheit. Im Hasse spiegelt man sich
-vor, da man von jemand anderem bedroht sei, um sich
-selbst hiedurch bereits als die angegriffene Reinheit zu fingieren,
-statt es sich zu gestehen, da man das Bse aus sich
-selbst auszujten habe, und da es nirgend anders als im
-eigenen Herzen niste. Man konstruiert <em class="gesperrt">den</em> Bsen, um sich
-die Genugtuung zu bereiten, ihm ein Tintenfa an den Kopf
-geworfen zu haben. Nur darum ist der Teufelsglaube unsittlich:
-weil er eine unstatthafte Erleichterung des Kampfes
-darstellt und eine Abwlzung der Schuld. Durch die Liebe
-versetzt man, wie im Ha die Idee des eigenen Unwertes, die
-Idee des eigenen <em class="gesperrt">Wertes</em> in ein Wesen, das zu ihrer Aufnahme
-geeignet scheint: der Satan wird hlich, die Geliebte
-schn. So entbrennt man in beiden Fllen, durch eine Gegenberstellung,
-durch die Verteilung von Gut und Bse auf
-<em class="gesperrt">zwei</em> Personen, <em class="gesperrt">leichter</em> fr die moralischen Werte. Ist
-aber alle Liebe zu Einzelwesen statt zur Idee eine sittliche<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span>
-Schwche, so mu dies auch in den Gefhlen des Liebenden
-zum Vorschein kommen. Niemand begeht ein Verbrechen,
-ohne da ihm dies durch ein Schuldgefhl angezeigt
-wrde. Nicht ohne Grund ist die Liebe das schamhafteste
-Gefhl: sie hat Ursache sich zu schmen, weit mehr noch
-als das Mitleid. Der Mensch, den ich bemitleide, bekommt
-von mir etwas, im Akte des Mitleidens selbst gebe ich ihm
-aus meinem eingebildeten oder wesentlichen Reichtum; die
-Hilfe ist so nur ein Sichtbarwerden dessen, was bereits im
-Mitleiden lag. Der Mensch, den ich liebe, von dem will <em class="gesperrt">ich</em>
-etwas, ich will zum mindesten, da er mich nicht durch unschne
-Geberden oder gemeine Zge in meiner Liebe zu ihm
-stre. Denn durch die Liebe will ich mich irgendwo gefunden
-haben, statt weiter zu suchen und zu streben, ich
-will aus der Hand eines Nebenmenschen nichts weniger,
-nichts anderes empfangen, als mich selbst, ich will von <em class="gesperrt">ihm</em>
-&mdash; <em class="gesperrt">mich</em>!</p>
-
-<p>Das Mitleid ist schamhaft, weil es den anderen tiefer
-gestellt zeigt als mich, weil es <em class="gesperrt">ihn</em> erniedrigt. Die Liebe ist
-schamhaft, weil ich <em class="gesperrt">mich</em> durch sie tiefer stelle als den
-anderen; in ihr wird aller Stolz des Individuums am weitesten
-vergessen, und das ist ihre Schwche, darum schmt sie
-sich. So ist das Mitleid der Liebe verwandt, und hieraus
-erklrt sich, da nur, wer das Mitleid kennt, auch die Liebe
-kennt. Und doch schlieen sich beide aus: man kann nie
-lieben, wen man bemitleidet, und nie bemitleiden, wen man
-liebt. Denn im Mitleid bin ich selbst der feste Pol, in der
-Liebe ist es der andere; die Richtung beider Affekte, ihr Vorzeichen
-ist das Entgegengesetzte. Im Mitleid bin ich Geber, in
-der Liebe Bettler. Die Liebe ist die schamhafteste von allen
-Bitten, <em class="gesperrt">weil sie um das Meiste, um das Hchste
-bettelt</em>. Darum schlgt sie in den jhesten, rachschtigsten
-Stolz so rasch ber, wenn ihr durch den anderen unvorsichtig
-oder rcksichtslos zum Bewutsein gebracht wird, um
-was sie eigentlich gefleht hat.</p>
-
-<p>Alle Erotik ist voll von Schuldbewutsein. In der Eifersucht
-tritt zutage, auf welch unsicheren Grund die Liebe gebaut
-ist. Eifersucht ist die Kehrseite jeder Liebe, und offenbart<span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span>
-deren ganze Unsittlichkeit. Durch Eifersucht wird ber den
-freien Willen des Nebenmenschen eine Gewalt angemat.
-So begreiflich sie gerade der hier entwickelten Theorie ist, indem
-durch Liebe <em class="gesperrt">das reine Selbst</em> des Liebenden in der
-Geliebten lokalisiert wird, und auf sein Selbst der Mensch,
-durch einen erklrlichen Fehlschlu, einen Anspruch leicht
-stets und an jedem Orte zu haben glaubt: so verrt sie doch,
-schon weil sie voll Furcht ist, und Furcht wie das verwandte
-Schamgefhl<a name="FNAnker_58_58" id="FNAnker_58_58"></a><a href="#Fussnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a> sich stets auf eine in der <em class="gesperrt">Vergangenheit</em>
-verbte Schuld bezieht, da man durch die Liebe etwas
-erlangen wollte, was man auf diesem Wege nicht verlangen durfte.</p>
-
-<p>Die Schuld, mit welcher in der Liebe der Mensch sich belastet,
-ist der Wunsch, von jenem Schuldbewutsein, das ich
-frher die Voraussetzung und Bedingung aller Liebe nannte,
-<em class="gesperrt">frei zu werden</em>. Statt alle begangene Schuld auf sich zu
-nehmen und ihre Shnung durch das weitere Leben zu erreichen,
-ist die Liebe ein Versuch, von der eigenen Schuld
-loszukommen und an sie zu vergessen, ein Versuch, glcklich
-zu werden. Statt die Idee der Vollkommenheit selbstttig zu
-verwirklichen, will die Liebe die Idee schon als verwirklicht
-zeigen, sie spiegelt das Wunder als geschehen vor, im
-anderen Menschen zwar &mdash; darum ist sie die feinste List &mdash;
-aber es ist doch nur die eigene Befreiung vom bel, die man
-so <em class="gesperrt">ohne Kampf</em> zu erreichen hofft. <em class="gesperrt">Hieraus</em> erklrt sich
-der tiefe Zusammenhang aller Liebe mit dem Erlsungsbedrfnis
-(<em class="gesperrt">Dante</em>, <em class="gesperrt">Goethe</em>, <em class="gesperrt">Wagner</em>, <em class="gesperrt">Ibsen</em>). Alle Liebe
-ist <em class="gesperrt">selbst</em> nur Erlsungsbedrfnis, und alles Erlsungsbedrfnis
-noch unsittlich (Kapitel 7, Schlu). Die Liebe berspringt
-die Zeit und setzt sich ber die Kausalitt hinweg,
-ohne eigenes Zutun will sie Reinheit pltzlich und unvermittelt
-gewinnen. Darum ist sie, als ein Wunder von auen
-statt von innen, in sich unmglich, und kann ihren Zweck
-nie erfllen, am wenigsten bei jenen Menschen, welche allein
-eigentlich in ganz unermelicher Weise ihrer fhig wren.
-Sie ist der gefhrlichste Selbstbetrug, gerade weil sie den<span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span>
-Kampf um das Gute am strksten zu frdern scheint. Mittelmige
-Menschen mgen durch sie erst ihre Veredlung
-erfahren; wer ein subtileres Gewissen hat, wird sich hten,
-ihrer Tuschung zu erliegen.</p>
-
-<p>Der Liebende sucht im geliebten Wesen seine eigene
-Seele. Insofern ist die Liebe <em class="gesperrt">frei</em>, und nicht jenen Gesetzen
-der blo sexuellen Anziehung unterworfen, von denen der
-erste Teil gehandelt hat. Denn das psychische Leben der
-Frau gewinnt einen Einflu, es begnstigt die Liebe, wo es
-der Idealisierung sich ausnehmend leicht fgt, auch bei geringeren
-krperlichen Vorzgen und mangelhafter sexueller
-Ergnzung, und vernichtet ihre Mglichkeit, wenn es gegen
-jene Einlegung zu sichtbar absticht. Dennoch ist, trotz
-aller Gegenstzlichkeit zwischen Sexualitt und Erotik, eine
-Analogie zwischen ihnen unverkennbar. Die Sexualitt bentzt
-das Weib als Mittel, um zur Lust und zum leiblichen
-Kinde zu gelangen; die Erotik als Mittel, um zum Werte
-und &mdash; zum geistigen Kinde, zur Produktion zu kommen.
-Es ist ein unendlich tiefes, wenn auch, wie es scheint, wenig
-verstandenes Wort der platonischen <em class="gesperrt">Diotima</em>, da die Liebe
-nicht dem Schnen, sondern der Erzeugung und Ausgeburt
-im Schnen gelte, der Unsterblichkeit im Geistigen, wie der
-niedere Geschlechtstrieb dem Fortleben in der Gattung. Im
-Kinde sucht jeder Vater, der leibliche wie der geistige, nur
-sich selbst zu finden: die konkrete Verwirklichung der Idee
-seiner selbst, wie sie das Wesen der Liebe ausmacht, ist
-eben das <em class="gesperrt">Kind</em>. Darum sucht der Knstler so oft das Weib, um
-das Kunstwerk schaffen zu knnen. Und jeder sollte lieber
-solche Kinder haben wollen, wenn er auf <em class="gesperrt">Homer</em> und <em class="gesperrt">Hesiod</em>
-und die anderen trefflichen Dichter sieht, nicht ohne Neid, was
-fr Geburten sie zurcklassen, die ihnen unsterblichen Ruhm
-und Angedenken sichern, indem sie selbst unsterblich sind ....
-Geehrt ist bei euch auch <em class="gesperrt">Solon</em>, weil er Gesetze gezeugt,
-und viele andere anderwrts unter Hellenen und Barbaren,
-die viele und schne Werke dargestellt haben und vielfltig
-Tugendhaftes gezeugt: denen auch schon viele Heiligtmer
-errichtet wurden um solcher Kinder willen, menschlicher
-Kinder wegen aber noch keinem.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span>
-
-Es ist nicht eine blo formale Analogie, nicht berschtzung
-einer etwa nur zuflligen sprachlichen bereinstimmung,
-wenn von geistiger Fruchtbarkeit, geistiger Produktion,
-oder, wie in diesen Worten <em class="gesperrt">Platons</em>, von geistigen
-Kindern in tieferem Sinne zu reden versucht wird. Wie die
-leibliche Sexualitt der Versuch eines organischen Wesens
-ist, die eigene Form dauernd zu begrnden, so ist auch jede
-Liebe im Grunde nur das Streben, seelische Form, Individualitt,
-endgltig zu realisieren. <em class="gesperrt">Hier liegt die Brcke</em>, welche
-allen <em class="gesperrt">Willen zur eigenen Verewigung</em> (wie man das Gemeinsame
-der Sexualitt und der Erotik nennen knnte) <em class="gesperrt">mit
-dem Kinde verbindet</em>. Geschlechtstrieb und Liebe sind
-beide Versuche zur Realisierung seiner selbst, der erste
-sucht das <em class="gesperrt">Individuum</em> durch ein krperliches Abbild, die
-zweite <em class="gesperrt">Individualitt</em> durch ihr geistiges Ebenbild zu verewigen.
-Nur der geniale Mensch aber kennt die ganz und
-gar unsinnliche Liebe, und nur er sucht zeitlose Kinder zu
-zeugen, in denen sein tiefstes geistiges Wesen zum Ausdruck
-kommt.</p>
-
-<p>Die Parallele kann noch weiter verfolgt werden. Da
-aller Geschlechtstrieb der Grausamkeit verwandt ist, hat
-man nach <em class="gesperrt">Novalis</em> oft wiederholt. Die Association hat einen
-tiefen Grund. Alles, was vom Weibe <em class="gesperrt">geboren</em> ist, mu auch
-<em class="gesperrt">sterben</em>. Zeugung, Geburt und Tod stehen in einer unauflslichen
-Beziehung; vor einem unzeitigen Tode erwacht in
-jedem Wesen auf das heftigste der Geschlechtstrieb als das
-Bedrfnis, sich noch fortzupflanzen. Und so ist auch der Koitus,
-nicht nur psychologisch als Akt, sondern auch vom ethischen
-und naturphilosophischen Gesichtspunkte dem Morde verwandt:
-er verneint das Weib, aber auch den Mann; er raubt
-im Idealfall beiden das Bewutsein, um dem Kinde das Leben
-zu geben. Einer ethischen Weltanschauung wird es begreiflich
-sein, da, was so entstanden ist, auch wieder vergehen mu.
-Aber auch die hchste Erotik, nicht nur die niederste Sexualitt,
-bentzt das Weib nicht als Zweck an sich selbst, sondern stets
-nur als Mittel zum Zweck, um das Ich des Liebenden rein
-darzustellen: die Werke eines Knstlers sind immer nur sein
-auf verschiedenen Etappen festgehaltenes Ich, das er meist<span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span>
-in diesem oder in jenem Weibe, und sei es selbst ein Weib
-seiner Einbildungskraft, zuvor lokalisiert hat.</p>
-
-<p>Die reale Psychologie des geliebten Weibes wird aber
-hiebei immer <em class="gesperrt">ausgeschaltet</em>: im Augenblicke, wo der Mann
-ein Weib <em class="gesperrt">liebt</em>, kann er es nicht <em class="gesperrt">durchschauen</em>. In der Liebe
-tritt man zum Weibe nicht in jenes Verhltnis des <em class="gesperrt">Verstehens</em>,
-welches das einzig sittliche Verhltnis zwischen Menschen ist.
-Man kann keinen Menschen lieben, den man ganz erkennt,
-weil man dann doch auch die Unvollkommenheiten sehen
-mte, die ihm als Menschen notwendig anhaften, <em class="gesperrt">Liebe
-aber nur auf Vollkommenes geht</em>. Liebe zu einem Weibe
-ist daher nur mglich, wenn sich diese Liebe um die wirklichen
-Eigenschaften, die eigenen Wnsche und Interessen der Geliebten,
-soweit sie der Lokalisation hherer Werte in ihrer Person
-zuwiderlaufen, nicht bekmmert, sondern in schrankenloser
-Willkr an die Stelle der psychischen Realitt des geliebten
-Wesens <em class="gesperrt">eine ganz andere Realitt setzt</em>. Der Versuch,
-sich im Weibe selbst zu finden, statt im Weibe eben nur
-&mdash; das Weib zu sehen, setzt notwendig eine Vernachlssigung
-der empirischen Person voraus. Dieser Versuch ist also
-voll <em class="gesperrt">Grausamkeit</em> gegen das Weib; und hier liegt die Wurzel
-des Egoismus aller Liebe, wie auch der Eifersucht, welche das
-Weib gnzlich nur noch als unselbstndiges Besitztum betrachtet,
-und auf sein inneres Leben gar keine Rcksicht
-mehr nimmt.</p>
-
-<p>Hier vollendet sich die Parallele zwischen der Grausamkeit
-der Erotik und der Grausamkeit der Sexualitt. Liebe
-ist Mord. Der Geschlechtstrieb negiert auch das krperliche, die
-Erotik das psychische Weib. Die ganz gemeine Sexualitt sieht
-im Weibe einen Apparat zum Onanieren oder eine Kindergebrerin;
-man kann gegen das Weib nicht niedriger sein,
-als wenn man ihm seine Unfruchtbarkeit vorhlt, und ein
-erbrmlicheres Zeugnis kann einem Gesetzbuch nicht ausgestellt
-werden, als wenn es die Sterilitt eines Weibes als
-legalen Grund der Ehescheidung anfhrt. Die hhere Erotik
-aber verlangt von der Frau schonungslos, da sie das mnnliche
-Adorationsbedrfnis befriedige, und sich mglichst anstandslos
-lieben lasse, damit der Liebende in ihr sein Ideal von<span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span>
-sich verwirklicht sehen, und ein geistiges Kind mit ihr zeugen
-knne. So ist die Liebe nicht nur antilogisch, denn sie setzt
-sich ber die objektive Wahrheit des Weibes und seine
-wirkliche Beschaffenheit hinweg, sie will nicht nur die
-Denkillusion, und verlangt nicht nur ungestm nach dem Betruge
-der Vernunft: sondern sie ist auch antiethisch gegen das
-Weib, dem sie die Verstellung und den Schein, die vollkommene
-Kongruenz mit einem ihr fremden Wunsche gebieterisch
-aufntigen mchte.</p>
-
-<p>Denn die Erotik braucht die Frau nur, um den Kampf
-zu ebnen und abzukrzen, sie will von ihr immer blo, <em class="gesperrt">da
-sie den Ast abgebe, an dem <b>er</b> sich <b>leichter</b> zur Erlsung
-emporschwinge</em>. So gesteht es ja <em class="gesperrt">Paul Verlaine</em>:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Marie Immacule, amour essentiel,<br /></span>
-<span class="i0">Logique de la foi cordiale et vivace,<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">En vous aimant qu'est-il de bon que je ne fasse</em>,<br /></span>
-<span class="i0">En vous aimant du seul amour, Porte du Ciel?<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und fast noch deutlicher lehrt es <em class="gesperrt">Goethe</em> im Faust:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Dir, der Unberhrbaren,<br /></span>
-<span class="i0">Ist es nicht benommen,<br /></span>
-<span class="i0">Da die leicht Verfhrbaren<br /></span>
-<span class="i0">Traulich zu Dir kommen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">In die Schwachheit hingerafft,<br /></span>
-<span class="i0">Sind sie schwer zu retten;<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Wer zerreit aus eigner Kraft</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Der Gelste Ketten</em>?</span>
-</div></div>
-
-<p>Ferne ist es mir, die heroische Gre zu verkennen,
-welche in dieser hchsten Erotik, im <em class="gesperrt">Madonnenkulte</em>, liegt.
-Wie knnte ich vor der Auerordentlichkeit des Phnomens
-meine Augen verschlieen, das den Namen <em class="gesperrt">Dante</em> fhrt! Es
-liegt eine so unermeliche Abtretung von Wert an das Weib in
-dem Leben dieses grten Madonnenverehrers, da selbst der
-dionysische Trotz, mit dem diese Schenkung aller weiblichen
-Wirklichkeit entgegen vollzogen wird, den Eindruck vollster
-Erhabenheit hervorzurufen kaum verfehlt. Es liegt scheinbar
-eine solche Abnegation seiner selbst in dieser Verkrperung<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span>
-des Zieles aller Sehnsucht in <em class="gesperrt">einer</em> irdisch-begrenzten Person,
-in einem Mdchen noch dazu, das der Knstler <em class="gesperrt">einmal</em>, als
-Neunjhriger, zu Gesicht bekommen, das vielleicht spter eine
-Xanthippe oder eine Fettgans geworden ist; es liegt darin ein
-derartiger Akt der Projektion aller, das zeitlich Eingeengte des
-Individuums bersteigenden Werte auf ein an sich gnzlich
-wertloses Weib, da man nicht leicht es ber sich bringt, die
-wahre Natur des Vorganges zu enthllen, und gegen ihn zu
-sprechen. <em class="gesperrt">Aber es bedeutet jede, auch die sublimste
-Erotik, noch immer eine dreifache Unsittlichkeit</em>: einen
-unduldsamen Egoismus gegen die wirkliche Frau der Erfahrung,
-<em class="gesperrt">die nur als Mittel zum Zweck der eigenen Hinanziehung
-bentzt</em>, der darum kein selbstndiges Leben
-verstattet wird; mehr noch: eine Felonie gegen sich selbst,
-ein Davonlaufen vor sich selbst, eine Flchtung des Wertes
-in fremdes Land, ein Erlst-<em class="gesperrt">Sein</em>-Wollen, und darum eine Feigheit,
-eine Schwche, eine Wrdelosigkeit, ja gerade einen absoluten
-Unheroismus; drittens endlich eine Scheu vor der Wahrheit,
-die man nicht brauchen kann, weil sie der Absicht der
-Liebe widerstrebt, die man nicht zu ertragen vermag, weil man
-dadurch um die Mglichkeit einer bequemen Erlsung kme.</p>
-
-<p>Diese letzte Unsittlichkeit ist eben diejenige, welche
-jede Aufklrung ber das Weib <em class="gesperrt">verhindert</em>, weil sie sie
-<em class="gesperrt">meidet</em> und so die Anerkennung der Wertlosigkeit des Weibes
-an sich wohl stets vereiteln wird. Die Madonna ist eine Schpfung
-des Mannes, nichts entspricht ihr in der Wirklichkeit. Der Madonnenkult
-kann nicht moralisch sein, weil er die Augen vor
-der Wirklichkeit verschliet, weil mit ihm der Liebende sich
-<em class="gesperrt">belgt</em>. Der Madonnenkult, von dem ich spreche, der Madonnenkult
-des groen Knstlers, ist in jeder Beziehung eine
-<em class="gesperrt">vllige</em> Umschaffung des Weibes, die sich nur vollziehen
-kann, wenn von der empirischen Realitt der Frauen gnzlich
-abgesehen wird; die Einlegung wird blo dem schnen
-Krper nach ausgefhrt, und sie kann nichts fr ihren Zweck
-verwenden, was dem schroff entgegenstnde, wofr diese
-Schnheit Symbol werden soll.</p>
-
-<p>Der Zweck dieser Neuschpfung des Weibes oder das
-Bedrfnis, aus welchem die Liebe entspringt, ist nun ausfhrlich<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span>
-genug analysiert worden. Es ist zugleich der Hauptgrund,
-warum man vor allen Wahrheiten, die fr das
-Weib nachteilig klingen, immer wieder die Ohren sich zuhlt.
-Lieber schwrt man auf die weibliche Schamhaftigkeit, entzckt
-sich am weiblichen Mitleid, interpretiert das Senken
-des Blickes beim Backfisch als ein eminent sittliches Phnomen,
-als da man <em class="gesperrt">mit</em> dieser Lge die Mglichkeit preisgbe, das
-Weib als Mittel zum Zweck der eigenen hheren Wallungen
-zu bentzen, als da man darauf verzichtete, diesen Weg fr
-die eigene Erlsung sich offen zu lassen.</p>
-
-<p>Hierin liegt also die Antwort auf die eingangs gestellte
-Frage nach den Motiven, aus welchen an dem Glauben an
-die weibliche Tugend so zhe festgehalten wird. Man will davon
-nicht lassen, es zum Gef der Idee der eigenen Vollkommenheit
-zu machen, diese in der Frau als realisiert sich vorzustellen,
-um mit dem zum Trger des hchsten Wertes gemachten
-Weibe leichter sein geistiges Kind und besseres Selbst zu
-realisieren. Der Zustand des Liebenden hat nicht umsonst so
-viel hnlichkeit mit dem des Schaffenden; die ganz besonders
-groe Gte gegen alles, was lebt, die Verlorenheit fr alle
-kleinen konkreten Werte sind beiden gemeinsam, als Zustnde,
-die den liebenden gleich dem produktiven Menschen
-auszeichnen, und sie dem Philister, fr den gerade die
-materiellen Nichtigkeiten die einzige Realitt bilden, stets
-unbegreiflich und lcherlich erscheinen lt.</p>
-
-<p>Denn jeder groe Erotiker ist ein Genie und alles Genie
-im Grunde erotisch, auch wenn seine Liebe zum <em class="gesperrt">Wert</em>,
-das ist zur <em class="gesperrt">Ewigkeit</em>, zum <em class="gesperrt">Weltganzen</em>, nicht in dem
-Krper eines Weibes Platz findet. <em class="gesperrt">Das Verhltnis des
-Ichs zur Welt, das Verhltnis von Subjekt zu
-Objekt ist nmlich selbst gewissermaen eine Wiederholung
-des Verhltnisses von Mann zu Weib in
-hherer und weiterer Sphre, oder vielmehr dieses
-ein Spezialfall von jenem.</em> Wie der Empfindungskomplex
-zum Objekt umgeschaffen wird, aber nur vom Subjekte und
-aus diesem heraus, so wird das Weib der Erfahrung aufgehoben
-durch das Weib der Erotik. Wie der Erkenntnistrieb
-die sehnschtige Liebe zu den Dingen ist, in denen der<span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span>
-Mensch immer und ewig nur sich selbst findet, so wird auch
-der Gegenstand der Liebe im engeren Sinne vom Liebenden
-selbst erst geschaffen, und er entdeckt in ihm stets nur sein
-eigenes tiefstes Wesen. So ist die Liebe dem Liebenden eine
-Parabel: im Brennpunkte steht allerdings sie; aber konjugiert
-ist die Unendlichkeit &mdash; &mdash;.</p>
-
-<p>Es fragt sich nun noch, <em class="gesperrt">wer</em> diese Liebe kennt, ob <em class="gesperrt">nur</em>
-der <em class="gesperrt">Mann</em> bersexuell, oder ob auch das <em class="gesperrt">Weib</em> der hheren
-Liebe fhig ist. Suchen wir hierauf, ganz unabhngig und unbeeinflut
-von den bisherigen Ergebnissen, eine Antwort aus
-der Erfahrung neu zu gewinnen. Diese zeigt ganz unzweideutig,
-da W, eine <em class="gesperrt">scheinbare</em> Ausnahme abgerechnet, nie mehr
-als blo <em class="gesperrt">sexuell</em> ist. Die Frauen wollen entweder mehr den
-Koitus oder mehr das Kind (jedenfalls aber wollen sie
-geheiratet werden). Die Liebeslyrik der modernen Frauen
-ist nicht nur vollkommen anerotisch, sondern ganz extrem
-sinnlich; und so kurz die Zeit ist, seit welcher die Frauen
-mit solchen Erzeugnissen sich hervorwagen, sie haben in dieser
-Beziehung Khneres geleistet, als alle Mnner je vorher es
-gewagt haben, und ihre Produkte sind wohl geeignet, die
-leckersten Erwartungen, die selbst an Junggesellen-Lektre
-geknpft werden knnen, zu befriedigen. Hier ist nirgends
-von einer keuschen und reinen Neigung die Rede, welche
-das geliebte Wesen durch die eigene Nhe zu verunreinigen
-frchtet. Es handelt sich nur um den tobendsten Orgiasmus
-und die wildeste Wollust, und so wre diese Literatur recht
-eigentlich danach angetan, die Augen ber die durchaus nur
-sexuelle und nicht erotische Natur des Weibes zu ffnen.</p>
-
-<p>Liebe allein erzeugt Schnheit. Haben die Frauen zur
-Schnheit ein Verhltnis? Es ist keine bloe Redensart,
-wenn man von den Frauen oft hrt: Ach, wozu braucht
-denn ein Mann schn zu sein? Es ist keine bloe Schmeichelei:
-fr den Mann und nicht allein darauf berechnet, ihn an seiner
-Eitelkeit zu fangen, wenn eine Frau ihn um Rat fragt,
-welche Farben ihr zu einem Kleide am besten passen; sie versteht
-diese selbst nicht so zu whlen, da sie <em class="gesperrt">sthetisch</em>
-wirken knnten. ber eine Anordnung, die Geschmack statt
-Schnheitssinn verrt, kommt eine Frau ohne mnnliche Hilfe<span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span>
-selbst in ihrer Toilette nicht hinaus. Wre in der Frau an
-sich irgend welche Schnheit, trge sie auch nur einen Mastab
-der Schnheit ursprnglich im tieferen Innern, so wrde
-sie nicht vom Manne immerfort es sich versichern lassen
-wollen, da sie schn <em class="gesperrt">sei</em>.</p>
-
-<p>Und so finden die Frauen auch den Mann nicht eigentlich
-<em class="gesperrt">schn</em>, und je mehr sie mit dem Worte herumwerfen,
-desto mehr verraten sie, wie fern ihnen jedes Verhltnis
-zur Idee der Schnheit ist. Es ist der sicherste Mastab
-der Schamhaftigkeit eines Menschen, wie oft er das Wort
-schn, diese Liebeserklrung an die Natur, in den Mund
-nimmt. Wren die <em class="gesperrt">Frauen</em> sehnschtig nach Schnheit,
-so drften sie ihren Namen seltener nennen. Sie haben
-aber kein Bedrfnis nach Schnheit und knnen keines
-haben, weil nur die sozial anerkannte uere Erscheinung
-in solchem Sinne auf sie wirkt. Schn aber ist nicht, was
-gefllt; so oft diese Definition auch aufgestellt wird, so
-falsch ist sie, so gerade luft sie dem Sinn des Wortes
-zuwider. <em class="gesperrt">Hbsch</em> ist, was gefllt; <em class="gesperrt">schn</em> ist, was <em class="gesperrt">der
-Einzelne liebt</em>. Hbschsein ist immer allgemein, Schnheit
-stets individuell. Darum ist alles wahrhafte Schn-Finden
-schamhaft, denn es ist aus der Sehnsucht geboren,
-und die Sehnsucht aus der Unvollkommenheit und Bedrftigkeit
-des Einsamen. <em class="gesperrt">Eros</em> ist der Sohn des <em class="gesperrt">Poros</em> und der
-<em class="gesperrt">Penia</em>, der Sprling aus der Verbindung von Reichtum
-und Armut. Um etwas schn zu finden, dazu gehrt, als zur
-Objektivitt einer Liebe, Individualitt, nicht nur Individuation;
-bloes Hbsch-Sein ist gesellschaftliche Mnze. Das
-Schne wird <em class="gesperrt">geliebt</em>, ins Hbsche pflegen die Leute <em class="gesperrt">sich
-zu verlieben</em>. Liebe ist stets hinauswollend, transcendent,
-weil sie der Ungengsamkeit des an die Subjektivitt gefesselten
-Subjektes entstammt. Wer bei den Frauen <em class="gesperrt">solches</em>
-Mivergngen vorzufinden meint, ist ein schlechter Deuter
-und Unterscheider. W ist hchstens <em class="gesperrt">verliebt</em>, M <em class="gesperrt">liebt</em>; und
-dumm und unwahr ist jene Behauptung lamentierender Frauen,
-das Weib sei wahrer Liebe fhiger als der Mann: im Gegenteil,
-es ist ihrer <em class="gesperrt">unfhig</em>. Nicht jenem Bilde von der Parabel
-wie die Liebe, sondern dem eines in sich selbst zurcklaufenden<span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span>
-Kreises gleicht alle <em class="gesperrt">Verliebtheit</em>, und insonderheit
-die des Weibes.</p>
-
-<p>Wo der Mann auf die Frau individuell wirkt, ist es nicht
-durch seine Schnheit. Fr Schnheit hat, auch wenn sie im
-Manne sich offenbart, nur der Mann einen Sinn: fllt es nicht
-auf, wie auch von mnnlicher, nicht nur von weiblicher
-Schnheit aller Begriff vom Manne ist geschaffen worden?
-Oder soll auch dies Folge der Unterdrckung sein? Der
-einzige Begriff, der, wenn er auch von Frauen darum nicht
-herstammen kann, weil diese nie auch nur einen einzigen Begriff
-geschaffen haben, dennoch ihnen, in gewissem Sinne,
-seine materiale Erfllung und die Lebhaftigkeit der ihn
-begleitenden Associationen verdankt, ist der Begriff das
-feschen Kerls, wie er in Wien und Sddeutschland, des
-forschen Mannes, wie er in Berlin und Norddeutschland
-heit. Was durch diese Bezeichnung angedeutet wird, ist die
-starke und entwickelte Sexualitt des Mannes; denn die Frau
-empfindet zuletzt doch immer als ihren Feind alles, was den
-Mann abzieht von der Sexualitt und der Fortpflanzung, seine
-Bcher und seine Politik, seine Wissenschaft und seine Kunst.</p>
-
-<p>Nur das Sexuelle, nie das Asexuelle, Transsexuelle im
-Manne wirkt als solches auf die Frau, und nicht Schnheit,
-sondern volles sexuelles Begehren verlangt sie von ihm. <em class="gesperrt">Es
-ist nie das Apollinische im Manne, das auf sie Eindruck
-macht, aber darum auch nicht das Dionysische,
-sondern stets nur, im weitesten Umfang, das Faunische
-in ihm</em>; nie der Mann, sondern immer nur le mle,
-(das Mnnchen); es ist vor allem &mdash; darber kann ein Buch
-ber das wirkliche Weib nicht schweigen &mdash; seine Sexualitt
-im engsten Sinne, <em class="gesperrt">es ist der Phallus</em>.<a name="FNAnker_59_59" id="FNAnker_59_59"></a><a href="#Fussnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a></p>
-
-<p>Man hat es entweder nicht sehen oder nicht sagen
-wollen, man hat sich aber auch kaum noch eine ganz richtige
-Vorstellung davon gebildet, was das Zeugungsglied des Mannes<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span>
-fr das Weib, als Frau wie schon als Jungfrau, bedeutet, wie
-es das ganze Leben der Frau zu oberst beherrscht. Ich meine
-nicht, da die Frau den Geschlechtsteil des Mannes schn oder
-auch nur hbsch findet. Sie empfindet ihn vielmehr hnlich
-wie der Mensch das Medusenhaupt, der Vogel die Schlange;
-er bt auf sie eine hypnotisierende, bannende, faszinierende
-Wirkung. Sie empfindet ihn als das Gewisse, das Etwas,
-wofr sie gar keinen Namen hat: <em class="gesperrt">er ist ihr Schicksal</em>,
-er ist das, wovon es fr sie kein Entrinnen gibt. Nur darum
-scheut sie sich so davor, den Mann nackt zu sehen, und
-gibt ihm nie ein Bedrfnis darnach zu erkennen: weil sie
-fhlt, da sie in demselben Augenblicke verloren wre. <em class="gesperrt">Der
-Phallus ist das, was die Frau absolut und endgltig
-<b>unfrei</b> macht.</em></p>
-
-<p>Es ist also gerade jener Teil, welcher den Krper des
-Mannes recht eigentlich verunziert, welcher allein den nackten
-Mann hlich macht &mdash; weswegen er auch von den Bildhauern
-so oft mit einem Akanthus- oder Feigenblatte verdeckt
-ward &mdash;, <em class="gesperrt">derselbe</em>, der die Frauen am tiefsten aufregt und
-am heftigsten erregt, und zwar gerade dann, wenn er wohl
-das Unangenehmste berhaupt vorstellt, im erigierten Zustande.
-Und hierin liegt der letzte und entscheidendste Beweis dafr,
-da die Frauen von der Liebe nicht die Schnheit wollen,
-sondern &mdash; etwas anderes.</p>
-
-<p>Die neue Erfahrung, um welche die Untersuchung damit
-endgltig bereichert ist, wre aus dem Bisherigen vorherzusagen
-gewesen. Da Logik und Ethik ausschlielich beim
-Manne sich geltend machen, so war von vornherein wahrscheinlich,
-da die Frauen mit der sthetik nicht auf besserem
-Fue stehen wrden, als mit ihren normierenden Schwesterwissenschaften.
-Die Verwandtschaft zwischen der sthetik
-und der Logik kommt in aller Systematik und Architektonik
-der Philosophien, ebenso aber in der Forderung strenger
-Logik fr das Kunstwerk, in hchster Vereinigung in dem
-Bau der Mathematik und in der musikalischen Komposition
-zum Vorschein. Wie schwer es so vielen wird, sthetik
-und Ethik auseinanderzuhalten, ist schon erwhnt worden.
-Auch die sthetische Funktion, nicht nur die ethische und<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span>
-logische, ist nach <em class="gesperrt">Kant</em> eine solche, die vom Subjekte in
-Freiheit ausgebt wird. <em class="gesperrt">Das Weib aber besitzt keinen
-freien Willen</em>, und so kann ihm auch nicht die Fhigkeit
-verliehen sein, Schnheit in den Raum zu projizieren.</p>
-
-<p>Damit ist aber auch gesagt, da die Frau nicht lieben
-knne. Als Bedingung der Liebe mu Individualitt, und
-zwar nicht rein und ungetrbt, jedoch mit dem Willen zur
-eigenen Befreiung von Staub und Schmutz, vorhanden sein.
-Denn ein Mittelding zwischen Haben und Nichthaben ist
-Eros; kein Gott, sondern ein Dmon; er allein entspricht der
-Stellung des Menschen zwischen Sterblichem und Unsterblichem:
-so hat es der grte Denker erkannt, der <em class="gesperrt">gttliche
-Platon</em>, wie <em class="gesperrt">Plotin</em> ihn nennt (der einzige Mensch, der ihn
-wirklich, <em class="gesperrt">innerlich <b>verstanden</b></em> hat; indes viele seiner heutigen
-Kommentatoren und Geschichtsschreiber von seiner Lehre
-nicht viel mehr begreifen als die Ohrwrmer von den Sternschnuppen).
-Die Liebe ist also in Wirklichkeit <em class="gesperrt">keine</em> transscendentale
-Idee; denn sie entspricht allein der Idee eines
-Wesens, das nicht rein transcendental-apriorisch, sondern auch
-sinnlich-empirisch ist: <em class="gesperrt">der Idee der Menschheit</em>.</p>
-
-<p>Das Weib hingegen, das ganz und gar keine Seele hat,
-sehnt sich auch nicht, diese gelutert von allem ihr anhaftenden
-Fremden irgendwo, irgendwann endlich ganz zu finden. Es
-gibt kein Ideal der Frauen vom Manne, das an die Madonna
-erinnern wrde, nicht der reine, keusche, sittliche Mann wird
-von der Frau gewollt, sondern &mdash; ein anderer.</p>
-
-<p>So ist denn bewiesen, da die Frau nicht die Tugend
-des Mannes <em class="gesperrt">wnschen kann</em>. Htte sie in sich ein Unterpfand
-der Idee der Vollkommenheit, wre sie irgendwie
-Ebenbild Gottes, so mte sie auch den Mann, wie dieser
-das Weib, heilig, gttlich wollen. Da ihr dies ganz ferne
-liegt, ist wiederum nur ein Zeichen fr ihren vlligen Mangel
-an Willen zum eigenen Werte, den sie nicht, wie so gerne
-der Mann, irgendwo auer sich verkrpert denkt, um leichter
-zu ihm emporstreben zu knnen.</p>
-
-<p>Ein unauflsbares Rtsel bleibt nur dies, warum gerade
-die Frau mit dieser vergtternden Liebe geliebt wird, und,
-mit Ausnahme der Knabenliebe, in welcher indes der Geliebte<span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span>
-ebenfalls zum Weibe wird, nicht irgend ein anderes Wesen.
-Ist die Hypothese nicht allzu khn, die sich hierber entwickeln
-lt?</p>
-
-<p>Vielleicht hat der Mann bei der Menschwerdung durch
-einen metaphysischen <em class="gesperrt">auerzeitlichen</em> Akt das Gttliche,
-die Seele fr sich allein behalten &mdash; aus welchem Motive dies
-geschehen sein knnte, vermgen wir freilich noch nicht abzusehen.
-Dieses sein Unrecht gegen die Frau <em class="gesperrt">bt</em> er nun in
-den Leiden der Liebe, <em class="gesperrt">in und mit welcher er der Frau die
-ihr geraubte Seele wieder zurckzugeben sucht</em>, ihr
-eine Seele schenken will, weil er sich des Raubes wegen vor
-ihr schuldig fhlt. Denn gerade dem <em class="gesperrt">geliebten</em> Weibe,
-ja, eigentlich nur ihm gegenber drckt ihn ein rtselhaftes
-Schuldbewutsein am strksten. Die Aussichtslosigkeit
-eines solchen Rckgabeversuches, durch den er seine Schuld
-zu shnen wrde trachten wollen, knnte wohl erklren,
-warum es <em class="gesperrt">glckliche Liebe</em> nicht gibt. So wre dieser
-Mythos kein bler Vorwurf fr ein dramatisches Mysterium.
-Aber die Grenzen einer wissenschaftlichen, auch einer wissenschaftlich-philosophischen
-Betrachtung sind mit ihm weit berflogen.</p>
-
-<p>Was die Frau <em class="gesperrt">nicht</em> will, wurde im obigen klargestellt;
-aber was sie zu tiefst will, und da dieses ihr innerstes Wollen
-dem Wollen des Mannes gerade entgegengerichtet ist, soll
-jetzt gezeigt werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span><a name="XII_Kapitel" id="XII_Kapitel"><small>XII. Kapitel.</small></a><br />
-
-Das Wesen des Weibes und sein Sinn im
-Universum.</h2>
-
-
-<p class="right">Erst Mann und Weib zusammen
-machen den Menschen aus.<br />
-<em class="gesperrt">Kant.</em><br />
-</p>
-
-
-<p>Immer tiefer ist die Analyse in der Schtzung des
-Weibes bis jetzt heruntergegangen, immer mehr Hohes und
-Edles, Groes und Schnes mute sie ihm absprechen. Wenn
-sie nun in diesem Kapitel noch einen, den entscheidenden,
-uersten Schritt in derselben Richtung zu tun sich anschickt,
-so mchte ich, zur Verhtung eines Miverstndnisses, schon
-hier bemerken, worauf ich noch zurckkomme: da mir wahrhaftig
-nichts ferner liegt, als dem asiatischen Standpunkt in der
-Behandlung des Weibes das Wort zu reden. Wer den vorausgehenden
-Darlegungen ber das Unrecht aufmerksamer gefolgt
-ist, das alle Sexualitt, ja noch die Erotik an der Frau begeht,
-dem wird bereits zum Bewutsein gekommen sein, da dieses
-Buch kein Plaidoyer fr den Harem ist, und da es sich
-htet, die Hrte des Urteils zu entwerten durch die Forderung
-einer so problematischen Strafe.</p>
-
-<p>Aber die <em class="gesperrt">rechtliche</em> Gleich<em class="gesperrt">stellung</em> von Mann und
-Weib kann man sehr wohl verlangen, ohne darum an die
-<em class="gesperrt">moralische</em> und <em class="gesperrt">intellektuelle</em> Gleich<em class="gesperrt">heit</em> zu glauben. Vielmehr
-kann ohne Widerspruch zu gleicher Zeit jede Barbarei des
-mnnlichen wider das weibliche Geschlecht verdammt, und
-braucht doch der ungeheuerste, kosmische Gegensatz und
-Wesensunterschied hier nicht verkannt zu werden. <b>Der tiefststehende
-Mann steht noch unendlich hoch ber dem hchststehenden
-Weibe</b>; und doch hat niemand das Recht, selbst das<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span>
-tiefststehende Weib irgendwie zu schmlern oder zu unterdrcken.
-Durch die vllige <em class="gesperrt">Berechtigung</em> des Anspruches
-auf Gleichheit vor jedem Gesetze wird kein grndlicherer
-Menschenkenner in der berzeugung sich beirren lassen, da
-zwischen den Geschlechtern die denkbar polarste Gegenstzlichkeit
-besteht. Was fr seichte Psychologen (um von dem
-menschenkundigen Tiefblick der sozialistischen Theoretiker zu
-schweigen) die Materialisten, Empiristen und Positivisten
-sind, kann man abermals hieraus entnehmen, da gerade aus
-ihren Kreisen vorzugsweise die Mnner gekommen sind und
-auch jetzt noch aus ihnen sich rekrutieren, welche fr die
-ursprnglich <em class="gesperrt">angeborne psychologische Gleichheit</em>
-zwischen Mann und Weib eintreten.</p>
-
-<p>Aber auch vor der Verwechslung meines Standpunktes
-in der Beurteilung des Weibes mit den hausbackenen, und
-nur als tapfere Reaktion gegen die Massenstrmung erfreulichen
-Ansichten von P.&nbsp;J.&nbsp;<em class="gesperrt">Moebius</em> bin ich hoffentlich
-gefeit. Das Weib ist nicht physiologisch schwachsinnig;
-und ich kann auch die Auffassung nicht teilen, welche in
-Frauen mit hervorragenderen Leistungen Entartungserscheinungen
-erblickt. Von einem <em class="gesperrt">moralischen</em> Aussichtspunkte
-kann man diese Frauen, da sie stets mnnlicher sind als die
-anderen, nur freudig begren, und mte bei ihnen eher das
-Gegenteil einer Entartung, nmlich einen Fortschritt und eine
-berwindung, zugeben; in <em class="gesperrt">biologischer</em> Hinsicht sind sie
-ebensowenig oder ebensosehr ein Degenerationsphnomen als
-der weibliche Mann ein solches darstellt (wenn man ihn nicht
-ethisch wertet). Die sexuellen Zwischenformen sind aber in
-der ganzen Reihe der Organismen durchaus die normale und
-nicht eine pathologische Erscheinung, und ihr Auftreten also
-noch kein Beweis krperlicher Dcadence.</p>
-
-<p>Das Weib ist weder tiefsinnig noch hochsinnig, weder
-scharfsinnig noch geradsinnig, es ist vielmehr von alledem
-das gerade Gegenteil; es ist, so weit wir bisher sehen, berhaupt
-nicht sinnig: es ist als Ganzes <em class="gesperrt">Un</em>-sinn, <em class="gesperrt">un</em>-sinnig.
-Aber das ist noch nicht <em class="gesperrt">schwach</em>sinnig, nach dem Begriffe,
-den man in deutscher Sprache damit verbindet: dem Begriffe
-des Mangels an der einfachsten praktischen Orientierung im<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span>
-gewhnlichen Leben. Gerade Schlauheit, <em class="gesperrt">Berechnung</em>, <em class="gesperrt">Gescheitheit</em>
-besitzt W viel regelmiger und konstanter als
-M, sobald es auf die Erreichung naheliegender egoistischer
-Zwecke ankommt. Ein Weib ist nie so dumm, wie es der Mann
-zuweilen sein kann.</p>
-
-<p>Hat nun das Weib gar keine Bedeutung? Verfolgt es
-wirklich keinen allgemeineren Zweck? Hat es nicht doch
-eine Bestimmung, und liegt ihm nicht, trotz all seiner Unsinnigkeit
-und Nichtigkeit, eine bestimmte Absicht im Weltganzen
-zu Grunde? <em class="gesperrt">Dient es einer Mission, oder ist sein
-Dasein ein Zufall und eine Lcherlichkeit?</em></p>
-
-<p>Um hinter diesen Sinn zu kommen, mu von einem
-Phnomen ausgegangen werden, das, so alt und so bekannt
-es ist, noch nirgends und niemals einer Beachtung oder gar
-Wrdigung wert befunden wurde. <em class="gesperrt">Es ist kein anderes
-als das Phnomen der <b>Kuppelei</b>, welches den eigentlichen,
-den tiefsten Einblick in die Natur des Weibes
-gestattet.</em></p>
-
-<p>Seine Analyse ergibt zunchst das Moment der <em class="gesperrt">Herbeifhrung</em>
-und <em class="gesperrt">Begnstigung</em> des Sichfindens zweier Menschen,
-die eine sexuelle Vereinigung, sei es in Form der Heirat
-oder nicht, einzugehen in der Lage sind. Dieses Bestreben,
-zwischen zwei Menschen etwas zustande zu bringen, <em class="gesperrt">hat
-jede Frau ausnahmslos schon in frhester Kindheit</em>:
-ganz kleine Mdchen leisten bereits, und zwar selbst dem Liebhaber
-ihrer lteren Schwestern, Mittlerdienste. Und wenn der
-Trieb zu kuppeln auch erst dann deutlicher zum Vorschein
-kommen kann, wenn das weibliche Einzelindividuum sich selbst
-untergebracht hat, d.&nbsp;h. nach seiner eigenen Versorgung durch
-die Heirat: so ist er doch die ganze Zeit ber zwischen der
-Pubertt und der Hochzeit ebenso vorhanden; nur wirken ihm
-der <em class="gesperrt">Neid</em> auf die Konkurrentinnen, und die <em class="gesperrt">Angst</em> vor den
-greren Chancen derselben im Kampf um den Mann so
-lang entgegen, bis die Frau selbst ihren Gemahl sich glcklich
-erobert, oder ihr Geld, die Beziehungen, in welche er
-nun zu ihrer Familie tritt u.&nbsp;s.&nbsp;w., ihn gekirrt und gekdert
-haben. Dies ist der einzige Grund, aus welchem die Frauen erst
-in der Ehe mit vollem Eifer daran gehen, die Tchter und<span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span>
-Shne ihrer Bekannten unter die Haube zu bringen. Und wie
-sehr nun erst das alte Weib kuppelt, bei dem die Sorge fr die
-eigene sexuelle Befriedigung gnzlich in Wegfall gekommen ist,
-das ist so allgemein bekannt, da man, sehr mit Unrecht, das
-alte Weib <em class="gesperrt">allein</em> zur eigentlichen Kupplerin gestempelt hat.</p>
-
-<p>Nicht nur Frauen, auch Mnner werden sehr gerne in
-den Ehestand zu bringen gesucht, auch von ihren eigenen
-Mttern, ja gerade von diesen mit besonderer Lebhaftigkeit
-und Zhigkeit. Ganz ohne Rcksicht auf die individuelle Eigenart
-des Sohnes ist es der Wunsch und die Sucht jeder Mutter,
-ihren Sohn verheiratet zu sehen: ein Bedrfnis, in dem man
-geblendet genug war, etwas Hheres, wieder jene Mutterliebe
-zu erblicken, von welcher das vorige Kapitel nur eine so geringe
-Meinung gewinnen konnte. Es ist mglich, da viele Mtter, sei
-der Sohn auch gar nicht fr die Ehe geschaffen, von vornherein
-berzeugt sind, ihm durch sie erst zum bleibenden
-Glck zu verhelfen; aber sicher fehlt sehr vielen selbst dieser
-Glaube, und jedenfalls spielt allerwrts und immer als
-<em class="gesperrt">strkstes</em> Motiv der Kuppel<em class="gesperrt">trieb</em>, die gefhlsmige Abneigung
-gegen das Junggesellentum des Mannes, mit.</p>
-
-<p>Man sieht bereits hier, da die Frauen <em class="gesperrt">einem rein
-instinktiven Drange, der in sie gelegt ist, folgen</em>, auch
-wenn sie <em class="gesperrt">ihre Tchter</em> zu verheiraten suchen. Nicht aus logischen,
-und nur zum kleinsten Teile aus materiellen Erwgungen
-entspringen die unendlichen Bemhungen, welche die
-Mtter zu diesem Zwecke unternehmen, sie geschehen nicht
-aus Entgegenkommen gegen geuerte oder unausgesprochene
-Wnsche der Tochter (denen sie in der speziellen Wahl des
-Mannes sogar oft zuwiderlaufen); und es kann, da die Kuppelei
-ganz allgemein auf alle Menschen sich erstreckt und nie auf
-die eigene Tochter sich beschrnkt, hier am wenigsten von
-einer altruistischen, moralischen Handlung der <em class="gesperrt">mtterlichen</em>
-Liebe die Rede sein; obwohl sicherlich die meisten
-Frauen, wenn jemand ihr kupplerisches Gebaren ihnen vorhielte,
-zur Antwort geben wrden: es sei ihre Pflicht, beizeiten
-an die Zukunft ihres teueren Kindes zu denken.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Eine Mutter verheiratet ihre eigene Tochter
-nicht anders, als sie jedem anderen Mdchen zum<span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span>
-Manne gern verhilft</em>, wenn nur jene Aufgabe innerhalb
-der Familie zuvor gelst ist: <em class="gesperrt">es ist ganz dasselbe,
-Kuppelei hier wie dort, die Verkuppelung der eigenen
-Tochter unterscheidet sich psychologisch in nichts
-von der Verkuppelung der fremden</em>.</p>
-
-<p>Wie schon fter das Verhalten des einen Geschlechtes
-zu gewissen Zgen des anderen als ein brauchbares Kriterium
-dafr verwendet werden konnte, welche Eigentmlichkeiten
-des Charakters ausschlielich auf eines beschrnkt sind und
-welche auch dem anderen zukommen<a name="FNAnker_60_60" id="FNAnker_60_60"></a><a href="#Fussnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a>, so kann, whrend
-bisher stets das Weib Zeuge sein mute, da gewisse, ihm
-von vielen so gerne zugesprochene Eigenschaften ausschlielich
-dem Manne angehren, hier einmal durch sein Verhalten
-der Mann dokumentieren, wie die Kuppelei echt weiblich und
-ausschlielich weiblich ist: die Ausnahmen betreffen entweder
-<em class="gesperrt">sehr</em> weibliche Mnner oder einen Fall, der noch ausfhrlich
-wird besprochen werden<a name="FNAnker_61_61" id="FNAnker_61_61"></a><a href="#Fussnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a>. Jeder wahre Mann nmlich wendet
-sich vom heiratsvermittelnden Treiben der Frauen, selbst
-wenn es sich um seine eigene Tochter handelt, und er diese
-gerne versorgt sehen mchte, mit Widerwillen und Verachtung
-ab und berlt die Kuppelsorgen berhaupt dem Weibe als
-sein Fach. Zugleich sieht man hier am klarsten, wie auf den
-<em class="gesperrt">Mann</em> gar nicht die <em class="gesperrt">wahren psychischen</em> Sexualcharaktere
-des Weibes attraktiv wirken, wie sie ihn vielmehr abstoen,
-wo sie ihm bewut werden: indes die rein mnnlichen Eigenschaften
-<em class="gesperrt">an sich</em>, und wie sie wirklich sind, das <em class="gesperrt">Weib</em> anzuziehen
-<em class="gesperrt">gengen</em>, mu der Mann das Weib erst umformen, ehe
-er es lieben kann.</p>
-
-<p>Die Kuppelei reicht aber bedeutend tiefer und durchdringt
-das Wesen des Weibes in viel weiterer Ausdehnung,
-als jemand nach diesen Beispielen, die nur den Umfang des
-Sprachgebrauches erschpfen, glauben knnte. Ich will
-zunchst darauf hinweisen, wie die Frauen im Theater
-sitzen: stets mit der Erwartung, <em class="gesperrt">ob</em> die zwei, <em class="gesperrt">wie</em> die
-zwei Liebesleute sich kriegen werden. <em class="gesperrt">Auch dies ist
-nichts anderes als Kuppelei</em>, und um kein Haar<span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span>
-von ihr psychologisch verschieden: <em class="gesperrt">es ist das Herbeiwnschen
-des Zusammenkommens von Mann und
-Weib, wo auch immer</em>. Aber das geht noch weiter:
-<em class="gesperrt">auch die Lektre sinnlicher oder obscner Dichtungen
-oder Romane, die ungeheuere Spannung auf den
-Moment des Koitus, mit welcher die Frauen lesen,
-ist nichts, gar nichts als Verkuppelung der beiden
-Personen des Buches</em>, tonische Excitation durch den Gedanken
-der Kopulation und positive Wertung der sexuellen
-Vereinigung. Man halte das nicht fr eine logische
-und formale Analogisierung, man versuche nachzufhlen, wie
-fr die Frau psychologisch beides <em class="gesperrt">dasselbe <b>ist</b></em>. Die Erregung
-der Mutter am Hochzeitstage der Tochter ist keine andere
-als die der Leserin von <em class="gesperrt">Prvost</em>, oder von <em class="gesperrt">Sudermanns</em>
-Katzensteg. Es kommt zwar auch vor, da Mnner solche
-Romane zu Detumeszenzzwecken gerne lesen, aber das ist
-etwas prinzipiell von der weiblichen Art der Lektre <em class="gesperrt">Verschiedenes</em>,
-es geht auf die lebhaftere Imagination des
-Sexualaktes und verfolgt nicht krampfhaft von Anbeginn
-jede Verringerung der Entfernung zwischen den beiden
-Menschen, um die es sich gerade handelt, und wchst nicht, wie
-bei der Frau, kontinuierlich, in Proportion mit einer sehr hohen
-Potenz vom reziproken Werte des Abstandes der Personen voneinander.
-Die atemlose Begnstigung jeder Verringerung
-der Distanz von dem Ziele, die deprimierte Enttuschung bei
-jeder Vereitelung der sexuellen Befriedigung ist durchaus weiblich
-und unmnnlich; aber sie tritt in der Frau ganz unterschiedslos
-bei jeder Bewegung auf, die ihrer Richtung nach
-zum Geschlechtsakte fhren kann, betreffe sie nun Personen
-des Lebens oder der Phantasie.</p>
-
-<p>Hat man denn nie darber nachgedacht, <b>warum</b> die
-Frauen so gerne, so selbstlos andere Frauen mit Mnnern
-zusammenbringen? Das Vergngen, welches ihnen hiedurch
-bereitet wird, <em class="gesperrt">beruht auf einer eigentmlichen Erregung
-durch den Gedanken auch des fremden Koitus</em>.</p>
-
-<p>Aber die volle Breite der Kuppelei ist auch mit der
-Ausdehnung auf den Hauptgesichtspunkt aller weiblichen Lektre
-noch nicht ausgemessen. Wo an Sommerabenden in dunklen<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span>
-Grten, auf den Bnken oder an den Mauern Liebespaare
-eine Zuflucht suchen, dort wird eine Frau, die vorbergeht,
-stets <em class="gesperrt">neugierig</em>, sie <em class="gesperrt">sieht hin</em>, indes der Mann, der jenen
-Weg zu gehen gezwungen ist, sich unwillig abwendet, weil
-er die Schamhaftigkeit verletzt fhlt. Desgleichen wenden
-sich die Frauen fast nach jedem Liebespaare, dem sie auf der
-Gasse begegnen, <em class="gesperrt">um</em> und verfolgen es mit ihren Blicken.
-Dieses <em class="gesperrt">Hin</em>schauen, dieses <em class="gesperrt">Sichumdrehen</em> ist nicht minder
-Kuppelei als das bisher unter den Begriff Subsumierte. Was
-man ungern sieht und nicht wnscht, von dem wendet man
-sich weg, und sperrt nicht die Augen nach ihm auf; die
-Frauen sehen darum ein Liebespaar so gern, und berraschen
-es deshalb am liebsten bei Kssen und weitergehenden
-Liebesbezeigungen, <em class="gesperrt">weil sie den Koitus <b>berhaupt</b> (nicht
-nur fr sich) wollen</em>. <em class="gesperrt">Man beachtet nur</em>, wie schon lngst
-gezeigt wurde, <em class="gesperrt">was irgendwie positiv gewertet wird</em>.
-Die Frau, die zwei Liebende miteinander sieht, wartet stets
-auf das, was kommen werde, d.&nbsp;h. sie erwartet es, nimmt
-es voraus, hofft es, wnscht es. Ich habe eine lngst verheiratete
-Hausfrau gekannt, die ihr Dienstmdchen, das den
-Liebhaber eingelassen hatte, zuerst lang in groer Anteilnahme
-vor der Tr behorchte, ehe sie hineinging, um ihm
-seine Stellung zu kndigen. Die Frau hatte also den ganzen
-Vorgang <em class="gesperrt">innerlich bejaht</em>, um dann das Mdchen, in
-passiver Befolgung der ihr berkommenen Schicklichkeitsbegriffe,
-wenn nicht gar nur aus unbewuter Migunst,
-hinauszuwerfen. Ich glaube freilich, da auch das letztere
-Motiv hufig mitspielt, und zur Verdammung der Betroffenen
-der Neid, der ihr jene Stunden doch nicht allein gnnt, seinen
-Teil beisteuert.</p>
-
-<p>Der Gedanke des Koitus wird von der Frau stets und
-in jeder Form, in der er sich vollziehen mag, (selbst wenn
-ihn Tiere ausfhren), lebhaft ergriffen, und nie zurckgewiesen<a name="FNAnker_62_62" id="FNAnker_62_62"></a><a href="#Fussnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a>;
-sie verneint ihn nicht, empfindet keinen Ekel vor dem Ekelhaften
-des Vorganges, sucht nicht sofort lieber an etwas anderes
-zu denken: sondern die Vorstellung ergreift vllig von ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span>
-Besitz und beschftigt sie unausgesetzt weiter, bis sie von
-anderen Vorstellungen ebenso sexuellen Charakters abgelst
-wird. Hiemit ist ein groer Teil des vielen so rtselhaft
-scheinenden psychischen Lebens der Frauen sicherlich beschrieben.
-<em class="gesperrt">Das Bedrfnis, selbst koitiert zu werden,
-ist zwar das heftigste Bedrfnis der Frau, aber es ist
-nur ein <b>Spezialfall</b> ihres tiefsten, <b>ihres einzigen vitalen
-Interesses, das nach dem Koitus berhaupt geht</b>; des
-Wunsches, da mglichst viel, von wem immer, wo
-immer, wann immer, koitiert werde.</em></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Dieses</em> allgemeinere Bedrfnis richtet sich entweder mehr
-auf den Akt selbst, oder mehr auf das Kind; im ersten Falle
-ist die Frau Dirne und Kupplerin um der bloen Vorstellung
-vom Akte willen; im zweiten ist sie Mutter, aber nicht nur
-mit dem Wunsche selbst Mutter zu werden; sondern an <em class="gesperrt">jeder</em>
-Ehe, die sie kennt oder zustande bringt, ist, je mehr sie der
-absoluten Mutter sich nhert, desto ausschlielicher ihr
-Interesse auf die Hervorbringung des Kindes gerichtet: die
-echte Mutter ist auch die echte Gromutter (selbst wenn sie
-Jungfrau geblieben ist; man vergleiche Johann <em class="gesperrt">Tesmans</em>
-unbertreffliche <em class="gesperrt">Tante Jule</em> in <em class="gesperrt">Ibsens</em> <em class="gesperrt">Hedda Gabler</em>).
-Jede ganze <em class="gesperrt">Mutter</em> wirkt fr die Gattung insgesamt, sie ist
-Mutter der ganzen Menschheit: <em class="gesperrt">jede</em> Schwangerschaft wird
-von ihr begrt. Die <em class="gesperrt">Dirne</em> will die anderen Weiber nicht
-schwanger, sondern blo <em class="gesperrt">prostituiert</em> sehen wie sich selbst.</p>
-
-<p>Wie sogar die Sexualitt der Frauen ihrer Kuppelei
-noch <em class="gesperrt">unter</em>geordnet ist, und eigentlich nur als ein besonderer
-Fall der ersteren aufgefat werden darf, das geht sehr deutlich
-aus ihrem Verhltnis zu den verheirateten Mnnern hervor.
-Nichts ist den Frauen, da sie smtlich Kupplerinnen sind, so wie
-der ledige Stand des Mannes zuwider, und darum suchen alle
-ihn zu verheiraten; <em class="gesperrt">ist</em> er aber schon Ehemann, so verliert
-er fr sie auch dann sehr viel an Interesse, wenn er frher
-ihnen selbst ganz ausnehmend gefallen hat. <em class="gesperrt">Auch</em> wenn sie
-selber bereits verheiratet sind, also nicht mehr jeder Mann
-zunchst unter dem Gesichtspunkte der <em class="gesperrt">eigenen</em> Versorgung
-in Betracht kommt, und nun, wie man denken sollte, der
-Ehemann darum nicht mehr geringere Beachtung finden<span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span>
-mte als der andere, Ledige, selbst dann, als ungetreue Ehefrauen,
-kokettieren die Weiber kaum mit dem Gatten einer
-anderen; auer wenn sie ber diese einen Triumph feiern wollen,
-dadurch, da sie ihn ihr abspenstig machen. Hiedurch erst ist
-ganz besttigt, da es den Frauen nur auf die Verkuppelung ankommt;
-mit <em class="gesperrt">Verheirateten</em> wird <em class="gesperrt">darum</em> so selten der Ehebruch
-begangen, <em class="gesperrt">weil diese der Idee, welche in der
-Kuppelei liegt, bereits gengen</em>. Die Kuppelei ist die allgemeinste
-Eigenschaft des menschlichen Weibes: der Wille zur
-Schwiegermutter &mdash; ich meine den Willen, Schwiegermutter
-zu werden &mdash; ist noch viel durchgngiger vorhanden als der
-Wille zur Mutterschaft, dessen Intensitt und Umfang man
-gewhnlich ber Gebhr hoch veranschlagt.</p>
-
-<p>Man wird den Nachdruck, der hier gerade auf die
-<em class="gesperrt">Kuppelei</em> des Weibes gelegt wird, vielleicht doch noch
-nicht ganz verstehen, die Bedeutung, die ihr zugemessen
-werde, bertrieben, das Pathos der Argumentation unmotiviert
-finden. Man begreife aber, worum es sich handelt. Die Kuppelei
-ist dasjenige Phnomen, welches das Wesen des Weibes
-am weitesten aufschliet, und man mu nicht, wie dies immer
-geschieht, sie nur zur Kenntnis nehmen und gleich zu etwas
-anderem bergehen, sondern sie zu analysieren und zu ergrnden
-trachten. Gewi ist es eine den meisten Menschen
-gelufige Tatsache, da jedes Weib gern ein bichen
-kuppelt. <em class="gesperrt">Aber da gerade hierin und nirgendwo
-anders die Wesenheit des Weibes liegt, darauf kommt
-es an.</em> Es lt sich &mdash; nach reiflicher Betrachtung der verschiedensten
-Frauentypen und Bercksichtigung noch weiterer
-spezieller Einteilungen, auer der hier bereits durchgefhrten,
-bin ich zu diesem Schlusse gekommen &mdash; <em class="gesperrt">absolut nichts
-anderes als positive allgemein-weibliche Eigenschaft
-prdizieren als die Kuppelei, das ist die Ttigkeit im
-Dienste der Idee des Koitus <b>berhaupt</b></em>. Jede Begriffsbestimmung
-der Weiblichkeit, welche deren Wesen blo im
-Wunsche, selbst koitiert zu werden, suchte, die im echten
-Weibe nichts fr echt hielte, als das Bedrfnis vergewaltigt
-zu werden, wre zu <em class="gesperrt">eng</em>; jede Definition, die da sagen wrde,
-der Inhalt des Weibes sei das Kind oder sei der Mann oder<span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span>
-sei beides, bereits zu <em class="gesperrt">weit</em>. Das allgemeinste und eigentlichste
-Wesen der Frau ist mit der <em class="gesperrt">Kuppelei</em>, d.&nbsp;h. <b>mit der
-Mission im Dienste der Idee krperlicher Gemeinschaft</b>,
-<em class="gesperrt">vollstndig</em> und <em class="gesperrt">erschpfend</em> bezeichnet. <em class="gesperrt">Jedes Weib
-kuppelt</em>; und diese Eigenschaft des Weibes, <em class="gesperrt"><b>Gesandte,
-Mandatarin des Koitusgedankens</b> zu sein</em>, ist auch die <em class="gesperrt">einzige</em>,
-welche in <em class="gesperrt">allen</em> Lebensaltern da ist <em class="gesperrt">und selbst das
-Klimakterium berdauert</em>: das alte Weib verkuppelt weiter,
-nicht mehr sich, sondern die anderen. Wenn man das alte
-Weib mit Vorliebe als <em class="gesperrt">die</em> Kupplerin sich vorgestellt hat, so
-wurde ein Grund hiefr schon angefhrt. Der Beruf der
-greisen Kupplerin ist nicht etwas, das <em class="gesperrt">hinzu</em>kommt, sondern
-eben dies, was jetzt allein <em class="gesperrt">heraustritt</em> und <em class="gesperrt">brig bleibt</em> aus
-den frheren Komplikationen durch das eigene Bedrfnis:
-das reine Wirken im Dienste der unreinen Idee.</p>
-
-<p>Es sei gestattet, hier kurz zu rekapitulieren, was die
-Untersuchung nach und nach an positiven Resultaten ber
-die Sexualitt des Weibes zutage gefrdert hat. Es erwies
-sich zuerst als ausschlielich, und nicht nur in Pausen, sondern
-kontinuierlich sexuell interessiert; es war krperlich und
-psychisch in seinem ganzen <em class="gesperrt">Wesen</em> nichts als eben die Sexualitt
-selbst. Es wurde dabei berrascht, da es sich berall,
-am ganzen Krper und ohne Unterla, von allen Dingen ausnahmslos
-<em class="gesperrt">koitiert</em> fhlt. Und wie der ganze <em class="gesperrt">Krper</em> des
-Weibes eine Dpendance seines <em class="gesperrt">Geschlechtsteiles</em> war, so
-offenbart sich nun die zentrale Stellung <em class="gesperrt">der Koitus-Idee</em> in
-seinem <em class="gesperrt">Denken</em>. <em class="gesperrt">Der Koitus ist das einzige, allerwrts und
-immer, von der Frau ausschlielich <b>positiv</b> Bewertete;
-die Frau ist die Trgerin des Gemeinschaftsgedankens
-berhaupt.</em> Die weibliche Hchstwertung des Koitus ist nicht
-auf ein Individuum, auch nicht auf das wertende Individuum,
-beschrnkt, sie bezieht sich auf Wesen <em class="gesperrt">berhaupt</em>, sie ist
-nicht individuell, sondern <em class="gesperrt">inter</em>individuell, <em class="gesperrt">ber</em>individuell,
-sie ist sozusagen &mdash; man sehe mir die Entweihung des Wortes
-einstweilen nach &mdash; <em class="gesperrt"><b>die transcendentale</b> Funktion des
-Weibes</em>. <em class="gesperrt">Denn wenn Weiblichkeit Kuppelei ist, so ist
-Weiblichkeit <b>universelle Sexualitt</b>. Der Koitus ist der
-hchste Wert der Frau, ihn sucht sie immer und berall<span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span>
-zu verwirklichen. <b>Ihre eigene Sexualitt bildet von
-diesem unbegrenzten Wollen nur einen begrenzten Teil.</b></em> &mdash;</p>
-
-<p>Der mnnlichen Hchststellung der Schuldlosigkeit und
-Reinheit aber, deren Erscheinung jene hhere Virginitt wre,
-welche der Mann aus erotischem Bedrfnis von der Frau wnscht
-und fordert, diesem nur <em class="gesperrt">mnnlichen</em> Ideale der Keuschheit
-ist jenes Streben der Frau nach Realisierung der Gemeinschaft
-so polar entgegengesetzt, da es unbedingt als ihre
-eigentliche Natur sogar durch den dichtesten Weihrauch der
-erotischen Illusion hindurch vom Mann htte erkannt werden
-mssen, wenn nicht <em class="gesperrt">noch</em> ein Faktor durch sein Dazwischentreten
-diese Klrung regelmig verhindert htte. Diesen Umstand,
-der sich immer wieder einschiebt, um der Einsicht des Mannes
-in das allgemeine und eigentliche Wesen der Weiblichkeit entgegenzuwirken,
-dieses komplizierteste Problem des Weibes, seine
-abgrndlich tiefe <em class="gesperrt">Verlogenheit</em>, gilt es nun aufzuhellen. So
-schwierig und so gewagt das Unternehmen ist, es mu schlielich
-zu jener letzten Wurzel fhren, <em class="gesperrt">aus der wir sowohl
-die Kuppelei</em> (im weitesten Sinne, in dem die eigene Geschlechtlichkeit
-nur ihr hervorstechendster Spezialfall ist) <em class="gesperrt">als
-auch diese Verlogenheit</em>, welche die Begierde nach dem
-Sexualakt immerfort &mdash; vor den Blicken des Weibes selbst! &mdash;
-<em class="gesperrt">verhllt</em>, <em class="gesperrt">beide</em> unter dem Lichte <em class="gesperrt">eines</em> letzten Prinzipes klar
-werden emporsprieen sehen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Alles nmlich, was vielleicht schon wie ein sicherer Gewinn
-erschienen ist, findet sich nun nochmals in Frage gestellt.
-Den Frauen wurde keine Selbstbeobachtung eingerumt:
-es gibt aber sicherlich Weiber, die sehr scharf vieles beobachten,
-was in ihnen vorgeht. Die Wahrheitsliebe wurde
-ihnen abgesprochen; und doch kennt man Frauen, die es auf
-das peinlichste vermeiden, eine Unwahrheit zu sagen. Das
-Schuldbewutsein sei ihnen fremd, wurde behauptet, obwohl
-Frauen existieren, die sich selbst wegen geringfgiger Dinge
-die heftigsten Vorwrfe zu machen pflegen, obwohl man von
-Berinnen und ihren Krper kasteienden Weibern sichere
-Nachricht hat. Das Schamgefhl wurde nur dem Manne belassen:<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span>
-aber mu nicht das Wort von der weiblichen Schamhaftigkeit,
-von jener Scham, die nach <em class="gesperrt">Hamerling</em> sogar <em class="gesperrt">nur</em>
-das Weib kennt, in der Erfahrung irgend eine Grundlage
-haben, die es ermglichte, ja begnstigte, da die Dinge so gedeutet
-wrden? Und weiter: Religiositt knnte dem Weibe
-fehlen trotz allen religieuses? Strenge Sittenreinheit bei
-ihm ausgeschlossen sein, aller tugendhaften Frauen ungeachtet,
-von denen Lied und Geschichte melden? Blo sexuell sollte das
-Weib sein, die Sexualitt allein bei ihm Anwert finden, wo es
-doch mannigfach bekannt ist, da Frauen wegen der geringsten
-Anspielung auf sexuelle Dinge emprt sein knnen,
-sich, statt zu kuppeln, oft erbittert und angeekelt wegwenden
-von jedem Orte der Unzucht, ja nicht selten den Koitus
-auch fr ihre Person verabscheuen und ihm viel gleichgltiger
-gegenberstehen als irgend ein Mann?</p>
-
-<p>Es ist wohl offenbar, da es sich in all diesen Antinomien
-um eine und dieselbe Frage handelt, von deren Beantwortung
-die letzte und endgltige Entscheidung ber das
-Weib abhngt. Es ist klar, da, wenn auch nur <em class="gesperrt">ein einziges</em>
-sehr weibliches Wesen <em class="gesperrt">innerlich asexuell</em> wre, oder
-in einem wahrhaften Verhltnis zur Idee sittlichen Eigenwertes
-stnde, <b>alles</b>, was hier von den Frauen gesagt wurde,
-seine Allgemeingltigkeit als psychisches Charakteristikum ihres
-Geschlechtes sofort unrettbar verlieren mte, und somit die
-<em class="gesperrt">ganze</em> Position des Buches mit einem Schlage vollkommen hinfllig
-wrde. <em class="gesperrt">Jene scheinbar widersprechenden Erscheinungen
-mssen befriedigend erklrt, und es mu von
-ihnen gezeigt werden, da, was ihnen wirklich zu
-Grunde liegt und so leicht zu quivokationen verfhrt,
-<b>derselben</b> weiblichen Natur entspricht, die bisher
-berall nachgewiesen werden konnte.</em></p>
-
-<p>Man mu zunchst an die ungeheuere <em class="gesperrt">Beeinflubarkeit</em>,
-besser, nur schlechter zu sprechen, <em class="gesperrt">Beeindruckbarkeit</em>
-der Frauen sich erinnern, um zum Verstndnis jener
-trgerischen Widersprche zu gelangen. Diese auerordentliche
-Zugnglichkeit fr Fremdes und die leichte Annahme
-der Ansichten anderer ist in diesem Buche bis jetzt noch
-nicht gengend gewrdigt worden. Ganz allgemein schmiegt<span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span>
-sich W an M vollstndig an, wie ein Etui an die Kleinodien
-in ihm, <em class="gesperrt">seine</em> Anschauungen werden die <em class="gesperrt">ihren</em>, seine
-Lieblingsneigungen teilen sich ihr mit wie seine ganz individuellen
-Antipathien, jedes Wort von ihm ist fr sie ein
-<em class="gesperrt">Ereignis</em>, und zwar um so strker, je mehr er sexuell auf
-sie wirkt. Diesen Einflu des Mannes empfindet die Frau
-nicht als eine Ablenkung von der Linie ihrer eigenen Entwicklung,
-sie erwehrt sich seiner nicht als einer fremdartigen
-Strung, sie sucht sich nicht von ihm zu befreien als von
-einem Eingriff in ihr inneres Leben, <em class="gesperrt">sie schmt sich nicht,
-rezeptiv zu sein</em>: im Gegenteil, sie fhlt sich nur <em class="gesperrt">glcklich</em>,
-wenn sie es sein kann, <em class="gesperrt">verlangt</em> vom Manne, da er
-sie, auch geistig, zu rezipieren <em class="gesperrt">zwinge</em>. Sie schliet sich
-immer nur gerne an, <em class="gesperrt">und ihr Warten auf den Mann ist
-nur das Warten auf den Augenblick, wo sie <b>vollkommen
-passiv</b> sein knne</em>.</p>
-
-<p>Aber nicht nur vom richtigen Manne (wenn schon
-von ihm am liebsten), auch von Vater und Mutter, Onkeln und
-Tanten, Brdern und Schwestern, nahen Verwandten und
-fernen Bekannten <em class="gesperrt">bernehmen</em> die Frauen, was sie glauben
-und denken, und sind es froh, wenn in ihnen eine Meinung
-<em class="gesperrt">geschaffen</em> wird. Noch die erwachsenen und verheirateten
-Frauen, nicht nur die unreifen Kinder, ahmen einander in allem
-und jedem, <em class="gesperrt">als ob das natrlich wre</em>, nach, von einer geschmackvolleren
-Toilette oder Frisur, einer Aufsehen erregenden
-Krperhaltung angefangen bis auf die Geschfte, in denen sie einkaufen,
-und die Rezepte, nach welchen sie kochen. Auch dieses
-gegenseitige Kopieren geschieht <em class="gesperrt">ohne</em> das Gefhl, sich hiedurch
-etwas zu <em class="gesperrt">vergeben</em>, wie es wohl sein mte, besen sie eine
-Individualitt, die nur rein ihrem eigenen Gesetze zu folgen
-strebt. So setzt sich der theoretische Bestand des weiblichen
-Denkens und Handelns der Hauptsache nach aus berkommenem
-und wahllos bernommenem zusammen, das von
-den Frauen um so eifriger ergriffen und um so dogmatischer
-festgehalten wird, als ein Weib eine berzeugung nie selbstttig
-aus objektiver Anschauung der Dinge gewinnt, und also
-auch nie nach gendertem Aspekte frei aufgibt, nie selbst
-noch ber seinen Gedanken steht, vielmehr immer nur will,<span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span>
-da ihm eine Meinung beigebracht werde, die es dann zhe
-festhalten knne. Darum sind die Frauen am unduldsamsten,
-wo ein Versto gegen sanktionierte Sitten und Gebruche
-sich ereignet, mgen diese Institutionen welchen Inhaltes
-immer sein. Einen angesichts der Frauenbewegung besonders
-ergtzlichen Fall dieser Art will ich nach Herbert <em class="gesperrt">Spencer</em>
-mitteilen. Wie bei vielen Indianerstmmen Nord- und Sdamerikas,
-so gehen auch bei den <em class="gesperrt">Dakotas</em> die Mnner blo
-der Jagd und dem Kriege nach und haben alle niedrigen und
-mhevollen Beschftigungen auf ihre Weiber gewlzt. Von
-der Natrlichkeit und Rechtmigkeit dieses Vorgehens sind
-die Frauen, statt irgend sich unterdrckt zu fhlen, allmhlich
-so durchdrungen worden, da ein Dakota-Weib dem
-anderen keinen greren Schimpf antun und keine rgere
-Krnkung bereiten kann, als diese: Schndliche Frau ....
-ich habe Deinen Mann Holz in seine Wohnung tragen sehen
-zum Feueranznden. Wo war seine Frau, da er gentigt
-war, sich selbst zum Weibe zu machen?</p>
-
-<p>Diese auerordentliche Bestimmbarkeit des Weibes durch
-auer ihm Liegendes ist im Grunde wesensgleich mit seiner
-Suggestibilitt, die weit grer und ausnahmsloser ist als die
-des Mannes: beides kommt damit berein, da das Weib
-im Sexualakte und seinen Vorstadien nur die passive, nie
-die aktive Rolle zu spielen wnscht.<a name="FNAnker_63_63" id="FNAnker_63_63"></a><a href="#Fussnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> <em class="gesperrt">Es ist die <b>allgemeine</b>
-Passivitt der weiblichen Natur, welche die Frauen am
-Ende auch die mnnlichen Wertungen, zu welchen sie
-gar kein ursprngliches Verhltnis haben, acceptieren
-und bernehmen lt.</em> Diese <em class="gesperrt">Imprgnierbarkeit</em> durch
-die mnnlichen Anschauungen, diese <em class="gesperrt">Durchdringung</em> des
-eigenen Gedankenlebens der Frau mit dem fremden Element,
-diese <em class="gesperrt">verlogene</em> Anerkennung der Sittlichkeit, die man gar
-nicht Heuchelei nennen kann, weil nichts <em class="gesperrt">Anti</em>moralisches durch
-sie verdeckt werden soll, diese Aufnahme und Anwendung
-eines an und fr sich ihr ganz <em class="gesperrt">hetero</em>nomen Gebotes wird,
-soweit die Frau selbst nicht wertet, im allgemeinen leicht und
-glatt von statten gehen <em class="gesperrt">und den tuschendsten Schein<span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span>
-hherer Sittlichkeit leicht hervorbringen</em>. Komplikationen
-knnen sich erst einstellen, wenn es zur Kollision
-kommt mit der <em class="gesperrt">einzigen eingeborenen</em>, echten und allgemein-weiblichen
-Wertung, der <em class="gesperrt">Hchstwertung des
-Koitus</em>.</p>
-
-<p>Die Bejahung der Gemeinschaft als des hchsten
-Wertes ist bei der Frau eine ganz unbewute. Denn dieser
-Bejahung steht nicht wie beim Manne ihre Verneinung als die
-andere Mglichkeit gegenber, es fehlt hier die Zweiheit, die
-zum Bemerken fhren knnte. Kein Weib wei, oder hat noch
-gewut, oder auch nur wissen knnen, was es tut, wenn es
-kuppelt. <em class="gesperrt">Die Weiblichkeit selbst ist ja identisch mit
-der Kuppelei</em>, und ein Weib mte aus sich heraustreten
-knnen, um zu bemerken, zu verstehen, da es kuppelt. So
-bleibt das tiefste Wollen des Weibes, das, was sein Dasein
-eigentlich bedeutet, von ihm stets unerkannt. Nichts hindert
-also, da die mnnliche negative Wertung der Sexualitt die
-positive weibliche vollstndig im Bewutsein des Weibes
-berdecke. <em class="gesperrt">Die Rezeptivitt des Weibes geht so weit,
-da es das, was es ist &mdash; das <b>einzige</b>, was es wirklich
-positiv <b>ist</b>! &mdash; da es selbst dies verleugnen kann.</em></p>
-
-<p>Aber die Lge, die es begeht, wenn es sich das
-mnnliche gesellschaftliche Urteil ber die Sexualitt, ber
-Schamlosigkeit, ja ber die Lge selbst, <em class="gesperrt">einverleiben</em>
-lt und den mnnlichen Mastab aller Handlungen zu
-dem seinigen macht, diese Lge ist eine solche, die ihm nie
-bewut wird, <em class="gesperrt">es erhlt eine zweite Natur, ohne auch nur
-zu ahnen, da es seine echte nicht ist</em>, es nimmt sich ernst,
-glaubt etwas zu sein und zu glauben, ist berzeugt von der
-Aufrichtigkeit und Ursprnglichkeit seines moralischen Gebarens
-und Urteilens: <em class="gesperrt">so tief sitzt die Lge, <b>die organische</b></em>,
-ich mchte, wenn es gestattet wre, am liebsten
-sagen: <em class="gesperrt"><b>die ontologische</b> Verlogenheit des Weibes</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wolfram von Eschenbach</em> erzhlt von seinem
-Helden:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">... So keusch und rein<br /></span>
-<span class="i0">Ruht' er bei seiner Knigin,<br /></span>
-<span class="i0">Da kein Gengen fnd' darin<br /></span><span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span>
-<span class="i0">So manches Weib beim lieben Mann.<br /></span>
-<span class="i0">Da doch so manche in Gedanken<br /></span>
-<span class="i0">Zur ppigkeit will berschwanken,<br /></span>
-<span class="i0">Die sonst sich sprde zeigen kann!<br /></span>
-<span class="i0">Vor Fremden zchtig sie erscheinen,<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Doch ist des Herzens tiefstes Meinen</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Das Widerspiel vom uern Schein</em>.</span>
-</div></div>
-
-<p>Was das tiefste Meinen des weiblichen Herzens ist, das
-hat <em class="gesperrt">Wolfram</em> klar genug angedeutet. Aber er sagt nicht
-alles. Nicht nur die Fremden, <em class="gesperrt">auch sich selbst</em> belgen die
-Frauen in diesem Punkte. Man kann aber seine Natur, sei
-es auch die physische, nicht unterdrcken ohne Folgen. Die
-hygienische Zchtigung fr die Verleugnung der eigentlichen
-Natur des Weibes ist die <em class="gesperrt">Hysterie</em>.</p>
-
-<p>Von allen Neurosen und Psychosen stellen die <em class="gesperrt">hysterischen</em>
-Erscheinungen dem Psychologen beinahe die reizvollste
-Aufgabe; eine weit schwierigere und darum verlockendere
-als eine verhltnismig leicht nachzulebende <em class="gesperrt">Melancholie</em>,
-oder eine simple <em class="gesperrt">Paranoia</em>.</p>
-
-<p>Zwar haben gegen psychologische Analysen fast alle
-Psychiater ein nicht zu beseitigendes Mitrauen; jede Erklrung
-durch pathologisch vernderte Gewebe oder durch
-Intoxikationen auf nutritivem Wege ist ihnen a limine glaubhaft,
-nur dem Psychischen mgen sie keine primre Wirksamkeit
-zuerkennen. Da aber nie noch ein Beweis dafr erbracht
-worden ist, da dem Psychischen eher als dem Physischen
-die sekundre Rolle zufallen msse &mdash; alle Hinweise
-auf die Erhaltung der Energie sind von den berufensten
-Physikern selbst desavouiert worden &mdash; so kann man billig
-ber dieses Vorurteil hinweggehen. Auf die Blolegung des
-psychischen Mechanismus der Hysterie kann unendlich viel,
-ja &mdash; nichts spricht dagegen<a name="FNAnker_64_64" id="FNAnker_64_64"></a><a href="#Fussnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a> &mdash; mglicherweise <em class="gesperrt">alles</em> ankommen.
-Da hchstwahrscheinlich dieser Weg der richtige
-ist, darauf weist auch hin, da die wenigen bisherigen wahren
-Aufschlsse ber die Hysterie nicht anders gewonnen wurden:
-ich meine die mit den Namen <em class="gesperrt">Pierre Janet</em> und <em class="gesperrt">Oskar<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span>
-Vogt</em>, und besonders J. <em class="gesperrt">Breuer</em> und S. <em class="gesperrt">Freud</em> verknpften
-Forschungen. Jede weitere Aufklrung ber die Hysterie
-ist in der Richtung zu suchen, welche diese Mnner eingeschlagen
-haben: in der Richtung auf die Rekonstruktion
-des <em class="gesperrt">psychologischen</em> Prozesses, welcher zur Krankheit gefhrt
-hat.</p>
-
-<p>Schematisch hat man sich, wie ich glaube, die Entstehung
-derselben, unter Annahme eines <em class="gesperrt">sexuellen</em> traumatischen
-Erlebnisses als des hufigsten (nach <em class="gesperrt">Freud alleinigen</em>) Anlasses
-zur Erkrankung, so vorzustellen: eine Frau, die irgend
-eine sexuelle Wahrnehmung oder Vorstellung gehabt, diese
-durch ursprngliche oder Rckbeziehung auf sich selbst <em class="gesperrt">verstanden</em>
-hat, und diese nun, vermge der ihr aufgedrungenen
-und von ihr gnzlich bernommenen, <em class="gesperrt">in sie ber</em>gegangenen
-und ihr <em class="gesperrt">waches Bewutsein</em> allein beherrschenden mnnlichen
-Wertung <em class="gesperrt">als ganze zurckweist, ber sie emprt, unglcklich
-ist &mdash; und sie gleichzeitig vermge ihrer
-Beschaffenheit als Weib positiv wertet, bejaht,
-wnscht in ihrem tiefsten Unbewuten</em>; in der dann
-dieser Konflikt weiter schwrt, grt und zu Zeiten in
-einem Anfall aufbraust: eine solche Frau gewhrt das mehr
-oder minder typisch gewordene Krankheitsbild der Hysterie.
-So erklrt sich die Empfindung des von der Person, wie sie
-<em class="gesperrt">glaubt</em>, verabscheuten, tatschlich aber doch von etwas in
-ihr, von der ursprnglichen Natur, <em class="gesperrt">gewollten</em> Sexualaktes
-als eines <em class="gesperrt">Fremdkrpers im Bewutsein</em>. <em class="gesperrt">Die kolossale
-Intensitt des durch jeden Versuch zu seiner Unterdrckung
-nur gesteigerten Wunsches, die um so
-heftigere, beleidigtere Zurckweisung des Gedankens</em>
-&mdash; dies ist das Wechselspiel, das sich in der Hysterika
-vollzieht. Denn die <em class="gesperrt">chronische</em> Verlogenheit des Weibes
-wird <em class="gesperrt">akut</em>, wenn sie auf den <em class="gesperrt">Hauptpunkt</em> sich erstreckt,
-wenn die Frau sich auch die ethisch-negative Bewertung der
-Sexualitt vom Manne noch hat einverleiben lassen. Und
-da die Hysterischen die <em class="gesperrt">strkste Suggestibilitt</em> dem
-Manne gegenber offenbaren, ist ja bekannt. <b>Hysterie ist die
-organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes.</b>
-Ich leugne nicht, da es auch, wenngleich <em class="gesperrt">relativ</em> nur recht<span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span>
-<em class="gesperrt">selten</em>, hysterische <em class="gesperrt">Mnner</em> gibt: denn <em class="gesperrt">eine</em> unter den unendlich
-vielen Mglichkeiten, die psychisch im Manne liegen,
-ist es, zum Weibe und damit, gegebenenfalls, auch <em class="gesperrt">hysterisch</em>
-zu werden. Es gibt freilich auch verlogene <em class="gesperrt">Mnner</em>; aber
-da verluft die Krisis anders (wie auch ihre Verlogenheit
-stets eine andere, nie eine so vllig <em class="gesperrt">hoffnungslose</em> ist): sie
-fhrt zur, obschon oft nur vorbergehenden, <em class="gesperrt">Luterung</em>.</p>
-
-<p>Diese Einsicht in die organische Verlogenheit des
-Weibes, in seine Unfhigkeit zur Wahrheit ber sich selbst,
-die allein ermglicht, da es in einer Weise denke, die
-ihm gar nicht entspricht, scheint mir eine im Prinzip befriedigende
-Auflsung jener Schwierigkeiten, welche die tiologie
-der Hysterie darbietet. Wre die Tugend des Weibes echt, so
-knnte es durch sie nicht leiden; es bt nur die <em class="gesperrt">Lge</em> gegen
-die eigene, in Wirklichkeit ungeschwchte Konstitution. Im
-einzelnen bedarf nun noch manches der Erluterung und
-der Belege.</p>
-
-<p>Die Hysterie zeigt, da die Verlogenheit, so tief sie
-hinabreicht, doch nicht so fest sitzt, um <em class="gesperrt">alles</em> zu verdrngen.
-Das Weib hat ein ganzes System von ihm fremden Vorstellungen
-und Wertungen durch Erziehung oder Verkehr
-sich zu eigen gemacht, oder vielmehr: ihnen gehorsam alle
-Einflunahme auf sich gestattet; und es bedarf eines ganz
-gewaltigen Anstoes, um diesen groen, fest in sie eingewachsenen
-psychischen Komplex aus dem Sattel zu heben, und so
-das Weib in jenen Zustand intellektueller Hilflosigkeit, jener
-Abulie zu versetzen, welche fr die Hysterie so kennzeichnend
-ist. Ein auerordentlicher <em class="gesperrt">Schreck</em> etwa vermag den knstlichen
-Bau umzuwerfen und die Frau nun zum Schauplatz des
-Kampfes einer ihr unbewuten, verdrngten <em class="gesperrt">Natur</em> mit einem
-zwar bewuten, aber ihr unnatrlichen <em class="gesperrt">Geiste</em> zu machen.
-Das Hin- und Hergeworfenwerden zwischen beiden, welches
-nun anhebt, erklrt die auergewhnliche psychische Diskontinuitt
-whrend des hysterischen Leidens, das fortwhrende
-Wechseln verschiedener Stimmungen, von denen keine durch
-einen, ihnen allen noch bergeordneten Bewutseinskern ergriffen
-und festgehalten, beobachtet und beschrieben, erkannt
-und bekmpft werden kann. Auch hngt hiemit das berleichte<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span>
-Zusammenschrecken der Hysterischen zusammen. Doch lt
-sich vermuten, da viele Anlsse, auch wenn sie dem geschlechtlichen
-Gebiete <em class="gesperrt">objektiv</em> noch so fern liegen, von
-ihnen sexuell mgen apperzipiert werden; wer aber vermchte
-dann zu sagen, <em class="gesperrt">womit</em> das schreckhafte uere Erlebnis von
-scheinbar ganz <em class="gesperrt">a</em>sexueller Natur <em class="gesperrt">in ihnen</em> sich wieder verknpft
-hat?</p>
-
-<p>Hchst wunderbar ist immer das Zusammensein so vieler
-Widersprche in den Hysterischen erschienen. Sie sind einerseits
-von eminent kritischem Verstande und groer Urteilssicherheit,
-struben sich gegen die Hypnose u.&nbsp;s.&nbsp;w., u.&nbsp;s.&nbsp;w.,
-anderseits durch die geringfgigsten Anlsse am strksten
-excitierbar, und die tiefsten Grade hypnotischen Schlafes bei
-ihnen erreichbar. Sie sind, von da gesehen, abnorm keusch,
-von dort aus betrachtet, enorm sinnlich.</p>
-
-<p>All das ist hienach nicht schwer mehr zu erklren. Die
-grndliche Rechtschaffenheit, die peinliche Wahrheitsliebe, das
-strenge Meiden alles Sexuellen, das besonnene Urteil und die
-Willensstrke &mdash; <em class="gesperrt">all dies ist nur ein Teil jener Pseudopersnlichkeit</em>,
-welche die Frau <em class="gesperrt">in ihrer Passivitt vor
-sich und aller Welt zu spielen bernommen hat</em>. Alles,
-was ihrer <em class="gesperrt">ursprnglichen</em> Beschaffenheit angehrt und in
-deren Sinn liegt, bildet jene abgespaltene Person, jene unbewute
-Psyche, die <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> in Obscnitten sich ergehen
-kann und der suggestiven Beeinflussung so zugnglich
-ist. Man hat in den als duplex und multiplex personality,
-als double conscience, als Doppel-Ich benannten Tatsachen
-eines der strksten Argumente gegen die Annahme der <em class="gesperrt">einen</em>
-Seele erblicken wollen. In Wirklichkeit sind gerade diese
-Phnomene der bedeutsamste Fingerzeig dafr, <em class="gesperrt">da</em> und <em class="gesperrt">wo</em>
-man von einer Seele reden darf. <em class="gesperrt">Die Spaltungen der
-Persnlichkeit sind eben nur dort mglich, wo von
-Anfang an keine Persnlichkeit da ist, wie beim
-Weibe.</em> <em class="gesperrt">All</em> jene berhmten Flle, die <em class="gesperrt">Janet</em> in seinem
-Buche L'Automatisme psychologique beschrieben hat, <em class="gesperrt">beziehen
-sich auf Frauen</em>, kein einziger auf einen Mann.
-Nur die Frau, die, ohne Seele, ohne ein intelligibles Ich,
-nicht Kraft hat, alles in ihr Enthaltene bewut zu machen,<span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span>
-das Licht der Wahrheit ber ihrem Innern zu entznden,
-kann durch die vllig passive <em class="gesperrt">Durchflung</em> mit einem
-fremden Bewutsein, wie durch die im Sinne ihrer eigenen
-Natur gelegenen Regungen so bertlpelt werden, wie es
-Voraussetzung der von <em class="gesperrt">Janet</em> beschriebenen hysterischen Zustnde
-ist, nur bei ihr kann es zu derartig dichten Verkleidungen,
-zum Auftreten der <em class="gesperrt">Hoffnung</em> auf den Koitus als
-<em class="gesperrt">Angst vor</em> dem Akte, zur <em class="gesperrt">inneren Maskierung vor sich
-selbst</em> und Einspinnung des wirklichen Wollens wie in eine
-undurchdringliche Kokonhlle kommen. Die Hysterie selbst
-ist der Bankerott des aufgeprgten oberflchlichen Schein-Ich;
-deshalb macht sie das Weib zeitweilig innerlich beinahe zur
-tabula rasa: indem auch jeder eigene Trieb wie aus ihr
-hinweggerumt scheint (Anorexie); bis dann jene Versuche
-der wirklichen Weiblichkeit folgen, gegen ihre verlogene
-Verleugnung sich nun endlich durchzusetzen. Wenn jener
-nervse Choc, jenes psychische Trauma je wirklich ein
-asexuelles Schrecknis ist, so hat eben dieses die innere
-Schwche und Unhaltbarkeit des angenommenen Ich dargetan,
-es verscheucht, davongejagt und so die Gelegenheit
-fr den Ausbruch der echten Natur geschaffen.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Heraufkommen dieser</em> ist jener Gegenwille
-<em class="gesperrt">Freuds</em>, der wie ein fremder empfunden und durch die Zuflucht
-bei dem alten, nun aber morsch und brchig gewordenen
-Schein-Ich abgewehrt wird. Denn der Gegenwille wird zurckzudrngen
-versucht: frher hat jener uere <em class="gesperrt">Zwang</em>, den
-die Hysterika wie eine <em class="gesperrt">Pflicht</em> empfand, die eigene Natur
-unter die Bewutseinsschwelle verwiesen, sie verdammt
-und in Fesseln gelegt; nun sucht sie nochmals vor den befreiten,
-emporwollenden Gewalten in jenes System von Grundstzen
-sich zu flchten und mit seiner Hilfe die ungewohnten
-Anfechtungen abzuschtteln und niederzuschlagen; aber jenes
-hat zumindest seine Alleinherrschaft nun eingebt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Fremdkrper im Bewutsein, das
-schlimme Ich ist in Wirklichkeit ihre eigenste
-weibliche Natur, whrend, was <b>sie</b> fr ihr wahres Ich
-hlt, gerade die Person ist, die sie durch das Einstrmen
-alles <b>Fremden</b> wurde.</em> Der Fremdkrper ist<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span>
-die <em class="gesperrt">Sexualitt</em>, die sie nicht <em class="gesperrt">anerkennt</em>, deren Zugehrigkeit
-zu sich sie nicht zugibt; die sie aber doch nicht
-mehr zu <em class="gesperrt">bannen</em> vermag wie ehedem, da ihre Triebe vor
-der einwandernden Sittlichkeit sich geruschlos und wie fr
-immer zurckzogen. Zwar mgen sich auch jetzt noch die
-mit uerster Anspannung unterdrckten Sexualvorstellungen
-<em class="gesperrt">konvertieren</em> in alle mglichen Zustnde und so jenen
-proteusartigen Charakter des Leidens hervorbringen, jenes
-berspringen von Glied zu Glied, jene alles nachahmende
-und niemals konstante Gestalt, welche die Definition der
-Hysterie nach ihrem Symptomenbilde stets so sehr erschwert
-hat; aber in keiner Konversion von allen geht nunmehr
-der Trieb auf, er verlangt nach oben, in keiner Verwandlung
-findet er mehr seine <em class="gesperrt">Erschpfung</em>.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Unvermgen der Frauen zur Wahrheit</em> &mdash;
-fr mich, der ich auf dem Boden des Kantischen Indeterminismus
-stehe, folgt es aus ihrem Mangel an einem <em class="gesperrt">freien
-Willen zur Wahrheit</em> &mdash; bedingt ihre <em class="gesperrt">Verlogenheit</em>. Wer
-mit Frauen Umgang hatte, der wei, wie oft sie, <em class="gesperrt">unter dem
-momentanen Zwang auf eine Frage zu antworten</em>,
-ganz beliebig falsche Grnde fr das, was sie gesagt oder
-getan haben, aus dem Stegreif angeben. Nun ist es richtig,
-da gerade die Hysterischen peinlichst (aber nie ohne eine
-gewisse, demonstrative, Absichtlichkeit vor Fremden) jeder Unwahrheit
-aus dem Wege gehen: <em class="gesperrt">aber gerade hierin liegt,
-so paradox es klingt, ihre Verlogenheit</em>. Denn sie
-wissen nicht, da ihnen die ganze Wahrheitsforderung von
-auen gekommen und allmhlich eingepflanzt worden ist. Sie
-haben das Postulat der Sittlichkeit knechtisch acceptiert und
-geben darum, dem braven Sklaven gleich, bei jeder Gelegenheit
-zu erkennen, wie getreu sie es befolgen. Es ist immer
-auffllig, wenn man ber jemand oft hervorheben hrt, was
-fr ein ausnehmend anstndiger Mensch er sei: er hat dann
-sicherlich dafr gesorgt, da man es wisse, und man kann
-wetten, da er insgeheim ein Spitzbube ist. Es kann das Vertrauen
-zu der Echtheit der Moralitt der Hysterischen nicht frdern,
-wenn die rzte (natrlich in gutem Glauben) so oft betonen,
-wie hoch ihre Patienten in sittlicher Beziehung stnden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span>
-
-Ich wiederhole: die Hysterischen simulieren nicht bewut;
-nur unter dem Einflu der Suggestion kann ihnen
-klar werden, <em class="gesperrt">da</em> sie tatschlich simuliert haben, und nur
-so sind alle Gestndnisse der Verstellung zu erklren.
-<em class="gesperrt"><b>Sonst</b> aber glauben sie an ihre eigene Aufrichtigkeit
-und Moralitt</em>: Auch die Beschwerden, von denen sie
-gepeinigt werden, sind keine eingebildeten; vielmehr liegt
-darin, <em class="gesperrt">da</em> sie diese wirklich fhlen, und da die Symptome
-erst mit der <em class="gesperrt">Breuer</em>schen Katharsis verschwinden, welche
-ihnen die wahren Ursachen der Krankheit in der Hypnose
-successive <em class="gesperrt">zum Bewutsein</em> bringt, der <em class="gesperrt">Beweis</em> des <em class="gesperrt">Organischen</em>
-ihrer Verlogenheit.</p>
-
-<p>Auch die Selbstanklagen, welche die Hysterischen
-so laut zu erheben pflegen, sind nichts als unbewute
-Gleisnerei. Ein Schuldgefhl kann nicht echt sein, das sich
-auf kleinste wie auf grte Dinge <em class="gesperrt">gleichmig</em> erstreckt;
-htten die hysterischen Selbstquler das Ma der Sittlichkeit
-in sich und aus sich selbst, so wrden sie nicht so wahllos
-in ihren Selbstanklagen sein und nicht die geringfgigste
-Unterlassung schon <em class="gesperrt">gleich</em> schwer sich anrechnen wie den
-grten Fehl.</p>
-
-<p>Das entscheidende Zeichen fr die unbewute <em class="gesperrt">Verlogenheit</em>
-ihrer Selbstvorwrfe ist die Art, in der sie anderen
-zu sagen pflegen, wie schlecht sie seien, was fr Snden sie
-begangen htten, und jene fragen, ob sie selbst (die Hysterischen)
-nicht ganz und gar verworfene Geschpfe seien. Wessen Gewissensbisse
-ihn wirklich zu Boden drcken, der kann nicht so
-reden. Es ist eine <em class="gesperrt">Tuschung</em>, der besonders <em class="gesperrt">Breuer</em> und
-<em class="gesperrt">Freud</em> zum Opfer gefallen sind, wenn sie gerade die Hysteriker
-als eminent sittliche Menschen hinstellen. Denn diese haben nur
-ein ihnen ursprnglich Fremdes, die Moral, vollstndiger von
-auen in sich bergehen lassen als die anderen. Diesem
-Kodex unterstehen sie nun sklavisch, sie prfen nichts mehr
-selbstttig, wgen im einzelnen nichts mehr ab. Das kann
-sehr leicht den Eindruck des sittenstrengsten Rigorismus
-hervorrufen, und ist doch so unsittlich als mglich, denn es
-ist das Hchste, was an <em class="gesperrt">Heteronomie</em> berhaupt geleistet
-werden kann. Dem sittlichen Ziele einer <em class="gesperrt">sozialen</em> Ethik,<span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span>
-fr welche die Lge kaum ein Vergehen sein kann, wenn sie
-der Gesellschaft oder der Entwicklung der Gattung ntzt, diesem
-idealen Menschen einer solchen <em class="gesperrt">hetero</em>nomen Moral kommen die
-Hysterischen vielleicht nher als irgend ein anderes Wesen.
-<em class="gesperrt">Das hysterische Frauenzimmer ist die Probiermamsell
-der Erfolgs- und der Sozialethik</em>: sowohl genetisch, denn
-die sittlichen Vorschriften sind ihr wirklich von auen gekommen;
-als auch praktisch, denn sie wird am leichtesten
-altruistisch zu handeln scheinen: fr sie sind die Pflichten
-gegen andere nicht ein Sonderfall der Pflicht gegen sich
-selbst.</p>
-
-<p>Je getreuer die Hysterischen an die Wahrheit sich zu
-halten glauben, desto tiefer sitzt ihre Verlogenheit. Ihre
-vllige Unfhigkeit zur eigenen Wahrheit, zur Wahrheit ber
-sich &mdash; die Hysterischen denken nie ber sich nach und
-wollen nur, da der andere ber sie nachdenke, sie
-wollen ihn <em class="gesperrt">interessieren</em> &mdash; geht daraus hervor, da die
-Hysterischen die besten Medien fr alle Hypnose abgeben.
-Wer aber sich hypnotisieren lt, der begeht die unsittlichste
-Handlung, die denkbar ist. Er begibt sich in die vollendetste
-Sklaverei: er verzichtet auf seinen Willen, auf sein Bewutsein,
-ber ihn gewinnt der andere Gewalt und erzeugt in
-ihm das Bewutsein, das ihm hervorzubringen gutdnkt. So
-liefert die Hypnose den Beweis, wie alle <em class="gesperrt">Mglichkeit</em> der
-Wahrheit vom <em class="gesperrt">Wollen</em> der Wahrheit, d.&nbsp;h. aber vom
-Wollen seiner selbst, abhngt: wem in der Hypnose etwas
-aufgetragen wird, der fhrt es im Wachen aus, und ersinnt,
-um seine Grnde gefragt, auf der Stelle ein beliebiges Motiv
-dafr; ja, nicht nur vor anderen, auch vor sich selbst rechtfertigt
-er mit einer ganz aus der Luft gegriffenen Erklrung,
-weshalb er nun so handle. Man hat hier sozusagen eine experimentelle
-Besttigung der Kantischen Ethik. Wre der
-Hypnotisierte blo ohne Erinnerung, so mte er darber erschrecken,
-da er nicht <em class="gesperrt">wisse</em>, warum er etwas tue. Aber er
-erfindet sich ohne weiteres ein neues Motiv, das mit dem
-wahren Grunde, aus dem er die Handlung ausfhrt, gar nichts
-zu tun hat. Er hat eben auf sein Wollen verzichtet, und
-damit keine Fhigkeit zur Wahrheit mehr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span>
-
-<em class="gesperrt">Alle Frauen nun sind zu hypnotisieren und
-wollen gerne hypnotisiert werden</em>; am leichtesten, am
-strksten die Hysterischen. Selbst das Gedchtnis fr bestimmte
-Dinge aus ihrem Leben kann man &mdash; denn das Ich,
-der Wille, <em class="gesperrt">schafft</em> das Gedchtnis &mdash; bei Frauen durch die
-einfache Suggestion, da sie von ihnen nichts mehr
-wten, auslschen, vernichten.</p>
-
-<p>Jenes <em class="gesperrt">Breuer</em>sche Abreagieren der psychischen Konflikte
-durch den hypnotisierten Kranken liefert den zwingenden
-Beweis, da sein Schuldbewutsein kein ursprngliches
-war. Wer sich einmal aufrichtig schuldig gefhlt hat, ist von
-diesem Gefhle nie so vllig zu befreien, wie es die Hysterischen
-sind, unter dem bloen Einflu des fremden Wortes.</p>
-
-<p>Aber selbst diese Scheinzurechnung, welche die Frauen
-von hysterischer Konstitution an sich vollziehen, wird
-hinfllig im Augenblicke, wo die Natur, das sexuelle
-Begehren, sich durchzusetzen droht gegen die scheinbare
-Bndigung. Im hysterischen Paroxysmus geht nichts anderes
-im Weibe vor, als da es sich, ohne es mehr sich selbst, wie
-frher, ganz zu glauben, fort und fort versichert: das will
-<em class="gesperrt">ich</em> ja gar nicht, das will <em class="gesperrt">man</em>, das will jemand <em class="gesperrt">Fremder</em>
-<em class="gesperrt">von mir</em>, aber <em class="gesperrt">ich</em> will es <em class="gesperrt">nicht</em>. Jede Regung anderer wird
-nun zu jenem Ansinnen in Beziehung gebracht, das an sie,
-wie sie glaubt, von auen gestellt wurde, aber in Wahrheit
-ihrer eigenen Natur entstammt und deren tiefsten Wnschen
-vollauf entspricht; nur darum sind die Hysterischen im
-Anfall so leicht durch das Geringste aufzubringen. Es
-handelt sich da immer um die letzte verlogene Abwehr der
-in ungeheuerer Strke frei werdenden Konstitution; die
-<i>Attitudes passionnelles</i> der Hysterischen sind nichts als
-diese demonstrative Abweisung des Sexualaktes, die darum
-so laut sein mu, weil sie eben doch unecht ist, und so viel
-lrmender als frher, weil nun die Gefahr grer ist.<a name="FNAnker_65_65" id="FNAnker_65_65"></a><a href="#Fussnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a> Da
-so oft sexuelle Erlebnisse aus der Zeit vor der Pubertt in
-der akuten Hysterie die grte Rolle spielen, ist danach<span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span>
-leicht zu verstehen. Auf das Kind war der Einflu der
-fremden moralischen Anschauungen verhltnismig leicht
-auszuben, ohne einen erheblichen Widerstand in den noch
-fast gnzlich schlummernden sexuellen Wnschen berwinden
-zu mssen. Nun aber greift die blo zurckgedrngte, nicht
-berwundene Natur das alte, schon damals von ihr, nur
-ohne die Kraft es bis zum wachen Bewutsein emporzuheben
-und gegen dieses durchzusetzen, <em class="gesperrt">positiv</em> gewertete Erlebnis
-<em class="gesperrt">auf</em>, und stellt es nun erst gnzlich verfhrerisch dar. Jetzt
-ist das wahre Bedrfnis nicht mehr so leicht vom wachen
-Bewutsein fernzuhalten wie ehedem, und so ergibt sich die
-Krise. Da der hysterische Anfall selbst so viele verschiedene
-Formen zeigen und sich fortwhrend in ein neues
-Symptomenbild transmutieren kann, liegt vielleicht nur daran,
-da der Ursprung des Leidens nicht <em class="gesperrt">erkannt</em>, da die Tatsache,
-ein sexuelles Begehren sei da, vom Individuum nicht
-<em class="gesperrt">zugegeben</em>, nicht als von <em class="gesperrt">ihm</em> ausgegangen <em class="gesperrt">ins Auge gefat</em>,
-sondern einem zweiten Ich zugerechnet wird.</p>
-
-<p>Dies aber ist auch der Grundfehler aller rztlichen
-Beobachter der Hysterie, da sie sich von den Hysterischen
-hierin immer ebenso haben belgen lassen, wie diese sich
-allerdings auch selber aufsitzen<a name="FNAnker_66_66" id="FNAnker_66_66"></a><a href="#Fussnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a>: <em class="gesperrt">nicht das abwehrende
-Ich, sondern das abgewehrte ist die eigene, wahre
-und ursprngliche Natur der Hysterischen</em>, so eifrig
-diese auch sich selbst und anderen vormachen, da es ein
-Fremdes sei. Wre das abwehrende Ich wirklich ihr eigenes,
-so knnten sie der Regung, als einer ihnen fremden, <em class="gesperrt">gegenbertreten</em>,
-sie <em class="gesperrt">bewut werten</em> und klar entschieden <em class="gesperrt">abweisen</em>,
-sie gedanklich <em class="gesperrt">festlegen</em> und <em class="gesperrt">wieder erkennen</em>. So
-aber findet eine Maskierung statt, weil das abwehrende Ich nur
-geborgt ist, und darum der Mut fehlt, dem eigenen Wunsche
-ins Auge zu schauen, von dem man eben doch dumpf irgendwie
-fhlt, da er der echtgeborene, der allein mchtige ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span>
-Darum kann jenes Begehren auch nicht identisch bleiben,
-wo es an einem identischen Subjekte fehlt; und da es
-unterdrckt werden soll, springt es sozusagen ber von
-einem Krperteil auf den anderen. Denn die Lge ist vielgestaltig,
-sie nimmt immer neue Formen an. Man wird
-diesen Erklrungsversuch vielleicht mythologisch finden; aber
-wenigstens scheint sicher, da es immer nur ein und dasselbe
-ist, was jetzt als Kontraktur, dann wieder pltzlich als Hemiansthesie,
-und nun gar als Lhmung erscheint. Dieses eine
-ist das, was die Hysterika nicht als zu sich gehrig anerkennen
-will, und unter dessen Gewalt sie <em class="gesperrt">eben damit</em> gert: denn
-wrde sie es sich zurechnen und es beurteilen, wie sie alle
-geringfgigsten Dinge sonst sich zugerechnet hat, so wrde
-sie zugleich irgendwie auerhalb und oberhalb ihres Erlebnisses
-stehen. Gerade das Rasen und Wten der Hysterikerinnen
-gegen etwas, <em class="gesperrt">das sie als fremdes Wollen empfinden,
-obwohl es ihr eigenstes ist</em>, zeigt, da sie tatschlich
-ganz so sklavisch unter der Herrschaft der Sexualitt stehen
-wie die nichthysterischen Frauen, genau so von ihrem Schicksal
-besessen sind und nichts haben, was ber demselben
-steht: kein zeitloses, intelligibles, <em class="gesperrt">freies</em> Ich.</p>
-
-<p>Man wird nun mit Recht noch die Frage aufwerfen,
-warum nicht alle Frauen hysterisch, da doch alle verlogen
-seien. Es ist dies keine andere Frage als die nach der
-hysterischen Konstitution. Wenn die hier entwickelte Theorie
-das Richtige getroffen hat, so mu sie auch hierauf eine
-Antwort geben knnen, die mit der Wirklichkeit bereinstimmt.
-Die hysterische Frau ist nach ihr diejenige,
-welche in passiver Gefgigkeit den Komplex der mnnlichen
-und gesellschaftlichen Wertungen einfach acceptiert
-hat, statt ihrer sinnlichen Natur mglichsten Lauf lassen zu
-wollen. <em class="gesperrt">Die nicht folgsame Frau wird also das Gegenteil
-der Hysterika sein.</em> Ich will hiebei nicht lange verweilen,
-weil es eigentlich in die spezielle weibliche Charakterologie
-gehrt. Das hysterische Weib wird hysterisch als eine
-Folge seiner Knechtsamkeit, es ist identisch mit dem
-geistigen Typus der <em class="gesperrt">Magd</em>; ihr Gegenteil, die absolut unhysterische
-Frau (welche, als eine Idee, es in der Erfahrung<span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span>
-nicht gibt), wre die absolute <em class="gesperrt">Megre</em>. Denn auch dies ist
-ein Einteilungsgrund aller Frauen. Die Magd dient, die Megre
-herrscht.<a name="FNAnker_67_67" id="FNAnker_67_67"></a><a href="#Fussnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a> Zum Dienstmdchen kann und mu man geboren
-sein, und eignet sich sehr wohl manche Frau, die reich genug
-ist, um nie den Stand derselben ergreifen zu mssen. Und Magd
-und Megre stehen immer in einem gewissen Ergnzungsverhltnis.<a name="FNAnker_68_68" id="FNAnker_68_68"></a><a href="#Fussnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a></p>
-
-<p>Die Folgerung aus der Theorie wird nun von der Erfahrung
-vollauf besttigt. Die Xanthippe ist jene Frau, welche
-in der Tat am wenigsten hnlichkeit mit der Hysterika hat.
-Sie lt ihre Wut (die wohl auch nur auf mangelhafte
-sexuelle Befriedigung zurckgeht) an anderen, die hysterische
-Sklavin an sich selbst aus. Die Megre hat die anderen,
-die Magd hat sich. Alles, was die Megre drckt, bekommt
-der Nebenmensch zu spren; sie weint ebenso leicht
-wie die Magd, aber sie weint stets andere an. Die Sklavin
-schluchzt auch allein, ohne <em class="gesperrt">freilich je einsam zu sein</em> &mdash;
-Einsamkeit wre ja mit Sittlichkeit identisch und Bedingung
-jeder wahren Zweisamkeit und Mehrsamkeit; die Megre
-vertrgt das Alleinsein nicht, sie mu ihren Zorn an jemand
-auer sich auslassen, indes die Hysterische sich selbst
-verfolgt. Die Megre lgt offen und frech, aber ohne es zu
-wissen, weil sie von Natur <em class="gesperrt">immer</em> im Rechte zu sein glaubt;
-so beschimpft sie noch den anderen, der ihr widerspricht.
-Die Magd hlt sich gehorsam an die ihr von Natur ebenso
-fremde Wahrheitsforderung; die <em class="gesperrt">Verlogenheit</em> dieser fgsamen
-Ergebung kommt in ihrer Hysterie zum Vorschein:
-dann nmlich, wenn der Konflikt mit ihren eigenen sexuellen
-Wnschen da ist. Um dieser Rezeption und allgemeinen Empfnglichkeit
-willen mute die Hysterie und das hysterische
-Frauenzimmer so eingehend besprochen werden: dieser Typus,<span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span>
-nicht die Megre, ist es, der mir zuletzt noch htte entgegengehalten
-werden knnen.<a name="FNAnker_69_69" id="FNAnker_69_69"></a><a href="#Fussnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a></p>
-
-<p>Verlogenheit, organische Verlogenheit, charakterisiert
-aber beide und somit smtliche Frauen. Es ist ganz unrichtig,
-wenn man sagt, da die Weiber <em class="gesperrt">lgen</em>. Das wrde
-voraussetzen, da sie auch manchesmal die Wahrheit sagen.
-Als ob <em class="gesperrt">Aufrichtigkeit</em>, pro foro interno et externo, nicht
-gerade die Tugend wre, deren die Frauen <em class="gesperrt">absolut unfhig</em>
-sind, die ihnen <em class="gesperrt">vllig unmglich</em> ist! Es handelt
-sich darum, da man einsehe, <em class="gesperrt">wie eine Frau in ihrem
-ganzen Leben <b>nie</b> wahr <b>ist</b>, selbst, ja <b>gerade</b> dann nicht,
-wenn sie, wie die Hysterische, sich sklavisch an die
-fr sie <b>hetero</b>nome Wahrheitsforderung hlt und so
-<b>uerlich</b> doch die Wahrheit <b>sagt</b></em>.</p>
-
-<p>Ein Weib kann beliebig lachen, weinen, errten, ja es
-kann schlecht aussehen auf Verlangen: die Megre, wann sie,
-irgend einem Zweck zuliebe, es will; die Magd, wann der
-uere Zwang es verlangt, der sie, ohne da sie es wei,
-beherrscht. Zu solcher Verlogenheit fehlen dem Manne offenbar
-auch die organischen, physiologischen Bedingungen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ist so die <b>Wahrheitsliebe</b> dieses Frauentypus
-<b>nur als die ihm eigentmliche Form der Verlogenheit</b>
-entlarvt</em>, so ist von den anderen Eigenschaften, die an ihm
-gerhmt werden, von Anfang an zu erwarten, da es nicht
-besser mit ihnen werde bestellt sein. Seine Schamhaftigkeit,
-seine Selbstbeobachtung, seine Religiositt werden rhmend
-hervorgehoben. Die weibliche Schamhaftigkeit ist aber nichts
-anderes als Prderie, d.&nbsp;h. eine demonstrative Verleugnung
-und Abwehr der <em class="gesperrt">eigenen</em> Unkeuschheit. Wo irgend bei
-einem Weibe das wahrgenommen wird, was man als Schamhaftigkeit
-deutet, dort ist auch schon, im genau entsprechenden<span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span>
-Mae, Hysterie vorhanden. Die ganz unhysterische, die
-gnzlich unbeeinflubare Frau, d.&nbsp;i. die absolute Megre, wird
-nicht errten, auch wenn ihr der Mann etwas noch so
-Berechtigtes vorwirft; ein Anfang von Hysterie ist da, wenn
-das Weib unter dem unmittelbaren Eindruck des mnnlichen
-Tadels errtet; vollkommen hysterisch aber ist es erst, sobald
-es auch dann errtet, wenn es allein, und wenn kein
-fremder Mensch anwesend ist: denn dann erst ist es vom
-anderen, von der mnnlichen Wertung, <em class="gesperrt"><b>vollstndig</b> imprgniert</em>.</p>
-
-<p>Frauen, die dem nahe kommen, was man sexuelle
-Ansthesie oder Frigiditt genannt hat, sind, wie ich,
-in bereinstimmung mit Paul <em class="gesperrt">Solliers</em> Befunden, hervorheben
-kann, stets Hysterikerinnen. Die sexuelle Ansthesie
-ist eben nur <em class="gesperrt">eine</em> von den vielen hysterischen, d.&nbsp;h. unwahren,
-verlogenen Ansthesien. Es ist ja, besonders durch
-die Experimente von Oskar <em class="gesperrt">Vogt</em>, bekannt, da solche
-Ansthesien keinen wirklichen Mangel der Empfindung bedeuten,
-sondern nur einen Zwang, der gewisse Empfindungen
-vom Bewutsein fernhlt und ausschliet. Wenn man den
-ansthetisch gemachten Arm einer Hypnotisierten beliebig
-oft sticht und dem Medium aufgegeben hat, jene Zahl zu
-nennen, die ihm gleichzeitig einfalle, so nennt es die Zahl
-der Stiche, die es in seinem (dem somnambulen) Zustande,
-offenbar nur unter der Kraft eines bestimmten Bannes, nicht
-perzipieren durfte. So ist auch die sexuelle Frigiditt auf ein
-<em class="gesperrt">Kommando</em> entstanden: durch die zwingende Kraft der Imprgnation
-mit einer asexuellen, aus der Umgebung auf das
-empfngliche Weib bergegangenen Lebensanschauung; aber
-wie alle Ansthesie durch ein gengend starkes <em class="gesperrt">Kommando</em>
-auch wieder <em class="gesperrt">aufzuheben</em>.</p>
-
-<p>Ebenso wie mit der eigenen krperlichen Unempfindlichkeit
-gegen den Geschlechtsakt verhlt es sich mit dem
-Abscheu gegen Geschlechtlichkeit berhaupt. Ein solcher Abscheu,
-eine intensive Abneigung gegen alles Sexuelle, wird
-von manchen Frauen wirklich empfunden, und man knnte
-glauben, hier liege eine Instanz gegen die Allgemeingltigkeit
-der Kuppelei und gegen ihre Gleichsetzung mit der Weiblichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span>
-vor. Frauen, welche es krank machen kann, wenn
-sie ein Paar im Geschlechtsverkehre berraschen, sind aber
-stets Hysterikerinnen. So tritt hier vielmehr berzeugend die
-Richtigkeit der Theorie hervor, welche die Kuppelei als das
-Wesen der Frau hinstellte und die eigene Sexualitt derselben
-nur als einen besonderen Fall unterordnete: eine Frau kann
-nicht nur hysterisch werden durch ein sexuelles Attentat, das
-auf sie ausgebt wurde, und gegen das sie <em class="gesperrt">uerlich</em> sich
-wehrte, ohne es <em class="gesperrt">innerlich</em> zu verneinen, sondern ebenso
-durch den Anblick irgend eines koitierenden Paares, indem
-sie dessen Koitus noch negativ zu werten glaubt, wo schon
-die eingeborene Bejahung desselben mchtig durchbricht durch
-alles Angenommene und Knstliche, durch die ganze ihr aufgedrckte
-und einverleibte Denkweise, in deren Sinn sie
-sonst empfindet. Denn sie fhlt auch mit jeder sexuellen
-Vereinigung anderer nur sich selbst koitiert.</p>
-
-<p>Ein hnliches gilt von dem bereits kritisierten hysterischen
-Schuldbewutsein. Die absolute Megre fhlt sich
-berhaupt <em class="gesperrt">nie</em> schuldig, die leicht hysterische Frau nur in
-Gegenwart des Mannes, die ganz hysterische vor jenem Mann,
-der definitiv in sie bergegangen ist. Man komme nicht mit
-den Kasteiungen der Betschwestern und Berinnen, um das
-Schuldgefhl der Frauen zu beweisen. Gerade die extremen
-Formen, welche hier die Selbstzchtigung annimmt, machen
-sie verdchtig. Die Kasteiung beweist wohl in den meisten
-Fllen nur, da ein Mensch nicht <em class="gesperrt">ber</em> seiner Tat steht,
-da er sie nicht schon durch das Schuldbewutsein auf sich
-genommen hat; sie scheint viel eher ein Versuch zu sein, die
-Reue, die man doch nicht ganz innerlich empfindet, von auen
-sich aufzudrngen und ihr so die Strke zu geben, die sie an
-sich nicht hat.</p>
-
-<p>Damit hngt auch der vom einen dem anderen immer
-wieder nachgesprochene Irrtum zusammen, da die Frauen
-religis veranlagt seien. Die weibliche Mystik ist, wo sie ber
-simplen Aberglauben hinausgeht, <em class="gesperrt">entweder</em> eine sanft verhllte
-Sexualitt, wie bei den zahlreichen Spiritistinnen und
-Theosophinnen &mdash; diese Identifikation des Geliebten mit der
-Gottheit ist von Dichtern mehrfach behandelt worden, besonders<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span>
-von <em class="gesperrt">Maupassant</em>, in dessen bestem Romane
-<em class="gesperrt">Christus</em> fr die Frau des Bankiers <em class="gesperrt">Walter</em> die Zge des
-<em class="gesperrt">Bel-Ami</em> annimmt, und nach ihm von Gerhart <em class="gesperrt">Hauptmann</em>
-in <em class="gesperrt">Hanneles Himmelfahrt</em> &mdash;, <em class="gesperrt">oder</em> es ist der
-andere Fall verwirklicht, da auch die Religiositt vom Manne
-passiv und unbewut bernommen und um so krampfhafter festzuhalten
-gesucht wird, je strker ihr die eigenen natrlichen
-Bedrfnisse widersprechen. Bald wird der Geliebte zum Heiland;
-bald (wie man wei, bei so vielen Nonnen) der Heiland zum
-Geliebten. Alle groen Visionrinnen, welche die Geschichte
-nennt (vgl. Teil I, <a href="#Seite_85">S.&nbsp;85</a>), sind hysterisch gewesen; die berhmteste
-unter ihnen, die <em class="gesperrt">heilige Therese</em>, hat man nicht
-mit Unrecht die Schutzheilige der Hysterie genannt. Wre
-brigens die Religiositt der Frauen echt, und kme sie bei
-ihnen aus einem Inneren, so htten sie religis schpferisch
-sein knnen, ja, irgendwie sein mssen: sie sind es aber nie,
-nicht im mindesten, gewesen. Man wird verstehen, was ich
-meine, wenn ich den eigentlichen Unterschied zwischen mnnlichem
-und weiblichem Credo so ausspreche: die Religiositt
-des Mannes ist hchster Glaube <em class="gesperrt">an sich selbst</em>, die Religiositt
-des Weibes hchster Glaube <em class="gesperrt">an den anderen</em>.</p>
-
-<p>So bleibt nur noch die Selbstbeobachtung, die bei den
-Hysterikern oft als auerordentlich entwickelt bezeichnet wird.
-Da es aber blo der Mann ist, der in das Weib so weit eingedrungen
-ist, da er selbst <em class="gesperrt">in</em> ihr noch beobachtet, wird aus
-der Art und Weise klar, wie <em class="gesperrt">Vogt</em>, in weiterer und exakterer
-Anwendung eines zuerst von <em class="gesperrt">Freud</em> eingeschlagenen Verfahrens,
-die Selbstbeobachtung <em class="gesperrt">in der Hypnose</em> erzwang.
-Der fremde mnnliche Wille <em class="gesperrt">schafft</em> durch seinen Einflu
-<em class="gesperrt">in der hypnotisierten Frau einen Selbstbeobachter</em>,
-vermge der Erzeugung eines Zustandes systematisch eingeengten
-Wachseins. Aber auch auerhalb der Suggestion,
-im gesunden Leben der Hysterischen, ist es nur der Mann,
-mit dem sie imprgniert sind, welcher in ihnen beobachtet.
-So ist auch alle Menschenkenntnis der Frauen durchaus Imprgnation
-mit dem richtig beurteilten Manne. Im Paroxysmus
-schwindet jene knstliche Selbstbeobachtung vor der zum
-Durchbruch drngenden Natur dahin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span>
-
-Ganz so verhlt es sich auch mit dem <em class="gesperrt">Hellsehen</em>
-hysterischer Medien, das ohne Zweifel vorkommt und mit
-dem okkulten Spiritismus ebensowenig zu tun hat wie die
-hypnotischen Phnomene. Wie die Patientinnen <em class="gesperrt">Vogts</em> unter
-dem energischen Willen des Suggestors sich selbst vorzglich
-zu beobachten vermochten, so wird die Hellseherin unter dem
-Einflusse der drohenden Stimme eines Mannes, der sie zu
-allem zu zwingen vermag, auch zu telepathischen Leistungen
-fhig und liest aus weiter Ferne gehorsam mit verbundenen
-Augen die Schriftstcke in den Hnden fremder Menschen,
-was ich in Mnchen unzweideutig wahrzunehmen selbst Gelegenheit
-hatte. Denn im Weibe stehen nicht, wie im Manne,
-dem Willen zum Guten und Wahren sehr starke Leidenschaften
-unausrottbar <em class="gesperrt">entgegen</em>. Der mnnliche Wille hat
-ber das Weib mehr Gewalt als ber den Mann: er kann
-im Weibe etwas realisieren, dem im eigenen Hause zu viel
-Dinge sich <em class="gesperrt">widersetzen</em>. In <em class="gesperrt">ihm</em> wirkt ein Antimoralisches
-und ein Antilogisches <em class="gesperrt">wider</em> die Klrung, er will nie ganz
-allein die Erkenntnis, sondern immer noch anderes. <em class="gesperrt">ber
-die Frau aber kann der mnnliche Wille so vollstndig
-alle Gewalt gewinnen, da er sie sogar hellsichtig
-macht</em>, und alle Schranken der Sinnlichkeit fr <em class="gesperrt">sie</em>
-fortfallen.</p>
-
-<p>Darum ist das Weib eher telepathisch als der Mann,
-darum leistet es als <em class="gesperrt">Seherin</em> mehr als dieser, freilich nur,
-wenn es Medium, d.&nbsp;h. zum Objekt geworden ist, an welchem
-der <em class="gesperrt">mnnliche</em> Wille am leichtesten und vollkommensten
-sich verwirklicht. Auch die <em class="gesperrt">Wala</em> kann <em class="gesperrt">wissend</em> werden:
-aber erst, wenn sie von <em class="gesperrt">Wotan</em> <em class="gesperrt">bezwungen</em> ist. Sie kommt
-ihm hierin entgegen; denn ihre einzige Leidenschaft ist es
-eben, da sie gezwungen werden will.</p>
-
-<p>Das Thema der Hysterie ist hiemit, soweit es fr den
-Zweck dieser Untersuchung berhrt werden mute, auch erschpft.
-<em class="gesperrt">Jene Frauen, die als Beweise der weiblichen
-Sittlichkeit angefhrt werden, sind stets Hysterikerinnen</em>,
-und gerade in der Befolgung der Sittlichkeit, in
-dem Gebaren nach dem Moralgesetze, als ob dieses Gesetz
-das Gesetz ihrer Persnlichkeit wre, und nicht vielmehr,<span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span>
-ohne sie zu fragen, von ihnen kurzerhand <em class="gesperrt">Besitz</em> ergriffen
-htte, liegt die Verlogenheit und Unwahrheit dieser Sittlichkeit.
-Die hysterische Konstitution ist eine lcherliche Mimicry
-der mnnlichen Seele, eine Parodie auf die Willensfreiheit,
-die das Weib vor sich posiert in dem nmlichen Augenblicke,
-wo es dem mnnlichen Einflu am strksten unterliegt.
-Nichtsdestoweniger sind die hchststehenden Frauen eben
-Hysterikerinnen, wenn auch die Zurckdrngung der triebhaften
-Sexualitt, die sie ber die anderen Frauen erhebt, keine
-solche ist, die aus <em class="gesperrt">eigener</em> Kraft und in mutigem Kampfe
-mit einem zum <em class="gesperrt">Stehen</em> gezwungenen Gegner erfolgt wre.
-An den hysterischen Frauen aber <em class="gesperrt">rcht</em> sich wenigstens die
-eigene Verlogenheit, und insoferne kann man sie als ein
-wenn auch noch so <em class="gesperrt">verflschtes Surrogat</em> jener <em class="gesperrt">Tragik</em>
-gelten lassen, zu der es sonst dem Weibe an jeglicher Fhigkeit
-gebricht.</p>
-
-<p>Das Weib ist <em class="gesperrt">unfrei</em>: es wird schlielich immer bezwungen
-durch das Bedrfnis, vom Manne, in eigener Person
-wie in der aller anderen, <em class="gesperrt">vergewaltigt</em> zu werden; es steht
-unter dem Banne des Phallus und verfllt unrettbar seinem
-Verhngnis, auch wenn es nicht selbst zur vlligen Geschlechtsgemeinschaft
-gelangt. Das hchste, wozu ein Weib es bringen
-mag, ist ein dumpfes Gefhl dieser Unfreiheit, ein dsteres
-Ahnen eines Verhngnisses <em class="gesperrt">ber</em> sich &mdash; es kann dies offenbar
-nur der letzte Schimmer des <em class="gesperrt">freien</em> intelligiblen Subjektes
-sein, der kmmerliche Rest von angeborener Mnnlichkeit,
-der ihr, <em class="gesperrt">durch den Kontrast</em>, eine, wenn auch noch
-so schwache, <em class="gesperrt">Empfindung</em> der <em class="gesperrt">Notwendigkeit</em> gestattet:
-es gibt kein absolutes Weib. Aber ein klares <em class="gesperrt">Bewutsein</em>
-ihres Schicksales und des Zwanges, unter dem sie steht, ist
-der Frau <em class="gesperrt">unmglich</em>: <em class="gesperrt">nur der Freie <b>erkennt</b> ein Fatum</em>,
-weil er nicht in die Notwendigkeit <em class="gesperrt">einbegriffen</em> ist, sondern,
-wenigstens mit einem Teile seines Selbst, einem Zuschauer
-und einem Kmpfer, auerhalb seines Schicksals und ber
-diesem steht. Die Frau hlt sich gerade darum meist fr
-<em class="gesperrt">un</em>gebunden, weil sie <em class="gesperrt">ganz</em> gebunden, und leidet nicht an
-der Leidenschaft, weil sie selbst nichts <em class="gesperrt">ist</em> als Leidenschaft.
-<em class="gesperrt">Nur der Mann</em> konnte von der dira necessitas in sich<span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span>
-sprechen, nur er die Konzeption einer Moira und einer
-Nemesis fassen, nur er Parzen und Nornen schaffen: weil er
-nicht nur empirisches, <em class="gesperrt">bedingtes</em>, sondern auch intelligibles,
-<em class="gesperrt">freies</em> Subjekt ist.</p>
-
-<p>Aber, wie schon gesagt: selbst wenn eine Frau ihre
-eigene Determiniertheit zu ahnen beginnt, ein klares <em class="gesperrt">Bewutsein</em>
-derselben, eine Auffassung und ein Verstndnis
-ist dies nicht zu nennen; denn dazu wre der <em class="gesperrt">Wille</em> zu
-einem Selbst erfordert. Vielmehr bleibt es bei einem schweren
-dunklen Gefhl, das zu einem verzweifelten Aufbumen
-fhrt, aber nicht zu einem entschlossenen, in sich die Mglichkeit
-des Sieges bergenden Kampfe. Ihre Sexualitt, die
-sie stets knechten wird, zu berwinden, sind die Frauen unvermgend.
-Die Hysterie war eine solche ohnmchtige Abwehrbewegung
-gegen die Geschlechtlichkeit. Wre der
-Kampf gegen die eigene Begier redlich und echt, wre deren
-Niederlage <em class="gesperrt">aufrichtig gewollt</em>, so wre sie ihr zu bereiten
-dem Weibe auch <em class="gesperrt">mglich</em>. Die Hysterie aber ist
-selbst das, was von den Hysterikerinnen angestrebt wird;
-sie <em class="gesperrt">suchen</em> nicht wirklich zu <em class="gesperrt">genesen</em>. <em class="gesperrt">Die Verlogenheit
-dieser Demonstration gegen die Sklaverei
-bedingt ihre Hoffnungslosigkeit.</em> Die vornehmsten
-Exemplare des Geschlechtes mgen fhlen, da Knechtschaft
-ihnen nur eben darum ein Mu ist, weil sie sie
-wnschen &mdash; man denke an <em class="gesperrt">Hebbels</em> <em class="gesperrt">Judith</em> und <em class="gesperrt">Wagners</em>
-<em class="gesperrt">Kundry</em> &mdash; aber auch dies gibt ihnen keine Kraft, sich in
-Wahrheit gegen den Zwang zur Wehre zu setzen: im letzten
-Augenblicke kssen sie dennoch den Mann, der sie notzchtigt,
-und suchen den zu ihrem Herrn zu machen, der
-sie zu vergewaltigen zgert. <em class="gesperrt">Das Weib steht wie unter
-einem Fluche.</em> Es kann ihn fr Augenblicke pressend auf
-sich lasten fhlen, aber es entrinnt ihm <em class="gesperrt">nie</em>, weil ihm die
-Wucht zu s dnkt. Sein Schreien und Toben ist im Grunde
-<em class="gesperrt">unecht</em>. Es will seinem Fluche gerade dann am schtigsten
-erliegen, wenn es ihn am entsetztesten zu meiden sich geberdet.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span>
-
-Von der langen Reihe jener frheren Aufstellungen,
-welche den Mangel des Weibes an irgend welchem angeborenen,
-unveruerlichen Verhltnis zu den <em class="gesperrt">Werten</em> behaupteten,
-ist keine einzige zurckzuziehen oder auch nur einzuschrnken
-gewesen. Selbst durch all das, was den Menschen insgemein
-weibliche Liebe, weibliche Frmmigkeit, weibliche Scham und
-weibliche Tugend heit, sind sie nicht umgestoen worden;
-sie haben sich vor dem strksten Ansturm, vor dem Heere der
-hysterischen Imitationen aller mnnlichen Vorzge, behaupten
-knnen. Nicht allein durch die Kraft des, mit dem Weibe
-selbst der Fernzeugung fhigen mnnlichen Spermas &mdash; auf
-welches die unglaubliche geistige Vernderung aller Frauen
-in der Ehe sicherlich zunchst zurckgeht &mdash; sondern auch
-vom mnnlichen <em class="gesperrt">Bewutsein</em>, und sogar vom <em class="gesperrt">sozialen
-Geiste</em> wird das Weib, jenes empfngliche Weib, das hier
-allein in Betracht kommt, <em class="gesperrt">von frhester Jugend auf</em> erfllt,
-imprgniert und umgebildet. So erklrt es sich, da alle
-jene Eigenschaften des mnnlichen Geschlechtes, die dem
-weiblichen an sich nicht zukommen, nichtsdestoweniger von
-diesem in so sklavischer Nachahmung zur Erscheinung gebracht
-werden knnen; wonach die vielen Irrtmer ber die
-hhere Sittlichkeit des Weibes leichter begreiflich werden.</p>
-
-<p>Aber noch ist diese erstaunliche Rezeptivitt der Frau
-ein isoliertes Faktum der Erfahrung und von der Darstellung
-nicht in jenen Zusammenhang mit den brigen positiven
-und negativen Eigenschaften des Weibes gebracht, welchen
-das theoretische Bedrfnis wnschenswert erscheinen lt.
-Was hat die Bildsamkeit des Weibes mit seiner Kuppelei,
-was seine Sexualitt mit seiner Verlogenheit zu tun? <em class="gesperrt">Warum
-ist all dies gerade in dieser Vereinigung <b>im Weibe</b>
-beisammen?</em></p>
-
-<p>Und noch ist erst zu begrnden, <em class="gesperrt">woher</em> es komme, da
-die Frau alles in sich aufnehmen kann. Wie ist jene Verlogenheit
-mglich, die das Weib selber whnen lt, das zu glauben,
-was es nur von anderen vernommen, das zu haben, was es
-nur von ihnen bekommen, das zu sein, was es nur durch
-sie geworden ist?</p>
-
-<p>Um hierauf eine Antwort zu geben, mu nochmals, zum<span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span>
-letzten Male, vom geraden Wege abgebogen werden. Man
-erinnert sich vielleicht noch, wie das <em class="gesperrt">tierische Wiedererkennen</em>,
-das psychische quivalent der allgemein-organischen
-bungsfhigkeit, vom <em class="gesperrt">menschlichen Gedchtnis</em> als ein
-gnzlich Verschiedenes und doch hnliches abgetrennt wurde:
-indem beide eine gleichsam ewige Nachwirkung des zeitlich
-begrenzten einmaligen Eindruckes bedeuten, das Gedchtnis
-aber, zum Unterschiede vom unmittelbaren passiven Wiedererkennen,
-sein Wesen in der aktiven Reproduktion des Vergangenen
-findet.<a name="FNAnker_70_70" id="FNAnker_70_70"></a><a href="#Fussnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> Spter wurde bloe Individuation als die
-Eigenschaft alles Organischen wohl unterschieden von Individualitt,
-welche nur der Mensch besitzt.<a name="FNAnker_71_71" id="FNAnker_71_71"></a><a href="#Fussnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a> Und schlielich
-machte sich die Notwendigkeit einer genauen Distinktion
-zwischen Geschlechtstrieb und Liebe fhlbar, von denen
-ebenfalls nur der erste den nichtmenschlichen Lebewesen zugesprochen
-werden konnte.<a name="FNAnker_72_72" id="FNAnker_72_72"></a><a href="#Fussnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a> Dennoch waren beide verwandt,
-in ihren Gemeinheiten wie in ihren Erhabenheiten (als Bestrebungen
-zur eigenen Verewigung).</p>
-
-<p>Auch der Wille zum Wert wurde fter als charakteristisch
-fr den Menschen hingestellt, indes die Tiere nur ein Streben
-nach Lust kennen und der Wertbegriff ihnen fremd ist.<a name="FNAnker_73_73" id="FNAnker_73_73"></a><a href="#Fussnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a>
-Zwischen <em class="gesperrt">Lust</em> und <em class="gesperrt">Wert besteht</em> eine <em class="gesperrt">Analogie, und
-doch sind beide grundverschieden</em>: die Lust <em class="gesperrt">wird</em> begehrt,
-der Wert <em class="gesperrt">soll</em> begehrt werden; beide werden noch
-immer ganz widerrechtlich verwechselt, und so in Psychologie
-und Ethik die grte Konfusion dauernd festgehalten. Aber
-dieses Durcheinanderflieen hat nicht nur zwischen dem Wert-
-und dem Lustbegriff stattgefunden; es ist den Unterscheidungen
-zwischen Persnlichkeit und Person, zwischen Wiedererkennen
-und Gedchtnis, zwischen Geschlechtstrieb und Liebe
-nicht besser ergangen: alle diese Gegenstze werden fortwhrend
-zusammengeworfen, und was noch bezeichnender ist,
-fast stets von denselben Menschen, mit denselben theoretischen
-Anschauungen und wie in einer gewissen Absichtlichkeit, um
-den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu verwischen.</p>
-
-<p>Auch weitere, bisher kaum berhrte Distinktionen
-werden hier meist vernachlssigt. Tierisch ist die <em class="gesperrt">Enge des<span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span>
-Bewutseins</em>, rein menschlich ist die <em class="gesperrt">aktive Aufmerksamkeit</em>:
-beide haben, das sieht jeder klar, ein Gemeinsames,
-und doch auch ein Verschiedenes. Nicht anders steht es mit
-der so vielen gelufigen Zusammenwerfung von <em class="gesperrt">Trieb</em> und
-<em class="gesperrt">Wille</em>. Der Trieb ist allen Lebewesen gemeinschaftlich, im
-Menschen kommt noch der Wille hinzu, der frei ist und kein
-psychologisches Faktum bildet, weil er allem speziellen psychologischen
-Erleben zu Grunde liegt. Da Trieb und Wille fast
-immer als identisch betrachtet werden, hieran trgt brigens
-nicht blo der Einflu <em class="gesperrt">Darwins</em> die Schuld; sondern es
-kommt von ihr fast ebensoviel auf Rechnung des unklaren,
-einerseits ganz allgemein <em class="gesperrt">natur</em>philosophischen, anderseits
-eminent <em class="gesperrt">ethischen</em> Willensbegriffes von Arthur <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>.</p>
-
-<p>Ich stelle zusammen:</p>
-
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Gegenberstellung von Eigenschaften">
-<tr><td align="center"><em class="gesperrt"><b>Auch</b></em></td><td align="center"><em class="gesperrt"><b>Nur</b></em></td></tr>
-<tr><td align="center">tierisch, beziehungsweise organisch berhaupt sind:</td><td align="center">dem Menschen, respektive dem menschlichen <em class="gesperrt">Manne</em> eigen:</td></tr>
-<tr><td align="center">Individuation</td><td align="center">Individualitt</td></tr>
-<tr><td align="center">Wiedererkennen</td><td align="center">Gedchtnis</td></tr>
-<tr><td align="center">Lust</td><td align="center">Wert</td></tr>
-<tr><td align="center">Geschlechtstrieb</td><td align="center">Liebe</td></tr>
-<tr><td align="center">Enge des Bewutseins</td><td align="center">Aufmerksamkeit</td></tr>
-<tr><td align="center">Trieb</td><td align="center">Wille</td></tr>
-</table></div>
-
-<p>Man sieht, wie sich ber <em class="gesperrt">jede</em> Eigenschaft <em class="gesperrt">alles</em>
-Lebendigen im <em class="gesperrt">Menschen</em> noch eine <em class="gesperrt">andere</em>, in gewisser
-Beziehung <em class="gesperrt">verwandte und doch hhere</em> legt. Die uralte
-tendenzise Identifikation der beiden Reihen und, auf der
-anderen Seite, das Bedrfnis, sie immer wieder auseinanderzuhalten,
-weisen auf ein Gemeinsames hin, das die Glieder jeder
-Reihe miteinander verbindet und scheidet von allen Gliedern
-der zweiten. Es nimmt sich zunchst aus, als ob hier im Menschen
-ein <em class="gesperrt">berbau</em> von hheren Eigenschaften ber korrelative
-niedere Erscheinungen aufgefhrt wre. Man knnte an eine
-Lehre des <em class="gesperrt">indischen Geheimbuddhismus</em> sich erinnert<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span>
-fhlen, an seine Theorie von der <em class="gesperrt">Menschheitswelle</em>.
-Es ist nmlich gleichsam, als wre jeder blo tierischen Eigenschaft
-im Menschen eine verwandte und doch einer hheren
-Sphre angehrige Qualitt <em class="gesperrt">superponiert</em>, wie eine Schwingung
-einer anderen sich addiert: jene niederen Eigenschaften
-fehlen dem Menschen keineswegs, allein es ist zu ihnen in ihm
-etwas hinzugekommen. Was ist dieses neu Dazugetretene?
-Worin unterscheidet es sich vom anderen und worin gleicht
-es ihm? Denn die Tafel zeigt unverkennbar, da jedes Glied
-der linken Reihe mit jedem, auf gleicher Hhe stehenden, Gliede
-der rechten eine hnlichkeit hat, und doch wieder anderseits
-<em class="gesperrt">alle</em> Glieder <em class="gesperrt">jeder</em> Reihe eng zueinander gehren.
-Woher diese merkwrdige bereinstimmung bei gleichzeitiger
-ganz abgrundtiefer Verschiedenheit?</p>
-
-<p>Die linksstehenden Dinge sind fundamentale Eigenschaften
-alles animalischen respektive pflanzlichen <em class="gesperrt">Lebens</em>.
-Alles solche Leben ist Leben von Individuen, nicht von ungegliederten
-Massen, es uert sich als Trieb, um Bedrfnisse
-zu befriedigen, insonderheit als Sexualtrieb, um sich fortzupflanzen.
-Individualitt, Gedchtnis, Wille, Liebe knnen
-somit als Eigenschaften eines <em class="gesperrt">zweiten</em> Lebens gelten, das
-mit dem organischen Leben eine gewisse Verwandtschaft
-haben und doch von ihm toto coelo verschieden sein wird.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Es ist keine andere als die Idee des ewigen,
-hheren, <b>neuen</b> Lebens der Religionen und speziell
-des Christentums, deren tiefe Berechtigung uns hier
-entgegentritt.</em> Neben dem organischen hat der Mensch
-noch teil an einem anderen Leben, der &#950;&#969;&#942; &#945;&#953;&#974;&#957;&#953;&#959;&#962; des
-neuen Bundes. Wie jenes Leben von irdischer Speise sich
-nhrt, so bedarf dieses der geistigen Atzung (Symbol des
-<em class="gesperrt">Abendmahles</em>). Wie jenes eine Geburt und einen Tod, so
-kennt auch dieses eine Begrndung &mdash; die <em class="gesperrt">sittliche Wiedergeburt</em>
-des Menschen, die <em class="gesperrt">Regeneration</em> &mdash; und einen
-Untergang: den <em class="gesperrt">endgltigen</em> Verfall in Irrsinn oder Verbrechen.
-Wie jenes bestimmt wird durch kausale Naturgesetze
-von auen, so bindet sich dieses durch normierende
-Imperative von innen. Jenes ist von begrenzter Art <em class="gesperrt">zweckmig</em>;<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span>
-dieses, in unendlicher unbegrenzter Herrlichkeit, ist
-<em class="gesperrt">vollkommen</em>.<a name="FNAnker_74_74" id="FNAnker_74_74"></a><a href="#Fussnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a></p>
-
-<p>Die Eigenschaften, welche die linke Reihe aufzhlt, sind
-allem niedrigen Leben gemeinsam; die Merkmale aus der
-rechten Kolumne sind die korrespondierenden Zeichen des
-ewigen Lebens, Knder eines hheren Seins, an welchem der
-Mensch, und nur er allein, noch berdies Anteil hat. Die
-ewige Verwechslung und die stets erneute Auseinanderhaltung
-beider Reihen, des hheren und des niederen Lebens, bildet
-das Hauptthema aller Historie des menschlichen Geistes:
-<em class="gesperrt">dies</em> ist <em class="gesperrt">das Motiv der Weltgeschichte</em>.</p>
-
-<p>Man mag in diesem zweiten Leben etwas erblicken,
-das sich im Menschen zu den, frher vorhandenen, anderen
-Eigenschaften hinzuentwickelt habe; hier soll ber diese
-Frage nicht entschieden werden. Doch wird wohl eine tiefere
-Auffassung jenes sinnliche und sinnenfllige, hinfllige Leben
-nicht als den Erzeuger des hheren, geistigen, ewigen, sondern
-umgekehrt, im Sinne des vorigen Kapitels, das erstere als
-eine Projektion des letzteren auf die Sinnlichkeit, als seine
-Abbildung im Reiche der Notwendigkeit, als sein <em class="gesperrt">Heruntersteigen</em>,
-seine <em class="gesperrt">Erniedrigung</em> zu diesem, als seinen <em class="gesperrt">Sndenfall</em>
-ansehen mssen. Denn nur der <em class="gesperrt">letzte Abglanz</em> der
-hheren Idee von einem ewigen Leben ist es, der auf die
-Fliege fllt, die mich belstigt, und mich hindern kann, sie
-zu tten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das absolute Weib jedoch</em>, dem Individualitt und
-Wille mangeln, das keinen Teil hat am Werte und an der
-Liebe, ist, so knnen wir jetzt sagen, <em class="gesperrt">von jenem hheren,
-transcendenten, metaphysischen Sein ausgeschlossen</em>.
-Die intelligible hyperempirische Existenz des <em class="gesperrt">Mannes</em> ist<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span>
-erhaben ber Stoff, Raum und Zeit; in <em class="gesperrt">ihm</em> ist Sterbliches
-genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat die Mglichkeit,
-zwischen beiden zu whlen; zwischen jenem Leben, das mit
-dem irdischen Tode vergeht, und jenem, fr welches dieser
-erst eine Herstellung in gnzlicher Reine bedeutet. Nach
-diesem vollkommen zeitlosen Sein, nach dem absoluten Werte,
-geht aller tiefste Wille im Manne: er ist eins mit dem Unsterblichkeitsbedrfnis.
-Und da die Frau kein Verlangen nach
-persnlicher Fortdauer hat, wird so endlich <em class="gesperrt">ganz</em> klar: in
-ihr ist nichts von jenem ewigen Leben, das der Mann durchsetzen
-will und durchsetzen soll gegen sein rmliches Abbild
-in der Sinnlichkeit. Irgend eine Beziehung zur Idee des
-hchsten Wertes, zur Idee des Absoluten, zur Idee jener
-<em class="gesperrt">vlligen Freiheit</em>, die er noch nicht besitzt, weil er immer
-<em class="gesperrt">auch determiniert</em> ist, die er aber erlangen kann, weil
-der Geist Gewalt hat ber die Natur: eine solche Beziehung
-zur Idee berhaupt, oder zur Gottheit, hat jeder Mann: indem
-zwar durch sein Leben auf Erden eine Trennung und Loslsung
-vom Absoluten erfolgt ist, aber die Seele sich aus
-dieser Verunreinigung, als der <em class="gesperrt">Erbsnde</em>, wieder hinaussehnt.</p>
-
-<p>Wie die Liebe seiner Eltern keine reine zur Idee war,
-sondern mehr oder weniger eine sinnliche Verkrperung suchte,
-so will auch der Sohn, der eben das ist, worauf diese Liebe
-hinauslief, so lang er lebt, nicht blo das ewige, sondern auch
-das zeitliche Leben: wir erschrecken vor dem Gedanken des
-Todes, wehren uns gegen ihn, klammern uns an das irdische
-Dasein und beweisen dadurch, da wir geboren zu werden
-<em class="gesperrt">wnschten</em>, als wir geboren wurden, indem wir <em class="gesperrt">noch immer</em> in
-diese Welt geboren zu werden verlangen. Ein Mensch, der vor
-dem irdischen Tode gar keine Furcht mehr htte, wrde in
-eben diesem Augenblicke sterben; denn er htte nur mehr
-den reinen Willen zum ewigen Leben, und dieses soll und
-kann der Mensch selbstndig in sich verwirklichen: es <em class="gesperrt">schafft
-sich</em>, wie <em class="gesperrt">alles</em> Leben selbst sich schafft.</p>
-
-<p>Weil aber jeder Mann in einem Verhltnis zur Idee des
-hchsten Wertes steht, ohne dieser Idee ganz teilhaft zu
-sein, darum gibt es keinen Mann, der <em class="gesperrt">glcklich</em> wre.
-<em class="gesperrt">Glcklich sind nur die Frauen.</em> Kein Mann fhlt sich<span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span>
-glcklich, denn ein jeder hat eine Beziehung zur Freiheit,
-und ist doch auf Erden immer noch irgendwie unfrei. Glcklich
-kann sich nur ein gnzlich passives Wesen fhlen, wie das
-echte Weib, oder ein gnzlich aktives, wie die Gottheit.
-Glck wre das Gefhl der Vollkommenheit, dieses Gefhl
-kann ein Mann nie haben; wohl aber gibt es Frauen, die
-sich vollkommen dnken. Der Mann hat immer Probleme
-hinter sich und Aufgaben vor sich: alle Probleme wurzeln in
-der Vergangenheit; das Land der Aufgaben ist die Zukunft.
-Fr das Weib ist denn auch die Zeit gar nicht <em class="gesperrt">gerichtet</em>,
-sie hat ihr keinen <em class="gesperrt">Sinn</em>: es gibt keine Frau, die sich die
-Frage nach dem <em class="gesperrt">Zwecke</em> ihres Lebens stellte; <em class="gesperrt">doch die
-Einsinnigkeit der Zeit ist nur der Ausdruck dafr,
-da dieses Leben einen Sinn gewinnen soll und kann</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Glck</em> fr den Mann: das knnte nur ganze, reine <em class="gesperrt">Aktivitt</em>
-sein, vllige Freiheit, nie ein geringer, aber auch nicht
-der hchste Grad von Unfreiheit: denn seine Schuld huft
-sich, je weiter er von der Idee der Freiheit sich entfernt.
-Das irdische Leben <em class="gesperrt">ist</em> ihm ein <em class="gesperrt">Leiden</em> und <em class="gesperrt">mu</em> es sein,
-schon weil in der Empfindung der Mensch eben doch <em class="gesperrt">passiv</em> ist;
-weil ein Affiziertwerden stattfindet, weil es Materie und nicht
-nur Formung der Erfahrung gibt. Es ist kein Mensch, welcher
-der Wahrnehmung nicht bedrfte, selbst der geniale Mensch
-wre nichts ohne sie, auch wenn er, mchtiger und schneller
-als alle anderen, alsbald mit dem ganzen Gehalte seines Ich
-sie erfllt und durchdringt, und nicht einer vollstndigen Induktion
-bedarf, um die Idee eines Dinges zu erkennen. Die
-<em class="gesperrt">Rezeptivitt</em> ist durch keinen <em class="gesperrt">Fichte</em>schen Gewaltstreich
-aus der Welt zu schaffen: in der Sinnesempfindung ist der
-Mensch <em class="gesperrt">passiv</em>, und seine Spontaneitt, seine Freiheit gelangt
-erst im <em class="gesperrt">Urteil</em> zur Geltung und in jener Form eines universalen
-<em class="gesperrt">Gedchtnisses</em>, das alle Erlebnisse dem <em class="gesperrt">Willen</em> des
-Individuums zu reproduzieren vermag. Annherungen an die
-hchste Spontaneitt, scheinbar schon Verwirklichungen
-gnzlicher Freiheit, sind dem Manne die Liebe und das
-geistige Schaffen. Darum gewhren am ehesten <em class="gesperrt">sie</em> ihm eine
-Ahnung dessen, <em class="gesperrt">was</em> das <em class="gesperrt">Glck</em> ist, und lassen ihn seine
-Nhe, auf Augenblicke freilich nur, zitternd ber sich verspren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span>
-
-Der Frau hingegen, die nie tief unglcklich sein kann,
-ist <em class="gesperrt">darum</em> Glck eigentlich ein leeres Wort: auch der Begriff
-des Glckes ist vom Manne, vom <em class="gesperrt">unglcklichen</em> Manne
-geschaffen worden, obwohl er in ihm nie eine adquate Realisation
-findet. Die Frauen scheuen sich nie, ihr Unglck
-anderen zu zeigen: weil es eben kein echtes Unglck ist,
-weil hinter ihm keine Schuld steht, am wenigsten die Schuld
-des Erdenlebens als der Erbsnde.</p>
-
-<p>Der letzte, der absolute Beweis der vlligen Nichtigkeit
-des weiblichen Lebens, seines vlligen Mangels an hherem
-<em class="gesperrt">Sein</em>, wird uns aus der Art, wie Frauen den Selbstmord
-vollziehen. Ihr Selbstmord erfolgt nmlich wohl immer
-mit dem Gedanken an die anderen Menschen, was diese
-sich denken, wie diese sie bedauern, wie sie sich grmen
-oder &mdash; sich rgern werden. Das ist nicht so zu verstehen,
-als ob die Frau nicht von ihrem, nach ihrer Ansicht <em class="gesperrt">stets
-un</em>verdienten Unglck fest durchdrungen wre im Augenblicke,
-da sie sich ttet: im Gegenteil, vor dem Selbstmord
-bemitleidet sie sich am allerheftigsten, nach jenem Schema
-des Mitleidens mit sich selbst, das nur ein Mitweinen mit
-den anderen ber das Objekt des Mitgefhls des anderen,
-ein vlliges Aufhren Subjekt zu sein, ist. Wie knnte auch
-eine Frau ihr Unglck <em class="gesperrt">als zu sich gehrig</em> ansehen, da
-sie doch unfhig ist, ein Schicksal zu haben? Das Frchterliche
-und fr die <em class="gesperrt">Leerheit und Nullitt der Frauen</em> Entscheidende
-ist vielmehr dies, da sie nicht einmal <em class="gesperrt">vor dem
-Tode</em> zum <em class="gesperrt">Probleme</em> des Lebens, <em class="gesperrt">ihres</em> Lebens gelangen:
-weil in ihnen nicht ein hheres Leben der Persnlichkeit
-realisiert werden wollte.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Frage also, welche im Eingang dieses zweiten
-Teiles als sein Hauptproblem formuliert wurde, die
-Frage nach der Bedeutung des Mann-Seins und
-Weib-Seins, kann jetzt beantwortet werden. Die
-Frauen haben keine Existenz und keine Essenz</em>,
-sie <em class="gesperrt"><b>sind</b></em> nicht, sie sind <em class="gesperrt"><b>nichts</b></em>. <em class="gesperrt">Man <b>ist</b> Mann oder
-man <b>ist</b> Weib, je nachdem ob man wer <b>ist</b> oder nicht.</em></p>
-
-<p>Das Weib hat keinen Teil an der ontologischen Realitt;
-darum hat es kein Verhltnis zum Ding an sich, das<span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span>
-fr jede tiefere Auffassung identisch ist mit dem Absoluten,
-der Idee oder Gott. Der Mann, in seiner Aktualitt, dem
-Genie, glaubt an das Ding an sich: ihm ist es entweder das
-Absolute als sein hchster Begriff von wesenhaftem Werte:
-dann ist er Philosoph. Oder es ist das wundergleiche
-Mrchenland seiner Trume, das Reich der absoluten Schnheit:
-dann ist er Knstler. <em class="gesperrt">Beides aber bedeutet dasselbe.</em></p>
-
-<p>Das Weib hat kein Verhltnis zur Idee, es bejaht sie
-weder, noch verneint es sie: es ist weder moralisch noch
-antimoralisch, es hat, mathematisch gesprochen, <em class="gesperrt">kein Vorzeichen</em>,
-es ist richtungslos, weder gut noch bse, weder
-Engel noch Teufel, es ist <em class="gesperrt">amoralisch</em> wie es <em class="gesperrt">alogisch</em> ist.
-Alles Sein aber ist moralisches und logisches Sein. <em class="gesperrt">Die
-Frau also <b>ist</b> nicht.</em></p>
-
-<p>Das Weib ist verlogen. Das Tier hat zwar ebensowenig
-metaphysische Realitt wie die echte Frau; aber es spricht
-nicht, und folglich lgt es nicht. Um die Wahrheit reden zu
-knnen, mu man etwas <em class="gesperrt">sein</em>; denn die Wahrheit geht auf
-ein <em class="gesperrt">Sein</em>, und zum Sein kann nur der ein <em class="gesperrt">Verhltnis</em> haben,
-der selbst etwas <em class="gesperrt">ist</em>. Der Mann will die ganze Wahrheit
-das heit, er will <em class="gesperrt">nur <b>sein</b></em>. Auch der Erkenntnistrieb ist zuletzt
-<em class="gesperrt">identisch</em> mit dem Unsterblichkeitsbedrfnis. Wer dagegen
-ber einen Tatbestand etwas aussagt, ohne wirklich
-mutig ein Sein behaupten zu wollen; wem die uere Urteilsform
-gegeben ist ohne die innere; wer, wie die Frau, nicht
-wahrhaft <em class="gesperrt">ist</em>: der <em class="gesperrt">mu</em> notwendig <em class="gesperrt">immer</em> lgen. <em class="gesperrt">Darum lgt
-die Frau stets, auch wenn sie objektiv die Wahrheit
-spricht.</em></p>
-
-<p>Das Weib kuppelt. Die Lebenseinheiten des niederen
-Lebens sind Individuen, Organismen; die Lebenseinheiten
-des hheren Lebens sind Individualitten, Monaden, Meta-Organismen,
-wie ein nicht wegzuwerfender Terminus bei
-<em class="gesperrt">Hellenbach</em> lautet. Jede Monade aber unterscheidet sich
-von jeder anderen, und ist von ihr so getrennt, wie zwei
-Dinge nur sein knnen. Die Monaden haben keine Fenster;
-statt dessen haben sie die ganze Welt <em class="gesperrt">in</em> sich. Der Mann
-als die Monade, als potentielle oder aktuelle, das ist geniale
-Individualitt, will auch <em class="gesperrt">berall sonst</em> Unterschied und<span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span>
-Trennung, Individuation, Auseinandertreten: der naive Monismus
-ist ausschlielich weiblich. Jede Monade bildet fr sich
-eine abgeschlossene Einheit, ein Ganzes; aber auch das
-fremde Ich ist ihr eine solche vollendete Totalitt, in die sie
-nicht bergreift. Der Mann <b><em class="gesperrt">hat</em> Grenzen</b>, und <em class="gesperrt">bejaht, will</em>
-Grenzen; die Frau, die keine Einsamkeit kennt, ist auch
-nicht imstande, die Einsamkeit des Nebenmenschen als
-solche zu bemerken und aufzufassen, zu achten oder zu ehren,
-und sie unangetastet anzuerkennen: fr sie gibt es, weil
-keine Einsamkeit, auch keine Mehrsamkeit, sondern nur ein
-ungeschiedenes Verschmolzensein. Weil in der Frau kein Ich
-ist, darum ist fr sie auch kein Du, <em class="gesperrt">darum gehren, nach
-ihrer Auffassung, Ich und Du <b>zusammen</b> als <b>Paar</b>, als
-ununterschiedenes Eines: darum kann die Frau zusammenbringen,
-darum kann sie kuppeln</em>. Die Tendenz
-ihrer Liebe ist die Tendenz ihres Mitleidens: die Gemeinschaft,
-die Verschmolzenheit.<a name="FNAnker_75_75" id="FNAnker_75_75"></a><a href="#Fussnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a></p>
-
-<p>Fr die Frau gibt es nirgends <em class="gesperrt">Grenzen</em> ihres Ich, die
-durchbrochen werden knnten, und die sie zu hten htte.
-Hierauf beruht zunchst der Hauptunterschied zwischen mnnlicher
-und weiblicher <em class="gesperrt">Freundschaft</em>. Alle <em class="gesperrt">mnnliche</em>
-Freundschaft ist ein Versuch zusammenzugehen unter dem
-Zeichen einer und derselben <em class="gesperrt">Idee</em>, welcher die Freunde, jeder
-fr sich, gesondert und doch vereint, nachstreben; die <em class="gesperrt">weibliche</em>
-Freundschaft ist ein Zusammen<em class="gesperrt">stecken</em>, und zwar,<span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span>
-was besonders hervorzuheben ist, unter dem Gedanken der
-<em class="gesperrt">Kuppelei</em>. Denn auf dieser beruht die einzig mgliche Art
-eines intimeren und nicht hinterhltigen Verkehres zwischen
-Frauen: soweit diese berhaupt nicht blo des Klatsches
-oder materieller Interessen halber gerade weibliche Gesellschaft
-aufsuchen.<a name="FNAnker_76_76" id="FNAnker_76_76"></a><a href="#Fussnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> Wenn nmlich von zwei Mdchen oder
-Frauen die eine fr sehr viel schner gilt als die andere, dann
-findet die hliche <em class="gesperrt">eine gewisse sexuelle Befriedigung</em>
-in der Bewunderung, welche der Schneren gezollt wird.
-Bedingung jeder Freundschaft zwischen Frauen ist also zu
-oberst, da ein Rivalisieren zwischen ihnen ausgeschlossen
-sei: es gibt keine Frau, die sich nicht krperlich mit jeder
-anderen Frau sofort vergliche, welche sie kennen lernt. Lediglich
-in jenen Fllen groer <em class="gesperrt">Un</em>gleichheit und <em class="gesperrt">aussichtsloser</em>
-Konkurrenz kann die Hliche fr die Schnere
-schwrmen, weil diese fr sie, ohne da es beiden im geringsten
-bewut wrde, das nchste Mittel ist, <em class="gesperrt">selbst sexuell
-befriedigt zu werden</em>: es ist nicht anders, sie fhlt sich
-gleichsam <em class="gesperrt"><b>in</b> jener</em> koitiert.<a name="FNAnker_77_77" id="FNAnker_77_77"></a><a href="#Fussnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> Das vllig <em class="gesperrt">unpersnliche</em>
-Leben der Frauen, wie auch der berindividuelle Sinn ihrer
-Sexualitt, die Kuppelei als der Grundzug ihres Wesens,
-leuchtet hieraus deutlich hervor. Sie verkuppeln sich <em class="gesperrt">wie</em> die
-anderen, sich <em class="gesperrt">in</em> den anderen. <em class="gesperrt">Das Mindeste, was auch
-das hlichste Weib verlangt, und woran es schon
-ein gewisses Gengen findet, ist, da berhaupt
-irgend eine ihres Geschlechtes bewundert, begehrt
-werde.</em></p>
-
-<p>Mit diesem vllig verschmolzenen Leben des Weibes
-hngt es zusammen, da die Frauen <em class="gesperrt">nie wirklich Eifersucht</em>
-fhlen. So gemein Eifersucht und Rachedurst sind,
-es steckt in beiden ein Groes, dessen die Frauen, wie aller<span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span>
-Gre, im Guten oder im Bsen, <em class="gesperrt">un</em>fhig sind. In der Eifersucht,
-liegt ein verzweifelter Anspruch auf ein vorgebliches
-Recht, und der Rechtsbegriff ist den Frauen transcendent.
-Aber der hauptschlichste Grund, da die Frau auf einen
-einzelnen Mann nie ganz eiferschtig sein kann, ist ein anderer.
-Wenn der Mann, auch einer, in den sie rasend verliebt
-wre, im Zimmer neben dem ihren eine andere Frau umarmte
-und bese, so wrde sie der Gedanke hieran sexuell
-selbst so erregen, da fr die Eifersucht kein Platz bliebe.
-Dem Manne wrde eine solche Scene, wenn er um sie wte,
-hchst widerlich und abstoend sein, und ihm den Aufenthalt
-in der Nhe verekeln; das Weib bejaht innerlich beinahe
-fieberhaft den ganzen Hergang; oder es wird hysterisch, wenn
-es sich nicht eingestehen will, da es zu tiefst auch diese
-Vereinigung nur <em class="gesperrt">gewnscht</em> hat.</p>
-
-<p>Ferner gewinnt ber den Mann der Gedanke an
-den fremden Koitus nie vllig Gewalt, er steht auer und
-ber einem solchen Erlebnis, das fr ihn eigentlich gar
-keines ist; die Frau aber verfolgt den Proze kaum selbst<em class="gesperrt">ttig</em>,
-sie ist in <em class="gesperrt">fieberhafter Erregung</em> und wie <em class="gesperrt">festgebannt</em>
-durch den Gedanken, was hart neben ihr sich
-vollzieht.</p>
-
-<p>Oft mag auch das Interesse des <em class="gesperrt">Mannes</em> an seinem
-Mitmenschen, der ihm ein Rtsel ist, bis auf dessen sexuelles
-Leben sich erstrecken; aber jene <em class="gesperrt">Neugier</em>, welche den
-Nebenmenschen gewissermaen zur Sexualitt <em class="gesperrt">zwingt</em>, ist nur
-den Weibern eigentmlich, von ihnen jedoch ganz allgemein
-bettigt, in gleicher Weise Frauen wie Mnnern gegenber.
-Eine Frau interessieren an jedem Menschen zunchst und vor
-allem seine <em class="gesperrt">Liebschaften</em>, und er ist ihr intellektuell nur so
-lange dunkel und reizvoll, als sie ber diesen Punkt nicht
-im Klaren ist.</p>
-
-<p>Aus alledem geht nochmals klar hervor, da Weiblichkeit
-und Kuppelei identisch sind: eine rein <em class="gesperrt">immanente</em>
-Betrachtung des Gegenstandes wrde denn auch mit dieser
-Feststellung ihr Ende erreicht haben mssen. Meine Absicht
-ging aber weiter; und ich glaube nun bereits angedeutet zu
-haben, wie das Weib als Position, als Kupplerin, zusammenhngt<span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span>
-mit dem Weibe als Negation, das eines hheren Lebens
-als Monade gnzlich entbehrt. Das Weib verwirklicht eine
-einzige Idee, die ihm selbst eben darum nie zum Bewutsein
-kommen kann, jene Idee, welche der Idee der Seele am
-uersten entgegengesetzt ist. Ob sie nun als Mutter nach
-dem Ehebett verlangt oder als Dirne das Bacchanal bevorzugt,
-ob sie zu zweien Familie begrnden will oder nach den
-Massenverschlingungen des Venusberges hinstrebt, sie handelt
-stets <em class="gesperrt">nach der Idee der Gemeinschaft</em>, jener Idee, welche
-die <em class="gesperrt">Grenzen</em> der Individuen, durch <em class="gesperrt">Vermischung</em>, am
-weitesten aufhebt.</p>
-
-<p>So ermglicht hier eines das andere: Emissrin des
-Koitus kann nur ein Wesen ohne Individualitt, ohne Grenzen
-sein. Nicht ohne Grund ist in der Beweisfhrung so weit ausgeholt
-worden, wie es sicherlich noch nie in einer Behandlung
-dieses Gegenstandes, noch auch sonst je einer charakterologischen
-Arbeit geschehen ist. Das Thema ist darum so ergiebig,
-weil hier der Zusammenhang alles hheren Lebens auf
-der einen und alles niederen Lebens auf der anderen Seite
-sich offenbaren mu. Jede Psychologie und jede Philosophie
-findet hier einen Prfstein, vorzglicher als die meisten anderen,
-auf da sie an ihm sich erprobe. Nur darum bleibt das
-Problem Mann-Weib in aller Charakterologie das interessanteste
-Kapitel, nur darum habe ich es zum Objekte einer
-so umfassenden, weit ausgreifenden Untersuchung gewhlt.</p>
-
-<p>Man wird an dem Punkte, zu welchem die Darlegung
-nun gelangt ist, sicherlich offen fragen, was man
-bisher vielleicht nur als Bedenken bei sich erwogen hat: ob
-denn dieser Anschauung die Frauen berhaupt noch Menschen
-seien? Ob sie nach der Theorie des Verfassers nicht eigentlich
-unter die Tiere oder die Pflanzen gerechnet werden
-mten? Denn sie entbehrten, nach seiner Auffassung, einer
-hheren als der sinnlichen Existenz nicht minder denn jene,
-sie htten so wenig teil am ewigen Leben wie die brigen
-Organismen, denen persnliche Fortdauer kein Bedrfnis und
-keine Mglichkeit ist. Eine metaphysische Realitt sei beiden
-gleich wenig beschieden, sie <em class="gesperrt">seien</em> alle nicht, das Weib
-nicht, noch auch das Tier, noch die Pflanze &mdash; alle nur Erscheinung,<span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span>
-nirgends etwas vom Ding an sich. Der Mensch
-ist, nach der Ansicht, die sein Wesen am tiefsten erfat hat,
-ein Spiegel des Universums, er ist der Mikrokosmus; die
-Frau aber ist absolut ungenial, sie lebt nicht im tiefen Zusammenhange
-mit dem All.</p>
-
-<p>In <em class="gesperrt">Ibsens</em> Klein Eyolf spricht das Weib an einer
-schnen Stelle zum Manne:</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Rita</em>: Wir sind doch schlielich nur Menschen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Allmers</em>: Auch mit Himmel und Meer sind wir ein wenig
-verwandt, Rita.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Rita</em>: <em class="gesperrt">Du vielleicht. Ich nicht.</em></p>
-
-<p>Ganz bndig liegt hierin die Einsicht des Dichters, da
-die Frau zur Idee der Unendlichkeit, zur Gottheit, kein
-Verhltnis hat: weil ihr die Seele fehlt. Zum <em class="gesperrt">Brahman</em>
-dringt man, nach den Indern, nur durch das <em class="gesperrt">tman</em> vor.
-Das Weib ist nicht Mikrokosmus, es ist nicht nach dem
-Ebenbilde der Gottheit entstanden. Ist es also noch Mensch?
-Oder ist es Tier? Oder Pflanze?</p>
-
-<p>Den Anatomen mssen diese Fragen wohl recht lcherlich
-bednken, und er wird einen Standort von vornherein fr
-verfehlt halten, auf dessen Boden solche Problemstellungen
-erwachsen knnen. Ihm ist das Weib homo sapiens und
-von allen brigen Spezies wohl unterschieden, dem menschlichen
-Manne nicht anders zugeordnet als das Weibchen in
-jeder Art und Gattung sonst seinem Mnnchen. Und der
-Philosoph darf gewi nicht sagen: Was gehen mich die
-Anatomen an! Mag er auch von dieser Seite noch so wenig
-Verstndnis erhoffen fr das, was ihn bewegt: er spricht hier
-ber anthropologische Dinge, und, wenn er die Wahrheit
-findet, darf auch die morphologische Tatsache um ihr Recht
-nicht verkrzt worden sein.</p>
-
-<p>In der Tat! Zwar stehen die Frauen sicherlich in ihrem
-Unbewuten der Natur nher als der Mann. Die Blumen
-sind ihre Schwestern, und da sie von den Tieren minder
-weit entfernt sind als der Mann, dafr zeugt, da sie zur
-Sodomie sicherlich mehr Neigung haben als er (Pasiphae-
-und Leda-Mythus. Auch das Verhltnis zum Schohndchen
-ist wahrscheinlich ein noch weit sinnlicheres, als man gewhnlich<span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span>
-es sich ausmalt).<a name="FNAnker_78_78" id="FNAnker_78_78"></a><a href="#Fussnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a> Aber die Frauen sind Menschen.
-Selbst W, die wir ohne jede Spur des intelligiblen Ich denken,
-ist doch immerhin das Komplement zu M. Und sicherlich ist
-die Tatsache der besonderen <em class="gesperrt">sexuellen</em> und <em class="gesperrt">erotischen</em> Ergnzung
-des menschlichen Mannes durch das <em class="gesperrt">menschliche</em>
-Weib wenn auch nicht jene sittliche Erscheinung, von welcher
-die Frsprecher der Ehe schwatzen, so doch von ungeheuerer
-Bedeutung fr das Problem der Frau. Die Tiere sind
-ferner blo Individuen, die Frauen Personen (wenn auch nicht
-Persnlichkeiten). Die uere Urteilsform, wenn auch nicht
-die innere, die Sprache, obgleich nicht die Rede, ein gewisses
-Gedchtnis, obschon keine kontinuierliche Einheit des
-Selbstbewutseins ist ihnen verliehen. Fr alles im Manne
-besitzen sie eigentmliche <em class="gesperrt">Surrogate</em>, die noch fortwhrend
-jene Verwechslungen begnstigen, denen die Schtzer der
-Weiblichkeit so gerne unterliegen.</p>
-
-<p>Es ist keine andere Frage als die nach dem <em class="gesperrt">letzten
-Wesen des Geschlechtsgegensatzes</em>, die hiemit neu aufgeworfen
-erscheint. Die Rolle, welche das mnnliche und
-das weibliche Prinzip im Tier- und im Pflanzenreiche spielen,
-bleibt hier <em class="gesperrt">auer</em> Betracht; es handelt sich einzig um den
-Menschen. Da solche Prinzipien der Mnnlichkeit und
-Weiblichkeit nicht als metaphysische Ideen, sondern als
-theoretische Begriffe angenommen werden mssen, darauf lief
-die ganze Untersuchung gleich zu Anfang hinaus. Welche
-gewaltigen Unterschiede zwischen Mann und Weib, weit ber die
-bloe physiologisch-sexuelle Differenz hinaus, ohne Frage zumindest
-beim <em class="gesperrt">Menschen</em> bestehen, das hat der ganze weitere
-Verlauf der Betrachtung gezeigt. Jene Anschauung also, welche
-in der Tatsache des Dualismus der Geschlechter nichts weiter
-erblickt als eine Vorrichtung zur Distribution verschiedener
-Funktionen auf verschiedene Wesen im Sinne einer Teilung
-der physiologischen Arbeit &mdash; eine Auffassung, die, wie ich<span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span>
-glaube, dem Zoologen <em class="gesperrt">Milne-Edwards</em> ihre besondere Verbreitung
-zu danken hat &mdash; erscheint hienach vllig unannehmbar;
-ber ihre ans Lcherliche streifende Oberflchlichkeit
-und intellektuelle Gengsamkeit ist weiter kein Wort zu
-verlieren. Zwar ist der <em class="gesperrt">Darwinismus</em> der Popularisierung dieser
-Ansicht besonders gnstig gewesen, und man hat sogar
-ziemlich allgemein an ein Hervorgehen der geschlechtlich
-differenzierten Organismen aus einem frheren Stadium
-sexueller Ungeschiedenheit gedacht: durch einen Sieg der einer
-solchen Funktionsentlastung teilhaft gewordenen Wesen ber
-die primitiveren, berbrdeten, ungeschlechtlichen oder doppelgeschlechtlichen
-Arten. Da aber eine solche Entstehung
-des Geschlechtes infolge der Vorzge der Arbeitsteilung,
-der Erleichterung im Kampfe ums Dasein eine, ganz <em class="gesperrt">unvollziehbare
-Vorstellung ist</em>, hat, lange vor den modernen
-Totenkfern <em class="gesperrt">Darwins</em>, Gustav Theodor <em class="gesperrt">Fechner</em> in
-einer unwiderleglichen Argumentation dargetan.</p>
-
-<p>Isoliert ist der Sinn von Mann und Weib nicht zu erforschen;
-sie knnen in ihrer Bedeutung nur aneinander erkannt und
-gegeneinander bestimmt werden. <em class="gesperrt">In ihrem Verhltnis zueinander</em>
-mu der Schlssel fr das Wesen <em class="gesperrt">beider</em> zu finden
-sein. Bei dem Versuche, die Natur der Erotik zu ergrnden,
-ist bereits kurz auf ihn angespielt worden. <em class="gesperrt">Es ist das Verhltnis
-von Mann und Weib kein anderes als das
-von <b>Subjekt</b> und <b>Objekt</b>. <b>Das Weib sucht seine Vollendung
-als Objekt.</b></em> Es ist die <em class="gesperrt">Sache</em> des Mannes, oder
-die <em class="gesperrt">Sache</em> des Kindes, und will, trotz aller Bemntelung,
-nicht anders genommen werden denn wie eine <em class="gesperrt">Sache</em>.
-Niemand miversteht so sehr, was eine Frau wirklich will,
-als wer sich fr das interessiert, was in ihr vorgeht, und
-fr ihre Gefhle und Hoffnungen, fr ihre Erlebnisse und
-innere Eigenart eine Teilnahme in sich aufkommen lt. Die
-Frau <em class="gesperrt">will nicht</em> als <em class="gesperrt">Subjekt</em> behandelt werden, sie will
-stets und in alle Wege &mdash; das ist eben ihr Frau-Sein &mdash;
-lediglich <em class="gesperrt">passiv</em> bleiben, <em class="gesperrt">einen Willen auf sich gerichtet
-fhlen</em>, sie will nicht gescheut noch geschont, <em class="gesperrt">sie will
-nicht <b>geachtet</b> sein</em>. Ihr Bedrfnis ist vielmehr, nur
-als Krper begehrt, und nur als fremdes Eigentum besessen<span class="pagenum"><a name="Seite_392" id="Seite_392">[S. 392]</a></span>
-zu werden. <em class="gesperrt">Wie die bloe Empfindung erst
-Realitt gewinnt, indem sie begrifflich, d.&nbsp;h. <b>Gegenstand</b>
-wird, so gelangt das Weib zu seinem Dasein
-und zu einem Gefhle desselben erst, indem es vom
-Manne oder vom Kinde, als dem Subjekte, zu dessen
-<b>Objekt</b> erhoben wird, und so eine Existenz geschenkt
-erhlt.</em></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Was erkenntnistheoretisch der Gegensatz des
-Subjekts zum Objekt, das sagt ontologisch die
-Gegenberstellung von <b>Form</b> und <b>Materie</b>.</em> Sie ist nur
-die bersetzung jener Unterscheidung aus dem Transcendentalen
-ins Transcendente, aus dem Erfahrungskritischen
-ins Metaphysische. Die Materie, das absolut <em class="gesperrt">Un</em>individualisierte,
-das, was <em class="gesperrt">jede</em> Form annehmen kann, selbst aber keine
-bestimmten und dauernden Eigenschaften hat, ist das, was
-so wenig <em class="gesperrt">Essenz</em> besitzt, wie der bloen Empfindung, der
-Materie der Erfahrung, an sich schon <em class="gesperrt">Existenz</em> zukommt.
-Whrend also der Gegensatz von Subjekt und Objekt ein
-solcher der Existenz ist (<em class="gesperrt">indem die Empfindung erst als
-ein dem Subjekte gegenbergestellter Gegenstand
-Realitt gewinnt</em>), bedeutet der Gegensatz von Form und
-Materie einen Unterschied der Essenz (<em class="gesperrt">die Materie ist ohne
-Formung absolut qualittenlos</em>). Darum konnte <em class="gesperrt">Platon</em>
-die Stofflichkeit, die bildsame Masse, das an sich formlose
-&#7940;&#960;&#949;&#953;&#961;&#959;&#957;, den knetbaren Teig des &#7952;&#954;&#956;&#945;&#947;&#949;&#8150;&#959;&#957;, das, worein die
-Form eingeht, ihren Ort, ihre &#967;&#974;&#961;&#945;, das &#7952;&#957; &#8103;, jenes ewig
-<em class="gesperrt">Zweite</em>, <em class="gesperrt">Andere</em>, das &#952;&#940;&#964;&#949;&#961;&#959;&#957;, auch <b>als das Nichtseiende</b>, als
-das &#8052; &#8004;&#957; bezeichnen. Der zieht den tiefsten Denker auf das
-Niveau der vordersten Oberflchlichkeit, der ihn, wie dies
-hufig geschieht, meinen lt, sein Nichtseiendes sei der
-<em class="gesperrt">Raum</em>. Gewi wird kein bedeutender Philosoph dem Raum
-eine metaphysische Existenz zuschreiben, aber ebensowenig
-kann er ihn fr <em class="gesperrt">das</em> Nichtseiende an sich halten. Es
-charakterisiert gerade den ahnungslosen, frechen Schwtzer,
-da der leere Raum fr ihn Luft, Nichts ist; erst
-dem vertieften Nachdenken gewinnt er an Realitt, und wird
-ihm Problem. Das Nichtseiende <em class="gesperrt">Platons</em> ist gerade das,
-was dem <em class="gesperrt">Philister</em> als das denkbar <em class="gesperrt">Realste</em>, als die Summation<span class="pagenum"><a name="Seite_393" id="Seite_393">[S. 393]</a></span>
-der Existenzwerte erscheint, <em class="gesperrt">es ist nichts anderes
-als die Materie</em>.</p>
-
-<p>Ist es also eine zu klaffende Diskontinuitt, wenn ich im
-Anschlu an <em class="gesperrt">Plato</em>, der selbst sein jede Form Annehmendes
-vergleichsweise als die <em class="gesperrt">Mutter</em> und <em class="gesperrt">Amme</em> alles Werdens
-bezeichnet, auf den Spuren des <em class="gesperrt">Aristoteles</em>, dessen Naturphilosophie
-<em class="gesperrt">im Zeugungsakte</em> dem weiblichen Prinzip die
-<em class="gesperrt">stoffliche</em>, dem mnnlichen die <em class="gesperrt">formende</em> Rolle zuerteilt
-hat &mdash; ist es Willkr, wenn ich, in bereinstimmung mit
-dieser Anschauung und Erweiterung derselben, <em class="gesperrt">die Bedeutung
-des Weibes fr den Menschen nun berhaupt in
-der Vertretung der Materie erblicke</em>? Der Mann, als
-Mikrokosmus, ist beides, zusammengesetzt aus hherem und
-niederem Leben, aus metaphysisch Existentem und Wesenlosem,
-aus Form und Materie: das <em class="gesperrt">Weib</em> ist <em class="gesperrt">nichts</em>, <em class="gesperrt">es ist
-<b>nur</b> Materie</em>.</p>
-
-<p>Erst <em class="gesperrt">diese</em> Erkenntnis bildet den Schlustein des Gebudes,
-von ihr aus wird alles deutlich, was noch unklar
-war, und rundet sich zum geschlossenen Zusammenhange.
-Das geschlechtliche Streben des Weibes geht nach <em class="gesperrt">Berhrung</em>,
-es ist nur <em class="gesperrt">Kontrektations-</em> und nicht Detumeszenztrieb.<a name="FNAnker_79_79" id="FNAnker_79_79"></a><a href="#Fussnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a>
-Dem entspricht, da sein feinster Sinn, und zugleich
-der einzige, bei ihm weiter als beim Manne entwickelte Sinn
-das <em class="gesperrt">Tastgefhl</em> ist.<a name="FNAnker_80_80" id="FNAnker_80_80"></a><a href="#Fussnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a> Auge und Ohr fhren beide ins Unbegrenzte
-und lassen eine Unendlichkeit ahnen; der Tastsinn
-erfordert engste krperliche Nhe zur eigenen Bettigung;
-man vermengt sich mit dem, was man angreift: er ist der
-eminent schmutzige Sinn, und wie geschaffen fr ein auf
-krperliche Gemeinschaft angelegtes Wesen. Was durch ihn
-vermittelt wird, ist die Widerstandsempfindung, die Wahrnehmung
-des Palpablen; und eben von der <em class="gesperrt">Materie</em> lt
-sich, wie <em class="gesperrt">Kant</em> gezeigt hat, nichts anderes aussagen, als
-da sie eine derartige Raumerfllung ist, die allem, was in
-sie einzudringen strebt, einen gewissen <em class="gesperrt">Widerstand</em> entgegensetzt.
-Die Erfahrung des Hindernisses hat, wie den
-psychologischen (nicht den erkenntnistheoretischen) <em class="gesperrt">Ding</em>begriff,<span class="pagenum"><a name="Seite_394" id="Seite_394">[S. 394]</a></span>
-so auch den bergroen Realittscharakter geschaffen,
-welchen die Data des Tastsinnes fr die meisten Menschen
-immer besitzen, als die solideren, primren Qualitten der
-Erfahrungswelt. Aber nichts anderes als der ihm stets anhaftende
-letzte Rest von Weiblichkeit ist es, der bewirkt, da
-fr den Mann die Materie den Charakter der eigentlichen Realitt
-gefhlsmig nie vollstndig <em class="gesperrt">verliert</em>. Gbe es einen absoluten
-Mann, so wre ihm die Materie auch <em class="gesperrt">psychologisch</em> (nicht
-nur logisch) kein irgendwie Seiendes mehr.</p>
-
-<p>Der Mann ist Form, das Weib Materie. Ist das richtig,
-so mu es auch in dem Verhltnis ihrer psychischen Einzelerlebnisse
-zueinander einen Ausdruck finden. Die lngst festgestellte
-Gliederung der Inhalte des mnnlichen Seelenlebens
-gegenber dem unartikulierten und chaotischen Vorstellen
-des Weibes verkndet nichts anderes als diesen nmlichen
-Gegensatz von Form und Materie. Die Materie will geformt
-werden: <em class="gesperrt">darum verlangt</em> das Weib vom Manne die <em class="gesperrt">Klrung</em>
-seiner verworrenen Gedanken, die <em class="gesperrt">Deutung der Heniden</em>.<a name="FNAnker_81_81" id="FNAnker_81_81"></a><a href="#Fussnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a></p>
-
-<p>Die Frauen sind die Materie, die jede Form annimmt.
-Jene Untersuchungen, welche fr die Mdchen eine bessere
-Erinnerung speziell an den Lehrstoff ergeben haben, als fr
-die Knaben, knnen nur so erklrt werden: aus der Inanitt
-und Nullitt der Frauen, die mit allem Beliebigen <em class="gesperrt">imprgniert</em>
-werden knnen, indes der Mann nur behlt, was ihn wirklich
-interessiert, und alles brige <em class="gesperrt">vergit</em> (vgl. Teil II, <a href="#Seite_147">S.&nbsp;147</a>,
-168). Aber vor allem geht das, was die <em class="gesperrt">Schmiegsamkeit</em> des
-Weibes genannt wurde, seine auerordentliche <em class="gesperrt">Beeinflubarkeit</em>
-durch das fremde Urteil, seine <em class="gesperrt">Suggestibilitt</em>,
-seine vllige <em class="gesperrt">Umschaffung</em> durch den Mann auf dieses
-Blo-Materie-Sein, diesen <em class="gesperrt">Mangel</em> jeder <em class="gesperrt">ursprnglichen
-Form</em> zurck. <em class="gesperrt">Das Weib <b>ist</b> nichts, und darum, <b>nur</b>
-darum <b>kann es alles werden</b>; whrend der Mann
-stets nur werden kann, was er <b>ist</b>.</em> Aus einer Frau kann
-man machen, <em class="gesperrt">was man will</em>; dem Manne hchstens zu dem
-verhelfen, was <em class="gesperrt">er</em> will. Darum hat, in der wahren Bedeutung
-des Wortes, eigentlich nur <em class="gesperrt">Frauen</em>, nicht Mnner, zu <em class="gesperrt">erziehen</em><span class="pagenum"><a name="Seite_395" id="Seite_395">[S. 395]</a></span>
-einen <em class="gesperrt">Sinn</em>. Am Manne wird durch alle Erziehung
-nie irgend ein Wesentliches gendert; im Weibe kann sogar
-seine eigenste Natur, die Hochwertung der Sexualitt, durch
-ueren Einflu vllig zurckgedrngt werden. Das Weib
-mag alles scheinen und alles verleugnen, aber es <em class="gesperrt">ist</em> nie
-irgend etwas in Wahrheit.</p>
-
-<p>Man wird freilich, selbst wenn man mit den bisherigen
-Ableitungen sollte einverstanden sein, ihnen zum Vorwurf
-machen, da sie keine Auskunft darber gben, <b>was</b> denn
-der <em class="gesperrt">Mann</em> eigentlich <em class="gesperrt">sei</em>. Lt sich von ihm, wie vom Weibe
-<em class="gesperrt">Kuppelei</em> und <em class="gesperrt">Wesenlosigkeit</em>, irgend etwas als allgemeine
-Eigenschaft prdizieren? Gibt es berhaupt einen <em class="gesperrt">Begriff</em>
-des Mannes, wie es einen Begriff des Weibes gibt, und lt
-sich dieser Begriff hnlich definieren?</p>
-
-<p>Hierauf ist zu antworten, da die Mnnlichkeit eben in
-der <em class="gesperrt">Tatsache</em> der Individualitt, der wesenhaften Monade
-liegt und sich mit ihr deckt. Jede Monade aber ist von jeder
-anderen um ein <em class="gesperrt">Unendliches</em> verschieden, und darum keine
-subsumierbar unter einen umfassenderen Begriff, der mehreren
-Monaden Gemeinsames enthielte. Der <em class="gesperrt">Mann</em> ist der <em class="gesperrt">Mikrokosmus</em>,
-in ihm sind <em class="gesperrt">alle</em> Mglichkeiten berhaupt enthalten.
-Man hte sich dies zu verwechseln mit der <em class="gesperrt">universellen
-<b>Suszeptibilitt</b></em> der Frau, die alles wird, <em class="gesperrt">ohne irgend
-etwas zu sein</em>, indes der Mann alles <em class="gesperrt">ist</em> und davon mehr
-oder weniger, je nach seiner Begabung, auch <em class="gesperrt">wird</em>. Der
-Mann hat auch das Weib, er hat auch Materie in sich, und
-kann diesen Teil seines Wesens sich entwickeln lassen, d.&nbsp;h.
-verkommen und entarten; oder er kann ihn erkennen und
-bekmpfen &mdash; <em class="gesperrt">darum</em> kann <em class="gesperrt">er</em>, und <em class="gesperrt">nur <b>er</b></em>, ber die Frau
-zur Wahrheit gelangen (Teil II, <a href="#Seite_106">S.&nbsp;106</a>&ndash;108). <em class="gesperrt">Das Weib
-aber hat keine Mglichkeit einer Entwicklung, auer
-durch den Mann.</em></p>
-
-<p>Ganz deutlich wird die Bedeutung von Mann und
-Weib immer erst in der Betrachtung ihrer gegenseitigen
-<em class="gesperrt">sexuellen</em> und <em class="gesperrt">erotischen Relationen</em>. Das tiefste Begehren
-der Frau ist, vom Manne <em class="gesperrt">geformt</em> und <em class="gesperrt">dadurch erst
-geschaffen</em> zu werden. Die Frau wnscht, da der Mann ihr
-Meinungen beibringe, <em class="gesperrt">ganz andere</em>, als sie bisher gehabt<span class="pagenum"><a name="Seite_396" id="Seite_396">[S. 396]</a></span>
-hat, sie will durch ihn umgestoen sehen, was sie bisher fr
-richtig hielt (Gegenteil der Piett, <a href="#Seite_161">S.&nbsp;161</a>), sie will als Ganzes
-<em class="gesperrt">widerlegt sein</em>, und erst <em class="gesperrt">neugebildet</em> werden durch ihn.
-Der Wille des Mannes <em class="gesperrt">schafft</em> erst die Frau, er <em class="gesperrt">gebietet</em>
-ber sie, und <em class="gesperrt">verndert sie von Grund auf</em> (Hypnose).
-Hier ist auch endlich Klrung ber das Verhltnis des
-Psychischen zum Physischen bei Mann und Weib zu finden.
-Fr den Mann wurde frher die Wechselwirkung, und zwar
-nur im Sinne einer einseitigen Schpfung des Leibes durch
-die transcendente Psyche, als die Projektion derselben auf
-die Erscheinungswelt, fr das Weib hingegen der Parallelismus
-eines blo Empirisch-Psychischen und Empirisch-Physischen
-angenommen. Jetzt ist klar, da auch beim Weibe
-eine Wechselwirkung Geltung hat. Aber whrend beim
-<em class="gesperrt">Manne</em>, nach <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> wahrster Lehre, da der
-Mensch sein eigenes Werk sei, der <em class="gesperrt">eigene</em> Wille sich den
-Krper <em class="gesperrt">schafft</em> und <em class="gesperrt">umschafft</em>, wird das <em class="gesperrt">Weib</em> durch den
-<em class="gesperrt">fremden</em> Willen krperlich <em class="gesperrt">beeinflut</em> und <em class="gesperrt">umgebildet</em>
-(Suggestion, Versehen). Der Mann formt also nicht nur sich,
-sondern auch, ja leichter noch, das Weib. Jene Mythen der
-Genesis und anderer Kosmogonien, welche das Weib vom
-Manne geschaffen sein lassen, haben eine tiefere Wahrheit
-verkndet als die biologischen Deszendenzlehren, die an ein
-Hervorgehen des Mnnlichen aus dem Weiblichen glauben.</p>
-
-<p>Auch jene im 9. Kapitel (<a href="#Seite_279">S.&nbsp;279</a>) offen gelassene Frage,
-wie das Weib, ohne selbst Seele und Willen zu besitzen, doch in
-der Lage sein knne, herauszufinden, in welchem Mae der
-Mann mit ihnen ausgestattet ist, auch diese schwierigste
-Frage mag jetzt zu beantworten versucht werden. Man mu
-sich nur darber klar geworden sein, da, was die Frau bemerkt,
-und wofr sie ein Organ hat, nicht die <em class="gesperrt">besondere</em>
-Natur eines Mannes ist, sondern nur die <em class="gesperrt">allgemeine Tatsache</em>
-und etwa noch der <em class="gesperrt">Grad</em> seiner <em class="gesperrt">Mnnlich<b>keit</b></em>. Es ist
-ganz falsch, <em class="gesperrt">Heuchelei, oder aus der spteren Imprgnation
-mit dem mnnlichen Wesen zu Unrecht erschlossen</em>,
-da die Frau ein ursprngliches <em class="gesperrt">Verstndnis</em>
-fr die <em class="gesperrt">Individualitt</em> des Mannes habe.<a name="FNAnker_82_82" id="FNAnker_82_82"></a><a href="#Fussnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> Der Verliebte, der<span class="pagenum"><a name="Seite_397" id="Seite_397">[S. 397]</a></span>
-durch das unbewute Simulieren eines tieferen Begreifens
-von Seite des Weibes so leicht zu foppen ist, mag an ein
-Verstndnis seiner selbst durch ein Mdchen glauben; wer
-weniger gengsam ist, wird es sich nicht verhehlen knnen, da
-die Frauen nur fr das <em class="gesperrt">Da</em>, nicht fr das <em class="gesperrt">Was</em> der Seele, nur
-fr die <em class="gesperrt">formale allgemeine Tatsache</em>, nicht fr die <em class="gesperrt">Besonderheit</em>
-der Persnlichkeit einen Sinn besitzen. Denn um
-<em class="gesperrt">spezielle</em> Form perzipieren und apperzipieren zu knnen,
-mte die Materie an sich nicht <em class="gesperrt">formlos</em> sein; das Verhltnis
-der Frau zum Mann ist aber kein anderes als das der
-Materie zur Form, und ihr Verstndnis fr ihn nichts als
-Bereitwilligkeit, mglichst krftig geformt zu werden, der
-Instinkt des Existenzlosen fr Existenz. Also dieses Verstndnis
-ist kein theoretisches, es ist kein Anteilnehmen,
-sondern ein Anteilhabenwollen; es ist zudringlich und egoistisch.
-Die Frau hat kein Verhltnis zum <em class="gesperrt">Manne</em> und
-keinen Sinn fr den Mann, sondern nur einen fr <em class="gesperrt">Mnnlichkeit</em>;
-und wenn sie fr sexuell anspruchsvoller gehalten
-werden darf als er, so ist diese Anspruchsflle nichts anderes
-als das intensive Begehren nach ausgiebigster und strkster
-Formung: <em class="gesperrt">es ist das Warten auf das grtmgliche
-Quantum von Existenz</em>.</p>
-
-<p>Und nichts anderes ist schlielich auch die <em class="gesperrt">Kuppelei</em>.
-Die Sexualitt der Frauen ist <em class="gesperrt">ber</em>individuell, weil sie nicht
-abgegrenzte, geformte, individualisierte Wesenheiten im
-hheren Sinne darstellen. Der hchste Augenblick im Leben
-des Weibes, der, in dem sein <em class="gesperrt">Ur</em>sein, die <em class="gesperrt">Urlust</em> sich offenbart,
-ist jener Moment, wo der mnnliche Same in es fliet.
-Da umarmt es den Mann strmisch und pret ihn an sich:
-es ist die hchste Lust der Passivitt, strker noch als das
-Glcksgefhl der Hypnotisierten, die Materie, welche eben
-geformt wird und die Form nicht loslassen, sie ewig an sich
-binden will. Dieses unendliche Trachten der Armut, dem
-Reichtum sich zu gesellen, das gnzlich formlose und darum
-berindividuelle Streben des <em class="gesperrt">Un</em>gegliederten, die Form zur
-Berhrung mit sich zu bringen, sie dauernd festzuhalten und
-so Existenz zu gewinnen, liegt der Kuppelei im Tiefsten zu
-Grunde. Da das Weib nicht Monade ist und keine Grenzen<span class="pagenum"><a name="Seite_398" id="Seite_398">[S. 398]</a></span>
-hat, dadurch ist Kuppelei nur <em class="gesperrt">ermglicht</em>; zur <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em>
-wird sie, weil es die Idee des <em class="gesperrt">Nichts</em>, der <em class="gesperrt">Materie</em>
-reprsentiert, die unaufhrlich und in jeder Weise die Form
-zur Vermengung mit sich zu verfhren trachtet. Kuppelei ist
-das ewige Drngen des Nichts zum Etwas.</p>
-
-<p>So hat sich allmhlich die Dualitt von Mann und Weib
-zum Dualismus berhaupt entwickelt, zum Dualismus des
-hheren und des niederen Lebens, des Subjekts und Objekts,
-der Form und der Materie, des Etwas und des Nichts. Alles
-metaphysische, alles transcendentale Sein ist logisches und
-moralisches Sein: <em class="gesperrt">das Weib ist alogisch und amoralisch</em>.
-Es enthlt aber auch keine Abkehr vom Logischen
-und Moralischen, es ist nicht <em class="gesperrt">anti</em>logisch, es ist nicht <em class="gesperrt">anti</em>moralisch.
-Es ist nicht das <em class="gesperrt">Nicht</em>, sondern das <em class="gesperrt">Nichts</em>, es
-ist <em class="gesperrt">weder Ja</em>, <em class="gesperrt">noch</em> ist es <em class="gesperrt">Nein</em>. Der <em class="gesperrt">Mann</em> birgt in sich die
-Mglichkeit zum absoluten Etwas <em class="gesperrt">und</em> zum absoluten Nichts,
-und darum hat all sein Handeln eine <em class="gesperrt">Richtung</em> nach dem
-einen oder dem anderen: das Weib <em class="gesperrt">sndigt</em> nicht, <em class="gesperrt">denn
-es ist selbst <b>die</b> Snde, als <b>Mglichkeit</b> im Manne</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten
-<b>Etwas</b>, das Weib, auch das Weib im Manne, ist das
-Symbol des <b>Nichts</b>: das ist die Bedeutung des Weibes
-im Universum, und so ergnzen und bedingen sich Mann
-und Weib.</em> Als des Mannes <em class="gesperrt">Gegensatz</em> hat das Weib einen
-Sinn und eine Funktion im Weltganzen; und wie der menschliche
-Mann ber das tierische Mnnchen, so reicht das menschliche
-Weib ber das Weibchen der Zoologie hinaus.<a name="FNAnker_83_83" id="FNAnker_83_83"></a><a href="#Fussnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a>
-<em class="gesperrt">Kein begrenztes Sein, kein begrenztes Nichtsein</em> (wie
-im Tierreich) liegen im <em class="gesperrt">Menschen</em> im Kampfe: <em class="gesperrt">was hier
-sich gegenbersteht, ist unbegrenztes Sein</em> und <em class="gesperrt">unbegrenztes
-Nichtsein</em>. <em class="gesperrt">Darum</em> machen erst Mann und Weib
-<em class="gesperrt">zusammen</em> den Menschen aus.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Sinn</em> des Weibes ist es also, <em class="gesperrt">Nicht-Sinn</em> zu sein.
-Es reprsentiert das <em class="gesperrt">Nichts</em>, den Gegenpol der Gottheit, die
-<em class="gesperrt">andere Mglichkeit</em> im Menschen. Darum gilt mit Recht
-nichts fr gleich verchtlich, als der Weib gewordene Mann,
-und wird ein solcher Mann geringer geachtet als selbst der<span class="pagenum"><a name="Seite_399" id="Seite_399">[S. 399]</a></span>
-stumpfsinnigste und roheste Verbrecher. Und so erklrt
-sich auch jene tiefste <em class="gesperrt">Furcht</em> im Manne: die <em class="gesperrt">Furcht vor
-dem Weibe</em>, das ist die <em class="gesperrt">Furcht vor der Sinnlosigkeit</em>:
-das ist die Furcht <em class="gesperrt">vor dem lockenden Abgrund des
-Nichts</em>.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">alte Weib</em> offenbart erst ganz und gar, was das
-Weib in Wirklichkeit ist. Die Schnheit der Frau wird, auch
-rein erfahrungsgem, nur <em class="gesperrt">geschaffen</em> durch die <em class="gesperrt">Liebe</em> des
-Mannes: die Frau wird schner, wenn ein Mann sie liebt, <em class="gesperrt">weil
-sie passiv dem Willen entspricht, der in seiner Liebe
-liegt</em>; so mystisch dies klinge, es ist nur eine alltgliche Beobachtung.
-Das alte Weib zeigt, wie das Weib nie schn <em class="gesperrt">war</em>:
-<em class="gesperrt">wre</em> das Weib, so wre die Hexe nicht. Aber das Weib
-<em class="gesperrt">ist</em> nichts, ein hohles Gef, eine Zeitlang berschminkt und
-bertncht.</p>
-
-<p>Alle Qualitten der Frau hngen an ihrem Nicht-Sein, an
-ihrer <em class="gesperrt">Wesenlosigkeit</em>: weil sie kein wahres, unwandelbares,
-sondern nur ein irdisches Leben hat, darum begnstigt sie als
-Kupplerin die Zeugung in <em class="gesperrt">diesem</em>, darum ist sie durch den
-Mann, der sinnlich auf sie wirkt, vom Grund auf umzuschaffen
-und empfnglich berhaupt. So vereinigen sich die drei fundamentalen
-Eigenschaften des Weibes, welche dieses Kapitel
-aufgedeckt hat, und schlieen sich zusammen in seinem
-Nicht-Sein.</p>
-
-<p>Aus dem Begriff des Nicht-Seins ergeben sich Vernderlichkeit
-und Verlogenheit, als die zwei <em class="gesperrt">negativen</em> Bestimmungen,
-durch <em class="gesperrt">unmittelbare</em> Deduktion. Blo Kuppelei,
-als die einzige <em class="gesperrt">Position</em> im Weibe, folgt aus ihm nicht gleich
-rasch durch einfache Analyse.</p>
-
-<p>Und das ist wohl begreiflich. Denn das <em class="gesperrt">Dasein</em> des
-Weibes ist selbst <em class="gesperrt">identisch</em> mit der Kuppelei, mit Bejahung
-aller Sexualitt berhaupt. <em class="gesperrt">Kuppelei ist nichts anderes als
-universale Sexualitt</em>; da das Weib ist, heit nichts
-anderes, als da in der Welt ein radikaler Hang zu allgemeiner
-Sexualitt besteht. <em class="gesperrt">Die Kuppelei noch weiter <b>kausal</b>
-zurckfhren bedeutet so viel als das <b>Dasein des
-Weibes erklren</b>.</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_400" id="Seite_400">[S. 400]</a></span>
-
-Wenn hiezu von der Tafel des zwiefachen Lebens (<a href="#Seite_378">S.&nbsp;378</a>)
-ausgegangen wird, so ist die <em class="gesperrt">Richtung vom hchsten
-Leben weg zum irdischen hin</em>, das <em class="gesperrt">Ergreifen des Nicht-Seienden
-statt des Seienden</em>, der <em class="gesperrt">Wille zum Nichts</em>,
-das <em class="gesperrt">Nicht</em>, das <em class="gesperrt">An-Sich-Bse</em>. <em class="gesperrt">Anti</em>moralisch ist die <em class="gesperrt">Bejahung</em>
-des <em class="gesperrt">Nichts</em>: das Bedrfnis, <em class="gesperrt">Form in Formloses,
-in Materie zu verwandeln</em>, das Bedrfnis zu <em class="gesperrt">zerstren</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das Nicht aber ist dem Nichts verwandt. Und
-darum besteht ein so tiefer Zusammenhang zwischen
-allem Verbrecherischen und allem Weiblichen.</em>
-Das <em class="gesperrt">Anti</em>moralische berhrt sich eben mit dem
-<b>A</b>moralischen, von dem es in dieser Untersuchung zuerst ausdrcklich
-<em class="gesperrt">getrennt</em> wurde, im gemeinsamen Begriffe des
-<em class="gesperrt">Un</em>moralischen, und die gewhnliche unterschiedslose Verwechslung
-beider erfhrt nun dennoch eine gewisse Rechtfertigung.
-Denn das Nichts ist <em class="gesperrt">allein</em> eben &mdash; <em class="gesperrt">nichts</em>, es <em class="gesperrt">ist</em>
-nicht, es hat weder Existenz noch Essenz. Es ist stets nur
-das <em class="gesperrt">Mittel</em> des Nicht, das, was <em class="gesperrt">durch</em> das <em class="gesperrt">Nein</em> dem <em class="gesperrt">Etwas
-gegenbergestellt</em> wird. <em class="gesperrt">Erst indem der Mann seine
-eigene Sexualitt bejaht, indem er das Absolute verneint,
-sich vom ewigen Leben ab-, dem niederen zukehrt,
-erhlt das Weib Existenz. <b>Nur indem das Etwas
-zum Nichts kommt, kann das Nichts zum Etwas kommen.</b></em></p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">bejahte Phallus</em> ist das <em class="gesperrt">Anti</em>moralische. Darum
-wird er als das Hlichste empfunden; darum wurde er stets
-in einer Beziehung zum Satan gedacht: den Mittelpunkt der
-<em class="gesperrt">Dante</em>schen <em class="gesperrt">Hlle</em> (das Zentrum des Erdinneren) bildet der
-<em class="gesperrt">Geschlechtsteil Lucifers</em>.</p>
-
-<p><b>So erklrt sich denn die absolute Gewalt der mnnlichen
-Geschlechtlichkeit ber das Weib</b>.<a name="FNAnker_84_84" id="FNAnker_84_84"></a><a href="#Fussnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> <em class="gesperrt">Nur indem der
-Mann <b>sexuell</b> wird, erhlt das Weib Existenz und Bedeutung:
-sein Dasein ist an den Phallus geknpft,
-und <b>darum</b> dieser sein hchster Herr <b>und</b> unumschrnkter
-Gebieter.</em> Der Geschlecht gewordene Mann ist<span class="pagenum"><a name="Seite_401" id="Seite_401">[S. 401]</a></span>
-das Fatum des Weibes; der Don Juan der einzige Mensch,
-vor dem es bis zum Grunde erzittert.</p>
-
-<p><b>Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten,
-ist der bse Wille des Mannes</b>: das <em class="gesperrt">Nichts</em> ist nur ein
-Werkzeug in der Hand des <em class="gesperrt">Nicht</em>. Die Kirchenvter drckten
-dasselbe pathetischer aus, als sie das Weib das Instrument
-des Teufels nannten. Denn <em class="gesperrt">an sich</em> ist die Materie <em class="gesperrt">nichts</em>,
-<em class="gesperrt">erst die Form mu ihr Existenz geben wollen</em>. Der
-Sndenfall der Form ist eben jene Verunreinigung, die sie
-auf sich ldt, indem es sie treibt, an der Materie sich zu bettigen.
-<em class="gesperrt">Als der Mann <b>sexuell</b> ward, da <b>schuf</b> er das
-<b>Weib</b>.</em></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Da das Weib da ist, heit also nichts anderes,
-als da vom Manne die Geschlechtlichkeit bejaht
-wurde. Das Weib ist nur das <b>Resultat</b> dieser Bejahung,
-es ist die Sexualitt selber</em> (<a href="#Seite_116">S.&nbsp;116</a>).</p>
-
-<p>Das Weib ist in seiner Existenz <em class="gesperrt">abhngig</em> vom Manne:
-indem der Mann zum Manne, als Gegenteil des Weibes, indem er
-geschlechtlich wird, <em class="gesperrt">setzt</em> er das Weib und ruft es ins Dasein.
-Deshalb mu dem Weibe alles daran gelegen sein, den Mann
-<em class="gesperrt">sexuell zu erhalten</em>: denn es hat so viel Existenz als der
-Mann Geschlechtlichkeit. <em class="gesperrt">Deshalb</em> mu der Mann, so will sie
-es, <em class="gesperrt">ganz zum Phallus werden</em>, <b>deshalb kuppelt die Frau</b>. Sie
-ist unfhig, ein Wesen anders denn als Mittel zum Zweck,
-zu diesem Zweck des Koitus zu gebrauchen: denn mit ihr ist
-selbst <b>kein anderer Zweck</b> verfolgt, als der, <b>den Mann
-schuldig werden zu lassen</b>. Und sie wre <em class="gesperrt">tot</em> in dem
-Augenblick, da der Mann <em class="gesperrt">seine</em> Sexualitt berwunden
-htte.</p>
-
-<p>Der Mann hat das Weib geschaffen und schafft es
-immer neu, so lange er noch sexuell ist. Wie er der Frau das
-<em class="gesperrt">Bewutsein</em> gab (Teil II, Kapitel 3, Ende), so gibt er ihr
-das <em class="gesperrt">Sein</em>. Indem er auf den Koitus nicht verzichtet, ruft er
-das Weib hervor. <b>Das Weib ist die Schuld des Mannes.</b></p>
-
-<p>Diese Schuld gut zu machen, dazu soll ihm die Liebe
-dienen. Hiedurch hellt sich auf, was der Schlu des vorigen
-Kapitels nur wie einen dunklen Mythos einfhrte. Was der
-Mann durch die Schpfung des Weibes, das ist durch die<span class="pagenum"><a name="Seite_402" id="Seite_402">[S. 402]</a></span>
-Bejahung des Koitus verbrochen hat und noch fortwhrend
-verbricht, <em class="gesperrt">das bittet er dem Weibe ab als Erotiker</em>.
-Denn von wannen sonst kme die nie und nimmer sich
-genug tuende <em class="gesperrt">Generositt</em> aller Liebe? Woher, da die
-Liebe gerade dem Weibe, und nicht einem anderen Wesen,
-Seele zu schenken beflissen ist? Durchaus ist das Weib
-nur der Gegenstand, den sich der Trieb des Mannes erzeugt
-hat als das eigene Ziel, es ist die Objektivation
-der mnnlichen Sexualitt, <em class="gesperrt">die verkrperte Geschlechtlichkeit,
-seine Fleisch gewordene Schuld</em>. Die <em class="gesperrt">Liebe</em>
-soll die Schuld ber<em class="gesperrt">decken</em>, statt sie zu ber<em class="gesperrt">winden</em>;
-sie <em class="gesperrt"><b>er</b>hebt</em> das Weib, statt es <em class="gesperrt"><b>auf</b>zuheben</em>. Das Etwas
-schliet das Nichts in seine Arme, und glaubt so die Welt von
-der Negation zu befreien, und alle Widersprche zu vershnen:
-da doch das Nichts nur verschwinden knnte, wenn das Etwas
-sich ihm fern hielte. Die Liebe des Mannes ist sein khnster,
-uerster Versuch, das Weib als Weib sich zu retten, statt
-es als solches zu verneinen. Nur daher stammt ihr Schuldbewutsein:
-durch sie soll Schuld selbst <em class="gesperrt">weggerumt</em>, statt
-<em class="gesperrt">geshnt</em> werden.</p>
-
-<p><b>Denn das Weib ist nur die Schuld und nur durch die
-Schuld des Mannes; und wenn Weiblichkeit Kuppelei bedeutet,
-so nur, weil alle Schuld von selbst sich zu vermehren
-trachtet.</b> Was die Frau, ohne je anders zu knnen,
-durch ihr bloes Dasein, durch ihr ganzes Wesen, ewig unbewut
-auswirkt, das ist nur <em class="gesperrt">ein Hang im <b>Manne</b></em>, sein
-zweiter, unausrottbarer, sein <em class="gesperrt">niederer Hang</em>: sie ist, gleich
-der Walkre, eines <em class="gesperrt">fremden</em> Willens blind whlende Kr.
-Die Materie scheint ein nicht minder unergrndliches Rtsel
-als die Form, das Weib gleich unendlich wie der Mann, das
-Nichts so ewig wie das Sein; aber diese Ewigkeit ist nur die
-Ewigkeit der Schuld.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_403" id="Seite_403">[S. 403]</a></span><a name="XIII_Kapitel" id="XIII_Kapitel"><small>XIII. Kapitel.</small></a><br />
-
-Das Judentum.</h2>
-
-
-<p>Es knnte nicht wundern, wenn es manchem scheinen
-wollte, bei dem Ganzen der bisherigen Untersuchung seien
-die Mnner allzugut davongekommen, und in ihrer Gesamtheit
-auf ein bertrieben hohes Postament gestellt. Man wird zwar
-vielleicht auf billige Argumente verzichten, ihren Resultaten
-nicht entgegenhalten, wie berrascht dieser Philister oder
-jener Spitzbube wre, zu vernehmen, da <em class="gesperrt">er</em> die ganze Welt
-in sich habe; und doch die Behandlung des mnnlichen Geschlechtes
-nicht blo allzuglimpflich finden, sondern geradezu
-eine tendenzise Vernachlssigung aller widerlichen und kleinen
-Seiten der Mnnlichkeit zu Gunsten ihrer hchsten Spitzen
-der Darstellung als einen Fehler anrechnen.</p>
-
-<p>Die Beschuldigung wre ungerechtfertigt. Es kommt mir
-nicht in den Sinn, die Mnner zu idealisieren, um die Frauen
-leichter in der Schtzung herabdrcken zu knnen. So viel
-Beschrnktheit und so viel Gemeinheit unter den empirischen
-Vertretern der Mnnlichkeit oft gedeiht, es handelt sich um
-die besseren <em class="gesperrt">Mglichkeiten</em>, die in jedem Manne sind, und
-als vernachlssigte von ihm schmerzlich-hell oder dumpf-gehssig
-empfunden werden; Mglichkeiten, die als solche
-bei der Frau weder in Wirklichkeit, noch in gedanklicher
-Erwgung irgend in Rechnung gelangen. Und es konnte
-mir hier auch gar nicht auf Unterscheidungen <em class="gesperrt">unter</em>
-den Mnnern wesentlich ankommen, so wenig ich mich
-vor deren Wichtigkeit verschliee. Es handelte sich darum,
-festzustellen, was das Weib <em class="gesperrt">nicht</em> ist, und da fehlte ihm
-denn freilich unendlich viel, was selbst im mittelmigsten
-und plebejischesten Manne nie <em class="gesperrt">ganz</em> vermit wird. Das, was<span class="pagenum"><a name="Seite_404" id="Seite_404">[S. 404]</a></span>
-es <em class="gesperrt">ist</em>, die positiven Eigenschaften des Weibes (soferne da
-von einem Sein, von Positionen wohl gesprochen werden kann)
-wird man stets auch bei vielen Mnnern wiederfinden. Es gibt,
-wie schon fter hervorgehoben wurde, <em class="gesperrt">Mnner</em>, die <em class="gesperrt">zu
-Weibern geworden</em>, oder <em class="gesperrt">Weiber geblieben</em> sind; aber
-es gibt keine Frau, die ber gewisse umschriebene, nicht
-sonderlich hoch zu ziehende, moralische und intellektuelle
-Grenzen hinauskme. Und darum will ich es hier nochmals
-aussprechen: <em class="gesperrt">das hchststehende Weib steht noch unendlich
-tief unter dem tiefststehenden Manne</em>.</p>
-
-<p>Jene Einwendungen aber knnten weiter gehen, und einen
-Punkt berhren, dessen Auerachtlassung der Theorie allerdings
-zum Vorwurf mte gemacht werden. Es gibt nmlich
-Vlkerschaften und Rassen, bei deren Mnnern, obwohl sie
-keineswegs als sexuelle Zwischenformen knnen gedeutet werden,
-man doch so wenig und so selten eine Annherung an
-die Idee der Mnnlichkeit findet, wie sie aus der hier entworfenen
-Zeichnung derselben hervortritt, da die Prinzipien,
-ja, die ganzen Fundamente, auf welchen diese Arbeit ruht,
-hiedurch stark knnten erschttert scheinen. Was ist z.&nbsp;B. von
-den <em class="gesperrt">Chinesen</em> zu halten, mit ihrer weiblichen Bedrfnislosigkeit
-und ihrem Mangel an jeglichem Streben? Man
-mchte <em class="gesperrt">hier</em> allerdings noch an eine grere Weiblichkeit
-des ganzen Volkes zu glauben sich versucht fhlen. Wenigstens
-kann es keine bloe Laune einer ganzen Nation sein, da die
-Chinesen einen Zopf zu tragen pflegen, und es ist ja auch ihr
-Bartwuchs nur ein uerst sprlicher. Aber wie verhlt es sich
-dann mit den <em class="gesperrt">Negern</em>? Es hat unter den Negern vielleicht
-kaum je ein Genie gegeben, und moralisch stehen sie beinahe
-allgemein so tief, da man in Amerika bekanntlich anfngt
-zu frchten, mit ihrer Emanzipation einen unbesonnenen Streich
-verbt zu haben.</p>
-
-<p>Wenn also auch das Prinzip der sexuellen Zwischenformen
-vielleicht Aussicht htte, fr eine Rassenanthropologie
-bedeutsam zu werden (indem ber einige Vlker ein greres
-Quantum von Weiblichkeit insgesamt ausgestreut schiene), so
-mu doch zugegeben werden, da die bisherigen Deduktionen
-zuvrderst auf den <em class="gesperrt">arischen Mann</em> und das <em class="gesperrt">arische Weib</em><span class="pagenum"><a name="Seite_405" id="Seite_405">[S. 405]</a></span>
-sich beziehen. Wie weit in den anderen groen Stmmen der
-Menschheit mit den fr ihre Gipfel geltenden Verhltnissen
-bereinstimmung herrscht, und was jene hauptschlich davon
-zurckhlt und so lange hindert, an diese nher heranzukommen,
-das bedrfte erst der Erhellung durch die eingehendste und
-lohnendste psychologische Vertiefung in die Rassencharaktere.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Judentum</em>, das ich zum Gegenstande einer Besprechung
-zunchst darum gewhlt habe, weil es, wie sich
-zeigen wird, der hrteste und am meisten zu frchtende Gegner
-der hier entwickelten und besonders der noch zu entwickelnden
-Anschauungen, wie berhaupt des ganzen Standpunktes ist,
-von dem aus jene mglich sind &mdash; das Judentum scheint
-anthropologisch mit allen beiden erwhnten Rassen, mit den
-Negern wie mit den Mongolen, eine gewisse Verwandtschaft
-zu besitzen. Auf den Neger weisen die so gern sich ringelnden
-Haare, auf Beimischung von Mongolenblut die ganz chinesisch
-oder malaiisch geformten Gesichtsschdel, die man so oft
-unter den Juden antrifft, und denen regelmig eine gelblichere
-Hautfrbung entspricht.</p>
-
-<p>Dies ist nicht mehr als das Ergebnis einer alltglichen
-Erfahrung, und anders wollen diese Bemerkungen nicht verstanden
-sein; die <em class="gesperrt">anthropologische</em> Frage nach der Entstehung
-des Judentums ist eine ungemein schwierige, und auch
-ein so interessanter Lsungsversuch wie der in den berhmten
-Grundlagen des XIX. Jahrhunderts von H.&nbsp;S.&nbsp;<em class="gesperrt">Chamberlain</em>
-unternommene hat in jngster Zeit sehr viel Widerspruch
-gefunden. Sie zu behandeln besitze ich nicht das
-ntige Wissen; was hier in Krze, aber bis zu mglichster
-Tiefe analysiert werden soll, ist nur die psychische Eigenheit
-des Jdischen. Diese Aufgabe ist eine Obliegenheit
-der psychologischen Beobachtung und Zergliederung; sie ist
-lsbar, frei von allen Hypothesen ber nun nicht mehr kontrollierbare
-historische Vorgnge; und nur bedarf dieses
-Unternehmen einer um so greren Objektivitt, als die Stellung
-zum Judentum heute beinahe die wichtigste und hervorstechendste
-Rubrik des Nationales ist, welches ein jeder vor
-der ffentlichkeit ausfllt, ja allgemach der gebruchlichste
-Einteilungsgrund der zivilisierten Menschen geworden scheint.<span class="pagenum"><a name="Seite_406" id="Seite_406">[S. 406]</a></span>
-Und es lt sich nicht behaupten, da der Wert, welcher auf
-eine offene Erklrung in dieser Frage allgemein gelegt wird,
-ihrem Ernst und ihrer Bedeutung nicht angemessen sei, und
-ihre Wichtigkeit bertreibe. Da man auf sie berall stt,
-ob man nun von kulturellen oder materiellen, von religisen
-oder politischen, von knstlerischen oder wissenschaftlichen,
-biologischen oder historischen, charakterologischen oder philosophischen
-Dingen herkommt, das mu einen tiefen, tiefsten
-Grund im Wesen des Judentumes selbst haben. Ihn aufzusuchen,
-wird keine Mhe zu gro scheinen drfen: denn der Gewinn
-mu sie in jedem Falle unendlich belohnen.<a name="FNAnker_85_85" id="FNAnker_85_85"></a><a href="#Fussnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a></p>
-
-<p>Zuvor jedoch will ich genau angeben, in welchem Sinne
-ich vom Judentum rede. Es handelt sich mir <em class="gesperrt">nicht</em> um eine
-<em class="gesperrt">Rasse</em> und nicht um ein <em class="gesperrt">Volk</em>, noch weniger freilich um ein
-gesetzlich anerkanntes Bekenntnis. <em class="gesperrt">Man darf das Judentum
-nur fr eine Geistesrichtung, fr eine psychische
-Konstitution halten, welche fr <b>alle</b> Menschen eine
-<b>Mglichkeit</b> bildet, und im historischen Judentum blo
-die grandioseste <b>Verwirklichung</b> gefunden hat.</em></p>
-
-<p>Da dem so ist, wird durch nichts anderes bewiesen, als
-durch den <em class="gesperrt">Antisemitismus</em>.</p>
-
-<p>Die echtesten, arischesten, ihres Ariertums gewissesten
-Arier sind keine Antisemiten, sie knnen, so unangenehm
-sicherlich auch sie von auffallend jdischen Zgen sich berhrt
-fhlen, doch den <em class="gesperrt">feindseligen</em> Antisemitismus im allgemeinen
-gar nicht <em class="gesperrt">begreifen</em>; und sie sind es auch, die von
-den Verteidigern des Judentums gerne als Philosemiten bezeichnet,
-und deren verwunderte und mibilligende uerungen
-ber den Judenha angefhrt werden, wo das Judentum
-herabgesetzt oder angegriffen wird.<a name="FNAnker_86_86" id="FNAnker_86_86"></a><a href="#Fussnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a> Im <em class="gesperrt">aggressiven</em> Antisemiten
-wird man hingegen immer selbst gewisse jdische<span class="pagenum"><a name="Seite_407" id="Seite_407">[S. 407]</a></span>
-Eigenschaften wahrnehmen; ja sogar in seiner Physiognomie
-kann das zuweilen sich ausprgen, mag auch sein Blut rein
-von allen semitischen Beimengungen sein.</p>
-
-<p>Es knnte dies auch unmglich anders sich verhalten.
-<em class="gesperrt">Wie man im anderen nur <b>liebt</b>, was man gerne ganz
-sein mchte und doch nie ganz ist, so <b>hat</b> man im
-anderen nur, was man nimmer sein will, und doch
-immer zum Teile noch ist.</em></p>
-
-<p>Man hat nicht etwas, womit man keinerlei hnlichkeit
-hat. Nur macht uns oft erst der andere Mensch darauf aufmerksam,
-was fr unschne und gemeine Zge wir in uns
-haben.</p>
-
-<p>So erklrt es sich, da die allerschrfsten Antisemiten
-<em class="gesperrt">unter den Juden</em> zu finden sind. Denn blo die ganz jdischen
-Juden, desgleichen die vllig arischen Arier, sind gar nicht
-antisemitisch gestimmt; unter den brigen bettigen die gemeineren
-Naturen ihren Antisemitismus nur den anderen
-gegenber, und richten diese, ohne je mit sich selber in dieser
-Sache vor Gericht gegangen zu sein; und nur wenige fangen
-mit ihrem Antisemitismus bei sich selbst an.</p>
-
-<p>Doch dies eine bleibt darum nicht minder gewi: wer
-immer das jdische Wesen hat, der hat es zunchst <em class="gesperrt">in</em> sich:
-da er es im anderen verfolgt, ist nur sein Versuch, vom
-Jdischen auf diese Weise sich zu sondern; er trachtet sich
-von ihm zu scheiden dadurch, da er es gnzlich im Nebenmenschen
-lokalisiert, und so fr den Augenblick von ihm
-frei zu sein whnen kann. Der Ha ist ein Projektionsphnomen
-wie die Liebe: der Mensch hat nur, durch wen
-er sich <em class="gesperrt">un</em>angenehm an sich selbst erinnert fhlt.<a name="FNAnker_87_87" id="FNAnker_87_87"></a><a href="#Fussnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a></p>
-
-<p>Der Antisemitismus <em class="gesperrt">des Juden</em> liefert demnach den Beweis,
-da niemand, der ihn kennt, den Juden als ein Liebenswertes
-empfindet &mdash; auch der Jude nicht; der Antisemitismus
-<em class="gesperrt">des Ariers</em> ergibt eine nicht minder bedeutungsvolle Einsicht:
-da man das Juden<em class="gesperrt">tum</em> nicht verwechseln darf mit <em class="gesperrt">den Juden</em>.
-Es gibt Arier, die jdischer sind als mancher Jude, und es
-gibt wirklich Juden, die arischer sind als gewisse Arier. Ich
-will von jenen Nicht-Semiten, welche viel Judentum in sich<span class="pagenum"><a name="Seite_408" id="Seite_408">[S. 408]</a></span>
-hatten, die kleineren (wie den bekannten <em class="gesperrt">Friedrich Nicolai</em>
-des XVIII. Jahrhunderts) und mittelgroen (hier drfte
-<em class="gesperrt">Friedrich Schiller</em> kaum auer acht bleiben) nicht aufzhlen,
-und nicht auf ihr Judentum analysieren. Aber auch
-<em class="gesperrt">Richard Wagner</em> &mdash; der tiefste Antisemit &mdash; ist von einem
-Beisatz von Judentum, selbst in seiner Kunst, nicht freizusprechen,
-so gewi er neben <em class="gesperrt">Michel Angelo</em> der grte
-Knstler aller Zeiten ist, so wahrscheinlich er geradezu den
-Knstler berhaupt in der Menschheit reprsentiert; und so
-zweifellos sein <em class="gesperrt">Siegfried</em> das <em class="gesperrt">Unjdischeste</em> ist, was erdacht
-werden konnte. Aber niemand ist umsonst Antisemit.
-Wie <em class="gesperrt">Wagners</em> Abneigung gegen die groe Oper und das
-Theater zurckgeht auf den starken Zug, den er selbst zu
-ihnen empfand, einen Zug, der noch im Lohengrin deutlich
-erkennbar bleibt: so ist auch seine Musik, in ihren motivischen
-Einzelgedanken die gewaltigste der Welt, nicht gnzlich freizusprechen
-von etwas Aufdringlichem, Lautem, Unvornehmem;
-womit die Bemhungen <em class="gesperrt">Wagners</em> um die uere Instrumentation
-seiner Werke im Zusammenhang stehen. Es lt
-sich auch nicht verkennen, da <em class="gesperrt">Wagners</em> Musik sowohl
-auf den jdischen Antisemiten, welcher vom Judentum nie
-gnzlich loskommen kann, als auf den antisemitischen Indogermanen,
-der ihm zu verfallen frchtet, den strksten Eindruck
-hervorbringt. Von der Parsifal-Musik, die dem vllig echten
-Juden in Ewigkeit fast ebenso unzugnglich bleibt wie die
-Parsifal-Dichtung, vom Pilgerchor und der Romfahrt im
-Tannhuser, und sicher noch von manchem anderen ist hiebei
-<em class="gesperrt">gnzlich</em> abzusehen; aber es ist z.&nbsp;B. sein Jugendwerk,
-der Rienzi, in seinem thematischen Materiale wie in der
-Ausfhrung, noch vom Judentum vielleicht nicht gnzlich
-frei. Auch knnte zweifellos, wer <em class="gesperrt">nur</em> ein Deutscher wre,
-das Wesen des Deutschtums nie so klar sich zum Bewutsein
-bringen, als <em class="gesperrt">Wagner</em> in den Meistersingern von Nrnberg
-dies vermocht hat.<a name="FNAnker_88_88" id="FNAnker_88_88"></a><a href="#Fussnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a> Man denke endlich an jene Seite in
-<em class="gesperrt">Wagner</em>, die zu <em class="gesperrt">Feuerbach</em>, statt zu <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>,
-sich hingezogen fhlte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_409" id="Seite_409">[S. 409]</a></span>
-Hier ist keine kleinpsychologische Heruntersetzung des
-groen Mannes geplant. Ihm war das Judentum die groe
-Hilfe, um zur klaren Erkenntnis und Bejahung des anderen
-Poles in sich zu gelangen, zum Siegfried und zum Parsifal
-sich durchzuringen, und dem Germanentum den hchsten
-Ausdruck zu geben, den es wohl in der Geschichte gefunden
-hat. Noch ein Grerer als <em class="gesperrt">Wagner</em> mute erst das Judentum
-in sich berwinden, ehe er die eigene Mission fand; und es
-ist, vorlufig gesprochen, <em class="gesperrt">vielleicht die welthistorische
-Bedeutung und das ungeheuere Verdienst des Judentums
-kein anderes, als den Arier immerfort zum Bewutsein
-seines Selbst zu bringen, ihn <b>an sich</b> zu
-mahnen</em>. Dies ist es, was der Arier dem Juden zu <em class="gesperrt">danken</em>
-hat; durch ihn wei er, wovor er sich hte: <em class="gesperrt">vor dem Judentum
-als Mglichkeit in ihm selber</em>.</p>
-
-<p>Dieses Beispiel wird hinlnglich verdeutlicht haben, was
-nach meinem Ermessen unter dem Judentum zu verstehen ist.
-Keine Nation und keine Rasse, keine Konfession und kein
-Schrifttum. Wenn ich frder vom Juden spreche, so meine
-ich nie den einzelnen und nie eine Gesamtheit, <em class="gesperrt">sondern den
-Menschen berhaupt, sofern er Anteil hat an der
-platonischen Idee des Judentums</em>. Und nur die Bedeutung
-dieser Idee gilt es mir zu ergrnden.</p>
-
-<p>Da aber diese Untersuchung gerade in einer Psychologie
-der Geschlechter gefhrt werden mu, ist unerllich
-aus Grnden einer Abgrenzung. Es bereitet jedem, der ber
-beide, ber das Weib und ber den Juden, nachgedacht hat,
-eine eigentmliche berraschung, wenn er wahrnimmt, in
-welchem Mae gerade das Judentum durchtrnkt scheint
-von jener Weiblichkeit, deren Wesen einstweilen nur im
-Gegensatze zu <em class="gesperrt">allem</em> Mnnlichen <em class="gesperrt">ohne Unterschied</em> zu erforschen
-getrachtet wurde. Er knnte hier beraus leicht geneigt
-sein, dem Juden einen greren Anteil an der Weiblichkeit
-zuzuschreiben, als dem Arier, ja am Ende eine platonische
-&#956;&#941;&#952;&#949;&#958;&#953;&#962; auch des mnnlichsten Juden am Weibe anzunehmen
-sich bewogen fhlen.</p>
-
-<p>Diese Meinung wre irrig. Da indes eine Anzahl der
-wichtigsten Punkte, solcher Punkte, in denen das tiefste<span class="pagenum"><a name="Seite_410" id="Seite_410">[S. 410]</a></span>
-Wesen der Weiblichkeit zum Ausdruck zu kommen schien,
-beim Juden sich in einer merkwrdigen Weise ebenfalls und
-wie zum zweiten Male finden, ist es unerllich, bereinstimmung
-und Abweichung hier genau festzustellen.</p>
-
-<p>Die Konformitt will dem ersten Blicke berall sich darbieten,
-worauf er sich auch richte; ja die Analogien sehen
-aus, als wren sie auergewhnlich weit verfolgbar: so da
-man Besttigungen frherer Ergebnisse wie auch manch
-interessanten neuen Beitrag zum Hauptthema anzutreffen gewrtig
-sein darf. Und es scheint ganz beliebig, womit man
-hiebei den Anfang macht.</p>
-
-<p>So ist es, um gleich eine Analogie zum Weibe anzufhren,
-hchst merkwrdig, wie sehr die Juden die beweglichen
-Gter bevorzugen &mdash; auch heutzutage, da ihnen der Erwerb
-anderer frei steht &mdash; und wie sie eigentlich, trotz allem
-Erwerbssinn, kein Bedrfnis nach dem <em class="gesperrt">Eigentume</em>, am wenigsten
-in seiner festesten Form, dem Grundbesitze, haben. Das
-Eigen<em class="gesperrt">tum</em> steht in einem unauflslichen Zusammenhang mit
-der Eigen<em class="gesperrt">art</em>, mit der Individualitt. Hiemit hngt also zusammen,
-da die Juden dem Kommunismus so scharenweise
-sich zuwenden. Den <em class="gesperrt">Kommunismus</em> als Tendenz zur <em class="gesperrt">Gemeinschaft</em>
-sollte man stets unterscheiden vom <em class="gesperrt">Sozialismus</em> als
-Bestrebung zu gesellschaftlicher <em class="gesperrt">Kooperation</em> und zur Anerkennung
-der Menschheit in jedem Gliede derselben. Der
-Sozialismus ist arisch (<em class="gesperrt">Owen</em>, <em class="gesperrt">Carlyle</em>, <em class="gesperrt">Ruskin</em>, <em class="gesperrt">Fichte</em>),
-der Kommunismus jdisch<a name="FNAnker_89_89" id="FNAnker_89_89"></a><a href="#Fussnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a> (<em class="gesperrt">Marx</em>). Die moderne Sozialdemokratie
-hat sich in ihrem Gedankenkreise darum vom
-christlichen, prraphaelitischen Sozialismus so weit entfernt,
-weil die Juden in ihr eine so groe Rolle spielen. Trotz ihren
-vergesellschaftenden Neigungen hat die marxistische Form
-der Arbeiterbewegung (im Gegensatze zu <em class="gesperrt">Rodbertus</em>) gar kein
-Verhltnis zur Idee des <em class="gesperrt">Staates</em>, und dies ist sicherlich nur
-auf das vllige Unverstndnis des Juden fr den Staatsgedanken
-zurckzufhren. Dieser ist zu wenig ein Greifbares,<span class="pagenum"><a name="Seite_411" id="Seite_411">[S. 411]</a></span>
-die Abstraktion, die in ihm liegt, allen konkreten Zwecken
-zu weit entrckt, als da der Jude sich mit ihm inniger befreunden
-knnte. Der Staat ist das Ganze aller Zwecke, die nur
-durch eine Verbindung vernnftiger Wesen als vernnftiger
-verwirklicht werden knnen. <em class="gesperrt">Diese kantische Vernunft
-aber, der Geist ist es, woran es dem Juden wie dem
-Weibe vor allem zu gebrechen scheint.</em></p>
-
-<p>Aus jenem Grunde ist aller Zionismus so aussichtslos,
-obwohl er die edelsten Regungen unter den Juden gesammelt
-hat: denn der Zionismus ist die Negation des Judentums, in
-welchem, <em class="gesperrt">seiner Idee nach</em>, die Ausbreitung ber die ganze
-Erde liegt. Der Begriff des Brgers ist dem Juden vollstndig
-<em class="gesperrt">transcendent</em>; darum hat es nie im eigentlichen Sinne des Wortes
-einen jdischen <em class="gesperrt">Staat</em> gegeben, und kann nie einen solchen
-geben. In der Staatsidee liegt eine Position, die Hypostasierung
-der interindividuellen Zwecke, der Entschlu, einer selbst
-gegebenen Rechtsordnung, deren <em class="gesperrt">Symbol</em> (und nichts anderes)
-das Staatsoberhaupt ist, aus freier Wahl beizutreten. Darum
-ist das Gegenteil des Staates die Anarchie, mit der gerade
-der Kommunismus auch heute noch, eben durch sein Unverstndnis
-fr den Staat, verschwistert ist; so sehr auch hievon
-die meisten anderen Elemente in der sozialistischen Bewegung
-abstechen. Wenn der Staatsgedanke in keiner historischen Form
-auch nur annhernd verwirklicht ist, so liegt doch in jedem geschichtlichen
-Versuche zur Staatenbildung etwas, vielleicht nur
-jenes Minimum von ihm, das ein Gebilde ber eine bloe Association
-zu Geschfts- und Machtzwecken erhebt. Die historische
-Untersuchung, wie ein bestimmter Staat entstanden sei, sagt
-nichts ber die <em class="gesperrt">Idee</em>, die in ihm liegt, <em class="gesperrt">soweit</em> er eben Staat
-und nicht Kaserne ist. Um jene zu erfassen, wird man sich
-bequemen mssen, der vielgeschmhten <em class="gesperrt">Rousseau</em>schen Vertragstheorie
-wieder mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
-Nur das Zusammentreten ethischer Persnlichkeiten zu gemeinsamen
-Aufgaben kommt im Staate, sofern er Staat ist, zum
-Ausdruck.</p>
-
-<p>Da der Jude nicht erst seit gestern, sondern mehr oder
-weniger von jeher staatfremd ist, deutet bereits daraufhin, <em class="gesperrt">da
-dem Juden wie dem Weibe die Persnlichkeit fehlt;<span class="pagenum"><a name="Seite_412" id="Seite_412">[S. 412]</a></span>
-was sich allmhlich in der Tat herausstellen wird</em>.
-Denn nur aus dem Mangel des intelligiblen Ich kann, wie alle
-weibliche, so auch die jdische Unsoziabilitt abzuleiten sein.
-Die Juden stecken gerne beieinander wie die Weiber, aber sie
-<em class="gesperrt">verkehren</em> nicht miteinander als selbstndige, voneinander
-geschiedene Wesen, unter dem Zeichen einer berindividuellen
-Idee.</p>
-
-<p>So wenig wie es in der Wirklichkeit eine Wrde der
-<em class="gesperrt">Frauen</em> gibt, so unmglich ist die Vorstellung eines
-<em class="gesperrt">jdischen</em> gentleman. Dem echten Juden gebricht es an
-jener inneren Vornehmheit, welche Wrde des eigenen und
-Achtung des fremden Ich zur Folge hat. <em class="gesperrt">Es gibt keinen
-jdischen Adel</em>; und dies ist um so bemerkenswerter, als doch
-bei den Juden jahrtausendelange Inzucht besteht.</p>
-
-<p>So erklrt sich denn auch weiter, was man jdische
-Arroganz nennt: aus dem Mangel an <em class="gesperrt">Bewutsein</em> eines Selbst
-und dem gewaltsamen Bedrfnis nach Steigerung des Wertes
-der Person durch Erniedrigung des Nebenmenschen; <em class="gesperrt">denn
-der echte Jude hat kein Ich und darum auch keinen
-Eigenwert</em>. Daher, trotz seiner Inkommensurabilitt mit allem
-Aristokratischen, seine weibische Titelsucht, die nur auf einer
-Linie steht mit seiner Protzerei, deren Objekte die Loge im
-Theater oder die modernen Gemlde in seinem Salon, seine
-christliche Bekanntschaft oder sein Wissen sein knnen. Aber
-zugleich ist die jdische Verstndnislosigkeit fr alles Aristokratische
-erst hierin eigentlich begrndet. Der Arier hat ein
-Bedrfnis zu wissen, wer <em class="gesperrt">seine</em> Ahnen waren; er achtet sie und
-interessiert sich fr sie, <em class="gesperrt">weil sie seine Ahnen waren</em>; und
-er schtzt sie, weil er die eigene Vergangenheit immer
-hher hlt als der schnell sich verwandelnde Jude, der piettlos
-ist, weil er dem Leben keinen Wert spenden kann. Ihm fehlt
-jener Ahnenstolz vollstndig, den selbst der rmste, plebejischeste
-Arier noch in einem gewissen Grade besitzt; er
-ehrt nicht, wie dieser, seine Vorfahren, weil sie <em class="gesperrt">seine</em> Vorfahren
-sind, er ehrt nicht in ihnen <em class="gesperrt">sich selbst</em>. Der Einwand
-ginge fehl, der sich auf den auerordentlichen Umfang und
-die Kraft der jdischen Tradition beriefe. Die Geschichte seines
-Volkes ist hier dem Nachfahren, auch demjenigen, welchem<span class="pagenum"><a name="Seite_413" id="Seite_413">[S. 413]</a></span>
-sie viel zu bedeuten scheint, nicht die Summe des Einstmaligen,
-Gewesenen, sondern stets nur der Quell, aus dem er neue
-Hoffnungstrume saugt: die <em class="gesperrt">Vergangenheit</em> des Juden ist
-nicht wirklich seine Vergangenheit, sie ist immer nur seine
-<em class="gesperrt">Zukunft</em>. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Man hat die Mngel des Judentums oft genug, nicht
-allein jdischerseits, auf die brutale Unterdrckung und Knechtung
-zurckfhren wollen, welche die Juden im ganzen Mittelalter
-bis ins XIX. Jahrhundert erfahren htten. Den Sklavensinn
-habe im Juden erst der Arier gezchtet; und es gibt
-nicht wenige Christen, welche den Juden in dieser Weise
-ernstlich als ihre Schuld empfinden. Doch diese Gesinnung
-geht zu weit im Selbstvorwurf: es ist unzulssig, von
-Vernderungen zu sprechen, welche durch Einflsse von
-<em class="gesperrt">auen</em> im Laufe der Generationen <em class="gesperrt">im</em> Menschen bewirkt
-worden seien, <em class="gesperrt">ohne</em> da in diesem selber der ueren Gelegenheit
-etwas entgegengekommen sei und ihr willig die
-Hand gereicht habe. Noch ist nicht bewiesen, da es eine
-Vererbung <em class="gesperrt">erworbener</em> Eigenschaften gibt, und sicherer als
-bei den anderen Lebewesen bleibt, trotz aller Scheinanpassungen,
-beim <em class="gesperrt">Menschen</em> der Charakter des einzelnen
-wie der Rasse konstant. Nur die seichteste Oberflchlichkeit
-kann glauben, da der Mensch durch seine Umgebung gebildet
-werde, ja es ist beschmend, an die Bekmpfung einer
-solchen, jeder freien Einsicht den Atem raubenden Anschauung
-auch nur eine Zeile wenden zu sollen. Wenn sich der
-Mensch ndert, so kann es nur von innen nach auen geschehen;
-oder es ist, wie beim Weibe, nie ein Wirkliches
-da, also das Nichts-Sein das ewig Gleichbleibende. Wie
-kann man brigens an eine historische Erzeugung des Juden
-denken, da doch bereits das alte Testament sichtlich zustimmend
-davon spricht, wie <em class="gesperrt">Jakob</em>, der Patriarch, seinen
-sterbenden Vater <em class="gesperrt">Isaak</em> belogen, seinen Bruder <em class="gesperrt">Esau</em> und
-seinen Schwieger <em class="gesperrt">Laban</em> bervorteilt hat?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mit Recht</em> aber wird von den Verteidigern der Juden
-geltend gemacht, da diese, auch dem Prozentsatze nach,
-seltener schwere Verbrechen begehen als die Arier. Der
-Jude ist nicht eigentlich <em class="gesperrt">anti</em>moralisch. Aber es mte wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_414" id="Seite_414">[S. 414]</a></span>
-hinzugefgt werden, da er auch nicht den hchsten ethischen
-Typus vorstellt. Er ist vielmehr relativ <em class="gesperrt">a</em>moralisch, nie sehr
-gut, noch je sehr bse, im Grunde keines von beiden, und
-eher <em class="gesperrt">gemein</em>. <em class="gesperrt">Daher fehlt dem Judentum, wie die
-Konzeption der Engel, auch der Begriff des Teufels</em>,
-die Personifikation des Guten nicht minder als die des
-Bsen. Durch den Hinweis auf das Buch Hiob, die Belialgestalt
-und den Eden-Mythus wird diese Behauptung nicht
-entkrftet. Zwar liegen jene modernen quellenkritischen
-Streitfragen, die Echtes und Entlehntes hier zu scheiden bemht
-sind, auf einem Wege, den zu betreten ich mich nicht
-berufen fhle; was ich aber wohl wei, ist dies, da im
-psychischen Leben des heutigen Juden, sei er nun aufgeklrt
-oder sei er orthodox, weder ein teuflisches noch
-irgend ein engelhaftes Prinzip, weder Himmel noch Hlle
-auch nur die geringste religise Rolle spielen. &mdash; Wenn
-also der Jude nie die hchste sittliche Hhe erreicht, so wird
-doch auch sicherlich Mord und Gewalttat von ihm viel
-seltener verbt als vom Arier; und hieraus wird eben das
-Fehlen jeder Furcht vor einem diabolischen Prinzipe erst
-vllig verstndlich.</p>
-
-<p>Kaum minder oft als die Frsprecher der <em class="gesperrt">Juden</em> berufen
-sich die Anwlte der <em class="gesperrt">Frauen</em> auf deren geringere
-Kriminalitt als auf den Beweis ihrer vollendeteren Sittlichkeit.
-Die Homologie zwischen beiden scheint immer vollstndiger
-zu werden. Es gibt keinen weiblichen Teufel, so
-wenig es einen weiblichen Engel gibt: nur die Liebe, jene
-trotzige Verneinung der Wirklichkeit, kann den Mann im
-Weibe ein himmlisches Wesen erblicken lassen, nur blinder
-Ha es fr verderbt und schurkenhaft erklren. <em class="gesperrt">Was dem
-Weibe wie dem Juden vielmehr durchaus abgeht,
-das ist <b>Gre</b></em>, Gre in irgend welcher Hinsicht, berragende
-Sieger im Moralischen, grozgige Diener des
-Antimoralischen. Im arischen Manne sind das gute und
-das bse Prinzip der <em class="gesperrt">kantischen</em> Religionsphilosophie
-<em class="gesperrt">beide beisammen und doch am weitesten auseinandergetreten</em>,
-um ihn streiten sein guter und sein bser
-Dmon. Im Juden sind, fast wie im Weibe, Gut und Bse<span class="pagenum"><a name="Seite_415" id="Seite_415">[S. 415]</a></span>
-noch nicht voneinander differenziert; es gibt zwar keinen
-jdischen Mrder, doch es gibt auch keinen jdischen Heiligen.
-Und so wird es wohl richtig sein, da die wenigen
-Elemente des Teufelsglaubens in der jdischen berlieferung
-aus dem Parsismus und aus Babylon stammen.</p>
-
-<p>Die Juden leben sonach nicht als freie, selbstherrliche,
-zwischen Tugend und Laster whlende Individualitten wie
-die Arier. Diese stellt sich ein jeder ganz unwillkrlich vor
-<em class="gesperrt">wie eine Schar einzelner Mnner</em>, jene wie ein, ber eine
-weite Flche ausgebreitetes, zusammenhngendes Plasmodium.
-Der Antisemitismus hat daraus oft flschlich ein hartnckiges
-bewutes Zusammenhalten gemacht, und von der jdischen
-Solidaritt gesprochen. Das ist eine leicht begreifliche Verwechslung
-verschiedener Dinge. Wenn gegen irgend einen
-Unbekannten, welcher dem Judentum angehrt, eine Beschuldigung
-erhoben wird, und nun alle Juden innerlich fr den
-Betreffenden sich einsetzen, seine Unschuld wnschen, hoffen,
-und zu erweisen suchen: <em class="gesperrt">so glaube man nur ja nicht,
-da der betreffende Mensch als einzelner Jude sie
-irgendwie interessiere, sein individuelles Schicksal,
-weil es das eines Juden ist, mehr Mitleid bei ihnen
-erwecke als das eines ungerecht verfolgten Ariers</em>.
-Dies ist keineswegs der Fall. <em class="gesperrt">Nur das gefhrdete Juden<b>tum</b>,
-die Befrchtung, es knnte auf die Gesamtheit
-der Judenschaft, besser: auf das Jdische berhaupt, auf
-die <b>Idee</b> des Juden<b>tums</b> ein schdlicher Schatten
-fallen, fhrt zu jenen Erscheinungen unwillkrlicher
-Parteinahme.</em> Es ist ganz so, wie wenn die Weiber jede
-einzelne Angehrige ihres Geschlechtes mit Wonne heruntersetzen
-hren, und selbst erniedrigen helfen, falls nur auf
-das Weib kein schlechtes Licht hiedurch geworfen werde:
-wenn nur kein Mann sich hiedurch abschrecken lt, <em class="gesperrt">berhaupt</em>
-nach Frauen zu verlangen, wofern nur niemand an
-der Liebe irre, sondern weiter geheiratet wird, und nicht
-die alten Junggesellen sich vermehren. Nur die <em class="gesperrt">Gattung</em>
-wird verteidigt, nur das <em class="gesperrt">Geschlecht</em>, beziehungsweise die
-<em class="gesperrt">Rasse</em> geschtzt, nicht das <em class="gesperrt">Individuum</em>; dieses kommt nur
-insoferne in Betracht, als es Angehriger der Gruppe ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_416" id="Seite_416">[S. 416]</a></span>
-<em class="gesperrt">Der echte Jude wie das echte Weib, sie leben beide
-nur in der Gattung, nicht als Individualitten.</em><a name="FNAnker_90_90" id="FNAnker_90_90"></a><a href="#Fussnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a></p>
-
-<p>Hieraus erklrt es sich, da die <em class="gesperrt">Familie</em> (als biologischer,
-nicht als rechtlicher Komplex) bei keinem Volk der
-Welt eine so groe Rolle spielt, wie bei den Juden; nchstdem
-bei den mit ihnen, wie sich zeigen wird, entfernt verwandten
-Englndern. Die Familie in diesem Sinne ist eben
-weiblichen, mtterlichen Ursprungs, und hat mit dem Staate,
-mit der Gesellschaftsbildung nichts zu tun. Die Zusammengehrigkeit
-der Familienmitglieder, nur als eine Folge des
-gemeinsamen Dunstkreises, ist am engsten bei den Juden.
-Jedem indogermanischen Manne, dem begabteren stets mehr
-als dem mittelmigen, aber auch dem gewhnlichsten noch,
-ist dies eigen, da er sich mit seinem <em class="gesperrt">Vater</em> nie vllig vertrgt:
-weil ein jeder einen, wenn auch noch so leisen, unbewuten
-oder bewut gewordenen <em class="gesperrt">Zorn</em> auf denjenigen Menschen
-empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben
-gentigt und ihm den Namen gegeben hat, der ihm bei der
-Geburt gutdnkte; von dem er zumindest hierin <em class="gesperrt">abhngig</em>
-gewesen ist, und der, auch nach jeder tieferen metaphysischen
-Anschauung, doch immer als in einem <em class="gesperrt">Zusammenhange</em>
-damit stehend betrachtet werden mu, da der Sohn selbst
-in das Erdenleben wollte. Nur unter Juden kommt es vor,
-da der Sohn ganz tief in der Familie <em class="gesperrt">darinnensteckt</em>,
-und mit dem Vater in gemeiner Gemeinschaft sich wohl fhlt;
-fast nur unter Christen, da Vater und Sohn wie Freund und
-Freund miteinander verkehren. Ja sogar die Tchter der
-Arier stehen noch immer eher auerhalb der Familie als die
-Jdinnen, und fter als diese ergreifen sie einen Beruf, der
-sie von Verwandten und Eltern entfernt und unabhngig
-macht.</p>
-
-<p>Auch ist hier die Probe auf die Ausfhrungen des
-vorigen Kapitels zu machen, welche das unindividuelle, vom
-anderen Menschen nicht durch die Grenzen des Einsamen
-geschiedene Leben als eine unerlliche Voraussetzung der<span class="pagenum"><a name="Seite_417" id="Seite_417">[S. 417]</a></span>
-Kuppelei ansahen (<a href="#Seite_385">S.&nbsp;385</a>). Mnner, die kuppeln, haben immer
-Judentum in sich; <em class="gesperrt">und damit ist der Punkt der <b>strksten</b>
-bereinstimmung zwischen Weiblichkeit und Judentum
-erreicht</em>. Der Jude ist stets lsterner, geiler, wenn auch
-merkwrdigerweise, vielleicht im Zusammenhange mit seiner
-nicht eigentlich <em class="gesperrt">anti</em>moralischen Natur, sexuell weniger potent
-als der arische Mann. Nur Juden sind echte Heiratsvermittler,
-und nirgends erfreut sich Ehevermittlung durch Mnner einer
-so ausgedehnten Verbreitung wie unter den Juden. Freilich ist
-eine Ttigkeit nach dieser Richtung hier dringender als sonst
-vonnten; denn es gibt, wessen schon einmal gedacht wurde
-(Teil I, <a href="#Seite_51">S.&nbsp;51</a>), kein Volk der Welt, in dem so wenig aus
-Liebe geheiratet wrde wie unter ihnen: ein Beweis, mehr
-fr die Seelenlosigkeit des absoluten Juden.</p>
-
-<p>Da die Kuppelei eine organische Veranlagung im Juden
-ist, wird auch durch das Unverstndnis des Juden fr alle
-Askese nahe gelegt; aber erhrtet dadurch, da die jdischen
-Rabbinen es lieben, besonders eingehend ber das Fortpflanzungsgeschft
-zu spekulieren, und eine mndliche Tradition
-im Zusammenhange mit der Kinderzeugung pflegen;
-wie dies von den Obersten eines Volkes, dessen sittliche
-Hauptaufgabe, nach seiner berlieferung wenigstens, es
-sein mu, sich zu mehren, kaum anders erwartet werden
-kann.</p>
-
-<p>Kuppelei ist schlielich Grenzverwischung: <em class="gesperrt">und der
-Jude ist der Grenzverwischer &#954;&#945;&#964;' &#949;&#958;&#959;&#967;&#942;&#957;</em>. Er ist der
-Gegenpol des Aristokraten; das Prinzip alles Aristokratismus
-ist strengste <em class="gesperrt">Wahrung</em> aller <em class="gesperrt">Grenzen</em> zwischen den Menschen.
-Der Jude ist geborener Kommunist, und immer will er die
-Gemeinschaft. Die Formlosigkeit des Juden im Verkehr, sein
-Mangel an gesellschaftlichem Takte gehen hierauf zurck. Alle
-Umgangsformen sind nur die feinen Mittel, um die Grenzen
-der persnlichen Monaden zu betonen und zu schtzen; der
-Jude aber ist nicht Monadologe.</p>
-
-<p>Ich betone nochmals, obwohl es selbstverstndlich sein
-sollte: trotz der abtrglichen Wertung des echten Juden kann
-nichts mir weniger in den Sinn kommen, als durch diese oder
-die noch folgenden Bemerkungen einer theoretischen oder<span class="pagenum"><a name="Seite_418" id="Seite_418">[S. 418]</a></span>
-gar einer praktischen Judenverfolgung in die Hnde arbeiten
-zu wollen. Ich spreche ber das Judentum als platonische
-Idee &mdash; <em class="gesperrt">es gibt einen absoluten Juden so wenig als
-es einen absoluten Christen gibt</em> &mdash; ich spreche nicht
-von den einzelnen Juden, von denen ich so vielen nur hchst
-ungern wehe getan haben wollte, und deren manchem
-bitteres Unrecht geschehen wrde, wenn das Gesagte auf ihn
-sollte angewendet werden. Losungen wie Kauft nur bei
-Christen sind <em class="gesperrt">jdisch</em>, denn sie betrachten und werten das
-Individuum nur als Gattungsangehrigen; hnlich wie der
-jdische Begriff des Goy jeden Christen einfach als solchen
-bezeichnet und auch schon subsumiert.</p>
-
-<p>Nicht also der Boykott, und nicht etwa die Austreibung
-der Juden oder ihre Fernhaltung von Amt und Wrde ist
-hier befrwortet. Durch solche Mittel ist die Judenfrage
-nicht lsbar, denn sie liegen nicht auf dem Wege der Sittlichkeit.
-Aber auch der Zionismus ist ihr nicht gewachsen.
-Er will die Juden sammeln, die, wie H.&nbsp;S.&nbsp;<em class="gesperrt">Chamberlain</em> nachweist,
-lngst vor der Zerstrung des jerusalemitischen Tempels
-zum Teile die Diaspora als ihr natrliches Leben, das Leben
-des ber die ganze Erde fortkriechenden, die Individuation
-ewig hintertreibenden Wurzelstockes gewhlt hatten, er will
-etwas <em class="gesperrt">Un</em>jdisches. <em class="gesperrt">Die Juden mten erst das Judentum
-berwunden haben, ehe sie fr den Zionismus
-reif wrden.</em></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zu diesem Behuf aber wre vor allem geboten,
-da die Juden sich selbst verstehen, da sie sich
-kennen lernen und gegen sich kmpfen, <b>innerlich</b> das
-Judentum <b>in sich</b> besiegen <b>wollten</b>.</em> Bis heute aber kennen
-sich die Juden nur so weit, da sie Witze ber sich machen
-und verstndnisvoll goutieren &mdash; nicht weiter. <em class="gesperrt">Unbewut</em> nur
-achtet jeder Jude den Arier hher als sich selbst. Erst die
-feste und unerschtterliche Entschlossenheit, die hchste
-Selbstachtung sich zu ermglichen, knnte den Juden vom
-Judentume befreien. Dieser Entschlu ist aber nur vom Individuum,
-nicht von einer Gruppe, und sei sie noch so stark,
-noch so ehrenhaft, zu fassen und auszufhren. Darum kann
-die Judenfrage nur <em class="gesperrt">individuell</em> gelst werden, <em class="gesperrt">jeder einzelne<span class="pagenum"><a name="Seite_419" id="Seite_419">[S. 419]</a></span>
-Jude mu sie fr seine Person zu beantworten
-suchen</em>.</p>
-
-<p>Es gibt keine andere Lsung der Frage und kann keine
-andere geben; dem Zionismus wird sie nie gelingen.</p>
-
-<p>Der Jude freilich, der berwunden htte, der Jude, der
-Christ geworden wre, bese dann allerdings auch das volle
-Recht, vom Arier als einzelner genommen, und nicht nach
-einer Rassenangehrigkeit mehr beurteilt zu werden, ber die
-ihn sein moralisches Streben lngst hinausgehoben htte. Er
-mag unbesorgt sein: seinem gegrndeten Anspruch wird
-niemand sich widersetzen wollen. Der hher stehende Arier
-hat immer das Bedrfnis den Juden zu achten, sein Antisemitismus
-ist ihm keine Freude und kein Zeitvertreib. Darum
-liebt er es nicht, wenn der Jude ber den Juden Bekenntnisse
-ablegt; und wer es dennoch tut, kann, von seiner Seite fast
-noch weniger als von der stets so beraus empfindlichen
-Judenschaft, irgend Dank sich erhoffen. Zu allerletzt wnscht
-gerade der Arier, da der Jude dem Antisemitismus durch
-die Taufe recht gebe. Aber auch diese Gefahr der uersten
-Verkennung seines ehrlichsten Strebens darf den Juden, der
-die <em class="gesperrt">innerliche</em> Befreiung will, nicht bekmmern. Er wird
-darauf verzichten mssen, das Unmgliche zu leisten, sich als
-<em class="gesperrt">Jude</em> zu schtzen, wie es der Arier von ihm haben will, und
-danach trachten, sich als <em class="gesperrt">Mensch</em> ehren zu drfen. Er wird
-die seelische Taufe des Geistes zu erreichen verlangen, welcher
-die uerliche des Krpers symbolisch nur immer dann
-folgen mag.</p>
-
-<p>Die dem Juden so wichtige und so ntige Erkenntnis
-dessen, <em class="gesperrt">was das Jdische und das Judentum eigentlich
-<b>ist</b></em>, wre die Lsung eines der schwierigsten Probleme; das
-Judentum ist ein viel tieferes Rtsel, als wohl mancher
-Antisemiten-Katechismus glaubt, und im letzten Grunde wird
-es einer gewissen Dunkelheit wohl nie weit entzogen werden.
-Auch die Parallele mit dem Weibe wird uns nun bald verlassen;
-einstweilen vermag sie noch weiterzuhelfen.</p>
-
-<p>Im Christen liegen Stolz und Demut, im Juden Hochmut
-und Kriecherei miteinander im Kampf; in jenem Selbstbewutsein
-und Zerknirschung, in diesem Arroganz und Devotion.<span class="pagenum"><a name="Seite_420" id="Seite_420">[S. 420]</a></span>
-Mit dem vlligen Mangel des Juden an Demut hngt
-sein Unverstndnis fr die Idee der Gnade zusammen. Aus
-seiner knechtischen Veranlagung entspringt seine heteronome
-Ethik, der Dekalog, das unmoralischeste Gesetzbuch
-der Welt, welches fr die gehorsame Befolgung eines mchtigen
-<em class="gesperrt">fremden</em> Willens das Wohlergehen auf <em class="gesperrt">Erden</em> in Aussicht
-stellt und die Eroberung der Welt verheit. Das Verhltnis
-zum Jehovah, dem <em class="gesperrt">abstrakten</em> Gtzen, vor dem er
-die Angst des <em class="gesperrt">Sklaven</em> hat, dessen Namen er nicht einmal
-<em class="gesperrt">auszusprechen</em> wagt, charakterisiert den Juden analog dem
-Weibe als einer fremden Herrschaft ber sich bedrftig.
-<em class="gesperrt">Schopenhauer</em> definiert einmal: Das Wort Gott bedeutet
-einen Menschen, der die Welt gemacht hat. Fr den Gott
-der Juden trifft dies allerdings zu. Von dem Gttlichen <em class="gesperrt">im</em>
-Menschen, dem Gott, der mir im Busen wohnt, wei der
-echte Jude nichts; dem, was <em class="gesperrt">Christus</em> und <em class="gesperrt">Plato</em>, <em class="gesperrt">Eckhard</em>
-und <em class="gesperrt">Paulus</em>, <em class="gesperrt">Goethe</em> und <em class="gesperrt">Kant</em>, was von den <em class="gesperrt">vedischen
-Priestern</em> bis auf <em class="gesperrt">Fechners</em> herrliche Schluverse aus den
-Drei Motiven und Grnden des Glaubens jeder Arier unter
-dem Gttlichen gemeint hat, dem Worte Ich werde bei euch
-sein alle Tage bis an der Welt Ende: all dem steht er verstndnislos
-gegenber. Denn was im Menschen von Gott ist,
-das ist des Menschen Seele; <em class="gesperrt">der absolute Jude aber ist
-seelenlos</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">So kann es denn gar nicht anders sein, als da
-dem alten Testamente der Unsterblichkeitsglaube
-fehlt. Wer keine Seele hat, wie sollte der nach ihrer
-Unsterblichkeit ein Bedrfnis haben?</em> Ebenso wie den
-Frauen fehlt den Juden, und zwar ganz allgemein, das <em class="gesperrt">Unsterblichkeitsbedrfnis</em>:
-Anima naturaliter christiana &mdash;
-so sagt <em class="gesperrt">Tertullian</em>.</p>
-
-<p>Aus dem nmlichen Grunde aber gibt es unter den
-Juden &mdash; H.&nbsp;S.&nbsp;<em class="gesperrt">Chamberlain</em> hat das richtig erkannt &mdash;
-auch keine eigentliche Mystik, auer einer wsten Superstitio
-und Interpretationsmagie, die Kabbla genannt. Der jdische
-Monotheismus hat mit echtem Glauben an Gott nichts, gar
-nichts zu tun, er ist vielmehr seine Negation, der Afterdienst
-des wahren Dienstes unter dem guten Prinzipe, die<span class="pagenum"><a name="Seite_421" id="Seite_421">[S. 421]</a></span>
-Homonymitt des Judengottes und des Christengottes die
-rgste Verhhnung des letzteren. Hier ist keine Religion aus
-reiner Vernunft; eher ein Altweiberglaube aus schmutziger
-Angst.</p>
-
-<p>Warum wird aber aus dem orthodoxen Jehovah-Knecht
-so rasch und leicht ein Materialist, ein Freigeist? Warum
-ist das <em class="gesperrt">Lessing</em>sche Wort vom Aufklricht, trotz der
-Einrede des wohl nicht ohne guten Grund antisemitischen
-<em class="gesperrt">Dhring</em>, wie auf das Judentum gemnzt? Hier ist der
-<em class="gesperrt">Sklavensinn</em> gewichen und hat seiner steten Kehrseite, der
-<em class="gesperrt">Frechheit</em>, Platz gemacht: beide sind wechselnde Phasen
-eines und desselben Wollens im nmlichen Menschen. Die
-<em class="gesperrt">Arroganz den Dingen gegenber</em>, die nicht als Symbole
-eines Tieferen empfunden oder auch nur dunkel geahnt
-werden, der Mangel an verecundia auch vor dem Naturgeschehen,
-das fhrt zur jdischen, materialistischen Form
-der Wissenschaft, wie sie leider heute eine gewisse Herrschaft
-erlangt hat, und intolerant gegen alle Philosophie geworden
-ist. Wenn man, wie es notwendig und allein richtig
-ist, das Judentum als eine <em class="gesperrt">Idee</em> betrachtet, an der auch der
-Arier mehr oder weniger <em class="gesperrt">Anteil</em> haben kann, dann wird wenig
-dagegen einzuwenden sein, wenn man an die Stelle der
-<em class="gesperrt">Geschichte des Materialismus</em> lieber ein <em class="gesperrt">Wesen des
-Judentums</em> gesetzt wissen will. Das Judentum in der
-Musik hat <em class="gesperrt">Wagner</em> besprochen; vom <em class="gesperrt">Judentum in der
-Wissenschaft</em> ist hier noch einiges zu sagen.</p>
-
-<p>Judentum im weitesten Sinne ist jene Richtung in der
-Wissenschaft, welcher diese vor allem <em class="gesperrt">Mittel zum Zweck</em>
-ist, alles Transcendente auszuschlieen. Der Arier empfindet
-das Bestreben, <em class="gesperrt">alles</em> begreifen und ableiten zu wollen, als
-eine Entwertung der Welt, denn er fhlt, da gerade das
-Unerforschliche es ist, das dem Dasein seinen Wert verleiht.
-Der Jude hat keine Scheu vor Geheimnissen, weil er nirgends
-welche ahnt. Sein Bestreben ist es, die Welt mglichst platt
-und gewhnlich zu sehen, nicht um durch Klarheit dem ewig
-Dunklen sein ewiges Recht erst zu sichern, sondern um eine
-de Selbstverstndlichkeit des Alls zu erzeugen und die Dinge
-aus dem Wege zu rumen, welche einer freien Bewegung<span class="pagenum"><a name="Seite_422" id="Seite_422">[S. 422]</a></span>
-seiner Ellbogen auch im Geistigen entgegenstehen. Die
-<em class="gesperrt">anti</em>philosophische (nicht die aphilosophische) Wissenschaft
-ist im Grunde jdisch.</p>
-
-<p>Auch sind die Juden stets, eben weil ihre Gottesverehrung
-mit wahrer Religion gar keine Verwandtschaft
-hat, der mechanistisch-materialistischen Anschauung der Welt am
-wenigsten abhold gewesen; wie <em class="gesperrt">sie</em> am eifrigsten den <em class="gesperrt">Darwinismus</em>
-und die lcherliche Theorie von der Affenabstammung
-des Menschen aufgriffen, so wurden sie beinahe schpferisch als
-Begrnder jener <em class="gesperrt">konomischen</em> Auffassung der menschlichen
-Geschichte, welche den Geist aus der Entwicklung des Menschengeschlechtes
-am vollstndigsten streicht. Frher die enragiertesten
-Anhnger <em class="gesperrt">Bchners</em>, sind sie jetzt die begeistertsten
-Vorkmpfer <em class="gesperrt">Ostwalds</em>.</p>
-
-<p>Es ist auch kein Zufall, da die <em class="gesperrt">Chemie</em> heutzutage in
-so weitem Umfang in den Hnden der Juden sich befindet,
-wie einst in den Hnden der stammesverwandten Araber.
-Das Aufgehen in der Materie, das Bedrfnis, alles in ihr
-aufgehen zu lassen, setzt den Mangel eines intelligiblen Ich
-voraus, ist also wesentlich jdisch.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">O curas Chymicorum! o quantum in pulvere
-inane!</em></p>
-
-<p>Dieser Hexameter ist freilich von dem <em class="gesperrt">deutschesten</em>
-Forscher aller Zeiten: der ihn gedichtet hat, heit Johannes
-<em class="gesperrt">Kepler</em>.<a name="FNAnker_91_91" id="FNAnker_91_91"></a><a href="#Fussnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a></p>
-
-<p>Es hngt mit dem Einflusse jdischen Geistes auch
-sicherlich zusammen, da die Medizin, welcher die Juden so
-scharenweise sich zuwenden, ihre heutige Entwicklung genommen
-hat. Stets, von den Wilden bis zur heutigen Naturheilbewegung,
-von der sich die Juden bezeichnenderweise
-gnzlich ferngehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religises,
-war der Medizinmann der Priester. Die blo <em class="gesperrt">chemische</em>
-Richtung in der Heilkunde &mdash; das ist das Judentum.
-Sicherlich aber wird niemals das Organische aus dem Unorganischen,
-sondern hchstens dieses aus jenem zu erklren<span class="pagenum"><a name="Seite_423" id="Seite_423">[S. 423]</a></span>
-sein. Es ist kein Zweifel, da <em class="gesperrt">Fechner</em> und <em class="gesperrt">Preyer</em> recht
-haben, die das Tote aus dem Lebenden, und nicht umgekehrt,
-entstanden sein lassen. Was wir tglich im <em class="gesperrt">individuellen</em>
-Leben vor sich gehen sehen: da Organisches zu Anorganischem
-wird (schon durch die Verkncherung und Verkalkung
-im Alter, die senile Arteriosklerose und Atheromatose,
-wird der Tod vorbereitet); indes noch niemand, aus
-Totem Lebendes hat erstehen sehen &mdash; das sollte, im Sinne des
-biogenetischen Parallelismus zwischen Ontogenie und Phylogenie,
-auch auf die <em class="gesperrt">Gesamtheit</em> der anorganischen Materie
-angewendet werden. Hat die Lehre von der Urzeugung von
-<em class="gesperrt">Swammerdam</em> bis <em class="gesperrt">Pasteur</em> so viele Posten nacheinander
-aufgeben mssen, so wird sie auch ihren letzten Halt, den sie
-im monistischen Bedrfnis so vieler zu haben scheint,
-fahren lassen, wenn dieses anders und besser wird befriedigt
-werden knnen. Die Gleichungen fr das tote Geschehen
-werden sich vielleicht einmal durch Einsetzung bestimmter
-Zeitwerte als <em class="gesperrt">Grenz</em>flle der Gleichungen des lebendigen
-Geschehens ergeben, nie umgekehrt das Lebende durch das
-Tote darstellbar sein. Die <em class="gesperrt">Homunculus-Bestrebungen</em> sind
-<em class="gesperrt">Faust</em> fremd, <em class="gesperrt">Goethe</em> hat sie nicht ohne Grund fr <em class="gesperrt">Wagner</em>,
-den Famulus, reserviert. Mit der Chemie ist wahrhaftig nur
-den Exkrementen des Lebendigen beizukommen; ist doch das
-Tote selbst nur ein Exkret des Lebens. Die chemische Anschauungsweise
-setzt den Organismus auf eine Stufe mit seinen
-Auswrfen und Abscheidungen. Wie anders sollten Erscheinungen
-zu erklren sein gleich dem Glauben eines Menschen,
-durch Ernhrung mit mehr oder weniger Zucker das Geschlecht
-des werdenden Kindes beeinflussen zu knnen? Das <em class="gesperrt">unkeusche
-Anpacken</em> jener Dinge, die der Arier im Grunde seiner
-Seele immer als <em class="gesperrt">Schickung</em> empfindet, ist erst durch den
-Juden in die Naturwissenschaft gekommen. Die Zeit jener
-tiefreligisen Forscher, fr die ihr Objekt stets an einer
-bersinnlichen Dignitt einen, wenn auch noch so geringen,
-Anteil hatte, fr die es Geheimnisse gab, die vom Staunen
-kaum je sich erholten ber das, was sie zu entdecken
-sich <em class="gesperrt">begnadet</em> fhlten, die Zeit eines <em class="gesperrt">Kopernikus</em> und
-<em class="gesperrt">Galilei</em>, eines <em class="gesperrt">Kepler</em> und <em class="gesperrt">Euler</em>, <em class="gesperrt">Newton</em> und<span class="pagenum"><a name="Seite_424" id="Seite_424">[S. 424]</a></span>
-<em class="gesperrt">Linn</em>, <em class="gesperrt">Lamarck</em> und <em class="gesperrt">Faraday</em>, Konrad <em class="gesperrt">Sprengel</em>
-und <em class="gesperrt">Cuvier</em> scheint vorber. Die heutigen Freigeister, die,
-weil sie vom Geiste frei sind, an keine immanente Offenbarung
-eines Hheren im Naturganzen mehr zu glauben vermgen,
-sind, vielleicht eben darum, auch in ihrem besonderen
-wissenschaftlichen Fache nicht imstande, jene Mnner wirklich
-zu ersetzen und zu erreichen.</p>
-
-<p>Aus diesem <em class="gesperrt">Mangel an Tiefe</em> wird auch klar, weshalb
-die Juden keine ganz groen Mnner hervorbringen knnen,
-<em class="gesperrt">weshalb dem Judentum</em>, wie dem Weibe, <em class="gesperrt">die hchste
-Genialitt versagt ist</em>. Der hervorragendste Jude der letzten
-neunzehnhundert Jahre, an dessen rein semitischer Abkunft
-zu zweifeln kein Grund vorliegt, und der sicherlich viel mehr
-Bedeutung besitzt als der, fast jeder <em class="gesperrt">Gre</em> entbehrende, Dichter
-<em class="gesperrt">Heine</em> oder der originelle, aber keineswegs tiefe Maler <em class="gesperrt">Israels</em>,
-ist der Philosoph <em class="gesperrt">Spinoza</em>. Die allgemein bliche ungeheure
-berschtzung auch des letzteren geht weniger auf Vertiefung
-in seine Werke und ein Studium derselben, als auf
-den zuflligen Umstand zurck, da er der einzige Denker ist,
-den <em class="gesperrt">Goethe</em> eingehender gelesen hat.</p>
-
-<p>Fr <em class="gesperrt">Spinoza</em> selbst gab es eigentlich keine <em class="gesperrt">Probleme</em>:
-darin zeigt er sich als echter Jude; sonst htte
-er nicht jene mathematische Methode whlen knnen,
-die wie darauf berechnet ist, alles <em class="gesperrt">selbstverstndlich</em> erscheinen
-zu lassen. Spinozas System war sein Schutzbau, in
-den er sich darum zurckzog, weil niemand so sehr wie er gemieden
-hat ber sich nachzudenken; darum konnte es fr
-denjenigen Menschen, der wohl am meisten, und schmerzvoller
-als alle anderen, ber sich nachgedacht hat, darum konnte
-es fr <em class="gesperrt">Goethe</em> eine Beruhigung und Erholung werden. Denn
-der wahrhaft bedeutende Mensch denkt, ber was immer er
-denke, im Grunde doch immer nur ber sich selbst nach.
-Und so gewi <em class="gesperrt">Hegel</em> im Unrecht war, die logische Opposition
-wie eine reale Repugnanz zu behandeln, so gewi
-geht doch auch das trockenste <em class="gesperrt">logische Problem</em> beim
-<em class="gesperrt">tieferen</em> Denker <em class="gesperrt">psychologisch</em> auf einen mchtigen <em class="gesperrt">inneren
-Konflikt</em> zurck. Spinozas System, in seinem voraussetzungslosen
-Monismus und Optimismus, in seiner vollkommenen<span class="pagenum"><a name="Seite_425" id="Seite_425">[S. 425]</a></span>
-Harmonie, die Goethe so hygienisch empfand, ist unleugbar
-keine Philosophie eines Gewaltigen: sie ist die Absperrung
-eines die Idylle suchenden, und ihrer doch nicht wirklich
-fhigen, weil gnzlich humorlosen Unglcklichen.</p>
-
-<p>Die Echtheit seines Judentums erweist Spinoza mehrfach,
-und lt deutlich die Grenzen sichtbar werden, welche
-rein jdischem Geiste immer gezogen sind: ich meine hier
-weniger sein Unverstndnis fr den Staatsgedanken und seine
-Anhngerschaft an den <em class="gesperrt">Hobbes</em>schen Krieg aller gegen
-alle als angeblichen Urzustand der Menschheit. Was den
-relativen Tiefstand seiner philosophischen Anschauungen
-bezeugt, ist vielmehr sein vlliges Unverstndnis fr die
-<em class="gesperrt">Willensfreiheit</em> &mdash; der Jude ist stets Sklave und also
-Determinist &mdash; und am meisten dies, da fr ihn, als <em class="gesperrt">echten
-Juden</em>, die Individuen nur Accidenzen, nicht Substanzen, nur
-nicht-wirkliche Modi einer allein wirklichen, aller Individuation
-fremden unendlichen Substanz sind. Der Jude ist nicht Monadolog.
-Darum gibt es keinen tieferen Gegensatz als den
-zwischen <em class="gesperrt">Spinoza</em> und seinem weit bedeutenderen und universelleren
-Zeitgenossen <em class="gesperrt">Leibniz</em>, dem Vertreter der <em class="gesperrt">Monaden</em>-Lehre,
-und deren noch weit grerem Schpfer <em class="gesperrt">Bruno</em>, dessen
-hnlichkeit mit Spinoza eine oberflchliche Anschauung in
-einer ans Groteske streifenden Weise bertrieben hat.<a name="FNAnker_92_92" id="FNAnker_92_92"></a><a href="#Fussnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a></p>
-
-<p>Wie das Radikal-Gute und das Radikal-Bse, so
-fehlt aber dem Juden (<em class="gesperrt">und dem Weibe</em>) <em class="gesperrt">mit dem Genie</em>
-auch das <em class="gesperrt">Radikal-Dumme</em> in der menschlichen, mnnlichen
-Natur. Die spezifische Art der Intelligenz, die dem Juden
-wie dem Weibe nachgerhmt wird, ist freilich einerseits nur
-<em class="gesperrt">grere Wachsamkeit ihres greren Egoismus</em>; anderseits
-beruht sie auf der unendlichen Anpassungsfhigkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_426" id="Seite_426">[S. 426]</a></span>
-beider an alle beliebigen ueren Zwecke ohne Unterschied:
-<em class="gesperrt">weil sie keinen urwchsigen Mastab des Wertes,
-kein Reich der Zwecke in der eigenen Brust tragen</em>.
-Dafr haben sie ungetrbtere natrliche Instinkte, welche dem
-arischen Manne nicht in gleicher Weise zurckkehren, um
-ihm weiterzuhelfen, wenn ihn das bersinnliche in seiner
-Intelligenz verlassen hat.</p>
-
-<p>Hier ist auch der Ort, der seit Richard <em class="gesperrt">Wagner</em> oft
-hervorgehobenen hnlichkeit des Englnders mit dem Juden
-zu gedenken. Denn sicherlich haben unter allen Germanen
-sie am ehesten eine gewisse Verwandtschaft mit den Semiten.
-Ihre Orthodoxie, ihre streng wrtliche Auslegung der Sabbatruhe
-weist darauf hin. Es ist in der Religiositt der Englnder
-nicht selten Scheinheiligkeit, in ihrer Askese nicht
-wenig Prderie gelegen. Auch sind sie, wie die Frauen,
-weder durch Musik noch durch Religion je produktiv gewesen:
-es mag irreligise Dichter geben &mdash; <em class="gesperrt">sehr</em> groe Knstler
-knnen es nicht sein &mdash; aber es gibt keinen irreligisen Musiker.
-Und es hngt hiemit auch zusammen, warum die Englnder
-keinen bedeutenden Architekten, und nie einen hervorragenden
-Philosophen hervorgebracht haben. <em class="gesperrt">Berkeley</em> ist wie <em class="gesperrt">Swift</em>
-und <em class="gesperrt">Sterne</em> ein <em class="gesperrt">Ire</em>, <em class="gesperrt">Erigena</em>, <em class="gesperrt">Carlyle</em> und <em class="gesperrt">Hamilton</em>,
-ebenso wie <em class="gesperrt">Burns</em>, sind <em class="gesperrt">Schotten</em>. <em class="gesperrt">Shakespeare</em> und <em class="gesperrt">Shelley</em>,
-die zwei grten Englnder, bezeichnen noch lange nicht die
-Gipfel der Menschheit, sie reichen auch nicht entfernt hinan an
-<em class="gesperrt">Dante</em>, oder an <em class="gesperrt">Aischylos</em>. Und wenn wir nun die englischen
-Philosophen betrachten, so sehen wir, wie von ihnen seit
-dem Mittelalter stets die Reaktion gegen alle Tiefe ausgegangen
-ist: von <em class="gesperrt">Wilhelm von Occam</em> und <em class="gesperrt">Duns Scotus</em>
-angefangen, ber <em class="gesperrt">Roger Baco</em> und seinen <em class="gesperrt">Namensvetter
-den Kanzler</em>, den Spinoza so geistesverwandten <em class="gesperrt">Hobbes</em>
-und den seichten <em class="gesperrt">Locke</em>, bis zu <em class="gesperrt">Hartley</em>, <em class="gesperrt">Priestley</em>,
-<em class="gesperrt">Bentham</em>, den beiden <em class="gesperrt">Mill</em>, <em class="gesperrt">Lewes</em>, <em class="gesperrt">Huxley</em>, <em class="gesperrt">Spencer</em>.
-Damit sind aber aus der Geschichte der englischen Philosophie
-die wichtigsten Namen auch schon aufgezhlt;
-denn Adam <em class="gesperrt">Smith</em> und David <em class="gesperrt">Hume</em> waren Schotten. <em class="gesperrt">Vergessen
-wir niemals, da uns aus England die seelenlose
-Psychologie gekommen ist!</em> Der Englnder hat dem<span class="pagenum"><a name="Seite_427" id="Seite_427">[S. 427]</a></span>
-Deutschen als tchtiger Empiriker, als Realpolitiker im
-Praktischen wie im Theoretischen imponiert, aber damit ist
-seine Wichtigkeit fr die Philosophie auch erschpft. Es hat
-noch nie einen tieferen Denker gegeben, der beim Empirismus
-stehen geblieben ist; und noch nie einen Englnder, der ber
-ihn selbstndig hinausgekommen wre.</p>
-
-<p>Dennoch darf man den Englnder nicht mit dem Juden
-verwechseln. Im Englnder ist viel mehr Transcendentes als
-im Juden, nur ist sein Sinn mehr vom Transcendenten aufs
-Empirische, als vom Empirischen aufs Transcendente gerichtet.
-Sonst wre er nicht so <em class="gesperrt">humorvoll</em>, wie er es ist, indes
-dem Juden der Humor fehlt, indem dieser vielmehr selbst,
-nach der Sexualitt, das ergiebigste Objekt alles Witzes ist.</p>
-
-<p>Ich wei wohl, ein wie schwieriges Problem das Lachen
-und der Humor ist; so schwierig wie alles, was nur menschlich
-und nicht auch tierisch ist, so schwierig, da <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> gar
-nichts Rechtes, und selbst <em class="gesperrt">Jean Paul</em> nichts ganz Befriedigendes
-ber den Gegenstand zu sagen wei. Im Humor liegt zunchst vielerlei:
-fr manche Menschen scheint er eine feinere Form
-des Mitleids mit anderen oder mit sich selbst zu bedeuten; aber
-damit ist nichts ausgesprochen, was gerade fr den Humor
-ausschlielich charakteristisch wre. In ihm mag bewutes
-Pathos der Distanz zum Ausdruck kommen &mdash; beim gnzlich
-unpathetischen Menschen; aber auch hiemit ist nichts
-gerade fr ihn Entscheidendes gewonnen.</p>
-
-<p>Das Wesentlichste im Humor scheint mir eine <em class="gesperrt">bermige
-Betonung des Empirischen</em>, um dessen <em class="gesperrt">Unwichtigkeit</em>
-eben hiedurch klarer darzustellen. Lcherlich
-ist im Grunde alles, was verwirklicht ist; und hierauf
-grndet sich der Humor, so ist er das Widerspiel der Erotik.
-Will diese aus dem Begrenzten ins Unbegrenzte, so lt der
-Humor auf das Begrenzte sich nieder, schiebt es allein in
-den Vordergrund der Bhne, und stellt es blo, indem er es von
-allen Seiten betrachtet. Nur der Humorist hat den Sinn fr das
-Kleine und den Zug zum Kleinen; sein Reich ist weder
-Meer noch Gebirge, sein Gebiet ist das Flachland. Darum
-sucht er mit Vorliebe das Idyll auf und vertieft sich in jedes
-<em class="gesperrt">Einzelding</em>: aber immer nur, um sein <em class="gesperrt">Miverhltnis</em><span class="pagenum"><a name="Seite_428" id="Seite_428">[S. 428]</a></span>
-zum <em class="gesperrt">Ding an sich</em> zu enthllen. <em class="gesperrt">Er blamiert die Immanenz,
-indem er sie von der Transcendenz gnzlich
-loslst</em>, ja nicht einmal den Namen der letzteren mehr nennt.
-Der Witz sucht den Widerspruch innerhalb der Erscheinung
-auf, der Humor tut ihr den greren Tort an, sie wie ein
-in sich geschlossenes Ganzes hinzustellen; <em class="gesperrt">beide zeigen,
-was alles mglich ist</em>; und kompromittieren hiedurch
-am grndlichsten die Erfahrungswelt. Die Tragik hingegen
-tut dar, was in alle Ewigkeit <em class="gesperrt">unmglich</em> ist, und so verneinen
-Komik und Tragik, jede auf ihre Weise, die Empirie,
-obwohl sie eine das Gegenteil der anderen zu sein scheinen.</p>
-
-<p>Der Jude, der nicht vom bersinnlichen kommt wie der
-Humorist, und nicht zum bersinnlichen will wie der Erotiker,
-hat kein Interesse, das Gegebene geringer zu werten: darum
-wird ihm das Leben nie zum Gaukelspiel, nie zum Tollhaus.
-Weil der Humor <em class="gesperrt">hhere</em> Werte kennt, als alle konkreten
-Dinge, und sie nur listig <em class="gesperrt">verschweigt</em>, ist er seinem Wesen
-nach <em class="gesperrt">tolerant</em>; die Satire, sein Gegenteil, ist ihrem Wesen
-nach <em class="gesperrt">intolerant</em> und entspricht darum besser der eigentlichen
-Natur des Juden wie der des Weibes. Juden und Weiber sind
-humorlos, aber spottlustig. In Rom hat es sogar eine Verfasserin
-von Satiren, <em class="gesperrt">Sulpicia</em> mit Namen, gegeben. Weil
-die Satire unduldsam ist, macht sie den Menschen in der
-Gesellschaft am leichtesten unmglich. Der Humorist, der es
-zu verhindern wei, da die Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten
-der Welt ihn und die anderen Menschen ernstlich zu bekmmern
-anfangen, ist der am liebsten gesehene Gast in
-jeder Gesellschaft. Denn der Humor rumt wie die Liebe
-Berge aus dem Wege; er ist eine Verhaltungsweise, die ein
-soziales Leben, d.&nbsp;h. eine Gemeinsamkeit unter einer <em class="gesperrt">hheren</em>
-Idee, sehr begnstigt. Der Jude ist denn auch nicht, der
-Englnder in hohem Mae sozial veranlagt.</p>
-
-<p>Der Vergleich des Juden mit dem Englnder versagt
-also noch viel frher als sein Vergleich mit dem Weibe. Der
-Grund, aus welchem dennoch hier wie dort Ausfhrlichkeit
-geboten schien, liegt in der Hitze des Kampfes, welcher um
-Wert und Wesen des Judentums seit lngster Zeit gefhrt
-wird. Auch darf ich hier wohl auf <em class="gesperrt">Wagner</em> mich berufen,<span class="pagenum"><a name="Seite_429" id="Seite_429">[S. 429]</a></span>
-den das Problem des Judentums am intensivsten, von Anfang
-bis zuletzt, beschftigt hat, und der nicht nur im Englnder
-einen Juden hat wieder entdecken wollen: auch ber seiner
-<em class="gesperrt">Kundry</em>, der tiefsten Frauengestalt der Kunst, schwebt unverkennbar
-der Schatten des <em class="gesperrt">Ahasverus</em>.</p>
-
-<p>Noch mehr scheint es im Sinne der Parallele mit dem Weibe
-gelegen, und noch strker verleitet zu ihrer voreiligen Annahme,
-da &mdash; nicht blo fr die Augen des Juden &mdash; keine Frau der
-Welt die <em class="gesperrt">Idee</em> des Weibes so vllig reprsentiert wie die
-Jdin. Selbst vom Arier wird sie hnlich empfunden: man
-denke an <em class="gesperrt">Grillparzers</em> Jdin von Toledo. Dieser Schein
-wird darum so leicht erregt, weil die Arierin vom Arier auch
-das Metaphysische als einen Sexualcharakter fordert, und von
-seinen religisen berzeugungen ebenso zu durchdringen ist,
-wie von seinen anderen Qualitten (vgl. Kapitel 9 gegen
-Ende und Kapitel 12). In Wirklichkeit gibt es freilich
-dennoch nur Christen und nicht Christinnen. Die Jdin aber
-kann, sowohl als kinderreiche Hausmutter wie als wollstige
-Odaliske, die Weiblichkeit in ihren beiden Polen, als Kypris
-und als Kybele, darum vollstndiger zu reprsentieren scheinen,
-weil der Mann, der sie sexuell ergnzt und geistig imprgniert,
-der Mann, der sie fr sich geschaffen hat, selber so
-wenig Transcendentes in sich birgt.</p>
-
-<p>Die Kongruenz zwischen Judentum und Weiblichkeit
-<em class="gesperrt">scheint</em> eine vllige zu werden, sobald auf die unendliche
-Vernderungsfhigkeit des Juden zu reflektieren begonnen
-wird. Das groe Talent der Juden fr den Journalismus, die
-Beweglichkeit des jdischen Geistes, der Mangel an einer
-wurzelhaften und ursprnglichen <em class="gesperrt">Gesinnung</em> &mdash; lassen sie
-nicht von den Juden wie von den Frauen es gelten: <em class="gesperrt">sie
-<b>sind</b> nichts, und knnen eben darum alles <b>werden</b></em>? Der
-Jude ist Individuum, aber nicht Individualitt; dem niederen
-Leben ganz zugewandt, hat er kein Bedrfnis nach der
-persnlichen Fortexistenz: es fehlt ihm das wahre, unvernderliche,
-das metaphysische Sein, er hat keinen Teil am
-hheren, <em class="gesperrt">ewigen Leben</em>.</p>
-
-<p>Und doch gehen gerade hier Judentum und Weiblichkeit
-in entscheidender Weise <em class="gesperrt">auseinander</em>; <em class="gesperrt">das Nicht-Sein<span class="pagenum"><a name="Seite_430" id="Seite_430">[S. 430]</a></span>
-und Alles-Werden-Knnen ist im Juden ein anderes
-als in der Frau</em>. Die Frau ist die Materie, die <em class="gesperrt">passiv</em> jede
-Form annimmt. Im Juden liegt zunchst unleugbar eine gewisse
-<em class="gesperrt">Aggressivitt</em>: nicht durch den groen Eindruck, den andere
-auf ihn hervorbringen, wird er rezeptiv, er ist nicht suggestibler
-als der Arier; sondern er pat sich den verschiedenen
-Umstnden und Erfordernissen, jeder Umgebung und jeder Rasse
-selbstttig an; wie der Parasit, der in jedem Wirte ein anderer
-wird, und so vllig ein verschiedenes Aussehen gewinnt, da
-man ein neues Tier vor sich zu haben glaubt, whrend er
-doch immer derselbe geblieben ist. Er assimiliert sich allem
-und assimiliert es so sich; und er wird hiebei nicht vom
-anderen unterworfen, sondern unterwirft sich so ihn.</p>
-
-<p>Das Weib ist ferner <em class="gesperrt">gar nicht</em>, der Jude <em class="gesperrt">eminent begrifflich</em>
-veranlagt, womit auch seine Neigung fr die Jurisprudenz
-zusammenhngt, welcher die Frau nie Geschmack
-abgewinnen wird; und auch in dieser begrifflichen Natur des
-Juden kommt seine <em class="gesperrt">Aktivitt</em> zum Ausdruck, eine Aktivitt
-freilich von ganz eigentmlicher Art, keine Aktivitt der
-selbstschpferischen Freiheit des hheren Lebens.</p>
-
-<p>Der Jude ist ewig wie das Weib, ewig nicht als Persnlichkeit,
-sondern als Gattung. <em class="gesperrt">Er ist nicht unmittelbar
-wie der arische Mann, aber seine Mittelbarkeit ist
-trotzdem eine andere als die des Weibes.</em></p>
-
-<p>Am tiefsten wird die Erkenntnis des eigentlich-jdischen
-Wesens erschlossen durch die <em class="gesperrt">Irreligiositt</em> des Juden.
-Es ist hier nicht der Ort fr eine Untersuchung des Religionsbegriffes,
-und es sei denn unter Religion, ohne eine Begrndung,
-die notgedrungen langatmig werden und vom
-Thema weit abfhren mte, zunchst die <em class="gesperrt">Bejahung alles
-ewigen, aus den Daten des niederen nie abzuleitenden,
-nie zu erweisenden hheren Lebens <b>im</b> Menschen
-<b>durch</b> den Menschen</em> verstanden. <em class="gesperrt">Der Jude ist der <b>unglubige</b></em>
-Mensch. <em class="gesperrt">Glaube</em> ist jene Handlung des Menschen,
-durch welche er in Verhltnis zu einem <em class="gesperrt">Sein</em> tritt. Der <em class="gesperrt">religise
-Glaube</em> richtet sich nur speziell auf das <em class="gesperrt"><b>absolute</b> Sein</em>.
-<em class="gesperrt">Und der Jude <b>ist</b> nichts, im tiefsten Grunde darum,
-weil er nichts <b>glaubt</b>.</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_431" id="Seite_431">[S. 431]</a></span>
-
-Glaube aber ist alles. Mag ein Mensch an Gott glauben
-oder nicht, es kommt nicht alles darauf an: wenn er nur
-wenigstens an seinen Atheismus glaubt. Das aber ist es
-eben; der Jude glaubt gar nichts, er glaubt nicht an seinen
-Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel. Er ist nie ganz
-durchdrungen von seinem Jubel, aber ebensowenig fhig,
-vllig von seinem Unglck erfllt zu werden. Er nimmt sich
-nie ernst, und darum nimmt er auch keinen anderen Menschen,
-keine andere Sache wahrhaft ernst.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hiemit ist die wesentliche Differenz zwischen
-dem Juden und dem Weibe endlich bezeichnet.</em> Ihre
-hnlichkeit beruht zu allertiefst darauf, da er, so wenig wie
-sie, <em class="gesperrt">an sich selbst</em> glaubt. Aber <em class="gesperrt">sie</em> glaubt an den <em class="gesperrt">anderen</em>,
-an den Mann, an das Kind, an die Liebe; sie hat einen
-Schwerpunkt, nur liegt er auerhalb ihrer. <em class="gesperrt">Der Jude aber
-glaubt nichts, weder in sich noch auer sich</em>; auch im
-Fremden hat er keinen Halt, auch in ihm schlgt er keine
-Wurzeln gleich dem Weibe. Und nur gleichsam symbolisch
-erscheint sein Mangel an irgend welcher Bodenstndigkeit
-in seinem so tiefen Unverstndnis fr allen Grundbesitz und
-seiner Vorliebe fr das mobile Kapital.</p>
-
-<p>Die Frau glaubt an den Mann, an den Mann auer sich
-oder an den Mann in sich, an den Mann, von dem sie geistig
-imprgniert worden ist, und kann auf diese Weise sogar
-sich selbst ernst nehmen.<a name="FNAnker_93_93" id="FNAnker_93_93"></a><a href="#Fussnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a> Der Jude hlt nie etwas wirklich
-fr echt und unumstlich, fr heilig und unverletzbar. Darum
-ist er berall frivol, und alles bewitzelnd; er glaubt
-keinem Christen sein Christentum, geschweige denn einem
-Juden die Ehrlichkeit seiner Taufe. Aber er ist auch nicht
-wirklich realistisch und keineswegs ein echter Empiriker.
-Hier ist an den frheren Aufstellungen, die, zum Teile, an
-H.&nbsp;S.&nbsp;<em class="gesperrt">Chamberlain</em> sich anschlossen, die wichtigste Einschrnkung
-vorzunehmen. Der Jude ist nicht eigentlich
-immanent wie der englische Erfahrungsphilosoph; denn
-der Positivismus des bloen Empiristen glaubt an einen Abschlu
-alles menschenmglichen Wissens im Bereiche der
-Sinnflligkeit, er hofft auf die Vollendung des Systemes<span class="pagenum"><a name="Seite_432" id="Seite_432">[S. 432]</a></span>
-exakter Wissenschaft. Der Jude aber glaubt auch an das
-Wissen nicht; und doch er ist darum keineswegs Skeptiker,
-denn ebensowenig ist er vom Skeptizismus berzeugt. Dagegen
-waltet noch ber einem gnzlich ametaphysischen Systeme
-wie dem des <em class="gesperrt">Avenarius</em> eine weihevolle Sorgfalt, ja selbst
-ber die relativistischen Anschauungen von Ernst <em class="gesperrt">Mach</em> ist
-eine vertrauensvolle <em class="gesperrt">Frmmigkeit</em> ausgebreitet. Der Empirismus
-mag nicht tief sein; jdisch ist er darum nicht zu
-nennen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Jude ist der unfromme Mensch im weitesten
-Sinne.</em> Frmmigkeit aber ist der Grund von allem, und die
-Basis, auf der alles andere erst sich erhebt. Man hlt den Juden
-schon fr prosaisch, weil er nicht schwungvoll ist, und nach
-keinem Urquell des Seins sich sehnt; mit Unrecht. Alle
-echte innere Kultur, und was immer ein Mensch fr Wahrheit
-halte, da es fr ihn Kultur, da es fr ihn Wahrheit,
-da es fr ihn Werte gibt, das ruht auf dem Grunde des
-Glaubens, es bedarf der Frmmigkeit. Und Frmmigkeit ist
-nicht etwas, das blo in der Mystik und in der Religion
-sich offenbart; auch aller Wissenschaft und aller Skepsis, allem,
-womit der Mensch es <em class="gesperrt">innerlich ernst meint</em>, liegt <em class="gesperrt">sie</em> am
-tiefsten zu Grunde. Da sie auf verschiedene Weise sich
-uern mag, ist sicher: Begeisterung und Sachlichkeit, hoher
-Enthusiasmus und tiefer Ernst, das sind die zwei vornehmsten
-Arten, in welchen sie zum Vorschein gelangt. Der Jude ist
-nie schwrmerisch, aber er ist auch nicht eigentlich nchtern;
-er ist nicht ekstatisch, aber er ist auch nicht trocken. Fehlt
-ihm der niedere wie der geistige Rausch, ist er so wenig
-Alkoholiker, als hherer Verzckung fhig, so ist er darum
-noch nicht khl, und noch in weiter Ferne von der Ruhe
-berzeugender Argumentation: seine Wrme schwitzt, und
-seine Klte dampft. Seine Beschrnkung wird immer Magerkeit,
-seine Flle immer Schwulst. Kommt er, wenn er zur
-schrankenlosen Begeisterung des Gefhles den Aufflug wagt,
-nie weit ber das Pathetische hinaus, so unterlt er,
-auch wenn er in den engsten Fesseln des Gedankens
-sich zu bewegen unternimmt, doch nicht, geruschvoll mit
-seinen Ketten zu rasseln. Und drngt es ihn auch kaum<span class="pagenum"><a name="Seite_433" id="Seite_433">[S. 433]</a></span>
-zum Ku der ganzen Welt, er bleibt gegen sie darum nicht
-minder zudringlich.</p>
-
-<p>Alle Sonderung und alle Umschlingung, alle Strenge
-und alle Liebe, alle Sachlichkeit und alles Hymnische, jede
-wahre, unverlogene Regung im Menschenherzen, sei sie ernst
-oder freudig, ruht zuletzt auf der Frmmigkeit. Der Glaube
-mu nicht, wie im Genius, im religisesten Menschen, auf eine
-metaphysische Entitt sich beziehen &mdash; Religion ist Setzung
-seiner selbst und der Welt mit sich selbst &mdash; er mag auch
-auf ein empirisches Sein sich erstrecken, und hierin gleichsam
-vllig aufzugehen scheinen: es ist doch nur ein und derselbe
-Glaube an ein Sein, an einen Wert, eine Wahrheit, an
-ein Absolutes, an einen Gott. Religion ist Schpfung des
-Alls; und alles, was im Menschen <em class="gesperrt">ist</em>, ist nur durch <em class="gesperrt">Religion</em>.
-Der Jude ist demnach nicht der religise Mensch,
-wofr man ihn so oft ausgegeben hat; sondern der irreligise
-Mensch &#954;&#945;&#964;' &#949;&#958;&#959;&#967;&#942;&#957;.<a name="FNAnker_94_94" id="FNAnker_94_94"></a><a href="#Fussnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a></p>
-
-<p>Soll ich dies nun noch begrnden? Soll ich lange ausfhren,
-wie der Jude ohne Eifer im Glauben ist, und darum
-die jdische Konfession die einzige, die um keinen Proselyten
-wirbt, der zum Judentum bergetretene dessen Bekennern
-selbst das grte Rtsel und die grte Verlegenheit?<a name="FNAnker_95_95" id="FNAnker_95_95"></a><a href="#Fussnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a> Soll<span class="pagenum"><a name="Seite_434" id="Seite_434">[S. 434]</a></span>
-ich ber das Wesen des jdischen Gebetes hier mich verbreiten
-und seine Formelhaftigkeit, seinen Mangel an jener
-Inbrunst, die nur der Augenblick geben kann, betonen? Soll
-ich endlich wiederholen, was die jdische Religion ist: keine
-Lehre vom Sinn und Zweck des Lebens, sondern eine historische
-Tradition, zusammenzufassen in dem einen bergang
-durchs rote Meer, gipfelnd also in dem Danke des flchtenden
-Feigen an den mchtigen Erretter? Es wre wohl auch
-sonst klar: der Jude ist der irreligise Mensch, und von
-jedem Glauben am allerweitesten entfernt. Er setzt nicht sich
-selbst und mit sich die Welt, worin das Wesentliche in der Religion
-besteht. Aller Glaube ist heroisch: der Jude aber kennt
-weder den Mut noch das Frchten, als das Gefhl des bedrohten
-Glaubens; er ist weder sonnenhaft noch dmonisch.</p>
-
-<p>Nicht also, wie <em class="gesperrt">Chamberlain</em> glaubt, Mystik, sondern
-<em class="gesperrt">Frmmigkeit</em> ist das, was dem Juden zu allerletzt mangelt.
-Wre er nur ehrlicher Materialist, wre er nur bornierter
-Entwicklungsanbeter! Aber er ist nicht Kritiker, sondern nur
-Kritikaster, er ist nicht Skeptiker nach dem Bilde des
-<em class="gesperrt">Cartesius</em>, nicht Zweifler, um aus dem grten Mitrauen
-zur grten Sicherheit zu gelangen; sondern absoluter Ironiker
-wie &mdash; hier kann ich eben nur einen Juden nennen &mdash; wie
-Heinrich <em class="gesperrt">Heine</em>. Er ist gar nicht echter Revolutionr (denn
-woher kme ihm die Kraft und der innere Elan der Emprung?),
-und unterscheidet sich eben hiedurch vom <em class="gesperrt">Franzosen</em>:
-er ist nur zersetzend, und gar nie wirklich zerstrend.</p>
-
-<p>Und was ist er nun selbst, der Jude, wenn er nichts von
-alledem ist, was sonst ein Mensch sein kann? Was geht in
-ihm wahrhaft vor, wenn er ohne irgend welches Letzte ist,
-ohne einen Grund, auf den das Senkblei des Psychologen
-am Ende doch hart und vernehmlich stiee?</p>
-
-<p>Des Juden psychische Inhalte sind smtlich mit einer
-gewissen Zweiheit oder Mehrheit behaftet; <em class="gesperrt">ber diese Ambiguitt,
-diese Duplizitt, ja Multiplizitt kommt
-er nie hinaus</em>. Er hat immer <em class="gesperrt">noch</em> eine Mglichkeit, noch
-<em class="gesperrt">viele</em> Mglichkeiten, wo der Arier, ohne rmer im Blicke zu
-sein, unbedingt sich entscheidet und whlt. Diese innere Vieldeutigkeit,
-diesen Mangel an unmittelbarer innerer <em class="gesperrt">Realitt</em><span class="pagenum"><a name="Seite_435" id="Seite_435">[S. 435]</a></span>
-irgend eines psychischen Geschehens, die Armut an jenem
-An- und Frsich-Sein, aus welchem allein hchste Schpferkraft
-flieen kann, glaube ich als die Definition dessen betrachten
-zu mssen, was ich das Jdische als Idee genannt
-habe.<a name="FNAnker_96_96" id="FNAnker_96_96"></a><a href="#Fussnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a> <em class="gesperrt">Es ist wie ein Zustand <b>vor</b> dem <b>Sein</b></em>, ein ewiges
-Irren drauen vor dem Tore der Realitt. Mit nichts kann
-der Jude sich wahrhaft identifizieren, fr keine Sache sein
-Leben ganz und gar einsetzen.<a name="FNAnker_97_97" id="FNAnker_97_97"></a><a href="#Fussnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> Nicht der Eiferer, sondern
-der Eifer fehlt dem Juden: weil ihm alles Ungeteilte, alles
-Ganze fremd ist. Es ist die <em class="gesperrt">Einfalt</em> des <em class="gesperrt">Glaubens</em>, die ihm
-abgeht, und weil er diese <em class="gesperrt">Einfalt</em> nicht hat, und keine wie
-immer geartete letzte <em class="gesperrt">Position</em> bedeutet, darum scheint er
-gescheiter als der Arier, und entwindet sich <em class="gesperrt">elastisch</em> jeder
-Unterdrckung.<a name="FNAnker_98_98" id="FNAnker_98_98"></a><a href="#Fussnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> <em class="gesperrt">Innerliche Vieldeutigkeit</em>, ich mchte
-es wiederholen, <em class="gesperrt">ist das absolut Jdische, Einfalt das
-absolut Unjdische</em>. Die Frage des Juden ist die
-Frage, die Elsa an Lohengrin richtet: die Unfhigkeit,
-irgend einer Verkndigung, sei es auch der inneren Offenbarung,
-die Unmglichkeit, <em class="gesperrt">irgend</em> einem <em class="gesperrt">Sein</em> schlechthin
-zu <em class="gesperrt">glauben</em>.</p>
-
-<p>Man wird vielleicht einwenden, jenes zwiespltige Sein
-finde sich nur bei den zivilisierten Juden, in welchen die alte
-Orthodoxie neben der modernen Gesittung noch fortwirke.
-Aber das wre weit gefehlt. Seine Bildung lt das Wesen
-des Juden nur darum stets noch klarer zum Vorschein<span class="pagenum"><a name="Seite_436" id="Seite_436">[S. 436]</a></span>
-kommen, weil es so an Dingen sich bettigt, die mit
-tieferem Ernste erwogen sein wollen, als materielle Geldgeschfte.
-Der Beweis, da der Jude an sich nicht eindeutig
-ist, lt sich erbringen: der Jude <em class="gesperrt">singt</em> nicht. Nicht aus
-Schamhaftigkeit, sondern weil er sich seinen Gesang nicht
-<em class="gesperrt">glaubt</em>. So wenig die Vieldeutigkeit des Juden mit eigentlicher,
-realer Differenziertheit oder Genialitt, so wenig hat
-seine eigentmliche Scheu vor dem Gesang, oder auch nur
-vor dem lauten hellen Worte, mit echter Zurckhaltung etwas
-zu tun. Alle Scham ist stolz; jene Abneigung des Juden
-ist aber ein Zeichen seiner <em class="gesperrt">inneren Wrdelosigkeit</em>: denn
-das unmittelbare Sein versteht er nicht, und er wrde sich
-schon lcherlich finden und kompromittiert fhlen, wenn er
-nur snge. Schamhaftigkeit umfat alle Inhalte, die mit
-dem Ich des Menschen, durch eine innige Kontinuitt
-fester verknpft sind; die fragliche Gne des Juden aber
-erstreckt sich auch auf Dinge, die ihm keineswegs heilig sein
-knnen, die er also nicht zu profanieren frchten mte,
-wenn er ffentlich die Stimme wrde erheben sollen. Und
-abermals trifft dies mit der Unfrmmigkeit des Juden zusammen:
-denn alle Musik ist absolut, und besteht wie losgelst
-von aller Unterlage; nur darum hat sie unter
-allen Knsten die engste Beziehung zur Religion, und ist
-der einfache Gesang, der eine einzelne Melodie mit ganzer
-Seele erfllt, unjdisch wie jene.</p>
-
-<p>Ich glaube nun gerade deutlich genug gewesen zu sein, um
-nicht darber schlecht verstanden zu werden, was ich mit dem
-eigentlichen Wesen des Judentums meine. <em class="gesperrt">Ibsens</em> Knig
-<em class="gesperrt">Hkon</em> in den Kronprtendenten, sein Dr. <em class="gesperrt">Stockmann</em>
-im Volksfeind mgen es, wenn es dessen bedrfen sollte,
-noch klarer machen, was dem echten Juden in alle Ewigkeit
-unzugnglich ist: <em class="gesperrt">das unmittelbare Sein</em>, <em class="gesperrt">das Gottesgnadentum</em>,
-<em class="gesperrt">der Eichbaum</em>, <em class="gesperrt">die Trompete</em>, <em class="gesperrt">das Siegfriedmotiv</em>,
-<em class="gesperrt">die Schpfung seiner selbst</em>, <em class="gesperrt">das Wort: <b>ich
-bin</b></em>. Der Jude ist wahrhaftig das Stiefkind Gottes auf Erden;
-und es gibt denn auch keinen (mnnlichen) Juden, der nicht,
-wenn auch noch so dumpf, an seinem Judentum, das ist im
-tiefsten Grunde, an seinem Unglauben, <b>litte</b>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_437" id="Seite_437">[S. 437]</a></span>
-
-Judentum und Christentum, jenes das zerrissenste, der
-inneren Identitt barste, dieses das glaubenskrftigste, gottvertrauendste
-Sein, sie bilden so den weitesten, unermelichsten
-Gegensatz. Christentum ist hchstes Heldentum; der Jude aber
-ist nie einheitlich und ganz. Darum eben ist der Jude feige,
-und der Heros sein uerster Gegenpol.</p>
-
-<p>H. S. <em class="gesperrt">Chamberlain</em> hat von dem furchtbaren, unheimlichen
-Unverstndnis des echten Juden fr die Gestalt und
-die Lehre Christi, fr den Krieger wie fr den Dulder in
-ihm, fr sein Leben wie fr sein Sterben, viel Wahres und
-Treffendes gesagt. Aber es wre irrig, zu glauben, der
-Jude <em class="gesperrt">hasse</em> Christum; der Jude ist nicht der Antichrist, <em class="gesperrt">er
-hat zu Jesus nur eigentlich gar keine Beziehung</em>; es
-gibt streng genommen nur Arier &mdash; Verbrecher &mdash; die
-Christum <em class="gesperrt">hassen</em>. Der Jude fhlt sich durch ihn nur, als ein
-seinem Witze nicht recht Angreifbares, weil seinem Verstndnis
-Entrcktes, <em class="gesperrt">gestrt</em> und unangenehm <em class="gesperrt">gergert</em>.</p>
-
-<p>Dennoch ist die Sage vom Neuen Testament als reifster
-Blte und hchster Vollendung des Alten, und die knstliche
-Vermittelung, welche das letztere den messianischen Verheiungen
-des ersteren angepat hat, den Juden sehr zustatten
-gekommen; sie ist ihr strkster uerer Schutz gewesen. Da
-nun trotz dieses polaren Verhltnisses gerade aus dem Judentum
-das Christentum hervorgegangen ist, bildet eines der
-tiefsten psychologischen Rtsel: es ist kein anderes Problem als
-die Psychologie des Religionsstifters, um die es sich hier
-handelt.<a name="FNAnker_99_99" id="FNAnker_99_99"></a><a href="#Fussnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a></p>
-
-<p>Wodurch unterscheidet sich der geniale Religionsstifter
-von allem brigen Genie? Welche innere Notwendigkeit treibt
-ihn, Religion zu stiften?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Es kann keine andere sein, als da er selbst
-nicht immer an den Gott geglaubt hat, den er verkndet.</em>
-Die berlieferung erzhlt von <em class="gesperrt">Buddha</em> wie von
-<em class="gesperrt">Christus</em>, welchen Versuchungen sie ausgesetzt waren, viel
-strkeren als alle anderen Menschen. Zwei weitere, <em class="gesperrt">Mohammed</em>
-und <em class="gesperrt">Luther</em>, sind <em class="gesperrt">epileptisch</em> gewesen. Die <em class="gesperrt">Epilepsie</em><span class="pagenum"><a name="Seite_438" id="Seite_438">[S. 438]</a></span>
-aber ist <em class="gesperrt">die Krankheit des Verbrechers</em>: <em class="gesperrt">Csar</em>, <em class="gesperrt">Narses</em>,
-<em class="gesperrt">Napoleon</em>, die groen Verbrecher, haben smtlich an der
-Fallsucht gelitten, und <em class="gesperrt">Flaubert</em> und <em class="gesperrt">Dostojewskij</em>, welche
-zu ihr wenigstens tendierten, hatten beide auerordentlich
-viel vom Verbrecher in sich, ohne natrlich Verbrecher
-zu <em class="gesperrt">sein</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Religionsstifter ist jener Mensch, der ganz
-gottlos gelebt und dennoch zum hchsten Glauben sich
-durchgerungen hat.</em> Wie es mglich sei, da ein natrlicherweise
-bser Mensch sich selbst zum guten Menschen mache, das
-bersteigt alle unsere Begriffe; denn wie kann ein bser
-Baum gute Frchte bringen? so fragt <em class="gesperrt">Kant</em> in seiner Religionsphilosophie,
-und <em class="gesperrt">bejaht dennoch prinzipiell</em> diese Mglichkeit:
-Denn, ungeachtet jenes Abfalles erschallt doch das
-Gebot: wir <em class="gesperrt">sollen</em> bessere Menschen werden, unvermindert
-in unserer Seele; folglich mssen wir es auch <em class="gesperrt">knnen</em> ..
-Jene unbegreifliche Mglichkeit der vollstndigen <em class="gesperrt">Wiedergeburt</em>
-eines Menschen, der alle Jahre und Tage seines
-frheren Lebens als bser Mensch gelebt hat, dieses hohe
-Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen <em class="gesperrt">verwirklicht</em>,
-welche die groen Religionen der Menschheit begrndet
-haben. Hiedurch scheiden sie sich vom eigentlichen
-Genie: in diesem berwiegt von Geburt an die Anlage zum
-Guten.</p>
-
-<p>Alle Genialitt ist nur hchste Freiheit vom Naturgesetz.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,<br /></span>
-<span class="i0">Befreit der Mensch sich, der sich berwindet.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p><em class="gesperrt">Wenn dies so sich verhlt, dann ist der Religionsstifter
-der genialste Mensch.</em> Denn er hat <em class="gesperrt">am meisten</em>
-berwunden. Er ist der Mensch, dem das gelungen ist, was
-die tiefsten Denker der Menschheit nur zaghaft, nur um
-ihre ethische Weltanschauung, um die <em class="gesperrt">Freiheit</em> der <em class="gesperrt">Wahl</em>
-nicht preisgeben zu mssen, als mglich hingestellt haben:
-<em class="gesperrt">die vllige Neugeburt des Menschen</em>, seine Regeneration,
-die gnzliche Umkehr des Willens. Die anderen groen
-Geister haben zwar auch den Kampf mit dem Bsen zu
-fhren, aber bei ihnen neigt die Wagschale von vornherein<span class="pagenum"><a name="Seite_439" id="Seite_439">[S. 439]</a></span>
-entschieden zum Guten. Nicht so beim Religionsgrnder.
-In ihm ist so viel Bses, so viel Machtwille, so viel
-irdische Leidenschaft, da er 40 Tage in der Wste, ununterbrochen,
-ohne Nahrung, ohne Schlaf, mit dem Feind in sich
-kmpft. Erst dann hat er gesiegt: nicht zum Tode ist er eingegangen,
-sondern das hchste Leben hat er in sich befreit.
-Wre das anders, so fehlte jeder Impuls zur Glaubensstiftung.
-Der Religionsgrnder will und mu nichts anderes den
-Menschen bringen, als was ihm, dem belastetsten von allen,
-gelungen ist: den Bund mit der Gottheit zu schlieen. Er
-wei, da er der schuldbeladenste Mensch ist; und er shnt
-die <em class="gesperrt">grte</em> Schuldsumme durch den Tod am Kreuze.</p>
-
-<p>Im Judentum waren zwei Mglichkeiten. Vor <em class="gesperrt">Christi</em>
-Geburt lagen sie noch beisammen, und es war noch nicht
-gewhlt worden. Es war eine Diaspora da, und zugleich
-wenigstens eine Art Staat: Negation und Position, beide
-waren nebeneinander vorhanden. <em class="gesperrt">Christus ist der Mensch,
-der die strkste Negation, das Judentum, in sich
-berwindet, und so die strkste Position, das Christentum,
-als das dem Judentum Entgegengesetzteste,
-schafft.</em> Aus dem Zustand <em class="gesperrt">vor</em> dem Sein <em class="gesperrt">trennen</em> sich
-Sein und Nicht-Sein. <em class="gesperrt">Jetzt</em> sind die Lose gefallen: das alte
-Israel scheidet sich in Juden und in Christen, der <em class="gesperrt">Jude</em>, wie
-wir ihn kennen, wie ich ihn beschrieben habe, entsteht <b>zugleich</b>
-mit dem <em class="gesperrt">Christen</em>. Die Diaspora wird nun vollstndig,
-und aus dem Judentum verschwindet die Mglichkeit zur
-Gre: Menschen wie <em class="gesperrt">Jesaias</em>, jenen gewaltigsten Mann des
-alten Israel, hat das <em class="gesperrt">Judentum</em> seither nicht wieder hervorbringen
-knnen. <em class="gesperrt">Christentum und Judentum bedingen
-sich welthistorisch wie Position und Negation.</em> In
-Israel waren die hchsten Mglichkeiten, die je einem Volke
-beschieden waren: die Mglichkeit Christi. <em class="gesperrt">Die andere
-Mglichkeit ist der Jude.</em></p>
-
-<p>Ich hoffe nicht miverstanden zu werden: ich will dem
-Judentum nicht eine Beziehung zum Christentum andichten,
-die ihm fremd ist. <em class="gesperrt">Das Christentum ist die absolute
-Negation des Judentums; aber es hat zu diesem dasselbe
-Verhltnis, welches alle Dinge mit ihren Gegenteilen,<span class="pagenum"><a name="Seite_440" id="Seite_440">[S. 440]</a></span>
-jede Position mit der Negation verbindet,
-welche durch sie berwunden ist.</em><a name="FNAnker_100_100" id="FNAnker_100_100"></a><a href="#Fussnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a> Noch mehr als
-Frmmigkeit und Judentum, sind Christentum und Judentum
-nur <em class="gesperrt">aneinander</em>, und durch ihre wechselseitige Ausschlieung,
-zu definieren. <em class="gesperrt">Das Judentum ist der Abgrund, ber dem
-das Christentum aufgerichtet ist, und darum der Jude
-die strkste Furcht und die tiefste Abneigung des
-Ariers.</em><a name="FNAnker_101_101" id="FNAnker_101_101"></a><a href="#Fussnote_101_101" class="fnanchor">[101]</a></p>
-
-<p>Ich vermag nicht mit <em class="gesperrt">Chamberlain</em> zu glauben, da
-die Geburt des Heilands in Palstina ein bloer Zufall knne
-gewesen sein. <em class="gesperrt">Christus war ein Jude, aber nur, um das
-Judentum in sich am vollstndigsten zu berwinden</em>;
-denn wer ber den mchtigsten <em class="gesperrt">Zweifel</em> gesiegt hat, der
-ist der <em class="gesperrt">glubigste</em>, wer ber die deste <em class="gesperrt">Negation</em> sich
-erhoben hat, der <em class="gesperrt">positivste</em> Bejaher. <em class="gesperrt">Christus ist der grte
-Mensch, weil er am grten Gegner sich gemessen
-hat.</em> Vielleicht ist er der einzige Jude und wird es bleiben,
-dem dieser Sieg ber das Judentum gelungen: der erste Jude
-wre der letzte, der ganz und gar <em class="gesperrt">Christ</em> geworden ist;
-vielleicht aber liegt auch heute noch im Judentum die Mglichkeit,
-den Christ hervorzubringen, vielleicht sogar <em class="gesperrt">mu</em> auch
-der nchste Religionsstifter abermals erst durch das <em class="gesperrt">Judentum</em>
-hindurchgehen. Wenn also im Juden vielleicht noch
-immer die hchsten <em class="gesperrt">Mglichkeiten</em>, so liegen doch in ihm die
-geringsten <em class="gesperrt">Wirklichkeiten</em>; er ist wohl der <em class="gesperrt">zum Meisten
-veranlagte</em>, und doch zugleich der <em class="gesperrt">innerlich des Wenigsten
-mchtige</em> Mensch.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unsere heutige Zeit lt das Judentum auf der hchsten
-Hhe erblicken, die es seit den Tagen des <em class="gesperrt">Herodes</em> erklommen<span class="pagenum"><a name="Seite_441" id="Seite_441">[S. 441]</a></span>
-hat. <em class="gesperrt">Jdisch</em> ist der <em class="gesperrt">Geist der Modernitt</em>,
-von wo man ihn betrachte. Die Sexualitt wird bejaht, und
-die heutige Gattungsethik singt zum Koitus den Hymenaios.
-Der unglckliche <em class="gesperrt">Nietzsche</em> ist wahrhaftig nicht verantwortlich
-fr die groe Vereinigung von natrlicher Zuchtwahl
-und natrlicher Unzuchtwahl, deren schmhlicher Apostel sich
-Wilhelm <em class="gesperrt">Blsche</em> nennt. <em class="gesperrt">Er</em> hat Verstndnis gehabt fr die
-Askese, und nur unter der eigenen zu sehr gelitten, um nicht
-ihr Gegenteil oft wnschenswerter zu finden. Aber Weiber
-und Juden kuppeln, ihr Ziel ist es: den Menschen schuldig
-werden lassen.</p>
-
-<p>Unsere Zeit, die nicht nur die jdischeste, sondern auch
-die weibischeste aller Zeiten ist; die Zeit, fr welche die Kunst
-nur ein Schweituch ihrer Stimmungen abgibt, die den knstlerischen
-Drang aus den Spielen der Tiere abgeleitet hat; die Zeit des
-leichtglubigsten Anarchismus, die Zeit ohne Sinn fr Staat und
-Recht, die Zeit der Gattungs-Ethik, die Zeit der seichtesten
-unter allen denkbaren Geschichtsauffassungen (des historischen
-Materialismus), die Zeit des Kapitalismus und des Marxismus,
-die Zeit, der Geschichte, Leben, Wissenschaft, alles nur mehr
-konomie und Technik ist; die Zeit, die das Genie fr eine
-Form des Irrsinns erklrt hat, die aber auch keinen einzigen
-groen Knstler, keinen einzigen groen Philosophen mehr
-besitzt, die Zeit der geringsten Originalitt und der grten
-Originalittshascherei; die Zeit, die an die Stelle des Ideals
-der Jungfrulichkeit den Kultus der Demi-Vierge gesetzt hat:
-<em class="gesperrt">diese Zeit hat auch den Ruhm, die erste zu sein,
-welche den Koitus bejaht und angebetet hat</em>.</p>
-
-<p>Aber dem neuen Judentum entgegen drngt ein neues
-Christentum zum Lichte; die Menschheit harrt des neuen
-Religionsstifters, und der Kampf drngt zur Entscheidung wie
-im Jahre eins. Zwischen Judentum und Christentum, zwischen
-Geschft und Kultur, zwischen Weib und Mann, zwischen
-Gattung und Persnlichkeit, zwischen Unwert und Wert,
-zwischen irdischem und hherem Leben, zwischen dem Nichts
-und der Gottheit hat abermals die Menschheit die Wahl. Das
-sind die beiden Pole: es gibt kein drittes Reich.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_442" id="Seite_442">[S. 442]</a></span><a name="XIV_Kapitel" id="XIV_Kapitel"><small>XIV. Kapitel.</small></a><br />
-
-Das Weib und die Menschheit.</h2>
-
-
-<p>Nun erst ist es mglich, gereinigt und gewaffnet nochmals
-vor die Frage der Emanzipation des Weibes zu treten.
-Gereinigt, weil nun nicht mehr die tausend fliegenden Mcken
-jener Zweideutigkeiten, welche den Gegenstand umspielen,
-den Blick trben; gewaffnet, weil im Besitze fester theoretischer
-Begriffe und sicherer ethischer Anschauungen. Fern
-ab von dem Tummelplatze der gewhnlichen Kontroversen
-und selbst weit ber das Problem der ungleichen Begabung
-hinaus ist die Untersuchung an Punkte gelangt, welche die
-Rolle des Weibes im Weltganzen und den Sinn seiner Mission
-fr den Menschen ahnen lieen. Darum sollen auch hier
-Fragen von allzu besonderem Charakter in die Errterung
-nicht einbezogen werden; diese ist nicht optimistisch genug,
-auf die Fhrung politischer Geschfte von ihren Resultaten
-einen Einflu zu erhoffen. Darum verzichtet sie auf die Ausarbeitung
-sozialhygienischer Vorschlge, und behandelt das
-Problem vom Standpunkte jener Idee der Menschheit, die ber
-der Philosophie von <em class="gesperrt">Immanuel Kant</em> schwebt.</p>
-
-<p>Die Gefahr ist gro, welche dieser Idee von der Weiblichkeit
-droht. Den Frauen ist in hohem Grade die Kunst
-verliehen den Schein zu erregen, als wren sie eigentlich
-asexuell und ihre Sexualitt nur eine Konzession an den
-Mann. Denn fiele dieser Schein weg, wo bliebe dann die
-Konkurrenz mehrerer, vieler um eine? Sie haben aber, untersttzt
-von Mnnern, die es ihnen glaubten, heute dem anderen
-Geschlechte beinahe dies einzureden vermocht, da des
-Mannes wichtigstes, eigentlichstes Bedrfnis die Sexualitt sei,
-da er erst vom Weibe Befriedigung seiner wahrsten und<span class="pagenum"><a name="Seite_443" id="Seite_443">[S. 443]</a></span>
-tiefsten Wnsche erhoffen drfe, da Keuschheit fr ihn ein
-Unnatrliches und Unmgliches bilde. Wie oft knnen junge
-Mnner, die in ernster Arbeit Genugtuung finden, von Frauen,
-denen sie nicht allzuhlich vorkommen, und, als Liebhaber oder
-Schwiegershne, nicht allzuwenig zu versprechen scheinen, es
-vernehmen, da sie nicht so bermig studieren, vielmehr
-ihr Leben genieen sollten. In diesen freundlichen Mahnungen
-liegt, natrlich gnzlich unbewut, ein Gefhl des
-Weibes, seine einzig auf den Begattungsakt gerichtete Sendung
-zu verfehlen, <em class="gesperrt">nichts mehr zu sein</em>, mit seinem ganzen
-Geschlechte alle Bedeutung zu verlieren, sowie der Mann um
-andere als um sexuelle Dinge sich zu bekmmern anfngt.</p>
-
-<p>Ob sich die Frauen hierin je ndern werden, ist fraglich.
-Man darf auch nicht glauben, da sie je anders gewesen
-sind. Heute mag das sinnliche Element strker hervortreten
-als frher, denn unendlich viel in der Bewegung
-ist nur ein Hinberwollen von der Mutterschaft zur Prostitution;
-sie ist als Ganzes mehr Dirnen-Emanzipation als
-Frauen-Emanzipation, und sicherlich ihren wirklichen Resultaten
-nach vor allem: ein mutigeres Hervortreten des kokottenhaften
-Elementes im Weibe. Was <em class="gesperrt">neu</em> scheint, das ist
-das Verhalten der <em class="gesperrt">Mnner</em>. Mit unter dem Einflu des Judentums
-sind sie heute nahe daran, der weiblichen Wertung
-ihrer selbst sich zu fgen, ja selber sie sich anzueignen. Die
-mnnliche Keuschheit wird verlacht, gar nicht mehr <em class="gesperrt">verstanden</em>,
-das Weib vom Manne nicht mehr als Snde, als
-<em class="gesperrt">Schicksal</em> empfunden, die eigene Begierde weckt im Manne
-keine Scham mehr.</p>
-
-<p>Man sieht jetzt, <em class="gesperrt">woher</em> die Forderung des Sich-Auslebens,
-der Kaffeehausbegriff des Dionysischen, der Kult
-<em class="gesperrt">Goethes</em>, soweit Goethe <em class="gesperrt">Ovid</em> ist, woher diese ganze moderne
-<em class="gesperrt">Koitus-Kultur</em> eigentlich stammt. Denn es ist so weit, da kaum
-je einer noch den Mut findet, zur Keuschheit sich zu bekennen,
-und fast jeder lieber so tut, als wre er ein Wstling.
-Geschlechtliche Ausschweifungen bilden den beliebtesten
-Gegenstand der <em class="gesperrt">Renommage</em>, ja die Sexualitt wird so
-hoch gewertet, da der Renommist schon Mhe hat, Glauben
-zu finden; die Keuschheit hingegen steht in so geringem Ansehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_444" id="Seite_444">[S. 444]</a></span>
-da gerade der wahrhaft Keusche oft hinter dem Scheine
-des Rou sich verbirgt. Es ist sicher wahr, da der Schamhafte
-auch seiner Scham sich <em class="gesperrt">schmt</em>; aber jene andere, heutige
-Scham ist nicht die Scham der Erotik, sondern die Scham des
-Weibes, weil es noch keinen Mann gefunden, noch keinen Wert
-vom anderen Geschlechte empfangen hat. Darum ist einer dem
-anderen zu zeigen beflissen, mit welcher <em class="gesperrt">Treue</em> und pflichtgemer
-<em class="gesperrt">Wonne</em> er die sexuellen Funktionen ausbt. So bestimmt
-heute das Weib, das seiner Natur nach am Manne
-nur die sexuelle Seite schtzen kann, was mnnlich ist:
-aus seinen Hnden nehmen die Mnner den Mastab ihrer
-Mnnlichkeit entgegen. So ist die Zahl der Beischlfe, das
-Verhltnis, das Mdel, in der Tat die <em class="gesperrt">Legitimation
-eines Masculinums vor dem anderen</em> geworden. Doch
-nein: denn dann gibt es keine Mnner mehr.</p>
-
-<p>Dagegen ist alle Hochschtzung der <em class="gesperrt">Virginitt ursprnglich</em>
-vom Manne ausgegangen, und geht, wo es
-Mnner gibt, noch immer von da aus: sie ist die Projektion
-des dem Manne <em class="gesperrt">immanenten</em> Ideales fleckenloser Reinheit
-auf den Gegenstand seiner Liebe. Man lasse sich nur hierin nicht
-beirren, weder durch die Angst und den Schrecken vor der
-Berhrung, die sich so gern mglichst bald in Zutraulichkeit
-transformieren, noch durch die hysterische Unterdrckung der
-sexuellen Wnsche; nicht durch den <em class="gesperrt">ueren Zwang</em>, dem
-Anspruch des Mannes auf physische Reinheit zu entsprechen,
-weil sonst der Kufer sich nicht einstellen wrde; aber auch
-nicht durch jenes Bedrfnis Wert zu <em class="gesperrt">empfangen</em>, aus welchem
-die Frau oft so lange auf jenen Mann wartet, der ihr am meisten
-Wert schenken kann (was man gemeinhin vllig verkehrt als
-hohe <em class="gesperrt">Selbst</em>schtzung solcher Mdchen interpretiert). Will man
-wissen, wie die <em class="gesperrt">Frauen</em> ber die Jungfernschaft denken, so
-kann dies freilich von vornherein kaum zweifelhaft sein, nach
-der Erkenntnis, da das Hauptziel der Frauen die Herbeifhrung
-des <em class="gesperrt">Koitus berhaupt</em> ist, als durch welchen sie erst Existenz
-gewinnen; denn da die Frau den Koitus will und nichts
-anderes, auch wenn sie, fr ihre Person, noch so uninteressiert
-an der Wollust <em class="gesperrt">scheinen</em> mag, das konnte aus der Allgemeinheit
-der Kuppelei <em class="gesperrt">bewiesen</em> werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_445" id="Seite_445">[S. 445]</a></span>
-
-Man mu, um sich davon neu zu berzeugen, betrachten,
-mit welchen Augen die Frau Jungfernschaft bei den anderen
-Angehrigen ihres Geschlechtes ansieht.</p>
-
-<p>Und da nimmt man wahr: der Zustand der Nicht-Verheirateten
-wird von den Frauen selbst sehr tief gestellt. Ja
-es ist eigentlich <em class="gesperrt">der</em> weibliche Zustand, den das Weib <em class="gesperrt">negativ</em>
-bewertet. Die Frauen schtzen jede Frau berhaupt erst, wenn
-sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen hlichen, schwachen,
-armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen Mann unglcklich
-verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet,
-will sagen, hat Wert, hat Existenz empfangen. Und wenn
-eine auch nur kurze Zeit die Herrlichkeiten eines Maitressenlebens
-gekostet, ja wenn sie Straendirne geworden ist, sie
-steht hher in der weiblichen Schtzung als das alte Frulein,
-das einsam in seiner Kammer nht und flickt, ohne je einem
-Manne, in gesetzlicher oder ungesetzlicher Verbindung, fr
-lange oder fr einen rasch vergangenen Taumel, angehrt
-zu haben.</p>
-
-<p>So aber wird auch das ganz junge Mdchen, wenn
-es durch krperliche Vorzge sich auszeichnet, vom Weibe
-nie um seiner Schnheit willen positiv gewertet &mdash; der Frau
-<em class="gesperrt">fehlt</em> das Organ des Schn-Findens, weil sie keinen Wert zu
-projizieren hat &mdash; sondern nur, weil es leichtere Aussicht
-hat, einen Mann an sich zu fesseln. <em class="gesperrt">Je schner eine Jungfrau
-ist, eine desto zuverlssigere <b>Promesse</b> ist sie den
-anderen Frauen, desto wertvoller ist sie dem Weibe
-als Kupplerin, seiner Bestimmung als Hterin der
-Gemeinschaft <b>nach</b>; nur dieser <b>unbewute</b> Gedanke ist
-es, der eine Frau an einem schnen Mdchen Freude
-finden lt.</em> Wie dies erst dann rein zum Vorschein kommen
-kann, wenn das wertende weibliche Einzelindividuum bereits
-selbst Existenz empfangen hat (weil sonst der Neid auf die
-Konkurrentin, und das Gefhl, die eigenen Chancen im Kampf
-um den Wert durch sie vermindert zu sehen, jene Regungen
-berstimmen mu), das wurde bereits besprochen. Zuerst
-mssen sie wohl sich selbst verkuppeln &mdash; kuppeln kommt
-von copulare, ein Paar fertig bringen &mdash; frher knnen es
-die anderen auch kaum verlangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_446" id="Seite_446">[S. 446]</a></span>
-
-Die leider so allgemein gewordene Geringschtzung der
-alten Jungfer ist demnach durchaus vom <em class="gesperrt">Weibe</em> ausgegangen.
-Von einem bejahrten Frulein wird man Mnner oft
-mit Respekt reden hren; aber jede Frau und jedes Mdchen,
-gleichgltig ob verheiratet oder nicht, hat fr die Betreffende
-nur die extremste Geringschtzung, mag dies auch
-in manchen Fllen ihnen selbst gar nicht bewut werden.
-Eine verheiratete Dame, die fr geistreich und mannigfach
-talentiert gelten konnte, und ihres ueren wegen so viele
-Bewunderer zhlte, da Neid in diesem Falle ganz auer
-Frage steht, hrte ich einmal ber ihre unschne und ltliche
-italienische Lehrerin sich lustig machen, weil diese
-wiederholt betont habe: Io sono ancora una vergine (sie sei
-noch eine Jungfrau).</p>
-
-<p>Freilich ist, vorausgesetzt da die uerung richtig
-reproduziert war, zuzugeben, da die ltere eine Tugend
-wohl nur aus der Not gemacht hatte, und jedenfalls selbst
-sehr froh gewesen wre, ihre Jungfernschaft auf irgend eine
-Weise los zu werden, ohne dadurch in der Gesellschaft an
-Ansehen einben zu mssen.</p>
-
-<p>Denn dies ist das Wichtigste: die Frauen verachten und
-hhnen nicht nur die Jungfernschaft anderer Frauen, sondern
-sie schtzen auch die eigene Jungfernschaft als <em class="gesperrt">Zustand</em> uerst
-<em class="gesperrt">gering</em> (und nur als eine sehr gesuchte <em class="gesperrt">Ware</em> von hchstem
-Anwert bei den <em class="gesperrt">Mnnern hoch</em>). Darum blicken sie zu jeder
-Verheirateten wie zu einem hheren Wesen empor. Wie sehr
-es dem Weibe im tiefsten Grunde speziell auf den Sexualakt
-ankommt, das kann man gerade an der wahren Verehrung
-sehen, welche erst ganz vor kurzem verheiratete Frauen
-bei den jungen Mdchen genieen: ist doch der Sinn ihres
-Daseins diesen eben enthllt, sie selbst auf dessen Zenit gefhrt
-worden. Dagegen betrachtet jedes junge Mdchen jedes
-andere als ein unvollkommenes Wesen, das seine Bestimmung
-ebenso, wie sie selbst, erst noch erreichen will.</p>
-
-<p>Hiemit erachte ich als dargetan, wie vollkommen die
-aus der Kuppelei gezogene Folgerung, das Virginitts-Ideal
-msse mnnlichen, und knne nicht weiblichen Ursprunges
-sein, mit der Erfahrung sich deckt. Der Mann verlangt Keuschheit<span class="pagenum"><a name="Seite_447" id="Seite_447">[S. 447]</a></span>
-von sich und von anderen, am meisten von dem Wesen,
-das er liebt; das Weib will unkeusch sein knnen, und
-es will Sinnlichkeit auch vom Manne, nicht Tugend. Fr
-Musterknaben hat die Frau kein Verstndnis. Dagegen ist
-bekannt, da sie stets dem in die Arme fliegt, welchem
-der Ruf des Don Juan meilenweit vorauseilt. Die Frau
-will den Mann sexuell, weil sie nur durch seine Sexualitt
-Existenz gewinnt. Nicht einmal fr die Erotik des
-Mannes, als ein <em class="gesperrt">Distanz</em>phnomen, sondern nur fr diejenige
-Seite an ihm, die unaufhaltsam das Objekt ihres Begehrens
-ergreift und sich aneignet, haben die Frauen einen
-Sinn, und es wirken Mnner auf sie nicht, bei denen
-Brutalitts-Instinkte gar nicht oder wenig entwickelt sind.
-Selbst die hhere platonische Liebe des Mannes ist ihnen
-im Grunde nicht willkommen; sie schmeichelt ihnen und
-sie streichelt sie, <em class="gesperrt">aber sie <b>sagt</b> ihnen nichts</em>. Und wenn
-das Gebet auf den Knien vor ihr zu lange whren wollte,
-wrde <em class="gesperrt">Beatrice</em> so ungeduldig wie <em class="gesperrt">Messalina</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in
-der Liebe die hchste Erhebung des Weibes. Da das
-Weib den Koitus verlangt, und nicht die Liebe, bedeutet,
-da es heruntergesetzt, und nicht erhht werden
-will.</em> <b>Die letzte Gegnerin der Frauen-Emanzipation ist
-die Frau.</b></p>
-
-<p>Nicht weil der Koitus lustvoll, nicht weil er das Urbild
-aller Wonne des niederen Lebens ist, nicht darum ist er unsittlich.
-Die Askese, welche die Lust fr das Unsittliche an sich erklrt,
-ist selbst unsittlich; denn sie sucht den Mastab des Unrechtes
-in einer <em class="gesperrt">Begleit</em>erscheinung und ueren Folge der Handlung,
-<em class="gesperrt">nicht</em> in der Gesinnung: sie ist <em class="gesperrt">heteronom</em>. Der Mensch
-darf die Lust anstreben, er mag sein Leben auf der Erde
-leichter und froher zu gestalten suchen: nur darf er dem
-nie ein sittliches Gebot opfern. In der Askese aber will der
-Mensch die Moralitt <em class="gesperrt">erpressen</em> durch Selbstzerfleischung,
-<em class="gesperrt">er will sie als Folge eines Grundes</em>, die eigene Sittlichkeit
-als Resultat und Belohnung dafr, da er sich so viel
-versagt hat. Die Askese ist demnach als prinzipieller Standpunkt
-wie als psychologische Disposition <em class="gesperrt">verwerflich</em>; denn<span class="pagenum"><a name="Seite_448" id="Seite_448">[S. 448]</a></span>
-sie <em class="gesperrt">bindet</em> die Tugend an etwas anderes als dessen <em class="gesperrt">Erfolg</em>,
-<em class="gesperrt">macht sie zur Wirkung einer Ursache</em>, und strebt sie
-nicht an sich, als unmittelbaren Selbstzweck, an. Die Askese
-ist eine gefhrliche Verfhrerin: ihrer Tuschung fallen so
-viele so leicht zum Opfer, weil die Lust der <em class="gesperrt">hufigste Beweggrund</em>
-ist, aus welchem der Pfad des Gesetzes verlassen wird,
-und der Irrtum nahe genug liegt, der auf dem rechten Pfad
-sicherer zu bleiben glaubt, wenn er an ihrer Statt den Schmerz
-anstrebt. An sich aber ist Lust weder sittlich noch unsittlich.
-<em class="gesperrt">Nur wenn der Wille zur Lust den Willen zum
-Wert besiegt</em>, dann ist der Mensch gefallen.</p>
-
-<p>Der Koitus ist <em class="gesperrt">darum</em> unmoralisch, weil es keinen Mann
-gibt, der das Weib in solchem Augenblicke nicht als Mittel
-zum Zweck gebrauchte, den Wert der Menschheit, in seiner
-wie in ihrer Person, in diesem Momente nicht der Lust hintansetzte.
-Im Koitus vergit der Mann sich selbst ob der Lust,
-und er vergit das Weib; dieses hat fr ihn keine psychische,
-sondern nur eine krperliche Existenz mehr. Er will von ihr
-entweder ein Kind oder die Befriedigung der eigenen Wollust:
-in beiden Fllen bentzt er sie nicht als Zweck an sich selbst,
-sondern um einer fremden Absicht willen. Nur aus diesem,
-und aus keinem anderen Grunde, ist der Koitus unmoralisch.</p>
-
-<p>Gewi ist die Frau die Missionrin der Idee des Koitus,
-und gebraucht sich selbst, wie alles andere in der Welt, immer
-nur als Mittel zu diesem Zweck; sie will den Mann als Mittel
-zur Lust oder zum Kinde; sie will <em class="gesperrt">selbst</em> vom Manne als
-Mittel zum Zweck bentzt sein, wie eine Sache, wie ein Objekt,
-wie sein Eigentum behandelt, nach seinem Gutdnken von
-ihm verndert und geformt werden. Aber nicht nur soll niemand
-von einem anderen als Mittel zum Zweck sich gebrauchen
-lassen; man darf auch den Standpunkt des Mannes der Frau
-gegenber nicht danach bestimmen wollen, da diese den
-Koitus wirklich wnscht, und von ihm, wenn sie's auch weder
-sich noch ihm je ganz gesteht, <em class="gesperrt">nie etwas anderes erfleht</em>.
-<em class="gesperrt">Kundry</em> appelliert freilich an <em class="gesperrt">Parsifals</em> Mitleid fr ihr
-Sehnen: aber gerade da offenbart sich die ganze Schwche
-der Mitleidsmoral, die zwingen wrde, einen jeden Wunsch
-des Nebenmenschen zu erfllen, sei er noch so unberechtigt.<span class="pagenum"><a name="Seite_449" id="Seite_449">[S. 449]</a></span>
-Die konsequente Sympathiemoral und die konsequente
-Sozialethik sind beide gleich absurd, denn sie machen das
-<em class="gesperrt">Sollen vom Wollen abhngig</em> (ob vom eigenen oder vom
-fremden oder vom gesellschaftlichen, bleibt sich gleich), <em class="gesperrt">statt
-das Wollen vom Sollen</em>; sie whlen zum Mastab der Sittlichkeit
-konkretes Menschenschicksal, konkretes Menschenglck,
-konkreten Menschenaugenblick, <em class="gesperrt">anstatt der Idee</em>.</p>
-
-<p>Die Frage ist: wie soll der Mann das Weib behandeln?
-<em class="gesperrt">Wie es selbst behandelt werden will, oder wie es
-die sittliche Idee verlangt?</em> Wenn er es zu behandeln
-hat, wie es behandelt werden will, dann mu er es koitieren,
-denn es will koitiert werden, schlagen, denn es will geschlagen
-werden, hypnotisieren, denn es will hypnotisiert
-werden, ihm durch die Galanterie zeigen, wie gering er
-seinen Wert an sich veranschlagt; denn es will Komplimente,
-es will nicht an sich geachtet werden. Will er dagegen
-dem Weibe so entgegentreten, wie es die sittliche Idee verlangt,
-so mu er in ihm den <em class="gesperrt">Menschen</em> zu sehen, und es
-zu achten suchen. Zwar ist W <em class="gesperrt">eine Funktion von M</em>, eine
-Funktion, die er setzen, die er aufheben kann, und die
-Frauen wollen nicht mehr sein als eben dies, nichts anderes
-als nur dies: die Witwen in Indien sollen sich gerne und
-berzeugt verbrennen lassen, ja zu diesem Tode geradezu sich
-drngen; doch darum bleibt diese Sitte nicht minder die
-frchterlichste Barbarei.</p>
-
-<p>Es ist mit der Emanzipation der Frauen wie mit der
-Emanzipation der Juden und der Neger. Sicherlich liegt dafr,
-da diese Vlker als Sklaven behandelt und immer niedrig
-eingeschtzt wurden, an ihrer knechtischen Veranlagung
-die Hauptschuld; sie haben kein so starkes Bedrfnis
-nach Freiheit wie die Indogermanen. Und wenn auch heute
-in Amerika fr die Weien die Notwendigkeit sich
-ergeben hat, von den Negern sich vllig abzusondern, weil
-diese von ihrer Freiheit einen schlimmen und nichtswrdigen
-Gebrauch machen: so war doch im Kriege der Nordstaaten
-gegen die Fderierten, welcher den Schwarzen die
-Freiheit gab, das Recht durchaus auf Seite der ersteren.
-<em class="gesperrt">Trotzdem die Anlage der Menschheit</em> im Juden, noch mehr<span class="pagenum"><a name="Seite_450" id="Seite_450">[S. 450]</a></span>
-im Neger, <em class="gesperrt">und noch weit mehr im Weibe</em>, mit einer greren
-Anzahl amoralischer Triebe belastet ist; <em class="gesperrt">ob sie auch hier
-mit mehr Hindernissen zu kmpfen hat</em> als im arischen
-Manne, noch ihren letzten Rest, sei er selbst noch so gering,
-mu der Mensch achten, <em class="gesperrt">noch hier die Idee der Menschheit</em>
-(das heit nicht: der menschlichen Gesellschaft, sondern
-das <em class="gesperrt">Mensch-Sein</em>, die <em class="gesperrt">Seele als Teil einer intelligiblen
-Welt</em>) <em class="gesperrt">ehren</em>. Auch ber den gesunkensten Verbrecher darf
-niemand sich eine Gewalt anmaen als das Gesetz; kein
-Mensch hat das Recht ihn zu lynchen.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Problem des Weibes</em> und <em class="gesperrt">das Problem des
-Juden</em> ist ganz identisch mit dem <em class="gesperrt">Problem der Sklaverei</em>,
-und mu ebenso aufgelst werden, wie dieses. Niemand darf
-unterdrckt werden, wenn er sich gleich nur in der Unterdrckung
-wohlfhle. Dem Haustier, das ich bentze, nehme
-ich keine Freiheit, denn es hatte keine, bevor ich es mir
-dienstbar machte; aber in der Frau ist noch ein ohnmchtiges
-Gefhl des Nicht-Andersknnens, als eine letzte, wenn auch
-noch so kmmerliche Spur der intelligiblen Freiheit: wohl
-deshalb, weil es kein absolutes Weib gibt. Die Frauen sind
-<em class="gesperrt">Menschen</em> und mssen <em class="gesperrt">als solche</em> behandelt werden, auch
-wenn sie selbst das <em class="gesperrt">nie</em> wollen wrden. <em class="gesperrt">Frau und Mann
-haben gleiche Rechte.</em></p>
-
-<p>Man erschrecke nicht und wende nicht ein, da hiemit den
-Frauen auch gleich die Teilnahme an der politischen Herrschaft
-eingerumt werden mte. Vom <em class="gesperrt">Utilitts</em>standpunkte ist von
-dieser Konzession gewi einstweilen, und vielleicht stets, abzuraten;
-in <em class="gesperrt">Neuseeland</em>, wo man das ethische Prinzip so hochhielt,
-den Frauen das Wahlrecht zu geben, hat man damit
-die schlimmsten Erfahrungen gesammelt. Wie man Kindern,
-Schwachsinnigen, Verbrechern mit Recht keinen Einflu auf
-die Leitung des Gemeinwesens gestatten wrde, selbst wenn
-diese pltzlich die numerische Paritt oder Majoritt erlangten,
-so <em class="gesperrt">darf</em> vorderhand die Frau von einer Sache ferngehalten
-werden, von der so lebhaft zu befrchten steht, da sie durch
-den weiblichen Einflu nur knnte geschdigt werden. Wie
-die Resultate der Wissenschaft davon unabhngig sind, ob alle
-Menschen ihnen zustimmen oder nicht, so kann auch Recht<span class="pagenum"><a name="Seite_451" id="Seite_451">[S. 451]</a></span>
-und Unrecht der Frau ganz genau ermittelt werden, ohne
-da die Frauen selbst mitbeschlieen, und sie brauchen nicht
-zu besorgen, bervorteilt zu werden, wenn bei dieser Feststellung
-eben Recht- und nicht Machtgesichtspunkte die Entscheidung
-bestimmen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das Recht aber ist nur eines und das gleiche fr
-Mann und Frau.</em> Niemand darf der Frau irgend etwas als
-unweiblich verwehren und verbieten wollen; und ein
-ganz niedertrchtiges Urteil ist es, das einen Mann freispricht,
-der seine ehebrecherische Frau erschlagen hat, als wre diese
-rechtlich seine <em class="gesperrt">Sache</em>. Man hat die Frau als Einzelwesen und
-nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen, nicht
-nach einem aus der Empirie oder aus den Liebesbedrfnissen
-des Mannes hergeleiteten Mastabe zu beurteilen: auch wenn
-sie selber nie jener Hhe der Beurteilung sich sollte wrdig
-zeigen.</p>
-
-<p>Darum ist dieses Buch die grte Ehre, welche den
-Frauen je erwiesen worden ist. Auch gegen das Weib ist
-nur <em class="gesperrt">ein</em> sittliches Verhalten dem Manne mglich; nicht
-die Sexualitt, nicht die Liebe &mdash; denn beide bentzen es als
-Mittel zu <em class="gesperrt">fremden</em> Zwecken: <em class="gesperrt">sondern einzig der Versuch,
-es zu verstehen</em>. Die meisten Menschen geben theoretisch
-vor, <em class="gesperrt"><b>das</b> Weib</em> zu achten, um praktisch <em class="gesperrt"><b>die</b> Weiber</em> desto
-grndlicher zu verachten: hier wurde dieses Verhltnis umgekehrt.
-<em class="gesperrt">Das Weib</em> konnte nicht hochgewertet werden: aber
-<em class="gesperrt">die Weiber</em> sind von aller Achtung nicht von vornherein und
-ein fr alle Male auszuschlieen.</p>
-
-<p>Leider haben sehr berhmte und bedeutende Mnner
-in dieser Frage eigentlich <em class="gesperrt">recht gemein</em> gedacht. Ich erinnere
-an <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> und an <em class="gesperrt">Demosthenes'</em> Stellung
-zur Frauenemanzipation. Und <em class="gesperrt">Goethes</em>:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Immer ist so das Mdchen beschftigt und reifet im stillen<br /></span>
-<span class="i0">Huslicher Tugend entgegen, <em class="gesperrt">den klugen Mann zu beglcken</em>.<br /></span>
-<span class="i0">Wnscht sie dann endlich zu lesen, so whlt sie gewilich ein Kochbuch,<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noindent">steht nicht hher als <em class="gesperrt">Molires</em>:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">........... Une femme en sait toujours assez,<br /></span>
-<span class="i0">Quand la capacit de son esprit se hausse<br /></span>
-<span class="i0">A connatre un pourpoint d'avec un haut-de-chausse.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_452" id="Seite_452">[S. 452]</a></span>
-<em class="gesperrt">Die Abneigung gegen das mnnliche Weib hat
-der Mann in sich zu berwinden</em>; denn sie ist nichts als
-gemeiner Egoismus. Wenn das Weib mnnlich werden sollte,
-indem es logisch und ethisch wrde, so wird es sich nicht
-mehr so gut zum <em class="gesperrt">passiven Substrate</em> einer <em class="gesperrt">Projektion</em>
-eignen; aber das ist kein gengender Grund, die Frau, wie
-dies heute geschieht, nur fr den Mann und fr das Kind
-erziehen zu lassen, mit einer Norm, die ihr etwas verbietet,
-weil es <em class="gesperrt">mnnlich</em> sei.</p>
-
-<p>Denn wenn auch fr das <em class="gesperrt">absolute</em> Weib keine Mglichkeit
-der Sittlichkeit besteht, mit dem Erschauen dieser
-<em class="gesperrt">Idee</em> des Weibes ist noch nicht gegeben, da der Mann das
-<em class="gesperrt">empirische</em> Weib dieser vollstndig und rettungslos solle
-<em class="gesperrt">verfallen</em> lassen; noch weniger, da er dazu beitrage, da
-es dieser Idee immer gemer werde. Im lebenden menschlichen
-Weibe ist, der Theorie nach, immer noch ein Keim des Guten,
-nach <em class="gesperrt">Kant</em>scher Terminologie, als vorhanden anzunehmen;
-es ist jener Rest eines freien Wesens, der dem Weibe das
-dumpfe Gefhl seines Schicksals ermglicht.<a name="FNAnker_102_102" id="FNAnker_102_102"></a><a href="#Fussnote_102_102" class="fnanchor">[102]</a> Da auf diesen
-Keim ein Mehr knne gepfropft werden, davon darf <em class="gesperrt">theoretisch</em>
-die Unmglichkeit <em class="gesperrt">nie gnzlich behauptet</em> werden,
-wenn es auch <em class="gesperrt">praktisch</em> sicher noch nie gelungen <em class="gesperrt">ist</em>, wenn
-es selbst in aller Zukunft nie gelingen <em class="gesperrt">sollte</em>.</p>
-
-<p>Unter der sittlichen Idee steht die ganze Welt, selbst
-die Tiere werden als <em class="gesperrt">Phnomene</em> gewertet, der Elefant
-sittlich hher geschtzt als die Schlange, wenn auch z.&nbsp;B.
-die Ttung eines anderen Tieres ihnen nicht als Personen
-<em class="gesperrt">zugerechnet</em>. Dem <em class="gesperrt">Weibe</em> aber <em class="gesperrt">wird</em> von uns <em class="gesperrt">zugerechnet</em>;
-und hierin liegt die <em class="gesperrt">Forderung, da es anders
-werde. Und wenn alle Weiblichkeit Unsittlichkeit
-ist, so mu das Weib aufhren Weib zu sein, und
-Mann werden.</em></p>
-
-<p>Freilich mu gerade hier die Gefahr der uerlichen
-Anhnlichung, die das Weib stets am intensivsten in die Weiblichkeit
-zurckwirft, am vorsichtigsten gemieden werden. Die
-Aussichten des Unternehmens, die Frauen wahrhaft zu emanzipieren,<span class="pagenum"><a name="Seite_453" id="Seite_453">[S. 453]</a></span>
-ihnen die Freiheit zu geben, die nicht <em class="gesperrt">Willkr</em>,
-sondern <em class="gesperrt">Wille</em> wre, sind uerst gering. Wenn man nach
-den Tatsachen urteilt, so scheint den Frauen nur zweierlei
-mglich zu sein: die verlogene Acceptierung des vom Manne
-Geschaffenen, indem sie selbst glauben, das zu wollen, was
-ihrer ganzen, <em class="gesperrt">noch ungeschwchten</em> Natur <em class="gesperrt">widerspricht</em>,
-die unbewut verlogene Entrstung ber die Unsittlichkeit,
-<em class="gesperrt">als ob sie sittlich wren</em>, ber die Sinnlichkeit, <em class="gesperrt">als ob</em>
-sie die <em class="gesperrt">un</em>sinnliche Liebe wollten; oder das offene Zugestndnis<a name="FNAnker_103_103" id="FNAnker_103_103"></a><a href="#Fussnote_103_103" class="fnanchor">[103]</a>,
-der Inhalt des Weibes sei der Mann und das
-Kind, ohne das geringste Bewutsein davon, <em class="gesperrt">was</em> sie damit
-zugeben, welche Schamlosigkeit, welche Niederlage in dieser
-Erklrung liegt. <em class="gesperrt">Unbewute Heuchelei oder cynische
-Identifikation mit dem Naturtrieb</em>: ein anderes scheint
-dem Weibe nicht gegeben.</p>
-
-<p>Aber <em class="gesperrt">nicht Bejahung</em> und <em class="gesperrt">nicht Verleugnung</em>,
-sondern <em class="gesperrt">Verneinung, berwindung</em> der Weiblichkeit, ist
-das, worauf es ankommt. Wrde z.&nbsp;B. eine Frau <em class="gesperrt">wirklich</em> die
-Keuschheit des Mannes <em class="gesperrt">wollen</em>, so htte sie freilich hiemit
-das Weib berwunden; denn ihr wre der Koitus nicht mehr
-hchster Wert und seine Herbeifhrung nicht mehr letztes
-Ziel. Aber dies ist's eben: an die Echtheit solcher Forderungen
-vermag man nicht zu glauben, wenn sie auch hie
-und da wirklich erhoben werden. Denn ein Weib, das die
-Keuschheit des Mannes verlangt, ist, abgesehen von seiner
-Hysterie, so dumm und so jeder Wahrheit unfhig, da es
-nicht einmal mehr dunkel fhlt, da es sich selbst damit
-verneint, sich absolut und ohne Rettung wertlos, existenzlos
-macht. Man wei hier kaum mehr, wem man den Vorzug
-geben soll; der grenzenlosen Verlogenheit, welche selbst das
-ihr fremdeste, das <em class="gesperrt">asketische</em> Ideal auf den Schild zu heben
-fhig ist; oder der ungenierten Bewunderung fr den berchtigten
-Wstling und der einfachen Hingabe an denselben.</p>
-
-<p>Da jedoch alles wirkliche Wollen der Frau <em class="gesperrt">in beiden
-Fllen</em> in gleicher Weise darauf gerichtet bleibt, den Mann<span class="pagenum"><a name="Seite_454" id="Seite_454">[S. 454]</a></span>
-schuldig werden zu lassen, so liegt <em class="gesperrt">hierin</em> das Hauptproblem
-der Frauenfrage: und insoweit fllt sie zusammen mit der
-Menschheitsfrage.</p>
-
-<p>Friedrich <em class="gesperrt">Nietzsche</em> sagt an einer Stelle seiner Schriften:
-Sich im Grundproblem &#8218;Mann und Weib&#8217; zu vergreifen, hier
-den abgrndlichsten Antagonismus und die Notwendigkeit
-einer ewig-feindseligen Spannung zu leugnen, hier vielleicht
-von gleichen Rechten, gleicher Erziehung, gleichen Ansprchen
-und Verpflichtungen zu trumen: das ist ein
-<em class="gesperrt">typisches</em> Zeichen von Flachkpfigkeit, und ein Denker, der
-an dieser gefhrlichsten Stelle sich flach erwiesen hat &mdash; flach
-im Instinkte! &mdash; darf berhaupt als verdchtig, mehr noch,
-als verraten, als aufgedeckt gelten: wahrscheinlich wird er
-fr alle Grundfragen des Lebens, auch des zuknftigen Lebens,
-zu &#8218;kurz&#8217; sein und in <em class="gesperrt">keine</em> Tiefe hinunterknnen. Ein Mann
-hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste wie in seinen Begierden,
-auch jene Tiefe des Wohlwollens, welche der Strenge
-und der Hrte fhig ist und leicht mit ihnen verwechselt wird,
-kann ber das Weib immer nur <em class="gesperrt">orientalisch</em> denken: &mdash; er
-mu das Weib als Besitz, als verschliebares Eigentum, als
-etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes
-fassen, &mdash; er mu sich hier auf die ungeheuere Vernunft
-Asiens, auf Asiens Instinkt-berlegenheit stellen, wie
-dies ehemals die Griechen getan haben, diese besten Erben
-und Schler Asiens, &mdash; welche, wie bekannt, von Homer bis
-zu den Zeiten des Perikles, mit <em class="gesperrt">zunehmender</em> Kultur und
-Umfnglichkeit an Kraft, Schritt fr Schritt auch <em class="gesperrt">strenger</em>
-gegen das Weib, kurz orientalischer geworden sind. <em class="gesperrt">Wie</em>
-notwendig, <em class="gesperrt">wie</em> logisch, <em class="gesperrt">wie</em> selbst menschlich wnschbar
-dies war: mge man darber bei sich nachdenken!</p>
-
-<p>Der Individualist denkt hier durchaus sozialethisch: seine
-Kasten- und Gruppen-, seine Abschlieungstheorie sprengt,
-wie so oft, die Autonomie seiner Morallehre. Denn er
-will <em class="gesperrt">im Dienste der Gesellschaft, der strungslosen
-Ruhe der Mnner</em>, die Frau unter ein Machtverhltnis
-stellen, in dem sie allerdings kaum noch den Laut eines
-Wunsches nach Emanzipation von sich geben, und nicht einmal
-jene verlogene und unechte Freiheitsforderung mehr erheben<span class="pagenum"><a name="Seite_455" id="Seite_455">[S. 455]</a></span>
-wird, welche die heutigen Frauenrechtlerinnen aufgestellt
-haben: <em class="gesperrt">die gar nicht ahnen, wo die Unfreiheit
-des Weibes eigentlich liegt, und was ihre Grnde
-sind</em>. Aber nicht, um <em class="gesperrt">Nietzsche</em> einer Inkonsequenz zu
-berfhren, habe ich ihn citiert; sondern um seinen Worten
-gegenber zu zeigen, wie das Problem der Menschheit nicht
-lsbar ist ohne eine Lsung des Problems der Frau. Denn
-wem die Forderung berflssig hoch gespannt scheint, da
-der Mann die Frau um der Idee, um des Noumenon willen
-zu achten, und nicht als Mittel zu einem auer ihr gelegenen
-Zweck zu bentzen, da er ihr darum die gleichen Rechte,
-ebenso aber die gleichen Pflichten (der sittlichen und geistigen
-Selbstbildung) zuzuerkennen habe wie sich selbst: der mge
-bedenken, <em class="gesperrt">da der Mann das ethische Problem fr
-seine Person nicht lsen kann, wenn er in der Frau
-die Idee der Menschheit immer wieder negiert</em>, indem
-er sie als Genumittel bentzt. <em class="gesperrt">Der Koitus ist in allem
-Asiatismus die Bezahlung, welche der Mann der
-Frau fr ihre Unterdrckung zu leisten hat.</em> Und so
-sehr es die Frau charakterisieren mag, <em class="gesperrt">da sie um diesen
-Preis sicherlich stets auch dem rgsten Sklavenjoch
-sich gerne fgt</em>, der Mann <em class="gesperrt">darf</em> auf den Handel nicht eingehen,
-weil auch <em class="gesperrt">er</em> sittlich dabei zu kurz kommt.</p>
-
-<p>Also selbst <em class="gesperrt">technisch</em> ist das Menschheitsproblem nicht
-lsbar fr den Mann <em class="gesperrt">allein</em>; er mu die Frau <em class="gesperrt">mitnehmen</em>,
-auch wenn er nur <em class="gesperrt">sich</em> erlsen wollte, er mu sie zum <em class="gesperrt">Verzicht</em>
-auf ihre unsittliche Absicht auf ihn zu bewegen suchen.
-Die Frau mu dem Koitus <em class="gesperrt">innerlich</em> und <em class="gesperrt">wahrhaft</em>, aus
-<em class="gesperrt">freien Stcken</em> entsagen. Das bedeutet nun allerdings:
-das Weib mu <em class="gesperrt">als solches untergehen</em>, und es ist keine
-Mglichkeit fr eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf
-Erden, eh dies nicht geschehen ist. Darum sind <em class="gesperrt">Pythagoras</em>,
-<em class="gesperrt">Platon</em>, <em class="gesperrt">das Christentum</em> (im Gegensatze zum <em class="gesperrt">Judentum</em>),
-<em class="gesperrt">Tertullian</em>, <em class="gesperrt">Swift</em>, <em class="gesperrt">Wagner</em>, <em class="gesperrt">Ibsen</em> fr die Befreiung, fr
-Erlsung des Weibes eingetreten, <em class="gesperrt">nicht fr die Emanzipation
-des Weibes vom Manne, sondern fr die Emanzipation
-des Weibes vom Weibe</em>. Und in solcher Gemeinschaft
-den Bannfluch Nietzsches zu tragen ist ein Leichtes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_456" id="Seite_456">[S. 456]</a></span>
-
-Aus eigener Kraft aber kann das Weib schwer zu solchem
-Ziele gelangen. Der Funke, der in ihr so schwach ist,
-mte am Feuer des Mannes immer wieder sich entznden
-knnen: das <em class="gesperrt">Beispiel</em> mte gegeben werden. Bevor das
-Weib nicht aufhrt, fr den Mann als Weib zu existieren,
-kann es selbst nicht aufhren, Weib zu sein: <em class="gesperrt">Kundry</em> kann
-nur von <em class="gesperrt">Parsifal</em>, vom sndelosen, unbefleckten Manne aus
-<em class="gesperrt">Klingsors</em> Banne wirklich befreit werden. So deckt sich
-diese psychologische mit der philosophischen Deduktion, wie
-sie hier mit <em class="gesperrt">Wagners</em> Parsifal, der tiefsten Dichtung
-der Weltliteratur, in vlliger bereinstimmung sich wei.
-Erst die Sexualitt des Mannes gibt dem Weibe Existenz als
-Weib. Alle Materie hat nur so viel Existenz, als die Schuldsumme
-im Universum betrgt: auch das Weib wird nur so
-lange leben, bis der Mann seine Schuld gnzlich getilgt, bis
-er die <em class="gesperrt">eigene</em> Sexualitt wirklich berwunden hat.</p>
-
-<p>Nur so erledigt sich der ewige Einspruch gegen alle
-antifeministischen Tendenzen: das Weib sei nun einmal da,
-so wie es sei, nicht zu ndern, und darum msse man mit
-ihm sich abzufinden suchen; der Kampf ntze nichts, weil er
-nichts beseitigen knne. Es ist aber gezeigt, da die Frau
-nicht <em class="gesperrt">ist</em>, und in dem Augenblicke <em class="gesperrt">stirbt</em>, da der Mann gnzlich
-nur <em class="gesperrt">sein</em> will. Das, wogegen der Kampf gefhrt wird,
-ist keine Sache von ewig unvernderlicher Existenz und
-Essenz: es ist etwas, das aufgehoben werden <em class="gesperrt">kann</em>, und
-aufgehoben werden <em class="gesperrt">soll</em>.</p>
-
-<p>Nur so, nicht anders, ist die Frauenfrage zu lsen, fr
-den, der sie <em class="gesperrt">verstanden</em> hat. Man wird die Lsung unmglich,
-ihren Geist berspannt, ihren Anspruch bertrieben, ihre
-Forderung unduldsam finden. Und allerdings: von der Frauenfrage,
-ber welche die Frauen <em class="gesperrt">sprechen</em>, ist hier lngst die
-Rede nicht mehr; es handelt sich um jene, von der die
-Frauen <em class="gesperrt">schweigen</em>, ewig schweigen <em class="gesperrt">mssen</em>; um <em class="gesperrt">die Unfreiheit</em>,
-die in der <em class="gesperrt">Geschlechtlichkeit</em> liegt. <em class="gesperrt">Diese</em> Frauenfrage
-ist so alt wie das Geschlecht, und nicht jnger als
-die Menschheit. Und die Antwort auf sie: der Mann mu
-vom Geschlechte sich erlsen, und <em class="gesperrt">so</em>, nur <em class="gesperrt">so</em> erlst er
-die Frau. <em class="gesperrt">Allein</em> seine <em class="gesperrt">Keuschheit</em>, nicht, wie <em class="gesperrt">sie</em> whnt,<span class="pagenum"><a name="Seite_457" id="Seite_457">[S. 457]</a></span>
-seine Unkeuschheit, ist ihre Rettung. Freilich geht sie, als
-<em class="gesperrt">Weib</em>, so unter: aber nur, um aus der Asche neu, verjngt,
-als der <em class="gesperrt">reine <b>Mensch</b></em>, sich emporzuheben.</p>
-
-<p>Darum wird die Frauenfrage bestehen, so lang es zwei
-Geschlechter gibt, und nicht eher verstummen denn die
-Menschheitsfrage. In diesem Sinne hat <em class="gesperrt">Christus</em>, nach dem
-Zeugnis des Kirchenvaters <em class="gesperrt">Klemens</em>, zur <em class="gesperrt">Salome</em> gesprochen,
-ohne die optimistische Beschnigung, die <em class="gesperrt">Paulus</em>, die <em class="gesperrt">Luther</em>
-fr das Geschlecht spterhin fanden: so lang werde der Tod
-whren, als die Weiber gebren, und nicht eher die Wahrheit
-geschaut werden, als bis aus zweien eins, aus Mann und Weib
-ein drittes Selbes, <em class="gesperrt">weder</em> Mann <em class="gesperrt">noch</em> Weib, werde geworden
-sein.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><em class="gesperrt">Hiemit erst, aus dem hchsten Gesichtspunkte des
-Frauen- als des Menschheitsproblems, ist die Forderung
-der Enthaltsamkeit fr beide Geschlechter gnzlich
-begrndet.</em> Sie aus den gesundheitsschdlichen Folgen
-des Verkehres abzuleiten, ist flach, und mag von den Advokaten
-des Krpers ewig bestritten werden; sie auf die
-Unsittlichkeit der Lust zu grnden, falsch; denn so wird
-ein heteronomes Motiv in die Ethik eingefhrt. Schon
-<em class="gesperrt">Augustinus</em> aber hat, wenn er die Keuschheit fr alle
-Menschen verlangte, den Einwand vernehmen mssen, da in
-solchem Falle die Menschheit von der Erde binnen kurzem
-verschwunden wre. In dieser merkwrdigen Befrchtung,
-welcher der schrecklichste Gedanke der zu sein scheint, da
-die <em class="gesperrt">Gattung</em> aussterben knne, liegt nicht allein uerster
-Unglaube an die <em class="gesperrt">individuelle</em> Unsterblichkeit und ein ewiges
-Leben der sittlichen Individualitt, sie ist nicht nur verzweifelt
-irreligis: man beweist mit ihr zugleich seinen Kleinmut,
-seine Unfhigkeit, auer der <em class="gesperrt">Herde</em> zu leben. Wer
-so denkt, kann sich die Erde nicht vorstellen ohne das Gekribbel
-und Gewimmel der Menschen auf ihr, ihm wird angst
-und bange <em class="gesperrt">nicht so sehr vor dem Tode, als vor der Einsamkeit</em>.
-Htte die an sich unsterbliche moralische Persnlichkeit
-genug Kraft in ihm, so bese er Mut, dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_458" id="Seite_458">[S. 458]</a></span>
-Konsequenz ins Auge zu sehen; er wrde den leiblichen Tod
-nicht frchten, und nicht fr den mangelnden Glauben an
-das ewige Leben das jmmerliche Surrogat in der Gewiheit
-eines Weiterbestehens der Gattung suchen. Die Verneinung
-der Sexualitt ttet blo den krperlichen Menschen und ihn
-nur, um dem geistigen erst das volle Dasein zu geben.</p>
-
-<p>Darum kann es auch nicht sittliche Pflicht sein, fr die
-Fortdauer der Gattung zu sorgen, wie man dies so oft behaupten
-hrt. Es ist diese Ausrede von einer auerordentlich
-<em class="gesperrt">unverfrorenen Verlogenheit</em>; diese liegt so offen zu Tage,
-da ich frchte, mich durch die Frage lcherlich zu machen,
-ob schon je ein Mensch den Koitus mit dem Gedanken vollzogen
-hat, er msse der groen Gefahr vorbeugen, da die
-Menschheit zu Grunde gehe. <em class="gesperrt">Alle Fcondit ist nur ekelhaft</em>;
-und kein Mensch fhlt, wenn er sich aufrichtig befragt,
-es als seine Pflicht, fr die dauernde Existenz der menschlichen
-Gattung zu sorgen. Was man aber nicht als seine
-Pflicht fhlt, das <b>ist</b> nicht Pflicht.</p>
-
-<p>Im Gegenteil: es ist unmoralisch, ein menschliches Wesen
-zur Wirkung einer Ursache zu machen, es als Bedingtes hervorzubringen,
-wie das mit der Elternschaft gegeben ist; und
-der Mensch ist im tiefsten Grunde nur deshalb unfrei und determiniert
-neben seiner Freiheit und Spontaneitt, weil er auf
-diese unsittliche Weise entstanden ist. Die moralische Weihe
-also, die man dem Koitus (der ihrer freilich dringend bedarf)
-bisweilen zu geben versucht hat, indem man einen idealen
-Koitus fingierte, bei dem nur die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes
-in Betracht gezogen werde &mdash; diese liebevolle
-Verbrmung erweist sich nicht als ein gengender Schutz:
-denn das angeblich ihn verstattende und heiligende Motiv
-ist nicht nur kein Gebot und nirgends im Menschen als ein
-Imperativ zu finden, sondern vielmehr selbst ein sittlich verwerflicher
-Beweggrund; weil man einen Menschen nicht um
-seine Einwilligung fragt, dessen Vater oder Mutter man wird.
-Fr den anderen Koitus aber, bei dem die Mglichkeit
-einer Fortpflanzung knstlich verhindert wird, kommt selbst
-jene, auf so schwachen Fen stehende Rechtfertigung in
-Wegfall.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_459" id="Seite_459">[S. 459]</a></span>
-
-Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee
-der Menschheit; nicht weil Askese Pflicht ist, sondern vor
-allem, weil das Weib in ihm Objekt, Sache werden will,
-und der Mann ihm hier wirklich den Gefallen tut, es nur
-als Ding, nicht als lebenden Menschen, mit inneren, psychischen
-Vorgngen anzusehen. Darum verachtet auch der Mann
-das Weib augenblicklich, sobald er es besessen hat, und das
-Weib <em class="gesperrt">fhlt</em>, da es nun verachtet wird, auch wenn es vor
-zwei Minuten sich noch vergttert wute.</p>
-
-<p>Respektieren kann der Mensch im Menschen nur die <em class="gesperrt">Idee</em>,
-die Idee der Menschheit; in der Verachtung des Weibes (und
-seiner selbst), die sich nach dem Koitus einstellt, liegt der
-sicherste Anzeiger, da gegen die Idee hier gefehlt
-wurde. Und wer nicht verstehen kann, was mit dieser
-<em class="gesperrt">Kant</em>ischen <b>Idee</b> der Menschheit gemeint ist, der mag es sich
-wenigstens zum Bewutsein bringen, da es <em class="gesperrt">seine</em> Schwestern,
-<em class="gesperrt">seine</em> Mutter, <em class="gesperrt">seine</em> weiblichen Verwandten sind, um die es
-sich handelt: <em class="gesperrt">um unser selbst willen</em> sollte das Weib als
-Mensch behandelt, <em class="gesperrt">geachtet</em> werden, und nicht <em class="gesperrt">erniedrigt</em>,
-wie es durch alle Sexualitt geschieht.</p>
-
-<p>Zu <b>ehren</b> aber knnte der Mann das Weib erst dann
-<em class="gesperrt">mit Recht</em> beginnen, wenn es <em class="gesperrt">selbst</em> aufhrte, <em class="gesperrt">Objekt</em>
-und <em class="gesperrt">Materie</em> fr den Mann <em class="gesperrt">sein zu <b>wollen</b></em>; wenn ihm wirklich
-an einer Emanzipation lge, die mehr wre als eine Emanzipation
-der Dirne. Noch ist nie offen gesagt worden, wo
-die Hrigkeit der Frau einzig zu suchen ist: in der souvernen,
-angebeteten Gewalt, die der Phallus des Mannes ber sie
-besitzt. Darum haben die Frauen-Emanzipation aufrichtig stets
-nur <em class="gesperrt">Mnner</em> gewollt, nicht sehr sexuelle, nicht sehr liebesbedrftige,
-nicht sehr tiefblickende, aber edle und fr das Recht
-begeisterte Mnner, darber kann kein Zweifel sein. Ich will die
-erotischen Motive des Mannes nicht beschnigen, und seine
-Antipathie gegen das emanzipierte Weib nicht geringer darstellen,
-als sie ist: es ist leichter, sich hinanziehen zu lassen, wie
-<em class="gesperrt">Goethe</em>, als einsam zu steigen und immerfort zu steigen, wie
-<em class="gesperrt">Kant</em>. Aber vieles, was dem Mann als <em class="gesperrt">Feindschaft</em> gegen
-die Emanzipation ausgelegt wird, ist in Wahrheit nur Mitrauen
-und Zweifel an ihrer Mglichkeit. Der Mann will das Weib<span class="pagenum"><a name="Seite_460" id="Seite_460">[S. 460]</a></span>
-nicht als Sklavin, er sucht oft genug zunchst eine Gefhrtin,
-die ihn verstehe.</p>
-
-<p>Nicht die Erziehung, die das Weib heute empfngt, ist
-die angemessene Vorbereitung, um der Frau den Entschlu nahezulegen
-und zu erleichtern, jene ihre wahre Unfreiheit zu besiegen.
-Alles letzte Mittel <em class="gesperrt">mtterlicher Pdagogik</em> ist es, der
-Tochter, die zu diesem oder jenem sich nicht bequemt,
-als Strafe aufzudrohen, <em class="gesperrt">sie werde keinen Mann bekommen</em>.
-Die Erziehung, welche den Frauen zuteil wird, ist
-auf nichts angelegt als auf ihre <em class="gesperrt">Verkuppelung</em>, in deren
-glcklichem Gelingen sie ihre Krnung findet. Am Manne
-ist durch solche Einflsse wenig zu ndern; aber das Weib
-wird durch sie in seiner Weiblichkeit, in seiner Unselbstndigkeit
-und Unfreiheit, noch <em class="gesperrt">bestrkt</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Erziehung des Weibes mu dem Weibe, <b>die
-Erziehung der ganzen Menschheit der Mutter entzogen
-werden</b>.</em></p>
-
-<p>Dies wre die erste Voraussetzung, die erfllt sein mte,
-um die Frau in den Dienst der Menschheitsidee zu stellen,
-der niemand, so wie <em class="gesperrt">sie</em>, seit Anbeginn entgegengewirkt hat.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Eine Frau, die wirklich entsagt htte, die in sich selbst
-die Ruhe suchen wrde, eine solche Frau wre kein Weib
-mehr. Sie htte aufgehrt, Weib zu sein, sie htte zur ueren
-endlich die innere Taufe empfangen.</p>
-
-<p>Kann das werden?</p>
-
-<p>Es gibt kein absolutes Weib, und doch ist uns die Bejahung
-dieser Frage wie eine Bejahung des Wunders.</p>
-
-<p>Glcklicher wird das Weib nicht werden durch solche
-Emanzipation: die Seligkeit kann sie ihm nicht versprechen,
-und zu Gott ist der Weg noch lang. Kein Wesen zwischen
-Freiheit und Unfreiheit kennt das Glck. Wird aber das
-Weib sich entschlieen knnen, die Sklaverei aufzugeben, um
-<em class="gesperrt">unglcklich</em> zu werden?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_461" id="Seite_461">[S. 461]</a></span>
-
-Nicht die Frau heilig zu machen, nicht darum kann es
-so bald sich handeln. Nur darum: kann das Weib zum
-Probleme seines Daseins, zum Begriffe der <em class="gesperrt">Schuld</em> redlich
-gelangen? Wird es die Freiheit wenigstens <em class="gesperrt">wollen</em>? Allein
-auf die Durchsetzung des Ideales, auf das Erblicken des Leitsternes
-kommt es an. Blo darauf: kann im Weibe der kategorische
-Imperativ lebendig werden? Wird sich das Weib
-unter die sittliche Idee, unter die <em class="gesperrt">Idee der Menschheit</em>
-stellen?</p>
-
-<p>Denn einzig <em class="gesperrt">das</em> wre <em class="gesperrt">Frauen-Emanzipation</em>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_462" id="Seite_462">[S. 462]</a></span>&nbsp;</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_463" id="Seite_463">[S. 463]</a></span><a name="ANHANG" id="ANHANG"><small>ANHANG</small></a><br />
-
-ZUSTZE UND NACHWEISE.</h2>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_464" id="Seite_464">[S. 464]</a></span>&nbsp;</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_465" id="Seite_465">[S. 465]</a></span><a name="Zur_Einleitung_des_ersten_Teiles" id="Zur_Einleitung_des_ersten_Teiles">Zur Einleitung des ersten Teiles.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_3">S.&nbsp;3</a>, Z. 2&nbsp;f.</b>) Der Ausdruck Begriffe mittlerer Allgemeinheit
-stammt von John Stuart <em class="gesperrt">Mill</em>. &mdash; ber die beschriebene Entwicklung
-eines begrifflichen Systems von Gedanken vgl. E.&nbsp;<em class="gesperrt">Mach</em>,
-Die Analyse der Empfindungen etc., 3. Aufl., Jena 1902, S.&nbsp;242&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_5">S.&nbsp;5</a>, Z. 12&nbsp;f.</b>) Vgl. Ludwig <em class="gesperrt">Boltzmann</em>, ber den zweiten
-Hauptsatz der mechanischen Wrmetheorie, Almanach der k.&nbsp;k.&nbsp;Akademie
-der Wissenschaften zu Wien, 36. Jahrgang, S.&nbsp;255: Wie
-in die Augen springend ist der Unterschied zwischen Tier und
-Pflanze, trotzdem gehen die einfachen Formen kontinuierlich ineinander
-ber, so da gewisse gerade an der Grenze stehen, ebensogut
-Tiere wie Pflanzen darstellend. Die einzelnen Spezies in der
-Naturgeschichte sind meist aufs schrfste getrennt, hier und da
-aber finden wieder kontinuierliche bergnge statt. ber das Verhltnis
-von chemischer Verbindung und Mischung vgl. F.&nbsp;<em class="gesperrt">Wald</em>,
-Kritische Studie ber die wichtigsten chemischen Grundbegriffe,
-Annalen der Naturphilosophie, I, 1902, S.&nbsp;181&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_6">S.&nbsp;6</a>, Z. 12&nbsp;f.</b>) Z. B. kommt die sehr ausfhrliche Untersuchung
-von Paul <em class="gesperrt">Bartels</em>, ber Geschlechtsunterschiede am
-Schdel, Berlin 1897, zu dem Schlusse (S.&nbsp;94): Einen durchgreifenden
-Unterschied des mnnlichen vom weiblichen Schdel
-kennen wir bis jetzt noch nicht ..... Alle etwa anzuerkennenden
-Unterschiede erweisen sich als Charaktere des mnnlichen beziehungsweise
-weiblichen Durchschnittes und zeigen eine grere
-oder geringere Anzahl von Ausnahmen. (S.&nbsp;100): Eine sichere
-Diagnose des Geschlechtes ist zur Zeit nicht mglich, und wird,
-frchte ich, nie mglich sein.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_6">S.&nbsp;6</a>, Z. 15.</b>) Konrad <em class="gesperrt">Rieger</em>, Die Kastration in rechtlicher,
-sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S.&nbsp;35: Jeder, der schon
-viele nackte Menschen gesehen hat, wei doch aus Erfahrung:
-einerseits, da es viele Frauen gibt, deren Becken mnnlich ist;
-und anderseits, da es viele Mnner gibt, deren Becken weiblich
-ist ..... Bekanntlich ist deshalb die Geschlechtsdiagnose eines
-Skelettes durchaus nicht immer mglich.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_466" id="Seite_466">[S. 466]</a></span><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_1" id="Zu_Teil_I_Kapitel_1">Zu Teil I, Kapitel 1.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_7">S.&nbsp;7</a>, Z. 13.</b>) Vor Heinrich <em class="gesperrt">Rathke</em> (Beobachtungen und
-Betrachtungen ber die Entwicklung der Geschlechtswerkzeuge bei
-den Wirbeltieren, Halle 1825. Neueste Schriften der naturforschenden
-Gesellschaft in Danzig, Bd. I, Heft 4) herrschte dogmatisch die
-<em class="gesperrt">Tiedemann</em>sche Anschauung, da ursprnglich alle Embryonen
-weiblich seien, und der Hode durch eine Weiterentwicklung des
-Eierstockes entstanden. (Vgl. Richard <em class="gesperrt">Semon</em>, Die indifferente Anlage
-der Keimdrsen beim Hhnchen und ihre Differenzierung zum
-Hoden, Habilitationsschrift, Jena 1887, S.&nbsp;1&nbsp;f.) Rathke (S.&nbsp;121&nbsp;f.)
-bekmpfte mit vielen Grnden die Auffassung, da das mnnliche
-Geschlecht ein hher entwickeltes weibliches sei, und kam als erster
-zu dem Schlusse: Alle .... in diesem Werke mitgeteilten Beobachtungen
-bezeugen, da aller sinnlicher Unterschied, der sich auf
-das verschiedene Geschlecht bezieht, zwischen den mnnlichen und
-weiblichen Gebilden in frhester Lebenszeit durchaus wegfllt.
-Wenigstens ist dies der Fall bei den inneren Geschlechtsteilen, denn
-von den ueren kann ich fast nur allein aus fremder, nicht aber
-aus eigener Erfahrung urteilen. Diese fremden Erfahrungen aber
-scheinen ebenfalls auf eine Gleichheit jener ueren Gebilde hinzudeuten.
-Es lt sich demnach behaupten, da wenigstens bei den
-Wirbeltieren die Geschlechter ursprnglich, so weit die sinnliche
-Wahrnehmung reicht, einander gleich sind. Diese Ansicht wurde
-weiter geprft, besttigt und schlielich zur Geltung gebracht durch
-die Arbeiten von <em class="gesperrt">Johannes Mller</em> (Bildungsgeschichte der Genitalien,
-Dsseldorf 1830), <em class="gesperrt">Valentin</em> (ber die Entwicklung der
-Follikel in den Eierstcken der Sugetiere, Mllers Archiv, 1838,
-S.&nbsp;103&nbsp;f.), R. <em class="gesperrt">Remak</em> (Untersuchungen ber die Entwicklung der
-Wirbeltiere) und Wilhelm <em class="gesperrt">Waldeyer</em> (Eierstock und Ei, 1870).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_7">S.&nbsp;7</a>, Z. 15.</b>) Fr die Pflanzen ist dieser Nachweis erst in
-jngster Zeit in K. <em class="gesperrt">Goebels</em> Abhandlung ber Homologien in
-der Entwicklung mnnlicher und weiblicher Geschlechtsorgane
-(Flora oder allgemeine botanische Zeitung, Bd. XC, 1902, S.&nbsp;279&ndash;305)
-erfolgt. Goebel zeigt, wie auch bei der Pflanze mnnliche und
-weibliche Organe sich aus einer ursprnglichen Grundform entwickeln,
-indem im weiblichen Organ jene Zellen steril werden, die
-im mnnlichen zur Spermatozoidbildung fhren, und umgekehrt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_7">S.&nbsp;7</a>, Z. 16&nbsp;ff.</b>) Die Zeitangaben beziehen sich auf die
-<em class="gesperrt">ueren</em> Geschlechtsteile. Sie werden von den Beobachtern nicht
-in bereinstimmung gemacht, vgl. W.&nbsp;<em class="gesperrt">Nagel</em>, ber die Entwicklung
-des Urogenitalsystems des Menschen, Archiv fr mikroskopische
-Anatomie, Bd. XXXIV, 1889, S.&nbsp;269&ndash;384 (besonders S.&nbsp;375&nbsp;f.),
-Die im Texte gegebenen Daten im allgemeinen nach Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em>,
-Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte des Menschen und der<span class="pagenum"><a name="Seite_467" id="Seite_467">[S. 467]</a></span>
-Tiere, 7. Aufl., S.&nbsp;427, 441. Ganz kontrovers ist der Zeitpunkt der
-Differenzierung der inneren Keimdrsenanlagen, ja selbst die Frage
-noch strittig, ob deren Anlage zuerst hermaphroditisch oder gleich
-sexuell bestimmt sei. Vgl. die auch hierber am ausfhrlichsten
-orientierende Abhandlung Nagels (S.&nbsp;299&nbsp;ff.).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_8">S.&nbsp;8</a>, Z. 21&nbsp;f.</b>) Ich gebe hier nach Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em> (Lehrbuch
-der Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Wirbeltiere,
-7. Aufl., Jena 1902, S.&nbsp;444&nbsp;f.) die vollstndige Tabellarische bersicht
-I. ber die vergleichbaren Teile der ueren und der inneren
-Geschlechtsorgane des mnnlichen und des weiblichen Geschlechtes,
-und II. ber ihre Ableitung von der ursprnglich indifferenten Anlage
-des Urogenitalsystems bei den Sugetieren.</p>
-
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Vergleichbare Teile der Geschlechtsorgane">
-<tr><td align="center"><em class="gesperrt">Mnnliche Geschlechtsteile.</em></td><td align="center"><em class="gesperrt">Gemeinschaftliche Ausgangsform.</em></td><td align="center"><em class="gesperrt">Weibliche Geschlechtsteile.</em></td></tr>
-<tr><td align="center">Samenampullen und Samenkanlchen</td><td align="center">Keimepithel</td><td align="center">Eifollikel, Graafsche Blschen.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="center">Urniere</td></tr>
-<tr><td align="center"><i>a</i>) Nebenhoden, Epididymis mit Rete testis und Tubuli recti</td><td align="center"><i>a</i>) Vorderer Teil mit den Geschlechtsstrngen (Geschlechtsteil)</td><td align="center"><i>a</i>) Epoophoron mit Markstrngen des Eierstocks.</td></tr>
-<tr><td align="center"><i>b</i>) Paradidymis</td><td align="center"><i>b</i>) Hinterer Teil (eigentlicher Urnierenteil)</td><td align="center"><i>b</i>) Paroophoron.</td></tr>
-<tr><td align="center">Samenleiter mit Samenblschen</td><td align="center">Urnierengang</td><td align="center">Grtnersche Kanle einiger Sugetiere.</td></tr>
-<tr><td align="center">Niere und Ureter</td><td align="center">Niere und Ureter</td><td align="center">Niere und Ureter.</td></tr>
-<tr><td align="center">Hydatide des Nebenhodens</td><td align="center" rowspan="2">Mllerscher Gang</td><td align="center">Eileiter und Fimbrien</td></tr>
-<tr><td align="center">Sinus prostaticus (Uterus masculinus)</td><td align="center">Gebrmutter und Scheide.</td></tr>
-<tr><td align="center">Gubernaculum Hunteri</td><td align="center">Leistenband der Urniere</td><td align="center">Rundes Mutterband und Ligamentum ovarii.</td></tr>
-<tr><td align="center">Mnnliche Harnrhre (Pars prostatica und membranacea)</td><td align="center">Sinus urogenitalis</td><td align="center">Vorhof der Scheide.</td></tr>
-<tr><td align="center">Mnnliches Glied</td><td align="center">Geschlechtshcker</td><td align="center">Klitoris.</td></tr>
-<tr><td align="center">Pars cavernosa urethrae</td><td align="center">Geschlechtsfalten</td><td align="center">Kleine Schamlippen.</td></tr>
-<tr><td align="center">Hodensack</td><td align="center">Geschlechtswlste</td><td align="center">Groe Schamlippen.</td></tr>
-</table></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_468" id="Seite_468">[S. 468]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_8">S.&nbsp;8</a>, Z. 9 v. u.</b>) Ernst <em class="gesperrt">Hckel</em>, Generelle Morphologie der
-Organismen, Band II: Allgemeine Entwicklungsgeschichte der Organismen
-etc., Berlin 1866, S.&nbsp;60&nbsp;f.: Jedes Individuum (irgend einer
-Ordnung) als <em class="gesperrt">Zwitter</em> (<em class="gesperrt">Hermaphroditus</em>) vereinigt in sich beiderlei
-Geschlechtsstoffe, Ovum und Sperma. Der Gegensatz hiezu ist die
-Trennung der Genitalien, die Verteilung der beiderlei Geschlechtsstoffe
-auf zwei Individuen (gleichviel welcher Ordnung), welche wir
-als <em class="gesperrt">Geschlechtstrennung oder Gonochorismus</em> bezeichnen.
-Jedes Individuum irgend einer Ordnung als <em class="gesperrt">Nichtzwitter</em> (Gonochoristus)
-besitzt nur einen von beiden Geschlechtsstoffen, Ovum
-<em class="gesperrt">oder</em> Sperma. In einer Anmerkung hiezu gibt er die Etymologie:
-&#947;&#959;&#957;&#951;, &#7969; Genitale, Geschlechtsteil: &#967;&#969;&#961;&#953;&#963;&#964;&#972;&#962;, getrennt. Wir fhren
-dieses neue Wort hier ein, weil es bisher seltsamerweise gnzlich an
-einer <em class="gesperrt">allgemeinen</em> Bezeichnung der Geschlechtstrennung mangelte,
-whrend man fr die Zwitterbildung deren mehrere besa (Hermaphroditismus,
-Androgynie).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_9">S.&nbsp;9</a>, Z. 9.</b>) Am wenigsten dimorph sind die Geschlechter wohl
-bei den Stachelhutern (Echinodermen). Ferner finden sich nach
-<em class="gesperrt">Weismann</em>, Das Keimplasma, Jena 1892, S.&nbsp;466&nbsp;f., auch bei Volvox,
-unter den Schwmmen und den Medusenpolypen Organismen, bei
-welchen mnnliche und weibliche Individuen lediglich durch die Art
-der Geschlechtszellen selbst sich unterscheiden, also ohne alle weiteren
-Sexualcharaktere.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_9">S.&nbsp;9</a>, Z. 11.</b>) Normaler Hermaphroditismus unter den Fischen:
-beim Seebarsch (Serranus scriba), der Goldbrasse (Chrysophrys aurata)
-und der Myxine glutinosa (einem auf anderen Fischen schmarotzenden
-Cyklostoma). Vgl. C. <em class="gesperrt">Claus</em>, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg
-1897, S.&nbsp;745, und <em class="gesperrt">Richard Hertwig</em>, Lehrbuch der Zoologie,
-5. Aufl., Jena 1900, S.&nbsp;99.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_9">S.&nbsp;9</a>, Z. 13 v. u.</b>) Aus Grnden der Vererbungslehre wird
-von <em class="gesperrt">Darwin</em> und besonders von <em class="gesperrt">Weismann</em> die Bisexualitt der
-geschlechtlich differenzierten Lebewesen geradezu als eine Notwendigkeit
-postuliert. Darwin, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im
-Zustande der Domestikation, 2. Aufl., Stuttgart 1873, Bd. II, S.&nbsp;59&nbsp;f.:
-Wir sehen daher, da in vielen, wahrscheinlich in allen Fllen die
-sekundren Charaktere jedes Geschlechtes schlafend oder latent in
-dem entgegengesetzten Geschlechte ruhen, bereit, sich unter eigentmlichen
-Umstnden zu entwickeln. Wir knnen auf diese Weise
-verstehen, woher es z.&nbsp;B. mglich ist, da eine gut melkende Kuh
-ihre guten Eigenschaften durch ihre mnnlichen Nachkommen auf
-sptere Generationen berliefert, indem wir zuversichtlich annehmen,
-da diese Eigenschaften in den Mnnchen jeder Generation, wenn
-auch in einem latenten Zustande, vorhanden sind. Dasselbe gilt fr
-den Kampfhahn, welcher seine Vorzglichkeiten in Betreff des Mutes
-und der Lebendigkeit durch seine weibliche auf seine mnnliche<span class="pagenum"><a name="Seite_469" id="Seite_469">[S. 469]</a></span>
-Nachkommenschaft berliefern kann; und beim Menschen ist es bekannt,
-da Krankheiten, wie z.&nbsp;B. Hydrokele, welche notwendig auf
-das mnnliche Geschlecht beschrnkt sind, durch die Tochter auf
-den Enkel berliefert werden knnen. Derartige Flle, wie die vorstehenden,
-bieten .... die mglichst einfachen Beispiele von Rckschlag
-dar, und sie sind unter der Annahme verstndlich, da bei dem
-Grovater und Enkel eines und desselben Geschlechtes gemeinsame
-Charaktere, wenn auch latent, in dem zwischenliegenden Erzeuger
-des entgegengesetzten Geschlechtes vorhanden sind. Weismann, Das
-Keimplasma, eine Theorie der Vererbung, Jena 1892, S.&nbsp;467&nbsp;f.:
-Vom Menschen her wissen wir, da smtliche sekundren Geschlechtscharaktere
-nicht nur von den Individuen des entsprechenden Geschlechtes
-vererbt werden, sondern auch von denen des anderen. Die
-schne Sopranstimme der Mutter kann sich durch den Sohn hindurch
-auf die Enkelin vererben, ebenso der schwarze Bart des Vaters
-durch die Tochter auf den Enkel. Auch bei den Tieren mssen in
-jedem geschlechtlich differenzierten Bion beiderlei Geschlechtscharaktere
-vorhanden sein, die einen manifest, die anderen latent. Der Nachweis
-ist hier nur in gewissen Fllen zu fhren, weil wir die individuellen
-Unterschiede dieser Charaktere nur selten so genau bemerken, allein
-er ist selbst fr ziemlich einfach organisierte Arten zu fhren, und
-<em class="gesperrt">die latente Anwesenheit der entgegengesetzten Geschlechtscharaktere
-in jedem geschlechtlich differenzierten Bion</em>
-mu deshalb als allgemeine Einrichtung aufgefat werden. Bei der
-Biene besitzen die aus unbefruchteten Eiern sich entwickelnden
-Mnnchen die sekundren Geschlechtscharaktere des Grovaters, und
-bei den Wasserflhen, bei welchen mehrere rein weibliche Generationen
-aus einander hervorgehen, bringt die letzte derselben Mnnchen
-hervor mit den sekundren Geschlechtscharakteren der Art, welche
-somit in latentem Zustande in einer groen Reihe von weiblichen
-Generationen vorhanden sein muten. Man vergleiche hiemit auch
-<em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die Libido sexualis, Berlin 1898, Bd. I,
-S.&nbsp;444.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_9">S.&nbsp;9</a>, Z. 4 v. u.</b>) Als das Objekt der Kunst wird die platonische
-Idee bekanntlich betrachtet im dritten Buche der Welt
-als Wille und Vorstellung von <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_10">S.&nbsp;10</a>, Z. 18.</b>) Seit 1899 erscheint alljhrlich unter Redaktion
-von Dr. Magnus <em class="gesperrt">Hirschfeld</em> ein <em class="gesperrt">Jahrbuch fr sexuelle
-Zwischenstufen</em>. Dieses Unternehmen wre noch verdienstvoller,
-als es ist, wenn es nicht nur die Homosexuellen und die Zwittergeburten,
-das sind die sexuellen <em class="gesperrt">Mittel</em>stufen, in den Kreis seiner
-Betrachtung zge. Vgl. brigens Kap. IV und die Nachweise zu
-demselben.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_11">S.&nbsp;11</a>, Z. 3&nbsp;ff.</b>) Auch fr die Pflanzen. Vgl. August <em class="gesperrt">Schulz</em>,
-Beitrge zur Kenntnis der Bestubungseinrichtungen und Geschlechtsverteilung<span class="pagenum"><a name="Seite_470" id="Seite_470">[S. 470]</a></span>
-bei den Pflanzen, II. Teil, Kassel 1890, an vielen Orten,
-z.&nbsp;B. S.&nbsp;185. Ferner erzhlt <em class="gesperrt">Darwin</em>, Die verschiedenen Bltenformen
-bei Pflanzen der nmlichen Art, Werke IX/3, Stuttgart 1877,
-S.&nbsp;10, von der gemeinen Esche (Fraxinus excelsior): ..... ich
-untersuchte .... 15 Bume, welche auf dem Felde wuchsen, und
-von diesen produzierten 8 allein mnnliche Blten und im Frhjahr
-und im Herbste nicht ein einziges Samenkorn; 4 produzierten nur
-weibliche Blten, welche auerordentlich zahlreichen Samen ansetzten;
-drei waren Zwitter, welche, als sie in Blte waren, ein von
-den anderen Bumen verschiedenes Aussehen hatten: zwei von
-ihnen produzierten nahezu so viel Samen wie die weiblichen Bume,
-whrend der dritte nicht einen hervorbrachte, so da er der Funktion
-nach mnnlich war. <em class="gesperrt">Die Trennung der Geschlechter ist indessen
-bei der Esche nicht vollstndig, denn die weiblichen
-Blten enthalten Staubgefe, welche in einer
-frhen Periode abfallen, und ihre Antheren, welche sich
-niemals ffnen oder dehiszieren, enthalten meistens eine
-breiige Substanz anstatt des Pollens. An einigen weiblichen
-Blten fand ich jedoch einige wenige Antheren,
-welche allem Anscheine nach gesunde Pollenkrner enthielten.
-An den mnnlichen Bumen enthalten die meisten
-Blten Pistille</em>, dieselben fallen aber gleichfalls in einer frhen
-Periode ab; und die Eichen, welche schlielich abortieren, sind sehr
-klein verglichen mit denen in weiblichen Blten von demselben
-Alter. Man vergleiche brigens die im III. Kapitel besprochene
-Heterostylie. &mdash; Was die Tiere betrifft, und besonders den
-Menschen, so lieen sich ganze Bogen mit Belegen aus hierauf bezglichen
-Publikationen fllen. Ich verweise aber lieber zunchst auf
-Albert <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die Libido sexualis, I, S.&nbsp;334&nbsp;ff.
-(z, B. seine Beweise fr das Vorkommen sezernierender Milchdrsen
-bei Mnnern). &mdash; Konrad <em class="gesperrt">Rieger</em>, Die Kastration in rechtlicher,
-sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S.&nbsp;21, Anmerkung 2:
-Manche weibliche Ziegen haben sehr starke Hrner, die sich nur
-wenig von denen eines Ziegen<em class="gesperrt">bockes</em> unterscheiden; andere weibliche
-Ziegen sind vllig hornlos, und schlielich gibt es auch
-Ziegen<em class="gesperrt">bcke</em> (<em class="gesperrt">und zwar unkastrierte</em>) ohne Hrner. S.&nbsp;26:
-Sieht man eine grere Anzahl von Rindviehbildern durch, so ergibt
-sich sofort, da sehr bedeutende Unterschiede bestehen in
-Bezug auf die Hrner bei den Stieren selbst. S.&nbsp;30: Ich habe
-selbst zufllig neulich ein weibliches Schaf von einer importierten
-Rasse gesehen, das die schnsten Widderhrner hatte. Vgl. ferner
-M., ber Rehbcke mit abnormer Geweihbildung und deren eigentmliches
-Verhalten, Deutsche Jger-Zeitung, XXXII, 363. Edw. R.
-<em class="gesperrt">Alston</em>, On Female Deer with antlers, Proceed. Zoolog. Society,
-London 1879, p. 296&nbsp;f. &mdash; Von <em class="gesperrt">lokalen</em> Hufungen der Zwischenstufen
-bei Kfern und Schmetterlingen berichtet William <em class="gesperrt">Bateson</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_471" id="Seite_471">[S. 471]</a></span>
-Materials for the study of variation treated with especial regard of
-discontinuity in the origin of species, London 1894, p. 254: In
-all other localities the male Phalanger maculatus alone is spotten
-with white, the female being without spots, but in Waigiu the females
-are spotted like the males. This curious fact was first noticed
-by Jentink. (F.&nbsp;A.&nbsp;<em class="gesperrt">Jentink</em>, Notes, Leyd. Mus., VII, 1885, p. 90.)
-Und in einer Anmerkung hiezu: Compare the converse case of
-Hepialus humuli (the Ghost Moth), of which, in all other localities,
-the male are clear and the females are light yellow-brown with
-spots, but in the Shetland Islands the males are very like the females,
-<em class="gesperrt">though in varying degrees</em>. See Jenner Weir, Entomologist,
-1880, p. 251 Pl. &mdash; <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das Variieren der Tiere und
-Pflanzen im Zustande der Domestikation, II, 259: Die vielen
-wohlbeglaubigten Flle verschiedener mnnlicher Sugetiere, welche
-Milch geben, zeigen, da ihre rudimentren Milchdrsen diese Fhigkeit
-in einem latenten Zustande behalten. Dazu <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen,
-I, 481: Von der typischen Beschaffenheit der mnnlichen
-Brust finden wir bis zur vlligen Ausbildung der weiblichen
-Brustdrsen beim Manne zahlreiche bergnge. &mdash; <em class="gesperrt">Von der
-groen Vernderlichkeit sekundrer Geschlechtscharaktere</em>
-handelt <em class="gesperrt">Darwin</em> im 5. Kapitel der Entstehung der Arten
-(S.&nbsp;207&nbsp;ff. der bersetzung von Haek, Universalbibliothek), von
-<em class="gesperrt">Abstufungen sekundrer geschlechtlicher Charaktere</em> im
-14. Kapitel der Abstammung des Menschen u.&nbsp;s.&nbsp;w. (Bd. II,
-S.&nbsp;143&nbsp;ff. der gleichen Ausgabe). &mdash; ber sexuelle Zwischenformen
-bei den Cerviden noch Adolf <em class="gesperrt">Rrig</em>, Welche Beziehungen bestehen
-zwischen den Reproduktionsorganen der Cerviden und der Geweihbildung,
-Archiv fr Entwicklungsmechanik der Organismen VIII,
-1899, 382&ndash;447 (mit weiterer Literatur); bei den Vgeln: A. <em class="gesperrt">Tichomiroff</em>,
-Androgynie bei den Vgeln, Anatomischer Anzeiger, 15. Mrz
-1888 (III, 221&ndash;228); bei Vgeln und anderen Tieren: Alexander
-<em class="gesperrt">Brandt</em>, Anatomisches und Allgemeines ber die sogenannte Hahnenfedrigkeit
-und ber anderweitige Geschlechtscharaktere bei Vgeln,
-Zeitschrift fr wissenschaftliche Zoologie, 48, 1889, S.&nbsp;101&ndash;190.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_11">S.&nbsp;11</a>, Z. 6.</b>) ber das virile Weiberbecken vgl. W. <em class="gesperrt">Waldeyer</em>,
-Das Becken, Topographisch-anatomisch mit besonderer Bercksichtigung
-der Chirurgie und Gynkologie dargestellt (in:
-G. <em class="gesperrt">Joessel</em>, Lehrbuch der topographisch-chirurgischen Anatomie,
-Teil II, Bonn 1899) S.&nbsp;393&nbsp;f.: Wir finden auch Weiberbecken
-vom Habitus der Mnnerbecken. Die Knochen sind massiver, die
-Darmbeine stehen steil, der Schambogen ist eng, die Beckenhhle
-hat eine Trichterform. Meist haben die betreffenden Frauen auch in
-ihrem brigen Krperhabitus etwas ..... Mnnliches (Viragines).
-Doch braucht dies nicht immer der Fall zu sein.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_11">S.&nbsp;11</a>, Z. 8.</b>) ber <em class="gesperrt">brtige Weiber</em> vgl. Max <em class="gesperrt">Bartels</em>, ber
-abnorme Behaarung beim Menschen, Zeitschrift fr Ethnologie VIII<span class="pagenum"><a name="Seite_472" id="Seite_472">[S. 472]</a></span>
-(1876), 110&ndash;129 (mit Literaturnachweisen), XI (1879), 145&ndash;194,
-XIII (1881), 213&ndash;233. Wilhelm <em class="gesperrt">Stricker</em>, ber die sogenannten
-Haarmenschen (Hypertrichosis universalis) und insbesondere die
-brtigen Frauen, Bericht ber die Senckenbergische naturforschende
-Gesellschaft, Frankfurt 1877, S.&nbsp;97&nbsp;f. Louis A. <em class="gesperrt">Duhring</em>, Case of
-bearded women, Archives of Dermatology III (1877), p. 193&ndash;200.
-Harris <em class="gesperrt">Liston</em>, Cases of bearded women, British medical Journal
-vom 2. Juni 1894. Albert <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die Libido
-sexualis, Berlin 1898, I, p. 337 (mit Literatur). Cesare <em class="gesperrt">Taruffi</em>,
-Hermaphrodismus und Zeugungsunfhigkeit, Eine systematische Darstellung
-der Mibildungen der menschlichen Geschlechtsorgane, bersetzt
-von R. Teuscher, Berlin 1903, S.&nbsp;164&ndash;173: ber Hypertrichosis
-beim Weibe, mit vielen weiteren Literaturangaben. Alexander
-<em class="gesperrt">Brandt</em>, ber den Bart der Mannweiber (Viragines), Biologisches
-Zentralblatt 17, 1897, S.&nbsp;226&ndash;239. Les Femmes barbe, Revue
-scientifique VII, 618&ndash;622. Gustav <em class="gesperrt">Behrend</em>, Artikel <em class="gesperrt">Hypertrichosis</em>
-in Eulenburgs Realenzyklopdie, Bd. XI<sup>3</sup>, S.&nbsp;194. Alexander
-<em class="gesperrt">Ecker</em>, ber abnorme Behaarung beim Menschen, insbesondere
-ber die sogenannten Haarmenschen, Braunschweig 1878, mit
-weiterer Literatur S.&nbsp;21.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_11">S.&nbsp;11</a>, Z. 17&nbsp;ff.</b>) Man vergleiche z.&nbsp;B. die in der Schrift von
-Livius <em class="gesperrt">Frst</em>, Die Ma- und Neigungsverhltnisse des weiblichen
-Beckens nach Profildurchschnitten gefrorener Leichen, Leipzig 1875,
-S.&nbsp;16 und S.&nbsp;24&nbsp;ff. enthaltenen Tafeln mit den Mazahlen, die
-von den verschiedenen Beobachtern von <em class="gesperrt">Luschka</em>, <em class="gesperrt">Henle</em>,
-<em class="gesperrt">Rdinger</em>, <em class="gesperrt">Hoffmann</em>, <em class="gesperrt">Pirogoff</em>, <em class="gesperrt">Braune</em>, <em class="gesperrt">Le Gendre</em> und
-<em class="gesperrt">Frst</em> selbst als Dimensionen des Beckens der Geschlechter angegeben
-werden. &mdash; Ferner W. <em class="gesperrt">Krause</em>, Spezielle und makroskopische
-Anatomie (II. Bd. der 3. Aufl. des Handbuches der menschlichen
-Anatomie von C.&nbsp;F.&nbsp;Th.&nbsp;Krause), Hannover 1879, S.&nbsp;122&nbsp;ff., mit
-Tabellen fr die Maximal- und Minimalproportionen sowohl beim
-Manne als bei der Frau.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_13">S.&nbsp;13</a>, Z. 7&nbsp;f.</b>) Die Angabe ber die Ophiten nach <em class="gesperrt">berweg-Heinze</em>,
-Grundri der Geschichte der Philosophie, Teil II,
-Die mittlere oder die patristische und scholastische Zeit, 8. Aufl.,
-Berlin 1898, S.&nbsp;40.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_2" id="Zu_Teil_I_Kapitel_2">Zu Teil I, Kapitel 2.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_14">S.&nbsp;14</a>, Z. 16 v. u.</b>) Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em>, Man and Woman, A
-Study of human secondary sexual characters, London 1894, deutsch:
-Mann und Weib, Anthropologische und psychologische Untersuchung
-der sekundren Geschlechtsunterschiede, bersetzt von
-Dr. Hans Kurella (Bibliothek fr Sozialwissenschaft, Bd. III)
-Leipzig 1895. In Betracht kommt hier auch das einseitigere, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_473" id="Seite_473">[S. 473]</a></span>
-originellere und durch glckliche Belege aus der belletristischen
-Literatur psychologisch bereicherte Werk von C. <em class="gesperrt">Lombroso</em> und
-G. <em class="gesperrt">Ferrero</em>, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Anthropologische
-Studien, gegrndet auf eine Darstellung der Biologie und
-Psychologie des normalen Weibes, bersetzt von Kurella, Hamburg
-1894.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_15">S.&nbsp;15</a>, Z. 22.</b>) Joh. Japetus Sm. <em class="gesperrt">Steenstrup</em>, Untersuchungen
-ber das Vorkommen des Hermaphroditismus in der Natur, aus dem
-Dnischen bersetzt von C.&nbsp;F.&nbsp;Hornschuch, Greifswald 1846,
-S.&nbsp;9&nbsp;ff. &mdash; Man vergleiche ber Steenstrups Anschauungen die absprechenden
-Urteile von Rud. <em class="gesperrt">Leuckart</em>, Artikel Zeugung in Rud.
-Wagners Handwrterbuch der Physiologie, Bd. IV, 1853, S.&nbsp;743&nbsp;f.,
-und C. <em class="gesperrt">Claus</em>, Lehrbuch der Zoologie, S.&nbsp;117<sup>6</sup>.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_15">S.&nbsp;15</a>, Z. 23.</b>) <em class="gesperrt">Ellis</em>, Mann und Weib, besonders S.&nbsp;203&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_15">S.&nbsp;15</a> Z. 10 v. u.</b>) ber die Geschlechtsunterschiede in der Zusammensetzung
-des Blutes, Ellis, S.&nbsp;204&nbsp;f. &mdash; Olof <em class="gesperrt">Hammarsten</em>,
-Lehrbuch der physiologischen Chemie, 4. Aufl., Wiesbaden 1899, S.&nbsp;137.
-Beim Menschen kommen gewhnlich in je 1 <i>cm</i><sup>3</sup> beim Manne 5 Millionen
-und beim Weibe 4 45 Millionen (roter Blutkrperchen) vor.
-&mdash; Ernst <em class="gesperrt">Ziegler</em>, Lehrbuch der allgemeinen und speziellen pathologischen
-Anatomie, Bd. II: Spezielle pathologische Anatomie, 9. Aufl.,
-Jena 1898, S.&nbsp;3: In 100 <i>cm</i><sup>3</sup> Blut sind .... bei Mnnern 145 <i>g</i>,
-bei Frauen 132 <i>g</i> Hmoglobin enthalten. Vgl. bes. <em class="gesperrt">Lombroso-Ferrero</em>,
-S.&nbsp;22&nbsp;f. und die dort citierte Literatur.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_15">S.&nbsp;15</a>, Z. 8 v. u.</b>) v. <em class="gesperrt">Bischoff</em>, Das Hirngewicht des
-Menschen, Bonn 1880. &mdash; <em class="gesperrt">Rdinger</em>, Vorlufige Mitteilungen ber
-die Unterschiede der Grohirnwindungen nach dem Geschlecht beim
-Ftus und Neugeborenen. Beitrge zur Anthropologie und Urgeschichte
-Bayerns. I, 1877, S.&nbsp;286&ndash;307. &mdash; Auch <em class="gesperrt">Passet</em>, ber einige
-Unterschiede des Grohirns nach dem Geschlecht, Archiv fr Anthropologie,
-Bd. XIV, 1883, S.&nbsp;89&ndash;141, und Emil <em class="gesperrt">Huschke</em>, Schdel,
-Hirn und Seele des Menschen und der Tiere nach Alter, Geschlecht
-und Rasse, Jena 1854, S.&nbsp;152&nbsp;f., haben die Existenz solcher Unterschiede
-versichert und mit genauen Daten belegt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_15">S.&nbsp;15</a>, Z. 6 v. u.</b>) Alice <em class="gesperrt">Gaule</em>, Die geschlechtlichen Unterschiede
-in der Leber des Frosches, Archiv fr die gesamte Physiologie,
-herausgegeben von Pflger, Bd. LXXXIV, 1901, Heft 1/2,
-S.&nbsp;1&ndash;5.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_15">S.&nbsp;15</a>, Z. 3 v. u.</b>) Wo der Ausdruck erogen (Zones
-rognes als Name fr diejenigen Krperteile, die sexuell besonders
-anziehend auf das andere Geschlecht wirken) zum ersten Male vorkommt,
-war mir zu ermitteln nicht mglich. Der verstorbene Professor
-Freiherr <em class="gesperrt">v. Krafft-Ebing</em>, von dem ich einmal Belehrung
-hierber erbat, vermutete, bei <em class="gesperrt">Gilles de la Tourette</em>. Doch ist in
-dessen groem Werke ber die Hysterie nichts hierauf Bezgliches
-enthalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_474" id="Seite_474">[S. 474]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_16">S.&nbsp;16</a>, Z. 15.</b>) Die Anfhrung aus <em class="gesperrt">Steenstrup</em> a. a. O., S.&nbsp;9
-bis 10.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_18">S.&nbsp;18</a>, Z. 6.</b>) John <em class="gesperrt">Hunter</em>, Observations on certain parts of
-the animal oeconomy, London 1786, berichtet in einem zuerst in
-den Philosophical Transactions of the Royal Society of London,
-Vol. LXX/2, 1. Juni 1780, pag. 527&ndash;535, verffentlichten
-Account of an extraordinary pheasant von der Hahnenfedrigkeit
-alter Hennen und vergleicht diese mit der Brtigkeit der Gromtter.
-S.&nbsp;63 (528) wird die berhmte Unterscheidung eingefhrt:
-It is well known that there are many orders of animals which have
-the two parts designed for the purpose of generation different in
-the same species, by which they are distinguished into male and
-female: but this is not the only mark of distinction in many genera
-of animals, of the greatest part the male being distinguished from
-the female by various marks. <em class="gesperrt">The differences which are found
-in the parts of generation themselves, I shall call the first
-or principle, and all others depending upon these I shall
-call secondary.</em> Wenn im Texte (Z. 20&nbsp;ff.) der Bereich der sekundren
-Charaktere strenger denn gewhnlich als die Gesamtheit
-der erst in der Mannbarkeit uerlich sichtbar hervortretenden
-Charaktere umschrieben wird, so ist damit auf <em class="gesperrt">Hunters</em> <em class="gesperrt">ursprngliche</em>
-Bestimmung zurckgegriffen, S.&nbsp;68: We see the sexes which
-at an early period had little to distinguish them from each other,
-acquiring about the time of puberty secondary properties, which
-clearly characterise the male and female. The male at this time recedes
-from the female, and assumes the secondary characters of
-his sex. Vgl. <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das Variieren etc. I<sup>2</sup>, S.&nbsp;199. Entstehung
-der Arten (bersetzt von Haek), S.&nbsp;201.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_18">S.&nbsp;18</a>, Z. 8.</b>) Dafr, da von den primren noch primordiale
-Sexualcharaktere abgeschieden werden mssen, sind die vielen Flle
-beweisend, in denen die ueren Geschlechtsteile etwa weiblich, die
-Geschlechtsdrsen selbst immer noch mnnlich sind, Vgl. z.&nbsp;B. Andrew
-<em class="gesperrt">Clark</em>, A case of spurious hermaphroditism (hypospadia and
-undescended testis in a subject who has been brought up as female
-and married for sixteen years), Middlesex Hospital, The Lancet,
-12. Mrz 1898, p. 718&nbsp;f. &mdash; L. <em class="gesperrt">Siebourg</em>, Ein Fall von Pseudo-Hermaphroditismus
-masculinus completus, Deutsche medizinische
-Wochenschrift, 9. Juni 1898, S.&nbsp;367&ndash;368.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_18">S.&nbsp;18</a>, Z. 23&nbsp;f.</b>) Die Lehre von der inneren Sekretion im allgemeinen
-stammt nicht, wie man jetzt berall angegeben findet, von
-<em class="gesperrt">Brown-Squard</em>, der sie nur auf die Keimdrse als erster angewendet
-hat, sondern von Claude <em class="gesperrt">Bernard</em>, nachdem schon bei
-C. <em class="gesperrt">Legallois</em> im Jahre 1801 eine dunkle Ahnung der Sache zu
-finden ist, worber man Nheres aus der Anne biologique, Vol. I,
-p. 315&nbsp;f. erfhrt. Vgl. Bernard, Nouvelle fonction du foie considr<span class="pagenum"><a name="Seite_475" id="Seite_475">[S. 475]</a></span>
-comme organe producteur de matire sucre chez l'homme et les
-animaux, Paris, Baillire, 1853, p. 58 und 71&nbsp;f. Ferner Leons de
-physiologie exprimentale, Vol. I, Paris 1855, aus der folgende Stellen
-wrtlich angefhrt seien: On s'est fait pendant longtemps une trs-fausse
-ide de ce qu'est un organe scrteur. On pensait que toute
-scrtion devait tre verse sur une surface interne ou externe, et
-que tout organe scrtoire devait ncessairement tre pourvu d'un
-conduit excrteur destin porter au dehors les produits de la scrtion.
-L'histoire du foie tablit maintenant d'une manire trs-nette
-qu'il y a des scrtions internes, c'est dire des scrtions dont le
-produit, au lieu d'tre dvers l'extrieur, est transmis directement
-dans le sang (p. 96). &mdash; Il doit tre maintenant bien tabli qu'il
-y a dans le foie deux fonctions de la nature de scrtions. L'une,
-scrtion externe, produit la bile qui s'coule au dehors; l'autre, scrtion
-interne, forme le sucre qui entre immdiatement dans le sang
-de la circulation gnrale (p. 107). &mdash; Ferner (Rapport sur les
-progrs et la marche de la physiologie gnrale en France, Paris 1867,
-p. 73): La cellule scrtoire cre et labore en elle-mme le produit
-de scrtion qu'elle verse soit au dehors sur les surfaces muqueuses,
-soit directement dans la masse du sang. J'ai appel <em class="gesperrt">scrtions
-externes</em> celles qui s'coulent en dehors, et <em class="gesperrt">scrtions internes</em>
-celles qui sont verses dans le milieu organique intrieur. (p. 79:)
-Les scrtions internes sont beaucoup moint connues que les scrtions
-externes. Elles ont t plus ou moins vaguement souponnes,
-mais elles ne sont point encore gnralement admises. Cependant,
-selon moi, elles ne sauraient tre douteuses, et je pense que
-le sang, ou autrement dit le milieu intrieur organique, doit tre
-regard comme un produit des glandes vasculaires internes. (p. 84:)
-Le foie glycognique forme une grosse glande sanguine, c'est--dire
-une glande qui n'a pas de conduit excrteur extrieur. Il donne
-naissance aux produits sucrs du sang, peut-tre aussi d'autres
-produits albuminodes. Mais il existe beaucoup d'autres glandes sanguines,
-telle que la rate, le corps thyrode, les capsules surrnales,
-les glandes lymphatiques, dont les fonctions sont encore aujourd'hui
-indtermines; cependant on regarde gnralement ces organes comme
-concourant la rgnration du plasma et du sang, ainsi qu' la
-formation des globules blancs et des globules rouges qui nagent dans
-ce liquide. Danach ist die sehr allgemeine Angabe, <em class="gesperrt">Brown-Squard</em>
-sei der Begrnder der Lehre von den Funktionen der Drsen ohne
-Ausfhrungsgnge, wie sie sich z.&nbsp;B. in <em class="gesperrt">Bunges</em> Physiologischer
-Chemie (Lehrbuch der Physiologie des Menschen, Leipzig 1901,
-Bd. II, S.&nbsp;545), bei <em class="gesperrt">Chrobak</em> und <em class="gesperrt">Rosthorn</em> (Die Erkrankungen
-der weiblichen Geschlechtsorgane, I. Teil, Wien 1896/1900, S.&nbsp;388),
-bei Ernst <em class="gesperrt">Ziegler</em> (Lehrbuch der allgemeinen und speziellen pathologischen
-Anatomie, I<sup>9</sup>, 1898, S.&nbsp;80), Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em> (Die Zelle
-und die Gewebe, Bd. II, 1898, S.&nbsp;167) oder H. <em class="gesperrt">Boruttau</em><span class="pagenum"><a name="Seite_476" id="Seite_476">[S. 476]</a></span>
-(Kurzes Lehrbuch der Physiologie, Leipzig und Wien, 1898, S.&nbsp;138)
-findet, zu korrigieren.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Brown-Squard</em> selbst (Effets physiologiques d'un liquide
-extrait des glandes sexuelles et surtout des testicules, Comptes Rendus
-hebdomadaires des Sances de l'Acadmie des Sciences, Paris,
-30. Mai 1892, p. 1237&nbsp;f.) sagt: Dj en 1869, dans un cours
- la Facult de Mdecine de Paris, j'avais mis l'ide que les glandes
-ont des scrtions internes et fournissent au sang des principes utiles
-sinon essentiels. Die Prioritt gebhrt demnach ohne Zweifel
-Bernard; nur die Anwendung auf die Keimdrsen ist Brown-Squards
-alleiniges Verdienst: Je croyais, ds alors, que la faiblesse chez les
-vieillards dpend non seulement de l'tat snile des organes, mais
-aussi de ce que les glandes sexuelles ne donnent plus au sang des
-principes qui, l'ge adulte, contribuent largement maintenir la
-vigueur propre cet ge. Il tait donc tout naturel de songer
-trouver un moyen de donner au sang de vieillards affaiblis les principes
-que les glandes sexuelles ne lui fournissent plus. C'est ce qui
-m'a conduit proposer l'emploi d'injections sous-cutanes d'un liquide
-extrait de ces glandes. Die erste Verffentlichung Brown-Squards
-ber dieses Thema ist die in den Comptes rendus hebdomadaires
-des sances et mmoires de la Socit de Biologie, Tome 41, 1889,
-p. 415&ndash;419 enthaltene (datiert vom 1. Juni 1889).</p>
-
-<p>Als Gegner der Lehre von der inneren Sekretion, speziell der
-Keimdrsen, sind zu nennen: Konrad <em class="gesperrt">Rieger</em> in seiner Schrift ber
-die Kastration (Jena 1900, S.&nbsp;71; ihn erinnert sie an die Theorien
-der mittelalterlichen Mnche ber die Folgen des semen retentum)
-und A.&nbsp;W.&nbsp;<em class="gesperrt">Johnston</em>, Internal Secretion of the Ovary, 25. Annual
-Meeting of the American Gynaecological Society, vgl. British Gyn.
-Journal, Part 62, August 1900, S.&nbsp;63. Unentschieden lassen die Frage,
-ob die Erscheinungen nach Kastration und Involution der Keimdrsen,
-nach der Pubertt und in der Graviditt, soweit sie von den
-Genitalien ihren Ursprung nehmen, auf nervsem Wege oder durch
-das Blut vermittelt werden, <em class="gesperrt">Ziegler</em>, Patholog. Anatomie, I<sup>9</sup>, S.&nbsp;80,
-und O. <em class="gesperrt">Hertwig</em>, Zelle und Gewebe, II, 162. Dieser sagt: Wenn
-auf der einen Seite der Zusammenhang zwischen der Entwicklung
-der Geschlechtsdrsen und der sekundren Sexualcharaktere nicht in
-Abrede gestellt werden kann, so fehlt uns auf der anderen Seite doch
-das tiefere Verstndnis dafr. Wird die Korrelation zwischen den
-Organen, welche funktionell direkt nichts miteinander zu tun haben,
-durch das Nervensystem vermittelt, oder sind es vielleicht besondere
-Substanzen, welche vom Hoden oder Eierstock abgesondert werden,
-in den Blutstrom geraten und so die weit abgelegenen Krperteile
-zu korrelativem Wachstum veranlassen? Zu einem Entscheid der aufgeworfenen
-Alternative fehlt es noch an jeder experimentellen Unterlage.</p>
-
-<p>Der letzte Satz war wohl schon zu der Zeit, da Hertwig ihn
-schrieb (1898), nicht mehr ganz richtig. Fr. <em class="gesperrt">Goltz</em> und A. <em class="gesperrt">Freusberg</em><span class="pagenum"><a name="Seite_477" id="Seite_477">[S. 477]</a></span>
-hatten 1874 (ber den Einflu des Nervensystems auf die Vorgnge
-whrend der Schwangerschaft und des Gebraktes, Pflgers Archiv
-fr die gesamte Physiologie, IX, 552&ndash;565) von folgendem berichtet
-(S.&nbsp;557): Eine Hndin mit vollstndiger Trennung des Rckenmarkes
-in der Hhe des ersten Lendenwirbels ist brnstig geworden,
-hat empfangen und ein lebensfhiges Junges ohne Kunsthilfe geboren.
-Bei und nach diesen Vorgngen hat das Tier alle die damit verbundenen
-Naturtriebe (Instinkte) entfaltet ebenso wie ein unversehrtes
-Geschpf (d.&nbsp;h. die Milchdrsen fllten sich und das Junge wurde
-mit grter Zrtlichkeit behandelt. Man vgl. auch <em class="gesperrt">Brcke</em>, Vorlesungen
-ber Physiologie II<sup>3</sup>, Wien 1884, S.&nbsp;126&nbsp;f.). Goltz selbst kam
-schon damals zu folgendem Schlusse (S.&nbsp;559): Es scheint mir ...
-uerst fraglich, ob berhaupt der Zusammenhang zwischen Gebrmutter
-und Milchdrsen durch Beteiligung des Nervensystems zu
-denken ist. Mir sagt auch in diesem Falle der Gedanke mehr zu,
-da das Blut diesen Zusammenhang vermittelt. Er erinnert daselbst
-auch an die Ausfallserscheinungen nach der Kastration. In ihrer berhmter
-gewordenen Arbeit Der Hund mit verkrztem Rckenmark
-(Pflgers Archiv; 63, 362&ndash;400) sind Fr. <em class="gesperrt">Goltz</em> und J.&nbsp;R.&nbsp;<em class="gesperrt">Ewald</em>
-22 Jahre nach jener Untersuchung nochmals auf das Thema zurckgekommen
-(vgl. in jener Abhandlung S.&nbsp;385&nbsp;f.).</p>
-
-<p>Der hauptschlichste Beweis, da <em class="gesperrt">keine</em> nervse Vermittlung
-vorliegt, ist, wie ich meine, darin zu erblicken, da einseitige Kastration,
-also Exstirpation blo eines Ovars oder Testikels, an der
-Entwicklung der sekundren Geschlechtscharaktere nicht das Geringste
-ndert. Den Einflu jeder Keimdrse htte man aber, wenn
-ein solcher auf nervsem Wege sich vollzieht, als stets auf eine
-Hemisphre des Krpers <em class="gesperrt">strker</em> sich erstreckend vorzustellen, ja
-eine halbseitige Kastration wre, zunchst wenigstens, nur fr <em class="gesperrt">eine</em>
-Krperhlfte als entscheidend anzunehmen. Mit Ausnahme einer
-einzigen Angabe aber, der <em class="gesperrt">Rieger</em>, Die Kastration, S.&nbsp;24, mit Recht
-als Jgerlatein mitraut (es ist die in <em class="gesperrt">Brehms</em> Sugetieren, Leipzig und
-Wien, 1891, III<sup>3</sup>, 430: Einseitig verschnittene Hirsche setzen blo an
-der unversehrten Seite noch auf), hat nirgends etwas hnliches verlautet:
-halbseitig verschnittene Tiere sind wie gar nicht verschnittene.
-So schon <em class="gesperrt">Berthold</em>, Nachrichten von der Universitt und Gesellschaft
-der Wissenschaften zu Gttingen, 1849, Nr. 1, S.&nbsp;1&ndash;6. Vgl. z.&nbsp;B.
-<em class="gesperrt">Chrobak-Rosthorn</em>, Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane,
-I/2, S.&nbsp;371&nbsp;f.: <em class="gesperrt">Sokoloff</em><a name="FNAnker_104_104" id="FNAnker_104_104"></a><a href="#Fussnote_104_104" class="fnanchor">[104]</a> operierte an Hunden, verfolgte
-die Vernderungen sowohl bei einseitiger als auch bei doppelseitiger
-Kastration. <em class="gesperrt">Bei ersterer trat die Brunst wie normal ein</em>, bei
-letzterer blieb sie regelmig weg. <em class="gesperrt">Einseitige Kastration bei
-jungen Tieren lt das Wachstum beider Gebrmutterhlften<span class="pagenum"><a name="Seite_478" id="Seite_478">[S. 478]</a></span>
-fortdauern.</em> Schon 1 Monate nach zweiseitiger Kastration
-war eine ausgesprochene Atrophie der zirkulren Muskelschichte
-aufgetreten.</p>
-
-<p>Diesen Beweis halte ich darum fr stringenter selbst als die
-Transplantationsversuche (auf Grund deren J. <em class="gesperrt">Halban</em>, ber den
-Einflu der Ovarien auf die Entwicklung des Genitales, Monatsschrift
-fr Geburtshilfe und Gynkologie, XII, 1900, 496&ndash;506,
-besonders S.&nbsp;505, A. <em class="gesperrt">Foges</em>, Zur Lehre von den sekundren
-Geschlechtscharakteren, Pflgers Archiv, XCIII, 1902, 39&nbsp;ff., Emil
-<em class="gesperrt">Knauer</em>, Die Ovarientransplantation, experimentelle Studie, Archiv
-fr Gynkologie, LX, 1900, besonders S.&nbsp;352&ndash;359, mit so viel
-Recht fr die innere Sekretion sich entscheiden), weil diesen gegenber
-als letzter noch immer der Einwand mglich wre, da vermittelnde
-nervse Bahnen in das transplantierte Gewebe zugleich mit dessen
-Vaskularisierung eingezogen seien.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_18">S.&nbsp;18</a>, Z. 10 v. u. ff.</b>) Einen <em class="gesperrt">anderen</em> Begriff <em class="gesperrt">von tertiren
-Sexualcharakteren</em> hat Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em> aufgestellt, Mann
-und Weib, S.&nbsp;24: .... So haben wir z.&nbsp;B. die verhltnismig
-grere Flachheit des Schdels, die grere Aktivitt und Ausdehnung
-der Schilddrse und die geringere Durchschnittsmenge der
-roten Blutkrperchen beim Weibe. Diese Differenzen hngen wahrscheinlich
-indirekt mit primren und sekundren sexuellen Charakteren
-zusammen. Vom zoologischen Standpunkt aus sind sie kaum von
-Interesse, dagegen vom anthropologischen und gelegentlich auch vom
-pathologischen und sozialen Standpunkt aus hchst bemerkenswert.
-In dieselbe Gruppe mit den sekundren sexuellen Charakteren lassen
-sie sich keinesfalls einreihen, und wir tun wohl am besten, sie zu
-einer neuen Gruppe zusammenzufassen und als &#8218;tertire sexuelle
-Charaktere&#8217; zu bezeichnen. Ellis bemerkt selbst, da sich wegen
-der Tendenz dieser Merkmale, ineinander berzugehen, diese Teilung
-schwer durchfhren lt. Aber nicht nur der theoretische, auch der
-praktische Wert dieser Gliederung scheint mir geringer als der Wert
-der im Texte vorgeschlagenen Einteilung, nach welcher als
-primordiale Geschlechtscharaktere die allgemein-biologischen, als
-primre die im engeren Sinne anatomischen, als sekundre die im
-engeren Sinne physiognomischen, als tertire die psychologischen
-und als quartre die sozialen Unterschiede der Geschlechter bezeichnet
-werden.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_19">S.&nbsp;19</a>, Z. 15&nbsp;ff.</b>) Die Annahme dnkt mich sehr wahrscheinlich,
-da <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> mit <em class="gesperrt">jeder ueren</em> eine <em class="gesperrt">innere
-Sekretion</em> vor sich geht, also auch die letztere keine kontinuierliche,
-sondern eine intermittierende Funktion sei. Denn der Bartwuchs
-z.&nbsp;B. ist nicht gleichmig, sondern er erfolgt schubweise, stoweise.
-Als Erklrung hiefr scheint eine interrupte innere Sekretion am
-nchsten zu liegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_479" id="Seite_479">[S. 479]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_19">S.&nbsp;19</a>, Z. 7 v. u.</b>) Der Ausdruck Komplementrbedingung
-nach Richard <em class="gesperrt">Avenarius</em>, Kritik der reinen Erfahrung, Bd. I,
-Leipzig 1888, S.&nbsp;29.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_20">S.&nbsp;20</a>, Z. 10&ndash;28.</b>) ber das Idioplasma vgl. C. v. <em class="gesperrt">Naegeli</em>,
-Mechanisch-Physiologische Theorie der Abstammungslehre, 1884.
-Der Begriff wird dort, in einer von seiner Entwicklung im Texte
-etwas abweichenden Weise, eingefhrt auf S.&nbsp;23. Es heit dann
-weiter: Jede wahrnehmbare Eigenschaft ist als Anlage im Idioplasma
-vorhanden, es gibt daher so viele Arten von Idioplasma, als
-es Kombinationen von Eigenschaften gibt. Jedes Individuum ist aus
-einem etwas anders gearteten Idioplasma hervorgegangen, und in
-dem nmlichen Individuum verdankt jedes Organ und jeder Organteil
-seine Entstehung einer eigentmlichen Modifikation oder
-eher einem eigentmlichen Zustande des Idioplasmas. Das Idioplasma,
-welches wenigstens in einer bestimmten Entwicklungsperiode
-durch alle Teile des Organismus verteilt ist, hat
-also an jedem Punkte etwas andere Eigenschaften, indem es
-beispielsweise bald einen Ast, bald eine Blte, eine Wurzel, ein
-grnes Blatt, ein Blumenblatt, ein Staubgef, eine Fruchtanlage,
-ein Haar, einen Stachel bildet. Am wichtigsten ist fr das hier in
-Betracht kommende die Stelle S.&nbsp;32&nbsp;f.: Jede beliebige Zelle mu
-davon [vom Idioplasma] eine gewisse Menge enthalten, weil dadurch
-die ererbte Ttigkeit bedingt wird. Ferner S.&nbsp;531: Jede Ontogenie ...
-beginnt mit einem winzigen Keim, in welchem eine kleine Menge
-von Idioplasma enthalten ist. Dieses Idioplasma zerfllt, indem es
-sich fortwhrend in entsprechendem Mae vermehrt, bei den Zellteilungen,
-durch welche der Organismus wchst, in ebenso viele
-Partien, die den einzelnen Zellen zukommen, ....... Jede Zelle des
-Organismus ist idioplasmatisch befhigt, zum Keim fr ein neues
-Individuum zu werden. Ob diese Befhigung sich verwirklichen
-knne, hngt von der Beschaffenheit des Ernhrungsplasmas ab.
-Das Vermgen hiezu kommt bei niederen Pflanzen jeder einzelnen
-Zelle zu; bei den hheren Pflanzen haben es manche Zellen verloren;
-im Tierreiche besitzen es im allgemeinen nur die zu ungeschlechtlichen
-oder geschlechtlichen Keimen normal bestimmten
-Zellen. &mdash; Hugo de <em class="gesperrt">Vries</em>: in seinem Buche: Intracellulare Pangenesis,
-Jena 1889, S.&nbsp;55&ndash;60, 75&nbsp;ff., 92&nbsp;ff., 101&nbsp;ff., und besonders S.&nbsp;120.
-Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em>, Die Zelle und die Gewebe, Grundzge der allgemeinen
-Anatomie und Physiologie. (Diesem Buche verdanke ich in biologischer
-Hinsicht ganz allgemein neben <em class="gesperrt">Darwins</em> Variieren die
-reichste Belehrung.) Hertwig begrndet die Theorie im ersten
-Bande (Jena 1893), S.&nbsp;277&nbsp;ff.: Wenn man das Moospflnzchen
-Funaria hygrometrica zu einem feinen Brei zerhackt, so lt sich
-auf feuchter Erde aus jedem kleinsten Fragment wieder ein ganzes
-Moospflnzchen zchten. Die Swasserhydra lt sich in kleine<span class="pagenum"><a name="Seite_480" id="Seite_480">[S. 480]</a></span>
-Stckchen zerschneiden, von denen sich jedes wieder zu einer
-ganzen Hydra mit allen ihren Eigenschaften umbildet. Bei einem
-Baum knnen sich an den verschiedensten Stellen durch Wucherung
-vegetativer Zellen Knospen bilden, die zu einem Spro auswachsen,
-der, vom Ganzen abgetrennt und in Erde verpflanzt, sich bewurzelt
-und zu einem vollstndigen Baum wird. Bei Clenteraten, manchen
-Wrmern und Tunikaten ist die ungeschlechtliche Vermehrung auf
-vegetativem Wege eine hnliche, da fast an jeder Stelle des Krpers
-eine Knospe entstehen und zu einem neuen Individuum werden
-kann ....... Ein abgeschnittener und ins Wasser gestellter Weidenzweig
-entwickelt wurzelbildende Zellen an seinem unteren Ende,
-und so wird hier von Zellen, die im Plane des ursprnglichen
-Ganzen eine sehr abweichende Funktion zu erfllen hatten, eine den
-neuen Bedingungen entsprechende Aufgabe bernommen, ein
-Beweis, da die Anlage dazu in ihnen gegeben war. Und so
-knnen sich umgekehrt auch aus abgeschnittenen Wurzeln Laubsprosse
-bilden, die dann zu ihrer Zeit selbst mnnliche und weibliche
-Geschlechtsprodukte hervorbringen. In diesem Falle stammen
-also direkt aus Zellbestandteilen einer Wurzel Geschlechtszellen ab,
-die als solche wieder zur Reproduktion des Ganzen dienen ......
-Die Botaniker hngen zum grten Teile der Lehre an, die krzlich
-de Vries gegen Weismann verteidigt und in den Satz zusammengefat
-hat, da <em class="gesperrt">alle oder doch weitaus die meisten</em> Zellen des
-<em class="gesperrt">Pflanzenkrpers die smtlichen erblichen Eigenschaften
-der Art im latenten Zustand enthalten. Dasselbe lt sich
-auf Grund von Tatsachen von niedrigen tierischen Organismen
-sagen.</em> Fr hhere Tiere kann man den Beweis allerdings
-nicht fhren; deswegen ist man aber nicht zu der Folgerung
-gezwungen, da die Zellen der hheren und niederen Organismen
-insoferne verschieden wren, als die letzteren alle Eigenschaften der
-Art im latenten Zustand, also die Gesamtheit der Erbmasse, die
-ersteren dagegen nur noch Teile von ihr enthielten. &mdash; Als der
-heftigste Gegner der Idioplasmalehre ist August <em class="gesperrt">Weismann</em> aufgetreten
-in seiner Schrift: Die Kontinuitt des Keimplasmas als
-Grundlage einer Theorie der Vererbung, 1885 (Aufstze ber Vererbung
-und verwandte biologische Fragen, Jena 1892, S.&nbsp;215&nbsp;ff.).
-Weismanns Hauptargument (S.&nbsp;237): Ehe nicht erwiesen wird,
-da &#8218;somatisches&#8217; Idioplasma berhaupt rckverwandelt werden
-kann in Keimidioplasma, haben wir kein Recht, aus einer von ihnen
-[den somatischen Zellen] Keimzellen entstehen zu lassen, drfte vor
-den genauen Untersuchungen von Friedlich <em class="gesperrt">Miescher</em> (Die histochemischen
-und physiologischen Arbeiten von F.&nbsp;M., Leipzig 1897,
-Bd. II, S.&nbsp;116&nbsp;ff.) ber die Entwicklung der Keimdrsen der
-Lachse auf Kosten ihres groen Seitenrumpfmuskels nicht mehr
-haltbar sein. Vgl. brigens die vernichtende Kritik, welche an den
-beraus knstlichen Theorien Weismanns von <em class="gesperrt">Kassowitz</em>, Allgemeine<span class="pagenum"><a name="Seite_481" id="Seite_481">[S. 481]</a></span>
-Biologie, Bd. II, Wien 1900, gebt worden ist, auf die Weismann,
-wohl ihres berscharfen Tones halber, nicht geantwortet hat.</p>
-
-<p>Fr die Idioplasmalehre zeugen vollends Untersuchungen
-wie die von Paul <em class="gesperrt">Jensen</em>, ber individuelle physiologische Unterschiede
-zwischen Zellen der gleichen Art (Pflgers Archiv, LXII,
-1896, 172&ndash;200). Es heit da z.&nbsp;B. (S.&nbsp;191): Wenn ein Foraminifer
-durch abgetrennte eigene Pseudopodien niemals, dagegen
-stets durch abgeschnittene Pseudopodien eines anderen Individuums
-kontrektatorisch erregt wird, so mu das Protoplasma des ersteren
-sich von dem der letzteren in bestimmter Weise unterscheiden,
-oder allgemein ausgedrckt: das Protoplasma verschiedener Individuen
-mu physiologisch verschieden sein. Welcher Art aber ist diese
-Verschiedenheit und welcher Art der Reiz, der ihr entspringt?
-Wir werden nicht umhin knnen, Unterschiede in der chemischen
-Zusammensetzung der Protoplasmen verschiedener Individuen anzunehmen. &mdash; ber
-die Regenerationsfhigkeit (auch niederer <em class="gesperrt">Tiere</em>)
-vgl. Hermann <em class="gesperrt">Vchting</em>, ber die Regeneration der Marchantieen,
-Jahrbcher fr wissenschaftliche Botanik, 1885, Bd. XVI, S.&nbsp;367
-bis 414. ber Organbildung im Pflanzenreich, Physiologische Untersuchungen
-ber Wachstumsursachen und Lebenseinheiten, Teil I, Bonn
-1878, S.&nbsp;236&ndash;240, besonders S.&nbsp;251&ndash;253. &mdash; Jacques <em class="gesperrt">Loeb</em>, Untersuchungen
-zur physiologischen Morphologie der Tiere, II. Organbildung
-und Wachstum, Wrzburg 1892, S.&nbsp;34&nbsp;ff. (ber Regeneration
-bei Ciona intestinalis).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_21">S.&nbsp;21</a>, Z. 6&nbsp;ff.</b>) Wenn jede Zelle, also auch jede Nervenzelle,
-mnnlich oder weiblich (in bestimmtem Grade) ist, so entfllt auch
-der letzte Anla zur Annahme eines psychosexuellen Zentrums fr
-den Geschlechtstrieb im Gehirn, wie es besonders <em class="gesperrt">Krafft-Ebing</em>
-(Psychopathia sexualis, 11. Aufl., S.&nbsp;248, Anm. 1) und seine Schler,
-ferner (nach ihm) <em class="gesperrt">Taruffi</em>, Hermaphrodismus und Zeugungsunfhigkeit,
-bersetzt von R. Teuscher, Berlin 1903, S.&nbsp;190, ungeachtet
-der in der Anmerkung zu S.&nbsp;18, Z.&nbsp;15&nbsp;v.&nbsp;u. citierten Experimente
-von <em class="gesperrt">Goltz</em>, postuliert haben.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_21">S.&nbsp;21</a>, Z. 2 v. u.</b>) Wilhelm <em class="gesperrt">Caspari</em>, Einiges ber Hermaphroditen
-bei Schmetterlingen, Jahrbcher des nassauischen Vereines
-fr Naturkunde, 48. Jahrgang, S.&nbsp;171&ndash;173 (Referat von P.
-<em class="gesperrt">Marchal</em>, Anne biologique, I. 288), berichtet, wie zuweilen die
-eine seitliche Hlfte eines Schmetterlings vollstndig mnnlich und
-die andere vollstndig weiblich ist. Bei Saturnia pavonia, einem
-Pfauenauge, ist der Unterschied zwischen mnnlicher und weiblicher
-Frbung sehr gro und daher, bei Hermaphroditen in dieser Art der
-Kontrast zwischen rechter und linker Krperhlfte hchst auffallend.
-&mdash; Richard <em class="gesperrt">Hertwig</em>, Lehrbuch der Zoologie<sup>5</sup>, 1900, S.&nbsp;99 ber diesen
-Hermaphroditismus lateralis und jene hermaphroditischen Formen
-bei Schmetterlingen wie Ocneria dispar (einem Spinner), dessen<span class="pagenum"><a name="Seite_482" id="Seite_482">[S. 482]</a></span>
-mnnliche Hlfte die besondere Gestalt der mnnlichen Fhler,
-Augen und Flgel trgt, und sich durch sie wesentlich von der
-weiblichen Hlfte unterscheidet.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_22">S.&nbsp;22</a>, Z. 4 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Aristoteles</em> sagt (Histor. Anim. 5, 14,
-545, <i>a</i> 21:) &#949;&#7984;&#962; &#964;&#8056; &#952;&#942;&#955;&#965; &#947;&#945;&#961; &#956;&#949;&#964;&#945;&#946;&#940;&#955;&#955;&#949;&#953; &#964;&#945; &#7952;&#954;&#964;&#949;&#956;&#957;&#8057;&#956;&#949;&#957;&#945;. (9, 50, 632,
-<i>a</i> 4) &#956;&#949;&#964;&#945;&#946;&#940;&#955;&#955;&#949;&#953; &#948;&#8050; &#954;&#945;&#8054; &#7969; &#966;&#969;&#957;&#8052; &#7952;&#960;&#8054; &#964;&#8182;&#957; &#7952;&#954;&#964;&#949;&#956;&#957;&#959;&#956;&#8051;&#957;&#969;&#957; &#7937;&#960;&#945;&#957;&#964;&#969;&#957; &#949;&#7984;&#962; &#964;&#8056;
-&#952;&#942;&#955;&#965;. Die falschen Angaben ber regelmige Verweiblichung des
-entmannten Tieres rhren in der neuesten Zeit hauptschlich von
-William <em class="gesperrt">Yarrell</em> her (On the influence of the sexual organ in modifying
-external character, Journal of the Proceedings of the Linnean Society,
-Zool. Vol. I, 1857, p. 81), und sind ihm (mit oder ohne Berufung
-auf ihn) oft nachgesprochen worden, z.&nbsp;B. von <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das
-Variieren etc., II<sup>2</sup>, 59: Der Kapaun fngt an, sich auf Eier zu
-setzen und brtet Hhnchen aus; von <em class="gesperrt">Weismann</em>, Keimplasma,
-S.&nbsp;469&nbsp;f.: Bei ausgebildeten Individuen des einen Geschlechtes
-knnen unter besonderen Umstnden die sekundren Sexualcharaktere
-des anderen Geschlechtes zur nachtrglichen Ausbildung gelangen.
-Dahin gehren vor allem die <em class="gesperrt">Folgen der Kastration</em> bei beiden
-Geschlechtern. Ebenso von <em class="gesperrt">Moll</em>, Die kontrre Sexualempfindung,
-3. Aufl., Berlin 1899, S.&nbsp;170, Anm. 1. <em class="gesperrt">Gegen</em> diese Theorien hat
-sich namentlich <em class="gesperrt">Rieger</em> gewendet (Die Kastration, S.&nbsp;33&nbsp;f.), ferner
-Hugo <em class="gesperrt">Sellheim</em> (Zur Lehre von den sekundren Geschlechtscharakteren,
-Beitrge zur Geburtshilfe und Gynkologie, herausgegeben
-von A. Hegar, Bd. I, 1898, S.&nbsp;229&ndash;255): In keiner
-Weise konnten wir [bei den Kapaunen] einen Umschlag, eine Entwicklung
-von Mutterliebe konstatieren, die sich in einer Frsorge
-fr die beigegebenen Kchlein ausgesprochen htte (S.&nbsp;234). Von
-einer aktiven Annherung an das weibliche Tier, wie sie von
-mancher Seite bei den durch die Entfernung der Hoden bedingten
-Vernderungen angenommen wird, ist bei dem Kastratenkehlkopf
-nichts zu merken (S.&nbsp;241). Schlielich hat Arthur <em class="gesperrt">Foges</em> (Zur
-Lehre von den sekundren Geschlechtscharakteren, Pflgers Archiv,
-Bd. XCIII, 1902, S.&nbsp;39&ndash;58) Sellheims Befunde besttigt und die
-ltere Ansicht nochmals zurckgewiesen (S.&nbsp;53). Die letzten
-Autoren gehen aber wohl zu weit, indem sie die Verweiblichung
-fr ausgeschlossen zu halten scheinen; sie ist zwar keine notwendige
-Folge der Kastration, da sie jedoch gnzlich <em class="gesperrt">ohne</em> dieselbe
-eintreten kann (vgl. S.&nbsp;24, Z. 1&ndash;8 und die Anmerkung zu dieser
-Stelle), so wird durch Kastration ihre Mglichkeit in vielen Fllen
-wohl noch erleichtert werden.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_23">S.&nbsp;23</a>, Z. 16&nbsp;f.</b>) ber die Annahme mnnlicher Charaktere
-durch die Frauen, respektive Weibchen, nach dem Aufhren der
-Geschlechtsreife, respektive der Menopause, vgl. vor allem die ausfhrliche
-Abhandlung von Alexander Brandt, Anatomisches und
-Allgemeines ber die sogenannte Hahnenfedrigkeit und ber anderweitige<span class="pagenum"><a name="Seite_483" id="Seite_483">[S. 483]</a></span>
-Geschlechtsanomalien bei Vgeln, Zeitschr. f. wiss. Zool.,
-48, 1889, S.&nbsp;101&ndash;190. &mdash; Die erste Angabe ber Hahnenfedrigkeit
-bei <em class="gesperrt">Aristoteles</em>, Histor. Animal. 9, 49, 631 b, 7&nbsp;ff. &mdash; Im XIX. Jahrhundert
-handeln von ihr vornehmlich William <em class="gesperrt">Yarrell</em>, On the
-change in the plumage of some Hen-Pheasants, Philosophical Transactions
-of the Royal Society of London, 10. Mai 1827 (Part. II,
-p. 268&ndash;275); <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das Variieren II<sup>2</sup>, 58&nbsp;f.; Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em>,
-Die Zelle und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898, S.&nbsp;162. &mdash; Hieher
-gehrt vielleicht der interessante Fall von Hypertrichosis, den
-<em class="gesperrt">Chrobak</em> und <em class="gesperrt">Rosthorn</em>, Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane,
-Teil I, S.&nbsp;388, nach Virchow erzhlen, in welchem
-es sich um eine junge Frau handelte, die whrend der Menstruation
-an akutem Magen- und Darmkatarrh erkrankte, spter amenorrhoisch
-wurde, und bei welcher sich whrend der Dauer des Ausbleibens
-der Regel der ganze Krper mit schwarzen wachsenden Haaren
-bedeckte.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_23">S.&nbsp;23</a>, Z. 22&nbsp;f.</b>) Ricken: nach <em class="gesperrt">Brehms</em> Tierleben, 3. Aufl.
-von Pechuel-Loesche, Sugetiere, Bd. III, 1891, S.&nbsp;495: Auch
-sehr alte Ricken erhalten bisweilen einen kurzen Stirnzapfen und
-setzen schwache Gehrne auf ... Von einem derartigen Geweih teilt
-mir <em class="gesperrt">Block</em> mit, da es aus zwei gegen 5 <i>cm</i> langen Stangen bestand
-und selbst einen alten Weidmann tuschen konnte, welcher
-die Ricke als Bock ansprach und erlegte.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_23">S.&nbsp;23</a>, Z. 13 v. u. ff.</b>) Vgl. Paul <em class="gesperrt">Mayer</em>, Carcinologische
-Mitteilungen, Mitteilungen a. d. zool. Station zu Neapel, I, 1879,
-VI: ber den Hermaphroditismus bei einigen Isopoden, S.&nbsp;165 bis
-179. Von Vertretern der Gattungen Cymothoa, Anilocra und Nerocila
-ist durch Mayer sichergestellt, da dieselben Individuen in ihrer
-Jugend als Mnnchen fungieren, bei denen nach einer spteren
-Hutung die ursprnglich zwar vorhandenen, aber nicht funktionsfhigen
-Eierstcke die mnnlichen Keimdrsen zurckdrngen, so
-da die Tiere nun die Rolle von Weibchen ausfllen. &mdash; Der Ausdruck
-Protandrie (nach dem Muster der Botanik vgl. <em class="gesperrt">Nolls</em>
-Physiologie in Strasburgers Lehrbuch der Botanik, 3. Aufl., 1898,
-S.&nbsp;250) wird auch von Mayer, S.&nbsp;177, fr diese Erscheinung gebraucht.
-Vgl. Cesare <em class="gesperrt">Lombroso</em> und Guglielmo <em class="gesperrt">Ferrero</em>, Das Weib als
-Verbrecherin und Prostituierte, bersetzt von Hans Kurella, Hamburg,
-1894, S.&nbsp;3. brigens hat L. <em class="gesperrt">Cunot</em> bei gewissen Seesternen
-ganz die gleiche Erscheinung nachweisen knnen: Notes sur les
-Echinodermes, III: L'hermaphrodisme <em class="gesperrt">protandrique</em> d'Asterina
-gibbosa Penn. et ses variations suivant les localits (Zoologischer
-Anzeiger, XXI/<sub>1</sub>, 1898, S.&nbsp;273&ndash;279). Er kommt zu dem Ergebnis
-(S.&nbsp;275): L'hermaphrodisme protandrique est donc ici indiscutable:
-les Asterina sont fonctionnellement mles ... puis, elles deviennent
-exclusivement femelles pour le reste de leur existence.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_484" id="Seite_484">[S. 484]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_24">S.&nbsp;24</a>, Z. 1&nbsp;ff.</b>) ber Flle von sexueller Umwandlung wird
-auch sonst sporadisch berichtet. Z. B. von L. <em class="gesperrt">Janson</em>, ber scheinbare
-Geschlechtsmetamorphose bei Hhnern, Mitteilungen d. deutsch.
-Gesellschaft fr Natur- und Vlkerkunde Ostasiens, Heft 60, S.&nbsp;478
-bis 480. &mdash; <em class="gesperrt">Kob</em>, De mutatione sexus, Berlin 1823. &mdash; Anekdotenhafte
-Flle sind bei <em class="gesperrt">Taruffi</em>, Hermaphrodismus und Zeugungsunfhigkeit,
-Berlin 1903, S.&nbsp;296, 307&nbsp;f., 364&nbsp;f., aus einer Literatur von sehr
-ungleicher Zuverlssigkeit gesammelt. &mdash; Man hat eine zehn Jahre
-alte Ente gekannt, welche sowohl das vollstndige Winter- als
-Sommergefieder des Enterichs annahm. <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das Variieren etc.,
-II<sup>2</sup>, S.&nbsp;58. Vgl. <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die Libido sexualis, I,
-S.&nbsp;444. &mdash; R.&nbsp;v.&nbsp;<em class="gesperrt">Krafft-Ebing</em>, Psychopathia sexualis mit besonderer
-Bercksichtigung der kontrren Sexualempfindung, eine
-klinisch-forensische Studie, 8. Aufl., Stuttgart 1893, erwhnt S.&nbsp;198&nbsp;f.
-verschiedene hchst merkwrdige Flle von Mnnern, die im Laufe
-ihres Lebens eine vollstndige Umwandlung zum Weibe erfahren
-haben; besonders kommt in Betracht jene Autobiographie eines
-Arztes (S.&nbsp;203&nbsp;ff.) als Beispiel einer Umwandlung, die, wie Krafft-Ebing
-S.&nbsp;215 selbst zugeben mu, durchaus ohne paranoischen
-Wahn ist, obwohl er auch jenen Fall S.&nbsp;203 unter der berschrift
-Metamorphosis sexualis paranoica einfhrt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_24">S.&nbsp;24</a>, Z. 11 v. u.</b>) Die hier erwhnten Versuche sind die von
-Emil <em class="gesperrt">Knauer</em> (Die Ovarientransplantation, Experimentelle Studie,
-Archiv fr Gynkologie, Bd. LX, 1900, S.&nbsp;322&ndash;376) ausgefhrten.
-Nur in zwei von dreizehn Fllen milang die Transplantation nicht
-(ibid., S.&nbsp;371). Mit Rcksicht auf diese beiden letzten, positiven
-Erfolge glaube ich behaupten zu knnen, <em class="gesperrt">da die berpflanzung
-der Eierstcke von einem auf ein zweites Tier ebenfalls
-mglich sei</em>. (S.&nbsp;372.) <em class="gesperrt">Foges</em>, der unter Kenntnis von Knauers
-Erfolgen denselben Versuch wiederholte, ist die Vertauschung nie
-gelungen (Pflgers Archiv, Bd. XCIII, 1902, S.&nbsp;93.), ebensowenig
-wie Knauers von ihm selbst, S.&nbsp;373&nbsp;f., citierten Vorgngern.
-Als Grund ist wohl (neben Wechseln in der Vollkommenheit der
-technischen Ausfhrung) der im Text vermutete zu betrachten. &mdash; ber
-den guten Erfolg der Transplantation innerhalb des Tieres
-vgl. Knauer S.&nbsp;339&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_25">S.&nbsp;25</a>, Z. 8&nbsp;ff.</b>) ber die heute ihrer Gefahren wegen freilich
-fast auer Gebrauch gekommene Bluttransfusion, vgl. L. <em class="gesperrt">Landois</em>, Artikel
-Transfusion in Eulenburgs Realenzyklopdie der Heilkunde,
-2. Aufl., Bd. XX, 1890, welche fr, und Ernst v. <em class="gesperrt">Bergmann</em>,
-Die Schicksale der Transfusion im letzten Dezennium, Berlin 1883,
-sowie A. <em class="gesperrt">Landerer</em>, ber Transfusion und Infusion, Virchows
-Archiv fr pathologische Anatomie und Physiologie und klinische
-Medizin, Bd. CV, 1886, S.&nbsp;351&ndash;372, die beide gegen die Transfusion
-sich einsetzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_485" id="Seite_485">[S. 485]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_25">S.&nbsp;25</a>, Z. 10 v. u. ff.</b>) ber die Organsafttherapie unterrichtet
-am ausfhrlichsten der, ihrem Prinzipe freilich uerst gewogene,
-gleichlautende Artikel von Georg <em class="gesperrt">Buschan</em> in Eulenburgs
-Realenzyklopdie, 3. Aufl., Bd. XVIII (1898), S.&nbsp;22&ndash;82.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_26">S.&nbsp;26</a>, Z. 6 v. u.</b>) Nach <em class="gesperrt">Foges</em>, Zur Lehre von den sekundren
-Geschlechtscharakteren, Pflgers Archiv, Bd. XCIII, 1902
-(S.&nbsp;57), wre freilich die <em class="gesperrt">Quantitt</em> der ins Blut sezernierten Keimdrsenstoffe
-von der grten Bedeutung; denn da die vollstndige
-Erhaltung des normalen Sexualcharakters durch Hodentransplantation
-bei seinen Versuchstieren nicht gelang, fhrt er darauf zurck, da
-eine im Verhltnis zur Gre des normalen Hodens nur ganz kleine
-Menge Hodengewebes zur Anheilung kam.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_25">S.&nbsp;25</a>, Z. 4 v. u. ff.</b>) Nach <em class="gesperrt">Buschan</em> (a. a. O., S.&nbsp;32) tun
-eine Reihe von Versuchen, die von <em class="gesperrt">Ferr</em> und <em class="gesperrt">Bechasi</em> (Note
-prliminaire sur l'tude de l'action du suc ovarien sur le cobaye,
-Gazette hebdomadaire, XLIV, 1897, Nr. 50) in dem physiologischen
-Laboratorium der Universitt Rom angestellt worden sind, deutlich
-dar, da die Wirkung dieser [der Organ-]Prparate auf das mnnliche
-Geschlecht eine ganz andere als auf das weibliche ist. Spritzten
-diese Beobachter von einem Ovarialextrakt ... 5 <i>cm</i><sup>3</sup> einem <em class="gesperrt">weiblichen</em>
-Meerschweinchen ein, dann trat weder eine lokale noch eine
-allgemeine Reaktion auf, nur das Krpergewicht erfuhr eine Zunahme;
-wurde die gleiche Menge einem <em class="gesperrt">mnnlichen</em> Tiere injiziert, dann
-stellten sich ebenfalls keine lokalen noch Allgemeinerscheinungen,
-wohl aber Abmagerung ein. Bei Injektion von 10 <i>cm</i><sup>3</sup> war beim
-<em class="gesperrt">weiblichen</em> Tier die lokale Reaktion nur ganz gering, Allgemeinreaktion
-war nicht vorhanden und die Gewichtszunahme eine bedeutende;
-beim <em class="gesperrt">mnnlichen</em> Tier dagegen die lokale Reizung schon
-ganz betrchtlich, ferner stellte sich eine vorbergehende Temperatursteigerung
-ein, und die Gewichtsabnahme war noch strker ausgeprgt.
-Wenn endlich 15 <i>cm</i><sup>3</sup> injiziert wurden, dann blieb die lokale
-Reaktion beim <em class="gesperrt">Weibchen</em> eine nur schwache, beim Mnnchen hingegen
-nahm sie eine noch bedeutendere Hhe an; bei ersterem trat
-gleichfalls eine Temperatursteigerung um einige Dezigrade whrend
-des Injektionstages, bei letzterem hingegen eine sehr deutliche Hypothermie
-mit nervsem Zittern und intensiver Depression ein; <em class="gesperrt">auerdem
-erfuhr das mnnliche Meerschweinchen eine sehr betrchtliche
-Abnahme seines Gewichtes und starb schlielich
-innerhalb vier bis sechs Tagen</em>.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_27">S.&nbsp;27</a>, Z. 6&nbsp;ff.</b>) Es drfte dies fr verschiedene Organismen verschieden
-sein. Z. B. bemerken gegenber anderslautenden Aussagen von
-<em class="gesperrt">Born</em> und <em class="gesperrt">Pflger</em> die <em class="gesperrt">Hertwigs</em> auf S.&nbsp;43 ihrer Experimentellen
-Untersuchungen ber die Bedingungen der Bastardbefruchtung
-(<em class="gesperrt">Oscar</em> und <em class="gesperrt">Richard Hertwig</em>, Untersuchungen zur Morphologie
-und Physiologie der Zelle, 4. Heft, Jena 1885): Selbst bei den<span class="pagenum"><a name="Seite_486" id="Seite_486">[S. 486]</a></span>
-strksten Vergrerungen ist es uns nicht mglich gewesen, zwischen
-den reifen Samenfden eines Sphaerechinus oder Strongylocentrotus
-oder einer Arbacia Unterschiede in Form und Gre zu entdecken.
-Dagegen setzt L. <em class="gesperrt">Weill</em>, ber die kinetische Korrelation zwischen
-den beiden Generationszellen, Archiv fr Entwicklungsmechanik der
-Organismen, Bd. XI, 1901, S.&nbsp;222&ndash;224, die Existenz individueller
-Unterschiede auch zwischen den Spermatozoiden und Eizellen derselben
-Tiere voraus. &mdash; Da brigens die Dimensionen der Eier
-sicherlich schwanken, ist aus den Mazahlen zu ersehen, die Karl
-<em class="gesperrt">Schulin</em>, Zur Morphologie des Ovariums, Archiv fr mikroskopische
-Anatomie, Bd. XIX, 1881, S.&nbsp;472&nbsp;f. und W. <em class="gesperrt">Nagel</em>, Das menschliche
-Ei, ibid., Bd. XXXI, 1888, S.&nbsp;397, 399 angeben.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_27">S.&nbsp;27</a>, Z. 12&nbsp;ff.</b>) ber die Geschwindigkeit der Spermatozoiden
-vgl. <em class="gesperrt">Chrobak-Rosthorn</em> I/2, S.&nbsp;441.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_27">S.&nbsp;27</a>, Z. 16&nbsp;ff.</b>) <em class="gesperrt">Purser</em>, The British Medical Journal, 1885,
-p. 1159 (vgl. <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen, I, S.&nbsp;252) und besonders
-Franz <em class="gesperrt">Friedmann</em>, Rudimentre Eier im Hoden von Rana viridis,
-Archiv fr mikroskopische Anatomie und Entwicklungsgeschichte,
-Bd. LII, 1898, S.&nbsp;248&ndash;261 (mit vielen Literaturangaben, S.&nbsp;261).
-Friedmanns Fall ist dadurch besonders interessant, da sich in <em class="gesperrt">beiden</em>
-Hoden (im einen fnf, im anderen zehn) wohl entwickelte <em class="gesperrt">Eier</em> mit
-einem Durchmesser von 225&ndash;500 &#956; fanden, die smtlich <em class="gesperrt">innerhalb
-der Samen</em>kanlchen selbst, und nicht erst zwischen den
-Hodenschluchen lagen. Auch <em class="gesperrt">Pflger</em>, ber die das Geschlecht bestimmenden
-Ursachen und die Geschlechtsverhltnisse der Frsche,
-Archiv fr die gesamte Physiologie, Bd. XXIX, 1882, S.&nbsp;13&ndash;40, berichtet
-ber die groen Graafschen Follikel, die er gegen seine Erwartung
-in den Hoden brauner Grasfrsche gefunden habe (S.&nbsp;33).
-Seine Abhandlung spricht geradezu von bergangsformen von Hode
-zu Eierstock. &mdash; Weitere Literaturangaben bei Frank J. <em class="gesperrt">Cole</em>, A
-Case of Hermaphroditism in Rana temporaria, Anatomischer Anzeiger,
-21. September 1895, S.&nbsp;104&ndash;112. G. <em class="gesperrt">Loisel</em>, Grenouille
-femelle prsentant les caractres sexuels secondaires du mle,
-Comptes rendus hebdomadaires des Sances et Mmoires de la
-Socit de Biologie, LIII, 1901, p. 204&ndash;206. <em class="gesperrt">La Valette St.
-George</em>, Zwitterbildung beim kleinen Wassermolch, Archiv fr
-mikroskopische Anatomie, Bd. XLV (1895), S.&nbsp;1&ndash;14.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_28">S.&nbsp;28</a>, Z. 12 v. u.</b>) Einen freilich nicht weit gefhrten
-Anfang zu einer Theorie der sexuellen Zwischenformen hat der bekannte
-Gynkologe A. <em class="gesperrt">Hegar</em> schon im Jahre 1877 gemacht (ber
-die Exstirpation normaler und nicht zu umfnglicher Tumoren degenerierter
-Eierstcke, Zentralblatt fr Gynkologie, 10. November
-1877, S.&nbsp;297&ndash;307, S.&nbsp;305 heit es): Der Satz &#8218;propter solum
-ovarium mulier est quod est&#8217; ist entschieden zu scharf gefat,
-wenn man denselben in dem Sinne auffat, da von dem Eierstock<span class="pagenum"><a name="Seite_487" id="Seite_487">[S. 487]</a></span>
-ausschlielich der Ansto zur Herstellung des eigentmlichen weiblichen
-Krpertypus und der speziellen weiblichen Geschlechtscharaktere
-gegeben werde. Schon <em class="gesperrt">Geoffroy St. Hilaire</em> lehrte die
-Unabhngigkeit in der Entwicklung der einzelnen Abschnitte des
-Geschlechtsapparates, und <em class="gesperrt">Klebs</em> hat in neuerer Zeit diese Lehre
-durch die Verhltnisse beim Hermaphroditismus motiviert. Jedenfalls
-ist es jedoch notwendig, auch selbst wenn man den Eierstock
-als wichtigstes Movens annimmt, noch weiter zurckzugehen und
-nach einem Moment zu suchen, welches bedingt, da in dem einen
-Fall eine mnnliche, in dem anderen eine weibliche Keimdrse zustande
-kommt. [Hier wurde als solches das Arrheno-, respektive
-Thelyplasma des ganzen Organismus angesehen]..... Wir knnen
-hier fr unsere Betrachtungen kurzweg von <em class="gesperrt">einem</em> geschlechtsbedingenden
-Moment sprechen. Nehmen wir nun an, da ursprnglich
-in jedem Individuum zwei geschlechtsbedingende Momente vorhanden
-sind, von denen das eine zum Manne, das andere zum
-Weibe fhrt, und nehmen wir ferner an, da diese Momente nicht
-blo die spezifische Keimdrse, sondern gleichzeitig auch die anderen
-Geschlechtscharaktere herzustellen suchen, so erscheint uns eine gengende
-Erklrung fr alle .... Tatsachen vorhanden zu sein. Die
-eine Bewegungsrichtung berwiegt fr gewhnlich so, da nur ein
-spezifischer Typus geschaffen, whrend der andere verdrngt wird.
-Es kann dieses bergewicht so bedeutend sein, da, selbst bei Defekt
-oder rudimentrer Ausbildung der ihm zukommenden spezifischen
-Keimdrse, doch die brigen entsprechenden Geschlechtscharaktere
-hergestellt werden. [Disharmonie in der sexuellen
-Charakteristik der verschiedenen Teile <em class="gesperrt">eines</em> Organismus.] In
-welcher Art jene Verdrngung stattfindet, ist freilich nicht leicht zu
-sagen. Wahrscheinlich spielen hier teilweise sehr einfache mechanische
-Vorgnge mit. [??] Das Bildungsmaterial wird aufgebraucht oder es
-bleibt einfach kein Platz, kein Raum mehr fr die Entwicklung des
-andersartigen Organes. Einen analogen Vorgang finden wir ja bei
-Vgeln, bei denen der linke Eierstock durch sein krftigeres Wachstum
-den rechten zur Atrophie bringt, gleichsam totdrckt .......
-Bei der zuflligen Schwche der Bewegungsrichtung knnen leicht
-zufllige, selbst leichte Widerstnde bedeutend einwirken. Es wird
-dann das andere geschlechtsbedingende Moment zur Geltung kommen,
-und wir sehen so ein Individuum entstehen, welches einen anderen
-Geschlechtstypus hat als denjenigen, welcher ihm seiner Keimdrse
-nach zukommt. Meist sind freilich Gemische mnnlicher und weiblicher
-Eigenschaften in den mannigfachsten Kombinationen vorhanden
-bis zu jenen feinen Nuancen herab, bei denen wir von einem
-weibischen Manne und einem Mannweibe sprechen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_30">S.&nbsp;30</a>, Z. 2&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Maupas</em>, Sur le dterminisme de la sexualit
-chez l'Hydatina senta, Comptes Rendus hebdomadaires des Sances
-de l'Acadmie des Sciences, 14. September 1891, p. 388&nbsp;f.: Au<span class="pagenum"><a name="Seite_488" id="Seite_488">[S. 488]</a></span>
-dbut de l'ovognse, l'&#339;uf est encore neutre et, en agissant convenablement,
-on peut ce moment lui faire prendre volont l'un
-ou l'autre caractre sexuel. L'agent modificateur est la temprature.
-L'abaisse-t-on, les jeunes &#339;ufs qui vont se former revtent l'tat de
-pondeuses d'&#339;ufs femelles; l'lve-t-on, au contraire, c'est l'tat de
-pondeuses d'&#339;ufs mles qui se dveloppe.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_30">S.&nbsp;30</a>, Z. 8&nbsp;f.</b>) Vgl. M. <em class="gesperrt">Nubaum</em>, Die Entstehung des Geschlechts
-bei Hydatina senta, Archiv fr mikroskopische Anatomie und
-Entwicklungsgeschichte, Bd. XLIX (1897), 227&ndash;308, der S.&nbsp;235 sagt:
-Schon aus den von <em class="gesperrt">Plate</em> angegebenen Maen fr mnnliche und
-weibliche Sommereier der Hydatina senta ergibt sich mit Notwendigkeit,
-da man das Geschlecht nicht in allen Fllen aus der
-Gre der Eier vorhersagen kann. Man nehme an, da sich aus
-den grten Eiern stets Weibchen und aus den kleinsten Mnnchen
-entwickeln. Zwischen diesen weit abstehenden Grenzen gibt es aber
-stufenweise bergnge, von denen man nicht sagen kann, was aus
-ihnen werden wird ..... Ein und dasselbe Weibchen legt Eier der
-verschiedensten Gre.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_30">S.&nbsp;30</a>, Z. 9&nbsp;f.</b>) Die Ausdrcke arrhenoid und thelyid
-nach der citierten Abhandlung <em class="gesperrt">Brandts</em> (Zeitschrift fr wissenschaftliche
-Zoologie, Bd. XLVIII, S.&nbsp;102).</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_3" id="Zu_Teil_I_Kapitel_3">Zu Teil I, Kapitel 3.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_31">S.&nbsp;31</a>, Z. 3&nbsp;ff.</b>) <em class="gesperrt">Carmen</em>, Opra-Comique tir de la nouvelle
-de Prosper Mrime par Henry <em class="gesperrt">Meilhac</em> &amp; Ludovic <em class="gesperrt">Halvy</em>, Paris,
-Acte I, Scne V, p. 13.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_32">S.&nbsp;32</a>, Z. 1.</b>) Der Philosoph ist <em class="gesperrt">Arthur Schopenhauer</em> in
-seiner Metaphysik der Geschlechtsliebe. (Die Welt als Wille und
-Vorstellung, ed. Frauenstdt, Bd. II, Kapitel 44, S.&nbsp;623&nbsp;f.): Alle
-Geschlechtlichkeit ist Einseitigkeit. Diese Einseitigkeit ist in einem
-Individuo entschiedener ausgesprochen und in hherem Grade vorhanden
-als im anderen: daher kann sie in jedem Individuo besser
-durch Eines als das Andere vom anderen Geschlecht ergnzt und
-neutralisiert werden, indem es einer der seinigen individuell entgegengesetzten
-Einseitigkeit bedarf, zur Ergnzung des Typus der
-Menschheit im neu zu erzeugenden Individuo, als auf dessen Beschaffenheit
-immer alles hinausluft. Die Physiologen wissen, da
-Mannheit und Weiblichkeit unzhlige Grade zulassen, durch welche
-jene bis zum widerlichen Gynander und Hypospadiaeus sinkt, diese
-bis zur anmutigen Androgyne steigt: von beiden Seiten aus kann
-der vollkommene Hermaphroditismus erreicht werden, auf welchem
-Individuen stehen, welche, die gerade Mitte zwischen beiden Geschlechtern
-haltend, keinem beizuzhlen, folglich zur Fortpflanzung
-untauglich sind. Zur in Rede stehenden Neutralisation zweier Individualitten<span class="pagenum"><a name="Seite_489" id="Seite_489">[S. 489]</a></span>
-durch einander ist demzufolge erfordert, da der bestimmte
-Grad <em class="gesperrt">seiner</em> Mannheit dem bestimmten Grade <em class="gesperrt">ihrer</em>
-Weiblichkeit genau entspreche; damit beide Einseitigkeiten einander
-gerade aufheben. Demnach wird der mnnlichste Mann das weiblichste
-Weib suchen und vice versa, und ebenso jedes Individuum
-das ihm im Grade der Geschlechtlichkeit entsprechende. Inwiefern
-nun hierin zwischen zweien das erforderliche Verhltnis statt habe,
-wird instinktmig von ihnen gefhlt, und liegt, nebst den anderen
-<em class="gesperrt">relativen</em> Rcksichten, den hheren Graden der Verliebtheit zum
-Grunde. Dieser Passus zeigt eine weit vollere Einsicht als die
-einzige noch zu erwhnende Stelle, wo ich hnliches entdecken
-konnte; diese findet sich bei Albert <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die
-Libido sexualis, Berlin 1897, Bd. I, S.&nbsp;193. Da heit es: Wir knnen
-berhaupt sagen, da wir zwischen dem typischen weiblichen Geschlechtstrieb,
-der auf vollstndig erwachsene mnnliche Personen
-gerichtet ist, und dem typischen mnnlichen Geschlechtstrieb, der
-auf vollstndig entwickelte weibliche Personen gerichtet ist, alle
-mglichen bergnge finden.</p>
-
-<p>Beide Stellen waren mir unbekannt, als ich (Anfang 1901)
-dieses Gesetz als erster gefunden zu haben glaubte, so eng sich
-meine Darstellung speziell mit der Schopenhauers <em class="gesperrt">sachlich</em>, ja
-manchmal <em class="gesperrt">wrtlich</em> berhrt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_32">S.&nbsp;32</a>, Z. 5&nbsp;ff.</b>) Der Ausspruch Blaise <em class="gesperrt">Pascals</em> (Penses I,
-10, 24): Il y a un modle d'agrment et de beaut, qui consiste
-en un certain rapport entre notre nature faible ou forte, telle
-qu'elle est, et la chose qui nous plat. Tout ce qui est form sur
-ce modle nous agre: maison, chanson, discours, vers, prose, femme,
-oiseaux, rivires, arbres, chambres, habits, mag hier Platz finden,
-obwohl seine weite Berechtigung erst allmhlich im Laufe des Folgenden
-(vgl. Teil I, Kap. 5 und Teil II, Kap. 1) ganz klar
-werden kann.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_32">S.&nbsp;32</a>, Z. 14 v. u.</b>) Charles <em class="gesperrt">Darwin</em>, Die Abstammung des
-Menschen und die Zuchtwahl in geschlechtlicher Beziehung, bersetzt
-von David Haek (Universalbibliothek), Bd. II, Kap. 14, S.&nbsp;120&ndash;132,
-Kap. 17, S.&nbsp;285&ndash;290; die Flle sprechen keineswegs allein von
-einer Wahl seitens des Weibchens, sondern ebensosehr von
-Bevorzugung und Verschmhung der Weibchen durch die Mnnchen.
-Vgl. auch: Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der
-Domestikation, bersetzt von J. V. Carus, Kap. 18 (Stuttgart 1873, II<sup>2</sup>,
-186): Es ist durchaus nicht selten, gewisse mnnliche und weibliche
-Tiere zu finden, welche sich nicht zusammen fortpflanzen,
-trotzdem man von beiden wei, da sie mit anderen Mnnchen
-und Weibchen vollkommen fruchtbar sind ..... Die Ursache liegt,
-wie es scheint, in einer eingeborenen sexuellen Unvertrglichkeit des
-Paares, welches gepaart werden soll. Mehrere Beispiele dieser Art<span class="pagenum"><a name="Seite_490" id="Seite_490">[S. 490]</a></span>
-sind mir mitgeteilt worden ..... In diesen Fllen pflanzten sich
-Weibchen, welche sich entweder frher oder spter als fruchtbar
-erwiesen, mit gewissen Mnnchen nicht fort, mit denen man ganz
-besonders wnschte sie zu paaren u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_32">S.&nbsp;32</a>, Z. 8&ndash;10 v. u.</b>) Fast ausnahmslos .... <em class="gesperrt">Beinahe</em>
-immer .... wegen <em class="gesperrt">Oscar</em> und <em class="gesperrt">Richard Hertwig</em>, Untersuchungen
-zur Morphologie und Physiologie der Zelle, Heft 4: Experimentelle
-Untersuchungen ber die Bedingungen der Bastardbefruchtung,
-Jena 1885, S.&nbsp;33: <em class="gesperrt">In der Kreuzbefruchtung zweier Arten
-besteht sehr hufig keine Reziprozitt.</em> Alle mglichen Abstufungen
-finden sich hier. Whrend Eier von Echinus microtuberculatus
-sich durch Samen von Strongylocentrotus lividus fast ohne
-Ausnahme befruchten lassen, wird bei Kreuzung in entgegengesetzter
-Richtung nur in wenigen Fllen eine Entwicklung hervorgerufen.
-Die Befruchtung von Strongylocentrotus lividus durch Samen von
-Arbacia pustulosa bleibt erfolglos, dagegen entwickeln sich von
-Arbacia pustulosa immerhin einige Eier, wenn ihnen Samen von
-Strongylocentrotus lividus hinzugefgt wird. Und so hnlich noch
-in anderen Fllen. Es ist zur Zeit gar nicht mglich, gesetzmige
-Beziehungen zwischen Bastardierungen in entgegengesetzter Richtung
-nachzuweisen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_34">S.&nbsp;34</a>, Z. 2 v. u.</b>) Den Ausdruck geschlechtliche <em class="gesperrt">Affinitt</em>,
-in Analogie mit der chemischen Verwandtschaft, haben O. und
-R. <em class="gesperrt">Hertwig</em> zuerst eingefhrt (Experimentelle Untersuchungen ber
-die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena 1885, S.&nbsp;44), und
-der erstere in seinem Buche Die Zelle und die Gewebe, Bd. I,
-S.&nbsp;240&nbsp;f., enger, als dies hier geschehen ist, auf die Wechselwirkungen
-zwischen Einzelzellen beschrnkt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_35">S.&nbsp;35</a>, Z. 12 v. u.</b>) Mit den von <em class="gesperrt">Darwin</em> (A Monograph on
-the Sub-Class Cirripedia: The Lepadidae or Pedunculated Cirripedes,
-London 1851, p. 55, S.&nbsp;182, 213&nbsp;ff., 281&nbsp;f., 291&nbsp;ff.; The Balanidae
-or sessile Cirripedes, The Verrucidae etc., London 1854, p. 29)
-bei Rankenfern entdeckten <em class="gesperrt">komplementren Mnnchen</em>,
-welche mit Hermaphroditen sich paaren, hat die hier vorgetragene
-Anschauung von einer sexuellen Ergnzung trotz dem Ausdruck
-Komplement nichts zu schaffen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_36">S.&nbsp;36</a>, Z. 10 v. u.</b>) Wilhelm <em class="gesperrt">Ostwald</em>, Die berwindung
-des wissenschaftlichen Materialismus (Vortrag auf der Naturforscherversammlung
-zu Lbeck), Leipzig 1895, S.&nbsp;11 und 27. &mdash; Richard
-<em class="gesperrt">Avenarius</em>, Kritik der reinen Erfahrung, Leipzig 1888&ndash;1890, an
-vielen Orten, z.&nbsp;B. Bd. II, S.&nbsp;299.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_38">S.&nbsp;38</a>, Z. 10 v. u.</b>) P. <em class="gesperrt">Volkmann</em>, Einfhrung in das Studium
-der theoretischen Physik, insbesondere in das der analytischen
-Mechanik mit einer Einleitung in die Theorie der physikalischen<span class="pagenum"><a name="Seite_491" id="Seite_491">[S. 491]</a></span>
-Erkenntnis, Leipzig 1900, S.&nbsp;4: Die Physik ist .... ein Begriffssystem
-mit rckwirkender Verfestigung.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_38">S.&nbsp;38</a>, Z. 4 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Persoon</em> gab in Usteris Annalen 1794,
-11. Stck, S.&nbsp;10, die erste Beschreibung der langgriffeligen und
-kurzgriffeligen Formen von Primula sagt Hugo v. <em class="gesperrt">Mohl</em>, Einige
-Beobachtungen ber dimorphe Blten, Botanische Zeitung, 23. Oktober
-1863, S.&nbsp;326.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_38">S.&nbsp;38</a>, Z. 3 v. u.</b>) Charles <em class="gesperrt">Darwin</em>, The different forms of
-flowers on plants of the same species, London 1877, 2. ed., 1884,
-p. 1&ndash;277. (Deutsch: Die verschiedenen Bltenformen bei Pflanzen
-der nmlichen Art, Werke bersetzt von J. V. Carus, IX/3, Stuttgart
-1877, S.&nbsp;1&ndash;240.) In seinen ersten, den Gegenstand betreffenden Publikationen
-aus dem Jahre 1862 und den folgenden hatte Darwin blo
-der mehrdeutigen Ausdrcke Dimorphismus und Trimorphismus sich
-bedient. Hiefr hat den Namen Heterostylie Friedrich <em class="gesperrt">Hildebrand</em>
-zuerst vorgeschlagen in seiner Abhandlung ber den Trimorphismus
-in der Gattung Oxalis (S.&nbsp;369) in den Monatsberichten der
-kgl. preuischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1866,
-S.&nbsp;352&ndash;374. Vgl. auch dessen grere Werke: Die Geschlechtsverteilung
-bei den Pflanzen und das Gesetz der vermiedenen und
-unvorteilhaften Selbstbefruchtung, Leipzig 1867, und Die Lebensverhltnisse
-der Oxalisarten, Jena 1884, S.&nbsp;127&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_38">S.&nbsp;38</a>, Z. 2 v. u.</b>) ber die Heterostylie vgl. auer <em class="gesperrt">Darwins</em>
-schnem Buch, dem Hauptwerk ber den Gegenstand und der
-reichen, darin auf Schritt und Tritt citierten Literatur: Oskar
-<em class="gesperrt">Kirchner</em> und H. <em class="gesperrt">Potoni</em>, Die Geheimnisse der Blumen, eine
-populre Jubilumsschrift zum Andenken an Christian Konrad
-Sprengel, Berlin 1893, S.&nbsp;21&nbsp;f.; Julius <em class="gesperrt">Sachs</em>, Vorlesungen ber
-Pflanzenphysiologie, 2. Aufl., Leipzig 1887, S.&nbsp;850; <em class="gesperrt">Noll</em> in <em class="gesperrt">Strasburgers</em>
-Lehrbuch der Botanik fr Hochschulen, 3. Auflage,
-Jena 1898, S.&nbsp;250&nbsp;f.; Julius <em class="gesperrt">Wiesner</em>, Elemente der wissenschaftlichen
-Botanik, Bd. III: Biologie der Pflanzen, Wien 1902,
-S.&nbsp;152&ndash;154. Anton <em class="gesperrt">Kerner v. Marilaun</em>, Das Pflanzenleben,
-Bd. II, Wien 1891, S.&nbsp;300&nbsp;ff., 389&nbsp;ff.; <em class="gesperrt">Darwin</em> selbst noch in der
-Entstehung der Arten, Kap. 9 (S.&nbsp;399&nbsp;f., bersetzt von Haek),
-und Das Variieren etc., Kap. 19 (II<sup>2</sup>, S.&nbsp;207&nbsp;ff.).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_39">S.&nbsp;39</a>, Z. 1.</b>) Die einzigen Monokotyledonen, die heterostyle
-Blten besitzen, sind die von Fritz <em class="gesperrt">Mller</em> (Jenaische Zeitschrift
-fr Naturwissenschaft VI, 1871, S.&nbsp;74&nbsp;f.) in Brasilien entdeckten
-Pontederien.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_39">S.&nbsp;39</a>, Z. 11.</b>) Auch Darwin nhert sich ein- oder zweimal
-dieser Auffassung, um sie sofort wieder aus den Augen zu verlieren,
-weil bei ihm stets der Gedanke an eine fortschreitende Tendenz der
-Pflanzen, dizisch zu werden, an die Stelle des allgemeingltigen
-Prinzipes der sexuellen Zwischenformen sich schiebt (vgl. p. 257 der<span class="pagenum"><a name="Seite_492" id="Seite_492">[S. 492]</a></span>
-englischen Ausgabe). Doch sagt er an einer Stelle (p. 296) ber
-Rhamnus lanceolatus: The short-styled form is said by Asa Gray
-to be the more fruitful of the two, as might have been expected
-from its appearing to produce less pollen, and from the grains being
-of smaller size; <em class="gesperrt">it is therefore the more highly feminine
-of the two</em>. The long styled form produces a greater number of
-flowers .... they yield some fruit, but as just stated are less fruitful
-than the other form, <em class="gesperrt">so that this form appears to be the
-more masculine of the two</em>.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_39">S.&nbsp;39</a>, Z. 21&nbsp;f.</b>) Es heit im englischen Texte auf S.&nbsp;137
-(in der deutschen bersetzung S.&nbsp;118<sup>1</sup>) von Lythrum salicaria
-wrtlich: If smaller differences are considered, there are five distinct
-sets of males.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_40">S.&nbsp;40</a>, Z. 2.</b>) William <em class="gesperrt">Bateson</em>, Materials for the study of
-variation treated with especial regard to discontinuity in the origin
-of species, London 1894, p. 38&nbsp;f. Er sagt von Xylotrupes geradezu:
-The form is dimorphic, and has two male normals. Die Stelle ist
-zu ausgedehnt, als da ich sie ganz hiehersetzen knnte.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_41">S.&nbsp;41</a>, Z. 17.</b>) <em class="gesperrt">Darwin</em>, p. 148: It must not however be
-supposed that the bees do not get more or less dusted all over
-with the several kinds of pollen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_42">S.&nbsp;42</a>, Z. 5&ndash;10.</b>) <em class="gesperrt">Darwin</em> spricht p. 186 von dieser Erscheinung
-als von the usual rule of the grains from the longer
-stamens, the tubes of which have to penetrate the longer pistils,
-being larger than those from the stamens of less length. Vgl. auch
-p. 38, 140 und besonders 286&nbsp;ff. &mdash; F. <em class="gesperrt">Hildebrand</em>, Experimente
-ber den Dimorphismus von Linum perenne und Primula sinensis,
-Botanische Zeitung, 1. Jnner 1864, S.&nbsp;2: Meine Beobachtungen
-.... zeigten, da .... die Pollenkrner der kurzgriffeligen Form bedeutend
-grer sind als die der langgriffeligen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_42">S.&nbsp;42</a>, Z. 9 v. u.</b>) L. <em class="gesperrt">Weill</em>, ber die kinetische Korrelation
-der beiden Generationszellen, Archiv fr Entwicklungsmechanik der
-Organismen, Bd. XI, 1901, S.&nbsp;222&ndash;224.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_42">S.&nbsp;42</a>, Z. 1&nbsp;ff.</b>) <em class="gesperrt">Hildebrand</em>, Monatsberichte der kniglich
-preuischen Akademie der Wissenschaften, 1866, S.&nbsp;370, spricht
-sich, gegen <em class="gesperrt">Lindley</em> und <em class="gesperrt">Zuccarini</em>, dahin aus, da die kurzgriffeligen
-Blten deshalb nicht mnnlich, die langgriffeligen deshalb
-nicht weiblich sein knnten, weil in der kurzgriffeligen Form die
-Narbe keineswegs verkmmert, in der langgriffeligen der Pollen
-keineswegs schlecht und wirkungslos sei. Aber es ist durchaus
-charakteristisch fr die Pflanzen, da bei ihnen in viel weiterem
-Umfange <em class="gesperrt">Juxtapositionen</em> mglich sind als bei den Tieren.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_42">S.&nbsp;42</a>, Z. 9 v. u.</b>) L. <em class="gesperrt">Weill</em>, ber die kinetische Korrelation
-zwischen den beiden Generationszellen, Archiv fr Entwicklungsmechanik
-der Organismen, Bd. XI, 1901, S.&nbsp;222&ndash;224.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_493" id="Seite_493">[S. 493]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_44">S.&nbsp;44</a>, Z. 6 v. u.</b>) Der Faktor t spielt hier, nicht nur unter
-den Menschen, oder den anderen Organismen, sondern selbst noch
-im Verkehre der Keimzellen eine wichtige und beraus merkwrdige
-Rolle. So schildern O. und R. <em class="gesperrt">Hertwig</em>, Untersuchungen zur
-Morphologie und Physiologie der Zelle, 4. Heft, Experimentelle
-Untersuchungen ber die Bedingungen der Bastardbefruchtung, Jena
-1885, S.&nbsp;37, ihre Beobachtungen an Echinodermen: Wir haben
-nun gefunden, da Eier, welche gleich nach ihrer Entleerung aus
-dem strotzend gefllten Eierstock bastardiert wurden, das fremde
-Spermatozoon <em class="gesperrt">zurckwiesen</em>, es aber nach 10, 20 oder 30 Stunden
-bei der zweiten oder dritten oder vierten Nachbefruchtung in sich
-aufnahmen und dann sich normal weiter entwickelten. S.&nbsp;38: Je
-spter [nach der Entleerung aus den Ovarien] die Befruchtung geschah,
-sei es nach 50 der 10 oder 20 oder 30 Stunden, um so mehr
-wuchs der Perzentsatz der bastardierten Eier, bis schlielich ein
-Bastardierungsoptimum erreicht wurde. Als solches bezeichnen wir
-das Stadium, in welchem sich fast das gesamte Eiquantum, mit
-Ausnahme einer geringen Zahl, in normaler Weise entwickelt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_45">S.&nbsp;45</a>, Z. 6.</b>) Phantasien eines Realisten von <em class="gesperrt">Lynkeus</em>,
-Dresden und Leipzig, 1900, II. Teil, S.&nbsp;155&ndash;162.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_45">S.&nbsp;45</a>, Z. 21&nbsp;f.</b>) ... im allgemeinen ...; k wird <em class="gesperrt">nicht
-immer</em> einfach in Proportion mit der systematischen Nhe grer.
-Sieh O. und R. <em class="gesperrt">Hertwig</em> a. a. O., S.&nbsp;32&nbsp;f.: Das Gelingen oder
-Nichtgelingen der Bastardierung hngt nicht ausschlielich von dem
-Grade der systematischen Verwandtschaft der gekreuzten Arten ab.
-Wir knnen beobachten, da Arten, die in ueren Merkmalen sich
-kaum voneinander unterscheiden, sich nicht kreuzen lassen, whrend
-es zwischen relativ entfernt stehenden, verschiedenen Familien und
-Ordnungen angehrenden Arten mglich ist. Die Amphibien liefern
-uns hier besonders treffende Beispiele. Rana arvalis und Rana fusca
-stimmen in ihrem Aussehen fast vollstndig berein, trotzdem lassen
-sich die Eier der letzteren nicht befruchten, whrend in einzelnen
-Fllen Befruchtung mit Samen von Bufo communis und sogar von
-Triton mglich war. Dieselbe Erscheinung lie sich, wenn auch
-weniger deutlich, bei den Echinodermen konstatieren. Immerhin
-mu aber im Auge behalten werden, da die systematische Verwandtschaft
-fr die Mglichkeit der Bastardierung ein wichtiger
-Faktor ist. Denn zwischen Tieren, die so weit auseinanderstehen,
-wie Amphibien und Sugetiere, Seeigel und Seesterne, ist noch
-niemals eine Kreuzbefruchtung erzielt worden. Vgl. hiemit Julius
-<em class="gesperrt">Sachs</em>, Lehrbuch der Pflanzenphysiologie, 2. Aufl., Leipzig 1887,
-S.&nbsp;838: Die sexuelle Affinitt geht mit der ueren hnlichkeit
-der Pflanzen nicht immer parallel; so ist es z.&nbsp;B. noch nicht gelungen,
-Bastarde von Apfel- und Birnbaum, von Anagallis arvensis
-und caerulea, von Primula officinalis und elatior, von Nigella damascena<span class="pagenum"><a name="Seite_494" id="Seite_494">[S. 494]</a></span>
-und sativa und anderen systematisch sehr hnlichen Spezies
-derselben Gattung zu erzielen, whrend in anderen Fllen sehr
-unhnliche Formen sich vereinigen, so z.&nbsp;B. Aegilops ovata mit
-Triticum vulgare, Lychnis diurna mit Lychnis flos cuculi, Cereus
-speciosissimus und Phyllocactus phyllanthus, Pfirsich und Mandel.
-In noch auffallenderer Weise wird die Verschiedenheit der sexuellen
-Affinitt und systematischen Verwandtschaft dadurch bewiesen, da
-zuweilen die Varietten derselben Spezies unter sich ganz oder teilweise
-unfruchtbar sind, z.&nbsp;B. Silene inflata var. alpina mit var.
-angustifolia, var. latifolia mit var. litoralis u.&nbsp;a. Vgl. auch Oscar
-<em class="gesperrt">Hertwig</em>, Die Zelle und die Gewebe, Bd. I, S.&nbsp;249.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_46">S.&nbsp;46</a>, Z. 11&nbsp;f.</b>) Wilhelm <em class="gesperrt">Pfeffer</em>, Lokomotorische Richtungsbewegungen
-durch chemische Reize, Untersuchungen aus dem
-botanischen Institut zu Tbingen, Bd. I, 1885, S.&nbsp;363&ndash;482.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_46">S.&nbsp;46</a>, Z. 23.</b>) ber die Wirkung der Maleinsure (welche,
-soweit bekannt, im Pflanzenreiche nicht vorkommt), <em class="gesperrt">Pfeffer</em>
-a. a. O., S.&nbsp;412.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_46">S.&nbsp;46</a>, Z. 27.</b>) Der Terminus wird bei <em class="gesperrt">Pfeffer</em> eingefhrt
-a. a. O., S.&nbsp;474, Anm. 2.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_46">S.&nbsp;46</a>, Z. 3 v. u.</b>) Hiefr spricht vor allem der Bericht
-L. <em class="gesperrt">Seeligmanns</em>, Weitere Mitteilungen zur Behandlung der Sterilitas
-matrimonii, Vortrag in der gynkologischen Gesellschaft zu Hamburg,
-Zentralblatt fr Gynkologie, 18. April 1896, S.&nbsp;429: Eine Anordnung
-des mikroskopischen Prparates in der Weise, da auf der
-einen Seite des Deckglases normales Cervicalsekret an und etwas
-unter das Deckglas gebracht wurde, ergab das Resultat, da auf der
-einen Seite des Vaginalsekretes nach einiger Zeit nur ganz wenige
-Spermatozoen, die sich nicht mehr bewegten, vorhanden waren,
-whrend auf der anderen Seite des Cervicalsekretes sich die Samentierchen
-dicht gedrngt in lebhafter Bewegung befanden. Hier knne
-offenbar von einer chemotaktischen Wirkung des Cervicalsekretes auf
-die Samenzellen gesprochen werden.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_46">S.&nbsp;46</a>, Z. 1 v. u. ff.</b>) M. <em class="gesperrt">Hofmeier</em>, Zur Kenntnis der normalen
-Uterusschleimhaut, Zentralblatt fr Gynkologie, Bd. XVII,
-1893, S.&nbsp;764&ndash;766. Nach den positiven Beobachtungen kann ein
-Zweifel nicht mehr bestehen, da tatschlich <em class="gesperrt">der Wimperstrom
-im Uterus von oben nach unten zu geht</em>.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_47">S.&nbsp;47</a>, Z. 8&nbsp;f.</b>) ber die Wanderungen der Lachse, ihr Fasten
-und ihre Abmagerung vgl. vor allem Friedrich <em class="gesperrt">Miescher</em>, Die
-histochemischen und physiologischen Arbeiten von F. M., gesammelt
-und herausgegeben von seinen Freunden, Bd. II, Leipzig 1897,
-S.&nbsp;116&ndash;191, 192&ndash;218, 304&ndash;324, 325&ndash;327, 359&ndash;414, 415&ndash;420.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_47">S.&nbsp;47</a>, Z. 13&nbsp;ff.</b>) P. <em class="gesperrt">Falkenberg</em>, Die Befruchtung und der
-Generationswechsel von Cutleria, Mitteilungen aus der zoologischen<span class="pagenum"><a name="Seite_495" id="Seite_495">[S. 495]</a></span>
-Station zu Neapel, Bd. I, 1879, S.&nbsp;420&ndash;447. Es heit dort,
-S.&nbsp;425&nbsp;f.: Vollstndig negative Resultate ergab der Versuch einer
-Wechselbefruchtung zwischen den nahe verwandten Cutleria-Spezies
-C. adspersa und C. multifida, die &mdash; abgesehen von der Verschiedenheit
-ihrer Standorte &mdash; sich uerlich nur durch geringe habituelle
-Differenzen unterscheiden. Empfngnisfhigen, zur Ruhe gekommenen
-Eiern der einen Spezies wurden lebhaft schwrmende Spermatozoidien
-der anderen Art zugesetzt. In solchen Fllen sah man die Spermatozoidien
-unter dem Mikroskop zahllos umherirren und endlich absterben,
-ohne an den Eiern der verwandten Algen-Spezies den
-Befruchtungsakt vollzogen zu haben. Freilich blieben einzelne
-Spermatozoidien, welche zufllig auf die ruhenden Eier stieen,
-momentan an diesen hngen, aber nur um sich ebenso schnell
-wieder von ihnen loszureien. Ganz anders wurde das Bild unter
-dem Mikroskop, sobald man auf derartigen Prparaten den Spermatozoidien
-auch nur ein einziges befruchtungsfhiges Ei der gleichen
-Spezies hinzusetzte. Wenige Augenblicke gengten, um smtliche
-Spermatozoidien von allen Seiten her um dieses eine Ei zu versammeln,
-selbst wenn dasselbe mehrere Zentimeter von der Hauptmasse
-der Spermatozoidien entfernt lag. Es entsprach nunmehr das
-Bild ganz den von <em class="gesperrt">Thuret</em> (Recherches sur la fcondation des
-Fucaces, Ann. des Sc. natur., Sr. 4, Tome II, p 203, pl. 12,
-Fig. 4) fr Fucus gegebenen Abbildungen, und ebenso wurde auch
-das an sich lngst bewegungslos gewordene Ei nunmehr durch vereinte
-Krfte der zahlreichen Spermatozoidien hin- und hergedreht ...
-Aus diesen Versuchen geht einmal hervor, da die Anziehungskraft
-zwischen den Eiern von Cutleria und den Spermatozoidien sich auf
-verhltnismig bedeutende Distanzen geltend macht, da auf der
-anderen Seite diese Anziehungskraft nur zwischen den Geschlechtszellen
-der gleichen Spezies existiert. Auerdem zeigen die mitgeteilten
-Erscheinungen, da die Bewegungen der Spermatozoidien
-von Cutleria .... unter dem Einflu der Anziehungskraft der Eier
-energisch genug sind, um jene Kraft, welche sie sonst dem einfallenden
-Lichte entgegenfhrt, zu berwinden und sie dazu befhigten,
-die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Mag die
-Kraft, welche die Vereinigung der mnnlichen und weiblichen
-Geschlechtszellen von Cutleria anstrebt und die Bewegungsrichtung
-der mnnlichen Schwrmer reguliert, in der mnnlichen oder in der
-weiblichen Zelle oder in beiden ihren Sitz haben &mdash; so viel ist
-sicher, da die Kraft, welche bei Cutleria die Spermatozoidien den
-Eiern zufhrt, ihren Sitz in dem Organismus selbst haben mu und
-unabhngig vom Zufall und von Strmungen wirkt, welche etwa im
-Wasser stattfinden knnen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_48">S.&nbsp;48</a>, Z. 12.</b>) Vgl. Gesprche mit Goethe in den letzten
-Jahren seines Lebens von Johann Peter <em class="gesperrt">Eckermann</em> (30. Mrz 1824).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_496" id="Seite_496">[S. 496]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_48">S.&nbsp;48</a>, Z. 21.</b>) Die Analogien zwischen Mensch und Haustier
-betreffs des Nichtgebundenseins des sexuellen Verkehrs an bestimmte
-Zeitpunkte werden oft bertrieben; vgl. hierber <em class="gesperrt">Chrobak-Rosthorn</em>,
-Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane,
-Wien 1900, Teil I/2, S.&nbsp;379&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_50">S.&nbsp;50</a>, Z. 10.</b>) Ich meine die auerordentlich wahre Stelle:
-Nach wie vor bten sie eine unbeschreibliche, fast magische Anziehungskraft
-gegeneinander aus. Sie wohnten unter einem Dache;
-aber selbst ohne gerade aneinander zu denken, mit anderen Dingen
-beschftigt, von der Gesellschaft hin- und hergezogen, nherten sie
-sich einander. Fanden sie sich in einem Saale, so dauerte es nicht
-lange und sie standen, sie saen nebeneinander. Nur die nchste
-Nhe konnte sie beruhigen, aber auch vllig beruhigen, und diese
-Nhe war genug; <em class="gesperrt">nicht eines Blickes, nicht eines Wortes,
-keiner Geberde, keiner Berhrung bedurfte es, nur des
-reinen Zusammenseins. Dann waren es nicht zwei Menschen,
-es war nur ein Mensch im bewutlosen vollkommenen
-Behagen</em>, mit sich selbst zufrieden und mit der Welt. <em class="gesperrt">Ja, htte man
-Eins von Beiden am letzten Ende der Wohnung festgehalten,
-das Andere htte sich nach und nach von selbst ohne Vorsatz
-zu ihm hinbewegt.</em> (<em class="gesperrt">Goethe</em>, Die Wahlverwandtschaften,
-II. Teil, 17. Kapitel.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_50">S.&nbsp;50</a>, Z. 4 v. u. ff.</b>) Hiemit vergleiche man die folgenden
-Aussprche der Dichter.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Theognis</em> spricht zu dem Knaben Kyrnos (V. 183&nbsp;f.):</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#954;&#961;&#953;&#959;&#8058;&#962; &#956;&#8050;&#957; &#954;&#945;&#8054; &#8004;&#957;&#959;&#965;&#962; &#948;&#953;&#950;&#942;&#956;&#949;&#952;&#945;, &#922;&#973;&#961;&#957;&#949;, &#954;&#945;&#8054; &#7989;&#960;&#960;&#959;&#965;&#962;<br /></span>
-<span class="i0">&#949;&#8016;&#947;&#949;&#957;&#941;&#945;&#962;, &#954;&#945;&#943; &#964;&#953;&#962; &#946;&#959;&#973;&#955;&#949;&#964;&#945;&#953; &#7952;&#958; &#7936;&#947;&#945;&#952;&#8182;&#957;<br /></span>
-<span class="i0">&#946;&#942;&#963;&#949;&#963;&#952;&#945;&#953;&#8729; &#947;&#8134;&#956;&#945;&#953; &#948;&#8050; &#954;&#945;&#954;&#8052;&#957; &#954;&#945;&#954;&#959;&#8166; &#959;&#8016; &#956;&#949;&#955;&#949;&#948;&#945;&#943;&#957;&#949;&#953;<br /></span>
-<span class="i0">&#7952;&#963;&#952;&#955;&#8056;&#962; &#7936;&#957;&#942;&#961;, &#7972;&#957; &#959;&#7985; &#967;&#961;&#942;&#956;&#945;&#964;&#945; &#960;&#959;&#955;&#955;&#8048; &#948;&#953;&#948;&#8183;,<br /></span>
-<span class="i0">&#959;&#8016;&#948;&#8050; &#947;&#965;&#957;&#8052; &#954;&#945;&#954;&#959;&#8166; &#7936;&#957;&#948;&#961;&#8056;&#962; &#7936;&#957;&#945;&#943;&#957;&#949;&#964;&#945;&#953; &#949;&#7990;&#957;&#945;&#953; &#7940;&#954;&#959;&#953;&#964;&#953;&#962;<br /></span>
-<span class="i0">&#960;&#955;&#959;&#965;&#963;&#943;&#959;&#965;, &#7936;&#955;&#955;&#8127; &#7936;&#966;&#957;&#949;&#8056;&#957; &#946;&#959;&#973;&#955;&#949;&#964;&#945;&#953; &#7936;&#957;&#964;&#8127; &#7936;&#947;&#945;&#952;&#959;&#8166;.<br /></span>
-<span class="i0">&#967;&#961;&#942;&#956;&#945;&#964;&#945; &#947;&#8048;&#961; &#964;&#953;&#956;&#8182;&#963;&#953;&#8729; &#954;&#945;&#8054; &#7952;&#954; &#954;&#945;&#954;&#959;&#8166; &#7952;&#963;&#952;&#955;&#8056;&#962; &#7956;&#947;&#951;&#956;&#949;&#957;,<br /></span>
-<span class="i0">&#954;&#945;&#8054; &#954;&#945;&#954;&#8056;&#962; &#7952;&#958; &#7936;&#947;&#945;&#952;&#959;&#8166;&#8729; &#960;&#955;&#959;&#8166;&#964;&#959;&#962; &#7956;&#956;&#949;&#953;&#958;&#949; &#947;&#941;&#957;&#959;&#962;. u.&nbsp;s.&nbsp;w.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p><em class="gesperrt">Shakespeare</em> legt dem Bastarden Edmund die bekannten
-Verse in den Mund (Knig Lear, 1. Aufzug, 2. Scene):</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">......... Warum<br /></span>
-<span class="i0">Mit unecht uns brandmarken? Bastard? Unecht?<br /></span>
-<span class="i0">Uns, die im heien Diebstahl der Natur<br /></span>
-<span class="i0">Mehr Stoff empfah'n und krft'gern Feuergeist,<br /></span>
-<span class="i0">Als in verdumpftem, trgem, schalem Bett<br /></span>
-<span class="i0">Verwandt wird auf ein ganzes Heer von Trpfen,<br /></span>
-<span class="i0">Halb zwischen Schlaf gezeugt und Wachen?...<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_51">S.&nbsp;51</a>, Z. 15 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Darwin</em>: Das Variieren der Tiere
-und Pflanzen, Bd. II, Kap. 17&ndash;19 (z.&nbsp;B. S.&nbsp;170 der 2. Aufl.,<span class="pagenum"><a name="Seite_497" id="Seite_497">[S. 497]</a></span>
-Stuttgart 1873); besonders aber: Die Wirkungen der Kreuz- und
-Selbstbefruchtung im Pflanzenreich, Stuttgart 1877 (Werke Bd. X),
-S.&nbsp;24: Der bedeutungsvollste Schlu, zu dem ich gelangt bin, ist
-der, da der bloe Akt der Kreuzung an und fr sich nicht gut tut.
-Das Gute hngt davon ab, da die Individuen, welche gekreuzt
-werden, unbedeutend in ihrer Konstitution voneinander verschieden
-sind, und zwar infolge davon, da ihre Vorfahren mehrere Generationen
-hindurch unbedeutend verschiedenen Bedingungen, oder dem,
-was wir in unserer Unwissenheit &#8218;spontane Abnderung&#8217; nennen,
-ausgesetzt sind.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_4" id="Zu_Teil_I_Kapitel_4">Zu Teil I, Kapitel 4.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_53">S.&nbsp;53</a>, Z. 1&nbsp;ff.</b>) Von der Literatur will ich nur die wenigen
-wichtigsten Bcher nennen, in denen man alle weiteren Angaben findet:
-Richard v. <em class="gesperrt">Krafft-Ebing</em>, Psychopathia sexualis, mit besonderer
-Bercksichtigung der kontrren Sexualempfindung, 9. Aufl., Stuttgart
-1894. Albert <em class="gesperrt">Moll</em>, Die kontrre Sexualempfindung, 3. Aufl.,
-Berlin 1899. Untersuchungen ber die Libido sexualis, Bd. I, Berlin
-1897/98. Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em> und J. A. <em class="gesperrt">Symonds</em>, Das kontrre
-Geschlechtsgefhl, Leipzig 1896.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_55">S.&nbsp;55</a>, Z. 2&nbsp;f.</b>) Komplementrbedingung nach <em class="gesperrt">Avenarius</em>,
-Kritik der reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S.&nbsp;29; Teilursache
-nach Alois <em class="gesperrt">Hfler</em>, Logik unter Mitwirkung von Dr. Alexius
-<em class="gesperrt">Meinong</em>, Wien 1890, S.&nbsp;63.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_54">S.&nbsp;54</a>, Z. 2.</b>) v. <em class="gesperrt">Schrenck-Notzing</em>, Die Suggestionstherapie
-bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtslebens, mit besonderer
-Bercksichtigung der kontrren Sexualempfindung, Stuttgart 1892
-(z.&nbsp;B. S.&nbsp;193: Der Anteil der occasionellen Momente ist vielfach
-in der tiologie des Gewohnheitstriebes zu perversen sexuellen
-Entuerungen ein grerer als derjenige erblicher Belastung.) Ein
-Beitrag zur tiologie der kontrren Sexualempfindung, Wien 1895,
-S.&nbsp;1&nbsp;ff. Kriminalpsychologische und psycho-pathologische Studien.
-Leipzig 1902, S.&nbsp;2&nbsp;f., S.&nbsp;17&nbsp;f. &mdash; Emil <em class="gesperrt">Kraepelin</em>, Psychiatrie, 4. Aufl.,
-Leipzig 1893, S.&nbsp;689&nbsp;f. &mdash; Ch. <em class="gesperrt">Fr</em>, La descendance d'un inverti,
-Revue gnrale de clinique et de thrapeutique, 1896, citiert nach
-<em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen, Bd. I, S.&nbsp;651, Anm. 3. In seinem Buche,
-L'Instinct Sexuel, Evolution et Dissolution, Paris 1899, p. 266&nbsp;f.,
-legt Fr jedoch das Schwergewicht auf die kongenitale Veranlagung.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_56">S.&nbsp;56</a>, Z. 19&nbsp;f.</b>) Da in der Mitte zwischen M und W
-stehende Personen sich untereinander sexuell anziehen, wird auch
-sehr wahrscheinlich aus den Beobachtungen von Fr. <em class="gesperrt">Neugebauer</em>
-(Fifty false marriages between Individuals of the same gender with
-some divorces for Erreur de Sexe), Referat im British Gynaecological<span class="pagenum"><a name="Seite_498" id="Seite_498">[S. 498]</a></span>
-Journal, 15, 1899, S.&nbsp;315, vgl. 16, 1900, S.&nbsp;104 des
-Summary of Gynaecology, including Obstetrics.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_56">S.&nbsp;56</a>, Z. 13 v. u.</b>) Vgl. Emil <em class="gesperrt">Kraepelin</em>, Psychiatrie,
-4. Aufl., Leipzig 1893, S.&nbsp;690: Verhltnismig selten sind jene
-Personen, bei welchen <em class="gesperrt">niemals</em> eine Spur von heterosexuellen
-Regungen vorhanden gewesen ist.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_56">S.&nbsp;56</a>, Z. 3 v. u. f.</b>) Der Amerikaner Jas. G. <em class="gesperrt">Kiernan</em> soll
-zuerst den Grund der Homosexualitt in der geschlechtlichen Undifferenziertheit
-des Embryo gesucht haben (American Lancet, 1884
-und im Medical Standard [Nov.-Dec. 1888]), nach ihm Frank
-<em class="gesperrt">Lydston</em> (Philadelphia Medical and Surgical Recorder, September
-1888, Addresses and Essays, 1892, p. 46 und 246), beide in Abhandlungen,
-die mir nicht zugnglich geworden sind. Die gleiche
-Theorie bringt ein <em class="gesperrt">Patient von Krafft-Ebing</em> vor, in dessen
-Psychopathia sexualis, 8. Aufl., Stuttgart 1893, S.&nbsp;227. Dieser selbst
-hat sie acceptiert in einer Abhandlung Zur Erklrung der kontrren
-Sexualempfindung, Jahrbcher fr Psychiatrie und Nervenheilkunde,
-Bd. XIII, Heft 2, ferner haben sich ihr angeschlossen Albert <em class="gesperrt">Moll</em>,
-Untersuchungen ber die Libido sexualis, Bd. I, S.&nbsp;327&nbsp;ff., Magnus
-<em class="gesperrt">Hirschfeld</em>, Die objektive Diagnose der Homosexualitt, Jahrbuch
-fr sexuelle Zwischenstufen, Bd. I (1899), S.&nbsp;4&nbsp;ff., Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em>,
-Studies in the Psychology of Sex, Vol. I, Sexual Inversion, 1900,
-p. 132&nbsp;f., Norbert <em class="gesperrt">Grabowski</em>, Die mannweibliche Natur des
-Menschen, Leipzig 1896 etc.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_58">S.&nbsp;58</a>, Z. 11.</b>) Die Anerkennung einer das Tierreich beherrschenden
-Gesetzlichkeit in der sexuellen Anziehung ist folgenschwer
-insoferne, als sie die Hypothese einer sexuellen Zuchtwahl
-fast vllig unmglich macht.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_58">S.&nbsp;58</a>, Z. 16 v. u.</b>) Homosexualitt bei Tieren: vgl. Ch. <em class="gesperrt">Fr</em>,
-Les perversions sexuelles chez les animaux in L'instinct sexuel,
-Paris 1899, p. 59&ndash;87. F. <em class="gesperrt">Karsch</em>, Pderastie und Tribadie bei
-den Tieren, auf Grund der Literatur zusammengestellt, Jahrbuch fr
-sexuelle Zwischenstufen, Bd. II (1900), S.&nbsp;126&ndash;154. Albert <em class="gesperrt">Moll</em>,
-Untersuchungen ber die Libido sexualis, Bd. I, 1898, S.&nbsp;368&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_59">S.&nbsp;59</a>, Z. 6.</b>) Es beruht also auf einer Tuschung, wenn so
-viele glauben (wie schon <em class="gesperrt">Platon</em>, Gesetze, VIII, 836c), die gleichgeschlechtliche
-Liebe sei ein blo dem <em class="gesperrt">Menschen</em> eigentmliches,
-widernatrliches Laster. Doch drfte fr die Pderastie Plato
-da Recht behalten; indes Homosexualitt nicht auf den Menschen
-beschrnkt ist.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_59">S.&nbsp;59</a>, Z. 10 v. u. ff.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Krafft-Ebing</em> bei Alfred <em class="gesperrt">Fuchs</em>,
-Die Therapie der anomalen Vita sexualis, Stuttgart 1899, S.&nbsp;4.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_61">S.&nbsp;61</a>, Z. 7.</b>) Der einzige wahrhaft groe Mann, der die
-Homosexualitt strenge verurteilt zu haben scheint, ist der <em class="gesperrt">Apostel
-Paulus</em> (Rmer, I, 26&ndash;27); aber er hat selbst bekannt, wenig<span class="pagenum"><a name="Seite_499" id="Seite_499">[S. 499]</a></span>
-sexuell veranlagt gewesen zu sein, woraus allein auch der etwas
-naive Optimismus begreiflich wird, mit dem er von der Ehe spricht.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_61">S.&nbsp;61</a>, Z. 10 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Moll</em>, Untersuchungen ber die Libido
-sexualis, Bd. I, Berlin 1898, S.&nbsp;484.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_62">S.&nbsp;62</a>, Z. 3 v. u.</b>) Mnner wie <em class="gesperrt">Michel-Angelo</em> oder
-<em class="gesperrt">Winckelmann</em>, jener sicherlich einer der mnnlichsten Knstler,
-sind also nach dieser Nomenklatur nicht als Homosexuelle, sondern
-als Pderasten zu bezeichnen.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_5" id="Zu_Teil_I_Kapitel_5">Zu Teil I, Kapitel 5.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_63">S.&nbsp;63</a>, Z. 15&nbsp;f.</b>) Wenn Theodor <em class="gesperrt">Gomperz</em>, Griechische
-Denker, Leipzig 1896, Bd. I, S.&nbsp;149, mit der Interpretation recht
-htte, welche er einigen in lateinischer bersetzung erhaltenen Versen
-des <em class="gesperrt">Parmenides</em> gibt (vgl. <em class="gesperrt">Parmenides' Lehrgedicht</em>, griechisch
-und deutsch von Hermann <em class="gesperrt">Diels</em>, Berlin 1897, Fragment 18, und
-Diels' Bemerkungen hiezu, S.&nbsp;113&nbsp;ff.), so htte ich den groen Denker
-hier als meinen Vorgnger zu nennen. Gomperz sagt: In ....
-dieser Theorie tritt auch die den pythagoreisch und somit mathematisch
-Gebildeten kennzeichnende Tendenz hervor, ... qualitative
-Verschiedenheiten aus quantitativen Unterschieden abzuleiten. Das
-Grenverhltnis nmlich, in welchem der von ihm (ebenso wie
-schon von Alkmon) vorausgesetzte weibliche Bildungsstoff zu dem
-mnnlichen steht, wurde zur Erklrung der Charaktereigentmlichkeiten
-und insbesondere der Art der Geschlechtsneigung des Erzeugten
-verwendet. Und dieselbe Richtung offenbart sich in dem
-Bestreben, die individuelle Verschiedenheit der Individuen gleichwie
-ihrer jedesmaligen Geisteszustnde auf den greren oder geringeren
-Anteil zurckzufhren, den ihr Krper an den beiden Grundstoffen
-hat. Wenn Gomperz kein anderes Fragment meinen sollte als das
-oben bezeichnete, so gbe diese Auslegung dem Parmenides etwas,
-das Gomperz gebhrt. Vgl. auch <em class="gesperrt">Zeller</em>, Die Philosophie der
-Griechen, I/1, 5. Aufl., Leipzig 1892, S.&nbsp;578&nbsp;f., Anm. 4.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_64">S.&nbsp;64</a>, Z. 12.</b>) Hier ist angespielt auf die programmatische
-Schrift von L. William <em class="gesperrt">Stern</em>, Psychologie der individuellen Differenzen
-(Ideen zu einer differentiellen Psychologie), Schriften der
-Gesellschaft fr psychologische Forschung, Heft 12, Leipzig 1900.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_65">S.&nbsp;65</a>, Z. 11&nbsp;f.</b>) ber die Periodizitt im menschlichen, und
-zwar auch im mnnlichen Leben, sowie in allen biologischen Dingen
-findet sich das Interessanteste und Anregendste in einem Buche,
-dessen auch sonst ungeschickt gewhlter Titel ber diesen Inhalt
-nichts vermuten lt, bei Wilhelm <em class="gesperrt">Flie</em>, Die Beziehungen zwischen
-Nase und weiblichen Geschlechtsorganen in ihrer biologischen Bedeutung
-dargestellt, Leipzig und Wien 1897, einer ungemein originellen
-Schrift, der eine historische Berhmtheit gerade dann sicher<span class="pagenum"><a name="Seite_500" id="Seite_500">[S. 500]</a></span>
-sein drfte, wenn die Forschung einmal weit ber sie hinausgelangen
-sollte. Einstweilen sind die hchst merkwrdigen Dinge, die Flie
-entdeckt hat, noch bezeichnend wenig beachtet worden (vgl Flie,
-S.&nbsp;117&nbsp;ff., 174, 237).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_70">S.&nbsp;70</a>, Z. 9 v. u. f.</b>) ber diese angebliche Monotonie
-der Frauen sind uerungen verschiedener Autoren zu finden in
-dem groen Sammelwerk von C. <em class="gesperrt">Lombroso</em> und G. <em class="gesperrt">Ferrero</em>,
-Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Anthropologische
-Studien, gegrndet auf eine Darstellung der Biologie und Psychologie
-des normalen Weibes, bersetzt von H. <em class="gesperrt">Kurella</em>, Hamburg
-1894, S.&nbsp;172&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_70">S.&nbsp;70</a>, Z. 3 v. u. f.</b>) Grere Variabilitt der Mnnchen:
-<em class="gesperrt">Darwin</em>, Die Abstammung des Menschen etc., bersetzt von Haek,
-Kap. 8, S.&nbsp;334&nbsp;ff.; Kap. 14, S.&nbsp;132&nbsp;ff., besonders 136; Kap. 19,
-S.&nbsp;338&nbsp;ff. &mdash; C. B. <em class="gesperrt">Davenport</em> und C. <em class="gesperrt">Bullard</em>, Studies in
-Morphogenesis, VI: A Contribution to the quantitative Study of
-correlated variation and the comparative Variability of the Sexes,
-Proceedings of the Amer. Phil. Soc. 32, 85&ndash;97. Referat Anne
-Biologique, 1895, p. 273&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_71">S.&nbsp;71</a>, Z. 19 v. u. f.</b>) Die Aktualittstheorie des Psychischen
-ist die Theorie Wilhelm <em class="gesperrt">Wundts</em> (Grundri der Psychologie,
-4. Aufl., Leipzig 1901, S.&nbsp;387); sie lehnt alles substantielle und zeitlose
-Sein in der Psychologie ab und erblickt hierin ihren wesentlichen
-Unterschied gegenber der Naturwissenschaft, welche ber den
-Begriff der Materie nie hinauskommen knne (vgl. auch <em class="gesperrt">Wundts</em>
-Logik, Bd. II, Methodenlehre, 2. Aufl., Leipzig 1895).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_72">S.&nbsp;72</a>, Z. 9&nbsp;ff.</b>) Die im folgenden dargetane prinzipielle
-Berechtigung der Physiognomik, die trotz <em class="gesperrt">Lichtenbergs</em> bler
-Prophezeiung nicht im eigenen Fett erstickt, vielmehr an der
-Auszehrung gestorben ist, liegt eigentlich bereits in den Worten des
-<em class="gesperrt">Aristoteles</em> enthalten (&#960;&#949;&#961;&#8054; &#936;&#965;&#967;&#942;&#962; A 3, 407 b, 13&nbsp;f.): &#917;&#954;&#949;&#953;&#957;&#959;
-&#948;&#8050; &#7940;&#964;&#959;&#960;&#959;&#957; &#963;&#965;&#956;&#946;&#945;&#8055;&#957;&#949;&#953; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#959;&#8059;&#964;&#8179; &#964;&#8183; &#955;&#8057;&#947;&#8179; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#959;&#8150;&#962; &#960;&#955;&#949;&#8055;&#963;&#964;&#959;&#953;&#962; &#964;&#8182;&#957; &#960;&#949;&#961;&#8054;
-&#968;&#965;&#967;&#8134;&#962;&#903; &#963;&#965;&#957;&#8049;&#960;&#964;&#959;&#965;&#963;&#953; &#947;&#8048;&#961; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#953;&#952;&#8051;&#945;&#963;&#953;&#957; &#949;&#7984;&#962; &#963;&#8182;&#956;&#945; &#964;&#8052;&#957; &#968;&#965;&#967;&#8053;&#957;, &#959;&#8016;&#952;&#8050;&#957;
-&#960;&#961;&#959;&#963;&#948;&#953;&#959;&#961;&#8055;&#963;&#945;&#957;&#964;&#949;&#962; &#948;&#953;&#8048; &#964;&#8055;&#957;' &#945;&#7984;&#964;&#8055;&#945;&#957; &#954;&#945;&#8054; &#960;&#8182;&#962; &#7956;&#967;&#959;&#957;&#964;&#959;&#962; &#964;&#959;&#8166; &#963;&#8061;&#956;&#945;&#964;&#959;&#962;. &#954;&#945;&#8055;&#964;&#959;&#953;
-&#948;&#8057;&#958;&#949;&#953;&#949;&#957; &#7938;&#957; &#964;&#959;&#8166;&#964;' &#7936;&#957;&#945;&#947;&#954;&#945;&#8150;&#959;&#957; &#949;&#7990;&#957;&#945;&#953;&#903; &#948;&#953;&#8048; &#947;&#8048;&#961; &#964;&#8052;&#957; &#954;&#959;&#953;&#957;&#969;&#957;&#8055;&#945;&#957; &#964;&#8056; &#956;&#8050;&#957; &#960;&#959;&#953;&#949;&#8150; &#964;&#8056;
-&#948;&#8050; &#960;&#8049;&#963;&#967;&#949;&#953; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#8056; &#956;&#8050;&#957; &#954;&#953;&#957;&#949;&#8150;&#964;&#945;&#953; &#964;&#8056; &#948;&#8050; &#954;&#953;&#957;&#949;&#8150;, &#964;&#959;&#8059;&#964;&#969;&#957; &#948;' &#959;&#8016;&#948;&#8050;&#957; &#8017;&#960;&#945;&#961;&#967;&#949;&#953;
-&#960;&#961;&#8056;&#962; &#7940;&#955;&#955;&#951;&#955;&#945; &#964;&#959;&#8150;&#962; &#964;&#965;&#967;&#959;&#8166;&#963;&#953;&#957;. &#8009;&#7985; &#948;&#8050; &#956;&#8057;&#957;&#959;&#957; &#7952;&#960;&#953;&#967;&#949;&#953;&#961;&#959;&#8166;&#963;&#953; &#955;&#8051;&#947;&#949;&#953;&#957; &#960;&#959;&#8150;&#8057;&#957; &#964;&#953; &#7969;
-&#968;&#965;&#967;&#8053;, &#960;&#949;&#961;&#8054; &#948;&#8050; &#964;&#959;&#8166; &#948;&#949;&#958;&#959;&#956;&#8051;&#957;&#959;&#965; &#963;&#8061;&#956;&#945;&#964;&#959;&#962; &#959;&#8016;&#952;&#8050;&#957; &#7956;&#964;&#953; &#960;&#961;&#959;&#963;&#948;&#953;&#959;&#961;&#8055;&#950;&#959;&#965;&#963;&#953;&#957;, &#8037;&#963;&#960;&#949;&#961;
-&#7952;&#957;&#948;&#949;&#967;&#8057;&#956;&#949;&#957;&#959;&#957; &#954;&#945;&#964;&#8048; &#964;&#959;&#8058;&#962; &#928;&#965;&#952;&#945;&#947;&#959;&#961;&#953;&#954;&#959;&#8058;&#962; &#956;&#8059;&#952;&#959;&#965;&#962; <em class="gesperrt">&#964;&#8052;&#957; &#964;&#965;&#967;&#959;&#8166;&#963;&#945;&#957;
-&#968;&#965;&#967;&#8052;&#957; &#949;&#7984;&#962; &#964;&#8056; &#964;&#965;&#967;&#8056;&#957; &#7952;&#957;&#948;&#8059;&#949;&#963;&#952;&#945;&#953; &#963;&#8182;&#956;&#945;</em>&#903; &#948;&#959;&#954;&#949;&#8150; &#947;&#8048;&#961; &#7957;&#954;&#945;&#963;&#964;&#959;&#957; &#7988;&#948;&#953;&#959;&#957;
-&#7956;&#967;&#949;&#953;&#957; &#949;&#7990;&#948;&#959;&#962; &#954;&#945;&#8054; &#956;&#959;&#961;&#966;&#8053;&#957;. &#928;&#945;&#961;&#945;&#960;&#955;&#8053;&#963;&#953;&#959;&#957; &#948;&#8050; &#955;&#8051;&#947;&#959;&#965;&#963;&#953;&#957; &#8037;&#963;&#960;&#949;&#961; &#949;&#7988; &#964;&#953;&#962; &#966;&#945;&#8055;&#951;
-&#964;&#8052;&#957; &#964;&#949;&#954;&#964;&#959;&#957;&#953;&#954;&#8052;&#957; &#949;&#7984;&#962; &#945;&#8016;&#955;&#959;&#8058;&#962; &#7952;&#957;&#948;&#8059;&#949;&#963;&#952;&#945;&#953;&#903; &#948;&#949;&#8150; &#947;&#8048;&#961; &#964;&#8052;&#957; &#956;&#8050;&#957; &#964;&#8051;&#967;&#957;&#951;&#957; &#967;&#961;&#8134;&#963;&#952;&#945;&#953;
-&#964;&#959;&#8150;&#962; &#8000;&#961;&#947;&#8049;&#957;&#959;&#953;&#962;, &#964;&#8052;&#957; &#948;&#8050; &#968;&#965;&#967;&#8052;&#957; &#964;&#8183; &#963;&#8061;&#956;&#945;&#964;&#953;.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_72">S.&nbsp;72</a>, Z. 22.</b>) P. J. <em class="gesperrt">Moebius</em>, ber die Anlage zur Mathematik,
-Leipzig 1900.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_501" id="Seite_501">[S. 501]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_74">S.&nbsp;74</a>, Z. 19 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Hume</em> schweigt ber den Unterschied,
-<em class="gesperrt">Mach</em> leugnet ihn (vgl. Die Prinzipien der Wrmelehre, historisch-kritisch
-entwickelt, 2. Aufl. Leipzig 1900, S.&nbsp;432&nbsp;ff.).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_74">S.&nbsp;74</a>, Z. 8 v. u. f.</b>) Die hier zurckgewiesene Ansicht ber
-das Zeitproblem ist die von Ernst <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Mechanik in ihrer
-Entwicklung historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901,
-S.&nbsp;233. Unendlich flach ist, was J. B. <em class="gesperrt">Stallo</em> zu dieser Frage
-bemerkt, The Concepts and Theories of modern physics, 3. ed.,
-London 1890, p. 204.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_75">S.&nbsp;75</a>, Z. 19.</b>) ber <em class="gesperrt">Aristoteles</em> als Begrnder der Korrelationslehre
-vgl. Jrgen Bona <em class="gesperrt">Meyer</em>, Aristoteles' Tierkunde, Berlin
-1855, S.&nbsp;468.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_75">S.&nbsp;75</a>, Z. 17 v. u. ff.</b>) ber die merkwrdige Korrelation bei
-Katzen sowie ber Correlated Variability berhaupt vgl. <em class="gesperrt">Darwin</em>,
-Das Variieren der Tiere und Pflanzen, Stuttgart 1873, Kap. 25
-(Bd. II<sup>2</sup>, S.&nbsp;375). Vgl. Entstehung der Arten, S.&nbsp;36&nbsp;f., 194&nbsp;f. der
-Haekschen bersetzung (Universal-Bibliothek).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_76">S.&nbsp;76</a>, Z. 7 v. u.</b>) Ernst <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Mechanik u.&nbsp;s.&nbsp;w.,
-4. Aufl., S.&nbsp;235.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_77">S.&nbsp;77</a>, Z. 14&nbsp;f.</b>) Hier berhrt sich die Darstellung mit Wilhelm
-<em class="gesperrt">Dilthey</em>, Beitrge zum Studium der Individualitt, Sitzungsberichte
-der kgl. preuischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin,
-1896 (S.&nbsp;295&ndash;335), S.&nbsp;303: In einem ... Typus sind mehrere
-Merkmale, Teile oder Funktionen regelmig miteinander verbunden.
-Diese Zge, deren Verbindung den Typus ausmacht, stehen in einer
-solchen gegenseitigen Relation zueinander, da die Anwesenheit des
-einen Zuges auf die des anderen schlieen lt, die Variationen im
-einen auf die im anderen. Und zwar nimmt diese typische Verbindung
-von Merkmalen im Universum in einer aufsteigenden Reihe
-von Lebensformen zu und erreicht im organischen und dann im
-psychischen Leben ihren Hhepunkt. Dieses Prinzip des Typus
-kann als das zweite, welches die Individuen beherrscht, angesehen
-werden. Dieses Gesetz ermglichte es dem groen <em class="gesperrt">Cuvier</em>, aus
-versteinerten Resten eines tierischen Krpers diesen zu rekonstruieren,
-und dasselbe Gesetz in der geistig-geschichtlichen Welt hat
-Fr. A. <em class="gesperrt">Wolf</em> und <em class="gesperrt">Niebuhr</em> ihre Schlsse ermglicht.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_77">S.&nbsp;77</a>, Z. 8 v. u.</b>) Gemeint sind die knstlich des Oberschlundganglions
-beraubten Nereiden. Hat man mehrere so operierte
-Wrmer in einem Gef zusammen, so ... geraten sie in eine Ecke
-und suchen hier durch die Wand zu rennen. Die Wrmer blieben
-viele Stunden so und gingen schlielich infolge ihres unsinnigen
-Bestrebens, vorwrts zu kommen, zu Grunde. Jacques <em class="gesperrt">Loeb</em>, Einleitung
-in die vergleichende Gehirnphysiologie und vergleichende
-Psychologie mit besonderer Bercksichtigung der wirbellosen Tiere,
-Leipzig 1899, S.&nbsp;63 (wo nach S. S. <em class="gesperrt">Maxwell</em>, Pflgers Archiv fr<span class="pagenum"><a name="Seite_502" id="Seite_502">[S. 502]</a></span>
-die gesamte Physiologie, 67, 1897, eine Zeichnung von diesem Vorgange
-gegeben ist).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_78">S.&nbsp;78</a>, Z. 4 v. o.</b>) Der Ausdruck Aufpasser u.&nbsp;s.&nbsp;w. bei
-<em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Parerga II, 350 bis.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_78">S.&nbsp;78</a>, Z. 1 v. u.</b>) Konrad <em class="gesperrt">Rieger</em> sagt (Die Kastration,
-Jena 1900, Vorwort, S. XXV): Auch ich teile vollkommen mit
-<em class="gesperrt">Gall</em>, <em class="gesperrt">Comte</em>, <em class="gesperrt">Moebius</em> die berzeugung: da es der grte Fortschritt
-wre, sowohl in der reinen Wissenschaft als in praktisch
-sozialer und politischer Hinsicht, wenn eine Methode gefunden wrde,
-mittels deren es mglich wre, Moral, Intelligenz, Charakter, Wille
-eines Menschen [physiognomisch] exakt zu bestimmen. Ich kann
-mich dieser Auffassung nicht anschlieen und halte sie fr ein wenig
-bertrieben; doch ich fhre sie an, weil sie immerhin die Wichtigkeit
-der Sache ins Licht setzen hilft.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_I_Kapitel_6" id="Zu_Teil_I_Kapitel_6">Zu Teil I, Kapitel 6.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_79">S.&nbsp;79</a>, Z. 6.</b>) Am nchsten kommt der in diesem Kapitel
-entwickelten Auffassung der Frauenfrage <em class="gesperrt">Arduin</em>, Die Frauenfrage
-und die sexuellen Zwischenstufen, Jahrbuch fr sexuelle Zwischenstufen,
-Bd. II, 1900, S.&nbsp;211&ndash;223. Jedoch bin ich von diesem
-Autor gnzlich unabhngig.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_81">S.&nbsp;81</a>, Z. 6 v. u.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Welcker</em>, Sappho von einem
-herrschenden Vorurteil befreit, Gttingen 1816, wieder abgedruckt
-in seinen Kleinen Schriften, II. Teil, Bonn 1845, S.&nbsp;80&ndash;144.
-Auch Q. <em class="gesperrt">Horatius</em> Flaccus, erklrt von Hermann <em class="gesperrt">Schtz</em>, III. Teil,
-Episteln (Berlin 1883), Kommentar zu Epistel I, 19, 28, und dazu
-<em class="gesperrt">Welcker</em>, Kleine Schriften, Bd. V, S.&nbsp;239&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_82">S.&nbsp;82</a>, Z. 4 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Mrime</em>: nach Adele <em class="gesperrt">Gerhardt</em> und
-Helene <em class="gesperrt">Simon</em>, Mutterschaft und geistige Arbeit, eine psychologische
-und soziologische Studie auf Grundlage einer internationalen Erhebung
-mit Bercksichtigung der geschichtlichen Entwicklung, Berlin 1901,
-S.&nbsp;162. Die Erzhlung ber George <em class="gesperrt">Sand</em> und <em class="gesperrt">Chopin</em> ebenda
-S.&nbsp;166. Dieser fleiigen Arbeit verdanke ich auch sonst eine Anzahl
-von Belegen und den Hinweis auf einige Quellen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_82">S.&nbsp;82</a>, Z. 6.</b>) Die Angabe ber Laura <em class="gesperrt">Bridgman</em> rhrt von
-Albert <em class="gesperrt">Moll</em> her, Untersuchungen ber die Libido sexualis, Berlin
-1897/98, Bd. I, S.&nbsp;144. Die Stellen bei Wilhelm <em class="gesperrt">Jerusalem</em>,
-Laura Bridgman, Erziehung einer Taubstumm-Blinden, eine psychologische
-Studie, Wien 1890, S.&nbsp;60, sprechen freilich eher fr das
-Gegenteil. ber die George <em class="gesperrt">Sand</em>: Moll ibid., S.&nbsp;698&nbsp;f., Anm. 4;
-ber <em class="gesperrt">Katharina</em> II.: <em class="gesperrt">Moll</em>, Die kontrre Sexualempfindung, 3. Aufl.,
-Berlin 1899, S.&nbsp;516; ber <em class="gesperrt">Christine</em>: Adele <em class="gesperrt">Gerhardt</em> und Helene
-<em class="gesperrt">Simon</em>, Mutterschaft und geistige Arbeit, Berlin 1901, <span class="pagenum"><a name="Seite_503" id="Seite_503">[S. 503]</a></span>S.&nbsp;209
-(jedenfalls eine durch sexuell-pathologische Erscheinungen gefhrdete
-Persnlichkeit).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_83">S.&nbsp;83</a>, Z. 6.</b>) Man vergleiche Briefe Ludwigs II. von Bayern
-an Richard Wagner, verffentlicht in der Wage, Wiener Wochenschrift,
-1. Jnner bis 5. Februar 1899.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_83">S.&nbsp;83</a>, Z. 15 v. u. ff.</b>) ber George <em class="gesperrt">Eliot</em>: <em class="gesperrt">Gerhardt</em> und
-<em class="gesperrt">Simon</em> a. a. O., S.&nbsp;155. ber Lavinia <em class="gesperrt">Fontana</em> ibid., S.&nbsp;98. ber
-die <em class="gesperrt">Droste-Hlshoff</em>, S.&nbsp;137. ber die Rachel <em class="gesperrt">Ruysch</em>: Ernst
-<em class="gesperrt">Guhl</em>, Die Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S.&nbsp;122.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_84">S.&nbsp;84</a>, Z. 3&nbsp;f.</b>) ber Rosa <em class="gesperrt">Bonheur</em> vgl. <em class="gesperrt">Gerhardt-Simon</em>,
-S.&nbsp;107&nbsp;f. Dort ist nach dem Biographen der Malerin Ren <em class="gesperrt">Peyrol</em>
-(Rosa Bonheur, Her Life and Work, London) citiert: The masculine
-vigour of her character, as also her hair, which she was in the
-habit of wearing short, contributed to perfect her disguise. Wenn
-R. B. in Mnnerkleidern ging, schpfte niemand den geringsten
-Verdacht.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_84">S.&nbsp;84</a>, Z. 4 v. u.</b>) Da Frauen weniger produzieren als
-Mnner, haben ihre Werke von vornherein einen Seltenheitswert
-und gelten eher als Kuriositt. Vgl. <em class="gesperrt">Guhl</em>, Die Frauen in der
-Kunstgeschichte, S.&nbsp;260&nbsp;f.: Es gengte, da ein Werk von
-weiblicher Hand herrhrte, um schon um deswillen gepriesen zu
-werden.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_86">S.&nbsp;86</a>, Z. 4&nbsp;f.</b>) Vgl. P. J. <em class="gesperrt">Moebius</em>, ber die Vererbung
-knstlerischer Talente, in der Umschau, IV, Nr. 38, S.&nbsp;742&ndash;745
-(15. September 1900). Jrgen Bona <em class="gesperrt">Meyer</em>, Zeitschrift fr Vlkerpsychologie
-und Sprachwissenschaft, 1880, S.&nbsp;295&ndash;298. Karl
-<em class="gesperrt">Joel</em>, Die Frauen in der Philosophie. Sammlung gemeinverstndlicher
-Vortrge, herausgegeben von Virchow und Holtzendorff, Heft 246,
-Hamburg 1896, S.&nbsp;32 und 63.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_86">S.&nbsp;86</a>, Z. 8&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Guhl</em> a. a. O., S.&nbsp;8.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_86">S.&nbsp;86</a>, Z. 15.</b>) Ich htte hier noch als sehr mnnlich Dorothea
-<em class="gesperrt">Mendelssohn</em> erwhnen sollen; ber sie wie ber ihren so weiblichen
-Gatten Friedrich <em class="gesperrt">Schlegel</em> vgl. Joh. <em class="gesperrt">Schubert</em>, Frauengestalten
-aus der Zeit der deutschen Romantik, Hamburg 1898 (Sammlung
-gemeinverstndlicher wissenschaftlicher Vortrge, herausgegeben
-von Virchow, Heft 285), S.&nbsp;8&nbsp;f. Auch die hochbegabte homosexuelle
-Grfin <em class="gesperrt">Sarolta</em> V. aus <em class="gesperrt">Krafft-Ebings</em> Psychopathia sexualis
-(8. Aufl., 1893, S.&nbsp;311&ndash;317) wre anzufhren gewesen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_86">S.&nbsp;86</a>, Z. 18.</b>) <em class="gesperrt">Guhl</em> a. a. O., S.&nbsp;5.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_86">S.&nbsp;86</a>, Z. 3 v. u.</b>) Wer eifriger sammelt, als ich dies getan
-habe, mit greren Kenntnissen in der Literatur-, Kunst-, Wissenschafts-
-und politischen Geschichte, und reichlichere Quellen besser
-aufzufinden wei, als ich dies hier vermochte, der wird gewi
-zu diesem Punkte noch viele merkwrdige Besttigungen entdecken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_504" id="Seite_504">[S. 504]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_88">S.&nbsp;88</a>, Z. 9&nbsp;f.</b>) Die Stelle ber die berhmten Frauen,
-<em class="gesperrt">Darwin</em>, Abstammung des Menschen, bersetzt von Haek, Bd. II,
-S.&nbsp;344&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_88">S.&nbsp;88</a>, Z. 2 v. u.</b>) Mit dieser Angabe ber <em class="gesperrt">Burns</em>, die ich
-<em class="gesperrt">Carlyle</em>, On Heroes etc., London, Chapman &amp; Hall, p. 175 entnommen
-habe, steht im Widerspruch, was das Memoir of Robert
-Burns, welches der Ausgabe der Poetical Works, London,
-Warne, 1896, vorgedruckt ist, p. 16&nbsp;f. ber dessen Bildungsgang
-erzhlt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_89">S.&nbsp;89</a>, Z. 14 v. u.</b>) Das Citat aus <em class="gesperrt">Burckhardt</em>, Die Kultur
-der Renaissance in Italien, 4. Aufl., besorgt von Ludwig Geiger,
-Leipzig 1885, Bd. II, S.&nbsp;125.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_89">S.&nbsp;89</a>, Z. 6 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Gerhardt</em> und <em class="gesperrt">Simon</em> a. a. O., S.&nbsp;46&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_90">S.&nbsp;90</a>, Z. 8&nbsp;ff.</b>) Hier bin ich durch Ottokar <em class="gesperrt">Lorenz</em>
-angeregt. Dieser sagt (Lehrbuch der gesamten wissenschaftlichen
-Genealogie, Stammbaum und Ahnentafel in ihrer geschichtlichen,
-soziologischen und naturwissenschaftlichen Bedeutung, Berlin 1898,
-S.&nbsp;54&nbsp;f.): Die Erscheinungen, die man heute mit dem Namen der
-Frauenemanzipation nicht eben sehr treffend bezeichnet, vermchte
-wohl kein Kenner vergangener Kulturzustnde als eine in allen einzelnen
-Teilen neue Sache zu betrachten. Namentlich ist der Antrieb
-der Frauen, sich der gelehrten Bildung ihrer Zeit zu bemchtigen,
-im XVI. und im X. Jahrhundert ganz ebenso gro gewesen wie im
-XIX. Auch der heutige soziale Gedanke, den Frauen eine auf sich
-gestellte Wirksamkeit zu sichern, hat im kirchlichen und Klosterleben
-vergangener Zeiten seine vollen Analogien. Wenn man nun die Ursachen
-dieser im Wechsel der Zeiten sich ganz regelmig wiederholenden
-Erscheinungen erforscht, so ist doch unzweifelhaft, da
-mindestens einen mchtigen Anteil daran jene Antriebe, jene Bewegungen
-haben mssen, die in den persnlichen Eigenschaften
-eben der nach der sogenannten Emanzipation in ihren verschiedenen
-Formen und Zeiten strebenden Frauen selbst begrndet waren.
-Indem also die Frauenfrage im Wechsel der Zeiten bald mehr, bald
-weniger hervortritt, beweist sie fr die aufeinanderfolgenden Geschlechter
-eine gewisse Wiederkehr frauenhafter Eigenschaften, die
-in gewissen Epochen unzweifelhaft weit mehr von mnnischer Art
-sind als in anderen, wo in denselben Zgen etwas geradezu Hliches
-erblickt worden ist.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_90">S.&nbsp;90</a>, Z. 22.</b>) <em class="gesperrt">Darwin</em>, Das Variieren etc., II<sup>2</sup>, 58: Es ist
-bekannt, da eine groe Anzahl weiblicher Vgel ...., wenn sie alt
-oder krank sind, .... zum Teil die sekundren mnnlichen Charaktere
-ihrer Spezies annehmen. In Bezug auf die Fasanenhennen hat man
-beobachtet, da dies whrend gewisser Jahre viel hufiger eintritt
-als whrend anderer. Darwin beruft sich hiefr auf William <em class="gesperrt">Yarrell</em>,
-On the change in the plumage of some Hen-Pheasants, Philosophical
-Transactions of the Royal Society of London, 1827 (p. 270).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_505" id="Seite_505">[S. 505]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_91">S.&nbsp;91</a>, Z. 13 v. u.</b>) Werner <em class="gesperrt">Sombart</em> (Die Frauenfrage, in
-der Wiener Wochenschrift Die Zeit, 1. Mrz 1902, S.&nbsp;134)
-spricht ber die Ansicht, da die Maschinenarbeit an der Frauenarbeit
-die Schuld trage, weil sie Muskelkraft entbehrlich gemacht
-habe, und sagt: Gewi gilt das fr zahlreiche Gewerbe, z.&nbsp;B. fr
-die wichtige Weberei. Aber schon nicht fr die Spinnerei, die vor
-Erfindung der mechanischen Spinnsthle viel ausschlielicher Frauenarbeit
-war als heute. Hier hat die Maschinentechnik die Mglichkeit
-gerade der Mnnerarbeit erst geschaffen, wie denn bekanntlich in
-den mechanischen Spinnereien zahlreiche mnnliche Spinner beschftigt
-sind. <em class="gesperrt">Es gilt aber auch fr die meisten anderen
-Gewerbe mit starker Arbeit nicht; man denke an Putzmacherei,
-Stickerei, Strickerei, Tabakindustrie und andere,
-in denen die Maschinen die Frauen eher verdrngt als sie
-herangezogen haben.</em> Es gilt auch fr das Hauptgebiet moderner
-Frauenarbeit, fr die Konfektionsindustrie, nicht. Denn die Handnherei
-ist doch der Frau nicht weniger zugnglich als die Maschinennherei.
-Was vielmehr entscheidend fr die Entwicklung der Frauenarbeit
-gewesen ist, was auf der Seite der Produktionsvorgnge die
-Differenzierung der ursprnglich-komplexen (und darum immer gelernten)
-Arbeitsverrichtung bedingte, war aber gar nicht einmal in
-erster Linie dieser Vorgang in der Produktionssphre, sondern sind
-vielmehr bestimmte Gestaltungen der Bevlkerungsverhltnisse gewesen:
-die Entstehung von weiblicher berschubevlkerung auf
-dem Lande und in den Stdten, die auf tieferliegende, hier nicht
-nher zu errternde Ursachen zurckzufhren ist. Beliebt man ein
-Schlagwort, so kann man sagen: die moderne Frauenarbeit in der
-Industrie (und den brigen nicht zur Landwirtschaft gehrigen
-Sphren des Wirtschaftslebens), verdankt ihre Entstehung nicht unmittelbar
-den Vernderungen in der Technik, sondern Umgestaltungen
-der Siedelungsverhltnisse.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_92">S.&nbsp;92</a>, Z. 7&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Krafft-Ebing</em>, Psychopathia sexualis, S.&nbsp;220:
-Die Tendenz der Natur auf heutiger Entwicklungsstufe ist die
-Hervorbringung von monosexualen Individuen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_92">S.&nbsp;92</a>, Z. 15.</b>) ber die Gephyreen <em class="gesperrt">Weismann</em>, Keimplasma,
-S.&nbsp;477&nbsp;f.: Es gibt in verschiedenen Gruppen des Tierreichs <em class="gesperrt">Arten,
-deren Mnnchen sich beinahe in allen Charakteren von
-den Weibchen unterscheiden</em>. Schon bei vielen Rdertieren
-sind die Mnnchen winzig klein gegenber den Weibchen, haben
-eine in allen Teilen verschiedene Krpergestalt und entbehren des
-gesamten Nahrungskanals; und bei Bonellia viridis, einem Meereswurm
-aus der Gruppe der Gephyreen, weicht das Mnnchen so sehr
-vom Weibchen ab, da man versucht sein knnte, es einer ganz
-anderen Klasse von Wrmern, den Strudelwrmern, zuzuteilen.
-Zugleich ist hier der Unterschied in der Krpergre zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_506" id="Seite_506">[S. 506]</a></span>
-beiden Geschlechtern noch weit bedeutender; das Mnnchen hat eine
-Lnge von 1&ndash;2 <i>mm</i>, das Weibchen von 150 <i>mm</i>, und das erstere
-schmarotzt im Innern des letzteren etc. Vgl. <em class="gesperrt">Claus</em>, Lehrbuch der
-Zoologie, 6. Aufl., Marburg 1897, S.&nbsp;403. Auch manche Asseln
-(Bopyriden) sind sexuell weiter differenziert als der Mensch, vgl.
-Claus a. a. O., S.&nbsp;482.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_1" id="Zu_Teil_II_Kapitel_1">Zu Teil II, Kapitel 1.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_97">S.&nbsp;97</a>, Z. 3.</b>) Thomas <em class="gesperrt">Carlyle</em>, On Heroes, Hero-Worship
-and the Heroic in History, London, Chapman &amp; Hall, p. 99.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_97">S.&nbsp;97</a>, Z. 7 v. u. f.</b>) Vgl. Franz L. <em class="gesperrt">Neugebauer</em>, 37 Flle
-von Verdoppelungen der ueren Geschlechtsteile, Monatsschrift fr
-Geburtshilfe und Gynkologie, VII, 1898, S.&nbsp;550&ndash;564, 645&ndash;659,
-besonders S.&nbsp;554&nbsp;f., wo ein Fall von Juxtapositio organorum sexualium
-externorum utriusque sexus beschrieben ist. Von dem blo
-auf Entwicklungshemmungen beruhenden Scheinzwittertum sehe ich
-hier ab.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_99">S.&nbsp;99</a>, Z. 12 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Aristoteles</em>, Metaphysik, A 5, 986a, 31:
-&#913;&#955;&#954;&#956;&#945;&#943;&#969;&#957; &#8001; &#922;&#961;&#959;&#964;&#969;&#957;&#953;&#940;&#964;&#951;&#962; &#966;&#951;&#963;&#953; &#949;&#7990;&#957;&#945;&#953; &#948;&#973;&#959; &#964;&#8048; &#960;&#959;&#955;&#955;&#940; &#964;&#8182;&#957; &#945;&#957;&#952;&#961;&#969;&#960;&#943;&#957;&#969;&#957;.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_99">S.&nbsp;99</a>, Z. 10 v. u.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Schelling</em>, Von der Weltseele,
-Werke, Stuttgart und Augsburg, 1857, Abt. I, Bd. II, S.&nbsp;489: So
-ist wohl das Gesetz der Polaritt ein allgemeines Weltgesetz.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_101">S.&nbsp;101</a>, Z. 4&nbsp;ff.</b>) Gemeint sind hier die mit groem Recht
-sehr bekannt gewordenen hervorragenden Aufstze von Wilhelm
-<em class="gesperrt">Dilthey</em>, Ideen ber eine beschreibende und zergliedernde Psychologie,
-Sitzungsberichte der kgl. preuischen Akademie der Wissenschaften,
-1894, S.&nbsp;1309&ndash;1407. Beitrge zum Studium der Individualitt,
-ibid. 1896, S.&nbsp;295&ndash;335. Im ersten Aufsatz heit es
-z.&nbsp;B. (S.&nbsp;1322): In den Werken der Dichter, in den Reflexionen
-ber das Leben, wie groe Schriftsteller sie ausgesprochen haben,
-ist ein Verstndnis des Menschen enthalten, hinter welchem alle,
-erklrende Psychologie weit zurckbleibt. Im zweiten Aufsatz
-(S.&nbsp;299, Anm.): Ich erwarte eine .... berzeugende Zergliederung
-.... auch der heroischen Willenshandlung, welche sich zu opfern
-und das sinnliche Dasein wegzuwerfen vermag.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_104">S.&nbsp;104</a>, Z. 16 v. u.</b>) Vgl. Heinrich <em class="gesperrt">Rickert</em>, Die Grenzen
-der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Freiburg im Breisgau
-1902, S.&nbsp;545: Die atomisierende Individual-Psychologie sieht alle
-<em class="gesperrt">Individuen</em> als gleich an und <em class="gesperrt">mu es als allgemeinste Theorie
-vom Seelenleben tun</em>, die individualistische <em class="gesperrt">Geschichtsschreibung</em>
-richtet ihr Interesse auf individuelle Differenzen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_104">S.&nbsp;104</a>, Z. 11 v. u.</b>) Man vergleiche die Kontroversen zwischen
-G. v. <em class="gesperrt">Below</em> und Karl <em class="gesperrt">Lamprecht</em> ber die historische Methode
-und das Verhltnis der soziologischen Geschichtsschreibung zur
-Individualitt aus den Jahren 1898 und 1899.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_507" id="Seite_507">[S. 507]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_104">S.&nbsp;104</a>, Z. 7 v. u.</b>) Kein wissenschaftlicher Kopf kann je
-erschpfen, kein Fortschritt der Wissenschaft kann erreichen, was
-der Knstler ber den Inhalt des Lebens zu sagen hat. Die Kunst
-ist das Organ des Lebensverstndnisses. <em class="gesperrt">Dilthey</em>, Beitrge zum
-Studium der Individualitt, Berliner Sitzungsberichte, 1896, p. 306.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_2" id="Zu_Teil_II_Kapitel_2">Zu Teil II, Kapitel 2.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_106">S.&nbsp;106</a>, Z. 3&nbsp;f.</b>) Die Motti aus <em class="gesperrt">Kant</em>, Anthropologie in pragmatischer
-Hinsicht, Zweiter Teil B. (S.&nbsp;229 ed. Kirchmann);
-<em class="gesperrt">Nietzsche</em>, Jenseits von Gut und Bse, Aphorismus 232.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_106">S.&nbsp;106</a>, Z. 19.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em> a. a. O. (S.&nbsp;228).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_107">S.&nbsp;107</a>, Z. 22.</b>) ... die beachtenswerte Erscheinung, da,
-whrend jedes Weib, wenn beim Generationsakte berrascht, vor
-Scham vergehen mchte, sie hingegen ihre Schwangerschaft, ohne
-eine Spur von Scham, ja mit einer Art Stolz, zur Schau trgt; da
-doch berall ein unfehlbar sicheres Zeichen als gleichbedeutend mit
-der bezeichneten Sache selbst genommen wird, daher denn auch
-jedes andere Zeichen des vollzogenen Koitus das Weib im hchsten
-Grade beschmt; nur allein die Schwangerschaft nicht. <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>,
-Parerga, II, 166.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_107">S.&nbsp;107</a>, Z. 9.</b>) Ich glaube es rechtfertigen zu knnen, da
-ich zwei Psychologinnen, die mir durch Arbeiten bekannt waren,
-im Texte bergangen habe; denn die eine ist eine amerikanische
-Experimentatorin, die andere die russische Verfasserin einer schlechten
-Geschichte des Apperzeptionsbegriffes.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_107">S.&nbsp;107</a>, Z. 5 v. u.</b>) Das Beste ber das schwangere Weib
-und das, was in ihm vorgeht, ist in einem leider bis jetzt ungedruckten
-Gedichte eines noch unbekannten <em class="gesperrt">mnnlichen</em> Dichters
-gesagt, dessen Wiedergabe an dieser Stelle mir gestattet wurde;
-wofr ich hier um so mehr meinen Dank sage, als ich selbst auf
-das psychologische Problem der Schwangerschaft auch im zehnten
-Kapitel nicht nher eingegangen bin.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Geheimnisvolle Krfte schlingen<br /></span>
-<span class="i0">Um mich ein nie gekanntes Walten.<br /></span>
-<span class="i0">Ich hr' ein liebend zartes Klingen,<br /></span>
-<span class="i0">Und alles will sich neu entfalten.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Mir ist, als ob Natur sich neige<br /></span>
-<span class="i0">In Ehrfurcht, wo ich leise gehe,<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Als ob der Baum dem Baum mich zeige</em>,<br /></span>
-<span class="i0">Da er mich staunend schreiten sehe.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ich fhle mich so hoch erhoben,<br /></span>
-<span class="i0">Ein jedes Wesen ist mir nah,<br /></span>
-<span class="i0">Mir hat sich die Natur verwoben,<br /></span>
-<span class="i0">Seit mir so hohes Glck geschah.<br /></span>
-</div></div>
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_508" id="Seite_508">[S. 508]</a></span>
-<span class="i0">Es schlft in mir, was nie noch lebte,<br /></span>
-<span class="i0">Ein Wunder, das ein Traum gebar:<br /></span>
-<span class="i0">Natur so ahnungsvoll erbebte,<br /></span>
-<span class="i0">Weil hier ein neues Wesen war.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_108">S.&nbsp;108</a>, Z. 8 v. u. f.</b>) So unter anderen Guglielmo <em class="gesperrt">Ferrero</em>,
-Woman's Sphere in Art, New Review, November 1893 (citiert nach
-Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em>).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_108">S.&nbsp;108</a>, Z. 5 v. u. f.</b>) Die Forscher scheinen eher der
-Meinung von der geringeren Intensitt des Geschlechtstriebes beim
-Weibe zu huldigen (z.&nbsp;B. <em class="gesperrt">Hegar</em>, Der Geschlechtstrieb, 1894, S.&nbsp;6),
-die praktischen Frauenkenner sind fast alle in groer Entschiedenheit
-der entgegengesetzten Ansicht.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_109">S.&nbsp;109</a>, Z. 4 v. u.</b>) Da beim Weibe die Wollust nicht wie
-beim Manne durch irgend eine Ejakulation vermittelt sein kann,
-fhrt <em class="gesperrt">Moll</em> aus (Untersuchungen, I, S.&nbsp;8&nbsp;ff.). Vgl. auch <em class="gesperrt">Chrobak-Rosthorn</em>,
-Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane,
-Wien 1900 (aus Nothnagels Spezieller Pathologie und Therapie),
-Bd. I, S.&nbsp;423&nbsp;f.: Wir mssen mit <em class="gesperrt">Moll</em> einen Detumeszenz- (Entleerungs-),
-vielleicht richtiger Depletionstrieb, und einen Kontrektations- (Berhrungs-)trieb
-... annehmen. Viel schwieriger steht die Frage
-dem Weibe gegenber, bei welchem wir ... insofern keine Analogie
-mit dem Vorgang beim Manne finden knnen, als eine <em class="gesperrt">Ejakulation</em>
-von <em class="gesperrt">Keimzellen</em> nicht stattfindet ... Es kommt allerdings auch
-bei Frauen unter der Kohabitation hufig ein Flssigkeitsergu aus
-den Bartholinschen Drsen unter Bewegungen der Musculi ischio-et
-bulbo-cavernosi zustande, es findet auch eine Abschwellung der
-ebenfalls durch Muskelbewegungen strotzend gefllten und dadurch
-vielleicht ein Unlustgefhl erzeugenden Gefe (an den Schwellkrpern
-der Klitoris) statt, doch betrifft diese Entleerung einesteils
-nicht die keimbereitenden Organe, anderseits scheint sich diese
-sogenannte Ejakulation oft genug nicht einzustellen, <em class="gesperrt">ohne da
-hiedurch das Gefhl der sexuellen Befriedigung verhindert</em>
-wrde.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_109">S.&nbsp;109</a>, Z. 10.</b>) Die <em class="gesperrt">Moll</em>sche Unterscheidung in dessen
-Bchern: Die kontrre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899,
-S.&nbsp;2. Untersuchungen ber die Libido sexualis, 1897, Bd. I, S.&nbsp;10.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_112">S.&nbsp;112</a>, Z. 7.</b>) Daraus, da W selbst durchaus und berall
-Sexualitt ist, wird leicht erklrlich, da man beim Weibchen in der
-ganzen Zoologie gar nicht eigentlich von sekundren Geschlechtscharakteren
-im selben Sinne reden kann wie beim Manne. Weibchen
-bieten selten merkwrdige sexuelle Charaktere (<em class="gesperrt">Darwin</em>, Entstehung
-der Arten, S.&nbsp;201, ed. Haek).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_115">S.&nbsp;115</a>, Z. 15 v. u. f.</b>) Auch unter den Tieren bildet bei den
-Mnnchen die Brunstzeit einen viel strkeren Gegensatz zu ihrem
-sonstigen Leben als bei den Weibchen. Man vergleiche, um ein<span class="pagenum"><a name="Seite_509" id="Seite_509">[S. 509]</a></span>
-Beispiel statt vieler anzufhren, wie Friedrich <em class="gesperrt">Miescher</em> den
-Rheinlachs vor und whrend der Laichzeit schildert (Die histochemischen
-und physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig 1897,
-Bd. II, S.&nbsp;123): Wenn man etwa im Dezember einen mnnlichen
-Salm, sogenannten Wintersalm sieht, mit klarem, blulich schimmerndem
-Schuppenkleid, der schnen Rundung des Leibes, mit der
-kurzen Schnauze ... ohne jede Spur von Hakenbildung ... und
-man daneben den bekannten Hakenlachs erblickt, mit einer Nase
-von doppelter Lnge, einer berhaupt ganz vernderten Physiognomie
-des Vorderkopfes, mit der tigerartig rot und schwarz gefleckten,
-von Epithelwucherung trben, dicken Hautschwarte, dem abgeplatteten
-Krper und den dnnen schlotternden Bauchwnden, so hat man
-immer wieder Mhe, sich zu berreden, da dies Exemplare einer
-und derselben Spezies seien. Etwas geringer ist der Gegensatz beim
-weiblichen Exemplar. Die Lnge und Form der Schnauze ist nicht
-wesentlich verschieden; die roten Flecken an Kopf und Leib, beim
-Winterlachs gnzlich fehlend, sind beim weiblichen Laichlachs
-schwcher entwickelt als beim Mnnchen; die Haut ist getrbt und
-wie unrein, doch nicht so stark verdickt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_115">S.&nbsp;115</a>, Z. 10 v. u.</b>) Ein sehr hervorragender, aber merkwrdig
-wenig beachteter Aufsatz von Oskar <em class="gesperrt">Friedlnder</em> (Eine
-fr Viele, eine psychologische Studie, Die Gesellschaft, Mnchener
-Halbmonatsschrift, XVIII. Jahrgang, 1902, Heft 15/16, S.&nbsp;166)
-nhert sich in diesem Punkte meiner Auffassung so weit, da ich
-ihn hier, wie noch mehrfach, citieren mu: Sicherlich, der Geschlechtstrieb
-tritt beim Manne heftiger und ungestmer auf als
-beim Weibe. Es liegt dies wohl weniger an dem verschiedenen
-Grade der Intensitt als daran, da im mnnlichen Geiste die
-heterogensten Elemente aus allen psychischen Gebieten zusammenkommen,
-die um die Vorherrschaft kmpfen und die sexuellen
-Instinkte zu verdrngen suchen, und diese durch die Kontrastwirkung
-desto strker empfunden werden, whrend ihre gleichmige
-Verteilung ber <em class="gesperrt">die ganze Seele</em> des Weibes ... sie nicht mit
-besonderer Schrfe zur Abhebung kommen lt.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_3" id="Zu_Teil_II_Kapitel_3">Zu Teil II, Kapitel 3.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_117">S.&nbsp;117</a>, Z. 6 v. u.</b>) Begierde und Gefhl sind nur Arten,
-wie unsere Vorstellungen sich im Bewutsein befinden. Joh. Friedr.
-<em class="gesperrt">Herbart</em>, Psychologie als Wissenschaft, neu gegrndet auf Erfahrung,
-Metaphysik und Mathematik, II. (analytischer) Teil, 104
-(Werke VI, S.&nbsp;60, ed. Kehrbach, Langensalza 1887).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_117">S.&nbsp;117</a>, Z. 5 v. u.</b>) A. <em class="gesperrt">Horwicz</em>, Psychologische Analysen
-auf physiologischer Grundlage, Ein Versuch zur Neubegrndung der
-Seelenlehre, II/1, Die Analyse des Denkens, Halle 1875, S.&nbsp;177&nbsp;f.:<span class="pagenum"><a name="Seite_510" id="Seite_510">[S. 510]</a></span>
-Das Gefhl ist unserer Auffassung gem das frheste, elementarste
-Gebilde des Seelenlebens, es ist der frheste und einzige Inhalt des
-Bewutseins, die Triebfeder der ganzen seelischen Entwicklung. Wie
-verhlt sich nun hiezu das Denken?... Das Denken ist eine
-Folgeerscheinung des Gefhls, wie es auch die Bewegung ist, es
-ist die ureigenste Dialektik der Triebe ... der strker gebte, von
-anderen unterschiedene Trieb gibt durchdachte, geordnete, aus einer
-Anzahl von gelufigen Bewegungen ausgewhlte Bewegungen, das
-ist durchdachtes Denken. II/2, Die Analyse der qualitativen Gefhle,
-Magdeburg 1878, S.&nbsp;59: Es [das Gefhl] ist die allgemeinste
-elementarste Form des Bewutseins, in dieser allereinfachsten Gestalt
-[bei Tieren und Pflanzen] freilich nur ein ganz schwaches,
-dunkles Bewutsein, mehr ein brtendes Ahnen als ein Erkennen
-und Wissen. Aber es bedarf, um deutliches und klares Bewutsein
-zu werden, keiner weiteren fraglichen Zutaten, sondern nur der Vervielfachung
-und intensiven Gradsteigerung. Vgl. Wilhelm <em class="gesperrt">Wundt</em>,
-ber das Verhltnis der Gefhle zu den Vorstellungen, Vierteljahrsschrift
-fr wissenschaftliche Philosophie, III, 1879, S.&nbsp;129&ndash;151,
-und Horwicz' Antwort: ber das Verhltnis der Gefhle zu den
-Vorstellungen und die Frage nach dem psychischen Grundprozesse,
-a. a. O., S.&nbsp;308&ndash;341.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_118">S.&nbsp;118</a>, Z. 18.</b>) ber solche Feelings of tendency vgl.
-William <em class="gesperrt">James</em>, The Principles of Psychology, New-York 1890,
-Vol. I, p. 254.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_118">S.&nbsp;118</a>, Z. 18 v. u.</b>) Vgl. besonders <em class="gesperrt">Leibnitii</em> Meditationes de
-cognitione, veritate et ideis Acta eruditorum, Lips., November 1684,
-p. 537&nbsp;f. (p. 79&nbsp;f. ed. Erdmann).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_118">S.&nbsp;118</a>, Z. 14 v. u.</b>) Wilhelm <em class="gesperrt">Wundt</em>, Grundzge der
-physiologischen Psychologie, 5. Aufl., Leipzig 1902, Bd. II, S.&nbsp;286&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_118">S.&nbsp;118</a>, Z. 6 v. u.</b>) Richard <em class="gesperrt">Avenarius</em>, Kritik der reinen
-Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S.&nbsp;16. Der menschliche Weltbegriff,
-Leipzig 1891, S.&nbsp;1&nbsp;f. Vgl. Joseph <em class="gesperrt">Petzoldt</em>, Einfhrung in die
-Philosophie der reinen Erfahrung, Bd. I, Die Bestimmtheit der
-Seele, Leipzig 1900, S.&nbsp;112&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_118">S.&nbsp;118</a>, Z. 5 v. u.</b>) ber die verschiedenen Bedeutungen des
-Wortes Charakter (welches auch in dieser Schrift in dreifach verschiedener
-Anwendung, doch unter Vermeidung aller quivokationen
-gebraucht werden mute) vgl. Rudolf <em class="gesperrt">Eucken</em>, Die Grundbegriffe
-der Gegenwart, historisch und kritisch entwickelt, 1893, S.&nbsp;273&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_119">S.&nbsp;119</a>, Z. 14.</b>) Die <em class="gesperrt">Avenarius</em>sche Zusammenstellung von
-Wahrnehmungs- und Gedchtnisbild hat unter den spteren Psychologen
-blo Oswald <em class="gesperrt">Klpe</em> acceptiert, welcher in seinem Grundri
-der Psychologie, auf experimenteller Grundlage dargestellt (Leipzig
-1893), S.&nbsp;174&nbsp;ff., in terminologisch freilich durchaus nicht einwandfreier<span class="pagenum"><a name="Seite_511" id="Seite_511">[S. 511]</a></span>
-Weise die Lehre vom Gedchtnis als die Lehre von den
-zentral erregten Empfindungen abhandelt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_120">S.&nbsp;120</a>, Z. 8 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Petzoldt</em> a. a. O., S.&nbsp;138&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_121">S.&nbsp;121</a>, Z. 7 v. u. f.</b>) Vgl. A. <em class="gesperrt">Kunkel</em>, ber die Abhngigkeit
-der Farbenempfindung von der Zeit, Archiv fr die gesamte
-Physiologie der Menschen und der Tiere, IX, 1874, S.&nbsp;215. Hiezu
-weiter <em class="gesperrt">Fechner</em>, Elemente der Psychophysik, 1. Aufl., Leipzig 1860,
-Bd. I, S.&nbsp;249&nbsp;f.; Oswald <em class="gesperrt">Klpe</em>, Grundri der Psychologie, S.&nbsp;131,
-210; Hermann <em class="gesperrt">Ebbinghaus</em>, Grundzge der Psychologie, Leipzig
-1902, S.&nbsp;230.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_122">S.&nbsp;122</a>, Z. 4 v. u.</b>) Johann Gottlieb <em class="gesperrt">Fichte</em>, ber den Begriff
-der Wissenschaftslehre (Werke I/1, Berlin 1845, S.&nbsp;73) Der
-menschliche Geist macht mancherlei Versuche: er kommt durch
-blindes Herumtappen zur Dmmerung, und geht erst aus dieser
-zum hellen Tag ber. Er wird anfangs durch dunkle Gefhle ...
-geleitet .... <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Parerga, I, 14 (Werke IV,
-S.&nbsp;159&nbsp;f., ed. Grisebach): Im allgemeinen ... ist ber diesen
-Punkt zu sagen, da von jeder groen Wahrheit sich, ehe
-sie gefunden wird, ein Vorgefhl kundgibt, eine Ahndung, ein undeutliches
-Bild, wie im Nebel, und ein vergebliches Haschen, sie zu
-ergreifen; weil eben die Fortschritte der Zeit sie vorbereitet haben.
-Demgem prludieren dann vereinzelte Aussprche. Allein, nur wer
-eine Wahrheit aus ihren Grnden erkannt und in ihren Folgen
-durchdacht, ihren ganzen Inhalt entwickelt, den Umfang ihres Bereiches
-bersehen und sie sonach mit vollem Bewutsein ihres
-Wertes und ihrer Wichtigkeit, deutlich und zusammenhngend, dargelegt
-hat, der ist ihr Urheber. Da sie hingegen, in alter und
-neuer Zeit, irgend einmal mit halbem Bewutsein und fast wie ein
-Reden im Schlaf ausgesprochen worden und demnach sich daselbst
-finden lt, wenn man hinterher danach sucht, bedeutet, wenn sie
-auch totidem verbis dasteht, nicht viel mehr, als wre es totidem
-litteris; gleichwie der Finder einer Sache nur der ist, welcher sie,
-ihren Wert erkennend, aufhob und bewahrte; nicht aber der,
-welcher sie zufllig einmal in die Hand nahm und wieder fallen
-lie; oder wie Kolumbus der Entdecker Amerikas ist, nicht aber der
-erste Schiffbrchige, den die Wellen dort einmal abwarfen. Dies
-eben ist der Sinn des Donatischen pereant qui ante nos nostra
-dixerunt. Noch treffender sagt <em class="gesperrt">Kant</em>: Dergleichen allgemeine und
-dennoch bestimmte Prinzipien lernt man nicht leicht von anderen,
-denen sie nur dunkel vorgeschwebt haben. Man mu durch eigenes
-Nachdenken zuvor selbst darauf gekommen sein, danach findet man
-sie auch anderwrts, wo man sie gewi nicht zuerst wrde angetroffen
-haben, weil die Verfasser selbst nicht einmal wuten, da
-ihren Bemerkungen eine solche Idee zum Grunde liege. <em class="gesperrt">Die so
-niemals selbst denken, besitzen dennoch die Scharfsichtigkeit,<span class="pagenum"><a name="Seite_512" id="Seite_512">[S. 512]</a></span>
-alles, nachdem es ihnen gezeigt worden, in
-demjenigen, was sonst schon gesagt worden, aufzufinden,
-wo es doch vorher niemand entdecken konnte.</em> (Prolegomena
-zu jeder knftigen Metaphysik, 3, gegen Ende.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_122">S.&nbsp;122</a>, Z. 8&nbsp;f.</b>) Das Citat aus <em class="gesperrt">Nietzsche</em>, Also sprach
-Zarathustra, III. Buch, Kap.: Der Genesende.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_124">S.&nbsp;124</a>, Z. 11 v. u.</b>) S. <em class="gesperrt">Exner</em>, Entwurf zu einer physiologischen
-Erklrung der psychischen Erscheinungen, I. Teil, Leipzig
-und Wien 1894, S.&nbsp;76&nbsp;ff. Vgl. H. <em class="gesperrt">Hffding</em>, Vierteljahrschr. f.
-wiss. Philos. 13, 1889, S.&nbsp;431.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_125">S.&nbsp;125</a>, Z. 3 v. o.</b>) <em class="gesperrt">Avenarius</em>, Kritik der reinen Erfahrung,
-Bd. I, Leipzig 1888, S.&nbsp;77; Bd. II, Leipzig 1890, S.&nbsp;57. brigens
-schlgt den gleichen Ausdruck in hnlichem Falle Wilhelm <em class="gesperrt">Dilthey</em>
-vor, Ideen ber eine beschreibende und zergliedernde Psychologie,
-Berliner Sitzungsberichte, 1894, S.&nbsp;1387.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_126">S.&nbsp;126</a>, Z. 14.</b>) Wahrscheinlicher jedoch als die <em class="gesperrt">Exner</em>sche
-Theorie dnkt mich jetzt folgende Vermutung. Der Parallelismus
-zwischen Phylo- und Ontogenese, das biogenetische Grundgesetz
-wird gewhnlich konstatiert, ohne da man weiter darber nachdenkt,
-<em class="gesperrt">warum</em> die Entwicklung des Individuums immer die Geschichte
-der Gattung wiederhole; so eilig hat man es eben, die
-Tatsache fr die Deszendenzlehre und besonders fr ihre ungeteilte
-Anwendung auf den Menschen auszubeuten. Vielleicht liegt aber in
-der Entwicklung von der Henide zum differenzierten Inhalt ein
-Parallelproze zu jener Erscheinung vor, der ihre bisherige Isoliertheit
-und Rtselhaftigkeit aufheben knnte.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_128">S.&nbsp;128</a>, Z. 13&nbsp;f.</b>) ber die falsche populre Annahme einer
-allgemeinen greren Sinnesempfindlichkeit beim Weibe, eine Annahme,
-die Sensibilitt mit Emotivitt und Irritabilitt verwechselt,
-vgl. Havelock <em class="gesperrt">Ellis</em>, Mann und Weib, S.&nbsp;153&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_129">S.&nbsp;129</a>, Z. 9 v. o.</b>) Vgl. Ernst <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Mechanik in ihrer
-Entwicklung, historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901,
-S.&nbsp;1&nbsp;f., 28&nbsp;f. Die Prinzipien der Wrmelehre, historisch-kritisch entwickelt,
-2. Aufl., Leipzig 1900, S.&nbsp;151.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_4" id="Zu_Teil_II_Kapitel_4">Zu Teil II, Kapitel 4.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_131">S.&nbsp;131</a>, Z. 1&nbsp;f.</b>) Die Bestimmungen, zu welchen dieses Kapitel
-ber das Wesen der Genialitt gelangt, sind ganz provisorisch und
-knnen erst nach der Lektre des achten Kapitels verstanden werden,
-das sie wieder aufnimmt, aber in einem weit greren Ganzen zeigt
-und darum erst eigentlich begrndet.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_134">S.&nbsp;134</a>, Z. 12 v. u.</b>) ber das <em class="gesperrt">Verstehen</em> der Menschen
-und menschlicher uerungen ist in der wissenschaftlich-psychologischen
-Literatur bezeichnend wenig zu finden. Nur Wilhelm<span class="pagenum"><a name="Seite_513" id="Seite_513">[S. 513]</a></span>
-<em class="gesperrt">Dilthey</em> bemerkt (Beitrge zum Studium der Individualitt, Berliner
-Sitzungsberichte, 1896, S.&nbsp;309&nbsp;ff.): Wir knnen zunchst das Verstehen
-eines fremden Zustandes als einen Analogieschlu auffassen,
-der von einem <em class="gesperrt">ueren physischen</em> Vorgang vermittels seiner
-<em class="gesperrt">hnlichkeit</em> mit <em class="gesperrt">solchen</em> Vorgngen, die wir mit bestimmten
-<em class="gesperrt">inneren</em> Zustnden verbunden finden, auf einen diesen <em class="gesperrt">hnlichen
-inneren</em> Zustand hingeht ..... Die Glieder des Nachbildungsvorganges
-sind gar nicht blo durch logische Operationen, etwa
-durch einen Analogieschlu, miteinander verbunden. Nachbilden ist
-eben ein Nacherleben. Ein rtselhafter Tatbestand! Wir knnen dies
-etwa, wie ein Urphnomen, darauf zurckfhren, da wir fremde
-Zustnde in einem gewissen Grade wie die eigenen fhlen, uns mitfreuen
-und mittrauern knnen, zunchst je nach dem Grade der
-Sympathie, Liebe oder Verwandtschaft mit anderen Personen. Die
-Verwandtschaft dieser Tatsache mit dem nachbildenden Verstehen
-ergibt sich aus mehreren Umstnden. Auch das Verstehen ist von
-dem Mae der Sympathie abhngig, und ganz unsympathische
-Menschen verstehen wir berhaupt nicht mehr. Ferner offenbart sich
-die Verwandtschaft des Mitgefhls mit dem nachbildenden Verstehen
-sehr deutlich, wenn wir vor der Bhne sitzen! ..... Gem
-diesen Verhltnissen hat auch die <em class="gesperrt">wissenschaftliche Auslegung
-oder Interpretation</em> als das kunstmig nachbildende Verstehen
-immer etwas Genialisches, das heit, sie erlangt erst durch innere
-Verwandtschaft und Sympathie einen hohen Grad von Vollendung.
-So wurden die Werke der Alten erst im Zeitalter der Renaissance
-ganz wiederverstanden, als hnliche Verhltnisse eine Verwandtschaft
-der Menschen zur Folge hatten ..... Es gibt keinen wissenschaftlichen
-Proze, welcher dieses lebendige Nachbilden als untergeordnetes
-Moment hinter sich zu lassen vermchte. Hier ist der
-mtterliche Boden, aus dem auch die abstraktesten Operationen der
-Geisteswissenschaften immer wieder ihre Kraft ziehen mssen. <em class="gesperrt">Nie
-kann hier Verstehen in rationales Begreifen aufgehoben
-werden. Es ist umsonst, aus Umstnden aller Art den
-Helden oder den Genius begreiflich machen zu wollen.
-Der eigenste Zugang zu ihm ist der subjektive.</em> .....
-(S.&nbsp;314&nbsp;f.): Die lteren Maler strebten, die bleibenden Zge der
-Physiognomie in einem idealen Moment, der fr dieselben am
-meisten prgnant und bezeichnend ist, zu sammeln. Mchte nun
-eine neue Schule den momentanen Eindruck festhalten, um so den
-Eindruck des Lebens zu steigern: so gibt sie die Personen an die
-Zuflligkeit des Momentes hin. Und auch in diesem findet ja eine
-Auffassung des Inbegriffs von Eindrcken eines gegebenen Momentes
-unter der Einwirkung des erworbenen seelischen Zusammenhanges
-statt; eben in dieser Apperzeption entspringt die Verbindung der
-Zge von einem gefhlten Eindruckspunkt aus, welche Auslassungen
-und Betonungen bedingt: so entsteht ein Momentbild ebenso der<span class="pagenum"><a name="Seite_514" id="Seite_514">[S. 514]</a></span>
-Apperzeptionsweise des Malers als des Gegenstandes, und jede Bemhung
-zu sehen ohne zu apperzipieren, so gleichsam das sinnliche
-Bild in Farben auf einer Platte aufzulsen, mu milingen.
-Was noch tiefer fhrt, der Eindruckspunkt ist schlielich durch das
-Verhltnis irgend einer Lebendigkeit zu der meinigen bedingt, ich
-finde mich in meinem Lebenszusammenhang von etwas Wirkendem
-in einer Natur innerlich berhrt; ich verstehe von diesem Lebenspunkt
-aus die dorthin konvergierenden Zge. So entsteht ein Typus.
-Ein Individuum war das Original: ein Typus ist jedes echte Portrt,
-geschweige denn in einem Figurengemlde. Auch die Poesie kann
-nicht abschreiben, was vor sich geht u.&nbsp;s.&nbsp;w. Sonst ist nur die sehr
-interessante und originelle Arbeit von Hermann <em class="gesperrt">Swoboda</em>, Verstehen
-und Begreifen, Vierteljahrsschrift fr wissenschaftliche
-Philosophie, XXVII, 1903, Heft 2, zu nennen. <em class="gesperrt">Swoboda</em> hlt wie
-Dilthey die Gleichheit respektive Verwandtschaft fr das <em class="gesperrt">einzige</em>
-Erfordernis des Verstndnisses; hierin weiche ich von beiden ab.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_139">S.&nbsp;139</a>, Z. 17.</b>) Richard <em class="gesperrt">Wagner</em>, Gesammelte Schriften und
-Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. VI, S.&nbsp;128.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_142">S.&nbsp;142</a>, Z. 7 v. o.</b>) Es gibt nur Universalgenies: &#8003;&#957; &#947;&#8048;&#961;
-&#7936;&#960;&#941;&#963;&#964;&#949;&#953;&#955;&#949;&#957; &#8001; &#952;&#949;&#972;&#962;, &#964;&#8048; &#8165;&#942;&#956;&#945;&#964;&#945; &#964;&#959;&#965; &#952;&#949;&#959;&#965; &#955;&#945;&#955;&#949;&#953;&#903; &#959;&#8016; &#947;&#8048;&#961; &#7952;&#954; &#956;&#941;&#964;&#961;&#959;&#965;
-&#948;&#943;&#948;&#969;&#963;&#953;&#957; &#964;&#8056; &#960;&#957;&#949;&#8166;&#956;&#945;. (<em class="gesperrt">Evang. Joh.</em> 3, 34.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_142">S.&nbsp;142</a>, Z. 16 v. u.</b>) Die hier gergte Verwechslung kommt
-besonders deutlich zum Vorschein bei Franz <em class="gesperrt">Brentano</em>, Das Genie,
-ein Vortrag, Leipzig 1892, S.&nbsp;11: Jedes Genie hat sein eigentmliches
-Gebiet; nicht blo gibt es kein Universalgenie im vollen
-Sinne des Wortes, sondern meist hat die Genialitt auch in der
-einzelnen Kunstgattung engere Grenzen. So war z.&nbsp;B. Pindar ein
-genialer Lyriker und nichts weiter. Wre diese populre Ansicht
-haltbar, so mte man den Dichter und Maler Rossetti ber den
-bloen Dichter Dante stellen, Novalis hher halten als Kant und
-Lionardo da Vinci fr den grten Menschen ansehen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_143">S.&nbsp;143</a>, Z. 10 v. u.</b>) Hiemit stimmt <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> berzeugung
-berein (Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 31,
-S.&nbsp;447, ed. Frauenstdt): Weiber knnen bedeutendes Talent, aber
-kein Genie haben.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_144">S.&nbsp;144</a>, Z. 11 v. o.</b>) ber das Verhltnis der anderen
-Menschen zum Helden Thomas <em class="gesperrt">Carlyle</em>, On Heroes, Hero-Worship
-and the Heroic in History, London, Chapman and Hall, p. 10&nbsp;ff.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_5" id="Zu_Teil_II_Kapitel_5">Zu Teil II, Kapitel 5.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_145">S.&nbsp;145</a>, Z. 5 v. u.</b>) Anderthalb Jahre nach Niederschrift dieser
-Partien fand ich in <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Nachla (Neue Paralipomena,
- 143) eine Stelle, die einzige mir in der gesamten Literatur bekannt
-gewordene, in der eine Ahnung des Zusammenhanges zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_515" id="Seite_515">[S. 515]</a></span>
-Genialitt und Gedchtnis sich uert. Sie lautet: Ob nicht alles
-Genie seine Wurzel hat in der Vollkommenheit und Lebhaftigkeit
-der Rckerinnerung des eigenen Lebenslaufes? Denn nur vermge
-dieser, die eigentlich unser Leben zu einem groen Ganzen verbindet,
-erlangen wir ein umfassenderes und tieferes Verstndnis desselben,
-als die brigen haben.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_146">S.&nbsp;146</a>, Z. 5&nbsp;f.</b>) David <em class="gesperrt">Hume</em> fragt einmal (A Treatise of
-Human Nature, 1. Ausgabe, London 1738, Vol. I, p. 455): Who
-can tell me, for instance, what were his thoughts and actions on
-the first of January 1715, the 11. of March 1719 and the 3. of
-August 1733? Das vollkommene Genie mte dies von allen Tagen
-seines Lebens mit Sicherheit wissen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_150">S.&nbsp;150</a>, Z. 4&nbsp;ff.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Goethe</em>, Dichtung und Wahrheit,
-III. Teil XIV. Buch (Bd. XXIV, S.&nbsp;141 der Hesseschen Ausgabe):
-Ein Gefhl aber, das bei mir gewaltig berhand nahm und sich
-nicht wundersam genug uern konnte, war die Empfindung der
-Vergangenheit und Gegenwart in eins: eine Anschauung, die etwas
-Gespenstermiges in die Gegenwart brachte. Sie ist in vielen meiner
-greren und kleineren Arbeiten ausgedrckt und wirkt im Gedicht
-immer wohlttig, ob sie gleich im Augenblicke, wo sie sich unmittelbar
-am Leben und im Leben selbst ausdrckte, jedermann
-seltsam, unerklrlich, vielleicht unerfreulich scheinen mute.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_152">S.&nbsp;152</a>, Z. 5 v. u. f.</b>) Der Erfolg der Sngerinnen hatte im
-Laufe des XVII. Jahrhunderts der Frau jede Gelegenheit auch der
-theoretisch-musikalischen Ausbildung erffnet. Unzulngliche Vorbildung
-kann also in der Komposition als Grund fr die minderwertige
-weibliche Leistung nicht gelten. So Adele <em class="gesperrt">Gerhardt</em> und
-Helene <em class="gesperrt">Simon</em>, Mutterschaft und geistige Arbeit, S.&nbsp;74; ich citiere
-diese Stelle auch, um <em class="gesperrt">Mills</em> geistreichen Syllogismus anzufhren:
-Man unterrichtet die Frauen in der Musik, aber nicht damit sie
-komponieren, sondern nur damit sie ausben knnen, und <em class="gesperrt">folglich</em>
-sind in der Musik die Mnner den Frauen als Komponisten berlegen.
-(Die Hrigkeit der Frau, bersetzt von Jenny Hirsch, Berlin
-1869, S.&nbsp;126.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_152">S.&nbsp;152</a>, Z. 2 v. u. f.</b>) Die Angabe ber die Malerinnen etc.
-nach <em class="gesperrt">Guhl</em>, Die Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858,
-S.&nbsp;150.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_153">S.&nbsp;153</a>, Z. 10 v. u.</b>) A mesure qu'on a plus d'esprit, on
-trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne
-trouvent pas de diffrence entre les hommes. (<em class="gesperrt">Pascal</em>, Penses,
-I, 10, 1.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_154">S.&nbsp;154</a>, Z. 5 v. u.</b>) Hiemit stimmt berein, was <em class="gesperrt">Helvetius</em>
-(nach J. B. <em class="gesperrt">Meyer</em>, Genie und Talent, Eine prinzipielle Betrachtung,
-Zeitschrift fr Vlkerpsychologie, Bd. XI, 1880, S.&nbsp;298) und
-<em class="gesperrt">Schopenhauer</em> (Parerga und Paralipomena II, 53) ber den nur<span class="pagenum"><a name="Seite_516" id="Seite_516">[S. 516]</a></span>
-dem Grade nach bestehenden Unterschied zwischen dem Genie
-und den Normalkpfen lehren. Vgl. auch <em class="gesperrt">Jean Paul</em>, Vorschule der
-sthetik, 8: Wie knnte denn ein Genie nur einen Monat, geschweige
-Jahrtausende lang von der ungleichartigen Menge erduldet
-oder gar erhoben werden ohne irgend eine ausgemachte Familienhnlichkeit
-mit ihr?</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_155">S.&nbsp;155</a>, Z. 9&nbsp;ff.</b>) Man vergleiche die Autobiographie der bedeutenden
-Menschen mit denen minder hervorragender Mnner.
-Jene reichen stets weiter zurck (<em class="gesperrt">Goethe</em>, <em class="gesperrt">Hebbel</em>, <em class="gesperrt">Grillparzer</em>,
-Richard <em class="gesperrt">Wagner</em>, <em class="gesperrt">Jean Paul</em> u.&nbsp;s.&nbsp;w.). <em class="gesperrt">Rousseau</em>, Confessions,
-Nouvelle dition, Paris 1875, p. 4: J'ignore ce que je fis jusqu'
-cinq ou six ans. Je ne sais comment j'appris lire; je ne me
-souviens que de mes premires lectures et de leur effet sur moi:
-<em class="gesperrt">c'est le temps d'o je date sans interruption la conscience
-de moi-mme</em>. &mdash; Natrlich ist nicht jeder Biograph seines eigenen
-Lebens ein groer Genius (J. St. <em class="gesperrt">Mill</em>, <em class="gesperrt">Darwin</em>, Benvenuto <em class="gesperrt">Cellini</em>).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_157">S.&nbsp;157</a>, Z. 19 v. u.</b>) Richard <em class="gesperrt">Wagner</em>, Die Meistersinger von
-Nrnberg, III. Akt (Gesammelte Schriften und Dichtungen, Bd. VII,
-Leipzig 1898, S.&nbsp;246).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_157">S.&nbsp;157</a>, Z. 12 v. u.</b>) So bemerkt bereits <em class="gesperrt">Aristoteles</em> (whrend
-<em class="gesperrt">Platon</em> bis auf Timaeus 37 D ff. die Zeit im engeren Sinne nicht
-Problem geworden zu sein scheint), Physika VI, 9, 239 b, 8: &#927;&#8016; &#947;&#8048;&#961;
-&#963;&#8059;&#947;&#954;&#949;&#953;&#964;&#945;&#953; &#8001; &#967;&#961;&#8057;&#957;&#959;&#962; &#7952;&#954; &#964;&#8182;&#957; &#957;&#8166;&#957; &#7936;&#948;&#953;&#945;&#953;&#961;&#8051;&#964;&#969;&#957;.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_158">S.&nbsp;158</a>, Z. 1 v. u.</b>) Wie wenig tief im Wesen der Frau das
-Gedchtnis gegrndet ist, geht daraus hervor, da man in einer
-Frau das Erinnerungsvermgen fr bestimmte Dinge tten kann, indem
-man ihr in der Hypnose verbietet, je wieder derselben zu gedenken.
-Einen solchen Fall entnehme ich einer Erzhlung <em class="gesperrt">Freuds</em> in seinen
-mit <em class="gesperrt">Breuer</em> gemeinsam herausgegebenen Studien ber Hysterie,
-Leipzig und Wien 1895 (S.&nbsp;49): Ich unterbreche sie hier ....
-und nehme ihr die Mglichkeit, alle diese traurigen Dinge wieder zu
-sehen, indem ich nicht nur die plastische Erinnerung verlsche,
-sondern die ganze Reminiszenz aus ihrem Gedchtnisse lse, als ob
-sie nie darin gewesen wre. Und in einer Anmerkung zu dieser
-Stelle fgt <em class="gesperrt">Freud</em> hinzu: Ich bin diesmal in meiner Energie wohl zu
-weit gegangen. Noch 1 Jahre spter, als ich Frau Emmy in relativ
-hohem Wohlbefinden wiedersah, klagte sie mir, <em class="gesperrt">es sei merkwrdig,
-da sie sich an gewisse, sehr wichtige Momente
-ihres Lebens nur hchst ungenau erinnern knne</em>. Sie sah darin
-einen Beweis fr die Abnahme ihres Gedchtnisses, whrend ich
-mich hten mute, ihr die Erklrung fr diese spezielle Amnesie zu
-geben (um einen Rckfall in die Krankheit zu verhindern).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_159">S.&nbsp;159</a>, Z. 9 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Lotze</em>: im Mikrokosmus, 1. Aufl., 1858,
-Bd. II, S.&nbsp;369.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_517" id="Seite_517">[S. 517]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_162">S.&nbsp;162</a>, Z. 17&nbsp;f.</b>) Diese Ableitung aus dem Schein der Bekanntheit
-neuer Situationen bei <em class="gesperrt">Rhys Davids</em>, Der Buddhismus,
-Leipzig, Universalbibliothek, S.&nbsp;107.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_162">S.&nbsp;162</a>, Z. 23.</b>) Edward B. <em class="gesperrt">Tylor</em>, Die Anfnge der Kultur,
-Untersuchungen ber die Entwicklung der Mythologie, Philosophie,
-Religion, Kunst und Sitte, bersetzt von J. W. Spengel und Fr. Poske,
-Leipzig 1873, Bd. II, S.&nbsp;1: Es kann ... nicht nachdrcklich genug
-hervorgehoben werden, da die Lehre von einem zuknftigen Leben,
-wie wir sie selbst bei den niedrigsten Rassen vorfinden, eine durchaus
-notwendige Folge des rohen Animismus ist. &mdash; Herbert <em class="gesperrt">Spencer</em>,
-Die Prinzipien der Soziologie, Bd. I, Stuttg. 1877, 100 (S.&nbsp;225).
-Richard <em class="gesperrt">Avenarius</em>, Der menschliche Weltbegriff, Leipzig 1891,
-S.&nbsp;35&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_163">S.&nbsp;163</a>, Z. 11&nbsp;f.</b>) ber dieses pltzliche Auftauchen aller Erinnerungen
-vor dem Tode oder in Todesgefahr und Todesnhe
-vgl. <em class="gesperrt">Fechner</em>, Zend-Avesta, 2. Aufl., Bd. II, S.&nbsp;203&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_164">S.&nbsp;164</a>, Z. 8&nbsp;f.</b>) ber die Euthanasie der Atheisten vergleiche
-man, was F. A. <em class="gesperrt">Lange</em> erzhlt (Geschichte des Materialismus,
-5. Aufl., 1896, Bd. I, S.&nbsp;358).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_166">S.&nbsp;166</a>, Z. 5 v. u. f.</b>) Aus den angefhrten Grnden sind
-mir die indischen Lehren vom Leben nach dem Tode, die griechische
-Anschauung vom Lethe-Trunk und die Verkndung von <em class="gesperrt">Wagners</em>
-Tristan: ... im weiten Reich der Welten-Nacht. Nur ein Wissen
-dort uns eigen: gttlich ew'ges <em class="gesperrt">Ur-Vergessen</em>, ungleich weniger
-verstndlich als die Anschauung Gustav Theodor <em class="gesperrt">Fechners</em>, dem
-das zuknftige Leben ein volles und ganzes Erinnerungsleben ist
-(Zend-Avesta oder ber die Dinge des Himmels und des Jenseits vom
-Standpunkte der Naturbetrachtung, 2. Aufl., besorgt von Kurd Lawitz,
-Hamburg und Leipzig 1901, Bd. II, S.&nbsp;190&nbsp;ff.), z.&nbsp;B. S.&nbsp;196:
-Ein volles Erinnern an das alte Leben wird beginnen, wenn
-das ganze alte Leben hinten liegt, und alles Erinnern innerhalb des
-alten Lebens selber ist blo ein kleiner Vorbegriff davon.. Die Annahme
-ist <em class="gesperrt">unethisch</em>, welche die Erinnerungen aus dem Erdenleben
-mit dem Tode vllig ausgelscht sein lt: sie entwertet Wertvolles;
-da Wertloses ohnehin vergessen wird. Und dann: in der
-Erinnerung ist der Mensch bereits aktiv, das Gedchtnis ist eine
-Willenserscheinung; von einem Leben in voller Aktivitt ist zu
-denken, da es alle Elemente der Aktivitt in sich aufgenommen
-habe, es ist ewig, weil es zeitlos ist und also Vergangenes und Zuknftiges
-nebeneinander sieht. Sehr schn sagt Fechner (ibid. S.&nbsp;197&nbsp;f.):
-So denke dir also, da nach dem letzten Augenschlu, der gnzlichen
-Abttung aller diesseitigen Anschauung und Sinnesempfindung
-berhaupt, die der hhere Geist bisher durch dich gewonnen, nicht
-blo die Erinnerungen an den letzten Tag erwachen, sondern teils<span class="pagenum"><a name="Seite_518" id="Seite_518">[S. 518]</a></span>
-die Erinnerungen, teils die Fhigkeit zu Erinnerungen an dein
-ganzes Leben, lebendiger, zusammenhngender, umfassender, heller,
-klarer, berschaulicher, als je Erinnerungen erwachten, da du immer
-noch halb in Sinnesbanden gefangen lagst; denn so sehr dein eigener
-Leib das Mittel war, diesseitige Sinnesanschauungen zu schpfen
-und irdisch zu verarbeiten, so sehr war er das Mittel, dich an dies
-Geschft zu binden. Nun ist aus das Schpfen, Sammeln, Umbilden
-im Sinne des Diesseits; der heimgetragene Eimer ffnet sich, du
-gewinnst, und in dir tut's der hhere Geist, auf einmal allen Reichtum,
-den du nach und nach hineingetan. Ein geistiger Zusammenhang
-und Abklang alles dessen, was du je getan, gesehen, gedacht,
-errungen in deinem ganzen irdischen Leben, wird nun in dir wach
-und helle; wohl dir, wenn du dich dessen freuen kannst. Mit solchem
-Lichtwerden deines ganzen Geistesbaues wirst du geboren ins neue
-Leben, um mit hellerem Bewutsein fortan zu arbeiten an dem
-hheren Geistesleben ...</p>
-
-<p>Manche sind, die glauben wohl an ein knftig Leben,
-nur gerade, da die Erinnerung des jetzigen hinberreichen werde,
-wollen sie nicht glauben. Der Mensch werde neu gemacht
-und finde sich ein anderer im neuen Leben, der wisse nichts mehr
-von dem frheren Menschen. Sie brechen damit selbst die Brcke
-ab, die zwischen Diesseits und Jenseits berleitet und werfen eine
-dunkle Wolke zwischen. Statt da nach uns der Mensch mit dem
-Tode sich ganz und vollstndig wieder gewinnen soll, ja so vollstndig,
-als er sich niemals im Leben hatte, lassen sie ihn sich
-ganz verlieren; der Hauch, der aus dem Wasser steigt, statt den
-knftigen Zustand des ganzen Wassers vorzubedeuten, verschwindet
-ihnen mit dem Wasser zugleich. Nun soll es pltzlich als neues Wasser
-in einer neuen Welt da sein. Allein wie ward es so? Wie kam's
-dahin? Die Antwort bleiben sie uns schuldig. So bleibt man auch
-gar leicht den Glauben daran schuldig.</p>
-
-<p>Was ist der Grund von solcher Ansicht? Weil keine Erinnerungen
-aus einem frheren Leben ins jetzige hinberreichen, sei
-auch nicht zu erwarten, da solche aus dem jetzigen ins folgende
-hinberreichen. Aber hren wir doch auf, Gleiches aus Ungleichem
-zu folgern. Das Leben vor der Geburt hatte noch keine Erinnerungen,
-ja kein Erinnerungsvermgen in sich, wie sollten Erinnerungen
-davon in das jetzige Leben reichen; das jetzige hat Erinnerungen
-und ein Erinnerungsvermgen in sich entwickelt, wie sollten Erinnerungen
-nicht in das knftige Leben reichen, ja sich nicht
-steigern, wenn wir doch im knftigen Leben eine Steigerung dessen
-zu erwarten haben, was sich im bergange vom vorigen zum
-jetzigen Leben gesteigert hat. Wohl wird der Tod als zweite Geburt
-in ein neues Leben zu fassen sein; ... aber kann darum alles
-gleich sein zwischen Geburt und Tod? Nichts ist doch sonst ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_519" id="Seite_519">[S. 519]</a></span>
-gleich zwischen zwei Dingen. Der Tod ist eine <em class="gesperrt">zweite</em> Geburt,
-indes die Geburt eine <em class="gesperrt">erste</em>. Und soll uns die zweite zurckwerfen
-auf den Punkt der ersten, nicht vielmehr von neuem Anlauf auf
-uns weiter fhren? Und mu der Abschnitt zwischen zwei Leben
-notwendig ein Schnitt sein? Kann er nicht auch darin bestehen, da
-das Enge sich pltzlich ausdehnt in das Weite? (S.&nbsp;199&nbsp;f.).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_169">S.&nbsp;169</a>, Z. 4.</b>) In den werttheoretischen Bchern von <em class="gesperrt">Dring</em>,
-<em class="gesperrt">Meinong</em>, <em class="gesperrt">Ehrenfels</em>, <em class="gesperrt">Kreibig</em> habe ich vergebens nach irgend
-einer Bestimmung des Verhltnisses von Wert und Zeit gesucht.
-Was bei Alexius v. <em class="gesperrt">Meinong</em>, Psychologisch-ethische Untersuchungen
-zur Werttheorie, Graz 1894, S.&nbsp;46 und 58&nbsp;ff., bei Josef Clemens
-<em class="gesperrt">Kreibig</em>, Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie,
-Wien 1902, S.&nbsp;53&nbsp;ff., zu finden ist, steht in keiner Beziehung
-zu dem hier in Betracht kommenden prinzipiellen Zwecke. Gerade
-was Kreibig ausfhrt, S.&nbsp;54: Das stets gleichbleibende lang andauernde
-Tnen einer Dampfpfeife oder eines Nebelhornes, das
-Einerlei eines gleichfrmig grauen Himmels, das endlose Plappern
-eines witzelnden Gesellschafters wirkt auf die Dauer unlusterregend,
-auch wenn diese Inhalte ursprnglich angenehm empfunden wurden.
-Goethe sagt treffend, nichts sei schwerer zu ertragen als eine Reihe
-von schnen (!) Tagen. Auf allen hheren Gebieten finden wir hnliche
-Tatbestnde; der immer se Mendelssohn, der leiernde Hexameter
-Vossens, das Lob der Speichellecker wird schlielich peinvoll.
-Der Sozialist Fourier beweist Beobachtungsgabe, indem er in seinem
-Phalansterium der Schmetterlingsleidenschaft der Menschen durch
-entsprechenden Wechsel der pflichtmigen Beschftigung jedes
-einzelnen Rechnung trgt. Da anderseits eine zu rasche Abfolge
-differenter Inhalte ermdend und damit negativ wertbeeinflussend
-wirkt, braucht nicht ausfhrlich belegt zu werden &mdash; gerade diese
-Auseinandersetzung zeigt, wie heillos die <em class="gesperrt">Brentano</em>sche Schule
-Wertgefhl und Lust konfundiert hat. Die Lust mag durch Dauer
-geschwcht werden, ein Wertvolles kann durch sie nie an Wert
-verlieren.</p>
-
-<p>Nur an zwei Orten finde ich Meinungen, die an die Darlegungen
-des Textes erinnern knnten. Harald <em class="gesperrt">Hffding</em> stellt in
-seiner Religionsphilosophie (bersetzt von F. Bendixen, Leipzig
-1901, S.&nbsp;105, 193&nbsp;ff.) eine These von der Erhaltung des Wertes
-auf, durch welche man sich entfernt an den Satz von der Zeitlosigkeit
-des Wertes gemahnt fhlen knnte. Viel nher und deutlicher erkennbar
-ist meine bereinstimmung mit Rudolf <em class="gesperrt">Eucken</em>, Der Wahrheitsgehalt
-der Religion, Leipzig 1901, S.&nbsp;219&nbsp;f.: ... Wohl heit es, da
-der Mensch der bloen Zeit angehrt, aber er tut das nur fr eine
-gewisse Flche seines Daseins; alles geistige Leben ist eine Erhebung
-ber die Zeit, eine berwindung der Zeit. Was immer an
-geistigen Inhalten entfaltet wird, das trgt in sich den Anspruch,<span class="pagenum"><a name="Seite_520" id="Seite_520">[S. 520]</a></span>
-ohne alle Beziehung zur Zeit und unberhrt von ihrem Wandel,
-d.&nbsp;h. also in einer ewigen Ordnung der Dinge zu gelten; nicht nur
-die Wissenschaft gibt ihre Wahrheit unter der Form der Ewigkeit,
-was immer wertvoll und wesenhaft sein will, das verschmht
-ein Dahinschwimmen mit dem Flusse der Zeit, eine Unterwerfung
-unter den Wandel ihrer Mode und Laune, das will umgekehrt von
-sich aus die Zeiten messen und ihren Wert bestimmen.</p>
-
-<p>Dieses Verlangen nach Ewigkeit begngt sich nicht damit,
-eine Zuflucht aus den Wirren der Zeit zu suchen, es nimmt auf
-dem eigenen Boden der Zeit den Kampf mit ihr auf; dieser Zusammensto
-von Zeit und Ewigkeit ist es vornehmlich, woraus
-Geschichte im menschlichen Sinne entsteht und besteht. In der Zeit
-selbst erwchst ein Streben ber alles Zeitliche hinaus zu etwas
-Unwandelbarem: so fixiert das Kulturleben von den Leistungen der
-Vergangenheit gewisse als klassisch und mchte sie nicht nur dauernd
-im Bewutsein erhalten, sondern in ihnen ein untrgliches Ma des
-Strebens finden ... nicht dadurch entsteht Geschichte im menschlichen
-und geistigen Sinne, da Erscheinungen einander folgen und
-sich anhufen, sondern dadurch, da diese Folge irgend gedacht
-und erlebt wird. Nun aber wre nicht einmal ein berschauen und
-die Vereinigung der Mannigfaltigkeit in einen Gesamtanblick mglich
-ohne ein Heraustreten des Beobachters aus dem rastlosen
-Strom der Zeit. Und die Betrachtung allein vermag keineswegs
-eine historische Gestaltung der Kultur hervorzubringen, diese kommt
-nur zustande, indem in der Geschichte Wesentliches und Nebenschliches,
-Bleibendes und Vergngliches auseinandertritt; sie ist
-nicht mglich ohne ein energisches Sondern und Sichten der
-chaotischen Flle, die uns zustrmt. Der echte Bestand, der allein
-fr die eigene Lebensfhrung Wert hat, ist aus der Erscheinung
-immer erst herauszuarbeiten. Wer anders aber sollte jenes Sondern
-und Sichten vollziehen als ein der Zeit berlegener, nach inneren
-Notwendigkeiten messender Lebensproze und wie anders sollte er
-es tun, als indem er das echt Befundene aus allem Wandel der
-Zeit heraushebt und ihr gegenber festlegt?... S.&nbsp;221&nbsp;f.: ...
-ein anderes ist es, die anthropomorphe Unsterblichkeit abzulehnen,
-ein anderes, dem Geisteswesen des Menschen alle Teilnahme an der
-Ewigkeit zu versagen. Denn dies heit nicht sowohl Aussichten in
-die Zukunft abschneiden als alles Geistesleben der bloen Zeit berantworten,
-damit aber es herabdrcken, zerstreuen, innerlich vernichten.
-Auch das zeitliche Leben wird zu bloem Schatten und
-Schein, wenn ihm kein Streben zur Ewigkeit innewohnt; mte
-doch bei voller Gebundenheit an die Zeit alles menschliche Erlebnis,
-alle menschliche Wirklichkeit nach dem Aufleuchten des
-bloen Augenblicks sofort in den Abgrund des Nichts zurcksinken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_521" id="Seite_521">[S. 521]</a></span>
-
-Wollte ich noch weiteres anfhren, so knnte ich nur auf den
-schnen Traum verweisen, den Knut <em class="gesperrt">Hamsun</em> in seinem Roman
-Neue Erde (bersetzt von M. v. Borch, Mnchen 1894, S.&nbsp;169&nbsp;ff.)
-schildert, oder mte schon hier auf die ewigen Ideen <em class="gesperrt">Platons</em>
-zurckgreifen, die unberhrt von der Zeit an einem Orte jenseits
-des Himmels thronen. Die <em class="gesperrt">Ideen</em> Platons in ihrer spteren restringierten
-Fassung sind die <em class="gesperrt">Werte</em> der modernen, von <em class="gesperrt">Kant</em> begrndeten
-Philosophie. Aber in der rein psychologischen Auseinandersetzung
-dieses Kapitels kommt das noch nicht in Betracht.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_174">S.&nbsp;174</a>, Z. 19&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Carlyle</em>, On Heroes etc., p. 11&nbsp;f. He was
-the &#8218;creature of the Time&#8217;, they say; the Time called him forth,
-the Time did everything, he nothing .... The Time call forth? Alas,
-we have known Times <em class="gesperrt">call</em> loudly enough for their great man; but
-not find him when they called! He was not there; Providence has
-not sent him; the Time, <em class="gesperrt">calling</em> its loudest, had to go down to
-confusion and wreck because he would not come when called.</p>
-
-<p>For if we will think of it, no time need have gone to ruin,
-could it have <em class="gesperrt">found</em> a man great enough, a man wise and good
-enough: wisdom to discern truly what the Time wanted, valour
-to lead it on the right road thither; these are the salvation of any
-Time. But I liken common languid Times, with their unbelief,
-distress, perplexity, with their languid doubting characters and embarrassed
-circumstances, impotently crumbling-down into ever worse
-distress towards final ruin; &mdash; all this I liken to dry dead fuel,
-waiting for the lightning but of Heaven that shall kindle it. The
-great man, with his free force direct out of God's own hand, is the
-lightning. His word is the wise healing word which all can believe
-in. All blazes round him now, when he has once struck on it, into
-fire like his own. The dry mouldering sticks are thought to have
-called him forth. They did want him greatly; but as to calling him
-forth &mdash;! &mdash; Those are critics of small vision, I think, who cry:
-&#8218;See, is it not the stick that made the fire?&#8217; <em class="gesperrt">No sadder proof
-can be given by a man of his own littleness than disbelief
-in great men.</em></p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_176">S.&nbsp;176</a>, Z. 4 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Baco</em> als Sprachkritiker: Novum Organum
-I, 43. Fritz <em class="gesperrt">Mauthner</em>, Beitrge zu einer Kritik der Sprache,
-Bd. I, Sprache und Psychologie, Stuttgart 1901.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_177">S.&nbsp;177</a>, Z. 19 v. u.</b>) Hermann <em class="gesperrt">Trck</em>, Der geniale Mensch,
-5. Aufl., Berlin 1901, S.&nbsp;275&nbsp;f. &mdash; Cesare <em class="gesperrt">Lombroso</em>, Der geniale
-Mensch, bersetzt von M. O. Frnkel, Hamburg 1890, passim. &mdash;
-Zur Erheiterung sei hier noch Francis <em class="gesperrt">Galton</em> (Hereditary
-Genius, Inquiry into its Laws and Consequences, London 1892, p. 9,
-vgl. Preface p. XII) folgende Auffassung entnommen: When I speak
-of an eminent man, I mean one who has achieved a position that
-is attained by only 250 persons in each million of men, or by one
-person in each 4000.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_522" id="Seite_522">[S. 522]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_177">S.&nbsp;177</a>, Z. 15 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em> ber das Genie: Kritik der Urteilskraft,
- 46&ndash;50. Vgl. Otto <em class="gesperrt">Schlapp</em>, Kants Lehre vom Genie,
-Gttingen 1902, besonders S.&nbsp;305&nbsp;ff. <em class="gesperrt">Schelling</em>, System des transscendentalen
-Idealismus, Werke I/3, S.&nbsp;622&ndash;624, S.&nbsp;623 heit es:
-Nur das, was die Kunst hervorbringt, ist allein und nur durch
-Genie mglich. &mdash; Gegen Kantens Ausschlu der Philosophen von
-der Genialitt wenden sich <em class="gesperrt">Jean Paul</em>, Das Kampanertal oder ber
-die Unsterblichkeit der Seele, 503. Station und Johann Gottlieb <em class="gesperrt">Fichte</em>,
-ber den Begriff der Wissenschaftslehre, 1794, 7. (Smtliche
-Werke herausgegeben von J. H. Fichte, Bd. I/1, S.&nbsp;73, Anmerkung.)</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_6" id="Zu_Teil_II_Kapitel_6">Zu Teil II, Kapitel 6.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_182">S.&nbsp;182</a>, Z. 1 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Fr</em> den Psychologismus: Karl <em class="gesperrt">Stumpf</em>,
-Psychologie und Erkenntnistheorie, Abhandlungen der philos.-philol. kl.
-kniglich bayerischen Akad. der Wissensch., Bd. 19, 1892, S.&nbsp;465&ndash;516.
-Alois <em class="gesperrt">Hfler</em>, Logik, Wien 1890, S.&nbsp;17: Da die Psychologie
-<em class="gesperrt">smtliche</em> psychischen Erscheinungen, die Logik nur die Erscheinungen
-des <em class="gesperrt">Denkens</em>, und zwar die des <em class="gesperrt">richtigen</em> Denkens zum
-unmittelbaren Gegenstande hat, so bildet die theoretische Bearbeitung
-des letzteren nur einen <em class="gesperrt">speziellen Teil</em> der <em class="gesperrt">Psychologie</em>. Theodor
-<em class="gesperrt">Lipps</em>, Grundzge der Logik, Hamburg 1893, S.&nbsp;1&nbsp;f., S.&nbsp;149.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Gegen</em> den Psychologismus: Edmund <em class="gesperrt">Husserl</em>, Logische
-Untersuchungen, I. Teil, Halle 1900. Hermann <em class="gesperrt">Cohen</em>, Kants Theorie
-der Erfahrung, 2. Aufl., Berlin 1885, S.&nbsp;69&nbsp;f., 81&nbsp;f., und Logik der
-reinen Erkenntnis, Berlin 1902 (System der Philosophie, I. Teil),
-S.&nbsp;509&nbsp;f. Wilhelm <em class="gesperrt">Windelband</em>, Kritische oder genetische Methode (Prludien,
-1. Aufl., 1884, S.&nbsp;247&nbsp;ff.). Ferdinand Jakob <em class="gesperrt">Schmidt</em>, Grundzge
-der konstitutiven Erfahrungsphilosophie als Theorie des immanenten
-Erfahrungsmonismus, Berlin 1901, S.&nbsp;16&nbsp;f., 59&nbsp;f., 69&nbsp;f. Emil
-<em class="gesperrt">Lucka</em>, Erkenntnistheorie, Logik und Psychologie, in der Wiener
-Halbmonatsschrift Die Gnosis vom 25. Mrz 1903.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_183">S.&nbsp;183</a>, Z. 18.</b>) Wenn <em class="gesperrt">Kant</em> bei der Aufstellung seines Sittengesetzes
-fr alle mglichen vernnftigen Wesen an einen besonderen
-Trger auer dem Menschen gedacht hat und nicht blo das
-streng formale Prinzip reinhalten wollte von dem Zuflligen der
-empirischen Menschheit, so drften ihm eher jene Bewohner anderer
-Gestirne vorgeschwebt haben, von welchen der dritte Teil der Allgemeinen
-Naturgeschichte und Theorie des Himmels handelte, als
-das, was <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> ihm unterschiebt (Preisschrift ber die
-Grundlage der Moral, 6): Man kann sich des Verdachtes nicht
-erwehren, da <em class="gesperrt">Kant</em> dabei ein wenig an die lieben Engelein gedacht,
-oder doch auf deren Beistand in der berzeugung des Lesers gezhlt
-habe. Fr die Engel glte nmlich die Kantische Ethik gar nicht,
-da bei ihnen Sollen und Sein zusammenfiele.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_523" id="Seite_523">[S. 523]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_183">S.&nbsp;183</a>, Z. 5 v. u.</b>) Auch der Aufsatz von A. <em class="gesperrt">Meinong</em>, Zur
-erkenntnistheoretischen Wrdigung des Gedchtnisses, Vierteljahrsschrift
-fr wissenschaftliche Philosophie, X, 1886, S.&nbsp;7&ndash;33, liegt
-gnzlich abseits von den hier behandelten Problemen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_184">S.&nbsp;184</a>, Z. 2&nbsp;f.</b>) Charles <em class="gesperrt">Bonnet</em>, Essai analytique sur les
-facults de l'me, Copenhague 1760, p. 61: La souplesse ou la mobilit
-des fibres augmente par le retour des mmes branlements.
-Le sentiment attach cette augmentation de souplesse ou de mobilit
-constitue la rminiscence. (Citiert nach Harald <em class="gesperrt">Hffding</em>) Vgl.
-brigens noch Max <em class="gesperrt">Offner</em>, Die Psychologie Charles Bonnets, Eine
-Studie zur Geschichte der Psychologie, Schriften der Gesellschaft fr
-psychologische Forschung, Heft 5, Leipzig 1893, S.&nbsp;34&nbsp;ff. &mdash; Ewald
-<em class="gesperrt">Hering</em>, ber das Gedchtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten
-Materie, Vortrag, 2. Ausgabe, Wien 1876. &mdash; Vgl. E.
-<em class="gesperrt">Mach</em>, Die Analyse der Empfindungen und das Verhltnis des Physischen
-zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902, S.&nbsp;177&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_185">S.&nbsp;185</a>, Z. 6&nbsp;ff.</b>) ber Erinnerung unter dem Einflusse der
-Suggestion vgl. Friedrich <em class="gesperrt">Jodl</em>, Lehrbuch der Psychologie, 2. Aufl.,
-Stuttgart und Berlin 1903, Bd. II, S.&nbsp;159: Als eine Zwischenstufe
-zwischen dem, was .... als passives und aktives Moment der reprsentativen
-Aufmerksamkeit unterschieden wird, kann man den Fall
-ansehen, wo in die Leitung des Reproduktionsprozesses und die
-Fixierung der Aufmerksamkeit nicht der eigene Wille des Subjektes,
-sondern ein fremder Wille eingreift, um mit jenem bestimmte
-Zwecke zu erreichen oder bestimmte Bewutseinsphnomene hervorzurufen
-.... Hier geschieht durch Einwirkung von auen, was bei
-der willkrlichen Reproduktion aus dem Willen des Subjektes heraus
-erfolgt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_185">S.&nbsp;185</a>, Z. 19 v. u.</b>) Richard <em class="gesperrt">Avenarius</em>, Kritik der reinen Erfahrung,
-Bd. II, Leipzig 1890, S.&nbsp;32, 42&nbsp;ff. &mdash; H. <em class="gesperrt">Hffding</em>, ber
-Wiedererkennen, Association und psychische Aktivitt, Vierteljahrsschrift
-fr wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889, S.&nbsp;420&nbsp;f. und
-XIV, 1890, S.&nbsp;27&nbsp;ff. Psychologie in Umrissen, bersetzt von Bendixen,
-2. Aufl., 1893, S.&nbsp;163&nbsp;f., Philosophische Studien, VIII,
-S.&nbsp;86&nbsp;f.</p>
-
-<p>Im ersten Aufsatze sagt Hffding (S.&nbsp;426&nbsp;f.): Was in solchen
-Bewutseinszustnden .... gegeben ist, das ist die unmittelbare Auffassung
-des Unterschiedes zwischen Bekanntem und Vertrautem und
-etwas Neuem und Fremdem. Dieser Unterschied ist so einfach und
-klar, da er sich ebensowenig nher beschreiben lt, als z.&nbsp;B. der
-Unterschied zwischen Lust und Unlust, oder der Unterschied zwischen
-Gelb und Blau. Wir stehen hier einem unmittelbaren Qualittsunterschiede
-gegenber. Die eigentmliche Qualitt, mit welcher das Bekannte
-im Gegensatz zum Neuen im Bewutsein auftritt, werde ich
-im folgenden die <em class="gesperrt">Bekanntheitsqualitt</em> nennen. [Es] ist noch<span class="pagenum"><a name="Seite_524" id="Seite_524">[S. 524]</a></span>
-hervorzuheben, da die Selbstbeobachtung in den angefhrten Fllen
-<em class="gesperrt">nicht die geringste Spur von anderen Vorstellungen zeigt,
-die durch die erkannte Erscheinung erweckt wrden</em>, und
-von denen man annehmen knnte, sie spielten eine Rolle beim
-Wiedererkennen selbst. Insofern also jemand annehmen wollte, alles
-Wiedererkennen setze derartige Vorstellungen voraus, so liegt ihm
-die Beweispflicht ob; und lt sich das unmittelbare Wiedererkennen,
-sowie es in den angefhrten Fllen auftritt, ohne eine solche Annahme
-erklren, so wird diese Erklrung die einzige wissenschaftliche
-sein.</p>
-
-<p>Gegen diese Lehre <em class="gesperrt">Hffdings</em> haben sich mit durchaus unzureichenden
-Grnden Wilhelm <em class="gesperrt">Wundt</em>, Grundzge der physiologischen
-Psychologie, 4. Aufl., Leipzig 1893, Bd. II, S.&nbsp;442, Anmerkung
-1, und William <em class="gesperrt">James</em>, The Principles of Psychology,
-1890, Vol. I, p. 674, Anmerkung 1 ausgesprochen. Hffding selbst
-bemerkt klar genug S.&nbsp;431: Diese Reproduktion braucht nicht
-dahin zu fhren, da das, was reproduziert wird, als selbstndiges
-Glied im Bewutsein auftrete. Und in den vorliegenden Fllen geschieht
-dies auch nicht. Deren Eigentmlichkeit bestand unter anderem
-gerade in ihrem nicht zusammengesetzten Charakter. Auer dem
-erkannten Zug oder den erkannten Zgen findet sich im Bewutsein
-nicht das Mindeste, was mit dem Wiedererkennen zu schaffen hat.
-Das Wort <i>Les Plans</i> klingt bekannt, und diese Bekanntheitsqualitt
-ist die <em class="gesperrt">ganze Erscheinung</em> .... Es ist dagegen unzutreffend,
-wenn <em class="gesperrt">Wundt</em> behauptet (a. a. O. II<sup>4</sup>, 445): Es geht
-<em class="gesperrt">immer</em> der simultane deutlich in einen successiven Associationsvorgang
-ber, in welchem der zuerst vorhandene Eindruck, die dann
-hinzutretende Mittelvorstellung und endlich das Wiedererkennungsgefhl
-als die Glieder der Associationsreihe auftreten.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_186">S.&nbsp;186</a>, Z. 1 v. u.</b>) Nur dieselbe Verwechslung des Wiedererkennens
-mit dem Gedchtnis liegt den Beispielen zu Grunde, auf
-Grund deren G. John <em class="gesperrt">Romanes</em>, Die geistige Entwicklung im
-Tierreich, Leipzig 1885, S.&nbsp;127&nbsp;f. den Tieren ein Gedchtnis zuschreibt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_190">S.&nbsp;190</a>, Z. 12.</b>) Der Ausdruck connotativ (mitbezeichnend)
-stammt von John Stuart <em class="gesperrt">Mill</em>, System der deduktiven und induktiven
-Logik, bersetzt von Gomperz, I<sup>2</sup>, Leipzig 1884, S.&nbsp;30&nbsp;f. &mdash; Den
-Ausdruck typische Vorstellung gebraucht Harald <em class="gesperrt">Hffding</em>, der
-Terminus Reprsentativ-Vorstellung ist der englischen und franzsischen
-Psychologie gelufig.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_191">S.&nbsp;191</a>, Z. 13 v u.</b>) Wunderbar gibt <em class="gesperrt">Fouqu</em> dem <em class="gesperrt">Alogischen</em>
-im Weibe zusammen mit seinem vlligen Mangel an Kontinuitt
-Ausdruck in der Undine (fnftes Kapitel): Einen Teil des Tages
-ber strich er mit einer alten Armbrust, die er in einem Winkel der
-Htte gefunden und sich ausgebessert hatte, umher, nach den vorberfliegenden
-Vgeln lauernd und, was er von ihnen treffen konnte, als<span class="pagenum"><a name="Seite_525" id="Seite_525">[S. 525]</a></span>
-guten Braten in die Htte liefernd. Brachte er nun seine Beute
-zurck, so unterlie Undine fast niemals, ihn auszuschelten, da er
-den lieben, lustigen Tierchen oben im blauen Luftmeer so feindlich
-ihr frhliches Leben stehle; ja sie weinte oftmals bitterlich bei dem
-Anblick des toten Geflgels. Kam er aber dann ein andermal wieder
-heim und hatte nichts geschossen, so schalt sie ihn nicht minder
-ernstlich darber aus, da man nun um seines Ungeschickes und seiner
-Nachlssigkeit willen mit Fischen und Krebsen vorlieb nehmen msse.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_191">S.&nbsp;191</a>, Z. 10 v. u.</b>) G. <em class="gesperrt">Simmel</em>, Zur Psychologie der Frauen,
-Zeitschrift fr Vlkerpsychologie und Sprachwissenschaft, XX, 1890,
-S.&nbsp;6&ndash;46: Hier ist der Ort, der vielkritisierten Logik der Frauen
-zu gedenken. Zunchst ist die Meinung, die ihnen dieselbe ganz
-oder fast ganz absprechen will, einfach abzuweisen; das ist eine von
-den trivialen Paradoxen, der gegenber man sicher behaupten kann,
-da jeder, der nur irgend eingehender mit Frauen zu tun hatte, oft
-genug von der Schrfe und Unbarmherzigkeit ihrer Folgerungen
-berrascht worden ist. (S.&nbsp;9&nbsp;f.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_195">S.&nbsp;195</a>, Z. 5 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der praktischen Vernunft,
-S.&nbsp;105 (Universalbibliothek).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_196">S.&nbsp;196</a>, Z. 8 v. u. f.</b>) Die Stelle ber Spinoza bei <em class="gesperrt">Kant</em> ist
-ungemein charakteristisch (vgl. Kap. 13); man findet sie in der Kritik
-der praktischen Vernunft, S.&nbsp;123, ed. Kehrbach. &mdash; Was Kant an
-Hume mit Recht sympathisch ansprechen durfte, war die Sonderstellung,
-welche dieser klgste Empirist immerhin der Mathematik
-einrumte. Das groe Lob Humes aus dem Munde
-Kantens, welchem Hume sein hohes Ansehen bei den nachkantischen
-Philosophen und Historikern der Philosophie vornehmlich dankt, ist
-wohl so zu erklren, da Kant selbst schon, bevor er Hume kennen
-gelernt hatte, die Notwendigkeit der Ersetzung des metaphysischen
-durch den transcendentalen Standpunkt unklar gefhlt hatte. Den
-Angriff Humes empfand er als solchen, den er selbst lngst htte
-fhren sollen, und machte sich den eigenen Mangel an Rstigkeit
-in der Abrechnung mit allem Unbewiesenen in der Spekulation
-heftig zum Vorwurf. So kam es, da er Humes Skeptizismus dem
-Dogmatismus gegenber, den er in den eigenen Gliedern noch
-immer sprte, hochstellen konnte, und an der Flachheit dieses
-Empirismus, bei dem er natrlich nicht bleiben konnte, relativ wenig
-Ansto nahm. &mdash; Wie unglaublich seicht Hume brigens auch als
-Geschichtsschreiber in seinen Urteilen ber historische Bewegungen
-und historische Persnlichkeiten ist, darber vergleiche man das Bchlein
-von Julius <em class="gesperrt">Goldstein</em>, Die empiristische Geschichtsauffassung
-David Humes mit Bercksichtigung moderner methodischer und
-erkenntnistheoretischer Probleme, eine philosophische Studie, Leipzig
-1903, z.&nbsp;B. die dort S.&nbsp;19&nbsp;f. aus Humes History of England
-citierten uerungen ber die Religion und religise Menschen, besonders
-ber Luther. Jene Stellen verraten Borniertheit.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_526" id="Seite_526">[S. 526]</a></span><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_7" id="Zu_Teil_II_Kapitel_7">Zu Teil II, Kapitel 7.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_197">S.&nbsp;197</a>, Z. 3&nbsp;ff.</b>) David <em class="gesperrt">Hume</em>, A Treatise of Human Nature,
-being an Attempt to introduce the experimental Method of Reasoning
-into Moral Subjects, Book I. Of the Understanding, Part IV. Of the
-sceptical and other systems of philosophy, Sect. VI. Of personal
-identity, Vol. I, p. 438&nbsp;f. (der ersten englischen Ausgabe, London
-1739):</p>
-
-<p>For my part, when I enter most intimately into what I call
-myself, I always stumble on some particular perception or other, of
-heat or cold, light or shade, love or hatred, pain or pleasure. I
-never can catch myself at any time without a perception, and never
-can observe anything but the perception. When my perceptions are
-remov'd for any time, as by sound sleep; so long am I insensible
-of <em class="gesperrt">myself</em>, and may truly be said not to exist. And were all my
-perceptions remov'd by death, and cou'd I neither think, nor feel,
-nor see, nor love, nor hate after the dissolution of my body, I thou'd
-be entirely annihilated, nor do I conceive what is farther requisite to
-make me a perfect non-entity. If any one, upon serious and unprejudiced
-reflection thinks he has a different notion (439) of
-<em class="gesperrt">himself</em>, I must confess I can reason no longer with him. All I
-can allow him is, that he may be in the right as well as I, and
-that we are essentially different in this particular. He may, perhaps,
-perceive something simple and continu'd, which he calls <em class="gesperrt">himself</em>;
-tho' I am certain there is no such principle in me.</p>
-
-<p>But setting aside some metaphysicians of this kind, I may
-venture to affirm of the rest of mankind that they are nothing but
-a bundle or collection of different perceptions, which succeed each
-other with an inconceivable rapidity, and are in a perpetual flux
-and movement.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_198">S.&nbsp;198</a>, Z. 3&nbsp;f.</b>) Georg Christoph <em class="gesperrt">Lichtenberg</em>, Ausgewhlte
-Schriften, herausgegeben von Eugen Reichel, Leipzig, Universalbibliothek,
-S.&nbsp;74&nbsp;f.: Wir werden uns gewisser Vorstellungen bewut,
-die nicht von uns abhngen; andere, glauben wir wenigstens,
-hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die
-Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. <em class="gesperrt">Es
-denkt</em>, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen
-<i>cogito</i>, ist schon zu viel, sobald man es durch Ich denke bersetzt.
-Das <em class="gesperrt">Ich</em> anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedrfnis.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_198">S.&nbsp;198</a>, Z. 8&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Hume</em> a. a. O., S.&nbsp;455&nbsp;f.: All the nice
-and subtile questions concerning personal identity can never possibly
-be decided, and are to be regarded rather as grammatical than as
-philosophical difficulties ... All the disputes concerning the identity
-of connected objects are merely verbal.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_527" id="Seite_527">[S. 527]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_198">S.&nbsp;198</a>, Z. 12&nbsp;f.</b>) E. <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Analyse der Empfindungen
-und das Verhltnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena
-1902, S.&nbsp;2 ff, 6&nbsp;f., 10&nbsp;f., 18&nbsp;ff., 29&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_199">S.&nbsp;199</a>, Z. 12&nbsp;f.</b>) Das <em class="gesperrt">Idioplasma</em> ist also wohl das von Alois
-<em class="gesperrt">Hfler</em>, Psychologie, Wien und Prag 1897, S.&nbsp;382, vermite
-physiologische quivalent des <em class="gesperrt">empirischen</em> Ich.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_200">S.&nbsp;200</a>, Z. 5 v. u.</b>) Die beiden Stellen aus <em class="gesperrt">Sigwart</em> in
-dessen Logik, I<sup>2</sup>, Freiburg 1889, S.&nbsp;182, 190.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_200">S.&nbsp;200</a>, Z. 13.</b>) <em class="gesperrt">Hegel</em>, Enzyklopdie der philosophischen
-Wissenschaften im Grundrisse, 115 (Werke, vollstndige Ausgabe,
-Bd. VI, S.&nbsp;230&nbsp;f., Berlin 1840): Dieser Satz, statt ein wahres
-Denkgesetz zu sein, ist nichts als das Gesetz des <em class="gesperrt">abstrakten
-Verstandes</em>. Die <em class="gesperrt">Form des Satzes</em> widerspricht ihm schon
-selbst, da ein Satz auch einen Unterschied zwischen Subjekt und
-Prdikat verspricht, dieser aber das nicht leistet, was seine Form
-fordert ... Wenn man behauptet, dieser Satz knne nicht bewiesen
-werden, aber <em class="gesperrt">jedes</em> Bewutsein verfahre danach, und stimmt ihm
-nach der Erfahrung sogleich zu, wie es ihn vernehme, so ist dieser
-angeblichen Erfahrung der Schule die allgemeine Erfahrung entgegenzusetzen,
-da kein Bewutseyn nach diesem Gesetze denkt,
-noch Vorstellungen hat u. s. f., noch spricht, da keine Existenz,
-welcher Art sie sey, nach demselben existiert. Das Sprechen nach
-diesem seynsollenden Gesetze der Wahrheit (ein Planet ist &mdash; ein
-Planet, der Magnetismus ist &mdash; der Magnetismus, der Geist ist &mdash;
-ein Geist) gilt mit vollem Recht fr albern; dies ist wohl allgemeine
-Erfahrung.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_200">S.&nbsp;200</a>, Z. 18&nbsp;f.</b>) Vgl. hiezu Hermann <em class="gesperrt">Cohen</em>, System der
-Philosophie, I. Teil, Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902,
-S.&nbsp;79: Man sagt, diese Identitt bedeute nichts als Tautologie.
-Das Wort, durch welches der Vorwurf bezeichnet wird, verrt
-die Unterschlagung des Prinzipes. Freilich bedeutet die Identitt
-Tautologie: nmlich dadurch, da durch Dasselbe (&#964;&#945;&#8016;&#964;&#8057;) das Denken
-zum Logos wird. Und so erklrt es sich, da vorzugsweise, <em class="gesperrt">ja
-ausschlielich die Identitt als Denkgesetz stabiliert wurde.</em></p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_201">S.&nbsp;201</a>, Z. 16&nbsp;f.</b>) Mit Heinrich <em class="gesperrt">Gomperz</em>, Zur Psychologie der
-logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien 1897, S.&nbsp;21&nbsp;f., ist meine
-Darstellung an diesem Punkte vollkommen einer Ansicht. Er sagt:
-.... die wissenschaftlichen Begriffe bilden berall keinen Gegenstand
-der Psychologie, d.&nbsp;h. der psychologischen Erfahrung ...... Wir
-gelangen zu solchen Begriffen durch eine eigene Methode, nmlich
-durch Synthese, wie wir zu den Naturgesetzen durch die Methode
-der Induktion vorschreiten, und verwerten diese Begriffe durch
-Analyse wie jene Gesetze durch Deduktion. Und deshalb gibt es eine
-Psychologie des wissenschaftlichen Sugetierbegriffes ebensowenig
-wie eine Psychologie des wissenschaftlichen Gravitationsgesetzes.<span class="pagenum"><a name="Seite_528" id="Seite_528">[S. 528]</a></span>
-Da wir diese Gesetzmigkeiten durch eigene Worte &mdash; Sugetier
-und Gravitation &mdash; bezeichnen, kann hieran nichts ndern. Denn
-diese Worte bezeichnen lediglich uere, wenn auch ideelle Dinge.
-Diese sind Gegenstnde, nicht Elemente oder berhaupt Bestandteile
-des Denkens.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_202">S.&nbsp;202</a>, Z. 19.</b>) Die Stelle aus <em class="gesperrt">Kant</em>: Kritik der reinen Vernunft,
-S.&nbsp;145, Kehrbach. &mdash; Zur Lsung des von Kant bezeichneten
-Rtsels glaube ich hier und auf S.&nbsp;244&ndash;251 ein Weniges beigetragen
-zu haben.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_202">S.&nbsp;202</a>, Z. 11 v. u.</b>) Was ich unter <em class="gesperrt">Essenz</em> meine, deckt
-sich also ziemlich mit dem aristotelischen &#964;&#8056; &#964;&#943; &#7974;&#957; &#949;&#7990;&#957;&#945;&#953;. Der Begriff
-ist auch fr <em class="gesperrt">Aristoteles</em> an einer Stelle &#955;&#972;&#947;&#959;&#962; &#964;&#943; &#7974;&#957; &#949;&#7990;&#957;&#945;&#953;
-&#955;&#941;&#947;&#969;&#957; (Eth. Nicom. II, 6, 1107 a 6).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_203">S.&nbsp;203</a>, Z. 7 v. u.</b>). Vgl. <em class="gesperrt">Schelling</em>, System des transcendentalen
-Idealismus, Werke I/3, S.&nbsp;362: In dem Urteil A&nbsp;=&nbsp;A
-wird ganz von dem Inhalte des Subjektes A abstrahiert. Ob A
-<em class="gesperrt">Realitt</em> hat oder nicht, ist fr dieses Wissen ganz gleichgltig.
-Der Satz ist evident und gewi, ganz abgesehen davon, ob A
-etwas wirklich Existierendes oder blo Eingebildetes oder selbst unmglich
-ist.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_204">S.&nbsp;204</a>, Z. 3 v. o.</b>) John Stuart <em class="gesperrt">Mill</em>, System der deduktiven
-und induktiven Logik, Eine Darlegung der Grundstze der Beweislehre
-und der Methoden wissenschaftlicher Forschung, Buch II, Kapitel 7,
- 5, 2. Aufl., bersetzt von Theodor Gomperz, Leipzig 1884, Bd. I
-(Gesammelte Werke, Bd. II), S.&nbsp;326: Ich erkenne im principium
-contradictionis, wie in anderen Axiomen eine unserer frhesten und
-naheliegendsten Verallgemeinerungen aus der Erfahrung. Ihre
-ursprngliche Grundlage finde ich darin, da Glaube und Unglaube
-zwei verschiedene Geisteszustnde sind, die einander ausschlieen.
-Dies erkennen wir aus der einfachsten Beobachtung unseres eigenen
-Geistes. Und richten wir unsere Beobachtung nach auen, so finden
-wir auch hier, da Licht und Dunkel, Schall und Stille, Bewegung
-und Ruhe, Gleichheit und Ungleichheit, Vorangehen und Nachfolgen,
-Aufeinanderfolge und Gleichzeitigkeit, kurz jedes positive Phnomen
-und seine Verneinung unterschiedene Phnomene sind, im Verhltnis
-eines zugespitzten Gegensatzes, und die eine immer dort abwesend,
-wo die andere anwesend ist. Ich betrachte das fragliche Axiom als
-eine Verallgemeinerung aus all diesen Tatsachen.</p>
-
-<p>Von der Flachheit dieser Auseinandersetzung will ich schweigen;
-denn da John St. Mill unter den berhmten Flachkpfen des
-XIX. Jahrhunderts der flachste ist, das kann wie eine identische
-Gleichung ausgesprochen werden. Aber man vermag auch nicht leicht
-falscher und leichtsinniger zu argumentieren, als es hier von Mill geschehen
-ist. Fr diesen Mann ist Kant vergebens auf der Welt erschienen;
-er hat sich nicht einmal dies klar gemacht, da dem Satze<span class="pagenum"><a name="Seite_529" id="Seite_529">[S. 529]</a></span>
-A&nbsp;=&nbsp;A nie eine Erfahrung widersprechen kann, und da wir dies
-mit absoluter Sicherheit von Rechts wegen behaupten drfen, whrend
-alle Induktion nie imstande ist, Stze von solchem Gewiheitsgrade
-zu liefern. &mdash; Auerdem verwechselt Mill hier den kontrren mit
-dem kontradiktorischen Gegensatz. &mdash; Die vielen verstndnislosen
-Beschimpfungen des Identittsprinzipes seien bergangen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_205">S.&nbsp;205</a>, Z. 18.</b>) Johann Gottlieb <em class="gesperrt">Fichte</em>, Grundlage der gesamten
-Wissenschaftslehre, Leipzig 1794, S.&nbsp;5&nbsp;ff. (smtliche Werke
-herausgegeben von J. H. Fichte, Erste Abteilung, Bd. I, Berlin
-1845, S.&nbsp;92&nbsp;ff.):</p>
-
-<p>1. Den Satz <em class="gesperrt">A ist A</em> (soviel als A&nbsp;=&nbsp;A, denn das ist die
-Bedeutung der logischen Copula) gibt jeder zu; und zwar ohne sich
-im geringsten darber zu bedenken: man erkennt ihn fr vllig
-gewi und ausgemacht an.</p>
-
-<p>Wenn aber jemand einen Beweis desselben fordern sollte, so
-wrde man sich auf einen solchen Beweis gar nicht einlassen, sondern
-behaupten, jener Satz sey schlechthin, d.&nbsp;i. <em class="gesperrt">ohne allen weiteren
-Grund</em>, gewi: und indem man dieses, ohne Zweifel mit allgemeiner
-Beistimmung, thut, schreibt man sich das Vermgen zu, <em class="gesperrt">etwas
-schlechthin zu setzen</em>.</p>
-
-<p>2. Man setzt durch die Behauptung, da obiger Satz an sich
-gewi sey,</p>
-
-<p><em class="gesperrt">nicht</em>, da A <em class="gesperrt">sey</em>. Der Satz: <em class="gesperrt">A ist A</em> ist gar nicht gleichbedeutend
-dem: <em class="gesperrt">A ist</em>, oder: <em class="gesperrt">es ist ein A</em>. (<em class="gesperrt">Seyn</em>, ohne Prdikat
-gesetzt, drckt etwas ganz anderes aus, als seyn mit einem Prdikate
-.......) Man nehme an, A bedeute einen in zwei gerade
-Linien eingeschlossenen Raum, so bleibt jener Satz immer richtig;
-obgleich der Satz: <em class="gesperrt">A ist</em>, offenbar falsch wre. Sondern</p>
-
-<p>man setzt: <em class="gesperrt">wenn</em> A sey, <em class="gesperrt">so</em> sey A. Mithin ist davon, <em class="gesperrt">ob</em> berhaupt
-A sey oder nicht, gar nicht die Frage. Es ist nicht die
-Frage vom <em class="gesperrt">Gehalte</em> des Satzes, sondern blo von seiner <em class="gesperrt">Form</em>;
-nicht von dem, <em class="gesperrt">wovon</em> man etwas wei, sondern von dem, <em class="gesperrt">was</em>
-man wei, von irgend einem Gegenstande, welcher es auch
-seyn mge.</p>
-
-<p>Mithin wird durch die Behauptung, da der obige Satz
-schlechthin gewi sey, <em class="gesperrt">das</em> festgesetzt, da zwischen jenem <em class="gesperrt">Wenn</em>
-und diesem <em class="gesperrt">So</em> ein nothwendiger Zusammenhang sey; und der <em class="gesperrt">nothwendige
-Zusammenhang zwischen beiden</em> ist es, der schlechthin
-und <em class="gesperrt">ohne allen Grund</em> gesetzt wird. Ich nenne diesen notwendigen
-Zusammenhang vorlufig&nbsp;=&nbsp;X.</p>
-
-<p>3. In Rcksicht auf A selbst aber, <em class="gesperrt">ob</em> es sey oder nicht, ist
-dadurch noch nichts gesetzt. Es entsteht also die Frage: unter welcher
-Bedingung <em class="gesperrt">ist</em> denn A?</p>
-
-<p><i>a</i>) X wenigstens ist <em class="gesperrt">im</em> Ich und <em class="gesperrt">durch</em> das Ich gesetzt &mdash;
-denn das Ich ist es, welches im obigen Satze urtheilt, und zwar nach<span class="pagenum"><a name="Seite_530" id="Seite_530">[S. 530]</a></span>
-X als einem Gesetze urtheilt, welches mithin dem Ich gegeben, und
-da es schlechthin und ohne allen weiteren Grund aufgestellt wird,
-dem Ich durch das Ich selbst gegeben seyn mu.</p>
-
-<p><i>b</i>) <em class="gesperrt">Ob</em> und <em class="gesperrt">wie</em> A berhaupt gesetzt sey, wissen wir nicht;
-aber da X einen Zusammenhang zwischen einem unbekannten Setzen
-des A, und einem unter der Bedingung jenes Setzens absoluten
-Setzen desselben A bezeichnen soll, so ist, <em class="gesperrt">wenigstens insofern
-jener</em> Zusammenhang gesetzt wird, A <b>in</b> dem Ich und <em class="gesperrt">durch</em> das
-Ich gesetzt, so wie X; X ist nur in Beziehung auf ein A mglich;
-nun ist X im Ich wirklich gesetzt; mithin mu auch A im Ich gesetzt
-sein, insofern X darauf bezogen wird.</p>
-
-<p><i>c</i>) X bezieht sich auf dasjenige A, welches im obigen Satze
-die logische Stelle einnimmt, ebenso wie auf dasjenige, welches fr
-das des Prdikats steht; denn beide werden durch X vereinigt.
-Beide also sind, insofern sie gesetzt sind, im Ich gesetzt; und der
-obige Satz lt sich demnach auch so ausdrcken: Wenn A <em class="gesperrt">im</em>
-Ich gesetzt ist, so <em class="gesperrt">ist es gesetzt</em>; oder &mdash; so <em class="gesperrt">ist</em> es.</p>
-
-<p>4. Es wird demnach durch das X vermittelst X gesetzt: <em class="gesperrt">A sey
-fr das urteilende Ich schlechthin und lediglich kraft
-seines Gesetztseyns im Ich berhaupt</em>; das heit: es wird gesetzt,
-da im Ich &mdash; es sey nun insbesondere setzend oder urtheilend
-oder was es auch sey &mdash; etwas sey, das sich stets gleich, stets Ein
-und ebendasselbe sey; und das schlechthin gesetzte Ich lt sich
-auch so ausdrcken: <em class="gesperrt">Ich&nbsp;=&nbsp;Ich</em>; Ich bin Ich.</p>
-
-<p>5. Durch diese Operation sind wir schon unvermerkt zu dem
-Satze: <em class="gesperrt">Ich bin</em> (zwar nicht als Ausdruck einer <em class="gesperrt">Thathandlung</em>, aber
-doch einer <em class="gesperrt">Thatsache</em>) angekommen. Denn</p>
-
-<p>X ist schlechthin gesetzt; das ist Thatsache des empirischen
-Bewutseyns. Nun ist X gleich dem Satze: Ich bin Ich; mithin ist
-auch dieser schlechthin gesetzt.</p>
-
-<p>Aber der Satz: Ich bin Ich, hat eine ganz andere Bedeutung
-als der Satz A&nbsp;=&nbsp;A. &mdash; Nmlich der letztere hat nur unter einer
-gewissen Bedingung einen Gehalt. Wenn A gesetzt ist, so ist es
-freilich <em class="gesperrt">als</em> A, mit dem Prdicate A gesetzt. Es ist aber durch jenen
-Satz noch gar nicht ausgemacht, <em class="gesperrt">ob</em> es berhaupt gesetzt, mithin,
-ob es mit irgend einem Prdicate gesetzt sey. Der Satz: Ich bin
-Ich, aber gilt unbedingt und schlechthin, denn er ist gleich dem
-Satze X: er gilt nicht nur der Form, er gilt auch seinem Gehalte
-nach. In ihm ist das Ich, nicht unter Bedingung, sondern schlechthin,
-mit dem Prdicate der Gleichheit mit sich selbst gesetzt; es ist also
-gesetzt; und der Satz lt sich auch ausdrcken: <em class="gesperrt">Ich bin.</em></p>
-
-<p>Dieser Fichtesche Beweis ist verfehlt; denn er findet, obwohl
-er es anfnglich in Abrede stellt, im Satze selbst das Sein desselben
-A, von dem A&nbsp;=&nbsp;A behauptet wird, schon enthalten. Der Beweis,
-den ich selbst im Texte versucht habe, ist auch ungengend und<span class="pagenum"><a name="Seite_531" id="Seite_531">[S. 531]</a></span>
-beruht auf einer unzulssigen quivokation, die in der Anmerkung
-S.&nbsp;204 berichtigt ist. Meine Anschauungen hierber haben sich
-whrend der Drucklegung des Buches gendert. Ich glaube jetzt,
-da es aussichtslos ist, mit <em class="gesperrt">Fichte</em> und <em class="gesperrt">Schelling</em> aus dem Satze
-das Ich herauszulesen; was aber sehr wohl in ihm zum Ausdruck
-kommt, ist das <em class="gesperrt">Sein</em>, das absolute, hyperempirische, gar nicht im
-geringsten mehr zufllige, sondern das an sich seiende <em class="gesperrt">Sein</em>. Der
-Beweis gestaltet sich dann kurz so: es <em class="gesperrt">ist</em> etwas (nmlich das Gleichheitszeichen,
-das X <em class="gesperrt">Fichtes</em>), gleichgltig, ob sonst etwas ist oder
-nicht. Es besteht und gilt mindestens das Sein A&nbsp;=&nbsp;A, unabhngig
-von jedem besonderen A, und ob ein solches A selbst nun sei oder
-nicht. Und insofern die Frau diesen Satz nicht anerkannt, insofern
-<em class="gesperrt">ist</em> sie nicht. Auch in dieser Form bleibt der Satz von der grten
-Tragweite fr das zwlfte Kapitel, wo die Seelenlosigkeit der Frau
-in einen weiteren Zusammenhang aufgenommen wird (S.&nbsp;378&nbsp;ff.).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_206">S.&nbsp;206</a>, Z. 15.</b>) ber die Reue vgl. <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der
-praktischen Vernunft, S.&nbsp;218&nbsp;ff. (ed. Kehrbach).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_207">S.&nbsp;207</a>, Z. 18.</b>) Kritik der praktischen Vernunft, S.&nbsp;105,
-Kehrbach.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_208">S.&nbsp;208</a>, Z. 10.</b>) <em class="gesperrt">Ibsens</em> <em class="gesperrt">Brand</em> antwortet den Fragenden
-(fnfter Aufzug):</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i2"><em class="gesperrt">Wie lang das Streiten whren wird?</em><br /></span>
-<span class="i0">Es whrt bis an des Lebens Ende,<br /></span>
-<span class="i0">Bis alle Opfer ihr gebracht,<br /></span>
-<span class="i0">Bis ihr vom Pakt euch frei gemacht,<br /></span>
-<span class="i0">Bis ihr es wollt, wollt unbeirrt;<br /></span>
-<span class="i0">Bis jeder Zweifel schwindet, nichts<br /></span>
-<span class="i0">Euch trennt vom: alles oder nichts.<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Und eure Opfer?</em> &mdash; Alle Gtzen,<br /></span>
-<span class="i0">Die euch den ew'gen Gott ersetzen;<br /></span>
-<span class="i0">Die blanken gold'nen Sklavenketten,<br /></span>
-<span class="i0">Samt eurer schlaffen Trgheit Betten. &mdash;<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Der Siegespreis?</em> &mdash; Des Willens Einheit,<br /></span>
-<span class="i0">Des Glaubens Schwung, der Seelen Reinheit;<br /></span>
-<span class="i0">Die Freudigkeit, die euch durchschauert,<br /></span>
-<span class="i0">Die alles opfert, berdauert;<br /></span>
-<span class="i0">Um eure Stirn die Dornenkrone:<br /></span>
-<span class="i0">Seht, das erhaltet ihr zum Lohne.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_208">S.&nbsp;208</a>, Z. 12&nbsp;f.</b>) Friedrich <em class="gesperrt">Hebbels</em> smtliche Werke, herausgegeben
-von Hermann <em class="gesperrt">Krumm</em>, Bd. I, S.&nbsp;214.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_209">S.&nbsp;209</a>, Z. 7&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht,
- 87 (S.&nbsp;216, ed. Kirchmann): Der Mensch, der sich eines
-Charakters in seiner Denkungsart bewut ist, hat ihn nicht von der
-Natur, sondern mu ihn jederzeit <em class="gesperrt">erworben</em> haben. Man kann auch<span class="pagenum"><a name="Seite_532" id="Seite_532">[S. 532]</a></span>
-annehmen, da die Grndung desselben gleich einer Art Wiedergeburt,
-eine gewisse Feierlichkeit der Angelobung, die er sich selbst
-tut, sie und den Zeitpunkt, da diese Umwandlung in ihm vorging,
-gleich einer neuen Epoche ihm unvergelich mache.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_209">S.&nbsp;209</a>, Z. 16&nbsp;ff.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der praktischen Vernunft,
-S.&nbsp;193&nbsp;f., Kehrbach.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_210">S.&nbsp;210</a>, Z. 20&nbsp;ff.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Kant</em>, Grundlegung zur Metaphysik
-der Sitten, dritter Abschnitt, wo die so einfachen und doch so
-tiefen Worte stehen (S.&nbsp;75, ed. Kirchmann): Die Naturnotwendigkeit
-war eine Heteronomie der wirkenden Ursachen; denn jede Wirkung
-war nur nach dem Gesetze mglich, da etwas anderes die wirkende
-Ursache zur Kausalitt bestimmte; was kann denn wohl die Freiheit
-des Willens sonst sein als Autonomie, d.&nbsp;i. die Eigenschaft des
-Willens, sich selbst ein Gesetz zu sein? Der Satz aber: der Wille
-ist in allen Handlungen sich selbst ein Gesetz, bezeichnet nur das
-Prinzip, nach keiner anderen Maxime zu handeln, als die sich selbst
-auch als ein allgemeines Gesetz zum Gegenstande haben kann. Dies
-ist aber gerade die Formel des kategorischen Imperativs und das
-Prinzip der Sittlichkeit; also ist ein freier Wille und ein Wille unter
-sittlichen Gesetzen einerlei.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_8" id="Zu_Teil_II_Kapitel_8">Zu Teil II, Kapitel 8.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_212">S.&nbsp;212</a>, Z. 3&nbsp;ff.</b>) Die Stelle aus der Groen Wald-Upanishad
-(1, 4, 1) nach Paul <em class="gesperrt">Deussens</em> bersetzung (Sechzig Upanishads
-des Veda, Leipzig 1897, S.&nbsp;392&nbsp;f.).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_214">S.&nbsp;214</a>, Z. 10&nbsp;ff.</b>) Die folgenden Citate aus <em class="gesperrt">Jean Pauls</em>
-Werken, Hempelsche Ausgabe, XLVIII. Teil, S.&nbsp;328. &mdash; <em class="gesperrt">Novalis</em>
-Schriften, von Schlegel und Tieck, II. Teil, Wien 1820, S.&nbsp;143&nbsp;f. &mdash;
-<em class="gesperrt">Schellings</em> Werke, I/1, S.&nbsp;318&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_220">S.&nbsp;220</a>, Z. 13 v. u. ff.</b>) Durch diese Bemerkung hoffe ich
-zur Verdeutlichung dessen beizutragen, was Wilhelm <em class="gesperrt">Dilthey</em>, ohne
-recht verstanden worden zu sein, als den Grundunterschied zwischen
-psychischem und physischem Geschehen aufgedeckt hat (z.&nbsp;B.
-Beitrge zum Studium der Individualitt, Berliner Sitzungsberichte,
-1896, S.&nbsp;296): Darin, da der Zusammenhang im Seelenleben
-primr gegeben ist, besteht der Grundunterschied der psychologischen
-Erkenntnis vom Naturerkennen, und da liegt also auch die erste
-und fundamentale Eigentmlichkeit der Geisteswissenschaften. Da im
-Gebiete der ueren Erscheinungen nur Neben- und Nacheinander in
-die Erfahrung fllt, knnte der Gedanke von Zusammenhang nicht
-entstehen, wre er nicht in der eigenen zusammenhngenden Einheitlichkeit
-gegeben.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_222">S.&nbsp;222</a>, Z. 18.</b>) Der bewute Zusammenhang mit dem All,
-die Bewutheit des Mikrokosmus, die den genialen Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_533" id="Seite_533">[S. 533]</a></span>
-konstituiert, reicht vielleicht auch zur Erklrung der Tatsache aus,
-da wenn nicht alle, so doch gewi die meisten Genies telepathische
-Erlebnisse und Visionen kennen und erfahren. <em class="gesperrt">Die geniale Individualitt
-hat etwas vom Hellseher.</em> Im Text wollte ich diese
-Dinge hier nicht berhren, weil heute, wer die Telepathie fr mglich
-hlt, einem Obskuranten gleich geachtet wird. Auch die Offenbarungen
-Sterbender reihen sich diesem Zusammenhange wohl ein:
-der Sterbende gewinnt eine tiefere Vereinigung mit dem All, als es
-dem Lebenden mglich war, und kann deshalb den Fernstehenden
-in der Todesstunde erscheinen, auf ihr Denken und Trumen einen
-Einflu gewinnen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_222">S.&nbsp;222</a>, Z. 19 v. u. ff.</b>) Der Gedanke des Mikrokosmus liegt
-natrlich auch der Schpfungsgeschichte der Genesis zu Grunde,
-als welche den Menschen das Ebenbild Gottes sein lt.</p>
-
-<p>Naturgem findet sich dieselbe Konzeption auch bei den <em class="gesperrt">Indern</em>.
-B&#7771;ihadra&#7751;yaka-Upanishad 4, 4, 5 (<em class="gesperrt">Deussen</em>, Sechzig Upanishaden
-des Veda, Leipzig 1897, S.&nbsp;476): Wahrlich, dieses Selbst ist das
-Brahman, bestehend aus Erkenntnis, aus Leben, aus Auge, aus Ohr,
-bestehend aus Erde, aus Wasser, aus Wind, aus ther; bestehend
-aus Feuer und nicht aus Feuer, aus Lust und nicht aus Lust, aus
-Zorn und nicht aus Zorn, aus Gerechtigkeit und nicht aus Gerechtigkeit,
-<em class="gesperrt">bestehend aus allem</em>. Chndogya-Upanishad 3, 14, 2&nbsp;f.
-(a. a. O., S.&nbsp;109): Geist ist sein [des Menschen] Stoff, Leben sein
-Leib, Licht seine Gestalt; sein Ratschlu ist Wahrheit, <em class="gesperrt">sein Selbst
-die Unendlichkeit</em>. Allwirkend ist er, allwnschend, allriechend,
-allschmeckend, das All umfassend, schweigend, unbekmmert; &mdash;</p>
-
-<p>dieser ist meine Seele im inneren Herzen, kleiner als ein Reiskorn
-oder Gerstenkorn oder Senfkorn oder Hirsekorn oder eines
-Hirsekornes Kern; &mdash;</p>
-
-<p>dieser ist meine Seele im inneren Herzen, grer als die Erde,
-grer als der Luftraum, grer als der Himmel, grer als diese
-Welten.</p>
-
-<p>Der Allwirkende, Allwnschende, Allriechende, Allschmeckende,
-das All Umfassende, Schweigende, Unbekmmerte, dieser ist meine
-Seele im inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu ihm werde ich,
-von hier abscheidend, eingehen. &mdash; Wem dieses ward, frwahr, der
-zweifelt nicht!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Plato</em> lehrt zuerst im Menon (81 c): &#7937;&#964;&#949; &#959;&#8022;&#957; &#7969; &#968;&#965;&#967;&#8052;
-&#7936;&#952;&#940;&#957;&#945;&#964;&#972;&#962; &#964;&#949; &#959;&#8022;&#963;&#945; &#954;&#945;&#8054; &#960;&#959;&#955;&#955;&#940;&#954;&#953;&#962; &#947;&#949;&#947;&#959;&#957;&#965;&#8150;&#945; &#954;&#945;&#8054; &#7953;&#969;&#961;&#945;&#954;&#965;&#8150;&#945; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#8048; &#7952;&#957;&#952;&#940;&#948;&#949;
-<em class="gesperrt">&#954;&#945;&#8054; &#960;&#940;&#957;&#964;&#945; &#967;&#961;&#942;&#956;&#945;&#964;&#945;</em>, &#959;&#8016;&#954; &#7956;&#963;&#964;&#953;&#957; &#8005; &#964;&#953; &#959;&#8016; &#956;&#949;&#956;&#940;&#952;&#951;&#954;&#949;&#957; ... &#7937;&#964;&#949; &#947;&#8048;&#961;
-<em class="gesperrt">&#964;&#8134;&#962; &#966;&#973;&#963;&#949;&#969;&#962; &#7937;&#960;&#940;&#963;&#951;&#962; &#963;&#965;&#947;&#947;&#949;&#957;&#959;&#8166;&#962; &#959;&#8020;&#963;&#951;&#962; &#954;&#945;&#8054; &#956;&#949;&#956;&#945;&#952;&#951;&#954;&#965;&#943;&#945;&#962;
-&#964;&#8134;&#962; &#968;&#965;&#967;&#8134;&#962; &#7941;&#960;&#945;&#957;&#964;&#945;</em> &#959;&#8016;&#948;&#8050;&#957; &#954;&#969;&#955;&#973;&#949;&#953; ... &#960;&#940;&#957;&#964;&#945; ... &#7936;&#957;&#949;&#965;&#961;&#949;&#8150;&#957;. Anklnge
-finden sich auch im Philebos (29 a ff.), z.&nbsp;B.: &#932;&#961;&#941;&#966;&#949;&#964;&#945;&#953; &#954;&#945;&#8054;
-&#947;&#953;&#947;&#957;&#949;&#964;&#945;&#953; &#954;&#945;&#8054; &#7940;&#961;&#967;&#949;&#964;&#945;&#953; &#964;&#972; &#964;&#959;&#8166; &#960;&#945;&#957;&#964;&#8056;&#962; &#960;&#8017;&#961; &#8017;&#960;&#8056; &#964;&#959;&#8166; &#960;&#945;&#961;' &#7969;&#956;&#969;&#957; &#960;&#965;&#961;&#972;&#962;, &#942;
-&#964;&#959;&#973;&#957;&#945;&#957;&#964;&#943;&#959;&#957; &#973;&#960;' &#941;&#954;&#949;&#943;&#957;&#959;&#965; &#964;&#972; &#964;' &#7952;&#956;&#972;&#957; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#972; &#963;&#972;&#957; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#972; &#964;&#974;&#957; &#940;&#955;&#955;&#969;&#957; &#950;&#974;&#969;&#957;<span class="pagenum"><a name="Seite_534" id="Seite_534">[S. 534]</a></span>
-&#7941;&#960;&#945;&#957;&#964; &#7988;&#963;&#967;&#949;&#953; &#964;&#945;&#8166;&#964;&#945;. Deutlicher <em class="gesperrt">Aristoteles</em>, De anima III, 8, 431
-b 21: &#7969; &#968;&#965;&#967;&#8052; &#964;&#8048; &#8004;&#957;&#964;&#945; &#960;&#8061;&#962; &#7952;&#963;&#964;&#953; &#960;&#8049;&#957;&#964;&#945;. Vgl. Ludwig <em class="gesperrt">Stein</em>, Die
-Psychologie der Stoa, Bd. I: Metaphysisch-anthropologischer Teil
-(Berliner Studien fr klassische Philologie und Archologie,
-Bd. III, 1. Heft, Berlin 1886), S.&nbsp;206: Bei Aristoteles hat man es
-bereits mit einem deutlichen Hinweis auf den Mikrokosmus zu tun.
-Ja man wird nicht fehl gehen, wenn man selbst diesen Terminus auf
-den Stagiriten zurckfhrt (Aristot. Physika, VIII<sup>2</sup>, 252 b 24:
-&#949;&#7984; &#948;'&#7952;&#957; &#950;&#8061;&#969; &#964;&#959;&#944;&#964;&#959; &#948;&#965;&#957;&#945;&#964;&#8056;&#957; &#947;&#949;&#957;&#8051;&#963;&#952;&#945;&#953;, &#964;&#943; &#954;&#969;&#955;&#973;&#949;&#953; &#964;&#8056; &#945;&#8016;&#964;&#8056; &#963;&#965;&#956;&#946;&#8134;&#957;&#945;&#953;
-&#954;&#945;&#8054; &#954;&#945;&#964;&#8048; &#964;&#8056; &#960;&#8118;&#957;; &#949;&#7984; &#947;&#8048;&#961; &#7952;&#957; <em class="gesperrt">&#956;&#953;&#954;&#961;&#8183; &#954;&#972;&#963;&#956;&#8179;</em> &#947;&#943;&#957;&#949;&#964;&#945;&#953;, &#954;&#945;&#8054; &#7952;&#957; <em class="gesperrt">&#956;&#949;&#947;&#940;&#955;&#8179;</em> ...),
-wenn auch der Begriff lter sein mag. S.&nbsp;214: In der Stoa tritt
-uns zum ersten Male ein klar ausgesprochener, scharf gezeichneter
-und khn ausgebauter Mikrokosmos entgegen. Weiteres ber die
-Geschichte des Mikrokosmusgedankens (z.&nbsp;B. bei <em class="gesperrt">Philo</em>) bei Stein
-a. a. O. Auch bei <em class="gesperrt">Augustinus</em> findet er sich nach <em class="gesperrt">berweg-Heinze</em>,
-Grundri der Geschichte der Philosophie, II<sup>8</sup>, 128. <em class="gesperrt">Pico
-de Mirandolas</em> Anschauung ist von mir ausfhrlich wiedergegeben
-S.&nbsp;237&nbsp;f. Vgl. auch Rudolf <em class="gesperrt">Eisler</em>, Wrterbuch der philosophischen
-Begriffe und Ausdrcke, Berlin 1901 sub verbo und Rudolf <em class="gesperrt">Eucken</em>,
-Die Grundbegriffe der Gegenwart, historisch und kritisch entwickelt.
-2. Aufl., Leipzig 1893, S.&nbsp;188&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_223">S.&nbsp;223</a>, Z. 14 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Empedokles</em> bei Aristoteles Metaphysik,
-1000 b, 6. &mdash; <em class="gesperrt">Plotinus</em> Enneades I, 6, 9. &mdash; brigens
-steht auch bei <em class="gesperrt">Plato</em> Rep. 508 b: &#7936;&#955;&#955;' [&#8004;&#956;&#956;&#945;] &#7969;&#955;&#953;&#959;&#949;&#953;&#948;&#8051;&#963;&#964;&#945;&#964;&#8057;&#957; &#947;&#949;,
-&#959;&#7990;&#956;&#945;&#953;, &#964;&#8182;&#957; &#960;&#949;&#961;&#8054; &#964;&#8048;&#962; &#945;&#7984;&#963;&#952;&#942;&#963;&#949;&#969;&#962; &#8000;&#961;&#947;&#8049;&#957;&#969;&#957;.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_223">S.&nbsp;223</a>, Z. 17.</b>) In <em class="gesperrt">Kantens</em> Ethik wird wohl nichts so wenig
-verstanden wie die Forderung, nach einer allgemeinsten Maxime zu
-handeln. Man glaubt noch immer, hierin etwas Soziales erblicken
-zu mssen, die <em class="gesperrt">Bchner</em>sche Ethik (Was Du nicht willst, da
-man Dir tu u.&nbsp;s.&nbsp;w.), eine Anleitung fr ein Strafgesetzbuch. Die
-Allgemeinheit des kategorischen Imperatives drckt nur die Metaphysik
-transcendental aus, welche nach <em class="gesperrt">Cicero</em> (De natura deorum II, 14, 37)
-der groe Stoiker <em class="gesperrt">Chrysippos</em> gelehrt hat: ... Cetera omnia aliorum
-causa esse generata, ut eos fruges atque fructus quos terra gignat,
-animantium causa, animantes autem hominum, ut equum vehendi
-causa, arandi bovem, venandi et custodiendi canem. Ipse autem
-homo ortus est ad mundum contemplandum <em class="gesperrt">et imitandum</em> ...</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_224">S.&nbsp;224</a>, Z. 13 v. u.</b>) Vielleicht sind die drei Probleme, an
-denen am schnellsten offenbar wird, wie weit die Tiefe eines
-Menschen reicht, das Problem der Religion, das Problem der Kunst
-und das Problem der Freiheit &mdash; alle drei im Grunde doch das
-eine Problem des Seins. Die Form aber, in welcher dieses eine
-Problem von den wenigsten verstanden wird, ist das Problem der
-Freiheit. Den niedrigsten Menschen ist der Indeterminismus, den
-mittelmigen der Determinismus selbstverstndlich; da hier der<span class="pagenum"><a name="Seite_535" id="Seite_535">[S. 535]</a></span>
-Dualismus am intensivsten sich offenbart, wie selten wird das begriffen!</p>
-
-<p>Die tiefsten Denker der Menschheit haben sicherlich alle indeterministisch
-gedacht. <em class="gesperrt">Goethe</em>, Dichtung und Wahrheit, IV. Teil,
-16. Buch (Bd. XXIV, S.&nbsp;177, ed. Hesse): Wo sich in den Thieren
-etwas Vernunfthnliches hervorthut, so knnen wir uns von unserer
-Verwunderung nicht erholen, denn ob sie uns gleich so nahe stehen,
-so scheinen sie doch durch eine unendliche Kluft von uns getrennt
-und in das Reich der Nothwendigkeit verwiesen. Durch dieselbe
-Kluft aber scheidet sich Goethe von der modernen Weltanschauung
-und der Entwicklungslehre.</p>
-
-<p>So auch <em class="gesperrt">Dante</em>, Paradiso, Canto V, V. 19&ndash;24:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Lo maggior don, che Dio per sua larghezza<br /></span>
-<span class="i0">Fesse creando, ed alla sua bontate<br /></span>
-<span class="i0">Pi conformato, e quel ch'ei pi apprezza<br /></span>
-<span class="i0">Fu della volont la libertate,<br /></span>
-<span class="i0">Di che le creature intelligenti<br /></span>
-<span class="i0">E tutte e sole fro e son dotate.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>So lt schon <em class="gesperrt">Platon</em>, die <em class="gesperrt">Schelling-Schopenhauer</em>sche
-Lehre von der Willensfreiheit antizipierend (wie es berhaupt keinen
-philosophischen Gedanken gibt, der sich bei ihm nicht fnde)
-in seinem Staat (X, 617, D E) die Parze Lachesis sagen: &#936;&#965;&#967;&#945;&#8054;
-&#7952;&#966;&#8053;&#956;&#949;&#961;&#959;&#953; ... &#959;&#8016;&#967; &#8017;&#956;&#8118;&#962; &#948;&#945;&#8055;&#956;&#969;&#957; &#955;&#8053;&#958;&#949;&#964;&#945;&#953;, &#7936;&#955;&#955;' &#8017;&#956;&#949;&#8150;&#962; &#948;&#945;&#953;&#956;&#959;&#957;&#945; &#945;&#7985;&#961;&#8053;&#963;&#949;&#963;&#952;&#949; ...
-&#945;&#953;&#964;&#953;&#945; &#7953;&#955;&#959;&#956;&#949;&#957;&#959;&#965; &#903; &#952;&#949;&#8056;&#962; &#7936;&#957;&#945;&#8055;&#964;&#953;&#959;&#962;. Und so alle Grten, <em class="gesperrt">Kant</em>,
-<em class="gesperrt">Augustinus</em>, Richard <em class="gesperrt">Wagner</em> (Siegfried, III. Akt: Wotan
-und Erda).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_226">S.&nbsp;226</a>, Z. 2 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Carlyle</em>: On Heroes etc., an mehreren
-Orten, besonders S.&nbsp;116 (ed. Chapman and Hall, London). Ganze
-und lautere Wahrheit ist, was er sagt: <em class="gesperrt">The merit of originality
-is not novelty; it is sincerity.</em></p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_232">S.&nbsp;232</a>. Z. 1&nbsp;f.</b>) Penses de Blaise <em class="gesperrt">Pascal</em>, Paris 1841,
-S.&nbsp;184 (Partie I, Article X, 1).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_234">S.&nbsp;234</a>, Z. 10 v. u.</b>) Ich vermchte fr das, was ich ber
-das eigenartige Verhalten begabterer Menschen in Gesellschaft
-anderer bemerkt habe, kein besseres Zeugnis anzufhren als das
-hochinteressante Bekenntnis des auf dem Kontinent verhltnismig
-wenig gewrdigten englischen Dichters John <em class="gesperrt">Keats</em>. Obwohl es mit
-besonderer Rcksicht auf den Dichter ausgesprochen ist, gilt es mit
-einigen leicht wahrzunehmenden Modifikationen vom Knstler, ja
-vom Genius berhaupt. Keats schreibt an seinen Freund Richard
-<em class="gesperrt">Woodhouse</em> am 27. Oktober 1818 (The poetical works and other
-writings of John Keats, edited by Harry Buxton Forman, Vol. III,
-London 1883, p. 233&nbsp;f.): As to the poetical character itself
-(I mean that sort, of which, if I am anything, I am a member;
-that sort distinguished from the Wordsworthian or egotistical sublime,
-which is a thing per se, and stands alone), it is not itself &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_536" id="Seite_536">[S. 536]</a></span>
-it has no self &mdash; it is everything and nothing &mdash; it has no character
-&mdash; it enjoys light and shade &mdash; it lives in gusto, be it foul
-or fair, high or low, rich or poor, mean or elevated &mdash; it has as
-much delight in conceiving a Jago or an Imogen. What shocks the
-virtuous philosopher delights the cameleon poet. It does no harm
-from its relish of the dark side of things, any more than from its
-taste for the bright one, because they both end in speculation. <em class="gesperrt">A
-poet is the most unpoetical of anything in existence</em>,
-because he has no identity: he is continually in for, and filling,
-some other body. The sun, the moon, the sea and men and women,
-who are creatures of impulse, are poetical and have about them an
-unchangeable attribute; the poet has none. He is certainly the most
-unpoetical of all God's creatures. If then, he has no self<a name="FNAnker_105_105" id="FNAnker_105_105"></a><a href="#Fussnote_105_105" class="fnanchor">[105]</a>, and if
-I am a poet, where is the wonder that I should say I would write
-no more? Might I not that very instant have been cogitating on
-the character of Saturn and Ops? It is a wretched thing to confess,
-but it is a very fact, that not one word I ever utter can be taken
-for granted as an opinion growing out of my identical nature. How
-can it, when I have no nature? When I am in a room with people,
-if I ever am free from speculating on creations of my brain, then
-not myself goes home to myself, <em class="gesperrt">but the identity of everyone
-in the room begins to press upon me, so that I am in a
-very little time annihilated &mdash; not only among men; it
-would be the same in a nursery of children</em> ...</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_233">S.&nbsp;233</a>, Z. 4 v. u. f.</b>) <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Analyse der Empfindungen
-u.&nbsp;s.&nbsp;w., 3. Aufl. 1902, S.&nbsp;19.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_235">S.&nbsp;235</a>, Z. 2 v. u.</b>) Gesammelte Schriften und Dichtungen
-von Richard <em class="gesperrt">Wagner</em>, Leipzig 1898, Bd. VI, S.&nbsp;249.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_236">S.&nbsp;236</a>, Z. 1&nbsp;ff.</b>) So sagt J. B. <em class="gesperrt">Meyer</em>, Genie und Talent,
-Eine psychologische Betrachtung, Zeitschrift fr Vlkerpsychologie
-und Sprachwissenschaft, 1880, XI, S.&nbsp;289: Cesare Borgia, Ludwig XI.
-von Frankreich, Richard III. waren geniale Bsewichter, und in der
-Reihe der Schwindler findet sich manches Genie &mdash; und gibt
-damit durchaus der populren Meinung Ausdruck.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_237">S.&nbsp;237</a>, Z. 20 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Sophokles</em> Aias Vers 553.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_237">S.&nbsp;237</a>, Z. 14 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Joannis Pici Mirandulae Concordiaeque
-Comitis</em> ... Opera quae extant omnia Basileae Per
-Sebastianum Henricepetri, 1601, Vol. I, p. 207&ndash;219: De hominis
-dignitate oratio. Die citierte Stelle p. 208. &mdash; Mirandola lebte nur
-von 1463&ndash;1494. &mdash; Supremi spiritus sind die Engel und die
-Teufel, die (paulo mox) gefallenen Engel. &mdash; Als denjenigen<span class="pagenum"><a name="Seite_537" id="Seite_537">[S. 537]</a></span>
-Menschen, der mit dem Lose keines Einzelgeschpfes sich begngt,
-hat man eben den Genius anzusehen; wenn das Genie das Gttliche
-im Menschen ist, so wird der Mensch, der ganz Genius wird,
-Gott gleich.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_9" id="Zu_Teil_II_Kapitel_9">Zu Teil II, Kapitel 9.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_240">S.&nbsp;240</a>, Z. 10&nbsp;f.</b>) Theodor <em class="gesperrt">Waitz</em>, Anthropologie der Naturvlker,
-Erster Teil. Leipzig 1859, S.&nbsp;380: Haben ltere christliche
-Autoritten an der Ehe nur die sinnliche Seite gesehen und ernstlich
-bezweifelt, ob auch die Weiber eine Seele besitzen, so knnen
-wir uns nicht darber wundern, da ihnen von Chinesen, Indern,
-Muhammedanern eine solche geradezu abgesprochen wird. Wird der
-Chinese nach seinen Kindern gefragt, so zhlt er nur die Knaben
-als solche; hat er nur Mdchen, so sagt er, er habe keine Kinder
-(<em class="gesperrt">Duhaut-Cilly</em>, Voyage autour du monde, 1834, II, 369).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_240">S.&nbsp;240</a>, Z. 19.</b>) <em class="gesperrt">Aristoteles</em>: De gener. animalium I, 2,
-716 a 4: &#964;&#8134;&#962; &#947;&#949;&#957;&#8051;&#963;&#949;&#969;&#962; &#7936;&#961;&#967;&#8048;&#962; &#7940;&#957; &#964;&#953;&#962; &#959;&#8016;&#967; &#7973;&#954;&#953;&#963;&#964;&#945; &#952;&#949;&#8055;&#951; &#964;&#8056; &#952;&#8134;&#955;&#965; &#954;&#945;&#8054;
-&#964;&#8056; &#7940;&#961;&#961;&#949;&#957;, &#964;&#8056; &#956;&#8050;&#957; &#7940;&#961;&#961;&#949;&#957; &#8033;&#962; &#964;&#8134;&#962; &#954;&#953;&#957;&#8053;&#963;&#949;&#969;&#962; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#8134;&#962; &#947;&#949;&#957;&#8051;&#963;&#949;&#969;&#962; &#7956;&#967;&#959;&#957; &#964;&#8052;&#957;
-&#7936;&#961;&#967;&#8053;&#957;, &#964;&#8056; &#948;&#8050; &#952;&#8134;&#955;&#965; &#8033;&#962; &#8021;&#955;&#951;&#962;. I 20, 729 a 9: &#964;&#8056; &#956;&#8050;&#957; &#7940;&#961;&#961;&#949;&#957; &#960;&#945;&#961;&#8051;&#967;&#949;&#964;&#945;&#953;
-&#964;&#8057; &#964;&#949; &#949;&#7990;&#948;&#959;&#962; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#8052;&#957; &#7936;&#961;&#967;&#8052;&#957; &#964;&#8134;&#962; &#954;&#953;&#957;&#8053;&#963;&#949;&#969;&#962;, &#964;&#8056; &#948;&#8050; &#952;&#8134;&#955;&#965; &#964;&#8056; &#963;&#8182;&#956;&#945; &#954;&#945;&#8054;
-&#964;&#8052;&#957; &#8021;&#955;&#951;&#957;. 729 a 29: &#964;&#8056; &#7940;&#961;&#961;&#949;&#957; &#7952;&#963;&#964;&#8054;&#957; &#8033;&#962; &#954;&#953;&#957;&#959;&#8166;&#957;, &#964;&#8056; &#948;&#8050; &#952;&#8134;&#955;&#965;, &#8087; &#952;&#8134;&#955;&#965;,
-&#8033;&#962; &#960;&#945;&#952;&#951;&#964;&#953;&#954;&#8057;&#957;. II, 1, 732 a 3: &#946;&#8051;&#955;&#964;&#953;&#959;&#957; &#947;&#8048;&#961; &#954;&#945;&#8054; &#952;&#949;&#953;&#8057;&#964;&#949;&#961;&#959;&#957; &#7969; &#7936;&#961;&#967;&#8052; &#964;&#8134;&#962;
-&#954;&#953;&#957;&#8053;&#963;&#949;&#969;&#962;, &#8087; &#7940;&#961;&#961;&#949;&#957; &#8017;&#960;&#8049;&#961;&#967;&#949;&#953; &#964;&#959;&#8150;&#962; &#947;&#953;&#957;&#959;&#956;&#8051;&#957;&#959;&#953;&#962;. &#8021;&#955;&#951; &#948;&#8050; &#964;&#8056; &#952;&#8134;&#955;&#965;.. II, 4,
-738 b 25: &#7936;&#949;&#8054; &#948;&#8050; &#960;&#945;&#961;&#8051;&#967;&#949;&#953; &#964;&#8056; &#956;&#8050;&#957; &#952;&#8134;&#955;&#965; &#964;&#8134;&#957; &#8021;&#955;&#951;&#957;, &#964;&#8056; &#948;&#8050; &#7940;&#961;&#961;&#949;&#957; &#964;&#8056;
-&#948;&#951;&#956;&#953;&#959;&#965;&#961;&#947;&#959;&#8166;&#957;. &#7956;&#963;&#964;&#953; &#964;&#8056; &#956;&#8050;&#957; &#963;&#8182;&#956;&#945; &#8050;&#954; &#964;&#959;&#8166; &#952;&#8053;&#955;&#949;&#959;&#962;, &#7969; &#948;&#8050; &#968;&#965;&#967;&#8052; &#7952;&#954; &#964;&#959;&#8166;
-&#7940;&#961;&#961;&#949;&#957;&#959;&#962;. Vgl. noch I, 21, 729 b 1 und 730 a 25. II, 3, 737,
-a 29. 740 b 12&ndash;25. Metaphysik, V, 28, 1024 a 34. IX, 1057
-a 31&nbsp;f. I, 6, 988 a 2&nbsp;f. erlutert er nach demselben Prinzipe,
-warum der Mann mehr Kinder zeugen knne als die Frau: &#8001;&#7985; &#956;&#8050;&#957;
-&#947;&#8048;&#961; &#7952;&#954; &#964;&#8134;&#962; &#8021;&#955;&#951;&#962; &#960;&#959;&#955;&#955;&#8048; &#960;&#959;&#953;&#959;&#8166;&#963;&#953;&#957;, &#964;&#8056; &#948;' &#949;&#7990;&#948;&#959;&#962; &#7941;&#960;&#945;&#958; &#947;&#949;&#957;&#957;&#8119; &#956;&#8057;&#957;&#959;&#957;,
-&#966;&#945;&#8055;&#957;&#949;&#964;&#945;&#953; &#948;' &#7952;&#954; &#956;&#953;&#8118;&#962; &#8021;&#955;&#951;&#962; &#956;&#8055;&#945; &#964;&#961;&#8049;&#960;&#949;&#950;&#945;, &#8001; &#948;&#8050; &#964;&#8056; &#949;&#7990;&#948;&#959;&#962; &#7952;&#960;&#953;&#966;&#8051;&#961;&#969;&#957; &#949;&#7991;&#962; &#8034;&#957;
-&#960;&#959;&#955;&#955;&#8048;&#962; &#960;&#959;&#953;&#949;&#8150;. &#8001;&#956;&#959;&#8055;&#969;&#962; &#948;' &#7956;&#967;&#949;&#953; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#8056; &#7940;&#961;&#961;&#949;&#957; &#960;&#961;&#8056;&#962; &#964;&#8056; &#952;&#8134;&#955;&#965;&#903; &#964;&#8056; &#956;&#8050;&#957; &#947;&#8048;&#961;
-&#8017;&#960;&#8056; &#956;&#953;&#8118;&#962; &#960;&#955;&#951;&#961;&#959;&#8166;&#964;&#945;&#953; &#8000;&#967;&#949;&#8055;&#945;&#962;, &#964;&#8056; &#948;' &#7940;&#961;&#961;&#949;&#957; &#960;&#959;&#955;&#955;&#8048; &#960;&#955;&#951;&#961;&#959;&#8150;&#903; &#954;&#945;&#8055;&#964;&#959;&#953; &#964;&#945;&#8166;&#964;&#945;
-&#956;&#953;&#956;&#8053;&#956;&#945;&#964;&#945; &#964;&#8182;&#957; &#7936;&#961;&#967;&#8182;&#957; &#7952;&#954;&#949;&#8055;&#957;&#969;&#957; &#7952;&#963;&#964;&#8055;&#957;.</p>
-
-<p>Vergleiche ber diese Lehre des Aristoteles: J. B. <em class="gesperrt">Meyer</em>,
-Aristoteles Tierkunde, Berlin 1855, S.&nbsp;454&nbsp;f.; Hermann <em class="gesperrt">Siebeck</em>,
-Aristoteles, Stuttgart 1899 (Frommanns Klassiker der Philosophie,
-Bd. VIII), S.&nbsp;69; Eduard <em class="gesperrt">Zeller</em>, Die Philosophie der Griechen in
-ihrer geschichtlichen Entwicklung, II/2. Leipzig 1879, 3. Aufl.,
-S.&nbsp;325 und 525&nbsp;f.; <em class="gesperrt">berweg-Heinze</em>, Grundri der Geschichte
-der Philosophie, I<sup>9</sup>, Berlin 1903, S.&nbsp;259; J. J. <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das
-Mutterrecht, Eine Untersuchung der Gynaikokratie der alten Welt,
-Stuttgart 1861, S.&nbsp;164&ndash;168. &mdash; Speziell ber die aristotelische
-Zeugungstheorie, ihr Verhltnis zu den frheren und den modernen
-Ansichten handelt Wilhelm <em class="gesperrt">His</em>, Die Theorien der geschlechtlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_538" id="Seite_538">[S. 538]</a></span>
-Zeugung, Archiv fr Anthropologie, Bd. IV, 1870, S.&nbsp;202
-bis 208.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_241">S.&nbsp;241</a>, Z. 3&nbsp;f.</b>) Jean <em class="gesperrt">Wier</em>, Opera omnia, Amstelodami 1660,
-Liber IV, Caput 24. Aus der spteren Literatur wte ich nur noch
-<em class="gesperrt">Oken</em> zu nennen (Lehrbuch der Naturphilosophie, 3. Aufl., Zrich
-1843, S.&nbsp;387, Nr. 2958): In der Paarung sind die mnnlichen
-Theile das Sinnesorgan, das weibliche nur der empfangende Mund.
-Eigentlich sind beide Sinnesorgane, aber jene das handelnde, diese
-das leidende (ibid. Nr. 2962). Wenn auch mnnlicher Same wirklich
-zur Frucht miterstarrt, so ist es doch nicht seine Masse, die
-in der Frucht zur Betrachtung kommt, sondern nur seine polarisierende
-Kraft.</p>
-
-<p>Die Absicht der Auseinandersetzungen des Textes geht nicht
-auf eine naturphilosophische Theorie der Zeugung, wie die von
-Aristoteles und Oken. Aber die Spekulation dieser Mnner ging
-gedanklich ohne Zweifel von den geistigen Unterschieden der Geschlechter
-aus, und dehnte diese auch auf das Verhltnis der beiden
-Keime in der Befruchtung aus; deshalb darf ich sie hier wohl anfhren.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_241">S.&nbsp;241</a>, Z. 13&nbsp;f.</b>) Vgl. Ausgewhlte Werke von Friedrich Baron
-<em class="gesperrt">de la Motte-Fouqu</em>, Ausgabe letzter Hand, Bd. XII, Halle 1841,
-S.&nbsp;136&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_243">S.&nbsp;243</a>, Z. 12&nbsp;f.</b>) Kantianer, die von dem Philosophen nur den
-Buchstaben fassen, werden das sicherlich in Abrede stellen; und es
-wrde ihnen die Kantische Terminologie hiezu eine gewisse Handhabe
-bieten, nach welcher das transcendentale Subjekt das Subjekt
-des <em class="gesperrt">Verstandes</em>, und der intelligible Charakter das Subjekt der
-<em class="gesperrt">Vernunft</em>, die letztere aber, als das praktische Vermgen im
-Menschen, dem ersteren, als einem blo theoretischen, bergeordnet
-ist. Doch kann ich mich auf Stellen berufen, wie in der Vorrede
-zur Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (S.&nbsp;8, ed. Kirchmann):
-Teils erfordere ich zur Kritik einer reinen praktischen Vernunft,
-da, wenn sie vollendet sein soll, <em class="gesperrt">ihre Einheit mit der spekulativen
-in einem gemeinschaftlichen Prinzip</em> zugleich msse
-dargestellt werden knnen, <em class="gesperrt">weil es doch am Ende nur eine und
-dieselbe Vernunft sein kann</em>, die blo in der Anwendung unterschieden
-sein mu. hnlich in der Kritik der praktischen Vernunft,
-S.&nbsp;110, 118, 145 (ed. Kehrbach). brigens war es eben
-diese Einheit des ganzen reinen Vernunftvermgens (des theoretischen
-sowohl als praktischen), welche <em class="gesperrt">Kant</em>ens geplantes und
-nicht zustande gekommenes Hauptwerk Der Transcendentalphilosophie
-hchster Standpunkt im System der Ideen: Gott, die
-Welt und der Mensch, oder System der reinen Philosophie in ihrem
-Zusammenhange (vgl. Hans <em class="gesperrt">Vaihinger</em>, Archiv fr Geschichte der
-Philosophie, IV, S.&nbsp;734&nbsp;f.) darzustellen bestimmt war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_539" id="Seite_539">[S. 539]</a></span>
-
-An diesem Orte mchte ich noch folgendes bemerken:</p>
-
-<p>In der groen Literatur, welche sich mit dem Verhltnisse
-<em class="gesperrt">Goethes</em> zu <em class="gesperrt">Kant</em> beschftigt, finde ich merkwrdigerweise die
-allerkantischeste Stelle im ganzen Goethe nicht erwhnt. Sie ist
-allerdings geschrieben, bevor Goethe noch irgend etwas von Kant
-gelesen hat, und ist auch weniger fr sein Verhltnis zu dem
-konkreten Menschen Kant und zu dessen Bchern, als fr Goethes
-Beziehung zur Kantischen Gedankenwelt charakteristisch. Sie findet
-sich in den noch in Frankfurt abgefaten Physiognomischen Fragmenten
-(Erster Versuch, Drittes Fragment: Bd. XIV, S.&nbsp;242 der
-Hesseschen Ausgabe) und lautet: Die gtige Vorsehung hat jedem
-einen gewissen Trieb gegeben, so oder anders zu handeln, der denn
-auch einem jeden durch die Welt hilft. Eben dieser innere Trieb
-kombiniert auch mehr oder weniger die Erfahrungen, die der Mensch
-macht, ohne da er sich dessen selbst bewut ist. Hierin ist deutlich die
-Identitt des intelligiblen Wesens ausgesprochen, von dem einerseits
-die synthetische Einheit der Apperzeption ausgeht, und das anderseits
-das <em class="gesperrt">frei</em> wollende Noumenon ist.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_245">S.&nbsp;245</a>, Z. 5 v. u. f.</b>) Eine der einfachsten und klarsten Auseinandersetzungen
-ber diesen Sachverhalt rhrt von Franz <em class="gesperrt">Staudinger</em>
-her, Identitt und Apriori, Vierteljahrsschrift fr wissenschaftliche
-Philosophie, XIII, 1889, S.&nbsp;66&nbsp;f.: ..... nicht blo die heutige
-Wahrnehmung von der Sonne ist eine andere als die gestrige, die
-heutige Sonne selbst ist nicht mehr die, welche gestern leuchtete.
-Dennoch aber sage ich: die gestrige Sonne ist mit der heutigen eins.
-Das heit aber nichts anderes, als da ich einen fortlaufenden Zusammenhang
-des Gegenstandes selbst, auf den meine zeitlich durchaus
-getrennten Vorstellungen gehen, voraussetzen mu. Es ist eine objektive
-Existenz des Gegenstandes selber gedacht, die ganz unabhngig
-von der Zerstcktheit unseres Wahrnehmens bestehen soll.
-Diese Feststellung der Dauer des Gegenstandes selbst ist das wesentliche
-Moment, welches unsere Substanzvorstellung konstituiert. Das
-Rtsel, welches hierin liegt, da wir von ganz getrennten Vorstellungen,
-die doch jedesmal, streng genommen, nur gegenwrtige
-Gegenstnde bezeichnen, zu der Vorstellung des Zusammenhanges
-eines einzigen dauernden Gegenstandes bergehen, wird, obwohl es
-von <em class="gesperrt">Kant</em> klar erkannt worden ist, noch allzuwenig der Aufmerksamkeit
-gewrdigt. Ob es Kant gelst hat, und wie es zu lsen sein
-mag, ist freilich eine Frage, welche den Ursprungsort der Erkenntniselemente
-betrifft ..... Wir mssen uns hier mit der Tatsache begngen,
-da wir gezwungen sind, solche Vorstellungen, die wir
-Wahrnehmungen nennen, auf einheitliche, mindestens von der ersten
-Wahrnehmung bis zur jetzigen dauernde Gegenstnde zu beziehen.</p>
-
-<p>Auch diese Schwierigkeit scheint vor der im Texte dargelegten
-Auffassung zu verschwinden oder wenigstens ihre Identitt mit einer<span class="pagenum"><a name="Seite_540" id="Seite_540">[S. 540]</a></span>
-anderen, allerdings nicht minder groen, zu erweisen. A&nbsp;=&nbsp;A, das Prinzip
-der Begrifflichkeit und Gegenstndlichkeit, ist psychologisch eine Negation
-der Zeit (wenn auch im rein logischen <em class="gesperrt">Sinne</em> des Satzes diese Beziehung
-auf die Zeit nicht liegt) und vermittelt insofern die Kontinuitt
-des Objektes. Soweit aber in ihm das Sein des Subjektes
-zum Ausdrucke kommt, <em class="gesperrt">setzt</em> er die gleiche Kontinuitt fr das
-innere Leben, trotz der Vereinzelung der psychischen Erlebnisse,
-trotz der Bewutseinsenge. Es ist also nur <em class="gesperrt">ein</em> Rtsel, die Frage
-nach der Kontinuitt des Objektes dieselbe wie nach der Kontinuitt
-des Subjektes.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_246">S.&nbsp;246</a>, Z. 18 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl.,
-Von der Synthesis der Rekognition im Begriffe (S.&nbsp;119, Kehrbach).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_247">S.&nbsp;247</a>, Z. 15.</b>) Vgl. besonders <em class="gesperrt">Huxley</em>, Hume (English Men
-of Letters, edited by John Morley, No. 5, London 1881), p. 94&nbsp;f.:</p>
-
-<p>When several complex impressions which are more or less
-different from one another &mdash; let us say that out of ten impressions
-in each, six are the same in all, and four are different from all the
-rest &mdash; are successively presented to the mind, it is easy to see
-what must be the nature of the result. The repetition of the six
-similar impressions will strengthen the six corresponding elements
-of the complex idea, which will therefore acquire greater vividness:
-while the four differing impressions of each will not only acquire no
-greater strength than they had at first, but, in accordance with the
-law of association, they will all tend to appear at once, and will thus
-neutralise one another.</p>
-
-<p>This mental operation may be rendered comprehensible by
-considering what takes place in the formation of compound photographs
-&mdash; when the images of the faces of six sitters, for example,
-are each received on the same photographic plate, for a sixth of
-the time requisite to take one portrait. The final result is that all
-those points in which the six faces agree are brought out strongly,
-while all those in which they differ are left vague; and thus what
-may be termed a <em class="gesperrt">generic</em> portrait of the six, in contradistinction
-to a <em class="gesperrt">specific</em> portrait of any one, is produced. &mdash; Eine hnliche
-Anschauung von der Entstehung des Begriffes durch bereinanderlagerung,
-wobei Verstrkung des Gleichartigen, Auslschen des Ungleichartigen
-stattfindet, kennt auch schon <em class="gesperrt">Herbart</em> (Psychologie als
-Wissenschaft, II, 122), der freilich den Unterschied zwischen logischem
-und psychologischem Begriff ausgezeichnet verstanden und klargelegt
-hat (a. a. O., 119). &mdash; <em class="gesperrt">Avenarius</em>: Kritik der reinen Erfahrung,
-Bd. II, Leipzig 1890, S.&nbsp;298&nbsp;ff. &mdash; <em class="gesperrt">Mach</em>, Die konomische Natur
-der physikalischen Forschung, Populr-wissenschaftliche Vorlesungen,
-Leipzig 1896, S.&nbsp;217&nbsp;ff. Tiefer grbt <em class="gesperrt">Mach</em> in den Prinzipien der
-Wrmelehre, historisch-kritisch entwickelt, 2. Aufl., Leipzig 1900,
-S.&nbsp;415&nbsp;f., <span class="pagenum"><a name="Seite_541" id="Seite_541">[S. 541]</a></span>419&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_248">S.&nbsp;248</a>, Z. 7 v. u.</b>) Das Urteil existiert; als Voraussetzung
-dessen, da es existiert, immaniert ihm die Annahme eines Zusammenhanges
-zwischen dem Menschen und dem All, erkenntniskritisch
-ausgedrckt, einer Beziehung des <em class="gesperrt">Denkens</em> zum <em class="gesperrt">Sein</em>. Diesen
-Zusammenhang, diese Beziehung zu ergrnden ist das Hauptproblem
-aller theoretischen Philosophie, wie es das Hauptproblem aller
-praktischen Philosophie ist, das Verhltnis des <em class="gesperrt">Sollens</em> zum Sein
-festzustellen. Insofern also das Urteil <em class="gesperrt">ist</em>, ist der Mensch der
-Mikrokosmus.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_249">S.&nbsp;249</a>, Z. 15.</b>) Der Ausdruck <em class="gesperrt">innere Urteilsform</em> bei
-Wilhelm <em class="gesperrt">Jerusalem</em>, Die Urteilsfunktion, eine psychologische
-und erkenntniskritische Untersuchung, Wien und Leipzig, 1895,
-S.&nbsp;80.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_251">S.&nbsp;251</a>, Z. 19.</b>) <em class="gesperrt">Leibniz</em>: Monadologie No. 31 (Opera philosophica,
-ed. Erdmann, p. 707): Nos raisonnements sont fonds
-sur deux grands principes, <em class="gesperrt">celui de la contradiction</em>, en vertu
-duquel nous jugeons faux ce qui en enveloppe, et vrai ce qui est
-oppos ou contradictoire au faux; [no. 32] <em class="gesperrt">et celui de la raison
-suffisante</em>, en vertu duquel nous considrons, qu'aucun fait ne
-serait se trouver vrai ou existant, aucune nonciation vritable, sans
-qu'il y ait une raison suffisante, pourquoi il en soit ainsi et non
-pas autrement, quoique ces raisons le plus souvent ne puissent point
-nous tres connues.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_253">S.&nbsp;253</a>, Z. 2.</b>) ber die geringere Kriminalitt der Frauen
-vergleiche z.&nbsp;B. den Artikel des Dr. G. <em class="gesperrt">Morache</em>, Die Verantwortlichkeit
-des Weibes vor Gericht in der Wage vom 14. Mrz 1903,
-S.&nbsp;372&ndash;376. Es heit dort: Die Zahl der Frauen bersteigt die
-der Mnner ganz erheblich; in Frankreich weniger als anderswo,
-aber auch hier ist der Unterschied ein merklicher; wre nun die
-weibliche Kriminalitt der des Mannes gleich, so mten die Zahlen,
-die sie zum Ausdruck bringen, ebenfalls ziemlich gleich sein.</p>
-
-<p>Greifen wir nun drei beliebige Zahlen heraus; wenn man will,
-1889, 1890, 1891. Whrend dieser Zeit sind 2970 Mnner wegen
-schwerer Verbrechen (Mord, Kindesmord, Verbrechen gegen die
-Sittlichkeit) vor Gericht gestellt worden, whrend man 745 Frauen
-in dem nmlichen Zeitraum derselben Verbrechen anklagte. Die
-Kriminalitt des Weibes wird also durch eine Zahl ausgedrckt,
-die ein Viertel der mnnlichen betrgt, oder mit anderen Worten,
-es werden von vier Verbrechen drei von Mnnern begangen und
-eines von Frauen. Selbst wenn wir das Verbrechen des Kindesmordes
-beiseite lassen, fr das eigentlich nur der Mann verantwortlich
-ist, denn er ist ja der Autor, so findet man, da bei den wegen
-gemeiner Verbrechen Angeklagten nur 211 Frauen auf 2954 Mnner
-kommen; das Weib ist also 14mal weniger verbrecherisch als
-der Mann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_542" id="Seite_542">[S. 542]</a></span>
-
-An Auslegungen dieser unleugbaren Tatsachen &mdash; denn sie
-zu bestreiten wre unmglich &mdash; fehlt es nicht. Man sagt, die
-Krperkonstitution des Weibes eigne sich nicht zur Gewalttat, die
-die Mehrzahl der verbrecherischen Handlungen aufzuweisen haben;
-sie sei fr die Verbrechen mit bewaffneter Hand, fr den Einbruch
-nicht geschaffen. Man behauptet, wenn sie das Verbrechen auch
-nicht materiell begeht, so suggeriere sie es doch und habe ihren
-Nutzen davon; moralisch sei sie der Urheber und um so schuldiger,
-weil sie im Dunklen handelt und mit der Hand eines anderen
-schlgt. So kommt man auf das alte Wort zurck: Cherchez la
-femme ... Die italienische Schule hat recht wohl erkannt, da das
-Weib vom materiellen Standpunkt weniger verbrecherisch ist als
-der Mann, doch sie gibt fr diese Tatsache eine interessante Erklrung;
-der Verbrecher stiehlt und mordet, um sich ohne Arbeit
-das Geld zu verschaffen, das Miggang und Vergngen gewhrt.
-Das Weib besitzt, um zu demselben Zweck zu gelangen, ein weit
-einfacheres Mittel. Sie treibt Handel mit ihrem Krper, sie verkauft
-sich. Addiert man die Zahl der Verbrecherinnen zu der der kuflichen
-Frauen, so kommt man zur Zahl der mnnlichen Kriminalitt.</p>
-
-<p>Die Theorie scheint befriedigend, ist aber paradox. Auerdem
-ist sie grundfalsch: denn wenn man auch die Zahl der unter Anklage
-gestellten Verbrecherinnen kennt, so kann man doch nicht
-einmal annhernd die Zahl der Frauen abschtzen, die unter irgend
-einer Maske und unter ganz verschiedenen Modalitten aus ihren
-Reizen Nutzen ziehen.</p>
-
-<p>Soweit Morache. Abgesehen von der Oberflchlichkeit der
-Meinung, die das Verbrechen des Gewinnes halber geschehen lt,
-wre noch zu bemerken, da es genug Frauen vom Prostituiertentypus
-gibt, die sich gar nicht des Geldes oder Schmuckes wegen
-prostituieren, sich jedem Kutscher, der ihre Begierde erregt, hingeben,
-nicht also um noch hheren Luxus treiben zu knnen, Frauen
-aus den hchsten und reichsten Kreisen. &mdash; Vergleiche ferner <em class="gesperrt">Ellis</em>,
-Mann und Weib, S.&nbsp;364&nbsp;ff. und die dort citierte reiche Literatur.
-<em class="gesperrt">Lombroso-Ferrero</em>, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte,
-Hamburg 1894, zweiter Teil: Kriminologie des Weibes, S.&nbsp;193&nbsp;ff.
-und besonders Paul <em class="gesperrt">Ncke</em>, Verbrechen und Wahnsinn beim Weibe,
-mit Ausblicken auf die Kriminal-Anthropologie berhaupt, Wien und
-Leipzig 1894, mit sehr vollstndigem Literaturverzeichnis auf S.&nbsp;240
-bis 255.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_254">S.&nbsp;254</a>, Z. 19&nbsp;f.</b>) Darum ist die Frau auch nicht <em class="gesperrt">hlich</em>,
-whrend der Verbrecher hlich ist.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_255">S.&nbsp;255</a>, Z. 16.</b>) Von diesem Gesichtspunkt aus behandeln die
-Krankenpflege des Weibes E. <em class="gesperrt">Leyden</em>, Weibliche Krankenpflege
-und weibliche Heilkunst, Deutsche Rundschau, XIX, 1879, S.&nbsp;126&ndash;148,
-Franz <em class="gesperrt">Knig</em>, Die Schwesternpflege der Kranken, Ein Stck moderner<span class="pagenum"><a name="Seite_543" id="Seite_543">[S. 543]</a></span>
-Kulturarbeit der Frau, a. a. O. LXXI, 1892, S.&nbsp;141&ndash;146, Julius
-<em class="gesperrt">Duboc</em>, Fnfzig Jahre Frauenfrage in Deutschland, Geschichte und
-Kritik, Leipzig 1896, S.&nbsp;18&nbsp;f. &mdash; ber den <em class="gesperrt">hysterischen</em> Charakter
-mancher Krankenpflege (der nach Kapitel XII wohl begreiflich wird)
-vgl. <em class="gesperrt">Freuds</em> Bemerkungen in <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freuds</em> Studien ber
-Hysterie, Leipzig und Wien 1895, S.&nbsp;141.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_259">S.&nbsp;259</a>, Z. 8&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Analyse der Empfindungen,
-3. Aufl., 1902, S.&nbsp;14.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_259">S.&nbsp;259</a>, Z. 16.</b>) Sie ist z.&nbsp;B. abgedruckt bei Karl <em class="gesperrt">Pearson</em>,
-The Grammar of Science, London 1892, p. 78.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_259">S.&nbsp;259</a>, Z. 14 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>: in der Grundlegung zur Metaphysik
-der Sitten, S.&nbsp;60, ed. Kirchmann.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_260">S.&nbsp;260</a>, Z. 5 v. u.</b>) Das Wort Eigenwert stammt nicht
-von mir, sondern ist, wie ich glaube, zuerst gebraucht von August
-<em class="gesperrt">Dring</em>, Philosophische Gterlehre 1888, S.&nbsp;56, 319&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_262">S.&nbsp;262</a>, Z. 4&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Anthropologie, S.&nbsp;234, ed. Kirchmann:</p>
-
-<p>Der Mann ist eiferschtig, <em class="gesperrt">wenn</em> er <em class="gesperrt">liebt</em>; die Frau auch
-ohne da sie liebt; weil so viele Liebhaber, als von anderen Frauen
-gewonnen wurden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_262">S.&nbsp;262</a>, Z. 8.</b>) Beweis: es gibt wohl Kameradschaft zu
-mehren, Freundschaft aber nur zu zweien.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_263">S.&nbsp;263</a>, Z. 13 v. u.</b>) Das Phnomen der Galanterie hoffe ich
-anderswo zu analysieren. Auch <em class="gesperrt">Kant</em> spricht (Fragmente aus dem
-Nachla, ed. Kirchmann, Bd. VIII, S.&nbsp;307) von der Beleidigung der
-Weiber, in der Gewohnheit, ihnen zu schmeicheln.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_264">S.&nbsp;264</a>, Z. 14 v. u.</b>) Vgl. Auguste <em class="gesperrt">Comte</em>, Cours de Philosophie
-positive, 2<sup>ime</sup> d., par E. Littr, Vol. III, Paris 1864, p. 538&nbsp;f.
-Er spricht vom vain principe fondamental de <em class="gesperrt">l'observation intrieure</em>
-und der profonde absurdit que prsente la seule supposition,
-si videmment contradictoire, de l'homme se regardant
-penser.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_264">S.&nbsp;264</a>, Z. 7 v. u.</b>) Friedrich <em class="gesperrt">Jodl</em>, Lehrbuch der Psychologie,
-2. Aufl., Bd. II, Stuttgart und Berlin 1903, S.&nbsp;103.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_265">S.&nbsp;265</a>, Z. 4.</b>) <em class="gesperrt">Mill</em>: in seinem Buche gegen <em class="gesperrt">Hamilton</em> (nach
-Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, L'Automatisme psychologique, 3<sup>ime</sup> d., Paris 1899,
-p. 39&nbsp;f., wo zum Ich-Problem manches in Deutschland weniger Bekannte
-angefhrt wird). <em class="gesperrt">Mach</em>: Die Analyse der Empfindungen,
-3. Aufl. 1902, S.&nbsp;3, 18&nbsp;f. &mdash; brigens sagt bereits <em class="gesperrt">Hume</em> (Treatise
-I, 4, 6, p. 454 der ersten Ausgabe, Vol. I, London 1739): Memory
-is to be considered as the source of personal identity.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_266">S.&nbsp;266</a>, Z. 2.</b>) Heinrich <em class="gesperrt">Schurtz</em>, Altersklassen und Mnnerbnde,
-Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin
-1902.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_266">S.&nbsp;266</a>, Z. 6.</b>) <em class="gesperrt">Pascal</em>: Penses I, 7, 1 Misre de l'homme.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_544" id="Seite_544">[S. 544]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_266">S.&nbsp;266</a>, Z. 16.</b>) ber die Kleptomanie der Weiber vgl. Albert
-<em class="gesperrt">Moll</em>, Das nervse Weib, Berlin 1898, S.&nbsp;167&nbsp;f. Paul <em class="gesperrt">Dubuisson</em>,
-Les voleuses des grands magasins, Archives d'Anthropologie criminelle,
-XVI, 1901, p. 1&ndash;20, 341&ndash;370.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_266">S.&nbsp;266</a>, Z. 8 v. u.</b>) Eduard von <em class="gesperrt">Hartmann</em>, Phnomenologie
-des sittlichen Bewutseins, Prolegomena zu jeder knftigen
-Ethik, Berlin 1879, S.&nbsp;522&nbsp;f. macht die zutreffende Bemerkung:</p>
-
-<p>Fast alle Weiber sind geborne Defraudantinnen aus Passion.
-Wenige nur werden sich entschlieen, zu viel erhaltene Ware oder
-zu viel herausbekommenes Geld zurckzuliefern; sie trsten sich damit,
-der Kaufmann habe ja doch genug an ihnen verdient, und es knne
-ihnen ja nicht bewiesen werden, da sie sich ihrer Unterschlagung
-bewut gewesen seien.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_267">S.&nbsp;267</a>, Z. 20.</b>) ber die Buschmnner, <em class="gesperrt">Klemm</em>, Allgemeine
-Kulturgeschichte der Menschheit, Leipzig 1844, Bd. I, S.&nbsp;336.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_268">S.&nbsp;268</a>, Z. 4 v. u. ff.</b>) Hier darf ich <em class="gesperrt">Kant</em> selbst fr meine
-Anschauung von der Seelenlosigkeit des Weibes in Anspruch nehmen.
-Er sagt (Anthropologie, S.&nbsp;234, ed. Kirchmann): &#8218;Was die Welt
-sagt, ist <em class="gesperrt">wahr</em>, und was sie <em class="gesperrt">thut</em>, gut&#8217; ist ein weiblicher Grundsatz,
-der sich schwer mit einem <em class="gesperrt">Charakter</em>, in der engen Bedeutung des
-Wortes, vereinigen lt. Er fgt allerdings hinzu: Es gab aber doch
-wackere Weiber, die, in Beziehung auf ihr Hauswesen, einen dieser
-ihrer Bestimmung angemessenen Charakter mit Ruhm behaupteten.
-Jedenfalls wird niemand mit Ruhm behaupten, da diese Einschrnkung
-den intelligiblen Charakter des Weibes retten knne, der
-nach der Kantischen Hauptlehre Zweck an sich selbst ist. &mdash;
-Wenn brigens ein Kantianer, der nur am Wortlaut des Meisters
-kleben wrde, der ganzen Darlegung entgegenhielte, da nach Kant
-der intelligible Charakter <em class="gesperrt">allen</em> vernnftigen Wesen zukomme, so ist
-zu erwidern, da das Weib eben keine Vernunft im Kantischen
-Sinne hat. Da das Weib keine Beziehung zu den Werten hat, so
-ist der Schlu auf das Fehlen des wertenden Gesetzgebers gerechtfertigt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_269">S.&nbsp;269</a>, Z. 14.</b>) Der abgrundtiefe Unterschied zwischen dem
-psychischen Leben des Mannes und der Frau wird noch immer,
-vielleicht selbst in diesem Buche, seiner Bedeutung und Tragweite
-nach unterschtzt. Nur selten finden sich hievon Ahnungen, wie bei
-Heinrich <em class="gesperrt">Spitta</em>, Die Schlaf- und Traumzustnde der menschlichen
-Seele mit besonderer Bercksichtigung ihres Verhltnisses zu den
-psychischen Alienationen, 2. Aufl., Tbingen 1882, S.&nbsp;301: Ein
-entscheidender, durchgreifender Einflu auf das gesamte seelische
-Leben liegt zunchst in dem Geschlechtsunterschied begrndet; dieser
-Teilungsstrich, den die Natur hiemit durch die ganze Menschenwelt
-gezogen hat, dokumentiert sich auf allen Gebieten des psychischen
-Lebens. Alles Fhlen, Wollen, Begehren, mit einem Worte die<span class="pagenum"><a name="Seite_545" id="Seite_545">[S. 545]</a></span>
-ganze Vorstellungsweise, alles Dichten und Trachten erhlt durch
-den Unterschied der beiden Geschlechter einen eigenartigen Typus,
-welcher im Verlauf der einzelnen Lebensalter sich immer mehr ausprgt
-und damit gleichsam die Form bildet, unter welcher und in
-welcher ein jeder das Ganze seiner eigenen Geisteswelt in der ihm
-eigentmlichen Weise erfat. Der Unterschied im Seelenleben
-zwischen Mann und Weib ist ein ungeheuerer, ein bis in die kleinsten
-Details hinein sich erstreckender ....</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_269">S.&nbsp;269</a>, Z. 5 v. u.</b>) Friedrich Albert <em class="gesperrt">Lange</em>, Geschichte des
-Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, Buch II,
-5. Aufl., Leipzig 1896, S.&nbsp;381.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_273">S.&nbsp;273</a>, Z. 1&nbsp;ff.</b>) Vgl. hiemit Theodor <em class="gesperrt">Lipps</em>, Suggestion und
-Hypnose, Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der
-kniglichen Akademie der Wissenschaften zu Mnchen, 1897/II,
-S.&nbsp;520: Psychologisch ist das Ganze jederzeit mehr und in gewissem
-Sinne jederzeit eher als der Teil. Und besonders Wilhelm
-<em class="gesperrt">Diltheys</em> mehrfach erwhnte charakterologische Abhandlungen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_274">S.&nbsp;274</a>, Z. 4&nbsp;ff.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der reinen Vernunft,
-S.&nbsp;289, ed. Kehrbach.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_274">S.&nbsp;274</a>, Z. 17.</b>) Eine mit meiner Darstellung in gewissen
-Punkten sich berhrende, sehr interessante Abhandlung ist die von
-Oskar <em class="gesperrt">Ewald</em>, Die sogenannte empirische Psychologie und der
-Transcendentalismus Kants, Die Gnosis, Halbmonatsschrift, Wien,
-5. Mrz 1903, S.&nbsp;87&ndash;91. Ewalds Absicht luft auf eine psychologische
-Kategorienlehre hinaus, als auf eine Tafel jener Verstandesbegriffe
-(Wille, Kraft und psychische Aktivitt), die psychologische
-Erfahrung erst mglich machen sollen. Kant habe nur die eine Hlfte
-der Arbeit, den naturwissenschaftlichen Teil, geleistet, den anderen
-noch zu tun gelassen. Ich kann mich dieser Auffassung nicht anschlieen,
-weil es nach ihr zweierlei Erfahrung, eine uere und eine
-ihr <em class="gesperrt">beigeordnete</em> innere, geben mte, und weil der Zusammenhang des
-psychischen Lebens ein unmittelbar erlebter ist, und aus seiner Beobachtung
-Erfahrungsstze von hherer als komparativer Allgemeinheit
-geschpft werden knnen (vgl. S.&nbsp;220). Aber mit diesen Einwendungen
-mchte ich das von <em class="gesperrt">Ewald</em> angeregte Problem keineswegs
-erledigt haben. Es ist dieses Problem, weit genug verfolgt,
-vielleicht das tiefste philosophische Problem berhaupt, oder identisch
-mit diesem; denn das Verhltnis von Begriff und Anschauung, von
-Freiheit und Notwendigkeit spielt hier herein. Und schlielich hngt
-diese ganze Frage aufs innigste mit dem Postulate der Unabhngigkeit
-der Erkenntnistheorie von der Psychologie zusammen. Ich kann
-hierauf nicht nher eingehen, und mchte auf jenen bedeutungsvollen,
-blo an etwas okkultem Orte publizierten Gedanken hier nur
-hingewiesen haben.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_275">S.&nbsp;275</a>, Z. 3.</b>) E. <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Analyse der Empfindungen und das
-Verhltnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902, <span class="pagenum"><a name="Seite_546" id="Seite_546">[S. 546]</a></span>S.&nbsp;60&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_275">S.&nbsp;275</a>, Z. 6 v. u. ff.</b>) Die franzsischen Verse aus Edmond
-<em class="gesperrt">Rostand</em>, Cyrano de Bergerac, Acte I, Scne IV (Paris 1898,
-p. 43).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_276">S.&nbsp;276</a>, Z. 4&nbsp;ff.</b>) Die hier bekmpften Anschauungen sind die
-von <em class="gesperrt">Mach</em>, Die Mechanik, 4. Aufl., Leipzig 1901, S.&nbsp;478&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_276">S.&nbsp;276</a>, Z. 8 v. u.</b>) Wilhelm <em class="gesperrt">Windelband</em>, Geschichte und
-Naturwissenschaft, Rektoratsrede, Straburg 1894.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_277">S.&nbsp;277</a>, Z. 5.</b>) v. <em class="gesperrt">Schrenck-Notzing</em>, ber Spaltung der
-Persnlichkeit (sogenanntes Doppel-Ich), Wien 1896, erwhnt auf
-S.&nbsp;6 nach <em class="gesperrt">Proust</em> einen Fall (den einzigen mir aus der Literatur
-bekannt gewordenen) eines mnnlichen Hysterikers mit condition
-prime und condition seconde. Es sind gewi noch einige Flle
-mehr beobachtet worden; aber jedenfalls verschwinden sie an Zahl
-vor der Menge der Frauen mit derartigem psychischen Zustandswechsel.
-Da es Mnner mit mehrfachem Ich gibt, beweist nichts gegen
-die Thesen des Textes; denn der Mann kann eben auch jene eine
-Mglichkeit von den unzhligen in ihm verwirklichen, er kann auch
-Weib werden (vgl. S.&nbsp;241, 359, 398&nbsp;f.).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_277">S.&nbsp;277</a>, Z. 19.</b>) So sagt Heinrich <em class="gesperrt">Heine</em> in einem sehr
-schlechten Gedichte (Letzte Gedichte, zum Lazarus 12):</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Gestalt der wahren Sphinx<br /></span>
-<span class="i0">Weicht nicht ab von der des Weibes.<br /></span>
-<span class="i0">Faselei ist jener Zusatz<br /></span>
-<span class="i0">Des betatzten Lwenleibes.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Todesdunkel ist das Rtsel<br /></span>
-<span class="i0">Dieser wahren Sphinx. Es hatte<br /></span>
-<span class="i0">Kein so schweres zu erraten<br /></span>
-<span class="i0">Frau Jokastens Sohn und Gatte.<br /></span>
-</div></div>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_10" id="Zu_Teil_II_Kapitel_10">Zu Teil II, Kapitel 10.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_283">S.&nbsp;283</a>, Z. 8&ndash;10</b>) Nur 34% der eigentlichen Prostituierten
-bringen Kinder zur Welt (nach C. <em class="gesperrt">Lombroso</em> und G. <em class="gesperrt">Ferrero</em>,
-Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, bersetzt von H. Kurella,
-Hamburg 1894, S.&nbsp;540).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_283">S.&nbsp;283</a>, Z. 16 v. u. f.</b>) Die hier abgewiesene Meinung ist
-vor allem eine bekannte Lehre sozialdemokratischer Theoretiker,
-insbesondere August <em class="gesperrt">Bebels</em> (Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart
-und Zukunft, 9. Aufl., Stuttgart 1891, S.&nbsp;140&nbsp;ff.): Die Prostitution
-eine nothwendige soziale Institution der brgerlichen Welt.
-So wird die Prostitution zu einer nothwendigen sozialen Institution
-fr die brgerliche Gesellschaft, ganz wie Polizei, stehendes Heer,
-Kirche, Unternehmerschaft u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_284">S.&nbsp;284</a>, Z. 18&nbsp;f.</b>) Vgl. ber diese der Prostitution gezollten
-Ehrungen Heinrich <em class="gesperrt">Schurtz</em>, Altersklassen und Mnnerbnde, Eine<span class="pagenum"><a name="Seite_547" id="Seite_547">[S. 547]</a></span>
-Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902, S.&nbsp;198&nbsp;f.
-Auch <em class="gesperrt">Lombroso-Ferrero</em>, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte,
-Hamburg 1894, S.&nbsp;228&nbsp;ff.; ber die Phnicier, S.&nbsp;230.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_285">S.&nbsp;285</a>, Z. 10.</b>) Der hier berichtigte Gedanke <em class="gesperrt">Schopenhauers</em>
-ist ausgesprochen in der Welt als Wille und Vorstellung,
-Bd. II, S.&nbsp;630, Grisebach.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_285">S.&nbsp;285</a>, Z. 20.</b>) Johannes <em class="gesperrt">Mller</em>, Handbuch der Physiologie
-des Menschen fr Vorlesungen, II. Bd., 2. Abt. Coblenz 1838,
-S.&nbsp;574&nbsp;f.: Beim Versehen ..... soll etwas Positives gebildet
-werden, und die Form des Gebildes soll der Form in der Vorstellung
-entsprechen. Diese Wirkung ist schon deswegen unwahrscheinlich,
-weil sie sich von einem Organismus auf den anderen erstrecken
-soll; die Verbindung von Mutter und Kind ist aber nichts
-anderes als eine mglichst innige Juxtaposition zweier an und fr
-sich ganz selbstndiger Wesen, welche sich mit ihren Oberflchen
-anziehen und wovon das eine die Nahrung und Wrme abgibt, die
-sich das andere aneignet. [Dies eben, die Ansicht von der bloen
-Juxtaposition, ist falsch. Vgl. im Texte S.&nbsp;296.] Aber abgesehen
-davon lt sich diese alte und hchst populre Superstition vom
-Versehen durch viele andere Grnde entkrften. Ich habe Gelegenheit,
-die meisten Monstra zu sehen, welche in der preuischen
-Monarchie geboren werden. Gleichwohl kann ich behaupten, da
-mir trotz dieser groen Gelegenheit in der Regel nichts Neues in
-dieser Weise vorkommt, und da sich hiebei nur gewisse Formen
-wiederholen, welche den groen Reihen der Hemmungsbildungen,
-Spaltbildungen, Defekte, Verschmelzungen seitlicher Teile mit Defekt
-der mittleren u.&nbsp;s.&nbsp;w. angehren ..... Bedenkt man ferner, da
-sich jede Schwangere whrend der Zeit ihrer Schwangerschaft
-gewi oft erschreckt, und da sehr viele sich gewi wenigstens
-einmal, wenn nicht mehrere Male versehen, ohne da dies irgend
-eine Folge hat, so wird es, falls eine Monstrositt irgendwo geboren
-wird, gewi nicht an Gelegenheit fehlen, diese auf eine dem
-populren Glauben entsprechende Weise zu erklren. Die vernnftige
-Lehre vom Versehen reduziert sich daher darauf, da jeder heftige
-leidenschaftliche Zustand der Mutter auf die organische Wechselwirkung
-zwischen Mutter und Kind einen ebenso, pltzlichen Einflu
-haben, und demzufolge auch eine Hemmung der Bildungen oder
-ein Stehenbleiben der Formationen auf gewissen Stufen der Metamorphose
-herbeifhren kann, ohne da jedoch die Vorstellung der
-Mutter auf die Stelle, wo sich dergleichen Retentionen erzeugen,
-Einflu haben knne u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
-
-<p>Th. <em class="gesperrt">Bischoff</em>, Artikel: Entwicklungsgeschichte mit besonderer
-Bercksichtigung der Mibildungen in Rudolf Wagners
-Handwrterbuch der Physiologie, Bd. I, Braunschweig 1842, S.&nbsp;885
-bis 889. Zunchst S.&nbsp;886: <em class="gesperrt">Meckel</em> hat mit Recht zuerst darauf aufmerksam<span class="pagenum"><a name="Seite_548" id="Seite_548">[S. 548]</a></span>
-gemacht, da in der Frage nach dem Versehen, wie sie
-gewhnlich aufgestellt wird, meistens zwei wesentlich verschiedene
-eingeschlossen sind, nmlich erstens die: knnen Affekte der Mutter
-auf die Entwicklung des neuen Organismus einen Einflu haben?
-Und zweitens die: knnen Affekte der Mutter, die durch einen bestimmten
-Gegenstand veranlat werden, die Bildung des neuen Organismus
-dergestalt verndern, da derselbe jenem Gegenstande
-gleich oder hnlich wird? Wenn nun gleich die Erfahrung oft zeigt,
-da sich der Ftus sehr selbstndig, sowohl von den krperlichen
-als psychischen Zustnden der Mutter entwickeln kann, und demnach
-durchaus keine notwendige Beziehung zwischen beiden sich
-vorfindet, so haben doch anderseits tausende von Fllen die Abhngigkeit
-der Entwicklung der Frucht von den krperlichen und
-psychischen Zustnden der Mutter so entschieden nachgewiesen, da
-die erste Frage nur ganz unbedingt bejahend beantwortet werden
-kann ..... Es ist in vielen Fllen wirklich wahr gewesen und ereignet
-sich noch, da ein heftiger Schrecken oder Gemtsbewegung
-der Mutter eine Mibildung veranlat hat, ohne da indessen die
-Form derselben dem Gegenstande jenes Schreckens entsprche. Wir
-sehen aber, wie sich hieraus unter Beihilfe der Phantasie, die hnlichkeiten
-schafft, wo keine sind, viele Angaben erklren lassen.
-Allein auch noch fr diese hnlichkeiten sind wir imstande, nhere
-Erklrungen und Aufschlsse zu geben ..... So ist es erklrlich,
-wie Furcht und Schrecken, deprimierende und schwchende Einflsse
-Strungen und Hemmungen in der Ausbildung der Frucht
-hervorbringen knnen, welche zufllig und einzelne Male selbst eine
-gewisse hnlichkeit mit den Objekten des Affektes haben knnen.
-Er macht im weiteren achterlei Grnde namhaft, welche man
-gegen die Erklrung der Entstehung gewisser Mibildungen durch
-Affekte der Mutter, veranlat durch, diesen Mibildungen hnliche,
-Gegenstnde aufwerfen mu߫, bekannte Argumente, die ich hier
-nicht alle wiederholen kann, und kommt zu dem Schlusse:
-Nehmen wir zu diesem allen noch hinzu, da wir die meisten
-Mibildungen aus den Entwicklungsgesetzen und anderen naturwissenschaftlich
-zu analysierenden Ursachen erklren knnen, <em class="gesperrt">so
-wird wohl jedermann zugestehen mssen, da das Versehen
-zum wenigsten nur als eine sehr seltene und beschrnkte
-Ursache der Mibildungen angenommen werden
-kann</em>. S.&nbsp;885: Schon <em class="gesperrt">Hippokrates</em> verteidigte eine Prinzessin,
-welche in den Verdacht des Ehebruches gekommen war, weil sie
-ein schwarzes Kind gebar, dadurch, da zu den Fen ihres Bettes
-das Bild eines Negers gehangen habe ..... Spter scheint es, da
-vorzglich der unglckliche und verderbliche Wahn, die Mibildungen
-seien Wirkungen des gttlichen Zornes oder dmonischer und sodomitischer
-Abstammung, den Glauben an das Versehen vorzglich
-bestrkt haben. Die unglcklichen Mtter solcher Mibildungen<span class="pagenum"><a name="Seite_549" id="Seite_549">[S. 549]</a></span>
-waren natrlich gerne bereit, den auf sie fallenden schrecklichen
-Verdacht und die ihm so oft folgenden grausamen Strafen dadurch
-von sich abzuwenden, da sie die Annahme des Versehens so sehr
-als mglich untersttzten. So wurde sie denn die allgemein verbreitetste,
-und der Phantasie wurde es nicht schwer, fr die Formen
-der Mibildungen uere Objekte als Ursachen aufzufinden.</p>
-
-<p>Charles <em class="gesperrt">Darwin</em>: Das Variieren der Tiere und Pflanzen im
-Zustande der Domestikation, bersetzt von J. Viktor Carus, II. Bd.,
-2. Aufl. Stuttgart 1873, S.&nbsp;301 (Kapitel 22).</p>
-
-<p>Ablehnendes Verhalten der Zchtungstheoretiker: Hermann
-<em class="gesperrt">Settegast</em>, Die Tierzucht, 4. Aufl., I. Bd.; Die Zchtungslehre,
-Breslau 1878, S.&nbsp;100 bis 102, 219 bis 222. S.&nbsp;219: Der Glaube
-an die Mglichkeit des Versehens ist uralt. Schon die Bibel erzhlt
-uns (1. Buch Mose, Kap. 30, Vers 37 bis 39), da der Erzvater
-Jakob es verstand, ein &#8218;Versehen&#8217; der Mutterschafe knstlich hervorzurufen
-und auf diese Weise scheckige Lmmer zu erzeugen. Er
-tat nmlich Holzstbe, die durch stellenweises Abschlen der Rinde
-ein scheckiges Aussehen gewonnen hatten, in Trnkrinnen.
-Es mag dahingestellt bleiben, ob Jakob der Meinung war, da das
-Versehen an diesen bunten Holzstbchen whrend des Bespringens
-der Mutterschafe, das an den Trnktrgen bewerkstelligt worden zu
-sein scheint, vor sich gehen werde, oder da die <em class="gesperrt">schon tragenden</em>
-Mutterschafe im Anblick der auffallenden Gegenstnde, die ihnen
-beim Trinken vor die Augen gerckt wurden, und den bunten
-Stben entsprechend scheckige Lmmer bringen mten. Seinen
-gewinnschtigen Zweck hat aber Jakob erreicht und dadurch den
-Grund zu seiner Wohlhabenheit gelegt. Bis auf den heutigen Tag
-finden Schilderungen hnlicher Art Glubige. In einer Anmerkung
-hiezu: uert sich doch noch im Jahre 1874 Dr. J. in einer der
-gelesensten und geachtetsten Zeitungen Deutschlands unter anderem
-wie folgt: &#8218;Es ist eine eigentmliche Erfahrung, welche der Zchter
-macht, da durch die Imagination des Muttertieres, zumal wenn es
-tragend ist, sich die Farbe der es umgebenden Gegenstnde und
-besonders die Farbe der Tiere von seiner nchsten Umgebung auf
-die Nachkommenschaft hufig bertrgt. So ist es sehr oft beobachtet
-worden, da der wiederholte und reichliche Verbrauch von
-Kalkanstrich den Stllen und Verschlgen, worin sich eine Rinderzuchtherde
-befindet, erheblich das Verhltnis der weien oder weischeckigen
-Klber vermehrt, die geboren werden.&#8217; Solche und
-hnliche Erzhlungen legen Zeugnis von der Leichtfertigkeit ab,
-womit kritiklos und aus Sucht, dem Leser Pikanterien zu bieten,
-unbegrndete Behauptungen mit dem Gewande sogenannter Erfahrungen
-umkleidet werden. ..... Der Umstnde und Tatsachen,
-welche gegen die Mglichkeit des Versehens sprechen, gibt es so
-viele, da es uns fast wie ein Rest von Aberglauben vorkommen<span class="pagenum"><a name="Seite_550" id="Seite_550">[S. 550]</a></span>
-will, wenn man an dieser haltlosen Theorie, durch die auffallende
-Formen erklrt werden sollen, ferner festhlt.</p>
-
-<p>Endlich sei als ein Gynkologe angefhrt Max <em class="gesperrt">Runge</em>, Lehrbuch
-der Geburtshilfe, 6. Aufl., Berlin 1901, S.&nbsp;82&nbsp;f.: Die Frage,
-ob starke psychische Eindrcke, welche eine Schwangere treffen,
-Einflu auf die Entstehung krperlicher Verbildungen oder geistiger
-Defekte der Frucht haben knnen, spielt bei vielen Laien eine groe
-Rolle (Versehen der Schwangeren). Von der neueren wissenschaftlichen
-Medizin ist bis auf die jngste Zeit die Frage abgelehnt
-worden, und insbesondere die Mglichkeit eines Kausalzusammenhanges
-zwischen psychischem Eindruck und einer vorliegenden Mibildung
-des Kindes auf das bestimmteste geleugnet worden. In
-neuester Zeit hat man die genannte Frage aber doch einer Diskussion
-wert erachtet. Mag die Frage also wissenschaftlich noch diskutabel
-sein, fr die Praxis gilt auch heute noch der Rat, bei
-Schwangeren und ihrer Umgebung den Glauben an das sogenannte
-Versehen ernstlich zu bekmpfen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Runge</em> spielt hier an auf die Abhandlungen von J. <em class="gesperrt">Preu</em>,
-Vom Versehen der Schwangeren, Berliner Klinik, Heft 51 (1892), <em class="gesperrt">Ballantyne</em>,
-Edinburgh Medical Journal, Vol. XXXVI, 1891 und die
-Arbeit Gerhards von <em class="gesperrt">Welsenburg</em>, Das Versehen der Frauen in
-Vergangenheit und Gegenwart und die Anschauungen der rzte,
-Naturforscher und Philosophen darber, Leipzig 1899. v. Welsenburgs
-ausfhrliche Zusammenstellung lt am Schlusse die Frage
-unentschieden.</p>
-
-<p>ber das Versehen und die sicher bertriebene Sucht, alle
-Mibildungen hierauf als einzige Ursache zurckzufhren vgl. noch
-<em class="gesperrt">Plo</em>, Das Weib in der Natur- und Vlkerkunde, 7. Aufl., 1902,
-Bd. I, S.&nbsp;809 bis 811. Benjamin <em class="gesperrt">Bablot</em>, Dissertation sur le
-pouvoir de l'imagination des femmes enceintes. E. v. <em class="gesperrt">Feuchtersleben</em>,
-Die Frage ber das Versehen der Schwangeren, zergliedert
-in den Verhandlungen der k. k. Gesellschaft der rzte zu Wien,
-1842, S.&nbsp;430&nbsp;f., und andere, worber bei von Welsenburg nachgelesen
-werden kann. Dieser fhrt auch zahlreiche Frsprecher des
-Versehens an (so <em class="gesperrt">Budge</em>, <em class="gesperrt">Schnlein</em>, <em class="gesperrt">Carus</em>, <em class="gesperrt">Bechstein</em>,
-Prosper <em class="gesperrt">Lucas</em>, G. H. <em class="gesperrt">Bergmann</em>, A. von <em class="gesperrt">Solbrig</em>, Theodor
-<em class="gesperrt">Roth</em>, Karl <em class="gesperrt">Hennig</em> [die zwei letzteren in Virchows Archiv 1883,
-1886], <em class="gesperrt">Bichat</em> u.&nbsp;a.). Ich mchte nur noch erwhnen, was ein so
-hervorragender, klarer und nchterner Naturforscher wie Karl Ernst
-von <em class="gesperrt">Baer</em> zu dieser Frage bemerkt hat (bei dem ebenfalls zu den
-Anhngern des Versehens zhlenden ausgezeichneten Karl Friedrich
-<em class="gesperrt">Burdach</em>, in dessen Physiologie als Erfahrungswissenschaft, 2. Aufl.
-Bd. II, Leipzig 1837, S.&nbsp;127):</p>
-
-<p>Eine schwangere Frau wurde durch eine in der Ferne sichtbare
-Flamme sehr erschreckt und beunruhigt, weil sie dieselbe in<span class="pagenum"><a name="Seite_551" id="Seite_551">[S. 551]</a></span>
-der Gegend ihrer Heimat erblickte. Der Erfolg lehrte, da sie sich
-nicht geirrt hatte; da der Ort aber sieben Meilen entfernt war,
-so dauerte es lange, bis man sich hierber Gewiheit verschaffte,
-und diese lange Ungewiheit mag besonders auf die Frau eingewirkt
-haben, so da sie lange nachher versicherte, stets die Flamme vor
-Augen zu haben. Zwei oder drei Monate nach dem Brande wurde
-sie von einer Tochter entbunden, welche einen roten Fleck auf der
-Stirn hatte, der nach oben spitz zulief in Form einer auflodernden
-Flamme; er wurde erst im siebenten Jahre unkenntlich. <em class="gesperrt">Ich erzhle
-diesen Fall, weil ich ihn zu genau kenne, da er
-meine eigene Schwester betrifft</em>, und weil die Klage ber die
-Flamme vor den Augen <em class="gesperrt">whrend der Schwangerschaft</em> gefhrt,
-und nicht, wie gewhnlich, nach der Entbindung die Ursache der
-Abweichung in der Vergangenheit aufgesucht wurde.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_286">S.&nbsp;286</a>, Z. 9&nbsp;ff.</b>) Henrik <em class="gesperrt">Ibsen</em>, Die Frau vom Meer, Zweiter
-Aufzug, Siebenter Auftritt. &mdash; <em class="gesperrt">Goethe</em>, Die Wahlverwandtschaften,
-Zweiter Teil, Dreizehntes Kapitel. &mdash; v. <em class="gesperrt">Welsenburg</em> weist auch
-auf <em class="gesperrt">Immermanns</em>, infolge eines bsen Traumes seiner Mutter mit
-einem hirschfngerartigen Male unter dem Herzen gebornen Jger
-aus dem Mnchhausen hin (Buch II, Kap. 7, S.&nbsp;168&ndash;175, ed.
-Hempel).</p>
-
-<p>Es ist von Interesse, zu hren, wie zwei Mnner der Wissenschaft
-ber die bekannte Begebenheit aus den Wahlverwandtschaften
-sich uern. H. <em class="gesperrt">Settegast</em>, Die Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die
-Zchtungslehre, Breslau 1878, spricht S.&nbsp;101&nbsp;f. zuerst ber die
-fragliche Beeinflussung des Embryo durch Eindrcke der Mutter
-whrend der Gestation, und fhrt dann fort: Es wird erzhlt, es
-sei einst ein weikpfiges Fohlen geboren worden infolge des Umstandes,
-da whrend des Beschlaktes im Gesichtskreise der Zeugenden
-sich ein Knabe befand, der sich den Kopf mit einem weien
-Tuche verhllt hatte. Ein scheckiges Fohlen ward geboren, nachdem
-die zur Beschlstation gefhrte rossige Stute den Weg wiederholt
-in Gesellschaft eines scheckigen Pferdes zurckgelegt hatte. In einem
-anderen Falle soll das Scheckenkleid des Fohlens durch das pltzliche
-Erscheinen eines scheckigen Jagdhundes whrend des Beschlaktes
-veranlat worden sein ... Wollte man einwenden, da es
-zweifelhaft sei, ob das, was <em class="gesperrt">der Mensch</em> fr eine genug auffllige
-Erscheinung halte, die Einbildungskraft des zeugenden Tieres zu beschftigen,
-auch von dem Tiere so angesehen werde, so knnten
-aus der Erfahrung zahlreiche Flle beigebracht werden, in denen
-nachweisbar whrend der Begattung die Einbildungskraft eines der
-Zeugenden mit einem sinnlichen Gegenstande beschftigt sein mute.
-So gehrt es z.&nbsp;B. in der Tierzucht zu den nicht ungewhnlichen
-Mitteln, ein mnnliches Tier zur Begattung mit einem von ihm
-nicht begehrten dadurch zu vermgen, da man eine seiner Favoritinnen<span class="pagenum"><a name="Seite_552" id="Seite_552">[S. 552]</a></span>
-in die Nhe der Verschmhten bringt. Nun wird der Sprung
-nicht versagt, die durch die Neigung des mnnlichen Individuums
-Begnstigte wird schnell zurck-, und die Verschmhte zur Kopulation
-untergeschoben. <em class="gesperrt">Noch niemals hat man beobachtet, da das
-Kind des so Betrogenen dem Gegenstande seiner Neigung,
-mit dem seine Phantasie whrend des Begattungsaktes beschftigt
-sein mute, gleiche, und da sich ein Proze vollziehe,
-den Goethe in seinen Wahlverwandtschaften mit
-dichterischer Meisterschaft geschildert hat. In das von ihm
-beherrschte Gebiet der Phantasie und Dichtung wird man
-die Ansicht von dem Einflu seelischer Eindrcke auf das
-Zeugungsprodukt zu verweisen haben.</em></p>
-
-<p>Viel bescheidener absprechend sagt Rudolf <em class="gesperrt">Wagner</em>, Nachtrag zu
-Rud. Leuckarts Artikel Zeugung in Wagners Handwrterbuch der
-Physiologie, Bd. IV, Braunschweig 1853, S.&nbsp;1013: Infolge heftigen
-Schreckens kann Abortus entstehen. Anhaltender Gram kann ein
-Gesamtleiden der Mutter zur Folge haben, welches Zerrttung ihrer
-Konstitution, schlechte Ernhrung, Krankheiten des Ftus veranlassen
-kann. Aber ein spezifischer Einflu durch Eindrcke uerer
-Gegenstnde auf die Schwangeren darf nicht zugegeben werden, und
-niemals kann die Entstehung von Mibildungen, von Muttermlern etc.
-damit in Zusammenhang gebracht werden. <em class="gesperrt">Wer im Sinne von
-Goethes Wahlverwandtschaften &mdash; wo diese Ansicht mit
-der fr den Menschenkenner eigentmlichen Tiefe durchgefhrt
-ist &mdash; einen Einflu innerer Gedankenbildung im
-Momente des Beischlafes auf die physische und psychische
-Bildung der Frucht annehmen will, der wird vom physiologischen
-Standpunkte weder zu widerlegen sein, noch
-wird ihm seine Ansicht besttigt werden knnen.</em> Bis zu
-solcher Tiefe ist die Physiologie noch nicht vorgeschritten, und es
-steht zu bezweifeln, da sie je dahin gelangen werde. <em class="gesperrt">Wenn ich
-mein subjektives Urteil aussprechen soll, so mu ich jedoch
-gestehen, da ich einen solchen Einflu der bloen
-Vorstellung im Momente des Zeugungsaktes viel eher zu
-bezweifeln als anzunehmen geneigt bin.</em></p>
-
-<p>Schlielich sei noch erwhnt, da auch <em class="gesperrt">Kant</em> das Versehen
-bestritten hat, in der Abhandlung: ber die Bestimmung des Begriffs
-einer Menschenrasse (Berliner Monatsschrift, November 1785,
-Bd. VIII, S.&nbsp;131&ndash;132, ed. Kirchmann): Es ist klar, da, wenn der
-Zauberkraft der Einbildung oder der Knstelei der Menschen an
-tierischen Krpern ein Vermgen zugestanden wrde, die Zeugungskraft
-selbst abzundern, das uranfngliche Modell der Natur umzuformen
-oder durch Zustze zu verunstalten, die gleichwohl nachher
-beharrlich in den folgenden Zeugungen aufbehalten wrden, man
-gar nicht mehr wissen wrde, von welchem Originale die Natur ausgegangen<span class="pagenum"><a name="Seite_553" id="Seite_553">[S. 553]</a></span>
-sei, oder wie weit es mit der Abnderung desselben gehen
-knne, und, da der Menschen Einbildung keine Grenzen erkennt, in
-welche Fratzengestalt die Gattungen und Arten zuletzt noch verwildern
-drften. Dieser Erwgung gem nehme ich es mir zum Grundsatze,
-gar keinen in das Zeugungsgeschft der Natur pfuschenden Einflu
-der Einbildungskraft gelten zu lassen und kein Vermgen der
-Menschen, durch uere Knstelei Abnderungen in dem alten
-Original der Gattungen oder Arten zu bewirken, solche in die
-Zeugungskraft zu bringen und erblich zu machen. Denn lasse
-ich auch nur einen Fall dieser Art zu, so ist es, als ob ich
-auch nur eine einzige Gespenstergeschichte oder Zauberei einrumte
-u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_287">S.&nbsp;287</a>, Z. 14 v. u.</b>) Da den Prostituierten alle mtterlichen
-Gefhle abgehen, darber vgl. <em class="gesperrt">Lombroso-Ferrero</em>, S.&nbsp;539&nbsp;f. der
-deutschen Ausgabe (Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte,
-Hamburg 1894).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_290">S.&nbsp;290</a>, Z. 14.</b>) Die Argumente, welche als moralische Begrndungen
-der Ehe angefhrt werden, sind bare Sophisterei. Sogar
-vom Standpunkte der Kantischen Ethik &mdash; und es gibt keine andere
-Ethik &mdash; hat man sie auf folgende Weise aufrechtzuhalten gesucht,
-wie Theodor G. v. <em class="gesperrt">Hippel</em> (ber die Ehe, 3. Aufl., Berlin 1792,
-S.&nbsp;150): Nie ist der Mensch <em class="gesperrt">Mittel</em>, allemal ist er <em class="gesperrt">Zweck</em>: nie Instrument,
-sondern Spielmann; nie kann er genossen werden,
-sondern er ist Genieer! In der Ehe verbinden sich zwei Personen,
-einander gegenseitig zu genieen: das Weib will eine Sache fr den
-Mann seyn, und auch der Ehemann macht sich dagegen in bester
-Form Rechtens verbindlich, sich dahin zu geben. Da beide sich zu
-Instrumenten herabsetzen, auf denen wechselweise gespielt wird, so geht
-Null mit Null auf: und dieser einzige Menschengenukontrakt ist erlaubt,
-nthig, gttlich weise. Ja <em class="gesperrt">Kant</em> selbst fhrt eine gleiche
-arithmetische Operation in seinen Metaphysischen Anfangsgrnden
-der Rechtslehre aus ( 25, S.&nbsp;88&nbsp;f., ed. Kirchmann): Der
-natrliche Gebrauch, den ein Geschlecht von den Geschlechtsorganen
-des anderen macht, ist ein <em class="gesperrt">Genu</em>, zu dem sich ein Teil dem anderen
-hingibt. In diesem Akt macht sich der Mensch selbst zur Sache,
-welches dem Rechte der Menschheit an seiner eigenen Person widerstreitet.
-Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses mglich, da,
-indem die eine Person von der anderen <em class="gesperrt">gleich als Sache</em> erworben
-wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe, denn so gewinnt
-sie wiederum sich selbst und stellt ihre Persnlichkeit wieder her.
-Es ist aber der Erwerb eines Gliedmaes am Menschen zugleich
-Erwerbung der ganzen Person &mdash; weil diese eine absolute Einheit
-ist &mdash; folglich ist die Hingebung und Annehmung eines Geschlechtes
-zum Genu des anderen nicht allein unter der Bedingung der Ehe
-zulssig, sondern auch <em class="gesperrt">allein</em> unter derselben mglich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_554" id="Seite_554">[S. 554]</a></span>
-
-Diese Rechtfertigung berhrt sehr eigentmlich. Es hebt sich
-moralisch nicht auf, wenn zwei Menschen einander gleich viel stehlen.
-Zu erklren ist diese uerung wohl nur aus der geringen
-Rolle, welche die Frauen in Kantens psychischem Leben spielten,
-und der geringen Heftigkeit der erotischen Neigungen, die er zu bekmpfen
-hatte.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_291">S.&nbsp;291</a>, Z. 14&nbsp;f.</b>) Vgl. Joseph <em class="gesperrt">Hyrtl</em>, Topographische Anatomie,
-5. Aufl., 1865, S.&nbsp;559&nbsp;f.: Der Zusammendrckung der Ausfhrungsgnge
-der einzelnen Drsenlappen wird durch das Hartwerden der
-Warze vorgebeugt, welche sich umsomehr steift, je grer der mechanische
-Reiz ist, welchen die kindlichen Kiefer auf die Warze
-ausben. Die zahlreichen Tastwrzchen an der Oberflche der Papille
-werden die Erfllung der Mutterpflicht mit einem wohltuenden
-Kitzel lohnen, der jedoch zu wenig wollstig ist, um jede Mutter
-fr die Leistung der heiligsten Pflicht zu gewinnen. [Wohl aber
-jede Mutter nach dem im Texte entwickelten Begriffe einer eigentlichen
-Mutterschaft im Gegensatze zur Dirnenhaftigkeit.] &mdash; ber
-die Erection der Warze selbst vgl. L. <em class="gesperrt">Landois</em>, Lehrbuch der Physiologie
-des Menschen, 9. Aufl., Wien und Leipzig 1896, S.&nbsp;441:
-Bei der Entleerung der Milch wirkt nicht allein rein mechanisch
-das <em class="gesperrt">Saugen</em>, sondern es kommt eine <em class="gesperrt">aktive Ttigkeit der
-Brustdrse</em> hinzu. Diese besteht zunchst in der Erection der
-Warze, wobei die glatten Muskeln derselben zur Entleerung der
-Milch auf die Sinus der Gnge drcken, so da dieselbe sogar im
-Strahle hervorspritzen kann. &mdash; ber die Uteruskontraktionen Max
-<em class="gesperrt">Runge</em>, Lehrbuch der Geburtshilfe, 4. Aufl., Berlin 1898, S.&nbsp;180:
-Der Reiz der Warzen durch das Saugen lst Uteruskontraktionen
-aus.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_292">S.&nbsp;292</a>, Z. 1 v. u.</b>) Man vergleiche hiemit die folgenden Betrachtungen
-J. J. <em class="gesperrt">Bachofens</em>, die vielleicht tief genannt zu werden
-verdienen (Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, S.&nbsp;165&nbsp;f.): Der Mann
-erscheint als das bewegende Prinzip. Mit der Einwirkung der mnnlichen
-Kraft auf den weiblichen Stoff beginnt die Bewegung des
-Lebens, der Kreislauf des &#8001;&#961;&#945;&#964;&#8056;&#962; &#954;&#972;&#963;&#956;&#959;&#962;. War zuvor alles in Ruhe,
-so hebt jetzt mit der ersten mnnlichen Tat jener ewige Flu der
-Dinge an, der durch die erste &#954;&#943;&#957;&#951;&#963;&#953;&#962; hervorgerufen wird, und, nach
-Heraklits bekanntem Bilde, in keinem Augenblicke vllig derselbe
-ist. Durch Peleus' Tat wird aus Thetis' unsterblichem Mutterschoe
-das Geschlecht der Sterblichen geboren. Der Mann bringt den Tod
-in die Welt. Whrend die Mutter fr sich der Unsterblichkeit geniet,
-geht nun, durch den Phallus erweckt, aus ihrem Leibe ein
-Geschlecht hervor, das gleich einem Strome immer dem Tode entgegeneilt,
-gleich Meleagers Feuerbrand stets sich selbst verzehrt. Auch
-S.&nbsp;34&nbsp;f. ist von Bachofen manches Schne ber die im demetrisch-tellurischen
-Prinzipe gelegene Art der Unsterblichkeit gesagt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_555" id="Seite_555">[S. 555]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_293">S.&nbsp;293</a>, Z. 4&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Die Welt als Wille und
-Vorstellung, Bd. II, Buch 4, Kapitel 41.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_294">S.&nbsp;294</a>, Z. 18.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Die Welt als Wille und
-Vorstellung, Bd. II, Buch 4, Kapitel 44: Der Endzweck aller
-Liebeshndel, sie mgen auf dem Soccus oder dem Kothurn gespielt
-werden, ist ... wichtiger als alle anderen Zwecke im
-Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes, womit jeder ihn verfolgt,
-vllig wert. Das nmlich, was dadurch entschieden wird, ist
-nichts Geringeres als die <em class="gesperrt">Zusammensetzung der nchsten
-Generation</em> u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_295">S.&nbsp;295</a>, Z. 26.</b>) Z. B. sagt der freilich auch sonst beraus flache
-und unoriginelle Eduard von <em class="gesperrt">Hartmann</em>, der jetzt von manchen, wie es
-scheint, blo weil er kein Universittsprofessor ist, schon fr einen groen
-Denker gehalten wird, in seiner Phnomenologie des sittlichen Bewutseins,
-Prolegomena zu jeder knftigen Ethik (Berlin 1879), S.&nbsp;268&nbsp;f.:
-Man denke ... an ein vom naivsten aber rcksichtslosesten und schamlosesten
-Egoismus beseeltes Weib, das von dem Tage an, wo es Mutter
-wird, mit der ganzen Naivitt des weiblichen Gefhls ihr Selbst auf die
-Personen ihrer Kinder mit ausdehnt, kein Opfer fr das Wohl dieser
-scheut, aber auch die so erweiterte Mutterselbstsucht ebenso rcksichtslos
-und schamlos nach auen bt wie vorher ihren Egoismus, ja noch
-ungenierter, weil sie in ihren Mutterpflichten eine ethische Rechtfertigung
-ihres Verhaltens zu besitzen glaubt ... Ist auch eine
-solche einseitige Liebe, die rcksichtslos zu allem auerhalb dieses
-Liebesverhltnisses Liegenden sich verhlt, eine sittlich unvollkommene,
-so ist sie doch im Prinzip ein unermelicher Fortschritt ber den
-starren Eigennutz und die kahle Eigenliebe hinaus, und zeigt den
-grundstzlichen Bruch mit der Beschrnkung des Willens auf das
-alleinige Wohl der Individualitt. Man kann sagen, da in einer
-solchen Mutter, bei aller Einseitigkeit ihrer Moralitt, doch unendlich
-viel mehr ethische <em class="gesperrt">Tiefe</em> verwirklicht ist als bei dem Virtuosen der
-Klugheitsmoral, dem willenlosen Sklaven kirchlicher Moralformeln
-und dem Knstler der sthetischen Moral zusammengenommen, da
-jene die <em class="gesperrt">Wurzel alles Bsen</em> wenigstens in <em class="gesperrt">einem</em> Punkte
-radikal und <em class="gesperrt">von Grund aus zerstrt hat</em>, whrend von diesen
-die beiden ersten sich durch auerhalb der Sache liegende Rcksichten,
-der letztere doch nur durch oberflchliche und uerliche
-Seiten der Sache bestimmen lt. Darum wird solche Liebe sittliche
-Achtung und in ihren hheren Graden selbst Ehrfurcht und Bewunderung
-erwecken, selbst da, wo ihre Einseitigkeit zu unsittlichem
-Verhalten nach anderen Richtungen fhrt. Alle diese Irrtmer entstehen
-aus dem trotz <em class="gesperrt">Kant</em> berall verbreiteten, aber ganz unhaltbaren
-Glauben an eine triebhafte, naive, unbewute und auf diese
-Art vollkommene Sittlichkeit. Man wird es ewig zu wiederholen
-haben, da Moralitt und Bewutheit, Unbewutheit und Immoralitt<span class="pagenum"><a name="Seite_556" id="Seite_556">[S. 556]</a></span>
-einerlei sind. (So spricht von unbewuter Sittlichkeit Hartmann
-a. a. O., S.&nbsp;311; es mu hiegegen anerkannt werden, da er an
-anderen Stellen einsichtiger ber die Frauen urteilt; z.&nbsp;B. S.&nbsp;526:
-Der Mangel an Rechtlichkeit und Gerechtigkeit macht das weibliche
-Geschlecht als Ganzes zu einem moralischen Parasiten des
-mnnlichen.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_297">S.&nbsp;297</a>, Z. 1.</b>) Johann <em class="gesperrt">Fischart</em>, Das Philosophisch Ehezuchtbchlin.
-&mdash; Jean <em class="gesperrt">Richepins</em> bekannte Ballade La Glu nach dem
-Bretonischen (in La Chanson des Gueux). Auch H. <em class="gesperrt">Heine</em> htte
-mehrerer Gedichte wegen hier angefhrt werden drfen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_297">S.&nbsp;297</a>, Z. 10.</b>) J. J. <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das Mutterrecht, Eine
-Untersuchung ber die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer
-religisen und rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S.&nbsp;10: Auf den
-tiefsten, dstersten Stufen des menschlichen Daseins bildet die Liebe,
-welche die Mutter mit den Geburten ihres Leibes verbindet, den
-Lichtpunkt des Lebens, die einzige Erhellung der moralischen
-Finsternis, die einzige Wonne inmitten des tiefen Elends. Dasjenige
-Verhltnis, an welchem die Menschheit zuerst zur Gesittung
-emporwchst, das der Entwicklung jeder Tugend, der Ausbildung
-jeder edleren Seite des Daseins zum Ausgangspunkte dient, ist der
-Zauber des Muttertums, der inmitten eines gewalterfllten Lebens
-als das gttliche Prinzip der Liebe, der Einigung, des Friedens
-wirksam wird. Bachofen ist ein viel tieferer und weiter blickender
-Mann, von einer universelleren, echteren philosophischen Bildung
-als irgend ein Soziolog seit Hegel; und doch bersieht er hier
-etwas so Naheliegendes wie den vlligen Mangel an Unterschieden
-zwischen der Mutterliebe bei den Tieren (Henne, Katze) und beim
-Menschen.</p>
-
-<p>Robert <em class="gesperrt">Hamerling</em>, sonst mehr Rhetor als wahrer Knstler,
-macht ber die Mutterliebe eine gute Bemerkung, die, ohne da er
-dies zu wollen scheint, klar zeigt, wie von Sittlichkeit hier gar nicht
-gesprochen werden kann (Ahasver in Rom, II. Gesang, Werke,
-Volksausgabe, Bd. I, S.&nbsp;59):</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Mutterliebe, sieh, das ist der Pflichtteil<br /></span>
-<span class="i0">Von Liebesglck, den jeder Kreatur<br /></span>
-<span class="i0">Auswirft die kargende Natur &mdash; der Rest<br /></span>
-<span class="i0">Ist Schein und Trug. <em class="gesperrt">Wahrhaftig, mich ergtzt es,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Da es ein Wesen gibt, fr das es ewig</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Naturnotwendigkeit ist, mich zu lieben.</em><br /></span>
-</div></div>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_299">S.&nbsp;299</a>, Z. 9. v. u.</b>) An Annherungen an jenes grere
-Hetrentum (Aspasia, Kleopatra) hat es in der Renaissance nicht gefehlt.
-Vgl. <em class="gesperrt">Burckhardt</em>, Die Kultur der Renaissance in Italien,
-4. Aufl., bes. von L. Geiger, Bd. I, S.&nbsp;127.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_302">S.&nbsp;302</a>, Z. 15 v. u.</b>) Die Erzhlung ber Napoleon nach
-<em class="gesperrt">Emerson</em>, Reprsentanten des Menschengeschlechtes, bersetzt von
-Oskar Dhnert, Leipzig, Universalbibliothek, S.&nbsp;199.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_557" id="Seite_557">[S. 557]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_306">S.&nbsp;306</a>, Z. 18.</b>) Dieser Auffassung der Mutterschaft kommt
-am nchsten die des <em class="gesperrt">Aischylos</em> (Eumeniden, V. 658&nbsp;f.):</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#927;&#8016;&#954; &#7956;&#963;&#964;&#953; &#956;&#8053;&#964;&#951;&#961; &#7969; &#954;&#949;&#954;&#955;&#951;&#956;&#8051;&#957;&#959;&#965; &#964;&#8051;&#954;&#957;&#959;&#965;<br /></span>
-<span class="i0">&#964;&#959;&#954;&#949;&#8059;&#962;, &#964;&#961;&#959;&#966;&#8056;&#962; &#948;&#8050; &#954;&#8059;&#956;&#945;&#964;&#959;&#962; &#957;&#949;&#959;&#963;&#960;&#8057;&#961;&#959;&#965;.<br /></span>
-<span class="i0">&#964;&#8055;&#954;&#964;&#949;&#953; &#948;'&#8001; &#952;&#961;&#8061;&#963;&#954;&#969;&#957;, &#7969; &#948;'&#7937;&#960;&#949;&#961; &#958;&#8051;&#957;&#969; &#958;&#8051;&#957;&#951;<br /></span>
-<span class="i0">&#7956;&#963;&#969;&#963;&#949;&#957; &#7956;&#961;&#957;&#959;&#962;, &#959;&#8055;&#963;&#953; &#956;&#8052; &#946;&#955;&#8049;&#966;&#951; &#952;&#949;&#8057;&#962;.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_307">S.&nbsp;307</a>, Z. 16 v. u.</b>) Die Illusion der Vaterschaft hat der
-mchtigen Tragdie August <em class="gesperrt">Strindbergs</em> Der Vater den Namen
-gegeben. (Man vgl. in dieser auerordentlichen Dichtung [bersetzt
-von E. Brausewetter, Universalbibliothek] als speziell auf diesen
-Punkt sich beziehend S.&nbsp;34.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_307">S.&nbsp;307</a>, Z. 14 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das Mutterrecht, S.&nbsp;9:
-... der Name matrimonium selbst ruht auf der Grundidee
-des Mutterrechtes. Man sagte matrimonium, nicht patrimonium, wie
-man zunchst auch nur von einer materfamilias sprach. Paterfamilias
-ist ohne Zweifel ein spteres Wort. Plautus hat materfamilias fters,
-Paterfamilias nicht ein einziges Mal ... Nach dem Mutterrecht gibt
-es wohl einen Pater, aber keinen Paterfamilias. <em class="gesperrt">Familia ist ein
-rein physischer Begriff</em>, und darum zunchst nur der Mutter
-geltend. Die bertragung auf den Vater ist ein improprie dictum,
-das daher zwar im Recht angenommen, aber in den gewhnlichen,
-nicht juristischen Sprachgebrauch spter erst bertragen wurde. Der
-Vater ist stets eine juristische Fiktion, die Mutter dagegen eine
-physische Tatsache. Paulus ad Edictum in Fr. 5 D. de in ius
-vocando (2, 4), &#8218;mater semper certa est, etiamsi vulgo conceperit,
-pater vero is tantum, quem nuptiae demonstrant&#8217;. Tantum deutet
-an, da hier eine juristische Fiktion an die Stelle der stets fehlenden
-natrlichen Sicherheit treten mu. Das Mutterrecht ist natura verum,
-der Vater blo iure civili, wie Paulus sich ausdrckt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_307">S.&nbsp;307</a>, Z. 12 v. u.</b>) Herbert <em class="gesperrt">Spencer</em>, Die Unzulnglichkeit
-der natrlichen Zuchtwahl, Biologisches Zentralblatt, XIV, 1894,
-S.&nbsp;262&nbsp;f. bemerkt: Ich bin einem ausgezeichneten Korrespondenten
-zu groem Dank verpflichtet, der meine Aufmerksamkeit auf beglaubigte
-Tatsachen gelenkt hat, die ber die Nachkommen von
-Weien und Negern in den Vereinigten Staaten berichtet werden.
-Indem er sich auf einen Bericht, der ihm mehrere Jahre zuvor gemacht
-worden war, bezieht, sagt er: &#8218;Es ging darauf hinaus, da
-die Kinder weier Frauen von weien Vtern <em class="gesperrt">mehrere</em> Male Spuren
-von Negerblut zeigten, wenn die Frau frher ein Kind von einem
-Neger gehabt hatte.&#8217; Zu der Zeit, als ich diesen Bericht erhielt, besuchte
-mich ein Amerikaner, und darber befragt, antwortete er,
-da in den Vereinigten Staaten diese Meinung allgemein anerkannt
-werde. Um jedoch nicht nach Hrensagen zu urteilen, schrieb ich
-sogleich nach Amerika, Umfrage zu halten ... Prof. <em class="gesperrt">Marsh</em>, der<span class="pagenum"><a name="Seite_558" id="Seite_558">[S. 558]</a></span>
-ausgezeichnete Palontologe aus Yale, New Haven, der auch Beweise
-sammelt, sendet mir einen vorlufigen Bericht, in welchem er sagt:
-&#8218;Ich selbst kenne keinen solchen Fall, aber ich habe viele Aussagen
-gehrt, die mir ihre Existenz wahrscheinlich machen. Ein Beispiel
-in Connecticut wurde mir von einem Bekannten so zuverlssig beteuert,
-da ich allen Grund habe, es fr authentisch zu halten.&#8217;</p>
-
-<p>Da Flle dieser Art nicht hufig im Norden gesehen werden,
-ist natrlich zu erwarten. Das erste der obenerwhnten Beispiele
-bezieht sich auf Vorgnge, die im Sden whrend der Sklavenzeit
-beobachtet wurden; und selbst damals waren die bezglichen Bedingungen
-natrlicherweise sehr selten. Dr. W. J. <em class="gesperrt">Youmans</em> in
-New-York hat in meinem Interesse mehrere Medizinprofessoren befragt,
-die, obgleich sie nicht selbst solche Beispiele gesehen haben,
-sagen, da das behauptete, oben beschriebene Resultat &#8218;allgemein als
-eine Tatsache anerkannt wird&#8217;. Aber er sendet mir etwas, das nach
-meiner Meinung als ein autoritatives Zeugnis gelten kann. Es ist
-ein Citat aus dem klassischen Werk von Prof. <em class="gesperrt">Austin Flint</em>, das
-hier folgt:</p>
-
-<p>&#8218;Eine eigentmliche und, wie es scheint, unerklrliche Tatsache
-ist es, da frhere Schwangerschaften einen Einflu auf die Nachkommenschaft
-haben. Das ist den Tierzchtern wohl bekannt. Wenn
-Vollblutstuten oder Hndinnen einmal mit Mnnchen von weniger
-reinem Blut belegt worden waren, so werden bei spteren Befruchtungen
-die Jungen geneigt sein, die Art des ersten Mnnchens
-anzunehmen, selbst wenn sie von Mnnchen mit unzweifelhaftem
-Stammbaum erzeugt wurden. Wie man diesen Einflu der ersten
-Empfngnis erklren kann, ist unmglich zu sagen, aber die Tatsache
-ist unbestritten. Der gleiche Einflu ist beim Menschen beobachtet
-worden. Eine Frau kann vom zweiten Mann Kinder haben,
-die dem ersten hnlich sind, und diese Beobachtung ist besonders
-in Bezug auf Haar und Augen gemacht worden. Eine weie Frau,
-die zuerst Kinder von einem Neger hat, kann spter Kinder von
-einem weien Vater gebren, und doch werden diese Kinder unfragliche
-Eigentmlichkeiten der Negerrasse an sich tragen.&#8217; (A Text
-Book of Human Physiology. By <em class="gesperrt">Austin Flint</em> MD. LL. D.
-<em class="gesperrt">Fourth</em> edition, New York, D. Appleton &amp; Co., 1888, p. 797.)</p>
-
-<p>Dr. <em class="gesperrt">Youmans</em> besuchte Prof. <em class="gesperrt">Flint</em>, der ihm erzhlte, da
-er &#8218;den Gegenstand nher untersucht habe, als er sein greres
-Werk schrieb (das obige Citat ist aus einem Auszug), und er fgte
-hinzu, da er nie gehrt habe, da der Bericht in Frage gestellt sei&#8217;.
-(Vgl. ber dieselbe Frage <em class="gesperrt">Spencer</em>, Biolog. Zentralblatt XIII, 1893,
-S.&nbsp;743&ndash;748.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_307">S.&nbsp;307</a>, Z. 8 v. u.</b>) Vgl. Charles <em class="gesperrt">Darwin</em>, ber die direkte
-oder unmittelbare Einwirkung des mnnlichen Elementes auf die
-Mutterform (Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der<span class="pagenum"><a name="Seite_559" id="Seite_559">[S. 559]</a></span>
-Domestikation, 11. Kapitel, Bd. I, 2. Aufl., Stuttgart 1873, S.&nbsp;445&nbsp;f.):
-Eine andere merkwrdige Klasse von Tatsachen mu hier noch
-betrachtet werden, weil man angenommen hat, da sie einige Flle
-von Knospenvariation erklren. Ich meine die direkte Einwirkung
-des mnnlichen Elementes, nicht in der gewhnlichen Weise auf die
-Ovula, sondern auf gewisse Teile der weiblichen Pflanzen, oder wie
-es der Fall bei Tieren ist, auf die spteren Nachkommen des
-Weibchens von einem zweiten Mnnchen. Ich will vorausschicken,
-da bei Pflanzen das Ovarium und die Eihlle offenbar Teile des
-Weibchens sind, und es htte sich nicht voraussehen lassen, da
-diese von dem Pollen einer fremden Variett oder Spezies affiziert
-werden wrden, obgleich die Entwicklung des Embryo innerhalb
-des Embryosackes, innerhalb des Ovulums, innerhalb des Ovariums
-natrlich vom mnnlichen Element abhngt.</p>
-
-<p>Schon im Jahre 1729 wurde beobachtet (Philosophical Transactions,
-Vol. XLIII, 1744/45, p. 525), da sich weie und blaue
-Varietten der Erbsen, wenn sie nahe aneinander gepflanzt werden,
-gegenseitig kreuzten, ohne Zweifel durch die Ttigkeit der Bienen,
-und im Herbste wurden blaue und weie Erbsen innerhalb derselben
-Schoten gefunden. <em class="gesperrt">Wiegmann</em> machte eine genau hnliche Beobachtung
-im jetzigen Jahrhundert. Dasselbe Resultat erfolgte mehrere
-Male, wenn eine Variett Erbsen von der einen Frbung knstlich
-mit einer verschieden gefrbten Variett gebaut wurde. (Mr. <em class="gesperrt">Swayne</em>
-in: Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 234, und <em class="gesperrt">Grtner</em>, Bastarderzeugung,
-1849, S.&nbsp;81 und 499). Diese Angaben veranlaten
-<em class="gesperrt">Grtner</em>, der uerst skeptisch ber diesen Gegenstand war, eine
-lange Reihe von Experimenten sorgfltig anzustellen. Er whlte die
-konstantesten Varietten sorgfltig heraus, und das Resultat zeigte
-ganz berzeugend, da die Farbe der Haut der Erbse modifiziert
-wird, wenn Pollen einer verschieden gefrbten Variett gebraucht
-wird. Diese Folgerung ist seitdem durch Experimente, welche
-J. M. <em class="gesperrt">Berkeley</em> angestellt hat, besttigt worden (<em class="gesperrt">Gardeners</em>'
-Chronicle, 1854, p. 404) ...</p>
-
-<p>(S.&nbsp;447): Wenden wir uns nun zur Gattung <em class="gesperrt">Matthiola</em>.
-Der Pollen der einen Sorte von <em class="gesperrt">Levkoj</em> affiziert zuweilen die
-Farbe der Samen einer anderen Sorte, die als Mutterpflanze benutzt
-wird. Ich fhre den folgenden Fall um so lieber an, als <em class="gesperrt">Grtner</em>
-hnliche Angaben, die in Bezug auf den Levkoj von anderen
-Beobachtern frher gemacht worden waren, bezweifelte. Ein sehr
-bekannter Gartenzchter, Major <em class="gesperrt">Trevor Clark</em> (siehe auch einen
-Aufsatz, welchen dieser Beobachter vor dem internationalen Hortikultur-
-und botanischen Kongre in London 1866 gelesen hat),
-teilt mir mit, da die Samen des groen rotbltigen, <em class="gesperrt">zweijhrigen</em>
-Levkoj (M. annua; Cocardeau der Franzosen) hellbraun sind, und
-die des purpurnen verzweigten Levkojs Queen (M. incana) violettschwarz<span class="pagenum"><a name="Seite_560" id="Seite_560">[S. 560]</a></span>
-sind. Nun fand er, da, wenn Blten des roten Levkojs
-mit Pollen des purpurnen befruchtet wurden, sie ungefhr 50%
-schwarzen Samen ergaben. Er schickte mir vier Schoten von einer
-rotblhenden Pflanze, von denen zwei mit ihren eigenen Pollen befruchtet
-worden waren, und diese enthielten blabraune Samen,
-und zwei, welche mit Pollen von der purpurnen Sorte gekreuzt
-worden waren, und diese enthielten Samen, die alle tief mit Schwarz
-gefrbt waren. Diese letzteren Samen ergaben purpurblhende
-Pflanzen wie ihr Vater, whrend die blabraunen Samen normale
-rotblhende Pflanzen ergaben. Major <em class="gesperrt">Clarke</em> hat beim Aussen hnlicher
-Samen in einem greren Mastabe dasselbe Resultat erhalten.
-Die Beweise fr die direkte Einwirkung des Pollens einer
-Spezies auf die Frbung der Samen einer anderen Spezies scheinen
-mir in diesem Falle ganz entscheidend zu sein.</p>
-
-<p>Darwin legt hier besonderen Nachdruck auf die radikale
-Vernderung in der Mutterpflanze durch den mnnlichen Pollen.
-So im englischen Texte (2. ed., London 1875, Vol. II, p. 430
-f.): Professor <em class="gesperrt">Hildebrand</em> (Botanische Zeitung, Mai 1868,
-S.&nbsp;326) ... has fertilised ... a kind [of maize] bearing yellow
-grains with the precaution that the mother-plant was true. A kind
-bearing yellow grains was fertilised with pollen of a kind having
-brown grains, and two ears produced yellow grains, but one side
-of the spindle was tinted with a reddish brown; <em class="gesperrt">so that here we
-have the important fact of the influence of the foreign
-pollen extending to the axis</em>. S.&nbsp;449 (der deutschen Ausgabe):
-Mr. <em class="gesperrt">Sabine</em> (Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 69) gibt an,
-da er gesehen hat, wie die Form der nahezu kugeligen Samenkapseln
-von Amaryllis vittata durch die Anwendung des Pollens
-einer anderen Spezies, deren Kapseln hckerige Kanten haben, verndert
-wurden.</p>
-
-<p>(S.&nbsp;459): Ich habe nun nach der Autoritt mehrerer ausgezeichneter
-Beobachter der Pflanzen, welche zu sehr verschiedenen
-Ordnungen gehren, gezeigt, da der Pollen einer Spezies oder
-Variett, wenn er auf eine distinkte Form gebracht wird, gelegentlich
-die Modifikation der Samenhllen und des Fruchtknotens oder
-der Frucht verursacht, was sich in einem Falle bis auf den Kelch
-und den oberen Teil des Fruchtstiels der Mutterpflanze erstreckt.
-Es geschieht zuweilen, da das ganze Ovarium oder alle Samen
-auf diese Weise modifiziert werden; zuweilen wird nur eine
-gewisse Anzahl Samen, wie in dem Falle bei der Erbse, oder nur
-ein Teil des Ovariums, wie bei der gestreiften Orange, den gefleckten
-Trauben und dem gefleckten Mais, so affiziert. Man darf
-nicht annehmen, da irgend eine direkte oder unmittelbare Wirkung
-der Anwendung fremden Pollens unabnderlich folgt: dies ist durchaus
-nicht der Fall; auch wei man nicht, von welchen Bedingungen
-das Resultat abhngt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_561" id="Seite_561">[S. 561]</a></span>
-
-(S.&nbsp;451): Die Beweise fr die Wirkung fremden Pollens
-auf die Mutterpflanze sind mit betrchtlichem Detail gegeben worden,
-weil diese Wirkung ... von der hchsten theoretischen Bedeutung
-ist und weil sie an und fr sich ein merkwrdiger und scheinbar
-anormaler Umstand ist. Da sie vom physiologischen Standpunkte
-aus merkwrdig ist, ist klar; denn das mnnliche Element affiziert
-nicht blo, im Einklang mit seiner eigentlichen Funktion, den Keim,
-sondern auch die umgebenden Gewebe der Mutterpflanze. (Hier
-fhrt die englische Ausgabe I<sup>2</sup>, p. 430, fort): ... <b>We thus see,
-that an ovule is not indispensable for the reception of the
-influence of the male element.</b></p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_307">S.&nbsp;307</a>, Z. 5 v. u.</b>) Ich setze den berhmten Bericht im
-Original her: (Philosophical Transactions of the Royal Society of
-London, 1821, Part I, p. 20&nbsp;f.):</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A communication of a singular fact in Natural History.
-By the Right Honourable the Earl of <b>Morton</b></em>, F. R. S., in
-a Letter addressed to the President.</p>
-
-<blockquote>
-<p class="right">
-Read, November 23, 1820.</p>
-
-<p class="center">My Dear Sir,
-</p>
-
-<p>I yesterday had an opportunity of observing a singular fact
-in Natural History, which you may perhaps deem not unworthy
-of being communicated to the Royal Society.</p>
-
-<p>Some years ago, I was desirous of trying the experiment
-of domesticating the Quagga, and endeavoured to procure some
-individuals of that species. I obtained a male; but being disappointed
-of a female, I tried to breed from the male quagga
-and a young chestnut mare of seven-eighths Arabian blood
-and which had never been bred from: the result was the production
-of a female hybrid, now five years old, and bearing,
-both in her form and in her colour, very decided indications
-of her mixed origin. I subsequently parted with the seven-eighth
-Arabia mare to Sir <em class="gesperrt">Gore Ouseley</em>, who has bred from her by
-a very fine black Arabian horse. I yesterday morning examined the produce,
-namely, a two-years old filly, and a year-old colt. They have
-the character of the Arabian breed as decidedly as can be expected,
-where fifteen-sixteenths of the blood are Arabian; and they are
-fine specimens of that breed; <em class="gesperrt">but both in their colour, and in
-the hair of their manes, they have a striking resemblance
-to the quagga</em>. Their colour is bay, marked more or
-less like the quagga in a darker tint. Both are distinguished by
-the dark line along the ridge of the back, the dark stripes across
-the fore-hand, and the dark bars across the back-part of the legs.
-The stripes across the fore-hand of the colt are confined to the
-withers, and to the part of the neck next to them; those on
-the filly cover nearly the whole of the neck and the back, as<span class="pagenum"><a name="Seite_562" id="Seite_562">[S. 562]</a></span>
-far as the flanks. The colour of her coat on the neck adjoining
-to the mane is pale and approaching to dun, rendering the
-stripes there more conspicuous than those on the colt. The same
-pale tint appears in a less degree on the rump: and in this circumstance
-of the dun tint also she resembles the quagga &mdash; &mdash;
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-[p. 22] These circumstances may appear singular; but I think you
-will agree with me that they are trifles compared with the extraordinary
-fact of so many striking features, which do not belong
-to the dam, being in two successive instances communicated
-through her to the progeny, not only of another sire, who also
-has them not, but of a sire belonging probably to another species;
-for such we have very strong reason for supposing the quagga
-to be.</p>
-
-<p>I am, my dear Sir</p>
-<p class="center">Your faithful humble servant</p>
-<p class="right"><b>Morton</b>.
-</p></blockquote>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_308">S.&nbsp;308</a>, Z. 1&nbsp;f.</b>) Besonders ausfhrlich H. <em class="gesperrt">Settegast</em>, Die Tierzucht,
-4. Aufl., Bd. I: Die Zchtungslehre, Breslau 1878, S.&nbsp;223
-bis 234: Infektion (Superftation). Er verweist alles in das Gebiet
-des Aberglaubens und der Phantastik. So kommen wir denn zu
-dem Schlu, da die vermeintliche Infektion der Mutter auf einer
-Tuschung beruht, und da es unzulssig ist, durch sie die Flle
-erklren zu wollen, in welchen das Kind in Farbe und Abzeichen,
-in Form und Eigenschaften der bereinstimmung mit den Eltern
-ermangelt. Aus unseren bisherigen Untersuchungen ber Abweichungen
-von elterlicher Verwandtschaft ist zu ersehen, da die vereinzelten
-Flle, welche die Infektionstheorie zu ihren Gunsten auslegt, und die
-zugleich als verbrgt angesehen werden drfen, auf Rechnung der
-Neubildung der Natur zu schreiben sind.</p>
-
-<p>Durch unsere Ausfhrungen glauben wir die Infektionstheorie
-widerlegt zu haben: da es uns gelungen sein sollte, sie fr immer
-zu bannen, drfen wir kaum hoffen. Die Infektionstheorie ist die
-Seeschlange der Vererbungslehre.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_308">S.&nbsp;308</a>, Z. 3.</b>) F. C. <em class="gesperrt">Mahnke</em>, Die Infektionstheorie, Stettin
-1864. Vgl. zu der Frage auch Rudolf <em class="gesperrt">Wagner</em>, Nachtrag zu
-R. Leuckarts Artikel Zeugung, in Wagners Handwrterbuch der
-Physiologie, Bd. IV, 1853, S.&nbsp;1011&nbsp;f. Oscar <em class="gesperrt">Hertwig</em>, Die Zelle
-und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898, S.&nbsp;137&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_308">S.&nbsp;308</a>, Z. 4.</b>) August <em class="gesperrt">Weismann</em>, Das Keimplasma, Eine
-Theorie der Vererbung, Jena 1892, S.&nbsp;503&nbsp;f. Die Allmacht der Naturzchtung,
-Jena 1893, S.&nbsp;81&ndash;84, 87&ndash;91. Weismann verhlt sich,
-wie er (seiner berzeugung von der vlligen Unbeeinflubarkeit des
-Keimplasmas gem) es wohl mu, ablehnend, und beruft sich hiebei<span class="pagenum"><a name="Seite_563" id="Seite_563">[S. 563]</a></span>
-vor allem auf die eingehenden Errterungen <em class="gesperrt">Settegasts</em>.
-hnlich Hugo <em class="gesperrt">de Vries</em>, Intracellulare Pangenesis, Jena 1889,
-S.&nbsp;206&ndash;207.</p>
-
-<p>Dagegen ist <em class="gesperrt">Darwin</em> von der direkten Wirkung des mnnlichen
-Elementes auf das Weibchen (nicht blo auf eine einzige
-Keimzelle desselben) berzeugt, Das Variieren der Tiere und Pflanzen
-im Zustande der Domestikation, Kap. 27 (Bd. II<sup>2</sup>, S.&nbsp;414, Stuttgart
-1873); wie es wohl ein jeder sein mu, der sich die ungeheuere
-Vernderung, welche in den Frauen sofort mit Beginn der Ehe
-eintritt, und ihre auerordentliche Anhnlichung an den Mann
-whrend derselben vor Augen hlt. Vgl. im Texte S.&nbsp;376, 396.</p>
-
-<p>Darwin sagt a. a. O., S.&nbsp;414: Wir sehen hier, da das mnnliche
-Element nicht den Teil affiziert und hybridisiert, welchen zu
-affizieren es eigentlich bestimmt ist, nmlich das Eichen, sondern
-die besonders entwickelten Gewebe eines distinkten Individuums.</p>
-
-<p>Ausfhrlicher spricht Darwin ber die Telegonie im 11. Kapitel
-dieses selben Werkes, wo er aus der Literatur eine groe Zahl
-von Fllen anfhrt, welche fr ihr Vorkommen beweisend sind
-(Bd. I<sup>2</sup>, S.&nbsp;453&ndash;455):</p>
-
-<p>In Bezug auf die Varietten unserer domestizierten Tiere sind
-viele hnliche und sicher beglaubigte Tatsachen verffentlicht worden,
-andere sind mir noch mitgeteilt worden; alle beweisen den Einflu
-des ersten Mnnchens auf die spter von derselben Mutter mit
-anderen Mnnchen erzeugten Nachkommen. Es wird hinreichen, noch
-einen einzigen Fall mitzuteilen, der in einem auf den des Lord <em class="gesperrt">Morton</em>
-folgenden Aufsatz in den Philosophical Transactions enthalten ist:
-Mr. <em class="gesperrt">Giles</em> brachte eine Sau von Lord <em class="gesperrt">Westerns</em> schwarzer und
-weier Essexrasse zu einem wilden Eber von einer tiefkastanienbraunen
-Frbung; die produzierten Schweine trugen in ihrer ueren
-Erscheinung Merkmale sowohl des Ebers als der Sau, bei einigen
-herrschte aber die braune Frbung des Ebers bedeutend vor. Nachdem
-der Eber schon lngere Zeit tot war, ward die Sau zu einem
-Eber ihrer eigenen schwarzen und weien Rasse getan (einer Rasse,
-von welcher man sehr wohl wei, da sie sehr rein zchtet und
-niemals irgend eine braune Frbung zeigt); und doch produzierte
-die Sau nach dieser Verbindung einige junge Schweine, welche
-deutlich dieselbe kastanienbraune Frbung besaen, wie die aus dem
-ersten Wurfe. <em class="gesperrt">hnliche Flle sind so oft vorgekommen, da
-sorgfltige Zchter es vermeiden, ein geringeres Mnnchen
-zu einem ausgezeichneten Weibchen zu lassen wegen der
-Beeintrchtigung der spteren Nachkommen, welche sich
-hienach erwarten lt.</em></p>
-
-<p>Einige Physiologen haben diese merkwrdigen Folgen einer
-ersten Befruchtung aus der innigen Verbindung und der freien Kommunikation
-zwischen den Blutgefen des modifizierten Embryo und<span class="pagenum"><a name="Seite_564" id="Seite_564">[S. 564]</a></span>
-der Mutter zu erklren versucht. Es ist indes eine uerst unwahrscheinliche
-Hypothese, da das bloe Blut des einen Individuums die
-Reproduktionsorgane eines anderen Individuums in einer solchen
-Weise affizieren knne, da die spteren Nachkommen dadurch
-modifiziert wrden. Die Analogie mit der direkten Einwirkung fremden
-Pollens auf den Fruchtknoten und die Samenhllen der Mutterpflanze
-bietet der Annahme eine krftige Untersttzung, da das mnnliche
-Element, so wunderbar diese Wirkung auch ist, direkt auf die Reproduktionsorgane
-des Weibchen wirkt, und nicht erst durch die
-Intervention des gekreuzten Embryo.</p>
-
-<p>Wilhelm Olbers <em class="gesperrt">Focke</em>, Die Pflanzen-Mischlinge, Ein Beitrag
-zur Biologie der Gewchse, Berlin 1881, S.&nbsp;510&ndash;518: Ich schlage
-... vor, solche Abweichungen von der normalen Gestalt oder
-Frbung, welche in irgendwelchen Teilen einer Pflanze durch die
-Einwirkung vom fremden Bltenstaube hervorgebracht werden, als
-Xenien zu bezeichnen, gleichsam als Gastgeschenke der Pollen
-spendenden Pflanze an die Pollen empfangende. (S.&nbsp;511.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_308">S.&nbsp;308</a>, Z. 16 v. u.</b>) Zum Versehen vgl. die Anmerkungen
-zu S.&nbsp;285&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_308">S.&nbsp;308</a>, Z. 8 v. u.</b>) Wie fr das Versehen auf <em class="gesperrt">Goethe</em> und
-auf <em class="gesperrt">Ibsen</em>, so htte ich, wenn ich nicht erst nach Abschlu dieses
-Kapitels hierauf wre aufmerksam gemacht worden, auch fr die
-Realitt der Telegonie auf das Werk eines groen Knstlers mich
-berufen knnen: ich meine Madeleine <em class="gesperrt">Frat</em>, den wenig gelesenen,
-aber wohl sehr groartigen Roman des jugendlichen <em class="gesperrt">Zola</em>. Was Zola
-ber die Frauen gedacht hat, mu, nach diesem, wie nach anderen
-Werken, meinen Anschauungen sehr nahe gestanden sein. Vgl.
-Madeleine Frat, Nouvelle dition, Paris, Bibliothque-Charpentier
-1898, S.&nbsp;173&nbsp;f., besonders S.&nbsp;181&nbsp;ff. und 251&nbsp;f., Stellen, die ich
-ihrer groen Lnge wegen nicht hiehersetzen kann.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_310">S.&nbsp;310</a>, Z. 17.</b>) ber die Zuhlter vgl. <em class="gesperrt">Lombroso-Ferrero</em>,
-Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894,
-S.&nbsp;560&nbsp;ff. der deutschen Ausgabe, ber ihre Identitt mit den
-eigentlichen Verbrechern, ibid. S.&nbsp;563&ndash;564.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_11" id="Zu_Teil_II_Kapitel_11">Zu Teil II, Kapitel 11.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_314">S.&nbsp;314</a>, Z. 11&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Parerga und Paralipomena,
-Bd. II, Kapitel XXVII. &mdash; Die Erzhlung in Betreff des Lord
-<em class="gesperrt">Byron</em> ist nach R. von <em class="gesperrt">Hornstein</em> wiedergegeben von Eduard
-<em class="gesperrt">Grisebach</em> im Anhange zu Schopenhauers smtlichen Werken,
-Bd. VI, S.&nbsp;191&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_315">S.&nbsp;315</a>, Z. 1 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Beobachtungen ber das Gefhl
-des Schnen und Erhabenen, Knigsberg 1764, III. Abschnitt
-(Bd. VIII, S.&nbsp;36 der Kirchmannschen Ausgabe): Diese ganze Bezauberung<span class="pagenum"><a name="Seite_565" id="Seite_565">[S. 565]</a></span>
-ist im Grunde ber den Geschlechtstrieb verbreitet. Die
-Natur verfolgt ihre groe Absicht, und alle Feinigkeiten, die sich
-hinzugesellen, sie mgen nun so weit davon abzustehen scheinen,
-wie sie wollen, sind nur Verbrmungen und entlehnen ihren Reiz
-doch am Ende aus derselben Quelle. &mdash; <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> in seiner
-wiederholt citierten Metaphysik der Geschlechtsliebe (Die Welt als
-Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 44).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_316">S.&nbsp;316</a>, Z. 3 v. u. f.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Parerga und Paralipomena,
-Bd. II, 369.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_318">S.&nbsp;318</a>, Z. 10.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der reinen Vernunft, Transscendentale
-Dialektik, I, 3. System der transcendentalen Ideen (S.&nbsp;287&nbsp;ff.,
-Kehrbach).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_318">S.&nbsp;318</a>, Z. 15&ndash;8 v. u.</b>) Das Lied ist das des Wolfram aus
-<em class="gesperrt">Wagners</em> Tannhuser, 2. Aufzug, 4. Scene.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_324">S.&nbsp;324</a>, Z. 19&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Platon</em>, Phaedrus, p. 251 A. B.: &#8005;&#964;&#945;&#957;
-&#952;&#949;&#959;&#949;&#953;&#948;&#8050;&#962; &#960;&#961;&#8057;&#963;&#969;&#960;&#959;&#957; &#7988;&#948;&#8131; &#954;&#8049;&#955;&#955;&#959;&#962; &#949;&#8022; &#956;&#949;&#956;&#953;&#956;&#951;&#956;&#8051;&#957;&#959;&#957;, &#7972; &#964;&#953;&#957;&#945; &#963;&#8061;&#956;&#945;&#964;&#959;&#962; &#7984;&#948;&#8051;&#945;&#957;,
-&#960;&#961;&#8182;&#964;&#959;&#957; &#956;&#8050;&#957; &#7956;&#966;&#961;&#953;&#958;&#949; ... &#949;&#7990;&#964;&#945; &#960;&#961;&#959;&#963;&#959;&#961;&#8182;&#957; &#8033;&#962; &#952;&#949;&#8056;&#957; &#963;&#8051;&#946;&#949;&#964;&#945;&#953;, &#954;&#945;&#8054; &#949;&#7984; &#956;&#8052;
-&#948;&#949;&#948;&#953;&#949;&#8055;&#951; &#964;&#8052;&#957; &#964;&#8134;&#962; &#963;&#966;&#8057;&#948;&#961;&#945; &#956;&#945;&#957;&#8055;&#945;&#962; &#948;&#8057;&#958;&#945;&#957;, &#952;&#8059;&#959;&#953; &#7938;&#957; &#8033;&#962; &#7936;&#947;&#8049;&#955;&#956;&#945;&#964;&#953; &#954;&#945;&#8054; &#952;&#949;&#8183;
-&#964;&#959;&#8150;&#962; &#960;&#945;&#953;&#948;&#953;&#954;&#959;&#8150;&#962;. &#7984;&#948;&#8057;&#957;&#964;&#945; &#948;&#8050; &#945;&#8016;&#964;&#8056;&#957;, &#959;&#7991;&#959;&#957; &#7952;&#954; &#964;&#8134;&#962; &#966;&#961;&#8055;&#954;&#951;&#962;, &#956;&#949;&#964;&#945;&#946;&#959;&#955;&#8053; &#964;&#949; &#954;&#945;&#8054;
-&#7985;&#948;&#961;&#8060;&#962; &#954;&#945;&#8054; &#952;&#949;&#961;&#956;&#8057;&#964;&#951;&#962; &#7936;&#8053;&#952;&#951;&#962; &#955;&#945;&#956;&#946;&#8049;&#957;&#949;&#953;&#903; &#948;&#949;&#958;&#8049;&#956;&#949;&#957;&#959;&#962; &#947;&#8048;&#961; &#964;&#959;&#8166; &#954;&#8049;&#955;&#955;&#959;&#965;&#962; &#964;&#8052;&#957;
-&#7936;&#960;&#959;&#8164;&#8165;&#959;&#8052;&#957; &#948;&#953;&#8048; &#964;&#8182;&#957; &#8000;&#956;&#956;&#8049;&#964;&#969;&#957;, &#7952;&#952;&#949;&#961;&#956;&#8049;&#957;&#952;&#951; &#8087; &#7969; &#964;&#959;&#8166; &#960;&#964;&#949;&#961;&#959;&#8166; &#966;&#8059;&#963;&#953;&#962;
-&#7940;&#961;&#948;&#949;&#964;&#945;&#953;, &#952;&#949;&#961;&#956;&#945;&#957;&#952;&#8051;&#957;&#964;&#959;&#962; &#948;&#8050; &#7952;&#964;&#8049;&#954;&#951; &#964;&#8048; &#960;&#949;&#961;&#8054; &#964;&#8052;&#957; &#7956;&#954;&#966;&#965;&#963;&#953;&#957;, &#7939; &#960;&#8049;&#955;&#945;&#953; &#8017;&#960;&#8056;
-&#963;&#954;&#955;&#951;&#961;&#8057;&#964;&#951;&#964;&#959;&#962; &#963;&#965;&#956;&#956;&#949;&#956;&#965;&#954;&#8057;&#964;&#945; &#949;&#7990;&#961;&#947;&#949; &#956;&#8052; &#946;&#955;&#945;&#963;&#964;&#8049;&#957;&#949;&#953;&#957;, &#7952;&#960;&#953;&#8164;&#8165;&#965;&#949;&#8055;&#963;&#951;&#962; &#948;&#8050; &#964;&#8134;&#962;
-&#964;&#961;&#959;&#966;&#8134;&#962; &#8100;&#948;&#951;&#963;&#8051; &#964;&#949; &#954;&#945;&#8054; &#8037;&#961;&#956;&#951;&#963;&#949; &#966;&#8059;&#949;&#963;&#952;&#945;&#953; &#7936;&#960;&#8056; &#964;&#8134;&#962; &#8165;&#8055;&#950;&#951;&#962; &#8001; &#964;&#959;&#8166; &#960;&#964;&#949;&#961;&#959;&#8166;
-&#954;&#945;&#965;&#955;&#8056;&#962; &#8017;&#960;&#8056; &#960;&#8118;&#957; &#964;&#8056; &#964;&#8134;&#962; &#968;&#965;&#967;&#8134;&#962; &#949;&#7990;&#948;&#959;&#962;&#903; &#960;&#8118;&#963;&#945; &#947;&#8048;&#961; &#7974;&#957; &#964;&#8056; &#960;&#8049;&#955;&#945;&#953; &#960;&#964;&#949;&#961;&#969;&#964;&#8053;.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_325">S.&nbsp;325</a>, Z. 16&ndash;8 v. u.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Dante</em>, Paradiso, Canto VII,
-v. 64&ndash;66: La divina bont, che da s sperne ogni livore, ardendo
-in s sfavilla Si che dispiega le bellezze interne.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_326">S.&nbsp;326</a>, Z. 13.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Kritik der Urteilskraft. &mdash; <em class="gesperrt">Schelling</em>,
-System des transcendentalen Idealismus, Smtliche Werke, I. Abteilung,
-Bd. III. &mdash; <em class="gesperrt">Schiller</em>, ber die sthetische Erziehung des
-Menschen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_326">S.&nbsp;326</a>, Z. 17 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Shaftesbury</em>: nach W. <em class="gesperrt">Windelband</em>,
-Geschichte der neueren Philosophie in ihrem Zusammenhange mit
-der allgemeinen Kultur und den besonderen Wissenschaften, 2. Aufl.,
-Leipzig 1899, Bd. I, S.&nbsp;272. &mdash; <em class="gesperrt">Herbart</em>, Analytische Beleuchtung
-des Naturrechts und der Moral, Gttingen 1836, Smtliche Werke,
-ed. Hartenstein, Bd. VIII, S.&nbsp;213&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_330">S.&nbsp;330</a>, Z. 19 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Platons</em> Gastmahl, 206 E.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_330">S.&nbsp;330</a>, Z. 11&nbsp;f. v. u.</b>) <em class="gesperrt">Platon</em> a. a. O., Kap. 27, S.&nbsp;209 C-E
-(bersetzung nach <em class="gesperrt">Schleiermacher</em>).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_331">S.&nbsp;331</a>, Z. 17 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Novalis</em>: Es ist wunderbar genug,
-da nicht lngst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit
-die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft
-und ihre gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat. (Novalis' Schriften,<span class="pagenum"><a name="Seite_566" id="Seite_566">[S. 566]</a></span>
-herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel, Zweiter Teil,
-Wien 1820, S.&nbsp;288.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_331">S.&nbsp;331</a>, Z. 15 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das Mutterrecht, Stuttgart
-1861, S.&nbsp;52: Das stoffliche, das tellurische Sein umschliet beides,
-Leben und Tod. Alle Personifikationen der chthonischen Erdkraft
-vereinigen in sich diese beiden Seiten, das Entstehen und das Vergehen,
-die beiden Endpunkte, zwischen welchen sich, um mit Plato
-zu reden, der Kreislauf aller Dinge bewegt. So ist Venus, die Herrin
-der stofflichen Zeugung, als Libitina die Gttin des Todes. So steht
-zu Delphi eine Bildsule mit dem Zunamen Epitymbia, bei welcher
-man die Abgeschiedenen zu den Totenopfern heraufruft (Plut. quaest.
-rom. 29). So heit Priapus in jener rmischen Sepulcralinschrift,
-die in der Nhe des Campanaschen Columbariums gefunden wurde,
-mortis et vitai locus. So ist auch in den Grbern nichts hufiger
-als Priapische Darstellungen, Symbole der stofflichen Zeugung. Ja es
-findet sich auch in Sdetrurien ein Grab, an dessen Eingang, auf
-dem rechten Trpfosten, ein weibliches sporium abgebildet ist. &mdash;
-Der Kreislauf von Tod und Leben war auch ein Lieblingsthema
-der Reden <em class="gesperrt">Buddhas</em>. Ihn hat aber auch der tiefste unter den voreleatischen
-Griechen, <em class="gesperrt">Anaximandros</em>, gelehrt (bei Simplicius in
-Aristot. Physika 24, 18): &#7952;&#958; &#8039;&#957; &#7969; &#947;&#941;&#957;&#949;&#963;&#943;&#962; &#7952;&#963;&#964;&#953; &#964;&#959;&#8150;&#962; &#959;&#8022;&#963;&#953;, &#954;&#945;&#8054; &#964;&#8052;&#957;
-&#966;&#952;&#959;&#961;&#8048;&#957; &#949;&#7984;&#962; &#964;&#945;&#8166;&#964;&#945; &#947;&#943;&#957;&#949;&#963;&#952;&#945;&#953; &#954;&#945;&#964;&#8048; &#967;&#961;&#949;&#974;&#957;. &#948;&#953;&#948;&#972;&#957;&#945;&#953; &#947;&#8048;&#961; &#945;&#8016;&#964;&#8048; &#964;&#943;&#963;&#953;&#957; &#954;&#945;&#8054;
-&#948;&#943;&#954;&#951;&#957; &#964;&#8134;&#962; &#7936;&#948;&#953;&#954;&#943;&#945;&#962; &#954;&#945;&#964;&#8048; &#964;&#8052;&#957; &#964;&#959;&#8166; &#967;&#961;&#972;&#957;&#959;&#965; &#964;&#940;&#958;&#953;&#957;.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_332">S.&nbsp;332</a>, Z. 10&ndash;11.</b>) Giordano <em class="gesperrt">Bruno</em>, Gli eroici furori, Dialogo
-secundo 13 (Opere di G. B. Nolano ed. Adolfo Wagner, Vol. II,
-Leipzig 1830, p. 332): Tutti gli amori, se sono eroici, e non son
-puri animali, che chiamano naturali e cattivi a la generazione come
-instrumenti de la natura, in certo modo hanno per oggetto la
-divinit, tendono a la divina bellezza, la quale prima si comunica
-a l'anime e risplende in quelle, e da quelle poi, o per dir meglio,
-per quelle poi si comunica a li corpi.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_332">S.&nbsp;332</a>, Z. 8&ndash;9 v. u.</b>) Ed. v. <em class="gesperrt">Hartmann</em>. Phnomenologie
-des sittlichen Bewutseins, 1879, S.&nbsp;699 spricht es nur der allgemeinen
-Meinung nach: ..... es ist an der Zeit, den heranwachsenden
-Mdchen klar zu machen, da ihr Beruf, wie er durch ihr
-Geschlecht vorgezeichnet ist, nur in der Stellung als Gattin und
-Mutter sich erfllen lt, da er in nichts anderem besteht, als in
-dem Gebren und Erziehen von Kindern, da die tchtigste und am
-hchsten zu ehrende Frau diejenige ist, welche der Menschheit die
-grte Zahl besterzogener Kinder geschenkt hat, und da alle sogenannte
-Berufsbildung der Mdchen nur einen traurigen Notbehelf
-fr diejenigen bildet, welche das Unglck gehabt haben, ihren
-wahren Beruf zu verfehlen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_332">S.&nbsp;332</a>, Z. 8 v. u.</b>) Besonders im Judentum werden zum
-Teil noch heute unfruchtbare Frauen als zwecklos betrachtet (vgl.<span class="pagenum"><a name="Seite_567" id="Seite_567">[S. 567]</a></span>
-Kapitel XIII, S.&nbsp;417). Aber auch nach deutschem Recht durfte der
-Mann wegen Unfruchtbarkeit seiner Frau .... geschieden zu werden
-verlangen. Jakob <em class="gesperrt">Grimm</em>, Deutsche Rechtsaltertmer, 4. Ausgabe,
-Leipzig 1899, S.&nbsp;626.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_333">S.&nbsp;333</a>, Z. 13&nbsp;f.</b>) Das franzsische Citat stammt aus dem
-Cyklus Sagesse (Paul <em class="gesperrt">Verlaine</em>, Choix de Posies, Edition
-augmente d'une Prface de Franois Coppe, Paris 1902, p. 179).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_336">S.&nbsp;336</a>, Z. 15.</b>) Vgl. Liebeslieder moderner Frauen, eine
-Sammlung von Paul <em class="gesperrt">Grabein</em>, Berlin 1902.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_337">S.&nbsp;337</a>, Z. 15.</b>) Poros und Penia als Eltern des Eros: nach
-der so tiefen Fabel des platonischen Gastmahls (p. 203, B-D).
-Vgl. S.&nbsp;340 und 397.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_338">S.&nbsp;338</a>, Z. 8 v. u. ff.</b>) Zu der Wirkung des mnnlichen
-Geschlechtsteiles auf das weibliche Geschlecht vgl. eine Erzhlung
-<em class="gesperrt">Freuds</em> (<em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie, Leipzig und
-Wien, S.&nbsp;113); vor allem aber die groartige Scene in <em class="gesperrt">Zolas</em> Roman
-Germinal (Quinzime Partie, Fin, p. 416), wo die Frauen das
-Zeugungsglied des gemordeten und nach dem Tode kastrierten
-Maigrat erblicken.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_339">S.&nbsp;339</a>, Z. 6.</b>) Erst lange, nachdem ich diese Stelle niedergeschrieben
-hatte, wurde ich darauf aufmerksam, da fascinum, von dem
-fascinare sich herleitet, im Lateinischen (z.&nbsp;B. Horaz, Epod. 8, 18)
-nichts anderes als das mnnliche Glied bedeutet. Die Wirkung des
-mnnlichen Bartes auf die Frau ist zwar eine bedeutend schwchere
-und nicht gleich allgemeine, aber mit der des Zeugungsgliedes
-psychologisch nicht ohne Verwandtschaft.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_340">S.&nbsp;340</a>, Z. 9&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Plato</em>, Symposion, 202, D-E: &#932;&#943; &#959;&#8022;&#957; &#7940;&#957;
-&#949;&#7988;&#951; &#8001; &#7964;&#961;&#969;&#962;&#894;.... &#924;&#949;&#964;&#945;&#958;&#8058; &#952;&#957;&#951;&#964;&#959;&#8166; &#954;&#945;&#8054; &#7936;&#952;&#945;&#957;&#940;&#964;&#959;&#965;, .... &#948;&#945;&#943;&#956;&#969;&#957; &#956;&#941;&#947;&#945;&#962;,
-&#8038; &#931;&#974;&#954;&#961;&#945;&#964;&#949;&#962;&#903; &#954;&#945;&#8054; &#947;&#8048;&#961; &#960;&#8118;&#957; &#964;&#8056; &#948;&#945;&#953;&#956;&#972;&#957;&#953;&#959;&#957; &#956;&#949;&#964;&#945;&#958;&#973; &#7952;&#963;&#964;&#953; &#952;&#949;&#959;&#8166; &#964;&#949; &#954;&#945;&#8054; &#952;&#957;&#951;&#964;&#959;&#8166;.
-203 E: &#959;&#8020;&#964;&#949; &#7936;&#960;&#959;&#961;&#949;&#8150; &#7964;&#961;&#969;&#962; &#960;&#959;&#964;&#8050; &#959;&#8020;&#964;&#949; &#960;&#955;&#959;&#965;&#964;&#949;&#8150;. &#963;&#959;&#966;&#943;&#945;&#962; &#964;&#949; &#945;&#8022; &#954;&#945;&#8054;
-&#7936;&#956;&#945;&#952;&#943;&#945;&#962; &#7952;&#957; &#956;&#941;&#963;&#8179; &#7952;&#963;&#964;&#943;&#957;.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_340">S.&nbsp;340</a>, Z. 14&nbsp;f.</b>) Der neueste Darsteller der platonischen
-Gedankenwelt ist ein Anhnger <em class="gesperrt">Mills</em>: Theodor <em class="gesperrt">Gomperz</em>,
-Griechische Denker, eine Geschichte der antiken Philosophie,
-Bd. II, Leipzig 1902, S.&nbsp;201&nbsp;ff. In manchen Regionen scheint dieser
-vielfach hochverdiente Autor selbst gefhlt zu haben, wie ferne er
-einem Verstndnis der inneren Denkmotive des Philosophen ist.
-Interessanter sind jene Stellen des Buches, wo der Verfasser Plato
-zu begreifen meint und beloben zu mssen glaubt. Vor dem Geiste
-der Modernitt, welcher die hchsten Synthesen, deren er fhig
-war, im Lawn-tennis-Spiele vollzogen hat, vermgen nur zwei Stellen
-des Staates vollste Gnade zu finden. (<em class="gesperrt">Wir drfen es Plato hoch
-anrechnen</em>, da er die &#8218;hinkende&#8217; Einseitigkeit des bloen Sport-
-und Jagdliebhabers nicht strker mibilligt als jene, die sich nur
-um die Pflege des Geistes und gar nicht um jene des Krpers<span class="pagenum"><a name="Seite_568" id="Seite_568">[S. 568]</a></span>
-kmmert .... Nicht minder bezeichnend ist es, da er auch bei
-der Auswahl der Herrscher neben den Charaktereigenschaften nach
-Mglichkeit die Wohlgestalt bercksichtigt wissen will .... Hier ist
-der asketische Verfasser des Phaedon wieder ganz und gar Hellene
-geworden. S.&nbsp;583.) Dem Dialog ber den Staatsmann wird wie
-als hchste Anerkennung diese, da ein Hauch von baconischem,
-modern induktivem Geiste ihn gestreift habe (S.&nbsp;465). Gleichsam
-als das Ruhmwrdigste im Phaedon erscheint die Antizipation
-der Associationsgesetze (S.&nbsp;356), und allen Ernstes wird als eine
-wunderbare uerung Platons eine Stelle des Sophisten (247, D E)
-gepriesen, die als eine Vorwegnahme der modernen Energetik vielleicht
-aus purem Wohlwollen gegen den Denker miverstanden wird,
-der mit John Stuart Mill so gar keine hnlichkeit hatte (S.&nbsp;455).
-Wie es unter solchen Umstnden dem Timaeus ergeht, das kann
-man sich leicht ausmalen. Man sollte brigens &mdash; und diese Bemerkung
-richtet sich nicht blo gegen eine unzulngliche Darstellung
-Platos &mdash; es durchaus unterlassen, einen Philosophen oder Knstler
-deswegen zu loben, weil die Nur-Wissenschaftler nach tausend
-Jahren einen Gedanken von ihm zu begreifen anfangen. <em class="gesperrt">Goethe</em>,
-<em class="gesperrt">Plato</em> und <em class="gesperrt">Kant</em> sind zu greren Dingen auf der Erde erschienen,
-als empirische Wissenschaft aus ihrer Erfahrung allein je einsehen
-oder begrnden knnte.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_340">S.&nbsp;340</a>, Z. 13 v. u.</b>) O. <em class="gesperrt">Friedlnder</em> bemerkt in seinem
-Aufsatz Eine fr viele (vgl. zu S.&nbsp;115, Z. 10 v. u.) S.&nbsp;180&nbsp;f.
-sehr scharf, aber wahr: Nichts kann den Frauen ferner gelegen
-sein, als der Kampf gegen die voreheliche Unkeuschheit des Mannes.
-Was sie im Gegenteil von dem letzteren verlangen, ist die subtilste
-Kenntnis aller Details des Geschlechtslebens und der Entschlu, diese
-theoretische Superioritt auch praktisch zur Geltung zu bringen ... Die
-Jungfrau vertraut ihre unberhrten Reize meist lieber den bewhrten
-Hnden des ausgekneipten Wstlings an, der lange das Reifeexamen
-der ars amandi abgelegt hat, als den zitternden Fingern des erotischen
-Analphabeten, der das Abc der Liebe kaum zu stammeln
-vermag.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_12" id="Zu_Teil_II_Kapitel_12">Zu Teil II, Kapitel 12.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_342">S.&nbsp;342</a>, Z. 6.</b>) Das Motto aus <em class="gesperrt">Kant</em> habe ich irgendwo
-citiert gefunden, kann mich aber nicht entsinnen, wo, noch war es
-mir mglich, in Kantens Schriften selbst es zu entdecken. In den
-Fragmenten aus dem Nachla߫ (Bd. VIII, S.&nbsp;330, ed. Kirchmann)
-heit es: Wenn man bedenkt, da Mann und Frau ein moralisches
-Ganze ausmachen, so mu man ihnen nicht einerlei Eigenschaften
-beilegen, sondern der einen solche Eigenschaften, die
-dem anderen fehlen &mdash; brigens eine Ansicht, durch die leicht die
-Wahrheit umgekehrt erscheinen knnte: der Mann hat alle Eigenschaften<span class="pagenum"><a name="Seite_569" id="Seite_569">[S. 569]</a></span>
-der Frau in sich, zumindest als Mglichkeiten; dagegen ist die
-Frau rmer als der Mann, weil nur ein Teil desselben. (Vgl. den Schlu
-dieses Kapitels.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_343">S.&nbsp;343</a>, Z. 17.</b>) Paul Julius <em class="gesperrt">Moebius</em>, ber den physiologischen
-Schwachsinn des Weibes, 5. Aufl., Halle 1903. ber einige Unterschiede
-der Geschlechter, in: Stachyologie, Weitere vermischte Aufstze,
-Leipzig 1901, S.&nbsp;125&ndash;138.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_350">S.&nbsp;350</a>, Z. 13.</b>) Man bertreibt oft die Strke des Verlangens
-nach dem Kinde bei der Frau. Ed. v. <em class="gesperrt">Hartmann</em> (Phnomenologie
-des sittlichen Bewutseins, 1879, S.&nbsp;693) bemerkt zum Teil mit Recht:
-Der Instinkt nach dem Besitz von Kindern ist bei <em class="gesperrt">jungen</em> Frauen
-und Mdchen keineswegs so allgemein und entschieden ausgeprgt,
-als man gemeinhin annimmt, und als die Mdchen selbst dies erheucheln,
-um dadurch die Mnner anzuziehen; erst in reiferen Jahren
-pflegen kinderlose Frauen ihren Zustand als schmerzliche Entbehrung
-im Vergleich zu ihren kinderbesitzenden Altersgenossinnen zu
-fhlen .... Meist geschieht es mehr, um den Mann zufrieden zu
-stellen, als um ihrer selbst willen, wenn junge Frauen sich Kinder
-wnschen; der Mutterinstinkt erwacht erst, wenn der hilfefordernde
-junge Weltbrger <em class="gesperrt">wirklich da ist</em>. Man sieht brigens, wie notwendig
-sowohl in dieser Frage als den ewig wiederholten Behauptungen
-der Gynkologen gegenber (fr welche das Weib theoretisch
-immer nur eine Brutanstalt ist) die im 10. Kapitel durchgefhrte
-Zweiteilung ist.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_353">S.&nbsp;353</a>, Z. 2.</b>)</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Das <em class="gesperrt">Weib</em> ist's, das ein <em class="gesperrt">Herz</em> sucht, nicht <em class="gesperrt">Genu</em>.<br /></span>
-<span class="i0">Das Weib ist keusch in seinem tiefsten Wesen,<br /></span>
-<span class="i0">Und was die Scham ist, wei doch nur ein Weib.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p><em class="gesperrt">Hamerling</em>, Ahasver in Rom, II. Gesang: Werke, Volksausgabe
-Hamburg, Bd. I, p. 58.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_355">S.&nbsp;355</a>, Z. 6&nbsp;f.</b>) Herbert <em class="gesperrt">Spencer</em>, Die Prinzipien der Ethik,
-Bd. I, Stuttgart 1894, S.&nbsp;341&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_355">S.&nbsp;355</a>, Z. 16 v. u. f.</b>) <em class="gesperrt">Ellis</em>, Mann und Weib, S.&nbsp;288 uert
-die interessante Vermutung, da auch die Erscheinung der <em class="gesperrt">Mimicry</em>
-mit der <em class="gesperrt">Suggestibilitt</em> in einem Zusammenhange stehe. Mit der
-Darstellung im Texte wrde das vielleicht sich besser reimen als irgend
-eine andere Deutung jenes Phnomenes.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_356">S.&nbsp;356</a>, Z. 5 v. u. ff.</b>) <em class="gesperrt">Wolfram von Eschenbach</em>, Parzival,
-bersetzt von Karl Pannier (Leipzig, Universalbibliothek),
-Buch IV, Vers 698&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_357">S.&nbsp;357</a>, Z. 19 v. u. ff.</b>) Sehr vereinzelt ist unter den Psychiatern
-eine Stimme, wie die Konrad <em class="gesperrt">Riegers</em>, Professors in Wrzburg:
-Was ich erstrebe ist die Autonomie der Psychiatrie und Psychologie.
-Sie sollen beide frei sein von einer Anatomie, die sie nichts
-angeht; von einer Chemie, die sie nichts angeht. Eine psychologische<span class="pagenum"><a name="Seite_570" id="Seite_570">[S. 570]</a></span>
-Erscheinung ist etwas ebenso Originales wie eine chemische und
-anatomische. Sie hat keine Sttzen ntig, an die angelehnt werden
-mte. (Die Kastration in rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht,
-Jena 1900, S.&nbsp;31.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_357">S.&nbsp;357</a>, Z. 1 v. u. f.</b>) Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, L'tat mental des Hystriques,
-Paris 1894; L'Automatisme psychologique, Essai de Psychologie
-exprimentale sur les formes infrieures de l'activit humaine,
-3. d., Paris 1898; F. <em class="gesperrt">Raymond</em> et Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, Nvroses et Ides
-fixes, Paris 1898. &mdash; Oskar <em class="gesperrt">Vogt</em>: in den zu S.&nbsp;372, Z. 13 v. u.
-citierten Aufstzen. &mdash; Jos. <em class="gesperrt">Breuer</em> und Sigm. <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber
-Hysterie, Leipzig und Wien 1895.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_358">S.&nbsp;358</a>, Z. 9.</b>) Sigmund <em class="gesperrt">Freud</em>, Zur tiologie der Hysterie,
-Wiener klinische Rundschau, X, S.&nbsp;379&nbsp;ff. (1896, Nr. 22&ndash;26). Die
-Sexualitt in der tiologie der Neurosen, ibid. XII, 1898, Nr. 2&ndash;7.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_358">S.&nbsp;358</a>, Z. 13 v. u.</b>) Fremdkrper nach <em class="gesperrt">Breuer</em> und
-<em class="gesperrt">Freud</em>. Studien ber Hysterie, S.&nbsp;4.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_358">S.&nbsp;358</a>, Z. 8 v. u.</b>) Hier gedenkt man vielleicht der vollendetsten
-Frauengestalt <em class="gesperrt">Zolas</em>, der <em class="gesperrt">Franoise</em> aus dem Romane
-La Terre, und ihres Verhaltens gegen den von ihr bis zum
-Schlusse ganz unbewut begehrten und stets zurckgewiesenen
-<em class="gesperrt">Buteau</em>.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_359">S.&nbsp;359</a>, Z. 1&nbsp;ff.</b>) Unter den hysterischen <em class="gesperrt">Mnnern</em> sind wohl
-viele sexuelle Zwischenformen. Eine Bemerkung <em class="gesperrt">Charcots</em> weist
-darauf hin (Neue Vorlesungen ber die Krankheiten des Nervensystems,
-insbesondere ber Hysterie, bersetzt von Sigmund <em class="gesperrt">Freud</em>,
-Leipzig und Wien 1886, S.&nbsp;70): Beim Manne sieht man nicht
-selten einen Hoden, <em class="gesperrt">besonders wenn er Sitz einer Lage- oder
-Entwicklungsanomalie</em> ist, in eine hysterogene Zone einbezogen.
-Vgl. S.&nbsp;74 ber einen hysterischen Knaben von weibischer Erscheinung.
-Eine Stelle, die ich in demselben Buche gelesen zu haben
-mich bestimmt entsinne, aber spter nicht mehr aufzufinden vermochte,
-gibt an, da der Hode besonders dann eine hysterogene
-Zone bilde, <em class="gesperrt">wenn er im Leistenkanal zurckgeblieben sei</em>.
-Beim Weibe aber sind die hysterogenen Punkte auch lauter sexuell
-besonders stark hervorgehobene (Der Ilial-, Mammar-, Inguinalpunkt,
-die Ovarie, vgl. <em class="gesperrt">Ziehens</em> Artikel Hysterie in Eulenburgs Realenzyklopdie).
-Der Hode, welcher den Descensus nicht vollzogen
-hat, ist eine Keimdrse von stark weiblicher Sexualcharakteristik
-(nach Teil I, Kap. 2); er steht einem Ovarium nahe und kann auch
-dessen Eigenschaften bernehmen, also hysterogen werden. &mdash; Ich
-habe einmal in einer Vorlesung einen Psychiater die Unrichtigkeit
-der Lehre von der Weiblichkeit der Hysterie an einem Knaben
-demonstrieren sehen, dessen Testikel ihrer besonderen Kleinheit
-wegen ihm selbst aufgefallen waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_571" id="Seite_571">[S. 571]</a></span>
-
-Nach <em class="gesperrt">Briquet</em> (citiert bei <em class="gesperrt">Charcot</em> a. a. O., S.&nbsp;78) kommen
-20 hysterische Frauen auf einen hysterischen Mann.</p>
-
-<p>Im brigen hat auch der mnnlichste Mann, vielleicht gerade
-er am strksten, die <em class="gesperrt">Mglichkeit</em> des Weibes in sich. <em class="gesperrt">Hebbel</em>,
-<em class="gesperrt">Ibsen</em>, <em class="gesperrt">Zola</em> &mdash; die drei grten Kenner des Weibes im 19. Jahrhundert
-&mdash; sind extrem mnnliche Knstler, der letztere so sehr,
-da seine Romane <em class="gesperrt">trotz ihrem oft so sexuellen Gehalte</em> bei
-den Frauen auffallend wenig in Gunst stehen ... Je mehr Mann
-einer ist, desto mehr vom Weibe hat er in sich <em class="gesperrt">berwunden</em>, und
-es ist vielleicht der mnnlichste Mann insofern zugleich der weiblichste.
-Hiemit ist die Seite 108 aufgeworfene Frage wohl am richtigsten
-beantwortet.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_359">S.&nbsp;359</a>, Z. 21 v. u. ff.</b>) Pierre <em class="gesperrt">Janet</em> kommt meiner Auffassung von
-der passiven bernahme der Anschauungsweise des Mannes einmal ziemlich
-nahe. Nvroses et Ides fixes I, 475&nbsp;f.: ... On a vu que le
-travail du directeur pendant les sances ... a t un travail de synthse;
-il a organis des rsolutions, des croyances, des motions, il a aid
-le sujet rattacher sa personnalit des images et des sensations.
-Bien plus il a chafaud tout ce systme de penses autour d'un
-centre spcial qui est le souvenir et l'image de sa personne. Le
-sujet a emport dans son esprit et dans son cerveau une synthse
-nouvelle, passablement artificielle et trs fragile, sur laquelle l'motion
-a facilement exerc sa puissance dsorganisatrice, p. 477: les phnomnes
-consistent toujours dans une affirmation et une volont
-c'est--dire une direction impose aux gens qui ne peuvent pas
-vouloir, qui ne peuvent pas s'adapter, qui vivent d'une manire insuffisante.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_359">S.&nbsp;359</a>, Z. 12 v. u.</b>) Abulie: Vgl. die Beschreibung <em class="gesperrt">Janets</em>
-(Un cas d'aboulie et d'ides fixes, Nvroses et Ides fixes, Vol. I,
-p. 1&nbsp;ff.).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_360">S.&nbsp;360</a>, Z. 8&nbsp;f.</b>) Von der auerordentlichen <em class="gesperrt">Leichtglubigkeit</em>
-der Hysterikerinnen spricht Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, L'Automatisme
-Psychologique, Essai de psychologie exprimentale sur les formes
-infrieures de l'activit humaine, 3. d. Paris 1899, p. 207&nbsp;f.
-Ferner pag. 210: Ces personnes, en apparence spontanes et
-entreprenantes, sont de la plus trange docilit quand on sait de
-quelle manire il faut les diriger. De mme que l'on peut changer
-un rve par quelques mots adresss au dormeur, de mme on peut
-modifier les actes et toutes la conduite d'un individu faible par un
-mot, une allusion, un signe lger auquel il obit aveuglment tandis
-qu'il rsisterait avec fureur si on avait l'air de lui commander.
-<em class="gesperrt">Briquet</em>, Trait clinique et thrapeutique de l'hystrie, Paris 1859,
-p. 98: Toutes les hystriques que j'ai observes taient extrmement
-<em class="gesperrt">impressionables</em>. Toutes, ds leur enfance, taient trs
-craintives; elles avaient une peur extrme d'tre grondes, et quand<span class="pagenum"><a name="Seite_572" id="Seite_572">[S. 572]</a></span>
-il leur arrivait de l'tre, elles touffaient, sanglotaient, fuyaient au
-loin ou se trouvaient mal. (Vgl. im Texte weiter unten ber die
-hysterische Konstitution.) Wie hiegegen der Eigensinn der Hysterischen
-alles eher denn einen Einwand bildet, das geht hervor aus
-der glnzenden Bemerkung von <em class="gesperrt">Lipps</em> (Suggestion und Hypnose,
-S.&nbsp;483, Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen und der
-historischen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu Mnchen,
-1897, Bd. II): ..... <em class="gesperrt">blinder Eigensinn ist im Prinzip dasselbe
-wie blinder Gehorsam</em> ....., es kann nicht verwundern,
-wenn ..... beim suggestibeln ..... Beides angetroffen wird. Der
-grte Grad der Suggestibilitt ..... bedingt die Willensautomatie.
-Hier wirkt ausschlielich oder bermchtig der im Befehl eingeschlossene
-Willensantrieb. Ein geringerer Grad der Suggestibilitt
-dagegen kann neben der Willensautomatie das blinde Zuwiderhandeln
-gegen den Befehl erzeugen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_360">S.&nbsp;360</a>, Z. 16&ndash;21.</b>) Auch <em class="gesperrt">Freuds</em> <em class="gesperrt">Deckerinnerungen</em>,
-(Monatsschrift fr Psychiatrie und Neurologie, VI, 1899), gehren
-hieher. Es sind das die Reaktionen des Schein-Ich auf diejenigen Ereignisse,
-auf welche es anders antwortet als die eigentliche Natur.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_360">S.&nbsp;360</a>, Z. 13 v. u. f.</b>) Z. B. Th. <em class="gesperrt">Gomperz</em>, Griechische
-Denker, Leipzig 1902, II, 353: Erst unsere Zeit hat ..... der
-vermeintlichen Einfachheit der Seele Tatsachen des doppelten Bewutseins
-und verwandte Vorgnge gegenbergestellt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_360">S.&nbsp;360</a>, Z. 5 v. u.</b>) Vgl. auch S.&nbsp;277, Z. 1&nbsp;ff. und die Anmerkung
-hiezu.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_361">S.&nbsp;361</a>, Z. 14.</b>) Anorexie, Mangel an Streben, hat man das
-zeitweilige Fehlen aller Emotivitt, den vlligen Indifferentismus der
-Hysterischen genannt: dieser resultiert aus der Unterdrckung der
-weiblichen Triebe, indem eben die einzige Wertung hier aus dem
-Bewutsein verdrngt ist, deren die Frauen fhig sind und die sonst
-ihr Handeln bestimmt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_361">S.&nbsp;361</a>, Z. 17.</b>) ber den Shock nerveux vgl. Oeuvres
-compltes de J. M. <em class="gesperrt">Charcot</em>, Leons sur les maladies du systme
-nerveux, Tome III, Paris 1887, p. 453&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_361">S.&nbsp;361</a>, Z. 22.</b>) Gegenwille: <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien
-ber Hysterie, S.&nbsp;2.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_361">S.&nbsp;361</a>, Z. 14 v. u.</b>) ber die Abwehr: <em class="gesperrt">Freud</em>, Neurologisches
-Zentralblatt, 15. Mai 1894, S.&nbsp;364.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_361">S.&nbsp;361</a>, Z. 4 v. u.</b>) Das schlimme Ich: Ausdruck einer
-Patientin <em class="gesperrt">Breuers</em> (Breuer und Freud, Studien ber Hysterie, S.&nbsp;36).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_362">S.&nbsp;362</a>, Z. 7.</b>) Der Ausdruck <em class="gesperrt">Konversion</em>, konvertieren
-ist eingefhrt worden von <em class="gesperrt">Freud</em>, Die Abwehr-Neuropsychosen,
-Versuch einer psychologischen Theorie der akquirierten Hysterie,
-vieler Phobien und Zwangsvorstellungen und gewisser halluzinatorischer
-Psychosen, Neurologisches Zentralblatt, Bd. XIII, 1. Juni 1894,<span class="pagenum"><a name="Seite_573" id="Seite_573">[S. 573]</a></span>
-S.&nbsp;402&nbsp;ff. Vgl. auch <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie,
-S.&nbsp;73, 105, 127, 177&nbsp;ff., 190, 261. Er bedeutet: Umsetzung gewaltsam
-unterdrckter psychischer Erregung in krperliche Dauersymptome.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_362">S.&nbsp;362</a>, Z. 11.</b>) Vgl. P. J. <em class="gesperrt">Moebius</em>, ber den Begriff der
-Hysterie, Zentralblatt fr Nervenheilkunde, Psychiatrie und gerichtliche
-Psychopathologie, XI, 66&ndash;71 (1. II. 1888).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_363">S.&nbsp;363</a>, Z. 9.</b>) <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie, S.&nbsp;6.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_363">S.&nbsp;363</a>, Z. 11 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber
-Hysterie, S.&nbsp;10, 203.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_364">S.&nbsp;364</a>, Z. 3.</b>) Zur hysterischen Heteronomie vgl. z.&nbsp;B. Pierre
-<em class="gesperrt">Janet</em>, Nvroses et Ides fixes, I, 458: D....., atteinte de folu
-du scrupule, me demande si rellement elle est trs mchante, si
-tout ce qu'elle fait est mal; je lui certifie qu'il n'en est rien et elle
-s'en va contente.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_364">S.&nbsp;364</a>, Z. 21 v. u.</b>) O. <em class="gesperrt">Binswanger</em>, Artikel Hypnotismus
-in Eulenburgs Realenzyklopdie der gesamten Heilkunde,
-3. Aufl., Bd. XI, S.&nbsp;242: Hysterische Individuen geben die reichste
-Ausbeute an hypnotischen Erscheinungen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_365">S.&nbsp;365</a>, Z. 1&nbsp;ff.</b>) Da das Verhltnis zwischen Hypnotiseur
-und Medium ein sehr sexuelles ist, wird durch die merkwrdigen,
-besonders von Albert <em class="gesperrt">Moll</em> (Der Rapport in der Hypnose, Untersuchungen
-ber den tierischen Magnetismus, Schriften fr psychologische
-Forschung, Heft III-IV, Leipzig 1892) studierten Tatsachen
-des Isolier-Rapportes bewiesen. Literatur bei <em class="gesperrt">Janet</em>,
-Nvroses et Ides fixes, Vol. I, Paris 1898, p. 424, vgl. auch
-p. 425: Si le sujet n'a t endormi qu'un trs petit nombre de
-fois des intervalles loigns ... il se rveillera de l'hypnose dans
-un tat presque normal et ne conservera de son hypnotiseur aucune
-proccupation particulire ... Au contraire, si, pour un motif quelconque
-... les sances de somnambulisme sont rapproches, il est
-facile de remarquer que l'attitude du sujet vis--vis de l'hypnotiseur
-ne tarde pas se modifier. Deux faits sont surtout apparents: le
-sujet, qui d'abord avait quelque crainte ou quelque rpugnance pour
-le somnambulisme, recherche maintenant les sances avec un dsir
-passion; en outre, surtout un certain moment, il parle beaucoup
-de son hypnotiseur et s'en proccupe d'une faon videmment
-excessive. Also wirkt die Hypnose ganz wie der Koitus auf das
-Weib, es findet um so mehr Geschmack daran, je fter sie wiederholt
-wird. Vgl. p. 427&nbsp;f. ber die passion somnambulique: Les
-malades ... se souviennent du bien-tre que leur a caus le
-somnambulisme prcdent et ils n'ont plus qu'une seule pense, c'est
-d'tre endormis de nouveau. Quelques malades voudraient tre
-hypnotiss par n'importe qui, mais le plus souvent il n'en est pas
-ainsi, c'est leur hypnotiseur, celui qui les a dj endormis frquemment,<span class="pagenum"><a name="Seite_574" id="Seite_574">[S. 574]</a></span>
-qu'ils rclament avec une impatience croissante. p. 447 ber
-die Eifersucht der Medien: ... beaucoup de magntiseurs ont
-bien dcrit la souffrance qu'prouve une somnambule quand elle
-apprend que son directeur endort de la mme manire une autre
-personne. Ferner p. 451: Si Qe., mme seule, laisse sa main
-griffonner sur le papier, elle voit avec tonnement qu'elle a sans
-cesse crit mon nom ou quelque recommandation que je lui ai
-faite. Si je la laisse regarder [une boule de verre] en vitant de
-lui rien suggrer, elle ne tarde pas voir ma figure dans cette
-boule. Janet selbst bespricht die Frage, ob die hypnotischen
-Phnomene sexuelle seien, S.&nbsp;456&nbsp;f., verneint sie aber aus ganz
-unstichhltigen Grnden, z.&nbsp;B. weil die Hypnotisierte oft vor dem
-Magnetiseur Angst habe, oder ihm mtterliche Gefhle entgegenbringe;
-aber es ist klar, da die Angst der Frauen vor dem Manne nur
-die Verschleierung eines erwartungsvollen Begehrens, und das mtterliche
-Verhltnis eben auch ein geschlechtliches ist. <em class="gesperrt">Moll</em> selbst sagt S.&nbsp;131:
-Eine gewisse Verwandtschaft der geschlechtlichen Liebe mit dem suggestiven
-Rapport kann brigens fr einzelne Flle nicht geleugnet werden.
-<em class="gesperrt">Freud</em> bei <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie, S.&nbsp;44: So
-macht sich jedesmal schon whrend der Massage mein Einflu
-geltend, sie wird ruhiger und klarer und findet auch ohne hypnotisches
-Befragen die Grnde ihrer jedesmaligen Verstimmung u. s. f.
-So wie die sexuellen Bande, welche eine Frau an einen Mann
-knpfen, gelockert werden durch jede Schwche, jede Lge des
-letzteren, so vermag auch der Einflu einer Suggestion gebrochen
-zu werden, sobald der Wille des Suggestors sich als gegenstzlich
-zu dem herausgestellt hat, was speziell von ihm erwartet wurde.
-Einen solchen Fall teilt <em class="gesperrt">Freud</em> mit (<em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien
-ber Hysterie, S.&nbsp;64&nbsp;f.): Die Mutter ... gelangte auf einem Gedankenwege,
-dem ich nicht nachgesprt habe, zum Schlu, da wir
-beide, Dr. N... und ich, Schuld an der Erkrankung des Kindes
-trgen, weil wir ihr das schwere Leiden der Kleinen als leicht dargestellt,
-hob gewissermaen durch einen Willensakt die Wirkung
-meiner Behandlung auf und verfiel alsbald wieder in dieselben Zustnde,
-von denen ich sie befreit hatte. Das Verhltnis zwischen
-Medium und Hypnotiseur ist eben stets und unabnderlich, zumindest
-auf der Seite des ersteren, ein <em class="gesperrt">sexuelles</em> oder einem sexuellen
-ganz analog.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_365">S.&nbsp;365</a>, Z. 9.</b>) <em class="gesperrt">Breuer</em> bei <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien
-ber Hysterie, S.&nbsp;6&ndash;7.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_365">S.&nbsp;365</a>, Z. 2 v. u.</b>) Umwandlung des hysterischen Anfalls in
-Somnambulismus: Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, Nvroses et Ides fixes, Vol. I, Paris
-1898, p. 160&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_366">S.&nbsp;366</a>, Z. 9&ndash;12.</b>) Es ist wohl beraus gewagt und sagt mir,
-als zu grob, selbst wenig zu, auch die etwaigen Heilerfolge der<span class="pagenum"><a name="Seite_575" id="Seite_575">[S. 575]</a></span>
-Ovariotomie hysterischer Erkrankung gegenber, von denen so hufig
-berichtet wird, im Sinne meiner Theorie zu interpretieren. Dennoch
-fgen sich die zahlreichen bezglichen Angaben, wenn auf sie nur
-Verla ist, leicht in die Gesamtanschauung. Die Geschlechtlichkeit
-nmlich, welche der Imprgnation mit dem gegengeschlechtlichen
-Willen entgegensteht, wird durch jene Operation radikal aufgehoben
-oder ungemein vermindert (vgl. Teil I, Kap. 2), und so entfllt der
-Anla zum Konflikte.</p>
-
-<p>(S.&nbsp;367, Z. 1&nbsp;ff.) F. <em class="gesperrt">Raymond</em> et Pierre <em class="gesperrt">Janet</em>, Nvroses et
-Ides fixes, Vol. II, Paris 1898, p. 313: La malade entre
-l'hpital ... nouvelle motion en voyant une femme qui tombe
-par terre: cette motion bouleverse l'quilibre nerveux, lui rend tout
- coup la parole et transforme l'hmiplgie gauche en paraplgie
-complte. <em class="gesperrt">Ces transformations, ces quivalences sont bien
-connues dans l'hystrie</em>; ce n'est pas une raison pour que nous
-ne dclarions pas qu'elles sont notre avis trs tonnantes et probablement
-trs instructives sur le mcanisme du systme nerveux
-central.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_367">S.&nbsp;367</a>, Z. 2 v. u. f.</b>) Hiemit stimmen alle Angaben ber
-den Charakter der Hysterischen gut berein. Z. B. bemerkt <em class="gesperrt">Sollier</em>,
-Gense et Nature de l'Hystrie, Paris 1897, Vol. I, p. 460: Elles
-[les hystriques] sentent instinctivement qu'elles ont besoin d'tre
-diriges, commandes, et c'est pour cette raison qu'elles s'attachent
-de prfrence ceux qui leur imposent, chez qui elles sentent une
-volont trs-forte. Er citiert die uerung einer seiner Patientinnen:
-II faut que je sois en sous-ordre; ... je sais bien faire ce qu'on
-me commande, mais je ne serais pas capable de faire les choses
-toute seule, et encore moins de commander d'autres.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_368">S.&nbsp;368</a>, Z. 10.</b>) Man knnte vielleicht glauben, da die <em class="gesperrt">Mutter</em>
-das hysterische Weib sei: dies war eine Zeitlang meine Anschauung,
-da ich die Mutter fr weniger sinnlich hielt und die Hysterie aus
-einem Konflikte zwischen dem blo nach dem Kinde gehenden
-Wunsche des Einzelwesens und dem Widerstreben gegen das, diesen
-Zweck zu erreichen, erforderliche Mittel, also aus einem im Unbewuten
-erfolgenden Zusammensto von Individual- und Gattungswillen
-in einem einzigen Individuum mir zu erklren suchte. Nach
-<em class="gesperrt">Briquet</em> sind aber Prostituierte sehr hufig hysterisch. Es besteht
-hierin kein Unterschied zwischen Mutter und Dirne. Denn ebenso
-knnen Hysterikerinnen auch Mtter sein: die <em class="gesperrt">Lonie</em>, an der
-Pierre <em class="gesperrt">Janet</em> so viele Erfahrungen gesammelt hat, betrachtete ihn,
-der ihr Magnetiseur war, als ihren <em class="gesperrt">Sohn</em> (Nvroses et Ides fixes,
-Vol. I, p. 447). Ich habe seither reichlich Gelegenheit gefunden,
-selbst wahrzunehmen, da Mtter und Prostituierte unterschiedslos
-hysterisch sind.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_370">S.&nbsp;370</a>, Z. 13.</b>) Paul <em class="gesperrt">Sollier</em>, Gense et Nature de l'Hystrie,
-Recherches cliniques et exprimentales de Psycho-Physiologie<span class="pagenum"><a name="Seite_576" id="Seite_576">[S. 576]</a></span>
-Paris 1897, Vol. I, p. 211: ..... L'ansthsie est bien plus
-frquente chez les hystriques que l'hypersthsie, et par suite la
-frigidit est l'tat le plus habituel ..... Il est aussi une consquence
-de l'ansthsie des organes sexuels chez l'hystrique qu'il est bon
-de signaler et que j'ai t mme de constater: c'est l'absence de sensation
-des mouvements du foetus pendant la grossesse. Quoique ceux-ci
-soient faciles dmontrer par la palpation, ce phnomne peut
-cependant donner dans certains cas des craintes non justifies sur
-la sant du foetus; ou pousser certaines femmes rclamer une
-intervention en niant nergiquement qu'elles sont enceintes. Zum
-zehnten Kapitel (S.&nbsp;291) wrde das wohl stimmen: die Verleugnung
-der Sexualitt mu auch eine Verleugnung des Kindes mit sich
-fhren. Vgl. ferner bei <em class="gesperrt">Sollier</em> noch Vol. I, pag. 458: Chez
-celles-ci [les grandes hystriques] il y a de l'ansthsie gnitale
-comme de tous les organes, et elles sont ordinairement compltement
-frigides ..... Certaines hystriques prennent l'horreur des
-rapports conjugaux qui leur sont ou absolument indiffrents quand
-elles sont ansthsiques, ou dsagrables quand elles ne le sont pas
-tout--fait.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_370">S.&nbsp;370</a>, Z. 17.</b>) Oskar <em class="gesperrt">Vogt</em>, Normalpsychologische Einleitung
-in die Psychopathologie der Hysterie, Zeitschrift fr Hypnotismus,
-Bd. VIII, 1899, S.&nbsp;215: Ich gebe A. einerseits die Suggestion,
-da bei jeder Berhrung des rechten Armes in ihm die Vorstellung
-einer roten Farbe auftauchen solle, und anderseits mache ich den
-rechten Arm ansthetisch. Berhre ich jetzt den Arm, so empfindet
-A. nicht die Berhrung trotz darauf eingestellter Aufmerksamkeit,
-aber bei jeder meiner nicht von A. empfundenen Berhrungen tritt
-doch die Vorstellung der roten Farbe in A. auf.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_372">S.&nbsp;372</a>, Z. 3.</b>) Guy de <em class="gesperrt">Maupassant</em>, Bel-Ami, Paris, S.&nbsp;389&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_372">S.&nbsp;372</a>, Z. 4&ndash;8.</b>) Von einem solchen sehr lehrreichen Fall
-von Imprgnation durch gnzlich von auen gekommene Vorstellungen
-erzhlt <em class="gesperrt">Freud</em> bei Breuer und Freud, Studien ber
-Hysterie, 1895, S.&nbsp;242&nbsp;f. Eine Dame phantasiert da in den Symbolen
-der Theosophen, in deren Gesellschaft sie eingetreten ist. Auf
-Freuds Frage, seit wann sie sich Vorwrfe mache und mit sich unzufrieden
-sei, antwortet sie, <em class="gesperrt">seitdem sie Mitglied des Vereines
-geworden sei und die von ihm herausgegebenen
-Schriften lese</em>. Suggestibel sind Frauen wie Kinder eben auch
-durch Bcher.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_372">S.&nbsp;372</a>, Z. 13.</b>) Der Ausdruck Schutzheilige etc. stammt von
-<em class="gesperrt">Breuer</em> (<em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie, S.&nbsp;204). Einiges
-Interessante in einem freilich tendenzis antireligisen Schriftchen des
-Dr. <em class="gesperrt">Rouby</em>, L'Hystrie de Sainte Thrse (Bibliothque diabolique),
-Paris, Alcan, 1902, p. 11&nbsp;f., 16&nbsp;f., 20&nbsp;f., 39&nbsp;f. <em class="gesperrt">Gilles de la
-Tourette</em>, Trait clinique et thrapeutique de l'Hystrie d'aprs l'enseignement<span class="pagenum"><a name="Seite_577" id="Seite_577">[S. 577]</a></span>
-de la Salptrire, Paris 1891, Vol. I, p. 223 bemerkt:
-Il n'est pas douteux que sainte Thrse ..... ft atteinte de cardialgie
-hystrique, ou mieux d'angine de poitrine de mme nature,
-complexus qui s'accompagne souvent de troubles hypersthsiques
-de la rgion prcordiale. <em class="gesperrt">Hahn</em>, Les phnomnes hystriques et
-les rvlations de Sainte-Thrse, Revue des Questions Scientifiques,
-Vol. XIV et XV, Bruxelles 1882. Charles <em class="gesperrt">Binet-Sangl</em>,
-Physio-Psychologie des Religieuses, Archives d'Anthropologie criminelle,
-XVII, 1902, p. 453&ndash;477, 517&ndash;545, 607&ndash;623.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_372">S.&nbsp;372</a>, Z. 13 v. u. f.</b>) Oskar <em class="gesperrt">Vogt</em>, Die direkte psychologische
-Experimentalmethode in hypnotischen Bewutseinszustnden,
-Zeitschrift fr Hypnotismus V, 1897, S.&nbsp;7&ndash;30, 180&ndash;218. (Vgl. besonders
-S.&nbsp;195&nbsp;ff.: Die Erfahrung lehrt, da die Exaktheit der Selbstbeobachtung
-noch durch Suggestionen gesteigert werden kann. S.&nbsp;199: Die
-Selbstbeobachtung kann gehoben werden: einmal durch spezialisierte
-Intensittsverstrkungen oder Hemmungen und dann durch Einengung
-des Wachseins und damit der Aufmerksamkeit auf die am
-Experiment beteiligten Bewutseinselemente. S.&nbsp;218: Es kann
-sich im einzelnen Menschen hohe Suggestibilitt mit der Fhigkeit
-einer kritischen Selbstbeobachtung verbinden [nmlich im Zustande
-des vom Hypnotiseur erzeugten partiellen systematischen Wachseins.])
-Zur Methodik der tiologischen Erforschung der Hysterie,
-ibid. VIII, 1899, S.&nbsp;65&nbsp;ff., besonders S.&nbsp;70. Zur Kritik der
-hypnogenetischen Erforschung der Hysterie, ibid. 342&ndash;355. <em class="gesperrt">Freud</em>
-als Vorgnger: <em class="gesperrt">Breuer</em> und <em class="gesperrt">Freud</em>, Studien ber Hysterie
-S.&nbsp;133&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_378">S.&nbsp;378</a>, Z. 13.</b>) Die Bemerkung ber <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> bedarf
-einer Erluterung. Die Verwechslung von Trieb und Wille ist vielleicht
-der folgenschwerste Fehler des Schopenhauerschen Systemes.
-So viel sie zur Popularisierung seiner Philosophie beigetragen hat,
-um ebensoviel hat sie die Tatsachen unzulssig vereinfacht. Aus ihr
-erklrt sich, wie Schopenhauer, fr den das intelligible Wesen des
-Menschen mit Recht Wille ist, dasselbe berall in der belebten Natur
-und schlielich auch in der unbelebten als Bewegung wiederfinden
-kann. Dadurch aber kommt notwendig Konfusion in Schopenhauers
-System. Er ist im tiefsten Grunde <em class="gesperrt">dualistisch</em> veranlagt, und hat
-eine <em class="gesperrt">monistische Metaphysik</em>; er wei, da gerade das intelligible
-Wesen des <em class="gesperrt">Menschen</em> Wille ist und mu doch durch eine
-unglckliche Psychologie, welche Willen und Intellekt in einer sehr
-verfehlten Weise sondert, und nur den letzteren allein dem Menschen
-zuteilt, diesen von Tier und Pflanze unterscheiden; er ist, was man
-auch sagen mag, <em class="gesperrt">zuletzt</em> Optimist, als <em class="gesperrt">Bejaher</em> einer anderen
-Seinsform, ber die er nur aller positiven Bestimmungen sich enthlt,
-also eines anderen Lebens: und, so paradox dies dem heutigen
-Ohr klinge, nur sein <em class="gesperrt">Monismus</em> gibt dem System die pessimistische<span class="pagenum"><a name="Seite_578" id="Seite_578">[S. 578]</a></span>
-Wertung: indem er den gleichen Willen hier wie dort sieht,
-ewiges und irdisches Leben nicht scheidet, und die einzige Unsterblichkeit
-danach nur die des Gattungswillens sein kann. So
-offenbart sich die Identifikation des hheren mit dem niederen
-Willensbegriff &mdash; welchen letzteren man stets als Trieb bezeichnen
-sollte &mdash; als das Verhngnis seiner ganzen Philosophie.
-Htte er die Kantische Moralphilosophie verstanden, so htte er
-auch eingesehen, was der Unterschied zwischen Wille und Trieb
-ist: <em class="gesperrt">der Wille ist stets frei, und nur der Trieb unfrei.
-<b>Es gibt gar keine Frage nach der Freiheit, sondern nur
-eine nach der Existenz des Willens.</b></em> Alle <em class="gesperrt">Phnomene</em> sind
-kausal bedingt; einen Willen kann darum die <em class="gesperrt">empirische</em> Psychologie,
-die nur psychische <em class="gesperrt">Phnomene</em> anerkennt, nicht brauchen
-und nicht zulassen. <em class="gesperrt">Denn aller Wille ist seinem Begriffe
-nach frei und von absoluter Spontaneitt.</em> <em class="gesperrt">Kant</em> sagt (Grundlegung
-zur Metaphysik der Sitten, S.&nbsp;77, Kirchmann): Die Idee
-der Freiheit mssen wir voraussetzen, wenn wir uns ein Wesen als
-vernnftig und mit Bewutsein seiner Kausalitt in Ansehung der
-Handlungen, das ist mit einem Willen begabt uns denken wollen,
-und so finden wir, da wir aus ebendemselben Grunde jedem mit
-Vernunft und Willen begabten Wesen diese Eigenschaft, sich unter
-der Idee seiner Freiheit zum Handeln zu bestimmen, beilegen
-mssen. Unfreiheit des Willens gibt es, wie man sieht, auch fr
-Kant gar nicht: der Wille kann gar nicht determiniert werden. Der
-Mensch, der <em class="gesperrt">will</em>, wirklich <em class="gesperrt">will</em>, will immer <em class="gesperrt">frei</em>. Der Mensch hat
-aber freilich nicht nur einen Willen, sondern auch Triebe. <em class="gesperrt">Kant</em> (ibid.
-S.&nbsp;78): Dieses [das moralische] Sollen ist eigentlich ein Wollen,
-das unter der Bedingung fr jedes vernnftige Wesen gilt, wenn
-die Vernunft bei ihm ohne Hindernisse praktisch wre; fr Wesen,
-die, wie wir, noch durch Sinnlichkeit, als Triebfedern anderer Art,
-affiziert werden, bei denen es nicht immer geschieht, was die Vernunft
-fr sich allein tun wrde, heit jene Notwendigkeit der
-Handlung nur ein Sollen, und die subjektive Notwendigkeit wird
-von der objektiven unterschieden.</p>
-
-<p><em class="gesperrt"><b>Aller</b> Wille ist <b>Wille zum Wert</b>, und aller <b>Trieb</b> Trieb
-nach der <b>Lust</b></em>; es gibt keinen Willen zur Lust und auch keinen
-<em class="gesperrt">Willen</em> zur <em class="gesperrt">Macht</em>, sondern nur Gier und zhen Hunger nach der
-Herrschaft. <em class="gesperrt">Platon</em> hat dies im Gorgias wohl erkannt, er ist aber
-nicht verstanden worden. 466 D E: &#966;&#951;&#956;&#8054; &#947;&#8048;&#961;, &#8038; &#928;&#8182;&#955;&#949;, &#7952;&#947;&#8060; &#964;&#959;&#8058;&#962;
-&#961;&#8053;&#964;&#959;&#961;&#945;&#962; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#959;&#8058;&#962; &#964;&#965;&#961;&#8049;&#957;&#957;&#959;&#965;&#962; &#948;&#8059;&#957;&#945;&#963;&#952;&#945;&#953; &#956;&#8050;&#957; &#7952;&#957; &#964;&#945;&#8150;&#962; &#960;&#8057;&#955;&#949;&#963;&#953; &#963;&#956;&#953;&#954;&#961;&#8057;&#964;&#945;&#964;&#959;&#957;,
-&#8037;&#963;&#960;&#949;&#961; &#957;&#8166;&#957; &#948;&#8052; &#7956;&#955;&#949;&#947;&#959;&#957;&#903; <em class="gesperrt">&#959;&#8016;&#948;&#949;&#957; &#947;&#8048;&#961; &#960;&#959;&#953;&#949;&#8150;&#957; &#8038;&#957; &#946;&#959;&#8059;&#955;&#959;&#957;&#964;&#945;&#953;</em>, &#8033;&#962; &#7956;&#960;&#959;&#962; &#949;&#7984;&#960;&#949;&#8150;&#957;&#903;
-&#960;&#959;&#953;&#949;&#8150;&#957; &#956;&#8051;&#957;&#964;&#959;&#953; &#8005;&#964;&#953; &#7938;&#957; &#945;&#8016;&#964;&#959;&#8150;&#962; &#948;&#8057;&#958;&#951; &#946;&#8051;&#955;&#964;&#953;&#963;&#964;&#959;&#957; &#949;&#7990;&#957;&#945;&#953;. Und das &#959;&#8016;&#948;&#949;&#8054;&#962;
-&#7953;&#954;&#8060;&#957; &#7937;&#956;&#945;&#961;&#964;&#8049;&#957;&#949;&#953; des <em class="gesperrt">Sokrates</em> &mdash; noch oft wird es wohl verloren
-gehen, immer wieder werden all die seichten und verstndnislosen
-Einwnde gegen diese gewisseste Erkenntnis sich vernehmen lassen und
-die noch traurigeren Versuche, Sokrates wegen dieses Ausspruches<span class="pagenum"><a name="Seite_579" id="Seite_579">[S. 579]</a></span>
-gewissermaen zu <em class="gesperrt">entschuldigen</em> (so z.&nbsp;B. <em class="gesperrt">Gomperz</em>, Griechische
-Denker, Eine Geschichte der antiken Philosophie, Leipzig 1902,
-S.&nbsp;51&nbsp;ff.) unternommen werden. Um so fter mu er denn wiederholt
-werden.</p>
-
-<p>Die Idee eines ganz freien Wesens ist die Idee Gottes; die
-Idee eines aus Freiheit und Unfreiheit gemischten Wesens ist die
-Idee des Menschen. <em class="gesperrt">Soweit</em> der Mensch <em class="gesperrt">frei ist</em>, das heit frei
-<em class="gesperrt">will</em>, soweit <em class="gesperrt">ist</em> er Gott. Und so ist die Kantische Ethik im
-tiefsten Grunde mystisch und sagt nichts anderes als <em class="gesperrt">Fechners</em>
-Glaubenssatz:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">In Gott ruht meine Seele<br /></span>
-<span class="i0">Gott wirkt sie in sich aus;<br /></span>
-<span class="i0">Sein Wollen ist mein Sollen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>(Die drei Motive und Grnde des Glaubens, Leipzig 1863, S.&nbsp;256.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_378">S.&nbsp;378</a>, Z. 2 v. u. f.</b>) Vgl. A. P. <em class="gesperrt">Sinnett</em>, Die esoterische
-Lehre oder Geheimbuddhismus, 2. Aufl., Leipzig 1899, S.&nbsp;153&ndash;172.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_381">S.&nbsp;381</a>, Z. 17.</b>) Es ist eines der schnsten Worte <em class="gesperrt">Goethes</em>
-(Maximen und Reflexionen, III): <em class="gesperrt">Die Idee ist ewig und einzig;
-da wir auch den Plural brauchen, ist nicht wohlgethan.</em></p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_381">S.&nbsp;381</a>, Z. 2 v. u.</b>) Ich finde nur in der kleinen, aber interessanten
-Schrift Karl <em class="gesperrt">Joels</em>, Die Frauen in der Philosophie, Hamburg
-1896 (Sammlung gemeinverstndlicher wissenschaftlicher Vortrge,
-Heft 246), S.&nbsp;59, eine entfernt hnlich lautende Bemerkung:
-Das Weib ist intellektuell glcklicher, aber unphilosophischer nach
-dem alten Worte, da die Philosophie aus dem Ringen und Zweifel
-der Seele geboren wird. Schopenhauers Mutter war eine Romanschriftstellerin
-und seine Schwester eine Blumenmalerin.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_383">S.&nbsp;383</a>, Z. 15.</b>) Vgl. <em class="gesperrt">Taguet</em>, Du suicide dans l'hystrie, Annales
-Mdico-Psychologiques, V. Srie, Vol. 17, 1877, p. 346: L'hystrique
-ment dans la mort comme elle ment dans toutes les
-circonstances de sa vie.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_384">S.&nbsp;384</a>, Z. 6 v. u.</b>) Lazar B. <em class="gesperrt">Hellenbach</em>, Die Vorurteile
-der Menschheit, Bd. III: Die Vorurteile des gemeinen Verstandes,
-Wien 1880, S.&nbsp;99.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_388">S.&nbsp;388</a>, Z. 5&ndash;11.</b>) Wie innig Geschlechtlichkeit und Grenzaufhebung
-Hand in Hand gehen, darber macht <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das
-Mutterrecht, S. XXIII, eine Andeutung. Der dionysische Kult ....
-hat alle Fesseln gelst, alle Unterschiede aufgehoben, und dadurch,
-da er den Geist der Vlker vorzugsweise auf die Materie und die
-Verschnerung des leiblichen Daseins richtete, das Leben selbst
-wieder zu den Gesetzen des Stoffes zurckgefhrt. Dieser Fortschritt
-der Versinnlichung des Daseins fllt berall mit der Auflsung der
-politischen Organisation und dem Verfall des staatlichen Lebens
-zusammen. An der Stelle reicher Gliederung macht sich das Gesetz
-der Demokratie, der ununterschiedenen Masse, und jene Freiheit und<span class="pagenum"><a name="Seite_580" id="Seite_580">[S. 580]</a></span>
-Gleichheit geltend, welche das natrliche Leben vor dem civil-geordneten
-auszeichnet und das der leiblich-stofflichen Seite der
-menschlichen Natur angehrt. Die Alten sind sich ber diese Verbindung
-vllig klar, heben sie in den entscheidendsten Aussprchen
-hervor .... Die dionysische Religion ist zu gleicher Zeit die Apotheose
-des aphroditischen Genusses und die der allgemeinen Brderlichkeit,
-daher den dienenden Stnden besonders lieb und von
-Tyrannen, den Pisistratiden, Ptolemern, Caesar im Interesse ihrer
-auf die demokratische Entwicklung gegrndeten Herrschaft [vgl.
-Kapitel X, S.&nbsp;302] besonders begnstigt. Ausflu einer wesentlich
-weiblichen Gesinnung, so nennt Bachofen a. a. O. diese Erscheinungen;
-doch ist ihm keineswegs eine wirkliche Einsicht in die
-tieferen Grnde des Phnomens gewhrt gewesen; neben Aussprchen
-wie diesem finden sich begeisterte Hymnen auf die keusche Natur
-des Weibes auch bei ihm.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_389">S.&nbsp;389</a>, Z. 6.</b>) Klein-Eyolf, 3. Akt (Henrik <em class="gesperrt">Ibsens</em> smtliche
-Werke, herausgegeben von Brandes, Elias, Schlenther. Berlin,
-Bd. IX, S.&nbsp;72).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_389">S.&nbsp;389</a>, Z. 14.</b>) ber die schwierige Frage des Verhltnisses
-des tman zum Brahman vgl. Paul <em class="gesperrt">Deussen</em>, Das System des
-Vednta etc., Leipzig 1883, S.&nbsp;50&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_391">S.&nbsp;391</a>, Z. 1.</b>) <em class="gesperrt">Milne-Edwards</em>, Introduction la Zoologie
-gnrale, I. partie, Paris 1851, p. 157. Ebenso Rudolf <em class="gesperrt">Leuckart</em>,
-Artikel Zeugung in Wagners Handwrterbuch der Physiologie,
-Bd. IV, Braunschweig 1853, S.&nbsp;742&nbsp;f.: .... In physiologischer
-Beziehung erscheint diese Verteilung der weiblichen und mnnlichen
-Organe als eine Arbeitsteilung.</p>
-
-<p>Wenig Verstndnis fr das Verhltnis des Mnnlichen zum
-Weiblichen verraten <em class="gesperrt">Leuckarts</em> abweisende Worte (a. a. O.): Man
-hrt nicht selten die Behauptung, da mnnliche und weibliche
-Individuen einer Tierform nach Ausstattung und Ttigkeiten nicht
-blo unter sich verschieden, sondern <em class="gesperrt">entgegengesetzt</em> seien. Eine
-solche Auffassung mssen wir jedoch auf das entschiedenste zurckweisen.
-Die Lehre von dem Gegensatze der Geschlechter, die
-zunchst aus gewissen unklaren und mystischen Vorstellungen von
-der Begattung und Befruchtung hervorgegangen ist, stammt aus einer
-Zeit der naturhistorischen Forschung, in der man meinte, mit den
-Begriffen von Polaritt, polarem Verhalten u.&nbsp;s.&nbsp;w. das Leben in
-allen seinen Erscheinungen erklren zu knnen. Mnnliche und
-weibliche Produkte, Organe, Individuen sollten sich hienach verhalten
-wie + und -, als ob die Natur mit Geschlecht und Geschlechtsstoffen
-hantierte wie ein Physiker mit Elektrizitt und Leydener
-Flaschen!</p>
-
-<p>Eine unbefangene und vorurteilsfreie Naturbetrachtung zeigt
-uns zwischen mnnlichen und weiblichen Geschlechtsteilen keinen<span class="pagenum"><a name="Seite_581" id="Seite_581">[S. 581]</a></span>
-anderen Gegensatz als berhaupt zwischen Organen und Organgruppen,
-die sich in ihren Leistungen gegenseitig untersttzen und
-ergnzen .... Die physiologischen Motive einer solchen Arbeitsteilung
-sind im allgemeinen nicht schwer zu bezeichnen. Es sind im Grunde
-dieselben, die eine jede Arbeitsteilung, auch auf dem Gebiete des
-praktischen Lebens, in unseren Augen rechtfertigen. Es sind die
-Vorteile, welche damit verbunden sind, vor allem Ersparnis an Kraft
-und Zeit fr andere neue Leistungen. <em class="gesperrt">In dem Dualismus des
-Geschlechtes sehen wir nichts anderes als eine mechanische
-Veranstaltung, aus der gewisse Vorteile hervorgehen.</em></p>
-
-<p>Diese Auffassung des Geschlechtsunterschiedes ist die am
-weitesten verbreitete. Daneben kommen noch die Anschauungen von
-K. W. <em class="gesperrt">Brooks</em> (The law of Heredity, a study of the cause of
-variation and the origin of living organisms, Baltimore 1883) und
-August <em class="gesperrt">Weismann</em> (Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung fr
-die Selektionstheorie, Jena 1886) in Betracht, welche die geschlechtliche
-Fortpflanzung als das Mittel ansehen, dessen sich die Natur
-bedient, um Variationen hervorzubringen (so Weismann, Aufstze
-ber Vererbung, Jena 1892, S.&nbsp;390); schlielich noch die Auffassungen
-von Edouard <em class="gesperrt">van Beneden</em> (Recherches sur la maturation
-de l'&#339;uf, la fcondation et la division cellulaire, Gand 1883, p. 404&nbsp;f.),
-Viktor <em class="gesperrt">Hensen</em> (Physiologie der Zeugung, in Hermanns Handbuch
-der Physiologie, Bd. VI/<sub>2</sub>, S.&nbsp;236&nbsp;f.), <em class="gesperrt">Maupas</em> (Le rajeunissement karyogamique
-chez les Cilis, Archives de Zoologie exprimentale, 2. srie,
-Vol. VII, 1890) und <em class="gesperrt">Btschli</em> (ber die ersten Entwicklungsvorgnge
-der Eizelle, Zellteilung und Konjugation der Infusorien, Abhandlungen
-der Senckenbergischen naturforsch. Gesellschaft, X, 1876), welche allerdings
-mehr auf das Wesen des <em class="gesperrt">Befruchtungs</em>prozesses sich beziehen:
-in welchem diese Forscher nmlich die Absicht einer <em class="gesperrt">Verjngung</em>
-der Individuen erblicken. &mdash; Was Wilhelm <em class="gesperrt">Wundt</em>, System der Philosophie,
-2. Aufl., Leipzig 1897, S.&nbsp;521&nbsp;ff. ber geschlechtliche und
-ungeschlechtliche Zeugung sagt, geht ber eine Rezeption der herrschenden
-naturwissenschaftlichen Anschauungen nicht hinaus.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_391">S.&nbsp;391</a>, Z. 16.</b>) Die diesbezgliche Widerlegung der Deszendenzlehre
-bei <em class="gesperrt">Fechner</em>, Einige Ideen zur Schpfungs- und Entwicklungsgeschichte
-der Organismen, Leipzig 1873, S.&nbsp;59&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_392">S.&nbsp;392</a>, Z. 16 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Plato</em> im <em class="gesperrt">Timaeus</em>, p. 50 B C:
-&#948;&#8051;&#967;&#949;&#964;&#945;&#953; &#964;&#949; &#947;&#8048;&#961; &#7936;&#949;&#8054; &#964;&#8048; &#960;&#8049;&#957;&#964;&#945;, &#954;&#945;&#8054; &#956;&#959;&#961;&#966;&#8052;&#957; &#959;&#8016;&#948;&#949;&#956;&#8055;&#945;&#957; &#960;&#959;&#964;&#8050; &#959;&#8016;&#948;&#949;&#957;&#8054; &#964;&#8182;&#957; &#949;&#7984;&#963;&#953;&#8057;&#957;&#964;&#969;&#957;
-&#8001;&#956;&#959;&#953;&#945;&#957; &#949;&#7984;&#955;&#951;&#966;&#949;&#957; &#959;&#8016;&#948;&#945;&#956;&#8134; &#959;&#8016;&#948;&#945;&#956;&#969;&#962;&#903; <em class="gesperrt">&#7952;&#954;&#956;&#945;&#947;&#949;&#8054;&#959;&#957;</em> &#947;&#8048;&#961; &#966;&#8059;&#963;&#949;&#953; &#960;&#945;&#957;&#964;&#8054;
-&#954;&#949;&#8150;&#964;&#945;&#953;, &#954;&#953;&#957;&#959;&#973;&#956;&#949;&#957;&#972;&#957; &#964;&#949; &#954;&#945;&#8054; &#948;&#953;&#945;&#963;&#967;&#951;&#956;&#945;&#964;&#953;&#950;&#8057;&#956;&#949;&#957;&#959;&#957; &#8017;&#960;&#959; &#964;&#8182;&#957; &#949;&#7988;&#963;&#953;&#8057;&#957;&#964;&#969;&#957;. &#966;&#945;&#8055;&#957;&#949;&#964;&#945;&#953;
-&#948;&#8050; &#948;&#953;' &#7952;&#954;&#949;&#8150;&#957;&#945; &#7940;&#955;&#955;&#959;&#964;&#949; &#7936;&#955;&#955;&#959;&#953;&#959;&#957;&#903; &#964;&#8048; &#948;&#8050; &#949;&#7984;&#963;&#953;&#8057;&#957;&#964;&#945; &#954;&#945;&#8054; &#7952;&#958;&#953;&#8057;&#957;&#964;&#945; &#964;&#8182;&#957; &#8004;&#957;&#964;&#969;&#957;
-&#7936;&#949;&#8054; &#956;&#953;&#956;&#8053;&#956;&#945;&#964;&#945;, &#964;&#965;&#960;&#969;&#952;&#8051;&#957;&#964;&#945; &#7936;&#960;' &#945;&#8016;&#964;&#969;&#957; &#964;&#961;&#8057;&#960;&#959;&#957; &#964;&#953;&#957;&#8048; &#948;&#8059;&#963;&#966;&#961;&#945;&#963;&#964;&#959;&#957; &#954;&#945;&#8054;
-&#952;&#945;&#965;&#956;&#945;&#963;&#964;&#8057;&#957;, &#8001;&#957; &#949;&#7984;&#962; &#945;&#8166;&#952;&#953;&#962; &#956;&#8051;&#964;&#953;&#956;&#949;&#957;. &#7952;&#957; &#948;'&#959;&#8022;&#957; &#964;&#8183; &#960;&#945;&#961;&#8057;&#957;&#964;&#953; &#967;&#961;&#8052; &#947;&#8051;&#957;&#951; &#948;&#953;&#945;&#957;&#959;&#951;&#952;&#8134;&#957;&#945;&#953;
-&#964;&#961;&#953;&#964;&#964;&#7936;, &#964;&#8056; &#956;&#8050;&#957; &#947;&#953;&#947;&#957;&#8057;&#956;&#949;&#957;&#959;&#957;, &#964;&#8056; &#948;&#8050; &#7952;&#957; &#8183; &#947;&#8055;&#947;&#957;&#949;&#964;&#945;&#953;, &#964;&#8056; &#948;'&#8001;&#952;&#949;&#957; &#7936;&#966;&#959;&#956;&#959;&#953;&#959;&#8059;&#956;&#949;&#957;&#959;&#957;
-&#966;&#8059;&#949;&#964;&#945;&#953; &#964;&#8056; &#947;&#953;&#947;&#957;&#8057;&#956;&#949;&#957;&#959;&#957;. 52 A B: &#964;&#961;&#8055;&#964;&#959;&#957; &#948;&#8050; &#945;&#8022; &#947;&#8050;&#957;&#959;&#962; &#964;&#8056; &#964;&#8134;&#962;<span class="pagenum"><a name="Seite_582" id="Seite_582">[S. 582]</a></span>
-<em class="gesperrt">&#967;&#8061;&#961;&#945;&#962;</em> &#7936;&#949;&#8054; &#966;&#952;&#959;&#961;&#8048;&#957; &#959;&#8016; &#960;&#961;&#959;&#963;&#948;&#949;&#967;&#8057;&#956;&#949;&#957;&#959;&#957;, &#7957;&#948;&#961;&#945;&#957; &#948;&#8050; &#960;&#945;&#961;&#8051;&#967;&#959;&#957; &#8005;&#963;&#945; &#7956;&#967;&#949;&#953;
-&#947;&#8051;&#957;&#949;&#963;&#953;&#957; &#960;&#8118;&#963;&#953;&#957;, &#945;&#8016;&#964;&#8056; &#948;&#8050; &#956;&#949;&#964;' &#7936;&#957;&#945;&#953;&#963;&#952;&#951;&#963;&#8055;&#945;&#962; &#7937;&#960;&#964;&#8056;&#957; &#955;&#959;&#947;&#953;&#963;&#956;&#969; &#964;&#953;&#957;&#8054; &#957;&#8057;&#952;&#969;, &#956;&#8057;&#947;&#953;&#962;
-&#960;&#953;&#963;&#964;&#8057;&#957;, &#960;&#961;&#8056;&#962; &#8001; &#948;&#8052; &#954;&#945;&#8054; &#8000;&#957;&#949;&#953;&#961;&#959;&#960;&#959;&#955;&#959;&#8166;&#956;&#949;&#957; &#946;&#955;&#8051;&#960;&#959;&#957;&#964;&#949;&#962; &#954;&#945;&#8054; &#966;&#945;&#956;&#949;&#957; &#7936;&#957;&#945;&#947;&#954;&#945;&#8150;&#959;&#957;
-&#949;&#7990;&#957;&#945;&#8055; &#960;&#959;&#965; &#964;&#8056; &#8004;&#957; &#7937;&#960;&#945;&#957; &#7956;&#957; &#964;&#953;&#957;&#953; &#964;&#8057;&#960;&#969; &#954;&#945;&#8054; &#954;&#945;&#964;&#8051;&#967;&#959;&#957; &#967;&#8061;&#961;&#945;&#957; &#964;&#953;&#957;&#8049;, &#964;&#8057; &#948;&#8050; &#956;&#8053;&#964;&#949;
-&#7952;&#957; &#947;&#8134; &#956;&#8053;&#964;&#949; &#960;&#959;&#965; &#954;&#945;&#964;' &#959;&#8016;&#961;&#945;&#957;&#8056;&#957; &#959;&#8016;&#948;&#8050;&#957; &#949;&#7990;&#957;&#945;&#953; u.&nbsp;s.&nbsp;w. Vgl. J. J. <em class="gesperrt">Bachofen</em>,
-Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, S.&nbsp;164&ndash;168.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_392">S.&nbsp;392</a>, Z. 11 v. u. f.</b>) Diese Interpretation der &#967;&#8061;&#961;&#945; als des
-Raumes hat am ausfhrlichsten Hermann <em class="gesperrt">Siebeck</em> zu begrnden
-gesucht (Platos Lehre von der Materie, Untersuchungen zur Philosophie
-der Griechen, 2. Aufl., Freiburg 1888, S.&nbsp;49&ndash;106).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_393">S.&nbsp;393</a>, Z. 5.</b>) <em class="gesperrt">Plato</em>, Timaeus, 50 D: &#922;&#945;&#8054; &#948;&#8052; &#954;&#945;&#8054; &#960;&#961;&#959;&#963;&#949;&#953;&#954;&#8049;&#963;&#945;&#953;
-&#960;&#961;&#8051;&#960;&#949;&#953; &#964;&#8056; &#956;&#8050;&#957; &#948;&#949;&#967;&#8057;&#956;&#949;&#957;&#959;&#957; <em class="gesperrt">&#956;&#951;&#964;&#961;&#8055;</em>, &#964;&#8056; &#948;'&#8005;&#952;&#949;&#957; &#960;&#945;&#964;&#961;&#8055;, &#964;&#8052;&#957; &#948;&#8050;
-&#956;&#949;&#964;&#945;&#958;&#8058; &#964;&#959;&#8059;&#964;&#969;&#957; &#966;&#8059;&#963;&#953;&#957; &#7952;&#954;&#947;&#8057;&#957;&#8179;. 49 A: &#964;&#943;&#957;&#945; &#959;&#8022;&#957; &#7956;&#967;&#959;&#957; &#948;&#973;&#957;&#945;&#956;&#953;&#957; &#954;&#945;&#964;&#8048;
-&#966;&#973;&#963;&#953;&#957; &#945;&#8016;&#964;&#8056; &#8017;&#960;&#959;&#955;&#951;&#960;&#964;&#941;&#959;&#957;; &#964;&#959;&#953;&#8049;&#957;&#948;&#949; &#956;&#940;&#955;&#953;&#963;&#964;&#945;, &#960;&#940;&#963;&#951;&#962; &#949;&#7990;&#957;&#945;&#953; &#947;&#949;&#957;&#941;&#963;&#949;&#969;&#962;
-&#8017;&#960;&#959;&#948;&#959;&#967;&#8052;&#957; &#945;&#8016;&#964;&#8057;, &#959;&#7991;&#959;&#957; <em class="gesperrt">&#964;&#953;&#952;&#942;&#957;&#951;&#957;</em>. Vgl. <em class="gesperrt">Plutarch</em> de Is. et Osir. 56
-(Moralia 373 E F).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_393">S.&nbsp;393</a>, Z. 6.</b>) <em class="gesperrt">Aristoteles</em>: vgl. zu S.&nbsp;240, Z. 19.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_393">S.&nbsp;393</a>, Z. 7 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Metaphysische Anfangsgrnde der
-Naturwissenschaft, Zweites Hauptstck, Erklrung 1&ndash;4.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_394">S.&nbsp;394</a>, Z. 6 v. o.</b>) Die Ahnung dieser tieferen Bedeutung
-des Gegensatzes von Mann und Weib ist sehr alt (vgl. S.&nbsp;13). Die
-<em class="gesperrt">Pythagoreer</em> haben nach <em class="gesperrt">Aristoteles</em> (Metaphysik, A 5, 986 a
-22&ndash;26) eine Tafel der Gegenstze aufgestellt, in welcher sie
-.... &#964;&#8048;&#962; &#7936;&#961;&#967;&#8048;&#962; &#948;&#941;&#954;&#945; &#955;&#941;&#947;&#959;&#965;&#963;&#953;&#957; &#949;&#7990;&#957;&#945;&#953; &#964;&#8048;&#962; &#954;&#945;&#964;&#8048; &#963;&#965;&#963;&#964;&#959;&#953;&#967;&#943;&#945;&#957; &#955;&#949;&#947;&#959;&#956;&#941;&#957;&#945;&#962;,
-&#960;&#941;&#961;&#945;&#962; &#954;&#945;&#8054; &#7940;&#960;&#949;&#953;&#961;&#959;&#957;, &#960;&#949;&#961;&#953;&#964;&#964;&#8056;&#957; &#954;&#945;&#8054; &#7940;&#961;&#964;&#953;&#959;&#957;, &#7957;&#957; &#954;&#945;&#8054; &#960;&#955;&#8134;&#952;&#959;&#962;, &#948;&#949;&#958;&#953;&#8056;&#957; &#954;&#945;&#8054;
-&#7936;&#961;&#953;&#963;&#964;&#949;&#961;&#8057;&#957;, <em class="gesperrt">&#7940;&#961;&#961;&#949;&#957; &#954;&#945;&#8054; &#952;&#8134;&#955;&#965;</em>, &#7968;&#961;&#949;&#956;&#959;&#8166;&#957; &#954;&#945;&#8054; &#954;&#953;&#957;&#959;&#973;&#956;&#949;&#957;&#959;&#957;, &#949;&#8016;&#952;&#8058; &#954;&#945;&#8054;
-&#954;&#945;&#956;&#960;&#973;&#955;&#959;&#957;, &#966;&#8182;&#962; &#954;&#945;&#8054; &#963;&#954;&#8057;&#964;&#959;&#962;, &#8048;&#947;&#945;&#952;&#8056;&#957; &#954;&#945;&#8054; &#954;&#945;&#954;&#8057;&#957;, &#964;&#949;&#964;&#961;&#940;&#947;&#969;&#957;&#959;&#957; &#954;&#945;&#8054;
-&#7953;&#964;&#949;&#961;&#8057;&#956;&#951;&#954;&#949;&#962;.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_399">S.&nbsp;399</a>, Z. 15.</b>) Hier mchte ich nicht unterlassen, <em class="gesperrt">Giordano
-Brunos</em> Worte anzufhren (De gli eroici furori, im einleitenden
-Schreiben an Sir Philip Sidney, Opere di Giordano Bruno Nolano
-ed. Adolfo Wagner, Vol. II, Leipzig 1830, p. 299&nbsp;f.):</p>
-
-<p> cosa veramente .... da basso, bruto e sporco ingegno
-d' essersi fatto constantemente studioso, et aver affisso un curioso
-pensiero circa o sopra la bellezza d' un corpo feminile. Che spettacolo,
-o dio buono, pi vile e ignobile pu presentarsi ad un occhio
-di terso sentimento, che un uomo cogitabundo, afflitto, tormentato,
-triste, maninconioso, per divenir or freddo, or caldo, or fervente, or
-tremante, or pallido, or rosso, or in mina di perplesso, or in atto
-di risoluto, un, che spende il miglior intervallo di tempo e li pi
-scelti frutti di sua vita corrente destillando l' elixir del cervello con
-mettere in concetto, scritto e sigillar in publici monumenti quelle
-continue torture, que' gravi tormenti, que' razionali discorsi, que' faticosi
-pensieri, e quelli amarissimi studi, destinati sotto la tirannide
-d' una indegna, imbecilla, stolta e sozza sporcaria?..........<span class="pagenum"><a name="Seite_583" id="Seite_583">[S. 583]</a></span>
-............... Ecco vergato in carte, rinchiuso in libri,
-messo avanti gli occhi, e intonato a gli orecchi un rumore, un strepito,
-un fracasso d'insegne, d'imprese, di motti, d'epistole, di sonetti,
-d'epigrammi, di libri, di prolissi scarfazzi, di sudori estremi, di vite
-consumate, con strida, ch'assordiscon gli astri, lamenti, che fanno
-ribombar gli antri infernali, doglie, che fanno stupefar l'anime viventi,
-suspiri da far exinanire e compatir gli dei, per quegli occhi,
-per quelle guance, per quel busto, per quel bianco, per quel vermiglio,
-per quella lingua, per quel labro, quel crine, quella veste,
-quel manto, quel guanto, quella scarpetta, quella pianella, quella parsimonia,
-quel risetto, quel sdegnosetto, quella vedova finestra, quell'eclissato
-sole, quel martello, quel schifo, quel puzzo, <em class="gesperrt">quel sepolcro,
-quel cesso, quel mestruo, quella carogna, quella febre quartana</em>,
-quella estrema ingiuria e torto di natura, che con una superficie,
-un'ombra, un fantasma, un sogno, un circeo incantesimo ordinato al
-servigio de la generazione, ne inganna in specie di bellezza; la quale
-insieme viene e passa, nasce e muore, fiorisce e marcisce: et bella
-un pochettino a l'esterno, che nel suo intrinseco, vera e stabilmente
- contenuto un navilio, una bottega, una dogana, un mercato di
-quante sporcarie, tossichi e veneni abbia possuti produrre la nostra
-madrigna natura: la quale, dopo aver riscosso quel seme, di cui la
-si serva, ne viene sovente a pagar d'un lezzo, d'un pentimento,
-d'una tristizia, d'una fiacchezza, d'un dolor di capo, d'una lassitudine,
-d'altri e d'altri malanni, che sono manifesti a tutto il mondo,
-a fin che amaramente dolga, dove soavemente proriva .................
-Voglio che le donne siano cos onorate et amate,
-come denno essere amate et onorate le donne: per tal causa dico,
-e per tanto, per quanto si deve a quel poco, a quel tempo e quella
-occasione, se non hanno altra virt che naturale, cio di quella
-bellezza, di quel splendore, di quel servigio, senza il quale denno
-esser stimate pi vanamente nate al mondo, che un morboso fungo,
-qual con pregiudizio di miglior piante occupa la terra, e pi noiosamente,
-che qual si voglia napello, o vipera, che caccia il capo fuor
-di quella?... u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_400">S.&nbsp;400</a>, Z. 16 v. u.</b>) Das <em class="gesperrt">Weib</em> also ist der <em class="gesperrt">Ausdruck</em> des
-Sndenfalles des Menschen, es ist die objektivierte Sexualitt des
-Mannes und nichts anderes als diese. Eva war nie im Paradiese.
-Dagegen glaube ich mit dem Mythus der <em class="gesperrt">Genesis</em> (I, 2, 22)
-und mit dem <em class="gesperrt">Apostel Paulus</em> (1. Timoth. 2, 13, und besonders
-1. Korinth. 11, 8: &#959;&#8016; &#947;&#8048;&#961; &#7952;&#963;&#964;&#953;&#957; &#7936;&#957;&#8052;&#961; &#7952;&#954; &#947;&#965;&#957;&#945;&#953;&#954;&#972;&#962;, &#7936;&#955;&#955;&#8048; &#947;&#965;&#957;&#8052; &#7952;&#958;
-&#7936;&#957;&#948;&#961;&#972;&#962;) an die Prioritt des <em class="gesperrt">Mannes</em>, an die Schpfung des Weibes
-durch den Mann, an seine <em class="gesperrt">Mittelbarkeit</em>, durch die seine Seelenlosigkeit
-ermglicht ist. Gegen diese metaphysische Posterioritt des
-Weibes, die eine Posterioritt dem Seins-Range nach ist und keine
-bestimmte zeitliche Stelle hat, sondern eine in jedem Augenblick
-vollzogene Schpfung des Weibes durch den noch immer sexuellen<span class="pagenum"><a name="Seite_584" id="Seite_584">[S. 584]</a></span>
-Mann, sozusagen ein <em class="gesperrt">fortwhrendes Ereignis</em> bedeutet, bildet
-es keinen Einwand, da bei wenig differenzierten Lebewesen das
-mnnliche Geschlecht noch fehlt, und die Funktionen, die es auf hherer
-Stufe ausbt, entbehrlich scheinen. Da brigens hierin eine schroffe
-Absage an alle deszendenz-theoretischen Spekulationen liegt, soweit
-diese auf die Philosophie einer Einflunahme sich vermessen,
-dessen bin ich mir wohl bewut, vermag aber die Verantwortung
-fr diesen Schritt verhltnismig leicht zu tragen. Philosophie ist
-nicht Historie, vielmehr ihr striktes Gegenteil: denn es gibt keine
-Philosophie, die nicht die Zeit negierte, keinen Philosophen, dem
-die Zeit eine Realitt wre wie die anderen Dinge.</p>
-
-<p>Dagegen ist es sehr wohl begreiflich, wie die Anschauung
-von der Ewigkeit der Frau und der Vergnglichkeit des Mannes hat
-entstehen knnen. Das absolut Formenlose scheint ebenso dauerhaft
-zu sein wie die reine geistige Form, diese dem Dutzendmenschen
-ganz unvollziehbare Vorstellung. Und ber die Ewigkeit der Mutter
-ist im 10. Kapitel das Ntigste bemerkt. Man vgl. auch <em class="gesperrt">Bachofen</em>,
-Das Mutterrecht S.&nbsp;35: Das Weib ist das Gegebene, der Mann
-wird. Von Anfang an ist die Erde der mtterliche Grundstoff. Aus
-ihrem Mutterschoe geht alsdann die sichtbare Schpfung hervor,
-und erst in dieser zeigt sich ein doppeltes getrenntes Geschlecht;
-erst in ihr tritt die mnnliche Bildung ans Tageslicht, Weib und
-Mann erscheinen also nicht gleichzeitig, sind nicht gleich geordnet.
-Das Weib geht voran, der Mann folgt; das Weib ist frher, der
-Mann steht zu ihr im Sohnesverhltnis; das Weib ist das Gegebene,
-der Mann das aus ihr erst Gewordene. Er gehrt der sichtbaren,
-aber stets wechselnden Schpfung; er kommt nur in sterblicher Gestalt
-zum Dasein. Von Anfang an vorhanden, gegeben, unwandelbar
-ist nur das Weib; geworden, und darum stetem Untergang verfallen,
-der Mann. Auf dem Gebiete des physischen Lebens steht
-also das mnnliche Prinzip an zweiter Stelle, es ist dem weiblichen
-untergeordnet. S.&nbsp;36: In der Pflanze, die aus dem Boden hervorbricht,
-wird der Erde Muttereigenschaft anschaulich. Noch ist keine
-Darstellung der Mnnlichkeit vorhanden; diese wird erst spter an
-dem ersten mnnlich gebildeten Kinde erkannt. Der Mann ist also
-nicht nur spter als das Weib, sondern dieses erscheint auch als
-die Offenbarerin des groen Mysteriums der Lebenszeugung. Denn aller
-Beobachtung entzieht sich der Akt, der im Dunkel des Erdschoes
-das Leben weckt und dessen Keim entfaltet; was zuerst sichtbar
-wird, ist das Ereignis der Geburt; an diesem hat aber nur die Mutter
-teil. Existenz und Bildung der mnnlichen Kraft wird erst durch
-die Gestaltung des mnnlichen Kindes geoffenbart; durch eine solche
-Geburt reveliert die Mutter den Menschen das, was vor der Geburt
-unbekannt war, und dessen Ttigkeit in Finsternis begraben lag. In
-unzhligen Darstellungen der alten Mythologie erscheint die mnnliche
-Kraft als das geoffenbarte Mysterium; das Weib dagegen als das<span class="pagenum"><a name="Seite_585" id="Seite_585">[S. 585]</a></span>
-von Anfang an Gegebene, als der stoffliche Urgrund, als das
-Materielle, sinnlich Wahrnehmbare, das selbst keiner Offenbarung
-bedarf, vielmehr seinerseits durch die erste Geburt Existenz und Gestalt
-der Mnnlichkeit zur Gewiheit bringt.</p>
-
-<p>Das &#956;&#8052; &#8004;&#957; nmlich, welches vom Weibe vertreten wird, ist
-das vllig Ungeformte, Strukturlose, das Amorphe, die Materie, die
-keinen letzten Teil mehr hat an der Idee des Lebens, aber ebenso
-ewig und unsterblich zu sein scheint wie reine Form, schuldfreies
-hheres Leben, unverkrperter Geist ewig ist. Das eine, weil nichts
-an ihm gendert, vom Formlosen keine Form zerstrt werden kann;
-das zweite, weil es sich nicht inkarniert, weil es nicht endlich, und
-darum nicht vernichtbar wird.</p>
-
-<p>Der Begriff des ewigen Lebens der Religionen ist der Begriff
-des absoluten, metaphysischen Seins (der Aseitt) der Philosophien.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_400">S.&nbsp;400</a>, Z. 12 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Dante</em> Inferno XXXIV, Vers 76&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_401">S.&nbsp;401</a>, Z. 5&nbsp;f.</b>) Es hat Anspruch auf das ernsteste Nachdenken,
-und verdient die tiefste Ehrfurcht des Hrers, und nicht
-Gelchter (womit ihm heute wohl allenthalben geantwortet wrde),
-wenn <em class="gesperrt">Tertullian</em> das Weib so apostrophiert (De habitu muliebri
-liber, Opera rec. J. J. Semler, Halae 1770, Vol. III, p. 35&nbsp;f.): Tu
-es diaboli ianua, tu es arboris illius resignatrix, tu es divinae legis
-prima desertrix, tu es, quae eum suasisti, quem diabolus aggredi
-non valuit. Tu imaginem dei, hominem, tam facile elisisti; propter
-tuum meritum, id est mortem, etiam filius dei mori debuit; et
-adornari tibi in mente est, propter pelliceas tuas tunicas? Diese
-Worte sind an die <em class="gesperrt">Weiblichkeit</em> als <em class="gesperrt">Idee</em> gerichtet; die empirischen
-Frauen wrden durch die Zumessung einer solchen Bedeutung sich
-stets nur angenehm gekitzelt fhlen; die Frauen sind sehr zufrieden
-mit dem <em class="gesperrt">anti</em>sexuellen Manne, und ratlos nur dem <b>a</b>sexuellen
-gegenber.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_401">S.&nbsp;401</a>, Z. 12.</b>) Wie sich durch seine Sexualitt der Mann
-dem Weibe annhert, geht aus der Tatsache hervor, da die Erektion
-dem Willen entzogen ist und durch ihn nicht aufgehoben werden
-kann, gleichwie eine Muskelkontraktion vom gesunden Menschen auf
-Befehl des Willens rckgngig gemacht wird. Der Zustand der wollstigen
-Erregtheit beherrscht das Weib ganz, beim Manne doch nur
-einen Teil. Aber die Wollust drfte die einzige Empfindung sein,
-welche im allgemeinen nicht durchaus verschieden ist bei den beiden
-Geschlechtern; die Empfindung des Koitus hat fr Mann und Frau
-eine gleiche Qualitt. Der Koitus wre sonst unmglich. Er ist der
-Akt, der zwei Menschen am strksten einander angleicht. Nichts
-kann demnach irriger sein als die populre Ansicht, da Mann und
-Weib vor allem oder gar ausschlielich in ihrer <em class="gesperrt">Sexualitt
-differieren</em>, wie ihr z.&nbsp;B. <em class="gesperrt">Rousseau</em> Ausdruck gibt (Emile, Livre
-V., Anfang): En tout ce qui ne tient pas au sexe la femme est<span class="pagenum"><a name="Seite_586" id="Seite_586">[S. 586]</a></span>
-homme. Gerade die Sexualitt ist das <em class="gesperrt">Band</em> zwischen Mann und
-Frau und wirkt auch stets <em class="gesperrt">ausgleichend</em> zwischen beiden.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_402">S.&nbsp;402</a>, Z. 10.</b>) Auch das spezifische <em class="gesperrt">Mitleid</em> des Mannes
-mit der Frau &mdash; ihrer inneren Leere und Unselbstndigkeit, Haltlosigkeit
-und Gehaltlosigkeit wegen &mdash; weist, wie alles Mitleid, auf
-eine Schuld zurck.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_402">S.&nbsp;402</a>, Z. 9 v. u.</b>) Es sind hiemit scheinbar drei <em class="gesperrt">verschiedene</em>
-Erklrungen der Kuppelei (und somit Herleitungen der
-Weiblichkeit) gegeben; aber sie drcken, wie man wohl sieht, alle
-ein und dasselbe aus. Die sich ewig vergrernde Schuld des
-hheren Lebens ist die dem Menschen ewig unerklrliche, fr ihn
-wahrhaft <em class="gesperrt">letzte</em> Tatsache des Abfalls jenes Lebens zum niederen
-Leben; der pltzliche Absturz des vllig Schuldlosen in die Schuld.
-Das niedere Leben aber kulminiert in jenem Akte, durch das es neu
-erzeugt wird; alle Begnstigung des niederen Lebens schliet darum
-notwendig Kuppelei ein. Dieses selbe Streben, das irdische Leben
-Realitt gewinnen zu lassen, ist dadurch bezeichnet, da alle Materie
-sich verfhrerisch der Formung entgegendrngt; oder wie dies <em class="gesperrt">Plato</em>
-tiefsinnig angedeutet hat: durch die betrgerische Zudringlichkeit der
-<em class="gesperrt">Penia</em> (der Armut, des Leeren, des Nichts) an den trunkenen,
-trumenden Gott <em class="gesperrt">Poros</em> (den Reichen).</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_13" id="Zu_Teil_II_Kapitel_13">Zu Teil II, Kapitel 13.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_404">S.&nbsp;404</a>, Z. 13 v. u.</b>) ber den mangelhaften Bartwuchs der
-Chinesen <em class="gesperrt">Darwin</em>, Abstammung des Menschen, bersetzt von Haek,
-Bd. II, S.&nbsp;339. Auch die <em class="gesperrt">Stimme</em> des Mannes soll sich bei den
-verschiedenen Menschenrassen nicht gleich sehr von der des Weibes
-unterscheiden, z.&nbsp;B. gerade bei Chinesen und Tataren, die Stimme
-des Mannes nicht so sehr von der des Weibes abweichen, wie bei
-anderen Rassen. (<em class="gesperrt">Darwin</em>, Die Abstammung des Menschen, bersetzt
-von Haek, Leipzig, Universalbibliothek, Bd. II, S.&nbsp;348, nach
-Sir Duncan <em class="gesperrt">Gibb</em>, Journal of the Anthropological Society, April
-1869, p. LVII und LVIII.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_405">S.&nbsp;405</a>, Z. 14 v. u.</b>) Houston Stewart <em class="gesperrt">Chamberlain</em>, Die
-Grundlagen des 19. Jahrhunderts, I. Hlfte, 4, Aufl., Mnchen 1903,
-S.&nbsp;345&nbsp;ff.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_406">S.&nbsp;406</a>, Z. 1 v. u.</b>) Als hervorragendere Philosemiten
-knnten nur der sehr berschtzte G. E. <em class="gesperrt">Lessing</em>, und Friedr.
-<em class="gesperrt">Nietzsche</em> in Betracht kommen, der letztere aber wohl blo infolge
-eines Oppositionsbedrfnisses gegen <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> und <em class="gesperrt">Wagner</em>;
-und der erstere hat den eigenen Rang viel klarer erkannt und offener
-eingestanden als die Geschichtsschreiber der deutschen Literatur (vgl.
-Hamburgische Dramaturgie, Stck 101&nbsp;f.). Der schrfste Antisemit
-unter allen ist wohl <em class="gesperrt">Kant</em> gewesen (nach der Anmerkung zum
- 44 seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht). Vgl. ber<span class="pagenum"><a name="Seite_587" id="Seite_587">[S. 587]</a></span>
-den Consensus ingeniorum <em class="gesperrt">Chamberlain</em>, Die Grundlagen des
-19. Jahrhunderts, S.&nbsp;335.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_413">S.&nbsp;413</a>, Z. 7 v. u. f.</b>) <em class="gesperrt">1. Buch Mosis</em>, Kap. 25, 24&ndash;34;
-27, 1&ndash;45; 30, 31&ndash;43.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_414">S.&nbsp;414</a>, Z. 4&ndash;9.</b>) Nach M. <em class="gesperrt">Friedlnder</em>, Der Antichrist in
-den vorchristlichen jdischen Quellen, Gttingen 1901, S.&nbsp;118&nbsp;ff.
-hat der Antichrist schon im vorchristlichen Judentum (z.&nbsp;B. dem
-freilich sehr spt entstandenen Buche Deuteronomium) eine Rolle
-als Beliar gespielt. Friedlnders Auffassung gipfelt, wie ich glaube
-(von dem historischen Materiale mu ich absehen), darin, da der
-Antichrist erst da sein mute, damit der Christ komme, ihn zu vernichten
-(S.&nbsp;131). Damit wird jedoch dem Bsen eine selbstndige
-Existenz <em class="gesperrt">vor</em> dem Guten und also unabhngig von diesem zugesprochen;
-das Bse indes ist nur Privation des Guten
-(<em class="gesperrt">Augustinus</em>, <em class="gesperrt">Goethe</em>). Nur der gute, nicht der bse Mensch
-<em class="gesperrt">frchtet</em> das Bse, dem der Verbrecher selbst <em class="gesperrt">dient</em>. Das Bse ist
-nur ein Abfall vom Guten, und hat nur einen Sinn in Bezug auf
-dieses; indes das Gute an sich ist und keiner Relation bedarf.</p>
-
-<p>Die wenigen Elemente des vorchristlichen jdischen Teufelsglaubens
-stammen nach den Resultaten der Forschung aus dem
-Parsismus. Vgl. W. <em class="gesperrt">Bousset</em>, Die jdische Apokalyptik, ihre religionsgeschichtliche
-Herkunft und ihre Bedeutung fr das neue Testament,
-Berlin 1903, S.&nbsp;38&ndash;51. S.&nbsp;45: Der Schlu drngt sich mit
-zwingender Gewalt auf: die jdische Apokalyptik ist in dem Neuen,
-was sie in den Hoffnungsglauben des Judentums hineinbringt, von
-Seiten der eranischen Religion bedingt und angeregt. Und S.&nbsp;48:
-Nun lt sich doch behaupten, da der Dualismus spezifisch
-unisraelitisch ist. Die Religion der Propheten und des alten Testamentes
-kennt den Teufel nicht. Die Gestalt des Satans, wie sie im
-Erzhlungsstck des Hiobbuches, in der Chronik, bei Sacharja auftritt,
-hat mit der spteren des Teufels, wie sie im neutestamentlichen
-Zeitalter herrscht, uerst wenig, nicht viel mehr als den Namen
-gemeinsam. Und berdies sind smtliche hier genannten Stcke &mdash; auch
-das Erzhlungsstck des Hiobbuches &mdash; recht spt. Der Teufelsglaube,
-die Annahme eines organisierten dmonischen Reiches widerspricht
-direkt dem Geiste der Frmmigkeit der Propheten und
-Psalmen, ihrem starken und starren Monotheismus. Hingegen ist in
-keiner anderen Religion der Dualismus so heimisch und wurzelt so
-tief wie in der eranischen Religion. Auch von hier aus drngt sich
-der Schlu der Abhngigkeit der jdischen Apokalyptik unmittelbar
-auf.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_415">S.&nbsp;415</a>, Z. 10.</b>) So nicht nur die Argumente des Tages,
-sondern selbst <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> (Parerga und Paralipomena, Bd. II,
- 132): [Das jdische Volk] lebt parasitisch auf den anderen Vlkern
-und ihrem Boden, ist aber dabei nichtsdestoweniger von lebhaftestem<span class="pagenum"><a name="Seite_588" id="Seite_588">[S. 588]</a></span>
-Patriotismus fr die eigene Nation beseelt, den es an den Tag legt
-durch das festeste Zusammenhalten, wonach Alle fr Einen und
-Einer fr Alle stehen; so da dieser Patriotismus <i>sine patria</i> begeisterter
-wirkt, als irgend ein anderer. Das Vaterland des Juden
-sind die brigen Juden: daher kmpft er fr sie, wie <i>pro ara et
-focis</i>, und keine Gemeinschaft auf Erden hlt so fest zusammen
-wie diese.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_418">S.&nbsp;418</a>, Z. 18.</b>) Houston Stewart <em class="gesperrt">Chamberlain</em>, Die Grundlagen
-des neunzehnten Jahrhunderts, 4. Aufl., Mnchen 1903, S.&nbsp;143,
-Anm. 1. &mdash; ber die jdische Diaspora der letzten vorchristlichen
-Jahrhunderte vgl. ferner M. <em class="gesperrt">Friedlnder</em>, Der Antichrist in den
-vorchristlichen jdischen Quellen, Gttingen 1901, S.&nbsp;90&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_420">S.&nbsp;420</a>, Z. 10.</b>) ber den Mangel an Unsterblichkeitsglauben
-im alten Testamente hat <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> das Treffendste und
-Krftigste gesagt (Parerga und Paralipomena, Bd. I, S.&nbsp;151&nbsp;f., ed.
-Grisebach).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_420">S.&nbsp;420</a>, Z. 12.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Neue Paralipomena, 396
-(Handschriftlicher Nachla, Bd. IV, herausgegeben von Eduard
-Grisebach, S.&nbsp;244).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_420">S.&nbsp;420</a>, Z. 18&nbsp;f.</b>) Gustav Theodor <em class="gesperrt">Fechner</em>, Die drei Motive
-und Grnde des Glaubens, Leipzig 1863, S.&nbsp;254&ndash;256. Auch in
-der Tagesansicht gegenber der Nachtansicht, Leipzig 1879,
-S.&nbsp;65&ndash;68.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_420">S.&nbsp;420</a>, Z. 8 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Tertulliani</em> Apologeticus adversus gentes
-pro christianis, cap. 17 (Opera, Vol. V, p. 47, rec. Semler, Halae 1773.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_420">S.&nbsp;420</a>, Z. 6 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Chamberlain</em> a. a. O., S.&nbsp;391&ndash;400.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_421">S.&nbsp;421</a>, Z. 13.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> hat das Wesen des Jdischen
-am sichersten herausgefhlt; denn von ihm rhrt das Wort her
-von den dem Nationalcharakter der Juden anhngenden, bekannten
-Fehlern, worunter eine wundersame Abwesenheit alles dessen, was
-das Wort <i>verecundia</i> ausdrckt, der hervorstechendste, wenngleich
-ein Mangel ist, der in der Welt besser weiter hilft, als vielleicht
-irgend eine positive Eigenschaft .... (Parerga und Paralipomena,
-Bd. II, 132.)</p>
-
-<p>Diesen Mangel an <i>verecundia</i> will ich erst weiterhin berhren
-und in einen Zusammenhang mit allem brigen jdischen
-Wesen zu bringen versuchen (S.&nbsp;591).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_422">S.&nbsp;422</a>, Z. 14 v. u.</b>) Aus Versen <em class="gesperrt">Keplers</em> citiert nach
-Johann Karl Friedrich <em class="gesperrt">Zllner</em>, ber die Natur der Kometen, Beitrge
-zur Geschichte und Theorie der Erkenntnis, 2. Aufl., Leipzig
-1872, S.&nbsp;164.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_423">S.&nbsp;423</a>, Z. 1 v. u.</b>) Gustav Theodor <em class="gesperrt">Fechner</em>, Ideen zur
-Schpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Organismen, Leipzig
-1873. Wilhelm <em class="gesperrt">Preyer</em>, Naturwissenschaftliche Tatsachen und
-Probleme, 1880, II. Vortrag: Die Hypothesen ber den Ursprung
-des Lebens (Kosmozoen-Theorie).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_589" id="Seite_589">[S. 589]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_425">S.&nbsp;425</a>, Z. 4.</b>) Was <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> (ber den Willen in
-der Natur, Werke, ed. Grisebach, III, 337) und <em class="gesperrt">Chamberlain</em>
-(Grundlagen des 19. Jahrhunderts, 4. Aufl., S.&nbsp;170&nbsp;f.) <em class="gesperrt">Spinoza</em>
-hauptschlich zum Vorwurf machen, seine merkwrdigen sittlichen
-Lehren, das bildet in weit geringerem Grade einen Einwand gegen
-ihn und gegen das Judentum, und am wenigsten deutet es auf
-irgend eine Immoralitt in Spinoza selbst hin. Spinozas ethische
-Lehre ist gerade darum so flach geworden, weil er recht wenig
-Verbrecherisches in sich zu berwinden hatte. Aus demselben Grunde
-treffen auch <em class="gesperrt">Aristoteles'</em>, <em class="gesperrt">Fechners</em> oder <em class="gesperrt">Lotzes</em> ethische Theorien
-so wenig das eigentliche Problem, obwohl sie, als Arier, von vornherein
-tiefer sind als der Jude.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_425">S.&nbsp;425</a>, Z. 13.</b>) Ich glaube, da auf einem Miverstndnis,
-auf einer Verwechslung von Wille und Willkr beruht, was
-<em class="gesperrt">Chamberlain</em> sagt (a. a. O., S.&nbsp;243&nbsp;f.): Das liberum arbitrium
-ist entschieden eine semitische und in seiner vollen Ausbildung
-speziell eine jdische Vorstellung.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_425">S.&nbsp;425</a>, Z. 17.</b>) Wie ganz anders auch <em class="gesperrt">Fechner</em>, den eine
-oberflchliche Betrachtung in sehr groe Nhe zu Spinoza zu rcken
-versucht hat, als welcher jenem an Bedeutung und Tiefe weit nachsteht!
-Vgl. z.&nbsp;B. Zend-Avesta, II<sup>2</sup>, 197: Der Mensch, aus dem der
-jenseitige Geist kommt [beim Tode] ...., bleibt unter <em class="gesperrt">allen</em> Einwirkungen,
-die ihm begegnen mgen, ein Individuelles.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_427">S.&nbsp;427</a>, Z. 16&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, Die Welt als Wille und
-Vorstellung, Zweiter Band, erstes Buch, Kapitel 8: Zur Theorie des
-Lcherlichen. &mdash; <em class="gesperrt">Jean Paul</em>, Vorschule der sthetik, 26&ndash;55.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_429">S.&nbsp;429</a>, Z. 2&nbsp;f.</b>) Im fliegenden Hollnder, im Lohengrin,
-im Parsifal ist das Problem des Judentums offen formuliert; aber
-Siegfried, der dumme Knab', ist nicht minder als Parsifal, der
-reine Tor, von <em class="gesperrt">Wagner</em> in einem Gegensatze zu allem Jdischen
-gedacht worden.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_434">S.&nbsp;434</a>, Z. 10&ndash;12.</b>) Die Selbstsetzung des Ich bleibt der
-tiefste Gedanke der <em class="gesperrt">Fichte</em>schen Philosophie. Vgl. Grundlage der
-gesamten Wissenschaftslehre, Smtliche Werke herausgegeben
-von J. H. Fichte, I/1, Berlin 1845, S.&nbsp;95&nbsp;f. (vgl. zu S.&nbsp;205, Z. 18):</p>
-
-<p><i>a)</i> Durch den Satz A&nbsp;=&nbsp;A wird <em class="gesperrt">geurtheilt</em>. Alles Urtheilen
-aber ist laut des empirischen Bewutseyns ein Handeln des menschlichen
-Geistes; denn es hat alle Bedingungen der Handlung im
-empirischen Selbstbewutseyn, welche zum Behuf der Reflexion, als
-bekannt und ausgemacht, vorausgesetzt werden mssen.</p>
-
-<p><i>b)</i> Diesem Handeln nun liegt etwas auf nichts hheres gegrndetes,
-nemlich X&nbsp;=&nbsp;Ich bin, zum Grunde.</p>
-
-<p><i>c)</i> Demnach ist das <em class="gesperrt">schlechthin gesetzte</em> und <em class="gesperrt">auf sich
-selbst gegrndete</em> &mdash; Grund <em class="gesperrt">eines gewissen</em> (durch die ganze
-Wissenschaftslehre wird sich ergeben, <em class="gesperrt">alles</em>) Handelns des menschlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_590" id="Seite_590">[S. 590]</a></span>
-Geistes, mithin sein reiner Charakter; der reine Charakter
-der Thtigkeit an sich; abgesehen von den besonderen empirischen
-Bedingungen derselben.</p>
-
-<p>Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thtigkeit
-desselben. &mdash; Das Ich <em class="gesperrt">setzt sich selbst</em>, und es <em class="gesperrt">ist</em>, vermge
-dieses bloen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt, das Ich
-<em class="gesperrt">ist</em>, und es setzt sein Seyn, vermge seines bloen Seyns. &mdash; Es ist
-zugleich das Handelnde und das Produkt der Handlung; das Thtige,
-und das, was durch die Thtigkeit hervorgebracht wird; Handlung
-und That sind Eins und ebendasselbe; und daher ist das: <em class="gesperrt">Ich bin</em>,
-Ausdruck einer Thathandlung .....</p>
-
-<p>8. Ist das Ich nur, insofern es sich setzt, so ist es auch nur
-<em class="gesperrt">fr</em> das setzende und setzt nur fr das seyende. &mdash; <em class="gesperrt">Das Ich ist fr
-das Ich</em>, &mdash; setzt es aber sich selbst, schlechthin so wie es ist, so
-setzt es sich nothwendig und ist nothwendig fr das Ich. <em class="gesperrt">Ich bin
-nur fr Mich; aber fr mich bin ich nothwendig</em> (indem ich
-sage <em class="gesperrt">fr Mich</em>, setze ich schon mein Seyn).</p>
-
-<p>9. <em class="gesperrt">Sich selbst setzen</em> und <em class="gesperrt">Seyn</em> sind, vom Ich gebraucht,
-vllig gleich. Der Satz: Ich bin, weil ich mich selbst gesetzt habe,
-kann demnach auch so ausgedrckt werden: <em class="gesperrt">Ich bin schlechthin,
-weil ich bin.</em></p>
-
-<p>Ferner, das sich setzende Ich und das seyende Ich sind vllig
-gleich, Ein und ebendasselbe. Das Ich ist dasjenige, als <em class="gesperrt">was</em> es sich
-setzt; und es setzt sich als <em class="gesperrt">dasjenige</em>, was es ist. Also: <em class="gesperrt">Ich bin
-schlechthin, was ich bin.</em></p>
-
-<p>10. Der unmittelbare Ausdruck der jetzt entwickelten Thathandlung
-wre folgende Formel: <em class="gesperrt">Ich bin schlechthin, das
-ist ich bin schlechthin, weil ich bin, und bin schlechthin,
-was ich bin; beides fr das Ich.</em></p>
-
-<p>Denkt man sich die Erzhlung von dieser Thathandlung an die
-Spitze einer Wissenschaftslehre, so mte sie etwa folgendermaen
-ausgedrckt werden: <em class="gesperrt">Das Ich setzt ursprnglich sein eigenes
-Seyn.</em></p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_434">S.&nbsp;434</a>, Z. 15&nbsp;f.</b>) Vgl. H. S. <em class="gesperrt">Chamberlain</em> a. a. O.,
-S.&nbsp;397&nbsp;f. &mdash; Die Dualitt von Religion und Glaube, die Chamberlain
-S.&nbsp;405&nbsp;f. behauptet, drfte kaum haltbar sein.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_435">S.&nbsp;435</a>, Z. 6 v. u.</b>) Vgl. H. S. <em class="gesperrt">Chamberlain</em>, Die Grundlagen
-des XIX. Jahrhunderts, 4. Aufl., Mnchen 1903,
-S.&nbsp;244, 401.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_436">S.&nbsp;436</a>, Z. 2 v. u.</b>) Man sieht, wie schwierig es ist, das
-Judentum zu definieren. Dem Juden fehlt die Hrte, aber auch die
-Sanftmut &mdash; eher ist er zhe und weich; er ist weder roh noch
-fein, weder grob noch hflich. Er ist nicht Knig, nicht Fhrer,
-aber auch nicht Lehnsmann, nicht Vasall. Was er nicht kennt, ist
-Erschtterung; doch es mangelt ihm ebensosehr der Gleichmut. Ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_591" id="Seite_591">[S. 591]</a></span>
-ist nie etwas selbstverstndlich, aber ebenso fremd ist ihm alles
-wahre Staunen. Er hat nichts vom <em class="gesperrt">Lohengrin</em>, aber beinahe
-noch weniger vom <em class="gesperrt">Telramund</em> (der mit seiner Ehre steht und
-fllt). Er ist lcherlich als Korpsstudent; und gibt doch keinen guten
-Philister ab. Er ist nie schwerbltig, aber auch nie vom Herzen
-leichtsinnig. Weil er nichts glaubt, flchtet er ins Materielle; nur
-daher stammt seine Geldgier: er sucht hier eine Realitt und will
-durchs Geschft von einem Seienden berzeugt werden &mdash; der
-einzige Wert, den er als tatschlich anerkennt, wird so das verdiente
-Geld. Aber dennoch ist er nicht einmal eigentlich Geschftsmann:
-denn das Unreelle, Unsolide im Gebaren des jdischen
-Hndlers ist nur die konkrete Erscheinung des der <em class="gesperrt">inneren Identitt</em>
-baren jdischen Wesens auch auf diesem Gebiete. <em class="gesperrt"><b>Jdisch</b> ist
-also eine <b>Kategorie</b></em> und psychologisch nicht weiter zurckzufhren
-und zu bestimmen; metaphysisch mag man es als <em class="gesperrt">Zustand vor
-dem Sein</em> fassen; introspektiv kommt man nicht weiter als bis zur
-inneren Vieldeutigkeit, dem Mangel an berzeugungen, der Unfhigkeit
-zu irgend welcher Liebe, das ist ungeteilten Hingabe, und zum Opfer.</p>
-
-<p>Die Erotik des Juden ist sentimental, sein Humor Satire;
-jeder Satiriker aber ist sentimental, wie jeder Humorist nur ein
-umgekehrter Erotiker. In der Satire und in der Sentimentalitt ist
-jene Duplizitt, die das Jdische eigentlich ausmacht (denn die Satire
-verschweigt zu wenig und flscht darum den Humor); und jenes
-Lcheln ist beiden gemeinsam, welches das jdische Gesicht kennzeichnet:
-kein seliges, kein schmerzvolles, kein stolzes, kein verzerrtes
-Lcheln, sondern jener unbestimmte Gesichtsausdruck, welcher
-<em class="gesperrt">Bereitschaft</em> verrt, <em class="gesperrt">auf alles einzugehen</em>, und alle Ehrfurcht des
-Menschen vor sich selbst vermissen lt; jene Ehrfurcht, die allein
-alle andere <i>verecundia</i> erst begrndet.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_437">S.&nbsp;437</a>, Z. 6.</b>) <em class="gesperrt">Chamberlain</em>: a. a. O., S.&nbsp;329&nbsp;f.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_437">S.&nbsp;437</a>, Z. 5 v. u. f.</b>) ber das epileptische Genie vgl.
-besonders <em class="gesperrt">Lombroso</em>, Der geniale Mensch, Hamburg 1890, an
-vielen Orten. ber Napoleons Epilepsie orientiert Louis <em class="gesperrt">Proal</em>,
-Napolon I. tait-il pileptique? Archives d'Anthropologie criminelle,
-1902, p. 261&ndash;266 (mit den Zeugnissen von Constant und Talleyrand).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_438">S.&nbsp;438</a>, Z. 11.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Die Religion innerhalb der Grenzen der
-bloen Vernunft, S.&nbsp;46&ndash;47, ed. Kehrbach. Vgl. S.&nbsp;49&nbsp;f.: Wenn
-der Mensch aber im Grunde seiner Maximen verderbt ist, wie ist es
-mglich, da er durch eigene Krfte diese Revolution [einen bergang
-zur Maxime der Heiligkeit der Gesinnung] zustande bringe und von
-selbst ein guter Mensch werde? Und doch gebietet die Pflicht, es zu
-sein, sie gebietet uns aber nichts, als was uns tunlich ist. Dieses ist
-nicht anders zu vereinigen, als da die Revolution fr die Denkungsart,
-die allmhliche Reform aber fr die Sinnesart (welche jener<span class="pagenum"><a name="Seite_592" id="Seite_592">[S. 592]</a></span>
-Hindernisse entgegenstellt), notwendig und daher auch dem Menschen
-mglich sein mu. Das ist: wenn er den obersten Grund seiner
-Maximen, wodurch er ein bser Mensch war, durch eine einzige
-unwandelbare Entschlieung umkehrt (und hiemit einen neuen
-Menschen anzieht); so ist er sofern dem Prinzip und der Denkungsart
-nach ein frs Gute empfngliches Subjekt u.&nbsp;s.&nbsp;w. &mdash;</p>
-
-<p>Das andere Genie erfhrt die Gnade noch vor der Geburt;
-der Religionsstifter im Laufe seines Lebens. In ihm stirbt ein lteres
-Wesen am vollstndigsten und tritt vor einem gnzlich neuen zurck.
-Je grer ein Mensch werden will, desto mehr ist in ihm, dessen
-Tod er beschlieen mu. Ich glaube, da auch <em class="gesperrt">Sokrates</em> hier den
-Religionsstiftern (als der einzige unter allen Griechen<a name="FNAnker_106_106" id="FNAnker_106_106"></a><a href="#Fussnote_106_106" class="fnanchor">[106]</a>) sich nhert;
-vielleicht hat er den entscheidenden Kampf mit dem Bsen an
-jenem Tage gekmpft, da er bei Potidaea vierundzwanzig Stunden
-allein an einem und demselben Orte aufrecht stand.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kant</em> (Religionsphilosophie; vgl. im Texte S.&nbsp;209), <em class="gesperrt">Goethe</em>
-(Citat auf S.&nbsp;438), <em class="gesperrt">Jakob Bhme</em> (De regeneratione) und Richard
-<em class="gesperrt">Wagner</em> (Wotan bei Erda, Siegfried, III. Akt) sind ebenfalls diesem
-Ereignis einer buchstblichen <em class="gesperrt">Neugeburt</em> des <em class="gesperrt">ganzen</em> Menschen
-weniger fern gewesen als die meisten anderen groen Mnner.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="Zu_Teil_II_Kapitel_14" id="Zu_Teil_II_Kapitel_14">Zu Teil II, Kapitel 14.</a></h2>
-
-
-<p>(<b><a href="#Seite_443">S.&nbsp;443</a>, Z. 7 v. u.</b>) Alle hhere Kultur ist nicht auf das
-Prinzip der <em class="gesperrt">Sexualitt</em>, sondern im Gegenteil auf das Prinzip der
-<em class="gesperrt">Askese</em> gegrndet das ist (wenn man Askese nicht zu eng, nicht
-im Sinne einer Jesuiten-Schulung fat) das wahrste Wort aus dem
-trefflichen Aufsatze von O. <em class="gesperrt">Friedlnder</em> (vgl. zu S.&nbsp;446, Z. 1
-v. u.).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_443">S.&nbsp;443</a>, Z. 15&ndash;21.</b>) Auf das berwiegen des dirnenhaften
-Elementes im heutigen Weibe drfte die zunehmende Unlust und
-Unfhigkeit der Mtter, ihre Kinder zu stillen, viel eher zurckweisen
-als auf den seit Jahrhunderten unverndert groen Alkoholgenu
-(vgl. S.&nbsp;291, Z. 14 v. u. f.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_444">S.&nbsp;444</a>, Z. 15.</b>) Sogar in die Wissenschaft ist diese Wertung
-des Mannes nach seiner geschlechtlichen Fhigkeit eingedrungen. Il
-ne peut tre douteux que les testicules donnent l'homme ses plus
-nobles et ses plus utiles qualits. (<em class="gesperrt">Brown-Squard</em>, Archives de
-Physiologie normale et pathologie, 1889, p. 652.)</p>
-
-<p>Es ist sehr verdienstlich von <em class="gesperrt">Rieger</em>, diesen so populren Anschauungen
-derart krftig entgegengetreten zu sein, wie er es in
-seinem Buche ber Die Kastration (Jena 1900) getan hat.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_446">S.&nbsp;446</a>, Z. 1 v. u.</b>) Auf einem anderen Wege und weniger durch
-eine Analyse der Weiblichkeit als der Mnnlichkeit kommt Oskar<span class="pagenum"><a name="Seite_593" id="Seite_593">[S. 593]</a></span>
-<em class="gesperrt">Friedlnder</em> (Eine fr Viele, eine Studie, Die Gesellschaft,
-Mnchener Halbmonatsschrift, 1902, Heft 15/16) zu <em class="gesperrt">demselben</em>
-Ergebnis (S.&nbsp;181&nbsp;f.): Die Geschlechter bilden und beeinflussen einander
-in der Richtung nach dem physischen und moralischen Ideale,
-das sie als Mastab ihrer wechselseitigen Wertschtzung zu Grunde legen,
-und von dessen mehr oder minder vollkommener Erfllung die Bevorzugung
-der einen vor den anderen bei der Liebeswahl abhngig
-zu denken ist. Wenn echte Weiblichkeit mit dem Attribute der
-Keuschheit unzertrennlich verbunden ist, so ist demnach der Grund
-dafr nicht in der Natur des Weibes, sondern in der moralischen
-Disposition des Mannes zu suchen. Ihm ist die Keuschheit, im
-weiteren Sinne: die Fhigkeit, die Schranken des sinnlichen Einzeldaseins
-zu bersteigen, der hchste sittliche Wert und wird es trotz
-aller beklagenswerten Aberrationen, an denen unser, einem durchaus
-unberechtigten Optimismus huldigendes Zeitalter so reich ist, immer
-bleiben; darum bertrgt er ihn in der Form eines moralischen Imperatives
-auf das andere Geschlecht. Der Frau ist, weniger im
-ethischen als im sexuellen Interesse, alles an der Erfllung dieser
-Forderung gelegen. Deshalb hlt sie so unerbittlich zhe daran
-fest, zhe besonders am Scheine der Keuschheit, an den Regeln der
-Konvenienz.</p>
-
-<p>Die Anwendung auf den entgegengesetzten Fall wird man mir
-erlassen. Es heit dem Scharfsinn meiner Leser nicht allzuviel zumuten,
-wenn ich ihnen die Entscheidung anheimstelle, wo das
-Ideal der mnnlichen Unkeuschheit seinen Ursprung genommen
-haben mag.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_447">S.&nbsp;447</a>, Z. 1.</b>) Doch ist auch der Wert, der auf Jungfrulichkeit
-gelegt wird, wie bekannt, ein sehr verschiedener bei den verschiedenen
-Menschenrassen. Vgl. Heinrich <em class="gesperrt">Schurtz</em>, Altersklassen
-und Mnnerbnde, Berlin 1902, S.&nbsp;93.</p>
-
-<p>(<b>S 447, Z. 1 v. u.</b>) Der Mensch, der sich straft durch Fleischeskreuzigung
-und Abttung des Leibes, will den Sieg ohne Kampf; er
-rumt den Leib aus dem Wege, weil er zu schwach ist, dessen Triebe
-zu berwinden. Er ist ebenso feig wie der Selbstmrder, der sich
-erschsse, weil er am Siege ber sich verzweifelte. Und die
-Bue ist der Reue geradezu entgegengesetzt; denn sie beweist, da
-der Mensch gar nicht <em class="gesperrt">ber</em> seiner Missetat steht, sondern noch in
-ihr befangen ist, sonst wrde er sich nicht zchtigen; er wrde
-trotz der Zurechnung einen Unterschied machen zwischen dem
-Moment der Tat und dem Moment der Reue, wofern Reue da wre.
-Denn Bedingung der Reue ist nunmehrige Unfhigkeit zur Tat, und
-diese Unfhigkeit zum Bsen kann kein Mensch in sich strafen
-wollen. Auch <em class="gesperrt">Kant</em> hat die Askese durchschaut (Metaphysische Anfangsgrnde
-der Tugendlehre, 53).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_594" id="Seite_594">[S. 594]</a></span>
-
-(<b><a href="#Seite_448">S.&nbsp;448</a>, Z. 4 v. u.</b>) Richard <em class="gesperrt">Wagner</em>, Parsifal, ein Bhnenweihfestspiel.
-Zweiter Aufzug. (Gesammelte Schriften und Dichtungen,
-3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. X, S.&nbsp;360&nbsp;f.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_451">S.&nbsp;451</a>, Z. 9 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>: Die Mormonen haben
-Recht. (Parerga und Paralipomena, Bd. II, 370 Ende.) <em class="gesperrt">Demosthenes</em>
-59, 122 (&#922;&#945;&#964;&#8048; &#925;&#949;&#945;&#943;&#961;&#945;&#962;): T&#8048;&#962; &#956;&#8050;&#957; &#947;&#8048;&#961; &#7953;&#964;&#945;&#943;&#961;&#945;&#962; &#7969; &#948;&#959;&#957;&#8134;&#962;
-&#7957;&#957;&#949;&#954;' &#7956;&#967;&#959;&#956;&#949;&#957;, &#964;&#8048;&#962; &#948;&#8050; &#960;&#945;&#955;&#955;&#945;&#954;&#8048;&#962; &#964;&#8134;&#962; &#954;&#945;&#952;' &#7969;&#956;&#941;&#961;&#945;&#957; &#952;&#949;&#961;&#945;&#960;&#949;&#943;&#945;&#962; &#964;&#959;&#8166; &#963;&#974;&#956;&#945;&#964;&#959;&#962;,
-&#964;&#8048;&#962; &#948;&#7952; &#947;&#965;&#957;&#945;&#8150;&#954;&#945;&#962; &#964;&#959;&#8166; &#960;&#945;&#953;&#948;&#959;&#960;&#959;&#953;&#949;&#8150;&#963;&#952;&#945;&#953; &#947;&#957;&#951;&#963;&#943;&#969;&#962; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#8182;&#957; &#7956;&#957;&#948;&#959;&#957; &#966;&#973;&#955;&#945;&#954;&#945;
-&#960;&#953;&#963;&#964;&#8052;&#957; &#7956;&#967;&#949;&#953;&#957;.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_451">S.&nbsp;451</a>, Z. 8 v. u. f.</b>) <em class="gesperrt">Goethe</em>, Zweite Epistel. &mdash; <em class="gesperrt">Molire</em>,
-Les Femmes Savantes, Acte II, Scne VII. &mdash; Selbst <em class="gesperrt">Kant</em> drfte,
-wre er nach einer Schrift aus dem Jahre 1764 zu beurteilen,
-keineswegs von diesem Vorwurfe ausgenommen werden. Denn in
-den Beobachtungen ber das Gefhl des Schnen und Erhabenen
-(III. Abschnitt, Bd. VIII, S.&nbsp;32, ed. Kirchmann) steht: [Die Frauenzimmer]
-tun etwas nur darum, weil es ihnen so beliebt, <em class="gesperrt">und die
-Kunst besteht darin, zu machen, da ihnen nur dasjenige
-beliebt, was gut ist</em>. Ich glaube schwerlich, da das schne Geschlecht
-der Grundstze fhig sei, und ich hoffe dadurch nicht zu
-beleidigen, denn diese sind auch uerst selten beim mnnlichen.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_452">S.&nbsp;452</a>, Z. 17.</b>) <em class="gesperrt">Kant</em>, Die Religion innerhalb der Grenzen
-der bloen Vernunft, ed. Kehrbach, S.&nbsp;47.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_452">S.&nbsp;452</a>, Z. 6 v. u.</b>) W. H. <em class="gesperrt">Riehl</em>, Die Familie, Stuttgart
-1861, S.&nbsp;7, sagt: Man mu ... den tollen Mut der Sozialisten
-bewundern, welche den beiden Geschlechtern trotz aller leiblichen
-und seelischen Ungleichartigkeit doch die gleiche politische und
-soziale Berufung zusprechen und ganz resolut ein Gesetz der Natur
-entthronen wollen, um ein Gesetz der Schule und des Systems an
-seine Stelle zu setzen. Prisse la nature plutt que les principes!</p>
-
-<p>Dieser Standpunkt, den Riehl toll nennt, ist der meinige. Ich
-kann nicht einsehen, wie ein anderer gewhlt werden knnte, wofern
-man nicht utilitaristisch, sondern ethisch zu denken gewillt ist.
-Sicherlich wird der alte Mibrauch, der mit den Worten der Natur,
-des Natrlichen und Naturgemen getrieben wird, sich erneuern,
-sobald es diese Forderung zu bekmpfen gelten wird. Das Verhltnis
-des Menschen zur Natur wird aber, um es ganz unzweideutig zu sagen,
-nicht zerstrt, <em class="gesperrt">sondern erst <b>geschaffen</b> dadurch, da der
-Mensch sich ber sie <b>erhebt</b></em>, <em class="gesperrt">mehr</em> wird als ein bloes Glied,
-ein bloer Teil von ihr. Denn Natur ist immer das <em class="gesperrt">Ganze</em> der
-sinnlichen Welt, und dieses kann nicht von einem seiner Teile aus
-bersehen werden.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_453">S.&nbsp;453</a>, Z. 16&nbsp;f.</b>) Je tiefer das Weib steht, desto notwendiger
-mu es emanzipiert werden. Gewhnlich schliet man umgekehrt.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_453">S.&nbsp;453</a>, Z. 22&ndash;24.</b>) Ich meine hier die Vera-Literatur,
-welche im Jahre 1902 ziemlich viel Staub aufgewirbelt hat. Das<span class="pagenum"><a name="Seite_595" id="Seite_595">[S. 595]</a></span>
-einzige Gute, was ber die ganze Streitfrage geschrieben worden
-ist, findet man in dem mehrfach citierten Aufsatze von Oskar <em class="gesperrt">Friedlnder</em>,
-Eine fr Viele, eine Studie (vgl. besonders zu S.&nbsp;446,
-Z. 1 v. u.).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_454">S.&nbsp;454</a>, Z. 4&nbsp;f.</b>) Friedrich <em class="gesperrt">Nietzsche</em>, Jenseits von Gut und
-Bse, Aphorismus 238.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_455">S.&nbsp;455</a>, Z. 7.</b>) <em class="gesperrt">Pythagoras</em> erscheint als der Vertreter des
-Frauengeschlechtes, als der Verteidiger seiner Rechte, seiner Unverletzlichkeit,
-seines hohen Berufes in der Familie und im Staate.
-Den Mnnern stellt er die Unterdrckung des Weibes als Snde
-dar. Nicht unterworfen, sondern mit voller Gleichberechtigung dem
-Gatten beigeordnet soll das Weib sein. (J. J. <em class="gesperrt">Bachofen</em>, Das
-Mutterrecht, Eine Untersuchung ber die Gynaikokratie der alten
-Welt nach ihrer religisen und rechtlichen Natur, Stuttgart 1861,
-S.&nbsp;381.)</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_456">S.&nbsp;456</a>, Z. 11.</b>) ber die <em class="gesperrt">Parsifal-Dichtung</em> <em class="gesperrt">Wagners</em>
-ist mir eine einzige verstndnisvolle Abhandlung bekannt geworden:
-Zur Symbolik in Wagners Parsifal, von Emil <em class="gesperrt">Lucka</em>, Wiener
-Rundschau, V, 16, S.&nbsp;313&nbsp;f. (15. August 1901). Leider ist in
-diesem sehr vorzglichen Aufsatz das Thema allzu knapp behandelt.
-Eine Auffassung der Dichtung, welche von jenem Autor in vielen
-Punkten betrchtlich abweicht, ausfhrlich darzulegen, hoffe ich
-selbst Gelegenheit zu finden.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_457">S.&nbsp;457</a>, Z. 6&nbsp;f.</b>) <em class="gesperrt">Clemens Alexandrinus</em>, Stromata, III 6,
-vol. I, p. 532, ed. Potter (Oxford 1715) = p. 1149 ed. Migne
-(Patrologiae Graecae, Tomus VIII, Paris 1857): &#932;&#8135; &#931;&#945;&#955;&#974;&#956;&#8131; &#8001; &#922;&#973;&#961;&#953;&#959;&#962;
-&#960;&#965;&#957;&#952;&#945;&#957;&#959;&#956;&#941;&#957;&#8131; <em class="gesperrt">&#956;&#941;&#967;&#961;&#953; &#960;&#972;&#964;&#949; &#952;&#940;&#957;&#945;&#964;&#959;&#962; &#7984;&#963;&#967;&#973;&#963;&#949;&#953;</em> &#959;&#8016;&#967; &#8033;&#962; &#954;&#945;&#954;&#959;&#8166; &#964;&#959;&#8166;
-&#946;&#943;&#959;&#965; &#8004;&#957;&#964;&#959;&#962; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#8134;&#962; &#954;&#964;&#943;&#963;&#949;&#969;&#962; &#960;&#959;&#957;&#951;&#961;&#8118;&#962; <em class="gesperrt">&#924;&#941;&#967;&#961;&#953;&#962; &#7940;&#957;, &#949;&#7990;&#960;&#949;&#957;, &#8017;&#956;&#949;&#8150;&#962; &#945;&#7985;
-&#947;&#965;&#957;&#945;&#8150;&#954;&#949;&#962; &#964;&#943;&#954;&#964;&#949;&#964;&#949;</em> &#7936;&#955;&#955;' &#8033;&#962; &#964;&#8052;&#957; &#7936;&#954;&#959;&#955;&#959;&#965;&#952;&#943;&#945;&#957; &#964;&#8052;&#957; &#966;&#965;&#963;&#953;&#954;&#8052;&#957; &#948;&#953;&#948;&#940;&#963;&#954;&#969;&#957;&#903;
-&#947;&#949;&#957;&#957;&#8053;&#963;&#949;&#953; &#947;&#8048;&#961; &#960;&#940;&#957;&#964;&#969;&#962; &#7957;&#960;&#949;&#964;&#945;&#953; &#954;&#945;&#8054; &#966;&#952;&#959;&#961;&#940;. &mdash; Ibid. III, 13 (I, 553
-Potter, p. 1192 Migne) wird aus dem Evangelium der gypter
-nach dem Zeugnis des <em class="gesperrt">Cassianus</em> (dessen Werk &#928;&#949;&#961;&#8054; &#7952;&#947;&#954;&#961;&#945;&#964;&#949;&#943;&#945;&#962;
-oder &#960;&#949;&#961;&#8054; &#949;&#8016;&#957;&#959;&#965;&#967;&#943;&#945;&#962;) folgendes Wort Jesu berichtet: &#928;&#965;&#957;&#952;&#945;&#957;&#959;&#956;&#941;&#957;&#951;&#962;
-&#964;&#8134;&#962; &#931;&#945;&#955;&#974;&#956;&#951;&#962; &#960;&#972;&#964;&#949; &#947;&#957;&#969;&#963;&#952;&#8053;&#963;&#949;&#964;&#945;&#953; &#964;&#8048; &#960;&#949;&#961;&#8054; &#8039;&#957; &#7972;&#961;&#949;&#964;&#959;, &#7956;&#966;&#951; &#8001; &#922;&#973;&#961;&#953;&#959;&#962;,
-<em class="gesperrt">&#8013;&#964;&#945;&#957; &#964;&#8056; &#964;&#8134;&#962; &#945;&#7984;&#963;&#967;&#973;&#957;&#951;&#962; &#7956;&#957;&#948;&#965;&#956;&#945; &#960;&#945;&#964;&#8053;&#963;&#951;&#964;&#949;, &#954;&#945;&#8054; &#8005;&#964;&#945;&#957; &#947;&#941;&#957;&#951;&#964;&#945;&#953;
-&#964;&#8048; &#948;&#973;&#959; &#7957;&#957;, &#954;&#945;&#8054; &#964;&#8056; &#7940;&#961;&#961;&#949;&#957; &#956;&#949;&#964;&#8048; &#964;&#8134;&#962; &#952;&#951;&#955;&#949;&#943;&#945;&#962; &#959;&#8020;&#964;&#949; &#7940;&#961;&#961;&#949;&#957; &#959;&#8020;&#964;&#949;
-&#952;&#8134;&#955;&#965;</em>. &mdash; Schlielich ibid. III, 9 (I, 540 Potter, p. 1165 Migne):
-<em class="gesperrt">&#7972;&#955;&#952;&#959;&#957; &#954;&#945;&#964;&#945;&#955;&#8166;&#963;&#945;&#953; &#964;&#8048; &#7956;&#961;&#947;&#945; &#964;&#8134;&#962; &#952;&#951;&#955;&#949;&#943;&#945;&#962;</em>&#903; &#952;&#951;&#955;&#949;&#943;&#945;&#962; &#956;&#8050;&#957;, &#964;&#8134;&#962;
-&#7952;&#960;&#953;&#952;&#965;&#956;&#943;&#945;&#962;&#903; &#7956;&#961;&#947;&#945; &#948;&#941;, &#947;&#941;&#957;&#957;&#951;&#963;&#953;&#957; &#954;&#945;&#8054; &#966;&#952;&#959;&#961;&#940;&#957;.</p>
-
-<p>Es ist dieser Ausspruch so ohne alle Vorgnger im Griechentum,
-da wohl seine Echtheit angenommen und es ein hohes Glck
-genannt werden darf, da er nicht verloren ging, wie die herrlichsten
-Aussprche Christi sicherlich verloren gegangen sind, weil die
-synoptischen Evangelisten sie nicht verstehen und also nicht behalten
-konnten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_596" id="Seite_596">[S. 596]</a></span>
-
-Da das Begehren nach dem Weibe immer unsittlich ist, liegt
-brigens bereits im Worte: <em class="gesperrt">&#960;&#8118;&#962; &#8001; &#946;&#955;&#941;&#960;&#969;&#957; &#947;&#965;&#957;&#945;&#8150;&#954;&#945; &#960;&#961;&#8056;&#962; &#964;&#8056;
-&#7952;&#960;&#953;&#952;&#965;&#956;&#8134;&#963;&#945;&#953; &#7972;&#948;&#951; &#7952;&#956;&#959;&#943;&#967;&#949;&#965;&#963;&#949;&#957; &#945;&#8016;&#964;&#8052;&#957; &#964;&#8135; &#954;&#945;&#961;&#948;&#943;&#8115; &#945;&#8020;&#964;&#959;&#8166;</em> (Evang.
-Matth. 5, 28).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_457">S.&nbsp;457</a>, Z. 15 v. u.</b>) <em class="gesperrt">Augustinus</em>, De bono viduitatis,
-Cap. XXIII (Patrologiae Latinae Tom. XL, p. 449&nbsp;f., ed. Migne,
-Paris 1845): Non vos ... frangat querela vanorum, qui dicunt:
-Quomodo subsistet genus humanum, si omnes fuerint continentes?
-Quasi propter aliud retardetur hoc saeculum, nisi ut impleatur praedestinatus
-numerus ille sanctorum, quo citius impleto, profecto nec
-terminus saeculi differetur. De bono conjugali, Cap. X (ibid. p. 381):
-Sed novi qui murmurent. Quid si, inquiunt, omnes homines velint
-ab omni concubitu continere: unde subsistet genus humanum? Utinam
-omnes hoc vellent, dumtaxat in charitate de corde puro et conscientia
-bona et fide non ficta (1. Tim, 1, 5): multo citius Dei civitas
-compleretur, et acceleraretur terminus saeculi. Ich verdanke diese
-Nachweise <em class="gesperrt">Schopenhauers</em> Welt als Wille und Vorstellung,
-Bd. II, Kap. 48.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_457">S.&nbsp;457</a>, Z. 2 v. u.</b>) Hier liegt also das eigentliche Motiv
-jener Furcht, nach welchem Leo <em class="gesperrt">Tolstoi</em> (ber die sexuelle Frage,
-Leipzig 1901, S.&nbsp;16&nbsp;ff., 87&nbsp;f.) gesucht hat, ohne es zu finden.</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_458">S.&nbsp;458</a>, Z. 14.</b>) Man mag es krankhaft nennen, da der
-Mann die schwangere Frau abstoend hlich findet (wenn sie auch
-manches Mal ihn sinnlich erregt), aber es ist dies eben das, was ihn
-vor dem Tiere auszeichnet, und wer es ihm ausreden will, der will
-ihn der Menschheit entkleiden. Das Phnomen liegt tief; es zeigt
-wieder, wie alle sthetik nur ein Ausdruck der Ethik ist. &mdash; Toutes
-les <em class="gesperrt">hideurs</em> de la fcondit sagt einmal Charles <em class="gesperrt">Baudelaire</em> (Les
-fleurs du mal, Paris 1857, 5. Gedicht, p. 21).</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_459">S.&nbsp;459</a>, Z. 15.</b>) Die Idee der Menschheit im Kantischen Sinne
-ist auch von <em class="gesperrt">Platon</em> an einer berhmten Stelle der Politeia ausgesprochen
-(IX, 589 A B), in der zugleich die Anschauung vom Menschen als dem
-mit allen Mglichkeiten ausgestatteten Wesen liegt: ..... &#8001; &#964;&#8048;
-&#948;&#943;&#954;&#945;&#953;&#945; &#955;&#941;&#947;&#969;&#957; &#955;&#965;&#963;&#953;&#964;&#949;&#955;&#949;&#8150;&#957; &#966;&#945;&#943;&#951; &#7938;&#957; &#948;&#949;&#8150;&#957; &#964;&#945;&#8166;&#964;&#945; &#960;&#961;&#940;&#964;&#964;&#949;&#953;&#957; &#954;&#945;&#8054; &#964;&#945;&#8166;&#964;&#945; &#955;&#941;&#947;&#949;&#953;&#957;,
-&#8005;&#952;&#949;&#957; <em class="gesperrt">&#964;&#959;&#8166; &#7936;&#957;&#952;&#961;&#974;&#960;&#959;&#965; &#8001; &#941;&#957;&#964;&#8056;&#962; &#7940;&#957;&#952;&#961;&#969;&#960;&#959;&#962;</em> &#7956;&#963;&#964;&#945;&#953; &#7952;&#947;&#954;&#961;&#945;&#964;&#941;&#963;&#964;&#945;&#964;&#959;&#962; .....</p>
-
-<p>(<b><a href="#Seite_459">S.&nbsp;459</a>, Z. 11&ndash;8 v. u.</b>) Die ganze Entwicklung, welche
-Herbert <em class="gesperrt">Spencer</em>, Die Prinzipien der Ethik, Stuttgart 1892, Bd. II,
-S.&nbsp;181&nbsp;f. beschreibt, die Entwicklung vom Fidschi-Insulaner, der
-sein Weib tten und aufessen konnte, von den alten Germanen,
-bei denen der Mann das Weib wieder verkaufen und sogar tten
-durfte, von den alten englischen Zeiten, wo die Braut gekauft
-wurde und ihr eigener Wille beim Handel nicht in Frage kam,
-bis auf den heutigen Tag, da die Frau wenigstens von Rechts wegen
-selbstndiges Eigentum besitzen darf &mdash; diese ganze Entwicklung ist
-keineswegs durch irgend welche Bewegungen von Seiten der Frauen<span class="pagenum"><a name="Seite_597" id="Seite_597">[S. 597]</a></span>
-hervorgerufen, sondern allmhlich durch Vervollkommnung der gesetzlichen
-Fortschritte vom Manne herbeigefhrt worden.</p>
-
-<p>Ich mchte hier noch Oskar <em class="gesperrt">Friedlnder</em> anfhren, welcher
-a. a. O. S.&nbsp;182&nbsp;f. (Die Gesellschaft, 1902, Heft 15/16) sagt: Die
-sprlichen moralischen Elemente, die in der Emanzipationsbewegung
-enthalten sind, haben brigens, und das kennzeichnet am besten
-die innere Bedeutung des ganzen Rummels, ebensowenig als das
-Keuschheitsideal ihren Ursprung im erhitzten Hirne der fr die
-Emanzipation des Fleisches besonders begeisterten Vorkmpferinnen
-genommen. Es waren <em class="gesperrt">Mnner</em>, die jene Elemente zur Geltung
-brachten, um der unwrdigen Hrigkeit der Frau ein Ende zu
-bereiten, und die Frauen erschienen erst auf dem Kampfplatze, als
-der Frontangriff zu ihren Gunsten entschieden war und sie nicht
-lnger mit Ehren fern bleiben konnten. Es spricht wohl deutlich
-genug, da gerade in ihren Reihen die erbittertsten Gegner der
-neuen Richtung erstanden. Die scheinbare Bereitwilligkeit, den vernderten
-Verhltnissen Rechnung zu tragen, die aggressive Haltung
-mancher Frauen darf einen nicht ber die wahre Sachlage hinwegtuschen.
-Das Hochschulstudium nimmt in diesen Kreisen keinen
-hheren Rang ein als der Radfahrsport oder das Lawntennisspiel:
-das erforderliche Minimalquantum wissenschaftlicher Bildung zhlt
-heute mit zu den sekundren Geschlechtscharakteren. Den ethischen
-Kern der Emanzipationstendenz, die Erhebung auf das moralische
-Niveau des Mannes, haben die Frauen immer als einen lstigen
-Zwang empfunden, dessen sie sich auch sicherlich entledigen werden,
-wenn es nur mit Anstand, ohne die gute Meinung ihrer Anwlte
-allzu offenkundig zu desavouieren, geschehen kann.</p>
-
-<hr class="chap" />
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-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Seite_598" id="Seite_598">[S. 598]</a></span><a name="Verbesserungen_sinnstoerender_Fehler" id="Verbesserungen_sinnstoerender_Fehler">Verbesserungen sinnstrender Fehler.</a></h2>
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-<div class="center nopagebreak">
-<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Verbesserungen">
-<tr><td align="center">Seite</td><td align="right">3,</td><td align="center">Zeile</td><td align="right">3</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center">Lies</td><td align="left"><em class="gesperrt">alle<b>m</b></em> statt <em class="gesperrt">alle<b>s</b></em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">30,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">thelyide</em> statt <em class="gesperrt">thely<b>o</b>ide</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">36,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">ge<b>a</b>ichten</em> statt <em class="gesperrt">ge<b>e</b>ichten</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">49,</td><td align="center"></td><td align="right">11</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">zersetz<b>en</b></em> statt <em class="gesperrt">zersetz<b>t</b></em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">62,</td><td align="center"></td><td align="right">3</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">thelyide</em> statt <em class="gesperrt">thely<b>o</b>ide</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">69,</td><td align="center"></td><td align="right">9</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">eine<b>r</b></em> statt <em class="gesperrt">eine<b>m</b></em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">100,</td><td align="center"></td><td align="right">7</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">welche ja</em> statt <em class="gesperrt">welche <b>sie</b> ja</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">114,</td><td align="center"></td><td align="right">11</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Intensi<b>f</b>ikationen</em> statt <em class="gesperrt">Intensi<b>v</b>ikationen</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">134,</td><td align="center"></td><td align="right">3</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">haben; <b>oder denke an</b></em> statt <em class="gesperrt">haben an</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">169,</td><td align="center"></td><td align="right">19</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">da<b></b> er</em> statt <em class="gesperrt">da er</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">170,</td><td align="center"></td><td align="right">6</td><td align="left">-5&nbsp;v.&nbsp;u.:</td><td align="center">Streiche:</td><td align="left"><em class="gesperrt">den Moment zu verewigen strebt</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">177,</td><td align="center"></td><td align="right">23</td><td align="left">:</td><td align="center">Lies</td><td align="left"><em class="gesperrt">Schellings</em> statt <em class="gesperrt">Schelling<b>en</b>s</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">180,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">umgehen</em> statt <em class="gesperrt">um<b>zu</b>gehen</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">189,</td><td align="center"></td><td align="right">4</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">geordnete<b>n</b></em> statt <em class="gesperrt">geordnete<b>m</b></em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">190,</td><td align="center"></td><td align="right">1</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">prsentiert</em> statt <em class="gesperrt"><b>re</b>prsentiert</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">194,</td><td align="center"></td><td align="right">3</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Mglichkeit<b>,</b> zu erkennen</em> statt <em class="gesperrt">Mglichkeit zu erkennen</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">216,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Intensi<b>f</b>ikationen</em> statt <em class="gesperrt">Intensi<b>v</b>ikationen</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">220,</td><td align="center"></td><td align="right">11</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>ein erw</b>rmter Stab durch</em> statt <em class="gesperrt"><b>erw durch</b>rmter Stab</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">227,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">welche nmlich</em> statt <em class="gesperrt">welche <b>sie</b> nmlich</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">274,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>zu</b> verbringen</em> statt <em class="gesperrt">verbringen</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">291,</td><td align="center"></td><td align="right">7</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">aus <b>seiner</b></em> statt <em class="gesperrt">aus <b>ihrer</b></em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">295,</td><td align="center"></td><td align="right">18</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>aber</b> auch</em> statt <em class="gesperrt"><b>hieraus</b> auch</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">301,</td><td align="center"></td><td align="right">6</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">grer<b>e</b></em> statt <em class="gesperrt">grer</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">331,</td><td align="center"></td><td align="right">3</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">de<b>s</b> Liebenden</em> statt <em class="gesperrt">de<b>r</b> Liebenden</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">356,</td><td align="center"></td><td align="right">8</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">steht nicht <b>wie</b> beim</em> statt <em class="gesperrt">steht nicht beim</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"><span class="pagenum"><a name="Seite_599" id="Seite_599">[S. 599]</a></span></td><td align="right">361,</td><td align="center"></td><td align="right">18</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>a</b>sexuelles</em> statt <em class="gesperrt">sexuelles</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">366,</td><td align="center"></td><td align="right">12</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">fremde<b>n</b></em> statt <em class="gesperrt">fremde</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">408,</td><td align="center"></td><td align="right">17</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Laute<b>n</b></em> statt <em class="gesperrt">Laute<b>m</b></em>, <em class="gesperrt">Unvornehme<b>n</b></em> statt <em class="gesperrt">Unvornehme<b>m</b></em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">410,</td><td align="center"></td><td align="right">10</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">ihre<b>n</b></em> statt <em class="gesperrt">ihre<b>r</b></em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">425,</td><td align="center"></td><td align="right">2</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>es</b> ist</em> statt <em class="gesperrt"><b>sie</b> ist</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">434,</td><td align="center"></td><td align="right">3</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">de<b>r</b> Augenblick</em> statt <em class="gesperrt">de<b>n</b> Augenblick</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">434,</td><td align="center"></td><td align="right">11</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">sich <b>die</b> Welt</em> statt <em class="gesperrt">sich Welt</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">448,</td><td align="center"></td><td align="right">9</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">anst<b>reb</b>t</em> statt <em class="gesperrt">anst<b>ell</b>t</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">455,</td><td align="center"></td><td align="right">15</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Als<b>o</b></em> statt <em class="gesperrt">Als</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">467,</td><td align="center"></td><td align="right">14</td><td align="left">v.&nbsp;u.:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Hydatide</em> statt <em class="gesperrt">Hydat<b>r</b>ide</em>.</td></tr>
-<tr><td align="center"></td><td align="right">476,</td><td align="center"></td><td align="right">15</td><td align="left">:</td><td align="center"></td><td align="left"><em class="gesperrt"><b>Il</b> tait</em> statt <em class="gesperrt"><b>Je</b> tait</em>.</td></tr>
-</table></div>
-
-<p class="pagebreak p6"><span class="pagenum"><a name="Seite_600" id="Seite_600">[S. 600]</a></span>&nbsp;</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 300px;">
-<img src="images/p0600top.png" width="300" height="108" alt="" />
-</div>
-<p class="center"><small>DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.</small></p>
-<div class="figcenter" style="width: 300px;">
-<img src="images/p0600bottom.png" width="300" height="107" alt="" />
-</div>
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-<h2><a name="FOOTNOTES" id="FOOTNOTES">Funoten</a></h2>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Auch das Spencersche Weltschema: Differentiation und Integration,
-lt sich hier leicht anwenden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Dies gilt von den Begriffen aber nur als von Objekten einer psychologischen,
-nicht einer logischen Betrachtungsweise. Diese sind trotz allem
-modernen Psychologismus (Brentano, Meinong, Hfler) nicht ohne beiderseitigen
-Schaden zusammenzuwerfen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Natrlich &mdash; zu dieser Anschauung werden wir durch unser Bedrfnis
-nach Kontinuitt gentigt &mdash; <em class="gesperrt">irgendwie</em> mssen die sexuellen
-Unterschiede, wenn auch anatomisch, morphologisch unsichtbar und selbst
-durch die strksten Vergrerungen des Mikroskopes dem Auge nicht zu
-erschlieen, schon vor der Zeit der ersten Differenzierung formiert, prformiert
-sein. Aber wie, das ist ja die groe Krux aller Entwicklungsgeschichte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Nicht die absolute Breite des Beckens als in Centimetern angegebene
-Distanz der Knorren der Oberschenkel oder der Hftbeindorne,
-sondern die relative Breite der Hften im Verhltnis zur Schulterbreite ist
-ein ziemlich sicheres und recht allgemein verwendbares krperliches Kriterium
-fr den Gehalt an W.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Von den verschiedenen Fetischismen ist hiebei natrlich abzusehen;
-ebensowenig kommen fr erogene Wirkung die primordialen
-Charaktere in Betracht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Ebensowenig wie im umgekehrten Falle der Kastration eines
-weiblichen Tieres die Maskularisierung schroff <em class="gesperrt">geleugnet</em> werden kann.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Da solche Grenzen existieren, ergibt ja auch die Existenz
-sexueller Unterschiede <em class="gesperrt">vor</em> der Pubertt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Fr spezielle Zwecke der Zchter, deren Absichten meist auf Abnderung
-der natrlichen Tendenzen gehen, mu hievon freilich oft abgegangen
-werden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Gewhnlich denkt man, wenn von einer Konstanz im sexuellen
-Geschmack des Mannes oder der Frau gesprochen wird, zunchst an die
-Bevorzugung einer Lieblingsfarbe des Kopfhaares beim anderen Geschlechte.
-Es scheint auch wirklich, wo berhaupt einer bestimmten Farbe der Haare
-der Preis gegeben wird (dies ist nicht bei allen Menschen der Fall), die
-Vorliebe fr diese ziemlich tief zu liegen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Dies zeigt auch klar sein Bildnis. <em class="gesperrt">Mrime</em> nennt George Sand
-maigre comme un clou. Bei der ersten Begegnung beider ist sie offenbar
-Mnnchen und er ganz Weibchen gewesen: <em class="gesperrt">er</em> errtet, als <em class="gesperrt">sie</em> ihn fixiert
-und mit <em class="gesperrt">tiefer</em> Stimme <em class="gesperrt">ihm</em> Komplimente zu machen beginnt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Es hat brigens viele gnzlich <em class="gesperrt">ungelehrte groe</em> Knstler gegeben
-(<em class="gesperrt">Burns</em>, <em class="gesperrt">Wolfram von Eschenbach</em>), aber keine diesen vergleichbare
-Knstlerin.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Auf den Anblick einer bisexuell funktionierenden Schauspielerin
-mit leichtem Bartanfluge, einer tiefen sonoren Stimme und fast ohne Haare
-auf dem Kopfe habe ich einen bisexuellen Mann ausrufen hren: Ja das
-ist ein Prachtweib! Das Weib ist eben fr jeden ein anderes und doch
-dasselbe, im Weibe hat noch jeder Dichter Verschiedenes und doch ein
-Gleiches besungen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Es bedeutet im folgenden <em class="gesperrt">der</em> Mann immer M und mit <em class="gesperrt">der</em>
-Frau ist immer W gemeint, nicht die Mnner oder die Frauen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Herr Dr. <em class="gesperrt">Hermann Swoboda</em> in Wien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Wobei weder an absolute Heniden beim Weibe noch an absolute
-Klrung beim Manne gedacht werden darf.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> <em class="gesperrt">Begabung</em> (nicht <em class="gesperrt">Talent</em>) und <em class="gesperrt">Geschlecht</em> sind die beiden einzigen
-Dinge, <em class="gesperrt">die nicht vererbt werden</em>, sondern <em class="gesperrt">unabhngig</em> von der
-Erbmasse sind und gleichsam spontan zu entstehen scheinen. Schon
-diese Tatsache lt erwarten, da Genialitt, beziehungsweise ihr Mangel, in
-einem Zusammenhange mit der Mnnlichkeit oder Weiblichkeit eines
-Menschen stehen msse.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Ich gebrauche das Wort Begabung, um dem Worte Genialitt so
-oft als tunlich aus dem Wege zu gehen, und bezeichne mit ihm jene Veranlagung,
-deren hchste Steigerung Genialitt ist. Begabung und Talent
-werden demnach hier streng auseinandergehalten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Die aber mit dem <em class="gesperrt">Talente</em> nichts zu schaffen haben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Ausdruck von Herrn Dr. H. <em class="gesperrt">Swoboda</em> in Wien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Sehr wesentlich ist hingegen der geniale <em class="gesperrt">Augenblick</em> vom nichtgenialen
-psychologisch geschieden, <em class="gesperrt">auch in einem und demselben
-Menschen</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Ich wage auch daran zu erinnern, wie hufig reine Wissenschaftler
-erst knapp vor dem Tode mit religisen und metaphysischen Problemen
-sich beschftigen: <em class="gesperrt">Newton</em>, <em class="gesperrt">Gau</em>, <em class="gesperrt">Riemann</em>, Wilh. <em class="gesperrt">Weber</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Man ist oft erstaunt darber, wie Menschen von ganz gewhnlicher, ja
-gemeiner Natur keinerlei Furcht vor dem Tode empfinden. Aber es wird so
-klar: <em class="gesperrt">nicht die Furcht vor dem Tode schafft das Unsterblichkeitsbedrfnis,
-sondern das Unsterblichkeitsbedrfnis schafft
-die Furcht vor dem Tode</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Im brigen sume ich nicht, die Manen <em class="gesperrt">Bacos</em> fr diese Zusammenstellung
-um Verzeihung zu bitten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> ber sie handelt kurz das 13. Kapitel.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Welche der sich immer verstehende Mensch ebensogut kennt wie
-der sich nie verstehende.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Hiemit hoffe ich auch, die Khnheit dieses gnzlich neuartigen
-berganges vom Gedchtnis zur Logik gerechtfertigt zu haben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Dieser Beweis beruht jedoch, wie zu bemerken ist, auf der Identifikation
-eines beliebigen <em class="gesperrt">logischen</em> A mit dem <em class="gesperrt">erkenntnistheoretischen</em>
-Objekt berhaupt; diese Identifikation lt sich in ihrer Berechtigung selbst
-nicht noch dartun. Vom <em class="gesperrt">Sein berhaupt</em>, welches aus der Gltigkeit
-des Identittsprinzipes streng genommen allein gefolgert werden knnte, will
-ich hier jedoch aus methodischen Grnden absehen. &mdash; brigens wrde, um
-den Positivismus zu widerlegen (worauf es ankam), bereits dieser Beweis eines
-Seins <em class="gesperrt">jenseits</em> der Erfahrung, <em class="gesperrt">unabhngig von aller</em> Erfahrung, hingereicht
-haben. Da dieses Sein das Sein des Ichs ist, dafr ist keine rein
-<em class="gesperrt">logische</em>, sondern eigentlich nur eine <em class="gesperrt">psychologische</em> Begrndung aus der
-<em class="gesperrt">Erfahrungstatsache</em> mglich, da die logische Norm dem Menschen
-nicht von auen kommt, sondern vom eigenen tiefsten Wesen ihm gegeben
-wird. Nur darum kann das <em class="gesperrt">absolute Sein</em> oder das <em class="gesperrt">Sein des Absoluten</em>,
-wie es im Satze A = A sich manifestiert, mit dem <em class="gesperrt">Sein des Ichs</em> gleichgesetzt
-werden: das absolute Ich ist das Absolute.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Ruft <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, ruft <em class="gesperrt">Wagner</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Vgl. ber sich verstehende und sich nicht verstehende Menschen
-<a href="#Seite_188">S.&nbsp;188</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Womit aber nicht gesagt ist, da jedermann, der das Ich anerkennt,
-schon ein Genie sei.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Wie damit zusammenhngt, da hervorragende Menschen schon
-sehr frh (z.&nbsp;B. im Alter von vier Jahren) <em class="gesperrt">lieben</em> knnen, wird spter klar
-werden (<a href="#Seite_323">S.&nbsp;323</a>&nbsp;f.).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Dieser Fall wird spter noch einer Untersuchung bedrfen
-(<a href="#Seite_322">S.&nbsp;322</a>&nbsp;ff.).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Wozu also der Darwinismus und die monistischen Systeme, in
-deren Zentrum der Entwicklungsgedanke steht, nicht gehren. Die
-Gattungs- und Begattungsherrlichkeit unserer Zeit konnte sich nicht deutlicher
-offenbaren als dadurch, da man die Descendenzlehre mit dem
-Worte Weltanschauung in Verbindung brachte und dem Pessimismus entgegensetzte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Darum gibt es <em class="gesperrt">innerhalb</em> des Einzelmenschen keinen Begriff des
-<em class="gesperrt">Zufalls</em>, ja es kann der Gedanke an einen solchen gar nicht auftauchen.
-Da ein erwrmter Stab durch die Zufuhr thermischer Energie sich ausdehnt
-und nicht infolge eines gleichzeitig am Himmel sichtbaren Kometen,
-nehme ich an vermge langer Erfahrung und Induktion, aber auch nur auf
-Grund dieser; die <em class="gesperrt">richtige</em> Beziehung ist hier nicht <em class="gesperrt">sofort</em> in einem Erlebnis
-schon gelegen. Wenn ich dagegen ber mein eigenes Betragen in einer bestimmten
-Gesellschaft mich rgere, so <em class="gesperrt">wei</em> ich, gesetzt auch, es geschehe
-zum ersten Male, und es schben sich noch so viel andere gleichzeitige
-psychische Ereignisse dazwischen, <em class="gesperrt">unmittelbar</em> den <em class="gesperrt">Grund</em> meiner Unzufriedenheit,
-und bin seiner sofort vollstndig sicher, oder kann es wenigstens,
-wenn ich mich nicht darber hinwegzutuschen versuche, schon beim ersten
-Male werden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Vgl. auch Prediger <em class="gesperrt">Salomo</em> 7, 29: Unter Tausenden habe ich
-einen Menschen gefunden, aber kein Weib habe ich unter allen gefunden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> Von der also nicht eine Philosophie <em class="gesperrt">ausgehen</em> darf, zu der sie
-nur als zu einer letzten Grenzmarkung gelangen soll.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> Der Ausdruck stammt von Dr. Wilh. <em class="gesperrt">Jerusalem</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_38_38" id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> Der Verbrecher fhlt sich sogar dann in seiner Weise schuldig,
-wenn er gerade nichts bles getan hat. Er ist stets von anderen auf den
-Vorwurf des Betruges, des Diebstahls u.&nbsp;s.&nbsp;w. gefat, auch wenn er die
-Tat gar nicht begangen hat: weil er sich ihrer fhig wei. Er fhlt sich
-darum auch stets ertappt, wenn irgend ein anderer Missetter festgenommen
-wird.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_39_39" id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Weil die Frau den zweiten Menschen gar nicht als <em class="gesperrt">besonderes</em>
-Wesen empfindet, deshalb leidet sie nie unter ihren Nchsten, und nur
-deshalb kann sie stets allen Menschen sich <em class="gesperrt">berlegen</em> fhlen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_40_40" id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Der Einwnde, welche hiegegen, und der Grnde, welche fr die
-Schamhaftigkeit des Weibes immer wieder werden geltend gemacht werden;
-ist diese Untersuchung durchaus gewrtig; auf sie kommt ihr zwlftes
-Kapitel zu sprechen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_41_41" id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Nota bene: Viele sogenannte schne Mnner sind halbe Weiber.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_42_42" id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Erst hiemit ist auch ganz klar geworden, was jener besondere
-<em class="gesperrt">Wert</em> ist, der, <em class="gesperrt">durch Schaffung der Vergangenheit, die Zeit
-negiert</em>, wie ihn das 5. Kapitel postulierte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_43_43" id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Klingsors</em> Worte an <em class="gesperrt">Kundry</em> in <em class="gesperrt">Wagners</em> <em class="gesperrt">Parsifal</em>,
-zweiter Aufzug, zu Anfang:
-</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Herauf! Herauf zu mir!<br /></span>
-<span class="i0">Dein Meister ruft <em class="gesperrt">Dich Namenlose</em>:<br /></span>
-<span class="i0">Ur-Teufelin! Hllenrose!<br /></span>
-<span class="i0">Herodias warst Du, und was noch?<br /></span>
-<span class="i0">Gundryggia dort, Kundry hier:<br /></span>
-<span class="i0">Hieher! Hieher denn, Kundry!<br /></span>
-<span class="i0">Zu Deinem Meister, herauf!<br /></span>
-</div></div>
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_44_44" id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Es ist nur zu begreiflich, da man leicht zu einer solchen Annahme
-verfhrt werden mag. Wer hat nicht z.&nbsp;B. in der Lektre <em class="gesperrt">dieses</em> Buches
-beim bergang vom ersten zum zweiten Teil das Gefhl, da es sich in
-beiden um etwas ganz anderes handle! Dort um uerliche, hier um innere
-Zusammenhnge.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_45_45" id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> Noch hat niemand von Doppelgngerinnen gehrt. Man nennt die
-Frauen das furchtsame Geschlecht, weil man zu wenig scheidet zwischen
-Angst und Furcht. Es gibt eine tiefe Furcht, die nur der Mann kennt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_46_46" id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> Im Hinblick auf die Errterungen des 8. Kapitels ber das
-grere Ansehen, welches dem tieferen Blick des bedeutenden Geistes gebhrt,
-vor dem jeweiligen Stande der Wissenschaft (<a href="#Seite_222">S.&nbsp;222</a>).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_47_47" id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> Das die grten Dichter erkannt haben. Man denke an die
-Identifikation der <em class="gesperrt">Aase</em> und <em class="gesperrt">Solveig</em> am Schlusse von <em class="gesperrt">Ibsens</em> Peer
-Gynt und an die Verknpfung der <em class="gesperrt">Herzeleide</em> mit der <em class="gesperrt">Kundry</em> in der
-Verfhrung des <em class="gesperrt">Wagner</em>schen <em class="gesperrt">Parsifal</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_48_48" id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> Ewig war ich, ewig in s sehnender Wonne, doch ewig zu
-Deinem Heil (<em class="gesperrt">Brnnhilde</em> zu <em class="gesperrt">Siegfried</em>).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_49_49" id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Man vergleiche in <em class="gesperrt">Ibsens</em> Peer Gynt, 2. Akt, das Gesprch
-zwischen dem <em class="gesperrt">Vater</em> der <em class="gesperrt">Solveig</em> und <em class="gesperrt">Aase</em> (einer der bestgezeichneten
-Mtter der schnen Literatur) auf der Suche nach ihrem Sohn:
-</p>
-<p>
-<em class="gesperrt">Aase</em>: .... Wir finden ihn!<br />
-<em class="gesperrt">Der Mann</em>: Retten die Seel'!<br />
-<em class="gesperrt">Aase</em>: Und den Leib!<br />
-</p>
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_50_50" id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Ich rede natrlich, die ganze Zeit ber, nicht blo vom kuflichen
-Gassenmdchen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_51_51" id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Hiemit drfte es zusammenhngen, da die Prostituierte krperlich,
-was manchem seltsam scheinen wird, mehr als die Mutter auf <em class="gesperrt">Reinheit</em>
-achtet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_52_52" id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> Seite 177&nbsp;f.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_53_53" id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Dem Verfasser geht es nicht besser als seinem Leser, wenn
-diesen die obige Analyse der Koketterie nicht sollte befriedigt haben. Was
-sie aufdeckte, lag doch ziemlich an der Oberflche. Das Rtselhafte in
-der Koketterie scheint mir immer mehr ein eigentmlicher <em class="gesperrt">Akt</em> zu sein,
-durch welchen die Frau sich zum <em class="gesperrt">Objekt</em> des Mannes macht und sich
-<em class="gesperrt">funktionell</em> mit ihm <em class="gesperrt">verknpft</em>. Sie ist da ganz dem anderen weiblichen
-Streben vergleichbar, <em class="gesperrt">Gegenstand des Mitleids</em> der Nebenmenschen
-zu werden: <em class="gesperrt">in beiden Fllen macht sich das Subjekt zum
-Objekt, zur Empfindung des anderen</em> und setzt diesen ber sich als
-Richter ein. Die <em class="gesperrt">Koketterie</em> ist die spezifische Verschmolzenheit der
-Dirne, wie die zuerst als Schwangerschaft, spter als Laktation u.&nbsp;s.&nbsp;w.
-auftretende <em class="gesperrt">Frsorge</em> die Verschmolzenheit der Mutter vorstellt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_54_54" id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Auch ist das Motiv des tierischen Mnnchens keineswegs Eitelkeit
-als Wille zum Wert.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_55_55" id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Wer bedenkt, wie fast alle Frauen bei ihrer heutigen groen
-Freiheit sich auf der Gasse bewegen, wie sie durch straffes Anziehen ihrer
-Kleider alle Formen sichtbar werden lassen, wie sie jedes Regenwetter zu
-solchem Zwecke ausntzen, der wird dies nicht bertrieben finden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_56_56" id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Nicht wenn er <em class="gesperrt">spielt</em> (<em class="gesperrt">Schiller</em>).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_57_57" id="Fussnote_57_57"></a><a href="#FNAnker_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Vgl. <a href="#Seite_216">S.&nbsp;216</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_58_58" id="Fussnote_58_58"></a><a href="#FNAnker_58_58"><span class="label">[58]</span></a> Beide berhren sich im Begriffe der <em class="gesperrt">Scheu</em> (im lateinischen:
-<em class="gesperrt">vereri</em>).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_59_59" id="Fussnote_59_59"></a><a href="#FNAnker_59_59"><span class="label">[59]</span></a> Die Wirkung des mnnlichen Bartes auf die Frau ist in einem
-weiteren Sinne und aus einem tieferen Grunde, als man vielleicht glaubt,
-psychologisch ein vollstndiges, und nur in der Intensitt geschwchtes,
-<em class="gesperrt">Abbild</em> der Wirkung des mnnlichen Gliedes selbst. Doch kann ich dies
-hier nicht nher ausfhren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_60_60" id="Fussnote_60_60"></a><a href="#FNAnker_60_60"><span class="label">[60]</span></a> Ich verweise vor allem auf den Schlu des 9. Kapitels.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_61_61" id="Fussnote_61_61"></a><a href="#FNAnker_61_61"><span class="label">[61]</span></a> Kapitel 13.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_62_62" id="Fussnote_62_62"></a><a href="#FNAnker_62_62"><span class="label">[62]</span></a> Die <em class="gesperrt">eine</em> scheinbare Ausnahme, die es hievon gibt, findet noch
-in diesem Kapitel eine grndliche Errterung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_63_63" id="Fussnote_63_63"></a><a href="#FNAnker_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Das ruhende, trge, groe Ei wird vom beweglichen, flinken,
-kleinen Spermatozoon aufgesucht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_64_64" id="Fussnote_64_64"></a><a href="#FNAnker_64_64"><span class="label">[64]</span></a> Und nur <em class="gesperrt">dafr</em>, da niemand noch ein hysterisch verndertes
-<em class="gesperrt">Gewebe</em> gesehen hat.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_65_65" id="Fussnote_65_65"></a><a href="#FNAnker_65_65"><span class="label">[65]</span></a>Aus diesem Grunde sind Frauen aus dem hysterischen Anfall (nach
-<em class="gesperrt">Janet</em>) so besonders leicht in Somnambulismus berzufhren: sie stehen
-gerade dann bereits unter dem zwingendsten fremden Banne.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_66_66" id="Fussnote_66_66"></a><a href="#FNAnker_66_66"><span class="label">[66]</span></a> Ganz oberflchlich ist die alte Meinung, da die Hysterika
-<em class="gesperrt">bewut</em> simuliere und lgnerische Geschichtlein erzhle. Die Verlogenheit
-des Weibes liegt ganz im Unbewuten; der eigentlichen Lge, sofern diese
-einen Gegensatz zur Mglichkeit der Wahrheit bildet, ist das Weib gar
-nicht fhig (<a href="#Seite_194">S.&nbsp;194</a>, <a href="#Seite_369">369</a> und <a href="#Seite_384">384</a>).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_67_67" id="Fussnote_67_67"></a><a href="#FNAnker_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Auch unter den Mnnern finden sich hiezu Analogien: es gibt geborene
-Diener, es gibt aber auch mnnliche Megren, z.&nbsp;B. Polizisten.
-Merkwrdigerweise findet der Polizeimann im allgemeinen auch sein <em class="gesperrt">sexuelles</em>
-Komplement im Dienstmdchen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_68_68" id="Fussnote_68_68"></a><a href="#FNAnker_68_68"><span class="label">[68]</span></a> Die absolute Megre wird ihren Mann nie fragen, was sie tun,
-was sie z.&nbsp;B. kochen soll, die Hysterika ist immer ratlos und verlangt nach
-der Inspiration von auen; dies sei, als ein banalstes Erkennungszeichen
-beider, hier angefhrt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_69_69" id="Fussnote_69_69"></a><a href="#FNAnker_69_69"><span class="label">[69]</span></a> Die Magd, nicht die Megre, ist auch jene Frau, von der man,
-entgegen dem elften Kapitel, glauben knnte, da sie der Liebe fhig sei.
-Die Liebe dieser Frau ist aber nur der Vorgang des <em class="gesperrt">geistigen</em> Erflltwerdens
-von der Mnnlichkeit eines bestimmten Mannes, und darum nur bei
-der Hysterika mglich; mit eigentlicher Liebe hat sie nichts zu tun, und
-kann sie nichts zu tun haben. Auch in der Schamhaftigkeit des Weibes ist
-ein solches Besessensein von einem Manne; erst hiedurch kommt Abschlieung
-gegen alle anderen Mnner zustande.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_70_70" id="Fussnote_70_70"></a><a href="#FNAnker_70_70"><span class="label">[70]</span></a> <a href="#Seite_184">S.&nbsp;184</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_71_71" id="Fussnote_71_71"></a><a href="#FNAnker_71_71"><span class="label">[71]</span></a> <a href="#Seite_199">S.&nbsp;199</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_72_72" id="Fussnote_72_72"></a><a href="#FNAnker_72_72"><span class="label">[72]</span></a> <a href="#Seite_315">S.&nbsp;315</a>&nbsp;f., <a href="#Seite_330">330</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_73_73" id="Fussnote_73_73"></a><a href="#FNAnker_73_73"><span class="label">[73]</span></a> <a href="#Seite_173">S.&nbsp;173</a>, <a href="#Seite_224">224</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_74_74" id="Fussnote_74_74"></a><a href="#FNAnker_74_74"><span class="label">[74]</span></a> Es lieen sich die Analogien zwischen hherem und niederem
-Leben noch vermehren. Es ist nicht, wie man heute allgemein glaubt, nur
-ein oberflchlicher Fehlschlu, wenn stets und berall der <em class="gesperrt">Atem</em> in eine
-besondere Beziehung zur <em class="gesperrt">Seele</em> des Menschen gesetzt wurde. Wie die
-Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, d.&nbsp;h. im Zusammenhange mit
-dem All lebt, so ist auch der Atem, viel allgemeiner noch als die Sinnesorgane,
-Vermittler eines Konnexes zwischen jedem Organismus und dem
-Weltganzen; und wenn er erlischt, ist das niedere Leben zu Ende. Er ist
-das Prinzip des irdischen, wie die Seele das des ewigen Lebens.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_75_75" id="Fussnote_75_75"></a><a href="#FNAnker_75_75"><span class="label">[75]</span></a> Alle Individualitt ist der Gemeinschaft feind: wo sie in hchster
-Sichtbarkeit wirkt, wie im genialen Menschen, zeigt sich dies gerade dem
-Geschlechtlichen gegenber. Nur <em class="gesperrt">hieraus</em> erklrt es sich, da sicherlich
-alle bedeutenden Menschen, die, welche es verhllt aussprechen knnen,
-wie die Knstler, und die, welche so unendlich viel verschweigen mssen
-wie die Philosophen &mdash; weshalb man sie dann fr trocken und leidenschaftslos
-hlt &mdash; da also alle genialen Menschen ohne Ausnahme, soweit
-sie eine entwickelte Sexualitt besitzen, an den strksten geschlechtlichen
-Perversionen leiden (entweder am <em class="gesperrt">Sadismus</em>, oder, wie zweifelsohne
-die greren, am <em class="gesperrt">Masochismus</em>). Das allen jenen Neigungen Gemeinsame
-ist ein instinktives <em class="gesperrt">Ausweichen</em> vor der vlligen krperlichen Gemeinschaft,
-ein <em class="gesperrt">Vorbeiwollen am Koitus</em>. Denn einen wahrhaft
-bedeutenden Menschen, der im Koitus mehr she als einen tierischen,
-schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar in ihm das tiefste, heiligste Mysterium
-vergtterte, wird es, kann es niemals geben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_76_76" id="Fussnote_76_76"></a><a href="#FNAnker_76_76"><span class="label">[76]</span></a> Die mnnliche Freundschaft scheut das Niederreien von Mauern
-zwischen den Freunden. Freundinnen <em class="gesperrt">verlangen</em> Intimitten <em class="gesperrt">auf Grund</em>
-ihrer Freundschaft.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_77_77" id="Fussnote_77_77"></a><a href="#FNAnker_77_77"><span class="label">[77]</span></a> In solchen Fllen kommt die hbschere der weniger ansehnlichen
-oder weniger beachteten zweiten mit einem aus Mitleid und Verachtung
-gemischten Gefhl entgegen, welches, nebst dem Interesse an einer Folie
-fr die eigenen Vorzge, allein die lngere Aufrechthaltung derartiger Beziehungen
-auch von ihrer Seite begnstigt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_78_78" id="Fussnote_78_78"></a><a href="#FNAnker_78_78"><span class="label">[78]</span></a> Man darf dies nicht verwechseln mit der Fhigkeit, die ganze
-Natur zu umfassen, wie sie der Mann hat, weil er <em class="gesperrt">nicht nur</em> Natur ist.
-Die Frauen stehen <em class="gesperrt">in</em> der Natur als ein <em class="gesperrt">Teil</em> derselben, und in kausaler
-Wechselbeziehung zu allen anderen Teilen: von Mond und Meer, von Wetter
-und Gewitter, von Elektrizitt und Magnetismus sind sie in einem viel
-weiteren Ausma <em class="gesperrt">abhngig</em> als der Mann.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_79_79" id="Fussnote_79_79"></a><a href="#FNAnker_79_79"><span class="label">[79]</span></a> Vgl. <a href="#Seite_109">S.&nbsp;109</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_80_80" id="Fussnote_80_80"></a><a href="#FNAnker_80_80"><span class="label">[80]</span></a> Vgl. <a href="#Seite_128">S.&nbsp;128</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_81_81" id="Fussnote_81_81"></a><a href="#FNAnker_81_81"><span class="label">[81]</span></a> Vgl. <a href="#Seite_127">S.&nbsp;127</a>, <a href="#Seite_129">129</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_82_82" id="Fussnote_82_82"></a><a href="#FNAnker_82_82"><span class="label">[82]</span></a> Vgl. hiezu auch <a href="#Seite_245">S.&nbsp;245</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_83_83" id="Fussnote_83_83"></a><a href="#FNAnker_83_83"><span class="label">[83]</span></a> Man vergleiche den Schlu des 10. Kapitels.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_84_84" id="Fussnote_84_84"></a><a href="#FNAnker_84_84"><span class="label">[84]</span></a> Vgl. Kapitel 11, Schlu. So auch, warum hher stehende Frauen
-bisexuell sein, d.&nbsp;h. nicht <em class="gesperrt">ausschlielich</em> unter dem Regiment des Phallus
-stehen mssen (Teil I, <a href="#Seite_81">S.&nbsp;81</a>&ndash;82). Doch scheint in der lesbischen Liebe
-<em class="gesperrt">Hysterie</em> eine betrchtliche Rolle zu spielen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_85_85" id="Fussnote_85_85"></a><a href="#FNAnker_85_85"><span class="label">[85]</span></a> Der Verfasser hat hier zu bemerken, da er selbst jdischer Abstammung
-ist.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_86_86" id="Fussnote_86_86"></a><a href="#FNAnker_86_86"><span class="label">[86]</span></a> Ein solcher vom Judentum fast freier Mann, und darum Philosemit,
-war <em class="gesperrt">Zola</em>. Da hervorragendere Menschen sonst fast stets Antisemiten
-waren (<em class="gesperrt">Tacitus</em>, <em class="gesperrt">Pascal</em>, <em class="gesperrt">Voltaire</em>, <em class="gesperrt">Herder</em>, <em class="gesperrt">Goethe</em>, <em class="gesperrt">Kant</em>, <em class="gesperrt">Jean Paul</em>,
-<em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, <em class="gesperrt">Grillparzer</em>, <em class="gesperrt">Wagner</em>) geht eben darauf zurck, da
-sie, die so viel mehr in sich haben als die anderen Menschen, auch das
-Judentum besser verstehen als diese (vgl. Kapitel 4).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_87_87" id="Fussnote_87_87"></a><a href="#FNAnker_87_87"><span class="label">[87]</span></a> Vgl. Kapitel 11, <a href="#Seite_327">S.&nbsp;327</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_88_88" id="Fussnote_88_88"></a><a href="#FNAnker_88_88"><span class="label">[88]</span></a> Vgl. <a href="#Seite_139">S.&nbsp;139</a>&nbsp;f.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_89_89" id="Fussnote_89_89"></a><a href="#FNAnker_89_89"><span class="label">[89]</span></a> Und russisch. Die Russen aber sind bezeichnend wenig sozial veranlagt,
-und haben unter allen europischen Vlkern das geringste Verstndnis
-fr den Staat. Hiemit stimmt es nach dem vorigen nur berein,
-da sie durchwegs Antisemiten sind.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_90_90" id="Fussnote_90_90"></a><a href="#FNAnker_90_90"><span class="label">[90]</span></a> Der Glaube an Jehovah und die Lehre Mosis ist nur ein Glaube
-an diese jdische Gattung und ihre Lebenskraft; Jehovah ist die personifizierte
-Idee des Juden<em class="gesperrt">tums</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_91_91" id="Fussnote_91_91"></a><a href="#FNAnker_91_91"><span class="label">[91]</span></a> Hier kam es mir darauf an, den Drang der Juden zur Chemie einzuordnen.
-Der anderen Chemie, der Wissenschaft eines <em class="gesperrt">Berzelius</em>, <em class="gesperrt">Liebig</em>,
-<em class="gesperrt">van t'Hoff</em> soll hiemit nicht nahegetreten sein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_92_92" id="Fussnote_92_92"></a><a href="#FNAnker_92_92"><span class="label">[92]</span></a> Ein Genie ist <em class="gesperrt">Spinoza</em> nicht gewesen. Es gibt keinen gedankenrmeren
-und keinen phantasieloseren Philosophen unter allen <em class="gesperrt">singulren</em>
-Gestalten der Philosophiegeschichte. Und man miversteht den Spinozismus
-&mdash; durch den Gedanken an <em class="gesperrt">Goethe</em> getuscht &mdash; <em class="gesperrt">vllig</em>, wenn man in
-ihm vielleicht den schamhaften Ausdruck eines tiefsten Verhltnisses zur
-Natur erblickt. Wer das All umfassen will, der kann nicht mit Definitionen
-beginnen. <em class="gesperrt">Spinozas</em> Verhltnis zur Natur war vielmehr ein ausnehmend
-loses. Dazu stimmt es, da er auf seinem ganzen Lebenswege nirgends der
-Kunst begegnet ist (vgl. Kapitel 11, <a href="#Seite_325">S.&nbsp;325</a>&nbsp;f.).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_93_93" id="Fussnote_93_93"></a><a href="#FNAnker_93_93"><span class="label">[93]</span></a> Vgl. Kapitel 12, <a href="#Seite_356">S.&nbsp;356</a>, <a href="#Seite_363">363</a>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_94_94" id="Fussnote_94_94"></a><a href="#FNAnker_94_94"><span class="label">[94]</span></a> Dem hier entwickelten, <em class="gesperrt">umfassenden</em> Begriff der Frmmigkeit
-knnten mannigfache Mideutungen leicht begegnen. Darum mchte ich
-zu seiner Erluterung noch einiges bemerken. Frmmigkeit liegt nicht blo
-im <em class="gesperrt">Besitz</em>, sondern auch im Kampfe, um Besitz zu <em class="gesperrt">erringen</em>: nicht blo
-der berzeugte <em class="gesperrt">Gottverknder</em> (wie <em class="gesperrt">Hndel</em>, oder wie <em class="gesperrt">Fechner</em>) ist
-<em class="gesperrt">fromm</em>, sondern auch der irrende, zweifelnde <em class="gesperrt">Gottsucher</em> (wie <em class="gesperrt">Lenau</em>,
-oder wie <em class="gesperrt">Drer</em>). Frmmigkeit braucht nicht in ewiger Betrachtung vor
-dem Weltganzen zu stehen (so wie <em class="gesperrt">Bach</em> vor ihm steht); sie mag (wie bei
-<em class="gesperrt">Mozart</em>) als eine alle <em class="gesperrt">Einzel</em>dinge <em class="gesperrt">begleitende</em> Religiositt sich offenbaren.
-Sie ist endlich nicht an das Auftreten eines Stifters gebunden: das frmmste
-Volk der Welt sind die <em class="gesperrt">Griechen</em> gewesen, und darum war ihre Kultur
-die hchste unter allen bisherigen; unter ihnen aber hat es sicher nie einen
-berragenden Religionsstifter gegeben (dessen sie nicht bedurften; vgl. <a href="#Seite_440">S.&nbsp;440</a>).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_95_95" id="Fussnote_95_95"></a><a href="#FNAnker_95_95"><span class="label">[95]</span></a> Hiegegen kann die jdische Unduldsamkeit keinen Einwand
-bilden. Wahre Religion ist <em class="gesperrt">immer</em> eifrig, aber <em class="gesperrt">nie</em> zelotisch. Intoleranz ist
-vielmehr identisch mit Unglubigkeit; wie die <em class="gesperrt">Macht</em> das tuschendste
-Surrogat der <em class="gesperrt">Freiheit</em> ist, so entsteht Intoleranz nur aus dem Mangel
-an <em class="gesperrt">individueller Sicherheit</em> des Glaubens.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_96_96" id="Fussnote_96_96"></a><a href="#FNAnker_96_96"><span class="label">[96]</span></a> Hieraus erst ist wirklich die Genielosigkeit des Juden erklrbar
-(vgl. <a href="#Seite_236">S.&nbsp;236</a>): nur Glaube ist schpferisch. Und vielleicht spiegelt die
-geringere geschlechtliche Potenz des Juden <em class="gesperrt">dieselbe</em> Tatsache in der <em class="gesperrt">niederen</em>
-Sphre wieder.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_97_97" id="Fussnote_97_97"></a><a href="#FNAnker_97_97"><span class="label">[97]</span></a> Der Mann erst schafft das Weib. Darum besitzen die Jdinnen bekanntermaen
-jene Einfachheit der Christinnen nicht, die sich ohne weiteres
-an das sexuelle Komplement hingibt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_98_98" id="Fussnote_98_98"></a><a href="#FNAnker_98_98"><span class="label">[98]</span></a> Dies darf man aber nicht, wie <em class="gesperrt">Schopenhauer</em>, und nach ihm
-unter Bentzung seiner mangelhaften psychologischen Distinktion, H.&nbsp;S.&nbsp;<em class="gesperrt">Chamberlain</em>,
-als ein berwiegen des Willens und ein abnormes Zurcktreten
-des Intellektes deuten. Der Jude ist gar nicht wirklich willensstark, und
-seine innere Unentschiedenheit knnte sogar leicht zu einer <em class="gesperrt">irrigen</em> Verwechslung
-mit psychischem Masochismus, das ist Schwere und Hilflosigkeit
-im Augenblicke des Entschlusses, Anla geben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_99_99" id="Fussnote_99_99"></a><a href="#FNAnker_99_99"><span class="label">[99]</span></a> Hier gelangt zur Erledigung, was aus den Errterungen des
-vierten bis achten Kapitels mit Absicht fern gehalten werden mute.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_100_100" id="Fussnote_100_100"></a><a href="#FNAnker_100_100"><span class="label">[100]</span></a> Man erinnert sich hier vielleicht des <a href="#Seite_139">S.&nbsp;139</a>&nbsp;f. ber die psychologische
-Bedeutung der Gegensatzpaare Bemerkten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_101_101" id="Fussnote_101_101"></a><a href="#FNAnker_101_101"><span class="label">[101]</span></a> Hierin liegt auch der Unterschied und die Grenze zwischen dem
-Antisemitismus des Juden und dem Antisemitismus des Indogermanen begrndet.
-Dem jdischen Antisemiten ist der Jude nur antipathisch; der antisemitische
-Arier hingegen ist, wenn er auch noch so mutig den Kampf
-gegen das Judentum fhrt, im Grunde seines Herzens doch immer, was der
-Jude nie ist: <em class="gesperrt">Judaeophobe</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_102_102" id="Fussnote_102_102"></a><a href="#FNAnker_102_102"><span class="label">[102]</span></a> Vgl. Kapitel 12, <a href="#Seite_374">S.&nbsp;374</a>&nbsp;f.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_103_103" id="Fussnote_103_103"></a><a href="#FNAnker_103_103"><span class="label">[103]</span></a> Zum Beispiel der Laura <em class="gesperrt">Marholm</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_104_104" id="Fussnote_104_104"></a><a href="#FNAnker_104_104"><span class="label">[104]</span></a> ber den Einflu der Ovarienexstirpation auf Strukturvernderungen
-des Uterus. Archiv fr Gynkologie, 51, 1896, 286&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_105_105" id="Fussnote_105_105"></a><a href="#FNAnker_105_105"><span class="label">[105]</span></a> Man wrde sich einer sehr zweischneidigen Waffe bedienen, wenn
-man diese Worte so auffassen wollte, als htte Keats wie Hume erklrt,
-keine Seele zu besitzen, da in Wirklichkeit vielmehr die Existenz der Seele
-hierin ausgesprochen ist.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_106_106" id="Fussnote_106_106"></a><a href="#FNAnker_106_106"><span class="label">[106]</span></a> <em class="gesperrt">Nietzsche</em> hatte auch wohl recht, als er in ihm keinen echten
-Hellenen erblickte; indes <em class="gesperrt">Plato</em> wieder ganz und gar Grieche ist.</p></div>
-
-
-
-
-
-<div class="transnote pagebreak p4">
-<h2 class="nopagebreak">Anmerkungen zur Transkription</h2>
-
-Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebruchlich waren, wie:
-
-<ul class="index">
-<li>Abfalles -- Abfalls</li>
-<li>Alkmaion -- Alkmon</li>
-<li>angeborene -- angeborne</li>
-<li>Association -- Assoziation</li>
-<li>Augenblickes -- Augenblicks</li>
-<li>Descendenzlehre -- Deszendenzlehre</li>
-<li>Detumescenz -- Detumeszenz</li>
-<li>Eierstockes -- Eierstocks</li>
-<li>Erection -- Erektion</li>
-<li>Frauen-Emanzipation -- Frauenemanzipation</li>
-<li>Gattungs-Ethik -- Gattungsethik</li>
-<li>geborenen -- gebornen</li>
-<li>Geschlechts-Dimorphismus -- Geschlechtsdimorphismus</li>
-<li>Heniden-Theorie -- Henidentheorie</li>
-<li>Herren -- Herrn</li>
-<li>hiefr -- hierfr</li>
-<li>Ich-Begriff -- Ichbegriff</li>
-<li>Imperatives -- Imperativs</li>
-<li>Inhaltes -- Inhalts</li>
-<li>Irrtumes -- Irrtums</li>
-<li>Judentumes -- Judentums</li>
-<li>Kantische -- kantische</li>
-<li>L'Instinct Sexuel -- L'instinct sexuel</li>
-<li>Lawn-tennis-Spiel -- Lawntennisspiel</li>
-<li>Materiales -- Materials</li>
-<li>Mutter-Typus -- Muttertypus</li>
-<li>Mythos -- Mythus</li>
-<li>Nicht-Sein -- Nichtsein</li>
-<li>Plato -- Platon</li>
-<li>Schicksales -- Schicksals</li>
-<li>Schn-Finden -- Schnfinden</li>
-<li>stammesverwandten -- stammverwandten</li>
-<li>Subjektes -- Subjekts</li>
-<li>Systemes -- Systems</li>
-<li>transcendental -- transscendental</li>
-<li>ungeheuere -- ungeheure</li>
-<li>Ursprunges -- Ursprungs</li>
-<li>Urteil -- Urtheil</li>
-<li>Verkehres -- Verkehrs</li>
-<li>Vermittelung -- Vermittlung</li>
-<li>Virginitts-Ideal -- Virginittsideal</li>
-<li>weiteres -- weiters</li>
-<li>Widerspruches -- Widerspruchs</li>
-</ul>
-
-Fehlende Satzzeichen wurden ohne Erwhnung ergnzt.
-Die folgenden Korrekturen wurden vorgenommen. Sie beinhalten Teile der
-auf Seite 598 f. aufgefhrten Verbesserungen sinnstrender Fehler.
-
-<ul class="index">
-<li>S. XVIII Erkenntis in Erkenntnis gendert.</li>
-<li>S. 3 alles in allem gendert (Funote).</li>
-<li>S. 20 Oskar Hertwig in Oscar Hertwig gendert.</li>
-<li>S. 22 Spezifizitt in Spezifitt gendert.</li>
-<li>S. 30 thelyoide in thelyide gendert.</li>
-<li>S. 34 eingefgt.</li>
-<li>S. 37 Apperceptionen in Apperzeptionen gendert.</li>
-<li>S. 40 bestimmer in bestimmter gendert.</li>
-<li>S. 45 andern in anderen gendert.</li>
-<li>S. 48 vertheidigen in verteidigen gendert.</li>
-<li>S. 54 Krpelin in Kraepelin gendert.</li>
-<li>S. 62 thelyoide in thelyide gendert.</li>
-<li>S. 69 einem in einer gendert.</li>
-<li>S. 85 de la Mothe Guyon in de la Motte Guyon gendert.</li>
-<li>S. 85 Elisabeth Barrett-Browning in Elizabeth Barrett Browning gendert.</li>
-<li>S. 85 Angelika Kaufmann in Angelika Kauffmann gendert.</li>
-<li>S. 85 Etrangers in trangers gendert.</li>
-<li>S. 85 vorherhand in vorderhand gendert.</li>
-<li>S. 114 Intensivikationen in Intensifikationen gendert.</li>
-<li>S. 121 in gendert.</li>
-<li>S. 126 verschedenen in verschiedenen gendert.</li>
-<li>S. 134 ; oder denke eingefgt.</li>
-<li>S. 144 Hero-worship in Hero-Worship gendert.</li>
-<li>S. 150 schillerndern in schillernden gendert.</li>
-<li>S. 150 Ubereinstimmung in bereinstimmung gendert.</li>
-<li>S. 169 da in da߫ gendert.</li>
-<li>S. 177 Schellingens in Schellings gendert.</li>
-<li>S. 189 sprunghaften in sprunghaftem gendert.</li>
-<li>S. 190 reprsentiert in prsentiert gendert.</li>
-<li>S. 194 , eingefgt.</li>
-<li>S. 216 Intensivikationen in Intensifikationen gendert.</li>
-<li>S. 220 erw durchrmter Stab in erwrmter Stab durch gendert (Funote).</li>
-<li>S. 237 caeteris in ceteris gendert.</li>
-<li>S. 264 Phnome in Phnomene gendert.</li>
-<li>S. 267 eingefgt (Funote).</li>
-<li>S. 272 innnere in innere gendert.</li>
-<li>S. 277 und und in und gendert.</li>
-<li>S. 274 zu eingefgt.</li>
-<li>S. 291 ihrer in seiner gendert.</li>
-<li>S. 301 grer in grere gendert.</li>
-<li>S. 311 zusammenhangend in zusammenhngend gendert.</li>
-<li>S. 331 der in des gendert.</li>
-<li>S. 333 unermessliche in unermeliche gendert.</li>
-<li>S. 333 mir in mit gendert.</li>
-<li>S. 333 eingefgt.</li>
-<li>S. 345 Gebahren in Gebaren gendert.</li>
-<li>S. 356 wie eingefgt.</li>
-<li>S. 361 sexuelles in asexuelles gendert.</li>
-<li>S. 366 fremde in fremden gendert.</li>
-<li>S. 384 , entfernt.</li>
-<li>S. 405 kontrolierbare in kontrollierbare gendert.</li>
-<li>S. 405 malaisch in malaiisch gendert.</li>
-<li>S. 425 sie in es gendert.</li>
-<li>S. 428 Ganze in Ganzes gendert.</li>
-<li>S. 434 den Augenblick in der Augenblick gendert.</li>
-<li>S. 434 sich Welt in sich die Welt gendert.</li>
-<li>S. 440 Jndogermanen in Indogermanen gendert (Funote).</li>
-<li>S. 444 von vorherein in von vornherein gendert.</li>
-<li>S. 448 anstellt in anstrebt gendert.</li>
-<li>S. 449 er geben in ergeben gendert.</li>
-<li>S. 449 veranschlgt in veranschlagt gendert.</li>
-<li>S. 450 Neu-Seeland in Neuseeland gendert.</li>
-<li>S. 451 zu entfernt.</li>
-<li>S. 455 Als in Also gendert.</li>
-<li>S. 456 Anwort in Antwort gendert.</li>
-<li>S. 466 Oskar Hertwig in Oscar Hertwig gendert.</li>
-<li>S. 467 Hydatride in Hydatide gendert.</li>
-<li>S. 473 eingefgt.</li>
-<li>S. 474 S. 397-368 in S. 367-368 gendert.</li>
-<li>S. 475 eingefgt.</li>
-<li>S. 476 Je tait in Il tait gendert.</li>
-<li>S. 483 hen-pheasants in Hen-Pheasants gendert.</li>
-<li>S. 486 Literaturausgaben in Literaturangaben gendert.</li>
-<li>S. 488 Hypospadaeus in Hypospadiaeus gendert.</li>
-<li>S. 491 dioecisch in dizisch gendert.</li>
-<li>S. 494 eingefgt.</li>
-<li>S. 494 Phyllanthus in phyllanthus gendert.</li>
-<li>S. 501 Univeral-Bibliothek in Universal-Bibliothek gendert.</li>
-<li>S. 502 eingefgt.</li>
-<li>S. 505 erternde in errternde gendert.</li>
-<li>S. 505 ) eingefgt.</li>
-<li>S. 508 Womans in Woman's gendert.</li>
-<li>S. 512 Erscheinugen in Erscheinungen gendert.</li>
-<li>S. 514 &#948;&#953;&#948;&#969;&#963;&#953; in &#948;&#943;&#948;&#969;&#963;&#953;&#957; gendert.</li>
-<li>S. 517 in gendert.</li>
-<li>S. 517 ) eingefgt.</li>
-<li>S. 522 Stazion in Station gendert.</li>
-<li>S. 523 Fremden in Fremdem gendert.</li>
-<li>S. 525 Mathemathik in Mathematik gendert.</li>
-<li>S. 526 he in the gendert.</li>
-<li>S. 534 Ludwig Sein in Ludwig Stein gendert.</li>
-<li>S. 534 caussa in causa gendert.</li>
-<li>S. 534 &#954;&#945;&#8150; in &#954;&#945;&#8054; gendert.</li>
-<li>S. 534 eingefgt.</li>
-<li>S. 536 mosh in most gendert.</li>
-<li>S. 537 &#960;&#959;&#955;&#955;&#8048; in &#960;&#959;&#955;&#955;&#8048;&#962; gendert.</li>
-<li>S. 540 or in of gendert.</li>
-<li>S. 545 Halbmonatschrift in Halbmonatsschrift gendert.</li>
-<li>S. 552 , entfernt.</li>
-<li>S. 554 Peleus Tat in Peleus' Tat gendert.</li>
-<li>S. 554 eingefgt.</li>
-<li>S. 556 Das philosophische Ehzuchtbchlein in Das Philosophisch Ehezuchtbchlin gendert.</li>
-<li>S. 559 Gardeners Chronicle in Gardeners' Chronicle gendert.</li>
-<li>S. 561 chesnut in chestnut gendert.</li>
-<li>S. 561 sexteenths in sixteenths gendert.</li>
-<li>S. 562 whit in with gendert.</li>
-<li>S. 562 Oskar Hertwig in Oscar Hertwig gendert.</li>
-<li>S. 564 emfangende in empfangende gendert.</li>
-<li>S. 564 entfernt.</li>
-<li>S. 565 Ogni in ogni gendert.</li>
-<li>S. 567 . in , gendert.</li>
-<li>S. 567 &#963;&#965;&#964;&#949; in &#959;&#965;&#964;&#949; gendert.</li>
-<li>S. 570 L'Etat in L'tat gendert.</li>
-<li>S. 571 anquel in auquel gendert.</li>
-<li>S. 572 arriva in arrivait gendert.</li>
-<li>S. 573 ides in Ides gendert.</li>
-<li>S. 577 eingefgt.</li>
-<li>S. 577 ] eingefgt.</li>
-<li>S. 580 entscheidensten in entscheidendsten gendert.</li>
-<li>S. 580 Ptolemaern in Ptolemern gendert.</li>
-<li>S. 581 &#964;&#949; eingefgt.</li>
-<li>S. 581 &#949;&#953;&#963;&#964;&#953;&#959;&#957;&#964;&#969;&#957; in &#949;&#953;&#963;&#953;&#959;&#957;&#964;&#969;&#957; gendert.</li>
-<li>S. 581 &#949;&#953;&#963;&#964;&#953;&#959;&#957;&#964;&#945; in &#949;&#953;&#963;&#953;&#959;&#957;&#964;&#945; gendert.</li>
-<li>S. 581 &#948;&#965;&#963;&#964;&#966;&#961;&#945;&#963;&#964;&#959;&#957; in &#948;&#965;&#963;&#966;&#961;&#945;&#963;&#964;&#959;&#957; gendert.</li>
-<li>S. 581 &#949;&#953;&#963;&#964;&#945;&#965;&#952;&#953;&#962; in &#949;&#953;&#963; &#945;&#965;&#952;&#953;&#962; gendert.</li>
-<li>S. 582 &#954;&#940;&#956;&#960;&#965;&#955;&#959;&#957; in &#954;&#945;&#956;&#960;&#973;&#955;&#959;&#957; gendert.</li>
-<li>S. 582 studj in studi gendert.</li>
-<li>S. 583 esmanire in exinanire gendert.</li>
-<li>S. 583 li dei in gli dei gendert.</li>
-<li>S. 590 Ttigkeit in Thtigkeit gendert.</li>
-<li>S. 595 entfernt.</li>
-</ul>
-
-</div>
-
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHLECHT UND CHARAKTER***</p>
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-<li>You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
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- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
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- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
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- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."</li>
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- License. You must require such a user to return or destroy all
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- works.</li>
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- distribution of Project Gutenberg-tm works.</li>
-</ul>
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-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.</p>
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-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
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-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.</p>
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-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
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-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.</p>
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-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.</p>
-
-<p>1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause. </p>
-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org.</p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact</p>
-
-<p>For additional contact information:</p>
-
-<p> Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org</p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
-</body>
-</html>
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