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-The Project Gutenberg EBook of Gedanken über Religion, by George John Romanes
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-Title: Gedanken über Religion
- Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus
- zum Christentum.
-
-Author: George John Romanes
-
-Translator: E. Dennert
-
-Release Date: February 13, 2016 [EBook #51208]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANKEN ÜBER RELIGION ***
-
-
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-
-Produced by Ralph Janke, Marilynda Fraser-Cunliffe, Norbert
-Müller and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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-
- Gedanken über Religion
-
-
- von
-
-
- George John Romanes.
-
-
- Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom
- Atheismus zum Christentum.
-
-
- Autorisierte Übersetzung nach der 7. Auflage des englischen Originals
-
- von
-
- _Dr. phil._ E. Dennert.
-
-
- Göttingen
-
- Vandenhoeck und Ruprecht
-
- 1899.
-
-
-
-
- Vorwort des Uebersetzers.
-
-
-In dem Verhältnis der Naturforscher zur Religion ist in den letzten
-Jahrzehnten eine merkwürdige Wendung vor sich gegangen. Bekanntlich
-herrschte in den fünfziger und sechsziger Jahren eine kraß
-materialistische Strömung, welche in Deutschland von Männern wie Vogt
-und Moleschott angebahnt war. Die namhaften Naturforscher blieben
-jedoch von ihr unberührt, sie hatten fast alle eine religions- und
-christentumsfreundliche Stellung. Als aber in den siebenziger Jahren
-die Lehre Darwins mehr und mehr Eingang fand und Haeckel seinen
-Monismus predigte, änderte sich das Verhältnis, und die Stellung der
-in den beiden folgenden Jahrzehnten, wie auch noch in dem laufenden
-maßgebenden Naturforscher zur Religion wurde eine zum mindesten
-gleichgiltige. Die Naturwissenschaft und die induktive Methode steht
-bei den meisten dieser Männer so sehr im Mittelpunkt des Denkens und
-des Lebens, daß alles andere, was sonst ein Menschenleben erfüllt und
-ausmacht, bei ihnen weit zurücktritt.
-
-Wenn manche dieser Forscher nach ihrem religiösen Standpunkt gefragt
-werden, so erklären sie sich für »=Agnostiker=«, sie wissen nichts
-von religiösen Fragen oder überhaupt von Fragen, die jenseits des
-naturwissenschaftlichen Gebiets auftauchen. Dieses Wort wurde jedoch
-von vielen in dem Sinn gebraucht, daß man jenseits der natürlichen
-Kausalität überhaupt nichts wissen, keine Gewißheit je erlangen
-=könne=. Eine große Reihe von Naturforschern stand, wenn sie nicht
-geradezu glaubensfeindlich waren, vor 10-20 Jahren so. Zu erklären
-ist diese Erscheinung sicherlich durch den Einfluß der gewaltigen
-Entwicklung der Naturwissenschaft überhaupt und des Darwinismus
-im speziellen: es gab viele, denen erschien alles Erforschte als
-unantastbare Wahrheit, und die Zeit schien ihnen nicht fern, in der die
-ganze Natur, auch alles Leben und Werden, für den Forscher völlig klar
-und durchsichtig sein würde; bei solchen Gedanken mußte eine Verkennung
-des Wertes der naturwissenschaftlichen Methode nur zu nahe liegen, sie
-erschien daher vielen als der einzig mögliche Weg zur Erkenntnis der
-Wahrheit.
-
-Allein es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel
-wachsen, das kann man auch auf diesem Gebiete sagen: allmählich
-trat vor allem in Bezug auf den Darwinismus eine Ernüchterung ein,
-im eignen Lager wurde an dem vermeintlich unzerstörbaren Bollwerk
-gerüttelt, und da seine Festigkeit eine eingebildete war, so konnte
-nicht ausbleiben, daß es um so schneller fiel, bezw. fällt. Dieser
-Zerbröckelungsprozeß setzt sich noch weiter fort, aber es ist nicht
-anzunehmen, daß abgesehen von einigen »Alten«, die sich noch um
-Haeckel und Weismann scharen, echte Darwinianer ihren Einzug in das
-neue Jahrhundert halten werden. Das ist aber nicht ohne Einfluß auf
-die philosophischen und religiösen Anschauungen der Naturforscher
-geblieben. Zwar wird sich das alte Verhältnis, d. h. ein Überwiegen der
-religiös und christlich gerichteten Forscher, so schnell noch nicht
-wieder herstellen -- kommen wird es ganz sicher wieder --; aber eine
-Anbahnung ist schon heute gar nicht zu verkennen. Diese äußert sich
-zunächst in einer viel freundlicheren Stellung zu religiösen Fragen und
-vor allem in der Anerkennung, daß Religion und Naturwissenschaft zwei
-getrennte Gebiete sind, die mit einander nur wenig zu thun haben. Aus
-dieser Erkenntnis wird sich dann sicherlich mehr und mehr die andere
-entwickeln, daß man bei allem naturwissenschaftlichen Wissen auch einen
-persönlichen religiösen Glauben besitzen kann, weil die Quellen der
-wissenschaftlichen und religiösen Erkenntnisse ganz verschieden sind.
-
-Der =Agnostizismus=, wie ich ihn oben gekennzeichnet habe, erhält
-unter diesem Einfluß ein ganz anderes Gesicht; allerdings sagt er sehr
-richtig auch jetzt noch, daß man mit naturwissenschaftlichem Wissen
-und naturwissenschaftlicher Methode auf religiösem Gebiet nichts
-ausrichten, nichts erkennen kann, allein er fügt nun hinzu: vielleicht
-kann man es auf anderem Wege, und dieser Möglichkeit steht er ganz
-unparteiisch gegenüber.
-
-Zu den Männern, welche die letztgenannte Art von Agnostizismus
-vertraten, gehört vor allem G. Romanes, der englische Biologe, er ist
-am 26. Mai 1848 zu Kingston in Kanada geboren, war ein Freund Darwins,
-der ihm eine Reihe von unveröffentlichten Manuskripten hinterließ, von
-denen Romanes einige veröffentlichte. Romanes selbst schrieb ein Werk
-über »physiologische Zuchtwahl«, eines über »tierische Intelligenz«,
-»Vor und nach Darwin«, »eine Prüfung der Lehre Weismanns« u. a. m.,
-er starb schon am 23. Mai 1894. Romanes zeigt an sich selbst die
-eigentümliche Entwicklung, welche das Verhältnis der Naturforschung
-zur Religion in den letzten Jahrzehnten genommen hat: von Haus aus dem
-Glauben zugethan, wurde er durch die Darwinsche Strömung allgemach zu
-vollem Skeptizismus und Unglauben getrieben, aus dem er sich jedoch
-wieder emporarbeitete, so daß er sogar als ein gläubiger Christ
-gestorben ist. Diese religiöse Entwicklung spiegelt sich nun auch in
-seinen religionsphilosophischen Schriften wieder, alle eben genannten
-Stufen finden sich in letzteren, und es ist daher im höchsten Grade
-interessant, sie zu vergleichen und die stufenweise Rückkehr des
-Verfassers zum Glauben zu verfolgen. Die letzte dieser Schriften zu
-vollenden und zu veröffentlichen ist dem Entschlafenen leider nicht
-vergönnt gewesen. Nach seinem Tode aber hat sein Freund Charles Gore,
-Kanonikus an Westminster, in liebevollster Weise die Herausgabe dieser
-Schrift, sowie der anderen, die einen Einblick in das innere Leben des
-Verfassers gestatten, besorgt. Diese Aufsätze sind vor 3 Jahren unter
-dem Titel »_Thoughts on religion_« erschienen und haben innerhalb
-zweier Jahre in England sieben Auflagen erlebt. Das Buch verdient es
-im höchsten Grade, auch in Deutschland bekannt zu werden, um auch
-bei uns in ähnlicher Weise wie die Werke des auch leider zu früh
-entschlafenen Drummond ein Zeuge dafür zu sein, daß Glaube und Wissen
-keine Gegensätze sind.
-
-Der Unterzeichnete hat, nachdem er das Buch kennen lernte, die deutsche
-Ausgabe um so lieber übernommen, als der Inhalt dieses Buches in
-derselben Richtung liegt wie manche seiner eignen Schriften, und er
-übergiebt seine Bearbeitung nunmehr der Öffentlichkeit mit dem Wunsche,
-daß sie bei seinen naturwissenschaftlichen Fachgenossen ebenso wie bei
-anderen zum weiteren Nachdenken anregen möchte. -- Wie die Übersetzung
-nicht immer leicht gewesen ist, so wird es auch die Lektüre nicht
-immer sein; dieselbe fordert an manchen Stellen Aufmerksamkeit und
-Nachdenken, wird aber auch den Leser, der beides nicht scheut, ganz
-gewiß reichlich belohnen.
-
-Die letzten Abschnitte sind Fragmente, die leider unvollendet blieben,
-der Verfasser ist eben mitten in der Arbeit an dem Buch und mit ihm
-an seinem religiösen Glauben abberufen worden, niemand wird anders
-können als mit Canon Gore voller Wehmut bedauern, daß es nur Fragmente
-sind. Aber der Übersetzer ist auch überzeugt, niemand wird dieses Buch
-aus der Hand legen, ohne ein Gefühl der Verehrung für den edlen Mann,
-dessen unbeugsames, »unbefangenes«, reines und selbstloses Streben nach
-Wahrheit in ihm so lebhaft und schön zum Ausdruck kommt.
-
-Einen besonderen Dank möchte ich an dieser Stelle noch dem englischen
-Herausgeber Canon Ch. Gore an Westminster für sein lebhaftes Interesse
-an der Übersetzung aussprechen, dasselbe zeigte sich auch darin, daß er
-eine Korrektur des Druckes gelesen hat.
-
- Rüngsdorf-Godesberg. _Dr. phil._ =E. Dennert=.
-
-
-
-
- Einleitung des Übersetzers[1].
-
-
-Romanes hat mit 25 Jahren 1873 eine Abhandlung geschrieben, in der
-er das Verhältnis des Gebets zur Unabänderlichkeit der Naturgesetze
-erörtert. Hier zeigt er einen ganz theistischen Standpunkt, ja, er
-ist damals sogar noch Anhänger des christlichen Offenbarungsglaubens,
-den er mit der Unabänderlichkeit der Naturgesetze zu versöhnen sucht.
-Bald nach jener Zeit jedoch muß er sich innerlich merkwürdig schnell
-geändert haben, wie das seine anonym im Jahr 1878 veröffentlichte
-»Unbefangene Prüfung des Theismus« zeigt. Hier untersucht er mit großer
-Gewissenhaftigkeit und Schärfe die Frage nach dem Dasein Gottes. Sein
-Gedankengang ist ungefähr folgender:
-
-Der Theismus erklärt die Welt nicht besser als der Atheismus. Daß
-unser Herz einen Gott fordern soll, ist ganz subjektiv und beweist
-obendrein auch nicht, daß ein Gott existiert, jedenfalls nicht für
-die, deren Herz einen Gott =nicht= fordert. Daß die Menschheit in dem
-Glauben an einen Gott übereinstimmt, ist nicht der Fall; daß die Welt
-eine =erste= Ursache haben müsse logisch nicht haltbar; ebenso wenig
-läßt sich beweisen, daß alle Kausalität einem Willen entspringen
-müsse. Auch der Gedanke, daß unser Geist auf einen anderen Geist als
-Ursache hinweise, ist (hierbei offenbart sich der Einfluß des damaligen
-naturwissenschaftlichen Materialismus auf Romanes) zurückzuweisen,
-ebenso die aus »vermeintlicher« Willensfreiheit und sittlichem
-Bewußtsein abgeleiteten Argumente: jene existiert nicht, dieses ist das
-Ergebnis einer natürlichen Entwicklung (nach Darwin).
-
-Die Wichtigkeit des aus dem Zweck gefolgerten Beweises für das Dasein
-Gottes ist anzuerkennen, trotzdem ist er nicht stichhaltig. Auch
-die wundervolle Schönheit und Harmonie des Weltalls läßt sich mit
-Notwendigkeit aus der Erhaltung des Stoffes und seinen Eigenschaften
-ableiten. So brechen also alle Beweise für das Dasein Gottes scheinbar
-hoffnungslos zusammen. Ist der Satz, daß zur Erklärung der Welt eine
-intelligente Ursache nötig sei, nun nicht aber doch nur ein solcher,
-der höchstens =Wahrscheinlichkeit=, nicht aber =Gewißheit= beansprucht?
-Kann höhere Erkenntnis ihn am Ende nicht ganz umstoßen? Ja, es ist
-möglich, daß die Wahrscheinlichkeit, die Natur sei ohne Gott, vom
-naturwissenschaftlichen Standpunkt aus sehr groß, vom logischen aus
-aber ganz wertlos ist; jene Wahrscheinlichkeit ist thatsächlich keine
-absolute, und das um so weniger als es in dem Zusammenwirken der
-Naturgesetze doch noch einen unerklärbaren Rest giebt, nämlich die
-kosmische Harmonie; -- diese Abänderung der Zweckmäßigkeitslehre nennt
-Romanes =metaphysische Teleologie=, ihre Grundlage liegt jenseits der
-Naturwissenschaft und ist der letzteren ganz unzugänglich. Nun fragt es
-sich aber noch, ob diese Grundlage sonst ganz einwandfrei ist, ob also
-die metaphysische Teleologie die Harmonie des Weltalls begreiflicher
-macht als der Atheismus? Romanes kommt in seiner Untersuchung zu dem
-Resultat, daß keine von beiden Erklärungen vor der anderen etwas voraus
-habe. Man wird über die Annahme der einen oder der anderen Erklärung
-nach seiner sonstigen Gewohnheit zu denken entscheiden müssen.
-Gewißheit läßt sich darüber nicht erlangen. Romanes selbst kommt hier
-zu einer völligen Verneinung Gottes, allein mit ergreifenden Worten (I,
-§ 7) bekennt er, daß damit das Weltall für ihn die »liebenswerte Seele«
-verloren habe.
-
-Zweierlei fällt in dieser Abhandlung besonders auf: der Glaube an das
-ausschließliche Recht der naturwissenschaftlichen Methode und der Ton
-der Gewißheit. Beides hat sich nachher bei Romanes sehr geändert. Er
-hat sich von jener Zeit an wieder mehr und mehr von dem schroffen
-Skeptizismus abgewendet; es ist bezeichnend, daß er schon 1885 in der
-Schrift »Geist und Bewegung« eine strenge Kritik der materialistischen
-Ansicht vom Geist liefert und einem pantheistischen oder auch schon
-theistischen Monismus zuneigt. Drei Jahre darauf schrieb Romanes
-einige bisher nicht veröffentlichte Artikel über den »Einfluß der
-Naturwissenschaft auf die Religion«. Zwei von diesen bilden den zweiten
-Hauptabschnitt dieses Buches. Sie enthalten eine Kritik jener anonymen
-»Unbefangenen Prüfung des Theismus«, haben aber noch einen ganz
-skeptischen Schluß.
-
-Nach diesen Vorbemerkungen wird ihr Inhalt keine Schwierigkeiten
-machen.
-
-
-
-
- I.
-
- Einleitung des Herausgebers (Charles Gore)
-
- und
-
- Bericht über frühere Arbeiten des Verfassers.
-
-
-=George John Romanes=, der heimgegangene Verfasser von »Darwin und
-nach Darwin«, so wie von »Prüfung der Weismannschen Lehre«, nahm in
-den letzten Jahrzehnten eine hervorragende Stellung in der Biologie
-ein. Aber er beschäftigte sich auch unaufhörlich und je länger desto
-mehr mit den Problemen der Metaphysik und Theologie. Bei seinem im
-Frühsommer dieses Jahres (1894) erfolgten Tode hinterließ er unter
-seinen Papieren einige Notizen, welche zumeist im vorhergehenden Winter
-geschrieben und für ein Werk über die Grundfragen der Religion bestimmt
-waren. Er hatte angeordnet, daß diese Aufzeichnungen mir gegeben werden
-sollten, damit ich mit ihnen nach meinem Dafürhalten verführe.
-
-Nach seinem Tode wurden sie mir demgemäß zugleich mit einigen noch
-nicht veröffentlichten Abhandlungen, von denen zwei den ersten Teil
-dieses Buches bilden, eingehändigt. Nachdem ich die Notizen gelesen
-und das für mich maßgebende Urteil Anderer über sie gehört habe, trage
-ich kein Bedenken, ihren bei weitem größeren Teil zu veröffentlichen
-und zwar mit dem Namen des Autors, obwohl das Buch ursprünglich anonym
-erscheinen sollte. Nach dem Wenigen, was mir George Romanes selbst
-darüber gesagt hat, zweifle ich keinen Augenblick, daß er damit
-einverstanden sein würde, wenn die Veröffentlichung nach seinem Tode
-unter seinem Namen geschieht.
-
-Ich sagte, daß ich nach der Lektüre dieser Notizen nicht daran
-zweifelte, daß sie veröffentlicht werden sollten. Sie verdienen es
-wegen ihres inneren Wertes und auch deshalb, weil sie die religiöse
-Denkweise eines Naturforschers beleuchten, der im hohen Grade begabt,
-vielseitig gebildet und in seltenem Maße unparteiisch und offenherzig
-war. Von allen diesen Eigenschaften legen die Notizen, die ich hiermit
-der Öffentlichkeit übergebe, unzweifelhaft Zeugnis ab.
-
-Nach größeren Bedenken entschloß ich mich, auch die anderen schon
-erwähnten, bisher noch ungedruckten Abhandlungen zu veröffentlichen. Da
-dieselben einen früheren Standpunkt als jene Aufzeichnungen vertreten,
-so setze ich sie natürlich an erste Stelle.
-
-Die Abhandlungen und die Notizen offenbaren aber beide die Entwicklung
-eines Geistes vom Unglauben zum Glauben an die christliche Offenbarung.
-Sie zeigen das Streben eines Mannes, der Gott sucht, »ob er doch
-ihn fühlen und finden möchte«, nicht den Standpunkt festbegründeter
-christlicher Überzeugung. Selbst die Notizen enthalten in der That noch
-manches, was ein im Glauben feststehender Mensch nicht aussprechen
-könnte. Bei dieser Sachlage muß ich natürlich ein Wort darüber sagen,
-wie ich mein Amt als Herausgeber verstanden habe.
-
-Ich habe die Frage, ob ich diese oder jene Notiz veröffentlichen
-sollte, lediglich darnach entschieden, ob sie hinreichend bearbeitet
-war, um verständlich zu sein und habe streng jede Frage nach meiner
-eignen Übereinstimmung oder Nicht-Übereinstimmung ausgeschlossen.
-Besonders bei =einer= Notiz wäre es mir unklar gewesen, ob ich sie
-hätte veröffentlichen sollen, hätte meine bestimmte Abweichung von
-ihrem Inhalt mich nicht fürchten lassen, daß nur Vorurteile mich
-geneigt machten, sie dem Leser vorzuenthalten. Die Notizen samt den
-vorhergehenden Abhandlungen sind, denke ich, besser zu verstehen,
-wenn ich einige erläuternde Bemerkungen über ihre Vorläufer, d. h.
-über Romanes frühere die religiösen Fragen betreffenden Schriften
-voranschicke.
-
-Im Jahre 1873 erhielt George Romanes auf Grund einer Abhandlung den
-»Burney-Preis« in Cambridge. Der Gegenstand dieser Abhandlung war das
-christliche Gebet in Beziehung zu dem Glauben, »daß der Allmächtige
-die Welt nach feststehenden Naturgesetzen regiert.« Sie wurde 1874 mit
-einem Anhang über »die physische Kraft des Gebets« veröffentlicht. In
-dieser Abhandlung, die Romanes mit 25 Jahren geschrieben hat, zeigten
-sich schon die charakteristischen Eigenschaften seines Geistes und
-Stils. Da offenbarte sich schon die Liebe zur Wissenschaft, wie man es
-ja von einem Naturforscher erwarten kann. Da finden wir die logische
-Schärfe und die Vorliebe für exakte Definitionen, auch die natürliche
-Frömmigkeit und die Wertschätzung des christlichen Gebets, welche
-spätere Reflexionen im Grunde doch niemals ausrotten konnten. Auch
-dieser Aufsatz zeugt schon von hervorragender Befähigung.
-
-Einerseits wird zum Zweck der Beweisführung das Dasein eines
-persönlichen Gottes angenommen, desgleichen die Gewißheit der
-christlichen Offenbarung, die uns ein Recht zusichert, wenn auch
-bedingungsweise und in gewissen Grenzen, doch wirkliche Antworten auf
-Gebete um irdische Güter zu erwarten. Andrerseits wird der Glaube als
-selbstverständlich angenommen, daß allgemeine Naturgesetze das der
-Beobachtung zugängliche Gebiet der Natur beherrschen.
-
-Dann wird die Frage erörtert: »Wie läßt sich die physische Wirksamkeit
-des Gebets, welche der Christ auf Grund der Offenbarung annimmt, mit
-der wissenschaftlich erkannten Thatsache vereinbaren, daß Gott die Welt
-durch feststehende Naturgesetze regiert?«
-
-Die Antwort sucht er hauptsächlich dadurch zu geben, daß er die enge
-Begrenzung jenes Gebiets mit Nachdruck hervorhebt, innerhalb welcher
-wissenschaftliche Forschung angestellt und wissenschaftliche Erkenntnis
-erlangt werden kann. Es können besondre göttliche Antworten auf Gebete
-selbst im Gebiet der Natur vorkommen --, ja es können sogar als Antwort
-auf Gebete Naturkräfte in Erscheinung treten; aber dennoch brauchen sie
-nicht Phänomene hervorzubringen, welche die Naturwissenschaft beachten
-und als wunderbar und die gewöhnliche Ordnung der Dinge durchbrechend
-ansehen müßte.
-
-An einer Stelle kommen die Notizen auf diese Abhandlung zurück, und
-häufiger, wie wir darauf aufmerksam machen werden, wiederholen sich
-Gedanken, die schon in jener früheren Abhandlung ausgesprochen, aber
-inzwischen verworfen waren. Ich weiß nicht, ob Romanes im Grunde
-genommen wirklich von der Spekulation und der Schlußfolgerung seiner
-Erstlingsarbeit befriedigt blieb, jedenfalls sah er sich bald nach
-der Veröffentlichung jener Abhandlung veranlaßt, die dort zugegebene
-Grundlage des Theismus zu verwerfen: Er wandte sich nämlich rasch und
-entschieden zu einem skeptischen Standpunkt, auf dem er das Dasein
-Gottes überhaupt bezweifelte.
-
-Die genannte Abhandlung wurde im Jahre 1874 veröffentlicht. Schon 1876
-wenigstens hatte er ein anonymes Werk mit einem gänzlich skeptischen
-Schluß geschrieben, der Titel desselben lautete: »Eine unbefangene
-Prüfung des Theismus,[2] von Physicus«[3].
-
-Da die »Notizen« mit direkter Bezugnahme auf dieses Werk geschrieben
-wurden, so scheint mir eine nähere Erörterung seiner Beweisführung
-notwendig, und diese finden wir in dem letzten Kapitel des Werkes
-selbst, wo der Verfasser die Ergebnisse zusammenfaßt. Ich gebe daher
-dieses Kapitel ausführlich wieder.[4]
-
- * * * * *
-
-§ 1. Unsre Auseinandersetzung ist nun zu Ende, und wenige Worte werden
-genügen, um einen kurzen Ueberblick über die zahlreichen Thatsachen und
-Schlüsse zu gewinnen, deren Betrachtung für unsern Zweck nötig war.
-
-Wir sprachen zuerst von der offenbar thörichten Annahme, daß der Anfang
-aller Dinge oder das Geheimnis des Daseins, [d. h. die Thatsache,
-daß überhaupt irgend etwas existiert] durch die Theorie des Theismus
-irgendwie besser als durch die Theorie des Atheismus erklärt würde.
-Dann wurde gezeigt, daß das Argument »unser Herz fordert einen Gott«
-deshalb hinfällig ist, weil wir sahen, daß solch eine =subjektive=
-Notwendigkeit, selbst wenn sie bewiesen wäre, doch nicht hinreichte, um
-=objektiv= die Existenz Gottes zu beweisen oder auch nur wahrscheinlich
-zu machen. In Bezug auf das weitere Argument, daß die Thatsache
-unseres theistischen Verlangens nach Gott auf Gott selbst als auf ihre
-erklärende Ursache hinweise, mußten wir bemerken, daß dasselbe nur dann
-zulässig sein könnte, wenn die Möglichkeit der Wirkung natürlicher
-Ursachen [eben bei dem Entstehen unsers Verlangens nach Gott]
-abgeschlossen wäre. In ähnlicher Weise wurde gefunden, daß das Argument
-von der mutmaßlichen, unmittelbar erkannten Notwendigkeit des Gedankens
-eines einzelnen Individuums, [d. h. die Behauptung, daß die Menschen
-sich nicht von der Überzeugung befreien können, daß Gott existiert],
-unhaltbar ist: erstens, weil diese mutmaßliche Notwendigkeit nur für
-jenen einzelnen besteht; und zweitens, weil es thatsächlich höchst
-unwahrscheinlich ist, daß diese =mutmaßliche= Notwendigkeit eine
-=wirkliche= ist, selbst auch nur für den, der sie behauptet, während
-sie dies für die große Mehrheit des Menschengeschlechts ganz sicherlich
-nicht ist. Da das Argument von der allgemeinen Übereinstimmung der
-Menschheit[5] den Thatsachen gegenüber ganz augenscheinlich ein
-trügerisches ist, so wurde dieses ohne weitere Besprechung übergangen.
-Das Argument ferner: Die Welt =müsse= eine =erste= Ursache haben, --
-enthält einen logischen Selbstmord. Das letzte Argument lautete: Da
-der menschliche Wille die Kausalität der Natur beeinflußt, so ist
-wahrscheinlich =alle= Kausalität ihrem Wesen nach der Ausfluß eines
-Willens. -- Dieses Argument besteht, wie gezeigt wurde, aus einer Reihe
-so ungeheuerlicher Schlüsse, daß es wertlos ist.
-
-§ 2. Bezüglich der weniger oberflächlichen Argumente zu Gunsten des
-Theismus zeigte sich zuerst, daß der Vernunftschluß: alle bekannten
-Geister stammen von einem unbekannten Geist ab; unser Geist ist ein
-bekannter Geist; daher stammt auch er von einem unbekannten Geist ab
--- aus zwei Gründen unzulässig ist. Erstens ist es keine Erklärung des
-Geistes, wenn man ihn auf einen früheren Geist als seinen Ursprung
-zurückführt, und wenn diese Hypothese, falls zulässig, nun auch eine
-Erklärung für einen =bekannten= Geist ergeben würde, so ist sie doch
-als Beweis für die Existenz eines =unbekannten= Geistes, dessen Annahme
-doch ihre Grundlage bildet, ganz nutzlos. Und ferner: Wenn man sagt,
-daß der Geist derartig ein Wesen eigener Art ist, daß er entweder aus
-sich selbst existiert oder aber einen andern Geist als Ursache haben
-muß, so giebt es auch für diese Behauptung keinen wirklich zureichenden
-Grund. Das ist der zweite Einwand gegen den obigen Vernunftschluß;
-denn nichts in dem ganzen Gebiet des Möglichen könnte unseres Wissens
-imstande sein, eine selbstbewußte Intelligenz zu erzeugen. Deshalb
-braucht sich ein Gegner des obigen Vernunftschlusses überhaupt keine
-Theorie von dem ersten Ursprung aller Dinge zu bilden; aber gerade
-gegenüber zu der klaren und bestimmten Lehre des Materialismus ist der
-obige Vernunftschluß nicht besonders beweiskräftig. Wohl wissen wir,
-daß das, was wir =Kraft= und =Stoff= nennen, allem Anschein nach ewig
-ist, wir haben aber hingegen keinen entsprechenden, ebenso sicheren
-Beweis dafür, daß ein =Geist= ewig wäre. Ferner ist der Geist, so weit
-die Erfahrung reicht, stets mit hochdifferenzierten Kombinationen von
-Stoff und Kraft verbunden,[6] und viele Thatsachen beweisen den Schluß,
--- keine einzige aber widerspricht ihm -- daß der Grad der Intelligenz
-stets von einem entsprechenden Grad der Gehirnentwickelung abhängt
-oder doch wenigstens mit ihm verbunden ist. Darnach besteht sowohl
-qualitativ als auch quantitativ[7] eine Beziehung zwischen Intelligenz
-und Gehirnorganisation. Wenn man dann aber einwirft, daß Materie und
-Bewegung kein Bewußtsein hervorbringen konnten, weil dies unfaßbar ist,
-so haben wir gesehen, daß dies nichts entscheidet. Es handelt sich hier
-ja um etwas zugegebener maßen Transzendentales, auch steht es fest,
-daß das Wesen des Geistes unerkennbar sein =muß=, und es ist doch wohl
-von vornherein wahrscheinlich, daß die Ursache dieses unerfaßbaren
-Wesens viel schwieriger zu erkennen sein wird, als der Inhalt jeder
-andern Hypothese, die für den Verstand faßbarer ist. Wenn man auch
-sagt, daß die begreiflichere Ursache auch die wahrscheinlichere ist,
-so haben wir gesehen, daß man in unserm Fall unmöglich die Gültigkeit
-dieses Ausspruchs anerkennen kann. Die Behauptung endlich, daß die
-Ursache aktuell schon alles enthalten muß, was ihre Wirkungen enthalten
-können, ist logisch unzulässig und wird durch tägliche Erfahrung
-widerlegt, während das Argument von der vermeintlichen Willensfreiheit
-und der Thatsache des moralischen Sinnes sowohl deduktiv durch die
-Entwicklungslehre, als auch induktiv durch die Lehre des Utilitarismus
-zurückgewiesen wird. Die Lehre vom freien Willen ist in der That
-durchaus unhaltbar[8] und der Beweis dafür, daß der moralische Sinn das
-Ergebnis einer völlig natürlichen Entwicklung[9] ist, überwältigend,
-und diese Erkenntnis, zu welcher wir aus allgemeinen Gründen gelangten,
-wird auch mit unwiderstehlicher Gewalt durch die Darstellung des
-menschlichen Gewissens bestätigt, welche die Theorie des Utilitarismus
-liefert, und diese gründet sich auf die breitesten und auf ausnahmslos
-gültige Induktionen.[10]
-
-Kurz, wir müssen in Bezug auf das Argument vom Dasein des menschlichen
-Geistes sagen, daß ihm jeder nachweisbare Wert fehlt: man ist nicht
-berechtigt, den Schluß zu ziehen, daß unser Geist durch einen anderen
-Geist hervorgebracht worden ist; mit gleichem Recht könnte geschlossen
-werden, er sei durch irgend etwas anderes sonst verursacht.
-
-§ 3. In Bezug auf das Argument vom Zweck ist zu bemerken, daß
-Mills Auseinandersetzung desselben [in seiner Abhandlung über
-den Theismus] nur eine Wiederholung desselben Arguments ist, das
-schon Paley, Bell und Chalmers aufstellten. Wir sahen, daß der
-erstgenannte Schriftsteller den ganzen Gegenstand mit einer Schwäche
-und Ungenauigkeit behandelte, welche bei ihm sehr überrascht,
-denn während er gar kein Gewicht auf den induktiven Beweis der
-organischen Entwicklungslehre legt, nimmt er andererseits anstandslos
-eine übernatürliche Erklärung der biologischen Erscheinungen an
-und ist überdies merkwürdiger Weise in der Auseinandersetzung des
-Zweckarguments selbst fehl gegangen, indem er ebenso wenig wie
-alle früheren Schriftsteller beachtete, daß wir ganz unmöglich die
-Beziehungen zwischen dem Zwecksetzer und dem Bezweckten wissen;
-noch viel weniger können wir von =der= Behauptung ausgehen, daß der
-höchste Geist -- seine Existenz einmal angenommen -- die Welt durch
-irgend eine besondere Denkoperation hervorgebracht hat. Alle Anwälte
-des Zweckarguments haben nicht bemerkt, daß wir, selbst wenn wir von
-dem Dasein der Natur auf einen schöpferischen Geist schließen, doch
-mit keinem Schatten eines Rechts folgern dürfen, daß dieser Geist
-seine schöpferische Kraft nur durch irgend eine Denkoperation habe
-ausüben können. Wie thöricht muß es daher sein, die vermeintliche
-Gewißheit solcher Denkoperation zu einem Beweise für das Dasein
-eines Schöpfergeistes selbst zu erweitern! Wenn aber ein Theist
-erwidert, es sei von geringer Bedeutung, ob wir die Art und Weise,
-=wie= die Schöpfung vor sich ging, erraten können, wenn nur die
-Thatsachen bezeugen, daß die Naturerscheinungen aus irgend einer
-höchsten Intelligenz als letzter Ursache herzuleiten sind, -- dann
-bin ich der erste, der dem zustimmt. Es ist mir von jeher eine der
-unbegreiflichsten Thatsachen in der Geschichte der Spekulation gewesen,
-daß so viele maßgebende Gelehrten den Zweck als einen Beweis für den
-Theismus ansehen, wissen sie doch alle sehr wohl, daß sie keine Mittel
-haben, das Wesen des höchsten Geistes zu erkennen, dessen Dasein das
-Argument erweisen soll. In Wahrheit kann und darf sich das Argument
-vom Zweck nur einzig und allein auf die der Beobachtung zugänglichen
-Thatsachen der Natur stützen, es darf aber nicht auf die geistigen
-Prozesse, durch welche diese Thatsachen vermutlich zu erklären sind,
-bezugnehmen. Bei dem gegenwärtigen Stand unsrer Erkenntnis müssen wir
-dann aber an Stelle des Zweckarguments in seiner groben, von Paley
-herrührenden Form das Argument von der allgegenwärtigen Wirkung des
-Naturgesetzes setzen.
-
-§ 4. Das Zweckargument[11] sagt: es muß einen Gott geben, weil
-der Bau eines organisierten Gebildes einen geistigen Prozeß[12]
-voraussetzt. Das aus der allgegenwärtigen Wirkung der Naturgesetze
-gefolgerte Argument besagt: »es muß einen Gott geben, weil der Bau
-eines organisierten Gebildes =schließlich= auf eine Intelligenz
-zurückzuführen ist.« Jedes organische Gebilde zeigt nämlich mehr oder
-weniger verwickelt das Prinzip der Ordnung, jedes Ding ist ferner
-mit allen andern Dingen zu einer allgemeinen Naturordnung verbunden.
-Wegen dieser Allgemeinheit der Ordnung ist es unvernünftig, die
-Zufalls-Hypothese auf das Weltall anzuwenden. »Wir mögen von einer
-höchsten Ursache denken, was wir wollen, die Thatsache bleibt bestehen,
-daß aus ihr ununterbrochen ein unmittelbarer Einfluß ausgeht und
-zwar so verblüffend, großartig und exakt, wie es nur unsrer höchsten
-Vorstellung von der Gottheit würdig ist.«[13] Dieses Argument haben
-wir mit den Worten von Prof. Baden Powell folgendermaßen erläutert:
-»Was Vernunft und Denken erfordert, um verstanden zu werden, muß selbst
-Vernunft und Denken sein. Was nur der Geist erforschen oder ausdrücken
-kann, muß selbst Geist sein. Und wenn der höchste Begriff, den man
-von einem zu erforschenden Geist oder einer zu erforschenden Vernunft
-erlangt, nur unvollkommen ist, dann sind beide größer als der Geist
-und die Vernunft dessen, der sie erforscht. Wenn mit der gründlichen
-Erforschung der dadurch offenbarte notwendige Zusammenhang der Dinge um
-so ausgedehnter und komplizierter wird, dann wird auch die Größe und
-der Umfang der Vernunft, die sich derartig doch immer nur teilweise
-offenbart, um so augenscheinlicher; auch wird es dann sicherer, daß sie
-wirklich in der unwandelbar verbundenen Ordnung der Dinge unabhängig
-von dem Geist des Forschers existiert.« Dieses aus einem universellen
-Kosmos gefolgerte Argument hat den Vorteil, daß es durchaus unabhängig
-von der Art und Weise ist, wie die Dinge das wurden, was sie jetzt
-sind. Es wird also von der Annahme einer Entwicklung nicht berührt. Bis
-vor kurzem schien es daher thatsächlich auch unantastbar zu sein.[14]
-
-»Wir sind aber nichtsdestoweniger zu dem Bekenntnis gezwungen, daß
-seine scheinbare Stichhaltigkeit vor der unbestreitbaren Thatsache zu
-nichte wird, daß jedes Naturgesetz, wenn Kraft und Stoff seit Ewigkeit
-gewesen sind, ganz natürlich entstanden sein muß. ... Man darf keinen
-Augenblick daran zweifeln, daß die wundervolle Schönheit und Harmonie
-der Natur notwendig und unvermeidlich aus der Erhaltung der Kraft und
-aus den Ureigenschaften des Stoffes folgen, gerade so zweifellos wie
-der Satz, daß die Kraft erhalten wird oder daß der Stoff Ausdehnung
-besitzt oder undurchdringlich ist.[15] ... Man wird sich erinnern,
-daß ich diese Wahrheit lange und mit großem Ernst erörterte, nicht
-allein weil sie in Rücksicht auf unsern Gegenstand so unermeßlich
-wichtig ist, sondern auch, weil kein anderer sie bis jetzt in diesem
-Zusammenhange erörtert hat.« Es wurde auch auseinandergesetzt, daß
-der Zusammenhang und die Übereinstimmung des Makrokosmos des Weltalls
-mit dem Mikrokosmos des menschlichen Geistes daraus entspringen kann,
-daß der menschliche Geist nur ein Produkt der allgemeinen Entwicklung
-ist; denn seine subjektiven Beziehungen werden notwendiger Weise jene
-äußeren Beziehungen, deren Produkt sie selbst sind, wiederspiegeln.[16]
-
-§ 5. Unsere weitere Erörterung milderte indessen den unerbittlich
-strengen Schluß aus dem gänzlichen und hoffnungslosen Zusammenbruch
-aller etwa möglichen Beweise zu Gunsten des Theismus. Als wir nämlich
-ausführlich dargelegt hatten, daß es nicht einmal einen Schatten eines
-positiven Beweises zu Gunsten der theistischen Theorie giebt, da
-entstand die Gefahr, daß manche nun irrtümlicher Weise weiter schließen
-könnten: aus diesem Grunde sei die theistische Theorie selbst falsch.
-Es war nun also noch folgendes zu erwägen: wenn auch die Natur nach dem
-Stande unserer heutigen Erkenntnis keiner intelligenten Ursache zur
-Erklärung irgend einer ihrer Erscheinungen bedarf, sollten wir dann
-nicht bei =höher entwickelter= Erkenntnis möglicher Weise doch einmal
-entdecken können, daß die Natur ihr Dasein doch einer intelligenten
-Ursache verdanken muß? Die Wahrscheinlichkeit, daß eine intelligente
-Ursache unnötig ist, um irgend eine Naturerscheinung zu erklären, ist
-dann nicht größer als die andere, daß die Lehre von der Erhaltung der
-Kraft überall und zu allen Zeiten gegolten hat.
-
-Zum Schluß unserer Auseinandersetzung verließen wir daher ganz das
-Gebiet der Erfahrung, wir ließen sogar die eigentlichen Grundlagen
-der Naturwissenschaft und damit auch die sicherste aller relativen
-Wahrheiten außer Acht und verlegten unsere Untersuchung in die
-transzendentale Region rein formaler Betrachtungsweise. Und hier
-stellten wir die Regel auf: »daß sich der Wert irgend einer
-Wahrscheinlichkeit im letzten Grunde nach der Zahl, der Wichtigkeit
-und der Bestimmtheit ihrer bekannten Beziehungen, verglichen mit ihren
-unbekannten Beziehungen richtet«, und daraus folgerten wir, daß in
-Fällen, wo die unbekannten Beziehungen zahlreicher, wichtiger oder
-unbestimmter sind als die bekannten, der Wert unserer Folgerung um so
-geringer ist. Aus dieser Regel ergiebt sich aber Folgendes: da das
-Problem des Theismus das am weitesten zurückgehende aller Probleme ist
-und daher in seinen unbekannten Beziehungen alles für den Menschen
-Unbekannte und Unerkennbare enthält, so müssen diese Beziehungen
-für die unbestimmtesten von allen erklärt werden, die ein Mensch je
-betrachten kann; und obgleich wir die ganze Erfahrungsreihe, von der
-aus wir argumentieren können, vor uns haben, so sind wir aus jenem
-Grunde dennoch unfähig, den wahren Wert irgend eines solchen Argumentes
-abzuschätzen. Da die unbekannten Beziehungen in der von uns versuchten
-Induktion sowohl hinsichtlich ihrer Anzahl als auch ihrer Wichtigkeit
-im Vergleich mit den bekannten Beziehungen durchaus unbestimmt sind, so
-ist es für uns unmöglich, irgend eine Wahrscheinlichkeit für oder wider
-das Dasein Gottes zu erlangen.
-
-Obgleich wir daher gewißlich, soweit menschliche Wissenschaft
-vordringen und menschliches Denken Schlüsse ziehen kann, keinen
-Beweis für einen Gott finden können, so haben wir doch noch
-nicht das Recht, daraus zu schließen, es gäbe keinen Gott. Mag
-daher die Wahrscheinlichkeit, daß die Natur ohne Gott ist, vom
-naturwissenschaftlichen Gesichtspunkt aus noch so groß sein, ja, sich
-naturwissenschaftlich geradezu beweisen lassen, -- so ist dies dennoch
-vom logischen Gesichtspunkt aus durchaus wertlos. Obgleich es so sicher
-ist wie die Grundlage aller Naturwissenschaft und aller Erfahrung, daß
-die Annahme des Daseins Gottes, wenn er wirklich existiert, als Ursache
-des Weltalls überflüssig ist, so kann es dennoch wahr sein, daß das
-Weltall nie existiert haben würde, wenn es keinen Gott gäbe.
-
-Diese formalen Betrachtungen beweisen dann folgerichtig, daß wir trotz
-aller =relativ= großen Wahrscheinlichkeit zu Gunsten des Atheismus doch
-kein Recht haben, diese =Wahrscheinlichkeit= als absolute =Gewißheit=
-zu betrachten. Daraus entsteht die Möglichkeit eines anderen Arguments
-zu Gunsten des Theismus -- oder wir wollen lieber sagen: die
-Möglichkeit der Wiederaufnahme des teleologischen Beweises in anderer
-Form. Denn wenn man sagen kann, daß diese formalen Betrachtungen wohl
-einen absoluten, aber keinen relativen Schluß für oder wider die
-Gottheit ausschließen, und wenn also doch noch einige theistische
-Deduktionen übrig bleiben, die füglich aus der Erfahrung gezogen
-werden dürfen, so können diese jetzt in Anschlag gebracht werden, um
-den atheistischen Folgerungen aus dem Gesetz von der Erhaltung der
-Kraft die Wage zu halten. -- Denn wenn unsere letzten Deduktionen auch
-klar gezeigt haben, daß das Dasein Gottes vom naturwissenschaftlichen
-Standpunkt aus überflüssig erscheint, so haben die formalen
-Betrachtungen nicht weniger klar jenseits der naturwissenschaftlichen
-Sphäre einen möglichen Platz für das Dasein Gottes erschlossen, so daß
-wir, wenn durch Erfahrung irgend welche Thatsachen beigebracht werden
-können, zu deren Erklärung die atheistischen Deduktionen ungenügend
-erscheinen, berechtigt sind, dieselben wenigstens relativ durch die
-theistische Hypothese zu begründen. Und es muß zugestanden werden,
-daß wir solch einen unerklärbaren Rest in dem Zusammenwirken der
-Naturgesetze bei der Entstehung der kosmischen Harmonie finden.
-
-Es macht gar nichts aus -- so kann man bei diesem Argument fortfahren
--- daß wir unfähig sind, die Art und Weise zu erkennen, wie der
-vermeintliche Geist bei der Erschaffung der kosmischen Harmonie etwa
-verfahren hat, auch bedeutet es nichts, daß sein Handeln jetzt in
-ein Gebiet jenseits der Naturwissenschaft verbannt werden muß. Wohl
-aber ist es wichtig, daß wir bei einem Blick auf die Natur als ein
-Ganzes unmöglich den Umfang und die Mannigfaltigkeit ihrer Harmonie
-begreifen können, wenn wir sie nicht als Wirkung einer intelligenten
-Ursache anerkennen. Diese geläuterte Form des teleologischen Arguments
-nannte ich dann »=metaphysische Teleologie=«, um sie scharf von
-allen früheren Formen jenes Beweises zu unterscheiden, die ich im
-Gegensatz dazu als naturwissenschaftliche Teleologie bezeichnete.
-Der Unterschied aber ist folgender: während alle früheren Formen
-der Teleologie auf einer Grundlage beruhten, welche nicht jenseits
-des Bereichs der Naturwissenschaft lagen und daher der Möglichkeit
-naturwissenschaftlicher Widerlegung ausgesetzt waren, kann das
-metaphysische System der Teleologie niemals naturwissenschaftlich
-widerlegt werden, weil es eben auf einer Grundlage beruht, die
-der Naturwissenschaft völlig unzugänglich ist. Daß aber dieses
-metaphysische System der Teleologie auf einer solchen Grundlage beruht,
-ist unbestreitbar, denn während es die größten Wahrheiten anerkennt,
-welche die Naturwissenschaft jemals erlangen kann, nämlich das Gesetz
-von der Erhaltung der Kraft und den sich aus ihm mit Notwendigkeit
-ergebenden Ursprung des Naturgesetzes, -- so wird es doch trotz alledem
-der zwingenden Thatsache gerecht, daß der Geist auf diese Weise als
-letzte Ursache der Dinge noch nicht aus der Welt geschafft ist, wie
-auch der anderen, daß, wenn die Naturwissenschaft verlangt, die
-Wirkung eines Gottesgeistes in eine jenseits ihres Gebiets liegende
-Region zu versetzen, dieselbe dann auch wirklich hierhin verlegt
-werden muß. Diese Behauptung erscheint im ersten Augenblick ohne
-Zweifel willkürlich, da die Naturwissenschaft ihrer ja, soweit sie auch
-vordringen mag, überhaupt nicht bedarf, -- weil die kosmische Harmonie
-als eine physikalisch notwendige Folgerung aus der vereinten Thätigkeit
-der Naturgesetze und diese wiederum als eine physikalisch notwendige
-Folgerung aus der Erhaltung der Kraft und den primären Qualitäten
-der Materie folgt. Aber wenn auch unbestreitbar wahr ist, daß die
-metaphysische Teleologie, naturwissenschaftlich betrachtet, durchaus
-willkürlich ist, so möchte sie doch, psychologisch betrachtet, nicht
-ganz willkürlich sein. Wenn es also verständlicher ist, daß im Geist
-die letzte Ursache der Weltharmonie liegt und nicht in der Erhaltung
-der Kraft, dann ist es nicht unvernünftig, die begreiflichere Hypothese
-an Stelle der weniger begreiflichen anzunehmen, vorausgesetzt, daß
-diese Wahl mit aller Vorsicht vorgenommen wird.
-
-Ich schließe also, daß die Hypothese der metaphysischen Teleologie,
-wenn auch im physikalischen Sinn willkürlich, im psychologischen Sinn
-berechtigt sein mag. Aber gegen die Grundlage, auf der dieses Argument
-allein ruhen kann -- daß nämlich das Grund-Postulat des Atheismus
-unbegreiflicher ist als das des Theismus -- giebt es, wie wir sahen,
-noch zwei wichtige Einwände.
-
-Erstens: Der Sinn, in welchem hier das Wort »=unbegreiflich=« gebraucht
-wird, ist der, daß man zwar den betreffenden Gedanken nicht mit
-Thatsachen begründen, ihn wohl aber als im übrigen möglich erweisen
-kann. In demselben Sinn, wenn auch in geringerem Maße, ist es wahr,
-daß die Verwicklung der menschlichen Organisation und ihrer Funktionen
-unbegreiflich ist; aber hier hat das Wort »unbegreiflich« bei einem
-Beweis viel geringeres Gewicht als in seinem eigentlichen Sinn. Ohne
-daher weiter darüber zu disputieren, inwiefern man berechtigter Weise
-die »Unbegreiflichkeit« einem Einwand gegenüber, der doch von einer
-großen Menge wissenschaftlicher Beweise gestützt wird,[17] ins Feld
-führen darf, gingen wir zu dem zweiten Einwand gegen die Grundlage der
-metaphysischen Teleologie über. Dieser war folgender: es ist ebenso
-unmöglich, die Weltharmonie als Wirkung eines Geistes [d. h. eines
-Geistes, wie =wir= ihn aus Erfahrung kennen] oder als Wirkung einer
-vom Geist losgelösten Entwicklung zu begreifen. Das Argument von der
-Unbegreiflichkeit kann daher in seiner Anwendung ebenso verhängnisvoll
-für den Theismus wie für den Atheismus werden.
-
-Die geläuterte Form der Teleologie, welche wir hier erörterten und
-welche wir als das letzte noch mögliche Argument zu Gunsten des
-Theismus erkannten, begegnet also auf ihrem eigenen Gebiet einem sehr
-gefährlichen Gegner: Durch ihren metaphysischen Charakter ist sie dem
-Widerspruch der Naturwissenschaft entgangen, um sofort einen neuen
-Widerspruch in der Region der reinen Psychologie, in die sie geflohen
-ist, zu finden. Zum Schluß unsrer ganzen Untersuchung waren wir
-daher gezwungen, die relative Bedeutung dieser feindlichen Mächte zu
-untersuchen. Dabei bemerkten wir zuerst Folgendes: wenn die Verteidiger
-der metaphysischen Teleologie von vornherein der Methode, nach welcher
-die Entstehung des Naturgesetzes aus dem Gesetz von der Erhaltung der
-Kraft abgeleitet wurde, vorwerfen, daß sie eine unerlaubte Analogie
-verlange, dann steht es einem Atheisten auch frei, die Methode,
-nach welcher ein lenkender Geist aus der Thatsache die Weltharmonie
-hergeleitet wurde, zu beschuldigen, daß sie eine unerkennbare Ursache
-fordere -- und zwar eine Ursache, wie sie der menschliche Geist
-stets mit besonderer Vorliebe [aber stets irrtümlicher Weise -- Der
-Übersetzer] als Ursache der Naturerscheinungen angesehen hat.
-
-Aus diesen Gründen schloß ich daher, daß beide Theorien, was ihren
-von der Erfahrung losgelösten Standpunkt betrifft, als gleich
-verdächtig angesehen werden müssen. Und ähnlich ist es auch mit ihrem
-Standpunkt, soweit er auf Erfahrung begründet ist; denn da beide
-Lehren wenigstens =einen= allgemeinen Satz einschließen müssen, so
-müssen beide in gleicher Weise für durchaus unbegreiflich erklärt
-werden. Doch, wenn schließlich die Frage an mich heranträte, welche
-von beiden Theorien ich für die vernünftigere hielte, so bemerkte
-ich schon, daß sie kein Mensch für einen andern beantworten kann.
-Denn da dies Zeugnis absoluter Unbegreiflichkeit für beide Theorien
-verhängnisvoll ist, so kann die Wahl zwischen beiden nur durch das
-entschieden werden, was ich als relative Unbegreiflichkeit bezeichnet
-habe -- d. h. jeder Mensch muß hier nach seiner individuellen Ansicht
-von Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit entscheiden, und dies
-wird durch seine sonstige Gewohnheit zu denken bestimmt. Wie das
-Zeugnis relativer Unbegreiflichkeit in dieser Frage berechtigterweise
-mit dem Charakter des betreffenden Menschen wechseln wird, so wird auch
-die streng rationelle Wahrscheinlichkeit in der Frage, auf welche es
-angewendet wird, wechseln. Die einzige Alternative, die einem Menschen
-hier also bleibt, ist die: entweder nimmt er den Standpunkt des reinen
-Skeptizismus an, und dann muß er sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch
-die Unwahrscheinlichkeit, daß es einen Gott giebt, zurückweisen, oder
-aber er entscheidet sich für eine Annahme bezw. für eine Verwerfung
-Gottes, je nachdem seine sonstige Art zu denken diese Entscheidung ihm
-in der einen oder andern Richtung leichter gemacht hat. Und wenn ich
-auch unter diesen Umständen =den= für den vernünftigeren Mann halten
-würde, der mit seinem Urteil hierbei sorgfältig zurückhält, so muß ich
-doch sagen, daß hierbei weder der metaphysische Teleologe noch der
-naturwissenschaftliche Atheist bezüglich ihres vernunftgemäßen Denkens
-einen höheren Standpunkt als der andere hat. Denn da unzweifelhaft
-auf der einen Seite die formalen Bedingungen einer metaphysischen
-Teleologie und auf der anderen Seite ebenso die eines spekulativen
-Atheismus erfüllt sind, so wird es in beiden Fällen ein logisches
-Vakuum geben, in welchem das Gedankenpendel frei nach jeder Richtung
-schwingen kann, je nachdem es der sonst gewohnte Gedankengang bestimmt.
-
-§ 6. Das also ist das letzte Ergebnis unserer Untersuchung, und
-wenn man die abstrakte Natur des Gegenstandes in Erwägung zieht,
-sowie die große Verschiedenheit der Meinungen, welche zur Zeit
-hierin herrscht, wie auch die verwirrende Zahl guter, schlechter und
-indifferenter Litteratur auf beiden Seiten, -- ich sage, wenn man
-dies alles in Erwägung zieht, so glaube ich nicht, daß das Resultat
-unsrer Untersuchung berechtigterweise des Mangels an Präzision
-beschuldigt werden kann. In einer Zeit wie der jetzigen, in welcher
-der überlieferte Gottesglaube so allgemein angenommen und seine
-breite induktive Grundlage als selbstverständlich angesehen wird,
-soll diese kurze Abhandlung zeigen, wie außerordentlich präzis die
-naturwissenschaftliche Auffassung des Gegenstandes in Wahrheit ist,
-und dann wird sie mehr als die bisherige einschlägige Litteratur
-die meisten Leser über die nach dem gegenwärtigen Stand der Frage
-möglichen Auffassungen aufklären. Wenn ich auf den heutigen Zustand
-der spekulativen Philosophie blicke, so war es doch höchst nötig,
-einmal klar zu zeigen, daß der Fortschritt der Naturwissenschaften die
-Hypothese vom Wirken eines Geistes in der Natur sicherlich als ganz
-überflüssig erweist, und zu erweisen, daß dies ebenso gewiß ist wie
-die wissenschaftliche Lehre von der Erhaltung der Kraft und von der
-Unzerstörbarkeit der Materie.
-
-Wenn andrerseits jemand beklagen sollte, daß die logische Behandlung
-der Frage sich nicht so ganz unzweideutig sicher erwiesen hat wie die
-naturwissenschaftliche, dann muß ich ihm zu bedenken geben, daß in
-jeder Sache, die keine wirkliche Demonstration zuläßt, notwendig ein
-gewisser Spielraum für die Verschiedenheit der individuellen Meinung
-bleiben muß. Wer dieses erwägt, wird gewiß nicht darüber klagen, daß
-ich in diesem Falle nicht alles gethan hätte, um den Charakter und die
-Grenzen dieses Spielraumes so scharf wie möglich zu bestimmen.
-
-§ 7. Und nun zum Schluß habe ich das Bedürfnis festzustellen, daß ich
-von früher her dem Theismus zuneige und daß es mich unfraglich auf
-die Seite des traditionellen Glaubens zieht. Es ist daher für mich
-äußerst traurig, daß ich mich gezwungen fühle, die hier gezogenen
-Schlüsse anzunehmen, und nichts würde mich vermocht haben, sie zu
-veröffentlichen, wäre ich nicht der festen Überzeugung, daß es die
-Pflicht eines jeden Gliedes der menschlichen Gesellschaft ist,
-seine Mitmenschen an seiner Arbeit teilnehmen zu lassen, welches
-auch immer ihr Wert sein mag. Gerade weil es mir feststeht, daß die
-Wahrheit schließlich doch das Beste für die Menschheit sein muß, bin
-ich auch überzeugt, daß jedes einzelnen Bestreben, sie zu finden,
-vorausgesetzt, daß es unbeeinflußt und aufrichtig ist, ohne Zögern
-Gemeingut der Menschheit werden darf ohne Rücksicht auf die Folgen,
-welche die Veröffentlichung haben kann. So weit es sich dabei um die
-Vernichtung persönlichen Glückes handelt, kann niemand schmerzlicher
-als ich die möglicherweise traurige Wirkung meines Werks empfinden.
-So weit ich selbst dabei in Betracht komme, ist dies das Ergebnis
-meiner Auseinandersetzung: mag ich nun das Problem des Theismus von
-der niedrigeren Stufe streng relativer Wahrscheinlichkeit oder von
-der höheren Stufe rein formaler Betrachtungsweise aus behandeln,
-so erscheint es mir doch immer als unverkennbare Pflicht, allen
-Glauben, auch den nach meiner Ansicht edelsten, zu unterdrücken und
-meinen Verstand in Bezug auf diese Frage an die Stellung des reinen
-Skeptizismus zu gewöhnen. Und wie ich weit davon entfernt bin, denen
-zustimmen zu können, welche die Zwielicht-Lehre vom »neuen Glauben«,
-als einen begehrenswerten Ersatz für den dahinschwindenden Glanz
-des »alten« ausgeben, schäme ich mich des Bekenntnisses nicht, daß
-mit dieser völligen Verneinung Gottes das Weltall für mich seine
-liebenswerte Seele verloren hat; freilich, von jetzt ab wird die
-Vorschrift: »wirke, so lange es Tag ist!« zweifellos für mich eine nur
-um so größere Gewalt haben, angesichts der schrecklich ergreifenden
-Worte: »es kommt die Nacht, da niemand wirken kann«. Aber wenn ich zu
-Zeiten daran denke -- und ich muß daran denken -- wie überwältigend der
-Kontrast zwischen der heiligen Glorie jenes Glaubensbekenntnisses, das
-einst mein war, und dem einsamen Geheimnis des Daseins ist, wie ich es
-jetzt besitze -- zu solchen Zeiten, sage ich, ist es mir unmöglich,
-Herr zu werden über den tiefsten Schmerz, dessen mein Inneres fähig
-ist. Mag es nun daran liegen, daß mein Erkenntnisvermögen noch nicht
-hinreichend vorgeschritten ist, oder mag es auf die Erinnerung an jene
-geheiligten Gedankengänge zurückzuführen sein, welche =mir= wenigstens
-die süßesten sind, die das Leben je geben kann -- jedenfalls muß ich
-sagen, daß für mich und für andere, die wie ich denken, eine furchtbare
-Wahrheit in jenen Worten Hamiltons liegt: -- Weil nun die Philosophie
-zu einer Betrachtung nicht nur des Todes, sondern sogar der gänzlichen
-Vernichtung geführt hat, so ist die Vorschrift: »erkenne dich selbst«
-zu jenem schrecklichen Orakel geworden, das dem Ödipus zuteil wurde:
-»Wohl dem, der seines Daseins Rätsel niemals löst.«
-
- * * * * *
-
-Diese Auseinandersetzung wird hinreichen, um ein Bild von dem
-Hauptargument der »Unbefangenen Prüfung« und von ihren traurigen
-Schlußfolgerungen zu geben. Was hierbei dem etwas kritischen Leser am
-meisten auffallen wird, ist: 1) der Ton der Gewißheit und 2) der Glaube
-an das fast ausschließliche Recht der naturwissenschaftlichen Methode
-vor dem Forum der Vernunft. Als Beweis für das erstere möchte ich die
-folgenden, kurzen Zitate anführen.
-
-Seite 11. »Von möglichen Irrtümern im Raisonnement abgesehen, muß die
-von uns hier auseinandergesetzte Stellung des Theismus der Vernunft
-gegenüber ohne wesentliche Modifikation bestehen bleiben, so lange
-unser Erkenntnisvermögen ein menschliches bleibt.«
-
-Seite 24. »Ich kann durchaus nicht verstehen, wie heute ein
-Zeitgenosse, der auch nur mit den bescheidensten Kräften abstrakten
-Denkens begabt ist, die Lehre vom freien Willen annehmen kann.«
-
-Seite 64. »Ohne Zweifel haben wir gar keine Wahl: wir müssen schließen,
-daß die Annahme eines Geistes in der Natur nach unserer logischen
-Prüfung ganz bestimmt ebenso überflüssig ist, wie die Grundlage aller
-Naturwissenschaften gewißlich wahr ist. Es kann auch länger kein
-Zweifel darüber bestehen, daß das Dasein Gottes zur Erklärung irgend
-einer Erscheinung des Weltalls ebenso unnötig ist, wie es zweifellos
-feststeht, daß meine Feder auf den Tisch fallen wird, wenn ich sie
-loslasse.«
-
-Als Beweis für den zweiten auffallenden Punkt möchte ich ein Zitat aus
-dem Vorwort anführen:
-
-»Mir ist es daher unmöglich, dem folgenden Gedanken mich zu entziehen:
-wenn man den unzweifelhaften Vorrang der naturwissenschaftlichen
-Methode als Wegweiser zur Wahrheit bei der Frage, ob es einen Gott
-giebt oder nicht, in Erwägung zieht, dann wird diese Frage sicherlich
-moralischer und pietätvoller untersucht, wenn wir sie bloß als ein zu
-lösendes Problem der methodischen Analyse ansehen, als wenn wir sie in
-irgend einem andren Lichte betrachten.«
-
-In Bezug auf die beiden genannten Punkte, ist der Wechsel in Romanes
-Gesinnung, wie er sich in den »Notizen« ausspricht, sehr deutlich.[18]
-
-Wann George Romanes anfing sich von den Schlüssen der »Unbefangenen
-Prüfung« zu befreien, kann ich nicht sagen. Aber nach einem Zeitraum
-von 10 Jahren finden wir -- in seiner »Rede«-Vorlesung vom Jahre
-1885[19] -- eine große Veränderung in seiner Geistesrichtung. Diese
-Vorlesung über »Geist und Bewegung« ist eine strenge Kritik der
-materialistischen Ansicht vom Geist. Andrerseits wird hier der
-»Spiritualismus« -- oder die Theorie, die den Geist als Ursache der
-Bewegung voraussetzen möchte -- vom naturwissenschaftlichen Standpunkt
-aus als zwar nicht unmöglich, aber unbefriedigend bezeichnet;
-wahrscheinlicher erscheint ihm ein Monismus ähnlich dem Brunos,
-nach welchem »Geist und Bewegung« koordinierte und wahrscheinlich
-gleichwertige Ansichten einer und derselben allgemeinen Thatsache sind,
-ein Monismus, der Pantheismus genannt, aber auch als eine Erweiterung
-theistischer Ansichten angesehen werden könnte[20].
-
-Den Standpunkt, welcher in dieser Schrift zum Ausdruck kommt, kann man
-deutlich aus ihrem Schluß ersehen:
-
-»Wenn der Fortschritt der Naturwissenschaft uns nun beständig dazu
-führt, daß es keine Bewegung ohne Geist giebt, müssen wir dann nicht
-erkennen, daß dadurch jene an sich schon unabhängige Schlußfolgerung
-der Geisteswissenschaft ganz unabhängig von ihr bestätigt wird? Ich
-meine die Schlußfolgerung, daß es kein Sein ohne Erkennen giebt. Mir
-wenigstens scheint es, als wenn die Zeit gekommen wäre, in der wir
-gleichsam in aufdämmerndem Licht erkennen können, daß das Studium der
-Natur und das Studium des Geistes in dieser größten aller Wahrheiten
-zusammen treffen. Und wenn dies der Fall ist, -- wenn es keine Bewegung
-ohne Geist, kein Sein ohne Erkennen giebt, -- sollen wir dann mit
-Clifford den Schluß ziehen, daß das universelle Sein ohne Geist sei,
-oder dogmatisch die erstaunlichste von allen Fragen verneinen: »Besitzt
-der Allerhöchste eine Erkenntnis?« Wenn es keine Bewegung ohne Geist,
-kein Sein ohne Erkennen giebt, wollen wir dann nicht lieber mit
-Bruno den Schluß ziehen, daß wir =in= dem Medium des Geistes und der
-Erkenntnis leben, weben und sind?
-
-Nach dieser Richtung hin zielen, denke ich, alle Folgerungen, wenn
-wir die logischen Bedingungen sorgfältig und mit vollkommener
-Unparteilichkeit erwägen. Doch die weitere Frage bleibt dann, ob es
-hier, so weit die Naturwissenschaft in Betracht kommt, überhaupt
-möglich ist, eine Folgerung zu ziehen: der ganze Kreis menschlicher
-Erkenntnis möchte doch vielleicht zu eng sein, um eine Parallaxe für
-so ungeheure Messungen zu gestatten. Aber wenn wirklich die Stimme
-der Naturwissenschaft derartig gezwungenermaßen die Sprache des
-Agnostizismus sprechen muß, dann wollen wir doch wenigsten dafür
-sorgen, daß diese Sprache =rein= ist[21]. Laßt uns keine Barbarei von
-Seiten des angreifenden Dogmas[22] dulden. Dann werden wir sehen, daß
-diese neue Grammatik des Denkens durchaus keine Konstruktionen zuläßt,
-welche ehrwürdigeren Denkweisen durchaus entgegengesetzt wären; und
-dies selbst dann nicht, wenn wir sehen, daß sich jene oft zitierten
-Worte, in denen diese Thatsache zuerst formuliert wurde, nicht gerade
-mit besonderer Überzeugung auf seine jüngsten Dialekte anwenden
-lassen, daß nämlich »eine oberflächliche Kenntnis der Physiologie und
-Psychologie die Menschen zum Atheismus führt, eine tiefere Kenntnis von
-beiden und noch mehr, ein tieferes Nachdenken über ihre Beziehungen
-zu einander, die Menschen zu irgend einer Religionsform zurückführen
-muß«[23], die wenn auch unbestimmter, doch würdiger sein mag, als
-diejenige früherer Tage«.
-
-Einige Zeit vor dem Jahre 1889 wurden für das »Nineteenth Century«
-drei Artikel über den Einfluß der Naturwissenschaft auf die Religion
-geschrieben. Sie sind nie veröffentlicht worden, warum kann ich
-nicht sagen. Ich hielt es aber für angebracht, die beiden ersten als
-ersten Teil dieses Buches drucken zu lassen, einmal weil sie -- mit
-George Romanes eigenem Namen unterschrieben -- eine wichtige Kritik
-der »Unbefangenen Prüfung«, die er doch anonym veröffentlicht hatte,
-enthalten, und dann auch darum, weil sie mit ihrem durchaus skeptischen
-Ergebnis sehr klar eine besondere Stufe in der geistigen Entwicklung
-ihres Verfassers kennzeichnen.
-
-Wer nun diese Einleitung gelesen hat, wird die Vorläufer der
-vorliegenden Schriften verstehen. Was noch zur weiteren Einführung in
-die »Notizen« selbst zu bemerken übrig bleibt, mag lieber später gesagt
-werden.
-
- C. G.
-
-
-
-
- II.
-
- Der Einfluß der Naturwissenschaft auf die Religion.
-
-
- I.
-
-Ich habe mir vorgenommen in einer Reihe von drei Abhandlungen den
-Einfluß der Naturwissenschaft auf die Religion zu untersuchen. Hierbei
-werde ich versuchen, mich auf eine streng verstandesgemäße Behandlung
-des Gegenstandes zu beschränken, ohne zu irgend welchen Fragen des
-Gefühls abzuschweifen. Überdies werde ich in erster Linie die Art und
-den Grad des Einflusses berücksichtigen, welchen die Naturwissenschaft
-in der Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat, um alsdann klar zu
-stellen, wie weit sich dieser Einfluß wahrscheinlich in der Zukunft
-ausdehnen wird. Die ersten beiden Abhandlungen sollen dem bisherigen
-und dem voraussichtlich noch kommenden Einfluß der Naturwissenschaft
-auf die =natürliche= Religion und die dritte dem bisherigen und dem
-voraussichtlich noch kommenden Einfluß der Naturwissenschaft auf die
-=geoffenbarte= Religion gewidmet sein.[24]
-
-Wenige Fragen haben in den letzten Jahren so viel Interesse erregt wie
-die, welche ich hier zur Untersuchung ausersehen habe. Dies kann kaum
-überraschen, wenn man beachtet, daß der in Frage stehende Einfluß nicht
-allein ein sehr unmittelbarer, sondern auch ein in jeder Beziehung
-ungemein wichtiger ist. Generationen und Jahrhunderte hindurch besaß
-die Religion eine unbestrittene Macht über den menschlichen Geist,
-wenn auch nicht immer als ein praktischer Ratgeber in Sachen der
-Lebensführung, so doch wenigstens als ein Regulator des Glaubens.
-Selbst bei den verhältnismäßig wenigen Menschen, welche in früheren
-Jahrhunderten das Christentum offenkundig verwarfen, wurden die
-geistigen Vorstellungen doch ohne Zweifel in hohem Maße durch dasselbe
-bestimmt. Denn da das Christentum damals der einzige Gerichtshof für
-alle diese Vorstellungen war, so konnten sich selbst die wenigen, die
-offenkundig außerhalb seiner Jurisdiktion standen, dem indirekten
-Einfluß nicht entziehen, den es durch andere auf sie ausübte. Aber
-wenn nun nach und nach neben dieser ehrwürdigen Institution ein neuer
-Gerichtshof entstand, so können wir uns nicht wundern, daß man ihn
-als einen Nebenbuhler des alten ansah, und dies um so mehr, als seine
-Forschungsmethoden und der bestimmte Charakter seiner Urteile viel
-mehr als jene mit den Anforderungen eines dem Skeptizismus zuneigenden
-Zeitalters in Einklang stand. Dieser Geist der Eifersucht wurde
-noch mehr durch die Thatsache genährt, daß die Naturwissenschaft
-auf die Religion unfraglich einen, wie Fiske sagt, »reinigenden«
-Einfluß ausgeübt hat. Das soll heißen: nicht allein sagt die
-naturwissenschaftliche Forschungsmethode zur Auffindung der Wahrheit
-den skeptischen Geistern mehr zu als die religiöse Methode (die man
-dreist damit kennzeichnen kann, daß sie die Wahrheit auf Autorität hin
-annehmen), sondern die Ergebnisse der ersteren haben auch mehr als
-einmal denen der letzteren direkt widersprochen. Die Naturwissenschaft
-hat in mehreren Fällen unantastbar klar bewiesen, daß Lehren der
-Religion den Thatsachen gegenüber falsch waren. Ferner: der große
-Fortschritt der Naturerkenntnis, welcher das gegenwärtige Jahrhundert
-charakterisiert, hat bewirkt, daß unsere Vorstellungen von vielen mit
-Philosophie zusammenhängenden Begriffen und Lehren eine vollständige
-Wandlung erfahren haben. Ein gebildeter Mensch unserer Tage ist ganz
-außer Stande manche christliche Dogmen von demselben intellektuellen
-Standpunkt aus wie seine Vorfahren anzusehen, selbst wenn er sie auch
-weiterhin noch in einem anderen Sinn als wahr hinnimmt. Kurz, da unsere
-ganze Denkungsweise in gewissen Beziehungen verändert ist, so können
-wir gar nicht verlangen, daß sie in dieser Hinsicht noch mit dem
-unveränderlichen System der Theologie übereinstimmen sollte.
-
-Auf solche Weise hat nach meiner Auffassung die Naturwissenschaft ihren
-Einfluß auf die Religion ausgeübt, und es ist unnötig, den Umfang
-dieser Wirkung länger zu betrachten. Man kann keine Zeitung lesen, ohne
-sie zu bemerken. Einerseits triumphiert der Zweifler zuversichtlich,
-daß das Licht der aufgehenden Erkenntnis endlich angefangen habe, die
-Finsternis des Aberglaubens zu verscheuchen, während andererseits
-religiös gerichtete Menschen bei dem Gedanken zittern, was die Zukunft,
-nach der Vergangenheit zu urteilen, bringen werde. Auf beiden Seiten
-finden wir freie Diskussion, kräftige Sprache, ernstes Forschen. Jahr
-für Jahr wird Überschlag gemacht und Jahr für Jahr neigt sich die
-Wagschale mehr zu Gunsten der Naturwissenschaft.
-
-So stehen die Dinge eben, und ich denke, daß wir mit der Kenntnis der
-Art und des Grades des Einflusses, den die Naturwissenschaft in der
-Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat, Material genug besitzen
-werden, um den mutmaßlichen Umfang, den dieser Einfluß in der Zukunft
-haben wird, beurteilen zu können. Dies will ich zu thun versuchen,
-indem ich nach allgemeinen Grundsätzen die Grenzen bestimme, innerhalb
-derer der in Rede stehende Einfluß vorläufig ausgeübt werden kann.
-Doch um dies zu können, ist es nötig, vorerst die Art und den Grad
-des Einflusses zu betrachten, den die Naturwissenschaft in der
-Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat.
-
-Nachdem wir dies vorausgeschickt haben, müssen wir zunächst das Wesen
-der Naturwissenschaft und der Religion auseinandersetzen. Denn dies
-ist natürlich der erste Schritt bei einer Untersuchung, welche den
-thatsächlichen und den möglichen Einfluß dieser beiden Gedankengebiete
-aufeinander abschätzen soll.
-
-Die Naturwissenschaft ist im wesentlichen ein Gebiet des Denkens,
-welches sich ausschließlich auf die =nächsten= Ursachen bezieht.
-Noch genauer: sie ist ein Gebiet des Denkens, dessen Gegenstand die
-Erklärung des Naturgeschehens durch die Entdeckung natürlicher (oder
-nächstliegender) Ursachen ist. Wenn die Naturwissenschaft diese ihre
-einzig rechtmäßige Domäne zu überschreiten und das Naturgeschehen
-durch unmittelbare Einwirkung übernatürlicher oder letzter Ursachen zu
-erklären versucht, dann hat sie aufgehört Naturwissenschaft zu sein und
-ist ontologische Spekulation geworden. Die Wahrheit dieser Behauptung
-ist jetzt von allen Naturforschern in praxi anerkannt worden, und
-Ausdrücke, welche sich auf die letzten Ursachen beziehen, sind aus dem
-Wörterbuch der Astronomie, Chemie, Geologie, Biologie und selbst der
-Psychologie verbannt worden.
-
-Auf der anderen Seite ist die Religion ein Gebiet des Denkens, das
-sich ebenso ausschließlich auf die =letzten= Ursachen bezieht. Sie
-ist ein Gebiet des Denkens, das ein selbstbewußtes und intelligentes
-Wesen zum Gegenstand hat, und dieses wird dabei als persönlicher Gott
-und als Urquell aller Kausalität betrachtet. Ich bin mir sehr wohl
-bewußt, daß der Ausdruck »Religion« seit einigen Jahren häufig in einem
-Sinn gebraucht worden ist, welcher sich nicht mit dieser Definition
-deckt; doch dies zeigt nur, wie oft dieser Ausdruck mißbraucht worden
-ist. Irgend eine Theorie der Dinge Religion zu nennen, obwohl sie
-gar keinen Glauben an eine Gottheit enthält, das heißt das Wort in
-ganz entgegengesetztem Sinne wie bisher gebrauchen. Von Religion des
-Unerkennbaren, von Religion des Kosmos, von Religion der Humanität
-u. s. w. sprechen, wobei die Persönlichkeit der letzten Ursache nicht
-anerkannt wird, das ist ebenso unverständig, als wenn man von der
-Liebe eines Dreiecks oder von der Vernunft des Äquators sprechen
-wollte; denn wenn man diesen Ausdrücken überhaupt irgend einen Sinn
-abgewinnen will, so müssen sie im metaphorischen Sinn gebraucht
-werden. Wir können ja z. B. sagen, daß es so etwas wie eine Religion
-der Humanität giebt, in dem wir die Humanität zuerst in unserer
-Wertschätzung vergöttlichen und dann dieses unser Ideal anbeten. Aber
-wenn wir auf diese Weise der Humanität den Namen der Gottheit beilegen,
-so schaffen wir darum doch keine neue Religion; wir gebrauchen damit
-bloß eine Metapher, welche als poetische Diktion mehr oder weniger
-Erfolg haben mag, die aber sicherlich als philosophischer Satz keinen
-Pfifferling wert ist. Ja, sie ist in dieser Beziehung noch schlimmer
-als wertlos: sie ist irreleitend. Veränderungen oder Umkehrungen der
-Bedeutung von Wörtern kommen nicht selten bei der Entwicklung der
-Sprache vor, aber nicht häufig wird, und so in diesem Fall, der ganze
-Sinn des Ausdrucks absichtlich und willkürlich von den Vertretern der
-Philosophie abgeändert. Humanität z. B. ist ein abstrakter Begriff,
-den wir selbst gebildet haben, Humanität existiert objektiv ebenso
-wenig wie der Äquator. Wenn es daher möglich wäre eine Religion durch
-diesen sonderbaren Kunstgriff zu konstruieren, indem man der Humanität
-metaphorisch die Attribute der Gottheit zuschreibt, so würde es logisch
-ebensogut möglich sein, eine Theorie brüderlicher Liebe zum Äquator
-zu konstruieren, indem man diesem metaphorisch menschliche Attribute
-zuschreibt.
-
-Das charakteristische Merkmal irgend einer Theorie, welche man
-berechtigter Weise als Religion bezeichnen könnte, ist, daß sie sich
-auf den letzten Ursprung aller Dinge bezieht und daß sie diesen
-Ursprung als ein objektives und intelligentes und persönliches Wesen
-bezeichnet. Den Ausdruck »Religion« auf irgend eine andere Theorie
-anwenden, heißt also nur ihn mißbrauchen.
-
-Nach diesen Definitionen scheint es so, als ob sich Ziel und Methode
-der Naturwissenschaft ausschließlich auf die Bestimmung und Prüfung des
-zunächstliegenden »Wie?« der Dinge und der Naturvorgänge richten. Ihre
-Aufgabe ist, wie Mill sagt, die kleinste Anzahl der Naturthatsachen
-zu bestimmen, welche die Erscheinungen der Erfahrung erklären kann.
-Andererseits ist die Religion in keiner Weise mit der Kausalität
-verbunden, nur daß sie annimmt, daß alle Dinge und alle Ereignisse im
-letzten Grunde auf eine intellektuelle Persönlichkeit zurückzuführen
-sind. Spencer sagt, »die Religion ist eine apriorische (außerhalb
-der Erfahrung liegende) Theorie des Weltalls« -- dem müssen wir noch
-hinzufügen, eine Theorie, welche eine intelligente Persönlichkeit als
-schaffenden Ursprung des Weltalls annimmt. Ohne diesen notwendigen
-Zusatz würde die Religion sich logisch nicht von der Philosophie
-unterscheiden.
-
-Aus diesen Definitionen geht klar hervor, daß Naturwissenschaft
-und Religion in ihren reinsten Formen thatsächlich keine logischen
-Beziehungen haben. Nur wenn die Naturwissenschaft die Bedingungen des
-Raumes und der Zeit, der gegenseitigen Beziehung der Erscheinungen
-und aller menschlichen Beschränkungen überschreiten würde, dann nur
-könnte sie in der Lage sein, die übernatürliche Theorie der Religion
-zu berühren. Doch es ist offenbar, wenn die Naturwissenschaft dies
-thäte, so würde sie aufhören Naturwissenschaft zu sein. Indem sie
-sich über die Region der Naturerscheinungen (Phänomena) erhöbe und in
-den zarten Äther der Verstandesbegriffe (Noumena) einträte, würden
-ihre gegenwärtigen Schwingen, die wir ihre Methode nennen, in solcher
-Atmosphäre nicht mehr zur Bewegung dienen können. Ohne Raum, ohne
-Zeit und ohne Beziehungen zu den Naturerscheinungen, könnte die
-Naturwissenschaft nicht länger als solche bestehen.
-
-Andererseits kann auch die Religion in ihrer reinsten Form in gleicher
-Weise die Naturwissenschaft nicht berühren. Denn die Religion als
-solche hat, wie wir schon gesehen haben, nichts mit dem Gebiet der
-Naturerscheinungen zu thun; ihre metaphysische Theorie kann keine
-Beziehung zu dem »Wie« der Natur-Kausalität haben. Es ist daher
-augenscheinlich, daß sich Naturwissenschaft und Religion, weil
-sie in ihren reinsten und idealsten Formen ganz verschiedenartige
-Geistesrichtungen sind, nicht gegenseitig in ihr Gebiet einmischen
-dürfen.
-
-So weit lassen sich diese Bemerkungen in gleicher Weise auf alle
-Formen der Religion anwenden, sie sei nun eine wirkliche oder nur
-eine mögliche, wenn sie nur rein ist. Aber es ist notorisch, daß
-bis vor Kurzem die Religion auf die Naturwissenschaft nicht nur
-einen Einfluß überhaupt, sondern sogar einen überwältigenden Einfluß
-ausübte. Da der Glaube an ein göttliches Wirken fast allgemein war,
-während die Methoden der naturwissenschaftlichen Forschung noch nicht
-bestimmt formuliert waren, hatten die früheren Generationen die
-Gewohnheit, jede Naturerscheinung, deren natürliche Ursache noch nicht
-nachgewiesen war, einer mehr oder minder unmittelbaren Einwirkung
-der Gottheit zuzuschreiben. Nun wissen wir aber, daß diese geistige
-Gewohnheit daher kam, daß man noch nicht den wesentlich verschiedenen
-Charakter der Naturwissenschaft und Religion als (getrennte)
-Denkgebiete unterscheiden konnte, und nur insofern, als die Religion
-früherer Zeiten unrein oder mit Gedanken, die der Naturwissenschaft
-angehören, vermischt war, übte sie jenen verderblichen Einfluß aus.
-Die allmähliche, nun schon fast völlige Ausscheidung der Endursachen
-aus dem Gedankengang der Naturforscher, worauf wir schon hingedeutet
-haben, ist nur ein Ausdruck für die Thatsache, daß die Naturforscher
-einmütig und ganz und gar dazu gelangt sind, die von mir festgestellten
-Grundunterschiede zwischen Naturwissenschaft und Religion anzuerkennen.
-
-Die Naturforscher empfinden es einmütig und klar -- wenigstens
-alle die Männer, deren Gedanken über diese Fragen auf der Höhe
-der Zeit stehen -- daß eine religiöse Erklärung irgend einer
-Naturerscheinung vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus überhaupt
-keine Erklärung ist. Denn eine religiöse Erklärung besteht darin,
-daß man die beobachtete Naturerscheinung auf die »letzte« Ursache
-bezieht, d. h. darin, daß man jene besondere Erscheinung in das
-allgemeine und letzte Geheimnis der Dinge versenkt. Dagegen besteht
-eine naturwissenschaftliche Erklärung darin, daß man die beobachtete
-Naturerscheinung auf die nächstliegenden =natürlichen= Ursachen
-zurückführt, und in keinem Falle kann sich eine solche Erklärung auf
-die Hypothese eines Endzweckes einlassen, ohne den Charakter einer
-naturwissenschaftlichen Erklärung zu verlieren. Wenn mir z. B. ein Kind
-eine Blume mit der Frage bringt, warum sie eine so sonderbare Form,
-so lebhafte Farbe, so süßen Duft u. s. w. hat, und ich ihm antworte:
-weil Gott sie so machte! -- so beantworte ich damit des Kindes Frage
-eigentlich gar nicht: ich verberge nur meine Unkenntnis der Natur unter
-dem Mantel der Frömmigkeit und entschuldige meine Trägheit im Studium
-der Botanik. Die Würdigung dieser Thatsache war es, was Darwin in
-seiner »Entstehung der Arten« zu der Bemerkung führte, daß die Theorie
-der Schöpfung keine Thatsache, mit der sie sich beschäftigt, wirklich
-erklären kann, sondern daß sie diese Thatsache nur nochmals darlegt,
-wie sie beobachtet worden. Das soll besagen: indem wir die beobachteten
-Thatsachen so in das Grundgeheimnis der Dinge versenken, versuchen
-wir es gar nicht einmal, sie irgendwie im naturwissenschaftlichen
-Sinne zu erklären; denn es würde dann offenbar möglich sein, sich
-der Aufgabe, irgend eine Naturerscheinung zu erklären, stets auf
-dieselbe Weise zu entledigen, indem man sie nämlich immer einfach auf
-die unmittelbare Einwirkung der Gottheit zurückführt. Wenn wirklich
-irgend eine Naturerscheinung einträte, welche aus einer unmittelbaren
-Gottesthat als Ursache entspränge, dann würden _ex hypothesi_ überhaupt
-keine natürlichen Ursachen mehr zu erforschen sein, und der Mohr als
-Naturforscher hätte seine Schuldigkeit gethan und könnte gehen; denn
-solch' eine Erscheinung würde wunderbar sein, daher ihrer Natur nach
-jenseits der Grenze wissenschaftlicher Forschung liegen.
-
-Die religiöse Theorie der Endursache erklärt also keine
-Naturerscheinung, sie bestätigt sie nur, wie sie beobachtet worden
-ist -- oder wenn man lieber will: sie ist in sich selbst eine
-Universal-Erklärung aller möglichen Naturerscheinungen auf einmal.
-Denn es muß zugegeben werden, daß hinter allen möglichen Erklärungen
-naturwissenschaftlicher Art etwas höchst Unerklärliches liegt,
-welches gerade seines übersinnlichen Charakters wegen nicht auf
-irgend etwas anderes zurückgeführt, d. h. erklärt werden kann. »Es
-ist so wie es ist«, das ist alles, was wir von ihm sagen können. »Ich
-bin was ich bin«, ist alles, was es von sich selbst sagen könnte.
-Und darin bestehen im Wesentlichen die Lehren der Religion, daß sie
-Naturerscheinungen auf diese unerklärbare Quelle der natürlichen
-Kausalität zurückführt. Die Lehre der Naturwissenschaft dagegen beruht
-auf der Gewißheit, daß es immer möglich ist, eine der Erfahrung nach
-endlose Kette natürlicher Ursachen zu erforschen, d. h. eine endlose
-Reihe von Naturerscheinungen zu erklären. Wenn wir den Vorgang der
-Erklärung als die Zurückführung der beobachteten Erscheinungen auf ihre
-zureichenden Ursachen definieren, so dürfen wir sagen, daß die Religion
-sich mit Hülfe einer allgemeinen Theorie der Dinge in der Annahme einer
-ersten Ursache intelligenter Art zu ihrer eigenen Befriedigung eine
-letzte Erklärung des Weltalls als eines Ganzen verschafft. Sie hat
-daher nichts mit den =nächsten= Erklärungen oder mit der Entdeckung
-der nächstliegenden Ursachen zu thun, und diese ist ausschließlich
-Gegenstand der Naturwissenschaft. Wir gehen also hiermit auf die schon
-gegebenen Definitionen zurück, wonach die Religion einem Gedankengebiet
-angehört, welches als solches ausschließlich Beziehung auf die =letzte=
-Ursache hat, während die Naturwissenschaft einem Gedankengebiet
-angehört, welches als solches ebenso ausschließlich in Beziehung
-zu den =nächsten= Ursachen steht. Wenn die Grenzen dieser beiden
-Gebiete überschritten werden, so entstehen Konflikte und Verwirrung.
-Wenn daher die religiöse Lehre von den Endursachen auf das Feld der
-naturwissenschaftlichen Forschung übertrat, so überschritt sie ihre
-logische Domäne, und indem sie sich das Amt anmaßte, diese oder jene
-Erscheinung im einzelnen zu erklären, hörte sie auf, reine Religion
-zu sein, während sie zu gleicher Zeit und aus demselben Grunde der
-Naturwissenschaft den Weg des Fortschritts versperrte.[25]
-
-Wir sind nun bei einem der Hauptpunkte angelangt, die wir zu behandeln
-haben -- nämlich bei der Lehre von dem Zweck in der Natur und damit
-bei der Frage der natürlichen Religion in ihrer Beziehung zur
-Naturwissenschaft. Hier werde ich versuchen, einen möglichst tiefen
-und klaren Überblick über den gegenwärtigen Zustand der natürlichen
-Religion zu gewinnen, ohne Schritt für Schritt den Weg und die Mittel
-zu zeigen, durch welche sie unter dem Einfluß der Naturwissenschaft auf
-diesen Standpunkt gekommen ist.
-
-Beim ersten Dämmern des Denkens ist, soweit wir davon Kunde haben,
-die Teleologie in dieser oder jener Form die am weitesten verbreitete
-Lehre zur Erklärung der Naturordnung gewesen. Es ist indessen nicht
-meine Absicht, in diesen Blättern die Geschichte dieser Lehre von ihren
-rohen Anfängen im Fetischismus bis zu ihrer schließlichen Entwicklung
-im Theismus aufzuzeichnen. Ich will mich ausschließlich an den jetzigen
-Zustand dieser Lehre halten und erwähne die vergangene Geschichte nur,
-um die häufig aufgestellte Behauptung zu prüfen, daß ihr allgemeines
-Übergewicht in allen Jahrhunderten und unter allen Nationen der Welt
-ihr einen gewissen Grad »aprioristischer Glaubwürdigkeit« giebt. In
-Bezug auf diesen Punkt muß ich folgendes sagen: ob nun die Naturordnung
-von einem ordnenden Geist herrührt oder nicht, die Lehre von der
-Wirksamkeit eines Geistes innerhalb der Natur -- oder wie es der
-Herzog von Argyll nennt, »die Lehre vom Anthropopsychismus« -- muß
-notwendigerweise die ursprünglichste gewesen sein. Was wir in der
-Natur finden, ist die allgemeine Herrschaft der Kausalität und lange
-vorher, ehe die nicht weniger allgemeine Aequivalenz zwischen Ursachen
-und Wirkungen -- d. h. die allgemeine Herrschaft der Naturgesetze --
-genügend gewürdigt wurde, erkannte man schon vollauf die allgemein
-gültige Thatsache, daß nichts ohne irgend eine zureichende Ursache
-geschieht. Und ganz gewiß, das Bewußtsein dieser Thatsache finden
-wir nicht nur bei den am niedrigsten stehenden Rassen der Jetztzeit,
-sondern wie ich es bewiesen habe, auch bei Tieren und Kindern.[26] Es
-scheinen mir daher wohl jene Psychologen Recht zu haben, welche meinen,
-daß der Begriff der Ursache ebenso unmittelbar ist wie die Begriffe von
-Raum und Zeit -- d. h. er ist die instinktive [oder ererbte] Wirkung
-angestammter Erfahrung.
-
-Wenn es nun sicher ist, daß das Bewußtsein der Kausalität in der Natur
-ebenso alt oder sogar älter ist als der menschliche Verstand, dann
-scheint es mir doch ebenso sicher zu sein, daß der erste Versuch, die
-Ursache dieser oder jener Naturerscheinung festzustellen, d. h. die
-ersten Versuche einer vernünftigen Erklärung der Naturereignisse --
-anthropopsychischer Art gewesen sein müssen. Keine andre Erklärung lag
-so nahe, wie die, daß man in die äußere Natur die Thätigkeit eines
-Willens hineintrug, die doch jedem Menschen, soweit er und seine
-Nebenmenschen dabei in Betracht kommen, als die augenscheinliche
-Hauptquelle der kausalen Thätigkeit erschien. Um diese sehr
-einleuchtende Erklärung der Kausalität in der Natur zu gewinnen,
-brauchte der Urmensch gar nicht zu wissen, was wir jetzt wissen,
-daß die richtige Auffassung der Kausalität aus unserem Gefühl von
-Anstrengung bei einem Willensakt entspringt. Wenn dies der Fall
-war, dann mußte, falls überhaupt an die Kausalität irgend einer
-Naturerscheinung gedacht wurde, die abgeleitete Ursache notwendiger
-Weise psychologischer Art sein. Ich brauche nicht die allmähliche
-Entwicklung dieser anthropologischen Lehre aus ihrer frühsten und
-verbreitetsten Gestalt, die wir Polypsychismus nennen könnten -- (bei
-welchem die Zahl der aufgestellten Ursachen fast so groß war wie die
-der beobachteten Wirkungen) -- durch den Polytheismus hindurch, (bei
-welchem viele Wirkungen gleicher Art =einer= Gottheit zugeschrieben
-wurden, deren Spezialfall gerade diese Wirkungen waren) bis zum
-Monotheismus hin zu verfolgen (bei welchem alle Kausalität in den
-Monopsychismus einer einzelnen Persönlichkeit zusammengefaßt wird). Es
-genügt, kurz zu zeigen, daß die Lehre des Anthropopsychismus von Anfang
-an unter den obwaltenden Bedingungen eine notwendige Phase geistiger
-Entwicklung war, mag diese Lehre nun wahr sein oder nicht.
-
-Von diesem Gesichtspunkt aus glaube ich nicht, daß der »_consensus
-gentium_« (Übereinstimmung der Völker) eine Thatsache von irgend
-welcher Beweiskraft zu Gunsten der anthropopsychischen Theorie ist,
--- ich meine, insofern es sich um die Kausalitätsfrage handelt --
-mag es sich nun um den Fetischismus oder um die Teleologie unserer
-Tage handeln: der »_consensus gentium_« bei der wichtigeren Frage
-des Theismus (wobei noch manche andere Dinge außer der Kausalität in
-Betracht kommen) geht uns hier nichts an. Es scheint mir in der That
-so: wenn wir zur Sicherstellung unserer anthropologischen Theorie auf
-die Wilden zurückgehen müssen, dann ist die dabei erhaltene Bürgschaft
-noch weniger als wertlos. Wir könnten ebenso gut schließen, daß die
-Uhr ein lebendes Wesen sei, weil dies für den Geist eines Wilden die
-nächstliegende Erklärung ihrer Bewegungen ist, -- als wenn wir aus
-genau denselben Gründen schließen wollen, daß unser Glaube an die
-Teleologie aus irgend einer der früheren Phasen des Anthropopsychismus
-irgend eine wirkliche Stütze erhielten.
-
-Wenn wir daher den Nachweis eines Zwecks in der Natur würdigen wollen,
-so scheint es mir, daß wir von vorne anfangen müssen, ohne auf frühere
-Meinungen über den Gegenstand Bezug zu nehmen. Die Frage muß wesentlich
-in dem Licht der jüngsten Erkenntnis, welche wir besitzen und mit
-der schärfsten Denkkraft erwogen werden, die wir (die Erben aller
-Jahrhunderte) ihr widmen können. Ich werde daher auf die Geschichte des
-Anthropopsychismus nur insofern Bezug nehmen, als es erforderlich ist,
-um das Argument zu erläutern.
-
-Und hier ist es nötig, zuerst das zu erörtern, was Paley vor der
-Darwinschen Epoche »den Stand des Arguments« nannte. Dies ist von Paley
-klar und deutlich in seinem klassischen Beispiel von der Uhr, die
-jemand auf einer Heide findet, dargestellt -- ein so wohl bekanntes
-Beispiel,[27] daß ich es hier nicht zu wiederholen brauche. Ich will
-daher nur bemerken, daß es den ganzen Zweckbeweis, wie man sagt, in der
-Westentasche enthält und daß es meiner Meinung nach die von Mill an ihm
-ausgeübte Kritik nicht verdient, wenn er sagt: »Die Schlußfolgerung
-würde gar nicht gemacht werden, wenn ich nicht schon aus direkter
-Erfahrung wüßte, daß die Uhren von Menschen verfertigt werden.« Es
-kommt mir vor, als ob damit der Meinung (und Absicht) Paley's die ganze
-Pointe genommen würde; denn es würde offenbar überhaupt gar kein Beweis
-sein, es sei denn, man verstände seine Meinung so, daß der Nachweis des
-Zweckes, welchen die Prüfung der Uhr vermutlich liefert, wahrscheinlich
-eben nur durch diese Prüfung und nicht durch irgend eine direkte
-Kenntnis, auf welche Mill hinweist, geliefert wird. Um des Beispiels
-willen muß natürlich angenommen werden, daß der Finder der Uhr keine
-von früher stammende direkte Kenntnis von der Konstruktion einer Uhr
-besitzt. Abgesehen von diesem wunderbaren Mißverständnis war Mill in
-Bezug auf den ganzen Gegenstand mit Paley gleicher Ansicht.
-
-Andererseits ist es kein stichhaltiger Einwand gegen das Argument oder
-das Beispiel, wenn man sagt, wie wir es oft thaten, daß es nichts
-für den Uhrmacher beweist. Das Ziel des Zweckbeweises ist das Dasein
-jemandes, der den Zweck gesetzt hat, zu =erweisen=, nicht sein Dasein
-zu =erklären=. In der That würde es für das ganze Argument in seiner
-Beziehung zum Theismus ein Selbstmord sein, wenn die Möglichkeit einer
-solchen Erklärung aufrecht erhalten würde, denn dies könnte nur auf
-die Annahme hin geschehen, daß das Wesen der Gottheit eine Erklärung
-zuläßt, d. h. daß die Gottheit nicht die letzte Ursache ist.
-
-Im Grunde genommen ist dieser Beweis genau derselbe, wie er uns an
-zahlreichen Stellen der heiligen Schrift und in theologischen Büchern
-der ganzen Welt bis auf den heutigen Tag begegnet. Er besagt: überall
-in der organischen Natur treffen wir auf zahllose Anpassungen der
-Mittel an die Zwecke, die in vielen Fällen eine solche Feinheit und
-Kompliziertheit zeigen, daß im Vergleich zu ihr die Anpassungen der
-Mittel an die Zwecke in einer Uhr nur armselige und lückenhafte
-Versuche des Mechanismus sind. Niemand weiß es so gut wie der moderne
-Biologe, wie unermeßlich weit die uns in solchem Übermaße in der Natur
-begegnenden Mechanismen die höchsten Triumphe menschlicher Erfindung
-in jeder Weise überragen. Auf den ersten Blick erscheint es daher ganz
-zweifellos, daß wir keinen stichhaltigeren und besseren Beweis für
-einen Zweck als den finden können, wie er in Paley's Worten liegt: »Die
-Anordnung, die Disposition der Teile, die Unterordnung der Mittel unter
-einen Zweck, die Beziehung der Werkzeuge auf den Gebrauch schließen das
-Dasein einer Intelligenz und eines Geistes in sich.«
-
-Aber nun entsteht die Frage: wenn dies alles auch sicherlich das
-Dasein eines Geistes als erklärende Ursache verlangen[28] mag, sind
-wir darum schon zu der Annahme berechtigt, daß es in der Natur keine
-andere Ursache giebt, um diese Wirkungen hervorzubringen? Das ist eine
-Frage, auf die weder Paley noch Bell und Chalmers, ja kein Vertreter
-der natürlichen Theologie bis auf Darwins Zeiten gekommen ist. Und das
-ist doch, meine ich, eine bemerkenswerte Thatsache, weil die Frage als
-eine blos logische so sehr nahe zu liegen scheint. Aber Thatsache ist
-es, daß sich die Vertreter der natürlichen Theologie meines Wissens
-ausnahmslos damit begnügten, es als einen Grundsatz hinzunehmen, daß
-jener Mechanismus keine andre Ursache als die eines zwecksetzenden
-Geistes haben könnte; daher beschränkt sich ihre Arbeit darauf, der
-Zahl und Vortrefflichkeit der Mechanismen, denen sie in der Natur
-begegneten, im Einzelnen nachzuspüren. Es ist aber klar, daß die bloße
-Anhäufung solcher Fälle keinen wirklichen oder logischen Einfluß auf
-das Argument ausüben kann. Die Mechanismen, denen wir in der Natur
-begegnen, sind in ihrer Vollkommenheit und Zahl so überwältigend,
-daß das aufmerksame Studium schon irgend eines einzelnen (wie es
-Paley in seinem Beispiel thatsächlich, wenn auch nicht ausdrücklich,
-darlegt) hinreicht, die ganze Sache wesentlich zu fördern, wenn nur die
-Annahme zugegeben wird, daß der Mechanismus allein durch einen Geist
-entstehen kann. Daher wird durch die bloße Ansammlung einer beliebigen
-Zahl besonderer Fälle von Mechanismen in der Natur aber auch weder
-ein wirkliches noch ein logisches Argument geliefert: alle sind ja
-als Mechanismen der Art nach ähnlich. Wir wollen nun dieses Argument
-betrachten.
-
-Wenn wir uns etwa darüber wundern möchten, daß die Vertreter der
-natürlichen Theologie bis auf Darwin sich mit der Annahme begnügten,
-der Geist sei die einzig mögliche Ursache des Mechanismus, so finden
-wir meines Erachtens die richtige Antwort darin, daß ihr Glaube an
-eine Schöpfung im Einzelnen damals allgemein herrschte. Denn auf der
-Grundlage dieses Glaubens halte ich ohne Frage die Behauptung für
-berechtigt; d. h. wenn wir von dem Glauben ausgehen, daß alle Arten
-der Pflanzen und Tiere ursprünglich plötzlich und fertig geschaffen in
-die komplizierten Lebensbedingungen ihrer besonderen Umgebung gesetzt
-wurden (etwa so, wie die Uhren aus einer Fabrik hervorgehen), dann
-sind wir, denke ich, vernünftiger Weise zu der Annahme berechtigt,
-daß keine andre denkbare Ursache als die eines intelligenten Zweckes
-möglicherweise als Erklärung jener Wirkungen gefordert werden kann.
-Nun ist natürlich die Bemerkung unnötig, daß jener Zweckbeweis, wenn
-man diesem ihm vorhergehenden Glauben an eine Schöpfung im Einzelnen
-einen Einfluß auf ihn einräumte, zum Beispiel eines Zirkelschlusses
-wird. Vielleicht ist es ebenso unnötig zu bemerken, daß die bloße
-Thatsache der Entwicklung als Gegensatz zur Schöpfung im Einzelnen oder
-die Thatsache der allmählichen Entfaltung der lebenden Mechanismen
-im Gegensatz zu ihrem plötzlichen und fertigen Erscheinen diesen
-Zweckbeweis in keiner Weise beeinflussen würde, es sei denn, daß man
-nicht zeigen könnte, daß der Entwicklungsprozeß die Möglichkeit einer
-anderen Ursache zuläßt, welche durch die Hypothese der Schöpfung im
-Einzelnen nicht zugelassen wird. Aber dies ist es gerade, was durch die
-Theorie der Entwicklung, wie sie Darwin aufgestellt hat, gezeigt wird.
-Das soll besagen: Die Theorie der allmählichen Entwicklung der lebenden
-Mechanismen, wie Darwin sie aufstellte, ist doch etwas mehr als eine
-Theorie allmählicher Entfaltung im Gegensatz zu der plötzlichen
-Schöpfung. Sie ist auch eine rein naturwissenschaftliche Theorie,
-welche die rein natürlichen Ursachen dieser Entwicklung darzuthun
-sucht. Und dies ist der Punkt, an dem die Naturwissenschaft ihren
-Einfluß auf die natürliche Theologie auszuüben anfängt, oder der Punkt,
-an dem die Theorie der Entwicklung mit der Lehre vom Zweck in Berührung
-tritt. Da dies ein höchst wichtiger Teil unseres Themas ist und da über
-ihn in unserer Zeit eine außerordentliche Verwirrung herrscht, so werde
-ich ihn in der folgenden Abhandlung sorgfältig nach allen Richtungen
-hin erörtern.
-
-
- II.
-
-Nehmen wir einmal an, daß der Mensch, welcher die Uhr auf der Heide
-fand, seinen Weg fortsetzt, bis er zur Meeresküste kommt, und daß er
-ebenso wenig von physikalischer Geographie wie von der Uhrmacherei
-versteht. Bald fängt er an eine Menge von Anpassungen der Mittel
-an den Zweck zu beobachten, die zwar weniger subtil und fein sind
-als die, welche ihn bei seiner Untersuchung über das Innere der Uhr
-beschäftigten, die auf der anderen Seite aber viel eindrucksvoller
-sind, weil sie in einem viel größeren Maßstab auftreten. Erstens
-bemerkt er, daß in dem Land ein schönes Becken ausgegraben worden
-ist, um eine Bucht herzustellen; daß =die= Seiten dieses Beckens,
-welche wegen der Nähe des Meeres am meisten der Einwirkung der
-großen, rollenden Wogen ausgesetzt sind, von Felsenklippen gebildet
-werden, augenscheinlich in der Absicht, das weitere Eindringen des
-Meeres und die dadurch entstehende Zerstörung der ganzen Bucht zu
-verhindern; er bemerkt ferner, daß =die= Seiten des Beckens, welche
-wegen ihrer immer größeren Entfernung landeinwärts auch immer weniger
-der Einwirkung der großen Wogen ausgesetzt sind, aus immer kleiner
-werdenden Felsen gebildet werden, welche in Geröll und endlich in
-feinsten Sand übergehen; daß die Steine, da die Gezeiten mit ebenso
-großer Regelmäßigkeit wie die Bewegungen der Uhr kommen und gehen,
-sorgfältig vom Sand gesondert und in schiefe Schichten gelegt sind, und
-dies immer aufs schönste =den= Stellen um den Rand des Beckens herum
-entsprechend, welche am meisten der Gefahr ausgesetzt sind, durch die
-Thätigkeit der Wellen zerstört zu werden. Er würde ferner bei genauerer
-Prüfung merken, daß dieser Prozeß der auslesenden Anordnung sich bis
-in die kleinsten Einzelheiten verfolgen läßt. Hier würde er z. B.
-bemerken, daß einige (engl.) Meilen weit eine besondere Art von Seegras
-kunstreich in einem langen Bogen am Strande angeordnet ist, dort würde
-er eine prächtige Ablagerung von Muscheln sehen, wieder anderswo ein
-hübsches, kleines Häuschen von Purpursand, dessen kleine Körner aus
-dem umgebenden gelben Sand sorgfältig ausgesucht worden sind. Wiederum
-würde er bemerken, daß alle Flüßchen, die zur Bucht herunterfließen,
-in zu diesem Zweck bewundernswert gegrabenen Kanälen laufen, und
-von der Neugier getrieben, den Zweck dieser verschiedenen Flüsse zu
-ergründen, würde er finden, daß alle diese Gewässer dazu dienen, das
-Wasser zu ersetzen, welches die See durch Verdunsten verliert, und --
-auch ein bewundernswertes Beispiel von Anpassung -- frisches Wasser
-für die Tiere und Pflanzen zu liefern, die am besten in frischem
-Wasser gedeihen; und daß diese Gewässer dabei doch durch ihre vereinte
-Thätigkeit hinreichend mineralische Bestandteile hinzuführen, um dem
-Meer im Ganzen genau den Salzgehalt zu geben, welcher zur Erhaltung
-des pelagischen Lebens erforderlich ist. Wenn er endlich in dieser
-Richtung seine Forschungen fortsetzen würde, so würde er finden, daß
-tausende von verschiedenen Aufenthaltsorten sinnreich den Bedürfnissen
-von hunderttausenden der verschiedensten Lebensformen angepaßt sind,
-von denen keine leben bleiben könnte, wenn diese Aufenthaltsorte
-verändert würden. Nun, ich meine, dieser unser gedachter Forscher würde
-gar thöricht sein, wenn er aus dem Ergebnis aller seiner Studien nicht
-den Schluß zöge, daß der Nachweis eines Zweckes, wie ihn die Seebucht
-liefert, wenigstens ebenso zwingend sei wie der, den er vorher beim
-Studium der Uhr gefunden hatte.
-
-Aber es besteht zwischen beiden Fällen =ein= großer Unterschied.
-Während der Mann durch nachträgliche Erkundigung die Thatsache
-bestätigen kann, daß die Uhr ihr Dasein einem intelligenten Erfinder
-verdankt, könnte er in Bezug auf die Seebucht eine solche Bestätigung
-nicht erhalten. In dem einen Fall ist eine intelligente Erfindung als
-Ursache unabhängig demonstrierbar, während in dem andern Fall nur auf
-sie geschlossen werden kann. Welchen Wert hat nun dieser Schluß?
-
-Wenn unser gedachter Teleologe nach Beendigung dieser seiner Studien
-in irgend eine große Bibliothek geführt worden wäre und dort ein oder
-zwei Jahre verbracht hätte um sich mit den wichtigsten Resultaten der
-modernen Naturwissenschaft bekannt zu machen, dann, denke ich, würde er
-zuletzt weiser und -- trauriger geworden sein.
-
-Wenigstens würde er, indem er mehr lernt, sicherlich merken, daß er
-weniger versteht, -- daß die veraltete Einfachheit seiner früheren
-Erklärungen trotz gereifterer Anschauungen einer größeren Verwirrung
-Platz machen muß. Er würde nun zunächst finden, daß jede der
-Anpassungen von Mitteln an den Zweck, welche seine Bewunderung an der
-Meeresküste erregten, von natürlichen, sehr leicht verständlichen
-Ursachen herrühren. Die Klippen standen an der Öffnung der Bucht, weil
-das Meer in früheren Zeiten die Küstenlinie so lange angegriffen hatte,
-bis es auf diese Klippen traf, die sich seinem weiteren Vordringen
-entgegenstellten; die Bucht war eine Senkung des Landes, welche bei dem
-Zuströmen der See gerade vorhanden war und in welche die letztere daher
-flutete; die Reihenfolge von Felsen, Geröll und Sand entstand durch die
-Thätigkeit der Wogen selbst, die Sonderung des Seegrases, der Muscheln,
-der Kiesel und der verschiedenen Sandarten kam von ihrem verschiedenen
-spez. Gewicht her; die Süßwasserströme flossen in Kanälen, die sie sich
-selbst gebildet hatten, und die zahlreichen Lebensformen waren ihren
-verschiedenen Wohnungen einfach deshalb angepaßt, weil die für sie
-ungeeigneten Wesen darin nicht leben konnten. In allen diesen Fällen
-würde daher unser Teleologe im Lichte höherer Erkenntnis notgedrungen
-wenigstens =den= Schluß gezogen haben, daß die Anpassungen, die er so
-sehr bewundert hatte, als er sie für Wirkungen eines die Erscheinungen
-voraussehenden Planes hielt, nun nicht mehr diesen Nachweis eines
-intelligenten Planes liefern können, da es sich herausstellt, daß
-keine von ihnen vorher von einer unabhängigen oder äußeren Ursache
-vorbereitet wurde.
-
-Er würde daher zu dem Schluß gelangen, daß die teleologische Deutung
-der Thatsachen nur dadurch gerettet werden könnte, daß man eine viel
-weitergehende Betrachtung des Gegenstandes vornähme, als sie bei
-den besonderen Fällen augenscheinlicher Zwecksetzung, welche zuerst
-so zwingend erschienen, gefordert wurde. Das soll sagen, er würde
-fühlen, daß er die Voraussetzung irgend eines speziellen Planes in der
-Konstruktion jener besonderen Bucht verlassen und auf die Theorie eines
-viel allgemeineren Planes in der Konstruktion eines großen Natursystems
-als eines Ganzen zurückgehen muß. Kurz, er würde sein Argument von den
-besonderen und einzelnen Anpassungen, die ihm zuerst so einleuchtend
-schienen, aufgeben und zu den allgemeinen Naturgesetzen zurückkehren,
-die durch ihre vereinte Thätigkeit dem Kosmos, als unterschieden vom
-Chaos, den Ursprung gaben.
-
-Nun habe ich mich bemüht, ein imaginäres Argument aus dem Gebiet
-der unorganischen Natur in allen seinen wichtigsten Einzelheiten zu
-gewinnen, weil dasselbe ein vollständiges Analogon zu dem liefert,
-das man der organischen Natur entnimmt. Ohne Frage, die Beispiele
-eines offenkundigen Planes oder der offenbar absichtlichen Anpassung
-der Mittel an die Zwecke, welche wir in der organischen Natur finden,
-sind unverhältnismäßig zahlreicher und einleuchtender als die, welche
-uns in der unorganischen Natur begegnen. Aber wenn wir einmal guten
-Grund zu dem Schluß haben, daß die ersteren gleich den letzteren
-nicht der unmittelbaren, speziellen und vorausblickenden Thätigkeit
-einer nachsinnenden Intelligenz (wie in der Uhrmacherei oder bei der
-Schöpfung) -- sondern der Thätigkeit sekundärer oder natürlicher
-Ursachen den Ursprung verdanken, welche unter dem Einfluß dessen
-wirken, was wir allgemeine Naturgesetze nennen, dann kommt es mir so
-vor, als ob die Anpassungen der Mittel an die Zwecke, wie zahlreich
-und wie wundervoll sie auch in der organischen Natur sein mögen, doch
-keinen anderen oder zwingenderen Beweis für einen Zweck liefern als
-irgend eine Thatsache der unorganischen Natur.
-
-Der Klarheit halber wollen wir einen besonderen Fall nehmen. Paley
-sagt: »ich weiß keine bessere Methode, um in einen so wichtigen
-Gegenstand einzuführen, als wenn ich ein einzelnes Ding mit einem
-anderen einzelnen Ding vergleiche, z. B. das Auge mit einem Fernglas.«
-Er fährt dann fort, indem er die Analogieen zwischen diesen beiden
-Apparaten feststellt, und fragt zuletzt: wie ist es bei so naher
-Verwandtschaft und unter dem Eindruck gleicher Beweiskraft möglich, in
-Bezug auf das Auge die Zwecksetzung auszuschließen und doch in Bezug
-auf das Teleskop es als die einfachste und klarste von allen Annahmen
-anzunehmen, daß hier ein Plan gewaltet hat?
-
-Nun wohl, die Antwort lautet, daß diese Analogie nur auf Grund der
-Hypothese der =Schöpfung im Einzelnen= aufrecht zu halten ist, auf
-Grund der Hypothese einer =Entwicklung durch natürliche Ursachen= ist
-die Beweiskraft in beiden Fällen nicht dieselbe, denn nach dieser
-Hypothese fängt das Auge nicht als ein fertiges Gebilde an, das zum
-Zweck des Sehens gemacht ist, sondern blos als eine Differenzierung der
-Nervenenden in der Haut, die zunächst wahrscheinlich dazu diente, den
-Wechsel der Temperatur besser zu unterscheiden. Nachdem nun an diesen
-Stellen ein Pigment abgelagert worden war, wodurch jener Zweck (ich
-benutze der Kürze wegen teleologische Ausdrücke) besser erreicht wurde,
-begannen die Nervenenden Licht und Dunkel zu unterscheiden. Um diesen
-weiteren Zweck besser zu erreichen, erschien die einfachste Form einer
-Linse in Gestalt kleiner, lichtbrechender Körper. Dahinter entwickelten
-sich leicht empfindliche Stellen, welche die erste Andeutung einer
-Netzhaut als einfache Schicht sind. Und so geht es fort, Schritt für
-Schritt, bis wir das Auge eines Adlers haben.
-
-Ein Teleologe wird hier natürlich antworten: »Die Thatsache eines so
-allmählichen Aufbaues ist kein Beweis gegen die Zwecksetzung: ob nun
-die Struktur plötzlich erschien oder das Ergebnis einer langsamen
-Ausarbeitung war, die Merkmale einer Zwecksetzung sieht man in beiden
-Fällen in der vorliegenden Struktur.« Alles dies ist sehr richtig, aber
-ich behaupte auch nicht, daß die Thatsache der allmählichen Entwicklung
-an sich selbst das Argument einer Zwecksetzung beeinflußt. Ich behaupte
-nur, daß es dies bloß deshalb thut, weil es die Möglichkeit zeigt
-(was durch die Hypothese einer plötzlichen Schöpfung im Einzelnen
-ausgeschlossen ist), daß die Struktur unmittelbar durch die Thätigkeit
-natürlicher Ursachen entstanden ist. So wollen wir um des Arguments
-willen einmal annehmen, daß die natürliche Zuchtwahl als eine für
-alle diese Wirkungen hinreichende Ursache in befriedigender Weise
-festgestellt worden ist. Also, die Thatsachen der Vererbung, der
-Variation, des Kampfes ums Dasein und des Überlebens des Passendsten
-einmal zugegeben, was folgt daraus? Nun, daß jeder Schritt in der
-längeren, allmählichen Entwicklung des Auges durch die Ausscheidung
-aller weniger angepaßten Formen jeder Generation hervorgebracht wurde,
-d. h. durch die Zuchtwahl derjenigen Formen, welche besser geeignet
-sind, die Art durch Vererbung zu vervollkommnen. Will der Teleologe
-dann behaupten, daß dieser Zuchtwahl-Prozeß selbst ein Zeichen von
-Zwecksetzung im Einzelnen ist, nun, dann scheint es mir so, als ob
-er logischer Weise zu der Behauptung gezwungen wäre, die Reihen von
-Seegras, die Muscheln, die Steine und die kleinen Haufen von Purpursand
-an der Meeresküste seien auch alle in gleicher Weise ein Zeichen für
-Zwecksetzung. Die allgemeinen Gesetze, welche [in der unorganischen
-Natur. -- Der Übersetzer] auf dem spezifischen Gewicht beruhen, sind
-im Haushalt der Natur wenigstens ebenso wichtig wie die allgemeinen
-Gesetze, die sich auf spezifische Differenzierung [in der organischen
-Natur. -- Der Übersetzer] beziehen: in allen ähnlichen Beispielen
-finden wir, daß das Resultat der Wirksamkeit der bekannten natürlichen
-Ursachen eine Auswahl (_selection_) ist. Wenn entgegnet werden sollte,
-daß die Auswahl in dem einen Fall offenbar absichtslos, in dem andern
-offenbar absichtlich stattfand, so antworte ich: dies ist doch nur
-eine bloße Vermutung. Es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, wenn
-ich behaupte, daß jede geologische Formation auf der Erdoberfläche
-entweder ganz oder teilweise ihr Dasein dem auswählenden Einfluß des
-spezifischen Gewichts verdankt, und wer kann sagen, daß der Aufbau
-der Erdrinde im allgemeinen Plan der Schöpfung (wenn es einen solchen
-giebt) ein weniger wichtiger Gegenstand ist als die Entwicklung eines
-Auges? Oder könnte, da wir als das Resultat der Zuchtwahl beim Auge
-eine offenbar absichtliche Anpassung der Mittel an den Zweck erkennen,
-nicht auch in dem Resultat der Auswahl bei Seegras, Steinen, Sand und
-Schlamm eine Absicht erkannt werden? Könnte die mutmaßliche Vernunft
-nicht im Gegenteil eine größere Freude an dem letzteren als an dem
-ersteren Prozeß gehabt haben?
-
-Der Verständlichkeit wegen habe ich angenommen, daß die natürlichen
-Ursachen, mit denen wir schon bekannt sind, hinreichen, um die
-beobachteten Erscheinungen der organischen Natur zu erklären. Aber es
-ist natürlich ganz gleichgiltig, ob die Richtigkeit dieser Annahme
-zugestanden wird oder nicht, wenn wir nur zugeben, daß die beobachteten
-Erscheinungen alle aus natürlichen Ursachen bekannter oder unbekannter
-Art stammen; d. h. in dem Maße, in welchem wir die Hypothese des
-direkten oder unmittelbaren Eingreifens der Gottheit in die organische
-Natur (ein Wunder) ausschließen, in demselben Maße bringen wir den aus
-der organischen Natur gefolgerten Beweis der Zwecksetzung auf dieselbe
-logische Stufe, auf der ein aus der unorganischen Natur gefolgerter
-Beweis der Zwecksetzung steht. Daraus folgt für mich, daß Mill einen
-auffallenden Mangel an Scharfsinn gezeigt hat. Nachdem er nämlich
-in Bezug auf die natürliche Zuchtwahl bemerkt hat: »vorhergehende
-Überlegung eines Schöpfers ist durchaus nicht das einzige Band, durch
-welches die Entstehung des wunderbaren Mechanismus des Auges mit der
-Thatsache des Sehens verknüpft werden kann,« fährt er fort: »wenn
-man nun diese bemerkenswerte Spekulation (d. h. über die natürliche
-Zuchtwahl) dem Schicksal überläßt, das ihr der Fortschritt der
-Wissenschaft aufgespart haben mag, dann fallen beim gegenwärtigen Stand
-unserer Kenntnisse die Anpassungen in der Natur schwer ins Gewicht
-zu Gunsten einer Schöpfung durch eine Intelligenz.« Ich sage, diese
-Stelle scheint mir einen eigentümlichen Mangel an Scharfsinn zu zeigen,
-und zwar deshalb, weil sie von der Voraussetzung auszugehen scheint,
-daß es sich hier um eine Wahl zwischen der Hypothese der speziellen
-Zwecksetzung und der Hypothese der natürlichen Zuchtwahl handelt. So
-ist es aber nicht. Es handelt sich thatsächlich um die Wahl zwischen
-der Hypothese der speziellen Zwecksetzung und den natürlichen Ursachen.
-Das Überleben des Passendsten ist eine der =angenommenen= Ursachen,
-welche zufolge einer großen Menge von Beweisgründen wahrscheinlich eine
-=wirkliche= Ursache ist. Aber selbst wenn es als Ursache zurückgewiesen
-worden wäre, so würde die wahre Beweiskraft der Teleologie dadurch
-nicht berührt werden, wenn wir nicht etwa zu dem Schluß gezwungen
-wären, daß es keine anderen Ursachen sekundärer und natürlicher Art bei
-der Entstehung der beobachteten Anpassungen geben kann.
-
-Ich glaube nun hinreichend klar gezeigt zu haben, warum wir nach
-meinem Dafürhalten, wenn sich die Herrschaft der Naturgesetze oder
-die Wirkung natürlicher Ursachen in der organischen Natur ebenso wie
-in der unorganischen offenbart, für eine Zwecksetzung in dem einen
-Gebiet keinen besseren Beweis als in dem anderen finden können. Die
-Thatsache, daß wir in dem einen Gebiet zahlreichere und anscheinend
-vollständigere Beispiele von Zwecksetzung antreffen als in dem anderen,
-ist vermutlich nur unserer Unkenntnis der natürlichen Kausalität in
-dem verwickelteren Gebiet zuzuschreiben. Beim Studium der biologischen
-Erscheinungen sind wir bezüglich unseres Verständnisses gegenwärtig
-alle in derselben Lage wie unser gedachter Teleologe beim Studium der
-Meeresbucht: wir kennen eben nicht die natürlichen Ursachen, welche
-die beobachteten Wirkungen hervorgebracht haben. Aber wenn wir schon
-jetzt einen wenigstens teilweise passenden Schlüssel in der Theorie
-der natürlichen Zuchtwahl gefunden haben und daher nun dem umfassenden
-aus den einfacheren Gebieten der Natur geschöpften Analogon zufolge
-schließen, daß die natürlichen Ursachen auch überall bei der Erzeugung
-organischer Gebilde eine Rolle spielen, dann folgt daraus auch, daß
-jeder Beweis für eine Zwecksetzung, welchen diese Gebilde darbieten,
-genau denselben logischen Wert hat wie der Beweis für die Zwecksetzung,
-den wir aus der unorganischen Natur gefolgert haben. Wenn man noch
-hervorheben sollte, daß die Anpassungen, denen man in der organischen
-Natur begegnet, ihrer Zahl und Einheitlichkeit wegen viel mehr für eine
-Zwecksetzung sprechen als irgend etwas in der unorganischen Natur, so
-muß ich erklären, daß damit die Grundlage des Arguments vertauscht und
-der einzige in Frage stehende Punkt aufgegeben wird. Niemand leugnet
-diese offenbar feststehende Thatsache: aber die Frage ist ja, ob eine
-gewisse Menge von Anpassungen in dem einen Gebiet der Natur einen
-anderen und besseren Beweis für die Zwecksetzung liefern können als die
-Anpassungen in anderen Gebieten, wenn doch zugestandener Maßen alle
-Gebiete in gleicher Weise der Ausfluß natürlicher Kausalität sind. Und
-diese Frage verneine ich, weil wir kein Mittel haben, um die Ausdehnung
-zu bestimmen, in welcher der Prozeß der natürlichen Zuchtwahl oder
-irgend eine andere natürliche Ursache im Stande ist, Anpassungen der
-beobachtenden Art hervorzubringen.
-
-So hat man, um ein anderes Beispiel scheinbarer Zwecksetzung aus der
-unorganischen Natur zu nehmen, behauptet, daß die Zusammensetzung
-der Atmosphäre offenbar den Zweck hat, das pflanzliche und tierische
-Leben zu unterhalten. Aber bevor man diesen Schluß aus den Thatsachen
-ziehen kann, muß man zeigen, daß das Leben unter keinen anderen
-stofflichen Bedingungen existieren könnte als die sind, welche die
-Zusammensetzung der Luft aus ihren Elementen darbietet. Das zu zeigen,
-ist aber offenbar unmöglich. Im Gegenteil, das Leben kann thatsächlich
-auf anderen Himmelskörpern unter gänzlich anderen Bedingungen der
-Atmosphäre bestehen; und die Thatsache, daß auf diesem unseren Planeten
-alles Leben von den in unserer Atmosphäre vorkommenden Gasen abhängig
-geworden ist, kann einfach aus der Thatsache entspringen, daß nur
-das Auftreten derjenigen Lebensformen möglicherweise erwartet werden
-konnte, welche sich (durch natürliche Zuchtwahl oder andere natürliche
-Ursachen) diesen besonderen Gasen anpassen konnten, -- gerade so wie
-im kleineren Verhältnis nur jene Lebensformen, welche ihren besonderen
-Standorten in der Meeresbucht angepaßt waren, möglicherweise in den
-vorliegenden Verhältnissen erwartet werden konnten. Wenn man nun
-derartig zeigen kann, daß eine Reihe von so zahlreichen und feinen
-Anpassungen, wie die, von denen die Beziehungen jeder bekannten
-Lebensform zu den die Atmosphäre zusammensetzenden Gasen abhängen,
-nicht notwendiger Weise die Thätigkeit irgend einer ordnenden
-Intelligenz fordern, -- wie ist dann der Schluß möglich, daß irgend
-eine weniger allgemeine Anpassungsreihe dies fordern sollte? -- so
-lange doch wenigstens nicht, als jeder Fall von Anpassung, mag er nun
-im letzten Grunde auf eine Zwecksetzung zurückzuführen sein oder nicht,
-zunächst aus natürlichen Ursachen entspringt.
-
-Angesichts dieser Betrachtungen denke ich, ist es daher ganz klar,
-daß das Argument der Teleologie, wenn überhaupt, dann nur dadurch
-gerettet werden kann, daß man von der engen Grundlage der =einzelnen=
-Anpassungen auf das breite Gebiet der Natur als ein Ganzes übergeht.
-Und hier, ich bekenne es, gewinnt das Argument für mich ein Gewicht,
-welches, wenn lange und aufmerksam erwogen, als außerordentlich
-bezeichnet zu werden verdient. Denn wenn auch diese und jene besondere
-Anpassung in der Natur als zunächst aus natürlichen Ursachen
-entspringend betrachtet werden kann und wenn wir auch auf Grund einer
-größtmöglichen Analogie zu dem Schluß geführt werden, daß auch alle
-anderen derartigen besonderen Fälle in gleicher Weise auf natürliche
-Ursachen zurückzuführen sind, so erhebt sich die mehr auf den
-»=letzten=« Grund zielende Frage: Wie kommt es, daß alle natürlichen
-Ursachen durch ihre gemeinsame Wirksamkeit eine allgemeine Ordnung
-in der Natur hervorbringen? Es ist gegen alle Analogie, wenn man
-annehmen will, daß ein derartiges Resultat durch solche Mittel, wie
-sie der reine Zufall oder »das zufällige Zusammentreffen von Atomen«
-bieten, erreicht werden könnte. Wir werden durch die wichtigsten
-Fundamentalsätze unserer Vernunft zu dem Schluß geführt, daß es irgend
-eine Ursache für dieses Zusammenwirken der Ursachen geben muß. Ich
-weiß, daß dies seit den Tagen des Lucretius geleugnet worden ist, aber
-das geschah nur aus Gründen des Gefühls.
-
-Es ist nicht möglich, für diese Leugnung einen Vernunftgrund anzugeben,
-der nicht selbst wieder dem Gesetz der Kausalität zuwider liefe. Ich
-bin mir daher dessen völlig bewußt, daß die einzige Frage, welche hier
-von einem rein vernunftgemäßen Standpunkt aus zu beantworten ist, diese
-ist: »Welcher Art muß die _causa causarum_ (die Ursache aller Ursachen)
-sein?«
-
-Über diesen Punkt sind überhaupt nur zwei Hypothesen aufgestellt
-worden, ich halte es aber auch für unmöglich, noch irgend eine dritte
-zu erdenken. Von diesen beiden Hypothesen ist die älteste und die
-natürlich am nächsten liegende die einer =geistigen= Zwecksetzung. Die
-andere Hypothese verdanken wir den weitreichenden Gedanken Herbert
-Spencers. Im siebenten Kapitel seiner »_first principles_« führt er
-aus, daß alle Kausalität unmittelbar aus dem Dasein als solchem folgt,
-oder, wie er es ausdrückt, daß »die Gleichförmigkeit des Gesetzes
-unabweislich aus der Erhaltung der Kraft folgt«: denn »wenn in zwei
-beliebigen Fällen völlige Übereinstimmung besteht, nicht nur zwischen
-jenen völlig klaren Antecedentien (vorhergehenden Vorgängen), welche
-wir als die Ursachen erkennen, sondern auch zwischen jenen begleitenden
-Antecedentien, welche wir die Bedingungen nennen, dann können wir nicht
-annehmen, daß die Wirkungen verschieden sein werden, es müßte denn
-sein, daß entweder irgend eine neue Kraft ins Dasein getreten wäre
-oder daß irgend eine alte Kraft aufgehört hätte zu wirken. Wenn die
-zusammenwirkenden Kräfte in dem einen Fall denen im andern gleich sind
-in Bezug auf Verteilung und Stärke, dann ist es unmöglich zu begreifen,
-weshalb die Wirkung bei ihrer vereinten Thätigkeit in dem einen Fall
-anders sein sollte als in dem anderen, man müßte dann denken, daß eine
-oder mehrere von den Kräften sich der Quantität nach verstärkt oder
-abgeschwächt haben, dann aber wäre die Kraft als nicht beharrend zu
-denken.«
-
-Diese Erklärung der Ursächlichkeit als unmittelbarer Ausfluß des
-Daseins ist nun für uns einmal als Theorie der Kausalität und dann
-wegen ihrer Beziehung zum Theismus von Interesse. Als Theorie der
-Kausalität hat sie nicht den Beifall der Mathematiker, Naturforscher
-und Philosophen gefunden, die führenden Männer aller dieser
-Wissenschaften haben ihr ausdrücklich widersprochen, während meines
-Wissens kein Vertreter derselben zu ihren Gunsten gesprochen hat.[29]
-
-Aber dieser Umstand geht mich eben nichts an; denn selbst zugegeben,
-daß die Theorie voll und ganz eine Erklärung der Ursächlichkeit bietet,
-so würde sie doch nicht genügen, um die harmonische Beziehung der
-Ursachen zu einander oder die Thatsache zu erklären, mit der allein wir
-uns jetzt beschäftigen. Dies wird von dem anonymen Autor »Physikus«
-nicht beachtet, der in seiner »Unbefangenen Prüfung des Theismus«
-großes Gewicht auf Spencers Theorie der Kausalität legt, insofern sie
-den Theismus stürze oder wenigstens die Notwendigkeit der theistischen
-Hypothese abschwäche, weil sie eine volle Erklärung der Naturordnung
-auf rein natürlichem Boden liefere. Aber er unterläßt die Bemerkung,
-daß Spencers Theorie, selbst wenn man zugiebt, daß sie alle Thatsachen
-der Ursächlichkeit voll und ganz erklärt, doch in keiner Weise den
-Kosmos erklärt, in welchem diese Thatsachen auftreten. Es mag wahr
-sein, daß die Ursächlichkeit von der Erhaltung der Kraft abhängt; es
-folgt aber daraus nicht, daß alle Kraftäußerungen aus diesem Grunde
-so auftreten müssen, wie sie gerade auftreten. Denn wenn wir irgend
-eine Reihe von natürlichen Ursachen rückwärts verfolgen, so finden wir
-bald, daß sie sich nach allen Seiten in ein Netzwerk von natürlichen
-Beziehungen ausbreiten, die buchstäblich sowohl im Raum (Bedingungen)
-als auch in der Zeit (vorhergehende Ursachen) unbegrenzt sind. Wenn
-wir nun auch annehmen, daß die Erhaltung der Kraft eine hinreichende
-Erklärung für das Zustandekommen der besonderen Folgewirkung ist,
-soweit es sich um die Äußerung von Kraft handelt, so sind wir doch
-noch so weit wie je davon entfernt, erklären zu können, weshalb diese
-Kraft gerade für den besonderen Kanal, in dem sie fließt, bestimmt
-ist. Es mag durchaus wahr sein, daß die Resultierende (d. h. die aus
-vorhergehenden Ursachen, den Komponenten, sich ergebende Wirkung oder
-Kraft. -- Der Übersetzer) nach Größe und Richtung durch die Komponenten
-bestimmt wird, aber wie steht es mit Größe und Richtung der Komponenten
-selbst? Wenn gesagt wird, daß sie ihrerseits durch das Zustandekommen
-der vorhergehenden Systeme [von Ursachen] bestimmt werden, wie steht
-es dann mit diesen Systemen? Und so geht es weiter, bis wir uns in
-dem schon erwähnten, unbegrenzten Netzwerk verlieren. Nur wenn wir
-den Ursprung aller Reihen aller dieser Systeme wüßten, dann könnten
-wir in der Lage sein zu sagen, daß eine entsprechende Intelligenz
-durch Berechnung den Zustand eines jeden Teils des Universums in einem
-gegebenen Zeitpunkt vorher bestimmen konnte. Da aber die Reihen
-sowohl nach Zahl wie nach Ausdehnung unbegrenzt sind, so kann man von
-einer solchen Kenntnis natürlich überhaupt gar nicht reden. Überdies,
-selbst wenn dies als möglich gedacht werden könnte, so könnte es nur
-auf Kosten der Annahme eines Ursprungs der natürlichen Ursächlichkeit
-in der Zeit geschehen; und dies läuft auf die Annahme eines Zustands
-der Dinge hinaus, der vor einer solchen Ursächlichkeit lag und aus dem
-letzteren entsprang. Dies heißt aber eine übernatürliche Quelle der
-natürlichen Kausalität annehmen; und ob nun diese Annahme mit Bezug
-auf ein natürliches Ereignis gemacht wird, welches unter unmittelbarer
-Beobachtung stattfand (und dies wäre ein Wunder), oder mit Bezug auf
-ein natürliches Ereignis in der Vergangenheit oder endlich mit Bezug
-auf den Ursprung aller natürlichen Ereignisse, -- so ist sie doch
-in gleicher Weise unvereinbar mit jeder Theorie, welche eine rein
-natürliche Erklärung des Universums als Ganzes zu geben versucht. Kurz,
-es ist die alte Geschichte von einem Strom, der sich nicht über seine
-Quelle erheben kann. Die natürliche Ursächlichkeit kann nicht dazu
-verwendet werden sich selbst zu erklären, und die bloße Erhaltung der
-Kraft kann, selbst wenn sie zugestandenermaßen zur Erklärung besonderer
-Fälle einer natürlichen Folgenreihe genügte, kein zureichender Grund
-für die allgegenwärtige und ewige Leitung der Kraft bei dem Aufbau und
-der Erhaltung der Weltordnung sein.
-
-So werden wir also zu der Anerkennung getrieben, daß uns die Theorie
-des Theismus die einzige wirkliche Erklärung der Weltordnung
-bietet. Das soll besagen: durch kein logisches Kunststück können
-wir uns dem Schluß entziehen, daß diese Weltordnung, so weit unser
-Verständnis reicht, irgend einem sie ergänzenden Prinzip den Ursprung
-verdanken muß, und daß das letztere, so weit wir sehen können,
-höchst wahrscheinlich geistiger Natur sein muß. Zum wenigsten aber
-muß zugegeben werden, daß wir die Weltordnung unter keinem =anderen=
-Gesichtspunkt =begreifen= können, und daß, wenn irgend eine besondere
-Anpassung in der organischen Natur nach unserem Dafürhalten auf eine
-solche Thätigkeit hinweist, die Gesamtsumme aller Anpassungen in dem
-Universum dies in noch unvergleichlich höherem Maße thun muß. Ich
-werde indessen hierbei nicht verweilen, da dies schon von einigen
-modernen Schriftstellern und mit besonderer Überzeugungskraft von Baden
-Powell erörtert worden ist. Ich will nur bemerken, daß wir bei der
-Darstellung dieses Arguments zu Gunsten des Theismus meines Erachtens
-nicht von »Naturgesetzen« zu sprechen brauchen. Wir brauchen uns nur
-auf die [großartige] allgemeine Thatsache zu berufen, daß die Natur ein
-geordnetes System ist und daß die in ihr beobachtete Ordnung durchaus
-universal, von ewiger Dauer und unendlich exakt ist; denn nur dann,
-wenn dies der Fall ist, ist es begreifbar, daß eine Erfahrung für uns
-möglich ist oder daß wir eine Erkenntnis erlangen können.
-
-Nachdem ich nun möglichst nachdrücklich festgestellt habe, daß nach
-meiner Meinung eine andere Erklärung der allgemeinen Naturordnung
-weder begriffen noch aufgestellt werden kann als die, welche auf
-eine Intelligenz als höchste leitende Ursache zurückgeht, werde
-ich zu zwei anderen Fragen übergehen, die unmittelbar aus dieser
-Erklärung entspringen. Die erste von diesen Fragen bezieht sich auf
-den mutmaßlichen Charakter jener höchsten Intelligenz, insofern durch
-unsere Naturbeobachtung irgend welche Anhaltspunkte für denselben
-zu gewinnen sind; die andere Frage ist die nach der streng formalen
-Überzeugungskraft irgend welcher Schlüsse mit Bezug auf die Existenz
-oder den Charakter solch einer Intelligenz.[30] Ich werde diese beiden
-Fragen getrennt betrachten.
-
-Wenn wir zu dem Schluß gelangt sind, daß die einzige Hypothese, welche
-eine Erklärung der allgemeinen Naturordnung zuläßt, die ist, daß sie
-aus einer Ursache geistiger Art entspringt, -- so stehen wir vor der
-Thatsache, daß diese Ursache himmelweitverschieden von allem sein muß,
-was wir von dem Geist in uns selbst erkennen. Und alsbald entdecken
-wir, daß diese Verschiedenheit nicht bloß dem Grade nach, mag dies
-noch so weit gehen, sondern auch der Art nach aufgefaßt werden muß.
-Mit anderen Worten: wenn wir auch schließen können, daß die nächste
-Analogie für den _causa causarum_, die uns die Erfahrung bietet, der
-menschliche Geist ist, so müssen wir doch sagen, daß diese Analogie
-in allen grundlegenden Punkten so fern liegt, daß sich die Frage
-erhebt, ob wir der Wahrheit wirklich sehr viel näher kommen, wenn
-wir sie aufrecht halten. So ist z. B., wie Spencer festgestellt hat,
-unsere einzige Vorstellung von dem, was wir als Geist in uns selbst
-erkennen, die Vorstellung von einer Reihe von Bewußtseinszuständen.
-Aber er fährt fort: »nimm eine Reihe von Bewußtseinszuständen als
-Ursache und das sich entwickelnde Universum als Wirkung, und dann
-bemühe dich einmal das letztere als aus dem ersteren entspringend zu
-erkennen. In etwas unklarer Weise kann ich mir wohl vorstellen, daß
-eine Reihe von Bewußtseinszuständen für irgend eine der Bewegungen,
-die ich vor sich gehen sehe, das Antecedens (Vorhergehende) ist; denn
-meine eigenen Bewußtseinszustände sind oft indirekt die Antecedenten
-solcher Bewegungen. Aber wie steht es, wenn ich versuche an eine
-solche Reihe als Antecedens =aller= Wirkungen im ganzen Universum zu
-denken ....? Wenn wegen der Unbegrenztheit der überall stattfindenden
-natürlichen Veränderungen »ein Geist als vorhanden begriffen werden
-muß«, »unter der Gestalt einfacher Kräfte«, dann folgt doch daraus, daß
-der Geist, um derartig begriffen zu werden, aller Eigenschaften, durch
-welche er (beim Menschen. -- Der Übs.) gekennzeichnet wird, entkleidet
-werden muß; ein Begriff aber, der so aller seiner kennzeichnenden
-Eigenschaften entkleidet wird, verschwindet in sich: -- das Wort
-»Geist« steht dann also da als eine unbekannte Größe«.
-
-Und mehr noch, »wie soll man es sich denken, daß der schöpferische
-Geist Zustände durch Naturkörper hervorbringt, die ihm gegenüber
-objektiv sind, daß er zwischen diesen Zuständen unterscheidet, daß
-er sie als ähnlich oder unähnlich klassifiziert und daß er =ein=
-objektives Resultat dem anderen vorzieht?«[31].
-
-Ohne diese Gedanken weiter auszuführen, was sich unschwer in Bezug
-auf jede wesentliche Seite menschlicher Psychologie machen ließe,
-können wir es als unfraglich ansehen, daß der göttliche Geist, wenn
-er wirklich vorhanden ist, so wesentlich vom menschlichen Geist
-verschieden sein muß, daß es unlogisch ist, die beiden mit demselben
-Namen zu bezeichnen: die Eigenschaften der Ewigkeit und Allgegenwart
-genügen an sich ja schon, um einen solchen Geist in eine besondere
-Kategorie zu stellen, die gänzlich verschieden von allem ist, was
-das Analogon unsers eignen Geistes uns, wenn auch nur dunkel, je
-begreiflich machen könnte. Und ganz dasselbe behaupten ja auch die
-Theologen. »Gottes Gedanken«, sagen sie, »sind höher als unsere
-Gedanken, und ein Gott, der für unsere Intelligenz faßbar wäre, würde
-überhaupt kein Gott sein«. Das mag ja ganz richtig sein, allein wir
-müssen uns dann doch sagen, daß wir in demselben Maße, wie uns das
-Verständnis des göttlichen Geistes verschlossen ist, auch unfähig
-sind nach den vom menschlichen Geist gebotenen Analogieen irgend
-welche Schlüsse auf seine Natur zu ziehen. Die Theorie hört auf
-anthropomorphistisch, ja sogar anthropopsychisch zu sein, sie hat
-mit dem Begriff des Geistes nur noch in sofern etwas zu thun, als er
-am besten eine vorläufige, faßbare Rechenschaft von der Naturordnung
-giebt, indem sie (in dem weltschöpferischen Geist -- D. Ü.) einige
-Fähigkeiten des menschlichen Geistes als vorhanden aber unendlich
-vergrößert annimmt, zugleich aber auch alle wesentlichen Bedingungen
-vernichtet, unter denen allein diese Fähigkeiten, soweit wir wissen,
-existieren können. Es ist klar, daß eine Aussage von einem solchen
-Geist logisch unmöglich ist. Wenn er existiert, dann ist seine Existenz
-unbegreiflich, und es ist ausgeschlossen, daß wir ihm irgend welche
-Eigenschaften zuschreiben dürfen.
-
-So viel von der allgemeinen Grundlage (der Annahme eines dem
-Menschengeist ähnlichen Schöpfergeistes -- D. Ü.). Wenn wir nun
-zu Einzelheiten übergehen, so wollen wir mit den Vertretern der
-natürlichen Theologie annehmen, daß solch ein Geist existiert, daß er
-dem menschlichen Geist in soweit ähnelt, als er eine selbstbewußte,
-persönliche Intelligenz ist und daß sich die Fürsorge eines solchen
-Geistes über alle seine Werke erstreckt. Selbst auf Grund dieser
-Annahme begegnen wir einer Menge von bedeutsamen und allgemeinen
-Thatsachen, welche anzeigen, daß dieser Geist doch noch als seinem
-»Ebenbild« im Geist des Menschen augenscheinlich sehr unähnlich
-betrachtet werden muß. Ich will mich hier nicht auf die Thatsache
-berufen, daß es in der Natur ein unnützes und zweckloses Handeln
-giebt, weil man dem meines Erachtens sehr wohl ein anderes aus der
-Anschauung der Natur als Ganzes entnommenes Argument entgegenhalten
-kann -- daß nämlich die Natur als Ganzes ein geordneter Kosmos ist
-und daß daher das, was uns im Einzelnen als unnütz und zwecklos
-erscheint, in Bezug auf das große System der Dinge als ein Ganzes nicht
-zwecklos sein mag. Zweifelhaft aber ist es mir, ob man dann weiterhin
-dieses letztere Argument demgegenüber anführen darf, daß in der Natur
-offenbar das fehlt, was man beim Menschen »Moralität« nennt. Denn in
-dem menschlichen Geist ist das Gefühl für Recht und Unrecht -- mit
-allen jenen Affekten, die es begleiten und bilden: Liebe, Sympathie,
-Gerechtigkeit u. s. w. -- ein so wichtiger Faktor, daß wir uns, wie
-groß auch die intellektuelle Seite des menschlichen Geistes gedacht
-werden mag, doch kaum dabei die moralische Seite so augenscheinlich
-verdunkelt denken könnten, daß sie in der Schöpfung eines solchen
-Werkes aufgehen sollte, wie wir es in der irdischen Natur finden.
-Es ist unnütz unsere Augen vor dem Zustand der Dinge, der uns hier
-begegnet, zu schließen. Die meisten Beispiele spezieller Zwecksetzung,
-auf welche sich die Vertreter der natürlichen Theologie beziehen, um
-die intelligente Natur der »ersten« Ursache zu beweisen, haben als
-Ziel oder Gegenstand die Strafe eines schmerzreichen Todes oder die
-Flucht vor grausamen Feinden, aber gerade in dieser Hinsicht ist das
-Argument zu Gunsten der intelligenten Natur der »ersten« Ursache ein
-Argument gegen ihre Moralität. Wenn wir wiederum die engere Grundlage
-verlassen, auf welcher das teleologische Argument früher ruhte, und
-es auf die breitere Grundlage der Natur als ein Ganzes stellen, so
-ist es kaum weniger unvereinbar mit der Moralität jener Ursache; denn
-wir sehen, daß die Thatsachen, auf die ich angespielt habe, nicht nur
-zufälliger Natur sind und sozusagen von entgegengesetzten Thatsachen
-allgemeinerer Art ausgewogen werden, sondern daß sie augenscheinlich
-das wichtigste Kennzeichen des Systems der organischen Natur als ein
-Ganzes darstellen; wenn man dies aber für fraglich hält, dann würden
-wir nicht mehr zu dem Schluß berechtigt sein, daß es überhaupt ein
-solches System giebt.
-
-Daß die Natur an Zähnen und Klauen rot vor Blutgier ist, das ist also
-ohne Frage eine Thatsache von weitgehender und allgemeiner Bedeutung,
-die von jeder Theorie der Teleologie berücksichtigt werden muß.
-Diese Seite unserer Frage kann wohl kaum in stärkeren Ausdrücken
-wiedergegeben werden, als es von »Physikus«[32] geschehen ist, den ich
-daher hier zitieren werde:
-
-»Nehmen wir einmal an, die Gottheit sei, wie Professor Flint behauptet,
-allmächtig, dann ist doch sicherlich der Schluß im höchsten Grade
-berechtigt, daß ein derartiges allgemeines Leiden, mag es auch immer
-bezwecken, was es will, einen unberechenbar größeren Mangel an
-Barmherzigkeit im göttlichen Charakter zeigt als in irgend einem,
-auch dem schlechtesten, menschlichen Charakter. Laßt uns doch einen
-Augenblick einhalten und bedenken, was das Leiden in der Natur
-bedeutet. Vor einigen hundertmillionen Jahren sind Millionen und aber
-Millionen von Tieren zum Gefühl erwacht. Seit jener Zeit bis zur
-Gegenwart muß es Millionen und aber Millionen von Generationen von
-Millionen und aber Millionen von Individuen gegeben haben. Und während
-dieser ganzen Zeit von unberechenbarer Dauer hat dieses unfaßbar große
-Heer fühlender Wesen in einem Zustand des unaufhörlichen Kampfes,
-der Furcht, der Raubgier und der Schmerzen gelebt. Wenn wir das
-Ergebnis dieser Thatsachen betrachten, so finden wir, daß mehr als
-die Hälfte der Arten, welche den endlosen Kampf überlebt haben, in
-ihren Lebensgewohnheiten Parasiten geworden sind, also niedrigere und
-empfindungslose Lebensformen, welche sich von höheren und empfindenden
-Formen nähren: da sehen wir Zähne und Krallen, die zum Mord gewetzt,
-Hacken und Saugnäpfe, die zur Qual gebildet sind, -- überall eine
-Herrschaft des Schreckens, des Hungers, der Krankheit, mit strömendem
-Blut und zuckenden Gliedern, mit keuchendem Atem und unschuldigen
-Augen, die sich trübe in den Todesschauern grausamer Qual schließen.
-Will man etwa entgegnen, daß es zur Entschädigung auch Freuden giebt?
-Ich will das nicht gegen einander abwägen, die Freuden fasse ich
-einfach als ebenso natürlich notwendig auf wie die Schmerzen, einerlei
-ob die Entwicklung einer Zwecksetzung entspringt oder nicht ...... Will
-man mir aber vielleicht einwerfen, daß ich nicht berechtigt bin über
-die Zwecke des Allmächtigen zu urteilen? Ich antworte: wenn es Zwecke
-giebt, dann =bin= ich auch meines Erachtens berechtigt über sie zu
-urteilen; und wenn ich über Zwecke urteilen darf, falls sie wohlthätig
-zu sein scheinen, dann bin ich folgerichtig gezwungen auch über die
-zu urteilen, welche unbarmherzig zu sein scheinen. Es ist auch nicht
-möglich, die letzteren durch den Hinweis auf die Ordnung und Schönheit
-als Endziel zu mildern, wenn man weiß, daß die von dem »allmächtigen
-Zwecksetzer« angewandten Mittel so [schreckliche] gewesen sind. Alles,
-was wir berechtigter Weise in dieser Sache behaupten könnten, würde
-sein, daß er unseren Beobachtungen zufolge für die Vervollkommnung
-der Tiere sorgt, selbst unter Hintansetzung ihrer Lebensfreuden, ja
-selbst unter gänzlicher Mißachtung ihrer Leiden. Aber dies behaupten
-würde doch nur heißen die Wohlthätigkeit als eine Eigenschaft Gottes
-leugnen«.[33]
-
-Dieses Räsonnement ist ebenso unanfechtbar wie klar. Wenn wir, wie
-der Verfasser weiter sagt, ein Kaninchen in den eisernen Klauen einer
-Falle zittern sehen und die teuflische Natur des Wesens verabscheuen,
-welches sehr gut weiß, was Schmerz bedeutet, und doch mit vollem
-Bewußtsein seine ganze Erfindungsgabe anwendet, um ein so scheußlich
-grausames Ding zu ersinnen, -- was sollen wir dann von einem Wesen
-denken, welches mit noch höheren geistigen Fähigkeiten und mit einer
-unbeschränkten Fähigkeit die Mittel zur Sicherung seiner Ziele zu
-wählen begabt ist und welches doch unsagbar viele Tausende von nicht
-weniger teuflischen Mechanismen ersonnen hat? Kurz, so weit uns die
-Natur belehren kann und soweit die »Beobachtung reicht«, scheint es,
-als ob das Natursystem, wenn es überhaupt eins giebt, die Schöpfung
-eines Geistes darstellt, der sich von dem höher entwickelten
-menschlichen Geist dadurch unterscheidet, daß er unermeßlich
-intelligenter ist ohne auch nur annähernd so moralisch zu sein. Und
-dasselbe wird durch die rohe und gar keinen Unterschied machende Art
-angezeigt, in welcher die Gerechtigkeit abgemessen wird -- wenn man
-überhaupt sagen kann, daß dies geschieht. Wenn wir die Bestimmtheit und
-Strenge, mit welcher jedes Vergehen gegen die »Naturgesetze« von der
-Natur bestraft wird (gleichgültig, ob es auch nur aus Unwissenheit
-entspringt), mit der außerordentlichen Unbestimmtheit und Laxheit
-vergleichen, mit welcher sie einem Vergehen gegen die »moralischen
-Gesetze« begegnet, -- dann müssen wir doch fühlen, daß =dieses= System
-der Gesetzgebung (wenn wir es überhaupt so nennen dürfen) gänzlich von
-einem verschieden ist, welches eine irgendwie anthropopsychisch zu
-nennende Intelligenz erdacht haben würde.
-
-Die einzige Antwort, welche die Vertreter der natürlichen Theologie
-auf diese schwierigen Fragen noch geben könnten, bezieht sich auf
-die Beschaffenheit des menschlichen Geistes. Es wird behauptet: die
-Thatsache, daß dieser Geist seinem Wesen nach eine verhältnismäßig so
-hohe Moralität besitze, möchte doch wohl ein Beweis dafür sein, daß die
-Quelle, die ihm den Ursprung gab, in gleicher Weise einen moralischen
-Charakter habe. Dieses Argument erscheint mir jedoch fragwürdig,
-denn, soviel wir wissen können, kann der moralische Sinn dem Menschen
-gegeben worden sein oder sich in ihm entwickelt haben, einfach wegen
-seiner Nützlichkeit für die Spezies -- ganz in derselben Weise wie
-die Zähne des Haifisches und das Gift der Schlange. Wenn dem so ist,
-dann würde das Auftreten des moralischen Sinnes beim Menschen nur ein
-weiterer Beweis dafür sein, daß die intellektuelle Natur Gottes von
-seiner moralischen wohl zu unterscheiden ist; und es scheint kein
-Grund vorhanden zu sein, weshalb wir die Sache von einem anderen
-Gesichtspunkt aus betrachten sollten. Die Thatsache, daß =uns= der
-moralische Sinn als ein so großes und heiliges Ding erscheint, ist
-zweifellos (von jedem Gesichtspunkt aus) die Folge seiner Bedeutung für
-die Wohlfahrt unserer Spezies. An sich oder wie er anderen möglichen
-Wesen erscheint, die gleich uns intelligent sind, aber unter anderen
-Lebensbedingungen existieren, kann man dem moralischen Charakter des
-Menschen nicht mehr Bedeutung zugestehen als den sozialen Instinkten
-der Bienen. Ganz besonders berechtigt ist diese Erwägung für den
-Fall, daß es, gemäß der theologischen Theorie der Dinge, einen Geist
-außerhalb des Gebiets jener sozialen Verhältnisse giebt, aus denen
-sich nach der wissenschaftlichen Entwicklungslehre der moralische Sinn
-in uns selbst entwickelt hat.[34]
-
-Thatsächlich nehmen die Vertreter der natürlichen Theologie in
-dieser Frage einmal an, daß die erste Ursache wenn intelligent auch
-moralisch sein müsse, ferner aber sehen sie nicht die außerordentlich
-große logische Schwäche des Arguments, durch welches sie ihre
-Annahme aufrecht erhalten wollen. Es möchte doch sicherlich eine
-ganz ebenso anthropomorphistische Vorstellung sein, wenn man Gott
-Moralität zuschreiben wollte, als wenn man ihm jene Empfänglichkeit
-für sinnlichen Genuß zuschreiben wollte, mit der die Griechen ihre
-Gottheiten ausstatteten. Die Gottheit mag doch wohl am Ende über dem
-einen wie über dem anderen hoch erhaben stehen -- oder wir müssen
-vielleicht richtiger sagen, sie steht dem einen so fremd gegenüber wie
-dem anderen. Ohne daß sie übermoralisch und noch weniger unmoralisch
-ist, mag sie wohl ohne Moral sein: unsere Begriffe von Moralität
-möchten wohl auf Gott angewendet keinen Sinn haben.
-
-Wenn wir nun aber auf der einen Seite dies sagen müssen, so müssen wir
-andererseits, denke ich, konsequenter Weise zugeben, daß das Argument
-vom Bau des menschlichen Geistes viel gewichtiger wird, wenn man von
-dem moralischen Gefühl zu den religiösen Instinkten übergeht. Denn
-einerseits sind diese Instinkte nicht von so offenkundigem Nutzen für
-die Spezies wie diejenigen der Moralität; und andererseits scheinen
-sie, obwohl sie ohne Frage außerordentlich allgemein, ausdauernd und
-kräftig sind, nicht irgend einem »Ziel« oder »Zweck« in dem System
-der Dinge zu dienen, wenn wir nicht die Theorie derjenigen über sie
-annehmen, in denen sie am stärksten entwickelt sind. Hier haben wir
-meines Erachtens ein Argument von berechtigter Kraft, obwohl Mill, wie
-es scheint, diese Meinung nicht teilte. Ich glaube, daß dieses Argument
-deshalb eine berechtigte Kraft besitzt, weil die religiösen Instinkte
-des Menschengeschlechts, wenn sie nicht auf eine Realität als ihr
-Objekt hinweisen, verglichen mit allen anderen Instinkten ohne jedes
-Analogon sein würden.
-
-Sonst treffen wir im Tierreich nirgends einen Instinkt an, der nicht
-auf ein Ziel hinweist, und insofern ist die Thatsache, daß der Mensch,
-wie man gesagt hat, ein »religiöses Tier« ist, -- d. h. daß er eine
-Art eigentümlicher Gefühle aufweist, die auf besondere Ziele gerichtet
-sind und die mit dem wahren Instinkt sehr nahe verwandt, wenn nicht
-identisch sind, -- meiner Meinung nach ein berechtigtes Argument
-für die Realität irgend eines Objekts, auf das die religiöse Seite
-der Natur dieses Wesens gerichtet ist. Ich glaube auch nicht, daß
-dieses Argument von Thatsachen wie den folgenden entkräftet wird:
-daß nämlich die verschiedenen Rassen des Menschengeschlechts weit
-auseinandergehende, intellektuelle Vorstellungen von dem Charakter
-dieses Objekts besitzen; daß die Stärke der religiösen Instinkte bei
-verschiedenen Individuen, selbst derselben Rasse, höchst verschieden
-ist; daß diese Instinkte durch die Erziehung außerordentlich
-modifiziert werden können; daß sie sich wahrscheinlich bei keinem
-Individuum entwickeln würden, wenn demselben nicht wenigstens so viel
-Erziehung zu teil wird als zur Entwicklung der nötigen intellektuellen
-Vorstellungen, auf die sie sich gründen, erforderlich ist; oder daß wir
-ihren Ursprung mit Spencer nicht unwahrscheinlich auf eine primitive
-Art der Traumdeutung zurückführen können. Denn selbst im Hinblick auf
-alle diese Erwägungen bleibt doch die Thatsache bestehen, daß diese
-Instinkte =existieren=, und daß daher angenommen werden darf, daß sie
-gleich allen anderen Instinkten eine bestimmte Bedeutung haben, auch
-dann, wenn man annehmen kann, daß sie gleich allen anderen Instinkten
-eine natürliche Ursache haben, was sowohl hinsichtlich des Individuums
-wie auch hinsichtlich der Rasse fordert, daß für die natürlichen
-Bedingungen ihres Auftretens gesorgt sein muß, gerade so wie bei
-der natürlichen Entwicklung aller anderen Instinkte. Kurz, wenn man
-allgemein dafür hält, daß die tierischen Instinkte gleich organischen
-Gebilden und unorganischen Systemen einen Zweck verfolgen müssen,
-dann würde die religiöse Natur des Menschen als eine Anomalie in dem
-allgemeinen System der Dinge dastehen, wenn sie allein zwecklos wäre.
-Dies nun erscheint mir ein kräftiger Beweis dafür zu sein, daß, wenn
-die allgemeine Naturordnung einem Geist den Ursprung verdankt, der
-Charakter dieses Geistes derartig ist, wie ihn sich die am höchsten
-entwickelte Form der Religion vorstellt. Dieser Schluß ist nun ohne
-Zweifel ganz entgegengesetzt dem, zu welchem wir durch Betrachtung der
-biologischen Erscheinungen gelangten; und dies ist ein Widerspruch, der
-nur durch die Annahme gelöst werden kann, daß entweder die Natur Gott
-verheimlicht, während der Mensch ihn offenbart, oder daß die Natur Gott
-offenbart, während der Mensch ihn falsch darstellt.
-
-Noch eine andere Thatsache von weittragender und allgemeiner Bedeutung
-weist uns die Natur auf, welche meiner Meinung nach, falls die
-Naturordnung für den Ausdruck eines intelligenten Zweckes gehalten
-wird, als Beweis für die ethische Natur jenes Zweckes sehr wichtig ist.
-Es ist eine Thatsache, welche meines Wissens noch von keinem anderen
-Schriftsteller beachtet worden ist; da es aber eine der allgemeinsten
-Thatsachen innerhalb der empfindenden Schöpfung ist, welche auch nicht
-eine einzige Ausnahme gestattet, so kann ich ihre Bedeutung als
-Argument gar nicht nachdrücklich genug hervorheben. Diese Thatsache
-ist, wie ich sie bei einer früheren Gelegenheit festgestellt habe,
-folgende: »Unter all' den Millionen von Mechanismen und Instinkten
-im Tierreich giebt es kein einziges Beispiel eines Mechanismus oder
-Instinkts, der bei einer Spezies zum ausschließlichen Vorteil einer
-anderen Spezies aufträte, obwohl es einige wenige Fälle giebt, in denen
-ein Mechanismus oder Instinkt, der für seinen Besitzer von Vorteil
-ist, auch von anderen Spezies sich nutzbar gemacht worden ist. Nun ist
-es der Theorie einer wohlthätigen Zwecksetzung unmöglich zu erklären,
-warum es, wenn alle Mechanismen derselben Spezies unabänderlich zu
-Gunsten jener Spezies in Korrelation stehen, niemals eine solche
-Korrelation zwischen den Mechanismen verschiedener Spezies giebt, oder
-warum dies auch für die Instinkte gilt. Denn welch' ein großartiges
-Schauspiel göttlicher Barmherzigkeit würde die organische Natur geboten
-haben, wenn alle, oder auch nur einige Spezies in solche Beziehung zu
-einander gesetzt worden wären, daß sie sich in ihren gegenseitigen
-Bedürfnissen aushelfen könnten. Die organischen Spezies könnten dann
-einer unzähliger Schar von Stimmen verglichen werden, die alle in einen
-harmonischen Lobpsalm einstimmen. Aber wie es nun einmal ist, sehen wir
-keine Spur einer solchen Koordination; jede Spezies steht für sich und
-für sich allein -- eine Folge des stets und überall grimmig wütenden
-Kampfes ums Dasein«.[35]
-
-Die soeben festgestellte weittragende und allgemeine Thatsache ist
-nach meiner Meinung das wichtigste Argument zu Gunsten der Darwinschen
-Theorie von der natürlichen Zuchtwahl, und aus ihr können wir den
-wahrscheinlichen Grund erkennen, warum sie [die Thatsache] so ist,
-wie sie ist, so weit es sich um die Frage nach ihrer natürlichen
-Ursache handelt. Aber wenn es sich um die Frage handelt: was sollen
-wir, vorausgesetzt, die natürliche Kausalität entspränge im letzten
-Grunde einem Geist, von dem Charakter des Geistes sagen, welcher sich
-dieser Methode der Kausalität bedient? -- Dann kommen wir wieder zu der
-Antwort, daß dieser Geist, so weit wir es nach einer gewissenhaften
-Prüfung dieser Thatsachen beurteilen können, nicht derartig ist, daß
-wir ihn wie beim Menschen moralisch nennen würden. Natürlich mag hinter
-den Naturerscheinungen eine moralische Rechtfertigung stecken, so daß
-wir nach diesen Erscheinungen zu urteilen nur sagen können, daß er
-[nämlich der Geist], weil er eine Methode der natürlichen Kausalität
-wählte, welche zu diesen Resultaten führte, bei uns, wie oben erwähnt,
-den Anschein erweckt hat, als sorge er für die Vervollkommnung der
-Tiere unter Ausschluß ihrer Freuden, ja sogar unter gänzlicher
-Mißachtung ihrer Leiden.
-
-Endlich ist noch eine Wahrheit von Bedeutung, die in Erörterungen
-dieser Art nur zu oft unberücksichtigt bleibt, -- da nämlich alle
-unsere Räsonnements einen sich nach unserem Wissen richtenden
-Charakter haben, so sind unsere Schlußfolgerungen proportional unserer
-Unwissenheit unsicher; und da unsere Unwissenheit hinsichtlich der von
-uns erörterten Fragen unermeßlich groß ist, so sind alle Schlüsse, die
-wir haben ziehen können, wie Bischof Butler sagen würde, »unendlich
-prekär.« Oder, wie ich diese formale Seite der Frage früher bei einer
-Diskussion mit Professor Asa Gray über das teleologische Argument
-ausdrückte: -- »Ich denke, man wird doch wohl zugeben, daß die Stärke
-eines Schlusses von der Zahl, der Bedeutung und der Bestimmtheit
-der dabei mitspielenden bekannten Dinge und Verhältnisse abhängt,
-verglichen mit der Zahl, Bedeutung und Bestimmtheit der dabei
-mitspielenden unbekannten, aber hergeleiteten Dinge und Verhältnisse.
-Wenn dem so ist, so sollten wir logischer Weise vorsichtig sein,
-wenn wir von dem Natürlichen auf das Übernatürliche schließen: denn
-wenn wir auch das ganze Gebiet der Erfahrung, aus dem wir einen
-Schluß ziehen, vor uns haben, so sind wir doch nicht im stande die
-Wahrscheinlichkeit des Schlusses abzumessen, -- da die unbekannten
-Verhältnisse hier eingestandener Maßen nach Zahl, Bedeutung und
-Grad der Bestimmtheit unbekannt sind: der ganze Kreis menschlicher
-Erkenntnis ist unzureichend, um eine Parallaxe zu gewinnen, durch
-welche man die erforderlichen Messungen anstellen und das Verhältnis
-zwischen den bekannten und den unbekannten Begriffen bestimmen kann.
-Anders ausgedrückt können wir sagen: -- wie sich unsere Kenntnis eines
-Teils zu unserer Kenntnis eines Ganzen verhält, so verhält sich unser
-Schluß aus jenem Teil zur Realität jenes Ganzen. Wer kann daher, selbst
-auf dem Boden der Hypothese des Theismus, sagen, daß unsere Schlüsse
-oder die »Idee des Zweckes« irgend einen Sinn haben würden, wenn sie
-auf den »All-Erhalter« angewendet werden, dessen Gedanken nicht unsere
-Gedanken sind.«[36] Und natürlich lassen sich, _mutatis mutandis_
-dieselben Bemerkungen auf alle Schlüsse anwenden, die eine negative
-Tendenz haben.
-
-=Ein= Ergebnis der ganzen Erörterung erscheint mir also zu sein,
-daß der Einfluß der Naturwissenschaft auf die natürliche Religion
-stets ein zerstörender gewesen ist. Schritt für Schritt hat sie den
-scheinbaren Nachweis einer direkten oder speziellen Zwecksetzung in
-der Natur zurückgedrängt, bis nunmehr dieser Nachweis nur allein
-noch auf der einen gewaltigen und allgemeinen Thatsache beruht, daß
-die Natur als Ganzes ein Kosmos ist. Es ist offenbar unmöglich, daß
-sich der zerstörende Einfluß der Naturwissenschaft noch weiter als
-bis hierhin erstrecken wird, da die Naturwissenschaft selbst nur auf
-dieser Thatsache als Grundlage bestehen kann. Aber wenn wir zugeben,
-daß diese gewaltige und allgemeine Thatsache, -- welche für unsern
-Intellekt überwältigend sein müßte, wenn sie uns ihrer Alltäglichkeit
-wegen nicht so vertraut wäre, -- die Thätigkeit eines Geistes in
-der Natur offenbart, so merken wir sofort, daß es unmöglich ist
-den etwaigen Charakter eines solchen Geistes zu bestimmen, selbst
-wenn wir annehmen, daß er existiert. Wir können nicht begreifen,
-daß er irgend eine der Fähigkeiten besitzen sollte, welche ganz
-besonders das kennzeichnen, was wir in uns selbst als Geist erkennen;
-und daher ist das Wort »Geist«, auf jene vermeintliche Thätigkeit
-angewandt, ein _x_, eine unbekannte Größe. Und dann, wenn wir auch
-diese Schwierigkeit nicht berücksichtigen und annehmen, daß es auf
-die eine oder andere für uns unbegreifliche Weise einen Geist giebt,
-der über dem menschlichen Geist so hoch erhaben ist, wie dieser über
-der mechanischen Bewegung, so treffen wir doch noch auf einige gar
-gewaltige und allgemeine Thatsachen in der Natur, welche entschieden
-darauf hinzudeuten scheinen, daß diesem Geist, wenn er existiert, die
-moralischen Empfindungen des Menschen teilweise oder gänzlich fehlen;
-während andererseits das religiöse Verlangen des Menschen selbst den
-entgegengesetzten Schluß rechtfertigen möchte. Und endlich haben wir
-im Hinblick auf den ganzen Gang dieser Untersuchung gesehen, daß man
-auch nicht die geringste meßbare Wahrscheinlichkeit hinsichtlich ihrer
-Schlußfolgerungen erlangen kann. Nach alle dem erscheint die natürliche
-Religion heutzutage lediglich als ein System von intellektuellen
-Widersprüchen und moralischen Schwierigkeiten; und wenn wir an sie mit
-den größten von allen Fragen herantreten: »Giebt es ein Wissen bei
-dem Allerhöchsten?«, »Sollte nicht der Richter der ganzen Welt recht
-richten?«, -- so ist die einzig klare Antwort, welche wir erhalten und
-die uns aus der Tiefe unseres eignen Herzens zurückschallt: »Als ich
-dies bedachte, war es zu schmerzlich für mich.«
-
-
-
-
- III.
-
- Notizen zu einem Werke: »Eine unbefangene
- Prüfung der Religion« von Metaphysikus.
-
-
- Einleitung des Herausgebers.
-
-Zu den Notizen, die alles enthalten, was George Romanes für sein
-Werk: »Eine unbefangene Prüfung der Religion« schreiben konnte, ist
-nur noch wenig als Einleitung hinzuzufügen; dies wenige aber muß die
-Gedankenkluft zwischen den vorstehenden Abhandlungen und den Notizen
-überbrücken, welche die Geistesrichtung, die Romanes zuletzt vertrat,
-näher beleuchten.
-
-Am schärfsten kommt der antitheistische Zug jener Abhandlungen wohl
-darin zum Ausdruck, daß in ihnen auf den von der Natur gelieferten oder
-doch angenommener Maßen gelieferten Beweis gegen den Glauben an Gottes
-Güte ganz besonders Nachdruck gelegt wird.
-
-Über dieses Geheimnis, das wohl zu verwirren im Stande ist, hat George
-Romanes offenbar noch mehr sagen wollen, er wurde aber durch den Tod
-daran verhindert.[37] Wir können indes berichten, daß er im Jahre 1889
-in einer in der »Aristoteles-Gesellschaft« verlesenen Schrift »über den
-Beweis der Zwecksetzung in der Natur« dem Argument, daß die Art und
-Weise der natürlichen Entwicklung im Licht ihrer Ergebnisse beurteilt
-werden muß, mehr Bedeutung als früher einräumt. Diese Schrift war ein
-Teil eines Tischgesprächs. S. Alexander hatte früher in einer Schrift
-gegen die Hypothese der Zwecksetzung in der Natur gesprochen, weil die
-herrliche Ordnung in der Natur nur durch Verwüstung und Massen-Opfer
-erreicht würde. Dieses Argument wurde unter Hinweis auf augenscheinlich
-»schlechte Anpassungen«, zwecklose Zerstörungen u. s. w. entwickelt,
-welche die Naturprozesse kennzeichnen. Darauf antwortet Romanes, daß
-dies notwendigerweise zu dem als natürliche Zuchtwahl anzusehenden
-Prozeß gehört. Die Frage ist nur: ist dieser Prozeß an sich mit der
-Hypothese der Zwecksetzung unvereinbar? Er antwortet verneinend.
-
-»Die herrliche Ordnung in der Natur wird nur durch Verwüstung
-und Massen-Opfer erreicht.« Zugegeben! aber wenn »Verwüstung und
-Massen-Opfer« als Ursache zu einer »herrlichen Ordnung in der
-Natur« als Wirkung führen, wie kann man dann sagen, daß »Verwüstung
-und Massen-Opfer« ein Mißgriff gewesen sind? Oder wie kann man
-es als Thatsache hinstellen, daß wirklich Verwüstung und Opfer
-stattgefunden haben? Offenbar kann man das nur dann sagen, wenn wir
-unser Augenmerk allein auf die Mittel (nämlich die Massenvernichtung
-der den Lebensbedingungen weniger angepaßten Wesen) nicht aber
-auf das richten, was schon innerhalb der Grenzen der menschlichen
-Beobachtung unzweifelhaft als der Endzweck erscheint (nämlich als
-das Kausalergebnis eine sich immer mehr vervollkommnende Welt von
-Lebensformen). Ein Kandidat, der im Staatsexamen durchfällt, weil er
-zufällig einer der weniger passenden ist, ist ohne Zweifel, bezüglich
-seiner eigenen Karriere ein Beispiel des Mißerfolges, aber man darf
-daraus nicht folgern, daß die Prüfung dabei ihren Endzweck verfehlte,
-den nämlich, die besten Männer für den Staatsdienst zu gewinnen.
-Und die Thatsache, daß dies allgemeine Ergebnis aller individuellen
-Mißerfolge in der Natur das sichert, was Alexander »die herrliche
-Ordnung der Natur« nennt, zeigt entschieden, daß der _modus operandi_
-an sich kein Fehler bezüglich dessen war, was wir, wenn es überhaupt
-eine Zwecksetzung in der Natur giebt, als das höhere Ziel dieser
-Zwecksetzung betrachten müssen. Daher können Fälle von individuellen
-oder anderen relativen Mißerfolgen nicht als Beweis gegen die Hypothese
-einer derartigen Zwecksetzung benutzt werden. Die Thatsache, daß das
-allgemeine System der natürlichen Kausalität möglicher Weise zu einer
-»herrlichen Ordnung der Natur« führt, braucht an sich noch nicht
-der Hypothese von der Zwecksetzung in der Natur entgegen zu stehen,
-selbst wenn diese Kausalität fortwährend die Ausscheidung der weniger
-passenden Formen bewirken sollte.[38]
-
-Nach meinem besten Wissen und Gewissen ist also dieses Argument des
-Mißerfolges, des Probierens ins Blaue hinein, des blinden Zutappens,
-oder in welchen andren Ausdrücken es sonst noch dargestellt wird, nur
-gegen die Theorie anwendbar, auf welche Alexander anspielt, wenn er von
-einem »Zimmermanns-Gott« spricht, d. h. wenn es in der Natur überhaupt
-eine Zwecksetzung giebt, so muß sie überall spezifiziert sein, so daß
-ihr Nachweis sich eben so gut in dem kleinsten Bruchstück der Natur
--- wie z. B. an einem einzelnen Organismus oder an einer Klasse von
-Organismen --, wie auch bei der Betrachtung des ganzen Kosmos führen
-läßt. Die Beweisführung zu Gunsten einer Zwecksetzung in diesem Sinne,
-ist, wie ich durchaus zugebe, durch den Nachweis der natürlichen
-Zuchtwahl gänzlich zu Schanden gemacht. Aber dies hat die sich nun
-erhebende, viel wichtigere Frage in ein um so helleres Licht gesetzt,
-nämlich die: liegt in der Methode der Kausalität auf die Natur als
-Ganzes angewandt irgend etwas, was der Theorie einer Zwecksetzung in
-der Natur als Ganzes entgegensteht?
-
-Es ist wahr, daß dieses Argument sich nicht direkt gegen den Charakter
-Gottes wendet, -- dessen Plan die Natur darstellt; aber indirekt
-doch.[39] Solch' ein Argument z. B. wie es sich Seite 66 befindet:
-Wenn wir ein Kaninchen sehen, ..... scheint nur dann Beweiskraft zu
-haben, wenn wir uns »Gott als Zimmermann« vorstellen. Wahrscheinlich
-fühlte Romanes auch die Schwierigkeit, welche aus dem Gedanken an die
-Grausamkeit der Natur entspringt, weniger, jemehr er die Menschheit als
-den wichtigsten Teil der Natur erkannte und je mehr er die Bedeutung
-des Leidens für das menschliche Leben erfuhr (S. 124 u. 135) und auch
-einen größeren Eindruck von der positiven Gewißheit des Christentums
-als einer Religion des Leidens und zugleich der Offenbarung des Gottes
-der Liebe (S. 144 ff.) erlangte. Der christliche Glaube giebt seinen
-Anhängern nicht nur ein Argument gegen den Pessimismus aus allgemeinen
-Ergebnissen, sondern auch eine solche Einsicht in den Charakter und das
-Thun Gottes, daß ihn dies befähigt, hoffnungsvoll die überwältigenden
-Bedenken zu ertragen, die aus dem Anblick des individuellen Leidens
-entspringen.
-
-In den letzten Jahren seines Lebens las er mit großer Aufmerksamkeit
-einige Bücher über den Beweis des Christentums, von Pascals »_Pensées_«
-an bis auf unsere Zeit und studierte eifrig die Beweisgründe für einen
-Weltenplan, wie er sich in der biblischen Offenbarung als Ganzes zeigt.
-Dieses Studium offenbart sich in kurzen Bemerkungen und Hinweisen,
-welche Romanes in Notizbüchern hinterlassen hat. Die Resultate dieses
-Studiums werden aus den folgenden Notizen ersichtlich sein, welche, wie
-ich meine Leser erinnern muß, trotz ihres kleinen Umfangs der einzige
-Grund für die Veröffentlichung dieses ganzen Buches bilden.
-
-Beim Lesen dieser Notizen wird gewiß jeder von tiefem Bedauern
-ergriffen werden, daß es dem Verfasser nicht vergönnt war sein Werk
-zu vollenden. Jeder Leser der folgenden Seiten muß dessen eingedenk
-sein, daß er nur unvollständige Notizen, kein vollendetes Werk vor
-sich hat. Dies ist auch besonders bei einigen Stellen, die skizzenhaft
-und in ihrer Behandlung unbefriedigend erscheinen mögen, sowie endlich
-auch in Bezug auf Wiederholungen und Spuren der Unzulänglichkeit zu
-berücksichtigen. Aber ich kann mir auch nicht denken, daß irgend
-jemand diese Notizen bis zu Ende lesen könnte, ohne mit mir darin
-übereinzustimmen, daß die Welt, wenn ich sie nicht veröffentlicht
-hätte, das Zeugnis eines begabten und durchaus aufrichtigen Geistes,
-der Gott suchte und fand, verloren haben würde.
-
- C. G.
-
-
- Motto für diese Notizen:
-
- »Es ist aber durchaus nichts geringes, obwohl schwer zu glauben, das
- durch die astronomischen Studien in jedem Menschen ein geistiges
- Organ (Auge) gereinigt und wiederbelebt wird, wenn es in den anderen
- Beschäftigungen verkümmert und blind wird, obgleich es doch mehr wert
- ist erhalten zu werden als tausend körperliche Augen; denn durch
- dieses allein sieht man die Wahrheit. Wer nun Deine Ansicht teilt,
- der wird Deinen Worten den größten Beifall schenken; wer aber hiervon
- noch nichts empfunden hat, der wird natürlich annehmen, daß Du Unsinn
- redest, denn einen anderen Nutzen, welcher der Rede wert wäre, sieht
- er nicht ein. Darum überlege es Dir gleich, an wen von beiden Du
- Deine Worte richtest, -- ob Du nicht lieber weder mit dem einen noch
- mit dem anderen redest, sondern die Untersuchung hauptsächlich um
- Deiner selbst willen führst, ohne daß Du es einem anderen mißgönnst,
- wenn er davon Vorteil hat.«
-
- =Plato=.
-
- »Wenn wir mit Erfolg tadeln und einem anderen seinen Irrtum zeigen
- wollen, so müssen wir wissen, von welcher Seite er die Sache ansieht;
- denn auf dieser Seite ist sie gewöhnlich richtig; und indem Du dies
- zugiebst, zeige ihm die Seite, auf der sie falsch ist.«
-
- =Pascal=.
-
-
- Bemerkung des Übersetzers.
-
-Durch die Güte des Herrn Direktor Dr. Kühne in Doberan erfahre ich, daß
-die von Romanes zitierte Stelle aus Plato sich »Politeia,« Buch VII,
-Cap. 10 im Anfang findet. Plato läßt dort Sokrates von der Astronomie
-und ihrem Nutzen für den Menschen reden. Ein Zuhörer meinte dabei,
-die Astronomie habe für Ackerbau, Schifffahrt und Kriegskunst Wert,
-weil man durch sie die Gesetze der Zeiten kennen lerne. Sokrates lacht
-darüber und sagt: »Du bist ein drolliger Kerl; Du fürchtest Dich wohl
-vor dem Pöbel und willst nicht etwas empfehlen, was keinen praktischen
-Nutzen hat?« -- Dann folgen die obigen als Motto gewählten Worte, die
-ich des besseren Verständnisses halber in fast wörtlicher Übersetzung
-aus dem griechischen Original gebe. --
-
-
- § 1. Einleitung.
-
-Vor vielen Jahren veröffentlichte ich in Trübners »Philosophischen
-Abhandlungen« einen kurzen Aufsatz betitelt: »Unbefangene Prüfung des
-Theismus« von Physikus. Obgleich das Buch damals einiges Aufsehen
-erregte, und seitdem eine Lebensfähigkeit gezeigt hat, welche der
-Verfasser nie erwartet hätte, so ist das Geheimnis der Autorschaft
-dennoch gewahrt geblieben.[40] Das Geheimnis möchte ich, wenn möglich,
-auch ferner bewahren; aber da es, wie ich im Folgenden zeigen werde,
-in mancher Hinsicht wünschenswert ist, darzulegen, daß beide Bücher
-denselben Verfasser haben, so erscheint die gegenwärtige Schrift unter
-demselben Pseudonym wie die vorhergehende.[41]
-
-Der Grund, warum die erste Abhandlung anonym erschien, ist in der
-Vorrede zu derselben offen dargelegt worden, nämlich: damit das
-Räsonnement des Buches nach seinem eignen Werte beurteilt werden
-möchte, unter Vermeidung des Vorurteils, das von Seiten des Lesers so
-leicht entsteht, wenn er weiß, ob der Verfasser eine Autorität ist oder
-nicht. Dieser Grund besteht nach meiner Meinung noch immer in Bezug auf
-jene Schrift, er läßt sich aber auch gleicherweise auf die vorliegende
-Fortsetzung »eine unbefangene Prüfung der Religion« anwenden.
-
-Es wird sich zeigen, daß die negativen Schlüsse der früheren Abhandlung
-in vielen Beziehungen durch die Resultate reiferen Nachdenkens, wie
-sie in der vorliegenden dargeboten werden, stark modifiziert worden
-sind. Es erscheint daher wünschenswert, gleich von Anfang an, so weit
-ich es zu beurteilen im Stande bin, zu erwähnen, daß die fraglichen
-Modifikationen in keiner Weise irgend einem Einfluß von außen her
-zuzuschreiben sind. Sie sind vielmehr fast ausschließlich auf die
-Ergebnisse meines eignen, eingehenderen Nachdenkens zurückzuführen, wie
-ich es in Kürze auf den folgenden Seiten auseinandersetzen werde; dabei
-verdanke ich den persönlichen Anregungen von Freunden gar nichts und
-der Lektüre von Büchern nur wenig.
-
-Indessen werden hier eigentlich keine neuen Gedanken dargeboten; ja,
-ich meine, daß es heutigen Tages unmöglich sein würde, irgend einen
-Gedanken in Bezug auf Religion auszusprechen, welcher nicht schon
-zu irgend einer Zeit geäußert worden wäre. Doch kann man immer noch
-viel thun, um seine Gedanken weiter zu fördern, indem man eine Sache
-von anderen Gesichtspunkten aus betrachtet, und schon mehr oder
-weniger vertraute Ideen auswählt oder ordnet, so daß sie zu neuen
-Gedankenkombinationen ausgebaut werden können, und dies, glaube ich,
-in Bezug auf den Mikrokosmos meines eigenen Geistes in nicht geringem
-Maße gethan zu haben. Aber ich bemerke dies nur, um sogleich ein
-Bekenntnis hinzuzufügen: daß es mir nämlich, so weit Selbstprüfung den
-Menschen führen kann, so vorkommt, als ob die Modifikationen, welche
-meine Ansichten seit der Veröffentlichung meiner ersten »unbefangenen
-Prüfung« erlitten haben, ebenso sehr rein logischen Denkprozessen als
-auch den halb-bewußten (und daher mehr oder weniger undefinierbaren)
-Einflüssen der reiferen Lebenserfahrung zuzuschreiben seien; wie
-weit dies so ist, [d. h. wie weit die Erfahrung das logische Denken
-beeinflußt][42] das ist selten, wenn überhaupt je, klar dargelegt,
-obgleich es sich täglich in der nüchterneren Vorsicht offenbart, mit
-welcher das nahende Alter den Geist beeinflußt: nicht so sehr durch
-das offene Spiel von Vernunftschlüssen als vielmehr durch heimliche
-Täuschung des Bewußtseins bereichern die wachsenden Erfahrungen des
-Lebens und des Nachdenkens allmählich das Urteil.
-
-Und das, man braucht es kaum zu sagen, bewahrheitet sich besonders auf
-solchen Gebieten, welche das zarteste Medium für den Fortschritt des
-Denkens vermittels der verhältnismäßig plumpen Mittel syllogistischer
-Fortbewegung sind. Denn je höher wir von den festen Grundlagen der
-Bestätigung der Thatsachen emporsteigen, desto weniger sollten wir
-den Schwingen unserer Spekulation trauen, desto mehr aber werden wir
-uns auch jene praktische Weisheit intellektueller Vorsicht oder des
-Mißtrauens gegen bloße Verstandesspekulationen erwerben, und das kann
-nur durch Erfahrung geschehen.
-
-Am meisten ist dies daher auf solchen Gebieten des Denkens der Fall,
-welche unserem sinnlichen Leben am fernsten liegen, nämlich in der
-Metaphysik und Religion. Und thatsächlich sehen wir grade auf diesen
-Gebieten des Denkens, daß die Unbesonnenheit der Jugend sich am
-leichtesten durch die Erfahrung des Alters lenken und leiten läßt.
-
-Indessen trotz dieses Bekenntnisses zweifle ich nicht, daß mich auch
-in Bezug auf die reine und bewußte Vernunft weiteres Nachdenken
-befähigte, ernste Irrtümer oder wenigstens Versehen gerade in den
-Grundlagen meiner »unbefangenen Prüfung des Theismus« zu entdecken. Ich
-glaube jedoch noch heute, daß die Schlüsse aus den dort aufgezeichneten
-Prämissen in völlig logischer Konsequenz folgen, so daß ich vermutlich,
-so weit es sich blos um Vernunftschlüsse handelt, wohl niemals irgend
-einen ernsten Irrtum entdecken werde; übrigens ist ein solcher
-auch während der vielen Jahre seit der Herausgabe des Buches von
-niemandem sonst gefunden worden. Jetzt freilich sind mir zwei geradezu
-verhängnisvolle Versehen, die ich mir damals zu Schulden kommen ließ,
-ganz klar. Das erste war, daß ich auf dem Gebiet so hoher Abstraktionen
-ein ganz ungehöriges Vertrauen auf bloße Vernunftschlüsse, mochten sie
-auch aus gesunden Prämissen abgeleitet worden sein, setzte. Der andere
-Fehler war der, daß ich nicht sorgfältig genug die Grundlagen meiner
-Kritik, d. h. die Gültigkeit jener Prämissen, prüfte. Ich will hier
-kurz diese beiden Punkte getrennt betrachten.
-
-In Bezug auf den ersten Punkt gab es wohl niemals einen Menschen, der
-in seinen Forderungen an die reine Vernunft anspruchsvoller war als
-ich, -- anspruchsvoller dem Geist, doch nicht dem Buchstaben nach,
-und das mochte wohl daher kommen, daß ich in steter Berührung mit der
-Naturwissenschaft stand.
-
-Dabei aber erwog ich niemals, in wie großem Widerspruch zur Vernunft
-eine von mir nicht ausgesprochene Voraussetzung bei meiner früheren
-Beweisführung in Bezug auf Gott selbst stand, die Voraussetzung
-nämlich, daß Gottes Dasein bloß ein Problem der Naturwissenschaft sei,
-welches allein durch menschliche Vernunft, ohne Bezugnahme auf des
-Menschen andere und höhere Fähigkeiten gelöst werden könnte.[43]
-
-Der zweite Punkt ist von noch größerer Wichtigkeit, weil er, wenn
-überhaupt, so doch selten als solcher erkannt wird.
-
-Zu der Zeit, als ich die »unbefangene Prüfung« schrieb, wurde es
-mir klar, daß die ganze Frage des Theismus seitens der Vernunft auf
-die Frage nach dem Wesen der natürlichen Kausalität hinausläuft.
-Meine Theorie der natürlichen Kausalität gehorchte dem Gesetz der
-Sparsamkeit,[44] indem sie Alles in das Sein als solches auflöste,
-aber andererseits irrte sie, indem sie nicht in Erwägung zog, ob nicht
-etwa höhere Ursachen notwendig sind, um geistliche (»_spiritual_«)
-Dinge zu erklären, d. h. ob das Urwesen nicht doch wenigstens ebenso
-hoch stehen müßte wie die Vernunft und der Geist des Menschen, d. h.
-höher als irgend etwas, was blos physikalisch oder mechanisch ist.
-Die Voraussetzung, daß es so sein muß, verletzt nicht das Gesetz der
-Sparsamkeit.
-
-Reine Agnostiker sollten das religiöse Bewußtsein der Christen als eine
-Erscheinung erforschen, die möglicherweise, wie die Christen es ja auch
-selbst glauben, göttlichen Ursprungs ist. Und das kann geschehen, ohne
-daß man dabei irgendwie auf die Frage nach der objektiven Gültigkeit
-der christlichen Dogmen eingeht. Die christliche Metaphysik könnte in
-der That falsch sein, und doch kann der Geist des Christentums seinem
-innersten Wesen nach, wahr sein, d. h. er kann das höchste und beste
-Geschenk von oben sein, das dem Menschen je gegeben worden ist.
-
-Mein gegenwärtiger Zweck ist also wie Sokrates nicht irgend ein
-philosophisches System oder sogar ein positives Wissen mitzuteilen,
-sondern einen Zustand des Geistes (_mind_) zu schildern, welchen ich
-=reinen Agnostizismus= nennen möchte, um ihn von dem zu unterscheiden
-was man gewöhnlich Agnostizismus nennt.
-
-
- Erklärung der Ausdrücke und des Zwecks
- dieser Abhandlung.
-
-[Um Romanes zu verstehen, muß man den folgenden Paragraphen volle
-Aufmerksamkeit zuwenden, vor allem auch dem Umstand, den er nicht
-besonders erwähnt, daß er das Wort »Vernunft« (»_reason_«) (S. p. 94)
-in fast demselben Sinn gebraucht wie Kidd kürzlich in seiner »sozialen
-Entwicklung«: nämlich in eingeschränkterem Sinn als gleichbedeutend
-mit dem »Prozeß naturwissenschaftlicher Schlußfolgerung.« Seine
-Meinung läßt sich daher kurz so aussprechen: Naturwissenschaftliche
-Schlußfolgerungen können keine befriedigenden Gründe für den Glauben
-an Gott finden. Aber der reine Agnostiker muß bekennen, daß sich Gott
-durch andere Mittel als durch naturwissenschaftliche Schlußfolgerungen
-offenbart haben kann. Da die Religion für den ganzen Menschen bestimmt
-ist, so können vielleicht alle menschlichen Fähigkeiten erforderlich
-sein, um Gott zu suchen und zu finden, d. h. Gemütsbewegungen und
-Erfahrungen von besonderer Art, die jenseits der Vernunft liegen. Der
-»reine Agnostiker« muß bereit sein, Beweise jeder Art entgegen zu
-nehmen. -- Der Herausgeber.]
-
-Es ist wünschenswert, daß man sich über den Sinn, in dem ich gewisse
-Ausdrücke und Redewendungen durchweg gebrauche, völlig klar werde.
-
-
- Theismus.
-
-Ich werde oft sagen »nach der Theorie des Theismus«, »vorausgesetzt,
-daß der Theismus wahr ist« u. s. w.
-
-Mit solchen Wendungen meine ich immer Folgendes: »Zum Zweck der
-Beweisführung vorausgesetzt, daß der menschliche Geist dem wahren
-Begriff des höchsten Wesens dann am nächsten kommt, wenn er sich
-ein unbegreiflich verschönertes Bild vom Menschen selbst auf seiner
-höchsten Stufe macht.«
-
-
- Christentum.
-
-Ähnlich ist es mit dem Ausdruck: »vorausgesetzt, daß das Christentum
-wahr ist«; ich meine damit: »zum Zweck der Beweisführung vorausgesetzt,
-daß das christliche System als Ganzes von dem ersten Aufdämmern im
-Judentum bis zu seiner Entwicklung in der Jetztzeit die höchste
-Offenbarung ist, die eine persönliche Gottheit der Menschheit von
-sich selbst gewährt hat«. Ich will damit die Stellung des reinen
-Agnostizismus gegenüber besonderen christlichen Dogmen, auch z. B.
-gegenüber der Fleischwerdung, kennzeichnen.
-
-Sollte man einwenden, daß ich das Christentum überhaupt nicht
-genügend untersuche, wenn ich irgend ein bestimmtes christliches
-Dogma unentschieden lasse, so antworte ich: Nein, durchaus nicht! Ich
-schreibe keine theologische, sondern eine philosophische Abhandlung
-und werde das Christentum nur als eine der vielen Religionen, wenn
-auch natürlich als die letzte und höchste, untersuchen. Von dem
-Gesichtspunkt aus ist das Christentum der höchste Ausdruck der
-Entwicklung auf diesem Gebiete des menschlichen Geistes; aber mich geht
-hier selbst das so wichtige kirchliche Dogma von der Fleischwerdung
-Gottes in Christo nichts an. Für den Zweck dieser Abhandlung mag dieses
-Dogma wahr sein oder nicht. Die wichtigste Frage für uns ist vielmehr
-die: Hat Gott durch die Vermittlung unserer religiösen Instinkte
-gesprochen? Dies wird notwendiger Weise die Frage einschließen, ob oder
-wie weit es in Bezug auf das Christentum einen objektiven Beweis dafür
-giebt, daß Gott im alten Testament durch den Mund heiliger Männer, wie
-es solche seit dem Bestehen der Welt gab, gesprochen habe.
-
-Diese Frage wird uns aber nur deshalb beschäftigen, weil es eine
-Frage des objektiven Beweises dafür ist, ob und wie weit die
-religiösen Instinkte jener Männer oder jenes Menschengeschlechts so
-hoch über denen anderer Menschen oder Geschlechter standen, daß sie
-dadurch befähigt waren, zukünftige Ereignisse religiösen Charakters
-zu prophezeien. Und ob in diesen letzten Tagen Gott durch seinen
-eingebornen Sohn geredet hat oder nicht, -- das ist kein Gegenstand für
-unsre Untersuchung, das ist nur insoweit eine Frage für uns als wir die
-höhere Art religiöser Wunder, welche sich unstreitig an die Geburt und
-Person Jesu knüpften, untersuchen müssen. Die Frage, ob Jesus Gottes
-Sohn war, ist logisch gesprochen nur eine Frage der Ontologie, welche
-wir als reine Agnostiker nicht berühren dürfen.
-
-Anderwärts aber müßte ich zeigen, daß es von meinem Standpunkt aus,
-gegenüber der grundlegenden Frage, ob Gott überhaupt durch die
-religiösen Instinkte der Menschen gesprochen hat, sehr wohl sein mag,
-daß Christus nicht Gott war und dabei doch die höchste Offenbarung
-von Gott gegeben hat. Wenn der »erste Adam« allegorisch war, warum
-nicht auch »der zweite?« Es ist sicherlich eine historische Thatsache,
-daß der »zweite Adam« existiert hat, warum nicht auch der erste? Und
-was die Äußerungen Christi über seine eigene Person betrifft, so ist
-das Alles nicht unvereinbar mit der Annahme, daß er Gabriel und Sein
-h. Geist Michael[45] gewesen wäre; oder er kann ein Mensch gewesen
-sein, der sich in Bezug auf seine eigene Persönlichkeit getäuscht
-hatte, aber doch der Träger der höchsten Inspiration gewesen ist.
-
-
- Religion.
-
-Unter Religion verstehe ich im Nachfolgenden jeden Glauben an ein
-persönliches Wirken im Weltall, welcher stark genug ist, um das Leben
-zu beeinflussen. Kein Begriff ist in den letzten Jahren schwankender
-und in so verschiedenem Sinn gebraucht worden als dieser. Natürlich
-kann jeder einen Begriff in einem Sinn gebrauchen, wie es ihm beliebt;
-aber er sollte dann wenigstens genau erklären, welchen Sinn er in ihn
-hineinlegt. Die oben gegebene Definition scheint mir am meisten mit dem
-hergebrachten Gebrauch übereinzustimmen.
-
-
- Reiner und falscher »Agnostizismus«.
-
-Der moderne und sehr zutreffende Ausdruck »Agnostizismus« wird in
-zwei sehr verschiedenen Bedeutungen gebraucht. Der erste, der diese
-Bezeichnung benutzte, Professor Huxley, verstand darunter den Zustand
-vernunftmäßig begründeter Unwissenheit über Alles, was jenseits der
-Sphäre der sinnlichen Wahrnehmung liegt, -- das offene Bekenntnis der
-Unfähigkeit, einen festen Glauben auf irgend eine andere Basis als
-sinnliche Wahrnehmung zu gründen.
-
-In diesem ursprünglichen Sinne -- der nach meiner Meinung auch der
-einzige philosophisch berechtigte ist -- verstehe auch ich dieses
-Wort. Aber in dem andern und vielleicht auch populäreren Sinn, in
-welchem das Wort jetzt angewendet wird, ist es ungefähr dasselbe,
-was Herbert Spencer als Lehre vom Unerkennbaren bezeichnet. Die
-letztere Bezeichnung ist philosophisch falsch, da sie eine wichtige,
-negative Erkenntnis einschließt, nämlich die, daß wir, wenn es einen
-Gott gäbe, dies eine sicher von ihm wissen, -- daß er sich =nicht=
-den Menschen =offenbaren kann=.[46] Reiner Agnostizismus ist das,
-was Huxley Agnostizismus nennt. Von den vielen Gelehrten, die ich
-gekannt habe, war Darwin wohl der reinste Agnostiker -- nicht nur
-seinem Bekenntnis nach, sondern auch in Geist und Leben. Was er in
-seiner Selbstbiographie[47] über das Christentum sagt, zeigt keine
-Gedankentiefe in Bezug auf Philosophie und Religion. Sein Geist war
-dafür zu einseitig induktiv angelegt. Aber gerade deswegen ist es um so
-bemerkenswerter, daß seine Verwerfung des Christentums nicht aus einem
-_a priori_ gewonnenen Vorurteil gegen den Glauben, etwa weil derselbe
-der Vernunft widerspräche, sondern lediglich aus einem ersichtlichen
-moralischen Bedenken a posteriori entsprungen ist. Faraday und andere
-hervorragende Gelehrte standen so wie Darwin.[48]
-
-Als ein Beispiel des falschen Agnostizismus sei daran erinnert, wie
-Hume seinen _a priori_-Beweis gegen das Wunder führt, dies erinnert uns
-an die ähnliche Stellung von Naturforschern dem modernen Spiritismus
-gegenüber. Ungeachtet sie die naheliegende Analogie des Mesmerismus als
-ein warnendes Beispiel vor Augen haben, so giebt es doch Gelehrte, die
-hier ebenso dogmatisch sind wie die strengste Richtung von Theologen.
-Ich kann, ohne zu beleidigen, Beispiele anführen, umsomehr, da die
-betreffenden Männer es selbst öffentlich behandelten; z. B. wenn N. N.
-sich weigerte [zu einem berühmten Spiritisten] zu gehen, und N. N.
-einen Versuch im Gedankenlesen zu machen ablehnte.[49] Diese Männer
-bekannten alle, daß sie Agnostiker seien und setzten sich doch zu
-gleicher Zeit durch ihr Betragen so schroff im Widerspruch zu ihrer
-Philosophie.
-
-Ich will damit natürlich nicht sagen, daß nicht selbst bei einem reinen
-Agnostiker die Vernunft durch Vorurteile beeinflußt werden könnte: im
-praktischen Leben gilt, z. B. vor Gericht, das _prima facie_-Motiv[50]
-u. s. w. als Beweis, und wenn von vornherein ein sehr hoher Grad von
-Unwahrscheinlichkeit (dafür nämlich, daß Jemand irgend etwas gethan
-haben sollte -- der Übersetzer) vorliegt, so ist ein verhältnismäßig
-gewichtiges Beweismaterial, das sich auf erfahrungsmäßige Thatsachen
-gründet, nötig, um den Beweis überhaupt vollgültig zu machen: so wäre
-z. B. ein stärkerer Beweisgrund nötig, um den Erzbischof von Canterbury
-des Taschendiebstahls zu überführen als einen Vagabunden. Und so ist
-es auch mit der spekulativen Philosophie. Aber in beiden Fällen kennen
-wir als unseren einzigen Führer nur die Analogie. Je weiter wir uns
-daher von der Erfahrung entfernen, -- d. h. je weiter entfernt das
-betreffende Gebiet von der möglichen Erfahrung liegt, desto weniger
-Wert haben vorgefaßte Mutmaßungen.[51]
-
-Am weitesten entfernt von jeder möglichen Erfahrung liegt das Gebiet
-des letzten Geheimnisses der Dinge, mit welchem es die Religion zu
-thun hat, hier schwindet jede Mutmaßung und der einzige vernünftige
-Standpunkt ist der reine Agnostizismus. Mit andern Worten: hier
-sollten wir, so weit die Vernunft mit in Betracht kommt, alle in
-gleicher Weise reine Agnostiker sein, und wenn irgend einer von uns
-hierin zur Gewißheit gelangen sollte, so kann dies nur durch eine neu
-hinzugekommene Fähigkeit unseres Geistes geschehen.
-
-Die Fragen, mit denen sich nun diese Abhandlung hauptsächlich
-beschäftigen soll, sind: ob es solche neue Fähigkeiten giebt, und wenn
-dies der Fall ist, ob dann von außen her je auf sie eingewirkt worden
-ist; des weiteren, in welcher Weise dies dann geschah; dann ferner,
-was solche besondere Fähigkeiten berichten, in wie weit diese Berichte
-glaubwürdig sind u. s. w.
-
-Mein eigener Standpunkt nun mag hier zunächst festgestellt werden:
-Ich selbst beanspruche für mich nicht irgend eine religiöse intuitive
-Gewißheit, bin aber demungeachtet im Stande, die abstrakte Logik der
-Sache zu erforschen. Und wenn das auch unfruchtbare Dialektik zu sein
-scheint, so wird es doch, hoffe ich, von praktischem Nutzen sein, wenn
-es den Berichten unparteiisch Gehör verschafft, von welchen der größte
-Teil der Menschheit ohne Frage glaubt, daß sie von solchen zu den
-gewöhnlichen neu hinzugekommenen Fähigkeiten herrühren, wie zahlreich
-und verschieden auch ihre Religionen sein mögen. Ich habe in meiner
-Jugend eine Abhandlung veröffentlicht (»Die unbefangenen Prüfung«
-u. s. w.), welche damals viel Interesse erregte und lange vergriffen
-gewesen ist. Seitdem habe ich eingesehen, daß ich bezüglich dessen, was
-ich als das Hauptargument für meine negativen Schlüsse hinstellt, im
-Irrtum war. Ich fühle mich daher jetzt verpflichtet, die nachfolgenden
-Resultate meines reiferen Nachdenkens, von demselben Standpunkt der
-reinen Vernunft aus zu veröffentlichen. Wenn ich hier auch weiter kein
-Licht von Seiten der Anschauung (Intuition) bekommen habe, so doch
-von Seiten des Verstandes. Wenn es wirklich eine solche Anschauung
-giebt, so nehme ich in Bezug auf ihr Organ dieselbe Stellung ein wie
-ein Blinder zur Lehre vom Licht. Aber eben deshalb kann ich nicht der
-Parteilichkeit beschuldigt werden.
-
-Folgendes wird wohl allgemein als richtig angenommen: wenn jemand klar
-erkannt hat, daß der Agnostizismus der einzig richtige Standpunkt der
-Vernunft gegenüber der Religion sei (wie ich es im Folgenden zeigen
-will), so habe er mit der Sache abgeschlossen und könne nicht weiter
-gehen. Der Hauptzweck dieser Abhandlung ist nun, zu zeigen, daß dies
-keineswegs der Fall ist; wer so denkt, der hat seine Untersuchung
-über die Gründe und die Rechtfertigung des religiösen Glaubens erst
-angefangen; denn die Vernunft ist weder die einzige Eigenschaft,
-noch die einzige Fähigkeit, welche der Mensch für gewöhnlich zur
-Feststellung der Wahrheit benutzt. Moralische und geistliche
-(_spiritual_)[52] Fähigkeiten sind in ihren besonderen Gebieten, auch
-im täglichen Leben, von nicht geringerer Bedeutung. Glaube, Vertrauen,
-Geschmack u. s. w. sind bei Beurteilung von Charakter, Schönheit
-u. s. w., wenn es gilt, die Wahrheit festzustellen, ebenso wichtig wie
-die Vernunft. Wir können wohl sagen, daß die Vernunft zur Erforschung
-der Wahrheit =nur= da verwendbar ist, wo es sich um Kausalität handelt.
-Die geeigneten Organe für die Erkenntnis der Wahrheit, sofern es sich
-um irgend etwas anderes als Kausalität handelt, gehören dem sittlichen
-und geistlichen Gebiet an.
-
- * * * * *
-
-Herbert Spencer sagt: »Die Naturforscher können in zwei Klassen
-geteilt werden; die einen -- und von ihnen ist Faraday ein gutes
-Beispiel -- halten ihre Religion und ihre Wissenschaft durchaus von
-einander getrennt und lassen sich durch keine Widersprüche zwischen
-beiden beirren;[53] die anderen, die sich nur mit den Thatsachen der
-Wissenschaft beschäftigen, fragen niemals darnach, welche Verwicklungen
-die letzteren etwa (für den Glauben) zur Folge haben könnten. Sei es
-ein Trilobit oder ein Doppelstern, -- ihre Gedanken darüber gleichen
-denen des Peter Bell über die Schlüsselblume«.[54]
-
-Beide Klassen von Männern nun verfahren folgerichtig und logisch,
-da sie beide in Bezug auf ihre Religion den Standpunkt des reinen
-Agnostizismus einnehmen, und zwar nicht allein in der Theorie sondern
-auch in der Praxis. Was sollen wir aber von der dritten Klasse
-sagen, die Spencer unerwähnt läßt, obgleich sie, wie ich glaube, die
-größte ist, nämlich die jener Naturforscher, die ausdrücklich keine
-Trennungslinie zwischen Religion und Wissenschaft ziehen wollen [und
-dann über Religion lediglich nach den Grundsätzen und der Methode der
-Naturwissenschaft aburteilen?].
-
- * * * * *
-
-Es giebt zwei entgegengesetzte Geistesrichtungen, die mechanische
-(naturwissenschaftliche) und die geistliche (künstlerische, religiöse
-u. s. w.) Sie können selbst bei demselben Individuum wechseln. Ein
-Agnostiker im gewöhnlichen Sinn zweifelt keinen Augenblick daran, --
-selbst wenn er die letztere Geistesrichtung an sich einschneidend
-erfährt -- daß nur die erstere des Vertrauens wert ist. Aber ein
-reiner Agnostiker in meinem Sinn muß es besser wissen, da er einsehen
-wird, daß in Bezug auf größere Zuverlässigkeit zwischen jenen beiden
-Geistesrichtungen von einer Wahl gar keine Rede sein kann. In der
-That, wenn dann einmal gewählt werden soll, so möchte der Mystiker
-wegen seiner unmittelbaren Anschauung (_intuition_) mehr Recht auf
-Glaubwürdigkeit haben.
-
- * * * * *
-
-Herbert Spencer hat in der Einleitung zu seiner »Synthetischen
-Philosophie« sehr richtig gesagt, daß dort, wo die Menschen in ihrem
-Denken so durchaus geteilter Meinung sind, [die Wahrheit auf =beiden=
-Seiten liegen muß und daß man den] Ausgleich solcher entgegengesetzter
-Ansichten dann finden wird, wenn man jenes Grundelement der Wahrheit
-hervorhebt, welches auf beiden Seiten so mannigfach verschiedenen
-Deutungen unterliegt. Von dem Gesichtspunkt hängt mehr ab, als
-man gewöhnlich annimmt, besonders dann, wenn noch über die ersten
-Prinzipien einer Sache gestritten wird. Entgegengesetzte Seiten
-desselben Gegenstandes können ganz verschiedene Ansichten darbieten!
-Spencer spielt hierbei besonders auf den Konflikt zwischen Religion
-und Naturwissenschaft an und in demselben Zusammenhang berühre ich es
-hier auch. Denn es scheint mir, nachdem ich Jahre lang über diesen
-Gegenstand nachgedacht habe, daß jener Ausgleich noch viel weiter
-gefördert werden kann, als es bei ihm geschehen ist. Denn er führt
-ihn nur insofern herbei, als er zeigt, daß die Religion nur aus der
-Anerkennung eines fundamentalen Geheimnisses entspringt, welches die
-Naturwissenschaft auch in allen ihren Grundgedanken anerkennt. Dies
-ist indessen dann doch nicht viel mehr als eine platte Redensart. Daß
-unsere letzten naturwissenschaftlichen Ideen (d. h. der letzte Grund
-der Erfahrung) unerklärbar sind, ist ein Satz, welcher, seit die
-Menschen zu denken angefangen haben, selbstverständlich ist. Meine
-Absicht ist, diesen Ausgleich im einzelnen noch weiter zu fördern,
-aber ohne dabei die Grundlagen der reinen Vernunft zu verlassen.
-Ich will Religion und Naturwissenschaft in ihrem gegenwärtigen
-hochentwickelten Zustand als solche nehmen und zeigen, daß bei einer
-systematischen Prüfung der ersteren durch die Methode der letzteren
-der Gegensatz zwischen beiden nicht nur in Bezug auf ihre höchsten und
-allgemeinsten Punkte aufgehoben werden kann, sondern sogar auch in
-allen Einzelfragen, welche irgendwie von größerer Wichtigkeit sind.
-
- * * * * *
-
-Bei jeder methodischen Untersuchung sollte es das erste sein, die
-Fundamentalprinzipien festzustellen auf welchen die Untersuchung
-beruht.[55] Thatsächlich ist es aber durchaus nicht immer der
-Fall, daß der Forscher von vornherein jene Prinzipien kennt, oder
-sie auch nur erkennen kann. In der That werden sie oft erst am
-Ende der Untersuchung als Fundamental-Prinzipien erkannt. Diese
-Erfahrung habe ich auch in Bezug auf den Gegenstand der vorliegenden
-Untersuchung gemacht. Obgleich mein ganzes Gedankenleben sich mit
-dem Problem unserer religiösen Instinkte beschäftigte, so wie mit den
-verschiedenen Versuchen, welche die Menschheit gemacht hat, um sich
-die Vorteile der religiösen Instinkte zu sichern, so wie endlich mit
-den wichtigen Fragen nach der objektiven Berichtigung derselben, so
-habe ich doch erst im vorgeschrittenen Alter klar erkannt, worin die
-Fundamental-Prinzipien einer solchen Untersuchung bestehen müssen. Und
-ich bezweifle es, ob irgend jemand diesen Punkt bisher klar erörtert
-hat. Diese Prinzipien betreffen das Wesen der Kausalität und des
-Glaubens.
-
- * * * * *
-
-Der Zweck dieser meiner Abhandlung ist nun vor allem ein dreifacher:
-Ich will erstens den Agnostizismus läutern und zweitens, reiflicher als
-es bis jetzt geschehen ist, von dem Standpunkt des reinen Agnostizismus
-aus das Wesen der natürlichen Kausalität, oder richtiger, die Beziehung
-erörtern, in welcher das, was wir über diese Kausalität wissen, zum
-Theismus steht; und drittens will ich, wieder von demselben Standpunkt
-ausgehend, das religiöse Bewußtsein der Menschen als eine Erscheinung
-der Erfahrung (d. h. wie wir es von draußen her ansehen) und besonders
-in ihrer höchsten Entwicklungsstufe, wie sie sich im Christentum
-darstellt, betrachten.
-
-
- § 3. Kausalität.
-
-Nur weil wir mit der wichtigen Erscheinung der Kausalität so vertraut
-sind, nehmen wir sie als wahr an und glauben, daß wir eine letzte
-Erklärung irgend eines Phänomens erreicht haben, wenn es uns gelungen
-ist, seine Ursache aufzufinden: während es uns thatsächlich nur gelang,
-jenes Phänomen in das Geheimnis aller Geheimnisse zu versenken. Ich
-wünsche oft, wir könnten wie die Jungen einiger Säugetiere in die
-Welt kommen, mit allen den Kräften des Verstandes, welche wir in
-der Folge bei der Entwicklung erlangen, aber ohne jede persönliche
-Erfahrung und daher auch ohne die abstumpfende Wirkung der Gewohnheit.
-Wäre das möglich, dann würde sicherlich nichts in der Welt unseren
-Verstand mehr in Erstaunen setzen als die eine allgemeine Thatsache
-der Kausalität. Daß alles, was geschieht, eine Ursache haben muß, daß
-die Ursachen unabänderlich ihren Wirkungen proportioniert sein sollen,
-so daß die Ursachen, wie kompliziert auch ihre Verkettungen sind, in
-derselben Verkettung doch stets die gleichen Wirkungen hervorbringen
-und daß dieses streng exakte System der Energie alle Erscheinungen des
-Weltalls und der Ewigkeit erklären soll, so daß z. B. die Bewegungen
-des Sonnensystems im Raume durch einige Ursachen bewirkt werden, welche
-jenseits des menschlichen Gesichtskreises liegen, und daß wir wegen
-unserer Abstammung von wirbellosen Vorfahren durch die Vereinigung von
-Billionen von Zellen entstanden sind, von denen jede wieder Billionen
-eigener Ursachen haben muß, -- daß dies alles sein kann, das würde uns
-sicherlich als die wunderbarste Thatsache in diesem wunderbaren Weltall
-geradezu ergreifen.
-
-Nur weil wir mit dieser Thatsache so sehr vertraut sind, vergessen
-wir das Wunder der Kausalität so ganz, daß wir auf das bestimmteste
-annehmen, wir wüßten alles über die letztere. Die philosophische
-Untersuchung zeigt uns aber, daß wir, abgesehen davon, daß das
-empirische Wissen darüber eine Thatsache ist, -- doch nur das eine
-wissen, daß unsere Kenntnis über die Kausalität von unserer eigenen
-Aktivität herrührt, wenn wir selbst Ursachen sind. Kein Ergebnis
-psychologischer Analyse scheint mir sicherer als dieses.[56]
-
-Wenn nicht unsre eigenen Willensregungen wären, so würden wir nicht
-wissen, daß das, was wir jetzt wenn nicht bei einem selbstmörderischen
-Skeptizismus nicht bezweifeln können, die allgemeinste Thatsache der
-Natur ist: dies scheint mir wenigstens die bei weitem vernünftigste
-Theorie der Kausalität zu sein, und sie ist auch die, welche heute von
-den meisten Philosophen jeder Schule angenommen wird.
-
-Nun wird folgendes dem Laien immer klar erscheinen: wenn der richtige
-Begriff der Kausalität aus unserem eigenen Willen hergeleitet wird,
--- gerade so wie auch unser Begriff der Energie aus unserem Gefühl
-der Anstrengung bei Überwindung eines Widerstandes durch unseren
-Willen hergeleitet wird, -- dann wird vermutlich der richtigste
-Begriff der Kausalität aus jener uns bekannten Daseinsform gewonnen
-werden müssen, die allein uns den Begriff der Kausalität überhaupt
-geben kann. Der Laie wird daraus immer den Schluß ziehen, daß alle
-Energie immer die Natur der Willensenergie hat und daß alle objektive
-Kausalität subjektiver Natur ist. Diese Folgerung macht aber nicht
-nur der Laie, die tiefsten philosophischen Denker, z. B. Hegel und
-Schopenhauer, sind im wesentlichen zu demselben Resultat gekommen, so
-daß wir die nächstliegende und natürlichste Erklärung der Kausalität in
-der äußeren Natur, wie sie sich im einfachen Verstand der Wilden und
-der Kinder bildet, auch beim menschlichen Denken auf seiner höchsten
-Höhe wiederfinden.[57] Aber das mag sein wie es will, solche Fragen
-abstrakter, philosophischer Spekulation gehen uns hier nichts an. Sie
-liegen jenseits unserer Sphäre des reinen Agnostizismus. Ich erwähne
-sie nur, um zu zeigen, daß es weder in der Naturwissenschaft noch in
-der Philosophie der Menschheit etwas giebt, was gegen die Theorie der
-natürlichen Kausalität als Wirkung eines für uns objektiven Willens
-spräche. Und es ist dann wohl nicht schwer einzusehen: wenn dies der
-Fall und wenn unser Wille konsequent ist, dann müssen seine in der
-natürlichen Kausalität offenbarten Wirkungen, wenn wir sie im Ganzen
-(also nicht stückweise wie die Wilden) erwägen als nicht durch Willen
-erzeugt, d. h. mechanisch erscheinen.
-
-Von allen philosophischen Theorien über die Kausalität widerstreben
-die von Hume, Kant und Mill der Vernunft am meisten: wenn sie auch in
-mancher Beziehung verschieden sind, so stimmen sie doch darin überein,
-daß sie das Prinzip der Kausalität als eine Schöpfung unseres eigenen
-Geistes ansehen, oder mit andren Worten, sie läugnen alle drei, daß
-dem Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung irgend etwas Objektives zu
-Grunde liege, d. h. sie leugnen gerade das, was die Naturwissenschaft
-in ihren besonderen Fällen zu entdecken hat. --
-
-Der Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Religion entstand stets
-auf dem gemeinsamen Boden, auf dem sie unterhandelten oder aus einem
-Fundamental-Postulat beider Parteien -- ohne das würde in der That ein
-Konflikt unmöglich gewesen sein, weil alsdann überhaupt kein Boden für
-ein Schlachtfeld vorhanden gewesen wäre.
-
-Jede These muß sich auf eine Voraussetzung gründen, wo daher 2 oder
-mehrere gegnerische Thesen auf einer gemeinsamen Voraussetzung ruhen,
-muß der Streit alsbald enden, wenn diese letztere als irrig erkannt
-wird. Und in dem Maße, wie die vorher gemeinsame Voraussetzung als
-zweifelhaft erwiesen wird, in dem Maße wird auch der Streit seinen
-realen Boden verlieren. Es ist nun einer der Hauptzwecke dieser
-Abhandlung, zu zeigen, daß die gemeinsame Voraussetzung, auf welcher
-der Streit zwischen Naturwissenschaft und Religion sich erhoben hat,
-in hohem Grade zweifelhaft ist; und nicht das allein, sondern daß ganz
-abgesehen von der modernen Naturwissenschaft, alle Schwierigkeiten
-von Seiten des Verstandes (oder der Vernunft), welche der religiöse
-Glaube in der Vergangenheit je durchgefochten hat oder noch in
-Zukunft durchzufechten haben kann, ob im einzelnen oder im ganzen
-Menschengeschlecht, ganz ausschließlich auf demselben Boden dieser
-höchst zweifelhaften Voraussetzung entstehen.
-
-Diese Voraussetzung oder das Fundamental-Postulat lautet: Wenn es
-einen persönlichen Gott giebt, so ist er nicht unmittelbar bei der
-natürlichen Kausalität beteiligt. Es wird angenommen, daß er als
-allererste Ursache keine andere Beziehung zu sekundären Ursachen haben
-kann, als daß er die letzteren beim ersten Anfang als ein großes
-Maschinenwerk von natürlicher Kausalität, das unter allgemeinen
-Naturgesetzen arbeitet, in Gang gebracht hat. Allerdings, die Theorie
-des Deismus, welche mehr oder weniger diese Voraussetzung eines
-_Deus ex machina_ vertritt, ist im Laufe dieses Jahrhunderts mehr
-und mehr von dem Theismus verdrängt worden, welcher auch in etwas
-undefinierbarer Weise die Lehre von der Immanenz [Gottes in der Natur
--- Der Übersetzer] vertritt, sowie von dem Pantheismus, welcher
-diese letztere Doktrin ausdrücklich unter gänzlichem Ausschluß ihres
-Gegenteils aufrecht hält. Aber der Theismus hat sie bis jetzt noch
-nicht hinreichend oder in dem Maße vertreten, wie es die bloße Logik
-des Gegenstandes erfordert, während der Pantheismus nur selten die
-gegnerische Doktrin von der Persönlichkeit -- oder die mögliche
-Vereinigung der Immanenz mit der Persönlichkeit in Betracht gezogen
-hat.[58]
-
-Die Absicht dieses Buches ist es nun, eingehender, als es bisher
-geschehen ist, die Möglichkeit dieser Vereinigung zu beweisen, denn
-ich will zeigen, daß wir, wenn wir alle Vorurteile und Gefühle bei
-Seite legen und der reinen Vernunft bis zu ihrem logischen Endziel
-folgen, nur zu folgendem Schluß gelangen können: _A._ wenn es einen
-persönlichen Gott giebt, so ist kein Grund vorhanden, warum er der
-Natur nicht immanent sein sollte, oder warum nicht alle Kausalität
-der unmittelbare Ausdruck seines Willens sein sollte. _B._ jeder
-anwendbare Beweisgrund führt zu dem Schluß, daß Gott wahrscheinlich
-der Natur immanent ist. _C._ wenn das der Fall ist und wenn sein Wille
-konsequent ist, so =muß= alle natürliche Kausalität notwendiger Weise
-als mechanisch erscheinen. _D._ Es ist daher kein Beweis gegen den
-göttlichen Ursprung eines Dinges, eines Ereignisses u. s. w., wenn man
-nachweist, daß es natürlichen Ursachen zuzuschreiben ist.
-
-Nachdem ich in Kürze über _A_, _B_, _C_ und _D_ gesprochen, will ich
-zeigen, daß _D_ die praktisch wichtigste dieser vier Folgerungen ist.
-Denn die Fundamentalvoraussetzung, welche ich vorhin erwähnte, ist
-ihr geradezu entgegengesetzt. Ob stillschweigend oder ausgesprochen,
-stets wurde bei dem Streit zwischen Naturwissenschaft und Religion auf
-beiden Seiten angenommen, daß diese oder jene Erscheinung, sobald sie
-durch natürliche Ursachen erklärt worden ist, Gott nicht mehr direkt
-zugeschrieben werden könnte. Der Unterschied zwischen natürlich und
-übernatürlich ist auf beiden Seiten immer als unbestreitbar richtig
-angesehen worden und diese fundamentale Übereinstimmung machte als
-Boden des Schlachtfeldes den Kampf überhaupt erst möglich. Hierin liegt
-auch die Veranlassung zu allen früheren und zu allen möglicherweise
-noch kommenden Niederlagen der Religion. Die wahre Religion zieht
-freilich daraus die Lehre, daß in ihrer Kampfesmethode etwas nicht
-ganz richtig ist, und manche von ihren Streitern erwachen jetzt auch
-zur Erkenntnis der Thatsache, daß hier ihr Irrtum liegt -- wie sie in
-der Vergangenheit auch ihren Irrtum erkannten, wenn sie die Bewegung
-der Erde, das Alter der Erde und die Entstehung der Arten durch
-Entwicklung leugneten. Aber Niemand, selbst keiner von ihren Obersten
-und Generälen, hat seinen Vorteil bis zu den äußersten Konsequenzen
-verfolgt. Das will ich nun thun. Der logische Vorteil liegt ganz
-klar auf ihrer Seite, und es ist ihr eigener Fehler, wenn sie nicht
-den endgültigen Sieg errungen haben, nicht allein gegenüber der
-Naturwissenschaft, sondern auch gegenüber dem geistigen Dogmatismus in
-jeder Form. Dieser kann auf der ganzen Linie geschlagen werden, denn
-die Naturwissenschaft ist nur das systematische Studium der natürlichen
-Kausalität, und wenn die Erfahrung jedes menschlichen Wesens zu einem
-Dogmatismus rein geistiger Art führt, so geschieht dies deshalb, weil
-es auch jenes in Frage stehende Fundamental-Postulat vertritt. Der
-Einfluß der Gewohnheit und der Mangel an Einbildungskraft ist hierbei
-sehr wichtig. Aber immer sollte man als Antwort die weitere Frage
-erörtern: worin besteht das Wesen der natürlichen Kausalität?
-
-Nun möchte ich die Konsequenzen dieser Antwort bis zu ihrem letzten
-logischen Schluß verfolgen; denn niemand, selbst der Rechtgläubigste,
-hat bis jetzt diese Lehre der Religion in ihrer ganzen Fülle erfaßt.
-Man gönnt so zu sagen, soweit es angeht, Gott seine eigene Welt
-nicht. So wenn man von dem natürlichen Wachsen des Christentums aus
-den früheren Religionen heraus oder von der natürlichen Verbreitung
-desselben oder von der natürlichen Bekehrung des Paulus u. s. w.
-spricht. Man nimmt noch immer auf beiden Seiten an, daß eine
-Erscheinung, um göttlich zu sein, etwas Unerklärliches oder Wunderbares
-haben muß.
-
-Naturwissenschaft und Religion haben immer nur auf dem Boden jener
-gemeinsamen Voraussetzung und um die Frage gekämpft: ob die Ursache
-dieser oder jener Erscheinung »natürlich« oder »übernatürlich« war?
-Denn selbst der Streit um den Widerspruch zwischen Naturwissenschaft
-und heiliger Schrift dreht sich schließlich um die Annahme, daß die
-Inspiration (angenommen, sie ist ächt) in Bezug auf ihre Kausalität
-»übernatürlich« ist. Man gebe nur einmal zu, daß sie »natürlich« ist,
-und jeder mögliche Grund zum Streit ist beseitigt.
-
-Ich kann es wohl verstehen, weshalb der Unglaube die in Frage stehende,
-grundlegende Annahme macht, weil nämlich seine ganze Sache auf ihr
-beruhen muß. Aber es ist sicher an der Zeit, daß die Theisten diese
-Annahme aufgeben.
-
-Der angebliche Unterschied zwischen natürlicher und übernatürlicher
-Kausalität zeigt sich ohne Zweifel schon im Aberglauben der
-vorgeschichtlichen Zeit und ist in der geschichtlichen Zeit infolge des
-unbestimmten Gefühls, daß Gottes Wirken geheimnisvoll sein müsse und
-daß das Gebiet der Religion daher im Übersinnlichen liege, fortdauernd
-angenommen worden. Nun ist es ja nur zu wahr, daß das Endliche das
-Unendliche nicht begreifen kann, daher ist dies in Frage stehende
-Gefühl logisch ganz berechtigt. Aber unter dem Einfluß dieses Gefühls
-haben die Menschen immer den Trugschluß gezogen, daß eine Erscheinung,
-dadurch, daß sie in Ausdrücken der natürlichen Kausalität erklärt
-worden ist, vollständig erklärt sei; -- dabei wird vergessen, daß sie
-nur insoweit erklärt worden ist, als jene Kausalität in Betracht kommt,
-und daß die eigentliche Frage nach der letzten Ursache dadurch nur
-aufgeschoben worden ist. Und sicherlich liegt dahinter ein unendliches
-Mysterium, welches auch den tiefsten Mystiker befriedigen muß. Selbst
-Herbert Spencer giebt zu, daß alle natürliche Kausalität im letzten
-Grade unerklärbar ist.
-
-Im Grunde genommen ist der Fortschritt der Naturwissenschaft weit
-davon entfernt gewesen, die Religion zu schwächen, er hat sie im
-Gegenteil außerordentlich gekräftigt; denn er hat die Gleichförmigkeit
-der natürlichen Kausalität bewiesen. Die sogenannte natürliche Sphäre
-ist auf Kosten der »übernatürlichen« gewachsen. Das ist allerdings
-unfraglich; aber wenn dies auch den auf niedrigeren Kulturstufen
-stehenden Menschen immer als eine der Religion feindselige Thatsache
-erscheinen muß, so sollten =wir= jetzt doch erkennen, daß es gerade
-umgekehrt ist, weil diese Thatsache ja nur jenen in Frage stehenden aus
-naivem oder unentwickeltem Verständnis entspringenden Unterschied[59]
-aufhebt.
-
-Es ist wirklich sonderbar, wie lange diese Ansicht geherrscht hat, oder
-woher es kommt, daß die befähigtsten Männer aller Generationen ruhig
-angenommen haben, daß wir alles über eine Naturerscheinung wissen, wenn
-wir ihre natürliche Ursache kennen, oder daß wir die Naturerscheinung
-damit sozusagen ganz der Sphäre des Mysteriums entrückt hätten, während
-wir sie in der That nur in ein noch viel größeres Mysterium als vorher
-gesenkt haben. --
-
-Aber die Antwort auf unsre erstaunte Frage, wie diese Ansicht so lange
-herrschen konnte, ergiebt sich aus der großen Macht der Gewohnheit,
-welche hier die Vernunft geradezu tot zu schlagen scheint und je
-mehr sich jemand mit »natürlichen Ursachen« beschäftigt (z. B. mit
-Naturforschung), desto größer wird die Sklaverei der Gewohnheit, bis
-der betreffende endlich den wirklichen Stand dieser Frage geradezu
-nicht mehr zu erkennen im Stande zu sein scheint, indem er jedes
-vernünftige Nachdenken darüber als phantastisch betrachtet, so daß der
-Ausdruck metaphysisch selbst in seiner etymologischen Bedeutung als
-übersinnlich oder jenseits der natürlichen Kausalität liegend aufgefaßt
-und dadurch zu einem Ausdruck des Tadels in Bezug auf die Vernunft
-wird. Offenbar hat sich solch ein Mann als ganz unfähig erwiesen,
-irgend eines der höchsten Probleme, welche die Natur oder der Mensch
-darbietet, vernünftig zu behandeln.
-
-Bei einer logischen, berechtigten Theorie des Theismus kann der
-Unterschied zwischen »natürlich« und »übernatürlich«, wie er gewöhnlich
-gemacht wird, auf keinen Fall aufrecht gehalten werden; denn nach jener
-Theorie ist alle Kausalität nur die Wirkung des göttlichen Willens,
-und wenn wir dabei irgend einen Unterschied zwischen unmittelbarer und
-mittelbarer Wirkung machen wollen, so können wir dies nur im Verhältnis
-zum Menschen, d. h. zu unserer Erfahrung gelten lassen. Denn offenbar
-würde es mit dem reinen Agnostizismus ganz unvereinbar sein, wollten
-wir annehmen, daß wir in Bezug auf das göttliche Wirken selbst einen
-solchen Unterschied machen dürfen. Selbst abgesehen von der Theorie
-des Theismus muß der reine Agnostizismus anerkennen, daß der richtige
-Unterschied nicht der zwischen »natürlich« und »übernatürlich«,
-sondern zwischen erklärlich und unerklärlich ist, und jene Ausdrücke
-bedeuten das, was solchen Ursachen zuzuschreiben, beziehungsweise nicht
-zuzuschreiben ist, die innerhalb des Bereichs menschlicher Beobachtung
-liegen. Der Unterschied liegt in Wirklichkeit also nur zwischen den der
-Beobachtung zugänglichen und den ihr nicht zugänglichen Kausalprozessen
-des Weltalls.
-
-Da die Naturwissenschaft wesentlich im Erklären ihre Aufgaben findet,
-so ist ihre Arbeit notwendigerweise auf die Sphäre der natürlichen
-Kausalität beschränkt, jenseits dieser Sphäre (d. h. der sinnlichen)
-kann sie nichts erklären. Selbst wenn sie im Stande wäre, von jedem
-Dinge die natürliche Kausalität zu erklären, so würde sie doch unfähig
-sein, den letzten Grund des Seins irgend eines Dinges oder einer
-Erscheinung anzugeben.
-
-Es ist nicht meine Absicht hier eine Abhandlung über die Natur der
-Kausalität zu schreiben, oder die vielen Theorien zu erörtern, welche
-von den Philosophen über diesen Gegenstand aufgestellt worden sind.
-Dies versuchen würde in der That nichts weniger bedeuten als eine
-Geschichte der Philosophie selbst schreiben. Dennoch ist es für meinen
-Zweck notwendig einige Bemerkungen hinsichtlich der hauptsächlichsten
-Gedanken über diesen Gegenstand zu machen.[60]
-
-
- Die beachtenswerte Natur der Thatsachen.
-
-Beachtenswert sind folgende Thatsachen deshalb, weil sie bei jeder
-menschlichen Erfahrung zu beobachten sind. Alles, was geschieht, hat
-eine Ursache. Dasselbe Ereignis hat stets dieselbe Ursache -- oder:
-dasselbe Konsequenz hat dasselbe Antecedens. Einzig und allein die
-Vertrautheit mit dieser bedeutsamen Thatsache bewirkt, daß darüber
-nicht allgemein Verwunderung entsteht, denn ungeachtet aller Theorien
-über sie hat doch noch niemand wirklich bewiesen, =warum= es so ist.
-Daß dieselben Ursachen stets dieselbe Wirkung haben, ist ein Satz, der
-die Fundamentalthatsache unsres Wissens ausdrückt, aber die Kenntnis
-dieser Thatsache ist durchaus Erfahrungssache, wir können keinen Grund
-angeben, =warum= es eine Thatsache sein muß. Wenn es keine Thatsache
-wäre, so würde es zweifellos keine sogenannte Naturordnung geben und
-folglich auch keine Philosophie, keine Naturwissenschaft und vielleicht
-(wenn die Unregelmäßigkeiten häufig genug vorkämen) überhaupt keine
-Möglichkeit menschlicher Erfahrung. Aber obgleich dies sehr leicht zu
-zeigen ist, so beweist es doch keineswegs, weshalb dieselben Ursachen
-immer dieselben Wirkungen haben.
-
-Daß unsere Kenntnis der in Frage stehenden Thatsache nur
-erfahrungsmäßig ist, ist so offenbar, daß sogar einige unserer größten
-Denker, wie Mill und Hume, nicht die intellektuelle Nötigung bemerkt
-haben, daß man über die erfahrungsmäßige Kenntnis der Thatsache
-hinausgehen muß, um eine Erklärung von ihr selbst zu erlangen. Daher
-bieten sie der Welt eine ganz nichtssagende, oder bloß tautologische
-Theorie der Kausalität, nämlich jene von der Gleichmäßigkeit der
-Wirkungen im Bereich der menschlichen Erfahrung.[61]
-
-Wenn man von meiner Theorie der Kausalität sagen sollte, daß sie das
-Übernatürliche und Geistige natürlich oder materiell auffasse, wie es
-wohl die meisten Orthodoxen denken werden, so lautet meine Antwort
-darauf: tieferes Nachdenken wird zeigen, daß man sie wenigstens eben
-so gut von dem entgegengesetzten Gesichtspunkt aus auffassen kann --
-nämlich, daß sie sich das Natürliche übernatürlich vorstellt oder das
-Materielle vergeistigt; und ein reiner Agnostiker sollte am wenigsten
-gegen eine von diesen beiden Anschauungsweisen etwas einwenden. Wenn
-die reine Vernunft bei der Sache überhaupt etwas zu sagen hat, so
-sollte sie der Auffassung zuneigen, daß meine Doktrin das Materielle
-vergeistigt, weil es durchaus gewiß ist, daß wir nichts vom Wesen der
-natürlichen Kausalität wissen können -- eben so wenig wie von ihrem
-Dasein -- es sei denn, daß wir von unseren eigenen Willensäußerungen
-ausgehen.
-
-
- Der freie Wille.[62]
-
-Nachdem ich alles über den freien Willen gelesen habe, was überhaupt
-des Lesens wert ist, will es mir scheinen, daß sich die Hauptergebnisse
-und ihre logischen Schlußfolgerungen in folgende kurze Sätze
-zusammenfassen lassen:
-
-1) Ehe ein Schriftsteller sich überhaupt mit diesem Gegenstand
-beschäftigt, sollte er sich des Hauptunterschieds zwischen der bloß
-rechtlichen und der moralischen Verantwortlichkeit voll bewußt werden,
-sonst verfehlt er den Kernpunkt der Frage. Niemand fragt nach der
-offenkundigen Thatsache der =rechtlichen= Verantwortlichkeit; die Frage
-betrifft allein die =moralische=, und doch rührt die große Masse der
-Litteratur über den freien Willen und die Naturnotwendigkeit daher, daß
-die Streitenden auf beiden Seiten diesen Fundamental-Unterschied nicht
-erkennen, und das passiert selbst so bedeutenden Männern wie Spencer,
-Huxley und Clifford.
-
-2) Die Hauptfrage ist: ob der Wille eine Ursache hat oder nicht. Denn
-wie auch immer diese Hauptfrage durch die aus ihr entspringenden Fragen
-verdunkelt werden mag, diese Folgefragen stehen und fallen mit ihr.
-
-3) Folglich: wenn die Anhänger der Willensfreiheit zugeben, daß
-Kausalität und Wille zusammengehören, so geben sie damit, so sehr sie
-sich auch drehen und wenden, doch ihre Stellung auf der ganzen Linie
-auf, wenn sie nicht auf die weiter zurückliegende Frage nach dem Wesen
-der natürlichen Kausalität eingehen wollen. Es kann nun bewiesen
-werden, daß diese weiter zurückliegende Frage wissenschaftlich nicht zu
-beantworten ist. Daher können beide Parteien die natürliche Kausalität
-als unbekannte Größe mit _X_ bezeichnen.
-
-4) Daher sollten beide Parteien einsehen, daß sich die ganze
-Streitfrage in die folgende zuspitzt: -- Wird der Wille durch jenes _X_
-bestimmt oder nicht? Das mag, ich gebe es zu, als eine für eine Debatte
-unfruchtbare Frage erscheinen, -- aber sie bleibt doch als einzige,
-thatsächliche Streitfrage übrig, also noch einmal: bestimmt sich der
-Wille selbst oder wird er bestimmt, nämlich von außen?
-
-5) Wenn er von außen her bestimmt wird, bleibt dann noch irgend ein
-Spielraum für die Freiheit in dem Sinne, wie es nötig ist, um die
-Lehre von der moralischen Verantwortlichkeit zu retten? Ich denke, die
-Antwort müßte ein entschiedenes Nein! sein.
-
-6) Aber wohl beachtet, es ist nicht ein und dasselbe, ob wir fragen:
-wird der Wille nur von außen bestimmt? oder wird der Wille nur
-von natürlicher Kausalität (_X_) bestimmt? Denn die unbekannte
-Größe _X_ kann sehr gut noch ein _X_1_ in sich schließen, wenn wir
-unter _X_1_ alle die unbekannten Nebeneigenschaften der einzelnen
-Persönlichkeit[63] verstehen.
-
-7) Daher gewinnen die Deterministen keinen Vorteil über ihre Gegner,
-wenn sie den wohl möglichen (heute aber noch unmöglichen) Nachweis
-dafür führen, daß alle Willensakte von der natürlichen Kausalität
-bedingt werden, es sei denn, daß sie die Natur der letzteren aufdecken
-und zeigen können, daß sie ihre Schlußfolgerungen unterstützt. Soviel
-wir wissen können, mag der Wille sehr wohl in dem verlangten Sinn frei
-sein, selbst wenn alle seine Handlungen durch jenes _X_ bedingt werden.
-
-8) In Sonderheit könnte, soviel wir wissen können, alles durch das
-_X_1_ bedingt sein, d. h. alle Kausalität könnte die Natur des Willens
-haben (wie es in der That viele Systeme der Philosophie behaupten) und
-daraus würde folgen, daß jeder menschliche Wille die Natur einer ersten
-Ursache hat. Zur Unterstützung dieser Möglichkeit mag bemerkt werden,
-daß die meisten Philosophen in Bezug auf das _X_ zu der Theorie einer
-_causa causarum_ gelangt sind.
-
-9) Nun liegt ein Einwand nahe, nämlich: bei einer Mehrzahl von ersten
-Ursachen, von denen jede Quelle und Ursprung eines neuen und nie
-versiegenden Stromes von Kausalität wäre, müßte der Kosmos früher oder
-später durch die haufenweise Kreuzung der Ströme, ein Chaos werden, die
-Antwort darauf ist in der Theorie des Monismus zu finden.[64]
-
-10) Indessen bleibt noch die letzte Schwierigkeit, welche ich in meiner
-Abhandlung »die Welt als ein Ejekt«[65] geschildert habe, aber sie
-verliert sich wieder in dem Mysterium der Persönlichkeit, welche nur
-als eine unerklärbare und anscheinend letzte Thatsache bekannt ist.
-
-11) So muß also die allgemeine Schlußfolgerung in der ganzen Frage
-sein: -- reiner Agnostizismus. --
-
-
- § 4. Der Glaube.
-
-Der »Glaube« unterscheidet sich in seiner religiösen Bedeutung nicht
-allein von »Meinung« (das heißt von einem Glauben, der sich nur auf
-Vernunft gründet) dadurch, daß zu dieser noch ein geistliches Element
-hinzukommt, er unterscheidet sich auch von dem Glauben, der auf
-Affekten beruht, dadurch, daß er einer aktiven Mitwirkung des Willens
-bedarf. So sind also alle Seiten des menschlichen Geistes im Begriff
-des Glaubens enthalten: Verstand, Gemüt und Wille. Wir »glauben« an die
-Entwicklungslehre nur aus Gründen des Verstandes; wir »glauben« an die
-Liebe unserer Eltern, Kinder u. s. w. fast (oder gar ausschließlich)
-aus, ich nenne es, geistlichen[66] Gründen, d. h. aus Gründen der
-inneren Erfahrung, denn dazu haben wir keine Ausübung weder der
-Vernunft noch des Willens nötig. Aber Niemand kann an Gott oder gar
-Christus glauben ohne eine ernste Anstrengung des Willens. Dies halte
-ich für eine Thatsache, mag es nun einen Gott oder Christus geben oder
-nicht.
-
-Man beachte es wohl, der »Wille« ist vom »Wunsch« zu unterscheiden.
-Es ist ganz gleichgültig, was die Psychologen darüber sagen. Ob
-sich der »Wunsch« vom »Willen« seinem Wesen oder nur dem Grade nach
-unterscheidet; ob der Wille sozusagen ein aktiver Wunsch und der
-Wunsch bloß ein beginnender Wille ist, das sind Fragen, um die wir uns
-nicht zu kümmern brauchen, denn es giebt sicherlich Agnostiker, welche
-viel lieber Theisten sein würden, und Theisten, welche alles, was sie
-besitzen, hingeben würden, um Christen sein zu können, wenn es möglich
-wäre, daß sie sich diese Beförderung etwa durch Kauf, d. h. durch einen
-einzelnen Willensakt, aneignen könnten. Dennoch ist ihr Wunsch nicht
-stark genug, um den Willen ununterbrochen in Aktivität zu halten, so
-daß er fortgesetzt die Opfer bringt, welche das Christentum fordert.
-Vielleicht ist das schwerste dieser Opfer für einen denkenden Menschen
-das, seinen eigenen Verstand daranzugeben, wenigstens ist dies bei mir
-so der Fall. Ich war lange gewohnt meinen Verstand als den einzigen
-Richter der Wahrheit anzusehen; und während der Verstand selbst es mir
-bezeugt, daß es gar nicht unvernünftig sei, wenn Herz und Wille im
-Verein mit der Vernunft Gott suchen müssen, (denn die Religion ist für
-den =ganzen= Menschen) -- -- so bin ich doch zu eifersüchtig auf meinen
-Verstand, um meinen Willen in =der= Richtung zu gebrauchen, in welcher
-es mein Herz am sehnlichsten wünscht. Denn sicherlich ist das heißeste
-Verlangen meines Herzens, daß es in seinem höchsten Streben nicht
-betrogen wird. Und dennoch konnte ich mich selbst nicht überwinden,
-einen Versuch zu machen und zum Glauben fortzuschreiten. Von =einem=
-Standpunkt aus betrachtet, scheint es z. B. ganz vernünftig zu sein,
-daß das Christentum die praktische Ausführung seiner Glaubenslehren als
-eine notwendige Bedingung fordert, damit ihre Wahrheit zur Überzeugung
-wird, d. h. damit man sie glaubt. Aber von einem anderen und mir
-geläufigeren Standpunkt aus scheint es mir fast eine Beleidigung der
-Vernunft zu sein, solch ein thörichtes Experiment überhaupt zu machen,
-geradeso wie es einem Naturforscher absurd und kindisch erscheint,
-daß man erwartet, er solle die »abergläubischen« Thorheiten des
-modernen Spiritismus untersuchen. Selbst den einfachsten Willensakt
-in Bezug auf Religion -- nämlich das Gebet -- habe ich wenigstens
-ein Vierteljahrhundert lang nicht ausgeübt, lediglich aus dem Grunde,
-weil es mir so unmöglich schien sozusagen hypothetisch zu beten, so
-daß ich mich, so sehr mich auch immer darnach verlangt hat, beten zu
-können, doch nicht zu dem Willensakt aufraffen konnte, einen Versuch
-damit zu machen. Um mich in Bezug auf das, was mein besseres Urteil
-so sehr oft als unvernünftig erkannt hat, selbst zu rechtfertigen,
-habe ich immer verschiedene Entschuldigungen gehabt. Hauptsächlich
-war es diese: Selbst wenn man das Christentum als Wahrheit annimmt
-und selbst angenommen, daß ich meine Vernunft soweit meinem Verlangen
-opfern könnte, daß ich die vorausgesetzten Bedingungen erfüllt hätte,
-um »Gnade« oder unmittelbare Erleuchtung von Gott zu erlangen, --
-würde sich nicht selbst dann meine Vernunft empören und an mir rächen?
-Denn sicherlich würde selbst dann mein gewohnheitsmäßiger Skeptizismus
-mir sagen: »Dies ist Alles sehr erhaben und tröstlich; aber welche
-Gewißheit hast du, daß die ganze Sache nicht doch eine Selbsttäuschung
-ist? Der Wunsch war wahrscheinlich der Vater des Gedankens, und du
-würdest deinen Willensakt besser verwendet haben, dich für irgend eine
-niedrige Sache und wäre es nur ein Haschisch-Rausch, zu begeistern?« --
-Ein Christ würde natürlich darauf antworten, daß die innere Erleuchtung
-einen solchen Zweifel nicht zulassen kann, ebensowenig wie der Anblick
-der Sonne an dieser zweifeln läßt, -- daß Gott uns doch gut genug
-kennt, um das zu verhüten u. s. w., und auch daß es unvernünftig
-sei, ein Experiment deshalb nicht zu versuchen, weil sein Ergebnis
-sich vielleicht als zu gut erweisen möchte, um glaubwürdig zu sein.
-Ich will nicht bestreiten, daß der Christ durch eine solche Antwort
-gerechtfertigt sein würde, aber ich führe die Sache auch nur als eine
-Probe der Schwierigkeiten an, die sich entgegenstellen, wenn man alle
-Bedingungen erfüllen will, um zum christlichen Glauben zu gelangen,
-selbst wenn man ihn für richtig hält. Andere haben ohne Zweifel andere
-Schwierigkeiten, aber die meinige lag wohl hauptsächlich in meiner
-ungebührlichen Rücksichtnahme auf die Vernunft unter Vernachlässigung
-von Herz und Willen, ungebührlich dann, wenn das Christentum wirklich
-Wahrheit ist und wenn die Bedingungen für den Glauben an dasselbe eine
-göttliche Verordnung sind.
-
-Dieser Einfluß des Willens auf den Glauben, selbst in weltlichen
-Dingen, ist um so stärker ausgeprägt, je weniger diese Dinge sich
-vordemonstrieren lassen (wie schon bemerkt); aber das ist am meisten
-dort der Fall, wo unsere persönlichen Interessen berührt werden,
-mögen es materielle oder intellektuelle sein, wie z. B. der Ruf
-konsequent zu sein u. s. w. Man bedenke nur, wie sehr z. B. politische
-Glaubensbekenntnisse den religiösen in den eben erörterten Beziehungen
-gleichen. Wenn die Unterschiede dabei nicht der Art sind, daß die
-Wahrheit auf der =einen= Seite klar beweisbar ist, so daß der, welcher
-ein Anhänger der gegnerischen Seite ist, dabei bewußter Weise seine
-Redlichkeit dem Eigennutz geopfert haben muß, so finden wir doch
-immer, daß die Parteibrille die Dinge so färbt, daß man die Vernunft
-dem Willen preisgiebt, sowie der Gewohnheit, dem Interesse und all
-den andern Verhältnissen, welche in gleicher Weise auf den religiösen
-Glauben einwirken. In jedem Falle scheint es nur wenig darauf
-anzukommen, auf welcher Höhe von allgemeiner oder besonderer Bildung
-sowie geistiger Beanlagung man steht, um die zu beurteilende Frage zu
-beantworten. Vom Premierminister bis zum Bauern finden wir dieselbe
-Meinungsverschiedenheit in politischen Dingen wie in religiösen. Und
-in jedem Fall ist die Erklärung die gleiche. Der Glaube ist so wenig
-von der Vernunft allein abhängig, daß es in solchen Gedankenkreisen --
-d. h. wo persönliche Interessen berührt werden und die Wahrheit ihrer
-Natur nach nicht demonstrierbar ist, wirklich so scheint, als ob die
-Vernunft aufhört ein Richter in Bezug auf den Beweis oder der Führer
-zur Wahrheit zu sein, so daß sie nur der Advokat einer Meinung ist,
-die bereits auf einem anderen Grunde auferbaut wurde. Dieser andere
-Grund besteht, wie wir gesehen haben, vornehmlich in den Zufälligkeiten
-der Gewohnheit oder der Mode, und der Wunsch ist dann der Vater des
-Gedankens u. s. w.
-
-Dies mag nun alles in Bezug auf Politik und in allen weltlichen
-Dingen bedauerlich sein; aber wer will sagen, daß es in Bezug auf
-den religiösen Glauben nicht so sein =muß=, wie es ist! Denn, wenn
-wir nicht die Frage nach einem zukünftigen Leben mit einer nackten
-Verneinung abthun wollen, so müssen wir doch wenigstens die Möglichkeit
-erwägen, ob wir hier nicht in einem Zustand der Prüfung leben, und das
-nicht allein bezüglich eines unbefangenen Gebrauchs unserer Vernunft,
-sondern wahrscheinlich noch viel mehr bezüglich des Gebrauchs jener
-anderen Seiten der menschlichen Natur, durch welche unser Glaube in
-dieser wichtigsten von allen Fragen bestimmt wird.
-
-Es ist bemerkenswert, daß es selbst in der Politik die sittlichen
-und geistlichen Elemente des Charakters sind, welche endlich zum
-Erfolg führen, selbst mehr als intellektuelle Fähigkeiten, natürlich
-vorausgesetzt, daß die letztere nicht unter dem etwas hohen Niveau
-unserer parlamentarischen Versammlungen steht.[67]
-
-In Bezug auf die Rolle, die der Wille bei der Entscheidung für den
-Glauben spielt, kann man nachweisen, wie unbewußt groß dieselbe sogar
-in Dingen von weltlichem Interesse ist. Die Vernunft ist in der That
-sehr weit davon entfernt, der einzige Führer beim Urteil zu sein, wie
-man gewöhnlich annimmt. Das geht thatsächlich so weit, daß das Urteil,
-ausgenommen in Dingen, bei welchen der Beweis auf der Hand liegt,
-(wobei es natürlich keinen Raum mehr für irgend etwas anderes giebt) --
-zumeist durch Gewohnheit, Vorurteil, Mißfallen u. s. w. soweit gefangen
-genommen ist, daß es den nüchternsten Philosophen überraschen würde,
-könnte er sich alle die geistigen Prozesse klar machen, durch welche
-der komplizierte Akt der Zustimmung beziehungsweise Abneigung zufällig
-bestimmt wird.[68] Um zu zeigen, wie wenig die Vernunft allein bei der
-Entscheidung für den religiösen Glauben zu thun hat, wollen wir einmal
-als Beispiel die Mathematiker betrachten. Ich denke, sie sind das beste
-Beispiel, welches wir nehmen können, weil die mathematische von allen
-intellektuellen Forschungen die exakteste ist, da sie vielmehr als alle
-anderen die Kräfte der Vernunft in Anspruch nimmt, und weil deshalb
-auch die Männer, welche in dieser Forschung die höchste Stufe erreicht
-haben, sicherlich als die geeignetsten Vertreter der Menschheit in
-Bezug auf die Kraft der reinen Vernunft betrachtet werden können. Aber
-siehe, jedesmal wenn sie ihre in jener Beziehung außerordentlichen
-Kräfte auf die Probleme der Religion gerichtet haben, -- wie wohl
-erwogen sind dann bezeichnender Weise ihre entgegengesetzten Schlüsse
-[keiner von beiden scheint zu irren -- der Übersetzer], so daß wir
-daraus nur schließen können, wie außerordentlich wenig die Vernunft bei
-den geistigen Vorgängen gilt, welche =hier= das Urteil bestimmen.
-
-Wenn wir in dieser Hinsicht die größten Mathematiker in der
-Weltgeschichte untersuchen, so finden wir, daß z. B. Keppler und Newton
-Christen waren, daß aber andererseits La Place ungläubig war.[69] Oder
-wenn ich unsere Zeit in Betracht ziehe und meine Aufmerksamkeit z. B.
-auf den Hauptsitz der mathematischen Studiums in England richte, so ist
-folgendes zu sagen: -- als ich in Cambridge war, erstrahlte in dieser
-Fakultät von dort aus ein solch helles Licht wie wohl nie zuvor. Und
-das Merkwürdige für unseren gegenwärtigen Zweck ist dabei, daß die
-Träger der berühmtesten Namen auf Seiten der Orthodoxie standen: Sir
-W. Thomson, Sir George Stokes, die Professoren Tait, Adams, Clerk --
-Maxwell und Cayley -- gar nicht zu nennen die weniger bedeutenderen:
-Routh, Todhunter, Ferrers u. s. w. waren alle überzeugte Christen.
-Clifford allein war damals gerade von dem Extrem der Orthodoxie zu
-dem des Unglaubens übergesprungen -- ein vereinzeltes Beispiel,
-welches ich als besonders interessant für unsern Zweck ansehe, da es
-den überwiegenden Einfluß eines unnatürlich aufgeregten Charakters
-gerade auf einen so außerordentlich intelligenten Mann zeigt, denn
-die Vernunftmäßigkeit des ganzen Baues des christlichen Glaubens kann
-ihre Pole doch nicht innerhalb so weniger Monate gewechselt haben.
-Nun würde es ohne Zweifel leicht sein, wo anders als in Cambridge
-Mathematiker erster Größe zu finden, welche in unserer Generation
-entschiedene Gegner des Christentums sind oder gewesen sind, wenn auch
-sicherlich nicht eine so große Reihe von Sternen erster Größe. Aber
-sei dies wie es will, das Beispiel in Cambridge aus meiner eignen Zeit
-scheint mir an sich genugsam zu beweisen, daß der christliche Glaube
-durch die höchsten Kräfte der Vernunft weder begünstigt noch geschädigt
-werden kann, sondern daß er von anderen noch viel mächtigeren Faktoren
-abhängt.
-
-
- Glaube und Aberglaube.
-
-Mag das Christentum wahr sein oder nicht, -- zwischen diesen beiden
-Begriffen bleibt doch immer ein großer Unterschied. Denn während der
-Hauptbestandteil des christlichen Glaubens ein sittliches Element
-ist, ist ein solches bei dem Aberglauben nicht vorhanden. Die einzige
-Ähnlichkeit zwischen beiden ist thatsächlich die, daß beide einen
-Geisteszustand bezeichnen, den man eben »Glaube« nennt. Daher kommt
-es, daß beide Begriffe von Gegnern des Christentums und selbst
-von Nicht-Christen so oft verwechselt werden. Der viel wichtigere
-Unterschied wird nicht hervorgehoben, nämlich der, daß der Glaube in
-dem einen Fall ein rein intellektueller, im andern Fall hauptsächlich
-ein sittlicher ist. Wenn er nur intellektuell aufzufassen ist, so kann
-der Glaube nichts anderes als bloße Leichtgläubigkeit bei gänzlichem
-Mangel an Beweiskraft sein; aber wo ein sittlicher Grund zum Glauben
-vorhanden ist, da liegt der Fall natürlich ganz anders; denn selbst
-wenn es einem Fernerstehenden bloße Leichtgläubigkeit zu sein scheint,
-so mag dies dann daher kommen, daß jener die aus sittlichen Thatsachen
-hinzukommenden Beweise nicht in Betracht zieht. --
-
-Glaube und Aberglaube werden oft verwechselt, ja sogar identifiziert.
-Ohne Frage sind sie auch in einem gewissen Punkt identisch, sie
-zeigen nämlich, wie gesagt, beide einen geistigen Zustand, den man
-eben »Glaube« nennt. Dies können alle Menschen erkennen, aber nicht
-jeder kann weiter sehen und die Unterschiede erklären. Diese sind
-aber folgende: Wenn wir annehmen, daß das Christentum wahr ist, -- so
-ist eben der Glaube der innere (_spiritual_) Beweis; wenn wir aber
-annehmen, daß das Christentum falsch sei: so bleibt doch noch ein
-moralischer Bestandteil im Glauben, welcher _ex hypothesi_ (d. h.
-in Folge der Voraussetzung) im Aberglauben nicht vorhanden ist. Mit
-andern Worten: Glaube oder Aberglaube ruhen beide auf einer geistigen
-Grundlage (was auch bloße Leichtgläubigkeit sein kann); aber der
-Glaube ruht zugleich auf einem sittlichen Grunde, selbst dann, wenn
-er nicht in gleicher Weise auf einem geistigen Grunde steht. Sogar in
-menschlichen Verhältnissen giebt es einen großen Unterschied zwischen
-dem Glauben an eine wissenschaftliche Theorie und dem Glauben an einen
-persönlichen Charakter. Der Unterschied liegt eben darin, daß der
-letztere ein sittliches Element enthält.
-
-Das »Heilen durch Glauben« hat daher keine Ähnlichkeit mit dem »Dein
-Glaube hat dir geholfen« des Neuen Testaments, wir müßten denn die
-persönlichen Unterschiede unberücksichtigt lassen, welche zwischen
-einem modernen Besprecher und Jesus Christus, die doch beide Gegenstand
-des Glaubens sind, bestehen. Glaube gründet sich nicht ausschließlich
-auf einen objektiven Beweis, der an die Vernunft appelliert (Meinung),
-sondern hauptsächlich auf einen subjektiven Beweis, der an eine ganz
-andere Fähigkeit appelliert (Vertrauen). Ob die Christen nun bei
-dem, was sie glauben, recht oder unrecht haben mögen, -- ich bin
-so fest, wie nur sonst von irgend etwas überzeugt, daß die von mir
-soeben gegebene Begriffsbestimmung, welche sie alle für sich selbst
-stillschweigend machen, logisch unanfechtbar ist; denn niemand kann
-leugnen, daß es möglicher Weise ein Etwas giebt, was man ein Organ
-geistlicher (_spiritual_) Beurteilung[70] nennen könnte. Wollte man
-dies leugnen, so würde man thatsächlich die Stellung des reinen
-Agnostizismus _in toto_ für falsch erklären; und dies bleibt selbst
-dann so, wenn es keine objektiven oder streng wissenschaftlichen
-Beweise für ein solches Organ gäbe, wie wir sie ja aber im Leben der
-Heiligen, und in geringerem Maße in der Universalität des religiösen
-Gefühls haben. Giebt es nun ein solches Organ, so folgt aus den
-vorhergehenden Paragraphen, daß die Hauptbeweise für das Christentum
-subjektiv nicht allein sein werden, sondern sein müssen: ich meine,
-sie =müssen= es sein, da gemäß der Voraussetzung des Christen das
-Christentum seinem Inhalt nach eine sittliche Prüfung enthält, und da
-der »Glaube« sowohl eine Probe auf die Wahrheit ist als auch einen Lohn
-in sich schließt.
-
-Manche praktischen Erwägungen entstehen daraus, z. B. die Pflicht der
-Eltern, die Kinder ebensowohl in dem zu erziehen, was sie glauben als
-in dem, was sie wissen. Das würde ganz ungerechtfertigt sein, wenn
-Glaube dasselbe wie Meinung wäre. Aber es ist durchaus gerechtfertigt,
-wenn ein Mensch nicht allein weiß, daß er etwas glaubt (Meinung),
-sondern auch glaubt, daß er etwas weiß (Glaube).[71] Wenn sich nun der
-Christ darin von dem natürlichen Menschen unterscheidet, daß jener ein
-inneres (_spiritual_) Organ der Erkenntnis besitzt, -- vorausgesetzt
-daß er ehrlich glaubt, es sei so, so würde es unsittlich von ihm sein,
-wenn er nicht in Übereinstimmung mit dem handelte, was er für seine
-Erkenntnis hält. Diese Verpflichtung bei der Erziehung erkennt man auch
-in jedem anderen Fall an. Solch ein Mann ist moralisch im Recht, wenn
-er auch geistig irrt. --
-
-Huxley sagt in seinen »Laien-Predigten«, daß der Glaube von der
-Wissenschaft als »Kardinalsünde« erwiesen worden sei. Nun, dies ist
-allerdings wahr in Bezug auf Leichtgläubigkeit, Aberglauben u. s. w.,
-und die Wissenschaft hat unendlich viel Gutes gethan, indem sie unsere
-Begriffe von Methode, Beweis &c. klarlegte. Aber dies liegt alles im
-Gebiet des Intellekts. Der Glaube wird von solchen Thatsachen oder
-Betrachtungen nicht berührt. Und welch eine schreckliche Hölle würde
-die Wissenschaft aus der Welt gemacht haben, wenn sie den »Geist des
-Glaubens« auch in menschlichen Verhältnissen vernichtet hätte. Huxley
-verfällt also in den so allgemeinen Irrtum, daß er »Glaube« und Meinung
-verwechselt.
-
-Wenn man das Christentum für wahr hält, so ist es durchaus vernünftig,
-wenn der Glaube im oben schon erklärten Sinn als eine Probe der
-göttlichen Gnade erklärt wird. Wenn es überhaupt eine Scheidung der
-Menschen durch Christus giebt, dann muß sich der Hauptgesichtspunkt,
-nach dem diese geschieht, auf jene moralische Eigenschaft beziehen.
-Niemand kann eine Offenbarung annehmen, die sich bloß an den Intellekt
-des Menschen richtet, weil die Annahme derselben alsdann nur eine Sache
-der Klugheit wäre, indem man einer durch höhere Intellekte gemachten
-Demonstration beipflichtet.
-
-Wenn das Christentum also berechtigter Weise diese Welt als eine
-Schule sittlicher Prüfung darstellt, dann können wir in der That kein
-besseres und dazu passenderes System finden als diese Welt und keinen
-besseren Schulmeister als das Christentum. Dies wird nicht allein durch
-ein allgemeines Räsonnement erwiesen, sondern auch durch das, was das
-Christentum in der Welt geleistet hat, durch seine Anwendbarkeit auf
-individuelle Bedürfnisse u. s. w. Man beachte nur die außerordentliche
-Verschiedenheit der menschlichen Charaktere in Bezug auf Sittlichkeit
-und geistliches (_spiritual_) Leben, und doch leben alle in derselben
-Welt. Aus äußerlich demselben Stoff und in derselben Umgebung entstehen
-so wunderbar verschiedene Produkte, je nachdem Stoff und Umgebung
-verwendet werden. Selbst menschliche Leiden in ihrer schlimmsten
-Gestalt können willkommen geheißen werden, wenn der Glaube an ein
-solches Ziel sie rechtfertigt. Leiden drücken nicht und Thränen haben
-nichts bitteres, sondern man soll sich ihrer vielmehr freuen.[72]
-
-Es ist ferner eine Thatsache, daß es nur durch diese Theorie
-der =Prüfung= möglich ist, für die Welt einen Sinn, d. h. einen
-vernünftigen Zweck für das menschliche Dasein zu erkennen. Setzt man
-die Wahrheit des Christentums voraus, so wird jedermann nach den
-Ergebnissen seiner eignen Lebensführung gerichtet, und diese entwickelt
-sich aus seinem eignen moralischen Charakter. (Dies könnte nicht so
-sein, wenn der =Entscheid= Sache intellektueller Begabung wäre.) Damit
-ist jedoch nicht gesagt, daß die Ausübung des Willens in der Richtung
-der Religion nicht einer Hilfe bedarf, um zum Glauben zu kommen und daß
-dazu der eine mehr, der andere weniger Hilfe nötig hat. Ja, es kann
-sogar sein, daß manche absichtlich von jeder Hilfe ausgeschlossen sind,
-damit ihre Verantwortlichkeit nicht vermehrt werde, oder daß sie nur
-wenig Hilfe erfahren, so daß die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer
-Vernunft entspringen, für sie eine moralische Prüfung bilden. Doch, wie
-dem auch sein mag, uns steht darin sicherlich kein Richteramt zu.
-
- * * * * *
-
-Es ist auch eine Thatsache, daß uns allen der Intellekt des Menschen
-höher zu stehen scheint als seine Sinnlichkeit, wir mögen über ihren
-Ursprung eine Ansicht haben, welche wir wollen. Ebenso stellen wir alle
-in gleicher Weise die sittliche Seite des Menschen höher als seinen
-Intellekt, mögen wir sonst auch von beiden denken, was wir wollen.
-Es ist ferner eine Thatsache, daß wir die geistliche (_spiritual_)
-Seite höher stellen als die sittliche, welche Theorie von der Religion
-wir auch haben mögen. Die sittlichen und noch mehr die geistlichen
-Eigenschaften eines Menschen sind es, welche seinen Charakter bilden.
-Und es ist wunderbar, wie der Charakter auf allen Lebenswegen
-schließlich doch die Hauptsache ist.
-
-Alle diese Begriffe sind klar und allgemein anerkannt, nämlich:
-
- { Sinnlichkeit,
- Der Mensch hat { Intellekt,
- { Sittlichkeit,
- { =Geist= (=Seele=) (»_spirituality_«).
-
-Sittlichkeit und Geist sind als zwei ganz verschiedene Dinge anzusehen.
-Ein Mensch kann in seinem Verhalten im höchsten Grade sittlich sein,
-ohne irgendwie seiner Natur nach geistlich gerichtet zu sein, und auch,
-wenn freilich in geringerem Maße, umgekehrt. Und =objektiv= erkennen
-wir denselben Unterschied zwischen Moral und Religion. Unter Geist
-verstehe ich die religiöse Denkart (»Temperament«), mag damit irgend
-ein besonderes Glaubensbekenntnis oder Dogma verbunden sein oder nicht.
-
-Es besteht wohl kein Zweifel, daß intellektuelle Genüsse befriedigender
-und nachhaltiger sind als sinnliche (»_sensual_«) -- oder selbst nur
-für die Sinne erkennbare (»_sensuous_«). Und für die, welche sie
-erfahren haben, ist es ebenso sicher, daß geistliche Genüsse über
-intellektuellen, künstlerischen u. s. w. stehen. Es ist dies eine
-objektive Thatsache, die vollauf von jedem bestätigt wird, der die
-Erfahrung gemacht hat, und sie scheint anzuzeigen, daß die geistliche
-Seite des Menschen das Höchste in ihm, der Kulminationspunkt seines
-Wesens, ist.
-
- * * * * *
-
-Es ist vielleicht wahr, was Renan in seiner nachgelassenen Schrift
-sagt, daß es immer Materialisten und Spiritualisten geben wird,
-insofern man immer wird beobachten können, daß es kein Denken ohne
-Gehirn giebt, während andererseits des Menschen Instinkte immer nach
-einem höheren Glauben streben werden. Aber so muß es ja gerade sein,
-wenn die Religion Wahrheit ist, und wenn wir hier in einer Welt der
-Prüfung leben. Ist es nicht wahrscheinlich, daß der materialistische
-Standpunkt (der selbst von der Philosophie nicht mehr geachtet wird),
-nur einfach aus Gewohnheit und Mangel an Einbildungskraft entspringt?
-Woher käme sonst jener unausrottbare Instinkt?
-
- * * * * *
-
-Es ist viel leichter nicht zu glauben als zu glauben. Für die
-Vernunft liegt dies auf der Hand, aber auch für den Geist ist es so,
-denn nicht zu glauben entspricht dem Einfluß der Umgebung und der
-allgemeinen Gewohnheit der Menschen, während der Glaube eine geistliche
-(_spiritual_) Übung der Einbildungskraft fordert. Aus diesen beiden
-Gründen haben sehr wenig Ungläubige für ihren Unglauben irgend eine
-Entschuldigung, weder eine aus der Vernunft entspringende noch eine
-geistliche.
-
-Der Unglaube stammt gewöhnlich aus Gleichgültigkeit, oft aus Vorurteil,
-und ist niemals etwas, worauf man stolz sein könnte.
-
- * * * * *
-
-»Warum ist es dir so unglaublich, daß Gott die Toten auferwecken
-kann?« Ein reiner Agnostiker kann darauf offenbar keine Antwort geben.
-Aber er wird natürlich sagen: »Die Frage ist vielmehr, warum sollte
-es Euch glaubhaft sein, daß es einen Gott giebt, oder wenn es einen
-giebt, daß er Tote erwecken soll?« Und ich denke, der weise Christ wird
-antworten: »Ich glaube an die Auferstehung der Toten teils aus Gründen
-der Vernunft, teils aus innerer Anschauung (Intuition), doch vor allem
-aus beiden zusammen, mein ganzer Charakter nimmt so zu sagen das ganze
-Lehrsystem an, von dem die Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit
-einen Hauptteil bildet.« Dazu können wir wohl noch hinzufügen, daß die
-christliche Lehre von der Auferstehung unseres Leibes nicht deshalb
-aufgestellt worden ist, um den modernen materialistischen Einwürfen
-gegen die Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit zu begegnen;
-daher ist es auch sicherlich sehr wunderbar, daß diese Lehre zu jener
-Zeit zusammen mit der anderen kaum weniger bezeichnenden Lehre von der
-Nichtigkeit des Körpers aufgestellt worden ist. Warum sagte man nicht,
-daß die Seele allein als ein entkörperter Geist leben bleiben würde?
-Oder wenn die Gestalt als notwendig erachtet wird, um den Menschen von
-Gott zu unterscheiden, -- daß er ein Engel sein würde? Aber, wie dem
-auch sei, die Lehre von der Auferstehung ist dem materialistischen
-Einwurf gegen ein zukünftiges Leben durchaus zuvorgekommen, und hat so
-erst die spätere Frage hervorgerufen, mit welcher dieser Absatz beginnt.
-
-Wir haben in der Einleitung gesehen, daß alle Hauptgrundsätze, selbst
-der wissenschaftlichen Thatsachen, durch Anschauung (Intuition), nicht
-durch den Verstand erkannt werden. Keiner kann dies leugnen. Nun also,
-wenn es einen Gott giebt, so gehört diese Thatsache doch sicherlich
-zu den ersten aller Hauptgrundsätze. Auch dies kann niemand leugnen.
-Niemand kann daher den zwingenden Schluß bestreiten, daß dann Gott,
-wenn es überhaupt einen Gott giebt, erkennbar sein muß und (wenn
-überhaupt erkennbar), durch Anschauung und nicht durch Vernunft. --
-
-Es gehört wirklich nur wenig Nachdenken dazu, um zu zeigen, daß
-die Vernunft ihrer eignen Natur nach unfähig ist über diese Sache
-abzuurteilen, denn es ist ein Vorgang, bei dem man das Unbekannte aus
-dem Bekannten ableitet. --
-
-Es wäre gegen die Vernunft selbst, wollte man voraussetzen, daß Gott,
-gerade wenn er existiert, durch die Vernunft erkannt werden könnte.
-Er muß, wenn er überhaupt erkennbar ist, durch Anschauung erkannt
-werden.[73]
-
- * * * * *
-
-Man beachte, selbst wenn Gott von sich eine objektive Offenbarung
-geben könnte, -- d. h. wie die Christen glauben, daß es geschehen ist,
--- so würde auch dies an sich noch keine Erkenntnis von ihm bringen,
-ausgenommen für diejenigen, welche die Offenbarung eben für echt
-halten; und ich bezweifle die logische Möglichkeit, daß irgend welche
-Form objektiver Offenbarung zu dem Glauben an sie zwingen kann. Nein,
-wenn einer von den Toten auferstände, um dies zu bezeugen, so würde er
-es doch nicht vermögen, und auch Flammenbuchstaben vom Himmel könnten
-es nicht. Aber selbst wenn es logisch möglich wäre, so brauchen wir
-diese abstrakte Möglichkeit gar nicht in Betracht zu ziehen, da wir
-sehen, daß keine solche überzeugende Offenbarung gegeben worden ist.
-Daher ist die einzige berechtigte Stellungnahme der Vernunft der reine
-Agnostizismus. Dies kann niemand leugnen. Aber, wird man sagen, es
-besteht doch ein so großer Unterschied zwischen unserer intuitiven
-Kenntnis aller anderen obersten Grundsätze und der angeblichen
-Kenntnis des allerobersten Grundsatzes, nämlich der, daß der letztere
-eingestandener Maßen nicht allen Menschen bekannt ist. Gewiß, hier
-liegt in der That ein großer Unterschied; aber so muß es auch sein,
-wenn wir uns hier, wie erwähnt, in einem Stande der Prüfung befinden.
-Daß wir uns aber in einem solchen befinden, ist wie gesagt, nicht
-allein eine religiöse Hypothese, sondern auch die allein vernünftige
-Auslegung sowie auch die sittliche Rechtfertigung unseres Daseins als
-vernünftige und sittlich-handelnde Wesen.[74]
-
- * * * * *
-
-Es ist nicht nötig, wie J. S. Mill und alle anderen Agnostiker
-anzunehmen, daß, selbst wenn die innere Anschauung göttlichen Ursprungs
-wäre, die so gegebene Erleuchtung nur für den betreffenden Menschen als
-Beweis von Wert sein könne. Im Gegenteil; sie kann objektiv untersucht,
-wenn auch nicht subjektiv erfahren werden, und sie sollte doch auch
-von einem reinen Agnostiker, der von allen Seiten Erleuchtung ersehnt,
-schon deshalb untersucht werden. Selbst wenn er sie nicht als ein
-Noumenon erkennt, so kann er sie doch als ein Phänomen erforschen. Und
-angenommen, daß sie göttlichen Ursprungs ist, wie es die, welche sie
-erfuhren, glauben, und was zu bezweifeln er kein Recht hat, dann kann
-er noch mehr Beweisgründe dagegen, daß es eine bloß psychologische
-Täuschung sei, aus den übereinstimmenden Berichten aller Jahrhunderte
-erlangen. Wenn z. B. ein großer Teil der Menschheit Lichterscheinungen
-sehen würde, welche etwa von Magneten ausgehen, dann würde kein Zweifel
-an ihrem objektiven Vorhandensein bestehen.
-
- * * * * *
-
-Das Zeugnis des Sokrates von seiner Wahrnehmung einer inneren Stimme,
-welche ganz den Charakter einer Hallucination des Gehörs hat, hat den
-Philosophen Anlaß zu vielen Spekulationen gegeben.
-
-Viele Erklärungen wurden versucht, aber wenn wir uns der kritischen
-Natur des Sokrates erinnern, =der buchstäblichen Natur seiner
-Lehrmethode= und der hohen Bedeutung, welche nach Plato's Meinung
-dieser Sache zukommt, dann scheint die Wahrscheinlichkeit dahin zu
-neigen, daß der »Dämon« in dem eigenen Bewußtsein des Sokrates
-thatsächlich eine Gehörempfindung gewesen ist. Mag das nun sein, wie
-es will, meiner Meinung nach ist es keine Frage, daß wir uns diese
-Ansicht von der Sache wenigstens so weit aneignen dürfen, daß wir
-Sokrates auf gleiche Stufe mit Luther, Pascal u. s. w. stellen können,
-ganz zu schweigen von der ganzen Reihe von israelitischen und anderen
-Propheten, welche übereinstimmend von einer göttlichen Stimme sprechen.
---
-
-Dann aber entsteht die weitere Frage, ob wir alle diese Männer
-jenen Irrsinnigen gleichstellen sollen, bei denen die Phänomene
-der Gehör-Hallucinationen etwas alltägliches sind. Diese Annahme
-entspricht zweifellos dem Wesen unseres Zeitalters, einmal weil sie
-dem Sparsamkeitsgesetz gehorcht, und dann, weil es _a priori_ die
-Möglichkeit einer Offenbarung zurückweist. --
-
-Wenn wir aber diese Sache von dem Standpunkt des reinen Agnostizismus
-betrachten, so sind wir nicht berechtigt, eine solche grobe und schnell
-fertige Deutung zu geben.
-
-Angenommen, daß nicht allein Sokrates und alle großen
-Religions-Reformatoren und Gründer religiöser Systeme vor und nach ihm
-in gleicher Weise von einer Geisteskrankheit befallen gewesen wären,
-sondern daß ähnliche Phänomene auch =bei allen wissenschaftlichen
-Entdeckern=: Galilei, Newton, Darwin &c. vorgekommen wären; --
-angenommen, alle diese Männer hätten erklärt, daß ihre Hauptgedanken
-ihnen durch subjektive Empfindungen gleichsam wie durch eine
-gesprochene Sprache mitgeteilt worden wären, so daß aller Fortschritt
-in dem wissenschaftlichen Denken der Welt dem des religiösen
-Denkens gleich wäre, und daher von den Förderern derselben direkten
-Inspirationen dieser Art zugeschrieben worden wäre; -- alles dies
-angenommen, würde man dann leugnen können, daß das Zeugnis, welches
-derartig zu Gunsten der Thatsache einer subjektiven Offenbarung gegeben
-wäre, ein überwältigendes sei? Oder könnte man dann noch länger daran
-festhalten, daß die Thatsache einer subjektiv mitgeteilten Offenbarung
-nur für den Empfänger selbst Beweiskraft besitzen sollte? Man wird
-hierauf ohne Zweifel antworten: Nein, aber im angenommenen Falle
-entspringt der Beweis nicht nur der Thatsache ihrer subjektiven
-Anschauung, sondern aus der Thatsache ihrer objektiven Beglaubigung
-durch die wissenschaftlichen Resultate. Nun gut! aber dieses ist gerade
-das Zeugnis, an welches die hebräischen Propheten appellieren -- das
-Zeugnis der wahren und falschen Propheten, das in der Erfüllung oder
-Nichterfüllung ihrer Weissagungen besteht und in den Worten ausgedrückt
-ist: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.«. Zu sagen, daß das
-religiöse Bewußtsein der übrigen Menschen für uns kein Beweis _a
-priori_ sein kann, ist ebenso thöricht, als wenn man sagt, daß das
-Zeugnis für das Wunderbare für andere keinen Wert hat. Der reine
-Agnostiker muß immer sorgfältig die Straße aprioristischer Urteile
-vermeiden. Aber andererseits muß er desto eifriger den Charakter
-des Beweises _a posteriori_ aufrichtig nach Umfang und nach Inhalt
-beachten. Der Beweis ist nun in dem gegenwärtigen Fall ein doppelter,
-positiv und negativ. Es wird gut sein, den negativen zuerst zu
-betrachten.
-
-Der negative Beweis wird durch die Natur des Menschen ohne Gott
-geliefert. Der Zustand eines solchen Menschen ist ein durchaus elender,
-wie Pascal es so schön gezeigt hat: den ganzen ersten Teil seiner
-Betrachtungen hat er diesem Gegenstand gewidmet. Ich brauche den Weg
-nicht zu betreten, den er bereits so gut durchforscht hat. --
-
-Einige Menschen sind sich der Ursache dieses Elends nicht bewußt,
-indessen ändert dies nichts an der Thatsache, =daß= sie elend sind.
-Denn meistenteils verheimlichen sie die Thatsache so gut wie möglich
-sich selbst, indem sie sich in Gesellschaft oder im Sport und in
-Nichtigkeiten jeder Art, oder wenn sie intellektuell veranlagt sind,
-mit Wissenschaft, Kunst, Litteratur, Arbeit &c. zerstreuen. Dies
-ist indessen so, als wenn man die Hungernden mit Hülsen sättigen
-wollte. Ich kenne aus Erfahrung die intellektuelle Zerstreuungen der
-wissenschaftlichen Forschung, der philosophischen Spekulation und des
-künstlerischen Genusses, aber ich bin mir auch ebenso des einen bewußt:
-wenn man auch alles zusammen nimmt und alles dem Geschmack in Beziehung
-auf Ansehen, Mittel und gesellschaftliche Stellung möglichst angenehm
-macht u. s. w., -- das alles ist doch nur ein feines Zuckerwerk für
-einen verhungernden Menschen. Er mag sich für kurze Zeit -- besonders
-wenn er ein kräftiger Mensch ist -- selbst mit dem Glauben betrügen,
-daß er sich ernährt, indem er seinen natürlichen Hunger verleugnet;
-bald jedoch erkennt er, daß er für eine ganz andere Nahrung gemacht
-wurde, selbst wenn sie weniger schmackhaft sein sollte.
-
-Einige Menschen erkennen dies niemals klar und deutlich, doch immer
-zeigen sie es den andern deutlich genug. Bedenke z. B. »die größte
-Schwäche edler Seelen«: ich denke, die höchste und am wenigsten
-sinnliche von allen weltlichen Freuden besteht in der wohlverdienten
-Anerkennung der Welt darüber, daß wir aus uns selbst heraus zur hohen
-Vollendung gelangten. Und doch ist es wahr: »Gott hat verordnet, daß
-der Ruhm das höchste Sehnen nicht befriedigen kann.« Ich habe nicht
-wenige von den berühmten Männern unserer Generation kennen gelernt, und
-habe diesen Ausspruch stets als durchaus wahr befunden. Gleich allen
-andern »sittlichen« Befriedigungen wird auch dies bald durch Gewohnheit
-alltäglich, und, sobald =eine= Auszeichnung erlangt ist, sehnt man sich
-nach einer andern. Da giebt es kein Ende, bei dem man rasten könnte,
-während doch Krankheit und Tod stets im Hintergrund lauern. Gewohnheit
-kann den Menschen selbst über sein Elend blind machen; so weit, daß er
-es sich nicht klar macht, was ihm fehlt; aber es fehlt ihm doch immer
-etwas.
-
-Ich halte es also für unwidersprechlich richtig, daß diese ganze
-negative Seite unseres Gegenstandes eine Leere in der Seele des
-Menschen zeigt, welche nur der Glaube an Gott ausfüllen kann.
-
-Nun zur positiven Seite! Man betrachte die Glückseligkeit der Religion
-und besonders der höchsten, nämlich der christlichen Religion.
-Abgesehen davon, daß der Glaube den Menschen außerordentlich kräftig
-beeinflußt, hält er auch am meisten aus, wächst und wird nie durch
-Gewohnheit altbacken. Kurz, er unterscheidet sich, wie auch alle, die
-ihn haben, einstimmig bezeugen, von jedem andern Glück nicht allein
-dem Grade, sondern auch dem Wesen nach. Die ihn besitzen, können es
-gewöhnlich durch das beweisen, was sie ohne ihn waren. Er hat keine
-Beziehung zu einem aus der Vernunft stammenden Zustand. Er ist ein Ding
-für sich und unübertrefflich.
-
-So viel ist er für den Einzelnen. Aber der positive Beweis hört hiermit
-nicht auf. Man betrachte ferner die Wirkungen des christlichen Glaubens
-auf die menschliche Gesellschaft -- durch christliche Persönlichkeiten
-auf die Familie, und durch die christliche Kirche auf die ganze Welt.
-
-Alles dies zeigt uns, daß das Christentum allen höheren menschlichen
-Bedürfnissen angepaßt ist. Alle Menschen müssen diese Bedürfnisse
-mehr oder weniger fühlen, je nach dem Maße, als ihre höhere Natur in
-sittlicher oder geistlicher (_spiritual_) Beziehung entwickelt ist.
-Das Christentum aber ist die einzige Religion, welche im Stande ist,
-diese Bedürfnisse zu befriedigen, und zwar -- nach denen zu urteilen,
-die allein fähig sind, es zu bezeugen, -- im vollsten Maße. Alle diese
-Menschen, aus jeder Sekte, jeder Nation u. s. w., berichten darüber
-übereinstimmend aus ihrer eignen Erfahrung, so daß dieser Punkt über
-allem Zweifel erhaben ist. Die einzige Frage ist nur, ob sie nicht etwa
-alle betrogen sind.
-
- _Peu de chose.
-
- La vie est vaine: La vie est brève:
- Un peu d'amour, Un peu d'espoir,
- Un peu de haine .... Un peu de rêve ....
- Et puis -- bon jour! Et puis -- bon soir!_[75]
-
-Diese Verse enthalten eine kurze und wahre Beurteilung dieses Lebens
-ohne die Hoffnung auf ein zukünftiges. Befriedigt es? -- Doch der
-Christenglaube giebt ein ganz anderes Bild:
-
- _The night has a thousand eyes,
- And the day but one;
- Yet the light of the whole world dies
- With the setting sun.
-
- The mind has a thousand eyes,
- And the heart but one;
- But the light of a whole life dies
- When love is done._[76]
-
-Ja, das ist die Liebe! Wie erhaben ist aber dann das Christentum, die
-Religion der Liebe. Sie läßt die Menschen an den Urquell der höchsten
-Liebe und an die Unendlichkeit von Gottes Liebe zu den Menschen
-glauben.
-
-
- § 5. Der Glaube an das Christentum.
-
-Das Christentum wird in dieser Abhandlung einer ernsten Untersuchung
-unterworfen, weil diese »Prüfung der Religion« [d. h. des Wertes des
-religiösen Bewußtseins] sich mit den Argumenten für den Theismus
-beschäftigt, wie sie der Mensch und nicht die Natur allein, abgesehen
-vom Menschen, liefert. Das Christentum aber ist unfraglich die höchste
-Offenbarung des religiösen Bewußtseins. --
-
-Als ich meine frühere Abhandlung [»die unbefangene Prüfung«]
-schrieb, habe ich die ungeheuere Bedeutung, welche die menschliche
-Natur gegenüber der physikalischen für jede den Theismus betretende
-Untersuchung hat, nicht genügend gewürdigt. Aber seitdem habe ich
-eingehend Anthropologie (sowie Religionswissenschaft), Psychologie
-und Metaphysik studiert und das Ergebnis war, daß ich es =nun=
-klar erkannte, daß der Mensch für die Untersuchung der Theorie des
-Theismus das wichtigste Wesen der ganzen Natur ist. Dies hätte
-ich schon aus Gründen _a priori_ vorher erkennen sollen, und das
-wäre auch ohne Zweifel geschehen, wäre ich nicht zu sehr in rein
-naturwissenschaftliche Untersuchungen vertieft gewesen.
-
-Damals hielt ich es obendrein für erwiesen, daß das Christentum seine
-Rolle ausgespielt hätte, und glaubte überhaupt nicht, daß es irgend
-eine vernunftmäßige Bedeutung für die Frage des Theismus habe. Und
-wenn dies auch ohne Zweifel nicht zu entschädigen war, so glaube
-ich doch auch, daß sich die rationelle Stellung des Christentums
-seitdem wesentlich befestigt hat. Denn damals schien es so, als ob
-das Christentum als rationelles System den doppelten Angriff: von
-außen durch Darwin und von innen durch die Schule der negativen Kritik
--- unterliegen würde. Nicht allein das Buch der organischen Natur,
-sondern auch seine eigenen heiligen Dokumente schienen sich gegen es
-zu erklären. Doch jetzt ist dies alles wesentlich anders geworden. Wir
-haben es erlebt, daß es dem Darwinismus in dieser Hinsicht ebenso wie
-seiner Zeit dem Kopernikanischen Weltsystem u. s. w. ergangen ist,[77]
-und der Ausgang jenes großen Kampfes um den Text[78] ist, wie jeder
-Unparteiische anerkennen muß, ein glänzender Sieg des Christentums.
-
-Ehe es die neue [biblische] Wissenschaft gab, hatten nachdenkende
-Menschen thatsächlich keine vernunftgemäße Grundlage weder für
-das Alter von irgend einer der neutestamentlichen Schriften noch
-infolgedessen für die historische Wahrheit der in denselben erzählten
-Begebenheiten. Evangelien, Apostelgeschichte und Episteln waren
-gleicherweise in diese Ungewißheit gehüllt. Daraus erklärt sich
-die Lebensfähigkeit des Skeptizismus im 18. Jahrhundert. Nun aber
-ist diese ganze Art Skeptizismus veraltet und für immer unmöglich
-gemacht: für eine genügende Zahl von Schriften, die Paulus zu dem
-praktischen Zweck schrieb, den Glauben der Apostel darzulegen, ist die
-Echtheit bestätigt, und mit Sicherheit ist nachgewiesen, daß die drei
-synoptischen Evangelien im ersten Jahrhundert veröffentlicht wurden.
-Daraus ist ein ungeheuerer Vorteil für den objektiven Beweis des
-Christentums erwachsen. Es ist außerordentlich wichtig, daß der kundige
-Forscher exakt sein muß, und daß die Laien, wie in jeder anderen
-Wissenschaft so auch hier, nur =das= auf Autorität hin als glaubwürdig
-annehmen müssen, worauf sich beide Seiten geeinigt haben. Aber wie bei
-jeder anderen Wissenschaft sind die Kundigen in Gefahr, die Wichtigkeit
-der sicheren Hauptergebnisse, über die man sich schon geeinigt hat,
-gegenüber den weniger wichtigen Punkten, über die man noch streitet, zu
-vergessen. Uns genügt es, daß die Episteln an die Römer, Galater und
-Korinther als echt anerkannt worden sind, sowie auch die Synoptiker,
-insofern sie sich auf die Hauptlehren Christi selbst beziehen. --
-
- * * * * *
-
-Man darf die außerordentliche Unbefangenheit der Biographen Christi
-nicht vergessen.[79] Man denke z. B. an Worte wie: »Aber einige
-zweifelten«, und beim Bericht des Pfingstfestes: »sie sind voll süßen
-Weins«.[80] Solche Bemerkungen sind wunderbar naturgetreu, aber nicht
-weniger wunderbar widersprechen sie der »Accretion«-Theorie.[81]
-
-Wenn wir ganz ehrliche reine Agnostiker werden, so verändert sich das
-ganze Bild durch unseren veränderten Standpunkt. Alsdann können wir die
-Aufzeichnungen unparteiisch oder nach ihrem wahren Wert lesen, ohne
-schon von vorneherein die Überzeugung zu haben, daß sie falsch sein
-müssen. Es ist dann nur die eine Frage offen, ob sie historisch wahr
-sind oder nicht.
-
-Objektive Beweise für das Christentum lassen sich so viele anführen,
-daß, wenn die im Mittelpunkt stehenden Lehrsätze von Wundern frei
-bezeugt wären, niemand an ihnen zweifeln würde. Aber wir sind keine
-kompetenten Richter, die _a priori_ über das Wesen einer Offenbarung
-urteilen könnten. Wenn unser Agnostizismus rein ist, so haben wir kein
-Recht, die Sache aus »_prima facie_«-Gründen zu beurteilen.
-
- * * * * *
-
-Einer der wichtigsten Punkte des objektiven Beweises zu Gunsten des
-Christentums wird von den Apologeten nicht genug betont. Ich kann
-mich in der That nicht entsinnen, ihn jemals erwähnt gesehen zu
-haben. Es ist dieser, daß in dem Bericht über das Leben Christi alle
-solchen Lehren fehlen, welche die spätere, wachsende, menschliche
-Erkenntnis -- sei es in der Naturwissenschaft, Ethik oder Politik
-oder sonstwo -- hätte entwerten können. Dieses negative Argument ist
-thatsächlich beinahe ebenso wichtig als das positive aus den Lehren
-Christi entnommene, denn wenn wir bedenken, wie viele Reden von ihm
-aufgezeichnet oder ihm wenigstens zugeschrieben sind, -- so ist es
-doch höchst merkwürdig, daß buchstäblich nicht einzusehen ist, daß
-irgend eines seiner Worte je vergehen sollte. »Es wird heute selbst
-dem Ungläubigen nicht leicht sein«, sagt John Stuart Mill, »eine
-bessere Übertragung der abstrakten Regeln der Tugend ins Praktische
-zu finden, als wenn er sich bestrebt, so zu leben, daß Christus sein
-Leben billigen würde.«[82] Man vergleiche Jesus Christus in dieser
-Beziehung mit anderen Denkern des Altertums: Plato war, obgleich
-der Zeit nach 400 Jahre älter als Christus, diesem in Bezug auf
-philosophisches Denken weit voraus, -- nicht allein, weil damals Athen
-die außerordentliche Erscheinung einer seitdem nicht wieder erreichten
-Blüte zeigte, sondern auch weil er als Nachfolger des Sokrates an sich
-schon der größte Repräsentant menschlicher Vernunft in der Richtung des
-Spiritualismus war, allein selbst Plato ist in jener Hinsicht durchaus
-nicht mit Christus zu vergleichen. Man lese nur die Dialoge, und man
-wird sehen, wie groß der Kontrast derselben mit den Evangelien in
-Bezug auf Irrtümer jeder Art ist -- ja, sie grenzen hinsichtlich ihrer
-Vernunftgemäßheit sogar an Absurdität und enthalten Aussprüche, die das
-sittliche Gefühl beleidigen. Und doch ist dies eingestandenermaßen die
-höchste Höhe menschlicher Vernunft in der Richtung des Spiritualismus,
-soweit sie nicht von göttlicher Offenbarung unterstützt wird.
-
-Zweierlei könnte man erwidern: erstens, daß die Juden (Rabbiner) zu
-Christi Zeit die meisten seiner Sittensprüche schon ausgesprochen
-hätten. Aber, selbst wenn dies wahr wäre, dann sind doch die Worte
-offenbar dem alten Testament entnommen oder von ihm abgeleitet, und
-sind so _ex hypothesi_ ursprünglich einer Offenbarung zuzuschreiben.
-Andererseits ist diese Behauptung doch auch wohl nicht ganz richtig,
-weil Christus seine Sittensprüche, wie »_Ecce Homo_« sagt, auch
-wenn sie von den Rabbinern und von dem alten Testament schon vorher
-ausgesprochen waren, doch selbst ausgewählt hat. --
-
- * * * * *
-
-Es ist allgemeine, vielleicht sogar ausnahmslose Regel, daß sich
-die Verächter des Christentums überhaupt aus keiner Religion etwas
-machen. »Drei Schritt vom Leib.« Das war stets der Gedanke solcher
-Leute; während andererseits die Menschen, deren religiöses Gefühl
-unversehrt geblieben ist, die aber das Christentum aus intellektuellen
-Gründen verworfen haben, Christus doch noch fast vergöttern. Dies sind
-bemerkenswerte Thatsachen.
-
-Wenn wir die Größe eines Mannes nach dem Einfluß beurteilen, welchen
-er auf die Menschheit ausgeübt hat, so kann es selbst vom weltlichen
-Standpunkt aus keine Frage sein, daß Christus der bei weitem größte
-Mann ist, der jemals gelebt hat.
-
-Aus allen Seiten, nur nicht von thörichter Unwissenheit und
-niedriger Gemeinheit, wird es anerkannt, daß die von dem Christentum
-im Menschenleben hervorgerufene Umwälzung mit keiner anderen
-historischen Bewegung zu messen und zu vergleichen ist, oder daß
-sie von irgend einer anderen erreicht wird. Am nächsten steht ihr
-die durch die jüdische Religion hervorgerufene, aber jene ist nur
-eine Weiterentwicklung von dieser, so daß man beide als aus einem
-Stück betrachten kann. So angesehen, ist dieses ganze Religionssystem
-so unermeßlich hoch über allen anderen erhaben, daß zugestanden
-werden muß: wenn die Juden nicht gewesen wären, so würde das
-Menschengeschlecht keine unserer ernsten Aufmerksamkeit würdige
-Religion gehabt haben. Diese ganze Seite der menschlichen Natur
-würde sich niemals in dem zivilisierten Leben entfaltet haben. Und
-obgleich es zahllose Menschen giebt, die sich ihrer eignen Entwicklung
-in dieser Hinsicht nicht bewußt sind, so sind doch selbst diese
-in außerordentlichem Maße von der auch sie umgebenden religiösen
-Atmosphäre beeinflußt.
-
-Aber das Christentum ist nicht allein allen anderen =Religionen=
-unermeßlich weit überlegen, sondern auch allen anderen
-=Gedankensystemen=, die je in Bezug auf Alles, was sittlich und
-geistlich (_spiritual_) ist, aufgestellt worden sind. Mag das
-Christentum wahr sein oder nicht, sicher ist, daß weder die Philosophie
-noch die Naturwissenschaft, noch die Poesie je etwas gezeitigt haben,
-was an Gedankentiefe, Reinheit des Lebens oder Schönheit irgendwie mit
-der Lehre des Christentums zu vergleichen wäre. Dies wird, denke ich,
-in Bezug auf Reinheit des Lebens von allen Seiten anerkannt werden. In
-Bezug auf Gedankentiefe und Schönheit kann es vielleicht bestritten
-werden. Aber man bedenke -- was hat die ganze Naturwissenschaft oder
-die ganze Philosophie für das Denken der Menschheit gethan, verglichen
-mit dem einen Satz: »Gott ist die Liebe?« Ob wahr oder nicht, man denke
-nur einmal aus, was der Glaube an dieses Wort Tausenden von Millionen
-unsres Geschlechts gewesen ist. Da aber liegt sein Einfluß auf das
-Denken des Menschen und dann weiter auf den Lebenswandel. Wenn man
-diesen unvergleichlichen Einfluß auf das =Leben= zugiebt, so heißt das
-indirekt auch den Einfluß auf das =Denken= zu geben. Was andererseits
-die Schönheit anbelangt, so zeigt der Mensch, der nicht erkennt, wie
-unvergleichlich erhaben jene Lehre in dieser Hinsicht ist, damit seine
-eigene Unfähigkeit, das zu würdigen, was das das Edelste am Menschen
-ist. Mag die ganze Geschichte vom Kreuz wahr sein oder nicht, sie ist
-von ihrem Anfang im Sehnen der Propheten bis zu ihrem Höhepunkt im
-Evangelium das Herrlichste, was uns in der Litteratur je dargeboten
-wurde. Und sicherlich nimmt ihm der Umstand, daß alles in ihr durchlebt
-worden ist, nichts von ihrem poetischen Wert. Auch verliert sie an
-ihrer Erhabenheit dadurch nichts, daß jeder einzelne Christ unserer
-Zeit sie sich noch als eine lebenskräftige Religion aneignen kann. Nur
-einem Menschen, der jeder geistigen Empfindung gänzlich bar ist, kann
-das Christentum nicht als die großartigste, je auf unserer Erde erfaßte
-Darstellung des Schönen, des Erhabenen und alles dessen erscheinen, was
-sich an unsere geistliche Natur wendet.
-
-Doch diese Seite seiner Anpassungsfähigkeit bezieht sich nur auf
-Menschen von höchster Bildung. Das bewunderungswürdigste am Christentum
-ist, daß es sich Menschen von jeder Art und Lebensstellung anpaßt. Bist
-du geistig hoch begabt? In seinen historischen und philosophischen
-Problemen findest Du eine Welt von Stoff, dem Du Dich Dein ganzes Leben
-lang mit demselben Interesse widmen kannst, wie es den Naturforschern
-in ihrem Gebiet geschenkt ist. Oder bist Du nur ein Landmann in Deiner
-Dorfkirche und kennst nur wenig außer der Bibel? Dennoch bist Du
-......[83]
-
-
- Wiedergeburt.
-
-Wie bemerkenswert ist die Lehre von der Wiedergeburt, wie sie im neuen
-Testament[84] dargestellt ist, schon an und für sich, und wie schön
-paßt sie zu dem nicht zu demonstrierenden Charakter einer sich nur an
-die Vernunft wendenden Offenbarung, zu der Hypothese einer sittlichen
-Prüfung u. s. w. Nun ist diese Lehre eine der charakteristischesten
-Merkmale des Christentums. Sie bedeutet, wie Christus wiederholt und
-bestimmt sagte und wie seine Apostel nach ihm ausführten, folgendes:
-während diejenigen, die den heiligen Geist empfiengen, -- die durch
-den Glauben an den Sohn zum Vater kamen, die vom heiligen Geist
-wiedergeboren wurden (und viele andere gleichbedeutende Ausdrücke)
--- der christlichen Wahrheit so zu sagen durch direktes Schauen oder
-durch Eingebung durchaus gewiß werden, werden die fleischlich Gesinnten
-andererseits durch keinen noch so starken direkten Beweis beeinflußt,
-selbst wenn einer von den Toten auferweckt würde, wie es Christus
-kurz darauf wirklich zur Erfüllung dieser Vorhersagung that. So kann
-der Skeptizismus von den Christen geradezu als eine Bestätigung des
-Christentums betrachtet werden.
-
-Jedenfalls wollen wir uns unser unabhängiges Urteil bewahren; die
-vorliegende Frage gehört aber ganz besonders zu denen, bei welchen
-reine Agnostiker sich der Anmaßung enthalten und die Thatsache
-unparteiisch als unfragliche Erscheinung der Erfahrung betrachten
-müssen.
-
-Kurz nach Christi Tod trat diese Erscheinung, die er voraus gesagt
-hatte, ein, und zwar, wie es scheint, zum ersten Mal. Sie ist seitdem
-sicherlich auch weiterhin eingetreten, und sie ist von den Historikern
-jenem besonderen »Pfingsten« genannten Zeitpunkt zugeschrieben worden,
-wobei eine gewaltige Aufregung des Volks entstand, und eine große Zahl
-von Menschen zum Glauben an Christum gelangten. --
-
-Nehmen =wir= diese Erzählung nun auch an oder nicht, so ist es doch
-ganz fraglos, daß die Apostel mit Glauben an die Person und das Amt
-ihres Meisters erfüllt wurden, und das genügt, um seine Lehre von der
-Wiedergeburt zu rechtfertigen. --
-
-
- Bekehrungen.
-
-Augustinus bezeugt, -- und andere Kirchenväter thun ähnliches, --
-daß mit ihm nach seinem 30. Lebensjahre eine plötzliche, andauernde
-und außerordentliche Wandlung vorgegangen sei, die man Bekehrung[85]
-nennt. --
-
-Diese Erfahrung hat sich wiederholt und ist durch zahllose Millionen
-zivilisierter Männer und Frauen aus allen Nationen und auf allen
-Stufen der Bildung bestätigt worden. Es kommt nicht darauf an, ob
-diese Bekehrung plötzlich oder allmählich geschieht, obgleich sie als
-psychologische Erscheinung bemerkenswerter ist, wenn sie plötzlich und
-ohne Symptome geistiger Störung eintritt. Doch selbst bei allmählichem
-Wachstum in reiferem Alter ist ihre Beweiskraft nicht geringer (cf.
-Bunyan u. s. w.).
-
-In allen Fällen ist es aber durchaus keine bloße Änderung des Glaubens
-oder der Meinung; der springende Punkt ist dabei vielmehr eine mehr
-oder weniger tiefe Wandlung des Charakters.
-
-Bedenkt man die verwickelte Natur des Charakters, so erkennt man, daß
-diese Umwandlung keine so einfache sein kann. Wenn sie auch sogenannten
-natürlichen Ursachen zugeschrieben werden mag, so ist dies doch kein
-Beweis gegen ihren sogenannten übernatürlichen Ursprung, wenn wir
-nicht die ganze Frage nach dem Göttlichen in der Natur von vornherein
-bejahen. Für reine Agnostiker liegt der Beweis für die Realität der
-Wiedergeburt und der Bekehrung in der Menge dieser psychologischen
-Erscheinungen, die kurz nach Christi Tod eintraten, ferner darin, daß
-sie sich seitdem wiederholten und darin, daß sie überall in der Welt in
-derselben Weise auftreten u. s. w.
-
-
- Christentum und Leiden.
-
-Das Christentum ist von seinem Ursprung im Judentum her ganz und gar
-eine Religion der Aufopferung und der Trübsal. Es ist eine Religion
-des Blutes und der Thränen und dennoch der tiefsten Glückseligkeit
-für seine Anhänger gewesen. Dieser scheinbare Gegensatz entspringt
-aus der Tiefe des Christentums und aus der Vereinigung dieser
-scheinbar entgegengesetzten Wurzeln in der Liebe. Mit diesen scheinbar
-entgegengesetzten Eigenschaften ist es ganz und gar und je länger
-je mehr eine Religion -- oder besser =die= Religion -- der Liebe
-gewesen. Wahrscheinlich können nur diejenigen, deren Charakter durch
-die in dieser Religion gewonnene Erfahrung vertieft worden ist, diesen
-Widerspruch geistig lösen. --
-
-Fakirs hängen sich auf, Heiden zerschneiden sich selbst und sogar ihre
-Kinder, opfern Gefangene u. s. w., um teuflische Götter zu versöhnen.
-Die jüdische und christliche Auffassung des Opfers ist ohne Zweifel
-ein Überbleibsel dieser Auffassung der Gottheit, was durch natürliche
-Kausalität bewirkt ist. Doch ist dies kein Beweis dagegen, daß die
-höhere Auffassung der Gottheit die ist, [wie sie der christliche Glaube
-darstellt,] denn angenommen, daß die höhere Auffassung die wahre ist,
-dann würden die früheren Ideale den früheren niedrigeren Offenbarungen
-entsprungen sein, und das würde mit der entwicklungsgeschichtlichen
-Methode der Offenbarung, welche wir unten erörtern werden,[86]
-übereinstimmen.
-
-Aber das Christentum ist, wie gesagt, mit seinen Wurzeln im Judentum,
-die Religion der Trübsal _par excellence_, weil es zu den wahrsten und
-tiefsten Gründen unsrer geistlichen Natur hinabreicht und daher sowohl
-für jene Trübsal wie für jene Freude Verständnis hat, welche sicherlich
-nur im zivilisierten Menschen vorhanden ist. Ich meine die Trübsale
-und Freuden eines vollentwickelten geistlichen Lebens -- so wie sie
-sich bei den Juden wunderbar früh entwickelt haben und wie sie im
-allgemeinen in der ganzen Christenheit verbreitet sind. Kurz, es sind
-jene Trübsale und Freuden, die aus dem voll entwickelten Bewußtsein der
-Sünde gegen einen Gott der Liebe entstehen, zum Unterschied von dem
-Gedanken einer notwendigen Aussöhnung mit bösen Geistern. Diese Freuden
-und Trübsale sind rein geistlich, nicht nur physisch, und sie gipfeln
-in dem Ausruf: »Du hast nicht Lust zum Opfer ...... Die Opfer, die Gott
-gefallen, sind ein geängsteter Geist.«[87]
-
- * * * * *
-
-Ich stimme mit Pascal[88] darin überein, daß man thatsächlich nichts
-gewinnt, wenn man nur ein Theist und noch kein Christ ist. Unitarismus
-ist nur die Sache des Verstandes -- eine bloße abstrakte Theorie des
-Geistes und hat nichts mit dem Herzen oder den wirklichen Bedürfnissen
-der Menschheit zu thun. Nur wenn man das neue Testament nimmt, einige
-Blätter, welche von der Gottheit Christi handeln, herausreißt,
-und allem andern beistimmt, so kann ein darauf aufgebautes System
-möglicherweise die Basis einer persönlichen Religion werden.
-
-Wenn es einen Gott giebt, dann scheint es wahrscheinlicher zu sein, daß
-er sich offenbart, als daß er dies nicht thun sollte.
-
- * * * * *
-
-Die Frauen sind in allen Ländern dem Christentum viel mehr zugethan
-als die Männer. Ich denke, die wissenschaftliche Erklärung dafür
-findet sich in den Gründen, welche ich in meiner Abhandlung »Die
-geistigen Unterschiede zwischen Mann und Weib« angegeben habe. Aber
-wenn man das Christentum für wahr hält, dann giebt es natürlich
-eine tiefer eindringende Erklärung religiöser Art -- wie in allen
-Fällen, wo es sich um Ursächlichkeit handelt. In diesem Falle
-zweifle ich nicht, daß die wichtigste Erklärung darin liegen möchte,
-daß die Leidenschaftlichkeit der Frauen weniger heftig ist als
-die der Männer und daß sie durch die sozialen Lebensbedingungen
-auch mehr zurückgehalten wird. Das bezieht sich nicht allein
-auf Sittenreinheit, sondern ebenso sehr auf die meisten anderen
-psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie Ehrgeiz,
-Selbstsucht, Verlangen nach Macht u. s. w. Kurz, das ganze Ideal
-christlicher Ethik entspricht mehr dem weiblichen als dem männlichen
-Charakter.[89] Nun widerspricht nichts dem christlichen Glauben so
-sehr wie ein unchristlicher Lebenswandel. Das ist besonders bezüglich
-der Unkeuschheit der Fall; mag man dies nun aus religiösen oder
-nichtreligiösen Gründen erklären, jedenfalls ist es doch mehr auf den
-Unglauben als auf die spekulative Vernunft zurückzuführen. Das Weib ist
-folglich aus allen diesen Gründen geeigneter, den christlichen Glauben
-aufzunehmen und sich zu erhalten.
-
- * * * * *
-
-Der moderne Agnostizismus erweist dem christlichen Glauben diesen
-großen Dienst: er bringt allen vernunftmäßigen Skeptizismus
-aprioristischer Art zum Schweigen, und das um so mehr, je reiner
-er ist. Jeder folgenden Generation muß es daher in Zukunft durch
-logisches Denken immer klarer werden, daß alle aprioristischen Einwürfe
-gegen das Christentum, die sich auf die Vernunft allein gründen, _ipso
-facto_ nichtig sind. Die stärksten Einwürfe gegen das Christentum
-sind nun aber von jeher aprioristische gewesen. Daher ist der Einfluß
-des modernen Denkens derart, daß er mehr und mehr rein spekulative
-Schwierigkeiten, wie z. B. die Menschwerdung u. s. w. verringert. Die
-Richtigkeit des Butlerschen Ausspruchs,[90] daß wir keine kompetenten
-Richter sind, stellt sich also mehr und mehr heraus.
-
-Die logische Entwicklung hierfür liegt in der schon angeführten
-Anschauung über die natürliche Kausalität. Denn ebenso wie der reine
-Agnostizismus zugeben muß, daß die Vernunft inkompetent ist, um _a
-priori_ für oder wider die christlichen Wunder, die Menschwerdung
-mit inbegriffen, abzuurteilen; so muß er auch weiterhin zugeben, daß
-die Vernunft, wenn die Wunder jemals stattfanden, nichts dagegen
-sagen kann, daß sie mit der allgemeinen Kausalität im Zusammenhang
-stehen. Soweit daher die Vernunft dabei beteiligt ist, muß der
-reine Agnostizismus zugeben, daß hier nur der endgültige Ausgang
-beweisen kann, ob das Christentum wahr ist oder nicht. »Ist es von
-Gott, so können wir es nicht ausrotten, auf daß wir nicht erfunden
-werden, als die wider Gott kämpfen.« Aber der Einzelne kann nicht
-auf diese empirische Entscheidung warten, was soll er also thun?
-Die unbeeinflußte und unbefangene Antwort des reinen Agnostizismus
-sollte vernünftigermaßen in dem Wort von John Hunter liegen: »Denke
-nicht, sondern versuche es!« d. h. in unserem Fall, versuche das
-einzige Experiment, das hier helfen kann: das Experiment des Glaubens.
-Folge der Lehre und wenn das Christentum wahr ist, so wird der
-Wahrheitsbeweis nicht ausbleiben; freilich nicht mittelbar durch irgend
-eine Anwendung der spekulativen Vernunft, sondern unmittelbar durch
-geistliche Anschauung. Nur wenn ein Mensch Glauben genug hat, um diesen
-Versuch ehrlich zu machen, wird er auch in der rechten Verfassung sein,
-um über den Erfolg zu entscheiden. So betrachtet würde das Experiment
-des Glaubens nicht als ein Narrenexperiment erscheinen, sondern
-im Gegenteil, da genug _prima facie_ Gründe vorliegen, um ernste
-Aufmerksamkeit zu erregen, so würde solch ein Experiment eine von der
-Vernunft geforderte Pflicht jedes reinen Agnostikers sein.
-
-Es ist eine Thatsache, daß der christliche Glaube viel mehr aus
-einem Handeln als einem Denken entspringt, wie das Neue Testament es
-vorhersagt: Joh. 7, 17: »So jemand will des Willen thun, der wird inne
-werden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede.«
-Und wahrlich, selbst aus Gründen der Vernunft sollte zugegeben werden,
-daß das Christentum, wenn es von Gott ist, sich mehr an die geistliche
-als an die vernunftmäßige Seite unserer Natur wenden muß.
-
-Selbst innerhalb des Gebiets der reinen Vernunft (oder des _prima
-facie_-Falls) hat die moderne Wissenschaft in der Kritik des Neuen
-Testaments sicherlich mehr für als gegen das Christentum gearbeitet.
-Denn nachdem sich die bedeutensten Gelehrten ein halbes Jahrhundert um
-die Texte gestritten haben, ist die Zeit der Abfassung der Evangelien
-als innerhalb des ersten Jahrhunderts liegend und für wenigstens 4
-Paulinische Briefe die Echtheit über alle Zweifel festgestellt worden.
-Das genügt, um die ganze Kritik des 18. Jahrhunderts zu vernichten,
-welche die geschichtliche Existenz Christi und seiner Apostel »als
-Erfindungen der Priester« u. s. w. bezweifelte. Das war die schlimmste
-Kritik, die je geübt wurde. Die historischen Thatsachen können nicht
-länger bezweifelt werden, ausgenommen die Wunder; die letzteren aber
-werden von der negativen Kritik aus lediglich aprioristischen Gründen
-ausgeschieden. Dieser nun noch verbleibende -- und _ex hypothesi_
-notwendige Zweifel -- hat eine von der anderen ganz verschiedene
-Bedeutung.
-
-Um den Glauben der Zeitgenossen Christi zu zeigen, genügt es
-andererseits, daß die Echtheit der Paulinischen Episteln nachgewiesen
-ist.
-
-Dies sind Thatsachen von höchster Wichtigkeit. Die Kritik des Alten
-Testaments ist bis jetzt noch zu unreif, um von uns beachtet zu werden.
-
-
- Der Plan in der Offenbarung.
-
-Die Ansichten, welche ich über diesen Gegenstand als junger Mann hegte,
-[nämlich die landläufigen, orthodoxen Ansichten] habe ich angesichts
-der Entwicklungstheorie verlassen, d. h. der Theorie der natürlichen
-Kausalität, welche eine glaubwürdige, naturwissenschaftliche Erklärung
-[auch auf dem Gebiet der religiösen Erscheinungen des Judaismus] oder,
-was dasselbe ist, bis zu einem gewissen Punkt eine Erklärung in den
-Grenzen bestimmbarer Ursachen, lieferte, jener Punkt kann indessen in
-diesem besonderen Falle nicht einmal innerhalb ziemlich weiter Grenzen
-bestimmt werden, so daß die Geschichte Israels immer etwas Mysteriöses
-behalten wird und zwar viel mehr als irgend eine andere Geschichte.
-
-Erst 25 Jahre später erkannte ich deutlich die letzten Konsequenzen
-meiner jetzigen Ansichten über die natürliche Kausalität. Sie zeigen,
-daß es jedenfalls für einen Theisten (d. h. für jeden, der die Theorie
-des Theismus aus unabhängigen Gründen angenommen hat) hinsichtlich
-des überzeugenden Wertes des göttlichen Offenbarungsglaubens, wie er
-im Alten und Neuen Testament zum Ausdruck kommt, nicht viel ausmacht,
-ob man zugiebt, daß das Ganze einer sogenannten natürlichen Ursache
-entsprungen ist. Ich sage »nicht viel«, denn daß es doch immerhin
-etwas ausmachen muß, leugne ich nicht. Nehmen wir einen ganz analogen
-Fall: man sagt oft, daß die Theorie der Entwicklung aus natürlichen
-Ursachen keinen logischen Unterschied bezüglich des Nachweises eines
-Planes oder einer Zwecksetzung, wie sie sich in der organischen Natur
-offenbaren, ausmacht, -- da es nur eine Frage des _modus operandi_ sei,
-ob alle Teile der organischen Maschinerie plötzlich oder nach und nach
-erschaffen seien; der Nachweis einer Zwecksetzung bliebe doch bestehen.
-Nun habe ich aber anderwärts[91] gezeigt, daß dies falsch ist. Es mag
-zwar für jemanden, der schon Theist ist, nicht viel ausmachen, denn
-für ihn ist es bloß eine Frage des _modus_; aber für den Nachweis des
-Theismus überhaupt macht es sicherlich viel aus.
-
-So ist es auch bei der Darlegung eines Planes, wenn durch ihn der
-Nachweis einer Offenbarung geliefert werden soll. Wenn man bis heute
-keine Offenbarung behauptet hätte, und wenn Christus jetzt plötzlich
-zum ersten Mal in aller der Macht und Herrlichkeit erscheinen würde,
-welche die Christen von seiner Wiederkunft erwarten, so würde
-der Nachweis seiner Offenbarung ein überzeugender sein. Für die
-Beweisführung würde also eine plötzliche Offenbarung viel überzeugender
-sein, als eine sich allmählich entwickelnde. Aber sie würde gänzlich
-ohne alle Analogie innerhalb der Kausalität in der Natur[92] sein.
-Überdies könnte selbst eine allmähliche Offenbarung unter Umständen
-einen überzeugenden Wert haben; -- so wenn z. B. Prophezeiungen von
-historischen Ereignissen, von wissenschaftlichen Entdeckungen u. s. w.
-so deutlich gemacht würden, daß sie nicht mißzuverstehen sind. Aber wie
-schon gezeigt, eine überzeugende Offenbarung ist nicht gegeben worden,
-und sie mag auch wohl aus triftigen Gründen unterblieben sein. Wenn es
-nun aber solche Gründe giebt (z. B. unser Prüfungsstand hienieden),
-so können wir leicht einsehen, daß die allmähliche Entfaltung eines
-Offenbarungsplans von dem frühesten Aufdämmern der Weltgeschichte bis
-zum Ende der Welt (»ich rede töricht«) bei weitem einer plötzlichen
-Kundgebung vorzuziehen ist, die spät genug in der Weltgeschichte
-eingetreten wäre, um für alle kommenden Zeiten historisch beglaubigt zu
-sein, denn:
-
-1) die allmähliche Entwicklung stimmt mit Gottes übrigen Werken überein.
-
-2) Sie läßt Gott in keiner Zeit der Weltgeschichte unbezeugt.
-
-3) Sie giebt zu allen Zeiten hinreichend Spielraum zu anhaltender
-Forschung -- d. h. sie giebt einen moralischen Prüfstein und nicht bloß
-einen aus intellektuellen Gründen stammenden Beweis für irgend ein (_ex
-hypothesi_) unantastbar beglaubigtes, historisches Ereignis.
-
-Die Zeichen, die für einen Plan in der Offenbarung sprechen, sind
-in der That beachtenswert genug, um die Aufmerksamkeit ernstlich zu
-fesseln.
-
-Wenn die Offenbarung eine allmähliche und fortschreitende gewesen ist,
-so folgt daraus, daß sie das nicht allein in historischer, sondern
-auch gleicher Weise in intellektueller, moralischer und geistlicher
-Beziehung gewesen ist. Denn nur auf diese Weise konnte sie stets den
-fortschreitenden Lebensbedingungen der Menschheit angepaßt sein. Diese
-Betrachtung zerstört alle die zahlreichen Einwände gegen die Heilige
-Schrift in Bezug auf die Absonderlichkeit oder Unmoral ihrer Berichte
-oder Gebote; es sei denn erweisbar, daß die durch die Kritik notwendig
-gemachten Abänderungen, welche die Berichte oder die Gebote mit dem
-modernen Fortschritt in Harmonie bringen, den Anforderungen der Welt zu
-der in Frage stehenden Zeit ebenso gut angepaßt gewesen sein würden,
-wie die uns wirklich vorliegenden Berichte oder Gebote.
-
- * * * * *
-
-Wenn wir das Christentum als wahr anerkennen, so ist es sicher, daß die
-von ihm überlieferte Offenbarung schon wenigstens seit dem Aufdämmern
-der historischen Zeit vorher bestimmt worden ist; denn die objektiven
-Beweise für das Christentum als Offenbarung haben in jenem Aufdämmern
-ihren Ursprung. Und diese objektiven Beweise sind durchaus [ein
-Zeugnis für] einen Plan, bei dem man das Ziel von Anfang an erkennen
-kann. Und gerade die Art und Weise, wie dieser Plan selbst offenbart
-wird (angenommen, daß es ein Plan ist) liefert beachtenswerte Beweise
-von Zwecksetzung. Diese Art und Weise besteht, frei herausgesagt, in
-Wundern, Prophetie und in dem Einfluß der Lehre auf die Menschheit.
-Kein Mensch kann irgend eine bessere Methode erdenken, durch welche
-den nachfolgenden Zeiten ein Beweis der Wahrheit geliefert würde
-und zwar eine Methode, die mit sittlicher und religiöser Erziehung
-verbunden ist. Die Thatsache allein, daß sie mit der Profan-Geschichte
-so eng verwachsen ist, macht die christliche Religion zu einer
-ganz einzigartigen Erscheinung: die Welt ist während dieses ganzen
-historischen Zeitraums gewissermaßen die Leinwand gewesen, auf welche
-die göttliche Offenbarung gemalt worden ist -- und zwar so allmählich,
-daß dieser Prozeß Tausende von Jahren vor sich gehen mußte, bis es
-möglich wurde, seinen Inhalt zu erkennen.
-
-
- Christliche Dogmen.
-
-Mag Christus selbst göttlicher Natur gewesen sein oder nicht, das
-würde in Bezug auf die Frage, ob das Christentum als die höchste Stufe
-der religiösen Entwicklung anzusehen ist vom rein weltlichen [oder
-naturwissenschaftlichen] Gesichtspunkt aus, nicht viel ausmachen.
-Vom religiösen Standpunkt aus oder wenn es sich um das Verhältnis
-Gottes zum Menschen handelt, würde es aber natürlich eine viel größere
-Schwierigkeit bedingen, dieselbe gehört dann ja aber demselben
-Gedankengang an wie die Schwierigkeiten aller anderen vorhergehenden
-Epochen der Entwicklung. So scheint der Übergang von dem nichtamtlichen
-zu dem sittlichen Zustand vom weltlichen oder naturwissenschaftlichen
-Standpunkt aus, so weit wir es beurteilen können, eine Folge
-von mechanischen Ursachen in der natürlichen Zuchtwahl oder von
-etwas ähnlichem zu sein. Aber gerade wie bei dem Übergang von dem
-nichtgeistlichen zu dem geistlichen Zustand u. s. w., möchte dieser
-Übergang im letzten Grund dem göttlichen Willen zuzuschreiben sein,
-und so =muß= es ja gerade nach der Theorie des Theismus gewesen sein.
-Es ist daher also vom weltlichen oder wissenschaftlichen Standpunkt
-aus gleichgültig, ob Christus göttlicher Natur war oder nicht; denn
-jedenfalls war ja die Bewegung, die er hervorrief, die nächste oder die
-in Erscheinung getretene Ursache der beobachteten Resultate.
-
-So läuft also selbst die Frage nach der Gottheit Christi schließlich
-auf die wichtigste von allen Fragen hinaus -- nämlich auf die: ist die
-mechanische Kausalität »die äußere und sichtbare Form einer inneren und
-geistlichen Gnade« oder nicht? Ist sie phänomenal oder ontologisch, ist
-sie die letzte Ursache oder selbst abgeleitet?
-
-Ähnlich ist es in Bezug auf die Erlösung. Mag nun Christus wirklich
-göttlicher Natur gewesen sein oder nicht -- insoweit der Glaube
-an seine Göttlichkeit eine notwendige Ursache der moralischen
-und religiösen Entwicklung, die sein Leben auf Erden hervorrief,
-gewesen ist, hat dieser Glaube sein Volk von seinen Sünden befreit,
-d. h. natürlich, er hat es von seinem eigenen Gefühl der Sünde
-als einem auf ihm lastenden Fluch erlöst. Ob er auch irgend eine
-entsprechende Veränderung von objektivem Charakter auf ontologischem
-Gebiet hervorgebracht hat oder nicht, das hängt wieder von der eben
-aufgeworfenen wichtigsten von allen Fragen ab.
-
-
- Das Vernunftgemäße in den Lehren von der Menschwerdung
- und der Dreieinigkeit.
-
-Reine Agnostiker und solche, die in dem Christentum nach Gott suchen,
-sollten sich mit der metaphysischen Theologie nicht befassen. Sie ist
-ein Gebiet der Forschung, welches _ex hypothesi_ transcendental ist,
-und das erst von solchen getrieben werden sollte, die das Christentum
-bereits angenommen haben. Die Lehren von der Menschwerdung und von
-der Dreieinigkeit schienen mir in den Tagen meines Agnostizismus die
-absurdesten von allen zu sein. Aber als reiner Agnostiker sehe ich
-jetzt in ihnen durchaus keine vernunftwidrige Schwierigkeit. Was die
-Dreieinigkeit betrifft, so hängt die Mehrzahl der Personen notwendig
-mit der nahe verwandten Lehre von der Menschwerdung zusammen. Es liegt
-daher in beiden Lehren nur =eine= Schwierigkeit; denn da bei der Lehre
-von der Menschwerdung eine Zweizahl von Personen vorausgesetzt wird,
-so liegt für den reinen Agnostiker in der Lehre von der Mehrzahl der
-Personen keine neue Schwierigkeit. Zu einer gewissen Zeit erschien es
-mir unmöglich, daß irgend eine Behauptung, wenn man sie wörtlich so
-verstände, absurder sein könnte als die [Lehre von der Menschwerdung].
-Nun erkenne ich, daß mein damaliger Standpunkt durchaus unverständig
-war und daß er allein aus der Blindheit der Vernunft selbst
-hervorgegangen war, die ihrerseits wieder aus der Gewohnheit [rein]
-naturwissenschaftlichen Denkens entsprang. »Aber sie widerspricht doch
-dem gesunden Menschenverstand!« Ganz gewiß, ohne Zweifel; aber das muß
-sie auch, wenn sie wahr sein soll. Gesunder Menschenverstand ist nichts
-anderes als ein [grobes] Verzeichnis alltäglicher Erfahrung; aber die
-Menschwerdung kann doch auf alle Fälle, wenn sie stattfand, was für
-ein Bewandtnis es mit ihr auch gehabt haben mag, kein gewöhnliches
-Ereignis gewesen sein. »Aber es thut Gott Abbruch, Mensch zu werden!«
-Woher weißt Du das? Überdies war Christus kein gewöhnlicher Mensch;
-dies beweist sowohl die negative Kritik als auch der historische
-Erfolg seines Lebens, und wenn wir zur Beweisführung den christlichen
-Standpunkt anerkennen, so ist das ganze Wesen der Menschheit in ihm
-zusammengefaßt. Endlich giebt es noch Erwägungen indirekter Art,
-welche eine Menschwerdung _a priori_ wahrscheinlich machen.[93]
-Aus aprioristischen Gründen =muß= es Mysterien geben, welche für
-die Vernunft unfaßbar sind, wie z. B. das Wesen Gottes u. s. w.,
-vorausgesetzt, daß überhaupt eine Offenbarung stattfand. Daher ist
-der Umstand, daß man im Christentum an solche Mysterien glaubt, kein
-stichhaltiger Einwand gegen das Christentum. Warum soll man aber
-andererseits _a priori_ über die Lehre von der Dreieinigkeit stolpern,
-zumal der Mensch ja selbst ein dreieiniges Wesen ist, mit Körper,
-Geist (d. h. Vernunft) und Seele (d. h. moralischen, ästhetischen und
-religiösen Fähigkeiten). Die zweifellose Vereinigung dieser nicht
-weniger zweifellos verschiedenen Seiten im Wesen des Menschen wird uns
-unmittelbar als eine Thatsache der Erfahrung bekannt, aber sie ist für
-irgend einen logischen Prozeß oder für irgend einen Vernunftschluß
-ebenso unverständlich wie das Dogma von der Dreieinigkeit Gottes.
-
-
- Adam, der Sündenfall und der Ursprung der Sünde.
-
-Diese christlichen Dogmen werden ohne Zweifel durch den
-naturwissenschaftlichen Nachweis einer Entwicklung hart getroffen,
-(aber es sind auch die einzigen Dogmen, von denen man das sagen kann)
-und da sie die logische Grundlage des ganzen Systems bilden, so scheint
-auf den ersten Blick der Nachweis ihrer Nichtigkeit notwendigerweise
-den Untergang des ganzen auf ihnen errichteten Baues nach sich zu
-ziehen. Aber es ist doch die Frage, ob sie für einen reinen Agnostiker
-überhaupt als nichtig erwiesen sind, mit anderen Worten, ob meine
-Grundsätze hier nicht ebenso wie anderwärts den Unglauben in die Flucht
-schlagen können.
-
-Was zuerst Adam und Eva betrifft, so ist schon lange vor Darwin
-die Geschichte von den Menschen im Paradiese von einsichtsvollen
-Theologen als allegorisch erkannt worden. Und sicherlich, wenn man
-sie vorurteilsfrei liest, werden die ersten Kapitel der Genesis immer
-als eine von einer Geschichte wohlunterschiedenen Dichtung angesehen
-werden müssen. Man würde sie nie irrtümlicher Weise für Geschichte
-gehalten haben, wenn man an sie nicht mit vorgefaßter Meinung im
-Interesse der Inspiration herangetreten wäre. Doch für den reinen
-Agnostiker darf es solche vorgefaßten Meinungen nicht geben, so daß
-man heute eine Vermutung gegen ihre Inspiration nicht deshalb allein
-aufstellen darf, weil sie nicht als Geschichte bewiesen worden ist --
-und dies bleibt selbst dann bestehen, wenn wir nicht erkennen können,
-wovon sie eine Allegorie sein soll. Denn wenn sie inspiriert ist, so
-hat sie sicherlich in der Vergangenheit gute Dienste geleistet, und
-kann dies auch noch heutzutage thun, indem sie einen allegorischen,
-wenn auch nicht wörtlich zu nehmenden Ausgangspunkt für den göttlichen
-Erlösungsplan bildet.
-
-
- Vergleich der Beweisgründe für die natürliche und für die
- geoffenbarte Religion.
-
-Man hat oft gesagt, daß die Entwicklung der organischen Lebensformen
-einen ebenso guten Beweis für eine Zwecksetzung liefert wie eine
-Schöpfung im einzelnen, weil ja alle Thatsachen der Anpassung, in denen
-der Beweis besteht, für beide Fälle dieselben sind. Man übersieht aber
-dabei, daß auf diese Weise gerade das, was in Frage steht, für das
-Ergebnis vorausgesetzt wird. Die Frage ist: Sind diese Thatsachen der
-Anpassung an sich ein ausreichender Beweis dafür, daß ihre Ursache eine
-Zwecksetzung war? Aber wenn mit Recht zugegeben werden muß, daß bei
-der Annahme einer Entwicklung aus natürlichen Ursachen die Thatsachen
-der Anpassung von derselben Art sind wie alle anderen Naturthatsachen,
-so kann auf sie nicht mit mehr Berechtigung als auf irgend welchen
-anderen Naturthatsachen ein Beweis für eine Zwecksetzung aufgebaut
-werden. So sind also die Thatsachen der Anpassung gleich allen
-anderen nur dann als Argument für eine Zwecksetzung zulässig, wenn
-man annimmt, daß alle natürliche Kausalität geistigen Charakter hat
-und diese Annahme setzt einfach die Bejahung der Frage nach der
-Zwecksetzung voraus. Unter der Voraussetzung, daß sie aus natürlichen
-Ursachen stammen, sind also die Thatsachen der Anpassung nur dann als
-ein an sich guter Beweis für eine Zwecksetzung zu gebrauchen, wenn
-bereits angenommen worden ist, daß sie, weil aus natürlichen Ursachen
-entspringend, eine Zwecksetzung fordern.
-
-Die natürliche Religion gleicht der geoffenbarten Religion im
-Folgenden: Nehmen wir beide als göttlich an, so können beide, soweit
-die Vernunft uns führen kann, den Nachweis eines Zweckes nur soweit
-führen, daß sie für die Frage nach demselben ernstlich Aufmerksamkeit
-erregen. Mit anderen Worten: in Bezug auf beide muß der Standpunkt der
-reinen Vernunft der reine Agnostizismus sein, (man beachte, daß die
-Unzulänglichkeit der Teleologie oder der Zwecksetzung in der Natur
-als Beweis für den Theismus von allen intelligenteren Christen aller
-Zeiten anerkannt worden ist, doch ist diese Anerkennung seit Darwin
-allgemeiner geworden. In dieser Hinsicht möchte ich besonders auf
-Pascal[94] und viele andere Schriftsteller hinweisen.) Hierin liegt
-eine zweite auffallende Analogie zwischen Natur und Offenbarung,
-angenommen, daß beide denselben Urheber haben -- d. h. gerade so wie
-die entwicklungsgeschichtliche Methode bei beiden dieselbe ist.
-
-Wenn die Annahme einer Zwecksetzung bei beiden [d. h. Natur und
-Offenbarung. -- Der Übersetzer] berechtigt ist, so geht daraus hervor,
-daß jene Annahme bei beiden in gleicher Weise nur durch das Organ
-unmittelbarer Anschauung erwiesen werden kann, -- d. h. durch jene
-andere Seite des menschlichen Fassungsvermögens, durch welche die
-Vernunft ergänzt wird. Hier stellen wir wieder die Analogie fest. Und
-wenn jemand auf diese seinen Verstand ergänzende Weise die höchste
-Wahrheit erfassen kann (nehmen wir dies einmal an) so ist es seine
-Pflicht, sein geistliches Augenlicht zu üben, indem er nach Gott
-in der Natur wie in der Offenbarung sucht. Und dann wird er (immer
-vorausgesetzt, daß es einen Gott giebt und daß er sich von denen,
-die mit Fleiß nach ihm suchen, finden läßt) erkennen, daß sich seine
-subjektiven Zeugnisse für Gott in der Natur und in der Offenbarung
-gegenseitig stärken -- und so gewinnt er für seine Vernunft ein
-weiteres Zeugnis. Die Teleologie der Offenbarung ergänzt die Teleologie
-der Natur und so gewinnen sie für den geistlich gerichteten Menschen
-logisch und gegenseitig immer mehr Gewißheit.
-
-Paley's Schriften bilden eine ausgezeichnete Erläuterung für die
-Übereinstimmung des teleologischen Arguments aus Natur und Offenbarung,
-obgleich sie eine sehr unvollkommene Erläuterung des letzteren für
-sich allein genommen sind; denn da Paley allein das Neue Testament und
-auch dieses nur sehr teilweise behandelt -- so ignoriert er alles,
-was Christo vorherging, und vieles von dem, was nach den Aposteln
-geschah. Übrigens scheint Paley selbst die Ähnlichkeit des Arguments,
-wie es in seiner »Natürlichen Theologie« bezw. in seinen »Beweisen
-für das Christentum« entwickelt ist, nicht bemerkt zu haben. Aber
-niemand hat im übrigen für beide Fälle den Beweis besser geführt als
-er. Sein größter Fehler lag darin, daß er nicht bemerkte, daß dieses
-teleologische Argument an sich in beiden Fällen nicht ausreicht, um zu
-überzeugen, sondern nur um ernstlich Aufmerksamkeit zu erregen. Paley
-stellt es überall so dar, als ob solch ein Appell an die Vernunft
-allein schon genügte. Er sieht nicht, daß in diesem Fall kein Raum
-für den Glauben übrig bliebe. Mit anderen Worten, er erkennt nicht
-das geistliche Organ des Menschen und das Objekt, durch welches es
-ergänzt wird: die Gnade in Gott. Insofern ist er kein Christ. Und mag
-nun Theismus und Christentum wahr oder falsch sein, sicher ist, daß
-das teleologische Argument allein nicht zur Überzeugung sondern zum
-Agnostizismus führen muß.
-
-Wenn es aprioristisch unwahrscheinlich ist, daß ein Mensch ein Wunder
-ohne ein sittliches Objekt vollbracht haben sollte, so kann dies
-leicht mit der Unwahrscheinlichkeit verwechselt werden, daß Gott es
-mit einem entsprechenden sittlichen Objekt vollbracht hat. Die erstere
-[Unwahrscheinlichkeit] ist unermeßlich groß, die letztere ist wie die
-Unwahrscheinlichkeit der Theorie des Theismus gleich null.
-
-
- Christliche Dämonologie.[95]
-
-Man wird sagen -- wenn Du auch die aprioristischen Einwendungen gegen
-die Wunder aus aprioristischen Gründen hinwegzuschaffen suchst, so
-bleibt doch die Thatsache bestehen, daß Christus den landläufigen
-Aberglauben in Bezug auf die Besessenheit vom Teufel annahm. Dadurch,
-daß dabei von Teufeln gesprochen wird, verliert die ganze betreffende
-Erzählung ihren Wert. Du mußt also eins von beiden wählen: entweder
-war die landläufige Theorie richtig oder nicht. Wenn Du sagst, daß
-sie richtig war, so mußt Du zugeben, daß dieselbe Theorie für alle
-ähnlichen Stufen der Kultur gilt [aber nicht für die späteren Stufen]
-und daß daher die Naturwissenschaft der erfolgreichste Teufelaustreiber
-ist, obgleich sie nicht durch den Glauben an die Theorie, sondern
-durch die Verwerfung derselben wirkt. Beachte, daß die betreffenden
-Krankheiten durch die Überlieferung so klar beschrieben sind, daß sie
-unmöglich mißverstanden werden können. Dann mußt Du annehmen, daß sie
-_anno domini_ 30 von Teufeln und _a. d._ 1894 von Nervenstörungen
-herrührten. Sagst Du aber, die Theorie sei falsch, dann mußt Du
-entweder annehmen, daß Christus es nicht besser wußte oder daß er die
-Unwahrheit sagte.
-
-Die Antwort lautet, daß beide Annahmen vom Christentum acceptiert
-werden können. Des Beweises wegen können wir einmal die Frage bei
-Seite lassen, ob Christus die Teufelslehre selbst wirklich annahm,
-oder ob ihm dieselbe durch seine Biographen nach seinem Tode
-zugeschrieben wurde. Wenn Christus wußte, daß die Thatsachen nicht
-Teufeln zuzuschreiben waren, so muß er auch gewußt haben, daß es das
-beste war, die landläufige Ansicht anzunehmen anstatt das Volk durch
-einen pathologischen Vortrag zu verwirren. Wenn er es nicht wußte, --
-ja warum sollte er es denn wissen, hatte er sich doch vorher seiner
-Allwissenheit entäußert? Freilich, wenn er die landläufige Ansicht
-geleugnet hätte, so würde er einen Beweis naturwissenschaftlicher
-Erkenntnis oder naturwissenschaftlicher Anschauung gegeben haben,
-die weit über die Kultur seiner Zeit ging, aber dies würde nicht mit
-seiner in zahllosen anderen Fällen bewiesenen Methode übereinstimmen,
-und diese bestand darin, daß sie seine göttliche Sendung niemals durch
-Vorwegnahme naturwissenschaftlicher Kenntnisse kundgab. Die besondere
-Frage nach Christus und der Dämonologie ist also nur eine Teilfrage
-einer viel größeren Hauptfrage.
-
-
- Darwins Bedenken[96]
-
-Auf Darwins Einwand, daß nur ein so kleiner Teil der Menschheit von
-Christus je gehört hat, giebt es mehrere Antworten:
-
-1) Nehmen wir an, daß das Christentum wahr ist, so ist es die höchste
-und letzte Offenbarung, d. h. der Plan der Offenbarung folgt der
-Entwicklungslehre. Gerade daraus ergiebt sich, daß der größte Teil der
-Menschheit nie etwas von Christus hören konnte, nämlich alle, welche
-vor seiner Ankunft lebten.
-
-2) Aber diese waren nicht ohne Bezeugung geblieben. Sie hatten alle
-ihre Religion und ihr sittliches Bewußtsein, jeder nach seiner
-eigenen Entwicklungsstufe. Daher hat Gott die Zeiten der Unwissenheit
-übersehen, Apostelgeschichte 17, 30.
-
-3) Zudem waren diese Menschen nicht von Christi Wohlthaten
-ausgeschlossen; denn es wird gesagt, daß er für alle Menschen starb
--- d. h. wenn er nicht gewesen wäre, würde Gott nicht die Zeiten
-der Unwissenheit übersehen haben. Die Wirkung der Erlösung wird als
-transcendental dargestellt und als nicht davon abhängend, daß jemand
-von dem Erlöser gehört hat.
-
-4) Es ist wunderbar, daß gerade Darwin diesem trügerischen Argument
-unterlegen ist; denn es hat ja gerade durch die Entwicklungslehre
-seinen Todesstoß erhalten, d. h. wenn es wahr ist, daß die Entwicklung
-die Methode natürlicher Kausalität gewesen ist, und wenn es wahr
-ist, daß die Methode der natürlichen Kausalität von einer Gottheit
-abhängt, dann folgt daraus, daß dies späte Erscheinen Christi auf der
-Erde absichtlich gewesen sein muß. Denn es ist sicher, daß er nicht
-früher erscheinen konnte, ohne daß dadurch die Entwicklung verletzt
-worden wäre. Daher mußte er nach der Theorie des Theismus dann
-erscheinen, als es geschah, d. h. in dem Augenblick der Geschichte,
-in dem es zuerst möglich war. Auch aus anderen Gesichtspunkten
-ergiebt sich, daß die Zeit, in der Christus erschien, die geeignetste
-war. Selbst weltliche Geschichtsschreiber stimmen darin überein,
-daß die Zeitumstände zusammen paßten und führen den Erfolg seines
-sittlichen und religiösen Systems auf diese Thatsache zurück. So
-auch die, welche sich mit vergleichender Religionswissenschaft
-beschäftigen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-
- Schlußbemerkung des Herausgebers.
-
-Der intellektuelle Standpunkt dem Christentum gegenüber, welcher in
-diesen Notizen ausgesprochen ist, kann man bezeichnen als -- 1) reinen
-Agnostizismus, auf dem Gebiet der sich in dem Naturwissenschaftlichen
-bethätigenden Vernunft, verbunden mit 2) einer klaren Erkenntnis der
-geistlichen Notwendigkeit des Glaubens und der Berechtigung und des
-Wertes seiner Anschauungen, 3) als eine Empfindung der positiven Kraft
-der historischen und geistlichen Zeugnisse für das Christentum.
-
-George Romanes kam in diesen Notizen, wie auch in der mündlichen
-Unterhaltung zu der Erkenntnis, daß es vernünftig sei, an das
-Christentum zu glauben, bevor er die Kraft oder die Gewohnheit des
-Glaubens wieder erlangt hatte. Sein Leben ging bald, nachdem er
-diesen Standpunkt erreicht hatte, zu Ende; aber es wird niemanden
-überraschen zu hören, daß der Verfasser dieser »Gedanken« noch vor
-seinem Tode zu jener vollbewußten Gemeinschaft mit der Kirche Jesu
-Christi zurückgekehrt ist, auf die zu verzichten er sich so viele Jahre
-hindurch aus Gewissens-Bedenken gezwungen sah. So wurde es in diesem
-Falle »dem Manne reines Herzens« nach langer Zeit der Finsternis noch
-vor seinem Tode vergönnt, »Gott zu schauen«.
-
-_Fecisti nos ad te Domine, et inquietum est cor nostrum donec
-requiescat in te._
-
- C. G.
-
-
-
-
- FUSSNOTEN:
-
-[1] Im Folgenden gebe ich zunächst eine kurze Inhaltsübersicht
-des I. Teils, durch welche die Einführung in das Buch wesentlich
-erleichtert werden soll; jedenfalls macht sie denjenigen, welchen er zu
-schwer ist, die Lektüre von Abschnitt I leichter oder überflüssig.
-
-[2] Siehe aber eine interessante Notiz in Romanes »_Mind and Motion and
-Monism_« p. 111.
-
-[3] Veröffentlicht in Trübners _English and Foreign Philosophical
-Library_ 1878; es ist aber »einige Jahre vorher« (Vorwort) geschrieben.
-»Ich habe mit der Veröffentlichung zurückgehalten,« erklärt der
-Verfasser, »damit ich nicht hinterher entdecken möchte, daß reiferes
-Nachdenken die Schlüsse, welche der Autor verkündigt, modifiziert.«
-
-[4] Zuweilen habe ich die Beweisführung in dem Kapitel verständlicher
-zu machen versucht, indem ich Aussprüche aus früheren Teilen des Buches
-oder Erklärungen in meinen eignen Worten einschaltete. Diese letzteren
-habe ich in eckige Klammern gesetzt. -- Der Herausgeber.
-
-[5] d. h. in Bezug auf den Glauben an Gott -- Der Übersetzer.
-
-[6] d. h. in dem höchst kompliziert gebauten Gehirn des Menschen. --
-Der Übersetzer.
-
-[7] Nach Kompliziertheit und Größe des Gehirns. -- Der Übersetzer.
-
-[8] p. 24.
-
-[9] p. 28.
-
-[10] p. 28.
-
-[11] p. 45.
-
-[12] nämlich der Zwecksetzung. -- Der Übersetzer.
-
-[13] p. 47.
-
-[14] p. 50.
-
-[15] p. 63.
-
-[16] p. 58 ff.
-
-[17] Nämlich der Theorie des Atheismus gegenüber. -- Der Übersetzer.
-
-[18] In Bezug auf die Gesichtspunkte und Argumente der »Unbefangenen
-Prüfung« mag es interessant sein, hier Folgendes zu bemerken:
-
-1) Romanes kam zuletzt dahin, den subjektiven religiösen Bedürfnissen
-und Anschauungen des menschlichen Geistes eine viel größere Bedeutung
-beizulegen.
-
-2) Er erkannte, daß das subjektive religiöse Bewußtsein objektiv als
-ein großes Phänomen der menschlichen Natur betrachtet werden muß.
-
-3) Er verurteilte später seine frühere Kausalitäts-Theorie und kehrte
-zu der Anschauung zurück, daß alle Kausalität der Ausfluß eines Willens
-ist.
-
-4) Er wies später die materialistische Ansicht von der Entstehung des
-Geistes entschieden zurück.
-
-5) Er kehrte zu dem Gebrauch des Ausdrucks »Das Argument vom Zweck«
-zurück und gab also auch seine heftige Abneigung gegen dasselbe auf.
-
-6) Er durchschaute Herbert Spencers Widerlegung der im weiteren
-Sinn gefaßten Teleologie von Baden Powell und fühlte die Kraft des
-teleologischen Beweises von neuem.
-
-7) Er erkannte, daß die wissenschaftlichen Bedenken gegen die Lehre
-vom freien Willen schließlich doch nicht stichhaltig sind. -- Der
-Herausgeber.
-
-[19] Siehe _Mind and motion and Monism_ pp. 36 ff.
-
-[20] In einigen Notizen des Sommers 1893 finde ich Folgendes: Das
-Ergebnis (der philosophischen Untersuchung) ist gewesen, daß der
-Mensch in seinen tausendjährigen Beobachtungen und Erfahrungen in
-Bezug auf gewisse Seiten des Welträtsels Gewißheit erlangt hat,
-die nicht weniger sicher ist, als die, welche er im Gebiet der
-Naturwissenschaft besitzt, z. B. Logischer Vorrang des Geistes vor
-der Materie -- daraus folgend Unhaltbarkeit des Materialismus, --
-Relativität der Erkenntnis, -- Naturordnung, -- die Erhaltung der
-Energie, Unzerstörbarkeit der Materie, soweit die menschliche Erfahrung
-reicht, das Entwicklungsprinzip, das Überleben des Passendsten. -- Der
-Herausgeber.
-
-[21] Über die Bedeutung des »reinen« Agnostizismus siehe unten.
-
-[22] Hiermit ist offenbar das materialistische Dogma gemeint. -- Der
-Übersetzer.
-
-[23] Vergleiche hiermit folgende Aussprüche, die sich hundertfach
-vermehren lassen:
-
-Baco von Verulam: »Nur eine oberflächliche Kenntnis der Natur vermag
-uns von Gott abzuführen, eine tiefere und gründlichere dagegen führt zu
-ihm zurück.«
-
- Oswald Heer: »Wer oberflächlich die Natur betrachtet,
- Im grenzenlosen All sich leicht verliert;
- Doch wer auf ihre Wunder tiefer achtet,
- Wird stets zu Gott, dem Herrn der Welt, geführt.«
- -- Der Übersetzer.
-
-[24] Die dritte Abhandlung wird hier nicht veröffentlicht, weil Romanes
-Ansichten über die Beziehung zwischen der Naturwissenschaft und dem
-Glauben an die geoffenbarte Religion in den »Notizen« besser und reifer
-zum Ausdruck kommen. -- Der Herausgeber.
-
-[25] Um Mißverständnisse zu vermeiden, will ich bemerken, daß ich bei
-den obigen Definitionen von Religion und Naturwissenschaft diese in den
-Verhältnissen nehme, in welchen sie wirklich existieren. Möglich, daß
-beide Denksphären unter anderen Umständen nicht so scharf geschieden
-sind. So z. B.: Wenn eine Religion erschiene, welche der Wissenschaft
-eine Offenbarung über Sachen der natürlichen Kausalität brächte,
-solch' eine Religion (vorausgesetzt, daß eine derartige Offenbarung
-durch Versuche als wahr befunden wäre) -- würde vermutlich auf die
-Wissenschaft einen ganz berechtigten Einfluß ausüben.
-
-[26] Siehe _Mental evolution in animals_ p. 155-158.
-
-[27] Das Beispiel, um welches es sich handelt, hat wohl Fenelon zuerst
-benutzt, Paley beginnt mit ihm seine »Theologie der Natur.« Da es nun
-aber den deutschen Lesern sehr viel weniger geläufig sein möchte als
-den englischen, andererseits aber in diesen beiden Abhandlungen von
-Romanes eine große Rolle spielt, so möchte es wohl angebracht sein,
-es in der Paley'schen Fassung hier wiederzugeben. Es heißt bei ihm
-folgendermaßen:
-
-»Wenn ich, eine Wüste durchirrend, über einen Stein stolperte und mich
-fragte: wie mag dieser Stein hierhin gekommen sein? -- dann genügte
-es wohl zu antworten, daß er zu allen Zeiten dort gelegen haben mag.
-Es möchte schwer zu beweisen sein, daß eine solche Antwort etwas
-Widersinniges enthielte.«
-
-»Setzen wir nun aber den Fall, ich hätte statt des Steines eine Uhr
-gefunden, dann würde die Antwort, daß sie zu allen Zeiten dort gelegen
-habe, sicherlich nicht so zulässig sein. Woher dieser Unterschied?
-Weil ich bei der Untersuchung der Uhr vieles entdecke, was ich in dem
-Stein nicht finden konnte, nämlich: daß an der Uhr verschiedene Teile
-ersichtlich werden, die alle für einander gemacht erscheinen, und
-zwar zu einem gewissen Zwecke, daß dieser Zweck die Bewegung ist, und
-endlich, daß diese Bewegung die Angabe der Stunden, also des Zeitlaufes
-bezweckt.«
-
- .............
-
-»Habe ich den Mechanismus der Uhr richtig erfaßt, dann erscheint
-mir auch die Folge ihrer Wirkungen ganz klar. Nämlich ich gewahre,
-daß ein derartiges Werk von einem klugen Bearbeiter und nicht von
-ungefähr hervorgebracht sein müsse und daß vorher schon ein Werkmeister
-vorhanden gewesen sein muß, der das Ergebnis beabsichtigte, als er die
-Uhr anfertigte.«
-
-»Eine derartige Folgerung würde auch nicht weniger unvermeidlich sein,
-wenn wir niemals eine Uhr hätten verfertigen sehen oder nie einen
-Uhrmacher gekannt hätten ......« Der Übersetzer.
-
-[28] [Ich habe um des Arguments willen »verlangen mag« statt »verlangt«
-gesetzt. -- Der Herausgeber.]
-
-[29] Eine Note (von 1893) enthält folgendes: »Das Sein ist abstrakt
-genommen logisch dem Nichtsein oder dem Nichts gleichwertig. Denn wenn
-wir durch immer weiter gehende Abstraktion den Begriff des Seins seiner
-Attribute und Beziehungen entkleiden, so kommen wir auf den Begriff
-dessen, was nicht sein kann, d. h. auf einen logischen Widerspruch oder
-auf das logische Korrelativ des Seins, nämlich das Nichts (alles dies
-ist in _Caird's Evolution of Religion_ gut ausgeführt). Daß ich diese
-Thatsache nicht erkannte -- ist ein Hauptfehler in meiner »Unbefangenen
-Prüfung des Theismus«, wo ich das Sein als eine hinreichende Erklärung
-der Naturordnung oder des Kausalitätsgesetzes darstellte.«
-
-[30] [Dieses Versprechen ist in dem vorletzten Absatz der Abhandlung
-nur teilweise erfüllt. -- Der Herausgeber]
-
-[31] Essays vol. III p. 246 u. ff. Die ganze Stelle sollte nachgelesen
-werden, da sie zu lang ist, um sie hier zu zitieren.
-
-[32] In einem Aufsatz über Professor Flint's »Theismus«, Anhang zur
-»unbefangenen Prüfung«.
-
-[33] _A candid examination of Theism_. p. 171-172.
-
-[34] [Ich habe als Herausgeber der Versuchung widerstanden in das obige
-Argument einzugreifen. Aber ich möchte dies doch auf eine Thatsache hin
-thun und darauf hinweisen, daß Gottes Wesen »gemäß der theologischen
-Theorie der Dinge«, d. h. gemäß der Dreieinigkeitslehre, in dem
-besteht, was ganz genau »den sozialen Verhältnissen entspricht«, und
-daß Er in Seiner Schöpfung die Liebe nicht nur =offenbart=, sondern
-daß er =selbst die Liebe= ist. Siehe über diesen Gegenstand besonders
-R. H. Huttons Abhandlung über die Menschwerdung in seinen »_Theological
-Essays_« (Macmillan). -- Der Herausgeber].
-
-[35] _Scientific Evidences of Organic Evolution_, p. 76. Dieser ganze
-Passus ist völlig unhaltbar, und es ist nicht verständlich, daß
-Romanes auch hier noch an ihm festhält: im Gegenteil, die Natur ist
-ein großartiges Netzwerk von unter einander durch ihre Lebensweise
-verbundenen Individualitäten, es giebt nicht nur eine Korrelation
-der Organe sondern auch der Spezies. Es genügt auf die großartigen
-Lebensgemeinschaften der Natur und auf die zahlreichen Fälle von
-Symbiose hinzuweisen, die ja z. B. bei den Flechten soweit geht, daß
-Alge und Pilz ihre eigne Individualität völlig zu Gunsten des Ganzen
-verlieren. -- Allerdings, dies ist eines der wichtigsten Argumente
-=gegen= die Darwinsche Theorie. -- Der Übersetzer.
-
-[36] _Nature_, April 5, 1883.
-
-[37] S. unten p. 124 und Fußnote. Ich finde auch folgende Notiz aus
-der Zeit nach dem Jahr 1889. »Es ist Thatsache, daß der Pessimismus
-unlogisch ist, einfach deshalb, weil wir unzulängliche Beurteiler der
-Welt sind, und der Pessimismus würde daher dem Agnostizismus gerade
-entgegengesetzt sein. Wir wissen wohl, daß in der Beziehung zwischen
-uns und der Welt etwas nicht ganz in Ordnung ist, aber wir können nicht
-wissen, ob der Fehler bei der Welt oder bei uns liegt.«
-
-[38] _Proceedings of the Aristotelian Society, Williams and Norgate I_.
-
-[39] [Ich darf auch erwähnen, daß Romanes mir am Sonntag vor seinem
-Tode mündlich seine völlige Übereinstimmung mit dem Argument von
-Professor Knight in seinen »_Aspects of Theism_« (Macmillan 1893)
-aussprach; in Bezug auf diesen Gegenstand siehe SS. 184-186: »ein
-höheres Ziel wird durch den Sichtungsprozeß erreicht, durch den die
-physische Natur ihre schwächeren Erzeugnisse bei der Seite wirft«
-u. s. w.]
-
-[40] Die erste Auflage, die im Jahre 1878 veröffentlicht wurde, war
-rasch vergriffen; aber da der Zweck der Veröffentlichung nur der war,
-die Kritik um meinerselbst willen herauszufordern, kam ich mit dem
-Verleger überein, keine weitere Auflage herauszugeben. Das Werk ist
-deshalb seit vielen Jahren vergriffen. [Diese Abmachung wurde indeß
-nicht ganz eingehalten, oder war wenigstens dem gegenwärtigen Inhaber
-der Firma Kegan Paul, Trench, Trübner u. Comp. nicht bekannt; so kam
-es, daß zu des Verfassers großem Erstaunen 1892 eine neue Auflage
-erschien. -- Der Herausgeber].
-
-[41] [Oder vielmehr R. beabsichtigte sie unter dem Pseudonym
-»Metaphysicus« erscheinen zu lassen. -- Der Herausgeber].
-
-[42] Bemerkungen in eckigen Klammern sind von mir hinzugefügt. Aber ich
-habe dieselben nicht angewandt, wenn ich einzelne unbedeutende oder für
-den Sinn offenbar notwendige Worte eingefügt habe.
-
- =Der Herausgeber=.
-
-
-
-[43] [S. das Zitat aus dem Vorworte von »Physikus« S. 24. Der
-Geisteszustand in dieser Notiz ist eine Rückkehr zu dem früheren in der
-_Burney_-Abhandlung (p. 17). Der Verfasser war ganz erfüllt von dem
-Gedanken, daß die Beweise für das Christentum sehr mannigfaltig seien
-und außerhalb des Gebietes der Wissenschaft liegen. -- Der Herausgeber.]
-
-[44] Nach welchem man möglichst viele Erscheinungen auf =eine= Ursache
-zurückführen, mit neuen Ursachen also sparsam sein muß. -- Der
-Übersetzer.
-
-[45] [d. h. eine übernatürliche, aber nicht streng genommen göttliche
-Person. Sicherlich jedoch ist diese Annahme nicht aufrecht zu erhalten.
--- Der Herausgeber.]
-
-[46] [Dies ist wieder ein Beispiel, wie der Verfasser auf frühere
-Gedanken zurückgreift; s. Burney Essay p. 25 und »Geist und Monismus«.
--- Der Herausgeber.]
-
-[47] _Life and Letters of Charles Darwin_, p. 308.
-
-[48] Faraday war jedoch ein strenggläubiger Christ. -- Der Übersetzer.
-
-[49] [Ich hielt es doch für besser, die Namen fort zu lassen. -- Der
-Herausgeber.]
-
-[50] d. h. das, was dem ersten Eindruck, dem ersten Blick, dem
-Augenschein entspricht. -- Der Übersetzer.
-
-[51] [Im Manuskript fährt er fort: »Hier ist vor allem einzuschalten,
-was ich über diesen Punkt in meiner Burney-Preisschrift gesagt
-habe.« Ich habe indessen keine dieser Stellen in dieser Schrift
-aufgenommen, einmal, weil ich denke, daß Romanes Meinung auch hier
-klar genug ausgesprochen ist, sodann kann ich auch in der in Frage
-stehenden Abhandlung keinen passenden Satz in angemessener Kürze
-finden, um ihn hier einzuschalten. Der größere Teil der Abhandlung
-soll dem wissenschaftlichem Einwand dagegen, das das Gebet auf dem
-Naturgebiet erhört wird, begegnen, indem gezeigt wird, daß dieser
-Einwand hauptsächlich auf dem Schluß von dem Bekannten auf das
-Unbekannte beruht, d. h. von dem bekannten Gebiet der unveränderlichen
-Naturgesetze auf das unbekannte Gebiet der Beziehungen Gottes zu diesen
-Gesetzen. Und dieser Einwand ist um so hinfälliger, je weiter dieses
-unbekannte Gebiet von der möglichen Erfahrung wissenschaftlicher Art
-entfernt ist und eine unendliche Zahl von Möglichkeiten zuläßt, die für
-unsere Einbildung mehr oder weniger begreiflich sind; und dies würde
-oder könnte verhindern, daß das wissenschaftliche Argument auf die in
-Rede stehende Frage berechtigter Weise angewendet werden kann. -- Der
-Herausgeber.]
-
-[52] Wenn ich im Folgenden das Wort »geistlich« gebrauche, so ist es
-die Übersetzung des englischen »_spiritual_«; ich bin mir bewußt,
-daß es die Sache nicht ganz genau trifft, allein ein wirklich genau
-passendes Wort wird im Deutschen schwer zu finden sein, es soll
-darin ein gewisser Gegensatz zu dem Begriff »verstandesgemäß« (d. i.
-kausaliter, nach den Formen von Ursache und Wirkung durch Erfahrung
-etwas feststellend) liegen, das ist aber nicht der Fall bei dem Wort
-»geistig«, der gewöhnlichen Übersetzung von _spiritual_, denn dies
-wird oft gerade als verstandesgemäß aufgefaßt. Ich gebrauche hier das
-Wort »geistlich« also in demselben Sinn wie Paulus 1. Cor. 4, 14: Der
-natürliche (oder seelische, also auch den Intellekt benutzende) Mensch
-aber vernimmt nichts vom Geiste Gottes; es ist ihm eine Thorheit und
-kann es nicht erkennen, denn er muß =geistlich= gerichtet sein -- Der
-Übersetzer.
-
-[53] In Deutschland würde man wohl als Vertreter dieser Klasse von
-Forschern R. Wagner, den berühmten Physiologen, anführen, von dem
-bekanntermaßen das so oft mißverstandene und doch in gewisser Hinsicht
-so richtige Wort von der »doppelten Buchführung« auf dem Gebiet der
-Wissenschaft und des religiösen Glaubens herrührt. -- Der Übersetzer.
-
-[54] _Fortnightly Review Febr. 1894_. Die letzte Zeile enthält eine
-Andeutung an ein Gedicht von Wordsworth, dieselbe bedeutet: Peter Bell
-war kein Philosoph:
-
- _A primrose by the river brim
- A yellow primrose was to him
- And it was nothing more._ -- Der Übersetzer.
-
-[55] _First principles p. I. ch. I._
-
-[56] [Hier beabsichtigte Romanes eine weitere Erklärung einzuschieben,
-welche zeigen sollte, daß uns bloße Beobachtung der Kausalität in der
-äußeren Natur nichts anderes als die Beziehungen von Zeit und Raum
-offenbart haben würde. -- Der Herausgeber.]
-
-[57] [Diese Theorie wurde in der Burney-Abhandlung Seite 136 besprochen
-und in der »Unbefangenen Prüfung« lächerlich gemacht. Siehe oben
-Seite 9. Romanes beabsichtigte an dieser Stelle seine alten Ansichten
-»über die Kausalität als Folge des Seins als Sein« ausführlicher zu
-behandeln. -- Der Herausgeber]
-
-[58] [Siehe indessen _Aubrey Moore in Lux mundi_, p. 94-96 und _Le
-Conte, Evolution in its relation to religious thought_ p. 355 ff.]
-
-[59] Nämlich zwischen »natürlich« und »übernatürlich«. -- Der
-Übersetzer.
-
-[60] [Es wurde jedoch nichts weiter darüber geschrieben, als was jetzt
-folgt. -- Der Herausgeber.]
-
-[61] [Der Verfasser wollte weiterhin die Hohlheit dieser Theorie
-zeigen und nachweisen, wie Mill dies selbst zu erkennen scheint, wenn
-er hinter den Ausdruck »unveränderlich« den Ausdruck »bedingungslos«
-einrückt; er bezieht sich auch auf _Martineau, Study of Religion_
-p. 152 -- Der Herausgeber.]
-
-[62] [Romanes Gedanken über den freien Willen sind klarer in einem
-Aufsatz ausgesprochen, der nach diesen Notizen in _Mind and Motion and
-Monism_ p. 129 ff. veröffentlicht ist. -- Der Herausgeber.]
-
-[63] Nämlich derjenigen, die den freien Willen besitzt. -- Der
-Übersetzer.
-
-[64] [Siehe oben Seite 25. -- Der Herausgeber.]
-
-[65] _Contemporary Review, July 1886_. [Aber »die letzte
-Schwierigkeit«, auf die Romanes sich oben bezieht, würde das Verhältnis
-der mannigfachen, abhängigen Willensäußerungen, zu dem einen letzten
-und allumfassenden Willen sein. -- Der Herausgeber.]
-
-[66] Im engl. Original steht _spiritual_, es will mir scheinen als ob
-die Übersetzung »geistlich« den Sinn am besten trifft, s. oben. -- Der
-Übersetzer.
-
-[67] Dies möchte auf deutsche Verhältnisse nicht gerade anwendbar sein.
--- Der Übersetzer.
-
-[68] Vergl. Pascal, »_Pensées_«. »Denn wir dürfen uns nicht täuschen,
-wir haben in uns ebenso so viel Automatisches wie Intellektuelles,
-und daher kommt es, daß das Mittel der Überredung nicht Demonstration
-allein ist. Wie wenig Dinge werden wirklich demonstriert! Beweise
-können nur den Geist überzeugen; Gewohnheit liefert uns unsere
-stärksten Beweise und die, welche wir am festesten halten, sie
-regieren den Automaten, der dann den unbewußten Intellekt nach sich
-zieht ....... So ist es auch die Gewohnheit, die so viele Menschen zu
-Christen macht, Gewohnheit macht andere zu Türken, Heiden, Handwerkern,
-Soldaten u. s. w. Schließlich müssen wir auch zur Gewohnheit unsere
-Zuflucht nehmen, wenn der Geist einmal gesehen hat, wo die Wahrheit
-liegt, um unseren Durst zu löschen und uns in jenen Glauben zu tauchen,
-der uns zu jeder Stunde entwischt, denn stets Beweise bei der Hand zu
-haben, wäre zu beschwerlich. Wir müssen einen leichteren Glauben haben,
-den Glauben der Gewohnheit, der ohne Gewaltthätigkeit, ohne Kunst, ohne
-Argument unsern Beifall findet und dem alle unsere Kräfte zuneigen, so
-daß unsere Seele ihm ganz naturgemäß zufällt .....
-
-Es ist nicht genug nur kraft der Überzeugung zu glauben, wenn der
-Automat geneigt ist, das Gegenteil zu glauben. Dann müssen beide Seiten
-in uns genötigt sein zu glauben, der Intellekt durch Argumente, der
-Automat durch Gewohnheit und indem man ihm nicht gestattet nach der
-entgegengesetzten Richtung zu neigen. _Inclina cor meum Deus_.« Siehe
-auch _Newmans Grammar of Assent. chap. VI_ und _Church's Human Life and
-its conditions_. S. 67-69.
-
-[69] Eine genaue Untersuchung zeigt übrigens, daß die Zahl der
-»ungläubigen« Mathematiker gegenüber derjenigen der »gläubigen« ganz
-verschwindend klein ist. Vergl. meine Schrift: Die Religion der
-Naturforscher, Breslau 3. Auflage 1896. -- Der Übersetzer.
-
-[70] Wobei der Intellekt keine Rolle spielt. -- Der Übersetzer.
-
-[71] Nicht der =Inhalt=, sondern die =Thatsache= des Glaubens bezw.
-Wissens kommt hier in Betracht. -- Der Übersetzer.
-
-[72] [Der Verfasser hat hinzugefügt, »denn was das Leiden der Tiere
-betrifft, siehe weiter unten«, -- er scheint aber über diesen
-Gegenstand nichts weiter geschrieben zu haben. -- Der Herausgeber].
-
-[73] [In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal erwähnen, daß
-G. Romanes zwei Tage vor seinem Tod seine innige Zustimmung zu
-Professor Knights »_Aspects of Theism_« gab, -- ein Werk, in welchem
-großer Nachdruck auf das Argument von der Anschauung in verschiedenen
-Formen gelegt ist. -- Der Herausgeber.]
-
-[74] Siehe darüber Pascal, »_Pensées_« p. 103
-
-[75]
- Das Leben ist eitel: Das Leben ist kurz:
- Ein wenig Lieben, Ein wenig Hoffen,
- Ein wenig Hassen .... Ein wenig Träumen ....
- Und dann .... Ade. Und dann .... Leb wohl.
-
-[76]
- Die Nacht hat tausend Augen,
- Ein einz'ges nur der Tag;
- Und doch erstirbt das Licht der ganzen Welt,
- Wenn die Sonne niedersinkt.
-
- Der Geist hat tausend Augen,
- Ein einziges nur das Herz,
- Und doch erstirbt des ganzen Lebens Licht,
- Wenn die Liebe ist hin.
-
-[77] [d. h. der Darwinismus ist eine Theorie, die zuerst als ein
-gefährlicher Stoß gegen die landläufigen Lehren des Christentums
-erschien, die aber, wie sich dann herausstellte, kein Gegner seiner
-Grundprinzipien ist. -- Der Herausgeber.]
-
-[78] [d. h. der Kampf in Bezug auf die christlichen Texte und
-Dokumente. -- Der Herausgeber.]
-
-[79] S. Gores _Bampton Lectures_ p. 74 ff.
-
-[80] Math. 28, 17. Apostelgesch. 2, 13.
-
-[81] Die Theorie, daß die Evangelien später bearbeitet worden sind. --
-Der Übersetzer.
-
-[82] _Three essays on Theism_ p. 255.
-
-[83] [Unvollendete Notiz. -- Der Herausgeber.]
-
-[84] [G. Romanes fing an, eine Sammlung von neutestamentlichen
-Aussprüchen zu machen, die sich auf diesen Gegenstand beziehen. -- Der
-Herausgeber.]
-
-[85] S. Pascal »_Pensées_« p. 245.
-
-[86] [Die Notizen über diesen Gegenstand waren zu fragmentarisch, um
-veröffentlicht werden zu können. -- Der Herausgeber.]
-
-[87] Psalm 51. 18 u. 19.
-
-[88] _Pensées_ p. 91-93.
-
-[89] [Die oben erwähnte Abhandlung sollte zur Erklärung dieses
-Ausdrucks gelesen werden. Genauer würde Romanes Ansicht, denke ich,
-so ausgedrückt sein: »Das Ideal des christlichen Charakters besteht
-vor allem in dem, was wir als spezifisch weiblich ansehen, z. B.
-Entwicklung der Affekte, Vertrauensseligkeit, Dienstwilligkeit,
-Bereitwilligkeit zum Leiden u. s. w.« -- Der Herausgeber.]
-
-[90] Siehe _Analogy Part I. ch. 7; Part II. ch. 3, 4_ u. ff.
-
-[91] Siehe den Schluß, von »Darwin und nach Darwin« Teil I.
-
-[92] Ich werde noch zeigen, daß Butler eine viel bessere Abhandlung
-geschrieben haben würde, hätte er die Entwicklung als allgemeines
-Naturgesetz gekannt.
-
-[93] Siehe _Gore's Bampton Lectures II_.
-
-[94] »_Pensées_«, p. 205 ff.
-
-[95] [Romanes Argumentation in dieser Notiz ist meines Erachtens
-unmöglich aufrecht zu erhalten. Der Nachdruck, den Jesus Christus
-auf ein Wirken von Dämonen legt, ist so groß, daß er, wenn es nicht
-Wahrheit ist, entweder selbst bezüglich der Wahrheiten des Seelenlebens
-ernstlich irrte, oder aber andere ernstlich in die Irre führte. Und
-weder in dem einen noch in dem anderen Fall könnte er der vollkommene
-Prophet sein. Ich denke, ich bin berechtigt, meine Abweichung von
-Romanes Argumentation in diesem Punkt ausdrücklich zu erklären. --
-Der Herausgeber.]
-
-[96] [In Darwins Schriften findet sich nichts, was
-mir Romanes zu berechtigen scheint, ihm speziell dieses Bedenken
-zuzuschreiben. Aber er kannte Darwin so genau und verehrte ihn so
-sehr, das man einen Irrtum seinerseits nicht annehmen kann. -- Der
-Herausgeber.]
-
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