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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Gedanken über Religion - Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus - zum Christentum. - -Author: George John Romanes - -Translator: E. Dennert - -Release Date: February 13, 2016 [EBook #51208] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANKEN ÜBER RELIGION *** - - - - -Produced by Ralph Janke, Marilynda Fraser-Cunliffe, Norbert -Müller and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - Gedanken über Religion - - - von - - - George John Romanes. - - - Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom - Atheismus zum Christentum. - - - Autorisierte Übersetzung nach der 7. Auflage des englischen Originals - - von - - _Dr. phil._ E. Dennert. - - - Göttingen - - Vandenhoeck und Ruprecht - - 1899. - - - - - Vorwort des Uebersetzers. - - -In dem Verhältnis der Naturforscher zur Religion ist in den letzten -Jahrzehnten eine merkwürdige Wendung vor sich gegangen. Bekanntlich -herrschte in den fünfziger und sechsziger Jahren eine kraß -materialistische Strömung, welche in Deutschland von Männern wie Vogt -und Moleschott angebahnt war. Die namhaften Naturforscher blieben -jedoch von ihr unberührt, sie hatten fast alle eine religions- und -christentumsfreundliche Stellung. Als aber in den siebenziger Jahren -die Lehre Darwins mehr und mehr Eingang fand und Haeckel seinen -Monismus predigte, änderte sich das Verhältnis, und die Stellung der -in den beiden folgenden Jahrzehnten, wie auch noch in dem laufenden -maßgebenden Naturforscher zur Religion wurde eine zum mindesten -gleichgiltige. Die Naturwissenschaft und die induktive Methode steht -bei den meisten dieser Männer so sehr im Mittelpunkt des Denkens und -des Lebens, daß alles andere, was sonst ein Menschenleben erfüllt und -ausmacht, bei ihnen weit zurücktritt. - -Wenn manche dieser Forscher nach ihrem religiösen Standpunkt gefragt -werden, so erklären sie sich für »=Agnostiker=«, sie wissen nichts -von religiösen Fragen oder überhaupt von Fragen, die jenseits des -naturwissenschaftlichen Gebiets auftauchen. Dieses Wort wurde jedoch -von vielen in dem Sinn gebraucht, daß man jenseits der natürlichen -Kausalität überhaupt nichts wissen, keine Gewißheit je erlangen -=könne=. Eine große Reihe von Naturforschern stand, wenn sie nicht -geradezu glaubensfeindlich waren, vor 10-20 Jahren so. Zu erklären -ist diese Erscheinung sicherlich durch den Einfluß der gewaltigen -Entwicklung der Naturwissenschaft überhaupt und des Darwinismus -im speziellen: es gab viele, denen erschien alles Erforschte als -unantastbare Wahrheit, und die Zeit schien ihnen nicht fern, in der die -ganze Natur, auch alles Leben und Werden, für den Forscher völlig klar -und durchsichtig sein würde; bei solchen Gedanken mußte eine Verkennung -des Wertes der naturwissenschaftlichen Methode nur zu nahe liegen, sie -erschien daher vielen als der einzig mögliche Weg zur Erkenntnis der -Wahrheit. - -Allein es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel -wachsen, das kann man auch auf diesem Gebiete sagen: allmählich -trat vor allem in Bezug auf den Darwinismus eine Ernüchterung ein, -im eignen Lager wurde an dem vermeintlich unzerstörbaren Bollwerk -gerüttelt, und da seine Festigkeit eine eingebildete war, so konnte -nicht ausbleiben, daß es um so schneller fiel, bezw. fällt. Dieser -Zerbröckelungsprozeß setzt sich noch weiter fort, aber es ist nicht -anzunehmen, daß abgesehen von einigen »Alten«, die sich noch um -Haeckel und Weismann scharen, echte Darwinianer ihren Einzug in das -neue Jahrhundert halten werden. Das ist aber nicht ohne Einfluß auf -die philosophischen und religiösen Anschauungen der Naturforscher -geblieben. Zwar wird sich das alte Verhältnis, d. h. ein Überwiegen der -religiös und christlich gerichteten Forscher, so schnell noch nicht -wieder herstellen -- kommen wird es ganz sicher wieder --; aber eine -Anbahnung ist schon heute gar nicht zu verkennen. Diese äußert sich -zunächst in einer viel freundlicheren Stellung zu religiösen Fragen und -vor allem in der Anerkennung, daß Religion und Naturwissenschaft zwei -getrennte Gebiete sind, die mit einander nur wenig zu thun haben. Aus -dieser Erkenntnis wird sich dann sicherlich mehr und mehr die andere -entwickeln, daß man bei allem naturwissenschaftlichen Wissen auch einen -persönlichen religiösen Glauben besitzen kann, weil die Quellen der -wissenschaftlichen und religiösen Erkenntnisse ganz verschieden sind. - -Der =Agnostizismus=, wie ich ihn oben gekennzeichnet habe, erhält -unter diesem Einfluß ein ganz anderes Gesicht; allerdings sagt er sehr -richtig auch jetzt noch, daß man mit naturwissenschaftlichem Wissen -und naturwissenschaftlicher Methode auf religiösem Gebiet nichts -ausrichten, nichts erkennen kann, allein er fügt nun hinzu: vielleicht -kann man es auf anderem Wege, und dieser Möglichkeit steht er ganz -unparteiisch gegenüber. - -Zu den Männern, welche die letztgenannte Art von Agnostizismus -vertraten, gehört vor allem G. Romanes, der englische Biologe, er ist -am 26. Mai 1848 zu Kingston in Kanada geboren, war ein Freund Darwins, -der ihm eine Reihe von unveröffentlichten Manuskripten hinterließ, von -denen Romanes einige veröffentlichte. Romanes selbst schrieb ein Werk -über »physiologische Zuchtwahl«, eines über »tierische Intelligenz«, -»Vor und nach Darwin«, »eine Prüfung der Lehre Weismanns« u. a. m., -er starb schon am 23. Mai 1894. Romanes zeigt an sich selbst die -eigentümliche Entwicklung, welche das Verhältnis der Naturforschung -zur Religion in den letzten Jahrzehnten genommen hat: von Haus aus dem -Glauben zugethan, wurde er durch die Darwinsche Strömung allgemach zu -vollem Skeptizismus und Unglauben getrieben, aus dem er sich jedoch -wieder emporarbeitete, so daß er sogar als ein gläubiger Christ -gestorben ist. Diese religiöse Entwicklung spiegelt sich nun auch in -seinen religionsphilosophischen Schriften wieder, alle eben genannten -Stufen finden sich in letzteren, und es ist daher im höchsten Grade -interessant, sie zu vergleichen und die stufenweise Rückkehr des -Verfassers zum Glauben zu verfolgen. Die letzte dieser Schriften zu -vollenden und zu veröffentlichen ist dem Entschlafenen leider nicht -vergönnt gewesen. Nach seinem Tode aber hat sein Freund Charles Gore, -Kanonikus an Westminster, in liebevollster Weise die Herausgabe dieser -Schrift, sowie der anderen, die einen Einblick in das innere Leben des -Verfassers gestatten, besorgt. Diese Aufsätze sind vor 3 Jahren unter -dem Titel »_Thoughts on religion_« erschienen und haben innerhalb -zweier Jahre in England sieben Auflagen erlebt. Das Buch verdient es -im höchsten Grade, auch in Deutschland bekannt zu werden, um auch -bei uns in ähnlicher Weise wie die Werke des auch leider zu früh -entschlafenen Drummond ein Zeuge dafür zu sein, daß Glaube und Wissen -keine Gegensätze sind. - -Der Unterzeichnete hat, nachdem er das Buch kennen lernte, die deutsche -Ausgabe um so lieber übernommen, als der Inhalt dieses Buches in -derselben Richtung liegt wie manche seiner eignen Schriften, und er -übergiebt seine Bearbeitung nunmehr der Öffentlichkeit mit dem Wunsche, -daß sie bei seinen naturwissenschaftlichen Fachgenossen ebenso wie bei -anderen zum weiteren Nachdenken anregen möchte. -- Wie die Übersetzung -nicht immer leicht gewesen ist, so wird es auch die Lektüre nicht -immer sein; dieselbe fordert an manchen Stellen Aufmerksamkeit und -Nachdenken, wird aber auch den Leser, der beides nicht scheut, ganz -gewiß reichlich belohnen. - -Die letzten Abschnitte sind Fragmente, die leider unvollendet blieben, -der Verfasser ist eben mitten in der Arbeit an dem Buch und mit ihm -an seinem religiösen Glauben abberufen worden, niemand wird anders -können als mit Canon Gore voller Wehmut bedauern, daß es nur Fragmente -sind. Aber der Übersetzer ist auch überzeugt, niemand wird dieses Buch -aus der Hand legen, ohne ein Gefühl der Verehrung für den edlen Mann, -dessen unbeugsames, »unbefangenes«, reines und selbstloses Streben nach -Wahrheit in ihm so lebhaft und schön zum Ausdruck kommt. - -Einen besonderen Dank möchte ich an dieser Stelle noch dem englischen -Herausgeber Canon Ch. Gore an Westminster für sein lebhaftes Interesse -an der Übersetzung aussprechen, dasselbe zeigte sich auch darin, daß er -eine Korrektur des Druckes gelesen hat. - - Rüngsdorf-Godesberg. _Dr. phil._ =E. Dennert=. - - - - - Einleitung des Übersetzers[1]. - - -Romanes hat mit 25 Jahren 1873 eine Abhandlung geschrieben, in der -er das Verhältnis des Gebets zur Unabänderlichkeit der Naturgesetze -erörtert. Hier zeigt er einen ganz theistischen Standpunkt, ja, er -ist damals sogar noch Anhänger des christlichen Offenbarungsglaubens, -den er mit der Unabänderlichkeit der Naturgesetze zu versöhnen sucht. -Bald nach jener Zeit jedoch muß er sich innerlich merkwürdig schnell -geändert haben, wie das seine anonym im Jahr 1878 veröffentlichte -»Unbefangene Prüfung des Theismus« zeigt. Hier untersucht er mit großer -Gewissenhaftigkeit und Schärfe die Frage nach dem Dasein Gottes. Sein -Gedankengang ist ungefähr folgender: - -Der Theismus erklärt die Welt nicht besser als der Atheismus. Daß -unser Herz einen Gott fordern soll, ist ganz subjektiv und beweist -obendrein auch nicht, daß ein Gott existiert, jedenfalls nicht für -die, deren Herz einen Gott =nicht= fordert. Daß die Menschheit in dem -Glauben an einen Gott übereinstimmt, ist nicht der Fall; daß die Welt -eine =erste= Ursache haben müsse logisch nicht haltbar; ebenso wenig -läßt sich beweisen, daß alle Kausalität einem Willen entspringen -müsse. Auch der Gedanke, daß unser Geist auf einen anderen Geist als -Ursache hinweise, ist (hierbei offenbart sich der Einfluß des damaligen -naturwissenschaftlichen Materialismus auf Romanes) zurückzuweisen, -ebenso die aus »vermeintlicher« Willensfreiheit und sittlichem -Bewußtsein abgeleiteten Argumente: jene existiert nicht, dieses ist das -Ergebnis einer natürlichen Entwicklung (nach Darwin). - -Die Wichtigkeit des aus dem Zweck gefolgerten Beweises für das Dasein -Gottes ist anzuerkennen, trotzdem ist er nicht stichhaltig. Auch -die wundervolle Schönheit und Harmonie des Weltalls läßt sich mit -Notwendigkeit aus der Erhaltung des Stoffes und seinen Eigenschaften -ableiten. So brechen also alle Beweise für das Dasein Gottes scheinbar -hoffnungslos zusammen. Ist der Satz, daß zur Erklärung der Welt eine -intelligente Ursache nötig sei, nun nicht aber doch nur ein solcher, -der höchstens =Wahrscheinlichkeit=, nicht aber =Gewißheit= beansprucht? -Kann höhere Erkenntnis ihn am Ende nicht ganz umstoßen? Ja, es ist -möglich, daß die Wahrscheinlichkeit, die Natur sei ohne Gott, vom -naturwissenschaftlichen Standpunkt aus sehr groß, vom logischen aus -aber ganz wertlos ist; jene Wahrscheinlichkeit ist thatsächlich keine -absolute, und das um so weniger als es in dem Zusammenwirken der -Naturgesetze doch noch einen unerklärbaren Rest giebt, nämlich die -kosmische Harmonie; -- diese Abänderung der Zweckmäßigkeitslehre nennt -Romanes =metaphysische Teleologie=, ihre Grundlage liegt jenseits der -Naturwissenschaft und ist der letzteren ganz unzugänglich. Nun fragt es -sich aber noch, ob diese Grundlage sonst ganz einwandfrei ist, ob also -die metaphysische Teleologie die Harmonie des Weltalls begreiflicher -macht als der Atheismus? Romanes kommt in seiner Untersuchung zu dem -Resultat, daß keine von beiden Erklärungen vor der anderen etwas voraus -habe. Man wird über die Annahme der einen oder der anderen Erklärung -nach seiner sonstigen Gewohnheit zu denken entscheiden müssen. -Gewißheit läßt sich darüber nicht erlangen. Romanes selbst kommt hier -zu einer völligen Verneinung Gottes, allein mit ergreifenden Worten (I, -§ 7) bekennt er, daß damit das Weltall für ihn die »liebenswerte Seele« -verloren habe. - -Zweierlei fällt in dieser Abhandlung besonders auf: der Glaube an das -ausschließliche Recht der naturwissenschaftlichen Methode und der Ton -der Gewißheit. Beides hat sich nachher bei Romanes sehr geändert. Er -hat sich von jener Zeit an wieder mehr und mehr von dem schroffen -Skeptizismus abgewendet; es ist bezeichnend, daß er schon 1885 in der -Schrift »Geist und Bewegung« eine strenge Kritik der materialistischen -Ansicht vom Geist liefert und einem pantheistischen oder auch schon -theistischen Monismus zuneigt. Drei Jahre darauf schrieb Romanes -einige bisher nicht veröffentlichte Artikel über den »Einfluß der -Naturwissenschaft auf die Religion«. Zwei von diesen bilden den zweiten -Hauptabschnitt dieses Buches. Sie enthalten eine Kritik jener anonymen -»Unbefangenen Prüfung des Theismus«, haben aber noch einen ganz -skeptischen Schluß. - -Nach diesen Vorbemerkungen wird ihr Inhalt keine Schwierigkeiten -machen. - - - - - I. - - Einleitung des Herausgebers (Charles Gore) - - und - - Bericht über frühere Arbeiten des Verfassers. - - -=George John Romanes=, der heimgegangene Verfasser von »Darwin und -nach Darwin«, so wie von »Prüfung der Weismannschen Lehre«, nahm in -den letzten Jahrzehnten eine hervorragende Stellung in der Biologie -ein. Aber er beschäftigte sich auch unaufhörlich und je länger desto -mehr mit den Problemen der Metaphysik und Theologie. Bei seinem im -Frühsommer dieses Jahres (1894) erfolgten Tode hinterließ er unter -seinen Papieren einige Notizen, welche zumeist im vorhergehenden Winter -geschrieben und für ein Werk über die Grundfragen der Religion bestimmt -waren. Er hatte angeordnet, daß diese Aufzeichnungen mir gegeben werden -sollten, damit ich mit ihnen nach meinem Dafürhalten verführe. - -Nach seinem Tode wurden sie mir demgemäß zugleich mit einigen noch -nicht veröffentlichten Abhandlungen, von denen zwei den ersten Teil -dieses Buches bilden, eingehändigt. Nachdem ich die Notizen gelesen -und das für mich maßgebende Urteil Anderer über sie gehört habe, trage -ich kein Bedenken, ihren bei weitem größeren Teil zu veröffentlichen -und zwar mit dem Namen des Autors, obwohl das Buch ursprünglich anonym -erscheinen sollte. Nach dem Wenigen, was mir George Romanes selbst -darüber gesagt hat, zweifle ich keinen Augenblick, daß er damit -einverstanden sein würde, wenn die Veröffentlichung nach seinem Tode -unter seinem Namen geschieht. - -Ich sagte, daß ich nach der Lektüre dieser Notizen nicht daran -zweifelte, daß sie veröffentlicht werden sollten. Sie verdienen es -wegen ihres inneren Wertes und auch deshalb, weil sie die religiöse -Denkweise eines Naturforschers beleuchten, der im hohen Grade begabt, -vielseitig gebildet und in seltenem Maße unparteiisch und offenherzig -war. Von allen diesen Eigenschaften legen die Notizen, die ich hiermit -der Öffentlichkeit übergebe, unzweifelhaft Zeugnis ab. - -Nach größeren Bedenken entschloß ich mich, auch die anderen schon -erwähnten, bisher noch ungedruckten Abhandlungen zu veröffentlichen. Da -dieselben einen früheren Standpunkt als jene Aufzeichnungen vertreten, -so setze ich sie natürlich an erste Stelle. - -Die Abhandlungen und die Notizen offenbaren aber beide die Entwicklung -eines Geistes vom Unglauben zum Glauben an die christliche Offenbarung. -Sie zeigen das Streben eines Mannes, der Gott sucht, »ob er doch -ihn fühlen und finden möchte«, nicht den Standpunkt festbegründeter -christlicher Überzeugung. Selbst die Notizen enthalten in der That noch -manches, was ein im Glauben feststehender Mensch nicht aussprechen -könnte. Bei dieser Sachlage muß ich natürlich ein Wort darüber sagen, -wie ich mein Amt als Herausgeber verstanden habe. - -Ich habe die Frage, ob ich diese oder jene Notiz veröffentlichen -sollte, lediglich darnach entschieden, ob sie hinreichend bearbeitet -war, um verständlich zu sein und habe streng jede Frage nach meiner -eignen Übereinstimmung oder Nicht-Übereinstimmung ausgeschlossen. -Besonders bei =einer= Notiz wäre es mir unklar gewesen, ob ich sie -hätte veröffentlichen sollen, hätte meine bestimmte Abweichung von -ihrem Inhalt mich nicht fürchten lassen, daß nur Vorurteile mich -geneigt machten, sie dem Leser vorzuenthalten. Die Notizen samt den -vorhergehenden Abhandlungen sind, denke ich, besser zu verstehen, -wenn ich einige erläuternde Bemerkungen über ihre Vorläufer, d. h. -über Romanes frühere die religiösen Fragen betreffenden Schriften -voranschicke. - -Im Jahre 1873 erhielt George Romanes auf Grund einer Abhandlung den -»Burney-Preis« in Cambridge. Der Gegenstand dieser Abhandlung war das -christliche Gebet in Beziehung zu dem Glauben, »daß der Allmächtige -die Welt nach feststehenden Naturgesetzen regiert.« Sie wurde 1874 mit -einem Anhang über »die physische Kraft des Gebets« veröffentlicht. In -dieser Abhandlung, die Romanes mit 25 Jahren geschrieben hat, zeigten -sich schon die charakteristischen Eigenschaften seines Geistes und -Stils. Da offenbarte sich schon die Liebe zur Wissenschaft, wie man es -ja von einem Naturforscher erwarten kann. Da finden wir die logische -Schärfe und die Vorliebe für exakte Definitionen, auch die natürliche -Frömmigkeit und die Wertschätzung des christlichen Gebets, welche -spätere Reflexionen im Grunde doch niemals ausrotten konnten. Auch -dieser Aufsatz zeugt schon von hervorragender Befähigung. - -Einerseits wird zum Zweck der Beweisführung das Dasein eines -persönlichen Gottes angenommen, desgleichen die Gewißheit der -christlichen Offenbarung, die uns ein Recht zusichert, wenn auch -bedingungsweise und in gewissen Grenzen, doch wirkliche Antworten auf -Gebete um irdische Güter zu erwarten. Andrerseits wird der Glaube als -selbstverständlich angenommen, daß allgemeine Naturgesetze das der -Beobachtung zugängliche Gebiet der Natur beherrschen. - -Dann wird die Frage erörtert: »Wie läßt sich die physische Wirksamkeit -des Gebets, welche der Christ auf Grund der Offenbarung annimmt, mit -der wissenschaftlich erkannten Thatsache vereinbaren, daß Gott die Welt -durch feststehende Naturgesetze regiert?« - -Die Antwort sucht er hauptsächlich dadurch zu geben, daß er die enge -Begrenzung jenes Gebiets mit Nachdruck hervorhebt, innerhalb welcher -wissenschaftliche Forschung angestellt und wissenschaftliche Erkenntnis -erlangt werden kann. Es können besondre göttliche Antworten auf Gebete -selbst im Gebiet der Natur vorkommen --, ja es können sogar als Antwort -auf Gebete Naturkräfte in Erscheinung treten; aber dennoch brauchen sie -nicht Phänomene hervorzubringen, welche die Naturwissenschaft beachten -und als wunderbar und die gewöhnliche Ordnung der Dinge durchbrechend -ansehen müßte. - -An einer Stelle kommen die Notizen auf diese Abhandlung zurück, und -häufiger, wie wir darauf aufmerksam machen werden, wiederholen sich -Gedanken, die schon in jener früheren Abhandlung ausgesprochen, aber -inzwischen verworfen waren. Ich weiß nicht, ob Romanes im Grunde -genommen wirklich von der Spekulation und der Schlußfolgerung seiner -Erstlingsarbeit befriedigt blieb, jedenfalls sah er sich bald nach -der Veröffentlichung jener Abhandlung veranlaßt, die dort zugegebene -Grundlage des Theismus zu verwerfen: Er wandte sich nämlich rasch und -entschieden zu einem skeptischen Standpunkt, auf dem er das Dasein -Gottes überhaupt bezweifelte. - -Die genannte Abhandlung wurde im Jahre 1874 veröffentlicht. Schon 1876 -wenigstens hatte er ein anonymes Werk mit einem gänzlich skeptischen -Schluß geschrieben, der Titel desselben lautete: »Eine unbefangene -Prüfung des Theismus,[2] von Physicus«[3]. - -Da die »Notizen« mit direkter Bezugnahme auf dieses Werk geschrieben -wurden, so scheint mir eine nähere Erörterung seiner Beweisführung -notwendig, und diese finden wir in dem letzten Kapitel des Werkes -selbst, wo der Verfasser die Ergebnisse zusammenfaßt. Ich gebe daher -dieses Kapitel ausführlich wieder.[4] - - * * * * * - -§ 1. Unsre Auseinandersetzung ist nun zu Ende, und wenige Worte werden -genügen, um einen kurzen Ueberblick über die zahlreichen Thatsachen und -Schlüsse zu gewinnen, deren Betrachtung für unsern Zweck nötig war. - -Wir sprachen zuerst von der offenbar thörichten Annahme, daß der Anfang -aller Dinge oder das Geheimnis des Daseins, [d. h. die Thatsache, -daß überhaupt irgend etwas existiert] durch die Theorie des Theismus -irgendwie besser als durch die Theorie des Atheismus erklärt würde. -Dann wurde gezeigt, daß das Argument »unser Herz fordert einen Gott« -deshalb hinfällig ist, weil wir sahen, daß solch eine =subjektive= -Notwendigkeit, selbst wenn sie bewiesen wäre, doch nicht hinreichte, um -=objektiv= die Existenz Gottes zu beweisen oder auch nur wahrscheinlich -zu machen. In Bezug auf das weitere Argument, daß die Thatsache -unseres theistischen Verlangens nach Gott auf Gott selbst als auf ihre -erklärende Ursache hinweise, mußten wir bemerken, daß dasselbe nur dann -zulässig sein könnte, wenn die Möglichkeit der Wirkung natürlicher -Ursachen [eben bei dem Entstehen unsers Verlangens nach Gott] -abgeschlossen wäre. In ähnlicher Weise wurde gefunden, daß das Argument -von der mutmaßlichen, unmittelbar erkannten Notwendigkeit des Gedankens -eines einzelnen Individuums, [d. h. die Behauptung, daß die Menschen -sich nicht von der Überzeugung befreien können, daß Gott existiert], -unhaltbar ist: erstens, weil diese mutmaßliche Notwendigkeit nur für -jenen einzelnen besteht; und zweitens, weil es thatsächlich höchst -unwahrscheinlich ist, daß diese =mutmaßliche= Notwendigkeit eine -=wirkliche= ist, selbst auch nur für den, der sie behauptet, während -sie dies für die große Mehrheit des Menschengeschlechts ganz sicherlich -nicht ist. Da das Argument von der allgemeinen Übereinstimmung der -Menschheit[5] den Thatsachen gegenüber ganz augenscheinlich ein -trügerisches ist, so wurde dieses ohne weitere Besprechung übergangen. -Das Argument ferner: Die Welt =müsse= eine =erste= Ursache haben, -- -enthält einen logischen Selbstmord. Das letzte Argument lautete: Da -der menschliche Wille die Kausalität der Natur beeinflußt, so ist -wahrscheinlich =alle= Kausalität ihrem Wesen nach der Ausfluß eines -Willens. -- Dieses Argument besteht, wie gezeigt wurde, aus einer Reihe -so ungeheuerlicher Schlüsse, daß es wertlos ist. - -§ 2. Bezüglich der weniger oberflächlichen Argumente zu Gunsten des -Theismus zeigte sich zuerst, daß der Vernunftschluß: alle bekannten -Geister stammen von einem unbekannten Geist ab; unser Geist ist ein -bekannter Geist; daher stammt auch er von einem unbekannten Geist ab --- aus zwei Gründen unzulässig ist. Erstens ist es keine Erklärung des -Geistes, wenn man ihn auf einen früheren Geist als seinen Ursprung -zurückführt, und wenn diese Hypothese, falls zulässig, nun auch eine -Erklärung für einen =bekannten= Geist ergeben würde, so ist sie doch -als Beweis für die Existenz eines =unbekannten= Geistes, dessen Annahme -doch ihre Grundlage bildet, ganz nutzlos. Und ferner: Wenn man sagt, -daß der Geist derartig ein Wesen eigener Art ist, daß er entweder aus -sich selbst existiert oder aber einen andern Geist als Ursache haben -muß, so giebt es auch für diese Behauptung keinen wirklich zureichenden -Grund. Das ist der zweite Einwand gegen den obigen Vernunftschluß; -denn nichts in dem ganzen Gebiet des Möglichen könnte unseres Wissens -imstande sein, eine selbstbewußte Intelligenz zu erzeugen. Deshalb -braucht sich ein Gegner des obigen Vernunftschlusses überhaupt keine -Theorie von dem ersten Ursprung aller Dinge zu bilden; aber gerade -gegenüber zu der klaren und bestimmten Lehre des Materialismus ist der -obige Vernunftschluß nicht besonders beweiskräftig. Wohl wissen wir, -daß das, was wir =Kraft= und =Stoff= nennen, allem Anschein nach ewig -ist, wir haben aber hingegen keinen entsprechenden, ebenso sicheren -Beweis dafür, daß ein =Geist= ewig wäre. Ferner ist der Geist, so weit -die Erfahrung reicht, stets mit hochdifferenzierten Kombinationen von -Stoff und Kraft verbunden,[6] und viele Thatsachen beweisen den Schluß, --- keine einzige aber widerspricht ihm -- daß der Grad der Intelligenz -stets von einem entsprechenden Grad der Gehirnentwickelung abhängt -oder doch wenigstens mit ihm verbunden ist. Darnach besteht sowohl -qualitativ als auch quantitativ[7] eine Beziehung zwischen Intelligenz -und Gehirnorganisation. Wenn man dann aber einwirft, daß Materie und -Bewegung kein Bewußtsein hervorbringen konnten, weil dies unfaßbar ist, -so haben wir gesehen, daß dies nichts entscheidet. Es handelt sich hier -ja um etwas zugegebener maßen Transzendentales, auch steht es fest, -daß das Wesen des Geistes unerkennbar sein =muß=, und es ist doch wohl -von vornherein wahrscheinlich, daß die Ursache dieses unerfaßbaren -Wesens viel schwieriger zu erkennen sein wird, als der Inhalt jeder -andern Hypothese, die für den Verstand faßbarer ist. Wenn man auch -sagt, daß die begreiflichere Ursache auch die wahrscheinlichere ist, -so haben wir gesehen, daß man in unserm Fall unmöglich die Gültigkeit -dieses Ausspruchs anerkennen kann. Die Behauptung endlich, daß die -Ursache aktuell schon alles enthalten muß, was ihre Wirkungen enthalten -können, ist logisch unzulässig und wird durch tägliche Erfahrung -widerlegt, während das Argument von der vermeintlichen Willensfreiheit -und der Thatsache des moralischen Sinnes sowohl deduktiv durch die -Entwicklungslehre, als auch induktiv durch die Lehre des Utilitarismus -zurückgewiesen wird. Die Lehre vom freien Willen ist in der That -durchaus unhaltbar[8] und der Beweis dafür, daß der moralische Sinn das -Ergebnis einer völlig natürlichen Entwicklung[9] ist, überwältigend, -und diese Erkenntnis, zu welcher wir aus allgemeinen Gründen gelangten, -wird auch mit unwiderstehlicher Gewalt durch die Darstellung des -menschlichen Gewissens bestätigt, welche die Theorie des Utilitarismus -liefert, und diese gründet sich auf die breitesten und auf ausnahmslos -gültige Induktionen.[10] - -Kurz, wir müssen in Bezug auf das Argument vom Dasein des menschlichen -Geistes sagen, daß ihm jeder nachweisbare Wert fehlt: man ist nicht -berechtigt, den Schluß zu ziehen, daß unser Geist durch einen anderen -Geist hervorgebracht worden ist; mit gleichem Recht könnte geschlossen -werden, er sei durch irgend etwas anderes sonst verursacht. - -§ 3. In Bezug auf das Argument vom Zweck ist zu bemerken, daß -Mills Auseinandersetzung desselben [in seiner Abhandlung über -den Theismus] nur eine Wiederholung desselben Arguments ist, das -schon Paley, Bell und Chalmers aufstellten. Wir sahen, daß der -erstgenannte Schriftsteller den ganzen Gegenstand mit einer Schwäche -und Ungenauigkeit behandelte, welche bei ihm sehr überrascht, -denn während er gar kein Gewicht auf den induktiven Beweis der -organischen Entwicklungslehre legt, nimmt er andererseits anstandslos -eine übernatürliche Erklärung der biologischen Erscheinungen an -und ist überdies merkwürdiger Weise in der Auseinandersetzung des -Zweckarguments selbst fehl gegangen, indem er ebenso wenig wie -alle früheren Schriftsteller beachtete, daß wir ganz unmöglich die -Beziehungen zwischen dem Zwecksetzer und dem Bezweckten wissen; -noch viel weniger können wir von =der= Behauptung ausgehen, daß der -höchste Geist -- seine Existenz einmal angenommen -- die Welt durch -irgend eine besondere Denkoperation hervorgebracht hat. Alle Anwälte -des Zweckarguments haben nicht bemerkt, daß wir, selbst wenn wir von -dem Dasein der Natur auf einen schöpferischen Geist schließen, doch -mit keinem Schatten eines Rechts folgern dürfen, daß dieser Geist -seine schöpferische Kraft nur durch irgend eine Denkoperation habe -ausüben können. Wie thöricht muß es daher sein, die vermeintliche -Gewißheit solcher Denkoperation zu einem Beweise für das Dasein -eines Schöpfergeistes selbst zu erweitern! Wenn aber ein Theist -erwidert, es sei von geringer Bedeutung, ob wir die Art und Weise, -=wie= die Schöpfung vor sich ging, erraten können, wenn nur die -Thatsachen bezeugen, daß die Naturerscheinungen aus irgend einer -höchsten Intelligenz als letzter Ursache herzuleiten sind, -- dann -bin ich der erste, der dem zustimmt. Es ist mir von jeher eine der -unbegreiflichsten Thatsachen in der Geschichte der Spekulation gewesen, -daß so viele maßgebende Gelehrten den Zweck als einen Beweis für den -Theismus ansehen, wissen sie doch alle sehr wohl, daß sie keine Mittel -haben, das Wesen des höchsten Geistes zu erkennen, dessen Dasein das -Argument erweisen soll. In Wahrheit kann und darf sich das Argument -vom Zweck nur einzig und allein auf die der Beobachtung zugänglichen -Thatsachen der Natur stützen, es darf aber nicht auf die geistigen -Prozesse, durch welche diese Thatsachen vermutlich zu erklären sind, -bezugnehmen. Bei dem gegenwärtigen Stand unsrer Erkenntnis müssen wir -dann aber an Stelle des Zweckarguments in seiner groben, von Paley -herrührenden Form das Argument von der allgegenwärtigen Wirkung des -Naturgesetzes setzen. - -§ 4. Das Zweckargument[11] sagt: es muß einen Gott geben, weil -der Bau eines organisierten Gebildes einen geistigen Prozeß[12] -voraussetzt. Das aus der allgegenwärtigen Wirkung der Naturgesetze -gefolgerte Argument besagt: »es muß einen Gott geben, weil der Bau -eines organisierten Gebildes =schließlich= auf eine Intelligenz -zurückzuführen ist.« Jedes organische Gebilde zeigt nämlich mehr oder -weniger verwickelt das Prinzip der Ordnung, jedes Ding ist ferner -mit allen andern Dingen zu einer allgemeinen Naturordnung verbunden. -Wegen dieser Allgemeinheit der Ordnung ist es unvernünftig, die -Zufalls-Hypothese auf das Weltall anzuwenden. »Wir mögen von einer -höchsten Ursache denken, was wir wollen, die Thatsache bleibt bestehen, -daß aus ihr ununterbrochen ein unmittelbarer Einfluß ausgeht und -zwar so verblüffend, großartig und exakt, wie es nur unsrer höchsten -Vorstellung von der Gottheit würdig ist.«[13] Dieses Argument haben -wir mit den Worten von Prof. Baden Powell folgendermaßen erläutert: -»Was Vernunft und Denken erfordert, um verstanden zu werden, muß selbst -Vernunft und Denken sein. Was nur der Geist erforschen oder ausdrücken -kann, muß selbst Geist sein. Und wenn der höchste Begriff, den man -von einem zu erforschenden Geist oder einer zu erforschenden Vernunft -erlangt, nur unvollkommen ist, dann sind beide größer als der Geist -und die Vernunft dessen, der sie erforscht. Wenn mit der gründlichen -Erforschung der dadurch offenbarte notwendige Zusammenhang der Dinge um -so ausgedehnter und komplizierter wird, dann wird auch die Größe und -der Umfang der Vernunft, die sich derartig doch immer nur teilweise -offenbart, um so augenscheinlicher; auch wird es dann sicherer, daß sie -wirklich in der unwandelbar verbundenen Ordnung der Dinge unabhängig -von dem Geist des Forschers existiert.« Dieses aus einem universellen -Kosmos gefolgerte Argument hat den Vorteil, daß es durchaus unabhängig -von der Art und Weise ist, wie die Dinge das wurden, was sie jetzt -sind. Es wird also von der Annahme einer Entwicklung nicht berührt. Bis -vor kurzem schien es daher thatsächlich auch unantastbar zu sein.[14] - -»Wir sind aber nichtsdestoweniger zu dem Bekenntnis gezwungen, daß -seine scheinbare Stichhaltigkeit vor der unbestreitbaren Thatsache zu -nichte wird, daß jedes Naturgesetz, wenn Kraft und Stoff seit Ewigkeit -gewesen sind, ganz natürlich entstanden sein muß. ... Man darf keinen -Augenblick daran zweifeln, daß die wundervolle Schönheit und Harmonie -der Natur notwendig und unvermeidlich aus der Erhaltung der Kraft und -aus den Ureigenschaften des Stoffes folgen, gerade so zweifellos wie -der Satz, daß die Kraft erhalten wird oder daß der Stoff Ausdehnung -besitzt oder undurchdringlich ist.[15] ... Man wird sich erinnern, -daß ich diese Wahrheit lange und mit großem Ernst erörterte, nicht -allein weil sie in Rücksicht auf unsern Gegenstand so unermeßlich -wichtig ist, sondern auch, weil kein anderer sie bis jetzt in diesem -Zusammenhange erörtert hat.« Es wurde auch auseinandergesetzt, daß -der Zusammenhang und die Übereinstimmung des Makrokosmos des Weltalls -mit dem Mikrokosmos des menschlichen Geistes daraus entspringen kann, -daß der menschliche Geist nur ein Produkt der allgemeinen Entwicklung -ist; denn seine subjektiven Beziehungen werden notwendiger Weise jene -äußeren Beziehungen, deren Produkt sie selbst sind, wiederspiegeln.[16] - -§ 5. Unsere weitere Erörterung milderte indessen den unerbittlich -strengen Schluß aus dem gänzlichen und hoffnungslosen Zusammenbruch -aller etwa möglichen Beweise zu Gunsten des Theismus. Als wir nämlich -ausführlich dargelegt hatten, daß es nicht einmal einen Schatten eines -positiven Beweises zu Gunsten der theistischen Theorie giebt, da -entstand die Gefahr, daß manche nun irrtümlicher Weise weiter schließen -könnten: aus diesem Grunde sei die theistische Theorie selbst falsch. -Es war nun also noch folgendes zu erwägen: wenn auch die Natur nach dem -Stande unserer heutigen Erkenntnis keiner intelligenten Ursache zur -Erklärung irgend einer ihrer Erscheinungen bedarf, sollten wir dann -nicht bei =höher entwickelter= Erkenntnis möglicher Weise doch einmal -entdecken können, daß die Natur ihr Dasein doch einer intelligenten -Ursache verdanken muß? Die Wahrscheinlichkeit, daß eine intelligente -Ursache unnötig ist, um irgend eine Naturerscheinung zu erklären, ist -dann nicht größer als die andere, daß die Lehre von der Erhaltung der -Kraft überall und zu allen Zeiten gegolten hat. - -Zum Schluß unserer Auseinandersetzung verließen wir daher ganz das -Gebiet der Erfahrung, wir ließen sogar die eigentlichen Grundlagen -der Naturwissenschaft und damit auch die sicherste aller relativen -Wahrheiten außer Acht und verlegten unsere Untersuchung in die -transzendentale Region rein formaler Betrachtungsweise. Und hier -stellten wir die Regel auf: »daß sich der Wert irgend einer -Wahrscheinlichkeit im letzten Grunde nach der Zahl, der Wichtigkeit -und der Bestimmtheit ihrer bekannten Beziehungen, verglichen mit ihren -unbekannten Beziehungen richtet«, und daraus folgerten wir, daß in -Fällen, wo die unbekannten Beziehungen zahlreicher, wichtiger oder -unbestimmter sind als die bekannten, der Wert unserer Folgerung um so -geringer ist. Aus dieser Regel ergiebt sich aber Folgendes: da das -Problem des Theismus das am weitesten zurückgehende aller Probleme ist -und daher in seinen unbekannten Beziehungen alles für den Menschen -Unbekannte und Unerkennbare enthält, so müssen diese Beziehungen -für die unbestimmtesten von allen erklärt werden, die ein Mensch je -betrachten kann; und obgleich wir die ganze Erfahrungsreihe, von der -aus wir argumentieren können, vor uns haben, so sind wir aus jenem -Grunde dennoch unfähig, den wahren Wert irgend eines solchen Argumentes -abzuschätzen. Da die unbekannten Beziehungen in der von uns versuchten -Induktion sowohl hinsichtlich ihrer Anzahl als auch ihrer Wichtigkeit -im Vergleich mit den bekannten Beziehungen durchaus unbestimmt sind, so -ist es für uns unmöglich, irgend eine Wahrscheinlichkeit für oder wider -das Dasein Gottes zu erlangen. - -Obgleich wir daher gewißlich, soweit menschliche Wissenschaft -vordringen und menschliches Denken Schlüsse ziehen kann, keinen -Beweis für einen Gott finden können, so haben wir doch noch -nicht das Recht, daraus zu schließen, es gäbe keinen Gott. Mag -daher die Wahrscheinlichkeit, daß die Natur ohne Gott ist, vom -naturwissenschaftlichen Gesichtspunkt aus noch so groß sein, ja, sich -naturwissenschaftlich geradezu beweisen lassen, -- so ist dies dennoch -vom logischen Gesichtspunkt aus durchaus wertlos. Obgleich es so sicher -ist wie die Grundlage aller Naturwissenschaft und aller Erfahrung, daß -die Annahme des Daseins Gottes, wenn er wirklich existiert, als Ursache -des Weltalls überflüssig ist, so kann es dennoch wahr sein, daß das -Weltall nie existiert haben würde, wenn es keinen Gott gäbe. - -Diese formalen Betrachtungen beweisen dann folgerichtig, daß wir trotz -aller =relativ= großen Wahrscheinlichkeit zu Gunsten des Atheismus doch -kein Recht haben, diese =Wahrscheinlichkeit= als absolute =Gewißheit= -zu betrachten. Daraus entsteht die Möglichkeit eines anderen Arguments -zu Gunsten des Theismus -- oder wir wollen lieber sagen: die -Möglichkeit der Wiederaufnahme des teleologischen Beweises in anderer -Form. Denn wenn man sagen kann, daß diese formalen Betrachtungen wohl -einen absoluten, aber keinen relativen Schluß für oder wider die -Gottheit ausschließen, und wenn also doch noch einige theistische -Deduktionen übrig bleiben, die füglich aus der Erfahrung gezogen -werden dürfen, so können diese jetzt in Anschlag gebracht werden, um -den atheistischen Folgerungen aus dem Gesetz von der Erhaltung der -Kraft die Wage zu halten. -- Denn wenn unsere letzten Deduktionen auch -klar gezeigt haben, daß das Dasein Gottes vom naturwissenschaftlichen -Standpunkt aus überflüssig erscheint, so haben die formalen -Betrachtungen nicht weniger klar jenseits der naturwissenschaftlichen -Sphäre einen möglichen Platz für das Dasein Gottes erschlossen, so daß -wir, wenn durch Erfahrung irgend welche Thatsachen beigebracht werden -können, zu deren Erklärung die atheistischen Deduktionen ungenügend -erscheinen, berechtigt sind, dieselben wenigstens relativ durch die -theistische Hypothese zu begründen. Und es muß zugestanden werden, -daß wir solch einen unerklärbaren Rest in dem Zusammenwirken der -Naturgesetze bei der Entstehung der kosmischen Harmonie finden. - -Es macht gar nichts aus -- so kann man bei diesem Argument fortfahren --- daß wir unfähig sind, die Art und Weise zu erkennen, wie der -vermeintliche Geist bei der Erschaffung der kosmischen Harmonie etwa -verfahren hat, auch bedeutet es nichts, daß sein Handeln jetzt in -ein Gebiet jenseits der Naturwissenschaft verbannt werden muß. Wohl -aber ist es wichtig, daß wir bei einem Blick auf die Natur als ein -Ganzes unmöglich den Umfang und die Mannigfaltigkeit ihrer Harmonie -begreifen können, wenn wir sie nicht als Wirkung einer intelligenten -Ursache anerkennen. Diese geläuterte Form des teleologischen Arguments -nannte ich dann »=metaphysische Teleologie=«, um sie scharf von -allen früheren Formen jenes Beweises zu unterscheiden, die ich im -Gegensatz dazu als naturwissenschaftliche Teleologie bezeichnete. -Der Unterschied aber ist folgender: während alle früheren Formen -der Teleologie auf einer Grundlage beruhten, welche nicht jenseits -des Bereichs der Naturwissenschaft lagen und daher der Möglichkeit -naturwissenschaftlicher Widerlegung ausgesetzt waren, kann das -metaphysische System der Teleologie niemals naturwissenschaftlich -widerlegt werden, weil es eben auf einer Grundlage beruht, die -der Naturwissenschaft völlig unzugänglich ist. Daß aber dieses -metaphysische System der Teleologie auf einer solchen Grundlage beruht, -ist unbestreitbar, denn während es die größten Wahrheiten anerkennt, -welche die Naturwissenschaft jemals erlangen kann, nämlich das Gesetz -von der Erhaltung der Kraft und den sich aus ihm mit Notwendigkeit -ergebenden Ursprung des Naturgesetzes, -- so wird es doch trotz alledem -der zwingenden Thatsache gerecht, daß der Geist auf diese Weise als -letzte Ursache der Dinge noch nicht aus der Welt geschafft ist, wie -auch der anderen, daß, wenn die Naturwissenschaft verlangt, die -Wirkung eines Gottesgeistes in eine jenseits ihres Gebiets liegende -Region zu versetzen, dieselbe dann auch wirklich hierhin verlegt -werden muß. Diese Behauptung erscheint im ersten Augenblick ohne -Zweifel willkürlich, da die Naturwissenschaft ihrer ja, soweit sie auch -vordringen mag, überhaupt nicht bedarf, -- weil die kosmische Harmonie -als eine physikalisch notwendige Folgerung aus der vereinten Thätigkeit -der Naturgesetze und diese wiederum als eine physikalisch notwendige -Folgerung aus der Erhaltung der Kraft und den primären Qualitäten -der Materie folgt. Aber wenn auch unbestreitbar wahr ist, daß die -metaphysische Teleologie, naturwissenschaftlich betrachtet, durchaus -willkürlich ist, so möchte sie doch, psychologisch betrachtet, nicht -ganz willkürlich sein. Wenn es also verständlicher ist, daß im Geist -die letzte Ursache der Weltharmonie liegt und nicht in der Erhaltung -der Kraft, dann ist es nicht unvernünftig, die begreiflichere Hypothese -an Stelle der weniger begreiflichen anzunehmen, vorausgesetzt, daß -diese Wahl mit aller Vorsicht vorgenommen wird. - -Ich schließe also, daß die Hypothese der metaphysischen Teleologie, -wenn auch im physikalischen Sinn willkürlich, im psychologischen Sinn -berechtigt sein mag. Aber gegen die Grundlage, auf der dieses Argument -allein ruhen kann -- daß nämlich das Grund-Postulat des Atheismus -unbegreiflicher ist als das des Theismus -- giebt es, wie wir sahen, -noch zwei wichtige Einwände. - -Erstens: Der Sinn, in welchem hier das Wort »=unbegreiflich=« gebraucht -wird, ist der, daß man zwar den betreffenden Gedanken nicht mit -Thatsachen begründen, ihn wohl aber als im übrigen möglich erweisen -kann. In demselben Sinn, wenn auch in geringerem Maße, ist es wahr, -daß die Verwicklung der menschlichen Organisation und ihrer Funktionen -unbegreiflich ist; aber hier hat das Wort »unbegreiflich« bei einem -Beweis viel geringeres Gewicht als in seinem eigentlichen Sinn. Ohne -daher weiter darüber zu disputieren, inwiefern man berechtigter Weise -die »Unbegreiflichkeit« einem Einwand gegenüber, der doch von einer -großen Menge wissenschaftlicher Beweise gestützt wird,[17] ins Feld -führen darf, gingen wir zu dem zweiten Einwand gegen die Grundlage der -metaphysischen Teleologie über. Dieser war folgender: es ist ebenso -unmöglich, die Weltharmonie als Wirkung eines Geistes [d. h. eines -Geistes, wie =wir= ihn aus Erfahrung kennen] oder als Wirkung einer -vom Geist losgelösten Entwicklung zu begreifen. Das Argument von der -Unbegreiflichkeit kann daher in seiner Anwendung ebenso verhängnisvoll -für den Theismus wie für den Atheismus werden. - -Die geläuterte Form der Teleologie, welche wir hier erörterten und -welche wir als das letzte noch mögliche Argument zu Gunsten des -Theismus erkannten, begegnet also auf ihrem eigenen Gebiet einem sehr -gefährlichen Gegner: Durch ihren metaphysischen Charakter ist sie dem -Widerspruch der Naturwissenschaft entgangen, um sofort einen neuen -Widerspruch in der Region der reinen Psychologie, in die sie geflohen -ist, zu finden. Zum Schluß unsrer ganzen Untersuchung waren wir -daher gezwungen, die relative Bedeutung dieser feindlichen Mächte zu -untersuchen. Dabei bemerkten wir zuerst Folgendes: wenn die Verteidiger -der metaphysischen Teleologie von vornherein der Methode, nach welcher -die Entstehung des Naturgesetzes aus dem Gesetz von der Erhaltung der -Kraft abgeleitet wurde, vorwerfen, daß sie eine unerlaubte Analogie -verlange, dann steht es einem Atheisten auch frei, die Methode, -nach welcher ein lenkender Geist aus der Thatsache die Weltharmonie -hergeleitet wurde, zu beschuldigen, daß sie eine unerkennbare Ursache -fordere -- und zwar eine Ursache, wie sie der menschliche Geist -stets mit besonderer Vorliebe [aber stets irrtümlicher Weise -- Der -Übersetzer] als Ursache der Naturerscheinungen angesehen hat. - -Aus diesen Gründen schloß ich daher, daß beide Theorien, was ihren -von der Erfahrung losgelösten Standpunkt betrifft, als gleich -verdächtig angesehen werden müssen. Und ähnlich ist es auch mit ihrem -Standpunkt, soweit er auf Erfahrung begründet ist; denn da beide -Lehren wenigstens =einen= allgemeinen Satz einschließen müssen, so -müssen beide in gleicher Weise für durchaus unbegreiflich erklärt -werden. Doch, wenn schließlich die Frage an mich heranträte, welche -von beiden Theorien ich für die vernünftigere hielte, so bemerkte -ich schon, daß sie kein Mensch für einen andern beantworten kann. -Denn da dies Zeugnis absoluter Unbegreiflichkeit für beide Theorien -verhängnisvoll ist, so kann die Wahl zwischen beiden nur durch das -entschieden werden, was ich als relative Unbegreiflichkeit bezeichnet -habe -- d. h. jeder Mensch muß hier nach seiner individuellen Ansicht -von Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit entscheiden, und dies -wird durch seine sonstige Gewohnheit zu denken bestimmt. Wie das -Zeugnis relativer Unbegreiflichkeit in dieser Frage berechtigterweise -mit dem Charakter des betreffenden Menschen wechseln wird, so wird auch -die streng rationelle Wahrscheinlichkeit in der Frage, auf welche es -angewendet wird, wechseln. Die einzige Alternative, die einem Menschen -hier also bleibt, ist die: entweder nimmt er den Standpunkt des reinen -Skeptizismus an, und dann muß er sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch -die Unwahrscheinlichkeit, daß es einen Gott giebt, zurückweisen, oder -aber er entscheidet sich für eine Annahme bezw. für eine Verwerfung -Gottes, je nachdem seine sonstige Art zu denken diese Entscheidung ihm -in der einen oder andern Richtung leichter gemacht hat. Und wenn ich -auch unter diesen Umständen =den= für den vernünftigeren Mann halten -würde, der mit seinem Urteil hierbei sorgfältig zurückhält, so muß ich -doch sagen, daß hierbei weder der metaphysische Teleologe noch der -naturwissenschaftliche Atheist bezüglich ihres vernunftgemäßen Denkens -einen höheren Standpunkt als der andere hat. Denn da unzweifelhaft -auf der einen Seite die formalen Bedingungen einer metaphysischen -Teleologie und auf der anderen Seite ebenso die eines spekulativen -Atheismus erfüllt sind, so wird es in beiden Fällen ein logisches -Vakuum geben, in welchem das Gedankenpendel frei nach jeder Richtung -schwingen kann, je nachdem es der sonst gewohnte Gedankengang bestimmt. - -§ 6. Das also ist das letzte Ergebnis unserer Untersuchung, und -wenn man die abstrakte Natur des Gegenstandes in Erwägung zieht, -sowie die große Verschiedenheit der Meinungen, welche zur Zeit -hierin herrscht, wie auch die verwirrende Zahl guter, schlechter und -indifferenter Litteratur auf beiden Seiten, -- ich sage, wenn man -dies alles in Erwägung zieht, so glaube ich nicht, daß das Resultat -unsrer Untersuchung berechtigterweise des Mangels an Präzision -beschuldigt werden kann. In einer Zeit wie der jetzigen, in welcher -der überlieferte Gottesglaube so allgemein angenommen und seine -breite induktive Grundlage als selbstverständlich angesehen wird, -soll diese kurze Abhandlung zeigen, wie außerordentlich präzis die -naturwissenschaftliche Auffassung des Gegenstandes in Wahrheit ist, -und dann wird sie mehr als die bisherige einschlägige Litteratur -die meisten Leser über die nach dem gegenwärtigen Stand der Frage -möglichen Auffassungen aufklären. Wenn ich auf den heutigen Zustand -der spekulativen Philosophie blicke, so war es doch höchst nötig, -einmal klar zu zeigen, daß der Fortschritt der Naturwissenschaften die -Hypothese vom Wirken eines Geistes in der Natur sicherlich als ganz -überflüssig erweist, und zu erweisen, daß dies ebenso gewiß ist wie -die wissenschaftliche Lehre von der Erhaltung der Kraft und von der -Unzerstörbarkeit der Materie. - -Wenn andrerseits jemand beklagen sollte, daß die logische Behandlung -der Frage sich nicht so ganz unzweideutig sicher erwiesen hat wie die -naturwissenschaftliche, dann muß ich ihm zu bedenken geben, daß in -jeder Sache, die keine wirkliche Demonstration zuläßt, notwendig ein -gewisser Spielraum für die Verschiedenheit der individuellen Meinung -bleiben muß. Wer dieses erwägt, wird gewiß nicht darüber klagen, daß -ich in diesem Falle nicht alles gethan hätte, um den Charakter und die -Grenzen dieses Spielraumes so scharf wie möglich zu bestimmen. - -§ 7. Und nun zum Schluß habe ich das Bedürfnis festzustellen, daß ich -von früher her dem Theismus zuneige und daß es mich unfraglich auf -die Seite des traditionellen Glaubens zieht. Es ist daher für mich -äußerst traurig, daß ich mich gezwungen fühle, die hier gezogenen -Schlüsse anzunehmen, und nichts würde mich vermocht haben, sie zu -veröffentlichen, wäre ich nicht der festen Überzeugung, daß es die -Pflicht eines jeden Gliedes der menschlichen Gesellschaft ist, -seine Mitmenschen an seiner Arbeit teilnehmen zu lassen, welches -auch immer ihr Wert sein mag. Gerade weil es mir feststeht, daß die -Wahrheit schließlich doch das Beste für die Menschheit sein muß, bin -ich auch überzeugt, daß jedes einzelnen Bestreben, sie zu finden, -vorausgesetzt, daß es unbeeinflußt und aufrichtig ist, ohne Zögern -Gemeingut der Menschheit werden darf ohne Rücksicht auf die Folgen, -welche die Veröffentlichung haben kann. So weit es sich dabei um die -Vernichtung persönlichen Glückes handelt, kann niemand schmerzlicher -als ich die möglicherweise traurige Wirkung meines Werks empfinden. -So weit ich selbst dabei in Betracht komme, ist dies das Ergebnis -meiner Auseinandersetzung: mag ich nun das Problem des Theismus von -der niedrigeren Stufe streng relativer Wahrscheinlichkeit oder von -der höheren Stufe rein formaler Betrachtungsweise aus behandeln, -so erscheint es mir doch immer als unverkennbare Pflicht, allen -Glauben, auch den nach meiner Ansicht edelsten, zu unterdrücken und -meinen Verstand in Bezug auf diese Frage an die Stellung des reinen -Skeptizismus zu gewöhnen. Und wie ich weit davon entfernt bin, denen -zustimmen zu können, welche die Zwielicht-Lehre vom »neuen Glauben«, -als einen begehrenswerten Ersatz für den dahinschwindenden Glanz -des »alten« ausgeben, schäme ich mich des Bekenntnisses nicht, daß -mit dieser völligen Verneinung Gottes das Weltall für mich seine -liebenswerte Seele verloren hat; freilich, von jetzt ab wird die -Vorschrift: »wirke, so lange es Tag ist!« zweifellos für mich eine nur -um so größere Gewalt haben, angesichts der schrecklich ergreifenden -Worte: »es kommt die Nacht, da niemand wirken kann«. Aber wenn ich zu -Zeiten daran denke -- und ich muß daran denken -- wie überwältigend der -Kontrast zwischen der heiligen Glorie jenes Glaubensbekenntnisses, das -einst mein war, und dem einsamen Geheimnis des Daseins ist, wie ich es -jetzt besitze -- zu solchen Zeiten, sage ich, ist es mir unmöglich, -Herr zu werden über den tiefsten Schmerz, dessen mein Inneres fähig -ist. Mag es nun daran liegen, daß mein Erkenntnisvermögen noch nicht -hinreichend vorgeschritten ist, oder mag es auf die Erinnerung an jene -geheiligten Gedankengänge zurückzuführen sein, welche =mir= wenigstens -die süßesten sind, die das Leben je geben kann -- jedenfalls muß ich -sagen, daß für mich und für andere, die wie ich denken, eine furchtbare -Wahrheit in jenen Worten Hamiltons liegt: -- Weil nun die Philosophie -zu einer Betrachtung nicht nur des Todes, sondern sogar der gänzlichen -Vernichtung geführt hat, so ist die Vorschrift: »erkenne dich selbst« -zu jenem schrecklichen Orakel geworden, das dem Ödipus zuteil wurde: -»Wohl dem, der seines Daseins Rätsel niemals löst.« - - * * * * * - -Diese Auseinandersetzung wird hinreichen, um ein Bild von dem -Hauptargument der »Unbefangenen Prüfung« und von ihren traurigen -Schlußfolgerungen zu geben. Was hierbei dem etwas kritischen Leser am -meisten auffallen wird, ist: 1) der Ton der Gewißheit und 2) der Glaube -an das fast ausschließliche Recht der naturwissenschaftlichen Methode -vor dem Forum der Vernunft. Als Beweis für das erstere möchte ich die -folgenden, kurzen Zitate anführen. - -Seite 11. »Von möglichen Irrtümern im Raisonnement abgesehen, muß die -von uns hier auseinandergesetzte Stellung des Theismus der Vernunft -gegenüber ohne wesentliche Modifikation bestehen bleiben, so lange -unser Erkenntnisvermögen ein menschliches bleibt.« - -Seite 24. »Ich kann durchaus nicht verstehen, wie heute ein -Zeitgenosse, der auch nur mit den bescheidensten Kräften abstrakten -Denkens begabt ist, die Lehre vom freien Willen annehmen kann.« - -Seite 64. »Ohne Zweifel haben wir gar keine Wahl: wir müssen schließen, -daß die Annahme eines Geistes in der Natur nach unserer logischen -Prüfung ganz bestimmt ebenso überflüssig ist, wie die Grundlage aller -Naturwissenschaften gewißlich wahr ist. Es kann auch länger kein -Zweifel darüber bestehen, daß das Dasein Gottes zur Erklärung irgend -einer Erscheinung des Weltalls ebenso unnötig ist, wie es zweifellos -feststeht, daß meine Feder auf den Tisch fallen wird, wenn ich sie -loslasse.« - -Als Beweis für den zweiten auffallenden Punkt möchte ich ein Zitat aus -dem Vorwort anführen: - -»Mir ist es daher unmöglich, dem folgenden Gedanken mich zu entziehen: -wenn man den unzweifelhaften Vorrang der naturwissenschaftlichen -Methode als Wegweiser zur Wahrheit bei der Frage, ob es einen Gott -giebt oder nicht, in Erwägung zieht, dann wird diese Frage sicherlich -moralischer und pietätvoller untersucht, wenn wir sie bloß als ein zu -lösendes Problem der methodischen Analyse ansehen, als wenn wir sie in -irgend einem andren Lichte betrachten.« - -In Bezug auf die beiden genannten Punkte, ist der Wechsel in Romanes -Gesinnung, wie er sich in den »Notizen« ausspricht, sehr deutlich.[18] - -Wann George Romanes anfing sich von den Schlüssen der »Unbefangenen -Prüfung« zu befreien, kann ich nicht sagen. Aber nach einem Zeitraum -von 10 Jahren finden wir -- in seiner »Rede«-Vorlesung vom Jahre -1885[19] -- eine große Veränderung in seiner Geistesrichtung. Diese -Vorlesung über »Geist und Bewegung« ist eine strenge Kritik der -materialistischen Ansicht vom Geist. Andrerseits wird hier der -»Spiritualismus« -- oder die Theorie, die den Geist als Ursache der -Bewegung voraussetzen möchte -- vom naturwissenschaftlichen Standpunkt -aus als zwar nicht unmöglich, aber unbefriedigend bezeichnet; -wahrscheinlicher erscheint ihm ein Monismus ähnlich dem Brunos, -nach welchem »Geist und Bewegung« koordinierte und wahrscheinlich -gleichwertige Ansichten einer und derselben allgemeinen Thatsache sind, -ein Monismus, der Pantheismus genannt, aber auch als eine Erweiterung -theistischer Ansichten angesehen werden könnte[20]. - -Den Standpunkt, welcher in dieser Schrift zum Ausdruck kommt, kann man -deutlich aus ihrem Schluß ersehen: - -»Wenn der Fortschritt der Naturwissenschaft uns nun beständig dazu -führt, daß es keine Bewegung ohne Geist giebt, müssen wir dann nicht -erkennen, daß dadurch jene an sich schon unabhängige Schlußfolgerung -der Geisteswissenschaft ganz unabhängig von ihr bestätigt wird? Ich -meine die Schlußfolgerung, daß es kein Sein ohne Erkennen giebt. Mir -wenigstens scheint es, als wenn die Zeit gekommen wäre, in der wir -gleichsam in aufdämmerndem Licht erkennen können, daß das Studium der -Natur und das Studium des Geistes in dieser größten aller Wahrheiten -zusammen treffen. Und wenn dies der Fall ist, -- wenn es keine Bewegung -ohne Geist, kein Sein ohne Erkennen giebt, -- sollen wir dann mit -Clifford den Schluß ziehen, daß das universelle Sein ohne Geist sei, -oder dogmatisch die erstaunlichste von allen Fragen verneinen: »Besitzt -der Allerhöchste eine Erkenntnis?« Wenn es keine Bewegung ohne Geist, -kein Sein ohne Erkennen giebt, wollen wir dann nicht lieber mit -Bruno den Schluß ziehen, daß wir =in= dem Medium des Geistes und der -Erkenntnis leben, weben und sind? - -Nach dieser Richtung hin zielen, denke ich, alle Folgerungen, wenn -wir die logischen Bedingungen sorgfältig und mit vollkommener -Unparteilichkeit erwägen. Doch die weitere Frage bleibt dann, ob es -hier, so weit die Naturwissenschaft in Betracht kommt, überhaupt -möglich ist, eine Folgerung zu ziehen: der ganze Kreis menschlicher -Erkenntnis möchte doch vielleicht zu eng sein, um eine Parallaxe für -so ungeheure Messungen zu gestatten. Aber wenn wirklich die Stimme -der Naturwissenschaft derartig gezwungenermaßen die Sprache des -Agnostizismus sprechen muß, dann wollen wir doch wenigsten dafür -sorgen, daß diese Sprache =rein= ist[21]. Laßt uns keine Barbarei von -Seiten des angreifenden Dogmas[22] dulden. Dann werden wir sehen, daß -diese neue Grammatik des Denkens durchaus keine Konstruktionen zuläßt, -welche ehrwürdigeren Denkweisen durchaus entgegengesetzt wären; und -dies selbst dann nicht, wenn wir sehen, daß sich jene oft zitierten -Worte, in denen diese Thatsache zuerst formuliert wurde, nicht gerade -mit besonderer Überzeugung auf seine jüngsten Dialekte anwenden -lassen, daß nämlich »eine oberflächliche Kenntnis der Physiologie und -Psychologie die Menschen zum Atheismus führt, eine tiefere Kenntnis von -beiden und noch mehr, ein tieferes Nachdenken über ihre Beziehungen -zu einander, die Menschen zu irgend einer Religionsform zurückführen -muß«[23], die wenn auch unbestimmter, doch würdiger sein mag, als -diejenige früherer Tage«. - -Einige Zeit vor dem Jahre 1889 wurden für das »Nineteenth Century« -drei Artikel über den Einfluß der Naturwissenschaft auf die Religion -geschrieben. Sie sind nie veröffentlicht worden, warum kann ich -nicht sagen. Ich hielt es aber für angebracht, die beiden ersten als -ersten Teil dieses Buches drucken zu lassen, einmal weil sie -- mit -George Romanes eigenem Namen unterschrieben -- eine wichtige Kritik -der »Unbefangenen Prüfung«, die er doch anonym veröffentlicht hatte, -enthalten, und dann auch darum, weil sie mit ihrem durchaus skeptischen -Ergebnis sehr klar eine besondere Stufe in der geistigen Entwicklung -ihres Verfassers kennzeichnen. - -Wer nun diese Einleitung gelesen hat, wird die Vorläufer der -vorliegenden Schriften verstehen. Was noch zur weiteren Einführung in -die »Notizen« selbst zu bemerken übrig bleibt, mag lieber später gesagt -werden. - - C. G. - - - - - II. - - Der Einfluß der Naturwissenschaft auf die Religion. - - - I. - -Ich habe mir vorgenommen in einer Reihe von drei Abhandlungen den -Einfluß der Naturwissenschaft auf die Religion zu untersuchen. Hierbei -werde ich versuchen, mich auf eine streng verstandesgemäße Behandlung -des Gegenstandes zu beschränken, ohne zu irgend welchen Fragen des -Gefühls abzuschweifen. Überdies werde ich in erster Linie die Art und -den Grad des Einflusses berücksichtigen, welchen die Naturwissenschaft -in der Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat, um alsdann klar zu -stellen, wie weit sich dieser Einfluß wahrscheinlich in der Zukunft -ausdehnen wird. Die ersten beiden Abhandlungen sollen dem bisherigen -und dem voraussichtlich noch kommenden Einfluß der Naturwissenschaft -auf die =natürliche= Religion und die dritte dem bisherigen und dem -voraussichtlich noch kommenden Einfluß der Naturwissenschaft auf die -=geoffenbarte= Religion gewidmet sein.[24] - -Wenige Fragen haben in den letzten Jahren so viel Interesse erregt wie -die, welche ich hier zur Untersuchung ausersehen habe. Dies kann kaum -überraschen, wenn man beachtet, daß der in Frage stehende Einfluß nicht -allein ein sehr unmittelbarer, sondern auch ein in jeder Beziehung -ungemein wichtiger ist. Generationen und Jahrhunderte hindurch besaß -die Religion eine unbestrittene Macht über den menschlichen Geist, -wenn auch nicht immer als ein praktischer Ratgeber in Sachen der -Lebensführung, so doch wenigstens als ein Regulator des Glaubens. -Selbst bei den verhältnismäßig wenigen Menschen, welche in früheren -Jahrhunderten das Christentum offenkundig verwarfen, wurden die -geistigen Vorstellungen doch ohne Zweifel in hohem Maße durch dasselbe -bestimmt. Denn da das Christentum damals der einzige Gerichtshof für -alle diese Vorstellungen war, so konnten sich selbst die wenigen, die -offenkundig außerhalb seiner Jurisdiktion standen, dem indirekten -Einfluß nicht entziehen, den es durch andere auf sie ausübte. Aber -wenn nun nach und nach neben dieser ehrwürdigen Institution ein neuer -Gerichtshof entstand, so können wir uns nicht wundern, daß man ihn -als einen Nebenbuhler des alten ansah, und dies um so mehr, als seine -Forschungsmethoden und der bestimmte Charakter seiner Urteile viel -mehr als jene mit den Anforderungen eines dem Skeptizismus zuneigenden -Zeitalters in Einklang stand. Dieser Geist der Eifersucht wurde -noch mehr durch die Thatsache genährt, daß die Naturwissenschaft -auf die Religion unfraglich einen, wie Fiske sagt, »reinigenden« -Einfluß ausgeübt hat. Das soll heißen: nicht allein sagt die -naturwissenschaftliche Forschungsmethode zur Auffindung der Wahrheit -den skeptischen Geistern mehr zu als die religiöse Methode (die man -dreist damit kennzeichnen kann, daß sie die Wahrheit auf Autorität hin -annehmen), sondern die Ergebnisse der ersteren haben auch mehr als -einmal denen der letzteren direkt widersprochen. Die Naturwissenschaft -hat in mehreren Fällen unantastbar klar bewiesen, daß Lehren der -Religion den Thatsachen gegenüber falsch waren. Ferner: der große -Fortschritt der Naturerkenntnis, welcher das gegenwärtige Jahrhundert -charakterisiert, hat bewirkt, daß unsere Vorstellungen von vielen mit -Philosophie zusammenhängenden Begriffen und Lehren eine vollständige -Wandlung erfahren haben. Ein gebildeter Mensch unserer Tage ist ganz -außer Stande manche christliche Dogmen von demselben intellektuellen -Standpunkt aus wie seine Vorfahren anzusehen, selbst wenn er sie auch -weiterhin noch in einem anderen Sinn als wahr hinnimmt. Kurz, da unsere -ganze Denkungsweise in gewissen Beziehungen verändert ist, so können -wir gar nicht verlangen, daß sie in dieser Hinsicht noch mit dem -unveränderlichen System der Theologie übereinstimmen sollte. - -Auf solche Weise hat nach meiner Auffassung die Naturwissenschaft ihren -Einfluß auf die Religion ausgeübt, und es ist unnötig, den Umfang -dieser Wirkung länger zu betrachten. Man kann keine Zeitung lesen, ohne -sie zu bemerken. Einerseits triumphiert der Zweifler zuversichtlich, -daß das Licht der aufgehenden Erkenntnis endlich angefangen habe, die -Finsternis des Aberglaubens zu verscheuchen, während andererseits -religiös gerichtete Menschen bei dem Gedanken zittern, was die Zukunft, -nach der Vergangenheit zu urteilen, bringen werde. Auf beiden Seiten -finden wir freie Diskussion, kräftige Sprache, ernstes Forschen. Jahr -für Jahr wird Überschlag gemacht und Jahr für Jahr neigt sich die -Wagschale mehr zu Gunsten der Naturwissenschaft. - -So stehen die Dinge eben, und ich denke, daß wir mit der Kenntnis der -Art und des Grades des Einflusses, den die Naturwissenschaft in der -Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat, Material genug besitzen -werden, um den mutmaßlichen Umfang, den dieser Einfluß in der Zukunft -haben wird, beurteilen zu können. Dies will ich zu thun versuchen, -indem ich nach allgemeinen Grundsätzen die Grenzen bestimme, innerhalb -derer der in Rede stehende Einfluß vorläufig ausgeübt werden kann. -Doch um dies zu können, ist es nötig, vorerst die Art und den Grad -des Einflusses zu betrachten, den die Naturwissenschaft in der -Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat. - -Nachdem wir dies vorausgeschickt haben, müssen wir zunächst das Wesen -der Naturwissenschaft und der Religion auseinandersetzen. Denn dies -ist natürlich der erste Schritt bei einer Untersuchung, welche den -thatsächlichen und den möglichen Einfluß dieser beiden Gedankengebiete -aufeinander abschätzen soll. - -Die Naturwissenschaft ist im wesentlichen ein Gebiet des Denkens, -welches sich ausschließlich auf die =nächsten= Ursachen bezieht. -Noch genauer: sie ist ein Gebiet des Denkens, dessen Gegenstand die -Erklärung des Naturgeschehens durch die Entdeckung natürlicher (oder -nächstliegender) Ursachen ist. Wenn die Naturwissenschaft diese ihre -einzig rechtmäßige Domäne zu überschreiten und das Naturgeschehen -durch unmittelbare Einwirkung übernatürlicher oder letzter Ursachen zu -erklären versucht, dann hat sie aufgehört Naturwissenschaft zu sein und -ist ontologische Spekulation geworden. Die Wahrheit dieser Behauptung -ist jetzt von allen Naturforschern in praxi anerkannt worden, und -Ausdrücke, welche sich auf die letzten Ursachen beziehen, sind aus dem -Wörterbuch der Astronomie, Chemie, Geologie, Biologie und selbst der -Psychologie verbannt worden. - -Auf der anderen Seite ist die Religion ein Gebiet des Denkens, das -sich ebenso ausschließlich auf die =letzten= Ursachen bezieht. Sie -ist ein Gebiet des Denkens, das ein selbstbewußtes und intelligentes -Wesen zum Gegenstand hat, und dieses wird dabei als persönlicher Gott -und als Urquell aller Kausalität betrachtet. Ich bin mir sehr wohl -bewußt, daß der Ausdruck »Religion« seit einigen Jahren häufig in einem -Sinn gebraucht worden ist, welcher sich nicht mit dieser Definition -deckt; doch dies zeigt nur, wie oft dieser Ausdruck mißbraucht worden -ist. Irgend eine Theorie der Dinge Religion zu nennen, obwohl sie -gar keinen Glauben an eine Gottheit enthält, das heißt das Wort in -ganz entgegengesetztem Sinne wie bisher gebrauchen. Von Religion des -Unerkennbaren, von Religion des Kosmos, von Religion der Humanität -u. s. w. sprechen, wobei die Persönlichkeit der letzten Ursache nicht -anerkannt wird, das ist ebenso unverständig, als wenn man von der -Liebe eines Dreiecks oder von der Vernunft des Äquators sprechen -wollte; denn wenn man diesen Ausdrücken überhaupt irgend einen Sinn -abgewinnen will, so müssen sie im metaphorischen Sinn gebraucht -werden. Wir können ja z. B. sagen, daß es so etwas wie eine Religion -der Humanität giebt, in dem wir die Humanität zuerst in unserer -Wertschätzung vergöttlichen und dann dieses unser Ideal anbeten. Aber -wenn wir auf diese Weise der Humanität den Namen der Gottheit beilegen, -so schaffen wir darum doch keine neue Religion; wir gebrauchen damit -bloß eine Metapher, welche als poetische Diktion mehr oder weniger -Erfolg haben mag, die aber sicherlich als philosophischer Satz keinen -Pfifferling wert ist. Ja, sie ist in dieser Beziehung noch schlimmer -als wertlos: sie ist irreleitend. Veränderungen oder Umkehrungen der -Bedeutung von Wörtern kommen nicht selten bei der Entwicklung der -Sprache vor, aber nicht häufig wird, und so in diesem Fall, der ganze -Sinn des Ausdrucks absichtlich und willkürlich von den Vertretern der -Philosophie abgeändert. Humanität z. B. ist ein abstrakter Begriff, -den wir selbst gebildet haben, Humanität existiert objektiv ebenso -wenig wie der Äquator. Wenn es daher möglich wäre eine Religion durch -diesen sonderbaren Kunstgriff zu konstruieren, indem man der Humanität -metaphorisch die Attribute der Gottheit zuschreibt, so würde es logisch -ebensogut möglich sein, eine Theorie brüderlicher Liebe zum Äquator -zu konstruieren, indem man diesem metaphorisch menschliche Attribute -zuschreibt. - -Das charakteristische Merkmal irgend einer Theorie, welche man -berechtigter Weise als Religion bezeichnen könnte, ist, daß sie sich -auf den letzten Ursprung aller Dinge bezieht und daß sie diesen -Ursprung als ein objektives und intelligentes und persönliches Wesen -bezeichnet. Den Ausdruck »Religion« auf irgend eine andere Theorie -anwenden, heißt also nur ihn mißbrauchen. - -Nach diesen Definitionen scheint es so, als ob sich Ziel und Methode -der Naturwissenschaft ausschließlich auf die Bestimmung und Prüfung des -zunächstliegenden »Wie?« der Dinge und der Naturvorgänge richten. Ihre -Aufgabe ist, wie Mill sagt, die kleinste Anzahl der Naturthatsachen -zu bestimmen, welche die Erscheinungen der Erfahrung erklären kann. -Andererseits ist die Religion in keiner Weise mit der Kausalität -verbunden, nur daß sie annimmt, daß alle Dinge und alle Ereignisse im -letzten Grunde auf eine intellektuelle Persönlichkeit zurückzuführen -sind. Spencer sagt, »die Religion ist eine apriorische (außerhalb -der Erfahrung liegende) Theorie des Weltalls« -- dem müssen wir noch -hinzufügen, eine Theorie, welche eine intelligente Persönlichkeit als -schaffenden Ursprung des Weltalls annimmt. Ohne diesen notwendigen -Zusatz würde die Religion sich logisch nicht von der Philosophie -unterscheiden. - -Aus diesen Definitionen geht klar hervor, daß Naturwissenschaft -und Religion in ihren reinsten Formen thatsächlich keine logischen -Beziehungen haben. Nur wenn die Naturwissenschaft die Bedingungen des -Raumes und der Zeit, der gegenseitigen Beziehung der Erscheinungen -und aller menschlichen Beschränkungen überschreiten würde, dann nur -könnte sie in der Lage sein, die übernatürliche Theorie der Religion -zu berühren. Doch es ist offenbar, wenn die Naturwissenschaft dies -thäte, so würde sie aufhören Naturwissenschaft zu sein. Indem sie -sich über die Region der Naturerscheinungen (Phänomena) erhöbe und in -den zarten Äther der Verstandesbegriffe (Noumena) einträte, würden -ihre gegenwärtigen Schwingen, die wir ihre Methode nennen, in solcher -Atmosphäre nicht mehr zur Bewegung dienen können. Ohne Raum, ohne -Zeit und ohne Beziehungen zu den Naturerscheinungen, könnte die -Naturwissenschaft nicht länger als solche bestehen. - -Andererseits kann auch die Religion in ihrer reinsten Form in gleicher -Weise die Naturwissenschaft nicht berühren. Denn die Religion als -solche hat, wie wir schon gesehen haben, nichts mit dem Gebiet der -Naturerscheinungen zu thun; ihre metaphysische Theorie kann keine -Beziehung zu dem »Wie« der Natur-Kausalität haben. Es ist daher -augenscheinlich, daß sich Naturwissenschaft und Religion, weil -sie in ihren reinsten und idealsten Formen ganz verschiedenartige -Geistesrichtungen sind, nicht gegenseitig in ihr Gebiet einmischen -dürfen. - -So weit lassen sich diese Bemerkungen in gleicher Weise auf alle -Formen der Religion anwenden, sie sei nun eine wirkliche oder nur -eine mögliche, wenn sie nur rein ist. Aber es ist notorisch, daß -bis vor Kurzem die Religion auf die Naturwissenschaft nicht nur -einen Einfluß überhaupt, sondern sogar einen überwältigenden Einfluß -ausübte. Da der Glaube an ein göttliches Wirken fast allgemein war, -während die Methoden der naturwissenschaftlichen Forschung noch nicht -bestimmt formuliert waren, hatten die früheren Generationen die -Gewohnheit, jede Naturerscheinung, deren natürliche Ursache noch nicht -nachgewiesen war, einer mehr oder minder unmittelbaren Einwirkung -der Gottheit zuzuschreiben. Nun wissen wir aber, daß diese geistige -Gewohnheit daher kam, daß man noch nicht den wesentlich verschiedenen -Charakter der Naturwissenschaft und Religion als (getrennte) -Denkgebiete unterscheiden konnte, und nur insofern, als die Religion -früherer Zeiten unrein oder mit Gedanken, die der Naturwissenschaft -angehören, vermischt war, übte sie jenen verderblichen Einfluß aus. -Die allmähliche, nun schon fast völlige Ausscheidung der Endursachen -aus dem Gedankengang der Naturforscher, worauf wir schon hingedeutet -haben, ist nur ein Ausdruck für die Thatsache, daß die Naturforscher -einmütig und ganz und gar dazu gelangt sind, die von mir festgestellten -Grundunterschiede zwischen Naturwissenschaft und Religion anzuerkennen. - -Die Naturforscher empfinden es einmütig und klar -- wenigstens -alle die Männer, deren Gedanken über diese Fragen auf der Höhe -der Zeit stehen -- daß eine religiöse Erklärung irgend einer -Naturerscheinung vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus überhaupt -keine Erklärung ist. Denn eine religiöse Erklärung besteht darin, -daß man die beobachtete Naturerscheinung auf die »letzte« Ursache -bezieht, d. h. darin, daß man jene besondere Erscheinung in das -allgemeine und letzte Geheimnis der Dinge versenkt. Dagegen besteht -eine naturwissenschaftliche Erklärung darin, daß man die beobachtete -Naturerscheinung auf die nächstliegenden =natürlichen= Ursachen -zurückführt, und in keinem Falle kann sich eine solche Erklärung auf -die Hypothese eines Endzweckes einlassen, ohne den Charakter einer -naturwissenschaftlichen Erklärung zu verlieren. Wenn mir z. B. ein Kind -eine Blume mit der Frage bringt, warum sie eine so sonderbare Form, -so lebhafte Farbe, so süßen Duft u. s. w. hat, und ich ihm antworte: -weil Gott sie so machte! -- so beantworte ich damit des Kindes Frage -eigentlich gar nicht: ich verberge nur meine Unkenntnis der Natur unter -dem Mantel der Frömmigkeit und entschuldige meine Trägheit im Studium -der Botanik. Die Würdigung dieser Thatsache war es, was Darwin in -seiner »Entstehung der Arten« zu der Bemerkung führte, daß die Theorie -der Schöpfung keine Thatsache, mit der sie sich beschäftigt, wirklich -erklären kann, sondern daß sie diese Thatsache nur nochmals darlegt, -wie sie beobachtet worden. Das soll besagen: indem wir die beobachteten -Thatsachen so in das Grundgeheimnis der Dinge versenken, versuchen -wir es gar nicht einmal, sie irgendwie im naturwissenschaftlichen -Sinne zu erklären; denn es würde dann offenbar möglich sein, sich -der Aufgabe, irgend eine Naturerscheinung zu erklären, stets auf -dieselbe Weise zu entledigen, indem man sie nämlich immer einfach auf -die unmittelbare Einwirkung der Gottheit zurückführt. Wenn wirklich -irgend eine Naturerscheinung einträte, welche aus einer unmittelbaren -Gottesthat als Ursache entspränge, dann würden _ex hypothesi_ überhaupt -keine natürlichen Ursachen mehr zu erforschen sein, und der Mohr als -Naturforscher hätte seine Schuldigkeit gethan und könnte gehen; denn -solch' eine Erscheinung würde wunderbar sein, daher ihrer Natur nach -jenseits der Grenze wissenschaftlicher Forschung liegen. - -Die religiöse Theorie der Endursache erklärt also keine -Naturerscheinung, sie bestätigt sie nur, wie sie beobachtet worden -ist -- oder wenn man lieber will: sie ist in sich selbst eine -Universal-Erklärung aller möglichen Naturerscheinungen auf einmal. -Denn es muß zugegeben werden, daß hinter allen möglichen Erklärungen -naturwissenschaftlicher Art etwas höchst Unerklärliches liegt, -welches gerade seines übersinnlichen Charakters wegen nicht auf -irgend etwas anderes zurückgeführt, d. h. erklärt werden kann. »Es -ist so wie es ist«, das ist alles, was wir von ihm sagen können. »Ich -bin was ich bin«, ist alles, was es von sich selbst sagen könnte. -Und darin bestehen im Wesentlichen die Lehren der Religion, daß sie -Naturerscheinungen auf diese unerklärbare Quelle der natürlichen -Kausalität zurückführt. Die Lehre der Naturwissenschaft dagegen beruht -auf der Gewißheit, daß es immer möglich ist, eine der Erfahrung nach -endlose Kette natürlicher Ursachen zu erforschen, d. h. eine endlose -Reihe von Naturerscheinungen zu erklären. Wenn wir den Vorgang der -Erklärung als die Zurückführung der beobachteten Erscheinungen auf ihre -zureichenden Ursachen definieren, so dürfen wir sagen, daß die Religion -sich mit Hülfe einer allgemeinen Theorie der Dinge in der Annahme einer -ersten Ursache intelligenter Art zu ihrer eigenen Befriedigung eine -letzte Erklärung des Weltalls als eines Ganzen verschafft. Sie hat -daher nichts mit den =nächsten= Erklärungen oder mit der Entdeckung -der nächstliegenden Ursachen zu thun, und diese ist ausschließlich -Gegenstand der Naturwissenschaft. Wir gehen also hiermit auf die schon -gegebenen Definitionen zurück, wonach die Religion einem Gedankengebiet -angehört, welches als solches ausschließlich Beziehung auf die =letzte= -Ursache hat, während die Naturwissenschaft einem Gedankengebiet -angehört, welches als solches ebenso ausschließlich in Beziehung -zu den =nächsten= Ursachen steht. Wenn die Grenzen dieser beiden -Gebiete überschritten werden, so entstehen Konflikte und Verwirrung. -Wenn daher die religiöse Lehre von den Endursachen auf das Feld der -naturwissenschaftlichen Forschung übertrat, so überschritt sie ihre -logische Domäne, und indem sie sich das Amt anmaßte, diese oder jene -Erscheinung im einzelnen zu erklären, hörte sie auf, reine Religion -zu sein, während sie zu gleicher Zeit und aus demselben Grunde der -Naturwissenschaft den Weg des Fortschritts versperrte.[25] - -Wir sind nun bei einem der Hauptpunkte angelangt, die wir zu behandeln -haben -- nämlich bei der Lehre von dem Zweck in der Natur und damit -bei der Frage der natürlichen Religion in ihrer Beziehung zur -Naturwissenschaft. Hier werde ich versuchen, einen möglichst tiefen -und klaren Überblick über den gegenwärtigen Zustand der natürlichen -Religion zu gewinnen, ohne Schritt für Schritt den Weg und die Mittel -zu zeigen, durch welche sie unter dem Einfluß der Naturwissenschaft auf -diesen Standpunkt gekommen ist. - -Beim ersten Dämmern des Denkens ist, soweit wir davon Kunde haben, -die Teleologie in dieser oder jener Form die am weitesten verbreitete -Lehre zur Erklärung der Naturordnung gewesen. Es ist indessen nicht -meine Absicht, in diesen Blättern die Geschichte dieser Lehre von ihren -rohen Anfängen im Fetischismus bis zu ihrer schließlichen Entwicklung -im Theismus aufzuzeichnen. Ich will mich ausschließlich an den jetzigen -Zustand dieser Lehre halten und erwähne die vergangene Geschichte nur, -um die häufig aufgestellte Behauptung zu prüfen, daß ihr allgemeines -Übergewicht in allen Jahrhunderten und unter allen Nationen der Welt -ihr einen gewissen Grad »aprioristischer Glaubwürdigkeit« giebt. In -Bezug auf diesen Punkt muß ich folgendes sagen: ob nun die Naturordnung -von einem ordnenden Geist herrührt oder nicht, die Lehre von der -Wirksamkeit eines Geistes innerhalb der Natur -- oder wie es der -Herzog von Argyll nennt, »die Lehre vom Anthropopsychismus« -- muß -notwendigerweise die ursprünglichste gewesen sein. Was wir in der -Natur finden, ist die allgemeine Herrschaft der Kausalität und lange -vorher, ehe die nicht weniger allgemeine Aequivalenz zwischen Ursachen -und Wirkungen -- d. h. die allgemeine Herrschaft der Naturgesetze -- -genügend gewürdigt wurde, erkannte man schon vollauf die allgemein -gültige Thatsache, daß nichts ohne irgend eine zureichende Ursache -geschieht. Und ganz gewiß, das Bewußtsein dieser Thatsache finden -wir nicht nur bei den am niedrigsten stehenden Rassen der Jetztzeit, -sondern wie ich es bewiesen habe, auch bei Tieren und Kindern.[26] Es -scheinen mir daher wohl jene Psychologen Recht zu haben, welche meinen, -daß der Begriff der Ursache ebenso unmittelbar ist wie die Begriffe von -Raum und Zeit -- d. h. er ist die instinktive [oder ererbte] Wirkung -angestammter Erfahrung. - -Wenn es nun sicher ist, daß das Bewußtsein der Kausalität in der Natur -ebenso alt oder sogar älter ist als der menschliche Verstand, dann -scheint es mir doch ebenso sicher zu sein, daß der erste Versuch, die -Ursache dieser oder jener Naturerscheinung festzustellen, d. h. die -ersten Versuche einer vernünftigen Erklärung der Naturereignisse -- -anthropopsychischer Art gewesen sein müssen. Keine andre Erklärung lag -so nahe, wie die, daß man in die äußere Natur die Thätigkeit eines -Willens hineintrug, die doch jedem Menschen, soweit er und seine -Nebenmenschen dabei in Betracht kommen, als die augenscheinliche -Hauptquelle der kausalen Thätigkeit erschien. Um diese sehr -einleuchtende Erklärung der Kausalität in der Natur zu gewinnen, -brauchte der Urmensch gar nicht zu wissen, was wir jetzt wissen, -daß die richtige Auffassung der Kausalität aus unserem Gefühl von -Anstrengung bei einem Willensakt entspringt. Wenn dies der Fall -war, dann mußte, falls überhaupt an die Kausalität irgend einer -Naturerscheinung gedacht wurde, die abgeleitete Ursache notwendiger -Weise psychologischer Art sein. Ich brauche nicht die allmähliche -Entwicklung dieser anthropologischen Lehre aus ihrer frühsten und -verbreitetsten Gestalt, die wir Polypsychismus nennen könnten -- (bei -welchem die Zahl der aufgestellten Ursachen fast so groß war wie die -der beobachteten Wirkungen) -- durch den Polytheismus hindurch, (bei -welchem viele Wirkungen gleicher Art =einer= Gottheit zugeschrieben -wurden, deren Spezialfall gerade diese Wirkungen waren) bis zum -Monotheismus hin zu verfolgen (bei welchem alle Kausalität in den -Monopsychismus einer einzelnen Persönlichkeit zusammengefaßt wird). Es -genügt, kurz zu zeigen, daß die Lehre des Anthropopsychismus von Anfang -an unter den obwaltenden Bedingungen eine notwendige Phase geistiger -Entwicklung war, mag diese Lehre nun wahr sein oder nicht. - -Von diesem Gesichtspunkt aus glaube ich nicht, daß der »_consensus -gentium_« (Übereinstimmung der Völker) eine Thatsache von irgend -welcher Beweiskraft zu Gunsten der anthropopsychischen Theorie ist, --- ich meine, insofern es sich um die Kausalitätsfrage handelt -- -mag es sich nun um den Fetischismus oder um die Teleologie unserer -Tage handeln: der »_consensus gentium_« bei der wichtigeren Frage -des Theismus (wobei noch manche andere Dinge außer der Kausalität in -Betracht kommen) geht uns hier nichts an. Es scheint mir in der That -so: wenn wir zur Sicherstellung unserer anthropologischen Theorie auf -die Wilden zurückgehen müssen, dann ist die dabei erhaltene Bürgschaft -noch weniger als wertlos. Wir könnten ebenso gut schließen, daß die -Uhr ein lebendes Wesen sei, weil dies für den Geist eines Wilden die -nächstliegende Erklärung ihrer Bewegungen ist, -- als wenn wir aus -genau denselben Gründen schließen wollen, daß unser Glaube an die -Teleologie aus irgend einer der früheren Phasen des Anthropopsychismus -irgend eine wirkliche Stütze erhielten. - -Wenn wir daher den Nachweis eines Zwecks in der Natur würdigen wollen, -so scheint es mir, daß wir von vorne anfangen müssen, ohne auf frühere -Meinungen über den Gegenstand Bezug zu nehmen. Die Frage muß wesentlich -in dem Licht der jüngsten Erkenntnis, welche wir besitzen und mit -der schärfsten Denkkraft erwogen werden, die wir (die Erben aller -Jahrhunderte) ihr widmen können. Ich werde daher auf die Geschichte des -Anthropopsychismus nur insofern Bezug nehmen, als es erforderlich ist, -um das Argument zu erläutern. - -Und hier ist es nötig, zuerst das zu erörtern, was Paley vor der -Darwinschen Epoche »den Stand des Arguments« nannte. Dies ist von Paley -klar und deutlich in seinem klassischen Beispiel von der Uhr, die -jemand auf einer Heide findet, dargestellt -- ein so wohl bekanntes -Beispiel,[27] daß ich es hier nicht zu wiederholen brauche. Ich will -daher nur bemerken, daß es den ganzen Zweckbeweis, wie man sagt, in der -Westentasche enthält und daß es meiner Meinung nach die von Mill an ihm -ausgeübte Kritik nicht verdient, wenn er sagt: »Die Schlußfolgerung -würde gar nicht gemacht werden, wenn ich nicht schon aus direkter -Erfahrung wüßte, daß die Uhren von Menschen verfertigt werden.« Es -kommt mir vor, als ob damit der Meinung (und Absicht) Paley's die ganze -Pointe genommen würde; denn es würde offenbar überhaupt gar kein Beweis -sein, es sei denn, man verstände seine Meinung so, daß der Nachweis des -Zweckes, welchen die Prüfung der Uhr vermutlich liefert, wahrscheinlich -eben nur durch diese Prüfung und nicht durch irgend eine direkte -Kenntnis, auf welche Mill hinweist, geliefert wird. Um des Beispiels -willen muß natürlich angenommen werden, daß der Finder der Uhr keine -von früher stammende direkte Kenntnis von der Konstruktion einer Uhr -besitzt. Abgesehen von diesem wunderbaren Mißverständnis war Mill in -Bezug auf den ganzen Gegenstand mit Paley gleicher Ansicht. - -Andererseits ist es kein stichhaltiger Einwand gegen das Argument oder -das Beispiel, wenn man sagt, wie wir es oft thaten, daß es nichts -für den Uhrmacher beweist. Das Ziel des Zweckbeweises ist das Dasein -jemandes, der den Zweck gesetzt hat, zu =erweisen=, nicht sein Dasein -zu =erklären=. In der That würde es für das ganze Argument in seiner -Beziehung zum Theismus ein Selbstmord sein, wenn die Möglichkeit einer -solchen Erklärung aufrecht erhalten würde, denn dies könnte nur auf -die Annahme hin geschehen, daß das Wesen der Gottheit eine Erklärung -zuläßt, d. h. daß die Gottheit nicht die letzte Ursache ist. - -Im Grunde genommen ist dieser Beweis genau derselbe, wie er uns an -zahlreichen Stellen der heiligen Schrift und in theologischen Büchern -der ganzen Welt bis auf den heutigen Tag begegnet. Er besagt: überall -in der organischen Natur treffen wir auf zahllose Anpassungen der -Mittel an die Zwecke, die in vielen Fällen eine solche Feinheit und -Kompliziertheit zeigen, daß im Vergleich zu ihr die Anpassungen der -Mittel an die Zwecke in einer Uhr nur armselige und lückenhafte -Versuche des Mechanismus sind. Niemand weiß es so gut wie der moderne -Biologe, wie unermeßlich weit die uns in solchem Übermaße in der Natur -begegnenden Mechanismen die höchsten Triumphe menschlicher Erfindung -in jeder Weise überragen. Auf den ersten Blick erscheint es daher ganz -zweifellos, daß wir keinen stichhaltigeren und besseren Beweis für -einen Zweck als den finden können, wie er in Paley's Worten liegt: »Die -Anordnung, die Disposition der Teile, die Unterordnung der Mittel unter -einen Zweck, die Beziehung der Werkzeuge auf den Gebrauch schließen das -Dasein einer Intelligenz und eines Geistes in sich.« - -Aber nun entsteht die Frage: wenn dies alles auch sicherlich das -Dasein eines Geistes als erklärende Ursache verlangen[28] mag, sind -wir darum schon zu der Annahme berechtigt, daß es in der Natur keine -andere Ursache giebt, um diese Wirkungen hervorzubringen? Das ist eine -Frage, auf die weder Paley noch Bell und Chalmers, ja kein Vertreter -der natürlichen Theologie bis auf Darwins Zeiten gekommen ist. Und das -ist doch, meine ich, eine bemerkenswerte Thatsache, weil die Frage als -eine blos logische so sehr nahe zu liegen scheint. Aber Thatsache ist -es, daß sich die Vertreter der natürlichen Theologie meines Wissens -ausnahmslos damit begnügten, es als einen Grundsatz hinzunehmen, daß -jener Mechanismus keine andre Ursache als die eines zwecksetzenden -Geistes haben könnte; daher beschränkt sich ihre Arbeit darauf, der -Zahl und Vortrefflichkeit der Mechanismen, denen sie in der Natur -begegneten, im Einzelnen nachzuspüren. Es ist aber klar, daß die bloße -Anhäufung solcher Fälle keinen wirklichen oder logischen Einfluß auf -das Argument ausüben kann. Die Mechanismen, denen wir in der Natur -begegnen, sind in ihrer Vollkommenheit und Zahl so überwältigend, -daß das aufmerksame Studium schon irgend eines einzelnen (wie es -Paley in seinem Beispiel thatsächlich, wenn auch nicht ausdrücklich, -darlegt) hinreicht, die ganze Sache wesentlich zu fördern, wenn nur die -Annahme zugegeben wird, daß der Mechanismus allein durch einen Geist -entstehen kann. Daher wird durch die bloße Ansammlung einer beliebigen -Zahl besonderer Fälle von Mechanismen in der Natur aber auch weder -ein wirkliches noch ein logisches Argument geliefert: alle sind ja -als Mechanismen der Art nach ähnlich. Wir wollen nun dieses Argument -betrachten. - -Wenn wir uns etwa darüber wundern möchten, daß die Vertreter der -natürlichen Theologie bis auf Darwin sich mit der Annahme begnügten, -der Geist sei die einzig mögliche Ursache des Mechanismus, so finden -wir meines Erachtens die richtige Antwort darin, daß ihr Glaube an -eine Schöpfung im Einzelnen damals allgemein herrschte. Denn auf der -Grundlage dieses Glaubens halte ich ohne Frage die Behauptung für -berechtigt; d. h. wenn wir von dem Glauben ausgehen, daß alle Arten -der Pflanzen und Tiere ursprünglich plötzlich und fertig geschaffen in -die komplizierten Lebensbedingungen ihrer besonderen Umgebung gesetzt -wurden (etwa so, wie die Uhren aus einer Fabrik hervorgehen), dann -sind wir, denke ich, vernünftiger Weise zu der Annahme berechtigt, -daß keine andre denkbare Ursache als die eines intelligenten Zweckes -möglicherweise als Erklärung jener Wirkungen gefordert werden kann. -Nun ist natürlich die Bemerkung unnötig, daß jener Zweckbeweis, wenn -man diesem ihm vorhergehenden Glauben an eine Schöpfung im Einzelnen -einen Einfluß auf ihn einräumte, zum Beispiel eines Zirkelschlusses -wird. Vielleicht ist es ebenso unnötig zu bemerken, daß die bloße -Thatsache der Entwicklung als Gegensatz zur Schöpfung im Einzelnen oder -die Thatsache der allmählichen Entfaltung der lebenden Mechanismen -im Gegensatz zu ihrem plötzlichen und fertigen Erscheinen diesen -Zweckbeweis in keiner Weise beeinflussen würde, es sei denn, daß man -nicht zeigen könnte, daß der Entwicklungsprozeß die Möglichkeit einer -anderen Ursache zuläßt, welche durch die Hypothese der Schöpfung im -Einzelnen nicht zugelassen wird. Aber dies ist es gerade, was durch die -Theorie der Entwicklung, wie sie Darwin aufgestellt hat, gezeigt wird. -Das soll besagen: Die Theorie der allmählichen Entwicklung der lebenden -Mechanismen, wie Darwin sie aufstellte, ist doch etwas mehr als eine -Theorie allmählicher Entfaltung im Gegensatz zu der plötzlichen -Schöpfung. Sie ist auch eine rein naturwissenschaftliche Theorie, -welche die rein natürlichen Ursachen dieser Entwicklung darzuthun -sucht. Und dies ist der Punkt, an dem die Naturwissenschaft ihren -Einfluß auf die natürliche Theologie auszuüben anfängt, oder der Punkt, -an dem die Theorie der Entwicklung mit der Lehre vom Zweck in Berührung -tritt. Da dies ein höchst wichtiger Teil unseres Themas ist und da über -ihn in unserer Zeit eine außerordentliche Verwirrung herrscht, so werde -ich ihn in der folgenden Abhandlung sorgfältig nach allen Richtungen -hin erörtern. - - - II. - -Nehmen wir einmal an, daß der Mensch, welcher die Uhr auf der Heide -fand, seinen Weg fortsetzt, bis er zur Meeresküste kommt, und daß er -ebenso wenig von physikalischer Geographie wie von der Uhrmacherei -versteht. Bald fängt er an eine Menge von Anpassungen der Mittel -an den Zweck zu beobachten, die zwar weniger subtil und fein sind -als die, welche ihn bei seiner Untersuchung über das Innere der Uhr -beschäftigten, die auf der anderen Seite aber viel eindrucksvoller -sind, weil sie in einem viel größeren Maßstab auftreten. Erstens -bemerkt er, daß in dem Land ein schönes Becken ausgegraben worden -ist, um eine Bucht herzustellen; daß =die= Seiten dieses Beckens, -welche wegen der Nähe des Meeres am meisten der Einwirkung der -großen, rollenden Wogen ausgesetzt sind, von Felsenklippen gebildet -werden, augenscheinlich in der Absicht, das weitere Eindringen des -Meeres und die dadurch entstehende Zerstörung der ganzen Bucht zu -verhindern; er bemerkt ferner, daß =die= Seiten des Beckens, welche -wegen ihrer immer größeren Entfernung landeinwärts auch immer weniger -der Einwirkung der großen Wogen ausgesetzt sind, aus immer kleiner -werdenden Felsen gebildet werden, welche in Geröll und endlich in -feinsten Sand übergehen; daß die Steine, da die Gezeiten mit ebenso -großer Regelmäßigkeit wie die Bewegungen der Uhr kommen und gehen, -sorgfältig vom Sand gesondert und in schiefe Schichten gelegt sind, und -dies immer aufs schönste =den= Stellen um den Rand des Beckens herum -entsprechend, welche am meisten der Gefahr ausgesetzt sind, durch die -Thätigkeit der Wellen zerstört zu werden. Er würde ferner bei genauerer -Prüfung merken, daß dieser Prozeß der auslesenden Anordnung sich bis -in die kleinsten Einzelheiten verfolgen läßt. Hier würde er z. B. -bemerken, daß einige (engl.) Meilen weit eine besondere Art von Seegras -kunstreich in einem langen Bogen am Strande angeordnet ist, dort würde -er eine prächtige Ablagerung von Muscheln sehen, wieder anderswo ein -hübsches, kleines Häuschen von Purpursand, dessen kleine Körner aus -dem umgebenden gelben Sand sorgfältig ausgesucht worden sind. Wiederum -würde er bemerken, daß alle Flüßchen, die zur Bucht herunterfließen, -in zu diesem Zweck bewundernswert gegrabenen Kanälen laufen, und -von der Neugier getrieben, den Zweck dieser verschiedenen Flüsse zu -ergründen, würde er finden, daß alle diese Gewässer dazu dienen, das -Wasser zu ersetzen, welches die See durch Verdunsten verliert, und -- -auch ein bewundernswertes Beispiel von Anpassung -- frisches Wasser -für die Tiere und Pflanzen zu liefern, die am besten in frischem -Wasser gedeihen; und daß diese Gewässer dabei doch durch ihre vereinte -Thätigkeit hinreichend mineralische Bestandteile hinzuführen, um dem -Meer im Ganzen genau den Salzgehalt zu geben, welcher zur Erhaltung -des pelagischen Lebens erforderlich ist. Wenn er endlich in dieser -Richtung seine Forschungen fortsetzen würde, so würde er finden, daß -tausende von verschiedenen Aufenthaltsorten sinnreich den Bedürfnissen -von hunderttausenden der verschiedensten Lebensformen angepaßt sind, -von denen keine leben bleiben könnte, wenn diese Aufenthaltsorte -verändert würden. Nun, ich meine, dieser unser gedachter Forscher würde -gar thöricht sein, wenn er aus dem Ergebnis aller seiner Studien nicht -den Schluß zöge, daß der Nachweis eines Zweckes, wie ihn die Seebucht -liefert, wenigstens ebenso zwingend sei wie der, den er vorher beim -Studium der Uhr gefunden hatte. - -Aber es besteht zwischen beiden Fällen =ein= großer Unterschied. -Während der Mann durch nachträgliche Erkundigung die Thatsache -bestätigen kann, daß die Uhr ihr Dasein einem intelligenten Erfinder -verdankt, könnte er in Bezug auf die Seebucht eine solche Bestätigung -nicht erhalten. In dem einen Fall ist eine intelligente Erfindung als -Ursache unabhängig demonstrierbar, während in dem andern Fall nur auf -sie geschlossen werden kann. Welchen Wert hat nun dieser Schluß? - -Wenn unser gedachter Teleologe nach Beendigung dieser seiner Studien -in irgend eine große Bibliothek geführt worden wäre und dort ein oder -zwei Jahre verbracht hätte um sich mit den wichtigsten Resultaten der -modernen Naturwissenschaft bekannt zu machen, dann, denke ich, würde er -zuletzt weiser und -- trauriger geworden sein. - -Wenigstens würde er, indem er mehr lernt, sicherlich merken, daß er -weniger versteht, -- daß die veraltete Einfachheit seiner früheren -Erklärungen trotz gereifterer Anschauungen einer größeren Verwirrung -Platz machen muß. Er würde nun zunächst finden, daß jede der -Anpassungen von Mitteln an den Zweck, welche seine Bewunderung an der -Meeresküste erregten, von natürlichen, sehr leicht verständlichen -Ursachen herrühren. Die Klippen standen an der Öffnung der Bucht, weil -das Meer in früheren Zeiten die Küstenlinie so lange angegriffen hatte, -bis es auf diese Klippen traf, die sich seinem weiteren Vordringen -entgegenstellten; die Bucht war eine Senkung des Landes, welche bei dem -Zuströmen der See gerade vorhanden war und in welche die letztere daher -flutete; die Reihenfolge von Felsen, Geröll und Sand entstand durch die -Thätigkeit der Wogen selbst, die Sonderung des Seegrases, der Muscheln, -der Kiesel und der verschiedenen Sandarten kam von ihrem verschiedenen -spez. Gewicht her; die Süßwasserströme flossen in Kanälen, die sie sich -selbst gebildet hatten, und die zahlreichen Lebensformen waren ihren -verschiedenen Wohnungen einfach deshalb angepaßt, weil die für sie -ungeeigneten Wesen darin nicht leben konnten. In allen diesen Fällen -würde daher unser Teleologe im Lichte höherer Erkenntnis notgedrungen -wenigstens =den= Schluß gezogen haben, daß die Anpassungen, die er so -sehr bewundert hatte, als er sie für Wirkungen eines die Erscheinungen -voraussehenden Planes hielt, nun nicht mehr diesen Nachweis eines -intelligenten Planes liefern können, da es sich herausstellt, daß -keine von ihnen vorher von einer unabhängigen oder äußeren Ursache -vorbereitet wurde. - -Er würde daher zu dem Schluß gelangen, daß die teleologische Deutung -der Thatsachen nur dadurch gerettet werden könnte, daß man eine viel -weitergehende Betrachtung des Gegenstandes vornähme, als sie bei -den besonderen Fällen augenscheinlicher Zwecksetzung, welche zuerst -so zwingend erschienen, gefordert wurde. Das soll sagen, er würde -fühlen, daß er die Voraussetzung irgend eines speziellen Planes in der -Konstruktion jener besonderen Bucht verlassen und auf die Theorie eines -viel allgemeineren Planes in der Konstruktion eines großen Natursystems -als eines Ganzen zurückgehen muß. Kurz, er würde sein Argument von den -besonderen und einzelnen Anpassungen, die ihm zuerst so einleuchtend -schienen, aufgeben und zu den allgemeinen Naturgesetzen zurückkehren, -die durch ihre vereinte Thätigkeit dem Kosmos, als unterschieden vom -Chaos, den Ursprung gaben. - -Nun habe ich mich bemüht, ein imaginäres Argument aus dem Gebiet -der unorganischen Natur in allen seinen wichtigsten Einzelheiten zu -gewinnen, weil dasselbe ein vollständiges Analogon zu dem liefert, -das man der organischen Natur entnimmt. Ohne Frage, die Beispiele -eines offenkundigen Planes oder der offenbar absichtlichen Anpassung -der Mittel an die Zwecke, welche wir in der organischen Natur finden, -sind unverhältnismäßig zahlreicher und einleuchtender als die, welche -uns in der unorganischen Natur begegnen. Aber wenn wir einmal guten -Grund zu dem Schluß haben, daß die ersteren gleich den letzteren -nicht der unmittelbaren, speziellen und vorausblickenden Thätigkeit -einer nachsinnenden Intelligenz (wie in der Uhrmacherei oder bei der -Schöpfung) -- sondern der Thätigkeit sekundärer oder natürlicher -Ursachen den Ursprung verdanken, welche unter dem Einfluß dessen -wirken, was wir allgemeine Naturgesetze nennen, dann kommt es mir so -vor, als ob die Anpassungen der Mittel an die Zwecke, wie zahlreich -und wie wundervoll sie auch in der organischen Natur sein mögen, doch -keinen anderen oder zwingenderen Beweis für einen Zweck liefern als -irgend eine Thatsache der unorganischen Natur. - -Der Klarheit halber wollen wir einen besonderen Fall nehmen. Paley -sagt: »ich weiß keine bessere Methode, um in einen so wichtigen -Gegenstand einzuführen, als wenn ich ein einzelnes Ding mit einem -anderen einzelnen Ding vergleiche, z. B. das Auge mit einem Fernglas.« -Er fährt dann fort, indem er die Analogieen zwischen diesen beiden -Apparaten feststellt, und fragt zuletzt: wie ist es bei so naher -Verwandtschaft und unter dem Eindruck gleicher Beweiskraft möglich, in -Bezug auf das Auge die Zwecksetzung auszuschließen und doch in Bezug -auf das Teleskop es als die einfachste und klarste von allen Annahmen -anzunehmen, daß hier ein Plan gewaltet hat? - -Nun wohl, die Antwort lautet, daß diese Analogie nur auf Grund der -Hypothese der =Schöpfung im Einzelnen= aufrecht zu halten ist, auf -Grund der Hypothese einer =Entwicklung durch natürliche Ursachen= ist -die Beweiskraft in beiden Fällen nicht dieselbe, denn nach dieser -Hypothese fängt das Auge nicht als ein fertiges Gebilde an, das zum -Zweck des Sehens gemacht ist, sondern blos als eine Differenzierung der -Nervenenden in der Haut, die zunächst wahrscheinlich dazu diente, den -Wechsel der Temperatur besser zu unterscheiden. Nachdem nun an diesen -Stellen ein Pigment abgelagert worden war, wodurch jener Zweck (ich -benutze der Kürze wegen teleologische Ausdrücke) besser erreicht wurde, -begannen die Nervenenden Licht und Dunkel zu unterscheiden. Um diesen -weiteren Zweck besser zu erreichen, erschien die einfachste Form einer -Linse in Gestalt kleiner, lichtbrechender Körper. Dahinter entwickelten -sich leicht empfindliche Stellen, welche die erste Andeutung einer -Netzhaut als einfache Schicht sind. Und so geht es fort, Schritt für -Schritt, bis wir das Auge eines Adlers haben. - -Ein Teleologe wird hier natürlich antworten: »Die Thatsache eines so -allmählichen Aufbaues ist kein Beweis gegen die Zwecksetzung: ob nun -die Struktur plötzlich erschien oder das Ergebnis einer langsamen -Ausarbeitung war, die Merkmale einer Zwecksetzung sieht man in beiden -Fällen in der vorliegenden Struktur.« Alles dies ist sehr richtig, aber -ich behaupte auch nicht, daß die Thatsache der allmählichen Entwicklung -an sich selbst das Argument einer Zwecksetzung beeinflußt. Ich behaupte -nur, daß es dies bloß deshalb thut, weil es die Möglichkeit zeigt -(was durch die Hypothese einer plötzlichen Schöpfung im Einzelnen -ausgeschlossen ist), daß die Struktur unmittelbar durch die Thätigkeit -natürlicher Ursachen entstanden ist. So wollen wir um des Arguments -willen einmal annehmen, daß die natürliche Zuchtwahl als eine für -alle diese Wirkungen hinreichende Ursache in befriedigender Weise -festgestellt worden ist. Also, die Thatsachen der Vererbung, der -Variation, des Kampfes ums Dasein und des Überlebens des Passendsten -einmal zugegeben, was folgt daraus? Nun, daß jeder Schritt in der -längeren, allmählichen Entwicklung des Auges durch die Ausscheidung -aller weniger angepaßten Formen jeder Generation hervorgebracht wurde, -d. h. durch die Zuchtwahl derjenigen Formen, welche besser geeignet -sind, die Art durch Vererbung zu vervollkommnen. Will der Teleologe -dann behaupten, daß dieser Zuchtwahl-Prozeß selbst ein Zeichen von -Zwecksetzung im Einzelnen ist, nun, dann scheint es mir so, als ob -er logischer Weise zu der Behauptung gezwungen wäre, die Reihen von -Seegras, die Muscheln, die Steine und die kleinen Haufen von Purpursand -an der Meeresküste seien auch alle in gleicher Weise ein Zeichen für -Zwecksetzung. Die allgemeinen Gesetze, welche [in der unorganischen -Natur. -- Der Übersetzer] auf dem spezifischen Gewicht beruhen, sind -im Haushalt der Natur wenigstens ebenso wichtig wie die allgemeinen -Gesetze, die sich auf spezifische Differenzierung [in der organischen -Natur. -- Der Übersetzer] beziehen: in allen ähnlichen Beispielen -finden wir, daß das Resultat der Wirksamkeit der bekannten natürlichen -Ursachen eine Auswahl (_selection_) ist. Wenn entgegnet werden sollte, -daß die Auswahl in dem einen Fall offenbar absichtslos, in dem andern -offenbar absichtlich stattfand, so antworte ich: dies ist doch nur -eine bloße Vermutung. Es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, wenn -ich behaupte, daß jede geologische Formation auf der Erdoberfläche -entweder ganz oder teilweise ihr Dasein dem auswählenden Einfluß des -spezifischen Gewichts verdankt, und wer kann sagen, daß der Aufbau -der Erdrinde im allgemeinen Plan der Schöpfung (wenn es einen solchen -giebt) ein weniger wichtiger Gegenstand ist als die Entwicklung eines -Auges? Oder könnte, da wir als das Resultat der Zuchtwahl beim Auge -eine offenbar absichtliche Anpassung der Mittel an den Zweck erkennen, -nicht auch in dem Resultat der Auswahl bei Seegras, Steinen, Sand und -Schlamm eine Absicht erkannt werden? Könnte die mutmaßliche Vernunft -nicht im Gegenteil eine größere Freude an dem letzteren als an dem -ersteren Prozeß gehabt haben? - -Der Verständlichkeit wegen habe ich angenommen, daß die natürlichen -Ursachen, mit denen wir schon bekannt sind, hinreichen, um die -beobachteten Erscheinungen der organischen Natur zu erklären. Aber es -ist natürlich ganz gleichgiltig, ob die Richtigkeit dieser Annahme -zugestanden wird oder nicht, wenn wir nur zugeben, daß die beobachteten -Erscheinungen alle aus natürlichen Ursachen bekannter oder unbekannter -Art stammen; d. h. in dem Maße, in welchem wir die Hypothese des -direkten oder unmittelbaren Eingreifens der Gottheit in die organische -Natur (ein Wunder) ausschließen, in demselben Maße bringen wir den aus -der organischen Natur gefolgerten Beweis der Zwecksetzung auf dieselbe -logische Stufe, auf der ein aus der unorganischen Natur gefolgerter -Beweis der Zwecksetzung steht. Daraus folgt für mich, daß Mill einen -auffallenden Mangel an Scharfsinn gezeigt hat. Nachdem er nämlich -in Bezug auf die natürliche Zuchtwahl bemerkt hat: »vorhergehende -Überlegung eines Schöpfers ist durchaus nicht das einzige Band, durch -welches die Entstehung des wunderbaren Mechanismus des Auges mit der -Thatsache des Sehens verknüpft werden kann,« fährt er fort: »wenn -man nun diese bemerkenswerte Spekulation (d. h. über die natürliche -Zuchtwahl) dem Schicksal überläßt, das ihr der Fortschritt der -Wissenschaft aufgespart haben mag, dann fallen beim gegenwärtigen Stand -unserer Kenntnisse die Anpassungen in der Natur schwer ins Gewicht -zu Gunsten einer Schöpfung durch eine Intelligenz.« Ich sage, diese -Stelle scheint mir einen eigentümlichen Mangel an Scharfsinn zu zeigen, -und zwar deshalb, weil sie von der Voraussetzung auszugehen scheint, -daß es sich hier um eine Wahl zwischen der Hypothese der speziellen -Zwecksetzung und der Hypothese der natürlichen Zuchtwahl handelt. So -ist es aber nicht. Es handelt sich thatsächlich um die Wahl zwischen -der Hypothese der speziellen Zwecksetzung und den natürlichen Ursachen. -Das Überleben des Passendsten ist eine der =angenommenen= Ursachen, -welche zufolge einer großen Menge von Beweisgründen wahrscheinlich eine -=wirkliche= Ursache ist. Aber selbst wenn es als Ursache zurückgewiesen -worden wäre, so würde die wahre Beweiskraft der Teleologie dadurch -nicht berührt werden, wenn wir nicht etwa zu dem Schluß gezwungen -wären, daß es keine anderen Ursachen sekundärer und natürlicher Art bei -der Entstehung der beobachteten Anpassungen geben kann. - -Ich glaube nun hinreichend klar gezeigt zu haben, warum wir nach -meinem Dafürhalten, wenn sich die Herrschaft der Naturgesetze oder -die Wirkung natürlicher Ursachen in der organischen Natur ebenso wie -in der unorganischen offenbart, für eine Zwecksetzung in dem einen -Gebiet keinen besseren Beweis als in dem anderen finden können. Die -Thatsache, daß wir in dem einen Gebiet zahlreichere und anscheinend -vollständigere Beispiele von Zwecksetzung antreffen als in dem anderen, -ist vermutlich nur unserer Unkenntnis der natürlichen Kausalität in -dem verwickelteren Gebiet zuzuschreiben. Beim Studium der biologischen -Erscheinungen sind wir bezüglich unseres Verständnisses gegenwärtig -alle in derselben Lage wie unser gedachter Teleologe beim Studium der -Meeresbucht: wir kennen eben nicht die natürlichen Ursachen, welche -die beobachteten Wirkungen hervorgebracht haben. Aber wenn wir schon -jetzt einen wenigstens teilweise passenden Schlüssel in der Theorie -der natürlichen Zuchtwahl gefunden haben und daher nun dem umfassenden -aus den einfacheren Gebieten der Natur geschöpften Analogon zufolge -schließen, daß die natürlichen Ursachen auch überall bei der Erzeugung -organischer Gebilde eine Rolle spielen, dann folgt daraus auch, daß -jeder Beweis für eine Zwecksetzung, welchen diese Gebilde darbieten, -genau denselben logischen Wert hat wie der Beweis für die Zwecksetzung, -den wir aus der unorganischen Natur gefolgert haben. Wenn man noch -hervorheben sollte, daß die Anpassungen, denen man in der organischen -Natur begegnet, ihrer Zahl und Einheitlichkeit wegen viel mehr für eine -Zwecksetzung sprechen als irgend etwas in der unorganischen Natur, so -muß ich erklären, daß damit die Grundlage des Arguments vertauscht und -der einzige in Frage stehende Punkt aufgegeben wird. Niemand leugnet -diese offenbar feststehende Thatsache: aber die Frage ist ja, ob eine -gewisse Menge von Anpassungen in dem einen Gebiet der Natur einen -anderen und besseren Beweis für die Zwecksetzung liefern können als die -Anpassungen in anderen Gebieten, wenn doch zugestandener Maßen alle -Gebiete in gleicher Weise der Ausfluß natürlicher Kausalität sind. Und -diese Frage verneine ich, weil wir kein Mittel haben, um die Ausdehnung -zu bestimmen, in welcher der Prozeß der natürlichen Zuchtwahl oder -irgend eine andere natürliche Ursache im Stande ist, Anpassungen der -beobachtenden Art hervorzubringen. - -So hat man, um ein anderes Beispiel scheinbarer Zwecksetzung aus der -unorganischen Natur zu nehmen, behauptet, daß die Zusammensetzung -der Atmosphäre offenbar den Zweck hat, das pflanzliche und tierische -Leben zu unterhalten. Aber bevor man diesen Schluß aus den Thatsachen -ziehen kann, muß man zeigen, daß das Leben unter keinen anderen -stofflichen Bedingungen existieren könnte als die sind, welche die -Zusammensetzung der Luft aus ihren Elementen darbietet. Das zu zeigen, -ist aber offenbar unmöglich. Im Gegenteil, das Leben kann thatsächlich -auf anderen Himmelskörpern unter gänzlich anderen Bedingungen der -Atmosphäre bestehen; und die Thatsache, daß auf diesem unseren Planeten -alles Leben von den in unserer Atmosphäre vorkommenden Gasen abhängig -geworden ist, kann einfach aus der Thatsache entspringen, daß nur -das Auftreten derjenigen Lebensformen möglicherweise erwartet werden -konnte, welche sich (durch natürliche Zuchtwahl oder andere natürliche -Ursachen) diesen besonderen Gasen anpassen konnten, -- gerade so wie -im kleineren Verhältnis nur jene Lebensformen, welche ihren besonderen -Standorten in der Meeresbucht angepaßt waren, möglicherweise in den -vorliegenden Verhältnissen erwartet werden konnten. Wenn man nun -derartig zeigen kann, daß eine Reihe von so zahlreichen und feinen -Anpassungen, wie die, von denen die Beziehungen jeder bekannten -Lebensform zu den die Atmosphäre zusammensetzenden Gasen abhängen, -nicht notwendiger Weise die Thätigkeit irgend einer ordnenden -Intelligenz fordern, -- wie ist dann der Schluß möglich, daß irgend -eine weniger allgemeine Anpassungsreihe dies fordern sollte? -- so -lange doch wenigstens nicht, als jeder Fall von Anpassung, mag er nun -im letzten Grunde auf eine Zwecksetzung zurückzuführen sein oder nicht, -zunächst aus natürlichen Ursachen entspringt. - -Angesichts dieser Betrachtungen denke ich, ist es daher ganz klar, -daß das Argument der Teleologie, wenn überhaupt, dann nur dadurch -gerettet werden kann, daß man von der engen Grundlage der =einzelnen= -Anpassungen auf das breite Gebiet der Natur als ein Ganzes übergeht. -Und hier, ich bekenne es, gewinnt das Argument für mich ein Gewicht, -welches, wenn lange und aufmerksam erwogen, als außerordentlich -bezeichnet zu werden verdient. Denn wenn auch diese und jene besondere -Anpassung in der Natur als zunächst aus natürlichen Ursachen -entspringend betrachtet werden kann und wenn wir auch auf Grund einer -größtmöglichen Analogie zu dem Schluß geführt werden, daß auch alle -anderen derartigen besonderen Fälle in gleicher Weise auf natürliche -Ursachen zurückzuführen sind, so erhebt sich die mehr auf den -»=letzten=« Grund zielende Frage: Wie kommt es, daß alle natürlichen -Ursachen durch ihre gemeinsame Wirksamkeit eine allgemeine Ordnung -in der Natur hervorbringen? Es ist gegen alle Analogie, wenn man -annehmen will, daß ein derartiges Resultat durch solche Mittel, wie -sie der reine Zufall oder »das zufällige Zusammentreffen von Atomen« -bieten, erreicht werden könnte. Wir werden durch die wichtigsten -Fundamentalsätze unserer Vernunft zu dem Schluß geführt, daß es irgend -eine Ursache für dieses Zusammenwirken der Ursachen geben muß. Ich -weiß, daß dies seit den Tagen des Lucretius geleugnet worden ist, aber -das geschah nur aus Gründen des Gefühls. - -Es ist nicht möglich, für diese Leugnung einen Vernunftgrund anzugeben, -der nicht selbst wieder dem Gesetz der Kausalität zuwider liefe. Ich -bin mir daher dessen völlig bewußt, daß die einzige Frage, welche hier -von einem rein vernunftgemäßen Standpunkt aus zu beantworten ist, diese -ist: »Welcher Art muß die _causa causarum_ (die Ursache aller Ursachen) -sein?« - -Über diesen Punkt sind überhaupt nur zwei Hypothesen aufgestellt -worden, ich halte es aber auch für unmöglich, noch irgend eine dritte -zu erdenken. Von diesen beiden Hypothesen ist die älteste und die -natürlich am nächsten liegende die einer =geistigen= Zwecksetzung. Die -andere Hypothese verdanken wir den weitreichenden Gedanken Herbert -Spencers. Im siebenten Kapitel seiner »_first principles_« führt er -aus, daß alle Kausalität unmittelbar aus dem Dasein als solchem folgt, -oder, wie er es ausdrückt, daß »die Gleichförmigkeit des Gesetzes -unabweislich aus der Erhaltung der Kraft folgt«: denn »wenn in zwei -beliebigen Fällen völlige Übereinstimmung besteht, nicht nur zwischen -jenen völlig klaren Antecedentien (vorhergehenden Vorgängen), welche -wir als die Ursachen erkennen, sondern auch zwischen jenen begleitenden -Antecedentien, welche wir die Bedingungen nennen, dann können wir nicht -annehmen, daß die Wirkungen verschieden sein werden, es müßte denn -sein, daß entweder irgend eine neue Kraft ins Dasein getreten wäre -oder daß irgend eine alte Kraft aufgehört hätte zu wirken. Wenn die -zusammenwirkenden Kräfte in dem einen Fall denen im andern gleich sind -in Bezug auf Verteilung und Stärke, dann ist es unmöglich zu begreifen, -weshalb die Wirkung bei ihrer vereinten Thätigkeit in dem einen Fall -anders sein sollte als in dem anderen, man müßte dann denken, daß eine -oder mehrere von den Kräften sich der Quantität nach verstärkt oder -abgeschwächt haben, dann aber wäre die Kraft als nicht beharrend zu -denken.« - -Diese Erklärung der Ursächlichkeit als unmittelbarer Ausfluß des -Daseins ist nun für uns einmal als Theorie der Kausalität und dann -wegen ihrer Beziehung zum Theismus von Interesse. Als Theorie der -Kausalität hat sie nicht den Beifall der Mathematiker, Naturforscher -und Philosophen gefunden, die führenden Männer aller dieser -Wissenschaften haben ihr ausdrücklich widersprochen, während meines -Wissens kein Vertreter derselben zu ihren Gunsten gesprochen hat.[29] - -Aber dieser Umstand geht mich eben nichts an; denn selbst zugegeben, -daß die Theorie voll und ganz eine Erklärung der Ursächlichkeit bietet, -so würde sie doch nicht genügen, um die harmonische Beziehung der -Ursachen zu einander oder die Thatsache zu erklären, mit der allein wir -uns jetzt beschäftigen. Dies wird von dem anonymen Autor »Physikus« -nicht beachtet, der in seiner »Unbefangenen Prüfung des Theismus« -großes Gewicht auf Spencers Theorie der Kausalität legt, insofern sie -den Theismus stürze oder wenigstens die Notwendigkeit der theistischen -Hypothese abschwäche, weil sie eine volle Erklärung der Naturordnung -auf rein natürlichem Boden liefere. Aber er unterläßt die Bemerkung, -daß Spencers Theorie, selbst wenn man zugiebt, daß sie alle Thatsachen -der Ursächlichkeit voll und ganz erklärt, doch in keiner Weise den -Kosmos erklärt, in welchem diese Thatsachen auftreten. Es mag wahr -sein, daß die Ursächlichkeit von der Erhaltung der Kraft abhängt; es -folgt aber daraus nicht, daß alle Kraftäußerungen aus diesem Grunde -so auftreten müssen, wie sie gerade auftreten. Denn wenn wir irgend -eine Reihe von natürlichen Ursachen rückwärts verfolgen, so finden wir -bald, daß sie sich nach allen Seiten in ein Netzwerk von natürlichen -Beziehungen ausbreiten, die buchstäblich sowohl im Raum (Bedingungen) -als auch in der Zeit (vorhergehende Ursachen) unbegrenzt sind. Wenn -wir nun auch annehmen, daß die Erhaltung der Kraft eine hinreichende -Erklärung für das Zustandekommen der besonderen Folgewirkung ist, -soweit es sich um die Äußerung von Kraft handelt, so sind wir doch -noch so weit wie je davon entfernt, erklären zu können, weshalb diese -Kraft gerade für den besonderen Kanal, in dem sie fließt, bestimmt -ist. Es mag durchaus wahr sein, daß die Resultierende (d. h. die aus -vorhergehenden Ursachen, den Komponenten, sich ergebende Wirkung oder -Kraft. -- Der Übersetzer) nach Größe und Richtung durch die Komponenten -bestimmt wird, aber wie steht es mit Größe und Richtung der Komponenten -selbst? Wenn gesagt wird, daß sie ihrerseits durch das Zustandekommen -der vorhergehenden Systeme [von Ursachen] bestimmt werden, wie steht -es dann mit diesen Systemen? Und so geht es weiter, bis wir uns in -dem schon erwähnten, unbegrenzten Netzwerk verlieren. Nur wenn wir -den Ursprung aller Reihen aller dieser Systeme wüßten, dann könnten -wir in der Lage sein zu sagen, daß eine entsprechende Intelligenz -durch Berechnung den Zustand eines jeden Teils des Universums in einem -gegebenen Zeitpunkt vorher bestimmen konnte. Da aber die Reihen -sowohl nach Zahl wie nach Ausdehnung unbegrenzt sind, so kann man von -einer solchen Kenntnis natürlich überhaupt gar nicht reden. Überdies, -selbst wenn dies als möglich gedacht werden könnte, so könnte es nur -auf Kosten der Annahme eines Ursprungs der natürlichen Ursächlichkeit -in der Zeit geschehen; und dies läuft auf die Annahme eines Zustands -der Dinge hinaus, der vor einer solchen Ursächlichkeit lag und aus dem -letzteren entsprang. Dies heißt aber eine übernatürliche Quelle der -natürlichen Kausalität annehmen; und ob nun diese Annahme mit Bezug -auf ein natürliches Ereignis gemacht wird, welches unter unmittelbarer -Beobachtung stattfand (und dies wäre ein Wunder), oder mit Bezug auf -ein natürliches Ereignis in der Vergangenheit oder endlich mit Bezug -auf den Ursprung aller natürlichen Ereignisse, -- so ist sie doch -in gleicher Weise unvereinbar mit jeder Theorie, welche eine rein -natürliche Erklärung des Universums als Ganzes zu geben versucht. Kurz, -es ist die alte Geschichte von einem Strom, der sich nicht über seine -Quelle erheben kann. Die natürliche Ursächlichkeit kann nicht dazu -verwendet werden sich selbst zu erklären, und die bloße Erhaltung der -Kraft kann, selbst wenn sie zugestandenermaßen zur Erklärung besonderer -Fälle einer natürlichen Folgenreihe genügte, kein zureichender Grund -für die allgegenwärtige und ewige Leitung der Kraft bei dem Aufbau und -der Erhaltung der Weltordnung sein. - -So werden wir also zu der Anerkennung getrieben, daß uns die Theorie -des Theismus die einzige wirkliche Erklärung der Weltordnung -bietet. Das soll besagen: durch kein logisches Kunststück können -wir uns dem Schluß entziehen, daß diese Weltordnung, so weit unser -Verständnis reicht, irgend einem sie ergänzenden Prinzip den Ursprung -verdanken muß, und daß das letztere, so weit wir sehen können, -höchst wahrscheinlich geistiger Natur sein muß. Zum wenigsten aber -muß zugegeben werden, daß wir die Weltordnung unter keinem =anderen= -Gesichtspunkt =begreifen= können, und daß, wenn irgend eine besondere -Anpassung in der organischen Natur nach unserem Dafürhalten auf eine -solche Thätigkeit hinweist, die Gesamtsumme aller Anpassungen in dem -Universum dies in noch unvergleichlich höherem Maße thun muß. Ich -werde indessen hierbei nicht verweilen, da dies schon von einigen -modernen Schriftstellern und mit besonderer Überzeugungskraft von Baden -Powell erörtert worden ist. Ich will nur bemerken, daß wir bei der -Darstellung dieses Arguments zu Gunsten des Theismus meines Erachtens -nicht von »Naturgesetzen« zu sprechen brauchen. Wir brauchen uns nur -auf die [großartige] allgemeine Thatsache zu berufen, daß die Natur ein -geordnetes System ist und daß die in ihr beobachtete Ordnung durchaus -universal, von ewiger Dauer und unendlich exakt ist; denn nur dann, -wenn dies der Fall ist, ist es begreifbar, daß eine Erfahrung für uns -möglich ist oder daß wir eine Erkenntnis erlangen können. - -Nachdem ich nun möglichst nachdrücklich festgestellt habe, daß nach -meiner Meinung eine andere Erklärung der allgemeinen Naturordnung -weder begriffen noch aufgestellt werden kann als die, welche auf -eine Intelligenz als höchste leitende Ursache zurückgeht, werde -ich zu zwei anderen Fragen übergehen, die unmittelbar aus dieser -Erklärung entspringen. Die erste von diesen Fragen bezieht sich auf -den mutmaßlichen Charakter jener höchsten Intelligenz, insofern durch -unsere Naturbeobachtung irgend welche Anhaltspunkte für denselben -zu gewinnen sind; die andere Frage ist die nach der streng formalen -Überzeugungskraft irgend welcher Schlüsse mit Bezug auf die Existenz -oder den Charakter solch einer Intelligenz.[30] Ich werde diese beiden -Fragen getrennt betrachten. - -Wenn wir zu dem Schluß gelangt sind, daß die einzige Hypothese, welche -eine Erklärung der allgemeinen Naturordnung zuläßt, die ist, daß sie -aus einer Ursache geistiger Art entspringt, -- so stehen wir vor der -Thatsache, daß diese Ursache himmelweitverschieden von allem sein muß, -was wir von dem Geist in uns selbst erkennen. Und alsbald entdecken -wir, daß diese Verschiedenheit nicht bloß dem Grade nach, mag dies -noch so weit gehen, sondern auch der Art nach aufgefaßt werden muß. -Mit anderen Worten: wenn wir auch schließen können, daß die nächste -Analogie für den _causa causarum_, die uns die Erfahrung bietet, der -menschliche Geist ist, so müssen wir doch sagen, daß diese Analogie -in allen grundlegenden Punkten so fern liegt, daß sich die Frage -erhebt, ob wir der Wahrheit wirklich sehr viel näher kommen, wenn -wir sie aufrecht halten. So ist z. B., wie Spencer festgestellt hat, -unsere einzige Vorstellung von dem, was wir als Geist in uns selbst -erkennen, die Vorstellung von einer Reihe von Bewußtseinszuständen. -Aber er fährt fort: »nimm eine Reihe von Bewußtseinszuständen als -Ursache und das sich entwickelnde Universum als Wirkung, und dann -bemühe dich einmal das letztere als aus dem ersteren entspringend zu -erkennen. In etwas unklarer Weise kann ich mir wohl vorstellen, daß -eine Reihe von Bewußtseinszuständen für irgend eine der Bewegungen, -die ich vor sich gehen sehe, das Antecedens (Vorhergehende) ist; denn -meine eigenen Bewußtseinszustände sind oft indirekt die Antecedenten -solcher Bewegungen. Aber wie steht es, wenn ich versuche an eine -solche Reihe als Antecedens =aller= Wirkungen im ganzen Universum zu -denken ....? Wenn wegen der Unbegrenztheit der überall stattfindenden -natürlichen Veränderungen »ein Geist als vorhanden begriffen werden -muß«, »unter der Gestalt einfacher Kräfte«, dann folgt doch daraus, daß -der Geist, um derartig begriffen zu werden, aller Eigenschaften, durch -welche er (beim Menschen. -- Der Übs.) gekennzeichnet wird, entkleidet -werden muß; ein Begriff aber, der so aller seiner kennzeichnenden -Eigenschaften entkleidet wird, verschwindet in sich: -- das Wort -»Geist« steht dann also da als eine unbekannte Größe«. - -Und mehr noch, »wie soll man es sich denken, daß der schöpferische -Geist Zustände durch Naturkörper hervorbringt, die ihm gegenüber -objektiv sind, daß er zwischen diesen Zuständen unterscheidet, daß -er sie als ähnlich oder unähnlich klassifiziert und daß er =ein= -objektives Resultat dem anderen vorzieht?«[31]. - -Ohne diese Gedanken weiter auszuführen, was sich unschwer in Bezug -auf jede wesentliche Seite menschlicher Psychologie machen ließe, -können wir es als unfraglich ansehen, daß der göttliche Geist, wenn -er wirklich vorhanden ist, so wesentlich vom menschlichen Geist -verschieden sein muß, daß es unlogisch ist, die beiden mit demselben -Namen zu bezeichnen: die Eigenschaften der Ewigkeit und Allgegenwart -genügen an sich ja schon, um einen solchen Geist in eine besondere -Kategorie zu stellen, die gänzlich verschieden von allem ist, was -das Analogon unsers eignen Geistes uns, wenn auch nur dunkel, je -begreiflich machen könnte. Und ganz dasselbe behaupten ja auch die -Theologen. »Gottes Gedanken«, sagen sie, »sind höher als unsere -Gedanken, und ein Gott, der für unsere Intelligenz faßbar wäre, würde -überhaupt kein Gott sein«. Das mag ja ganz richtig sein, allein wir -müssen uns dann doch sagen, daß wir in demselben Maße, wie uns das -Verständnis des göttlichen Geistes verschlossen ist, auch unfähig -sind nach den vom menschlichen Geist gebotenen Analogieen irgend -welche Schlüsse auf seine Natur zu ziehen. Die Theorie hört auf -anthropomorphistisch, ja sogar anthropopsychisch zu sein, sie hat -mit dem Begriff des Geistes nur noch in sofern etwas zu thun, als er -am besten eine vorläufige, faßbare Rechenschaft von der Naturordnung -giebt, indem sie (in dem weltschöpferischen Geist -- D. Ü.) einige -Fähigkeiten des menschlichen Geistes als vorhanden aber unendlich -vergrößert annimmt, zugleich aber auch alle wesentlichen Bedingungen -vernichtet, unter denen allein diese Fähigkeiten, soweit wir wissen, -existieren können. Es ist klar, daß eine Aussage von einem solchen -Geist logisch unmöglich ist. Wenn er existiert, dann ist seine Existenz -unbegreiflich, und es ist ausgeschlossen, daß wir ihm irgend welche -Eigenschaften zuschreiben dürfen. - -So viel von der allgemeinen Grundlage (der Annahme eines dem -Menschengeist ähnlichen Schöpfergeistes -- D. Ü.). Wenn wir nun -zu Einzelheiten übergehen, so wollen wir mit den Vertretern der -natürlichen Theologie annehmen, daß solch ein Geist existiert, daß er -dem menschlichen Geist in soweit ähnelt, als er eine selbstbewußte, -persönliche Intelligenz ist und daß sich die Fürsorge eines solchen -Geistes über alle seine Werke erstreckt. Selbst auf Grund dieser -Annahme begegnen wir einer Menge von bedeutsamen und allgemeinen -Thatsachen, welche anzeigen, daß dieser Geist doch noch als seinem -»Ebenbild« im Geist des Menschen augenscheinlich sehr unähnlich -betrachtet werden muß. Ich will mich hier nicht auf die Thatsache -berufen, daß es in der Natur ein unnützes und zweckloses Handeln -giebt, weil man dem meines Erachtens sehr wohl ein anderes aus der -Anschauung der Natur als Ganzes entnommenes Argument entgegenhalten -kann -- daß nämlich die Natur als Ganzes ein geordneter Kosmos ist -und daß daher das, was uns im Einzelnen als unnütz und zwecklos -erscheint, in Bezug auf das große System der Dinge als ein Ganzes nicht -zwecklos sein mag. Zweifelhaft aber ist es mir, ob man dann weiterhin -dieses letztere Argument demgegenüber anführen darf, daß in der Natur -offenbar das fehlt, was man beim Menschen »Moralität« nennt. Denn in -dem menschlichen Geist ist das Gefühl für Recht und Unrecht -- mit -allen jenen Affekten, die es begleiten und bilden: Liebe, Sympathie, -Gerechtigkeit u. s. w. -- ein so wichtiger Faktor, daß wir uns, wie -groß auch die intellektuelle Seite des menschlichen Geistes gedacht -werden mag, doch kaum dabei die moralische Seite so augenscheinlich -verdunkelt denken könnten, daß sie in der Schöpfung eines solchen -Werkes aufgehen sollte, wie wir es in der irdischen Natur finden. -Es ist unnütz unsere Augen vor dem Zustand der Dinge, der uns hier -begegnet, zu schließen. Die meisten Beispiele spezieller Zwecksetzung, -auf welche sich die Vertreter der natürlichen Theologie beziehen, um -die intelligente Natur der »ersten« Ursache zu beweisen, haben als -Ziel oder Gegenstand die Strafe eines schmerzreichen Todes oder die -Flucht vor grausamen Feinden, aber gerade in dieser Hinsicht ist das -Argument zu Gunsten der intelligenten Natur der »ersten« Ursache ein -Argument gegen ihre Moralität. Wenn wir wiederum die engere Grundlage -verlassen, auf welcher das teleologische Argument früher ruhte, und -es auf die breitere Grundlage der Natur als ein Ganzes stellen, so -ist es kaum weniger unvereinbar mit der Moralität jener Ursache; denn -wir sehen, daß die Thatsachen, auf die ich angespielt habe, nicht nur -zufälliger Natur sind und sozusagen von entgegengesetzten Thatsachen -allgemeinerer Art ausgewogen werden, sondern daß sie augenscheinlich -das wichtigste Kennzeichen des Systems der organischen Natur als ein -Ganzes darstellen; wenn man dies aber für fraglich hält, dann würden -wir nicht mehr zu dem Schluß berechtigt sein, daß es überhaupt ein -solches System giebt. - -Daß die Natur an Zähnen und Klauen rot vor Blutgier ist, das ist also -ohne Frage eine Thatsache von weitgehender und allgemeiner Bedeutung, -die von jeder Theorie der Teleologie berücksichtigt werden muß. -Diese Seite unserer Frage kann wohl kaum in stärkeren Ausdrücken -wiedergegeben werden, als es von »Physikus«[32] geschehen ist, den ich -daher hier zitieren werde: - -»Nehmen wir einmal an, die Gottheit sei, wie Professor Flint behauptet, -allmächtig, dann ist doch sicherlich der Schluß im höchsten Grade -berechtigt, daß ein derartiges allgemeines Leiden, mag es auch immer -bezwecken, was es will, einen unberechenbar größeren Mangel an -Barmherzigkeit im göttlichen Charakter zeigt als in irgend einem, -auch dem schlechtesten, menschlichen Charakter. Laßt uns doch einen -Augenblick einhalten und bedenken, was das Leiden in der Natur -bedeutet. Vor einigen hundertmillionen Jahren sind Millionen und aber -Millionen von Tieren zum Gefühl erwacht. Seit jener Zeit bis zur -Gegenwart muß es Millionen und aber Millionen von Generationen von -Millionen und aber Millionen von Individuen gegeben haben. Und während -dieser ganzen Zeit von unberechenbarer Dauer hat dieses unfaßbar große -Heer fühlender Wesen in einem Zustand des unaufhörlichen Kampfes, -der Furcht, der Raubgier und der Schmerzen gelebt. Wenn wir das -Ergebnis dieser Thatsachen betrachten, so finden wir, daß mehr als -die Hälfte der Arten, welche den endlosen Kampf überlebt haben, in -ihren Lebensgewohnheiten Parasiten geworden sind, also niedrigere und -empfindungslose Lebensformen, welche sich von höheren und empfindenden -Formen nähren: da sehen wir Zähne und Krallen, die zum Mord gewetzt, -Hacken und Saugnäpfe, die zur Qual gebildet sind, -- überall eine -Herrschaft des Schreckens, des Hungers, der Krankheit, mit strömendem -Blut und zuckenden Gliedern, mit keuchendem Atem und unschuldigen -Augen, die sich trübe in den Todesschauern grausamer Qual schließen. -Will man etwa entgegnen, daß es zur Entschädigung auch Freuden giebt? -Ich will das nicht gegen einander abwägen, die Freuden fasse ich -einfach als ebenso natürlich notwendig auf wie die Schmerzen, einerlei -ob die Entwicklung einer Zwecksetzung entspringt oder nicht ...... Will -man mir aber vielleicht einwerfen, daß ich nicht berechtigt bin über -die Zwecke des Allmächtigen zu urteilen? Ich antworte: wenn es Zwecke -giebt, dann =bin= ich auch meines Erachtens berechtigt über sie zu -urteilen; und wenn ich über Zwecke urteilen darf, falls sie wohlthätig -zu sein scheinen, dann bin ich folgerichtig gezwungen auch über die -zu urteilen, welche unbarmherzig zu sein scheinen. Es ist auch nicht -möglich, die letzteren durch den Hinweis auf die Ordnung und Schönheit -als Endziel zu mildern, wenn man weiß, daß die von dem »allmächtigen -Zwecksetzer« angewandten Mittel so [schreckliche] gewesen sind. Alles, -was wir berechtigter Weise in dieser Sache behaupten könnten, würde -sein, daß er unseren Beobachtungen zufolge für die Vervollkommnung -der Tiere sorgt, selbst unter Hintansetzung ihrer Lebensfreuden, ja -selbst unter gänzlicher Mißachtung ihrer Leiden. Aber dies behaupten -würde doch nur heißen die Wohlthätigkeit als eine Eigenschaft Gottes -leugnen«.[33] - -Dieses Räsonnement ist ebenso unanfechtbar wie klar. Wenn wir, wie -der Verfasser weiter sagt, ein Kaninchen in den eisernen Klauen einer -Falle zittern sehen und die teuflische Natur des Wesens verabscheuen, -welches sehr gut weiß, was Schmerz bedeutet, und doch mit vollem -Bewußtsein seine ganze Erfindungsgabe anwendet, um ein so scheußlich -grausames Ding zu ersinnen, -- was sollen wir dann von einem Wesen -denken, welches mit noch höheren geistigen Fähigkeiten und mit einer -unbeschränkten Fähigkeit die Mittel zur Sicherung seiner Ziele zu -wählen begabt ist und welches doch unsagbar viele Tausende von nicht -weniger teuflischen Mechanismen ersonnen hat? Kurz, so weit uns die -Natur belehren kann und soweit die »Beobachtung reicht«, scheint es, -als ob das Natursystem, wenn es überhaupt eins giebt, die Schöpfung -eines Geistes darstellt, der sich von dem höher entwickelten -menschlichen Geist dadurch unterscheidet, daß er unermeßlich -intelligenter ist ohne auch nur annähernd so moralisch zu sein. Und -dasselbe wird durch die rohe und gar keinen Unterschied machende Art -angezeigt, in welcher die Gerechtigkeit abgemessen wird -- wenn man -überhaupt sagen kann, daß dies geschieht. Wenn wir die Bestimmtheit und -Strenge, mit welcher jedes Vergehen gegen die »Naturgesetze« von der -Natur bestraft wird (gleichgültig, ob es auch nur aus Unwissenheit -entspringt), mit der außerordentlichen Unbestimmtheit und Laxheit -vergleichen, mit welcher sie einem Vergehen gegen die »moralischen -Gesetze« begegnet, -- dann müssen wir doch fühlen, daß =dieses= System -der Gesetzgebung (wenn wir es überhaupt so nennen dürfen) gänzlich von -einem verschieden ist, welches eine irgendwie anthropopsychisch zu -nennende Intelligenz erdacht haben würde. - -Die einzige Antwort, welche die Vertreter der natürlichen Theologie -auf diese schwierigen Fragen noch geben könnten, bezieht sich auf -die Beschaffenheit des menschlichen Geistes. Es wird behauptet: die -Thatsache, daß dieser Geist seinem Wesen nach eine verhältnismäßig so -hohe Moralität besitze, möchte doch wohl ein Beweis dafür sein, daß die -Quelle, die ihm den Ursprung gab, in gleicher Weise einen moralischen -Charakter habe. Dieses Argument erscheint mir jedoch fragwürdig, -denn, soviel wir wissen können, kann der moralische Sinn dem Menschen -gegeben worden sein oder sich in ihm entwickelt haben, einfach wegen -seiner Nützlichkeit für die Spezies -- ganz in derselben Weise wie -die Zähne des Haifisches und das Gift der Schlange. Wenn dem so ist, -dann würde das Auftreten des moralischen Sinnes beim Menschen nur ein -weiterer Beweis dafür sein, daß die intellektuelle Natur Gottes von -seiner moralischen wohl zu unterscheiden ist; und es scheint kein -Grund vorhanden zu sein, weshalb wir die Sache von einem anderen -Gesichtspunkt aus betrachten sollten. Die Thatsache, daß =uns= der -moralische Sinn als ein so großes und heiliges Ding erscheint, ist -zweifellos (von jedem Gesichtspunkt aus) die Folge seiner Bedeutung für -die Wohlfahrt unserer Spezies. An sich oder wie er anderen möglichen -Wesen erscheint, die gleich uns intelligent sind, aber unter anderen -Lebensbedingungen existieren, kann man dem moralischen Charakter des -Menschen nicht mehr Bedeutung zugestehen als den sozialen Instinkten -der Bienen. Ganz besonders berechtigt ist diese Erwägung für den -Fall, daß es, gemäß der theologischen Theorie der Dinge, einen Geist -außerhalb des Gebiets jener sozialen Verhältnisse giebt, aus denen -sich nach der wissenschaftlichen Entwicklungslehre der moralische Sinn -in uns selbst entwickelt hat.[34] - -Thatsächlich nehmen die Vertreter der natürlichen Theologie in -dieser Frage einmal an, daß die erste Ursache wenn intelligent auch -moralisch sein müsse, ferner aber sehen sie nicht die außerordentlich -große logische Schwäche des Arguments, durch welches sie ihre -Annahme aufrecht erhalten wollen. Es möchte doch sicherlich eine -ganz ebenso anthropomorphistische Vorstellung sein, wenn man Gott -Moralität zuschreiben wollte, als wenn man ihm jene Empfänglichkeit -für sinnlichen Genuß zuschreiben wollte, mit der die Griechen ihre -Gottheiten ausstatteten. Die Gottheit mag doch wohl am Ende über dem -einen wie über dem anderen hoch erhaben stehen -- oder wir müssen -vielleicht richtiger sagen, sie steht dem einen so fremd gegenüber wie -dem anderen. Ohne daß sie übermoralisch und noch weniger unmoralisch -ist, mag sie wohl ohne Moral sein: unsere Begriffe von Moralität -möchten wohl auf Gott angewendet keinen Sinn haben. - -Wenn wir nun aber auf der einen Seite dies sagen müssen, so müssen wir -andererseits, denke ich, konsequenter Weise zugeben, daß das Argument -vom Bau des menschlichen Geistes viel gewichtiger wird, wenn man von -dem moralischen Gefühl zu den religiösen Instinkten übergeht. Denn -einerseits sind diese Instinkte nicht von so offenkundigem Nutzen für -die Spezies wie diejenigen der Moralität; und andererseits scheinen -sie, obwohl sie ohne Frage außerordentlich allgemein, ausdauernd und -kräftig sind, nicht irgend einem »Ziel« oder »Zweck« in dem System -der Dinge zu dienen, wenn wir nicht die Theorie derjenigen über sie -annehmen, in denen sie am stärksten entwickelt sind. Hier haben wir -meines Erachtens ein Argument von berechtigter Kraft, obwohl Mill, wie -es scheint, diese Meinung nicht teilte. Ich glaube, daß dieses Argument -deshalb eine berechtigte Kraft besitzt, weil die religiösen Instinkte -des Menschengeschlechts, wenn sie nicht auf eine Realität als ihr -Objekt hinweisen, verglichen mit allen anderen Instinkten ohne jedes -Analogon sein würden. - -Sonst treffen wir im Tierreich nirgends einen Instinkt an, der nicht -auf ein Ziel hinweist, und insofern ist die Thatsache, daß der Mensch, -wie man gesagt hat, ein »religiöses Tier« ist, -- d. h. daß er eine -Art eigentümlicher Gefühle aufweist, die auf besondere Ziele gerichtet -sind und die mit dem wahren Instinkt sehr nahe verwandt, wenn nicht -identisch sind, -- meiner Meinung nach ein berechtigtes Argument -für die Realität irgend eines Objekts, auf das die religiöse Seite -der Natur dieses Wesens gerichtet ist. Ich glaube auch nicht, daß -dieses Argument von Thatsachen wie den folgenden entkräftet wird: -daß nämlich die verschiedenen Rassen des Menschengeschlechts weit -auseinandergehende, intellektuelle Vorstellungen von dem Charakter -dieses Objekts besitzen; daß die Stärke der religiösen Instinkte bei -verschiedenen Individuen, selbst derselben Rasse, höchst verschieden -ist; daß diese Instinkte durch die Erziehung außerordentlich -modifiziert werden können; daß sie sich wahrscheinlich bei keinem -Individuum entwickeln würden, wenn demselben nicht wenigstens so viel -Erziehung zu teil wird als zur Entwicklung der nötigen intellektuellen -Vorstellungen, auf die sie sich gründen, erforderlich ist; oder daß wir -ihren Ursprung mit Spencer nicht unwahrscheinlich auf eine primitive -Art der Traumdeutung zurückführen können. Denn selbst im Hinblick auf -alle diese Erwägungen bleibt doch die Thatsache bestehen, daß diese -Instinkte =existieren=, und daß daher angenommen werden darf, daß sie -gleich allen anderen Instinkten eine bestimmte Bedeutung haben, auch -dann, wenn man annehmen kann, daß sie gleich allen anderen Instinkten -eine natürliche Ursache haben, was sowohl hinsichtlich des Individuums -wie auch hinsichtlich der Rasse fordert, daß für die natürlichen -Bedingungen ihres Auftretens gesorgt sein muß, gerade so wie bei -der natürlichen Entwicklung aller anderen Instinkte. Kurz, wenn man -allgemein dafür hält, daß die tierischen Instinkte gleich organischen -Gebilden und unorganischen Systemen einen Zweck verfolgen müssen, -dann würde die religiöse Natur des Menschen als eine Anomalie in dem -allgemeinen System der Dinge dastehen, wenn sie allein zwecklos wäre. -Dies nun erscheint mir ein kräftiger Beweis dafür zu sein, daß, wenn -die allgemeine Naturordnung einem Geist den Ursprung verdankt, der -Charakter dieses Geistes derartig ist, wie ihn sich die am höchsten -entwickelte Form der Religion vorstellt. Dieser Schluß ist nun ohne -Zweifel ganz entgegengesetzt dem, zu welchem wir durch Betrachtung der -biologischen Erscheinungen gelangten; und dies ist ein Widerspruch, der -nur durch die Annahme gelöst werden kann, daß entweder die Natur Gott -verheimlicht, während der Mensch ihn offenbart, oder daß die Natur Gott -offenbart, während der Mensch ihn falsch darstellt. - -Noch eine andere Thatsache von weittragender und allgemeiner Bedeutung -weist uns die Natur auf, welche meiner Meinung nach, falls die -Naturordnung für den Ausdruck eines intelligenten Zweckes gehalten -wird, als Beweis für die ethische Natur jenes Zweckes sehr wichtig ist. -Es ist eine Thatsache, welche meines Wissens noch von keinem anderen -Schriftsteller beachtet worden ist; da es aber eine der allgemeinsten -Thatsachen innerhalb der empfindenden Schöpfung ist, welche auch nicht -eine einzige Ausnahme gestattet, so kann ich ihre Bedeutung als -Argument gar nicht nachdrücklich genug hervorheben. Diese Thatsache -ist, wie ich sie bei einer früheren Gelegenheit festgestellt habe, -folgende: »Unter all' den Millionen von Mechanismen und Instinkten -im Tierreich giebt es kein einziges Beispiel eines Mechanismus oder -Instinkts, der bei einer Spezies zum ausschließlichen Vorteil einer -anderen Spezies aufträte, obwohl es einige wenige Fälle giebt, in denen -ein Mechanismus oder Instinkt, der für seinen Besitzer von Vorteil -ist, auch von anderen Spezies sich nutzbar gemacht worden ist. Nun ist -es der Theorie einer wohlthätigen Zwecksetzung unmöglich zu erklären, -warum es, wenn alle Mechanismen derselben Spezies unabänderlich zu -Gunsten jener Spezies in Korrelation stehen, niemals eine solche -Korrelation zwischen den Mechanismen verschiedener Spezies giebt, oder -warum dies auch für die Instinkte gilt. Denn welch' ein großartiges -Schauspiel göttlicher Barmherzigkeit würde die organische Natur geboten -haben, wenn alle, oder auch nur einige Spezies in solche Beziehung zu -einander gesetzt worden wären, daß sie sich in ihren gegenseitigen -Bedürfnissen aushelfen könnten. Die organischen Spezies könnten dann -einer unzähliger Schar von Stimmen verglichen werden, die alle in einen -harmonischen Lobpsalm einstimmen. Aber wie es nun einmal ist, sehen wir -keine Spur einer solchen Koordination; jede Spezies steht für sich und -für sich allein -- eine Folge des stets und überall grimmig wütenden -Kampfes ums Dasein«.[35] - -Die soeben festgestellte weittragende und allgemeine Thatsache ist -nach meiner Meinung das wichtigste Argument zu Gunsten der Darwinschen -Theorie von der natürlichen Zuchtwahl, und aus ihr können wir den -wahrscheinlichen Grund erkennen, warum sie [die Thatsache] so ist, -wie sie ist, so weit es sich um die Frage nach ihrer natürlichen -Ursache handelt. Aber wenn es sich um die Frage handelt: was sollen -wir, vorausgesetzt, die natürliche Kausalität entspränge im letzten -Grunde einem Geist, von dem Charakter des Geistes sagen, welcher sich -dieser Methode der Kausalität bedient? -- Dann kommen wir wieder zu der -Antwort, daß dieser Geist, so weit wir es nach einer gewissenhaften -Prüfung dieser Thatsachen beurteilen können, nicht derartig ist, daß -wir ihn wie beim Menschen moralisch nennen würden. Natürlich mag hinter -den Naturerscheinungen eine moralische Rechtfertigung stecken, so daß -wir nach diesen Erscheinungen zu urteilen nur sagen können, daß er -[nämlich der Geist], weil er eine Methode der natürlichen Kausalität -wählte, welche zu diesen Resultaten führte, bei uns, wie oben erwähnt, -den Anschein erweckt hat, als sorge er für die Vervollkommnung der -Tiere unter Ausschluß ihrer Freuden, ja sogar unter gänzlicher -Mißachtung ihrer Leiden. - -Endlich ist noch eine Wahrheit von Bedeutung, die in Erörterungen -dieser Art nur zu oft unberücksichtigt bleibt, -- da nämlich alle -unsere Räsonnements einen sich nach unserem Wissen richtenden -Charakter haben, so sind unsere Schlußfolgerungen proportional unserer -Unwissenheit unsicher; und da unsere Unwissenheit hinsichtlich der von -uns erörterten Fragen unermeßlich groß ist, so sind alle Schlüsse, die -wir haben ziehen können, wie Bischof Butler sagen würde, »unendlich -prekär.« Oder, wie ich diese formale Seite der Frage früher bei einer -Diskussion mit Professor Asa Gray über das teleologische Argument -ausdrückte: -- »Ich denke, man wird doch wohl zugeben, daß die Stärke -eines Schlusses von der Zahl, der Bedeutung und der Bestimmtheit -der dabei mitspielenden bekannten Dinge und Verhältnisse abhängt, -verglichen mit der Zahl, Bedeutung und Bestimmtheit der dabei -mitspielenden unbekannten, aber hergeleiteten Dinge und Verhältnisse. -Wenn dem so ist, so sollten wir logischer Weise vorsichtig sein, -wenn wir von dem Natürlichen auf das Übernatürliche schließen: denn -wenn wir auch das ganze Gebiet der Erfahrung, aus dem wir einen -Schluß ziehen, vor uns haben, so sind wir doch nicht im stande die -Wahrscheinlichkeit des Schlusses abzumessen, -- da die unbekannten -Verhältnisse hier eingestandener Maßen nach Zahl, Bedeutung und -Grad der Bestimmtheit unbekannt sind: der ganze Kreis menschlicher -Erkenntnis ist unzureichend, um eine Parallaxe zu gewinnen, durch -welche man die erforderlichen Messungen anstellen und das Verhältnis -zwischen den bekannten und den unbekannten Begriffen bestimmen kann. -Anders ausgedrückt können wir sagen: -- wie sich unsere Kenntnis eines -Teils zu unserer Kenntnis eines Ganzen verhält, so verhält sich unser -Schluß aus jenem Teil zur Realität jenes Ganzen. Wer kann daher, selbst -auf dem Boden der Hypothese des Theismus, sagen, daß unsere Schlüsse -oder die »Idee des Zweckes« irgend einen Sinn haben würden, wenn sie -auf den »All-Erhalter« angewendet werden, dessen Gedanken nicht unsere -Gedanken sind.«[36] Und natürlich lassen sich, _mutatis mutandis_ -dieselben Bemerkungen auf alle Schlüsse anwenden, die eine negative -Tendenz haben. - -=Ein= Ergebnis der ganzen Erörterung erscheint mir also zu sein, -daß der Einfluß der Naturwissenschaft auf die natürliche Religion -stets ein zerstörender gewesen ist. Schritt für Schritt hat sie den -scheinbaren Nachweis einer direkten oder speziellen Zwecksetzung in -der Natur zurückgedrängt, bis nunmehr dieser Nachweis nur allein -noch auf der einen gewaltigen und allgemeinen Thatsache beruht, daß -die Natur als Ganzes ein Kosmos ist. Es ist offenbar unmöglich, daß -sich der zerstörende Einfluß der Naturwissenschaft noch weiter als -bis hierhin erstrecken wird, da die Naturwissenschaft selbst nur auf -dieser Thatsache als Grundlage bestehen kann. Aber wenn wir zugeben, -daß diese gewaltige und allgemeine Thatsache, -- welche für unsern -Intellekt überwältigend sein müßte, wenn sie uns ihrer Alltäglichkeit -wegen nicht so vertraut wäre, -- die Thätigkeit eines Geistes in -der Natur offenbart, so merken wir sofort, daß es unmöglich ist -den etwaigen Charakter eines solchen Geistes zu bestimmen, selbst -wenn wir annehmen, daß er existiert. Wir können nicht begreifen, -daß er irgend eine der Fähigkeiten besitzen sollte, welche ganz -besonders das kennzeichnen, was wir in uns selbst als Geist erkennen; -und daher ist das Wort »Geist«, auf jene vermeintliche Thätigkeit -angewandt, ein _x_, eine unbekannte Größe. Und dann, wenn wir auch -diese Schwierigkeit nicht berücksichtigen und annehmen, daß es auf -die eine oder andere für uns unbegreifliche Weise einen Geist giebt, -der über dem menschlichen Geist so hoch erhaben ist, wie dieser über -der mechanischen Bewegung, so treffen wir doch noch auf einige gar -gewaltige und allgemeine Thatsachen in der Natur, welche entschieden -darauf hinzudeuten scheinen, daß diesem Geist, wenn er existiert, die -moralischen Empfindungen des Menschen teilweise oder gänzlich fehlen; -während andererseits das religiöse Verlangen des Menschen selbst den -entgegengesetzten Schluß rechtfertigen möchte. Und endlich haben wir -im Hinblick auf den ganzen Gang dieser Untersuchung gesehen, daß man -auch nicht die geringste meßbare Wahrscheinlichkeit hinsichtlich ihrer -Schlußfolgerungen erlangen kann. Nach alle dem erscheint die natürliche -Religion heutzutage lediglich als ein System von intellektuellen -Widersprüchen und moralischen Schwierigkeiten; und wenn wir an sie mit -den größten von allen Fragen herantreten: »Giebt es ein Wissen bei -dem Allerhöchsten?«, »Sollte nicht der Richter der ganzen Welt recht -richten?«, -- so ist die einzig klare Antwort, welche wir erhalten und -die uns aus der Tiefe unseres eignen Herzens zurückschallt: »Als ich -dies bedachte, war es zu schmerzlich für mich.« - - - - - III. - - Notizen zu einem Werke: »Eine unbefangene - Prüfung der Religion« von Metaphysikus. - - - Einleitung des Herausgebers. - -Zu den Notizen, die alles enthalten, was George Romanes für sein -Werk: »Eine unbefangene Prüfung der Religion« schreiben konnte, ist -nur noch wenig als Einleitung hinzuzufügen; dies wenige aber muß die -Gedankenkluft zwischen den vorstehenden Abhandlungen und den Notizen -überbrücken, welche die Geistesrichtung, die Romanes zuletzt vertrat, -näher beleuchten. - -Am schärfsten kommt der antitheistische Zug jener Abhandlungen wohl -darin zum Ausdruck, daß in ihnen auf den von der Natur gelieferten oder -doch angenommener Maßen gelieferten Beweis gegen den Glauben an Gottes -Güte ganz besonders Nachdruck gelegt wird. - -Über dieses Geheimnis, das wohl zu verwirren im Stande ist, hat George -Romanes offenbar noch mehr sagen wollen, er wurde aber durch den Tod -daran verhindert.[37] Wir können indes berichten, daß er im Jahre 1889 -in einer in der »Aristoteles-Gesellschaft« verlesenen Schrift »über den -Beweis der Zwecksetzung in der Natur« dem Argument, daß die Art und -Weise der natürlichen Entwicklung im Licht ihrer Ergebnisse beurteilt -werden muß, mehr Bedeutung als früher einräumt. Diese Schrift war ein -Teil eines Tischgesprächs. S. Alexander hatte früher in einer Schrift -gegen die Hypothese der Zwecksetzung in der Natur gesprochen, weil die -herrliche Ordnung in der Natur nur durch Verwüstung und Massen-Opfer -erreicht würde. Dieses Argument wurde unter Hinweis auf augenscheinlich -»schlechte Anpassungen«, zwecklose Zerstörungen u. s. w. entwickelt, -welche die Naturprozesse kennzeichnen. Darauf antwortet Romanes, daß -dies notwendigerweise zu dem als natürliche Zuchtwahl anzusehenden -Prozeß gehört. Die Frage ist nur: ist dieser Prozeß an sich mit der -Hypothese der Zwecksetzung unvereinbar? Er antwortet verneinend. - -»Die herrliche Ordnung in der Natur wird nur durch Verwüstung -und Massen-Opfer erreicht.« Zugegeben! aber wenn »Verwüstung und -Massen-Opfer« als Ursache zu einer »herrlichen Ordnung in der -Natur« als Wirkung führen, wie kann man dann sagen, daß »Verwüstung -und Massen-Opfer« ein Mißgriff gewesen sind? Oder wie kann man -es als Thatsache hinstellen, daß wirklich Verwüstung und Opfer -stattgefunden haben? Offenbar kann man das nur dann sagen, wenn wir -unser Augenmerk allein auf die Mittel (nämlich die Massenvernichtung -der den Lebensbedingungen weniger angepaßten Wesen) nicht aber -auf das richten, was schon innerhalb der Grenzen der menschlichen -Beobachtung unzweifelhaft als der Endzweck erscheint (nämlich als -das Kausalergebnis eine sich immer mehr vervollkommnende Welt von -Lebensformen). Ein Kandidat, der im Staatsexamen durchfällt, weil er -zufällig einer der weniger passenden ist, ist ohne Zweifel, bezüglich -seiner eigenen Karriere ein Beispiel des Mißerfolges, aber man darf -daraus nicht folgern, daß die Prüfung dabei ihren Endzweck verfehlte, -den nämlich, die besten Männer für den Staatsdienst zu gewinnen. -Und die Thatsache, daß dies allgemeine Ergebnis aller individuellen -Mißerfolge in der Natur das sichert, was Alexander »die herrliche -Ordnung der Natur« nennt, zeigt entschieden, daß der _modus operandi_ -an sich kein Fehler bezüglich dessen war, was wir, wenn es überhaupt -eine Zwecksetzung in der Natur giebt, als das höhere Ziel dieser -Zwecksetzung betrachten müssen. Daher können Fälle von individuellen -oder anderen relativen Mißerfolgen nicht als Beweis gegen die Hypothese -einer derartigen Zwecksetzung benutzt werden. Die Thatsache, daß das -allgemeine System der natürlichen Kausalität möglicher Weise zu einer -»herrlichen Ordnung der Natur« führt, braucht an sich noch nicht -der Hypothese von der Zwecksetzung in der Natur entgegen zu stehen, -selbst wenn diese Kausalität fortwährend die Ausscheidung der weniger -passenden Formen bewirken sollte.[38] - -Nach meinem besten Wissen und Gewissen ist also dieses Argument des -Mißerfolges, des Probierens ins Blaue hinein, des blinden Zutappens, -oder in welchen andren Ausdrücken es sonst noch dargestellt wird, nur -gegen die Theorie anwendbar, auf welche Alexander anspielt, wenn er von -einem »Zimmermanns-Gott« spricht, d. h. wenn es in der Natur überhaupt -eine Zwecksetzung giebt, so muß sie überall spezifiziert sein, so daß -ihr Nachweis sich eben so gut in dem kleinsten Bruchstück der Natur --- wie z. B. an einem einzelnen Organismus oder an einer Klasse von -Organismen --, wie auch bei der Betrachtung des ganzen Kosmos führen -läßt. Die Beweisführung zu Gunsten einer Zwecksetzung in diesem Sinne, -ist, wie ich durchaus zugebe, durch den Nachweis der natürlichen -Zuchtwahl gänzlich zu Schanden gemacht. Aber dies hat die sich nun -erhebende, viel wichtigere Frage in ein um so helleres Licht gesetzt, -nämlich die: liegt in der Methode der Kausalität auf die Natur als -Ganzes angewandt irgend etwas, was der Theorie einer Zwecksetzung in -der Natur als Ganzes entgegensteht? - -Es ist wahr, daß dieses Argument sich nicht direkt gegen den Charakter -Gottes wendet, -- dessen Plan die Natur darstellt; aber indirekt -doch.[39] Solch' ein Argument z. B. wie es sich Seite 66 befindet: -Wenn wir ein Kaninchen sehen, ..... scheint nur dann Beweiskraft zu -haben, wenn wir uns »Gott als Zimmermann« vorstellen. Wahrscheinlich -fühlte Romanes auch die Schwierigkeit, welche aus dem Gedanken an die -Grausamkeit der Natur entspringt, weniger, jemehr er die Menschheit als -den wichtigsten Teil der Natur erkannte und je mehr er die Bedeutung -des Leidens für das menschliche Leben erfuhr (S. 124 u. 135) und auch -einen größeren Eindruck von der positiven Gewißheit des Christentums -als einer Religion des Leidens und zugleich der Offenbarung des Gottes -der Liebe (S. 144 ff.) erlangte. Der christliche Glaube giebt seinen -Anhängern nicht nur ein Argument gegen den Pessimismus aus allgemeinen -Ergebnissen, sondern auch eine solche Einsicht in den Charakter und das -Thun Gottes, daß ihn dies befähigt, hoffnungsvoll die überwältigenden -Bedenken zu ertragen, die aus dem Anblick des individuellen Leidens -entspringen. - -In den letzten Jahren seines Lebens las er mit großer Aufmerksamkeit -einige Bücher über den Beweis des Christentums, von Pascals »_Pensées_« -an bis auf unsere Zeit und studierte eifrig die Beweisgründe für einen -Weltenplan, wie er sich in der biblischen Offenbarung als Ganzes zeigt. -Dieses Studium offenbart sich in kurzen Bemerkungen und Hinweisen, -welche Romanes in Notizbüchern hinterlassen hat. Die Resultate dieses -Studiums werden aus den folgenden Notizen ersichtlich sein, welche, wie -ich meine Leser erinnern muß, trotz ihres kleinen Umfangs der einzige -Grund für die Veröffentlichung dieses ganzen Buches bilden. - -Beim Lesen dieser Notizen wird gewiß jeder von tiefem Bedauern -ergriffen werden, daß es dem Verfasser nicht vergönnt war sein Werk -zu vollenden. Jeder Leser der folgenden Seiten muß dessen eingedenk -sein, daß er nur unvollständige Notizen, kein vollendetes Werk vor -sich hat. Dies ist auch besonders bei einigen Stellen, die skizzenhaft -und in ihrer Behandlung unbefriedigend erscheinen mögen, sowie endlich -auch in Bezug auf Wiederholungen und Spuren der Unzulänglichkeit zu -berücksichtigen. Aber ich kann mir auch nicht denken, daß irgend -jemand diese Notizen bis zu Ende lesen könnte, ohne mit mir darin -übereinzustimmen, daß die Welt, wenn ich sie nicht veröffentlicht -hätte, das Zeugnis eines begabten und durchaus aufrichtigen Geistes, -der Gott suchte und fand, verloren haben würde. - - C. G. - - - Motto für diese Notizen: - - »Es ist aber durchaus nichts geringes, obwohl schwer zu glauben, das - durch die astronomischen Studien in jedem Menschen ein geistiges - Organ (Auge) gereinigt und wiederbelebt wird, wenn es in den anderen - Beschäftigungen verkümmert und blind wird, obgleich es doch mehr wert - ist erhalten zu werden als tausend körperliche Augen; denn durch - dieses allein sieht man die Wahrheit. Wer nun Deine Ansicht teilt, - der wird Deinen Worten den größten Beifall schenken; wer aber hiervon - noch nichts empfunden hat, der wird natürlich annehmen, daß Du Unsinn - redest, denn einen anderen Nutzen, welcher der Rede wert wäre, sieht - er nicht ein. Darum überlege es Dir gleich, an wen von beiden Du - Deine Worte richtest, -- ob Du nicht lieber weder mit dem einen noch - mit dem anderen redest, sondern die Untersuchung hauptsächlich um - Deiner selbst willen führst, ohne daß Du es einem anderen mißgönnst, - wenn er davon Vorteil hat.« - - =Plato=. - - »Wenn wir mit Erfolg tadeln und einem anderen seinen Irrtum zeigen - wollen, so müssen wir wissen, von welcher Seite er die Sache ansieht; - denn auf dieser Seite ist sie gewöhnlich richtig; und indem Du dies - zugiebst, zeige ihm die Seite, auf der sie falsch ist.« - - =Pascal=. - - - Bemerkung des Übersetzers. - -Durch die Güte des Herrn Direktor Dr. Kühne in Doberan erfahre ich, daß -die von Romanes zitierte Stelle aus Plato sich »Politeia,« Buch VII, -Cap. 10 im Anfang findet. Plato läßt dort Sokrates von der Astronomie -und ihrem Nutzen für den Menschen reden. Ein Zuhörer meinte dabei, -die Astronomie habe für Ackerbau, Schifffahrt und Kriegskunst Wert, -weil man durch sie die Gesetze der Zeiten kennen lerne. Sokrates lacht -darüber und sagt: »Du bist ein drolliger Kerl; Du fürchtest Dich wohl -vor dem Pöbel und willst nicht etwas empfehlen, was keinen praktischen -Nutzen hat?« -- Dann folgen die obigen als Motto gewählten Worte, die -ich des besseren Verständnisses halber in fast wörtlicher Übersetzung -aus dem griechischen Original gebe. -- - - - § 1. Einleitung. - -Vor vielen Jahren veröffentlichte ich in Trübners »Philosophischen -Abhandlungen« einen kurzen Aufsatz betitelt: »Unbefangene Prüfung des -Theismus« von Physikus. Obgleich das Buch damals einiges Aufsehen -erregte, und seitdem eine Lebensfähigkeit gezeigt hat, welche der -Verfasser nie erwartet hätte, so ist das Geheimnis der Autorschaft -dennoch gewahrt geblieben.[40] Das Geheimnis möchte ich, wenn möglich, -auch ferner bewahren; aber da es, wie ich im Folgenden zeigen werde, -in mancher Hinsicht wünschenswert ist, darzulegen, daß beide Bücher -denselben Verfasser haben, so erscheint die gegenwärtige Schrift unter -demselben Pseudonym wie die vorhergehende.[41] - -Der Grund, warum die erste Abhandlung anonym erschien, ist in der -Vorrede zu derselben offen dargelegt worden, nämlich: damit das -Räsonnement des Buches nach seinem eignen Werte beurteilt werden -möchte, unter Vermeidung des Vorurteils, das von Seiten des Lesers so -leicht entsteht, wenn er weiß, ob der Verfasser eine Autorität ist oder -nicht. Dieser Grund besteht nach meiner Meinung noch immer in Bezug auf -jene Schrift, er läßt sich aber auch gleicherweise auf die vorliegende -Fortsetzung »eine unbefangene Prüfung der Religion« anwenden. - -Es wird sich zeigen, daß die negativen Schlüsse der früheren Abhandlung -in vielen Beziehungen durch die Resultate reiferen Nachdenkens, wie -sie in der vorliegenden dargeboten werden, stark modifiziert worden -sind. Es erscheint daher wünschenswert, gleich von Anfang an, so weit -ich es zu beurteilen im Stande bin, zu erwähnen, daß die fraglichen -Modifikationen in keiner Weise irgend einem Einfluß von außen her -zuzuschreiben sind. Sie sind vielmehr fast ausschließlich auf die -Ergebnisse meines eignen, eingehenderen Nachdenkens zurückzuführen, wie -ich es in Kürze auf den folgenden Seiten auseinandersetzen werde; dabei -verdanke ich den persönlichen Anregungen von Freunden gar nichts und -der Lektüre von Büchern nur wenig. - -Indessen werden hier eigentlich keine neuen Gedanken dargeboten; ja, -ich meine, daß es heutigen Tages unmöglich sein würde, irgend einen -Gedanken in Bezug auf Religion auszusprechen, welcher nicht schon -zu irgend einer Zeit geäußert worden wäre. Doch kann man immer noch -viel thun, um seine Gedanken weiter zu fördern, indem man eine Sache -von anderen Gesichtspunkten aus betrachtet, und schon mehr oder -weniger vertraute Ideen auswählt oder ordnet, so daß sie zu neuen -Gedankenkombinationen ausgebaut werden können, und dies, glaube ich, -in Bezug auf den Mikrokosmos meines eigenen Geistes in nicht geringem -Maße gethan zu haben. Aber ich bemerke dies nur, um sogleich ein -Bekenntnis hinzuzufügen: daß es mir nämlich, so weit Selbstprüfung den -Menschen führen kann, so vorkommt, als ob die Modifikationen, welche -meine Ansichten seit der Veröffentlichung meiner ersten »unbefangenen -Prüfung« erlitten haben, ebenso sehr rein logischen Denkprozessen als -auch den halb-bewußten (und daher mehr oder weniger undefinierbaren) -Einflüssen der reiferen Lebenserfahrung zuzuschreiben seien; wie -weit dies so ist, [d. h. wie weit die Erfahrung das logische Denken -beeinflußt][42] das ist selten, wenn überhaupt je, klar dargelegt, -obgleich es sich täglich in der nüchterneren Vorsicht offenbart, mit -welcher das nahende Alter den Geist beeinflußt: nicht so sehr durch -das offene Spiel von Vernunftschlüssen als vielmehr durch heimliche -Täuschung des Bewußtseins bereichern die wachsenden Erfahrungen des -Lebens und des Nachdenkens allmählich das Urteil. - -Und das, man braucht es kaum zu sagen, bewahrheitet sich besonders auf -solchen Gebieten, welche das zarteste Medium für den Fortschritt des -Denkens vermittels der verhältnismäßig plumpen Mittel syllogistischer -Fortbewegung sind. Denn je höher wir von den festen Grundlagen der -Bestätigung der Thatsachen emporsteigen, desto weniger sollten wir -den Schwingen unserer Spekulation trauen, desto mehr aber werden wir -uns auch jene praktische Weisheit intellektueller Vorsicht oder des -Mißtrauens gegen bloße Verstandesspekulationen erwerben, und das kann -nur durch Erfahrung geschehen. - -Am meisten ist dies daher auf solchen Gebieten des Denkens der Fall, -welche unserem sinnlichen Leben am fernsten liegen, nämlich in der -Metaphysik und Religion. Und thatsächlich sehen wir grade auf diesen -Gebieten des Denkens, daß die Unbesonnenheit der Jugend sich am -leichtesten durch die Erfahrung des Alters lenken und leiten läßt. - -Indessen trotz dieses Bekenntnisses zweifle ich nicht, daß mich auch -in Bezug auf die reine und bewußte Vernunft weiteres Nachdenken -befähigte, ernste Irrtümer oder wenigstens Versehen gerade in den -Grundlagen meiner »unbefangenen Prüfung des Theismus« zu entdecken. Ich -glaube jedoch noch heute, daß die Schlüsse aus den dort aufgezeichneten -Prämissen in völlig logischer Konsequenz folgen, so daß ich vermutlich, -so weit es sich blos um Vernunftschlüsse handelt, wohl niemals irgend -einen ernsten Irrtum entdecken werde; übrigens ist ein solcher -auch während der vielen Jahre seit der Herausgabe des Buches von -niemandem sonst gefunden worden. Jetzt freilich sind mir zwei geradezu -verhängnisvolle Versehen, die ich mir damals zu Schulden kommen ließ, -ganz klar. Das erste war, daß ich auf dem Gebiet so hoher Abstraktionen -ein ganz ungehöriges Vertrauen auf bloße Vernunftschlüsse, mochten sie -auch aus gesunden Prämissen abgeleitet worden sein, setzte. Der andere -Fehler war der, daß ich nicht sorgfältig genug die Grundlagen meiner -Kritik, d. h. die Gültigkeit jener Prämissen, prüfte. Ich will hier -kurz diese beiden Punkte getrennt betrachten. - -In Bezug auf den ersten Punkt gab es wohl niemals einen Menschen, der -in seinen Forderungen an die reine Vernunft anspruchsvoller war als -ich, -- anspruchsvoller dem Geist, doch nicht dem Buchstaben nach, -und das mochte wohl daher kommen, daß ich in steter Berührung mit der -Naturwissenschaft stand. - -Dabei aber erwog ich niemals, in wie großem Widerspruch zur Vernunft -eine von mir nicht ausgesprochene Voraussetzung bei meiner früheren -Beweisführung in Bezug auf Gott selbst stand, die Voraussetzung -nämlich, daß Gottes Dasein bloß ein Problem der Naturwissenschaft sei, -welches allein durch menschliche Vernunft, ohne Bezugnahme auf des -Menschen andere und höhere Fähigkeiten gelöst werden könnte.[43] - -Der zweite Punkt ist von noch größerer Wichtigkeit, weil er, wenn -überhaupt, so doch selten als solcher erkannt wird. - -Zu der Zeit, als ich die »unbefangene Prüfung« schrieb, wurde es -mir klar, daß die ganze Frage des Theismus seitens der Vernunft auf -die Frage nach dem Wesen der natürlichen Kausalität hinausläuft. -Meine Theorie der natürlichen Kausalität gehorchte dem Gesetz der -Sparsamkeit,[44] indem sie Alles in das Sein als solches auflöste, -aber andererseits irrte sie, indem sie nicht in Erwägung zog, ob nicht -etwa höhere Ursachen notwendig sind, um geistliche (»_spiritual_«) -Dinge zu erklären, d. h. ob das Urwesen nicht doch wenigstens ebenso -hoch stehen müßte wie die Vernunft und der Geist des Menschen, d. h. -höher als irgend etwas, was blos physikalisch oder mechanisch ist. -Die Voraussetzung, daß es so sein muß, verletzt nicht das Gesetz der -Sparsamkeit. - -Reine Agnostiker sollten das religiöse Bewußtsein der Christen als eine -Erscheinung erforschen, die möglicherweise, wie die Christen es ja auch -selbst glauben, göttlichen Ursprungs ist. Und das kann geschehen, ohne -daß man dabei irgendwie auf die Frage nach der objektiven Gültigkeit -der christlichen Dogmen eingeht. Die christliche Metaphysik könnte in -der That falsch sein, und doch kann der Geist des Christentums seinem -innersten Wesen nach, wahr sein, d. h. er kann das höchste und beste -Geschenk von oben sein, das dem Menschen je gegeben worden ist. - -Mein gegenwärtiger Zweck ist also wie Sokrates nicht irgend ein -philosophisches System oder sogar ein positives Wissen mitzuteilen, -sondern einen Zustand des Geistes (_mind_) zu schildern, welchen ich -=reinen Agnostizismus= nennen möchte, um ihn von dem zu unterscheiden -was man gewöhnlich Agnostizismus nennt. - - - Erklärung der Ausdrücke und des Zwecks - dieser Abhandlung. - -[Um Romanes zu verstehen, muß man den folgenden Paragraphen volle -Aufmerksamkeit zuwenden, vor allem auch dem Umstand, den er nicht -besonders erwähnt, daß er das Wort »Vernunft« (»_reason_«) (S. p. 94) -in fast demselben Sinn gebraucht wie Kidd kürzlich in seiner »sozialen -Entwicklung«: nämlich in eingeschränkterem Sinn als gleichbedeutend -mit dem »Prozeß naturwissenschaftlicher Schlußfolgerung.« Seine -Meinung läßt sich daher kurz so aussprechen: Naturwissenschaftliche -Schlußfolgerungen können keine befriedigenden Gründe für den Glauben -an Gott finden. Aber der reine Agnostiker muß bekennen, daß sich Gott -durch andere Mittel als durch naturwissenschaftliche Schlußfolgerungen -offenbart haben kann. Da die Religion für den ganzen Menschen bestimmt -ist, so können vielleicht alle menschlichen Fähigkeiten erforderlich -sein, um Gott zu suchen und zu finden, d. h. Gemütsbewegungen und -Erfahrungen von besonderer Art, die jenseits der Vernunft liegen. Der -»reine Agnostiker« muß bereit sein, Beweise jeder Art entgegen zu -nehmen. -- Der Herausgeber.] - -Es ist wünschenswert, daß man sich über den Sinn, in dem ich gewisse -Ausdrücke und Redewendungen durchweg gebrauche, völlig klar werde. - - - Theismus. - -Ich werde oft sagen »nach der Theorie des Theismus«, »vorausgesetzt, -daß der Theismus wahr ist« u. s. w. - -Mit solchen Wendungen meine ich immer Folgendes: »Zum Zweck der -Beweisführung vorausgesetzt, daß der menschliche Geist dem wahren -Begriff des höchsten Wesens dann am nächsten kommt, wenn er sich -ein unbegreiflich verschönertes Bild vom Menschen selbst auf seiner -höchsten Stufe macht.« - - - Christentum. - -Ähnlich ist es mit dem Ausdruck: »vorausgesetzt, daß das Christentum -wahr ist«; ich meine damit: »zum Zweck der Beweisführung vorausgesetzt, -daß das christliche System als Ganzes von dem ersten Aufdämmern im -Judentum bis zu seiner Entwicklung in der Jetztzeit die höchste -Offenbarung ist, die eine persönliche Gottheit der Menschheit von -sich selbst gewährt hat«. Ich will damit die Stellung des reinen -Agnostizismus gegenüber besonderen christlichen Dogmen, auch z. B. -gegenüber der Fleischwerdung, kennzeichnen. - -Sollte man einwenden, daß ich das Christentum überhaupt nicht -genügend untersuche, wenn ich irgend ein bestimmtes christliches -Dogma unentschieden lasse, so antworte ich: Nein, durchaus nicht! Ich -schreibe keine theologische, sondern eine philosophische Abhandlung -und werde das Christentum nur als eine der vielen Religionen, wenn -auch natürlich als die letzte und höchste, untersuchen. Von dem -Gesichtspunkt aus ist das Christentum der höchste Ausdruck der -Entwicklung auf diesem Gebiete des menschlichen Geistes; aber mich geht -hier selbst das so wichtige kirchliche Dogma von der Fleischwerdung -Gottes in Christo nichts an. Für den Zweck dieser Abhandlung mag dieses -Dogma wahr sein oder nicht. Die wichtigste Frage für uns ist vielmehr -die: Hat Gott durch die Vermittlung unserer religiösen Instinkte -gesprochen? Dies wird notwendiger Weise die Frage einschließen, ob oder -wie weit es in Bezug auf das Christentum einen objektiven Beweis dafür -giebt, daß Gott im alten Testament durch den Mund heiliger Männer, wie -es solche seit dem Bestehen der Welt gab, gesprochen habe. - -Diese Frage wird uns aber nur deshalb beschäftigen, weil es eine -Frage des objektiven Beweises dafür ist, ob und wie weit die -religiösen Instinkte jener Männer oder jenes Menschengeschlechts so -hoch über denen anderer Menschen oder Geschlechter standen, daß sie -dadurch befähigt waren, zukünftige Ereignisse religiösen Charakters -zu prophezeien. Und ob in diesen letzten Tagen Gott durch seinen -eingebornen Sohn geredet hat oder nicht, -- das ist kein Gegenstand für -unsre Untersuchung, das ist nur insoweit eine Frage für uns als wir die -höhere Art religiöser Wunder, welche sich unstreitig an die Geburt und -Person Jesu knüpften, untersuchen müssen. Die Frage, ob Jesus Gottes -Sohn war, ist logisch gesprochen nur eine Frage der Ontologie, welche -wir als reine Agnostiker nicht berühren dürfen. - -Anderwärts aber müßte ich zeigen, daß es von meinem Standpunkt aus, -gegenüber der grundlegenden Frage, ob Gott überhaupt durch die -religiösen Instinkte der Menschen gesprochen hat, sehr wohl sein mag, -daß Christus nicht Gott war und dabei doch die höchste Offenbarung -von Gott gegeben hat. Wenn der »erste Adam« allegorisch war, warum -nicht auch »der zweite?« Es ist sicherlich eine historische Thatsache, -daß der »zweite Adam« existiert hat, warum nicht auch der erste? Und -was die Äußerungen Christi über seine eigene Person betrifft, so ist -das Alles nicht unvereinbar mit der Annahme, daß er Gabriel und Sein -h. Geist Michael[45] gewesen wäre; oder er kann ein Mensch gewesen -sein, der sich in Bezug auf seine eigene Persönlichkeit getäuscht -hatte, aber doch der Träger der höchsten Inspiration gewesen ist. - - - Religion. - -Unter Religion verstehe ich im Nachfolgenden jeden Glauben an ein -persönliches Wirken im Weltall, welcher stark genug ist, um das Leben -zu beeinflussen. Kein Begriff ist in den letzten Jahren schwankender -und in so verschiedenem Sinn gebraucht worden als dieser. Natürlich -kann jeder einen Begriff in einem Sinn gebrauchen, wie es ihm beliebt; -aber er sollte dann wenigstens genau erklären, welchen Sinn er in ihn -hineinlegt. Die oben gegebene Definition scheint mir am meisten mit dem -hergebrachten Gebrauch übereinzustimmen. - - - Reiner und falscher »Agnostizismus«. - -Der moderne und sehr zutreffende Ausdruck »Agnostizismus« wird in -zwei sehr verschiedenen Bedeutungen gebraucht. Der erste, der diese -Bezeichnung benutzte, Professor Huxley, verstand darunter den Zustand -vernunftmäßig begründeter Unwissenheit über Alles, was jenseits der -Sphäre der sinnlichen Wahrnehmung liegt, -- das offene Bekenntnis der -Unfähigkeit, einen festen Glauben auf irgend eine andere Basis als -sinnliche Wahrnehmung zu gründen. - -In diesem ursprünglichen Sinne -- der nach meiner Meinung auch der -einzige philosophisch berechtigte ist -- verstehe auch ich dieses -Wort. Aber in dem andern und vielleicht auch populäreren Sinn, in -welchem das Wort jetzt angewendet wird, ist es ungefähr dasselbe, -was Herbert Spencer als Lehre vom Unerkennbaren bezeichnet. Die -letztere Bezeichnung ist philosophisch falsch, da sie eine wichtige, -negative Erkenntnis einschließt, nämlich die, daß wir, wenn es einen -Gott gäbe, dies eine sicher von ihm wissen, -- daß er sich =nicht= -den Menschen =offenbaren kann=.[46] Reiner Agnostizismus ist das, -was Huxley Agnostizismus nennt. Von den vielen Gelehrten, die ich -gekannt habe, war Darwin wohl der reinste Agnostiker -- nicht nur -seinem Bekenntnis nach, sondern auch in Geist und Leben. Was er in -seiner Selbstbiographie[47] über das Christentum sagt, zeigt keine -Gedankentiefe in Bezug auf Philosophie und Religion. Sein Geist war -dafür zu einseitig induktiv angelegt. Aber gerade deswegen ist es um so -bemerkenswerter, daß seine Verwerfung des Christentums nicht aus einem -_a priori_ gewonnenen Vorurteil gegen den Glauben, etwa weil derselbe -der Vernunft widerspräche, sondern lediglich aus einem ersichtlichen -moralischen Bedenken a posteriori entsprungen ist. Faraday und andere -hervorragende Gelehrte standen so wie Darwin.[48] - -Als ein Beispiel des falschen Agnostizismus sei daran erinnert, wie -Hume seinen _a priori_-Beweis gegen das Wunder führt, dies erinnert uns -an die ähnliche Stellung von Naturforschern dem modernen Spiritismus -gegenüber. Ungeachtet sie die naheliegende Analogie des Mesmerismus als -ein warnendes Beispiel vor Augen haben, so giebt es doch Gelehrte, die -hier ebenso dogmatisch sind wie die strengste Richtung von Theologen. -Ich kann, ohne zu beleidigen, Beispiele anführen, umsomehr, da die -betreffenden Männer es selbst öffentlich behandelten; z. B. wenn N. N. -sich weigerte [zu einem berühmten Spiritisten] zu gehen, und N. N. -einen Versuch im Gedankenlesen zu machen ablehnte.[49] Diese Männer -bekannten alle, daß sie Agnostiker seien und setzten sich doch zu -gleicher Zeit durch ihr Betragen so schroff im Widerspruch zu ihrer -Philosophie. - -Ich will damit natürlich nicht sagen, daß nicht selbst bei einem reinen -Agnostiker die Vernunft durch Vorurteile beeinflußt werden könnte: im -praktischen Leben gilt, z. B. vor Gericht, das _prima facie_-Motiv[50] -u. s. w. als Beweis, und wenn von vornherein ein sehr hoher Grad von -Unwahrscheinlichkeit (dafür nämlich, daß Jemand irgend etwas gethan -haben sollte -- der Übersetzer) vorliegt, so ist ein verhältnismäßig -gewichtiges Beweismaterial, das sich auf erfahrungsmäßige Thatsachen -gründet, nötig, um den Beweis überhaupt vollgültig zu machen: so wäre -z. B. ein stärkerer Beweisgrund nötig, um den Erzbischof von Canterbury -des Taschendiebstahls zu überführen als einen Vagabunden. Und so ist -es auch mit der spekulativen Philosophie. Aber in beiden Fällen kennen -wir als unseren einzigen Führer nur die Analogie. Je weiter wir uns -daher von der Erfahrung entfernen, -- d. h. je weiter entfernt das -betreffende Gebiet von der möglichen Erfahrung liegt, desto weniger -Wert haben vorgefaßte Mutmaßungen.[51] - -Am weitesten entfernt von jeder möglichen Erfahrung liegt das Gebiet -des letzten Geheimnisses der Dinge, mit welchem es die Religion zu -thun hat, hier schwindet jede Mutmaßung und der einzige vernünftige -Standpunkt ist der reine Agnostizismus. Mit andern Worten: hier -sollten wir, so weit die Vernunft mit in Betracht kommt, alle in -gleicher Weise reine Agnostiker sein, und wenn irgend einer von uns -hierin zur Gewißheit gelangen sollte, so kann dies nur durch eine neu -hinzugekommene Fähigkeit unseres Geistes geschehen. - -Die Fragen, mit denen sich nun diese Abhandlung hauptsächlich -beschäftigen soll, sind: ob es solche neue Fähigkeiten giebt, und wenn -dies der Fall ist, ob dann von außen her je auf sie eingewirkt worden -ist; des weiteren, in welcher Weise dies dann geschah; dann ferner, -was solche besondere Fähigkeiten berichten, in wie weit diese Berichte -glaubwürdig sind u. s. w. - -Mein eigener Standpunkt nun mag hier zunächst festgestellt werden: -Ich selbst beanspruche für mich nicht irgend eine religiöse intuitive -Gewißheit, bin aber demungeachtet im Stande, die abstrakte Logik der -Sache zu erforschen. Und wenn das auch unfruchtbare Dialektik zu sein -scheint, so wird es doch, hoffe ich, von praktischem Nutzen sein, wenn -es den Berichten unparteiisch Gehör verschafft, von welchen der größte -Teil der Menschheit ohne Frage glaubt, daß sie von solchen zu den -gewöhnlichen neu hinzugekommenen Fähigkeiten herrühren, wie zahlreich -und verschieden auch ihre Religionen sein mögen. Ich habe in meiner -Jugend eine Abhandlung veröffentlicht (»Die unbefangenen Prüfung« -u. s. w.), welche damals viel Interesse erregte und lange vergriffen -gewesen ist. Seitdem habe ich eingesehen, daß ich bezüglich dessen, was -ich als das Hauptargument für meine negativen Schlüsse hinstellt, im -Irrtum war. Ich fühle mich daher jetzt verpflichtet, die nachfolgenden -Resultate meines reiferen Nachdenkens, von demselben Standpunkt der -reinen Vernunft aus zu veröffentlichen. Wenn ich hier auch weiter kein -Licht von Seiten der Anschauung (Intuition) bekommen habe, so doch -von Seiten des Verstandes. Wenn es wirklich eine solche Anschauung -giebt, so nehme ich in Bezug auf ihr Organ dieselbe Stellung ein wie -ein Blinder zur Lehre vom Licht. Aber eben deshalb kann ich nicht der -Parteilichkeit beschuldigt werden. - -Folgendes wird wohl allgemein als richtig angenommen: wenn jemand klar -erkannt hat, daß der Agnostizismus der einzig richtige Standpunkt der -Vernunft gegenüber der Religion sei (wie ich es im Folgenden zeigen -will), so habe er mit der Sache abgeschlossen und könne nicht weiter -gehen. Der Hauptzweck dieser Abhandlung ist nun, zu zeigen, daß dies -keineswegs der Fall ist; wer so denkt, der hat seine Untersuchung -über die Gründe und die Rechtfertigung des religiösen Glaubens erst -angefangen; denn die Vernunft ist weder die einzige Eigenschaft, -noch die einzige Fähigkeit, welche der Mensch für gewöhnlich zur -Feststellung der Wahrheit benutzt. Moralische und geistliche -(_spiritual_)[52] Fähigkeiten sind in ihren besonderen Gebieten, auch -im täglichen Leben, von nicht geringerer Bedeutung. Glaube, Vertrauen, -Geschmack u. s. w. sind bei Beurteilung von Charakter, Schönheit -u. s. w., wenn es gilt, die Wahrheit festzustellen, ebenso wichtig wie -die Vernunft. Wir können wohl sagen, daß die Vernunft zur Erforschung -der Wahrheit =nur= da verwendbar ist, wo es sich um Kausalität handelt. -Die geeigneten Organe für die Erkenntnis der Wahrheit, sofern es sich -um irgend etwas anderes als Kausalität handelt, gehören dem sittlichen -und geistlichen Gebiet an. - - * * * * * - -Herbert Spencer sagt: »Die Naturforscher können in zwei Klassen -geteilt werden; die einen -- und von ihnen ist Faraday ein gutes -Beispiel -- halten ihre Religion und ihre Wissenschaft durchaus von -einander getrennt und lassen sich durch keine Widersprüche zwischen -beiden beirren;[53] die anderen, die sich nur mit den Thatsachen der -Wissenschaft beschäftigen, fragen niemals darnach, welche Verwicklungen -die letzteren etwa (für den Glauben) zur Folge haben könnten. Sei es -ein Trilobit oder ein Doppelstern, -- ihre Gedanken darüber gleichen -denen des Peter Bell über die Schlüsselblume«.[54] - -Beide Klassen von Männern nun verfahren folgerichtig und logisch, -da sie beide in Bezug auf ihre Religion den Standpunkt des reinen -Agnostizismus einnehmen, und zwar nicht allein in der Theorie sondern -auch in der Praxis. Was sollen wir aber von der dritten Klasse -sagen, die Spencer unerwähnt läßt, obgleich sie, wie ich glaube, die -größte ist, nämlich die jener Naturforscher, die ausdrücklich keine -Trennungslinie zwischen Religion und Wissenschaft ziehen wollen [und -dann über Religion lediglich nach den Grundsätzen und der Methode der -Naturwissenschaft aburteilen?]. - - * * * * * - -Es giebt zwei entgegengesetzte Geistesrichtungen, die mechanische -(naturwissenschaftliche) und die geistliche (künstlerische, religiöse -u. s. w.) Sie können selbst bei demselben Individuum wechseln. Ein -Agnostiker im gewöhnlichen Sinn zweifelt keinen Augenblick daran, -- -selbst wenn er die letztere Geistesrichtung an sich einschneidend -erfährt -- daß nur die erstere des Vertrauens wert ist. Aber ein -reiner Agnostiker in meinem Sinn muß es besser wissen, da er einsehen -wird, daß in Bezug auf größere Zuverlässigkeit zwischen jenen beiden -Geistesrichtungen von einer Wahl gar keine Rede sein kann. In der -That, wenn dann einmal gewählt werden soll, so möchte der Mystiker -wegen seiner unmittelbaren Anschauung (_intuition_) mehr Recht auf -Glaubwürdigkeit haben. - - * * * * * - -Herbert Spencer hat in der Einleitung zu seiner »Synthetischen -Philosophie« sehr richtig gesagt, daß dort, wo die Menschen in ihrem -Denken so durchaus geteilter Meinung sind, [die Wahrheit auf =beiden= -Seiten liegen muß und daß man den] Ausgleich solcher entgegengesetzter -Ansichten dann finden wird, wenn man jenes Grundelement der Wahrheit -hervorhebt, welches auf beiden Seiten so mannigfach verschiedenen -Deutungen unterliegt. Von dem Gesichtspunkt hängt mehr ab, als -man gewöhnlich annimmt, besonders dann, wenn noch über die ersten -Prinzipien einer Sache gestritten wird. Entgegengesetzte Seiten -desselben Gegenstandes können ganz verschiedene Ansichten darbieten! -Spencer spielt hierbei besonders auf den Konflikt zwischen Religion -und Naturwissenschaft an und in demselben Zusammenhang berühre ich es -hier auch. Denn es scheint mir, nachdem ich Jahre lang über diesen -Gegenstand nachgedacht habe, daß jener Ausgleich noch viel weiter -gefördert werden kann, als es bei ihm geschehen ist. Denn er führt -ihn nur insofern herbei, als er zeigt, daß die Religion nur aus der -Anerkennung eines fundamentalen Geheimnisses entspringt, welches die -Naturwissenschaft auch in allen ihren Grundgedanken anerkennt. Dies -ist indessen dann doch nicht viel mehr als eine platte Redensart. Daß -unsere letzten naturwissenschaftlichen Ideen (d. h. der letzte Grund -der Erfahrung) unerklärbar sind, ist ein Satz, welcher, seit die -Menschen zu denken angefangen haben, selbstverständlich ist. Meine -Absicht ist, diesen Ausgleich im einzelnen noch weiter zu fördern, -aber ohne dabei die Grundlagen der reinen Vernunft zu verlassen. -Ich will Religion und Naturwissenschaft in ihrem gegenwärtigen -hochentwickelten Zustand als solche nehmen und zeigen, daß bei einer -systematischen Prüfung der ersteren durch die Methode der letzteren -der Gegensatz zwischen beiden nicht nur in Bezug auf ihre höchsten und -allgemeinsten Punkte aufgehoben werden kann, sondern sogar auch in -allen Einzelfragen, welche irgendwie von größerer Wichtigkeit sind. - - * * * * * - -Bei jeder methodischen Untersuchung sollte es das erste sein, die -Fundamentalprinzipien festzustellen auf welchen die Untersuchung -beruht.[55] Thatsächlich ist es aber durchaus nicht immer der -Fall, daß der Forscher von vornherein jene Prinzipien kennt, oder -sie auch nur erkennen kann. In der That werden sie oft erst am -Ende der Untersuchung als Fundamental-Prinzipien erkannt. Diese -Erfahrung habe ich auch in Bezug auf den Gegenstand der vorliegenden -Untersuchung gemacht. Obgleich mein ganzes Gedankenleben sich mit -dem Problem unserer religiösen Instinkte beschäftigte, so wie mit den -verschiedenen Versuchen, welche die Menschheit gemacht hat, um sich -die Vorteile der religiösen Instinkte zu sichern, so wie endlich mit -den wichtigen Fragen nach der objektiven Berichtigung derselben, so -habe ich doch erst im vorgeschrittenen Alter klar erkannt, worin die -Fundamental-Prinzipien einer solchen Untersuchung bestehen müssen. Und -ich bezweifle es, ob irgend jemand diesen Punkt bisher klar erörtert -hat. Diese Prinzipien betreffen das Wesen der Kausalität und des -Glaubens. - - * * * * * - -Der Zweck dieser meiner Abhandlung ist nun vor allem ein dreifacher: -Ich will erstens den Agnostizismus läutern und zweitens, reiflicher als -es bis jetzt geschehen ist, von dem Standpunkt des reinen Agnostizismus -aus das Wesen der natürlichen Kausalität, oder richtiger, die Beziehung -erörtern, in welcher das, was wir über diese Kausalität wissen, zum -Theismus steht; und drittens will ich, wieder von demselben Standpunkt -ausgehend, das religiöse Bewußtsein der Menschen als eine Erscheinung -der Erfahrung (d. h. wie wir es von draußen her ansehen) und besonders -in ihrer höchsten Entwicklungsstufe, wie sie sich im Christentum -darstellt, betrachten. - - - § 3. Kausalität. - -Nur weil wir mit der wichtigen Erscheinung der Kausalität so vertraut -sind, nehmen wir sie als wahr an und glauben, daß wir eine letzte -Erklärung irgend eines Phänomens erreicht haben, wenn es uns gelungen -ist, seine Ursache aufzufinden: während es uns thatsächlich nur gelang, -jenes Phänomen in das Geheimnis aller Geheimnisse zu versenken. Ich -wünsche oft, wir könnten wie die Jungen einiger Säugetiere in die -Welt kommen, mit allen den Kräften des Verstandes, welche wir in -der Folge bei der Entwicklung erlangen, aber ohne jede persönliche -Erfahrung und daher auch ohne die abstumpfende Wirkung der Gewohnheit. -Wäre das möglich, dann würde sicherlich nichts in der Welt unseren -Verstand mehr in Erstaunen setzen als die eine allgemeine Thatsache -der Kausalität. Daß alles, was geschieht, eine Ursache haben muß, daß -die Ursachen unabänderlich ihren Wirkungen proportioniert sein sollen, -so daß die Ursachen, wie kompliziert auch ihre Verkettungen sind, in -derselben Verkettung doch stets die gleichen Wirkungen hervorbringen -und daß dieses streng exakte System der Energie alle Erscheinungen des -Weltalls und der Ewigkeit erklären soll, so daß z. B. die Bewegungen -des Sonnensystems im Raume durch einige Ursachen bewirkt werden, welche -jenseits des menschlichen Gesichtskreises liegen, und daß wir wegen -unserer Abstammung von wirbellosen Vorfahren durch die Vereinigung von -Billionen von Zellen entstanden sind, von denen jede wieder Billionen -eigener Ursachen haben muß, -- daß dies alles sein kann, das würde uns -sicherlich als die wunderbarste Thatsache in diesem wunderbaren Weltall -geradezu ergreifen. - -Nur weil wir mit dieser Thatsache so sehr vertraut sind, vergessen -wir das Wunder der Kausalität so ganz, daß wir auf das bestimmteste -annehmen, wir wüßten alles über die letztere. Die philosophische -Untersuchung zeigt uns aber, daß wir, abgesehen davon, daß das -empirische Wissen darüber eine Thatsache ist, -- doch nur das eine -wissen, daß unsere Kenntnis über die Kausalität von unserer eigenen -Aktivität herrührt, wenn wir selbst Ursachen sind. Kein Ergebnis -psychologischer Analyse scheint mir sicherer als dieses.[56] - -Wenn nicht unsre eigenen Willensregungen wären, so würden wir nicht -wissen, daß das, was wir jetzt wenn nicht bei einem selbstmörderischen -Skeptizismus nicht bezweifeln können, die allgemeinste Thatsache der -Natur ist: dies scheint mir wenigstens die bei weitem vernünftigste -Theorie der Kausalität zu sein, und sie ist auch die, welche heute von -den meisten Philosophen jeder Schule angenommen wird. - -Nun wird folgendes dem Laien immer klar erscheinen: wenn der richtige -Begriff der Kausalität aus unserem eigenen Willen hergeleitet wird, --- gerade so wie auch unser Begriff der Energie aus unserem Gefühl -der Anstrengung bei Überwindung eines Widerstandes durch unseren -Willen hergeleitet wird, -- dann wird vermutlich der richtigste -Begriff der Kausalität aus jener uns bekannten Daseinsform gewonnen -werden müssen, die allein uns den Begriff der Kausalität überhaupt -geben kann. Der Laie wird daraus immer den Schluß ziehen, daß alle -Energie immer die Natur der Willensenergie hat und daß alle objektive -Kausalität subjektiver Natur ist. Diese Folgerung macht aber nicht -nur der Laie, die tiefsten philosophischen Denker, z. B. Hegel und -Schopenhauer, sind im wesentlichen zu demselben Resultat gekommen, so -daß wir die nächstliegende und natürlichste Erklärung der Kausalität in -der äußeren Natur, wie sie sich im einfachen Verstand der Wilden und -der Kinder bildet, auch beim menschlichen Denken auf seiner höchsten -Höhe wiederfinden.[57] Aber das mag sein wie es will, solche Fragen -abstrakter, philosophischer Spekulation gehen uns hier nichts an. Sie -liegen jenseits unserer Sphäre des reinen Agnostizismus. Ich erwähne -sie nur, um zu zeigen, daß es weder in der Naturwissenschaft noch in -der Philosophie der Menschheit etwas giebt, was gegen die Theorie der -natürlichen Kausalität als Wirkung eines für uns objektiven Willens -spräche. Und es ist dann wohl nicht schwer einzusehen: wenn dies der -Fall und wenn unser Wille konsequent ist, dann müssen seine in der -natürlichen Kausalität offenbarten Wirkungen, wenn wir sie im Ganzen -(also nicht stückweise wie die Wilden) erwägen als nicht durch Willen -erzeugt, d. h. mechanisch erscheinen. - -Von allen philosophischen Theorien über die Kausalität widerstreben -die von Hume, Kant und Mill der Vernunft am meisten: wenn sie auch in -mancher Beziehung verschieden sind, so stimmen sie doch darin überein, -daß sie das Prinzip der Kausalität als eine Schöpfung unseres eigenen -Geistes ansehen, oder mit andren Worten, sie läugnen alle drei, daß -dem Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung irgend etwas Objektives zu -Grunde liege, d. h. sie leugnen gerade das, was die Naturwissenschaft -in ihren besonderen Fällen zu entdecken hat. -- - -Der Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Religion entstand stets -auf dem gemeinsamen Boden, auf dem sie unterhandelten oder aus einem -Fundamental-Postulat beider Parteien -- ohne das würde in der That ein -Konflikt unmöglich gewesen sein, weil alsdann überhaupt kein Boden für -ein Schlachtfeld vorhanden gewesen wäre. - -Jede These muß sich auf eine Voraussetzung gründen, wo daher 2 oder -mehrere gegnerische Thesen auf einer gemeinsamen Voraussetzung ruhen, -muß der Streit alsbald enden, wenn diese letztere als irrig erkannt -wird. Und in dem Maße, wie die vorher gemeinsame Voraussetzung als -zweifelhaft erwiesen wird, in dem Maße wird auch der Streit seinen -realen Boden verlieren. Es ist nun einer der Hauptzwecke dieser -Abhandlung, zu zeigen, daß die gemeinsame Voraussetzung, auf welcher -der Streit zwischen Naturwissenschaft und Religion sich erhoben hat, -in hohem Grade zweifelhaft ist; und nicht das allein, sondern daß ganz -abgesehen von der modernen Naturwissenschaft, alle Schwierigkeiten -von Seiten des Verstandes (oder der Vernunft), welche der religiöse -Glaube in der Vergangenheit je durchgefochten hat oder noch in -Zukunft durchzufechten haben kann, ob im einzelnen oder im ganzen -Menschengeschlecht, ganz ausschließlich auf demselben Boden dieser -höchst zweifelhaften Voraussetzung entstehen. - -Diese Voraussetzung oder das Fundamental-Postulat lautet: Wenn es -einen persönlichen Gott giebt, so ist er nicht unmittelbar bei der -natürlichen Kausalität beteiligt. Es wird angenommen, daß er als -allererste Ursache keine andere Beziehung zu sekundären Ursachen haben -kann, als daß er die letzteren beim ersten Anfang als ein großes -Maschinenwerk von natürlicher Kausalität, das unter allgemeinen -Naturgesetzen arbeitet, in Gang gebracht hat. Allerdings, die Theorie -des Deismus, welche mehr oder weniger diese Voraussetzung eines -_Deus ex machina_ vertritt, ist im Laufe dieses Jahrhunderts mehr -und mehr von dem Theismus verdrängt worden, welcher auch in etwas -undefinierbarer Weise die Lehre von der Immanenz [Gottes in der Natur --- Der Übersetzer] vertritt, sowie von dem Pantheismus, welcher -diese letztere Doktrin ausdrücklich unter gänzlichem Ausschluß ihres -Gegenteils aufrecht hält. Aber der Theismus hat sie bis jetzt noch -nicht hinreichend oder in dem Maße vertreten, wie es die bloße Logik -des Gegenstandes erfordert, während der Pantheismus nur selten die -gegnerische Doktrin von der Persönlichkeit -- oder die mögliche -Vereinigung der Immanenz mit der Persönlichkeit in Betracht gezogen -hat.[58] - -Die Absicht dieses Buches ist es nun, eingehender, als es bisher -geschehen ist, die Möglichkeit dieser Vereinigung zu beweisen, denn -ich will zeigen, daß wir, wenn wir alle Vorurteile und Gefühle bei -Seite legen und der reinen Vernunft bis zu ihrem logischen Endziel -folgen, nur zu folgendem Schluß gelangen können: _A._ wenn es einen -persönlichen Gott giebt, so ist kein Grund vorhanden, warum er der -Natur nicht immanent sein sollte, oder warum nicht alle Kausalität -der unmittelbare Ausdruck seines Willens sein sollte. _B._ jeder -anwendbare Beweisgrund führt zu dem Schluß, daß Gott wahrscheinlich -der Natur immanent ist. _C._ wenn das der Fall ist und wenn sein Wille -konsequent ist, so =muß= alle natürliche Kausalität notwendiger Weise -als mechanisch erscheinen. _D._ Es ist daher kein Beweis gegen den -göttlichen Ursprung eines Dinges, eines Ereignisses u. s. w., wenn man -nachweist, daß es natürlichen Ursachen zuzuschreiben ist. - -Nachdem ich in Kürze über _A_, _B_, _C_ und _D_ gesprochen, will ich -zeigen, daß _D_ die praktisch wichtigste dieser vier Folgerungen ist. -Denn die Fundamentalvoraussetzung, welche ich vorhin erwähnte, ist -ihr geradezu entgegengesetzt. Ob stillschweigend oder ausgesprochen, -stets wurde bei dem Streit zwischen Naturwissenschaft und Religion auf -beiden Seiten angenommen, daß diese oder jene Erscheinung, sobald sie -durch natürliche Ursachen erklärt worden ist, Gott nicht mehr direkt -zugeschrieben werden könnte. Der Unterschied zwischen natürlich und -übernatürlich ist auf beiden Seiten immer als unbestreitbar richtig -angesehen worden und diese fundamentale Übereinstimmung machte als -Boden des Schlachtfeldes den Kampf überhaupt erst möglich. Hierin liegt -auch die Veranlassung zu allen früheren und zu allen möglicherweise -noch kommenden Niederlagen der Religion. Die wahre Religion zieht -freilich daraus die Lehre, daß in ihrer Kampfesmethode etwas nicht -ganz richtig ist, und manche von ihren Streitern erwachen jetzt auch -zur Erkenntnis der Thatsache, daß hier ihr Irrtum liegt -- wie sie in -der Vergangenheit auch ihren Irrtum erkannten, wenn sie die Bewegung -der Erde, das Alter der Erde und die Entstehung der Arten durch -Entwicklung leugneten. Aber Niemand, selbst keiner von ihren Obersten -und Generälen, hat seinen Vorteil bis zu den äußersten Konsequenzen -verfolgt. Das will ich nun thun. Der logische Vorteil liegt ganz -klar auf ihrer Seite, und es ist ihr eigener Fehler, wenn sie nicht -den endgültigen Sieg errungen haben, nicht allein gegenüber der -Naturwissenschaft, sondern auch gegenüber dem geistigen Dogmatismus in -jeder Form. Dieser kann auf der ganzen Linie geschlagen werden, denn -die Naturwissenschaft ist nur das systematische Studium der natürlichen -Kausalität, und wenn die Erfahrung jedes menschlichen Wesens zu einem -Dogmatismus rein geistiger Art führt, so geschieht dies deshalb, weil -es auch jenes in Frage stehende Fundamental-Postulat vertritt. Der -Einfluß der Gewohnheit und der Mangel an Einbildungskraft ist hierbei -sehr wichtig. Aber immer sollte man als Antwort die weitere Frage -erörtern: worin besteht das Wesen der natürlichen Kausalität? - -Nun möchte ich die Konsequenzen dieser Antwort bis zu ihrem letzten -logischen Schluß verfolgen; denn niemand, selbst der Rechtgläubigste, -hat bis jetzt diese Lehre der Religion in ihrer ganzen Fülle erfaßt. -Man gönnt so zu sagen, soweit es angeht, Gott seine eigene Welt -nicht. So wenn man von dem natürlichen Wachsen des Christentums aus -den früheren Religionen heraus oder von der natürlichen Verbreitung -desselben oder von der natürlichen Bekehrung des Paulus u. s. w. -spricht. Man nimmt noch immer auf beiden Seiten an, daß eine -Erscheinung, um göttlich zu sein, etwas Unerklärliches oder Wunderbares -haben muß. - -Naturwissenschaft und Religion haben immer nur auf dem Boden jener -gemeinsamen Voraussetzung und um die Frage gekämpft: ob die Ursache -dieser oder jener Erscheinung »natürlich« oder »übernatürlich« war? -Denn selbst der Streit um den Widerspruch zwischen Naturwissenschaft -und heiliger Schrift dreht sich schließlich um die Annahme, daß die -Inspiration (angenommen, sie ist ächt) in Bezug auf ihre Kausalität -»übernatürlich« ist. Man gebe nur einmal zu, daß sie »natürlich« ist, -und jeder mögliche Grund zum Streit ist beseitigt. - -Ich kann es wohl verstehen, weshalb der Unglaube die in Frage stehende, -grundlegende Annahme macht, weil nämlich seine ganze Sache auf ihr -beruhen muß. Aber es ist sicher an der Zeit, daß die Theisten diese -Annahme aufgeben. - -Der angebliche Unterschied zwischen natürlicher und übernatürlicher -Kausalität zeigt sich ohne Zweifel schon im Aberglauben der -vorgeschichtlichen Zeit und ist in der geschichtlichen Zeit infolge des -unbestimmten Gefühls, daß Gottes Wirken geheimnisvoll sein müsse und -daß das Gebiet der Religion daher im Übersinnlichen liege, fortdauernd -angenommen worden. Nun ist es ja nur zu wahr, daß das Endliche das -Unendliche nicht begreifen kann, daher ist dies in Frage stehende -Gefühl logisch ganz berechtigt. Aber unter dem Einfluß dieses Gefühls -haben die Menschen immer den Trugschluß gezogen, daß eine Erscheinung, -dadurch, daß sie in Ausdrücken der natürlichen Kausalität erklärt -worden ist, vollständig erklärt sei; -- dabei wird vergessen, daß sie -nur insoweit erklärt worden ist, als jene Kausalität in Betracht kommt, -und daß die eigentliche Frage nach der letzten Ursache dadurch nur -aufgeschoben worden ist. Und sicherlich liegt dahinter ein unendliches -Mysterium, welches auch den tiefsten Mystiker befriedigen muß. Selbst -Herbert Spencer giebt zu, daß alle natürliche Kausalität im letzten -Grade unerklärbar ist. - -Im Grunde genommen ist der Fortschritt der Naturwissenschaft weit -davon entfernt gewesen, die Religion zu schwächen, er hat sie im -Gegenteil außerordentlich gekräftigt; denn er hat die Gleichförmigkeit -der natürlichen Kausalität bewiesen. Die sogenannte natürliche Sphäre -ist auf Kosten der »übernatürlichen« gewachsen. Das ist allerdings -unfraglich; aber wenn dies auch den auf niedrigeren Kulturstufen -stehenden Menschen immer als eine der Religion feindselige Thatsache -erscheinen muß, so sollten =wir= jetzt doch erkennen, daß es gerade -umgekehrt ist, weil diese Thatsache ja nur jenen in Frage stehenden aus -naivem oder unentwickeltem Verständnis entspringenden Unterschied[59] -aufhebt. - -Es ist wirklich sonderbar, wie lange diese Ansicht geherrscht hat, oder -woher es kommt, daß die befähigtsten Männer aller Generationen ruhig -angenommen haben, daß wir alles über eine Naturerscheinung wissen, wenn -wir ihre natürliche Ursache kennen, oder daß wir die Naturerscheinung -damit sozusagen ganz der Sphäre des Mysteriums entrückt hätten, während -wir sie in der That nur in ein noch viel größeres Mysterium als vorher -gesenkt haben. -- - -Aber die Antwort auf unsre erstaunte Frage, wie diese Ansicht so lange -herrschen konnte, ergiebt sich aus der großen Macht der Gewohnheit, -welche hier die Vernunft geradezu tot zu schlagen scheint und je -mehr sich jemand mit »natürlichen Ursachen« beschäftigt (z. B. mit -Naturforschung), desto größer wird die Sklaverei der Gewohnheit, bis -der betreffende endlich den wirklichen Stand dieser Frage geradezu -nicht mehr zu erkennen im Stande zu sein scheint, indem er jedes -vernünftige Nachdenken darüber als phantastisch betrachtet, so daß der -Ausdruck metaphysisch selbst in seiner etymologischen Bedeutung als -übersinnlich oder jenseits der natürlichen Kausalität liegend aufgefaßt -und dadurch zu einem Ausdruck des Tadels in Bezug auf die Vernunft -wird. Offenbar hat sich solch ein Mann als ganz unfähig erwiesen, -irgend eines der höchsten Probleme, welche die Natur oder der Mensch -darbietet, vernünftig zu behandeln. - -Bei einer logischen, berechtigten Theorie des Theismus kann der -Unterschied zwischen »natürlich« und »übernatürlich«, wie er gewöhnlich -gemacht wird, auf keinen Fall aufrecht gehalten werden; denn nach jener -Theorie ist alle Kausalität nur die Wirkung des göttlichen Willens, -und wenn wir dabei irgend einen Unterschied zwischen unmittelbarer und -mittelbarer Wirkung machen wollen, so können wir dies nur im Verhältnis -zum Menschen, d. h. zu unserer Erfahrung gelten lassen. Denn offenbar -würde es mit dem reinen Agnostizismus ganz unvereinbar sein, wollten -wir annehmen, daß wir in Bezug auf das göttliche Wirken selbst einen -solchen Unterschied machen dürfen. Selbst abgesehen von der Theorie -des Theismus muß der reine Agnostizismus anerkennen, daß der richtige -Unterschied nicht der zwischen »natürlich« und »übernatürlich«, -sondern zwischen erklärlich und unerklärlich ist, und jene Ausdrücke -bedeuten das, was solchen Ursachen zuzuschreiben, beziehungsweise nicht -zuzuschreiben ist, die innerhalb des Bereichs menschlicher Beobachtung -liegen. Der Unterschied liegt in Wirklichkeit also nur zwischen den der -Beobachtung zugänglichen und den ihr nicht zugänglichen Kausalprozessen -des Weltalls. - -Da die Naturwissenschaft wesentlich im Erklären ihre Aufgaben findet, -so ist ihre Arbeit notwendigerweise auf die Sphäre der natürlichen -Kausalität beschränkt, jenseits dieser Sphäre (d. h. der sinnlichen) -kann sie nichts erklären. Selbst wenn sie im Stande wäre, von jedem -Dinge die natürliche Kausalität zu erklären, so würde sie doch unfähig -sein, den letzten Grund des Seins irgend eines Dinges oder einer -Erscheinung anzugeben. - -Es ist nicht meine Absicht hier eine Abhandlung über die Natur der -Kausalität zu schreiben, oder die vielen Theorien zu erörtern, welche -von den Philosophen über diesen Gegenstand aufgestellt worden sind. -Dies versuchen würde in der That nichts weniger bedeuten als eine -Geschichte der Philosophie selbst schreiben. Dennoch ist es für meinen -Zweck notwendig einige Bemerkungen hinsichtlich der hauptsächlichsten -Gedanken über diesen Gegenstand zu machen.[60] - - - Die beachtenswerte Natur der Thatsachen. - -Beachtenswert sind folgende Thatsachen deshalb, weil sie bei jeder -menschlichen Erfahrung zu beobachten sind. Alles, was geschieht, hat -eine Ursache. Dasselbe Ereignis hat stets dieselbe Ursache -- oder: -dasselbe Konsequenz hat dasselbe Antecedens. Einzig und allein die -Vertrautheit mit dieser bedeutsamen Thatsache bewirkt, daß darüber -nicht allgemein Verwunderung entsteht, denn ungeachtet aller Theorien -über sie hat doch noch niemand wirklich bewiesen, =warum= es so ist. -Daß dieselben Ursachen stets dieselbe Wirkung haben, ist ein Satz, der -die Fundamentalthatsache unsres Wissens ausdrückt, aber die Kenntnis -dieser Thatsache ist durchaus Erfahrungssache, wir können keinen Grund -angeben, =warum= es eine Thatsache sein muß. Wenn es keine Thatsache -wäre, so würde es zweifellos keine sogenannte Naturordnung geben und -folglich auch keine Philosophie, keine Naturwissenschaft und vielleicht -(wenn die Unregelmäßigkeiten häufig genug vorkämen) überhaupt keine -Möglichkeit menschlicher Erfahrung. Aber obgleich dies sehr leicht zu -zeigen ist, so beweist es doch keineswegs, weshalb dieselben Ursachen -immer dieselben Wirkungen haben. - -Daß unsere Kenntnis der in Frage stehenden Thatsache nur -erfahrungsmäßig ist, ist so offenbar, daß sogar einige unserer größten -Denker, wie Mill und Hume, nicht die intellektuelle Nötigung bemerkt -haben, daß man über die erfahrungsmäßige Kenntnis der Thatsache -hinausgehen muß, um eine Erklärung von ihr selbst zu erlangen. Daher -bieten sie der Welt eine ganz nichtssagende, oder bloß tautologische -Theorie der Kausalität, nämlich jene von der Gleichmäßigkeit der -Wirkungen im Bereich der menschlichen Erfahrung.[61] - -Wenn man von meiner Theorie der Kausalität sagen sollte, daß sie das -Übernatürliche und Geistige natürlich oder materiell auffasse, wie es -wohl die meisten Orthodoxen denken werden, so lautet meine Antwort -darauf: tieferes Nachdenken wird zeigen, daß man sie wenigstens eben -so gut von dem entgegengesetzten Gesichtspunkt aus auffassen kann -- -nämlich, daß sie sich das Natürliche übernatürlich vorstellt oder das -Materielle vergeistigt; und ein reiner Agnostiker sollte am wenigsten -gegen eine von diesen beiden Anschauungsweisen etwas einwenden. Wenn -die reine Vernunft bei der Sache überhaupt etwas zu sagen hat, so -sollte sie der Auffassung zuneigen, daß meine Doktrin das Materielle -vergeistigt, weil es durchaus gewiß ist, daß wir nichts vom Wesen der -natürlichen Kausalität wissen können -- eben so wenig wie von ihrem -Dasein -- es sei denn, daß wir von unseren eigenen Willensäußerungen -ausgehen. - - - Der freie Wille.[62] - -Nachdem ich alles über den freien Willen gelesen habe, was überhaupt -des Lesens wert ist, will es mir scheinen, daß sich die Hauptergebnisse -und ihre logischen Schlußfolgerungen in folgende kurze Sätze -zusammenfassen lassen: - -1) Ehe ein Schriftsteller sich überhaupt mit diesem Gegenstand -beschäftigt, sollte er sich des Hauptunterschieds zwischen der bloß -rechtlichen und der moralischen Verantwortlichkeit voll bewußt werden, -sonst verfehlt er den Kernpunkt der Frage. Niemand fragt nach der -offenkundigen Thatsache der =rechtlichen= Verantwortlichkeit; die Frage -betrifft allein die =moralische=, und doch rührt die große Masse der -Litteratur über den freien Willen und die Naturnotwendigkeit daher, daß -die Streitenden auf beiden Seiten diesen Fundamental-Unterschied nicht -erkennen, und das passiert selbst so bedeutenden Männern wie Spencer, -Huxley und Clifford. - -2) Die Hauptfrage ist: ob der Wille eine Ursache hat oder nicht. Denn -wie auch immer diese Hauptfrage durch die aus ihr entspringenden Fragen -verdunkelt werden mag, diese Folgefragen stehen und fallen mit ihr. - -3) Folglich: wenn die Anhänger der Willensfreiheit zugeben, daß -Kausalität und Wille zusammengehören, so geben sie damit, so sehr sie -sich auch drehen und wenden, doch ihre Stellung auf der ganzen Linie -auf, wenn sie nicht auf die weiter zurückliegende Frage nach dem Wesen -der natürlichen Kausalität eingehen wollen. Es kann nun bewiesen -werden, daß diese weiter zurückliegende Frage wissenschaftlich nicht zu -beantworten ist. Daher können beide Parteien die natürliche Kausalität -als unbekannte Größe mit _X_ bezeichnen. - -4) Daher sollten beide Parteien einsehen, daß sich die ganze -Streitfrage in die folgende zuspitzt: -- Wird der Wille durch jenes _X_ -bestimmt oder nicht? Das mag, ich gebe es zu, als eine für eine Debatte -unfruchtbare Frage erscheinen, -- aber sie bleibt doch als einzige, -thatsächliche Streitfrage übrig, also noch einmal: bestimmt sich der -Wille selbst oder wird er bestimmt, nämlich von außen? - -5) Wenn er von außen her bestimmt wird, bleibt dann noch irgend ein -Spielraum für die Freiheit in dem Sinne, wie es nötig ist, um die -Lehre von der moralischen Verantwortlichkeit zu retten? Ich denke, die -Antwort müßte ein entschiedenes Nein! sein. - -6) Aber wohl beachtet, es ist nicht ein und dasselbe, ob wir fragen: -wird der Wille nur von außen bestimmt? oder wird der Wille nur -von natürlicher Kausalität (_X_) bestimmt? Denn die unbekannte -Größe _X_ kann sehr gut noch ein _X_1_ in sich schließen, wenn wir -unter _X_1_ alle die unbekannten Nebeneigenschaften der einzelnen -Persönlichkeit[63] verstehen. - -7) Daher gewinnen die Deterministen keinen Vorteil über ihre Gegner, -wenn sie den wohl möglichen (heute aber noch unmöglichen) Nachweis -dafür führen, daß alle Willensakte von der natürlichen Kausalität -bedingt werden, es sei denn, daß sie die Natur der letzteren aufdecken -und zeigen können, daß sie ihre Schlußfolgerungen unterstützt. Soviel -wir wissen können, mag der Wille sehr wohl in dem verlangten Sinn frei -sein, selbst wenn alle seine Handlungen durch jenes _X_ bedingt werden. - -8) In Sonderheit könnte, soviel wir wissen können, alles durch das -_X_1_ bedingt sein, d. h. alle Kausalität könnte die Natur des Willens -haben (wie es in der That viele Systeme der Philosophie behaupten) und -daraus würde folgen, daß jeder menschliche Wille die Natur einer ersten -Ursache hat. Zur Unterstützung dieser Möglichkeit mag bemerkt werden, -daß die meisten Philosophen in Bezug auf das _X_ zu der Theorie einer -_causa causarum_ gelangt sind. - -9) Nun liegt ein Einwand nahe, nämlich: bei einer Mehrzahl von ersten -Ursachen, von denen jede Quelle und Ursprung eines neuen und nie -versiegenden Stromes von Kausalität wäre, müßte der Kosmos früher oder -später durch die haufenweise Kreuzung der Ströme, ein Chaos werden, die -Antwort darauf ist in der Theorie des Monismus zu finden.[64] - -10) Indessen bleibt noch die letzte Schwierigkeit, welche ich in meiner -Abhandlung »die Welt als ein Ejekt«[65] geschildert habe, aber sie -verliert sich wieder in dem Mysterium der Persönlichkeit, welche nur -als eine unerklärbare und anscheinend letzte Thatsache bekannt ist. - -11) So muß also die allgemeine Schlußfolgerung in der ganzen Frage -sein: -- reiner Agnostizismus. -- - - - § 4. Der Glaube. - -Der »Glaube« unterscheidet sich in seiner religiösen Bedeutung nicht -allein von »Meinung« (das heißt von einem Glauben, der sich nur auf -Vernunft gründet) dadurch, daß zu dieser noch ein geistliches Element -hinzukommt, er unterscheidet sich auch von dem Glauben, der auf -Affekten beruht, dadurch, daß er einer aktiven Mitwirkung des Willens -bedarf. So sind also alle Seiten des menschlichen Geistes im Begriff -des Glaubens enthalten: Verstand, Gemüt und Wille. Wir »glauben« an die -Entwicklungslehre nur aus Gründen des Verstandes; wir »glauben« an die -Liebe unserer Eltern, Kinder u. s. w. fast (oder gar ausschließlich) -aus, ich nenne es, geistlichen[66] Gründen, d. h. aus Gründen der -inneren Erfahrung, denn dazu haben wir keine Ausübung weder der -Vernunft noch des Willens nötig. Aber Niemand kann an Gott oder gar -Christus glauben ohne eine ernste Anstrengung des Willens. Dies halte -ich für eine Thatsache, mag es nun einen Gott oder Christus geben oder -nicht. - -Man beachte es wohl, der »Wille« ist vom »Wunsch« zu unterscheiden. -Es ist ganz gleichgültig, was die Psychologen darüber sagen. Ob -sich der »Wunsch« vom »Willen« seinem Wesen oder nur dem Grade nach -unterscheidet; ob der Wille sozusagen ein aktiver Wunsch und der -Wunsch bloß ein beginnender Wille ist, das sind Fragen, um die wir uns -nicht zu kümmern brauchen, denn es giebt sicherlich Agnostiker, welche -viel lieber Theisten sein würden, und Theisten, welche alles, was sie -besitzen, hingeben würden, um Christen sein zu können, wenn es möglich -wäre, daß sie sich diese Beförderung etwa durch Kauf, d. h. durch einen -einzelnen Willensakt, aneignen könnten. Dennoch ist ihr Wunsch nicht -stark genug, um den Willen ununterbrochen in Aktivität zu halten, so -daß er fortgesetzt die Opfer bringt, welche das Christentum fordert. -Vielleicht ist das schwerste dieser Opfer für einen denkenden Menschen -das, seinen eigenen Verstand daranzugeben, wenigstens ist dies bei mir -so der Fall. Ich war lange gewohnt meinen Verstand als den einzigen -Richter der Wahrheit anzusehen; und während der Verstand selbst es mir -bezeugt, daß es gar nicht unvernünftig sei, wenn Herz und Wille im -Verein mit der Vernunft Gott suchen müssen, (denn die Religion ist für -den =ganzen= Menschen) -- -- so bin ich doch zu eifersüchtig auf meinen -Verstand, um meinen Willen in =der= Richtung zu gebrauchen, in welcher -es mein Herz am sehnlichsten wünscht. Denn sicherlich ist das heißeste -Verlangen meines Herzens, daß es in seinem höchsten Streben nicht -betrogen wird. Und dennoch konnte ich mich selbst nicht überwinden, -einen Versuch zu machen und zum Glauben fortzuschreiten. Von =einem= -Standpunkt aus betrachtet, scheint es z. B. ganz vernünftig zu sein, -daß das Christentum die praktische Ausführung seiner Glaubenslehren als -eine notwendige Bedingung fordert, damit ihre Wahrheit zur Überzeugung -wird, d. h. damit man sie glaubt. Aber von einem anderen und mir -geläufigeren Standpunkt aus scheint es mir fast eine Beleidigung der -Vernunft zu sein, solch ein thörichtes Experiment überhaupt zu machen, -geradeso wie es einem Naturforscher absurd und kindisch erscheint, -daß man erwartet, er solle die »abergläubischen« Thorheiten des -modernen Spiritismus untersuchen. Selbst den einfachsten Willensakt -in Bezug auf Religion -- nämlich das Gebet -- habe ich wenigstens -ein Vierteljahrhundert lang nicht ausgeübt, lediglich aus dem Grunde, -weil es mir so unmöglich schien sozusagen hypothetisch zu beten, so -daß ich mich, so sehr mich auch immer darnach verlangt hat, beten zu -können, doch nicht zu dem Willensakt aufraffen konnte, einen Versuch -damit zu machen. Um mich in Bezug auf das, was mein besseres Urteil -so sehr oft als unvernünftig erkannt hat, selbst zu rechtfertigen, -habe ich immer verschiedene Entschuldigungen gehabt. Hauptsächlich -war es diese: Selbst wenn man das Christentum als Wahrheit annimmt -und selbst angenommen, daß ich meine Vernunft soweit meinem Verlangen -opfern könnte, daß ich die vorausgesetzten Bedingungen erfüllt hätte, -um »Gnade« oder unmittelbare Erleuchtung von Gott zu erlangen, -- -würde sich nicht selbst dann meine Vernunft empören und an mir rächen? -Denn sicherlich würde selbst dann mein gewohnheitsmäßiger Skeptizismus -mir sagen: »Dies ist Alles sehr erhaben und tröstlich; aber welche -Gewißheit hast du, daß die ganze Sache nicht doch eine Selbsttäuschung -ist? Der Wunsch war wahrscheinlich der Vater des Gedankens, und du -würdest deinen Willensakt besser verwendet haben, dich für irgend eine -niedrige Sache und wäre es nur ein Haschisch-Rausch, zu begeistern?« -- -Ein Christ würde natürlich darauf antworten, daß die innere Erleuchtung -einen solchen Zweifel nicht zulassen kann, ebensowenig wie der Anblick -der Sonne an dieser zweifeln läßt, -- daß Gott uns doch gut genug -kennt, um das zu verhüten u. s. w., und auch daß es unvernünftig -sei, ein Experiment deshalb nicht zu versuchen, weil sein Ergebnis -sich vielleicht als zu gut erweisen möchte, um glaubwürdig zu sein. -Ich will nicht bestreiten, daß der Christ durch eine solche Antwort -gerechtfertigt sein würde, aber ich führe die Sache auch nur als eine -Probe der Schwierigkeiten an, die sich entgegenstellen, wenn man alle -Bedingungen erfüllen will, um zum christlichen Glauben zu gelangen, -selbst wenn man ihn für richtig hält. Andere haben ohne Zweifel andere -Schwierigkeiten, aber die meinige lag wohl hauptsächlich in meiner -ungebührlichen Rücksichtnahme auf die Vernunft unter Vernachlässigung -von Herz und Willen, ungebührlich dann, wenn das Christentum wirklich -Wahrheit ist und wenn die Bedingungen für den Glauben an dasselbe eine -göttliche Verordnung sind. - -Dieser Einfluß des Willens auf den Glauben, selbst in weltlichen -Dingen, ist um so stärker ausgeprägt, je weniger diese Dinge sich -vordemonstrieren lassen (wie schon bemerkt); aber das ist am meisten -dort der Fall, wo unsere persönlichen Interessen berührt werden, -mögen es materielle oder intellektuelle sein, wie z. B. der Ruf -konsequent zu sein u. s. w. Man bedenke nur, wie sehr z. B. politische -Glaubensbekenntnisse den religiösen in den eben erörterten Beziehungen -gleichen. Wenn die Unterschiede dabei nicht der Art sind, daß die -Wahrheit auf der =einen= Seite klar beweisbar ist, so daß der, welcher -ein Anhänger der gegnerischen Seite ist, dabei bewußter Weise seine -Redlichkeit dem Eigennutz geopfert haben muß, so finden wir doch -immer, daß die Parteibrille die Dinge so färbt, daß man die Vernunft -dem Willen preisgiebt, sowie der Gewohnheit, dem Interesse und all -den andern Verhältnissen, welche in gleicher Weise auf den religiösen -Glauben einwirken. In jedem Falle scheint es nur wenig darauf -anzukommen, auf welcher Höhe von allgemeiner oder besonderer Bildung -sowie geistiger Beanlagung man steht, um die zu beurteilende Frage zu -beantworten. Vom Premierminister bis zum Bauern finden wir dieselbe -Meinungsverschiedenheit in politischen Dingen wie in religiösen. Und -in jedem Fall ist die Erklärung die gleiche. Der Glaube ist so wenig -von der Vernunft allein abhängig, daß es in solchen Gedankenkreisen -- -d. h. wo persönliche Interessen berührt werden und die Wahrheit ihrer -Natur nach nicht demonstrierbar ist, wirklich so scheint, als ob die -Vernunft aufhört ein Richter in Bezug auf den Beweis oder der Führer -zur Wahrheit zu sein, so daß sie nur der Advokat einer Meinung ist, -die bereits auf einem anderen Grunde auferbaut wurde. Dieser andere -Grund besteht, wie wir gesehen haben, vornehmlich in den Zufälligkeiten -der Gewohnheit oder der Mode, und der Wunsch ist dann der Vater des -Gedankens u. s. w. - -Dies mag nun alles in Bezug auf Politik und in allen weltlichen -Dingen bedauerlich sein; aber wer will sagen, daß es in Bezug auf -den religiösen Glauben nicht so sein =muß=, wie es ist! Denn, wenn -wir nicht die Frage nach einem zukünftigen Leben mit einer nackten -Verneinung abthun wollen, so müssen wir doch wenigstens die Möglichkeit -erwägen, ob wir hier nicht in einem Zustand der Prüfung leben, und das -nicht allein bezüglich eines unbefangenen Gebrauchs unserer Vernunft, -sondern wahrscheinlich noch viel mehr bezüglich des Gebrauchs jener -anderen Seiten der menschlichen Natur, durch welche unser Glaube in -dieser wichtigsten von allen Fragen bestimmt wird. - -Es ist bemerkenswert, daß es selbst in der Politik die sittlichen -und geistlichen Elemente des Charakters sind, welche endlich zum -Erfolg führen, selbst mehr als intellektuelle Fähigkeiten, natürlich -vorausgesetzt, daß die letztere nicht unter dem etwas hohen Niveau -unserer parlamentarischen Versammlungen steht.[67] - -In Bezug auf die Rolle, die der Wille bei der Entscheidung für den -Glauben spielt, kann man nachweisen, wie unbewußt groß dieselbe sogar -in Dingen von weltlichem Interesse ist. Die Vernunft ist in der That -sehr weit davon entfernt, der einzige Führer beim Urteil zu sein, wie -man gewöhnlich annimmt. Das geht thatsächlich so weit, daß das Urteil, -ausgenommen in Dingen, bei welchen der Beweis auf der Hand liegt, -(wobei es natürlich keinen Raum mehr für irgend etwas anderes giebt) -- -zumeist durch Gewohnheit, Vorurteil, Mißfallen u. s. w. soweit gefangen -genommen ist, daß es den nüchternsten Philosophen überraschen würde, -könnte er sich alle die geistigen Prozesse klar machen, durch welche -der komplizierte Akt der Zustimmung beziehungsweise Abneigung zufällig -bestimmt wird.[68] Um zu zeigen, wie wenig die Vernunft allein bei der -Entscheidung für den religiösen Glauben zu thun hat, wollen wir einmal -als Beispiel die Mathematiker betrachten. Ich denke, sie sind das beste -Beispiel, welches wir nehmen können, weil die mathematische von allen -intellektuellen Forschungen die exakteste ist, da sie vielmehr als alle -anderen die Kräfte der Vernunft in Anspruch nimmt, und weil deshalb -auch die Männer, welche in dieser Forschung die höchste Stufe erreicht -haben, sicherlich als die geeignetsten Vertreter der Menschheit in -Bezug auf die Kraft der reinen Vernunft betrachtet werden können. Aber -siehe, jedesmal wenn sie ihre in jener Beziehung außerordentlichen -Kräfte auf die Probleme der Religion gerichtet haben, -- wie wohl -erwogen sind dann bezeichnender Weise ihre entgegengesetzten Schlüsse -[keiner von beiden scheint zu irren -- der Übersetzer], so daß wir -daraus nur schließen können, wie außerordentlich wenig die Vernunft bei -den geistigen Vorgängen gilt, welche =hier= das Urteil bestimmen. - -Wenn wir in dieser Hinsicht die größten Mathematiker in der -Weltgeschichte untersuchen, so finden wir, daß z. B. Keppler und Newton -Christen waren, daß aber andererseits La Place ungläubig war.[69] Oder -wenn ich unsere Zeit in Betracht ziehe und meine Aufmerksamkeit z. B. -auf den Hauptsitz der mathematischen Studiums in England richte, so ist -folgendes zu sagen: -- als ich in Cambridge war, erstrahlte in dieser -Fakultät von dort aus ein solch helles Licht wie wohl nie zuvor. Und -das Merkwürdige für unseren gegenwärtigen Zweck ist dabei, daß die -Träger der berühmtesten Namen auf Seiten der Orthodoxie standen: Sir -W. Thomson, Sir George Stokes, die Professoren Tait, Adams, Clerk -- -Maxwell und Cayley -- gar nicht zu nennen die weniger bedeutenderen: -Routh, Todhunter, Ferrers u. s. w. waren alle überzeugte Christen. -Clifford allein war damals gerade von dem Extrem der Orthodoxie zu -dem des Unglaubens übergesprungen -- ein vereinzeltes Beispiel, -welches ich als besonders interessant für unsern Zweck ansehe, da es -den überwiegenden Einfluß eines unnatürlich aufgeregten Charakters -gerade auf einen so außerordentlich intelligenten Mann zeigt, denn -die Vernunftmäßigkeit des ganzen Baues des christlichen Glaubens kann -ihre Pole doch nicht innerhalb so weniger Monate gewechselt haben. -Nun würde es ohne Zweifel leicht sein, wo anders als in Cambridge -Mathematiker erster Größe zu finden, welche in unserer Generation -entschiedene Gegner des Christentums sind oder gewesen sind, wenn auch -sicherlich nicht eine so große Reihe von Sternen erster Größe. Aber -sei dies wie es will, das Beispiel in Cambridge aus meiner eignen Zeit -scheint mir an sich genugsam zu beweisen, daß der christliche Glaube -durch die höchsten Kräfte der Vernunft weder begünstigt noch geschädigt -werden kann, sondern daß er von anderen noch viel mächtigeren Faktoren -abhängt. - - - Glaube und Aberglaube. - -Mag das Christentum wahr sein oder nicht, -- zwischen diesen beiden -Begriffen bleibt doch immer ein großer Unterschied. Denn während der -Hauptbestandteil des christlichen Glaubens ein sittliches Element -ist, ist ein solches bei dem Aberglauben nicht vorhanden. Die einzige -Ähnlichkeit zwischen beiden ist thatsächlich die, daß beide einen -Geisteszustand bezeichnen, den man eben »Glaube« nennt. Daher kommt -es, daß beide Begriffe von Gegnern des Christentums und selbst -von Nicht-Christen so oft verwechselt werden. Der viel wichtigere -Unterschied wird nicht hervorgehoben, nämlich der, daß der Glaube in -dem einen Fall ein rein intellektueller, im andern Fall hauptsächlich -ein sittlicher ist. Wenn er nur intellektuell aufzufassen ist, so kann -der Glaube nichts anderes als bloße Leichtgläubigkeit bei gänzlichem -Mangel an Beweiskraft sein; aber wo ein sittlicher Grund zum Glauben -vorhanden ist, da liegt der Fall natürlich ganz anders; denn selbst -wenn es einem Fernerstehenden bloße Leichtgläubigkeit zu sein scheint, -so mag dies dann daher kommen, daß jener die aus sittlichen Thatsachen -hinzukommenden Beweise nicht in Betracht zieht. -- - -Glaube und Aberglaube werden oft verwechselt, ja sogar identifiziert. -Ohne Frage sind sie auch in einem gewissen Punkt identisch, sie -zeigen nämlich, wie gesagt, beide einen geistigen Zustand, den man -eben »Glaube« nennt. Dies können alle Menschen erkennen, aber nicht -jeder kann weiter sehen und die Unterschiede erklären. Diese sind -aber folgende: Wenn wir annehmen, daß das Christentum wahr ist, -- so -ist eben der Glaube der innere (_spiritual_) Beweis; wenn wir aber -annehmen, daß das Christentum falsch sei: so bleibt doch noch ein -moralischer Bestandteil im Glauben, welcher _ex hypothesi_ (d. h. -in Folge der Voraussetzung) im Aberglauben nicht vorhanden ist. Mit -andern Worten: Glaube oder Aberglaube ruhen beide auf einer geistigen -Grundlage (was auch bloße Leichtgläubigkeit sein kann); aber der -Glaube ruht zugleich auf einem sittlichen Grunde, selbst dann, wenn -er nicht in gleicher Weise auf einem geistigen Grunde steht. Sogar in -menschlichen Verhältnissen giebt es einen großen Unterschied zwischen -dem Glauben an eine wissenschaftliche Theorie und dem Glauben an einen -persönlichen Charakter. Der Unterschied liegt eben darin, daß der -letztere ein sittliches Element enthält. - -Das »Heilen durch Glauben« hat daher keine Ähnlichkeit mit dem »Dein -Glaube hat dir geholfen« des Neuen Testaments, wir müßten denn die -persönlichen Unterschiede unberücksichtigt lassen, welche zwischen -einem modernen Besprecher und Jesus Christus, die doch beide Gegenstand -des Glaubens sind, bestehen. Glaube gründet sich nicht ausschließlich -auf einen objektiven Beweis, der an die Vernunft appelliert (Meinung), -sondern hauptsächlich auf einen subjektiven Beweis, der an eine ganz -andere Fähigkeit appelliert (Vertrauen). Ob die Christen nun bei -dem, was sie glauben, recht oder unrecht haben mögen, -- ich bin -so fest, wie nur sonst von irgend etwas überzeugt, daß die von mir -soeben gegebene Begriffsbestimmung, welche sie alle für sich selbst -stillschweigend machen, logisch unanfechtbar ist; denn niemand kann -leugnen, daß es möglicher Weise ein Etwas giebt, was man ein Organ -geistlicher (_spiritual_) Beurteilung[70] nennen könnte. Wollte man -dies leugnen, so würde man thatsächlich die Stellung des reinen -Agnostizismus _in toto_ für falsch erklären; und dies bleibt selbst -dann so, wenn es keine objektiven oder streng wissenschaftlichen -Beweise für ein solches Organ gäbe, wie wir sie ja aber im Leben der -Heiligen, und in geringerem Maße in der Universalität des religiösen -Gefühls haben. Giebt es nun ein solches Organ, so folgt aus den -vorhergehenden Paragraphen, daß die Hauptbeweise für das Christentum -subjektiv nicht allein sein werden, sondern sein müssen: ich meine, -sie =müssen= es sein, da gemäß der Voraussetzung des Christen das -Christentum seinem Inhalt nach eine sittliche Prüfung enthält, und da -der »Glaube« sowohl eine Probe auf die Wahrheit ist als auch einen Lohn -in sich schließt. - -Manche praktischen Erwägungen entstehen daraus, z. B. die Pflicht der -Eltern, die Kinder ebensowohl in dem zu erziehen, was sie glauben als -in dem, was sie wissen. Das würde ganz ungerechtfertigt sein, wenn -Glaube dasselbe wie Meinung wäre. Aber es ist durchaus gerechtfertigt, -wenn ein Mensch nicht allein weiß, daß er etwas glaubt (Meinung), -sondern auch glaubt, daß er etwas weiß (Glaube).[71] Wenn sich nun der -Christ darin von dem natürlichen Menschen unterscheidet, daß jener ein -inneres (_spiritual_) Organ der Erkenntnis besitzt, -- vorausgesetzt -daß er ehrlich glaubt, es sei so, so würde es unsittlich von ihm sein, -wenn er nicht in Übereinstimmung mit dem handelte, was er für seine -Erkenntnis hält. Diese Verpflichtung bei der Erziehung erkennt man auch -in jedem anderen Fall an. Solch ein Mann ist moralisch im Recht, wenn -er auch geistig irrt. -- - -Huxley sagt in seinen »Laien-Predigten«, daß der Glaube von der -Wissenschaft als »Kardinalsünde« erwiesen worden sei. Nun, dies ist -allerdings wahr in Bezug auf Leichtgläubigkeit, Aberglauben u. s. w., -und die Wissenschaft hat unendlich viel Gutes gethan, indem sie unsere -Begriffe von Methode, Beweis &c. klarlegte. Aber dies liegt alles im -Gebiet des Intellekts. Der Glaube wird von solchen Thatsachen oder -Betrachtungen nicht berührt. Und welch eine schreckliche Hölle würde -die Wissenschaft aus der Welt gemacht haben, wenn sie den »Geist des -Glaubens« auch in menschlichen Verhältnissen vernichtet hätte. Huxley -verfällt also in den so allgemeinen Irrtum, daß er »Glaube« und Meinung -verwechselt. - -Wenn man das Christentum für wahr hält, so ist es durchaus vernünftig, -wenn der Glaube im oben schon erklärten Sinn als eine Probe der -göttlichen Gnade erklärt wird. Wenn es überhaupt eine Scheidung der -Menschen durch Christus giebt, dann muß sich der Hauptgesichtspunkt, -nach dem diese geschieht, auf jene moralische Eigenschaft beziehen. -Niemand kann eine Offenbarung annehmen, die sich bloß an den Intellekt -des Menschen richtet, weil die Annahme derselben alsdann nur eine Sache -der Klugheit wäre, indem man einer durch höhere Intellekte gemachten -Demonstration beipflichtet. - -Wenn das Christentum also berechtigter Weise diese Welt als eine -Schule sittlicher Prüfung darstellt, dann können wir in der That kein -besseres und dazu passenderes System finden als diese Welt und keinen -besseren Schulmeister als das Christentum. Dies wird nicht allein durch -ein allgemeines Räsonnement erwiesen, sondern auch durch das, was das -Christentum in der Welt geleistet hat, durch seine Anwendbarkeit auf -individuelle Bedürfnisse u. s. w. Man beachte nur die außerordentliche -Verschiedenheit der menschlichen Charaktere in Bezug auf Sittlichkeit -und geistliches (_spiritual_) Leben, und doch leben alle in derselben -Welt. Aus äußerlich demselben Stoff und in derselben Umgebung entstehen -so wunderbar verschiedene Produkte, je nachdem Stoff und Umgebung -verwendet werden. Selbst menschliche Leiden in ihrer schlimmsten -Gestalt können willkommen geheißen werden, wenn der Glaube an ein -solches Ziel sie rechtfertigt. Leiden drücken nicht und Thränen haben -nichts bitteres, sondern man soll sich ihrer vielmehr freuen.[72] - -Es ist ferner eine Thatsache, daß es nur durch diese Theorie -der =Prüfung= möglich ist, für die Welt einen Sinn, d. h. einen -vernünftigen Zweck für das menschliche Dasein zu erkennen. Setzt man -die Wahrheit des Christentums voraus, so wird jedermann nach den -Ergebnissen seiner eignen Lebensführung gerichtet, und diese entwickelt -sich aus seinem eignen moralischen Charakter. (Dies könnte nicht so -sein, wenn der =Entscheid= Sache intellektueller Begabung wäre.) Damit -ist jedoch nicht gesagt, daß die Ausübung des Willens in der Richtung -der Religion nicht einer Hilfe bedarf, um zum Glauben zu kommen und daß -dazu der eine mehr, der andere weniger Hilfe nötig hat. Ja, es kann -sogar sein, daß manche absichtlich von jeder Hilfe ausgeschlossen sind, -damit ihre Verantwortlichkeit nicht vermehrt werde, oder daß sie nur -wenig Hilfe erfahren, so daß die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer -Vernunft entspringen, für sie eine moralische Prüfung bilden. Doch, wie -dem auch sein mag, uns steht darin sicherlich kein Richteramt zu. - - * * * * * - -Es ist auch eine Thatsache, daß uns allen der Intellekt des Menschen -höher zu stehen scheint als seine Sinnlichkeit, wir mögen über ihren -Ursprung eine Ansicht haben, welche wir wollen. Ebenso stellen wir alle -in gleicher Weise die sittliche Seite des Menschen höher als seinen -Intellekt, mögen wir sonst auch von beiden denken, was wir wollen. -Es ist ferner eine Thatsache, daß wir die geistliche (_spiritual_) -Seite höher stellen als die sittliche, welche Theorie von der Religion -wir auch haben mögen. Die sittlichen und noch mehr die geistlichen -Eigenschaften eines Menschen sind es, welche seinen Charakter bilden. -Und es ist wunderbar, wie der Charakter auf allen Lebenswegen -schließlich doch die Hauptsache ist. - -Alle diese Begriffe sind klar und allgemein anerkannt, nämlich: - - { Sinnlichkeit, - Der Mensch hat { Intellekt, - { Sittlichkeit, - { =Geist= (=Seele=) (»_spirituality_«). - -Sittlichkeit und Geist sind als zwei ganz verschiedene Dinge anzusehen. -Ein Mensch kann in seinem Verhalten im höchsten Grade sittlich sein, -ohne irgendwie seiner Natur nach geistlich gerichtet zu sein, und auch, -wenn freilich in geringerem Maße, umgekehrt. Und =objektiv= erkennen -wir denselben Unterschied zwischen Moral und Religion. Unter Geist -verstehe ich die religiöse Denkart (»Temperament«), mag damit irgend -ein besonderes Glaubensbekenntnis oder Dogma verbunden sein oder nicht. - -Es besteht wohl kein Zweifel, daß intellektuelle Genüsse befriedigender -und nachhaltiger sind als sinnliche (»_sensual_«) -- oder selbst nur -für die Sinne erkennbare (»_sensuous_«). Und für die, welche sie -erfahren haben, ist es ebenso sicher, daß geistliche Genüsse über -intellektuellen, künstlerischen u. s. w. stehen. Es ist dies eine -objektive Thatsache, die vollauf von jedem bestätigt wird, der die -Erfahrung gemacht hat, und sie scheint anzuzeigen, daß die geistliche -Seite des Menschen das Höchste in ihm, der Kulminationspunkt seines -Wesens, ist. - - * * * * * - -Es ist vielleicht wahr, was Renan in seiner nachgelassenen Schrift -sagt, daß es immer Materialisten und Spiritualisten geben wird, -insofern man immer wird beobachten können, daß es kein Denken ohne -Gehirn giebt, während andererseits des Menschen Instinkte immer nach -einem höheren Glauben streben werden. Aber so muß es ja gerade sein, -wenn die Religion Wahrheit ist, und wenn wir hier in einer Welt der -Prüfung leben. Ist es nicht wahrscheinlich, daß der materialistische -Standpunkt (der selbst von der Philosophie nicht mehr geachtet wird), -nur einfach aus Gewohnheit und Mangel an Einbildungskraft entspringt? -Woher käme sonst jener unausrottbare Instinkt? - - * * * * * - -Es ist viel leichter nicht zu glauben als zu glauben. Für die -Vernunft liegt dies auf der Hand, aber auch für den Geist ist es so, -denn nicht zu glauben entspricht dem Einfluß der Umgebung und der -allgemeinen Gewohnheit der Menschen, während der Glaube eine geistliche -(_spiritual_) Übung der Einbildungskraft fordert. Aus diesen beiden -Gründen haben sehr wenig Ungläubige für ihren Unglauben irgend eine -Entschuldigung, weder eine aus der Vernunft entspringende noch eine -geistliche. - -Der Unglaube stammt gewöhnlich aus Gleichgültigkeit, oft aus Vorurteil, -und ist niemals etwas, worauf man stolz sein könnte. - - * * * * * - -»Warum ist es dir so unglaublich, daß Gott die Toten auferwecken -kann?« Ein reiner Agnostiker kann darauf offenbar keine Antwort geben. -Aber er wird natürlich sagen: »Die Frage ist vielmehr, warum sollte -es Euch glaubhaft sein, daß es einen Gott giebt, oder wenn es einen -giebt, daß er Tote erwecken soll?« Und ich denke, der weise Christ wird -antworten: »Ich glaube an die Auferstehung der Toten teils aus Gründen -der Vernunft, teils aus innerer Anschauung (Intuition), doch vor allem -aus beiden zusammen, mein ganzer Charakter nimmt so zu sagen das ganze -Lehrsystem an, von dem die Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit -einen Hauptteil bildet.« Dazu können wir wohl noch hinzufügen, daß die -christliche Lehre von der Auferstehung unseres Leibes nicht deshalb -aufgestellt worden ist, um den modernen materialistischen Einwürfen -gegen die Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit zu begegnen; -daher ist es auch sicherlich sehr wunderbar, daß diese Lehre zu jener -Zeit zusammen mit der anderen kaum weniger bezeichnenden Lehre von der -Nichtigkeit des Körpers aufgestellt worden ist. Warum sagte man nicht, -daß die Seele allein als ein entkörperter Geist leben bleiben würde? -Oder wenn die Gestalt als notwendig erachtet wird, um den Menschen von -Gott zu unterscheiden, -- daß er ein Engel sein würde? Aber, wie dem -auch sei, die Lehre von der Auferstehung ist dem materialistischen -Einwurf gegen ein zukünftiges Leben durchaus zuvorgekommen, und hat so -erst die spätere Frage hervorgerufen, mit welcher dieser Absatz beginnt. - -Wir haben in der Einleitung gesehen, daß alle Hauptgrundsätze, selbst -der wissenschaftlichen Thatsachen, durch Anschauung (Intuition), nicht -durch den Verstand erkannt werden. Keiner kann dies leugnen. Nun also, -wenn es einen Gott giebt, so gehört diese Thatsache doch sicherlich -zu den ersten aller Hauptgrundsätze. Auch dies kann niemand leugnen. -Niemand kann daher den zwingenden Schluß bestreiten, daß dann Gott, -wenn es überhaupt einen Gott giebt, erkennbar sein muß und (wenn -überhaupt erkennbar), durch Anschauung und nicht durch Vernunft. -- - -Es gehört wirklich nur wenig Nachdenken dazu, um zu zeigen, daß -die Vernunft ihrer eignen Natur nach unfähig ist über diese Sache -abzuurteilen, denn es ist ein Vorgang, bei dem man das Unbekannte aus -dem Bekannten ableitet. -- - -Es wäre gegen die Vernunft selbst, wollte man voraussetzen, daß Gott, -gerade wenn er existiert, durch die Vernunft erkannt werden könnte. -Er muß, wenn er überhaupt erkennbar ist, durch Anschauung erkannt -werden.[73] - - * * * * * - -Man beachte, selbst wenn Gott von sich eine objektive Offenbarung -geben könnte, -- d. h. wie die Christen glauben, daß es geschehen ist, --- so würde auch dies an sich noch keine Erkenntnis von ihm bringen, -ausgenommen für diejenigen, welche die Offenbarung eben für echt -halten; und ich bezweifle die logische Möglichkeit, daß irgend welche -Form objektiver Offenbarung zu dem Glauben an sie zwingen kann. Nein, -wenn einer von den Toten auferstände, um dies zu bezeugen, so würde er -es doch nicht vermögen, und auch Flammenbuchstaben vom Himmel könnten -es nicht. Aber selbst wenn es logisch möglich wäre, so brauchen wir -diese abstrakte Möglichkeit gar nicht in Betracht zu ziehen, da wir -sehen, daß keine solche überzeugende Offenbarung gegeben worden ist. -Daher ist die einzige berechtigte Stellungnahme der Vernunft der reine -Agnostizismus. Dies kann niemand leugnen. Aber, wird man sagen, es -besteht doch ein so großer Unterschied zwischen unserer intuitiven -Kenntnis aller anderen obersten Grundsätze und der angeblichen -Kenntnis des allerobersten Grundsatzes, nämlich der, daß der letztere -eingestandener Maßen nicht allen Menschen bekannt ist. Gewiß, hier -liegt in der That ein großer Unterschied; aber so muß es auch sein, -wenn wir uns hier, wie erwähnt, in einem Stande der Prüfung befinden. -Daß wir uns aber in einem solchen befinden, ist wie gesagt, nicht -allein eine religiöse Hypothese, sondern auch die allein vernünftige -Auslegung sowie auch die sittliche Rechtfertigung unseres Daseins als -vernünftige und sittlich-handelnde Wesen.[74] - - * * * * * - -Es ist nicht nötig, wie J. S. Mill und alle anderen Agnostiker -anzunehmen, daß, selbst wenn die innere Anschauung göttlichen Ursprungs -wäre, die so gegebene Erleuchtung nur für den betreffenden Menschen als -Beweis von Wert sein könne. Im Gegenteil; sie kann objektiv untersucht, -wenn auch nicht subjektiv erfahren werden, und sie sollte doch auch -von einem reinen Agnostiker, der von allen Seiten Erleuchtung ersehnt, -schon deshalb untersucht werden. Selbst wenn er sie nicht als ein -Noumenon erkennt, so kann er sie doch als ein Phänomen erforschen. Und -angenommen, daß sie göttlichen Ursprungs ist, wie es die, welche sie -erfuhren, glauben, und was zu bezweifeln er kein Recht hat, dann kann -er noch mehr Beweisgründe dagegen, daß es eine bloß psychologische -Täuschung sei, aus den übereinstimmenden Berichten aller Jahrhunderte -erlangen. Wenn z. B. ein großer Teil der Menschheit Lichterscheinungen -sehen würde, welche etwa von Magneten ausgehen, dann würde kein Zweifel -an ihrem objektiven Vorhandensein bestehen. - - * * * * * - -Das Zeugnis des Sokrates von seiner Wahrnehmung einer inneren Stimme, -welche ganz den Charakter einer Hallucination des Gehörs hat, hat den -Philosophen Anlaß zu vielen Spekulationen gegeben. - -Viele Erklärungen wurden versucht, aber wenn wir uns der kritischen -Natur des Sokrates erinnern, =der buchstäblichen Natur seiner -Lehrmethode= und der hohen Bedeutung, welche nach Plato's Meinung -dieser Sache zukommt, dann scheint die Wahrscheinlichkeit dahin zu -neigen, daß der »Dämon« in dem eigenen Bewußtsein des Sokrates -thatsächlich eine Gehörempfindung gewesen ist. Mag das nun sein, wie -es will, meiner Meinung nach ist es keine Frage, daß wir uns diese -Ansicht von der Sache wenigstens so weit aneignen dürfen, daß wir -Sokrates auf gleiche Stufe mit Luther, Pascal u. s. w. stellen können, -ganz zu schweigen von der ganzen Reihe von israelitischen und anderen -Propheten, welche übereinstimmend von einer göttlichen Stimme sprechen. --- - -Dann aber entsteht die weitere Frage, ob wir alle diese Männer -jenen Irrsinnigen gleichstellen sollen, bei denen die Phänomene -der Gehör-Hallucinationen etwas alltägliches sind. Diese Annahme -entspricht zweifellos dem Wesen unseres Zeitalters, einmal weil sie -dem Sparsamkeitsgesetz gehorcht, und dann, weil es _a priori_ die -Möglichkeit einer Offenbarung zurückweist. -- - -Wenn wir aber diese Sache von dem Standpunkt des reinen Agnostizismus -betrachten, so sind wir nicht berechtigt, eine solche grobe und schnell -fertige Deutung zu geben. - -Angenommen, daß nicht allein Sokrates und alle großen -Religions-Reformatoren und Gründer religiöser Systeme vor und nach ihm -in gleicher Weise von einer Geisteskrankheit befallen gewesen wären, -sondern daß ähnliche Phänomene auch =bei allen wissenschaftlichen -Entdeckern=: Galilei, Newton, Darwin &c. vorgekommen wären; -- -angenommen, alle diese Männer hätten erklärt, daß ihre Hauptgedanken -ihnen durch subjektive Empfindungen gleichsam wie durch eine -gesprochene Sprache mitgeteilt worden wären, so daß aller Fortschritt -in dem wissenschaftlichen Denken der Welt dem des religiösen -Denkens gleich wäre, und daher von den Förderern derselben direkten -Inspirationen dieser Art zugeschrieben worden wäre; -- alles dies -angenommen, würde man dann leugnen können, daß das Zeugnis, welches -derartig zu Gunsten der Thatsache einer subjektiven Offenbarung gegeben -wäre, ein überwältigendes sei? Oder könnte man dann noch länger daran -festhalten, daß die Thatsache einer subjektiv mitgeteilten Offenbarung -nur für den Empfänger selbst Beweiskraft besitzen sollte? Man wird -hierauf ohne Zweifel antworten: Nein, aber im angenommenen Falle -entspringt der Beweis nicht nur der Thatsache ihrer subjektiven -Anschauung, sondern aus der Thatsache ihrer objektiven Beglaubigung -durch die wissenschaftlichen Resultate. Nun gut! aber dieses ist gerade -das Zeugnis, an welches die hebräischen Propheten appellieren -- das -Zeugnis der wahren und falschen Propheten, das in der Erfüllung oder -Nichterfüllung ihrer Weissagungen besteht und in den Worten ausgedrückt -ist: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.«. Zu sagen, daß das -religiöse Bewußtsein der übrigen Menschen für uns kein Beweis _a -priori_ sein kann, ist ebenso thöricht, als wenn man sagt, daß das -Zeugnis für das Wunderbare für andere keinen Wert hat. Der reine -Agnostiker muß immer sorgfältig die Straße aprioristischer Urteile -vermeiden. Aber andererseits muß er desto eifriger den Charakter -des Beweises _a posteriori_ aufrichtig nach Umfang und nach Inhalt -beachten. Der Beweis ist nun in dem gegenwärtigen Fall ein doppelter, -positiv und negativ. Es wird gut sein, den negativen zuerst zu -betrachten. - -Der negative Beweis wird durch die Natur des Menschen ohne Gott -geliefert. Der Zustand eines solchen Menschen ist ein durchaus elender, -wie Pascal es so schön gezeigt hat: den ganzen ersten Teil seiner -Betrachtungen hat er diesem Gegenstand gewidmet. Ich brauche den Weg -nicht zu betreten, den er bereits so gut durchforscht hat. -- - -Einige Menschen sind sich der Ursache dieses Elends nicht bewußt, -indessen ändert dies nichts an der Thatsache, =daß= sie elend sind. -Denn meistenteils verheimlichen sie die Thatsache so gut wie möglich -sich selbst, indem sie sich in Gesellschaft oder im Sport und in -Nichtigkeiten jeder Art, oder wenn sie intellektuell veranlagt sind, -mit Wissenschaft, Kunst, Litteratur, Arbeit &c. zerstreuen. Dies -ist indessen so, als wenn man die Hungernden mit Hülsen sättigen -wollte. Ich kenne aus Erfahrung die intellektuelle Zerstreuungen der -wissenschaftlichen Forschung, der philosophischen Spekulation und des -künstlerischen Genusses, aber ich bin mir auch ebenso des einen bewußt: -wenn man auch alles zusammen nimmt und alles dem Geschmack in Beziehung -auf Ansehen, Mittel und gesellschaftliche Stellung möglichst angenehm -macht u. s. w., -- das alles ist doch nur ein feines Zuckerwerk für -einen verhungernden Menschen. Er mag sich für kurze Zeit -- besonders -wenn er ein kräftiger Mensch ist -- selbst mit dem Glauben betrügen, -daß er sich ernährt, indem er seinen natürlichen Hunger verleugnet; -bald jedoch erkennt er, daß er für eine ganz andere Nahrung gemacht -wurde, selbst wenn sie weniger schmackhaft sein sollte. - -Einige Menschen erkennen dies niemals klar und deutlich, doch immer -zeigen sie es den andern deutlich genug. Bedenke z. B. »die größte -Schwäche edler Seelen«: ich denke, die höchste und am wenigsten -sinnliche von allen weltlichen Freuden besteht in der wohlverdienten -Anerkennung der Welt darüber, daß wir aus uns selbst heraus zur hohen -Vollendung gelangten. Und doch ist es wahr: »Gott hat verordnet, daß -der Ruhm das höchste Sehnen nicht befriedigen kann.« Ich habe nicht -wenige von den berühmten Männern unserer Generation kennen gelernt, und -habe diesen Ausspruch stets als durchaus wahr befunden. Gleich allen -andern »sittlichen« Befriedigungen wird auch dies bald durch Gewohnheit -alltäglich, und, sobald =eine= Auszeichnung erlangt ist, sehnt man sich -nach einer andern. Da giebt es kein Ende, bei dem man rasten könnte, -während doch Krankheit und Tod stets im Hintergrund lauern. Gewohnheit -kann den Menschen selbst über sein Elend blind machen; so weit, daß er -es sich nicht klar macht, was ihm fehlt; aber es fehlt ihm doch immer -etwas. - -Ich halte es also für unwidersprechlich richtig, daß diese ganze -negative Seite unseres Gegenstandes eine Leere in der Seele des -Menschen zeigt, welche nur der Glaube an Gott ausfüllen kann. - -Nun zur positiven Seite! Man betrachte die Glückseligkeit der Religion -und besonders der höchsten, nämlich der christlichen Religion. -Abgesehen davon, daß der Glaube den Menschen außerordentlich kräftig -beeinflußt, hält er auch am meisten aus, wächst und wird nie durch -Gewohnheit altbacken. Kurz, er unterscheidet sich, wie auch alle, die -ihn haben, einstimmig bezeugen, von jedem andern Glück nicht allein -dem Grade, sondern auch dem Wesen nach. Die ihn besitzen, können es -gewöhnlich durch das beweisen, was sie ohne ihn waren. Er hat keine -Beziehung zu einem aus der Vernunft stammenden Zustand. Er ist ein Ding -für sich und unübertrefflich. - -So viel ist er für den Einzelnen. Aber der positive Beweis hört hiermit -nicht auf. Man betrachte ferner die Wirkungen des christlichen Glaubens -auf die menschliche Gesellschaft -- durch christliche Persönlichkeiten -auf die Familie, und durch die christliche Kirche auf die ganze Welt. - -Alles dies zeigt uns, daß das Christentum allen höheren menschlichen -Bedürfnissen angepaßt ist. Alle Menschen müssen diese Bedürfnisse -mehr oder weniger fühlen, je nach dem Maße, als ihre höhere Natur in -sittlicher oder geistlicher (_spiritual_) Beziehung entwickelt ist. -Das Christentum aber ist die einzige Religion, welche im Stande ist, -diese Bedürfnisse zu befriedigen, und zwar -- nach denen zu urteilen, -die allein fähig sind, es zu bezeugen, -- im vollsten Maße. Alle diese -Menschen, aus jeder Sekte, jeder Nation u. s. w., berichten darüber -übereinstimmend aus ihrer eignen Erfahrung, so daß dieser Punkt über -allem Zweifel erhaben ist. Die einzige Frage ist nur, ob sie nicht etwa -alle betrogen sind. - - _Peu de chose. - - La vie est vaine: La vie est brève: - Un peu d'amour, Un peu d'espoir, - Un peu de haine .... Un peu de rêve .... - Et puis -- bon jour! Et puis -- bon soir!_[75] - -Diese Verse enthalten eine kurze und wahre Beurteilung dieses Lebens -ohne die Hoffnung auf ein zukünftiges. Befriedigt es? -- Doch der -Christenglaube giebt ein ganz anderes Bild: - - _The night has a thousand eyes, - And the day but one; - Yet the light of the whole world dies - With the setting sun. - - The mind has a thousand eyes, - And the heart but one; - But the light of a whole life dies - When love is done._[76] - -Ja, das ist die Liebe! Wie erhaben ist aber dann das Christentum, die -Religion der Liebe. Sie läßt die Menschen an den Urquell der höchsten -Liebe und an die Unendlichkeit von Gottes Liebe zu den Menschen -glauben. - - - § 5. Der Glaube an das Christentum. - -Das Christentum wird in dieser Abhandlung einer ernsten Untersuchung -unterworfen, weil diese »Prüfung der Religion« [d. h. des Wertes des -religiösen Bewußtseins] sich mit den Argumenten für den Theismus -beschäftigt, wie sie der Mensch und nicht die Natur allein, abgesehen -vom Menschen, liefert. Das Christentum aber ist unfraglich die höchste -Offenbarung des religiösen Bewußtseins. -- - -Als ich meine frühere Abhandlung [»die unbefangene Prüfung«] -schrieb, habe ich die ungeheuere Bedeutung, welche die menschliche -Natur gegenüber der physikalischen für jede den Theismus betretende -Untersuchung hat, nicht genügend gewürdigt. Aber seitdem habe ich -eingehend Anthropologie (sowie Religionswissenschaft), Psychologie -und Metaphysik studiert und das Ergebnis war, daß ich es =nun= -klar erkannte, daß der Mensch für die Untersuchung der Theorie des -Theismus das wichtigste Wesen der ganzen Natur ist. Dies hätte -ich schon aus Gründen _a priori_ vorher erkennen sollen, und das -wäre auch ohne Zweifel geschehen, wäre ich nicht zu sehr in rein -naturwissenschaftliche Untersuchungen vertieft gewesen. - -Damals hielt ich es obendrein für erwiesen, daß das Christentum seine -Rolle ausgespielt hätte, und glaubte überhaupt nicht, daß es irgend -eine vernunftmäßige Bedeutung für die Frage des Theismus habe. Und -wenn dies auch ohne Zweifel nicht zu entschädigen war, so glaube -ich doch auch, daß sich die rationelle Stellung des Christentums -seitdem wesentlich befestigt hat. Denn damals schien es so, als ob -das Christentum als rationelles System den doppelten Angriff: von -außen durch Darwin und von innen durch die Schule der negativen Kritik --- unterliegen würde. Nicht allein das Buch der organischen Natur, -sondern auch seine eigenen heiligen Dokumente schienen sich gegen es -zu erklären. Doch jetzt ist dies alles wesentlich anders geworden. Wir -haben es erlebt, daß es dem Darwinismus in dieser Hinsicht ebenso wie -seiner Zeit dem Kopernikanischen Weltsystem u. s. w. ergangen ist,[77] -und der Ausgang jenes großen Kampfes um den Text[78] ist, wie jeder -Unparteiische anerkennen muß, ein glänzender Sieg des Christentums. - -Ehe es die neue [biblische] Wissenschaft gab, hatten nachdenkende -Menschen thatsächlich keine vernunftgemäße Grundlage weder für -das Alter von irgend einer der neutestamentlichen Schriften noch -infolgedessen für die historische Wahrheit der in denselben erzählten -Begebenheiten. Evangelien, Apostelgeschichte und Episteln waren -gleicherweise in diese Ungewißheit gehüllt. Daraus erklärt sich -die Lebensfähigkeit des Skeptizismus im 18. Jahrhundert. Nun aber -ist diese ganze Art Skeptizismus veraltet und für immer unmöglich -gemacht: für eine genügende Zahl von Schriften, die Paulus zu dem -praktischen Zweck schrieb, den Glauben der Apostel darzulegen, ist die -Echtheit bestätigt, und mit Sicherheit ist nachgewiesen, daß die drei -synoptischen Evangelien im ersten Jahrhundert veröffentlicht wurden. -Daraus ist ein ungeheuerer Vorteil für den objektiven Beweis des -Christentums erwachsen. Es ist außerordentlich wichtig, daß der kundige -Forscher exakt sein muß, und daß die Laien, wie in jeder anderen -Wissenschaft so auch hier, nur =das= auf Autorität hin als glaubwürdig -annehmen müssen, worauf sich beide Seiten geeinigt haben. Aber wie bei -jeder anderen Wissenschaft sind die Kundigen in Gefahr, die Wichtigkeit -der sicheren Hauptergebnisse, über die man sich schon geeinigt hat, -gegenüber den weniger wichtigen Punkten, über die man noch streitet, zu -vergessen. Uns genügt es, daß die Episteln an die Römer, Galater und -Korinther als echt anerkannt worden sind, sowie auch die Synoptiker, -insofern sie sich auf die Hauptlehren Christi selbst beziehen. -- - - * * * * * - -Man darf die außerordentliche Unbefangenheit der Biographen Christi -nicht vergessen.[79] Man denke z. B. an Worte wie: »Aber einige -zweifelten«, und beim Bericht des Pfingstfestes: »sie sind voll süßen -Weins«.[80] Solche Bemerkungen sind wunderbar naturgetreu, aber nicht -weniger wunderbar widersprechen sie der »Accretion«-Theorie.[81] - -Wenn wir ganz ehrliche reine Agnostiker werden, so verändert sich das -ganze Bild durch unseren veränderten Standpunkt. Alsdann können wir die -Aufzeichnungen unparteiisch oder nach ihrem wahren Wert lesen, ohne -schon von vorneherein die Überzeugung zu haben, daß sie falsch sein -müssen. Es ist dann nur die eine Frage offen, ob sie historisch wahr -sind oder nicht. - -Objektive Beweise für das Christentum lassen sich so viele anführen, -daß, wenn die im Mittelpunkt stehenden Lehrsätze von Wundern frei -bezeugt wären, niemand an ihnen zweifeln würde. Aber wir sind keine -kompetenten Richter, die _a priori_ über das Wesen einer Offenbarung -urteilen könnten. Wenn unser Agnostizismus rein ist, so haben wir kein -Recht, die Sache aus »_prima facie_«-Gründen zu beurteilen. - - * * * * * - -Einer der wichtigsten Punkte des objektiven Beweises zu Gunsten des -Christentums wird von den Apologeten nicht genug betont. Ich kann -mich in der That nicht entsinnen, ihn jemals erwähnt gesehen zu -haben. Es ist dieser, daß in dem Bericht über das Leben Christi alle -solchen Lehren fehlen, welche die spätere, wachsende, menschliche -Erkenntnis -- sei es in der Naturwissenschaft, Ethik oder Politik -oder sonstwo -- hätte entwerten können. Dieses negative Argument ist -thatsächlich beinahe ebenso wichtig als das positive aus den Lehren -Christi entnommene, denn wenn wir bedenken, wie viele Reden von ihm -aufgezeichnet oder ihm wenigstens zugeschrieben sind, -- so ist es -doch höchst merkwürdig, daß buchstäblich nicht einzusehen ist, daß -irgend eines seiner Worte je vergehen sollte. »Es wird heute selbst -dem Ungläubigen nicht leicht sein«, sagt John Stuart Mill, »eine -bessere Übertragung der abstrakten Regeln der Tugend ins Praktische -zu finden, als wenn er sich bestrebt, so zu leben, daß Christus sein -Leben billigen würde.«[82] Man vergleiche Jesus Christus in dieser -Beziehung mit anderen Denkern des Altertums: Plato war, obgleich -der Zeit nach 400 Jahre älter als Christus, diesem in Bezug auf -philosophisches Denken weit voraus, -- nicht allein, weil damals Athen -die außerordentliche Erscheinung einer seitdem nicht wieder erreichten -Blüte zeigte, sondern auch weil er als Nachfolger des Sokrates an sich -schon der größte Repräsentant menschlicher Vernunft in der Richtung des -Spiritualismus war, allein selbst Plato ist in jener Hinsicht durchaus -nicht mit Christus zu vergleichen. Man lese nur die Dialoge, und man -wird sehen, wie groß der Kontrast derselben mit den Evangelien in -Bezug auf Irrtümer jeder Art ist -- ja, sie grenzen hinsichtlich ihrer -Vernunftgemäßheit sogar an Absurdität und enthalten Aussprüche, die das -sittliche Gefühl beleidigen. Und doch ist dies eingestandenermaßen die -höchste Höhe menschlicher Vernunft in der Richtung des Spiritualismus, -soweit sie nicht von göttlicher Offenbarung unterstützt wird. - -Zweierlei könnte man erwidern: erstens, daß die Juden (Rabbiner) zu -Christi Zeit die meisten seiner Sittensprüche schon ausgesprochen -hätten. Aber, selbst wenn dies wahr wäre, dann sind doch die Worte -offenbar dem alten Testament entnommen oder von ihm abgeleitet, und -sind so _ex hypothesi_ ursprünglich einer Offenbarung zuzuschreiben. -Andererseits ist diese Behauptung doch auch wohl nicht ganz richtig, -weil Christus seine Sittensprüche, wie »_Ecce Homo_« sagt, auch -wenn sie von den Rabbinern und von dem alten Testament schon vorher -ausgesprochen waren, doch selbst ausgewählt hat. -- - - * * * * * - -Es ist allgemeine, vielleicht sogar ausnahmslose Regel, daß sich -die Verächter des Christentums überhaupt aus keiner Religion etwas -machen. »Drei Schritt vom Leib.« Das war stets der Gedanke solcher -Leute; während andererseits die Menschen, deren religiöses Gefühl -unversehrt geblieben ist, die aber das Christentum aus intellektuellen -Gründen verworfen haben, Christus doch noch fast vergöttern. Dies sind -bemerkenswerte Thatsachen. - -Wenn wir die Größe eines Mannes nach dem Einfluß beurteilen, welchen -er auf die Menschheit ausgeübt hat, so kann es selbst vom weltlichen -Standpunkt aus keine Frage sein, daß Christus der bei weitem größte -Mann ist, der jemals gelebt hat. - -Aus allen Seiten, nur nicht von thörichter Unwissenheit und -niedriger Gemeinheit, wird es anerkannt, daß die von dem Christentum -im Menschenleben hervorgerufene Umwälzung mit keiner anderen -historischen Bewegung zu messen und zu vergleichen ist, oder daß -sie von irgend einer anderen erreicht wird. Am nächsten steht ihr -die durch die jüdische Religion hervorgerufene, aber jene ist nur -eine Weiterentwicklung von dieser, so daß man beide als aus einem -Stück betrachten kann. So angesehen, ist dieses ganze Religionssystem -so unermeßlich hoch über allen anderen erhaben, daß zugestanden -werden muß: wenn die Juden nicht gewesen wären, so würde das -Menschengeschlecht keine unserer ernsten Aufmerksamkeit würdige -Religion gehabt haben. Diese ganze Seite der menschlichen Natur -würde sich niemals in dem zivilisierten Leben entfaltet haben. Und -obgleich es zahllose Menschen giebt, die sich ihrer eignen Entwicklung -in dieser Hinsicht nicht bewußt sind, so sind doch selbst diese -in außerordentlichem Maße von der auch sie umgebenden religiösen -Atmosphäre beeinflußt. - -Aber das Christentum ist nicht allein allen anderen =Religionen= -unermeßlich weit überlegen, sondern auch allen anderen -=Gedankensystemen=, die je in Bezug auf Alles, was sittlich und -geistlich (_spiritual_) ist, aufgestellt worden sind. Mag das -Christentum wahr sein oder nicht, sicher ist, daß weder die Philosophie -noch die Naturwissenschaft, noch die Poesie je etwas gezeitigt haben, -was an Gedankentiefe, Reinheit des Lebens oder Schönheit irgendwie mit -der Lehre des Christentums zu vergleichen wäre. Dies wird, denke ich, -in Bezug auf Reinheit des Lebens von allen Seiten anerkannt werden. In -Bezug auf Gedankentiefe und Schönheit kann es vielleicht bestritten -werden. Aber man bedenke -- was hat die ganze Naturwissenschaft oder -die ganze Philosophie für das Denken der Menschheit gethan, verglichen -mit dem einen Satz: »Gott ist die Liebe?« Ob wahr oder nicht, man denke -nur einmal aus, was der Glaube an dieses Wort Tausenden von Millionen -unsres Geschlechts gewesen ist. Da aber liegt sein Einfluß auf das -Denken des Menschen und dann weiter auf den Lebenswandel. Wenn man -diesen unvergleichlichen Einfluß auf das =Leben= zugiebt, so heißt das -indirekt auch den Einfluß auf das =Denken= zu geben. Was andererseits -die Schönheit anbelangt, so zeigt der Mensch, der nicht erkennt, wie -unvergleichlich erhaben jene Lehre in dieser Hinsicht ist, damit seine -eigene Unfähigkeit, das zu würdigen, was das das Edelste am Menschen -ist. Mag die ganze Geschichte vom Kreuz wahr sein oder nicht, sie ist -von ihrem Anfang im Sehnen der Propheten bis zu ihrem Höhepunkt im -Evangelium das Herrlichste, was uns in der Litteratur je dargeboten -wurde. Und sicherlich nimmt ihm der Umstand, daß alles in ihr durchlebt -worden ist, nichts von ihrem poetischen Wert. Auch verliert sie an -ihrer Erhabenheit dadurch nichts, daß jeder einzelne Christ unserer -Zeit sie sich noch als eine lebenskräftige Religion aneignen kann. Nur -einem Menschen, der jeder geistigen Empfindung gänzlich bar ist, kann -das Christentum nicht als die großartigste, je auf unserer Erde erfaßte -Darstellung des Schönen, des Erhabenen und alles dessen erscheinen, was -sich an unsere geistliche Natur wendet. - -Doch diese Seite seiner Anpassungsfähigkeit bezieht sich nur auf -Menschen von höchster Bildung. Das bewunderungswürdigste am Christentum -ist, daß es sich Menschen von jeder Art und Lebensstellung anpaßt. Bist -du geistig hoch begabt? In seinen historischen und philosophischen -Problemen findest Du eine Welt von Stoff, dem Du Dich Dein ganzes Leben -lang mit demselben Interesse widmen kannst, wie es den Naturforschern -in ihrem Gebiet geschenkt ist. Oder bist Du nur ein Landmann in Deiner -Dorfkirche und kennst nur wenig außer der Bibel? Dennoch bist Du -......[83] - - - Wiedergeburt. - -Wie bemerkenswert ist die Lehre von der Wiedergeburt, wie sie im neuen -Testament[84] dargestellt ist, schon an und für sich, und wie schön -paßt sie zu dem nicht zu demonstrierenden Charakter einer sich nur an -die Vernunft wendenden Offenbarung, zu der Hypothese einer sittlichen -Prüfung u. s. w. Nun ist diese Lehre eine der charakteristischesten -Merkmale des Christentums. Sie bedeutet, wie Christus wiederholt und -bestimmt sagte und wie seine Apostel nach ihm ausführten, folgendes: -während diejenigen, die den heiligen Geist empfiengen, -- die durch -den Glauben an den Sohn zum Vater kamen, die vom heiligen Geist -wiedergeboren wurden (und viele andere gleichbedeutende Ausdrücke) --- der christlichen Wahrheit so zu sagen durch direktes Schauen oder -durch Eingebung durchaus gewiß werden, werden die fleischlich Gesinnten -andererseits durch keinen noch so starken direkten Beweis beeinflußt, -selbst wenn einer von den Toten auferweckt würde, wie es Christus -kurz darauf wirklich zur Erfüllung dieser Vorhersagung that. So kann -der Skeptizismus von den Christen geradezu als eine Bestätigung des -Christentums betrachtet werden. - -Jedenfalls wollen wir uns unser unabhängiges Urteil bewahren; die -vorliegende Frage gehört aber ganz besonders zu denen, bei welchen -reine Agnostiker sich der Anmaßung enthalten und die Thatsache -unparteiisch als unfragliche Erscheinung der Erfahrung betrachten -müssen. - -Kurz nach Christi Tod trat diese Erscheinung, die er voraus gesagt -hatte, ein, und zwar, wie es scheint, zum ersten Mal. Sie ist seitdem -sicherlich auch weiterhin eingetreten, und sie ist von den Historikern -jenem besonderen »Pfingsten« genannten Zeitpunkt zugeschrieben worden, -wobei eine gewaltige Aufregung des Volks entstand, und eine große Zahl -von Menschen zum Glauben an Christum gelangten. -- - -Nehmen =wir= diese Erzählung nun auch an oder nicht, so ist es doch -ganz fraglos, daß die Apostel mit Glauben an die Person und das Amt -ihres Meisters erfüllt wurden, und das genügt, um seine Lehre von der -Wiedergeburt zu rechtfertigen. -- - - - Bekehrungen. - -Augustinus bezeugt, -- und andere Kirchenväter thun ähnliches, -- -daß mit ihm nach seinem 30. Lebensjahre eine plötzliche, andauernde -und außerordentliche Wandlung vorgegangen sei, die man Bekehrung[85] -nennt. -- - -Diese Erfahrung hat sich wiederholt und ist durch zahllose Millionen -zivilisierter Männer und Frauen aus allen Nationen und auf allen -Stufen der Bildung bestätigt worden. Es kommt nicht darauf an, ob -diese Bekehrung plötzlich oder allmählich geschieht, obgleich sie als -psychologische Erscheinung bemerkenswerter ist, wenn sie plötzlich und -ohne Symptome geistiger Störung eintritt. Doch selbst bei allmählichem -Wachstum in reiferem Alter ist ihre Beweiskraft nicht geringer (cf. -Bunyan u. s. w.). - -In allen Fällen ist es aber durchaus keine bloße Änderung des Glaubens -oder der Meinung; der springende Punkt ist dabei vielmehr eine mehr -oder weniger tiefe Wandlung des Charakters. - -Bedenkt man die verwickelte Natur des Charakters, so erkennt man, daß -diese Umwandlung keine so einfache sein kann. Wenn sie auch sogenannten -natürlichen Ursachen zugeschrieben werden mag, so ist dies doch kein -Beweis gegen ihren sogenannten übernatürlichen Ursprung, wenn wir -nicht die ganze Frage nach dem Göttlichen in der Natur von vornherein -bejahen. Für reine Agnostiker liegt der Beweis für die Realität der -Wiedergeburt und der Bekehrung in der Menge dieser psychologischen -Erscheinungen, die kurz nach Christi Tod eintraten, ferner darin, daß -sie sich seitdem wiederholten und darin, daß sie überall in der Welt in -derselben Weise auftreten u. s. w. - - - Christentum und Leiden. - -Das Christentum ist von seinem Ursprung im Judentum her ganz und gar -eine Religion der Aufopferung und der Trübsal. Es ist eine Religion -des Blutes und der Thränen und dennoch der tiefsten Glückseligkeit -für seine Anhänger gewesen. Dieser scheinbare Gegensatz entspringt -aus der Tiefe des Christentums und aus der Vereinigung dieser -scheinbar entgegengesetzten Wurzeln in der Liebe. Mit diesen scheinbar -entgegengesetzten Eigenschaften ist es ganz und gar und je länger -je mehr eine Religion -- oder besser =die= Religion -- der Liebe -gewesen. Wahrscheinlich können nur diejenigen, deren Charakter durch -die in dieser Religion gewonnene Erfahrung vertieft worden ist, diesen -Widerspruch geistig lösen. -- - -Fakirs hängen sich auf, Heiden zerschneiden sich selbst und sogar ihre -Kinder, opfern Gefangene u. s. w., um teuflische Götter zu versöhnen. -Die jüdische und christliche Auffassung des Opfers ist ohne Zweifel -ein Überbleibsel dieser Auffassung der Gottheit, was durch natürliche -Kausalität bewirkt ist. Doch ist dies kein Beweis dagegen, daß die -höhere Auffassung der Gottheit die ist, [wie sie der christliche Glaube -darstellt,] denn angenommen, daß die höhere Auffassung die wahre ist, -dann würden die früheren Ideale den früheren niedrigeren Offenbarungen -entsprungen sein, und das würde mit der entwicklungsgeschichtlichen -Methode der Offenbarung, welche wir unten erörtern werden,[86] -übereinstimmen. - -Aber das Christentum ist, wie gesagt, mit seinen Wurzeln im Judentum, -die Religion der Trübsal _par excellence_, weil es zu den wahrsten und -tiefsten Gründen unsrer geistlichen Natur hinabreicht und daher sowohl -für jene Trübsal wie für jene Freude Verständnis hat, welche sicherlich -nur im zivilisierten Menschen vorhanden ist. Ich meine die Trübsale -und Freuden eines vollentwickelten geistlichen Lebens -- so wie sie -sich bei den Juden wunderbar früh entwickelt haben und wie sie im -allgemeinen in der ganzen Christenheit verbreitet sind. Kurz, es sind -jene Trübsale und Freuden, die aus dem voll entwickelten Bewußtsein der -Sünde gegen einen Gott der Liebe entstehen, zum Unterschied von dem -Gedanken einer notwendigen Aussöhnung mit bösen Geistern. Diese Freuden -und Trübsale sind rein geistlich, nicht nur physisch, und sie gipfeln -in dem Ausruf: »Du hast nicht Lust zum Opfer ...... Die Opfer, die Gott -gefallen, sind ein geängsteter Geist.«[87] - - * * * * * - -Ich stimme mit Pascal[88] darin überein, daß man thatsächlich nichts -gewinnt, wenn man nur ein Theist und noch kein Christ ist. Unitarismus -ist nur die Sache des Verstandes -- eine bloße abstrakte Theorie des -Geistes und hat nichts mit dem Herzen oder den wirklichen Bedürfnissen -der Menschheit zu thun. Nur wenn man das neue Testament nimmt, einige -Blätter, welche von der Gottheit Christi handeln, herausreißt, -und allem andern beistimmt, so kann ein darauf aufgebautes System -möglicherweise die Basis einer persönlichen Religion werden. - -Wenn es einen Gott giebt, dann scheint es wahrscheinlicher zu sein, daß -er sich offenbart, als daß er dies nicht thun sollte. - - * * * * * - -Die Frauen sind in allen Ländern dem Christentum viel mehr zugethan -als die Männer. Ich denke, die wissenschaftliche Erklärung dafür -findet sich in den Gründen, welche ich in meiner Abhandlung »Die -geistigen Unterschiede zwischen Mann und Weib« angegeben habe. Aber -wenn man das Christentum für wahr hält, dann giebt es natürlich -eine tiefer eindringende Erklärung religiöser Art -- wie in allen -Fällen, wo es sich um Ursächlichkeit handelt. In diesem Falle -zweifle ich nicht, daß die wichtigste Erklärung darin liegen möchte, -daß die Leidenschaftlichkeit der Frauen weniger heftig ist als -die der Männer und daß sie durch die sozialen Lebensbedingungen -auch mehr zurückgehalten wird. Das bezieht sich nicht allein -auf Sittenreinheit, sondern ebenso sehr auf die meisten anderen -psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie Ehrgeiz, -Selbstsucht, Verlangen nach Macht u. s. w. Kurz, das ganze Ideal -christlicher Ethik entspricht mehr dem weiblichen als dem männlichen -Charakter.[89] Nun widerspricht nichts dem christlichen Glauben so -sehr wie ein unchristlicher Lebenswandel. Das ist besonders bezüglich -der Unkeuschheit der Fall; mag man dies nun aus religiösen oder -nichtreligiösen Gründen erklären, jedenfalls ist es doch mehr auf den -Unglauben als auf die spekulative Vernunft zurückzuführen. Das Weib ist -folglich aus allen diesen Gründen geeigneter, den christlichen Glauben -aufzunehmen und sich zu erhalten. - - * * * * * - -Der moderne Agnostizismus erweist dem christlichen Glauben diesen -großen Dienst: er bringt allen vernunftmäßigen Skeptizismus -aprioristischer Art zum Schweigen, und das um so mehr, je reiner -er ist. Jeder folgenden Generation muß es daher in Zukunft durch -logisches Denken immer klarer werden, daß alle aprioristischen Einwürfe -gegen das Christentum, die sich auf die Vernunft allein gründen, _ipso -facto_ nichtig sind. Die stärksten Einwürfe gegen das Christentum -sind nun aber von jeher aprioristische gewesen. Daher ist der Einfluß -des modernen Denkens derart, daß er mehr und mehr rein spekulative -Schwierigkeiten, wie z. B. die Menschwerdung u. s. w. verringert. Die -Richtigkeit des Butlerschen Ausspruchs,[90] daß wir keine kompetenten -Richter sind, stellt sich also mehr und mehr heraus. - -Die logische Entwicklung hierfür liegt in der schon angeführten -Anschauung über die natürliche Kausalität. Denn ebenso wie der reine -Agnostizismus zugeben muß, daß die Vernunft inkompetent ist, um _a -priori_ für oder wider die christlichen Wunder, die Menschwerdung -mit inbegriffen, abzuurteilen; so muß er auch weiterhin zugeben, daß -die Vernunft, wenn die Wunder jemals stattfanden, nichts dagegen -sagen kann, daß sie mit der allgemeinen Kausalität im Zusammenhang -stehen. Soweit daher die Vernunft dabei beteiligt ist, muß der -reine Agnostizismus zugeben, daß hier nur der endgültige Ausgang -beweisen kann, ob das Christentum wahr ist oder nicht. »Ist es von -Gott, so können wir es nicht ausrotten, auf daß wir nicht erfunden -werden, als die wider Gott kämpfen.« Aber der Einzelne kann nicht -auf diese empirische Entscheidung warten, was soll er also thun? -Die unbeeinflußte und unbefangene Antwort des reinen Agnostizismus -sollte vernünftigermaßen in dem Wort von John Hunter liegen: »Denke -nicht, sondern versuche es!« d. h. in unserem Fall, versuche das -einzige Experiment, das hier helfen kann: das Experiment des Glaubens. -Folge der Lehre und wenn das Christentum wahr ist, so wird der -Wahrheitsbeweis nicht ausbleiben; freilich nicht mittelbar durch irgend -eine Anwendung der spekulativen Vernunft, sondern unmittelbar durch -geistliche Anschauung. Nur wenn ein Mensch Glauben genug hat, um diesen -Versuch ehrlich zu machen, wird er auch in der rechten Verfassung sein, -um über den Erfolg zu entscheiden. So betrachtet würde das Experiment -des Glaubens nicht als ein Narrenexperiment erscheinen, sondern -im Gegenteil, da genug _prima facie_ Gründe vorliegen, um ernste -Aufmerksamkeit zu erregen, so würde solch ein Experiment eine von der -Vernunft geforderte Pflicht jedes reinen Agnostikers sein. - -Es ist eine Thatsache, daß der christliche Glaube viel mehr aus -einem Handeln als einem Denken entspringt, wie das Neue Testament es -vorhersagt: Joh. 7, 17: »So jemand will des Willen thun, der wird inne -werden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede.« -Und wahrlich, selbst aus Gründen der Vernunft sollte zugegeben werden, -daß das Christentum, wenn es von Gott ist, sich mehr an die geistliche -als an die vernunftmäßige Seite unserer Natur wenden muß. - -Selbst innerhalb des Gebiets der reinen Vernunft (oder des _prima -facie_-Falls) hat die moderne Wissenschaft in der Kritik des Neuen -Testaments sicherlich mehr für als gegen das Christentum gearbeitet. -Denn nachdem sich die bedeutensten Gelehrten ein halbes Jahrhundert um -die Texte gestritten haben, ist die Zeit der Abfassung der Evangelien -als innerhalb des ersten Jahrhunderts liegend und für wenigstens 4 -Paulinische Briefe die Echtheit über alle Zweifel festgestellt worden. -Das genügt, um die ganze Kritik des 18. Jahrhunderts zu vernichten, -welche die geschichtliche Existenz Christi und seiner Apostel »als -Erfindungen der Priester« u. s. w. bezweifelte. Das war die schlimmste -Kritik, die je geübt wurde. Die historischen Thatsachen können nicht -länger bezweifelt werden, ausgenommen die Wunder; die letzteren aber -werden von der negativen Kritik aus lediglich aprioristischen Gründen -ausgeschieden. Dieser nun noch verbleibende -- und _ex hypothesi_ -notwendige Zweifel -- hat eine von der anderen ganz verschiedene -Bedeutung. - -Um den Glauben der Zeitgenossen Christi zu zeigen, genügt es -andererseits, daß die Echtheit der Paulinischen Episteln nachgewiesen -ist. - -Dies sind Thatsachen von höchster Wichtigkeit. Die Kritik des Alten -Testaments ist bis jetzt noch zu unreif, um von uns beachtet zu werden. - - - Der Plan in der Offenbarung. - -Die Ansichten, welche ich über diesen Gegenstand als junger Mann hegte, -[nämlich die landläufigen, orthodoxen Ansichten] habe ich angesichts -der Entwicklungstheorie verlassen, d. h. der Theorie der natürlichen -Kausalität, welche eine glaubwürdige, naturwissenschaftliche Erklärung -[auch auf dem Gebiet der religiösen Erscheinungen des Judaismus] oder, -was dasselbe ist, bis zu einem gewissen Punkt eine Erklärung in den -Grenzen bestimmbarer Ursachen, lieferte, jener Punkt kann indessen in -diesem besonderen Falle nicht einmal innerhalb ziemlich weiter Grenzen -bestimmt werden, so daß die Geschichte Israels immer etwas Mysteriöses -behalten wird und zwar viel mehr als irgend eine andere Geschichte. - -Erst 25 Jahre später erkannte ich deutlich die letzten Konsequenzen -meiner jetzigen Ansichten über die natürliche Kausalität. Sie zeigen, -daß es jedenfalls für einen Theisten (d. h. für jeden, der die Theorie -des Theismus aus unabhängigen Gründen angenommen hat) hinsichtlich -des überzeugenden Wertes des göttlichen Offenbarungsglaubens, wie er -im Alten und Neuen Testament zum Ausdruck kommt, nicht viel ausmacht, -ob man zugiebt, daß das Ganze einer sogenannten natürlichen Ursache -entsprungen ist. Ich sage »nicht viel«, denn daß es doch immerhin -etwas ausmachen muß, leugne ich nicht. Nehmen wir einen ganz analogen -Fall: man sagt oft, daß die Theorie der Entwicklung aus natürlichen -Ursachen keinen logischen Unterschied bezüglich des Nachweises eines -Planes oder einer Zwecksetzung, wie sie sich in der organischen Natur -offenbaren, ausmacht, -- da es nur eine Frage des _modus operandi_ sei, -ob alle Teile der organischen Maschinerie plötzlich oder nach und nach -erschaffen seien; der Nachweis einer Zwecksetzung bliebe doch bestehen. -Nun habe ich aber anderwärts[91] gezeigt, daß dies falsch ist. Es mag -zwar für jemanden, der schon Theist ist, nicht viel ausmachen, denn -für ihn ist es bloß eine Frage des _modus_; aber für den Nachweis des -Theismus überhaupt macht es sicherlich viel aus. - -So ist es auch bei der Darlegung eines Planes, wenn durch ihn der -Nachweis einer Offenbarung geliefert werden soll. Wenn man bis heute -keine Offenbarung behauptet hätte, und wenn Christus jetzt plötzlich -zum ersten Mal in aller der Macht und Herrlichkeit erscheinen würde, -welche die Christen von seiner Wiederkunft erwarten, so würde -der Nachweis seiner Offenbarung ein überzeugender sein. Für die -Beweisführung würde also eine plötzliche Offenbarung viel überzeugender -sein, als eine sich allmählich entwickelnde. Aber sie würde gänzlich -ohne alle Analogie innerhalb der Kausalität in der Natur[92] sein. -Überdies könnte selbst eine allmähliche Offenbarung unter Umständen -einen überzeugenden Wert haben; -- so wenn z. B. Prophezeiungen von -historischen Ereignissen, von wissenschaftlichen Entdeckungen u. s. w. -so deutlich gemacht würden, daß sie nicht mißzuverstehen sind. Aber wie -schon gezeigt, eine überzeugende Offenbarung ist nicht gegeben worden, -und sie mag auch wohl aus triftigen Gründen unterblieben sein. Wenn es -nun aber solche Gründe giebt (z. B. unser Prüfungsstand hienieden), -so können wir leicht einsehen, daß die allmähliche Entfaltung eines -Offenbarungsplans von dem frühesten Aufdämmern der Weltgeschichte bis -zum Ende der Welt (»ich rede töricht«) bei weitem einer plötzlichen -Kundgebung vorzuziehen ist, die spät genug in der Weltgeschichte -eingetreten wäre, um für alle kommenden Zeiten historisch beglaubigt zu -sein, denn: - -1) die allmähliche Entwicklung stimmt mit Gottes übrigen Werken überein. - -2) Sie läßt Gott in keiner Zeit der Weltgeschichte unbezeugt. - -3) Sie giebt zu allen Zeiten hinreichend Spielraum zu anhaltender -Forschung -- d. h. sie giebt einen moralischen Prüfstein und nicht bloß -einen aus intellektuellen Gründen stammenden Beweis für irgend ein (_ex -hypothesi_) unantastbar beglaubigtes, historisches Ereignis. - -Die Zeichen, die für einen Plan in der Offenbarung sprechen, sind -in der That beachtenswert genug, um die Aufmerksamkeit ernstlich zu -fesseln. - -Wenn die Offenbarung eine allmähliche und fortschreitende gewesen ist, -so folgt daraus, daß sie das nicht allein in historischer, sondern -auch gleicher Weise in intellektueller, moralischer und geistlicher -Beziehung gewesen ist. Denn nur auf diese Weise konnte sie stets den -fortschreitenden Lebensbedingungen der Menschheit angepaßt sein. Diese -Betrachtung zerstört alle die zahlreichen Einwände gegen die Heilige -Schrift in Bezug auf die Absonderlichkeit oder Unmoral ihrer Berichte -oder Gebote; es sei denn erweisbar, daß die durch die Kritik notwendig -gemachten Abänderungen, welche die Berichte oder die Gebote mit dem -modernen Fortschritt in Harmonie bringen, den Anforderungen der Welt zu -der in Frage stehenden Zeit ebenso gut angepaßt gewesen sein würden, -wie die uns wirklich vorliegenden Berichte oder Gebote. - - * * * * * - -Wenn wir das Christentum als wahr anerkennen, so ist es sicher, daß die -von ihm überlieferte Offenbarung schon wenigstens seit dem Aufdämmern -der historischen Zeit vorher bestimmt worden ist; denn die objektiven -Beweise für das Christentum als Offenbarung haben in jenem Aufdämmern -ihren Ursprung. Und diese objektiven Beweise sind durchaus [ein -Zeugnis für] einen Plan, bei dem man das Ziel von Anfang an erkennen -kann. Und gerade die Art und Weise, wie dieser Plan selbst offenbart -wird (angenommen, daß es ein Plan ist) liefert beachtenswerte Beweise -von Zwecksetzung. Diese Art und Weise besteht, frei herausgesagt, in -Wundern, Prophetie und in dem Einfluß der Lehre auf die Menschheit. -Kein Mensch kann irgend eine bessere Methode erdenken, durch welche -den nachfolgenden Zeiten ein Beweis der Wahrheit geliefert würde -und zwar eine Methode, die mit sittlicher und religiöser Erziehung -verbunden ist. Die Thatsache allein, daß sie mit der Profan-Geschichte -so eng verwachsen ist, macht die christliche Religion zu einer -ganz einzigartigen Erscheinung: die Welt ist während dieses ganzen -historischen Zeitraums gewissermaßen die Leinwand gewesen, auf welche -die göttliche Offenbarung gemalt worden ist -- und zwar so allmählich, -daß dieser Prozeß Tausende von Jahren vor sich gehen mußte, bis es -möglich wurde, seinen Inhalt zu erkennen. - - - Christliche Dogmen. - -Mag Christus selbst göttlicher Natur gewesen sein oder nicht, das -würde in Bezug auf die Frage, ob das Christentum als die höchste Stufe -der religiösen Entwicklung anzusehen ist vom rein weltlichen [oder -naturwissenschaftlichen] Gesichtspunkt aus, nicht viel ausmachen. -Vom religiösen Standpunkt aus oder wenn es sich um das Verhältnis -Gottes zum Menschen handelt, würde es aber natürlich eine viel größere -Schwierigkeit bedingen, dieselbe gehört dann ja aber demselben -Gedankengang an wie die Schwierigkeiten aller anderen vorhergehenden -Epochen der Entwicklung. So scheint der Übergang von dem nichtamtlichen -zu dem sittlichen Zustand vom weltlichen oder naturwissenschaftlichen -Standpunkt aus, so weit wir es beurteilen können, eine Folge -von mechanischen Ursachen in der natürlichen Zuchtwahl oder von -etwas ähnlichem zu sein. Aber gerade wie bei dem Übergang von dem -nichtgeistlichen zu dem geistlichen Zustand u. s. w., möchte dieser -Übergang im letzten Grund dem göttlichen Willen zuzuschreiben sein, -und so =muß= es ja gerade nach der Theorie des Theismus gewesen sein. -Es ist daher also vom weltlichen oder wissenschaftlichen Standpunkt -aus gleichgültig, ob Christus göttlicher Natur war oder nicht; denn -jedenfalls war ja die Bewegung, die er hervorrief, die nächste oder die -in Erscheinung getretene Ursache der beobachteten Resultate. - -So läuft also selbst die Frage nach der Gottheit Christi schließlich -auf die wichtigste von allen Fragen hinaus -- nämlich auf die: ist die -mechanische Kausalität »die äußere und sichtbare Form einer inneren und -geistlichen Gnade« oder nicht? Ist sie phänomenal oder ontologisch, ist -sie die letzte Ursache oder selbst abgeleitet? - -Ähnlich ist es in Bezug auf die Erlösung. Mag nun Christus wirklich -göttlicher Natur gewesen sein oder nicht -- insoweit der Glaube -an seine Göttlichkeit eine notwendige Ursache der moralischen -und religiösen Entwicklung, die sein Leben auf Erden hervorrief, -gewesen ist, hat dieser Glaube sein Volk von seinen Sünden befreit, -d. h. natürlich, er hat es von seinem eigenen Gefühl der Sünde -als einem auf ihm lastenden Fluch erlöst. Ob er auch irgend eine -entsprechende Veränderung von objektivem Charakter auf ontologischem -Gebiet hervorgebracht hat oder nicht, das hängt wieder von der eben -aufgeworfenen wichtigsten von allen Fragen ab. - - - Das Vernunftgemäße in den Lehren von der Menschwerdung - und der Dreieinigkeit. - -Reine Agnostiker und solche, die in dem Christentum nach Gott suchen, -sollten sich mit der metaphysischen Theologie nicht befassen. Sie ist -ein Gebiet der Forschung, welches _ex hypothesi_ transcendental ist, -und das erst von solchen getrieben werden sollte, die das Christentum -bereits angenommen haben. Die Lehren von der Menschwerdung und von -der Dreieinigkeit schienen mir in den Tagen meines Agnostizismus die -absurdesten von allen zu sein. Aber als reiner Agnostiker sehe ich -jetzt in ihnen durchaus keine vernunftwidrige Schwierigkeit. Was die -Dreieinigkeit betrifft, so hängt die Mehrzahl der Personen notwendig -mit der nahe verwandten Lehre von der Menschwerdung zusammen. Es liegt -daher in beiden Lehren nur =eine= Schwierigkeit; denn da bei der Lehre -von der Menschwerdung eine Zweizahl von Personen vorausgesetzt wird, -so liegt für den reinen Agnostiker in der Lehre von der Mehrzahl der -Personen keine neue Schwierigkeit. Zu einer gewissen Zeit erschien es -mir unmöglich, daß irgend eine Behauptung, wenn man sie wörtlich so -verstände, absurder sein könnte als die [Lehre von der Menschwerdung]. -Nun erkenne ich, daß mein damaliger Standpunkt durchaus unverständig -war und daß er allein aus der Blindheit der Vernunft selbst -hervorgegangen war, die ihrerseits wieder aus der Gewohnheit [rein] -naturwissenschaftlichen Denkens entsprang. »Aber sie widerspricht doch -dem gesunden Menschenverstand!« Ganz gewiß, ohne Zweifel; aber das muß -sie auch, wenn sie wahr sein soll. Gesunder Menschenverstand ist nichts -anderes als ein [grobes] Verzeichnis alltäglicher Erfahrung; aber die -Menschwerdung kann doch auf alle Fälle, wenn sie stattfand, was für -ein Bewandtnis es mit ihr auch gehabt haben mag, kein gewöhnliches -Ereignis gewesen sein. »Aber es thut Gott Abbruch, Mensch zu werden!« -Woher weißt Du das? Überdies war Christus kein gewöhnlicher Mensch; -dies beweist sowohl die negative Kritik als auch der historische -Erfolg seines Lebens, und wenn wir zur Beweisführung den christlichen -Standpunkt anerkennen, so ist das ganze Wesen der Menschheit in ihm -zusammengefaßt. Endlich giebt es noch Erwägungen indirekter Art, -welche eine Menschwerdung _a priori_ wahrscheinlich machen.[93] -Aus aprioristischen Gründen =muß= es Mysterien geben, welche für -die Vernunft unfaßbar sind, wie z. B. das Wesen Gottes u. s. w., -vorausgesetzt, daß überhaupt eine Offenbarung stattfand. Daher ist -der Umstand, daß man im Christentum an solche Mysterien glaubt, kein -stichhaltiger Einwand gegen das Christentum. Warum soll man aber -andererseits _a priori_ über die Lehre von der Dreieinigkeit stolpern, -zumal der Mensch ja selbst ein dreieiniges Wesen ist, mit Körper, -Geist (d. h. Vernunft) und Seele (d. h. moralischen, ästhetischen und -religiösen Fähigkeiten). Die zweifellose Vereinigung dieser nicht -weniger zweifellos verschiedenen Seiten im Wesen des Menschen wird uns -unmittelbar als eine Thatsache der Erfahrung bekannt, aber sie ist für -irgend einen logischen Prozeß oder für irgend einen Vernunftschluß -ebenso unverständlich wie das Dogma von der Dreieinigkeit Gottes. - - - Adam, der Sündenfall und der Ursprung der Sünde. - -Diese christlichen Dogmen werden ohne Zweifel durch den -naturwissenschaftlichen Nachweis einer Entwicklung hart getroffen, -(aber es sind auch die einzigen Dogmen, von denen man das sagen kann) -und da sie die logische Grundlage des ganzen Systems bilden, so scheint -auf den ersten Blick der Nachweis ihrer Nichtigkeit notwendigerweise -den Untergang des ganzen auf ihnen errichteten Baues nach sich zu -ziehen. Aber es ist doch die Frage, ob sie für einen reinen Agnostiker -überhaupt als nichtig erwiesen sind, mit anderen Worten, ob meine -Grundsätze hier nicht ebenso wie anderwärts den Unglauben in die Flucht -schlagen können. - -Was zuerst Adam und Eva betrifft, so ist schon lange vor Darwin -die Geschichte von den Menschen im Paradiese von einsichtsvollen -Theologen als allegorisch erkannt worden. Und sicherlich, wenn man -sie vorurteilsfrei liest, werden die ersten Kapitel der Genesis immer -als eine von einer Geschichte wohlunterschiedenen Dichtung angesehen -werden müssen. Man würde sie nie irrtümlicher Weise für Geschichte -gehalten haben, wenn man an sie nicht mit vorgefaßter Meinung im -Interesse der Inspiration herangetreten wäre. Doch für den reinen -Agnostiker darf es solche vorgefaßten Meinungen nicht geben, so daß -man heute eine Vermutung gegen ihre Inspiration nicht deshalb allein -aufstellen darf, weil sie nicht als Geschichte bewiesen worden ist -- -und dies bleibt selbst dann bestehen, wenn wir nicht erkennen können, -wovon sie eine Allegorie sein soll. Denn wenn sie inspiriert ist, so -hat sie sicherlich in der Vergangenheit gute Dienste geleistet, und -kann dies auch noch heutzutage thun, indem sie einen allegorischen, -wenn auch nicht wörtlich zu nehmenden Ausgangspunkt für den göttlichen -Erlösungsplan bildet. - - - Vergleich der Beweisgründe für die natürliche und für die - geoffenbarte Religion. - -Man hat oft gesagt, daß die Entwicklung der organischen Lebensformen -einen ebenso guten Beweis für eine Zwecksetzung liefert wie eine -Schöpfung im einzelnen, weil ja alle Thatsachen der Anpassung, in denen -der Beweis besteht, für beide Fälle dieselben sind. Man übersieht aber -dabei, daß auf diese Weise gerade das, was in Frage steht, für das -Ergebnis vorausgesetzt wird. Die Frage ist: Sind diese Thatsachen der -Anpassung an sich ein ausreichender Beweis dafür, daß ihre Ursache eine -Zwecksetzung war? Aber wenn mit Recht zugegeben werden muß, daß bei -der Annahme einer Entwicklung aus natürlichen Ursachen die Thatsachen -der Anpassung von derselben Art sind wie alle anderen Naturthatsachen, -so kann auf sie nicht mit mehr Berechtigung als auf irgend welchen -anderen Naturthatsachen ein Beweis für eine Zwecksetzung aufgebaut -werden. So sind also die Thatsachen der Anpassung gleich allen -anderen nur dann als Argument für eine Zwecksetzung zulässig, wenn -man annimmt, daß alle natürliche Kausalität geistigen Charakter hat -und diese Annahme setzt einfach die Bejahung der Frage nach der -Zwecksetzung voraus. Unter der Voraussetzung, daß sie aus natürlichen -Ursachen stammen, sind also die Thatsachen der Anpassung nur dann als -ein an sich guter Beweis für eine Zwecksetzung zu gebrauchen, wenn -bereits angenommen worden ist, daß sie, weil aus natürlichen Ursachen -entspringend, eine Zwecksetzung fordern. - -Die natürliche Religion gleicht der geoffenbarten Religion im -Folgenden: Nehmen wir beide als göttlich an, so können beide, soweit -die Vernunft uns führen kann, den Nachweis eines Zweckes nur soweit -führen, daß sie für die Frage nach demselben ernstlich Aufmerksamkeit -erregen. Mit anderen Worten: in Bezug auf beide muß der Standpunkt der -reinen Vernunft der reine Agnostizismus sein, (man beachte, daß die -Unzulänglichkeit der Teleologie oder der Zwecksetzung in der Natur -als Beweis für den Theismus von allen intelligenteren Christen aller -Zeiten anerkannt worden ist, doch ist diese Anerkennung seit Darwin -allgemeiner geworden. In dieser Hinsicht möchte ich besonders auf -Pascal[94] und viele andere Schriftsteller hinweisen.) Hierin liegt -eine zweite auffallende Analogie zwischen Natur und Offenbarung, -angenommen, daß beide denselben Urheber haben -- d. h. gerade so wie -die entwicklungsgeschichtliche Methode bei beiden dieselbe ist. - -Wenn die Annahme einer Zwecksetzung bei beiden [d. h. Natur und -Offenbarung. -- Der Übersetzer] berechtigt ist, so geht daraus hervor, -daß jene Annahme bei beiden in gleicher Weise nur durch das Organ -unmittelbarer Anschauung erwiesen werden kann, -- d. h. durch jene -andere Seite des menschlichen Fassungsvermögens, durch welche die -Vernunft ergänzt wird. Hier stellen wir wieder die Analogie fest. Und -wenn jemand auf diese seinen Verstand ergänzende Weise die höchste -Wahrheit erfassen kann (nehmen wir dies einmal an) so ist es seine -Pflicht, sein geistliches Augenlicht zu üben, indem er nach Gott -in der Natur wie in der Offenbarung sucht. Und dann wird er (immer -vorausgesetzt, daß es einen Gott giebt und daß er sich von denen, -die mit Fleiß nach ihm suchen, finden läßt) erkennen, daß sich seine -subjektiven Zeugnisse für Gott in der Natur und in der Offenbarung -gegenseitig stärken -- und so gewinnt er für seine Vernunft ein -weiteres Zeugnis. Die Teleologie der Offenbarung ergänzt die Teleologie -der Natur und so gewinnen sie für den geistlich gerichteten Menschen -logisch und gegenseitig immer mehr Gewißheit. - -Paley's Schriften bilden eine ausgezeichnete Erläuterung für die -Übereinstimmung des teleologischen Arguments aus Natur und Offenbarung, -obgleich sie eine sehr unvollkommene Erläuterung des letzteren für -sich allein genommen sind; denn da Paley allein das Neue Testament und -auch dieses nur sehr teilweise behandelt -- so ignoriert er alles, -was Christo vorherging, und vieles von dem, was nach den Aposteln -geschah. Übrigens scheint Paley selbst die Ähnlichkeit des Arguments, -wie es in seiner »Natürlichen Theologie« bezw. in seinen »Beweisen -für das Christentum« entwickelt ist, nicht bemerkt zu haben. Aber -niemand hat im übrigen für beide Fälle den Beweis besser geführt als -er. Sein größter Fehler lag darin, daß er nicht bemerkte, daß dieses -teleologische Argument an sich in beiden Fällen nicht ausreicht, um zu -überzeugen, sondern nur um ernstlich Aufmerksamkeit zu erregen. Paley -stellt es überall so dar, als ob solch ein Appell an die Vernunft -allein schon genügte. Er sieht nicht, daß in diesem Fall kein Raum -für den Glauben übrig bliebe. Mit anderen Worten, er erkennt nicht -das geistliche Organ des Menschen und das Objekt, durch welches es -ergänzt wird: die Gnade in Gott. Insofern ist er kein Christ. Und mag -nun Theismus und Christentum wahr oder falsch sein, sicher ist, daß -das teleologische Argument allein nicht zur Überzeugung sondern zum -Agnostizismus führen muß. - -Wenn es aprioristisch unwahrscheinlich ist, daß ein Mensch ein Wunder -ohne ein sittliches Objekt vollbracht haben sollte, so kann dies -leicht mit der Unwahrscheinlichkeit verwechselt werden, daß Gott es -mit einem entsprechenden sittlichen Objekt vollbracht hat. Die erstere -[Unwahrscheinlichkeit] ist unermeßlich groß, die letztere ist wie die -Unwahrscheinlichkeit der Theorie des Theismus gleich null. - - - Christliche Dämonologie.[95] - -Man wird sagen -- wenn Du auch die aprioristischen Einwendungen gegen -die Wunder aus aprioristischen Gründen hinwegzuschaffen suchst, so -bleibt doch die Thatsache bestehen, daß Christus den landläufigen -Aberglauben in Bezug auf die Besessenheit vom Teufel annahm. Dadurch, -daß dabei von Teufeln gesprochen wird, verliert die ganze betreffende -Erzählung ihren Wert. Du mußt also eins von beiden wählen: entweder -war die landläufige Theorie richtig oder nicht. Wenn Du sagst, daß -sie richtig war, so mußt Du zugeben, daß dieselbe Theorie für alle -ähnlichen Stufen der Kultur gilt [aber nicht für die späteren Stufen] -und daß daher die Naturwissenschaft der erfolgreichste Teufelaustreiber -ist, obgleich sie nicht durch den Glauben an die Theorie, sondern -durch die Verwerfung derselben wirkt. Beachte, daß die betreffenden -Krankheiten durch die Überlieferung so klar beschrieben sind, daß sie -unmöglich mißverstanden werden können. Dann mußt Du annehmen, daß sie -_anno domini_ 30 von Teufeln und _a. d._ 1894 von Nervenstörungen -herrührten. Sagst Du aber, die Theorie sei falsch, dann mußt Du -entweder annehmen, daß Christus es nicht besser wußte oder daß er die -Unwahrheit sagte. - -Die Antwort lautet, daß beide Annahmen vom Christentum acceptiert -werden können. Des Beweises wegen können wir einmal die Frage bei -Seite lassen, ob Christus die Teufelslehre selbst wirklich annahm, -oder ob ihm dieselbe durch seine Biographen nach seinem Tode -zugeschrieben wurde. Wenn Christus wußte, daß die Thatsachen nicht -Teufeln zuzuschreiben waren, so muß er auch gewußt haben, daß es das -beste war, die landläufige Ansicht anzunehmen anstatt das Volk durch -einen pathologischen Vortrag zu verwirren. Wenn er es nicht wußte, -- -ja warum sollte er es denn wissen, hatte er sich doch vorher seiner -Allwissenheit entäußert? Freilich, wenn er die landläufige Ansicht -geleugnet hätte, so würde er einen Beweis naturwissenschaftlicher -Erkenntnis oder naturwissenschaftlicher Anschauung gegeben haben, -die weit über die Kultur seiner Zeit ging, aber dies würde nicht mit -seiner in zahllosen anderen Fällen bewiesenen Methode übereinstimmen, -und diese bestand darin, daß sie seine göttliche Sendung niemals durch -Vorwegnahme naturwissenschaftlicher Kenntnisse kundgab. Die besondere -Frage nach Christus und der Dämonologie ist also nur eine Teilfrage -einer viel größeren Hauptfrage. - - - Darwins Bedenken[96] - -Auf Darwins Einwand, daß nur ein so kleiner Teil der Menschheit von -Christus je gehört hat, giebt es mehrere Antworten: - -1) Nehmen wir an, daß das Christentum wahr ist, so ist es die höchste -und letzte Offenbarung, d. h. der Plan der Offenbarung folgt der -Entwicklungslehre. Gerade daraus ergiebt sich, daß der größte Teil der -Menschheit nie etwas von Christus hören konnte, nämlich alle, welche -vor seiner Ankunft lebten. - -2) Aber diese waren nicht ohne Bezeugung geblieben. Sie hatten alle -ihre Religion und ihr sittliches Bewußtsein, jeder nach seiner -eigenen Entwicklungsstufe. Daher hat Gott die Zeiten der Unwissenheit -übersehen, Apostelgeschichte 17, 30. - -3) Zudem waren diese Menschen nicht von Christi Wohlthaten -ausgeschlossen; denn es wird gesagt, daß er für alle Menschen starb --- d. h. wenn er nicht gewesen wäre, würde Gott nicht die Zeiten -der Unwissenheit übersehen haben. Die Wirkung der Erlösung wird als -transcendental dargestellt und als nicht davon abhängend, daß jemand -von dem Erlöser gehört hat. - -4) Es ist wunderbar, daß gerade Darwin diesem trügerischen Argument -unterlegen ist; denn es hat ja gerade durch die Entwicklungslehre -seinen Todesstoß erhalten, d. h. wenn es wahr ist, daß die Entwicklung -die Methode natürlicher Kausalität gewesen ist, und wenn es wahr -ist, daß die Methode der natürlichen Kausalität von einer Gottheit -abhängt, dann folgt daraus, daß dies späte Erscheinen Christi auf der -Erde absichtlich gewesen sein muß. Denn es ist sicher, daß er nicht -früher erscheinen konnte, ohne daß dadurch die Entwicklung verletzt -worden wäre. Daher mußte er nach der Theorie des Theismus dann -erscheinen, als es geschah, d. h. in dem Augenblick der Geschichte, -in dem es zuerst möglich war. Auch aus anderen Gesichtspunkten -ergiebt sich, daß die Zeit, in der Christus erschien, die geeignetste -war. Selbst weltliche Geschichtsschreiber stimmen darin überein, -daß die Zeitumstände zusammen paßten und führen den Erfolg seines -sittlichen und religiösen Systems auf diese Thatsache zurück. So -auch die, welche sich mit vergleichender Religionswissenschaft -beschäftigen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - - - Schlußbemerkung des Herausgebers. - -Der intellektuelle Standpunkt dem Christentum gegenüber, welcher in -diesen Notizen ausgesprochen ist, kann man bezeichnen als -- 1) reinen -Agnostizismus, auf dem Gebiet der sich in dem Naturwissenschaftlichen -bethätigenden Vernunft, verbunden mit 2) einer klaren Erkenntnis der -geistlichen Notwendigkeit des Glaubens und der Berechtigung und des -Wertes seiner Anschauungen, 3) als eine Empfindung der positiven Kraft -der historischen und geistlichen Zeugnisse für das Christentum. - -George Romanes kam in diesen Notizen, wie auch in der mündlichen -Unterhaltung zu der Erkenntnis, daß es vernünftig sei, an das -Christentum zu glauben, bevor er die Kraft oder die Gewohnheit des -Glaubens wieder erlangt hatte. Sein Leben ging bald, nachdem er -diesen Standpunkt erreicht hatte, zu Ende; aber es wird niemanden -überraschen zu hören, daß der Verfasser dieser »Gedanken« noch vor -seinem Tode zu jener vollbewußten Gemeinschaft mit der Kirche Jesu -Christi zurückgekehrt ist, auf die zu verzichten er sich so viele Jahre -hindurch aus Gewissens-Bedenken gezwungen sah. So wurde es in diesem -Falle »dem Manne reines Herzens« nach langer Zeit der Finsternis noch -vor seinem Tode vergönnt, »Gott zu schauen«. - -_Fecisti nos ad te Domine, et inquietum est cor nostrum donec -requiescat in te._ - - C. G. - - - - - FUSSNOTEN: - -[1] Im Folgenden gebe ich zunächst eine kurze Inhaltsübersicht -des I. Teils, durch welche die Einführung in das Buch wesentlich -erleichtert werden soll; jedenfalls macht sie denjenigen, welchen er zu -schwer ist, die Lektüre von Abschnitt I leichter oder überflüssig. - -[2] Siehe aber eine interessante Notiz in Romanes »_Mind and Motion and -Monism_« p. 111. - -[3] Veröffentlicht in Trübners _English and Foreign Philosophical -Library_ 1878; es ist aber »einige Jahre vorher« (Vorwort) geschrieben. -»Ich habe mit der Veröffentlichung zurückgehalten,« erklärt der -Verfasser, »damit ich nicht hinterher entdecken möchte, daß reiferes -Nachdenken die Schlüsse, welche der Autor verkündigt, modifiziert.« - -[4] Zuweilen habe ich die Beweisführung in dem Kapitel verständlicher -zu machen versucht, indem ich Aussprüche aus früheren Teilen des Buches -oder Erklärungen in meinen eignen Worten einschaltete. Diese letzteren -habe ich in eckige Klammern gesetzt. -- Der Herausgeber. - -[5] d. h. in Bezug auf den Glauben an Gott -- Der Übersetzer. - -[6] d. h. in dem höchst kompliziert gebauten Gehirn des Menschen. -- -Der Übersetzer. - -[7] Nach Kompliziertheit und Größe des Gehirns. -- Der Übersetzer. - -[8] p. 24. - -[9] p. 28. - -[10] p. 28. - -[11] p. 45. - -[12] nämlich der Zwecksetzung. -- Der Übersetzer. - -[13] p. 47. - -[14] p. 50. - -[15] p. 63. - -[16] p. 58 ff. - -[17] Nämlich der Theorie des Atheismus gegenüber. -- Der Übersetzer. - -[18] In Bezug auf die Gesichtspunkte und Argumente der »Unbefangenen -Prüfung« mag es interessant sein, hier Folgendes zu bemerken: - -1) Romanes kam zuletzt dahin, den subjektiven religiösen Bedürfnissen -und Anschauungen des menschlichen Geistes eine viel größere Bedeutung -beizulegen. - -2) Er erkannte, daß das subjektive religiöse Bewußtsein objektiv als -ein großes Phänomen der menschlichen Natur betrachtet werden muß. - -3) Er verurteilte später seine frühere Kausalitäts-Theorie und kehrte -zu der Anschauung zurück, daß alle Kausalität der Ausfluß eines Willens -ist. - -4) Er wies später die materialistische Ansicht von der Entstehung des -Geistes entschieden zurück. - -5) Er kehrte zu dem Gebrauch des Ausdrucks »Das Argument vom Zweck« -zurück und gab also auch seine heftige Abneigung gegen dasselbe auf. - -6) Er durchschaute Herbert Spencers Widerlegung der im weiteren -Sinn gefaßten Teleologie von Baden Powell und fühlte die Kraft des -teleologischen Beweises von neuem. - -7) Er erkannte, daß die wissenschaftlichen Bedenken gegen die Lehre -vom freien Willen schließlich doch nicht stichhaltig sind. -- Der -Herausgeber. - -[19] Siehe _Mind and motion and Monism_ pp. 36 ff. - -[20] In einigen Notizen des Sommers 1893 finde ich Folgendes: Das -Ergebnis (der philosophischen Untersuchung) ist gewesen, daß der -Mensch in seinen tausendjährigen Beobachtungen und Erfahrungen in -Bezug auf gewisse Seiten des Welträtsels Gewißheit erlangt hat, -die nicht weniger sicher ist, als die, welche er im Gebiet der -Naturwissenschaft besitzt, z. B. Logischer Vorrang des Geistes vor -der Materie -- daraus folgend Unhaltbarkeit des Materialismus, -- -Relativität der Erkenntnis, -- Naturordnung, -- die Erhaltung der -Energie, Unzerstörbarkeit der Materie, soweit die menschliche Erfahrung -reicht, das Entwicklungsprinzip, das Überleben des Passendsten. -- Der -Herausgeber. - -[21] Über die Bedeutung des »reinen« Agnostizismus siehe unten. - -[22] Hiermit ist offenbar das materialistische Dogma gemeint. -- Der -Übersetzer. - -[23] Vergleiche hiermit folgende Aussprüche, die sich hundertfach -vermehren lassen: - -Baco von Verulam: »Nur eine oberflächliche Kenntnis der Natur vermag -uns von Gott abzuführen, eine tiefere und gründlichere dagegen führt zu -ihm zurück.« - - Oswald Heer: »Wer oberflächlich die Natur betrachtet, - Im grenzenlosen All sich leicht verliert; - Doch wer auf ihre Wunder tiefer achtet, - Wird stets zu Gott, dem Herrn der Welt, geführt.« - -- Der Übersetzer. - -[24] Die dritte Abhandlung wird hier nicht veröffentlicht, weil Romanes -Ansichten über die Beziehung zwischen der Naturwissenschaft und dem -Glauben an die geoffenbarte Religion in den »Notizen« besser und reifer -zum Ausdruck kommen. -- Der Herausgeber. - -[25] Um Mißverständnisse zu vermeiden, will ich bemerken, daß ich bei -den obigen Definitionen von Religion und Naturwissenschaft diese in den -Verhältnissen nehme, in welchen sie wirklich existieren. Möglich, daß -beide Denksphären unter anderen Umständen nicht so scharf geschieden -sind. So z. B.: Wenn eine Religion erschiene, welche der Wissenschaft -eine Offenbarung über Sachen der natürlichen Kausalität brächte, -solch' eine Religion (vorausgesetzt, daß eine derartige Offenbarung -durch Versuche als wahr befunden wäre) -- würde vermutlich auf die -Wissenschaft einen ganz berechtigten Einfluß ausüben. - -[26] Siehe _Mental evolution in animals_ p. 155-158. - -[27] Das Beispiel, um welches es sich handelt, hat wohl Fenelon zuerst -benutzt, Paley beginnt mit ihm seine »Theologie der Natur.« Da es nun -aber den deutschen Lesern sehr viel weniger geläufig sein möchte als -den englischen, andererseits aber in diesen beiden Abhandlungen von -Romanes eine große Rolle spielt, so möchte es wohl angebracht sein, -es in der Paley'schen Fassung hier wiederzugeben. Es heißt bei ihm -folgendermaßen: - -»Wenn ich, eine Wüste durchirrend, über einen Stein stolperte und mich -fragte: wie mag dieser Stein hierhin gekommen sein? -- dann genügte -es wohl zu antworten, daß er zu allen Zeiten dort gelegen haben mag. -Es möchte schwer zu beweisen sein, daß eine solche Antwort etwas -Widersinniges enthielte.« - -»Setzen wir nun aber den Fall, ich hätte statt des Steines eine Uhr -gefunden, dann würde die Antwort, daß sie zu allen Zeiten dort gelegen -habe, sicherlich nicht so zulässig sein. Woher dieser Unterschied? -Weil ich bei der Untersuchung der Uhr vieles entdecke, was ich in dem -Stein nicht finden konnte, nämlich: daß an der Uhr verschiedene Teile -ersichtlich werden, die alle für einander gemacht erscheinen, und -zwar zu einem gewissen Zwecke, daß dieser Zweck die Bewegung ist, und -endlich, daß diese Bewegung die Angabe der Stunden, also des Zeitlaufes -bezweckt.« - - ............. - -»Habe ich den Mechanismus der Uhr richtig erfaßt, dann erscheint -mir auch die Folge ihrer Wirkungen ganz klar. Nämlich ich gewahre, -daß ein derartiges Werk von einem klugen Bearbeiter und nicht von -ungefähr hervorgebracht sein müsse und daß vorher schon ein Werkmeister -vorhanden gewesen sein muß, der das Ergebnis beabsichtigte, als er die -Uhr anfertigte.« - -»Eine derartige Folgerung würde auch nicht weniger unvermeidlich sein, -wenn wir niemals eine Uhr hätten verfertigen sehen oder nie einen -Uhrmacher gekannt hätten ......« Der Übersetzer. - -[28] [Ich habe um des Arguments willen »verlangen mag« statt »verlangt« -gesetzt. -- Der Herausgeber.] - -[29] Eine Note (von 1893) enthält folgendes: »Das Sein ist abstrakt -genommen logisch dem Nichtsein oder dem Nichts gleichwertig. Denn wenn -wir durch immer weiter gehende Abstraktion den Begriff des Seins seiner -Attribute und Beziehungen entkleiden, so kommen wir auf den Begriff -dessen, was nicht sein kann, d. h. auf einen logischen Widerspruch oder -auf das logische Korrelativ des Seins, nämlich das Nichts (alles dies -ist in _Caird's Evolution of Religion_ gut ausgeführt). Daß ich diese -Thatsache nicht erkannte -- ist ein Hauptfehler in meiner »Unbefangenen -Prüfung des Theismus«, wo ich das Sein als eine hinreichende Erklärung -der Naturordnung oder des Kausalitätsgesetzes darstellte.« - -[30] [Dieses Versprechen ist in dem vorletzten Absatz der Abhandlung -nur teilweise erfüllt. -- Der Herausgeber] - -[31] Essays vol. III p. 246 u. ff. Die ganze Stelle sollte nachgelesen -werden, da sie zu lang ist, um sie hier zu zitieren. - -[32] In einem Aufsatz über Professor Flint's »Theismus«, Anhang zur -»unbefangenen Prüfung«. - -[33] _A candid examination of Theism_. p. 171-172. - -[34] [Ich habe als Herausgeber der Versuchung widerstanden in das obige -Argument einzugreifen. Aber ich möchte dies doch auf eine Thatsache hin -thun und darauf hinweisen, daß Gottes Wesen »gemäß der theologischen -Theorie der Dinge«, d. h. gemäß der Dreieinigkeitslehre, in dem -besteht, was ganz genau »den sozialen Verhältnissen entspricht«, und -daß Er in Seiner Schöpfung die Liebe nicht nur =offenbart=, sondern -daß er =selbst die Liebe= ist. Siehe über diesen Gegenstand besonders -R. H. Huttons Abhandlung über die Menschwerdung in seinen »_Theological -Essays_« (Macmillan). -- Der Herausgeber]. - -[35] _Scientific Evidences of Organic Evolution_, p. 76. Dieser ganze -Passus ist völlig unhaltbar, und es ist nicht verständlich, daß -Romanes auch hier noch an ihm festhält: im Gegenteil, die Natur ist -ein großartiges Netzwerk von unter einander durch ihre Lebensweise -verbundenen Individualitäten, es giebt nicht nur eine Korrelation -der Organe sondern auch der Spezies. Es genügt auf die großartigen -Lebensgemeinschaften der Natur und auf die zahlreichen Fälle von -Symbiose hinzuweisen, die ja z. B. bei den Flechten soweit geht, daß -Alge und Pilz ihre eigne Individualität völlig zu Gunsten des Ganzen -verlieren. -- Allerdings, dies ist eines der wichtigsten Argumente -=gegen= die Darwinsche Theorie. -- Der Übersetzer. - -[36] _Nature_, April 5, 1883. - -[37] S. unten p. 124 und Fußnote. Ich finde auch folgende Notiz aus -der Zeit nach dem Jahr 1889. »Es ist Thatsache, daß der Pessimismus -unlogisch ist, einfach deshalb, weil wir unzulängliche Beurteiler der -Welt sind, und der Pessimismus würde daher dem Agnostizismus gerade -entgegengesetzt sein. Wir wissen wohl, daß in der Beziehung zwischen -uns und der Welt etwas nicht ganz in Ordnung ist, aber wir können nicht -wissen, ob der Fehler bei der Welt oder bei uns liegt.« - -[38] _Proceedings of the Aristotelian Society, Williams and Norgate I_. - -[39] [Ich darf auch erwähnen, daß Romanes mir am Sonntag vor seinem -Tode mündlich seine völlige Übereinstimmung mit dem Argument von -Professor Knight in seinen »_Aspects of Theism_« (Macmillan 1893) -aussprach; in Bezug auf diesen Gegenstand siehe SS. 184-186: »ein -höheres Ziel wird durch den Sichtungsprozeß erreicht, durch den die -physische Natur ihre schwächeren Erzeugnisse bei der Seite wirft« -u. s. w.] - -[40] Die erste Auflage, die im Jahre 1878 veröffentlicht wurde, war -rasch vergriffen; aber da der Zweck der Veröffentlichung nur der war, -die Kritik um meinerselbst willen herauszufordern, kam ich mit dem -Verleger überein, keine weitere Auflage herauszugeben. Das Werk ist -deshalb seit vielen Jahren vergriffen. [Diese Abmachung wurde indeß -nicht ganz eingehalten, oder war wenigstens dem gegenwärtigen Inhaber -der Firma Kegan Paul, Trench, Trübner u. Comp. nicht bekannt; so kam -es, daß zu des Verfassers großem Erstaunen 1892 eine neue Auflage -erschien. -- Der Herausgeber]. - -[41] [Oder vielmehr R. beabsichtigte sie unter dem Pseudonym -»Metaphysicus« erscheinen zu lassen. -- Der Herausgeber]. - -[42] Bemerkungen in eckigen Klammern sind von mir hinzugefügt. Aber ich -habe dieselben nicht angewandt, wenn ich einzelne unbedeutende oder für -den Sinn offenbar notwendige Worte eingefügt habe. - - =Der Herausgeber=. - - - -[43] [S. das Zitat aus dem Vorworte von »Physikus« S. 24. Der -Geisteszustand in dieser Notiz ist eine Rückkehr zu dem früheren in der -_Burney_-Abhandlung (p. 17). Der Verfasser war ganz erfüllt von dem -Gedanken, daß die Beweise für das Christentum sehr mannigfaltig seien -und außerhalb des Gebietes der Wissenschaft liegen. -- Der Herausgeber.] - -[44] Nach welchem man möglichst viele Erscheinungen auf =eine= Ursache -zurückführen, mit neuen Ursachen also sparsam sein muß. -- Der -Übersetzer. - -[45] [d. h. eine übernatürliche, aber nicht streng genommen göttliche -Person. Sicherlich jedoch ist diese Annahme nicht aufrecht zu erhalten. --- Der Herausgeber.] - -[46] [Dies ist wieder ein Beispiel, wie der Verfasser auf frühere -Gedanken zurückgreift; s. Burney Essay p. 25 und »Geist und Monismus«. --- Der Herausgeber.] - -[47] _Life and Letters of Charles Darwin_, p. 308. - -[48] Faraday war jedoch ein strenggläubiger Christ. -- Der Übersetzer. - -[49] [Ich hielt es doch für besser, die Namen fort zu lassen. -- Der -Herausgeber.] - -[50] d. h. das, was dem ersten Eindruck, dem ersten Blick, dem -Augenschein entspricht. -- Der Übersetzer. - -[51] [Im Manuskript fährt er fort: »Hier ist vor allem einzuschalten, -was ich über diesen Punkt in meiner Burney-Preisschrift gesagt -habe.« Ich habe indessen keine dieser Stellen in dieser Schrift -aufgenommen, einmal, weil ich denke, daß Romanes Meinung auch hier -klar genug ausgesprochen ist, sodann kann ich auch in der in Frage -stehenden Abhandlung keinen passenden Satz in angemessener Kürze -finden, um ihn hier einzuschalten. Der größere Teil der Abhandlung -soll dem wissenschaftlichem Einwand dagegen, das das Gebet auf dem -Naturgebiet erhört wird, begegnen, indem gezeigt wird, daß dieser -Einwand hauptsächlich auf dem Schluß von dem Bekannten auf das -Unbekannte beruht, d. h. von dem bekannten Gebiet der unveränderlichen -Naturgesetze auf das unbekannte Gebiet der Beziehungen Gottes zu diesen -Gesetzen. Und dieser Einwand ist um so hinfälliger, je weiter dieses -unbekannte Gebiet von der möglichen Erfahrung wissenschaftlicher Art -entfernt ist und eine unendliche Zahl von Möglichkeiten zuläßt, die für -unsere Einbildung mehr oder weniger begreiflich sind; und dies würde -oder könnte verhindern, daß das wissenschaftliche Argument auf die in -Rede stehende Frage berechtigter Weise angewendet werden kann. -- Der -Herausgeber.] - -[52] Wenn ich im Folgenden das Wort »geistlich« gebrauche, so ist es -die Übersetzung des englischen »_spiritual_«; ich bin mir bewußt, -daß es die Sache nicht ganz genau trifft, allein ein wirklich genau -passendes Wort wird im Deutschen schwer zu finden sein, es soll -darin ein gewisser Gegensatz zu dem Begriff »verstandesgemäß« (d. i. -kausaliter, nach den Formen von Ursache und Wirkung durch Erfahrung -etwas feststellend) liegen, das ist aber nicht der Fall bei dem Wort -»geistig«, der gewöhnlichen Übersetzung von _spiritual_, denn dies -wird oft gerade als verstandesgemäß aufgefaßt. Ich gebrauche hier das -Wort »geistlich« also in demselben Sinn wie Paulus 1. Cor. 4, 14: Der -natürliche (oder seelische, also auch den Intellekt benutzende) Mensch -aber vernimmt nichts vom Geiste Gottes; es ist ihm eine Thorheit und -kann es nicht erkennen, denn er muß =geistlich= gerichtet sein -- Der -Übersetzer. - -[53] In Deutschland würde man wohl als Vertreter dieser Klasse von -Forschern R. Wagner, den berühmten Physiologen, anführen, von dem -bekanntermaßen das so oft mißverstandene und doch in gewisser Hinsicht -so richtige Wort von der »doppelten Buchführung« auf dem Gebiet der -Wissenschaft und des religiösen Glaubens herrührt. -- Der Übersetzer. - -[54] _Fortnightly Review Febr. 1894_. Die letzte Zeile enthält eine -Andeutung an ein Gedicht von Wordsworth, dieselbe bedeutet: Peter Bell -war kein Philosoph: - - _A primrose by the river brim - A yellow primrose was to him - And it was nothing more._ -- Der Übersetzer. - -[55] _First principles p. I. ch. I._ - -[56] [Hier beabsichtigte Romanes eine weitere Erklärung einzuschieben, -welche zeigen sollte, daß uns bloße Beobachtung der Kausalität in der -äußeren Natur nichts anderes als die Beziehungen von Zeit und Raum -offenbart haben würde. -- Der Herausgeber.] - -[57] [Diese Theorie wurde in der Burney-Abhandlung Seite 136 besprochen -und in der »Unbefangenen Prüfung« lächerlich gemacht. Siehe oben -Seite 9. Romanes beabsichtigte an dieser Stelle seine alten Ansichten -»über die Kausalität als Folge des Seins als Sein« ausführlicher zu -behandeln. -- Der Herausgeber] - -[58] [Siehe indessen _Aubrey Moore in Lux mundi_, p. 94-96 und _Le -Conte, Evolution in its relation to religious thought_ p. 355 ff.] - -[59] Nämlich zwischen »natürlich« und »übernatürlich«. -- Der -Übersetzer. - -[60] [Es wurde jedoch nichts weiter darüber geschrieben, als was jetzt -folgt. -- Der Herausgeber.] - -[61] [Der Verfasser wollte weiterhin die Hohlheit dieser Theorie -zeigen und nachweisen, wie Mill dies selbst zu erkennen scheint, wenn -er hinter den Ausdruck »unveränderlich« den Ausdruck »bedingungslos« -einrückt; er bezieht sich auch auf _Martineau, Study of Religion_ -p. 152 -- Der Herausgeber.] - -[62] [Romanes Gedanken über den freien Willen sind klarer in einem -Aufsatz ausgesprochen, der nach diesen Notizen in _Mind and Motion and -Monism_ p. 129 ff. veröffentlicht ist. -- Der Herausgeber.] - -[63] Nämlich derjenigen, die den freien Willen besitzt. -- Der -Übersetzer. - -[64] [Siehe oben Seite 25. -- Der Herausgeber.] - -[65] _Contemporary Review, July 1886_. [Aber »die letzte -Schwierigkeit«, auf die Romanes sich oben bezieht, würde das Verhältnis -der mannigfachen, abhängigen Willensäußerungen, zu dem einen letzten -und allumfassenden Willen sein. -- Der Herausgeber.] - -[66] Im engl. Original steht _spiritual_, es will mir scheinen als ob -die Übersetzung »geistlich« den Sinn am besten trifft, s. oben. -- Der -Übersetzer. - -[67] Dies möchte auf deutsche Verhältnisse nicht gerade anwendbar sein. --- Der Übersetzer. - -[68] Vergl. Pascal, »_Pensées_«. »Denn wir dürfen uns nicht täuschen, -wir haben in uns ebenso so viel Automatisches wie Intellektuelles, -und daher kommt es, daß das Mittel der Überredung nicht Demonstration -allein ist. Wie wenig Dinge werden wirklich demonstriert! Beweise -können nur den Geist überzeugen; Gewohnheit liefert uns unsere -stärksten Beweise und die, welche wir am festesten halten, sie -regieren den Automaten, der dann den unbewußten Intellekt nach sich -zieht ....... So ist es auch die Gewohnheit, die so viele Menschen zu -Christen macht, Gewohnheit macht andere zu Türken, Heiden, Handwerkern, -Soldaten u. s. w. Schließlich müssen wir auch zur Gewohnheit unsere -Zuflucht nehmen, wenn der Geist einmal gesehen hat, wo die Wahrheit -liegt, um unseren Durst zu löschen und uns in jenen Glauben zu tauchen, -der uns zu jeder Stunde entwischt, denn stets Beweise bei der Hand zu -haben, wäre zu beschwerlich. Wir müssen einen leichteren Glauben haben, -den Glauben der Gewohnheit, der ohne Gewaltthätigkeit, ohne Kunst, ohne -Argument unsern Beifall findet und dem alle unsere Kräfte zuneigen, so -daß unsere Seele ihm ganz naturgemäß zufällt ..... - -Es ist nicht genug nur kraft der Überzeugung zu glauben, wenn der -Automat geneigt ist, das Gegenteil zu glauben. Dann müssen beide Seiten -in uns genötigt sein zu glauben, der Intellekt durch Argumente, der -Automat durch Gewohnheit und indem man ihm nicht gestattet nach der -entgegengesetzten Richtung zu neigen. _Inclina cor meum Deus_.« Siehe -auch _Newmans Grammar of Assent. chap. VI_ und _Church's Human Life and -its conditions_. S. 67-69. - -[69] Eine genaue Untersuchung zeigt übrigens, daß die Zahl der -»ungläubigen« Mathematiker gegenüber derjenigen der »gläubigen« ganz -verschwindend klein ist. Vergl. meine Schrift: Die Religion der -Naturforscher, Breslau 3. Auflage 1896. -- Der Übersetzer. - -[70] Wobei der Intellekt keine Rolle spielt. -- Der Übersetzer. - -[71] Nicht der =Inhalt=, sondern die =Thatsache= des Glaubens bezw. -Wissens kommt hier in Betracht. -- Der Übersetzer. - -[72] [Der Verfasser hat hinzugefügt, »denn was das Leiden der Tiere -betrifft, siehe weiter unten«, -- er scheint aber über diesen -Gegenstand nichts weiter geschrieben zu haben. -- Der Herausgeber]. - -[73] [In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal erwähnen, daß -G. Romanes zwei Tage vor seinem Tod seine innige Zustimmung zu -Professor Knights »_Aspects of Theism_« gab, -- ein Werk, in welchem -großer Nachdruck auf das Argument von der Anschauung in verschiedenen -Formen gelegt ist. -- Der Herausgeber.] - -[74] Siehe darüber Pascal, »_Pensées_« p. 103 - -[75] - Das Leben ist eitel: Das Leben ist kurz: - Ein wenig Lieben, Ein wenig Hoffen, - Ein wenig Hassen .... Ein wenig Träumen .... - Und dann .... Ade. Und dann .... Leb wohl. - -[76] - Die Nacht hat tausend Augen, - Ein einz'ges nur der Tag; - Und doch erstirbt das Licht der ganzen Welt, - Wenn die Sonne niedersinkt. - - Der Geist hat tausend Augen, - Ein einziges nur das Herz, - Und doch erstirbt des ganzen Lebens Licht, - Wenn die Liebe ist hin. - -[77] [d. h. der Darwinismus ist eine Theorie, die zuerst als ein -gefährlicher Stoß gegen die landläufigen Lehren des Christentums -erschien, die aber, wie sich dann herausstellte, kein Gegner seiner -Grundprinzipien ist. -- Der Herausgeber.] - -[78] [d. h. der Kampf in Bezug auf die christlichen Texte und -Dokumente. -- Der Herausgeber.] - -[79] S. Gores _Bampton Lectures_ p. 74 ff. - -[80] Math. 28, 17. Apostelgesch. 2, 13. - -[81] Die Theorie, daß die Evangelien später bearbeitet worden sind. -- -Der Übersetzer. - -[82] _Three essays on Theism_ p. 255. - -[83] [Unvollendete Notiz. -- Der Herausgeber.] - -[84] [G. Romanes fing an, eine Sammlung von neutestamentlichen -Aussprüchen zu machen, die sich auf diesen Gegenstand beziehen. -- Der -Herausgeber.] - -[85] S. Pascal »_Pensées_« p. 245. - -[86] [Die Notizen über diesen Gegenstand waren zu fragmentarisch, um -veröffentlicht werden zu können. -- Der Herausgeber.] - -[87] Psalm 51. 18 u. 19. - -[88] _Pensées_ p. 91-93. - -[89] [Die oben erwähnte Abhandlung sollte zur Erklärung dieses -Ausdrucks gelesen werden. Genauer würde Romanes Ansicht, denke ich, -so ausgedrückt sein: »Das Ideal des christlichen Charakters besteht -vor allem in dem, was wir als spezifisch weiblich ansehen, z. B. -Entwicklung der Affekte, Vertrauensseligkeit, Dienstwilligkeit, -Bereitwilligkeit zum Leiden u. s. w.« -- Der Herausgeber.] - -[90] Siehe _Analogy Part I. ch. 7; Part II. ch. 3, 4_ u. ff. - -[91] Siehe den Schluß, von »Darwin und nach Darwin« Teil I. - -[92] Ich werde noch zeigen, daß Butler eine viel bessere Abhandlung -geschrieben haben würde, hätte er die Entwicklung als allgemeines -Naturgesetz gekannt. - -[93] Siehe _Gore's Bampton Lectures II_. - -[94] »_Pensées_«, p. 205 ff. - -[95] [Romanes Argumentation in dieser Notiz ist meines Erachtens -unmöglich aufrecht zu erhalten. Der Nachdruck, den Jesus Christus -auf ein Wirken von Dämonen legt, ist so groß, daß er, wenn es nicht -Wahrheit ist, entweder selbst bezüglich der Wahrheiten des Seelenlebens -ernstlich irrte, oder aber andere ernstlich in die Irre führte. Und -weder in dem einen noch in dem anderen Fall könnte er der vollkommene -Prophet sein. Ich denke, ich bin berechtigt, meine Abweichung von -Romanes Argumentation in diesem Punkt ausdrücklich zu erklären. -- -Der Herausgeber.] - -[96] [In Darwins Schriften findet sich nichts, was -mir Romanes zu berechtigen scheint, ihm speziell dieses Bedenken -zuzuschreiben. Aber er kannte Darwin so genau und verehrte ihn so -sehr, das man einen Irrtum seinerseits nicht annehmen kann. -- Der -Herausgeber.] - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert. Text, - der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt - war, wurde mit _ markiert. - - Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen nur - offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - -End of Project Gutenberg's Gedanken über Religion, by George John Romanes - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANKEN ÜBER RELIGION *** - -***** This file should be named 51208-8.txt or 51208-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/2/0/51208/ - -Produced by Ralph Janke, Marilynda Fraser-Cunliffe, Norbert -Müller and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Gedanken über Religion - Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus - zum Christentum. - -Author: George John Romanes - -Translator: E. Dennert - -Release Date: February 13, 2016 [EBook #51208] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANKEN ÜBER RELIGION *** - - - - -Produced by Ralph Janke, Marilynda Fraser-Cunliffe, Norbert -Müller and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<h1>Gedanken über Religion</h1> - - -<p class="center">von</p> - - -<p class="title1">George John Romanes.</p> - - -<p class="title2">Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom -Atheismus zum Christentum.</p> - -<p class="center">Autorisierte Übersetzung nach der 7. Auflage des englischen Originals</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="center"><span class="antiqua">Dr. phil.</span> <b>E. Dennert</b>.</p> - -<p class="title3 spaced">Göttingen</p> - -<p class="title4">Vandenhoeck und Ruprecht</p> - -<p class="title3">1899.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_i" id="Seite_i">[S. i]</a></span></p> - - - - -<h2><a name="Vorwort_des_Uebersetzers" id="Vorwort_des_Uebersetzers">Vorwort des Uebersetzers.</a></h2> - - -<p>In dem Verhältnis der Naturforscher zur Religion ist in -den letzten Jahrzehnten eine merkwürdige Wendung vor sich -gegangen. Bekanntlich herrschte in den fünfziger und sechsziger -Jahren eine kraß materialistische Strömung, welche in -Deutschland von Männern wie Vogt und Moleschott angebahnt -war. Die namhaften Naturforscher blieben jedoch von -ihr unberührt, sie hatten fast alle eine religions- und christentumsfreundliche -Stellung. Als aber in den siebenziger Jahren -die Lehre Darwins mehr und mehr Eingang fand und Haeckel -seinen Monismus predigte, änderte sich das Verhältnis, und -die Stellung der in den beiden folgenden Jahrzehnten, wie -auch noch in dem laufenden maßgebenden Naturforscher zur -Religion wurde eine zum mindesten gleichgiltige. Die Naturwissenschaft -und die induktive Methode steht bei den meisten -dieser Männer so sehr im Mittelpunkt des Denkens und des -Lebens, daß alles andere, was sonst ein Menschenleben erfüllt -und ausmacht, bei ihnen weit zurücktritt.</p> - -<p>Wenn manche dieser Forscher nach ihrem religiösen Standpunkt -gefragt werden, so erklären sie sich für „<em class="gesperrt">Agnostiker</em>“, -sie wissen nichts von religiösen Fragen oder überhaupt von -Fragen, die jenseits des naturwissenschaftlichen Gebiets auftauchen. -Dieses Wort wurde jedoch von vielen in dem Sinn -gebraucht, daß man jenseits der natürlichen Kausalität überhaupt -nichts wissen, keine Gewißheit je erlangen <em class="gesperrt">könne</em>. -Eine große Reihe von Naturforschern stand, wenn sie nicht -geradezu glaubensfeindlich waren, vor 10-20 Jahren so. Zu erklären -ist diese Erscheinung sicherlich durch den Einfluß der gewaltigen<span class="pagenum"><a name="Seite_ii" id="Seite_ii">[S. ii]</a></span> -Entwicklung der Naturwissenschaft überhaupt und des -Darwinismus im speziellen: es gab viele, denen erschien alles -Erforschte als unantastbare Wahrheit, und die Zeit schien -ihnen nicht fern, in der die ganze Natur, auch alles Leben -und Werden, für den Forscher völlig klar und durchsichtig -sein würde; bei solchen Gedanken mußte eine Verkennung des -Wertes der naturwissenschaftlichen Methode nur zu nahe liegen, -sie erschien daher vielen als der einzig mögliche Weg zur Erkenntnis -der Wahrheit.</p> - -<p>Allein es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den -Himmel wachsen, das kann man auch auf diesem Gebiete sagen: -allmählich trat vor allem in Bezug auf den Darwinismus -eine Ernüchterung ein, im eignen Lager wurde an dem vermeintlich -unzerstörbaren Bollwerk gerüttelt, und da seine Festigkeit -eine eingebildete war, so konnte nicht ausbleiben, daß es -um so schneller fiel, bezw. fällt. Dieser Zerbröckelungsprozeß -setzt sich noch weiter fort, aber es ist nicht anzunehmen, daß -abgesehen von einigen „Alten“, die sich noch um Haeckel und Weismann -scharen, echte Darwinianer ihren Einzug in das neue Jahrhundert -halten werden. Das ist aber nicht ohne Einfluß auf die -philosophischen und religiösen Anschauungen der Naturforscher -geblieben. Zwar wird sich das alte Verhältnis, d. h. ein -Überwiegen der religiös und christlich gerichteten Forscher, so -schnell noch nicht wieder herstellen — kommen wird es ganz -sicher wieder —; aber eine Anbahnung ist schon heute gar -nicht zu verkennen. Diese äußert sich zunächst in einer viel -freundlicheren Stellung zu religiösen Fragen und vor allem -in der Anerkennung, daß Religion und Naturwissenschaft zwei -getrennte Gebiete sind, die mit einander nur wenig zu thun -haben. Aus dieser Erkenntnis wird sich dann sicherlich mehr -und mehr die andere entwickeln, daß man bei allem naturwissenschaftlichen -Wissen auch einen persönlichen religiösen -Glauben besitzen kann, weil die Quellen der wissenschaftlichen -und religiösen Erkenntnisse ganz verschieden sind.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Agnostizismus</em>, wie ich ihn oben gekennzeichnet<span class="pagenum"><a name="Seite_iii" id="Seite_iii">[S. iii]</a></span> -habe, erhält unter diesem Einfluß ein ganz anderes Gesicht; -allerdings sagt er sehr richtig auch jetzt noch, daß man mit -naturwissenschaftlichem Wissen und naturwissenschaftlicher Methode -auf religiösem Gebiet nichts ausrichten, nichts erkennen -kann, allein er fügt nun hinzu: vielleicht kann man es auf -anderem Wege, und dieser Möglichkeit steht er ganz unparteiisch -gegenüber.</p> - -<p>Zu den Männern, welche die letztgenannte Art von -Agnostizismus vertraten, gehört vor allem G. Romanes, der -englische Biologe, er ist am 26. Mai 1848 zu Kingston in -Kanada geboren, war ein Freund Darwins, der ihm eine -Reihe von unveröffentlichten Manuskripten hinterließ, von -denen Romanes einige veröffentlichte. Romanes selbst schrieb -ein Werk über „physiologische Zuchtwahl“, eines über „tierische -Intelligenz“, „Vor und nach Darwin“, „eine Prüfung -der Lehre Weismanns“ u. a. m., er starb schon am 23. Mai -1894. Romanes zeigt an sich selbst die eigentümliche Entwicklung, -welche das Verhältnis der Naturforschung zur Religion -in den letzten Jahrzehnten genommen hat: von Haus -aus dem Glauben zugethan, wurde er durch die Darwinsche -Strömung allgemach zu vollem Skeptizismus und Unglauben -getrieben, aus dem er sich jedoch wieder emporarbeitete, so -daß er sogar als ein gläubiger Christ gestorben ist. Diese -religiöse Entwicklung spiegelt sich nun auch in seinen religionsphilosophischen -Schriften wieder, alle eben genannten Stufen -finden sich in letzteren, und es ist daher im höchsten Grade interessant, -sie zu vergleichen und die stufenweise Rückkehr des Verfassers -zum Glauben zu verfolgen. Die letzte dieser Schriften zu -vollenden und zu veröffentlichen ist dem Entschlafenen leider -nicht vergönnt gewesen. Nach seinem Tode aber hat sein -Freund Charles Gore, Kanonikus an Westminster, in liebevollster -Weise die Herausgabe dieser Schrift, sowie der anderen, -die einen Einblick in das innere Leben des Verfassers gestatten, -besorgt. Diese Aufsätze sind vor 3 Jahren unter dem -Titel „<span class="antiqua">Thoughts on religion</span>“ erschienen und haben innerhalb<span class="pagenum"><a name="Seite_iv" id="Seite_iv">[S. iv]</a></span> -zweier Jahre in England sieben Auflagen erlebt. Das Buch -verdient es im höchsten Grade, auch in Deutschland bekannt -zu werden, um auch bei uns in ähnlicher Weise wie die -Werke des auch leider zu früh entschlafenen Drummond ein -Zeuge dafür zu sein, daß Glaube und Wissen keine Gegensätze -sind.</p> - -<p>Der Unterzeichnete hat, nachdem er das Buch kennen -lernte, die deutsche Ausgabe um so lieber übernommen, als -der Inhalt dieses Buches in derselben Richtung liegt wie -manche seiner eignen Schriften, und er übergiebt seine Bearbeitung -nunmehr der Öffentlichkeit mit dem Wunsche, daß -sie bei seinen naturwissenschaftlichen Fachgenossen ebenso wie -bei anderen zum weiteren Nachdenken anregen möchte. — Wie -die Übersetzung nicht immer leicht gewesen ist, so wird es auch -die Lektüre nicht immer sein; dieselbe fordert an manchen -Stellen Aufmerksamkeit und Nachdenken, wird aber auch den -Leser, der beides nicht scheut, ganz gewiß reichlich belohnen.</p> - -<p>Die letzten Abschnitte sind Fragmente, die leider unvollendet -blieben, der Verfasser ist eben mitten in der Arbeit an -dem Buch und mit ihm an seinem religiösen Glauben abberufen -worden, niemand wird anders können als mit Canon -Gore voller Wehmut bedauern, daß es nur Fragmente sind. -Aber der Übersetzer ist auch überzeugt, niemand wird dieses -Buch aus der Hand legen, ohne ein Gefühl der Verehrung -für den edlen Mann, dessen unbeugsames, „unbefangenes“, -reines und selbstloses Streben nach Wahrheit in ihm so lebhaft -und schön zum Ausdruck kommt.</p> - -<p>Einen besonderen Dank möchte ich an dieser Stelle noch -dem englischen Herausgeber Canon Ch. Gore an Westminster -für sein lebhaftes Interesse an der Übersetzung aussprechen, -dasselbe zeigte sich auch darin, daß er eine Korrektur des -Druckes gelesen hat.</p> - -<p> -Rüngsdorf-Godesberg. -</p> -<p class="right"> - <span class="antiqua">Dr. phil.</span> <em class="gesperrt">E. Dennert</em>.<br /> -</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - - - - -<h2><a name="Einleitung_des_UEbersetzers1" id="Einleitung_des_UEbersetzers1">Einleitung des Übersetzers.</a><a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></h2> - - -<p>Romanes hat mit 25 Jahren 1873 eine Abhandlung geschrieben, -in der er das Verhältnis des Gebets zur Unabänderlichkeit -der Naturgesetze erörtert. Hier zeigt er einen ganz -theistischen Standpunkt, ja, er ist damals sogar noch Anhänger -des christlichen Offenbarungsglaubens, den er mit der Unabänderlichkeit -der Naturgesetze zu versöhnen sucht. Bald nach -jener Zeit jedoch muß er sich innerlich merkwürdig schnell geändert -haben, wie das seine anonym im Jahr 1878 veröffentlichte -„Unbefangene Prüfung des Theismus“ zeigt. Hier -untersucht er mit großer Gewissenhaftigkeit und Schärfe die -Frage nach dem Dasein Gottes. Sein Gedankengang ist ungefähr -folgender:</p> - -<p>Der Theismus erklärt die Welt nicht besser als der -Atheismus. Daß unser Herz einen Gott fordern soll, ist ganz -subjektiv und beweist obendrein auch nicht, daß ein Gott -existiert, jedenfalls nicht für die, deren Herz einen Gott <em class="gesperrt">nicht</em> -fordert. Daß die Menschheit in dem Glauben an einen Gott -übereinstimmt, ist nicht der Fall; daß die Welt eine <em class="gesperrt">erste</em> -Ursache haben müsse logisch nicht haltbar; ebenso wenig läßt<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span> -sich beweisen, daß alle Kausalität einem Willen entspringen -müsse. Auch der Gedanke, daß unser Geist auf einen anderen -Geist als Ursache hinweise, ist (hierbei offenbart sich der Einfluß -des damaligen naturwissenschaftlichen Materialismus auf -Romanes) zurückzuweisen, ebenso die aus „vermeintlicher“ -Willensfreiheit und sittlichem Bewußtsein abgeleiteten Argumente: -jene existiert nicht, dieses ist das Ergebnis einer natürlichen -Entwicklung (nach Darwin).</p> - -<p>Die Wichtigkeit des aus dem Zweck gefolgerten Beweises -für das Dasein Gottes ist anzuerkennen, trotzdem ist er nicht -stichhaltig. Auch die wundervolle Schönheit und Harmonie -des Weltalls läßt sich mit Notwendigkeit aus der Erhaltung -des Stoffes und seinen Eigenschaften ableiten. So brechen -also alle Beweise für das Dasein Gottes scheinbar hoffnungslos -zusammen. Ist der Satz, daß zur Erklärung der Welt eine -intelligente Ursache nötig sei, nun nicht aber doch nur ein -solcher, der höchstens <em class="gesperrt">Wahrscheinlichkeit</em>, nicht aber <em class="gesperrt">Gewißheit</em> -beansprucht? Kann höhere Erkenntnis ihn am Ende -nicht ganz umstoßen? Ja, es ist möglich, daß die Wahrscheinlichkeit, -die Natur sei ohne Gott, vom naturwissenschaftlichen -Standpunkt aus sehr groß, vom logischen aus aber ganz -wertlos ist; jene Wahrscheinlichkeit ist thatsächlich keine absolute, -und das um so weniger als es in dem Zusammenwirken der -Naturgesetze doch noch einen unerklärbaren Rest giebt, nämlich -die kosmische Harmonie; — diese Abänderung der Zweckmäßigkeitslehre -nennt Romanes <em class="gesperrt">metaphysische Teleologie</em>, ihre -Grundlage liegt jenseits der Naturwissenschaft und ist der -letzteren ganz unzugänglich. Nun fragt es sich aber noch, ob -diese Grundlage sonst ganz einwandfrei ist, ob also die metaphysische -Teleologie die Harmonie des Weltalls begreiflicher -macht als der Atheismus? Romanes kommt in seiner Untersuchung -zu dem Resultat, daß keine von beiden Erklärungen -vor der anderen etwas voraus habe. Man wird über die -Annahme der einen oder der anderen Erklärung nach seiner -sonstigen Gewohnheit zu denken entscheiden müssen. Gewißheit<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> -läßt sich darüber nicht erlangen. Romanes selbst kommt hier -zu einer völligen Verneinung Gottes, allein mit ergreifenden -Worten (I, § 7) bekennt er, daß damit das Weltall für ihn -die „liebenswerte Seele“ verloren habe.</p> - -<p>Zweierlei fällt in dieser Abhandlung besonders auf: der -Glaube an das ausschließliche Recht der naturwissenschaftlichen -Methode und der Ton der Gewißheit. Beides hat sich nachher -bei Romanes sehr geändert. Er hat sich von jener Zeit an -wieder mehr und mehr von dem schroffen Skeptizismus abgewendet; -es ist bezeichnend, daß er schon 1885 in der Schrift -„Geist und Bewegung“ eine strenge Kritik der materialistischen -Ansicht vom Geist liefert und einem pantheistischen oder auch -schon theistischen Monismus zuneigt. Drei Jahre darauf schrieb -Romanes einige bisher nicht veröffentlichte Artikel über den „Einfluß -der Naturwissenschaft auf die Religion“. Zwei von diesen -bilden den zweiten Hauptabschnitt dieses Buches. Sie enthalten -eine Kritik jener anonymen „Unbefangenen Prüfung -des Theismus“, haben aber noch einen ganz skeptischen Schluß.</p> - -<p>Nach diesen Vorbemerkungen wird ihr Inhalt keine -Schwierigkeiten machen.</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p> - - - - -<h2><a name="Chap_I" id="Chap_I">I.</a> -<br /> -Einleitung des Herausgebers (Charles Gore) -<br /> -und -<br /> -Bericht über frühere Arbeiten des Verfassers. -</h2> - -<p><em class="gesperrt">George John Romanes</em>, der heimgegangene Verfasser -von „Darwin und nach Darwin“, so wie von „Prüfung -der Weismannschen Lehre“, nahm in den letzten Jahrzehnten -eine hervorragende Stellung in der Biologie ein. Aber er -beschäftigte sich auch unaufhörlich und je länger desto mehr -mit den Problemen der Metaphysik und Theologie. Bei seinem -im Frühsommer dieses Jahres (1894) erfolgten Tode hinterließ -er unter seinen Papieren einige Notizen, welche zumeist -im vorhergehenden Winter geschrieben und für ein Werk über -die Grundfragen der Religion bestimmt waren. Er hatte -angeordnet, daß diese Aufzeichnungen mir gegeben werden -sollten, damit ich mit ihnen nach meinem Dafürhalten verführe.</p> - -<p>Nach seinem Tode wurden sie mir demgemäß zugleich mit -einigen noch nicht veröffentlichten Abhandlungen, von denen -zwei den ersten Teil dieses Buches bilden, eingehändigt. Nachdem -ich die Notizen gelesen und das für mich maßgebende -Urteil Anderer über sie gehört habe, trage ich kein Bedenken, -ihren bei weitem größeren Teil zu veröffentlichen und zwar -mit dem Namen des Autors, obwohl das Buch ursprünglich -anonym erscheinen sollte. Nach dem Wenigen, was mir<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> -George Romanes selbst darüber gesagt hat, zweifle ich keinen -Augenblick, daß er damit einverstanden sein würde, wenn die -Veröffentlichung nach seinem Tode unter seinem Namen geschieht.</p> - -<p>Ich sagte, daß ich nach der Lektüre dieser Notizen nicht -daran zweifelte, daß sie veröffentlicht werden sollten. Sie verdienen -es wegen ihres inneren Wertes und auch deshalb, weil -sie die religiöse Denkweise eines Naturforschers beleuchten, der -im hohen Grade begabt, vielseitig gebildet und in seltenem -Maße unparteiisch und offenherzig war. Von allen diesen -Eigenschaften legen die Notizen, die ich hiermit der Öffentlichkeit -übergebe, unzweifelhaft Zeugnis ab.</p> - -<p>Nach größeren Bedenken entschloß ich mich, auch die anderen -schon erwähnten, bisher noch ungedruckten Abhandlungen -zu veröffentlichen. Da dieselben einen früheren Standpunkt -als jene Aufzeichnungen vertreten, so setze ich sie natürlich -an erste Stelle.</p> - -<p>Die Abhandlungen und die Notizen offenbaren aber beide -die Entwicklung eines Geistes vom Unglauben zum Glauben -an die christliche Offenbarung. Sie zeigen das Streben -eines Mannes, der Gott sucht, „ob er doch ihn fühlen und finden -möchte“, nicht den Standpunkt festbegründeter christlicher Überzeugung. -Selbst die Notizen enthalten in der That noch -manches, was ein im Glauben feststehender Mensch nicht aussprechen -könnte. Bei dieser Sachlage muß ich natürlich ein -Wort darüber sagen, wie ich mein Amt als Herausgeber verstanden -habe.</p> - -<p>Ich habe die Frage, ob ich diese oder jene Notiz veröffentlichen -sollte, lediglich darnach entschieden, ob sie hinreichend -bearbeitet war, um verständlich zu sein und habe -streng jede Frage nach meiner eignen Übereinstimmung oder -Nicht-Übereinstimmung ausgeschlossen. Besonders bei <em class="gesperrt">einer</em> -Notiz wäre es mir unklar gewesen, ob ich sie hätte veröffentlichen -sollen, hätte meine bestimmte Abweichung von ihrem -Inhalt mich nicht fürchten lassen, daß nur Vorurteile mich geneigt -machten, sie dem Leser vorzuenthalten. Die Notizen<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> -samt den vorhergehenden Abhandlungen sind, denke ich, besser -zu verstehen, wenn ich einige erläuternde Bemerkungen über -ihre Vorläufer, d. h. über Romanes frühere die religiösen -Fragen betreffenden Schriften voranschicke.</p> - -<p>Im Jahre 1873 erhielt George Romanes auf Grund -einer Abhandlung den „Burney-Preis“ in Cambridge. Der -Gegenstand dieser Abhandlung war das christliche Gebet in -Beziehung zu dem Glauben, „daß der Allmächtige die Welt -nach feststehenden Naturgesetzen regiert.“ Sie wurde 1874 -mit einem Anhang über „die physische Kraft des Gebets“ veröffentlicht. -In dieser Abhandlung, die Romanes mit 25 Jahren -geschrieben hat, zeigten sich schon die charakteristischen Eigenschaften -seines Geistes und Stils. Da offenbarte sich schon -die Liebe zur Wissenschaft, wie man es ja von einem Naturforscher -erwarten kann. Da finden wir die logische Schärfe -und die Vorliebe für exakte Definitionen, auch die natürliche -Frömmigkeit und die Wertschätzung des christlichen Gebets, -welche spätere Reflexionen im Grunde doch niemals ausrotten -konnten. Auch dieser Aufsatz zeugt schon von hervorragender -Befähigung.</p> - -<p>Einerseits wird zum Zweck der Beweisführung das Dasein -eines persönlichen Gottes angenommen, desgleichen -die Gewißheit der christlichen Offenbarung, die uns ein Recht -zusichert, wenn auch bedingungsweise und in gewissen Grenzen, -doch wirkliche Antworten auf Gebete um irdische Güter zu -erwarten. Andrerseits wird der Glaube als selbstverständlich -angenommen, daß allgemeine Naturgesetze das der Beobachtung -zugängliche Gebiet der Natur beherrschen.</p> - -<p>Dann wird die Frage erörtert: „Wie läßt sich die physische -Wirksamkeit des Gebets, welche der Christ auf Grund -der Offenbarung annimmt, mit der wissenschaftlich erkannten -Thatsache vereinbaren, daß Gott die Welt durch feststehende -Naturgesetze regiert?“</p> - -<p>Die Antwort sucht er hauptsächlich dadurch zu geben, daß -er die enge Begrenzung jenes Gebiets mit Nachdruck hervorhebt,<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> -innerhalb welcher wissenschaftliche Forschung angestellt -und wissenschaftliche Erkenntnis erlangt werden kann. Es -können besondre göttliche Antworten auf Gebete selbst im Gebiet -der Natur vorkommen —, ja es können sogar als Antwort auf -Gebete Naturkräfte in Erscheinung treten; aber dennoch brauchen -sie nicht Phänomene hervorzubringen, welche die Naturwissenschaft -beachten und als wunderbar und die gewöhnliche Ordnung -der Dinge durchbrechend ansehen müßte.</p> - -<p>An einer Stelle kommen die Notizen auf diese Abhandlung -zurück, und häufiger, wie wir darauf aufmerksam machen -werden, wiederholen sich Gedanken, die schon in jener früheren -Abhandlung ausgesprochen, aber inzwischen verworfen waren. -Ich weiß nicht, ob Romanes im Grunde genommen wirklich -von der Spekulation und der Schlußfolgerung seiner Erstlingsarbeit -befriedigt blieb, jedenfalls sah er sich bald nach der -Veröffentlichung jener Abhandlung veranlaßt, die dort zugegebene -Grundlage des Theismus zu verwerfen: Er wandte -sich nämlich rasch und entschieden zu einem skeptischen Standpunkt, -auf dem er das Dasein Gottes überhaupt bezweifelte.</p> - -<p>Die genannte Abhandlung wurde im Jahre 1874 veröffentlicht. -Schon 1876 wenigstens hatte er ein anonymes -Werk mit einem gänzlich skeptischen Schluß geschrieben, der -Titel desselben lautete: „Eine unbefangene Prüfung des Theismus,<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> -von Physicus“<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>.</p> - -<p>Da die „Notizen“ mit direkter Bezugnahme auf dieses -Werk geschrieben wurden, so scheint mir eine nähere Erörterung -seiner Beweisführung notwendig, und diese finden wir in dem -letzten Kapitel des Werkes selbst, wo der Verfasser die Ergebnisse<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> -zusammenfaßt. Ich gebe daher dieses Kapitel ausführlich -wieder.<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a></p> - -<p class="center">*<br /><span style="margin-right:6em;">*</span>*</p> - -<p>§ 1. Unsre Auseinandersetzung ist nun zu Ende, und -wenige Worte werden genügen, um einen kurzen Ueberblick -über die zahlreichen Thatsachen und Schlüsse zu gewinnen, -deren Betrachtung für unsern Zweck nötig war.</p> - -<p>Wir sprachen zuerst von der offenbar thörichten Annahme, -daß der Anfang aller Dinge oder das Geheimnis des Daseins, -[d. h. die Thatsache, daß überhaupt irgend etwas existiert] -durch die Theorie des Theismus irgendwie besser als durch -die Theorie des Atheismus erklärt würde. Dann wurde gezeigt, -daß das Argument „unser Herz fordert einen Gott“ -deshalb hinfällig ist, weil wir sahen, daß solch eine <em class="gesperrt">subjektive</em> -Notwendigkeit, selbst wenn sie bewiesen wäre, doch nicht hinreichte, -um <em class="gesperrt">objektiv</em> die Existenz Gottes zu beweisen oder -auch nur wahrscheinlich zu machen. In Bezug auf das weitere -Argument, daß die Thatsache unseres theistischen Verlangens -nach Gott auf Gott selbst als auf ihre erklärende Ursache hinweise, -mußten wir bemerken, daß dasselbe nur dann zulässig -sein könnte, wenn die Möglichkeit der Wirkung natürlicher -Ursachen [eben bei dem Entstehen unsers Verlangens nach -Gott] abgeschlossen wäre. In ähnlicher Weise wurde gefunden, -daß das Argument von der mutmaßlichen, unmittelbar -erkannten Notwendigkeit des Gedankens eines einzelnen Individuums, -[d. h. die Behauptung, daß die Menschen sich nicht -von der Überzeugung befreien können, daß Gott existiert], unhaltbar -ist: erstens, weil diese mutmaßliche Notwendigkeit nur -für jenen einzelnen besteht; und zweitens, weil es thatsächlich<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> -höchst unwahrscheinlich ist, daß diese <em class="gesperrt">mutmaßliche</em> Notwendigkeit -eine <em class="gesperrt">wirkliche</em> ist, selbst auch nur für den, der -sie behauptet, während sie dies für die große Mehrheit des -Menschengeschlechts ganz sicherlich nicht ist. Da das Argument -von der allgemeinen Übereinstimmung der Menschheit<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> den -Thatsachen gegenüber ganz augenscheinlich ein trügerisches ist, so -wurde dieses ohne weitere Besprechung übergangen. Das Argument -ferner: Die Welt <em class="gesperrt">müsse</em> eine <em class="gesperrt">erste</em> Ursache haben, — enthält -einen logischen Selbstmord. Das letzte Argument lautete: -Da der menschliche Wille die Kausalität der Natur beeinflußt, -so ist wahrscheinlich <em class="gesperrt">alle</em> Kausalität ihrem Wesen nach der -Ausfluß eines Willens. — Dieses Argument besteht, wie gezeigt -wurde, aus einer Reihe so ungeheuerlicher Schlüsse, daß -es wertlos ist.</p> - -<p>§ 2. Bezüglich der weniger oberflächlichen Argumente -zu Gunsten des Theismus zeigte sich zuerst, daß der Vernunftschluß: -alle bekannten Geister stammen von einem unbekannten -Geist ab; unser Geist ist ein bekannter Geist; daher stammt -auch er von einem unbekannten Geist ab — aus zwei Gründen -unzulässig ist. Erstens ist es keine Erklärung des Geistes, -wenn man ihn auf einen früheren Geist als seinen Ursprung -zurückführt, und wenn diese Hypothese, falls zulässig, nun auch -eine Erklärung für einen <em class="gesperrt">bekannten</em> Geist ergeben würde, -so ist sie doch als Beweis für die Existenz eines <em class="gesperrt">unbekannten</em> -Geistes, dessen Annahme doch ihre Grundlage bildet, -ganz nutzlos. Und ferner: Wenn man sagt, daß der Geist -derartig ein Wesen eigener Art ist, daß er entweder aus sich -selbst existiert oder aber einen andern Geist als Ursache haben -muß, so giebt es auch für diese Behauptung keinen wirklich -zureichenden Grund. Das ist der zweite Einwand gegen den -obigen Vernunftschluß; denn nichts in dem ganzen Gebiet des -Möglichen könnte unseres Wissens imstande sein, eine selbstbewußte -Intelligenz zu erzeugen. Deshalb braucht sich ein<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> -Gegner des obigen Vernunftschlusses überhaupt keine Theorie -von dem ersten Ursprung aller Dinge zu bilden; aber gerade -gegenüber zu der klaren und bestimmten Lehre des Materialismus -ist der obige Vernunftschluß nicht besonders beweiskräftig. -Wohl wissen wir, daß das, was wir <em class="gesperrt">Kraft</em> und -<em class="gesperrt">Stoff</em> nennen, allem Anschein nach ewig ist, wir haben aber -hingegen keinen entsprechenden, ebenso sicheren Beweis dafür, -daß ein <em class="gesperrt">Geist</em> ewig wäre. Ferner ist der Geist, so weit die -Erfahrung reicht, stets mit hochdifferenzierten Kombinationen -von Stoff und Kraft verbunden,<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> und viele Thatsachen beweisen -den Schluß, — keine einzige aber widerspricht ihm — daß -der Grad der Intelligenz stets von einem entsprechenden -Grad der Gehirnentwickelung abhängt oder doch wenigstens -mit ihm verbunden ist. Darnach besteht sowohl qualitativ als -auch quantitativ<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> eine Beziehung zwischen Intelligenz und -Gehirnorganisation. Wenn man dann aber einwirft, daß -Materie und Bewegung kein Bewußtsein hervorbringen konnten, -weil dies unfaßbar ist, so haben wir gesehen, daß dies nichts -entscheidet. Es handelt sich hier ja um etwas zugegebener -maßen Transzendentales, auch steht es fest, daß das Wesen -des Geistes unerkennbar sein <em class="gesperrt">muß</em>, und es ist doch wohl von -vornherein wahrscheinlich, daß die Ursache dieses unerfaßbaren -Wesens viel schwieriger zu erkennen sein wird, als der Inhalt -jeder andern Hypothese, die für den Verstand faßbarer ist. -Wenn man auch sagt, daß die begreiflichere Ursache auch die -wahrscheinlichere ist, so haben wir gesehen, daß man in unserm -Fall unmöglich die Gültigkeit dieses Ausspruchs anerkennen -kann. Die Behauptung endlich, daß die Ursache aktuell schon -alles enthalten muß, was ihre Wirkungen enthalten können, -ist logisch unzulässig und wird durch tägliche Erfahrung widerlegt, -während das Argument von der vermeintlichen Willensfreiheit<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> -und der Thatsache des moralischen Sinnes sowohl deduktiv -durch die Entwicklungslehre, als auch induktiv durch -die Lehre des Utilitarismus zurückgewiesen wird. Die Lehre -vom freien Willen ist in der That durchaus unhaltbar<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> und -der Beweis dafür, daß der moralische Sinn das Ergebnis -einer völlig natürlichen Entwicklung<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> ist, überwältigend, und -diese Erkenntnis, zu welcher wir aus allgemeinen Gründen -gelangten, wird auch mit unwiderstehlicher Gewalt durch die -Darstellung des menschlichen Gewissens bestätigt, welche -die Theorie des Utilitarismus liefert, und diese gründet sich -auf die breitesten und auf ausnahmslos gültige Induktionen.<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a></p> - -<p>Kurz, wir müssen in Bezug auf das Argument vom Dasein -des menschlichen Geistes sagen, daß ihm jeder nachweisbare -Wert fehlt: man ist nicht berechtigt, den Schluß zu -ziehen, daß unser Geist durch einen anderen Geist hervorgebracht -worden ist; mit gleichem Recht könnte geschlossen werden, -er sei durch irgend etwas anderes sonst verursacht.</p> - -<p>§ 3. In Bezug auf das Argument vom Zweck ist zu -bemerken, daß Mills Auseinandersetzung desselben [in seiner -Abhandlung über den Theismus] nur eine Wiederholung desselben -Arguments ist, das schon Paley, Bell und Chalmers -aufstellten. Wir sahen, daß der erstgenannte Schriftsteller den -ganzen Gegenstand mit einer Schwäche und Ungenauigkeit -behandelte, welche bei ihm sehr überrascht, denn während er -gar kein Gewicht auf den induktiven Beweis der organischen -Entwicklungslehre legt, nimmt er andererseits anstandslos eine -übernatürliche Erklärung der biologischen Erscheinungen an und -ist überdies merkwürdiger Weise in der Auseinandersetzung des -Zweckarguments selbst fehl gegangen, indem er ebenso wenig -wie alle früheren Schriftsteller beachtete, daß wir ganz unmöglich -die Beziehungen zwischen dem Zwecksetzer und dem -Bezweckten wissen; noch viel weniger können wir von <em class="gesperrt">der</em> -Behauptung ausgehen, daß der höchste Geist — seine<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> -Existenz einmal angenommen — die Welt durch irgend -eine besondere Denkoperation hervorgebracht hat. Alle Anwälte -des Zweckarguments haben nicht bemerkt, daß wir, selbst -wenn wir von dem Dasein der Natur auf einen schöpferischen -Geist schließen, doch mit keinem Schatten eines Rechts folgern -dürfen, daß dieser Geist seine schöpferische Kraft nur durch irgend -eine Denkoperation habe ausüben können. Wie thöricht -muß es daher sein, die vermeintliche Gewißheit solcher Denkoperation -zu einem Beweise für das Dasein eines Schöpfergeistes -selbst zu erweitern! Wenn aber ein Theist erwidert, -es sei von geringer Bedeutung, ob wir die Art und Weise, -<em class="gesperrt">wie</em> die Schöpfung vor sich ging, erraten können, wenn nur -die Thatsachen bezeugen, daß die Naturerscheinungen aus irgend -einer höchsten Intelligenz als letzter Ursache herzuleiten sind, — -dann bin ich der erste, der dem zustimmt. Es ist mir von -jeher eine der unbegreiflichsten Thatsachen in der Geschichte -der Spekulation gewesen, daß so viele maßgebende Gelehrten -den Zweck als einen Beweis für den Theismus ansehen, wissen -sie doch alle sehr wohl, daß sie keine Mittel haben, das Wesen -des höchsten Geistes zu erkennen, dessen Dasein das Argument -erweisen soll. In Wahrheit kann und darf sich das Argument -vom Zweck nur einzig und allein auf die der Beobachtung zugänglichen -Thatsachen der Natur stützen, es darf aber nicht -auf die geistigen Prozesse, durch welche diese Thatsachen vermutlich -zu erklären sind, bezugnehmen. Bei dem gegenwärtigen -Stand unsrer Erkenntnis müssen wir dann aber an Stelle des -Zweckarguments in seiner groben, von Paley herrührenden -Form das Argument von der allgegenwärtigen Wirkung des -Naturgesetzes setzen.</p> - -<p>§ 4. Das Zweckargument<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> sagt: es muß einen Gott geben, -weil der Bau eines organisierten Gebildes einen geistigen Prozeß<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> -voraussetzt. Das aus der allgegenwärtigen Wirkung der<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> -Naturgesetze gefolgerte Argument besagt: „es muß einen Gott geben, -weil der Bau eines organisierten Gebildes <em class="gesperrt">schließlich</em> auf eine -Intelligenz zurückzuführen ist.“ Jedes organische Gebilde zeigt -nämlich mehr oder weniger verwickelt das Prinzip der Ordnung, -jedes Ding ist ferner mit allen andern Dingen zu einer allgemeinen -Naturordnung verbunden. Wegen dieser Allgemeinheit der -Ordnung ist es unvernünftig, die Zufalls-Hypothese auf das -Weltall anzuwenden. „Wir mögen von einer höchsten Ursache -denken, was wir wollen, die Thatsache bleibt bestehen, -daß aus ihr ununterbrochen ein unmittelbarer Einfluß ausgeht -und zwar so verblüffend, großartig und exakt, wie es nur unsrer -höchsten Vorstellung von der Gottheit würdig ist.“<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> Dieses -Argument haben wir mit den Worten von Prof. Baden Powell -folgendermaßen erläutert: „Was Vernunft und Denken -erfordert, um verstanden zu werden, muß selbst Vernunft -und Denken sein. Was nur der Geist erforschen oder -ausdrücken kann, muß selbst Geist sein. Und wenn der -höchste Begriff, den man von einem zu erforschenden Geist -oder einer zu erforschenden Vernunft erlangt, nur unvollkommen -ist, dann sind beide größer als der Geist und die Vernunft -dessen, der sie erforscht. Wenn mit der gründlichen Erforschung -der dadurch offenbarte notwendige Zusammenhang der Dinge -um so ausgedehnter und komplizierter wird, dann wird auch -die Größe und der Umfang der Vernunft, die sich derartig -doch immer nur teilweise offenbart, um so augenscheinlicher; -auch wird es dann sicherer, daß sie wirklich in der unwandelbar -verbundenen Ordnung der Dinge unabhängig von dem -Geist des Forschers existiert.“ Dieses aus einem universellen -Kosmos gefolgerte Argument hat den Vorteil, daß es durchaus -unabhängig von der Art und Weise ist, wie die Dinge -das wurden, was sie jetzt sind. Es wird also von der Annahme -einer Entwicklung nicht berührt. Bis vor kurzem schien -es daher thatsächlich auch unantastbar zu sein.<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p> - -<p>„Wir sind aber nichtsdestoweniger zu dem Bekenntnis -gezwungen, daß seine scheinbare Stichhaltigkeit vor der unbestreitbaren -Thatsache zu nichte wird, daß jedes Naturgesetz, -wenn Kraft und Stoff seit Ewigkeit gewesen sind, ganz natürlich -entstanden sein muß. ... Man darf keinen Augenblick -daran zweifeln, daß die wundervolle Schönheit und Harmonie -der Natur notwendig und unvermeidlich aus der Erhaltung -der Kraft und aus den Ureigenschaften des Stoffes folgen, -gerade so zweifellos wie der Satz, daß die Kraft erhalten -wird oder daß der Stoff Ausdehnung besitzt oder undurchdringlich -ist.<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> ... Man wird sich erinnern, daß ich diese -Wahrheit lange und mit großem Ernst erörterte, nicht allein -weil sie in Rücksicht auf unsern Gegenstand so unermeßlich -wichtig ist, sondern auch, weil kein anderer sie bis jetzt in diesem -Zusammenhange erörtert hat.“ Es wurde auch auseinandergesetzt, -daß der Zusammenhang und die Übereinstimmung des -Makrokosmos des Weltalls mit dem Mikrokosmos des menschlichen -Geistes daraus entspringen kann, daß der menschliche -Geist nur ein Produkt der allgemeinen Entwicklung ist; denn -seine subjektiven Beziehungen werden notwendiger Weise jene -äußeren Beziehungen, deren Produkt sie selbst sind, wiederspiegeln.<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a></p> - -<p>§ 5. Unsere weitere Erörterung milderte indessen den unerbittlich -strengen Schluß aus dem gänzlichen und hoffnungslosen -Zusammenbruch aller etwa möglichen Beweise zu Gunsten -des Theismus. Als wir nämlich ausführlich dargelegt hatten, -daß es nicht einmal einen Schatten eines positiven Beweises -zu Gunsten der theistischen Theorie giebt, da entstand die -Gefahr, daß manche nun irrtümlicher Weise weiter schließen -könnten: aus diesem Grunde sei die theistische Theorie selbst -falsch. Es war nun also noch folgendes zu erwägen: wenn -auch die Natur nach dem Stande unserer heutigen Erkenntnis -keiner intelligenten Ursache zur Erklärung irgend einer ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> -Erscheinungen bedarf, sollten wir dann nicht bei <em class="gesperrt">höher entwickelter</em> -Erkenntnis möglicher Weise doch einmal entdecken -können, daß die Natur ihr Dasein doch einer intelligenten Ursache -verdanken muß? Die Wahrscheinlichkeit, daß eine intelligente -Ursache unnötig ist, um irgend eine Naturerscheinung zu -erklären, ist dann nicht größer als die andere, daß die Lehre von -der Erhaltung der Kraft überall und zu allen Zeiten gegolten hat.</p> - -<p>Zum Schluß unserer Auseinandersetzung verließen wir -daher ganz das Gebiet der Erfahrung, wir ließen sogar die -eigentlichen Grundlagen der Naturwissenschaft und damit auch -die sicherste aller relativen Wahrheiten außer Acht und verlegten -unsere Untersuchung in die transzendentale Region -rein formaler Betrachtungsweise. Und hier stellten wir die -Regel auf: „daß sich der Wert irgend einer Wahrscheinlichkeit -im letzten Grunde nach der Zahl, der Wichtigkeit und der -Bestimmtheit ihrer bekannten Beziehungen, verglichen mit ihren -unbekannten Beziehungen richtet“, und daraus folgerten wir, -daß in Fällen, wo die unbekannten Beziehungen zahlreicher, -wichtiger oder unbestimmter sind als die bekannten, -der Wert unserer Folgerung um so geringer ist. Aus dieser -Regel ergiebt sich aber Folgendes: da das Problem des Theismus -das am weitesten zurückgehende aller Probleme ist und -daher in seinen unbekannten Beziehungen alles für den Menschen -Unbekannte und Unerkennbare enthält, so müssen diese -Beziehungen für die unbestimmtesten von allen erklärt werden, -die ein Mensch je betrachten kann; und obgleich wir die ganze -Erfahrungsreihe, von der aus wir argumentieren können, vor -uns haben, so sind wir aus jenem Grunde dennoch unfähig, -den wahren Wert irgend eines solchen Argumentes abzuschätzen. -Da die unbekannten Beziehungen in der von uns versuchten -Induktion sowohl hinsichtlich ihrer Anzahl als auch ihrer -Wichtigkeit im Vergleich mit den bekannten Beziehungen durchaus -unbestimmt sind, so ist es für uns unmöglich, irgend eine -Wahrscheinlichkeit für oder wider das Dasein Gottes zu erlangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span></p> - -<p>Obgleich wir daher gewißlich, soweit menschliche Wissenschaft -vordringen und menschliches Denken Schlüsse ziehen kann, -keinen Beweis für einen Gott finden können, so haben wir -doch noch nicht das Recht, daraus zu schließen, es gäbe keinen -Gott. Mag daher die Wahrscheinlichkeit, daß die Natur ohne -Gott ist, vom naturwissenschaftlichen Gesichtspunkt aus noch -so groß sein, ja, sich naturwissenschaftlich geradezu beweisen -lassen, — so ist dies dennoch vom logischen Gesichtspunkt aus -durchaus wertlos. Obgleich es so sicher ist wie die Grundlage -aller Naturwissenschaft und aller Erfahrung, daß die Annahme -des Daseins Gottes, wenn er wirklich existiert, als Ursache des -Weltalls überflüssig ist, so kann es dennoch wahr sein, daß -das Weltall nie existiert haben würde, wenn es keinen Gott gäbe.</p> - -<p>Diese formalen Betrachtungen beweisen dann folgerichtig, -daß wir trotz aller <em class="gesperrt">relativ</em> großen Wahrscheinlichkeit zu -Gunsten des Atheismus doch kein Recht haben, diese <em class="gesperrt">Wahrscheinlichkeit</em> -als absolute <em class="gesperrt">Gewißheit</em> zu betrachten. -Daraus entsteht die Möglichkeit eines anderen Arguments zu -Gunsten des Theismus — oder wir wollen lieber sagen: die -Möglichkeit der Wiederaufnahme des teleologischen Beweises -in anderer Form. Denn wenn man sagen kann, daß diese -formalen Betrachtungen wohl einen absoluten, aber keinen relativen -Schluß für oder wider die Gottheit ausschließen, und -wenn also doch noch einige theistische Deduktionen übrig bleiben, -die füglich aus der Erfahrung gezogen werden dürfen, -so können diese jetzt in Anschlag gebracht werden, um den -atheistischen Folgerungen aus dem Gesetz von der Erhaltung -der Kraft die Wage zu halten. — Denn wenn unsere letzten -Deduktionen auch klar gezeigt haben, daß das Dasein Gottes -vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus überflüssig erscheint, -so haben die formalen Betrachtungen nicht weniger -klar jenseits der naturwissenschaftlichen Sphäre einen möglichen -Platz für das Dasein Gottes erschlossen, so daß wir, wenn -durch Erfahrung irgend welche Thatsachen beigebracht werden -können, zu deren Erklärung die atheistischen Deduktionen<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> -ungenügend erscheinen, berechtigt sind, dieselben wenigstens relativ -durch die theistische Hypothese zu begründen. Und es -muß zugestanden werden, daß wir solch einen unerklärbaren -Rest in dem Zusammenwirken der Naturgesetze bei der Entstehung -der kosmischen Harmonie finden.</p> - -<p>Es macht gar nichts aus — so kann man bei diesem Argument -fortfahren — daß wir unfähig sind, die Art und Weise -zu erkennen, wie der vermeintliche Geist bei der Erschaffung -der kosmischen Harmonie etwa verfahren hat, auch bedeutet -es nichts, daß sein Handeln jetzt in ein Gebiet jenseits der -Naturwissenschaft verbannt werden muß. Wohl aber ist es -wichtig, daß wir bei einem Blick auf die Natur als ein Ganzes -unmöglich den Umfang und die Mannigfaltigkeit ihrer Harmonie -begreifen können, wenn wir sie nicht als Wirkung einer -intelligenten Ursache anerkennen. Diese geläuterte Form des -teleologischen Arguments nannte ich dann „<em class="gesperrt">metaphysische -Teleologie</em>“, um sie scharf von allen früheren Formen jenes -Beweises zu unterscheiden, die ich im Gegensatz dazu als naturwissenschaftliche -Teleologie bezeichnete. Der Unterschied aber -ist folgender: während alle früheren Formen der Teleologie -auf einer Grundlage beruhten, welche nicht jenseits des Bereichs -der Naturwissenschaft lagen und daher der Möglichkeit -naturwissenschaftlicher Widerlegung ausgesetzt waren, kann das -metaphysische System der Teleologie niemals naturwissenschaftlich -widerlegt werden, weil es eben auf einer Grundlage -beruht, die der Naturwissenschaft völlig unzugänglich ist. Daß -aber dieses metaphysische System der Teleologie auf einer -solchen Grundlage beruht, ist unbestreitbar, denn während es die -größten Wahrheiten anerkennt, welche die Naturwissenschaft -jemals erlangen kann, nämlich das Gesetz von der Erhaltung -der Kraft und den sich aus ihm mit Notwendigkeit ergebenden -Ursprung des Naturgesetzes, — so wird es doch trotz alledem -der zwingenden Thatsache gerecht, daß der Geist auf diese -Weise als letzte Ursache der Dinge noch nicht aus der Welt -geschafft ist, wie auch der anderen, daß, wenn die Naturwissenschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> -verlangt, die Wirkung eines Gottesgeistes in eine jenseits -ihres Gebiets liegende Region zu versetzen, dieselbe dann -auch wirklich hierhin verlegt werden muß. Diese Behauptung -erscheint im ersten Augenblick ohne Zweifel willkürlich, da die -Naturwissenschaft ihrer ja, soweit sie auch vordringen mag, -überhaupt nicht bedarf, — weil die kosmische Harmonie als -eine physikalisch notwendige Folgerung aus der vereinten Thätigkeit -der Naturgesetze und diese wiederum als eine physikalisch -notwendige Folgerung aus der Erhaltung der Kraft und den -primären Qualitäten der Materie folgt. Aber wenn auch unbestreitbar -wahr ist, daß die metaphysische Teleologie, naturwissenschaftlich -betrachtet, durchaus willkürlich ist, so möchte sie -doch, psychologisch betrachtet, nicht ganz willkürlich sein. Wenn -es also verständlicher ist, daß im Geist die letzte Ursache der -Weltharmonie liegt und nicht in der Erhaltung der Kraft, dann -ist es nicht unvernünftig, die begreiflichere Hypothese an Stelle -der weniger begreiflichen anzunehmen, vorausgesetzt, daß diese -Wahl mit aller Vorsicht vorgenommen wird.</p> - -<p>Ich schließe also, daß die Hypothese der metaphysischen -Teleologie, wenn auch im physikalischen Sinn willkürlich, -im psychologischen Sinn berechtigt sein mag. Aber gegen -die Grundlage, auf der dieses Argument allein ruhen kann — -daß nämlich das Grund-Postulat des Atheismus unbegreiflicher -ist als das des Theismus — giebt es, wie wir sahen, noch -zwei wichtige Einwände.</p> - -<p>Erstens: Der Sinn, in welchem hier das Wort „<em class="gesperrt">unbegreiflich</em>“ -gebraucht wird, ist der, daß man zwar den betreffenden -Gedanken nicht mit Thatsachen begründen, ihn wohl -aber als im übrigen möglich erweisen kann. In demselben -Sinn, wenn auch in geringerem Maße, ist es wahr, daß die -Verwicklung der menschlichen Organisation und ihrer Funktionen -unbegreiflich ist; aber hier hat das Wort „unbegreiflich“ bei -einem Beweis viel geringeres Gewicht als in seinem eigentlichen -Sinn. Ohne daher weiter darüber zu disputieren, inwiefern -man berechtigter Weise die „Unbegreiflichkeit“ einem<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> -Einwand gegenüber, der doch von einer großen Menge wissenschaftlicher -Beweise gestützt wird,<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> ins Feld führen darf, gingen -wir zu dem zweiten Einwand gegen die Grundlage der metaphysischen -Teleologie über. Dieser war folgender: es ist ebenso -unmöglich, die Weltharmonie als Wirkung eines Geistes [d. h. -eines Geistes, wie <em class="gesperrt">wir</em> ihn aus Erfahrung kennen] oder -als Wirkung einer vom Geist losgelösten Entwicklung zu begreifen. -Das Argument von der Unbegreiflichkeit kann daher -in seiner Anwendung ebenso verhängnisvoll für den Theismus -wie für den Atheismus werden.</p> - -<p>Die geläuterte Form der Teleologie, welche wir hier erörterten -und welche wir als das letzte noch mögliche Argument -zu Gunsten des Theismus erkannten, begegnet also auf ihrem -eigenen Gebiet einem sehr gefährlichen Gegner: Durch ihren -metaphysischen Charakter ist sie dem Widerspruch der Naturwissenschaft -entgangen, um sofort einen neuen Widerspruch -in der Region der reinen Psychologie, in die sie geflohen ist, -zu finden. Zum Schluß unsrer ganzen Untersuchung waren -wir daher gezwungen, die relative Bedeutung dieser feindlichen -Mächte zu untersuchen. Dabei bemerkten wir zuerst Folgendes: -wenn die Verteidiger der metaphysischen Teleologie von vornherein -der Methode, nach welcher die Entstehung des Naturgesetzes -aus dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft abgeleitet -wurde, vorwerfen, daß sie eine unerlaubte Analogie verlange, -dann steht es einem Atheisten auch frei, die Methode, nach -welcher ein lenkender Geist aus der Thatsache die Weltharmonie -hergeleitet wurde, zu beschuldigen, daß sie eine unerkennbare Ursache -fordere — und zwar eine Ursache, wie sie der menschliche -Geist stets mit besonderer Vorliebe [aber stets irrtümlicher -Weise — Der Übersetzer] als Ursache der Naturerscheinungen -angesehen hat.</p> - -<p>Aus diesen Gründen schloß ich daher, daß beide Theorien, -was ihren von der Erfahrung losgelösten Standpunkt betrifft,<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> -als gleich verdächtig angesehen werden müssen. Und ähnlich -ist es auch mit ihrem Standpunkt, soweit er auf Erfahrung -begründet ist; denn da beide Lehren wenigstens <em class="gesperrt">einen</em> allgemeinen -Satz einschließen müssen, so müssen beide in gleicher -Weise für durchaus unbegreiflich erklärt werden. Doch, wenn -schließlich die Frage an mich heranträte, welche von beiden -Theorien ich für die vernünftigere hielte, so bemerkte ich -schon, daß sie kein Mensch für einen andern beantworten kann. -Denn da dies Zeugnis absoluter Unbegreiflichkeit für beide -Theorien verhängnisvoll ist, so kann die Wahl zwischen beiden -nur durch das entschieden werden, was ich als relative Unbegreiflichkeit -bezeichnet habe — d. h. jeder Mensch muß hier -nach seiner individuellen Ansicht von Wahrscheinlichkeit und -Unwahrscheinlichkeit entscheiden, und dies wird durch seine sonstige -Gewohnheit zu denken bestimmt. Wie das Zeugnis relativer -Unbegreiflichkeit in dieser Frage berechtigterweise mit dem -Charakter des betreffenden Menschen wechseln wird, so wird -auch die streng rationelle Wahrscheinlichkeit in der Frage, auf -welche es angewendet wird, wechseln. Die einzige Alternative, -die einem Menschen hier also bleibt, ist die: entweder nimmt -er den Standpunkt des reinen Skeptizismus an, und dann -muß er sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch die Unwahrscheinlichkeit, -daß es einen Gott giebt, zurückweisen, oder aber -er entscheidet sich für eine Annahme bezw. für eine Verwerfung -Gottes, je nachdem seine sonstige Art zu denken diese Entscheidung -ihm in der einen oder andern Richtung leichter gemacht -hat. Und wenn ich auch unter diesen Umständen <em class="gesperrt">den</em> -für den vernünftigeren Mann halten würde, der mit seinem -Urteil hierbei sorgfältig zurückhält, so muß ich doch sagen, -daß hierbei weder der metaphysische Teleologe noch der naturwissenschaftliche -Atheist bezüglich ihres vernunftgemäßen Denkens -einen höheren Standpunkt als der andere hat. Denn da unzweifelhaft -auf der einen Seite die formalen Bedingungen -einer metaphysischen Teleologie und auf der anderen Seite -ebenso die eines spekulativen Atheismus erfüllt sind, so wird<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> -es in beiden Fällen ein logisches Vakuum geben, in welchem -das Gedankenpendel frei nach jeder Richtung schwingen kann, -je nachdem es der sonst gewohnte Gedankengang bestimmt.</p> - -<p>§ 6. Das also ist das letzte Ergebnis unserer Untersuchung, und -wenn man die abstrakte Natur des Gegenstandes in Erwägung -zieht, sowie die große Verschiedenheit der Meinungen, welche -zur Zeit hierin herrscht, wie auch die verwirrende Zahl guter, -schlechter und indifferenter Litteratur auf beiden Seiten, — -ich sage, wenn man dies alles in Erwägung zieht, so glaube -ich nicht, daß das Resultat unsrer Untersuchung berechtigterweise -des Mangels an Präzision beschuldigt werden kann. -In einer Zeit wie der jetzigen, in welcher der überlieferte -Gottesglaube so allgemein angenommen und seine breite induktive -Grundlage als selbstverständlich angesehen wird, soll -diese kurze Abhandlung zeigen, wie außerordentlich präzis die -naturwissenschaftliche Auffassung des Gegenstandes in Wahrheit -ist, und dann wird sie mehr als die bisherige einschlägige -Litteratur die meisten Leser über die nach dem gegenwärtigen -Stand der Frage möglichen Auffassungen aufklären. -Wenn ich auf den heutigen Zustand der spekulativen Philosophie -blicke, so war es doch höchst nötig, einmal klar zu zeigen, -daß der Fortschritt der Naturwissenschaften die Hypothese vom -Wirken eines Geistes in der Natur sicherlich als ganz überflüssig -erweist, und zu erweisen, daß dies ebenso gewiß ist wie -die wissenschaftliche Lehre von der Erhaltung der Kraft und -von der Unzerstörbarkeit der Materie.</p> - -<p>Wenn andrerseits jemand beklagen sollte, daß die logische -Behandlung der Frage sich nicht so ganz unzweideutig sicher -erwiesen hat wie die naturwissenschaftliche, dann muß ich ihm -zu bedenken geben, daß in jeder Sache, die keine wirkliche -Demonstration zuläßt, notwendig ein gewisser Spielraum für -die Verschiedenheit der individuellen Meinung bleiben muß. -Wer dieses erwägt, wird gewiß nicht darüber klagen, daß ich in -diesem Falle nicht alles gethan hätte, um den Charakter und die -Grenzen dieses Spielraumes so scharf wie möglich zu bestimmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p> - -<p>§ 7. Und nun zum Schluß habe ich das Bedürfnis -festzustellen, daß ich von früher her dem Theismus zuneige -und daß es mich unfraglich auf die Seite des traditionellen -Glaubens zieht. Es ist daher für mich äußerst traurig, daß -ich mich gezwungen fühle, die hier gezogenen Schlüsse anzunehmen, -und nichts würde mich vermocht haben, sie zu veröffentlichen, -wäre ich nicht der festen Überzeugung, daß es -die Pflicht eines jeden Gliedes der menschlichen Gesellschaft -ist, seine Mitmenschen an seiner Arbeit teilnehmen zu lassen, -welches auch immer ihr Wert sein mag. Gerade weil es mir -feststeht, daß die Wahrheit schließlich doch das Beste für die -Menschheit sein muß, bin ich auch überzeugt, daß jedes einzelnen -Bestreben, sie zu finden, vorausgesetzt, daß es unbeeinflußt -und aufrichtig ist, ohne Zögern Gemeingut der Menschheit -werden darf ohne Rücksicht auf die Folgen, welche die -Veröffentlichung haben kann. So weit es sich dabei um die -Vernichtung persönlichen Glückes handelt, kann niemand schmerzlicher -als ich die möglicherweise traurige Wirkung meines -Werks empfinden. So weit ich selbst dabei in Betracht komme, -ist dies das Ergebnis meiner Auseinandersetzung: mag ich -nun das Problem des Theismus von der niedrigeren Stufe -streng relativer Wahrscheinlichkeit oder von der höheren Stufe -rein formaler Betrachtungsweise aus behandeln, so erscheint -es mir doch immer als unverkennbare Pflicht, allen Glauben, -auch den nach meiner Ansicht edelsten, zu unterdrücken und -meinen Verstand in Bezug auf diese Frage an die Stellung -des reinen Skeptizismus zu gewöhnen. Und wie ich weit -davon entfernt bin, denen zustimmen zu können, welche die -Zwielicht-Lehre vom „neuen Glauben“, als einen begehrenswerten -Ersatz für den dahinschwindenden Glanz des „alten“ -ausgeben, schäme ich mich des Bekenntnisses nicht, daß mit -dieser völligen Verneinung Gottes das Weltall für mich seine -liebenswerte Seele verloren hat; freilich, von jetzt ab wird die -Vorschrift: „wirke, so lange es Tag ist!“ zweifellos für mich -eine nur um so größere Gewalt haben, angesichts der schrecklich<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> -ergreifenden Worte: „es kommt die Nacht, da niemand -wirken kann“. Aber wenn ich zu Zeiten daran denke — und -ich muß daran denken — wie überwältigend der Kontrast -zwischen der heiligen Glorie jenes Glaubensbekenntnisses, das -einst mein war, und dem einsamen Geheimnis des Daseins -ist, wie ich es jetzt besitze — zu solchen Zeiten, sage ich, ist -es mir unmöglich, Herr zu werden über den tiefsten Schmerz, -dessen mein Inneres fähig ist. Mag es nun daran liegen, -daß mein Erkenntnisvermögen noch nicht hinreichend vorgeschritten -ist, oder mag es auf die Erinnerung an jene geheiligten -Gedankengänge zurückzuführen sein, welche <em class="gesperrt">mir</em> -wenigstens die süßesten sind, die das Leben je geben kann — -jedenfalls muß ich sagen, daß für mich und für andere, die -wie ich denken, eine furchtbare Wahrheit in jenen Worten -Hamiltons liegt: — Weil nun die Philosophie zu einer Betrachtung -nicht nur des Todes, sondern sogar der gänzlichen -Vernichtung geführt hat, so ist die Vorschrift: „erkenne dich -selbst“ zu jenem schrecklichen Orakel geworden, das dem Ödipus -zuteil wurde: „Wohl dem, der seines Daseins Rätsel niemals löst.“</p> - -<p class="center">*<br /><span style="margin-right:6em;">*</span>*</p> - -<p>Diese Auseinandersetzung wird hinreichen, um ein Bild -von dem Hauptargument der „Unbefangenen Prüfung“ und -von ihren traurigen Schlußfolgerungen zu geben. Was hierbei -dem etwas kritischen Leser am meisten auffallen wird, ist: -1) der Ton der Gewißheit und 2) der Glaube an das fast -ausschließliche Recht der naturwissenschaftlichen Methode vor -dem Forum der Vernunft. Als Beweis für das erstere möchte -ich die folgenden, kurzen Zitate anführen.</p> - -<p>Seite 11. „Von möglichen Irrtümern im Raisonnement -abgesehen, muß die von uns hier auseinandergesetzte Stellung -des Theismus der Vernunft gegenüber ohne wesentliche Modifikation -bestehen bleiben, so lange unser Erkenntnisvermögen -ein menschliches bleibt.“</p> - -<p>Seite 24. „Ich kann durchaus nicht verstehen, wie -heute ein Zeitgenosse, der auch nur mit den bescheidensten<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> -Kräften abstrakten Denkens begabt ist, die Lehre vom freien -Willen annehmen kann.“</p> - -<p>Seite 64. „Ohne Zweifel haben wir gar keine Wahl: -wir müssen schließen, daß die Annahme eines Geistes in -der Natur nach unserer logischen Prüfung ganz bestimmt -ebenso überflüssig ist, wie die Grundlage aller Naturwissenschaften -gewißlich wahr ist. Es kann auch länger kein Zweifel -darüber bestehen, daß das Dasein Gottes zur Erklärung irgend -einer Erscheinung des Weltalls ebenso unnötig ist, wie es -zweifellos feststeht, daß meine Feder auf den Tisch fallen wird, -wenn ich sie loslasse.“</p> - -<p>Als Beweis für den zweiten auffallenden Punkt möchte -ich ein Zitat aus dem Vorwort anführen:</p> - -<p>„Mir ist es daher unmöglich, dem folgenden Gedanken -mich zu entziehen: wenn man den unzweifelhaften Vorrang -der naturwissenschaftlichen Methode als Wegweiser zur Wahrheit -bei der Frage, ob es einen Gott giebt oder nicht, in Erwägung -zieht, dann wird diese Frage sicherlich moralischer -und pietätvoller untersucht, wenn wir sie bloß als ein zu -lösendes Problem der methodischen Analyse ansehen, als wenn -wir sie in irgend einem andren Lichte betrachten.“</p> - -<p>In Bezug auf die beiden genannten Punkte, ist der Wechsel -in Romanes Gesinnung, wie er sich in den „Notizen“ ausspricht, -sehr deutlich.<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a></p> -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p> -<p>Wann George Romanes anfing sich von den Schlüssen -der „Unbefangenen Prüfung“ zu befreien, kann ich nicht sagen. -Aber nach einem Zeitraum von 10 Jahren finden wir — in -seiner „Rede“-Vorlesung vom Jahre 1885<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> — eine große -Veränderung in seiner Geistesrichtung. Diese Vorlesung über -„Geist und Bewegung“ ist eine strenge Kritik der materialistischen -Ansicht vom Geist. Andrerseits wird hier der „Spiritualismus“ -— oder die Theorie, die den Geist als Ursache -der Bewegung voraussetzen möchte — vom naturwissenschaftlichen -Standpunkt aus als zwar nicht unmöglich, aber -unbefriedigend bezeichnet; wahrscheinlicher erscheint ihm ein -Monismus ähnlich dem Brunos, nach welchem „Geist und -Bewegung“ koordinierte und wahrscheinlich gleichwertige Ansichten -einer und derselben allgemeinen Thatsache sind, ein -Monismus, der Pantheismus genannt, aber auch als eine -Erweiterung theistischer Ansichten angesehen werden könnte<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p> - -<p>Den Standpunkt, welcher in dieser Schrift zum Ausdruck -kommt, kann man deutlich aus ihrem Schluß ersehen:</p> - -<p>„Wenn der Fortschritt der Naturwissenschaft uns nun beständig -dazu führt, daß es keine Bewegung ohne Geist giebt, -müssen wir dann nicht erkennen, daß dadurch jene an sich -schon unabhängige Schlußfolgerung der Geisteswissenschaft -ganz unabhängig von ihr bestätigt wird? Ich meine die -Schlußfolgerung, daß es kein Sein ohne Erkennen giebt. Mir -wenigstens scheint es, als wenn die Zeit gekommen wäre, in -der wir gleichsam in aufdämmerndem Licht erkennen können, -daß das Studium der Natur und das Studium des Geistes -in dieser größten aller Wahrheiten zusammen treffen. Und -wenn dies der Fall ist, — wenn es keine Bewegung ohne -Geist, kein Sein ohne Erkennen giebt, — sollen wir dann mit -Clifford den Schluß ziehen, daß das universelle Sein ohne -Geist sei, oder dogmatisch die erstaunlichste von allen Fragen -verneinen: „Besitzt der Allerhöchste eine Erkenntnis?“ Wenn -es keine Bewegung ohne Geist, kein Sein ohne Erkennen giebt, -wollen wir dann nicht lieber mit Bruno den Schluß ziehen, -daß wir <em class="gesperrt">in</em> dem Medium des Geistes und der Erkenntnis -leben, weben und sind?</p> - -<p>Nach dieser Richtung hin zielen, denke ich, alle Folgerungen, -wenn wir die logischen Bedingungen sorgfältig und mit vollkommener -Unparteilichkeit erwägen. Doch die weitere Frage -bleibt dann, ob es hier, so weit die Naturwissenschaft in Betracht -kommt, überhaupt möglich ist, eine Folgerung zu ziehen: -der ganze Kreis menschlicher Erkenntnis möchte doch vielleicht -zu eng sein, um eine Parallaxe für so ungeheure Messungen -zu gestatten. Aber wenn wirklich die Stimme der Naturwissenschaft -derartig gezwungenermaßen die Sprache des -Agnostizismus sprechen muß, dann wollen wir doch wenigsten -dafür sorgen, daß diese Sprache <em class="gesperrt">rein</em> ist<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a>. Laßt uns keine<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> -Barbarei von Seiten des angreifenden Dogmas<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a> dulden. -Dann werden wir sehen, daß diese neue Grammatik des -Denkens durchaus keine Konstruktionen zuläßt, welche ehrwürdigeren -Denkweisen durchaus entgegengesetzt wären; und -dies selbst dann nicht, wenn wir sehen, daß sich jene oft -zitierten Worte, in denen diese Thatsache zuerst formuliert -wurde, nicht gerade mit besonderer Überzeugung auf seine -jüngsten Dialekte anwenden lassen, daß nämlich „eine oberflächliche -Kenntnis der Physiologie und Psychologie die Menschen -zum Atheismus führt, eine tiefere Kenntnis von beiden -und noch mehr, ein tieferes Nachdenken über ihre Beziehungen -zu einander, die Menschen zu irgend einer Religionsform zurückführen -muß“<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>, die wenn auch unbestimmter, doch würdiger -sein mag, als diejenige früherer Tage“.</p> - -<p>Einige Zeit vor dem Jahre 1889 wurden für das -„Nineteenth Century“ drei Artikel über den Einfluß der -Naturwissenschaft auf die Religion geschrieben. Sie sind nie -veröffentlicht worden, warum kann ich nicht sagen. Ich -hielt es aber für angebracht, die beiden ersten als ersten Teil -dieses Buches drucken zu lassen, einmal weil sie — mit -George Romanes eigenem Namen unterschrieben — eine wichtige -Kritik der „Unbefangenen Prüfung“, die er doch anonym -veröffentlicht hatte, enthalten, und dann auch darum, weil sie -mit ihrem durchaus skeptischen Ergebnis sehr klar eine besondere<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> -Stufe in der geistigen Entwicklung ihres Verfassers kennzeichnen.</p> - -<p>Wer nun diese Einleitung gelesen hat, wird die Vorläufer -der vorliegenden Schriften verstehen. Was noch zur weiteren -Einführung in die „Notizen“ selbst zu bemerken übrig bleibt, -mag lieber später gesagt werden.</p> - -<p class="right">C. G.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p> - - - - -<h2><a name="Chap_II" id="Chap_II">II.</a> -<br /> -Der Einfluß der Naturwissenschaft auf die Religion. -</h2> - - - -<h3><a name="Sect_I" id="Sect_I">I.</a></h3> - - -<p>Ich habe mir vorgenommen in einer Reihe von drei Abhandlungen -den Einfluß der Naturwissenschaft auf die Religion -zu untersuchen. Hierbei werde ich versuchen, mich auf eine -streng verstandesgemäße Behandlung des Gegenstandes zu beschränken, -ohne zu irgend welchen Fragen des Gefühls abzuschweifen. -Überdies werde ich in erster Linie die Art und den -Grad des Einflusses berücksichtigen, welchen die Naturwissenschaft -in der Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat, -um alsdann klar zu stellen, wie weit sich dieser Einfluß wahrscheinlich -in der Zukunft ausdehnen wird. Die ersten beiden -Abhandlungen sollen dem bisherigen und dem voraussichtlich -noch kommenden Einfluß der Naturwissenschaft auf die <em class="gesperrt">natürliche</em> -Religion und die dritte dem bisherigen und dem voraussichtlich -noch kommenden Einfluß der Naturwissenschaft auf die -<em class="gesperrt">geoffenbarte</em> Religion gewidmet sein.<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a></p> - -<p>Wenige Fragen haben in den letzten Jahren so viel Interesse<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> -erregt wie die, welche ich hier zur Untersuchung ausersehen -habe. Dies kann kaum überraschen, wenn man beachtet, -daß der in Frage stehende Einfluß nicht allein ein sehr -unmittelbarer, sondern auch ein in jeder Beziehung ungemein -wichtiger ist. Generationen und Jahrhunderte hindurch besaß -die Religion eine unbestrittene Macht über den menschlichen -Geist, wenn auch nicht immer als ein praktischer Ratgeber -in Sachen der Lebensführung, so doch wenigstens als ein -Regulator des Glaubens. Selbst bei den verhältnismäßig -wenigen Menschen, welche in früheren Jahrhunderten das -Christentum offenkundig verwarfen, wurden die geistigen Vorstellungen -doch ohne Zweifel in hohem Maße durch dasselbe -bestimmt. Denn da das Christentum damals der einzige Gerichtshof -für alle diese Vorstellungen war, so konnten sich selbst -die wenigen, die offenkundig außerhalb seiner Jurisdiktion -standen, dem indirekten Einfluß nicht entziehen, den es durch -andere auf sie ausübte. Aber wenn nun nach und nach neben -dieser ehrwürdigen Institution ein neuer Gerichtshof entstand, -so können wir uns nicht wundern, daß man ihn als einen -Nebenbuhler des alten ansah, und dies um so mehr, als seine -Forschungsmethoden und der bestimmte Charakter seiner Urteile -viel mehr als jene mit den Anforderungen eines dem Skeptizismus -zuneigenden Zeitalters in Einklang stand. Dieser Geist -der Eifersucht wurde noch mehr durch die Thatsache genährt, -daß die Naturwissenschaft auf die Religion unfraglich einen, -wie Fiske sagt, „reinigenden“ Einfluß ausgeübt hat. Das -soll heißen: nicht allein sagt die naturwissenschaftliche Forschungsmethode -zur Auffindung der Wahrheit den skeptischen -Geistern mehr zu als die religiöse Methode (die man dreist -damit kennzeichnen kann, daß sie die Wahrheit auf Autorität -hin annehmen), sondern die Ergebnisse der ersteren haben auch -mehr als einmal denen der letzteren direkt widersprochen. Die -Naturwissenschaft hat in mehreren Fällen unantastbar klar bewiesen, -daß Lehren der Religion den Thatsachen gegenüber -falsch waren. Ferner: der große Fortschritt der Naturerkenntnis,<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> -welcher das gegenwärtige Jahrhundert charakterisiert, -hat bewirkt, daß unsere Vorstellungen von vielen mit Philosophie -zusammenhängenden Begriffen und Lehren eine vollständige -Wandlung erfahren haben. Ein gebildeter Mensch -unserer Tage ist ganz außer Stande manche christliche Dogmen -von demselben intellektuellen Standpunkt aus wie seine Vorfahren -anzusehen, selbst wenn er sie auch weiterhin noch in -einem anderen Sinn als wahr hinnimmt. Kurz, da unsere -ganze Denkungsweise in gewissen Beziehungen verändert ist, -so können wir gar nicht verlangen, daß sie in dieser Hinsicht -noch mit dem unveränderlichen System der Theologie übereinstimmen -sollte.</p> - -<p>Auf solche Weise hat nach meiner Auffassung die Naturwissenschaft -ihren Einfluß auf die Religion ausgeübt, und es -ist unnötig, den Umfang dieser Wirkung länger zu betrachten. -Man kann keine Zeitung lesen, ohne sie zu bemerken. -Einerseits triumphiert der Zweifler zuversichtlich, -daß das Licht der aufgehenden Erkenntnis endlich angefangen -habe, die Finsternis des Aberglaubens zu verscheuchen, -während andererseits religiös gerichtete Menschen bei dem Gedanken -zittern, was die Zukunft, nach der Vergangenheit zu -urteilen, bringen werde. Auf beiden Seiten finden wir freie -Diskussion, kräftige Sprache, ernstes Forschen. Jahr für Jahr -wird Überschlag gemacht und Jahr für Jahr neigt sich die -Wagschale mehr zu Gunsten der Naturwissenschaft.</p> - -<p>So stehen die Dinge eben, und ich denke, daß wir mit -der Kenntnis der Art und des Grades des Einflusses, den -die Naturwissenschaft in der Vergangenheit auf die Religion -ausgeübt hat, Material genug besitzen werden, um den mutmaßlichen -Umfang, den dieser Einfluß in der Zukunft haben -wird, beurteilen zu können. Dies will ich zu thun versuchen, -indem ich nach allgemeinen Grundsätzen die Grenzen bestimme, -innerhalb derer der in Rede stehende Einfluß vorläufig ausgeübt -werden kann. Doch um dies zu können, ist es nötig, -vorerst die Art und den Grad des Einflusses zu betrachten,<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> -den die Naturwissenschaft in der Vergangenheit auf die Religion -ausgeübt hat.</p> - -<p>Nachdem wir dies vorausgeschickt haben, müssen wir zunächst -das Wesen der Naturwissenschaft und der Religion -auseinandersetzen. Denn dies ist natürlich der erste Schritt -bei einer Untersuchung, welche den thatsächlichen und den möglichen -Einfluß dieser beiden Gedankengebiete aufeinander abschätzen -soll.</p> - -<p>Die Naturwissenschaft ist im wesentlichen ein Gebiet des -Denkens, welches sich ausschließlich auf die <em class="gesperrt">nächsten</em> Ursachen -bezieht. Noch genauer: sie ist ein Gebiet des Denkens, dessen -Gegenstand die Erklärung des Naturgeschehens durch die Entdeckung -natürlicher (oder nächstliegender) Ursachen ist. Wenn -die Naturwissenschaft diese ihre einzig rechtmäßige Domäne zu -überschreiten und das Naturgeschehen durch unmittelbare Einwirkung -übernatürlicher oder letzter Ursachen zu erklären versucht, -dann hat sie aufgehört Naturwissenschaft zu sein und ist -ontologische Spekulation geworden. Die Wahrheit dieser Behauptung -ist jetzt von allen Naturforschern in praxi anerkannt -worden, und Ausdrücke, welche sich auf die letzten Ursachen -beziehen, sind aus dem Wörterbuch der Astronomie, Chemie, -Geologie, Biologie und selbst der Psychologie verbannt -worden.</p> - -<p>Auf der anderen Seite ist die Religion ein Gebiet des -Denkens, das sich ebenso ausschließlich auf die <em class="gesperrt">letzten</em> Ursachen -bezieht. Sie ist ein Gebiet des Denkens, das ein selbstbewußtes -und intelligentes Wesen zum Gegenstand hat, und -dieses wird dabei als persönlicher Gott und als Urquell aller -Kausalität betrachtet. Ich bin mir sehr wohl bewußt, daß der -Ausdruck „Religion“ seit einigen Jahren häufig in einem -Sinn gebraucht worden ist, welcher sich nicht mit dieser Definition -deckt; doch dies zeigt nur, wie oft dieser Ausdruck -mißbraucht worden ist. Irgend eine Theorie der Dinge Religion -zu nennen, obwohl sie gar keinen Glauben an eine -Gottheit enthält, das heißt das Wort in ganz entgegengesetztem<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> -Sinne wie bisher gebrauchen. Von Religion des Unerkennbaren, -von Religion des Kosmos, von Religion der Humanität -u. s. w. sprechen, wobei die Persönlichkeit der letzten -Ursache nicht anerkannt wird, das ist ebenso unverständig, als -wenn man von der Liebe eines Dreiecks oder von der Vernunft -des Äquators sprechen wollte; denn wenn man diesen -Ausdrücken überhaupt irgend einen Sinn abgewinnen will, so -müssen sie im metaphorischen Sinn gebraucht werden. Wir -können ja z. B. sagen, daß es so etwas wie eine Religion -der Humanität giebt, in dem wir die Humanität zuerst in -unserer Wertschätzung vergöttlichen und dann dieses unser Ideal -anbeten. Aber wenn wir auf diese Weise der Humanität den -Namen der Gottheit beilegen, so schaffen wir darum doch -keine neue Religion; wir gebrauchen damit bloß eine Metapher, -welche als poetische Diktion mehr oder weniger Erfolg -haben mag, die aber sicherlich als philosophischer Satz keinen -Pfifferling wert ist. Ja, sie ist in dieser Beziehung noch -schlimmer als wertlos: sie ist irreleitend. Veränderungen oder -Umkehrungen der Bedeutung von Wörtern kommen nicht selten -bei der Entwicklung der Sprache vor, aber nicht häufig wird, -und so in diesem Fall, der ganze Sinn des Ausdrucks absichtlich -und willkürlich von den Vertretern der Philosophie -abgeändert. Humanität z. B. ist ein abstrakter Begriff, den -wir selbst gebildet haben, Humanität existiert objektiv ebenso -wenig wie der Äquator. Wenn es daher möglich wäre eine -Religion durch diesen sonderbaren Kunstgriff zu konstruieren, -indem man der Humanität metaphorisch die Attribute der -Gottheit zuschreibt, so würde es logisch ebensogut möglich sein, -eine Theorie brüderlicher Liebe zum Äquator zu konstruieren, -indem man diesem metaphorisch menschliche Attribute zuschreibt.</p> - -<p>Das charakteristische Merkmal irgend einer Theorie, welche -man berechtigter Weise als Religion bezeichnen könnte, ist, daß -sie sich auf den letzten Ursprung aller Dinge bezieht und daß -sie diesen Ursprung als ein objektives und intelligentes und<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> -persönliches Wesen bezeichnet. Den Ausdruck „Religion“ auf -irgend eine andere Theorie anwenden, heißt also nur ihn -mißbrauchen.</p> - -<p>Nach diesen Definitionen scheint es so, als ob sich -Ziel und Methode der Naturwissenschaft ausschließlich auf -die Bestimmung und Prüfung des zunächstliegenden „Wie?“ -der Dinge und der Naturvorgänge richten. Ihre Aufgabe ist, -wie Mill sagt, die kleinste Anzahl der Naturthatsachen zu bestimmen, -welche die Erscheinungen der Erfahrung erklären -kann. Andererseits ist die Religion in keiner Weise mit der -Kausalität verbunden, nur daß sie annimmt, daß alle Dinge -und alle Ereignisse im letzten Grunde auf eine intellektuelle -Persönlichkeit zurückzuführen sind. Spencer sagt, „die Religion -ist eine apriorische (außerhalb der Erfahrung liegende) Theorie -des Weltalls“ — dem müssen wir noch hinzufügen, eine -Theorie, welche eine intelligente Persönlichkeit als schaffenden -Ursprung des Weltalls annimmt. Ohne diesen notwendigen -Zusatz würde die Religion sich logisch nicht von der Philosophie -unterscheiden.</p> - -<p>Aus diesen Definitionen geht klar hervor, daß Naturwissenschaft -und Religion in ihren reinsten Formen thatsächlich -keine logischen Beziehungen haben. Nur wenn die Naturwissenschaft -die Bedingungen des Raumes und der Zeit, der -gegenseitigen Beziehung der Erscheinungen und aller menschlichen -Beschränkungen überschreiten würde, dann nur könnte -sie in der Lage sein, die übernatürliche Theorie der Religion -zu berühren. Doch es ist offenbar, wenn die Naturwissenschaft -dies thäte, so würde sie aufhören Naturwissenschaft zu -sein. Indem sie sich über die Region der Naturerscheinungen -(Phänomena) erhöbe und in den zarten Äther der Verstandesbegriffe -(Noumena) einträte, würden ihre gegenwärtigen -Schwingen, die wir ihre Methode nennen, in solcher Atmosphäre -nicht mehr zur Bewegung dienen können. Ohne Raum, -ohne Zeit und ohne Beziehungen zu den Naturerscheinungen, -könnte die Naturwissenschaft nicht länger als solche bestehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> - -<p>Andererseits kann auch die Religion in ihrer reinsten -Form in gleicher Weise die Naturwissenschaft nicht berühren. -Denn die Religion als solche hat, wie wir schon gesehen haben, -nichts mit dem Gebiet der Naturerscheinungen zu thun; ihre -metaphysische Theorie kann keine Beziehung zu dem „Wie“ -der Natur-Kausalität haben. Es ist daher augenscheinlich, daß -sich Naturwissenschaft und Religion, weil sie in ihren reinsten -und idealsten Formen ganz verschiedenartige Geistesrichtungen -sind, nicht gegenseitig in ihr Gebiet einmischen dürfen.</p> - -<p>So weit lassen sich diese Bemerkungen in gleicher Weise -auf alle Formen der Religion anwenden, sie sei nun eine -wirkliche oder nur eine mögliche, wenn sie nur rein ist. Aber -es ist notorisch, daß bis vor Kurzem die Religion auf die -Naturwissenschaft nicht nur einen Einfluß überhaupt, sondern -sogar einen überwältigenden Einfluß ausübte. Da der Glaube -an ein göttliches Wirken fast allgemein war, während die -Methoden der naturwissenschaftlichen Forschung noch nicht bestimmt -formuliert waren, hatten die früheren Generationen -die Gewohnheit, jede Naturerscheinung, deren natürliche Ursache -noch nicht nachgewiesen war, einer mehr oder minder -unmittelbaren Einwirkung der Gottheit zuzuschreiben. Nun -wissen wir aber, daß diese geistige Gewohnheit daher kam, daß -man noch nicht den wesentlich verschiedenen Charakter der -Naturwissenschaft und Religion als (getrennte) Denkgebiete -unterscheiden konnte, und nur insofern, als die Religion früherer -Zeiten unrein oder mit Gedanken, die der Naturwissenschaft -angehören, vermischt war, übte sie jenen verderblichen -Einfluß aus. Die allmähliche, nun schon fast völlige Ausscheidung -der Endursachen aus dem Gedankengang der -Naturforscher, worauf wir schon hingedeutet haben, ist nur -ein Ausdruck für die Thatsache, daß die Naturforscher einmütig -und ganz und gar dazu gelangt sind, die von mir -festgestellten Grundunterschiede zwischen Naturwissenschaft und -Religion anzuerkennen.</p> - -<p>Die Naturforscher empfinden es einmütig und klar —<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> -wenigstens alle die Männer, deren Gedanken über diese Fragen -auf der Höhe der Zeit stehen — daß eine religiöse Erklärung -irgend einer Naturerscheinung vom naturwissenschaftlichen Standpunkt -aus überhaupt keine Erklärung ist. Denn eine religiöse -Erklärung besteht darin, daß man die beobachtete Naturerscheinung -auf die „letzte“ Ursache bezieht, d. h. darin, daß man -jene besondere Erscheinung in das allgemeine und letzte Geheimnis -der Dinge versenkt. Dagegen besteht eine naturwissenschaftliche -Erklärung darin, daß man die beobachtete Naturerscheinung -auf die nächstliegenden <em class="gesperrt">natürlichen</em> Ursachen zurückführt, -und in keinem Falle kann sich eine solche Erklärung -auf die Hypothese eines Endzweckes einlassen, ohne den -Charakter einer naturwissenschaftlichen Erklärung zu verlieren. -Wenn mir z. B. ein Kind eine Blume mit der Frage bringt, -warum sie eine so sonderbare Form, so lebhafte Farbe, so -süßen Duft u. s. w. hat, und ich ihm antworte: weil Gott -sie so machte! — so beantworte ich damit des Kindes Frage -eigentlich gar nicht: ich verberge nur meine Unkenntnis der -Natur unter dem Mantel der Frömmigkeit und entschuldige -meine Trägheit im Studium der Botanik. Die Würdigung -dieser Thatsache war es, was Darwin in seiner „Entstehung -der Arten“ zu der Bemerkung führte, daß die Theorie der -Schöpfung keine Thatsache, mit der sie sich beschäftigt, wirklich -erklären kann, sondern daß sie diese Thatsache nur nochmals -darlegt, wie sie beobachtet worden. Das soll besagen: indem -wir die beobachteten Thatsachen so in das Grundgeheimnis -der Dinge versenken, versuchen wir es gar nicht einmal, sie -irgendwie im naturwissenschaftlichen Sinne zu erklären; denn -es würde dann offenbar möglich sein, sich der Aufgabe, -irgend eine Naturerscheinung zu erklären, stets auf dieselbe -Weise zu entledigen, indem man sie nämlich immer einfach -auf die unmittelbare Einwirkung der Gottheit zurückführt. -Wenn wirklich irgend eine Naturerscheinung einträte, welche -aus einer unmittelbaren Gottesthat als Ursache entspränge, -dann würden <span class="antiqua">ex hypothesi</span> überhaupt keine natürlichen Ursachen<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> -mehr zu erforschen sein, und der Mohr als Naturforscher -hätte seine Schuldigkeit gethan und könnte gehen; denn -solch' eine Erscheinung würde wunderbar sein, daher ihrer Natur -nach jenseits der Grenze wissenschaftlicher Forschung liegen.</p> - -<p>Die religiöse Theorie der Endursache erklärt also keine -Naturerscheinung, sie bestätigt sie nur, wie sie beobachtet worden -ist — oder wenn man lieber will: sie ist in sich selbst eine -Universal-Erklärung aller möglichen Naturerscheinungen auf -einmal. Denn es muß zugegeben werden, daß hinter allen -möglichen Erklärungen naturwissenschaftlicher Art etwas höchst -Unerklärliches liegt, welches gerade seines übersinnlichen Charakters -wegen nicht auf irgend etwas anderes zurückgeführt, -d. h. erklärt werden kann. „Es ist so wie es ist“, das ist -alles, was wir von ihm sagen können. „Ich bin was -ich bin“, ist alles, was es von sich selbst sagen könnte. Und -darin bestehen im Wesentlichen die Lehren der Religion, daß -sie Naturerscheinungen auf diese unerklärbare Quelle der natürlichen -Kausalität zurückführt. Die Lehre der Naturwissenschaft -dagegen beruht auf der Gewißheit, daß es immer möglich -ist, eine der Erfahrung nach endlose Kette natürlicher Ursachen -zu erforschen, d. h. eine endlose Reihe von Naturerscheinungen -zu erklären. Wenn wir den Vorgang der Erklärung als die -Zurückführung der beobachteten Erscheinungen auf ihre zureichenden -Ursachen definieren, so dürfen wir sagen, daß die -Religion sich mit Hülfe einer allgemeinen Theorie der Dinge -in der Annahme einer ersten Ursache intelligenter Art zu -ihrer eigenen Befriedigung eine letzte Erklärung des Weltalls -als eines Ganzen verschafft. Sie hat daher nichts mit den -<em class="gesperrt">nächsten</em> Erklärungen oder mit der Entdeckung der nächstliegenden -Ursachen zu thun, und diese ist ausschließlich Gegenstand -der Naturwissenschaft. Wir gehen also hiermit auf die -schon gegebenen Definitionen zurück, wonach die Religion einem -Gedankengebiet angehört, welches als solches ausschließlich Beziehung -auf die <em class="gesperrt">letzte</em> Ursache hat, während die Naturwissenschaft -einem Gedankengebiet angehört, welches als solches<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> -ebenso ausschließlich in Beziehung zu den <em class="gesperrt">nächsten</em> Ursachen -steht. Wenn die Grenzen dieser beiden Gebiete überschritten -werden, so entstehen Konflikte und Verwirrung. Wenn daher -die religiöse Lehre von den Endursachen auf das Feld der -naturwissenschaftlichen Forschung übertrat, so überschritt sie -ihre logische Domäne, und indem sie sich das Amt anmaßte, -diese oder jene Erscheinung im einzelnen zu erklären, hörte -sie auf, reine Religion zu sein, während sie zu gleicher Zeit -und aus demselben Grunde der Naturwissenschaft den Weg des -Fortschritts versperrte.<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a></p> - -<p>Wir sind nun bei einem der Hauptpunkte angelangt, die -wir zu behandeln haben — nämlich bei der Lehre von dem -Zweck in der Natur und damit bei der Frage der natürlichen -Religion in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Hier -werde ich versuchen, einen möglichst tiefen und klaren Überblick -über den gegenwärtigen Zustand der natürlichen Religion zu -gewinnen, ohne Schritt für Schritt den Weg und die Mittel -zu zeigen, durch welche sie unter dem Einfluß der Naturwissenschaft -auf diesen Standpunkt gekommen ist.</p> - -<p>Beim ersten Dämmern des Denkens ist, soweit wir davon -Kunde haben, die Teleologie in dieser oder jener Form -die am weitesten verbreitete Lehre zur Erklärung der Naturordnung -gewesen. Es ist indessen nicht meine Absicht, in -diesen Blättern die Geschichte dieser Lehre von ihren rohen -Anfängen im Fetischismus bis zu ihrer schließlichen Entwicklung -im Theismus aufzuzeichnen. Ich will mich ausschließlich -an den jetzigen Zustand dieser Lehre halten und erwähne die<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> -vergangene Geschichte nur, um die häufig aufgestellte Behauptung -zu prüfen, daß ihr allgemeines Übergewicht in allen Jahrhunderten -und unter allen Nationen der Welt ihr einen gewissen -Grad „aprioristischer Glaubwürdigkeit“ giebt. In Bezug -auf diesen Punkt muß ich folgendes sagen: ob nun die -Naturordnung von einem ordnenden Geist herrührt oder nicht, -die Lehre von der Wirksamkeit eines Geistes innerhalb der -Natur — oder wie es der Herzog von Argyll nennt, „die -Lehre vom Anthropopsychismus“ — muß notwendigerweise die -ursprünglichste gewesen sein. Was wir in der Natur finden, -ist die allgemeine Herrschaft der Kausalität und lange vorher, -ehe die nicht weniger allgemeine Aequivalenz zwischen Ursachen -und Wirkungen — d. h. die allgemeine Herrschaft der Naturgesetze -— genügend gewürdigt wurde, erkannte man schon vollauf -die allgemein gültige Thatsache, daß nichts ohne irgend -eine zureichende Ursache geschieht. Und ganz gewiß, das Bewußtsein -dieser Thatsache finden wir nicht nur bei den am -niedrigsten stehenden Rassen der Jetztzeit, sondern wie ich es -bewiesen habe, auch bei Tieren und Kindern.<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> Es scheinen mir -daher wohl jene Psychologen Recht zu haben, welche meinen, -daß der Begriff der Ursache ebenso unmittelbar ist wie die -Begriffe von Raum und Zeit — d. h. er ist die instinktive -[oder ererbte] Wirkung angestammter Erfahrung.</p> - -<p>Wenn es nun sicher ist, daß das Bewußtsein der Kausalität -in der Natur ebenso alt oder sogar älter ist als -der menschliche Verstand, dann scheint es mir doch ebenso sicher -zu sein, daß der erste Versuch, die Ursache dieser oder -jener Naturerscheinung festzustellen, d. h. die ersten Versuche -einer vernünftigen Erklärung der Naturereignisse — anthropopsychischer -Art gewesen sein müssen. Keine andre Erklärung -lag so nahe, wie die, daß man in die äußere Natur die Thätigkeit -eines Willens hineintrug, die doch jedem Menschen, soweit -er und seine Nebenmenschen dabei in Betracht kommen, als die<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> -augenscheinliche Hauptquelle der kausalen Thätigkeit erschien. -Um diese sehr einleuchtende Erklärung der Kausalität in der -Natur zu gewinnen, brauchte der Urmensch gar nicht zu wissen, -was wir jetzt wissen, daß die richtige Auffassung der Kausalität -aus unserem Gefühl von Anstrengung bei einem Willensakt -entspringt. Wenn dies der Fall war, dann mußte, falls -überhaupt an die Kausalität irgend einer Naturerscheinung -gedacht wurde, die abgeleitete Ursache notwendiger Weise psychologischer -Art sein. Ich brauche nicht die allmähliche Entwicklung -dieser anthropologischen Lehre aus ihrer frühsten und -verbreitetsten Gestalt, die wir Polypsychismus nennen könnten — -(bei welchem die Zahl der aufgestellten Ursachen fast so groß -war wie die der beobachteten Wirkungen) — durch den Polytheismus -hindurch, (bei welchem viele Wirkungen gleicher Art -<em class="gesperrt">einer</em> Gottheit zugeschrieben wurden, deren Spezialfall gerade -diese Wirkungen waren) bis zum Monotheismus hin zu verfolgen -(bei welchem alle Kausalität in den Monopsychismus -einer einzelnen Persönlichkeit zusammengefaßt wird). Es genügt, -kurz zu zeigen, daß die Lehre des Anthropopsychismus -von Anfang an unter den obwaltenden Bedingungen eine notwendige -Phase geistiger Entwicklung war, mag diese Lehre -nun wahr sein oder nicht.</p> - -<p>Von diesem Gesichtspunkt aus glaube ich nicht, daß der -„<span class="antiqua">consensus gentium</span>“ (Übereinstimmung der Völker) eine Thatsache -von irgend welcher Beweiskraft zu Gunsten der anthropopsychischen -Theorie ist, — ich meine, insofern es sich um -die Kausalitätsfrage handelt — mag es sich nun um den Fetischismus -oder um die Teleologie unserer Tage handeln: der „<span class="antiqua">consensus -gentium</span>“ bei der wichtigeren Frage des Theismus (wobei -noch manche andere Dinge außer der Kausalität in Betracht -kommen) geht uns hier nichts an. Es scheint mir in der That -so: wenn wir zur Sicherstellung unserer anthropologischen -Theorie auf die Wilden zurückgehen müssen, dann ist die dabei -erhaltene Bürgschaft noch weniger als wertlos. Wir -könnten ebenso gut schließen, daß die Uhr ein lebendes Wesen<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> -sei, weil dies für den Geist eines Wilden die nächstliegende -Erklärung ihrer Bewegungen ist, — als wenn wir aus genau -denselben Gründen schließen wollen, daß unser Glaube an die -Teleologie aus irgend einer der früheren Phasen des Anthropopsychismus -irgend eine wirkliche Stütze erhielten.</p> - -<p>Wenn wir daher den Nachweis eines Zwecks in der Natur -würdigen wollen, so scheint es mir, daß wir von vorne anfangen -müssen, ohne auf frühere Meinungen über den Gegenstand -Bezug zu nehmen. Die Frage muß wesentlich in dem -Licht der jüngsten Erkenntnis, welche wir besitzen und mit der -schärfsten Denkkraft erwogen werden, die wir (die Erben aller -Jahrhunderte) ihr widmen können. Ich werde daher auf die -Geschichte des Anthropopsychismus nur insofern Bezug nehmen, -als es erforderlich ist, um das Argument zu erläutern.</p> - -<p>Und hier ist es nötig, zuerst das zu erörtern, was Paley -vor der Darwinschen Epoche „den Stand des Arguments“ -nannte. Dies ist von Paley klar und deutlich in seinem klassischen -Beispiel von der Uhr, die jemand auf einer Heide -findet, dargestellt — ein so wohl bekanntes Beispiel,<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> daß ich<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> -es hier nicht zu wiederholen brauche. Ich will daher nur bemerken, -daß es den ganzen Zweckbeweis, wie man sagt, in der -Westentasche enthält und daß es meiner Meinung nach die -von Mill an ihm ausgeübte Kritik nicht verdient, wenn er -sagt: „Die Schlußfolgerung würde gar nicht gemacht werden, -wenn ich nicht schon aus direkter Erfahrung wüßte, daß die -Uhren von Menschen verfertigt werden.“ Es kommt mir vor, -als ob damit der Meinung (und Absicht) Paley's die ganze -Pointe genommen würde; denn es würde offenbar überhaupt -gar kein Beweis sein, es sei denn, man verstände seine Meinung -so, daß der Nachweis des Zweckes, welchen die Prüfung der -Uhr vermutlich liefert, wahrscheinlich eben nur durch diese -Prüfung und nicht durch irgend eine direkte Kenntnis, auf -welche Mill hinweist, geliefert wird. Um des Beispiels willen -muß natürlich angenommen werden, daß der Finder der Uhr -keine von früher stammende direkte Kenntnis von der Konstruktion -einer Uhr besitzt. Abgesehen von diesem wunderbaren -Mißverständnis war Mill in Bezug auf den ganzen Gegenstand -mit Paley gleicher Ansicht.</p> - -<p>Andererseits ist es kein stichhaltiger Einwand gegen das -Argument oder das Beispiel, wenn man sagt, wie wir es oft -thaten, daß es nichts für den Uhrmacher beweist. Das Ziel -des Zweckbeweises ist das Dasein jemandes, der den Zweck -gesetzt hat, zu <em class="gesperrt">erweisen</em>, nicht sein Dasein zu <em class="gesperrt">erklären</em>.<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> -In der That würde es für das ganze Argument in seiner Beziehung -zum Theismus ein Selbstmord sein, wenn die Möglichkeit -einer solchen Erklärung aufrecht erhalten würde, denn -dies könnte nur auf die Annahme hin geschehen, daß das -Wesen der Gottheit eine Erklärung zuläßt, d. h. daß die Gottheit -nicht die letzte Ursache ist.</p> - -<p>Im Grunde genommen ist dieser Beweis genau derselbe, -wie er uns an zahlreichen Stellen der heiligen Schrift und -in theologischen Büchern der ganzen Welt bis auf den heutigen -Tag begegnet. Er besagt: überall in der organischen Natur -treffen wir auf zahllose Anpassungen der Mittel an die Zwecke, -die in vielen Fällen eine solche Feinheit und Kompliziertheit -zeigen, daß im Vergleich zu ihr die Anpassungen der Mittel -an die Zwecke in einer Uhr nur armselige und lückenhafte -Versuche des Mechanismus sind. Niemand weiß es so gut -wie der moderne Biologe, wie unermeßlich weit die uns in -solchem Übermaße in der Natur begegnenden Mechanismen -die höchsten Triumphe menschlicher Erfindung in jeder Weise -überragen. Auf den ersten Blick erscheint es daher ganz -zweifellos, daß wir keinen stichhaltigeren und besseren Beweis -für einen Zweck als den finden können, wie er in Paley's -Worten liegt: „Die Anordnung, die Disposition der Teile, die -Unterordnung der Mittel unter einen Zweck, die Beziehung -der Werkzeuge auf den Gebrauch schließen das Dasein einer -Intelligenz und eines Geistes in sich.“</p> - -<p>Aber nun entsteht die Frage: wenn dies alles auch -sicherlich das Dasein eines Geistes als erklärende Ursache verlangen<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a> -mag, sind wir darum schon zu der Annahme berechtigt, -daß es in der Natur keine andere Ursache giebt, um -diese Wirkungen hervorzubringen? Das ist eine Frage, auf -die weder Paley noch Bell und Chalmers, ja kein Vertreter -der natürlichen Theologie bis auf Darwins Zeiten gekommen<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> -ist. Und das ist doch, meine ich, eine bemerkenswerte Thatsache, -weil die Frage als eine blos logische so sehr nahe zu -liegen scheint. Aber Thatsache ist es, daß sich die Vertreter -der natürlichen Theologie meines Wissens ausnahmslos damit -begnügten, es als einen Grundsatz hinzunehmen, daß jener -Mechanismus keine andre Ursache als die eines zwecksetzenden -Geistes haben könnte; daher beschränkt sich ihre Arbeit darauf, -der Zahl und Vortrefflichkeit der Mechanismen, denen sie in -der Natur begegneten, im Einzelnen nachzuspüren. Es ist -aber klar, daß die bloße Anhäufung solcher Fälle keinen wirklichen -oder logischen Einfluß auf das Argument ausüben kann. -Die Mechanismen, denen wir in der Natur begegnen, sind in -ihrer Vollkommenheit und Zahl so überwältigend, daß das -aufmerksame Studium schon irgend eines einzelnen (wie es -Paley in seinem Beispiel thatsächlich, wenn auch nicht ausdrücklich, -darlegt) hinreicht, die ganze Sache wesentlich zu -fördern, wenn nur die Annahme zugegeben wird, daß der -Mechanismus allein durch einen Geist entstehen kann. Daher -wird durch die bloße Ansammlung einer beliebigen Zahl besonderer -Fälle von Mechanismen in der Natur aber auch -weder ein wirkliches noch ein logisches Argument geliefert: -alle sind ja als Mechanismen der Art nach ähnlich. Wir -wollen nun dieses Argument betrachten.</p> - -<p>Wenn wir uns etwa darüber wundern möchten, daß die -Vertreter der natürlichen Theologie bis auf Darwin sich mit -der Annahme begnügten, der Geist sei die einzig mögliche Ursache -des Mechanismus, so finden wir meines Erachtens die -richtige Antwort darin, daß ihr Glaube an eine Schöpfung -im Einzelnen damals allgemein herrschte. Denn auf der -Grundlage dieses Glaubens halte ich ohne Frage die Behauptung -für berechtigt; d. h. wenn wir von dem Glauben ausgehen, -daß alle Arten der Pflanzen und Tiere ursprünglich plötzlich -und fertig geschaffen in die komplizierten Lebensbedingungen -ihrer besonderen Umgebung gesetzt wurden (etwa so, wie die -Uhren aus einer Fabrik hervorgehen), dann sind wir, denke ich,<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> -vernünftiger Weise zu der Annahme berechtigt, daß keine andre -denkbare Ursache als die eines intelligenten Zweckes möglicherweise -als Erklärung jener Wirkungen gefordert werden kann. Nun ist -natürlich die Bemerkung unnötig, daß jener Zweckbeweis, wenn -man diesem ihm vorhergehenden Glauben an eine Schöpfung -im Einzelnen einen Einfluß auf ihn einräumte, zum Beispiel -eines Zirkelschlusses wird. Vielleicht ist es ebenso unnötig -zu bemerken, daß die bloße Thatsache der Entwicklung als -Gegensatz zur Schöpfung im Einzelnen oder die Thatsache der -allmählichen Entfaltung der lebenden Mechanismen im Gegensatz -zu ihrem plötzlichen und fertigen Erscheinen diesen Zweckbeweis -in keiner Weise beeinflussen würde, es sei denn, daß -man nicht zeigen könnte, daß der Entwicklungsprozeß die -Möglichkeit einer anderen Ursache zuläßt, welche durch die -Hypothese der Schöpfung im Einzelnen nicht zugelassen wird. -Aber dies ist es gerade, was durch die Theorie der Entwicklung, -wie sie Darwin aufgestellt hat, gezeigt wird. Das soll -besagen: Die Theorie der allmählichen Entwicklung der lebenden -Mechanismen, wie Darwin sie aufstellte, ist doch etwas -mehr als eine Theorie allmählicher Entfaltung im Gegensatz -zu der plötzlichen Schöpfung. Sie ist auch eine rein naturwissenschaftliche -Theorie, welche die rein natürlichen Ursachen -dieser Entwicklung darzuthun sucht. Und dies ist der Punkt, -an dem die Naturwissenschaft ihren Einfluß auf die natürliche -Theologie auszuüben anfängt, oder der Punkt, an dem -die Theorie der Entwicklung mit der Lehre vom Zweck in -Berührung tritt. Da dies ein höchst wichtiger Teil unseres -Themas ist und da über ihn in unserer Zeit eine außerordentliche -Verwirrung herrscht, so werde ich ihn in der folgenden -Abhandlung sorgfältig nach allen Richtungen hin erörtern.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p> - - - -<div class="chapter"> -<h3><a name="Sect_II" id="Sect_II">II.</a></h3> -</div> - -<p>Nehmen wir einmal an, daß der Mensch, welcher die Uhr -auf der Heide fand, seinen Weg fortsetzt, bis er zur Meeresküste -kommt, und daß er ebenso wenig von physikalischer Geographie -wie von der Uhrmacherei versteht. Bald fängt er an -eine Menge von Anpassungen der Mittel an den Zweck zu -beobachten, die zwar weniger subtil und fein sind als die, -welche ihn bei seiner Untersuchung über das Innere der Uhr -beschäftigten, die auf der anderen Seite aber viel eindrucksvoller -sind, weil sie in einem viel größeren Maßstab auftreten. -Erstens bemerkt er, daß in dem Land ein schönes Becken ausgegraben -worden ist, um eine Bucht herzustellen; daß <em class="gesperrt">die</em> -Seiten dieses Beckens, welche wegen der Nähe des Meeres -am meisten der Einwirkung der großen, rollenden Wogen ausgesetzt -sind, von Felsenklippen gebildet werden, augenscheinlich -in der Absicht, das weitere Eindringen des Meeres und die -dadurch entstehende Zerstörung der ganzen Bucht zu verhindern; -er bemerkt ferner, daß <em class="gesperrt">die</em> Seiten des Beckens, welche -wegen ihrer immer größeren Entfernung landeinwärts auch -immer weniger der Einwirkung der großen Wogen ausgesetzt -sind, aus immer kleiner werdenden Felsen gebildet werden, -welche in Geröll und endlich in feinsten Sand übergehen; daß -die Steine, da die Gezeiten mit ebenso großer Regelmäßigkeit -wie die Bewegungen der Uhr kommen und gehen, sorgfältig -vom Sand gesondert und in schiefe Schichten gelegt sind, und -dies immer aufs schönste <em class="gesperrt">den</em> Stellen um den Rand des -Beckens herum entsprechend, welche am meisten der Gefahr -ausgesetzt sind, durch die Thätigkeit der Wellen zerstört zu werden. -Er würde ferner bei genauerer Prüfung merken, daß dieser -Prozeß der auslesenden Anordnung sich bis in die kleinsten -Einzelheiten verfolgen läßt. Hier würde er z. B. bemerken, -daß einige (engl.) Meilen weit eine besondere Art von Seegras -kunstreich in einem langen Bogen am Strande angeordnet<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> -ist, dort würde er eine prächtige Ablagerung von Muscheln -sehen, wieder anderswo ein hübsches, kleines Häuschen von -Purpursand, dessen kleine Körner aus dem umgebenden gelben -Sand sorgfältig ausgesucht worden sind. Wiederum würde -er bemerken, daß alle Flüßchen, die zur Bucht herunterfließen, -in zu diesem Zweck bewundernswert gegrabenen Kanälen -laufen, und von der Neugier getrieben, den Zweck dieser verschiedenen -Flüsse zu ergründen, würde er finden, daß alle diese -Gewässer dazu dienen, das Wasser zu ersetzen, welches die -See durch Verdunsten verliert, und — auch ein bewundernswertes -Beispiel von Anpassung — frisches Wasser für die Tiere und -Pflanzen zu liefern, die am besten in frischem Wasser gedeihen; -und daß diese Gewässer dabei doch durch ihre vereinte Thätigkeit -hinreichend mineralische Bestandteile hinzuführen, um dem -Meer im Ganzen genau den Salzgehalt zu geben, welcher -zur Erhaltung des pelagischen Lebens erforderlich ist. Wenn -er endlich in dieser Richtung seine Forschungen fortsetzen würde, -so würde er finden, daß tausende von verschiedenen Aufenthaltsorten -sinnreich den Bedürfnissen von hunderttausenden -der verschiedensten Lebensformen angepaßt sind, von denen -keine leben bleiben könnte, wenn diese Aufenthaltsorte verändert -würden. Nun, ich meine, dieser unser gedachter Forscher -würde gar thöricht sein, wenn er aus dem Ergebnis aller -seiner Studien nicht den Schluß zöge, daß der Nachweis eines -Zweckes, wie ihn die Seebucht liefert, wenigstens ebenso -zwingend sei wie der, den er vorher beim Studium der Uhr -gefunden hatte.</p> - -<p>Aber es besteht zwischen beiden Fällen <em class="gesperrt">ein</em> großer Unterschied. -Während der Mann durch nachträgliche Erkundigung -die Thatsache bestätigen kann, daß die Uhr ihr Dasein einem -intelligenten Erfinder verdankt, könnte er in Bezug auf die -Seebucht eine solche Bestätigung nicht erhalten. In dem -einen Fall ist eine intelligente Erfindung als Ursache unabhängig -demonstrierbar, während in dem andern Fall nur auf -sie geschlossen werden kann. Welchen Wert hat nun dieser Schluß?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p> - -<p>Wenn unser gedachter Teleologe nach Beendigung dieser -seiner Studien in irgend eine große Bibliothek geführt -worden wäre und dort ein oder zwei Jahre verbracht hätte -um sich mit den wichtigsten Resultaten der modernen Naturwissenschaft -bekannt zu machen, dann, denke ich, würde er zuletzt -weiser und — trauriger geworden sein.</p> - -<p>Wenigstens würde er, indem er mehr lernt, sicherlich -merken, daß er weniger versteht, — daß die veraltete Einfachheit -seiner früheren Erklärungen trotz gereifterer Anschauungen -einer größeren Verwirrung Platz machen muß. Er würde -nun zunächst finden, daß jede der Anpassungen von Mitteln -an den Zweck, welche seine Bewunderung an der Meeresküste -erregten, von natürlichen, sehr leicht verständlichen Ursachen -herrühren. Die Klippen standen an der Öffnung der Bucht, -weil das Meer in früheren Zeiten die Küstenlinie so lange -angegriffen hatte, bis es auf diese Klippen traf, die sich seinem -weiteren Vordringen entgegenstellten; die Bucht war eine -Senkung des Landes, welche bei dem Zuströmen der See -gerade vorhanden war und in welche die letztere daher flutete; -die Reihenfolge von Felsen, Geröll und Sand entstand durch -die Thätigkeit der Wogen selbst, die Sonderung des Seegrases, -der Muscheln, der Kiesel und der verschiedenen Sandarten -kam von ihrem verschiedenen spez. Gewicht her; die -Süßwasserströme flossen in Kanälen, die sie sich selbst gebildet -hatten, und die zahlreichen Lebensformen waren ihren verschiedenen -Wohnungen einfach deshalb angepaßt, weil die für -sie ungeeigneten Wesen darin nicht leben konnten. In allen -diesen Fällen würde daher unser Teleologe im Lichte höherer -Erkenntnis notgedrungen wenigstens <em class="gesperrt">den</em> Schluß gezogen haben, -daß die Anpassungen, die er so sehr bewundert hatte, als er -sie für Wirkungen eines die Erscheinungen voraussehenden -Planes hielt, nun nicht mehr diesen Nachweis eines intelligenten -Planes liefern können, da es sich herausstellt, daß -keine von ihnen vorher von einer unabhängigen oder äußeren -Ursache vorbereitet wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p> - -<p>Er würde daher zu dem Schluß gelangen, daß die teleologische -Deutung der Thatsachen nur dadurch gerettet werden -könnte, daß man eine viel weitergehende Betrachtung des -Gegenstandes vornähme, als sie bei den besonderen Fällen -augenscheinlicher Zwecksetzung, welche zuerst so zwingend erschienen, -gefordert wurde. Das soll sagen, er würde fühlen, -daß er die Voraussetzung irgend eines speziellen Planes in -der Konstruktion jener besonderen Bucht verlassen und auf -die Theorie eines viel allgemeineren Planes in der Konstruktion -eines großen Natursystems als eines Ganzen zurückgehen -muß. Kurz, er würde sein Argument von den besonderen und -einzelnen Anpassungen, die ihm zuerst so einleuchtend schienen, -aufgeben und zu den allgemeinen Naturgesetzen zurückkehren, -die durch ihre vereinte Thätigkeit dem Kosmos, als unterschieden -vom Chaos, den Ursprung gaben.</p> - -<p>Nun habe ich mich bemüht, ein imaginäres Argument -aus dem Gebiet der unorganischen Natur in allen seinen wichtigsten -Einzelheiten zu gewinnen, weil dasselbe ein vollständiges -Analogon zu dem liefert, das man der organischen Natur -entnimmt. Ohne Frage, die Beispiele eines offenkundigen -Planes oder der offenbar absichtlichen Anpassung der Mittel -an die Zwecke, welche wir in der organischen Natur finden, -sind unverhältnismäßig zahlreicher und einleuchtender als die, -welche uns in der unorganischen Natur begegnen. Aber wenn -wir einmal guten Grund zu dem Schluß haben, daß die -ersteren gleich den letzteren nicht der unmittelbaren, speziellen -und vorausblickenden Thätigkeit einer nachsinnenden Intelligenz -(wie in der Uhrmacherei oder bei der Schöpfung) — sondern -der Thätigkeit sekundärer oder natürlicher Ursachen den Ursprung -verdanken, welche unter dem Einfluß dessen wirken, was wir allgemeine -Naturgesetze nennen, dann kommt es mir so vor, als ob die -Anpassungen der Mittel an die Zwecke, wie zahlreich und wie -wundervoll sie auch in der organischen Natur sein mögen, -doch keinen anderen oder zwingenderen Beweis für einen Zweck -liefern als irgend eine Thatsache der unorganischen Natur.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span></p> - -<p>Der Klarheit halber wollen wir einen besonderen Fall -nehmen. Paley sagt: „ich weiß keine bessere Methode, um in -einen so wichtigen Gegenstand einzuführen, als wenn ich ein -einzelnes Ding mit einem anderen einzelnen Ding vergleiche, -z. B. das Auge mit einem Fernglas.“ Er fährt dann fort, -indem er die Analogieen zwischen diesen beiden Apparaten feststellt, -und fragt zuletzt: wie ist es bei so naher Verwandtschaft -und unter dem Eindruck gleicher Beweiskraft möglich, -in Bezug auf das Auge die Zwecksetzung auszuschließen und -doch in Bezug auf das Teleskop es als die einfachste und -klarste von allen Annahmen anzunehmen, daß hier ein Plan -gewaltet hat?</p> - -<p>Nun wohl, die Antwort lautet, daß diese Analogie nur -auf Grund der Hypothese der <em class="gesperrt">Schöpfung im Einzelnen</em> -aufrecht zu halten ist, auf Grund der Hypothese einer <em class="gesperrt">Entwicklung -durch natürliche Ursachen</em> ist die Beweiskraft -in beiden Fällen nicht dieselbe, denn nach dieser Hypothese -fängt das Auge nicht als ein fertiges Gebilde an, das zum -Zweck des Sehens gemacht ist, sondern blos als eine Differenzierung -der Nervenenden in der Haut, die zunächst wahrscheinlich -dazu diente, den Wechsel der Temperatur besser zu -unterscheiden. Nachdem nun an diesen Stellen ein Pigment -abgelagert worden war, wodurch jener Zweck (ich benutze der -Kürze wegen teleologische Ausdrücke) besser erreicht wurde, -begannen die Nervenenden Licht und Dunkel zu unterscheiden. -Um diesen weiteren Zweck besser zu erreichen, erschien die einfachste -Form einer Linse in Gestalt kleiner, lichtbrechender Körper. -Dahinter entwickelten sich leicht empfindliche Stellen, welche -die erste Andeutung einer Netzhaut als einfache Schicht sind. -Und so geht es fort, Schritt für Schritt, bis wir das Auge -eines Adlers haben.</p> - -<p>Ein Teleologe wird hier natürlich antworten: „Die -Thatsache eines so allmählichen Aufbaues ist kein Beweis -gegen die Zwecksetzung: ob nun die Struktur plötzlich erschien -oder das Ergebnis einer langsamen Ausarbeitung war, die<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> -Merkmale einer Zwecksetzung sieht man in beiden Fällen in -der vorliegenden Struktur.“ Alles dies ist sehr richtig, aber -ich behaupte auch nicht, daß die Thatsache der allmählichen -Entwicklung an sich selbst das Argument einer Zwecksetzung -beeinflußt. Ich behaupte nur, daß es dies bloß deshalb thut, -weil es die Möglichkeit zeigt (was durch die Hypothese einer -plötzlichen Schöpfung im Einzelnen ausgeschlossen ist), daß die -Struktur unmittelbar durch die Thätigkeit natürlicher Ursachen -entstanden ist. So wollen wir um des Arguments willen -einmal annehmen, daß die natürliche Zuchtwahl als eine für -alle diese Wirkungen hinreichende Ursache in befriedigender -Weise festgestellt worden ist. Also, die Thatsachen der Vererbung, -der Variation, des Kampfes ums Dasein und des -Überlebens des Passendsten einmal zugegeben, was folgt daraus? -Nun, daß jeder Schritt in der längeren, allmählichen Entwicklung -des Auges durch die Ausscheidung aller weniger angepaßten -Formen jeder Generation hervorgebracht wurde, d. h. -durch die Zuchtwahl derjenigen Formen, welche besser geeignet -sind, die Art durch Vererbung zu vervollkommnen. Will der -Teleologe dann behaupten, daß dieser Zuchtwahl-Prozeß selbst -ein Zeichen von Zwecksetzung im Einzelnen ist, nun, dann -scheint es mir so, als ob er logischer Weise zu der Behauptung -gezwungen wäre, die Reihen von Seegras, die Muscheln, -die Steine und die kleinen Haufen von Purpursand an der -Meeresküste seien auch alle in gleicher Weise ein Zeichen für -Zwecksetzung. Die allgemeinen Gesetze, welche [in der unorganischen -Natur. — Der Übersetzer] auf dem spezifischen Gewicht -beruhen, sind im Haushalt der Natur wenigstens ebenso wichtig -wie die allgemeinen Gesetze, die sich auf spezifische Differenzierung -[in der organischen Natur. — Der Übersetzer] beziehen: -in allen ähnlichen Beispielen finden wir, daß das Resultat der -Wirksamkeit der bekannten natürlichen Ursachen eine Auswahl -(<span class="antiqua">selection</span>) ist. Wenn entgegnet werden sollte, daß die Auswahl in -dem einen Fall offenbar absichtslos, in dem andern offenbar absichtlich -stattfand, so antworte ich: dies ist doch nur eine bloße Vermutung.<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> -Es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, -daß jede geologische Formation auf der Erdoberfläche -entweder ganz oder teilweise ihr Dasein dem auswählenden -Einfluß des spezifischen Gewichts verdankt, und wer kann -sagen, daß der Aufbau der Erdrinde im allgemeinen Plan der -Schöpfung (wenn es einen solchen giebt) ein weniger wichtiger -Gegenstand ist als die Entwicklung eines Auges? Oder -könnte, da wir als das Resultat der Zuchtwahl beim Auge -eine offenbar absichtliche Anpassung der Mittel an den Zweck -erkennen, nicht auch in dem Resultat der Auswahl bei Seegras, -Steinen, Sand und Schlamm eine Absicht erkannt werden? -Könnte die mutmaßliche Vernunft nicht im Gegenteil -eine größere Freude an dem letzteren als an dem ersteren Prozeß -gehabt haben?</p> - -<p>Der Verständlichkeit wegen habe ich angenommen, daß -die natürlichen Ursachen, mit denen wir schon bekannt sind, -hinreichen, um die beobachteten Erscheinungen der organischen -Natur zu erklären. Aber es ist natürlich ganz gleichgiltig, ob -die Richtigkeit dieser Annahme zugestanden wird oder nicht, -wenn wir nur zugeben, daß die beobachteten Erscheinungen -alle aus natürlichen Ursachen bekannter oder unbekannter Art -stammen; d. h. in dem Maße, in welchem wir die Hypothese -des direkten oder unmittelbaren Eingreifens der Gottheit in -die organische Natur (ein Wunder) ausschließen, in demselben -Maße bringen wir den aus der organischen Natur gefolgerten -Beweis der Zwecksetzung auf dieselbe logische Stufe, auf der -ein aus der unorganischen Natur gefolgerter Beweis der Zwecksetzung -steht. Daraus folgt für mich, daß Mill einen auffallenden -Mangel an Scharfsinn gezeigt hat. Nachdem er -nämlich in Bezug auf die natürliche Zuchtwahl bemerkt hat: -„vorhergehende Überlegung eines Schöpfers ist durchaus nicht -das einzige Band, durch welches die Entstehung des wunderbaren -Mechanismus des Auges mit der Thatsache des Sehens -verknüpft werden kann,“ fährt er fort: „wenn man nun diese -bemerkenswerte Spekulation (d. h. über die natürliche Zuchtwahl)<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> -dem Schicksal überläßt, das ihr der Fortschritt der -Wissenschaft aufgespart haben mag, dann fallen beim gegenwärtigen -Stand unserer Kenntnisse die Anpassungen in der -Natur schwer ins Gewicht zu Gunsten einer Schöpfung durch -eine Intelligenz.“ Ich sage, diese Stelle scheint mir einen -eigentümlichen Mangel an Scharfsinn zu zeigen, und zwar -deshalb, weil sie von der Voraussetzung auszugehen scheint, -daß es sich hier um eine Wahl zwischen der Hypothese der -speziellen Zwecksetzung und der Hypothese der natürlichen Zuchtwahl -handelt. So ist es aber nicht. Es handelt sich thatsächlich -um die Wahl zwischen der Hypothese der speziellen -Zwecksetzung und den natürlichen Ursachen. Das Überleben -des Passendsten ist eine der <em class="gesperrt">angenommenen</em> Ursachen, -welche zufolge einer großen Menge von Beweisgründen wahrscheinlich -eine <em class="gesperrt">wirkliche</em> Ursache ist. Aber selbst wenn es -als Ursache zurückgewiesen worden wäre, so würde die wahre -Beweiskraft der Teleologie dadurch nicht berührt werden, -wenn wir nicht etwa zu dem Schluß gezwungen wären, daß -es keine anderen Ursachen sekundärer und natürlicher Art bei -der Entstehung der beobachteten Anpassungen geben kann.</p> - -<p>Ich glaube nun hinreichend klar gezeigt zu haben, -warum wir nach meinem Dafürhalten, wenn sich die Herrschaft -der Naturgesetze oder die Wirkung natürlicher Ursachen -in der organischen Natur ebenso wie in der unorganischen -offenbart, für eine Zwecksetzung in dem einen Gebiet keinen -besseren Beweis als in dem anderen finden können. Die Thatsache, -daß wir in dem einen Gebiet zahlreichere und anscheinend vollständigere -Beispiele von Zwecksetzung antreffen als in dem anderen, ist -vermutlich nur unserer Unkenntnis der natürlichen Kausalität -in dem verwickelteren Gebiet zuzuschreiben. Beim Studium -der biologischen Erscheinungen sind wir bezüglich unseres Verständnisses -gegenwärtig alle in derselben Lage wie unser gedachter -Teleologe beim Studium der Meeresbucht: wir kennen -eben nicht die natürlichen Ursachen, welche die beobachteten -Wirkungen hervorgebracht haben. Aber wenn wir schon jetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> -einen wenigstens teilweise passenden Schlüssel in der Theorie -der natürlichen Zuchtwahl gefunden haben und daher nun dem -umfassenden aus den einfacheren Gebieten der Natur geschöpften -Analogon zufolge schließen, daß die natürlichen Ursachen auch -überall bei der Erzeugung organischer Gebilde eine Rolle -spielen, dann folgt daraus auch, daß jeder Beweis für eine -Zwecksetzung, welchen diese Gebilde darbieten, genau denselben -logischen Wert hat wie der Beweis für die Zwecksetzung, den -wir aus der unorganischen Natur gefolgert haben. Wenn man -noch hervorheben sollte, daß die Anpassungen, denen man in -der organischen Natur begegnet, ihrer Zahl und Einheitlichkeit -wegen viel mehr für eine Zwecksetzung sprechen als irgend -etwas in der unorganischen Natur, so muß ich erklären, daß -damit die Grundlage des Arguments vertauscht und der einzige -in Frage stehende Punkt aufgegeben wird. Niemand leugnet -diese offenbar feststehende Thatsache: aber die Frage ist ja, ob -eine gewisse Menge von Anpassungen in dem einen Gebiet -der Natur einen anderen und besseren Beweis für die Zwecksetzung -liefern können als die Anpassungen in anderen Gebieten, -wenn doch zugestandener Maßen alle Gebiete in gleicher -Weise der Ausfluß natürlicher Kausalität sind. Und diese -Frage verneine ich, weil wir kein Mittel haben, um die Ausdehnung -zu bestimmen, in welcher der Prozeß der natürlichen -Zuchtwahl oder irgend eine andere natürliche Ursache im -Stande ist, Anpassungen der beobachtenden Art hervorzubringen.</p> - -<p>So hat man, um ein anderes Beispiel scheinbarer Zwecksetzung -aus der unorganischen Natur zu nehmen, behauptet, -daß die Zusammensetzung der Atmosphäre offenbar den Zweck -hat, das pflanzliche und tierische Leben zu unterhalten. Aber -bevor man diesen Schluß aus den Thatsachen ziehen kann, -muß man zeigen, daß das Leben unter keinen anderen stofflichen -Bedingungen existieren könnte als die sind, welche die -Zusammensetzung der Luft aus ihren Elementen darbietet. -Das zu zeigen, ist aber offenbar unmöglich. Im Gegenteil,<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> -das Leben kann thatsächlich auf anderen Himmelskörpern unter -gänzlich anderen Bedingungen der Atmosphäre bestehen; und -die Thatsache, daß auf diesem unseren Planeten alles Leben -von den in unserer Atmosphäre vorkommenden Gasen abhängig -geworden ist, kann einfach aus der Thatsache entspringen, -daß nur das Auftreten derjenigen Lebensformen möglicherweise -erwartet werden konnte, welche sich (durch natürliche -Zuchtwahl oder andere natürliche Ursachen) diesen besonderen -Gasen anpassen konnten, — gerade so wie im kleineren Verhältnis -nur jene Lebensformen, welche ihren besonderen Standorten -in der Meeresbucht angepaßt waren, möglicherweise in -den vorliegenden Verhältnissen erwartet werden konnten. Wenn -man nun derartig zeigen kann, daß eine Reihe von so zahlreichen -und feinen Anpassungen, wie die, von denen die Beziehungen -jeder bekannten Lebensform zu den die Atmosphäre -zusammensetzenden Gasen abhängen, nicht notwendiger Weise -die Thätigkeit irgend einer ordnenden Intelligenz fordern, — -wie ist dann der Schluß möglich, daß irgend eine weniger allgemeine -Anpassungsreihe dies fordern sollte? — so lange doch -wenigstens nicht, als jeder Fall von Anpassung, mag er nun -im letzten Grunde auf eine Zwecksetzung zurückzuführen sein -oder nicht, zunächst aus natürlichen Ursachen entspringt.</p> - -<p>Angesichts dieser Betrachtungen denke ich, ist es daher -ganz klar, daß das Argument der Teleologie, wenn überhaupt, -dann nur dadurch gerettet werden kann, daß man von der engen -Grundlage der <em class="gesperrt">einzelnen</em> Anpassungen auf das breite Gebiet -der Natur als ein Ganzes übergeht. Und hier, ich bekenne -es, gewinnt das Argument für mich ein Gewicht, welches, wenn -lange und aufmerksam erwogen, als außerordentlich bezeichnet -zu werden verdient. Denn wenn auch diese und jene besondere -Anpassung in der Natur als zunächst aus natürlichen -Ursachen entspringend betrachtet werden kann und wenn wir -auch auf Grund einer größtmöglichen Analogie zu dem Schluß -geführt werden, daß auch alle anderen derartigen besonderen -Fälle in gleicher Weise auf natürliche Ursachen zurückzuführen<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> -sind, so erhebt sich die mehr auf den „<em class="gesperrt">letzten</em>“ Grund zielende -Frage: Wie kommt es, daß alle natürlichen Ursachen -durch ihre gemeinsame Wirksamkeit eine allgemeine Ordnung -in der Natur hervorbringen? Es ist gegen alle Analogie, -wenn man annehmen will, daß ein derartiges Resultat durch -solche Mittel, wie sie der reine Zufall oder „das zufällige -Zusammentreffen von Atomen“ bieten, erreicht werden könnte. -Wir werden durch die wichtigsten Fundamentalsätze unserer -Vernunft zu dem Schluß geführt, daß es irgend eine Ursache -für dieses Zusammenwirken der Ursachen geben muß. Ich -weiß, daß dies seit den Tagen des Lucretius geleugnet worden -ist, aber das geschah nur aus Gründen des Gefühls.</p> - -<p>Es ist nicht möglich, für diese Leugnung einen Vernunftgrund -anzugeben, der nicht selbst wieder dem Gesetz der Kausalität -zuwider liefe. Ich bin mir daher dessen völlig bewußt, -daß die einzige Frage, welche hier von einem rein vernunftgemäßen -Standpunkt aus zu beantworten ist, diese ist: „Welcher -Art muß die <span class="antiqua">causa causarum</span> (die Ursache aller Ursachen) -sein?“</p> - -<p>Über diesen Punkt sind überhaupt nur zwei Hypothesen -aufgestellt worden, ich halte es aber auch für unmöglich, noch -irgend eine dritte zu erdenken. Von diesen beiden Hypothesen -ist die älteste und die natürlich am nächsten liegende die einer -<em class="gesperrt">geistigen</em> Zwecksetzung. Die andere Hypothese verdanken -wir den weitreichenden Gedanken Herbert Spencers. Im siebenten -Kapitel seiner „<span class="antiqua">first principles</span>“ führt er aus, daß -alle Kausalität unmittelbar aus dem Dasein als solchem folgt, -oder, wie er es ausdrückt, daß „die Gleichförmigkeit des Gesetzes -unabweislich aus der Erhaltung der Kraft folgt“: denn -„wenn in zwei beliebigen Fällen völlige Übereinstimmung besteht, -nicht nur zwischen jenen völlig klaren Antecedentien (vorhergehenden -Vorgängen), welche wir als die Ursachen erkennen, -sondern auch zwischen jenen begleitenden Antecedentien, welche -wir die Bedingungen nennen, dann können wir nicht annehmen, -daß die Wirkungen verschieden sein werden, es müßte denn<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> -sein, daß entweder irgend eine neue Kraft ins Dasein getreten -wäre oder daß irgend eine alte Kraft aufgehört hätte zu wirken. -Wenn die zusammenwirkenden Kräfte in dem einen Fall -denen im andern gleich sind in Bezug auf Verteilung und -Stärke, dann ist es unmöglich zu begreifen, weshalb die Wirkung -bei ihrer vereinten Thätigkeit in dem einen Fall anders -sein sollte als in dem anderen, man müßte dann denken, daß -eine oder mehrere von den Kräften sich der Quantität nach -verstärkt oder abgeschwächt haben, dann aber wäre die Kraft -als nicht beharrend zu denken.“</p> - -<p>Diese Erklärung der Ursächlichkeit als unmittelbarer Ausfluß -des Daseins ist nun für uns einmal als Theorie der -Kausalität und dann wegen ihrer Beziehung zum Theismus -von Interesse. Als Theorie der Kausalität hat sie nicht den -Beifall der Mathematiker, Naturforscher und Philosophen gefunden, -die führenden Männer aller dieser Wissenschaften haben -ihr ausdrücklich widersprochen, während meines Wissens kein -Vertreter derselben zu ihren Gunsten gesprochen hat.<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a></p> - -<p>Aber dieser Umstand geht mich eben nichts an; denn -selbst zugegeben, daß die Theorie voll und ganz eine Erklärung -der Ursächlichkeit bietet, so würde sie doch nicht genügen, um -die harmonische Beziehung der Ursachen zu einander oder die -Thatsache zu erklären, mit der allein wir uns jetzt beschäftigen. -Dies wird von dem anonymen Autor „Physikus“ nicht beachtet, -der in seiner „Unbefangenen Prüfung des Theismus“ -großes Gewicht auf Spencers Theorie der Kausalität legt,<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> -insofern sie den Theismus stürze oder wenigstens die Notwendigkeit -der theistischen Hypothese abschwäche, weil sie eine -volle Erklärung der Naturordnung auf rein natürlichem Boden -liefere. Aber er unterläßt die Bemerkung, daß Spencers -Theorie, selbst wenn man zugiebt, daß sie alle Thatsachen der -Ursächlichkeit voll und ganz erklärt, doch in keiner Weise den -Kosmos erklärt, in welchem diese Thatsachen auftreten. Es -mag wahr sein, daß die Ursächlichkeit von der Erhaltung der -Kraft abhängt; es folgt aber daraus nicht, daß alle Kraftäußerungen -aus diesem Grunde so auftreten müssen, wie sie -gerade auftreten. Denn wenn wir irgend eine Reihe von natürlichen -Ursachen rückwärts verfolgen, so finden wir bald, daß -sie sich nach allen Seiten in ein Netzwerk von natürlichen Beziehungen -ausbreiten, die buchstäblich sowohl im Raum (Bedingungen) -als auch in der Zeit (vorhergehende Ursachen) unbegrenzt -sind. Wenn wir nun auch annehmen, daß die Erhaltung -der Kraft eine hinreichende Erklärung für das Zustandekommen -der besonderen Folgewirkung ist, soweit es sich um die Äußerung -von Kraft handelt, so sind wir doch noch so weit wie -je davon entfernt, erklären zu können, weshalb diese Kraft -gerade für den besonderen Kanal, in dem sie fließt, bestimmt ist. -Es mag durchaus wahr sein, daß die Resultierende (d. h. die -aus vorhergehenden Ursachen, den Komponenten, sich ergebende -Wirkung oder Kraft. — Der Übersetzer) nach Größe und -Richtung durch die Komponenten bestimmt wird, aber wie -steht es mit Größe und Richtung der Komponenten selbst? -Wenn gesagt wird, daß sie ihrerseits durch das Zustandekommen -der vorhergehenden Systeme [von Ursachen] bestimmt -werden, wie steht es dann mit diesen Systemen? Und so -geht es weiter, bis wir uns in dem schon erwähnten, unbegrenzten -Netzwerk verlieren. Nur wenn wir den Ursprung -aller Reihen aller dieser Systeme wüßten, dann könnten -wir in der Lage sein zu sagen, daß eine entsprechende Intelligenz -durch Berechnung den Zustand eines jeden Teils des -Universums in einem gegebenen Zeitpunkt vorher bestimmen<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> -konnte. Da aber die Reihen sowohl nach Zahl wie nach -Ausdehnung unbegrenzt sind, so kann man von einer solchen -Kenntnis natürlich überhaupt gar nicht reden. Überdies, selbst -wenn dies als möglich gedacht werden könnte, so könnte es -nur auf Kosten der Annahme eines Ursprungs der natürlichen -Ursächlichkeit in der Zeit geschehen; und dies läuft auf die -Annahme eines Zustands der Dinge hinaus, der vor einer -solchen Ursächlichkeit lag und aus dem letzteren entsprang. -Dies heißt aber eine übernatürliche Quelle der natürlichen -Kausalität annehmen; und ob nun diese Annahme mit Bezug -auf ein natürliches Ereignis gemacht wird, welches unter -unmittelbarer Beobachtung stattfand (und dies wäre ein -Wunder), oder mit Bezug auf ein natürliches Ereignis in der -Vergangenheit oder endlich mit Bezug auf den Ursprung aller -natürlichen Ereignisse, — so ist sie doch in gleicher Weise -unvereinbar mit jeder Theorie, welche eine rein natürliche -Erklärung des Universums als Ganzes zu geben versucht. -Kurz, es ist die alte Geschichte von einem Strom, der sich -nicht über seine Quelle erheben kann. Die natürliche Ursächlichkeit -kann nicht dazu verwendet werden sich selbst zu erklären, -und die bloße Erhaltung der Kraft kann, selbst wenn -sie zugestandenermaßen zur Erklärung besonderer Fälle einer -natürlichen Folgenreihe genügte, kein zureichender Grund für -die allgegenwärtige und ewige Leitung der Kraft bei dem -Aufbau und der Erhaltung der Weltordnung sein.</p> - -<p>So werden wir also zu der Anerkennung getrieben, daß -uns die Theorie des Theismus die einzige wirkliche Erklärung -der Weltordnung bietet. Das soll besagen: durch kein logisches -Kunststück können wir uns dem Schluß entziehen, daß -diese Weltordnung, so weit unser Verständnis reicht, irgend -einem sie ergänzenden Prinzip den Ursprung verdanken muß, -und daß das letztere, so weit wir sehen können, höchst wahrscheinlich -geistiger Natur sein muß. Zum wenigsten aber muß -zugegeben werden, daß wir die Weltordnung unter keinem -<em class="gesperrt">anderen</em> Gesichtspunkt <em class="gesperrt">begreifen</em> können, und daß, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> -irgend eine besondere Anpassung in der organischen Natur -nach unserem Dafürhalten auf eine solche Thätigkeit hinweist, -die Gesamtsumme aller Anpassungen in dem Universum dies in -noch unvergleichlich höherem Maße thun muß. Ich werde -indessen hierbei nicht verweilen, da dies schon von einigen -modernen Schriftstellern und mit besonderer Überzeugungskraft -von Baden Powell erörtert worden ist. Ich will nur -bemerken, daß wir bei der Darstellung dieses Arguments zu -Gunsten des Theismus meines Erachtens nicht von „Naturgesetzen“ -zu sprechen brauchen. Wir brauchen uns nur auf -die [großartige] allgemeine Thatsache zu berufen, daß die Natur -ein geordnetes System ist und daß die in ihr beobachtete -Ordnung durchaus universal, von ewiger Dauer und unendlich -exakt ist; denn nur dann, wenn dies der Fall ist, ist es -begreifbar, daß eine Erfahrung für uns möglich ist oder daß -wir eine Erkenntnis erlangen können.</p> - -<p>Nachdem ich nun möglichst nachdrücklich festgestellt habe, -daß nach meiner Meinung eine andere Erklärung der allgemeinen -Naturordnung weder begriffen noch aufgestellt werden -kann als die, welche auf eine Intelligenz als höchste leitende -Ursache zurückgeht, werde ich zu zwei anderen Fragen übergehen, -die unmittelbar aus dieser Erklärung entspringen. Die -erste von diesen Fragen bezieht sich auf den mutmaßlichen -Charakter jener höchsten Intelligenz, insofern durch unsere -Naturbeobachtung irgend welche Anhaltspunkte für denselben -zu gewinnen sind; die andere Frage ist die nach der streng -formalen Überzeugungskraft irgend welcher Schlüsse mit Bezug -auf die Existenz oder den Charakter solch einer Intelligenz.<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> -Ich werde diese beiden Fragen getrennt betrachten.</p> - -<p>Wenn wir zu dem Schluß gelangt sind, daß die einzige -Hypothese, welche eine Erklärung der allgemeinen Naturordnung -zuläßt, die ist, daß sie aus einer Ursache geistiger Art<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> -entspringt, — so stehen wir vor der Thatsache, daß diese Ursache -himmelweitverschieden von allem sein muß, was wir -von dem Geist in uns selbst erkennen. Und alsbald entdecken -wir, daß diese Verschiedenheit nicht bloß dem Grade nach, -mag dies noch so weit gehen, sondern auch der Art nach aufgefaßt -werden muß. Mit anderen Worten: wenn wir auch -schließen können, daß die nächste Analogie für den <span class="antiqua">causa -causarum</span>, die uns die Erfahrung bietet, der menschliche Geist -ist, so müssen wir doch sagen, daß diese Analogie in allen -grundlegenden Punkten so fern liegt, daß sich die Frage erhebt, -ob wir der Wahrheit wirklich sehr viel näher kommen, -wenn wir sie aufrecht halten. So ist z. B., wie Spencer -festgestellt hat, unsere einzige Vorstellung von dem, was wir -als Geist in uns selbst erkennen, die Vorstellung von einer -Reihe von Bewußtseinszuständen. Aber er fährt fort: „nimm -eine Reihe von Bewußtseinszuständen als Ursache und das -sich entwickelnde Universum als Wirkung, und dann bemühe -dich einmal das letztere als aus dem ersteren entspringend zu -erkennen. In etwas unklarer Weise kann ich mir wohl vorstellen, -daß eine Reihe von Bewußtseinszuständen für irgend -eine der Bewegungen, die ich vor sich gehen sehe, das Antecedens -(Vorhergehende) ist; denn meine eigenen Bewußtseinszustände -sind oft indirekt die Antecedenten solcher Bewegungen. -Aber wie steht es, wenn ich versuche an eine solche Reihe als -Antecedens <em class="gesperrt">aller</em> Wirkungen im ganzen Universum zu -denken ....? Wenn wegen der Unbegrenztheit der überall -stattfindenden natürlichen Veränderungen „ein Geist als vorhanden -begriffen werden muß“, „unter der Gestalt einfacher -Kräfte“, dann folgt doch daraus, daß der Geist, um derartig -begriffen zu werden, aller Eigenschaften, durch welche er (beim -Menschen. — Der Übs.) gekennzeichnet wird, entkleidet werden -muß; ein Begriff aber, der so aller seiner kennzeichnenden -Eigenschaften entkleidet wird, verschwindet in sich: — das -Wort „Geist“ steht dann also da als eine unbekannte Größe“. -Und mehr noch, „wie soll man es sich denken, daß der<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> -schöpferische Geist Zustände durch Naturkörper hervorbringt, -die ihm gegenüber objektiv sind, daß er zwischen diesen Zuständen -unterscheidet, daß er sie als ähnlich oder unähnlich -klassifiziert und daß er <em class="gesperrt">ein</em> objektives Resultat dem anderen -vorzieht?“<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a>.</p> - -<p>Ohne diese Gedanken weiter auszuführen, was sich unschwer -in Bezug auf jede wesentliche Seite menschlicher Psychologie -machen ließe, können wir es als unfraglich ansehen, -daß der göttliche Geist, wenn er wirklich vorhanden ist, so -wesentlich vom menschlichen Geist verschieden sein muß, daß -es unlogisch ist, die beiden mit demselben Namen zu bezeichnen: -die Eigenschaften der Ewigkeit und Allgegenwart genügen an -sich ja schon, um einen solchen Geist in eine besondere Kategorie -zu stellen, die gänzlich verschieden von allem ist, was -das Analogon unsers eignen Geistes uns, wenn auch nur -dunkel, je begreiflich machen könnte. Und ganz dasselbe behaupten -ja auch die Theologen. „Gottes Gedanken“, sagen -sie, „sind höher als unsere Gedanken, und ein Gott, der für -unsere Intelligenz faßbar wäre, würde überhaupt kein Gott -sein“. Das mag ja ganz richtig sein, allein wir müssen uns -dann doch sagen, daß wir in demselben Maße, wie uns das -Verständnis des göttlichen Geistes verschlossen ist, auch unfähig -sind nach den vom menschlichen Geist gebotenen Analogieen -irgend welche Schlüsse auf seine Natur zu ziehen. Die -Theorie hört auf anthropomorphistisch, ja sogar anthropopsychisch -zu sein, sie hat mit dem Begriff des Geistes nur -noch in sofern etwas zu thun, als er am besten eine vorläufige, -faßbare Rechenschaft von der Naturordnung giebt, indem sie -(in dem weltschöpferischen Geist — D. Ü.) einige Fähigkeiten -des menschlichen Geistes als vorhanden aber unendlich vergrößert -annimmt, zugleich aber auch alle wesentlichen Bedingungen -vernichtet, unter denen allein diese Fähigkeiten, soweit<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> -wir wissen, existieren können. Es ist klar, daß eine -Aussage von einem solchen Geist logisch unmöglich ist. Wenn -er existiert, dann ist seine Existenz unbegreiflich, und es ist -ausgeschlossen, daß wir ihm irgend welche Eigenschaften zuschreiben -dürfen.</p> - -<p>So viel von der allgemeinen Grundlage (der Annahme -eines dem Menschengeist ähnlichen Schöpfergeistes — D. Ü.). -Wenn wir nun zu Einzelheiten übergehen, so wollen wir mit -den Vertretern der natürlichen Theologie annehmen, daß solch -ein Geist existiert, daß er dem menschlichen Geist in soweit -ähnelt, als er eine selbstbewußte, persönliche Intelligenz ist -und daß sich die Fürsorge eines solchen Geistes über alle seine -Werke erstreckt. Selbst auf Grund dieser Annahme begegnen -wir einer Menge von bedeutsamen und allgemeinen Thatsachen, -welche anzeigen, daß dieser Geist doch noch als seinem -„Ebenbild“ im Geist des Menschen augenscheinlich sehr unähnlich -betrachtet werden muß. Ich will mich hier nicht auf -die Thatsache berufen, daß es in der Natur ein unnützes und -zweckloses Handeln giebt, weil man dem meines Erachtens -sehr wohl ein anderes aus der Anschauung der Natur als -Ganzes entnommenes Argument entgegenhalten kann — daß -nämlich die Natur als Ganzes ein geordneter Kosmos ist und -daß daher das, was uns im Einzelnen als unnütz und zwecklos -erscheint, in Bezug auf das große System der Dinge als ein -Ganzes nicht zwecklos sein mag. Zweifelhaft aber ist es mir, -ob man dann weiterhin dieses letztere Argument demgegenüber -anführen darf, daß in der Natur offenbar das fehlt, was -man beim Menschen „Moralität“ nennt. Denn in dem menschlichen -Geist ist das Gefühl für Recht und Unrecht — mit -allen jenen Affekten, die es begleiten und bilden: Liebe, Sympathie, -Gerechtigkeit u. s. w. — ein so wichtiger Faktor, daß -wir uns, wie groß auch die intellektuelle Seite des menschlichen -Geistes gedacht werden mag, doch kaum dabei die moralische -Seite so augenscheinlich verdunkelt denken könnten, daß -sie in der Schöpfung eines solchen Werkes aufgehen sollte,<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> -wie wir es in der irdischen Natur finden. Es ist unnütz -unsere Augen vor dem Zustand der Dinge, der uns hier begegnet, -zu schließen. Die meisten Beispiele spezieller Zwecksetzung, -auf welche sich die Vertreter der natürlichen Theologie -beziehen, um die intelligente Natur der „ersten“ Ursache zu -beweisen, haben als Ziel oder Gegenstand die Strafe eines -schmerzreichen Todes oder die Flucht vor grausamen Feinden, -aber gerade in dieser Hinsicht ist das Argument zu Gunsten -der intelligenten Natur der „ersten“ Ursache ein Argument -gegen ihre Moralität. Wenn wir wiederum die engere Grundlage -verlassen, auf welcher das teleologische Argument früher -ruhte, und es auf die breitere Grundlage der Natur als ein -Ganzes stellen, so ist es kaum weniger unvereinbar mit der -Moralität jener Ursache; denn wir sehen, daß die Thatsachen, -auf die ich angespielt habe, nicht nur zufälliger Natur sind -und sozusagen von entgegengesetzten Thatsachen allgemeinerer -Art ausgewogen werden, sondern daß sie augenscheinlich das -wichtigste Kennzeichen des Systems der organischen Natur als -ein Ganzes darstellen; wenn man dies aber für fraglich hält, -dann würden wir nicht mehr zu dem Schluß berechtigt sein, -daß es überhaupt ein solches System giebt.</p> - -<p>Daß die Natur an Zähnen und Klauen rot vor Blutgier -ist, das ist also ohne Frage eine Thatsache von weitgehender -und allgemeiner Bedeutung, die von jeder Theorie der Teleologie -berücksichtigt werden muß. Diese Seite unserer Frage -kann wohl kaum in stärkeren Ausdrücken wiedergegeben werden, -als es von „Physikus“<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> geschehen ist, den ich daher hier -zitieren werde:</p> - -<p>„Nehmen wir einmal an, die Gottheit sei, wie Professor -Flint behauptet, allmächtig, dann ist doch sicherlich der Schluß -im höchsten Grade berechtigt, daß ein derartiges allgemeines -Leiden, mag es auch immer bezwecken, was es will, einen unberechenbar<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> -größeren Mangel an Barmherzigkeit im göttlichen -Charakter zeigt als in irgend einem, auch dem schlechtesten, -menschlichen Charakter. Laßt uns doch einen Augenblick einhalten -und bedenken, was das Leiden in der Natur bedeutet. -Vor einigen hundertmillionen Jahren sind Millionen und -aber Millionen von Tieren zum Gefühl erwacht. Seit jener -Zeit bis zur Gegenwart muß es Millionen und aber Millionen -von Generationen von Millionen und aber Millionen von Individuen -gegeben haben. Und während dieser ganzen Zeit -von unberechenbarer Dauer hat dieses unfaßbar große Heer -fühlender Wesen in einem Zustand des unaufhörlichen Kampfes, -der Furcht, der Raubgier und der Schmerzen gelebt. Wenn -wir das Ergebnis dieser Thatsachen betrachten, so finden wir, -daß mehr als die Hälfte der Arten, welche den endlosen -Kampf überlebt haben, in ihren Lebensgewohnheiten Parasiten -geworden sind, also niedrigere und empfindungslose -Lebensformen, welche sich von höheren und empfindenden -Formen nähren: da sehen wir Zähne und Krallen, die zum -Mord gewetzt, Hacken und Saugnäpfe, die zur Qual gebildet -sind, — überall eine Herrschaft des Schreckens, des Hungers, -der Krankheit, mit strömendem Blut und zuckenden Gliedern, -mit keuchendem Atem und unschuldigen Augen, die sich trübe -in den Todesschauern grausamer Qual schließen. Will man -etwa entgegnen, daß es zur Entschädigung auch Freuden giebt? -Ich will das nicht gegen einander abwägen, die Freuden fasse -ich einfach als ebenso natürlich notwendig auf wie die -Schmerzen, einerlei ob die Entwicklung einer Zwecksetzung -entspringt oder nicht ...... Will man mir aber vielleicht -einwerfen, daß ich nicht berechtigt bin über die Zwecke des -Allmächtigen zu urteilen? Ich antworte: wenn es Zwecke -giebt, dann <em class="gesperrt">bin</em> ich auch meines Erachtens berechtigt über sie -zu urteilen; und wenn ich über Zwecke urteilen darf, falls sie -wohlthätig zu sein scheinen, dann bin ich folgerichtig gezwungen -auch über die zu urteilen, welche unbarmherzig zu -sein scheinen. Es ist auch nicht möglich, die letzteren durch<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> -den Hinweis auf die Ordnung und Schönheit als Endziel zu -mildern, wenn man weiß, daß die von dem „allmächtigen -Zwecksetzer“ angewandten Mittel so [schreckliche] gewesen sind. -Alles, was wir berechtigter Weise in dieser Sache behaupten -könnten, würde sein, daß er unseren Beobachtungen zufolge -für die Vervollkommnung der Tiere sorgt, selbst unter Hintansetzung -ihrer Lebensfreuden, ja selbst unter gänzlicher Mißachtung -ihrer Leiden. Aber dies behaupten würde doch -nur heißen die Wohlthätigkeit als eine Eigenschaft Gottes -leugnen“.<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a></p> - -<p>Dieses Räsonnement ist ebenso unanfechtbar wie klar. -Wenn wir, wie der Verfasser weiter sagt, ein Kaninchen in -den eisernen Klauen einer Falle zittern sehen und die teuflische -Natur des Wesens verabscheuen, welches sehr gut weiß, -was Schmerz bedeutet, und doch mit vollem Bewußtsein seine -ganze Erfindungsgabe anwendet, um ein so scheußlich grausames -Ding zu ersinnen, — was sollen wir dann von einem -Wesen denken, welches mit noch höheren geistigen Fähigkeiten -und mit einer unbeschränkten Fähigkeit die Mittel zur Sicherung -seiner Ziele zu wählen begabt ist und welches doch unsagbar -viele Tausende von nicht weniger teuflischen Mechanismen -ersonnen hat? Kurz, so weit uns die Natur belehren -kann und soweit die „Beobachtung reicht“, scheint es, als ob -das Natursystem, wenn es überhaupt eins giebt, die Schöpfung -eines Geistes darstellt, der sich von dem höher entwickelten -menschlichen Geist dadurch unterscheidet, daß er unermeßlich -intelligenter ist ohne auch nur annähernd so moralisch zu sein. -Und dasselbe wird durch die rohe und gar keinen Unterschied -machende Art angezeigt, in welcher die Gerechtigkeit abgemessen -wird — wenn man überhaupt sagen kann, daß dies -geschieht. Wenn wir die Bestimmtheit und Strenge, mit -welcher jedes Vergehen gegen die „Naturgesetze“ von der -Natur bestraft wird (gleichgültig, ob es auch nur aus Unwissenheit<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> -entspringt), mit der außerordentlichen Unbestimmtheit -und Laxheit vergleichen, mit welcher sie einem Vergehen -gegen die „moralischen Gesetze“ begegnet, — dann müssen -wir doch fühlen, daß <em class="gesperrt">dieses</em> System der Gesetzgebung (wenn -wir es überhaupt so nennen dürfen) gänzlich von einem verschieden -ist, welches eine irgendwie anthropopsychisch zu -nennende Intelligenz erdacht haben würde.</p> - -<p>Die einzige Antwort, welche die Vertreter der natürlichen -Theologie auf diese schwierigen Fragen noch geben könnten, -bezieht sich auf die Beschaffenheit des menschlichen Geistes. -Es wird behauptet: die Thatsache, daß dieser Geist seinem -Wesen nach eine verhältnismäßig so hohe Moralität besitze, -möchte doch wohl ein Beweis dafür sein, daß die Quelle, die -ihm den Ursprung gab, in gleicher Weise einen moralischen -Charakter habe. Dieses Argument erscheint mir jedoch fragwürdig, -denn, soviel wir wissen können, kann der moralische Sinn -dem Menschen gegeben worden sein oder sich in ihm entwickelt -haben, einfach wegen seiner Nützlichkeit für die Spezies — ganz -in derselben Weise wie die Zähne des Haifisches und das Gift -der Schlange. Wenn dem so ist, dann würde das Auftreten des -moralischen Sinnes beim Menschen nur ein weiterer Beweis -dafür sein, daß die intellektuelle Natur Gottes von seiner -moralischen wohl zu unterscheiden ist; und es scheint kein -Grund vorhanden zu sein, weshalb wir die Sache von einem -anderen Gesichtspunkt aus betrachten sollten. Die Thatsache, -daß <em class="gesperrt">uns</em> der moralische Sinn als ein so großes und heiliges -Ding erscheint, ist zweifellos (von jedem Gesichtspunkt aus) -die Folge seiner Bedeutung für die Wohlfahrt unserer Spezies. -An sich oder wie er anderen möglichen Wesen erscheint, die -gleich uns intelligent sind, aber unter anderen Lebensbedingungen -existieren, kann man dem moralischen Charakter des -Menschen nicht mehr Bedeutung zugestehen als den sozialen Instinkten -der Bienen. Ganz besonders berechtigt ist diese Erwägung -für den Fall, daß es, gemäß der theologischen Theorie -der Dinge, einen Geist außerhalb des Gebiets jener sozialen<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> -Verhältnisse giebt, aus denen sich nach der wissenschaftlichen -Entwicklungslehre der moralische Sinn in uns selbst entwickelt -hat.<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a></p> - -<p>Thatsächlich nehmen die Vertreter der natürlichen Theologie -in dieser Frage einmal an, daß die erste Ursache wenn -intelligent auch moralisch sein müsse, ferner aber sehen sie -nicht die außerordentlich große logische Schwäche des Arguments, -durch welches sie ihre Annahme aufrecht erhalten -wollen. Es möchte doch sicherlich eine ganz ebenso anthropomorphistische -Vorstellung sein, wenn man Gott Moralität -zuschreiben wollte, als wenn man ihm jene Empfänglichkeit -für sinnlichen Genuß zuschreiben wollte, mit der die -Griechen ihre Gottheiten ausstatteten. Die Gottheit mag -doch wohl am Ende über dem einen wie über dem anderen -hoch erhaben stehen — oder wir müssen vielleicht richtiger -sagen, sie steht dem einen so fremd gegenüber wie dem -anderen. Ohne daß sie übermoralisch und noch weniger -unmoralisch ist, mag sie wohl ohne Moral sein: unsere Begriffe -von Moralität möchten wohl auf Gott angewendet -keinen Sinn haben.</p> - -<p>Wenn wir nun aber auf der einen Seite dies sagen -müssen, so müssen wir andererseits, denke ich, konsequenter -Weise zugeben, daß das Argument vom Bau des menschlichen -Geistes viel gewichtiger wird, wenn man von dem moralischen -Gefühl zu den religiösen Instinkten übergeht. Denn einerseits -sind diese Instinkte nicht von so offenkundigem Nutzen<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> -für die Spezies wie diejenigen der Moralität; und andererseits -scheinen sie, obwohl sie ohne Frage außerordentlich allgemein, -ausdauernd und kräftig sind, nicht irgend einem „Ziel“ -oder „Zweck“ in dem System der Dinge zu dienen, wenn -wir nicht die Theorie derjenigen über sie annehmen, in denen -sie am stärksten entwickelt sind. Hier haben wir meines Erachtens -ein Argument von berechtigter Kraft, obwohl Mill, -wie es scheint, diese Meinung nicht teilte. Ich glaube, -daß dieses Argument deshalb eine berechtigte Kraft besitzt, -weil die religiösen Instinkte des Menschengeschlechts, wenn -sie nicht auf eine Realität als ihr Objekt hinweisen, verglichen -mit allen anderen Instinkten ohne jedes Analogon sein -würden.</p> - -<p>Sonst treffen wir im Tierreich nirgends einen Instinkt -an, der nicht auf ein Ziel hinweist, und insofern ist die Thatsache, -daß der Mensch, wie man gesagt hat, ein „religiöses -Tier“ ist, — d. h. daß er eine Art eigentümlicher Gefühle -aufweist, die auf besondere Ziele gerichtet sind und die mit -dem wahren Instinkt sehr nahe verwandt, wenn nicht identisch -sind, — meiner Meinung nach ein berechtigtes Argument für -die Realität irgend eines Objekts, auf das die religiöse Seite -der Natur dieses Wesens gerichtet ist. Ich glaube auch nicht, -daß dieses Argument von Thatsachen wie den folgenden entkräftet -wird: daß nämlich die verschiedenen Rassen des Menschengeschlechts -weit auseinandergehende, intellektuelle Vorstellungen -von dem Charakter dieses Objekts besitzen; daß die -Stärke der religiösen Instinkte bei verschiedenen Individuen, -selbst derselben Rasse, höchst verschieden ist; daß diese Instinkte -durch die Erziehung außerordentlich modifiziert werden -können; daß sie sich wahrscheinlich bei keinem Individuum -entwickeln würden, wenn demselben nicht wenigstens so viel -Erziehung zu teil wird als zur Entwicklung der nötigen intellektuellen -Vorstellungen, auf die sie sich gründen, erforderlich -ist; oder daß wir ihren Ursprung mit Spencer nicht unwahrscheinlich -auf eine primitive Art der Traumdeutung zurückführen<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> -können. Denn selbst im Hinblick auf alle diese -Erwägungen bleibt doch die Thatsache bestehen, daß diese Instinkte -<em class="gesperrt">existieren</em>, und daß daher angenommen werden darf, -daß sie gleich allen anderen Instinkten eine bestimmte Bedeutung -haben, auch dann, wenn man annehmen kann, daß sie -gleich allen anderen Instinkten eine natürliche Ursache haben, -was sowohl hinsichtlich des Individuums wie auch hinsichtlich -der Rasse fordert, daß für die natürlichen Bedingungen ihres -Auftretens gesorgt sein muß, gerade so wie bei der natürlichen -Entwicklung aller anderen Instinkte. Kurz, wenn man -allgemein dafür hält, daß die tierischen Instinkte gleich organischen -Gebilden und unorganischen Systemen einen Zweck -verfolgen müssen, dann würde die religiöse Natur des Menschen -als eine Anomalie in dem allgemeinen System der Dinge -dastehen, wenn sie allein zwecklos wäre. Dies nun erscheint -mir ein kräftiger Beweis dafür zu sein, daß, wenn die allgemeine -Naturordnung einem Geist den Ursprung verdankt, der -Charakter dieses Geistes derartig ist, wie ihn sich die am -höchsten entwickelte Form der Religion vorstellt. Dieser -Schluß ist nun ohne Zweifel ganz entgegengesetzt dem, zu -welchem wir durch Betrachtung der biologischen Erscheinungen -gelangten; und dies ist ein Widerspruch, der nur durch die -Annahme gelöst werden kann, daß entweder die Natur Gott -verheimlicht, während der Mensch ihn offenbart, oder daß die -Natur Gott offenbart, während der Mensch ihn falsch darstellt.</p> - -<p>Noch eine andere Thatsache von weittragender und allgemeiner -Bedeutung weist uns die Natur auf, welche meiner -Meinung nach, falls die Naturordnung für den Ausdruck -eines intelligenten Zweckes gehalten wird, als Beweis für die -ethische Natur jenes Zweckes sehr wichtig ist. Es ist eine -Thatsache, welche meines Wissens noch von keinem anderen -Schriftsteller beachtet worden ist; da es aber eine der allgemeinsten -Thatsachen innerhalb der empfindenden Schöpfung -ist, welche auch nicht eine einzige Ausnahme gestattet, so kann<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> -ich ihre Bedeutung als Argument gar nicht nachdrücklich genug -hervorheben. Diese Thatsache ist, wie ich sie bei einer früheren -Gelegenheit festgestellt habe, folgende: „Unter all' den -Millionen von Mechanismen und Instinkten im Tierreich giebt -es kein einziges Beispiel eines Mechanismus oder Instinkts, -der bei einer Spezies zum ausschließlichen Vorteil einer anderen -Spezies aufträte, obwohl es einige wenige Fälle giebt, -in denen ein Mechanismus oder Instinkt, der für seinen Besitzer -von Vorteil ist, auch von anderen Spezies sich nutzbar -gemacht worden ist. Nun ist es der Theorie einer wohlthätigen -Zwecksetzung unmöglich zu erklären, warum es, wenn -alle Mechanismen derselben Spezies unabänderlich zu Gunsten -jener Spezies in Korrelation stehen, niemals eine solche Korrelation -zwischen den Mechanismen verschiedener Spezies giebt, -oder warum dies auch für die Instinkte gilt. Denn welch' -ein großartiges Schauspiel göttlicher Barmherzigkeit würde -die organische Natur geboten haben, wenn alle, oder auch nur -einige Spezies in solche Beziehung zu einander gesetzt worden -wären, daß sie sich in ihren gegenseitigen Bedürfnissen aushelfen -könnten. Die organischen Spezies könnten dann einer -unzähliger Schar von Stimmen verglichen werden, die alle -in einen harmonischen Lobpsalm einstimmen. Aber wie es -nun einmal ist, sehen wir keine Spur einer solchen Koordination; -jede Spezies steht für sich und für sich allein — eine -Folge des stets und überall grimmig wütenden Kampfes ums -Dasein“.<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a></p> -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p> -<p>Die soeben festgestellte weittragende und allgemeine Thatsache -ist nach meiner Meinung das wichtigste Argument zu -Gunsten der Darwinschen Theorie von der natürlichen Zuchtwahl, -und aus ihr können wir den wahrscheinlichen Grund -erkennen, warum sie [die Thatsache] so ist, wie sie ist, so weit -es sich um die Frage nach ihrer natürlichen Ursache handelt. -Aber wenn es sich um die Frage handelt: was sollen wir, -vorausgesetzt, die natürliche Kausalität entspränge im letzten -Grunde einem Geist, von dem Charakter des Geistes sagen, -welcher sich dieser Methode der Kausalität bedient? — Dann -kommen wir wieder zu der Antwort, daß dieser Geist, so weit -wir es nach einer gewissenhaften Prüfung dieser Thatsachen beurteilen -können, nicht derartig ist, daß wir ihn wie beim Menschen -moralisch nennen würden. Natürlich mag hinter den Naturerscheinungen -eine moralische Rechtfertigung stecken, so daß -wir nach diesen Erscheinungen zu urteilen nur sagen können, -daß er [nämlich der Geist], weil er eine Methode der natürlichen -Kausalität wählte, welche zu diesen Resultaten führte, -bei uns, wie oben erwähnt, den Anschein erweckt hat, als -sorge er für die Vervollkommnung der Tiere unter Ausschluß -ihrer Freuden, ja sogar unter gänzlicher Mißachtung ihrer -Leiden.</p> - -<p>Endlich ist noch eine Wahrheit von Bedeutung, die in -Erörterungen dieser Art nur zu oft unberücksichtigt bleibt, — -da nämlich alle unsere Räsonnements einen sich nach unserem -Wissen richtenden Charakter haben, so sind unsere Schlußfolgerungen -proportional unserer Unwissenheit unsicher; und -da unsere Unwissenheit hinsichtlich der von uns erörterten -Fragen unermeßlich groß ist, so sind alle Schlüsse, die wir -haben ziehen können, wie Bischof Butler sagen würde, „unendlich -prekär.“ Oder, wie ich diese formale Seite der Frage -früher bei einer Diskussion mit Professor Asa Gray über das<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> -teleologische Argument ausdrückte: — „Ich denke, man wird -doch wohl zugeben, daß die Stärke eines Schlusses von der -Zahl, der Bedeutung und der Bestimmtheit der dabei mitspielenden -bekannten Dinge und Verhältnisse abhängt, verglichen -mit der Zahl, Bedeutung und Bestimmtheit der dabei -mitspielenden unbekannten, aber hergeleiteten Dinge und Verhältnisse. -Wenn dem so ist, so sollten wir logischer Weise -vorsichtig sein, wenn wir von dem Natürlichen auf das Übernatürliche -schließen: denn wenn wir auch das ganze Gebiet -der Erfahrung, aus dem wir einen Schluß ziehen, vor uns -haben, so sind wir doch nicht im stande die Wahrscheinlichkeit -des Schlusses abzumessen, — da die unbekannten Verhältnisse -hier eingestandener Maßen nach Zahl, Bedeutung und Grad -der Bestimmtheit unbekannt sind: der ganze Kreis menschlicher -Erkenntnis ist unzureichend, um eine Parallaxe zu gewinnen, -durch welche man die erforderlichen Messungen anstellen und -das Verhältnis zwischen den bekannten und den unbekannten -Begriffen bestimmen kann. Anders ausgedrückt können wir -sagen: — wie sich unsere Kenntnis eines Teils zu unserer -Kenntnis eines Ganzen verhält, so verhält sich unser Schluß -aus jenem Teil zur Realität jenes Ganzen. Wer kann daher, -selbst auf dem Boden der Hypothese des Theismus, sagen, -daß unsere Schlüsse oder die „Idee des Zweckes“ irgend einen -Sinn haben würden, wenn sie auf den „All-Erhalter“ angewendet -werden, dessen Gedanken nicht unsere Gedanken sind.“<a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a> -Und natürlich lassen sich, <span class="antiqua">mutatis mutandis</span> dieselben Bemerkungen -auf alle Schlüsse anwenden, die eine negative Tendenz -haben.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ein</em> Ergebnis der ganzen Erörterung erscheint mir also -zu sein, daß der Einfluß der Naturwissenschaft auf die natürliche -Religion stets ein zerstörender gewesen ist. Schritt für -Schritt hat sie den scheinbaren Nachweis einer direkten oder -speziellen Zwecksetzung in der Natur zurückgedrängt, bis nunmehr<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> -dieser Nachweis nur allein noch auf der einen gewaltigen -und allgemeinen Thatsache beruht, daß die Natur als -Ganzes ein Kosmos ist. Es ist offenbar unmöglich, daß sich -der zerstörende Einfluß der Naturwissenschaft noch weiter als -bis hierhin erstrecken wird, da die Naturwissenschaft selbst nur -auf dieser Thatsache als Grundlage bestehen kann. Aber wenn -wir zugeben, daß diese gewaltige und allgemeine Thatsache, — -welche für unsern Intellekt überwältigend sein müßte, wenn -sie uns ihrer Alltäglichkeit wegen nicht so vertraut wäre, — -die Thätigkeit eines Geistes in der Natur offenbart, so merken -wir sofort, daß es unmöglich ist den etwaigen Charakter eines -solchen Geistes zu bestimmen, selbst wenn wir annehmen, daß -er existiert. Wir können nicht begreifen, daß er irgend eine -der Fähigkeiten besitzen sollte, welche ganz besonders das kennzeichnen, -was wir in uns selbst als Geist erkennen; und daher -ist das Wort „Geist“, auf jene vermeintliche Thätigkeit angewandt, -ein <span class="antiqua">x</span>, eine unbekannte Größe. Und dann, wenn wir -auch diese Schwierigkeit nicht berücksichtigen und annehmen, -daß es auf die eine oder andere für uns unbegreifliche Weise -einen Geist giebt, der über dem menschlichen Geist so hoch -erhaben ist, wie dieser über der mechanischen Bewegung, so -treffen wir doch noch auf einige gar gewaltige und allgemeine -Thatsachen in der Natur, welche entschieden darauf hinzudeuten -scheinen, daß diesem Geist, wenn er existiert, die moralischen -Empfindungen des Menschen teilweise oder gänzlich -fehlen; während andererseits das religiöse Verlangen des -Menschen selbst den entgegengesetzten Schluß rechtfertigen -möchte. Und endlich haben wir im Hinblick auf den ganzen -Gang dieser Untersuchung gesehen, daß man auch nicht die -geringste meßbare Wahrscheinlichkeit hinsichtlich ihrer Schlußfolgerungen -erlangen kann. Nach alle dem erscheint die natürliche -Religion heutzutage lediglich als ein System von intellektuellen -Widersprüchen und moralischen Schwierigkeiten; -und wenn wir an sie mit den größten von allen Fragen -herantreten: „Giebt es ein Wissen bei dem Allerhöchsten?“,<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> -„Sollte nicht der Richter der ganzen Welt recht richten?“, -— so ist die einzig klare Antwort, welche wir erhalten -und die uns aus der Tiefe unseres eignen Herzens zurückschallt: -„Als ich dies bedachte, war es zu schmerzlich für -mich.“</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Chap_III" id="Chap_III">III.</a> -<br /> -Notizen zu einem Werke: „Eine unbefangene -Prüfung der Religion“ von Metaphysikus. -</h2> -</div> -<h3>Einleitung des Herausgebers.</h3> - - -<p>Zu den Notizen, die alles enthalten, was George Romanes -für sein Werk: „Eine unbefangene Prüfung der Religion“ -schreiben konnte, ist nur noch wenig als Einleitung -hinzuzufügen; dies wenige aber muß die Gedankenkluft -zwischen den vorstehenden Abhandlungen und den Notizen -überbrücken, welche die Geistesrichtung, die Romanes zuletzt -vertrat, näher beleuchten.</p> - -<p>Am schärfsten kommt der antitheistische Zug jener Abhandlungen -wohl darin zum Ausdruck, daß in ihnen auf den -von der Natur gelieferten oder doch angenommener Maßen -gelieferten Beweis gegen den Glauben an Gottes Güte ganz -besonders Nachdruck gelegt wird.</p> - -<p>Über dieses Geheimnis, das wohl zu verwirren im Stande -ist, hat George Romanes offenbar noch mehr sagen wollen, -er wurde aber durch den Tod daran verhindert.<a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> Wir können<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> -indes berichten, daß er im Jahre 1889 in einer in der „Aristoteles-Gesellschaft“ -verlesenen Schrift „über den Beweis der -Zwecksetzung in der Natur“ dem Argument, daß die Art und -Weise der natürlichen Entwicklung im Licht ihrer Ergebnisse -beurteilt werden muß, mehr Bedeutung als früher einräumt. -Diese Schrift war ein Teil eines Tischgesprächs. S. Alexander -hatte früher in einer Schrift gegen die Hypothese der -Zwecksetzung in der Natur gesprochen, weil die herrliche Ordnung -in der Natur nur durch Verwüstung und Massen-Opfer -erreicht würde. Dieses Argument wurde unter Hinweis auf -augenscheinlich „schlechte Anpassungen“, zwecklose Zerstörungen -u. s. w. entwickelt, welche die Naturprozesse kennzeichnen. -Darauf antwortet Romanes, daß dies notwendigerweise zu -dem als natürliche Zuchtwahl anzusehenden Prozeß gehört. -Die Frage ist nur: ist dieser Prozeß an sich mit der Hypothese -der Zwecksetzung unvereinbar? Er antwortet verneinend.</p> - -<p>„Die herrliche Ordnung in der Natur wird nur durch -Verwüstung und Massen-Opfer erreicht.“ Zugegeben! aber -wenn „Verwüstung und Massen-Opfer“ als Ursache zu einer -„herrlichen Ordnung in der Natur“ als Wirkung führen, wie -kann man dann sagen, daß „Verwüstung und Massen-Opfer“ -ein Mißgriff gewesen sind? Oder wie kann man es als -Thatsache hinstellen, daß wirklich Verwüstung und Opfer stattgefunden -haben? Offenbar kann man das nur dann sagen, -wenn wir unser Augenmerk allein auf die Mittel (nämlich die -Massenvernichtung der den Lebensbedingungen weniger angepaßten -Wesen) nicht aber auf das richten, was schon innerhalb -der Grenzen der menschlichen Beobachtung unzweifelhaft als -der Endzweck erscheint (nämlich als das Kausalergebnis eine -sich immer mehr vervollkommnende Welt von Lebensformen). -Ein Kandidat, der im Staatsexamen durchfällt, weil er zufällig<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> -einer der weniger passenden ist, ist ohne Zweifel, bezüglich -seiner eigenen Karriere ein Beispiel des Mißerfolges, aber -man darf daraus nicht folgern, daß die Prüfung dabei ihren -Endzweck verfehlte, den nämlich, die besten Männer für den -Staatsdienst zu gewinnen. Und die Thatsache, daß dies allgemeine -Ergebnis aller individuellen Mißerfolge in der Natur -das sichert, was Alexander „die herrliche Ordnung der Natur“ -nennt, zeigt entschieden, daß der <span class="antiqua">modus operandi</span> an sich kein -Fehler bezüglich dessen war, was wir, wenn es überhaupt -eine Zwecksetzung in der Natur giebt, als das höhere Ziel -dieser Zwecksetzung betrachten müssen. Daher können Fälle -von individuellen oder anderen relativen Mißerfolgen nicht als -Beweis gegen die Hypothese einer derartigen Zwecksetzung benutzt -werden. Die Thatsache, daß das allgemeine System der -natürlichen Kausalität möglicher Weise zu einer „herrlichen -Ordnung der Natur“ führt, braucht an sich noch nicht der -Hypothese von der Zwecksetzung in der Natur entgegen zu -stehen, selbst wenn diese Kausalität fortwährend die Ausscheidung -der weniger passenden Formen bewirken sollte.<a name="FNAnker_38_38" id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a></p> - -<p>Nach meinem besten Wissen und Gewissen ist also dieses -Argument des Mißerfolges, des Probierens ins Blaue hinein, -des blinden Zutappens, oder in welchen andren Ausdrücken -es sonst noch dargestellt wird, nur gegen die Theorie anwendbar, -auf welche Alexander anspielt, wenn er von einem -„Zimmermanns-Gott“ spricht, d. h. wenn es in der Natur -überhaupt eine Zwecksetzung giebt, so muß sie überall spezifiziert -sein, so daß ihr Nachweis sich eben so gut in dem -kleinsten Bruchstück der Natur — wie z. B. an einem einzelnen -Organismus oder an einer Klasse von Organismen —, -wie auch bei der Betrachtung des ganzen Kosmos führen läßt. -Die Beweisführung zu Gunsten einer Zwecksetzung in diesem -Sinne, ist, wie ich durchaus zugebe, durch den Nachweis der<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> -natürlichen Zuchtwahl gänzlich zu Schanden gemacht. Aber -dies hat die sich nun erhebende, viel wichtigere Frage in ein -um so helleres Licht gesetzt, nämlich die: liegt in der Methode -der Kausalität auf die Natur als Ganzes angewandt irgend -etwas, was der Theorie einer Zwecksetzung in der Natur als -Ganzes entgegensteht?</p> - -<p>Es ist wahr, daß dieses Argument sich nicht direkt gegen -den Charakter Gottes wendet, — dessen Plan die Natur darstellt; -aber indirekt doch.<a name="FNAnker_39_39" id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a> Solch' ein Argument z. B. wie -es sich <a href="#Seite_66">Seite 66</a> befindet: Wenn wir ein Kaninchen sehen, -..... scheint nur dann Beweiskraft zu haben, wenn wir uns -„Gott als Zimmermann“ vorstellen. Wahrscheinlich fühlte -Romanes auch die Schwierigkeit, welche aus dem Gedanken -an die Grausamkeit der Natur entspringt, weniger, jemehr er -die Menschheit als den wichtigsten Teil der Natur erkannte -und je mehr er die Bedeutung des Leidens für das menschliche -Leben erfuhr (S. <a href="#Seite_124">124</a> u. <a href="#Seite_135">135</a>) und auch einen größeren Eindruck -von der positiven Gewißheit des Christentums als einer Religion -des Leidens und zugleich der Offenbarung des Gottes -der Liebe (S. <a href="#Seite_144">144</a> ff.) erlangte. Der christliche Glaube giebt -seinen Anhängern nicht nur ein Argument gegen den Pessimismus -aus allgemeinen Ergebnissen, sondern auch eine solche -Einsicht in den Charakter und das Thun Gottes, daß ihn dies -befähigt, hoffnungsvoll die überwältigenden Bedenken zu ertragen, -die aus dem Anblick des individuellen Leidens entspringen.</p> - -<p>In den letzten Jahren seines Lebens las er mit großer -Aufmerksamkeit einige Bücher über den Beweis des Christentums, -von Pascals „<span class="antiqua">Pensées</span>“ an bis auf unsere Zeit und<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> -studierte eifrig die Beweisgründe für einen Weltenplan, wie -er sich in der biblischen Offenbarung als Ganzes zeigt. Dieses -Studium offenbart sich in kurzen Bemerkungen und Hinweisen, -welche Romanes in Notizbüchern hinterlassen hat. Die -Resultate dieses Studiums werden aus den folgenden Notizen -ersichtlich sein, welche, wie ich meine Leser erinnern muß, trotz -ihres kleinen Umfangs der einzige Grund für die Veröffentlichung -dieses ganzen Buches bilden.</p> - -<p>Beim Lesen dieser Notizen wird gewiß jeder von tiefem -Bedauern ergriffen werden, daß es dem Verfasser nicht vergönnt -war sein Werk zu vollenden. Jeder Leser der folgenden -Seiten muß dessen eingedenk sein, daß er nur unvollständige -Notizen, kein vollendetes Werk vor sich hat. Dies ist -auch besonders bei einigen Stellen, die skizzenhaft und in -ihrer Behandlung unbefriedigend erscheinen mögen, sowie -endlich auch in Bezug auf Wiederholungen und Spuren der -Unzulänglichkeit zu berücksichtigen. Aber ich kann mir auch nicht -denken, daß irgend jemand diese Notizen bis zu Ende lesen -könnte, ohne mit mir darin übereinzustimmen, daß die Welt, -wenn ich sie nicht veröffentlicht hätte, das Zeugnis eines begabten -und durchaus aufrichtigen Geistes, der Gott suchte und -fand, verloren haben würde.</p> - -<p class="right"> -C. G. -</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> - - - - -<h3><a name="Motto_fuer_diese_Notizen" id="Motto_fuer_diese_Notizen">Motto für diese Notizen:</a></h3> - - -<blockquote> - -<p>„Es ist aber durchaus nichts geringes, obwohl schwer zu glauben, -das durch die astronomischen Studien in jedem Menschen ein geistiges -Organ (Auge) gereinigt und wiederbelebt wird, wenn es in den anderen -Beschäftigungen verkümmert und blind wird, obgleich es doch mehr wert -ist erhalten zu werden als tausend körperliche Augen; denn durch dieses -allein sieht man die Wahrheit. Wer nun Deine Ansicht teilt, der wird -Deinen Worten den größten Beifall schenken; wer aber hiervon noch nichts -empfunden hat, der wird natürlich annehmen, daß Du Unsinn redest, denn -einen anderen Nutzen, welcher der Rede wert wäre, sieht er nicht ein. Darum -überlege es Dir gleich, an wen von beiden Du Deine Worte richtest, — -ob Du nicht lieber weder mit dem einen noch mit dem anderen redest, -sondern die Untersuchung hauptsächlich um Deiner selbst willen führst, -ohne daß Du es einem anderen mißgönnst, wenn er davon Vorteil hat.“</p> - -<p class="right"><em class="gesperrt">Plato</em>.</p></blockquote> - -<blockquote> - -<p>„Wenn wir mit Erfolg tadeln und einem anderen seinen Irrtum -zeigen wollen, so müssen wir wissen, von welcher Seite er die Sache ansieht; -denn auf dieser Seite ist sie gewöhnlich richtig; und indem Du -dies zugiebst, zeige ihm die Seite, auf der sie falsch ist.“</p> - -<p class="right"><em class="gesperrt">Pascal</em>.</p></blockquote> - - - -<h3><a name="Bemerkung_des_UEbersetzers" id="Bemerkung_des_UEbersetzers">Bemerkung des Übersetzers.</a></h3> - - -<p>Durch die Güte des Herrn Direktor Dr. Kühne in Doberan erfahre -ich, daß die von Romanes zitierte Stelle aus Plato sich „Politeia,“ -Buch VII, Cap. 10 im Anfang findet. Plato läßt dort Sokrates von -der Astronomie und ihrem Nutzen für den Menschen reden. Ein Zuhörer -meinte dabei, die Astronomie habe für Ackerbau, Schifffahrt und Kriegskunst -Wert, weil man durch sie die Gesetze der Zeiten kennen lerne. -Sokrates lacht darüber und sagt: „Du bist ein drolliger Kerl; Du fürchtest -Dich wohl vor dem Pöbel und willst nicht etwas empfehlen, was -keinen praktischen Nutzen hat?“ — Dann folgen die obigen als Motto -gewählten Worte, die ich des besseren Verständnisses halber in fast wörtlicher -Übersetzung aus dem griechischen Original gebe. —</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p> - - - - -<h3><a name="nbsp1_Einleitung" id="nbsp1_Einleitung">§ 1. Einleitung.</a></h3> - - -<p>Vor vielen Jahren veröffentlichte ich in Trübners -„Philosophischen Abhandlungen“ einen kurzen Aufsatz betitelt: -„Unbefangene Prüfung des Theismus“ von Physikus. Obgleich -das Buch damals einiges Aufsehen erregte, und seitdem -eine Lebensfähigkeit gezeigt hat, welche der Verfasser nie erwartet -hätte, so ist das Geheimnis der Autorschaft dennoch -gewahrt geblieben.<a name="FNAnker_40_40" id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a> Das Geheimnis möchte ich, wenn möglich, -auch ferner bewahren; aber da es, wie ich im Folgenden -zeigen werde, in mancher Hinsicht wünschenswert ist, darzulegen, -daß beide Bücher denselben Verfasser haben, so erscheint -die gegenwärtige Schrift unter demselben Pseudonym -wie die vorhergehende.<a name="FNAnker_41_41" id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a></p> - -<p>Der Grund, warum die erste Abhandlung anonym erschien, -ist in der Vorrede zu derselben offen dargelegt worden,<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> -nämlich: damit das Räsonnement des Buches nach seinem -eignen Werte beurteilt werden möchte, unter Vermeidung des -Vorurteils, das von Seiten des Lesers so leicht entsteht, wenn -er weiß, ob der Verfasser eine Autorität ist oder nicht. Dieser -Grund besteht nach meiner Meinung noch immer in Bezug -auf jene Schrift, er läßt sich aber auch gleicherweise auf die -vorliegende Fortsetzung „eine unbefangene Prüfung der Religion“ -anwenden.</p> - -<p>Es wird sich zeigen, daß die negativen Schlüsse der -früheren Abhandlung in vielen Beziehungen durch die Resultate -reiferen Nachdenkens, wie sie in der vorliegenden dargeboten -werden, stark modifiziert worden sind. Es erscheint daher -wünschenswert, gleich von Anfang an, so weit ich es zu -beurteilen im Stande bin, zu erwähnen, daß die fraglichen -Modifikationen in keiner Weise irgend einem Einfluß von -außen her zuzuschreiben sind. Sie sind vielmehr fast ausschließlich -auf die Ergebnisse meines eignen, eingehenderen Nachdenkens -zurückzuführen, wie ich es in Kürze auf den folgenden -Seiten auseinandersetzen werde; dabei verdanke ich den persönlichen -Anregungen von Freunden gar nichts und der Lektüre -von Büchern nur wenig.</p> - -<p>Indessen werden hier eigentlich keine neuen Gedanken -dargeboten; ja, ich meine, daß es heutigen Tages unmöglich -sein würde, irgend einen Gedanken in Bezug auf Religion -auszusprechen, welcher nicht schon zu irgend einer Zeit geäußert -worden wäre. Doch kann man immer noch viel thun, um -seine Gedanken weiter zu fördern, indem man eine Sache von -anderen Gesichtspunkten aus betrachtet, und schon mehr oder -weniger vertraute Ideen auswählt oder ordnet, so daß sie zu -neuen Gedankenkombinationen ausgebaut werden können, und -dies, glaube ich, in Bezug auf den Mikrokosmos meines -eigenen Geistes in nicht geringem Maße gethan zu haben. -Aber ich bemerke dies nur, um sogleich ein Bekenntnis hinzuzufügen: -daß es mir nämlich, so weit Selbstprüfung den -Menschen führen kann, so vorkommt, als ob die Modifikationen,<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> -welche meine Ansichten seit der Veröffentlichung meiner ersten -„unbefangenen Prüfung“ erlitten haben, ebenso sehr rein logischen -Denkprozessen als auch den halb-bewußten (und daher -mehr oder weniger undefinierbaren) Einflüssen der reiferen -Lebenserfahrung zuzuschreiben seien; wie weit dies so ist, -[d. h. wie weit die Erfahrung das logische Denken beeinflußt]<a name="FNAnker_42_42" id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> -das ist selten, wenn überhaupt je, klar dargelegt, obgleich es -sich täglich in der nüchterneren Vorsicht offenbart, mit welcher -das nahende Alter den Geist beeinflußt: nicht so sehr durch -das offene Spiel von Vernunftschlüssen als vielmehr durch -heimliche Täuschung des Bewußtseins bereichern die wachsenden -Erfahrungen des Lebens und des Nachdenkens allmählich -das Urteil.</p> - -<p>Und das, man braucht es kaum zu sagen, bewahrheitet -sich besonders auf solchen Gebieten, welche das zarteste Medium -für den Fortschritt des Denkens vermittels der verhältnismäßig -plumpen Mittel syllogistischer Fortbewegung sind. -Denn je höher wir von den festen Grundlagen der Bestätigung -der Thatsachen emporsteigen, desto weniger sollten wir den -Schwingen unserer Spekulation trauen, desto mehr aber werden -wir uns auch jene praktische Weisheit intellektueller Vorsicht -oder des Mißtrauens gegen bloße Verstandesspekulationen erwerben, -und das kann nur durch Erfahrung geschehen.</p> - -<p>Am meisten ist dies daher auf solchen Gebieten des Denkens -der Fall, welche unserem sinnlichen Leben am fernsten liegen, -nämlich in der Metaphysik und Religion. Und thatsächlich -sehen wir grade auf diesen Gebieten des Denkens, daß die -Unbesonnenheit der Jugend sich am leichtesten durch die Erfahrung -des Alters lenken und leiten läßt.</p> - -<p>Indessen trotz dieses Bekenntnisses zweifle ich nicht, daß -mich auch in Bezug auf die reine und bewußte Vernunft<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> -weiteres Nachdenken befähigte, ernste Irrtümer oder wenigstens -Versehen gerade in den Grundlagen meiner „unbefangenen -Prüfung des Theismus“ zu entdecken. Ich glaube jedoch noch -heute, daß die Schlüsse aus den dort aufgezeichneten Prämissen -in völlig logischer Konsequenz folgen, so daß ich vermutlich, -so weit es sich blos um Vernunftschlüsse handelt, wohl niemals -irgend einen ernsten Irrtum entdecken werde; übrigens -ist ein solcher auch während der vielen Jahre seit der Herausgabe -des Buches von niemandem sonst gefunden worden. -Jetzt freilich sind mir zwei geradezu verhängnisvolle Versehen, -die ich mir damals zu Schulden kommen ließ, ganz klar. Das -erste war, daß ich auf dem Gebiet so hoher Abstraktionen ein -ganz ungehöriges Vertrauen auf bloße Vernunftschlüsse, mochten -sie auch aus gesunden Prämissen abgeleitet worden sein, setzte. -Der andere Fehler war der, daß ich nicht sorgfältig genug -die Grundlagen meiner Kritik, d. h. die Gültigkeit jener Prämissen, -prüfte. Ich will hier kurz diese beiden Punkte getrennt -betrachten.</p> - -<p>In Bezug auf den ersten Punkt gab es wohl niemals -einen Menschen, der in seinen Forderungen an die reine Vernunft -anspruchsvoller war als ich, — anspruchsvoller dem -Geist, doch nicht dem Buchstaben nach, und das mochte wohl -daher kommen, daß ich in steter Berührung mit der Naturwissenschaft -stand.</p> - -<p>Dabei aber erwog ich niemals, in wie großem Widerspruch -zur Vernunft eine von mir nicht ausgesprochene Voraussetzung -bei meiner früheren Beweisführung in Bezug auf -Gott selbst stand, die Voraussetzung nämlich, daß Gottes Dasein -bloß ein Problem der Naturwissenschaft sei, welches allein -durch menschliche Vernunft, ohne Bezugnahme auf des Menschen -andere und höhere Fähigkeiten gelöst werden könnte.<a name="FNAnker_43_43" id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a></p> -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p> -<p>Der zweite Punkt ist von noch größerer Wichtigkeit, weil -er, wenn überhaupt, so doch selten als solcher erkannt wird.</p> - -<p>Zu der Zeit, als ich die „unbefangene Prüfung“ schrieb, -wurde es mir klar, daß die ganze Frage des Theismus seitens -der Vernunft auf die Frage nach dem Wesen der natürlichen -Kausalität hinausläuft. Meine Theorie der natürlichen Kausalität -gehorchte dem Gesetz der Sparsamkeit,<a name="FNAnker_44_44" id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a> indem sie Alles -in das Sein als solches auflöste, aber andererseits irrte sie, indem -sie nicht in Erwägung zog, ob nicht etwa höhere Ursachen -notwendig sind, um geistliche („<span class="antiqua">spiritual</span>“) Dinge zu erklären, -d. h. ob das Urwesen nicht doch wenigstens ebenso -hoch stehen müßte wie die Vernunft und der Geist des Menschen, -d. h. höher als irgend etwas, was blos physikalisch oder -mechanisch ist. Die Voraussetzung, daß es so sein muß, verletzt -nicht das Gesetz der Sparsamkeit.</p> - -<p>Reine Agnostiker sollten das religiöse Bewußtsein der -Christen als eine Erscheinung erforschen, die möglicherweise, -wie die Christen es ja auch selbst glauben, göttlichen Ursprungs -ist. Und das kann geschehen, ohne daß man dabei irgendwie -auf die Frage nach der objektiven Gültigkeit der christlichen -Dogmen eingeht. Die christliche Metaphysik könnte in der -That falsch sein, und doch kann der Geist des Christentums -seinem innersten Wesen nach, wahr sein, d. h. er kann das -höchste und beste Geschenk von oben sein, das dem Menschen -je gegeben worden ist.</p> - -<p>Mein gegenwärtiger Zweck ist also wie Sokrates nicht -irgend ein philosophisches System oder sogar ein positives -Wissen mitzuteilen, sondern einen Zustand des Geistes (<span class="antiqua">mind</span>) -zu schildern, welchen ich <em class="gesperrt">reinen Agnostizismus</em> nennen -möchte, um ihn von dem zu unterscheiden was man gewöhnlich -Agnostizismus nennt.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p> - - - -<h3><a name="Erklaerung_der_Ausdruecke_und_des_Zwecks" id="Erklaerung_der_Ausdruecke_und_des_Zwecks">Erklärung der Ausdrücke und des Zwecks -dieser Abhandlung.</a></h3> - - -<p>[Um Romanes zu verstehen, muß man den folgenden -Paragraphen volle Aufmerksamkeit zuwenden, vor allem -auch dem Umstand, den er nicht besonders erwähnt, daß er -das Wort „Vernunft“ („<span class="antiqua">reason</span>“) (S. p. <a href="#Seite_94">94</a>) in fast demselben -Sinn gebraucht wie Kidd kürzlich in seiner „sozialen Entwicklung“: -nämlich in eingeschränkterem Sinn als gleichbedeutend -mit dem „Prozeß naturwissenschaftlicher Schlußfolgerung.“ -Seine Meinung läßt sich daher kurz so aussprechen: Naturwissenschaftliche -Schlußfolgerungen können keine befriedigenden -Gründe für den Glauben an Gott finden. Aber der reine -Agnostiker muß bekennen, daß sich Gott durch andere Mittel -als durch naturwissenschaftliche Schlußfolgerungen offenbart -haben kann. Da die Religion für den ganzen Menschen bestimmt -ist, so können vielleicht alle menschlichen Fähigkeiten -erforderlich sein, um Gott zu suchen und zu finden, d. h. Gemütsbewegungen -und Erfahrungen von besonderer Art, die -jenseits der Vernunft liegen. Der „reine Agnostiker“ muß -bereit sein, Beweise jeder Art entgegen zu nehmen. — Der -Herausgeber.]</p> - -<p>Es ist wünschenswert, daß man sich über den Sinn, in -dem ich gewisse Ausdrücke und Redewendungen durchweg gebrauche, -völlig klar werde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p> - - -<h4>Theismus.</h4> - -<p>Ich werde oft sagen „nach der Theorie des Theismus“, -„vorausgesetzt, daß der Theismus wahr ist“ u. s. w.</p> - -<p>Mit solchen Wendungen meine ich immer Folgendes: -„Zum Zweck der Beweisführung vorausgesetzt, daß der menschliche -Geist dem wahren Begriff des höchsten Wesens dann am -nächsten kommt, wenn er sich ein unbegreiflich verschönertes -Bild vom Menschen selbst auf seiner höchsten Stufe macht.“</p> - - -<h4>Christentum.</h4> - - -<p>Ähnlich ist es mit dem Ausdruck: „vorausgesetzt, daß -das Christentum wahr ist“; ich meine damit: „zum Zweck -der Beweisführung vorausgesetzt, daß das christliche System -als Ganzes von dem ersten Aufdämmern im Judentum bis -zu seiner Entwicklung in der Jetztzeit die höchste Offenbarung -ist, die eine persönliche Gottheit der Menschheit von sich selbst -gewährt hat“. Ich will damit die Stellung des reinen -Agnostizismus gegenüber besonderen christlichen Dogmen, auch -z. B. gegenüber der Fleischwerdung, kennzeichnen.</p> - -<p>Sollte man einwenden, daß ich das Christentum überhaupt -nicht genügend untersuche, wenn ich irgend ein bestimmtes -christliches Dogma unentschieden lasse, so antworte -ich: Nein, durchaus nicht! Ich schreibe keine theologische, -sondern eine philosophische Abhandlung und werde das Christentum -nur als eine der vielen Religionen, wenn auch natürlich -als die letzte und höchste, untersuchen. Von dem Gesichtspunkt -aus ist das Christentum der höchste Ausdruck der Entwicklung -auf diesem Gebiete des menschlichen Geistes; aber -mich geht hier selbst das so wichtige kirchliche Dogma von -der Fleischwerdung Gottes in Christo nichts an. Für den -Zweck dieser Abhandlung mag dieses Dogma wahr sein oder<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> -nicht. Die wichtigste Frage für uns ist vielmehr die: Hat -Gott durch die Vermittlung unserer religiösen Instinkte gesprochen? -Dies wird notwendiger Weise die Frage einschließen, -ob oder wie weit es in Bezug auf das Christentum einen objektiven -Beweis dafür giebt, daß Gott im alten Testament -durch den Mund heiliger Männer, wie es solche seit dem Bestehen -der Welt gab, gesprochen habe.</p> - -<p>Diese Frage wird uns aber nur deshalb beschäftigen, -weil es eine Frage des objektiven Beweises dafür ist, ob und -wie weit die religiösen Instinkte jener Männer oder jenes -Menschengeschlechts so hoch über denen anderer Menschen oder -Geschlechter standen, daß sie dadurch befähigt waren, zukünftige -Ereignisse religiösen Charakters zu prophezeien. Und ob in -diesen letzten Tagen Gott durch seinen eingebornen Sohn geredet -hat oder nicht, — das ist kein Gegenstand für unsre -Untersuchung, das ist nur insoweit eine Frage für uns als wir -die höhere Art religiöser Wunder, welche sich unstreitig an die -Geburt und Person Jesu knüpften, untersuchen müssen. Die -Frage, ob Jesus Gottes Sohn war, ist logisch gesprochen nur -eine Frage der Ontologie, welche wir als reine Agnostiker -nicht berühren dürfen.</p> - -<p>Anderwärts aber müßte ich zeigen, daß es von meinem -Standpunkt aus, gegenüber der grundlegenden Frage, ob -Gott überhaupt durch die religiösen Instinkte der Menschen -gesprochen hat, sehr wohl sein mag, daß Christus nicht Gott -war und dabei doch die höchste Offenbarung von Gott gegeben -hat. Wenn der „erste Adam“ allegorisch war, warum -nicht auch „der zweite?“ Es ist sicherlich eine historische -Thatsache, daß der „zweite Adam“ existiert hat, warum nicht -auch der erste? Und was die Äußerungen Christi über seine -eigene Person betrifft, so ist das Alles nicht unvereinbar mit -der Annahme, daß er Gabriel und Sein h. Geist Michael<a name="FNAnker_45_45" id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> -gewesen wäre; oder er kann ein Mensch gewesen sein, der -sich in Bezug auf seine eigene Persönlichkeit getäuscht hatte, -aber doch der Träger der höchsten Inspiration gewesen ist.</p> - - -<h4>Religion.</h4> - -<p>Unter Religion verstehe ich im Nachfolgenden jeden -Glauben an ein persönliches Wirken im Weltall, welcher stark -genug ist, um das Leben zu beeinflussen. Kein Begriff ist in -den letzten Jahren schwankender und in so verschiedenem Sinn -gebraucht worden als dieser. Natürlich kann jeder einen -Begriff in einem Sinn gebrauchen, wie es ihm beliebt; aber -er sollte dann wenigstens genau erklären, welchen Sinn er in -ihn hineinlegt. Die oben gegebene Definition scheint mir am -meisten mit dem hergebrachten Gebrauch übereinzustimmen.</p> - - -<h4>Reiner und falscher „Agnostizismus“.</h4> - -<p>Der moderne und sehr zutreffende Ausdruck „Agnostizismus“ -wird in zwei sehr verschiedenen Bedeutungen gebraucht. -Der erste, der diese Bezeichnung benutzte, Professor Huxley, -verstand darunter den Zustand vernunftmäßig begründeter -Unwissenheit über Alles, was jenseits der Sphäre der sinnlichen -Wahrnehmung liegt, — das offene Bekenntnis der Unfähigkeit, -einen festen Glauben auf irgend eine andere Basis -als sinnliche Wahrnehmung zu gründen.</p> - -<p>In diesem ursprünglichen Sinne — der nach meiner -Meinung auch der einzige philosophisch berechtigte ist — verstehe -auch ich dieses Wort. Aber in dem andern und vielleicht -auch populäreren Sinn, in welchem das Wort jetzt angewendet -wird, ist es ungefähr dasselbe, was Herbert Spencer als -Lehre vom Unerkennbaren bezeichnet. Die letztere Bezeichnung -ist philosophisch falsch, da sie eine wichtige, negative Erkenntnis<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> -einschließt, nämlich die, daß wir, wenn es einen Gott gäbe, -dies eine sicher von ihm wissen, — daß er sich <em class="gesperrt">nicht</em> den -Menschen <em class="gesperrt">offenbaren kann</em>.<a name="FNAnker_46_46" id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> Reiner Agnostizismus ist -das, was Huxley Agnostizismus nennt. Von den vielen Gelehrten, -die ich gekannt habe, war Darwin wohl der reinste -Agnostiker — nicht nur seinem Bekenntnis nach, sondern auch -in Geist und Leben. Was er in seiner Selbstbiographie<a name="FNAnker_47_47" id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a> über -das Christentum sagt, zeigt keine Gedankentiefe in Bezug auf Philosophie -und Religion. Sein Geist war dafür zu einseitig -induktiv angelegt. Aber gerade deswegen ist es um so bemerkenswerter, -daß seine Verwerfung des Christentums nicht -aus einem <span class="antiqua">a priori</span> gewonnenen Vorurteil gegen den Glauben, -etwa weil derselbe der Vernunft widerspräche, sondern -lediglich aus einem ersichtlichen moralischen Bedenken a posteriori -entsprungen ist. Faraday und andere hervorragende Gelehrte -standen so wie Darwin.<a name="FNAnker_48_48" id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a></p> - -<p>Als ein Beispiel des falschen Agnostizismus sei daran -erinnert, wie Hume seinen <span class="antiqua">a priori</span>-Beweis gegen das Wunder -führt, dies erinnert uns an die ähnliche Stellung von Naturforschern -dem modernen Spiritismus gegenüber. Ungeachtet -sie die naheliegende Analogie des Mesmerismus als ein -warnendes Beispiel vor Augen haben, so giebt es doch Gelehrte, -die hier ebenso dogmatisch sind wie die strengste Richtung -von Theologen. Ich kann, ohne zu beleidigen, Beispiele -anführen, umsomehr, da die betreffenden Männer es selbst -öffentlich behandelten; z. B. wenn N. N. sich weigerte [zu -einem berühmten Spiritisten] zu gehen, und N. N. einen -Versuch im Gedankenlesen zu machen ablehnte.<a name="FNAnker_49_49" id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> Diese Männer<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> -bekannten alle, daß sie Agnostiker seien und setzten sich doch -zu gleicher Zeit durch ihr Betragen so schroff im Widerspruch -zu ihrer Philosophie.</p> - -<p>Ich will damit natürlich nicht sagen, daß nicht selbst bei -einem reinen Agnostiker die Vernunft durch Vorurteile beeinflußt -werden könnte: im praktischen Leben gilt, z. B. vor Gericht, -das <span class="antiqua">prima facie</span>-Motiv<a name="FNAnker_50_50" id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a> u. s. w. als Beweis, und wenn -von vornherein ein sehr hoher Grad von Unwahrscheinlichkeit -(dafür nämlich, daß Jemand irgend etwas gethan haben sollte -— der Übersetzer) vorliegt, so ist ein verhältnismäßig gewichtiges -Beweismaterial, das sich auf erfahrungsmäßige Thatsachen -gründet, nötig, um den Beweis überhaupt vollgültig -zu machen: so wäre z. B. ein stärkerer Beweisgrund nötig, -um den Erzbischof von Canterbury des Taschendiebstahls zu -überführen als einen Vagabunden. Und so ist es auch mit -der spekulativen Philosophie. Aber in beiden Fällen kennen -wir als unseren einzigen Führer nur die Analogie. Je weiter -wir uns daher von der Erfahrung entfernen, — d. h. je -weiter entfernt das betreffende Gebiet von der möglichen Erfahrung -liegt, desto weniger Wert haben vorgefaßte Mutmaßungen.<a name="FNAnker_51_51" id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> - -<p>Am weitesten entfernt von jeder möglichen Erfahrung -liegt das Gebiet des letzten Geheimnisses der Dinge, mit -welchem es die Religion zu thun hat, hier schwindet jede -Mutmaßung und der einzige vernünftige Standpunkt ist der -reine Agnostizismus. Mit andern Worten: hier sollten wir, -so weit die Vernunft mit in Betracht kommt, alle in gleicher -Weise reine Agnostiker sein, und wenn irgend einer von uns -hierin zur Gewißheit gelangen sollte, so kann dies nur durch -eine neu hinzugekommene Fähigkeit unseres Geistes geschehen.</p> - -<p>Die Fragen, mit denen sich nun diese Abhandlung hauptsächlich -beschäftigen soll, sind: ob es solche neue Fähigkeiten -giebt, und wenn dies der Fall ist, ob dann von außen her je -auf sie eingewirkt worden ist; des weiteren, in welcher Weise -dies dann geschah; dann ferner, was solche besondere -Fähigkeiten berichten, in wie weit diese Berichte glaubwürdig -sind u. s. w.</p> - -<p>Mein eigener Standpunkt nun mag hier zunächst festgestellt -werden: Ich selbst beanspruche für mich nicht irgend eine -religiöse intuitive Gewißheit, bin aber demungeachtet im -Stande, die abstrakte Logik der Sache zu erforschen. Und -wenn das auch unfruchtbare Dialektik zu sein scheint, so wird -es doch, hoffe ich, von praktischem Nutzen sein, wenn es den -Berichten unparteiisch Gehör verschafft, von welchen der größte -Teil der Menschheit ohne Frage glaubt, daß sie von solchen -zu den gewöhnlichen neu hinzugekommenen Fähigkeiten herrühren, -wie zahlreich und verschieden auch ihre Religionen -sein mögen. Ich habe in meiner Jugend eine Abhandlung -veröffentlicht („Die unbefangenen Prüfung“ u. s. w.), welche -damals viel Interesse erregte und lange vergriffen gewesen -ist. Seitdem habe ich eingesehen, daß ich bezüglich dessen, -was ich als das Hauptargument für meine negativen Schlüsse<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> -hinstellt, im Irrtum war. Ich fühle mich daher jetzt verpflichtet, -die nachfolgenden Resultate meines reiferen Nachdenkens, -von demselben Standpunkt der reinen Vernunft aus -zu veröffentlichen. Wenn ich hier auch weiter kein Licht von -Seiten der Anschauung (Intuition) bekommen habe, so doch -von Seiten des Verstandes. Wenn es wirklich eine solche -Anschauung giebt, so nehme ich in Bezug auf ihr Organ dieselbe -Stellung ein wie ein Blinder zur Lehre vom Licht. -Aber eben deshalb kann ich nicht der Parteilichkeit beschuldigt -werden.</p> - -<p>Folgendes wird wohl allgemein als richtig angenommen: -wenn jemand klar erkannt hat, daß der Agnostizismus der -einzig richtige Standpunkt der Vernunft gegenüber der Religion -sei (wie ich es im Folgenden zeigen will), so habe er -mit der Sache abgeschlossen und könne nicht weiter gehen. -Der Hauptzweck dieser Abhandlung ist nun, zu zeigen, daß -dies keineswegs der Fall ist; wer so denkt, der hat seine -Untersuchung über die Gründe und die Rechtfertigung des -religiösen Glaubens erst angefangen; denn die Vernunft ist -weder die einzige Eigenschaft, noch die einzige Fähigkeit, -welche der Mensch für gewöhnlich zur Feststellung der Wahrheit -benutzt. Moralische und geistliche (<span class="antiqua">spiritual</span>)<a name="FNAnker_52_52" id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> Fähigkeiten -sind in ihren besonderen Gebieten, auch im täglichen<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> -Leben, von nicht geringerer Bedeutung. Glaube, Vertrauen, -Geschmack u. s. w. sind bei Beurteilung von Charakter, Schönheit -u. s. w., wenn es gilt, die Wahrheit festzustellen, ebenso -wichtig wie die Vernunft. Wir können wohl sagen, daß die -Vernunft zur Erforschung der Wahrheit <em class="gesperrt">nur</em> da verwendbar -ist, wo es sich um Kausalität handelt. Die geeigneten Organe -für die Erkenntnis der Wahrheit, sofern es sich um irgend -etwas anderes als Kausalität handelt, gehören dem sittlichen -und geistlichen Gebiet an.</p> - - -<p class="tb">Herbert Spencer sagt: „Die Naturforscher können in zwei -Klassen geteilt werden; die einen — und von ihnen ist -Faraday ein gutes Beispiel — halten ihre Religion und ihre -Wissenschaft durchaus von einander getrennt und lassen sich -durch keine Widersprüche zwischen beiden beirren;<a name="FNAnker_53_53" id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a> die anderen, -die sich nur mit den Thatsachen der Wissenschaft beschäftigen, -fragen niemals darnach, welche Verwicklungen die -letzteren etwa (für den Glauben) zur Folge haben könnten. -Sei es ein Trilobit oder ein Doppelstern, — ihre Gedanken -darüber gleichen denen des Peter Bell über die Schlüsselblume“.<a name="FNAnker_54_54" id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a></p> - -<p>Beide Klassen von Männern nun verfahren folgerichtig und -logisch, da sie beide in Bezug auf ihre Religion den Standpunkt -des reinen Agnostizismus einnehmen, und zwar nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> -allein in der Theorie sondern auch in der Praxis. Was -sollen wir aber von der dritten Klasse sagen, die Spencer -unerwähnt läßt, obgleich sie, wie ich glaube, die größte ist, -nämlich die jener Naturforscher, die ausdrücklich keine Trennungslinie -zwischen Religion und Wissenschaft ziehen wollen [und -dann über Religion lediglich nach den Grundsätzen und der -Methode der Naturwissenschaft aburteilen?].</p> - -<p class="tb">Es giebt zwei entgegengesetzte Geistesrichtungen, die mechanische -(naturwissenschaftliche) und die geistliche (künstlerische, religiöse -u. s. w.) Sie können selbst bei demselben Individuum -wechseln. Ein Agnostiker im gewöhnlichen Sinn zweifelt keinen -Augenblick daran, — selbst wenn er die letztere Geistesrichtung an -sich einschneidend erfährt — daß nur die erstere des Vertrauens -wert ist. Aber ein reiner Agnostiker in meinem Sinn muß es besser -wissen, da er einsehen wird, daß in Bezug auf größere Zuverlässigkeit -zwischen jenen beiden Geistesrichtungen von einer Wahl -gar keine Rede sein kann. In der That, wenn dann einmal gewählt -werden soll, so möchte der Mystiker wegen seiner unmittelbaren -Anschauung (<span class="antiqua">intuition</span>) mehr Recht auf Glaubwürdigkeit haben.</p> - -<p class="tb">Herbert Spencer hat in der Einleitung zu seiner „Synthetischen -Philosophie“ sehr richtig gesagt, daß dort, wo die -Menschen in ihrem Denken so durchaus geteilter Meinung -sind, [die Wahrheit auf <em class="gesperrt">beiden</em> Seiten liegen muß und daß -man den] Ausgleich solcher entgegengesetzter Ansichten dann -finden wird, wenn man jenes Grundelement der Wahrheit -hervorhebt, welches auf beiden Seiten so mannigfach verschiedenen -Deutungen unterliegt. Von dem Gesichtspunkt hängt -mehr ab, als man gewöhnlich annimmt, besonders dann, wenn -noch über die ersten Prinzipien einer Sache gestritten wird. -Entgegengesetzte Seiten desselben Gegenstandes können ganz -verschiedene Ansichten darbieten! Spencer spielt hierbei besonders<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> -auf den Konflikt zwischen Religion und Naturwissenschaft -an und in demselben Zusammenhang berühre ich es hier -auch. Denn es scheint mir, nachdem ich Jahre lang über -diesen Gegenstand nachgedacht habe, daß jener Ausgleich noch -viel weiter gefördert werden kann, als es bei ihm geschehen -ist. Denn er führt ihn nur insofern herbei, als er zeigt, daß -die Religion nur aus der Anerkennung eines fundamentalen -Geheimnisses entspringt, welches die Naturwissenschaft auch -in allen ihren Grundgedanken anerkennt. Dies ist indessen -dann doch nicht viel mehr als eine platte Redensart. Daß -unsere letzten naturwissenschaftlichen Ideen (d. h. der letzte -Grund der Erfahrung) unerklärbar sind, ist ein Satz, welcher, -seit die Menschen zu denken angefangen haben, selbstverständlich -ist. Meine Absicht ist, diesen Ausgleich im einzelnen noch -weiter zu fördern, aber ohne dabei die Grundlagen der reinen -Vernunft zu verlassen. Ich will Religion und Naturwissenschaft -in ihrem gegenwärtigen hochentwickelten Zustand als -solche nehmen und zeigen, daß bei einer systematischen Prüfung -der ersteren durch die Methode der letzteren der Gegensatz -zwischen beiden nicht nur in Bezug auf ihre höchsten und -allgemeinsten Punkte aufgehoben werden kann, sondern sogar -auch in allen Einzelfragen, welche irgendwie von größerer -Wichtigkeit sind.</p> - -<p class="tb">Bei jeder methodischen Untersuchung sollte es das erste -sein, die Fundamentalprinzipien festzustellen auf welchen die -Untersuchung beruht.<a name="FNAnker_55_55" id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a> Thatsächlich ist es aber durchaus nicht -immer der Fall, daß der Forscher von vornherein jene Prinzipien -kennt, oder sie auch nur erkennen kann. In der That -werden sie oft erst am Ende der Untersuchung als Fundamental-Prinzipien -erkannt. Diese Erfahrung habe ich auch in Bezug -auf den Gegenstand der vorliegenden Untersuchung gemacht.<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> -Obgleich mein ganzes Gedankenleben sich mit dem Problem -unserer religiösen Instinkte beschäftigte, so wie mit den verschiedenen -Versuchen, welche die Menschheit gemacht hat, um -sich die Vorteile der religiösen Instinkte zu sichern, so wie -endlich mit den wichtigen Fragen nach der objektiven Berichtigung -derselben, so habe ich doch erst im vorgeschrittenen -Alter klar erkannt, worin die Fundamental-Prinzipien einer -solchen Untersuchung bestehen müssen. Und ich bezweifle es, -ob irgend jemand diesen Punkt bisher klar erörtert hat. -Diese Prinzipien betreffen das Wesen der Kausalität und des -Glaubens.</p> - -<p class="tb">Der Zweck dieser meiner Abhandlung ist nun vor allem -ein dreifacher: Ich will erstens den Agnostizismus läutern -und zweitens, reiflicher als es bis jetzt geschehen ist, von dem -Standpunkt des reinen Agnostizismus aus das Wesen der -natürlichen Kausalität, oder richtiger, die Beziehung erörtern, -in welcher das, was wir über diese Kausalität wissen, zum -Theismus steht; und drittens will ich, wieder von demselben -Standpunkt ausgehend, das religiöse Bewußtsein der Menschen -als eine Erscheinung der Erfahrung (d. h. wie wir es von -draußen her ansehen) und besonders in ihrer höchsten Entwicklungsstufe, -wie sie sich im Christentum darstellt, betrachten.</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p> - - - - -<h3><a name="nbsp3_Kausalitaet" id="nbsp3_Kausalitaet">§ 3. Kausalität.</a></h3> - - -<p>Nur weil wir mit der wichtigen Erscheinung der Kausalität -so vertraut sind, nehmen wir sie als wahr an und glauben, -daß wir eine letzte Erklärung irgend eines Phänomens -erreicht haben, wenn es uns gelungen ist, seine Ursache aufzufinden: -während es uns thatsächlich nur gelang, jenes Phänomen -in das Geheimnis aller Geheimnisse zu versenken. Ich -wünsche oft, wir könnten wie die Jungen einiger Säugetiere -in die Welt kommen, mit allen den Kräften des Verstandes, -welche wir in der Folge bei der Entwicklung erlangen, aber -ohne jede persönliche Erfahrung und daher auch ohne die abstumpfende -Wirkung der Gewohnheit. Wäre das möglich, -dann würde sicherlich nichts in der Welt unseren Verstand -mehr in Erstaunen setzen als die eine allgemeine Thatsache der -Kausalität. Daß alles, was geschieht, eine Ursache haben -muß, daß die Ursachen unabänderlich ihren Wirkungen proportioniert -sein sollen, so daß die Ursachen, wie kompliziert -auch ihre Verkettungen sind, in derselben Verkettung doch stets -die gleichen Wirkungen hervorbringen und daß dieses streng -exakte System der Energie alle Erscheinungen des Weltalls -und der Ewigkeit erklären soll, so daß z. B. die Bewegungen -des Sonnensystems im Raume durch einige Ursachen bewirkt -werden, welche jenseits des menschlichen Gesichtskreises liegen, -und daß wir wegen unserer Abstammung von wirbellosen Vorfahren -durch die Vereinigung von Billionen von Zellen entstanden -sind, von denen jede wieder Billionen eigener Ursachen<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> -haben muß, — daß dies alles sein kann, das würde uns -sicherlich als die wunderbarste Thatsache in diesem wunderbaren -Weltall geradezu ergreifen.</p> - -<p>Nur weil wir mit dieser Thatsache so sehr vertraut sind, -vergessen wir das Wunder der Kausalität so ganz, daß wir auf -das bestimmteste annehmen, wir wüßten alles über die letztere. -Die philosophische Untersuchung zeigt uns aber, daß wir, abgesehen -davon, daß das empirische Wissen darüber eine Thatsache -ist, — doch nur das eine wissen, daß unsere Kenntnis -über die Kausalität von unserer eigenen Aktivität herrührt, -wenn wir selbst Ursachen sind. Kein Ergebnis psychologischer -Analyse scheint mir sicherer als dieses.<a name="FNAnker_56_56" id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a></p> - -<p>Wenn nicht unsre eigenen Willensregungen wären, so -würden wir nicht wissen, daß das, was wir jetzt wenn nicht -bei einem selbstmörderischen Skeptizismus nicht bezweifeln -können, die allgemeinste Thatsache der Natur ist: dies scheint -mir wenigstens die bei weitem vernünftigste Theorie der Kausalität -zu sein, und sie ist auch die, welche heute von den -meisten Philosophen jeder Schule angenommen wird.</p> - -<p>Nun wird folgendes dem Laien immer klar erscheinen: -wenn der richtige Begriff der Kausalität aus unserem eigenen -Willen hergeleitet wird, — gerade so wie auch unser Begriff -der Energie aus unserem Gefühl der Anstrengung bei Überwindung -eines Widerstandes durch unseren Willen hergeleitet -wird, — dann wird vermutlich der richtigste Begriff der Kausalität -aus jener uns bekannten Daseinsform gewonnen werden -müssen, die allein uns den Begriff der Kausalität überhaupt -geben kann. Der Laie wird daraus immer den Schluß ziehen, -daß alle Energie immer die Natur der Willensenergie hat und -daß alle objektive Kausalität subjektiver Natur ist. Diese Folgerung -macht aber nicht nur der Laie, die tiefsten philosophischen<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> -Denker, z. B. Hegel und Schopenhauer, sind im wesentlichen -zu demselben Resultat gekommen, so daß wir die -nächstliegende und natürlichste Erklärung der Kausalität in -der äußeren Natur, wie sie sich im einfachen Verstand der -Wilden und der Kinder bildet, auch beim menschlichen Denken -auf seiner höchsten Höhe wiederfinden.<a name="FNAnker_57_57" id="FNAnker_57_57"></a><a href="#Fussnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> Aber das mag sein -wie es will, solche Fragen abstrakter, philosophischer Spekulation -gehen uns hier nichts an. Sie liegen jenseits unserer -Sphäre des reinen Agnostizismus. Ich erwähne sie nur, um -zu zeigen, daß es weder in der Naturwissenschaft noch in der -Philosophie der Menschheit etwas giebt, was gegen die Theorie -der natürlichen Kausalität als Wirkung eines für uns objektiven -Willens spräche. Und es ist dann wohl nicht schwer -einzusehen: wenn dies der Fall und wenn unser Wille konsequent -ist, dann müssen seine in der natürlichen Kausalität offenbarten -Wirkungen, wenn wir sie im Ganzen (also nicht stückweise -wie die Wilden) erwägen als nicht durch Willen erzeugt, -d. h. mechanisch erscheinen.</p> - -<p>Von allen philosophischen Theorien über die Kausalität -widerstreben die von Hume, Kant und Mill der Vernunft am -meisten: wenn sie auch in mancher Beziehung verschieden sind, -so stimmen sie doch darin überein, daß sie das Prinzip der -Kausalität als eine Schöpfung unseres eigenen Geistes ansehen, -oder mit andren Worten, sie läugnen alle drei, daß dem Verhältnis -zwischen Ursache und Wirkung irgend etwas Objektives -zu Grunde liege, d. h. sie leugnen gerade das, was die Naturwissenschaft -in ihren besonderen Fällen zu entdecken hat. —</p> - -<p>Der Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Religion -entstand stets auf dem gemeinsamen Boden, auf dem sie unterhandelten -oder aus einem Fundamental-Postulat beider Parteien<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> -— ohne das würde in der That ein Konflikt unmöglich -gewesen sein, weil alsdann überhaupt kein Boden für ein -Schlachtfeld vorhanden gewesen wäre.</p> - -<p>Jede These muß sich auf eine Voraussetzung gründen, wo -daher 2 oder mehrere gegnerische Thesen auf einer gemeinsamen -Voraussetzung ruhen, muß der Streit alsbald enden, -wenn diese letztere als irrig erkannt wird. Und in dem -Maße, wie die vorher gemeinsame Voraussetzung als zweifelhaft -erwiesen wird, in dem Maße wird auch der Streit seinen -realen Boden verlieren. Es ist nun einer der Hauptzwecke -dieser Abhandlung, zu zeigen, daß die gemeinsame Voraussetzung, -auf welcher der Streit zwischen Naturwissenschaft und Religion -sich erhoben hat, in hohem Grade zweifelhaft ist; und nicht -das allein, sondern daß ganz abgesehen von der modernen Naturwissenschaft, -alle Schwierigkeiten von Seiten des Verstandes -(oder der Vernunft), welche der religiöse Glaube in der Vergangenheit -je durchgefochten hat oder noch in Zukunft durchzufechten -haben kann, ob im einzelnen oder im ganzen -Menschengeschlecht, ganz ausschließlich auf demselben Boden -dieser höchst zweifelhaften Voraussetzung entstehen.</p> - -<p>Diese Voraussetzung oder das Fundamental-Postulat lautet: -Wenn es einen persönlichen Gott giebt, so ist er nicht unmittelbar -bei der natürlichen Kausalität beteiligt. Es wird -angenommen, daß er als allererste Ursache keine andere Beziehung -zu sekundären Ursachen haben kann, als daß er die -letzteren beim ersten Anfang als ein großes Maschinenwerk -von natürlicher Kausalität, das unter allgemeinen Naturgesetzen -arbeitet, in Gang gebracht hat. Allerdings, die Theorie des -Deismus, welche mehr oder weniger diese Voraussetzung eines -<span class="antiqua">Deus ex machina</span> vertritt, ist im Laufe dieses Jahrhunderts -mehr und mehr von dem Theismus verdrängt worden, welcher -auch in etwas undefinierbarer Weise die Lehre von der Immanenz -[Gottes in der Natur — Der Übersetzer] vertritt, sowie -von dem Pantheismus, welcher diese letztere Doktrin ausdrücklich -unter gänzlichem Ausschluß ihres Gegenteils aufrecht<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> -hält. Aber der Theismus hat sie bis jetzt noch nicht hinreichend -oder in dem Maße vertreten, wie es die bloße Logik -des Gegenstandes erfordert, während der Pantheismus nur -selten die gegnerische Doktrin von der Persönlichkeit — oder -die mögliche Vereinigung der Immanenz mit der Persönlichkeit -in Betracht gezogen hat.<a name="FNAnker_58_58" id="FNAnker_58_58"></a><a href="#Fussnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a></p> - -<p>Die Absicht dieses Buches ist es nun, eingehender, als es -bisher geschehen ist, die Möglichkeit dieser Vereinigung zu beweisen, -denn ich will zeigen, daß wir, wenn wir alle Vorurteile -und Gefühle bei Seite legen und der reinen Vernunft -bis zu ihrem logischen Endziel folgen, nur zu folgendem Schluß -gelangen können: <span class="antiqua">A.</span> wenn es einen persönlichen Gott giebt, -so ist kein Grund vorhanden, warum er der Natur nicht immanent -sein sollte, oder warum nicht alle Kausalität der unmittelbare -Ausdruck seines Willens sein sollte. <span class="antiqua">B.</span> jeder anwendbare -Beweisgrund führt zu dem Schluß, daß Gott wahrscheinlich -der Natur immanent ist. <span class="antiqua">C.</span> wenn das der Fall ist -und wenn sein Wille konsequent ist, so <em class="gesperrt">muß</em> alle natürliche -Kausalität notwendiger Weise als mechanisch erscheinen. <span class="antiqua">D.</span> Es -ist daher kein Beweis gegen den göttlichen Ursprung eines -Dinges, eines Ereignisses u. s. w., wenn man nachweist, daß -es natürlichen Ursachen zuzuschreiben ist.</p> - -<p>Nachdem ich in Kürze über <span class="antiqua">A</span>, <span class="antiqua">B</span>, <span class="antiqua">C</span> und <span class="antiqua">D</span> gesprochen, -will ich zeigen, daß <span class="antiqua">D</span> die praktisch wichtigste dieser vier Folgerungen -ist. Denn die Fundamentalvoraussetzung, welche -ich vorhin erwähnte, ist ihr geradezu entgegengesetzt. Ob stillschweigend -oder ausgesprochen, stets wurde bei dem Streit -zwischen Naturwissenschaft und Religion auf beiden Seiten -angenommen, daß diese oder jene Erscheinung, sobald sie durch -natürliche Ursachen erklärt worden ist, Gott nicht mehr direkt -zugeschrieben werden könnte. Der Unterschied zwischen natürlich -und übernatürlich ist auf beiden Seiten immer als unbestreitbar<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> -richtig angesehen worden und diese fundamentale -Übereinstimmung machte als Boden des Schlachtfeldes den -Kampf überhaupt erst möglich. Hierin liegt auch die Veranlassung -zu allen früheren und zu allen möglicherweise noch -kommenden Niederlagen der Religion. Die wahre Religion -zieht freilich daraus die Lehre, daß in ihrer Kampfesmethode -etwas nicht ganz richtig ist, und manche von ihren Streitern -erwachen jetzt auch zur Erkenntnis der Thatsache, daß hier ihr -Irrtum liegt — wie sie in der Vergangenheit auch ihren Irrtum -erkannten, wenn sie die Bewegung der Erde, das Alter -der Erde und die Entstehung der Arten durch Entwicklung -leugneten. Aber Niemand, selbst keiner von ihren Obersten -und Generälen, hat seinen Vorteil bis zu den äußersten Konsequenzen -verfolgt. Das will ich nun thun. Der logische -Vorteil liegt ganz klar auf ihrer Seite, und es ist ihr eigener -Fehler, wenn sie nicht den endgültigen Sieg errungen haben, -nicht allein gegenüber der Naturwissenschaft, sondern auch -gegenüber dem geistigen Dogmatismus in jeder Form. Dieser -kann auf der ganzen Linie geschlagen werden, denn die Naturwissenschaft -ist nur das systematische Studium der natürlichen -Kausalität, und wenn die Erfahrung jedes menschlichen Wesens -zu einem Dogmatismus rein geistiger Art führt, so geschieht -dies deshalb, weil es auch jenes in Frage stehende Fundamental-Postulat -vertritt. Der Einfluß der Gewohnheit und -der Mangel an Einbildungskraft ist hierbei sehr wichtig. Aber -immer sollte man als Antwort die weitere Frage erörtern: -worin besteht das Wesen der natürlichen Kausalität?</p> - -<p>Nun möchte ich die Konsequenzen dieser Antwort bis zu -ihrem letzten logischen Schluß verfolgen; denn niemand, selbst -der Rechtgläubigste, hat bis jetzt diese Lehre der Religion in -ihrer ganzen Fülle erfaßt. Man gönnt so zu sagen, soweit -es angeht, Gott seine eigene Welt nicht. So wenn man von -dem natürlichen Wachsen des Christentums aus den früheren -Religionen heraus oder von der natürlichen Verbreitung desselben -oder von der natürlichen Bekehrung des Paulus u. s. w.<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> -spricht. Man nimmt noch immer auf beiden Seiten an, daß -eine Erscheinung, um göttlich zu sein, etwas Unerklärliches oder -Wunderbares haben muß.</p> - -<p>Naturwissenschaft und Religion haben immer nur auf -dem Boden jener gemeinsamen Voraussetzung und um die Frage -gekämpft: ob die Ursache dieser oder jener Erscheinung „natürlich“ -oder „übernatürlich“ war? Denn selbst der Streit um -den Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und heiliger Schrift -dreht sich schließlich um die Annahme, daß die Inspiration -(angenommen, sie ist ächt) in Bezug auf ihre Kausalität „übernatürlich“ -ist. Man gebe nur einmal zu, daß sie „natürlich“ -ist, und jeder mögliche Grund zum Streit ist beseitigt.</p> - -<p>Ich kann es wohl verstehen, weshalb der Unglaube die -in Frage stehende, grundlegende Annahme macht, weil nämlich -seine ganze Sache auf ihr beruhen muß. Aber es ist sicher -an der Zeit, daß die Theisten diese Annahme aufgeben.</p> - -<p>Der angebliche Unterschied zwischen natürlicher und übernatürlicher -Kausalität zeigt sich ohne Zweifel schon im Aberglauben -der vorgeschichtlichen Zeit und ist in der geschichtlichen -Zeit infolge des unbestimmten Gefühls, daß Gottes Wirken -geheimnisvoll sein müsse und daß das Gebiet der Religion -daher im Übersinnlichen liege, fortdauernd angenommen worden. -Nun ist es ja nur zu wahr, daß das Endliche das Unendliche -nicht begreifen kann, daher ist dies in Frage stehende Gefühl -logisch ganz berechtigt. Aber unter dem Einfluß dieses Gefühls -haben die Menschen immer den Trugschluß gezogen, daß -eine Erscheinung, dadurch, daß sie in Ausdrücken der natürlichen -Kausalität erklärt worden ist, vollständig erklärt sei; — -dabei wird vergessen, daß sie nur insoweit erklärt worden ist, -als jene Kausalität in Betracht kommt, und daß die eigentliche -Frage nach der letzten Ursache dadurch nur aufgeschoben worden ist. -Und sicherlich liegt dahinter ein unendliches Mysterium, welches -auch den tiefsten Mystiker befriedigen muß. Selbst Herbert -Spencer giebt zu, daß alle natürliche Kausalität im letzten -Grade unerklärbar ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p> - -<p>Im Grunde genommen ist der Fortschritt der Naturwissenschaft -weit davon entfernt gewesen, die Religion zu -schwächen, er hat sie im Gegenteil außerordentlich gekräftigt; -denn er hat die Gleichförmigkeit der natürlichen Kausalität bewiesen. -Die sogenannte natürliche Sphäre ist auf Kosten der -„übernatürlichen“ gewachsen. Das ist allerdings unfraglich; -aber wenn dies auch den auf niedrigeren Kulturstufen stehenden -Menschen immer als eine der Religion feindselige Thatsache -erscheinen muß, so sollten <em class="gesperrt">wir</em> jetzt doch erkennen, daß -es gerade umgekehrt ist, weil diese Thatsache ja nur jenen in -Frage stehenden aus naivem oder unentwickeltem Verständnis -entspringenden Unterschied<a name="FNAnker_59_59" id="FNAnker_59_59"></a><a href="#Fussnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a> aufhebt.</p> - -<p>Es ist wirklich sonderbar, wie lange diese Ansicht geherrscht hat, -oder woher es kommt, daß die befähigtsten -Männer aller Generationen ruhig angenommen haben, daß wir -alles über eine Naturerscheinung wissen, wenn wir ihre natürliche -Ursache kennen, oder daß wir die Naturerscheinung damit -sozusagen ganz der Sphäre des Mysteriums entrückt hätten, -während wir sie in der That nur in ein noch viel größeres -Mysterium als vorher gesenkt haben. —</p> - -<p>Aber die Antwort auf unsre erstaunte Frage, wie diese -Ansicht so lange herrschen konnte, ergiebt sich aus der großen -Macht der Gewohnheit, welche hier die Vernunft geradezu -tot zu schlagen scheint und je mehr sich jemand mit „natürlichen -Ursachen“ beschäftigt (z. B. mit Naturforschung), desto -größer wird die Sklaverei der Gewohnheit, bis der betreffende -endlich den wirklichen Stand dieser Frage geradezu nicht mehr -zu erkennen im Stande zu sein scheint, indem er jedes vernünftige -Nachdenken darüber als phantastisch betrachtet, so daß -der Ausdruck metaphysisch selbst in seiner etymologischen Bedeutung -als übersinnlich oder jenseits der natürlichen Kausalität -liegend aufgefaßt und dadurch zu einem Ausdruck des -Tadels in Bezug auf die Vernunft wird. Offenbar hat sich<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> -solch ein Mann als ganz unfähig erwiesen, irgend eines der -höchsten Probleme, welche die Natur oder der Mensch darbietet, -vernünftig zu behandeln.</p> - -<p>Bei einer logischen, berechtigten Theorie des Theismus -kann der Unterschied zwischen „natürlich“ und „übernatürlich“, -wie er gewöhnlich gemacht wird, auf keinen Fall aufrecht gehalten -werden; denn nach jener Theorie ist alle Kausalität -nur die Wirkung des göttlichen Willens, und wenn wir dabei -irgend einen Unterschied zwischen unmittelbarer und mittelbarer -Wirkung machen wollen, so können wir dies nur -im Verhältnis zum Menschen, d. h. zu unserer Erfahrung -gelten lassen. Denn offenbar würde es mit dem reinen -Agnostizismus ganz unvereinbar sein, wollten wir annehmen, -daß wir in Bezug auf das göttliche Wirken selbst einen solchen -Unterschied machen dürfen. Selbst abgesehen von der Theorie -des Theismus muß der reine Agnostizismus anerkennen, daß -der richtige Unterschied nicht der zwischen „natürlich“ und -„übernatürlich“, sondern zwischen erklärlich und unerklärlich -ist, und jene Ausdrücke bedeuten das, was solchen Ursachen -zuzuschreiben, beziehungsweise nicht zuzuschreiben ist, die -innerhalb des Bereichs menschlicher Beobachtung liegen. Der -Unterschied liegt in Wirklichkeit also nur zwischen den der -Beobachtung zugänglichen und den ihr nicht zugänglichen -Kausalprozessen des Weltalls.</p> - -<p>Da die Naturwissenschaft wesentlich im Erklären ihre -Aufgaben findet, so ist ihre Arbeit notwendigerweise auf die -Sphäre der natürlichen Kausalität beschränkt, jenseits dieser -Sphäre (d. h. der sinnlichen) kann sie nichts erklären. Selbst -wenn sie im Stande wäre, von jedem Dinge die natürliche -Kausalität zu erklären, so würde sie doch unfähig sein, den -letzten Grund des Seins irgend eines Dinges oder einer Erscheinung -anzugeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> - -<p>Es ist nicht meine Absicht hier eine Abhandlung über -die Natur der Kausalität zu schreiben, oder die vielen Theorien -zu erörtern, welche von den Philosophen über diesen -Gegenstand aufgestellt worden sind. Dies versuchen würde in -der That nichts weniger bedeuten als eine Geschichte der -Philosophie selbst schreiben. Dennoch ist es für meinen Zweck -notwendig einige Bemerkungen hinsichtlich der hauptsächlichsten -Gedanken über diesen Gegenstand zu machen.<a name="FNAnker_60_60" id="FNAnker_60_60"></a><a href="#Fussnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a></p> - - -<h4>Die beachtenswerte Natur der Thatsachen.</h4> - -<p>Beachtenswert sind folgende Thatsachen deshalb, weil sie -bei jeder menschlichen Erfahrung zu beobachten sind. Alles, -was geschieht, hat eine Ursache. Dasselbe Ereignis hat stets -dieselbe Ursache — oder: dasselbe Konsequenz hat dasselbe -Antecedens. Einzig und allein die Vertrautheit mit dieser -bedeutsamen Thatsache bewirkt, daß darüber nicht allgemein -Verwunderung entsteht, denn ungeachtet aller Theorien über -sie hat doch noch niemand wirklich bewiesen, <em class="gesperrt">warum</em> es so -ist. Daß dieselben Ursachen stets dieselbe Wirkung haben, ist -ein Satz, der die Fundamentalthatsache unsres Wissens ausdrückt, -aber die Kenntnis dieser Thatsache ist durchaus Erfahrungssache, -wir können keinen Grund angeben, <em class="gesperrt">warum</em> es -eine Thatsache sein muß. Wenn es keine Thatsache wäre, so -würde es zweifellos keine sogenannte Naturordnung geben und -folglich auch keine Philosophie, keine Naturwissenschaft und -vielleicht (wenn die Unregelmäßigkeiten häufig genug vorkämen) -überhaupt keine Möglichkeit menschlicher Erfahrung. -Aber obgleich dies sehr leicht zu zeigen ist, so beweist es doch -keineswegs, weshalb dieselben Ursachen immer dieselben Wirkungen -haben.</p> - -<p>Daß unsere Kenntnis der in Frage stehenden Thatsache<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> -nur erfahrungsmäßig ist, ist so offenbar, daß sogar einige -unserer größten Denker, wie Mill und Hume, nicht die intellektuelle -Nötigung bemerkt haben, daß man über die erfahrungsmäßige -Kenntnis der Thatsache hinausgehen muß, um -eine Erklärung von ihr selbst zu erlangen. Daher bieten sie -der Welt eine ganz nichtssagende, oder bloß tautologische -Theorie der Kausalität, nämlich jene von der Gleichmäßigkeit -der Wirkungen im Bereich der menschlichen Erfahrung.<a name="FNAnker_61_61" id="FNAnker_61_61"></a><a href="#Fussnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a></p> - -<p>Wenn man von meiner Theorie der Kausalität sagen sollte, -daß sie das Übernatürliche und Geistige natürlich oder materiell -auffasse, wie es wohl die meisten Orthodoxen denken -werden, so lautet meine Antwort darauf: tieferes Nachdenken -wird zeigen, daß man sie wenigstens eben so gut von dem -entgegengesetzten Gesichtspunkt aus auffassen kann — nämlich, -daß sie sich das Natürliche übernatürlich vorstellt oder das -Materielle vergeistigt; und ein reiner Agnostiker sollte am -wenigsten gegen eine von diesen beiden Anschauungsweisen -etwas einwenden. Wenn die reine Vernunft bei der Sache -überhaupt etwas zu sagen hat, so sollte sie der Auffassung zuneigen, -daß meine Doktrin das Materielle vergeistigt, weil es -durchaus gewiß ist, daß wir nichts vom Wesen der natürlichen -Kausalität wissen können — eben so wenig wie von -ihrem Dasein — es sei denn, daß wir von unseren eigenen -Willensäußerungen ausgehen.</p> - - -<h4>Der freie Wille.<a name="FNAnker_62_62" id="FNAnker_62_62"></a><a href="#Fussnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a></h4> - -<p>Nachdem ich alles über den freien Willen gelesen habe,<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> -was überhaupt des Lesens wert ist, will es mir scheinen, daß -sich die Hauptergebnisse und ihre logischen Schlußfolgerungen -in folgende kurze Sätze zusammenfassen lassen:</p> - -<p>1) Ehe ein Schriftsteller sich überhaupt mit diesem Gegenstand -beschäftigt, sollte er sich des Hauptunterschieds zwischen -der bloß rechtlichen und der moralischen Verantwortlichkeit voll -bewußt werden, sonst verfehlt er den Kernpunkt der Frage. -Niemand fragt nach der offenkundigen Thatsache der <em class="gesperrt">rechtlichen</em> -Verantwortlichkeit; die Frage betrifft allein die <em class="gesperrt">moralische</em>, -und doch rührt die große Masse der Litteratur -über den freien Willen und die Naturnotwendigkeit daher, daß -die Streitenden auf beiden Seiten diesen Fundamental-Unterschied -nicht erkennen, und das passiert selbst so bedeutenden -Männern wie Spencer, Huxley und Clifford.</p> - -<p>2) Die Hauptfrage ist: ob der Wille eine Ursache hat -oder nicht. Denn wie auch immer diese Hauptfrage durch -die aus ihr entspringenden Fragen verdunkelt werden mag, -diese Folgefragen stehen und fallen mit ihr.</p> - -<p>3) Folglich: wenn die Anhänger der Willensfreiheit zugeben, -daß Kausalität und Wille zusammengehören, so geben -sie damit, so sehr sie sich auch drehen und wenden, doch ihre -Stellung auf der ganzen Linie auf, wenn sie nicht auf die -weiter zurückliegende Frage nach dem Wesen der natürlichen -Kausalität eingehen wollen. Es kann nun bewiesen werden, -daß diese weiter zurückliegende Frage wissenschaftlich nicht zu -beantworten ist. Daher können beide Parteien die natürliche -Kausalität als unbekannte Größe mit <span class="antiqua">X</span> bezeichnen.</p> - -<p>4) Daher sollten beide Parteien einsehen, daß sich die -ganze Streitfrage in die folgende zuspitzt: — Wird der Wille -durch jenes <span class="antiqua">X</span> bestimmt oder nicht? Das mag, ich gebe es -zu, als eine für eine Debatte unfruchtbare Frage erscheinen, -— aber sie bleibt doch als einzige, thatsächliche Streitfrage<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> -übrig, also noch einmal: bestimmt sich der Wille selbst oder -wird er bestimmt, nämlich von außen?</p> - -<p>5) Wenn er von außen her bestimmt wird, bleibt dann -noch irgend ein Spielraum für die Freiheit in dem Sinne, -wie es nötig ist, um die Lehre von der moralischen Verantwortlichkeit -zu retten? Ich denke, die Antwort müßte ein entschiedenes -Nein! sein.</p> - -<p>6) Aber wohl beachtet, es ist nicht ein und dasselbe, ob -wir fragen: wird der Wille nur von außen bestimmt? oder -wird der Wille nur von natürlicher Kausalität (<span class="antiqua">X</span>) bestimmt? -Denn die unbekannte Größe <span class="antiqua">X</span> kann sehr gut noch ein <span class="antiqua">X<sub>1</sub></span> -in sich schließen, wenn wir unter <span class="antiqua">X<sub>1</sub></span> alle die unbekannten -Nebeneigenschaften der einzelnen Persönlichkeit<a name="FNAnker_63_63" id="FNAnker_63_63"></a><a href="#Fussnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> verstehen.</p> - -<p>7) Daher gewinnen die Deterministen keinen Vorteil über -ihre Gegner, wenn sie den wohl möglichen (heute aber noch -unmöglichen) Nachweis dafür führen, daß alle Willensakte -von der natürlichen Kausalität bedingt werden, es sei denn, -daß sie die Natur der letzteren aufdecken und zeigen können, -daß sie ihre Schlußfolgerungen unterstützt. Soviel wir wissen -können, mag der Wille sehr wohl in dem verlangten Sinn -frei sein, selbst wenn alle seine Handlungen durch jenes <span class="antiqua">X</span> bedingt -werden.</p> - -<p>8) In Sonderheit könnte, soviel wir wissen können, alles durch -das <span class="antiqua">X<sub>1</sub></span> bedingt sein, d. h. alle Kausalität könnte die Natur des -Willens haben (wie es in der That viele Systeme der Philosophie -behaupten) und daraus würde folgen, daß jeder menschliche -Wille die Natur einer ersten Ursache hat. Zur Unterstützung -dieser Möglichkeit mag bemerkt werden, daß die meisten Philosophen -in Bezug auf das <span class="antiqua">X</span> zu der Theorie einer <span class="antiqua">causa causarum</span> -gelangt sind.</p> -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p> -<p>9) Nun liegt ein Einwand nahe, nämlich: bei einer -Mehrzahl von ersten Ursachen, von denen jede Quelle und -Ursprung eines neuen und nie versiegenden Stromes von Kausalität -wäre, müßte der Kosmos früher oder später durch die -haufenweise Kreuzung der Ströme, ein Chaos werden, die -Antwort darauf ist in der Theorie des Monismus zu finden.<a name="FNAnker_64_64" id="FNAnker_64_64"></a><a href="#Fussnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a></p> - -<p>10) Indessen bleibt noch die letzte Schwierigkeit, welche -ich in meiner Abhandlung „die Welt als ein Ejekt“<a name="FNAnker_65_65" id="FNAnker_65_65"></a><a href="#Fussnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a> geschildert -habe, aber sie verliert sich wieder in dem Mysterium -der Persönlichkeit, welche nur als eine unerklärbare und anscheinend -letzte Thatsache bekannt ist.</p> - -<p>11) So muß also die allgemeine Schlußfolgerung in der -ganzen Frage sein: — reiner Agnostizismus. —</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p> - - -<h3><a name="nbsp4_Der_Glaube" id="nbsp4_Der_Glaube">§ 4. Der Glaube.</a></h3> - - -<p>Der „Glaube“ unterscheidet sich in seiner religiösen Bedeutung -nicht allein von „Meinung“ (das heißt von einem -Glauben, der sich nur auf Vernunft gründet) dadurch, daß zu -dieser noch ein geistliches Element hinzukommt, er unterscheidet -sich auch von dem Glauben, der auf Affekten beruht, dadurch, -daß er einer aktiven Mitwirkung des Willens bedarf. So -sind also alle Seiten des menschlichen Geistes im Begriff des -Glaubens enthalten: Verstand, Gemüt und Wille. Wir -„glauben“ an die Entwicklungslehre nur aus Gründen des -Verstandes; wir „glauben“ an die Liebe unserer Eltern, -Kinder u. s. w. fast (oder gar ausschließlich) aus, ich nenne -es, geistlichen<a name="FNAnker_66_66" id="FNAnker_66_66"></a><a href="#Fussnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a> Gründen, d. h. aus Gründen der inneren -Erfahrung, denn dazu haben wir keine Ausübung weder der -Vernunft noch des Willens nötig. Aber Niemand kann an -Gott oder gar Christus glauben ohne eine ernste Anstrengung -des Willens. Dies halte ich für eine Thatsache, mag -es nun einen Gott oder Christus geben oder nicht.</p> - -<p>Man beachte es wohl, der „Wille“ ist vom „Wunsch“ -zu unterscheiden. Es ist ganz gleichgültig, was die Psychologen -darüber sagen. Ob sich der „Wunsch“ vom „Willen“ -seinem Wesen oder nur dem Grade nach unterscheidet; -ob der Wille sozusagen ein aktiver Wunsch und der Wunsch<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> -bloß ein beginnender Wille ist, das sind Fragen, um die -wir uns nicht zu kümmern brauchen, denn es giebt sicherlich -Agnostiker, welche viel lieber Theisten sein würden, und -Theisten, welche alles, was sie besitzen, hingeben würden, um -Christen sein zu können, wenn es möglich wäre, daß sie sich -diese Beförderung etwa durch Kauf, d. h. durch einen einzelnen -Willensakt, aneignen könnten. Dennoch ist ihr Wunsch -nicht stark genug, um den Willen ununterbrochen in Aktivität -zu halten, so daß er fortgesetzt die Opfer bringt, welche das -Christentum fordert. Vielleicht ist das schwerste dieser Opfer -für einen denkenden Menschen das, seinen eigenen Verstand -daranzugeben, wenigstens ist dies bei mir so der Fall. Ich -war lange gewohnt meinen Verstand als den einzigen Richter -der Wahrheit anzusehen; und während der Verstand selbst es -mir bezeugt, daß es gar nicht unvernünftig sei, wenn Herz -und Wille im Verein mit der Vernunft Gott suchen müssen, -(denn die Religion ist für den <em class="gesperrt">ganzen</em> Menschen) — — so bin ich -doch zu eifersüchtig auf meinen Verstand, um meinen Willen -in <em class="gesperrt">der</em> Richtung zu gebrauchen, in welcher es mein Herz am -sehnlichsten wünscht. Denn sicherlich ist das heißeste Verlangen -meines Herzens, daß es in seinem höchsten Streben -nicht betrogen wird. Und dennoch konnte ich mich selbst nicht -überwinden, einen Versuch zu machen und zum Glauben fortzuschreiten. -Von <em class="gesperrt">einem</em> Standpunkt aus betrachtet, scheint -es z. B. ganz vernünftig zu sein, daß das Christentum die -praktische Ausführung seiner Glaubenslehren als eine notwendige -Bedingung fordert, damit ihre Wahrheit zur Überzeugung -wird, d. h. damit man sie glaubt. Aber von einem anderen -und mir geläufigeren Standpunkt aus scheint es mir fast eine -Beleidigung der Vernunft zu sein, solch ein thörichtes Experiment -überhaupt zu machen, geradeso wie es einem Naturforscher -absurd und kindisch erscheint, daß man erwartet, er -solle die „abergläubischen“ Thorheiten des modernen Spiritismus -untersuchen. Selbst den einfachsten Willensakt in Bezug -auf Religion — nämlich das Gebet — habe ich wenigstens<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> -ein Vierteljahrhundert lang nicht ausgeübt, lediglich aus -dem Grunde, weil es mir so unmöglich schien sozusagen hypothetisch -zu beten, so daß ich mich, so sehr mich auch immer -darnach verlangt hat, beten zu können, doch nicht zu dem -Willensakt aufraffen konnte, einen Versuch damit zu machen. -Um mich in Bezug auf das, was mein besseres Urteil so sehr -oft als unvernünftig erkannt hat, selbst zu rechtfertigen, habe -ich immer verschiedene Entschuldigungen gehabt. Hauptsächlich -war es diese: Selbst wenn man das Christentum als Wahrheit -annimmt und selbst angenommen, daß ich meine Vernunft -soweit meinem Verlangen opfern könnte, daß ich die -vorausgesetzten Bedingungen erfüllt hätte, um „Gnade“ oder -unmittelbare Erleuchtung von Gott zu erlangen, — würde -sich nicht selbst dann meine Vernunft empören und an mir -rächen? Denn sicherlich würde selbst dann mein gewohnheitsmäßiger -Skeptizismus mir sagen: „Dies ist Alles sehr erhaben -und tröstlich; aber welche Gewißheit hast du, daß die -ganze Sache nicht doch eine Selbsttäuschung ist? Der Wunsch -war wahrscheinlich der Vater des Gedankens, und du würdest -deinen Willensakt besser verwendet haben, dich für irgend -eine niedrige Sache und wäre es nur ein Haschisch-Rausch, zu -begeistern?“ — Ein Christ würde natürlich darauf antworten, -daß die innere Erleuchtung einen solchen Zweifel nicht zulassen -kann, ebensowenig wie der Anblick der Sonne an dieser -zweifeln läßt, — daß Gott uns doch gut genug kennt, um -das zu verhüten u. s. w., und auch daß es unvernünftig sei, -ein Experiment deshalb nicht zu versuchen, weil sein Ergebnis -sich vielleicht als zu gut erweisen möchte, um glaubwürdig zu -sein. Ich will nicht bestreiten, daß der Christ durch eine -solche Antwort gerechtfertigt sein würde, aber ich führe die -Sache auch nur als eine Probe der Schwierigkeiten an, die -sich entgegenstellen, wenn man alle Bedingungen erfüllen will, -um zum christlichen Glauben zu gelangen, selbst wenn man -ihn für richtig hält. Andere haben ohne Zweifel andere -Schwierigkeiten, aber die meinige lag wohl hauptsächlich in<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> -meiner ungebührlichen Rücksichtnahme auf die Vernunft unter -Vernachlässigung von Herz und Willen, ungebührlich dann, -wenn das Christentum wirklich Wahrheit ist und wenn die -Bedingungen für den Glauben an dasselbe eine göttliche Verordnung -sind.</p> - -<p>Dieser Einfluß des Willens auf den Glauben, selbst in -weltlichen Dingen, ist um so stärker ausgeprägt, je weniger -diese Dinge sich vordemonstrieren lassen (wie schon bemerkt); -aber das ist am meisten dort der Fall, wo unsere persönlichen -Interessen berührt werden, mögen es materielle oder intellektuelle -sein, wie z. B. der Ruf konsequent zu sein u. s. w. -Man bedenke nur, wie sehr z. B. politische Glaubensbekenntnisse -den religiösen in den eben erörterten Beziehungen gleichen. -Wenn die Unterschiede dabei nicht der Art sind, daß die Wahrheit -auf der <em class="gesperrt">einen</em> Seite klar beweisbar ist, so daß der, -welcher ein Anhänger der gegnerischen Seite ist, dabei bewußter -Weise seine Redlichkeit dem Eigennutz geopfert haben -muß, so finden wir doch immer, daß die Parteibrille die -Dinge so färbt, daß man die Vernunft dem Willen preisgiebt, -sowie der Gewohnheit, dem Interesse und all den andern -Verhältnissen, welche in gleicher Weise auf den religiösen -Glauben einwirken. In jedem Falle scheint es nur wenig -darauf anzukommen, auf welcher Höhe von allgemeiner oder -besonderer Bildung sowie geistiger Beanlagung man steht, um -die zu beurteilende Frage zu beantworten. Vom Premierminister -bis zum Bauern finden wir dieselbe Meinungsverschiedenheit -in politischen Dingen wie in religiösen. Und in -jedem Fall ist die Erklärung die gleiche. Der Glaube ist so -wenig von der Vernunft allein abhängig, daß es in solchen -Gedankenkreisen — d. h. wo persönliche Interessen berührt -werden und die Wahrheit ihrer Natur nach nicht demonstrierbar -ist, wirklich so scheint, als ob die Vernunft aufhört -ein Richter in Bezug auf den Beweis oder der Führer -zur Wahrheit zu sein, so daß sie nur der Advokat einer -Meinung ist, die bereits auf einem anderen Grunde auferbaut<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> -wurde. Dieser andere Grund besteht, wie wir gesehen haben, -vornehmlich in den Zufälligkeiten der Gewohnheit oder der -Mode, und der Wunsch ist dann der Vater des Gedankens -u. s. w.</p> - -<p>Dies mag nun alles in Bezug auf Politik und in allen -weltlichen Dingen bedauerlich sein; aber wer will sagen, daß -es in Bezug auf den religiösen Glauben nicht so sein <em class="gesperrt">muß</em>, -wie es ist! Denn, wenn wir nicht die Frage nach einem zukünftigen -Leben mit einer nackten Verneinung abthun wollen, -so müssen wir doch wenigstens die Möglichkeit erwägen, ob -wir hier nicht in einem Zustand der Prüfung leben, und das -nicht allein bezüglich eines unbefangenen Gebrauchs unserer -Vernunft, sondern wahrscheinlich noch viel mehr bezüglich des -Gebrauchs jener anderen Seiten der menschlichen Natur, durch -welche unser Glaube in dieser wichtigsten von allen Fragen -bestimmt wird.</p> - -<p>Es ist bemerkenswert, daß es selbst in der Politik die -sittlichen und geistlichen Elemente des Charakters sind, welche -endlich zum Erfolg führen, selbst mehr als intellektuelle Fähigkeiten, -natürlich vorausgesetzt, daß die letztere nicht unter dem -etwas hohen Niveau unserer parlamentarischen Versammlungen -steht.<a name="FNAnker_67_67" id="FNAnker_67_67"></a><a href="#Fussnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a></p> - -<p>In Bezug auf die Rolle, die der Wille bei der Entscheidung -für den Glauben spielt, kann man nachweisen, wie -unbewußt groß dieselbe sogar in Dingen von weltlichem Interesse -ist. Die Vernunft ist in der That sehr weit davon -entfernt, der einzige Führer beim Urteil zu sein, wie man -gewöhnlich annimmt. Das geht thatsächlich so weit, daß das -Urteil, ausgenommen in Dingen, bei welchen der Beweis auf -der Hand liegt, (wobei es natürlich keinen Raum mehr für -irgend etwas anderes giebt) — zumeist durch Gewohnheit, -Vorurteil, Mißfallen u. s. w. soweit gefangen genommen ist,<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> -daß es den nüchternsten Philosophen überraschen würde, könnte -er sich alle die geistigen Prozesse klar machen, durch welche -der komplizierte Akt der Zustimmung beziehungsweise Abneigung -zufällig bestimmt wird.<a name="FNAnker_68_68" id="FNAnker_68_68"></a><a href="#Fussnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a> Um zu zeigen, wie wenig -die Vernunft allein bei der Entscheidung für den religiösen -Glauben zu thun hat, wollen wir einmal als Beispiel die -Mathematiker betrachten. Ich denke, sie sind das beste Beispiel, -welches wir nehmen können, weil die mathematische von -allen intellektuellen Forschungen die exakteste ist, da sie vielmehr -als alle anderen die Kräfte der Vernunft in Anspruch -nimmt, und weil deshalb auch die Männer, welche in dieser -Forschung die höchste Stufe erreicht haben, sicherlich als die -geeignetsten Vertreter der Menschheit in Bezug auf die Kraft<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> -der reinen Vernunft betrachtet werden können. Aber siehe, -jedesmal wenn sie ihre in jener Beziehung außerordentlichen -Kräfte auf die Probleme der Religion gerichtet haben, — wie -wohl erwogen sind dann bezeichnender Weise ihre entgegengesetzten -Schlüsse [keiner von beiden scheint zu irren — der -Übersetzer], so daß wir daraus nur schließen können, wie außerordentlich -wenig die Vernunft bei den geistigen Vorgängen -gilt, welche <em class="gesperrt">hier</em> das Urteil bestimmen.</p> - -<p>Wenn wir in dieser Hinsicht die größten Mathematiker -in der Weltgeschichte untersuchen, so finden wir, daß z. B. -Keppler und Newton Christen waren, daß aber andererseits -La Place ungläubig war.<a name="FNAnker_69_69" id="FNAnker_69_69"></a><a href="#Fussnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a> Oder wenn ich unsere Zeit in -Betracht ziehe und meine Aufmerksamkeit z. B. auf den Hauptsitz -der mathematischen Studiums in England richte, so ist -folgendes zu sagen: — als ich in Cambridge war, erstrahlte -in dieser Fakultät von dort aus ein solch helles Licht wie -wohl nie zuvor. Und das Merkwürdige für unseren gegenwärtigen -Zweck ist dabei, daß die Träger der berühmtesten -Namen auf Seiten der Orthodoxie standen: Sir W. Thomson, -Sir George Stokes, die Professoren Tait, Adams, Clerk — -Maxwell und Cayley — gar nicht zu nennen die weniger -bedeutenderen: Routh, Todhunter, Ferrers u. s. w. waren -alle überzeugte Christen. Clifford allein war damals gerade -von dem Extrem der Orthodoxie zu dem des Unglaubens -übergesprungen — ein vereinzeltes Beispiel, welches ich als -besonders interessant für unsern Zweck ansehe, da es den überwiegenden -Einfluß eines unnatürlich aufgeregten Charakters -gerade auf einen so außerordentlich intelligenten Mann zeigt, -denn die Vernunftmäßigkeit des ganzen Baues des christlichen -Glaubens kann ihre Pole doch nicht innerhalb so weniger<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> -Monate gewechselt haben. Nun würde es ohne Zweifel leicht -sein, wo anders als in Cambridge Mathematiker erster Größe -zu finden, welche in unserer Generation entschiedene Gegner -des Christentums sind oder gewesen sind, wenn auch sicherlich -nicht eine so große Reihe von Sternen erster Größe. Aber -sei dies wie es will, das Beispiel in Cambridge aus meiner -eignen Zeit scheint mir an sich genugsam zu beweisen, daß der -christliche Glaube durch die höchsten Kräfte der Vernunft -weder begünstigt noch geschädigt werden kann, sondern daß er -von anderen noch viel mächtigeren Faktoren abhängt.</p> - - -<h4>Glaube und Aberglaube.</h4> - -<p>Mag das Christentum wahr sein oder nicht, — zwischen -diesen beiden Begriffen bleibt doch immer ein großer Unterschied. -Denn während der Hauptbestandteil des christlichen -Glaubens ein sittliches Element ist, ist ein solches bei dem -Aberglauben nicht vorhanden. Die einzige Ähnlichkeit zwischen -beiden ist thatsächlich die, daß beide einen Geisteszustand bezeichnen, -den man eben „Glaube“ nennt. Daher kommt es, -daß beide Begriffe von Gegnern des Christentums und selbst -von Nicht-Christen so oft verwechselt werden. Der viel wichtigere -Unterschied wird nicht hervorgehoben, nämlich der, daß -der Glaube in dem einen Fall ein rein intellektueller, im andern -Fall hauptsächlich ein sittlicher ist. Wenn er nur intellektuell -aufzufassen ist, so kann der Glaube nichts anderes als -bloße Leichtgläubigkeit bei gänzlichem Mangel an Beweiskraft -sein; aber wo ein sittlicher Grund zum Glauben vorhanden -ist, da liegt der Fall natürlich ganz anders; denn selbst wenn -es einem Fernerstehenden bloße Leichtgläubigkeit zu sein scheint, -so mag dies dann daher kommen, daß jener die aus sittlichen -Thatsachen hinzukommenden Beweise nicht in Betracht zieht. —</p> - -<p>Glaube und Aberglaube werden oft verwechselt, ja sogar -identifiziert. Ohne Frage sind sie auch in einem gewissen<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> -Punkt identisch, sie zeigen nämlich, wie gesagt, beide einen -geistigen Zustand, den man eben „Glaube“ nennt. Dies -können alle Menschen erkennen, aber nicht jeder kann weiter -sehen und die Unterschiede erklären. Diese sind aber folgende: -Wenn wir annehmen, daß das Christentum wahr ist, — so -ist eben der Glaube der innere (<span class="antiqua">spiritual</span>) Beweis; wenn wir -aber annehmen, daß das Christentum falsch sei: so bleibt doch -noch ein moralischer Bestandteil im Glauben, welcher <span class="antiqua">ex hypothesi</span> -(d. h. in Folge der Voraussetzung) im Aberglauben -nicht vorhanden ist. Mit andern Worten: Glaube oder Aberglaube -ruhen beide auf einer geistigen Grundlage (was auch -bloße Leichtgläubigkeit sein kann); aber der Glaube ruht zugleich -auf einem sittlichen Grunde, selbst dann, wenn er nicht -in gleicher Weise auf einem geistigen Grunde steht. Sogar -in menschlichen Verhältnissen giebt es einen großen Unterschied -zwischen dem Glauben an eine wissenschaftliche Theorie und -dem Glauben an einen persönlichen Charakter. Der Unterschied -liegt eben darin, daß der letztere ein sittliches Element -enthält.</p> - -<p>Das „Heilen durch Glauben“ hat daher keine Ähnlichkeit -mit dem „Dein Glaube hat dir geholfen“ des Neuen -Testaments, wir müßten denn die persönlichen Unterschiede -unberücksichtigt lassen, welche zwischen einem modernen Besprecher -und Jesus Christus, die doch beide Gegenstand des -Glaubens sind, bestehen. Glaube gründet sich nicht ausschließlich -auf einen objektiven Beweis, der an die Vernunft -appelliert (Meinung), sondern hauptsächlich auf einen subjektiven -Beweis, der an eine ganz andere Fähigkeit appelliert (Vertrauen). -Ob die Christen nun bei dem, was sie glauben, -recht oder unrecht haben mögen, — ich bin so fest, wie nur -sonst von irgend etwas überzeugt, daß die von mir soeben -gegebene Begriffsbestimmung, welche sie alle für sich selbst -stillschweigend machen, logisch unanfechtbar ist; denn niemand -kann leugnen, daß es möglicher Weise ein Etwas giebt, was<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> -man ein Organ geistlicher (<span class="antiqua">spiritual</span>) Beurteilung<a name="FNAnker_70_70" id="FNAnker_70_70"></a><a href="#Fussnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> nennen -könnte. Wollte man dies leugnen, so würde man thatsächlich -die Stellung des reinen Agnostizismus <span class="antiqua">in toto</span> für falsch erklären; -und dies bleibt selbst dann so, wenn es keine objektiven -oder streng wissenschaftlichen Beweise für ein solches -Organ gäbe, wie wir sie ja aber im Leben der Heiligen, und -in geringerem Maße in der Universalität des religiösen Gefühls -haben. Giebt es nun ein solches Organ, so folgt aus -den vorhergehenden Paragraphen, daß die Hauptbeweise für -das Christentum subjektiv nicht allein sein werden, sondern -sein müssen: ich meine, sie <em class="gesperrt">müssen</em> es sein, da gemäß der -Voraussetzung des Christen das Christentum seinem Inhalt -nach eine sittliche Prüfung enthält, und da der „Glaube“ -sowohl eine Probe auf die Wahrheit ist als auch einen Lohn -in sich schließt.</p> - -<p>Manche praktischen Erwägungen entstehen daraus, z. B. die -Pflicht der Eltern, die Kinder ebensowohl in dem zu erziehen, -was sie glauben als in dem, was sie wissen. Das würde -ganz ungerechtfertigt sein, wenn Glaube dasselbe wie Meinung -wäre. Aber es ist durchaus gerechtfertigt, wenn ein Mensch -nicht allein weiß, daß er etwas glaubt (Meinung), sondern -auch glaubt, daß er etwas weiß (Glaube).<a name="FNAnker_71_71" id="FNAnker_71_71"></a><a href="#Fussnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a> Wenn sich nun -der Christ darin von dem natürlichen Menschen unterscheidet, -daß jener ein inneres (<span class="antiqua">spiritual</span>) Organ der Erkenntnis besitzt, -— vorausgesetzt daß er ehrlich glaubt, es sei so, so würde es -unsittlich von ihm sein, wenn er nicht in Übereinstimmung -mit dem handelte, was er für seine Erkenntnis hält. Diese -Verpflichtung bei der Erziehung erkennt man auch in jedem -anderen Fall an. Solch ein Mann ist moralisch im Recht, -wenn er auch geistig irrt. —</p> - -<p>Huxley sagt in seinen „Laien-Predigten“, daß der Glaube<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> -von der Wissenschaft als „Kardinalsünde“ erwiesen worden -sei. Nun, dies ist allerdings wahr in Bezug auf Leichtgläubigkeit, -Aberglauben u. s. w., und die Wissenschaft hat unendlich -viel Gutes gethan, indem sie unsere Begriffe von Methode, -Beweis &c. klarlegte. Aber dies liegt alles im Gebiet des -Intellekts. Der Glaube wird von solchen Thatsachen oder -Betrachtungen nicht berührt. Und welch eine schreckliche Hölle -würde die Wissenschaft aus der Welt gemacht haben, wenn -sie den „Geist des Glaubens“ auch in menschlichen Verhältnissen -vernichtet hätte. Huxley verfällt also in den so allgemeinen -Irrtum, daß er „Glaube“ und Meinung verwechselt.</p> - -<p>Wenn man das Christentum für wahr hält, so ist es -durchaus vernünftig, wenn der Glaube im oben schon erklärten -Sinn als eine Probe der göttlichen Gnade erklärt wird. -Wenn es überhaupt eine Scheidung der Menschen durch -Christus giebt, dann muß sich der Hauptgesichtspunkt, nach -dem diese geschieht, auf jene moralische Eigenschaft beziehen. -Niemand kann eine Offenbarung annehmen, die sich bloß an -den Intellekt des Menschen richtet, weil die Annahme derselben -alsdann nur eine Sache der Klugheit wäre, indem man -einer durch höhere Intellekte gemachten Demonstration beipflichtet.</p> - -<p>Wenn das Christentum also berechtigter Weise diese Welt -als eine Schule sittlicher Prüfung darstellt, dann können wir -in der That kein besseres und dazu passenderes System finden -als diese Welt und keinen besseren Schulmeister als das -Christentum. Dies wird nicht allein durch ein allgemeines -Räsonnement erwiesen, sondern auch durch das, was das -Christentum in der Welt geleistet hat, durch seine Anwendbarkeit -auf individuelle Bedürfnisse u. s. w. Man beachte nur -die außerordentliche Verschiedenheit der menschlichen Charaktere -in Bezug auf Sittlichkeit und geistliches (<span class="antiqua">spiritual</span>) Leben, und -doch leben alle in derselben Welt. Aus äußerlich demselben -Stoff und in derselben Umgebung entstehen so wunderbar -verschiedene Produkte, je nachdem Stoff und Umgebung verwendet<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> -werden. Selbst menschliche Leiden in ihrer schlimmsten -Gestalt können willkommen geheißen werden, wenn der Glaube -an ein solches Ziel sie rechtfertigt. Leiden drücken nicht und -Thränen haben nichts bitteres, sondern man soll sich ihrer -vielmehr freuen.<a name="FNAnker_72_72" id="FNAnker_72_72"></a><a href="#Fussnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a></p> - -<p>Es ist ferner eine Thatsache, daß es nur durch diese -Theorie der <em class="gesperrt">Prüfung</em> möglich ist, für die Welt einen Sinn, -d. h. einen vernünftigen Zweck für das menschliche Dasein zu -erkennen. Setzt man die Wahrheit des Christentums voraus, -so wird jedermann nach den Ergebnissen seiner eignen Lebensführung -gerichtet, und diese entwickelt sich aus seinem eignen -moralischen Charakter. (Dies könnte nicht so sein, wenn der -<em class="gesperrt">Entscheid</em> Sache intellektueller Begabung wäre.) Damit -ist jedoch nicht gesagt, daß die Ausübung des Willens in der -Richtung der Religion nicht einer Hilfe bedarf, um zum -Glauben zu kommen und daß dazu der eine mehr, der andere -weniger Hilfe nötig hat. Ja, es kann sogar sein, daß -manche absichtlich von jeder Hilfe ausgeschlossen sind, damit -ihre Verantwortlichkeit nicht vermehrt werde, oder daß sie nur -wenig Hilfe erfahren, so daß die Schwierigkeiten, die ihnen -aus ihrer Vernunft entspringen, für sie eine moralische Prüfung -bilden. Doch, wie dem auch sein mag, uns steht darin -sicherlich kein Richteramt zu.</p> - -<p class="tb">Es ist auch eine Thatsache, daß uns allen der Intellekt -des Menschen höher zu stehen scheint als seine Sinnlichkeit, wir -mögen über ihren Ursprung eine Ansicht haben, welche wir -wollen. Ebenso stellen wir alle in gleicher Weise die sittliche -Seite des Menschen höher als seinen Intellekt, mögen wir -sonst auch von beiden denken, was wir wollen. Es ist ferner<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> -eine Thatsache, daß wir die geistliche (<span class="antiqua">spiritual</span>) Seite höher -stellen als die sittliche, welche Theorie von der Religion wir -auch haben mögen. Die sittlichen und noch mehr die geistlichen -Eigenschaften eines Menschen sind es, welche seinen -Charakter bilden. Und es ist wunderbar, wie der Charakter -auf allen Lebenswegen schließlich doch die Hauptsache ist.</p> - -<p>Alle diese Begriffe sind klar und allgemein anerkannt, -nämlich:</p> - -<table border="0"> -<tr><td>Der Mensch hat</td> -<td style="vertical-align: middle; padding-bottom: 1em;"><span style="font-size:500%">{</span></td> -<td>Sinnlichkeit,<br /> -Intellekt,<br /> -Sittlichkeit,<br /> -<em class="gesperrt">Geist</em> (<em class="gesperrt">Seele</em>) („<span class="antiqua">spirituality</span>“). -</td> -</tr> -</table> - - -<p>Sittlichkeit und Geist sind als zwei ganz verschiedene -Dinge anzusehen. Ein Mensch kann in seinem Verhalten im -höchsten Grade sittlich sein, ohne irgendwie seiner Natur nach -geistlich gerichtet zu sein, und auch, wenn freilich in geringerem -Maße, umgekehrt. Und <em class="gesperrt">objektiv</em> erkennen wir denselben -Unterschied zwischen Moral und Religion. Unter Geist -verstehe ich die religiöse Denkart („Temperament“), mag damit -irgend ein besonderes Glaubensbekenntnis oder Dogma verbunden -sein oder nicht.</p> - -<p>Es besteht wohl kein Zweifel, daß intellektuelle Genüsse -befriedigender und nachhaltiger sind als sinnliche („<span class="antiqua">sensual</span>“) -— oder selbst nur für die Sinne erkennbare („<span class="antiqua">sensuous</span>“). -Und für die, welche sie erfahren haben, ist es ebenso sicher, -daß geistliche Genüsse über intellektuellen, künstlerischen u. s. w. -stehen. Es ist dies eine objektive Thatsache, die vollauf von -jedem bestätigt wird, der die Erfahrung gemacht hat, und sie -scheint anzuzeigen, daß die geistliche Seite des Menschen das -Höchste in ihm, der Kulminationspunkt seines Wesens, ist.</p> - -<p class="tb">Es ist vielleicht wahr, was Renan in seiner nachgelassenen -Schrift sagt, daß es immer Materialisten und Spiritualisten<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> -geben wird, insofern man immer wird beobachten -können, daß es kein Denken ohne Gehirn giebt, während -andererseits des Menschen Instinkte immer nach einem höheren -Glauben streben werden. Aber so muß es ja gerade sein, -wenn die Religion Wahrheit ist, und wenn wir hier in einer -Welt der Prüfung leben. Ist es nicht wahrscheinlich, daß -der materialistische Standpunkt (der selbst von der Philosophie -nicht mehr geachtet wird), nur einfach aus Gewohnheit und -Mangel an Einbildungskraft entspringt? Woher käme sonst -jener unausrottbare Instinkt?</p> - -<p class="tb">Es ist viel leichter nicht zu glauben als zu glauben. -Für die Vernunft liegt dies auf der Hand, aber auch für den -Geist ist es so, denn nicht zu glauben entspricht dem Einfluß -der Umgebung und der allgemeinen Gewohnheit der Menschen, -während der Glaube eine geistliche (<span class="antiqua">spiritual</span>) Übung der -Einbildungskraft fordert. Aus diesen beiden Gründen haben -sehr wenig Ungläubige für ihren Unglauben irgend eine Entschuldigung, -weder eine aus der Vernunft entspringende noch -eine geistliche.</p> - -<p>Der Unglaube stammt gewöhnlich aus Gleichgültigkeit, -oft aus Vorurteil, und ist niemals etwas, worauf man stolz -sein könnte.</p> - -<p class="tb">„Warum ist es dir so unglaublich, daß Gott die Toten -auferwecken kann?“ Ein reiner Agnostiker kann darauf offenbar -keine Antwort geben. Aber er wird natürlich sagen: -„Die Frage ist vielmehr, warum sollte es Euch glaubhaft -sein, daß es einen Gott giebt, oder wenn es einen giebt, daß -er Tote erwecken soll?“ Und ich denke, der weise Christ -wird antworten: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten -teils aus Gründen der Vernunft, teils aus innerer Anschauung -(Intuition), doch vor allem aus beiden zusammen, mein<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> -ganzer Charakter nimmt so zu sagen das ganze Lehrsystem -an, von dem die Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit -einen Hauptteil bildet.“ Dazu können wir wohl noch hinzufügen, -daß die christliche Lehre von der Auferstehung unseres -Leibes nicht deshalb aufgestellt worden ist, um den modernen -materialistischen Einwürfen gegen die Lehre von der persönlichen -Unsterblichkeit zu begegnen; daher ist es auch sicherlich -sehr wunderbar, daß diese Lehre zu jener Zeit zusammen mit -der anderen kaum weniger bezeichnenden Lehre von der Nichtigkeit -des Körpers aufgestellt worden ist. Warum sagte man -nicht, daß die Seele allein als ein entkörperter Geist leben -bleiben würde? Oder wenn die Gestalt als notwendig erachtet -wird, um den Menschen von Gott zu unterscheiden, — -daß er ein Engel sein würde? Aber, wie dem auch sei, die -Lehre von der Auferstehung ist dem materialistischen Einwurf -gegen ein zukünftiges Leben durchaus zuvorgekommen, und -hat so erst die spätere Frage hervorgerufen, mit welcher dieser -Absatz beginnt.</p> - -<p>Wir haben in der Einleitung gesehen, daß alle Hauptgrundsätze, -selbst der wissenschaftlichen Thatsachen, durch Anschauung -(Intuition), nicht durch den Verstand erkannt werden. -Keiner kann dies leugnen. Nun also, wenn es einen Gott -giebt, so gehört diese Thatsache doch sicherlich zu den ersten -aller Hauptgrundsätze. Auch dies kann niemand leugnen. -Niemand kann daher den zwingenden Schluß bestreiten, daß -dann Gott, wenn es überhaupt einen Gott giebt, erkennbar sein -muß und (wenn überhaupt erkennbar), durch Anschauung und -nicht durch Vernunft. —</p> - -<p>Es gehört wirklich nur wenig Nachdenken dazu, um zu -zeigen, daß die Vernunft ihrer eignen Natur nach unfähig ist -über diese Sache abzuurteilen, denn es ist ein Vorgang, bei -dem man das Unbekannte aus dem Bekannten ableitet. —</p> - -<p>Es wäre gegen die Vernunft selbst, wollte man voraussetzen, -daß Gott, gerade wenn er existiert, durch die Vernunft<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> -erkannt werden könnte. Er muß, wenn er überhaupt erkennbar -ist, durch Anschauung erkannt werden.<a name="FNAnker_73_73" id="FNAnker_73_73"></a><a href="#Fussnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a></p> - -<p class="tb">Man beachte, selbst wenn Gott von sich eine objektive -Offenbarung geben könnte, — d. h. wie die Christen glauben, -daß es geschehen ist, — so würde auch dies an sich noch keine Erkenntnis -von ihm bringen, ausgenommen für diejenigen, welche -die Offenbarung eben für echt halten; und ich bezweifle die -logische Möglichkeit, daß irgend welche Form objektiver Offenbarung -zu dem Glauben an sie zwingen kann. Nein, wenn -einer von den Toten auferstände, um dies zu bezeugen, so -würde er es doch nicht vermögen, und auch Flammenbuchstaben -vom Himmel könnten es nicht. Aber selbst wenn es -logisch möglich wäre, so brauchen wir diese abstrakte Möglichkeit -gar nicht in Betracht zu ziehen, da wir sehen, daß keine -solche überzeugende Offenbarung gegeben worden ist. Daher -ist die einzige berechtigte Stellungnahme der Vernunft der -reine Agnostizismus. Dies kann niemand leugnen. Aber, -wird man sagen, es besteht doch ein so großer Unterschied -zwischen unserer intuitiven Kenntnis aller anderen obersten -Grundsätze und der angeblichen Kenntnis des allerobersten -Grundsatzes, nämlich der, daß der letztere eingestandener -Maßen nicht allen Menschen bekannt ist. Gewiß, hier liegt -in der That ein großer Unterschied; aber so muß es auch sein, -wenn wir uns hier, wie erwähnt, in einem Stande der Prüfung -befinden. Daß wir uns aber in einem solchen befinden, -ist wie gesagt, nicht allein eine religiöse Hypothese, sondern -auch die allein vernünftige Auslegung sowie auch die sittliche<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> -Rechtfertigung unseres Daseins als vernünftige und sittlich-handelnde -Wesen.<a name="FNAnker_74_74" id="FNAnker_74_74"></a><a href="#Fussnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a></p> - -<p class="tb">Es ist nicht nötig, wie J. S. Mill und alle anderen -Agnostiker anzunehmen, daß, selbst wenn die innere Anschauung -göttlichen Ursprungs wäre, die so gegebene Erleuchtung -nur für den betreffenden Menschen als Beweis von Wert sein -könne. Im Gegenteil; sie kann objektiv untersucht, wenn auch -nicht subjektiv erfahren werden, und sie sollte doch auch von -einem reinen Agnostiker, der von allen Seiten Erleuchtung -ersehnt, schon deshalb untersucht werden. Selbst wenn er sie -nicht als ein Noumenon erkennt, so kann er sie doch als ein -Phänomen erforschen. Und angenommen, daß sie göttlichen -Ursprungs ist, wie es die, welche sie erfuhren, glauben, und -was zu bezweifeln er kein Recht hat, dann kann er noch mehr -Beweisgründe dagegen, daß es eine bloß psychologische Täuschung -sei, aus den übereinstimmenden Berichten aller Jahrhunderte -erlangen. Wenn z. B. ein großer Teil der Menschheit -Lichterscheinungen sehen würde, welche etwa von Magneten -ausgehen, dann würde kein Zweifel an ihrem objektiven -Vorhandensein bestehen.</p> - -<p class="tb">Das Zeugnis des Sokrates von seiner Wahrnehmung -einer inneren Stimme, welche ganz den Charakter einer Hallucination -des Gehörs hat, hat den Philosophen Anlaß zu -vielen Spekulationen gegeben.</p> - -<p>Viele Erklärungen wurden versucht, aber wenn wir uns -der kritischen Natur des Sokrates erinnern, <em class="gesperrt">der buchstäblichen -Natur seiner Lehrmethode</em> und der hohen Bedeutung, -welche nach Plato's Meinung dieser Sache zukommt, -dann scheint die Wahrscheinlichkeit dahin zu neigen, daß der<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> -„Dämon“ in dem eigenen Bewußtsein des Sokrates thatsächlich -eine Gehörempfindung gewesen ist. Mag das nun sein, -wie es will, meiner Meinung nach ist es keine Frage, daß -wir uns diese Ansicht von der Sache wenigstens so weit aneignen -dürfen, daß wir Sokrates auf gleiche Stufe mit Luther, -Pascal u. s. w. stellen können, ganz zu schweigen von der -ganzen Reihe von israelitischen und anderen Propheten, welche -übereinstimmend von einer göttlichen Stimme sprechen. —</p> - -<p>Dann aber entsteht die weitere Frage, ob wir alle diese -Männer jenen Irrsinnigen gleichstellen sollen, bei denen die -Phänomene der Gehör-Hallucinationen etwas alltägliches sind. -Diese Annahme entspricht zweifellos dem Wesen unseres Zeitalters, -einmal weil sie dem Sparsamkeitsgesetz gehorcht, und -dann, weil es <span class="antiqua">a priori</span> die Möglichkeit einer Offenbarung zurückweist. —</p> - -<p>Wenn wir aber diese Sache von dem Standpunkt des -reinen Agnostizismus betrachten, so sind wir nicht berechtigt, -eine solche grobe und schnell fertige Deutung zu geben.</p> - -<p>Angenommen, daß nicht allein Sokrates und alle großen -Religions-Reformatoren und Gründer religiöser Systeme vor -und nach ihm in gleicher Weise von einer Geisteskrankheit befallen -gewesen wären, sondern daß ähnliche Phänomene auch <em class="gesperrt">bei -allen wissenschaftlichen Entdeckern</em>: Galilei, Newton, -Darwin &c. vorgekommen wären; — angenommen, alle diese -Männer hätten erklärt, daß ihre Hauptgedanken ihnen durch -subjektive Empfindungen gleichsam wie durch eine gesprochene -Sprache mitgeteilt worden wären, so daß aller Fortschritt in -dem wissenschaftlichen Denken der Welt dem des religiösen -Denkens gleich wäre, und daher von den Förderern derselben -direkten Inspirationen dieser Art zugeschrieben worden wäre; -— alles dies angenommen, würde man dann leugnen können, -daß das Zeugnis, welches derartig zu Gunsten der Thatsache -einer subjektiven Offenbarung gegeben wäre, ein überwältigendes -sei? Oder könnte man dann noch länger daran festhalten, -daß die Thatsache einer subjektiv mitgeteilten Offenbarung nur<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> -für den Empfänger selbst Beweiskraft besitzen sollte? Man -wird hierauf ohne Zweifel antworten: Nein, aber im angenommenen -Falle entspringt der Beweis nicht nur der Thatsache -ihrer subjektiven Anschauung, sondern aus der Thatsache ihrer -objektiven Beglaubigung durch die wissenschaftlichen Resultate. -Nun gut! aber dieses ist gerade das Zeugnis, an welches die -hebräischen Propheten appellieren — das Zeugnis der wahren -und falschen Propheten, das in der Erfüllung oder Nichterfüllung -ihrer Weissagungen besteht und in den Worten ausgedrückt -ist: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“. -Zu sagen, daß das religiöse Bewußtsein der übrigen Menschen -für uns kein Beweis <span class="antiqua">a priori</span> sein kann, ist ebenso thöricht, -als wenn man sagt, daß das Zeugnis für das Wunderbare -für andere keinen Wert hat. Der reine Agnostiker muß immer -sorgfältig die Straße aprioristischer Urteile vermeiden. Aber -andererseits muß er desto eifriger den Charakter des Beweises -<span class="antiqua">a posteriori</span> aufrichtig nach Umfang und nach Inhalt beachten. -Der Beweis ist nun in dem gegenwärtigen Fall ein doppelter, -positiv und negativ. Es wird gut sein, den negativen zuerst -zu betrachten.</p> - -<p>Der negative Beweis wird durch die Natur des Menschen -ohne Gott geliefert. Der Zustand eines solchen Menschen ist -ein durchaus elender, wie Pascal es so schön gezeigt hat: den -ganzen ersten Teil seiner Betrachtungen hat er diesem Gegenstand -gewidmet. Ich brauche den Weg nicht zu betreten, den -er bereits so gut durchforscht hat. —</p> - -<p>Einige Menschen sind sich der Ursache dieses Elends nicht -bewußt, indessen ändert dies nichts an der Thatsache, <em class="gesperrt">daß</em> sie -elend sind. Denn meistenteils verheimlichen sie die Thatsache -so gut wie möglich sich selbst, indem sie sich in Gesellschaft -oder im Sport und in Nichtigkeiten jeder Art, oder wenn sie -intellektuell veranlagt sind, mit Wissenschaft, Kunst, Litteratur, -Arbeit &c. zerstreuen. Dies ist indessen so, als wenn man die -Hungernden mit Hülsen sättigen wollte. Ich kenne aus Erfahrung -die intellektuelle Zerstreuungen der wissenschaftlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> -Forschung, der philosophischen Spekulation und des künstlerischen -Genusses, aber ich bin mir auch ebenso des einen bewußt: -wenn man auch alles zusammen nimmt und alles dem -Geschmack in Beziehung auf Ansehen, Mittel und gesellschaftliche -Stellung möglichst angenehm macht u. s. w., — das alles -ist doch nur ein feines Zuckerwerk für einen verhungernden -Menschen. Er mag sich für kurze Zeit — besonders wenn er -ein kräftiger Mensch ist — selbst mit dem Glauben betrügen, -daß er sich ernährt, indem er seinen natürlichen Hunger verleugnet; -bald jedoch erkennt er, daß er für eine ganz andere -Nahrung gemacht wurde, selbst wenn sie weniger schmackhaft -sein sollte.</p> - -<p>Einige Menschen erkennen dies niemals klar und deutlich, -doch immer zeigen sie es den andern deutlich genug. Bedenke -z. B. „die größte Schwäche edler Seelen“: ich denke, die -höchste und am wenigsten sinnliche von allen weltlichen Freuden -besteht in der wohlverdienten Anerkennung der Welt -darüber, daß wir aus uns selbst heraus zur hohen Vollendung -gelangten. Und doch ist es wahr: „Gott hat verordnet, daß -der Ruhm das höchste Sehnen nicht befriedigen kann.“ Ich -habe nicht wenige von den berühmten Männern unserer Generation -kennen gelernt, und habe diesen Ausspruch stets als -durchaus wahr befunden. Gleich allen andern „sittlichen“ -Befriedigungen wird auch dies bald durch Gewohnheit alltäglich, -und, sobald <em class="gesperrt">eine</em> Auszeichnung erlangt ist, sehnt man -sich nach einer andern. Da giebt es kein Ende, bei dem man -rasten könnte, während doch Krankheit und Tod stets im -Hintergrund lauern. Gewohnheit kann den Menschen selbst -über sein Elend blind machen; so weit, daß er es sich nicht -klar macht, was ihm fehlt; aber es fehlt ihm doch immer -etwas.</p> - -<p>Ich halte es also für unwidersprechlich richtig, daß diese -ganze negative Seite unseres Gegenstandes eine Leere in der -Seele des Menschen zeigt, welche nur der Glaube an Gott -ausfüllen kann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span></p> - -<p>Nun zur positiven Seite! Man betrachte die Glückseligkeit -der Religion und besonders der höchsten, nämlich der -christlichen Religion. Abgesehen davon, daß der Glaube den Menschen -außerordentlich kräftig beeinflußt, hält er auch am meisten -aus, wächst und wird nie durch Gewohnheit altbacken. Kurz, -er unterscheidet sich, wie auch alle, die ihn haben, einstimmig -bezeugen, von jedem andern Glück nicht allein dem Grade, -sondern auch dem Wesen nach. Die ihn besitzen, können es -gewöhnlich durch das beweisen, was sie ohne ihn waren. Er -hat keine Beziehung zu einem aus der Vernunft stammenden -Zustand. Er ist ein Ding für sich und unübertrefflich.</p> - -<p>So viel ist er für den Einzelnen. Aber der positive Beweis -hört hiermit nicht auf. Man betrachte ferner die Wirkungen -des christlichen Glaubens auf die menschliche Gesellschaft -— durch christliche Persönlichkeiten auf die Familie, und -durch die christliche Kirche auf die ganze Welt.</p> - -<p>Alles dies zeigt uns, daß das Christentum allen höheren -menschlichen Bedürfnissen angepaßt ist. Alle Menschen müssen -diese Bedürfnisse mehr oder weniger fühlen, je nach dem -Maße, als ihre höhere Natur in sittlicher oder geistlicher -(<span class="antiqua">spiritual</span>) Beziehung entwickelt ist. Das Christentum aber ist -die einzige Religion, welche im Stande ist, diese Bedürfnisse -zu befriedigen, und zwar — nach denen zu urteilen, die allein -fähig sind, es zu bezeugen, — im vollsten Maße. Alle diese -Menschen, aus jeder Sekte, jeder Nation u. s. w., berichten -darüber übereinstimmend aus ihrer eignen Erfahrung, so daß -dieser Punkt über allem Zweifel erhaben ist. Die einzige -Frage ist nur, ob sie nicht etwa alle betrogen sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p> - -<p class="center antiqua">Peu de chose.</p> - -<div class="poetry-container antiqua"> -<div class="poem"> -<div class="stanza"> -<span class="i0">La vie est vaine:<br /></span> -<span class="i2">Un peu d'amour,<br /></span> -<span class="i0">Un peu de haine ....<br /></span> -<span class="i2">Et puis — bon jour!<br /></span> -</div></div> - -<div class="poem"> -<div class="stanza"> -<span class="i0">La vie est brève:<br /></span> -<span class="i2">Un peu d'espoir,<br /></span> -<span class="i0">Un peu de rêve ....<br /></span> -<span class="i2">Et puis — bon soir! -<a name="FNAnker_75_75" id="FNAnker_75_75"></a><a href="#Fussnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a></span> -</div></div> -</div> - - - -<p>Diese Verse enthalten eine kurze und wahre Beurteilung -dieses Lebens ohne die Hoffnung auf ein zukünftiges. Befriedigt -es? — Doch der Christenglaube giebt ein ganz anderes -Bild:</p> - -<div class="poetry-container antiqua"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">The night has a thousand eyes,<br /></span> -<span class="i2">And the day but one;<br /></span> -<span class="i0">Yet the light of the whole world dies<br /></span> -<span class="i2">With the setting sun.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">The mind has a thousand eyes,<br /></span> -<span class="i2">And the heart but one;<br /></span> -<span class="i0">But the light of a whole life dies<br /></span> -<span class="i2">When love is done.<a name="FNAnker_76_76" id="FNAnker_76_76"></a><a href="#Fussnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a></span> -</div></div></div> - -<p>Ja, das ist die Liebe! Wie erhaben ist aber dann das -Christentum, die Religion der Liebe. Sie läßt die Menschen -an den Urquell der höchsten Liebe und an die Unendlichkeit von -Gottes Liebe zu den Menschen glauben.</p> - - - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p> - -<div class="chapter"> -<h3><a name="nbsp5_Der_Glaube_an_das_Christentum" id="nbsp5_Der_Glaube_an_das_Christentum">§ 5. Der Glaube an das Christentum.</a></h3> -</div> - -<p>Das Christentum wird in dieser Abhandlung einer ernsten -Untersuchung unterworfen, weil diese „Prüfung der Religion“ -[d. h. des Wertes des religiösen Bewußtseins] sich mit den -Argumenten für den Theismus beschäftigt, wie sie der Mensch -und nicht die Natur allein, abgesehen vom Menschen, liefert. -Das Christentum aber ist unfraglich die höchste Offenbarung -des religiösen Bewußtseins. —</p> - -<p>Als ich meine frühere Abhandlung [„die unbefangene -Prüfung“] schrieb, habe ich die ungeheuere Bedeutung, welche -die menschliche Natur gegenüber der physikalischen für jede -den Theismus betretende Untersuchung hat, nicht genügend -gewürdigt. Aber seitdem habe ich eingehend Anthropologie -(sowie Religionswissenschaft), Psychologie und Metaphysik -studiert und das Ergebnis war, daß ich es <em class="gesperrt">nun</em> klar erkannte, -daß der Mensch für die Untersuchung der Theorie des Theismus -das wichtigste Wesen der ganzen Natur ist. Dies hätte -ich schon aus Gründen <span class="antiqua">a priori</span> vorher erkennen sollen, und -das wäre auch ohne Zweifel geschehen, wäre ich nicht zu sehr in -rein naturwissenschaftliche Untersuchungen vertieft gewesen.</p> - -<p>Damals hielt ich es obendrein für erwiesen, daß das -Christentum seine Rolle ausgespielt hätte, und glaubte überhaupt -nicht, daß es irgend eine vernunftmäßige Bedeutung für -die Frage des Theismus habe. Und wenn dies auch ohne -Zweifel nicht zu entschädigen war, so glaube ich doch auch,<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> -daß sich die rationelle Stellung des Christentums seitdem wesentlich -befestigt hat. Denn damals schien es so, als ob das -Christentum als rationelles System den doppelten Angriff: -von außen durch Darwin und von innen durch die Schule -der negativen Kritik — unterliegen würde. Nicht allein das -Buch der organischen Natur, sondern auch seine eigenen heiligen -Dokumente schienen sich gegen es zu erklären. Doch jetzt -ist dies alles wesentlich anders geworden. Wir haben es erlebt, -daß es dem Darwinismus in dieser Hinsicht ebenso wie -seiner Zeit dem Kopernikanischen Weltsystem u. s. w. ergangen -ist,<a name="FNAnker_77_77" id="FNAnker_77_77"></a><a href="#Fussnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> und der Ausgang jenes großen Kampfes um den Text<a name="FNAnker_78_78" id="FNAnker_78_78"></a><a href="#Fussnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a> -ist, wie jeder Unparteiische anerkennen muß, ein glänzender -Sieg des Christentums.</p> - -<p>Ehe es die neue [biblische] Wissenschaft gab, hatten nachdenkende -Menschen thatsächlich keine vernunftgemäße Grundlage -weder für das Alter von irgend einer der neutestamentlichen -Schriften noch infolgedessen für die historische Wahrheit -der in denselben erzählten Begebenheiten. Evangelien, Apostelgeschichte -und Episteln waren gleicherweise in diese Ungewißheit -gehüllt. Daraus erklärt sich die Lebensfähigkeit des -Skeptizismus im 18. Jahrhundert. Nun aber ist diese ganze -Art Skeptizismus veraltet und für immer unmöglich gemacht: -für eine genügende Zahl von Schriften, die Paulus zu dem -praktischen Zweck schrieb, den Glauben der Apostel darzulegen, -ist die Echtheit bestätigt, und mit Sicherheit ist nachgewiesen, -daß die drei synoptischen Evangelien im ersten Jahrhundert -veröffentlicht wurden. Daraus ist ein ungeheuerer Vorteil für -den objektiven Beweis des Christentums erwachsen. Es ist -außerordentlich wichtig, daß der kundige Forscher exakt sein<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> -muß, und daß die Laien, wie in jeder anderen Wissenschaft so -auch hier, nur <em class="gesperrt">das</em> auf Autorität hin als glaubwürdig annehmen -müssen, worauf sich beide Seiten geeinigt haben. -Aber wie bei jeder anderen Wissenschaft sind die Kundigen in -Gefahr, die Wichtigkeit der sicheren Hauptergebnisse, über die -man sich schon geeinigt hat, gegenüber den weniger wichtigen -Punkten, über die man noch streitet, zu vergessen. Uns genügt -es, daß die Episteln an die Römer, Galater und Korinther -als echt anerkannt worden sind, sowie auch die Synoptiker, -insofern sie sich auf die Hauptlehren Christi selbst beziehen. —</p> - -<p class="tb">Man darf die außerordentliche Unbefangenheit der Biographen -Christi nicht vergessen.<a name="FNAnker_79_79" id="FNAnker_79_79"></a><a href="#Fussnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a> Man denke z. B. an Worte -wie: „Aber einige zweifelten“, und beim Bericht des Pfingstfestes: -„sie sind voll süßen Weins“.<a name="FNAnker_80_80" id="FNAnker_80_80"></a><a href="#Fussnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a> Solche Bemerkungen -sind wunderbar naturgetreu, aber nicht weniger wunderbar -widersprechen sie der „Accretion“-Theorie.<a name="FNAnker_81_81" id="FNAnker_81_81"></a><a href="#Fussnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a></p> - -<p>Wenn wir ganz ehrliche reine Agnostiker werden, so verändert -sich das ganze Bild durch unseren veränderten Standpunkt. -Alsdann können wir die Aufzeichnungen unparteiisch -oder nach ihrem wahren Wert lesen, ohne schon von vorneherein -die Überzeugung zu haben, daß sie falsch sein müssen. -Es ist dann nur die eine Frage offen, ob sie historisch wahr -sind oder nicht.</p> - -<p>Objektive Beweise für das Christentum lassen sich so viele -anführen, daß, wenn die im Mittelpunkt stehenden Lehrsätze -von Wundern frei bezeugt wären, niemand an ihnen -zweifeln würde. Aber wir sind keine kompetenten Richter, die -<span class="antiqua">a priori</span> über das Wesen einer Offenbarung urteilen könnten.<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> -Wenn unser Agnostizismus rein ist, so haben wir kein Recht, -die Sache aus „<span class="antiqua">prima facie</span>“-Gründen zu beurteilen.</p> - -<p class="tb">Einer der wichtigsten Punkte des objektiven Beweises zu -Gunsten des Christentums wird von den Apologeten nicht genug -betont. Ich kann mich in der That nicht entsinnen, ihn -jemals erwähnt gesehen zu haben. Es ist dieser, daß in dem -Bericht über das Leben Christi alle solchen Lehren fehlen, -welche die spätere, wachsende, menschliche Erkenntnis — sei es -in der Naturwissenschaft, Ethik oder Politik oder sonstwo — hätte -entwerten können. Dieses negative Argument ist thatsächlich -beinahe ebenso wichtig als das positive aus den Lehren -Christi entnommene, denn wenn wir bedenken, wie viele Reden -von ihm aufgezeichnet oder ihm wenigstens zugeschrieben sind, -— so ist es doch höchst merkwürdig, daß buchstäblich nicht -einzusehen ist, daß irgend eines seiner Worte je vergehen sollte. -„Es wird heute selbst dem Ungläubigen nicht leicht sein“, -sagt John Stuart Mill, „eine bessere Übertragung der abstrakten -Regeln der Tugend ins Praktische zu finden, als -wenn er sich bestrebt, so zu leben, daß Christus sein Leben -billigen würde.“<a name="FNAnker_82_82" id="FNAnker_82_82"></a><a href="#Fussnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> Man vergleiche Jesus Christus in dieser -Beziehung mit anderen Denkern des Altertums: Plato war, -obgleich der Zeit nach 400 Jahre älter als Christus, diesem -in Bezug auf philosophisches Denken weit voraus, — nicht -allein, weil damals Athen die außerordentliche Erscheinung -einer seitdem nicht wieder erreichten Blüte zeigte, sondern auch -weil er als Nachfolger des Sokrates an sich schon der größte -Repräsentant menschlicher Vernunft in der Richtung des Spiritualismus -war, allein selbst Plato ist in jener Hinsicht durchaus -nicht mit Christus zu vergleichen. Man lese nur die Dialoge, -und man wird sehen, wie groß der Kontrast derselben mit den<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> -Evangelien in Bezug auf Irrtümer jeder Art ist — ja, sie -grenzen hinsichtlich ihrer Vernunftgemäßheit sogar an Absurdität -und enthalten Aussprüche, die das sittliche Gefühl beleidigen. -Und doch ist dies eingestandenermaßen die höchste Höhe -menschlicher Vernunft in der Richtung des Spiritualismus, -soweit sie nicht von göttlicher Offenbarung unterstützt wird.</p> - -<p>Zweierlei könnte man erwidern: erstens, daß die Juden -(Rabbiner) zu Christi Zeit die meisten seiner Sittensprüche -schon ausgesprochen hätten. Aber, selbst wenn dies wahr wäre, -dann sind doch die Worte offenbar dem alten Testament entnommen -oder von ihm abgeleitet, und sind so <span class="antiqua">ex hypothesi</span> -ursprünglich einer Offenbarung zuzuschreiben. Andererseits ist -diese Behauptung doch auch wohl nicht ganz richtig, weil -Christus seine Sittensprüche, wie „<span class="antiqua">Ecce Homo</span>“ sagt, auch -wenn sie von den Rabbinern und von dem alten Testament -schon vorher ausgesprochen waren, doch selbst ausgewählt hat. —</p> - -<p class="tb">Es ist allgemeine, vielleicht sogar ausnahmslose Regel, -daß sich die Verächter des Christentums überhaupt aus keiner -Religion etwas machen. „Drei Schritt vom Leib.“ Das war -stets der Gedanke solcher Leute; während andererseits die -Menschen, deren religiöses Gefühl unversehrt geblieben ist, die -aber das Christentum aus intellektuellen Gründen verworfen -haben, Christus doch noch fast vergöttern. Dies sind bemerkenswerte -Thatsachen.</p> - -<p>Wenn wir die Größe eines Mannes nach dem Einfluß -beurteilen, welchen er auf die Menschheit ausgeübt hat, so -kann es selbst vom weltlichen Standpunkt aus keine Frage -sein, daß Christus der bei weitem größte Mann ist, der jemals -gelebt hat.</p> - -<p>Aus allen Seiten, nur nicht von thörichter Unwissenheit -und niedriger Gemeinheit, wird es anerkannt, daß -die von dem Christentum im Menschenleben hervorgerufene -Umwälzung mit keiner anderen historischen Bewegung<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> -zu messen und zu vergleichen ist, oder daß sie von irgend einer -anderen erreicht wird. Am nächsten steht ihr die durch die -jüdische Religion hervorgerufene, aber jene ist nur eine Weiterentwicklung -von dieser, so daß man beide als aus einem Stück -betrachten kann. So angesehen, ist dieses ganze Religionssystem -so unermeßlich hoch über allen anderen erhaben, daß -zugestanden werden muß: wenn die Juden nicht gewesen -wären, so würde das Menschengeschlecht keine unserer ernsten -Aufmerksamkeit würdige Religion gehabt haben. Diese ganze -Seite der menschlichen Natur würde sich niemals in dem zivilisierten -Leben entfaltet haben. Und obgleich es zahllose Menschen -giebt, die sich ihrer eignen Entwicklung in dieser Hinsicht -nicht bewußt sind, so sind doch selbst diese in außerordentlichem -Maße von der auch sie umgebenden religiösen Atmosphäre beeinflußt.</p> - -<p>Aber das Christentum ist nicht allein allen anderen <em class="gesperrt">Religionen</em> -unermeßlich weit überlegen, sondern auch allen anderen -<em class="gesperrt">Gedankensystemen</em>, die je in Bezug auf Alles, was -sittlich und geistlich (<span class="antiqua">spiritual</span>) ist, aufgestellt worden sind. -Mag das Christentum wahr sein oder nicht, sicher ist, daß -weder die Philosophie noch die Naturwissenschaft, noch die -Poesie je etwas gezeitigt haben, was an Gedankentiefe, Reinheit -des Lebens oder Schönheit irgendwie mit der Lehre des -Christentums zu vergleichen wäre. Dies wird, denke ich, in -Bezug auf Reinheit des Lebens von allen Seiten anerkannt -werden. In Bezug auf Gedankentiefe und Schönheit kann es -vielleicht bestritten werden. Aber man bedenke — was hat -die ganze Naturwissenschaft oder die ganze Philosophie für das -Denken der Menschheit gethan, verglichen mit dem einen Satz: -„Gott ist die Liebe?“ Ob wahr oder nicht, man denke nur -einmal aus, was der Glaube an dieses Wort Tausenden von -Millionen unsres Geschlechts gewesen ist. Da aber liegt sein -Einfluß auf das Denken des Menschen und dann weiter auf -den Lebenswandel. Wenn man diesen unvergleichlichen Einfluß -auf das <em class="gesperrt">Leben</em> zugiebt, so heißt das indirekt auch den<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> -Einfluß auf das <em class="gesperrt">Denken</em> zu geben. Was andererseits die -Schönheit anbelangt, so zeigt der Mensch, der nicht erkennt, -wie unvergleichlich erhaben jene Lehre in dieser Hinsicht ist, -damit seine eigene Unfähigkeit, das zu würdigen, was das -das Edelste am Menschen ist. Mag die ganze Geschichte vom -Kreuz wahr sein oder nicht, sie ist von ihrem Anfang im -Sehnen der Propheten bis zu ihrem Höhepunkt im Evangelium -das Herrlichste, was uns in der Litteratur je dargeboten -wurde. Und sicherlich nimmt ihm der Umstand, daß alles in ihr -durchlebt worden ist, nichts von ihrem poetischen Wert. Auch -verliert sie an ihrer Erhabenheit dadurch nichts, daß jeder -einzelne Christ unserer Zeit sie sich noch als eine lebenskräftige -Religion aneignen kann. Nur einem Menschen, der jeder -geistigen Empfindung gänzlich bar ist, kann das Christentum -nicht als die großartigste, je auf unserer Erde erfaßte Darstellung -des Schönen, des Erhabenen und alles dessen erscheinen, -was sich an unsere geistliche Natur wendet.</p> - -<p>Doch diese Seite seiner Anpassungsfähigkeit bezieht sich -nur auf Menschen von höchster Bildung. Das bewunderungswürdigste -am Christentum ist, daß es sich Menschen von jeder -Art und Lebensstellung anpaßt. Bist du geistig hoch begabt? -In seinen historischen und philosophischen Problemen findest -Du eine Welt von Stoff, dem Du Dich Dein ganzes Leben -lang mit demselben Interesse widmen kannst, wie es den Naturforschern -in ihrem Gebiet geschenkt ist. Oder bist Du nur -ein Landmann in Deiner Dorfkirche und kennst nur wenig -außer der Bibel? Dennoch bist Du ......<a name="FNAnker_83_83" id="FNAnker_83_83"></a><a href="#Fussnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a></p> - - -<h4>Wiedergeburt.</h4> - -<p>Wie bemerkenswert ist die Lehre von der Wiedergeburt,<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> -wie sie im neuen Testament<a name="FNAnker_84_84" id="FNAnker_84_84"></a><a href="#Fussnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> dargestellt ist, schon an und für -sich, und wie schön paßt sie zu dem nicht zu demonstrierenden -Charakter einer sich nur an die Vernunft wendenden Offenbarung, -zu der Hypothese einer sittlichen Prüfung u. s. w. -Nun ist diese Lehre eine der charakteristischesten Merkmale des -Christentums. Sie bedeutet, wie Christus wiederholt und bestimmt -sagte und wie seine Apostel nach ihm ausführten, folgendes: -während diejenigen, die den heiligen Geist empfiengen, — die -durch den Glauben an den Sohn zum Vater kamen, die vom -heiligen Geist wiedergeboren wurden (und viele andere gleichbedeutende -Ausdrücke) — der christlichen Wahrheit so zu sagen -durch direktes Schauen oder durch Eingebung durchaus gewiß -werden, werden die fleischlich Gesinnten andererseits durch keinen -noch so starken direkten Beweis beeinflußt, selbst wenn einer -von den Toten auferweckt würde, wie es Christus kurz darauf -wirklich zur Erfüllung dieser Vorhersagung that. So kann -der Skeptizismus von den Christen geradezu als eine Bestätigung -des Christentums betrachtet werden.</p> - -<p>Jedenfalls wollen wir uns unser unabhängiges Urteil bewahren; -die vorliegende Frage gehört aber ganz besonders zu -denen, bei welchen reine Agnostiker sich der Anmaßung enthalten -und die Thatsache unparteiisch als unfragliche Erscheinung -der Erfahrung betrachten müssen.</p> - -<p>Kurz nach Christi Tod trat diese Erscheinung, die er voraus -gesagt hatte, ein, und zwar, wie es scheint, zum ersten -Mal. Sie ist seitdem sicherlich auch weiterhin eingetreten, und -sie ist von den Historikern jenem besonderen „Pfingsten“ genannten -Zeitpunkt zugeschrieben worden, wobei eine gewaltige -Aufregung des Volks entstand, und eine große Zahl von -Menschen zum Glauben an Christum gelangten. —</p> - -<p>Nehmen <em class="gesperrt">wir</em> diese Erzählung nun auch an oder nicht, -so ist es doch ganz fraglos, daß die Apostel mit Glauben an<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> -die Person und das Amt ihres Meisters erfüllt wurden, und -das genügt, um seine Lehre von der Wiedergeburt zu rechtfertigen. —</p> - - -<h4>Bekehrungen.</h4> - -<p>Augustinus bezeugt, — und andere Kirchenväter thun -ähnliches, — daß mit ihm nach seinem 30. Lebensjahre eine plötzliche, -andauernde und außerordentliche Wandlung vorgegangen -sei, die man Bekehrung<a name="FNAnker_85_85" id="FNAnker_85_85"></a><a href="#Fussnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a> nennt. —</p> - -<p>Diese Erfahrung hat sich wiederholt und ist durch zahllose -Millionen zivilisierter Männer und Frauen aus allen -Nationen und auf allen Stufen der Bildung bestätigt worden. -Es kommt nicht darauf an, ob diese Bekehrung plötzlich oder -allmählich geschieht, obgleich sie als psychologische Erscheinung -bemerkenswerter ist, wenn sie plötzlich und ohne Symptome -geistiger Störung eintritt. Doch selbst bei allmählichem Wachstum -in reiferem Alter ist ihre Beweiskraft nicht geringer -(cf. Bunyan u. s. w.).</p> - -<p>In allen Fällen ist es aber durchaus keine bloße Änderung -des Glaubens oder der Meinung; der springende Punkt -ist dabei vielmehr eine mehr oder weniger tiefe Wandlung des -Charakters.</p> - -<p>Bedenkt man die verwickelte Natur des Charakters, so erkennt -man, daß diese Umwandlung keine so einfache sein kann. -Wenn sie auch sogenannten natürlichen Ursachen zugeschrieben -werden mag, so ist dies doch kein Beweis gegen ihren sogenannten -übernatürlichen Ursprung, wenn wir nicht die ganze -Frage nach dem Göttlichen in der Natur von vornherein bejahen. -Für reine Agnostiker liegt der Beweis für die Realität -der Wiedergeburt und der Bekehrung in der Menge dieser -psychologischen Erscheinungen, die kurz nach Christi Tod eintraten,<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> -ferner darin, daß sie sich seitdem wiederholten und darin, -daß sie überall in der Welt in derselben Weise auftreten u. s. w.</p> - - -<h4>Christentum und Leiden.</h4> - -<p>Das Christentum ist von seinem Ursprung im Judentum -her ganz und gar eine Religion der Aufopferung und der -Trübsal. Es ist eine Religion des Blutes und der Thränen -und dennoch der tiefsten Glückseligkeit für seine Anhänger gewesen. -Dieser scheinbare Gegensatz entspringt aus der Tiefe des -Christentums und aus der Vereinigung dieser scheinbar entgegengesetzten -Wurzeln in der Liebe. Mit diesen scheinbar -entgegengesetzten Eigenschaften ist es ganz und gar und je -länger je mehr eine Religion — oder besser <em class="gesperrt">die</em> Religion — der -Liebe gewesen. Wahrscheinlich können nur diejenigen, -deren Charakter durch die in dieser Religion gewonnene Erfahrung -vertieft worden ist, diesen Widerspruch geistig lösen. —</p> - -<p>Fakirs hängen sich auf, Heiden zerschneiden sich selbst und -sogar ihre Kinder, opfern Gefangene u. s. w., um teuflische -Götter zu versöhnen. Die jüdische und christliche Auffassung -des Opfers ist ohne Zweifel ein Überbleibsel dieser Auffassung -der Gottheit, was durch natürliche Kausalität bewirkt ist. Doch -ist dies kein Beweis dagegen, daß die höhere Auffassung der -Gottheit die ist, [wie sie der christliche Glaube darstellt,] denn -angenommen, daß die höhere Auffassung die wahre ist, dann -würden die früheren Ideale den früheren niedrigeren Offenbarungen -entsprungen sein, und das würde mit der entwicklungsgeschichtlichen -Methode der Offenbarung, welche wir unten erörtern -werden,<a name="FNAnker_86_86" id="FNAnker_86_86"></a><a href="#Fussnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a> übereinstimmen.</p> - -<p>Aber das Christentum ist, wie gesagt, mit seinen Wurzeln -im Judentum, die Religion der Trübsal <span class="antiqua">par excellence</span>, weil<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span> -es zu den wahrsten und tiefsten Gründen unsrer geistlichen Natur -hinabreicht und daher sowohl für jene Trübsal wie für jene -Freude Verständnis hat, welche sicherlich nur im zivilisierten -Menschen vorhanden ist. Ich meine die Trübsale und Freuden -eines vollentwickelten geistlichen Lebens — so wie sie sich bei -den Juden wunderbar früh entwickelt haben und wie sie im -allgemeinen in der ganzen Christenheit verbreitet sind. Kurz, -es sind jene Trübsale und Freuden, die aus dem voll entwickelten -Bewußtsein der Sünde gegen einen Gott der Liebe -entstehen, zum Unterschied von dem Gedanken einer notwendigen -Aussöhnung mit bösen Geistern. Diese Freuden und -Trübsale sind rein geistlich, nicht nur physisch, und sie gipfeln -in dem Ausruf: „Du hast nicht Lust zum Opfer ...... -Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist.“<a name="FNAnker_87_87" id="FNAnker_87_87"></a><a href="#Fussnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a></p> - -<p class="tb">Ich stimme mit Pascal<a name="FNAnker_88_88" id="FNAnker_88_88"></a><a href="#Fussnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a> darin überein, daß man thatsächlich -nichts gewinnt, wenn man nur ein Theist und noch -kein Christ ist. Unitarismus ist nur die Sache des Verstandes -— eine bloße abstrakte Theorie des Geistes und hat nichts -mit dem Herzen oder den wirklichen Bedürfnissen der Menschheit -zu thun. Nur wenn man das neue Testament nimmt, einige -Blätter, welche von der Gottheit Christi handeln, herausreißt, -und allem andern beistimmt, so kann ein darauf aufgebautes -System möglicherweise die Basis einer persönlichen Religion -werden.</p> - -<p>Wenn es einen Gott giebt, dann scheint es wahrscheinlicher -zu sein, daß er sich offenbart, als daß er dies nicht -thun sollte.</p> - -<p class="tb">Die Frauen sind in allen Ländern dem Christentum viel -mehr zugethan als die Männer. Ich denke, die wissenschaftliche<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> -Erklärung dafür findet sich in den Gründen, welche ich -in meiner Abhandlung „Die geistigen Unterschiede zwischen -Mann und Weib“ angegeben habe. Aber wenn man das -Christentum für wahr hält, dann giebt es natürlich eine tiefer -eindringende Erklärung religiöser Art — wie in allen Fällen, -wo es sich um Ursächlichkeit handelt. In diesem Falle zweifle -ich nicht, daß die wichtigste Erklärung darin liegen möchte, -daß die Leidenschaftlichkeit der Frauen weniger heftig ist als -die der Männer und daß sie durch die sozialen Lebensbedingungen -auch mehr zurückgehalten wird. Das bezieht sich -nicht allein auf Sittenreinheit, sondern ebenso sehr auf die -meisten anderen psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, -wie Ehrgeiz, Selbstsucht, Verlangen nach Macht -u. s. w. Kurz, das ganze Ideal christlicher Ethik entspricht -mehr dem weiblichen als dem männlichen Charakter.<a name="FNAnker_89_89" id="FNAnker_89_89"></a><a href="#Fussnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a> Nun -widerspricht nichts dem christlichen Glauben so sehr wie ein -unchristlicher Lebenswandel. Das ist besonders bezüglich der -Unkeuschheit der Fall; mag man dies nun aus religiösen oder -nichtreligiösen Gründen erklären, jedenfalls ist es doch mehr -auf den Unglauben als auf die spekulative Vernunft zurückzuführen. -Das Weib ist folglich aus allen diesen Gründen -geeigneter, den christlichen Glauben aufzunehmen und sich zu -erhalten.</p> - -<p class="tb">Der moderne Agnostizismus erweist dem christlichen -Glauben diesen großen Dienst: er bringt allen vernunftmäßigen -Skeptizismus aprioristischer Art zum Schweigen, und das um -so mehr, je reiner er ist. Jeder folgenden Generation muß es<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> -daher in Zukunft durch logisches Denken immer klarer werden, -daß alle aprioristischen Einwürfe gegen das Christentum, die -sich auf die Vernunft allein gründen, <span class="antiqua">ipso facto</span> nichtig -sind. Die stärksten Einwürfe gegen das Christentum sind nun -aber von jeher aprioristische gewesen. Daher ist der Einfluß -des modernen Denkens derart, daß er mehr und mehr rein -spekulative Schwierigkeiten, wie z. B. die Menschwerdung u. s. w. -verringert. Die Richtigkeit des Butlerschen Ausspruchs,<a name="FNAnker_90_90" id="FNAnker_90_90"></a><a href="#Fussnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a> daß -wir keine kompetenten Richter sind, stellt sich also mehr und -mehr heraus.</p> - -<p>Die logische Entwicklung hierfür liegt in der schon angeführten -Anschauung über die natürliche Kausalität. Denn -ebenso wie der reine Agnostizismus zugeben muß, daß die -Vernunft inkompetent ist, um <span class="antiqua">a priori</span> für oder wider die -christlichen Wunder, die Menschwerdung mit inbegriffen, abzuurteilen; -so muß er auch weiterhin zugeben, daß die Vernunft, -wenn die Wunder jemals stattfanden, nichts dagegen sagen -kann, daß sie mit der allgemeinen Kausalität im Zusammenhang -stehen. Soweit daher die Vernunft dabei beteiligt ist, -muß der reine Agnostizismus zugeben, daß hier nur der endgültige -Ausgang beweisen kann, ob das Christentum wahr ist -oder nicht. „Ist es von Gott, so können wir es nicht ausrotten, -auf daß wir nicht erfunden werden, als die wider Gott -kämpfen.“ Aber der Einzelne kann nicht auf diese empirische -Entscheidung warten, was soll er also thun? Die unbeeinflußte -und unbefangene Antwort des reinen Agnostizismus -sollte vernünftigermaßen in dem Wort von John Hunter -liegen: „Denke nicht, sondern versuche es!“ d. h. in unserem -Fall, versuche das einzige Experiment, das hier helfen kann: -das Experiment des Glaubens. Folge der Lehre und wenn -das Christentum wahr ist, so wird der Wahrheitsbeweis nicht -ausbleiben; freilich nicht mittelbar durch irgend eine Anwendung -der spekulativen Vernunft, sondern unmittelbar durch<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> -geistliche Anschauung. Nur wenn ein Mensch Glauben genug -hat, um diesen Versuch ehrlich zu machen, wird er auch in -der rechten Verfassung sein, um über den Erfolg zu entscheiden. -So betrachtet würde das Experiment des Glaubens nicht -als ein Narrenexperiment erscheinen, sondern im Gegenteil, da -genug <span class="antiqua">prima facie</span> Gründe vorliegen, um ernste Aufmerksamkeit -zu erregen, so würde solch ein Experiment eine von -der Vernunft geforderte Pflicht jedes reinen Agnostikers sein.</p> - -<p>Es ist eine Thatsache, daß der christliche Glaube viel -mehr aus einem Handeln als einem Denken entspringt, wie -das Neue Testament es vorhersagt: Joh. 7, 17: „So jemand -will des Willen thun, der wird inne werden, ob diese Lehre -von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede.“ Und wahrlich, -selbst aus Gründen der Vernunft sollte zugegeben werden, -daß das Christentum, wenn es von Gott ist, sich mehr an die -geistliche als an die vernunftmäßige Seite unserer Natur -wenden muß.</p> - -<p>Selbst innerhalb des Gebiets der reinen Vernunft (oder -des <span class="antiqua">prima facie</span>-Falls) hat die moderne Wissenschaft in der -Kritik des Neuen Testaments sicherlich mehr für als gegen -das Christentum gearbeitet. Denn nachdem sich die bedeutensten -Gelehrten ein halbes Jahrhundert um die Texte gestritten -haben, ist die Zeit der Abfassung der Evangelien als innerhalb -des ersten Jahrhunderts liegend und für wenigstens 4 Paulinische -Briefe die Echtheit über alle Zweifel festgestellt worden. -Das genügt, um die ganze Kritik des 18. Jahrhunderts zu -vernichten, welche die geschichtliche Existenz Christi und seiner -Apostel „als Erfindungen der Priester“ u. s. w. bezweifelte. -Das war die schlimmste Kritik, die je geübt wurde. Die historischen -Thatsachen können nicht länger bezweifelt werden, ausgenommen -die Wunder; die letzteren aber werden von der -negativen Kritik aus lediglich aprioristischen Gründen ausgeschieden. -Dieser nun noch verbleibende — und <span class="antiqua">ex hypothesi</span> -notwendige Zweifel — hat eine von der anderen ganz -verschiedene Bedeutung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span></p> - -<p>Um den Glauben der Zeitgenossen Christi zu zeigen, genügt -es andererseits, daß die Echtheit der Paulinischen Episteln -nachgewiesen ist.</p> - -<p>Dies sind Thatsachen von höchster Wichtigkeit. Die Kritik -des Alten Testaments ist bis jetzt noch zu unreif, um von uns -beachtet zu werden.</p> - - -<h4>Der Plan in der Offenbarung.</h4> - -<p>Die Ansichten, welche ich über diesen Gegenstand als -junger Mann hegte, [nämlich die landläufigen, orthodoxen -Ansichten] habe ich angesichts der Entwicklungstheorie verlassen, -d. h. der Theorie der natürlichen Kausalität, welche eine glaubwürdige, -naturwissenschaftliche Erklärung [auch auf dem Gebiet -der religiösen Erscheinungen des Judaismus] oder, was dasselbe -ist, bis zu einem gewissen Punkt eine Erklärung in den Grenzen -bestimmbarer Ursachen, lieferte, jener Punkt kann indessen in -diesem besonderen Falle nicht einmal innerhalb ziemlich weiter -Grenzen bestimmt werden, so daß die Geschichte Israels immer -etwas Mysteriöses behalten wird und zwar viel mehr als irgend -eine andere Geschichte.</p> - -<p>Erst 25 Jahre später erkannte ich deutlich die letzten -Konsequenzen meiner jetzigen Ansichten über die natürliche -Kausalität. Sie zeigen, daß es jedenfalls für einen Theisten -(d. h. für jeden, der die Theorie des Theismus aus unabhängigen -Gründen angenommen hat) hinsichtlich des überzeugenden -Wertes des göttlichen Offenbarungsglaubens, wie -er im Alten und Neuen Testament zum Ausdruck kommt, nicht -viel ausmacht, ob man zugiebt, daß das Ganze einer -sogenannten natürlichen Ursache entsprungen ist. Ich sage -„nicht viel“, denn daß es doch immerhin etwas ausmachen -muß, leugne ich nicht. Nehmen wir einen ganz analogen -Fall: man sagt oft, daß die Theorie der Entwicklung aus -natürlichen Ursachen keinen logischen Unterschied bezüglich des<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> -Nachweises eines Planes oder einer Zwecksetzung, wie sie sich -in der organischen Natur offenbaren, ausmacht, — da es -nur eine Frage des <span class="antiqua">modus operandi</span> sei, ob alle Teile der -organischen Maschinerie plötzlich oder nach und nach erschaffen -seien; der Nachweis einer Zwecksetzung bliebe doch bestehen. -Nun habe ich aber anderwärts<a name="FNAnker_91_91" id="FNAnker_91_91"></a><a href="#Fussnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a> gezeigt, daß dies falsch ist. -Es mag zwar für jemanden, der schon Theist ist, nicht viel -ausmachen, denn für ihn ist es bloß eine Frage des <span class="antiqua">modus</span>; -aber für den Nachweis des Theismus überhaupt macht es -sicherlich viel aus.</p> - -<p>So ist es auch bei der Darlegung eines Planes, wenn -durch ihn der Nachweis einer Offenbarung geliefert werden -soll. Wenn man bis heute keine Offenbarung behauptet hätte, -und wenn Christus jetzt plötzlich zum ersten Mal in aller der -Macht und Herrlichkeit erscheinen würde, welche die Christen -von seiner Wiederkunft erwarten, so würde der Nachweis -seiner Offenbarung ein überzeugender sein. Für die Beweisführung -würde also eine plötzliche Offenbarung viel überzeugender -sein, als eine sich allmählich entwickelnde. Aber sie -würde gänzlich ohne alle Analogie innerhalb der Kausalität in -der Natur<a name="FNAnker_92_92" id="FNAnker_92_92"></a><a href="#Fussnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a> sein. Überdies könnte selbst eine allmähliche -Offenbarung unter Umständen einen überzeugenden Wert -haben; — so wenn z. B. Prophezeiungen von historischen Ereignissen, -von wissenschaftlichen Entdeckungen u. s. w. so deutlich -gemacht würden, daß sie nicht mißzuverstehen sind. Aber -wie schon gezeigt, eine überzeugende Offenbarung ist nicht gegeben -worden, und sie mag auch wohl aus triftigen Gründen -unterblieben sein. Wenn es nun aber solche Gründe -giebt (z. B. unser Prüfungsstand hienieden), so können wir -leicht einsehen, daß die allmähliche Entfaltung eines Offenbarungsplans -von dem frühesten Aufdämmern der Weltgeschichte<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> -bis zum Ende der Welt („ich rede töricht“) bei -weitem einer plötzlichen Kundgebung vorzuziehen ist, die spät -genug in der Weltgeschichte eingetreten wäre, um für alle -kommenden Zeiten historisch beglaubigt zu sein, denn:</p> - -<p>1) die allmähliche Entwicklung stimmt mit Gottes übrigen -Werken überein.</p> - -<p>2) Sie läßt Gott in keiner Zeit der Weltgeschichte unbezeugt.</p> - -<p>3) Sie giebt zu allen Zeiten hinreichend Spielraum zu -anhaltender Forschung — d. h. sie giebt einen moralischen -Prüfstein und nicht bloß einen aus intellektuellen Gründen -stammenden Beweis für irgend ein (<span class="antiqua">ex hypothesi</span>) unantastbar -beglaubigtes, historisches Ereignis.</p> - -<p>Die Zeichen, die für einen Plan in der Offenbarung -sprechen, sind in der That beachtenswert genug, um die Aufmerksamkeit -ernstlich zu fesseln.</p> - -<p>Wenn die Offenbarung eine allmähliche und fortschreitende -gewesen ist, so folgt daraus, daß sie das nicht allein in historischer, -sondern auch gleicher Weise in intellektueller, moralischer -und geistlicher Beziehung gewesen ist. Denn nur auf diese -Weise konnte sie stets den fortschreitenden Lebensbedingungen -der Menschheit angepaßt sein. Diese Betrachtung zerstört alle -die zahlreichen Einwände gegen die Heilige Schrift in Bezug -auf die Absonderlichkeit oder Unmoral ihrer Berichte oder Gebote; -es sei denn erweisbar, daß die durch die Kritik notwendig -gemachten Abänderungen, welche die Berichte oder die -Gebote mit dem modernen Fortschritt in Harmonie bringen, -den Anforderungen der Welt zu der in Frage stehenden Zeit -ebenso gut angepaßt gewesen sein würden, wie die uns wirklich -vorliegenden Berichte oder Gebote.</p> - -<p class="tb">Wenn wir das Christentum als wahr anerkennen, so ist -es sicher, daß die von ihm überlieferte Offenbarung schon -wenigstens seit dem Aufdämmern der historischen Zeit vorher -bestimmt worden ist; denn die objektiven Beweise für das<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> -Christentum als Offenbarung haben in jenem Aufdämmern -ihren Ursprung. Und diese objektiven Beweise sind durchaus -[ein Zeugnis für] einen Plan, bei dem man das Ziel von -Anfang an erkennen kann. Und gerade die Art und Weise, -wie dieser Plan selbst offenbart wird (angenommen, daß es -ein Plan ist) liefert beachtenswerte Beweise von Zwecksetzung. -Diese Art und Weise besteht, frei herausgesagt, in Wundern, -Prophetie und in dem Einfluß der Lehre auf die Menschheit. -Kein Mensch kann irgend eine bessere Methode erdenken, durch -welche den nachfolgenden Zeiten ein Beweis der Wahrheit -geliefert würde und zwar eine Methode, die mit sittlicher und -religiöser Erziehung verbunden ist. Die Thatsache allein, daß -sie mit der Profan-Geschichte so eng verwachsen ist, macht die -christliche Religion zu einer ganz einzigartigen Erscheinung: -die Welt ist während dieses ganzen historischen Zeitraums -gewissermaßen die Leinwand gewesen, auf welche die göttliche -Offenbarung gemalt worden ist — und zwar so allmählich, -daß dieser Prozeß Tausende von Jahren vor sich gehen mußte, -bis es möglich wurde, seinen Inhalt zu erkennen.</p> - - -<h4>Christliche Dogmen.</h4> - -<p>Mag Christus selbst göttlicher Natur gewesen sein oder -nicht, das würde in Bezug auf die Frage, ob das Christentum -als die höchste Stufe der religiösen Entwicklung anzusehen ist -vom rein weltlichen [oder naturwissenschaftlichen] Gesichtspunkt -aus, nicht viel ausmachen. Vom religiösen Standpunkt aus -oder wenn es sich um das Verhältnis Gottes zum Menschen -handelt, würde es aber natürlich eine viel größere Schwierigkeit -bedingen, dieselbe gehört dann ja aber demselben Gedankengang -an wie die Schwierigkeiten aller anderen vorhergehenden -Epochen der Entwicklung. So scheint der Übergang von dem -nichtamtlichen zu dem sittlichen Zustand vom weltlichen oder -naturwissenschaftlichen Standpunkt aus, so weit wir es beurteilen<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> -können, eine Folge von mechanischen Ursachen in der -natürlichen Zuchtwahl oder von etwas ähnlichem zu sein. -Aber gerade wie bei dem Übergang von dem nichtgeistlichen -zu dem geistlichen Zustand u. s. w., möchte dieser Übergang im -letzten Grund dem göttlichen Willen zuzuschreiben sein, und -so <em class="gesperrt">muß</em> es ja gerade nach der Theorie des Theismus gewesen -sein. Es ist daher also vom weltlichen oder wissenschaftlichen -Standpunkt aus gleichgültig, ob Christus göttlicher Natur war -oder nicht; denn jedenfalls war ja die Bewegung, die er hervorrief, -die nächste oder die in Erscheinung getretene Ursache -der beobachteten Resultate.</p> - -<p>So läuft also selbst die Frage nach der Gottheit Christi -schließlich auf die wichtigste von allen Fragen hinaus — nämlich -auf die: ist die mechanische Kausalität „die äußere und -sichtbare Form einer inneren und geistlichen Gnade“ oder -nicht? Ist sie phänomenal oder ontologisch, ist sie die letzte -Ursache oder selbst abgeleitet?</p> - -<p>Ähnlich ist es in Bezug auf die Erlösung. Mag nun -Christus wirklich göttlicher Natur gewesen sein oder nicht — -insoweit der Glaube an seine Göttlichkeit eine notwendige Ursache -der moralischen und religiösen Entwicklung, die sein Leben -auf Erden hervorrief, gewesen ist, hat dieser Glaube sein Volk -von seinen Sünden befreit, d. h. natürlich, er hat es von -seinem eigenen Gefühl der Sünde als einem auf ihm lastenden -Fluch erlöst. Ob er auch irgend eine entsprechende Veränderung -von objektivem Charakter auf ontologischem Gebiet -hervorgebracht hat oder nicht, das hängt wieder von der eben -aufgeworfenen wichtigsten von allen Fragen ab.</p> - - -<h4>Das Vernunftgemäße in den Lehren von der Menschwerdung -und der Dreieinigkeit.</h4> - -<p>Reine Agnostiker und solche, die in dem Christentum nach -Gott suchen, sollten sich mit der metaphysischen Theologie nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> -befassen. Sie ist ein Gebiet der Forschung, welches <span class="antiqua">ex hypothesi</span> -transcendental ist, und das erst von solchen getrieben -werden sollte, die das Christentum bereits angenommen haben. -Die Lehren von der Menschwerdung und von der Dreieinigkeit -schienen mir in den Tagen meines Agnostizismus die absurdesten -von allen zu sein. Aber als reiner Agnostiker sehe ich -jetzt in ihnen durchaus keine vernunftwidrige Schwierigkeit. -Was die Dreieinigkeit betrifft, so hängt die Mehrzahl der Personen -notwendig mit der nahe verwandten Lehre von der -Menschwerdung zusammen. Es liegt daher in beiden Lehren -nur <em class="gesperrt">eine</em> Schwierigkeit; denn da bei der Lehre von der -Menschwerdung eine Zweizahl von Personen vorausgesetzt -wird, so liegt für den reinen Agnostiker in der Lehre von der -Mehrzahl der Personen keine neue Schwierigkeit. Zu einer -gewissen Zeit erschien es mir unmöglich, daß irgend eine Behauptung, -wenn man sie wörtlich so verstände, absurder sein -könnte als die [Lehre von der Menschwerdung]. Nun erkenne -ich, daß mein damaliger Standpunkt durchaus unverständig -war und daß er allein aus der Blindheit der Vernunft selbst -hervorgegangen war, die ihrerseits wieder aus der Gewohnheit -[rein] naturwissenschaftlichen Denkens entsprang. „Aber sie -widerspricht doch dem gesunden Menschenverstand!“ Ganz gewiß, -ohne Zweifel; aber das muß sie auch, wenn sie wahr -sein soll. Gesunder Menschenverstand ist nichts anderes als -ein [grobes] Verzeichnis alltäglicher Erfahrung; aber die -Menschwerdung kann doch auf alle Fälle, wenn sie stattfand, -was für ein Bewandtnis es mit ihr auch gehabt haben -mag, kein gewöhnliches Ereignis gewesen sein. „Aber es thut -Gott Abbruch, Mensch zu werden!“ Woher weißt Du das? -Überdies war Christus kein gewöhnlicher Mensch; dies beweist -sowohl die negative Kritik als auch der historische Erfolg -seines Lebens, und wenn wir zur Beweisführung den christlichen -Standpunkt anerkennen, so ist das ganze Wesen der -Menschheit in ihm zusammengefaßt. Endlich giebt es noch -Erwägungen indirekter Art, welche eine Menschwerdung <span class="antiqua">a priori</span><span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> -wahrscheinlich machen.<a name="FNAnker_93_93" id="FNAnker_93_93"></a><a href="#Fussnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a> Aus aprioristischen Gründen <em class="gesperrt">muß</em> -es Mysterien geben, welche für die Vernunft unfaßbar sind, -wie z. B. das Wesen Gottes u. s. w., vorausgesetzt, daß überhaupt -eine Offenbarung stattfand. Daher ist der Umstand, -daß man im Christentum an solche Mysterien glaubt, kein -stichhaltiger Einwand gegen das Christentum. Warum soll -man aber andererseits <span class="antiqua">a priori</span> über die Lehre von der Dreieinigkeit -stolpern, zumal der Mensch ja selbst ein dreieiniges -Wesen ist, mit Körper, Geist (d. h. Vernunft) und Seele -(d. h. moralischen, ästhetischen und religiösen Fähigkeiten). -Die zweifellose Vereinigung dieser nicht weniger zweifellos -verschiedenen Seiten im Wesen des Menschen wird uns unmittelbar -als eine Thatsache der Erfahrung bekannt, aber sie -ist für irgend einen logischen Prozeß oder für irgend einen -Vernunftschluß ebenso unverständlich wie das Dogma von der -Dreieinigkeit Gottes.</p> - - -<h4>Adam, der Sündenfall und der Ursprung der Sünde.</h4> - -<p>Diese christlichen Dogmen werden ohne Zweifel durch den -naturwissenschaftlichen Nachweis einer Entwicklung hart getroffen, -(aber es sind auch die einzigen Dogmen, von denen -man das sagen kann) und da sie die logische Grundlage des -ganzen Systems bilden, so scheint auf den ersten Blick der -Nachweis ihrer Nichtigkeit notwendigerweise den Untergang -des ganzen auf ihnen errichteten Baues nach sich zu ziehen. -Aber es ist doch die Frage, ob sie für einen reinen Agnostiker -überhaupt als nichtig erwiesen sind, mit anderen Worten, ob -meine Grundsätze hier nicht ebenso wie anderwärts den Unglauben -in die Flucht schlagen können.</p> - -<p>Was zuerst Adam und Eva betrifft, so ist schon lange -vor Darwin die Geschichte von den Menschen im Paradiese -<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>von einsichtsvollen Theologen als allegorisch erkannt worden. -Und sicherlich, wenn man sie vorurteilsfrei liest, werden die -ersten Kapitel der Genesis immer als eine von einer Geschichte -wohlunterschiedenen Dichtung angesehen werden müssen. Man -würde sie nie irrtümlicher Weise für Geschichte gehalten haben, -wenn man an sie nicht mit vorgefaßter Meinung im Interesse -der Inspiration herangetreten wäre. Doch für den reinen -Agnostiker darf es solche vorgefaßten Meinungen nicht geben, -so daß man heute eine Vermutung gegen ihre Inspiration -nicht deshalb allein aufstellen darf, weil sie nicht als Geschichte -bewiesen worden ist — und dies bleibt selbst dann bestehen, -wenn wir nicht erkennen können, wovon sie eine Allegorie -sein soll. Denn wenn sie inspiriert ist, so hat sie sicherlich -in der Vergangenheit gute Dienste geleistet, und -kann dies auch noch heutzutage thun, indem sie einen allegorischen, -wenn auch nicht wörtlich zu nehmenden Ausgangspunkt -für den göttlichen Erlösungsplan bildet.</p> - - -<h4>Vergleich der Beweisgründe für die natürliche und für die -geoffenbarte Religion.</h4> - -<p>Man hat oft gesagt, daß die Entwicklung der organischen -Lebensformen einen ebenso guten Beweis für eine Zwecksetzung -liefert wie eine Schöpfung im einzelnen, weil ja alle Thatsachen -der Anpassung, in denen der Beweis besteht, für beide -Fälle dieselben sind. Man übersieht aber dabei, daß auf diese -Weise gerade das, was in Frage steht, für das Ergebnis -vorausgesetzt wird. Die Frage ist: Sind diese Thatsachen -der Anpassung an sich ein ausreichender Beweis dafür, daß -ihre Ursache eine Zwecksetzung war? Aber wenn mit Recht -zugegeben werden muß, daß bei der Annahme einer Entwicklung -aus natürlichen Ursachen die Thatsachen der Anpassung -von derselben Art sind wie alle anderen Naturthatsachen, so -kann auf sie nicht mit mehr Berechtigung als auf irgend welchen<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> -anderen Naturthatsachen ein Beweis für eine Zwecksetzung -aufgebaut werden. So sind also die Thatsachen der Anpassung -gleich allen anderen nur dann als Argument für eine Zwecksetzung -zulässig, wenn man annimmt, daß alle natürliche Kausalität -geistigen Charakter hat und diese Annahme setzt einfach -die Bejahung der Frage nach der Zwecksetzung voraus. Unter -der Voraussetzung, daß sie aus natürlichen Ursachen stammen, -sind also die Thatsachen der Anpassung nur dann als ein an -sich guter Beweis für eine Zwecksetzung zu gebrauchen, wenn -bereits angenommen worden ist, daß sie, weil aus natürlichen -Ursachen entspringend, eine Zwecksetzung fordern.</p> - -<p>Die natürliche Religion gleicht der geoffenbarten Religion -im Folgenden: Nehmen wir beide als göttlich an, so -können beide, soweit die Vernunft uns führen kann, den -Nachweis eines Zweckes nur soweit führen, daß sie für die -Frage nach demselben ernstlich Aufmerksamkeit erregen. Mit -anderen Worten: in Bezug auf beide muß der Standpunkt -der reinen Vernunft der reine Agnostizismus sein, (man beachte, -daß die Unzulänglichkeit der Teleologie oder der Zwecksetzung -in der Natur als Beweis für den Theismus von allen -intelligenteren Christen aller Zeiten anerkannt worden ist, doch -ist diese Anerkennung seit Darwin allgemeiner geworden. In -dieser Hinsicht möchte ich besonders auf Pascal<a name="FNAnker_94_94" id="FNAnker_94_94"></a><a href="#Fussnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a> und viele -andere Schriftsteller hinweisen.) Hierin liegt eine zweite auffallende -Analogie zwischen Natur und Offenbarung, angenommen, -daß beide denselben Urheber haben — d. h. gerade so -wie die entwicklungsgeschichtliche Methode bei beiden dieselbe ist.</p> - -<p>Wenn die Annahme einer Zwecksetzung bei beiden [d. h. -Natur und Offenbarung. — Der Übersetzer] berechtigt ist, so geht -daraus hervor, daß jene Annahme bei beiden in gleicher Weise nur -durch das Organ unmittelbarer Anschauung erwiesen werden -kann, — d. h. durch jene andere Seite des menschlichen Fassungsvermögens, -durch welche die Vernunft ergänzt wird. Hier<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> -stellen wir wieder die Analogie fest. Und wenn jemand auf -diese seinen Verstand ergänzende Weise die höchste Wahrheit -erfassen kann (nehmen wir dies einmal an) so ist es seine -Pflicht, sein geistliches Augenlicht zu üben, indem er nach Gott -in der Natur wie in der Offenbarung sucht. Und dann wird -er (immer vorausgesetzt, daß es einen Gott giebt und daß er -sich von denen, die mit Fleiß nach ihm suchen, finden läßt) -erkennen, daß sich seine subjektiven Zeugnisse für Gott in der -Natur und in der Offenbarung gegenseitig stärken — und so gewinnt -er für seine Vernunft ein weiteres Zeugnis. Die Teleologie -der Offenbarung ergänzt die Teleologie der Natur -und so gewinnen sie für den geistlich gerichteten Menschen -logisch und gegenseitig immer mehr Gewißheit.</p> - -<p>Paley's Schriften bilden eine ausgezeichnete Erläuterung -für die Übereinstimmung des teleologischen Arguments aus -Natur und Offenbarung, obgleich sie eine sehr unvollkommene -Erläuterung des letzteren für sich allein genommen sind; denn -da Paley allein das Neue Testament und auch dieses nur -sehr teilweise behandelt — so ignoriert er alles, was Christo -vorherging, und vieles von dem, was nach den Aposteln geschah. -Übrigens scheint Paley selbst die Ähnlichkeit des Arguments, -wie es in seiner „Natürlichen Theologie“ bezw. in -seinen „Beweisen für das Christentum“ entwickelt ist, nicht bemerkt -zu haben. Aber niemand hat im übrigen für beide Fälle den -Beweis besser geführt als er. Sein größter Fehler lag darin, -daß er nicht bemerkte, daß dieses teleologische Argument an -sich in beiden Fällen nicht ausreicht, um zu überzeugen, sondern -nur um ernstlich Aufmerksamkeit zu erregen. Paley stellt -es überall so dar, als ob solch ein Appell an die Vernunft -allein schon genügte. Er sieht nicht, daß in diesem Fall kein -Raum für den Glauben übrig bliebe. Mit anderen Worten, -er erkennt nicht das geistliche Organ des Menschen und das -Objekt, durch welches es ergänzt wird: die Gnade in Gott. -Insofern ist er kein Christ. Und mag nun Theismus und -Christentum wahr oder falsch sein, sicher ist, daß das teleologische<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> -Argument allein nicht zur Überzeugung sondern zum -Agnostizismus führen muß.</p> - -<p>Wenn es aprioristisch unwahrscheinlich ist, daß ein Mensch -ein Wunder ohne ein sittliches Objekt vollbracht haben sollte, -so kann dies leicht mit der Unwahrscheinlichkeit verwechselt -werden, daß Gott es mit einem entsprechenden sittlichen Objekt -vollbracht hat. Die erstere [Unwahrscheinlichkeit] ist unermeßlich -groß, die letztere ist wie die Unwahrscheinlichkeit der Theorie -des Theismus gleich null.</p> - - -<h4>Christliche Dämonologie.<a name="FNAnker_95_95" id="FNAnker_95_95"></a><a href="#Fussnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a></h4> - -<p>Man wird sagen — wenn Du auch die aprioristischen -Einwendungen gegen die Wunder aus aprioristischen Gründen -hinwegzuschaffen suchst, so bleibt doch die Thatsache bestehen, -daß Christus den landläufigen Aberglauben in Bezug auf die -Besessenheit vom Teufel annahm. Dadurch, daß dabei von -Teufeln gesprochen wird, verliert die ganze betreffende Erzählung -ihren Wert. Du mußt also eins von beiden wählen: -entweder war die landläufige Theorie richtig oder nicht. Wenn -Du sagst, daß sie richtig war, so mußt Du zugeben, daß dieselbe -Theorie für alle ähnlichen Stufen der Kultur gilt [aber -nicht für die späteren Stufen] und daß daher die Naturwissenschaft -der erfolgreichste Teufelaustreiber ist, obgleich sie nicht -durch den Glauben an die Theorie, sondern durch die Verwerfung<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> -derselben wirkt. Beachte, daß die betreffenden Krankheiten -durch die Überlieferung so klar beschrieben sind, daß sie -unmöglich mißverstanden werden können. Dann mußt Du -annehmen, daß sie <span class="antiqua">anno domini</span> 30 von Teufeln und <span class="antiqua">a. d.</span> -1894 von Nervenstörungen herrührten. Sagst Du aber, die -Theorie sei falsch, dann mußt Du entweder annehmen, daß -Christus es nicht besser wußte oder daß er die Unwahrheit -sagte.</p> - -<p>Die Antwort lautet, daß beide Annahmen vom Christentum -acceptiert werden können. Des Beweises wegen können -wir einmal die Frage bei Seite lassen, ob Christus die Teufelslehre -selbst wirklich annahm, oder ob ihm dieselbe durch seine -Biographen nach seinem Tode zugeschrieben wurde. Wenn -Christus wußte, daß die Thatsachen nicht Teufeln zuzuschreiben -waren, so muß er auch gewußt haben, daß es das -beste war, die landläufige Ansicht anzunehmen anstatt das -Volk durch einen pathologischen Vortrag zu verwirren. Wenn -er es nicht wußte, — ja warum sollte er es denn wissen, hatte -er sich doch vorher seiner Allwissenheit entäußert? Freilich, -wenn er die landläufige Ansicht geleugnet hätte, so würde er -einen Beweis naturwissenschaftlicher Erkenntnis oder naturwissenschaftlicher -Anschauung gegeben haben, die weit über -die Kultur seiner Zeit ging, aber dies würde nicht mit seiner -in zahllosen anderen Fällen bewiesenen Methode übereinstimmen, -und diese bestand darin, daß sie seine göttliche Sendung niemals -durch Vorwegnahme naturwissenschaftlicher Kenntnisse -kundgab. Die besondere Frage nach Christus und der Dämonologie -ist also nur eine Teilfrage einer viel größeren Hauptfrage.</p> - - -<h4>Darwins Bedenken<a name="FNAnker_96_96" id="FNAnker_96_96"></a><a href="#Fussnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a></h4> - -<p>Auf Darwins Einwand, daß nur ein so kleiner Teil der<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> -Menschheit von Christus je gehört hat, giebt es mehrere -Antworten:</p> - -<p>1) Nehmen wir an, daß das Christentum wahr ist, so ist -es die höchste und letzte Offenbarung, d. h. der Plan der -Offenbarung folgt der Entwicklungslehre. Gerade daraus ergiebt -sich, daß der größte Teil der Menschheit nie etwas von -Christus hören konnte, nämlich alle, welche vor seiner Ankunft -lebten.</p> - -<p>2) Aber diese waren nicht ohne Bezeugung geblieben. -Sie hatten alle ihre Religion und ihr sittliches Bewußtsein, -jeder nach seiner eigenen Entwicklungsstufe. Daher hat Gott -die Zeiten der Unwissenheit übersehen, Apostelgeschichte 17, 30.</p> - -<p>3) Zudem waren diese Menschen nicht von Christi Wohlthaten -ausgeschlossen; denn es wird gesagt, daß er für alle -Menschen starb — d. h. wenn er nicht gewesen wäre, würde -Gott nicht die Zeiten der Unwissenheit übersehen haben. Die -Wirkung der Erlösung wird als transcendental dargestellt -und als nicht davon abhängend, daß jemand von dem Erlöser -gehört hat.</p> - -<p>4) Es ist wunderbar, daß gerade Darwin diesem trügerischen -Argument unterlegen ist; denn es hat ja gerade durch -die Entwicklungslehre seinen Todesstoß erhalten, d. h. wenn -es wahr ist, daß die Entwicklung die Methode natürlicher -Kausalität gewesen ist, und wenn es wahr ist, daß die Methode -der natürlichen Kausalität von einer Gottheit abhängt, dann -folgt daraus, daß dies späte Erscheinen Christi auf der Erde -absichtlich gewesen sein muß. Denn es ist sicher, daß er nicht -früher erscheinen konnte, ohne daß dadurch die Entwicklung -verletzt worden wäre. Daher mußte er nach der Theorie des -Theismus dann erscheinen, als es geschah, d. h. in dem Augenblick -der Geschichte, in dem es zuerst möglich war. Auch aus -anderen Gesichtspunkten ergiebt sich, daß die Zeit, in der -Christus erschien, die geeignetste war. Selbst weltliche Geschichtsschreiber<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> -stimmen darin überein, daß die Zeitumstände -zusammen paßten und führen den Erfolg seines sittlichen und -religiösen Systems auf diese Thatsache zurück. So auch die, -welche sich mit vergleichender Religionswissenschaft beschäftigen. -. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - - -<h3>Schlußbemerkung des Herausgebers.</h3> - -<p>Der intellektuelle Standpunkt dem Christentum gegenüber, -welcher in diesen Notizen ausgesprochen ist, kann man bezeichnen -als — 1) reinen Agnostizismus, auf dem Gebiet der -sich in dem Naturwissenschaftlichen bethätigenden Vernunft, -verbunden mit 2) einer klaren Erkenntnis der geistlichen Notwendigkeit -des Glaubens und der Berechtigung und des -Wertes seiner Anschauungen, 3) als eine Empfindung der positiven -Kraft der historischen und geistlichen Zeugnisse für das -Christentum.</p> - -<p>George Romanes kam in diesen Notizen, wie auch in -der mündlichen Unterhaltung zu der Erkenntnis, daß es -vernünftig sei, an das Christentum zu glauben, bevor er die -Kraft oder die Gewohnheit des Glaubens wieder erlangt hatte. -Sein Leben ging bald, nachdem er diesen Standpunkt erreicht -hatte, zu Ende; aber es wird niemanden überraschen zu -hören, daß der Verfasser dieser „Gedanken“ noch vor seinem -Tode zu jener vollbewußten Gemeinschaft mit der Kirche Jesu -Christi zurückgekehrt ist, auf die zu verzichten er sich so viele -Jahre hindurch aus Gewissens-Bedenken gezwungen sah. So -wurde es in diesem Falle „dem Manne reines Herzens“ nach -langer Zeit der Finsternis noch vor seinem Tode vergönnt, -„Gott zu schauen“.</p> - - - -<p><span class="antiqua">Fecisti nos ad te Domine, et inquietum est cor nostrum -donec requiescat in te.</span></p> - -<p class="right"> -C. G. -</p> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="FOOTNOTES" id="FOOTNOTES">FUSSNOTEN</a></h2> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Im Folgenden gebe ich zunächst eine kurze Inhaltsübersicht des -I. Teils, durch welche die Einführung in das Buch wesentlich erleichtert -werden soll; jedenfalls macht sie denjenigen, welchen er zu schwer ist, die -Lektüre von Abschnitt I leichter oder überflüssig.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Siehe aber eine interessante Notiz in Romanes „<span class="antiqua">Mind and -Motion and Monism</span>“ p. 111.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Veröffentlicht in Trübners <span class="antiqua">English and Foreign Philosophical -Library</span> 1878; es ist aber „einige Jahre vorher“ (Vorwort) geschrieben. -„Ich habe mit der Veröffentlichung zurückgehalten,“ erklärt der Verfasser, -„damit ich nicht hinterher entdecken möchte, daß reiferes Nachdenken die -Schlüsse, welche der Autor verkündigt, modifiziert.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Zuweilen habe ich die Beweisführung in dem Kapitel verständlicher -zu machen versucht, indem ich Aussprüche aus früheren Teilen -des Buches oder Erklärungen in meinen eignen Worten einschaltete. -Diese letzteren habe ich in eckige Klammern gesetzt. — Der Herausgeber.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> d. h. in Bezug auf den Glauben an Gott — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> d. h. in dem höchst kompliziert gebauten Gehirn des Menschen. -— Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Nach Kompliziertheit und Größe des Gehirns. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> p. 24.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> p. 28.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> p. 28.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> p. 45.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> nämlich der Zwecksetzung. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> p. 47.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> p. 50.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> p. 63.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> p. 58 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Nämlich der Theorie des Atheismus gegenüber. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> In Bezug auf die Gesichtspunkte und Argumente der „Unbefangenen -Prüfung“ mag es interessant sein, hier Folgendes zu bemerken: -</p> -<p> -1) Romanes kam zuletzt dahin, den subjektiven religiösen Bedürfnissen -und Anschauungen des menschlichen Geistes eine viel größere Bedeutung -beizulegen. -</p> -<p> -2) Er erkannte, daß das subjektive religiöse Bewußtsein objektiv -als ein großes Phänomen der menschlichen Natur betrachtet werden muß. -</p> -<p> -3) Er verurteilte später seine frühere Kausalitäts-Theorie und -kehrte zu der Anschauung zurück, daß alle Kausalität der Ausfluß eines -Willens ist. -</p> -<p> -4) Er wies später die materialistische Ansicht von der Entstehung -des Geistes entschieden zurück. -</p> -<p> -5) Er kehrte zu dem Gebrauch des Ausdrucks „Das Argument vom -Zweck“ zurück und gab also auch seine heftige Abneigung gegen dasselbe -auf. -</p> -<p> -6) Er durchschaute Herbert Spencers Widerlegung der im weiteren -Sinn gefaßten Teleologie von Baden Powell und fühlte die Kraft des -teleologischen Beweises von neuem. -</p> -<p> -7) Er erkannte, daß die wissenschaftlichen Bedenken gegen die Lehre -vom freien Willen schließlich doch nicht stichhaltig sind. — Der Herausgeber.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Siehe <span class="antiqua">Mind and motion and Monism</span> pp. 36 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> In einigen Notizen des Sommers 1893 finde ich Folgendes: -Das Ergebnis (der philosophischen Untersuchung) ist gewesen, daß der -Mensch in seinen tausendjährigen Beobachtungen und Erfahrungen in Bezug -auf gewisse Seiten des Welträtsels Gewißheit erlangt hat, die nicht -weniger sicher ist, als die, welche er im Gebiet der Naturwissenschaft besitzt, -z. B. Logischer Vorrang des Geistes vor der Materie — daraus -folgend Unhaltbarkeit des Materialismus, — Relativität der Erkenntnis, -— Naturordnung, — die Erhaltung der Energie, Unzerstörbarkeit der -Materie, soweit die menschliche Erfahrung reicht, das Entwicklungsprinzip, -das Überleben des Passendsten. — Der Herausgeber.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Über die Bedeutung des „reinen“ Agnostizismus siehe unten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Hiermit ist offenbar das materialistische Dogma gemeint. — Der -Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Vergleiche hiermit folgende Aussprüche, die sich hundertfach vermehren -lassen: -</p> -<p> -Baco von Verulam: „Nur eine oberflächliche Kenntnis der Natur -vermag uns von Gott abzuführen, eine tiefere und gründlichere dagegen -führt zu ihm zurück.“ -</p> -<p> -Oswald Heer: -</p> -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Wer oberflächlich die Natur betrachtet,<br /></span> -<span class="i0">Im grenzenlosen All sich leicht verliert;<br /></span> -<span class="i0">Doch wer auf ihre Wunder tiefer achtet,<br /></span> -<span class="i0">Wird stets zu Gott, dem Herrn der Welt, geführt.“<br /></span> -</div> -<p class="right">— Der Übersetzer.</p> -</div> -</div> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Die dritte Abhandlung wird hier nicht veröffentlicht, weil -Romanes Ansichten über die Beziehung zwischen der Naturwissenschaft -und dem Glauben an die geoffenbarte Religion in den „Notizen“ besser -und reifer zum Ausdruck kommen. — Der Herausgeber.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Um Mißverständnisse zu vermeiden, will ich bemerken, daß ich -bei den obigen Definitionen von Religion und Naturwissenschaft diese in -den Verhältnissen nehme, in welchen sie wirklich existieren. Möglich, daß -beide Denksphären unter anderen Umständen nicht so scharf geschieden sind. -So z. B.: Wenn eine Religion erschiene, welche der Wissenschaft eine Offenbarung -über Sachen der natürlichen Kausalität brächte, solch' eine Religion -(vorausgesetzt, daß eine derartige Offenbarung durch Versuche als -wahr befunden wäre) — würde vermutlich auf die Wissenschaft einen -ganz berechtigten Einfluß ausüben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Siehe <span class="antiqua">Mental evolution in animals</span> p. 155-158.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Das Beispiel, um welches es sich handelt, hat wohl Fenelon zuerst -benutzt, Paley beginnt mit ihm seine „Theologie der Natur.“ Da -es nun aber den deutschen Lesern sehr viel weniger geläufig sein möchte -als den englischen, andererseits aber in diesen beiden Abhandlungen von -Romanes eine große Rolle spielt, so möchte es wohl angebracht sein, es -in der Paley'schen Fassung hier wiederzugeben. Es heißt bei ihm -folgendermaßen: -</p> -<p> -„Wenn ich, eine Wüste durchirrend, über einen Stein stolperte und -mich fragte: wie mag dieser Stein hierhin gekommen sein? — dann genügte -es wohl zu antworten, daß er zu allen Zeiten dort gelegen haben -mag. Es möchte schwer zu beweisen sein, daß eine solche Antwort etwas -Widersinniges enthielte.“ -</p> -<p> -„Setzen wir nun aber den Fall, ich hätte statt des Steines eine -Uhr gefunden, dann würde die Antwort, daß sie zu allen Zeiten dort gelegen -habe, sicherlich nicht so zulässig sein. Woher dieser Unterschied? -Weil ich bei der Untersuchung der Uhr vieles entdecke, was ich in dem -Stein nicht finden konnte, nämlich: daß an der Uhr verschiedene Teile ersichtlich -werden, die alle für einander gemacht erscheinen, und zwar zu -einem gewissen Zwecke, daß dieser Zweck die Bewegung ist, und endlich, -daß diese Bewegung die Angabe der Stunden, also des Zeitlaufes bezweckt.“ -</p> -<hr /> -<p> -„Habe ich den Mechanismus der Uhr richtig erfaßt, dann erscheint -mir auch die Folge ihrer Wirkungen ganz klar. Nämlich ich gewahre, -daß ein derartiges Werk von einem klugen Bearbeiter und nicht von ungefähr -hervorgebracht sein müsse und daß vorher schon ein Werkmeister -vorhanden gewesen sein muß, der das Ergebnis beabsichtigte, als er die -Uhr anfertigte.“ -</p> -<p> -„Eine derartige Folgerung würde auch nicht weniger unvermeidlich -sein, wenn wir niemals eine Uhr hätten verfertigen sehen oder nie einen -Uhrmacher gekannt hätten ......“ Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> [Ich habe um des Arguments willen „verlangen mag“ statt -„verlangt“ gesetzt. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Eine Note (von 1893) enthält folgendes: „Das Sein ist abstrakt -genommen logisch dem Nichtsein oder dem Nichts gleichwertig. Denn -wenn wir durch immer weiter gehende Abstraktion den Begriff des Seins -seiner Attribute und Beziehungen entkleiden, so kommen wir auf den Begriff -dessen, was nicht sein kann, d. h. auf einen logischen Widerspruch -oder auf das logische Korrelativ des Seins, nämlich das Nichts (alles -dies ist in <span class="antiqua">Caird's Evolution of Religion</span> gut ausgeführt). Daß ich -diese Thatsache nicht erkannte — ist ein Hauptfehler in meiner „Unbefangenen -Prüfung des Theismus“, wo ich das Sein als eine hinreichende -Erklärung der Naturordnung oder des Kausalitätsgesetzes darstellte.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> [Dieses Versprechen ist in dem vorletzten Absatz der Abhandlung -nur teilweise erfüllt. — Der Herausgeber]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Essays vol. III p. 246 u. ff. Die ganze Stelle sollte nachgelesen -werden, da sie zu lang ist, um sie hier zu zitieren.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> In einem Aufsatz über Professor Flint's „Theismus“, Anhang -zur „unbefangenen Prüfung“.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> <span class="antiqua">A candid examination of Theism</span>. p. 171-172.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> [Ich habe als Herausgeber der Versuchung widerstanden in das -obige Argument einzugreifen. Aber ich möchte dies doch auf eine Thatsache -hin thun und darauf hinweisen, daß Gottes Wesen „gemäß der -theologischen Theorie der Dinge“, d. h. gemäß der Dreieinigkeitslehre, -in dem besteht, was ganz genau „den sozialen Verhältnissen entspricht“, -und daß Er in Seiner Schöpfung die Liebe nicht nur <em class="gesperrt">offenbart</em>, -sondern daß er <em class="gesperrt">selbst die Liebe</em> ist. Siehe über diesen Gegenstand -besonders R. H. Huttons Abhandlung über die Menschwerdung in seinen -„<span class="antiqua">Theological Essays</span>“ (Macmillan). — Der Herausgeber].</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> <span class="antiqua">Scientific Evidences of Organic Evolution</span>, p. 76. Dieser -ganze Passus ist völlig unhaltbar, und es ist nicht verständlich, daß Romanes -auch hier noch an ihm festhält: im Gegenteil, die Natur ist ein großartiges -Netzwerk von unter einander durch ihre Lebensweise verbundenen -Individualitäten, es giebt nicht nur eine Korrelation der Organe sondern -auch der Spezies. Es genügt auf die großartigen Lebensgemeinschaften -der Natur und auf die zahlreichen Fälle von Symbiose hinzuweisen, die -ja z. B. bei den Flechten soweit geht, daß Alge und Pilz ihre eigne -Individualität völlig zu Gunsten des Ganzen verlieren. — Allerdings, -dies ist eines der wichtigsten Argumente <em class="gesperrt">gegen</em> die Darwinsche Theorie. -— Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> <span class="antiqua">Nature</span>, April 5, 1883.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> S. unten p. <a href="#Seite_124">124</a> und Fußnote. Ich finde auch folgende Notiz -aus der Zeit nach dem Jahr 1889. „Es ist Thatsache, daß der Pessimismus -unlogisch ist, einfach deshalb, weil wir unzulängliche Beurteiler -der Welt sind, und der Pessimismus würde daher dem Agnostizismus -gerade entgegengesetzt sein. Wir wissen wohl, daß in der Beziehung -zwischen uns und der Welt etwas nicht ganz in Ordnung ist, aber wir -können nicht wissen, ob der Fehler bei der Welt oder bei uns liegt.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_38_38" id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> <span class="antiqua">Proceedings of the Aristotelian Society, Williams and -Norgate I</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_39_39" id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> [Ich darf auch erwähnen, daß Romanes mir am Sonntag vor -seinem Tode mündlich seine völlige Übereinstimmung mit dem Argument -von Professor Knight in seinen „<span class="antiqua">Aspects of Theism</span>“ (Macmillan 1893) -aussprach; in Bezug auf diesen Gegenstand siehe SS. 184-186: „ein -höheres Ziel wird durch den Sichtungsprozeß erreicht, durch den die -physische Natur ihre schwächeren Erzeugnisse bei der Seite wirft“ u. s. w.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_40_40" id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Die erste Auflage, die im Jahre 1878 veröffentlicht wurde, war -rasch vergriffen; aber da der Zweck der Veröffentlichung nur der war, -die Kritik um meinerselbst willen herauszufordern, kam ich mit dem Verleger -überein, keine weitere Auflage herauszugeben. Das Werk ist deshalb -seit vielen Jahren vergriffen. [Diese Abmachung wurde indeß nicht -ganz eingehalten, oder war wenigstens dem gegenwärtigen Inhaber der -Firma Kegan Paul, Trench, Trübner u. Comp. nicht bekannt; so kam -es, daß zu des Verfassers großem Erstaunen 1892 eine neue Auflage erschien. -— Der Herausgeber].</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_41_41" id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> [Oder vielmehr R. beabsichtigte sie unter dem Pseudonym „Metaphysicus“ -erscheinen zu lassen. — Der Herausgeber].</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_42_42" id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Bemerkungen in eckigen Klammern sind von mir hinzugefügt. -Aber ich habe dieselben nicht angewandt, wenn ich einzelne unbedeutende -oder für den Sinn offenbar notwendige Worte eingefügt habe. -</p> -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Der Herausgeber</em>. -</p> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_43_43" id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> [S. das Zitat aus dem Vorworte von „Physikus“ S. <a href="#Seite_24">24</a>. Der -Geisteszustand in dieser Notiz ist eine Rückkehr zu dem früheren in der -<span class="antiqua">Burney</span>-Abhandlung (p. 17). Der Verfasser war ganz erfüllt von dem -Gedanken, daß die Beweise für das Christentum sehr mannigfaltig seien -und außerhalb des Gebietes der Wissenschaft liegen. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_44_44" id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Nach welchem man möglichst viele Erscheinungen auf <em class="gesperrt">eine</em> Ursache -zurückführen, mit neuen Ursachen also sparsam sein muß. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_45_45" id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> [d. h. eine übernatürliche, aber nicht streng genommen göttliche -Person. Sicherlich jedoch ist diese Annahme nicht aufrecht zu erhalten. — -Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_46_46" id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> [Dies ist wieder ein Beispiel, wie der Verfasser auf frühere -Gedanken zurückgreift; s. Burney Essay p. 25 und „Geist und Monismus“. -— Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_47_47" id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> <span class="antiqua">Life and Letters of Charles Darwin</span>, p. 308.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_48_48" id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> Faraday war jedoch ein strenggläubiger Christ. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_49_49" id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> [Ich hielt es doch für besser, die Namen fort zu lassen. — Der -Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_50_50" id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> d. h. das, was dem ersten Eindruck, dem ersten Blick, dem -Augenschein entspricht. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_51_51" id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> [Im Manuskript fährt er fort: „Hier ist vor allem einzuschalten, -was ich über diesen Punkt in meiner Burney-Preisschrift gesagt habe.“ -Ich habe indessen keine dieser Stellen in dieser Schrift aufgenommen, einmal, -weil ich denke, daß Romanes Meinung auch hier klar genug ausgesprochen -ist, sodann kann ich auch in der in Frage stehenden Abhandlung -keinen passenden Satz in angemessener Kürze finden, um ihn hier einzuschalten. -Der größere Teil der Abhandlung soll dem wissenschaftlichem -Einwand dagegen, das das Gebet auf dem Naturgebiet erhört wird, begegnen, -indem gezeigt wird, daß dieser Einwand hauptsächlich auf dem -Schluß von dem Bekannten auf das Unbekannte beruht, d. h. von dem -bekannten Gebiet der unveränderlichen Naturgesetze auf das unbekannte Gebiet -der Beziehungen Gottes zu diesen Gesetzen. Und dieser Einwand ist -um so hinfälliger, je weiter dieses unbekannte Gebiet von der möglichen -Erfahrung wissenschaftlicher Art entfernt ist und eine unendliche Zahl von -Möglichkeiten zuläßt, die für unsere Einbildung mehr oder weniger begreiflich -sind; und dies würde oder könnte verhindern, daß das wissenschaftliche -Argument auf die in Rede stehende Frage berechtigter Weise -angewendet werden kann. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_52_52" id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> Wenn ich im Folgenden das Wort „geistlich“ gebrauche, so ist -es die Übersetzung des englischen „<span class="antiqua">spiritual</span>“; ich bin mir bewußt, daß es -die Sache nicht ganz genau trifft, allein ein wirklich genau passendes -Wort wird im Deutschen schwer zu finden sein, es soll darin ein gewisser -Gegensatz zu dem Begriff „verstandesgemäß“ (d. i. kausaliter, nach den -Formen von Ursache und Wirkung durch Erfahrung etwas feststellend) -liegen, das ist aber nicht der Fall bei dem Wort „geistig“, der gewöhnlichen -Übersetzung von <span class="antiqua">spiritual</span>, denn dies wird oft gerade als verstandesgemäß -aufgefaßt. Ich gebrauche hier das Wort „geistlich“ also in -demselben Sinn wie Paulus 1. Cor. 4, 14: Der natürliche (oder seelische, -also auch den Intellekt benutzende) Mensch aber vernimmt nichts vom -Geiste Gottes; es ist ihm eine Thorheit und kann es nicht erkennen, denn -er muß <em class="gesperrt">geistlich</em> gerichtet sein — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_53_53" id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> In Deutschland würde man wohl als Vertreter dieser Klasse von -Forschern R. Wagner, den berühmten Physiologen, anführen, von dem -bekanntermaßen das so oft mißverstandene und doch in gewisser Hinsicht -so richtige Wort von der „doppelten Buchführung“ auf dem Gebiet der -Wissenschaft und des religiösen Glaubens herrührt. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_54_54" id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> <span class="antiqua">Fortnightly Review Febr. 1894</span>. Die letzte Zeile enthält eine -Andeutung an ein Gedicht von Wordsworth, dieselbe bedeutet: Peter Bell -war kein Philosoph: -</p> -<div class="poetry-container"> -<div class="poem"> -<div class="stanza antiqua"> -<span class="i0">A primrose by the river brim<br /></span> -<span class="i0">A yellow primrose was to him<br /></span> -<span class="i0">And it was nothing more.<br /></span> -</div> -<p class="right">— Der Übersetzer.</p> -</div> -</div> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_55_55" id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> <span class="antiqua">First principles p. I. ch. I.</span></p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_56_56" id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> [Hier beabsichtigte Romanes eine weitere Erklärung einzuschieben, -welche zeigen sollte, daß uns bloße Beobachtung der Kausalität in der -äußeren Natur nichts anderes als die Beziehungen von Zeit und Raum -offenbart haben würde. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_57_57" id="Fussnote_57_57"></a><a href="#FNAnker_57_57"><span class="label">[57]</span></a> [Diese Theorie wurde in der Burney-Abhandlung Seite 136 besprochen -und in der „Unbefangenen Prüfung“ lächerlich gemacht. Siehe -oben Seite 9. Romanes beabsichtigte an dieser Stelle seine alten Ansichten -„über die Kausalität als Folge des Seins als Sein“ ausführlicher -zu behandeln. — Der Herausgeber]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_58_58" id="Fussnote_58_58"></a><a href="#FNAnker_58_58"><span class="label">[58]</span></a> [Siehe indessen <span class="antiqua">Aubrey Moore in Lux mundi</span>, p. 94-96 und -<span class="antiqua">Le Conte, Evolution in its relation to religious thought</span> p. 355 ff.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_59_59" id="Fussnote_59_59"></a><a href="#FNAnker_59_59"><span class="label">[59]</span></a> Nämlich zwischen „natürlich“ und „übernatürlich“. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_60_60" id="Fussnote_60_60"></a><a href="#FNAnker_60_60"><span class="label">[60]</span></a> [Es wurde jedoch nichts weiter darüber geschrieben, als was jetzt -folgt. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_61_61" id="Fussnote_61_61"></a><a href="#FNAnker_61_61"><span class="label">[61]</span></a> [Der Verfasser wollte weiterhin die Hohlheit dieser Theorie zeigen -und nachweisen, wie Mill dies selbst zu erkennen scheint, wenn er hinter -den Ausdruck „unveränderlich“ den Ausdruck „bedingungslos“ einrückt; -er bezieht sich auch auf <span class="antiqua">Martineau, Study of Religion</span> p. 152 — Der -Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_62_62" id="Fussnote_62_62"></a><a href="#FNAnker_62_62"><span class="label">[62]</span></a> [Romanes Gedanken über den freien Willen sind klarer in einem -Aufsatz ausgesprochen, der nach diesen Notizen in <span class="antiqua">Mind and Motion -and Monism</span> p. 129 ff. veröffentlicht ist. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_63_63" id="Fussnote_63_63"></a><a href="#FNAnker_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Nämlich derjenigen, die den freien Willen besitzt. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_64_64" id="Fussnote_64_64"></a><a href="#FNAnker_64_64"><span class="label">[64]</span></a> [Siehe oben Seite 25. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_65_65" id="Fussnote_65_65"></a><a href="#FNAnker_65_65"><span class="label">[65]</span></a> <span class="antiqua">Contemporary Review, July 1886</span>. [Aber „die letzte Schwierigkeit“, -auf die Romanes sich oben bezieht, würde das Verhältnis der -mannigfachen, abhängigen Willensäußerungen, zu dem einen letzten und -allumfassenden Willen sein. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_66_66" id="Fussnote_66_66"></a><a href="#FNAnker_66_66"><span class="label">[66]</span></a> Im engl. Original steht <span class="antiqua">spiritual</span>, es will mir scheinen als ob -die Übersetzung „geistlich“ den Sinn am besten trifft, s. oben. — Der -Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_67_67" id="Fussnote_67_67"></a><a href="#FNAnker_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Dies möchte auf deutsche Verhältnisse nicht gerade anwendbar -sein. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_68_68" id="Fussnote_68_68"></a><a href="#FNAnker_68_68"><span class="label">[68]</span></a> Vergl. Pascal, „<span class="antiqua">Pensées</span>“. „Denn wir dürfen uns nicht täuschen, -wir haben in uns ebenso so viel Automatisches wie Intellektuelles, und -daher kommt es, daß das Mittel der Überredung nicht Demonstration -allein ist. Wie wenig Dinge werden wirklich demonstriert! Beweise -können nur den Geist überzeugen; Gewohnheit liefert uns unsere stärksten -Beweise und die, welche wir am festesten halten, sie regieren den Automaten, -der dann den unbewußten Intellekt nach sich zieht ....... So -ist es auch die Gewohnheit, die so viele Menschen zu Christen macht, -Gewohnheit macht andere zu Türken, Heiden, Handwerkern, Soldaten u. s. w. -Schließlich müssen wir auch zur Gewohnheit unsere Zuflucht nehmen, -wenn der Geist einmal gesehen hat, wo die Wahrheit liegt, um unseren -Durst zu löschen und uns in jenen Glauben zu tauchen, der uns zu jeder -Stunde entwischt, denn stets Beweise bei der Hand zu haben, wäre zu -beschwerlich. Wir müssen einen leichteren Glauben haben, den Glauben -der Gewohnheit, der ohne Gewaltthätigkeit, ohne Kunst, ohne Argument -unsern Beifall findet und dem alle unsere Kräfte zuneigen, so daß unsere -Seele ihm ganz naturgemäß zufällt ..... -</p> -<p> -Es ist nicht genug nur kraft der Überzeugung zu glauben, wenn -der Automat geneigt ist, das Gegenteil zu glauben. Dann müssen beide -Seiten in uns genötigt sein zu glauben, der Intellekt durch Argumente, -der Automat durch Gewohnheit und indem man ihm nicht gestattet nach -der entgegengesetzten Richtung zu neigen. <span class="antiqua">Inclina cor meum Deus</span>.“ -Siehe auch <span class="antiqua">Newmans Grammar of Assent. chap. VI</span> und <span class="antiqua">Church's -Human Life and its conditions</span>. S. 67-69.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_69_69" id="Fussnote_69_69"></a><a href="#FNAnker_69_69"><span class="label">[69]</span></a> Eine genaue Untersuchung zeigt übrigens, daß die Zahl der -„ungläubigen“ Mathematiker gegenüber derjenigen der „gläubigen“ ganz -verschwindend klein ist. Vergl. meine Schrift: Die Religion der Naturforscher, -Breslau 3. Auflage 1896. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_70_70" id="Fussnote_70_70"></a><a href="#FNAnker_70_70"><span class="label">[70]</span></a> Wobei der Intellekt keine Rolle spielt. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_71_71" id="Fussnote_71_71"></a><a href="#FNAnker_71_71"><span class="label">[71]</span></a> Nicht der <em class="gesperrt">Inhalt</em>, sondern die <em class="gesperrt">Thatsache</em> des Glaubens bezw. -Wissens kommt hier in Betracht. — Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_72_72" id="Fussnote_72_72"></a><a href="#FNAnker_72_72"><span class="label">[72]</span></a> [Der Verfasser hat hinzugefügt, „denn was das Leiden der Tiere -betrifft, siehe weiter unten“, — er scheint aber über diesen Gegenstand -nichts weiter geschrieben zu haben. — Der Herausgeber].</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_73_73" id="Fussnote_73_73"></a><a href="#FNAnker_73_73"><span class="label">[73]</span></a> [In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal erwähnen, daß -G. Romanes zwei Tage vor seinem Tod seine innige Zustimmung zu -Professor Knights „<span class="antiqua">Aspects of Theism</span>“ gab, — ein Werk, in welchem -großer Nachdruck auf das Argument von der Anschauung in verschiedenen -Formen gelegt ist. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_74_74" id="Fussnote_74_74"></a><a href="#FNAnker_74_74"><span class="label">[74]</span></a> Siehe darüber Pascal, „<span class="antiqua">Pensées</span>“ p. 103</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_75_75" id="Fussnote_75_75"></a><a href="#FNAnker_75_75"><span class="label">[75]</span></a> -</p> - -<div class="poetry-container"> - -<div class="poem"> -<div class="stanza"> -<span class="i0">Das Leben ist eitel:<br /></span> -<span class="i0">Ein wenig Lieben,<br /></span> -<span class="i0">Ein wenig Hassen ....<br /></span> -<span class="i0">Und dann .... Ade.</span> -</div> -</div> - -<div class="poem"> -<div class="stanza"> -<span class="i0">Das Leben ist kurz:<br /></span> -<span class="i0">Ein wenig Hoffen,<br /></span> -<span class="i0">Ein wenig Träumen ....<br /></span> -<span class="i0">Und dann .... Leb wohl.</span> -</div> -</div> - -</div> - -</div> - -<div class="footnote"> - <p><a name="Fussnote_76_76" id="Fussnote_76_76"></a><a href="#FNAnker_76_76"><span class="label">[76]</span></a> - </p> - <div class="poetry-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <span class="i0">Die Nacht hat tausend Augen,<br /></span> - <span class="i0">Ein einz'ges nur der Tag;<br /></span> - <span class="i0">Und doch erstirbt das Licht der ganzen Welt,<br /></span> - <span class="i0">Wenn die Sonne niedersinkt.<br /></span> - </div> - - <div class="stanza"> - <span class="i0">Der Geist hat tausend Augen,<br /></span> - <span class="i0">Ein einziges nur das Herz,<br /></span> - <span class="i0">Und doch erstirbt des ganzen Lebens Licht,<br /></span> - <span class="i0">Wenn die Liebe ist hin.</span> - </div> - </div> - </div> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_77_77" id="Fussnote_77_77"></a><a href="#FNAnker_77_77"><span class="label">[77]</span></a> [d. h. der Darwinismus ist eine Theorie, die zuerst als ein gefährlicher -Stoß gegen die landläufigen Lehren des Christentums erschien, -die aber, wie sich dann herausstellte, kein Gegner seiner Grundprinzipien -ist. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_78_78" id="Fussnote_78_78"></a><a href="#FNAnker_78_78"><span class="label">[78]</span></a> [d. h. der Kampf in Bezug auf die christlichen Texte und Dokumente. -— Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_79_79" id="Fussnote_79_79"></a><a href="#FNAnker_79_79"><span class="label">[79]</span></a> S. Gores <span class="antiqua">Bampton Lectures</span> p. 74 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_80_80" id="Fussnote_80_80"></a><a href="#FNAnker_80_80"><span class="label">[80]</span></a> Math. 28, 17. Apostelgesch. 2, 13.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_81_81" id="Fussnote_81_81"></a><a href="#FNAnker_81_81"><span class="label">[81]</span></a> Die Theorie, daß die Evangelien später bearbeitet worden sind. -— Der Übersetzer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_82_82" id="Fussnote_82_82"></a><a href="#FNAnker_82_82"><span class="label">[82]</span></a> <span class="antiqua">Three essays on Theism</span> p. 255.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_83_83" id="Fussnote_83_83"></a><a href="#FNAnker_83_83"><span class="label">[83]</span></a> [Unvollendete Notiz. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_84_84" id="Fussnote_84_84"></a><a href="#FNAnker_84_84"><span class="label">[84]</span></a> [G. Romanes fing an, eine Sammlung von neutestamentlichen -Aussprüchen zu machen, die sich auf diesen Gegenstand beziehen. — Der -Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_85_85" id="Fussnote_85_85"></a><a href="#FNAnker_85_85"><span class="label">[85]</span></a> S. Pascal „<span class="antiqua">Pensées</span>“ p. 245.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_86_86" id="Fussnote_86_86"></a><a href="#FNAnker_86_86"><span class="label">[86]</span></a> [Die Notizen über diesen Gegenstand waren zu fragmentarisch, -um veröffentlicht werden zu können. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_87_87" id="Fussnote_87_87"></a><a href="#FNAnker_87_87"><span class="label">[87]</span></a> Psalm 51. 18 u. 19.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_88_88" id="Fussnote_88_88"></a><a href="#FNAnker_88_88"><span class="label">[88]</span></a> <span class="antiqua">Pensées</span> p. 91-93.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_89_89" id="Fussnote_89_89"></a><a href="#FNAnker_89_89"><span class="label">[89]</span></a> [Die oben erwähnte Abhandlung sollte zur Erklärung dieses -Ausdrucks gelesen werden. Genauer würde Romanes Ansicht, denke ich, -so ausgedrückt sein: „Das Ideal des christlichen Charakters besteht vor -allem in dem, was wir als spezifisch weiblich ansehen, z. B. Entwicklung -der Affekte, Vertrauensseligkeit, Dienstwilligkeit, Bereitwilligkeit zum Leiden -u. s. w.“ — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_90_90" id="Fussnote_90_90"></a><a href="#FNAnker_90_90"><span class="label">[90]</span></a> Siehe <span class="antiqua">Analogy Part I. ch. 7; Part II. ch. 3, 4</span> u. ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_91_91" id="Fussnote_91_91"></a><a href="#FNAnker_91_91"><span class="label">[91]</span></a> Siehe den Schluß, von „Darwin und nach Darwin“ Teil I.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_92_92" id="Fussnote_92_92"></a><a href="#FNAnker_92_92"><span class="label">[92]</span></a> Ich werde noch zeigen, daß Butler eine viel bessere Abhandlung -geschrieben haben würde, hätte er die Entwicklung als allgemeines Naturgesetz -gekannt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_93_93" id="Fussnote_93_93"></a><a href="#FNAnker_93_93"><span class="label">[93]</span></a> Siehe <span class="antiqua">Gore's Bampton Lectures II</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_94_94" id="Fussnote_94_94"></a><a href="#FNAnker_94_94"><span class="label">[94]</span></a> „<span class="antiqua">Pensées</span>“, p. 205 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_95_95" id="Fussnote_95_95"></a><a href="#FNAnker_95_95"><span class="label">[95]</span></a> [Romanes Argumentation in dieser Notiz ist meines Erachtens -unmöglich aufrecht zu erhalten. Der Nachdruck, den Jesus Christus auf -ein Wirken von Dämonen legt, ist so groß, daß er, wenn es nicht Wahrheit -ist, entweder selbst bezüglich der Wahrheiten des Seelenlebens ernstlich -irrte, oder aber andere ernstlich in die Irre führte. Und weder in -dem einen noch in dem anderen Fall könnte er der vollkommene Prophet -sein. Ich denke, ich bin berechtigt, meine Abweichung von Romanes Argumentation -in diesem Punkt ausdrücklich zu erklären. — Der Herausgeber.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_96_96" id="Fussnote_96_96"></a><a href="#FNAnker_96_96"><span class="label">[96]</span></a> [In Darwins Schriften findet sich nichts, was mir Romanes zu -berechtigen scheint, ihm speziell dieses Bedenken zuzuschreiben. Aber er -kannte Darwin so genau und verehrte ihn so sehr, das man einen Irrtum -seinerseits nicht annehmen kann. — Der Herausgeber.]</p></div> -<div class="transnote"> -<p class="tn-header">Anmerkungen zur Transkription</p> -<p class="ebook-only"> - Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde hier <em class="gesperrt">fett</em> dargestellt. -</p> -<p> - Text, der im Original - nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war, wurde hier <span class="antiqua">kursiv</span> dargestellt. -</p> -<p> - Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden - übernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. -</p> -</div> -<div class="transnote ebook-only"> -<p> -The cover image was created by the transcriber and is placed in the public domain. -</p> -</div> - - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Gedanken über Religion, by George John Romanes - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANKEN ÜBER RELIGION *** - -***** This file should be named 51208-h.htm or 51208-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/2/0/51208/ - -Produced by Ralph Janke, Marilynda Fraser-Cunliffe, Norbert -Müller and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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